Sie sind auf Seite 1von 3

Aktionsgruppe Banat

Die Aktionsgruppe Banat nahm ihren Ursprung am Lyzeum von Sânnicolau Mare
(deutsch Großsanktnikolaus), wo die dortige Deutschlehrerin Dorothea Götz einen
Literaturkreis ins Leben gerufen hatte. Die neun Gründungsmitglieder Albert Bohn, Rolf
Bossert, Werner Kremm, Johann Lippet, Gerhard Ortinau, Anton Sterbling, William Totok,
Richard Wagner, Ernest Wichner teilten von Beginn an eine gemeinsame Lebenswelt. Sie
entstammten der dörflichen Sozialisation der deutschen Minderheit im Banat und waren alle
zwischen 1951 und 1955 geboren. Mit Ausnahme von Sterbling und Ortinau, die zur
Gründungszeit Gymnasiasten waren, absolvierten sie ein Germanistikstudium an der
Universität Timișoara (später West-Universität).

Gemäß Anton Sterbling war der offizielle Rahmen, in dem sich der Literaturkreis bewegte,
„das Selbstgeschriebene, das uns immer wichtiger wurde“, „zunächst auf der Schülerseite der
Neuen Banater Zeitung und dann auch in anderen Zeitungen und Zeitschriften“, „später in der
Studentenbeilage Universitas“. Namensgeber der Gruppe war Horst Weber, damaliger
Redakteur und Rezensent der Zeitung Die Woche aus Hermannstadt (rumänisch : Sibiu), der
die Diskussionsgruppe „eine Aktionsgruppe junger Schriftsteller“ bezeichnete. Die Lesungen
der literarischen Gruppe fanden in den Räumen des Studentenkulturhauses der West-
Universität statt.

Laut eigener Schilderung wurden im Herbst 1975 drei Mitglieder der Gruppe (Totok, Ortinau,
Wagner) und der Literaturkritiker Gerhardt Csejka bei einem Besuch im Grenzgebiet unter
dem Vorwand verhaftet, das Land verlassen zu wollen. In tagelangen Verhören durch den
rumänischen Geheimdienst Securitate wurde ihnen neben versuchter Grenzverletzung auch
ein „Überschreiten der Grenzen der Dichtkunst“ vorgeworfen, wobei die Gruppe auch mit der
Baader-Meinhof-Bande verglichen wurde. Die staatlichen Organe gaben ihnen zu verstehen,
dass man „diese literarische Spaßguerilla nicht mehr länger hinnehmen“ wolle. Zur
Bekräftigung der Drohung wurde William Totok verhaftet und verbrachte acht Monate in
Untersuchungshaft.“ Wagner, Ortinau und Csejka wurden nach einer Woche wieder aus der
Haft entlassen. Das anfangs verhängte Veröffentlichungsverbot wurde kurz darauf wieder
aufgehoben und die konfiszierten Mitgliedsbücher der Rumänischen Kommunistischen Partei
(PCR) wieder zurückgegeben.” Totok, der bereits 1971 aus dem kommunistischen
Jugendverband Uniunea Tineretului Comunist (UTC) ausgeschlossen wurde, war kein
Mitglied der PCR. Alle Mitglieder wurden zu verschiedenen Zeiten zum Verhör bei der
Securitate einbestellt; alle wurden gegängelt, manche sogar verprügelt.

Einige ihrer Mitglieder traten dem Adam-Müller-Guttenbrunn-Literaturkreis (zuvor


Literaturkreis Nikolaus Lenau) in Timișoara bei; so auch die mit ihnen befreundeten Autoren
Helmuth Frauendorfer, Roland Kirsch, Herta Müller, Horst Samson und Werner Söllner, die
nicht Mitglieder der Aktionsgruppe waren. Andere zogen sich aus dem Literaturbetrieb
zurück, einige stellten Anträge zur Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland.

Die Lage spitzte sich für die verbleibenden Autoren zu, als Nikolaus Berwanger, der sich in
seiner Funktion als stellvertretender Vorsitzender des Rumänischen Journalistenrates für die
jungen Autoren eingesetzt hatte, im Herbst 1984 von einer Auslandsreise nach Deutschland
nicht mehr nach Rumänien zurückkehrte. Die verbliebenen Mitglieder des Adam-Müller-
Guttenbrunn-Literaturkreises stellten bis auf Werner Kremm Anträge zur endgültigen
Ausreise nach Deutschland. Einige verloren darauf ihren Arbeitsplatz; ihre Arbeiten wurden
in Rumänien nicht mehr veröffentlicht. Den Ausreiseanträgen wurde zwischen 1985 und 1987
stattgegeben.

Vier der neun Gründungsmitglieder - Lippet, Ortinau, Wagner, Wichner - sind bis heute in
Deutschland schriftstellerisch tätig. Bohn zog sich in Deutschland aus der literarischen Szene
zurück. Kremm verblieb in Rumänien und arbeitet dort als Journalist; Totok ist als Journalist
in Deutschland tätig; Sterbling arbeitet als Professor für Soziologie und Pädagogik in
Deutschland. Rolf Bossert wurde zwei Monate nach seiner Ausreise in einem Aussiedlerheim
in Frankfurt am Main leblos unter seinem geöffneten Zimmerfenster aufgefunden. Die
Umstände seines Todes blieben weitgehend ungeklärt.

Programm
Das Programm der Aktionsgruppe war zunächst von ästhetischer, aber auch politischer Natur.
Die Mitglieder behandelten ähnliche Themen und betonten gemeinsame Auffassungen und
ihre Zusammengehörigkeit. Die Autorengruppe war vom grundlegenden Motiv der rumänien-
deutschen Literatur geprägt. Die Autoren waren einerseits sprachlich an den deutschen
Kulturraum angebunden, andererseits thematisch durch den rumänischen Alltag dominiert.
Die Gruppe eröffnete Auftritte mit dem Gedicht Engagement. Der kollektive Text kann als
ein Leitfaden der Autoren angesehen werden und stellt einen Appell an das Publikum und die
Autoren dar. Der Lyrik kam den Mitgliedern der Gruppe mehr als eine ästhetische Funktion
zu; sie sollte den Leser zu Handlungen veranlassen. Die Mitglieder waren durch die von den
meisten gemeinsam verbrachte Schul- und Studienzeit, ihre Auffassungen über Funktion und
Wirkungsstrategie der Texte, die nüchterne Sprache und das politische Engagement
verbunden.

Die Gruppe verstand sich als Solidargemeinschaft von Schreibenden und bekannte sich zum
Marxismus. Ihre literarischen Vorbilder waren Bertolt Brecht, die rumäniendeutsche
Dichterin Anemone Latzina und DDR-Autoren wie Volker Braun und Rainer Kirsch.
Weiterer Einfluss ging von der Beat Generation, der Wiener Gruppe und der 68er-Bewegung
aus. Bevorzugte Themen waren die Auseinandersetzung mit der politischen Realität - dem
Verlangen nach Systemreform von innen nach der Dialektik bei Marx und Engels - und der
Tradition der Banater Schwaben.

Die Mitglieder sahen sich als „intellektuelle Gruppe junger Provokateure. Dieses
Selbstverständnis wurde nicht zuletzt bestärkt durch die Identifikation“ „mit dem
Lebensgefühl der westlichen Jugendkultur“; sie sahen sich als „antirumäniendeutsche
Provakateure und westlich-orientierte Intellektuelle“. „Eine offene, realitätsverändernde
Regimekritik war nicht Zielstellung der Aktionsgruppe Banat.“

Nach der Auflösung der Aktionsgruppe besprachen die verbleibenden Mitglieder ihre Texte
im Literaturkreis „Adam-Müller-Guttenbrunn“, wobei es auch zu polemischen
Auseinandersetzungen zwischen jüngeren und älteren Mitgliedern kam. Die Autoren
unternahmen Lesereisen in Banater Ortschaften. In Gesprächen wurde auch auf die Tätigkeit
von „Denunzianten eingegangen, auf deren Hinweise unter anderem die Securitate 1982
Hausdurchsuchungen bei Horst Samson und William Totok“ vorgenommen hatte. Das
Verhältnis der Gruppe zu Nikolaus Berwanger war zwiegespalten. Dieser versuchte zwar den
Kreis zu fördern, jedoch gingen die Ansichten über Literatur auseinander, was sich zum
Beispiel dadurch ausdrückte, dass Berwanger den „Hofdichter“ Franz Johannes Bulhardt in
den Guttenbrunn-Kreis einladen wollte. Diese Umstände führten zum Austritt einiger
Mitglieder aus dem Kreis, was die Securitate zu dem Versuch animierte die Gruppe zu
spalten.