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Georg Kneer / Armin Nassehi

Niklas Luhmanns Theorie


sozialer Systeme
Eine Einführung

Wilhelm Fink Verlag • München

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Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme
Kneer, Georg:
Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme: Eine Einführung /
Georg Kneer; Armin Nassehi. - München: Fink, 1993
(UTB für Wissenschaft: Uni-Taschenbücher; 1751)
ISBN 3-8252-1751-5 (UTB)
ISBN 3-7705-2865-4 (Fink)
NE: Nassehi, Armin:; UTB für Wissenschaft / Uni-Taschenbücher

© 1993 Wilhelm Fink Verlag G m b H & Co. KG


O h m s t r a ß e 5, D-80802 München
ISBN 3 - 7 7 0 5 - 2 8 6 5 - 4
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede
Verwertung außerhalb der engen G r e n z e n des Urheberrechtsgesetzes ist ohne
Z u s t i m m u n g des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für
Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung
und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Printed in G e r m a n y .
Einbandgestaltung: Alfred K r ugm ann, Freiberg am N e c k a r
Herstellung: Ferdinand Schöningh G m b H , Paderborn

UTB-Bestellnummer: ISBN 3-8252-1751-5


Inhalt
1 Einleitung 7
2 Systemtheorie als interdisziplinäres Paradigma 17
2.1 Allgemeine Systemtheorie 17
2.2 Holistische und systemtheoretische Denkweisen
in der Soziologie 26
3 Theorie sozialer Systeme 33
3.1 Funktional-strukturelle Systemtheorie 35
3.2 Neuere Entwicklungen in der Systemtheorie 47
3.3 Die Autopoiesis psychischer Systeme 57
3.4 Soziale Systeme als emergente Ordnungsebene 65
3.5 Kommunikation und Handlung 81
3.6 Beobachten 95
4 Theorie der Gesellschaft 111
4.1 Systemdifferenzierung und primäre
gesellschaftliche Differenzierung 111
4.2 Gesellschaftsstruktur und Semantik 116
4.3 Gesellschaftliche Evolution als Umstellung
der Differenzierungsform 122
4.4 Einheit und Differenz 142
4.5 Person, Inklusion und Individuum 155
5 Diagnose der Gesellschaft 167
5.1 Risiko 167
5.2 Moral 178
5.3 Kritik 186
Siglen häufig zitierter Schriften Luhmanns 195
Literatur 197
Sachregister 203
1 Einleitung
"Was ich bisher geschrieben habe, ist alles noch Null-Serie der
Theorieproduktion" (AuW: 142) - mit diesem Understatement über-
rascht einer der produktivsten und zugleich umstrittensten Denker
der deutschen und internationalen Szene soziologischer Theoriebil-
dung in einem Interview von 1985. Auch die Versicherung, daß die-
se Selbstbeschreibung in dem Hauptwerk Soziale Systeme von 1984
(SoSy) wenigstens eine Ausnahme findet (vgl. AuW: 142), mindert
diese Überraschung nicht und läßt zugleich ein Licht auf den theore-
tischen Anspruch fallen, den Niklas Luhmann an seine eigene Theo-
rie stellt. Um nichts weniger als um eine Theorie von universalisti-
scher Reichweite ist es Luhmann zu tun. Freilich trachtet er nicht
danach, eine Kosmologie oder Welttheorie zu schreiben, d.h. eine
soziologische Weltformel zu entwickeln, durch die der soziologische
Geist zu sich selbst kommt und nach dem es nichts Neues mehr ge-
ben kann. Vielmehr geht es ihm darum, jeden möglichen sozialen
Kontakt, d.h. den gesamten Gegenstandsbereich der Soziologie mit
Hilfe des Begriffsinstrumentariums der Theorie sozialer Systeme
beschreibbar zu machen. Diesen hohen Anspruch an die eigene
Theorieproduktion weitet Luhmann auf sein Publikum aus. Er dekre-
tiert, "daß man Gedankengut, Anregungen und Kritik nur akzeptiert,
wenn und soweit sie sich ihrerseits dieses Prinzip zu eigen machen"
(SoSy: 33). Schon hier dürfte deutlich werden, daß Luhmann einen
Denk- und Schreibstil pflegt, der den Zugang zu seiner Theorie
sicher nicht leicht macht. Das eigentümliche Verhältnis der soziolo-
gischen Fachöffentlichkeit schwankt jedenfalls zwischen unverhohle-
ner Bewunderung für ein ohne Zweifel gewaltiges Werk und starker
Skepsis gegenüber dem völlig andersartigen Zugang zu sozialen
Phänomenen, den Luhmann im Vergleich zu den meisten anderen
allgemeinen soziologischen Theorien und erst recht zur empirischen
Sozialforschung wählt.
Doch auch umgekehrt will keine rechte Vertrautheit aufkommen.
Obwohl Luhmann - wohl weitgehend unbestritten - zu den führen-
8 Einleitung
den Vertretern der deutschen und internationalen akademischen So-
ziologie gehört, hat er ein eher gespaltenes Verhältnis zu seiner
Disziplin. Dies wird schon daran deutlich, daß es - wenn dies keine
Legende ist - nach seiner Berufung an die neu gegründete Universi-
tät Bielefeld 1968 zunächst noch offen war, welcher Disziplin Luh-
mann sich zuordnet. Die Option für Soziologie verdankt sich jeden-
falls nicht einer biographischen oder gar theoretischen Kontinuität:
Seine Karriere als Jurist in der öffentlichen Verwaltung - Luhmann
hat es bis zum Oberregierungsrat gebracht - kann sicher nicht als
logischer Vorläufer einer akademischen Karriere als universitärer
Soziologe herhalten, und eine theoretische Kontinuität mit den Klas-
sikern des Faches ist noch weniger auszumachen. Luhmann selbst
gibt viel pragmatischere Gründe an: "An einem Lehrstuhl für Sozio-
logie war ich deshalb besonders interessiert, weil man als Soziologe
alles machen kann, ohne auf einen bestimmten Themenbereich fest-
gelegt zu sein." (AuW: 141) Die universalistische Theorieanlage, die
ihm vorschwebt, verlangt danach, sich nicht auf einen Themenbe-
reich einzuschränken, sondern tatsächlich den Rahmen aller mög-
lichen sozialen Kontakte abzustecken. "Von der Soziologie aus
konnte man sich ja mit allen möglichen Themen beschäftigen, wenn
man immer nur sagte, Soziologie des Rechts, Soziologie der Orga-
nisation, Soziologie des Wissens, Soziologie der Religion usw."
(UaM: 101)
Luhmanns Verhältnis zum eigenen Fach läßt sich an seinem Ver-
hältnis zu den Klassikern sowie an seiner Einschätzung empirischer
Sozialforschung ablesen. Der empirischen Sozialforschung beschei-
nigt Luhmann zwar generös, sie sei im ganzen recht erfolgreich und
habe unser Wissen vermehrt, zur Bildung einer facheinheitlichen
Theorie habe sie jedoch nichts beigetragen (vgl. SoSy: 7). "Die
Komplexität der Welt erscheint in dem Überraschungswert selbst-
produzierter Daten; aber dann muß mehr Lebenserfahrung als Theo-
rie herangezogen werden, um präsentierbare Ergebnisse herauszuzie-
hen." (WissG: 370) Aus dieser "Welt der selbstgemachten Daten",
so Luhmann weiter, könne die empirische Sozialforschung nicht
ausbrechen, wenn sie den Blick auf ihren Gegenstand nur methodo-
logisch, nicht aber theoretisch schult. Der theoretischen Soziologie
9 Einleitung
dagegen wirft er vor, sich weitgehend auf Texte zu beziehen und
stets nur Texte über Texte zu produzieren. "Die Aufgabe ist dann,
schon vorhandene Texte zu sezieren, zu exegieren, zu rekombinie-
ren. Was man sich selbst zu schaffen nicht zutraut, wird als schon
vorhanden vorausgesetzt. Die Klassiker sind Klassiker, weil sie
Klassiker sind [...]. Die Orientierung an großen Namen und die
Spezialisierung auf solche Namen kann sich dann als theoretische
Forschung ausgeben." (SoSy: 7) All dies, meint Luhmann, sei "nicht
uninteressant und nicht unfruchtbar" (SoSy: 8), doch es diene weit-
gehend der Kontinuierung des soziologischen Betriebes, weniger
aber dem, was Luhmann sucht: der Entwicklung einer Theorie der
Soziologie. Luhmann arbeitet nicht mehr an der Selbstkontinuierung
und Konsolidierung des Faches als universitärer Disziplin - dies sei
seit Max Webers Zeiten inzwischen gelungen. "Man könnte sagen,
daß es darum geht, eine zweite theoretische Konsolidierung zu er-
arbeiten und der Soziologie das Fundament einer disziplinweiten all-
gemeinen Theorie zu geben. Nach Weber, nach Parsons hat man das
nicht mehr versucht." (AuW: 159f.) Luhmanns Impetus soziologi-
schen Denkens ist es also nicht, an Traditionen anzuschließen, denen
endlich zu ihrem Recht verholfen werden muß, nicht Versöhnungs-
utopien und eine unversehrte InterSubjektivität oder wenigstens die
prozedurale Sicherung ethischer Postulate sind seine Motive, son-
dern schlicht das Interesse an einer Theorie, deren Auflöse- und
Rekombinationsvermögen so weit fortgeschritten ist, daß man die
moderne Gesellschaft theoretisch besser in den Blick bekommt.
Einen Eindruck davon mag folgende Antwort geben, die Luhmann
auf die Frage gegeben hat, was seine persönliche Motivation zu wis-
senschaftlichem Arbeiten sei: "Ich weiß nicht, ob ich es auf eine
Formel bringen kann. Aber wenn, dann ist es jedenfalls eine sehr
viel begrifflichere oder theoretischere Option. Ich halte es zum
Beispiel für fruchtbarer, Theorien nicht mit Einheit anzufangen,
sondern mit Differenz, und auch nicht bei Einheit (im Sinne von
Versöhnung) enden zu lassen, sondern bei einer, wie soll ich sagen,
besseren Differenz. Deswegen ist zum Beispiel das Verhältnis von
Systemen und Umwelt für mich wichtig, und auch der Funktionalis-
mus, weil er immer bedeutet, daß man Verschiedenes miteinander
10 Einleitung
vergleichen kann. Wenn ich also eine grundlegende Intuition ange-
ben kann, würde ich nicht notwendigerweise gerade auf die eben
geschilderte, aber auf etwas in dieser Art abstellen." (AuW: 127) In
der Tat scheint also der Titel einer Luhmann 1987 zum sechzigsten
Geburtstag gewidmeten Festschrift das anzugeben, was ihn seit
nunmehr fast dreißig Jahren umtreibt: Theorie als Passion (Baecker
et al. (Hg.) 1987).
Wir haben schon angedeutet, daß Luhmanns Weg in die Wissen-
schaft einen eher ungewöhnlichen Verlauf genommen hat. Er wurde
1927 in Lüneburg geboren, wurde noch 1944 mit 17 Jahren als Luft-
waffenhelfer in das Kriegsgeschehen involviert und hat nach kurzer
amerikanischer Gefangenschaft ab 1946 Rechtswissenschaften stu-
diert. Nach abgeschlossenem Studium arbeitete er zunächst als Ver-
waltungsbeamter am OVG Lüneburg und wechselte 1955 als Land-
tagsreferent in das niedersächsische Kultusministerium. Bereits als
Verwaltungsbeamter hat Luhmann sich intensiv mit soziologischen
und philosophischen Texten befaßt und hat seinen berühmt gewor-
denen Zettelkasten - ein Verweissystem per Karteikarten, das eine
thematische Vernetzung unterschiedlicher gelesener Texte erlaubt
(vgl. dazu UaM: 53ff.) - begonnen. 1960/61 ging Luhmann an die
Harvard-Universität, wo er sich vor allem mit der Systemtheorie
Talcott Parsons' auseinandergesetzt hat und im persönlichen Kontakt
erfahren wollte, "wie so eine große Theorie wie die von Parsons
gebaut ist und woran sie scheitert, wenn sie scheitert" (AuW: 133).
Nach seiner Rückkehr wechselte Luhmann 1962 als Referent an die
Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer; 1964 erschien
dann sein erstes Buch, nämlich Funktionen und Folgen formaler
Organisation. Luhmann sah sich als höherer Verwaltungsbeamter
nicht mehr in der Lage, seinen speziellen Interessen nachzugehen
und wechselte deshalb in die Wissenschaft. "Ich wollte mehr Zeit
für meine theoretischen Interessen gewinnen, was aber nicht bedeu-
tet, daß ich Universitäts-Professor werden wollte." (AuW: 134)
Nachdem Helmut Schelsky ihn 1965 an die Dortmunder Sozialfor-
schungsstelle geholt hatte, promovierte und habilitierte sich Luh-
mann 1966 an der Universität Münster mit Unterstützung von
Schelsky und Dieter Ciaessens. 1968 wurde er dann doch Univer-
11 Einleitung
sitäts-Professor, nämlich an der maßgeblich von Schelsky neu kon-
zipierten Universität Bielefeld.
Luhmanns fachöffentliche Wirkungsgeschichte verdankt sich in
den späten sechziger und frühen siebziger Jahren vor allem der Kon-
troverse mit dem Frankfurter Sozialphilosophen Jürgen Habermas,
die sich in dem gemeinsamen Band Theorie der Gesellschaft oder
Sozialtechnologie - Was leistet die Systemforschung (HaLu) nieder-
schlug. Vor allem auf diese Kontroverse gründet sich Luhmanns
Ruf, ein konservativer Denker zu sein, den er für sich allerdings
selbst keineswegs gelten läßt. "Aber diese Vermutung teile ich selbst
gar nicht, sondern kann einfach dann auch mit der Frage nichts an-
fangen, weil ich nicht das Gefühl habe, daß auf der rechten Seite
des politischen Spektrums überhaupt eine Theorie ist, die in der
Lage wäre, andere Theorien zu lesen. Da ist eher ein Zustand der
Theorielosigkeit, so daß es eigentlich ganz natürlich ist, daß die
linke Seite, die eine Theorie hat, die sich provoziert fühlen kann,
engagierter liest als eine rechte, die mit Appercus oder mit bestimm-
ten mehr literarischen Leitideen zurechtkommt." (AuW: 115) Frei-
lich verortet sich Luhmann auch nicht auf der linken Seite des Spek-
trums, weil er dort ein Zuviel an Normativität und ein Zuwenig an
Theorie ausmacht. Sind die gesamte Kritische Theorie und ihre
Nachfolger in erster Linie daran orientiert, wie sich die Gesellschaft
nicht nur besser denken, sondern vor allem besser gestalten läßt,
spielt diese Frage für Luhmann keine Rolle. Eine typische Luh-
mann-Antwort auf die Frage nach einem besseren Zustand der Ge-
sellschaft: "[...] eine Vorstellung, wie die Gesellschaft gut oder auch
nur besser sein könnte, habe ich gar nicht. Ich finde, daß unsere
Gesellschaft mehr positive und mehr negative Eigenschaften hat als
jede frühere Gesellschaft zuvor. Es ist heute also zugleich besser
und schlechter. Das kann man viel zutreffender als üblich beschrei-
ben, aber nicht zu einem Gesamturteil aufaddieren." (AuW: 139)
Daß es sich hierbei nicht um zufällige persönliche Vorlieben Luh-
manns handelt, sondern ganz im Gegenteil um theoretische Stan-
dards, werden wir weiter unten noch erläutern.
In den späten sechziger und frühen siebziger Jahren war Luh-
mann in der Öffentlichkeit vor allem als Anti-Habermas präsent -
12 Einleitung
sicher auch Folge eines sozialwissenschaftlichen Publikums, das aus
der sogenannten 68er-Generation stammt. Abgesehen davon, daß
Luhmann in gewisser Weise auch ein 68er ist - immerhin hat er
1968 einen soziologischen Lehrstuhl einer Reformuniversität einge-
nommen, an der große Hoffnungen für eine Überwindung des Muffs
von tausend Jahren hingen -, hat sich die Luhmann-Rezeption in
den späten Siebzigern und erst recht in den Achtzigern grundlegend
gewandelt. Das liegt gewiß auch daran, daß im Umkreis sogenannter
poststrukturalistischer und postmoderner Debatten ebenfalls Motive
aufgenommen wurden, die in Luhmanns Theorie eine wichtige Rolle
spielen. Zu denken ist an die Kritik der Subjektphilosophie, an die
Aufnahme konstruktivistischer Überlegungen in die Erkenntnistheo-
rie, an Dezentralisierungsmotive und nicht zuletzt an Parallelent-
wicklungen in den Natur-, v.a. in den Biowissenschaften.
1984 ist das Hauptwerk Soziale Systeme erschienen, in dem Luh-
mann den Paradigmenwechsel zur Theorie autopoietischer Systeme
begründet, danach in schneller Folge Arbeiten zu verschiedensten
Themen der systemtheoretischen Theoriekonzeption wie der Sozio-
logie verschiedener Teilsysteme, die Luhmann bereits in den siebzi-
ger Jahren begonnen hatte, etwa Recht, Religion, Politik, Wirtschaft,
Wissenschaft, Kunst etc. Was noch aussteht, ist eine systematische
Entfaltung von Luhmanns Gesellschaftstheorie. Am 8. Dezember
1992 ist Luhmann 65 Jahre alt geworden und wurde mit Ablauf des
Wintersemesters 1992/93 emeritiert. Manche Beobachterinnen und
Beobachter meinen, daß er nun endlich Zeit zum Schreiben finden
könne.
Wer zum ersten Mal einen Zugang zu Luhmanns Texten sucht,
sieht sich einer Schwierigkeit ausgesetzt, die - so weit wir sehen -
alle Leserinnen und Leser teilen: Die Texte sind so weit von der
natürlichen Sprache entfernt, daß ein unmittelbarer Zugang ausge-
schlossen bleibt. Die meisten anderen Theorien sind aufgrund ihrer
grundlegenden Intuitionen, aufgrund ihrer Sprache sowie aufgrund
ihrer Orientierung an - zumindest dem akademischen Publikum -
vertrauten Traditionen leichter zugänglich. Man muß Luhmanns Be-
grifflichkeit und seinen labyrinthischen Argumentationsstil tatsäch-
lich zunächst kennen, um seine Texte produktiv und mit Gewinn le-
13 Einleitung
sen zu können. Doch um sich damit vertraut zu machen, kommt
man um das Lesen nicht herum. Es klingt womöglich wie eine
Durchhalteparole, wenn man Leserinnen und Leser der Theorie auf
das Jenseits der ersten paar hundert Seiten vertröstet, doch bei kaum
einer anderen Theorie scheinen die Startschwierigkeiten derart zu
sein, wie wir sowohl aus eigener Erfahrung wissen als auch in Ge-
sprächen mit Studenten und Kolleginnen immer wieder zu hören
1

bekommen.
Die Kompliziertheit und Fremdheit der Sprache ist in Luhmanns
Texten freilich nicht nur eine Marotte oder die genialische Zugabe
eines Meisterdenkers, der seiner Gemeinde die Unterscheidung von
Insidern und Outsidern erleichtern will. Luhmann gibt der schweren
Verständlichkeit seiner Sprache durchaus einen sachlichen Grund,
und zwar einen Grund, der in der Gegenstandskonstitution seiner
Theorie selbst liegt. Zunächst betont er: "Wer überhaupt spricht oder
schreibt, sollte sich verständlich ausdrücken. Das ist eine auf den
ersten Blick einleuchtende Forderung. Denn wozu äußert er sich,
wenn er nicht verstanden werden will." (SozA 3: 170) Doch dann
fährt er fort: "Soziologie ist nun aber nicht die Lehre vom ersten
Blick, sondern die Lehre vom zweiten Blick. Und auf den zweiten
Blick kommen Fragen und Bedenken hoch. Sollte man alles, was
gesagt wird, gleichermaßen unter die Knute der Verständlichkeit
zwingen?" (SozA 3: 170) Luhmann meint vielmehr, daß gerade das
Nicht-Verstehen des ersten Blicks den zweiten Blick zum Verstehen
geradezu zwingt. Seine Theoriesprache ist gerade deshalb so produk-
tiv und auch transparent, weil sie durch Distanz zu den alltäglichen
Begriffsbedeutungen eine Kontrollierbarkeit des Verständnisses er-
möglicht, die allerdings mit dem Preis eines erschwerten ersten Zu-
gangs bezahlt werden muß. Es ist also letztlich ein theorietechni-
sches Problem, das Luhmann zu einer in der Tat komplizierten Be-

1 Rolf Eickelpasch, Isolde Karle, Ursula Pasero, Dirk Richter, Irmhild


Saake, Markus Schroer und Georg Weber danken wir für wertvolle Hin-
weise, von denen einige Eingang in den Text gefunden haben. Raimar
Zons vom Fink-Verlag gebührt besonderer Dank für die freundliche und
kompetente verlegerische Betreuung.
14 Einleitung
griffsbildung führt, die sozusagen eine gemeinsame Sprache entste-
hen läßt, auf deren Boden Verstehensmöglichkeiten kontrolliert wer-
den. Schlicht gesagt: Durch Begriffsverfremdung möchte Luhmann
gewährleisten, daß die Theorie verstanden werden kann. "Das Pro-
blem ist: Wie erzeuge ich mit sprachlichen Mitteln hinreichende
Simultanpräsenz komplexer Sachverhalte und damit hinreichende
Kontrolle über die Anschlußbewegung des Redens und Verstehens."
(SozA 3: 175)
Schon hier wird ein Grundzug der Luhmannschen Theorie deut-
lich: Kommunikation, hier: wissenschaftliche Kommunikation, er-
zeugt durch ihre eigenen Selektionsleistungen die Welt, über die sie
kommuniziert. Das gilt - wie für jede soziale Kommunikation - auch
für soziologische Theorie, die sehen lernen muß, daß sie das, was
sie sieht, selbst erzeugt und nicht eine vorfindbare Realität in ihrer
Umwelt abbildet. Wir wollen hier noch nicht in die Theoriediskus-
sion einsteigen, sondern lediglich schon einige Vorbemerkungen
über das Design der Luhmannschen Theorie machen, das sich nicht
zuletzt im sprachlichen Bereich wiederspiegelt. Der Autor Luhmann
jedenfalls scheint in letzter Zeit von der Ratlosigkeit vieler Rezipien-
ten weniger unbeeindruckt zu sein als zuvor, wenn man an Texte
wie Ökologische Kommunikation (ÖKom) von 1986 oder an Die
Wissenschaft der Gesellschaft (WissG) von 1990 denkt, wo er einen
Kompromiß zwischen konzentrierter Schreibweise und Verständlich-
keit sucht (vgl. WissG: 10). Die Versicherung jedenfalls, daß Luh-
manns Texte oft schwer zugänglich seien, möge denen eine erste
Hilfe sein, die an der Textarbeit verzweifeln, bevor sie mit Gewinn
und produktiv zu lesen beginnen. Wir wissen, daß das nicht wenige
sind.
Eine Einführung in das komplexe Werk von Luhmann sieht sich
einem erheblichen Selektionszwang ausgesetzt, und zwar sowohl in
sachlicher wie in quantitativer Hinsicht. Ziel unserer Einführung ist
es nicht, in das Gesamtwerk Luhmanns einzuführen. Dazu müßte
man alles, d.h. alle Phasen der Werkentstehung, alle angesprochenen
Themen sowie alle Revisionen und Weiterentwicklungen im Be-
griffsapparat mehr oder weniger intensiv streifen. Eine andere Mög-
lichkeit wäre gewesen, sich dem Gegenstand von bestimmten The-
15 Einleitung
men her zu nähern, die Luhmann behandelt, etwa vom Recht, von
der Religion, der Wissenschaft oder der Wirtschaft her. Wir haben
uns jedoch für eine dritte Variante entschieden, nämlich für eine
hierarchische Darstellungsform, die Luhmanns eigenem Denk- und
Schreibstil eher fremd ist. Wir halten es für unerläßlich, systema-
tisch in das Begriffssystem und damit in den Aufbau der Theorie
einzuführen und wählen deshalb einen womöglich mühsamen aber
hoffentlich fruchtbaren Weg. Wir sind uns bewußt, daß sich die
Auswahl der Themen nicht nur dem Gegenstand verdankt, sondern
auch Produkt unserer eigenen Selektionsleistung ist. Zugleich hoffen
wir, daß diese Selektion Komplexität so reduziert, daß bei der Ar-
beit mit Luhmanns Theorie neue Komplexität aufgebaut werden
kann.
Im einzelnen werden wir zunächst in die Systemtheorie als in-
terdisziplinäres Paradigma (Kap. 2) einführen, um mit den Cha-
rakteristika systemtheoretischen Denkens vertraut zu machen. Daran
schließt sich die Darstellung der Theorie sozialer Systeme (Kap. 3)
über die Einführung in die wichtigsten Grundbegriffe von Luhmanns
allgemeiner Theorie sozialer Systeme an. Erst dann kommen wir auf
Luhmanns Theorie der Gesellschaft (Kap. 4) zu sprechen, die so-
wohl eine Theorie der soziokulturellen Evolution als auch eine The-
orie der Moderne umfaßt. Luhmanns Zeitdiagnose (Kap. 5) schließ-
lich bildet den Schlußpunkt. Hier werden wir an ausgewählten The-
men - Risiko, Moral und Kritik - auf Luhmanns Einschätzung der
gegenwärtigen Moderne sowie auf strittige Punkte seiner Gesell-
schaftstheorie zu sprechen kommen.
Unsere eigene Position umschreiben wir als eine solche immanen-
ter Beobachter: Wir versuchen, Luhmanns Denkgebäude von sich
selbst her sprechen zu lassen und wählen deshalb eine immanente
Darstellungsform. Wir enthalten uns weitgehend einer über die Dar-
stellung zu weit hinausgehenden Problematisierung von Thesen,
ohne dabei aber ganz hinter der bloßen Chronistenpflicht zu ver-
schwinden. Unsere Einführung möge Anfängerinnen und Anfängern
dazu dienen, einen ersten Einblick in das Werk Luhmanns zu be-
kommen. Leserinnen und Leser, denen die Theorie sozialer Systeme
mehr oder weniger vertraut ist, mögen den einen oder anderen Be-
16 Einleitung
griffszusammenhang noch einmal nachschlagen. In jedem Falle er-
setzt die Lektüre der Einführung nicht das Studium der Original-
texte. Wenn sie dies aber ein wenig erleichtert, war unsere Arbeit
nicht umsonst.
2 Systemtheorie als interdisziplinäres
Paradigma
Wer heute von Systemtheorie spricht, meint damit keineswegs allein
soziologische Systemtheorie oder systemtheoretische Soziologie.
Was sich hinter dem label Systemtheorie verbirgt, ist vielmehr ein
weitverzweigter, heterogener, interdisziplinärer Rahmen, der den
Begriff System als Grundbegriff führt. Bevor wir im einzelnen auf
die soziologische Adaption des Systembegriffs, namentlich auf Ni-
klas Luhmanns Theorie sozialer Systeme zu sprechen kommen,
lohnt es sich sicher, jenen Rahmen, der durch den Begriff System-
theorie abgedeckt wird, ein wenig abzustecken. Wir werden dazu
zunächst einige Bemerkungen zur Allgemeinen Systemtheorie ma-
chen.

2.1 Allgemeine Systemtheorie


Der Begriff System meint ursprünglich etwas Zusammengesetztes im
Vergleich zum Elementaren. Er rekurriert stets auf Ganzheiten im
Sinne einer Einheit, die mehr sei als die bloße Summe ihrer Teile.
Schon diese bekannte Redewendung legt es nahe, den Systembegriff
als Begriff sowohl für eine Menge von Elementen als auch für deren
Relationen untereinander zu führen. In der philosophischen Tradition
treffen wir auf den Systembegriff exakt in diesem Sinne etwa in
Fichtes Systemthese von 1794, in der es um die Subsumtion des Ent-
gegengesetzten in der absoluten Einheit geht (vgl. Fichte 1988: 35).
Auch Hegel gebraucht den Systembegriff als Chiffre für das Ganze,
wenn er in der Vorrede zur Phänomenologie des Geistes betont,
"daß das Wahre nur als System wirklich" (Hegel 1970: 28) sei, in
dem die Einzelelemente lediglich als Elemente dieses Ganzen zu
verstehen sind. Wir ziehen diese Beispiele lediglich heran, um einen
ersten Eindruck vom Gebrauch des Systembegriffs zu vermitteln.
Mit dem, was heute unter Systemtheorie firmiert, haben diese Bei-
18 Systemtheorie als interdisziplinäres Paradigma
spiele jedoch nur gemein, daß der Begriff eine Ganzheit anspricht,
deren Elemente in einer bestimmten Relation zueinander stehen.
Systemtheorie im engeren Sinne ist ein spätes Produkt der Wis-
senschaftsentwicklung, beginnend in den 30er Jahren des 20. Jahr-
hunderts. Sie markiert eine wissenschaftliche Neuerung, die zu einer
von der klassischen analytischen Forschung grundverschiedenen Art
der wissenschaftlichen Beobachtung der Welt geführt hat. Diese
Umstellung der Beobachtungsweise nahm ihren Ausgang insbeson-
dere in der biologischen Kritik der Physik. Letztere meinte - zumin-
dest in ihrer klassischen Version der Newtonschen Physik -, die
Welt in deduktiver Weise mathematisch beschreiben zu können. Die
Deduktion ist ein Schlußverfahren, das ausgehend von allgemeinen
Gesetzen die Besonderheit konkreter Einzelphänomene beschreibt. In
diesem Sinne gilt der pythagoreische Lehrsatz, daß die Summe der
Kathetenquadrate dem Hypothenusenquadrat eines rechtwinkligen
Dreiecks entspricht, für jedes empirische und ideale Dreieck, wo im-
mer und wann immer es auftritt. Das Newtonsche Weltbild verkör-
pert eine Stabilität, die sich in der statischen Gültigkeit von Naturge-
setzen ausdrückt, die auf jedes Phänomen anwendbar sind. Gleich
wann und vor allem an welcher Stelle der Gesamtheit der Welt man
ansetzt, sei es am Einzelphänomen oder am Ganzen, man trifft stets
auf die ewigen Gesetze des Kosmos. Einem solchen wissenschaftli-
chen Weltbild entspricht logischerweise der Versuch, die Welt zu
sezieren: Man sucht nach den Gesetzmäßigkeiten der Natur, indem
man Einzelphänomene voneinander isoliert und in labortechnisch
wiederholbaren Versuchsanordnungen demonstriert.
Während dieses Verfahren in der Physik und in den Technikwis-
senschaften äußerst praktikabel war und die industrielle und wissen-
schaftliche Revolution der letzten zweihundert Jahre mitbegründete,
fand sich die Biologie bei der Beobachtung ihres Forschungsgegen-
standes einer gänzlich anderen Anforderung ausgesetzt. Entgegen
dem Anspruch der Physik als Grundwissenschaft, als derjenigen
Wissenschaft, die die elementaren Gesetzmäßigkeiten der Natur
freilegt, läßt sich Leben, so das Argument der Biologen, nicht auf
die zwar isoliert beschreibbaren, jedoch realiter niemals isoliert
auftretenden physikalischen und chemischen Vorgänge von Organis-
19 Systemtheorie als interdisziplinäres Paradigma
men reduzieren. Diese Kritik kommt ohne Zweifel einer wissen-
schaftlichen Revolution gleich: Die Biologie sieht sich außerstande,
ihren ausgezeichneten Gegenstand - das Leben - durch die klassi-
sche Wissenschaftsauffassung abzubilden und muß zu neuen Formen
der wissenschaftlichen Beobachtung greifen, wenn sie nicht Leben
durch außerwissenschaftliche Kategorien - Lebenskraft, Schöpfung
- bestimmen will. Innerhalb der Biologie führte diese Kritik zu
einem Paradigmenwechsel vom Einzelphänomen zum System, also
zur Vernetzung von Einzelphänomenen. Schon hier läßt sich die
oben erwähnte grundlegende Definition des Systembegriffs wieder-
finden: Er rekurriert nicht auf isolierte Elemente einer Ganzheit -
hier: eines lebendigen Organismus sondern nimmt die Relationen
dieser Elemente in den Blick - hier: den lebendigen Organismus als
System.
Für diesen Paradigmenwechsel steht insbesondere der Zoophysio-
loge Ludwig von Bertalanffy, der sich nicht nur um eine Methodolo-
gie biologischer Forschung verdient gemacht hat, sondern als Nestor
einer interdisziplinären Allgemeinen Systemtheorie ("General Sy-
stems Theory") gelten kann. Ihm geht es nicht nur darum, in seinem
eigenen Forschungsbereich, nämlich der Zoophysiologie, den Gedan-
ken systemischer Forschung zu verbreiten. Er sieht vielmehr die
Notwendigkeit, das alte Newtonsche Weltbild wenn nicht zu erset-
zen, so doch zumindest um den Gedanken einer interdisziplinären,
allgemeinen Systemlehre zu ergänzen. Keineswegs meint er dabei,
"das (wissenschaftliche) Ei des Kolumbus" oder gar eine allgemein-
gültige Supertheorie geschaffen zu haben, die allgemeine Gesetzmä-
ßigkeiten zur Beschreibung von Weltphänomenen in systemtheoreti-
schen Begriffen enthielte. Gleichwohl hält er an einem interdiszi-
plinären Anspruch fest: "In Wissenschaften, die sich, wie die Bevöl-
kerungslehre, die Soziologie, aber auch weite Gebiete der Biologie,
nicht dem Rahmen der physikalisch-chemischen Gesetzlichkeit ein-
ordnen, treten dennoch exakte Gesetzmäßigkeiten auf, die durch pas-
send gewählte Modellvorstellungen erreicht werden können. Es sind
logische Homologien, die sich aus den allgemeinen Systemcharakte-
ren ergeben, und aus diesem Grunde gelten formal gleichartige Be-
ziehungen auf verschiedenen Erscheinungsbereichen und bedingen
20 Systemtheorie als interdisziplinäres Paradigma
die Parallelentwicklung in verschiedenen Wissenschaften." (v. Berta-
lanffy 1951: 127) Was v. Bertalanffy hier bereits in den 50er Jahren
ankündigt, wird in der heutigen Forschungslandschaft bestätigt: Sy-
stemtheoretische Denkweisen finden sich in den unterschiedlichsten
wissenschaftlichen Disziplinen wie Ökonomie, Soziologie, Pädago-
gik, Politikwissenschaft, Psychologie, Medizin, Neurologie, Psych-
iatrie bis hin zu Meteorologie und Astronomie. Wesentlich skepti-
scher muß dagegen seine Prognose über die interdisziplinäre Ent-
wicklung "exakter Gesetzmäßigkeiten" eingeschätzt werden. Von ei-
ner solchen Form inhaltlicher Interdisziplinarität kann - so weit wü-
schen - keine Rede sein, eine strukturelle Gemeinsamkeit jedoch ha-
ben all diejenigen Forschungsrichtungen, die sich als systemtheore-
tisch identifizieren: Sie beschäftigen sich mit der wechselseitigen
Relation von Elementen in Ganzheiten, die sie Systeme nennen. So
kann v. Bertalanffys Definition des Systembegriffs von 1951 durch-
aus auch heute noch als gültig vorausgesetzt werden. In mathemati-
scher Formulierung heißt es: "Wir definieren ein 'System' als eine
Anzahl von in Wechselwirkung stehenden Elementen p , p ... p1 2 n

charakterisiert durch quantitative Maße Q , Q ... Q . Ein solches


1 2 n

kann durch ein beliebiges System von Gleichungen bestimmt sein."


(ebd.: 115) Ob sich ein System stets mit Hilfe eines mathematischen
Kalküls darstellen läßt, sei dahingestellt, es zeichnet sich jedenfalls
dadurch aus, daß es nicht durch die bloße Relation eines Elementes
mit einem anderen darstellbar ist, sondern nur als Gesamtheit der
wechselseitigen Relationen. Ferner bildet jedes System eine eindeuti-
ge Grenze aus, die zwischen dem System, d.h. seinen Elementen
und Relationen, und der Umwelt des Systems, d.h. allem, was nicht
zum System gehört, verläuft.
In einem programmatischen Aufsatz zur Gründung des von ihm
mit ins Leben gerufenen Yearbook of the Society for the Advance-
ment of General Systems Theory schreibt v. Bertalanffy: "[...] classi-
cal science was highly successfull in developing the theory of un-
organized complexity which stems from statistics, the laws of chan-
ge, and, in the last resort, the second law of thermodynamics. Today
our main problem is that of organized complexity. Concepts like
those of organizing, wholeness, teleology, control, self-regulation,
21 Systemtheorie als interdisziplinäres Paradigma
differentiation and the like an alien to conventional physics. Howe-
ver, they pop up everywhere in the biological, behavioral, and the
social sciences, and are, in fact, indispensible for dealing with living
organisms or social groups." (v. Bertalanffy 1956: 2; Hervorhebun-
gen durch uns) Organisierte Komplexität ist dann gegeben, wenn
Einzelphänomene nicht schlicht linear logisch miteinander gekoppelt
sind, sondern wenn Wechselwirkungen zwischen ihnen bestehen. Ist
dies der Fall, vermag erst die Beschreibung dieser reziproken Ver-
netzungsbedingungen ein Bild von der Einheit der Summe jener
Einzelphänomene zu vermitteln. Unorganisierte Komplexität läßt
sich demnach als lineare Verkettung von Einzelphänomenen be-
schreiben: Aus A folgt B, aus B folgt C usw. Organisierte Komple-
xität dagegen läßt sich nicht nach diesem einfachen Modell darstel-
len, denn es ist denkbar, daß A und B wechselseitig die Bedingung
ihrer Möglichkeit sind: Es folgt dann also weder A aus B noch um-
gekehrt, vielmehr sind sich A und B durch ihre Wechselseitigkeit,
durch ihre nicht linear darstellbare Relation gegeben. Es dürfte
deutlich geworden sein, daß der wesentliche Gegenstand der Sy-
stemtheorie die Organisationsform der komplexen Wechselbeziehung
zwischen einzelnen Elementen ist.
Neben der Unterscheidung von organisierter und unorganisierter
Komplexität verdanken wir v. Bertalanffy eine weitere erkenntnis-
leitende Differenzierung, die insbesondere den Bedürfnissen der Bio-
Wissenschaften, aber auch, wie sich noch zeigen wird, anderer sy-
stemtheoretisch arbeitender Disziplinen entgegenkommt. Es handelt
sich hierbei um die Unterscheidung offener von geschlossenen Sy-
stemen. Ein geschlossenes System zeichnet sich dadurch aus, daß es
sich homöostatisch, also binnenstabil erhält und nach Erreichen ei-
nes gleichgewichtigen Zustandes nicht verändert. Ein solches System
unterhält keine Austauschbeziehungen mit seiner Umwelt und muß
deshalb "in einen zeitunabhängigen Zustand des Gleichgewichtes"
(v. Bertalanffy 1951: 122) übergehen. In einem solchen System gibt
es strenggenommen keine organisierte Komplexität, da sich die Sy-
stemkomponenten im Zustand des Gleichgewichtes in mathematisch
eineindeutiger Weise zueinander verhalten, was auch durch Umwelt-
veränderungen aufgrund der Geschlossenheit des Systems nicht zu
22 Systemtheorie als interdisziplinäres Paradigma
verändern ist. Ein offenes System dagegen gelangt nicht notwendi-
gerweise in einen solchen Gleichgewichtszustand, sondern kann le-
diglich einen stationären Zustand der Homöostase erreichen, der je-
doch selbst wieder variabel, auflösbar und temporär ist. "Ein offenes
System ist ein solches, in welchem Ein- und Ausfluß und damit
Wechsel der zusammensetzenden Elemente stattfindet." (Ebd.: 121)
Die Austauschprozesse zwischen dem System und seiner Umwelt
sowie die Fähigkeit zur Veränderung der internen Relationen der
Elemente zueinander ermöglichen es einem offenen System, sich
trotz Zustandswechsels, trotz Wegfalls und Neuentstehung von Ele-
menten zu erhalten. Es entsteht damit eine Dynamik, die sowohl auf
der Ebene der zum System gehörigen Elemente als auch auf der
Ebene der Organisationsweise der Beziehung zwischen den Elemen-
ten zu beobachten ist. V. Bertalanffy schlägt zur Beschreibung die-
ses Sachverhaltes den Begriff Fließgleichgewicht (vgl. ebd.: 122)
vor. Offene Systeme sind also solche, die durch Austauschprozesse
mit ihrer Umwelt eine Dynamik entwickeln und ihre Zuständigkei-
ten variieren können, ohne mit jedem Wechsel von Umweltbedin-
gungen sogleich die Systemstrukturen vollständig ändern zu müssen.
Es liegt also keine lineare Kausalität zwischen System und Um-
welt vor, etwa in dem Sinne, daß ein bestimmter Umweltreiz eine
und nur eine mögliche Reaktion des Systems zuließe. Offene Syste-
me zeichnen sich vielmehr dadurch aus, daß sie ihre interne Organi-
sation bei Umweltveränderungen selbst umstellen und nicht von au-
ßen kausal bedingt und einlinig bestimmt werden. Zur genauen Be-
schreibung dieses Sachverhaltes wurde das Konzept der Black Box
in die Systemtheorie eingeführt. "Eine Black Box ist eine unbekann-
te Maschine, von der man annimmt, daß sie determinierbar ist, in
der der determinierbare Mechanismus jedoch dem Blick entzogen
ist." (Glanville 1988: 100f.) Man kann sehen, was in ein offenes
System als Input eingeht, man kann sehen, was das offene System
als Output entläßt, man kann aber nicht sehen, wie es das Verhältnis
von Input und Output organisiert. Solange dieses Verhältnis in den
Begriffen einer einfachen, linearen Kausalitätslogik oder in einem
mathematisch berechenbaren exponentiellen Steigerungszusammen-
hang zu beschreiben ist, bleibt der "schwarze Kasten" "weiß", d.h.
23 Systemtheorie als interdisziplinäres Paradigma
man weiß, was in ihm geschieht. Sobald dies aber nicht der Fall ist,
bleibt der Kasten "schwarz". Man muß dann konzedieren, daß es
nicht der Input ist, der den Output eindeutig determiniert, sondern
daß sich das System, hier: die Black Box, selbst determiniert.
Bei offenen Systemen liegt also keine lineare Kausalität zwischen
System und Umwelt vor, etwa in dem Sinne, daß ein bestimmter
Umweltreiz eine und nur eine mögliche Reaktion des Systems zulie-
ße. Offene Systeme zeichnen sich vielmehr dadurch aus, daß sie ihre
interne Organisation bei Umweltveränderungen selbst umstellen und
nicht von außen kausal bedingt und einlinig bestimmt werden. Weil
es sich bei solchen Anpassungs- und Veränderungsprozessen stets
um interne Operationen des Systems handelt, werden Theorien of-
fener Systeme im allgemeinen unter das Paradigma der Selbstorga-
nisation subsummiert. Solche Theorien sind in der Lage, den Ver-
netzungszusammenhang von Elementen zu einem System im Zusam-
menhang mit Umweltfaktoren zu beschreiben.
Das Paradigma der Selbstorganisation stellt im wesentlichen dar-
auf ab, daß Systeme nicht linear von ihrer Umwelt gesteuert werden,
sondern je nur nach ihrer inneren Eigenlogik auf Umweltverände-
rungen reagieren. Jene innere Dynamik ist es, die mit der klassi-
schen Logik mit ihren linearen Kausalitätsunterstellungen - aus A
folgt B - nicht mehr erfaßt werden kann. Auf mathematischem Ge-
biet verwenden Theorien selbstorganisierender Systeme deshalb ver-
stärkt kybernetische Denkmodelle. Die Kybernetik beschreibt das
Verhältnis von Kontrolleur und Kontrolliertem. Wir wollen dies an
einem bekannten Beipiel erläutern: Ein Thermostat mißt die Tempe-
ratur eines Raumes und schaltet die Heizung an, wenn die Tempera-
tur niedrig genug gefallen ist. Der Thermostat (Kontrolleur) kon-
trolliert damit die Temperatur des Raumes. Hat sich der Raum ent-
sprechend aufgewärmt, schaltet der Thermostat die Heizung wieder
ab, um sie, nach erfolgter Abkühlung, wieder einzuschalten. Man
sieht, daß das Kontrollierte auf den Kontrolleur zurückwirkt. Die
klassische Kybernetik nennt dies einen Rückkopplungseffekt (vgl.
Wiener 1963). Neuere kybernetische Arbeiten ("second-order-cyber-
netics") versuchen darüber hinaus zu zeigen, daß man Kontrolleur
und Kontrolliertes nicht eindeutig voneinander scheiden kann, son-
24 Systemtheorie als interdisziplinäres Paradigma
dem daß sich die unterschiedlichen Elemente - in unserem Beispiel
Thermostat und Raumtemperatur - wechselseitig kontrollieren. Ra-
nulph Glanville bringt das auf folgende Formel: "das, was 'kontrol-
liert wird' (diese Rolle zugeschrieben bekommt), kontrolliert zu-
gleich das, was 'kontrolliert' (diese Rolle zugeschrieben bekommt)."
(Glanville 1988: 205) Glanvilles Formulierung macht deutlich, daß
Wechselseitigkeit der Kontrolle nicht mit den Mitteln der klassi-
schen Kausalitätslehre dargestellt werden kann. Ein selbstorganisie-
rendes System hat vielmehr die Tendenz, sich an sich selbst zu ori-
entieren und damit die ökologischen Bedingungen, in denen sich
einzelne Phänomene oder Prozesse abspielen, selbst herzustellen. Im
Klartext bedeutet dies folgendes: Prozesse, die mit der klassischen
Physik darstellbar sind, haben stets die gleichen ökologischen Bedin-
gungen als Voraussetzung. Diese können in Form von Naturgesetz-
lichkeiten beschrieben werden, so daß die entsprechenden Prozesse
vorhersehbar, berechenbar und damit planbar sind. Sich selbst orga-
nisierende Prozesse dagegen stellen ihre jeweiligen Anfangsbedin-
gungen durch ihren Prozeß selbst her. Heinz v. Foerster spricht in
diesem Zusammenhang von rekursiven Prozessen (vgl. v. Foerster
1987: 149). Das kybernetische Denkmodell versucht exakt jene dy-
namischen, sich selbst verstärkenden Prozesse darzustellen, ohne den
Gesamtprozeß auf die voneinander isolierten Kausalitätsbeziehungen
einzelner Phänomene reduzieren zu müssen.
War das Problem der ersten Generation der Allgemeinen System-
theorie noch das Problem der organisierten Komplexität, richtet sich
nun das Interesse stärker auf den spezifisch autologischen Aspekt
der Organisation, wie er im Begriff der Selbstorganisation zum Aus-
druck kommt. Das Selbst dieser Organisation wird nun nicht mehr
als Einzelphänomen verstanden, sondern als System, d.h. als Ge-
samtheit einzelner Elemente und ihrer Relationen untereinander. Am
deutlichsten kommt jenes Konzept der Selbstorganisation und damit
der Grundgedanke, daß sich Systeme selbst erhalten und ihre inne-
ren Prozesse nach Maßgabe ihrer eigenen Dynamik und ihres inne-
ren Zustandes steuern, in dem von den chilenischen Biologen Hum-
berto R. Maturana und Francisco Varela entwickelten Konzept der
Autopoiesis zum Tragen (vgl. Maturana/Varela 1987). Dieses Theo-
25 Systemtheorie als interdisziplinäres Paradigma
riekonzept ist es auch, das unmittelbar Eingang in die soziologische
Systemtheorie Niklas Luhmanns gefunden hat. Wir kommen weiter
unten darauf zurück.

Zusammenfassung wichtiger Grundbegriffe:


* System: Ganzheit einer Menge von Elementen und deren Relatio-
nen zueinander.
* Kybernetik: (gr.: Steuerungslehre) Lehre vom Verhältnis von Kon-
trolleur und Kontrolliertem. Untersucht Rückkopplungseffekte von
Prozessen auf diese Prozesse.
* Selbstorganisation: Organisationstyp offener Systeme, die nach
Maßgabe ihrer eigenen Operationsweise und auf der Grundlage ih-
rer eigenen Zuständlichkeit operieren.
Literatur:
Ludwig v. Bertalanffy: General System Theory, in: General Systems.
Yearbook of the Society for the Advancement of General Systems
Theory, Bd. 1, hg. v. Ludwig v. Bertalanffy und Anatol Rapoport,
Ann Arbor/Michigan 1956, S. 1-10.
Wolfgang Krohn/Günther Küppers/Rainer Paslack: Selbstorganisation
- Zur Genese und Entwicklung einer wissenschaftlichen Revolution,
in: Siegfried J. Schmidt (Hg.): Der Diskurs des Radikalen Konstrukti-
vismus, Frankfurt/M. 1987, S. 4 4 M 6 5 .
Ranulph Glanville: Objekte, Berlin 1988, darin v.a.: Die Frage der
Kybernetik, S. 197-218.
26 Systemtheorie als interdisziplinäres Paradigma
2.2 Holistische und systemtheoretische Denkweisen
in der Soziologie
Die soziologische Theorie ist seit ihren Anfängen von einem Streit
geprägt, an dem sich bis heute die theoretischen Geister des Faches
scheiden. Der britische Soziologe Anthony Giddens etwa macht ei-
nen "tief verankerte(n) Dualismus von Subjektivismus und Objekti-
vismus" (Giddens 1988: 34) aus: zum einen eine methodische Her-
angehensweise, die vom Subjekt ausgeht und zum anderen eine sol-
che, die sich stärker am Objekt, also an der Gesellschaft, orientiert. 2

Wir können und wollen hier diese breite Diskussion nicht nachzeich-
nen, werden aber kurz an zwei Klassikern der Soziologie die unter-
schiedlichen Ansatzpunkte plausibel machen, um den Charakter so-
ziologischer Systemtheorie herauszustellen. Wir greifen dabei zum
einen auf Max Weber (1864-1920) und zum anderen auf Emile
Durkheim (1858-1917) zurück.
Webers berühmte Definition der Soziologie lautet folgenderma-
ßen: Sie sei eine Wissenschaft, die "soziales Handeln deutend ver-
stehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursäch-
lich erklären" (Weber 1976: 1) will. Damit gibt Weber der Soziolo-
gie eine Zwischenstellung zwischen den idiographischen Wissen-
schaften, die kulturelle Leistungen nachzeichnen, interpretieren und
in ihrem Entstehungszusammenhang verstehen wollen, und den no-
mothetischen Wissenschaften, die nach allgemeingültigen Gesetzen
suchen, mit denen sich Einzelphänomene erklären lassen. Weber
verortet also die Soziologie weder als reine idiographische Geistes-
wissenschaft noch als nomothetische Wissenschaft, wie es die Natur-
wissenschaften sind. Er möchte damit vermeiden, Kulturleistungen
als isolierte Phänomene zu betrachten, die sich vermeintlich der
Kreativität und den Anstrengungen einzelner Menschen verdanken.

2 Ob die Unterscheidung Subjekt/Objekt hier glücklich gewählt ist, scheint


uns zumindest zweifelhaft zu sein. Gleichwohl trifft man immer wieder
auf dieses Begriffspaar, wenn es um den konfessionellen Streit soziologi-
scher Theoriebildung geht.
27 Systemtheorie als interdisziplinäres Paradigma
Soziologie beginnt bei Weber erst dort, wo solche individuellen Kul-
turleistungen aufeinander bezogen werden und wo sie als soziale
Handlungen immer im Horizont von Adressaten und im Hinblick
auf soziale Wirkungen und gesellschaftliche Ursachen geschehen.
Gleichwohl ist der entscheidende methodische Ausgangspunkt für
ihn der "subjektiv gemeinte Sinn", den Menschen ihren Handlungen
intentional geben. Die Arbeit des Soziologen besteht demnach darin,
subjektive Handlungssituationen verstehend zu rekonstruieren und je
nach sozialer Position der Handlung nach Regelmäßigkeiten und Ge-
setzmäßigkeiten zu suchen. Nicht umsonst wird die von Max Weber
begründete soziologische Denkweise als verstehende Soziologie be-
zeichnet.
Durkheims Ausgangspunkt ist ein anderer. Ihm ist es vor allem
darum zu tun, die Engführung des soziologischen Denkens an der
psychischen Realität von Handelnden aufzugeben. Eben nicht der
subjektiv gemeinte Sinn von Handlungen ist für Durkheim das ele-
mentare Konstituens des Sozialen. Für ihn sind die Wechselwirkun-
gen sozialer Tatsachen die entscheidenden Ansatzpunkte. Die zen-
trale soziale Tatsache ist für Durkheim die Solidarität als Ausdruck
gesellschaftlicher Beziehungen zwischen Handelnden. Soziale Ord-
nung, so Durkheim, ist nur dann möglich, wenn es etwas den Sub-
jekten Äußerliches gibt, das ihre jeweiligen Handlungen aufeinander
bezieht (vgl. Durkheim 1965: 105ff.); soziale Ordnung ist somit ein
Korrelat eines Kollektivbewußtseins (vgl. Durkheim 1988: 128).
Würde man die soziale Ordnung allein dem subjektiv gemeinten
Sinn einzelner handelnder Subjekte zurechnen, könnte etwa ein so
einfacher Vorgang wie der Abschluß eines Vertrages nicht erklärt
werden. Ein Vertrag verdankt sich einer wechselseitigen Einhaltung
von Regeln, einem gemeinsamen Einverständnis, das bereits vor
dem Vertragsschluß existiert haben muß, also keine psychische, son-
dern eine soziale Tatsache ist. Nicht der Vertrag ist es, der den
kollektiven Konsensus einer sozialen Beziehung herstellt, sondern
dieser ist es, der jenen erst ermöglicht (vgl. ebd.: 450). 3

1 Der Rekurs auf den Vertrag als paradigmatische Form der sozialen Bin-
28 Systemtheorie als interdisziplinäres Paradigma
Wenn Durkheim als Gesellschaftstheoretiker die verschiedenen
Formen der Solidarität untersucht, hat er ausdrücklich nicht eine
4

psychische Befindlichkeit im Blick, sondern eine soziale Tatsache,


die jenen psychischen Zuständen als Bedingung ihrer Möglichkeit
vorausgeht. Solidarität ist kein psychischer Vorgang, und es ist nicht
die Psychologie, die dem Phänomen der Solidarität als Bedingung
sozialer Ordnung auf den Grund gehen kann. "Das Studium der
Solidarität gehört somit zur Soziologie. Es handelt sich bei ihr um
eine soziale Tatsache, die man nur mittels der sozialen Wirkungen
kennenlernen kann. Wenn trotzdem so viele Moralisten und Psy-
chologen die Frage behandelt haben, ohne dieser Methode zu folgen,
so deshalb, weil sie jeder Schwierigkeit ausgewichen sind. Sie haben
aus dem Phänomen alles ausgeklammert, was an ihm spezifisch
sozial war, um nur den psychologischen Keim zurückzuhalten, aus
dem er hervorwächst." (ebd.: 114) Soziologie im Durkheimschen
Verständnis darf den subjektiv gemeinten Sinn von Handelnden nie-
mals als "bare Münze" nehmen, sondern muß zunächst fragen, wel-
che vorgängigen Formen sozialer Tatsachen zu solchen Handlungs-
mustern führen.
Beide soziologische Denktraditionen, die wir kurz angedeutet ha-
ben, wollen die Natur sozialer Handlungen erklären. Der Unter-
schied zwischen einer verstehenden Soziologie, wie sie von Max

dung in modernen Gemeinwesen erfolgt bei Durkheim mit einem deutli-


chen Seitenblick auf sogenannte vertragstheoretische Modelle, die sozia-
le Ordnung als Ausdruck eines freiwilligen Kontraktes freier Subjekte
denken. Die berühmteste Form solcher kontrakt-theoretischer Modelle ist
sicher Jean-Jacques Rousseaus Schrift Du contrat social von 1762
(Rousseau 1963).
4 Es ist hier nicht der Ort, Durkheims Theorie der Solidarität zu bespre-
chen. Deshalb nur der Vollständigkeit halber: Durkheim unterscheidet
mechanische von organischer Solidarität. Die erste bezeichnet die Solida-
rität aus Ähnlichkeiten, in der soziale Beziehungen durch vollständige
Reziprozität gekennzeichnet sind; die zweite bezeichnet die Solidarität,
die sich der Koordination von Unterschiedlichem und der Arbeitsteilung
verdankt. Durkheim denkt die gesellschaftliche Entwicklung als Bewe-
gung von der mechanischen hin zu immer stärkerer Verbreitung organi-
scher Solidarität (vgl. Durkheim 1988: 118ff. und 162ff.).
29 Systemtheorie als interdisziplinäres Paradigma
Weber begründet wurde, und einer holistischen Soziologie, die nicht
nach den individuellen Erscheinungen, sondern nach den sie bedin-
genden und ermöglichenden sozialen Wechselbeziehungen fragt,
dürfte aber deutlich geworden sein. Beziehen wir diese kurzen An-
deutungen auf den vorherigen Abschnitt, in dem wir einige Grund-
begriffe der Allgemeinen Systemtheorie eingeführt haben, dürfte zu-
sätzlich deutlich werden, daß auch in der Soziologie das wissen-
schaftstheoretische Problem der Verknüpfung von Einzelelementen
relevant ist. Man kann an einzelnen Handlungen oder Handlungs-
trägern ansetzen und versuchen, von der Logik jener subjektiven
Motivkräfte und Ursachen auf das den Subjekten Gemeinsame, das
sie Verbindende zu schließen. Man kann aber auch die einzelnen
Elemente, hier soziale Handlungen, als Ausdruck einer Wechselwir-
kungsbeziehung verstehen, die der eigentliche Gegenstand der Sozi-
ologie ist. Die Kritik der Allgemeinen Systemtheorie an der tradi-
tionellen Wissenschaftsauffassung bestand ja gerade darin, Einzel-
phänomene voneinander zu isolieren und nicht die wechselseitige
Bedingtheit ihrer Möglichkeiten zu untersuchen. Schon eine alltägli-
che Beobachtung sozialer Beziehungen macht evident, daß das, was
in Handlungsketten geschieht, eine Eigendynamik entwickelt, die
von einzelnen kaum mehr gesteuert werden kann. Auch hier gilt die
Formel, daß die soziale Wirklichkeit erheblich mehr umfaßt als die
Summe der einzelnen Elemente. Systemtheoretisches Denken be-
ginnt in der Soziologie dort, wo soziale Handlungen als einzelne
Elemente eines sozialen Zusammenhanges aufgefaßt werden. Die so-
ziologische Systemtheorie - welcher Provenienz auch immer - er-
klärt das Verhalten von einzelnen aus dem jeweiligen Systemzusam-
menhang. Es sind die sozialen Systeme, also Gesellschaften, Fami-
lien, Vereine, Organisationen, Parteien, Parlamente, Betriebe oder
Glaubensgemeinschaften etc., die die Gemeinsamkeit des Handelns
organisieren und so sozialen Prozessen eine Gestalt, eine Richtung,
also eine Struktur geben.
Der Begriff der Struktur steht im Zentrum der strukturell-funktio-
nalen Systemtheorie, wie sie seit den 30er Jahren von Talcott Par-
sons, dem entscheidenden soziologischen Lehrer und Gewährsmann
Luhmanns, entwickelt wurde. Der Begriff "bezieht sich auf diejeni-
30 Systemtheorie als interdisziplinäres Paradigma
gen Systemelemente, die von kurzfristigen Schwankungen im Ver-
hältnis System-Umwelt unabhängig sind" (Parsons 1976: 168). Von
der Struktur unterscheidet Parsons den Begriff Funktion. Er bezeich-
net den dynamischen Aspekt eines sozialen Systems, nämlich die-
jenigen sozialen Prozesse, die den Erhalt und die Stabilität der Sy-
stemstrukturen in einer sich ändernden Umwelt gewährleisten sollen.
Eine Soziologie dieses Typs untersucht zunächst die Struktur eines
sozialen Systems, um die Funktionen angeben zu können, die erfüllt
sein müssen, um das System zu erhalten. Die strukturell-funktionale
Theorie gibt den strukturellen Rahmen an, der den Handlungsprozeß
steuert, und kann in funktionalen Analysen entscheiden, welche
Handlungen funktional oder dysfunktional für die Systemerhaltung
sind. Das eigentlich Soziale, also der Gegenstand der Soziologie,
sind auch hier nicht isolierte Handlungen von einzelnen, sondern die
strukturellen und funktionalen Aspekte dieser Handlungen im Kon-
text des jeweiligen Sozialsystems. Zur strukturellen und funktionalen
Analyse von sozialen Zusammenhängen hat Parsons ein Schema
entwickelt, das die für die Strukturerhaltung notwendigen Funktio-
nen angibt. Danach müssen alle sozialen Systeme folgende vier
elementaren Funktionen erfüllen: Anpassung, Zielerreichung, Inte-
gration und Strukturerhaltung. Dieses AGIL-Schema hat seinen Na-
men von den englischen Initialen dieser Funktionen: Adaption, Goal
Attainment, Integration, Latent Structure Maintenance. 5

Wir brechen hier eine weitere Erörterung der strukturell-funktio-


nalen Systemtheorie ab. Es sollte lediglich deutlich geworden sein,
daß dieser Typus von Soziologie elementare soziale Einheiten, näm-
lich soziale Handlungen, Kommunikationen, Interaktionen etc., nicht
isoliert betrachtet, sondern sie in den strukturellen und funktionalen

5 Die Anpassungsfunktion meint die Aufnahme und Bereitstellung von


Ressourcen und Energien aus der Umwelt des Systems, z.B. persönliche
Kompetenz, Information, Geld. Die Zielerreichungsfunktion meint die te-
leologische Orientierung an Handlungszielen. Die Integrationsfunktion
bezieht sich auf Gemeinschaftsbildung und normative Orientierung und
die Strukturerhaltungsfunktion bezeichnet die Sicherung der Gemeinsam-
keit der kulturellen Überzeugungen.
31 Systemtheorie als interdisziplinäres Paradigma
Rahmen eines Systemzusammenhanges stellt. Handlungen erschei-
nen dann als Resultate jenes Systemzusammenhanges, der durch die-
se Handlungen gestiftet wird. Wieder begegnet uns hier das kyber-
netische Modell der wechselseitigen Bezogenheit und der wechsel-
seitigen Ermöglichungs-, Verstärkungs- und Rückkopplungsbedin-
gungen, wie wir sie oben mit unseren Andeutungen über das kyber-
netische Denkmodell erläutert haben. Diese Bemerkungen mögen
genügen, um den Horizont ein wenig abzustecken, in dem sich eine
soziologische Systemtheorie bewegt. Im folgenden wenden wir uns
nun Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme zu.

Zusammenfassung wichtiger Grundbegriffe:


* Soziales System: Ganzheit einer Menge von Elementen, die soziale
Elemente sind, nämlich soziale Handlungen.
Literatur:
K.H. Tjaden, Hg.: Soziale Systeme. Materialien zur Dokumentation
und Kritik soziologischer Ideologie, Neuwied/Berlin 1971.
3 Theorie sozialer Systeme
Niklas Luhmann hat in den letzten drei Jahrzehnten ein umfangrei-
ches Werk geschaffen, das aufgrund der Differenziertheit, Komple-
xität und thematischen Vielfalt selbst für Eingeweihte nur schwer zu
überschauen ist. Dennoch läßt sich in seinen Arbeiten ein einheitli-
cher Motivstrang ausmachen. Es ist die erklärte Absicht Luhmanns,
im Anschluß an Überlegungen der Allgemeinen Systemtheorie eine
für die Soziologie fachuniversale Theorie zu formulieren. Luhmann
erhebt, wie wir in der Einleitung bereits angedeutet haben, für seine
theoretische Konzeption einen Universalitätsanspruch, keineswegs
aber einen Absolutheitsanspruch. Universalität reklamiert also nicht
den Anspruch auf alleinige Richtigkeit oder absolute Wahrheit. Luh-
mann geht es um die Ausarbeitung einer fachübergreifenden Theo-
rie, die den gesamten Gegenstandsbereich der Soziologie - und
nicht, wie die sogenannten Theorien mittlerer Reichweite, nur aus-
6

gewählte Ausschnitte aus diesem Bereich - mit einer systemtheore-


tischen Begrifflichkeit zu beschreiben versucht. "Mit Universalität ist
nur behauptet, daß sich alle Tatbestände, im Falle der Soziologie
alle sozialen Tatbestände, systemtheoretisch interpretieren lassen.
Damit ist nicht gesagt, daß Systemtheorie die einzig mögliche oder
die einzig richtige soziologische Theorie sei und daß andere Sozio-
logen im Irrtum seien, wenn sie sich ihr nicht anschließen." (HaLu:
378) Die Ausarbeitung einer universellen soziologischen Theorie mit
den Mitteln der Allgemeinen Systemtheorie besagt, daß jeder soziale
Kontakt als System begriffen wird. Soziologie ist diesem Verständ-
nis zufolge, wie Luhmann erstmals 1967 notiert, "die Wissenschaft
von den sozialen Systemen" (SozA 1: 113). Das ist - wenn wir uns
an das erinnern, was im ersten Kapitel gesagt wurde - kein unbe-

6 Der Begriff der Theorien mittlerer Reichweite geht auf Robert K. Mer-
ten (1967: 258) zurück, der gegenüber umfassenden, aber eindimensio-
nalen Ansätzen für eine Limitierung des Erklärungsanspruchs soziologi-
scher Theorien plädierte.
Theorie sozialer Systeme 34
dingt neuer Gedanke. Schon vor Luhmann hat es innerhalb der So-
ziologie zahlreiche, zum Teil sehr unterschiedliche Versuche gege-
ben, soziale Zusammenhänge mit den begrifflichen Mitteln der Sy-
stemtheorie zu beschreiben und zu analysieren. Am bekanntesten
sind in dieser Hinsicht, wie gesehen, die Arbeiten von Parsons ge-
worden. Die Auseinandersetzung mit der Parsonsschen Theorie steht
dann auch am Beginn von Luhmanns eigener Theorieentwicklung.
Jedoch ist Luhmann keineswegs bereit, alle Annahmen und konzep-
tionellen Vorschläge von Parsons zu übernehmen. Im Gegenteil: Be-
reits Mitte der sechziger Jahre entwickelt Luhmann erste Schritte
eines eigenen Ansatzes, den er in scharfer Abgrenzung gegenüber
der struktur-funktionalistischen Theorie von Parsons vorträgt.
Das Bemühen, eine eigenständige Theorie sozialer Systeme zu
entwerfen, die mit universellem Anspruch auftritt, hat Luhmann bis
heute fortgesetzt. Diese Aussage, die die Kontinuität des Werkes
von Luhmann in den Vordergrund hebt, darf allerdings über be-
stimmte Bruchstellen in seiner eigenen Theorieentwicklung nicht
hinwegtäuschen. Überschaut man die bisherigen Schriften Luh-
manns, so lassen sich zwei Phasen deutlich unterscheiden. Die erste
Phase reicht von Anfang der sechziger Jahre bis zu Beginn/Mitte der
achtziger Jahre. Mit der Schrift Soziale Systeme. Grundriß einer
allgemeinen Theorie, die im Jahre 1984 erschienen ist, beginnt dann
eine zweite, bis heute andauernde Phase. Das Buch Soziale Systeme
markiert also, das gilt es im folgenden zu berücksichtigen, einen
entscheidenden Einschnitt innerhalb der Theorieentwicklung Luh-
manns. Zugleich handelt es sich bei dieser Arbeit um die bisher
sorgfältigste Explikation der Grundbegriffe einer Theorie sozialer
Systeme. Aus diesem Grunde läßt sich Soziale Systeme mit Fug und
Recht auch als das eigentliche Hauptwerk Luhmanns bezeichnen.
Den Schwerpunkt unserer Einführung legen wir deshalb auf die
gegenwärtige, aktuelle Fassung der Theorie sozialer Systeme.
Gleichwohl wollen wir im folgenden Abschnitt einige Schlaglichter
auf die Theoriekonzeption Luhmanns aus den sechziger und siebzi-
ger Jahren werfen. Auf den wenigen Seiten können wir selbstver-
ständlich nur einige wenige Theoriebausteine andiskutieren; insofern
ist die Gefahr in bezug auf den frühen Luhmann besonders groß,
Theorie sozialer Systeme 35
daß seine Theorie unzureichend vereinfacht und verkürzt dargestellt
wird. Dennoch haben wir uns dazu entschlossen, zentrale Kategorien
der älteren Version der Theorie sozialer Systeme von Luhmann vor-
zustellen. Dies geschieht vor allem deshalb, weil eine Einführung in
die Theorie sozialer Systeme, die sich ausschließlich auf die zweite
Ausarbeitungsphase konzentriert, nur allzu schnell den Eindruck er-
weckt, Luhmann habe die Grundannahmen seines Ansatzes erst Mit-
te der achtziger Jahre entwickelt. Gegen eine solche Auffassung ist
festzuhalten, daß Luhmann bereits in den sechziger und siebziger
Jahren zentrale Konzepte seines Ansatzes ausformuliert hat. Mit der
Theoriewende erfahren die Grundbegriffe aber zum Teil eine Umde-
finition bzw. ihr Stellenwert innerhalb der Gesamttheorie verändert
sich. Ein Verständnis dieser theoretischen Modifikationen setzt je-
doch voraus, daß man sich zuvor mit der älteren Version der Theo-
rie sozialer Systeme ein wenig vertraut gemacht hat.

3.1 Funktional-strukturelle Systemtheorie


Die Kritik und Weiterentwicklung der soziologischen Systemtheorie
von Parsons bildet, wie bereits angedeutet, den Ausgangspunkt der
Überlegungen Luhmanns. Parsons ist von der klassischen, bereits
von Thomas Hobbes aufgeworfenen Frage ausgegangen, wie
menschliches Zusammenleben und damit gesellschaftliche Ordnung
möglich sei. Parsons präsentiert als Antwort eine voluntaristische
Lösung des Problems sozialer Ordnung. Der Begriff voluntaristisch
deutet darauf hin, daß die Mitglieder einer Gesellschaft nicht allein
aufgrund von individuellen Interessen bzw. äußerem Zwang zusam-
menleben, sondern freiwillig innerhalb eines normativen Bezugsrah-
mens übereinstimmen. Eine voluntaristische Ordnung ist also weder
eine reine Zwangsordnung noch das Ergebnis des Zusammenspiels
von ausschließlich egozentrischen Nutzenerwägungen. Gesell-
schaftliche Ordnung beruht vielmehr auf einem generellen Werte-
konsens, der im sozialen Leben fest institutionalisiert und zugleich
von den Handelnden im Sozialisationsprozeß verbindlich erworben
wird. Diese Überlegungen zum Zustandekommen sozialer Ordnung
hat Parsons in Richtung einer Theorie des allgemeinen Handlungs-
systems weiterentwickelt: Jede konkrete Handlungseinheit ist, eben-
so wie jede Form sozialer Ordnung, das Ergebnis des Zusammen-
spiels von kulturellen, sozialen und persönlichen Faktoren. Inner- 7

halb dieses Dreierschemas kommt dem kulturellen System ein domi-


nierender Einfluß zu: Gemeinsam geteilte kulturelle Werte und Nor-
men (shared symbolic system) steuern und strukturieren soziale
Handlungsabläufe und sichern auf diese Weise das gemeinsame Zu-
sammenleben. Parsons ist deshalb in seinen Analysen stets von sozi-
alen Systemen ausgegangen, die durch bestimmte Norm- und Wert-
muster, d.h. durch spezifische Strukturen, charakterisiert sind. Dabei
hat ihn v.a. die Frage interessiert, welche spezifischen Leistungen
erfüllt sein müssen, damit soziale Gebilde auch in Zukunft ihren Be-
stand sichern. Diese Form der Fragestellung hat dem Strukturfunk-
tionalismus seinen Namen gegeben. Die strukturell-funktionale Sy-
stemtheorie setzt soziale Systeme mit bestimmten Strukturen voraus
und fragt nach den funktionalen Leistungen, die erbracht werden
müssen, um den Fortbestand des sozialen Gebildes zu gewährleisten.
Die Bestandserhaltung des sozialen Systems ist somit, kurz gesagt,
das oberste Bezugsproblem der funktionalen Analyse. Gerade diese
Auffassung von Parsons ist innerhalb soziologischer Debatten aber
zunehmend auf Kritik gestoßen. Kritiker werfen der Systemtheorie
vor, daß sie einem heimlichen Konservatismus das Wort rede. Die
strukturell-funktionale Theorie von Parsons rechtfertige, so etwa der
Vorwurf von Ralf Dahrendorf (1986: 213ff.), den Status quo, da sie

7 Parsons hat seine Theorie des allgemeinen Handlungssystems ständig


modifiziert und erweitert. In seiner ersten größeren Arbeit The Structure
of Social Action hat er mit einer Zweiteilung gearbeitet, und zwar hat er
eine Sphäre des zweckrationalen Handelns von einer Sphäre der katego-
risch-normativen Verpflichtung unterschieden. Dieses duale Handlungs-
schema wird dann in The Social System zu dem angesprochenen Dreier-
schema erweitert; noch später hat Parsons dann mit dem im ersten Kapi-
tel genannten AGIL-Schema ein viergliedriges Modell vorgelegt. Hier
bilden Verhaltenssystem, Persönlichkeitssystem, soziales System und
kulturelles System die vier Felder des allgemeinen Handlungssystems
(vgl. Parsons 1951, 1968; Parsons/Bales/Shils 1953). Zur Entwicklung
der Theorie von Parsons vgl. auch Münch 1988 und Wenzel 1986, 1991.
Theorie sozialer Systeme 37
von statischen Strukturkategorien ausgehe und Prozesse des sozialen
Wandels und des Konflikts auf diese Weise leugne bzw. nicht ange-
messen behandeln könne.
An diesem Punkt setzen die Überlegungen Luhmanns ein. Luh-
mann greift die angedeutete Kritik an der strukturell-funktionalen
Systemtheorie von Parsons auf, ohne sich allerdings allen Einwän-
den im einzelnen anzuschließen. Während die meisten Kritiker Par-
sons' die Systemtheorie durch alternative soziologische Konzepte er-
setzen wollen, plädiert Luhmann für ein Festhalten am systemtheo-
retischen Paradigma. Es geht ihm, anders gesagt, darum, durch eine
Reformulierung und Generalisierung des systemtheoretischen Instru-
mentariums die Mängel der Theorie von Parsons zu überwinden. "Es
führt nicht weiter, die erkannten Lücken oder Einseitigkeiten der
Systemtheorie in eine Gegentheorie umzumünzen: so die Integration
durch Konflikt, so die Ordnung durch Wandel zu ersetzen. Auf diese
Weise läßt man den Universalitätsanspruch fallen und bezieht vom
Gegner das, worüber man sich geärgert hatte: die Einseitigkeit. Die
Kritik der strukturell-funktionalen Theorie müßte deshalb versuchen,
nicht bei den Mängeln, sondern bei dem Grund dieser Mängel anzu-
setzen. Nur so ist es möglich, das Ziel einer einheitlichen soziologi-
schen Theorie im Auge zu behalten und die Mittel zur Erreichung
dieses Zieles zu verbessern." (SozA 1: 114)
Luhmanns Kritik am Ansatz von Parsons zielt auf die Ausarbei-
tung einer Theorie sozialer Systeme, die es ernst meint mit dem
Anspruch, den gesamten Gegenstandsbereich der Soziologie abzu-
decken, die also sowohl Integration als auch Konflikt, sowohl Ord-
nung als auch Wandel, sowohl Struktur als auch Prozeß zu berück-
sichtigen versucht. Zu diesem Zweck stellt Luhmann das Verhältnis
der Begriffe Struktur und Funktion um, die bereits den konzeptionel-
len Überlegungen Parsons' zugrundeliegen. Er ordnet den Funktions-
begriff dem Strukturbegriff vor und spricht in der Folgezeit von
einer funktional-strukturellen Systemtheorie. Mit der Umstellung der
beiden Grundbegriffe erfolgt eine Ausweitung der funktionalen Ana-
lyse, die strukturorientierte Sichtweise tritt hingegen zurück. Mit
diesem theoretischen Umbaumanöver werden gleich zwei inhaltliche
Korrekturen an Parsons' Ansatz vorgenommen.
Theorie sozialer Systeme 38
Die funktional-strukturelle Systemtheorie geht erstens nicht länger
davon aus, daß soziale Systeme stets über ein verbindliches, kollek-
tiv geteiltes Norm- und Wertmuster verfügen. Gerade in der moder-
nen, vielfach differenzierten Gesellschaft läßt sich, so Luhmann, ei-
ne solch einheitliche Struktur von Wertorientierungen häufig nicht
ausmachen. Mit der Umkehrung der Grundbegriffe Funktion und
Struktur wird es nun möglich, einen nicht-normativen Begriff des
Sozialen zu formulieren. Das besagt, daß soziale Systeme nicht län-
ger anhand bestimmter Wert- und Strukturmuster definiert werden.
Unter einem sozialen System versteht Luhmann den Zusammenhang
von aufeinander verweisenden sozialen Handlungen. Immer dann,
wenn die Handlungen mehrerer Personen miteinander verknüpft
werden, entsteht ein soziales System oder auch Handlungssystem,
das sich von einer Umwelt abgrenzt. Alle Handlungen, die sinnhaft
aufeinander verweisen, gehören zu dem jeweiligen sozialen System;
alle übrigen Handlungen, die keine Beziehung zu dem jeweiligen
Sinnzusammenhang unterhalten, gehören zur Umwelt des Systems.
Alle weiteren nicht-sozialen Entitäten und Ereignisse gehören eben-
falls zur Umwelt. Konstitutiv für diesen Systembegriff ist somit die
Vorstellung einer Grenze, die eine Differenzierung von Innen und
Außen ermöglicht. Etwas ist entweder System (bzw. gehört zum
System) oder Umwelt (bzw. gehört zur Umwelt).
Die funktional-strukturelle Systemtheorie verwirft zweitens die
Annahme, daß soziale Systeme auf spezifische, nicht-substituierbare
Leistungen notwendig angewiesen sind. Soziale Systeme hören, so
Luhmann, nicht unbedingt zu existieren auf, wenn bestimmte Sy-
stemleistungen ausfallen. Sie besitzen die Möglichkeit, die ausgefal-
lenen Beiträge durch andere, alternative Leistungen zu ersetzen.
"Außerdem kann ein soziales System auf das Ausfallen bisheriger
Leistungen durch Änderung seiner Struktur und seiner Bedürfnisse
reagieren, die den Fortbestand unter veränderten Bedingungen er-
möglicht, ohne daß sich eindeutig feststellen ließe, von wann ab
solche Änderungen ein neues System konstituieren." (SozA 1: 33)
Mit dem Übergang von der strukturell-funktionalen zur funktional-
strukturellen Systemtheorie geht es nicht länger um die Frage, wel-
che konkreten Beiträge den Bestand des Systems kausal bewirken
39
und damit in Zukunft sicherstellen. An diese Stelle tritt die Frage,
welche Funktion bestimmte Systemleistungen erfüllen und durch
welche funktional-äquivalenten Möglichkeiten diese ersetzt werden
können. Der Kausalfunktionalismus von Parsons, der zwischen be-
stimmten System beitragen und der Erhaltung des Systems einen di-
rekten Zusammenhang herzustellen versucht, wird durch den soge-
nannten Äquivalenzfunktionalismus ersetzt. Funktionale Analysen
sind nach Luhmann also nicht an der Aufdeckung von kausalen Be-
ziehungen zwischen Ursachen und Wirkungen interessiert, sie orien-
tieren sich vielmehr an dem Zusammenhang von Problemen und
Problemlösungen. Und zwar eröffnen funktionale Analysen einen
Möglichkeitsspielraum alternativer Lösungen des Ausgangsproblems,
die miteinander verglichen werden können. 8

Jede funktionale Analyse setzt einen obersten Bezugspunkt vor-


aus, auf den hin die Untersuchung ausgerichtet wird. Bei Parsons
bildet der Bestand sozialer Systeme die höchste Ebene der funktio-
nalen Analyse. Mit der Umstellung der Begriffe Funktion und Struk-
tur verschiebt sich dieser Ausgangspunkt. Luhmann überwindet das
Bestandsproblem, indem er die Konstitution und den Wandel von
Systemen (und von Strukturen) ebenfalls mit Hilfe funktionaler Me-
thoden analysiert. Nicht der Systembestand, sondern die Welt wird
zur obersten Bezugseinheit der funktionalen Analyse erklärt. Wir ha-
ben davon gesprochen, daß für die funktional-strukturelle Theorie,
die mit der System-Umwelt-Differenz arbeitet, alles entweder Sy-
stem oder Umwelt ist. Die einzige Ausnahme zu diesem Sachverhalt
bildet die Welt. Die Welt ist kein System, da sie kein Außen besitzt,
gegen das sie sich abgrenzt. Die Welt kann aber auch nicht als Um-

8 Damit wird aber nicht behauptet, daß mit dem Übergang zum Äquiva-
lenzfunktionalismus die kausalwissenschaftlichen Prämissen vollständig
getilgt werden. Joas hebt in diesem Sinne kritisch hervor, daß "die 'an-
deren Möglichkeiten', die 'funktionalen Äquivalente' selbst in einem
kausalwissenschaftlichen Horizont" (Joas 1992: 312) gedeutet werden
müssen. Dabei darf aber nicht übersehen werden, daß im Vergleich zu
traditionellen Kausalanalysen der Äquivalenzfunktionalismus mit der
Untersuchung alternativer Problemlösungsmöglichkeiten sich weiterge-
hende Erkenntnismöglichkeiten erschließt.
40
welt begriffen werden, weil jede Umwelt umgekehrt ein Innen vor-
aussetzt, das selbst nicht wiederum zur Umwelt gehört. Die Welt ist
weder System noch Umwelt, sie umgreift vielmehr alle Systeme und
die dazu gehörenden Umwelten, sie ist also die Einheit von System
und Umwelt. Alles was geschieht, geschieht in der Welt. Somit er-
eignet sich auch alle Bestandserhaltung, ebenso alle Bestandsgefähr-
dung und alle Bestandsvernichtung von Systemen in der Welt. Auf
Grund dieser Überlegungen wählt Luhmann die Welt als obersten
Bezugspunkt der funktionalen Analyse. Die Welt kann nicht über-
schritten werden, da die Welt keine Grenze besitzt, hinter der sich
ein Außen befindet, auf das hin sie transzendiert werden könnte.
Die Welt, oder genauer: die Komplexität der Welt wird bei Luh-
mann zum obersten Bezugsproblem der funktionalen Analyse. Mit
Komplexität ist ein weiterer, wenn nicht der Grundbegriff der funk-
tional-strukturellen Systemtheorie benannt. Komplexität meint zu-
nächst die Gesamtheit der möglichen Ereignisse und Zustände: Et-
was ist komplex, wenn es mindestens zwei Zustände annehmen
kann. Mit der Zahl der Zustände bzw. mit der Zahl der Ereignisse
steigt auch die Zahl der zwischen ihnen möglichen Relationen, und
zugleich steigt die Komplexität. Der Begriff der Weltkomplexität be-
zeichnet auch hier die äußerste Grenze. Alles, was möglich ist, ist
nur möglich in der Welt. Diese äußerste Komplexität der Welt ist
für das menschliche Bewußtsein aber in dieser Form nicht faßbar
und erfahrbar. Luhmann spricht von einer "sehr geringen, aus an-
thropologischen Gründen kaum veränderbaren Fähigkeit des Men-
schen zu bewußter Erlebnisverarbeitung" (SozA 1: 116). Das
menschliche Vermögen der Komplexitätsaufnahme ist angesichts der
möglichen Zustände und Ereignisse der Welt ständig überfordert.
Zwischen der äußersten Weltkomplexität und dem menschlichen Be-
wußtsein klafft eine Lücke. Exakt an dieser Stelle treten soziale Sy-
steme in Funktion. Sie übernehmen die Aufgabe der Reduktion von
Komplexität. Soziale Systeme vermitteln also zwischen der unbe-
stimmten Komplexität der Welt und der Komplexitätsverarbeitungs-
kapazität des einzelnen Menschen.
Was besagt die Formel der Reduktion von Komplexität? Reduk-
tion der Komplexität meint Abbau oder Verringerung der möglichen
41
Zustände oder Ereignisse. Soziale Systeme reduzieren die Weltkom-
plexität, indem sie Möglichkeiten ausschließen. Nicht alle möglichen
Ereignisse und Zustände der Welt können im System auftreten. Nur
sehr wenig von dem, was in der Welt möglich ist, wird in einem so-
zialen System auch zugelassen, das meiste bleibt ausgeschlossen. In
einem Sozialsystem Zahnarztbesuch beispielsweise werden nur weni-
ge Handlungsmöglichkeiten auch realisiert: Zwar kann sich zwischen
einem Zahnarzt und einem Patienten ein Gespräch über die unter-
schiedlichsten Themen entwickeln, aber man wird wohl kaum damit
rechnen können, daß während der Behandlung dem Patienten ein
dreigängiges Menü serviert wird. In einem sozialen System sind also
weniger Ereignisse und Zustände zugelassen als in der Systemum-
welt. Dadurch, daß soziale Systeme Komplexität reduzieren, geben
sie den beteiligten Personen Orientierungshilfen an die Hand. Sozia-
le Systeme bilden "Inseln geringerer Komplexität" (SozA 1: 116) in
einer überkomplexen Welt. Die Grenze zwischen System und Um-
welt, zwischen Innen und Außen, markiert also zugleich ein Kom-
plexitätsgefälle - die Umwelt ist stets komplexer als das System.
Luhmann spricht davon, daß die Ordnung eines Systems unwahr-
scheinlicher bzw. höher ist als die seiner Umwelt. "Systembildung
erfolgt durch Stabilisierung einer Grenze zwischen System und Um-
welt, innerhalb derer eine höherwertige Ordnung mit weniger Mög-
lichkeiten (also mit reduzierter Komplexität) invariant gehalten
werden kann." (SozA 1: 76)
Damit soziale Systeme die Komplexität der Welt reduzieren kön-
nen, müssen sie selber eine bestimmte Komplexität aufweisen, sie
müssen also eine Eigenkomplexität ausbilden. Das gilt zunächst in
dem trivialen Sinne, daß die Eigenkomplexität der Handlungssyste-
me ausreichen muß, um den Fortbestand auch unter sich ändernden
Umweltbedingungen aufrechtzuerhalten. Je komplexer ein System
ist, desto mehr Möglichkeiten besitzt es, auf wechselnde Umweltan-
forderungen angemessen zu reagieren. Am Problem der Bestandser-
haltung kommt also letztlich auch die funktional-strukturelle System-
theorie nicht vorbei. Soziale Systeme müssen aber noch in einem
weiteren Sinne eine gewisse Eigenkomplexität aufweisen. Die Fähig-
keit des Systems, die Komplexität der Welt zu erfassen und zu ver-
42
arbeiten, wird in erster Linie von der Anzahl der möglichen eigenen
Zustände bestimmt. Zwischen Eigenkomplexität und Weltbezug be-
steht also ein interner Zusammenhang. Jedes Sozialsystem kann nur
einen Ausschnitt der Welt erfahren; die Größe des Ausschnitts wird
aber in erster Linie dadurch bestimmt, wie viele Zustände im Sy-
stem selbst zugelassen sind. In diesem Sinne haben einfachere So-
zialsysteme eine einfachere Welt als komplexere Systeme. Die Ei-
genkomplexität des Systems ermöglicht - und begrenzt - somit des-
sen Fähigkeit, die Komplexität der Welt zu erfassen und zu reduzie-
ren. Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen wird verständlich,
warum Luhmann davon spricht, daß der Begriff der Weltkomplexität
keinen Seinszustand, sondern die Relation zwischen System und
Welt bezeichnet. Komplex ist die Welt nicht an sich, sondern nur
aus der Perspektive von Systemen, die die Welt komplexitätsredu-
zierend zu verarbeiten versuchen.
Bisher war nur ganz allgemein von sozialen Systemen oder Hand-
lungssystemen die Rede. Es ist an der Zeit, diese abstrakte Redewei-
se zu verlassen und sich einigen konkreten Handlungssystemen zu-
zuwenden. Nach Luhmann lassen sich drei besondere Typen von so-
zialen Systemen unterscheiden, nämlich Interaktionssysteme, Or-
ganisationssysteme und Gesellschaftssysteme. Interaktionssysteme
kommen dadurch zustande, daß Anwesende handeln. Anwesende
sind Personen, die sich gegenseitig wahrnehmen. Ein Seminar an der
Universität mag hier als Beispiel dienen. Zu diesem Interaktions-
system gehören alle Handlungen, die von den Seminarteilnehmern
ausgeführt werden, also etwa Wortbeiträge, das Vortragen von Refe-
raten, aber auch das Gespräch mit dem Nachbarn usw. Handlungen,
die von Personen außerhalb des Seminarraums ausgeführt werden,
gehören zur Umwelt des Interaktionssystems. Mit dem Ende des Se-
minars, d.h. mit dem Auseinandergehen der Teilnehmer, löst sich
auch das Interaktionssystem auf (zumindest bis zum nächsten Zu-
sammentreffen der Seminarbesucher).
Organisationssysteme bilden einen zweiten Typ von Handlungs-
systemen. Soziale Systeme sind als organisiert zu bezeichnen, wenn
die Mitgliedschaft an bestimmte Bedingungen geknüpft ist. Die Uni-
versität stellt etwa ein solches Organisationssystem dar: Es lassen
43
sich einzelne Mitgliedschaftsgruppen (Wissenschaftliche und Nicht-
wissenschaftliche Mitglieder, Studenten) unterscheiden, der Ein- und
Austritt in das Organisationssystem Universität ist formell geregelt,
d.h. er ist an bestimmte Mitgliedschaftsbedingungen geknüpft. Mit
Hilfe von Mitgliedschaftsregeln gelingt es Organisationen, "hoch-
gradig künstliche Verhaltensweisen relativ dauerhaft zu reproduzie-
ren" (SozA 2: 12). Eine wichtige Funktion von Organisationen liegt
also darin, spezielle Handlungsabläufe, die in der Umwelt des Orga-
nisationssystems in dieser Weise nicht zu erwarten sind, festzulegen
und damit für Mitglieder wie auch Nicht-Mitglieder der Organisation
berechenbar zu machen.
Unter Gesellschaft schließlich versteht Luhmann das umfassend-
ste Sozialsystem. Alle Interaktionssysteme und alle Organisationssy-
steme gehören somit zur Gesellschaft, ohne daß man sagen kann,
daß die Gesellschaft in Interaktionen bzw. Organisationen aufgeht.
Die Gesellschaft ist kein Interaktionssystem, da sie selbstverständ-
lich auch die Handlungen zwischen jeweils Abwesenden mitumfaßt.
Und die Gesellschaft ist auch kein Organisationssystem: Man kann
in die Gesellschaft nicht ein- oder aus ihr austreten, so wie man sich
an der Universität immatrikuliert oder exmatrikuliert. Die Gesell-
schaft ist mehr als die Summe aller Interaktions- und Organisations-
systeme, da in dem Gesellschaftssystem eine Vielzahl von Handlun-
gen auftreten, die nicht von Interaktions- bzw. Organisationssyste-
men hervorgebracht werden. Insofern bildet die Gesellschaft "ein
System höherer Ordnung, ein System anderen Typs" (SozA 2: 11).
Die Gesellschaft ist somit das umfassendste System und zugleich ein
besonderer Systemtyp, neben dem es andere Systemtypen (Interak-
tionen und Organisationen) gibt. Ein universalistischer Ansatz, der
darauf abzielt, alle sozialen Kontakte zu erfassen, kann sich daher
nicht auf das Sozialsystem Gesellschaft beschränken, sondern muß
alle drei Systemtypen betreuen. "Nicht alle Sozialsysteme bilden
sich nach der Formel Interaktion, nicht alle Sozialsysteme nach der
Formel Gesellschaft und erst recht nicht alle nach der Formel Orga-
nisation. Daher haben auch die diesen Systemtypen zugeordneten
Theorien nur eine begrenzte Tragweite. Keine von ihnen erfaßt die
gesamte soziale Wirklichkeit. Selbst das umfassende System der Ge-
44
sellschaft enthält zwar die anderen Systemtypen in sich selbst, ist
aber deswegen noch nicht ihr Prototyp." (SozA 2: 13)
Soziale Systeme übernehmen die Funktion, so haben wir formu-
liert, die Komplexität der Welt zu erfassen und zu reduzieren. Die
Formel Reduktion der Komplexität nimmt Luhmann auch für seine
eigenen Arbeiten in Anspruch: Der funktional-strukturellen Theorie
geht es um die "Erweiterung des menschlichen Vermögens, die
Komplexität der Welt zu erfassen und zu reduzieren" (SozA 2: 67).
Dieses Anliegen der Theorie hat Luhmann als soziologische Aufklä-
rung bezeichnet. Damit liegt dem Programm der soziologischen
Aufklärung eine selbstbezügliche Argumentationsfigur zu Grunde:
Die Theorie formuliert bestimmte Beobachtungen über soziale Sy-
steme, diese Beobachtungen treffen aber zugleich auch auf die eige-
ne Theorie zu. Luhmann begründet diese zirkuläre Argumentation
mit der Überlegung, daß seine Theorie exakt dem Gegenstandsbe-
reich angehört, über den die Theorie bestimmte Erkennmisse zu ge-
winnen sucht. Die funktional-strukturelle Theorie bildet einen Teil
der Soziologie und damit einen Teil der modernen Wissenschaften
oder besser: einen Teil des Handlungssystems der modernen Wis-
senschaften. Folglich konzipiert die Theorie ihren Gegenstand auf
eine solche Weise, daß sie selbst als Teil ihres Gegenstandes wieder
vorkommt. Eine solche Theorieanlage scheint typisch für Theorien
mit universalistischem Anspruch zu sein. Theorien, die alles erklären
wollen, müssen auch sich selbst erklären. Oder umgekehrt formu-
liert: Eine Theorie, die auf ihrer Gegenstandsseite nicht wieder
auftaucht, kann keine universalistische Theorie sein, da sie zumin-
dest einen Gegenstand innerhalb ihres Gegenstandsbereiches - näm-
lich sich selbst - nicht erklärt.
Das Anliegen von Luhmann, ausgehend von der Theorie Parsons'
das Bezugsproblem der funktionalen Analyse weiter zu generalisie-
ren und mit der Formel der Reduktion der Weltkomplexität ein all-
gemeines Funktionsprinzip sozialer Systeme zu formulieren, hat zum
Teil massive Einwände hervorgerufen. Luhmann wurde - ähnlich
wie Parsons - vorgeworfen, daß er damit ein letztlich sozialtechnolo-
gisches, konservatives Interesse formuliere. Bereits sein nüchternes
technisch-kybernetisches Vokabular weise darauf hin, so die Kriti-
45
ker, daß es der Theorie sozialer Systeme primär um eine Verwal-
tung der Menschen, aber nicht um einen Abbau von Herrschaft und
Ungerechtigkeit gehe. Richtungweisend für diese Kritik sind die
Einwände von Habermas geworden, der Luhmann vorwirft, daß sich
hinter "dem Versuch, Reduktion von Weltkomplexität als obersten
Bezugspunkt des sozialwissenschaftlichen Funktionalismus zu recht-
fertigen, [...] sich die uneingestandene Verpflichtung der Theorie auf
herrschaftskonforme Fragestellungen, auf die Apologie des Beste-
henden um seiner Bestandserhaltung willen" (Habermas 1971: 170)
verberge. Luhmann hat in seiner Antwort auf Habermas darauf hin-
gewiesen, daß ein solcher Kritikpunkt die Denkebene, auf der die
funktional-strukturelle Theorie argumentiert, verfehlt. Dies einfach
deshalb, weil Habermas eine wissenschaftliche Theorie mit politi-
schen Begriffen kritisiert. Im Gegensatz dazu unterscheidet die
Theorie sozialer Systeme sorgfältig zwischen wissenschaftlichen und
politischen Zusammenhängen. Damit wird nicht behauptet, daß wis-
senschaftliche Aussagen keine politischen Folgen auslösen können
oder daß politische Entscheidungen nicht auch Auswirkungen im
Wissenschaftssystem haben. Behauptet wird mit der Unterscheidung
aber, daß wissenschaftliche Theorien im politischen Raum nicht
gleichsinnig weiterwirken. Wenn aber zwischen wissenschaftlichen
Aussagen und politischen Einstellungen kein lineares Kausalverhält-
nis existiert, dann ist es, so Luhmann, eine unzureichende Vereinfa-
chung, die Theorie sozialer Systeme auf bestimmte politische Impli-
kationen festzuklopfen, anstatt sie nach ihrer theoretischen Erklä-
rungskraft zu befragen.
Es würde an dieser Stelle zu weit führen, alle Argumente und Ge-
genargumente dieser Auseinandersetzung zwischen Luhmann und
Habermas im einzelnen aufzuführen, schon deshalb, weil Luhmann
später weitreichende Modifikationen an seiner Theorie sozialer Sy-
steme vorgenommen hat. Zwar finden sich die meisten der system-
theoretischen Grundbegriffe, die Luhmann in den sechziger und
siebziger Jahren formuliert hat, auch noch weiterhin, aber viele der
Konzepte werden später neu definiert oder erhalten innerhalb der
Theorie einen anderen Stellenwert - das gilt insbesondere für die
Formel der Reduktion der Komplexität, die ihre dominierende Posi-
46
tion innerhalb der Theorie sozialer Systeme einbüßt. Es ist allerdings
fraglich, ob Luhmann die Revisionen und Korrekturen aufgrund der
angedeuteten kritischen Einwände vorgenommen hat. Er selbst hat
den Umbau seiner Theorie damit begründet, daß sich in den sechzi-
ger und siebziger Jahren die Grundlagen der Allgemeinen System-
theorie gewandelt haben. Sein Anliegen ist es also, Weiterentwick-
lungen der Allgemeinen Systemtheorie, die sich in anderen wissen-
schaftlichen Disziplinen - und hier vor allem innerhalb der Biologie
und Neurophysiologie - vollzogen haben, auf die Soziologie zu
übertragen und für eine Theorie sozialer Systeme fruchtbar zu ma-
chen. Im folgenden Kapitel werden wir uns deshalb mit den ent-
scheidenden Neuerungen auf dem Gebiet der allgemeinen System-
theorie beschäftigen.

Zusammenfassung wichtiger Grundbegriffe:


* Soziales System meint einen Sinnzusammenhang von aufeinander
verweisenden sozialen Handlungen, der sich von einer Umwelt ab-
grenzt.
* Ein System ist komplex, wenn es mehr als einen Zustand annehmen
kann. Komplexität meint die Gesamtheit der möglichen Zustände.
* Reduktion von Komplexität bezeichnet die zentrale Funktion von
Systemen, die Gesamtheit der in der Welt möglichen Ereignisse ein-
zuschränken.
* Äquivalenzfunktionalismus ist der Begriff für eine vergleichende
Methode, die ausgewählte Bezugsprobleme daraufhin untersucht,
durch welche funktionalen Äquivalente eine Problemlösung er-
möglicht wird.
Literatur:
Niklas Luhmann: Funktionale Methode und Systemtheorie, in: ders.,
Soziologische Aufklärung. Aufsätze zur Theorie sozialer Systeme,
Opladen 1970, S. 31-53.
Niklas Luhmann: Soziologie als Theorie sozialer Systeme, in: ders..
Soziologische Aufklärung. Aufsätze zur Theorie sozialer Systeme,
Opladen 1970, S. 113-136.
47
3.2 Neuere Entwicklungen in der Systemtheorie
In dem 1984 erschienenen Werk Soziale Systeme wird, wie bereits
angedeutet, der konzeptionelle Umbau der Theorie sozialer Systeme
vollzogen. Luhmann unterscheidet in der Einleitung des Buches drei
Phasen in der Entwicklung der Allgemeinen Systemthcoric. Die er-
ste Phase ist durch das Schema vom Ganzen und seinen Teilen cha-
rakterisiert. Systeme werden als geschlossene Ganzheiten konzipiert,
die aus mehreren Teilen zusammengesetzt sind. Das Ganze ist dabei
mehr als die Summe seiner Teile, es besitzt qualitativ neue Eigen-
schaften aufgrund der spezifischen Form der Vernetzung der Einzel-
teile. In der zweiten Phase tritt die Unterscheidung von System und
Umwelt an die Stelle der Differenz vom Ganzen und seinen Teilen.
Luhmann spricht im Anschluß an die Überlegungen des Wissen-
schaftshistorikers Thomas Kuhn von einem Paradigmenwechsel, also
einem Wandel des zugrundeliegenden Beobachtungsmusters in der
Allgemeinen Systemtheorie. Dieses zweite Modell konzipiert Syste-
me als offene Gebilde, die mit ihrer Umwelt Austauschprozesse
unterhalten. In den Sozialwissenschaften hat etwa Parsons dieses
Modell herangezogen; neben der Frage der Strukturbildung von Sy-
stemen hat er sich vor allem dafür interessiert, welche Input- und
Outputbeziehungen zwischen Systemen und ihren jeweiligen Um-
welten existieren. Aber auch Luhmanns frühere Konzeption einer
funktional-strukturellen Systemtheorie läßt sich ohne Schwierigkei-
ten diesem zweiten Paradigma zuordnen. In der Allgemeinen Sy-
stemtheorie spricht man aber mittlerweile von einem weiteren Para-
digmenwechsel, und zwar wird die Theorie offener Systeme zuneh-
mend durch eine Theorie autopoietischer Systeme ersetzt. Autopoie-
sis! Dieses Schlagwort steht also für das neue systemtheoretische
Paradigma. Welches theoretische Konzept verbirgt sich hinter die-
sem Begriff?
Die entscheidenden Denkanstöße zu dem erneuten Paradigmen-
wechsel in der allgemeinen Systemtheorie gehen auf die beiden chi-
lenischen Biologen und Neurophysiologen Humberto R. Maturana
und Francisco J. Varela zurück, die bereits in den sechziger und
siebziger Jahren die Grundlagen der neuen Konzeption entwickelt
48
haben. Das Kunstwort Autopoiesis, das sich aus den griechischen
Worten autos (= selbst) und poiein (= machen) zusammensetzt, wur-
de übrigens von Maturana selbst geprägt und meint soviel wie
Selbsterzeugung, Selbstherstellung. Maturana und Varela haben den
Begriff benutzt, um die Eigenart der Organisation von Lebewesen zu
beschreiben. Es geht ihnen also, das gilt es im folgenden zu berück-
sichtigen, um eine Definition bzw. Theorie des Lebendigen. Dabei
verstehen sie ihre Erklärungsfigur als mechanistischen Ansatz, d.h.
als einen Ansatz, der keine übernatürlichen Kräfte und Prinzipien -
etwa eine nicht näher definierbare Lebenskraft - heranzieht, sondern
der allein auf physikalische und chemische Naturgesetze rekurriert.
Ebensowenig wie sie Leben auf ein teleologisches Lebensprinzip zu-
rückführen, begnügen sie sich aber damit, den Begriff des Lebens
mit der Aufzählung von bestimmten Eigenschaften wie etwa Bewe-
gung, Fortpflanzung, Evolution usw. zu erklären. Vielmehr formu-
lieren sie mit dem Autopoiesis-Begriff ein allgemeines Organisati-
onsprinzip des Lebendigen, also ein Organisationsprinzip, das für
alle Lebewesen Gültigkeit besitzt.
Maturana und Varela definieren autopoietische Systeme oder
Maschinen, wie sie in Anlehnung an den kybernetischen Sprachge-
brauch sagen, folgendermaßen: "Eine autopoietische Maschine ist
eine Maschine, die als ein Netzwerk von Prozessen der Produktion
(Transformation und Destruktion) von Bestandteilen organisiert (als
Einheit definiert) ist, das die Bestandteile erzeugt, welche 1. auf-
grund ihrer Interaktionen und Transformationen kontinuierlich eben
dieses Netzwerk an Prozessen (Relationen), das sie erzeugte, neu
generieren und verwirklichen, und die 2. dieses Netzwerk (die Ma-
schine) als eine konkrete Einheit in dem Raum, in dem diese Be-
standteile existieren, konstituieren, indem sie den topologischen Be-
reich seiner Verwirklichung als Netzwerk bestimmen." (Maturana/
Varela 1982: 184f.) Das klingt zunächst sehr kompliziert, versuchen
wir also, den Definitionsvorschlag ein wenig aufzuhellen: Autopoie-
tische Systeme sind lebende Gebilde, die sich selbst herstellen und
erhalten. Das geschieht, indem sie die Komponenten und Bestand-
teile, aus denen sie bestehen, selbst produzieren und herstellen,
indem sie also durch ihr Operieren ihre eigene Organisation fort-
49
laufend erzeugen. Dies muß man sich derart vorstellen, daß die
Komponenten in einem zirkulären Prozeß miteinander interagieren
und daß dabei die Komponenten ständig erzeugt werden, die zur
Erhaltung des Systems notwendig sind.
Nicht-lebende Maschinen sind hingegen keine autopoietischen Sy-
steme, sie sind vielmehr allopoietisch organisiert. Der Motor eines
Kraftwagens kann hier als Beispiel herangezogen werden. Auch
wenn ein solcher Motor über längere Zeiträume reibungslos funktio-
niert, so kann man sicherlich nicht behaupten, daß der Motor sich
selbst herstellt und seine Organisation fortlaufend aufrechterhält. Die
einzelnen Bestandteile des Motors sind vom Menschen angefertigt
und zusammengefügt worden. Zudem reproduziert und erneuert der
Motor im Verlauf seines Funktionierens keineswegs seine Bestand-
teile (etwa Vergaser, Kurbelwelle, Pleuel, Zündkerzen usw.) - sobald
einzelne Komponenten des Motors aufgrund von Defekten und Ver-
schleißerscheinungen ausfallen, müssen sie von außen ausgetauscht
werden. Überlegungen dieser Art dürften Maturana und Varela dazu
geführt haben, das Prinzip der Autopoiesis allein zur Charakterisie-
rung des Lebens heranzuziehen. Ein System, das in einem fortlau-
fenden Produktionsprozeß aus seinen Bestandteilen seine Bestandtei-
le herstellt und sich damit als abgrenzbare Einheit selbst erhält, ist
in ihren Augen notwendig ein lebendiges System. Oder umgekehrt
formuliert: Alle Lebewesen, aber auch nur sie, sind autopoietisch
organisiert. Man kann daher auch sagen, daß alle lebenden Maschi-
nen die gleiche Organisation besitzen. Diese autopoietische Organi-
sation ist in unzähligen konkreten Strukturen verwirklicht, etwa als
Pantoffeltierchen, Fisch, Vogel, Elefant, Affe oder Mensch (vgl.
Köck 1990: 168).
Alle Lebewesen besitzen somit zwar die gleiche Organisation,
aber unterschiedliche Strukturen. Während der Begriff der Organisa-
tion auf die Einheit des zirkulären Produktionsprozesses der System-
komponenten abstellt, meint der Begriff der Struktur die konkreten
Relationen zwischen den Bestandteilen. Diese Struktur, d.h. die je-
weilige Abfolge und Verkettung der Bestandteile im fortlaufenden
Prozeß der Produktion, ist somit auch änderbar. Autopoietische
Systeme sind, zumindest solange sie am Leben bleiben, organisa-
50
tionsinvariante und zugleich strukturveränderbare Systeme. Die
konkreten Systemoperationen sind abhängig von dem jeweiligen Sy-
stemzustand vor der Operation, d.h. sie sind abhängig von der kon-
kreten Systemstruktur. Aus diesem Grunde lassen sich lebende, au-
topoietische Systeme auch als struktur- bzw. zustandsdeterminierte
Systeme charakterisieren.
Maturana und Varela haben am Beispiel der Zelle das Autopoie-
sis-Konzept näher erläutert. Eine Zelle bildet ein autopoietisches Sy-
stem, sie erzeugt auf molekularer Ebene ständig die Bestandteile
(Proteine, Nukleinsäuren, Lipide, Glykoside, Metabolite), die sie zur
Aufrechterhaltung ihrer Organisation benötigt. Oder aus der Sicht
der einzelnen Elemente formuliert: Die molekularen Bestandteile
sind in einem Netzwerk interagierender Komponenten auf eine sol-
che Weise eingelassen, daß sie durch ihre Operationen ständig die-
ses Netzwerk hervorbringen und aufrechterhalten, durch das sie um-
gekehrt selbst hervorgebracht werden. Mit Hilfe der Zellmembrane
grenzt sich die Zelle gegenüber ihrer Umwelt ab und bildet eine
operierende Einheit. Insofern läßt sich die Zelle bzw. lassen sich
autopoietische Systeme allgemein als geschlossene Systeme be-
schreiben.
Aufgrund ihrer Geschlossenheit beziehen sich autopoietische Sy-
steme ausschließlich auf sich selbst. Insofern operieren autopoieti-
sche Systeme selbstbezüglich oder selbstreferentiell. Diese Selbstbe-
züglichkeit lebender Systeme läßt sich mit dem Begriff der Rekursi-
vität weiter konkretisieren. Als rekursiv bezeichnet man einen Re-
produktionsprozeß, der die Produkte und Ergebnisse seiner Operatio-
nen ständig als Grundlage weiterer Operationen verwendet. Damit
kennen autopoietische Systeme in bezug auf ihre Organisationsweise
weder Input noch Output. Alles, was sie zur Erhaltung ihrer Organi-
sation benötigen, erzeugen sie selbst.
Zugleich sind autopoietische Systeme aber auch offene Systeme.
So nehmen Lebewesen in Form von Nahrungsmitteln ständig be-
stimmte Substanzen auf; jede Zelle etwa steht in Kontakt mit ihrer
Umwelt, mit der sie Energie und Materie austauscht, was der Vor-
stellung der Geschlossenheit des Produktionsprozesses zunächst zu
widersprechen scheint. Der Widerspruch läßt sich jedoch auflösen,
51
wenn ein weiterer zentraler Gedanke des Autopoiesis-Konzepts
berücksichtigt wird: Der Umweltkontakt, über den lebende Syteme
verfügen (Offenheit), wird durch die autopoietische Organisations-
weise (Geschlossenheit) überhaupt erst ermöglicht. Um beim Bei-
spiel der Zelle zu bleiben: Der Austausch von Energie und Materie
zwischen Zelle und Umwelt wird von der Zelle gesteuert und kana-
lisiert. Insofern liegt ein sehr spezifischer, selektiver Umweltkontakt
vor. Mit anderen Worten: Die Zelle regelt selbst den Austausch mit
ihrer Umwelt. Sie nimmt nur das auf, was sie für die Produktion
ihrer Bestandteile und Komponenten und damit für ihre eigene
Selbstherstellung und Selbsterhaltung benötigt. Diese Überlegung
läßt sich verallgemeinern: Geschlossenheit lebender, autopoietischer
Systeme (Selbstherstellung und Selbsterhaltung in einem fortlaufen-
den Prozeß) und Offenheit (Austausch von Energie und Materie mit
ihrer jeweiligen Umwelt) stehen in einem Bedingungsverhältnis: Die
Formen des Austausches zwischen System und Umwelt werden
nicht von der Umwelt, sondern von der geschlossenen Organisa-
tionsweise des autopoietischen Systems festgelegt. Die Geschlossen-
heit der autopoietischen Organisation ist die Voraussetzung für ihre
Offenheit. Geschlossenheit und Offenheit gehören somit notwendig
zusammen. Dieser zuletzt formulierte Gedanke läßt sich auch mit
den Begriffen Autonomie und Autarkie formulieren. Autopoietische
Systeme sind autonom, aber nicht autark. Sie sind nicht autark,
insofern sie in einer bestimmten Umwelt, in einem Milieu leben, auf
dessen materielle und energetische Zufuhren sie angewiesen sind.
Sie sind aber autonom, insofern die Aufnahme bzw. Abgabe von
Energie und Materie allein von den Systemoperationen eigengesetz-
lich bestimmt wird.
Neben dem Versuch, mit dem Autopoiesisbegriff die Mechanis-
men des Lebendigen theoretisch zu erfassen, ist eine zweite Über-
legung von Maturana und Varela für die Entwicklung der Allgemei-
nen Systemtheorie bedeutsam geworden. Gemeint sind ihre Arbeiten
zu einer konstruktivistischen Kognitionstheorie und hier insbesonde-
re ihre neurophysiologischen Forschungen zum Nervensystem. Be-
gonnen haben diese Arbeiten mit experimentellen Studien über die
Farbwahrnehmung von Tauben. Im Mittelpunkt des Interesses stand
52
dabei die Frage nach den Aktivitäten der sogenannten Ganglienzel-
len, d.h. derjenigen Nervenzellen, die hinter den lichtempfindlichen
Rezeptorneuronen an der Netzhaut sitzen. Die Messungen erbrachten
das überraschende Ergebnis, daß zwischen den physikalischen Ei-
genschaften des Lichts und den Aktivitäten der Ganglienzellen keine
eindeutigen Korrelationen existieren. Der durch bestimmte Farb- und
Lichtquellen ausgeübte visuelle Stimulus wird also nicht nach Art
eines Kausalverhältnisses in entsprechende Aktivitäten der Nerven-
zellen umgesetzt. Korrelationen lassen sich allein zwischen unter-
schiedlichen Neuronen, keineswegs aber zwischen Lichtquelle und
Nervensystem nachweisen (vgl. Maturana 1990). Das Nervensystem
funktioniert somit nicht nach Art einer Fotokamera, die getreue
Bilder der Außenwelt anfertigt.
Maturana und Varela zogen aus ihren experimentellen Studien die
Schlußfolgerung, daß das Nervensystem ein geschlossenes System
darstellt. Das Nervensystem bildet demzufolge ein selbstbezügliches
Netzwerk interagierender Neuronen - jede Zustandsänderung einer
Nervenzelle bewirkt stets eine Zustandsänderung von anderen Ner-
venzellen. Das Nervensystem ist somit ein operationell geschlosse-
nes System, das sich in seinen Aktivitäten ausschließlich rekursiv
auf sich selbst bezieht. Da jeder neuronale Aktivitätszustand einzig
eine Reaktion auf vorhergehende neuronale Aktivitätszustände dar-
stellt, verfügt das Nervensystem in bezug auf seine Systemopera-
tionen über keinen Input oder Output. Umweltereignisse üben also
keinen determinierenden Einfluß auf die Aktivitäten des Nervensy-
stems aus. Das heißt jedoch nicht, daß das Nervensystem durch be-
stimmte Außenereignisse nicht irritiert oder angeregt werden kann.
Auch für das Nervensystems gilt, daß Geschlossenheit keine Aus-
schlußbedingung, sondern eine Möglichkeitsbedingung von Offenheit
ist. Daraus folgt zugleich, daß allein die systemeigenen Operationen
des Nervensystems festlegen, in welchem Sinne die Irritationen und
Anregungen der Umwelt verarbeitet werden. Das Nervensystem fer-
tigt somit kein Abbild der Umwelt an, vielmehr konstruiert das Ner-
vensystem durch seine eigenen Operationen sein eigenes Bild der
umgebenden Welt.
Die Ergebnisse der Untersuchungen, die Maturana und Varela zu-
53
nächst bei Nervensystemen von Tieren vorgenommen haben, konn-
ten auf eindrucksvolle Weise durch entsprechende Forschungen zur
Funktionsweise des menschlichen Gehirns bzw. des menschlichen
Nervensystems bestätigt werden. Das menschliche Gehirn bildet ein
geschlossenes, selbstreferentielles System, das keinen direkten Zu-
gang zu seiner Umwelt besitzt. Auch über die entsprechenden Sin-
nesorgane steht das Gehirn in keinem Kontakt mit der Außenwelt:
Die menschlichen Sinnesorgane transformieren Außenereignisse in
neuronale Aktivitäten, ohne daß sich eindeutige Korrelationen zwi-
schen Außen und Innen aufweisen lassen. Die Transformation ver-
läuft reizunspezifisch, d.h. die unterschiedlichen Umweltereignisse
verlieren ihre Spezifität, sie werden ausnahmslos in elektrische
Nervenpotentiale umgewandelt. Der Neurophysiologe Gerhard Roth
spricht aus diesem Grunde von einer Einheitssprache der bioelek-
trischen Ereignisse bzw. neuronalen Aktivitäten (vgl. Roth 1987a:
232 und 1987b). Das Nervensystem benutzt für die unterschiedli-
chen Sinneswahrnehmungen wie etwa Sehen, Hören, Riechen und
Fühlen jeweils die gleiche systemeigene Sprache. Der neuronalen
Erregung sieht man also nicht an, ob sie durch visuelle, akustische,
geruchliche oder sensomotorische Signale hervorgerufen worden ist.
Die entsprechenden Unterschiede werden somit nicht von den Sin-
nesorganen, sondern vom menschlichen Gehirn als Teil des Nerven-
systems erzeugt, das den elektrischen Nervenimpulsen überhaupt erst
Bedeutungen zuweist. Das Gehirn ist aufgrund der Reizunspezifität
der Nervenimpulse darauf angewiesen, entsprechende Eigenkomple-
xität auszubilden, um die Signale zu verarbeiten und auszuwerten.
Damit erklärt sich auch der radikale quantitative Unterschied zwi-
schen den etwa 5 Millionen Nervenzellen, die für die Verarbeitung
der sensorischen Erregung abgestellt sind und den mindestens 500
Milliarden Nervenzellen, die auf die Verarbeitung und Auswertung
der Erregung spezialisiert sind; auf einen Kontaktpunkt zwischen
System und Umwelt kommen beim Menschen mithin hunderttausend
systeminterne Kontaktpunkte. Hier liegt ein entscheidender Grund
für die enorme Leistungsfähigkeit des menschlichen Kognitions- und
Wahrnehmungsapparates. Alle diese Überlegungen laufen auf die
54
These hinaus, daß das menschliche Gehirn - und nicht die Sinnes-
organe - für die Wahrnehmung verantwortlich ist.
Für diese Ansicht sprechen auch empirische Studien über Patien-
ten, an denen operative Eingriffe an bestimmten Hirnbereichen vor-
genommen worden sind. Die Patienten berichteten von spezifischen
Seh- bzw. Hörerlebnissen, obwohl nach Aussagen der behandelnden
Ärzte vor ihren Augen und Ohren nichts derartiges passierte. Im
Zusammenhang mit den Thesen von Maturana und Varela zur Ge-
schlossenheit des Nervensystems haben diese Ergebnisse weitrei-
chende Konsequenzen für jede Erkenntnis- und Wahrnehmungstheo-
rie. Wahrnehmung kann demzufolge nicht als adäquate Widerspiege-
lung der äußeren Welt verstanden werden, vielmehr meint Wahrneh-
mung die systeminterne Konstruktion einer systemexternen Welt.
Die letzten Überlegungen lassen sich dahingehend zusammen-
fassen, daß das Gehirn bzw. das neuronale System ein zirkuläres Sy-
stem darstellt, in dem Nervenzellen ausschließlich mit anderen Ner-
venzellen interagieren. Das Nervensystem läßt sich also mit den Be-
griffen der Geschlossenheit, Rekursivität, Selbstreferentialität und
Autonomie charakterisieren. Diese Begriffe haben wir weiter oben
benutzt, um das Konzept der Autopoiesis zu explizieren. Damit stellt
sich die Frage, ob das Nervensystem ebenfalls autopoietisch organi-
siert ist. Maturana und Varela haben die Frage eindeutig verneint.
Ihrer Meinung nach operiert das Nervensystem keineswegs autopoie-
tisch, weil es sich im Verlaufe seiner Operationen nicht selbst er-
zeugt und aufrechterhält. Die einzelnen Nervenzellen sind zwar zu
einem rekursiven Netzwerk zusammengeschlossen, es kann aber
nicht davon gesprochen werden, daß dieses Netzwerk durch die Ak-
tivitätszustände der Neuronen selbst produziert und auf Dauer ge-
stellt wird (vgl. Maturana 1990: 360- Kurz gesagt: Die Nervenzellen
bringen bestimmte bioelektrische Ereignisse hervor, aber sie repro-
duzieren sich nicht selbst. Für die weitere Diskussion gilt es somit
festzuhalten, daß die Begriffe der Selbstreferentialität und der Auto-
poiesis bei Maturana und Varela unterschiedliche Sachverhalte be-
zeichnen: Während der Begriff der Selbstreferentialität auf die
Selbstbezüglichkeit geschlossener Systeme abstellt, betont der Auto-
55
poiesis-Begriff den selbsterzeugenden und selbsterhaltenden Charak-
ter lebender Systeme.
Maturana und Varela haben sich dagegen ausgesprochen, den Au-
topoiesis-Begriff auf soziale Zusammenhänge zu übertragen. Unter
sozialen Systemen verstehen sie Systeme, die aus interagierenden
lebenden Systemen, also aus den entsprechenden Systemmitgliedern
oder Menschen, bestehen. Auch in diesem Falle kann nicht behaup-
tet werden, daß das System die Mitglieder, aus denen es besteht,
durch seine eigenen Operationen produziert oder hervorbringt. So-
ziale Systeme sind somit Systeme, die aus autopoietischen Systemen
- nämlich menschlichen Lebewesen - bestehen, die aber selbst nicht
autopoietisch operieren. Der Autopoiesis-Begriff bleibt bei Maturana
und Varela also auf die Charakterisierung lebender Systeme be-
schränkt.
Die konzeptionellen Vorschläge, die Maturana und Varela zur Be-
schreibung lebender und neuronaler Systeme eingeführt haben, sind
in den unterschiedlichsten wissenschaftlichen Disziplinen rezipiert
und aufgenommen worden. Insbesondere innerhalb der Philosophie,
Neurophysiologie, Biologie, Psychiatrie, Psychotherapie und Sozio-
logie sind ihre Thesen diskutiert und weiterentwickelt worden. Mitt-
lerweile liegen in den genannten Disziplinen eine Reihe von zum
Teil sehr unterschiedlichen begrifflichen und theoretischen Ansätzen
vor, die sich alle mehr oder weniger auf die Theorie von Maturana
und Varela beziehen. Im folgenden wollen wir dieser weitverzweig-
ten Diskussion, die unter den Stichworten Autopoiesis, Selbstrefe-
rentialität, Selbstorganisation und Radikaler Konstruktivismus ge-
führt wird, nicht im einzelnen nachgehen; wir werden uns auf die
Frage konzentrieren, in welcher Weise die Theorie von Maturana
und Varela in der Soziologie und hier von Luhmann aufgenommen
worden ist. 9

9 Luhmann ist im übrigen keineswegs der einzige, der die Theorie von
Maturana und Varela auf das Gebiet der Soziologie zu übertragen ver-
sucht hat. Einen von Luhmann abweichenden - und näher an den u.E.
zum Teil fragwürdigen sozialwissenschaftlichen und weltanschaulichen
Bemerkungen Maturanas und Varelas angelehnten - Versuch hat Peter
M. Hejl unternommen (vgl. Hejl 1982; 1987).
56

Zusammenfassung wichtiger Grundbegriffe:


* Der Begriff Autopoiesis wird bei Maturana und Varela zur Bestim-
mung lebender Systeme verwendet. Unter autopoietischen Syste-
men verstehen sie selbsterzeugende und selbsterhaltende Einheiten.
Autopoietische Systeme bestehen aus einem rekursiven Netzwerk
interagierender Komponenten derart, daß die Komponenten durch
ihre Interaktionen wiederum dasselbe Netzwerk produzieren.
* Autopoietische Systeme sind organisationeil geschlossen und damit
autonom. Zugleich sind lebende Systeme materiell und energetisch
offen. Das besagt, daß autopoietische Systeme in bezug auf ihre
Komponenten keinen Input oder Output haben. Autopoietische Sy-
steme können durch Umwelteinflüsse nicht determiniert, sondern
allenfalls irritiert werden. Die konkreten Systemzustände werden
somit nicht von der Umwelt, sondern vom System selbst bestimmt.
Insofern operieren autopoietische Systeme struktur- bzw. zu-
standsdeterminiert.
* Das Nervensystem bildet ein selbstreferentiell geschlossenes Sy-
stem, das keinen unmittelbaren Zugang zur Welt hat. Daraus ergibt
sich die epistemologische Konsequenz, daß Kognitions- und Wahr-
nehmungsprozesse kein Bild der Wirklichkeit an sich liefern, son-
dern systeminterne Konstruktionen anfertigen.
Literatur:
Humberto R. Maturana/Francisco J. Varela: Autopoietische Systeme:
eine Bestimmung der lebendigen Organisation, in: Humberto Matura-
na: Erkennen. Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit,
Braunschweig/Wiesbaden 1982, S. 170-235.
Niklas Luhmann: Neuere Entwicklungen in der Systemtheorie, in:
Merkur 42 (1988), S. 292-300.
57
3.3 Die Autopoiesis psychischer Systeme
Die zweite Phase der Theorieentwicklung von Luhmann ist dadurch
geprägt, daß er den von Maturana und Varela angeregten Paradig-
menwechsel in der Allgemeinen Systemtheorie für die Soziologie zu
nutzen versucht. Luhmann knüpft unmittelbar an das Autopoiesis-
Konzept an, indem er soziale Systeme als selbstreferentiell-geschlos-
sene, autopoietische Systeme konzipiert. Diese Aussage beinhaltet,
wenn wir uns an die im letzten Kapitel vorgetragenen Überlegungen
erinnern, eine faustdicke Überraschung! Der Autopoiesis-Begriff,
den seine Erfinder Maturana und Varela für die Beschreibung leben-
der Systeme reserviert haben, wird also in direkter Weise auf das
Gebiet der Soziologie übertragen. Nach Luhmann sind jedoch nicht
nur lebende und soziale Systeme autopoietisch organisiert. Daneben
nennt er weitere Systemarten, unter anderem etwa psychische Syste-
me, also Bewußtseinssysteme. Der Autopoiesis-Begriff wird bei
Luhmann, wie er selbst formuliert, generalisiert und auf andere
Systemarten übertragen. Luhmann betont dann auch, daß neben le-
benden Systemen psychische und soziale Systeme ebenfalls autopo-
ietisch organisiert sind. "Der Begriff der Autopoiesis ist zur Defini-
10

tion des Begriffs des Lebens eingeführt worden und wird weithin
auch in dieser Beschränkung benutzt. Es wird jedoch zweckmäßig

10 Es ist hinzuzufügen, daß mit der Generalisierung des Autopoiesis-Be-


griffs sich weitere Einheiten, beispielsweise neuronale Systeme, als
autopoietische Systeme begreifen lassen. Hingegen haben Maturana und
Varela, wie gesehen, das neuronale System ausdrücklich als selbstrefe-
rentielles, aber nicht als autopoietisches System beschrieben. Bei Luh-
mann wird diese Unterscheidung mit der Generalisierung des Autopoie-
sis-Konzepts hinfällig. Autopoietische Systeme sind für ihn selbstreferen-
tiell organisiert und selbstreferentielle Systeme operieren autopoietisch.
Der Begriff der Selbstreferentialität wird bei Luhmann also ganz im
Sinne des Autopoiesis-Begriffs benutzt. Selbstreferentialität, oder besser
basale Selbstreferentialität meint nicht nur Selbstbezüglichkeit, sondern
Selbsterzeugung und -erhaltung des Systems durch die fortlaufende Re-
produktion seiner Systemkomponenten. Der Zusatz basal verweist dar-
auf, daß es um die Herstellung der Systemelemente durch die Systemele-
mente geht. Daneben verfügen autopoietische Systeme über weitere
Formen der Selbstreferenz, vgl. dazu SoSy: 593ff. und Kneer 1992.
58
sein, den Begriff noch weiter zu abstrahieren. Man kann nicht ein-
fach voraussetzen, daß Bewußtseinssysteme oder soziale Systeme
'lebende' Systeme sind. Zumindest folgt dies nicht aus der unbe-
streitbaren Tatsache, daß bewußte Systeme und soziale Systeme Le-
ben (so wie vieles andere auch) voraussetzen. Gerade der Begriff
der Autopoiesis regt dazu an, nach autonomen Formen der Produk-
tion und Reproduktion der Einheit eines Systems zu suchen, also
zumindest die Möglichkeit nicht außer acht zu lassen, daß lebende
Systeme, bewußte Systeme und soziale Systeme ihre je eigene Wei-
se der Autopoiesis auf verschiedene Weise zustande bringen. Dies
ließe sich jedoch nur feststellen, wenn man den Begriff zunächst so
abstrahiert, daß dies nicht von vornherein ausgeschlossen ist. Wir ge-
hen deshalb, gemessen an seiner Herkunft, relativ eigenmächtig
vor." (AdB: 402f.)
Luhmann nimmt, wie er sagt, eine eigenmächtige Generalisierung
des Autopoiesis-Begriffs vor. Ein Punkt scheint vorab klärungsbe-
dürftig zu sein. Luhmann verwendet einen allgemeinen, einheitlichen
Autopoiesis-Begriff zur Beschreibung unterschiedlicher Systemarten.
Die Übertragung des Autopoiesis-Begriffs etwa auf psychische und
soziale Einheiten bedeutet aber nicht, daß damit alle Differenzen
zwischen Organismen, Bewußtseinssystemen und sozialen Zusam-
menhängen getilgt werden. Es wird also nicht etwa behauptet, daß
die Gesellschaft als eine Art biologisches Lebewesen im Großformat
aufzufassen sei. Die Generalisierung des Autopoiesis-Konzepts zielt
keineswegs auf eine soziobiologische, sondern auf eine soziologische
Theorie. Luhmann hebt zu Recht hervor, daß Organismen, Bewußt-
seinssysteme und soziale Systeme "ihre je eigene Weise der Autopo-
iesis auf verschiedene Weise zustande bringen" (AdB: 403; Hervor-
hebung durch d. V.). Das deutet daraufhin, daß das Autopoiesis-
Konzept die Unterschiede und Differenzen zwischen den einzelnen
Systemarten gerade nicht einzieht.
Lebende, neuronale, psychische und soziale Systeme sind nach
Luhmann autopoietische Systeme, d.h. sie bringen sich mittels der
rekursiven Reproduktion ihrer Elemente als autonome Einheiten
selbst hervor. Der generalisierte Autopoiesis-Begriff, den Luhmann
verwendet, wird also durchaus im Sinne der Selbsterzeugung und
59
Selbsterhaltung des Systems durch die Produktion der Elemente des
Systems definiert. "Als autopoietisch wollen wir Systeme bezeich-
nen, die die Elemente, aus denen sie bestehen, durch die Elemente,
aus denen sie bestehen, selbst produzieren und reproduzieren. Alles,
was solche Systeme als Einheit verwenden, ihre Elemente, ihre Pro-
zesse, ihre Strukturen und sich selbst, wird durch eben solche Ein-
heiten im System erst bestimmt. Oder anders gesagt: es gibt weder
Input von Einheit in das System, noch Output von Einheit aus dem
System. Das heißt nicht, daß keine Beziehungen zur Umwelt beste-
hen, aber diese Beziehungen liegen auf anderen Realitätsebenen als
die Autopoiesis selbst." (AdB: 403) Autopoietische Systeme sind
operational geschlossene Systeme, die ihre Komponenten in einem
rekursiven Prozeß selbst herstellen. Geschlossenheit wird dabei nicht
als Gegensatz, sondern als Bedingung für Offenheit verstanden. Die-
se theoretische Konzeption ist uns mittlerweile vertraut. Inwiefern
lassen sich aber neben lebenden Systemen auch andere Systemarten
als autopoietisch charakterisieren? Und bezogen auf den hier vor al-
lem interessierenden Phänomenbereich des Sozialen: Inwiefern las-
sen sich soziale Zusammenhänge als autopoietische Systeme charak-
terisieren, wenn man den Autopoiesis-Begriff im angegebenen Sin-
ne, d.h. als Selbsterzeugung und Selbsterhaltung des Systems mittels
der rekursiven Produktion der Systemkomponenten, auffaßt?
Der zuletzt formulierten Frage möchten wir uns auf einem Um-
weg nähern, indem wir zunächst die Autopoiesis psychischer Syste-
me behandeln. Wohlgemerkt: Luhmann ist kein Psychologe, sondern
Soziologe; folgerichtig interessiert er sich vornehmlich für soziale
Systeme. Aber in seinen Schriften finden sich eine Reihe von An-
merkungen über Bewußtseinssysteme, die auf den ersten Blick ein-
gängiger und anschaulicher sein dürften als seine Ausführungen über
soziale Systeme. Aus diesem Grunde wird es also zunächst um die
Frage gehen, in welchem Sinne Luhmann den Autopoiesis-Begriff
von lebenden Systemen auf psychische Systeme überträgt. Psychi-
sche Systeme fungieren somit als eine Art Testfall, anhand dessen
sich der Versuch einer Generalisierung und anschließender Respezi-
fikation des Autopoiesis-Begriffs überprüfen und deutlich machen
läßt. Mit den auf diese Weise gewonnenen Erkenntnissen wird es
60
leichter sein, die Übertragung des Autopoiesis-Konzepts auf soziale
Systeme nachzuvollziehen.
Luhmann behauptet, daß Bewußtseinssysteme autopoietisch ope-
rieren. Das besagt, daß psychische Systeme in einem rekursiven
Prozeß fortlaufend ihre Komponenten aus ihren Komponenten her-
vorbringen und sich auf diese Weise als Einheit selbsterzeugen und
selbsterhalten. Die spezifischen Elemente von psychischen Systemen
nennt Luhmann Gedanken bzw. Vorstellungen. Gedanken oder11

Vorstellungen sind Ereignisse, also Elemente, die im Moment ihres


Auftauchens bereits wieder verschwinden. Ein Gedanke erscheint,
aber schon im nächsten Moment taucht er unter und wird durch ei-
nen neuen Gedanken ersetzt. Das Bewußtsein hat es also mit dem
Dauerzerfall seiner Elemente zu tun. Es hangelt sich von Bewußt-
seinszustand zu Bewußtseinszustand, von Gedanke zu Gedanke. Luh-
mann begreift das Bewußtsein als autopoietisches System, weil es
damit beschäftigt ist, ständig neue Gedanken hervorzubringen. "Die
Autopoiesis des Bewußtseins ist das Fortspinnen mehr oder minder
klarer Gedanken" (AdB: 406).
Es ist wichtig hervorzuheben, daß Luhmann den Autopoiesis-Be-
griff durchaus im Sinne der Produktion verwendet. Das Bewußt-
seinssystem produziert in einem rekursiven Prozeß Gedanken aus
Gedanken. Der Begriff der Produktion darf jedoch keineswegs als
Schaffung aus dem Nichts, also als creatio ex nihilo, mißverstanden

11 Die These, daß Gedanken bzw. Vorstellungen die Elemente des Bewußt-
seins sind, hat Luhmann in seinem 1985 veröffentlichten Aufsatz Die
Autopoiesis des Bewußtseins selbst vertreten; mittlerweile meldet er
jedoch erhebliche Bedenken an dieser Auffassung an. Solange man die
Elemente des Bewußtseins als Gedanken bezeichnet, hebt man eine be-
stimmte 'Fähigkeit' des Bewußtseins - nämlich Denken - hervor; dane-
ben lassen sich aber weiter bewußtseinstypische Operationsweisen aus-
machen. "Man spricht von Wahrnehmen, Denken, Fühlen, Wollen als
verschiedene Fähigkeiten des Bewußtseins und läßt dabei offen, was
denn die Einheit (der Operationsweise) des Bewußtseins ist. Sicher geht
es um ein Prozessieren von Aufmerksamkeit, aber welches Wort sollte
man wählen, um dies zu bezeichnen? Ich habe vorgeschlagen, von Den-
ken zu sprechen, bin damit aber nicht sehr zufrieden. Husserl hatte, und
das wäre ein weiterer ernstzunehmender Kandidat, von intentionalen (ge-
richteten) Akten gesprochen." (Luhmann 1992: 123)
61
werden. Am Beispiel der Zelle haben wir bereits gezeigt, daß auto-
poietische-Systcme auf bestimmte Zufuhren aus der Umwelt ange-
wiesen sind. Das Gleiche gilt für psychische Systeme. Kein Bewußt-
seinssystem kann ohne entsprechende Umweltbeiträge existieren und
seine Autopoiesis fortsetzen. Die Produktion der Systemelemente ge-
schieht also auf der Basis eines materiellen und energetischen Unter-
baus. "Um schon jetzt Mißverständnissen vorzubeugen, sei betont,
daß der Begriff 'Autopoiesis' mit Bedacht gewählt und genau ge-
meint ist. Es geht keineswegs um Authypostasis. Autopoiesis besagt
nicht, daß das System allein aus sich heraus, aus eigener Kraft, ohne
jeden Beitrag aus der Umwelt existiert. Vielmehr geht es nur darum,
daß die Einheit des Systems und mit ihr alle Elemente, aus denen
das System besteht, durch das System selbst produziert werden.
Selbstverständlich ist dies nur auf der Basis eines Materialitätskon-
tinuums möglich" (WissG: 30).
Kein Bewußtsein kann, so haben wir formuliert, ohne bestimmte
Umweltbeiträge existieren. So können wir keinen Gedanken fassen
ohne unser Gehirn, ohne unseren Körper, ohne die uns umgebende
materielle Umwelt, ohne Luft, Wasser, Erde usw. Dieser Satz, so
müssen wir einschränkend hinzufügen, galt zumindest vor dem Zeit-
alter der modernen Medizin und der modernen Raumfahrt. So ist es
mittlerweile möglich, daß psychische Systeme ihre Autopoiesis
fortsetzen, obwohl wichtige Körperfunktionen wie Atmung, Herztä-
tigkeit ausfallen - die dann von entsprechenden medizinischen Appa-
raturen übernommen werden -, ebenso ist es mittlerweile möglich,
daß psychische Systeme auch außerhalb der gewohnten Erdumge-
bung, also beispielsweise auf dem Mond, operieren. Trotzdem wird
niemand die Aussage bestreiten wollen, daß das Bewußtseinssystem
bestimmte Umweltbedingungen voraussetzt. Vor allem ist das psy-
chische System auf entsprechende Gehirnprozesse angewiesen. Den-
noch oder gerade deshalb darf das Bewußtsein aber mit dem
menschlichen Gehirn, mit den Gehirnströmen, mit den Aktivitäten
der Gehirnzellen nicht gleichgesetzt werden. Das Gehirn befindet
sich, systemtheoretisch gesprochen, in der Umwelt des Bewußtseins.
Das besagt, daß das Bewußtsein seine eigenen Elemente, also Ge-
danken bzw. Vorstellungen, als Einheiten selbst herstellt und sie
62
nicht aus der Umwelt - etwa dem Gehirn - in das System einführt.
Anders formuliert: Bei der Produktion von Gedanken ist das Be-
wußtsein auf bestimmte Gehirntätigkeiten angewiesen, aber die Ge-
hirntätigkeiten sind nicht die Gedanken! Diesen Sachverhalt kann
man sich mit den zwei folgenden Überlegungen klar zu machen ver-
suchen. Es ist erstens möglich, die Gehirnströme und -aktivitäten zu
messen, aber diese Messungen verraten nicht, was das beteiligte Be-
wußtsein denkt. Es ist unmöglich, von außen in das Bewußtsein hin-
einzuschauen; man kann nicht, ausgehend von Gehirnprozessen, auf
bestimmte Bewußtseinserlebnisse schließen. Und zweitens: Aus den
jeweiligen Gedanken, die das Bewußtsein produziert, geht nicht her-
vor, welche Gehirnprozesse dabei in Anspruch genommen werden.
Unsere Gedanken verraten uns nichts über die beteiligten Gehirn-
aktivitäten. Das Gehirn ist für das Bewußtsein unzugänglich, und
ebenso ist das Bewußtsein für das Gehirn unzugänglich. Aus diesem
Grund spricht Luhmann davon, daß das Bewußtsein gegenüber dem
Gehirn eine emergente Ordnungsebene bildet. Der Begriff der Emer-
genz bezeichnet das Auftreten eines neuen Ordnungsniveaus, das aus
den Eigenschaften des materiellen und energetischen Unterbaus nicht
erklärt werden kann. Das Bewußtsein ist bei der Produktion von Ge-
danken auf bestimmte Umweltbeiträge - insbesondere bestimmte Ge-
hirnprozesse - angewiesen, aber diese Umweltbeiträge bleiben Bei-
träge, die in der Umwelt des Bewußtseins stattfinden. Das Gehirn
denkt nicht, es produziert keine Gedanken und keine Vorstellungen.
Gedanken bzw. Vorstellungen sind selbst produzierte, nicht weiter
auflösbare Letzteinheiten des Bewußtseinssystems, für die es in der
Umwelt des Bewußtseins kein unmittelbares Äquivalent gibt.
Bewußtsein und Gehirn operieren völlig überschneidungsfrei, sie
verschmelzen nicht. Dieses spezifische Verhältnis von Bewußtsein
und Gehirn bezeichnet Luhmann mit dem Begriff der strukturellen
Kopplung, Strukturell gekoppelte Systeme sind aufeinander ange-
12

12 Der Begriff der strukturellen Kopplung geht ebenfalls auf Maturana zu-
rück, der den Begriff allerdings benutzt, um die allgemeine Beziehung
zwischen System und Umwelt zu charakterisieren. Luhmann modifiziert
den Begriff in der angegebenen Weise, d.h. er verwendet ihn nicht zur
63
wiesen - und bleiben zugleich füreinander Umwelt. Man spricht also
von struktureller Kopplung, um ein bestimmtes Abhängigkeits-/Un-
abhängigkeitsverhältnis zwischen Systemen zu bezeichnen. Das be-
sagt in diesem Fall: Kein Bewußtsein kann ohne entsprechende Ge-
hirnaktivitäten seine Autopoiesis fortsetzen, aber dennoch, oder
besser: gerade deshalb operieren Bewußtsein und Gehirn getrennt
voneinander.
Luhmann begreift das menschliche Bewußtsein als ein autopoieti-
sches System, das in einem fortlaufendem Reproduktionsprozeß sei-
ne Elemente, also Gedanken bzw. Vorstellungen, aus seinen Ele-
menten herstellt. Es fällt auf, daß Luhmanns Beschreibung des psy-
chischen Systems auffallende Parallelen mit theoretischen Konzep-
tionen aufweist, wie sie in der Tradition der Bewußtseinsphilosophie
formuliert worden sind. So haben beispielsweise Descartes, Kant
und Fichte das menschliche Bewußtsein als eine autonome, selbstbe-
zügliche Einheit charakterisiert; insbesondere aber Husserl hat mit
seiner Darstellung des Bewußtseins- bzw. Erlebnisstromes lange vor
Luhmann die zirkuläre Geschlossenheit des Bewußtseins herausgear-
beitet. Dennoch wäre es grundfalsch, die Theorie autopoietischer
Systeme, so wie Luhmann sie formuliert, der neuzeitlichen Subjekt-
und Bewußtseinsphilosophie zuzurechnen. Descartes, Kant, Fichte
und Husserl begreifen das menschliche Bewußtsein als Subjekt der
Welt, d.h. als etwas, das allem was ist, zugrundeliegt. Dagegen be-
stimmt Luhmann das Bewußtsein als psychisches System, d.h. als
eine Systemart, neben der es andere erkennende Systeme gibt. Das
psychische System ist, wie angedeutet, ein spezifischer Anwen-
dungsfall einer allgemeinen Theorie autopoietischer Systeme. In
erster Linie ist Luhmann aber nicht an psychischen, sondern an so-

Beschreibung jedes System/Umwelt-Verhältnisses, sondern er meint da-


mit eine bestimmte Intersystembeziehung zwischen autopoietischen und
damit autonomen, also getrennt voneinander operierenden Systemen.
Luhmann hat den Begriff der strukturellen Kopplung erst in seinen neue-
ren Publikationen eingeführt, in früheren Schriften hat er den Sachver-
halt hingegen mit einem Begriff von Parsons, nämlich dem Begriff der
Interpenetration, beschrieben.
zialen Zusammenhängen interessiert. An dieser Stelle liegen denn
auch die entscheidenden Differenzen zur philosophischen Tradition.
Zwar ist auch innerhalb der neuzeitlich Bewußtseins- und Subjekt-
philosophie der Versuch gemacht worden, soziale Prozesse - etwa
Kommunikationsprozesse - zu beschreiben, dabei ist es aber stets
darum gegangen, das soziale Geschehen auf die Bewußtseinsleistun-
gen der beteiligten Akteure zurückzuführen. Das Bewußtsein war in
diesem Sinn das Subjekt, also Urheber des Sozialen. Luhmann for-
muliert eine davon abweichende theoretische Konzeption. Er über-
trägt, wie wir nun bereits mehrfach angedeutet haben, den Autopoie-
sis-Begriff auf den Phänomenbereich des Sozialen und bestimmt so-
ziale Einheiten als selbstreferentielle, autopoietische Systeme. Was
das bedeutet und welche Konsequenzen eine solche Theorieanlage
im Vergleich zur philosophischen - und soziologischen - Tradition
zeitigt, wollen wir im nächsten Abschnitt zu beantworten versuchen.

Zusammenfassung wichtiger Grundbegriffe:


* Psychische Systeme sind autopoietische Systeme, deren nicht weiter
auflösbare Letzteinheiten Gedanken bzw. Vorstellungen sind. Die
Bewußtseinselemente haben Ereignischarakter, d.h. sie sind nur von
kurzer, momentaner Dauer.
* Emergenz bezeichnet das Auftreten einer qualitativ neuen Ord-
nungsebene, deren Eigenschaften nicht aus den Eigenschaften des
materiellen und energetischen Unterbaus erklärt werden können.
* Strukturelle Kopplung bezeichnet eine spezifische Beziehung zwi-
schen zwei Systemen. Strukturell gekoppelte Systeme sind aufein-
ander angewiesen - insofern sind sie nicht autark -, aber zugleich
operieren sie autonom, sie bleiben also füreinander Umwelt.
Literatur:
Niklas Luhmann: Die Autopoiesis des Bewußtseins, in: Soziale Welt
36 (1985), S. 402-446.
65
3.4 Soziale Systeme als emergente Ordnungsebene
Luhmann entwickelt auf der Basis des von Maturana und Varela
formulierten Autopoiesis-Konzepts eine soziologische Theorie selbst-
referentieller Systeme. Die Übertragung des Autopoiesis-Begriffs auf
den Phänomenbereich des Sozialen hat zur Konsequenz, daß soziale
Gebilde als geschlossen operierende Einheiten beschrieben werden,
die sich mittels der rekursiven Produktion ihrer Elemente selbst
erzeugen und erhalten. Die Elemente sozialer Systeme, also ihre
nicht weiter auflösbaren Letzteinheiten, bezeichnet Luhmann als
Kommunikationen, Soziale Systeme sind Kommunikationssysteme,
13

sie reproduzieren sich dadurch, daß sie fortlaufend Kommunikatio-


nen an Kommunikationen anschließen.
Zunächst gilt es, sich klarzumachen, was es bedeutet, wenn sozia-
le Zusammenhänge in der angegebenen Weise als autopoietische Sy-
steme begriffen werden. Vor allem ist darauf hinzuweisen, daß eine
solche Auffassung fast der gesamten philosophischen und soziologi-
schen Tradition widerspricht! Üblicherweise wurde und wird das so-
ziale Geschehen mit einer subjektphilosophischen Begrifflichkeit be-
schrieben. Der Mensch bildet demnach die kleinste Einheit des So-
zialen. Die Gesellschaft als das umfassendste Sozialsystem besteht
somit aus Menschen und ihren sozialen Beziehungen. In der glei-
chen Weise werden auch Kommunikationen in bezug auf kommuni-
zierende Menschen bzw. Subjekte gedacht. Der Mensch kommuni-
ziert, bzw. mehrere Menschen kommunizieren miteinander. Beide
Auffassungen werden mit der Übertragung des Autopoiesis-Konzep-
tes auf das Gebiet der Soziologie für obsolet erklärt. Das Soziale be-
steht, so Luhmann, nicht aus Menschen, sondern aus Kommunikatio-
nen; Menschen kommen, wenn von ihnen überhaupt die Rede ist,

13 Hingegen hatte Luhmann, wie gesehen, in seinen früheren Publikationen


soziale Systeme als Handlungssysteme definiert. Der Begriff der Hand-
lung wird mit dem Einbau des Autopoiesis-Begriff in die Theorie sozia-
ler Systeme nicht vollständig aufgegeben, aber erst an abgeleiteter Stelle
eingeführt. Wir werden unter Punkt 3.5 näher auf das Verhältnis von
Kommunikation und Handlung eingehen.
62

allenfalls in der Umwelt sozialer Systeme vor. Und ferner werden


Menschen nicht als Urheber von Kommunikationen betrachtet. Kom-
munikation ist, so Luhmann, kein Ergebnis menschlichen Handelns,
sondern ein Produkt sozialer Systeme! "Der Mensch kann nicht
kommunizieren; nur die Kommunikation kann kommunizieren."
(WissG: 31)
Was bedeutet es, um mit der letzten Aussage zu beginnen, wenn
gesagt wird, daß nur die Kommunikation, aber nicht der Mensch
kommunizieren kann? Um diesen Satz zu verstehen, müssen wir den
Begriff Mensch etwas näher erläutern. Der Begriff Mensch ist, exakt
formuliert, kein systemtheoretischer Begriff. Die Systemtheorie geht
von der Unterscheidung von System und Umwelt aus. Wenn man
sich auf diese Prämisse - zumindest versuchsweise - einläßt, dann ist
alles, was man beobachtet, entweder System (bzw. Teil des Sy-
stems) oder Umwelt (bzw. Teil der Umwelt). Der Mensch ist in
diesem Sinne kein System, sondern er besteht aus mehreren, ge-
trennt operierenden Systemen. Es wäre also falsch, den Menschen
etwa auf sein organisches System oder sein psychisches System zu
beschränken. Der Mensch ist nicht nur Leben, nicht nur Denken, er
ist mehr - und dieses mehr schließt es aus, daß der Mensch ein
System ist. Wir finden am Menschen eine Vielzahl von eigenstän-
digen Systemen - etwa das organische System, das Immunsystem,
das neurophysiologische System und das psychische System -, die
vollkommen überschneidungsfrei operieren. In dieser Weise haben
wir das menschliche Bewußtsein als ein geschlossenes, autopoieti-
sches System begriffen, in dessen Umwelt sich das Gehirn und
somit alle weiteren Systeme des Menschen befinden. Am Menschen
gibt es somit unterschiedliche Prozesse, aber es gibt keine diese
verschiedenartigen Systeme übergreifende autopoietische Einheit.
Wenn im folgenden der Ausdruck Mensch dennoch hin und wieder
Verwendung findet, so ist damit nicht ein System Mensch, sondern
eine Vielzahl von unterschiedlichen Systemen am Menschen ge-
meint.
Damit kommen wir auf unsere Ausgangsfrage zurück. Inwiefern
läßt sich sagen, daß der Mensch nicht kommunizieren kann? Diese
These ergibt sich unmittelbar aus der Überlegung, daß die unter-
67
schiedlichen Systeme des Menschen selbstreferentiell-geschlossen
operieren. Das bedeutet, daß die Systeme keine kommunikativen
Beziehungen zu anderen Systemen (eines anderen Menschen) auf-
nehmen können. So gibt es keinen unmittelbaren Kontakt zwischen
zwei Bewußtseinssystemen. Kein Bewußtsein kann mit seinen Ope-
rationen an den Gedanken und Vorstellungen eines anderen Bewußt-
seins anschließen, kein Bewußtsein kann außerhalb seiner Grenzen
operieren. Insofern gilt: Das Bewußtsein denkt, es schreitet von
Gedanke zu Gedanke fort, aber es kommuniziert nicht mit anderen
psychischen Systemen. Selbstverständlich kann das Bewußtsein
denken, daß es kommuniziert, aber das bleibt sein eigener Gedanke,
bleibt also seine eigene Operation. Insofern gibt es keine bewußte
Kommunikation, also keine Kommunikation zwischen zwei psychi-
schen Systemen. Was auch immer wir denken, wir können nicht an
den Vorstellungen eines anderen Bewußtseinssystems unmittelbar
partizipieren, wir können bestenfalls unterstellen, daß das andere
Bewußtseinssystem in diesem Moment einen bestimmten Gedanken
faßt - aber auch diese Unterstellung ist allein unser eigener Gedanke
und somit wiederum eine Operation unseres eigenen Bewußtseinssy-
stems. Damit wird die zunächst merkwürdig klingende Formulierung
verständlich: Der Mensch kommuniziert nicht. Die Geschlossenheit
organischer, neuronaler und psychischer Systeme macht einen direk-
ten Kontakt eines Menschen mit einem anderen Menschen unmög-
lich.
Auf der Ebene organischer, neuronaler und psychischer Prozesse
ist Kommunikation ausgeschlossen. Das bedeutet zugleich, daß
Kommunikation etwas von diesen Prozessen grundlegend Verschie-
denes ist. Kommunikation bildet somit einen eigenständigen und
eigendynamischen Prozeß. Eine angemessene Darstellung von Kom-
munikationszusammenhängen setzt also voraus, daß Kommunikation
sorgfältig von organischen, neuronalen und psychischen Zuständen
unterschieden wird. Damit haben wir im Prinzip bereits den Vor-
schlag Luhmanns zur Beschreibung von Kommunikationen erfaßt:
Kommunikationen sind, so Luhmann, keine Operationen von Orga-
nismen, Nervensystemen oder Bewußtseinssystemen, vielmehr kom-
men sie zustande durch die Konstitution einer neuen Art von Syste-
62

men - und zwar von sozialen Systemen. Soziale Systeme sind also
autopoietische Systeme, die in einem rekursiven Prozeß fortlaufend
Kommunikation an Kommunikation anschließen.
Soziales Geschehen bildet eine eigenständige und eigendynami-
sche operative Ebene. Es ist wichtig zu betonen, daß damit nicht
behauptet wird, daß soziale Systeme unabhängig vom Menschen
operieren. Es wird also nicht die Relevanz des Menschen, oder sy-
stemtheoretisch formuliert: die Relevanz organischer Prozesse, neu-
ronaler Aktivitäten und bewußter Ereignisse für den Aufbau sozialer
Systeme bestritten. Jedes soziale Geschehen, jede Kommunikation
ist auf bestimmte organische, neuronale und psychische Zustände
angewiesen. Und zwar setzt Kommunikation immer mindestens zwei
Menschen und damit eine Mehrheit von organischen, neuronalen
und psychischen Systemen voraus. Dennoch aber gilt: Kommunika-
tion ist nicht Leben, ist keine neuronale Aktivität, ist kein Bewußt-
seinsakt und läßt sich somit auch nicht auf die entsprechenden Sy-
stemzustände der an Kommunikation beteiligten Menschen reduzie-
ren. Kommunikation bildet eine eigenständige, emergente Ordnungs-
ebene. Genau das besagt ja das Autopoiesis-Konzept: Autopoietische
soziale Systeme sind Einheiten, die sich selbst erzeugen und erhal-
ten, indem sie ihre eigenen Komponenten - in diesem Falle Kommu-
nikationen - in einem rekursiven Prozeß selbst herstellen. Dabei
setzen soziale Systeme wie alle autopoietischen Systeme entspre-
chende Umweltbedingungen voraus. Soziale Systeme können aus ei-
gener Kraft, ohne entsprechende organische, neuronale und psychi-
sche Umweltvoraussetzungen nicht existieren. Soziales Geschehen
ist somit auf den Menschen - und damit auf vieles andere auch -
notwendig angewiesen. Insofern liefert der Mensch bzw. liefern die
entsprechenden Systeme des Menschen unersetzliche Beiträge für
Kommunikationsprozesse. Diese Beiträge bleiben aber Umweltbei-
träge, also Ereignisse, die außerhalb sozialer Systeme stattfinden.
In dieser Hinsicht ist es also durchaus richtig, wenn man sagt,
daß in der Theorie autopoietischer Systeme, vergleicht man diese
mit der philosophischen und soziologischen Tradition, der Mensch
seine privilegierte Position verliert. Der Mensch - bzw. das intentio-
nale Bewußtsein des Menschen - ist nicht länger Urheber, nicht län-
62 Theorie sozialer Sys'teme 69
ger Subjekt der Kommunikation. Das bedeutet aber nicht, daß damit
jegliche Relevanz des Menschen für die Konstitution sozialer Pro-
zesse geleugnet wird. Wer das behauptet, übersieht, daß nach Luh-
mann der Mensch eine notwendige Umweltbedingung des sozialen
Geschehens, also der Autopoiesis der Kommunikation, darstellt.
"Sieht man den Menschen als Teil der Umwelt der Gesellschaft an
(statt als Teil der Gesellschaft selbst), ändert das die Prämissen aller
Fragestellungen der Tradition, also auch die Prämissen des klassi-
schen Humanismus. Das heißt nicht, daß der Mensch als weniger
wichtig eingeschätzt würde im Vergleich zur Tradition. Wer das
vermutet (und aller Polemik gegen diesen Vorschlag liegt eine sol-
che Unterstellung offen oder versteckt zu Grunde), hat den Para-
digmenwechsel in der Systemtheorie nicht begriffen. Die System-
theorie geht von der Einheit der Differenz von System und Umwelt
aus. Die Umwelt ist konstitutives Moment dieser Differenz, ist also
für das System nicht weniger wichtig als das System selbst." (SoSy:
288f.)
Soziales Geschehen ist nach den Grundannahmen der Theorie au-
topoietischer Systeme ein selbstreferentieller Prozeß der Erzeugung
von Kommunikation durch Kommunikation. Jede Kommunikation
erzeugt von Moment zu Moment eine eigene Nachfolgekommunika-
tion - oder das jeweilige soziale System hört auf zu operieren. Bei
der rekursiven Produktion ihrer Kommunikationselemente setzen so-
ziale Systeme, so haben wir formuliert, bestimmte Umweltbedin-
gungen voraus. So würde jede Kommunikation sofort zum Erliegen
kommen, wenn nicht mindestens zwei Bewußtseinssysteme daran
beteiligt sind. Man kann sogar sagen, daß psychische Systeme in-
nerhalb der Umwelt sozialer Systeme eine Ausnahmestellung ein-
nehmen. Allein psychische Systeme verfügen über die Möglichkeit,
Kommunikation zu stören, zu reizen, zu irritieren. Wie gesagt: Das
Bewußtsein kommuniziert nicht, es ist ein selbstreferentiell-geschlos-
senes System, das Gedanken an Gedanken reiht. Aber psychische
Systeme sind in besonderer Weise an Kommunikation beteiligt und
diese Form des Beteiligtseins weist Bewußtseinssystemen eine privi-
legierte Position zu. "Bemerkenswert daran ist vor allem, daß die
Kommunikation sich nur durch Bewußtsein reizen läßt, und nicht
62 Theorie sozialer Sys'teme 70
durch physikalische, chemische, biochemische, neurophysiologische
Operationen als solche. Radioaktivität, Smog, Krankheiten aller Art
mögen zunehmen oder abnehmen; das hat keinen Einfluß auf die
Kommunikation, wenn es nicht wahrgenommen, gemessen, bewußt
gemacht wird und dann den Versuch stimuliert, darüber nach Regeln
der Kommunikation zu kommunizieren." (BK: 893)
Allein Bewußtsein, so Luhmann, kann Kommunikation irritieren
oder reizen. Das besagt nicht, daß ein Bewußtsein Kommunikation
kausal instruieren bzw. beeinflussen kann. An einer Kommunikation
ist mindestens ein zweites Bewußtsein beteiligt, so daß es unzurei-
chend wäre, Kommunikation im Rekurs auf ein individuelles Be-
wußtsein zu beschreiben. Psychische Systeme sind an Kommunika-
tion beteiligt, aber sie bringen Kommunikation nicht ursächlich
hervor. "Kommunikation wird nicht so zustandegebracht, daß erst
das Subjekt den Entschluß faßt, zu kommunizieren, dann diesen
Entschluß ausführt und schließlich, als weiterer Effekt dieser Kau-
salkette, jemand hört oder liest, was gesagt oder geschrieben worden
ist." (WissG: 59) Kommunikation kann weder auf ein individuelles
Bewußtsein, noch auf ein Kollektivbewußtsein zurückgeführt wer-
den. Kommunikation denkt nicht, sie kommuniziert. Jede bewußt-
seinsphilosophische oder psychologische Begrifflichkeit ist unange-
messen zur Beschreibung von Kommunikationsprozessen. Kommu-
nikation ist etwas Eigenständiges, eine emergente Ordnung, in der
nichts Psychisches eingeht. Bewußtseinsprozesse finden als Bewußt-
seinsprozesse, als Gedanken bzw. Vorstellungen, keinen Einlaß in
Kommunikation. Es ist unmöglich, ausgehend von einer Kommuni-
kation festzustellen, was die an der Kommunikation beteiligten Be-
wußtseinssysteme denken. Die Bewußtseinssysteme bleiben in der
gleichen Weise für die Kommunikation unzugänglich, wie das Ge-
hirn für das Bewußtsein. Kommunikation bildet ein selbstreferenti-
ell-geschlossenes System, in das keine psychologischen Komponen-
ten eingehen. Aber auch hier gilt wieder Geschlossenheit ist Bedin-
gung für Offenheit. Kommunikation läßt sich in seinen kommunika-
tionseigenen Operationen ständig durch Bewußtseinssysteme irri-
62 Theorie sozialer Sys'teme 71
tieren, reizen, stören. Kommunikation und Bewußtsein operieren
14

als selbstreferentiell-geschlossene Systeme somit vollständig getrennt


- und zugleich stehen sie in einem komplementären Verhältnis zu-
einander. Kurz: Soziale und psychische Systeme sind strukturell ge-
koppelt.
Den Begriff der strukturellen Kopplung haben wir bereits am Bei-
spiel des Verhältnisses von Bewußtsein und Gehirn erläutert. In der
gleichen Weise sind soziale und psychische Systeme strukturell an-
einander gekoppelt: Keine Kommunikation ohne Bewußtsein und
kein Bewußtsein ohne Kommunikation. Und gleichzeitig - und nicht
davon zu trennen - gilt: Kommunikation und Bewußtsein bleiben
füreinander Umwelt, sie verschmelzen nicht, folglich konstituiert
sich auch kein Supersystem, das Kommunikation und Bewußtsein
übergreift. "So sind alle Kommunikationssysteme selbstverständlich
an Bewußtseinsvorgänge gekoppelt. Ohne Bewußtsein keine Kom-
munikation. Aber das heißt gerade nicht, daß Bewußtseinsvorgänge
[...] als solche schon Elemente eines Kommunikationsprozesses sein
könnten. Das Kommunikationssystem bleibt, mit anderen Worten,
ein operativ geschlossenes selbstreferentielles System. Strukturelle
Kopplung bedeutet andererseits und vor allem, daß die Umweltkopp-
lung der Kommunikationssysteme auf Bewußtseinssysteme be-
schränkt ist und daß es keinen direkten (nicht über Bewußtsein
vermittelten) physikalischen, chemischen oder biologischen Einwir-
kungen ausgesetzt ist." (WissG: 281)

14 Dieser Satz ist durchaus mit dem Autopoiesis-Konzept kompatibel, wenn


man bedenkt, daß auch die Begriffe der Irritation, Reizung, Störung sy-
steminterne Operationen, keineswegs aber ein Kausalverhältnis zwischen
System und Umwelt bezeichnen. Irritationen werden also nicht aus der
Umwelt auf direkte Weise ins System eingeführt, vielmehr irritiert sich
das System strenggenommen selbst. "Irritation ist, wie auch Überra-
schung, Störung, Enttäuschung usw., immer ein systemeigener Zustand,
für den es in der Umwelt des Systems keine Entsprechung gibt. Die Um-
welt muß, anders gesagt, nicht selber irritiert sein, um als Quelle von
Irritationen des Systems zu dienen. Nur unter der Bedingung von struk-
turierenden Erwartungen stellen sich Irritationen ein; und sie sind Irrita-
tionen nur insofern, als sie ein Problem bilden für die Fortsetzung der
Autopoiesis des Systems." (WissG: 40)
62 Theorie sozialer Sys'teme 72
Kommunikation und Bewußtsein sind strukturell gekoppelt und
operieren gerade deshalb als selbstreferentiell-geschlossene Systeme
vollständig getrennt und überschneidungsfrei. Was in der Sprache
der Systemtheorie zunächst so kompliziert und abstrakt klingt, liegt
gar nicht so weit von bestimmten Alltagsbeobachtungen entfernt.
Wer hat nicht schon die Erfahrung gemacht, daß das Gespräch, an
dem man sich beteiligt, und das jeweils eigene Denken sehr unter-
schiedliche Wege gehen können. So kann mein Bewußtsein während
einer Kommunikation, etwa während einer Seminardiskussion, ge-
danklich abschweifen: Die Kommunikation kommuniziert über Max
Webers Herrschaftssoziologie - und ich denke darüber nach, warum
der Professor immer bunte Krawatten trägt. Während des Seminar-
gesprächs kann ich dösen, ich kann kurze Zeit an nichts oder an das
nächste Auswärtsspiel von Borussia Dortmund denken. Und im
nächsten Moment kann ich mich dann wieder auf die Kommunika-
tion konzentrieren, ich kann den Diskussionsverlauf zu beeinflussen,
zu stören, zu reizen, zu irritieren versuchen - und mein Denken wird
dabei immer wieder selbst darüber irritiert, in welche Richtung das
Kommunikationsgeschehen verläuft. Die Kommunikation erzeugt
von Moment zu Moment eine neue Anschlußkommunikation, und
die an Kommunikation teilnehmenden Bewußtseinssysteme erzeugen
von Moment zu Moment jeweils eigene Nachfolgegedanken, ohne
daß die unterschiedlichen Netzwerke parallel verlaufen oder sich
überlappen.
Die These der vollständigen Trennung von Kommunikation und
Bewußtsein behauptet aber nicht nur, daß in den unterschiedlichen
Systemen jeweils verschiedenartige Anschlüsse gewählt werden.
Behauptet wird auch, daß Kommunikation und Bewußtsein mit un-
terschiedlichen Elementen operieren und sie sich somit keine Ein-
heiten teilen. Soziale Systeme erzeugen fortlaufend Kommunikatio-
nen, und psychische Systeme produzieren ununterbrochen Gedanken,
aber aus dem Kommunikationsverlauf geht nicht hervor, was die
beteiligten Bewußtseinssysteme denken. Schlicht gesagt: Es ist für
uns unmöglich, in die Köpfe unserer Kommunikationspartner hin-
einzusehen, wir werden niemals - auch mit der Hilfe von Kommu-
nikation nicht - erfahren, was sie denken. Die beteiligten psychi-
62 Theorie sozialer Sys'teme 73
schen Systeme bleiben füreinander intransparent, sie bleiben hlack
boxes. Wir können uns zwar an Kommunikation beteiligen - jedoch
nicht: miteinander kommunizieren -, aber wir können an den jeweili-
gen Gedanken unserer Gesprächspartner nicht partizipieren. Zwar
kann kommuniziert werden, daß wir in der Kommunikation unsere
Gedanken austauschen und uns über unsere jeweiligen Vorstellungen
verständigen, aber auch das ist nur eine kommunikative Behauptung,
also eine Operation des Kommunikationssystems - und kein Gedan-
kenaustausch. Ebenso kann ich denken, daß ich die Gedanken mei-
15

nes Gesprächspartners in der Kommunikation vollständig erfaßt und


verstanden habe, aber auch das ist einzig mein Gedanke, also eine
Operation meines Bewußtseinssystems - und keine Kommunikation.
Also noch einmal: Die Kommunikation kommuniziert und denkt
nicht. Und: Das Bewußtsein denkt und kommuniziert nicht. Soziales
kann also nur durch Soziales, und nicht durch Psychisches - und
entsprechend: nicht durch Organisches, nicht durch Chemisches,
nicht durch Physikalisches - erklärt werden. 16

15 Anhand dieses Beispiels läßt sich zugleich ein zentraler Gegensatz zwi-
schen Luhmann und seinem theoretischen Gegenspieler Habermas auf-
zeigen. Habermas begreift Kommunikation bzw. kommunikatives Han-
deln als einen Prozeß der intersubjektiven Verständigung, der auf die
Herbeiführung eines rational motivierten, auf guten Gründen beruhenden
Konsenses abzielt. Kommunikation bzw. Verständigung wird auf diese
Weise zu einem normativen Begriff: Es ist vernünftig, sich konsensuell
zu einigen. Begreift man hingegen wie Luhmann Kommunikation als
selbstreferentiellen Prozeß, so ist damit der Konsens - ebenso wie übri-
gens der Dissens - nicht ausgeschlossen. Es ist durchaus möglich, zu
kommunizieren, daß ein Konsens vorliegt. Das besagt aber nicht, daß
damit die Teilnehmer sich näher gekommen sind - die jeweiligen psychi-
schen Systeme bleiben selbstreferentiell-geschlossen. Damit entfällt bei
Luhmann auch jede normative Auszeichnung von Kommunikation. "So
ist denn auch nicht zu erwarten, daß durch Kommunikation die Integra-
tion von Individuen oder ihre wechselseitige Transparenz oder auch nur
die Koordination ihres Verhaltens verbessert werden könnte. [...] Im
Gegenteil: es ist nicht mehr unwahrscheinlich, daß durch Auswirkungen
von Kommunikation Leben und Bewußtsein von Menschen gänzlich aus-
gelöscht wird. Unter solchen Umständen ist es ebenso verständlich wie
hoffnungslos, Idealbedingungen eines Konsenses aller wohlmeinenden
Individuen zu normieren. Sich so weit von Realbedingungen zu entfer-
nen, kann nicht gut als rational postuliert werden." (WissG: 22f.)
16Das Postulat, Soziales nur durch Soziales zu erklären, geht auf den fran-
62
Theorie sozialer Sys'teme 74
Weiter oben haben wir davon gesprochen, daß die Übertragung
des Autopoiesis-Begriffs von biologischen auf soziale Zusammen-
hänge nicht bedeutet, daß damit eine Analogie oder Gleichartigkeit
von organischen und sozialen Systemen behauptet wird. Dieser Ge-
danke läßt sich nun etwas klarer formulieren. Die Generalisierung
und anschließende Respezifikation des Autopoiesis-Begriffs, also
seine Wiederanwendung auf einen besonderen Fall durch Luhmann
erlaubt es, sowohl lebende, neuronale, psychische als auch soziale
Systeme als verschiedenartige Einheiten zu begreifen, die auf unter-
schiedlichen Emergenzebenen ihre je eigene Autopoiesis auf ihre je
eigene Weise zustandebringen. Das Autopoiesis-Konzept behauptet
keine Identität, sondern eine radikale Differenz zwischen den einzel-
nen Systemtypen. Zwar sind organische, neuronale, psychische und
soziale Systeme autopoietisch organisiert, aber die einzelnen Sy-
stemarten verschmelzen nicht zu einem einheitlichen Metasystem,
genauso wenig, wie man von einer Hierarchie der Systeme sprechen
kann. Lebewesen, Nervensysteme, psychische und soziale Systeme
bilden nach den Grundannahmen des generalisierten Autopoiesis-Be-
griffs unterschiedliche emergente Ordnungen, die füreinander Um-
welt bleiben.
Diese letzten Überlegungen gilt es sich stets zu vergegenwärtigen,
wenn im folgenden ein weiterer Grundbegriff der Theorie von Luh-
mann diskutiert wird: Sinn. In unserem Alltag benutzen wir den Be-
griff Sinn zumeist zur Bezeichnung eines bestimmten Zweckes oder
eines bestimmten Zieles. Etwas ist für uns sinnvoll, wenn es sich als

zösischen Soziologen Emile Durkheim zurück. Wenn wir weiter oben


davon gesprochen haben, daß fast die gesamte philosophische und sozio-
logische Tradition das Soziale in anthropozentrischen und bewußtseins-
philosophischen Begriffen analysierte, so ist Durkheim somit aus-
drücklich davon auszunehmen. Das Autopoiesis-Konzept stellt insofern
einen aktuellen theoretischen Versuch dar, den Phänomenbereich des So-
zialen als eine Entität sui generis - auch dies ein Begriff Durkheims - zu
begreifen. Damit enden die Parallelen zwischen Durkheim und Luhmann
aber bereits: Während Durkheim als "erste und grundlegendste Regel"
ausgab, "die soziologischen Tatbestände wie Dinge zu betrachten"
(Durkheim 1965: 115), betont das Autopoiesis-Konzept den operationa-
len Charakter des Sozialen.
62 Theorie sozialer Sys'teme 75
nützlich oder zweckdienlich erweist. Oder aber wir verwenden den
Sinn-Begriff im Sinne (!) des Wortes Bedeutung. Der Sinn des Sat-
zes ist seine Bedeutung. In der Theorie sozialer Systeme wird der
Sinn-Begriff abweichend von unserem Alltagsverständnis benutzt.
Psychische und soziale Systeme konzipiert Luhmann als Sinn kon-
stituierende und verwendende Systeme, alle anderen Systemtypen,
also etwa Lebewesen oder Nervensysteme, haben hingegen keine
Verwendung für Sinn (vgl. SoSy: 64). Daß sowohl psychische als
auch soziale Systeme sinnhaft operieren, bedeutet nicht, daß sie sich
doch an bestimmten Stellen überschneiden. Die These der vollstän-
digen Trennung von psychischen und sozialen Systemen wird damit
also nicht zurückgenommen. Psychische Systeme operieren sinnhaft
in Form eines geschlossenen Bewußtseinszusammenhanges, soziale
Systeme operieren sinnhaft in Form eines geschlossenen Kommuni-
kationszusammenhanges. Der Grundbegriff Sinn betrifft psychische
und soziale Systeme gleichermaßen, ohne daß damit eine Ver-
schmelzung der beiden Systemarten behauptet wird.
Konstitutiv für Sinn ist die Unterscheidung von Aktualität und
Möglichkeit. Etwas steht momentan im Mittelpunkt des Sinngesche-
hens und verweist zugleich auf weitere Möglichkeiten. Dabei ist der
Aktualitätskern instabil: Das jeweils Aktualisierte stumpft ab, wird
langweilig, zerfällt und zwingt laufend dazu, aus dem Bereich des
Möglichen etwas Neues auszuwählen und im nächsten Moment zu
aktualisieren. Sinn ist also das ständige Neuarrangieren der Unter-
scheidung von Aktualität und Möglichkeit, das fortlaufende Aktuali-
sieren von Möglichkeiten. Aus der Instabilität des Aktualitätskerns
ergibt sich, daß ständig eine Neuauswahl, eine Selektion getroffen
werden muß. Das geschieht dadurch, daß das jeweils Aktualisierte
auf weitere Anschlußmöglichkeiten verweist. Die nicht gewählten
Anschlüsse bleiben als Möglichkeiten erhalten und können zu einem
späteren Zeitpunkt aktualisiert werden. "Und Sinn haben heißt eben:
daß eine der anschließbaren Möglichkeiten als Nachfolgeaktualität
gewählt werden kann und gewählt werden muß, sobald das jeweils
Aktuelle verblaßt, ausdünnt, seine Aktualität aus eigener Instabilität
selbst aufgibt. Die Differenz von Aktualität und Möglichkeit erlaubt
mithin eine zeitlich versetzte Handhabung und damit ein Prozessie-
62 Theorie sozialer Sys'teme 76
ren der jeweiligen Aktualität entlang von Möglichkeitsanzeigen.
Sinn ist somit die Einheit von Aktualisierung und Virtualisierung,
Re-Aktualisierung und Re-Virtualisierung als ein sich selbst propel-
lierender (durch Systeme konditionierbarer) Prozeß." (SoSy: 100)
Diese zunächst abstrakt gehaltenen Überlegungen werden ver-
ständlicher, sobald wir das Gesagte auf psychische bzw. soziale
Systeme übertragen. Das Bewußtsein produziert Gedanken durch Ge-
danken. Jeder Gedanke, d.h. jedes Einzelereignis des psychischen
Systems, besitzt eine intentionale Struktur. Zu jedem Gedanken
17

gehört ein bestimmter Gehalt, ein Gedankeninhalt; Bewußtsein ist,


anders formuliert, also immer Bewußtsein von etwas. Der momenta-
ne Gedanke intendiert etwas, und zugleich verweist das Intendierte
auf weitere Möglichkeiten des Erlebens. In diesem Moment denke
ich etwa daran, daß ich heute unbedingt noch ein Brot kaufen muß.
Im nächsten Moment fällt mir ein, daß auch keine Butter mehr im
Kühlschrank ist. Anschließend grübele ich darüber nach, zu wel-
chem Zeitpunkt es am sinnvollsten ist, den Lebensmittelladen auf-
zusuchen. Jede aktuelle Intention verweist somit auf andere Intentio-
nen, auf weitere Nachfolgemöglichkeiten, von denen eine im näch-
sten Moment aktualisiert, in diesem Fall also gedacht werden muß.
Zwar ist es möglich, eine Zeitlang die gleiche Intention im Mittel-
punkt meiner Gedankenoperationen stehen zu lassen. Ich kann etwa
denken: Ich muß noch ein Brot kaufen, ich muß noch ein Brot kau-
fen, ich muß noch ein Brot kaufen usw. Aber das wird schnell lang-
weilig, so daß das Bewußtsein kurze Zeit später dazu übergeht, eine
andere Denkmöglichkeit zu aktualisieren. In diesem Sinne ist das

17 Die Intentionalität des Bewußtseins hat insbesondere Husserl herausgear-


beitet. Zwischen den phänomenologischen Bewußtseinsanalysen Husserls
und Luhmanns Sinnbegriff existieren von daher auffallende Parallelen.
Der entscheidende Unterschied zwischen Husserl und Luhmann besteht
darin, daß Luhmann die Begriffe Sinn und Intention von der psychischen
Systemreferenz, in den Worten Husserls: vom transzendentalen Bewußt-
sein ablöst und generalisiert so daß die Begriffe sowohl auf psychische
wie soziale Systeme anwendbar sind. Zum Sinnbegriff in der Phänome-
nologie und in der Theorie sozialer Systeme vgl. Srubar 1989 und Nas-
sehi 1993 a.
62 Theorie sozialer Sys'teme 77
Sinngeschehen instabil. Sinn zwingt selbst zur Änderung. Ständig
zerfällt der Aktualitätskern - in diesem Falle die Gedankenintention
und eine andere Möglichkeit tritt ins Zentrum der Aufmerksam-
keit. Das jeweils Nicht-Aktualisierte aber geht nicht verloren, es
bleibt im Bereich des Möglichen virtuell erhalten und kann später
aktualisiert werden.
Diese Überlegungen lassen sich in gleicher Weise auf soziale
Systeme übertragen. Ebenso wie jeder Bewußtseinsakt besitzt auch
jede Kommunikation eine intentionale Struktur; Kommunikation ist
immer Kommunikation über etwas. Auch hier gilt also: Jede Kom-
munikation intendiert etwas, und zugleich verweist das Intendierte
auf bestimmte Anschlußmöglichkeiten. Die Instabilität des Sinnes
zwingt dazu, daß im nächsten Moment eine der Nachfolgemöglich-
keiten aktualisiert und kommuniziert wird - oder das soziale System
hört auf zu operieren. Dabei ist zu betonen, daß die jeweils gewählte
Anschlußkommunikation wiederum eine Neuformierung der Dif-
ferenz von Aktualität und Möglichkeit darstellt.
Sinn ist ein selektives Geschehen, stets muß eine Auswahl getrof-
fen und eine potentielle Möglichkeit aktualisiert werden. Die nicht-
aktualisierten Möglichkeiten gehen, wie bereits angedeutet, nicht
verloren, sondern sie bleiben virtuell erhalten und können später
aktualisiert werden. Sinn ist also eine Form des Umgangs mit Kom-
plexität. Und zwar ermöglicht Sinn zugleich Reduktion und Erhal-
tung von Komplexität. Sinn reduziert Komplexität auf eine solche
18

18 Zwischen dem Phänomen Sinn und dem Problem der Komplexität be-
steht somit ein interner Zusammenhang, den Luhmann bereits in seinen
Schriften aus den sechziger und siebziger Jahren herauszuarbeiten ver-
sucht hat. Sinn wird also nicht erst mit der autopoietischen Wende Mitte
der achtziger Jahre, sondern bereits in den älteren Publikationen Luh-
manns, in denen noch die Formel der Reduktion von Komplexität im Vor-
dergrund stand, zum Grundbegriff der Theorie sozialer Systeme erklärt.
Auch in den früheren Schriften meinte der Sinnbegriff die Differenz von
Aktualität und Potentialität: Jedes aktuelle Erleben und Handeln verweist
auf weitere Möglichkeiten und damit auf den Zwang der Selektion.
Wenn wir den Luhmannschen Sinnbegriff erst an dieser Stelle, also im
Zusammenhang mit dem Konzept der Autopoiesis einführen, dann des-
halb, weil u.E. zwischen beiden Kategorien ein enger Zusammenhang
62 Theorie sozialer Sys'teme 78
Weise, daß ein selektiver Zugriff, eine momentane Auswahl möglich
wird - dabei wird die Komplexität aber nicht zerstört, sondern für
weitere Systemoperationen zur Verfügung gestellt. "Mit jedem Sinn,
mit beliebigem Sinn wird unfaßbar hohe Komplexität (Weltkomple-
xität) appräsentiert und für die Operationen psychischer bzw. sozia-
ler Systeme zur Verfügung gehalten. Sinn bewirkt dabei einerseits:
daß diese Operationen Komplexität nicht vernichten können, sondern
sie mit der Verwendung von Sinn fortlaufend generieren. Der Voll-
zug der Operationen führt nicht dazu, daß die Welt schrumpft; man
kann nur in der Welt lernen, sich als System mit einer Auswahl aus
möglichen Strukturen einzurichten. Andererseits reformuliert jeder
Sinn den in aller Komplexität implizierten Selektionszwang, und je-
der bestimmte Sinn qualifiziert sich dadurch, daß er bestimmte An-
schlußmöglichkeiten nahelegt und andere unwahrscheinlich oder
schwierig oder weitläufig macht oder (vorläufig) ausschließt." (So-
Sy: 94) Die Sinnform zwingt zur Selektion, zur Auswahl aus einem
Bereich von Möglichkeiten, aber jede Auswahl enthält wiederum ei-
ne Verweisung auf mehr oder weniger wahrscheinliche Anschluß-
möglichkeiten. Insofern verweist Sinn immer auf weiteren Sinn -
und nicht aus dem Bereich von Sinn hinaus. Sinnverarbeitende
19

besteht. Sinn ist ein geschlossenes, selbstreferentielles Geschehen: Sinn


verweist stets auf weiteren Sinn. Aus diesem Grunde spricht Luhmann
davon, daß "die Selbstbeweglichkeit des Sinngeschehens [...] Autopoiesis
par excellence" (SoSy: 101) ist.
19Für sinnve
de aktualisierte Intention verweist auf weitere Möglichkeiten. Damit ist
nicht ausgeschlossen, daß ich denke, etwas sei sinnlos oder daß die
Kommunikation kommuniziert, ein Sinnverlust sei eingetreten. In sol-
chen Fällen wird aber ein ganz anderer, und zwar ein emphatischer Sinn-
begriff verwendet: Sinn meint dann so etwas wie sinnvoll - und das Ge-
genteil bedeutet dann sinnlos. Für die Theorie sozialer Systeme ist Sinn
hingegen eine unnegierbare Kategorie: Psychische und soziale Systeme
sind an das Phänomen Sinn gebunden, sie können also nicht sinnlos ope-
rieren. Auch bei dem Gedanken, etwas sei sinnlos oder bei der Kommu-
nikation, ein Sinnverlust sei eingetreten, handelt es sich um ein Neu-
arrangieren der sinnkonstitutiven Differenz von Aktualität und Möglich-
keit. Insofern kann Sinn nicht negiert werden: Sinn verweist stets wie-
derum auf Sinn. Zum Gesamtzusammenhang vgl. Hahn 1987.
62 Theorie sozialer Sys'teme 79
Systeme können nicht aus dem Sinngeschehen ausbrechen; für sie
ist "zwar im Prinzip alles zugänglich, aber alles nur in der Form von
Sinn" (SoSy: 97). Das Bewußtsein kann denken, was es will; da-
durch, daß das Bewußtsein sinnhaft operiert, wird sichergestellt, daß
jeder Gedanke auf bestimmte Anschlußgedanken verweist. Und die
Kommunikation kann über alles kommunizieren - und die Sinnför-
migkeit des kommunikativen Geschehens sichert, daß es weitergeht,
indem jede Einzelkommunikation bestimmte Möglichkeiten der
Nachfolgekommunikation bereithält.
Luhmann unterscheidet drei Sinndimensionen, nach denen psychi-
sches und soziales Geschehen beobachtet werden kann: Die Sachdi-
mension qualifiziert das, was in der Welt der Fall ist, nämlich Din-
ge, Theorien, Meinungen usw. Die Sozialdimension gibt vor, wer
Dinge Theorien, Meinungen etc. thematisiert. Die Zeitdimension
schließlich gibt Auskunft darüber, wann etwas geschieht (vgl. SoSy:
112ff.).
62 Theorie sozialer Sys'teme 80

Zusammenfassung wichtiger Grundbegriffe:


* Soziale Systeme sind autopoietische Systeme, die in einem rekursiv-
geschlossenen Prozeß fortlaufend Kommunikation aus Kommunika-
tion produzieren. Das Soziale bildet diesem Verständnis zufolge
eine eigenständige, emergente Ordnungsebene.
* Der Mensch ist keine autopoietische Einheit, sondern er besteht aus
einer Vielzahl unterschiedlicher Systemarten. Das psychische Sy-
stem (des Menschen) befindet sich ebenso wie das lebende und das
neurophysiologische System nicht innerhalb, sondern außerhalb des
Sozialen, aber es besitzt in der Umwelt sozialer Systeme die privi-
legierte Position, Kommunikation irritieren oder reizen zu können.
* Soziale und psychische Systeme verarbeiten Komplexität in der
Form von Sinn. Unter Sinn wird das fortlaufende Prozessieren der
Differenz von Aktualität und Möglichkeit verstanden. Sinn ist
somit ein selbstreferentielles Geschehen: Sinn verweist ständig auf
Sinn und nicht auf Nicht-Sinn.
Literatur
Niklas Luhmann: Die Wissenschaft der Gesellschaft, Frankfurt/M.
1990, S. 11-67.
Dirk Baecker: Die Unterscheidung zwischen Bewußtsein und Kommu-
nikation, in: Wolfgang Krohn und Günter Küppers (Hg.): Emergenz:
Die Entstehung von Ordnung, Organisation und Bedeutung, Frank-
furt/M. 1992, S. 217-268.
62 Theorie sozialer Sys'teme 81
3.5 Kommunikation und Handlung
Soziale Systeme sind autopoietische Systeme, die fortlaufend Kom-
munikation aus Kommunikation produzieren. Dabei sind soziale
Systeme auf bestimmte Bedingungen notwendig angewiesen, insbe-
sondere setzen sie in ihrer Umwelt mindestens zwei psychische
Systeme voraus. Aus diesen Grundannahmen der Theorie autopoieti-
scher Systeme ergeben sich direkte Konsequenzen für eine genauere
Klärung des Kommunikationsbegriffs. Kommunikationen lassen sich
demzufolge nicht, wie sonst allgemein üblich, im Sinne der Übertra-
gung einer Botschaft vom Sender zum Empfänger begreifen. Die an
Kommunikation beteiligten Bewußtseinssysteme operieren selbstrefe-
rentiell-geschlossen. Das besagt, daß psychische Systeme weder eine
Botschaft abgeben noch eine Botschaft aufnehmen können. Es gibt
keinen Input oder Output von Gedanken bzw. Vorstellungen. Zwar
besitzen psychische Systeme, so haben wir gesagt, die privilegierte
Möglichkeit, Kommunikation zu reizen und zu irritieren - aber Be-
wußtseinssysteme lassen sich nicht nach dem Modell eines Informa-
tionssenders bzw. Informationsempfängers deuten. Wenn Kommuni-
kation aber keine Übertragung ist, was ist Kommunikation dann?
Luhmann beschreibt Kommunikation als einen dreistelligen Selek-
tionsprozeß, der Information, Mitteilung und Verstehen miteinander
kombiniert. Selektion bedeutet Auswahl aus mehreren Möglichkei-
ten. Jede Information ist eine Selektion aus einem Horizont von
Möglichkeiten - es ist möglich, nicht diese, sondern eine andere
Information zu kommunizieren. Dazu stehen mehrere Mitteilungs-
möglichkeiten zur Verfügung, die Information kann schriftlich oder
mündlich mitgeteilt werden, sie kann geflüstert, hinausgeschrien
usw. werden. Und die mitgeteilte Information kann in der einen oder
anderen Weise verstanden werden. Kurz: Eine Kommunikation liegt
vor, wenn eine Informationsauswahl, eine Auswahl von mehreren
Mitteilungsmöglichkeiten und eine Auswahl von mehreren Verste-
hensmöglichkeiten getroffen wird. Es ist wichtig zu betonen, daß
von Kommunikation erst bei einer Synthese aller drei Selektionslei-
stungen gesprochen werden kann. Das ist deshalb wichtig, weil da-
mit zugleich ausgeschlossen ist, daß Kommunikation als das Resul-
62
Theorie sozialer Sys'teme 82
tat des Handelns eines Individuums aufgefaßt wird. Die Selektionen
Information, Mitteilung und Verstehen gehen nicht auf ein monolo-
gisches Subjekt zurück, vielmehr ist eine Mehrheit von psychischen
Systemen daran beteiligt. Bei den drei Komponenten Information,
Mitteilung und Verstehen handelt es sich überhaupt nicht um Opera-
tionen der beteiligten psychischen Systeme, sondern um Bestandteile
der Kommunikation, also um Konstrukte sozialer Systeme. Damit ist
nicht ausgeschlossen, daß auch psychische Systeme etwa mit Infor-
mationen prozessieren bzw. Informationen verstehen. In diesem Fal-
le handelt es sich jedoch um bewußtseinsinterne Operationen (Ge-
danken bzw. Vorstellungen), also um Eigenleistungen des psychi-
schen Systems, die in dieser Form nicht in das kommunikative Ge-
schehen eingehen. Bewußtseinsakte sind und bleiben Operationen
des psychischen Systems und können deshalb nicht zur Komponente
der Kommunikation werden. Es gibt, so wurde mehrfach gesagt, kei-
nen Input oder Output von Bestandteilen in das soziale System. In-
formation, Mitteilung und Verstehen als Komponenten der Kommu-
nikation werden also nicht aus der psychischen Umwelt in das Sy-
stem eingeführt, sondern vom sozialen System selbst produziert.
"Jede Kommunikation differenziert und synthetisiert eigene Kom-
ponenten, nämlich Information, Mitteilung und Verstehen." (WissG:
24)
Mit Hilfe eines Beispiels werden die Ausführungen verständli-
cher. Lauschen wir dem Gespräch zwischen einer Ärztin und ihrem
Patienten. Zunächst müssen wir diese Situation in die systemtheore-
tische Begrifflichkeit übersetzen. Offensichtlich handelt es sich um
ein soziales System, an dem zwei psychische Systeme - und selbst-
verständlich einige weitere Systemarten, etwa zwei organische Sy-
steme usw. - beteiligt sind. Im Anschluß an frühere Überlegungen
läßt sich von einem Interaktionssystem sprechen, da beide Individu-
en anwesend sind und sich gegenseitig wahrnehmen. Das Interakti-
onssystem produziert, wie jedes soziale System, in einem selbst-
referentiell-geschlossenen Prozeß Kommunikation durch Kommuni-
kation. So folgt etwa auf die Einfangsfrage "Wie geht es Ihnen?" die
Anschlußkommunikation "Ich habe Schmerzen an meinem rechten
Oberarm!", darauf folgt die Kommunikation "Wann sind die
62 Theorie sozialer Sys'teme 83
Schmerzen zum ersten Mal aufgetreten?" usw. Jede Einzelkommuni-
kation läßt sich dabei als dreistellige Einheit, als Synthese von Infor-
mation, Mitteilung und Verstehen bestimmen. Betrachten wir unter
diesem Gesichtspunkt die Ausgangskommunikation ein wenig ge-
nauer: Hier findet sich u.a. die Information - auch eine Frage enthält
also Informationen -, daß die Ärztin nun bereit ist, den Patienten zu
untersuchen. Die Information stellt eine Auswahl aus einer Vielzahl
von Möglichkeiten dar - etwas findet als Information Eingang in die
Kommunikation, vieles andere wird beiseite gelassen. Es hätte also
auch eine ganz andere Information gewählt werden können, etwa:
"Entschuldigen Sie bitte, aber Sie müssen sich noch einen Moment
gedulden, ich muß noch kurz ins Nebenzimmer." Es kann nicht ge-
nug betont werden, daß die Information ein Konstrukt des Kommu-
nikationsgeschehens und keine Operation des Bewußtseinssystems
ist. Die Kommunikation gibt keine Information darüber, was das
beteiligte Bewußtseinssystem der Ärztin in dem jeweiligen Moment
denkt. Während die Aussage "Wie geht es Ihnen?" kommuniziert
wird, grübelt die Ärztin möglicherweise über das bevorstehende Wo-
chenende oder ihren nächsten Urlaub nach. Für die an Kommunika-
tion beteiligten Bewußtseinssysteme könnte es höchst unangenehm
werden, wenn in die Kommunikation unmittelbar das eingehen wür-
de, was sie gerade denken. An dem Beispiel wird deutlich, daß die
Trennung von Kommunikation und Bewußtsein beiden (!) Seiten
größere Unabhängigkeiten und Freiheiten ermöglicht. Während die
Kommunikation kommuniziert, können die beteiligten Bewußtseins-
systeme den weiteren Gesprächsverlauf in ihren Gedanken schon
einmal durchspielen oder aber abschweifen und an ein anderes The-
ma denken. Und umgekehrt besitzt die Kommunikation die Mög-
lichkeit, Irritationen aus ihrer Systemumwelt aufzunehmen - oder
aber kommunikativ zu umgehen.
Die letzten Überlegungen bezogen sich zunächst auf nur einen
Selektionspunkt der Kommunikation, und zwar auf den der Informa-
tion. Analog verhält es sich mit der Mitteilungsselektion. Jede Mit-
teilung ist eine Auswahl aus einem Repertoire von Möglichkeiten,
d.h. die gleiche Information kann auf verschiedene Weise mitgeteilt
werden. Statt "Wie geht es Ihnen?" kann etwa auch die Mitteilung
62 Theorie sozialer Sys'teme 84
"Was kann ich für Sie tun?" gewählt werden. Auch hier gilt wieder-
um, daß die Mitteilung eine Selektion des Kommunikationsgesche-
hens ist. Die beteiligten Bewußtseinssysteme sind operativ geschlos-
sene und damit eigendynamische Systeme, sie reproduzieren Gedan-
ken durch Gedanken. Während des Kommunikationsgeschehens ge-
hen sie also ihren jeweils eigenen Gedanken nach. Gerade auch
dann, wenn die psychischen Systeme sich auf die Kommunikation
konzentrieren, gilt dennoch: Die Bewußtseinssysteme denken, aber
sie teilen dieses Denken nicht mit. Kein autopoietisches System
kann außerhalb seiner Grenzen operieren, kein Gedanke kann als
Gedanke das Bewußtsein verlassen. Das Bewußtsein kann weder
kommunizieren noch eine Mitteilung - verstanden als Komponente
des Kommunikationsgeschehens - hervorbringen.
Das Verstehen bildet die dritte Komponente eines jeden Kom-
munikationsereignisses. Solange ausschließlich die Selektionen von
Information und Mitteilung miteinander verknüpft werden, liegt
keine Kommunikation vor. Von Kommunikation als einem emergen-
ten Geschehen läßt sich erst sprechen, wenn die mitgeteilte Informa-
tion selektiv, d.h. in der einen oder anderen Weise verstanden wird.
Es muß mindestens ein zweites psychisches System an Kommunika-
tion beteiligt sein, damit die Synthese von Information, Mitteilung
und Verstehen zustandekommt. Dennoch gilt auch hier, daß das
Verstehen nicht in einem psychologischen Sinne zu verstehen ist.
Verstehen ist wie Information und Mitteilung ein kommunikationsin-
ternes Produkt. Damit ist wiederum nicht ausgeschlossen, daß etwa
das psychische System des Patienten, das an der Kommunikation be-
teiligt ist, etwas versteht. Aber das Verstehen des psychischen Sy-
stems findet in dieser Form, also als Gedanke, keinen Eingang in
das selbstreferentiell-geschlossene System der Interaktion. Was im-
mer das psychische System des Patienten während des Kommunika-
tionsgeschehens auch denkt und versteht, es ereignet sich in der
Umwelt des Kommunikationssystems. Verstehen als dritte notwendi-
ge Selektion der Kommunikation kann daher ebenfalls allein aus der
sozialen Systemreferenz beschrieben werden. Was als Verstehen im
Kommunikationsprozeß fungiert, wird nicht durch die beteiligten
Bewußtseinssysteme, sondern durch Kommunikation selbst festge-
62 Theorie sozialer Sys'teme 85
legt. Das geschieht dadurch, daß jede Anschlußkommunikation signa-
lisiert, daß die vorangegangene Kommunikation in einer bestimmten
Art und Weise verstanden worden ist. Die Kommunikation "Ich
habe Schmerzen an meinem rechten Oberarm!" zeigt zugleich das
Verstehen der zuvor geäußerten Kommunikation "Wie geht es Ih-
nen?" an. Kommunikation ist deshalb ein selbstreferentielles Gesche-
hen, weil jede Kommunikation rekursiv auf die vorhergehende Kom-
munikation verweist und sich somit als Element eines selbstbezügli-
chen Kommunikationszusammenhanges identifiziert.
Verstehen ist, ebenso wie Information und Mitteilung, eine Selek-
tion, also eine Auswahl aus mehreren Möglichkeiten. Die mitgeteilte
Information kann auf sehr unterschiedliche Weise verstanden wer-
den. In welcher Weise dies geschieht, entscheidet allein die Kom-
munikation. Daß die Kommunikation selbst festlegt, was als Verste-
hen erreicht wird, besagt nichts anderes, als daß allein aus der An-
schlußkommunikation hervorgeht, was und in welcher Weise ver-
standen wurde. In diesem Sinne ist Verstehen eine Komponente des
Kommunikationsgeschehens und kein Bewußtseinsereignis. Was die
an der Kommunikation beteiligten Bewußtseinssysteme jeweils
wahrnehmen, erfassen und somit: bewußt verstehen, findet in der
Form von gedanklichen Operationen keinen unmittelbaren Einlaß in
den geschlossenen Kommunikationsprozeß. Die Bewußtseinssysteme
sind - und bleiben - für die Kommunikation vollkommen intranspa-
rent. Damit ist nicht ausgeschlossen, daß die Kommunikation das
Verstehen - ebenso wie auch das Mißverstehen - der psychischen
Systeme thematisiert. "Wie geht es Ihnen?" - "Bis auf den Ärger mit
meiner Frau ganz gut!" - "Da haben Sie mich aber mißverstanden.
Wie geht es ihnen gesundheitlich?" Aber auch die kommunikative
Problematisierung des Verstehens ist Kommunikation. Allein die
Kommunikation legt fest, was verstanden und was nicht verstanden
worden ist, sie legt fest, ob bestimmte Verstehensirritationen kom-
munikativ umgangen werden - "Wie geht es Ihnen?" - "Bis auf den
Ärger mit meiner Frau ganz gut!" - "Bei Ihrem Gesundheitszustand
sollten Sie jede Aufregung vermeiden!" - sie entscheidet, ob das
Verstehen gegebenenfalls reflexiv thematisiert wird und damit auch:
wann die Problematisierung des Verstehens abgebrochen und das ur-
62
Theorie sozialer Sys'teme 86
sprüngliche Thema wieder aufgenommen wird. Bei hartnäckigen
Mißverständnissen ist es selbstverständlich möglich, das Verstehen
über einen längeren Zeitraum zu problematisieren. Aber auch dies
geschieht kommunikativ und keineswegs auf dem Wege eines un-
mittelbaren Gedankenaustausches. Wie lange auch immer versucht
wird, mit Hilfe der Kommunikation über das Verstehen das Ver-
stehen zu verbessern - die selbstreferentiell-geschlossenen Bewußt-
seinssysteme bleiben füreinander und somit für die Kommunikation
intransparent. Beim Verstehen geht es "nicht um Vorhersage und
nicht um Erklärung psychischer Zustände; und erst recht nicht um
die Vollerfassung selbstreferentieller Systeme" (WissG: 26). Ver-
stehen ist keine Operation, die dazu dient, die Transparenz zwischen
den Individuen zu verbessern, Verstehen ist vielmehr ein Konstrukt
der Kommunikation. 20

Jede Kommunikation differenziert und synthetisiert Information,


Mitteilung und Verstehen als ihre eigenen Komponenten. Dies ge-
schieht ständig, auch ohne daß es den beteiligten psychischen Syste-
men bewußt werden muß. Insofern gilt auch hier, daß Kommunikati-
on und Bewußtsein vollständig überschneidungsfrei operieren. Damit
ist nicht ausgeschlossen, daß die Kommunikation Bewußtseinssyste-
me oder organische Systeme thematisiert. Thematisierung meint
nicht, daß damit das psychische System bzw. der Mensch - und da-
mit seine Gedanken, seine Haare, seine Haut und seine Muskeln
usw. - zum Element des sozialen Systems wird. Das ist nach den

20 Die Explikation der Frage, was Verstehen heißen kann, ist üblicherweise
von der Hermeneutik zu beantworten versucht worden. An anderer Stelle
haben wir für eine systemtheoretische Revision der Hermeneutik plä-
diert, weil sich mit Hilfe der systemtheoretischen Unterscheidung von
Bewußtsein und Kommunikation die Verstehensproblematik ohne die
Annahme eines unhintergehbaren Bewußtseinsbegriffs beschreiben läßt
(vgl. Kneer/Nassehi 1991). Unsere Vorbehalte richten sich gegen eine
hermeneutische Tradition, die von Schleiermacher bis Frank Verstehen
am psychologischen Verstehen festgemacht hat. Wolfgang Ludwig
Schneider hat zu Recht darauf aufmerksam gemacht, daß sich die Her-
meneutik, wie am Beispiel Gadamers gezeigt werden kann, auf einen
psychologischen Verstehensbegriff nicht verpflichten läßt (vgl. Schneider
1991; 1992).
62 Theorie sozialer Sys'teme 87
Grundannahmen der Theorie ausgeschlossen. Thematisierung meint
also nur, daß die Kommunikation auf das Bewußtsein bzw. auf das
körperliche Individuum einen kommunikativen Bezug nimmt. "Herr
Siebenschwan, Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. In zwei,
drei Wochen wird ihr Arm wieder völlig in Ordnung sein!" Einzig
die Kommunikation über Herrn Siebenschwan, nicht aber Herr Sie-
benschwan selbst - als vollständiger Mensch mit Körper und Geiät
- ist Element des sozialen Systems. Um anzudeuten, daß es um
Konstrukte der Kommunikation und nicht um Bewußtseinssysterre
oder gar um ganze Menschen geht, spricht Luhmann von Perso-
nen. Immer wenn im folgenden von Personen die Rede ist, sird
2I

also nicht Menschen - und damit ihre psychischen, organischen,


neuronalen Systeme -, sondern kommunikationsinterne Einheiten ge-
meint. Personen sind keine Systeme, sondern Identifikationspunke
22

der Kommunikation.
Kommunikation bildet eine dreistellige Einheit aus Information,
Mitteilung und Verstehen. Um Kommunikation voll zu erfassen,
müssen deshalb unbedingt alle drei Selektionen berücksichtigt wer-
den. Eine Darstellung, die etwa allein die Mitteilungsselektion her-
vorhebt, unterliegt einem verkürzten Verständnis von Kommunika-
tion. Kommunikation geht in dem Akt der Mitteilung nicht auf, des-
halb darf Kommunikation auch keineswegs auf die Mitteilungshand-

21 Selbstverständlich besitzen nicht nur soziale Systeme, sondern auch


Bewußtseinssysteme die Möglichkeit, psychische oder organische Syste-
me zu thematisieren. Im Falle von sozialen Systemen geschieht dies
natürlich mit Hilfe von Kommunikationen, im Falle von Bewußtseins-
systemen mit Hilfe von Gedanken. Auf den Personenbegriff kommen wir
ausführlich unter Punkt 3.5 zurück; vgl. auch Luhmann 1991a.
22 Die Kommunikation kann somit über Personen kommunizieren, obwohl
die damit gemeinten Menschen bereits gestorben sind. Ebenso kann sich
die Kommunikation auf Personen beziehen, von denen nicht klar ist, ob
die entsprechenden organischen, neuronalen und psychischen Systeme je-
mals existiert haben. In diesem Sinne wird hier etwa über den Patienten
Martin H.T. Siebenschwan kommuniziert, der sich übrigens - und auch
dies ist selbstverständlich nur eine weitere Kommunikation - in anderen
Zusammenhängen als ein vorzüglicher Kenner der Luhmannschen Theo-
rie autopoietischer Systeme erwiesen hat. Vgl. dazu Fuchs 1992b.
62 Theorie sozialer Sys'teme 88
lung reduziert werden. Das ist deshalb ausdrücklich festzuhalten,
weil genau dies häufig geschieht. Oder besser Kommunikationssy-
steme begreifen sich üblicherweise selbst als Handlungssysteme. Das
besagt, daß die Kommunikation sich selbst als Handlung, und zwar
als Mitteilungshandlung auffaßt. Die Kommunikation kommuniziert,
aber dabei verfährt sie so, als sei sie ausschließlich Mitteilung - und
nicht die Einheit aus Information, Mitteilung und Verstehen. Kom-
munikation flaggt sich, so Luhmann, selbst als Handlung aus. Dies
geschieht, indem die Kommunikation als Handlung einer Person zu-
gerechnet wird. "Da bin ich aber froh, daß Sie das sagen, Frau
Doktor. Dann werde ich in zwei, drei Wochen mit meinem Arm
auch wieder Tennis spielen können!" Das Kommunikationssystem
benutzt eine Kausalerklärung zur Beschreibung von Kommunikation.
Die Kommunikation wird als Mitteilung aufgefaßt, es wird also so
verfahren, als ob ein Sender (in diesem Fall die Ärztin) einem Emp-
fänger (in diesem Fall dem Patienten) etwas mitteilt. Es ist wichtig
zu betonen, daß die Kommunikation selbst so verfährt. Das besagt,
daß die Reduzierung der Kommunikation auf eine Mitteilungshand-
lung einer Person, wie das angegebene Beispiel deutlich machen
soll, kommunikativ geschieht. 23

Die Beschreibung der Kommunikation als Mitteilungshandlung


nimmt, bedenkt man das zuvor Gesagte, eine beträchtliche Verein-
fachung vor. Kommunikation als dreistellige, komplexe Einheit von
Information, Mitteilung und Verstehen wird auf einen Selektions-
punkt hin verkürzt. Diese Reduktion erlaubt es dann, das soziale
Geschehen personenorientiert aufzufassen. Kommunikation wird als
Mitteilungshandlung einzelnen Personen zugerechnet. Auf diese
Weise gelingt es Kommunikationssystemen, Anknüpfungspunkte für
weitere Kommunikationen auszubilden. Die Anschlußkommunikati-
on behandelt die vorhergehende Kommunikation als (Mitteilungs-)
Handlung einer Person. "Auf Wiedersehen, Frau Doktor Maier. Und

23 Damit ist selbstverständlich nicht ausgeschlossen, daß auch die beteilig-


ten Bewußtseinssysteme ein solches Handlungsverständnis der Kommu-
nikation besitzen bzw. besitzen können.
62 Theorie sozialer Sys'teme 89
noch einmal vielen Dank für die erfreuliche Auskunft!" Die Ver-
einfachung, die mit dieser Auffassung vorgenommen wird, über-
nimmt also durchaus eine wichtige Funktion für die weitere Fort-
setzung der Autopoiesis des Sozialsystems. Soziale Systeme redu-
zieren Kommunikation auf Mitteilung und rechnen diese dann als
Handlung einzelnen Personen zu; auf diese Weise sichern sich so-
ziale Systeme Identifikationspunkte, auf die sie sich im fortlaufen-
den Kommunikationsprozeß beziehen können.
Eine Beschreibung sozialer Zusammenhänge, die soziale Systeme
nicht als Kommunikationsketten, sondern als Handlungsketten auf-
faßt, ist somit nicht unrichtig, aber einseitig. Die Beschreibung ist
nicht unrichtig, weil es für die autopoietische Fortsetzung der Kom-
munikation erforderlich ist, daß die Kommunikation bestimmte Iden-
tifikationspunkte ausbildet, an denen sie dann im weiteren Gesche-
hen anknüpfen kann - und als solche Anknüpfungspunkte dienen üb-
licherweise Mitteilungshandlungen, die Personen zugerechnet wer-
den. Zugleich ist eine solche Beschreibung aber einseitig, weil eine
24

handlungs- und personenorientierte Darstellung die Eigenständigkeit


und Komplexität des kommunikativen Geschehens unterläuft. Sobald
man Kommunikation als eine Mitteilungshandlung begreift, verfehlt
man den emergenten Charakter des Sozialen. Man reduziert Kommu-
nikation auf Handlung und damit letztlich auf psychische Absichten,
Pläne, Intentionen des Handelnden. Dabei wird übersehen, daß das

24 Üblicherweise deshalb, weil es durchaus vorstellbar ist, daß soziale Sy-


steme andere, funktional äquivalente Identifikations- und Anknüpfungs-
punkte ausbilden bzw. ausgebildet haben. Daß sich Kommunikationssy-
steme zumeist als Handlungssysteme beschreiben, ist keine apriorische
Notwendigkeit, sondern historisches Produkt und somit auch anders mög-
lich. "Die Reduktion auf Handlung hat sich zwar evolutionär derart be-
währt und durchgesetzt, daß selbst die Soziologie sie zumeist unreflek-
tiert mitvollzieht und soziale Systeme schlicht als Handlungssysteme
auffaßt. Das wird mit der im Text präsentierten Theorie zugleich ver-
ständlich gemacht - und als kontingent behandelt. Man könnte sich vor
allem historische Forschungen denken, die unvoreingenommen genug die
Frage prüfen, ob und wie weit frühere Kulturen überhaupt in so ent-
schiedener Weise nach einem Handlungsmodell gelebt haben." (SoSy:
233)
62 Theorie sozialer Sys'teme 90
menschliche Bewußtsein die Kommunikation nicht bewußt herbei-
führen und nicht kausal steuern oder determinieren kann. Von Kom-
munikation kann nicht bereits dann gesprochen werden, wenn eine
Information mitgeteilt wird, sondern erst, wenn eine mitgeteilte
Information auch verstanden wird. Zwar ist Kommunikation auf
Psychisches und damit, wenn man so will: auf den Menschen ange-
wiesen. Aber der Mensch kann die Kommunikation nicht kausal
steuern oder determinieren. Der Mensch ist nicht das Subjekt, nicht
der Urheber, nicht die Ursache von Kommunikation. Allein die Kom-
munikation kommuniziert, und dabei kommuniziert die Kommunika-
tion über handelnde Personen. Daß der Mensch etwas mitteilt oder
kommuniziert, ist einzig eine kommunikative Behauptung - und
dient als kommunikative Konvention zugleich der Autopoiesis der
Kommunikation.
Vor der autopoietischen Wende hatte Luhmann selber von Hand-
lungssystemen gesprochen. Die letzten Ausführungen haben deutlich
gemacht, weshalb er nicht länger Handlungen, sondern Kommunika-
tionen als die elementaren Einheiten des sozialen Geschehens be-
greift. Kommunikationen und nicht Handlungen sind die kleinsten
Einheiten des Sozialen, weil an Kommunikationen mindestens zwei
Menschen und damit mindestens zwei psychische Systeme beteiligt
sind. Von Handlungen spricht man in der Regel hingegen in bezug
auf Einzelpersonen. Der Handlungsbegriff unterläuft somit die Ebe-
ne des Sozialen. Handlungen sind nicht die Elemente sozialer Syste-
me, sondern Produkt von sozialen Beschreibungen. "Handlungen
werden durch Zurechnungsprozesse konstituiert. Sie kommen da-
durch zustande, daß Selektionen, aus welchen Gründen, in welchen
Kontexten und mit Hilfe welcher Semantiken ('Absicht', 'Motiv',
'Interesse') immer, auf Systeme zugerechnet werden. [...] Was eine
Einzelhandlung ist, läßt sich deshalb nur auf Grund einer sozialen
Beschreibung ermitteln. Das heißt nicht, daß Handeln nur in sozialen
Situationen möglich wäre; aber in Einzelsituationen hebt sich eine
Einzelhandlung aus dem Verhaltensfluß nur heraus, wenn sie sich an
eine soziale Beschreibung erinnert. Nur so findet die Handlung ihre
Einheit, ihren Anfang und ihr Ende, obwohl die Autopoiesis des
62 Theorie sozialer Sys'teme 91
Lebens, des Bewußtseins und der sozialen Kommunikation weiter-
läuft," (SoSy: 228f.) 25

Von Kommunikation als einem emergenten Geschehen kann man


immer dann sprechen, wenn die drei Selektionspunkte Information,
Mitteilung und Verstehen zu einer Einheit synthetisiert werden.
Daraus folgt, daß Kommunikation auch ohne Sprache möglich ist.
Insofern ist Sprachlichkeit kein Kriterium von Kommunikation. Die
Einheit von Information, Mitteilung und Verstehen kann gleicher-
maßen durch Körperbewegungen, fragende Blicke, Gesten aller Art
usw. erzielt werden. Selbstverständlich setzen nicht-sprachliche
Kommunikationen in ihrer Umwelt ebenfalls eine Mehrzahl psychi-
scher und organischer Systeme voraus. Wenngleich soziale Systeme
also nicht nur aus sprachlichen Kommunikationen bestehen, so
nimmt selbstverständlich jede differenzierte und damit anspruchs-
volle Kommunikation Sprache in Anspruch. "Das Kommunikations-
system verdankt der Sprache hohe Unterscheidungsfähigkeit bei
gezielter Anschlußfähigkeit, und das ermöglicht den Komplexitäts-
aufbau im Kommunikationssystem." (WissG: 47)
Soziale Systeme sind autopoietische Systeme, die fortlaufend
Kommunikation aus Kommunikation erzeugen. Bei Kommunikatio-
nen als den nicht weiter auflösbaren Letztelementen sozialer Syste-
me handelt es sich um Ereignisse, also um Elemente, die nur von
kurzer Dauer sind. Im Moment ihres Auftauchens verschwindet die
Kommunikation bereits wieder und muß durch eine entsprechende
Nachfolgekommunikation ersetzt werden. Die unaufhörliche Repro-
duktion immer neuer Kommunikationen bildet somit das Dauerpro-
blem sozialer Systeme: Entweder sie erzeugen von Moment zu Mo-
ment eine neue Kommunikation, oder aber sie hören auf zu operie-

25 Zu einem sehr ähnlichen Verständnis von Kommunikation, Handlung


und Person ist Michel Foucault in seiner Archäologie des Wissens ge-
langt. Er beschreibt dort Kommunikationszusammenhänge bzw. Diskurse
als ein praktisches Gebiet, das zugleich autonom und abhängig ist. Dis-
kursive Aussagenfelder lassen sich demzufolge nicht im Rekurs auf "ein
individuelles Subjekt, nicht auf etwas wie ein kollektives Bewußtsein,
eine transzendentale Subjektivität" (Foucault 1988: 177) aufklären, viel-
mehr ist umgekehrt das Subjekt bzw. der Autor der Aussage eine interne
"Konstruktion" (ebd.: 40) des Diskurses.
62 Theorie sozialer Sys'teme 92
ren. Es fällt auf, daß das Autopoiesis-Konzept somit in einem engen
Zusammenhang mit dem Problem der Bestandserhaltung des Sy-
stems steht. Darauf weist bereits die Definition des Begriffs der
Autopoiesis hin: Autopoietische Systeme sind Systeme, die sich
selbst erzeugen und selbst erhalten. Allerdings bedeutet die Beto-
nung der Selbsterzeugung und Selbsterhaltung des Systems keinen
Rückfall in die strukturell-funktionale Theorie von Parsons. Bei
Parsons ging es um die Bestandserhaltung eines Systems mit be-
stimmten, vorgebenen Struktur- und Wertmustern. Für die Theorie
autopoietischer Systeme bildet hingegen nicht die Reproduktion
einer stabilen Systemstruktur, sondern die fortlaufende Reproduktion
von Systemelementen das Ausgangsproblem. Die Fortsetzung der
Autopoiesis ist nicht gebunden an den Erhalt einer einheitlichen und
nicht-änderbaren Systemstruktur; die fortlaufende Reproduktion der
Elemente des Systems durch die Elemente des Systems wird unter
Umständen erst durch weitgehende - möglicherweise revolutionäre
- strukturelle Änderungen ermöglicht. "Es geht nicht mehr um eine
Einheit mit bestimmten Eigenschaften, über deren Bestand oder
Nichtbestand eine Gesamtentscheidung fällt; sondern es geht um
Fortsetzung oder Abbrechen der Reproduktion von Elementen durch
ein relationales Arrangieren eben dieser Elemente. Erhaltung ist hier
Erhaltung der Geschlossenheit und der Unaufhörlichkeit der Repro-
duktion von Elementen, die im Entstehen schon wieder verschwin-
den." (SoSy: 86)
Insofern kann man mit Recht sagen, daß es sich bei der Theorie
autopoietischer Systeme weder um eine struktur-funktionalistische
noch um eine strukturalistische Theorie handelt. Vielmehr kann sie
als eine Theorie begriffen werden, die an zentraler Stelle den Be-
griff des Ereignisses plaziert. Damit wird selbstverständlich nicht
26

26 Dadurch ergeben sich vielfältige Parallelen zwischen der Theorie auto-


poietischer Systeme und den sogenannten poststrukturalistischen Ansät-
zen - dazu kann man, auch wenn diese Aufzählung sicherlich nicht un-
umstritten ist, etwa die Arbeiten von Derrida, Foucault und Lyotard
zählen -, die den starren Formalismus der strukturalistischen Analyse
aufzubrechen versuchen. Luhmann formuliert dann auch selbst: "Insofern
62 Theorie sozialer Sys'teme 93
abgestritten, daß soziale Systeme Strukturen ausbilden bzw. über
Strukturen verfügen. Aber es wird nicht behauptet, daß die Struktu-
ren die Bedingungen von möglichen Ereignissen vollständig determi-
nieren, daß also die Strukturen den Ereignissen vorangehen und die-
se eindeutig festlegen. "Im Moment genügt es, zu registrieren, daß
der Strukturbegriff [...] seine Zentralstellung verliert. Der Begriff
bleibt unentbehrlich. Kein Systemtheoretiker wird leugnen, daß kom-
plexe Systeme Strukturen ausbilden und ohne Struktur nicht existie-
ren könnten. Der Strukturbegriff ordnet sich nun aber ein in ein
vielfältiges Arrangement verschiedener Begriffe, ohne Führungsqua-
lität zu beanspruchen. [...] Deshalb handelt es sich hier nicht um
Strukturalismus." (SoSy: 382)
Der Begriff der Struktur bezeichnet die Einschränkung der im Sy-
stem zugelassenen Anschlußmöglichkeiten. Eine Struktur nimmt eine
Selektion, eine Auswahl vor; sie sorgt dafür, daß die Autopoiesis
des Systems nicht durch beliebige, sondern allein durch bestimmte
Elemente fortgesetzt werden kann. Die Struktur strukturiert, so
könnte man auch sagen, die fortlaufende Produktion der Einzelele-
mente, indem sie bestimmte Elemente wahrscheinlicher macht und
andere - ebenfalls mögliche - Elemente unwahrscheinlicher macht
bzw. ausschließt. Dabei darf man sich die Struktur nicht als Instanz
vorstellen, die Ereignisse generiert; die Struktur "ist nicht der produ-
zierende Faktor, nicht die Ur-sache, sondern ist selbst nichts anderes
als das Eingeschränktsein der Qualität und Verknüpfbarkeit der Ele-
mente" (SoSy: 384f.).
Die Überlegungen im letzten Absatz bezogen sich auf einen all-
gemeinen Strukturbegriff. Damit ist aber noch nicht geklärt, welche
Form soziale Strukturen besitzen. Luhmann begreift die Strukturen
sozialer Systeme als Erwartungsstrukturen. Erwartung meint dabei
keine psychologische Kategorie, sondern eine Sinnform. Erwartun-
27

ist das Konzept der Autopoiesis eine eindeutig poststrukturalistische


Theorie." (AdB: 407)
27 Daraus folgt zugleich, daß alle sinnverarbeitenden Systeme Erwartungs-
strukturen ausbilden. Im Text wird allein auf soziale Erwartungen, d.h.
auf die Strukturen von Kommunikationssystemen, verwiesen.
62 Theorie sozialer Sys'teme 94
gen strukturieren soziale Systeme, indem sie die Möglichkeit der
weiteren Selbstproduktion von Elementen selektieren und einschrän-
ken, indem sie also die Anschlußfähigkeit von bestimmten - und
nicht von beliebigen - Ereignissen sicherstellen. Nur dadurch, daß
sich in sozialen Systemen bestimmte Erwartungsstrukturen ausbil-
den, wird erreicht, daß nicht alle möglichen Nachfolgeelemente
gleich wahrscheinlich sind; Erwartungen schränken somit den Mög-
lichkeitsspielraum weiterer Systemelemente ein, aber sie halten zu-
gleich auch einen eingeschränkten Möglichkeitsspielraum offen.
Strukturen übernehmen die Funktion der Vor-Auswahl und damit
der Selektionsverstärkung. Viele der Nachfolgemöglichkeiten werden
ausgeschlossen, einige wenige werden wahrscheinlich.
Von dem Begriff der Struktur ist der Begriff des Prozesses zu
unterscheiden. Bei Prozessen handelt es sich um die selektive Ver-
knüpfung einer Mehrheit von Einzelereignissen; Prozesse bestehen
somit aus Ereignissen, die in einer bestimmten Weise zeitlich an-
geordnet sind. Soziale Prozesse sind dementsprechend Kommunika-
tionssequenzen, sie kommen dadurch zustande, daß Kommunikatio-
nen temporal aneinander anknüpfen und dabei bestimmte Anschluß-
möglichkeiten nahelegen. Prozesse dienen somit wie Strukturen der
Selektionsverstärkung, aber sie erfüllen diese Funktion auf eine
gänzlich andere Weise als diese. Strukturen treffen eine Vorauswahl
der Anschlußelemenente, indem sie bestimmte Nachfolgemöglichkei-
ten unwahrscheinlich machen bzw. ausschließen. Im Gegensatz kon-
stituieren sich Prozesse dadurch, "daß konkrete selektive Ereignisse
zeitlich aufeinander aufbauen, aneinander anschließen, also vorherige
Selektionen bzw. zu erwartende Selektionen als Selektionsprämisse
in die Einzelselektion einbauen" (SoSy: 74). Charakteristisch für
Prozesse ist somit die Vorher/Nachher-Differenz: Im Vollzug des
Übergangs von einem aktuellen Ereignis zu einem dazu passenden
Nachfolgeereignis formieren sich Prozesse. Strukturen treffen eine
Vor-Auswahl somit über Exklusion, Prozesse leisten das gleiche
durch Anschlußsuche.
62 Theorie sozialer Sys'teme 95

Zusammenfassung wichtiger Grundbegriffe:


* Kommunikation bildet eine dreistellige Einheit, die die Kompo-
nenten Information, Mitteilung, Verstehen miteinander synthetisiert.
* Soziale Systeme sichern sich interne Anknüpfungspunkte dadurch,
daß sie Kommunikationen als (Mitteilungs-) Handlungen auffassen
und einzelnen Personen zurechnen. Personen sind somit konstruier-
te Einheiten, die der Verhaltenserwartung und der Zurechnung die-
nen, keineswegs aber psychische Systeme oder gar komplette Men-
schen.
* Struktur und Prozeß sind zwei Formen der Selektionsverstärkung in
sozialen Systemen. Strukturen erfüllen diese Funktion durch Exklu-
sion, Prozesse erreichen eine Vorselektion durch die Auswahl pas-
sender Anschlußmöglichkeiten.
Literatur
Niklas Luhmann: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theo-
rie, Frankfurt/M. 1984, S. 191-241.

3.6 Beobachten
Soziale Systeme sind, wie andere Systemarten auch, beobachtende
Systeme. Dieser Satz deutet bereits an, daß der systemtheoretische
Beobachtungsbegriff von dem Beobachtungsbegriff unserer Alltags-
sprache beträchtlich abweicht. Zumeist wird unter Beobachten eine
Aktivität des Menschen verstanden. Man schaut aus dem Fenster
und beobachtet, wie der Briefträger sich mit dem Hund abmüht. Al-
lein der Mensch bzw. das menschliche Bewußtsein kann demnach
beobachten. Es ist unmittelbar einsichtig, daß eine Theorie, die ne-
ben psychischen Systemen weitere Systemarten berücksichtigt, einen
solchen auf das menschliche Bewußtsein zugeschnittenen Beobach-
tungsbegriff nicht akzeptieren kann. Warum sollten nicht etwa auch
organische, neurophysiologische und soziale Systeme (neben weite-
ren Systemarten) beobachten können? Die Systemtheorie benötigt,
anders formuliert, einen allgemeinen Beobachtungsbegriff. An frühe-
rer Stelle haben wir einen solchen generalisierten Beobachtungsbe-
62 Theorie sozialer Sys'teme 96
griff bereits implizit in Anspruch genommen. So haben wir davon
gesprochen, daß neurophysiologische Systeme ein eigenes Bild ihrer
Umwelt konstruieren, also ihre Umwelt beobachten. Und wir haben
festgehalten, daß Kommunikation immer Kommunikation über etwas
ist - insofern läßt sich durchaus sagen, daß Kommunikation also ein
Beobachten bzw., wenn schriftliche Texte formuliert werden, ein
Beschreiben ist. Aus diesem Grunde löst Luhmann den Beobach-
tungsbegriff aus seiner psychischen Systemreferenz und formuliert
auf der Basis der operativen Logik von George Spencer Brown eine
allgemeine Theorie der Beobachtung. Und zwar definiert Luhmann
Beobachtung nach Spencer Browns Aufforderung "draw a distincti-
on" (Spencer Brown 1971: 3) als Bezeichnung-anhand-einer-Unter-
scheidung. 28

Diesen allgemeinen bzw. formalen Beobachtungsbegriff - und die


damit verbundenen erkenntnistheoretischen Implikationen - müssen
wir uns sorgfältig klar zu machen versuchen. Offensichtlich setzt
sich die Operation des Beobachtens aus zwei verschiedenen Kompo-
nenten zusammen; Unterscheiden und Bezeichnen, so kann man
auch sagen, sind zwei Momente einer einzigen Operation. Eine Un-
terscheidung (etwa Frau oder Mann, Recht oder Unrecht, Abseits
oder kein Abseits, Ideologie oder Wissenschaft, diese Vase oder
alles andere auf der Welt) wird gewählt und eine der beiden Seiten
der Unterscheidung wird bezeichnet (also etwa Frau, Recht, Abseits,
Ideologie, diese Vase). Die entsprechenden Anweisungen der Logik
von Spencer Brown lauten distinction und indication. Also: Draw a
distinction! und - da eine Unterscheidung für weitere Operationen
nur Sinn hat, wenn eine der beiden Seiten bezeichnet wird - muß
eine indication zur distinction hinzutreten und sie ergänzen. Es ist
wichtig zu betonen, daß bei einer Beobachtung die beiden Kompo-
nenten Unterscheiden und Bezeichnen stets gemeinsam auftreten.
Diese Einsicht wird dadurch verdeckt, daß zumeist nur eine der bei-
den Komponenten, nämlich die Bezeichnung, explizit genannt wird

28 Eine leicht eingängige Rekonstruktion von Spencer-Browns Differenz-


Logik vgl. bei Simon 1988: 27ff.
62 Theorie sozialer Sys'teme 97
(wiederum also etwa: Frau, Recht, Abseits, Ideologie, diese Vase).
Etwas kann aber nur bezeichnet und damit beobachtet werden, wenn
es von etwas anderem unterschieden wird. Beobachtung ist somit
immer die Bezeichnung einer Seite im Rahmen einer Unterschei-
dung (in unseren Beispielen also: Frau, nicht Mann; Recht, nicht
Unrecht; Abseits, nicht kein Abseits; Ideologie, nicht Wissenschaft;
diese Vase und nicht alles andere auf der Welt).
Im Rahmen einer Beobachtung ist es unmöglich, beide Seiten der
Unterscheidung gleichzeitig zu bezeichnen. Es kann also zu einem
bestimmten Zeitpunkt jeweils nur die eine oder die andere Seite
bezeichnet werden. Damit ist nicht ausgeschlossen, daß mit einer
späteren Operation die zuvor nicht bezeichnete Seite bezeichnet wird
(also zunächst Recht, nicht Unrecht und wenig später: Unrecht, nicht
Recht). Ein Hinüberwechseln (Spencer Brown: crossing) ist also
durchaus möglich, aber jeder Wechsel von einer Seite der Unter-
scheidung zur anderen Seite erfordert eine weitere Operation und
erfordert somit Zeit. Die beiden Seiten der Unterscheidung sind
gleichzeitig gegeben, aber sie können nicht zugleich bezeichnet wer-
den. Gerade deshalb ist es wichtig, Unterscheiden und Bezeichnen
als die beiden Komponenten der Beobachtung sorgfältig auseinan-
derzuhalten.
Der auf diese Weise - nämlich als Bezeichnung anhand einer Un-
terscheidung - definierte Beobachtungsbegriff ist mit einer Reihe
von epistemologischen Konsequenzen verbunden, von denen an die-
ser Stelle zumindestens acht erwähnt werden sollen. Erstens: Der
angegebene Beobachtungsbegriff ist so allgemein gewählt, daß nicht
nur Bewußtseinssysteme, nicht nur sinnverarbeitende Systeme, nicht
einmal nur autopoietische Systeme die Möglichkeit besitzen, Beob-
achtungen auszuführen. Auch allopoietische Systeme können dem-
nach beobachten - so beobachtet zum Beispiel auch der Thermostat
der Zimmerheizung: Der Thermostat operiert anhand der Unterschei-
dung Temperaturabweichung/eingestellte Temperatur und bezeichnet
die Temperaturabweichung. Die Heizung beginnt dann zu arbeiten,
wenn eine Temperaturabweichung vorliegt und nicht, wenn die ein-
gestellte Temperatur erreicht ist. Auch wenn der Beobachtungsbe-
griff somit auf unterschiedliche Systemarten angewandt werden
62
Theorie sozialer Sys'teme 98
kann, so konzentrieren sich die weiteren Bemerkungen wieder auf
die soziale Systemreferenz. Wenn im folgenden von einem Beobach-
ter gesprochen wird, so ist also damit stets ein soziales System ge-
meint.
Soziale Systeme, die ihre Umwelt bzw. etwas in ihrer Umwelt
beobachten, gewinnen zweitens keinen unmittelbaren Kontakt zu
ihrer Umwelt. Der Beobachtungsbegriff widerspricht also der These
der operativen Geschlossenheit sozialer Systeme nicht. Vielmehr
wird unter Beobachtung eine systeminterne Operation verstanden, 29

Beobachtung ist somit immer eine Konstruktion eines Systems, 30

genauer: eine operativ hergestellte Konstruktion eines Systems. Im 31

29 Eine Beobachtung ist also immer eine systeminterne Operation. Zwi-


schen beiden Phänomenen existiert somit ein Verhältnis der Komple-
mentarität: "Weder lassen sich beide Phänomene trennen, noch besteht
ein Verhältnis der Kausalität in dem Sinne, daß die Operation Ursache
und die Beobachtung deren Wirkung ist." (WissG: 77) Dennoch legt
Luhmann Wert darauf, die beiden komplementären Ebenen sorgfältig
auseinanderzuhalten. Dies einfach deshalb, weil ein Unterschied zwi-
schen der Beobachtung einer Operation und der Beobachtung einer Be-
obachtung besteht. Eine Beobachtung der Operation beobachtet, daß
etwas geschieht - sie beobachtet also, daß kommuniziert wird. Eine
Beobachtung der Beobachtung beobachtet, daß die Beobachtung zugleich
ein Thema hat - sie beobachtet, worüber kommuniziert wird. Das, wor-
über eine Kommunikation als Beobachtungsoperation kommuniziert, ist
somit etwas anderes als das, was die Kommunikation als Beobachtungs-
operation ist (vgl. ausführlicher WissG: 77f. u. 115f. sowie Esposito
1991).
30 Die Beobachtungstheorie von Luhmann läßt sich als eine Spielart des
Konstruktivismus bzw. der konstruktivistischen Erkenntnistheorie begrei-
fen (vgl. Luhmann: EaK; zu den Parallelen und Differenzen zwischen
Luhmanns operativer Beobachtungstheorie und anderen Spielarten des
(radikalen) Konstruktivismus vgl. auch Luhmann SozA 5: 31ff.).
31 Oder noch genauer: Beobachtung ist immer eine Konstruktion eines ope-
rativ-geschlossenen Systems, das über keinen direkten Kontakt zur Au-
ßenwelt verfügt Gegen eine solche Beobachtung (!) der Dinge wird im-
mer wieder der Vorwurf erhoben, daß eine Position, die alles in system-
interne Konstruktionen auflöse, zugleich die äußere, 'handfeste' Realität
leugne. Luhmann weist diesen Vorwurf zurück: "Das heißt nicht daß die
Realität geleugnet würde, denn sonst gäbe es nichts, was operieren,
nicht was beobachten, und nichts, was man mit Unterscheidungen grei-
fen könnte. Bestritten wird nur die erkenntnistheoretische Relevanz einer
ontologischen Darstellung der Realität." (SozA 5: 37)
62 Theorie sozialer Sys'teme 99
Falle von sozialen Systemen handelt es sich bei den systeminternen
Operationen um Kommunikationen. Ein Kommunikationssystem
kann als operativ-geschlossenes System nicht mit seiner Umwelt
kommunizieren, aber es kann seine Umwelt beobachten, indem es
über seine Umwelt kommuniziert. Eine Kommunikation beobachtet
"mithin das, wovon sie handelt; das, was sie thematisiert; das, wor-
über sie informiert" (WissG: 116). Insofern kombiniert jede Kom-
munikation, Selbstreferenz und Fremdreferenz. Die Kommunikation
verweist als Operation selbstreferentiell auf vorhergehende Kommu-
nikationen. Diese basale Selbstreferenz ist aber immer, wie Luh-
mann formuliert, allein mitlaufende Selbstreferenz (vgl. SoSy: 604).
Die Selbstreferenz muß mit Fremdreferenz angereichert werden; dies
geschieht dadurch, daß die Kommunikation als Beobachtung auf et-
was anderes verweist, etwas thematisiert, über etwas kommuniziert.
Auf diese Weise gelingt es sozialen Systemen, durch ihre selbst-
referentielle Geschlossenheit Offenheit zu erzeugen. Kommunika-
tionssysteme sind operativ geschlossene Systeme (Selbstreferenz)
und zugleich verweisen sie mittels ihrer Operationen auf anderes
(Fremdreferenz). Damit ist nicht ausgeschlossen, daß eine Kommu-
nikation nicht über die Umwelt bzw. über etwas in der Umwelt
(Fremdbeobachtung), sondern über das soziale System selbst kom-
muniziert, aber auch das ist selbstverständlich Beobachtung, und
zwar Selbstbeobachtung.
Jede Beobachtung ist drittens an die gewählte Unterscheidung ge-
bunden. Die Beobachtung kann also nur sehen, was sie mit Hilfe der
Unterscheidung sehen kann, sie kann nicht sehen, was sie mit dieser
Unterscheidung nicht sehen kann. Beobachtet man beispielsweise
mit der Unterscheidung Recht/Unrecht, so gibt es nur diese beiden
Möglichkeiten, etwas zu bezeichnen: Entweder liegt Recht vor oder
aber Unrecht. Damit ist nichts darüber ausgesagt, daß das, was man
als Recht - oder auch: als Unrecht - bezeichnet, nicht auch anders
beobachtet, also mit einer anderen Unterscheidung bezeichnet wer-
den kann. Der Banküberfall mag für die Bankräuber finanziell lukra-
tiv sein (im Rahmen der Unterscheidung gewinnbringend/nicht ge-
winnbringend), er mag perfekt geplant und technisch versiert (je-
weils im Rahmen anderer Unterscheidungen) ausgeführt worden sein
62
Theorie sozialer Sys'teme 100
- das wird nach der Festnahme der Bankräuber das Gericht nicht da-
von abhalten, die Aktion als Unrecht zu qualifizieren. Es gibt also
jeweils mehr als eine Unterscheidungsmöglichkeit, mit der etwas be-
obachtet werden kann. Auch kann man, bezogen auf das angegebene
Beispiel, keineswegs sagen, daß die Unterscheidung Recht/Unrecht
die wahre oder angemessene Unterscheidung ist, mit der der Über-
fall beobachtet werden sollte. Eine solche Aussage ist wie alle Aus-
sagen an eine bestimmte Beobachtungsperspektive und damit an be-
stimmte Unterscheidungen - in diesem Falle an die Unterscheidun-
gen wahr/unwahr bzw. angemessen/unangemessen - gebunden. Al-
les, was beobachtet und kommuniziert wird, ist abhängig von der
Unterscheidung, die die Beobachtungsoperation verwendet.
Keine Beobachtung kann, so wurde gesagt, zugleich beide Seiten
der Unterscheidung bezeichnen. Daher kann auch viertens keine Be-
obachtung im Moment der Beobachtung sich selbst beobachten. Eine
Selbstbeobachtung der Beobachtung würde bedeuten, daß die Beob-
achtung, die eine bestimmte Unterscheidung gewählt hat, diese Un-
terscheidung zugleich bezeichnet und damit beobachtet. Eine Unter-
scheidung kann aber nur bezeichnet werden, wenn die Unterschei-
dung selbst wiederum von etwas anderem unterschieden wird. Die
Beobachtung gebraucht somit eine bestimmte Unterscheidung, aber
sie kann die Unterscheidung nicht im gleichen Moment beobachten,
d.h. sie kann die verwendete Unterscheidung nicht von etwas ande-
rem unterscheiden und damit auch nicht bezeichnen. Jede Beobach-
tung benutzt die eigene Unterscheidung als ihren blinden Fleck. Für
die Beobachtung ist es unmöglich, die Unterscheidung, die sie ver-
wendet, zu beobachten. Damit ist nicht ausgeschlossen, daß eine
zweite Beobachtung die Unterscheidung der ersten Beobachtung be-
obachtet, sie also mit Hilfe einer (anderen) Unterscheidung bezeich-
net.
Die Beobachtung der Beobachtung nennt Luhmann Beobachtung
zweiter Ordnung. Mit dem Begriff Beobachtung zweiter Ordnung
wird keine Aussage darüber getroffen, wer der Beobachter ist, der
die zweite Beobachtung hervorbringt. Es kann sich um den gleichen
Beobachter handeln, der auch die erste Beobachtung hervorgebracht
hat. In diesem Fall beobachtet der Beobachter mit einer zweiten
62 Theorie sozialer Sys'teme 101
Operation die zeitlich zurückliegende erste Beobachtungsoperation.
Es kann sich aber auch um einen anderen Beobachter handeln, also
um ein zweites System, das den ersten Beobachter beobachtet.
Unabhängig davon, wer die Beobachtung der Beobachtung her-
vorbringt, so gilt fünftens immer, daß auch die Beobachtung zweiter
Ordnung an die eigenen Unterscheidungen gebunden ist und somit
seine eigenen Unterscheidung nicht beobachten, nicht mit Hilfe einer
Unterscheidung bezeichnen kann. Auch die Beobachtung zweiter
Ordnung kann sich nicht selbst beobachten. Man könnte sagen, daß
die Beobachtung zweiter Ordnung in bezug auf ihre eigenen Unter-
scheidungen somit eine Beobachtung erster Ordnung ist. Eine Beob-
achtung zweiter Ordnung ist sie nur in bezug auf eine andere Be-
obachtung. Insofern besitzt die Beobachtung zweiter Ordnung, also
die Beobachtung einer Beobachtung, keine privilegierte Position.
Zwischen Beobachtung zweiter Ordnung und Beobachtung erster
Ordnung besteht kein hierarchisches Verhältnis. Auch die Beobach-
tung zweiter Ordnung bleibt an ihren eigenen blinden Heck gebun-
den. Auch die Beobachtung zweiter Ordnung kann nur sehen, was
sie sehen kann und sie kann nicht sehen, was sie nicht sehen kann
- so kann auch die Beobachtung zweiter Ordnung nicht ihre beob-
achtungsleitende Unterscheidung beobachten. Kurz gesagt: Auch die
Beobachtung zweiter Ordnung ist Beobachtung. Aber die Beobach-
tung der Beobachtung ermöglicht reflexive Einsichten für die eigene
Beobachtung. "Ein Beobachter kann nicht sehen, was er nicht sehen
kann. Er kann auch nicht sehen, daß er nicht sehen kann, was er
nicht sehen kann. Aber es gibt eine Korrekturmöglichkeit: die Be-
obachtung des Beobachters. Zwar ist auch der Beobachter zweiter
Ordnung an den eigenen blinden Heck gebunden, sonst könnte er
nicht beobachten. Der blinde Heck ist sozusagen sein Apriori. Wenn
er aber einen anderen Beobachter beobachtet, kann er dessen blinden
Heck, dessen Apriori, dessen 'latente Strukturen' beobachten. Und
indem er das tut und damit seinerseits operierend die Welt durch-
pflügt, ist auch er der Beobachtung des Beobachtens ausgesetzt. Es
gibt zwar keinerlei privilegierten Standpunkt, und der Ideologiekriti-
ker ist nicht besser dran als der Ideologe." (RuS: 10f.) Aber der Be-
obachter zweiter Ordnung kann - im Gegensatz zum Beobachter er-
62 Theorie sozialer Sys'teme 102
ster Ordnung - durch die Beobachtung der Beobachtung Rückschlüs-
se auf seine eigenen Beobachtungsoperationen ziehen und seinen
eigenen Standpunkt relativieren. Der Beobachter zweiter Ordnung
kann zumindest sehen, daß er nicht sehen kann, was er nicht sehen
kann (vgl. GS 3: 334f.).
Begibt man sich von der Beobachtung erster Ordnung zur Beob-
achtung zweiter Ordnung, beobachtet man also, wie andere Beob-
achter beobachten, so führt dies sechstens zu einem radikal gewan-
delten Welt-, Seins- und Realitätsverständnis. Auf der Ebene der
Beobachtung erster Ordnung erscheint die Welt monokontextural? 2

Der Begriff der Kontextur bezeichnet den Bereich, welcher mit einer
Unterscheidung aufgespannt wird. Die Kontextur ist also das, was
mit der zugrundeliegenden Unterscheidung beobachtet werden kann.
Eine monokontexturale Welt ist stets zweiwertig, es liegt also ent-
weder der positive Wert oder der negative Wert vor, eine dritte
Möglichkeit ist ausgeschlossen - tertium non datur. Damit ist nicht
gesagt, daß stets ein Konsens darüber besteht, ob der positive Wert
oder aber der negative Wert der zugrundeliegenden Unterscheidung
zu wählen ist. Insofern bleibt auch die Beobachtung erster Ordnung
von Streit und Dissens nicht verschont. Aber man bewegt sich stets
auf einer Ebene, stets innerhalb einer Kontextur und damit stets
innerhalb der von der Unterscheidung aufgespannten Welt. Das än-
dert sich mit dem Übergang zur Beobachtung zweiter Ordnung. Ein
Beobachter, der einen anderen Beobachter beobachtet, kann die be-
obachtungsleitende Unterscheidung des beobachteten Beobachters -
niemals: seine eigene Leitdifferenz - anhand seiner Unterscheidung
bezeichnen und somit beobachten. Der Beobachter zweiter Ordnung

32 Die Begriffe der Kontextur, Monokontexturalität und Polykontexturalität


gehen auf den Philosophen Gotthard Günther zurück, dessen Überlegun-
gen darauf abzielen, die zweiwertige Logik Aristoteles' in Richtung ei-
ner mehrwertigen Logik zu überwinden (vgl. Günther 1976; 1979). Luh-
mann greift in seiner Beobachtungstheorie direkt auf die Überlegungen
Günthers zurück, aber er wendet die philosophischen Einsichten soziolo-
gisch. Es geht also immer um Beobachtungs- und Beschreibungsoperati-
onen sozialer Systeme! Zur mehrwertigen, polykontexturalen Logik bei
Günther und Luhmann vgl. auch Fuchs 1992a: 43ff.
62 Theorie sozialer Sys'teme 103
kann somit beobachten, daß das beobachtete System nicht sehen
kann, was es nicht sehen kann. Die Beobachtung eines anderen Be-
obachters läßt erkennen, daß jede Beobachtung an einen blinden
Fleck gebunden ist. Der Beobachter zweiter Ordnung kann daher
wissen, "daß jede Beobachtungsoperation eine eigentümliche Kombi-
nation von Blindheit und Sicht ist, also auch die seine, und daß es
die Blindheit für Bestimmtes ist, die Sichten auf Bestimmtes eröff-
net, und daß diese Sichten ohne Blindheiten nicht zustandekämen"
(RuS: 178). Auf diese Weise gelangt man auf der Ebene der Beob-
achtung zweiter Ordnung zu einer polykontexturalen Welt. Polykon-
texturalität meint, daß es eine Vielzahl von Unterscheidungen, eine
Vielzahl von unterschiedlichen Kontexturen gibt, die von keinem ar-
chimedischen Beobachtungspunkt ineinander überführt und vergli-
chen werden können. Das besagt, daß jede Beobachtung von einer
anderen Beobachtung - für die dann wiederum das gleiche gilt -
beobachtet und kritisiert werden kann. Damit entfällt die absolut
"richtige" Sicht der Dinge. Was auch immer behauptet wird, es wird
von einem Beobachter behauptet, der sich gefallen lassen muß, daß
er kritisiert und über seine eigenen blinden Flecke aufgeklärt wird.
Jede Beobachtung ist eine kontingente Konstruktion, also eine Kon-
struktion, die bei einer anders gewählten Unterscheidung auch an-
ders hätte ausfallen können.
Damit sind viele weitere Fragen angesprochen. Zunächst: Führt
die Beobachtung zweiter Ordnung, die Beobachtung der Beobach-
tung, nicht zwangsläufig in einen heillosen Relativismus und damit
in eine vollkommene Beliebigkeit? Als relativistisch und beliebig er-
scheint die polykontexturale Welt nur einem Beobachter, der davon
ausgeht, daß es eine absolut richtige Beobachtung der Welt und
damit einen archimedischen Beobachterstandpunkt gibt. Nur für ei-
nen Beobachter erster Ordnung ist, anders gesagt, die Beobachtung
zweiter Ordnung vollkommen beliebig! Gibt man aber eine solche
privilegierte Position auf, wechselt man also auf die Ebene der
Beobachtung zweiter Ordnung, dann kommt man zu einem anderen
Ergebnis. Man kann dann beobachten, daß die Beobachtung der Be-
obachtung allein schon deshalb nicht zu beliebigen Ergebnissen
führt, weil es keineswegs beliebig ist, ob eine Gesellschaft die Be-
62 Theorie sozialer Sys'teme 104
obachtung zweiter Ordnung überhaupt zuläßt. Nicht alle historisch
33

bekannten Gesellschaften haben polykontexturale Beobachtungsver-


hältnisse gekannt und institutionalisiert. Auf der Ebene der Beobach-
tung zweiter Ordnung wird man deshalb u.a. mit folgenden Fragen
konfrontiert: In welchen Gesellschaften hat es monokontexturale
Beobachtungen gegeben? Wie haben die sozialen Bedingungen - und
nicht, wie die Transzendentalphilosophie glauben machen wollte: die
apriorischen, ahistorischen Bedingungen - ausgesehen, die die Belie-
bigkeit der Beobachtung eingeschränkt haben? Seit wann gibt es
polykontexturale Beobachtungsverhältnisse?
Die damit angesprochenen Fragen gehen über die Grundlagen der
Theorie sozialer Systeme hinaus und führen unmittelbar auf das Ge-
biet der Evolutions- und Gesellschaftstheorie. Wir werden diese
Fragen im folgenden Kapitel daher wieder aufnehmen. Zuvor möch-
ten wir abschließend zwei weitere Konsequenzen der Beobachtungs-
theorie von Luhmann diskutieren: Paradoxie und Autologie.
Innerhalb der Theorie sozialer Systeme kommt siebtens dem Be-
griff der Paradoxie - und, damit zusammenhängend, dem Begriff
der Entparadoxierung - ein prominenter Stellenwert zu. Damit nä-
hern wir uns einem Thema, das auf den ersten Blick einen esote-
rischen Beigeschmack zu besitzen scheint. Üblicherweise wird in-
nerhalb der Wissenschaft die Auffassung vertreten, daß Paradoxien
zu vermeiden oder zu eliminieren seien. Anders hingegen bei Luh-
34

33 Das ist selbstverständlich nicht der einzige Grund, warum Beobachter


keineswegs beliebig beobachten. Beobachter sind laut den Grundannah-
men der Autopoiesis-Theorie geschlossen-operierende Systeme und da-
mit nach Maturana strukturdeterminierte Systeme. Beobachter beobach-
ten somit keineswegs willkürlich, sondern sie sind in ihren Beobach-
tungsoperationen von ihren Strukturen und damit von ihrer Vergangen-
heit abhängig.
54 Luhmann weist zu Recht darauf hin, daß sich "über Nietzsche und Hei-
degger bis zu Derrida [...] inzwischen ein ganz anderer Umgang mit
Paradoxien eingebürgert" (Luhmann 1990: 120) hat. Aber nicht nur im
Umkreis der sogenannten postmodemen Philosophie, sondern in allen
Wissensfeldern hin bis zum Strategischen Management von Industrieun-
ternehmen (vgl. Knyphausen 1992) läßt sich in den letzten Jahren ein
verstärktes Interesse an Paradoxien beobachten.
62 Theorie sozialer Sys'teme 105
mann: Überall stolpert der Leser seiner Schriften über den Begriff
der Paradoxie. Es ist nicht übertrieben zu behaupten, daß das Para-
doxieproblem bzw. das Problem der Entparadoxierung von Paradoxi-
en einen entscheidenden Schlüssel zum Verständnis der Theorie so-
zialer Systeme liefert. Fast sämtliche Grundbegriffe Luhmanns, de-
nen wir bisher begegnet sind, tauchen bei der Beschäftigung mit Pa-
radoxien dann auch wieder auf, insbesondere die Begriffe Selbstrefe-
renz, Beobachtung (als Bezeichnung anhand einer Unterscheidung),
blinder Heck.
Machen wir uns zunächst klar, was mit dem Begriff der Parado-
xie gemeint ist. Beispiele für Paradoxien sind seit langem bekannt;
geradezu als klassisch gilt das des Kreters Epimenides, der behaup-
tet, alle Kreter seien Lügner. Ein zweites (berühmtes) Beispiel ist
die Parabel des Dorfbarbiers, der all diejenigen Bewohner seines
Dorfes rasiert, die sich nicht selbst rasieren. Als paradox erweist
sich aber auch der folgende Satz: "Alles, was auf dieser Seite steht,
ist gelogen!" Offensichtlich sind solche Aussagen paradox, die uns
in eine Situation der Unentscheidbarkeit führen. Paradoxe Aussagen
enthalten zwei Werte, von denen sich aber keiner eindeutig aus-
schließen läßt - sobald man sich für einen Wert entscheidet, landet
man unverzüglich bei dem Gegenwert: Wenn die Aussage des Kre-
ters Epimenides "Alle Kreter sind Lügner!" nicht gelogen ist, also
wahr ist, dann müßte sie eigentlich falsch sein, da Epimenides als
Kreter, folgt man der inhaltlichen Aussage, doch lügt. Wenn die
Aussage von Epimenides hingegen gelogen ist, also falsch ist, dann
müßte sie aber eigentlich wahr sein, da Epimenides entsprechend der
Aussage handelt, nämlich lügt. Was wahr ist, ist falsch und was
falsch ist, ist wahr. Charakteristisch für eine paradoxe Aussage ist
somit ein Oszillieren zwischen zwei Werten, ohne daß dieses ständi-
ge Hin und Her zugunsten einer Seite entschieden werden könnte.
Anhand dieses Beispiels lassen sich die zwei folgenden Defini-
tionsmerkmale von Paradoxien gewinnen. 1) Paradoxe Aussagen zie-
len auf eine vollständige Beschreibung ("Alle Kreter"), sie erreichen
diese Vollständigkeit aber nur dadurch, daß sie sich selbst einbezie-
hen. Paradoxe Aussagen sind selbstreferentiell strukturiert; das, was
sie aussagen, gilt also auch für sie selbst. 2) Paradoxe Aussagen ent-
62 Theorie sozialer Sys'teme 106
halten ein Gegensatzpaar (Lügner/kein Lügner), sie operieren folg-
lich mit einer Unterscheidung. Paradoxe Aussagen beruhen also auf
zwei Bedingungen, und zwar auf den Bedingungen Selbstreferenz
und Benutzung einer Unterscheidung; kombiniert man beide Bedin-
gungen in der richtigen Weise, so gelangt man zu einer Situation der
Unentscheidbarkeit. 35

Damit befinden wir uns bereits wieder mitten in der Theorie so-
zialer Systeme. Bei der Beobachtung sozialer Systeme tauchen beide
Paradoxiebedingungen wieder auf: Zum einen sind soziale Systeme
selbstreferentiell strukturiert; zum anderen verwenden sie bestimmte
Unterscheidungen. Unterscheidungen, so haben wir gehört, liegen al-
len Beobachtungen zugrunde. Ein Paradox ist somit immer ein Pro-
blem eines beobachtenden Systems. Jede Beobachtung, die Vollstän-
digkeit beabsichtigt, verstrickt sich, sobald sie sich selbstreferentiell
miteinbezieht, in eine Paradoxie. Die Anwendung der beobachtungs-
leitenden Unterscheidung auf die Beobachtung führt zu einer Situa-
tion der Unentscheidbarkeit. Ist die Unterscheidung Lüge/keine Lüge
wiederum eine Lüge oder aber keine Lüge? Es läßt sich somit sa-
gen, daß jede Beobachtung an eine bestimmte Unterscheidung ge-
bunden ist, deren Einheit (bzw. Vollständigkeit) sie aber nicht beob-
achten kann. Weiter oben haben wir den gleichen Sachverhalt mit
dem Begriff des blinden Flecks beschrieben. Die beobachungsleiten-
de Unterscheidung fungiert als der blinde Fleck der Beobachtung:
Die Beobachtung kann ihre beobachtungsleitende Unterscheidung
nicht beobachten, ohne in Paradoxien der Selbstanwendung zu gera-
ten. In den Worten Luhmanns: "Jede Beobachtung braucht ihre Un-
terscheidung und also ihr Paradox der Identität des Differenten als
ihren blinden Fleck, mit dessen Hilfe sie beobachten kann." (Luh-
mann 1990: 123)

35 Nicht jede selbstreferentielle Verwendung von Unterscheidungen mündet


in einer Paradoxie, sondern kann auch eine tautologische Form anneh-
men. Genaugenommen handelt es sich bei der Tautologie aber ebenfalls
um eine Paradoxie und zwar um eine verdeckte Paradoxie. Die Tautolo-
gie "behauptet einen Unterschied, von dem sie zugleich behauptet, daß
er keiner ist" (WissG: 491).
62 Theorie sozialer Sys'teme 107
Jede Beobachtung ist somit paradox konstituiert. Eine Paradoxie
ist durch eine Situation der Unentscheidbarkeit charakterisiert. Die
Paradoxie läßt den Beobachter oszillieren, also zwischen dem einen
Wert und seinem Gegenwert hin und her pendeln. Das aber bedeu-
tet, daß mit dem Auftreten von Paradoxien ein "Verlust der Be-
stimmbarkeit, also der Anschlußfähigkeit für weitere Operationen"
(SoSy: 59) verbunden ist. Die Anschlußfähigkeit kann nur gesichert
werden, wenn die zugrundeliegende Paradoxie aufgelöst bzw. invisi-
bilisiert wird. Das meint der Begriff der Entparadoxierung. Luh-
mann spricht davon, daß auf diesem Wege unbestimmbare Komple-
xität (auswegloses Oszillieren zwischen den beiden Beobachtungs-
werten) in bestimmbare Komplexität (Sicherung der Anschlußfähig-
keit) überführt wird. Der Beobachter setzt seine Beobachtungsopera-
tionen dadurch fort, daß er die der Beobachtung zugrundeliegende
Paradoxie ausblendet. Die Frage ist nur, wie dies geschieht. Dafür
gibt es keine definitiven Antworten. Jede Form der Entparadoxie-
rung beruht vielmehr auf kontingenten Entscheidungen, die auch
anders hätten ausfallen können. Auf jeden Fall ist der Beobachter
gezwungen, will er denn seine Beobachtungsoperationen fortsetzen,
seine zugrundeliegende Paradoxie zu umgehen. Ein weiterer Beob-
achter dieses Beobachters, ein Beobachter zweiter Ordnung also,
kann aber die zugrundeliegende Paradoxie und damit die entspre-
chende Technik der Entparadoxierung beobachten. "Wenn man aber
die Position eines Beobachters zweiter Ordnung einnimmt, kann
man zugleich beobachten, wie der Beobachter erster Ordnung sich
verhält, wie er sich seine Paradoxie invisibilisiert, wie er sie durch
Unterscheidungen ersetzt und verstellt, wie er unbestimmbare in be-
stimmbare Komplexität umwandelt und damit zu endlichen Informa-
tionslasten kommt. Der Beobachter zweiter Ordnung ist dann keines-
wegs gehalten, es ebenso zu machen. Aber er kann wenigstens se-
hen, daß es möglich ist, und vielleicht ist er Funktionalist genug, um
nach anderen, funktional äquivalenten Lösungen für das Problem
Ausschau zu halten." (Luhmann 1991b: 128)
Damit kommen wir zum letzten Punkt. Achtens: Die Theorie des
Beobachtens besitzt autologische Implikationen. Das, was die Theo-
rie über das Beobachten aussagt, gilt also auch für die Theorie
62 Theorie sozialer Sys'teme 108
selbst. Im ersten Teil dieses Kapitels haben wir betont, daß diese
selbstreferentielle Gestalt typisch zu sein scheint für Theorien mit
universellem Anspruch: Universalistische Theorien kommen auf
ihrer Gegenstandsseite, also als Teil ihres Gegenstandes, den sie
beschreiben, wieder vor. Diese selbstbezügliche Figur läßt sich
gerade auch am Beobachtungsbegriff festmachen. Auch die Theorie
sozialer Systeme beobachtet, d.h. die Theorie sozialer Systeme un-
ternimmt es, anhand von Unterscheidungen etwas zu bezeichnen.
Grundlegend für die Theorie von Luhmann ist die Unterscheidung
von System und Umwelt. Legt man diese Unterscheidung der Beob-
achtung zugrunde, so ist etwas entweder System oder Umwelt, und
36

niemals ist etwas zugleich System und Umwelt. Ausgehend von der
Leitdifferenz von System und Umwelt operiert die Theorie sozialer
Systeme mit weiteren Unterscheidungen, etwa der Unterscheidung
von Operation und Beobachtung oder der Unterscheidung von Beob-
achtung erster und zweiter Ordnung. Insofern kann man den Ansatz
von Luhmann auch als differenztheoretisch charakterisieren: Die
Theorie geht von Unterscheidungen aus und nicht von Einheit, Tota-

56 Begonnen haben wir dieses Kapitel mit dem Versuch, den Ansatz Luh-
manns von der Parsonsschen Theorie des Strukturfunktionalismus abzu-
grenzen. Dabei sind wir auf eine zentrale Differenz zunächst nicht einge-
gangen: Während Parsons den Systembegriff allein analytisch, d.h. aus-
schließlich als Beobachtungsinstrument benutzt, spricht Luhmann explizit
von realen Systemen. "Die folgenden Überlegungen gehen davon aus,
daß es Systeme gibt. Sie beginnen also nicht mit einem erkenntnistheore-
tischen Zweifel. Sie beziehen auch nicht die Rückzugsposition einer
'lediglich analytischen Relevanz' der Systemtheorie." (SoSy: 30) Damit
gerät Luhmann, wie im Anschluß an seine Beobachtungstheorie deutlich
wird, aber keineswegs in die Fallstricke der Ontologie. Die Aussage, daß
es Systeme gibt, ist also strenggenommen keine substanzmetaphysische
Aussage über das Sein von Systemen, sondern die Aussage eines beob-
achtenden Systems und zwar eine solche Aussage, mit der sich die The-
orie sozialer Systeme selbst "ins Laufen" bringt. Insofern besagt die Aus-
sage allein, daß man, sobald die eigenen Beobachtungen sich an der Un-
terscheidung von System und Umwelt orientieren, Systeme beobachten
kann. Für einen Beobachter, der die Unterscheidung von System und Um-
welt verwendet, gibt es somit reale Systeme. Inwieweit analytische Sy-
stemtheorien über ein ähnlich reflektiertes Selbstverhältnis verfügen,
lassen wir damit offen. Vgl. dazu Nassehi 1992.
62 Theorie sozialer Sys'teme 109
lität oder (Vernunft-)Prinzipien wie etwa Subjekt, Geist, Gesetz,
Fortschritt usw. 37

Die Unterscheidung von System und Umwelt ist vor allem des-
halb kein Prinzip, weil die Theorie, die diese Unterscheidung ver-
wendet, ausdrücklich anerkennt, daß man auch mit anderen Unter-
scheidungen beobachten kann. Insofern handelt es sich bei der
38

Theorie um eine Beobachtung zweiter Ordnung. "Für meine Zwecke


genügt es, von einer Unterscheidung auszugehen, nämlich von der
Unterscheidung von System und Umwelt. Das ist eine sehr wichtige,
stark einschränkende Ausgangsstellung. Danach befaßt sich die Sy-
stemtheorie nicht einfach mit besonderen Objekten, nämlich Syste-
men, im Unterschied zu irgendwelchen anderen Objekten. Sie befaßt
sich mit der Welt, gesehen mit Hilfe einer spezifischen Differenz,
nämlich der von System und Umwelt. Es wird also alles, was vor-
kommt, erfaßt; aber nur unter der Bedingung, daß man angibt, ob es
jeweils System ist oder Umwelt. [...] Man kann natürlich von ande-
ren Unterscheidungen ausgehen, etwa der von Gut und Böse oder
neuerdings der von Mann und Frau. Aber wenn man von anderen
Unterscheidungen ausgeht, konstruiert man andere Gegenstände,
spricht man über andere Sachverhalte, beobachtet man andere Phä-

37 Die Aussage, daß die Beobachtungstheorie von Luhmann autologische


Implikationen besitzt, bezieht sich selbstverständlich auch auf die Begrif-
fe blinder Fleck, Paradoxie, Entparadoxierung. Die Theorie sozialer Sy-
steme, die mit der Unterscheidung System/Umwelt operiert, ist an einen
bestimmten blinden Fleck gebunden; die Theorie gerät, anders gesagt,
bei der Beobachtung dieser Unterscheidung in Paradoxien der Selbstan-
wendung. Insofern ist sie gezwungen, diese Paradoxie zu invisibilisieren
und damit zu entparadoxieren. Dies geschieht u.E. mit Hilfe der Unter-
scheidung Paradoxie/Entparadoxierung! Die Theorie sozialer Systeme
verwendet diese Unterscheidung, "um seine eigene Paradoxie aufzulösen,
nämlich in diesem Falle: sie zu temporalisieren in ein Nacheinander von
Problem (Paradoxie) und Problemlösung (Entparadoxierung)" (WissG:
98).
38 Die Theorie sozialer Systeme erkennt zugleich damit explizit an, daß
"man soziale Gegenstände auch anders beobachten und beschreiben
kann; die gesamte Tradition hat dies getan" (SoSy: 593). Man denke
etwa nur an die beobachtungsleitenden Unterscheidungen Arbeit/Kapital
(Marx), Ideen/Interessen (Weber), mechanische/organische Solidarität
(Durkheim), kommunikatives/strategisches Handeln (Habermas).
62 Theorie sozialer Sys'teme 110
nomene. Eine unmittelbare Diskussion wird dann sinnlos, und die
Frage kann dann nur sein, welche Konstruktion eine höhere Kom-
plexität erreichbar macht." (Luhmann 1988: 292f.)

Zusammenfassung wichtiger Grundbegriffe:


* Beobachtung ist eine Operation, die aus den beiden Momenten der
Unterscheidung und der Bezeichnung besteht. Etwas beobachten
heißt somit, etwas im Rahmen einer Unterscheidung bezeichnen.
* Jede Beobachtung ist an einen blinden Fleck gebunden. Der Be-
obachter benutzt eine Unterscheidung, die er mit Hilfe dieser Un-
terscheidung aber nicht bezeichnen und somit nicht beobachten
kann.
* Die Beobachtung des Beobachtens, d.h. die Beobachtung zweiter
Ordnung, ist ebenfalls Beobachtung und ist darum ebenfalls an
einen blinden Fleck gebunden. Aber anders als der Beobachter
erster Ordnung kann der Beobachter zweiter Ordnung die Relativi-
tät seiner eigenen Beobachtungsoperationen beobachten. Er kann
sehen, daß er nicht sehen kann, was er nicht sehen kann.
Literatur
Niklas Luhmann: Die Wissenschaft der Gesellschaft, Frankfurt/M.
1990, S. 68-121.
4 Theorie der Gesellschaft
Bis jetzt haben wir die begrifflicchen Grundlagen der Theorie auto-
poietischer Sozialsysteme Niklas Luhmanns vorgestellt. Im weiteren
geht es also nun um die Anwendung der allgemeinen Theorie sozia-
ler Systeme auf ihren Gegenstand, nämlich auf soziale Systeme. Wir
haben bereits oben (vgl. 3.1) darauf hingewiesen, daß Luhmann drei
Typen sozialer Systeme unterscheidet: Interaktionen als soziale Sy-
steme, die auf die Kopräsenz von Personen angewiesen sind, Orga-
nisationen als Sozialsysteme, die sich über Mitgliedschaftsbedingun-
gen und Entscheidungstechniken reproduzieren, und schließlich Ge-
sellschaft als umfassendstes Sozialsystem. Sowohl Interaktionen als
auch Organisationen sind Bestandteile von Gesellschaft, die Luh-
mann "als Gesamtheit aller erwartbaren Kommunikationen" (SoSy:
535) bezeichnet. Sowohl Interaktionen wie auch Organisationen kön-
nen stets nur im Horizont von Gesellschaft, also in einer sozialen
Umwelt geschehen. Wir werden deshalb im folgenden nicht Luh-
manns Erträge für eine Theorie der Interaktion oder seine erheb-
lichen Beiträge zur Organisationssoziologie behandeln, sondern die
gesellschaftstheoretischen Implikationen der Theorie sozialer Syste-
me beleuchten.

4.1 Systemdifferenzierung und primäre gesell-


schaftliche Differenzierung
Die Theorie der Gesellschaft Niklas Luhmanns liegt noch nicht als
zusammenhängende Schrift vor. Sie ist - selbst für einen Vielschrei-
ber wie Luhmann - ein "langwieriges Unternehmen" (SozA 3: 7).
Gleichwohl liegen Elemente einer solchen Theorie der Gesellschaft
in mannigfaltigen Vorarbeiten vor, so daß nicht die Rede davon sein
kann, die Luhmannsche Soziologie verfüge noch nicht über das Po-
tential einer Gesellschaftstheorie. Im Gegenteil: Von kaum einem
anderen Sozialtheoretiker finden sich derzeit mehr Anregungen für
112 Theorie der Gesellschaft
eine soziologische Theorie der Gesellschaft als von der Theorie au-
topoietischer Sozialsysteme.
Eine Gesellschaftstheorie, die mit dem theoretischen Rüstzeug der
Luhmannschen Theorie arbeitet, geht von zwei Grundbegriffen aus:
Komplexität und Systemdifferenzierung. Den ersten Begriff haben
wir bereits eingeführt (vgl. 3.1), er bezeichnet den Umstand, daß ein
System mehr als eine Möglichkeit des Anschlusses hat. Eine kom-
plexe Situation in einem sozialen System besteht demnach darin,
daß mehr als eine Anschlußmöglichkeit denkbar ist und daß das Sy-
stem selektiv eine solche Möglichkeit auswählen muß. Es sind kaum
soziale Situationen denkbar, in denen keine Komplexität vorliegt. Es
gibt immer die Möglichkeit, aus mehreren Handlungsmöglichkeiten
eine zu wählen. Gleichwohl ist Komplexität ein einschränkbarer
Sachverhalt, d.h. es sind durchaus Unterschiede im Grad der Kom-
plexität einer sozialen Situation auszumachen. Der zweite Grundbe-
griff, Systemdifferenzierung, bezeichnet die Fähigkeit von sozialen
Systemen, Subsysteme zu bilden. Sub- oder Teilsystembildung be-
zeichnet "nichts weiter als Wiederholung der Systembildung in Sy-
stemen" (SoSy: 37). Ein System teilt sich in Teilsysteme und bringt
somit interne System/Umwelt-Differenzen hervor. Das bedeutet, daß
innerhalb eines Systems andere Teilsysteme des Gesamtsystems in
der Umwelt des jeweiligen Teilsystems vorkommen und daß das
Gesamtsystem "damit die Funktion einer 'internen Umwelt' für die
Teilsysteme, und zwar für jedes Teilsystem in je spezifischer Weise"
(SoSy: 37) gewinnt. 39

Die systemtheoretische Gesellschaftstheorie hat sich unter An-


wendung dieser beiden Grundbegriffe mit der Frage zu befassen,
wie eine Gesellschaft mit ihrer Komplexität umgeht und wie sie sich

19 Das bedeutet übrigens nicht, daß sich mit der Systemdifferenzierung in


autopoietischen Systemen gewissermaßen ein übergeordneter, vorliegen-
der Plan entfaltet. "Wie jede Bildung sozialer Systeme erfolgt auch sy-
steminterne Systembildung autokatalytisch, das heißt: selbstselektiv. Sie
setzt keine 'Aktivität' des Gesamtsystems, auch keine Handlungsfähig-
keit des Gesamtsystems voraus, geschweige denn einen Gesamtplan."
(SoSy: 260)
113 Theorie der Gesellschaft
intern in Sub- und Teilsysteme differenziert. Komplexität und Sy-
stemdifferenzierung sind nun keineswegs nur in quantitativer Hin-
sicht zu untersuchen. Ohne Zweifel läßt sich auch dies beobachten.
Es ist evident, daß eine traditionale Gesellschaft eine erheblich ge-
ringere Komplexität aufweist als die moderne Weltgesellschaft unse-
rer Tage. Aber ob sie tatsächlich weniger differenziert ist, vermögen
wir auf den ersten Blick kaum zu entscheiden. Die entscheidende
gesellschaftstheoretische Frage Luhmanns ist vielmehr die nach der
Form der Differenzierung einer Gesellschaft und den daraus resultie-
renden Komplexitätslagen. "Der Zusammenhang von Komplexität
und Systemdifferenzierung soll [...] nicht als ein kontinuierlicher
unilinearer Steigerungszusammenhang aufgefaßt werden. Unsere in-
haltliche Hypothese ist vielmehr, daß die Komplexität, die ein Ge-
sellschaftssystem erreichen kann, abhängt von der Form seiner Dif-
ferenzierung. Je nach dem, unter welchem Leitgesichtspunkt die pri-
märe Differenzierung des Gesellschaftssystems, die Bildung einer
ersten Schicht von Teilsystemen eingerichtet ist, gibt es innerhalb
des Gesellschaftssystems mehr oder weniger Anlaß zu verschieden-
artigem Handeln. Je nachdem erscheinen Handlungszusammenhänge
für die Handelnden mehr oder weniger selektiv, mehr oder weniger
kontingent." (GS 1: 22) Daß zwischen Komplexität und Systemdiffe-
renzierung kein unilinearer Zusammenhang besteht, läßt sich an
einem Beispiel deutlich machen: Eine Gruppe von Menschen hat ein
vorgegebenes Problem zu lösen, was unterschiedliche Überlegungen
und Aktivitäten erfordert, die gemeinsam zur Lösung des Problems
beitragen. Eine solche Gruppe hat mit einem hohen Grad an Kom-
plexität umzugehen und muß diese in einem erträglichen Rahmen
halten. Sie könnte sich z.B. entschließen, die Komplexität in der
Zeit zu verarbeiten, also die unterschiedlichen Anforderungen nach-
einander zu bewältigen. Das ist allerdings nur dann ein praktikables
Verfahren, wenn genug Zeit zur Verfügung steht. Da Zeit aber ein
knappes Gut ist, ist dies zumeist nicht der Fall. Man kann nun ver-
suchen, mit der hohen Komplexität zurechtzukommen und wird fest-
stellen, daß für jedes einzelne Teilproblem nur eine geringe Kapazi-
tät zur Erörterung möglicher Lösungen bleibt. Wählt die Gruppe
aber den Weg, sich entlang der verschiedenen Problemlagen intern
114 Theorie der Gesellschaft
zu differenzieren, so daß jeweils eine Sub-Gruppe ihren Teil zur
Lösung des Gesamtproblems beiträgt, ändert sich der Komplexitäts-
haushalt entscheidend. Jede einzelne Sub-Gruppe, also jedes einzelne
Teilsystem, hätte dann ein geringeres Maß an Komplexität zu verar-
beiten. Doch die Regel "geteilte Komplexität, halbe Komplexität"
gilt nur auf den ersten Blick. Denn nun werden sofort Kapazitäten
zum Aufbau einer spezifischen Komplexität für jedes Teilproblem
frei. So kann und wird die problemgebundene Komplexität wachsen.
Man wird für jedes der Teilprobleme aus einem jeweils breiten Fun-
dus von Möglichkeiten seine Wahl treffen.
Dieses Beispiel soll dazu dienen, den Mechanismus des Zusam-
menhangs von Komplexität und Systemdifferenzierung deutlich zu
machen. Es soll zugleich demonstrieren, daß gesellschaftliche Kom-
plexität keine konstante Größe ist, die es durch geeignete Mittel zu
bewältigen gilt. Vielmehr sind der jeweilige Grad und die jeweilige
Form der Komplexität unmittelbares Resultat der Operationsweise
sozialer Systeme. Das gilt auch für Gesellschaftssysteme. Keines-
wegs ist damit gesagt, daß Systemdifferenzierung stets in dieser
Weise erfolgt und daß sie stets auf die Lösung gemeinsamer Proble-
me reagiert. Es ist ja gerade die entscheidende Frage, wie sich Ge-
sellschaftssysteme differenzieren, also welche Form der inneren
Differenzierung sie zur Verarbeitung ihrer Eigenkomplexität nutzen.
In dem obigen Zitat war von primärer Differenzierung des Ge-
sellschaftssystems die Rede. Dieser Begriff impliziert, daß es neben
der für den jeweiligen Gesellschaftstyp charakteristischen Form der
primären Differenzierung noch sekundäre Differenzierungsformen
geben muß. Das ist in der Tat der Fall, doch lassen sich zumindest
im Falle der im folgenden zu besprechenden Differenzierungstypen
sehr wohl dominante Differenzierungsformen ausmachen, was - wie
Luhmann betont - jedoch nicht zu dem Schluß führen kann, "daß je-
de Gesellschaft einen und nur einen dominanten Differenzierungstyp
wählt" (WissG: 608). Ein dominanter oder primärer Differenzie-
rungstyp steht für eine Differenzierungsform, die für das Gesamt-
system der Gesellschaft charakteristisch ist, die - wenn wir dies so
heuristisch ausdrücken dürfen - ins Auge sticht, wenn man eher die
Gesamtgestalt einer Gesellschaft beobachtet als darunter liegende
115 Theorie der Gesellschaft
Details. Andere Differenzierungen, Subsystembildungen etc. sind
dann entweder nicht als solche des Gesellschaftssystems als ganzem
anzusehen oder aber richten sich sozusagen im Horizont der primä-
ren Differenzierungsform ein.
Sobald ein Gesellschaftssystem differenziert ist, wird die Reprä-
sentation des Ganzen in der Gesellschaft, die repraesentatio identita-
tis kontingent. Kontingenz ist dann gegeben, wenn etwas auch an-
ders sein kann, als es ist. "Kontingent ist etwas, was weder notwen-
dig ist noch unmöglich ist; was also so, wie es ist (war, sein wird),
sein kann, aber auch anders möglich ist." (SoSy: 152) Hat ein Ge-
sellschaftssystem unterschiedliche Beobachterpositionen ausdifferen-
ziert, kann sie als ganze gleichzeitig unterschiedlich repräsentiert
werden. Keine Repräsentation erscheint damit als zwingend notwen-
dig, keine aber auch als prinzipiell unmöglich. Repräsentationen und
damit Beobachtungsverhältnisse schlechthin werden somit kontin-
gent.
Die bloße Tatsache der Differenzierung des Systems erfordert be-
stimmte Mittel, um zu qualifizieren, von welcher Position des Ge-
samtsystems aus diese Repräsentation des Ganzen erfolgen kann,
wenn sie überhaupt erfolgen kann (vgl. ÖKom: 48). Indem eine Ge-
sellschaft Teilsysteme ausbildet, richtet sie zumindest potentiell eine
Differenz von Beobachtungsverhältnissen ein, da Beobachtungen im-
mer Beobachtungen von Systemen sind. Der Gegenstand der Gesell-
schaftstheorie besteht darin, die wechselseitigen Beobachtungsver-
hältnisse der gesellschaftlichen Teilsysteme und die Beziehungen
und Beziehungsmöglichkeiten der Teilsysteme untereinander zu un-
tersuchen. "Die Differenzierung des Gesellschaftssystems schafft für
jedes Teilsystem eine Dreifalt von Beziehungsmöglichkeiten: (1) die
Beziehung zum Gesamtsystem Gesellschaft, dem es angehört und
das es mitvollzieht, (2) die Beziehung zu den anderen Teilsystemen
und (3) die Beziehung zu sich selbst." (WissG: 635) An der Diffe-
renzierungsform und an den Beziehungsmöglichkeiten der gesell-
schaftlichen Teilsysteme läßt sich die Struktur eines Gesellschafts-
systems ablesen.
116 Theorie der Gesellschaft

Zusammenfassung wichtiger Grundbegriffe:


* Systemdifferenzierung bezeichnet die Wiederholung der System-
bildung im System. Die so entstehenden Teilsysteme sind sich dann
in einem wechselseitigen System/Umwelt-Verhältnis, hier: System/
gesamtsysteminterne Umwelt, gegeben.
* Systemdifferenzierung und Komplexität stehen nicht in einem unili-
nearen Steigerungsverhältnis zueinander. Differenzierung und Kom-
plexität resultieren vielmehr je aus den Operationen des Gesamt-
systems und seiner Teile. Ihr Verhältnis zueinander ist kontingent
und damit jeweils erklärungsbedürftig.
* Die primäre Differenzierungsform eines Gesellschaftssystems be-
zeichnet die Bildung einer ersten Schicht von Teilsystemen des
Gesamtsystems, neben der sich weitere Differenzierungsformen
einrichten können.
Literatur:
Niklas Luhmann: Gesellschaftsstruktur und Semantik. Studien zur
Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft, Bd. 1, Frankfurt/M.
1980, S. 9-71

4.2 Gesellschaftsstruktur und Semantik


Die Struktur einer Gesellschaft ist kein vorgegebenes Gerüst, das
dem gesellschaftlichen Prozessieren vorgeordnet ist. Die Theorie
autopoietischer Systeme schließt, wie wir bereits angedeutet haben,
nicht an den traditionellen soziologischen Sprachgebrauch an, der
Struktur für die invariable Seite und Prozeß für die variable Seite
eines sozialen Geschehens hält. Luhmann konzediert, daß kein Sy-
stemtheoretiker leugnen kann, "daß komplexe Systeme Strukturen
ausbilden und ohne Struktur nicht existieren könnten" (SoSy: 382).
Strukturen schränken die prinzipiell unendliche Anzahl von Mög-
lichkeiten für Anschlußhandlungen auf ein bestimmtes erwartbares
Maß ein: In einem strukturierten System ist nicht alles beliebig, da
der Horizont der eigenen Möglichkeiten auf Erwartetes einge-
schränkt wird. Allerdings koppelt Luhmann die Struktur von Sy-
117 Theorie der Gesellschaft
stemen von der Diskussion um invariante Systemeigenschaften, die
Möglichkeitseinschränkungen sozusagen apriori enthalten, ab. Er er-
setzt also den starren Strukturbegriff durch den Aspekt der Dynamik
und spricht deshalb bei autopoietischen Systemen von einer "dyna-
mischen Stabilität" (AdB: 403), was sowohl der im Dauerzerfall der
Ereignisse eingebauten Kontingenz als auch der durch Selektion be-
wirkten Kontingenzeinschränkung entgegenkommt.
Wird der Strukturbegriff in dieser Weise dynamisiert, kann eine
Theorie der Gesellschaft Gesellschaftsstruktur nicht invariant setzen,
sondern muß die Ausbildung von Strukturen als Aspekt des gesell-
schaftlichen Prozesses begreifen. Deshalb muß die auf der Theorie
autopoietischer Systeme aufbauende Gesellschaftstheorie eine evolu-
tionstheoretische Perspektive einnehmen, d.h. im Kontext einer The-
orie soziokultureller Evolution argumentieren. "Man hat den Prozeß
soziokultureller Evolution zu begreifen als Umformung und Erweite-
rung der Chancen für aussichtsreiche Kommunikation, als Konsoli-
dierung von Erwartungen, um die herum die Gesellschaft dann ihre
sozialen Systeme bildet; und es liegt auf der Hand, daß dies nicht
einfach ein Wachstumsprozeß ist, sondern ein selektiver Prozeß, der
bestimmt, welche Arten sozialer Systeme möglich werden, wie Ge-
sellschaft sich gegen bloße Interaktion absetzt und was als zu un-
wahrscheinlich ausgeschlossen wird." (SoSy: 219) Die Ausschlie-
ßung des Unwahrscheinlichen verweist auf den strukturbildenden
Aspekt der soziokulturellen Evolution. Die Selektivität des Prozesses
dagegen verweist auf die eigentümliche Dynamik und Variationsviel-
falt von Gesellschaften, in Interaktionen, also relativ flüchtigen und
deshalb ungefährlichen Kommunikationen, auszuprobieren, was
letztlich von gesellschaftlicher Kommunikation an Formen weiterge-
führt und ausgebaut wird und was die Gesellschaft schlicht vergißt.
"Innerhalb dieses Überschusses an Möglichkeiten bestehen unter-
schiedliche Wahrscheinlichkeiten, die im Sinnhorizont des Augen-
blicks fixiert sind und als Wahrscheinlichkeiten beobachtet werden
können. Dieser Spielraum kann, wenn er durch unterschiedliche
Wahrscheinlichkeiten strukturiert ist, zugleich als Evolutionspotential
begriffen werden. In ihm ist wahrscheinlich, daß hin und wieder
auch das Unwahrscheinliche gewählt wird, wenn nur die Menge der
118 Theorie der Gesellschaft
Möglichkeiten und die Zeitspanne, die der Beobachtung zu Grunde
liegt, groß genug ist." (SoSy: 590) Ein System kann bisweilen auch
das extrem Unerwartete realisieren und sieht sich dann womöglich
der Situation ausgesetzt, daß sich die Welt des Möglichen und damit
des Erwartbaren erweitert hat. Ein Prozeß kann womöglich anders
laufen, als die Struktur dies hat erwarten lassen.
Soziokulturelle Evolution ist sowohl Motor als auch Resultat je-
ner potentiellen Offenheit von Anschlußmöglichkeiten, und es liegt
auf der Hand, daß evolutionäre Schübe etwa durch die Wiederho-
lung von Themen der Kommunikation, von neuen Formen oder im-
mer wieder geäußerten Erwartungen oder Enttäuschungen angeregt
werden. Es ist dabei zu bedenken, daß soziokulturelle Evolution
lediglich das Resultat einer, wie Luhmann sagt, "sich selbst kon-
ditionierende(n) Selektion" ist, die "ohne Autor" (SoSy: 589) von-
statten geht. Sie ist nicht geplant, gewollt oder intentional gesteuert,
sondern ein kontingenter Prozeß, der auch anders hätte ablaufen
können und im Horizont dieser anderen Möglichkeiten so abgelaufen
ist, wie er abgelaufen ist und wie eine evolutionstheoretische Per-
spektive es beobachtet. "In Anlehnung an die erfolgreich arbeiten-
40

de Theorie präorganischer und organischer Evolution kann auch so-


ziokulturelle Evolution begriffen werden als ein spezifischer Mecha-
nismus für Strukturänderungen, und zwar als ein Mechanismus, der
'Zufall' zur Induktion von Strukturen benutzt." (Luhmann 1978:
422) Selbst die Behauptung einer nicht zufälligen, sondern geplanten
Evolution würde durch sich selbst wieder eingeholt, denn diese Pla-
nung könnte selbst nur kommunikativ erfolgen und setzt ihre Evolu-
tion voraus. Es liegt dann nicht in der Reichweite jener Kommuni-
kation, ob der evolutionäre Vorschlag verwirklicht wird, sondern an
der Evolution selbst. Deutlich läßt sich an einer solchen Position

40 Wir stellen hier auf den Beobachtungsbegriff ab, um noch einmal in Er-
innerung zu rufen, daß auch dieser Text bzw. die Theorie sozialer Syste-
me ihren Gegenstand durch ihre Beobachtung erzeugt. Daß man die so-
ziokulturelle Evolution auch anders beobachten kann, ist hinlänglich be-
kannt: Als Entfaltung einer oder Entfremdung von einer Heilsidee, als
gestiftete Geschichte eines Gottes, als Fortschritt oder Rückschritt etc.
119 Theorie der Gesellschaft
ablesen, daß der Evolutionsgedanke einen zielgerichteten Prozeß
ausdrücklich ausschließt, also das, was man ein Keimmodell nennen
könnte, in dem bereits der Keim alle wesentlichen Bausteine für die
zukünftige Entfaltung der Welt enthält. Auch evoluierende Ereig-
41

nisse sind nur Ereignisse, die in einer Gegenwart auftreten und be-
stenfalls Strukturvorschläge für die Zukunft machen können, keines-
wegs aber einen linearen Einfluß auf jene zukünftigen Ereignisse
ausüben können. Diese dem geschichtsphilosophischen und heilsge-
schichtlichen Denken völlig konträre Auffassung war es ja gerade,
die dem Ahnherrn der Evolutionstheorie, Charles Darwin, vorgewor-
fen wurde. Nicht genug, daß wir vom Affen abstammen, nicht ein-
mal die Linie vom Affen zum Menschen ist eine vorgeplante Linie,
die im Keim der Schöpfung angelegt war. 42

Bevor wir mit der Darstellung der drei wichtigsten evolutionären


Stufen der soziokulturellen Evolution beginnen können, ist kurz ein
weiterer Grundbegriff einzuführen, nämlich der Begriff Semantik.
Wenn von Gesellschaftsstrukturen und von sozialen Differenzierun-
gen die Rede ist, geht es, systemtheoretisch gesprochen, stets um
das Wechselverhältnis operativ geschlossener Systeme, die fürein-
ander Umwelt sind und somit in einem wechselseitigen Beobach-
tungsverhältnis zueinander stehen. Nun reichen diese strukturellen
Merkmale noch nicht aus, um das soziale Geschehen beschreiben zu
können. Entscheidend ist vielmehr, daß die Gesellschaft Formen
ausbildet und stets neue ausbilden muß, um Beliebigkeit einzu-
schränken, um qualifizieren zu können, was ausgeschlossen bleibt,
was weiterverfolgt wird und was neu erfunden werden muß. In

41 Freilich ist der Evolutionsgedanke häufig exakt in dieser Weise verstan-


den worden. Eine Theorie autopoietischer Systeme, die vom Dauerzerfall
je gegenwärtiger Ereignisse ausgeht, schließt das Konzept einer geplan-
ten Evolution aber schon deshalb aus, weil die Selektion von Anschlüs-
sen stets in einer Gegenwart erfolgt, die den Gang des weiteren Gesche-
hens kontingent hält.
42 Abgesehen davon, daß wir, wie wir inzwischen wissen, nicht vom Affen
abstammen, sondern daß Mensch und Affe unterschiedliche evolutionäre
Selektionswege weg von einem gemeinsamen biologischen Vorfahren
sind.
120 Theorie der Gesellschaft
sinnhaft operierenden Systemen - also psychischen und sozialen
Systemen - kann dies selbstverständlich nur in der Form von Sinn,
also in der Form von "Verweisungen auf weitere Möglichkeiten des
Erlebens und Handelns" (SoSy: 93) geschehen. Sinnhaft operierende
Systeme müssen sinnhaft, also sachlich, zeitlich und sozial auswei-
sen, was in einem System wann von wem erwartet bzw. nicht erwar-
tet werden kann. Systembildung geschieht dann sozusagen um be-
stimmte Sinnhorizonte herum. Spezialisiert ein System sich etwa auf
eine bestimmte Aufgabe, so läßt sich an der jeweiligen selektiven
Handhabung von Sinnselektionen erkennen, welche Operation zum
System gehört und welche nicht.
Zur Beschreibung solcher sinnhafter Formen, die die Gesellschaft
selektiv aus einem Horizont von Möglichem auswählt, führt Luh-
mann den Begriff Semantik ein. "Die Gesamtheit der [...] benutzba-
ren Formen einer Gesellschaft (im Unterschied zur Gesamtheit der
Sinn aktualisierenden Ereignisse des Erlebens und Handelns) wollen
wir die Semantik einer Gesellschaft nennen, ihren semantischen Ap-
parat, ihren Vorrat an bereitgehaltenen Sinnverarbeitungsregeln.
Unter Semantik verstehen wir demnach einen höherstufig generali-
sierten, relativ situationsunabhängig verfügbaren Sinn." (GS 1: 19)
Dem Medium Sprache kommt hier eine besondere Bedeutung als re-
lativ zeitfestem Sinnspeicher zu (vgl. SoSy: 220f.). Es sind vor
allem sprachliche Formen, an denen sich dominante Semantiken ei-
ner Gesellschaft erhalten, und am Sprachwandel läßt sich vieles über
den Sinnhaushalt einer Gesellschaft ablesen. Gesellschaftliche Se-
43

mantiken werden in Begriffen, kulturellen Bedeutungen und Symbo-


len, in Allgemein-, Fach- und Szenesprachen, im gesamten Fundus
kultureller Deutungmöglichkeiten usw. aufbewahrt. Allerdings ist

43 Nur ein Beispiel: Die sprachliche Form, daß Leser dieses Buches nicht
nur als Leser, sondern auch als Leserinnen und Leser oder gar - dies
verweist auf die besondere Bedeutung der verschriftlichten Sprache - als
Leserinnen angesprochen werden könnten, verweist nicht nur auf die ge-
schlechtliche Beschaffenheit der Beobachter(Innen) dieser Kommuni-
kation. Es verweist als semantische Form auch auf die Anschlußfähigkeit
der sinnhaft-sozialen Unterscheidung von Männern und Frauen in Kon-
texten, in denen es nicht um Männer oder Frauen geht.
121 Theorie der Gesellschaft
nicht jede Ausformung einer möglichen Semantik gesellschaftstheo-
retisch bedeutsam. Während die Gesamtheit des aktualisierbaren
Wissensvorrates allein wegen seiner ungeheuren Möglichkeitsfülle
relativ unspezifisch bleibt, entwickelt sich im Unterschied dazu eine
Art "'gepflegter' Semantik" (GS 1: 19), also sinnhafte Formen, die
besonders typisch und strukturbildend werden.
Die Unterscheidung von Gesellschaftsstruktur und Semantik soll
dazu beitragen, zum einen die Beschreibung der soziokulturellen
Evolution von der Fixierung auf bloße Ideenevolution zu befreien
und zum anderen die gesellschaftsstrukturell eingeschränkten For-
men auch sinnhaft unterscheiden zu können. Bevor wir uns nun end-
gültig der gesellschaftsstrukturellen Evolution zuwenden, sei noch
am Rande betont, daß die Unterscheidung von Gesellschaftsstruktur
und Semantik selbst eine semantische Unterscheidung ist, also inner-
halb einer modernen wissenschaftlichen Semantik vorkommt. Und
wir wollen schon jetzt verraten, daß diese semantische Konstellation
etwas mit der gesellschaftsstrukturellen Verfaßtheit der Moderne zu
tun hat. Auch hier sehen wir, daß die Theorie in sich selbst wieder
vorkommt: "Die Analyse reklamiert damit für sich selbst die Merk-
male ihres Gegenstandes: Modernität." (BdM: 12) Wir kommen dar-
auf zurück.
122 Theorie der Gesellschaft

Zusammenfassung wichtiger Grundbegriffe:


* Struktur und Prozeß sind keine sich ausschließenden Größen, viel-
mehr reproduzieren sich Strukturen nur in autopoietischen Prozes-
sen, während Prozesse stets innerhalb der Limitationen der jeweili-
gen Systemstruktur verlaufen.
* Gesellschaftsstruktur bezeichnet die Form der Differenzierung einer
Gesellschaft in Teilsysteme sowie die Form der Wechselseitigkeit
der Verhältnisse der Teilsysteme untereinander, der Teilsysteme
zum Gesamtsystem und des Teilsystems zu sich selbst.
* Evolution bezeichnet die Strukturänderung eines Systems durch
selbstreferentielle Handhabung von Selektion und Variation.
* Semantiken bewahren die sinnhaften, also sachlichen, sozialen und
zeitlichen Formen einer Gesellschaft.
Literatur:
Niklas Luhmann: Geschichte als Prozeß und die Theorie sozio-kultu-
reller Evolution, in: Karl Georg Faber und Christian Meier (Hg.):
Historische Prozesse, München 1978, S. 413-440.
Niklas Luhmann: Gesellschaftliche Struktur und semantische Tradition,
in: ders.: Gesellschaftsstruktur und Semantik. Studien zur Wissens-
soziologie der modernen Gesellschaft, Bd. 1, Frankfurt/M. 1980, S. 9-
71.
Niklas Luhmann: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theo-
rie, Frankfurt/M. 1984, S. 377-487.

4.3 Gesellschaftliche Evolution als Umstellung der


Differenzierungsform
Luhmann unterscheidet drei evolutionäre Stufen der primären gesell-
schaftlichen Differenzierungsform. Als einfachstes Differenzierungs-
prinzip ist die segmentäre Differenzierung anzusehen. Sie ist einfa-
chen Gesellschaftssystemen, wie etwa archaischen Gesellschaften,
zuzuordnen. Das segmentäre Differenzierungsprinzip teilt ein Gesell-
schaftssystem in gleiche Teile, etwa Familien, Stämme, Dörfer etc.
"Jedes Teilsystem sieht die innergesellschaftliche Umwelt nur als
Ansammlung von gleichen oder ähnlichen Systemen. Das Gesamtsy-
123 Theorie der Gesellschaft
stem kann dadurch eine geringe Komplexität von Handlungsmög-
lichkeiten-nicht überschreiten." (GS 1: 25) Diese Limitation resul-
tiert daher, daß segmentär differenzierte Gesellschaften sich in Teil-
systeme ausdifferenzieren, die ihre Grenzen in Lokalitäten und kon-
kreten Handlungssituationen finden; es sind also Gesellschaften, in
denen die Differenz von Interaktion und Gesellschaft noch nicht er-
lebbar ist, da als wesentliches Kriterium für die Zugehörigkeit zum
(Teil-)System die Anwesenheit von Personen fungiert (vgl. SozA 2:
22).
Wenn Handlungen und Handlungsmöglichkeiten innerhalb eines
Teilsystems auf Anwesenheit, also auf Kopräsenz und gemeinsamer
Lokalität aufbauen, folgt daraus, daß sich zum einen nur ein sehr
geringer Grad an Arbeitsteilung herausbilden kann und daß zum an-
deren gerade deshalb nur ein geringer Bedarf für eine komplexe in-
terne Organisation von Anschlußkommunikationen entsteht. Was er-
wartbar ist, ist weitgehend festgelegt, und die Variationsbreite des
Bereichs des Möglichen ist schon dadurch eingeschränkt, daß es
durch Kopräsenz und Kolokalität die kreative Kraft der Interaktion
nicht geben kann: Es gibt keine experimentellen Interaktionen, in
denen Neues ausprobiert und wieder verworfen werden könnte, da
jede kreative Interaktion sofort Gefahr läuft, den Strukturrahmen der
gesamten Gesellschaft zu bedrohen.
Die geringe Komplexität, d.h. die geringen Variations- und Selek-
tionsmöglichkeiten und -erfordernisse machen die Evolution von Un-
wahrscheinlichem extrem unwahrscheinlich. Das führt dazu, daß die
gesellschaftliche Wirklichkeit sich von jeder Position innerhalb des
Gesellschaftssystems als gleich und symmetrisch darstellt und daß
Handlungsanschlüsse kaum auf besondere Selektionsspielräume an-
gewiesen sind. "Die Sinndimensionen (zeitlich, sachlich und sozial)
sind noch kaum differenziert und deshalb nicht weiträumig ausleg-
bar. Personen haben dann ein nur minimales, auf das Verhältnis zum
eigenen Organismus beschränktes autopoietisches Eigenbewußtsein.
(...) Alle sozialen Formen werden okkasionell gefunden, bleiben an
konkrete Lokalisierungen gebunden und müssen präsent sein, um
wirken zu können." (SoSy: 567) Die Beschränkung auf Aktualität
und Lokalität führt dazu, daß alles, was geschieht, innerhalb eines
124 Theorie der Gesellschaft
überschaubaren, transparenten Raumes geschieht, der innerhalb sei-
ner selbst keine Systemgrenzen kennt.
Dieser Differenzierungstyp läßt sehr deutlich hervortreten, daß
eine funktionalistische Theorieanlage, die das Soziale nicht als Sum-
me kommunizierender Menschen beobachtet, sondern als operativ
geschlossenes System von Anschlußkommunikationen, durch ihre
Vermeidung der Engführung am Menschen auch nicht auf jene an-
thropologischen Präjudize zurückgreifen muß, die gerade die Theorie
einfacher Gesellschaften oft mitliefert. Nicht eine primitive, prälogi-
sche Mentalität der Naturvölker (vgl. Levy-Bruhl 1959) macht jene
Beschränkung einfacher Gesellschaften aus, sondern vielmehr das
funktionale Erfordernis einer einfachen gesellschaftlichen Organisa-
tion der Einschränkung von Möglichkeiten. Sie ist quasi ein Neben-
produkt von Kommunikation, das aus dem geringen funktionalen Er-
fordernis hoher Sinnkomplexität resultiert. 44

Einfache Gesellschaften organisieren die anfallende Komplexität


ihrer Operationen nicht durch interne Differenzierung, sondern durch
Zeitausgleich. "Eine Mehrzahl von Personen erlebt eine Vielzahl von
Bedürfnissen, die für den einzelnen zu wechselnden Zeitpunkten
akut werden. Das Problem liegt im Zeitausgleich, durch den die in-
ternen Beziehungsmöglichkeiten gesteigert werden und das System
gegenüber seiner Umwelt erhaltungsfähiger konstituiert werden
kann." (SozA 2: 137) Dieses Nacheinander der Handlungen braucht
viel Zeit und erlaubt deshalb nur eine sehr geringe Form der gleich-
zeitigen Bewältigung von Problemlagen. Es liegt auf der Hand, daß
die Limitation des Möglichen durch eine solche Form der autopoie-
tischen Reproduktion der Gesellschaft so lange unüberwindbar blei-
ben muß, bis neue Formen der Reduktion und des Aufbaus von
Komplexität gefunden werden. Das Gesellschaftssystem reagiert
darauf zunächst mit einer generellen Umstellung des Differenzie-
rungsprinzips. Differenziert die segmentäre Form Gleiches von Glei-

14 Nicht zufällig sind denn auch funktionalistische Denkweisen, die es er-


lauben, Verschiedenes in seinen strukturellen Auswirkungen zu verglei-
chen, im Kontext ethnologischer Forschungen entstanden, etwa bei Rad-
cliff-Brown und Malinowski (vgl. Steinbacher 1990: 205-211).
125 Theorie der Gesellschaft
chem, z.B. die eine Familie von der anderen, kann weitere Differen-
zierung vielleicht die Zahl der Gesellschaftsmitglieder erhöhen, nicht
aber die strukturellen Limitationen des Systems überwinden. Es
stellt sich damit das funktionale Erfordernis, Systemdifferenzierung
in unterschiedliche Teilsysteme vorzunehmen.
Zwar läßt sich der Vorgang des evolutionären Übergangs zu einer
neuen Differenzierungsform kaum empirisch nachverfolgen. Theore-
tisch läßt sich allerdings vermuten, daß segmentär differenzierte
Gesellschaften durch das Erlebnis der starken Limitationen ihrer
eigenen Möglichkeiten gehäuft mit Erwartungsenttäuschungen umge-
hen müssen, bis sich neue Formen quasi aufdrängen. Schon inner-
halb archaischer Gesellschaften setzen Differenzierungsformen in
der Sozialdimension ein, etwa die Ausbildung von Rollendifferenzen
oder ein gewisser Grad von Arbeitsteilung. Eine der frühesten aus-
differenzierten Rollenmuster ist ohne Zweifel die Herausbildung von
Sakralrollen (vgl. GS 3: 270), andere frühe Formen sind etwa Ge-
schlechtsdifferenzen oder Altersgruppen. Solche Rollendifferenzie-
rungen erhöhen ohne Zweifel die gesellschaftliche Komplexität, je-
doch sind sie noch innerhalb des Modells von Kopräsenz und Kolo-
kalität denkbar. Erst wenn es nicht mehr gelingt, eine gewisse Un-
gleichheit von Sachverhalten (Rollen, Tätigkeiten, Funktionen etc.)
in der gleichen Zeit zu bewältigen, muß die Gesellschaft neue For-
men erfinden, um dem Komplexitätsdruck gewachsen zu sein. Eine
Rücknahme gesellschaftlicher Komplexität scheint wenig praktikabel
zu sein, da man schwer vergessen kann, was einmal als neue Form
aufgetreten ist, und weil die Steigerung von Komplexität schon da-
durch einen weiteren Schub erfahren würde, wenn man sie als Kom-
plexität problematisieren würde, um sie wieder loszuwerden. Ein
funktionales Äquivalent der Rücknahme von Komplexität ist es je-
doch, sie auf mehrere, nun notwendig ungleiche Schultern zu ver-
teilen, die in ihrer Ungleichheit allerdings aufeinander bezogen sein
müssen. Als eine solche Reaktion auf nicht mehr handhabbare
45

45 Wir erinnern an unser hypothetisches Beispiel bei der Einführung des


Begriffes Systemdifferenzierung in 4.1.
126 Theorie der Gesellschaft
Steigerung von Komplexität kann die Umstellung der Gesellschafts-
struktur auf stratifikatorische Differenzierung gewertet werden.
Die zweite Stufe der primären gesellschaftlichen Differenzie-
rungsform, nämlich die stratifikatorische Differenzierung, ist ohne
Zweifel die historisch erfolgreichste. Sie nahm ihren Ausgang be-
reits im Übergang von archaischen Stammesgesellschaften in kom-
plexere soziale Verbände und war von den klassischen europäischen,
asiatischen und amerikanischen Hochkulturen an bis in die europäi-
sche Vormoderne des 15. und 16. Jahrhunderts das bestimmende ge-
sellschaftsinterne Differenzierungsprinzip. Das entscheidende Ein-
teilungsprinzip stratifizierter Gesellschaften ist die Differenzierung
in ungleiche Schichten. Die Gesellschaft besteht nun nicht mehr aus
ähnlichen oder gleichen Systemen, sondern aus verschiedenartigen
Teilsystemen, die sich allerdings nicht in beliebiger Ungleichheit
zueinander verhalten, sondern in einer hierarchischen Beziehung zu-
einander stehen. Stratifizierte Gesellschaften beobachten sich und
das, was in ihnen geschieht, mit einer Leitdifferenz, nämlich mit der
Unterscheidung oben/unten. Das bedeutet, daß alles, was in einer
solchen stratifizierten Gesellschaft geschieht, und damit alle sozialen
Kommunikationen, jeder Anschluß von Sinn und Entscheidungsla-
gen in Interaktionen danach geregelt werden, wie sich die Folgen
und Nebenfolgen dieser Ereignisse in der hierarchischen Ordnung
der Gesellschaft auswirken. Indem sich diese Gesellschaftsform in
der Sozialdimension differenziert, also Personen zu unterschiedli-
chen Ständen zuordnet, steht weniger die Sach- als die Sozialdimen-
sion im Vordergrund gesellschaftlicher Autopoiesis. Im Klartext:
Nicht was gesagt wird, sondern wer es sagt, ob oben oder unten, ist
entscheidend. Für die höfische Gesellschaft etwa gilt, daß sich Ach-
tung und Mißachtung einer Person gegenüber weniger auf Argumen-
te oder Sympathie stützte, sondern letztlich auf die soziale Position
der Person. Oder man denke an die Entwicklung der Kommunika-
tion von Liebe. Nicht romantische, an unverwechselbaren Individuen
orientierte Liebe führte Mann und Frau zusammen, sondern der
Stand. Eine standesgemäße eheliche Verbindung war weniger eine
Sache von individualisierten Personen als vielmehr ein gesellschaft-
licher Akt zur Reproduktion von Schichten und zur Exklusion von
127 Theorie der Gesellschaft
Personen, die wegen ihres niederen Standes aus der Ordnung her-
ausfielen.
Zusammengehalten wurden die ungleichen Teilsysteme der Ge-
sellschaft, also die Schichten, "durch eine gesamtgesellschaftliche
Grundsymbolik der Hierarchie und der direkten Reziprozität" (GS 1:
29), d.h. durch eine primär religiös fundierte Seinsauslegung der
Welt in Hierarchien, die jeden dank göttlichen Ratschlusses an sei-
nen Platz gesetzt hat. Diese eindeutige vertikale Differenzierung der
Gesellschaft zeichnete sich zwar im Vergleich zur segmentär diffe-
renzierten Sozialform durch einen ungeheuren Komplexitätszuwachs
aus, doch waren die Positionsbestimmungen innerhalb des Systems
noch vergleichsweise transparent. Dies hat mehrere Gründe. Zum ei-
nen erlaubt schon die eindeutige Leitdifferenz oben/unten eine ein-
deutige Zuordnung von Phänomenen. Denn diese Schematik der
Hierarchie bleibt notwendigerweise die gleiche, gleichviel, aus wel-
cher Perspektive sie beobachtet wird: Oben bleibt im Hinblick auf
ein Unten stets oben, ob man dies nun von oben oder von unten aus
beobachtet.
Die Selektivität des Gesamtsystems, also gleichsam das, was die
Welt im Innersten zusammenhält, stellte sich dann auch unabhängig
vom Blickwinkel des Betrachters als relativ homogen dar. Konkret:
Die Sinnhaftigkeit der Welt als Gottes Schöpfung und die Notwen-
digkeit, ein gottesfürchtiges Leben zu führen, galt für jeden, unab-
hängig von seiner sozialen Position. Unterschieden haben sich Per-
sonen allerdings sehr wohl danach, an welcher Stelle der Gesell-
schaft - ob als Kleriker, als Adliger oder als Bauer - sie sich wieder-
fanden und wie sie sich in ihrem Leben zwischen den Polen Heil
und Verdammnis - der primäre Code von Erlösungsreligionen - be-
wegten. Zum anderen erforderte diese Transparenz der innergesell-
schaftlichen Positionierung zentrale semantische Codes, die es ver-
mochten, über die innergesellschaftlichen Systemgrenzen hinweg
dem System im ganzen einen "Sinn" zu geben und in alltägliche ge-
sellschaftliche Kommunikation einzuwirken. Dies wurde funktional
46

46 Auf Luhmanns Moralbegriff gehen wir weiter unten unter 5.2 ein.
128 Theorie der Gesellschaft
durch eine Generalisierung von Moral und vor allem von Religion
erreicht. Damit findet die Komplexität des Systems ihre Schranken
in der gleichzeitigen innergesellschaftlichen Unüberwindlichkeit der
Hierarchie und deren Transzendierung durch eine universale Sinnge-
bung. "Die Komplexitätsschranken dieses Differenzierungstyps lie-
gen in der Notwendigkeit der Hierarchisierung der Ungleichheit. Je-
des Teilsystem kann sich zwar dadurch, daß es sich selbst einer
Hierarchie zuordnet, auf das Gesamtsystem beziehen; es kennt sei-
nen Platz im Ganzen. Zugleich muß es dabei jedoch seine innerge-
sellschaftliche Umwelt im Verhältnis zu sich selbst als ungleich
definieren, und zwar an Hand von übergreifenden Rangkriterien."
(GS 1: 26)
Die Semantik der gesamtgesellschaftlichen Grundsymbolik der
Hierarchie und der direkten Reziprozität verlangte nach einer gesell-
schaftlichen Zentralinstanz. Sie hatte die Gesellschaft und die Indivi-
duen mit selektivem Sinn zu versorgen, der es ihnen ermöglichte,
ihren Platz in der vorgegebenen Ordnung zu finden. Wir haben oben
die Generalisierung von Moral und Religion in diesem Zusammen-
hang genannt. Moral in der vormodernen, geschichteten Gesellschaft
hatte die Funktion, die Zugehörigkeit zur jeweiligen Schicht, die
durch die Gesellschaftsstruktur ohnehin gegeben war, zu stabilisie-
ren. Die Ordnung selbst und die Zuweisung von Positionen inner-
halb des Gesellschaftssystems bzw. innerhalb der Schicht war quasi
immer schon geregelt. "Dann kann die Restregulierung der Inklusion
der Moral überlassen bleiben, die dann nur noch zu bestimmen hat,
wem nach Maßgabe seiner Herkunft und seines Verhaltens Achtung
geschuldet ist und welches Verhalten Mißachtung auf sich zieht."
(GS 3: 378) Doch in die Moral selbst war der Schichtindex ver-
gleichsweise schwer einzubauen, denn sie kann nur funktional auf
die Ordnung selbst reagieren, die aber ihrerseits einer Legitimation
bedarf. Diese Legitimation fand sich in religiöser Codierung, deren
Funktion darin besteht, die "Bestimmbarkeit der Welt" (FdR: 79) zu
sichern. Zum Verhältnis von Religion und Moral, bezogen auf die
semantischen "Angebote" für eine schichtindizierte Ausbildung sta-
biler Identitäten schreibt Luhmann: "Die Religion leistet mehr, als
nur Moral aus sich heraus zu entlassen; sie garantiert auch die Er-
129 Theorie der Gesellschaft
haltung der Ordnung nach Gottes Willen und damit die Placierung
der Möglichkeiten zu handeln im System der Schichtung. Die Diffe-
renz selbst, die die Ränge trennt, hat einen religiösen Sinn, weil sie
den Aktionsradius und den Pflichtenkreis konkretisiert, innerhalb
dessen der Einzelne ein gottesfürchtiges Leben führen kann." (GS 1:
132) Die weitgehende Kongruenz von sozialen und personalen Per-
spektiven, d.h. also die Parallelisierung von Identität und Zugehörig-
keit zu einem Teilsystem bot eine "Sinn"-Sicherheit stabiler Identitä-
ten, die sich nur langsam im Prozeß gesellschaftlicher Modernisie-
rung veränderte. Diese Argumentation - das sollte nicht verkannt
werden - darf nicht als harmonisierende Beschreibung einer Gesell-
schaftsformation verstanden werden, in der alles in Ordnung ist,
weil sich alles einer Ordnung fügt. Gewiß hatte die monopolisierte
Sinngebung von Welt und Gesellschaft durch organisierte Religion
und durch sie legitimierte soziale Ungleichheit auch disziplinierende,
vertröstende und offen unterdrückende Funktionen. Dennoch bot sie
eine kosmologische Sicherheit, die die Möglichkeit der bewußtseins-
mäßigen Verortung innerhalb der Gesellschaftsstruktur weniger von
einem kontingenten, wir können fast sagen weltlichen Machtindex
abhängig machte, als von einem alternativlos festgeschriebenen
Sinnfundus, der die hierarchisch-ständische Gesamtordnung von hi-
storischer Beliebigkeit befreite und mit dem Siegel des Ewigen und
Gottgewollten versah. Die Komplexität der Gesellschaft wie dieje-
nige individueller Selbstidentifikationsfolien blieb dadurch ver-
gleichsweise eingeschränkt. Erst mit der Zunahme gesellschaftlicher
Komplexität wurde auch die Sicherheit spendende Kraft kosmologi-
scher Weltbilder erschüttert, weil sie sich kaum mehr auf ihre Alter-
nativlosigkeit stützen konnte.
Doch was heißt hier: Zunahme gesellschaftlicher Komplexität?
Wir haben oben dargestellt, daß es keinen unilinearen Zusammen-
hang zwischen Komplexitätssteigerung und gesellschaftlicher Diffe-
renzierung gibt, sondern daß dieser Zusammenhang durch die Form
der Differenzierung bestimmt wird. Selbstverständlich können wir
hier nicht ausführlich und en detail auf den epochalen Wandel von
stratifikatorischer Differenzierung der Gesellschaft zu modernen
Sozialformen eingehen. Lediglich andeutungsweise sei gezeigt, wie
130 Theorie der Gesellschaft
die Differenzierungstheorie dieses Problem faßt. Es ist ein bekannter
Sachverhalt, daß sich im Gefolge der Reformation und der europäi-
schen Religionskriege eine gewisse Entfernung religiöser von politi-
schen Handlungsmustern beobachten läßt. Schon die reformatorische
Teilung der religiösen Autorität ordnet die Präferenz für Konfession
der politischen Macht unter. Spätestens als es dem jeweiligen Regio-
nalfürsten möglich wurde, seinen Untertanen seine Konfession zu
oktroyieren, entsteht eine neue semantische Differenz: Religion und
Politik werden zwar nicht unabhängig voneinander, sind aber nun
als je Unterschiedliches aufeinander bezogen. Indem sich die Politik
von den alten Legitimatoren zumindest in Differenz setzen konnte,
entsteht für sie die Notwendigkeit der Reflexion auf sich selbst. Sie
muß sich als eigenständige Operationssphäre konstituieren und rich-
tet dafür einen eigenen semantischen Apparat ein, der die eigenen
Grenzen zu anderen Semantiken genau zu ziehen erlaubt. Staatsrä-
son und Souveränität werden zu Begriffen, die eine eigenständige
Interessenlage des Staates gegenüber der Gesellschaft und die Un-
abhängigkeit der Politik von Kaiser und Papst zum Ausdruck brin-
gen. Politik, so könnte man diese Entwicklung auf eine Formel
47

bringen, stellt von Fremdreferenz auf Selbstreferenz um: Nicht mehr


die außerhalb politischen Handelns liegende Codifizierung der Ge-
samtselektivität der Welt ist der wesentliche Referenzhorizont, son-
dern die Politik selbst. Sie entdeckt den Staat, also sich selbst, als
letzten Referenzhorizont ihres Prozessierens. Sie wird gewisserma-
ßen zum letzten Fluchtpunkt ihrer selbst.
Diese wenigen Andeutungen dürften schon deutlich machen, daß
die stratifizierte Gesellschaft nicht einfach eine Zunahme von Kom-
plexität bewältigen muß, sondern zu einer neuen Handhabung gesell-
schaftlicher Komplexität quasi gezwungen wird - jedoch nicht im
Sinne eines Zwangs, der von außen an die Gesellschaft herantritt,
sondern durch sich selbst, nämlich durch die Ausdifferenzierung von

47 Die Entstehungsbedingungen des modernen Staates zeichnet mit diffe-


renzierungstheoretischen Mitteln Rudolf Stichweh nach (vgl. Stichweh
1991).
131 Theorie der Gesellschaft
Handlungsbereichen, die sich in der Gesellschaft auszudifferenzieren
beginnen-Solche Differenzierungsprozesse selbstreferentieller Kom-
munikations-/Handlungsbereiche verweisen notwendig auf Systembil-
dung. Wir haben also mit der Ausdifferenzierung der Politik mit
einer Teilsystembildung zu tun, die sich auch in anderen Bereichen
der Gesellschaft seit dem 16. Jahrhundert beobachten läßt: Was am
Beispiel der Politik angedeutet wurde, gilt mutatis mutandis ebenso
für andere gesellschaftliche Bereiche: etwa die Säkularisierung und
beginnende Ablösung der Erziehung und der Pädagogik vom Modell
stratifikatorischer Ordnung bei gleichzeitiger Herausbildung einer
erziehungseigenen Semantik (vgl. GS 3: 191); die Ausdifferenzie-
rung eines allein wissenschaftseigenen Codes (vgl. WissG); die
Herausbildung einer familialen Privatsphäre und eines speziellen
Liebescodes (vgl. LP: 163ff. und 183ff.); die Entfernung des Rechts
von der Politik (vgl. AdR); die Entkoppelung der Wirtschaft von
Religion und Moral und die vollständige Monetarisierung ökonomi-
scher Beziehungen (vgl. WirtG: 43ff. und 230ff.). Es entsteht so aus
der semantischen Autonomisierung verschiedener Bereiche der Ge-
sellschaft eine neue Form der primären gesellschaftlichen Differen-
zierung, deren Teilsystemgrenzen nun nicht mehr an Lokalitäten und
Kopräsenzen wie in der segmentär differenzierten Gesellschaft, auch
nicht mehr an relativ undurchlässigen Schichten wie in der stratifi-
zerten Gesellschaft verlaufen, sondern an gesellschaftlichen Funktio-
nen, die je exklusiv sind und sich nicht gegenseitig ersetzen können.
Diese nun funktionale Differenzierung der Gesellschaft bezeichnet
die primäre Differenzierungform der modernen Gesellschaft.
Spätestens mit der Mitte des 19. Jahrhunderts, vollends aber zur
Jahrhundertwende setzt sich die bereits seit dem Ende des 16. Jahr-
hunderts sich abzeichnende primäre Differenzierung der Gesellschaft
als Differenzierung in nicht füreinander substituierbare Funktionen
durch. Gesellschaftsstrukturell gesehen differenziert sich die Gesell-
schaft in Teilsysteme, die nicht mehr durch eine allen Systemen ge-
meinsame Grundsymbolik integriert werden können. Die einzelnen
funktionalen Teilsysteme - Wirtschaft, Politik, Recht, Religion, Er-
ziehung, Wissenschaft, Kunst etc. - operieren stets aus ihrer jeweili-
gen funktionsspezifischen Perspektive, die für sie selbst unhintergeh-
132 Theorie der Gesellschaft
bar ist. Diese Teilsysteme operieren nicht einfach mit ihnen zuge-
ordneten, funktionsspezifischen Semantiken, sondern mit Hilfe von
beobachtungsleitenden Grundunterscheidungen. "Man sieht jetzt
deutlich, daß die Funktionssysteme sich nicht nur über eigene Krite-
rien des Richtigen, also nicht nur über Gesamtformeln ihrer Pro-
gramme (Friede bzw. Gemeinwohl, Wohlstand, Bildung, Gerechtig-
keit etc.) ausdifferenzieren, sondern daß dies primär über binäre
Codes geschieht." (GS 3: 430; Hervorh. durch uns) Die Besonder-
heit funktionaler Teilsysteme ist, daß sie ihr Beobachtungsschema
über die strikte Zweiwertigkeit ihrer binären Codes generieren. So ist
für Politik entscheidend, ob man Amt und Entscheidungsmacht inne-
hat oder nicht, für Wirtschaft, ob man zahlt oder nicht, für das
Recht, ob etwas als rechtmäßig angesehen wird oder nicht, für Wis-
senschaft, ob eine Aussage wahr ist oder nicht, für Religion, ob
etwas dem Heil oder dem moralischen Standard dient oder nicht, für
Erziehung, ob etwas im Hinblick auf Chancen im Lebenslauf gelernt
wird oder nicht. Auf den ersten Blick mögen solche Unterscheidun-
gen recht banal erscheinen. Selbstverständlich muß wirtschaftliches
Handeln darüber entscheiden, ob gezahlt oder nicht gezahlt wird,
d.h. ob man kauft, verkauft, investiert, sich beteiligt, spart, an die
Börse geht, Kredite aufnimmt, vergibt oder sperrt, hier produziert
oder lieber in Fernost, Löhne erhöht, den Politiker besticht oder mit
Kapitalflucht droht. Das Gleiche gilt für Politik. Selbstverständlich
ist es eine Frage von Amts- und Machtverfügung, wenn man be-
stimmte Entscheidungen fällen oder verhindern will. Über diese
Selbstverständlichkeiten hinaus ist aber zu bedenken, daß die in den
binären Codierungen enthaltenen Unterscheidungen nicht irgendwel-
che kontingenten Beobachtungsgeneratoren sind, die in der Wirt-
schaft, in der Politik, im Recht usw. neben anderen vorkommen. Sie
kommen nicht in den Systemen vor, sondern sie sind es letztlich
selbst, die die jeweiligen Teilsysteme als soziale Systeme konstituie-
ren.
Die angedeuteten Codierungen sind alle zweiwertig aufgebaut.
Wie wir oben gezeigt habe, bilden zweiwertige Unterscheidungs-
räume Kontexturen, die alles andere, was nicht diesen Unterschei-
dungen unterliegt, als Drittes ausschließen (vgl. 3.6). In der moder-
133 Theorie der Gesellschaft
nen Gesellschaft kann demnach Macht nicht durch wissenschaftliche
Wahrheit, religiöses Heil nicht durch Recht und ökonomischer Er-
folg nicht durch erzieherische Operationen gesichert werden. Zwar
wird niemand bestreiten, daß etwa der Zugang zu Bildung nicht völ-
lig unabhängig von der ökonomischen Zahlungsfähigkeit ist und daß
wissenschaftliche Wahrheit oft der Begründung politischer Entschei-
dungen dient. Gleichwohl sind solche Beziehungen zwischen den
funktionalen Teilsystemen stets solche, die die Grenzen zwischen
den Systemen nicht sprengen.
Die binären Codes bilden allerdings lediglich den kontexturellen
Rahmen, innerhalb dessen das jeweilige Teilsystem Formen ausbil-
den kann. Der Code sorgt für die Schließung des Systems, die erst
seine spezifische Form der Offenheit ermöglicht. Für die Offenheit
des Systems dagegen sorgen Programme, d.h. Bedingungen nach de-
nen für die eine oder andere Seite der Unterscheidung optiert wird.
"In bezug auf seinen Code operiert das System als geschlossenes
System, indem jede Wertung wie wahr/unwahr immer nur auf den
jeweils entgegengesetzten Wert desselben Codes und nie auf andere,
externe Werte verweist. Zugleich aber ermöglicht die Programmie-
rung des Systems, externe Gegebenheiten in Betracht zu ziehen, das
heißt die Bedingungen zu fixieren, unter denen der eine oder andere
Wert gesetzt wird." (ÖKom: 83) Programme sind demnach "vorge-
gebene Bedingungen für die Richtigkeit der Selektion von Opera-
tionen" (ÖKom: 91). In der Wissenschaft etwa sind Theorien die
Programme, die über wahr oder unwahr entscheiden (vgl. WissG:
183), Preise und Investitionsprogramme entscheiden, ob man zahlt
oder nicht (vgl. WirtG: 226), Gesetze, Verordnungen, Geschäftsord-
nungen und Verträge entscheiden über Recht und Unrecht (vgl.
ÖKom: 127), politische Programme entscheiden zwar nicht unmit-
telbar über Regierung und Opposition, dienen aber als Differenzie-
rungs- und Zuweisungskriterium bei Wahlen (vgl. ÖKom: 171). Pro-
grammierungen ermöglichen es den operativ geschlossenen Teilsy-
stemen, ihre Umwelt, also Externes, das sich dem Code womöglich
nicht fügt, in die eigenen Operationen einzubauen, ohne dabei die
eigene binäre Codierung zu verlassen. Wenn in einem totalitären
Staat etwa von Staats wegen bestimmte wissenschaftliche Ergebnisse
134 Theorie der Gesellschaft
erwünscht werden und bei gegenteiligen Ergebnissen Mittel, Reputa-
tion und persönliche Freiheit verknappt werden, so kann Wissen-
schaft gleichwohl nicht aus seinem Code wahr/unwahr ausbrechen.
Die politische Zumutung muß in wissenschaftlichen Programmen,
d.h. in Theorien ausgedrückt werden, die Kriterien bereithalten,
warum die Partei immer recht hat. Wer unter solchen Bedingungen
Wissenschaft betreibt, könnte niemals kommunizieren, daß man et-
was als wahr qualifiziert, weil die Machtverhältnisse so sind, wie sie
sind. Stets muß dies mit wissenschaftlichen Mitteln, also: per Theo-
rie, geleistet werden.
Die Theorie autopoietischer Systeme behauptet, daß Systeme nur
innerhalb ihrer selbst operieren können und daß sie ihren Umwelt-
kontakt ausschließlich systemrelativ, d.h. per eigenen Systemopera-
tionen, herstellen (vgl. dazu SoSy: 242ff.). So kann etwa wirt-
schaftliche Kommunikation auf politische und rechtliche Umweltver-
änderungen ausschließlich wirtschaftlich, d.h. unter Handhabung der
Unterscheidung Zahlen/nicht Zahlen reagieren; umgekehrt können
Politik und Recht in die Wirtschaft nicht per wirtschaftlichen Opera-
tionen einwirken. Sie können Zahlungen nur so weit konditionieren,
als sie politische und rechtliche Umweltbedingungen für Zahlungen
herstellen. Deutlich wird dieser Zusammenhang dort, wo etwa die
Intervention des einen Systems - z.B. eine politische Entscheidung
über die Erhöhung von produktionsbezogenen Abgaben zur Aus-
stattung staatlicher Umweltprogramme - im anderen System zu
systemeigenen Operationen führt, die die politische Intention wo-
möglich konterkarieren - z.B. durch Verlegung von Produktions-
standorten ins Ausland. Das System/Umwelt-Paradigma erlaubt es,
solche Entwicklungen nicht als noch nicht voll ausgebildete Perfekti-
bilität des politischen Systems zu erklären, sondern als unaufhebbare
operative Differenz zwischen den Teilsystemen. 48

48 Trotzdem werden auch von Protagonisten der Theorie funktionaler Diffe-


renzierung bisweilen Formulierungen gewählt, die eine Steuerung des
Ganzen durch einen Teil des Ganzen nahelegen, so etwa Gunther Teub-
ners These von der "Gesellschaftssteuerung durch reflexives Recht"
(Teubner 1989: 81ff.).
135 Theorie der Gesellschaft
Mit dem Begriff der operativen Differenz läßt sich erst die volle
Bedeutung des Theorems der binären Codierung abstecken. Wir ha-
ben schon angemerkt, daß funktionale Teilsysteme der modernen
Gesellschaft sich durch die Zweiwertigkeit ihrer Leitunterscheidung
auszeichnen, die eine Welt innerhalb der Werte dieser Unterschei-
dung aufspannt. Zweiwertige Logiken konstituieren eine monokon-
texturale Struktur, also eine Welt, in der nichts anderes vorkommt
als das, was innerhalb dieser Unterscheidung Platz hat (vgl. Günther
1979: 189). Dieser konstruktivistische Sachverhalt läßt sich auch am
Beispiel der funktionalen Teilsysteme der Gesellschaft beobachten:
Für das Wirtschaftssystem ist die Welt - sicher überspitzt formuliert
- ein Anlageobjekt zur Herstellung und Wiederherstellung von Zah-
lungsfähigkeit; für die Politik ein Raum, in dem Entscheidungen zu
treffen sind, je nach Maßgabe, ob man die Macht noch oder noch
nicht in Händen hält; für Recht eine Welt, die dadurch strukturiert
ist, daß man in ihr Rechtmäßiges von Rechtswidrigem unterscheiden
kann; für Religion eine Welt, in der man sich für Heil oder Ver-
dammnis entscheiden und qualifizieren kann; für Wissenschaft ein
49

Geltungsraum, in dem es wahre und unwahre Aussagen gibt. Von


der konstruktivistischen Epistemologie kann man allerdings lernen,
daß diese Differenzierungen die Gesellschaft nicht in Seinsbereiche,
nicht in ontische Regionen einteilen. Vielmehr geht es hier nur um
distinkte, nicht aufeinander abbildbare Beobachtungsverhältnisse.
Nicht das Sein der Welt wird geteilt, sondern es kommt zu unter-
schiedlichen Beobachtungen - und das heißt nichts anderes als zu
unterschiedlichen Handhabungen von Unterscheidungen, mit denen
die Welt als ganze beobachtet wird (vgl. SoSy: 63). Man könnte sa-
gen: Die jeweilige Beobachtung schließt aus, was sie durch ihre
Leitunterscheidung nicht sehen kann, und sie schließt ein, was sie
durch ihre Operationen ausschließt. Im Klartext: Rechtliche Kom-

49 Dabei hat Religion selbstverständlich immer noch den selbstgesteckten


Anspruch, die Gesamtselektivität der Welt zu repräsentieren, hat aber
faktisch, in der Moderne zu einem Teilsystem unter anderen degradiert,
nur noch einen marginalisierten Kommunikationsanteil an gesellschaftli-
cher Gesamtkommunikation.
136 Theorie der Gesellschaft
munikation schließt alles aus, was nicht in die Leitunterscheidung
des Rechtssystems paßt. Zugleich schließt das Recht seine binäre
Opposition, das Unrecht, ausdrücklich ein, um überhaupt Unterschei-
dungen zu generieren. Recht gibt es nur da, wo es Unrecht gibt,
Zahlen macht nur Sinn, wenn man es auch lassen kann, und Macht
hat nur der, dem Machtlose gegenüberstehen. Das Gleiche gilt
selbstverständlich auch umgekehrt: Unrecht gibt es nur im Horizont
von Recht, nicht zahlen kann man nur, wenn man auch zahlen könn-
te, und machtlos ist man nur, wenn andere die Macht innehaben.
"Die strikte Zweiwertigkeit ist [...] so angelegt, daß das System auch
mit Unwerten weiterläuft. Unwerte sind zwar nicht anschlußfähig,
man kann mit Unwahrheiten (mit Unrecht, mit Machtlosigkeit, mit
Nichthaben etc.) im System nichts anfangen; aber die Spezifikation
der Tatbestände, die den Unwert erfüllen, dirigiert zugleich das, was
trotzdem (oder gerade deshalb) möglich ist. Die Zweiwertigkeit ga-
rantiert, mit anderen Worten, gegenüber jedem möglichen Fall die
Autopoiesis des Systems." (WissG: 191) Die Autopoiesis des jewei-
ligen Teilsystems erzeugt also anhand ihrer dem System zugrunde-
liegenden binären Codierung sich selbst und damit: nichts weniger
als die Welt.
Letztlich handelt es sich hierbei formal um den gleichen Sach-
verhalt, der auch für Hochkulturen gilt: Die Gesellschaft wird an-
hand einer Leitunterscheidung beobachtet und beschrieben und kann
sich dadurch als ganze identifizieren. Solche Ontologie- oder Kos-
mologiebildung leistete eine "Beschreibung des Ganzen im Ganzen"
(WissG: 210) und hatte gesellschaftsstrukturell auch die Position,
dem Ganzen damit einen Sinn zu geben, der sich in Form einer ge-
samtgesellschaftlichen, stets religiösen Grundsymbolik auf nahezu
alle sozialen Kontakte der Gesellschaft regulierend auswirkte. Ihre
Einheit gewann diese Grundsymbolik dadurch, daß sie mit Hilfe von
Letzt-, zumeist Gottesbegriffen die Kontingenz ihres Anfangs un-
sichtbar machte.
Wie gesagt, formal sind funktionale Teilsysteme in der gleichen
Lage. Sie fangen jede ihrer Operationen mit einer Leitunterschei-
dung, ihrem binären Code, an und können aus dieser Kontextur
nicht ausbrechen. Die Kontingenz des Anfangs wird hier dadurch
137 Theorie der Gesellschaft
unsichtbar gemacht, daß der Code unhintergehbar gesetzt wird: kei-
ne Wissenschaft ohne Wahrheit (und Nicht-Wahrheit), keine Ökono-
mie ohne Zahlung (und Nicht-Zahlung), keine Politik ohne Macht
(und Nicht-Macht). Damit ist der Code eines Teilsystems sozusagen
der "blinde Fleck" des Systems, den es nicht selbst beobachten kann
(vgl. EaK: 17), ohne in Paradoxien der Selbstanwendung zu geraten
(vgl. 3.6). Wenn funktionale Teilsysteme der Gesellschaft nicht als
gleichsam in Institutionen gegossene und Stein gehauene Entitäten
verstanden werden, sondern als Kommunikationssysteme, die nicht
einfach einen Code verwenden, sondern gerade durch die Verwen-
dung des Codes konstituiert werden, erzeugt jede Selbstbeobachtung
eine Paradoxie: Es wird dann deutlich, daß die Codes selbst es sind,
die das erzeugen, was sie in der Welt sehen. Das Wissenschaftssy-
stem etwa sieht nicht bloß wahre und unwahre Aussagen über etwas
in seiner Umwelt, sondern erzeugt mit Hilfe seiner System/Umwelt-
Unterscheidung erst die Welt, die sein Gegenstand ist. Oder das
Rechtssystem wird bei Selbstbeobachtung damit konfrontiert, daß es
Recht und Unrecht selbst erzeugt und nicht einfach vorfindet. Para-
doxien treten dann auf, "wenn die Unterscheidung 'System/Umwelt'
im Inneren eines Systems erscheint, wodurch die Umwelt - die per
Definition 'außerhalb' des Systems liegt - nun zugleich 'außerhalb'
und 'innerhalb' des Systems erscheint" (Esposito 1991: 37). Systeme
werden dann zur Selbstanwendung des Codes gezwungen und kön-
nen nicht entscheiden, ob es rechtens ist, Recht und Unrecht zu un-
terscheiden, ob es wahr ist, zwischen wahr und unwahr zu unter-
scheiden, oder werden damit konfrontiert, daß jede Zahlung immer
zweierlei produziert: "Zahlungsfähigkeit und Zahlungsunfähigkeit,
also nichts" (WirtG: 134). Funktionale Teilsysteme sind also ge-
zwungen, durch Entparadoxierung oder Invisibilisierung ihrer Para-
doxien Selbstblockaden aufzuheben und damit die eigenen Operatio-
nen zu sichern. Wenn die Reflexion auf die Einheit des Codes un-
erträglich wird, wird Einheit schlicht durch Differenz ersetzt. "Dann
kann das System seine Operationen an dieser Differenz orientieren,
kann innerhalb dieser Differenz oszillieren, kann Programme ent-
wickeln, die die Zuordnung der Operationen zu Positionen und Ge-
genpositionen des Codes regeln, ohne die Frage nach der Einheit
138 Theorie der Gesellschaft
des Codes zu stellen." (ÖKom: 77) Man könnte auch sagen: Das Sy-
stem tut schlicht so, als sei die Welt so, wie sie beobachtet wird.
Wahrheit, Zahlung und Macht sind sozusagen die God-Terms der
entsprechenden Teilsysteme, was die Ersetzung der Operationen ei-
nes Systems durch ein anderes ausschließt. Neben der formalen Ähn-
lichkeit ist der strukturelle Unterschied dieser Selbstfestlegungen je-
doch, daß keines der funktionalen Teilsysteme der Gesellschaft jene
Reichweite vormaliger kosmologischer Weltauffassungen mehr ha-
ben kann. Es bilden sich gewissermaßen nebeneinander Kosmologi-
en aus, die damit freilich keine mehr sind und deren Bezugspro-
bleme völlig anderer Art sind: Sie können nur sehen, was auf dem
Bildschirm ihrer funktionsspezifischen Perspektive auftaucht. Alles
andere bleibt ausgeschlossen, da es schlicht nicht in die Kontextur
der beobachtungsleitenden Unterscheidung paßt.
Der horizontale Aufbau der Gesellschaft schließt aber keineswegs
aus, daß die Teilsysteme der Gesellschaft Gesamtbeschreibungen des
Gesamtsystems anfertigen. Allerdings können diese, da an ihren ei-
genen Code gebunden, keine für alle verbindlichen Beschreibungen
abgeben. Die konstruktivistische Epistemologie lehrt: Solche funk-
tionssystemspezifischen Beobachtungen können sich auch nicht par-
tiell oder temporär von ihrem Code lösen, denn erstens können Sy-
steme nicht außerhalb ihrer selbst operieren, und zweitens ist die
Form autopoietischer Systeme nicht ein Resultat der Welt, sondern
ihre jeweilige Welt resultiert gerade aus der formgebenden Unter-
scheidung (vgl. Spencer Brown 1971: 105f.). Teilsystemspezifische
Beschreibungen der Gesellschaft bleiben notwendig teilsystemspezi-
fisch, auch wenn Wissenschaftler, Politiker, Pfarrer oder Lehrer
womöglich anderes behaupten - man ist versucht zu sagen: anderes
behaupten müssen, um sich behaupten zu können.
Bevor wir auf die weiteren gesellschaftstheoretischen Konsequen-
zen der Theorie funktionaler Differenzierung zu sprechen kommen,
sind noch einige Bemerkungen zum Charakter funktionaler Teilsy-
steme vonnöten. Oft wird die Theorie funktionaler Differenzierung
in der Luhmannschen Variante scharf kritisiert, weil die behauptete
Autonomie der verschiedenen Teilsysteme theoretisch zu strikt ange-
setzt werde. So sieht etwa Richard Münch in der Moderne eine Ge-
139 Theorie der Gesellschaft
sellschaftsform, "in der sich immer mehr in den Zonen der Inter-
penetration der Subsysteme und immer weniger in den Reservaten
ihrer Eigenlogik abspielt" (Münch 1991: 23). Münch sieht darin die
Möglichkeit wechselseitiger Steuerung und Konditionierung der
Teilsysteme verbürgt (vgl. ebd.: 135ff.). In letzter Konsequenz er-
hofft sich ein solches Konzept durch die Wechselseitigkeit der Inter-
penetration ein gemeinsames normatives Dach, das gesellschaftliche
Kommunikation selbststeuernd auf systemeigene und umweltliche
Faktoren reagieren läßt. Münch sieht gerade im Bemühen politi-
50

scher, kultureller, ökonomischer, religiöser und wissenschaftlicher


Handlungsträger und Organisationen, ihr Handeln aufeinander ab-
zustimmen und so zumindest zu einer virtuell gemeinsamen Per-
spektive zu gelangen, einen Gegenbeweis gegen Luhmanns Behaup-
tung der operativen Autonomie der Funktionssysteme. Dieser zu-
nächst naheliegende Einwand läßt es uns notwendig erscheinen, auf
eine Konsequenz der Luhmannschen Differenzierungstheorie noch
einmal ausdrücklich hinzuweisen.
Luhmann unterscheidet ausdrücklich nicht Handlungsträger bzw.
Organisationen, die die verschiedenen Teilsystemen ausmachen, son-
dern lediglich Kommunikationen, die sich und ihre Umwelt mit ihrer
jeweils beobachtungsleitenden Unterscheidung in den Blick nehmen.
Die Grenze ökonomischer und politischer Kommunikation ist es, die
die Teilsystemgrenze zwischen Wirtschaft und Politik markiert, nicht
der Unterschied zwischen einem Aufsichtsratsvorsitzenden und ei-
nem Bundeskanzler, bzw. zwischen einem Wirtschaftsbetrieb und ei-
ner politischen Partei. Funktionale Teilsysteme nutzen zwar entspre-
chend ausgebildete und sozialisierte Personen zu ihrer eigenen Re-
produktion, v.a. sind sie darauf angewiesen, Organisationen auszu-

50 Ähnlich argumentiert Helmut Willke, der von einem Übergang von der
funktional differenzierten Gesellschaft hin zu einer neuen Form spricht,
die auf die Vernetzung der verschiedenen Bereiche abstellt. "Ich nenne
diese Form 'organisierte Differenzierung', um hervorzuheben, daß das
für die Gesellschaft insgesamt riskante Auseinandertreiben der Funkti-
onsbereiche jedenfalls punktuell und teilweise in organisierten Vernet-
zungen aufgefangen wird." (Willke 1992: 183; vgl. dazu auch Kneer
1993).
140 Theorie der Gesellschaft
bilden, ohne die die Moderne sicher undenkbar wäre. Doch die Teil-
systeme gehen nicht in den ihnen zugeordneten Organisationen auf.
Zwar gilt der Satz: "Die meisten Organisationen der modernen Ge-
sellschaft sind spezifischen Funktionssystemen zugeordnet." (WissG:
678) Aber zugleich gilt: Organisationen sind keine "Gesellschaften
oder gesellschaftliche Subsysteme, also Systeme, die die gesamte
Kommunikation oder Aspekte dieser Kommunikation ausdifferenzie-
ren" (WissG: 673f.). Man darf die Wirtschaft genausowenig mit der
Summe aller Betriebe verwechseln wie etwa das Erziehungssystem
mit den Schulen oder das Religionssystem mit den Kirchen. Es geht
stets um ökonomische, pädagogische bzw. religiöse Kommunikatio-
nen, zwischen denen eine operative Grenze besteht. Daß diese Gren-
zen quasi durch Handlungsträger bzw. durch Personen hindurchge-
hen, etwa in dem Sinne, daß man zugleich erzogen wird, dafür zahlt
und darüber hinaus an einem bestimmten Glaubensstil partizipiert,
widerspricht dieser operativen Differenz nicht, wenn man Gesell-
schaft als Summe aller möglichen Kommunikationen und nicht als
Summe aller Handlungsträger auffaßt. Dann ist es natürlich von ent-
scheidender Bedeutung, in welcher Weise sich die jeweiligen Teilsy-
steme in einem Verhältnis von System und Umwelt gegeben sind
und wie diese sich gegenseitig limitieren bzw. beeinflussen. Die
operative Differenz der Teilsysteme scheint davon nicht berührt zu
werden. Auf der Ebene der Programmierung allerdings ist sehr wohl
eine gewisse Abstimmung von Systemperspektiven denkbar. Hier
kann sich Politik auf Wirtschaft einstellen, indem wirtschaftliche
Zielvorgaben und Limitationen in politische Programme umgemünzt
werden; hier kann Erziehung sich auf religiöse Standards einlassen,
ohne in Religion aufzugehen; hier kann Wirtschaft sich auf die
rechtlichen Limitationen einstellen, die im Wirtschaftsverkehr gelten;
und alle Teilsysteme scheinen wissenschaftliche Erkenntnisse in ihre
Programmierung aufzunehmen, ohne daß damit eine lineare Übertra-
gung wissenschaftlicher "Wahrheit" etwa in politische Programme
Eingang finden könnte.
141 Theorie der Gesellschaft

Zusammenfassung wichtiger Grundbegriffe:


* Segmentäre Differenzierung meint die Ausdifferenzierung der Ge-
sellschaft in gleiche Teilsysteme, etwa Stämme, Dörfer, Familien.
* Stratifikatorische Differenzierung meint die Ausdifferenzierung der
Gesellschaft in ungleiche Schichten, die durch eine gesamtgesell-
schaftlich wirksame Leitdifferenz innerhalb der Gesellschaftsstruk-
tur verortet werden. Diese Leitdifferenz beobachtet gesellschaftliche
Kommunikation im Hinblick auf die Unterscheidung oben/unten.
* Funktionale Differenzierung meint die Ausdifferenzierung der Ge-
sellschaft in ungleiche Teilsysteme, die sich durch ihren Funktions-
bezug zum Gesamtsystem unterscheiden, etwa Wirtschaft, Politik,
Recht, Wissenschaft, Religion, Erziehung etc.
* Die Leitunterscheidungen der funktionssystemspezifischen Kommu-
nikationen in der modernen Gesellschaft sind in Form binärer Co-
dierungen gebaut. Diese sind die für das Funktionssystem unhinter-
gehbaren, weil ersten Unterscheidungen, etwa: zahlen/nicht zahlen;
Regierung/Opposition; Recht/Unrecht etc.
* Sorgen die Codierungen für die operative Schließung des Teilsy-
stems, öffnen Programmierungen das System für externen Sinn.
Mit Programmen entscheidet das Teilsystem über die Zuweisung
von Codewerten. In der Wissenschaft etwa entscheiden Theorien
über wahr oder falsch.
Literatur:
Niklas Luhmann: Gesellschaftliche Struktur und semantische Tradition,
in: ders.: Gesellschaftsstruktur und Semantik. Studien zur Wissensso-
ziologie der modernen Gesellschaft, Band 1, Frankfurt/M. 1980, S. 9-
71.
Niklas Luhmann-, ökologische Kommunikation. Kann die moderne Ge-
sellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, Opladen
1986, S. 75-217.
142 Theorie der Gesellschaft
4.4 Einheit und Differenz
Die gesellschaftsstrukturelle Konsequenz, die aus diesen Überlegun-
gen zu ziehen ist, heißt, daß es aufgrund der Ausdifferenzierung von
für sich selbst unhintergehbaren binären Codes in der modernen,
funktional differenzierten Gesellschaft keine zentrale Instanz von ge-
samtgesellschaftlicher Reichweite mehr geben kann, die alle System/
Umwelt-Differenzen transzendieren und damit sinnhaft verbinden
könnte. "Daher fehlt jedem Teilsystem in seiner Umweltbeziehung
eine Struktur und eine Symbolik, die auf das Ganze verweist. Dieser
Verweis liegt ausschließlich in der Funktion selbst, also in einem
Prinzip, das die Umwelt sich gerade nicht zu eigen machen kann."
(GS 1: 28) "Welt" als Einheit der Differenz von System und Um-
welt wird damit in perspektivische Welten aufgelöst; aus der Mono-
kontexturalität vormaliger ontologischer Welten wird die Polykon-
texturalität teilsystemspezifischer Welten in der modernen, funktio-
nal differenzierten Gesellschaft. Eine der zentralen Konsequenzen
der Luhmannschen Gesellschaftstheorie besteht darin, daß die mo-
derne Gesellschaft multizentrisch geworden ist - die Moderne bietet
keinerlei privilegierten Ort mehr an, der eine für alle Perspektiven
bindende Deutung der Welt bereithält. Keineswegs fehlt es an Erklä-
rungen für die Welt im Ganzen, aber man muß in der modernen Ge-
sellschaft stets damit rechnen, daß die eigenen Beobachtungen von
anderen Beobachtern als eine Beobachtung unter vielen beobachtet
wird.
Luhmann baut auch nicht - wie etwa Jürgen Habermas - ein Kon-
zept der Lebenswelt als Sphäre vertrauter Hintergrundüberzeugungen
und vorkonsentierten Wissens in seine Theorie der Gesellschaft ein.
Habermas konzipiert bekanntlich Lebenswelt als denjenigen Raum,
in dem sich kommunikativ handelnde Subjekte auf dem Boden und
im Horizont einer bereits geteilten Welt von praktischen Normen,
theoretischen Einsichten und zum Teil sogar von Geschmacksurtei-
len bewegen. Dieser Boden ist es, der verständigungsorientiertes
Handeln gegen die Imperative der zweckrational organisierten Syste-
me behauptet (vgl. Habermas 1981, I: 106). Für Luhmann ist Le-
benswelt nicht eine den gesellschaftlichen Systemen gegenüberste-
143 Theorie der Gesellschaft
hende Sphäre unversehrter Vergesellschaftung, sondern lediglich
derjenige Boden und Horizont, der einem Beobachter erscheint,
wenn er in der Welt Vertrautes und Unvertrautes vorfindet, gleich
welche beobachtungsleitende Unterscheidung er gerade anwendet.
Die Relativität der Beobachterposition in der modernen Gesellschaft
sorgt zugleich dafür, daß Lebenswelt nicht als existierende gesell-
schaftliche Sphäre konzipiert wird, sondern polykontextural je als
Resultat von Beobachtungen vorliegt (vgl. Luhmann 1986a: 182). Im
Klartext heißt das: Meine Lebenswelt ist nicht deine Lebenswelt,
weil je nach Relevanzstrukturen uns je Unterschiedliches vertraut
ist. Zwar kennt auch Habermas die Situationsrelativität der Lebens-
51

welt für den Handelnden (vgl. Habermas 1981, II: 188), doch spielt
für ihn Lebenswelt schon aus theorietechnischen Gründen eher die
Rolle eines Spenders von Einheit: sicher nicht der Einheit gesell-
schaftlicher Lebensformen und kultureller Grundüberzeugungen, zu-
mindest aber der Einheit einer gesellschaftlichen Sphäre, in der sich
die kritischen Potentiale kommunikativer Handlungen entfalten kön-
nen. Lebenswelt ist ihm "der transzendentale Ort, an dem sich Spre-
cher und Hörer begegnen" (ebd.: 192). Luhmann dagegen ist eher an
dem empirischen Ort Lebenswelt interessiert, den er nicht mehr als
Garant für eine einheitliche kommunikative Praxis, sondern lediglich
als Resultat der Unterschediung vertraut/unvertraut denkt. So gese-
hen erscheint Lebenswelt überall, sowohl innerhalb als auch außer-
halb funktionaler Teilsysteme der Gesellschaft. "An allen Unter-
scheidungen kondensieren Lebenswelten" (Luhmann 1986a: 186),
d.h. überall wo kommuniziert wird, entstehen vertraute und unver-
traute Räume. Daß Lebenswelt dann gleichsam ubiquitär erscheint,
liegt daran, daß "für jedes System die Welt die Einheit der eigenen
Differenz von System und Umwelt ist" (SoSy: 106), man könnte

51 Die Polykontexturalität der "Mannigfaltigkeit der Wirklichkeiten" der


Lebenswelt wird übrigens in der sozialphänomenologischen Lebenswelt-
theorie von Alfred Schütz noch erheblich klarer gekennzeichnet, als Ha-
bermas' kritisches Interesse an der Lebenswelt als Gegensphäre gegen
die Systeme der Politik und Ökonomie es zuläßt (vgl. dazu Schütz
1971).
144 Theorie der Gesellschaft
auch sagen: daß für jede Perspektive eben das Vertraute das Ver-
traute ist und nicht das Unvertraute. Eine Beobachtung zweiter Ord-
nung aber kann sehen, daß die Vertrautheit des Vertrauten nicht per
se gegeben ist, sondern aus den jeweiligen Beobachtungsperspekti-
ven resultiert. Insofern ist der Luhmannsche Begriff von Lebenswelt
im Unterschied zu dem von Habermas nicht einer, der Einheit zu-
mindest denkbar machen will, sondern der mit der unhintergehbaren
Differenz der Perspektiven rechnet.
Noch mehr als an seiner allgemeinen Theorie sozialer Systeme
läßt sich an Luhmanns Theorie der modernen Gesellschaft ablesen,
daß er den theoretischen Blick von Einheit auf Differenz umstellt.
Die Frage nach der Einheit der modernen Gesellschaft, so Luhmann,
läßt sich nur "an den Funktionssystemen nachweisbar" (BdM: 41)
machen, also anhand der Beobachtung differenter (!) Handhabungen
der Einheit der Differenz von Selbst- und Fremdreferenz. Jedes
funktionale Teilsystem der Gesellschaft referiert zugleich auf sich
selbst und auf Fremdes. Am Beispiel des Wirtschaftssystems erläu-
tert Luhmann dies folgendermaßen: "Die Selbstreferenz wird durch
die Geldzahlung reproduziert. Der Zahlungsvorgang transportiert die
Zahlungsfähigkeit und Zahlungsunfähigkeit des Systems. Er garan-
tiert, daß im nächsten Moment wiederum Zahlungsfähigkeit und
Geldbedarf gegeben sind - wenn auch in jeweils anderer Hand. Die
Zahlung leistet insofern die Autopoiesis des Systems, die endlose
Möglichkeit weiterer Operationen desselben Systems. Mit dem Me-
dium Geld und den darin eingelassenen Formen (Preisen) verweist
das System auf sich selbst. Die andere Seite der Transaktion bewegt
Sach- oder Dienstleistungen. Hier geht es um eine Befriedigung von
Bedürfnissen. Also um Fremdreferenz. Denn die Bedürfnisse müssen
außerhalb des Wirtschaftssystems verankert sein [...]." (BdM: 39)
Ein System referiert also in seinen Operationen immer zugleich auf
sich selbst und auf Fremdes, also auf Umwelt. Entscheidend für
Luhmann ist nun, daß sowohl die eine Seite (Selbstreferenz) als
auch die andere Seite (Fremdreferenz) der Transaktion eine system-
interne Operation darstellt. "Immer ist die Transaktion in ihren
beiden Seiten ein voll wirtschaftsinterner Vorgang und nicht etwas,
was halb drinnen, halb draußen vollzogen werden könnte. Aber sie
145 Theorie der Gesellschaft
wäre [...] nicht möglich, wenn sie nicht Umwelt konstruieren, auf
Umwelt verweisen würde." (BdM: 39) Umwelt aber ist selbst kein
operierendes System, sondern stets eine systemrelative Umwelt, die
allein durch die Operationen des Systems erzeugt wird. Die Einheit
von Selbst- und Fremdreferenz vollzieht also letztlich die Einheit
der Gesellschaft - mit der Einschränkung, daß diese Erzeugung von
Einheit stets an die Operationen des jeweiligen Systems gebunden
ist. Durch seine eigenen Beobachtungen erzeugt jedes Teilsystem ein
Bild der Gesellschaft, allerdings nur sein Bild der Gesellschaft. Da
sich binäre Codierungen selbst nicht beobachten können und weil
funktionale Teilsysteme in ihren Operationen unhintergehbar an den
eigenen Code gebunden sind, erfahren sie sich zunächst nicht als
Teil der Gesellschaft, sondern sie vollziehen Gesellschaft per An-
wendung des jeweiligen Codes und können deshalb nur das sehen,
was sie sehen können. Im Falle der Wirtschaft ist dies die Limitie-
rung der Beobachtung auf die Preisförmigkeit der Welt. In der Wirt-
schaft kommt nur das vor, was wirtschaftlich relevant ist, was per
Geldmedium und Preisform verrechenbar ist.
In der funktional differenzierten Gesellschaft der Moderne zerfällt
demnach die Einheit der Gesellschaft in jeweils teilsystemspezifi-
sche Beobachtungsverhältnisse. Unter Anwendung des Codes Zah-
len/nicht Zahlen bekommt man etwas anderes in den Blick als unter
Anwendung anderer Unterscheidungen, etwa wahr/unwahr oder Re-
gierung/Opposition. Damit zerfällt zugleich ein vormals zentrisch
gedachter Weltbegriff zu einem multizentrischen Weltbegriff, der
"die traditionelle Zentrierung des Weltbegriffs auf eine 'Mitte' oder
auf ein 'Subjekt' hin" (SoSy: 284) auflöst. Eine solche Dezentrali-
52

sierung des Weltbegriffs schlägt sich etwa in Konzepten der philoso-


phischen Postmoderne nieder, in denen es um die Kritik der Hege-
monie gesellschaftlicher Einheitsmetaphern im Sinne von großen Er-
zählungen geht (vgl. Lyotard 1986), um den unhintergehbaren und
unauflösbaren Widerstreit verschiedener Satz-Regel-Systeme (vgl.

52 Zur Multizentrizität des Weltbegriffs bei Luhmann vgl. Günter Thomas


1992.
146 Theorie der Gesellschaft
Lyotard 1987), um die freie Differenz gegen die Identitätslogik der
Moderne zugunsten eines informellen Chaos (vgl. Deleuze 1968). In
dieser philosophischen Semantik kommt zum Ausdruck, daß der mo-
dernen Gesellschaft letztlich keine Instanz mehr zur Verfügung
steht, von der her alle Operationen der Gesellschaft konditioniert
werden könnten. Die funktionale Differenzierung der Gesellschaft
verhindert durch die strukturdeterminierte Stabilität der Teilsysteme
eine gemeinsame Perspektive, von der her alles, was in der Gesell-
schaft geschieht, in eine reziproke, d.h. für beide Seiten gleichartige
Beziehung gesetzt wird. Innerhalb einer stratifikatorischen Struktur
gibt es zwar auch unterschiedliche Perspektiven, jedoch ist für alle
Seiten die Gesamtstruktur der Situation präsent. Jeder weiß, wer
oben und wer unten steht. Für ungleiche Teilsysteme mit binär co-
diertem Funktionsbezug ist dagegen Intransparenz die Regel: Die
Religion etwa kann im Problem der Zerstörung der natürlichen Um-
welt einen Eingriff in Gottes Schöpfung oder womöglich einen Ein-
griff Gottes in die Schöpfung als Sündenlohn sehen; die Wirtschaft
dagegen sieht nur einen künftigen Investitionsnachteil oder auch -vor-
teil; die Politik sieht einen entscheidenden Faktor bei der Mobili-
sierung von Wählerstimmen; Erziehung kapriziert sich auf ökologi-
sche Bildungsprogramme, da sie das Problem individuellen Fehl-
handlungen zurechnet; und die Kunst entdeckt ein neues Thema zur
künstlerischen Beschreibung der Welt. Es sollte deutlich geworden
sein, daß die Theorie funktionaler Differenzierung den Gedanken der
Einheit der Gesellschaft dadurch ersetzt, daß nun gefragt werden
muß, wer etwas als Einheit der Gesellschaft beobachtet. Es macht
einen Unterschied, von welcher Perspektive aus man die Gesell-
schaft sieht. "Es bleibt deshalb, will man feststellen, was der Fall ist,
nur die Möglichkeit, sich an den operativen Vollzug von Beobach-
tungen zu halten, das heißt: Beobachter zu beobachten im Hinblick
darauf, welche Unterscheidungen sie benutzen und welche Seite
ihrer Unterscheidung sie markieren, um dort (und nicht auf der an-
deren Seite) weitere Operationen anzusetzen. Das, was als Realität
konstruiert wird, ist letztlich also nur durch die Beobachtbarkeit von
Beobachtungen garantiert." (BdM: 45) Nimmt man die konstruktivi-
stische Epistemologie der Theorie autopoietischer Systeme ernst,
147 Theorie der Gesellschaft
bekommt man so beobachtend in den Blick, daß die gesellschaftli-
che Realität nicht außerhalb ihres jeweiligen, perspektivischen Voll-
zuges existiert, sondern operativ durch eben jene Leitunterscheidung
entsteht, die gerade angewandt wird und die dem Anwender letztlich
intransparent bleiben muß (vgl. Nassehi 1992). Luhmanns Theorie-
anlage ist so gebaut, daß sie nicht etwas als etwas beobachtet, son-
dern - im Sinne der Beobachtung zweiter Ordnung - beobachtet, wie
in der Gesellschaft unterschiedlich beobachtet wird. Daß dies die
eigene theoretische Beobachtung nicht als privilegierte Beobachter-
position ausweisen läßt, liegt auf der Hand. Die Systemtheorie ist
nur eine Beobachtung unter vielen, die eine Realität erzeugt, die
man auch ganz anders sehen kann.
Die Beobachtung zweiter Ordnung macht eine Paradoxie sichtbar,
der differenzierte Einheiten stets ausgesetzt sind. Die funktionale
Differenzierung der Gesellschaft führt nicht nur zu einem Pluralis-
mus der Funktionen, also nicht nur zu einer Multiplität von Codes,
sondern gleichzeitig zu einer Multizentrizität: Jeder funktionale Code
ist sich selbst zugleich das Zentrum der Welt und sieht sich - Be-
obachtung zweiter Ordnung! - als Beobachter unter anderen Beob-
achtern, die ebensowenig aus dem eigenen Horizont ausbrechen kön-
nen, der mit der binären Codierung gegeben ist. Jeder Code muß al-
so die Spannung aushalten, zugleich unhintergehbar und kontingent
zu sein: unhintergehbar, weil er als Anfangsbedingung des Teilsy-
stems nicht zur Disposition steht, und kontingent, weil die Welt auch
anders, d.h. mit anderen Codes beobachtet werden kann. "Es geht
mithin um Operationalisierung einer Paradoxie. Das Funktionssy-
stem ist, als Differenz von System und Umwelt begriffen, die Ge-
sellschaft, und es ist sie zugleich nicht. Es operiert geschlossen und
offen zugleich. Es verleiht dem eigenen Realitätsanspruch Aus-
schließlichkeit, wenn auch nur im Sinne einer operationsnotwendi-
gen Illusion." (ÖKom: 205) Diese Paradoxiehandhabung muß ein
Gleichgewicht zwischen der Ermöglichung der eigenen Operationen
und der Einsicht finden, daß die Einheit der Gesellschaft nicht alter-
nativlos beobachtet werden kann. Im Klartext: Das Rechtssystem
kann aufgrund seiner operativen Geschlossenheit nicht anders, als
die Gesellschaft durch Handhabung der Unterscheidung Recht/Un-
148 Theorie der Gesellschaft
recht zu beobachten. Es kann darin aber zugleich die eigene Limita-
tion mitbeobachten, daß es nur das sehen kann, was es sehen kann,
nicht aber das, was es nicht sehen kann. Andere Beobachter kom-
men, so kann beobachtet werden, zu anderen Beobachtungen des
gleichen Gegenstandes. Aber die Identität des Gegenstandes selbst
ist paradox, denn sie wird durch die Beobachtung erst erzeugt und
kann somit gleichzeitig Unterschiedliches sein . 53

Die Paradoxie der differenzierten Einheit hat erhebliche Konse-


quenzen für die Frage der Einheit des Gesellschaftssystems. "Grund-
sätzlich läuft jeder Versuch, im System die Einheit des Systems zum
Gegenstand einer Operation zu machen, auf eine Paradoxie auf;
denn diese Operation muß sich selbst dabei ausschließen und ein-
schließen." (ÖKom: 216) Solange die Gesellschaft die Reproduktion
der Einheit noch in einem Zentrum lokalisieren kann und durch
Hierarchisierungen konkurrierende Einheitsreproduktionen aus-
schließt, wird die Paradoxie gar nicht erst sichtbar - sie kann an den
Schöpfer oder das Gottesgnadentum des Repräsentanten abgegeben
werden. Die funktionale Differenzierung läßt diese Auslagerung
54

nicht mehr zu und macht die Paradoxie damit sichtbar: Einheit wird
Differenz, will heißen: "die Einheit der Gesellschaft ist dann nichts
anderes als diese Differenz der Funktionssysteme" (ÖKom: 216).
Die entscheidende gesellschaftstheoretische Frage, die sich aus

53 An dem vorstehenden Satz läßt sich schön erkennen, wie Ontologien "als
Nebenprodukte der Kommunikation" (SoSy: 205) entstehen. Die Sprache
bietet uns kaum Formen an, aus dem Seins-Schema herauszukommen.
Wir können nur sagen: Der Gegenstand kann Unterschiedliches sein, da-
bei erscheint er lediglich unterschiedlich. Doch auch diese sprachliche
Form trifft nicht ganz, denn was da als Gegenstand erscheint/entgegen-
steht, ist ja gerade nichts Entgegenstehendes, sondern wird nur systemre-
lativ erzeugt.
54 Das heißt nicht, daß die Paradoxie früher nicht sichtbar geworden wäre.
Gerade die Geschichte der Gottesbeweise legt davon ein beredtes Zeug-
nis ab. Und nicht umsonst ist Nikolaus Cusanus zu Luhmanns Lieblings-
philosoph des Mittelalters avanciert, weil dieser die coincidentia opposi-
torum in Gott ausformuliert: "Gott steht jenseits aller Unterscheidungen,
selbst jenseits der Unterscheidung von Unterscheidungen und der von
Unterschiedenheit und Nichtunterschiedenheit." (EaK: 27; vgl. auch GS
3: 296; SozA 5: 87f.).
149 Theorie der Gesellschaft
der Differenzierungstheorie ergibt, ist die, wie soziale Ordnung
möglich ist, wenn man keine gemeinsame Perspektive, keine "gesell-
schaftliche Gemeinschaft" (Parsons), kein gemeinsames Handlungs-
ziel aller Gesellschaftsmitglieder, nicht einmal den Gedanken einer
intersystemischen Abstimmung zwischen den Teilsystemen voraus-
setzen kann. Luhmann setzt gegen solche Postulate das empirische
Argument, daß die jeweiligen systemrelativen Operationen zwar
kontingent sind, d.h. daß man alles auch anders sehen kann und
somit eine Gemeinsamkeit oder Einheit der Gesellschaft nicht vor-
aussetzbar ist, ohne zu fragen, wer sie beobachtet. Allerdings finden
sich teilsystemspezifische Kommunikationen sehr wohl in einer Um-
welt vor, durch die sie limitiert werden. Diese strukturgebenden
Limitationen schränken Möglichkeiten ein und lassen die Beliebig-
keit nicht ins Uferlose sich ausweiten. Luhmann richtet den Blick
des Beobachters darauf, daß soziale Systeme ja nichts anderes tun,
als in ihren jeweiligen Grenzen zu operieren, und setzt dieses Ope-
rieren nebeneinander letztlich als Garant für Ordnung. Selbstver-
ständlich kann das politische System nur politisch operieren und mit
der Unterscheidung Regierung/Opposition beobachten, es erfährt
aber etwa ökonomische Umweltbedingungen als Limitation von
Möglichkeiten. Und genauso selbstverständlich bricht das Wirt-
schaftssystem nicht aus seinem systembildenden Code von Zahlen
und nicht Zahlen aus, wenn es in rechtlicher Kommunikation mög-
lichkeitsbindende Einschränkungen vorfindet. Die nacheinander in
der Zeit stattfindenden Operationen stellen sich also - vor allem
durch entsprechend offen gehaltene Programmierung - gewisserma-
ßen aufeinander ein, ohne daß damit eine gemeinsame Perspektive
oder gar die Möglichkeit der Verständigung über gemeinsame Ziele,
Normen und Werte impliziert werden müßte. Ganz im Gegenteil
verschärft dieses dynamische Wechselspiel der reziproken Konstitu-
tion von System und Umwelt die Differenz zwischen den Operatio-
nen, die sich allein durch ihr Auftreten unhintergehbar an den eige-
nen Code binden. Wenn gezahlt wird, hat das zwar womöglich poli-
tische Effekte, aber es wird eben gezahlt und nicht regiert oder
opponiert. Wenn wissenschaftlich über Erziehung kommuniziert
wird, wird nicht erzogen, wenn auch pädagogisches Handeln im
150 Theorie der Gesellschaft
Horizont, d.h. in der (selbstkonstituierten!) Umwelt (erziehungs-)
wissenschaftlicher Kommunikation stattfinden mag.
Die wechselseitigen Limitierungen sind es, die letztlich dazu
führen, daß so etwas wie eine gesellschaftliche Ordnung entsteht,
die allerdings nicht als Ordnungsfaktor vorgegeben ist, sondern sich
prozessual stets neu bewähren und herausbilden muß. Wir haben
oben darauf hingewiesen, daß Struktur und Prozeß keine gegensätz-
lichen Größen sind, sondern sich wechselseitig ermöglichen. Inso-
fern erfordert das gleichzeitige Operieren von Teilsystemen ein
ständiges Austarieren des eigenen Möglichkeitsspielraums in einer
komplexen Umwelt. Soziale, besser: gesellschaftliche Ordnung kann
gemäß dem Theorem autopoietischer Systeme, die sich durch Dauer-
zerfall von Ereignissen reproduzieren, nichts sein, was ist, wie es ist,
sondern was sich in Ereignissen stets neu in der Zeit ausbilden und
bewähren muß. Trotz des Dauerzerfalls ändert sich nicht mit jedem
55

Ereignis die Welt, vielmehr legen sich autopoietische soziale Syste-


me auf Bewährtes fest, greifen auf Funktionales zurück, stabilisieren
damit Erwartungen und schränken Komplexität und Kontingenzbe-
wußtsein ein. Luhmann greift zur Beschreibung dieses Sachverhalts
auf den von Heinz von Foerster stammenden Begriff Eigenwerte
(vgl. v. Foerster 1985: 210) zurück. Solche sich mit der Zeit heraus-
bildenden Eigenwerte sind strukturelle Selbsteinschränkungen, die
bestimmte Anschlüsse wahrscheinlicher machen. In diesem Sinne ist
Siegfried J. Schmidt zuzustimmen, wenn er sagt, autopoietische Sy-
steme operierten induktiv und konservativ (vgl. Schmidt 1987: 25),
was selbstredend nicht im Sinne der politischen Semantik gemeint
ist, sondern die Wiederanwendung erfolgreicher Selektionen des Sy-
stems meint.
Durch so entstehende Eigenwerte entsteht eine soziale Ordnung,
die nicht nur in der Referenz auf das System selbst, sondern auch in
der Referenz auf Fremdes mit der Zeit zu Erwartbarkeiten führt, die
das Nebeneinander operativ disparater Teilsysteme ermöglicht "Was

55 Zum Zeitaspekt der autopoietischen Reproduktion, insbesondere im Hin-


blick auf Strukturbildung in Prozessen, vgl. Nassehi 1993a: 184ff.
151 Theorie der Gesellschaft
bleibt, ist ein Minimum an 'negentropischer' Ordnung, das heißt ei-
ne Ordnung mit gebundenen Alternativen. Ihre Eigenwerte findet
man in 'Stellen' oder auch in 'Funktionen', die immer auch anders
besetzt, aber eben nicht beliebig anders besetzt sein können. Stabili-
tät wird dann dadurch gewährleistet, daß für alles, was wir vorfin-
den, nur begrenzte Ersatzmöglichkeiten in Betracht kommen."
(BdM: 47) Modernität ist für Luhmann letztlich der Umgang mit der
Erfahrung, daß alles auch anders sein könnte (Kontingenz), sich aber
dennoch jene empirischen Operationen (Beobachtungen) und Kom-
munikationen (Handlungen) einstellen, die wir beobachten. Die
Grundoperation der Moderne ist das Beobachten zweiter Ordnung,
das die operative Autonomie der verschiedenen Funktionssysteme
ermöglicht: im Wissenschaftssystem durch Publikationen, die wis-
senschaftlich beobachtbar machen, wie die Wissenschaft beobachtet,
sowie durch Wissenschaftstheorie; im politischen System durch Be-
obachtung der öffentlichen Meinung, die nichts anderes ist als die
Beobachtung der Politik durch ihr Publikum; im Wirtschaftssystem
durch die Beobachtung der Beobachtung von Preisen; im Rechtssy-
stem durch die (verfassungsrechtliche Beobachtung des Rechts; in
der Erziehung durch Beobachtung der Beobachtung von Zöglingen;
schließlich in der Familie durch die Beobachtung von Familienmit-
gliedern durch familiale Kommunikation. Solche Beobachtungen
56

zweiter Ordnung ermöglichen erst die Entstehung selbstreferentieller


Ordnungen, die nicht an einem Außen - etwa an Gott oder einer
sonstigen Einheitschiffre - orientiert sind. Der Preis für die Zirkel-
und Paradoxiegefahr, für den Fall ins Bodenlose, für den - philoso-
phisch gesprochen - drohenden regressus ad infinitum ist das Erle-
ben von Kontingenz, der Gewinn ist eine potentielle Formenvielfalt
und Flexibilität, ein erheblicher Zeitgewinn bei der Reaktion auf
Veränderung sowie die Fähigkeit der Entstehung einer sich selbst

56 Belege für diese kurzen Andeutungen bezüglich der Beobachtung zwei-


ter Ordnung in den Funktionssystemen finden sich in BdM: 119ff., spe-
ziell zur Familie in SozA 5: 170ff., für die Wirtschaft in WirtG: 307f„
für die Wissenschaft in WissG: 297f„ für Medizin in SozA 5: 190f„ für
Religion in GS 3: 330ff„ für Kunst in Luhmann 1986b: 6ff.
152 Theorie der Gesellschaft
verstärkenden Ordnung. "In diesem Sinne ist das Beobachten zwei-
ter Ordnung mit seiner Semantik, seinen Eigenwerten der Kontin-
genz, methodologisch gesprochen, eine intervenierende Variable, die
erklärt, daß die Gesellschaft in eine an Funktionen orientierte Diffe-
renzierungsform" (BdM: 119) übergegangen ist.
Die Beobachtung zweiter Ordnung fungiert in Luhmanns Gesell-
schaftstheorie sowohl als wissenschaftliche Beobachtungstechnik als
auch als wesentliches Merkmal der modernen Gesellschaft selbst,
die sich als rekursive Vernetzung von Beobachtungen zweiter Ord-
nung beschreiben läßt. Alles Beobachten der Gesellschaft erfolgt
also stets innerhalb der Gesellschaft - sobald beobachtend kommuni-
ziert wird, findet sich Gesellschaft im Vollzug vor. Wir haben ge-
zeigt, daß Luhmann diese Paradoxie des Enthaltenseins der soziolo-
gischen Beobachtung der Gesellschaft in dem Beobachteten sozusa-
gen in den Gegenstand seiner Analyse einbaut. Wir wollen nun noch
auf eine weitere Konsequenz dieses operativen Gesellschaftsbegriffs
aufmerksam machen, der sich in Luhmanns Theorie im Begriff der
Weltgesellschaft niederschlägt.
Bereits in einem Aufsatz von 1971 hat Luhmann den Begriff ge-
prägt (vgl. SozA 2: 51ff.). Er stellt darauf ab, daß die moderne
Gesellschaft insbesondere durch die Spezialisierung der Funktions-
codes, die erdumspannend wirken, keine territorialen Grenzen mehr
hat. Sie ist zwar auf die Erde beschränkt, findet aber in ihrer Um-
welt keine anderen Gesellschaften mehr vor, ist also Urgesell-
schaft. Welt steht für Luhmann für die "Sinneinheit der Differenz
von System und Umwelt" (SoSy: 283). Da jedes System sich und
seine Umwelt unterscheidet, erscheint die Welt jedem System als
Korrelat seiner eigenen System/Umwelt-Differenz. Die Welt als
Ganze wird dann sozusagen als Einheit der Differenz von System
und Umwelt gedacht. Diese theoretische Konstruktion destruiert ei-
nen Weltbegriff, der das Ganze der Welt als seiende Einheit denkt,
als etwas, das über dem Besonderen liegt und die Mannigfaltigkeiten
des Besonderen verbindet. Welt wird von Luhmann vielmehr sy-
stemrelativ gedacht: Jede System/Umwelt-Differenz hat ihre eigene
Welt, weil sie eine je eigene Differenz von System und (systemrela-
tiver) Umwelt hat. Dieser multizentrische Weltbegriff (vgl. SoSy:
153 Theorie der Gesellschaft
284) ergibt sich aus dem perspektivischen Aufbau des systemtheore-
tischen Denkens. Doch wie kann angesichts dieses radikalen Per-
spektivismus und der je systemrelativen Beobachterposition dann
von einer einheitlichen Weltgesellschaft gesprochen werden?
Zunächst betont Luhmann theoretisch, daß sich der Begriff Welt-
gesellschaft gleichsam aus der Begriffskonstruktion selbst ergibt.
Wenn unter Gesellschaft diejenige Einheit verstanden wird, "die alle
Kommunikationen und nichts anderes in sich einschließt und da-
durch völlig eindeutige Grenzen hat" (SoSy: 557), ist Gesellschaft
notwendig Weltgesellschaft, da die Sinneinheit der Differenz von
(Gesellschafts-)System und Umwelt dann die Welt als Ganze ist.
Zugleich bringt Luhmann das empirische Argument, daß sich der so-
ziale Verkehr tatsächlich erdumspannend entwickelt (vgl. WissG:
619). Entscheidend ist jedoch, daß der Begriff einer einheitlichen
Weltgesellschaft nicht die radikale Differenziertheit der modernen
Gesellschaft einzieht - das gilt sowohl für die primäre Differenzie-
rung in Funktionssysteme als auch für sekundäre Differenzierungen
etwa in eine sogenannte erste und dritte Welt, oder die Differenzie-
rung in Nationalstaaten. Insbesondere letzteres scheint Kritiker im-
mer wieder an der ausdrücklich von Luhmann konzipierten Differen-
ziertheit der Einheit der Weltgesellschaft vorbeisehen zu lassen.
Walter Reese-Schäfer etwa kritisiert: "Nun ist die Weltgesellschaft
weder eine empirisch feststellbare noch eine, wenn es so etwas gibt,
theoretische Tatsache. Wir haben es vielmehr mit einer Vielfalt von
Einzelstaaten zu tun." (Reese-Schäfer 1992: 89) Abgesehen davon,
daß Staatsgrenzen kaum als Gesellschaftsgrenzen zu denken sind,
scheint ein solches Argument gerade den Clou der Theorie funktio-
naler Differenzierung nicht zu sehen. Es ist eben nur eine politische
Beobachtung der Welt, sie in Nationalstaaten differenziert zu sehen.
Schon die Wirtschaft entzieht sich dieser Beobachtung, wenn die
Wirtschaftspolitik eines regionalen Staates etwa zu Kapitalflucht ins
Ausland führt. Es ist soziologisch kaum sinnvoll, dies so zu be-
schreiben, das Kapital flüchte von einer Wirtschaft in die andere.
Alle funktionalen Teilsysteme haben sich in dieser Weise internatio-
nalisiert - und finden in sich doch segmentäre Grenzen vor, die pa-
rallel zu Staatsgrenzen oder Grenzen von staatlichen Zusammen-
154 Theorie der Gesellschaft
schlüssen verlaufen können. Das gilt für die internationale scientific
community genauso wie für (internationales) Recht, für die religiöse
Querlage zu nationalen Grenzen ("urbi et orbi") ebenso wie für die
Internationalisierung des Sports, von der Politik, die etwa von Ree-
se-Schäfer als Garantin für die territoriale Begrenztheit von Gesell-
schaften angeführt wird, ganz zu schweigen. Uns scheint ein Ver-
ständnis für die Regionalisierung der Weltgesellschaft durch jenen
Gesamtbegriff nicht, wie Reese-Schäfer meint (vgl. ebd.: 90), blok-
kiert zu werden. Womöglich benötigen wir gerade einen Begriff der
Weltgesellschaft, um auch die theoretische Tradition des Denkens in
Regionalgrenzen zu überwinden - empirische Evidenzen dafür schei-
nen uns jedenfalls ausreichend vorzuliegen. "Die primäre Struktur
gesellschaftlicher Differenzierung schließt heute an die Unterschiede
zwischen Funktionssystemen an, und das Ausmaß, in dem die heuti-
ge Weltgesellschaft noch schichtmäßig bzw. nach Zentrum/Periphe-
rie differenziert ist, ergibt sich aus dem Fungieren der Funktions-
systeme. Es sind politische Gründe, aus denen die regionale Seg-
mentierung des politischen Systems der Weltgesellschaft in Staaten
trotz permanenter Kriegsgefahr festgehalten wird; und es sind wirt-
schaftliche Gründe, die eine Differenzierung nach Zentrum und Peri-
pherie, nach hochentwickelten und entwicklungsbedürftigen Regio-
nen forcieren." (ÖKom: 168) Wir meinen, daß gerade das Problem
der differenzierten Einheit der Weltgesellschaft, die theoretisch über
den Kommunikationsbegriff beschrieben wird, die entscheidenden
Erweiterungen einer Theorie der modernen Gesellschaft erwarten
läßt. Gerade hier, am Thema einer Gesellschaftstheorie, dürfte deut-
lich werden, daß Luhmanns Projekt einer fachuniversalen soziologi-
schen Theorie trotz der Fülle an vorliegendem Material noch nicht
zu seinem Abschluß gekommen ist.
155 Theorie der Gesellschaft

Zusammenfassung wichtiger Grundbegriffe:


* Lebenswelt steht bei Luhmann nicht für einen Garanten gesell-
schaftlicher Einheit, sondern für diejenige vertraute Sphäre, die ei-
nem Beobachter erscheint, wenn er Vertrautes und Unvertrautes
vorfindet. Was jeweils als vertraut oder unvertraut erscheint, hängt
von der Perspektive des Beobachters ab.
* Die Paradoxie differenzierter Einheiten besteht darin, daß jede Be-
obachtung des Gesellschaftssystems das Gesellschaftssystem in toto
sieht und es zugleich nicht sehen kann. Sie sieht eine Einheit, weil
sie nur sieht, was sie sehen kann; sie sieht aber auch Differenz,
weil sie womöglich sehen kann, daß andere anders sehen.
* Die Einheit des Gesellschaftssystems läßt sich in der funktional dif-
ferenzierten Gesellschaft deshalb an keinem Ort der Gesellschaft
alternativlos bzw. mit gesellschaftsweitem Geltungsanspruch reprä-
sentieren.
* Weltgesellschaft bezeichnet den Gesellschaftstyp der Moderne, in
der die Einheit der Gesellschaft nurmehr als erdumspannende Ge-
samtheit aller möglichen Kommunikationen verstanden wird.
Literatur:
Niklas Luhmann: Beobachtungen der Moderne, Opladen 1992, S. 11-
49.
Niklas Luhmann: Tautologie und Paradoxie in den Selbstbeschreibun-
gen der modernen Gesellschaft, in: Zeitschrift für Soziologie 16
(1987), S. 161-174.

4.5 Person, Inklusion und Individuum


Wie wir oben bereits erläutert haben, hat Luhmann für den Begriff
Mensch keinen theoretischen Platz. Für ihn sind Menschen keine au-
topoietischen Systeme, da es ihnen an der Einheit ihrer Operationen
mangelt. Der Mensch besteht vielmehr aus verschiedenen autopoieti-
schen Systemen, die strukturell miteinander gekoppelt sind: organi-
sches System, Immunsystem, Nervensystem/Gehirn und Bewußtsein.
Doch wird niemand, auch Luhmann nicht, leugnen, daß es ohne
Menschen keine Gesellschaft gäbe, was sich ja schon in dem pro-
156 Theorie der Gesellschaft
grammatischen Satz ablesen läßt, daß es keine Kommunikation ohne
Bewußtsein geben könne, obwohl (und weil) beide sich nicht über-
lappen. Wie kommen also Menschen in Luhmanns Gesellschaftsthe-
orie vor? Zur Beantwortung dieser Frage haben wir auf die folgen-
den drei Begriffe einzugehen: Person, Inklusion und Individuum.
- Person steht in der Theoriesprache Luhmanns für einen Adressa-
ten sozialer Systeme (vgl. WissG: 33).
- Inklusion meint die Teilhabe von Personen an bestimmten Kom-
munikationen (vgl. WissG: 346).
- Individuum schließlich meint zweierlei, zum einen die "Indivi-
dualität psychischer Systeme" (SoSy: 346ff.), die sich aus der
Unteilbarkeit psychischer Operationen ergibt, zum anderen Indi-
vidualität als spezifisch modernes Muster individueller Selbst-
beschreibungen (vgl. GS 3: 216ff.). 57

Mit dem Begriff Person gewinnt Luhmann - wie wir oben schon er-
läutert haben - die Möglichkeit, die Einheitsvorstellung vom Men-
schen als Ganzheit zu unterlaufen und seine Inanspruchnahme durch
Kommunikation zu beschreiben. "Personen sind demnach Strukturen
der Autopoiesis sozialer Systeme, nicht aber ihrerseits psychische
Systeme oder gar komplette Menschen. Personen müssen daher von
den Einheiten unterschieden werden, die im Vollzug der Autopoiesis
des Lebens oder der Gedanken eines Menschen erzeugt werden."
(WissG: 33) Die Kommunikation ist es, die durch ihre Struktur ent-
scheidet, welche Aspekte eines Menschen durch sie adressiert wer-
den. So adressiert wissenschaftliche Kommunikation einen Hoch-
schulprofessor nur als Wissenschaftler, nicht aber als Vertreter eines
bestimmten sexuellen Stils, als religiösen Virtuosen oder als Hyper-
toniepatienten. Und wenn sich dieser Professor mit einem Kollegen
über sexuelle Stile unterhält, so ist dies nicht wissenschaftliche
Kommunikation, nur weil es innerhalb universitärer Räume ge-
schieht, sondern ein Interaktionssystem, das auf die Personen wie-
derum in einer bestimmten Weise selektiv zugreift. 58

57 Damit getrost weitergelesen werden kann: Die tautologische und parado-


xe Formulierung ist kein Versehen, wir kommen darauf zurück!
58 Luhmanns Personbegriff ist verwandt mit dem soziologischen Rollenbe-
157 Theorie der Gesellschaft
Gesellschaftstheoretisch bedeutsam ist der Personbegriff insofern,
als die Verteilung von Rollenerwartungen an konkrete Personen un-
mittelbarer Ausdruck gesellschaftlicher Differenzierungsgrade und
-formen ist. Es macht durchaus einen Unterschied, ob ein Mensch in
seinen unterschiedlichen Verrichtungen stets die gleiche Person ist
oder ob er in seiner Person unterschiedliche Personen in sich verei-
nigt. Dies verweist bereits auf den Begriff Inklusion, also auf die
Teilhabebedingungen an sozialer Kommunikation. "Inklusion er-
reicht, wer kommunizieren kann, was man kommunizieren kann
[...]" (WissG: 346), heißt es bei Luhmann lapidar. Was man kommu-
nizieren kann, hängt von den jeweiligen Erwartungsstrukturen sozia-
ler Systeme ab, und wer es kommunizieren kann, verweist auf die
Zugangsbedingungen zu bestimmten sozialen Zusammenhängen.
Inklusionsbedingungen hängen - wie schon angedeutet - unmittel-
bar von gesellschaftlichen Differenzierungsformen ab. Die vormo-
derne Differenzierung der Gesellschaft in ungleiche Schichten läßt
die Grenzen der gesellschaftlichen Teilsysteme parallel zu Grenzen
zwischen Menschen verlaufen. Man gehört entweder der einen oder
der anderen Schicht an. Wenn man mit Luhmann sagen kann, daß
jedes Teilsystem durch die eindeutige Leitdifferenz oben/unten sei-
nen Platz im Ganzen kennt, so gilt dies erst recht für Personen. Sie
nehmen nicht eine individuelle Einzigartigkeit im Sinne einer Ab-
grenzung zur gesellschaftlichen Umwelt in Anspruch, denn das hie-
ße: "aus der Ordnung herausfallen. Privatus heißt inordinatus." (GS
1: 72). Der wesentliche Unterschied zur segmentären Gesellschaft
liegt allerdings darin, daß die Gruppenzugehörigkeit der Person, also
ihr Zugeordnetsein zu einem sozialen System, nicht mehr die Zuord-
nung zu einer alternativlosen Gruppe ist, deren Gruppengrenzen
gleichsam auch Gesellschaftsgrenzen bilden. Die Bezugsgröße ist
jetzt nicht mehr die Gesellschaft als ganze, sondern das jeweilige
hierarchisierte Teilsystem, dem die Person nun - ebenso alternativlos

griff, unterscheidet sich von ihm allerdings in der Weise, daß Rolle
bereits eine allgemeine Verhaltenserwartung, losgelöst vom Rollenträger
meint, während Person auf die Zurechnung bzw. Erwartung eines Ver-
haltens auf einen konkreten Menschen abstellt (vgl. SoSy: 430).
158 Theorie der Gesellschaft
- zugehört. "Segmentäre und stratifikatorische Differenzierung sind
darauf angewiesen, Personen je einem der Teilsysteme zuzuordnen.
Entsprechend setzt sich in segmentären Gesellschaften unter der
Bedingung von Exogamie in der Generationenfolge das Einlinien-
prinzip durch. In geschichteten Gesellschaften wird innerhalb der
Schicht geheiratet, so daß die Schichten [...] rekrutierungsmäßig
autonom sind. Auch wo Mobilität vorkommt, gehört die Person im
Prinzip einer und nur einer Schicht an. Die Identität der Person
beruht in diesem Sinne auf ihrem 'Stand' - also direkt auf dem
Prinzip sozialer Differenzierung." (GS 1: 30; Hervorh. durch uns)
Die Gesellschaft und ihre innergesellschaftlichen Grenzen waren es
also selbst, die den Boden für eine stabile, an konkreten Rollen und
Erfordernissen ausgerichtete Identität ermöglichten: Der Bauer iden-
tifizierte sich unreflektiert und alternativlos über seinen Stand, so
auch der Bürger, der Adlige oder der Kleriker. Auch hier war die
individuelle Position wesentlich eine zugeschriebene Position, co-
diert nach einem stabilen Schichtindex. Die Zuordnung der Person
zu sozialen Strukturen, also die Inklusion der Person, betraf die
gesamte Existenz, das Individuum mit all seinen verschiedenen Mög-
lichkeiten, an gesellschaftlicher Kommunikation zu partizipieren.
Multifunktionale Einheiten wie Familien bzw. Haushalte oder funk-
tionale Äquivalente wie Klöster und Zünfte boten dem Menschen
einen festen Platz in der Gesellschaft.
Mit dem Übergang zur funktional differenzierten Gesellschaft
ändern sich die Inklusionsbedingungen radikal. Personen können nun
nicht mehr allein einem Teilsystem zugeordnet werden, das in Form
von multifunktionalen Einheiten Stabilität und Sicherheit spendet.
Die moderne Gesellschaft verlangt von Personen die gleichzeitige
Zugehörigkeit zu verschiedenen Teilsystemen. Solche Mischexisten-
zen waren für vormoderne Gesellschaften nahezu ausgeschlossen,
weil die innergesellschaftlichen Grenzziehungen parallel zur Selbst-
identifikationsfolie verliefen. Bin ich Bauer, reicht mir dieses in der
Gesellschaftsstruktur verankerte Identifikationssymbol aus, um mich
in der Gesellschaft zu verorten, und zwar sowohl im Verhältnis zu
meinesgleichen als auch erst recht gegenüber solchen, die in der
Hierarchie über mir stehen. Es ist die alternativlose Zugehörigkeit zu
159 Theorie der Gesellschaft
einem Teilsystem, das Identität spendet, also von außen, wir könnten
sagen; gesellschaftlich zuweist. Eine Mischexistenz zu sein, also
etwa zugleich Adliger und Bürger, war bis auf wenige Ausnahmen
unmöglich, sie war mit den Mitteln der Stratifikation nicht zu be-
handeln. Genau auf eine Mischexistenz aber "reduziert die funktio-
nale Differenzierung die persönliche Existenz. Sie kann Personen
nicht mehr den Teilsystemen zuordnen in dem Sinne, daß eine Per-
son einem und nur einem Teilsystem angehörte - die eine etwa eine
rein juristische Existenz führte, die andere nur erzogen würde." (GS
1: 30) Man könnte diese Liste noch vervollständigen: Niemand führt
eine nur wirtschaftliche Existenz, keiner geht ganz als Wissenschaft-
ler auf, selbst ein Grenzfall für moderne Gesellschaften - Ordens-
leute, die tatsächlich fast nur im Religionssystem verankert sind -
nehmen am Wirtschaftssystem teil oder sind Wahlbürger im Sinne
des politischen Systems. Nicht mehr durch Zuordnung der Person zu
nur einem gesellschaftlichen Teilsystem nimmt die Person an gesell-
schaftlicher Kommunikation teil. Vielmehr gilt nun - zumindest no-
minell - "das Prinzip der Inklusion aller in alle Funktionssysteme:
Jede Person muß danach Zugang zu allen Funktionskreisen erhalten
können je nach Bedarf, nach Situationslagen, nach funktionsrelevan-
ten Fähigkeiten oder sonstigen Relevanzgesichtspunkten. Jeder muß
rechtsfähig sein, eine Familie gründen können, politische Macht
mitausüben oder doch mitkontrollieren können; jeder muß in Schu-
len erzogen werden, im Bedarfsfalle medizinisch versorgt werden,
am Wirtschaftsverkehr teilnehmen können. Das Prinzip der Inklusion
ersetzt jene Solidarität, die darauf beruhte, daß man einer und nur
einer Gruppe angehörte. Die universelle Inklusion wird mit Wertpo-
stulaten wie Freiheit und Gleichheit idealisiert; sie ist in Wahrheit
natürlich keineswegs freigestellt oder gleich verteilt, aber sie ist
durch die Differenzierungsform der Gesellschaft nicht mehr vorregu-
liert." (GS 1: 31) Dieser Mangel an Vorregulierung hat nicht nur
Einflüsse auf die kontingente, d.h. bei jedem anders ausfallende
Kombination von Inklusions- und Zugehörigkeitsmerkmalen in ge-
sellschaftliche Teilsysteme. Es hat auch - das scheint uns erheblich
wichtiger zu sein - Auswirkungen auf die Art und Weise, wie die
160 Theorie der Gesellschaft
Person sich selbst identifiziert, wie sie ihrer Individualität eine Iden-
tität verleiht.
Zunächst fällt auf, daß die innergesellschaftlichen Teilsystem-
grenzen nicht mehr parallel zu persönlichen Lebenslagen verlaufen.
Vormoderne Grenzziehungen zwischen Schichten waren auch Gren-
zen zwischen ganzen Personen, zwischen typisierten Individuallagen,
zwischen mehr oder weniger festgefügten Lebensformen. In moder-
nen Gesellschaften gilt dies nicht mehr. Ulrich Beck beschreibt die
funktionale gesellschaftliche Differenzierung aus der Perspektive
von Personen sehr treffend folgendermaßen: "Alles, was in system-
theoretischer Perspektive getrennt erscheint, wird zum integralen
Bestandteil der Individualbiographie: Familie und Erwerbsarbeit,
Ausbildung und Beschäftigung, Verwaltung und Verkehrswesen,
Konsum, Medizin, Pädagogik usw. Teilsystem grenzen gelten für
Teilsysteme, aber nicht für Menschen in institutionenabhängigen
Individuallagen. [...] Die Teilsystemgrenzen gehen durch Individual-
lagen hindurch." (Beck 1986: 218) Die Grenzen funktionaler Teilsy-
steme müssen also in individuellen Lebenslagen wieder gebündelt
werden. Die Ich-Identität der Person wird damit konsequenterweise
zunehmend das Ergebnis einer spezifischen Eigenleistung des Indivi-
duums. Damit wird in gewissem Sinne die Erkenntnis widergespie-
gelt, die wir oben für gesellschaftliche Teilsysteme präsentiert ha-
ben: Der Wechsel der primären Systemreferenz zum Selbst. Auch
personale oder psychische Systeme, sagen wir der Einfachheit hal-
ber: Personen, sind nun darauf angewiesen, ihre Identität selbstrefe-
rentiell, d.h. wesentlich unter Rekurs auf die Reflexion über sich
selbst zu erlangen. Luhmann betont diesen Sachverhalt, indem er
von "Synthesen im Einzelnen" (GS 1: 219) spricht, die es dem Indi-
viduum ermöglichen, sich in den wechselnden und mannigfaltigen
Anforderungen im Bestimmungsbereich der verschiedenen gesell-
schaftlichen Teilsysteme zu bewegen. Im Klartext: Die Gesellschaft
bietet dem einzelnen zwar immer noch Definitionsmerkmale, seman-
tische Beschreibungsfolien und vorstrukturierte Wirklichkeitsberei-
che an, sie kann aber die Ich-Identität des Menschen nicht mehr von
außen bestimmen. Das Individuum wird zunehmend auf sich selbst
zurückgeworfen und muß eigene Ressourcen mobilisieren, um auf
161 Theorie der Gesellschaft
die Frage zu antworten: Wer bin ich? Es muß sich also - so das
Signum unseres Zeitalters - auch selbst der Beobachtung zweiter
Ordnung aussetzen. Es muß beobachten, wie es sich und andere(s)
beobachtet. 59

Die Struktur der Selbstidentifikationslage von Personen, insbeson-


dere was ihren gesellschaftsstrukturellen Wandel angeht, dürfte nun-
mehr ausreichend expliziert worden sein. Mehrfach ist allerdings
schon der Begriff Individuum bzw. Individualität gefallen, also der
dritte Begriff, den wir in diesem Abschnitt einführen wollten. Die
oben schon angedeutete operative "Individualität psychischer Syste-
me" besagt, daß das Bewußtsein per se ein individuelles System ist,
da es seine unteilbare operative Einheit durch den je eigenen Be-
wußtseinsstrom erhält, aus dem es nicht ausbrechen kann. Diesen 60

Sachverhalt können wir hier jedoch vernachlässigen, da er lediglich


von systemtheoretischer und theorietechnischer, nicht aber von ge-
sellschaftstheoretischer Bedeutung ist. Gesellschaftstheoretisch be-
deutsam wird der Begriff allerdings, wenn man sich seine semanti-
sche Potenz für die Selbstbeschreibung des Menschen in der Moder-
ne vergegenwärtigt.
Luhmann zeigt, daß sich ein Verständnis für Individualität und
Individuum semantisch parallel zur Gesellschaftsstruktur entwickelt
hat. Noch im 17. Jahrhundert wird für die Bestimmung von Indivi-
dualität ausschließlich der Bezug auf ein der Person Äußeres ge-
wählt - nämlich Geburtsstand und geographische Lokalisierung, ge-
mäß Differenzierung in Schichten und in geographisches Zentrum
59 Mit dieser Theorie der Soziogenese von Individualität schließt Luhmann
unmittelbar an Motive soziologischer Klassiker an, etwa an Norbert Eli-
as' Theorie der Transformation von Fremd- in Selbstzwänge, an Georg
Simmeis Kulturphilosophie oder an Max Webers Persönlichkeitsethik.
Wir belassen es bei dieser bloßen - unvollständigen! - Aufzählung, weil
Luhmann zum einen selbst wenig Wert auf die Kontinuität mit klassi-
schen Motiven der Gesellschaftstheorie legt und weil zum anderen eine
ausführliche Würdigung solcher Parallelen nicht en passant möglich wä-
re. Im Falle Simmeis vgl. dazu jedoch Nassehi 1993b.
60 Nicht zufällig erinnert diese Formulierung an Edmund Husserls Phäno-
menologie des inneren Zeitbewußtseins, worauf Luhmann gerade bei der
Beschreibung der Individualität psychischer Systeme ausdrücklich hin-
weist (vgl. SoSy: 201 und 356).
162 Theorie der Gesellschaft
und Peripherie (vgl. GS 3: 178). Erst allmählich beginnt über einen
literarischen Heroenkult oder die romantische Verklärung des indivi-
duellen Allgemeinen genau diese Differenz und dann das Verhältnis
von Besonderem und Allgemeinem wichtig zu werden. Semantisch
markant hat sich dabei die Konstruktion des transzendentalen Sub-
jekts in der Bewußtseinsphilosophie seit Kant herausgestellt. Indem
man das Individuum zum Subjekt, also zur Grundlage alles Seienden
erhob, wurden mit der Französischen Revolution individuelle Be-
dürfnisse, Interessen und Ansprüche - philosophische Stichwörter
Selbstbestimmung und Autonomie - zu Werten an sich erklärt (vgl.
GS 3: 21lf.). Schließlich wurde mit sich durchsetzender funktionaler
Differenzierung die Grenze zwischen Ich und Welt, d.h. zwischen
Individuum und Gesellschaft, so scharf gezogen, daß der Rekurs auf
Ich-Identität und die Frage Wer bin ich? zum wesentlichen Problem
der Bestimmung von Welt wurde. "Nicht eine vorfindbare Identität
ist demnach der Ausgangspunkt und der Punkt, in den alles zurück-
kehrt, sondern der Anspruch: der Anspruch, Individuum zu sein und
als Individuum zugelassen zu sein." (GS 3: 244) Identität und Indi-
vidualität fallen zusammen.
Nochmals anders gewendet: Das moderne Individuum ist auf-
grund des Fehlens von allgemeinen, identitätsverbürgenden Deu-
tungssystemen, von traditionellen Lebensformen und von sicheren
Rollen- und Verhaltensstandards darauf angewiesen, sich selbst zum
Maß aller Dinge zu machen. Individualität wird also nicht mehr über
Inklusion, sondern über Exklusion bestimmt (vgl. GS 3: 160). In der
Semantik schlägt sich dies unter anderem im ständigen Rekurs auf
den Wunsch nach Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung nie-
der. Dieses ständige Verlangen ist notwendiges Resultat des Defi-
ziterlebnisses, konstatieren zu müssen, "daß man nicht das ist, was
man ist. [...] Ohne ein solches Defizit bestünde überhaupt kein An-
laß, die eigene Identität zu reflektieren, so wie auch umgekehrt die
Reflexion das Defizit als Differenz zwischen dem, was man ist, und
dem was man nicht ist, produziert. Individualität ist Unzufrieden-
heit." (GS 3: 243) Individuen finden sich also letztlich in einer
paradoxen Situation vor: Sie beschreiben sich zwar als einzigartig
und autonom, kopieren dabei aber ein Muster, das es verbietet, Mu-
Theorie der Gesellschaft 163
ster zu kopieren (vgl. AdB: 440; GS 3: 221). Es dürfte nun auch
deutlich werden, warum sich Individualität letztlich nur tautologisch
und paradox darstellen läßt, wie wir es oben getan haben: Individua-
lität als modernes Muster individueller Selbstbeschreibungen. Tauto-
logisch ist sie, weil individuelle Selbstbeschreibungen stets Indivi-
dualität als Selbstbeschreibung produzieren. Dies ist eine Folge
funktionaler gesellschaftlicher Differenzierung. Paradox ist sie, weil
man aus der Widersprüchlichkeit des Musters, keinem Muster zu
folgen, nicht entkommen kann. Resultat ist die gesellschaftliche und
zumeist sicher auch die psychische Selbstbeschreibung als Individu-
um, das sich im Bestimmungsbereich verschiedener sozialer Anfor-
derungen vorfindet.
Auch Individualität darf also nicht ausschließlich als psychisches
Phänomen verstanden werden, vielmehr erfordert die Differenziert-
heit und Komplexität der Moderne, daß die Autopoiesis der Gesell-
schaft so auf Personen zugreift, daß sie als Individuen beobachtet
werden, obwohl die Gesellschaft in Gestalt funktionaler Teilsysteme
letztlich nur auf Teile jenes vermeintlich Unteilbaren zugreift. Man
könnte sagen: Gesellschaft beobachtet je nur partikulare Personen-
merkmale und bekommt die ganze Person nicht in den Blick. Sie
muß aber stets die Individualität der ganzen Person unterstellen -
und wir schließen stets von den partikularen Anteilen, die wir an
Personen wahrnehmen, darauf, daß sie auch noch andere Seiten hat
-, um die Person überhaupt als Person behandeln zu können.
Was man hier mit Luhmann beschreiben kann, ist sicher kein
neuer Sachverhalt, sondern wurde und wird - wenn auch mit ande-
ren theoretischen Mitteln und Absichten - von der soziologischen
Theoriebildung immer wieder beschrieben. Man denke nur an die
breite Semantik vom Sinnverlust, den das moderne, individualisierte
Subjekt zu erleiden habe (Weber, Habermas), an die These vom me-
taphysischen Heimatverlust (Berger) oder an das Diktum der Janus-
köpfigkeit der Individualisierung (Beck). Luhmann stimmt nicht in
jenen Verlustgestus ein, sondern versucht zunächst, den Sachverhalt
theoretisch konsistent zu beschreiben. Luhmanns Perspektive ist eine
genuin soziologische, sie markiert mit der für ihn unhintergehbaren
Unterscheidung von psychischen und sozialen Systemen eine Positi-

i
164 Theorie der Gesellschaft
on, die nicht mehr in die humanistische Tradition einer anthropolo-
gischen Sinnbestimmung von Welt und Gesellschaft passen will.
"Sie ist radikal antihumanistisch, wenn unter Humanismus eine Se-
mantik verstanden wird, die alles, auch die Gesellschaft, auf die
Einheit und Perfektion des Menschen bezieht. Sie ist zugleich eine
Theorie, die, im Unterschied zur humanistischen Tradition, das Indi-
viduum ernst nimmt." (Luhmann 1992: 131) Doch auch Luhmann
meldet gewisse Bedenken an, inwieweit die Moderne jene radikale
Selbstreferenz in der Selbstbeschreibung des Individuums verkraften
kann, wohl wissend, daß jeder Versuch, Einheiten wiederherzustel-
len, nur neue Differenzen setzen würde. Er formuliert: "Die derzeit
wohl zentralen Probleme der modernen Gesellschaft liegen in den
Rückwirkungen von Umweltveränderungen, die die Gesellschaft aus-
gelöst hat, auf die Gesellschaft selbst. Das gilt nicht nur für die
physisch-chemisch-organische Umwelt; das gilt ebensosehr für die
psychische Umwelt des Gesellschaftssystems. In einem Maße wie
nie zuvor ändert unser Gesellschaftssystem die Lebensbedingungen
auf dem Erdball. Wir können nicht voraussetzen, daß die Gesell-
schaft weiterhin mit der Umwelt, die sie schafft, existieren kann.
Ebenso fraglich ist, ob die Gesellschaft die psychischen Mentalitä-
ten, vor allem diejenigen Motive erzeugt, mit denen sie als Gesell-
schaft existieren kann, oder ob es auch hier Diskrepanzen gibt, die
historisch ohne jede Parallele sind." (WirtG: 169) Aber damit sind
wir schon mitten in der Zeitdiagnose.
165 Theorie der Gesellschaft

Zusammenfassung wichtiger Grundbegriffe:


* Person meint einen system- und situationsspezifischen Adressaten
sozialer Kommunikation.
* Inklusion bezeichnet die Teilhabe von Personen an bestimmten
Kommunikationen.
* Individuum meint zweierlei, zum einen die "Individualität psychi-
scher Systeme", die sich aus der Unteilbarkeit psychischer Opera-
tionen ergibt, zum anderen Individualität als spezifisch modernes
Muster von Selbstbeschreibungen.
Literatur:
Niklas Luhmann: Die Form "Person", in: Soziale Welt 42 (1991), S.
166 175.
Niklas Luhmann: Individuum, Individualität, Individualismus, in: ders.:
Gesellschaftsstruktur und Semantik. Studien zur Wissenssoziologie der
modernen Gesellschaft, Band 3, Frankfurt/M. 1989, S. 149-258.
5 Diagnose der Gesellschaft
Luhmanns Theorie der Beobachtung zweiter Ordnung, die dem Be-
obachter die Relativität seines Standpunktes und die Paradoxie der
Selbstbeobachtung vor Augen führt, schließt es letztlich aus, eine
Zeitdiagnose zu formulieren, die darüber belehrt, wie die Gesell-
schaft eigentlich beschaffen sei oder sogar sein solle. Die konse-
quente Anwendung des Theorems der Beobachtung zweiter Ordnung
führt vielmehr zu einer anderen Fragestellung: Sie beobachtet, wie
sich die Gesellschaft selbst beobachtet und was sie dabei in den
Blick bekommt. Wir werden im folgenden die Anwendung dieser
Technik an drei Beispielen demonstrieren, an denen Luhmann die
Selbstthematisierung des Gesellschaftssystems untersucht: an der
Beobachtung der Risikokommunikation, an der Beobachtung morali-
scher Kommunikation und an der Beobachtung und Möglichkeit von
Kritik.

5.1 Risiko
Eine der sicher prominentesten Themen für die Selbstthematisierung
der modernen Gesellschaft ist ohne Zweifel eine Krisensemantik, die
sowohl im technisch-industriellen, im politischen und militärischen
sowie im Gesundheitsbereich Unheilvolles erwarten läßt - und dies
mit gutem Grund, wie wir angesichts zahlloser Katastrophenmeldun-
gen und ständiger Warnungen vor riskantem Verhalten immer wie-
der zu hören bekommen. In der Thematisierung von Risiken und der
Bewältigung drohender und erfolgter Selbstschädigungen des Gesell-
schaftssystems sieht Luhmann demnach einen prominenten Gegen-
stand, an dem sich die Selbstthematisierung der Gesellschaft ver-
deutlichen läßt. Hier wendet er die Technik der Beobachtung von
Beobachtungen zeitdiagnostisch an.
Von Risiken ist spätestens dann die Rede, wenn deutlich wird,
daß entstandener oder drohender Schaden in unmittelbarem Zusam-
menhang mit Entscheidungen steht, etwas zu tun oder zu lassen.
168 Diagnose der Gesellschaft
Nicht daß Unerwartetes oder Unheilvolles überhaupt geschieht, ist
letztlich das Thema von Risikodiskursen, sondern die Beobachtung
solcher Schäden als unmittelbare Folge von menschlichen Handlun-
gen. "In der Frage, wie Unheil erklärt und behandelt wird, steckt
also ein bedeutendes kritisches Potential - kritisch nicht in dem
Sinne eines Aufrufs zur Ablehnung der Gesellschaft, die sich sol-
chem Unheil ausgesetzt findet, sondern kritisch im Sinne eines
verschärften, nichtselbstverständlichen Unterscheidungsvermögens."
(SdR: lf.)
Es liegt nahe, das Unheil, d.h. unerwünschte Folgen von Ent-
scheidungen, auf falsche Entscheidungen zurückzuführen. Doch die-
se sehr einfache Phänomenreduktion scheint nicht auszureichen, um
einen Schadenseintritt tatsächlich auszuschließen, wie schon das Pro-
blem großtechnischer Risiken zeigt. Obwohl man gerade im techni-
schen Bereich meint, in eindeutigen Wenn-dann-Kausalitäten ein
Kalkül für die Berechnung der zukünftigen Folgen gegenwärtiger
Entscheidungen zu besitzen, kommt es immer wieder zu Schäden.
Dieses Kalkül funktioniert in der Tat nahezu fehlerlos - allerdings
mit dem nicht zu vernachlässigenden Nachteil, daß es erst nach
Schadenseintritt wirklich zufriedenstellend arbeitet. Untersuchungs-
komissionen, so der amerikanische Organisationssoziologe Charles
Perrow, können "erst nachträglich mit Bestimmtheit angeben, was in
dieser Situation falsch gemacht wurde und was man stattdessen hätte
tun sollen" (Perrow 1989: 24). Die eingetretenen Schäden lassen
sich bei Anwendung des Kalküls tatsächlich auf falsche Entschei-
dungen zurückführen - die Diagnose der Untersuchungskomission
pflegt dann zumeist menschliches Versagen zu lauten. Gerade die
Risikoforschung Perrows aber zeigt, daß eine solche einfache Zu-
rechnung ein Zuviel an Linearität, d.h. an Kausalattribution auf ei-
nem linearen Zeitstrahl unterstellt, an dem man Wirkung und Ursa-
che eindeutig und im besten Falle sogar antizipativ zurechnen kann
(vgl. ebd.: 125f.). Gerade aber risikoträchtige technische Anlagen
sind in den seltensten Fällen lineare Systeme, also solche, bei denen
sich eine eineindeutige Berechnung von Wenn-dann-Kausalitäten an-
wenden läßt. Dazu Perrows Credo der entwickelten Risikogesell-
schaft: "Die Vorstellung von unerwarteten Interaktionen wird uns
169 Diagnose der Gesellschaft
allen immer vertrauter. Diese Vorstellung kennzeichnet unsere ge-
sellschaftliche und politische Welt ebenso wie die der Technik und
der Industrie." (ebd.: 107) Mit der Undurchschaubarkeit und Un-
erwartbarkeit wächst aber zugleich das Bewußtsein, daß die Gesell-
schaft selbst es ist, der man den Schadenseintritt zurechnen muß -
der Gesellschaft, d.h. hier: Handlungen, Entscheidungen und Unter-
lassungen. Da extramundane Standpunkte ausfallen, die es erlauben
könnten, Kontingenzvorsorge zumindest per religiöser Deutung des
eingetretenen Schadens als Schicksal, Strafe Gottes oder Sündenlohn
zu betreiben, wird die Immanenz des Problems nur zu deutlich. Die
moderne Gesellschaft produziert die Schäden, auf die sie zu reagie-
ren hat, selbst, und sie kann lernen, dies als Zukunftsrisiko gegen-
wärtigen Handelns zu begreifen.
Risiken sind also Zeit-, besser: Zukunftsprobleme. Durch Ent-
scheidungen in der Gegenwart werden Bindungen für die Zukunft
eingegangen, die die Möglichkeiten der Zukunft zwar einschränken,
die aber erst in der Zukunft, also in einer Gegenwart, in der die
Entscheidungen irreversibel vergangen sind, beobachtet werden kön-
nen (vgl. Nassehi 1993a: 370ff.). Im Moment des Entscheidens
bleibt die Zukunft riskant: Man bindet die Zeit, "obwohl man die
Zukunft nicht hinreichend kennen kann" (SdR: 21). Die Zurechnung
von Folgen auf Entscheidungen macht die Differenz zwischen Ver-
gangenheit und Zukunft sichtbar, es ist damit "weniger Kontinuität
und mehr Diskontinuität zu sehen als früher" (SdR: 56), als Unheil
und Schaden weniger auf Entscheidungen als aufs Schicksal zuge-
rechnet werden konnten und im schicksalhaften Unheil womöglich
verborgene Heilspotentiale vermutet wurden. 61

Die Einsicht in die Unmöglichkeit, die Zukunft vorwegzunehmen,


um so in der gegenwärtigen Entscheidung selbst das zukünftige
Schadenspotential zu lokalisieren, hat die Risikoforschung zu der
Erkenntnis geführt, daß Risiken unvermeidbar sind, wann immer

61 Nicht umsonst wird dem Leiden in der gesamten christlichen Tradition


als Analogon zum Leiden Christi eine Heils- und Läuterungsfunktion zu-
geschrieben.
170 Diagnose der Gesellschaft
entschieden wird, auch wenn man sich entscheidet, nicht zu ent-
scheiden. Auf eine Kurzformel gebracht: Sicher ist nur, daß es keine
absolute Sicherheit gibt. Insofern ist nicht zu erwarten, daß durch
Verbesserung etwa von technischen Anlagen Sicherheit im Sinne
von Risikovermeidung erreicht werden könnte. Selbstverständlich
können Atomkraftwerke, Flugzeuge oder Öltanker sicherer gebaut
und betrieben werden, doch auch der Einsatz von zusätzlichen Si-
cherheitstechniken birgt neue Risiken, weil mit ihnen entschieden
wird. Die Folge: Wenn Entscheidungen per se riskant sind, birgt
auch die Entscheidung für Sicherheit Risiken. Da es aus diesem
62

Dilemma keinen Ausweg gibt, muß sich die Risikoforschung wie die
praktische Risikohandhabung damit begnügen, vom Superlativ auf
den Komparativ umzustellen: Da höchste Sicherheit nicht möglich
ist, muß man sich damit abfinden, Riskantes wenigstens mit höherer
Sicherheit auszustatten. Im Klartext heißt das, Risiken gegeneinander
abzuwägen oder durch Vermeidungsstrategien auszuschließen (so et-
wa Perrow 1989: 22 und 355ff.) oder aber riskante Systeme fehler-
freundlicher auszulegen (so etwa Weizsäcker/Weizsäcker 1984:
167ff.).
Wir haben diesen Stand der Risikoforschung so ausführlich dar-
gestellt, um Luhmanns Anschluß und seine soziologische Beobach-
tungsweise verdeutlichen zu können. Gemäß dem Theorem der Be-
obachtung zweiter Ordnung beobachtet Luhmann, wie die moderne
Gesellschaft ihre Beobachtungen des Risikoproblems beobachtet.
Jede Beobachtung arbeitet - wir haben mehrfach darauf hingewiesen
- per Handhabung einer Unterscheidung. Die beobachtungsleitende
Unterscheidung, die der Risikohandhabung sowohl in der von uns
dargestellten Variante der Risikoforschung als auch in den Massen-
medien und in der politischen Öffentlichkeit zugrunde liegt, ist
zumeist die Unterscheidung Risiko/Sicherheit. "Das hat in der politi-
schen Rhetorik den Vorteil, daß man, wenn man sich gegen allzu

62 Dazu Luhmann (SdR: 103) in Abwandlung Hölderlins:


"Wo aber Kontrolle ist
Wächst das Risiko auch"
171 Diagnose der Gesellschaft
riskante Unternehmungen ausspricht, zugleich als jemand erscheint,
dem der allgemein geschätzte Wert der Sicherheit am Herzen liegt.
[...] Die Risikoform wird damit eine Variante der Unterscheidung
unerfreulich/erfreulich." (SdR: 28) Es wird damit sozusagen zweier-
lei verdeckt: Zum einen das Problem der unbekannt bleibenden Zu-
kunft in der Zeitdimension und das Problem des Entscheiders in der
Sozialdimension. Im Klartext: Die Unterscheidung Risiko/Sicherheit
suggeriert, daß in der Sachdimension bei entsprechend richtigen
Entscheidungen Risiken durch entsprechende Maßnahmen mit Si-
cherheit vermieden werden könnten. Daß aber die Zukunft unbe-
kannt bleibt, korrumpiert letztlich die Möglichkeit von Sicherheit
und weitet damit die eine Seite der Unterscheidung - Risiko - auf
die andere - Sicherheit - aus. Diese Tautologie kann nur verdeckt
werden, wenn man der Sachdimension - etwa: der Technik oder den
richtigen Informationen - mehr zumutet, als diese aufgrund der
unbekannt bleibenden Zukunft leisten kann. Desweiteren verdeckt
die Unterscheidung, daß jeder Entscheider Risiken produziert, auch
der, der sich für Sicherheit und gegen Risiko entschieden hat.
Luhmann wendet hier die Technik der Beobachtung zweiter Ord-
nung an, um die Konsequenzen zu beobachten, die sich daraus erge-
ben, wie sich die Gesellschaft selbst beobachtet. Zu dieser Technik
gehört auch - und dies ist der eigentliche wissenschaftliche Ertrag
von Luhmanns Soziologie -, die Beobachtungen der Gesellschaft mit
anderen Beobachtungen zu konfrontieren, d.h. andere Unterscheidun-
gen zu verwenden, mit denen man womöglich anderes in den Blick
bekommt. Luhmann schlägt deshalb vor, die Unterscheidung Risiko/
Sicherheit durch die Unterscheidung Risiko/Gefahr zu ersetzen, die
per Beobachtung zweiter Ordnung darauf abstellt, wie Schäden und
Schadenserwartungen von wem beobachtet werden. "Entweder wird
der etwaige Schaden als Folge der Entscheidung gesehen, also auf
die Entscheidung zugerechnet. Dann sprechen wir von Risiko, und
zwar vom Risiko der Entscheidung. Oder der etwaige Schaden wird
als extern veranlaßt gesehen, also auf die Umwelt zugerechnet.
Dann sprechen wir von Gefahr." (SdR: 30f.) Beobachtet man nicht
nur schlicht, daß es Schäden gibt oder zu erwarten gibt, sondern wie
sie von wem beobachtet werden, stößt man auf soziale Attributions-
172 Diagnose der Gesellschaft
vorgänge, auf Konstruktionen von "Zurechnung/Nichtzurechnung auf
Entscheidungen" (SozA 5: 137). Die Beobachtung zweiter Ordnung
baut die Kontingenz der Beobachtung sozusagen in den beobachte-
ten Gegenstand ein, indem der gleiche Schaden unterschiedlich zu-
gerechnet werden kann: als Gefahr von außen oder als Risiko der
Entscheidung.
In der empirischen Risikoforschung ist diese von Luhmann vorge-
schlagene Unterscheidung zur Beobachtung von Schäden bereits an-
gewandt worden, nämlich in Forschungen über AIDS-Kommunikati-
on. Zwar haben wir als Angehörige der "Risikogesellschaft" (Beck
63

1986) inzwischen gelernt, daß wir unseren bevorstehenden Tod uns


selbst zurechnen müssen: Wir sterben am Nikotin- oder Alkoholge-
nuß, an zu fetten Speisen, im Straßenverkehr, in Kriegen und durch
Mord, durch Umweltverschmutzung, medizinische Behandlungs-
fehler und falschen Mediengebrauch - "Wir amüsieren uns zu Tode"
(Postman) -, zusammengefaßt also: durch eine riskante Lebensweise,
die man wahlweise einzelnen Entscheidern (also auch: sich selbst)
oder der westlichen Zivilisation, der abendländischen Kultur oder
wem auch immer zurechnen kann. Doch bei kaum einem anderen
64

Risiko wird der Konnex zwischen Entscheidung und Schaden so


deutlich wie beim Risiko, sich durch falsche Sexualpraktiken mit
dem HIV zu infizieren. Alois Hahn, Willy H. Eirmbter und Rüdiger
Jacob haben denn auch das Problem der AIDS-Kommunikation im
Hinblick auf die Unterscheidung Risiko/Gefahr untersucht und sind
zu dem Ergebnis gekommen, daß AIDS - idealtypisch gesehen - für
Gruppen, die eher an traditionellen Werten orientiert sind und durch
ihre Lebensweise kaum der Gefahr einer Ansteckung ausgesetzt
sind, AIDS als permanente Gefahr thematisieren, gegen die man

63 Wohlgemerkt, die soziologische Beobachtung von AIDS beobachtet


nicht die Immunschwächekrankheit selbst, sondern beobachtet die kom-
munikative Thematisierung der Krankheit.
64 Darüber kann womöglich das Bewußtsein verlorengehen, daß wir auch
ohne diese Risiken sterblich sind. Also nicht Leben/Tod kann hier die
angemessene beobachtungsleitende Unterscheidung sein, sondern langes/
kurzes Leben (vgl. SdR: 37, Anm. 58).
173 Diagnose der Gesellschaft
kaum etwas unternehmen kann - außer daß man Verantwortliche
(das heißt: Infizierte und besonders gefährdete Gruppen) kollektiver
Kontrolle unterwirft. Als Risiko dagegen erscheint AIDS denjenigen,
die durch eigene Entscheidungen für bzw. gegen bestimmte Sexual-
praktiken den möglichen Schaden sich selbst zurechnen (vgl. Hahn/
Eirmbter/Jacob 1992: 418f.).
Die moderne Gesellschaft ist für Luhmann nicht deshalb eine
Risikogesellschaft, weil sie Schäden, Leid, Zerstörung und Unfälle
hervorbringt - das haben alle früheren Gesellschaften auch getan.
Zur Risikogesellschaft wird sie erst dadurch, daß kein gnädiger
Mantel namens Schicksal oder Unglück mehr über die Schäden ge-
legt werden kann. In der Moderne, in der die Diskontinuität von
Vergangenheit und Zukunft in nahezu jeder Gegenwart eine Ent-
scheidung verlangt, muß alles, was geschieht auf Entscheidungen
zugerechnet werden. Zerstört ein Erdbeben Häuser, so ist nicht das
Erdbeben die Ursache, sondern entweder die falsche Entscheidung
einer Baubehörde, angemessene Sicherheits(sic!)vorschriften ver-
säumt zu haben, oder die eines Statikers, die Belastungsfähigkeit des
Hauses falsch berechnet zu haben. Das Eingreifen in einen vormals
als quasi-natürlich geglaubten Gang der Welt produziert ohne Zwei-
fel ein Bewußtsein der Gestaltbarkeit, Veränderbarkeit und Steuer-
barkeit der Welt - dies jedoch muß mit dem Risiko der falschen
Entscheidung oder Unterlassung bezahlt werden.
Wir haben - am Beispiel des AIDS-Risikos - schon verdeutlicht,
daß Risiken die Gesellschaft nicht nur in Form technischer Katastro-
phen betreffen. Das Strafrecht etwa handelt womöglich riskant,
wenn es Schwangerschaftsabbrüche in jedem Fall verbietet und fest-
stellen muß, daß dann nicht weniger, aber medizinisch riskanter
abgetrieben wird, oder wenn es durch rigide Strafverfolgung von
Drogengebrauchern deren Kriminalität miterzeugt, die sie dann wie-
der verfolgt, um sie zu verhindern. Investitionen sind stets riskant,
weil der Markt von hoher Dynamik ist und die Preise nicht vorher-
sehbar sind. Medizinische Eingriffe riskieren manchmal womöglich
höhere Schäden als den erwarteten Nutzen, und vielleicht riskiert
schulische Erziehung schon dadurch, daß sie Themen curricular auf-
greift, daß diese für Schüler an Interesse und Bedeutung verlieren.
174 Diagnose der Gesellschaft
Ähnliche Beispiele lassen sich fortsetzen (vgl. etwa SdR: 53). Ent-
scheidend ist jedoch dabei nicht, welches Handeln nun tatsächlich
riskant ist, sondern wie es beobachtet wird. Wer politisch, rechtlich,
intim, medizinisch, wirtschaftlich oder wie auch immer entscheidet,
macht sich beobachtbar: Man kann ihm die Folgen seiner Entschei-
dung zurechnen und sehen, daß sein riskantes Verhalten andere in
Gefahr bringt. Die Unterscheidung Risiko/Gefahr stellt insbesondere
auf den sozialen Aspekt des Risikoverhaltens ab: Wer ist Entschei-
der und wer Betroffener, also: für wen ist die Entscheidung ein Ri-
siko und für wen eine Gefahr?
Die gesellschaftliche Dynamik der Kommunikation über Risiken
und Gefahren liegt laut Luhmann weniger in den Schäden selbst als
vielmehr in der Risikokommunikation, in der solche Schäden ja erst
kommunikativ, also von der Gesellschaft registriert werden. Und als
Risiken erscheinen Entscheidungen erst dann, wenn sie per Beob-
achtung zweiter Ordnung beobachtet werden, d.h. wenn ein Ent-
scheider unterscheidet: Er unterscheidet erwünschte von uner-
wünschten Handlungsfolgen und sieht sich damit dem Risiko seiner
Entscheidung ausgesetzt. "Jemand, der sich riskant verhält, etwa im
Straßenverkehr riskant überholt oder mit einem Schießwerkzeug
spielt, mag das als Beobachter erster Ordnung tun. Aber sobald er
überlegt, ob er sich auf ein Risiko einlassen soll, beobachtet er sich
selbst aus der Position eines Beobachters zweiter Ordnung; und erst
dann kann man eigentlich von Risikobewußtsein und Risikokommu-
nikation sprechen; denn nur dann werden die für Risiko typischen
Unterscheidungen der Operation zu Grunde gelegt, daß mitberück-
sichtigt wird, daß sie auch eine andere Seite haben und nicht einfach
nur Objekte referieren." (SdR: 235) In der modernen Gesellschaft ist
es kaum möglich, nicht beobachtet zu werden. Deshalb setzen sich
Entscheidungen stets dem Risiko aus, als Risiken bzw. als Gefahren
beobachtet zu werden. In der gesellschaftlichen Kommunikation
kommt dies insbesondere in der Kommunikation von Protest oder
von Protestbewegungen zum Ausdruck. Hatte Luhmann für Protest-
bewegungen in "Ökologische Kommunikation" noch nichts anderes
als Hohn und Spott übrig - hier war von "blasierter Selbstgerechtig-
keit", vom Fehlen von Theorie etc. die Rede (ÖKom: 234ff.) -,
175 Diagnose der Gesellschaft
scheint er in ihnen nun einen Katalysator für die Selbstbeschreibung
des Gesellschaftssystems zu sehen. Nicht mehr auf die ökonomische
Verteilungsgerechtigkeit fokussieren sich die Protestbewegungen der
Risikogesellschaft, sondern auf einen neuen Typ von Protest: auf die
"Ablehnung von Situationen, in denen man das Opfer des riskanten
Verhaltens anderer werden könnte" (SdR: 146). Soziale Bewegungen
sind letztlich diejenigen Beobachter der Gesellschaft, die die Form
Risiko/Gefahr von der Seite der Gefahr her sehen und damit das
Problem der Zurechenbarkeit von Entscheidungen sichtbar machen.
Wenn hier auch oft sehr einfache Zurechnungen und Erklärungsmu-
ster herhalten müssen, um den Erfolg der Bewegung oder zumindest
den der Beobachtung zu sichern, ist für Luhmann "die damit erzeug-
te Sensibilität für Folgen der Strukturentscheidungen der modernen
Gesellschaft und für die sozialen Kosten jeder Zeitbindung ein Ge-
winn, den man nicht unbedingt nur negativ bewerten muß" (SdR:
154). Diese Sensibilität jedoch ist für Luhmann keinesfalls ein Ga-
rant dafür, daß die Gesellschaft Formen entwickelt, aus dem Risiko
des Entscheidens und aus der Unbekanntheit jeglicher Zukunft zu
entfliehen. Vielmehr könnte die Sensibilität darin bestehen, daß
beide Seiten lernen, daß die Form Risiko/Gefahr eine Zwei-Seiten-
Form ist: Die Entscheider könnten dann sehen, daß ihnen die Ursa-
che für Gefahr zugerechnet wird, und die Betroffenen könnten dann
sehen, daß Risiken da unhintergehbar sind, wo entschieden wird.
Luhmanns Soziologie des Risikos vermag einen Sinn dafür zu ver-
mitteln, wie sich Beobachter wechselseitig beobachten und wie diese
Beobachtungen letztlich nicht durch Verständigung oder bessere Ein-
sicht zu versöhnen sind.
Hier wird deutlich, daß die Entwicklung von hilfsbereiten Lö-
sungsvorschlägen letztlich Luhmanns Sache nicht ist. Er ist der
distanzierte Beobachter, der Beobachter beobachtet und mit seinen
eigenen Beobachtungen lediglich eine weitere Beobachtung hinzu-
fügt. Bei aller analytischen soziologischen Potenz ist die praktische
Umsetzbarkeit dieser Beobachtungen beschränkt. Und nur Spötter
könnten dies wirklich kritisieren, denn was soll die wissenschaftliche
Beobachtung anderes tun als wissenschaftlich zu beobachten? Wo
Luhmann aber allzu hilfsbereit wird, kann er nur die altbekannten
176 Diagnose der Gesellschaft
zweitbesten Lösungen präsentieren. Wenn er der Politik rät, "die
Entscheidungsrisiken des einen bzw. anderen Pfades gegeneinander
abzuwägen" (SdR: 185), so sagt dies nicht mehr, als daß man sich
mit dem Risiko des Risikos abfinden muß. Und wenn er diesem Rat
hinzufügt, die Politik müsse dies "nicht zuletzt auch im Hinblick auf
die Protestaffinität der Sekundärfolgen und auf die Stimmkraft der
Betroffenen" (SdR: 185) tun, fragt man sich: Was sollte Politik
sonst tun?
Luhmanns zeitdiagnostische Potenz sehen wir darin, daß sie deut-
lich macht, daß die moderne Gesellschaft durch die Etablierung von
Beobachtungsverhältnissen zweiter Ordnung ihrer Einheit verlustig
geht. Wer auch immer beobachtet, kann, ob er will oder nicht, beob-
achtet werden und setzt sich damit dem Risiko aus, anders gesehen
zu werden, als er selbst sich und die Welt sieht. Luhmann zwingt
dazu, die Welt als differenzierte Einheit von disparaten Beobachtern
zu sehen, die sich wechselseitig in einem Verhältnis der Co-Evolu-
tion gegeben sind. Nirgends lassen sich Steuerungszentren oder al-
ternativlose Beobachtungspunkte ausmachen. Man kann sich - und
wenn man noch so guten Willens ist und wenn man sich wie etwa
Hans Jonas noch so sehr auf persönliche Verantwortlichkeit ver-
lassen will (vgl. Jonas 1979) - eben nicht darauf verlassen, daß
andere die Welt so beobachten, wie es einem selbst notwendig er-
scheint. Man muß sich damit begnügen, zumindest so viel Rationali-
tät aufbringen zu können, daß man dies sehen kann. Luhmann ver-
langt deshalb am Ende seines Risiko-Buches konsequenterweise, ei-
ne Form der Verständigung zu pflegen, die die unterschiedlichen
Beobachter zwar nicht versöhnt, die aber zumindest ein Nebenein-
ander erlaubt. Aufs Risikoproblem bezogen: Zwar sehen Entscheider
und Betroffene Unterschiedliches, aber zumindest sollten sie sehen
lernen, daß sie Unterschiedliches sehen, und so den Weg für eine
wechselseitige Beobachtung ihrer Beobachtungen freimachen. Das
überbrückt zwar nicht die Differenz, macht sie aber womöglich
handhabbar. Von Träumen einer konsensuellen Verständigung jeden-
falls hat Luhmann längst Abstand genommen. "Deshalb mag es rat-
sam sein, daneben und davon deutlich unterschieden auch den Weg
der Verständigungen zu pflegen, der unabhängig davon funktionie-
178 Diagnose der Gesellschaft
ren kann, ob und wie weit die Beteiligten wechselseitig die Welten
ihrer Beobachtung rekonstruieren können." (SdR: 247)
Die Dynamik gerade des Risikoproblems, das in der öffentlichen
Debatte um die moderne Gesellschaft den traditionellen Kampfplatz
der Moderne - die ökonomische Verteilungsgerechtigkeit - auf den
zweiten Platz zu verbannen scheint, scheint uns auch in einer Para-
doxie der Unterscheidung Risiko/Gefahr zu liegen, auf die Luhmann
selbst kaum aufmerksam macht: Daß wir uns Risiken aussetzen, in-
dem wir entscheiden, scheint mehr und mehr den Charakter einer
Gefahr anzunehmen, denn letztlich kann man sich nicht für oder ge-
gen das Entscheiden entscheiden. Der Zwang zur Entscheidung läßt
sich niemandem zurechnen, er geht auf keine Entscheidung zurück.
Letztlich ist man als Entscheider auch Betroffener, was die Unter-
scheidung Risiko/Gefahr einzuziehen droht. Um diese Implosion der
Unterscheidung nicht zu riskieren (sic!), ziehen sich Entscheider
zumeist auf Sachkompetenz und technischen Rigorismus zurück und
qualifizieren Risiken als zumutbar, während Betroffenen dann nur
noch Fundamentalkritik und moralischer Rigorismus als Reaktions-
form und Resonanzboden bleibt.

Zusammenfassung wichtiger Grundbegriffe:


* Als Risiko erscheinen Entscheidungen dann, wenn man die Ent-
scheidung im Hinblick auf ihre unbekannt bleibende Zukunft be-
obachtet.
* Die Unterscheidung Risiko/Gefahr stellt darauf ab, daß mögliche
Folgen von Entscheidungen für Entscheider als Risiko und für Be-
troffene, die selbst nicht entscheiden, als Gefahr erscheinen.
Literatur:
Niklas Luhmann: Risiko und Gefahr, in: ders.: Soziologische Aufklä-
rung 5. Konstruktivistische Perspektiven, Opladen 1990, S. 131-169.
178 Diagnose der Gesellschaft
5.2 Moral
In den letzten Jahren läßt sich innerhalb der öffentlichen Diskussion
ein verstärktes Interesse an moralischen und ethischen Fragen be-
obachten. Es ist sicherlich nicht falsch zu behaupten, daß dieses
Interesse in nicht unerheblichem Maße mit der Thematik zusammen-
hängt, die wir im letzten Abschnitt diskutiert haben, also mit dem
Problem ökologischer Gefahren und Risiken. Innerhalb der öffentli-
chen Diskussion lassen sich nicht wenige Stimmen finden, die auf
die Beobachtung ökologischer Risiken mit normativen Appellen und
moralischen Postulaten reagieren. Man fordert einen radikalen Um-
denkungsprozeß, der zu einem veränderten Umgang mit der Natur
führt. "Gerade angesichts von Gefahren und Risiken und angesichts
der Einschätzungsunsicherheiten, über die man hinwegkommen muß,
wird mancher sich motiviert fühlen, Flagge zu zeigen und zu sagen,
was er moralisch erwartet. [...] Es kann mithin nicht überraschend
kommen, daß mit der Zuspitzung von Risiken im Bereich der mo-
dernen Technologie der Moralpegel der öffentlichen Kommunikation
steigt." (Luhmann 1993: 332) Im Rahmen der Thematisierung der
ökologischen Selbstgefährdung der modernen Gesellschaft wird die
Möglichkeit einer neuen Ethik, einer Umweltethik, diskutiert.
Ethikkommissionen begeben sich auf die Suche nach stabilen Fun-
damenten, die eine neue Moral tragen könnten. Das verstärkte Inter-
esse an moralischen und ethischen Fragen hat längst seinen Nieder-
schlag in einer Reihe von sozialphilosophischen Entwürfen gefun-
den. Hans Jonas etwa spricht von dem moralischen Prinzip Verant-
wortung, Jürgen Habermas und Karl-Otto Apel skizzieren Grundla-
gen einer sogenannten Diskursethik. Der amerikanische Philosoph
John Rawls entwickelt eine Theorie der moralischen Gerechtigkeit;
und selbst der französische Denker Michel Foucault, der den Prä-
missen seiner Philosophiekollegen häufig so vehement widerspro-
chen hat, erhofft sich im Rückgang auf den antiken Begriff der Le-
benskunst Einsichten für eine aktuelle Ethik. Der Versuch einer
Neuformulierung und Neubegründung der Ethik scheint, so könnte
man sagen, der heimliche Konsenspunkt moderner und postmoderner
Philosophie zu sein.
179 Diagnose der Gesellschaft
Luhmann schließt sich diesen philosophischen Begründungsversu-
chen auf den Gebieten der Moral und der Ethik nicht an, sondern
bemüht sich um eine soziologische Beobachtung moralischer Phäno-
mene. Er versucht eine solche soziologische Theorie der Moral zu
formulieren, die selbst nicht wiederum mit moralischen Ansprüchen
auftritt. Dies ist keineswegs selbstverständlich. "Jede Wissenschaft,
die Themen der Moral behandelt, steht heute vor der Frage, ob sie
selbst sich moralischen Normen zu unterwerfen habe; ob sie im
Chor der Stimmen, die das Gute gutheißen und das Schlechte ver-
urteilen, mitsingen solle, sei es mit führender Stimme, sei es im
Kontrapunkt, oder ob sie sich als moralfreie Erkenntnisleistung be-
greifen solle, für die Moral ein Gegenstand ist wie jeder andere."
(SdM: 8) Luhmann optiert eindeutig für die zweite Möglichkeit. Ei-
ne soziologische Theorie der Moral, die Distanz hält zu moralischen
Wertungen, nimmt gegenüber moralischen und ethischen Fragen so-
mit eine Außenperspektive ein. Sie versetzt sich in die Position ei-
nes Beobachters zweiter Ordnung.
Unabhängig von der Perspektive, von der aus moralische Phäno-
mene beobachtet werden, ist jede Moraltheorie zunächst gehalten,
ihre Begriffe sorgfältig zu definieren. Unter Moral versteht Luhmann
eine besondere Art von Kommunikation, und zwar ist eine solche
Kommunikation moralisch qualifiziert, die mit der Unterscheidung
gut/schlecht bzw. gut/böse operiert und dabei menschliche Achtung
oder Mißachtung zum Ausdruck bringt. Mit dem Begriff der Ethik
bezeichnet Luhmann hingegen jede anspruchsvolle, elaborierte Be-
schreibung, "die sich auf Probleme der Moral einläßt und sie zu re-
flektieren versucht" (GS 3: 371). Ethik wird, kurz gesagt, definiert
als Reflexionstheorie der Moral. Beide Definitionsvorschläge sind si-
cherlich erläuterungsbedürftig.
Moralische Kommunikation ist durch einen binären Code charak-
terisiert, der zwischen gut und schlecht (bzw. gut und böse) unter-
scheidet. Die Codewerte gut und schlecht beziehen sich dabei nicht
auf spezifische Eigenschaften oder (fachliche) Leistungen, so wie
man etwa von einem guten Fußballspieler oder nach dem versalze-
nen Essen von einem schlechten Koch sprechen kann. Eine morali-
sche Kommunikation liegt dann vor, wenn mit den Codewerten gut
180 Diagnose der Gesellschaft
und schlecht zugleich Hinweise auf Achtung und Mißachtung mitge-
führt werden und Achtung und Mißachtung sich dabei auf die Per-
son als Ganze beziehen. Eine Kommunikation besitzt also allein
dann eine moralische Qualität, wenn sie angibt, für welche Ansich-
ten und für welche Handlungen eine Person Achtung bzw. Mißach-
tung verdient. Das kann explizit geschehen, zumeist wird es aber
nur angedeutet. Man unterhält sich in der Umweltgruppe über mo-
derne Recyclingverfahren und signalisiert zugleich, daß diejenigen
Personen, die ihr Altpapier nicht in den dafür vorgesehenen Contai-
ner bringen, moralisch mißachtet werden.
Der moralische Code gut/schlecht hat universelle Relevanz, d.h.
Moral kann alles beurteilen. Das Gleiche gilt etwa auch für den Co-
de des Wissenschaftssystems (wahr/unwahr) oder für den Code des
Rechtssystems (Recht/Unrecht). Insofern kann man davon sprechen,
daß jedes Thema, jede Handlung, jede Ansicht wissenschaftlich oder
rechtlich, aber eben auch: moralisch beobachtet werden kann. Der
Begriff der universellen Relevanz einer beobachtungsleitenden Un-
terscheidung meint also nicht, daß ständig mit Hilfe des Codes be-
obachtet wird, er meint lediglich, daß alles damit beobachtet werden
kann. "Achtung und Mißachtung wird typisch nur unter besonderen
Bedingungen zuerkannt. Moral ist die jeweils gebrauchsfähige Ge-
samtheit solcher Bedingungen. Sie wird keineswegs laufend einge-
setzt, sondern hat etwas leicht Pathologisches an sich. Nur wenn es
brenzlig wird, hat man Anlaß, die Bedingungen anzudeuten oder gar
explizit zu nennen, unter denen man andere bzw. sich selber achtet
oder nicht achtet." (PI: 18).
Kommunikation wird nur in bestimmten Fällen moralisch aufgela-
den. In den Fällen aber, in denen das geschieht, kann man, so Luh-
mann, nicht selten einen besonderen Eifer, eine besondere Hartnäk-
kigkeit der moralischen Bewertungen beobachten. Moralisches Enga-
gement kann nur schwer wieder zurückgenommen werden. Das
hängt damit zusammen, daß der moralische Code sich nicht nur auf
bestimmte Ausschnitte der Person bezieht - in moralischen Fragen
steht die Person als Ganze auf dem Prüfstand. Und vor allem weist
moralische Kommunikation nicht nur Achtung, sondern auch Miß-
achtung zu. Deshalb kommt es in solchen Fällen, in denen eine
181 Diagnose der Gesellschaft
Person aufgrund bestimmter Handlungen oder Ansichten moralisch
diskreditiert wird, häufig dazu, daß die Kommunikation in aggressi-
ve Auseinandersetzungen einmündet. Moral endet in hartnäckigen
Fällen in Streit, Gewalt, Terror. "Moral ist ein riskantes Unterneh-
men. Wer moralisiert, läßt sich auf ein Risiko ein und wird bei Wi-
derstand sich leicht in der Lage finden, nach stärkeren Mitteln su-
chen zu müssen oder an Selbstachtung einzubüßen. Moral hat daher,
soweit sie sich nicht im Selbstverständlichen aufhält und hier fast
unnötig ist, eine Tendenz, Streit zu erzeugen oder aus Streit zu
entstehen und den Streit dann zu verschärfen." (GS 3: 370)
Für Luhmann liegt in der Tatsache, daß moralische Kommunika-
tion nur allzu oft Konflikte erzeugt bzw. verschärft, eines der Haupt-
probleme der Moral, ein Problem allerdings, das philosophische
Ethikkonzeptionen bisher weitgehend ausgeblendet haben. In der phi-
losophischen Tradition ist unter Ethik zumeist das Geschäft der
Begründung moralischer Urteile verstanden worden. Diese Tradition
hat bis heute, wenn man etwa an Apel, Habermas oder Rawls denkt,
überlebt. Luhmann hingegen definiert Ethik, wie bereits angedeutet,
als Reflexionstheorie der Moral. Aufgabe der Ethik ist demzufolge
nicht mehr die Begründung, sondern die Reflexion der Moral. Unter
Ethik wird jede kognitive Beschreibung der Moral verstanden, die
moralische Kommunikationen aus einer moralinternen Perspektive
reflektiert. Anders etwa als die Soziologie, die die Moral von außen
beobachtet, orientiert sich die ethische Reflexion somit an dem mo-
ralischen Code gut/böse. Es muß an dieser Stelle aber noch einmal
ausdrücklich darauf hingewiesen werden, daß Luhmann nicht daran
interessiert ist, eine neue Ethik - nun verstanden als Reflexionstheo-
rie der Moral - zu entwerfen. Ihm geht es vielmehr darum, aus der
Perspektive einer soziologischen Gesellschaftstheorie Anregungen
für eine solche Ethik zu geben. Jede ethische Konzeption, die diese
Anregungen aufnimmt, gerät aber unweigerlich in einen Gegensatz
zu traditionellen Begriffen der Ethik; zwischen einer Ethik als Be-
gründung und einer Ethik als Reflexion bestehen also zentrale Diffe-
renzen. Im folgenden sollen vier dieser Differenzen kurz angespro-
chen werden.
Eine Ethik, die sich als Begründungstheorie der Moral definiert,
182 Diagnose der Gesellschaft
erhebt erstens den Anspruch, moralische Urteile als richtig oder ver-
nünftig auszuzeichnen; dies geschieht bei aller Unterschiedlichkeit
traditioneller Ethikkonzeptionen zumeist auf eine solche Weise, daß
letzte Gründe bzw. Prinzipien - etwa der kategorische Imperativ bei
Kant oder das Prinzip des zu vermeidenden performativen Wider-
spruchs bei Apel -, die selbst nicht wiederum begründungsbedürftig
sind, angeführt werden. Gegen diese Auffassung bringt Luhmann
vor, daß jede (Letzt-)Begründung sich durch ihren Vollzug dem Ver-
gleich mit anderen Möglichkeiten ausgesetzt findet - und dadurch
scheitert. Am Ende der Begründungsleiter stehen keine obersten
65

Prinzipien, sondern alternative Möglichkeiten; Begründung führt also


nicht zu einer Einheit, nicht zu notwendigen Bedingungen, sondern
nur zu weiteren Differenzen, nur zu Kontingenzen. Jede Begründung
"sabotiert sich laufend selbst, indem sie den Zugang zu anderen
Möglichkeiten eröffnet, wo sie ihn verschließen möchte. Wenn wir
dies beobachten, führt uns das zu der Konsequenz, Begründung sei
ein paradoxes Unternehmen, das sich, wie immer, mit irgendeiner
Art der Unehrlichkeit auf den Weg bringen muß." (GS 3: 360) Luh-
mann schlägt deshalb der Ethik vor, auf eine Begründung morali-
scher Urteile zu verzichten und sich stattdessen auf die kognitive
Beschreibung moralischer Sachverhalte zu beschränken.
Die Auffassung, daß die Aufgabe der Ethik in der Begründung
moralischer Urteile liege, geht zweitens von der Annahme aus, daß
sich mit Hilfe der Begründung ethischer Prinzipien universelle, ein-
heitliche, also konsensuelle Moralvorstellungen herstellen und insti-
tutionalisieren ließen; die in der Kantischen Tradition stehenden
Ethikkonzeptionen von Apel und Habermas bezeichnen aus diesem
Grunde das Diskursprinzip auch als Universalisierungsgrundsatz.
Dabei versuchen sie ihre Behauptung mit der Annahme zu unter-
mauern, daß die moderne Gesellschaft durch einen Bestand konsen-
sueller Werte und Normen charakterisiert sei. Eine Ethik hingegen,

65 Das Scheitern solcher (Letzt-)Begründungen ließe sich dann auch an den


unterschiedlichen Ethiken aufzeigen; in diesem Sinne dekonstruiert etwa
Richard Gebauer die von Jürgen Habermas vertretene Version der Dis-
kursethik (vgl. Gebauer 1993).
183 Diagnose der Gesellschaft
die Anregungen von der Theorie sozialer Systeme aufnimmt, wider-
spricht einer solchen Auffassung. Damit wird nicht abgestritten, daß
der moralische Code gut/schlecht von universeller Relevanz ist. Be-
stritten wird aber die Annahme, daß der moralische Code gut/
schlecht einheitlich, d.h. mit den gleichen Entscheidungsprogrram-
men, angewendet wird. Jede moralische Festlegung muß damit rech-
nen, daß sie aus der Perspektive eines anderen Moralprogramms be-
obachtet und kritisiert wird. Gerade in der modernen Gesellschaft
lassen sich, so Luhmann, gesellschaftseinheitliche Moralprogramme
nicht mehr ausmachen. "Für den Moralgebrauch unserer Gesellschaft
scheint nun bezeichnend zu sein, daß zwar der binäre Code durch-
gehend gebraucht wird, aber daß man auf der Ebene der Programme
keinen Konsens mehr unterstellen kann - jedenfalls nicht in den kri-
tischen Fällen, in denen eine explizite Verwendung von Moral als
Form der Kommunikation sich allein lohnt." (Luhmann 1991c: 498)
Damit hängt ein weiterer Punkt eng zusammen. Eine soziologi-
sche Beobachtung moralischer Kommunikation lehrt drittens, daß
die moderne Gesellschaft nicht auf Moral gegründet ist. Diese Aus-
sage geht über die bereits thematisierte These der Divergenz gesell-
schaftlicher Moralvorstellungen weit hinaus. Sie verweist darauf,
daß die moderne, funktional differenzierte Gesellschaft durch mora-
lische Kommunikation nicht integriert werden kann. Die Funktions-
systeme sind primär über binäre Codes ausdifferenziert. Das politi-
sche System etwa orientiert sich an der Unterscheidung Regierung/
Opposition, das Wissenschaftssystem an der Unterscheidung wahr/
unwahr usw. "In keinem dieser Fälle können die beiden Werte die-
ser Codes mit den beiden Werten des Moralcodes kongruent gesetzt
werden. Es darf gerade nicht dahin kommen, daß man die Regierung
für strukturell gut, die Opposition für strukturell schlecht oder gar
böse erklärt. Das wäre die Todeserklärung für Demokratie. Dasselbe
läßt sich leicht nachprüfen am Falle von wahr/unwahr, von guten
oder schlechten Zensuren, von Geldzahlungen oder deren Unterlas-
sen, von Liebesentscheidungen für diesen oder keinen anderen Part-
ner. Die Funktionscodes müssen auf einer Ebene höherer Amoralität
eingerichtet sein, weil sie ihre beiden Werte für alle Operationen des
Systems zugänglich machen müssen." (PI: 23f.) Die Funktionscodes
184 Diagnose der Gesellschaft
sind moralisch indifferent strukturiert, sie sind also nicht an der
Unterscheidung gut/schlecht ausgerichtet. Damit ist nicht ausge-
schlossen, daß innerhalb der Funktionssysteme moralische Kommu-
nikationen wieder vorkommen. Die Art und Weise, in der das ge-
schieht, richtet sich aber "nicht nach einem gesellschaftseinheitlichen
Metacode, sondern nach den Strukturbedingungen der jeweiligen
Funktionssysteme" (GS 3: 431). Die moderne Gesellschaft ist, so
Luhmann, polykontextural strukturiert. Das besagt, daß es eine irre-
duzible Vielfalt von Beobachtungsmöglichkeiten gibt, die von kei-
nem archimedischen Standpunkt ineinander überführt werden könn-
ten. Damit entfällt die Möglichkeit einer moralischen Integration -
und ebenso: die Möglichkeit einer politischen, wirtschaftlichen usw.
Integration - der Gesellschaft. Im Gegensatz dazu hatte die klassi-
sche Ethik, ebenso aber auch die soziologische Tradition, der Moral
eine gesamtgesellschaftliche Integration noch zugetraut.
Die universelle Anwendbarkeit des moralischen Codes - analog
zu anderen Unterscheidungen - besagt jedoch nicht, daß sich Moral
neben Ökonomie, Recht, Politik, Wissenschaft usw. zu einem eigen-
ständigen Funktionssystem ausdifferenziert hat. Moralfragen werden
eben nicht an eine gewissermaßen zuständige Stelle verwiesen, son-
dern werden gesellschaftsweit, quasi: immer und überall, behandelt
- oder eben nicht (vgl. GS 3: 434).
Im Zusammenhang mit dem Beobachtungsbegriff haben wir be-
tont, daß sich jede Beobachtung, die sich selbst beobachtet, in Para-
doxien verstrickt. Das gilt viertens auch für moralische Kommunika-
tionen, also für solche Kommunikationen, die ihre Beobachtung an
der Unterscheidung gut/schlecht ausrichten. "Jeder binäre Code,
auch der der Moral, führt bei einer Anwendung auf sich selbst zu
Paradoxien. Man kann nicht entscheiden, ob die Unterscheidung von
gut und schlecht ihrerseits gut oder nicht vielmehr schlecht ist." (PI
27) Beispiele dafür, daß verwerfliches Handeln gute Folgen und tu-
gendhaftes Handeln schlimme Folgen auslösen können, sind seit lan-
gem bekannt. Damit wird unentscheidbar, ob die ethische Reflexion
nun zu gutem oder zu schlechtem Handeln raten soll. Die traditio-
nelle Ethik aber hatte, so Luhmann, die Paradoxie des Moralcodes
vorschnell ausgeblendet. "Die Moralparadoxie wird neutralisiert und
185 Diagnose der Gesellschaft
in ein Begründungsproblem verwandelt. Die bedenklichen Realfol-
gen des Moralisierens werden, wenn überhaupt gesehen, nicht der
Moral zugerechnet." (GS 3: 434) Moral wurde in traditionellen
Ethikkonzeptionen stets für etwas Gutes gehalten. Eine Ethik hin-
gegen, die an soziologische Beobachtungen anknüpft, hätte die Auf-
gabe, beide Seiten des Moralcodes, also positive und negative Fol-
gen moralischer Kommunikation, zu reflektieren. Vor allem hätte ei-
ne solche Ethik herauszuarbeiten, daß moralische Kommunikation,
die mit der Mißachtung von Personen droht, in der Nähe des Streits,
der Gewalt, der kriegerischen Auseinandersetzung angesiedelt ist.
Aus diesem Grunde rät Luhmann der Ethik, Gefahren und Risiken
der moralischen Kommunikation aufzuzeigen. "Angesichts dieser
Sachlage ist die vielleicht vordringlichste Aufgabe der Ethik, vor
Moral zu warnen." (PI: 41)
Die soziologische Beobachtung der Moral, die Luhmann unter-
nimmt, wirft Fragen auf. Um mit dem zuletzt angesprochenen Punkt
zu beginnen: Der Vorschlag, den Luhmann der Ethik unterbreitet,
nämlich vor Moral zu warnen, verhält sich komplementär zur philo-
sophischen Tradition. Es ist aber die Frage, ob dieser Vorschlag
einem differenztheoretischen Ansatz gerecht wird. Ein solcher An-
satz hätte doch negative und positive Folgen moralischer Kommuni-
kation zu reflektieren und sich nicht wiederum auf eine Seite zu
beschränken. Aufgabe einer funktionalen Analyse wäre es gerade,
die sozialen Bedingungen beider Seiten aufzuzeigen. Wenn Luh-
mann selbst betont, daß Moral durchaus "nach den Strukturbedin-
gungen der jeweiligen Funktionssysteme" (GS 3: 431) in deren Pro-
grammen vorkommen kann, so ist damit noch längst nicht ausge-
macht, daß diese "Infektion durch Moral" (GS 3: 431) nur negative
Folgen haben kann, vor denen dann zu warnen ist. Womöglich
könnte die Ethik einen kontrollierten Gebrauch der Moral empfeh-
len. Eine zweite, damit zusammenhängende Frage ist aber die, ob
die Soziologie selbst mit einem moralischen oder besser: kritischen
Impetus auftreten soll bzw. kann.
186 Diagnose der Gesellschaft

Zusammenfassung wichtiger Grundbegriffe


* Moral ist eine besondere Form der Kommunikation, die anhand der
Unterscheidung gut/schlecht Hinweise auf Achtung und Mißach-
tung enthält.
* Ethik ist jede kognitive Beschreibung der Moral, die moralische
Kommunikation intem, also mit Hilfe des Codes gut/schlecht zu re-
flektieren sucht.
Literatur:
Niklas Luhmann: Ethik als Reflexionstheorie der Moral, in: ders.: Ge-
sellschaftsstruktur und Semantik. Studien zur Wissenssoziologie der
modernen Gesellschaft, Band 3, Frankfurt/M. 1989, S. 358-447.

5.3 Kritik
Mit der Frage nach dem kritischen Potential der Systemtheorie be-
rühren wir einen Punkt, der in der Auseinandersetzung mit Luh-
manns Theorie sozialer Systeme stets einen prominenten Platz ein-
genommen hat. Luhmann wurde und wird in immer neuen Wendun-
gen vorgeworfen, daß er eine unkritische Beschreibung, ja apologeti-
sche Rechtfertigung der gesellschaftlichen Verhältnisse vornehme.
Richtungweisend für diese Kritik sind, wie wir angedeutet haben,
diejenigen Einwände geworden, die Habermas bereits Anfang der
siebziger Jahre formuliert hat. Habermas hat übrigens seine Kritik
mehr als zehn Jahre später - also nach der mittlerweile erfolgten
autopoietischen Wende der Theorie sozialer Systeme - wiederholt.
Er attestiert der Luhmannschen Fassung des systemtheoretischen
Funktionalismus auch weiterhin ein sozialtechnologisches und kon-
servatives Erkenntnisinteresse. Die um den Autopoiesis-Begriff er-
weiterte Theorie sozialer Systeme kann, so Habermas, "gar nicht
umhin, sich auf die Komplexitätssteigerung moderner Gesellschaften
affirmativ einzustellen" (Habermas 1985: 426). Dieser Vorwurf, der
in den unterschiedlichsten Variationen durchgespielt worden ist, hat
187 Diagnose der Gesellschaft
bis heute die Auseinandersetzung mit der soziologischen Theorie
Luhmanns bestimmt. Die These, daß diese über keinerlei kritisches
66

Potential verfüge, gehört anscheinend zum unhinterfragten Grund-


konsens des gegenwärtigen Soziologiebetriebs. Dieser Eindruck wird
noch verstärkt, wenn man bedenkt, daß Luhmann selbst in einem
Aufsatz vom Ende der kritischen Soziologie gesprochen hat. Was
also soll noch die Frage nach dem kritischen Potential der Theorie
selbstreferentieller Systeme?
Möglicherweise gelangt man zu einer anderen Antwort, wenn
man mit Hilfe anderer Unterscheidungen beobachtet. Daß Beobach-
tungen stets an bestimmte Unterscheidungen gebunden sind, ist eine
der zentralen Aussagen der Theorie sozialer Systeme. Im abschlie-
ßenden Teil möchten wir uns die Grundannahmen dieser Theorie zu
eigen machen, um sie immanent auf ihre kritischen Möglichkeiten
hin zu befragen.
Im übrigen bezeichnet das Wort Kritik nichts anderes als ein Un-
terscheiden. Bei dem Geschäft der Kritik geht es zunächst also da-
rum, Unterscheidungen einzuführen, Grenzen zu ziehen, Differenzen
zu setzen und damit Beobachtungen zu generieren. Die Theorie Luh-
manns nimmt, wie wir bereits häufiger bemerkt haben, die Position
eines Beobachters zweiter Ordnung ein. Wie immer diese Beobach-
tungen und Beschreibungen zweiter Ordnung im einzelnen ausfallen,
es ist klar, daß es dabei nicht darum gehen kann, ein normatives
Ideal zu formulieren, an dem die gesellschaftlichen Verhältnisse
gemessen und kritisiert werden können. Eine solche Vorgehenswei-
67

66 Diese Auseinandersetzung hat manchmal den Charakter einer wenig wei-


terführenden Kritik, die das Theoriekonzept der Systemtheorie Luhmanns
gar nicht erst zur Kenntnis nimmt. Reese-Schäfer bemerkt dazu treffend,
in einem großen Teil der Sekundärliteratur werde "nichts verstanden,
aber alles widerlegt" (Reese-Schäfer 1992: 16). Zuweilen nimmt dies so-
gar die Form von Glaubensbekenntnissen an, in denen jegliche wissen-
schaftliche Standards verlassen werden. Als Beispiel vgl. nur Sigrist
1989.
67 Der Versuch, die Gesellschaft am Maßstab eines normativen Ideals zu
messen, hat die kritische Soziologie von Marx bis Habermas bestimmt.
Marx unternimmt eine immanente Kritik der kapitalistischen Verwer-
tungslogik; als kritischer Maßstab fungiert dabei ein Gleichheits- und
188 Diagnose der Gesellschaft
se würde auf das Niveau der Beobachtung erster Ordnung zurückfal-
len, die die Gesellschaft als ein beobachterunabhängiges Objekt von
außen zu betrachten versucht. Mit der Transformation der soziologi-
schen Theoriebildung von der Beobachtung erster Ordnung in eine
Beobachtung zweiter Ordnung werden traditionelle Formen soziolo-
gischer Kritik obsolet. Umgekehrt ist eine Beobachtung zweiter Ord-
nung aber nicht gezwungen, den Anspruch der Kritik vollständig
preiszugeben. Mit dem Übergang zu einer Beobachtung zweiter Ord-
nung ändert sich aber die Form der Kritik.
Wenn in der Soziologie von Kritik oder kritischen Anliegen die
Rede ist, sind damit zumeist die drei folgenden Punkte gemeint:
- Kritik verstanden als Entlarvung undurchschauter, latenter Struk-
turen,
- Kritik verstanden als Entfaltung von Alternativen der gesell-
schaftlichen Entwicklung,
- Kritik verstanden als Aufklärung gesellschaftlicher Gefährdungs-
lagen bzw. sozialer Pathologien.
Innerhalb der Theorie sozialer Systeme lassen sich, so unsere These,
alle drei Kritikpunkte wiederaufnehmen und reformulieren. Im Ver-
gleich zur soziologischen Tradition ergeben sich dabei jedoch je-
weils gewichtige Verschiebungen.
Die Theorie sozialer Systeme, die sich darauf konzentriert, Be-
obachtungen zu beobachten und Beschreibungen zu beschreiben,
braucht nicht darauf zu verzichten, latente Strukturen und Funktio-
nen aufzuzeigen. Die Beobachtung zweiter Ordnung beobachtet an
anderen Beobachtern, was diese nicht sehen können, wo sie ihren
blinden Fleck besitzen, welche Paradoxien sie invisibilisieren usw.
Ein ähnliches Erkenntnisinteresse hatte auch die klassische Ideolo-

Freiheitsideal, das dem bürgerlichen Selbstverständnis entnommen wird.


Hingegen versucht Habermas mit Hilfe der von ihm konzipierten Uni-
versalpragmatik ein kommunikatives Vernunftideal zu explizieren, das
als normatischer Maßstab systemische Übergriffe von Wirtschaft und Po-
litik auf die Lebenswelt als Ursache moderner Sozialpathologien kriti-
siert. Zur Auseinandersetzung mit der damit angedeuteten Zeitdiagnose
von Habermas vgl. Kneer 1990.
189 Diagnose der Gesellschaft
giekritik vertreten, die freilich stets mit dem Anspruch aufgetreten
war, eine Beschreibung der gesellschaftlichen Wirklichkeit, wie sie
an sich sei, zu leisten. In diesem Sinne unterscheidet etwa Marx zwi-
schen Ideologie und Wissenschaft und kritisiert die ideologische
unwahre Position aus der Perspektive der wahren Wissenschaft.
"Gleich welcher Herkunft und welcher theoretischen Ausstattung,
der 'kritische Rationalismus', die 'kritische Theorie' usw. hatten
immer Attitüden des Besserwissens angenommen. Sie stellten sich
als konkurrierende Beschreiber mit tadelfreien moralischen Impulsen
und mit besserem Durchblick vor. Wie immer vorsichtig formuliert
und wie immer den Anforderungen an Wissenschaftlichkeit genü-
gend, ihre Perspektive war die eines Weltbeobachters erster Ord-
nung." (EkS: 148) Innerhalb der klassischen Ideologiekritik wird
ausgeblendet, daß auch die eigene Beobachtung an einen blinden
Fleck gebunden ist, latente Strukturen besitzt, Paradoxien invisibili-
siert, kurz: daß auch die eigene Beobachtung nicht sehen kann, was
sie nicht sehen kann. Auf der Ebene der Beobachtung zweiter Ord-
nung gilt es hingegen, die autologischen Konsequenzen aus dieser
Beobachtung zu ziehen. Das besagt: Der Beobachter zweiter Ord-
nung ist gegenüber anderen Beobachtern in keiner privilegierten
Position, er muß sich vielmehr gefallen lassen, daß er umgekehrt
selbst beobachtet und über seine blinden Flecke aufgeklärt wird. Der
Ideologiekritiker ist immer zugleich auch Ideologe. Damit verliert
der Begriff der Ideologiekritik aber seinen Sinn. Statt dessen kann
man davon sprechen, daß der Beobachter zweiter Ordnung immer
auch Beobachter erster Ordnung ist. "Der Beobachter zweiter Ord-
nung kann sich, wie gewohnt, zum Beobachter erster Ordnung 'kri-
tisch' einstellen, er kann sich ihm gegenüber ablehnend oder be-
lehrend verhalten, kann Übernahmeangebote unterbreiten (was wir
auch soeben tun) - aber er muß sich in seinem eigenen Beobachten
beobachten bzw. beobachten lassen. Er muß seine Instrumente of-
fenlegen, muß sich Wie-Fragen stellen." (EkS: 149f.)
Ferner braucht die Theorie sozialer Systeme nicht darauf zu ver-
zichten, alternative Möglichkeiten zu explizieren. Im Gegenteil: Die
Ermittlung anderer Möglichkeiten und der Vergleich möglicher Al-
ternativen, also die kontrastierende Gegenüberstellung funktional
190 Diagnose der Gesellschaft
äquivalenter Problemlösungsmöglichkeiten bildet die methodologi-
sche Grundlage des von Luhmann konzipierten Äquivalenzfunktiona-
lismus. Auch in dieser Hinsicht lassen sich somit eindeutige Paralle-
len zwischen einer kritischen Soziologie und der Theorie sozialer
Systeme aufzeigen. Dabei dürfen die Gegensätze aber nicht überse-
hen werden: Eine in kritischer Einstellung vorgenommene Explika-
tion funktional äquivalenter Möglichkeiten, die die Position eines Be-
obachters zweiter Ordnung einnimmt, kann nicht damit rechnen, daß
die Vorschläge in anderen gesellschaftlichen Bereichen unmittelbar
aufgegriffen werden. Die Soziologie als Teilsystem des Wissen-
schaftssystems als Teilsystem des Gesellschaftssystems produziert
"nur" wissenschaftliche Texte. Welche Auswirkungen diese Texte in
politischen, wirtschaftlichen, religiösen, pädagogischen, rechtlichen
und künstlerischen Kontexten haben, hängt nicht wiederum von wis-
senschaftsinternen Kriterien ab. Politik, Wirtschaft, Erziehung, Recht
und Kunst haben sich zu autonomen, selbstreferentiellen und damit
operativ geschlossenen Teilsystemen der modernen Gesellschaft aus-
differenziert, die von der Wissenschaft nicht kausal gesteuert werden
können. "Soziologische Kritik" bedeutet auf der Ebene der Beobach-
tung zweiter Ordnung auch und gleichzeitig immer eine Kritik der
Selbstüberschätzung soziologischer Theoriebildung. Damit wird
nicht jegliche gesellschaftliche Relevanz soziologischen Wissens
bestritten - dies allein schon deshalb nicht, weil es sich bei soziolo-
gischen und wissenschaftlichen Kommunikationen um gesellschafts-
interne Operationen handelt. Aber ein Einfluß der soziologischen
Theorie auf andere gesellschaftliche Teilbereiche wird damit nicht
ausgeschlossen. "Dennoch kann innerhalb theoretischer Diskussionen
genug 'Rauschen' und genug Irritation erzeugt werden, um die Se-
mantik der Funktionssysteme auf bisher nicht genutzte eigene Mög-
lichkeiten aufmerksam werden zu lassen." (SBR: 46f.).
Und drittens braucht die Theorie sozialer Systeme auch nicht da-
rauf zu verzichten, gesellschaftliche Gefahren und Risiken zu iden-
tifizieren. Im Gegensatz zur soziologischen Tradition kann es dabei
aber nicht darum gehen, ein normatives Gesellschaftsideal zu formu-
lieren und die reale Gesellschaft an diesem zu messen. Vielmehr
weist Luhmann auf eine alternative Form der Kritik hin. "Es ist
191 Diagnose der Gesellschaft
ebenso billig wie unverantwortlich, Ideale aufzustellen, denen die
Verhältnisse nicht genügen, und dann Klage zu führen über die noch
immer nicht eingelösten Versprechen der bürgerlichen Revolution.
Ich sehe in dieser Attitüde keine Theorie, geschweige denn kritische
Theorie. Geht man statt dessen von der Unwahrscheinlichkeit dessen
aus, was so gut wie normal funktioniert, kann man deutlicher und
vor allem genauer erkennen, wo das System in bezug auf seine eige-
nen strukturellen Erfordernisse inkonsequent und selbstgefährdend
operiert." (SozA 4: 132) Erst vor dem Hintergrund dieser Überle-
gung werden Luhmanns Betrachtungen zur ökologischen Selbstge-
fährdung der modernen Gesellschaft, die wir weiter oben bereits an-
gedeutet haben, verständlich. Die Theorie sozialer Systeme unter-
nimmt eine Explikation sozialer Problemlagen, indem sie die Folge-
wirkungen, die die moderne Gesellschaft auslöst, mit ihren eigenen
strukturellen Erfordernissen konfrontiert. Aus diesem Grunde scheint
uns die Behauptung falsch zu sein, daß Luhmann allein die positiven
Seiten der modernen Gesellschaft hervorhebt. Keine soziologische
Theorie, die den universalistischen Anspruch erhebt, die moderne
Gesellschaft insgesamt zu beschreiben, kann diese Seite ausblenden.
Von einem differenztheoretischen Ansatz läßt sich zudem lernen,
daß keine der zwei Seiten, also weder positive noch negative Aspek-
te, bei der Beobachtung der modernen Gesellschaft fehlen darf. Erst
dann kann man sehen, daß im Zuge des Modernisierungsprozesses
positive und negative Aspekte, Chancen und Risiken gleichermaßen
zugenommen haben. "Historisch geändert hat sich vor allem die fak-
tische Situation und damit die Erfahrungslage für die Beobachtung
der Gesellschaft. Wie nie zuvor ist deutlich, daß positive und negati-
ve Aspekte in einer unauflösbaren Weise verknüpft sind und durch
ein und dieselben Strukturbedingungen reproduziert werden. Der
technische Fortschritt führt zu Umweltschäden, die nur durch weite-
ren technischen Fortschritt mit einer immer stärkeren Technologie-
abhängigkeit der Gesellschaft abgeschwächt werden können. Das ra-
tionale Funktionieren der Funktionssysteme, und gerade das ratio-
nale Ausnutzen kleinster Differenzen, Chancen, Gelegenheiten er-
zeugt durch 'Abweichungsverstärkung' immense Ungleichheiten, für
die keine Funktion angegeben werden kann. Das gilt für die Wirt-
192 Diagnose der Gesellschaft
schaft, also für die Verteilung von Reichtum und Armut, aber auch
für die Erziehung und für die Chancen der Forschung. Die hohe Or-
ganisationsabhängigkeit der Funktionssysteme führt zu einer Ab-
hängigkeit von der 'bürokratischen' Logik der Selbstreproduktion
von Organisationen, die die Offenheit und Flexibilität der Funktions-
systeme erheblich einschränkt und ein ständiges Nichtausnutzen von
Chancen erzeugt. Entsprechend wächst die Diskrepanz zwischen Er-
wartungen und Wirklichkeiten, zwischen dem, was man als möglich
sieht, und dem, was dann faktisch geschieht." (SozA 4: 36)
Die damit angesprochenen gesellschaftlichen Problemlagen sind
nach Luhmann keine krisenhaften Erscheinungen, die mit Hilfe
kurzfristiger Veränderungen gelöst werden könnten. Der Begriff der
Krise suggeriert ein falsches Bild. Es handelt sich vielmehr um
strukturelle Effekte der modernen Gesellschaft selbst, die gerade
durch die Modernität der modernen Gesellschaft, also durch das
Prinzip der funktionalen Differenzierung, ausgelöst werden. "Wer
von Symptomen einer Krise spricht, hat die Hoffnung noch nicht
aufgegeben. Gerade in der Spannung zwischen Gefahr und Hoffnung
liegt der Appellcharakter des Begriffs. Die krisenhaften Erscheinun-
gen der Gegenwart werden auf Fehlentwicklungen, vor allem des In-
dustriekapitalismus, zurückgeführt, die man korrigieren kann. Noch
in den 70er Jahren konnte man lesen, daß die ökologischen Proble-
me der modernen Gesellschaft ein Phänomen des profitsüchtigen
Kapitalismus seien und unter sozialistischen Bedingungen nicht auf-
treten würden. Es muß gleichsam eine gute Gesellschaft hinter der
Gesellschaft geben, auf die man Strukturen und Effekte zurückdiri-
gieren kann. [...] Aber in dem Maße, als diese Krise soziologisch
erklärt wird, entsteht eine Gesellschaftstheorie, die die Krisenphäno-
mene nicht mehr nur als vorübergehend behandeln, nicht mehr nur
auf falsches Bewußtsein oder falsche Politik zurückführen kann,
sondern sie als strukturelle Effekte der modernen Gesellschaft be-
greifen muß. Und wenn eine solche realistische Begegnung der Ge-
sellschaft mit sich selbst erreicht ist: was könnte dann noch Kritik
besagen?" (EkS: 147f.)
Wir haben Luhmann in diesem letzten Abschnitt so ausführlich
zitiert, um zu zeigen, daß sich in seinen Schriften eine Reihe von
193 Diagnose der Gesellschaft
Bemerkungen finden, die zumindest die Richtung angeben, in der ei-
ne Antwort auf diese Fragestellung zu suchen wäre. Damit wollen
wir aber nicht behaupten, daß Luhmann selbst diese Frage in den
Vordergrund seines theoretischen Interesses gerückt hätte. Von den
oben angesprochenen drei Dimensionen des Kritikbegriffs (Explika-
tion latenter Strukturen, Entfaltung alternativer Möglichkeiten, Auf-
klärung gesellschaftlicher Problemlagen) scheint in seinen bisherigen
Schriften die erste Dimension zu dominieren. Uns kommt es ab-
schließend darauf an zu zeigen, daß sich auch die anderen beiden
Dimensionen im Rahmen einer Theorie sozialer Systeme aufnehmen
und stärker entfalten lassen. Dies deutet darauf hin, daß vieles in der
Theorie sozialer Systeme noch weitergedacht und umgeschrieben
werden muß. Die Theorie sozialer Systeme erhofft sich jedenfalls -
wie Luhmann bemerkt - Leser, die "hinreichend Geduld, Phantasie,
Geschick, Neugier mitbringen, um auszuprobieren, was bei solchen
Um schreib versuchen in der Theorie passiert" (SoSy: 14).
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