Sie sind auf Seite 1von 4

Griechische Weltanschauung heute

Stilian Ariston, 27. Thargelion des 2. Jahres der 699. Olympiade

Was bedeutet griechische Weltanschauung in der heutigen Zeit? Wie sehen die
ethnischen Hellenen die Welt? Welches ist das Bezugssystem der Hellenen heute?
Diese Frage wird uns nicht selten gestellt. Rein logisch gesehen, ist diese Frage
durchaus berechtigt und muss daher auch zufriedenstellend beantwortet werden.

Griechische Weltanschauung in der heutigen Zeit

Griechische Weltanschauung in der heutigen Zeit bedeutet gleichzeitig griechische


Lebensweise in der heutigen Zeit. Denn die allgemeine Lebensweise und die Haltung
zur Welt des Werdenden folgen aus der Weltanschauung, aus der Art und Weise, wie
wir die Welt sehen und unseren Platz, unsere Stellung darin erfahren. Wir haben
bereits oft darauf hingewiesen, dass es nicht unser Anliegen sei, die «Antike» in die
«Moderne» zu transportieren, schon gar nicht zurück in die «Antike» zu reisen,
zumal für uns, die wir ein zyklisches Verständnis der Zeit besitzen und ein anderes
Verständnis von Fortschritt als die westliche Welt, kein Anlass dazu besteht. Für uns
stellt sich die Zeitfrage nicht, weil wir nicht in Kategorien der Zeit, sondern der
Kulturen denken. Unser Interesse gilt der «Kultur». Wir revitalisieren unsere Kultur,
die hellenische Lebensweise, bringen also den hellenischen Menschen zurück in das
alltägliche Leben. Dabei kommt uns die Kontinuität der griechischen Sprache, die
Kontinuität in vielen Bräuchen und Märchen, die die Zeit unter einem christlichen
Deckmantel überdauert und den Kulturmord überlebt haben, zu Hilfe. Die hellenische
Kultur zu revitalisieren, bedeutet nicht die hellenische Kultur der Zeit X oder Y
zurück ins Leben zu holen, und schon gar nicht die wirtschaftlichen Verhältnisse der
Antike, sondern die hellenische Kultur in ihrem Wesenskern zu revitalisieren und den
roten Faden aufzunehmen, der zuletzt in Mystras und dann auf den Ionischen Inseln
gesponnen wurde. In diesem Prozess müssen Anpassungen vorgenommen werden,
selbstverständlich, jedoch sprechen wir hier nicht von Anpassungen an die heute
dominierende Kultur, sondern an die allgemeinen Rahmenbedingungen der Zeit und
der Gesetze. Diese Anpassung geht so weit, dass die hellenische Kultur in ihrem
neuen Umfeld Wurzeln schlagen, sprich: überleben kann. Das ist das Kriterium: Die
Überlebensfähigkeit, nicht nur jetzt, sondern auch für die Zukunft, für die nächsten
Generationen. Die Praxis zeigt, dass die Rehellenisierung, die Revitalisierung der
hellenischen Kultur nicht nur machbar ist, sondern vor allem in der Familie und in
der Gemeinschaft funktioniert. Die Möglichkeit der Rehellenisierung ist durch
günstige Konstellationen bereits gegeben, nur darf sie nicht in zu engen Grenzen
gedacht und beispielsweise nur auf die Sprache begrenzt werden, sondern das
gesamte Spektrum der hellenischen Kultur umfassen. Sie ist als Samen in uns allen
angelegt, die wir mit der griechischen Sprache und Mythologie aufwachsen, sei es
nun in Griechenland oder in der Diaspora. Diesen Samen gilt es zu gießen und mit
Hingabe zum Erblühen zu bringen.

Die Welt sehen – mit welchen Augen?

Doch wie können wir diesen besonderen Samen pflegen und gießen, dass aus ihm der
hellenische Mensch erblüht? Durch die Aneignung der griechischen Weltanschauung.
Das ist kein Automatismus und geht besonders für Menschen, die nicht in einer
hellenischen Familie groß geworden sind, mit Mühen einher, auf die viele nicht
vorbereitet sind. Wie denn auch? Schließlich müssen wir uns nicht (nur) von äußeren
Instanzen lossagen, sondern vor allem von Ideen und Normen befreien, die viele von
uns quasi mit der Muttermilch aufgenommen haben und die wir deshalb für
selbstverständlich halten. Das heißt, wir müssen uns unseres kulturellen Blickwinkels
bewusst werden und diesen dann aufgeben. Das sind die «Mautgebühren», die wir
auf dem Weg zum Allerheiligsten der Hellenen entrichten müssen. Dabei müssen wir
nicht nur unseren Blickwinkel verändern, sondern auch unser Verstehen und unsere
Rolle in der Welt neu definieren. Den Göttern sei Dank stehen wir damit nicht alleine
da, denn die Hellenen haben eine große Menge an schriftlichen und anderen Werken
hinterlassen, und viele davon haben ihren Weg in unsere Zeit gefunden und stehen
uns zur Verfügung bei unserer Initiation in die hellenische Kultur. Denn die
Aneignung der griechischen Weltanschauung ist genau das: eine Initiation. Dabei
stellen wir uns immer gewisse Fragen: Wie würde ein «antiker» Grieche in dieser
Situation handeln? Wie würde ein «antiker» Grieche dies oder jenes sehen? Diese
Fragen sind äußerst erhellend, weisen ständig auf die griechische Literatur hin und
erleichtern unsere «Quest» in erheblichem Maße, weil sie unsere Prioritäten
bestimmen. Wie würde ein «antiker» Grieche diesen Baum dort drüben sehen? Was
würde er sehen? Und was müssen wir in der Folge im selben Baum erblicken? Eine
seelenlose Holzpflanze? Nein, das Heilige. Jeder Baum ist beseelt und heilig. Daraus
folgt eine bestimmte Beziehung oder ein bestimmtes Verhalten gegenüber diesem
Baum, unserer Umwelt insgesamt. Und das ist nur ein Beispiel von vielen. Aus
diesem Blickwinkel betrachtet, ergibt die Welt einen anderen Sinn, der unserem
Leben eine bestimmte Richtung gibt und unser Verhalten bestimmt. Die griechische
Weltanschauung – die ein wichtiger Baustein der ethnischen und kulturellen Identität
der Hellenen ist – wird im Alltag zur Lebensweise und formt damit unser Leben hier
auf Erden und unsere zwischenmenschlichen Beziehungen. Es ist eben diese
Weltanschauung, die uns befähigt, den religiösen Monotheismus wie auch den
kulturellen Monotheismus und den politischen Monotheismus, ob in seinen
theistischen oder säkularisierten Formen zu durchschauen und den Ideologien der
Moderne (Nationalismus, Internationalismus, Liberalismus, Leninismus usw.) eine
Absage zu erteilen, eben weil sie der hellenischen Seele fremd und die sich
gegenseitig befruchtenden Nebenprodukte einer anderen, der christlichen Kultur sind.
Es ist aber auch diese Weltanschauung die uns befähigt, teils falsch verstandene, teils
missbrauchte und misshandelte griechische Institutionen, Konzepte und Begriffe wie
«Demokratie» und «Politik» wirklich zu verstehen und sich diesbezüglich neu zu
positionieren. Denn das Hellenentum ist nicht nur eine kollektivistische, sondern vor
allem auch eine politische Kultur. Doch mit dem Begriff «Politik» meinen wir nicht
das heute darunter Verstandene (Parlamentarismus, Parteien, Ideologien), sondern
schlicht und einfach «die Beschäftigung mit den öffentlichen Angelegenheiten». Und
in dieser Beschäftigung mit der Welt lassen wir uns vom griechischen Wertesystem
leiten.

Das Bezugssystem der Hellenen

Das Bezugssystem der heutigen Hellenen ist das Bezugssystem der alten Hellenen:
die Arete. Das Wort Arete bedeutet so viel wie Tugend, Exzellenz, Tüchtigkeit und
wird als allgemeiner Oberbegriff zur Bezeichnung des hellenischen Wertesystems
verwendet. Das ist unser Bezugssystem. Es ist dieses Bezugssystem, aus dem
teilweise die heutigen Menschenrechte der Französischen Aufklärung und Revolution
hervorgegangen sind. Aber das ist nicht der einzige Bereich, in dem die hellenische
Seele «hochaktuell» ist. Auch in der Kosmologie, Biologie und Psychologie ist eine
ähnliche Aktualität gegeben, aber das nur am Rande. Schließlich wollen wir uns hier
nicht rechtfertigen, sonst wäre unsere Tradition tot. Wenn wir aber vom hellenischen
Wertesystem sprechen, von welchen Werten sprechen wir überhaupt? Nun, die vier
Haupttugenden der Hellenen sind die Tapferkeit, Gerechtigkeit, Besonnenheit und
Weisheit – letztere natürlich nur im menschlichen Maß. Diese Werte werden von der
Religion, der Tradition vermittelt, aber vor allem von der Paideia, dem griechischen
Bildungs- und Erziehungssystem. Aber das hellenische Wertesystem ist nicht nur die
allgemeine Tradition, Homeros und Hesiodos, denn das hellenische Wertesystem liegt
auch in den Maximen des delphischen Orakels, in den Sentenzen der vorsokratischen
Philosophen, in der Nikomachischen Ethik und vor allen anderen in der Mythologie.
Ja, in den Mythen, denn die hellenischen Werte sind zum Teil in Mythen chiffriert.
Ohne Arete und Paideia kein Hellenismos. Deshalb ist beispielsweise der Oberste Rat
der ethnischen Hellenen (YSEE) bestrebt, hellenische Schulen und Institutionen in
Griechenland (wieder) zu schaffen, die im vom YSEE organisierten «Mythologischen
Seminar für Kinder», das am alljährlichen «Athens Science Festival» teilnimmt,
bereits einen Vorläufer haben. Nur so kann die «Reproduktion» des hellenischen
Menschen auf gesellschaftlicher Ebene gelingen. Dieses Anliegen ist schon allein
deshalb von äußerster Bedeutung für die Hellenen, weil der Erziehungsauftrag des
«griechischen» Staates gemäß Verfassung darauf abzielt, die Schüler zu «guten
Christen» zu formen: «In allen Mittel- und Grundschulen bezweckt der Unterricht die
sittliche und geistige Erziehung und Entwicklung des nationalen Bewußtseins der
Jugend auf der Grundlage der ideologischen Richtlinien der hellenisch-christlichen
Kultur» (Griechische Verfassung, Artikel 16.1). Im Gegensatz dazu ist das Ziel der
hellenischen Paideia die «Kalokagathia», das heißt: gute und freie Bürger
hervorzubringen. Ohne das hellenische Wertesystem ist der Hellenismos tot, jede
Anstrengung vergebens, jede Kulthandlung bloßes Reenactment. Da der Hellenismos
an keiner «Integration» in die sogenannte «hellenisch-christlichen Kultur», wie die
Romiosini gern und häufig bezeichnet wird, interessiert ist, kann das hellenische
Wertesystem zu Reibungen mit der Mehrheitsgesellschaft führen, die aber
auszuhalten sind, sonst würde der Hellenismos den Baustein seiner Identität
preisgeben und zu einem Schatten seiner selbst verblassen. Außerhalb Griechenlands
besteht kein solches Reibungspotential, weil die Staaten, in denen sich die
griechische Diaspora niedergelassen hat, stark von der Aufklärung beeinflusst
wurden, säkularisiert sind und eine in religiöser Hinsicht werteneutrale Verfassung
haben. Hinzu kommt, dass viele sozialpolitische Rechte und Werte, die der Westen
als seine Errungenschaften betrachtet, aus der hellenischen Kultur stammen. Dennoch
kann das hellenische Wertesystem hier und da zu Spannungen kommen, wenn es zum
Beispiel mit dem christlichen und islamischen Wertesystem kollidiert oder mit der
abendländischen Moral in Berührung kommt, sei es nun in der Schule oder am
Arbeitsplatz. Doch Konflikte und Streitereien gehören zum Leben und müssen, auf
Vernunft und nicht auf Affekt aufbauend, mit dem besseren Argument und einer
gesunden Kompromissbereitschaft beigelegt werden. «Gewinne durch Überredung,
nicht durch Gewalt», rät uns Brias von Priene. Wir folgen der anzestralen Weisheit
auch im Streit, so fasst der hellenische Mensch im alltäglichen Leben Fuß und ebnet
den Weg für die nächsten Generationen. Besonders in solchen Situationen beweist
sich das hellenische Wertesystem stets aufs Neue und gibt uns die Kraft, unseren Weg
zu gehen, aufrecht zu bleiben und standzuhalten. Unser Ziel ist es nicht, «gute» und
besonders biegsame Arbeiter, Konsumenten, Wähler oder gar Untertanen zu sein,
sondern gute Menschen, die dem Stück Zeus in uns, der Vernunft Rechnung tragen
und in Ehren halten. Das ist der Kern unseres Wertesystems.

Das zentrale Anliegen der Rehellenisierung ist also nicht die Reise in irgendeine
«Vergangenheit», sondern die Rückkehr des hellenischen Menschen und
logischerweise die Revitalisierung der Kultur, die diesen Menschen hervorbringt und
ihm seine Typizität verleiht. Die Antwort der hellenischen Weltanschauung auf das
Hier und Jetzt ist die Arete. Dieses Tugendsystem ist für uns von zeitloser Bedeutung
und der einzige Weg für den Hellenismos, seine Eigenständigkeit und Eigenheit
inmitten einer sich selbst zerstörenden monotheistischen Welt zu wahren und im
«Heute» Wurzeln zu schlagen, um den kommenden ungetauften Generationen von
«Morgen» Schatten zu spenden und seine süßen Früchte.