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Raphael van Riel, Ezio Di Nucci und Jan Schildmann (Hrsg.

):
Enhancement der Moral,
Münster 2015.
Nick Bostrom

WÜRDE UND ENHANCEMENT*

Bedroht das Enhancement des Menschen unsere Würde, wie es einige pro­
minente Kommentatorinnen und Kommentatoren behauptet haben? Oder
könnte unsere Würde vielleicht technologisch verbessert werden? Nach der
Entwirrung einiger unterschiedlicher Begriffe von Würde konzentriert sich
dieser Essay auf die Idee von Würde als eine Q ualität, eine A rt von Vor­
trefflichkeit, die Abstufungen zulässt und auf Entitäten sowohl innerhalb
als auch außerhalb des menschlichen Bereichs angewandt werden kann. Ich
argumentiere, dass Würde in diesem Sinne mit Enhancement komplex inter­
agiert, was Licht auf einige grundlegende Angelegenheiten der Werttheorie
wirft, und dass die Auswirkungen jedes gegebenen Enhancements in ihrem
angemessenen empirischen Kontext bewertet werden müssen. Es ist sogar
möglich, dass wir durch Enhancement besser dazu in der Lage sein könnten,
viele Formen der Würde wertzuschätzen und zu sichern, die unter den aktu­
ellen Bedingungen übersehen werden oder fehlen. Ich behaupte außerdem,
dass Würde als eine Qualität in einer posthumanen Welt als eine ordnende
moralische/ästhetische Idee an Bedeutung gewinnen könnte.

D ie B e d e u t u n g e n von Würde und E nhancem ent


Die Idee der Würde spielt eine große Rolle in der Nachkriegslandschaft der
staatlichen Ethik. Menschenwürde wurde in zahlreichen nationalen und inter­
nationalen Deklarationen und Verfassungen prominent beworben. Wie einige
erfolgreiche Politiker hat die Idee der Würde ihren Durchbruch geschafft,
indem sie Gravitas, eine allgemeine Wohlfühlqualität und eine tiefgreifende
Vagheit zu einem Paket geschnürt hat, was ihre Anhängerschaft in die Lage
versetzt, ihre Gefolgschaft zu bekunden, ohne dabei irgendeiner bestimmten
Handlungsweise beipflichten zu müssen.

* Originalpublikation: Bostrom, N. 2008: >Human Dignity and Bioethics>, Essays Commissioned


by the President’s Council on Bioethics; Washington 173-207.
148 Nick Bostrom

Allerdings hat die Idee der Würde auch eine reiche historische und phi­
losophische Tradition hinter sich. Für viele der antiken Denker war Würde
eine Art der persönlichen Vortrefflichkeit, die nur wenige zu einem nennens­
werten Grad besaßen. Marcus Tullius Cicero (106-43 v. Chr.), ein Römer in
den Fußstapfen der athenischen Stoiker, schrieb allen Menschen Würde zu
und beschrieb sie sowohl als Charakteristikum (menschliche Rationalität)
und als Bedingung (dafür, sein Leben an dieser Fähigkeit zur Rationalität aus­
zurichten) (Wetz 2000). Im mittelalterlichen Christentum wurde die Würde
des Menschen auf den Glauben gegründet, dass G ott alle Menschen nach
seinem Ebenbild geschaffen hatte und dadurch den Menschen erlaubte, einige
Aspekte seiner göttlichen Vernunft und Macht zu teilen (Wetz 2000: 242).
Theologinnen dachten, die Würde des Menschen in seiner aufrechten H al­
tung, seinem freien Willen, seiner unsterblichen Seele und seiner Position im
Zentrum des Universums widergespiegelt zu sehen. Diese Würde wurde als
essentielles Charakteristikum des menschlichen Daseins betrachtet, das jeder
besitzt, unabhängig von sozialem Rang und persönlicher Vortrefflichkeit.
In der Philosophie Immanuel Kants wurde die intrinsische Würde des
Menschen von theologischen AnnahmenTiher die göttliche Herkunft der
menschlichen Spezies entkoppelt. Nach Kant (der hier teilweise die Stoiker
wiedergibt) haben alle Personen Würde, eine A rt von absolutem Wert, der
nicht mit irgendeinem Preis oder instrumentellem N utzen vergleichbar ist.
Kant war der Auffassung, dass Würde kein quantitativer Begriff sei; wir
können nicht mehr oder weniger davon haben. Der Grund für die Würde
von Personen ist ihre Fähigkeit zur Vernunft und zum moralischen Handeln.
U m diese Würde zu respektieren, müssen wir andere Personen immer als
Zweck und nie nur als Mittel behandeln. Um unsere eigene Würde nicht zu
verletzen, müssen wir es außerdem unterlassen, uns selbst nur als Mittel zu
behandeln (so wie vor anderen zu kriechen oder sich selbst in die Sklaverei zu
verkaufen) und uns so zu verhalten, dass unsere Fähigkeit zum vernünftigen
Handeln untergraben würde (so wie Rauschmittel zu verwenden oder Suizid
zu begehen).
Der Ausdruck »Menschenwürde« kommt in keiner europäischen Dekla­
ration oder Verfassung des 18. und 19. Jahrhunderts vor. Würde findet sich
zum ersten Mal, wenn auch mehr oder weniger beiläufig, in der deutschen
Verfassung, wie sie 1919 von der Weimarer Nationalversammlung entworfen
wurde, und taucht das nächste Mal in der korporativ-faschistischen portugie­
sischen Verfassung von 1933 auf. Erst im Nachspiel des Zweiten Weltkriegs
beginnt die Blütezeit des Begriffs. Er taucht in etwa vier Verfassungen in
der Zeit von 1900-1945 und in mehr als 37 von 1945 bis 1997 auf (Schult-
ziner 2003). Er ist außerdem ein markanter Teil der U N -C harta von 1945,
der Universellen Erklärung der Menschenrechte von 1948 und zahlreicher
späterer Deklarationen, Proklamationen und Konventionen.
Würde und Enhancement 149

Innerhalb der angewandten Ethik war der Würdebegriff insbesondere in


der Medizinethik und Bioethik bedeutsam. Er wurde verwendet, um die
Notwendigkeit informierter Zustimmung in der medizinischen Forschung
an menschlichen Subjekten auszudrücken. Zudem hat man sich (auf beiden
Seiten der Auseinandersetzung) in Debatten über lebensbeendende Entschei­
dungen und aktive Sterbehilfe sowie in Diskussionen über Organhandel und
Organspenden, künstliche Befruchtung, Mensch-Tier-Chimären, Pornogra­
fie, Folter, das Patentieren menschlicher Gene und das menschliche Klonen
auf den Begriff berufen. In letzter Zeit fand die Idee der Würde in D iskus­
sionen über die Ethik des menschlichen Enhancements prominente Verwen­
dung, in denen sich hauptsächlich biokonservative Kommentatorinnen und
Kommentatoren auf sie berufen, um gegen Enhancement zu argumentieren
(z. B. Kass 2002).
Wenn wir die unterschiedlichen Gebrauchsweisen der Idee der Würde
in den letzten Jahren untersuchen, können wir einige verschiedene Begriffe
unterscheiden. Bevor wir informiert über Würde reden können, müssen wir
den Ausdruck präzisieren. Ich schlage die folgende Taxonomie vor, um unsere
Rede über Würde zu reglementieren:

Würde als eine Qualität: Eine Art von Vortrefflichkeit; von Wert, nobel,
ehrenwert sein. Personen variieren im Ausmaß, in dem sie dieses Gut ha­
ben. Eine Form von Würde als eine Q ualität kann auch Nicht-Personen
zugeschrieben werden. Würde als eine Q ualität kann bei Menschen als eine
Tugend oder ein Ideal gedacht werden, das kultiviert, gefördert, respektiert,
bewundert, angepriesen etc. werden kann. Sie muss jedoch nicht mit morali­
scher Tugend oder mit Vortrefflichkeit im Allgemeinen identifiziert werden.

Menschenwürde: Der Grund, auf dem - einigen Philosophinnen zufolge -


der vollständige moralische Status eines Menschen beruht. Es wird oft ange­
nommen, dass zumindest alle normalen menschlichen Personen dasselbe Maß
an menschlicher Würde innehaben. Es gibt einige Unstimmigkeiten darüber,
worin menschliche Würde genau besteht, was sich wiederum in Meinungs­
verschiedenheiten darüber widerspiegelt, welche Individuen Menschenwürde
besitzen: nur Personen (wie Kant behauptet hat)? O der alle menschlichen
Individuen mit einem entwickelten Nervensystem, die nicht hirntot sind?
O der auch Föten in der Gebärmutter? Könnten einige nicht-menschliche
Primaten ebenfalls diese Art der Würde besitzen?
Zwei andere Ideen in diesem Zusammenhang sind:

Menschenrechte: Eine Menge unveräußerlicher Rechte im Besitz aller Lebe­


wesen, die einen vollständigen moralischen Status haben. Man könnte be­
haupten, dass Menschenwürde die Basis für einen vollständigen moralischen
150 Nick Bostrom

Status ist. Menschenrechte können verletzt oder respektiert werden. Wir


könnten eine strikte Pflicht haben, Menschenrechte nicht zu verletzen, und
eine unvollkommene Pflicht, Achtung für Menschenrechte zu fördern.

(Würde als) Sozialer Status: Eine relationale Eigenschaft von Individuen, die
Abstufungen zulässt. Mehrere Statussysteme können in einer gegebenen G e­
sellschaft existieren. Würde als sozialer Status ist ein weithin erwünschtes
vernünftiges Gut. Unsere Gründe, uns um sozialen Status zu bemühen, sind
nicht speziell moralisch, aber die Standards und Bedingungen, die die Vertei­
lung von sozialem Status bestimmen, sind Themen ethischer Kritik. Mancher
soziale Status wird verdient, aber in der Tradition wurde auch einigen Indivi­
duen eine spezielle intrinsische Würde als sozialen Status zugeschrieben, wie
zum Beispiel Adligen oder Brahmanen.Äuch wenn die lateinische Wurzel
des Wortes (dignitas) sich ursprünglich/auf einen sozialen Status bezog, der
Respekt gebot, könnte es am besten sein, sich auf diese Eigenschaft lediglich
als sozialen Status zu beziehen, um Verwirrungen zu vermeiden und dabei
das Wort »Würde« für andere Verwendungen zu reservieren.
Jeder dieser Begriffe ist relevant für die Ethik, aber auf jeweils unterschied­
liche Art. In diesem Artikel werde ich mich auf Würde als eine Qualität kon­
zentrieren und auf die Arten, wie dieser Begriff mit dem des menschlichen
Enhancements interagiert. Bevor wir den Zusammenhang mit einem Enhan­
cement diskutieren, brauchen wir eine reichhaltigere Charakterisierung von
Würde als eine Qualität. Ich werde mich auf die feinfühlige linguistische und
phänomenologische Analyse von Aurel Kolnai (1976) stützen.
Ü ber die Idee von Würde als eine Q ualität dessen, was gewürdigt wird,
bemerkt Kolnai (1976: 251 f.):
Würde bedeutet Wert oder Werthaftigkeit in einem »absoluten«, verselbstän­
digten und objektivierten, gewissermaßen »merkmalhaften« Sinne [...]. [Den­
noch] hat sie deskriptiven Inhalt [...]. Sie ist in dieser Hinsicht jeder der
grundlegenden moralischen Tugenden gleichgestellt, wie Gerechtigkeit, Wahr­
haftigkeit, Gutmütigkeit, Sittsamkeit, Mut usw., eingeschlossen sogar Inte­
grität und Pflichtbewusstsein. Keine von diesen ist synonym mit moralischer
Güte oder Tugend als solcher - obwohl es möglich ist, dass sie an sich einen
eingebauten Bezug zur Moral (und moralischer Bewertung) haben - und jede
von ihnen ist empfänglich für inhaltliche Beschreibungen.
In diesem Verständnis ist Würde als eine Q ualität ein dichter moralischer
Begriff: Er enthält sowohl deskriptive als auch wertende Komponenten und
kann nicht einfach auf grundlegendere moralische Prädikate reduziert wer­
den. Würde als eine Qualität hat außerdem bestimmte ästhetische Beiklänge.
Der Ausdruck könnte seinen eigenen, einzigartigen Beitrag zu unserem nor­
mativen Vokabular zu leisten haben, sollte aber nicht mit Moralität identifi­
ziert werden. Wenn der Besitz von Würde als eine Qualität eine Tugend ist,
Würde und Enhancement 151

dann ist sie eine von vielen. Der Begriff ist schwerlich ein vielversprechender
Kandidat für diejenige zentrale und entscheidende Rolle in einem ethischen
System, die die Idee der Menschenwürde in der kantischen Philosophie und
einigen internationalen Deklarationen spielt.
Wir können fortfahren, indem wir die angemessenen Reaktionen auf
Würde als eine Qualität beschreiben. Diese scheinen sowohl ästhetische als
auch moralische Elemente zu beinhalten. Nach Kolnai konnotiert der A us­
druck subtil die Idee der Vertikalität, wenn auch dadurch abgemildert, dass
er ebenso eine gewisse Idee von Reziprozität konnotiert:
Können wir überhaupt versuchen, eine charakteristische Reaktion auf Würde
(oder »das Gewürdigte«) festzulegen oder zumindest zu umreißen? Was auch
immer solch eine Reaktion sein mag, sie muss einerseits eine große Ähn­
lichkeit zu unserer hingebungsvollen und bewundernden Wertschätzung der
Schönheit (jedenfalls ihrer »Hochformen«) aufweisen und zu unserer andäch­
tigen Anerkennung moralischer Güte (und Bewunderung, etwa für heroische
Tugend) andererseits. Würde verlangt einfühlenden Respekt, einen ehrfürch­
tigen Modus der Reaktion, eine »aufblickende« Art der Pro-Einstellung: eine
»verbeugende« Geste, wenn ich das so nennen darf. (Kolnai 1976: 252)
Lassen Sie uns als nächstes erwägen, welche Merkmale nach solchen Reak­
tionen verlangen. Welche Charakteristika werden typischerweise gewürdigt?
Ohne den Anspruch, eine erschöpfende Liste zu erstellen, schlägt Kolnai
Folgendes vor:
Erstens: die Qualitäten der Gelassenheit, Ruhe, Beherrschung, Zurückhaltung
und Emotionen oder Leidenschaften, die gebändigt und sicher kontrolliert
sind, ohne negiert und aufgelöst zu werden [...] Zweitens: die Qualitäten der
Getrenntheit, Abgrenzung und Distanz; etwas, das die Idee anleitet, unan­
greifbar, unverletzlich und unzugänglich für destruktive oder korrumpierende
oder subversive Einmischungen zu sein [...]. Drittens, und in Übereinstim­
mung damit, neigt Würde dazu, auch die Merkmale der selbstgenügsamen
Gelassenheit zu konnotieren, einer bestimmten, nach innen gewendeten und
gedämpften, aber doch durchscheinenden und wahrnehmbaren Fähigkeit zur
Selbstbehauptung [...] Mit ihrem sicheren Stand und solider Unbeweglichkeit
trotzt das Gewürdigte gelassen der Welt. (Kolnai 1976: 253 f.)
Zuletzt bemerkt Kolnai in Bezug auf Personen, die eine solche Würde besit­
zen:
Die Prädikate sind hauptsächlich auf sogenannte »menschliche Wesen«, das
heißt Personen anwendbar, aber wiederum nicht ausschließlich auf sie: Viel
Würde in diesem Sinne scheint für die Katze passend zu sein, und nicht we­
nig, wenn auch mit unterschiedlicher Konnotation, für den Bullen oder den
Elefanten [...] Ist nicht das karge Gebirgsplateau des Castilla la Vieja eine
würdevolle Landschaft? Und können nicht auch Kunstwerke (insbesondere
der »klassischen«, wenn auch nicht gerade »klassizistischen« Art), auch wenn
152 Nick Bostrom

sie von Menschenhand geschaffen sind, eine eigene Würde besitzen? (Kolnai
1976:254)

Der Ausdruck »Enhancement« muss ebenfalls erläutert werden. Ich werde


die folgende grobe Charakterisierung nutzen:

Enhancement: Eine Intervention, die das Funktionieren irgendeines Subsys­


tems eines Organismus über seinen Referenzzustand hinaus verbessert; oder
die eine vollkommen neue Funktionsweise oder ein neues Subsystem, das der
Organsimus vorher nicht hatte, erschafft.
Die Funktion eines Subsystems kann entweder als natürlich gedeutet wer­
den (und mit der evolutionären Rolle, die das Subsystem gespielt hat, identi­
fiziert werden, sofern es eine A npassungist) oder als intentional (wobei die
Funktion durch den Beitrag bestimmt wird, den das Subsystem zur Erlan­
gung von relevanten Zielen und Absichten des Organismus erbringt). Das
Funktionieren eines Subsystems ist »verbessert«, wenn das Subsystem effi­
zienter im Ausführen seiner Funktion wird. Der »Referenzzustand« kann
für gewöhnlich als der normale, gesunde Zustand des Subsystems betrachtet
werden, das heißt als das Funktionsniveau des Subsystems, wenn es nicht auf
irgendeine bestimmte Art »krank« oder »defekt« ist. Es gibt einige Unbe­
stimmtheiten in dieser Definition des Referenzzustandes. Er könnte sich auf
den Zustand beziehen, der normal ist für irgendein bestimmtes Individuum,
wenn es nicht von irgendeiner bestimmten Krankheit oder Verletzung be­
troffen ist. Dies könnte entweder altersabhängig oder an die Blüte des Lebens
gebunden sein. Alternativ könnte der Referenzzustand als das »speziestypi­
sche« Funktionsniveau definiert werden.
Wenn wir »Enhancement« sagen, drücken wir keinen sehr präzisen Gedan­
ken aus, außer wir spezifizieren diese und andere Unbestimmtheiten weiter.
Im Folgenden wird jedoch nicht viel davon abhängen, wie man sich genau
dazu entscheiden mag, diese Skizze einer Definition von Enhancement zu
vervollständigen.

G r ö sse r e F ä h ig k e it e n
Wir können jetzt unsere Erforschung der Beziehungen zwischen Würde und
Enhancement beginnen. Wenn wir uns an die Merkmale erinnern, von denen
Kolnai vorschlägt, dass sie mit Würde als eine Q ualität verbunden sind -
Gelassenheit, Getrenntheit, das Unzugänglichsein für destruktive oder kor­
rumpierende oder subversive Einmischungen, selbstgenügsame Gelassenheit
etc. -, könnte es den Anschein haben, dass diese durch bestimmte Enhance-
ments gefördert werden könnten. Man denke zum Beispiel an Enhancements
von exekutiven Funktionen und Selbstkontrolle, von Konzentration oder
Würde und Enhancement 153

unserer Fähigkeit, Stresssituationen zu bewältigen; man denke weiter an En-


hancements mentaler Energie, die uns stärker zu unabhängiger Initiative
befähigen und uns weniger auf externe Stimuli wie das Fernsehen vertrauen
lassen würden; man denke außerdem vielleicht an das Enhancement unse­
rer Fähigkeit, leichte Schmerzen und Beschwerden auszuhalten und unsere
Nahrungsaufnahme, körperliche Betätigung und unseren Schlaf effektiver
selbst zu regulieren. All diese Enhancements könnten unsere Würde als eine
Qualität in ziemlich direkter und deutlicher Weise steigern.
Andere Enhancements könnten unsere Würde als eine Q ualität reduzie­
ren. So könnte eine bedeutend vergrößerte Fähigkeit zu Empathie und Mitge­
fühl (gegeben den Zustand dieser Welt) unsere Gelassenheit und selbstgenüg­
same Gelassenheit vermindern, was zu einer Verringerung unserer Würde als
eine Q ualität führen würde. Einige Enhancements, die Motivation, Antrieb
oder emotionale Ansprechbarkeit steigern, könnten ebenso den Effekt haben,
ein würdevolles inneres Gleichgewicht zu destabilisieren. Enhancements, die
unsere Fähigkeit steigern, uns schnell an wechselnde Umstände anzupassen,
könnten uns anfälliger für »destruktive, korrumpierende oder subversive
Beeinflussungen« machen und unsere Fähigkeit untergraben, standhaft zu
bleiben und gelassen der Welt zu trotzen.
Daher würden einige Enhancements unsere Würde als eine Qualität stei­
gern, während andere drohen würden, sie zu verringern. O b jedoch ein be­
stimmtes Enhancement - wie eine stark gesteigerte Sensibilität für das Leiden
anderer - unsere Würde tatsächlich verringern würde, hängt vom Kontext
ab und im Besonderen vom Charakter des verbesserten Individuums. Eine
stark erhöhte Fähigkeit zum Mitgefühl steht im Einklang mit einem heraus­
ragenden Maß an Würde als eine Qualität, unter der Voraussetzung, dass
die mitfühlende Person andere mentale Attribute wie einen entschiedenen
Sinn für Zweckbestimmungen und ein robustes Selbstwertgefühl besitzt, die
helfen, die mitfühlenden Beunruhigungen des Geistes einzudämmen und sie
in effektives anteilnehmendes Handeln zu lenken. Das Leben Jesu, wie in der
Bibel beschrieben, veranschaulicht diese Möglichkeit.
Selbst wenn irgendein Enhancement unsere Würde als eine Qualität re­
duzierte, würde daraus nicht folgen, dass die verbesserte Person einen N et­
toverlust an Tugend erleiden würde. Denn während Würde als eine Qualität
zwar eine Tugend sein kann, so ist sie doch nicht die einzige Tugend. Dem ­
nach könnte ein gewisser Verlust an Würde als eine Q ualität durch einen
Zugewinn in anderen Tugenden kompensiert werden. Man könnte sich ge­
gen diese Schlussfolgerung sträuben, wenn man glaubte, dass Würde als eine
Q ualität die einzige Tugend statt eine unter vielen sei. Dies ist kaum eine
plausible Position in Anbetracht des Kolnai-inspirierten Verständnisses von
Würde als eine Q ualität, das in diesem Artikel in Anschlag gebracht wird.
Alternativ könnte man meinen, dass ein gewisses Mindestmaß an Würde
154 Nick Bostrom

als eine Qualität nötig ist, um irgendwelche anderen Tugenden besitzen zu


können. Aber selbst wenn dies so wäre, würde daraus nicht folgen, dass ir­
gendein Enhancement, das unsere Würde als eine Qualität reduziert hat, zu
einem Nettoverlust an Tugend führen würde, da das Enhancement unsere
Würde als eine Qualität nicht unter das vermeintliche Mindestmaß reduzieren
muss.

D e r A kt des E n h a n c e m e n ts
Unsere Würde als eine Qualität wäre tatsächlich größer, wenn einige unserer
Fähigkeiten größer wären, als sie es sind. Dennoch könnte man meinen, dass
der A kt des Enhancements unserer Fähigkeiten schon in sich selbst unsere
Würde als eine Qualität verringern würde. Man könnte ebenso meinen, dass
Fähigkeiten, die durch irgendein künstliches Enhancement erworben wurden,
daran scheitern würden, einen Beitrag zu unserer Würde als eine Qualität zu
leisten, oder nicht so viel dazu beitragen würden, als es dieselben Fähigkeiten
getan hätten, wären sie durch »natürliche« Mittel erworben worden.
Zum Beispiel könnte die Fähigkeit, Gelassenheit unter Stressbedingun­
gen zu bewahren, zu unserer Würde als eine Qualität beitragen, wenn diese
Fähigkeit Ausdruck unseres angeborenen Temperaments ist. Die Fähigkeit
könnte sogar einen größeren Beitrag zu unserer Würde als eine Qualität leis­
ten, wenn sie die Frucht geistigen Wachstums ist, das Resultat einer langen,
aber erfolgreichen psychologischen Reise, die uns befähigt hat, die trivia­
len Stressfaktoren zu überwinden, die die alltägliche Existenz plagen. Aber
wenn unsere Gelassenheit durch das Schlucken einer Paxil-Tablette zustande
kommt, würde sie dann immer noch so positiv auf unsere Würde als eine
Qualität wirken?
Es hätte den Anschein, dass unsere Fähigkeit unter Stress gelassen zu
bleiben nur dann vollkommen zu unserer Würde als eine Qualität beitra­
gen wird, wenn wir sie als eine authentische Reaktion sehen können, eine
echte Spiegelung unseres autonomen Selbst. Im Falle der Person, die lediglich
Fassung bewahrt, weil sie eine Paxil genommen hat, könnte es unklar sein,
ob die Gelassenheit wirklich Ausdruck ihrer Persönlichkeit ist oder bloß
der Beeinflussung von außen. Das Ausmaß, in dem ihre Paxil-Persönlich-
keit als ihre wahre Persönlichkeit betrachtet werden kann, wäre abhängig
von unterschiedlichen Faktoren (Kramer 1993). Je dauerhafter verfügbar das
Anxiolytikum für sie ist, desto konsequenter wird sie es in den passenden
Fällen nutzen. Je stärker die Entscheidung, es zu nehmen, ihre eigene ist und
je stärker diese Entscheidung Ausdruck ihrer tiefsten Wünsche ist und von
einer Konstellation von Einstellungen, Überzeugungen und Werten begleitet
wird, nach der das Benutzen dieser Droge Teil ihres Selbstbildes ist, desto
Würde und Enhancement 155

eher könnten wir dazu neigen, ihre Paxil-Persona als ihr wahres Selbst zu
sehen und ihre Persona ohne Paxil als eine Abweichung.
Wenn wir irgendeine Person, die mit einem ruhigen Temperament geboren
wurde, mit einer Person vergleichen, die die Fähigkeit, ruhig zu bleiben, als
ein Resultat psychologischen und geistigen Wachstums erworben hat, könn­
ten wir zunächst versucht sein zu glauben, dass die Gelassenheit in einem
umfassenderen Sinne ein Merkmal ersterer ist. Möglicherweise ist die Ge­
fasstheit einer Person, die mit einem ruhigen Temperament geboren wurde,
stabiler, langlebiger und robuster als die einer Person, deren Gefasstheit aus
Lernprozessen und Erfahrung resultiert. Man könnte jedoch argumentieren,
dass die Würde als eine Q ualität letzterer Person ceteris paribus größer ist
(das heißt abgesehen davon, dass diese Person im Laufe ihres psychologischen
Weges wahrscheinlich andere Attribute, die zu ihrer Würde als eine Qualität
beitragen, erworben haben würde). Die Begründung wäre, dass eine Fähigkeit
oder eine Eigenschaft, die wir aufgrund unserer eigenen Entscheidungen, un­
seres eigenen Denkens und unserer eigenen Erfahrungen erworben haben, in
einem bestimmten Sinne sogar authentischer zu uns gehört als eine Fähigkeit
oder eine Eigenschaft, die uns pränatal gegeben wurde.
Diese Argumentationslinie legt auch nahe, dass ein Charakterzug, der
durch den bewussten Einsatz irgendeiner Enhancement-Technologie erwor­
ben wurde, authentischer zu uns gehören könnte als ein Charakterzug, den
wir von Geburt an besaßen oder der sich ohne unser Zutun in uns entwickelt
hat. Könnte es sein, dass nicht nur die Person, die einen Charakterzug durch
persönliches Wachstum und Erfahrung erworben hat, sondern auch die, die
ihn erworben hat, indem sie sich entschieden hat, Gebrauch von irgendeiner
Enhancement-Technologie zu machen, diesen Charakterzug authentischer
besitzen kann als die Person, die zufällig den Charakterzug von sich aus
besitzt? Wenn wir andere Dinge konstant halten - wie die Dauerhaftigkeit
des Charakterzugs und sein Maß an Integration und Harmonisierung mit
anderen von der Person besessenen Charakterzügen -, schiene dies in der Tat
der Fall zu sein.
Diese Behauptung ist konsistent mit der Überzeugung, dass es einen zu­
sätzlichen Beitrag zu unserer Würde als eine Qualität leisten würde, in den
Besitz eines positiven Charakterzugs als Ergebnis persönlichen Wachstums
und Erfahrung zu gelangen, möglicherweise der Würde der Bemühung und
der Überwindung von Schwäche und Hindernissen. Der Vergleich wird hier
zwischen Charakterzügen, Fähigkeiten oder Potenzialen, die uns von Geburt
an gegeben sind, und denen, die wir entwickeln könnten, wenn uns Zugang
zu Enhancement-Technologien gegeben würde, gezogen.
Einen ersten Fall der Ansicht, dass unsere Selbstformung zu unserer
Würde als eine Qualität beitragen kann, findet man in Pico della Mirandolas
Rede über die Würde des Menschen (1486):
156 Nick Bostrom

Wir haben dir keinen festen Wohnsitz gegeben, Adam, kein eigenes Aussehen
noch irgendeine besondere Gabe, damit du den Wohnsitz, das Aussehen,
die Gaben, die du selbst dir ausersiehst, entsprechend deinem Wunsch und
Entschluss habest und besitzest. Die Natur der übrigen Geschöpfe ist fest
bestimmt und wird innerhalb von uns vorgeschriebener Gesetze bestimmt.
Du sollst dir deine ohne jede Einschränkung und Enge, nach deinem Ermessen,
dem ich dich anvertraut habe, selber bestimmen [...] Weder haben wir dich
himmlisch noch irdisch, weder sterblich noch unsterblich geschaffen, damit
du wie dein eigener, in Ehre frei entscheidender, schöpferischer Bildhauer dich
selbst zu der Gestalt ausformst, die du bevorzugst. (Pico della Mirandola 1990)

Während Mirandola nicht zwischen verschiedenen Formen von Würde unter­


scheidet, so scheint er doch sowohl nahezulegen, dass unsere Menschenwürde
in unserer Fähigkeit zur Selbstformungbesteht, als auch, dass wir durch die
Anwendung dieser Fähigkeit an Würde als eine Qualität gewinnen.
Es ist folglich möglich zu argumentieren, dass der A kt des freiwilligen,
bewussten Enhancements der Würde des daraus resultierenden Charakter­
zugs etwas hinzufügt, verglichen damit, denselben Charakterzug von sich aus
schon zu besitzen.

D ie E in st e l l u n g des V e r b e sser n d e n
An diesem Punkt müssen wir eine wichtige Qualifizierung einführen. Cete-
ris paribus scheint Trotz würdiger zu sein als Fügsamkeit und Anpassung.
Wie Kolnai anmerkt, sind »Biegsamkeit, widerstandslose Anpassungsfähig­
keit und vorbehaltslose Selbstanpassung [...] prototypische Gegenteile von
Würde«. Näher schreibt Kolnai:
Man könnte argumentieren, dass die Eigenschaft, die manchmal als »trüge­
risch« beschrieben wird, den Höhepunkt der Würdelosigkeit verkörpert [...].
Was die trügerische Einstellung charakterisiert, ist die enge Verbindung ab­
strakter Selbstsuche und qualitativer Zurückhaltung. Der trügerische Perso­
nentypus ist, idealisierend gesprochen, grenzenlos dem Gedeihen des eigenen
Lebens hingegeben und zugleich gleichgültig gegenüber seinem Inhalt. Eine
solche Person suhlt sich in der Abhängigkeit von ihrer Umwelt - ganz im
Gegensatz zu der Würde eines Menschen, der ihren Wirkungen und Kräften
Grenzen setzt und ihrem Einfluss in einer distanzierten und gefilterten Art
entgeht - und übergibt sich selbst fremden Wünschen und Interessen, ohne
sich organisch (was bedeutet: selektiv) mit ihnen zu vermählen [...]. [Sie]
entkommt den Spannungen der Entfremdung durch übereilte Verschmelzung
und überstürzte Kapitulation und entgeht der Selbsttranszendierung durch
die flinke Beweglichkeit eines gewichtslosen Selbst. (Kolnai 1976: 265 f.)

Einerseits können also der »Seifmademann« oder die »Seifmadefrau« an


Würde als eine Q ualität gewinnen, indem sie die (Mit-)Autoren oder
Würde und Enhancement 157

(Mit-)Autorinnen ihres eigenen Charakters und ihrer Situation sind. Doch


andererseits ist es auch möglich, dass solche Personen stattdessen durch ihre
Selbst-Umgestaltung an Würdelosigkeit gewinnen. Die Möglichkeit einer sol­
chen Würdelosigkeit oder des Verlusts an Würde als eine Qualität ist eine
bedeutende Sorge unter einigen Kritikern des menschlichen Enhancement.
Leon Kass formuliert es unerbittlich:

[Die] finale technische Eroberung ihrer eigenen Natur würde die Mensch­
heit fast sicher völlig entkräftet zurücklassen. Diese Form der Beherrschung
wäre identisch mit äußerster Entmenschlichung. Lesen Sie Huxleys Schöne
neue Welt, lesen Sie C. S. Lewis’ Die Abschaffung des Menschen, lesen Sie
Nietzsches Darstellung des letzten Menschen und dann lesen Sie die Zeitun­
gen. Homogenisierung, Mittelmäßigkeit, Beschwichtigung, drogeninduzierte
Zufriedenheit, Verschlechterung des Geschmacks, herzlose Wesen ohne Sehn­
süchte - das sind die unausweichlichen Folgen davon, die Essenz der mensch­
lichen Natur zum letzten Projekt der technischen Beherrschung zu machen.
Im Moment seines Triumphs wird der Prometheus’sche Mensch auch eine
zufriedengestellte Kuh werden. (Kass 2002: 48)

Die Sorge, die dieser Passage zugrunde liegt, ist, so denke ich, die Furcht vor
einem vollständigen Verlust der Würde als eine Q ualität und ihre Ersetzung
durch eine definitive Würdelosigkeit.
Wir sollten zwei verschiedene Wege unterscheiden, die dies zur Folge
haben könnten. Der offensichtlichere ist gegeben, wenn wir bei der A us­
wahl unserer Enhancements diejenigen aus wählen, die uns in unwürdige
Menschen verwandeln. Der Punkt ist hier, dass diese Menschen unabhängig
davon unwürdig wären, wie sie so geworden sind, ob als ein Ergebnis von
Enhancement oder durch irgendeinen anderen Prozess. Ich habe diese Ange­
legenheit bereits diskutiert und bin zu dem Schluss gekommen, dass einige
Enhancements unsere Würde als eine Q ualität steigern würden, während
andere Enhancements riskieren würden, sie zu reduzieren. Außerdem bin ich
zu dem Schluss gekommen, dass die Frage, ob ein bestimmtes Enhancement
von Vorteil wäre, alles in allem für gewöhnlich nicht beantwortet werden
kann, wenn wir uns nur ansehen, wie es unsere Würde beeinflussen würde.
Eine subtilere Quelle für Würdelosigkeit ist eine, die aus der bloßen Aktivi­
tät des Enhancement hervorgeht. In diesem letzteren Fall ist der Endzustand
nicht notwendigerweise in sich selbst unwürdig, aber der Prozess der N eu­
gestaltung von uns selbst, der uns dorthin bringt, reduziert unsere Würde
als eine Qualität. Ich habe oben argumentiert, dass ein würdiger Charakter­
zug, der aus einem wohlüberlegten Enhancement resultiert, unter günstigen
Umständen mehr zu unserer Würde als eine Q ualität beitragen kann, als es
derselbe Charakterzug tun würde, wenn er zufällig unserer wäre. Dennoch
denke ich, dass auch anerkannt werden sollte, dass der Akt der Selbsttransfor­
158 Nick Bostrom

mation unter ungünstigen Bedingungen unwürdig sein könnte und in der Tat
die von Kolnai beschriebene »trügerische« Einstellung ausdrücken könnte.
Wann vergrößert und wann verringert die Aktivität der Selbsttransforma­
tion die Würde? Das Kolnai-Zitat legt eine Antwort nahe. Wenn die Motiva­
tion für Selbsttransformation eine Kombination aus »abstrakter Selbstsuche
und qualitativer Zurückhaltung« ist, wenn Selbsttransformation von fremden
Wünschen und Interessen angetrieben wird, die nicht organisch und selektiv
vom Individuum, das verbessert wird, befürwortet wurden, wenn sie eine
Hingabe an reine Bequemlichkeit darstellt statt die autonome Realisierung
eines gehaltvollen persönlichen Ideals, dann ist der A kt des Enhancement
nicht würdig und mag definitiv unwürdig sein - in genau derselben Weise,
wie andere Handlungen, die aus ähnlichen Motivationen resultieren, daran
scheitern mögen, unsere Würde als eineJQttatität auszudrücken oder einen
Beitrag zu ihr zu leisten.
Lassen Sie uns ein Beispiel verwenden. Angenommen jemand nimmt eine
wahrnehmungssteigernde Droge aus bloßer unüberlegter Anpassung an eine
Mode oder unter dem Einfluss einer gewieften Werbekampagne. Es gibt dann
nichts besonders Würdiges an diesem Akt des Enhancements. Es könnte so­
gar etwas Unwürdiges an ihm sein, insofern, als von einer Person, die Würde
als eine Qualität besitzt, erwartet werden würde, dass sie auf autonomere
Weise ermisst, welche Substanzen sie einnimmt, besonders bei solchen, die
zur Beeinflussung ihrer geistigen Fähigkeiten entworfen wurden. Es könnte
immer noch der Fall sein, dass die Person nach der Einnahme des Wahrneh­
mungsverbesserers an Würde als eine Q ualität gewinnt. Vielleicht befähigt
sie fortan die größere Leistung und Klarheit ihres Denkens besser dazu,
manipulativer Werbung zu widerstehen und selektiver im Annehmen von
Modeerscheinungen zu sein. Dennoch kann der A kt des Enhancement in
sich selbst unwürdig sein und ihr etwas von ihrer Würde als eine Q ualität
nehmen. Das Problem besteht darin, dass ihre Motivation dafür, sich dem
Enhancement zu unterziehen, unangemessen ist. Ihre Einstellung und das
Verhalten, das daraus entspringt, sind unwürdig.
Hier wären wir nachlässig, wenn wir nicht auf die symmetrische Möglich­
keit hinweisen würden, dass es auf genau dieselbe Weise und aus denselben
Gründen unwürdig sein kann, eine Gelegenheit zum Enhancement ungenutzt
zu lassen, wie es unwürdig sein kann, sie zu nutzen. Eine Person, die eine
große Chance, ihre Fähigkeiten zu verbessern, aus unüberlegter Anpassung
an eine Mode, aus Voreingenommenheit oder aus fauler Gleichgültigkeit ge­
genüber den daraus resultierenden Vorteilen für sich und andere nicht wahr­
nimmt, würde dadurch ihre Würde als eine Qualität verringern. Ablehnung
und Annahme von Enhancement sind sich insofern ähnlich: Beide können
ein Einstellungsproblem widerspiegeln.
Würde und Enhancement 159

D ie M o d if ik a t io n von E m o t io n e n a ls ein e
BESONDERE GEFAHR?
»Enhancements« von Antrieben, Emotionen, Stimmungen und der Persön­
lichkeit können besondere Bedrohungen unserer Würde darstellen. Sie brin­
gen uns in Versuchung, »den Spannungen der Entfremdung durch übereilte
Verschmelzung und überstürzte Kapitulation« zu entfliehen. Ein Indivi­
duum könnte sich dazu entscheiden, sich selbst so zu ändern, dass es mit
der Vorgefundenen Realität zufrieden ist, anstatt ihr in stolzer Opposition
standzuhalten. Solch eine Entscheidung könnte selbst Ausdruck einer trü­
gerischen Einstellung sein. Schlimmer noch, die Transformation könnte in
einer Persönlichkeit münden, die einen großen Teil der - zu welchem Anteil
auch immer zuvor vorhandenen - Würde als eine Q ualität verloren hat.
Man kann sich Modifikationen unserer affektiven Reaktionen vorstel­
len, die unsere Bestrebungen einebnen, unsere Fähigkeiten zum emotionalen
und spirituellen Wachstum behindern sowie eine Aufgabe unserer Fähigkeit,
gegen unwürdige Lebensbedingungen oder Unzulänglichkeiten unseres Cha­
rakters zu rebellieren, bedeuten würden. Solche Interventionen würden eine
akute Bedrohung unserer Würde als eine Qualität darstellen. Die fiktionale
Droge »Som a« in Schöne neue Welt wird so dargestellt, als habe sie genau
diese Effekte. Die Droge scheint die Konturen menschlichen Lebens und
Strebens aufzulösen, indem sie die Charaktere in Huxleys Novelle auf zu­
friedene, unbestimmte Einwohner-Blobs reduziert, die fast prototypisch für
Würdelosigkeit sind.
Eine andere prototypische Form der Würdelosigkeit, eine aus dem Bereich
der Wissenschaft, ist diejenige der drahtköpfigen Ratte, die Elektroden in das
Belohnungszentrums ihres Gehirns implantiert bekommen hat (Routtenberg
und Lindy 1965). Das Modell einer sich selbst stimulierenden Ratte, die un­
ablässig ihren Hebel betätigt - auf Möglichkeiten zur Paarung, Ruhe oder
sogar Essen und Trinken verzichtend -, bis sie entweder vor Erschöpfung
zusammenbricht oder stirbt, ist nicht gerade eines, das eine »ehrfürchtige
Art der Reaktion« gebietet oder eine »aufblickende Art der Pro-Einstellung«.
Wenn wir uns einen Menschen an der Stelle der Ratte vorstellen, dann würden
wir sagen, dass es sich um einen unwürdigen Menschen handelt oder zumin­
dest um einen Menschen, der einer sehr unwürdigen Tätigkeit nachgeht.
Würde ein Leben in so einem unwürdigen Zustand (um des Arguments
willen angenommen, dass die Befriedigung unendlich aufrecht erhalten wer­
den könnte, und breitere Auswirkungen auf die Gesellschaft ignorierend)
gegenüber einem Leben, wie wir es kennen, vorzuziehen sein? Dies hängt
klar von der Qualität des Lebens ab, wie wir es kennen. Gegeben eine hinrei­
chend düstere Alternative, scheint intrakraniale elektrische Stimulation stark
vorzuziehen zu sein. Dies gilt zum Beispiel für Patienten, die unter unerträg-
160 Nick Bostrom

liehen Schmerzen langsam an Krebs sterben und für die andere Arten der
Linderung unwirksam sind. Es ist sogar vorstellbar, dass für solche Patien­
ten Kopfverdrahtung und ähnliche Eingriffe ihre Würde als eine Qualität
erhöhen würden (ganz abgesehen von anderen Bestandteilen ihres "Wohlerge­
hens). Einige achtenswerte englische Ärzte hatten einst die Angewohnheit,
Krebspatientinnen in ihren letzten Qualen ein Elixier zu verschreiben, das
als Brompton-Cocktail bekannt war, eine Mischung aus Kokain, Heroin und
Alkohol:

Das Leben mit einem transzendentalen orgasmischen Knall und nicht mit
einem pathetischen und gottverlassenen Wimmern zu Ende zu bringen, kann
das Sterben in den Höhepunkt der eigenen Existenz statt in den gegenwärtigen
unordentlichen und verlangsamten Anti-Höhepunkt verwandeln [...]. Man
wird mit Genuss empfangen. Man darf vernünftigerweise hoffen, auch so zu
sterben. (Pearce 2001)

In solcher Art abzutreten, würde nicht nur viel mehr Spass bedeuten, sondern,
so scheint es, wäre auch würdiger als die Alternative.
Aber angenommen der Vergleichsfall besteht nicht in unerträglichem Leid,
sondern in einer typischen Situation eines durchschnittlichen persönlichen
Lebens. Dann würde es sicherlich einen katastrophalen Verlust an Würde als
eine Qualität bedeuten, wenn wir wie eine drahtköpfige Ratte werden wür­
den, die obsessiv einen Hebel betätigt und dabei alle anderen Aktivitäten und
Belange ausblendet. O b solch ein Leben dennoch einem gewöhnlichen Le­
ben vorzuziehen wäre (wiederum angenommen, dass es anhaltend wäre, und
breitere Konsequenzen ignorierend), wäre abhängig von fundamentalen An­
gelegenheiten der Werttheorie. Dem Hedonismus entsprechend wäre solch
ein Leben vorzuziehen. Wenn der Genuss groß genug wäre, dann könnte
es ebenso im Rahmen anderer Ansätze des guten Lebens vorzuziehen sein.
Natürlich wäre in vielen anderen Werttheorien solch ein drahtköpfiges Leben
einem typischen menschlichen Leben bei weitem unterlegen. Diese axiologi-
schen Fragestellungen liegen außerhalb der Reichweite dieses Essays.
Konzentrieren wir uns wieder auf die Würde als eine Qualität. Einem
Leben wie dem der drahtköpfigen Ratte wäre, verglichen mit einem typi­
schen menschlichen Leben, Würde als eine Qualität völlig vorenthalten. Aber
das Drahtkopf-Beispiel - und sei es nur als Karikatur - ist nicht unbedingt
repräsentativ dafür, wie ein Leben mit irgendeiner Form von emotionalem
Enhancement aussehen würde. Einige hedonistische Enhancements würden
uns nicht in passive, selbstgefällige, lieblose und sehnsuchtslose Blobs ver­
wandeln. Im Gegenteil, sie könnten unsere Lebensfreude erhöhen, uns mit
Energie und Initiative versehen und unsere Fähigkeit zu Liebe, Verlangen
und Ambitionen erhöhen. Es gibt verschiedene Formen befriedigender Geis­
teszustände - einige sind passiv, entspannt und komfortabel und andere sind
Würde und Enhancement 161

aktiv, aufregend, enthusiastisch und ein angenehmer Nervenkitzel. Die draht­


köpfige Ratte ist ein potentiell hochgradig fehlleitendes Modell davon, wie
selbst ein einfaches hedonistisch verbessertes Leben sein könnte. Und emo­
tionales Enhancement könnte viele unterschiedliche Formen annehmen, die
anders als die Anhebung des subjektiven Wohlbefindens sind.
Wenn wir uns eine Person vorstellen, deren Lebenslust und Freude am
Leben durch Enhancement über das aktuelle durchschnittliche menschliche
Niveau hinaus gesteigert wurde, durch pharmazeutische oder andere Ein­
griffe, dann ist es nicht offensichtlich, dass dies als mit irgendeinem Verlust
von Würde als eine Qualität verbunden gedacht werden muss. Ein manischer
Zustand ist nicht würdig, aber eine kontrollierte Leidenschaft fürs Leben und
das, was es zu bieten hat, sind mit einem hohen Grad von Würde als eine
Q ualität kompatibel. Es scheint mir, dass ein solcher Zustand mit Leichtig­
keit deutlich würdiger sein könnte als die affektiv-gelangweilte Aussicht auf
einen typischen Tag im Leben einer durchschnittlichen Person.
Vielleicht wäre es aus der Perspektive der Würde als eine Q ualität eher
vorzuziehen, wenn die bessere Stimmung sich aus einem von Natur aus freu­
digen Temperament ergeben würde oder wenn sie durch eine Art psycholo­
gische Selbstüberwindung zustande gekommen wäre. Aber wenn von einer
sicheren und wirksamen Pille etwas Hilfe in Anspruch genommen werden
müsste, dann sähe ich nicht, dass dies einen großen Unterschied in Bezug
darauf machen würde, wie viel Würde als eine Q ualität dem resultierenden
Geisteszustand beigemessen werden könnte.
Ein wichtiger Faktor für die Würde als eine Q ualität unserer Emotionen
ist das Ausmaß, zu dem diese angemessene Reaktionen auf Aspekte der Welt
sind. Viele Emotionen haben ein wertendes Element und man kann davon
ausgehen, dass, damit eine solche Emotion Würde als eine Qualität besitzen
kann, sie eine Reaktion auf eine Situation oder ein Phänomen sein muss, von
dem wir anerkennen, dass es die Bewertung verdient, die die Emotion bein­
haltet. Wut zum Beispiel könnte nur bei den Gelegenheiten würdig sein, bei
denen es etwas gibt, worüber man wütend sein kann, und bei denen die Wut
auf das als anstößig erkannte Objekt gerichtet ist. Diesem Kriterium könnte
im Prinzip nicht nur durch Emotionen, die spontan aus unserem natürlichen
Temperament heraus entstehen, Genüge getan werden, sondern auch durch
Emotionen, die durch irgendein affektives Enhancement gefördert wurden.
Einige affektive Enhancements könnten die Bandbreite unserer Bewertungen
ausweiten und Hintergrundbedingungen schaffen, die uns befähigen würden,
auf Werte zu reagieren, denen gegenüber wir andernfalls blind oder apathisch
wären. Hinzu kommt, dass, selbst wenn einige Situationen objektiv nach
bestimmten emotionalen Reaktionen verlangen, es irgendeine Unbestimmt­
heit geben könnte, etwa dass jede Reaktion innerhalb einer Bandbreite als
eine objektiv angemessene Reaktion zählen könnte. Dies ist dann beson­
162 Nick Bostrom

ders plausibel, wenn wir Grundstimmungen oder subjektives Wohlbefinden


betrachten. Einige Leute sind von N atur aus depressiv und mürrisch; an­
dere sprudeln über vor Freude und guter Laune. Ist es wirklich so, dass eine
dieser Stimmungen der Welt gegenüber objektiv angemessen ist? Wenn ja,
welche? Diejenigen, die betrübt sind, mögen sagen erstere; diejenigen, die
glücklich sind, letztere. Ich bezweifle, dass es hier eine sachgerechte Antwort
gibt.
Es scheint mir, dass die hauptsächliche Bedrohung für Würde als eine
Q ualität durch emotionales Enhancement nicht von Stimmungsaufhellern
kommt, die eine positive Wirkung auf das alltägliche Leben haben, sondern
aus zwei anderen Richtungen. Eine davon ist die sozio-kulturelle Dimension,
die ich im nächsten Teil diskutieren wgrderDie andere ist der mögliche G e­
brauch von emotionalen »Enhancements« durch Individuen, um die Flügel
der eigenen Seele zu beschneiden. Dies wäre das Ergebnis, wenn wir emo­
tionale Verbesserer so benutzen würden, dass wir derart »gut eingestellt«
und psychologisch anpassbar würden, dass wir unsere Ideale, unsere Liebe
und unseren Hass oder unsere Fähigkeit, spontan mit der vollen Liste der
menschlichen Emotionen auf die Anforderungen des Lebens zu reagieren,
verlieren würden.
Kritikerinnen und Kritiker des Enhancements pflegen darauf herumzurei­
ten, dass Enhancement die Würde untergraben könnte. Sie übergehen häufig,
wie Enhancement helfen könnte, unsere Würde zu steigern. Aber halten wir
inne und fragen uns, wie viel Würde als eine Qualität eine Person hat, die täg­
lich vier bis fünf Stunden Fernsehen schaut, deren Leidenschaften begrenzt
sind auf Essen, Trinken, Shopping, Befriedigung der sexuellen Bedürfnisse,
Sport schauen und Schlafen, die niemals eine originelle Idee gehabt hat, nie­
mals dazu bereit war, vom Weg des geringsten Widerstandes abzuweichen,
und sich niemals ernsthaft irgendeinem Bestreben oder irgendeiner Beschäfti­
gung gewidmet hat, die ihr nicht auf dem Tablett der kulturellen Erwartungen
gereicht wurde. Vielleicht gibt es im Hinblick auf Würde als eine Qualität
mehr Abstand zum Aufstieg als zum Fall.

S O Z I O K U L T U R E L L V E R M IT T E L T E E F F E K T E

Zusätzlich zu ihren direkten Wirkungen auf die behandelten Individuen kön­


nen Enhancements indirekte Wirkungen auf Kultur und Gesellschaft haben.
Solche soziokulturellen Veränderungen werden wiederum Auswirkungen
auf Individuen haben und dabei insbesondere einen Einfluss darauf haben,
wie viel Würde als eine Qualität sie wahrscheinlich entwickeln und in ihrem
Leben zeigen können. Bildung, Medien, kulturelle Normen und die generelle
gesellschaftliche und physische Matrix unseres Lebens können unser Poten­
Würde und Enhancement 163

tial, Würde als eine Q ualität zu entwickeln und mit ihr zu leben, entweder
fördern oder hemmen.
Die westliche, konsumorientierte Kultur scheint nicht besonders günstig
für Würde als eine Q ualität zu sein. Verschiedene spirituelle Traditionen,
Kulturen der Ehre, der Romantizismus oder sogar der mittelalterliche ritter­
liche Moralkodex scheinen der Würde als eine Qualität zuträglicher gewesen
zu sein, auch wenn einige Elemente der gegenwärtigen Kultur, insbesondere
der Individualismus, grundsätzlich wichtige Bausteine einer würdigen Per­
sönlichkeit sein könnten. Vielleicht steckt in der Kultivierung der Würde als
eine Q ualität ein gewisser Elitismus oder eine aristokratische Empfindsam­
keit, die nicht gut mit der Massenkultur und den egalitären Anmaßungen der
Modernität zusammenpassen.
Vielleicht besteht außerdem eine gewisse Spannung zwischen der gegen­
wärtigen Betonung des instrumentellen Denkens und der wissenschaftlichen
Rationalität einerseits und dem (würdigen) Vertrauen auf stabile persönliche
Standards und Ideale andererseits. Die perfekte bayesianische Rationalistin,
die keine festen Überzeugungen, sondern nur ein loses Netzwerk revidierba­
rer Überzeugungen hat, deren Wahrscheinlichkeiten sie sich genötigt fühlt,
gemäß einer starren Kinematik zu aktualisieren, wann immer neue Evidenzen
auf ihre Sinne treffen, hat wohl einen Teil ihrer Autonomie an Algorithmen
abgegeben.
Wie würde der weitverbreitete Gebrauch und die soziale Akzeptanz von
Enhancement-Technologien die Bedingungen für die Entwicklung indivi­
dueller Würde als eine Q ualität beeinflussen? Die Frage kann nicht apriori
beantwortet werden. Unglücklicherweise kann sie momentan auch nicht a
posteriori beantwortet werden, außer in höchst spekulativer Weise. Uns feh­
len sowohl die Theorie als auch die Daten, die nötig wären, um eine solide
Vorhersage zu diesen Angelegenheiten zu machen. Soziale und kulturelle Ver­
änderungen sind schwer vorherzusagen, besonders bei längeren Zeiträumen,
in denen die technologische Basis der menschlichen Zivilisation tiefgreifenden
Veränderungen unterworfen sein wird. Jede Antwort, die wir heute geben, ist
besser dazu geeignet, etwas über unsere Hoffnungen, Ängste und Vorurteile
zu enthüllen, als darüber, was wahrscheinlich in der Zukunft passieren wird.
Wenn Leon Kass behauptet, dass Homogenisierung, Mittelmäßigkeit, Be­
schwichtigung, drogeninduzierte Zufriedenheit, Verschlechterung des G e­
schmacks und herzlose Wesen ohne Sehnsüchte die unausweichlichen Folgen
davon sind, die menschliche Natur zu einem Projekt der technischen Beherr­
schung zu machen, dann gründet er diese Überzeugung, soweit ich dies aus
seinen Texten herauslesen kann, nicht auf irgendein bestätigtes sozialwissen­
schaftliches Modell oder überhaupt irgendeine Art von Theorie, irgendwel­
che Datensätze oder gut entwickelte Argumente. Eine agnostischere Position
würde besser zu den verfügbaren Belegen passen. Wir können uns, so denke
164 Nick Bostrom

ich, Szenarien vorstellen, in denen K ass’ Vorahnungen wahr werden, und


auch solche, in denen das Gegenteil passiert. Bis jemand bessere Argumente
entwickelt, sollten wir uns nicht darauf festlegen, welches zutrifft. Insofern
beide Szenarios in Reichweite liegen, dürfte es für uns am vernünftigsten
sein, an der Realisierung desjenigen zu arbeiten, in dem Enhancementoptio-
nen verfügbar werden und so genutzt werden, dass unsere Würde als eine
Qualität zusammen mit anderen, wichtigeren Werten gesteigert wird.

D ie W ü r d e von Z iv ilisa t io n e n
Würde als eine Qualität kann anderen Entitäten als Personen zugeschrieben
werden. Dies schließt Bevölkerungen, Gesellschaften, Kulturen und Zivilisa­
tionen ein. Einige der negativen Konsequenzen von Enhancement, die Kass
vorhersagt, würden insbesondere auf solche Kollektive zutreffen. »H om o­
genität« ist nicht eine Eigenschaft eines Individuums; sie ist ein Charakte­
ristikum einer Gruppe von Individuen. Es ist allerdings nicht so klar, worin
Würde als eine Q ualität besteht, wenn sie einem Kollektiv zugeschrieben
wird. D a dies weiter entfernt von einer prototypischen Anwendung der Idee
der Würde ist, könnten solche Zuschreibungen von Würde als eine Qualität
an Kollektive in einem größeren Um fang von Werturteilen abhängen als in
dem Fall der Anwendung auf Individuen, in dem der deskriptive Teil des
Begriffs mehr Gewicht trägt.
Zum Beispiel betrachten viele Menschen der Moderne verschiedene For­
men von Gleichheit innerhalb einer sozialen Ordnung als entscheidend für
ihre Würde als eine Qualität. Wir mögen denken, dass es etwas Unwürdiges
gibt an einer sozialen Ordnung, die durch rigide Statushierarchien gekenn­
zeichnet ist und in der Menschen aufgrund ihrer Geburt oder anderer Fak­
toren, die sich außerhalb ihrer Kontrolle befinden, sehr ungleich behandelt
werden. Viele von uns denken, dass es etwas entschieden Unwürdiges gibt
an einer Gesellschaft, in der Bettlerinnen und Bettler auf dem Gehweg sitzen
und Limousinen vorbeifahren sehen oder in der der unübersehbare Konsum
der Kinder der Reichen und das Elend und die Entbehrungen der Kinder der
Armen in einem zu scharfen Gegensatz zueinander stehen.
Eine Beobachterin oder ein Beobachter aus einer anderen Ära könnte
die Dinge anders sehen. Ein englischer Aristokrat aus dem 17. Jahrhundert
zum Beispiel, der in eine Zeitmaschine gesetzt und in die heutige westliche
Gesellschaft gebracht wurde, könnte schockiert sein von dem, was er se­
hen würde. Während er vielleicht von unserem modernen Kom fort und den
Annehmlichkeiten, unserem enormen ökonomischen Wohlstand, unseren
medizinischen Methoden usw. positiv beeindruckt wäre, könnte er ebenso
von dem Verlust an Würde als eine Qualität, der mit diesen Verbesserungen
Würde und Enhancement 165

einherging, entsetzt sein. Er tritt aus der Zeitmaschine heraus und erblickt
eine vulgarisierte Gesellschaft, in der Unsittlichkeit und moralischer Ver­
fall allgegenwärtig sind. Er schaut sich um und erschaudert, weil er sieht,
wie die reichhaltige soziale Architektur seiner Zeit, in der jeder, vom König
bis hinunter zum niedrigsten Diener, seinen Rang und Status kannte und in
der die Menschen in einem komplexen Gewebe aus Pflichten, Verpflichtun­
gen, Privilegien und Gönnerschaft miteinander verbunden waren - wie diese
prachtvoll gegliederte soziale Kathedrale eingeebnet und mit endlos ausge­
dehnten Vorortsiedlungen einer homogenisierten Gesellschaft ersetzt wurde,
in der die Spitzen des Adels zerstört, die Bande der Loyalität weitgehend
aufgelöst, die Familie auf ihren notwendigsten Kern gestutzt, die Rollen von
Herr und Untertan in jene von Konsument und Lieferant transformiert und
die Majestät der Krone von einer multinationalen Horde von Burger Kings
usurpiert wurde.
Ganz gleich, ob unser imaginärer Beobachter nun urteilte, dass die Verän­
derungen alles in allem zum Besseren gewesen wären, er hätte höchstwahr­
scheinlich das Gefühl, dass sie mit einem tragischen Verlust einhergegangen
wären und dass ein Teil dieses Verlusts in einem Verlust an Würde als eine
Q ualität bestünde, für Individuen, vor allem aber für die Gesellschaft. Zu­
dem scheint dieser Verlust an gesellschaftlicher Würde auf einigen derselben
Veränderungen zu beruhen, die viele von uns als Zugewinne für die gesell­
schaftliche Würde als eine Qualität betrachten dürften.
Wir fangen ein Gespräch mit unserem zeitreisenden Besucher an und
versuchen, ihn davon zu überzeugen, dass seine Sicht von Würde als eine
Q ualität nicht korrekt ist. Er versucht, uns davon zu überzeugen, dass es
unsere Sichtweise ist, die fehlerhaft ist. Diese Meinungsverschiedenheit, so
scheint es, dreht sich um Werturteile und, in gewissem Maße, um ästhetische
Urteile. Es ist unsicher, ob eine Seite die andere überzeugen kann.
Wir könnten uns andere derartige Zeitreisen vorstellen. Wir könnten viel­
leicht eine Person aus dem antiken Athen ins Mittelalter oder vom Mittelalter
ins Zeitalter der Aufklärung bringen oder aus der Zeit, als alle Menschen
Jäger und Sammler waren, in irgendeine dieser späteren Zeiten. O der wir
könnten uns diese Reisen umgekehrt vorstellen und eine Person in der Zeit
zurückschicken. Während alle diese Zeitreisenden wahrscheinlich anerken­
nen würden, dass bestimmte Individuen in all diesen Gesellschaften Würde
als eine Q ualität besitzen, könnte es gut sein, dass sie finden, dass es all den
von ihnen besuchten Gesellschaften ernsthaft an Würde als eine Qualität
mangelt. Selbst wenn wir uns auf die Gegenwart begrenzen, finden es die
meisten von uns wahrscheinlich einfacher, Würdelosigkeit in Gesellschaften
zu identifizieren, die sich von unserer eigenen stark unterscheiden, obwohl
uns beigebracht wurde, dass wir nicht so voreingenommen gegenüber den
Gepflogenheiten fremder Kulturen sein sollen.
166 Nick Bostrom

Den Punkt, den ich mit diesen Überlegungen zu machen wünsche, ist,
dass, wenn man Ihnen oder mir eine Kristallkugel zeigte, die enthüllt, wie die
menschliche Gesellschaft in ein paar Jahrhunderten sein wird, es wahrschein­
lich ist, dass uns die gezeigte Gesellschaft verglichen mit unserer eigenen in
wichtigen Punkten würdelos erscheinen würde. Dies scheint die Standarder­
wartung zu sein, selbst wenn man davon absieht, dass bis dahin technolo­
gische Enhancements allgemein gebräuchlich geworden sein könnten. Und
darin liegt eine jener feinen Ironien der Geschichte. Eine Generation überlegt
sich einen schönen Entwurf und legt die Grundsteine für eine bessere Z u­
kunft. Dann stirbt die Generation und die nächste Generation entscheidet,
eine andere Struktur auf dem Fundament, das gebaut wurde, zu errichten,
eine Struktur, die in ihren Augen schöner ist, aber für ihre Vorgängerinnen
und Vorgänger abscheulich gewesen "Wäre. Die ursprünglichen Architektin­
nen sind nicht mehr da, um sich zu beschweren, aber wenn die Toten sehen
könnten, würden sie sich im Grabe umdrehen. O tempora, o mores, klagen
die Alten, und die Knochen unserer Vorfahren klappern in emphatischer
Zustimmung!
Es ist möglich, eine optimistischere Sichtweise von den Möglichkeiten
langfristigen Wandels in gesellschaftlichen und kulturellen Bereichen einzu­
nehmen. Man könnte glauben, dass die Geschichte der Menschheit Anzeichen
von moralischem Fortschritt zeigt, einer langsamen und schwankenden Ten­
denz zu mehr Gerechtigkeit und weniger Grausamkeit. Auch wenn man eine
solche Tendenz in der Geschichte nicht erkennt, könnte man immer noch
hoffen, dass die Zukunft eine eindeutigere Verbesserung der menschlichen
Lebensbedingungen mit sich bringt. Aber es gibt viele Variablen neben der
Würde als eine Q ualität, die unsere Beurteilung möglicher Kulturen und
Gesellschaften beeinflussen (wie das Ausmaß, in dem Menschenwürde re­
spektiert wird, um eine zu benennen). Es kann sein, dass wir uns mit der
Hoffnung auf Verbesserungen mit Bezug auf diese anderen Variablen zufrie­
den geben müssen, wenn wir erkennen, dass Würde als eine Qualität dann,
wenn sie Formen von sozialer Organisation statt Individuen zugeschrieben
wird, ein zu unbestimmter Begriff - und vielleicht zu kulturrelativ - ist, so
dass sich noch nicht einmal eine Optimistin sicher sein kann, ob eine zu­
künftige Gesellschaft oder Kultur nach heutigen Maßstäben sehr würdig
erscheinen wird.
Deshalb werde ich nicht diskutieren, mit welchen Mitteln man versuchen
könnte, die Würde als eine Qualität einer gegenwärtigen oder zukünftigen
Gesellschaft zu vergrößern. Ich möchte lediglich anmerken, dass Enhance­
ment dabei vielleicht eine Rolle spielen könnte. Wenn Homogenisierung zum
Beispiel antithetisch ist zu einer Gesellschaft, die Würde als eine Qualität
besitzt, dann könnten Enhancements, die die individuelle Fähigkeit stärken,
sich Gruppenzwang zu widersetzen, und die Kreativität und Originalität und
Würde und Enhancement 167

vielleicht sogar ein wenig Exzentrizität fördern, nicht nur Individuen helfen,
mehr Würde als eine Q ualität zu erlangen, sondern auch der Gesellschaft -
dank der kulturellen Diversifizierung, die solche Individuen schaffen würden.

E in e r e la t io n a l e K o m po nente?
Kehren wir zurück zur Würde als eine Qualität von Individuen. Man könnte
Individuen Würde als eine Qualität aufgrund ihrer intrinsischen Charakteris­
tika zuschreiben, aber wohl auch aufgrund ihrer relationalen Eigenschaften.
Man könnte sich zum Beispiel vorstellen, dass der älteste Baum eine Würde
als eine Q ualität besitzt, die er nicht besitzen würde, wenn es einen ande­
ren Baum gäbe, der älter wäre, oder dass der letzte Mohikaner eine spezielle
Würde als eine Qualität hatte, die dem vorletzten Mohikaner verwehrt war.
Wir Menschen rühmen uns gern, die schlauste und am höchsten entwi­
ckelte Spezies des Planeten zu sein. Vielleicht gibt uns diese Stellung eine
Art von Würde als eine Q ualität, die von allen Menschen geteilt werden
könnte, inklusive den Mittelmäßigen und sogar denen, die das Niveau von
bestimmten nicht-menschlichen Tieren in Hinsicht auf ihre kognitiven Fä­
higkeiten unterschreiten. Wir würden diese spezielle Würde als eine Qualität
der Zugehörigkeit zu einer Spezies verdanken, zu der solche Koryphäen
wie Michelangelo und Einstein gehört haben. Wir könnten uns dann darum
sorgen, dass wir diese spezielle Würde verlieren würden, wenn wir durch
die Anwendung radikaler Enhancement-Technologien eine andere Spezies
(oder intelligente Maschinen) erschaffen würden, die das menschliche Genie
in allen Aspekten übertreffen würde. Ein Mitglied der am zweithöchsten
entwickelten Spezies des Planeten zu werden (angenommen, man wäre nicht
unter den radikal Verbesserten), klingt wie eine Abwertung.
Wir müssen hier darauf achten, Würde als eine Qualität nicht mit anderen
Begriffen, wie Begriffen eines sozialen Rangs oder eines Status, zu vermi­
schen. Mit der Geburt kognitiv überlegener Post-Menschen würde der Rang
der Menschen leiden (zumindest wenn der Rang von kognitiven Fähigkeiten
abhinge). Daraus folgt nicht, dass unsere Würde als eine Qualität reduziert
worden wäre; dies ist eine separate Frage. Vielleicht sollten wir stattdessen sa­
gen, dass sich unsere Würde als eine Qualität aufgrund unserer Mitgliedschaft
in einem anderen Kollektiv vergrößert hätte - dem Klub des tellurischen Le­
bens. Dieser weniger exklusive Klub als der der alten Menschheit könnte
sich damit rühmen, einige äußerst illustre Mitglieder zu haben, nachdem
die menschliche Spezies durch ihre post-menschlichen Nachkommen in den
Hintergrund gedrängt worden ist.
Es könnte dennoch einen Verlust von Würde als eine Qualität für einzelne
Menschen geben. Diejenigen Individuen, die zuvor an der Spitze ihres Feldes
168 Nick Bostrom

waren, würden nicht mehr länger eine solch ausgezeichnete Position einneh­
men. Wenn eine besondere Würde als eine Qualität (als dem bloßen sozialen
Status entgegengesetzt) darin besteht, eine ausgezeichnete Position innezu­
haben, dann ginge diese Würde auf die neuen Inhaber der Spitzenplätze der
Vortrefflichkeit über.
Wir können hier nicht auf alle möglichen Weisen eingehen, auf die relatio­
nale Eigenschaften von menschlichem Enhancement betroffen sein können.
Daher möchte ich die Aufmerksamkeit nur auf eine andere relationale E i­
genschaft richten, diejenige der Einzigartigkeit. Reproduktives Klonen ist
kein prototypisches Enhancement, aber wir können es nutzen, um eine Frage
aufzuwerfen. Trägt die Einzigartigkeit einer Person etwas zu ihrer Würde als
eine Qualität bei? Wenn dem so wäre, dann könnte man gegen menschliches
Klonen einwenden, dass es zu Nachkommen führen würde, die - ceteris pa-
ribus - weniger Würde als eine Q ualität hätten als ein sexuell empfangenes
Kind. Natürlich sollten wir nicht demFenler des genetischen Essenzialismus
oder genetischen Determinismus begehen, aber genauso wenig sollten wir
den gegenteiligen Fehler begehen, zu denken, dass Gene gar keine Rolle spie­
len. Menschen, die dieselben Gene haben, neigen dazu, sich ähnlicher zu sein
als Menschen, die nicht genetisch identisch sind. In diesem Zusammenhang
ist »Einzigartigkeit« eine graduelle Sache. Dam it wäre eine Reihe von K lo­
nen einer durchschnittlichen Person tendenziell »weniger einzigartig« als die
meisten Menschen.
Natürlich vorkommende eineiige Zwillinge wären genetisch so gleich wie
ein Paar Klone. (Natürlich vorkommende eineiige Zwillinge haben norma­
lerweise dieselbe Gebärmutter und ähnliche Aufwuchsbedingungen, was bei
Klonen nicht unbedingt der Fall sein muss.) Da wir nicht denken, dass natürli­
che Zwillinge Opfer eines bedeutsamen Unglücks sind, können wir entweder
schließen, dass der Verlust des eigenen Grades an Einzigartigkeit, der in der
Existenz eines anderen genetisch identischen Individuums besteht, keinen
bedeutenden Verlust an Würde als eine Qualität mit sich bringt, oder dass
der Verlust von etwas Würde als eine Qualität kein bedeutendes Unglück ist
(oder beides).
Man könnte sich immer noch über extremere Fälle Sorgen machen. Man
denke an die Möglichkeit, dass nicht nur ein paar, sondern viele Millionen
Klone eines Individuums erzeugt werden. O der man denke an die noch
radikalere Möglichkeit, dass Millionen Kopien eines Individuums erzeugt
werden, die alle noch viel stärker einander ähneln als eineiige Zwillinge.
In diesen fiktiven Fällen scheint es deutlich plausibler, dass ein bedeutender
Verlust von Würde als eine Qualität unter den kopierten Individuen auftreten
würde. Vielleicht wäre dies ein Pro-tanto-Grund gegen die Verwirklichung
eines solchen Szenarios.
Würde und Enhancement 169

W Ü R D E A U S S E R H A L B D E R M E N S C H L IC H E N W E L T :
S t il l e W er te
Würde als eine Q ualität ist nicht notwendigerweise auf menschliche Wesen
und Kollektive menschlicher Wesen beschränkt:
Wenn man die Mammutbäume einmal gesehen hat, lassen sie einen nicht mehr
los, sie rufen eine Vision hervor, die einen ständig begleitet. Niemand hat je­
mals erfolgreich einen Mammutbaum gemalt oder fotografiert. Das Gefühl,
dass sie erzeugen, ist nicht übertragbar. Von ihnen kommt Stille und Ehr­
furcht. Es ist nicht nur ihre unglaubliche Statur noch die Farbe, die sich unter
deinen Augen zu ändern und zu variieren scheint, nein, sie gleichen keinem
anderen Baum, sie sind Botschafter aus einer anderen Zeit. Sie besitzen die
Rätselhaftigkeit von Farnen, die vor Millionen von Jahren in die Kohle des
Karbon-Zeitalters verschwanden [...]. Der überheblichste, übermütigste und
ehrfurchtsloseste Mensch erliegt in der Gegenwart von Mammutbäumen ei­
nem Bann des Staunens und des Respekts [...]. Man empfindet das Bedürfnis,
sich vor unbestrittenen Herrschern zu verbeugen. (Steinbeck 1962:168 ff.)
Es ist leicht, die Reaktionen, die John Steinbeck beschreibt, nachzuempfin­
den, und sie passen recht gut zu Kolnais Darstellung der charakteristischen
Reaktionen auf Würde.
Ein anderes Beispiel:
[Einer] meiner Kollegen [erzählt eine Geschichte] darüber, wie er seinen jun­
gen Sohn einmal mit in einen Zirkus nahm und außerhalb des Zelts einen
einsamen Demonstranten entdeckte, der still ein Schild hochhielt, auf dem
stand: »Bedenkt die Würde der Elefanten.« Es traf ihn wie ein Blitz, sagte er.
Der Punkt des Demonstranten ist sicherlich verständlich, obwohl wir darüber
diskutieren könnten, ob es wirklich Grund genug ist, alle Formen von Zirkus
zu meiden. (Duncan 2006: 5)
Wir brauchen einen Namen für die Eigenschaft, auf die wir in den oben
genannten Beispielen zu reagieren glauben, und » Würde als eine Q ualität«
ist der richtige. Wir könnten diesen Begriff auch auf bestimmte Handlungen,
Aktivitäten und Leistungen anwenden, vielleicht auf bestimmte menschliche
Beziehungen und auf viele andere Dinge, auf die ich hier nicht weiter eingehen
werde.
Die Würde als eine Q ualität, die wir Nicht-Menschen (oder genauer
Nicht-Personen) zuschreiben, ist von einer anderen A rt als die, die wir
menschlichen Wesen zuschreiben. Eine Art der Charakterisierung dieser Dif­
ferenz kann durch Verwendung einer Unterscheidung, die von Stephen Dar­
wall (1977) eingeführt wurde, erfolgen. Darwall beschreibt zwei unterschied­
liche Arten der Einstellung, auf die jeweils mit dem Ausdruck »Respekt«
Bezug genommen wird. Die erste Art nennt er anerkennenden Respekt. Diese
Einstellung besteht darin, in angemessener Weise irgendeinem Merkmal ihres
170 Nick Bostrom

Gegenstands Beachtung zu schenken oder es anzuerkennen, wenn erwo­


gen wird, was zu tun ist, und sie kann eine beliebige Menge unterschiedli­
cher Arten von Dingen zu ihrem Gegenstand haben. Die andere Art, die er
wertschätzenden Respekt nennt, besteht in einer Einstellungen der positiven
Wertschätzung einer Person, entweder als Person oder als mit irgendeinem
bestimmten Bestreben befasst. Der angemessene Grund für wertschätzenden
Respekt besteht darin, dass eine Person positive Charakteristika oder Vor­
trefflichkeiten aufweist, die wir ihrem Charakter zuschreiben, insbesondere
solche, die zu ihr als moralisch handelnder Person gehören.
Wenn wir zum Beispiel sagen, dass Menschenwürde respektiert werden
muss, dann meinen wir vermutlich, dass ihr anerkennender Respekt entgegen­
gebracht werden muss. Wir schulden diesen Respekt allen Menschen gleicher­
maßen, unabhängig von ihr^m moralischen Charakter oder irgendwelchen
besonderen Vortrefflichkeitfen, die sie haben könnten oder auch nicht. Wenn
wir dagegen sagen, dass^wir Gandhi für seine Großherzigkeit respektieren
sollten, dann beziehen wir uns wahrscheinlich auf wertschätzenden Respekt
(obwohl seiner Großherzigkeit in bestimmten Zusammenhängen auch aner­
kennender Respekt entgegengebracht werden sollte). Ähnlich verhält es sich,
wenn eine Person ein hohes Maß an Würde als eine Q ualität besitzt (viel­
leicht wiederum Gandhi), dann verlangt dies ebenfalls nach wertschätzendem
Respekt.
Die Art von Würde als eine Q ualität, die wir Nicht-Akteuren zuschrei­
ben, verlangt nicht nach wertschätzendem Respekt, da nur Akteure einen
moralischen Charakter haben. Daher können wir unterscheiden zwischen
Würde als eine Qualität in einem engen Sinn, als eine Eigenschaft, die nur
von (einigen) Akteuren besessen wird und die nach wertschätzendem R e­
spekt verlangt, und Würde als eine Qualität in einem weiten Sinn, die von
einer beliebigen Zahl von Gegenstandstypen besessen werden könnte und
die ausschließlich nach anerkennendem Respekt verlangt. Wir müssen Mam­
mutbäume nicht wörtlich dafür bewundern oder es ihnen hoch anrechnen,
dass sie so hoch gewachsen sind und so lange gelebt haben; aber wir können
dennoch anerkennen, dass sie bestimmte Merkmale besitzen, die wir in un­
seren Überlegungen darüber berücksichtigen sollten, was wir mit ihnen tun.
Insbesondere wenn wir wahrhaft beeindruckt sind von ihrer Würde als eine
Q ualität (in einem weiten Sinn), dann sollten wir für ihre Würde anerken­
nenden Respekt zeigen - vielleicht dadurch, dass wir sie nicht für ihr H olz
fällen oder es unterlassen, an sie zu urinieren.
Würde als eine Q ualität, in diesem weiten Sinn, ist allgegenwärtig. Was
begrenzt ist, so würde ich vorschlagen, ist nicht das Angebot, aber unsere
Fähigkeit, sie wertzuschätzen. Selbst unbelebte Objekte können sie besit­
zen. Für ein profanes Beispiel betrachte man das lange, langsame, traurige
Vergehen eines Schneemanns, der im H of zerschmilzt. Würde nicht ein ideal
Würde und Enhancement 171

empfindsamer Beobachter eine gewisse Würde als eine Qualität in dem guten,
ehrenwerten Schneemann erkennen?
Das Ethische geht hier ins Ästhetische über (und vielleicht ins Sentimen­
tale) und es ist nicht klar, ob hier eine scharfe Trennlinie existiert. Aber wie
auch immer wir unsere begrifflichen Grenzen ziehen, unser normativer D is­
kurs würde verarmen, wenn er nicht berücksichtigen und uns nicht in die
Lage versetzen könnte auszudrücken, was in Fällen wie diesen auf dem Spiel
steht. Vielleicht könnten wir die Kategorie der stillen Werte so prägen, dass
sie nicht nur Würde als eine Q ualität in diesem ausgeweiteten Sinn umfasst,
sondern auch andere kleine, subtile oder nicht so vorherrschende Werte. Wir
können diese stillen Werte einer Kategorie der lauten Werte gegenüberstellen,
die stärker vernünftig oder moralisch wären und dazu tendieren, die leisen
Werte in jedem direkten Vergleich zu dominieren. Die Kategorie der lau­
ten Werte könnte Dinge wie Linderung von Leid, Gerechtigkeit, Gleichheit,
Freiheit, Fairness, Respekt für Menschenwürde, Gesundheit und Überleben
und so weiter beinhalten.
Es ist nicht notwendigerweise ein Fehler der Angewandten Ethik, dass,
soweit sie darauf abzielt, Einfluss auf Regulierungen und öffentliche Verfah­
rensweisen zu nehmen, sie dazu neigt, sich ausschließlich auf laute Werte zu
konzentrieren. Wenn wir auf die eine Seite der Skala das Feiern der Würde als
eine Qualität des Herrn Schneemanns legen und auf die andere das Versorgen
eines von Armut betroffenen Kindes mit einem Impfstoff, dann wird das
Letztere immer schwerer wiegen.
Trotzdem mag es hier eine breitere Bedeutung der stillen Werte geben.
Während sie als einzelne schwach sind, sind sie in der Gesamtsumme ge­
waltig. Sie sind die dunkle Materie der Werttheorie (oder, für all die Unter­
nehmensberaterinnen und -berater unter meinen Leserinnen und Lesern, der
lange Schwanz der Axiologie). Schafft man es bei einer Gelegenheit nicht,
einem stillen Wert zu genügen, ist nichts Bemerkenswertes verloren. Wenn
man aber alle stillen Werte dauerhaft beseitigt oder missachtet, dann wird
die Welt ein steriler, verödeter, verarmter Ort. Die stillen Werte bringen das
Leuchten, die reiche Textur der Bedeutung, das Wundern und die Ehrfurcht
sowie viel des Schönen und Edlen menschlicher Handlung mit sich. Zum
großen Teil ist dieser Beitrag ein ästhetischer und die Verwirklichung dieser
Art von Wert könnte wesentlich von unseren subjektiven, bewussten Reak­
tionen abhängen. Jedoch verschmelzen, zumindest in der Idee der Würde als
eine Qualität, auf die hier unser Hauptaugenmerk gerichtet ist, das M orali­
sche und das Ästhetische ineinander und die Möglichkeit, auf den Bereich der
stillen Werte zu reagieren (oder diesen durch Akte der kreativen Vorstellung
und des Gefühls in die Welt zu bringen), kann moralische Implikationen
haben.
172 Nick Bostrom

D ie E sc h a t o l o g ie der Würde
Kolnai beschreibt einen bestimmten M odus des utopischen Denkens als
schädlich für Würde als eine Qualität:

Vielleicht glauben [bestimmte Leute], dass aufgrund der Sicherstellung der


»Menschenwürde« aller durch eine kollektive Einrichtung (einschließlich eines
Sinns für individuelle Selbstversicherung und Selbsterfüllung) jede Person
auch Würde als eine Qualität erhalten wird oder, was auf dasselbe hinausläuft,
der Begriff der »Würde als eine Qualität« seinen Zweck verlieren wird - eine
Betrachtungsweise, die durch den ersten großen Apostel des Fortschritts,
Condorcet, vorweggenommen wurde, der zuversichtlich einer rational und
wissenschaftlich neu gestalteten Welt entgegensah, die keinen Platz für die
Ausübung heroischer Tugend oder einen Sinn für deren Verehrung lassen
würde.
Der Kern der Unwürde, wie ich es kurz und bündig formulieren würde, ist
durch eine Einstellung der Weigerung konstitutiert, die Spannungen zwischen
Wert und Wirklichkeit zu erkennen, zu erfahren und zu ertragen; zwischen
dem, wie die Dinge sein sollen, sein sollten, besser gewesen wären oder zu sein
erwünscht sind und dem, wie die Dinge sind, sein können und sein dürfen.
(Kolnai 1976: 262)

Das wirft die Frage auf, ob Würde als eine Q ualität in einer Welt, die dank
verschiedener politischer, medizinischer, ökonomischer und technologischer
Fortschritte einen Grad der Perfektion weit über ihren gegenwärtigen, unru­
higen Zustand hinaus erreicht hat, noch irgendeine Rolle spielen würde. Die
Frage wird wohl besonders akut, wenn wir annehmen, dass das transhuma­
nistische Streben realisiert würde, einige unserer grundlegenden biologischen
Beschränkungen zu überwinden. Könnte die Spannung zwischen Wert und
Realität dann so gelöst werden, dass Würde als eine Qualität bedeutungslos
oder müßig werden würde?
Lassen Sie uns einen Sprung in eine imaginäre zukünftige post-menschli­
che Welt machen, in der die Technologie ihre logische Grenze erreicht hat.
Die superintelligenten Bewohner dieser Welt sind autopotent, was bedeutet,
dass sie vollständige Macht über und operationales Verständnis von sich selbst
haben, so dass sie in der Lage sind, sich selbst nach Belieben umzugestalten
und jeden internen Zustand, den sie wählen, anzunehmen. Ein autopotentes
Wesen könnte sich zum Beispiel leicht in die Gestalt einer Frau, eines Mannes
oder eines Baumes verwandeln. Ein solches Wesen könnte auch leicht in jeden
gewünschten subjektiven Zustand eintreten, wie einen Zustand der Freude
oder Empörung oder einen Zustand, in dem es die visuellen und taktilen
Empfindungen eines im Meer schwimmenden Delfins erlebt. Wir können
außerdem annehmen, dass diese Post-Menschen umfassende Kontrolle über
ihre Umwelt haben, so dass sie auf molekularer Ebene exakte Kopien von
Würde und Enhancement 173

Objekten machen können und jedes physische Design realisieren können, für
das sie einen detaillierten Entwurf konzipiert haben. Sie könnten einen Wald
mit Mammutbäumen verschwinden lassen und dann einen ganz ähnlichen
Wald irgendwo anders wieder erschaffen; und sie könnten ihn mit Dinosau­
riern oder Drachen bevölkern - sie hätten die gleiche Art von Kontrolle über
die physische Realität, wie sie heute Programmiererinnen und Programmie­
rer, Designerinnen und Designer über die virtuelle Realität haben, aber mit
der Fähigkeit, sich viel detailliertere (z. B. biologisch realistische) Strukturen
auszudenken und sie zu erschaffen. Wir könnten sagen, dass die autopo­
tenten Superintelligenzen in einer »Plastikwelt« leben, denn sie können ihre
Umgebung leicht genauso umgestalten, wie sie es für richtig halten.
Jetzt könnte es sein, dass in jeder technologischen Utopie, deren Erschaf­
fung irgendwie realistisch ist, alle Individuen in bedeutenden Punkten ein­
geschränkt bleiben werden. Zusätzlich zu den Herausforderungen der phy­
sischen Grenzen, die in diesem Stadium in die Tiefen des Weltalls zurück­
weichen könnten, da die post-menschliche Zivilisation sich über ihren H ei­
matplaneten hinaus ausdehnt, gibt es die Herausforderungen, die durch die
Existenz anderer Post-Menschen entstehen, das heißt die Herausforderungen
im sozialen Feld. Selbst in Plastikwelt würden Ressourcen bald knapp wer­
den, wenn das BevölkerungsWachstum exponentiell ist. Aber abgesehen von
materiellen Einschränkungen würden individuelle Akteure den Einschrän­
kungen begegnen, die ihnen durch die Entscheidungen und Handlungen
anderer Akteure auferlegt wurden. Soweit unsere Ziele irreduzibel sozial
sind - zum Beispiel geliebt zu werden, respektiert zu werden, besondere
Aufmerksamkeit oder Bewunderung zu bekommen, die Erlaubnis zu haben,
mit den Menschen, die wir auswählen, Zeit zu verbringen oder exklusive
Bindungen einzugehen oder Mitspracherechte dabei zu haben, was andere
Menschen tun -, würden wir immer noch eingeschränkt sein in unserer Fä­
higkeit, unsere Ziele zu erreichen. Somit kann ein Wesen in Plastikwelt sehr
weit von Omnipotenz entfernt sein. Dennoch können wir annehmen, dass
ein großer Teil der Einschränkungen, denen wir momentan gegenüberstehen,
aufgehoben worden ist und dass sowohl unser interner Zustand als auch die
Welt um uns viel formbarer für unsere Wünsche und Begehren geworden ist.
In Plastikwelt sind viele der moralischen Imperative, mit denen wir zur
Zeit kämpfen, leicht zu befolgen. Indem die lauten Werte leise werden, wer­
den die stillen Werte hörbarer. Wenn die meisten extern auferlegten Ein­
schränkungen durch technologischen Fortschritt beseitigt wurden, werden
die Einschränkungen, die wir uns selbst aufzuerlegen entscheiden, vorrangig.
In dieser Situation könnte Würde als eine Q ualität ein organisierendes
Prinzip sein. Während unbelebte Objekte zwar keine Menschenwürde be­
sitzen können, können sie doch mit einer A rt von Würde als eine Qualität
ausgestattet sein. Die autopotenten Bewohnerinnen und Bewohner von Pias-
174 Nick Bostrom

tikwelt könnten sich dazu entscheiden, ihre Sensibilität für Würde als eine
Q ualität und andere stille Werte zu kultivieren. Durch die Entscheidung,
diese Werte anzuerkennen und die Welt entsprechend zu behandeln, wür­
den sie einige Einschränkungen ihrer Handlungen akzeptieren. Durch die
Akzeptanz solcher Einschränkungen könnten sie ihre Plastikwelt zu etwas
machen, oder eher zu etwas kultivieren, das einen größeren Wert hat als
ein Tagtraum. Durch die Akzeptanz solcher Einschränkungen - vielleicht
nur durch sie - wäre es für sie ebenfalls möglich, ihre eigene Würde als eine
Q ualität zu bewahren. Diese Würde bestünde nicht darin, sich der Welt zu
widersetzen oder ihr zu trotzen. Vielmehr wäre ihre Würde eine der Starken,
die in Selbstbeherrschung und der positiven Pflege von sowohl internen als
auch externen Werten besteht.

Aus dem Englischen übersetzt von Heiner Koch, Frank Lachmann und Bea
Zorn.

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