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Peter Bofinger
aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Peter Bofinger (* 18. September 1954 in Pforzheim) ist ein deutscher Ökonom und
Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Würzburg. Seit März 2004 ist er
Mitglied im Sachverständigenratzur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen
Entwicklung.

Inhaltsverzeichnis
1 Leben
2 Mitgliedschaften
3 WirtschaftspolitischeStandpunkte
3.1 Lohnpolitik
3.2 Geld- und Währungspolitik
Peter Bofinger
3.3 Fiskalpolitik
3.4 Steuer- und Abgabenbelastung
4 Werke (Auswahl)
5 Weblinks
6 Einzelnachweise

Leben
Peter Bofinger studierte ab 1973 bis zum Abschluss als Diplom-Volkswirt an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken.
Von 1978 bis 1981 war er wissenschaftlicherMitarbeiterim Stab der „Wirtschaftsweisen“. Promoviert wurde er 1984 mit
einer Arbeit über „Währungswettbewerb. Eine systematische Darstellung und kritische Würdigung von Friedrich August von
Hayeks Plänen zu einer grundlegenden Neugestaltung unserer Währungsordnung“. Von 1985 bis 1990 war er
wissenschaftlicherMitarbeiterund ab 1987 Bundesbank-Oberrat in der Volkswirtschaftlichen Abteilung der
Landeszentralbank in Baden-Württemberg.

1990 habilitierteer sich an der Rechts- und WirtschaftswissenschaftlichenFakultät der Saarbrücker Universität. In den Jahren
1990 und 1991 vertrat er die C3-Professur für Volkswirtschaftslehre an der Universität Kaiserslauternund 1991 die C4-
Professur für Wirtschaftspolitikan der Universität Konstanz. 1991 und 1992 hatte er die Vertretung des C4 -Lehrstuhls für
Volkswirtschaftslehre, Geld und Wirtschaftsbeziehungenan der Universität Würzburg, im August 1992 übernahm er die
ordentliche Professur. Ab Oktober 2003 war er für ein Jahr Erster Vizepräsident der Universität Würzburg. 2003 erschien sein
Lehrbuch Grundzüge der Volkswirtschaftslehre.

Im März 2004 wurde er auf Empfehlung der Gewerkschaften in den Sachverständigenratzur Begutachtung der
gesamtwirtschaftlichenEntwicklung berufen, den sogenannten fünf Wirtschaftsweisen.

Mitgliedschaften
Mitglied im WissenschaftlichenBeirat des ÖsterreichischenInstitutsfür Wirtschaftsforschung
Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften(Verein für Socialpolitik), Ausschuss für Geldtheorie und
Geldpolitik
Research Fellow des Centre for Economic Policy Research, London
Vorstand der Irving-Fisher-Gesellschaft für Wirtschafts- und Währungsfragen, Würzburg
Herausgebergremium: InternationalJournal of Finance & Economics
Mitglied im Sachverständigenratzur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichenEntwicklung
Herausgeberkreis der Blätter für deutsche und internationalePolitik (seit Mai 2011 )[1]

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Institutefor New Economic Thinking (Inet)

Wirtschaftspolitische Standpunkte
Bofinger gilt als der führende Vertreter der nachfrageorientiertenWirtschaftspolitikin Deutschland und vertrittdamit eine
Minderheitenposition.[2] In Interviews, Büchern[3] und Stellungnahmen – vor allem im Sachverständigenrat– betont er, dass
insbesondere in Deutschland die Nachfrageseite vernachlässigtund die Symbiose zwischen Nachfrage und Angebot nicht
beachtet werde. Die meisten deutschen Ökonomen neigten eher dazu, die Angebotsseite zu betonen. Bofinger war folglich
auch einer der wenigen deutschen Ökonomen, die sich gegen die Kernforderungen der Agenda 2010 und die Hartz-Reformen
ausgesprochen haben, da er hierdurch eine weitere Schwächung der Binnennachfrage eintreten sah.[4] In diesem
Zusammenhang warnte er vor der Gefahr einer Deflation[5] und deren möglichen Langzeitfolgen, ähnlich wie von 1992 an in
Japan.

Bofinger vertrittden Standpunkt, dass der Staat in Deutschland seine Sozialsystemezu wenig über direkte wie indirekte
Steuern und stattdessen zu einseitig über die Lohnnebenkosten finanziere, womit sich der ProduktionsfaktorArbeit
unverhältnismäßigverteuere. Er führt auf die hohe Abgabenbelastung der Arbeit insbesondere einen Teil der besonders hohen
Arbeitslosigkeitvon Geringqualifiziertenin Deutschland zurück. Zur Behebung des Problems schlägt er strukturelleReformen
wie die Einführung einer negativen Einkommensteuerund die Absenkung der Lohnnebenkosten vor, finanziert über höhere
Steuern. Weiterhin spricht er sich zur Begrenzung der Lohnnebenkosten im Gesundheitssystemfür die sogenannte
Kopfpauschale aus.

Bofinger ist Gegner von Modellen eines Bedingungslosen Grundeinkommens. So sagte er 2006, er glaube nicht, dass man
damit den betroffenen Menschen einen Gefallen täte. Außerdem habe man ja schon ein solches ähnliches Grundeinkommen
im ArbeitslosengeldII, was auch jeder Arbeitslose bekäme, vorausgesetzt er sei bedürftig. Sein weiterer Kritikpunkt war, dass
beim Modell eines Bedingungslosen Grundeinkommens eine große Zahl Reicher und Menschen Geld erhielten, die, wie er, es
gar nicht nötig hätten.

Zur Einführung eines flächendeckenden Mindestlohns vertrittBofinger eine differenzierteMeinung. Er schlägt (für
Deutschland) zunächst eine Höhe von 6 Euro vor, die dann langsam nach oben angepasst werden könne, wobei die
Wirkungen auf die Beschäftigung nach dem Vorbild des Vereinigten Königreichs nach jeder Erhöhung zu prüfen seien.
Generell sieht er das Problem der asymmetrischen Information. Danach seien die Beschäftigten insbesondere im
Niedriglohnbereich nicht ausreichend darüber informiert, wie produktiv sie seien und würden daher auch Arbeitsstellen
annehmen, die deutlich unter ihrer Produktivitätliegen würden. Dies könne nur über Tarifverträge und gegebenenfalls
Mindestlöhne verhindert werden.[6]

Lohnpolitik
Bofinger befürwortet lohnpolitischeine produktivitätsorientierteLohnentwicklung, die sich aus der Inflationsziellinieder
Notenbank und dem Anstieg der Arbeitsproduktivitätzusammensetzt. Die von vielen Ökonomen vertretene Position,
Lohnerhöhungen unterhalb des Produktivitätswachstumsseien beschäftigungsfreundlichund geeignet, die Arbeitslosigkeit
zurückzuführen, lehnt er ab. Er führt an, es sei zwar für den einzelnen Unternehmer durchaus rational, in einer konjunkturellen
Schwächephase bzw. in einer schlechten Auftragslage die Löhne zu senken, um so die Gewinne stabil zu halten. Auf
gesamtwirtschaftlicherEbene führe dies aber zu einem Einbruch der Güternachfrage, da das verfügbare Einkommen der
privaten Haushalte sinkt. Entscheidend für Investitionensei in erster Linie die Auftragslage. Bei einer geringen
Produktionsauslastungwürden auch beste Angebotsbedingungen (also niedrige Löhne, niedrige Unternehmenssteuern) nicht
zu einem Wachstum der Investitionen, insbesondere der Erweiterungsinvestitionen, führen. Darüber hinaus verweist er auf die
Sparneigung der privaten Haushalte im Vergleich zu den Unternehmerhaushalten. Erstere liegt erheblich unter der Sparrate der
Unternehmen. Daher gehe von Lohnsteigerungen unterhalb des Produktivitätswachstumsein die gesamtwirtschaftliche
Nachfrage senkender Effekt aus, da die Unternehmerhaushaltevom zusätzlichen Einkommen weniger konsumieren.

Bofinger schließt sich aus diesem Grund der Kritik zahlreicher Ökonomen am als zu starr befundenen Flächentarifvertragin
Deutschland nicht an. Dieser gewährleiste, dass es in konjunkturellen Schwächephase nicht zu Lohnsenkungen auf breiter
Front komme, die die wirtschaftlicheEntwicklung noch weiter destabilisierenwürden.

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Geld- und Währungspolitik

In der Geldpolitik kritisierter das seiner Meinung nach zu restriktiveVerhalten der EZB und ihrer Vorläuferin in Deutschland,
der Bundesbank.[7] Er sieht die vorrangige Ausrichtung der EZB auf die Preisstabilitätmit der daraus folgenden
Vernachlässigung der Förderung von Wachstum und Beschäftigung als gescheitert an. Dabei lobt er die als expansiv geltende
Politik der amerikanischen Federal Reserve, auf die ein Teil der höheren Wachstumsdynamik der USA in der jüngeren
Vergangenheit zurückzuführen sei.[8] In einem Interview mit der Tageszeitung Die Welt im August 2007 bezeichnet er jedoch
die amerikanische Geldpolitik der Jahre 2004 und 2005 als viel zu expansiv und die Leitzinsen als zu niedrig. Dies sei ein
entscheidender Fehler gewesen und habe die Finanzkrise ab 2007 verursacht. „Hätte die amerikanische Notenbank von
vorneherein eine solidere Politik gemacht wie etwa die Europäische Zentralbank, hätte man einiges vermeiden können“ so
Bofinger.[9]

Neben einer zu restriktivenGeldpolitik bemängelt er die Währungspolitikder EZB, die sich in einer ablehnenden Haltung der
EZB gegenüber Interventionen am Devisenmarkt ausdrückt (Interventionen wurden von der EZB bisher nur einmal
vorgenommen).[10] In einem Interview mit dem Spiegel vertrat er im November 2007 vor dem Hintergrund eines rasant
steigenden Euro-Dollar-Wechselkurses die Meinung, dass die westeuropäischen Länder von dieser Möglichkeit zu wenig
Gebrauch machten und dabei nationales Interesse vernachlässigten. Ein weiter steigender Euro werde nach Bofingers
Auffassung neue Debatten um Standortverlagerungenauslösen.

Fiskalpolitik

In der Fiskalpolitiksetzt sich Bofinger nachdrücklich für eine antizyklischeHaushaltspolitikein. Er kritisiertdie Regelungen in
der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion zur Begrenzung der Schuldenaufnahme des Staates als zu unflexibel. Die
Richtwerte des Stabilitäts- und Wachstumspakts – die Neuverschuldungsbegrenzung in Höhe von 3 % sowie die
Schuldenstandsquote von 60 % des Bruttoinlandsprodukts– seien willkürlich, da sie nicht nach wissenschaftlichenKriterien
ausgewählt, vielmehr aus dem Verschuldungsstand der EU-Staaten von 1990 abgeleitet worden seien. Zwar spricht Bofinger
sich langfristigfür eine Begrenzung der Staatsverschuldungaus, da diese u.a. auch mit negativen Umverteilungswirkungen
verbunden sei. Jedoch erlaube der EU-Vertrag nicht die von ihm befürwortete antizyklischeFiskalpolitik, die sich in einer
angemessenen Erhöhung des strukturellenDefizits in konjunkturellen Schwächephasen ausdrückt. Dazu müssten, wenn das
Regelwerk der Währungsunion eingehalten werden soll, regelmäßige Haushaltsüberschüssein beträchtlicherHöhe erzielt
werden.

Als Vorbild für den Erfolg der antizyklischenFiskalpolitikführt er unter anderem die Vereinigten Staaten und das Vereinigte
Königreich an. Diese hätten beispielsweisein den Jahren 2001 bis 2003 nach dem Zusammenbruch der Dotcom-Blase in einer
konzertierten Aktion das strukturelleDefizit massiv ausgeweitet und gleichzeitigden Leitzins drastisch gesenkt, was zu einem
dauerhaft hohen Wirtschaftswachstumgeführt habe. Er betont in diesem Zusammenhang die Bedeutung der Koordinierung
von Geld- und Fiskalpolitik, die nicht gegeneinander agieren dürften (wie dies in Kontinentaleuropa häufig der Fall gewesen
sei).

Steuer- und Abgabenbelastung


An der Debatte über eine Senkung der Steuer- und Abgabenbelastung kritisierter, dass der Erfolg einer niedrigen Staatsquote
empirisch nicht belegbar sei. In Europa nennt er Länder mit historisch hoher Staatsquote (Schweden, Dänemark, Finnland,
Frankreich), die eine teils sehr dynamische Wirtschaftsentwicklungaufzuweisen haben, und Länder mit niedriger Staatsquote
mit einem gegenteiligen Befund (wie Deutschland, die Schweiz und Japan). Öffentliche Ausgaben in Bildung und Forschung
sowie die Infrastruktur, die für den langfristigenwirtschaftlichenWohlstand entscheidend seien, wären ohne eine hohe
Staatsquote nicht zu finanzieren. Gleichwohl spricht er sich für eine stärkere Finanzierung der Sozialsystemeüber Steuern aus
bei gleichzeitigerSenkung der Sozialabgaben (s.o.).

Werke (Auswahl)
Grundzüge der Volkswirtschaftslehre: Eine Einführung in die Wissenschaft von Märkten, 2., aktualisierteAuflage.
Pearson Studium, München 2006. ISBN 3-8273-7222-4
Monetary and fiscal policy interaction in the Euro area with different assumptions on the Phillips curve. Center for
Globalization and Europeanization of the Economy. Göttingen 2004.
Wir sind besser als wir glauben – Wohlstand für alle. Pearson Studium, München 2004. ISBN 3-8273-7138-4

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Zukunftsfähige Finanzpolitik. Berliner Wissenschafts-Verlag. Berlin 2008, 1. Aufl.
Ist der Markt noch zu retten? Warum wir jetzt einen starken Staat brauchen. Econ Verlag, Berlin 2009. ISBN
978-3-548-37341-6
Zurück zur D-Mark?. Droemer Knaur, München 2012. ISBN 978-3-426-27613-6

Weblinks
Literatur von und über Peter Bofinger (https://portal.d-nb.de/opac.htm?query=Woe%
3D115684948&method=simpleSearch) im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
Peter Bofinger (http://www.vwl.uni-wuerzburg.de/lehrstuehle/vwl1/team/bofinger/) Website Universität Würzburg
Soll ein grundsätzlicherWandel der Geld- und Finanzpolitik verhindert werden? (http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?
dig=2005/01/06/a0134) taz, 6. Januar 2005
„Jammern und Klagen und sich Fürchten“ – Interview mit Peter Bofinger über die deutsche Angst (http://
www.sueddeutsche.de/wirtschaft/peter-bofinger-ueber-die-deutsche-angst-jammern-und-klagen-und-sich-
fuerchten-1.494766) . Süddeutsche Zeitung, 23. September 2006
Experte Bofinger: Zock-Stopp für die Weltwirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/experte-bofinger-zock-stopp-
fuer-die-weltwirtschaft-a-623653.html) Spiegel Online, 14. Mai 2009
Gustav Horn und Peter Bofinger: Die Schuldenbremse gefährdet die gesamtwirtschaftlicheStabilitätund die Zukunft
unserer Kinder. (http://www.boeckler.de/pdf/imk_appell_schuldenbremse.pdf) – Ein Appell aus dem Mai 2009 mit
mehr als 200 Unterzeichnerinnen und Unterzeichnern aus dem Wissenschaftsbereich.

Einzelnachweise
1. Große Köpfe für große Fragen, in: Blätter für deutsche und internationalePolitik 5/11 (http://www.blaetter.de/archiv/
jahrgaenge/2011/mai/grosse-koepfe-fuer-grosse-fragen)
2. Jürgen Kalb: Renaissance der Konjunkturpolitik? – Ein Unterrichtsmodell zur Wirtschaftspolitik. In: Politik und
Wirtschaft unterrichten, VS-Verlag (2006), S. 276
3. Das Parlament, Ausgabe Nr. 27 vom 29. Juni 2009 (http://www.bundestag.de/dasparlament/2009/27/
PolitischesBuch/24972153.html)
4. Albrecht Müller, Wolfgang Lieb Nachdenken über Deutschland – Das kritische Jahrbuch 2011/2012, S. 7–10
5. Peter Bofinger & Eric Mayer Monetary and Fiscal Policy Interaction in the Euro Area with Different Assumptions on
the Phillips Curve
6. „Schmarotzer gefährden das System nicht“ (http://www.manager-magazin.de/unternehmen/
artikel/0,2828,686127,00.html) , Webseite des Manager Magazins vom 29. März 2010
7. Peter Bofinger und Timo Wollmershäuser Managed Floating as a Monetary Policy Strategy
8. Peter Bofinger und Stefan Ried A New Framework for Fiscal Policy Consolidation in Europe
9. „Wir erleben das Ende eines langen und starken globalen Aufschwungs“ (http://www.welt.de/welt_print/
article1112566/Wir-erleben-das-Ende-eines-langen-und-starken-globalen-Aufschwungs.html) in der Tageszeitung Die
Welt vom 17. August 2007
10. Peter Bofinger und Christina Gerberding EMS: a Model for a World Monetary Order?

Normdaten (Person): GND: 115684948 | LCCN: n85350906 | VIAF: 12403451 |


Von „http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Peter_Bofinger&oldid=113942830“
Kategorien: Wirtschaftsweiser Ökonom (20. Jahrhundert) Ökonom (21. Jahrhundert)
Hochschullehrer (Universität Würzburg) Autor Sachliteratur Deutscher Mann Geboren 1954

Diese Seite wurde zuletzt am 8. Februar 2013 um 13:15 Uhr geändert.


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