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»Sie hatte sich auf der Seite ausgestreckt.

Mit ange­
winkelten Beinen lag sie da, zusammengekauert wie
in ihrem Bett, als müßte sie nur noch einschlafen
und träumen. Sie hörte ihren Vater wieder etwas zu
ihr sagen, liebevoll, über den Fußboden gebeugt.
Dann hörte sie einen Schuß, und das Geräusch eines
Fensters, das in tausend Stücke ging.«
Klappentext:

Der Krieg ist vorbei. Auf einem einsamen Bauernhof üben vier
Männer blutige Rache: Ein Mann wird umgebracht, wie ne­
benbei erwischt es auch den kleinen Sohn, der dem Vater zu
Hilfe kommen wollte. Nur die Tochter überlebt, die Manuel
Roca vor der Schießerei in einem Kellerloch versteckt hat.
Zwar wird sie dort vom jüngsten der Killer entdeckt, doch er
verrät sie nicht. Jahrzehnte später treffen die beiden sich
wieder, nicht zufällig. Aus dem Kind von damals ist eine
schöne, alte Frau geworden. Gemeinsam setzen sie im Ge­
spräch die Vergangenheit zusammen: wie Nina gerettet wurde,
wie sie adoptiert wurde von einem Mann, der sie dann beim
Kartenspiel an einen anderen verlor, wie sie zwei Söhne bekam
und irgendwann für verrückt erklärt wurde. Und wie die drei
anderen, die an dem Massaker beteiligt waren, alle eines
unnatürlichen Todes gestorben sind. Sie hatten, so scheint es,
gerechte Vergeltung geübt, denn während des Krieges hatte
Manuel Roca Furchtbares getan, anderer Männer, Frauen und
Kinder getötet. Aber Nina hat ihn geliebt, für sie ist er ein guter
Vater gewesen. Baricco erzählt eine dramatische, bis zum
letzten Satz spannende Geschichte von Bluttaten und Vergel­
tung, die von beunruhigender Aktualität ist. Wann ist ein Krieg
wirklich zu Ende? Kann ein Ideal die Gewalt rechtfertigen?
Wer ist Opfer, wer Täter in einer extremen Situation? So
parabelhaft einfach die Geschichte wirken mag, ist die Bot­
schaft doch so komplex wie das menschliche Herz.

Alessandro Baricco, geboren 1958 in Turin, studierte Philoso­


phie und unterrichtet Schreiben an der von ihm gegründeten
Scuola Holden. Er schrieb vier Romane, die weltweit übersetzt
und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurden, Theater­
stücke und Essays. Auf deutsch erschienen u. a. der Roman
Seide (1997) und die Erzählung Novecento (1999), die beide
verfilmt wurden, sowie im Hanser Verlag City (Roman, 2000).

Schutzumschlag:
Peter-Andreas Hassiepen, München, unter
Verwendung eines Motivs von Lucrecia Olano
Alessandro Baricco

OHNE BLUT
Aus dem Italienischen von
Anja Nattefort

Non-profit ebook by tg
September 2004
Kein Verkauf!

Carl Hanser Verlag


Die Originalausgabe erschien erstmals 2002 unter dem Titel
Senza sangue beim Verlag Rizzoli in Mailand.

Vorbemerkung

Die Ereignisse und die Personen in dieser Geschichte sind


fiktiv und haben keinerlei Bezug zu einer realen Situation.
Die Entscheidung für die vielen hispanischen Namen basiert
lediglich auf klanglichen Gründen und soll das Erzählte
weder zeitlich noch geographisch einordnen.

ISBN 3-446-20347-8
© 2002 Alessandro Baricco
All rights reserved
Alle Rechte der deutschen Ausgabe:
© Carl Hanser Verlag München Wien 2003
Satz: Satz für Satz. Barbara Reischmann, Leutkirch
Druck und Bindung: Clausen & Bosse, Leck
Printed in Germany
EINS
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Bücher , Hörbücher und Hörspiele auf Deutsch

Der alte Bauernhof Mato Rujo lag dunkel in der


Landschaft, hob sich schwarz ab vor dem Licht des
Abends. Der einzige Fleck auf dem verlassenen
Profil der Ebene.
Die vier Männer kamen in einem alten Mercedes.
Die Straße war holprig und ausgetrocknet – eine
armselige Landstraße. Aus dem Bauernhaus sah
Manuel Roca die Männer kommen.
Er trat an das Fenster. Erst sah er die Staubsäule
über dem Mais aufsteigen. Dann hörte er das Ge­
räusch des Motors. In dieser Gegend hatte keiner
mehr ein Auto. Manuel Roca wußte das. Der Merce­
des tauchte in der Ferne auf und verschwand wieder
hinter einer Reihe von Eichen. Dann sah Manuel
Roca nicht mehr hin.
Er ging zurück zum Tisch und strich seiner Toch­
ter über den Kopf. Steh auf, sagte er zu ihr. Er nahm
einen Schlüssel aus der Tasche, legte ihn auf den
Tisch und nickte seinem Sohn zu. Sofort, sagte der
Sohn. Sie waren Kinder, zwei Kinder.

An der Kreuzung am Bach bog der Mercedes nicht


in die Straße zum Bauernhof ein, sondern fuhr Rich­
tung Alvarez, als wollte er sich entfernen. Die vier
Männer schwiegen. Der Mann am Steuer trug eine
Art Uniform. Der, der vorne neben ihm saß, trug
einen cremefarbenen Anzug. Frisch gebügelt. Er
rauchte eine französische Zigarette. Fahr langsamer,
sagte er.

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Manuel Roca hörte, daß sich das Motorengeräusch
in Richtung Alvarez entfernte. Wen wollen sie damit
zum Narren halten? dachte er. Er sah seinen Sohn
ins Zimmer zurückkommen, mit einem Gewehr in
der Hand und einem anderen unter dem Arm. Leg
sie dorthin, sagte er. Dann wandte er sich seiner
Tochter zu. Komm, Nina. Hab keine Angst. Komm
her.

Der elegant gekleidete Mann drückte die Zigarette


auf dem Armaturenbrett des Mercedes aus, dann ließ
er den, der fuhr, anhalten. Hier ist gut, sagte er. Und
stell diesen Krach ab. Das Geräusch der Handbrem­
se ertönte, wie eine Kette, die in einen Brunnen fällt.
Dann nichts mehr. Die Landschaft schien von einer
unheilbaren Stille verschluckt.
Wir wären besser gleich zu ihm gefahren, sagte
einer der beiden, die hinten saßen. Jetzt hat er genü­
gend Zeit abzuhauen, sagte er. In der Hand hielt er
eine Pistole. Er war noch ein Junge. Sie nannten ihn
Tito.
Er haut nicht ab, sagte der elegant gekleidete
Mann. Davon hat er die Schnauze voll. Gehen wir.

Manuel Roca schob die mit Obst gefüllten Körbe


beiseite, bückte sich, öffnete eine versteckte Falltür
und warf einen Blick hinunter. Es war kaum mehr
als eine große, in die Erde gegrabene Mulde. Es sah
aus wie die Höhle eines Tiers.
»Hör zu, Nina. Gleich kommen Leute, und ich
möchte nicht, daß sie dich sehen. Du mußt dich hier
drin verstecken, am besten versteckst du dich hier
und wartest, bis sie wieder weg sind. Hast du mich
verstanden?«

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»Ja.«
»Du mußt nur hier unten bleiben und ganz leise
sein.«
»…«
»Was auch geschieht, du darfst nicht herauskom­
men und dich nicht rühren, du mußt leise sein und
warten.«
»…«
»Alles wird gut.«
»Ja.«
»Hör zu. Vielleicht muß ich mit diesen Herren
fortgehen. Du kommst nicht eher raus, bis dein
Bruder dich holt, verstanden? Oder bis du hörst, daß
niemand mehr da ist und alles vorbei ist.«
»Ja.«
»Du mußt warten, bis niemand mehr da ist.«
»…«
»Keine Angst, Nina, dir kann nichts passieren. In
Ordnung?«
»Ja.«
»Gib mir einen Kuß.«
Das Mädchen berührte mit den Lippen die Stirn
ihres Vaters. Der Vater fuhr ihr mit der Hand durch
das Haar.
»Alles wird gut, Nina.«
Dann stand er da, als müßte er noch etwas sagen
oder tun.
»Das habe ich nicht gewollt.«
Sagte er.
»Denk immer daran, daß ich das nicht gewollt ha­
be.«
Das Mädchen suchte in den Augen des Vaters in­
stinktiv etwas, das ihr helfen würde zu verstehen.
Sie sah nichts. Der Vater beugte sich zu ihr hinunter

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und küßte sie auf die Lippen.
»Komm, Nina. Jetzt klettere hinein.«
Das Mädchen ließ sich in die Mulde fallen. Die
Erde war hart, trocken. Sie legte sich hin.
»Warte, nimm die hier.«
Der Vater reichte ihr eine Decke. Sie breitete sie
auf der Erde aus, dann legte sie sich wieder hin.
Sie hörte den Vater etwas zu ihr sagen, dann senk­
te sich die Falltür. Sie schloß die Augen und öffnete
sie wieder. Durch die Bodendielen sickerten Licht­
strahlen. Sie hörte die Stimme ihres Vaters, der
immer noch redete. Sie hörte das Geräusch der
Obstkörbe, die über den Boden geschleift wurden.
Es wurde dunkler dort unten. Ihr Vater fragte sie
etwas. Sie antwortete. Sie hatte sich auf der Seite
ausgestreckt. Mit angewinkelten Beinen lag sie da,
zusammengekauert wie in ihrem Bett, als müßte sie
nur noch einschlafen und träumen. Sie hörte ihren
Vater wieder etwas zu ihr sagen, liebevoll, über den
Fußboden gebeugt. Dann hörte sie einen Schuß und
das Geräusch eines Fensters, das in tausend Stücke
ging.
»ROCA! … KOMM RAUS, ROCA … MACH
KEINEN UNSINN, UND KOMM RAUS.«
Manuel Roca sah seinen Sohn an. Er kroch zu
ihm, immer darauf achtend, in Deckung zu bleiben.
Er streckte sich nach dem Gewehr auf dem Tisch.
»Mach, daß du hier wegkommst. Versteck dich im
Holzschuppen. Komm nicht raus, mach dich nicht
bemerkbar, mach gar nichts. Nimm das Gewehr mit,
und sorg dafür, daß es geladen ist.«
Der Junge starrte ihn an, ohne sich zu rühren.
»Geh schon. Tu, was ich dir sage.«
Doch der Junge machte einen Schritt auf ihn zu.

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Nina hörte einen Kugelhagel oben durch das Haus
fegen. Glassplitter und Staub rieselten durch die
Bodenritzen. Sie rührte sich nicht. Draußen hörte sie
eine Stimme brüllen.
»ALSO, ROCA. MÜSSEN WIR DICH HOLEN
KOMMEN …? ICH REDE MIT DIR, ROCA.
MUSS ICH DICH HOLEN KOMMEN?«
Der Junge stand immer noch da, ohne Deckung.
Er hatte sein Gewehr genommen, doch er richtete es
auf den Boden. Er hielt es in einer Hand und ließ es
hin- und herbaumeln.
»Weg da«, sagte der Vater. »Hörst du nicht? Du
sollst da weggehen.«
Der Junge kam auf ihn zu. Er dachte daran, sich
hinzuknien und von seinem Vater umarmen zu
lassen. So etwas in der Art stellte er sich vor.
Der Vater zielte mit dem Gewehr auf ihn. Er
sprach mit leiser, aber zorniger Stimme.
»Hau ab, oder ich bringe dich eigenhändig um.«
Nina hörte wieder diese Stimme.
»LETZTE WARNUNG, ROCA.«
Ein Feuerstoß tobte durch das Haus, vor und zu­
rück wie ein Pendel, es schien gar nicht zu enden,
vor und zurück wie der Lichtkegel eines Leucht­
turms auf dem Bitumen des schwarzen, geduldigen
Meers.
Nina schloß die Augen. Sie legte sich flach auf die
Decke, kauerte sich dann noch mehr zusammen und
zog die Knie an die Brust. Es gefiel ihr, so dazulie­
gen. Sie spürte die kühle Erde unter ihrer Hüfte, die
sie schützte – sie würde sie nicht verraten. Und sie
spürte ihren eigenen gekrümmten Körper, eingerollt
wie eine Muschel – das gefiel ihr –, sie war Schale
und Tier, ihr eigener Unterschlupf, alles, sie war sich

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selbst alles, nichts konnte ihr etwas anhaben, solange
sie in dieser Position verharrte – sie schlug die Au­
gen wieder auf und dachte: Nicht bewegen, du bist
glücklich.
Manuel Roca sah seinen Sohn durch die Tür ver­
schwinden. Dann richtete er sich gerade soviel auf,
daß er einen Blick aus dem Fenster werfen konnte.
Gut, dachte er. Er wechselte zu dem anderen Fen­
ster, stand auf, zielte kurz und schoß.
Der Mann in dem cremefarbenen Anzug warf sich
fluchend auf den Boden. So ein Hurensohn, sagte er.
Er schüttelte den Kopf. So ein Arschloch. Er hörte
noch zwei Schüsse aus dem Bauernhaus. Dann hörte
er die Stimme von Manuel Roca.
»DU KANNST MICH MAL, SALINAS.«
Der Mann in dem cremefarbenen Anzug spuckte
auf den Boden. Du mich auch, Hurensohn, sagte er.
Er blickte nach rechts und sah El Gurre grinsen, der
sich hinter einem Holzstapel versteckte. Er bedeutete
ihm zu schießen. El Gurre grinste immer noch. In
der Rechten hielt er die Maschinenpistole, mit der
Linken kramte er in seiner Tasche nach einer Ziga­
rette. Er schien es nicht eilig zu haben. Er war klein
und mager, auf dem Kopf trug er einen dreckigen
Hut und an den Füßen zwei riesige Bergstiefel. Er
sah Salinas an. Er fand die Zigarette. Er steckte sie
sich zwischen die Lippen. Alle nannten ihn El Gur­
re. Er stand auf und begann zu schießen.
Nina hörte den Feuerstoß durch das Haus oben
fegen. Dann Stille. Und gleich darauf noch eine
längere Salve. Ihre Augen waren geöffnet. Sie be­
trachtete die Bodenritzen. Sie betrachtete das Licht,
den Staub, der von dort kam. Ein paarmal sah sie
einen Schatten vorbeihuschen, das war ihr Vater.

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Salinas kroch zu El Gurre hinter den Holzstapel.
»Wie lange braucht Tito, um hineinzukommen?«
El Gurre zuckte mit den Schultern. Er grinste im­
mer noch. Salinas sah zu dem Bauernhaus.
»Von dieser Seite kommen wir nie rein, wenn er
es nicht schafft, sitzen wir in der Scheiße.«
El Gurre zündete die Zigarette an. Dann sagte er,
das sei ein aufgewecktes Kerlchen, er würde es
schaffen. Er sagte, er könne kriechen wie eine
Schlange, man müsse ihm vertrauen.
Dann sagte er: Jetzt machen wir mal ein bißchen
Krach.
Manuel Roca sah El Gurre hinter dem Holzstoß
auftauchen und warf sich auf den Boden. Der Feuer­
stoß war lang und präzise. Ich muß hier weg, dachte
er. Die Munition. Erst die Munition, dann in die
Küche kriechen und von dort über die Felder. Ob sie
hinter dem Haus auch jemanden stehen haben? El
Gurre ist nicht blöd, hinten wird auch jemand ste­
hen. Aber von da schießt keiner. Wenn da jemand
wäre, würde er schießen. Vielleicht hat nicht El
Gurre das Kommando. Sondern Salinas, dieser
Feigling. Wenn der das Kommando hat, habe ich
eine Chance. Salinas kapiert gar nichts. Du solltest
an deinem Schreibtisch bleiben, Salinas, da gehörst
du hin. Leck mich am Arsch. Erst die Munition.
El Gurre schoß.
Die Munition. Und das Geld. Vielleicht schaffe
ich es sogar, das Geld mitzunehmen. Ich hätte gleich
abhauen sollen. So eine Drecksau. Ich muß sofort
weg hier, wenn der nur einen Moment lang aufhören
würde, woher hat er bloß die Maschinenpistole, sie
haben ein Auto und eine Maschinenpistole. Zuviel
des Guten, Salinas.

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Die Munition. Das Geld, jetzt.
El Gurre schoß.
Nina hörte die Fenster unter den Kugeln der Ma­
schinenpistole zu Staub zerfallen. Dann Momente
schneidender Stille zwischen einer Salve und der
nächsten. In der Stille der Schatten ihres Vaters, der
durch die Glasscherben kroch. Mit einer Hand zog
sie sich den Rock zurecht. Wie ein Handwerker, der
letzte Hand an seine Arbeit legt. Sie lag zusammen­
gekauert auf der Seite und fing an, die Ungenauig­
keiten eine nach der anderen zu beseitigen. Sie legte
die Füße so aufeinander, daß ein Bein perfekt auf
dem anderen ruhte, die Schenkel sich weich anein­
anderschmiegten, die Knie in der Balance wie zwei
aufeinandergestellte Tassen, die Knöchel von einem
Nichts getrennt. Sie kontrollierte die Symmetrie
ihrer Schuhe, die Seite an Seite lagen wie in einem
Schaufenster, nur schräg, man hätte meinen können,
ausgestreckt, vor Müdigkeit. Sie mochte diese Ord­
nung. Wenn du eine Muschel bist, ist Ordnung
unentbehrlich. Wenn du Schale und Tier bist, muß
alles perfekt sein. Die Genauigkeit wird dich retten.
Sie hörte das Knattern eines endlos langen Feuer­
stoßes verebben. Und gleich darauf die Stimme
eines Jungen.
»Runter mit dem Gewehr, Roca.«
Manuel Roca drehte den Kopf. Er sah Tito, der
wenige Meter vor ihm stand. Er zielte mit einer
Pistole auf ihn.
»Keine Bewegung, und laß das Gewehr fallen.«
Draußen brach eine neue Salve los. Doch der Jun­
ge rührte sich nicht, er blieb mit der Pistole in der
Hand stehen und zielte. Die beiden bewegten sich
nicht, standen wie angewurzelt im Kugelhagel und

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starrten sich an, wie ein einziges Tier, das aufgehört
hat zu atmen. Manuel Roca, halb auf dem Boden
liegend, blickte dem Jungen in die Augen, der ohne
Deckung vor ihm stand. Er versuchte zu verstehen,
ob er ein Kind oder ein Kämpfer war, ob es das
tausendste oder das erste Mal war und ob diese
Pistole an einem Gehirn hing oder nur an einem
blinden Instinkt. Er sah den Lauf der Pistole un­
merklich zittern, als würde sie einen winzigen
Schnörkel in die Luft malen.
»Ruhig, Junge«, sagte er.
Er legte das Gewehr vorsichtig auf den Boden.
Mit einem Fußtritt kickte er es in die Mitte des
Zimmers.
»Alles in Ordnung, Junge«, sagte er.
Tito ließ ihn nicht aus den Augen.
»Sei still, Roca. Und keine Bewegung.«
Ein weiterer Feuerstoß entlud sich. El Gurre arbei­
tete mit Methode. Der Junge wartete, bis er vorbei
war, ohne die Pistole oder den Blick zu senken. Als
es wieder still wurde, warf er einen Blick zum Fenster.
»SALINAS! ICH HAB IHN, HÖRT AUF, ICH
HAB IHN.«
Und einen Moment später:
»ICH BIN’S: TITO. ICH HAB IHN.«
»Verdammt, er hat’s geschafft«, sagte Salinas.
El Gurre verzog den Mund zu einer Art Lächeln,
ohne sich umzuwenden. Er betrachtete den Lauf
seiner Maschinenpistole, als hätte er ihn in seinen
müßigen Stunden eigenhändig aus dem Zweig einer
Esche geschnitzt.
Tito suchte sie im Licht des Fensters.
Manuel Roca richtete sich gerade so weit auf, daß
er seinen Rücken gegen die Wand lehnen konnte. Er

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dachte an die Pistole, die in seinem Hosenbund
steckte und gegen seine Hüfte drückte. Er versuchte
sich zu erinnern, ob sie geladen war. Er berührte sie
mit einer Hand. Der Junge merkte nichts.
Gehen wir, sagte Salinas. Sie kamen hinter dem
Holzstoß hervor und gingen geradewegs auf das
Bauernhaus zu. Salinas ging leicht gebeugt, wie er
es im Film gesehen hatte. Er war lächerlich wie alle
kämpfenden Männer: ohne es zu merken. Als sie die
Tenne überquerten, fiel drinnen ein Pistolenschuß.
El Gurre rannte los, kam an die Tür des Bauern­
hauses und stieß sie mit einem Fußtritt auf.
Mit einem Fußtritt hatte er, drei Jahre zuvor, die
Stalltür aufgestoßen, dann war er eingetreten und
hatte seine Frau an der Decke baumeln sehen und
seine beiden Töchter mit kahlgeschorenen Köpfen
und blutverschmierten Schenkeln.
Er stieß die Tür mit einem Fußtritt auf, trat ein
und sah Tito dastehen, die Pistole in eine Zimmerek­
ke gerichtet.
»Ich konnte nicht anders. Er hat eine Pistole«,
sagte der Junge.
El Gurre sah in die Ecke. Roca lag auf dem Rük­
ken. Sein Arm blutete.
»Ich glaube, er hat eine Pistole«, sagte der Junge
noch. »Irgendwo versteckt«, fügte er hinzu.
El Gurre trat zu Manuel Roca.
Er sah sich den verletzten Arm an. Dann sah er
dem Mann ins Gesicht.
»Ich grüße dich, Roca«, sagte er.
Er stellte einen Fuß auf Rocas verletzten Arm und
trat zu. Roca brüllte und krümmte sich vor Schmerz.
Die Pistole fiel aus seinem Hosenbund. El Gurre
bückte sich, um sie aufzuheben.

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»Du bist auf Draht, Kleiner«, sagte er. Tito nickte.
Er merkte, daß er den Arm immer noch ausstreckte,
mit der auf Roca gerichteten Pistole in der Hand. Er
ließ sie sinken. Er spürte, wie sich seine Finger um
den Pistolengriff lockerten. Seine ganze Hand tat
weh, als hätte er auf eine Wand eingeboxt. Ganz
ruhig, dachte er.
Nina kam dieses Lied in den Sinn, das mit den
Worten begann: Zähl die Wolken, die Zeit wird
kommen. Dann kam etwas mit einem Adler. Und es
endete mit den Zahlen von eins bis zehn, alle nach­
einander. Aber man konnte auch bis hundert oder
tausend zählen. Einmal hatte sie bis zweihundert­
dreiundvierzig gezählt. Sie dachte, gleich würde sie
aufstehen, um nachzuschauen, wer diese Männer
waren und was sie wollten. Sie wollte das Lied
einmal ganz singen, und dann würde sie aufstehen.
Wenn sie die Falltür nicht aufbekam, würde sie
rufen, und ihr Vater würde sie holen kommen. Doch
sie blieb so liegen, auf der Seite, die Knie an die
Brust gezogen, die Schuhe aufeinander balancierend,
an der Wange spürte sie die kühle Erde unter der
rauhen Wolldecke. Sie begann dieses Lied zu sin­
gen, mit zarter Stimme. Zähl die Wolken, die Zeit
wird kommen.

»So sieht man sich wieder, Doktor«, sagte Salinas.


Manuel Roca sah ihn schweigend an. Er preßte
einen Lappen auf seine Wunde. Sie hatten ihn in die
Mitte des Zimmers gesetzt, auf eine Holzkiste. El
Gurre stand irgendwo hinter ihm, mit seiner Ma­
schinenpistole in der Hand. Den Jungen hatten sie an
der Tür postiert: Er paßte auf, daß draußen niemand
kam, hin und wieder drehte er sich um und sah nach,

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was in dem Zimmer vor sich ging. Salinas ging auf
und ab. Zwischen den Fingern eine brennende Ziga­
rette. Eine französische.
»Weißt du, daß du mich eine Menge Zeit gekostet
hast?« sagte er.
Manuel Roca sah zu ihm auf.
»Du bist verrückt, Salinas.«
»Dreihundert Kilometer bin ich gefahren, um dich
hier aufzuspüren. Das ist eine ganz schöne Strecke.«
»Sag mir, was du willst, und dann hau ab.«
»Was ich will?«
»Was willst du, Salinas?«
Salinas lachte auf.
»Ich will dich, Doktor.«
»Du bist verrückt. Der Krieg ist vorbei.«
»Was hast du gesagt?«
»Der Krieg ist vorbei.«
Salinas beugte sich über Manuel Roca.
»Wann ein Krieg vorbei ist, entscheidet der Sie­
ger.«
Manuel Roca schüttelte den Kopf.
»Du liest zu viele Romane, Salinas. Der Krieg ist
ein für allemal vorbei, wann kapierst du das end­
lich?«
»Nicht für dich. Nicht für mich, Doktor.«
Da schrie Manuel Roca los, sie dürften ihm kein
Haar krümmen, sie kämen alle ins Gefängnis, man
würde sie schnappen, und dann könnten sie den Rest
ihres Lebens im Knast verrotten. Er schrie den Jun­
gen an, ob ihm die Vorstellung gefalle, hinter Git­
tern alt zu werden, ob er seine Zeit damit verbringen
wolle, die Stunden zu zählen und irgendeinem wi­
derlichen Mörder den Schwanz zu lutschen. Der
Junge blickte ihn an, ohne zu antworten. Da schrie

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Manuel Roca, er sei ein Trottel, sie würden ihn
verarschen, ihm das Leben versauen. Doch der
Junge sagte nichts. Salinas lachte. Er sah El Gurre an
und lachte. Er schien sich zu amüsieren. Dann wurde
er wieder ernst, stellte sich vor Manuel Roca auf und
befahl ihm, endlich still zu sein. Er schob eine Hand
in seine Jacke und zog eine Pistole hervor. Dann
sagte er zu Roca, um sie brauche er sich keine Sor­
gen zu machen, niemand würde je etwas erfahren.
»Du wirst im Nichts verschwinden, und man wird
kein Wort mehr darüber verlieren. Deine Freunde
haben dich verlassen, Roca. Und meine sind sehr
beschäftigt. Wenn wir dich umbringen, tun wir allen
einen großen Gefallen. Du bist erledigt, Doktor.«
»Ihr seid verrückt.«
»Was hast du gesagt?«
»Ihr seid verrückt.«
»Sag das noch mal, Doktor. Ich mag es, wenn du
über Verrückte redest.«
»Leck mich am Arsch, Salinas.«
Salinas ließ die Sicherung der Pistole aufspringen.
»Hör zu, Doktor. Weißt du, wie oft ich in den vier
Jahren des Krieges geschossen habe? Zweimal. Ich
schieße nicht gern, ich mag keine Waffen, ich wollte
nie welche tragen, es macht mir keinen Spaß zu
töten, ich habe diesen Krieg vom Schreibtisch aus
gekämpft, Salinas die Ratte, weißt du noch?, so
nannten mich deine Freunde, ich habe sie einen nach
dem anderen erledigt, ich entzifferte ihre verschlüs­
selten Botschaften und hetzte ihnen meine Spione
auf die Fersen, sie haben mich verachtet, und ich
habe sie erledigt, so ging das vier Jahre lang, doch
die Wahrheit ist, daß ich nur zweimal geschossen
habe, einmal in der Nacht, da habe ich in die Dun­

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kelheit geschossen, ohne auf jemanden zu zielen,
und das zweitemal am letzten Tag des Krieges, da
habe ich auf meinen Bruder geschossen

hör mir gut


zu, wir kamen in dieses Krankenhaus, weil wir euch
allesamt umbringen wollten, bevor die Armee auf­
tauchte, aber wir fanden euch nicht mehr vor, ihr
hattet das Weite gesucht, stimmt’s?, ihr habt Lunte
gerochen, habt die Folterkittel abgelegt, seid ab­
gehauen und habt alles zurückgelassen, wie es war,
überall Betten, sogar auf den Fluren, überall Kranke,
doch ich erinnere mich gut, man hörte kein Klagen,
kein Geräusch, nichts, das werde ich nie vergessen,
es herrschte absolute Stille, mein Leben lang werde
ich sie nachts hören, diese absolute Stille, das waren
unsere Freunde, die da in den Betten lagen, wir
waren gekommen, um sie zu befreien, wir wollten
sie retten, doch sie empfingen uns schweigend, weil
sie nicht mal mehr die Kraft hatten, sich zu bekla­
gen, und um ganz ehrlich zu sein, sie hatten keine
Lust mehr zu leben, sie wollten nicht gerettet wer­
den, das ist die Wahrheit, ihr hattet sie so übel zuge­
richtet, daß sie nur noch sterben wollten, so bald wie
möglich, sie wollten nicht gerettet, sie wollten getö­
tet werden

ich fand meinen Bruder in einem der


vielen Betten, unten in der Kapelle, er sah mich an,
als wäre ich eine ferne Sinnestäuschung, ich ver­
suchte mit ihm zu reden, doch er antwortete nicht,
ich war nicht sicher, ob er mich erkannte, ich beugte
mich über ihn und flehte ihn an, mir eine Antwort zu
geben, ich bat ihn, mir irgendwas zu sagen, seine

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Augen waren weit aufgerissen, und sein Atem ging
schleppend, wie in einer endlosen Agonie, ich beug­
te mich über ihn, als ich seine Stimme hörte, die
sagte: Ich bitte dich, ganz langsam, mit übermensch­
licher Anstrengung, eine Stimme, die aus der Hölle
zu kommen schien, mit seiner Stimme hatte das
nichts zu tun, mein Bruder hatte eine helle Stimme,
wenn er redete, klang es, als würde er lachen, und
diese Stimme war ganz anders, sie sagte langsam:
Ich bitte dich, und erst eine Weile später sagte sie:
Töte mich, seine Augen waren vollkommen aus­
druckslos, es waren die Augen eines anderen, und
sein Körper war regungslos, nur dieser schleppende
Atem, ein und aus

ich sagte, ich wolle ihn weg­


bringen, alles sei vorbei, von nun an würde ich mich
um ihn kümmern, doch er war wieder in der Hölle
versunken, aus der er kam, er hatte gesagt, was er
sagen wollte, dann war er wieder in seinen Alptraum
zurückgekehrt, was sollte ich tun?, ich überlegte,
wie ich ihn dort wegschaffen konnte, ich sah mich
hilfesuchend um, ich wollte ihn dort wegschaffen,
das stand fest, doch ich konnte mich nicht bewegen,
ich konnte mich nicht mehr bewegen, ich weiß nicht,
wieviel Zeit verging, ich erinnere mich nur, daß ich
mich irgendwann umdrehte, ein paar Meter von mir
entfernt sah ich El Blanco, er stand neben einem
Bett, mit der Maschinenpistole über der Schulter,
und er drückte dem Jungen, der in diesem Bett lag,
ein Kissen aufs Gesicht

El Blanco weinte und


preßte das Kissen nieder, in der Stille der Kapelle

21
war nur sein Schluchzen zu hören, der Junge rührte
sich nicht, er gab kein Geräusch von sich, er ging
stumm, doch El Blanco schluchzte wie ein Kind,
nahm dann das Kissen weg und schloß dem Jungen
die Augen, dann sah er mich an, ich sah ihn an und
er mich, ich wollte sagen: Was tust du?, doch ich
brachte keinen Laut hervor, in diesem Moment kam
jemand herein und sagte, die Armee sei gleich da,
wir müßten uns aus dem Staub machen, ich fühlte
mich verloren, ich wollte nicht, daß man mich dort
antraf, ich hörte die anderen über die Flure rennen,
da zog ich, ganz behutsam, das Kissen unter dem
Kopf meines Bruders hervor, betrachtete einen
Moment diese schrecklichen Augen, legte das Kis­
sen auf sein Gesicht und begann zu drücken, über
meinen Bruder gebeugt, drückte mit beiden Händen
auf das Kissen, und darunter spürte ich die Gesichts­
knochen meines Bruders, unter meinen Händen, man
kann von niemandem verlangen, so etwas zu tun,
das konnte keiner von mir verlangen, ich versuchte
durchzuhalten, doch irgendwann konnte ich nicht
mehr, ich nahm das Kissen weg, mein Bruder atmete
noch, doch er schien die Luft aus den Tiefen der
Hölle zu holen, es war entsetzlich, die reglosen Au­
gen und dieses Röcheln, ich sah ihn an und merkte,
daß ich schrie, ich hörte meine Stimme schreien, doch
wie von weit her, ein monotones und müdes Klagen,
ich hatte keine Gewalt darüber, es geschah einfach,
ich schrie noch, als ich El Blanco neben mir sah, er
sagte nichts, aber er hielt mir eine Pistole hin, wäh­
rend ich schrie, und alle machten sich auf und davon,
wir zwei da drinnen, er reichte mir die Pistole, ich
nahm sie, legte den Lauf an die Stirn meines Bruders,
immer noch schreiend, und drückte ab.

22
Sieh mich an,
Roca. Du sollst mich ansehen. Während des ganzen
Krieges habe ich zweimal geschossen, das erstemal
nachts und auf niemanden, das zweitemal aus näch­
ster Nähe auf meinen Bruder.

Und ich will dir etwas


verraten. Ich werde noch ein letztes Mal schießen.
Da begann Roca wieder zu schreien.
»ICH HAB DAMIT NICHTS ZU TUN.«
»Du hast damit nichts zu tun?«
»MIT DEM KRANKENHAUS HAB ICH
NICHTS ZU TUN.«
»WAS ERZÄHLST DU DA FÜR EINEN
BLÖDSINN?«
»ICH HAB NUR GETAN, WAS MIR
BEFOHLEN WURDE.«
»DU …«
»ICH WAR NICHT DABEI, ALS …«
»WAS FÜR EINEN MIST ERZÄHLST DU DA
…«
»ICH SCHWÖR ES, ICH …«
»DAS WAR DEIN KRANKENHAUS, DU
SCHEISSKERL.«
»MEIN KRANKENHAUS?«
»DAS WAR DEIN KRANKENHAUS, DU
WARST DER ARZT, DU HAST DICH UM SIE
GEKÜMMERT, DU HAST SIE ERMORDET, DU
HAST SIE MASSAKRIERT, DIE HABEN SIE DIR
GESCHICKT, UND DU HAST SIE
MASSAKRIERT …«
»ICH HAB NIE …«
»SEI STILL!«
»ICH SCHWÖR ES, SALINAS …«

23
»SEI STILL!«
»ICH HABE …«
»SEI STILL!«
Salinas setzte den Lauf der Pistole auf eins von
Rocas Knien. Dann drückte er ab. Das Knie zer­
platzte wie eine faulige Frucht. Roca fiel hintenüber
und krümmte sich auf dem Boden, brüllend vor
Schmerz. Salinas stand über ihm, zielte mit der
Pistole auf ihn und schrie noch immer.
»ICH MACH DICH KALT, VERSTEHST DU?
ICH MACH DICH KALT, DU SCHEISSKERL,
ICH MACH DICH KALT.«
El Gurre tat einen Schritt nach vorn. Der Junge
stand an der Tür und sah zu, schweigend. Salinas
schrie, sein cremefarbener Anzug war mit Blut
bespritzt, er schrie mit einer seltsam schrillen Stim­
me, es hörte sich an, als weinte er. Oder als bekäme
er keine Luft mehr. Er schrie, er würde ihn kaltma­
chen. Dann hörten alle eine unglaubliche Stimme,
die leise etwas sagte.
»Geht weg.«
Sie drehten sich um und sahen einen kleinen Jun­
gen in der anderen Ecke des Zimmers stehen. Er
hatte ein Gewehr in der Hand und zielte auf sie.
Dann sagte er noch einmal leise:
»Geht weg.«
Nina hörte die rauhe Stimme ihres Vaters, der vor
Schmerz keuchte, und dann hörte sie die Stimme
ihres Bruders. Sobald sie da wieder raus war, wollte
sie ihm sagen, daß er eine wunderschöne Stimme
hatte, denn sie schien ihr wirklich wunderschön, so
rein und unendlich kindlich, die Stimme, die sie
hatte flüstern hören:
»Geht weg.«

24
»WER ZUM TEUFEL …«
»Das ist der Sohn, Salinas.«
»WAS ERZÄHLST DU DA?«
»Das ist der Sohn von Roca«, sagte El Gurre.
Salinas stieß einen Fluch aus, er schrie, hier sollte
niemand sonst sein, HIER SOLLTE NIEMAND
SONST SEIN, WAS HAT DAS ZU BEDEUTEN,
IHR HABT DOCH GESAGT, HIER IST SONST
NIEMAND, schrie er und wußte nicht, wohin mit
dem Lauf seiner Pistole, er schaute zu El Gurre,
dann zu Tito, dann schaute er schließlich zu dem
Jungen mit dem Gewehr und brüllte ihn an, er sei ein
elender Dummkopf, er würde dort nicht wieder
lebend herauskommen, wenn er nicht sofort das
verdammte Gewehr fallen ließ.
Der Junge schwieg und ließ das Gewehr nicht sin­
ken.
Salinas hörte auf zu schreien. Er sprach mit ruhi­
ger und böser Stimme weiter. Er sagte zu dem Jun­
gen, nun wisse er ja, was für ein Mensch sein Vater
sei, nun wisse er, daß er ein Mörder sei, daß er Dut­
zende von Menschen umgebracht habe, manche
habe er nach und nach mit seinen Medikamenten
vergiftet, den anderen habe er die Brust aufgeschlitzt
und sie dann einfach so sterben lassen. Er sagte zu
dem Jungen, er habe mit eigenen Augen gesehen,
wie Kinder mit zerstörtem Gehirn aus dem Kran­
kenhaus kamen, die kaum noch laufen und nicht
mehr sprechen konnten, wie schwachsinnige Kinder.
Er sagte zu ihm, sein Vater werde die Hyäne ge­
nannt, seine eigenen Freunde würden ihn die Hyäne
nennen und darüber lachen. Roca lag stöhnend auf
dem Boden. Er begann leise, Hilfe zu murmeln, wie
aus der Ferne – Hilfe, Hilfe, Hilfe –, eine Litanei. Er

25
spürte, daß der Tod näher kam. Salinas sah nicht
einmal hin. Er redete weiter auf den Jungen ein. Der
Junge hörte ihm zu, regungslos. Zum Schluß sagte
Salinas, so sähen die Dinge nun aus, und es sei zu
spät, um noch irgend etwas zu tun, auch um nach
dem Gewehr zu greifen. Er sah ihm in die Augen,
unendlich müde, und fragte, ob er verstanden habe,
wer dieser Mann sei, ob er es wirklich verstanden
habe. Mit einer Hand zeigte er auf Roca. Er wollte
wissen, ob der Junge verstanden hatte, wer er war.
Der Junge kratzte alles zusammen, was er wußte
und was er vom Leben verstanden hatte. Er antwor­
tete:
»Er ist mein Vater.«
Dann drückte er ab. Nur ein Schuß. Ins Leere.
El Gurre reagierte instinktiv. Der Feuerstoß hob
das Kind vom Boden und schleuderte es gegen die
Wand, in einem Gemisch aus Blei, Knochen und
Blut. Wie ein im Flug getroffener Vogel, dachte
Tito.
Salinas warf sich auf den Boden. Er landete neben
Roca. Einen Augenblick sahen die beiden Männer
sich in die Augen. Aus Rocas Kehle drang ein un­
verständlicher, gräßlicher Schrei. Salinas kroch ein
Stück von ihm weg. Er rollte sich auf den Rücken,
um Rocas Blick zu entgehen. Er fing an, am ganzen
Leib zu zittern. Ringsum herrschte eine große Stille.
Nur dieser gräßliche Schrei. Salinas stützte sich auf
die Ellbogen und sah in den hinteren Teil des Zim­
mers. Der Körper des Jungen lehnte an der Wand,
zerfetzt von den Kugeln der Maschinenpistole, von
Wunden aufgerissen. Das Gewehr war in eine Ecke
geflogen. Salinas sah, daß der Kopf des Kindes
verdreht herunter hing, und in dem offenen Mund

26
sah er die weißen Zähnchen, gleichmäßig und weiß.
Da ließ er sich nach hinten fallen, auf den Rücken.
Seine Augen blickten auf die Deckenbalken. Dunk­
les Holz. Alt. Er zitterte am ganzen Leib. Er konnte
die Hände, die Beine nicht ruhig halten, gar nichts.
Tito tat ein paar Schritte auf ihn zu.
El Gurre bedeutete ihm, stehenzubleiben.
Roca schrie einen schmutzigen Schrei, den Schrei
eines Toten.
Salinas sagte leise:
»Mach, daß er aufhört.«
Als er das sagte, versuchte er, die Zähne zusam­
menzubeißen, die wie verrückt klapperten.
El Gurre suchte Salinas’ Blick, um herauszufin­
den, was er meinte.
Salinas starrte an die Decke. Eine Reihe Balken
aus dunklem Holz. Alt.
»Mach, daß er aufhört«, wiederholte er.
El Gurre tat einen Schritt nach vorn.
Roca lag in seinem Blut und schrie, mit gräßlich
aufgerissenem Mund.
El Gurre steckte ihm den Lauf seiner Maschinen­
pistole in den Hals.
Roca schrie immer noch, auch mit dem heißen Ei­
sen des Laufes im Mund.
El Gurre drückte ab. Eine kurze Salve. Trocken.
Die letzte seines Krieges.
»Mach, daß er aufhört«, sagte Salinas noch ein­
mal.
Nina hörte eine beängstigende Stille. Da faltete sie
die Hände und schob sie zwischen ihre Beine. Sie
kauerte sich noch mehr zusammen und zog die Knie
fast an den Kopf. Sie dachte, nun sei alles vorbei.
Gleich käme ihr Vater sie holen, und dann würden

27
sie zu Abend essen. Sie dachte, sie würden nicht
mehr über diese Geschichte reden und sie bald ver­
gessen haben. Das dachte sie, weil sie ein kleines
Mädchen war und es noch nicht wissen konnte.
»Das Mädchen«, sagte El Gurre.
Er faßte Salinas am Arm, damit er nicht hinfiel. Er
sagte leise zu ihm:
»Das Mädchen.«
Salinas hatte einen schrecklichen, leeren Blick.
»Welches Mädchen?«
»Rocas Tochter. Wenn der Kleine hier war, ist sie
vielleicht auch da.«
Salinas brummte etwas. Dann schubste er El Gur­
re fort. Er stützte sich auf den Tisch, weil er sonst
hingefallen wäre. Seine Schuhe standen in Rocas
Blut.
El Gurre machte Tito ein Zeichen, dann ging er
zur Küche. Als er an dem Kleinen vorbeikam, bück­
te er sich kurz und schloß ihm die Lider. Nicht wie
ein Vater. Wie jemand, der das Licht ausmacht,
bevor er ein Zimmer verläßt.
Tito dachte an die Augen seines Vaters. Eines Ta­
ges hatten sie an die Haustür geklopft. Tito hatte sie
nie zuvor gesehen. Doch sie sagten, sie hätten eine
Nachricht für ihn. Dann reichten sie ihm einen klei­
nen Stoffbeutel. Er hatte ihn geöffnet, und darin
lagen die Augen seines Vaters. Entscheide dich, auf
welcher Seite du stehst, Junge, hatten sie ihm gesagt.
Dann waren sie gegangen.
Tito sah einen zugezogenen Vorhang im hinteren
Teil des Raums. Er entsicherte seine Pistole und
ging darauf zu. Er zog den Vorhang auf. Er betrat
den Raum dahinter. Hier herrschte große Unord­
nung. Umgestürzte Stühle, Koffer, Arbeitsgeräte und

28
Körbe mit halbverdorbenem Obst. Es roch stark
verfault. Und moderig. Der Staub auf dem Fußboden
sah merkwürdig aus: als hätte jemand seine Füße
darüber schleifen lassen. Oder etwas anderes.
Im anderen Teil des Hauses klopfte El Gurre die
Wände mit der Maschinenpistole nach Geheimtüren
ab. Salinas war wohl immer noch nebenan und
stützte sich zitternd auf den Tisch. Tito schob einen
Obstkorb beiseite. Er sah die Umrisse einer Falltür.
Er stampfte mit einem Stiefel darauf, um zu hören,
was für ein Geräusch das machte. Er schob noch
zwei Körbe beiseite. Da war eine kleine Falltür,
sorgfältig ausgesägt. Tito schaute auf. Durch ein
Fensterchen sah er die Dunkelheit draußen. Er hatte
gar nicht gemerkt, daß es schon Nacht war. Er dach­
te, es sei an der Zeit, von hier wegzugehen. Dann
kniete er sich auf den Boden und öffnete die Falltür.
Darunter lag ein kleines Mädchen, auf der Seite
zusammengekauert, die Hände zwischen den Schen­
keln versteckt und den Kopf leicht nach vorn ge­
neigt, zu den Knien. Es hatte die Augen offen.
Tito richtete seine Pistole auf das Mädchen.
»SALINAS!« schrie er.
Das Mädchen drehte den Kopf und sah ihn an. Ih­
re Augen waren dunkel und seltsam geschnitten. Sie
sah ihn völlig ausdruckslos an. Ihre Lippen waren
leicht geöffnet, und sie atmete ruhig. Sie war ein
Tier in seiner Höhle. Tito überkam jenes Gefühl, das
er auf der Suche nach genau dieser Position tausend­
fach verspürt hatte, zwischen lauwarmen Laken oder
als Kind unter der nachmittäglichen Sonne. Die Knie
angewinkelt, die Hände zwischen den Beinen, die
Füße aufeinander. Der leicht nach vorn geneigte
Kopf schloß den Kreis. Gott, war das schön, dachte

29
er. Die Haut des Mädchens war weiß, und die Kon­
turen ihrer Lippen vollkommen. Die Beine schauten
unter einem roten Röckchen hervor, es sah aus wie
auf einer Zeichnung. Alles war so ordentlich. Alles
war so vollendet.
So genau.
Die Kleine wandte wieder den Kopf ab, in die ur­
sprüngliche Position. Sie neigte ihn ein wenig, um
den Kreis zu schließen. Tito stellte fest, daß ihm
niemand geantwortet hatte von der anderen Seite des
Vorhangs. Ein Moment war wohl vergangen, doch
niemand hatte geantwortet. El Gurre klopfte mit
seiner Maschinenpistole die Hauswände ab. Ein
dumpfes, pedantisches Geräusch. Draußen war es
dunkel. Er schloß die Falltür. Langsam. Er blieb
kurz daneben hocken und sah nach, ob man das
Kind durch die Bodenritzen sehen konnte. Er hätte
gern nachgedacht. Doch es gelang ihm nicht.
Manchmal ist man zu müde, um nachzudenken. Er
stand auf. Rückte die Körbe wieder an ihren Platz.
Er spürte sein Herz in den Schläfen pochen.
Wie Betrunkene traten sie hinaus in die Nacht. El
Gurre stützte Salinas und schleppte ihn voran. Tito
ging hinter ihnen. Irgendwo wartete der alte Merce­
des auf sie. Sie gingen ein paar Dutzend Meter, ohne
ein Wort zu wechseln. Dann sagte Salinas etwas zu
El Gurre, und El Gurre ging zurück zu dem Bauern­
haus. Er wirkte nicht besonders überzeugt, doch er
ging zurück. Salinas stützte sich auf Tito und sagte
ihm, er solle weitergehen. Sie kamen an dem Holz­
stapel vorbei, verließen die Straße und nahmen einen
Weg, der über die Felder führte. Ringsum herrschte
eine große Stille, und auch deshalb schaffte es Tito
nicht, den Satz zu sagen, der ihm durch den Kopf

30
ging und den er sagen wollte. Da ist noch ein Mäd­
chen drin. Er war müde, und die Stille war zu groß.
Salinas blieb stehen. Er zitterte, und das Gehen fiel
ihm sehr schwer. Tito sagte leise etwas zu ihm, dann
drehte er sich um und blickte zurück zum Bauern­
hof. Er sah El Gurre auf sie zu rennen. Und er sah,
daß hinter ihm das Bauernhaus die Dunkelheit zer­
riß, in Brand gesteckt von einem Feuer, das es ver­
schlang. Überall schossen Flammen empor, und eine
schwarze Rauchwolke erhob sich langsam in die
Nacht. Tito rückte von Salinas ab, stand wie verstei­
nert da und sah zu. El Gurre holte sie ein, und ohne
anzuhalten, sagte er: Gehen wir, Junge. Doch Tito
rührte sich nicht.
»Was zum Teufel hast du getan?« fragte er.
El Gurre versuchte Salinas weiterzuziehen. Er
wiederholte, sie müßten gehen. Da packte Tito ihn
am Kragen und schrie ihm ins Gesicht: WAS ZUM
TEUFEL HAST DU GETAN?
»Ruhig, Junge«, sagte El Gurre.
Doch Tito hörte nicht auf, er schrie immer lauter,
WAS ZUM TEUFEL HAST DU GETAN?, er
schüttelte El Gurre wie eine Puppe, WAS ZUM
TEUFEL HAST DU GETAN?, er hatte ihn vom
Boden hochgehoben und schüttelte ihn die ganze
Zeit, WAS ZUM TEUFEL HAST DU GETAN?, bis
auch Salinas zu schreien begann, DAS REICHT,
JUNGE, sie führten sich auf wie drei Verrückte, die
man auf einer unbeleuchteten Bühne vergessen
hatte, GENUG JETZT!
In einem verfallenen Theater.
Schließlich zerrten sie Tito mit Gewalt weiter. Der
Feuerschein erhellte die Nacht. Sie überquerten ein
Feld und liefen zur Straße hinunter, immer der Spur

31
des alten Baches folgend. Als sie den Mercedes
erblickten, legte El Gurre dem Jungen eine Hand auf
die Schulter und sagte leise, er sei auf Draht und nun
sei alles vorbei. Doch der hörte nicht mehr auf,
diesen Satz zu wiederholen. Er schrie nicht. Er
sprach ihn leise, mit der Stimme eines Kindes. Was
zum Teufel haben wir getan. Was zum Teufel haben
wir getan. Was zum Teufel haben wir getan.
Der alte Bauernhof Mato Rujo lag stumm in der
Landschaft, hob sich feuerrot ab vor dem Dunkel der
Nacht. Der einzige Fleck auf dem verlassenen Profil
der Ebene.

Drei Tage später kam ein Mann auf einem Pferd


zum Bauernhof Mato Rujo. Er trug Lumpen und war
ganz dreckig. Das Pferd war ein alter Gaul, nur noch
Haut und Knochen. Es hatte etwas an den Augen,
deshalb kreisten die Fliegen um die gelbliche Flüs­
sigkeit, die ihm aufs Maul hinunterlief.
Der Mann betrachtete die Mauern des Bauernhau­
ses, die geschwärzt und nutzlos aus einer riesigen
erloschenen Kohlenpfanne emporragten. Sie sahen
aus wie die letzten Zähne im Mund eines Greises.
Das Feuer hatte sich auch eine große Eiche geholt,
die viele Jahre lang ihren Schatten auf das Haus
geworfen hatte. Eine schwarze Kralle, die nach
Unheil roch.
Der Mann blieb im Sattel sitzen. Er drehte eine
halbe Runde um das Haus, im Schrittempo. Dann
ging er zum Brunnen, band den Eimer los, ohne vom
Pferd zu steigen, und ließ ihn hinunterfallen. Das
Blech landete klatschend auf dem Wasser. Der

32
Mann hob den Blick zu dem Bauernhaus. An die
Überreste der Wand gelehnt, hockte ein Mädchen
auf der Erde. Es beobachtete ihn, mit reglosen Au­
gen, die in einem rußverschmierten Gesicht glänz­
ten. Sie trug ein rotes Röckchen. Sie hatte überall
Schrammen. Oder Wunden.
Der Mann zog den Eimer aus dem Brunnen. Das
Wasser war ganz schwarz. Er rührte ein bißchen mit
dem Zinnlöffel darin, doch die schwärzliche Farbe
ging nicht weg. Er füllte den Löffel, hob ihn an die
Lippen und nahm einen ausgiebigen Schluck. Er
betrachtete wieder das Wasser in dem Eimer. Er
spuckte hinein. Dann stellte er ihn auf den Brunnen­
rand und stieß dem Pferd die Hacken in den Bauch.
Er ritt hinüber zu dem Mädchen. Sie hob den
Kopf, um ihn anzusehen. Anscheinend hatte sie
nichts zu sagen. Der Mann musterte sie eine Weile.
Die Augen, die Lippen, das Haar. Dann streckte er
ihr eine Hand hin. Sie stand auf, nahm die Hand des
Mannes und ließ sich hinter ihn auf den Rücken des
Pferdes ziehen. Der alte Gaul hob zweimal den Kopf
in die Höhe und trabte los. Der Mann gab einen
merkwürdigen Laut von sich, und das Pferd beruhig­
te sich.
Während sie sich von dem Bauernhof entfernten,
im Schrittempo, unter einer glühendheißen Sonne,
ließ das Mädchen seinen Kopf nach vorn sinken,
legte die Stirn an den schmutzigen Rücken des
Mannes und schlief ein.

33
ZWEI

34
Die Ampel sprang auf Grün, und die Frau über­
querte die Straße. Sie sah auf den Boden, denn es
hatte gerade zu regnen aufgehört, und die Wasserla­
chen in den Senken des Asphalts erinnerten noch an
den vorfrühlingshaften Regenschauer. Sie hatte
einen eleganten Gang, eingeschränkt von dem
schmalen Rock eines schwarzen Kostüms. Sie sah
die Pfützen und wich ihnen aus.
Als sie auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig
angekommen war, blieb sie stehen. Die Leute gingen
an ihr vorüber, bevölkerten den späten Nachmittag
mit Schritten nach Hause oder auf Geratewohl. Die
Frau mochte es, wenn die Stadt an ihr hinunter
tropfte, also blieb sie einen Moment so mitten auf
dem Bürgersteig stehen, rätselhaft wie eine Frau, die
dort von ihrem Geliebten verlassen worden war,
ganz plötzlich. Und es nicht begreifen konnte.
Dann entschied sie sich für den Weg nach rechts
und schloß sich in dieser Richtung dem kollektiven
Fluß an. Sie schlenderte an den Schaufenstern ent­
lang, einen Schal an die Brust gedrückt. Trotz ihres
Alters ging sie aufrecht und sicheren Schrittes, die
jugendliche Haltung verlieh ihrem weißen Haar
Würde. Sie trug es im Nacken zusammengebunden,
mit einem dunklen Kamm, wie ein Mädchen.
Vor einem Geschäft für Elektrogeräte blieb sie
stehen und starrte eine Weile auf die Wand von
Fernsehern, die ein und denselben Nachrichtenspre­
cher sinnlos reproduzierte. Aber in verschiedenen
Farbschattierungen, die sie neugierig machten. Dann

35
kamen Bilder über irgendeine Stadt, in der Krieg
herrschte, und sie ging weiter. Sie überquerte die
Calle Medina und dann den kleinen Platz des Göttli­
chen Beistands. Als sie vor der Florencia-Galerie
ankam, drehte sie sich um und betrachtete die lange
Flucht von Lichtern, die sich im Innern des Gebäu­
des aneinanderreihten, bis sie auf der anderen Seite,
in der Avenida 24. Juli, wieder heraustraten. Sie
blieb stehen, richtete den Blick nach oben und such­
te etwas auf dem eisernen Torbogen des breiten
Portals. Doch sie fand nichts. Sie machte ein paar
Schritte ins Innere der Galerie, dann wandte sie sich
an einen Mann. Sie entschuldigte sich und fragte
ihn, wie dieser Ort heiße. Der Mann sagte es ihr. Da
bedankte sie sich und teilte ihm mit, er werde noch
einen wunderschönen Abend haben. Der Mann
lächelte.
Sie ging also die Florencia-Galerie entlang, und
irgendwann sah sie, etwa zwanzig Meter von sich
entfernt, eine kleine Bude, die aus der linken Wand
hervorragte und das glatte Profil der Galerie einen
Moment lang kräuselte. Es war eine dieser Buden,
an denen Lotterielose verkauft werden. Sie ging
noch ein bißchen weiter, doch ein paar Schritte vor
der Bude blieb sie stehen. Sie sah den Losverkäufer
in der Bude sitzen und Zeitung lesen. Er hatte sie auf
irgendeine Unterlage gelegt und las darin. Alle
Wände der Bude waren aus Glas, nur die Rückseite
nicht. Drinnen sah man den Losverkäufer und eine
Menge bunte Streifen, die von oben herunterbaumel­
ten. Vorne gab es ein kleines Fenster, das war die
Luke, durch die der Losverkäufer mit den Leuten
sprach.
Die Frau strich eine Haarsträhne nach hinten, die

36
ihr in die Augen gefallen war. Sie drehte sich um
und beobachtete einen Moment lang eine junge
Frau, die einen Kinderwagen aus einem Geschäft
schob. Dann sah sie wieder zu der Bude.
Der Losverkäufer las.
Die Frau näherte sich und beugte sich zu der Luke
hinunter.
»Guten Abend«, sagte sie.
Der Mann blickte von seiner Zeitung auf. Er woll­
te etwas sagen, doch als er das Gesicht der Frau sah,
hielt er inne und ließ es sein. Er sah nur das Gesicht
an.
»Ich möchte ein Los kaufen.«
Der Mann nickte. Doch dann sagte er etwas, was
damit nichts zu tun hatte.
»Warten Sie schon lange?«
»Nein, warum?«
Der Mann schüttelte den Kopf, starrte sie weiter
an.
»Schon gut, Entschuldigung«, sagte er.
»Ich möchte ein Los«, sagte sie.
Der Mann wandte sich um und fuhr mit der Hand
über die Lose, die hinter ihm hingen.
Die Frau zeigte auf einen Streifen, der länger war
als die anderen.
»Der da … Können Sie ein Los von diesem Strei­
fen nehmen?«
»Von diesem?«
»Ja.«
Der Mann riß das Los ab. Er warf einen Blick auf
die Nummer und nickte anerkennend. Er legte es auf
die Holzkonsole zwischen sich und der Frau.
»Eine gute Nummer.«
»Was sagen Sie?«

37
Der Mann gab keine Antwort, denn er musterte
das Gesicht der Frau, so als suchte er darin etwas.
»Sagten Sie ›eine gute Nummer‹?«
Der Mann sah hinunter auf das Los:
»Ja, die Zahl hat zwei Achten an symmetrischer
Stelle und gleiche Summen.«
»Was heißt das?«
»Wenn Sie mittendurch einen Strich ziehen, ist
die Summe der rechten Zahlen genauso groß wie die
der linken. Normalerweise bringt das Glück.«
»Woher wissen Sie das?«
»Das ist mein Beruf.«
Die Frau lächelte.
»Sie haben recht.«
Sie legte das Geld auf die Konsole.
»Sie sind nicht blind«, sagte sie.
»Wie bitte?«
»Sie sind nicht blind, oder?«
Der Mann begann zu lachen.
»Nein, das bin ich nicht.«
»Merkwürdig …«
»Warum sollte ich blind sein?«
»Na ja, das sind Losverkäufer doch immer.«
»Wirklich?«
»Vielleicht nicht immer, aber häufig … Ich glau­
be, die Leuten mögen es, wenn sie blind sind.«
»Und warum?«
»Keine Ahnung, ich vermute, es hat etwas damit
zu tun, daß das Glück blind ist.«
Sagte die Frau und begann dann zu lachen. Sie
hatte ein schönes Lachen, völlig frei von Müdigkeit.
»Gewöhnlich sind sie sehr alt und blicken sich um
wie exotische Vögel im Schaufenster einer Tier­
handlung.«

38
Das sagte sie mit großer Selbstsicherheit.
Dann fügte sie hinzu:
»Sie sind anders.«
Der Mann sagte, blind sei er keineswegs. Aber alt
schon.
»Wie alt sind Sie?« fragte die Frau.
»Zweiundsiebzig«, sagte der Mann.
Dann fügte er hinzu:
»Ich mache diese Arbeit gern, ich habe damit kein
Problem, es ist eine gute Arbeit.«
Er sagte es leise. Ruhig.
Die Frau lächelte.
»Sicher. Das wollte ich damit nicht sagen …«
»Die Arbeit gefällt mir.«
»Davon bin ich überzeugt.«
Sie nahm das Los und steckte es in eine elegante
schwarze Tasche. Dann sah sie sich kurz um, als
wollte sie etwas kontrollieren oder sehen, ob hinter
ihr andere Leute warteten. Statt sich zu verabschie­
den und zu gehen, sagte sie schließlich etwas.
»Ich habe mich gefragt, ob Sie wohl Lust hätten,
mit mir etwas trinken zu gehen?«
Der Mann hatte eben das Geld in die Kasse gelegt.
Seine Hand verharrte in der Luft.
»Ich?«
»Ja.«
»Ich … kann nicht.«
Die Frau sah ihn an.
»Ich muß in der Bude bleiben, ich kann jetzt nicht
gehen, ich habe hier niemanden, der … ich …«
»Nur auf ein Glas.«
»Tut mir leid … Das geht wirklich nicht.«
Die Frau nickte, als hätte sie verstanden. Doch
dann beugte sie sich ein wenig zu dem Mann vor

39
und sagte:
»Kommen Sie mit.«
Der Mann sagte noch:
»Ich bitte Sie.«
Doch sie wiederholte:
»Kommen Sie mit.«
Es war seltsam. Der Mann faltete die Zeitung zu­
sammen und erhob sich von seinem Hocker. Er
nahm die Brille ab und steckte sie in ein graues
Stoffetui. Dann begann er die Bude zu schließen, mit
großer Sorgfalt. Er reihte eine Geste an die nächste,
ganz langsam, schweigend, als wäre dies ein Abend
wie jeder andere. Die Frau stand ruhig da und warte­
te, als ginge sie das nichts an. Ab und zu kam je­
mand vorbei und drehte sich nach ihr um. Denn sie
schien allein zu sein, und sie war schön. Denn sie
war nicht jung, und sie schien allein zu sein. Der
Mann löschte das Licht. Er zog den kleinen Rolladen
herunter und befestigte ihn mit einem Vorhänge­
schloß am Boden. Er hatte einen leichten Mantel
übergezogen, der ein wenig über seine Schultern
hing. Er ging zu der Frau.
»Ich bin soweit.«
Die Frau lächelte ihm zu.
»Haben Sie eine Idee, wo wir hingehen könnten?«
»Hier lang. Da gibt es ein Café, in dem man unge­
stört ist.«
Sie betraten das Lokal, fanden einen kleinen Tisch
in einer Ecke und setzten sich einander gegenüber.
Sie bestellten zwei Gläser Wein. Die Frau fragte den
Kellner, ob er Zigaretten habe. Dann rauchten sie.
Sie sprachen über alles mögliche, auch über die
Leute, die in der Lotterie gewannen. Der Mann
sagte, meist könnten sie das Geheimnis nicht für sich

40
behalten, und das Komische sei, daß die erste Per­
son, der sie es verrieten, immer ein Kind sei. Wahr­
scheinlich habe all dies etwas zu bedeuten, doch er
habe nie verstanden, was. Die Frau sagte etwas über
Geschichten, die etwas zu bedeuten hätten, und
solche, die nichts zu bedeuten hätten. So unterhielten
sie sich noch eine Weile. Dann sagte er, er wisse,
wer sie sei und warum sie gekommen sei.
Die Frau sagte nichts. Sie wartete.
Also fuhr der Mann fort.
»Vor vielen Jahren haben Sie zugesehen, wie drei
Männer Ihren Vater kaltblütig ermordeten. Ich bin
der einzige von den dreien, der noch lebt.«
Die Frau sah ihn aufmerksam an. Doch man konn­
te nicht erraten, was sie dachte.
»Sie sind bis hierhergekommen, um nach mir zu
suchen.«
Er sprach ruhig. Er war nicht nervös, gar nicht.
»Jetzt haben Sie mich gefunden.« Dann schwie­
gen sie eine Weile, denn er hatte nichts mehr zu
sagen, und sie sagte nichts.

»Als ich ein Mädchen war, hieß ich Nina. Doch all
das war mit jenem Tag vorbei. Niemand hat mich je
wieder so genannt.«
»…«
»Nina gefiel mir.«
»…«
»Nun habe ich viele Namen. Das ist etwas ande­
res.«

41
»Ganz am Anfang erinnere ich mich an eine Art
Waisenhaus. Sonst nichts. Dann kam ein Mann
namens Ricardo Uribe und nahm mich mit. Er war
Apotheker in einem kleinen Dorf auf dem Land. Er
hatte weder eine Frau noch Verwandte, nichts. Er
erzählte allen, ich sei seine Tochter. Er war erst seit
wenigen Monaten dort. Die Leute glaubten ihm.
Tagsüber mußte ich im Hinterraum der Apotheke
bleiben. Wenn keine Kunden da waren, gab er mir
Unterricht. Ich weiß nicht, warum er nicht wollte,
daß ich allein unterwegs war. Was du lernen mußt,
kannst du auch von mir lernen, sagte er immer. Ich
war elf. Abends setzte er sich auf das Sofa, und ich
mußte mich neben ihn legen. Ich legte meinen Kopf
auf seinen Schoß und hörte ihm zu. Er erzählte
seltsame Geschichten aus dem Krieg. Seine Finger
streichelten mir über das Haar, vor und zurück, ganz
langsam. Ich spürte sein Geschlecht unter dem Stoff
seiner Hose. Dann küßte er mich auf die Stirn, und
ich durfte schlafen gehen. Ich hatte ein Zimmer ganz
für mich allein. Ich half ihm, die Apotheke und das
Haus in Ordnung zu halten. Ich wusch die Kleider
und kochte. Er schien ein anständiger Mensch zu
sein. Er hatte große Angst, doch ich weiß nicht, vor
was.

Eines Abends beugte er sich über mich und küßte
mich auf den Mund. Während er mich weiter so
küßte, steckte er die Hände unter meinen Rock und
überallhin. Ich machte gar nichts. Und dann rückte
er ganz plötzlich von mir ab, begann zu weinen und
bat mich um Verzeihung. Er sah auf einmal ganz
erschrocken aus. Ich verstand nichts. Einige Tage
später sagte er, er habe einen Bräutigam für mich

42
gefunden. Einen Jungen aus Rio Galvan, einem
Nachbardorf. Er war Maurer. Ich sollte ihn heiraten,
sobald ich alt genug war. Am Sonntag darauf traf ich
ihn auf der Straße. Er war ein schöner Bursche, groß
und dünn, sehr dünn. Er bewegte sich langsam,
vielleicht war er ja krank oder so was in der Art. Wir
grüßten uns, dann ging ich wieder nach Hause.

Eine Geschichte wie jede andere. Warum wollen
Sie die hören?«

Der Mann fand ihre Art zu sprechen merkwürdig.


Als wäre sie nicht daran gewöhnt. Oder als wäre
dies nicht ihre Sprache. Sie starrte ins Leere, wäh­
rend sie nach Worten suchte.
»Ein paar Monate später, an einem Winterabend,
verließ Uribe das Haus, um ins Riviera zu gehen.
Das war eine Taverne, in der man sich zum Glücks­
spiel traf. Uribe ging jede Woche dorthin, immer an
dem gleichen Tag, Freitag. An jenem Abend spielte
er lange. Dann hatte er auf einmal vier Buben in der
Hand, und im Pot war mehr Geld, als er in einem
Jahr zu sehen bekam. Das war eine Angelegenheit
zwischen ihm und dem Grafen von Torrelavid. Die
anderen hatten ein bißchen mitgeboten, dann waren
sie ausgestiegen. Doch der Graf hatte nicht lockerge­
lassen. Er erhöhte immer weiter. Uribe war sich
seines Blattes sicher und hielt mit. Sie erreichten
jenen Punkt, wo die Spieler den Sinn für die Realität
verlieren. So kam es, daß der Graf seine fazenda
Belsito in den Pot legte. Da hielt jeder in der Taver­
ne den Atem an. Mögen Sie Glücksspiele?«

43
»Nein«, sagte der Mann.
»Ich glaube, dann können Sie das nicht verste­
hen.«
»Versuchen Sie es.«
»Sie werden es nicht verstehen.«
»Das macht nichts.«
»Jeder hielt den Atem an. Und es herrschte eine
Stille, die Sie nicht verstehen werden.«

Die Frau erklärte, die fazenda Belsito sei die schön­


ste fazenda in der ganzen Gegend gewesen. Eine
Allee von Orangenbäumen führte den Hügel hinauf,
und vom Haus aus konnte man den Ozean sehen.
»Uribe sagte, er besitze nichts, was so wertvoll sei
wie Belsito. Und er legte seine Karten auf den Tisch.
Da sagte der Graf, er könne ja immer noch um seine
Apotheke spielen, und dann begann er wie ein Ver­
rückter zu lachen, und einige der Männer ringsum
begannen mit ihm zu lachen. Uribe lächelte. Er hatte
noch eine Hand auf den Karten liegen. Wie zum
Abschied. Der Graf wurde wieder ernst, lehnte sich
vor, über den Tisch, sah Uribe in die Augen und
sagte:
›Du hast doch eine hübsche Tochter.‹
Uribe verstand nicht sofort. Er spürte alle Blicke
auf sich und konnte keinen Gedanken fassen. Der
Graf machte es ihm einfach.
›Belsito gegen deine Tochter, Uribe. Ein faires
Angebot.‹
Und er legte seine fünf Karten verdeckt auf den
Tisch, genau unter Uribes Nase.
Uribe heftete den Blick darauf, ohne sie anzurüh­

44
ren.
Er murmelte etwas, doch niemand konnte mir sa­
gen, was.
Dann schob er seine Karten über den Tisch, auf
den Grafen zu.
Der Graf holte mich noch in derselben Nacht zu
sich. Er tat etwas Unvorhersehbares. Er wartete
sechzehn Monate, und als ich vierzehn wurde, heira­
tete er mich. Ich habe ihm drei Kinder geschenkt.

Männer sind schwer zu verstehen. Vor dieser
Nacht hatte der Graf mich nur ein einziges Mal
gesehen. Er saß im Café, und ich ging über den
Platz. Er fragte jemanden:
›Wer ist das Mädchen?‹
Und sie sagten es ihm.«

Draußen hatte es wieder angefangen zu regnen, so


daß das Café nun voller Menschen war. Man mußte
laut reden, wenn man sich verstehen wollte. Oder
zusammenrücken. Der Mann sagte zu der Frau, sie
habe eine merkwürdige Art zu erzählen: als erzähle
sie das Leben einer anderen.
»Was meinen Sie damit?«
»Es scheint Sie gar nicht zu berühren.«
Die Frau sagte, im Gegenteil, alles berühre sie viel
zu sehr. Sie sagte, sie habe Sehnsucht nach jeder
Kleinigkeit, die sie erlebt habe. Doch sie sagte es mit
harter Stimme, ohne Melancholie. Da schwieg der
Mann einen Moment und betrachtete die Leute
ringsum.
Er dachte an Salinas. Eines Morgens hatten sie ihn

45
tot in seinem Bett gefunden, zwei Jahre nach der
Geschichte mit Roca. Etwas mit dem Herzen, hieß
es. Dann ging das Gerücht, sein Arzt habe ihn ver­
giftet, nach und nach, monatelang, jeden Tag ein
bißchen. Eine lange Agonie. Qualvoll. Man ermittel­
te in der Angelegenheit, doch man fand nichts her­
aus. Der Arzt hieß Astarte. Im Krieg hatte er ein
bißchen Geld gemacht, mit einem Mittel gegen
Fieber und Entzündungen. Das hatte er erfunden,
gemeinsam mit einem Apotheker. Das Mittel hieß
Botran. Der Apotheker hieß Ricardo Uribe. Zu der
Zeit, als sie das Medikament erfanden, arbeitete er in
der Hauptstadt. Nach dem Krieg bekam er Ärger mit
der Polizei. Erst fand man seinen Namen auf der
Lieferantenliste des Krankenhauses der Hyäne, dann
tauchte jemand auf, der behauptete, er habe ihn dort
arbeiten sehen. Doch es gab auch viele, die sagten,
er sei ein anständiger Mann. Er wurde vernommen,
erklärte alles, und als sie ihn laufenließen, packte er
seine Sachen und ging aufs Land, in eine abgelegene
Kleinstadt im Süden. Er kaufte eine Apotheke und
nahm seinen Beruf wieder auf. Er lebte allein, mit
einer kleinen Tochter namens Dulce. Er behauptete,
ihre Mutter sei Jahre zuvor verstorben. Alle glaubten
ihm.
So versteckte er Manuel Rocas Tochter Nina, die
überlebt hatte.
Der Mann schaute um sich, ohne etwas zu sehen.
Er war in Gedanken.
Die Grausamkeit der Kinder, dachte er.
Wir haben die Erde so brutal umgegraben, daß die
Grausamkeit der Kinder wiedererwacht ist.
Er wandte sich erneut der Frau zu. Sie sah ihn an.
Er hörte ihre Stimme fragen:

46
»Stimmt es, daß man Sie Tito nannte?«
Der Mann nickte.
»Haben Sie meinen Vater vorher gekannt?«
»…«
»…«
»Ich wußte, wer er war.«
»Stimmt es, daß Sie als erster auf ihn geschossen
haben?«
Der Mann schüttelte den Kopf.
»Was bedeutet das schon …«
»Sie waren zwanzig. Sie waren der Jüngste. Sie
kämpften erst seit einem Jahr. El Gurre behandelte
Sie wie einen Sohn.«
Dann fragte ihn die Frau, ob er sich daran erinnere.
Der Mann schaute sie immer noch an. Und erst in
diesem Moment sah er in ihrem Gesicht endlich das
Gesicht des Mädchens wieder, das dort unten gele­
gen hatte, makellos und richtig, vollkommen. Er
erkannte ihre Augen in diesen wieder und ihre uner­
hörte Kraft in der Ruhe dieser ermatteten Schönheit.
Das Mädchen: es hatte sich umgedreht und ihn
angesehen. Das Mädchen: jetzt war es hier. Wie
schwindelerregend die Zeit sein kann. Wo bin ich?
fragte sich der Mann. Im Jetzt oder im Damals?
Habe ich je in einem anderen Augenblick als diesem
existiert?
Der Mann sagte, er erinnere sich. Jahrelang habe
er nichts anderes getan, als sich an all das zu erin­
nern.

»Jahrelang habe ich mich gefragt, was ich tun sollte.


Doch die Wahrheit ist, daß ich es letztlich nie ge­

47
schafft habe, jemandem davon zu erzählen. Ich habe
nie jemandem erzählt, daß sie dort unten war, an
jenem Abend. Sie glauben das vielleicht nicht, aber
es ist wahr. Anfangs redete ich natürlich nicht dar­
über, weil ich Angst hatte. Doch dann verging etwas
Zeit, und die Dinge änderten sich. Niemand küm­
merte sich mehr um den Krieg, die Leute wollten
nach vorn blicken, was geschehen war, interessierte
sie nicht mehr. Alles schien endgültig vorbei.
Schließlich hielt ich es für das Beste, alles zu ver­
gessen. Die Dinge auf sich beruhen zu lassen. Doch
dann kursierte das Gerücht, Rocas Tochter sei am
Leben und werde in irgendeinem Dorf im Süden
versteckt. Ich wußte nicht, was ich davon halten
sollte. Es schien mir unwahrscheinlich, daß sie diese
Hölle überlebt hatte, aber bei Kindern weiß man ja
nie. Schließlich begegnete ihr irgendwer und
schwor, daß sie es wirklich war. Da begriff ich, daß
diese Geschichte mich nie mehr in Ruhe lassen
würde. Weder mich noch die anderen. Selbstver­
ständlich fragte ich mich, was sie an jenem Abend
auf dem Bauernhof wohl gesehen und gehört hatte.
Und ob sie sich an mein Gesicht erinnerte. Ich konn­
te auch schwer einschätzen, was so eine Sache im
Kopf eines Kindes anstellt. Erwachsene haben ein
Gedächtnis, sie haben einen Gerechtigkeitssinn, und
oft hegen sie Rachegelüste. Aber ein kleines Mäd­
chen? Eine Zeitlang sagte ich mir, daß nichts passie­
ren würde. Doch dann starb Salinas. Auf diese selt­
same Art.«
Die Frau hörte ihm zu, regungslos.
Er fragte sie, ob er weiterreden solle.
»Reden Sie weiter«, sagte sie.
»Es stellte sich heraus, daß Uribe etwas damit zu

48
tun hatte.«
Die Frau sah ihn ausdruckslos an. Ihr Mund war
leicht geöffnet.
»Vielleicht war es auch Zufall, aber eigenartig
war es schon. Allmählich waren alle der Überzeu­
gung, daß dieses Mädchen etwas wußte. Heute ist
das schwer nachzuvollziehen, doch das waren
merkwürdige Zeiten damals. Nach dem Krieg ging
es mit dem Land voran, in unglaublichem Tempo,
und alles wurde vergessen. Doch viele hatten den
Krieg nie hinter sich gelassen und konnten nicht
richtig Fuß fassen in diesem glücklichen Land. Ich
gehörte auch dazu. Wir alle gehörten dazu. Für uns
war noch nichts vorbei. Und das Mädchen stellte
eine Gefahr dar. Wir diskutierten lange darüber.
Tatsache ist, daß Salinas’ Tod uns allen zu schaffen
machte. Also wurde beschlossen, daß man das Mäd­
chen irgendwie beseitigen mußte. Ich weiß, wie
verrückt sich das anhört, doch in Wirklichkeit war
alles sehr logisch: schrecklich und logisch. Sie be­
schlossen, das Kind zu beseitigen, und gaben dem
Grafen von Torrelavid den Auftrag, es zu tun.«
Der Mann schwieg einen Moment. Er betrachtete
seine Hände. Er schien seine Erinnerungen zu sortie­
ren.
»Das war jemand, der den ganzen Krieg über ein
doppeltes Spiel gespielt hatte. Er arbeitete für die
anderen, war aber unser Mann. Er ging zu Uribe und
fragte ihn, ob er es vorziehe, für den Mord an Sali­
nas in den Knast zu wandern oder zu verschwinden
und ihm seine Tochter zu überlassen. Uribe war ein
Feigling. Er hätte nur den Mund halten müssen, kein
Gericht hätte ihn einsperren können. Doch er hatte
Angst und verschwand. Er überließ das Mädchen

49
dem Grafen und verschwand. Er starb zehn Jahre
später, in einem abgelegenen Dorf hinter der Grenze.
Er hinterließ einen Brief, in dem er schrieb, er habe
nichts getan und Gott werde seine Feinde bis in die
Hölle verfolgen.«
Die Frau wandte sich ab, um ein Mädchen anzuse­
hen, das an der Theke des Cafés lehnte und laut
lachte. Dann nahm sie den Schal, der über ihrer Stuhl­
lehne hing, und legte ihn sich über die Schultern.
»Reden Sie weiter«, sagte sie.
Der Mann redete weiter.
»Alle warteten darauf, daß der Graf sie ver­
schwinden ließ. Doch das tat er nicht. Er nahm sie
bei sich auf. Sie gaben ihm zu verstehen, daß er sie
umbringen müsse. Doch er unternahm nichts und
versteckte sie weiterhin in seinem Haus. Irgendwann
sagte er: Wegen des Mädchens braucht ihr euch
keine Sorgen zu machen. Und heiratete sie. Monate­
lang sprach man in der Gegend von nichts anderem.
Doch dann machten die Leute sich keine Gedanken
mehr darüber. Das Mädchen wuchs heran und
schenkte dem Grafen drei Kinder. Niemand bekam
sie je zu Gesicht. Sie nannten sie Donna Sol, das war
der Name, den der Graf ihr gegeben hatte. Man
erzählte sich eine seltsame Geschichte über sie. Sie
würde nicht sprechen. Sie habe nie ein Wort gespro­
chen. Seit der Zeit bei Uribe habe niemand sie spre­
chen hören. Vielleicht war es eine Krankheit. Viel­
leicht war sie einfach so. Ohne zu wissen, warum,
fürchteten sich die Leute vor ihr.«
Die Frau lächelte. Sie strich sich das Haar nach
hinten, mit der Geste eines kleinen Mädchens.

50
Da es inzwischen spät geworden war, kam der Kell­
ner zu ihnen und fragte, ob sie etwas essen wollten.
In einer Ecke des Cafés hatten sich drei Typen hin­
gestellt und machten Musik. Sie spielten Tanzmusik.
Der Mann sagte, er habe keinen Hunger.
»Ich lade Sie ein«, sagte die Frau mit einem Lä­
cheln.
Der Mann fand das alles absurd. Doch die Frau
insistierte. Sie sagte, sie könnten ja ein Dessert
essen.
»Möchten Sie ein Dessert?«
Der Mann nickte.
»Gut, ein Dessert also. Wir hätten gern ein Des­
sert.«
Der Kellner sagte, das sei eine gute Idee. Er fügte
hinzu, sie könnten so lange bleiben, wie sie wollten.
Sie bräuchten sich keine Gedanken zu machen. Er
war ein junger Mann und sprach mit einem komi­
schen Akzent. Sie sahen, wie er zur Theke zurück­
ging und die Bestellung jemandem zurief, den sie
nicht sehen konnten.
»Kommen Sie oft hierher?« fragte die Frau.
»Nein.«
»Es ist schön hier.«
Der Mann schaute sich um. Er sagte, ja, das sei es.
»Haben Sie alle diese Geschichten von Ihren
Freunden gehört?«
»Ja.«
»Und glauben Sie ihnen?«
»Ja.«
Die Frau murmelte etwas. Dann bat sie den Mann,
ihr den Rest zu erzählen.
»Wozu soll das gut sein?«
»Tun Sie es, bitte.«

51
»Es ist nicht meine Geschichte, sondern Ihre. Sie
kennen sie besser als ich.«
»Nicht unbedingt.«
Der Mann schüttelte den Kopf.
Er betrachtete wieder seine Hände.
»Eines Tages stieg ich in den Zug und fuhr nach
Belsito. Inzwischen waren viele Jahre vergangen.
Ich konnte nachts wieder schlafen, und ich war von
Menschen umgeben, die mich nicht Tito nannten.
Ich dachte, ich hätte es geschafft, der Krieg sei
wirklich vorbei und es gebe nur noch eine Sache zu
erledigen. Ich stieg in den Zug und fuhr nach Belsi­
to, um dem Grafen die Geschichte mit der Falltür
und dem Mädchen zu erzählen. Er wußte, wer ich
war. Er war sehr höflich, er führte mich in die Bi­
bliothek, bot mir etwas zu trinken an und fragte
mich, wie er mir helfen könne. Ich sagte:
›Erinnern Sie sich an die Nacht, damals in Mato
Rujo?‹
Und er sagte:
›Nein.‹
›Die Nacht von Manuel Roca …‹
›Ich weiß nicht, wovon Sie reden.‹
Er sagte das sehr ruhig, sanft sogar. Er war sich
seiner Sache sicher. Er hatte keinen Zweifel.
Ich verstand. Wir unterhielten uns noch eine Wei­
le über die Arbeit und sogar über Politik, dann stand
ich auf und ging. Er ließ mich von einem Jungen
zum Bahnhof bringen. Ich erinnere mich an ihn, weil
er etwa vierzehn war, aber schon Auto fahren konn­
te, und sie ließen ihn.«
»Carlos«, sagte die Frau.
»Ich weiß nicht mehr, wie er hieß.«
»Das ist mein ältester Sohn. Carlos.«

52
Der Mann wollte etwas sagen, doch der Kellner
kam mit den Desserts. Er brachte auch eine neue
Flasche Wein. Er sagte, vielleicht hätten sie Lust,
ihn zu probieren, er würde sehr gut zu dem Dessert
passen. Dann machte er einen Witz über seine Che­
fin. Die Frau lachte, mit einer Kopfbewegung, die
Jahre zuvor unwiderstehlich gewesen wäre. Doch
der Mann nahm sie kaum wahr, er folgte seinen
Erinnerungen. Als der Kellner wieder fort war,
sprach er weiter.
»Bevor ich Belsito an jenem Tag verließ, ging ich
diesen langen Flur entlang, mit all den verschlosse­
nen Türen, und dachte, daß sie irgendwo in diesem
Haus war. Ich hätte sie gern gesehen. Ich hatte ihr
nichts zu sagen, aber ich hätte gern ihr Gesicht
wiedergesehen, nach so vielen Jahren, ein letztes
Mal. Genau das dachte ich, als ich diesen Flur ent­
langging. Und dann geschah etwas Merkwürdiges.
Auf einmal öffnete sich eine der Türen. Einen Mo­
ment lang war ich absolut sicher, daß sie darin er­
scheinen und neben mich treten würde, ohne ein
Wort zu sagen.«
Der Mann schüttelte leicht den Kopf.
»Doch nichts passierte, dem Leben fehlt immer
etwas zur Vollkommenheit.«
Die Frau hielt den Löffel in der Hand und betrach­
tete das Dessert auf ihrem Teller, als suchte sie nach
einem Schloß, um es zu öffnen.

Hin und wieder kam jemand an ihrem Tisch vorbei


und warf einen Blick auf die beiden. Es war ein
seltsames Paar. Ihre Gesten waren nicht die von

53
Menschen, die sich kannten. Doch sie sprachen sehr
vertraut miteinander. Sie war so gekleidet, als wollte
sie ihm gefallen. Keiner von ihnen trug einen Ring.
Man hätte meinen können, ein Liebespaar, aber
vielleicht Jahre zuvor. Oder Geschwister, wer weiß.
»Was wissen Sie noch über mich?« fragte die
Frau.
Der Mann kam auf den Gedanken, ihr dieselbe
Frage zu stellen. Doch nun hatte er angefangen zu
erzählen, und ihm wurde bewußt, daß er es gern tat,
vielleicht hatte er seit Jahren darauf gewartet, end­
lich alles zu erzählen, in einem schummrigen Café
mit drei Musikern in der Ecke, die den Dreiviertel­
takt auswendig gelernter Lieder skandierten.
»Zehn Jahre später kam der Graf bei einen Auto­
unfall ums Leben. Sie war allein mit den drei Kin­
dern, Belsito und all dem. Doch das gefiel den Ver­
wandten nicht. Sie behaupteten, sie sei verrückt,
man könne sie nicht mit den drei Kindern allein
lassen. Schließlich brachten sie die Angelegenheit
vor Gericht, und der Richter beschloß, daß sie recht
hatten. Man vertrieb sie aus Belsito und übergab sie
den Ärzten, in einer Heilanstalt in Santander. Rich­
tig?«
»Reden Sie weiter.«
»Angeblich haben ihre Kinder gegen sie ausge­
sagt.«
Die Frau spielte mit ihrem Löffel. Sie klimperte
damit gegen den Tellerrand. Der Mann fuhr fort.
»Ein paar Jahre später lief sie weg und ver­
schwand spurlos. Es hieß, Freunde hätten ihr zur
Flucht verholfen und würden sie nun irgendwo
verstecken. Aber Leute, die sie kannten, sagten, sie
hätte gar keine Freunde. Eine Zeitlang suchte man

54
sie. Dann gab man es auf. Man sprach nicht mehr
darüber. Viele glaubten, sie sei tot. Es gibt viele
Verrückte, die spurlos verschwinden.«
Die Frau sah von ihrem Teller auf.
»Haben Sie Kinder?« fragte sie.
»Nein.«
»Warum nicht?«
Der Mann antwortete, man müsse Vertrauen in die
Welt haben, um Kinder zu zeugen.

»Damals arbeitete ich noch in der Fabrik. Oben im


Norden. Ich hörte diese Geschichte über sie, über die
Anstalt und daß sie dort weggelaufen sei. Es hieß,
inzwischen liege sie wahrscheinlich irgendwo auf
dem Grund eines Flusses oder am Fuße einer Bö­
schung, wo sie früher oder später ein Landstreicher
finden würde. Es hieß, alles sei vorbei. Ich dachte
gar nichts. Ich war bestürzt, als ich hörte, sie hätte
den Verstand verloren, ich weiß noch, daß ich mich
fragte, an welcher Art Verrücktheit sie wohl er­
krankt war: ob sie kreischend durchs Haus rannte
oder einfach nur still in einer Ecke hockte und die
Bodendielen zählte, mit einer Schnur in der Hand
oder dem Kopf eines Rotkehlchens. Komisch, was
für eine Vorstellung man von Verrückten hat, wenn
man sie nicht kennt.«
Dann machte er eine lange Pause. Nach der Pause
sagte er:
»Vier Jahre später starb El Gurre.«
Er schwieg wieder eine Weile. Das Erzählen
schien ihm plötzlich furchtbar schwerzufallen.
»Sie fanden ihn mit einer Kugel im Rücken, das

55
Gesicht im Kuhmist vor seinem Stall.«
Er blickte zu der Frau auf.
»In seiner Tasche fand man einen Zettel. Auf dem
Zettel stand der Name einer Frau. Ihr Name.«
Er malte ein Zeichen in die Luft.
»Donna Sol.«
Er ließ seine Hand auf den Tisch zurücksinken.
»Es war wirklich seine Schrift. Diesen Namen
hatte er selbst geschrieben. Donna Sol.«
Die drei Musiker dort hinten stimmten eine Art
Walzer an, sie schummelten beim Takt und spielten
leise.
»Seit diesem Tag habe ich auf sie gewartet.«
Die Frau hatte den Kopf gehoben und starrte ihn
an.
»Ich begriff, daß nichts sie aufhalten konnte und
daß sie eines Tages auch zu mir kommen würde. Ich
habe nie daran geglaubt, daß sie mich hinterrücks
erschießen oder irgendwen zu mir schicken würde,
der mich nicht einmal kannte. Ich wußte, sie würde
kommen, sie würde mir ins Gesicht sehen, und sie
würde vorher mit mir sprechen. Denn ich war derje­
nige, der an jenem Abend die Falltür aufgemacht
hatte und dann wieder zu. Das hätte sie nicht verges­
sen.«
Der Mann zögerte noch einen Augenblick, dann
sagte er das einzige, was er noch sagen wollte.
»Ich habe dieses Geheimnis mein Leben lang mit
mir herumgeschleppt wie eine Krankheit. Ich habe
es verdient, hier mit ihr zu sitzen.«
Dann schwieg der Mann. Er spürte sein Herz ra­
sen, bis in die Fingerspitzen und die Schläfen. Er
dachte, daß er in einem Café saß, Auge in Auge mit
einer verrückten alten Dame, die jeden Moment

56
aufstehen konnte, um ihn zu töten. Er wußte, daß er
sie nicht daran hindern würde.
Der Krieg ist vorbei, dachte er.

Die Frau schaute sich um und warf hin und wieder


einen Blick auf ihren leeren Teller. Sie redete nicht,
und seit der Mann nicht mehr erzählte, sah sie ihn
nicht mehr an. Man hätte meinen können, sie säße
allein am Tisch und wartete auf jemanden.
Der Mann lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Er
wirkte jetzt kleiner und müde. Wie aus der Ferne
beobachtete er den Blick der Frau, der durch das
Café und über den Tisch wanderte: Er verweilte
überall, nur nicht bei ihm. Der Mann stellte fest, daß
er seinen Mantel immer noch anhatte, und vergrub
seine Hände in den Taschen. Der Kragen schnürte
ihm den Nacken ein, als hätte er sich zwei Steine in
die Taschen gesteckt. Er dachte an die Leute rings­
um und fand es komisch, daß niemand mitbekam,
was hier in diesem Moment geschah. Wenn man
zwei ältere Herrschaften so an einem Tisch sitzen
sieht, kommt man wohl kaum auf die Idee, daß sie
genau in diesem Moment zu allem fähig wären.
Doch so war es. Denn sie war ein Gespenst und er
ein Mann, dessen Leben seit langer Zeit vorbei war.
Wenn diese Leute das wüßten, dachte er, hätten sie
jetzt Angst.
Dann sah er, daß die Augen der Frau glänzten.
Wer weiß, wohin ihre Gedanken sie führen, fragte
er sich.
Das Gesicht war unbewegt, ausdruckslos. Nur die
Augen waren an diesem Punkt.

57
War das Weinen?
Er dachte noch, daß er nicht gern an diesem Ort
sterben würde, mit so vielen Zuschauern.
Dann begann die Frau zu reden, und was die bei­
den sich sagten, war dies:
»Uribe hob die Karten des Grafen vom Tisch auf,
ließ sie langsam durch seine Finger gleiten und
deckte eine nach der anderen auf. Ich glaube nicht,
daß er in diesem Augenblick daran dachte, was er
verlor. Bestimmt dachte er daran, was er nicht ge­
wann. Ich bedeutete ihm nicht viel. Er stand auf und
verabschiedete sich höflich von der Gesellschaft.
Keiner lachte, keiner hatte den Mut, etwas zu sagen.
Solche Karten hatten sie dort noch nie gesehen. Nun
sagen Sie mir: Warum sollte diese Geschichte weni­
ger wahr sein als die, die Sie mir erzählt haben?«
»…«
»…«
»…«
»Mein Vater war ein wunderbarer Vater. Das
glauben Sie nicht? Und warum nicht? Warum sollte
diese Geschichte weniger wahr sein als die Ihre?«
»…«
»Wir können uns noch so sehr anstrengen, nur ein
Leben zu leben, die anderen werden dennoch tau­
send andere darin entdecken, und deshalb ist es
unvermeidlich, daß wir einander weh tun.«
»…«
»Wissen Sie, daß ich alles über jenen Abend weiß,
mich aber an fast nichts erinnern kann? Ich war da
unten, ich konnte nichts sehen, aber ich hörte etwas,
und was ich hörte, war so absurd, daß es mir wie ein
Traum schien. In diesem Feuer löste sich alles in
Luft auf. Kinder besitzen ein besonderes Talent zu

58
vergessen. Aber dann erzählte man mir davon, daher
weiß ich alles. Haben sie mich angelogen? Ich weiß
es nicht. Diese Frage konnte ich mir nie stellen. Sie
kamen mit den anderen ins Haus, Sie haben auf ihn
geschossen, dann hat Salinas auf ihn geschossen,
und am Ende steckte El Gurre ihm den Lauf seiner
Maschinenpistole in den Hals und ließ seinen Kopf
mit einer kurzen, trockenen Salve explodieren.
Woher ich das weiß? Er hat es erzählt. Er erzählte
gern davon. Er war eine Bestie. Ihr wart alle Bestien.
Das seid ihr Männer immer im Krieg, wie soll Gott
euch das verzeihen?«
»Hören Sie auf.«
»Schauen Sie sich doch an, Sie sehen aus wie ein
ganz normaler Mensch, mit Ihrem abgetragenen
Mantel, und wenn Sie die Brille abnehmen, stecken
Sie sie ordentlich in ihr graues Etui. Sie wischen
sich mit der Serviette über den Mund, bevor Sie
trinken, die Fenster Ihrer Lotteriebude sind geputzt,
und wenn Sie über die Straße gehen, schauen Sie
gründlich nach rechts und links, Sie sind ein ganz
normaler Mensch. Und doch haben Sie zugesehen,
wie mein Bruder ohne Grund starb, nur ein Kind mit
einem Gewehr in der Hand, ein Feuerstoß und aus,
Sie waren dabei, und Sie haben nichts getan, Herr­
gott, Sie waren zwanzig, kein kaputter alter Mann,
Sie waren ein junger Mann von zwanzig Jahren, und
Sie haben nichts unternommen, tun Sie mir einen
Gefallen?, können Sie mir erklären, wie all das
möglich ist?, können Sie mir irgendwie erklären, wie
so etwas geschehen kann, das ist nicht der Alptraum
eines Kranken, das ist tatsächlich geschehen, sagen
Sie mir, wie ist das möglich?«
»Wir waren Soldaten.«

59
»Was soll das heißen?«
»Wir befanden uns im Krieg.«
»In welchem Krieg? Der Krieg war vorbei.«
»Nicht für uns.«
»Nicht für Sie?«
»Sie wissen nicht das geringste.«
»Dann sagen Sie mir, was ich nicht weiß.«
»Wir glaubten an eine bessere Welt.«
»Was soll das heißen?«
»…«
»Was soll das heißen?«
»Wir konnten nicht mehr zurück, wenn die Leute
anfangen, sich gegenseitig umzubringen, kann man
nicht mehr zurück. Wir wollten nicht, daß es soweit
kommt, die anderen haben angefangen, und dann
konnte man nichts mehr dran ändern.«
»Was heißt das, ›eine bessere Welt‹?«
»Eine gerechte Welt, in der die Schwachen nicht
unter der Bosheit der anderen leiden müssen und in
der jeder das Recht hat, glücklich zu sein.«
»Und daran haben Sie geglaubt?«
»Natürlich habe ich daran geglaubt, wir haben alle
daran geglaubt, das war möglich, und wir wußten
auch, wie.«
»Das wußten Sie?«
»Das finden Sie so merkwürdig?«
»Ja.«
»Wir wußten es trotzdem. Und wir haben dafür
gekämpft, wir wollten das Richtige tun.«
»Indem Sie Kinder erschossen?«
»Ja, wenn es sein mußte.«
»Was reden Sie denn da?«
»Sie können das nicht verstehen.«
»Doch, das kann ich, erklären Sie es mir, dann

60
werde ich es verstehen.«
»Das ist wie mit der Erde.«
»…«
»…«
»…«
»Bevor man etwas säen kann, muß man pflügen.
Erst muß man die Erde umgraben.«
»…«
»Man mußte durch den Schmerz gehen, verstehen
Sie?«
»Nein.«
»Bevor wir das errichten konnten, was wir an­
strebten, mußten wir erst eine Menge zerstören, es
ging nicht anders, wir mußten Schmerzen ertragen
und zufügen können, wer am meisten Schmerz
aushielt, war der Sieger, man kann nicht von einer
besseren Welt träumen und erwarten, daß sie sie dir
geben, bloß weil du es willst, die hätten nie klein
beigegeben, man mußte darum kämpfen, und wenn
man das erst einmal begriffen hatte, machte es kei­
nen Unterschied mehr, ob es Alte waren oder Kin­
der, Freunde oder Feinde, man grub die Erde um, da
war nichts zu machen, ohne Leiden ging es nicht.
Und wenn alles zu entsetzlich schien, hatten wir
immer noch unseren Traum, der uns rettete, wir
wußten, wie hoch auch immer der Preis sein würde,
die Belohnung würde unermeßlich sein, denn wir
kämpften nicht um eine Handvoll Geld oder ein
Stück Ackerland oder eine Fahne, sondern für eine
bessere Welt, verstehen Sie, was das heißt? Wir
verhalfen Millionen von Menschen wieder zu einem
anständigen Leben, sie sollten glücklich sein und in
Würde leben und sterben können, ohne mit Füßen
getreten oder ausgelacht zu werden, wir waren

61
nichts, sie waren alles, Millionen von Menschen, für
sie waren wir da, was bedeutet schon ein Kind, das
vor einer Wand stirbt, oder zehn Kinder oder hun­
dert, die Erde mußte umgegraben werden, und wir
haben es getan, Millionen anderer Kinder warteten
darauf, daß wir es taten, und wir taten es, vielleicht
sollten Sie –«
»Glauben Sie das wirklich?«
»Natürlich glaube ich das.«
»Nach all den Jahren glauben Sie das immer
noch?«
»Warum sollte ich das nicht?«
»Den Krieg habt ihr gewonnen. Halten Sie das
hier für eine bessere Welt?«
»Die Frage habe ich mir nie gestellt.«
»Das stimmt nicht. Diese Frage haben Sie sich
tausendmal gestellt, Sie haben nur Angst, sie zu
beantworten. Genauso, wie Sie sich tausendmal die
Frage gestellt haben, was Sie damals auf Mato Rujo
zu suchen hatten, warum Sie weiterkämpften, ob­
wohl der Krieg schon längst vorbei war, warum Sie
einen Mann, den Sie nie zuvor gesehen hatten, kalt­
blütig ermordeten, ohne ihm das Recht auf eine
Gerichtsverhandlung zuzugestehen, ihn einfach
ermordeten, nur weil Sie einmal mit dem Töten
angefangen hatten und nicht mehr aufhören konnten.
In all den Jahren haben Sie sich tausendmal gefragt,
warum Sie in diesem Krieg gekämpft haben, und die
ganze Zeit schwirrte Ihnen Ihre bessere Welt durch
den Kopf, nur damit Sie nicht an jenen Tag denken
mußten, als man Ihnen die Augen Ihres Vaters über­
brachte, und um all die anderen Ermordeten nicht
wiedersehen zu müssen, die heute wie damals Ihr
Gedächtnis bevölkern, eine unerträgliche Erinnerung

62
und der einzige wahre Grund, warum Sie kämpften,
warum Sie nichts anderes im Sinn hatten, als sich zu
rächen, mittlerweile müßten Sie das Wort Rache
aussprechen können, Sie mordeten aus Rache, ihr
alle habt aus Rache gemordet, kein Grund, sich zu
schämen, es ist das einzige Heilmittel gegen den
Schmerz, das einzige, das man gefunden hat, um
nicht verrückt zu werden, mit dieser Droge wappnen
sie uns für den Kampf, doch ihr seid nicht mehr
davon losgekommen, sie hat euer ganzes Leben
zerstört, es mit Gespenstern angefüllt, ihr habt euer
ganzes Leben zerstört, um vier Jahre Krieg zu über­
stehen, und jetzt wißt ihr nicht einmal mehr –«
»Das stimmt nicht.«
»Jetzt erinnert ihr euch nicht einmal mehr, was
das Leben überhaupt ist.«
»Was wissen Sie schon davon?«
»Ja, was weiß ich schon, ich bin nur eine verrück­
te Alte, stimmt’s?, ich kann das nicht verstehen, ich
war damals nur ein kleines Mädchen, was weiß ich
schon?, ich kann Ihnen sagen, was ich weiß, ich lag
in einem Loch in der Erde, dann kamen drei Männer,
nahmen meinen Vater, und dann –«
»Hören Sie auf.«
»Gefällt Ihnen die Geschichte nicht?«
»Ich bereue nichts, man mußte kämpfen, und wir
haben gekämpft, wir haben nicht zu Hause hinter
verschlossenen Fenstern darauf gewartet, daß es
vorübergeht, wir sind aus unseren Erdlöchern gekro­
chen und haben getan, was wir tun mußten, das ist
die Wahrheit, alles andere können Sie jetzt sagen,
Sie können so viele Gründe suchen, wie Sie wollen,
aber jetzt ist das etwas anderes, man muß dabeige­
wesen sein, um zu verstehen, Sie waren nicht dabei,

63
Sie waren ein kleines Mädchen, Sie können nichts
dafür, daß Sie es nicht verstehen.«
»Erklären Sie es mir, damit ich es verstehe.«
»Jetzt bin ich müde.«
»Wir haben alle Zeit der Welt, erklären Sie, ich
höre Ihnen zu.«
»Bitte, lassen Sie mich in Ruhe.«
»Warum?«
»Tun Sie, was Sie tun müssen, aber lassen Sie
mich in Ruhe.«
»Wovor haben Sie Angst?«
»Ich habe keine Angst.«
»Was ist es dann?«
»Ich bin müde.«
»Wovon?«
»…«
»…«
»Bitte …«
»…«
»…«
»…«
»Bitte.«
Die Frau senkte den Blick. Dann rückte sie vom
Tisch ab und lehnte sich auf dem Stuhl zurück. Sie
blickte sich um, als merkte sie erst jetzt, ganz plötz­
lich, wo sie war. Der Mann saß da: Er rang die
Hände und malträtierte seine Finger, doch das war
das einzige, was sich in ihm rührte.
Im hinteren Teil des Cafés spielten die drei Män­
ner Lieder aus früheren Zeiten. Es wurde getanzt.
Eine Weile saßen sie so da, schweigend.
Dann sagte die Frau etwas über ein Fest viele Jah­
re zuvor, auf dem ein berühmter Sänger sie zum
Tanz aufgefordert hatte. Sie erzählte mit leiser

64
Stimme, er sei schon alt gewesen, habe sich jedoch
mit großer Leichtigkeit bewegt, und bevor die Musik
endete, erklärte er ihr, das Schicksal einer Frau sei
eingeschrieben in ihrer Art zu tanzen. Dann sagte er
zu ihr, sie tanze, als ob es eine Sünde wäre.
Die Frau lachte und blickte sich wieder um.
Dann erzählte sie noch etwas. Über den Abend auf
Mato Rujo. Sie sagte, sie habe keine Angst gehabt,
als die Falltür aufging. Sie habe sich umgedreht, um
das Gesicht dieses Jungen zu sehen, und alles sei ihr
ganz natürlich vorgekommen, sogar selbstverständ­
lich. Sie sagte, auf eine gewisse Weise habe ihr
gefallen, was geschah. Dann habe er die Falltür
wieder geschlossen, und da habe sie schon Angst
bekommen, so große Angst habe sie in ihrem ganzen
Leben nie mehr gehabt. Die erneute Dunkelheit, das
Geräusch der Körbe, die wieder über ihrem Kopf
zurechtgeschoben wurden, die Schritte des Jungen,
die sich entfernten. Sie habe sich für verloren gehal­
ten. Und diese Angst habe sie nie mehr verlassen.
Sie schwieg einen Augenblick, dann fügte sie hinzu,
der Verstand eines Kindes sei eigenartig. Ich glaube,
in diesem Moment hatte ich nur einen Wunsch, sagte
sie: daß der Junge mich mitnahm.
Dann sagte sie noch andere Dinge, über Kinder
und über die Angst, die der Mann jedoch nicht hörte,
denn er suchte nach den passenden Worten für et­
was, was er der Frau gern erzählen wollte. Er wollte
ihr sagen, als er sie an jenem Abend in ihrem Loch
zusammengekauert liegen sah, so ordentlich und rein
– so rein –, da habe er eine Art Frieden empfunden,
wie er es später nie wieder erlebt habe, oder nur
selten, angesichts einer Landschaft oder wenn er
einem Tier in die Augen sah. Er hätte ihr dieses

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Gefühl gern ganz genau geschildert, doch er wußte,
daß das Wort Frieden nicht ausreichte, um zu be­
schreiben, was er erlebt hatte, allerdings fiel ihm
nichts anderes ein, außer vielleicht der Gedanke,
etwas vor sich zu haben, das unendlich vollkommen
war. Wie so oft in der Vergangenheit spürte er, wie
schwer es war, all das, was ihm im Krieg widerfah­
ren war, beim Namen zu nennen, als gäbe es einen
Zauber, der bewirkte, daß jene, die gelebt hatten,
nicht erzählen konnten, und es denen, die erzählen
konnten, nicht bestimmt gewesen war zu leben. Er
schaute zu der Frau auf und sah sie reden, doch er
schaffte es nicht, ihr zuzuhören, denn seine Gedan­
ken trugen ihn wieder fort, und er war zu müde, um
sich dagegen zu wehren. Also blieb er einfach so
sitzen, nach hinten gelehnt, und tat nichts weiter, bis
er zu weinen anfing, ohne sich dafür zu schämen,
ohne auch nur das Gesicht in den Händen zu ver­
stecken, er versuchte auch nicht, seine Gesichtszüge
zu beherrschen, die sich zu einer pathetischen Gri­
masse verzogen, während die Tränen in seinen
Hemdkragen rollten, seinen Hals hinunterflossen,
der weiß war und schlecht rasiert, wie bei allen alten
Männern dieser Welt.
Die Frau hielt inne. Sie hatte nicht gleich bemerkt,
daß er angefangen hatte zu weinen, und nun wußte
sie nicht recht, was sie tun sollte. Sie lehnte sich
leicht über den Tisch und murmelte etwas, ganz
leise. Dann drehte sie sich intuitiv zu den anderen
Tischen um und sah, daß zwei Jungen, die in der
Nähe saßen, den Mann ansahen, und einer von ihnen
lachte. Da rief sie ihm etwas zu, und als der Junge
sich zu ihr umwandte, sah sie ihm in die Augen und
sagte laut:

66
»Arschloch.«
Dann füllte sie das Glas des Mannes mit Wein und
schob es zu ihm. Sie sagte nichts mehr. Sie lehnte
sich wieder zurück. Der Mann weinte immer noch.
Hin und wieder warf sie den anderen böse Blicke zu,
wie ein Weibchen vor einer Höhle mit Jungtieren.

»Wer sind die beiden?« fragte die Frau hinter dem


Tresen.
Der Kellner begriff, daß sie die beiden Alten dort
meinte.
»Alles in Ordnung«, sagte er.
»Kennst du sie?«
»Nein.«
»Der Alte hat vorhin geweint.«
»Ich weiß.«
»Die sind doch nicht betrunken …?«
»Nein, ist schon in Ordnung.«
»Aber müssen sie denn ausgerechnet hier …«
Der Kellner fand nichts Schlimmes daran, in ei­
nem Café zu weinen. Doch er sagte nichts. Es war
der junge Mann mit dem komischen Akzent. Er
stellte drei leere Gläser auf den Tresen und ging
wieder zu den Tischen.
Die Frau wandte sich den beiden Alten zu und be­
trachtete sie eine Weile.
»Sie muß mal eine schöne Frau gewesen sein …«
Sie sagte das laut, obwohl ihr niemand zuhörte.
Als sie jung war, hatte sie davon geträumt, Film­
schauspielerin zu werden. Alle sagten, sie sei so ein
flottes Mädchen, und sie sang und tanzte gern. Sie
besaß eine schöne Stimme, recht alltäglich, aber

67
schön. Dann lernte sie einen Kosmetikvertreter
kennen, der sie mit in die Hauptstadt nahm, um
Fotos für eine Nachtcreme zu machen. Sie hatte die
Fotos gefaltet, in einen Umschlag gesteckt und,
zusammen mit etwas Geld, nach Hause geschickt.
Ein paar Monate lang versuchte sie es mit Singen,
doch das kam nicht richtig in Gang. Mit den Fotos
hatte sie mehr Glück. Nagellack, Lippenstift und
einmal eine Art Tropfen gegen gerötete Augen. Das
Kino hatte sie aufgegeben. Angeblich mußte man
mit jedem ins Bett gehen, und das wollte sie nicht.
Eines Tages erfuhr sie, daß Ansagerinnen für das
Fernsehen gesucht wurden. Sie ging zu den Probe­
aufnahmen. Da sie flott war und eine schöne, alltäg­
liche Stimme hatte, bestand sie die ersten drei Run­
den und landete am Ende auf Platz zwei. Sie sagten,
sie könne warten, vielleicht würde der Posten ja frei.
Sie wartete. Zwei Monate darauf wurde sie Rund­
funkansagerin, im ersten staatlichen Sender.
Eines Tages ging sie zurück nach Hause.
Sie hatte vorteilhaft geheiratet.
Nun besaß sie ein Café in der Innenstadt.
Die Frau – die am Tisch – beugte sich ein wenig
vor. Der Mann hatte vor einer Weile aufgehört zu
weinen. Er hatte ein großes Taschentuch aus der
Tasche gezogen und seine Tränen getrocknet. Er
hatte gesagt:
»Verzeihen Sie.«
Dann hatten sie nicht mehr gesprochen.
Es schien tatsächlich, als gäbe es für die beiden
nichts mehr zu verstehen, miteinander.
Und doch beugte sich die Frau irgendwann zu
dem Mann vor und sagte:
»Ich muß Ihnen eine etwas dumme Frage stellen.«

68
Der Mann schaute zu ihr auf.
Die Frau sah völlig ernst aus.
»Würden Sie mit mir schlafen?«
Der Mann schaute sie nach wie vor an, regungslos
und stumm.
Die Frau fürchtete einen Moment, sie habe gar
nichts gesagt, sondern nur daran gedacht, diese
Frage zu stellen, es dann aber doch nicht geschafft.
Also wiederholte sie sie langsam.
»Würden Sie mit mir schlafen?«
Der Mann lächelte.
»Ich bin alt«, sagte er.
»Ich auch.«
»…«
»…«
»Tut mir leid, aber wir sind alt«, sagte der Mann
dann.
Die Frau merkte, daß sie daran gar nicht gedacht
hatte und zu diesem Thema nichts sagen konnte. Da
kam ihr etwas anderes in den Sinn, und sie sagte:
»Ich bin nicht verrückt.«
»Es ist egal, ob Sie verrückt sind. Wirklich. Mir
ist das egal. Das ist es nicht.«
Die Frau überlegte kurz, dann sagte sie:
»Machen Sie sich keine Sorgen, wir können in ein
Hotel gehen, suchen Sie eins aus. Ein Hotel, das
niemand kennt.«
Da glaubte der Mann zu begreifen.
»Sie möchten, daß wir in ein Hotel gehen?« fragte
er.
»Ja. Das würde ich gern. Bringen Sie mich in ein
Hotel.«
Er sagte langsam:
»Ein Hotelzimmer.«

69
Er sagte es, als könnte er sich das Zimmer besser
vorstellen, es besser sehen, wenn er es beim Namen
nannte, und so herausfinden, ob er gern dort sterben
würde.
Die Frau sagte, er brauche keine Angst zu haben.
»Ich habe keine Angst«, sagte er.
Ich werde nie mehr Angst haben, dachte er.
Die Frau lächelte, denn er schwieg, und das schien
ihr eine Art, ja zu sagen.
Sie suchte etwas in ihrer Tasche, dann zog sie eine
Geldbörse hervor und schob sie ihm über den Tisch.
»Zahlen Sie hiermit. Ich mag es nicht, wenn Frau-
en im Café zahlen, wissen Sie, aber Sie waren mein
Gast, darauf bestehe ich. Nehmen Sie mein Porte­
monnaie. Und geben Sie es mir zurück, wenn wir
draußen sind.«
Der Mann nahm die Geldbörse. Er dachte an einen
alten Mann, der mit einem Portemonnaie aus
schwarzem Atlasstoff zahlte.

Sie durchquerten die Stadt in einem Taxi, das neu


aussah und noch Zellophanhüllen über den Sitzen
hatte. Die Frau schaute die ganze Zeit aus dem
Fenster. Diese Straßen hatte sie noch nie gesehen.
Vor einem Hotel mit dem Namen California stie­
gen sie aus. Der vertikale Schriftzug erstreckte sich
über alle vier Stockwerke des Gebäudes. Er bestand
aus großen roten Lettern, die nacheinander aufleuch­
teten. Wenn der Name vollständig war, blinkte er
einen Moment, dann erlosch er und begann wieder
bei dem ersten Buchstaben. C. Ca. Cal. Cali. Calif.
Califo. Califor. Californ. Californi. California. Cali­

70
fornia. California. California. California. Dunkel.
Eine Weile blieben sie Seite an Seite draußen ste­
hen und betrachteten das Hotel. Dann sagte die Frau:
Gehen wir und ging auf den Eingang zu. Der Mann
folgte ihr.
Der Typ an der Rezeption sah sich ihre Papiere an
und fragte, ob sie ein Doppelzimmer wünschten.
Seiner Stimme war nichts anzumerken.
»Was gerade frei ist«, antwortete die Frau.
Sie nahmen ein Zimmer, das auf die Straße hi­
nausging, im dritten Stock. Der Typ von der Rezep­
tion entschuldigte sich, daß es keinen Aufzug gab,
und bot sich an, ihr Gepäck hinaufzutragen.
»Wir haben kein Gepäck. Es ist verlorengegan­
gen«, sagte die Frau.
Der Typ lächelte. Er war ein anständiger Kerl. Als
sie auf der Treppe verschwanden, blickte er ihnen
nach, ohne schlecht über sie zu denken.
Sie betraten das Zimmer, und keiner von beiden
schaltete das Licht an. Von draußen warf die Leucht­
reklame einen trägen roten Schein auf Wände und
Dinge. Die Frau stellte ihre Handtasche auf einen
Stuhl und trat ans Fenster. Sie schob die durchsichti­
gen Vorhänge beiseite und sah eine Weile auf die
Straße hinunter. Hin und wieder fuhr ein Auto vor­
bei, ohne Eile. Auf der Wand des Hauses gegenüber
erzählten die erleuchteten Fenster von den trauten
Abenden dieser kleinen Welt, fröhlich oder tragisch
– wie gewohnt. Sie drehte sich um, zog ihren Schal
aus und legte ihn auf einen kleinen Tisch. Der Mann
stand in der Mitte des Zimmers und wartete.
Er fragte sich, ob er sich auf das Bett setzen oder
vielleicht irgend etwas über diesen Ort sagen sollte,
zum Beispiel, daß er gar nicht so übel sei. Die Frau

71
sah ihn in seinem Mantel dastehen, er kam ihr ein­
sam und gehetzt vor, wie der Held in einem Film.
Sie ging zu ihm, knöpfte seinen Mantel auf, ließ ihn
über seine Schultern gleiten und zu Boden fallen. Sie
waren einander so nah. Sie sahen sich in die Augen,
und es war das zweitemal in ihrem Leben. Dann
beugte er sich ganz langsam zu ihr, denn er hatte
beschlossen, sie auf den Mund zu küssen. Sie rührte
sich nicht und sagte leise: Machen Sie sich nicht
lächerlich. Der Mann hielt inne und blieb so stehen,
leicht nach vorn gebeugt, mit dem präzisen Gefühl
im Herzen, daß alles zu Ende ging. Doch die Frau
hob langsam ihre Arme, machte einen Schritt nach
vorn und umarmte ihn, erst sanft, dann klammerte
sie sich mit verzweifelter Kraft an ihn, den Kopf an
seine Schulter gelehnt, und ihr ganzer Körper streck­
te sich dem seinen suchend entgegen. Die Augen des
Mannes waren offen. Vor sich sah er das Fenster
blinken. Er spürte den Körper der Frau, die ihn an
sich drückte, und ihre leichten Hände in seinem
Haar. Er schloß die Augen. Nahm die Frau in seine
Arme. Und drückte sie mit der ganzen Kraft eines
alten Mannes an sich.
Als sie sich auszuziehen begann, sagte sie lä­
chelnd:
»Erwarten Sie bitte nicht zuviel.«
Als er sich auf sie legte, sagte er lächelnd:
»Sie sind wunderschön.«

Aus einem benachbarten Zimmer drangen die Klän­


ge eines Radios, kaum hörbar. Der Mann lag, völlig
nackt, auf dem Rücken in dem großen Bett, starrte

72
an die Decke und fragte sich, ob sich sein Kopf vor
Müdigkeit drehte oder ob daran der Wein schuld
war, den er getrunken hatte. Die Frau lag regungslos
neben ihm, mit geschlossenen Augen, ihm zuge­
wandt, den Kopf auf dem Kissen. Sie hielten sich an
der Hand. Der Mann hätte sie gern noch reden ge­
hört, doch er wußte, daß es nichts mehr zu sagen
gab, daß in diesem Moment jedes Wort lächerlich
gewesen wäre. Deshalb schwieg er, die Schläfrigkeit
ließ seine Gedanken verschwimmen und sandte ihm
eine vage Erinnerung an das, was an diesem Abend
passiert war. Die Nacht draußen war rätselhaft, und
die Zeit, in der er sich verlor, unermeßlich. Er dach­
te, er müsse der Frau dankbar sein, daß sie ihn an der
Hand genommen und hierhergeführt hatte, Schritt
für Schritt, wie eine Mutter ihr Kind. Sie hatte es mit
Weisheit getan und ohne Eile. Nun würde das, was
noch zu tun blieb, nicht schwierig sein.
Er drückte die Hand der Frau in der seinen, und
sie erwiderte seinen Händedruck. Er hätte sich gern
umgewandt und sie angesehen, doch statt dessen ließ
er ihre Hand los, drehte sich auf die Seite und kehrte
ihr den Rücken zu. Ihm schien, als sei es das, was
sie von ihm erwartete. Eine Geste, die ihr die Frei­
heit zum Nachdenken ließ und ihr gewissermaßen
die Einsamkeit schenkte, um über den letzten Schritt
zu entscheiden. Er spürte, wie der Schlaf ihn fort­
trug. Ihm kam noch in den Sinn, daß es ihm leid tat,
nackt zu sein, denn so würde man ihn finden, und
alle würden ihn ansehen. Doch er hatte nicht den
Mut, das der Frau zu sagen. Also drehte er den Kopf
ein wenig zu ihr, nicht genug, um sie sehen zu kön­
nen, und sagte:
»Ich möchte, daß Sie meinen Namen wissen. Ich

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heiße Pedro Cantos.«
Die Frau wiederholte ihn langsam.
»Pedro Cantos.«
Der Mann sagte:
»Ja.«
Dann legte er seinen Kopf zurück auf das Kissen
und schloß die Augen.
In Gedanken wiederholte Nina den Namen ein
paarmal. Er kullerte davon, wie eine glatte Glas­
murmel. Auf einem schiefen Tablett.
Sie drehte sich um und blickte zu ihrer Tasche, die
auf einem Stuhl an der Tür stand. Sie dachte daran,
sie zu holen, doch sie tat es nicht und blieb im Bett
liegen. Sie dachte an die Lotteriebude, an den Kell­
ner im Café, an das Taxi mit den zellophanverpack­
ten Sitzen. Sie sah den weinenden Pedro Cantos vor
sich, die Hände in den Taschen seines Mantels
vergraben. Sie sah ihn, wie er sie streichelte, und
dabei nicht zu atmen wagte. Diesen Tag werde ich
nie vergessen, dachte sie.
Dann drehte sie sich um, rückte näher an Pedro
Cantos und tat das, wofür sie gelebt hatte. Sie kauer­
te sich hinter ihm zusammen: zog die Knie an ihre
Brust, legte die Füße so aufeinander, daß ein Bein
perfekt auf dem anderen ruhte, die Schenkel sich
sanft aneinanderschmiegten, die Knie in der Balance
wie zwei aufeinandergestellte Tassen, die Knöchel
von einem Nichts getrennt; sie beugte die Schultern
ein wenig vor und schob die gefalteten Hände zwi­
schen ihre Beine. Sie betrachtete sich. Sie sah ein
altes Mädchen. Sie lächelte. Schale und Tier.
Dann dachte sie, so unbegreiflich das Leben auch
ist, daß wir es wahrscheinlich mit dem einen
Wunsch durchschreiten, zu der Hölle zurückzukeh­

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ren, die uns hervorgebracht hat, um dort Seite an
Seite zu weilen mit dem, der uns einmal aus dieser
Hölle gerettet hat. Sie fragte sich, wo diese absurde
Treue zum Schrecken herrührte, mußte jedoch fest­
stellen, daß sie keine Antwort darauf hatte. Sie
wußte nur, daß nichts so stark ist wie der Instinkt,
dorthin zurückzukehren, wo wir vernichtet wurden,
und diesen Moment jahrelang zu wiederholen. Nur
weil wir denken, wer uns einmal gerettet hat, könne
es für immer tun. Eine ewige Hölle, identisch mit
jener, aus der wir kommen. Doch auf einmal gütig.
Und ohne Blut.
Das Schild draußen betete seinen Rosenkranz aus
roten Lichtern. Es sah aus wie der Feuerschein eines
brennenden Hauses.
Nina legte die Stirn an Pedro Cantos’ Rücken. Sie
schloß die Augen und schlief ein.

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DANKSAGUNG
Ich begann dieses Buch zu schreiben, als ich Gast im
Isabella Stewart Gardner Museum in Boston war.
Das ist ein seltsamer Ort. Eine Art venezianisches
Patrizierhaus. Nur ohne Venedig. Das existierte nur
in der Phantasie der Gründerin, einer amerikani­
schen Sammlerin, die in diesen Räumen einen riesi­
gen Schatz von Kunstwerken anhäufte und ihren
Nachkommen unter einer einzigen Bedingung ver­
machte: daß sie nichts umstellten. Daher ist alles so
geblieben, wie sie es wollte. Es ist, als besuchte man
eine milliardenschwere Tante in Amerika. Das ist
eine Reise wert, wie man so schön sagt.
Ich möchte an dieser Stelle Pieranna Cavalchini
und mit ihr alle Mitarbeiter des Museums erwähnen,
die in jenen Tagen mit bostonianischer Diskretion in
meiner Nähe weilten. Ihnen verdanke ich die Stille,
ohne die keine Geschichte beginnen kann.

A. B.

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