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Wütende Frau mit Migrationshintergrund

Als Fünfjährige kam ich illegal nach Deutschland. Bis heute haftet mir das Stigma "Flüchtling" an, aber
mittlerweile bin ich soweit, sogar AfD-Sympathisanten zu umarmen.

Von Mateja Meded

Ich bin fünf Jahre alt und sitze seit Stunden in einem tannengrünen 1er-Golf. Wir sind zu sechst. Es ist heiß,
Klimaanlage im Auto haben wir nicht, wir haben nur uns und eine ungewisse Zukunft. Anhalten dürfen wir
nicht, da ich versteckt bleiben muss. Es ist höllenheiß, Oma schwitzt zwischen den Beinen, da bin ich, mit
meinem Kinderkörperchen, unter ihrem Rock. An der Grenze befiehlt der Grenzwärter, dass Mama und
Tante, Fahrerin und Beifahrerin aus dem Auto steigen. Ich bin passlos und somit vollkommen illegal und
deswegen unter Omis Rock, die hinten sitzt. Der Grenzwärter sucht mit seiner Hand unter dem Fahrersitz.
Ich höre auf zu atmen. Er hört meinen Atem, denke ich. Ich sehe seine Hand. Sie tastet großflächig den
Boden vor mir ab. Meine Füße und mein Kinderwurmkörper sind mit dem hinteren 1er-Golf-Sitz
verschmolzen, deswegen findet er meine trotz Hitze kalten Füßchen nicht, obwohl seine Hand immer nur
ein paar Zentimeter von ihnen entfernt ist. Ich höre, wie irgendetwas ganz laut ist. Ich merke, ich bin es. Ich
versuche, mein Herz anzuhalten, doch einer Fünfjährigen gelingt so etwas nicht auf Anhieb. Er hört auf zu
suchen. Mama und Tante setzen sich zurück in den Golf. Wir haben überlebt. Deutschland, wir kommen.
Hallo, Asylantenheim.

Und dann saß ich da. Ein illegales abgemagertes Kind in einem fremden Land, dessen Sprache es nicht
verstand. Ich bekam einen Stempel aufgedrückt, auf meine Stirn, Flüchtling. Von da an war ich kein
Individuum mehr, ich gehörte zu der homogenisierten Masse der/die/das Flüchtlinge. Ich wurde damals
passiv gemacht, entmündigt und in die Flüchtlingspassform reingequetscht, und dieses Wort ist bis heute
nicht verschwunden, es wurde mir auf die Stirn tätowiert und hat sich über die Jahre mehrmals
transformiert.

Nach dem Wort Flüchtling kam "die Ausländerin" und momentan bin ich "Frau mit Migrationshintergrund".
Dieser Migrationsvordergrund wird vor allem in meinem Beruf als Schauspielerin sichtbar. Mir werden
überwiegend stereotypische Rollen angeboten: Ostblockprostituierte, die gebrochen Deutsch/Englisch
spricht; Putzfrau, die wenig oder gar nicht spricht; Roma, die bunte Kleider trägt, die alle farblich nicht
harmonieren. Lange Zeit war ich sehr frustriert darüber, dass ich von der Film- und Theaterwelt trotz
Schauspielstudiums nur als undeutsches Fleischprodukt angesehen wurde.

Immer, wenn wir eine bestimmte Zeit betreten, nämlich die der gesellschaftlichen Erneuerung, sollen die
zu Außenseiterinnen Gemachten sich legitimieren. Schwule und Lesben müssen erklären, was es heißt, gay
zu sein, und warum es okay ist, "so" zu sein, Frauen müssen Männer über den Feminismus aufklären,
People of Color müssen weißen Menschen erklären, was Rassismus ist.

Es war eine energiesaugende Abwärtsspirale für mich, beispielsweise der Mutter eines Freundes am
Weihnachtstisch erklären zu müssen, dass meine Familie und ich nicht zu den "ursprünglichen Völkern"
gehören, nur weil ich weiß, wie eine Nuss mithilfe eines Messers aufgemacht wird; oder mit linken
Intellektuellen streiten zu müssen, die es nicht rassistisch finden, das N-Wort zu benutzen, weil Brecht es
schließlich in seinen Stücken auch verwendet hat. Ich habe keine Kapazitäten mehr, privilegierten weißen
Menschen meine Bildung und Zeit zu schenken, nur weil sie ignorant sind.

Für diese Menschen bin ich immer das Andere. Ein Alien. Ich gehöre nicht zum Kreis der Deutschen,
wegen meiner Brandmarke "Flüchtling". Ich schaue mir das Wort, das niemals von den Bewohnern der
herrschenden ersten Welt getragen wird, genauer an. Dieses Suffix "ling" – Pfifferling, Lehrling – hat
zumeist eine verkleinernde Wirkung; und die Endung "-ling" – Fiesling, Sträfling, Miesling, Häftling – hat
zumeist eine negative Konnotation.

Ich frage mich auch: Als meine Mama, ich, Oma, Tante und all die anderen Frauen nach Deutschland
gekommen sind, zu welchem Zeitpunkt haben wir da eigentlich Penisse bekommen? Oder gibt es ein
weibliches Wort für Flüchtlinge, so etwas wie: Flüchtlingerin, Flüchtlingin. Das System, in dem wir leben, ist
immer noch ein starres Gebilde, und eines der Mittel dieses Systems ist die Sprache. Mit der Sprache
werden Menschen unterbewusst in Schubladen eingeordnet, unterjocht. Namen sind nicht bloß Schall und
Rauch, und besonders wenn dein Name keine deutsche DNS hat, ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass
du die Wohnung bekommst. Alle Macht geht vom Staate aus, doch vor dem Gesetz sind wir nicht alle
gleich.

Ich erinnere mich, wie wir damals alle drei Monate zum Rathaus mussten, um unsere Duldung zu
verlängern. Meine ganze Familie musste dieses Duldungspapier immer, in jeder Sekunde, am Körper
tragen. Eines Tages vergaß mein behinderter Onkel jedoch seine Duldungspapiere. Es war ein milder
sonniger Nachmittag, und mein Onkel – 1,93 Meter groß, mental auf dem Stand eines siebenjährigen
Kindes, seine linke Seite größer und dicker als die rechte, sehr introvertiert und liebevoll – ging allein
spazieren. Auch aus der Entfernung war nicht zu übersehen, dass dieser Junge behindert ist und
porzellanzart. Zwei Polizisten haben ihn angehalten, sie haben ihn mitgenommen und eingesperrt. Meine
Familie hat ihn überall gesucht und sämtliche Polizeistationen angerufen. Am frühen Morgen wurden wir
endlich informiert und Oma, Mama und Tante haben ihn abgeholt.

In seiner Knastkleidung hatte er sich mehrmals entleert. Danach war er vollkommen verstört, und er zittert
heute noch, wenn er Polizisten oder Polizeiautos sieht. Er hatte ein einziges Mal seine Duldungspapiere
nicht dabei, und die fränkische Gründlichkeit machte auch vor Behinderten keinen Halt. An diesem Tag
habe ich begriffen, was Duldung wirklich bedeutet und auch, dass wir diejenigen waren, die erdulden,
ertragen, es über uns ergehen lassen mussten.

Mein Onkel war derjenige, der sich am meisten gefreut hat, als die kiloschwere Abschiebepost kam. "Diese
Leute haben einen ganzen Baum für uns geopfert, um all diese Paragrafen unterbringen zu können. Ich
komme mir vor wie eine Großkriminelle", kicherte (Überlebensstrategie) meine Tante und war weg, mit
dem Rest meiner Familie. Sie waren zwar keine Großkriminellen, doch sie haben nicht zu den guten, den
brauchbaren Geflüchteten gehört. Meine Mama und ich, wir haben aber zu den Guten gehört und wir
durften bleiben, denn meine Mama hat Medizin studiert und in Erlangen gab es zu wenig
Krankenschwestern. Also wurde sie eine, und wir blieben innerhalb der deutschen Grenze.

Der Luxus einer Heimat

Ich verstehe dieses Bestehen auf Grenzen nicht so ganz und noch weniger verstehe ich, weswegen wir
Mauern und Zäune akzeptieren. Dadurch schließen wir uns ein und stagnieren in unserer Entwicklung, wir
berauben uns eines natürlichen Fortschritts, denn Massenwanderungen haben immer stattgefunden, und
die Menschheit hätte ohne diese nicht überlebt. Solange wir Mauern auf der Erde haben, haben wir sie
auch im Kopf. Ich will frei sein, ich brauche keine Wurzeln, die ich durch Zäune schütze. Meine Familie
wurde über mehrere Generationen verfolgt und vielleicht ist so etwas wie Heimat gar nicht vorgesehen für
mich.

Den Luxus einer Heimat wollte ich mir nie leisten. Ich als Neudeutsche – aber ohne deutschen Pass –
könnte den AfD-Anhängern allerdings erklären, was es heißt, deutsch zu sein. Ich bin eine besorgte
Bürgerin, denn ich frage mich, ob diese Altdeutschen überhaupt noch integrierbar sind: "Ja, Hans, ein
Deutscher kann auch einen Afro tragen. Nein, Joachim, eine Deutsche muss nicht in Deutschland geboren
sein." Die haben einfach nicht begriffen, dass der Zug des Ariertums abgefahren ist. Finito, kein Foto für
euch, aus die Maus.
Ich hatte schon immer ein Faible für Hängengebliebene, doch früher habe ich manchmal die Hoffnung
verloren und mir dann vorgestellt, wie ich mich an diesen Leuten räche. Diese Gefühle der Zerstörung habe
ich jahrelang in mir getragen, und ich wurde immer griesgrämiger, denn solch dunkle Gedanken wiegen
mehr als bunt-fröhliche. Doch dann, als ich mal auf einem Trip war, habe ich mit meinem Kumpel Flaubert
gequatscht und er meinte: Der ganze Traum der Demokratie besteht darin, das Proletariat auf das
Dummheitslevel zu hieven, welches die Bourgeoisie bereits erreicht hat.

Jetzt bin ich gerade dabei, mich aus den Ketten zu befreien, die mir angelegt wurden, als ich nach
Deutschland gekommen bin. Deswegen würde ich all die AfD-Sympathisanten heute eher umarmen und sie
zärtlich zu meiner Brust führen, um diesen kalten Kreaturen etwas von meiner schönen, warmen
Muttermilch in die Münder zu spritzen und ihnen ins Ohr zu flüstern: "Mäuschen, du brauchst keine Angst
haben, dass ich dir was wegnehmen will, du brauchst nur Angst haben, wenn ich Auto fahre. Mein
Führerschein ist gekauft."

Das Stigma – negatives Merkmal


das Asylantenheim – Unterkunft für Flüchtlinge (wird heute „Flüchtlingsheim“ oder “Asylbewerberheim“ genannt)
abgemagert – sehr dünn sein, sehr viel Gewicht verloren haben
entmündigen – jemandem das Recht wegnehmen, selbständig zu handeln und für sich zu entscheiden
reinquetschen – hineinpressen, hineindrücken
Der Ostblock – Länder, die mit der ehemaligen Sowjetunion verbündet/von ihr dominiert waren (gemeint: vor allem
Osteuropa)
starr – unflexibel, nicht beweglich
unterjochen – unter seine Gewalt/Herrschaft bringen und unterdrücken
Schall und Rauch sein (Redewendung) – unbedeutend, unwichtig sein
Die Duldung – Titel des Aufenthaltsrechts für Flüchtlinge: vorrübergehende Aussetzung der Abschiebung
porzellanzart – sehr fein
Der Knast – das Gefängnis
vor etwas keinen Halt machen – sich nicht aufhalten lassen,
Die Abschiebung – wenn man gezwungen wird, das Land zu verlassen
Der Zug ist abgefahren. – (Redewendung) – dafür ist es jetzt zu spät.
Der/Die Hängengebliebene – Menschen, die sich nicht weiterentwickeln und unflexibel sind
griesgrämig – schlecht gelaunt

1. Welche Situation beschreibt Mateja Meded im ersten Abschnitt („Ich bin fünf Jahre alt… Hallo
Asylantenheim“)?
2. Was beschreibt die Autorin mit dem Satz“ Ich bekam einen Stempel aufgedrückt“?
3. Welchen Beruf übt die Autorin aus und wie beschreibt sie, welche Auswirkungen ihr Migrationshintergrund
auf ihren Beruf hat?
4. Was war eine „energiesaugende Abwärtsspierale“ für sie und welche metaphorische Bedeutung hat dieser
Ausdruck in diesem Kontext?
5. Was ist das N-Wort?
6. Was passiert mit dem Onkel, als er seine Duldungspapiere einmal vergaß?
7. Was meint die Autorin mit den Sätzen: „Sie waren zwar keine Großkriminellen, doch sie haben nicht zu den
guten, den brauchbaren Geflüchteten gehört.“
8. und: “Ich bin eine besorgte Bürgerin, denn ich frage mich, ob diese Altdeutschen überhaupt noch
integrierbar sind:“ ?
9. „Für diese Menschen bin ich immer das Andere. Ein Alien. Ich gehöre nicht zum Kreis der Deutschen,
wegen meiner Brandmarke "Flüchtling". Was beschreibt die Autorin in diesem Satz? Was denkst du
darüber?

Erschienen in: DIE ZEIT; 19. Februar 2018


https://www.zeit.de/kultur/2018-02/rassismus-fluechtlinge-ausgrenzung-sprache-demokratie-10nach8