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DOI: 10.1002 / bate.

201200005

AUFSATZ ARTICLE
Hamid Sadegh-Azar*, Pierre Wörndle AUFSATZ

Menscheninduzierte Schwingungen:
Methoden, Ansätze und Beispiele zur Bewertung der
Gebrauchstauglichkeit von Bauwerken
Menscheninduzierte Schwingungen von Baustrukturen sind Human-induced Vibrations: Methods, procedures and
kein neues Phänomen, gewinnen aber infolge immer höherer examples for the assessment of structural serviceability
architektonischer Anforderungen (z. B. in Bezug auf Schlank- Human-induced vibrations are not a new phenomenon for
heit) und Gebrauchstauglichkeitsanforderungen immer mehr building structures, but due to increasing architectonical and
an Bedeutung. Insbesondere beim Bau von Konzertsälen, serviceability requirements (e.g. with respect to slenderness)
Stadien, Turn- und Sporthallen, Fußgängerbrücken und their influence and importance are growing. In particular, for
anderen leichten Konstruktionen ist die Beurteilung des the construction of concert halls, stadiums, gymnasiums and
Schwingungsverhaltens ein nicht zu vernachlässigender sports halls, pedestrian bridges and other slender and light
Bestandteil der gesamten Bemessung. Durch Menschen structures the assessment and evaluation of the vibrational
angeregte Schwingungen (z. B. durch Gehen, Wippen, Hüpfen behavior is an essential part of the overall design. Human-
und Springen) können bei diesen Bauwerken die Gebrauchs- induced vibrations (e.g. by walking, swaying, hopping and
tauglichkeit und ggf. sogar die Tragsicherheit empfindlich jumping) in these buildings can affect the serviceability, and
beeinträchtigen. Ziel dieses Beitrags ist das Aufzeigen der even the structural safety. The intension of this paper is to point
theoretischen Grundlagen einer menscheninduzierten Anre- out the theoretical basis and the methods and procedures for
gung sowie der Beurteilungsmöglichkeiten für Gebrauchstaug- the evaluation of structural serviceability and safety for human
lichkeit und Tragsicherheit, insbesondere für Tribünen und dem induced vibrations, especially for stand structures and the
hier maßgebenden Lastfall „Hüpfen“. Dies wird für ein konkre- corresponding dominant load case “jumping”. Also the
tes Beispiel aus der Praxis angewendet. Für die Abschätzung application of these methods and procedures is demonstrated
der menscheninduzierten Lasten und der zu erwartenden on a practical example. For the estimation of expected vibra-
Schwingungen wurde ein vereinfachtes Verfahren aus dem tions and human-induced loads, a simplified procedure, which
Erdbebeningenieurwesen adaptiert, welches hier vorgestellt originates from earthquake engineering, has been developed.
und diskutiert wird. This procedure and its application are presented and dis-
cussed.

Keywords Schwingungen, menscheninduzierte; Gebrauchstauglichkeit; Keywords human-induced vibrations; serviceability; response spectra
Antwortspektrumverfahren; Zeitverlaufsverfahren; Lasten, dynamische; method; time-history analysis; dynamic loads; concert halls; stadiums
Konzertsäle; Stadien

1 Einführung Die Beurteilung derartiger Schwingungen in Bezug auf


eine Belästigung des Menschen ist dabei noch komplexer
Menscheninduzierte Schwingungen von Baustrukturen als eine Beurteilung der reinen Schädigung der Bauwerke
sind kein neues Phänomen, gewinnen aber infolge immer oder von installierten Geräten. Neben rein technischen
höherer architektonischer Anforderungen (z. B. an die und physiologischen Aspekten sind ebenso soziale und
Schlankheit) und Gebrauchstauglichkeitsanforderungen psychologische Faktoren von Bedeutung. Die Schwierig-
immer mehr an Bedeutung. Insbesondere beim Bau von keit der zum Teil subjektiven Beurteilung hat zur Folge,
Konzertsälen, Stadien, Turn- und Sporthallen, Fußgän- dass keine einheitlichen internationalen Richtlinien vor-
gerbrücken und anderen leichten Konstruktionen ist die liegen. Inhalt dieses Beitrages ist das Aufzeigen der theo-
Beurteilung des Schwingungsverhaltens ein nicht zu ver- retischen Grundlagen einer menscheninduzierten Anre-
nachlässigender Bestandteil der gesamten Bemessung. gung sowie der Beurteilungsmöglichkeiten für die Belästi-
Durch Menschen angeregte Schwingungen (z. B. durch gung des Menschen. Dies wird für ein konkretes Beispiel
Gehen, Wippen, Hüpfen und Springen) können bei die- aus der Praxis angewendet. Für die praktische Anwen-
sen Bauwerken die Gebrauchstauglichkeit und ggf. sogar dung wird zudem ein vereinfachtes Verfahren aus dem
die Tragsicherheit empfindlich beeinträchtigen. Erdbebeningenieurwesen zur Abschätzung der zu erwar-
tenden Schwingungen und menscheninduzierten Lasten
vorgestellt und diskutiert. Die Möglichkeit zur Nutzung
*) Corresponding author: hamid.sadegh-azar@hochtief.de
Submitted for review: 29 January 2012
von Antwortspektren für menscheninduzierte Schwin-
Revised: 24 May 2012 gungen wurde bereits in [1] gezeigt. Hier werden die An-
Accepted for publication: 01 June 2012 sätze ausgeweitet, modifiziert und vervollständigt.

© Ernst & Sohn Verlag für Architektur und technische Wissenschaften GmbH & Co. KG, Berlin. Bautechnik 89 (2012), Heft 7 451
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Bei dem Anwendungsbeispiel handelt es sich um das Fuß-  t 


F(t) = kP ⋅ Q ⋅ sin  π  für t ≤ tP
ballstadion von Borussia Mönchengladbach.  tP 

= 0 für tP < t ≤ TP
2 Menscheninduzierte Schwingungen
mit
Generell kann die Anregung von Schwingungen durch
Menschen eingeteilt werden in: kP dynamischer Stoßfaktor = Fmax/Q, s. Bild 2
Fmax Maximalwert der Last
– periodisch koordinierte Aktivitäten auf einer festgeleg- Q Eigengewicht einer durchschnittlichen Person
ten Fläche (0,8 kN)
– Personen, die ein Bauteil/Bauwerk überqueren tP Kontaktdauer
– Einzelimpulse; diese resultieren z. B. aus von Objek- TP Hüpfperiode
ten oder Treppen springenden oder aufprallenden Per-
sonen Vereinfacht kann der für die obigen Gleichungen benötig-
te dynamische Stoßfaktor kP folgendermaßen bestimmt
Zu den periodisch koordinierten Aktivitäten gehören werden (Bild 2):
z. B.: Klatschen, Fußstampfen, Wippen, Hüpfen.
π TP
kP = ⋅
Periodische Lasten können das Bauwerk oder Bauteile 2 tP
aufschaukeln und hohe Beschleunigungen und Schwing-
geschwindigkeiten verursachen. Die Beanspruchung Hierbei geht man davon aus, dass bei gleicher Impulsän-
durch dynamische Lasten kann zu einer Beeinträchtigung derung das Integral des zeitlichen Verlaufs der dynami-
des Wohlbefindens der Menschen bis hin zu Auslösung schen Last über die Periodendauer TP gleich dem Integral
von Panik und in ungünstigen Fällen sogar zu einer Ge- der statischen Last sein muss. Diese Annahme ist zwar
fährdung der Standsicherheit der Baustruktur führen. Die nicht ganz zutreffend, die durchgeführten dynamischen
periodische Anregung durch Hüpfbewegungen stellt Last-Messungen zeigen jedoch eine ausreichende Über-
dabei die stärkste Anregung dar und wird nachfolgend einstimmung in der Praxis. Der Ansatz wird auch in der
näher erläutert. entsprechenden Fachliteratur empfohlen (z. B. in [2]).

Die dynamische Last F(t), die eine Person mit einem Ge- Je nach Hüpfart variieren die Kontaktdauer und Hüpf-
wicht Q beim Hüpfen verursacht, ist beispielhaft in Bild 1 periode und somit auch der Stossfaktor (Bild 2). Typische
dargestellt. Hüpffrequenzen
1
Wie aus diesem Bild zu erkennen ist, kann der Zeitver- fP =
TP
lauf hinreichend genau durch die Funktion des Halbsinus
beschrieben werden: liegen zwischen 1,5 und 3,0  Hz (im Extremfall bis
3,5 Hz).

Für analytische Berechnungen kann es unter anderem


sinnvoll sein, den zeitlichen Verlauf der Last alternativ als
Summe von mehreren harmonischen Funktionen in Form
einer Fourier-Reihe darzustellen. Die Funktion lautet:

Bild 1 Beispiel für dynamische Last F(t), die eine Person mit einem Gewicht
Q beim Hüpfen verursacht (1 gemessen, 2 idealisiert durch
Halbsinus, t: Zeit [s])
Example of a dynamic load F(t), induced by a jumping person with a Bild 2 Dynamischer Stoßfaktor kp = Fmax/Q bei Hüpfen
weight of Q (1 measured, 2 fitted half sine wave, t: time [s] Dynamic impact factor kp = Fmax/Q for jumping

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AUFSATZ ARTICLE

F(t ) = a0 + ∑  an ⋅ cos ( n ⋅ ω 0 ⋅ t ) + bn ⋅ sin ( n ⋅ ω 0 ⋅ t )
n =1

mit der Grundfrequenz

2 ⋅π
ω0 =
TP

Die einzelnen Fourier Koeffizienten bestimmen sich zu:

2 ⋅ kP ⋅ Q ⋅ tP
a0 = =Q
π ⋅ TP

 t 
2 ⋅ Q ⋅ cos2  n ⋅ π ⋅ P 
 TP  Bild 3 Koordinierungsfaktor C(N) in Abhängigkeit von der Koordinierbarkeit
an = und Gruppengröße für Hüpfen oder Springen nach [4]
t2
1− 4 ⋅ n2 ⋅ P Coordination factor C(N) for jumping depending on the number of
TP2 participants and the individual rhythmic abilities [4]

 t   t 
2 ⋅ Q ⋅ cos  n ⋅ π ⋅ P  ⋅ sin  n ⋅ π ⋅ P  schauer sind in der Lage, einigermaßen synchrone Be-
 TP  TP wegungen auszuführen.
bn =
tP2 – niedrige Koordinierbarkeit: in Rock- und Popkonzer-
1 − 4 ⋅ n2 ⋅ ten, wo die meisten Zuschauer unerfahren in der
TP2
Durchführung synchroner Bewegungen sind

Einen Anhaltswert für den Höchstwert von kP ergibt sich In Bild 3 ist der Koordinierungsfaktor nach [4] in Abhän-
aus der Beobachtung, dass aus physiologischen Gründen gigkeit der Koordinierbarkeit und Gruppengröße für
beim Hüpfen einer Einzelperson eine Kontaktdauer tP = Hüpfen/Springen vereinfacht dargestellt. Die Werte gel-
0,15 s kaum unterschritten werden kann. Dies wird durch ten für Untersuchungen zur Gebrauchstauglichkeit und
eigene Messungen sowie durch weitere Literaturangaben die erste Harmonische der Anregung. Für die zweite und
(z. B. Tabelle 9 in [3]) untermauert. Typische Werte liegen dritte Harmonische sind kleinere Werte zulässig.
jedoch bei tP = 0,20 s.
In Messungen werden insbesondere bei der Anregung
Setzt man darin den praktischen Mindestwert für die durch die zweite und dritte Harmonische deutlich gerin-
Hüpffrequenz fP = 1,5 Hz ein, so ergibt sich aus Bild 2 der gere Koordinationsfaktoren beobachtet. Bei einer hüpfen-
entsprechende rechnerische Wert für den Stoßfaktor den Personenanzahl von über 40 Personen betrug z. B.
einer Einzelperson zu kP = 5 bis 6, was etwa mit den der Koordinationsfaktor nur noch ca. 0,2 bis 0,3 bei Anre-
Höchstwerten aus bei HOCHTIEF durchgeführten Ver- gung durch die dritte Harmonische.
suchen übereinstimmt.
Eine weitere Einflussgröße ist die Dauer der Anregung.
Der Effekt mehrerer Personen oder einer Gruppe kann Besonders bei Strukturen mit geringer Dämpfung (< 1 %)
vereinfacht durch einen Koordinierungsfaktor C(N) aus- muss die Struktur ausreichend lange angeregt werden,
gedrückt werden: um die Maximalwerte der Schwingamplituden zu errei-
chen. Je geringer der Dämpfungsgrad ist, desto mehr
FN(t) = F(t) ⋅ C(N), Hüpfzyklen sind nötig, um den vollen Resonanzeffekt zu
erzeugen. Dies ist dadurch begründet, dass man für die
wobei N die Anzahl der Personen ist, die koordiniert ein starken Aufschwing-Effekte bei geringer Dämpfung auch
Bauteil anregen. eine dementsprechend hohe Energie dem System zufüh-
ren muss. Exemplarisch ist in Bild 4 der Aufschwingver-
Je größer die Gruppe ist, desto größer werden die Abwei- lauf eines Einmassenschwingers mit einer Eigenfrequenz
chungen in Takt und Phase beim Hüpfen der Personen. von 2,5 Hz für verschiedene Dämpfungen bei einer Hüpf-
Der Koordinierungsfaktor hängt von der Größe und der frequenz von 2,5 Hz dargestellt. Es ist hinzuzufügen, dass
Koordinierbarkeit der Gruppe ab. Die Koordinierbarkeit bei hohen Frequenzen die Energie schneller in das Sys-
kann folgendermaßen beschrieben werden: tem eingebracht werden kann als bei niedrigen (Bild 5).
Bei kleinen Eigenfrequenzen und geringen Dämpfungs-
– hohe Koordinierbarkeit: Sportler in Turnhallen, die werten (< 1 %) werden Zeitverläufe mit einer Dauer von
trainiert und erfahren in der Durchführung synchro- über 80  s empfohlen, um Aufschwing-Effekte möglichst
ner Aktivitäten sind korrekt zu erfassen (s. Bilder 4 und 5). In der Praxis ist es
– mittlere Koordinierbarkeit: in Stadien, wo die Zu- jedoch sehr schwer, über einen so langen Zeitraum ein
schauer ein Sportereignis verfolgen. Die meisten Zu- koordiniertes Hüpfen aufrecht zu erhalten.

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Bild 4 Aufschwingverlauf über die Zeit für verschiedene Dämpfungswerte Bild 5 Aufschwingverlauf über die Zeit für verschiedene Dämpfungswerte
bei einer Hüpffrequenz von 2,5 Hz bei einer Hüpffrequenz von 1,5 Hz
Response amplification over time for different damping values for a Response amplification over time for different damping values for a
jumping frequency of 2.5 Hz jumping frequency of 1.5 Hz

Tab. 1 Fourierkoeffizienten für verschiedene Anregungsszenarien [4]


Fourier coefficients for various load cases [4]

Aktivität Frequenz [Hz] Fourierkoeffizienten

α1 α2 α3

Schunkeln 0,5 – 1,5 0,25 0,05 –


Vertikale Aktivität von sitzenden Personen 1,5 – 3,0 0,5 0,25 0,15
Koordiniertes Hüpfen 1,5 – 3,5 2,1 – 0,15 × (f) 1,9 – 0,17 × (2 × f) 1,25 – 0,11 × (3 × f)
Gehen vertikal 1,2 – 2,4 0,37 × (f – 1,0) 0,1 0,06
Gehen horizontal 1,2 – 2,4 0,1 – –
Laufen vertikal 2,0 – 4,0 1,4 0,4 0,1
Laufen horizontal 2,0 – 4,0 0,2 – –
Treppensteigen vertikal 1,2 – 4,5 1,1 0,22 –

Auch das Gehen von Personen kann ein Bauwerk zu Beispiel für diesen Effekt stellt die Millennium-Bridge in
Schwingungen anregen. Für ein normales Gehen mit London dar. Weiterführende Ansätze zur Beschreibung
ständigem Bodenkontakt sind Schrittfrequenzen zwi- des Gehens findet man z. B. in [10] und [11].
schen 1,2 und 2,4 Hz möglich. Neben der vertikalen fin-
den auch horizontale Einwirkungen statt. In horizontaler Die allgemeinen vertikalen und horizontalen Anregungs-
Richtung übt eine gehende Person sowohl in Längs- als funktionen für diverse menschliche Anregungszenarien
auch in Querrichtung Kräfte auf den Untergrund aus, die können folgendermaßen vereinfacht quantifiziert wer-
auf das Pendeln des Massenschwerpunktes zurückzufüh- den:1)
ren sind. Die Anregungsfrequenz ist dabei halb so groß n
wie in vertikaler Richtung und liegt somit im Bereich von Fv (t ) = Q + ∑ Q ⋅ α i ⋅ sin(2 ⋅ π ⋅ i ⋅ f ⋅ t )
0,6 bis 1,2  Hz. Da ein Fußgänger sich beim Gehen und i =1

Laufen den Bewegungen eines horizontal schwingenden


n
∑ Q ⋅ α i ⋅ sin(2 ⋅ π ⋅ i ⋅ f ⋅ t )
Untergrundes anpasst, kann es passieren, dass sich bei
Fh (t ) =
einer niedrigen Querfrequenz der Struktur immer mehr
i =1
Fußgänger miteinander synchronisieren. Der Koordinati-
onsfaktor kann in diesem Fall sehr groß werden (theore- Die entsprechenden Fourierkoeffizienten α1 in dieser
tisch bis zum Faktor von 1). Innerhalb von wenigen Se- Gleichung sind in Tabelle 1 zusammengefasst. Wie aus
kunden kann dieser Effekt sich soweit verstärken, dass den Werten dieser Tabelle zu erkennen ist, wird das Anre-
ein normales Gehen nicht mehr möglich ist. Bekanntestes gungszenario „Koordiniertes Hüpfen“ in Bezug auf die
vertikalen dynamischen Lasten und Schwingungen in der
Regel maßgebend.

1) Es sei darauf hingewiesen, dass in der ISO 10137 die Funktion für die Die Beurteilung, wie stark Strukturen durch eine mensch-
horizontale Anregung fehlerhaft abgedruckt ist. liche Anregung belastet werden, kann mithilfe von soge-

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nannten Antwortspektren erfolgen und veranschaulicht
werden. Das Verfahren besitzt im Erdbebeningenieurwe-
sen eine weite Verbreitung und kann auch für menschlich
induzierte Schwingungen angewendet werden. Die Mög-
lichkeit zur Nutzung von Antwortspektren für menschen-
induzierte Schwingungen wurde bereits in [1] gezeigt.
Hier werden die Ansätze ausgeweitet, modifiziert und
vervollständigt.

Dabei wird für eine vorgegebene Anregung die Antwort


einer Anzahl von Einmassenschwingern unterschiedli-
cher Eigenfrequenz ermittelt. Um den Einfluss der Dämp-
fung zu beurteilen, wird in einem nächsten Schritt dieses
Antwortspektrum für verschiedene Dämpfungen der
Struktur ermittelt. Auf diese Weise kann für das Modell
des Einmassenschwingers schnell der Einfluss der Anre-
gung auf ein Bauwerk mit einer bestimmten Strukturfre-
quenz fe und einer dazugehörigen Dämpfung abgeschätzt
werden. Zur Ermittlung der Strukturfrequenz wird die ef-
fektive Masse meff sowie die dazugehörige effektive Stei-
figkeit keff benötigt (s. Tab. 2). Die Strukturfrequenz er- Bild 6 Anwendung des Antwortspektrum-Verfahrens auf Lastfall „Hüpfen“
Application of the response-spectrum method for loadcase
mittelt sich zu: “jumping”

1 keff 1 ϕL ⋅ k
fe = ⋅ = ⋅
2 ⋅π meff 2 ⋅ π ϕM ⋅ m
nach Anregung unterschiedlich zu bewerten. Bei Anre-
Dabei bezeichnet k die Federsteifigkeit und m die voll- gungen, bei denen ein ständiger Kontakt zur angeregten
ständige Masse des tatsächlichen Systems. Die in Tabel- Struktur vorhanden ist (Gehen, Wippen, ...), wirkt die Zu-
le 2 aufgeführten Faktoren beziehen sich jeweils auf die schauermasse bei der Ermittlung der Eigenfrequenz voll
erste Biegeeigenfrequenz des jeweiligen Systems. mit. Bei einer Hüpfanregung befinden sich die Menschen
hingegen zu einem großen Teil in der Luft und besitzen
Durch die Anregung können Stahlbetonstrukturen durch zu dieser Zeit keinen Kontakt zur Struktur. Es wird für
Rissbildung ggf. von Zustand I in Zustand II übergehen. Hüpfanregungen empfohlen, Grenzbetrachtungen mit
Gerade bei nicht vorgespannten Stahlbetonstrukturen unterschiedlichen Annahmen zur mitschwingenden
kann unter der Belastung einer hüpfenden Menschen- Masse und Dämpfung zu führen.
menge die Eigenfrequenz des Systems deutlich niedriger
ausfallen und die Ergebnisse hinsichtlich der maximalen Kennt man die Strukturfrequenz, kann aus den unter-
Schwingungen negativ beeinflussen. Bei vorgespannten schiedlichen Antwortspektren direkt die Antwort des Sys-
Stahlbetonelementen und Stahlkonstruktionen ist der tems, wie z. B. der dynamische Vergrößerungsfaktor/Last-
Einfluss der veränderten Steifigkeit deutlich geringer. faktor oder Maximalbeschleunigungen oder Geschwin-
Dies wird auch durch die Untersuchungen in [6] bestätigt. digkeiten abgelesen werden (Bild 6). Bei einer verteilten
Last (Anregung gemäß Tabelle 2) muss die Last (= q · L,
In welchem Maß die Masse der Zuschauer für die Ermitt- q gleichmäßig verteilte Last, L Länge) noch mit dem Be-
lung der Eigenfrequenz berücksichtigt werden sollte, ist je lastungsfaktor ϕL multipliziert werden.

Tab. 2 Belastungsfaktor, Massenfaktor sowie die dazugehörige Steifigkeit k für typische statische
Systeme
Load factor, mass factor and stiffness k for typical structural systems

Belastungsfall Belastungsfaktor ϕL Massenfaktor ϕM Federsteifigkeit k


384 ⋅ EI
0,64 0,5
5 ⋅ L3
185 ⋅ EI
0,58 0,45
L3
384 ⋅ EI
0,53 0,41
L3
8 ⋅ EI
0,40 0,26
L3

Bautechnik 89 (2012), Heft 7 455


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Das Kraftspektrum (entspricht dem dynamischen Last-


faktor) für die Anregung „Hüpfen“ (aus Bild 1) ist in
Bild  7 für verschiedene Hüpffrequenzen (fP = 1,5–
3,5 Hz) und Dämpfungswerte dargestellt. Es zeigt die
Relation der effektiven dynamischen (quasi-statischen
Ersatzlast) zur statischen Last. Da in der Regel mehrere
Hüpffrequenzen zu unterstellen sind, kann in der Praxis
mit den abdeckenden Spektren aus Bild 7 gerechnet
werden.

Die Maximalwerte der zu erwartenden Beschleunigungen


und Geschwindigkeiten der Struktur können aus den ent-
sprechenden Spektren (Bilder 8 und 9) entnommen wer-
den. Die Spektralwerte der Beschleunigungen und Ge-
schwindigkeiten gelten für Einheitslasten (Hüpfge- Bild 7 Kraftspektrum (quasistatische Ersatzlast bzw. dynamischer
wicht/Eigengewicht Q = 1  kN) und Einheitsmassen der Lastfaktor) für die Anregung Hüpfen (Hüpffrequenz fP =1,5 bis 3,5 Hz,
tP = 0,2 s, Q = 1 kN)
Struktur (meff in t). Diese müssen noch mit der effektiven Load spectrum (quasi-static load or dynamic load factor) for
Last (ϕL ⋅ Q in kN ⋅ Anzahl der Personen ⋅ C(n)) multipli- loadcase jumping (jumping frequency fP = 1.5–3.5 Hz, tP = 0.2 s,
ziert und durch effektive Masse der Struktur (meff in t) ge- Q = 1 kN)
teilt werden.

Das Dämpfungsmaß D setzt sich aus dem Anteil der


Strukturdämpfung bzw. Materialdämpfung und dem An-
teil der „passiven“ Zuschauer zusammen. Je nach Art der
Anregung kann der Anteil der passiven Zuschauer jedoch
stark unterschiedlich sein. Die empfohlenen Dämpfungs-
werte D für Untersuchungen zur Gebrauchstauglichkeit
liegen je nach Material und Konstruktion typischerweise
zwischen 0,4 und 2 % (Lehr’sches Dämpfungsmaß). Dies
wurde durch eigene Messungen bestätigt und wird auch
durch Literaturangaben (z. B. [9]) untermauert. Da diese
Werte in der Praxis sehr stark streuen, sollte die Dämp-
fung vorzugsweise durch Schwingungsmessungen ermit-
telt werden.

Aus eigenen Schwingungsuntersuchungen konnte der Bild 8 Beschleunigungsantwortspektrum: Maximalwerte der zu erwarten-
den Beschleunigungen der Struktur (Hüpffrequenz fP = 1,5 bis 3,5 Hz,
Dämpfungsbeitrag der passiven Zuschauer für diese kon-
tP = 0,2 s, Q = 1 kN)
kreten Fälle näherungsweise mit D = 1 bis 2 % abge- Acceleration Response Spectrum: Expected maximum acceleration
schätzt werden. Insgesamt liefern die eigenen Messungen values of the structure (jumping frequency fP = 1.5–3.5 Hz, tP = 0.2 s,
folgende Anhaltswerte für den Ansatz des Dämpfungsma- Q = 1 kN)
ßes bei Hüpfanregung:

Stahlkonstruktionen D = 1,5 bis 3 %


Stahlbetonkonstruktionen D = 2,5 bis 5 %

Analog zu den entwickelten Antwortspektren für den


Lastfall „Hüpfen“ werden ergänzend die Antwortspek-
tren für den Lastfall „Gehen vertikal“ (Bilder 10 bis 12)
und „Gehen horizontal“ (Bilder 13 bis 15) dargestellt.

Wie man aus diesen Bildern erkennen kann, kommt es


bei Bauteilen mit hohen Frequenzen (f1 > 7,0 Hz) kaum
zu Überhöhungen. Bei Bauteilen mit niedrigen Frequen-
zen dagegen können die dynamischen Lasten einem Viel-
fachen der statischen Lasten entsprechen. Die FIFA emp-
fiehlt in [8] einen minimalen Flächenbedarf einer Einzel-
person von 0,40  m² (50  cm breit und 80  cm tief) in Bild 9 Geschwindigkeitsantwortspektrum: Maximalwerte der zu erwarten-
den Geschwindigkeiten der Struktur (Hüpffrequenz fP = 1,5 bis 3,5 Hz,
modernen mit Sitzplätzen ausgestatteten Fußballstadien. tP = 0,2 s, Q = 1 kN)
Bei Konzertsälen ist die Dichte der Bestuhlung gleich Velocity Response Spectrum: Expected maximal velocity values of
oder nur geringfügig abweichend. Das entspricht einer the structure (jumping frequency fP = 1.5–3.5 Hz, tP = 0.2 s, Q = 1 kN)

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Bild 10 Kraftspektrum (quasistatische Ersatzlast bzw. dynamischer Bild 13 Kraftspektrum (quasistatische Ersatzlast bzw. dynamischer Last-
Lastfaktor) für die Anregung Gehen vertikal (Gehfrequenz fP = 1,2 bis faktor) für die Anregung Gehen horizontal (Gehfrequenz fP = 1,2 bis
2,4 Hz) 2,4 Hz)
Load spectrum (quasi-static load or dynamic load factor) for Load spectrum (quasi-static load or dynamic load factor) for
loadcase walking vertical (walking frequency fP = 1.2–2.4 Hz) loadcase walking horizontal (walking frequency fP = 1.2–2.4 Hz)

Bild 11 Beschleunigungsantwortspektrum: Maximalwerte der zu erwarten- Bild 14 Beschleunigungsantwortspektrum: Maximalwerte der zu erwarten-
den Beschleunigungen der Struktur für die Anregung Gehen vertikal den Beschleunigungen der Struktur für die Anregung Gehen
(Gehfrequenz fP = 1,2 bis 2,4 Hz, Q = 1 kN) horizontal (Gehfrequenz fP = 1,2 bis 2,4 Hz, Q = 1 kN)
Acceleration Response Spectrum: Expected maximum acceleration Acceleration Response Spectrum: Expected maximum acceleration
values of the structure for loadcase walking vertical (walking values of the structure for loadcase walking horizontal (walking
frequency = 1.2–2. 4 Hz, Q = 1 kN) frequency fP = 1.2–2,4 Hz, Q = 1 kN)

Bild 12 Geschwindigkeitsantwortspektrum: Maximalwerte der zu erwarten- Bild 15 Geschwindigkeitsantwortspektrum: Maximalwerte der zu erwarten-
den Geschwindigkeiten der Struktur für die Anregung Gehen vertikal den Geschwindigkeiten der Struktur für die Anregung Gehen hori-
(Gehfrequenz fP = 1,2 bis 2,4 Hz, Q = 1 kN) zontal (Gehfrequenz fP = 1,2 bis 2,4 Hz, Q = 1 kN)
Velocity Response Spectrum: Expected maximal velocity values Velocity Response Spectrum: Expected maximal velocity values of
of the structure for loadcase walking vertical (walking frequency the structure for loadcase walking horizontal (walking frequency
fP = 1.2–2.4 Hz, Q = 1 kN) fP = 1.2–2.4 Hz, Q = 1 kN)

Bautechnik 89 (2012), Heft 7 457


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statischen Flächenlast der Personen von 2  kN/m². Nur Hüpfanregung prognostiziert. Anschließend werden die
aufgrund der Hüpfanregung kann bereits eine Erhöhung ermittelten Werte mit einer durchgeführten Schwingungs-
der statischen Last bis zu einem Faktor von 4 resultieren. messung verglichen.
Kommen dann noch Resonanzeffekte hinzu, können ef-
fektive Belastungen von 10  kN/m² und höher erreicht Die Querschnittswerte der Tribünenstufenelemente betra-
werden. gen:

Die meist angesetzte quasi-statische Verkehrslast (z. B. A = 0,315 m²


5 kN/m2 bei Tribünen mit fester Bestuhlung) deckt in die- Ixx = 0,074550 m4
sen Fällen keineswegs die dynamischen Lasten ab. Dies Iyy = 0,437362 m4
gilt sowohl bei den Tragfähigkeitsnachweisen als auch Ixy = 0,171181 m4
beim Nachweis der Gebrauchsfähigkeit. ϕ = 27,789°
Ixi = 0,005164 m4
Um unzulässige Schwingungen zu vermeiden, werden Iη = 0,102520 m4
daher minimale Grundfrequenzen f1 empfohlen. Für Bau-
teile in Konzertsälen sind die Richtwerte gemäß [2] bei- Für die Ermittlung der Eigenfrequenz sind die Hauptträg-
spielsweise: heitsmomente maßgebend. Das statische System der
Querträger entspricht einem gelenkig gelagerten Einfeld-
Stahlbetonkonstruktionen f1 > 6,5 Hz träger. Unter Anwendung der Tabelle 2 können die effek-
Spannbetonkonstruktionen f1 > 7,0 Hz tive Steifigkeit sowie die effektive Masse ermittelt wer-
Verbundkonstruktionen f1 > 7,5 Hz den. Bei einer Spannweite der Elemente von 10,45  m
Stahlkonstruktionen f1 > 8,0 Hz (Abstand von Hauptträger zu Hauptträger) bestimmt sich
die Eigenfrequenz zu:

3 Fallbeispiel Fußballstadion 1 keff


Borussia Mönchengladbach fe = ⋅ =
2 ⋅π meff

Das Fußballstadion von Borussia Mönchengladbach


wurde zum großen Teil aus Fertigteil-Elementen aus kN
0, 64 ⋅ 384 ⋅ 35000000 ⋅ 0, 005164 m 4
Stahlbeton hergestellt. Die Konstruktion besteht im We- 1 m2
= ⋅ =
sentlichen aus Tribünenbinder und darauf quer verlaufen- 2 ⋅π 0, 5 ⋅ 5 ⋅ (10, 45 m)3 ⋅ 8, 229 t
den Tribünenstufenelementen (Bild 16).
= 6, 92 Hz
Im Folgenden wird mittels der entwickelten Hüpfspek-
tren die maximal mögliche Beschleunigung infolge einer

Bild 16 Ansicht an Tribünenbinder und Darstellung Querschnitt Tribünenstufenelemente


View of longitudinal beams and the cross-section of the transverse beam

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Die aus dem Spektrum abgelesenen Werte sind noch mit
einem Koordinierungsfaktor (0,5), dem angesetzten Ge-
wicht der Personen (0,8 kN) sowie mit dem Last-Faktor
(0,64) und der effektiven Masse meff zu multiplizieren.
Weiterhin ist zu berücksichtigen, dass aufgrund der ge-
drehten Hauptachsen des Querschnitts nur ein Teil der
vertikalen Anregung in Richtung der maßgebenden Ei-
genform wirkt (Bild 17).

Es ergibt sich eine vektorielle maximale Beschleunigung


(in Richtung y′) von:

Anzahl ⋅ aspek ⋅ Koordinationsfak. ⋅


⋅ Gewichtsfak. ⋅ Lastfak. ⋅ Richtungsfak.
ay ′ =
meff

Bild 17 Darstellung der Hauptachsen und Aufteilung der Anregungskraft


Für die betrachteten Dämpfungswerte und einer abge-
Representation of the principal axes and the distribution of the
excitation force schätzten Zahl von 28 anregenden Personen (14 je Stufe)
ergibt sich:
m
28 ⋅ 3, 8 ⋅ 0, 5 ⋅ 0, 8 ⋅ 0, 64 ⋅ 0, 88467
ay′ (2%) = s2 = 5, 9
m
4,115 t s2

m
28 ⋅ 2, 8 ⋅ 0, 5 ⋅ 0, 8 ⋅ 0, 64 ⋅ 0, 88467
ay′ (3%) = s2 = 4, 3
m
4,115 t s2
Eine Rückrechnung der Beschleunigung in Richtung der
Hauptachsen in die globale vertikale Richtung ergibt ma-
ximale vertikale Beschleunigungen von:
Bild 18 FE-Modell der Konstruktion (Schalenelemente) und erste Eigenform m m
(6,9 Hz) aυ (2%) = cos(ϕ ) ⋅ ay′ (2%) = 0, 88467 ⋅ 5, 9 = 5, 2
2
Structural FE-Model (shell elements) and first mode shape (6.9 Hz) s s2

m m
aυ (3%) = cos(ϕ ) ⋅ ay′ (3%) = 0, 88467 ⋅ 4, 3 = 3, 8
2
s s2
Durch detaillierte dynamische Zeitverlaufsberechnungen
mit einem FE-Modell der Konstruktion (Schalenelemen-
te, Bild 18) ergeben sich maximale vertikale Beschleuni-
gungen von 4,3 m/s² (Bild 19, Anregung mit einer Hüpf-
frequenz von 6,9/2 = 3,45 Hz, 28 Personen als Linienlast
verteilt, Dämpfung D = 2 %). Hieraus ist ersichtlich, dass
die hier vorgestellte vereinfachte Antwortspektrumsme-
thode durchaus zuverlässige und für die Praxis ausrei-
chend genaue Ergebnisse liefert.

Für die Schwingungsmessungen standen zwei Doppelstu-


Bild 19 Resultierende Beschleunigungen in Feldmitte aus den detaillierten fen, die zur Erprobung der Herstellung gefertigt wurden,
Zeitverlaufsberechnungen mit dem FE-Modell (Bild 18) zur Verfügung (Bild 20).
Resulting mid-span accelerations from the detailed time-history
analysis with the FE-model (Fig. 18)
Die unterste Eigenfrequenz der Stufenbalken konnte in
den Versuchen eindeutig identifiziert werden (Bild 21).
Es wird eine Hüpfanregung mit einer typischen Hüpffre- Sie liegt im Fall ohne Verkehrslast etwas über 7 Hz und
quenz fP zwischen 1,5 und 3,5  Hz unterstellt, weiterhin bestätigt die rechnerisch ermittelte Eigenfrequenz.
ein typisches Personengewicht von 0,8 kN und eine Kon-
taktdauer tP von 0,2 s. Aus dem Beschleunigungsantwort- Aus der Abklingkurve der Geschwindigkeit nach einer
spektrum für eine Dämpfung von 2 % (Bild 8) ergibt sich stoßartigen Anregung kann direkt auf die vorhandene
bei einer Strukturfrequenz von 6,9  Hz ein Rechenwert Dämpfung der Struktur geschlossen werden. Der Zeitver-
von ca. 3,8  m/s2. Für eine Dämpfung von 3 % ergeben lauf nach einer solchen Anregung ist in Bild 22 darge-
sich 2,8 m/s². stellt.

Bautechnik 89 (2012), Heft 7 459


H. Sadegh-Azar, P. Wörndle: Menscheninduzierte Schwingungen: Methoden, Ansätze und Beispiele zur Bewertung der Gebrauchstauglichkeit von Bauwerken

Bild 20 Vorgefertigte Doppelstufen-Elemente Bild 22 Geschwindigkeitszeitverlauf nach Anregung durch einen Einzelstoß
Precasted doublestair elements Velocity time history after a short impact

Bild 21 Fourieranalyse nach Anregung durch einen Einzelstoß Bild 23 Anordnung der Menschen für die Hüpf-Anregung
Fourier analysis of a single impact Arrangement of the people for the jump-excitation

Das Lehr’sche Dämpfungsmaß kann mit folgender For- Die berechneten Eigenfrequenzen stimmten in diesem
mel ermittelt werden: Beispiel sehr gut mit den gemessenen überein, wobei bei
der Bestimmung der rechnerischen Querschnittssteifig-
1 1  u  keit der ungerissene Betonquerschnitt (Zustand I) ange-
D= ⋅ ⋅ ln  1 
2π n  un+1  setzt wurde. Bemerkenswert war, dass die Risse im
Beton, die sich bei den Versuchen unter der Belastung
Für den vorliegenden Fall ergibt sich ein Dämpfungsmaß durch Ballast (Betonklötze) und durch die hüpfenden
zwischen 2und 3 % der kritischen Dämpfung. Die Kon- Personen ausbildeten, sich nur geringfügig auf die unters-
struktion wurde nach Durchführung der Eigenfrequenz- te Eigenfrequenz ausgewirkt haben. Die Steifigkeitsab-
messung durch ein koordiniertes Hüpfen einer Men- nahme betrug nur ca. 4 % gegenüber dem Ausgangszu-
schengruppe im Bereich der halben Strukturfrequenz an- stand. Dies ist sicher auch dadurch zu erklären, dass die
geregt. sich einstellenden Rissbreiten durchweg kleiner als
0,1 mm waren.
Bei einer Anregung von 42 Personen wurde eine maxima-
le vertikale Beschleunigung von 3,7  m/s² gemessen Beim Hüpfen von 16 Personen wurden maximal 70 % der
(Bild  23). Bei der Aufteilung der 42 Personen auf drei Amplituden gemessen, die mit 42 Personen maximal er-
Treppenstufen ergibt sich eine Belegung je Treppenstufe reicht wurden, beim Hüpfen von zehn Personen etwa
von 14 Personen. Für das obere Element ergibt sich somit 50 % und beim Hüpfen von vier Personen etwa 40 %. Hie-
eine hüpfende Menschenmenge von 28 Personen. raus zeigt sich nochmals, dass der Wirkungsgrad der hüp-
fenden Personen mit wachsender Zahl stark abnimmt.
Verglichen mit der maximalen Beschleunigung der Be-
rechnung (5,2  m/s² bei D  = 2 %; 3,8  m/s² bei D  = 3 %), Abschließend bleibt zu erwähnen, dass die beteiligten
zeigt sich eine zufriedenstellende Prognose im Rahmen Personen selbst bei den stärksten Schwingungen von bis
der gegebenen Unsicherheiten (Dämpfung sowie Syn- zu 3,7 m/s² keine Anzeichen von Unwohlsein oder Ängst-
chronität der hüpfenden Menschenmenge). lichkeit zeigten. Dies ist vor allem dadurch zu erklären,

460 Bautechnik 89 (2012), Heft 7


H. Sadegh-Azar, P. Wörndle: Human-induced vitrations: Methods, procedures and examples for the assessment of structural serviceability

AUFSATZ ARTICLE
– Entwurf VDI 2038: Gebrauchstauglichkeit von Bau-
werken bei dynamischen Einwirkungen, Nov. 2010 [7]

In der ISO 10137 werden die zwei Grenzzustände „Upper


Comfort Limit“ und „Lower Panic Limit“ für Tribünen de-
finiert (s. Bild 24), die nicht überschritten werden dürfen:

– Upper Comfort Limit: Grenzwert für den Komfort der


passiven (nicht an der Anregung beteiligten) Zuschau-
er
– Lower Panic Limit: Er dient der Sicherheit der Zu-
schauer, damit bei passiven und auch bei aktiven Zu-
schauern durch Schwingungen keine Hysterie oder
Panik ausgelöst wird

Bild 24 Grenzwerte zu Beurteilung der Gebrauchstauglichkeit nach Als Vergleichsgröße wird die gemittelte effektive Be-
ISO 10137 [4]
Vibration limits for evaluation of serviceability according to
schleunigung (RMS-Wert) verwendet:
ISO 10137 [4]
T

∫ a (t ) ⋅ dt
1 2
aeff =
T
dass sämtliche Personen aktiv beteiligt waren, und dass 0

die Dauer des Abklingvorgangs relativ kurz war.


Im Entwurf der VDI 2038 werden frequenzunabhängig
nur Anhaltswerte-Bereiche der Maximalwerte der Be-
4 Beurteilung der Gebrauchstauglichkeit schleunigungen definiert (Tabelle 3). Die Beurteilung ba-
siert auf dem Maximum des Beschleunigungszeitverlaufs
Bei der Beurteilung der Einwirkung von Schwingungen ohne Bewertung und ohne Effektivwertbildung. Diese
auf Menschen ist zu unterscheiden zwischen Werte beziehen sich eher auf passive, nicht an der Anre-
gung beteiligte Personen. Bei der Beurteilung des Kom-
a) Schwingungen, die von den Personen selbst oder von forts von Personen, die aktiv an der erzeugten Schwin-
Personen im gleichen Gebäude oder auf dem gleichen gung beteiligt sind (z. B. im Fall von Fußballstadien), wird
Bauwerk erzeugt werden, eine direkte Anwendung der Richtwerte der VDI 2038
b) Schwingungen, die von externen Quellen herrühren, nicht empfohlen. Die Werte sind zudem frequenzunab-
den sogenannten Erschütterungsimmissionen. hängig und sollten nur als grobe Anhaltswerte angewandt
werden.
Bei dem hier untersuchten Problem handelt es sich um
den Fall a). Während für den Fall b) international mehre- Bei der Beurteilung von auf Menschen wirkenden
re einschlägige Normen existieren (z. B. DIN 4150-2, ISO Schwingungen, bei denen es um die Frage des Komforts
2631, VDI 2057, BS 6472, OENORM ISO 2631, OE- geht und nicht um gesundheits- und sicherheitsrelevante
NORM S9012), sind für Fall a) kaum Grenzwerte zu fin- Fragen, kann eine Überschreitung entsprechender Richt-
den. In zwei aktuellen Richtlinien werden Grenzwerte werte zugunsten einer wirtschaftlichen Bemessung ggf. in
zur Beurteilung der Gebrauchstauglichkeit definiert: Kauf genommen werden.

– ISO 10137: Basis for design of structures. Serviceabili- Je nach Situation ist das subjektive Empfinden des Men-
ty of buildings and walkways against vibrations [4] schen ein und derselben Schwingung jedoch stark unter-

Tab. 3 Bemessungsszenarien und Komfort-Anforderungen bei festen und temporären Tribünen nach Entwurf VDI 2038 [7]
Design scenarios and comfort requirements for permanent and temporary stands according to the draft of VDI 2038 [7]

Bemessungssituation GZG Komfortniveau


Maximaler Komfort Mittlerer Komfort Geringer Komfort
a ≤ 0,5 m/s2 0,5 m/s2 ≤ a ≤ 1 m/s2 1 m/s2 ≤ a ≤ 3 m/s2

quasi Fußstampfen von Steh- und temporäre Tribünen


ständig einer Gruppe (5 Pers.) Sitztribünen
häufig Wippen und Fußstampfen aller Per- Tribünen mit erhöhten Steh- und Sitztribünen temporäre Tribünen
sonen (verminderte Synchronisation) Anforderungen
selten Hüpfen aller Personen Tribühnen mit erhöhten Steh- und Sitztribünen
(verminderte Synchronisation) Anforderungen

Bautechnik 89 (2012), Heft 7 461


H. Sadegh-Azar, P. Wörndle: Menscheninduzierte Schwingungen: Methoden, Ansätze und Beispiele zur Bewertung der Gebrauchstauglichkeit von Bauwerken

schiedlich. Allgemein wird die Schwingungsempfindlich- 5 Zusammenfassung


keit von folgenden Parametern beeinflusst:
Es wurde ein praxisgerechtes Verfahren dargestellt, mit
– Position der betroffenen Person (stehend, sitzend, lie- dem es möglich ist, eine ausreichend genaue und schnel-
gend) le Abschätzung der resultierenden Schwingungen und
– Richtung der Schwingungseinwirkung auf die Person anzusetzenden Lasten eines Bauteils infolge Hüpf- oder
– Aktivität der betroffenen Person Gehanregungen durchzuführen. Mithilfe der beschriebe-
– Gruppeneffekt nen Systemidealisierung und der Anwendung der ent-
– Geschlecht wickelten Spektren können die maximalen Beschleuni-
– Häufigkeit und Zeitpunkt der Schwingung gungen, Geschwindigkeiten sowie die statischen Ersatz-
– Frequenz der Schwingung lasten des Bauteils infolge einer Hüpf- oder
– Abklingverhalten der Struktur (Dauer) Gehanregung bestimmt werden. Darüber hinaus können
den Spektren direkt die kritischen Frequenzbereiche ent-
Bei neuen Bauvorhaben, die schwingungstechnisch anfäl- nommen werden, die es bei der Konstruktion im Allge-
lig sind, ist es für den Bauherrn wie auch für den Planer meinen zu vermeiden gilt. Mittels eines Fallbeispiels in-
sinnvoll, im Voraus die zulässigen Schwingungen und das klusive detaillierter FE-Berechnungen sowie durchge-
maßgebliche Lastfallszenario mithilfe der existierenden in- führten Versuchen wurde abschließend die Anwendung
ternationalen Richtlinien und Normen klar zu definieren. des Verfahrens dargestellt.

Literatur

[1] SCHLÜTER, F.-H.; CÜPPERS, H.: Menscheninduzierte [9] EIBL, J.; HENSELEIT, O.; SCHLÜTER, F. H.: Baudynamik Be-
Schwingungen. D-A-CH Mitteilungsblatt, Juni 2004. tonkalender 1988, S. 665–774. Berlin: Ernst & Sohn 1988.
[2] BACHMANN, H.; AMMANN, W.: Schwingungsprobleme bei [10] BUTZ, E.-C.: Beitrag zur Berechnung fußgängerinduzierter
Bauwerken. IABSE-AIPC-IVBH, ETH-Hönggerberg, Zü- Brückenschwingungen. Aachen: Shaker Verlag 2006.
rich, 1987. [11] Research Fund for Coal & Steel.: HIVOSS, Human induced
[3] BAUMANN, K.; BACHMANN, H.: Durch Menschen verursach- Vibrations of Steel Structure, Bemessung von Fußgänger-
te dynamische Lasten und deren Auswirkungen auf Bal- brücken. Erläuterungen, RFS2-CT-2007-00033, 2007.
kentragwerke. Bericht Nr. 7501-3, Zürich, Mai 1988.
[4] ISO 10137: Bases for design of structures – Serviceability of
buildings and walkways against vibrations. 2007
[5] BACHMANN, H.; GERASCH, W.-J.: Einbau einer neuen Zu-
schauertribüne in der Stadthalle Bremen (AWD-Dome).
VDI Berichte Nr. 1941, 2006. Autoren:
[6] ROESER, W.; KUHLMANN, D.: Wirtschaftlichkeitsunter- Dr.-Ing. Hamid Sadegh-Azar
suchungen zu Tribünenplatten unter dynamischer Be- hamid.sadegh-azar@hochtief.de
anspruchung. Beton- und Stahlbetonbau 101 (2006), H. 10,
Dipl.-Ing. Pierre Wörndle
S. 762–768. Pierre.Woerndle@hochtief.de
[7] Entwurf VDI 2038: Gebrauchstauglichkeit von Bauwerken
bei dynamischen Einwirkungen. Nov. 2010. HOCHTIEF Solutions AG, Consult IKS Energy
[8] FIFA, Football Stadiums, Technical recommendations and Lyoner Straße 25
requirements. 5th edition, 2011. 60528 Frankfurt am Main

462 Bautechnik 89 (2012), Heft 7