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Knapp Barbara 2017. Sind Instinkte erlernt?

 Spektrum ­ Die Woche 22/2017

https://www.spektrum.de/news/sind­instinkte­erlernt/1460075

Instinktives   Verhalten   von   Tieren   und   Menschen   stellt   Forscher   schon   lange   vor   ein   Rätsel.

Aktuelle Erkenntnisse aus der Wissenschaft lassen an gängigen Theorien der Verhaltensforschung

zweifeln. Offenbar spielt weniger der Zufall als vielmehr die Formbarkeit des Nervensystems bei

der Entstehung von Instinkten eine entscheidende Rolle.

Es ist ein eigentümliches Wettrennen, das einmal im Jahr die Touristen an abgelegene Strände

lockt: Tausende Meeresschildkrötenbabys schlüpfen aus ihrem Ei und spurten, kaum dass sie sich

von der Hülle befreit haben, in Richtung Ozean. Woher wissen sie eigentlich, in welche Richtung

sie laufen müssen?

Auch   die   Verhaltensweisen   anderer   Tiere   geben   Rätsel   auf.   Bienen   sind   geborene   Meister   im

Schwänzeltanz,  mit  dem  sie  Artgenossen   über  attraktive  Nahrungsquellen  informieren.  Spinnen

wissen scheinbar von allein, wie sie effektive Netze bauen. Wie lässt sich das erklären? Die etwas

unbefriedigende Antwort lautet: Das Verhalten ist angeboren – es ist ein Instinkt.

Das lässt sich allein schon deswegen leicht behaupten, weil der Begriff Instinkt in der Wissenschaft

kaum je exakt definiert wurde. Gemeinhin zählt man dazu alle komplexen Verhaltensweisen, die

ein Lebewesen von Geburt an beherrscht und die nicht von Reflexen gesteuert sind. Oder anders

gesagt: Instinkt ist alles, was ein Jungtier nicht erst lernen muss. So heißt es, seit Konrad Lorenz,

der Begründer der modernen Verhaltensforschung, mit seinen Graugansküken schwimmen ging.

Doch seit einiger Zeit schwelt ein Streit unter Biologen, gerade was den entscheidenden Punkt des

Lernens   angeht.   Denn   die   Trennung   zwischen   vererbtem   und   erworbenem   Verhalten   lässt   sich

längst   nicht   mehr   so   uneingeschränkt   aufrechterhalten,   wie   man   einst   glaubte.   Erworbene   und

erlernte Verhaltensweisen scheinen sehr viel stärker aneinander gekoppelt zu sein. Womöglich ist

es die Epigenetik – die dritte große Kraft neben Genen und Erfahrung –, die die Brücke zwischen

den beiden Bereichen schlägt.

Als Lorenz in den 1940er Jahren seine Versuche mit handaufgezogenen Gänsen machte, wusste er

freilich noch nichts von molekularen DNA­Anhängseln, von stillgelegten Genen, Mikro­RNA und

all den anderen Steuerungsmechanismen der Epigenetik. All dies wurde erst in den letzten Jahr­

zehnten entdeckt. Der Begründer der Verhaltensforschung verließ sich vor allem auf Beobachtung.
Und so fiel ihm beispielsweise auf, dass alle Tiere ein aus dem Nest gefallenes Ei auf die gleiche

Weise, nämlich mit ihrer Schnabelunterseite, wieder in ihr Nest zurückrollen. Und zwar ohne dass

sie diese Bewegung vorher geübt zu haben schienen. Nahm er ihnen auf halber Strecke das Ei weg,

führten sie die Bewegung trotzdem zu Ende.

Schon damals ging man davon aus, dass solchen stereotypen Verhaltensweisen einzelne Gene zu

Grunde liegen. Aber was brachte solche Instinktgene hervor, wodurch entstanden sie? Lorenz und

andere Verhaltensforscher seiner Zeit machten zufällige Erbgutmutationen dafür verantwortlich.

Spontane Änderungen im Genom, die ein neues Verhalten hervorrufen und sich entweder bewähren

oder von der Selektion schnell wieder zum Verschwinden gebracht werden.

Als "Mutation first"­Hypothese bezeichnen heute Biologen diese Sichtweise, die gut zu unseren

Vorstellungen passt, wie die Evolution als Ganzes abläuft. Das Problem: Vielen Forschern ist das

Szenario zu simpel. Vorteilhafte DNA­Mutationen sind extrem selten, die Änderungen in Verhalten

und Erscheinungsbild einer Art – im Phänotyp – treten jedoch deutlich häufiger auf.

Einen Ausweg skizzieren nun Gene Robinson von der University of Illinois und Andrew Barron

von der Macquarie University in Sydney in einem Artikel im Fachmagazin "Science" 1. Im Gehirn

gebe   es   die   strikte   Trennung   zwischen   Erlerntem   und   Angeborenem   nicht,   argumentieren   die

beiden. Beispielsweise sind die neuronalen Schaltkreise einer Ameise oder Biene, die das Tier einen

Geruch fürchten lassen, ihrer Struktur nach immer gleich, unabhängig davon, ob diese Furcht nun

erworben oder angeboren ist. Nicht anders sei dies bei Säugetieren, zumindest den gut untersuchten

Nagern. Instinkte, so die Forscher, könnten sich aus erlerntem Verhalten entwickelt haben.

Auch diese Hypothese hat Vorläufer. Ihre Grundlagen wurden bereits 1986 von der Neurowissen­

schaftlerin Ann Jane Tierney vorgeschlagen2 – allerdings fand sie zunächst kaum Beachtung damit.

All diesen "Plasticity first"­Ansätzen ist die Überzeugung gemein, dass der genetischen Anpassung

an die Umwelt eine Anpassung des äußerlich sichtbaren Verhaltens, des Phänotyps, vorausgeht. Die

Plastizität,   also   die   Formbarkeit   des   tierischen   Verhaltens,   kommt   zuerst,   eine   genetische

Verankerung folgt später.

1 Robinson Gene E. & Andrew B. Barron 2017. Epigenetics and the evolution of instincts. Instincts may evolve from
learning and share the same cellular and molecular mechanisms. Science 356, 6333, 26­27.
2 Tierney Ann Jane 1986. The evolution of learned and innate behavior. Contributions from genetics and 
neurobiology to a theory of behavioral evolution. Animal Learning & Behavior 14, 1986, 339–348.
Möglich ist dies, weil Populationen immer eine gewisse genetische Variabilität aufweisen, auch

wenn sie nach außen identisch erscheinen mögen. Wird eine Population plötzlich mit einer radika­

len Änderung der Umgebungsbedingungen konfrontiert, passen sich einige Tiere schneller an als

andere, sofern sie günstige genetische Voraussetzungen dafür haben. Alternativ könnte auch eine

bestimmte Gruppe eine neue Fähigkeit erlernen, die ihr einen  Überlebensvorteil verschafft. Ein

Beispiel dafür wären Vögel, die herausfinden, wie man Schneckenhäuser knackt, und diese fortan

auf ihren Speiseplan schreiben.

In   beiden   Szenarien   würden   sich   mit   der   Zeit,   nach   dem   Prinzip   der   natürlichen   Selektion,

diejenigen durchsetzen, die ein bestimmtes Verhalten besonders früh ausbilden. Dieser Effekt ist

auch als Baldwin­Effekt bekannt – benannt nach dem Psychologen und Philosophen James Mark

Baldwin, der das Konzept 1896 entwickelte.

Eine erhöhte Plastizität, also Flexibilität ihres Verhaltens ist bei den beiden genannten Beispielen

zunächst ein Überlebensvorteil. Bleiben die Umweltbedingungen stabil, kann allerdings auch eine

Abnahme   der   Plastizität   einen   Vorteil   bieten.   Das   damit   verbundene   Verhalten   wird  so  immer

weiter genetisch zementiert. Es entsteht stereotypes – im klassischen Sinn instinktives – Verhalten.

Wie   genau   eine   solche   genetische   Assimilation   einer   zuvor   variablen   Eigenschaft   abläuft,   ist

allerdings noch umstritten.

Der   Schlüssel   dafür   könnte   in   der   Epigenetik   zu   suchen   sein,   meinen   Robinson   und   Barron.

Epigenetische  Prozesse  beeinflussen  ganz  unmittelbar   die  Gene:   Sie  hindern   beispielsweise   die

Zelle daran, bestimmte DNA­Abschnitte abzulesen, oder ermöglichen es im Gegenteil erst, dass

eine Zelle einen wichtigen Baustein produziert. Dies geschieht unter anderem durch das Anhängen

kleiner Moleküle, der Methylgruppen. Epigenetische Prozesse wirken sich aber auch auf das Lernen

aus. Nervenzellen regulieren so zum Beispiel, wie bereitwillig sie neue Verknüpfungen eingehen.

Die "Sinnesorgane" der Nervenzellen, ihre Rezeptoren, sind ebenfalls einer epigenetischen Steue­

rung unterworfen. Diese Prozesse könnten eine entscheidende Rolle bei der genetischen Assimila­

tion   von   gelerntem   Verhalten   und   damit   der   Bildung   von   Instinkten   spielen,   so   die   beiden

Wissenschaftler.

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel dafür, wie sich die Epigenetik auf das Verhalten auswirkt,

lieferte 2013 ein Forscherteam um Brian Dias und Kerry Ressler von der Emory University School
of Medicine in Atlanta3. Sie ließen männliche Mäuse an Azetophenon, einer nach Mandeln riechen­

den Chemikalie, schnüffeln und versetzten ihren Pfoten kurz darauf einen schwachen Stromschlag.

Nach drei Tagen hatten die Mäuse gelernt, den Geruch mit dem Stromschlag zu assoziieren, und

erstarrten   vor   Angst,   wenn   sie   den   Mandelgeruch   wahrnahmen.   Anschließend   wurden   die

Männchen  mit  nicht  konditionierten  Weibchen  verpaart.  Und  überraschenderweise  reagierte  die

Mehrzahl der Nachkommen ebenfalls ängstlich auf den Duft. Der Effekt war sogar noch in der

folgenden Mäusegeneration nachweisbar, er musste also vererbt worden sein. Den Forschern gelang

es außerdem, ein körperliches Merkmal für die veränderte Reaktion zu identifizieren: Die Mäuse

wiesen veränderte anatomische Strukturen von azetonempfindlichen Nervenzellen auf.

Weitgehend   unerforscht   ist,   wie   eine   solche   epigenetische   Vererbung   ablaufen   könnte4.   Im

Verdacht haben Forscher kleine RNA­Moleküle, die aus den Gehirnzellen in die Keimbahnzellen

der konditionierten Väter gewandert sind5. An Bord von Spermien gelangen sie in die Eizelle und

damit   in   den   sich   entwickelnden   Nachwuchs.   Nur   werden   nach   der   Befruchtung   sämtliche

epigenetischen   Anhängsel   an   der   DNA   entfernt   und   erst   im   Zuge   der   Ausdifferenzierung   der

einzelnen Zellen wieder angefügt. Ob und wie die epigenetische Information aus den Spermien bis

dahin überleben kann, darüber lässt sich derzeit nur spekulieren.

Zudem verschwinden epigenetische Effekte, zumindest bei Experimenten mit Säugetieren, schon

nach   drei  Generationen   wieder.  Die  Epigenetik  scheint  somit,   wenn  überhaupt,   dann  eher  eine

"weiche" Methode der Genanpassung zu sein, die eine sehr flexible Anpassung an die Umwelt

ermöglicht – also das Gegenteil des klassischen Instinkts. Das kann evolutionär durchaus sinnvoll

sein. So wie für die Enkel der auf Azetophenon konditionierten Mäuse. Für sie gab es ja keine

Stromreize   mehr,   der   Mandelgeruch   war   nicht   mehr   mit   Gefahr   verbunden.   Und   die

Empfindlichkeit gegenüber diesem Stoff verlor sich wieder.

Soll die Epigenetik dauerhafte Änderungen im Genom bewirken, müssten die Umweltbedingungen

über Generationen hinweg stabil bleiben. Unter dieser Voraussetzung wäre dann aber zu erwarten,

dass ursprünglich durch Lernen erworbene epigenetische Veränderungen nach und nach zu einer
3 Dias Brian G & Kerry J Ressler 2013. Parental olfactory experience influences behavior and neural structure in 
subsequent generations. Nature Neroscience 17, 2014, 89­96.pdf
4 Hughes Virginia 2014. The sins of the father. Nature 507, 22–24.
5 Rodgers Ali B. , Christopher P. Morgan, N. Adrian Leu, and Tracy L. Bale 2015. Transgenerational epigenetic 
programming via sperm microRNA recapitulates effects of paternal stress. PNAS November 3, 2015. 112 (44) 
13699­13704.pdf
Selektion einer bestimmten Genkombination führen. Die genetische Assimilation würde nach dem

Prinzip der mehrfachen Wiederholung von Anpassung, epigenetischer Fixierung und schließlich

genetischer Fixierung stattfinden, wie Gerd Müller und Stuart Newman im Jahr 2005 im "Journal of

Experimental Zoology" vorschlugen6.

Welche entscheidende Rolle äußere Bedingungen für die Ausbildung von Instinkten spielen, wird

oft übersehen. Der Neurowissenschaftler Mark Blumberg beleuchtet diese Problematik ausführlich

in   einem   aktuellen   Übersichtsartikel   in   "WIRE   Cognitive   Science"   zum   Thema   Instinkt­

entwicklung7.

Unter normalen Umständen folgt die frühe Entwicklung eines Nervensystems festen Abläufen, die

in der Regel zu einem gleichen oder sehr ähnlichen Ergebnis führen. Liegt allerdings ein Störfaktor

vor, reagiert das System höchst flexibel und bringt neue Lösungen hervor. Blumberg nennt als

Beispiel unter anderem den Hund Duncan, der ohne Hinterbeine geboren wurde und sich nur auf

seinen Vorderpfoten, sozusagen im Handstand, fortbewegt. Blumberg ist davon  überzeugt, dass

viele   Verhaltensweisen   stark   von   den   äußeren   Bedingungen,   wie   zum   Beispiel   auch   dem

Körperbau, gesteuert werden. Sind diese Umstände nicht offensichtlich, entsteht der Eindruck, das

Verhalten sei im Detail vorprogrammiert, und erst bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass nur

seine Grundzüge genetisch bestimmt sind.

April Ronca, Jeffrey Alberts und Kollegen von der University School of Medicine Winston­Salem

in den USA zeigten dies 2008 in einem Experiment an Rattenbabys, die sich im Wasser instinktiv

mit dem Rücken nach oben drehen8. Bei diesem Verhalten spielt das Gleichgewichtssystem eine

entscheidende Rolle, das auf den Einfluss der Schwerkraft reagiert. Um die Rolle der Schwerkraft

für den Instinkt der Rattenbabys zu untersuchen, schickten die Forscher kurzerhand schwangere

Ratten   ins   All,   und   zwar   genau   zu   der   Zeit,   als   sich   das   Gleichgewichtssystem   der   Embryos

entwickelte. Wieder auf der Erde angekommen, zeigte sich, dass die Tiere sich im Wasser nicht

mehr automatisch auf den Bauch drehten. Ein entscheidender externer Auslöser für die Entwicklung

6 Muller Gerd B & Stuart A Newman 2005. The innovation triad. an EvoDevo agenda. Journal of Experimental 
Zoology (Mol. Dev. Evol.) 304B, 487–503.pdf
7 Blumberg Mark S 2016. Development evolving. the origins and meanings of instinct. WIREs Cognitive Science 
2017, 8, e1371.
8 Ronca April E. Ronca, Bernd Fritzsch, Laura L. Bruce, and Jeffrey R. Alberts 2008. Orbital Spaceflight During 
Pregnancy Shapes Function of Mammalian Vestibular System. Behavioral Neuroscience 122(1), 224–232.
des Verhaltens – die Schwerkraft – hatte gefehlt. Nachdem die Tiere eine Woche auf der Erde

verbracht hatten, bildeten sie diese Fähigkeit allerdings nachträglich aus.

Das Experiment demonstriert zwei wichtige Dinge. Zum einen, dass die Ausbildung von Instinkten

an  eine  stabile  Umgebung,  die  bestimmte  Schlüsselreize  bereitstellt,  gekoppelt  sein kann.  Zum

anderen, dass die Zeit vor der Geburt dabei wohl eine wichtige Rolle spielt.

Instinkte sind also vermutlich das Produkt vieler unterschiedlicher Faktoren. So beruhen sie wohl

größtenteils   auf   gelerntem   Verhalten,   dessen   genetische   Grundlagen   im   Lauf   der   Evolution

assimiliert wurden. Ein Einfluss epigenetischer Faktoren oder zufälliger Mutationen im Erbgut ist

dabei nicht auszuschließen. Die Ausbildung instinktiven Verhaltens während der Entwicklungs­

phase ist außerdem anfällig für äußere Einflüsse. Einmal entwickelt, laufen Instinkte als Reaktion

auf bestimmte Reize ab, für die die Tiere sensibilisiert sind.

Den eingangs erwähnten Schildkröten weisen das Mondlicht und das Wasserrauschen den Weg.

Denn beides finden die Schildkröten auf Grund ihres ausgezeichneten Sehvermögens und Gehörs

sehr anziehend. Vorfahren, bei denen diese Sinne besonders stark ausgeprägt waren, fanden am

schnellsten den Weg ins sichere Meer. Die anderen wurden, nun ja, gefressen.