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Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

Konrad Zilch • Claus Jürgen Diederichs


Rolf Katzenbach • Klaus J. Beckmann (Hrsg.)

Konstruktiver
Ingenieurbau
und Hochbau
Herausgeber
Konrad Zilch Rolf Katzenbach
Lehrstuhl für Massivbau Institut und Versuchsanstalt für Geotechnik
Technische Universität München Technische Universität Darmstadt
München, Deutschland Darmstadt, Deutschland

Claus Jürgen Diederichs Klaus J. Beckmann


DSB + IG-Bau Gbr Berlin, Deutschland
Eichenau, Deutschland

Der Inhalt der vorliegenden Ausgabe ist Teil des Werkes „Handbuch für Bauingenieure“, 2. Auflage

ISBN 978-3-642-41839-6 ISBN 978-3-642-41840-2 (eBook)


DOI 10.1007/978-3-642-41840-2

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Vorwort des Verlages

Teilausgaben großer Werke dienen der Lehre und Praxis. Studierende können für
ihre Vertiefungsrichtung die richtige Selektion wählen und erhalten ebenso wie
Praktiker die fachliche Bündelung der Themen, die in ihrer Fachrichtung relevant
sind.
Die nun vorliegende Ausgabe des „Handbuchs für Bauingenieure“, 2. AuÀage,
erscheint in 6 Teilausgaben mit durchlaufenden Seitennummern. Das Sachverzeich-
nis verweist entsprechend dieser Logik auch auf Begriffe aus anderen Teilbänden.
Damit wird der Zusammenhang des Werkes gewahrt.
Der Verlag bietet mit diesen Teilausgaben eine einzeln erhältliche Fassung aller
Kapitel des Standardwerkes für Bauingenieure an.

Übersicht der Teilbände:


1) Grundlagen des Bauingenieurwesens (Seiten 1 – 378)
2) Bauwirtschaft und Baubetrieb (Seiten 379 – 965)
3) Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau (Seiten 966 – 1490)
4) Geotechnik (Seiten 1491 – 1738)
5) Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik (Seiten 1739 – 2030)
6) Raumordnung und Städtebau, Öffentliches Baurecht (Seiten 2031 – 2096) und
Verkehrssysteme und Verkehrsanlagen (Seiten 2097 – 2303).

Berlin/Heidelberg, im November 2013


Inhaltsverzeichnis

3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 966


3.1 Baustoffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 966
3.1.1 Holz und Holzwerkstoffe für tragende Bauteile . . . . . . . . . . 966
3.1.2 Bindemittel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 980
3.1.3 Beton . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 988
3.1.4 Stahl . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1016
3.1.5 Nichteisenmetalle (NE-Metalle) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1027
3.1.6 Bauglas . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1029
3.1.7 Bitumen, Asphalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1031
3.1.8 Kunststoffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1032
3.2 Grundlagen für Nachhaltiges Bauen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1038
3.2.1 Instrumente und Bewertungssysteme in Deutschland . . . . . . . 1038
3.2.2 Nachhaltiges Bauen mit Beton . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1049
3.3 Massivbau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1066
3.3.1 Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1066
3.3.2 Beton . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1068
3.3.3 Betonstahl . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1077
3.3.4 Spannstahl . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1079
3.3.5 Verbundbaustoff Stahlbeton . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1079
3.3.6 Statisch bestimmte Balken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1086
3.3.7 Statisch unbestimmte Balken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1114
3.3.8 Scheiben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1124
3.3.9 Platten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1128
3.3.10 Einfluss zeitabhängiger Verformungen . . . . . . . . . . . . . . . 1135
3.3.11 Spannbeton . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1138
3.3.12 Stabilität und Theorie II. Ordnung . . . . . . . . . . . . . . . . . 1150
3.3.13 Brandschutz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1157
3.3.14 Ermüdung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1159
3.4 Stahlbau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1167
3.4.1 Allgemeines, Normen und Genehmigungsverfahren . . . . . . . . 1167
3.4.2 Werkstoffeigenschaften und Grenzzustände . . . . . . . . . . . . 1169
3.4.3 Grundlagen der Bemessungsregeln . . . . . . . . . . . . . . . . . 1181
3.4.4 Tragfähigkeitsnachweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1187
3.4.5 Ermüdungsnachweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1216
3.4.6 Fertigung und Montage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1225
3.5 Verbundbau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1229
3.5.1 Einleitung, Regelwerke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1229
3.5.2 Grundlagen der Bemessung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1230
3.5.3 Verbundträger . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1234
3.5.4 Verbunddecken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1274
3.5.5 Verbundstützen und Rahmentragwerke . . . . . . . . . . . . . . . 1279
3.5.6 Brandschutztechnische Bemessung von Verbundbauteilen . . . . . . 1293
3.6 Mauerwerk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1301
3.6.1 Baustoffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1301
3.6.2 Bemessung von Mauerwerk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1344
3.7 Holzbau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1372
3.7.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1372
3.7.2 Bautechnische Eigenschaften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1373
3.7.3 Normen, Zulassungen und Vorschriften . . . . . . . . . . . . . . 1378
VIII Inhaltsverzeichnis

3.7.4 Holzschutz, Dauerhaftigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1381


3.7.5 Systeme aus Holz- bzw. Holzwerkstoffen . . . . . . . . . . . . . 1382
3.7.6 Nachweise für Holz- und Holzwerkstoffbauteile . . . . . . . . . . 1384
3.7.7 Verbindungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1394
3.7.8 Träger aus nachgiebig miteinander verbundenen Teilen . . . . . . 1399
3.7.9 Beanspruchung rechtwinklig zur Faser . . . . . . . . . . . . . . . 1407
3.7.10 Platten aus Schichten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1410
3.8 Glasbau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1414
3.8.1 Allgemeine Werkstoffeigenschaften . . . . . . . . . . . . . . . . 1414
3.8.2 Gläser im Bauwesen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1415
3.8.3 Bemessungskonzepte für Glas . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1421
3.8.4 Besonderheiten der Bemessung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1425
3.8.5 Verbindungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1429
3.8.6 Konstruktive Durchbildung von Glasbauteilen . . . . . . . . . . . 1433
3.8.7 Prüfung/Überwachung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1436
3.9 Befestigungstechnik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1440
3.9.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1440
3.9.2 Befestigungssysteme – konstruktive Ausbildung,
Wirkungsprinzipien und Montage . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1440
3.9.3 Tragverhalten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1450
3.9.4 Definition von Anwendungen in statisch bestimmten und statisch
unbestimmten Systemen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1457
3.9.5 Definition von gerissenem und ungerissenem Beton . . . . . . . . 1458
3.9.6 Langzeitverhalten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1458
3.9.7 Dauerhaftigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1459
3.9.8 Baurechtliche Vorschriften und Anwendungsbedingungen . . . . . 1460
3.9.9 Planung, Bemessung und Montage . . . . . . . . . . . . . . . . . 1467
3.9.10 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1470
3.10 Baugrund-Tragwerk-Interaktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1471
3.10.1 Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1471
3.10.2 Grundlagen zum Materialverhalten . . . . . . . . . . . . . . . . . 1472
3.10.3 Gründungen und Stützbauwerke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1475
3.10.4 Modellierung der Baugrund-Tragwerk-Interaktion . . . . . . . . . 1481
3.10.5 Beispiele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1488

Stichwortverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2305
Autorenverzeichnis

Arslan, Ulvi, Prof. Dr.-Ing., TU Darmstadt, Institut für Werkstoffe und Mechanik
im Bauwesen, Abschn. 4.1, arslan@iwmb.tu-darmstadt.de

Bandmann, Manfred, Prof. Dipl.-Ing., Gröbenzell, Abschn. 2.5.4,


manfred.bandmann@online.de

Bauer, Konrad, Abteilungspräsident a.D., Bundesanstalt für Straßenwesen/Zentralabtei-


lung, Bergisch Gladbach, Abschn. 6.5, kkubauer@t-online.de

Beckedahl, Hartmut Johannes, Prof. Dr.-Ing., Bergische Universität Wuppertal,


Lehr- und Forschungsgebiet Straßenentwurf und Straßenbau, Abschn. 7.3.2,
beckedahl@uni-wuppertal.de

Beckmann, Klaus J., Univ.-Prof. Dr.-Ing., Deutsches Institut für Urbanistik gGmbH,
Berlin, Abschn. 7.1 und 7.3.1, kj.beckmann@difu.de

Bockreis, Anke, Dr.-Ing., TU Darmstadt, Institut WAR, Fachgebiet Abfalltechnik,


Abschn. 5.6, a.bockreis@iwar.tu-darmstadt.de

Böttcher, Peter, Prof. Dr.-Ing., HTW des Saarlandes, Baubetrieb und Baumanagement
Saarbrücken, Abschn. 2.5.3, boettcher@htw-saarland.de

Brameshuber, Wolfgang, Prof. Dr.-Ing., RWTH Aachen, Institut für Bauforschung,


Abschn. 3.6.1, brameshuber@ibac.rwth-aachen.de

Büsing, Michael, Dipl.-Ing., Fughafen Hannover-Langenhagen GmbH, Abschn. 7.5,


m.buesing@hannover-airport.de

Cangahuala Janampa, Ana, Dr.-Ing., TU Darmstadt, Institut WAR, Fachgebiet, Wasser-


versorgung und Grundwasserschutz, Abschn. 5.4, a.cangahuala@iwar.tu-darmstadt.de

Corsten, Bernhard, Dipl.-Ing., Fachhochschule Koblenz/FB Bauingenieurwesen,


Abschn. 2.6.4, b.corsten@web.de

Dichtl, Norbert, Prof. Dr.-Ing., TU Braunschweig, Institut für Siedlungswasserwirtschaft,


Abschn. 5.5, n.dichtl@tu-braunschweig.de

Diederichs, Claus Jürgen, Prof. Dr.-Ing., FRICS, DSB + IQ-Bau,


Sachverständige Bau + Institut für Baumanagement, Eichenau b. München,
Abschn. 2.1 bis 2.4, cjd@dsb-diederichs.de

Dreßen, Tobias, Dipl.-Ing., RWTH Aachen, Lehrstuhl und Institut für Massivbau,
Abschn. 3.2.2, tdressen@imb.rwth-aachen.de

Eligehausen, Rolf, Prof. Dr.-Ing., Universität Stuttgart, Institut für Werkstoffe


im Bauwesen, Abschn. 3.9, eligehausen@iwb.uni-stuttgart.de
X Autorenverzeichnis

Franke, Horst, Prof. , HFK Rechtsanwälte LLP, Frankfurt am Main, Abschn. 2.4,
franke@hfk.de

Freitag, Claudia, Dipl.-Ing., TU Darmstadt, Institut für Werkstoffe und Mechanik


im Bauwesen, Abschn. 3.8, freitag@iwmb.tu-darmstadt.de

Fuchs, Werner, Dr.-Ing., Universität Stuttgart, Institut für Werkstoffe im Bauwesen,


Abschn. 3.9, fuchs@iwb.uni-stuttgart.de

Giere, Johannes, Dr.-Ing., Prof. Dr.-Ing. E. Vees und Partner Baugrundinstitut GmbH,
Leinfelden-Echterdingen, Abschn. 4.4

Grebe, Wilhelm, Prof. Dr.-Ing., Flughafendirektor i.R., Isernhagen, Abschn. 7.5,


dr.grebe@arcor.de

Gutwald, Jörg, Dipl.-Ing., TU Darmstadt, Institut und Versuchsanstalt für Geotechnik,


Abschn. 4.4, gutwald@geotechnik.tu-darmstadt.de

Hager, Martin, Prof. Dr.-Ing. †, Bonn, Abschn. 7.4

Hanswille, Gerhard, Prof. Dr.-Ing., Bergische Universität Wuppertal, Fachgebiet


Stahlbau und Verbundkonstruktionen, Abschn. 3.5, hanswill@uni-wuppertal.de

Hauer, Bruno, Dr. rer. nat., Verein Deutscher Zementwerke e.V., Düsseldorf,
Abschn. 3.2.2

Hegger, Josef, Univ.-Prof. Dr.-Ing., RWTH Aachen, Lehrstuhl und Institut für Massivbau,
Abschn. 3.2.2, heg@imb.rwth-aachen.de

Hegner, Hans-Dieter, Ministerialrat, Dipl.-Ing., Bundesministerium für Verkehr,


Bau und Stadtentwicklung, Berlin, Abschn, 3.2.1, hans.hegner@bmvbs.bund.de

Helmus, Manfred, Univ.-Prof. Dr.-Ing., Bergische Universität Wuppertal,


Lehr- und Forschungsgebiet Baubetrieb und Bauwirtschaft, Abschn. 2.5.1 und 2.5.2,
helmus@uni-wuppertal.de

Hohnecker, Eberhard, Prof. Dr.-Ing., KIT Karlsruhe, Lehrstuhl Eisenbahnwesen Karlsruhe,


Abschn. 7.2, eisenbahn@ise.kit.edu

Jager, Johannes, Prof. Dr., TU Darmstadt, Institut WAR, Fachgebiet Wasserversorgung


und Grundwasserschutz, Abschn. 5.6, j.jager@iwar.tu-darmstadt.de

Kahmen, Heribert, Univ.-Prof. (em.) Dr.-Ing., TU Wien, Insititut für Geodäsie und
Geophysik, Abschn. 1.2, heribert.kahmen@tuwien-ac-at

Katzenbach, Rolf, Prof. Dr.-Ing., TU Darmstadt, Institut und Versuchsansalt für


Geotechnik, Abschn. 3.10, 4.4 und 4.5, katzenbach@geotechnik.tu-darmstadt.de

Köhl, Werner W., Prof. Dr.-Ing., ehem. Leiter des Instituts f. Städtebau und Landesplanung
der Universität Karlsruhe (TH), Freier Stadtplaner ARL, FGSV, RSAI/GfR, SRL,
Reutlingen, Abschn. 6.1 und 6.2, werner-koehl@t-online.de

Könke, Carsten, Prof. Dr.-Ing., Bauhaus-Universität Weimar,


Institut für Strukturmechanik, Abschn. 1.5, carsten.koenke@uni-weimar.de
Autorenverzeichnis XI

Krätzig, Wilfried B., Prof. Dr.-Ing. habil. Dr.-Ing. E.h., Ruhr-Universität Bochum,
Lehrstuhl für Statik und Dynamik, Abschn. 1.5, wilfried.kraetzig@rub.de

Krautzberger, Michael, Prof. Dr., Deutsche Akademie für Städtebau und Landesplanung,
Präsident, Bonn/Berlin, Abschn. 6.3, michael.krautzberger@gmx.de

Kreuzinger, Heinrich, Univ.-Prof. i.R., Dr.-Ing., TU München, Abschn. 3.7,


rh.kreuzinger@t-online.de

Maidl, Bernhard, Prof. Dr.-Ing., Maidl Tunnelconsultants GmbH & Co. KG, Duisburg,
Abschn. 4.6, office@maidl-tc.de

Maidl, Ulrich, Dr.-Ing., Maidl Tunnelconsultants GmbH & Co. KG, Duisburg,
Abschn. 4.6, u.maidl@maidl-tc.de

Meißner, Udo F., Prof. Dr.-Ing., habil., TU Darmstadt, Institut für Numerische Methoden
und Informatik im Bauwesen, Abschn. 1.1, sekretariat@iib.tu-darmstadt.de

Meng, Birgit, Prof. Dr. rer. nat., Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung,
Berlin, Abschn. 3.1, birgit.meng@bam.de

Meskouris, Konstantin, Prof. Dr.-Ing. habil., RWTH Aachen, Lehrstuhl für Baustatik und
Baudynamik, Abschn. 1.5, meskouris@lbb.rwth-aachen.de

Moormann, Christian, Prof. Dr.-Ing. habil., Universität Stuttgart, Institut für Geotechnik,
Abschn. 3.10, info@igs.uni-stuttgart.de

Petryna, Yuri, S., Prof. Dr.-Ing. habil., TU Berlin, Lehrstuhl für Statik und Dynamik,
Abschn. 1.5, yuriy.petryna@tu-berlin.de

Petzschmann, Eberhard, Prof. Dr.-Ing., BTU Cottbus, Lehrstuhl für Baubetrieb und Bau-
wirtschaft, Abschn. 2.6.1–2.6.3, 2.6.5, 2.6.6, petzschmann@yahoo.de

Plank, Johann, Prof. Dr. rer. nat., TU München, Lehrstuhl für Bauchemie, Garching,
Abschn. 1.4, johann.plank@bauchemie.ch.tum.de

Pulsfort, Matthias, Prof. Dr.-Ing., Bergische Universität Wuppertal,


Lehr- und Forschungsgebiet Geotechnik, Abschn. 4.3, pulsfort@uni-wuppertal.de

Rackwitz, Rüdiger, Prof. Dr.-Ing. habil., TU München, Lehrstuhl für Massivbau,


Abschn. 1.6, rackwitz@mb.bv.tum.de

Rank, Ernst, Prof. Dr. rer. nat., TU München, Lehrstuhl für Computation in Engineering,
Abschn. 1.1, rank@bv.tum.de

Rößler, Günther, Dipl.-Ing., RWTH Aachen, Institut für Bauforschung, Abschn. 3.1,
roessler@ibac.rwth-aachen.de

Rüppel, Uwe, Prof. Dr.-Ing., TU Darmstadt, Institut für Numerische Methoden


und Informatik im Bauwesen, Abschn. 1.1, rueppel@iib.tu-darmstadt.de

Savidis, Stavros, Univ.-Prof. Dr.-Ing., TU Berlin, FG Grundbau und Bodenmechanik –


DEGEBO, Abschn. 4.2, savidis@tu-berlin.de
XII Autorenverzeichnis

Schermer, Detleff, Dr.-Ing., TU München, Lehrstuhl für Massivbau, Abschn. 3.6.2,


schermer@mytum.de

Schießl, Peter, Prof. Dr.-Ing. Dr.-Ing. E.h., Ingenieurbüro Schießl Gehlen Sodeikat GmbH
München, Abschn. 3.1, schiessl@ib-schiessl.de

Schlotterbeck, Karlheinz, Prof., Vorsitzender Richter a. D., Abschn. 6.4,


karlheinz.schlotterbeck0220@orange.fr

Schmidt, Peter, Prof. Dr.-Ing., Universität Siegen, Arbeitsgruppe Baukonstruktion,


Ingenieurholzbau und Bauphysik, Abschn. 1.3, schmidt@bauwesen.uni-siegen.de

Schneider, Ralf, Dr.-Ing., Prof. Feix Ingenieure GmbH, München, Abschn. 3.3,
ralf.schneider@feix-ing.de

Scholbeck, Rudolf, Prof. Dipl.-Ing., Unterhaching, Abschn. 2.5.4, scholbeck@aol.com

Schröder, Petra, Dipl.-Ing., Deutsches Institut für Bautechnik, Berlin, Abschn. 3.1,
psh@dibt.de

Schultz, Gert A., Prof. (em.) Dr.-Ing., Ruhr-Universität Bochum,


Lehrstuhl für Hydrologie, Wasserwirtschaft und Umwelttechnik, Abschn. 5.2,
gert_schultz@yahoo.de

Schumann, Andreas, Prof. Dr. rer. nat., Ruhr-Universität Bochum,


Lehrstuhl für Hydrologie, Wasserwirtschaft und Umwelttechnik, Abschn. 5.2,
andreas.schumann@rub.de

Schwamborn, Bernd, Dr.-Ing., Aachen, Abschn. 3.1, b.schwamborn@t-online.de

Sedlacek, Gerhard, Prof. Dr.-Ing., RWTH Aachen, Lehrstuhl für Stahlbau und
Leichtmetallbau, Abschn, 3.4, sed@stb.rwth-aachen.de

Spengler, Annette, Dr.-Ing., TU München, Centrum Baustoffe und Materialprüfung,


Abschn. 3.1, spengler@cbm.bv.tum.de

Stein, Dietrich, Prof. Dr.-Ing., Prof. Dr.-Ing. Stein & Partner GmbH, Bochum,
Abschn. 2.6.7 und 7.6, dietrich.stein@stein.de

Straube, Edeltraud, Univ.-Prof. Dr.-Ing., Universität Duisburg-Essen, Institut für


Straßenbau und Verkehrswesen, Abschn. 7.3.2, edeltraud-straube@uni-due.de

Strobl, Theodor, Prof. (em.) Dr.-Ing., TU München, Lehrstuhl für Wasserbau und
Wasserwirtschaft, Abschn. 5.3, t.strobl@bv.tum.de

Urban, Wilhelm, Prof. Dipl.-Ing. Dr. nat. techn., TU Darmstadt, Institut WAR, Fachgebiet
Wasserversorgung und Grundwasserschutz, Abschn. 5.4, w.urban@iwar.tu-darmstadt.de

Valentin, Franz, Univ.-Prof. Dr.-Ing., TU München, Lehrstuhl für Hydraulik und


Gewässerkunde, Abschn. 5.1, valentin@bv.tum.de

Vrettos, Christos, Univ.-Prof. Dr.-Ing. habil., TU Kaiserslautern,


Fachgebiet Bodenmechanik und Grundbau, Abschn. 4.2, vrettos@rhrk.uni-kl.de
Autorenverzeichnis XIII

Wagner, Isabel M., Dipl.-Ing., TU Darmstadt, Institut und Versuchsanstalt für


Geotechnik, Abschn. 4.5, wagner@geotechnik.tu-darmstadt.de

Wallner, Bernd, Dr.-Ing., TU München, Centrum Baustoffe und Materialprüfung,


Abschn. 3.1, wallner@cmb.bv.tum.de

Weigel, Michael, Dipl.-Ing., KIT Karlsruhe, Lehrstuhl Eisenbahnwesen Karlsruhe,


Abschn 7.2, michael-weigel@kit.edu

Wiens, Udo, Dr.-Ing., Deutscher Ausschuss für Stahlbeton e.V., Berlin, Abschn. 3.2.2,
udo.wiens@dafstb.de

Wörner, Johann-Dietrich, Prof. Dr.-Ing., TU Darmstadt, Institut für Werkstoffe


und Mechanik im Bauwesen, Abschn. 3.8, jan.woerner@dlr.de

Zilch, Konrad, Prof. Dr.-Ing. Dr.-Ing. E.h., TU München, em. Ordinarius für Massivbau,
Abschn. 1.6, 3.3 und 3.10, konrad.zilch@tum.de

Zunic, Franz, Dr.-Ing., TU München, Lehrstuhl für Wasserbau und Wasserwirtschaft,


Abschn. 5.3, f.zunic@bv.tum.de
3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

Inhalt 3.1 Baustoffe


Peter Schießl, Birgit Meng, Günther Rößler,
3.1 Baustoffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 966
Petra Schröder, Bernd Schwamborn,
3.2 Grundlagen für Nachhaltiges Bauen . . . . . 1038 Annette Spengler, Bernd Wallner
3.3 Massivbau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1066
3.1.1 Holz und Holzwerkstoffe
3.4 Stahlbau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1167
für tragende Bauteile
3.5 Verbundbau . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1229
3.1.1.1 Holzstruktur
3.6 Mauerwerk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1301
3.7 Holzbau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1372 Holz besteht aus Zellen unterschiedlichster Art, Grö-
ße und Form. Gleichartige Zellen sind zu Verbänden,
3.8 Glasbau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1414
den sog. „Geweben“, zusammengefasst. Im Hinblick
3.9 Befestigungstechnik . . . . . . . . . . . . . . 1440 auf ihre Funktion können drei Gewebearten unter-
3.10 Baugrund-Tragwerk-Interaktion . . . . . . . 1471 schieden werden: Festigungsgewebe, Leitgewebe
und Speichergewebe. Beim entwicklungsgeschicht-
lich älteren und daher einfacher aufgebauten Nadel-
holz übernehmen manche Zellen gleichzeitig mehre-
re Funktionen. Das auf einer höheren Entwicklungs-
stufe stehende Laubholz ist durch eine größere Viel-
falt an Zellarten, die jeweils nur eine Funktion
ausüben, gekennzeichnet. Bei Nadelhölzern besteht
das Festigungsgewebe aus den Tracheiden, die auch
das Wasser leiten, bei Laubhölzern aus den Libri-
formfasern und den Fasertracheiden. Im Laubholz
wird das Wasser v. a. durch die Gefäße geleitet, die

Abb. 3.1-1 Querschnitt durch einen Nadelholzstamm (Dou-


glasie) [Grosser 1985]

K. Zilch et al. (Hrsg.), Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau,


DOI 10.1007/978-3-642-41840-2_1, © Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2013
3.1 Baustoffe 967

im Querschnitt auch als Poren bezeichnet werden.


Sie besitzen im Vergleich zu anderen Zellen einen
sehr viel größeren Durchmesser und große Gefäße
sind häufig schon mit bloßem Auge zu erkennen.
Die Holzzellen verlaufen ganz überwiegend in
Stammrichtung. Die wenigen quer dazu verlau-
fenden Zellen bilden die Holzstrahlen.
Im Stammquerschnitt von Hölzern aus Klimage-
bieten mit winterlicher Vegetationspause sind die
Zuwachszonen als Jahrringe meist gut zu erkennen
(Abb. 3.1-1). Sie bestehen aus dem hellen Frühholz-
bereich und dem dunkleren Spätholzbereich und sind
im Verlauf eines Jahres gewachsen. Bei laubabwer-
fenden Bäumen subtropischer und tropischer Gebiete Abb. 3.1-2 2 Räumliche Darstellung eines Nadelholzes
bilden sich die Zuwachszonen in Abhängigkeit von (Kiefer) [Giordano 1971]
Trocken- und Regenzeiten. Bei Hölzern aus immer-
grünen Tropenwäldern mit ununterbrochenem Wachs-
tum sind die Zuwachszonen häufig nicht zu erkennen.
Die Zellen eines Stammes werden im Kambium
gebildet, das die Rindenzellen nach außen und die
Holzzellen nach innen abscheidet. Die äußeren toten
Rindenzellen werden „Borke“, die inneren lebenden
Rindenzellen „Bast“ genannt. Der Anfang eines
Jahrringes besteht aus Zellen, die im Frühjahr gebil-
det werden und in erster Linie dem raschen Wasser-
transport dienen. Die sich im Sommer bildenden
Spätholzzellen sorgen v. a. für die Festigkeit (Abb.
3.1-2 und 3.1-3). Bei Nadelhölzern werden im Früh-
holz weitlumige, dünnwandige Zellen und im Spät-
holz englumige, dickwandige Zellen gebildet. Die-
ser ausgeprägte Unterschied in der Zellwanddicke
verursacht die für Nadelholz typischen Farb- und Abb. 3.1-3 Räumliche Darstellung eines Laubholzes (Esche)
Härteunterschiede innerhalb der Jahrringe. Das [Giordano 1971]
Mark dient dem jungen Spross v. a. zur Speicherung,
ist im älteren Baum abgestorben und hat meist nur i. d. R. keine lebenden Zellen mehr, und sein Wasser-
einen Durchmesser von wenigen Millimetern. Bei gehalt ist meistens wesentlich niedriger. Das Kern-
Laubhölzern werden aufgrund der Anordnung und holz ist bei manchen Arten gefärbt (z. B. Kiefer, Lär-
Größe der Gefäße innerhalb des Jahrrings drei Grup- che, Eiche, Nussbaum) und enthält oft fungizide und
pen unterschieden: ringporige Hölzer mit besonders insektizide Stoffe, welche die Dauerhaftigkeit des
weiten Gefäßen im Frühholz (z. B. Eiche), zerstreut- Holzes wesentlich verlängern. Neben den Baumarten
porige Hölzer mit einer recht gleichmäßigen Gefäß- mit regelmäßiger Farbkernbildung gibt es solche, die
verteilung über den Jahrring (z. B. Buche) und als nur unter bestimmten Voraussetzungen Farbkerne
Zwischenstadium die halbringporigen Hölzer (z. B. bilden (z. B. Rotkern der Rotbuche, Braunkern der
Kirsche). Die große Mehrzahl der tropischen Nutz- Esche). Bäume mit hellem Kernholz werden auch
hölzer weist eine zerstreutporige Struktur auf. „Reifholzbäume“ genannt (z. B. Fichte, Tanne, Rot-
Mit zunehmendem Alter verkernt der innere Be- buche ohne Farbkern). Bei ihnen unterscheidet sich
reich des Stammes. Während das außen liegende das Kernholz vom Splintholz nur durch den geringe-
Splintholz als lebender Teil des Baumes Leit- und ren Wassergehalt. Bei Bäumen mit verzögerter Kern-
Speicherfunktionen ausübt, enthält das Kernholz holzbildung, auch „Splintholzbäume“ genannt, be-
968 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

stehen zwischen Splint- und Kernholz keine Farb- lose aus Zuckereinheiten aufgebaut, wobei die
und Feuchteunterschiede; die Verkernungsmerkmale Ketten jedoch wesentlich kürzer und verzweigt
sind nur mikroskopisch erkennbar. sind. Sie sorgen für die Verbindung zwischen den
Die radial verlaufenden Holzstrahlen haben einen Polysacchariden und dem Lignin. Lignin ist mit
spindelförmigen Querschnitt (s. Abb. 3.1-2) und die- einem Anteil von 15 bis 35 M.-% der dritte we-
nen der Stoffleitung und -speicherung. Darüber hin- sentliche Bestandteil des Holzes. Lignin ist ein
aus leisten sie auch einen Beitrag zur Festigkeit quer Gemisch aromatischer Verbindungen, das nach ab-
zur Stammrichtung. Im Vergleich zu Laubholz sind geschlossenem Wachstum der Zellen das Gerüst
die Holzstrahlen bei Nadelholz sehr fein ausgebildet aus Zellulose und Polyosen vollständig umhüllt
und makroskopisch kaum erkennbar. Eiche und Rot- und durchdringt und dadurch die Verholzung be-
buche zeigen besonders breite und das Holzbild stark wirkt. Seine Aufgabe ist die Versteifung der Zell-
prägende Holzstrahlen. Während die meisten einhei- wand. Es sorgt v. a. für die Druckfestigkeit des
mischen Nadelhölzer (Fichte, Lärche, Kiefer) längs Holzes. Die Extraktstoffe sind holzartenspezifische
und quer (immer im Holzstrahl) verlaufende Harz- Gemische sowohl nieder- als auch hochmoleku-
kanäle haben, fehlen sie bei der Tanne völlig. larer organischer Verbindungen. Sie sind für Farbe,
Der Stoffaustausch zwischen den Zellen erfolgt Geruch, Oberflächenbeschaffenheit und Dauerhaf-
bei Nadelhölzern durch verschließbare Öffnungen, tigkeit bzw. Schädlingsresistenz ursächlich. Ihr
die „Tüpfel“ genannt werden. Bei der Kernholzbil- Anteil in europäischen Hölzern beträgt 1 bis 3 M.-
dung werden die Tüpfel verschlossen. Daher lässt %. Die mit Lösemitteln extrahierbaren Stoffe kön-
sich Kernholz i. d. R. schlechter imprägnieren als nen bei tropischen Hölzern einen wesentlich grö-
Splintholz. Auch bei der Trocknung saftfrischen ßeren Anteil (bis zu 15 M.-%) haben, worauf die
Splintholzes bis unter 30 M.-% Holzfeuchte werden erhöhte Schädlingsresistenz zurückzuführen ist.
die Tüpfel verschlossen. Bei Fichtenholz ist dieser Stärke, Pektine und Eiweiße kommen zwar nur in
Vorgang besonders stark ausgeprägt, woraus sich die geringen Mengen vor, können dafür aber einen
schlechte Imprägnierbarkeit getrockneten Fichten- entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung von
holzes ableitet. Bei den Laubhölzern fließt das Was- Schädlingen wie Insekten und Pilze haben.
ser in Axialrichtung ohne Tüpfel von einem Gefäß-
element zum anderen, nur in Querrichtung gibt es
3.1.1.2 Holzarten
ebenfalls Tüpfel, die im Gegensatz zum Nadelholz
jedoch kein Fließen, sondern nur Diffusion erlauben. Als Bauholz werden in Deutschland vorwiegend die
Holz ist aus den Elementen Kohlenstoff (rd. einheimischen Nadelhölzer Fichte, Tanne, Kiefer,
50 M.-%), Sauerstoff (rd. 43 M.-%), Wasserstoff Lärche und Douglasie, aber auch Southern Pine und
(rd. 6 M.-%) und Stickstoff (rd. 1 M.-%) aufge- Western Hemlock verwendet. Sie sind wegen ihrer
baut, wobei zwischen den Holzarten nur sehr ge- verhältnismäßig geringen Rohdichte gut zu bearbei-
ringfügige Unterschiede bestehen. Im Gegensatz ten und weisen eine gute Formstabilität auf. Die ein-
dazu gibt es große Unterschiede im Aufbau der heimischen Laubhölzer Buche und Eiche sind dage-
Zellwände, woraus sich die verschiedenen physi- gen wegen ihrer höheren Rohdichte schwerer zu be-
kalischen Eigenschaften der Hölzer ableiten. Die arbeiten und weniger formstabil. Für Außenbauteile,
Hauptbestandteile der Holzsubstanz sind Zellulo- an die hohe Anforderungen hinsichtlich Dauerhaf-
se, Polyosen (Hemizellulosen) und Lignin. Diese tigkeit, Tragfähigkeit oder Gebrauchstauglichkeit
makromolekularen Verbindungen stellen einen gestellt werden, können außer Eiche auch tropische
Anteil von 97 bis 99 M.-%. Der Rest besteht aus Hölzer wie Azobé, Greenheart, Afzelia, Merbau, An-
extrahierbaren und anorganischen Stoffen. gelique, Teak und Keruing verwendet werden.
Zellulose besteht aus einer großen Anzahl von
Glucose-Einheiten (Polysacchariden) und bildet
3.1.1.3 Holzqualitäten
die Gerüstsubstanz der Zellwand. Sie hat einen
Anteil von 40 bis 60 M.-% und beeinflusst beson- Vollholz ist gewachsenes Holz. Es wird als Bau-
ders die Zugfestigkeit. Die Polyosen haben einen rundholz und Schnittholz verwendet. Holzwerk-
Anteil von 15 bis 25 M.-% und sind wie die Zellu- stoffe werden in 3.1.1.5 beschrieben.
3.1 Baustoffe 969

Als „Baurundholz“ werden entrindete und ent- Zugfestigkeit parallel zur Faser = 5 + 0,8 u Zugfes-
ästete Stammabschnitte ohne weitere Bearbeitung tigkeit der Lamelle parallel zur Faser.
bezeichnet. Wegen des ungestörten Faserverlaufs Weit verbreitet ist Verfahren B, bei dem ein Holz-
ist die Tragfähigkeit, bezogen auf die Querschnitts- bauteil allein aufgrund optischer Merkmale einer
fläche, größer als bei einem gesägten Querschnitt. Festigkeitsklasse zugeordnet wird. Diese Merkmale
Ein weiterer Vorteil besteht in den geringeren wie Ästigkeit, Faserneigung, Jahrringbreite, Risse,
Kosten. Nachteilig wirken sich der über die Länge Krümmung, Baumkantenanteil sowie Anteil von
abnehmende Querschnitt und die gekrümmte Ober- Holzverfärbungen und Druckholz (am lebenden
fläche aus, die für dauerhafte und hochfeste An- Baum durch Druck überbeanspruchtes Holz) sind
schlüsse nicht geeignet sind. Verwendet wird Bau- hinsichtlich ihres zulässigen Umfangs in einer Sor-
rundholz z. B. für Pfosten und Lehrgerüste. tierklasse in DIN 4074-1:2003 beschrieben. Den Zu-
Im Allgemeinen wird Vollholz als Schnittholz sammenhang zwischen Sortierklasse und Festigkeits-
verwendet. Es wird im Sägewerk mittels Gatter-, klasse stellt die Tabelle F.6 in DIN 1052:2004 her.
Band- und Kreissägen meist aus dem entrindeten Verfahren C wird mit Sortiermaschinen durchge-
Stamm gewonnen. Unterschieden werden die führt. Hierbei können auch andere als optische Ei-
Schnittholzarten Latte, Brett, Bohle und Kantholz. genschaften zur Beurteilung herangezogen werden.
Praktiziert werden drei Verfahren, Holz in eine Die meisten der heute industriell eingesetzten Sortier-
Festigkeitsklasse einzuordnen: maschinen sind so genannte Biegemaschinen, in de-
nen über eine kurze Stützweite (0,5 bis 1,2 m) durch
A Bestimmung ausgewählter Werte,
Dreipunktbiegung ein mittlerer Elastizitätsmodul be-
B Sortierung nach optischen Merkmalen,
stimmt wird. Darüber hinaus wird derzeit versucht,
C Sortierung nach mechanischen Kennwerten und
den E-Modul ohne mechanische Beanspruchung,
optischen Merkmalen.
z. B. mittels Schwingungsmessung, Mikrowellen-
Unter A wird wie folgt vorgegangen: An repräsenta- oder Ultraschalltechnik zu bestimmen. Zweckmäßig
tiven Proben einer Holzgrundgesamtheit, die vor im Sinne einer noch besseren Korrelation zwischen
allem gekennzeichnet ist durch die Holzart, das Sortierung und Festigkeit ist es, den E-Modul mit an-
Wuchsgebiet und die Ausprägung der Sortiermerk- deren Sortiermerkmalen zu kombinieren, wobei in
male (Äste, ...) werden die charakteristischen Kenn- erster Linie die Ästigkeit in Frage kommt. Astdurch-
werte Biegefestigkeit, E-Modul parallel zur Faser messer und Ästigkeit können automatisch berechnet
und Rohdichte an Proben in Bauteilgröße nach werden, indem die gesamte Holzoberfläche kontinu-
EN 408:2004 bestimmt. Alle anderen charakteris- ierlich von Video-Kameras erfasst wird und die Bil-
tischen Kennwerte, die für die Berechnung von der mittels Bildanalyseverfahren ausgewertet wer-
Holzbauwerken benötigt werden (s. DIN 1052:2004, den. Die nächst wichtigere Eigenschaft ist die Roh-
Tabelle F.5 und F.7), werden anhand dieser ausge- dichte, die mit Hilfe von Mikrowellen oder weicher
wählten Kennwerte nach EN 384:1996 berechnet. Gammastrahlung bestimmt werden kann, wobei die
Beispiel: Zugfestigkeit parallel zur Faser = 0,6 u Holzfeuchte zu berücksichtigen ist. Auch Äste kön-
Biegefestigkeit. Eine Holzgrundgesamtheit kann ei- nen mit Durchstrahlungstechniken ermittelt werden,
ner Festigkeitsklasse, die nach der Biegefestigkeit weil ihre Rohdichte im Mittel 2,5-fach höher ist als
benannt ist, zugeordnet werden, wenn das 5-%- die des umgebenden Holzes.
Quantil von Biegefestigkeit und Rohdichte die ent- Die maschinelle Sortierung bietet den Vorteil,
sprechenden Werte dieser Klasse erreichen und der das Holz präziser den Festigkeitsklassen zuordnen
Mittelwert des E-Moduls parallel zur Faser 95% des zu können. Allerdings ist sie auch kostenintensiv
Wertes dieser Festigkeitsklasse übersteigt. und nur bei hoher Auslastung wirtschaftlich. So
Für Brettschichtholz (s. Abschn. 3.1.1.5) werden muss z. B. die Zuverlässigkeit einer Sortiermaschi-
die charakteristischen Werte entsprechend DIN EN ne durch zahlreiche Festigkeitsprüfungen an sor-
1194:1999 anhand folgender Kennwerte der Lamel- tierten Holzteilen nachgewiesen werden. Grund-
len berechnet: Zugfestigkeit in Faserrichtung (alle sätzliche Anforderungen an die maschinelle Sor-
Festigkeitskennwerte), E-Modul in Faserrichtung tierung von Vollholz nach Festigkeit sind in der
(alle Steifigkeitskennwerte), Rohdichte. Beispiel: Normenreihe DIN EN 14081:2006 formuliert.
970 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

3.1.1.4 Holzeigenschaften alle Holzeigenschaften. Während mit steigender


Feuchte des Holzes Holzfeuchte das Volumen zunimmt, verringern sich
Holz hat aufgrund seiner mikroskopischen Kapillar- z. B. die Festigkeit und das Wärmedämmvermögen.
porosität eine sehr große innere Oberfläche. Es kann
daher Feuchtigkeit aus der Umgebung aufnehmen Schwinden, Quellen
oder an sie abgeben. Die Holzfeuchte wird auf das Wegen der Ausrichtung der Holzfasern sind das
wasserfreie (darrtrockene) Holz bezogen und in Schwinden und das Quellen in den drei anato-
Massenprozent (M.-%) ausgedrückt. Beim Aus- mischen Hauptrichtungen sehr unterschiedlich. Die
trocknen des geschlagenen Holzes wird zunächst nur hygrische Längenänderung verhält sich bei Nadel-
das sog. „freie“ Wasser in den Zellhohlräumen abge- holz etwa wie 1:10:20 (Abb. 3.1-4). Unterhalb der
geben. Erst anschließend verdunstet das „gebunde- Fasersättigung hängen das Schwinden und das
ne“ Wasser aus den wassergesättigten Zellwänden. Quellen linear von der Holzfeuchte ab. Oberhalb
Die Grenzfeuchte zwischen diesen beiden Aus- der Fasersättigung haben wechselnde Holzfeuchten
trocknungsbereichen bezeichnet man als „Fasersät- keinen Einfluss auf das Schwinden und Quellen.
tigungsfeuchte“. Bei den europäischen Hölzern Bei der Beurteilung von Schwind- und Quellwerten
kann man mit Fasersättigung bei Holzfeuchten zwi- ist darauf zu achten, dass auf unterschiedliche Aus-
schen 23 und 35 M.-% und im Mittel von 30 M.-% gangsmaße Bezug genommen wird: Während das
rechnen. An der unteren Grenze liegen Nadelhölzer Quellmaß üblicherweise auf die Länge im darrtro-
mit hohem Harzgehalt und ringporige Laubhölzer, ckenen Zustand bezogen wird, bezieht man das
an der oberen Nadelhölzer ohne Kern und zerstreut- Schwinden auf den wassergesättigten Zustand.
porige Laubhölzer. Vom Fasersättigungspunkt bis Um die hygrischen Längenänderungen im Ver-
hinab zu einer Holzfeuchte von etwa 15 M.-% ist lauf der Nutzungsdauer, das sog. „Arbeiten“, mög-
das Wasser in den Kapillaren der Zellwände gebun- lichst gering zu halten, sollte Holz mit dem Feuch-
den. Von 15 bis 6 M.-% ist es durch Adsorption und tegehalt eingebaut werden, der der Gleichgewichts-
unterhalb von 6 M.-% durch Chemisorption an die feuchte beim mittleren Nutzungsklima entspricht.
Zellulosemoleküle gebunden. Infolge Schwindens können sich z. B. Anschlüsse
In Abhängigkeit vom Umgebungsklima stellt sich lockern; durch Quellen können erhebliche Drücke
eine Gleichgewichtsfeuchte im Holz ein. Sie beträgt aufgebaut werden, die u. U. zu großen Zwängungs-
z. B. bei Fichte in einem Klima mit 20°C und 65% beanspruchungen führen.
relativer Luftfeuchte 12 M.-%. Bei 100% relativer Durch ungleiche Anteile von radialem und tan-
Luftfeuchte sind die Zellwände gesättigt. In Abhän- gentialem Schwinden im Querschnitt kann sich
gigkeit von der Holzfeuchte ändern sich praktisch Schnittholz erheblich verziehen (Abb. 3.1-5). Die

Abb. 3.1-4 Abhängigkeit des Quellens von der Holzfeuchte [Kollmann 1951]
3.1 Baustoffe 971

mit auch von der Holzart und mit 3 bis 8·10-6 K-1
nur etwa halb so groß wie bei anorganischen Bau-
stoffen, so dass der Einfluss von Temperaturdeh-
nungen nach DIN 1052:2004 i. d. R. vernachlässigt
werden darf. Quer zur Faser ist er dagegen sehr
stark von der Rohdichte abhängig. Am größten ist
er in Tangentialrichtung (etwa 30 bis 60·10-6 K-1)
und etwas niedriger in Radialrichtung.
Die Wärmeleitfähigkeit wird v. a. durch die
Rohdichte und die Holzfeuchte bestimmt. Sie ist in
Abb. 3.1-5 Verformungserscheinungen Faserrichtung etwa doppelt so groß wie quer dazu.
Nach [Kollmann 1951] kann sie mit Hilfe der Roh-
dichte und unter Berücksichtigung der Holzfeuch-
Volumen- und Formstabilität bei wechselnden kli- te berechnet werden.
matischen Umgebungsbedingungen, das sog. „Steh- Die spezifische Wärmekapazität wird am stärksten
vermögen“, ist v. a. vom Unterschied zwischen radi- von der Holzfeuchte und kaum von der Rohdichte
aler und tangentialer hygrischer Längenänderung beeinflusst. Bei einer mittleren Holzfeuchte von
und von der Geschwindigkeit der Feuchtigkeitsauf- 12 M.-% ergibt sich für alle Hölzer eine im Ver-
nahme und -abgabe abhängig. Das Stehvermögen gleich zu anderen Baustoffen deutlich höhere spezi-
wird mit zunehmender hygrischer Längenänderung fische Wärmekapazität von 1,6 kJ/(kg·K).
und Anisotropie sowie zunehmender Geschwindig-
keit der Holzfeuchteänderung reduziert. Festigkeiten und elastisches Verhalten
Bedingt durch die Röhrenbündelstruktur ist Holz
Dichte, Rohdichte v. a. für die Aufnahme von Kräften in Faserrichtung
Die Dichte ist bei fast allen Hölzern praktisch gleich, geeignet. Bei fehlerfreiem Holz wird die höchste
da sie sich hinsichtlich ihres Grundstoffes kaum un- Festigkeit unter Zugbeanspruchung erreicht. Unter
terscheiden. Sie beträgt etwa 1500 kg/m3 für sehr Druckbeanspruchung in Faserrichtung versagt Holz
harzreiches Holz und 1600 kg/m3 für stark verkerntes durch Ausknicken der Faserbündel sowie ggf. durch
Holz. Unterschiede in der Rohdichte zwischen den Aufreißen des Verbunds zwischen den Gefäßen. Bei
Hölzern ergeben sich bei gleicher Holzfeuchte fast weiterer Belastung bildet sich eine Gleitebene
ausschließlich durch den Porenraum bzw. die Zell- schräg zu den Fasern (Abb. 3.1-6) aus. Von großer
wanddicke. Die Rohdichte ist die wichtigste Eigen- Bedeutung ist das im Vergleich zu anderen klas-
schaft des Holzes, weil alle anderen physikalischen sischen Werkstoffen wie Stahl und Beton wesent-
Eigenschaften von ihr abhängen. Die Holzart hat den lich günstigere Verhältnis von Festigkeit zu Eigen-
größten Einfluss auf die Rohdichte. Im darrtrockenen gewicht. Bei Zugbeanspruchung verhält sich Holz
Zustand liegen die Extremwerte bei 0,13 g/cm3 (Bal- bei mittlerer Holzfeuchte bis kurz vor dem Bruch
saholz) und 1,23 g/cm3 (Pockholz). Da auch das
Wachstum eine wesentliche Rolle spielt, ist die Roh-
dichte stark von der Lage im Stamm abhängig und
kann bei Bauholz um ±35% vom Mittelwert abwei-
chen. Auch Standort und Umweltbedingungen wirken
sich auf die Rohdichte aus. Mittelwerte der Rohdich-
ten gebräuchlicher Hölzer können DIN 68364:2003
(bei Raumklima) entnommen werden.

Thermische Eigenschaften
Der Wärmedehnungskoeffizient ist v. a. vom Win-
kel zur Faser abhängig. In Faserrichtung ist er Abb. 3.1-6 Probekörper nach der Druckfestigkeitsprüfung
praktisch unabhängig von der Rohdichte und da- [König 1972]
972 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

elastisch. Das elastische Verhalten des Holzes wird Dieser ist beispielhaft für Fichte mit 15 M.-%
meist mit dem E-Modul in Faserrichtung erfasst. Holzfeuchte in Abb. 3.1-7 dargestellt. Die Druck-
Aus Gründen der besseren Handhabbarkeit wird er festigkeit von fehlerfreiem Holz ist in Faserrich-
i. Allg. im Biegeversuch ermittelt. tung im Mittel etwa halb so groß wie die Zugfes-
Die Zugfestigkeit der trockenen, fehlerfreien tigkeit. Die Biegefestigkeit liegt etwa 10% bis 20%
Holzfaser liegt mit 300 bis 600 MPa, bezogen auf unter der Zugfestigkeit. Die Scherfestigkeit beträgt
die Fläche der Zellwand, im Bereich der Zugfes- etwa ein Zehntel der Zugfestigkeit.
tigkeit von Stahl. Die in der Praxis ansetzbaren Die Festigkeiten und die E-Moduln der Hölzer
Festigkeiten sind jedoch viel geringer, da die auf- sind in hohem Maße abhängig vom Winkel zwi-
nehmbare Kraft auf den Gesamtquerschnitt ein- schen Kraftangriff und Faser (Abb. 3.1-8). Schon
schließlich der Poren bezogen werden muss und bei geringer Abweichung der Last- von der Faser-
die beschriebenen Inhomogenitäten und Fehler zu richtung nimmt v. a. die Zugfestigkeit stark ab. Un-
berücksichtigen sind. ter einem Faser-Last-Winkel von 45° beträgt sie
Zwischen der Rohdichte und den Festigkeiten bereits weniger als 20% und unter 90° weniger als
der Hölzer besteht ein linearer Zusammenhang. 10%. Hierbei ist zu beachten, dass die Festigkeiten

Abb. 3.1-7 Abhängigkeit der Festigkeiten und des E-Moduls von Fichtenholz mit einer Feuchte von 15 M.-% von der
Rohdichte im darrtrockenen Zustand [Würgler/Strässler 1976]

Abb. 3.1-8 Abhängigkeit der Festigkeiten des Holzes vom Winkel zwischen Beanspruchungs- und Faserrichtung [Würg-
ler/Strässler 1976]
3.1 Baustoffe 973

Abb. 3.1-9 Abhängigkeit des E-Moduls vom Winkel zwischen Kraft- und Faserrichtung [Wesche 1988]

an fehlerfreien Proben ermittelt wurden. In der von 12 M.-% jeweils zu 100% gesetzt. Bei 0%
Praxis liegt die Zugfestigkeit quer zur Faser auf- Holzfeuchte sind Druck- und Biegezugfestigkeit
grund von Rissen und Ästen nahe Null. am größten. Mit steigender Holzfeuchte quellen
Eine deutlich geringere Abhängigkeit vom Fa- und erweichen die Holzfasern zunehmend, wo-
ser-Last-Winkel weist die Druckfestigkeit auf: Sie durch die Festigkeiten abnehmen. Am stärksten ist
beträgt bei 45° immerhin noch über 40%. Die hiervon die Druckfestigkeit betroffen, da die an-
Druckfestigkeit quer zur Faser ist dabei als Span- gelagerten Wassermoleküle v. a. den Verbund der
nung bei 1% Stauchung definiert. Die Kopplung Holzfasern untereinander mindern. Oberhalb der
an die Stauchung ist erforderlich, weil sich die Fasersättigung ändern sich die Festigkeiten prak-
Röhrenbündel soweit zusammendrücken lassen, tisch nicht mehr, da die Feuchtigkeit nur noch als
bis die Höchstspannung bei Porenfreiheit erreicht freies Wasser aufgenommen wird. Je besser die
wird. Holzqualität ist, desto größer ist die Abhängigkeit
Die Biegefestigkeit liegt wegen des kombi- von der Holzfeuchte. Der Einfluss der Holzfeuchte
nierten Beanspruchungszustands (teils Zug teils auf den E-Modul (ermittelt im Biegeversuch) ist
Druck) und einer geringeren Druck- als Zug- verhältnismäßig gering und entspricht oberhalb
festigkeit des Holzes zwischen der Zug- und der einer Holzfeuchte von 6 M.-% dem Einfluss auf
Druckfestigkeitskurve nahe bei letzterer. die Zugfestigkeit. Aus Abb. 3.1-11 ist der große
Für beliebige Faser-Last-Winkel kann die Einfluss der Holzfeuchte auf das Druckspannungs-
Druckfestigkeit z. B. nach DIN 1052:2004 berech- Dehnungsverhalten (hier in Faserrichtung) ersicht-
net werden. In [Hankinson 1921] wird sowohl für lich. Je geringer die Holzfeuchte ist, desto ausge-
die Festigkeiten als auch für den E-Modul die prägter ist der Hookesche Bereich. Darrtrockenes
Abhängigkeit vom Faser-Last-Winkel in Formeln Holz ist praktisch voll elastisch.
angegeben. Abbildung 3.1-9 basiert auf diesen Mit zunehmender Temperatur verringert sich
Formeln. Quer zur Faser ist die Verformung we- die Festigkeit von Holz. Bei fehlerfreiem europä-
sentlich größer als in Faserrichtung, wobei die ischen Nadelholz ist je 10 K mit einer Abnahme
Vorholzlänge (nicht beanspruchter Teil eines quer von 5% bei der Druck- und der Biegefestigkeit und
belasteten Bauteils) und der Jahrringverlauf einen 1% bei der Zugfestigkeit zu rechnen (Ausgangs-
wesentlichen Einfluss haben. punkt: 20°C; Holzfeuchte: 10 bis 15 M.-%). Von
Auch die Holzfeuchte hat einen bedeutenden Bedeutung ist der Temperatureinfluss z. B. bei
Einfluss auf die Festigkeiten (Abb. 3.1-10). Zur Dachkonstruktionen und im Brandfall außerhalb
besseren Vergleichbarkeit sind die Festigkeiten in des Brandbereichs. Die Temperatur beeinflusst den
Faserrichtung in diesem Bild bei einer Holzfeuchte E-Modul ähnlich wie die Festigkeiten.
974 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

Abb. 3.1-10 Abhängigkeit der Festigkeiten in Faserrichtung von der Holzfeuchte [Kollmann 1951]; Ausgleichskurven,
bezogen auf eine Holzfeuchte von 12 M.-%

Abb. 3.1-11 Spannungs-Dehnungs-Linien von Fichtenholz bei verschiedenen Holzfeuchten u [Wesche 1988]

Die Dauerstandfestigkeit von Vollholz ist mit mender Holzfeuchte kriecht Holz jedoch zuneh-
weniger als 60% der Kurzzeitfestigkeit relativ ge- mend. Bei häufigen Wechseln zwischen trockener
ring. Bei fehlerfreier trockener Fichte beträgt sie und feuchter Beanspruchung kann Holz noch we-
sogar nur 50%. sentlich stärker kriechen als bei gleich bleibender
Die Dauerschwingfestigkeit kann bei 106 Last- Feuchte. Ähnlich wie die Holzfeuchte wirkt sich
spielen abgeschätzt werden. Bezogen auf die Kurz- auch zunehmende Temperatur auf das Kriechen
zeitfestigkeit im statischen Versuch, beträgt die aus. Allgemein ist in Faserrichtung mit Kriech-
Wechselbiegefestigkeit 25% bis 40%. Mit Ausnahme zahlen zwischen 0,2 und 2,0 zu rechnen. Quer dazu
der Holzfeuchte, die einen doppelt so großen Ein- sind Werte bis 3,0 anzusetzen.
fluss auf die Dauerschwingfestigkeit ausübt, wird
sie von den anderen Einflussfaktoren in gleicher Härte
Weise beeinflusst wie die statische Festigkeit. Die Härte von Holz kann anhand des Verfahrens
Fehlerfreies, darrtrockenes Holz verhält sich nach Brinell (DIN EN ISO 6506-1:2006) charak-
unter Zugbeanspruchung rein elastisch. Mit zuneh- terisiert werden. Sie wird durch Eindrücken einer
3.1 Baustoffe 975

Stahlkugel in die Holzoberfläche bestimmt. Die Die Abbrandgeschwindigkeiten sind in Faserrich-


Härte kann als Spannungswert – berechnet aus der tung etwa doppelt so groß wie quer zur Faser.
Eindruckkraft, bezogen auf die Eindruckoberflä-
che – ausgedrückt werden. Die Härte sehr weicher
3.1.1.5 Holzwerkstoffe
Hölzer (z. B. Weymouthkiefer) unterscheidet sich
von der sehr harter Hölzer (z. B. Pockholz) etwa Allgemeines
um den Faktor 10. In Faserrichtung ist die Härte Holzwerkstoffe haben in den letzten Jahren stark an
etwa doppelt so groß wie quer dazu. Rohdichte Bedeutung gewonnen. Im Vergleich zu Vollholz er-
und Holzfeuchte sind weitere wesentliche Ein- möglichen sie nicht nur eine wesentlich wirtschaft-
flussfaktoren. lichere Ausnutzung des Rohstoffes Holz, sondern
erlauben auch andere Formgebungen. Dadurch er-
Dauerhaftigkeit gibt sich eine Fülle neuer Anwendungsmöglich-
Der Verschleißwiderstand spielt z. B. bei Böden keiten. So können z. B. sehr große dreidimensionale
eine wichtige Rolle. Er wächst mit steigender Roh- Dachschalen gebaut werden, die aus großen vor-
dichte und Härte sowie abnehmender Holzfeuchte. gefertigten Teilen bestehen. Darüber hinaus sind
Darüber hinaus ist er bei stehenden Jahresringen sie auch eine Basis der rasanten Entwicklung im
größer als bei liegenden. Oberflächenschutzsysteme Geschosswohnungsbau, wo ebenfalls vorgefertigte
(z. B. Imprägnierungen) können den Verschleißwi- Großtafeln eingesetzt werden. In vielen Fällen wei-
derstand erheblich verbessern. sen die Holzwerkstoffe gegenüber Vollholz bessere
Einige Holzarten sind gegenüber chemischen technische Eigenschaften auf. Bauaufgaben, die
Substanzen verhältnismäßig widerstandsfähig. Dies bisher anderen Stoffen vorbehalten waren, können
gilt v. a. für die Beanspruchung durch Laugen und mit den neuen Materialien problemlos wirtschaft-
Säuren mit pH-Werten zwischen 3 und 10. Holz lich bewältigt werden. Zum Teil sind die im Fol-
wird daher in zunehmendem Maße beim Bau von genden genannten Holzwerkstoffe noch nicht ge-
Lagerhallen mit korrosivem Klima (chemische In- normt, sondern können nur auf der Basis einer all-
dustrie, Salzlager für den Straßen-Winterdienst gemeinen bauaufsichtlichen Zulassung oder einer
usw.) verwendet. Zustimmung im Einzelfall genutzt werden.
Holz entzündet sich bei Temperaturen zwischen
330°C und 470°C selbst. Dünne Querschnitte kön- Brettholz
nen sich unter lang andauernder Einwirkung hoher Brettschichtholz (BSH) ist aus Brettern bis etwa
Temperaturen sogar schon bei weniger als 200°C 40 mm (meist 33 mm) Dicke, 400 mm (meist 220 mm)
selbst entzünden. Ist eine äußere Zündquelle vor- Breite und rd. 2,50 m Länge zusammengeleimt. An
handen, brennt Holz aber schon ab etwa 225°C. Ab den Kopfenden sind die Bretter durch Keilzinkung
250°C bis 300°C bildet sich auf der Holzoberflä- miteinander verbunden. Nach DIN 1052:2004 müs-
che eine Holzkohleschicht. Durch die gegenüber sen Nadelhölzer verwendet werden (in Deutschland
unbeanspruchtem Holz um 80% geringere Wärme- wird am häufigsten Fichtenholz eingesetzt). Ein
leitfähigkeit der Holzkohleschicht wird die Ge- wesentliches Argument für die Verwendung sind
schwindigkeit der Schädigung erheblich verzögert. Querschnitts- und Trägerformen mit Abmessungen,
Dadurch können entsprechend konstruierte Bau- welche die mit Vollholz erreichbaren mehrfach über-
teile in recht hohe Feuerwiderstandsklassen einge- treffen. So wurden Träger mit einer Höhe von 2,30 m
ordnet werden (s. DIN 4102-4:1994). Die Wider- und über 100 m Spannweite ebenso realisiert wie
standsfähigkeit des Holzes wächst mit dreidimensional gekrümmte Strukturen. Da Holz-
fehler im zusammengesetzten Querschnitt verteilt
– größer werdender Rohdichte, werden, können bei gleicher Sortierklasse der Brett-
– zunehmender Feuchte, lamellen höhere Spannungen als bei Vollholz zuge-
– wachsendem Verhältnis von Volumen zu Ober- lassen werden (s. DIN 1052:2004, Tabelle F.9). Ver-
fläche, wendet wird BSH v. a. für Binder und Sparren.
– abnehmendem Harzgehalt, Multiplan-Platten bestehen aus drei bis fünf La-
– kleiner werdender Anzahl und Größe von Rissen. gen kreuzweise verleimter Nadelholzbretter. Die äu-
976 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

ßere Lage ist etwa 7 mm dick, die Dicke der inneren stand der Oberfläche klassifiziert, s. EN 313-1:1996.
Lagen variiert zwischen 7 und 27 mm. Es werden Hinsichtlich seiner Feuchtebeständigkeit unter-
Platten mit einer Breite bis 2 m und einer Länge bis scheidet die Normreihe EN 636:1997 hinsichtlich
20 m bei Dicken bis 40 mm hergestellt. Die mecha- der Verwendungen im Trocken-, Feucht- und Au-
nischen Eigenschaften sind mit denen von Baufur- ßenbereich.
niersperrholz und Furnierschichtholz vergleichbar. Furniersperrholz besteht aus drei bis sieben La-
Unter Systembauteilen versteht man z. B. Holz- gen 0,1 bis 6 mm dicker Furniere, die abwechselnd
blocktafeln, die aus kreuzweise verleimten Brettla- rechtwinklig zueinander verklebt sind. Hierdurch
gen zusammengesetzt sind und im genormten Ras- wird erreicht, dass Schwinden und Quellen sowie
termaß des Vielfachen von 12,5 cm zur Verfügung die Festigkeiten in den beiden Hauptrichtungen
stehen. Durch ihre große Holzmasse weisen sie (Faserrichtungen) nahezu gleich sind. Die hyg-
eine hohe Wärme- und Schalldämmung, Feuerwi- rischen Längenänderungen werden auf Werte par-
derstandsdauer und Festigkeit auf, weshalb sie für allel zur Faser reduziert. Sperrholz eignet sich da-
Wandscheiben im Wohnungsbau und für gewerb- her v. a. für flächige Elemente.
liche Objekte dienen können. Baufurniersperrholz wird für Decken-, Dach-
und Wandscheiben verwendet. Baufurniersperrholz
Lagenholz aus Buchenfurnier weist eine besonders hohe Druck-
Furnierschichtholz wird aus etwa 3 mm dicken Na- festigkeit senkrecht zur Plattenebene und Schubfes-
delholz-Schälfurnierblättern mit Phenolharz verleimt. tigkeit senkrecht zur und in Plattenebene auf.
Die Längsstöße der Furniere sind entweder geschäftet Betonschalungssperrholz zeichnet sich durch be-
oder überlappt. Die Furniere sind bei einigen Fabri- sonders hochwertige Oberflächen aus, um das Aus-
katen ausschließlich faserparallel angeordnet. Es gibt schalen und Reinigen sowie die Haltbarkeit bzw.
aber auch Ausführungen, bei denen ein kleiner Anteil Verschleißfestigkeit zu verbessern. Hierfür werden
von Furnierlagen quer zur Plattenrichtung liegt; sie z. B. mit Phenolharz getränkte Glasfasermatten und
bieten bei flächigen Anwendungen und insbesondere in Fertigteilwerken sogar Metalle verwendet.
Feuchtebeanspruchung wegen der geringeren hyg- Großflächenschalungsplatten gibt es mit 35 m2
rischen Längenänderung Vorteile. Aus Furnierschicht- Fläche bei 30 mm Dicke.
holz werden Platten bis 24 m Länge, 1,8 m Breite und Mittellagensperrholz besteht aus einer Mittella-
rd. 9 cm Dicke hergestellt. Anwendung findet Fur- ge 7 bis 30 mm breiter miteinander verleimter Voll-
nierschichtholz sowohl bei balkenförmigen als auch holzleisten und zwei einige Millimeter dicken Fur-
plattenförmigen Bauteilen. Balken werden als Strei- nierdecklagen. Für Bauzwecke ist es in DIN 68705-
fen aus den Rohplatten gesägt und wie Brettschicht- 4:1981 genormt. Bei Stäbchensperrholz werden für
holz verwendet. Zur Bildung größerer Querschnitts- die Mittellage 7 mm dicke Schälfurnierstreifen ver-
höhen kann es entweder lagenweise oder auch mit wendet. Die senkrecht zur Plattenebene stehenden
Vollholz z. B. zu S-Platten verleimt werden. Jahrringe führen zu einer sehr geringen hygrischen
Furnierstreifenholz, auch PSL (Parallel Strand Längenänderung in Plattenebene.
Lumber) genannt, wird aus rd. 2 m langen, 13 mm Für Kunstharzpressholz (KPH) werden 8 bis 36
breiten und 3 mm dicken Nadelholz-Furnierstreifen mit Phenolharz getränkte Buchenfurnierlagen unter
hergestellt. Die Streifen werden allseitig mit Phe- hohem Druck und hoher Temperatur zusammen-
nolharz beleimt und längenversetzt flächen- sowie gepresst. Die Rohdichte liegt zwischen 800 und
faserparallel zu endlosen Balken mit Querschnitten 1500 kg/m3. Die Furniere werden je nach den
bis etwa 30 cm u 50 cm verarbeitet. Die auf 20 m gewünschten Eigenschaften lagenweise entweder
abgelängten Stücke können anschließend zu belie- faserparallel, kreuzweise oder sternförmig ver-
bigen Querschnitten zerteilt werden. PSL zeichnet leimt. Weitestgehende Richtungsunabhängigkeit der
sich durch hohe Biege- und Schubfestigkeit aus. Eigenschaften in der Plattenebene kann durch Ver-
leimung mit 15°-Versatz erreicht werden (Stern-
Sperrholz holz). KPH zeichnet sich durch sehr hohe Festig-
Sperrholz wird nach dem Aufbau, der Form, der keiten, hohe Abrieb- und Verschleißfestigkeit, gute
Dauerhaftigkeit und dem Aussehen sowie dem Zu- Dauerhaftigkeit und Temperaturbeständigkeit aus,
3.1 Baustoffe 977

s. DIN 7707-2:1979. Anwendung findet es im Indus- Mittellage quer dazu. Die mit wenigen Prozent
triebodenbereich sowie im Kläranlagenbau. Phenolharz verleimten Platten sind 6 bis 25 mm
dick, bis 5,0 m lang und bis 2,5 m breit. Die zuläs-
Spanholz sigen Spannungen liegen zwischen Baufurnier-
Unter Spanplatten versteht man i. Allg. Platten aus Sperrholz und Flachpress-Spanplatten. Verwendet
kurzen Spänen von wenigen Zentimetern Länge. werden OSB-Platten als mittragende Beplankung
Als Bindemittel werden meist Kunstharz, seltener für Elemente in Holztafelbauweise, Dachscha-
Zement, Gips und Magnesit verwendet. Die Späne lungen sowie Fußboden- und Wandbeläge.
bestehen aus Holz, aus dem kein Bauholz mehr ge- Langspanholz, auch LSL (Laminated Strand
wonnen werden kann, d. h. Abfall- oder Altholz. Es Lumber) genannt, besteht aus bis zu 30 cm langen,
werden aber auch andere holzartige Faserstoffe ver- bis 4 cm breiten und 0,9 cm dicken Spänen des
wendet. In der Mittellage können bis zu 20% durch schnell wachsenden nordamerikanischen Aspen-
Altpapier ohne Festigkeitsverlust ersetzt werden. holzes (Pappelart). Die Späne werden allseitig be-
Über die Rohstoffwahl und das Herstellverfahren leimt und faser- sowie flächenparallel, aber län-
lassen sich die Eigenschaften der Spanplatten in genversetzt mit einem Polyurethan-Kleber unter
einem weiten Bereich variieren. Durch Gips als Druck verleimt. Die Herstellung umfasst sowohl
Bindemittel werden sehr geringe Schwindwerte er- balken- als auch plattenförmige Bauteile. Die Plat-
reicht. Allgemein wird der Feuerwiderstand durch tengrößen reichen bis 2,3 m u10,7 m bei einer Di-
mineralische Bindemittel deutlich erhöht. cke bis 14 cm. Kleinere Querschnitte werden als
Man unterscheidet Flachpressplatten (Markt- Streifen aus Platten gesägt. Anwendung finden die
anteil: rd. 95%) und Strangpressplatten. In Flach- großformatigen Platten im Dach- und Fassadenbe-
pressplatten sind die Späne parallel zur Platten- reich. Ebenso werden zusammengesetzte Quer-
ebene orientiert. In Plattenebene weisen sie in allen schnitte aus Voll- und Langspanholz (z. B. Platten-
Richtungen gleiche Eigenschaften auf. Die mecha- balken) produziert. Derzeit gibt es drei bauauf-
nischen Eigenschaften sind schlechter als die von sichtliche Zulassungen.
Vollholz in Faserrichtung. Mit abnehmender Ver- Holzwolle-Leichtbauplatten werden aus Holz-
bundlänge der Späne werden die Festigkeiten ge- wolle mit mindestens 80 mm Spanlänge und einem
ringer. Spanplatten sind sehr kostengünstig herzu- mineralischen Bindemittel (Zement, Gips oder
stellen und werden daher am meisten von allen Magnesit) hergestellt. Bei Magnesitbindung bleibt
Holzwerkstoffen produziert. Anwendung finden Holzwolle zäh, während sie bei Verwendung von
sie in allen Bereichen mit geringen Anforderungen Zement und Gips versprödet. Holzwolle-Leicht-
an die Festigkeit, z. B. im Holztafelbau als ausstei- bauplatten sind nach DIN 4102-4:1994 schwer ent-
fende Beplankung. Anforderungen an Spanplatten flammbar; sie finden als Wärmeschutz, Zwischen-
für tragende Bauteile sind in DIN EN 312:2003 wände und Bekleidungen Verwendung.
enthalten. Bei Strangpressplatten liegen die Späne,
bedingt durch den kontinuierlichen Pressvorgang in Faserholz
einem Formkanal, rechtwinklig zur Plattenebene. Zur Herstellung von Faserplatten wird Nadelholz
Angewendet wird das Verfahren vor allem für so minderwertiger Qualität einschließlich der Rinde
genannte Röhrenplatten, die wegen der geringen verwertet. Das Holz wird als Hackschnitzel ggf. un-
Biegefestigkeit nur mit Beplankung z. B. für Türen ter Zumischung anderer pflanzlicher Faserstoffe in
und Wandverkleidungen verwendet werden. Wasserdampf aufgeschlossen und durch profilierte
OSB-Platten (OSB Oriented Strand Board) sind Mahlscheiben zerfasert. Die Art des Bindemittels
in DIN EN 300:1997 definiert. Sie werden aus 60 und der Zusätze sowie der Grad der Verdichtung be-
bis 75 mm langen und 0,6 mm dicken rechteckigen stimmen die Eigenschaften. Entsprechend der Roh-
Flachspänen in drei Lagen hergestellt. Die Flach- dichte werden poröse, mitteldichte und dichte (har-
späne gewinnt man durch Brechen von Schälfur- te) Faserplatten unterschieden. Hergestellt werden
nieren (vorwiegend Kiefer). In den Deckschichten die Platten entweder im Nassverfahren ohne zusätz-
sind die Späne in der Hauptbeanspruchungsrich- liches Bindemittel oder im Trockenverfahren mit
tung (Plattenlängsrichtung) ausgerichtet, in der zusätzlichem Bindemittel. Poröse und dichte (harte)
978 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

Platten werden generell im Nassverfahren herge- verdichten. Schließlich entstehen die Fruchtkörper
stellt. Der Verbund der Fasern beruht dabei auf der mit dem sporenbildenden Gewebe. Die Hyphenspit-
eigenen Klebkraft der Fasern sowie deren Verfil- zen sondern Enzyme ab, die die Holzsubstanz ab-
zung. Mittelharte Faserplatten werden entweder im bauen. Pilze, die überwiegend Zellulose abbauen
Nassverfahren oder im Trockenverfahren herge- und das braune Lignin übrig lassen, werden
stellt. Durch die regellose Anordnung der Fasern „Braunfäulepilze“ genannt; sie treten vornehmlich
sind die mechanischen Eigenschaften der Holzfa- bei Nadelhölzern auf. Das befallene Holz reißt in-
serplatten in allen Richtungen etwa gleich. Im kons- folge des Austrocknens und starken Schwindens
truktiven Ingenieurbau finden Hartfaserplatten z. B. längs und quer in rechteckige Stücke auf, wodurch
Anwendung im Steg von I-Trägern. der typische Würfelbruch entsteht. Mit zuneh-
mendem Befall wird das Holz immer spröder. Im
Kombinationsbauteile Endstadium lässt es sich zwischen den Fingern
Träger werden immer häufiger aus verschiedenen zerreiben. „Weißfäule“ wird durch Pilze hervorge-
Werkstoffen zusammengesetzt. Angeboten werden I- rufen, die sowohl Zellulose als auch Lignin abbau-
Träger mit Gurten aus sehr druck- und zugfestem en. Sie ist bevorzugt bei Laubhölzern anzutreffen
Furnierschicht- oder Vollholz und Stegen aus sehr und hellt das Holz vielfach auf. Das Holz schrumpft
schubfesten OSB-Platten oder auch Holzfaserplatten. ohne Risse; es wird weich und faserig.
Darüber hinaus sind auch I- und Doppel-I-Träger mit Der häufigste, gefährlichste und am schwierigs-
Vollholzgurten und Stegen aus 0,5 mm dicken Ble- ten zu bekämpfende holzzerstörende Pilz ist der
chen bekannt. Die Stege sind durch Nuten in die Echte Hausschwamm (serpula lacrimans), der zu
Gurte eingebunden. Die Lieferlängen der Kombina- den Braunfäulepilzen gehört und auch Laubholz
tion Furnierschichtholz/OSB reichen bis 22 m. nicht verschont. Zu finden ist er im bodennahen
Bereich von Altbauten sowie nach unsachgemäßen
Umbauten und Instandsetzungen von Altbauten. In
3.1.1.6 Holzschädlinge, Holzschutz
Neubauten tritt er dagegen äußerst selten auf. Er
Unter bestimmten Randbedingungen kann Holz von benötigt zu seiner Entstehung nur feuchtes Holz,
pflanzlichen und tierischen Holzschädlingen befal- wobei er mit geringerer Holzfeuchte auskommt als
len werden. Die größten Schäden werden durch andere Gebäudepilze. Darüber hinaus passt er sich
Pilze verursacht. Ganz allgemein fördern Holz- den Umweltbedingungen weitgehend an und
feuchten über 20 M.-% und Temperaturen oberhalb wächst unter bestimmten Bedingungen auch auf
üblicher Raumtemperaturen den Befall. Pilze schä- trockenem Holz weiter. Wie alle Pilze überlebt er
digen Holz durch chemischen Abbau, tierische auch lange Trockenzeiten in der so genannten Tro-
Schädlinge durch Zernagen. Infolge des biolo- ckenstarre. Als einziger pflanzlicher Holzzerstörer
gischen Angriffs können die Festigkeiten bis auf muss er entsprechend den Bauordnungen einiger
Null abnehmen. Manche Pilze und Insekten be- Bundesländer unverzüglich bekämpft werden.
schränken sich auf Nadel- oder Laubholz oder sogar Beim Hausschwamm bildet sich ein weißer, wat-
nur auf bestimmte Holzarten, andere bevorzugen teartiger Myzelrasen, der sich später zu Häuten zu-
zwar bestimmte Hölzer, sind aber auch auf bzw. in sammenzieht, aus denen sich kräftige, bis bleistift-
anderen anzutreffen. In erster Linie wird das Splint- dicke Myzelstränge bilden, die bis zu 8 mm pro Tag
holz befallen; bestimmte Pilze können aber auch wachsen können. Der Fruchtkörper hat die Form
Kernholz abbauen. Einige Tropenhölzer enthalten eines Fladens mit einem Durchmesser bis zu einem
Kerninhaltsstoffe, die gegen Pilzbefall weitgehend Meter, ist innen rostbraun und hat einen weißen Zu-
schützen. Die eindeutige Identifizierung pflanz- wachsrand. Wegen seines hochentwickelten Ober-
licher und tierischer Holzschädlinge sollte grund- flächenmyzels bzw. Strangmyzels kann er sich me-
sätzlich Fachleuten vorbehalten bleiben. terweit über holzfreie Stoffe ausbreiten und sogar
Pilze entwickeln sich aus Sporen. Unter günstigen Mauerwerk durchwachsen. Er ist zwar, wie alle
Bedingungen keimen sie, und es bildet sich eine Pilze, auf einen äußeren Feuchtigkeitszutritt ange-
Keimhyphe, von der weitere Hyphen abgehen, die wiesen, kann die Feuchtigkeit aber über eine Entfer-
sich schließlich zu einem Pilzgeflecht, dem Myzel, nung von einigen Metern heranschaffen. Zu seiner
3.1 Baustoffe 979

Bekämpfung sind daher zuerst einmal sämtliche Holzschäden durch Tiere werden v. a. von In-
Feuchtigkeitsquellen auszuschalten. sekten – insbesondere Käfern – verursacht. Insek-
Weitere gefährliche und häufig auftretende Ge- ten durchlaufen vier Entwicklungsstadien: Ei –
bäudepilze sind der Braune Kellerschwamm (coni- Larve – Puppe – Vollinsekt (Imago). Geschädigt
ophora puteana), auch „Brauner Warzenschwamm“ wird das Holz ausschließlich durch die Larven, de-
genannt, und der Weiße Porenschwamm (poria vai- ren Stadium mehrere Jahre dauern kann. Der in
lantii). Diese beiden Pilze befallen ebenfalls vor- Mitteleuropa verbreiteteste und gefährlichste Kä-
wiegend Nadelholz – seltener Laubholz – und ver- fer ist der Hausbockkäfer (hylotrupes bajulus). Er
ursachen Braunfäule. Sie sind sowohl in Alt- als befällt ausschließlich Nadelholz, und zwar v. a. das
auch in Neubauten bis ins Dachgeschoss anzutreffen. eiweißreiche Splintholz. Dieser Käfer kommt am
Der Braune Kellerschwamm ist der am schnellsten häufigsten in Dachstühlen vor, da er Temperaturen
wachsende Bauholzpilz; er führt zu ebenso großen um 30°C braucht. Weil er auch Holzfeuchten um
Zerstörungen wie der Echte Hausschwamm. Der 30 M.-% benötigt, ist er in feuchten Gebieten
Weiße Porenschwamm hat eine ähnlich große Zer- (Flusstäler, Küstenbereiche) häufiger anzutreffen.
störungskraft. Während er eine Holzfeuchte von Der Befall ist lediglich an 5 bis 10 mm großen,
40 M.-% braucht, benötigt der Braune Keller- ovalen Löchern im Holz zu erkennen, durch die
schwamm eine Holzfeuchte von über 50 M.-%. die Käfer das Holz verlassen. Der weibliche Käfer
Zu den Pilzen, die das Holz lediglich verfärben, ist 10 bis 25 mm lang, die Larve bis zu 30 mm.
aber nicht abbauen, gehören Bläuepilze und Schim- Unter der papierdünnen Holzoberfläche ist das
melpilze. Beide Pilzgruppen benötigen Holzfeuch- Splintholz häufig weitgehend zerfressen. Die Be-
ten oberhalb der Fasersättigung. Bläuepilze befallen fallswahrscheinlichkeit ist bei zehn bis 30 Jahre
insbesondere Nadelholz, und zwar vornehmlich alten Gebäuden am größten und bei sehr altem
Kiefer, aber auch Laubholz (z. B. Buche) und ver- Holz (> 100 Jahre) wegen der Alterung und der
schiedene Tropenhölzer. Bei Kernhölzern wird aus- Umwandlung der Eiweißstoffe sehr gering. Als
schließlich das Splintholz befallen, da nur dort für einziger tierischer Holzzerstörer muss er entspre-
die Pilze verwertbare Zellinhaltsstoffe vorkommen. chend den Bauordnungen einiger Bundesländer
Bläuepilze bauen i. Allg. die Zellwände nicht ab und unverzüglich bekämpft werden.
verursachen deshalb auch keine Festigkeitsverlus- Ein weiterer, weit verbreiteter und sehr schäd-
te des Holzes. Die im Querschnitt gut sichtbare licher Holzzerstörer ist der Gewöhnliche Nage-
Verblauung wird von dunkel gefärbten Pilzhyphen käfer (anobium punktatum), volkstümlich auch
hervorgerufen, die sich bevorzugt in den nähr- „Holzwurm“ genannt. Er bevorzugt Raumtempe-
stoffreichen Holzstrahlen ausbreiten und durch das ratur und Holzfeuchten zwischen 20 und 25 M.-%.
Holz schimmern. Aufgrund der Lichtbrechung er- Er befällt vorwiegend die hellen Frühholzschichten
scheint das Holz blau bis grauschwarz. Man unter- einheimischer Hölzer.
scheidet Stammholzbläue (bereits am stehenden Der Braune Splintholzkäfer ist in den letzten
Baum), Schnittholzbläue und Anstrichbläue (Pilze Jahrzehnten für die Holzverarbeiter der mit Ab-
können Anstrichfilme durchwachsen), die jeweils stand gefährlichste Holzschädling geworden, da er
von bestimmten Pilzarten hervorgerufen werden. – aus den Tropen kommend – trockene (15 bis
Schimmelpilze verfärben ebenfalls das Holz, 16 M.-% Holzfeuchte) und warme (um 20°C) Be-
wachsen aber mit ihrem grünen bis blaugrünen oder dingungen bevorzugt. Er ist ein typischer Laub-
schwärzlichen Rasen nur auf der Oberfläche des holzschädling.
Holzes, ohne tiefer als 0,5 mm in das Innere einzu- In salzhaltigem Meerwasser verbautes Holz ist
dringen. Da sie nur von den Holzinhaltsstoffen ange- durch verschiedene Meerestiere gefährdet. Zu ih-
schnittener Zellen und eventuell vorhandenen Verun- nen gehören v. a. die Holzbohrmuschel und die
reinigungen leben, ohne die Zellwände anzugreifen, Bohrassel. Insbesondere erstere kann Holz in we-
verursachen sie ebenfalls keine Festigkeitsverluste nigen Jahren fast völlig zerstören.
des Holzes. Weil sehr feuchte, unbewegte Luft ihr Die für tragende Bauteile erforderlichen vorbeu-
Wachstum begünstigt, sind sie ein Indikator für die genden und bekämpfenden Holzschutzmaßnahmen
potentielle Gefährdung durch holzzerstörende Pilze. sind in DIN 68800-1:1974 aufgeführt. Vorbeugender
980 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

Holzschutz kann durch bauliche Maßnahmen nahmen gegen Pilz- und Insektenbefall sollten im-
(DIN 68800-2:1996 oder Behandlung mit che- mer von einer Fachfirma ausgeführt werden.
mischen Holzschutzmitteln (DIN 68800-3:1990 und
DIN 68800-5:1978) gewährleistet werden. Bauliche
Maßnahmen wie das Fernhalten von Niederschlag 3.1.2 Bindemittel
bzw. dessen schnelle Ableitung und das Abschirmen
3.1.2.1 Allgemeines
gegenüber Feuchtigkeit aus dem Boden oder aus an-
grenzenden Bauteilen können mit Ausführungsde- Bindemittel sind Stoffe, die gröbere oder feinere
tails z. B. [Natterer u. a. 1996] entnommen werden. Körper – „Gesteinskörnung“ genannt – fest unter-
In DIN 68800-3:1990 sind allen vorkommenden einander verkitten. Sie werden nur selten als reine
Anwendungsbereichen fünf Gefährdungsklassen Bindemittelleime ohne Gesteinskörnung verwen-
zugeordnet. In allen Klassen kann Holz ohne che- det, da sie i. Allg. zu teuer sind und in dieser rei-
mischen Holzschutz verwendet werden, wenn man nen Form z. T. ungünstige technologische Eigen-
es der erforderlichen Resistenzklasse entsprechend schaften haben können.
DIN EN 350-2:1994 zuordnen kann und zusätz- Als Bindemittel kommen sowohl organische als
liche Randbedingungen erfüllt werden. Die erfor- auch anorganische Stoffe in Betracht. Die wichtigs-
derliche Holzschutzmittel-Wirkungsgruppe (z. B. ten organischen Bindemittel sind Teer, Bitumen
Iv: Vorbeugend gegen Insekten) ist ebenfalls von und Kunstharze. Im Folgenden werden ausschließ-
der Gefährdungsklasse abhängig (s. DIN 68800- lich anorganische Bindemittel behandelt, insbeson-
3:1990). Für Holzwerkstoffe sind in DIN 68800- dere Gipse, Kalke und Zemente als wichtigste Ty-
2:1996 den Anwendungsbereichen die erforder- pen. Latent-hydraulische und puzzolanische Stoffe
lichen Holzwerkstoffklassen zugeordnet. sind weitere wichtige Bindemittelkomponenten.
Vorbeugende Holzschutzmittel für tragende Die wichtigsten Unterschiede in der chemischen
Bauteile müssen ein Prüfzeichen des Deutschen Zusammensetzung der genannten Stoffe sind in
Instituts für Bautechnik (DIBt) haben. Es stellt si- Abb. 3.1-12 dargestellt.
cher, dass die Wirksamkeit und die gesundheitliche Grundsätzlich unterscheidet man zwei Haupt-
Unbedenklichkeit nachgewiesen wurden. Im Prüf- gruppen von anorganischen Bindemitteln:
bescheid sind neben den Anwendungsbereichen
– Luftbindemittel, die nur an der Luft erhärten und
und ggf. Anwendungsbeschränkungen auch das er-
im erhärteten Zustand wasserlöslich sind, und
forderliche Einbringverfahren (z. B. Kesseldruck-
– hydraulische Bindemittel, die an der Luft und
tränkung) und die Einbringmenge genannt. Nach
unter Wasser erhärten und im erhärteten Zu-
DIBt-Verzeichnis können die Holzschutzmittel
stand wasserbeständig sind.
drei Gruppen zugeordnet werden: wasserlösliche
Mittel (z. B. Salze), ölige Mittel (z. B. Teeröl) und
sonstige Mittel (z. B. Pasten).
3.1.2.2 Gipse
Bekämpfende Holzschutzmittel können z. B.
dem RAL-Holzschutzmittel-Verzeichnis entnommen Definition und Herstellung
werden. Manchmal kommt es zu Unverträglich- Bindemittel auf Gipsbasis (Sulfatbindemittel) sind
keiten von Holzschutzmitteln mit anderen Bau- nicht hydraulisch, d. h., sie sind nicht wasserbe-
stoffen, z. B. Verfärbung bei Putz, Korrosion von ständig. Man unterscheidet Gipsbinder und An-
Metall und Glas sowie Auflösen von Kunststoffen. hydritbinder.
Insekten lassen sich auch mit Heißluft oder Gas er- Baugipse entstehen durch Temperaturbehand-
folgreich bekämpfen, wobei zu beachten ist, dass lung von Rohgips (CaSO4·2H2O, Dihydrat). Beim
diese Maßnahmen nicht vorbeugend wirken. Ob- Brennen wird das gebundene Kristallwasser ganz
wohl verschiedenen Literaturstellen zu entnehmen oder teilweise ausgetrieben. Mit steigender Brenn-
ist, dass auch der Echte Hausschwamm mittels temperatur entstehen aus CaSO4·2H2O zunächst
Heißluft abgetötet werden kann, ist dies derzeit Halbhydrat CaSO4·1/2H2O, danach verschiedene
nach DIN 68800-4:1992 nur in Ausnahmefällen Modifikationen von Anhydrit CaSO4. Als Rohstof-
zulässig. Die Bekämpfung bzw. vorbeugende Maß- fe dienen Naturgips, aber auch gipsreiche Neben-
3.1 Baustoffe 981

Bei Anhydritbindern unterscheidet DIN 4208 zwi-


schen Produkten aus Naturanhydrit (Kennzeich-
nung „NAT“) und synthetischem Anhydrit (Kenn-
zeichnung „SYN“).

Verwendung
Baugipse werden vorwiegend als Bindemittel für
die Herstellung von Innenputzen, Gipsbauplatten
für den Innenausbau (Decken-, Wandbau- und Gips-
kartonplatten) sowie Stuckarbeiten (Stuckgips) ver-
wendet. Anhydritbinder dienen ebenfalls ausschließ-
lich für den Innenausbau, insbesondere für Putze,
Abb. 3.1-12 Einordnung der wichtigsten anorganischen Estriche und Bauteile (Steine, Fertigteile).
Bindemittel bzw. Bindemittelkomponeneten im Dreistoff-
system CaO-SiO2-Al2O3 [Wesche 1993]
Verarbeitung
Nach dem Anmachen der Baugipse bzw. Anhydrit-
produkte aus der chemischen Industrie (Chemie- binder mit Wasser entsteht als Erhärtungprodukt
gipse) oder der Kraftwerkindustrie (REA-Gips aus wieder kristallisiertes Dihydrat CaSO4·2H2O (Gips).
Rauchgasentschwefelungsanlagen). Dabei entscheidet die mineralogische Zusammen-
Durch den reversiblen Prozess der Bindung von setzung, aber auch die Art und Dosierung von
Wasser erlangt der zuvor gebrannte – d. h. dehy- eventuell zugegebenen Anregern oder Verzöger-
dratisierte – Gips unter Bildung eines kristallinen ern, über die Reaktionsgeschwindigkeit. Prinzipiell
Gefüges mehr oder weniger große Festigkeit. reagiert das Halbhydrat schneller als der bei hoher
Zur Erzielung bestimmter Eigenschaften des Temperatur entstandene Anhydrit.
Baugipses können werkseitig Zusätze von bis zu
maximal 50 M.-% zugegeben werden. Dabei han-
3.1.2.3 Kalke
delt es sich einerseits um Stellmittel – Stoffe, die
gezielt die Konsistenz, Haftung oder Versteifungs- Definition, Herstellung und Eigenschaften
zeit verändern – oder Füllstoffe (z. B. Sand) sog. Als „Baukalke“ dürfen ausschließlich Bindemittel
Gips-Trockenmörtel. Gipse und Gips-Trocken- bezeichnet werden, welche der DIN EN 459 Teil 1
mörtel sind in DIN EN 13279 Teil 1 geregelt. entsprechen. Baukalk wird vorwiegend als pulver-
Anhydritbinder werden aus Naturanhydrit oder förmiges Kalkhydrat geliefert. Kalkteig und Stück-
aus synthetischem Anhydrit, der als Nebenprodukt kalk haben nur noch untergeordnete Bedeutung.
in der chemischen Industrie anfällt, hergestellt. Die Weißkalke, vielfach auch „Luftkalke“ genannt,
Zugabe sog. „Anreger“ dient zur Beschleunigung zeichnen sich durch sehr große Feinheit, niedrige
des Reaktionsvorgangs. Als Anreger dienen ba- Schüttdichte, hohe Ergiebigkeit, große Wirtschaft-
sische Stoffe (z. B. Baukalk) oder salzartige Stoffe lichkeit und gute Verarbeitbarkeit (Geschmeidig-
(z. B. leicht lösliche Sulfate) oder eine Kombination keit und Wasserrückhaltevermögen) aus. Sie wer-
aus beiden (gemischte Anreger). den aus möglichst reinem Kalkstein (CaCO3) un-
terhalb der Sintergrenze bei rd. 1000°C gebrannt.
Sorten Diese Luftbindemittel sind im erhärteten Zustand
Die in Deutschland gängigsten Sorten von Baugip- nicht wasserbeständig.
sen können wie folgt unterschieden werden: Mit der Aufnahme von Kohlendioxid aus der
Luft (Karbonatisierung) erhärtet der Luftkalk. Die
– ohne werkseitig beigegebene Zusätze: Stuck- Karbonatisierung findet wegen der geringen CO2-
gips und Putzgips, Konzentration der Luft (0,03 Vol.-%) nur langsam
– mit werkseitig beigegebenen Zusätzen: Fertig- statt. Sie läuft umso schneller ab, je poriger der
putzgips, Haftputzgips, Maschinenputzgips, An- Mörtel ist und je mehr CO2 zur Verfügung steht.
setzgips, Fugengips, Spachtelgips. Luftkalkputze dürfen daher nicht gegen Luft abge-
982 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

sperrt werden (z. B. durch dichte Oberputze, Tape- und Dolomitkalke mit dem Kurzzeichen CL und DL
ten, Spachtelmassen). Unter günstigen Umständen sowie dem Mindestgehalt an (CaO+MgO) bezeich-
(dauernde Berührung mit Luft) ist eine vollständi- net. Weißkalke unterscheiden sich von Dolomitkal-
ge Karbonatisierung von Putzen mit 1 bis 2 cm Di- ken durch ihren geringeren Dolomitanteil, der im
cke in einigen Monaten möglich; bei Mauermörtel Fall der Weißkalke ”5 M.-% sein muss.
kann dies wegen der geringen Fugendicke und re- Hydraulische Kalke (HL) werden nach ihrer
lativ großen Fugentiefe viele Jahre dauern. Mindestdruckfestigkeit (in N/mm2) im Alter von
Hydraulische Kalke haben wegen des begrenzten 28 Tagen klassifiziert. Die Mindestdruckfestigkeit
Gehalts an reaktionsfähigen kieselsauren Bestand- sollte für HL 2 zwischen 2 und 7 N/mm2, für
teilen ein begrenztes hydraulisches Erhärtungsver- HL 3,5 zwischen 3,5 und 10 N/mm2 sowie für HL
mögen. Es überwiegen jedoch die charakteristischen 5 zwischen 5 und 15 N/mm2 liegen.
Kalkeigenschaften. Diese hydraulischen Bindemit-
tel erhärten nach einer bestimmten Zeit der Luftla- Verwendung
gerung auch unter Wasser. Bei Luftlagerung reagiert Baukalke dienen als Bindemittel für Mauermörtel
der Anteil an Calciumhydroxid mit Luftkohlensäure für niedrige Beanspruchung und Putzmörtel ohne
zu CaCO3. Calciumsilikate, -aluminate und -ferrite längere Feuchtigkeitseinwirkung. Auch bei der
bilden mit dem Anmachwasser Hydrate, die die Herstellung von Kalksandsteinen und Porenbeton
weitere Verfestigung hervorrufen. Diese Calcium- werden Baukalke verwendet.
verbindungen sorgen dafür, dass die hydraulischen Hydraulische Kalke werden in Mauer- und
Kalke schneller erhärten und höhere Druckfestig- Putzmörtel verarbeitet, wenn höhere, aber be-
keiten als Luftkalke erreichen. Die Luftlagerung vor grenzte Festigkeit sowie Widerstandsfähigkeit ge-
der Wasserlagerung ist notwendig, damit der Erhär- gen Feuchtigkeitseinwirkung gefordert werden.
tungsanteil der Karbonatisierung genutzt und wirk- Hochhydraulische Kalke wählt man für Mauer-
sam werden kann und weil die Hydratation in einem bzw. Putzmörtel, wenn die Festigkeit der Luftkalke
Calcitgerüst wirkungsvoller ist als in einer wässe- und anderer hydraulisch erhärtender Kalke nicht
rigen Dispersion. ausreicht oder eine schnellere Erhärtung gefordert
Hochhydraulischer Kalk zeichnet sich wegen wird. Sie sind in gleicher Weise wie Kalkzement-
des höheren Gehalts an reaktionsfähigen kieselsau- mörtel zu verarbeiten. Sie dienen als Bindemittel für
ren Bestandteilen neben der Carbonaterhärtung Mauermörtel im Schornsteinbau und Außenputze
durch ein ausgeprägtes hydraulisches Erhärtungs- für ungünstige Witterungsverhältnisse. Trasskalk
vermögen aus. Er ist nach Luftlagerung bis zu drei wird u. a. für Mauer- und Fugenmörtel bei schlagre-
Tagen auch unter Wasser beständig. genbeanspruchtem Mauerwerk, in der Denkmal-
Die Verarbeitungseigenschaften von hoch- pflege, für Bodenverfestigungen und Fahrbahnun-
hydraulischen Kalken liegen zwischen denen der terbau verwendet.
Luftkalke und der Zemente. Trasskalk hat aufgrund
der Feinheit des Trasses und des LP-Zusatzes (LP
3.1.2.4 Zemente
Luftporenbildner) ein hohes Wasserrückhaltever-
mögen, ein großes Verformungsvermögen und da- Definition, Einteilung und Herstellung
mit eine geringe Rissempfindlichkeit sowie eine Zemente sind feingemahlene hydraulische Binde-
erhöhte Widerstandsfähigkeit gegen Auslaugung mittel, die sowohl an Luft als auch (ohne vorherige
von CaO und gegen Frost-Tau-Wechsel. Luftlagerung) unter Wasser erhärten können. An-
schließend sind sie auch unter Wasser beständig.
Sorten Sie bestehen im Wesentlichen aus Verbindungen
Weiß- und Dolomitkalke werden nach DIN EN 459 von CaO mit den sog. „Hydraulefaktoren“ SiO2,
Teil 1 nach ihrer chemischen Zusammensetzung Al2O3 und Fe2O3.
((CaO+MgO)-Anteil) klassifiziert. Je nach Klassifi- Portlandzement unterscheidet sich von hydrau-
zierung beträgt der (CaO+MgO)-Gehalt für Weiß- lisch erhärtenden Kalken v. a. durch den niedrigeren
kalke •70 M.-% und für Dolomitkalke •80 M.-%. Kalkgehalt, die gezielte chemische und vor allen
Entsprechend dieser Klassifizierung werden Weiß- Dingen auch mineralogische Zusammensetzung
3.1 Baustoffe 983

und die dadurch gleichmäßigeren Eigenschaften. tigkeit belanglos, stellt aber eine hohe Alkalität des
Die Rohstoffe werden bis zum Sintern gebrannt, Porenwassers im Zementstein sicher. Dieses alka-
wobei sich neue Mineralphasen bilden. Das Pro- lische Milieu schützt den Betonstahl vor Korrosion
dukt des Brennprozesses nennt man „Klinker“. (pH-Wert ist über 12,6).
Die Klinkermineralien haben hydraulische Eigen- Der Zement bindet, bezogen auf das Zement-
schaften: Sie reagieren mit Wasser unter Bildung gewicht, etwa 25 M.-% Wasser chemisch (d. h., es
von Hydraten und Calciumhydroxid Ca(OH)2. wird in das Kristallgitter der Minerale fest einge-
Die Zementindustrie siedelt sich aus wirtschaft- baut). Außer diesem chemisch gebundenen Wasser
lichen Gründen (Transportkosten) i. d. R. in unmit- bindet der Zement noch etwa 10 bis 15 M.-% Was-
telbarer Nähe von Rohstofflagerstätten an. Die ser durch Adsorption. Die Summe aus chemisch ge-
Rohstoffe werden gemahlen, gemischt und an- bundenem Wasser und Gelwasser, die dem Zement
schließend im Drehrohrofen bei 1400°C bis 1500°C zur vollständigen Hydratation zur Verfügung stehen
gebrannt. Mit der chemischen Zusammensetzung muss, beträgt etwa 35 bis 40 M.-% (das entspricht
des Rohmehles ist bei reinem Portlandzement nä- einem Wasserzementwert von 0,35 bis 0,40).
herungsweise auch die mineralogische Zusammen- Die Hydratation ist, wie alle chemischen Reak-
setzung definiert. Da der Art und dem Anteil der tionen, von der Temperatur abhängig. So verläuft
Mineralphasen ein entscheidender Einfluss auf die die Hydratation i. Allg. in der Wärme schneller und
Eigenschaften des Zements zukommt, ist eine ex- in der Kälte langsamer. Tiefe Temperaturen kön-
akte Abstimmung des Rohstoffgemisches von be- nen die Reaktion völlig unterbrechen. Wasserent-
sonderer Bedeutung. Sämtliches CaO muss in Cal- zug (Austrocknung) bringt die Hydratation eben-
ciumsilikaten, -aluminaten und -ferriten (Hydrau- falls zum Stillstand. Die Hydratation des Zements
lefaktoren) gebunden werden. Verbleibendes freies verläuft exotherm, d. h., beim Erstarren und Erhär-
CaO könnte im verfestigten Zementstein (bzw. ten wird entsprechend dem Reaktionsfortschritt
Mörtel oder Beton) Kalktreiben auslösen. Der ent- Wärme, die sog. „Hydratationswärme“, frei.
stehende Klinker wird in Kugelmühlen unter Zu- Je feiner ein Zement gemahlen ist, desto größer
gabe von Calciumsulfat (Gips, Anhydrit) als Er- ist seine Oberfläche und desto schneller ist seine
starrungsregler gemahlen und schließlich in Silos Reaktion mit dem Anmachwasser, was sich wie-
homogenisiert und gelagert. derum in der Festigkeitsentwicklung ausdrückt.
Wenn die Mahlfeinheit zu groß ist, hat der Zement
Hydratation einen größeren Bedarf an Anmachwasser, was die
Der Zement erstarrt und erhärtet infolge der che- Festigkeit mindert. Außerdem ist unter diesen Um-
mischen Reaktion zwischen Zementkorn und Was- ständen mit schnellerem und stärkerem Schwinden
ser. Diese Hydratation beginnt sofort nach dem zu rechnen.
Anmachen mit Wasser. Dabei entsteht Zementgel,
welches aus feinsten, submikroskopischen, kolloi- Erstarren und Erhärten
dalen Reaktionsprodukten besteht. Der anfangs plas- Die fortschreitende Verfestigung des Zements nach
tische Zementleim geht mit fortschreitender Zeit dem Anmachen mit Wasser geht über ein anfäng-
in den erhärteten Zementstein über. Nach einer liches Ansteifen und das Erstarren bis zum Erhärten.
Ruhephase von einer bis mehreren Stunden kris- Aus betontechnologischen Gründen ist es sehr wich-
tallisieren infolge der schnellen Hydratation von Tri- tig, den Verlauf der Verfestigung definiert erfassen
calciumsilikat (C3S) und der langsameren Reaktion zu können. Ein Zement muss ausreichend lange ver-
des Dicalciumsilikats (C2S) Calciumsilikathydrate arbeitbar sein, muss sich aber auch ausreichend
(CSH) in Form von Nadeln oder Leisten. Die sehr schnell verfestigen (Entschalen, Belastbarkeit).
feinen Kristalle verwachsen miteinander und bil- Wenn feingemahlener reiner Portlandzementklin-
den ein Netzwerk. Hierauf beruht die Festigkeits- ker mit Wasser gemischt wird, reagiert das Klin-
entwicklung des Zements. kermineral Tricalciumaluminat (C3A) unverzüg-
Das bei der Reaktion der Calciumsilikate darü- lich mit Wasser und bewirkt dabei ein uner-
ber hinaus in Form hexagonaler Kristalle entste- wünschtes zu frühes Erstarren des Zementleims
hende Calciumhydroxid Ca(OH)2 ist für die Fes- („Löffelbinder“). Aus diesem Grund wird bei der
984 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

Zementherstellung vor oder während dem Mahlen dass durch die Hydratation verschiedener Minerale
des Zementklinkers Gips oder Anhydrit als Abbin- unterschiedliche Reaktionsprodukte und damit
deregler zugesetzt. Wenn dem fertigen, mit der auch unterschiedliche Gefüge entstehen. Die Fol-
passenden Menge Abbinderegler versehenen, Port- gen sind gut zu erkennen, wenn die Festigkeits-
landzement Wasser zugegeben wird, reagieren die- entwicklung durch Hydratation der reinen Klin-
se Sulfatträger mit dem Tricalciumaluminat unter kerminerale verglichen wird (Abb. 3.1-13). Aus-
Bildung von Ettringit (Trisulfat). Mit dieser Reak- schließlich die Calciumsilikate liefern früh hohe
tion wird das zu frühe Erstarren des Zementleims Druckfestigkeiten. Der entscheidende Unterschied
verhindert. Später wandelt sich Ettringit ohne zwischen C3S und C2S liegt in der Geschwindig-
schädliche Nebenwirkungen in Monosulfat um. keit der Hydratation und der Gefügeentwicklung.
Bezogen auf die Gefügeentwicklung während
des Verfestigungsprozesses unterscheidet man drei Sorten und Verwendung
Hydratationsstufen. Nach dem Mischen mit Was- Normalzemente sind im Hinblick auf ihre Zusam-
ser steift der Zementleim mit der Bildung von Ett- mensetzung, Anforderungen und Konformitätskri-
ringit und CSH-Phasen langsam an. Eine erste terien in DIN EN 197 Teil 1 geregelt. Normalze-
merkliche Verfestigung wird „Erstarrungsbeginn“ mente nach DIN EN 197 Teil 1 werden auch nur
genannt. Mit „Erstarren“ wird der Übergang des als Zemente bezeichnet. DIN EN 197 Teil 1 unter-
Zementleims vom plastischen in den festen Zu- scheidet zwischen sechs Arten von Zementen:
stand bezeichnet. Die Erstarrungszeiten (Beginn
– CEM I Portlandzement
und Ende) werden nach DIN EN 196 Teil 3 mit
– CEM II Portlandkompositzement
dem Eindringversuch (Vicat-Nadel) bestimmt. Mit
– CEM III Hochofenzement
dem Erstarrungsbeginn endet die erste Hydratati-
– CEM IV Puzzolanzement
onsstufe. Während der weiteren Reaktion bilden
– CEM V Kompositzement.
sich die Calciumsilikathydrate zunächst langfase-
rig (2. Hydratationsstufe) und dann kurzfaserig (3. In Abhängigkeit von der 28-Tage-Druckfestigkeit
Hydratationsstufe) aus. wird unterschieden zwischen den Festigkeitsklas-
Die mineralogische Zusammensetzung be- sen 32,5; 42,5 und 52,5. Diese drei Klassen werden
stimmt die physikalischen und chemischen Eigen- nach ihrer Anfangsfestigkeit nochmals unterteilt in
schaften des Zements. Dazu gehören z. B. die Ge- üblich erhärtende (mit Kennbuchstabe N) und
schwindigkeit der Reaktion mit Wasser und die schnell erhärtende Zemente (mit Kennbuchstabe
Wärme, die dabei freigesetzt wird. Hinzu kommt, R). In Abb. 3.1-14 sind die Anforderungen an die

Abb. 3.1-13 Druckfestigkeitsentwicklung der Klinkermineralien [Bouge 1955]


3.1 Baustoffe 985

chen NA) genormt. Folgende Zemente können als


HS-Zemente eingestuft werden:
– CEM I
Portlandzemente mit einem maximalen C3A-Ge-
halt von 3,0 M.-% und einem maximalen Al2O3-
Gehalt von 5,0 M.-%
– CEM III/C oder CEM III/B
Hochofenzemente mit einem Hüttensandgehalt
zwischen 66 M.-% und 95 M.-%. Hüttensand ent-
hält kein C3A. Hochofenzemente sind daher C3A-
ärmer als Portlandzemente. Gegenüber sulfathal-
tigen Wässern und Böden verhalten sie sich besser
als Portlandzemente, da die nachträgliche Bildung
von Ettringit im erhärteten Zementstein, die zu
Treiberscheinungen führt, verhindert wird.
Folgende Zemente können als NA-Zemente einge-
Abb. 3.1-14 Anforderungen an die Festigkeit von Zement
nach DIN 1164
stuft werden:
– CEM I
Zemente mit einem maximalen Na2O-Aquivalent
Festigkeit von Zement nach DIN EN 197 Teil 1
von 0,60 M.-%.
dargestellt.
– CEM II/B-S
Darüber hinaus regelt DIN EN 197 Teil 1 auch
Portlandhüttenzemente mit einem Hüttensand-
Normalzemente mit niedriger Hydratationswärme
gehalt zwischen 21 M.-% und 35 M.-% sowie
(Kurzeichen LH). Diese Zemente entwickeln in
einem Na2O-Aquivalent von 0,70 M.-%.
den ersten sieben Tagen der Hydratation höchstens
– CEM III/A
270 J/g Zement. In der Regel sind LH-Zemente
Hochofenzemente mit einem maximalen Hütten-
hüttensandreiche Hochofenzemente (CEM III/B).
sandgehalt von 49 M.-% und einem Na2O-Aqui-
Hochofenzemente mit niedriger Anfangsfestig-
valent von 0,95 M.-% oder einem Hüttensandge-
keit (Kurzeichen L) werden nach DIN EN 197
halt größer als 50 M.-% und einem maximalen
Teil 4 geregelt. Die europäische Norm legt Anfor-
Na2O-Aquivalent von 1,10 M.-%.
derungen an drei verschiedene Hochofenzement-
– CEM III/B
produkte mit niedriger Anfangsfestigkeit und ihre
Hochofenzemente mit einem Hüttensandgehalt
Bestandteile sowie die entsprechenden Definiti-
zwischen 66 M.-% und 80 M.-% und einem
onen fest. Diese Hochofenzemente weisen im Ver-
Na2O-Aquivalent von 2,00 M.-%.
gleich zu den Hochofenzementen nach DIN EN 197
– CEM III/C
Teil 1 in Abhängigkeit der Festigkeitsklasse gerin-
Hochofenzemente mit einem Hüttensandgehalt
gere Anfangsfestigkeiten auf. Hochofenzemente
zwischen 81 M.-% und 95 M.-% und einem
mit niedriger Anfangsfestigkeit können auch als
Na2O-Aquivalent von 2,00 M. %.
Hochofenzemente mit niedriger Hydratationswär-
me eingestuft werden. Im Teil 11 der DIN 1164 sind Zemente mit ver-
Zemente mit besonderen Eigenschaften sind na- kürztem Erstarren (Kurzzeichen FE) bzw.
tional gemäß DIN 1164 geregelt. Für diese Ze- schnellem Erstarren (SE) und im Teil 12 sind Ze-
mente gelten weiterhin die Anforderungen und Ei- mente mit hohem Anteil an organischen Bestand-
genschaften von Normalzementen und deren Be- teilen (Kurzzeichen HO) genormt.
standteilen nach DIN EN 197 Teil 1. Sonderzemente nach DIN EN 14216 sind Ze-
Im Teil 10 der DIN 1164 sind Normalzemente mente mit sehr niedriger Hydratationswärme von
mit hohem Sulfatwiderstand (Kurzzeichen HS) maximal 220 J/g. Sie werden als Hochofenzemente
bzw. niedrigem wirksamen Alkaligehalt (Kurzei- VLH III, Puzzolanzement VLH IV oder Kompo-
986 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

sitzement VLH V in der Festigkeitsklasse 22,5 – Portlandkalksteinzement (CEM II/A-LL) für alle
hergestellt. Expositionsklassen
Tonerdezement (Kurzzeichen CAC) nach – Portlandkalksteinzement (CEM II/B-LL) nur für
DIN EN 14647 besteht vorwiegend aus Monocal- die Expositionsklasse X0, XC1 und XC2
ciumaluminat (CaO · Al2O3). Diese Europäische – Portlandkalksteinzement (CEM II/A-L) für alle
Norm enthält Anforderungen an die mechanischen, Expositionsklassen mit Ausnahme von XF1 bis
physikalischen und chemischen Eigenschaften so- XF4
wie Festlegungen bezüglich der Konformitätskri- – Portlandkalksteinzement (CEM II/B-L) nur für
terien und die zugehörigen Regeln an Tonerdeze- die Expositionsklasse X0, XC1 und XC2
mente. Nach dieser Norm werden Tonerdezemente – Portlandkompositzement (CEM II/A-M) nur für
in der Festigkeitsklasse 16 (16 N/mm2 nach 6 h) die Expositionsklasse X0, XC1 und XC2
oder 40 (nach 24 h) hergestellt. In Deutschland ist – Portlandkompositzement (CEM II/B-M) nur für
für die Verwendung von Tonerdezement in tra- die Expositionsklasse X0 und XC2
genden Bauteilen bzw. bauaufsichtlich relevanten – Hochofenzement (CEM III/A) für alle Expositi-
Bereichen eine allgemeine bauaufsichtliche Zulas- onsklassen mit Ausnahme von XF4 bzw. nur bei
sung erforderlich. Verwendung der Festigkeitsklasse • 42,5 oder
Die Anwendungsbereiche für Normalzemente Festigkeitsklasse 32,5 R mit einem Hüttensandan-
zur Herstellung von Beton sind den Tabellen F.3.1 teil ” 50 M.-%
bis F.3.4 der DIN 1045 Teil 2 festgelegt. Danach – Hochofenzement (CEM III/B) für alle Expositi-
können die aufgeführten Normalzemente wie folgt onsklassen mit Ausnahme von XF4 bzw. nur für
verwendet werden: bestimmte Anwendungsfälle freigegeben
– Hochofenzement (CEM III/C) nur für die Exposi-
– Portlandzement (CEM I) für alle Expositions- tionsklasse X0, XC2, XD1, XS2, XA1 bis XA3
klassen – Puzzolanzement (CEM IV/A;B) nur für die Expo-
– Portlandhüttenzement (CEM II/A; B-S) für alle sitionsklasse X0 und XC2
Expositionsklassen – Kompositzement (CEM V) nur für die Expositi-
– Portlandsilicastaubzement (CEM II/A-D) für alle onsklasse X0 und XC2
Expositionsklassen
– Portlandpuzzolanzement (CEM II/A; B-P und In den letzten Jahren wurde die Verwendung von
CEM II/A; B-Q) für alle Expositionsklasse mit Portlandkompositzement CEM II/B-M (S-LL)-AZ
Ausnahme von XF2 und XF4 mit Hüttensand und Kalkstein und CEM II/B-M (V-
– Portlandflugaschezement (CEM II/A; B-V) für LL)-AZ mit Flugasche und Kalkstein in so genann-
alle Expositionsklassen ten Anwendungszulassungen geregelt. In der Zulas-
– Portlandflugaschezement (CEM II/A-W) nur für sung ist neben den freigegeben Expositionsklassen
die Expositionsklasse X0, XC1 und XC2 auch die Zusammensetzung der Zemente angegeben.
– Portlandflugaschezement (CEM II/B-W) nur für Nachstehend ist eine typische Zementzusammenset-
die Expositionsklasse X0 und XC2 zung für einen Portlandkompositzement CEM II/B-
– Portlandschieferzement (CEM II/A; B-T) für alle M (S-LL)-AZ und CEM II/B-M (V-LL)-AZ aufge-
Expositionsklassen führt:

CEM II/B-M (S-LL)-AZ Nach Zulassung Nach DIN EN 197 Teil 1


Portlandzementklinker 65 bis 79 M.-% 65 bis 79 M.-%
Hüttensand S 6 bis 20 M.-% 21 bis 35 M.-%
Kalkstein LL 6 bis 15 M.-%

CEM II/B-M (V-LL)-AZ Nach Zulassung Nach DIN EN 197 Teil 1


Portlandzementklinker 70 bis 79 M.-% 65 bis 79 M.-%
Flugasche V 6 bis 15 M.-% 21 bis 35 M.-%
Kalkstein LL 6 bis 15 M.-%
3.1 Baustoffe 987

Gemäß der allgemeinen bauaufsichtlichen Zulas- serdüsen) von feuerflüssigen Hochofenschlacken,


sung dürfen die Portlandkompositzemente (CEM II/ wie sie bei der Roheisenherstellung als Nebenpro-
B-M (S-LL)-AZ bzw. CEM II/B-M (V-LL)-AZ) ne- dukte anfallen, hergestellt. Bei dieser sog. „Granu-
ben den in Tabelle F.3.2 aufgeführten Expositions- lation“ entsteht ein Sand mit sehr hohem Glasanteil,
klassen X0, XC1 und XC2 zusätzlich in den Exposi- der zum latent-hydraulisch reaktionsfähigen Hüt-
tionsklassen XC3, XC4, XD1 bis XD3, XS1 bis tensandmehl aufgemahlen bzw. direkt als Zement-
XS3, XF1 bis XF4, XA1 bis XA3 und XM1 bis XM3 bestandteil zusammen mit Zementklinker feinge-
verwendet werden. Darüber hinaus dürfen sie für die mahlen (Hochofenzemente) wird.
Herstellung von Bohrpfählen nach DIN EN 1536 in Puzzolane sind Stoffe, die reaktionsfähige Kie-
Verbindung mit dem DIN-Fachbericht 129 und für selsäure (SiO2) enthalten und CaO-arm (<10 M.-
die Herstellung von flüssigkeitsdichtem Beton (FD- %) sind (s. Abb. 3.1-12). Die Puzzolanität – die
Beton) nach der DAfStb-Richtlinie „Betonbau beim Fähigkeit zur puzzolanischen Reaktion – hängt
Umgang mit wassergefährdenen Stoffen“ verwendet vom mineralogischen Zustand eines Materials ab.
werden. Die Verwendung der Portlandkomposit- Gut kristallisiertes SiO2 (Quarz) ist weitestgehend
zemente für die Herstellung von Einpressmörtel inert, während amorphes SiO2 reaktionsfähig ist.
nach DIN EN 447 ist nicht erlaubt. Die Reaktionsfähigkeit wächst aus physikalischen
Puzzolanzemente (CEM IV) oder Komposit- Gründen mit sinkender Korngröße (steigender spe-
zemente (CEM V) werden in Deutschland für tra- zifischer Oberfläche).
gende Bauteile aus Beton nach DIN 1045 Teil 2 Die puzzolanische Reaktion liefert als Reaktions-
nicht verwendet. produkte festigkeitsbildende CSH-Phasen (wie die
hydraulische Reaktion). Puzzolane reagieren in An-
wesenheit von Feuchtigkeit mit Calciumhydroxid
3.1.2.5 Latent-hydraulische Stoffe
Ca(OH)2. Als CaO-Spender kommen sowohl Kalke
und Puzzolane
als auch Zemente in Betracht. Demzufolge haben
Eigenschaften und Herstellung Puzzolane kein eigenes Erhärtungsvermögen, liefern
Latent-hydraulische Stoffe haben die Fähigkeit, aber in Kombination mit CaO-Spendern durchaus
selbständig mit Wasser zu reagieren. Dies geschieht einen festigkeitssteigernden Beitrag, da zusätzliche
jedoch in einem weitaus geringeren Maß als bei CSH-Phasen gebildet werden. Mischungen von Puz-
einem hydraulischen Bindemittel. Deshalb werden zolanen mit Kalk nennt man „Puzzolankalke“, sol-
keine technisch nutzbaren Festigkeiten erreicht. che mit Zement „Puzzolanzemente“.
Die Hydraulizität – das Reaktionsvermögen mit Puzzolane können auf natürlichem oder künstli-
Wasser – eines latent-hydraulischen Stoffes wird chem Wege entstehen. Ein gängiger Weg zum Er-
bestimmt durch seine physikalischen, chemischen halt eines Stoffes mit einem hohen Gehalt reakti-
und mineralogischen Eigenschaften. Die wichtigsten onsfähiger Kieselsäure ist das plötzliche Abkühlen
Kennwerte sind Glasgehalt und Mahlfeinheit. We- von SiO2-reichen Schmelzen von hohen Tempera-
sentlichen Einfluss auf die Hydraulizität hat jedoch turen (hoher Glasgehalt). In der Natur findet man
auch der CaO-Gehalt. Latent-hydraulische Stoffe deshalb Puzzolane vorwiegend unter den vulka-
haben einen mittleren CaO-Gehalt, wenn man sie nischen Gesteinen (Tuffe, Laven). Sie können au-
mit Puzzolanen und Zementen vergleicht (s. Abb. ßerdem durch sedimentäre Ablagerung von Kiesel-
3.1-12). Darauf basiert die eigene Reaktionsfähig- algen gebildet werden (Kieselgur, Molererde).
keit nach dem Anmachen mit Wasser. Zusätzliches, Künstliche Puzzolane entstehen als Nebenprodukte
von außen zugeführtes CaO beschleunigt diese Re- z. B. in Kohlekraftwerken (Flugasche aus den Fil-
aktion. Der „Anreger“ CaO bzw. Ca(OH)2 kann tern zur Abluftreinigung).
wiederum durch Mischung des latent-hydrau-
lischen Materials mit Portlandzement (s. 3.1.2.4) Anwendungsbereiche
oder Kalk (s. 3.1.2.3) zugeführt werden. Latent-hydraulische und puzzolanische Stoffe sind
Das meistverwendete latent-hydraulische Mate- wichtige Bindemittelkomponenten, die sowohl in
rial ist Hüttensand. Er wird durch schnelles Abküh- Kalken (hydraulische und hochhydraulische Kalke)
len und feines Zerteilen (i. d. R. mit Hilfe von Was- als auch in Zementen Anwendung finden.
988 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

Für die Verwendung latent-hydraulischer und demittel und Gesteinskörnung mit einem Korn-
puzzolanischer Stoffe in großem Maßstab als Ze- durchmesser von bis zu 4 mm wird als „Mörtel“,
mentbestandteil sprechen verschiedene Gründe eine mit einem Korndurchmesser von mehr als
wirtschaftlicher, technologischer und ökologischer 4 mm als „Beton“ bezeichnet. Das weitaus wich-
Natur: tigste Bindemittel für Betone ist Zement. Beton
mit Zement als Bindemittel wird deshalb im all-
– Energieeinsparung (Zementproduktion erfor-
gemeinen Sprachgebrauch als „Beton“ (nicht als
dert hohe Brenntemperatur),
Zementbeton) bezeichnet.
– weniger Schadgasemission (da weniger Port-
Beton ist prinzipiell als 5-Stoffgemisch zu be-
landzementklinker produziert werden muss),
trachten. Er besteht entsprechend Abb. 3.1-15 aus
– Rohstoffeinsparung (viele dieser Zementbe-
Zement, Wasser, Gesteinskörnung, Zusatzstoffen
standteile sind industrielle Nebenprodukte),
und Zusatzmittel. Dabei sind die drei erstgenannten
– Deponieeinsparung (Verwertung industrieller
Stoffe immer enthalten, während die beiden letzt-
Nebenprodukte) und
genannten Stoffe optional sind: Sie dienen im We-
– gezielte Verbesserung bestimmter Zementeigen-
sentlichen der technologischen und wirtschaft-
schaften für bestimmte Anwendungsfälle.
lichen Optimierung der Betone. Die Unterschei-
Grundsätzlich können alle latent-hydraulischen dung zwischen Zusatzstoffen und Zusatzmitteln
und puzzolanischen Stoffe, die als Zementbestand- erfolgt über die Zugabemenge. An Zusatzmittel
teil verwendet werden, auch als Betonzusatzstoffe werden maximal 5 M.-%, bezogen auf den Ze-
dienen. mentgehalt, zugegeben. Diese werden beim Mi-
schungsentwurf und der Stoffraumrechnung men-
genmäßig nicht berücksichtigt, während Zusatz-
3.1.3 Beton stoffe (>5 M.-%) berücksichtigt werden müssen.
Normalbeton ist Beton mit geschlossenem Ge-
3.1.3.1 Allgemeines
füge und einer Festbetonrohdichte von mehr als
DIN 1045 Teil 2 regelt Festlegungen, Eigenschaften, 2000 kg/m3, höchstens 2600 kg/m3 (meist zwischen
Herstellung und die Konformität von Beton für 2200 und 2500 kg/m3). Wenn keine Verwechslung
Tragwerke aus Beton, Stahlbeton und Spannbeton. mit Leicht- (Rohdichte <2000 kg/m3) oder Schwer-
DIN 1045 Teil 2 ist das nationale Anwendungs- beton (Rohdichte >2600 kg/m3) möglich ist, wird
dokument zur europäischen Betonnorm DIN EN 206 er nur als „Beton“ bezeichnet. Beton kann jedoch
Teil 1. Grundsätzlich bietet Beton als Baustoff sehr nicht nur anhand seiner Rohdichte, sondern auch
günstige Eigenschaften aufgrund seiner nahezu un- unter anderen Gesichtspunkten eingeteilt werden,
begrenzten Gestaltungsmöglichkeiten, seiner sehr z. B. nach
flexibel einstellbaren technologischen Eigenschaften,
seiner hohen Dauerhaftigkeit und seiner Wirtschaft- – dem Erhärtungszustand: Frischbeton, Festbeton;
lichkeit. Die Nachteile des Baustoffs Beton sind im – der Druckfestigkeit: Druckfestigkeitsklasse C8/10
relativ hohen Gewicht zu sehen, im unvermeidlichen bis C100/115 für Normal- und Schwerbetone bzw.
Kriechen und Schwinden, in der relativ geringen LC8/9 bis LC80/88 für Leichtbetone;
Zugfestigkeit und der relativ aufwendigen Demon- – der verwendeten Zementart: Portlandzementbe-
tierbarkeit. Die folgenden Erläuterungen beziehen ton, Hochofenzementbeton;
sich im Wesentlichen auf Normalbeton; Sonderbe- – der verwendeten Gesteinskörnung: Kiessandbe-
tone werden in 3.1.3.9 behandelt. ton, (Naturstein-)Splittbeton, Grobbeton, Feinbe-
ton (Zementmörtel);
– der Konsistenz: steif, plastisch, weich, flüssig;
3.1.3.2 Zusammensetzung
– der Art des Transports, des Einbringens und des
und Klassifizierung
Verdichtens: Pump-, Spritz-, Schütt-, Prepakt-,
Mörtel und Beton sind Strukturbegriffe, die an den Colcrete-, Rüttelgrob-, Unterwasser-, Stampf-,
Korndurchmesser der Gesteinskörnung (früher: Rüttel-, Schock-, Schleuder-, Walz-, Vakuum-
Zuschlag) gebunden sind. Eine Mischung von Bin- beton und selbstverdichtender Beton;
3.1 Baustoffe 989

Abb. 3.1-15 Betonbestandteile und -zusammensetzung

– dem Ort und der Art der Herstellung: Baustellen- – Normalbeton bis C50/60
beton, Transportbeton (werk- oder fahrzeugge- fck,EN = 0,92 fck,DIN
mischt), Ortbeton, Betonwaren und Betonwerk- – Hochfester Beton ab C55/67
stein (im Betonsteinwerk hergestellt), Betonfer- fck,EN = 0,95 fck,DIN
tigteile.
Leichtbetone können auch nach der Rohdichte
Betonklassen klassifiziert werden (Tabelle 3.1-3).
Generell wird Beton nach seiner Druckfestigkeit DIN EN 206 Teil 1 in Verbindung mit DIN 1045
klassifiziert. Die Festigkeitsklasse eines Betons ist Teil 2 unterscheidet zwischen drei Betongruppen:
zugleich einer der Ausgangswerte für den statischen Beton nach Eigenschaften, Beton nach Zusammen-
Nachweis einer Betonkonstruktion [Reinhardt 2007]. setzung und Standardbeton.
In Tabelle 3.1-1 sind die Druckfestigkeitsklassen Beton nach Eigenschaft bedeutet, dass der Bestel-
für Normal- und Schwerbeton und in Tabelle 3.1-2 ler die geforderten Eigenschaften und zusätzliche Ei-
die Druckfestigkeitsklassen für Leichtbeton nach genschaften des Betons dem Hersteller gegenüber
DIN EN 206 Teil 1 in Verbindung mit DIN 1045 festlegt und dass der Hersteller für die Lieferung des
Teil 2 angegeben. Für die Klassifizierung darf die Betons verantwortlich ist, der die Eigenschaften und
charakteristische Festigkeit von Zylindern mit Anforderungen erfüllt. Bei der Bestellung des Betons
150 mm Durchmesser und 300 mm Länge nach werden folgende Festlegungen getroffen:
28 Tagen (fck,cyl) oder die charakteristische Festig-
keit von Würfeln mit 150 mm Kantenlänge nach – Bezug auf DIN 1045 Teil 2;
28 Tagen (fck,cube) verwendet werden. – Druckfestigkeitsklasse;
Die charakteristischen Festigkeiten beziehen – Expositionsklasse des Bauteils oder Bauwerks;
sich auf die Prüfung im Alter von 28 Tagen nach – Nennwert des Größtkorns der Gesteinskörnung;
einer Lagerung im Feuchtraum oder unter Wasser. – Art der Verwendung des Betons (unbewehrter
In Deutschland ist es jedoch üblich die Probe- Beton, Stahlbeton oder Spannbeton) oder Klasse
körper nach dem nationalen Anhang NA der DIN des Chloridgehaltes;
EN 12390 Teil 2 zu lagern. Das bedeutet die Pro- – Rohdichteklasse oder Zielwert der Rohdichte
bekörper werden 7 Tage feucht (unter Wasser oder (gilt zusätzlich für Leichtbeton);
in einer Feuchtkammer mit (20 ± 2)°C und > 95% – Zielwerte der Rohdichte (gilt zusätzlich für
relative Luftfeuchtigkeit) und 21 Tage im Normal- Schwerbeton);
klima 20°C/65% relative Luftfeuchtigkeit gelagert. – Konsistenzklasse oder, in besonderen Fällen,
Dementsprechend sind die ermittelten Druckfestig- Zielwert der Konsistenz (gilt zusätzlich für
keiten wie folgt umzurechnen: Transportbeton oder Baustellenbeton).
990 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

Tabelle 3.1-1 Druckfestigkeitsklassen für Normal- und Tabelle 3.1-2 Druckfestigkeitsklassen für Leichtbeton
Schwerbeton
Druck- charakteristische charakteristische
Druck- charakteristische charakteristische festigkeits- Mindestdruckfestig- Mindestdruckfestig-
festigkeits- Mindestdruckfestig- Mindestdruckfestig- klasse keit von Zylinder keit von Würfelna)
klasse keit von Zylinder keit von Würfeln fck,cyl fck,cube
fck,cyl fck,cube N/mm² N/mm²
N/mm² N/mm² LC8/9 8 9
C8/10 8 10 C12/13 12 13
C12/15 12 15 C16/18 16 18
C16/20 16 20 C20/22 20 22
C20/25 20 25 C25/28 25 28
C25/30 25 30 C30/33 30 33
C30/37 30 37 C35/38 35 38
C35/45 35 45 C40/44 40 44
C40/50 40 50 C45/50 45 50
C45/55 45 55 C50/55 50 55
C50/60 50 60 C55/60 55 60
C55/67 55 67 C60/66 60 66
C60/75 60 75 C70/77 70 77
C70/85 70 85 C80/88 80 88
C80/95 80 95 a) Es dürfen andere Werte verwendet werden, wenn das
C90/105 90 105 Verhältnis zwischen diesen Werten und der Referenzfes-
C100/115 100 115 tigkeit von Zylindern mit genügender Genauigkeit festge-
legt und dokumentiert worden ist.

Tabelle 3.1-3 Klasseneinteilung von Leichtbeton nach der Rohdichte

Rohdichteklasse D1,0 D1,2 D1,4 D1,6 D1,8 D2,0


Rohdichtebereich • 800 und > 800 und > 1200 und > 1400 und > 1600 und > 1800 und
kg/m³ ” 1000 ” 1200 ” 1400 ” 1600 ” 1800 ” 2000

Darüber hinaus können zusätzliche Anforderungen – andere technische Anforderungen (z. B. bezüg-
festgelegt werden und entsprechende Prüfverfah- lich des Erzielens einer besonderen Oberflä-
ren vereinbart werden: chenbeschaffenheit oder bezüglich besonderer
Einbringverfahren).
– besondere Arten oder Klassen von Zement (z. B.
Zement mit niedriger Hydratationswärme); Beton nach Zusammensetzung bedeutet, dass der
– besondere Arten oder Klassen von Gesteinskör- Besteller die Zusammensetzung des Betons und
nungen; die zu verwendeten Ausgangsstoffe festlegt. Der
– erforderliche Eigenschaft für den Widerstand Hersteller ist für die Bereitstellung des Betons mit
gegen Frosteinwirkung (z. B. Luftgehalt); der festgelegten Zusammensetzung verantwort-
– Frischbetontemperatur; lich. Bei der Bestellung des Betons werden fol-
– Festigkeitsentwicklung; genden Anforderungen festgelegt:
– Ansteifverhalten;
– Wassereindringwiderstand; – Bezug auf DIN 1045 Teil 2;
– Abriebwiderstand; – Zementgehalt;
– Spaltzugfestigkeit; – Zementart und Festigkeitsklasse des Zements;
3.1 Baustoffe 991

– Wasserzementwert oder Konsistenz durch An- – Druckfestigkeitsklasse;


gabe der Klasse oder, in besonderen Fällen, des – Expositionsklasse;
Zielwerts; – Nennwert des Größtkorns der Gesteinskörnung;
– Wasserzementwert oder Konsistenz durch An- – Konsistenzbezeichnung;
gabe der Klasse oder, in besonderen Fällen, des – falls erforderlich die Festigkeitsentwicklung.
Zielwerts;
Für Standardbeton entfällt die Güteüberwachung
– Art, Kategorie und maximaler Chloridgehalt der
am Ort der Herstellung.
Gesteinkörnung; bei Leichtbeton oder Schwer-
beton die Höchst- oder Mindestrohdichte; 3.1.3.3 Betonausgangsstoffe
– Nennwert des Größtkorns der Gesteinskörnung Im Folgenden werden die in Abb. 3.1-15 bereits auf-
und gegebenenfalls Beschränkungen der Sieb- geführten Betonausgangsstoffe einzeln behandelt.
linie;
Zemente
– Art und Menge der Zusatzmittel oder Zusatz-
Das breite Spektrum an Zementarten wurde bereits
stoffe, falls verwendet;
in 3.1.2.4 beschrieben. Für die Herstellung von
– falls Zusatzmittel oder Zusatzstoffe verwendet
Beton nach DIN 1045 Teil 2 in Verbindung mit
werden, die Herkunft dieser Ausgangstoffe und
DIN EN 206 Teil 1 müssen die verwendeten Ze-
des Zements, stellvertretend für Eigenschaften,
mente entweder genormt oder bauaufsichtlich zu-
die nicht definiert werden können.
gelassen und für den vorgesehenen Anwendungs-
fall geeignet sein.
Zusätzlich können folgende Anforderungen festge-
legt werden: Zugabewasser
DIN EN 1008 legt Anforderungen an Zugabewas-
– Herkunft einiger oder aller Betonausgangsstof-
ser für Beton fest. Danach ist jedes in der Natur
fe stellvertretend für Eigenschaften die nicht
vorkommende Wasser geeignet, soweit es nicht
anders definiert werden können;
Bestandteile enthält, die das Erhärten oder andere
– zusätzliche Anforderungen an die Gesteinskör-
Eigenschaften des Betons ungünstig beeinflussen
nung;
(z. B. Sulfat) oder den Korrosionsschutz der Be-
– Anforderungen an die Frischbetontemperatur
wehrung beeinträchtigen (z. B. Chlorid). Ungeeig-
bei Lieferung;
net sind demnach z. B. Industriewässer, die Öle,
– andere technische Anforderungen.
Fette, Zucker, Huminsäure, Kalisalze oder größere
Der Besteller eines Betons nach Zusammensetzung Anteile an SO3, freiem MgO und Chloriden enthal-
trägt eine große Verantwortung für die Eigen- ten. Da jeder Zement anders reagieren kann, ist im
schaften des Betons. Er wird einen solchen Beton Zweifelsfall eine Eignungsprüfung, ggf. auch mit
nur bestellen, wenn er die Zusammenhänge zwi- einem Vergleichsbeton, nötig. Für die Prüfung und
schen Zusammensetzung und Eigenschaften aus Beurteilung von Wasser unbekannter Zusammen-
eigener Erfahrung kennt. setzung und Wirkung als Zugabewasser gilt die
Standardbeton ist ein Normalbeton bis zur Druck- genannte Norm.
festigkeitsklasse C16/20. Er darf verwendet werden Diese Norm regelt auch die Wiederverwendung
für unbewehrte und bewehrte Betonbauwerke und ist von Restwasser als Zugabewasser, das auf dem
auf die Verwendung in den Expositionsklassen X0, Gelände der Betonproduktion anfällt und nach ent-
XC1 und XC2 begrenzt. Darüber hinaus darf Stan- sprechender Aufbereitung wieder verwendet wer-
dardbeton nur mit natürlichen Gesteinskörnungen den kann. Restwasser darf für die Herstellung von
hergestellt werden. Die Zugabe von Zusatzstoffen hochfestem Beton und für LP-Betone nicht ver-
und Zusatzmittel ist nicht erlaubt. Ferner ist in Abhän- wendet werden.
gigkeit von der Festigkeitsklasse und dem Konsis-
tenzbereich der Mindestzementgehalt der Betonre- Gesteinskörnungen
zeptur vorgegeben. Die Wahl des Zements richtet sich Mit Gesteinskörnung wird eine Mischung von unge-
nach der Expositionsklasse. Aus den genannten Ge- brochenen oder gebrochenen Körnern bezeichnet,
gebenheiten ist Standardbeton wie folgt festzulegen: die durch Zementleim zum Beton verkittet wird. Die
992 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

Gesteinskörnung bildet mit 70 bis 80 Vol.-% men- leichte Gesteinskörnungen sind Schaumlava, Tuffe
genmäßig den Hauptbestandteil des Betons. Zur Her- und Holzfasern. Künstlich hergestellte leichte Ge-
stellung von Beton nach DIN EN 206 Teil 1 in Ver- steinskörnungen sind Blähton, Ziegelsplitt und
bindung mit DIN 1045 Teil 2 als geeignet gelten: Schaumkunststoffe.
Gesteinskörnungen nach DIN EN 12620 und
– Gesteinskörnungen nach DIN EN 12620;
leichte Gesteinskörnungen nach DIN EN 13055
– leichte Gesteinskörnungen nach DIN EN 13055
Teil 1 müssen je nach Verwendungszweck und Auf-
Teil 1;
gabe hinsichtlich Kornzusammensetzung, Reinheit,
– rezyklierte Gesteinskörnungen nach DIN 4226
Festigkeit, Kornform, Widerstand gegen Frost und
Teil 100.
Abnutzung nach DIN EN 206-1 in Verbindung mit
Gesteinkörnungen nach DIN EN 12620 haben eine DIN 1045 Teil 2 besonderen Anforderungen genü-
Kornrohdichte größer als 2000 kg/m3. Dabei wer- gen. Die Gesteinskörnungen dürfen nicht unter der
den Gesteinskörnungen mit einer Kornrohdichte Einwirkung von Wasser erweichen, sich nicht zer-
zwischen 2000 kg/m3 und 3000 kg/m3 (früher: setzen, mit den Zementbestandteilen keine schäd-
normale Gesteinskörnung) und Gesteinskörnungen lichen Verbindungen eingehen und den Korrosions-
mit einer Kornrohdichte von mindestens 3000 kg/ schutz der Bewehrung nicht beeinträchtigen.
m3 (früher: schwere Gesteinskörnung) berücksich- Rezyklierte Gesteinskörnungen nach DIN 4226
tigt. Teil 100 stammen aus der Aufbereitung bereits
Beispiele für natürlich gekörnte Gesteinskör- verwendeter Baustoffe. Die Anforderungen an re-
nungen mit einer Kornrohdichte zwischen 2000 kg/ zyklierte Gesteinskörnungen richten sich nach dem
m³ und 3000 kg/m³ sind Flusssand, Flusskies, Gru- Verwendungszweck. Hierbei gelten grundsätzlich
bensand und Grubenkies. Sie werden durch Baggern die gleichen Anforderungen wie in DIN EN 12620.
oder Saugen gewonnen, gewaschen und zu Korn- Darüber hinaus gibt es zusätzliche Anforderungen,
gruppen aufbereitet. Die mineralogische Zusam- die sich aus der Herkunft des Materials ergeben.
mensetzung wechselt stark, so dass Bezeichnungen Beispiele für rezyklierte Gesteinskörnungen mit
wie „Rheinkies“ oder „Mainkies“ kein Gütemerk- einer Kornrohdichte von mindestens 2000 kg/m3
mal sind. Beispiele für mechanisch zerkleinerte Ge- sind Betonsplitte und Betonbrechsande. Rezyklier-
steinskörnungen sind Brechsand, Splitt und Schotter. te Gesteinskörnungen mit einer Mindestkornroh-
Sie werden aus natürlichem Gestein oder aus künst- dichte von 1800 kg/m3 bzw. 1500 kg/m3 sind Mau-
lichem Gestein (Schlacken) gebrochen (z. T. mehr- erwerkssplitt und Mauerwerksbrechsande bzw.
fach), gewaschen und zu Korngruppen aufbereitet. Mischsplitt und Mischbrechsande.
Darüber hinaus können Gesteinskörnungen aus auf- Die Verwendung von rezyklierten Gesteinskör-
bereitetem Betonabbruch hergestellt werden (Beton- nungen für Beton und Mörtel ist in der DAfStb-
splitt). Gesteinskörnungen mit einer Kornrohdichte Richtlinie Beton mit rezyklierter Gesteinskörnung
von mindestens 3000 kg/m3 dienen zur Herstellung geregelt. Danach dürfen für Beton nach DIN EN 206
von Schwerbetonen z. B. als Strahlenschutzbeton Teil 1 in Verbindung mit DIN 1045 Teil 2 entspre-
(Reaktor- und Krankenhausbau). Beispiele für na- chend der Richtlinie nur rezyklierte Gesteinskör-
türliche schwere Gesteinkörnungen (i. d. R. mecha- nungen des Typs I und II verwendet werden. In Ta-
nisch zerkleinert) sind Schwerspat (Baryt, BaSO4), belle 3.1-4 ist die Zusammensetzung verschiedener
Magnetit und Hämatit. Beispiele für künstlich her- rezyklierter Gesteinskörnungen aufgelistet.
gestellte schwere Gesteinkörnungen sind Stahl- Eine betontechnologisch sehr wichtige Eigen-
schrot, Stahlspäne, Schwermetallschlacken. schaft der Gesteinskörnung ist ihre Kornzusam-
Leichte Gesteinskörnungen (Gesteinskörnungen mensetzung (Sieblinie). Eine günstige Sieblinie
mit porigem Gefüge) nach DIN EN 13055 Teil 1 gewährleistet gute Betonqualität durch die Erfül-
dienen zur Herstellung von Leichtbeton und weisen lung folgender Aufgaben:
eine Kornrohdichte von maximal 2000 kg/m3 auf.
Beispiele für natürlich gekörnte leichte Gesteinskör- – Der Kornaufbau soll ein dichtes Korngerüst er-
nungen sind Naturbims, Lavakies und Lavasand. geben, damit der Zementleimgehalt zum Aus-
Beispiele für mechanisch zerkleinerte natürliche füllen der Zwischenräume gering ist.
3.1 Baustoffe 993

Tabelle 3.1-4 Zusammensetzung verschiedener rezyklierter Gesteinskörnungen

Rezyklierte Gesteinskörnungen Bestandteile in M.-%


(Liefertypen)
Beton, Gesteins- Klinker, Kalksand- Andere Asphalt Fremdbe-
körnung1) Ziegel stein Bestandteile2) standteile2)
Betonsplitt/Betonbrechsand •90 ”10 ”2 ”1 ”0,2
(Typ 1)
Bauwerkssplitt/Bauwerksbrechsand •70 ”30 ”3 ”1 ”0,5
(Typ 2)
Mauerwerkssplitt/Mauerwerks- ”20 •80 ”5 ”5 ”1 ”0,5
brechsand (Typ 3)
Mischsplitt/Mischbrechsand (Typ 4) •80 ”20 ”1,0
1) nach DIN 4226-100
2) z. B. porosierte Ziegel, Leichtbeton, Porenbeton
3) z. B. Glas, Keramik

Abb. 3.1-16 Regelsieblinie für Zuschlaggemische 0/32 mm nach DIN 1045

– Die Oberfläche soll möglichst klein, die Ge- körnung). Ein Korngemisch mit unstetiger Sieb-
steinskörnung also möglichst grob sein, um die linie kann gegenüber einem Korngemisch mit ste-
zur Umhüllung benötigte Zementleimmenge tiger Sieblinie einen geringeren Wasseranspruch
gering halten zu können. haben. Darüber hinaus können Betone mit Aus-
fallkörnung von üblichen Betonen abweichende
Die günstigsten Bedingungen werden durch die Frisch- und Festbetoneigenschaften aufweisen.
Regelsieblinien z. B. der DIN 1045 Teil 2 gegeben.
Dort existieren Regelsieblinien für Maximalkorn- Betonzusatzstoffe
größen von 8, 16 und 32 mm (Abb. 3.1-16). Man Betonzusatzstoffe sind fein aufgeteilte minera-
unterscheidet zwischen den stetigen Sieblinien A, lische Stoffe, z. T. auch mit organischen Bestand-
B und C und der unstetigen Sieblinie U (Ausfall- teilen, die (im Gegensatz zur Verwendung als Ze-
994 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

mentbestandteil, s. 3.1.2.5) dem Beton im Beton- – die Verarbeitbarkeit bei gleichem Wassergehalt
mischer zugegeben werden. Ziel der Zugabe ist die verbessern und das Bluten vermindern,
Beeinflussung bestimmter Betoneigenschaften. – die Wasserdichtheit und die chemische Wider-
Beim Mischungsentwurf sind Zusatzstoffe prinzi- standsfähigkeit durch eine Verfeinerung der Po-
piell in die Stoffraumrechnung einzubeziehen. renstruktur erhöhen,
Zu den organischen Zusatzstoffen gehören z. B. – die Hydratationswärme, das Schwindmaß und
Kunststoffdispersionen. In DIN EN 206 Teil 1 in damit die Reißneigung verringern,
Verbindung mit DIN 1045 Teil 2 wird bei den anor- – die Entstehung von Ausblühungen durch
ganischen Zusatzstoffen zwischen nahezu inakti- Ca(OH)2-Bindung verhindern.
ven Zusatzstoffen (Typ I) und puzzolanischen oder
latent-hydraulischen Zusatzstoffen (Typ II) unter- Diese Wirkung von Puzzolanen in Betonen und Mör-
schieden. Während Typ I-Zusatzstoffe nicht mit teln beruht auf folgenden drei prinzipiellen Mecha-
Zement und Wasser reagieren, sind Typ II-Zusatz- nismen:
stoffe reaktionsfähig und liefern einen gewissen
– der rheologischen Wirkung im Frischbeton (vgl.
Beitrag zur Betonfestigkeit. Gesteinsmehle nach
3.1.3.6),
DIN EN 12620 und Pigmente nach DIN EN 12787
– dem im wesentlichen physikalischen Füllereffekt,
können als Typ I-Zusatzstoff für die Herstellung
– ihrer puzzolanischen Reaktionsfähigkeit.
von Beton verwendet werden. In Deutschland wer-
den als Typ II-Zusatzstoffe nur künstliche puzzola- Dabei treten die beiden erstgenannten Wirkungen
nische Zusatzstoffe wie Flugasche nach DIN EN ebenso bei inerten Zusatzstoffen auf. Der wesent-
450 Teil 1, Silikastaub nach DIN EN 13263 Teil 1 liche Unterschied mit entscheidenden Konsequenzen
oder Trass nach DIN 51034 eingesetzt. für die Dauerhaftigkeit und Festigkeit des Betons
Zusatzstoffe, die von den technischen Regeln basiert auf der puzzolanischen Reaktionsfähigkeit.
abweichen oder für die keine entsprechend einge- Die in Deutschland als Betonzusatzstoffe ge-
führten technischen Regeln existieren, benötigen bräuchlichsten Puzzolane sind natürlicher Trass
eine allgemeine bauaufsichtliche Zulassung. Die nach DIN 51043, Flugaschen (FA) nach DIN EN
Anforderungen an diesen Zusatzstoff werden im 450 Teil 1 und Silicastaub (SF) nach DIN EN 13263
Zulassungsbescheid festgelegt. Teil 1. Inwiefern Puzzolane die Festigkeit beein-
flussen, soll anhand der in Abb. 3.1-17 dargestell-
Puzzolane. Sie stellen die wichtigste Klasse der Zu- ten Festigkeitsentwicklung von drei verschiedenen
satzstoffe dar. Sie können Flugaschen kurz erläutert werden.

Abb. 3.1-17 Einfluss von Steinkohlenflugasche auf die Festigkeitsentwicklung


3.1 Baustoffe 995

Durch den Austausch im Verhältnis 1:1 gegen weise verwendeten organischen Pigmente erfüllen
Zement ist die Festigkeit der zusatzstoffhaltigen diese Bedingungen meist nicht. Daher kommen vor-
Mischungen in jungem Alter im Vergleich zur Refe- wiegend anorganische Pigmente aus Metalloxiden,
renzmischung deutlich niedriger. Dieser „Verdün- Metallsalzen oder Kohlenstoffpigmente zur Anwen-
nungseffekt“ ist für FA und Quarzmehl etwa gleich, dung. In DIN EN 12878 sind die Anforderungen an
d. h., es liegt bis zum Alter von etwa sieben Tagen Pigmente geregelt. Für die Farben werden folgende
kein signifikanter Festigkeitsbeitrag durch eine Re- Oxide verwendet:
aktion der FA vor. Zwischen sieben und 14 Tagen
– rot, gelb, braun, schwarz: Eisenoxide;
bewirkt die FA im Vergleich zu Quarzmehl eine
– weiß: Titanoxid;
stärkere Festigkeitssteigerung, was auf den Beginn
– grün: Chromoxid;
der puzzolanischen Reaktion der FA zurückzufüh-
– blau: Cobaltblau.
ren ist. Durch die puzzolanische Reaktion kommt
es im höheren Alter (ein Jahr) zu einer weiteren Kunstoffzusätze. Sie können aus verschiedenen
Porenverdichtung, so dass die flugaschehaltigen Mi- Kunststoffen bestehen, dürfen aber durch die Alka-
schungen eine höhere Druckfestigkeit aufweisen als lien des Zements nicht verseifen. Sie können fol-
die entsprechenden Vergleichsmischungen. gende Betoneigenschaften vergrößern:
Die Wirkung von reaktiven Zusatzstoffen in
– Zugfestigkeit,
Beton nach DIN EN 206 Teil 1 in Verbindung mit
– Haftfestigkeit,
DIN 1045 Teil 2 wird pauschal durch einen so ge-
– Schlagfestigkeit,
nannten k-Wert berücksichtigt.
– Kriechen,
Aufgrund von vorliegenden Untersuchungser-
– chemische Widerstandsfähigkeit
gebnissen wurde der k-Wert von Flugasche nach
DIN EN 450 Teil 1 zu 0,4 und der von Silikastaub bzw. verringern:
zu 1,0 festgelegt. Das bedeutet, dass gemäß
– Druckfestigkeit,
DIN EN 206 Teil 1 in Verbindung mit DIN 1045
– Elastizitätsmodul,
Teil 2 statt des w/z-Wertes der äquivalente w/z-
– Rückprall bei Spritzbeton,
Wert
– Reißneigung.
. (3.1.1)
Betonzusatzmittel
Betonzusatzmittel gibt man flüssig oder pulverför-
beim Nachweis des maximal zulässigen w/z-Wer- mig dem Beton zu, um durch chemische und/oder
tes zugrunde gelegt werden kann. Die auf den physikalische Wirkung die natürlichen Eigenschaften
Wasserzementwert maximal anrechenbare Menge von Beton oder Mörtel besonderen Anforderungen
an Flugasche f ist in Abhängigkeit vom verwende- anzupassen bzw. günstig zu beeinflussen. Die Wir-
ten Zement begrenzt und kann bis zu f/z ” 0,33 (für kungsweise der Zusatzmittel ist vielseitig; sie beruht
CEM I) betragen. Die anrechenbare Höchstmenge u. a. auf elektrochemischen Vorgängen, wobei orga-
an Silikastaub ist auf s/z ” 0,11 begrenzt. nische Stoffe hydrophob (z. B. bei Luftporenbild-
nern) oder hydrophil (z. B. bei Betonverflüssigern)
Pigmente. Die Pigmente zum Einfärben von Beton wirken. In Abb. 3.1-18 ist eine Übersicht über ver-
sind, wie bereits erwähnt, inaktive Zusatzstoffe, die schiedene Betonzusatzmittel gegeben.
zur Herstellung von Beton nach DIN EN 206 Teil 1 Es ist zu berücksichtigen, dass gelegentlich eine
in Verbindung mit DIN 1045 Teil 2 verwendet wer- Eigenschaft auf Kosten einer anderen verbessert
den können. Sie müssen beständig und wasserun- wird. So können z. B. die Raumbeständigkeit, das
löslich sein, dürfen die betontechnologischen Eigen- Erstarren, der Frostwiderstand, die Wasseraufnahme
schaften nicht nachteilig beeinflussen, müssen licht- oder die Wasserdichtheit negativ beeinflusst werden.
und wetterstabil und ggf. bei größeren thermischen Die Anforderungen an Betonzusatzmittel für
Belastungen auch hitzestabil sein und höchste Kons- die Verwendung in Beton, Stahlbeton und Spann-
tanz in Farbton und Farbstärke aufweisen. Die teil- beton sind in der Normen der Serie DIN EN 934
996 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

Abb. 3.1-18 Betonzusatzmittel mit Wirkung auf den Frischbeton

geregelt. Die Verwendung dieser Betonzusatzmit- deren geotechnischen Arbeiten (Spezialtiefbau) –


tel sind in DIN 1045 Teil 2 und DIN 447 geregelt. Bohrpfähle (02/2005)
Die Verwendung von Spritzbetonbeschleuniger
nach DIN EN 934 Teil 5 ist bis zur Neufassung der Fasern
DIN 18551 noch nicht geregelt, sie benötigen für Für die Herstellung von Faserbeton werden über-
ihre Verwendung vorläufig eine allgemeine bau- wiegend Fasern aus Stahl, alkaliresistentem Glas,
aufsichtliche Zulassung. Kunststoff oder Kohlenstoff eingesetzt. Fasern
Bestimmte Wirkungsgruppen wie z. B. Schaum- weisen im Vergleich zu ihren Querschnittsabmes-
bildner (zur Herstellung von Schaumbeton), Ab- sungen eine große Länge auf. Ihre wichtigste Ei-
dichtungsmittel (Zugabe erfolgt bei der Betonher- genschaft ist die Zugfestigkeit. Sie verleihen dem
stellung in Pulverform) und Korrosionsinhibitoren Beton die erforderliche Verformbarkeit bei Zug-
sind in der Normenserie DIN EN 934 nicht gere- und Biegebeanspruchung (Duktilität). In Verbin-
gelt. Solche Betonzusatzmittel benötigen für das dung mit konventioneller schlaffer oder vorge-
Produkt und deren Verwendung in Beton, Stahlbe- spannter Bewehrung werden Fasern häufig dazu
ton und Spannbeton nach DIN 1045 Teil 2 eine all- genutzt die Breite von Rissen zu beschränken.
gemeine bauaufsichtliche Zulassung. Darüber hinaus verbessern sie die Schlagfestigkeit
Beim Einsatz von Betonzusatzmitteln ist i. d. R. von Beton. Die Zugabe von Kunststofffasern ver-
eine Erstprüfung für den herzustellenden Beton er- mindert die Schrumpfrissbildung und führen zu
forderlich. einer Verbesserung des Brandverhaltens.
Stahlfasern bzw. Polymerfasern sind in
Neue Normen für Betonzusatzmittel und Zemente DIN EN 14889 Teil 1 bzw. Teil 2 geregelt und kön-
DIN 447: Einpressmörtel für Spannglieder, An- nen für die Herstellung von Beton als Zusatzstoff
forderungen für üblichen Einpressmörtel verwendet werden. In Deutschland benötigen Po-
DIN EN 934 Teil 1: Zusatzmittel für Beton, lymerfasern einen eigenen Verwendbarkeitsnach-
Mörtel und Einpressmörtel – Teil 1: Gemeinsame weis in Form einer allgemeinen bauaufsichtlichen
Anforderungen (04/2008) Zulassung. Lose Stahlfasern dürfen als Zusatzstoff
DIN EN 934 Teil 5: Zusatzmittel für Beton, zur Herstellung von Beton nach DIN 1045 Teil 2
Mörtel und Einpressmörtel – Zusatzmittel für verwendet werden. Geklebte Stahlfasern oder
Spritzbeton – Begriffe, Anforderungen, Konformi- Stahlfasern, die in einer Dosierverpackung dem
tät, Kennzeichnung und Beschriftung (02/2008) Beton zugegeben werden, benötigen für die Ver-
DIN EN 1536: Ausführung von besonderen wendung in Beton eine allgemeine bauaufsicht-
geotechnischen Arbeiten (Spezialtiefbau) – Bohr- liche Zulassung. Für die Herstellung von Spannbe-
pfähle (06/1999) ton ist die Zugabe von verzinkten Stahlfasern aus-
DIN-Fachbericht 129: Anwendungsdokument geschlossen.
zu DIN EN 1536:1999-06, Ausführung von beson-
3.1 Baustoffe 997

3.1.3.4 Betonzusammensetzung Tabelle 3.1-5 Expositionsklassen nach DIN EN 206 Teil 1


Die Betonzusammensetzung wird so konzipiert, in Verbindung mit DIN 1045 Teil 2 [Zementtaschenbuch
dass die im jeweiligen Anwendungsfall geforder- 2008]
ten Verarbeitungs- und Festbetoneigenschaften Klasse Bezeichnung
(Festigkeit und Dauerhaftigkeit) gewährleistet
Expositionsklassen
sind. DIN EN 206 Teil 1 in Verbindung mit
(Bewehrungskorrosion)
DIN 1045 Teil 2 regelt die Anforderungen an die
karbonatisierungsinduzierte Korrosion XC1 bis XC4
Betonzusammensetzung für Tragwerke aus Beton,
chloridinduzierte Korrosion XD1 bis XD3
Stahlbeton und Spannbeton.
chloridinduzierte Korrosion aus XS1 bis XS3
Die Betonzusammensetzung muss auf die An-
Meerwasser
wendung abgestimmt werden. Um eine ausrei-
Expositionsklassen (Betonangriff)
chende Dauerhaftigkeit des Bauteils zu gewähr-
kein Angriffsrisiko X0
leisten, darf je nach Expositionsklasse der maximale
chemischer Angriff XA1 bis XA3
Wasserzementwert nicht überschritten werden
Frost-Tauwechsel-Angriff XF1 bis XF4
bzw. der Mindestzementgehalt muss eingehalten
(ohne/mit Taumittel)
werden. Eine weitere wichtige Einflussgröße auf
Verschleißangriff XM1 bis XM3
die Dauerhaftigkeit ist die Zementart.
Feuchtigkeitsklassen WO, WF, WA, WS
In DIN EN 206-1 in Verbindung mit DIN 1045 (Alkali-Kieselsäure-Reaktion)
Teil 2 wurden daher Expositionsklassen- und
Feuchtigkeitsklassen in Abhängigkeit von den
Umweltbedingungen festgelegt. In Tabelle 3.1-5
sind die Expositionsklassen und Feuchtigkeitsklas- Damit Beton gut verarbeitbar ist, ein geschlossenes
sen nach DIN EN 206 Teil 1 in Verbindung mit Gefüge erhält und kein Wasser absondert, muss er
DIN 1045 Teil 2 aufgeführt. Häufig wird die zu eine vom Größtkorn der Gesteinskörnung abhän-
wählende Betonzusammensetzung für ein dauer- gige Menge Mehlkorn enthalten. Als Mehlkorn
haftes Bauwerk stärker durch die Umweltbedin- sind alle Partikel mit Größen <0,125 mm definiert.
gungen als durch statisch konstruktive Vorgaben Das bedeutet, dass der gesamte Zement – i. d. R.
beeinflusst [Zementtaschenbuch 2008]. die gesamte Menge an Zement- und Zusatzstoffen
In den Tabellen 3.1-6 und 3.1-7 sind die Grenz- – sowie Feinstanteile des Sandes dem Mehlkorn
werte für die Zusammensetzung und die Eigen- zuzurechnen sind. In Tabelle 3.1-8 sind die höchst-
schaften von Beton für die jeweiligen Expositions- zulässigen Mehlkorngehalte für Beton mit einem
klassen aufgeführt. Darüber hinaus sind die freige- Größtkorn der Gesteinskörnung von 16 mm bis 63
gebenen Anwendungsbereiche der Zemente zur mm in Abhängigkeit von der Betonfestigkeit und
Herstellung von Beton nach DIN 1045 Teil 2 in Expositionsklasse nach DIN EN 206 Teil 1 in Ver-
Abhängigkeit von den jeweiligen Expositionsklas- bindung mit DIN 1045 Teil 2 angegeben.
sen zu beachten.
Neben dem geforderten Wasserzementwert
3.1.3.5 Betonherstellung
müssen auch der Mindestzementgehalt und der
Mehlkorngehalt des Betons eingehalten werden. Mischen
Der Zementgehalt stellt einerseits die Hohlraum- Die Wirksamkeit des Mischvorgangs hat Einfluss
ausfüllung zwischen der Gesteinskörnung und an- auf Wasserbedarf, Verdichtbarkeit und Hydratati-
dererseits die Verarbeitung des Betons sicher. Die on. Es soll eine gute und gleichmäßige Verteilung
Zementzugabemenge ist jedoch nach oben hin der Betonausgangsstoffe gewährleistet werden.
durch folgende Eigenschaften bzw. wirtschaftliche Das Mischen der Ausgangsstoffe muss nach
Aspekte begrenzt: DIN EN 206 Teil 1 in Verbindung mit DIN 1045
Teil 2 in einem mechanischen Mischer erfolgen
– das Schwindmaß, und so lange dauern, bis die Mischung gleichför-
– die Hydratationswärme und mig erscheint. Im Allgemeinen gilt Leichtbeton
– die Kosten. bei einer Mindestmischzeit von 90 s, Normalbeton
Tabelle 3.1-6 Grenzwerte für die Zusammensetzung und Eigenschaft von Beton – Teil 1

998
kein Korrosions- Bewehrungskorrosion
oder Angriffsrisiko
durch Karbonatisierung verursachte durch Chloride verursachte Korrosion
Korrosion
Chloride außer Meerwasser Chloride aus Meerwasser
Nr. Expositionsklassen X0a XC1 XC2 XC3 XC4 XD1 XD2 XD3 XS1 XS2 XS3
1 Höchstzulässiger w/z – 0,75 0,65 0,60 0,55 0,50 0,45
2 Mindestdruckfestig-
C8/10 C16/20 C20/25 C25/30 C30/37d C35/45de C35/45
keitsklasseb
3 Mindestzementgehaltc – 240
260 280 300 320 320
in kg/m³ siehe XD1 siehe XD2 siehe XD3
4 Mindestzementgehaltc – 240
bei Anrechnung von 240 270 270 270 270
Zusatzstoffen in kg/m³
5 Mindestluftgehalt in % – – – – – – – –
6 Andere Anforderungen – –
a Nur für Beton ohne Bewehrung oder eingebettetes Metall.
b Gilt nicht für Leichtbeton.
c Bei einem Größtkorn der Gesteinskörnung von 63 mm darf der Zementgehalt um 30 kg/m³ reduziert werden.
d Bei Verwendung von Luftporenbeton, z. B. aufgrund gleichzeitiger Anforderung aus der Expositionsklasse XF, eine Festigkeitsklasse niedriger.
e Bei langsam und sehr langsam erhärtenden Betonen (r < 0,30) eine Festigkeitsklasse niedriger. Die Druckfestigkeit zur Einteilung in die geforderte Druckfestigkeits-
klasse ist auch in diesem Fall an Probekörpern im Alter von 28 Tagen zu bestimmen.
3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau
Tabelle 3.1-7 Grenzwerte für die Zusammensetzung und Eigenschaft von Beton – Teil 2

Betonkorrosion
Frostangriff Aggressive chemische Um- Verschleißbeanspruchungh
3.1 Baustoffe

gebung
Nr. Expositionsklassen XF1 XF2 XF3 XF4 XA1 XA2 XA3 XM1 XM2 XM3
1 Höchstzulässiger w/z 0,60 0,55g 0,50 0,55 0,50 0,50g 0,60 0,50 0,45 0,55 0,55 0,45 0,45
2 Mindestdruckfestig- e
C25/30 C25/30 C35/45 C25/30 C35/45e C30/37 C25/30 C35/45de C35/45d C30/37d C30/37d C35/45d C35/45d
keitsklasseb
3 Mindestzementgehaltc
280 300 320 300 320 320 280 320 320 300i 300i 320i 320i
in kg/m³
4 Mindestzementgehalt c

bei Anrechnung von 270 270g 270g 270 270 270g 270 270 270 270 270 270 270
Zusatzstoffen in kg/m³
5 Mindestluftgehalt in % – f – f – f,j – – – – – – –
6 Andere Anforderungen Gesteinskörnungen für die Expositionsklasse XF1 bis XF4 Oberflä-
chenbe- Einstreuen
von Hartstof-
– – l – handlung –
F4 MS25 F2 MS18 des fen nach
Betonsk DIN 1100

b, c, d und e siehe Fußnoten in Tabelle 3.1-6


f Der mittlere Luftgehalt im Frischbeton unmittelbar vor dem Einbau muss bei einem Größtkorn der Gesteinskörnung von 8 mm • 5,5 Vol.-%, 16 mm mm • 4,5
Vol.-%, 32 mm • 4,0 Vol.-% und 63 mm • 3,5 Vol.-% betragen.
Einzelwerte dürfen diese Anforderungen um höchstens 0,5 Vol.-% unterschreiten.
g Die Anrechnung auf den Mindestzementgehalt und den Wasserzementwert ist nur bei Verwendung von Flugasche zulässig. Weitere Zusatzstoffe des Typs II dür-
fen zugesetzt, aber nicht auf den Zementgehalt oder den w/z-Wert angerechnet werden. Bei gleichzeitiger Zugabe von Flugasche und Silikatstaub ist eine Anrech-
nung auch für die Flugasche ausgeschlossen.
h Es dürfen nur Gesteinkörnungen nach DIN EN 12620 verwendet werden.
i Höchstzementgehalt 360 kg/m³, jedoch nicht bei hochfesten Betonen.
j Erdfeuchter Beton mit w/z ” 0,40 darf ohne Luftporen hergestellt werden.
k Z. B. Vakuumieren und Flügelglätten des Betons.
l Schutzmaßnahmen siehe Abschnitt 5.3.2 der DIN 1045 Teil 2.
999
1000 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

Tabelle 3.1-8 Höchstzulässiger Mehlkorngehalt für Beton Transport, Einbau und Verdichtung
mit einem Größtkorn der Gesteinskörnung von 16 mm bis Heute wird – bis auf Ausnahmen (sehr große Bau-
63 mm stellen) – der gesamte Baustellenbeton als Trans-
Zementgehalt Höchstzulässiger portbeton geliefert und eingebaut, und zwar char-
Mehlkorngehalt genweise in Behältern oder kontinuierlich über
bis zur Betonfestigkeitsklasse C50/60 u. LC 50/55 bei den Förderbänder oder durch Rohrleitungen.
Expositionsklassen XF und XM Beim Einbringen des Frischbetons müssen Ent-
” 300 kg/m³ 400 kg/m³ mischungen vermieden werden, da sie und Nester-
• 350 kg/m³ 450 kg/m³ bildung die Festigkeit, die Wasserdichtheit, das
ab der Betonfestigkeitsklasse C55/76 und LC55/60 bei allen Aussehen (Sichtbeton) und den Korrosionsschutz
Expositionsklassen der Bewehrung beeinträchtigen.
” 400 kg/m³ 500 kg/m³ Da der Frischbeton nach dem Mischen einen
450 550 kg/m³ mehr oder weniger hohen Anteil an Luft enthält,
• 500 kg/m³ 600 kg/m³ der die Festbetoneigenschaften sehr nachteilig be-
einflussen würde, muss er möglichst vollkommen
verdichtet werden (Abb. 3.1-19). Dazu dienen
bei einer Mindestmischzeit von 30 s als gleichmä- verschiedene Verdichtungsverfahren, deren Wir-
ßig durchmischt. In Mischerfahrzeugen wird der kung sehr unterschiedlich ist, so dass ihre Anwen-
zweckmäßig gemischte Beton während der Fahrt dung auf die Verdichtbarkeit des Betons eingestellt
ständig bewegt oder mit stehender Trommel zur werden muss. Außer in Sonderfällen wird Beton
Verwendungsstelle gefahren. durch Rütteln mit Innenrütteln, Außenrütteln,
Oberflächenrütteln, Schalungsrüttlern oder Rüttel-
Maschinenmischung. Sie erfolgt chargenweise in tisch verdichtet.
Freifall- oder Zwangsmischern oder kontinuierlich Beim Rütteln werden die statischen Kräfte auf-
in Durchlaufmischern. Die Mischart muss auf das gehoben: Der Beton verhält sich ähnlich wie eine
Mischgut abgestimmt sein. Flüssigkeit, und die schweren Teile sinken nach
unten und nehmen eine dichtere Lagerung ein. Be-
Mischfahrzeug. Mischfahrzeuge dienen zum Trans- sonders bei weichen Betonen ist darauf zu achten,
portieren und Mischen von Beton weicher und dass durch das Rütteln wegen des großen Dichte-
plastischer Konsistenz in Freifallmischern, der im unterschieds von Zuschlagkorn und Zementleim
Transportbetonwerk entweder nur dosiert oder keine Entmischungen auftreten. Beim Rütteln soll
auch gemischt wurde. sich auf der Oberfläche eine geschlossene Schicht

Abb. 3.1-19 Einfluss der Verdichtung auf die Festigkeit


3.1 Baustoffe 1001

zähen Mörtels bilden; wässriger Zementleim weist Nach dem Reifegradkonzept wird die Nachbe-
auf Entmischung hin. handlungsdauer in Abhängigkeit der Festigkeits-
entwicklung angegeben. Die Festigkeitsentwicklung
Nachbehandlung wird über das Festigkeitsverhältnis fcm,2/fcm,28 abge-
Eine ausreichende Nachbehandlung ist nicht nur schätzt. In Tabelle 3.1-9 sind Mindestnachbehand-
für den Schutz vor Wasserverlust im grünen und lungsdauern in Abhängigkeit von der Expositions-
jungen Beton (Frühschwinden, Rissbildung) von klasse aufgeführt. Der Verhältniswert r ist umso ge-
Bedeutung. Wegen der Abhängigkeit der Hydrata- ringer, je langsamer der Beton hydratisiert.
tion von Temperatur und Feuchtigkeit muss der Näherungsweise kann der Reifegrad aber auch
Beton auch während der ersten Zeit des Erhärtens über die zeitliche Entwicklung der Betondruckfestig-
gegen schädigende Einflüsse wie Hitze, Wind keit abgeschätzt werden. Entsprechend fordert die
(Austrocknen), Kälte, strömendes Wasser (Auswa- DIN 1045 Teil 3, dass der Beton so lange nachbe-
schen), chemische Angriffe und Erschütterungen handelt werden muss, bis die Druckfestigkeit in der
geschützt werden. Mit Rücksicht auf das Schwin- oberflächennahen Schicht einen bestimmten Pro-
den und insbesondere den Korrosionsschutz der zentsatz der charakteristischen Druckfestigkeit des
Bewehrung ist er möglichst sieben bis 15 Tage verwendeten Betons hat. Dieser Prozentsatz hängt
lang dauernd feucht zu halten. von der jeweiligen Expositionsklasse ab, der das

Tabelle 3.1-9 Mindestdauer der Nachbehandlung von Beton nach DIN 1045 Teil 3

Oberflächentemperatur - in °Ce Mindestdauer der Nachbehandlung in Tagena


Festigkeitsentwicklung des Betons
r = fcm2/fcm28d
schnell mittel langsam sehr langsam
r • 0,50 r • 0,30 r • 0,15 < 0,15
- • 25 1 2 2 3
X0, CX1 und
alle außer

25 > - • 15 1 2 4 5
XM

15 > - • 10 2 4 7 10
10 > - • 5b 3 6 10 15
Frischbetontemperatur -fb in °C zum
Zeitpunkt des Betoneinbaus
-fb • 15 1 2 4 –
XC4 und XF1
XC2, XC3,

10 ” -fb < 15 2 4 7 –
5 ” -fb < 10 4 8 14

a Bei mehr als 5 h Verarbeitungszeit ist die Nachbehandlung angemessen zu verlängern.


b Bei Temperaturen unter 5°C ist die Nachbehandlungsdauer um die Zeit zu verlängern, während der die Temperatur unter
5°C lag.
c Die Festigkeitsentwicklung des Betons wird durch das Verhältnis der Mittelwerte der Druckfestigkeiten nach 2 Tagen
und nach 28 Tagen (ermittelt nach DIN EN 12390 Teil 3) beschrieben, das bei der Eignungsprüfung oder auf der Grund-
lage eines bekannten Verhältnisses von Beton vergleichbarer Zusammensetzung (d. h. gleicher Zement, gleicher w/z-
Wert) ermittelt wurde. Wird bei besonderen Anwendungen die Druckfestigkeit zu einem späteren Zeitpunkt als 28 Tage
bestimmt, ist für die Ermittlung der Nachbehandlungsdauer der Schätzwert des Festigkeitsverhältnisses entsprechend aus
dem Verhältnis der mittleren Druckfestigkeit nach 2 Tagen (fcm,2) zur mittleren Druckfestigkeit zum Zeitpunkt der Be-
stimmung der Druckfestigkeit zu ermitteln oder die Festigkeitsentwicklungskurve bei 20°C zwischen 2 Tagen und dem
Zeitpunkt der Bestimmung der Druckfestigkeit anzugeben.
d Zwischenwerte dürfen eingeschaltet werden.
e Anstelle der Oberflächentemperatur des Betons darf die Lufttemperatur angesetzt werden.
1002 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

Bauteil ausgesetzt ist. Für die Expositionsklasse Physikalisch eindeutige Kennwerte für die Verar-
X0, XC1 und XM (unbewehrter Beton oder Innen- beitbarkeit kann man nur in rheologischen Unter-
bauteile) beträgt er 50% und für die Expositions- suchungen erhalten. Sie liegen für Zementleim und
klasse XM (Verschleißbeanspruchung) 70%. Da- Zementmörtel in großem Umfang vor, sind jedoch
mit wird sichergestellt, dass der Beton ausreichend nicht ohne weiteres auf den Frischbeton zu über-
vor Witterungseinflüssen, insbesondere Austrock- tragen, da hier nicht nur das Fließvermögen der
nung, geschützt wird. Matrix, sondern in großem Maße die innere Rei-
Besonders wichtig ist eine sorgfältige Nachbe- bung durch die Gesteinskörnung maßgebend ist.
handlung Die Konsistenz quantifiziert die Verarbeitbarkeit
des Frischbetons. Beschreibend kann man folgende
– bei Betonen, die relativ langsam erhärten (z. B.
Konsistenzbereiche unterscheiden:
bei Zement mit hohem Hüttensandgehalt, bei
Flugasche als Zusatzstoff, bei niedrigen Außen- – sehr steif,
temperaturen), – steif,
– bei Betonen, die an der Oberfläche besonders – plastisch,
stark beansprucht werden (z. B. Beton, der ho- – weich,
hen Widerstand gegen Frost, chemischen An- – sehr weich,
griff und Verschleiß haben soll), – fließfähig,
– bei wasserundurchlässigem Beton, – sehr fließfähig.
– bei Sichtbeton und
Je nach Land werden folgende Konsistenzprüfver-
– bei dünnen Schichten (z. B. Estrichen).
fahren bevorzugt:
Für die Nachbehandlung kommen z. B. Feuchthal-
– Setzmaß,
ten durch Besprühen und/oder feuchte Tücher in
– Setzzeit (Vébé),
Betracht. Einen Schutz gegen Austrocknen bieten
– Verdichtungsmaß,
auch Schutzdächer und Abdeckungen mit Gewe-
– Ausbreitmaß.
bebahnen, Schilf- oder Strohmatten, Kunststoff-
folien und Nachbehandlungsfilme, die nach leich-
tem Abtrocknen des Betons aufgesprüht werden. Konsistenzbereiche
In der Praxis muss die angestrebte Konsistenz den
jeweiligen Verhältnissen vor Ort angepasst sein.
3.1.3.6 Frischbetoneigenschaften
Auf Baustellen bieten normalerweise weiche Be-
Die Verarbeitbarkeit ist eine komplexe, physikalisch tone oder sehr weiche Betone die günstigsten Vor-
nicht genau definierbare rheologische Eigenschaft, aussetzungen. In Tabelle 3.1-10 sind die Konsis-
die die Begriffe Mischbarkeit, Transportierbarkeit tenzbereiche des Frischbetons nach DIN 1045 Teil
(Widerstand gegen Entmischen beim Transport) 2 aufgeführt.
und Verdichtbarkeit umschließt. Sie ist v. a. eine
Funktion des Wasser-, Zement- und Mehlkornge- Prüfung der Konsistenz
halts, der Zementart, der Kornzusammensetzung Die im deutschsprachigen Raum gebräuchlichsten
und der Kornform der Gesteinskörnung. Der Beton Prüfverfahren zur Bestimmung der Konsistenz sind
wird bei Konstanthalten der jeweils anderen Ein- der Ausbreitversuch und der Verdichtungsversuch.
flüsse weicher mit Das Ausbreitmaß eignet sich nicht für steifen Beton,
während das Verdichtungsmaß für den Fließbeton
– größerem Wasser- bzw. Zementleimgehalt, ungeeignet ist. Darüber hinaus ist der Trichterver-
– kleinerem Zementgehalt, such (Setzmaß bzw. Slump-Test) von Bedeutung.
– größerem Wasser-Zement-Wert, Entformt man einen Beton unmittelbar nach
– gröberem Zement, dem Herstellen, so hat er bereits einen gewissen
– kleinerem Mehlkorngehalt, Widerstand gegen Belastung. Man nennt diesen
– sandärmerer Kornzusammensetzung und jungen Beton auch „grünen Beton“ und charakteri-
– rundlicherer Kornform. siert den Widerstand entsprechend über die sog.
3.1 Baustoffe 1003

Tabelle 3.1-10 Konsistenzbereiche des Frischbetons nach DIN 1045 Teil 2

Konsistenzbereich Ausbreitmaßklassen Verdichtungsmaßklassen


Klasse Ausbreitmaß a in mm Klasse Verdichtungsmaß
sehr steif – – C0 • 1,46
steif F1 ” 340 C1 1,45-1,26
plastisch F2 350-410 C2 1,25-1,11
weich F3 420-480 C3 1,10-1,04
sehr weich F4 490-550 C41) < 1,04
fließfähig F5 560-620
sehr fließfähig F6 • 630
1) Gilt nur für Leichtbetone

„Grünstandfestigkeit“. Diese ist insbesondere für Frischbeton gefüllt (drei Schichten mit jeweiligem
die Erzeugung von Betonsteinprodukten von Be- Stampfen). 5 bis 10 s nach dem Abziehen der Blech-
deutung, bei denen die Schalung möglichst effizi- form wird die Höhe des Betonkegels gemessen. Das
ent genutzt werden soll. Setzmaß ergibt sich dann aus der Differenz zwi-
schen der Höhe des Betonkegels vor und nach dem
Ausbreitmaß. Die Bestimmung des Ausbreitmaßes Abziehen des Trichters. Darüber hinaus besteht die
erfolgt gemäß DIN EN 12350 Teil 5 und wird auf Möglichkeit das Setzmaß mittels Vébé-Prüfung ge-
einem feucht abgewischten Ausbreittisch durchge- mäß DIN EN 12350 Teil 3 zu bestimmen.
führt. Auf ihm wird ein kegelstumpfförmiger, oben
offener Trichter gesetzt, in den der Frischbeton in
3.1.3.7 Festbetoneigenschaften
zwei Schichten eingefüllt und durch leichte Stöße
mit einem Holzstab verdichtet wird. Die Oberfläche Junger Beton
des Frischbetons wird eben abgestrichen und der Etwa zwei bis vier Stunden nach Wasserzugabe be-
Trichter hochgezogen. Der zurückbleibende Frisch- ginnt der Beton zu erstarren, wenn dieser Zeitraum
betonkegel (oder -kuchen) wird durch 15 Schock- nicht durch die Zugabe eines Zusatzmittels oder
stöße (Heben und Fallenlassen des Ausbreittisches) Temperatureinflüsse verlängert bzw. verkürzt wird.
zum Ausbreiten gebracht. Als Bewertungskriterium Die Erstarrungsphase erstreckt sich über mehrere
dient der Durchmesser des Betonkuchens (in cm), Stunden und geht dann in die Erhärtung über. Letz-
der als Ausbreitmaß bezeichnet wird. tere verläuft in den ersten Stunden sehr langsam,
danach dann schneller. In Abb. 3.1-20 ist die Ent-
Verdichtungsmaß. Die Bestimmung des Verdich- wicklung der Zugfestigkeit und der Verformungsfä-
tungsmaßes erfolgt gemäß DIN EN 12350 Teil 4 higkeit (Betonbruchdehnung) dargestellt. Der Wen-
und wird mit Hilfe eines 400 mm hohen, oben of- depunkt und damit das Maximum der Erhärtungsge-
fenen Blechkastens durchgeführt. In ihn wird der schwindigkeit liegen etwa zwischen sechs und zwölf
Frischbeton lose eingefüllt und die Oberfläche eben Stunden.
abgestrichen. Danach folgt seine Verdichtung auf Abbildung 3.1-20 zeigt, dass der Wendepunkt
einem Rütteltisch oder mit einem Innenrüttler. Zur der Erhärtungskurve mit einem Minimum der
Bewertung wird das Verdichtungsmaß herangezo- spannungsabhängigen Verformung zusammenfällt
gen, das sich aus dem Quotienten der Einfüllhöhen [Bergström/Byfors 1980]. Bis zu diesem Zeitpunkt
vor (400 mm) und nach dem Verdichten berechnet. ist der Beton sehr verformbar, und Verformungsbe-
hinderungen werden nur geringfügig in Span-
Setzmaß. Die Bestimmung des Setzmaßes (Slump- nungen umgesetzt. Im Bereich des Wendepunkts,
Test) erfolgt nach DIN EN 12350 Teil 2. Ähnlich also beim Übergang vom plastischen in den visko-
wie im Ausbreitversuch wird ein Kegelstumpf mit elastischen Zustand, ist die Verformungsfähigkeit
1004 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

Abb. 3.1-20 Zeitliche Entwicklung der Zugfestigkeit und der Bruchdehnung [Weigler/Karl 1989]

am geringsten. Dieser Zeitpunkt ist ein zeitlich de- Hydratationswärmeentwicklung


finierter Grenzzustand, der als Erstarrungsende Die Hydratation von Zement ist ein exothermer Vor-
angesehen werden kann. gang. Die pro Zeiteinheit freigesetzte Wärme steht
Zwischen dem Abschluss des Einbringens (grü- in direktem Zusammenhang mit der Reaktionsge-
ner Beton) bis zum Wendepunkt der Erhärtungskur- schwindigkeit. Sie hängt u. a. von der Zusammen-
ve bzw. Minimum der Verformungskurve bezeich- setzung des Zements ab (Phasenzusammensetzung
net man den Beton als „jungen Beton“. Trocknet das des Klinkers, Zumahlstoffe usw.). Die Geschwin-
auf der Oberfläche des jungen Betons abgesonderte digkeit der Wärmeentwicklung wird außerdem von
Wasser innerhalb kurzer Zeit ab, kann Frühschwin- der Temperatur, der Mahlfeinheit und dem w/z-Wert
den auftreten. Es beträgt mit maximal etwa 4 mm/m entscheidend beeinflusst. Zemente mit einer hohen
viel mehr als das Zehnfache der minimalen Bruch- Hydratationswärme entwickeln bereits im Laufe
dehnung des jungen Betons. Darüber hinaus kann eines Tages 50%, im Gegensatz dazu Zemente mit
sich dem Frühschwinden durch Austrocknen eine einer niedrigeren Hydratationswärme lediglich 15%
Verkürzung infolge sinkender Außentemperatur ihrer gesamten Wärmemenge.
überlagern. Zur Verringerung der Hydratationswärme sind in
Die auftretenden Zwängungsspannungen sind erster Linie Betone aus Zementen mit niedriger
nicht sehr groß, da der E-Modul noch sehr klein ist Hydratationswärme (LH) bei möglichst geringem
und die Spannungen in kurzer Zeit durch Relaxation Zementgehalt herzustellen. Die Verwendung von
um über 50% abgebaut werden können. Außerdem puzzolanischen Zusatzstoffen oder niedrige Binde-
fällt der wesentliche Teil der Verkürzung in die ers- mittelgehalte sind ebenso wie das Kühlen des fri-
ten Stunden, in denen die Verformungsfähigkeit des schen und eingebauten Betons Maßnahmen, die
Betons noch sehr groß ist. Trotzdem können beim Rissgefahr durch Herabsetzen des Temperaturma-
Zusammentreffen mehrerer Ursachen die Zugspan- ximums zu reduzieren. Beim Betonieren im Winter
nungen größer als die nur geringe Zugfestigkeit kann die Hydratationswärme dazu beitragen, dass
werden und Risse auftreten, die wegen des weiteren der Beton auch bei niedrigen Außentemperaturen
Ablaufs der Verformung sehr breit werden können. ausreichend erhärtet und gefrierbeständig wird.
Daher müssen Nachbehandlungsmaßnahmen – ins- Wie sich verformungsbehinderter junger Beton
besondere bei Sonne und Wind – so früh wie mög- unter Zwangsbeanspruchung beim Abfließen der
lich beginnen. Hydratationswärme verhält, zeigt Abb. 3.1-21 sche-
3.1 Baustoffe 1005

Abb. 3.1-21 Temperatur- und Spannungs-Zeit-Verlauf [Breitenbücher 1989]

matisch. Die Erwärmung löst erst dann Druckspan- Druck einachsig belastet. Im Inneren des Betons ent-
nungen aus, wenn der E-Modul des Betons so groß steht aufgrund der unterschiedlichen Verformungsei-
ist, dass der Beton entgegen der Wärmedehnung ei- genschaften von Zuschlag und Matrix ein ungleich-
nen messbaren Widerstand leistet (Temperatur T01). mäßiger, räumlicher Spannungszustand. Bei Normal-
Mit zunehmender Temperatur steigen auch die beton wird der verformungsfähigere Zementstein mit
Druckspannungen im Beton und erreichen wegen niedrigerem E-Modul stärker als die Gesteinskörner
der Relaxation vor dem Temperaturmaximum ihren verformt. Dabei konzentriert sich der Kraftfluss über
Höchstwert. Da der E-Modul des jungen Betons den Gesteinskörnern (Abb. 3.1-22).
klein und die Relaxation des jungen Betons sehr Die Kraftumlenkung erzeugt im Zementstein
hoch ist, erreichen die Druckspannungen im Beton Zugspannungen, und zwar vorwiegend in der Ver-
nur geringe Werte. Mit einsetzender Abkühlung ver- bundzone zwischen Zementstein und Gesteinskör-
kürzt sich der Beton, die Druckspannungen nehmen nung. Sie führen nach Bildung zahlreicher Einzel-
ab und werden bei einer bestimmten Temperatur T02 risse durch großflächiges Aufreißen des Zement-
zu Null. Wegen der Relaxation der Druckspannungen steins, ggf. auch der Gesteinskörner, schließlich zum
im vorangegangenen Zeitabschnitt ist T02>T01. Eine Bruch. Das Bruchverhalten von Leichtbeton unter-
weitere Abkühlung hat Zugspannungen zur Folge, scheidet sich von den für Normal- und Schwerbe-
die bei einer kritischen Temperatur TRiss die Zugfes- ton beschriebenen Vorgängen, da der E-Modul des
tigkeit des Betons überschreiten und einen Trennriss Zementsteins größer sein kann als derjenige der
verursachen [Breitenbücher 1989]. leichten Gesteinskörnern. Daher erfolgt der Kraft-
fluss im Leichtbeton bevorzugt innerhalb der Ze-
Festigkeit mentsteinschichten. Die zahlreichen Einzelrisse
Die bautechnisch gut messbaren Betonfestigkeiten verlaufen nicht mehr vorzugsweise durch den Ze-
sind die Druckfestigkeit sowie als Zugfestigkeit mentstein, sondern auch durch die leichte Ge-
die Biegezug- und die Spaltzugfestigkeit. steinskörnung [Walz 1964].

Druckfestigkeit. Zur Ermittlung der Druckfestigkeit an Zugfestigkeit. Die Betonzugfestigkeit kann durch
Betonprüfkörpern wird der Beton mit gleichmäßigem die Beziehung
1006 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

um das Verhalten des Betons bei Zugbeanspru-


chung zu bestimmen.

Biegezugfestigkeit. Die Biegezugfestigkeit ist als die


maximal aufnehmbare Spannung am Zugrand
eines Biegebalkens definiert, die sich unter der An-
nahme linear-elastischen Verhaltens des Betons
nach der Biegetheorie ergibt.
Die Biegezugfestigkeit wird nach DIN EN 12390
Teil 5 an Balken mit den Abmessungen (buhul) 150
mmu150 mmu700 mm oder bei Größtkorn >32 mm
an Balken 200 mmu200 mmu900 mm mit zwei Ein-
zellasten in den Drittelspunkten geprüft. Es ist auch
möglich, Balken von 100 mmu150 mmu700 mm
mit einer Einzellast in der Mitte zu prüfen. Die Bal-
ken werden bis zur Prüfung unter Wasser bei +15°C
bis +22°C gelagert, um den Einfluss der Eigenspan-
Abb. 3.1-22 Spannungsverteilung in auf Druck bean-
spruchtem Normalbeton nach [Walz/Wischers 1976]
nungen aus dem Schwinden auf die Biegezugfestig-
keit möglichst gering zu halten.
Die Belastung mit einer Einzellast in der Bal-
(3.1.2) kenmitte ergibt etwa 10% bis 30% höhere Werte
als mit Einzellasten in den Drittelspunkten, da bei
mit
der Einzellast nur an der Stelle des Maximalmo-
c=0,25 für zentrische Zugfestigkeit und ments der Bruch auftreten kann, während bei zwei
c=0,45 für Biegezug Einzellasten das Maximalmoment zwischen diesen
Lasten konstant ist und der Balken in diesem Be-
erfasst werden. Die zentrische Zugfestigkeit üb- reich dort bricht, wo örtlich die geringste Festig-
licher Betone liegt etwa zwischen 1,5 N/mm² und keit vorhanden ist.
4 N/mm². Sie beträgt demnach nur etwa 4% bis
20% der Druckfestigkeit fck. Spaltzugfestigkeit. Die Spaltzugfestigkeit wird vor-
Näherungsweise kann die mittlere Zugfestigkeit zugsweise an Zylindern, aber auch an Würfeln
fctm von Normalbeton nach DIN 1045 Teil 1 wie oder Prismen bestimmt. Zur Lasteinleitung sind
folgt aus der Druckfestigkeit berechnet werden: nach DIN EN 12390 Teil 6 10 mm breite und 4 mm
dicke Zwischenstreifen aus Hartfaserplatten nach
bis zur Festigkeitsklasse C50/60 DIN EN 316 vorgeschrieben, die die Last gleich-
mäßiger einleiten. Im Einleitungsbereich treten da-
fctm = 0,30 · fck2/3 (3.1.3) durch bis zu einer Tiefe von etwa 0,05·d Druck-
spannungen senkrecht zur Lastebene auf, so dass
ab Festigkeitsklasse C55/67 die Zugspannungen auf den inneren Bereich von
etwa (0,85 bis 0,90)·d beschränkt sind. In der Pro-
fctm = 2,12 · ln(1+(fck +8)/10) (3.1.4) be wird somit ein zweiachsiger Spannungszustand
erzeugt: Druck in Richtung der Linienbelastung
Anders als bei der Druckbeanspruchung ist die Be- und Zug in der dazu senkrechten Richtung. Die
stimmung der Festigkeit und des Spannungs-Deh- Spaltzugfestigkeit berechnet sich zu
nungs-Verhaltens bei Zugbeanspruchung – v. a. bei
zentrischem Zug – mit einer Reihe versuchstech- (3.1.5)
nischer Probleme verbunden. Daher werden viel-
fach andere Versuchsmethoden – insbesondere der mit F Last, l Länge und d Durchmesser des Zylin-
Biegezug- und der Spaltzugversuch – angewandt, ders.
3.1 Baustoffe 1007

Tabelle 3.1-11 Richtwerte für die Festigkeitsentwicklung von Beton aus verschiedenen Zemente bei 20 °C-Lagerung

Festigkeitsklasse des Zements Betondruckfestigkeit in % der 28-Tage-Werte nach


nach DIN EN 197-1 3 Tagen 7 Tagen 90 Tagen 180 Tagen
52,5 N; 42,5 R 70 bis 80 80 bis 90 100 bis 105 105 bis 110
42,5 N, 32,5 R 50 bis 60 65 bis 80 105 bis 115 110 bis 120
32,5 N 30 bis 40 50 bis 65 110 bis 125 115 bis 130

Da der Bruch im Zugspannungsbereich – also in


Scheibenmitte – beginnt, ist die Prüfung relativ un-
empfindlich gegenüber Lagerungseinflüssen und
Strukturänderungen im Bereich der Oberfläche
[Wesche 1996].

Festigkeitsentwicklung
Die Festigkeitsentwicklung eines Betons wird vor-
nehmlich durch die Eigenschaften des Zements,
die Zusammensetzung des Betons und die Um-
weltbedingungen, denen der Beton während der
Herstellung und Erhärtung ausgesetzt ist, beein-
flusst. Als grober Anhalt für die Festigkeitsent-
wicklung des Betons kann Tabelle 3.1-11 dienen.
Selbst bei Zementen gleicher Art und Festig-
keitsklasse können unter Normbedingungen starke
Schwankungen im Erhärtungsverlauf auftreten.
Ohne diesen genau zu kennen, kann man mit dem
Abb. 3.1-23 Beziehung zwischen der Betondruckfes-
oberen Grenzwert der Tabelle rechnen, wenn man
tigkeit ȕb 28, der Zementnormdruckfestigkeit ȕz 28 und
bereits in jungem Alter auf die Festigkeitsklasse dem w/z-Wert w für Betone ohne Luftporenbildner
schließen will. Der untere Grenzwert wird verwen- [Walz/Wischers 1976]
det, wenn im höheren Alter auf die Festigkeitsklas-
se zurückgerechnet oder die Nacherhärtung, d. h.
die Zunahme der Druckfestigkeit, über 28 Tage suchswert die mittlere Kurve benutzen, während
hinaus vorausgesagt werden soll. man beim Klassenwert mit dem angegebenen Streu-
Da die Betondruckfestigkeit annähernd linear bereich rechnen muss.
von der Zementnormdruckfestigkeit abhängt, kann Die zeitliche Entwicklung der Betondruckfes-
die Einflussgröße Zementnormdruckfestigkeit fCEM tigkeit kann gemäß CEB-FIB Model Code MC 90
aus dem Einflusskoeffizienten herausgezogen und auch analytisch bestimmt werden:
fcm/fCEM anstelle von fcm gesetzt werden. In Abb. 3.1-
23 ist dies für die Ordinate eines Festigkeits-Z-Dia- (3.1.6)
gramms geschehen. Setzt man in dieses Verhältnis
die im Versuch nach DIN EN 196 Teil 1 ermittelte mit
Zementdruckfestigkeit oder ohne diese Prüfung die
Zementfestigkeitsklasse ein, so erhält man die Be-
tondruckfestigkeit für Würfel mit 200 mm Kanten- (3.1.7)
länge. Die Druckfestigkeit muss dann entsprechend
auf einen Zylinder mit einem Durchmesser von 150
mm oder einem Würfel mit 150 mm Kantenlänge fcm(t) mittlere Druckfestigkeit nach einem Beton-
umgerechnet werden. Dabei kann man beim Ver- alter von t; fcm mittlere Zylinderdruckfestigkeit im
1008 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

Tabelle 3.1-12 Beiwert s der Zemente nach DIN EN 197 in Abhängigkeit vom Alter graphisch dargestellt.
Teil 1 Wie zu erkennen ist, ergeben sich Widersprüche zur
Festigkeitsklasse 32,5 N 32,5 R 42,5 R
Reifeformel, wenn während der Erhärtung stark
42,5 N 52,5 N veränderliche Temperaturen herrschen.
Beiwert s 0,38 0,25 0,20
Festigkeitsklassen
Wie bereits in Abschn. 3.1.3.2 beschrieben, wer-
den Betone (Normal- und Schwerbetone) in
Alter von 28 Tagen; t1 Bezugsalter = 1 Tag; s = Deutschland gemäß DIN EN 206 Teil 1 in Verbin-
Beiwert, der von der Zementart abhängt. Für die dung mit DIN 1045 Teil 2 in 16 Festigkeitsklassen
Zemente nach DIN EN 197 Teil 1 gelten die in Ta- gemäß Tabelle 3.1-1 aufgeteilt. Die charakteris-
belle 3.1-12 angegebenen Beiwerte. tischen Druckfestigkeit fck liegt bei 5% der Grund-
Wie andere chemische Vorgänge wird auch die gesamtheit aller möglichen Festigkeitsmesswerte.
Erhärtung des Betons durch niedrige Temperaturen Die Konformität kann dann bestätigt werden,
verzögert und durch höhere beschleunigt. Der wenn die Prüfergebnisse beide Kriterien nach Ta-
Temperatureinfluss lässt sich nach verschiedenen belle 3.1-13 entweder für Erstherstellung oder für
Reifeformeln abschätzen. Hier wird als Beispiel stetige Herstellung erfüllen.
die Reifeformel von Saul angegeben: Wenn die Übereinstimmung auf Grundlage ei-
ner Betonfamilie beurteilt wird, ist Kriterium 1 auf
(3.1.8) den Referenzbeton unter Berücksichtigung aller
transformierten Prüfergebnisse der Familie anzu-
mit
wenden; Kriterium 2 ist auf die ursprünglichen
R „Reife“, von der die Festigkeit abhängt, Prüfergebnisse anzuwenden.
'ti Intervalle der Erhärtungszeit bei gleicher Tem- Zum Nachweis, dass jeder einzelne Beton zur
peratur (in d oder h), Familie gehört, ist Kriterium 3 in Tabelle 3.1-14
Ti Betontemperatur im Intervall (in °C). nachzuweisen. Jeder Beton, der dieses Kriterium
nicht erfüllt, ist aus der Betonfamilie zu entfernen,
Der Formel ist zu entnehmen, dass bei –10°C die und seine Konformität ist gesondert nachzuweisen.
Reife Null ist; die Erhärtung hört auf. Die Reifefor- Zu Beginn ist die Standardabweichung aus min-
mel von Saul gilt nicht mehr für höheres Betonalter destens 35 aufeinander folgenden Prüfergebnissen
und nur beschränkt bei starker Temperaturbehand- zu berechnen, die in einem Zeitraum entnommen
lung. In Abb. 3.1-24 ist der Einfluss der Temperatur sind, der länger als drei Monate ist und der unmittel-

Abb. 3.1-24 Einfluss der Temperatur auf die Festigkeitsentwicklung von Beton [Walz 1964]
3.1 Baustoffe 1009

Tabelle 3.1-13 Konformitätskriterien für die Druckfestigkeit

Herstellung Anzahl n der Ergebnisse Kriterium 1 Kriterium 2


in der Reihe Mittelwert von n Ergebnissen (ƒcm) Jedes einzelne Prüfergebnis (ƒci)
– – N/mm² N/mm²
Erstherstellung 3 • ƒck + 4 • ƒck – 4
Hochfester Beton: Hochfester Beton:
• ƒck + 5 • ƒck – 5
Stetige Herstellung Mindestens 15 • ƒck + 1,48 ı • ƒck – 4
ı • 3 N/mm²
Hochfester Beton: Hochfester Beton:
• ƒck + 1,48 ı • 0,9 ƒck
ı • 5 N/mm²

Tabelle 3.1-14 Bestätigungskriterium für einen Beton aus 0,63 · ı ” s15 ” 1,37 · ı. (3.1.9)
einer Betonfamilie

Anzahl n der Kriterium 3 Falls der Wert s15 außerhalb dieser Grenzen liegt,
Prüfergebnisse für Mittelwert von n Ergebnisse
muss ein neuer Schätzwert V aus den letzten 35
die Druckfestigkeit (ƒcm) für einen einzelnen verfügbaren Prüfergebnissen ermittelt werden.
eines einzelnen Betons Beton der Betonfamilie – Verfahren 2: Der neue Wert für s darf nach
einem kontinuierlichen Verfahren geschätzt
– N/mm²
werden, und dieser Wert ist zu übernehmen. Die
2 • ƒck – 1
Empfindlichkeit des Verfahrens muss mindes-
3 • ƒck + 1
tens derjenigen des Verfahrens 1 entsprechen.
4 • ƒck + 2 Der neue Schätzwert für V ist für die nächste
5 • ƒck + 2,5 Nachweisperiode anzuwenden.
6 bis 14 • ƒck + 3,0
• 15 • ƒck + 1,48 ı Güteüberwachung
Nach DIN EN 206 Teil 1 muss der Hersteller eine
Produktionslenkung durchführen, die alle notwen-
bar vor dem Herstellungszeitraum liegt, innerhalb digen Maßnahmen umfasst, um die Qualität des
dessen die Konformität nachzuprüfen ist. Dieser Betons in Übereinstimmung mit den festgelegten
Wert ist als Schätzwert der Standardabweichung (V) Anforderungen zu sichern und zu steuern. Sie
der Gesamtheit anzunehmen. Die Gültigkeit des schließt Baustoffauswahl, Betonentwurf, Beton-
übernommenen Wertes ist während der folgenden herstellung, Überwachung und Prüfung von Aus-
Herstellung zu beurteilen. Zwei Verfahren sind für stattung, Rohstoffen, Herstellverfahren, Frischbe-
die Schätzung des Wertes für V zulässig, wobei die ton und Festbeton und ggf. Transport ein.
Wahl des Verfahrens im Voraus zu treffen ist: Die Produktionslenkung wird von einer aner-
kannten Überwachungsstelle oder dem Auftraggeber
– Verfahren 1: Der Anfangswert der Standardab- bewertet und überwacht. Hierzu stehen in Abhängig-
weichung darf für den folgenden Zeitraum an- keit von der beabsichtigten Verwendung des Betons
gewendet werden, innerhalb dessen die Konfor- vier Bewertungssysteme zur Verfügung, bei denen
mität zu überprüfen ist, vorausgesetzt, dass die die maßgebenden Eigenschaften des Betons vor Ort
Standardabweichung der letzten 15 Ergebnisse oder im Herstellungswerk überprüft werden.
(s15) nicht signifikant von der angenommenen
Standardabweichung abweicht. Dies wird unter Verformungseigenschaften
folgender Voraussetzung als gültig angesehen: Spannungs-Dehnungs-Beziehungen. Bei Einwirkung
einer äußeren Belastung setzen innere zwischen-
1010 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

molekulare Kräfte der Verformung des Betons Wi- konstanter Verformungsgeschwindigkeit wird die
derstand entgegen. Der Zusammenhang zwischen Steigung der Spannungs-Dehnungs-Linie zu Null.
Spannung und der von ihr in Beanspruchungsrich- Darüber hinaus ist die Energie, die bei der Rissbil-
tung ausgelösten Dehnung wird durch die Span- dung frei wird, größer als diejenige, die für die
nungs-Dehnungs-Linie beschrieben. Die inneren Rissbildung benötigt wird.
Bindungskräfte des Betons vermögen es nicht, nach Der Verlauf der Spannungs-Dehnungs-Linie ist
der äußeren Krafteinwirkung die ursprüngliche von zahlreichen Parametern abhängig (z. B. Beton-
Form wieder herzustellen, d. h., neben elastischen zusammensetzung, Druckfestigkeit, Alter, Hydra-
Vorgängen spielen bei der Belastung auch viskose tationsgrad, Belastungs- oder Verformungsge-
oder plastische Vorgänge eine Rolle. Der Beton wird schwindigkeit, Temperatur, Feuchtigkeit), so dass
daher als „viskoelastischer Stoff“ bezeichnet. es keine Linie gibt, die für alle Anwendungsfälle
Wird der Beton einachsig ohne Querdehnungs- gilt. Für die Bemessung von Stahlbeton geht man
behinderung belastet, folgt der Beton dem Hooke- deshalb von mittleren Werten aus. In DIN 1045 Teil
schen Gesetz näherungsweise bei kurzzeitig ein- 1 wird daher ein Parabel-Rechteck-Diagramm als
wirkender Druckbeanspruchung bis ca. 40% seiner idealisierte Spannungs-Dehnungs-Linie gewählt
Druckfestigkeit und bei kurzzeitig einwirkender mit einer maximalen Betondehnung max. Hc2u von
Zugbeanspruchung bis zu etwa 70% seiner Zugfes- 3,5‰ sowie einer Dehnung Hc2 von 2‰ und dem
tigkeit. Bei höheren Spannungen steigt die Deh- Grenzzustand der Tragfähigkeit fcd im Parabel-
nung überproportional, bei einer Entlastung ist nur scheitel, wobei sich fcd wie folgt berechnen lässt:
ein Teil der Verformung reversibel, d. h. elastisch.
Mit steigender Spannung nimmt der plastische Ver- (3.1.10)
formungsanteil zu. Nach dem Erreichen der auf-
mit
nehmbaren Höchstspannung, der Druck- bzw. der
Zugfestigkeit, nimmt die aufnehmbare Spannung Jc Teilsicherheitsbeiwert für Beton;
mit steigender Dehnung ab (Abb. 3.1-25). D Abminderungsbeiwert zur Berücksichtigung
Bei einer Spannung über ca. 70% bis 90% der von Langzeitwirkungen auf die Druckfestigkeit
Festigkeit, die etwa mit der Dauerstandfestigkeit sowie zur Umrechnung zwischen Zylinderdruck-
übereinstimmt, wird das Gefüge instabil: Die Risse festigkeit und einaxialer Druckfestigkeit des Be-
in der Verbundzone werden durch Risse im Ze- tons;
mentstein verbunden, das Volumen, das bisher fck charakteristische Druckfestigkeit am Zylinder
durch die Längsstauchung kleiner wurde, wächst nach 28 Tagen.
durch die größere Querdehnung wieder an, bei
E-Modul. Der E-Modul von Beton ist üblicherweise
als Sekantenmodul bei einer Spannung von etwa
30% der Festigkeit definiert. Der E-Modul sollte für
Konstruktionsbetone möglichst hoch sein, da eine
hohe Festigkeit bei kleinen Verformungen angestrebt
wird, während er bei Betonstraßen und Massenbe-
ton möglichst klein sein soll, um hohe Spannungen
bei Dehnungsbehinderung zu vermeiden. Aus die-
sem Grund ist es besonders wichtig, den E-Modul
gezielt zu beeinflussen. Ein kleiner Beton-E-Modul
kann bei relativ hoher Betonzugfestigkeit z. B. durch
Gesteinskörnungen mit niedrigem E-Modul oder bi-
tuminierte Zemente erreicht werden.
Bei gleicher Druckfestigkeit ist der E-Modul
Abb. 3.1-25 Spannungs-Dehnungs-Diagramme für von der Betonzusammensetzung, v. a. vom E-Mo-
druckbeanspruchte Betone verschiedener Festigkeits- dul der Matrix Em und der Gesteinskörnung Eg so-
klassen nach CEB-FIP MC 1990 [CEB 1991] wie vom Zementsteingehalt Vm abhängig. So liegt
3.1 Baustoffe 1011

der E-Modul des Zementsteins Em28 zwischen 6000 Zur Bestimmung der Kriechdehnung werden von
und 30000 N/mm2; er ist insbesondere vom w/z- der Gesamtdehnung das Schwinden und die elasti-
Wert, d. h. vom Zementsteinporenraum, abhängig. sche Dehnung abgezogen:
Darüber hinaus wird Em28 durch die Hydratations-
geschwindigkeit beeinflusst: Bei Zementen mit (3.1.12)
schneller Anfangserhärtung ist dieser E-Modul et-
was höher als bei solchen mit langsamer Anfangs- Die Größtwerte des Kriechens treten – besonders bei
erhärtung. Ebenfalls schwankt der E-Modul der dicken Bauteilen – erst nach mehrjähriger Belas-
Gesteinskörnung Eg für normale Gesteinskör- tung auf. Die Größe des Kriechens hängt im We-
nungen – aber auch für leichte Gesteinskörnungen sentlichen von der Belastungsdauer, den Umwelt-
– in weiten Grenzen. bedingungen, dem Zementsteinvolumen und dem
Erhärtungszustand (Reifegrad) bei der Belastung
Querdehnung. Zur Beschreibung mehraxialer Span- sowie von der Bauteildicke bzw. Prüfkörperab-
nungs- und Dehnungszustände ist es notwendig, das messung ab.
Hookesche Gesetz um die Querdehnungszahl —, die Zur genaueren Erfassung des Kriechvorgangs
das elastische Materialverhalten neben dem E-Mo- ist es sinnvoll, die anteiligen Verformungsgrößen
dul beschreibt, zu erweitern. Die Querdehnungszahl anzugeben. Das Kriechen Hk setzt sich aus einem
ist der Quotient aus elastischer Querdehnung Hq und Fließanteil Hf und einem verzögert elastischen An-
elastischer Längsdehnung Hl, da im elastischen Be- teil Hvel zusammen.
reich das Verhältnis von Längs- und Querdehnung
konstant ist. Sie hängt im Wesentlichen von der Schwinden und Quellen. Beton verändert sein Volu-
Spannungshöhe sowie der Betonzusammensetzung, men bei einer Änderung des Feuchtegehalts. Trock-
vom Betonalter und vom Feuchtezustand des Be- net der Beton aus, so bezeichnet man diesen Vor-
tons ab. Im Bereich der Gebrauchsspannungen gang, der mit einer Volumenabnahme verbunden ist,
schwanken die Werte zwischen 0,15 und 0,25. auch als „Schwinden“. Bei einer Feuchtigkeitsauf-
nahme hingegen vergrößert der Beton sein Volumen;
Kriechen. Als „Kriechen“ werden i. Allg. zusam- dieser Vorgang wird auch als „Quellen“ bezeichnet.
menfassend die bleibenden und/oder zeitabhän- Nur bei dauernder Wasserlagerung tritt ein
gigen Formänderungen von Beton unter Dauerlast Quellen ohne vorherige Austrocknung auf. Erheb-
bezeichnet. Im Wesentlichen werden die Kriech- lich größer ist das Quellen nach vorausgehender
vorgänge auf die Bewegung und Umlagerung von Austrocknung; das Quellen beträgt etwa 40% bis
Wasser im Zementstein und damit verbundene 80% der vorhergehenden Schwindverformungen.
Gleitvorgänge zurückgeführt. Durch die äußere Für baupraktische Belange sind die Auswirkungen
Belastung werden die Wassermoleküle im Zement- des Quellens i. d. R. vernachlässigbar.
stein zum Platzwechsel gezwungen. Dazu kommen Schwinden ist bei wiederholtem Austrocknen
Gleit- und Verdichtungsvorgänge zwischen den deutlich geringer als bei erstmaligem Austrocknen,
Gelpartikeln. Diese Vorgänge können durch Ände- da nur ein kleiner Teil des Schwindens reversibel
rung des Feuchtegehalts (z. B. gleichzeitige Trock- ist. Da das Schwinden des Betons durch das
nung) beschleunigt werden. Schwinden des Zementsteins Hsm entsteht, hängt
Für die Kriechverformung Hk wird i. Allg. keine das Schwindmaß maßgeblich vom Zementsteinge-
absolute Größe angegeben und für die Verfor- halt Vm ab. Normale Gesteinskörnung schwindet
mungsberechnung verwendet. Zur Vereinfachung i. Allg. nicht. Nach [Pickett 1956] gilt
der rechnerischen Behandlung wird Hk häufig auf
die gleichzeitig auftretende Verformung Hel bezo- (3.1.13)
gen. Diesen zeitabhängigen Quotienten nennt man
Kriechzahl Der Exponent n ergibt sich aus der Behinderung
des Zementsteinschwindens durch den Zuschlag
(3.1.11) und wird daher in Abhängigkeit von den E-Moduln
und Querdehnungszahlen von Beton und Zuschlag
1012 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

angegeben. Er kann für normalen Kiessand mit 1,5 mit Kalkstein als Gesteinskörmnung bei wasserge-
angenommen werden. Das Schwinden ist also bei sättigtem Beton mit hohem Gesteinskörnungsge-
gleicher Matrix, gleichem Zuschlag und gleichem halt. Bei Schwerbeton mit Baryt als Gesteinskör-
Austrocknungsverlauf zunächst dem Matrixvolu- nung kann der Wärmedehnkoeffizient bis auf
men proportional, das Schwindmaß wird aber dar- 20·10-6 K steigen.
über hinaus durch den nicht schwindenden Zu- Eine der Voraussetzungen für die Anwendung
schlag behindert und dadurch verringert. des Verbundbaustoffs Stahlbeton ist die gleiche
Darüber hinaus wird das Schwinden von der Bau- Größe der Wärmedehnkoeffizienten von Beton
teildicke beeinflusst. Das Endschwindmaß wird bei und Stahl. Die Wärmeleitfähigkeit des Stahles ist
dünneren Bauteilen schon nach ein bis zwei Jahren, jedoch rd. 30 mal größer als die von Beton, d. h.,
bei dickeren Bauteilen erst nach einer wesentlich die Temperatur und die Dehnung des Stahls än-
längeren Zeit, erreicht. Es ergibt sich für die betrach- dern sich schneller als die des Betons, was bei
tete Richtung aus dem Verhältnis der unter den vor- schnell ablaufenden Temperaturänderungen (z. B.
handenen Umweltbedingungen größten Schwind- bei Bränden) zu hohen Zwängungsspannungen
verkürzung 'l zur ursprünglichen Länge l0. führen kann. Auch bei Verbindung von Stahl und
Beton außerhalb der Stahlbetonkonstruktion (z. B.
(3.1.14) bei Brückengeländern) kann dies zu Schäden füh-
ren, denen man durch Verschieblichkeit des Gelän-
ders und Aussparungen zwischen Geländerpfosten
Das Endschwindmaß ist folglich abhängig von der und Beton begegnen muss.
Betonzusammensetzung, den Umweltbedingungen
und der wirksamen Bauteildicke. Für ein 30 cm di- Umweltverträglichkeit
ckes Bauteil, das nach zwei Seiten austrocknet, be- Als Aspekte der Umweltverträglichkeit von mine-
trägt es für ein trockenes Innenbauteil ca. 45·10-5 ralischen Baustoffen kommen im Wesentlichen das
und für ein Außenbauteil etwa 30·10-5. Auswaschen von Salzen, Laugen und Schwerme-
tallen sowie die radioaktive Strahlung in Betracht.
Wärmedehnung. Die Wärmedehnzahl Dt ist das Ver-
hältnis der Wärmedehnung Ht zur Temperaturände- Schwermetalle. Schwermetalle, die in Spuren so-
rung 't. wohl im Zement als auch in Zumahl- bzw. Zusatz-
stoffen (Hüttensand, Flugasche) vorkommen, kön-
(3.1.15) nen bei dauerndem Kontakt von Beton mit Wasser
(z. B. Gründungen im Grundwasser) aus dem Fest-
Die Wärmedehnzahl Dt von Beton ist im Wesent- beton ausgewaschen werden. Allerdings sind die
lichen abhängig vom Schwermetalle z. T. fest in die Mineralphasen des
Zementsteins eingebunden und damit inmobili-
– Wärmedehnkoeffizienten des Zementsteins Dm,
siert. Die löslichen Anteile müssen durch den rela-
der zwischen 8·10-6 und 23·10-6 K-1 liegt und
tiv dichten Beton diffundieren und können nur
besonders vom Feuchtegehalt bestimmt wird,
über die Betonoberflächen an den Baugrund bzw.
– Wärmedehnkoeffizienten der Gesteinskörnung
das Grundwasser abgegeben werden. Zusammen-
Dg, der zwischen 4·10-6 und 12·10-6 K-1 je nach
fassend ist festzustellen, dass Betone üblicher Zu-
Art der Gesteinskörnung liegt,
sammensetzung bezüglich der Auslaugung von
– Zementstein- bzw. Gesteinskörnungsgehalt Vm
Schwermetallen unkritisch sind.
bzw. Vg.
Der Wärmedehnkoeffizient des Betons schwankt Chromatproblematik. Zemente enthalten Spuren von
dadurch zwischen 5·10-6 und 14·10-6 K-1, wobei Chromat (Chrom (VI)). Nach derzeitigem Erkennt-
Art der Gesteinskörnung und die Menge den größ- nisstand ist nicht auszuschließen, dass das Chro-
ten Einfluss haben. Den größten Wert erreicht man mat die Ursache von Hautsensibilisierungen beim
mit Quarzit bei lufttrockenem Beton mit einem häufigen Umgang mit Frischbeton und Mörtel ist
niedrigen Gesteinskörnungsgehalt, den kleinsten (Maurerekzem). Zur Vermeidung solcher Ekzeme,
3.1 Baustoffe 1013

die in Fällen extremer Empfindlichkeit bis zur Be- Verwertung. Häufig sind im Bauschutt neben Beton
rufsunfähigkeit führen können, ist bei berufsbe- und Mauersteinen Mauermörtel, Estriche, Putze und
dingt häufigem Umgang mit Frischmörtel und keramische Erzeugnisse wie Dachpfannen und Flie-
Frischbeton das Tragen von Schutzhandschuhen sen enthalten. Hinzu kommen Nebenbestandteile
empfehlenswert. Im Festbeton wird das Chromat wie Metalle, Asphalt, Holz, Kunststoffe, Glas, Gips
in die Zementsteinmatrix eingebunden und stellt und Dämmstoffe, die je nach Verwendungszweck als
i. d. R. kein Gesundheits- und Umweltrisiko dar. Verunreinigungen anzusehen sind. Von den herge-
Wegen diesem Risiko sind in Deutschland aus- stellten 50 Mio. t Recycling-Baustoffen wurden rd.
schließlich chromat-reduzierte Zemente im Markt. 33 Mio. t im Straßenbau und rd. 12 Mio. t im Erdbau
eingesetzt. Der Anteil der Recycling-Baustoffe für
Radioaktivität. Jedes Baumaterial natürlicher oder die Verwendung als Gesteinskörnung nach DIN
künstlicher Art hat eine natürliche Radioaktivität, die 4226 Teil 100 lag bei 2,4 Mio. t. Zukünftig ist mit
im Wesentlichen aus den Radionukliden der Uran/ einer weiteren Zunahme an Bauschutt zu rechnen.
Radium- und Thorium-Zerfallsreihen sowie aus Ka- Schätzungen zufolge wird bis zum Jahr 2020 allein
lium-40 resultiert. In beiden Zerfallsreihen entsteht die jährliche Betonabbruchmenge auf etwa 100 Mio.
auch das Edelgas Radon. Diese natürliche Radioakti- t steigen [Rahlwes 1991].
vität der Baumaterialien liefert einen Beitrag zur Um als Baustoff bzw. als Sekundärrohstoff zur
Strahlendosis beim Aufenthalt in Gebäuden. Herstellung von Baustoffen geeignet zu sein, muss
Der weitaus überwiegende Teil der Strahlenex- recyceltes Material drei grundsätzlichen Anforde-
position in Häusern wird durch die Inhalation der rungen genügen:
radioaktiven Edelgase Radon-222 und Radon-220
– Der Baustoff muss die für den jeweiligen Ver-
(auch Thoron genannt) bzw. ihrer Folgeprodukte
wendungszweck gültigen Anforderungen und
hervorgerufen. Bezüglich der Radonexhalation aus
Regeln erfüllen.
Baustoffen ist aber nachgewiesen, dass alle Außen-
– Der Baustoff muss umweltverträglich sein, d. h.,
wandstoffe (Beton, Mauerwerk) um Größenord-
von ihm darf keine Gefährdung für die Schutz-
nungen mehr Radon aus dem Boden abschirmen
güter Boden, Wasser oder Luft ausgehen (z. B.
als sie an die Innenräume abgeben. Wenn erhöhte
Auslaugung von Schwermetallen).
Radonkonzentrationen insbesondere in Kellerräu-
– Die Verwendung des Baustoffs muss wirtschaft-
men auftreten, sind die angrenzenden Böden die
lich sein (im Vergleich zu herkömmlichen (pri-
Quellen. Wirkungsvollste Maßnahme ist der Luft-
mären) Rohstoffen).
austausch durch Lüften.

Betonsplitt- und Bauwerkssplittbeton


3.1.3.8 Recycling
Die Eigenschaften des aufbereiteten Bauschutts va-
Aufgrund von Abriss- und Aushubtätigkeiten fallen riieren naturgemäß mit der Zusammensetzung. Da-
jedes Jahr große Mengen von Baureststoffen an. Von her ist die Eingrenzung der Haupt- und Nebenbe-
den im Jahr 2004 in Deutschland angefallenen rd. standteile eine wichtige Voraussetzung für genügend
201 Mio. t mineralischer Bauabfälle entfielen rd. gleichmäßige und damit kalkulierbare Eigenschaften.
128 Mio. t auf Bodenaushub und rd. 72 Mio. t auf Anforderungen und Eigenschaften an rezyklierte
Bauschutt, Straßenabbruch, Baustellenabfälle und Gesteinskörnungen sind gemäß DIN 4226 Teil 100
Bauabfälle auf Gipsbasis [KWT Bau]. Von den rd. geregelt. Die Verwendung für die Herstellung von
72 Mio. t mineralischer Bauabfälle wurden rd. 50 Beton nach DIN EN 206 Teil 1 und DIN 1045 Teil 2
Mio. t recycelt, was einer Recyclingquote von 68,5% regelt die DAfStb-Richtlinie [DAfStb 2004].
entspricht. Nur in besonderen Fällen (z. B. beim Ab- Die DAfStb-Richtlinie gilt für die sortenreine
bruch von Betonstraßen oder Flugplätzen) besteht Verwendung von rezyklierter Gesteinskörnung der
das Abbruchgut aus weitgehend „sauberem“ und Typen 1 und 2 nach DIN 4226 Teil 100 zur
einheitlichem Material. Je sortenreiner ein Stoff ge- Herstellung und Verarbeitung von Beton nach
wonnen und/oder aufbereitet werden kann, desto DIN EN 206 Teil 1 in Verbindung mit DIN 1045
größer sind die Möglichkeiten einer hochwertigen Teil 2 bis zu einer Druckfestigkeitsklasse C30/37.
1014 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

Die Verwendung von rezyklierter Gesteinskörnung Faserbeton


für Spannbeton und Leichtbeton nach DIN 1045 ist Faserbeton ist ein Beton, dem bei der Herstellung
nicht zulässig. Fasern – vorzugsweise Stahl-, Glas- oder Kunst-
stofffasern – beigemischt werden. Die Fasern sind
im Zementstein bzw. im Mörtel eingebettet und
3.1.3.9 Sonderbetone
wirken dort als Bewehrung. Eine in die Matrix ein-
Leichtbeton gebaute Bewehrung aus zugfesten und dehnbaren
Leichtbetone werden nach DIN EN 206 Teil 1 in Fasern hemmt das Öffnen von Rissen. Unter be-
Verbindung mit DIN 1045 Teil 2 geregelt, s. a. Ab- stimmten Vorraussetzungen verbinden die Fasern
schn. 3.1.3.2. Folgende Arten von Leichtbetonen nach Rissbildung die Rissufer zugfest miteinander
werden jedoch nicht nach DIN EN 206 Teil 1 in und ermöglichen auch bei größerer Dehnung noch
Verbindung mit DIN 1045 Teil 2 geregelt: eine Übertragung von nennenswerten Zugkräften.
Durch Beimischen von Fasern lassen sich be-
– Porenbeton
stimmte Eigenschaften des Betons wie Grünfestig-
– Schaumbeton
keit, Zugfestigkeit, Schlagfestigkeit, Sprödigkeit,
– Beton mit haufwerksporigem Gefüge (Beton
Verformungsverhalten und Reißneigung verbes-
ohne Feinbestandteile)
sern. Daher werden bei besonderen Anforderungen,
– leichter Leichtbeton mit UR=300…800 kg/m3,
bei denen die erhöhten Betonkosten gegenüber an-
E>5 N/mm2 und O<0,30 W/(m·K)
deren Baustoffen und Bauverfahren noch akzep-
– Beton mit porosiertem Zementstein.
tiert werden, in eng begrenzten Anwendungsberei-
Porenbeton. Porenbeton ist hinsichtlich der Poren- chen Mörteln und Betonen Fasern zugemischt
struktur und der mineralischen Matrix eine beson- (z. B. bei Spritzbeton, beim Schutzraum- und Tre-
dere Art des Leichtbetons. Dem Mörtel wird ein sorbau, bei Rammpfählen, Hangsicherungen, Be-
Treibmittel, z. B. Aluminiumpulver, zugegeben, tonsteinerzeugnissen und Betonfertigteilen sowie
das mit dem alkalischen Wasser reagiert. Durch Industriefußböden).
die Reaktion entsteht Wasserstoff, der den Mörtel Die Fasern bewirken v. a., dass die Bildung und
aufbläht und dabei Makroporen mit einem Durch- Ausbreitung von Rissen behindert wird. Je nach
messer von 0,5 mm bis 1,5 mm bildet. Die Roh- ihren Eigenschaften beeinflussen sie die Eigen-
dichte liegt zwischen 300 und 1000 kg/m3 und schaften des Betons unterschiedlich.
die Druckfestigkeit zwischen 2,5 N/mm2 und
10,0 N/mm2. Kunststofffasern. Kunststofffasern weisen i. d. R.
einen kleinen E-Modul und geringe Zugfestigkeit
Schaumbeton. Der Porenraum entsteht durch Zu- bei sehr großer Bruchdehnung auf. Daher wirken
gabe eines Schaumbildners während des Misch- sie nur im grünen und jungen Beton. Kunststoff-
vorgangs oder Einmischen eines möglichst stabilen fasern sind gemäß DIN EN 14889 Teil 2 geregelt.
Schaumes (Matrixporigkeit).
Glasfasern. Glasfasern, die einen mittleren E-Mo-
Haufwerksporige Leichtbetone. Haufwerksporige dul, eine große bis sehr große Zugfestigkeit und
Leichtbetone bestehen aus leichten Gesteins- mittlere Bruchdehnung aufweisen, eignen sich be-
körnungen nach DIN EN 13055 Teil 1, die mit sonders gut als Zugabe bei weichen Mörteln für
Zementleim bzw. -mörtel umhüllt und punkt- dünnwandige Bauteile, v. a. bei stark strukturierten
weise verbunden bzw. verklebt sind. Diese Be- Oberflächen. Zu beachten ist, dass die Alkalien des
tone weisen Rohdichten zwischen 500 kg/m3 und Zements die Korrosion von Glasfasern bewirken.
2000 kg/m3 auf mit Festigkeiten bis LC8/9. Ent- Hier kommen insbesondere alkaliresistente Glas-
sprechend den Rohdichteunterschieden variieren fasern zum Einsatz.
auch die Wärmedämmfähigkeiten. Im Bereich der
Rohdichte von 600 kg/m3 bis 800 kg/m3 liegt Stahlfasern. Stahlfasern bewähren sich besonders bei
die Wärmeleitfähigkeit bei 0,15 W/m · K bis Spritzbeton und dynamisch beanspruchten Bautei-
0,24 W/m · K. len, da sie sowohl einen großen E-Modul als auch
3.1 Baustoffe 1015

eine große Bruchdehnung und eine mittlere bis Vakuumbeton


hohe Zugfestigkeit aufweisen. Bei Verwendung In der Regel enthält Frischbeton mehr Wasser als
von Stahlfasern ist mit Korrosion an der Betonober- zur vollständigen Hydratation erforderlich. Das
fläche zu rechnen, die durch Deckschichten oder Bestreben, den Kapillarporenanteil gering zu hal-
Anstriche verhindert werden muss. Stahlfasern ten, führte u. a. zur Entwicklung des Vakuumver-
sind in DIN EN 14889 Teil 1 geregelt. fahrens. Bei ihm wird ein plastischer bis weicher
Beton mit einem Ausbreitmaß a = 38…44 cm, der
Spritzbeton eine sehr gute Kornzusammensetzung (A32) und
Bei diesem Betonierverfahren wird der Beton im geringen Mehlkorngehalt haben sollte, hergestellt.
Spritzverfahren flächenhaft aufgetragen und da- Aus dem in die Schalung eingebrachten Beton
durch gleichmäßig verdichtet. Man unterscheidet wird während und nach dem Verdichten mit Hilfe
zwischen Trocken- und Nassspritzverfahren. Die einer Vakuumpumpe und aufgelegter Saugmatten
Anforderungen an Spritzbeton sind in DIN 18551 bzw. Spezialschalungen ein Teil des Überschuss-
geregelt. wassers abgesaugt, wodurch der Beton gleichzeitig
Beim Trockenverfahren wird das Betontrocken- weiter verdichtet wird.
gemisch, bestehend aus Zement, Gesteinskörnung Der w/z-Wert kann bei diesem Verfahren um bis
und ggf. pulverförmigen Zusätzen, vorgemischt und zu 20% reduziert werden, womit eine Festigkeitser-
als Trockengemisch der Förderleitung zugeführt, höhung verbunden ist, die schon nach zwei Tagen die
wo es im Druckluftstrom befördert wird (Dünnluft- 28-Tage-Festigkeit erreicht. Das Vakuumverfahren
stromverfahren). Das Zugabewasser wird, ggf. mit wird besonders dort angewandt, wo es um verschleiß-
flüssigen Betonzusatzmitteln, an der Spritzdüse bei- feste und widerstandsfähige waagerechte Oberflä-
gemengt. chen geht (z. B. Parkhäuser und Tiefgaragen).
Beim Nassspritzverfahren wird das Gemisch
aus Zement, Gesteinskörnung, Zugabewasser und
3.1.3.10 Hochleistungsbetone
ggf. Zusätzen in die Förderleitung gegeben.
Spritzmörtel und Spritzbeton werden vorwiegend Ultrahochfester Beton
im Stollen- und Tunnelbau zur Festigung des anste- Ultrahochfester Beton (UHFB) ist eine Weiterent-
henden Gesteins hinter Beton- und Mauerwerk ver- wicklung des hochfesten Betons. Als ultrahochfes-
arbeitet oder als alleinige Schale bis zu 30 cm Dicke. te Betone werden Betone mit Druckfestigkeiten
Sie dienen zum Bau von Schalen und Behältern (nur zwischen 150 N/mm2 und 300 N/mm2 bezeichnet.
einseitige Schalung erforderlich, die keinem Scha- Neben der hohen Festigkeit zeichnet sich UHFB
lungsdruck ausgesetzt ist), zu Verstärkungs- und Sa- auch durch ein dichtes Gefüge aus. Sowohl die Ge-
nierungsarbeiten an Bauteilen sowie bei Baugruben samtporosität als auch die für die Dauerhaftigkeit
und Böschungen. Eine Verwendung ist jedoch nur besonders wichtige Kapillarporosität sind sehr ge-
sinnvoll, wenn die verfahrensbedingten Mehrkosten ring. Hierdurch sind die Transportvorgänge im
durch Lohneinsparung für aufwendige Schalungen Vergleich zu normal- und hochfesten Betonen stark
ausgeglichen werden [Wesche 1993]. verlangsamt.
Eine besondere Art des Spritzbetons ist der Fa- Durch die Senkung des Wasserzementwertes,
serspritzbeton. Er wird sowohl im Trocken- als Verwendung von Silikastaub und Optimierung der
auch im Nassverfahren aufgetragen. Das Trocken- Packungsdichte bis in den Mikrobereich können
oder Nassgemisch enthält zusätzlich 1 bis 2 Vol.-% Druckfestigkeiten bis etwa 200 N/mm2 erreicht wer-
Stahlfasern von 0,3 bis 0,5 mm Durchmesser und den. Häufig wird UHFB mit einem Größtkorn von
15 bis 30 mm Länge. Die Stahlfasern richten sich 1 mm oder weniger hergestellt, wodurch sich ein ho-
entsprechend der Auftragsfläche vorwiegend senk- mogeneres und potentiell festeres Gefüge ergibt als
recht zur Spritzrichtung aus. Anwendung findet bei grobkörnigerem Beton. Noch höhere Druckfestig-
Faserspritzbeton überall dort, wo die Zugfestigkeit keiten lassen sich durch die Wärmebehandlung, das
und das Arbeitsvermögen des normalen Spritzbe- Mischen im Vakuum und die Druckverfestigung er-
tons nicht ausreichen oder eine geringere Dicke zielen. Aus diesem Grund werden Bauteile aus
wirtschaftlicher ist. UHFB meist im Fertigteilwerk hergestellt.
1016 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

Selbstverdichtender Beton änderungsverhalten maßgebend, die den Beanspru-


Selbstverdichtender Beton (SVB) ist Beton, der chungen des Bauwerks durch (äußere) Lasten ent-
nur unter dem Einfluss der Schwerkraft entmi- gegenwirken. Die Zugfestigkeiten üblicher Stahl-
schungsfrei und ohne an Bewehrungshindernissen sorten reichen entsprechend ihres Einsatzgebietes
zu blockieren nahezu bis zum Niveauausgleich von 300 N/mm2 für einfache Baustähle bis nahe
fließt, dabei entlüftet und alle Bewehrungszwi- 2000 N/mm2 für Spannstähle. Wegen dieser Sor-
schenräume sowie die Schalung vollständig aus- tenvielfalt werden Stähle mit Kurznamen gekenn-
füllt. Die Verwendung von SVB wird in Deutsch- zeichnet, aus denen grundsätzlich die Stahlgruppe
land durch die DAfStb-Richtlinie „Selbstverdich- und die Festigkeit bzw. die Streckgrenze ersicht-
tender Beton“ geregelt. lich sind. So werden allgemeine Stähle für den
SVB weist im Vergleich zu Normalbetonen ein Stahlbau mit dem Kurzzeichen S und der Mindest-
erhöhtes Leimvolumen auf, in dem die Gesteins- streckgrenze in N/mm2 gekennzeichnet (z. B. S 235).
körnungen sozusagen schwimmen können. Der Teilweise findet man auch noch die alten Bezeich-
Zementleim (bzw. die Mehlkornsuspension) muss nungen nach DIN 17100, wobei allgemeine Bau-
so zusammengesetzt sein, dass er sowohl eine aus- stähle mit dem Kurzzeichen St und die Min-
reichende Fließfähigkeit als auch eine erhöhte, die destzugfestigkeit in kp/mm2 angegeben wird (z. B.
Entmischung hemmende Viskosität aufweist. SVB St 37, der dem S 235 entspricht).
können als Mehlkorntyp oder Stabilisierertyp her-
gestellt werden. Beim Mehlkorntyp liegen die
3.1.4.2 Schmelzen und Vergießen
Mehlkorngehalte i. d. R. über den in DIN 1045
Teil 2 festgelegten oberen Grenzen (Tabelle 3.1- Eisen kommt in der Natur nicht als reines Eisen,
8). Im Allgemeinen werden Leimgehalte von mehr sondern i. Allg. in Form von Oxiden vor, die in
als 250 l/m3 erreicht. Um eine ausreichende Visko- Eisenerzen innig mit Gestein, der sog. „Gangart“
sität zu erzielen, werden beim Stabilisierertyp we- verwachsen sind. In der Aufbereitung wird zu-
niger Mehlkorn und als Zusatzmittel Stabilisierer nächst der Anteil der Gangart auf wenige Massen-
verwendet. Daneben gibt es auch Mischtypen. prozente (M.-%) verringert. Im Hochofen muss
dann das Eisenoxid völlig von der Gangart getrennt
3.1.4 Stahl und in reines Eisen reduziert werden. Hierzu wird
der Hochofen von oben lagenweise mit Eisenerz-
3.1.4.1 Allgemeines konzentrat, Koks und prozessregulierenden Zu-
Neben Beton ist Stahl der wichtigste Konstrukti- schlägen beschickt. Im oberen Bereich wird das
onswerkstoff. Seine häufige Verwendung ist der absackende Eisenoxid durch das bei der Verbren-
Tatsache zuzuschreiben, dass das Verhältnis von nung des Kokses entstehende Kohlenmonoxidgas
Festigkeit zu Gewicht bei Stahl günstiger ist als infolge der größeren Sauerstoffaffinität reduziert.
bei Beton und er somit v. a. dort Verwendung fin- Im unteren Bereich wirkt bei höheren Tempera-
det, wo das Eigengewicht entscheidend ist. Außer- turen der Kohlenstoff direkt als Reduktionsmittel.
dem ist die Zugfestigkeit von Stahl wesentlich hö- Eisen und Gangart schmelzen hier auf und sam-
her als diejenige von Beton. Nach Informationen meln sich im Hochofengestell. Die flüssige Hoch-
des International Iron and Steel Institutes lag die ofenschlacke, die sich aus der Gangart und den
weltweite Roh-Stahlproduktion im Jahr 2007 bei Zuschlägen bildet, lässt sich leicht vom Roheisen
1343,5 Mio Tonnen. trennen, da sie wegen des Dichteunterschieds (2600
Im Bauwesen werden i. d. R. unlegierte Profil- zu 7800 kg/m3) auf dem Roheisen schwimmt.
stähle mit genormten Bezeichnungen und Abmes- Das gewonnene flüssige Roheisen enthält hohe
sungen verwendet (z. B. Formstahl, Stabstahl, Gehalte an Kohlenstoff und weiteren Begleitele-
Winkelprofil, I-Profil). Sie werden mittels spezi- menten aus dem Erzkonzentrat (Phosphor, Man-
eller Fügeverfahren – v. a. Schweißen – zu Kons- gan, Silizium) und dem Koks (Kohlenstoff, Schwe-
truktionen zusammengefügt. fel). Diese machen das erstarrte Roheisen hart und
Für die Verwendung von Stahl im Bauwesen spröde, so dass es nicht verformt werden kann und
sind die Festigkeitseigenschaften und das Form- somit als Konstruktionswerkstoff unbrauchbar ist.
3.1 Baustoffe 1017

Aus diesem Grund werden die versprödend wir- hat die Zugabe von Mangan. Ein Teil des SiO2
kenden Eisenbegleiter aus dem Eisen entfernt. wird mit der Schlacke entfernt. Wegen der fehlen-
Der Kohlenstoff wird dem Eisen durch Oxidati- den Badbewegung bleiben die Verunreinigungen
on entzogen. Der zugeführte Sauerstoff überführt und ein Großteil des verbleibenden SiO2 wesent-
den Kohlenstoff in CO oder CO2, die als Gas aus lich gleichmäßiger über den Stahlquerschnitt ver-
dem flüssigen Eisen entweichen. Die anderen Ei- teilt. Allerdings entsteht auch keine ausgeprägte
senbegleiter werden in Oxide umgewandelt, die verunreinigungsarme Randzone, so dass die Quali-
sich als Schlacke auf der Schmelze sammeln. In tät der Stahloberfläche nicht so gut ist wie bei un-
der Vergangenheit wurden bei der Stahlerzeugung beruhigt vergossenen Stählen. Da der Stahlguss
zur Kohlenstoffoxidation Frischverfahren wie das beim Abkühlen schrumpft (bis zu 3 Vol.-%), bildet
Thomas- und das Siemens-Martin-Verfahren durch- sich am Kopf des Blockes ein Hohlraum, der vor
geführt. Heute wird der Großteil des aus Roheisen dem Walzen abgetrennt werden muss, um Dopp-
erzeugten Stahls im Sauerstoffblasverfahren her- lungen (Werkstofftrennungen) zu vermeiden.
gestellt, bei dem der Sauerstoff mittels einer Lanze Bei der dritten Vergießungsart erhält man durch
von oben durch die Schlackeschicht in das flüssige zusätzliche Zugabe von Aluminium zu Silizium
Roheisen geblasen wird. und Mangan besonders beruhigten Stahl (RR). Das
Durch das Frischen kommt der Stahl mit erheb- Aluminium hat eine hohe Affinität zu Sauerstoff
lichen Mengen Sauerstoff in Berührung und kann und reagiert mit dem restlichen Sauerstoff zu Ton-
im flüssigen Zustand große Gasmengen aufneh- erde (Al2O3). Die feinverteilten Tonerdeeinschlüs-
men. Da hohe Sauerstoffgehalte den Stahl ab 0,03 se wirken bei der Erstarrung als Kristallisations-
M.-% jedoch alterungsempfindlich und ab 0,07 keime, so dass sich ein reiner, feinkörniger und
M.-% rotbrüchig machen, muss der Sauerstoff der zäher Stahl ausbildet, der sich gut verformen und
Stahlschmelze wieder entzogen werden; d. h., die schweißen lässt. Da das Aluminium auch Stick-
Stahlschmelze muss desoxidiert werden. stoff abbindet, erhöht sich die Alterungsbeständig-
Je nach Grad der Desoxidation unterscheidet keit des Stahls.
man bei den Vergießungsarten zwischen unberu- In den Industrienationen hat der Strangguss den
higtem (U), beruhigtem (R) und besonders beru- Blockguss inzwischen zu über 90% ersetzt. Wäh-
higtem (RR) Stahl. Die Vergießungsarten beschrei- rend beim Blockguss der flüssige Stahl in eine un-
ben das unterschiedliche Erstarrungsverhalten der ten geschlossene Kokille gefüllt wird, dort als
Stahlschmelze. Beim unberuhigten Vergießen wird Block erstarrt und in vielen weiteren Schritten um-
der Stahl zum Erstarren in Blöcke gegossen. Au- geformt werden muss, wird er beim Strangguss in
ßen entsteht zunächst relativ reiner Stahl, während eine oben und unten geöffnete Durchlaufform ge-
die im Kern befindliche Restschmelze mit Verun- gossen. Die Querschnittsform eines Stranges wird
reinigungen angereichert ist. Bei weiterer Abküh- durch das herzustellende Fertigerzeugnis und den
lung sinkt die Löslichkeit des Sauerstoffs; er schei- dazu notwendigen Verarbeitungsweg bestimmt.
det sich aus und reagiert mit dem vorhandenen Das Stranggussverfahren eignet sich nicht für un-
Restkohlenstoff der Stahlschmelze zu CO. Letzte- beruhigte Stähle, da im Strang ein Entweichen der
res steigt in Form von Blasen auf, bringt so die Gase nicht möglich ist.
Schmelze in Bewegung und reißt vorhandene Ver- Neben der klassischen Stahlherstellung im
unreinigungen zur Mitte und nach oben hin mit. Hochofen wird Stahl auch im Elektroverfahren
Dadurch kommt es im Kern und am Kopf des hergestellt. Hierbei wird als Rohstoff nicht oxi-
Stahlblocks zu unerwünschten Anhäufungen von disches Eisenerz, sondern Stahlschrott verwendet.
Kohlenstoff, Phosphor und Schwefel, die als „Sei- Wegen dieser Möglichkeit des Recyclings gewinnt
gerungen“ (Entmischungen) bezeichnet werden. das Verfahren immer mehr an Bedeutung. Beim
Beim beruhigten Vergießen (R) wird der Schrott muss unterschieden werden zwischen
Schmelze Silizium zugegeben, mit dem der Sauer- Eigenschrott, der in der Produktion oder der Wei-
stoff als SiO2 chemisch gebunden wird. Da die terverarbeitung anfällt, und Altschrott (z. B. von
CO-Bildung unterbleibt, erstarrt die Schmelze ru- Autos). Im Gegensatz zu Altschrott ist die Zusam-
hig. Gleichartige, wenn auch schwächere Wirkung mensetzung von Eigenschrott bekannt, entspre-
1018 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

chend kann er problemlos wieder eingesetzt rit“ bezeichnet. Die dunkleren Körner zeigen unter
werden. Altschrott ist durch Begleitelemente wie weiterer Vergrößerung ein streifiges Aussehen und
Kupfer und Zinn aus Überzügen verunreinigt. Der werden als „Perlit“ bezeichnet. Die dunklen Strei-
aufbereitete (zerkleinerte), vorgewärmte und ge- fen im Perlit bestehen aus Eisenkarbid (Fe3C),
trocknete Schrott wird im Elektroofen mittels elek- das härter ist und auch „Zementit“ genannt wird.
trischer Energie durch einen Lichtbogen zwischen Dieses ist in das weichere kohlenstofffreie Ferrit
Schrott und Graphitelektroden zum Schmelzen ge- (Fe) eingebettet (helle Streifen).
bracht. Verunreinigungen infolge von Brennstoff- Der Kohlenstoff ist also in den dunklen Streifen
gasen können nicht entstehen und der Lichtbogen des Perlits, im harten Zementit enthalten. Der Koh-
verringert den Sauerstoffgehalt im Stahl. lenstoffgehalt des Zementits beträgt 6,7%. Da der
Anteil des Zementits an den Perlitkörnern stets
gleich ist, ergibt sich für die Perlitkörner ein Koh-
3.1.4.3 Gefüge, Härten, Anlassen, Glühen
lenstoffgehalt von 0,8%, so dass sich der Kohlen-
Beim Abkühlen aus der Schmelze kristallisiert das stoffgehalt des Stahls aus dem Gefügebild abschät-
Eisen, d. h., die Atome ordnen sich in regelmäßiger zen lässt.
räumlicher Anordnung zu Kristallen. Bei weiterer Die Gefügebilder in Abb. 3.1-26 entstehen nur
langsamer Abkühlung wandeln sich diese Kristalle bei langsamer Abkühlung. Das bei hoher Tempera-
um. Die Umwandlungstemperaturen und die dabei tur entstehende J-Mischkristall wird als „Austenit“
auftretenden Kristallmodifikationen, die sog. „Pha- bezeichnet und kann viel Kohlenstoff aufnehmen.
sen“, sind maßgeblich von der chemischen Zusam- Bei tieferen Temperaturen ist das J-Mischkristall
mensetzung des Eisens abhängig (Abb. 3.1-26). nicht mehr beständig und bildet sich in das D-
Bei Stahl trifft dies in erster Linie für den Kohlen- Mischkristall (Ferrit) um, das jedoch nur wenig
stoffgehalt zu. Das Gefüge des Stahls setzt sich Kohlenstoff aufnehmen kann. Der freiwerdende
aus vielen Kristallen zusammen, die zur besseren Kohlenstoff führt dann zur Bildung von Zementit
Unterscheidung von den atomaren Kristallen als (Fe3C). Dieser Vorgang wird als „Perlitbildung“
„Körner“ bezeichnet werden und z. B. bei Zink auf bezeichnet. Da die notwendigen Kohlenstofftrans-
der Oberfläche sichtbar sind. portvorgänge im Wesentlichen auf Diffusion beru-
Das Gefüge ist von unterschiedlichen Faktoren hen und die Modifikation vom J- zum D-Misch-
abhängig: der chemischen Zusammensetzung des kristall bereits im erstarrten Gitter stattfindet,
Eisens, der Wärmebehandlung und der Art der Ver- braucht dieser Prozess Zeit, d. h. eine geringe Ab-
arbeitung, die der Stahl bis zu seiner endgültigen kühlungsgeschwindigkeit.
Gestaltung erhält. Die Größe der „Körner“ wird Die Umwandlungsvorgänge für eine unendlich
hauptsächlich durch die Abkühlungsgeschwindigkeit langsame Abkühlung sind im eisenreichen Ab-
bestimmt; so haben die Körner bei langsamer Abküh- schnitt des Eisen-Kohlenstoff-Diagramms in Abb.
lung Zeit zu wachsen, und es bildet sich Grobkorn. 3.1-26 dargestellt. Bei einem C-Gehalt von 0,8%
Bei schneller Abkühlung bilden sich sehr viele kleine wird Austenit bei 723°C vollständig in Perlit um-
„Körner“ aus, es kommt zur Feinkornbildung. gebaut, und der Stahl hat ein 100% perlitisches
Das Gefüge des Stahls lässt sich an geschlif- Gefüge. Wenn sich der C-Gehalt unter 0,8% befin-
fenen und geätzten Proben mit „einfacher“ Vergrö- det, so liegt bei hohen Temperaturen zunächst wie-
ßerung erkennen. Die Korngrößen liegen bei sehr derum nur Austenit vor. In Abhängigkeit vom
feinkörnigem Gefüge unterhalb von 0,01 mm und Kohlenstoffgehalt findet bei Abkühlung auf der
bei grobkörnigem bei maximal 0,5 mm; sie sind Linie G-S teilweise eine Umwandlung des Auste-
bei überhitztem Stahl sogar mit bloßem Auge zu nits in Ferrit statt. Bei 723°C vollzieht sich dann
erkennen. die Umwandlung des verbliebenen Austenit-Misch-
Bei der Betrachtung von langsam abgekühltem kristalls in Perlit, so dass in Abhängigkeit vom
Stahl unter dem Mikroskop erkennt man helle und Kohlenstoffgehalt ein Mischgefüge aus Perlitkör-
dunkle Körner (vgl. Abb. 3.1-26). Die hellen Kör- nern und Ferritkörnern vorliegt.
ner sind kohlenstofffrei und bestehen im Wesent- Erfolgt die Abkühlung jedoch plötzlich, haben
lichen aus reinem Eisen (Fe); sie werden als „Fer- die Kristalle nicht mehr genügend Zeit, sich zu mo-
3.1 Baustoffe 1019

Abb. 3.1-26 Eisen-Kohlenstoff-Teildiagramm [Werkstoff-Handbuch Stahl und Eisen 1962]

difizieren. Wenn die Abkühlung stattfindet, bevor genügend Zeit, seinen Platz zu verlassen und nimmt
die Umwandlung des C-reichen J-Mischkristalls be- zwangsweise einen Zwischengitterplatz ein, in den
gonnen hat, wird dieser Zustand, der eigentlich nur es wegen seiner Größe nicht passt, wodurch das Git-
bei hohen Temperaturen bestehen möchte, bei Zim- ter verspannt wird. Diese Form des D-Mischkristalls
mertemperatur festgehalten. Es stellt sich dann nicht wird „Martensit“ genannt. Martensitischer Stahl er-
mehr Stahl mit fleckenweise verteiltem Kohlenstoff hält mit zunehmender Abkühlungsgeschwindigkeit
in Perlitkörnern ein, sondern ein Stahl, in dem der höhere Festigkeiten. Gleichzeitig nimmt die plasti-
Kohlenstoff gleichmäßig verteilt ist. Beim schnel- sche Verformbarkeit ab; sie ist geringer als die eines
len Abkühlen klappen die Eisenatome des flächen- Stahls gleicher chemischer Zusammensetzung, der
zentrierten J-Mischkristalls schlagartig in das raum- langsam abgekühlt worden ist.
zentrierte D-Mischkristall um. Das dort befindliche Man nennt den Vorgang des plötzlichen Abküh-
Kohlenstoffatom hat bei schneller Abkühlung nicht lens „Härten“ – der Stahl ist gehärtet. Je höher der
1020 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

Kohlenstoffgehalt ist, desto höher ist die Härtbar- Eigenschaften ausschlaggebend. Jedoch lässt sich
keit. Die Wirkung des Härtens ist an der Oberflä- der Einfluss nur qualitativ vorhersagen, da sich die
che wegen der höheren Abkühlungsgeschwindig- Legierungselemente in ihrer Wirkung nicht rein
keit am größten und nimmt zur Mitte hin ab. Bei additiv verhalten. Tabelle 3.1-15 gibt einen Über-
erneutem Erwärmen auf Temperaturen unter 700 blick über den Einfluss der Legierungselemente.
°C und sogar bereits ab 100°C werden die beim
Härten aufgebauten inneren Spannungen deutlich Festigkeits- und Verformungsverhalten
abgebaut. Da es beim gehärteten Stahl schwierig Die grundlegenden mechanischen Kennwerte eines
ist, die Bildung des Martensits exakt zu steuern, Stahls werden im einachsigen Zugversuch be-
erwärmt man den Stahl nach dem Härten auf Tem- stimmt. Da das Verhalten stark von der Probengeo-
peraturen zwischen 100°C und 300°C, wobei sich metrie abhängt, sind die Prüfkörperformen z. B. in
ein Teil des Kohlenstoffs aus der Zwangslage löst, DIN 50125 genormt. Während des Versuchs wird
die Eigenspannungen abnehmen und der Stahl die Belastung langsam quasistatisch gesteigert, bis
wieder zäher wird. Diese Erwärmung nach dem es zum Bruch kommt. In der Spannungs-Deh-
Härten heißt „Anlassen“. Den kombinierten Pro- nungs-Linie wird der Verlauf der Nennspannung V
zess aus Härten und Anlassen bezeichnet man als über die Dehnung H aufgezeichnet (Abb. 3.1-27).
„Vergüten“. Hierbei werden neben der Festigkeit auch Ver-
Beim Glühen wird der Stahl erneut auf Tempe- formungskennwerte bestimmt, die für die Beurtei-
raturen zwischen 500°C und 700°C erwärmt und lung des Werkstoffverhaltens notwendig sind. Bis
dann langsam abgekühlt. Hierdurch ergibt sich ein zu einer bestimmten Spannung zeigen Stähle ein
rekristallisiertes, spannungsarmes Gefüge mit ge- rein elastisches Verhalten, bei dem nur Verzer-
ringer Zugfestigkeit und höherer Zähigkeit. Auf rungen im Gitter entstehen, die sich bei Entlastung
diese Weise können beispielsweise geschweißte sofort und vollständig zurückbilden. Der elastische
Bauteile bei 650°C im Bereich der Schweißnaht Bereich ist durch einen linearen Anstieg der Deh-
wieder spannungsfrei geglüht werden. nung H mit der Spannung V gekennzeichnet und
wird durch einen Verhältnisfaktor ausgedrückt,
den Elastizitätsmodul E. Der lineare Zusammen-
3.1.4.4 Mechanische Eigenschaften
hang wird auch als „Hookesches Gesetz“ bezeich-
Einfluss der Legierungselemente net (gilt nur im elastischen Bereich):
Im Gegensatz zu den Eisenbegleitern, die während
der Stahlherstellung unbeabsichtigt aufgenommene (3.1.16)
Bestandteile sind, werden Legierungselemente dem
Stahl in genauen Mengen zugesetzt, um gewünsch- mit EStahl=210000 N/mm2.
te Eigenschaften zu erzeugen oder zu verbessern. Der elastische Bereich endet bei der Proportio-
Für bestimmte Legierungselemente gelten Stahl- nalitätsgrenze, also bei dem Punkt, bis zu dem
sorten bereits als legiert, wenn der Gehalt des Le- Spannung und Dehnung proportional sind. Daran
gierungselements 0,05M.-% übersteigt. Die Viel- schließt sich eine mehr oder weniger gekrümmte
falt der Legierungselemente erlaubt Eigenschafts- Linie an, die von einem zunehmenden Anteil plas-
änderungen des Stahls in großem Umfang. Die tischer Verformung geprägt ist. Da dieser Über-
Kenntnis darüber ist für die Erzielung bestimmter gangspunkt messtechnisch schwer zu erfassen ist,

Tabelle 3.1-15 Einfluss der Legierungselemente und Eisenbegleiter


3.1 Baustoffe 1021

die maximale gleichmäßige Dehnung über die ge-


samte Probenlänge vorhanden ist:

(3.1.18)

Das Verformungsverhalten von Stahl lässt sich


durch Legierungen, Wärmebehandlungen und
Kaltverformungen entscheidend beeinflussen.
Grundsätzlich gilt für alle drei Verfahren, dass eine
Festigkeitssteigerung immer mit einer Verringe-
rung des Verformungsvermögens einhergeht. Le-
gierungen können die Eigenschaften der Stähle
vielfältig beeinflussen. Der Einfluss des C-Gehalts
auf die mechanischen Eigenschaften von Stahl ist
Abb. 3.1-27 Spannungs-Dehnungs-Linie von unbehan- besonders ausgeprägt und steht hier stellvertretend
deltem Stahl für andere Legierungen. Die Zugfestigkeit steigt
bei einem Kohlenstoffgehalt von etwa 0,8% auf rd.
900 N/mm2 und ist damit dreimal so hoch wie bei
verwendet man für die Streckgrenze den Span- reinem Eisen. Dabei sinken jedoch Brucheinschü-
nungswert, bei dem die Spannung erstmals kons- rung und A5 deutlich (Abb. 3.1-28).
tant bleibt oder abfällt. Bei Werkstoffen, die keine Bei der Kaltverformung erfolgt eine rein me-
deutliche Streckgrenze aufweisen, wird als Ersatz chanische Formänderung unterhalb der Rekristal-
die technische Streckgrenze Rp0,2 festgelegt, die lisationstemperatur (etwa 450°C), und zwar meist
als die Spannung definiert ist, bei der der Stahl bei Raumtemperatur. Die aufgebauten Gitterver-
eine bleibende Dehnung von 0,2% aufweist. Die setzungen und Eigenspannungen steigern die Fes-
maximal aufnehmbare Spannung ist die Zugfestig- tigkeit, wobei die Zähigkeit sinkt. Kaltverformte
keit Rm. Sie ergibt sich aus Höchstlast Fm und An- Stähle weisen keine ausgeprägte Streckgrenze
fangsquerschnitt S0 mit mehr auf. Deshalb gilt hier die technische Streck-
grenze Rp0,2 (Abb. 3.1-29).
(3.1.17) Mittels Wärmebehandlung können ebenfalls
bestimmte Werkstoffeigenschaften im festen Zu-
Bis zur Höchstlast sind die Dehnungen gleichmä- stand geändert werden, ohne dabei die chemische
ßig über die gesamte Probenlänge verteilt. Bei Zusammensetzung zu ändern (s. Abb. 3.1-29, vgl.
weiterer Belastung jedoch schnürt der Stahl mit 3.1.4.3).
örtlich großen Dehnungen an einer Stelle ein, wo- Neben der bewusst geplanten Wärmebehandlung
durch der tatsächliche Querschnitt abnimmt und beeinflussen Temperaturen während der Nutzung
die wahre Spannung wächst, bis der Stahl bricht. die Stahleigenschaften (die üblichen atmosphä-
Die bleibende Längenänderung nach dem Bruch rischen Temperaturschwankungen tun dies nur
wird als „Bruchdehnung“ bezeichnet. Da unmittel- unwesentlich). Bei hohen Temperaturen (z. B. im
bar an die Bruchstelle angrenzende Bereiche be- Brandfall) ist zu unterscheiden zwischen den
sonders viel bleibende Dehnung bei der Einschnü- Stahleigenschaften während und nach der Tempera-
rung erfahren, muss die Bezugslänge angegeben tureinwirkung. Die Festigkeitsminderung nach der
werden. Gebräuchliche Messlängen sind der 5- Temperatureinwirkung hängt stark von der Vorbe-
bzw. 10-fache Probendurchmesser; sie werden mit handlung des Stahls ab, da die Temperaturen im
A5 und A10 bezeichnet. Brandfall ähnlich denen des Glühens und Anlassens
Ein weiterer Verformungskennwert ist die sein können. Besonders bei kaltverformten Stählen
Gleichmaßdehnung Ag. Sie ist definiert als die kann bereits eine geringe Erwärmung die aufge-
nichtproportionale Dehnung bei Höchstkraft Fm. brachten mechanischen Kristallspannungen aufhe-
Sie wird also zu dem Zeitpunkt bestimmt, an dem ben, wodurch es zu Festigkeitsverlusten kommt.
1022 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

Abb. 3.1-28 Festigkeit und Verformungsverhalten von Stahl in Abhängigkeit vom C-Gehalt

Abb. 3.1-29 Spannungs-Dehnungs-Linien

Bei sehr niedrigen Temperaturen (z. B. im Flüs- wiederholen. Durch unterschiedliche Beanspru-
siggas-Behälterbau) nehmen die Streckgrenze, die chungshöhen und -wechsel, die zusätzlich in ihrem
Zugfestigkeit und auch die Dauerfestigkeit zu. Die zeitlichen Verlauf variieren, stellt sich das Gebiet
Dehnungswerte nehmen dabei bis etwa –150°C ge- der Schwingungsfestigkeiten als ein sehr kom-
ringfügig ab [Rostasy u. a. 1982]. Werden die Tem- plexes dar. Nach vielen Spannungszyklen kommt
peraturen weiter gesenkt, fallen die Dehnungswerte es im Stahl an Gitterversetzungen zu Mikroriss-
jedoch sehr stark ab und der Stahl wird spröde. bildungen, die in einen verformungslosen Ermü-
dungsbruch übergehen können. Diese Ermüdungs-
Festigkeiten unter schwingender brüche können bei Spannungen deutlich unterhalb
Beanspruchung der Streckgrenze auftreten. Da diese aber üblicher-
Schwingende Beanspruchungen sind zeitlich ver- weise zur Bemessung herangezogen wird, muss
änderliche Beanspruchungen, die sich regelmäßig für dynamisch beanspruchte Bauteile unbedingt
3.1 Baustoffe 1023

der Oberflächengeometrie ab. Kerben (z. B. Rippen


bei Betonstählen) mindern die Dauerschwingfestig-
keit erheblich. Selbst die Oberflächengüte wirkt sich
aus, so erzielen polierte Stähle höhere Dauerschwing-
festigkeiten als Stähle mit Walzhaut.

3.1.4.5 Schweißen
Schweißen ist das Verbinden von metallischen Bau-
teilen unter Wärmeanwendung oder Druck durch
Aufschmelzung der Werkstoffe im Kontaktbereich
allein oder unter Hinzugabe eines Schmelzwerk-
Abb. 3.1-30 Darstellung der Schwingfestigkeit im
Wöhler-Diagramm stoffs, um eine unlösbare Verbindung zu schaffen.
Grundsätzlich gibt es zwei Gruppen von Schweiß-
verfahren, das Schmelzschweißen (E, M) und das
auch ein Nachweis für die Ermüdungsfestigkeit er- Pressschweißen (RP, RA). Beim Schmelzschweißen
bracht werden. wird die Lücke der zu verschweißenden Bauteile
Im Labor wird der Nachweis der Schwingfestig- durch örtliches Aufschmelzen oberhalb der Liqui-
keit von Stählen mittels einer sinusförmigen Bean- duslinie geschlossen. Beim Pressschweißen werden
spruchung simuliert. Diese ist gemäß Abb. 3.1-30 die Flächen der zu verschweißenden Bauteile bis
gekennzeichnet durch einen Mittelwert Vm und den zum Teigigwerden unterhalb der Soliduslinie er-
Spannungsausschlag oder die Amplitude Va mit wärmt und dann durch Druck verbunden.
der Periodendauer T. Bei der Prüfung der Schwing- Beim Punktschweißverfahren (RP) werden auf-
festigkeit werden verschiedene Proben mit glei- einanderliegende Bauteile unter Druck mit Schweiß-
cher Mittelspannung und variierenden Spannungs- punkten verbunden. Strom und Kraft werden durch
ausschlägen geprüft, dabei wird die Zahl der Elektroden aufgebracht. Das Verfahren wird z. B.
Schwingspiele bis zum Bruch festgehalten. Trägt bei Gitterschweißautomaten zur Fertigung von Be-
man für eine gewählte Mittelspannung den jewei- tonstahlmatten angewendet.
ligen Spannungsausschlag über die bis zum Bruch Im Abbrennstumpfschweiß-Verfahren (RA) wer-
erzielte Schwingspielzahl auf, so erhält man das in den gedrungene Bauteile unter Strom gesetzt und
Abb. 3.1-30 gezeigte Wöhler-Diagramm. die Stirnflächen unter leichtem Berühren erwärmt.
Bei kleinen Spannungsausschlägen kann die Le- Dabei kommt es unter Lichtbogenbildung zum ört-
bensdauer sehr lang werden. Unterhalb eines be- lichen Abbrennen sowie durch schlagartiges Stau-
stimmten Spannungsausschlages tritt kein Bruch chen zum Verschweißen der Teile.
mehr auf. Dies ist der Bereich der Dauerschwingfes- Beim Lichtbogenhandschweißen (E) brennt der
tigkeit. Für Stahl gilt die Spannungsamplitude von Lichtbogen sichtbar zwischen einer abschmel-
Prüfkörpern, die eine Anzahl von 2·106 Schwing- zenden umhüllten Stabelektrode, die gleichzeitig
spielen ohne Bruch ertragen, als Dauerschwingfes- Schweißzusatzstoff liefert, und dem Bauteil ab.
tigkeit bei der vorgegebenen Mittelspannung. Grö- Gegen die Atmosphäre wird das Schweißgut durch
ßere Spannungsamplituden führen zu kürzerer Le- Stoffe abgeschirmt, die von der Ummantelung der
bensdauer. Erheblichen Einfluss haben zudem der Stabelektrode gebildet werden. E-Schweißen ist
Spannungshorizont und das Verhältnis zwischen Mit- für Baustähle jeder Art und auch für schweißgeeig-
telspannung und Spannungsausschlag. Je nach Lage nete Betonstähle in der Werkstatt und auf der Bau-
des Spannungshorizonts unterscheidet man Zug- stelle üblich, da nur eine einfache apparative Aus-
oder Druckschwellbeanspruchung, bei der die Probe stattung nötig ist.
nur auf Zug oder Druck beansprucht wird, oder Beim Metallschutzgasschweißen (M) brennt der
Wechselbeanspruchung, bei der die Probe auf Zug Lichtbogen sichtbar zwischen der abschmelzenden
und Druck beansprucht wird. Die Dauerschwingfes- Drahtelektrode und dem Bauteil. Elektrode, Licht-
tigkeit hängt neben den Stahleigenschaften auch von bogen und Schweißbad werden gegen die Atmo-
1024 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

sphäre durch ein eigens zugeführtes inertes oder ak- Tabelle 3.1-16 Schweißeignung nach DIN 8528
tives Schutzgas abgeschirmt. Das Metallschutzgas-
schweißen wird nach der Art des Schutzgases in
Metall-Inertgasschweißen (MIG) und Metall-Aktiv-
gasschweißen (MAG) unterschieden. Im Unter-
schied zum E-Schweißen sind MIG und MAG Hoch-
leistungsschweißverfahren, die für hohe Schweiß-
geschwindigkeiten geeignet sind.
Die Schweißbarkeit eines Bauteils ist gegeben,
wenn die Verbindung durch Schweißen mit einem
geeigneten Schweißverfahren bei Beachtung eines
geeigneten Fertigungsablaufs erreicht werden kann.
Die geschweißte Konstruktion muss die für das
Bauteil geltenden Anforderungen erfüllen. Die we-
sentlichste Voraussetzung ist eine dauerhafte Ver-
bindung mit ausreichender Verformbarkeit nach Abb. 3.1-31 Wärmeeinflusszone beim Schweißen
dem Schweißen, um Trennbrüche zu vermeiden.
Unter dem Begriff „Schweißbarkeit“ werden die
Schweißeignung des Werkstoffs, die Schweißmög- bedenken, dass sich alle drei Einflussgrößen gegen-
lichkeit der Fertigung und die Schweißsicherheit seitig beeinflussen und dass jede einzelne Einfluss-
der Konstruktion zusammengefasst. größe die Schweißbarkeit minimierend beeinflusst.
Die Schweißeignung ist eine Stoffeigenschaft und Tabelle 3.1-16 gibt an, wie der Herstellungspro-
gegeben, wenn chemische, metallurgische und phy- zess die Schweißeignung von Baustählen beein-
sikalische Eigenschaften des Stahls eine Schwei- flusst. So spielen Seigerungen nur für unberuhigten
ßung entsprechend den Anforderungen grundsätzlich Stahl eine Rolle. Die Neigung zum unbeabsichtig-
ermöglichen. Im Allgemeinen bedeutet dies, dass ten Härten ist nur für hochfesten S 355 (früher
das nach dem Schweißen entstehende Gefüge noch St 52) zu beachten. Die Schweißeignung ist so viel-
ausreichend verformbar sein muss. Je mehr der Stahl fältig, da es an der Schweißstelle beim Schweißen
bei der Festlegung der Schweißverbindungsart und zu mehreren Beanspruchungen und Veränderungen
deren Ausführung beachtet werden muss, desto kommt. Der Werkstoff wird örtlich zum Schweißgut
schlechter ist die Schweißeignung des Stahls. aufgeschmolzen, welches aus Grundwerkstoff und
Die Schweißmöglichkeit gibt an, ob die jewei- ggf. Schweißzusatzstoff besteht. Dabei werden im
lige Verbindung mit den gewählten Fertigungsbe- Schweißgut hohe Temperaturen (bis 2000°C) mit
dingungen hergestellt werden kann. Sie betrifft extrem hohen Aufheiz- und Abkühlungsraten er-
Vorbereitung, Ausführung und Nachbehandlung reicht. Hierdurch gewinnt die Temperatur auch in
der Schweißarbeiten. benachbarten Bereichen Einfluss. Den Bereich, in
Die Schweißsicherheit lässt sich nicht allein aus dem es durch das Schweißen zu Gefügeänderungen
der Stoffeigenschaft Schweißeignung begründen, kommen kann, bezeichnet man als „Wärmeeinfluss-
sondern ist eine konstruktive Eigenschaft, die der zone“ (Abb. 3.1-31). Im Schweißgut oberhalb der
Stahlhersteller nicht beeinflussen kann. Sie ist Soliduslinie I liegen Verhältnisse vor, wie sie bereits
vielmehr durch den Verarbeiter beeinflussbar und vom Erstarren der Schmelze bekannt sind. Verunrei-
hängt von der konstruktiven Gestaltung wie Blech- nigungen können die Zähigkeit verringern.
dicke, Nahtanordnung und Nahtart ab. Auch der Aufgrund der hohen Gaslöslichkeit des flüssigen
Beanspruchungszustand des Bauteils beeinflusst Schweißgutes können die Gase nur unvollständig
die Schweißsicherheit. ausgeschieden werden. Sie verursachen Mikroseige-
Grundsätzlich sind fast alle Konstruktionen aus rungen, Poren und atomare Lösungen, die bei Was-
fast allen Stahlgüten schweißbar, wenn die metall- serstoff und Stickstoff gefährlich sind. Aus diesem
urgischen Zusammenhänge und Fragen der Schweiß- Grund werden atmosphärische Gase möglichst vom
möglichkeiten beachtet werden. Es ist wichtig zu Schweißgut ferngehalten (z. B. mit Hilfe von Schutz-
3.1 Baustoffe 1025

gasen). Aufgrund der hohen Temperaturen entsteht währte deutsche Werkstoffnummernsystem unver-
im schmelznahen Bereich II grobkörniges Gefüge ändert in den Teil 2 des europäischen Normen-
mit geringer Zähigkeit. Im Bereich III kommt es zur werks übernommen, bei dem für jede Stahlsorte
Perlitumwandlung. Da Perlit einen C-Gehalt von eine Nummer in Anlehnung an die chemische Zu-
0,8% aufweist, besteht bei rascher Abkühlung die sammensetzung vergeben wird. Die Werkstoff-
Gefahr der Versprödung auch für niedriggekohlte nummer setzt sich aus der Werkstoffhauptgruppe 1
Baustähle. Im Bereich IV wird der Stahl angelassen, für Stahl, der zweistelligen Stahlgruppennummer,
was zum Abbau von Eigenspannungen führt. Im welche die Stähle in Sorten einteilt, und der zwei-
Bereich V mit Temperaturen zwischen 200°C und stelligen Zählnummer, die nach der chemischen
400°C werden kaltverformte Stähle künstlich ge- Zusammensetzung gebildet wird, zusammen (z. B.
altert und können verspröden. Bei hohen Ab- 1.01 12: Stahl, Allg. Baustähle, S235JR). Das Be-
kühlungsgeschwindigkeiten können sich in der zeichnungssystem für Kurznamen hat sich jedoch
Schweißnaht Risse bilden. Im weiteren Bereich der geändert und ist in zwei Hauptgruppen gegliedert,
Wärmeeinflusszone kann es zu Formänderungen bei denen die erste Kurznamen mit Hinweisen auf
(Verzug) oder Eigenspannungen kommen. die Verwendung und die mechanischen Eigen-
Das zentrale Problem bei Stahlschweißungen ist schaften und die zweite Kurznamen mit Hinweisen
jedoch die Neigung zum Aufhärten in den schweiß- auf die chemische Zusammensetzung verwendet.
nahtnahen Bereichen. Je größer der Kohlenstoffgehalt Allgemeine Baustähle sind in DIN EN 10025
ist, desto spröder wird der entstehende Martensit. In genormt, die im Rahmen der europäischen Harmo-
schweißgeeigneten Stählen ist der Kohlenstoffgehalt nisierung DIN 17100 ersetzt hat. Die Norm um-
daher auf etwa 0,25% begrenzt. Jedoch beeinflussen fasst warmgewalzte Stähle, die z. B. im Hoch-,
auch andere Elemente wie Mn, Cr oder Ni die Auf- Tief- und Brückenbau verwendet werden. Die
härtungen und Gefügeänderungen in der Wärmeein- Kurznamen geben die Mindeststreckgrenze in N/
flusszone. Die gemeinsame Wirkung wird über das mm2 an, im Gegensatz zur zurückgezogenen DIN
Kohlenstoffäquivalent abgeschätzt, d. h., die ande- 17100, welche die Zugfestigkeit angab. Ein vor-
ren Elemente werden in ihrem Einfluss auf die Auf- angestelltes S bezeichnet Baustahl und ein E Ma-
härtungsneigung und Gefügeänderung mit Kohlen- schinenbaustahl. Zur Abschätzung der Sprödbruch-
stoff verglichen. Die Wichtung der einzelnen Ele- sicherheit und der Schweißeignung werden die
mente hängt von der zu spezifizierenden Eigenschaft Stähle in Gütegruppen von JR bis K2 mit zuneh-
ab. Für die Schweißeignung gilt mender Schweißeignung eingeteilt. Die Desoxida-
tionsart kann durch eine nachgestellte Kenn-
(3.1.19) zeichnung G1 bis G4 angegeben werden. Eine
Übersicht über vergleichbare Stahlbezeichnungen
gibt Tabelle 3.1-17.
Stähle mit Cä<0,45% sind erfahrungsgemäß her- Feinkornbaustähle sind schweißgeeignete Bau-
kömmlich schweißbar. Bei höheren Kohlenstoff- stähle mit höheren Streckgrenzen, sie sind auch in
aquivalenten sind besondere Maßnahmen zu tref- DIN EN 10025 genormt. Der Ansatz, die Festig-
fen (z. B. Vor- und Nachwärmen), wodurch die keit über die Kohlenstoffzugabe zu steigern, endet
Abkühlungsgeschwindigkeit und damit die Gefahr beim S 355 aufgrund des dazu notwendigen Koh-
der Martensitbildung sinken. Die Wärmezufuhr lenstoffgehalts von 0,22%, der an der Grenze der
darf allerdings bei behandelten und v. a. auch bei Schweißbarkeit liegt. Weitere Festigkeitssteige-
kaltverformten Stählen nicht zu groß sein, da es rungen werden durch ein feinkörniges Gefüge er-
sonst zu Entfestigungen kommt. zielt. Die Bezeichnung erfolgt mit einem vorange-
stellten S für Stahl und der Angabe der Streckgren-
ze in N/mm2. Die Gütegruppenbezeichnung N, M,
3.1.4.6 Genormte Baustähle
NL oder ML wird nachgestellt.
Im Rahmen der europäischen Harmonisierung Wetterfeste Stähle sind ebenfalls in DIN EN
wurde auch das Bezeichnungssystem der Stähle in 10025 in den Stahlsorten S 235 und S 355 genormt
DIN EN 10027 neu geregelt. Dabei wurde das be- und stimmen in den mechanischen Eigenschaften
1026 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

Tabelle 3.1-17 Liste vergleichbarer früherer Stahlbezeich- 3.1.4.7 Korrosionsbeständige Stähle


nungen von Stählen der DIN EN 10025 Sogenannte „nichtrostende Stähle“, die im Bauwe-
sen Verwendung finden, sind legierte Stähle und
häufig unter Werknamen wie „V2A“ oder „Niros-
ta“ bekannt. Sie sind in DIN EN 10088 genormt.
Hier wurden die Bezeichnungen der Kurznamen
und Werkstoffnummern aus der bis dahin gültigen
DIN 17440 übernommen. Wichtigste Eigenschaft
ist die höhere Beständigkeit gegen Korrosion.
Durch Zusatz bestimmter Legierungselemente wie
Chrom und Nickel in erheblich höheren (i. d. R.
Chrom > 12%) Mengen als bei wetterfesten Stäh-
len bildet sich ein dichter, fest haftender, sehr dün-
ner Oxidfilm aus, wodurch der Stahl passiviert
weitgehend mit denen der entsprechenden allge- wird. Bei einer mechanischen Beschädigung er-
meinen Baustähle überein. Die Bezeichnung er- neuert sich die passivierende Oxidschicht selbstän-
folgt mit der zusätzlich nachgestellten Kennung dig. Aufgrund der Korrosionsbeständigkeit kann
W. Geringe Legierungszusätze (v.a. Phosphor und also auf besondere Oberflächenschutzsysteme ver-
Kupfer) bewirken, dass sich unter atmosphä- zichtet werden, zudem braucht ein Dickenverlust
rischen Bedingungen dichte und gut haftende infolge Korrosion nicht berücksichtigt zu werden.
Rostschichten bilden. Sie minimieren die Abtra- Allerdings ist zu beachten, dass die Korrosions-
gungsraten, obwohl der Stahl korrodiert erscheint. beständigkeit stark von den Umgebungsbedingun-
Die korrosionshemmende Schicht ist jedoch nur gen abhängt. So sind bei chloridhaltigen Schwitz-
bei wechselndem Zutritt von Sauerstoff und Was- wässern in Schwimmbädern nur Cr-Ni-Mo-Edel-
ser stabil, der im Bereich von Spalten, Schrauben- stähle beständig. Eine Übersicht über die Einteilung
verbindungen oder im Erdreich evtl. nicht gege- der Stähle in Abhängigkeit von der Umgebung ist in
ben ist. Außerdem sind W-Stähle bei Chloridein- Tabelle 3.1-18 gegeben.
wirkung nicht beständig. Die jeweilige Abrostung, Die überwiegende Zahl der nichtrostenden
die sich über die geplante Lebenszeit ergibt, ist im Stähle ist schweißbar, jedoch ist zu beachten, dass
statischen Nachweis ggf. durch Dickenzuschläge Cr und Mo die Schweißeignung negativ beeinflus-
zu berücksichtigen. sen (vgl. Gl. (3.1.19)). Verbindungen zwischen

Tabelle 3.1-18 Einteilung nach Festigkeitsklassen und Widerstandsklassen gegen Korrosion nach [DIBT 1998]
3.1 Baustoffe 1027

nichtrostenden und allgemeinen Baustählen sind rosionsschutz versehen werden. Dieser muss auf die
möglich, wobei die allgemeinen Baustähle und zu erwartende Korrosionsbelastung und die geplante
die Schweißstelle jedoch unter korrosiven Be- Nutzungsdauer abgestimmt sein. Die Dauerhaftig-
dingungen vor Korrosion zu schützen sind. Die keit des Korrosionsschutzes ist im Wesentlichen
Bezeichnung erfolgt durch eine vorangestellte von der Art der Untergrundvorbehandlung und
Kennzeichnung X für „korrosionsbeständig“, die der Schichtdicke abhängig. Geeignete Korrosions-
Angabe des Kohlenstoffgehalts in hundertstel Pro- schutzsysteme bestehen aus ein bis vier organischen
zent, die Angabe der Legierungselemente und die Beschichtungen, Metallüberzügen (Verzinken) oder
Massenangabe der Legierungselemente in Prozent Metallüberzügen plus Beschichtungen (Duplex).
(z. B. X 5 Cr Ni 18 9 für nichtrostenden Stahl mit Betonstahl ist in Beton eingebettet und im ord-
0,05% Kohlenstoff, 18% Chrom und 9% Nickel) nungsgemäß hergestellten Beton ohne vorgenannte
oder durch Angabe der Werkstoffnummer. Korrosionsschutzsysteme vor Korrosion geschützt.
Auf Grund des hohen pH-Wertes des Betons von
i. d. R. über 13 bildet sich ein sehr dichter, festhaf-
3.1.4.8 Betonstähle
tender Oxidfilm analog zu den korrosionsbeständi-
Betonstähle sind in DIN 488 und DIN EN 10080 gen Stählen. Dieser Vorgang wird als „Passivierung“
genormt. Sie werden nach der Streckgrenze und bezeichnet. Zur Aufrechterhaltung des alkalischen
der Verarbeitungsform unterschieden und kom- Milieus an der Stahloberfläche muss die Betonde-
men in Form von Stabstählen, Matten und Beweh- ckung ausreichend dick und dicht sein. Die Min-
rungsdrähten zum Einsatz. Da Betonstähle als destbetondeckung nach Norm muss daher Vorgaben
Massenprodukt über den Handel vertrieben wer- in Abhängigkeit von den Umgebungsbedingungen
den, erfolgt die Kennung über Walzkennzeichen einhalten. Bei der Einwirkung von Chloriden (z. B.
in der Rippenanordnung, aus denen das Herstell- aus Tausalzen oder Meerwasser), die in den Beton
werk ermittelt werden kann. Stabstähle werden in eindringen, kann der Passivfilm jedoch auch bei
ø 6 bis 40 mm hergestellt und weisen zwei oder ausreichender Alkalität durchbrochen werden und
drei Rippenreihen auf. Betonstahlmatten sind Korrosion stattfinden. Das Eindringen von Chlori-
werkseitig vorgefertigte Bewehrungen aus einan- den muss deshalb vermieden werden, z. B. durch die
der kreuzenden, kaltverformten, gerippten Stählen Erhöhung der Betondeckung, die Verwendung hö-
mit drei Rippenreihen, die an den Kreuzungs- herer Betonqualitäten oder durch außenliegende,
punkten durch Schweißen scherfest miteinander dichte Schutzschichten.
verbunden sind. Betonstahlmatten werden über
den Stahlquerschnitt in mm2 je m bezeichnet (z. B.
Q 221 mit ø 6,5 alle 150 mm). Bewehrungsdrähte 3.1.5 Nichteisenmetalle (NE-Metalle)
werden als BSt 500 G, glatt und BSt 500 P, profi-
liert hergestellt mit den gleichen Eigenschaften Man unterscheidet
wie BSt 500 M.
– schwere NE-Metalle wie Blei, Kupfer, Nickel,
Zinn und Zink sowie
3.1.4.9 Korrosion und Korrosionsschutz – leichte NE-Metalle wie Aluminium und Magne-
sium.
In trockener Atmosphäre werden auch un- oder
niedriglegierte Baustähle nur von einer dünnen
Oxidschicht überzogen, die keinen Einfluss auf das
3.1.5.1 Blei
metallische Aussehen hat. Unter normalen atmo-
sphärischen Bedingungen stellt sich jedoch ein fort- Dichte 11,3 g/cm3, Schmelztemperatur 327°C,
laufender Korrosionsprozess ein, dessen Korrosi- Wärmedehnzahl 29,1·10-6 K-1. Blei absorbiert
onsgeschwindigkeit von der Feuchte und Reinheit Schallwellen, Röntgen- und radioaktive Strahlen.
der Luft abhängig ist. Stahlbauteile, die eines sta- Antimonzusatz (Sb) erhöht die Festigkeit; Rohr-
tischen Nachweises bzw. einer bauaufsichtlichen blei mit 0,2% bis 1,25% Sb, Hartblei mit 5% bis
Zulassung bedürfen, müssen daher mit einem Kor- 13% Sb. An der Luft überzieht sich Blei mit einer
1028 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

Schutzschicht aus Bleikarbonat, bei SO2-Einwir- mit erhöhtem Korrosionswiderstand. Monelmetall


kung entsteht schwer lösliches Bleisulfat. Weiches mit ca. 67% Ni ist sehr fest und wetterbeständig
Wasser unter 8°dH und Alkalien greifen Blei an. und wird z. B. für Glasdachrahmen verwendet.
Bleibleche für Dacheindeckungen nicht unter
2,0 mm Dicke wählen. Bleifolien und Bleibleche
3.1.5.4 Zinn
zwischen zwei Bitumendachbahnen für Abdich-
tungen verwenden. Dichte 7,3 g/cm3, Schmelztemperatur 232°C, sehr
weich und beständig an der Luft. Zinn findet für
korrosionsschützende Überzüge (Weißblech) ge-
3.1.5.2 Kupfer
gen schwache Säuren und Laugen Verwendung.
Dichte 8,9 g/cm3, Schmelztemperatur 1083°C, Unlegiertes Zinn zerfällt bei –13°C (Zinnpest).
Wärmedehnzahl 17·10–6 K–1, Zugfestigkeit 200 bis
400N/mm2 bei abnehmenden Bruchdehnungen A5
3.1.5.5 Zink
von 40% bis 2%. Festigkeitssteigerungen infolge
Kaltverformung gehen bei Erwärmen über die Dichte 7,2 g/cm3, Schmelztemperatur 419°C, Wär-
Weichglühtemperatur wieder verloren. Aushärt- medehnzahl 2·10-6 K-1. Bei Normaltemperatur ist
bare Legierungen erhalten ihre Festigkeit nach Zink spröde und empfindlich gegen Säuren und
dem Weichglühen bei Auslagerung unter der Basen. An der Luft bildet es eine wasserunlösliche
Weichglühtemperatur. Kupfer ist beständig im ba- Schutzschicht. Anstriche auf frischem Zink haften
sischen Milieu und gegen Sulfate; an der Luft ent- schlecht, daher Oberfläche erst bewittern oder ab-
steht eine dichte Patinaschicht. Chloride und Koh- beizen. Titanzink D-Zn mit 0,1% bis 0,2% Titan
lensäure greifen Kupfer an. Bleche 0,6 bis 2,0 mm hat geringere Wärmedehnzahl 20·10-6 K-1, verbes-
(z. B. für Dacheindeckungen) und Bänder 0,1 bis serte Dauerstandfestigkeit und ist nicht so spröde
0,2 mm (z. B. als Kupferriffelband für Abdich- wie Zink. Bleche und Bänder (z. B. für Abdeckun-
tungen) sollen vollflächig aufliegen und werden in gen und Dacheindeckungen) so verlegen, dass
Falztechnik oder auch mit Heißbitumen verklebt Bewegungen aus Temperaturänderungen möglich
verlegt. Rohre werden für Brauchwasser-, Hei- sind, Wasser abgeleitet wird und Ablagerungen
zungs-, Öl- und Gasleitungen verwendet. Bei der fortgespült werden. Kondensatbildung vermeiden
Wasserinstallation gilt die Fließregel: erst der un- bzw. für baldiges Abtrocknen sorgen. In Fließrich-
edlere Stoff (Stahl), dann der edlere (Kupfer). Bei tung Zink nie nach Kupfer anordnen.
Warmwasserinstallation mit Zirkulationspumpe ist
keine Mischinstallation erlaubt. Bei Heizungen ist Verzinken als Korrosionsschutz
keine Fließrichtung zu beachten. Bei tiefen Tem- Feuerverzinken von Stahlbauteilen im Tauchbad,
peraturen (Kältetechnik) versprödet Kupfer nicht. von Bändern im Durchlaufverfahren. An der Stahl-
Der Zusammenbau von Kupfer mit Edelstahl gilt oberfläche bilden sich Eisen-Zink-Legierungen.
als unbedenklich, ebenso der von Armaturen aus Zinkblumen an der Oberfläche sind reines Zink.
Kupferlegierungen mit verzinkten Stahlrohren. Verzinkte Stahlteile sind beständig auch im alka-
Kupfer-Zinn-Legierung mit 2% bis 20% Sn lischen Beton. Korrosion ist jedoch möglich an der
(Zinnbronze) ist hart, verschleißfest, hat hohen Kor- Trennfläche Beton/Luft. Von Spannstählen muss ein
rosionswiderstand und gute Federeigenschaften. Sie Mindestabstand (2 cm) eingehalten werden.
wird für Armaturen, Pumpen und Ventile verwen-
det. Bei Kupfer-Zink-Legierungen mit 5% bis 45%
3.1.5.6 Aluminium
Zn (Messing) steigt die Festigkeit und sinkt der
Korrosionswiderstand mit dem Zn-Anteil. Dichte 2,7 g/cm3, Schmelztemperatur 660°C, Wär-
medehnzahl 24·10-6 K-1, Zugfestigkeit bis 80 N/
mm2, E-Modul 70·103 N/mm2, d.h. ein Drittel des
3.1.5.3 Nickel
E-Moduls von Stahl. An der Luft bildet sich eine
Dichte 8,9 g/cm3, Schmelztemperatur 1453°C; Le- Deckschicht aus Al2O3. Alkalien, Sulfate und Chlo-
gierungselement bei z. B. Chrom-Nickel-Stählen ride greifen Al an. Die Herstellung erfordert 12 bis
3.1 Baustoffe 1029

14 kWh je kg Al, das Schmelzen nur 5% dieser En- mm2 und Zugfestigkeiten von 190 bis 350N/mm2
ergie. Recycling ist daher sehr wirtschaftlich. für sechs Standardlegierungen. Bezeichnet werden
Aluminiumlegierungen: Durch Zugabe von Si, Al-Legierungen nach DIN EN 573-1 über ein nu-
Mg, Mn, Zn und Cu bis zu 6% entstehen Knetle- merisches Bezeichnungssystem mit einer vierstelli-
gierungen, die sich für spanlose Formgebung wie gen Nummer, deren Ziffern die Legierung beschrei-
Walzen, Strangpressen, Ziehen und Schmieden ben (z. B. ENAW-7050). Diese Kennzeichnung
eignen. Gusslegierungen enthalten 5% bis über kann ergänzt werden um die Angabe von bis zu vier
20% Legierungsbestandteile. Legierungselementen in fallender Reihenfolge des
Dichte, Schmelztemperatur, Wärmedehnzahl und Nenngehalts (z. B. ENAW-7050[AlZn6CuMgZr]).
E-Modul sind weitgehend unabhängig von der Le-
gierungszusammensetzung. Die Legierungsatome
bewirken in der Aluminiummatrix Gitterdeformati- 3.1.6 Bauglas
onen, die das Gleiten der Versetzungen behindern
3.1.6.1 Zusammensetzung, Beständigkeit,
und deshalb die Festigkeit erhöhen. Kaltverformung
Eigenschaften
bewirkt eine Erhöhung der Versetzungsdichte und
somit ebenfalls eine Festigkeitssteigerung. Wärme- Glas besteht aus ca. 72% SiO2, 15% Na2O, 8,5%
behandlung kann eine vorausgegangene Festigkeits- CaO, 3,5% MgO, 1,5% Al2O3 und Spuren anderer
steigerung rückgängig machen. Aushärtbare Legie- Oxide. In die unregelmäßige Netzstruktur aus Si
rungen lassen sich durch Lösungsglühen, Abschre- und O sind die anderen Elemente eingelagert. Bei
cken und Auslagern bei Raumtemperatur oder bei längerer Einwirkung insbesondere eines dünnen
erhöhter Temperatur erheblich in ihrer Festigkeit Kondenswasserfilmes auf die Glasoberfläche wer-
steigern. Die Dehnbarkeit nimmt dabei, im Unter- den Na, Ca und Mg aus dem Netzwerk gelöst und
schied zum Verhalten bei Festigkeitssteigerung die Glasoberfläche korrodiert.
durch Kaltverformung, kaum ab. Dichte 2500 kg/m3, Mohshärte 5 bis 6, E-Modul
Nichtaushärtbare Legierungen (AlMg, AlMgMn) 73·103 N/mm2, Druckfestigkeit 700 bis 900N/mm2,
sind leichter verformbar, haben geringere Festigkeit Biegefestigkeit 45N/mm2, Ausdehnungskoeffizient
und können durch Kaltverformen verfestigt werden. 9·10-6 K-1, Temperaturwechselbeständigkeit 30 bis
Aushärtbare Legierungen (Mg, Si, Zn, Cu) haben 40 K, Erweichungstemperatur ca. 600°C.
höheren Korrosionswiderstand und müssen nach ei-
ner Wärmebehandlung erneut ausgehärtet werden.
3.1.6.2 Glasarten
Bei höherer Temperatur sinken Zugfestigkeit,
Schwingfestigkeit, Dehngrenze und Härte der Al- – Floatglas, 2 bis 25 mm dick, auf Zinnbad her-
Legierungen früher und stärker als bei Stahl. Der gestellt, hat plane Oberflächen.
Anwendungsbereich ist deshalb in verschiedenen – Gussglas, auch Ornamentglas, hat durch Wal-
Bemessungsrichtlinien auf +60°C begrenzt. Bei tie- zen eine Oberflächenstruktur, die das Licht
fen Temperaturen tritt keine Versprödung auf, was streut und eine klare Durchsicht behindert.
im Behälterbau oft von entscheidender Bedeutung – Drahtglas ist Gussglas, in dem ein punktge-
ist. Den Korrosionswiderstand kann man durch Er- schweißtes Drahtnetz eingebettet ist.
zeugen einer künstlichen Oxidschicht (Eloxal) deut- – Borosilikatglas enthält 7% bis 15% Boroxid,
lich steigern. Im Meerwasser verhält sich Al günsti- hat einen niedrigeren Ausdehnungskoeffizien-
ger als Stahl, die Korrosionsrate nimmt mit der Zeit ten, deshalb bessere Temperaturwechselbestän-
ab. Die Zugfestigkeit reicht bis 420 N/mm2 für digkeit und ist gegen Säuren und Laugen be-
schweißbare und bis 700 N/mm2 für nichtschweiß- ständiger als übliches Kalk-Natron-Glas.
bare Legierungen. Das geringe Gewicht und der
gute Korrosionswiderstand bestimmen die Verwen- Sicherheitsgläser
dung der Aluminiumlegierungen. Einscheibensicherheitsglas (ESG), thermisch vor-
Kennwerte, insbesondere für Mindestwerte der gespannt, wird in seinen Endabmessungen auf über
Festigkeit, finden sich z. B. für Bleche und Bänder 650°C erhitzt und mit kalter Luft abgeschreckt. Die
in DIN 4113 mit Streckgrenzen von 80 bis 275 N/ Glasoberflächen haben dadurch eine Druckvorspan-
1030 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

nung, das Glas eine erhöhte Biegefestigkeit und Drahtglas oder VSG aus ESG mit Spezialfolie be-
bessere Verformbarkeit; Temperaturwechselbestän- stehen. Brandschutzverglasung (F) hemmt zusätz-
digkeit 200 K. Bei Zerstörung krümeliger Bruch. lich den Durchgang von Hitzestrahlung infolge
Teilvorgespanntes Glas (TVG) wird nach dem Er- Absorption und/oder Aufschäumen des Materials
hitzen weniger schnell abgekühlt und hat beim im Scheibenzwischenraum.
Bruch radiale Risse. Die Biegefestigkeit ist höher
als bei Floatglas, die Temperaturwechselbeständig-
3.1.6.3 Bauen mit Glas
keit 100 K. Bei chemisch vorgespanntem Glas wer-
den in einer Salzschmelze an der Glasoberfläche die Mit Druck senkrecht zur Kontaktfläche und Rei-
Na-Ionen durch größere Ionen ersetzt. Die Druck- bung in der Ebene der Kontaktfläche sowie Kle-
vorspannung erfasst nur eine sehr dünne Schicht der bung werden Kräfte übertragen. Verkanten und
Oberflächen, die Biegefestigkeit ist wesentlich ge- Kontakt des spröden Glases mit harten Auflagern
steigert. Die Scheibe kann geschnitten werden. Das müssen vermieden werden, Lastab- und -einlei-
Bruchbild entspricht dem von Floatglas. tungsbereiche ausreichend dimensioniert sein. Das
Verbundsicherheitsglas (VSG) besteht aus min- Tragvermögen von Klebeverbindungen ist tempe-
destens zwei Glasscheiben, die mit einer Folie oder raturabhängig. Spannungen und Tragvermögen der
Kunstharz fest miteinander verbunden sind. Beim dünnen Platten sind abhängig von Auflagerung
Bruch bleiben die Splitter am Kleber haften. Bei und Verformungen. Bei vierseitig gelagerten Plat-
Verwendung von TVG für die einzelnen Scheiben ten entsteht mit zunehmender Durchbiegung eine
erreicht man höhere Festigkeit als mit Floatglas. Membranwirkung mit erhöhter Tragfähigkeit. Glas-
Begehbare VSG-Platten müssen aus mindestens schwerter (lange, schmale Tafeln) werden wie
drei Glasplatten bestehen. Bei Zerstörung der obers- Scheiben in ihrer Ebene beansprucht und bestehen
ten rutschfesten Verschleißscheibe ist eine Resttrag- wegen der hohen Spannungen an den Kanten aus
fähigkeit nachzuweisen. Die Eigenschaften der Sicherheitsglas. Mit zusammengesetzten Glas-
einzelnen Glasplatten und der Zwischenschichten querschnitten, Kombinationen mit zugfesten Stof-
entscheiden im Verbund mit der Rahmen- und Hal- fen (z. B. Seilen) und durch Vorspannen werden
tekonstruktion, ob das VSG durchwurf-, durch- weit gespannte Tragkonstruktionen möglich, vgl.
bruch-, durchschuss- oder sprengwirkungshem- [Schittich u. a. 1998].
mend ist. Mit Drahteinlage in der Zwischenschicht
kann die VSG-Scheibe beheizt und/oder an eine
3.1.6.4 Schaumglas
Alarmanlage angeschlossen werden.
Mehrscheibenglas mit Luftzwischenraum besteht Mit Kohlenstoff aufgeschäumtes, weitgehend al-
aus zwei oder drei Floatglasscheiben, die durch kaliresistentes Glas; Platten und Formteile aus dem
hermetisch abgeschlossene und entfeuchtete Zwi- Block geschnitten. Wasser- und wasserdampfdicht,
schenräume voneinander getrennt sind. Zusammen- Rohdichte 105 bis 165 kg/m3, Wärmeleitfähigkeit
setzung, Einfärbung und Beschichtung der Scheiben OR = 0,040 – 0,055 W/(m·K); Ausdehnungskoeffi-
steuern Durchgang, Absorption und Reflexion der zient 8,5·10-6 K-1. Unkaschiert: unbrennbar Bau-
Strahlung bestimmter Wellenlänge. Schwere Gase stoffklasse A1, Verlegung in Bitumen; kaschiert:
im Scheibenzwischenraum mindern die Wärme- normalentflammbar Baustoffklasse B 2, Verlegung
leitfähigkeit. Bei 2 uFloatglas + 12 mm Luft ist trocken oder im Frischbetonbett. Schaumglas darf
der Wärmedurchgangskoeffizient kv der Verglasung bei entsprechendem Zulassungsbescheid als Wär-
3,0 W/(m2·K), bei Beschichtung + 15 mm Krypton medämmung berücksichtigt werden, auch wenn
ist kv = 1,1 W/(m2·K). sie außerhalb der Abdichtung angeordnet ist.
Bei Schallschutzglas ist die der Schallquelle zu-
gewandte Seite dicker (mindestens 6 mm), der
3.1.6.5 Glasfasern
Scheibenzwischenraum größer und die Verbindung
der beiden Scheiben schalltechnisch entkoppelt. Im Vergleich zu massivem Glas erhöhte Zugfestig-
Brandschutzverglasungen (G) sind undurchläs- keit. Eine Schlichte an der Faseroberfläche ver-
sig für Flammen und Gase und können z. B. aus bessert die Verarbeitbarkeit und den Verbund zur
3.1 Baustoffe 1031

Kunststoff- oder Zementmatrix. Glasfasern mit ho- Verarbeitungsformen des Bitumens sind Stra-
hem Zirkongehalt haben erhöhte Alkaliresistenz. ßenbaubitumen, polymermodifizierte Bitumen, Bi-
Cem-Fil AR Glasfasern: Dichte 2,7 g/cm3, Durch- tumenlösungen und -emulsionen. Bitumen und sei-
messer 12 bis 20 —m, Zugfestigkeit 1,5 bis 2,5·103 ne Verarbeitungsformen werden zur Herstellung
N/mm2, Elastizitätsmodul 70 bis 80·103 N/mm2, von Asphalt und Estrichen, Dach- und Dichtungs-
Bruchdehnung 25‰. bahnen, Bautenschutzmitteln, Fugenvergussmassen
und Rohrschutzmassen verwendet. Weitere Anwen-
dungsbereiche finden sich in der Papierindustrie
3.1.7 Bitumen, Asphalt zum Imprägnieren, Kaschieren und Beschichten, in
der Gummiindustrie als Weichmacher sowie in der
Bitumen ist ein bei der Aufbereitung geeigneter Kabel-, Elektro- und Lackindustrie. Zu den Bitumen
Erdöle gewonnenes schwerflüchtiges dunkelfar- im weitesten Sinne sind auch die in geologischen
biges Gemisch verschiedener organischer Substan- Zeiträumen aus Erdölen gebildeten Bitumenanteile
zen, deren elasto-viskoses Verhalten sich mit der von Naturasphalt zu rechnen.
Temperatur ändert. Die für Bitumen typischen Ei- Asphalt ist ein natürlich vorkommendes oder
genschaften beruhen auf dem kolloidalen System, technisch hergestelltes Gemisch aus Bitumen oder
in dem eine disperse Phase (Asphaltene) in einer bitumenhaltigen Bindemitteln und Gesteinskör-
zusammenhängenden (kohärenten) Phase aus nungen sowie ggf. weiteren Zuschlägen und/oder
hochsiedenden Ölen (Maltene) in stabiler Vertei- Zusätzen.
lung vorliegt. Die Asphaltene sind keine einheit- Grundsätzlich lässt sich Asphalt in die Arten
liche Stoffgruppe; sie sind die höhermolekularen Walzasphalt und Gussasphalt unterteilen. Im Gussas-
Anteile im Bitumen und lassen sich durch geeig- phalt sind die Hohlräume im Gesteinskörnungsge-
nete Lösemittel ausfällen. misch mit Bitumen voll ausgefüllt. Gussasphalt
Bitumen darf nicht mit Steinkohlenteerpech bedarf keiner Verdichtung und wird verstrichen.
(bisher „Teer“ genannt) verwechselt werden. Zwi- Seine Standfestigkeit hängt im Wesentlichen von
schen Bitumen und Steinkohlenteerpech bestehen der Steifigkeit des Mörtels (Bitumen-Füller-Ge-
deutliche Unterschiede sowohl in stofflicher Hin- misch) ab. Beim Walzasphalt ist für die Standfes-
sicht als auch im Gebrauchsverhalten (Geruch, tigkeit das Korngerüst von wesentlicher Bedeu-
thermoviskoses Verhalten, Alterung, toxikologi- tung, der Mörtel hat lediglich verklebende Wir-
sches Verhalten u. a.). kung. Die Einbautemperatur liegt bei Gussasphalt
Bitumen weist je nach Sorte eine Dichte von 0,92 mit 200°C bis 230°C höher als bei Walzasphalt
bis 1,07 g/cm3, einen Wärmeausdehnungskoeffizi- (130°C bis 190°C).
enten von 0,0006 K-1 und eine Wärmeleitfähigkeit Neben der Standfestigkeit spielen die Verarbeit-
von 0,16 W/(m·K) auf. Die Viskosität des Bitumens barkeit und Verdichtbarkeit bei der Asphaltkon-
ist temperaturabhängig (thermoviskos), die Steifig- zeption eine wesentliche Rolle. Deckschichten im
keit hängt von der Belastungszeit ab (elasto-viskos). Asphaltstraßenbau weisen ein hohes Maß an Ver-
Bitumen ist in der Lage, aufgezwungene Span- schleißfestigkeit, Ebenheit und Griffigkeit auf. Bei
nungen durch viskose Verformungen abzubauen Hohlraumgehalten unter 3 Vol.-% ist Asphalt was-
(Relaxation). Die Haftfestigkeit gegenüber trocke- serundurchlässig.
nen und entstaubten Gesteinskörnungen ist gut. In Neben den vorgeschriebenen Dichtungsaufga-
Wasser zeigt sich Bitumen unlöslich. Zwangsläufig ben als Brückenbelag kommt dem Gussasphalt als
löst sich Bitumen in Kohlenwasserstoffen gleicher Estrich und als Bestandteil wasserdichter Beläge
Herkunft (Öl, Benzin, Diesel) sowie in bestimmten in Nassräumen, in Tiefgaragen, auf Parkdecks und
chemischen Lösemitteln. Die das Bitumen bilden- begrünten Dächern wesentliche Bedeutung zu.
den Kohlenwasserstoffe sind sehr reaktionsträge Walzasphalt wird im Straßenbau als Asphaltbeton,
gegenüber chemischen Substanzen. Durch die Ein- Asphaltbinder, Splittmastixasphalt, Offenporiger
flüsse von Luftsauerstoff, UV-Strahlung (Licht) und Asphalt, Asphalttrag- und Asphalttragdeckschicht
Wärme erfährt Bitumen eine destillative und oxida- verwendet. Weitere Anwendungsbereiche sind der
tive Verhärtung. Flugplatzbau, Wasserbau und Deponiebau.
1032 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

3.1.8 Kunststoffe Ringe angebunden (z. B. Polystyrol (PS), Poly-


propylen (PP)).
3.1.8.1 Allgemeines, Bildungsreaktionen,
Klassierung – Bei der Polyaddition werden die Makromoleküle
verschiedener Monomere mit reaktionsfähigen
Kunststoffe werden synthetisch aus verschiedenen Endgruppen durch intramolekulare Umlagerung
niedermolekularen organischen Verbindungen (Mo- von H-Atomen und Verkettung der freiwer-
nomere) gebildet. Sie bestehen in ihren wesentlichen denden Valenzen gebildet. Ein Abscheiden von
Komponenten aus makromolekularen organischen Spaltprodukten erfolgt nicht.
Ketten (Polymere). Der molekulare Aufbau, d. h. – Bei der Polykondensation gelten ähnliche Rand-
Gestalt, Größe, Anzahl und Art der Kettensegmente, bedingungen wie bei der Polyaddition, es wer-
beeinflusst die Werkstoffeigenschaften der homo- den jedoch niedermolekulare Anteile abgetrennt
genen und isotropen Kunststoffe entscheidend, so- (Kondensat).
fern keine Verstärkungen oder Füllungen vorhanden
sind. Das Kohlenstoffatom (Kurzzeichen C) stellt Die Klassierung der Kunststoffe erfolgt mit Hilfe
bei der überwiegenden Zahl der Kunststoffe das Ver- der Temperaturfunktion des Schubmoduls (Abb.
bindungsglied der Kettensegmente dar, s. auch [Vie- 3.1-32). Der Bereich der Glasübergangstemperatur
weg/Braun 1975, Saechtling/Zebrowski 1986; We- Tg stellt den Übergang vom energie-elastischen
sche 1988] und – hinsichtlich Schutz und Instandset- Verhalten (Glaszustand) zum entropie-elastischen
zung von Baustoffen und Bauteilen – [Sasse 1994]. Verhalten dar.
Bei den Bildungsreaktionen werden drei Grund- Duromere (1) fassen engmaschig vernetzte Poly-
typen unterschieden: mere zusammen. Der Schubmodul nimmt zwar bei
über Tg steigender Temperatur deutlich ab, die flüs-
– Bei der Polymerisation liegen als Ausgangspro- sige Phase wird jedoch nicht erreicht. Dies ist bei
dukte ungesättigte Monomere vor. Deren Dop- Thermoplasten sehr wohl der Fall, wobei im Unter-
pelbindungen werden durch Energiezufuhr auf- schied zu den amorphen Thermoplasten (3) – hier
gebrochen, und dadurch wird die Kettenbildung erfolgt ein rascher Übergang in die flüssige Phase
ausgelöst. Als Beispiele seien genannt: aus Ethy- – bei den teilkristallinen Thermoplasten (2) der
len (C2H4) wird Polyethylen (PE), aus Vinyl- Abfall langsamer erfolgt, da zunächst die kristalli-
chlorid (C2H3Cl) wird Polyvinylchlorid (PVC). nen Strukturen zerstört werden müssen. Bei Elasto-
Bei zahlreichen Kunststoffen sind an den C- meren (4) liegt der Glasübergang i. d. R. unterhalb
Atomen der Hauptkette kurze C-Ketten oder C- des Gebrauchstemperaturbereichs, so dass bei Ge-

Abb. 3.1-32 Klassierung hochpolymerer Werkstoffe durch die Temperaturfunktion des Schubmoduls
3.1 Baustoffe 1033

brauch Entropieelastizität vorliegt. Wie Duromere – Dichtungsmassen und


zersetzen sich Elastomere bei Erreichen der Zerset- – Baulager.
zungstemperatur (TZ), ohne in die flüssige Phase
überzugehen.
3.1.8.3 Kunststoffe für Schutz und Instand-
setzung von Baustoffen und Bauteilen
3.1.8.2 Kunststoffe als
Kunststoffe als Imprägnier- bzw.
Konstruktionswerkstoffe
Beschichtungsstoffe
Um die Tragfähigkeit und Steifigkeit zu erhöhen, Schutzbehandlungen kapillarporiger Baustoffe, die
werden in Kunststoffe häufig Fasern eingelegt; es das Porensystem nicht verstopfen und keinen ober-
entstehen sog. „faserverstärkte Kunststoffe“ (FK). flächlichen Film bilden, nennt man „Imprägnie-
Weit verbreitet sind glasfaserverstärkte Kunststoff- rungen“. Verhindert oder erschwert eine Impräg-
bauteile (GFK). Werkmäßig hergestellte Serienbau- nierung die Benetzung der Baustoffoberfläche mit
teile wie Silos, Tanks, schalenförmige Dachkons- Wasser und hebt sie die kapillare Saugkraft gegen-
truktionen, Großrohre, Kühltürme, Fassadenplatten über Wasser auf, so spricht man von einer „hydro-
und Betonschalungen bestehen vielfach aus Polyes- phobierenden Imprägnierung“ oder „Hydrophobie-
terharz, das durch Glasfaserzugabe verstärkt wurde. rung“. Hydrophobiermittel wirken durch physika-
Der Glasfasergehalt beträgt je nach Erfordernis rd. lische Oberflächenkräfte, die den Randwinkel des
20 bis 70 M.-%. Je nach Orientierung der Fasern benetzenden Wassers vergrößern und somit kapil-
ergeben sich Werkstoffe mit anisotropen mecha- lares Saugen unterbinden.
nischen Kennwerten. Die Fasern werden nach Be- Bei den Wirkstoffen handelt es sich zumeist um
darf als Einzelfasern (Rovings), als Matten (unge- siliziumorganische Verbindungen (Silane, Silo-
richtet) oder als Gewebe (gerichtet) eingelegt. xane). Da für den Erfolg einer Hydrophobierungs-
In jüngster Zeit baut man auch verstärkt Elemente maßnahme die Eindringtiefe (Penetration) von
aus Hochleistungsverbundwerkstoff (HLV-Elemen- entscheidender Bedeutung ist, muss der Wahl des
te) zur Verstärkung von bestehenden Bauwerken ein. Anteils und der Art des Lösemittels besondere
Bei diesen Elementen kann es sich um Stäbe (Ein- Aufmerksamkeit geschenkt werden. In der Vergan-
zelstäbe oder Spannglieder zur z. T. externen Vor- genheit lag der Anteil an organischem Lösemittel
spannung) oder um Laschen bzw. Lamellen (zum bei vielen marktüblichen Produkten über 90 M.-%.
Aufkleben auf vorhandene Konstruktionen) handeln. Im Zuge eines gewachsenen Umweltbewusstseins
Als Fasern werden im Bauwesen Kohlenstoff-, Ara- werden inzwischen von vielen Herstellern auch in
mid- oder Glasfasern verwendet. Die Matrix besteht Wasser gelöste Hydrophobierungen angeboten
meist aus ungesättigtem Polyesterharz (UP) oder (Mikroemulsionen).
Epoxidharz (EP). Die stark unterschiedlichen Stoff- Bei der Mehrzahl der einkomponentigen Be-
kennwerte von Fasern und Matrix bedingen eine schichtungsstoffe, die zum Oberflächenschutz oder
weitgehende Aufgabenteilung der Stoffeigenschaften zur Instandsetzung von Betonbauteilen dienen,
auf die Komponenten je nach Anteil im unidirektio- handelt es sich um physikalisch trocknende Syste-
nalen Verbundwerkstoff: Die Faser bestimmt im We- me, d. h., die molekulare Identität der Bindemittel
sentlichen die mechanischen Eigenschaften und die wird im Zuge des Filmbildungsprozesses nicht
Wärmedehnung, die Matrix die Übertragung der in- verändert. Die Größe der vorliegenden Partikel
terlaminaren Scherkräfte, den Diffusionswiderstand (Molekülknäuel) entscheidet letztlich über die Ein-
und die Chemikalienbeständigkeit. gruppierung als Lösung (zumeist in organischem
Im Folgenden werden Kunststoffe bzw. Kunst- Lösemittel) oder als Dispersion (zumeist in Wasser
stoffbauteile aufgezählt, die für die Standsicherheit dispergiert). Zur Beschichtung von Betonflächen
oder Funktionsfähigkeit einer Konstruktion ent- werden i. Allg. reine Acrylate oder Acrylat-Copo-
scheidende Bedeutung haben können: lymere – entweder in Wasser dispergiert oder in
Lösemittel gelöst – verwendet, da diese Stoffe eine
– Kleber, hohe Verseifungsbeständigkeit aufweisen (Hydro-
– Kunststoffdichtungsbahnen, lyse von Estern in Anwesenheit von Hydroxyli-
1034 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

onen). Von Art und Anteil des Polymers und der Sie bestehen aus einem Korrosionsschutzanstrich
Pigmente, Hilfsstoffe und Zusatzstoffe werden (zementgebunden oder Epoxidharz zur Beschich-
wichtige Beschichtungseigenschaften wie Alte- tung freigelegter Bewehrungsstähle), aus einer
rungsbeständigkeit, Diffusionseigenschaften, che- Haftbrücke (zementgebunden oder Epoxidharz) zur
mische Widerstandsfähigkeit und Rissüberbrü- Verbesserung des Verbunds zum vorhandenen Alt-
ckungsverhalten bestimmt. beton, aus dem eigentlichen kunststoffhaltigen Mör-
Bei den zweikomponentigen Beschichtungssys- tel und einem Feinspachtel (zur Homogenisierung
temen handelt es sich um reaktive Systeme, und der Mörteloberfläche). Das Angebot umfasst hän-
zwar entweder um disch verarbeitbare und spritzbare Systeme. Hin-
sichtlich der Zementgehalte und w/z-Werte werden
– Epoxidharz- bzw. Polyurethansysteme, in beiden
Mindest- und Maximalwerte vorgegeben. Zur Mo-
Fällen erfolgt nach dem Anmischen der Kompo-
difizierung der Zementmörtel dienen in Deutsch-
nenten eine Polyaddition, oder
land Acrylat, Styrol-Acrylat, Styrol-Butadien, Epo-
– um reaktive Acrylharze, hier kommt es auf der
xidharz und Vinylacetat-Ethylen. Der Kunststoffan-
Baustoffoberfläche zu einer radikalischen Poly-
teil im Mörtel liegt i. d. R. zwischen 5% und 10%,
merisation, für die als Starter meist Peroxidpulver
bezogen auf die Zementmasse. Grundsätzlich wird
verwendet wird.
von Instandsetzungsmörteln dauerhafte Wider-
Die Produkte aus diesen Gruppen lassen sich in ih- standsfähigkeit gegen Umwelteinflüsse und Abnut-
ren Eigenschaften in sehr weiten Bereichen gezielt zung durch Gebrauch gefordert, zudem dauerhaft
einstellen, so dass hieraus Versiegelungen, Beschich- ausreichende Haftung zum Altbeton und keine ne-
tungen mit hohen chemischen und/oder mecha- gative Beeinträchtigung des Korrosionsschutzes der
nischen Widerständen, gummielastische (rissüber- Bewehrung.
brückende) Beschichtungen und auch schnell rea-
gierende Spritzabdichtungen („Flüssigfolien“) her- Kunststoffe zum Füllen von Rissen (EP, PUR)
gestellt werden können. Risse in Massivbauteilen müssen mit geeigneten
Materialien kraftschlüssig oder abdichtend gefüllt
Kunststoffhaltige Mörtel und Betone werden, wenn die Dauerhaftigkeit der Standsicher-
(PC, PCC) heit oder Gebrauchstauglichkeit beeinträchtigt ist.
Kunstharzmörtel (auch Reaktionsharzmörtel, PC) Thermische und/oder hygrische Formänderungen
werden mit flüssigen polymeren Bindemitteln an- der Bauteile führen an Rissen immer zu – wenn
stelle von Zementleim als Bindemittel hergestellt. auch z. T. sehr kleinen – Rissbreitenänderungen,
Sie unterscheiden sich von den üblichen zementge- auch wenn die eigentliche Ursache für die Rissent-
bundenen Betonen v. a. durch ihre sehr hohe che- stehung entfallen ist (Überbelastung, Schwinden,
mische Beständigkeit, die wesentlich höhere Zug- Kriechen, Stützensenkung o. ä.). Falls geeignete
festigkeit, ihren kleinen Elastizitätsmodul, das Feh- Beschichtungssysteme zur Überbrückung der Risse
len eines Kapillarporensystems und ihre sehr rasche nicht tauglich sind, wird entweder kraftschlüssig
Festigkeitsentwicklung. Im Allgemeinen werden als verpresst oder abdichtend injiziert. In den letzten
Bindemittel reaktive Stoffe (Epoxidharze, ungesät- Jahren wurden auch Feinstzemente entwickelt, die
tigte Polyesterharze oder Methacrylatharze) ver- als Zementleim oder Zementsuspension zur kraft-
wendet. Das Hauptanwendungsgebiet von Kunst- schlüssigen Füllung in Risse injiziert werden kön-
harzmörteln liegt im Bereich Industrieböden, und nen. Inzwischen werden auch in verstärktem Um-
zwar befahrener und chemisch bzw. mechanisch fang sog. Acrylatgele zur abdichtenden Injektion
sehr stark belasteter Flächen. verwendet. Der nach Reaktion der Komponenten
Kunststoffhaltiger Zementmörtel und Zementbe- entstehende Gelkörper bindet Wasser physikalisch.
ton (kunststoffmodifizierter Mörtel oder Beton, Der Einsatz im Stahlbetonbau wird von einigen
PCC Polymer Cement Concrete) wird in großem Regelwerken noch nicht empfohlen, da der Ein-
Umfang zur Reparatur von geschädigtem Beton ein- fluss der austauschfähigen Salze auf eine mögliche
gesetzt. Da diese Stoffe selten allein verwendet wer- Korrosion der Bewehrung noch nicht hinreichend
den, spricht man auch von „Betonersatzsystemen“. geklärt ist.
3.1 Baustoffe 1035

Voraussetzung für eine erfolgreiche kraftschlüs- UHFB ultrahochfester Beton


sige Verpressung (Wiederherstellen der monoli- TVG teilvorgespanntes Glas
thischen Wirksamkeit eines Bauteils) ist, dass die VLH sehr niedrige Hydratationswärme
Rissursache vor Durchführung der Maßnahme be- VSG Verbundsicherheitsglas
seitigt wurde oder nicht mehr besteht. Andernfalls
käme es, bei gelungener Verpressung, an einer be- Literaturverzeichnis Kap. 3.1
nachbarten Stelle erneut zum Aufreißen. Im Allge-
Bauberatung Zement des Bundesverbands der deutschen
meinen werden niedrigviskose, ungefüllte und löse-
Zementindustrie (1990) Beton-Herstellung nach Norm.
mittelfreie Epoxidharze verwendet. Die Viskosität
8. Aufl. Beton-Verlag, Düsseldorf
darf nur langsam zunehmen, damit eine Penetra- Bergstroem SG, Byfors J (1980) Properties of concrete at
tion auch in feinste Risse möglich ist. Voraussetzung early ages. Materiaux et Constructions (RILEM) 13
für eine wirksame Maßnahme ist eine ausreichende (1980) 75, S 265–274
Adhäsionsfestigkeit zwischen Rissflanke und Füll- Bilitewski B, Gewiese A u. a. (1995) Vermeidung und Ver-
stoff. Dies ist bei nassen oder verschmutzten (kon- wertung von Reststoffen in der Bauwirtschaft. Beiheft
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drückendes Wasser, dienen schnell reagierende,
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DIN 4208: Anhydritbinder (04/1997)
3.1 Baustoffe 1037

DIN 4226 Teil 100: Gesteinskörnungen für Beton und DIN EN 206 Teil 1/A1: Beton; Festlegung, Eigenschaften,
Mörtel; Rezyklierte Gesteinskörnungen (02/2002) Herstellung und Konformität; (10/2004)
DIN 4232: Wände aus Leichtbeton mit haufwerksporigem DIN EN 206 Teil 1/A2: Beton; Festlegung, Eigenschaften,
Gefüge; Bemessung und Ausführung (09/1987) Herstellung und Konformität; (09/2005)
DIN 8528 Teil 2: Schweißbarkeit; Schweißeignung der all- DIN EN 300: Platten aus langen, schlanken, ausgerichteten
gemeinen Baustähle zum Schmelzschweißen (03/1975) Spänen (OSB) – Definitionen, Klassifizierung und An-
DIN 17100: Allgemeine Baustähle (01/1984) / zurückge- forderungen (06/1997)
zogen DIN EN 312 Teil 7: Spanplatten, Anforderungen; Anforde-
DIN 17440: Nichtrostende Stähle – Technische Lieferbe- rungen an hochbelastbare Platten für tragende Zwecke
dingungen für Blech, Warmband und gewalzte Stäbe für zur Verwendung im Feuchtbereich (06/1997)
Druckbehälter, gezogenen Draht und Schmiedestücke DIN EN 934 Teil 2: Zusatzmittel für Beton, Mörtel und
(09/1996) Einpressmörtel; Betonzusatzmittel – Definitionen und
DIN 18551: Spritzbeton – Anforderungen, Herstellung, Be- Anforderungen, Konformität, Kennzeichnung und Be-
messung und Konformität (01/2005) schriftung (02/2002)
DIN V 18998: Beurteilung des Korrosionsverhaltens von DIN EN 934 Teil 2/A1: Zusatzmittel für Beton, Mörtel und
Zusatzmitteln nach Normen der Reihe DIN EN 934 Einpressmörtel; Betonzusatzmittel – Definitionen, An-
(11/2002) forderungen, Konformität, Kennzeichnung und Be-
DIN V 18998/A1: Beurteilung des Korrosionsverhaltens schriftung (06/2005)
von Zusatzmitteln nach Normen der Reihe DIN EN 934 DIN EN 934 Teil 2/A2: Zusatzmittel für Beton, Mörtel und
(05/2003) Einpressmörtel; Betonzusatzmittel – Definitionen, An-
DIN 50125: Prüfung metallischer Werkstoffe; Zugproben forderungen, Konformität, Kennzeichnung und Be-
(01/1994) schriftung (03/2006)
DIN 51043: Traß; Anforderungen, Prüfungen (08/1979) DIN EN 934 Teil 4: Zusatzmittel für Beton, Mörtel und
DIN 52182: Prüfung von Holz; Bestimmung der Rohdichte Einpressmörtel; Zusatzmittel für Einpressmörtel für
(09/1976) Spannglieder; Definitionen, Anforderungen, Konformi-
DIN 68364: Kennwerte von Holzarten; Festigkeit, Elastizi- tät, Kennzeichnung und Beschriftung (02/2002)
tät, Resistenz (11/1979) DIN EN 934 Teil 4/A1: Zusatzmittel für Beton, Mörtel und
DIN 68705 Teil 2: Sperrholz; Sperrholz für allgemeine Einpressmörtel – Zusatzmittel für Einpressmörtel für
Zwecke (07/1981) Spannglieder; Definitionen, Anforderungen, Konformi-
DIN 68705 Teil 4: Sperrholz; Bau-Stabsperrholz, Bau- tät, Kennzeichnung und Beschriftung (06/2005)
Stäbchensperrholz (07/1981) DIN EN 934 Teil 6: Zusatzmittel für Beton, Mörtel und
DIN 68800 Teil 1: Holzschutz im Hochbau; Allgemeines Einpressmörtel; Probenahme, Konformitätskontrolle
(05/1974) und Bewertung der Konformität (03/2006)
DIN 68800 Teil 2: Holzschutz; Vorbeugende Maßnahmen DIN EN 450 Teil 1: Flugasche für Beton; Definition, An-
im Hochbau (05/1996) forderungen und Konformitätskriterien; (2005-05)
DIN 68800 Teil 3: Holzschutz; Vorbeugender chemischer DIN EN 459 Teil 1: Baukalk; Definitionen, Anforderungen
Holzschutz (04/1990) und Konformitätskriterien (02/2002)
DIN 68800 Teil 4: Holzschutz; Bekämpfungsmaßnahmen DIN V ENV 1995 Teil 1-1, Eurocode 5: Entwurf, Berech-
gegen holzzerstörende Pilze und Insekten (11/1992) nung und Bemessung von Holzbauwerken; Allgemeine
DIN 68800 Teil 5: Holzschutz im Hochbau; Vorbeugender Bemessungsregeln, Bemessungsregeln für den Hoch-
chemischer Schutz von Holzwerkstoffen (05/1978) bau (06/1994)
DIN EN-196 Teil 3: Prüfverfahren für Zement; Bestim- DIN EN 1008: Zugabewasser für Beton – Festlegung für
mung der Erstarrungszeiten und der Raumbeständigkeit die Probenahme, Prüfung und Beurteilung der Eignung
(05/2005) von Wasser, einschließlich bei der Betonherstellung
DIN EN 197 Teil 1: Zement; Zusammensetzung, Anforde- anfallendem Wasser, als Zugabewasser für Beton
rungen und Konformitätskriterien von Normalzement (10/2002)
(08/2004) DIN EN 10025: Warmgewalzte Erzeugnisse aus unlegierten
DIN EN 197 Teil 1 Ber. 1: Berichtigungen zu DIN EN Baustählen; Technische Lieferbedingungen (03/1994)
197-1:2004-04 (11/2004) DIN EN 10027 Teil 1: Bezeichnungssysteme für Stähle;
DIN EN 197 Teil 4: Zement; Zusammensetzung, Anforde- Kurznamen, Hauptsymbole (09/1992)
rungen und Konformitätskriterien von Hochofenzement DIN EN 10027 Teil 2: Bezeichnungssysteme für Stähle;
mit niedriger Anfangsfestigkeit (08/2004) Nummernsystem (09/1992)
DIN EN 206 Teil 1: Beton; Leistungsbeschreibung, Eigen- DIN V ENV 10080: Betonbewehrungsstahl – Schweißge-
schaften, Herstellung und Konformität (07/2001) eigneter gerippter Betonstahl B-500 – Technische Lie-
1038 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

ferbedingungen für Stäbe, Ringe und geschweißte Mat- 3.2 Grundlagen für Nachhaltiges
ten (08/1995)
DIN EN 10088: Nichtrostende Stähle. Teil 1: Verzeichnis
Bauen
der nichtrostenden Stähle (08/1995)
DIN EN 10113: Warmgewalzte Erzeugnisse aus schweiß- 3.2.1 Instrumente und Bewertungs-
geeigneten Feinkornbaustählen (04/ 1993) systeme in Deutschland
DIN EN 10155: Wetterfeste Baustähle; Technische Liefer-
bedingungen (08/1993) Hans-Dieter Hegner
DIN EN 12382: Entwurf: Prüfung von Beton; Bestimmung
der Konsistenz; Setzmaß (07/1996)
3.2.1.1 Einleitung
DIN EN 12620: Gesteinskörnungen für Beton (04/2003) Die Bewertung des Beitrages von Einzelbauwer-
DIN EN 12620 Ber. 1: Berichtigungen zu DIN EN ken zu einer nachhaltigen Entwicklung führt zur
12620:2003-04 (12/2004) Forderung nach einem Gesamtsystem zur Be-
DIN EN 12878: Pigmente zum Einfärben von zement- und schreibung und Beurteilung von Gebäuden ein-
kalkgebundenen Baustoffen; Anforderungen und Prü-
schließlich des Grundstücks. Ansätze für ein sol-
fung (05/2005)
DIN EN 12350 Teil 2: Prüfung von Frischbeton; Setzmaß ches System – selbst Normungsbemühungen – gibt
(03/2000) es, aber eine standardisierte Regel lässt auf sich
DIN EN 12350 Teil 3: Prüfung von Frischbeton; Vébé-Prü- warten. Ungeachtet dessen bieten sich im interna-
fung (03/2000) tionalen Bereich Zertifizierungssysteme an, um
DIN EN 12350 Teil 4: Prüfung von Frischbeton; Verdich- die Nachhaltigkeit von Gebäuden festzustellen.
tungsmaß (06/2000) Vielfach wird unter nachhaltigem Bauen insbe-
DIN EN 12350 Teil 5: Prüfung von Frischbeton; Ausbreit- sondere energieeffizientes Bauen verstanden. Dies
maß (06/2000) ist nicht generell falsch. Aber Energieeffizienz ist
DIN EN 12390 Teil 2: Prüfung von Festbeton; Herstellung
nur ein Teil der Nachhaltigkeit, der jedoch mittler-
und Lagerung von Probekörpern für Festigkeitsprü-
fungen (06/2001) weile gut geregelt ist. Mit der Umsetzung der EG-
DIN EN 12390 Teil 5: Prüfung von Festbeton; Biegezug- Richtlinie 2002/91/EG über die Gesamtenergieeffi-
festigkeit von Probekörpern (02/2001) zienz von Gebäuden in nationales Recht wurde in
DIN EN 12390 Teil 5 Ber. 1: Prüfung von Festbeton; Bie- Deutschland das Energieeinsparrecht (Energieein-
gezugfestigkeit von Probekörpern (05/2006) spargesetz, Energieeinsparverordnung) 2007 umfas-
DIN EN 13279 Teil 1: Gipsbinder und Gips-Trockenmör- send novelliert. Dabei wurde die Energieausweispra-
tel; Begriffe und Anforderungen (09/2005) xis in Deutschland gesetzlich eingeführt [Hegner
DIN EN 13263 Teil 1: Silikastaub für Beton; Definitionen, 2008b]. In Umsetzung der sog. „Meseberg-Be-
Anforderungen und Konformitätskriterien (10/2005)
schlüsse“ der Bundesregierung zum Klimaschutz
DIN EN 13055 Teil 1: Leichte Gesteinskörnungen; Leichte
Gesteinkörnungen für Beton, Mörtel und Einpressmör-
wurde die EnEV verschärft und ist in der aktuellen
tel (08/2002) Fassung seit 1. Oktober 2009 in Kraft.
DIN EN 13055 Teil 1 Ber. 1: Berichtigungen zu DIN EN Nachhaltigkeitsbetrachtungen zeichnen sich
13055-1:2002-08 (12/2004) durch eine Analyse über den gesamten Lebenszyk-
DIN EN 14216: Zement – Zusammensetzung, Anforde- lus und eine umfassende Einbeziehung von ökolo-
rungen und Konformitätskriterien von Sonderzement gischen, ökonomischen und sozio-kulturellen As-
mit sehr niedriger Hydratationswärme (08/2004) pekten aus. Neben den Energiebilanzen müssen
DIN EN 14647: Tonerdezement – Zusammensetzung, An- deshalb insbesondere auch die Stoffströme und fi-
forderungen und Konformitätskriterien (01/2006)
nanzielle Auswirkungen untersucht werden. Die
DIN EN 14889 Teil 1: Fasern für Beton; Stahlfasern – Be-
griffe, Festlegungen und Konformität (11/2006) Entwicklung, Erprobung und Anwendung von Sys-
DIN EN 14889 Teil 2: Fasern für Beton; Polymerfasern – temen zur Beschreibung, Bewertung und Zertifi-
Begriffe, Festlegungen und Konformität (11/2006) zierung der Nachhaltigkeit von Gebäuden ist dabei
DIN EN ISO-6506 Teil 1: Metallische Werkstoffe – Härte- an eine Reihe von Voraussetzungen gebunden. Ins-
prüfung nach Brinell; Prüfverfahren (10/1999) besondere der Übergang zu einem überwiegend
auf quantitativen Bewertungen basierenden Be-
wertungs- und Zertifizierungssystem stellt eine
große Herausforderung dar. Mit einem nicht uner-
3.2 Grundlagen für Nachhaltiges Bauen 1039

heblichen Aufwand sind methodische Grundlagen und Instandhaltung haustechnischer Anlagen for-
zu entwickeln, Daten für die ökologische und öko- muliert. Über durch die EU geförderte Forschungs-
nomische Bewertung zur Verfügung zu stellen und programme wurden und werden unter deutscher
Bewertungsmaßstäbe zu erarbeiten. Parallel hierzu Beteiligung verfügbare Methoden und Hilfsmittel
sind Investoren und Planer mit geeigneten Hilfs- für die Beurteilung der Umweltverträglichkeit und
mitteln zur Formulierung von Zielen, zur Untersu- Nachhaltigkeit von Bauwerken – siehe hierzu die
chung von Varianten sowie zum Informationsaus- verfügbaren Informationen zu PRESCO unter http://
tausch auszurüsten. Der Beitrag gibt eine Übersicht www.etn-presco.net – analysiert und verglichen so-
zu den geplanten Anforderungen und Instrumenten wie mit LEnSE Grundlagen für die Entwicklung
des Bundes beim nachhaltigen Bauen. eines EU-einheitlichen Labels für nachhaltige
Wohnbauten – siehe hierzu die verfügbaren Infor-
mationen unter http://www.lensebuildings.com – er-
3.2.1.2 Rahmenbedingungen und Trends
arbeitet und zur Diskussion gestellt.
in Europa
Ausgewählte Direktiven und Forschungs- Ausgewählte Strategien
vorhaben der EU und Normungsprojekte
Die Bundesrepublik Deutschland als Teil der Euro- Um der Bedeutung der Bau-, Wohnungs- und Im-
päischen Union gestaltet den Prozess der stärkeren mobilienwirtschaft Rechnung zu tragen, möchte
Ausrichtung der europäischen Bau-, Wohnungs- die EU den Bereich „sustainable construction“ in
und Immobilienwirtschaft an den Prinzipen einer den kommenden Jahren zu einem „lead market“
nachhaltigen Entwicklung aktiv mit. Deutschland [EU 2007] entwickeln. Die EU folgt damit der be-
setzt Regelungen der Europäischen Union und der reits im Jahr 2004 formulierten „Thematic Strate-
Europäisch en Kommission in nationales Recht gy on the Urban Environment“ [EU 2004]. Diese
um und ergänzt diese durch landeseigene Initiati- sieht neben einer stärkeren Betonung der nachhal-
ven und Programme. tigen Siedlungsentwicklung und des nachhaltigen
In Europa wurde die Rolle und Verantwortung Bauens u. a. vor, den Energieausweis in Richtung
der Baubranche für die sozial- und umweltverträg- eines Dokumentes zur Beschreibung und Bewer-
liche Gestaltung der gebauten Umwelt, die Erhal- tung der Nachhaltigkeit von Gebäuden weiterzu-
tung und die Schaffung von Arbeitsplätzen und die entwickeln. Hierzu sollen z. B. zusätzliche As-
Schonung von Ressourcen einerseits sowie die Be- pekte, wie Innenraumluftqualität, Komfort, Um-
deutung der Modernisierung der vorhandenen Ge- weltverträglichkeit von Bauprodukten, Risiken für
bäudebestände für Energieeinsparung, Ressourcen- die Umwelt, Lebenszykluskosten, in die Methoden
schonung und Umweltschutz andererseits erkannt. zur Bewertung der Nachhaltigkeit von Gebäuden
So wird z. B. bei der Weiterentwicklung der Europä- integriert werden.
ischen Bauproduktenrichtlinie [EU 1989], die u. a. Die Entwicklung harmonisierter methodischer
bereits Anforderungen an Hygiene, Gesundheit und Grundlagen für die Bewertung der Nachhaltigkeit
Umweltschutz bei der Herstellung und Anwendung erfolgt in Europa im Rahmen der Standardisie-
von Bauprodukten enthält, derzeit diskutiert, ob und rungsaktivitäten von CEN TC 350 unter Beachtung
inwieweit zusätzlich Anforderungen an den Klima- der Ergebnisse der internationalen Normung bei
schutz und die Nachhaltigkeit (hier insbesondere im ISO TC 59 SC17. Der innerhalb von CEN TC 350
Zusammenhang mit der nachhaltigen Nutzung von im Frühjahr 2008 erreichte Stand der Diskussion
Ressourcen) aufgenommen werden sollen. Mit der kann wie folgt charakterisiert werden:
im Jahr 2002 in Kraft getretenen „Energy Perfor-
mance of Buildings Directive“ der EU [EU 2002] – Die Beurteilung der Nachhaltigkeit von Gebäu-
werden Anforderungen an die Weiterentwicklung den soll auf Basis der Beschreibung und Bewer-
der Beschreibung und Bewertung der energetischen tung der ökonomischen, ökologischen und sozi-
Qualität von Gebäude, an die flächendeckende Ein- alen Aspekte bei gleichzeitiger Beachtung der
führung von Energieausweisen für Neu- und Be- technischen und funktionalen Qualität der Ge-
standsbauten sowie an die systematische Wartung bäude erfolgen.
1040 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

– Betrachtungs- und Bewertungsgegenstand (ob- nalen, technischen, gestalterischen und städtebau-


ject of assessment) ist das Gebäude einschließlich lichen Qualität. Aktivitäten richten sich sowohl auf
Grundstück, es wird davon ausgegangen, dass die Entwicklung, Erprobung und Anwendung neuer
eine Standortbewertung und -entscheidung in Produkte, Technologien und Bauweisen, weiterent-
einem vorgelagerten Prozess bereits erfolgt ist. wickelter Entwurfs- und Planungsprinzipien sowie
– Die Bewertung soll überwiegend auf quantita- von Hilfsmitteln für die Planung, Bewertung und
tiven Methoden basieren, d. h. dass sich die Be- Optimierung, von methodischen Grundlagen für die
urteilung der Umweltqualität des Gebäudes u. a. Beurteilung der ökonomischen, ökologischen und
auf die Ergebnisse einer Ökobilanz, die Beurtei- sozialen Vorteilhaftigkeit sowie von Konzepten für
lung der ökonomischen Aspekte überwiegend die Aus- und Weiterbildung.
auf die Ergebnisse einer Lebenszykluskosten-
rechnung abstützen soll. Nationale Gesetzgebung auf dem Gebiet
– In die Bewertung der sozialen Qualität sollen der Energieeffizienz im Gebäudesektor
Fragen der Gesundheit, Behaglichkeit und Si- Mit dem Inkrafttreten der neuen Energieein-
cherheit der Nutzer, Besucher und Anwohner sparverordnung zum 1. Oktober 2009 setzt die
einbezogen werden. Bundesregierung ein Kernstück ihrer „Meseberg-
– Fragen der Festlegung von Bewertungsmaßstä- Beschlüsse“ vom August 2007 um. Mit ihren ener-
ben (Referenz-, Grenz- und Zielwerten) und Be- gie- und klimapolitischen Maßnahmen knüpft die
wertungsabläufen sollen jeweils national geklärt Bundesregierung an das umfangreiche Konzept
werden. der Europäischen Kommission für mehr Klima-
schutz und speziell an den Aktionsplan für Energie-
Deutschland beteiligt sich aktiv am internationalen effizienz (2007 bis 2012) an. In diesem Aktions-
und europäischen Normungsprozess und verwen- plan hat sich die Europäische Union die Zielvorga-
det die jeweils erreichten Ergebnisse als Ausgangs- be gesetzt, den Energiebedarf so zu steuern und zu
basis nationaler Entwicklungen. verringern sowie Energieverbrauch und -versor-
gung gezielt so zu beeinflussen, dass bis zum Jahr
2020 insgesamt 20% des jährlichen Energiever-
3.2.1.3 Ausgangspositionen und erste
brauchs eingespart werden können. Das entspricht
Erfahrungen in Deutschland
einer jährlichen Energieeinsparung von rund 1,5%
Akteure und Aktivitäten bis zum Jahr 2020.
Deutschland widmet sich seit über einem Jahrzehnt Doch nicht nur energie- und klimapolitische
der Umsetzung von Prinzipien einer nachhaltigen Zielstellungen der Bundesregierung zwingen zum
Entwicklung in allen Wirtschafts- und Lebensberei- Handeln, sondern auch die wirtschaftliche und so-
chen. Dabei wurden die Bau-, Wohnungs- und Im- ziale Lage im Land. Im Mieterland Deutschland
mobilienwirtschaft bzw. das Bedürfnisfeld „Bauen steigen die Betriebskosten deutlich schneller als
und Wohnen“ in Verbindung mit einer nachhaltigen die Nettokaltmiete. Nach Angaben des Statisti-
Siedlungsentwicklung als Handlungsfelder von her- schen Bundesamtes stieg die Nettokaltmiete in den
ausgehobener Bedeutung identifiziert. Durch die letzten sieben Jahren um ca. 7%. Im gleichen Zeit-
Baustoffindustrie, die Bau-, Wohnungs- und Immo- raum stiegen die Betriebskosten um ca. 50%. Die
bilienwirtschaft, die Forschung, die Finanz- und EnEV 2007 ging im Anforderungsniveau noch auf
Versicherungswirtschaft, die Politik und öffentliche die Wärmepreisstandards der 90er-Jahre zurück.
Verwaltung sowie die Verbände und Vertreter aller Dem Anforderungsniveau der EnEV 2007 lag ein
Interessengruppen werden seither erhebliche An- Wärmepreis von 2,7 ct./kWh aus dem Jahre 1998
strengungen unternommen. Diese dienen der Ent- zugrunde.
wicklung und Umsetzung eines energiesparenden, Der zentrale Punkt der EnEV 2009 ist deshalb
ressourcenschonenden, umwelt- und gesundheits- die Verschärfung der Anforderungen. Die energe-
gerechten sowie kostengünstigen und wirtschaftlich tischen Anforderungen an den Jahres-Primärener-
erfolgreichen Planens, Bauens und Betreibens von giebedarf und an die Wärmedämmung energetisch
Gebäuden bei gleichzeitiger Beachtung der funktio- relevanter Außenbauteile bei der Errichtung von
3.2 Grundlagen für Nachhaltiges Bauen 1041

Neubauten sowohl im Wohngebäude- als auch im pflicht besteht, werden die Anforderungen an die
Nichtwohngebäudebereich werden mit der EnEV Dämmqualität erhöht. Für Klimaanlagen wird eine
2009 um jeweils rund 30% erhöht. Bei größeren generelle Pflicht zum Nachrüsten von selbsttätig
Änderungen im Gebäudebestand wird eine Ver- wirkenden Einrichtungen der Be- und Entfeuch-
schärfung der energetischen Anforderungen um tung vorgesehen. Nachtstromspeicherheizungen mit
durchschnittlich 30% vorgesehen. einem Alter von mindestens 30 Jahren sollen lang-
Neben der Senkung der Höchstwerte für den fristig und stufenweise unter Beachtung des Wirt-
Primärenergiebedarf von Neubauten wird nunmehr schaftlichkeitsgebots außer Betrieb genommen
auch die bereits bei den Nichtwohngebäuden be- werden. Die Umstellung auf andere Energieträger
kannte Systematik des Referenzgebäude-Verfah- ist ein wichtiges Mittel zur Steigerung der Ener-
rens auf die Wohngebäude übertragen. Die Refe- gieeffizienz. Aus diesen Gründen wurde die Pflicht
renzwerte bilden sozusagen ein virtuelles Gebäude zur Außerbetriebnahme elektrischer Speicherheiz-
in der gleichen Geometrie und Nutzung, um die systeme auch durch eine Regelung ergänzt, die
Höchstwerte des Primärenergiebedarfs für das Ein- über die Einführung einer Aufwandszahl für Heiz-
zelgebäude zu bestimmen. Das heißt, dass der systeme den Einbau ineffizienter Heizsysteme all-
einzuhaltende Grenzwert durch die Vorgabe von gemein untersagt. Es sind längere Übergangsfris-
U-Werten für Bauteile und von Anlagenkonfigura- ten bis zum Einsetzen der Pflicht zur Außerbetrieb-
tionen bestimmt wird. Wie das reale zu errichtende nahme vorgesehen.
Gebäude diesen Grenzwert einhält, ist Sache des Zur Stärkung der hoheitlichen Überwachung
Bauherrn und seines Planers. Damit besteht – wie werden die Bezirksschornsteinfegermeister gesetz-
auch bisher schon in der EnEV – Flexibilität bei lich mit der öffentlichen Aufgabe betraut, im Rah-
der Auswahl des Weges, mit dem die Anforde- men der Feuerstättenschau bestimmte Prüfungen
rungen erreicht werden. Die einzelnen Energie- vorzunehmen, Fristen zur Nacherfüllung zu setzen
sparmaßnahmen dürfen vom Referenzansatz ab- und im Falle der Nichterfüllung die zuständige Be-
weichen; es zählt ausschließlich die Einhaltung hörde zu unterrichten. Zur Stärkung des Vollzugs
der Primärenergieanforderungen. Die EnEV 2009 werden weiterhin private Nachweise in Form von
bleibt bei einem technologieoffenen Ansatz. Unternehmer- und Eigentümererklärungen insbe-
Da bei Maßnahmen im Bestand – wie bisher sondere bei der Durchführung bestimmter Arbei-
auch in der EnEV – ein Nachweis für das Gesamt- ten im Gebäudebestand eingeführt. Gekoppelt wird
gebäude erbracht werden kann und dieser sich auf dies mit einer behördlichen Stichprobenkontrolle
den Neubaugrenzwert abstützt (Primärenergiebe- zu solchen privaten Nachweisen. Auf diese Weise
darf darf um bis zu 40% überschritten werden), soll bundesweit ein effektiverer Vollzug der Ener-
spielt die Neubauforderung auch in den Bestand gieeinsparverordnung ermöglicht werden, ohne
hinein. Aber auch bei Ansatz der Bauteilmaßnah- gleichzeitig aufwändige bürokratische Verfahren
men (die insbesondere bei Einzelmaßnahmen an- einzuführen.
gewendet werden) wurde mit der EnEV 2009 eine
durchschnittliche Verschärfung der energetischen Runder Tisch und Leitfaden
Anforderungen an Außenbauteile um etwa 30% „Nachhaltiges Bauen“
erreicht. Im Jahre 2001 wurde im Ergebnis einer gemein-
Die Modernisierungsmaßnahmen sind i. d. R. samen Initiative von Bauwirtschaft und Bauminis-
freiwillig und stehen in Zusammenhang mit ohne- terium der Runde Tisch „Nachhaltiges Bauen“
hin geplanten Verbesserungen. Nachrüstungsver- beim Bundesministerium für Verkehr, Bau- und
pflichtungen dagegen schreiben eine Modernisie- Stadtentwicklung eingerichtet. Dieser Runde Tisch
rung vor und sind an Fristen gebunden. Die EnEV hat u. a. die Aufgaben der Beratung der Bundesre-
2009 weitet die Nachrüstverpflichtungen aus. Die gierung und des BMVBS zu allen Fragen des nach-
Pflicht zur Dämmung bisher ungedämmter obers- haltigen Bauens, der Bildung einer Diskussions-
ter Geschossdecken wird unter bestimmten Zumut- plattform für alle relevanten Akteursgruppen, der
barkeitsvoraussetzungen auf begehbare oberste Erarbeitung von Positionen zur internationalen
Geschossdecken ausgedehnt. Soweit eine Dämm- und europäischen Gesetzgebung und Normung,
1042 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

der Erarbeitung von Grundlagen für ein nationales um die im Zertifikat geforderten Ziele auch mit
Bewertungssystem sowie der Vorstellung und Dis- planerischen und baulichen Mitteln zu erreichen.
kussion aktueller Forschungsergebnisse. Diese sind Zusätzlich werden bei einem quantitativen Ansatz
u. a. zugänglich unter www.nachhaltigesbauen.de. für die Bewertung und Zertifizierung von Gebäu-
Derzeit konzentrieren sich die Arbeiten am Runden den Daten für die Ökobilanzierung von Baupro-
Tisch auf die Formulierung konkreter Kriterien und dukten, Bauprozessen und Bauwerken, für die Er-
Anforderungen für die Bewertung der Nachhaltig- mittlung der Lebenszykluskosten sowie für die
keit von Gebäuden. Diese sind – basierend auf einer Abschätzung der Nutzungs- bzw. Verweildauer
ersten Fassung aus dem Jahr 2001 [BMVBS 2001] von Bauteilen in Bauwerken benötigt.
– Gegenstand eines aktualisierten und um die As- In Deutschland wurde ein System sich ergän-
pekte des Planens und Bauens im Bestand erweiterten zender Planungs- und Bewertungshilfsmittel ent-
Leitfadens „Nachhaltiges Bauen“ des BMVBS. wickelt und realisiert (s. Tabelle 3.2-1). Unter-
Zur Arbeit des Runden Tisches liegen in Deutsch- schiedliche Hilfsmittel zur Bauteil- und Bauwerks-
land positive Erfahrungen vor. Es wurde deutlich, optimierung sowie zur Zertifizierung greifen auf
dass ein Instrument zur Meinungsbildung und zum identische Datengrundlagen (qualitative Informa-
Meinungsaustausch dringend erforderlich war und tionen (z. B. Gesundheitsrisiken bei Verarbeitung
ist, um die unterschiedlichen Motive und Interes- und Nutzung) zu Bauprodukten, Ökobilanzdaten,
senlagen der Akteursgruppen kennen zu lernen und Lebensdauern, Kostenkennwerte) zu und können
einzubeziehen. Hier hat zwischenzeitlich eine er- über definierte Schnittstellen Informationen aus-
hebliche Erweiterung stattgefunden. Ursprünglich tauschen. So wird es möglich, entwurfsbegleitend
engagierten sich vorzugsweise die Baustoffindustrie produkt- und herstellerneutrale Daten aus der Pla-
und die Bauwirtschaft. Die Baustoffindustrie hatte nung allmählich durch produktkonkrete Informati-
ein Interesse, frühzeitig die Konsequenzen des onen aus der Angebotsphase zu ersetzen.
nachhaltigen Bauens für die Produktion und den Durch eine Integration wesentlicher Anforde-
Vertrieb von Bauprodukten zu erkennen und mit zu rungen der Zertifizierung in den Planungsprozess
gestalten; die Bauwirtschaft verfolgte – unterstützt soll sichergestellt werden, dass wesentliche Infor-
durch das Bauministerium – eine Strategie der Inte- mationen bereits in der Planung erzeugt und nicht
gration der Nachhaltigkeitsthematik in eine allge- – i. d. R. mit Mehrkosten verbunden – im Rahmen
meine Diskussion und Kampagne zur Verbesserung der eigentlichen Zertifizierung erarbeitet werden
der Bauqualität. Seit einiger Zeit bringen nun auch müssen.
Finanzierer, Versicherer, Rating-Agenturen und Einen Überblick zu den Instrumenten des nach-
namhafte Unternehmen aus dem Bereich Consul- haltigen Bauens, den Datenbanken und Informati-
ting ihre Standpunkte und Interessen ein. Diese sind onssystemen, zur Politik der Bundesregierung und
vorzugsweise auf die Entwicklung und Ausgestal- zu guten Beispielen ermöglicht das Internetportal
tung eines einheitlichen Systems zur Beschreibung, des Bundes: www.nachhaltigesbauen.de.
Bewertung und Zertifizierung der Nachhaltigkeit
von Gebäuden gerichtet.
3.2.1.4 Nationales System zur Bewertung und
Zertifizierung nachhaltiger Gebäude
System sich ergänzender Planungs-
„Deutsches Gütesiegel Nachhaltiges
und Bewertungshilfsmittel
Bauen“
Die Entwicklung, Erprobung und Einführung eines
Systems zur Zertifizierung der Nachhaltigkeit von Deutschland orientiert sich bei seinen momentanen
Gebäuden als alleinige Maßnahme reicht nicht aus. Arbeiten zur Entwicklung, Erprobung und Einfüh-
Zwar unterstützt ein glaubwürdiges Label Marke- rung eines nationalen Systems zur Beschreibung,
ting und Marktdurchdringung sowie die kompakte Bewertung und Zertifizierung nachhaltiger Gebäu-
Formulierung von Anforderungen an nachhaltige de am Stand der internationalen und europäischen
Gebäude seitens der öffentlichen Hand und der In- Normung von ISO TC 59 SC 14, ISO SC TC 59 SC
vestoren. Planer und Bauunternehmen benötigen 17 sowie CEN TC 350. Es wird das Ziel verfolgt,
darüber hinaus jedoch Grundlagen und Hilfsmittel, die Nachhaltigkeit von Gebäuden durch Einbezie-
3.2 Grundlagen für Nachhaltiges Bauen 1043

Tabelle 3.2-1 Überblick über das Gesamtsystem von Planungs- und Bewertungshilfsmitteln

Datengrund- Daten für die Ökobilanzierung von Bauprodukten und -prozessen


lagen Als Voraussetzung für die Ökobilanzierung von Gebäuden und baulichen Anlagen wurde eine nationale
Datenbank „Ökobaudat“ mit Angaben zur Ökobilanz relevanter Bauprodukte und -prozesse aufgebaut,
die ständig aktualisiert und erweitert wird. Aktuelle Anstrengungen sind auf die Ökobilanzierung haus-
technischer Anlagen gerichtet.
Daten für die Nutzungsdauer von Bauteilen
Angaben zur Nutzungsdauer von Bauteilen sind eine Voraussetzung sowohl für die Ökobilanzierung als
auch für die Lebenszykluskostenrechnung. Auf der Basis von Forschungsergebnissen wurde eine Daten-
bank aufgebaut.
Benchmarks Formulierung von Referenz-, Grenz- und Zielwerten
Für folgende Bereiche werden Benchmarks ermittelt und u. a. für die Entwicklung von Bewertungsmaß-
stäben verwendet:
– Ökobilanzdaten für (Referenz-)Gebäude,
– Nutzungskosten/Lebenszykluskosten,
– Angaben zur Bewertung der Flächeneffizienz,
– Angaben zur Bewertung des Gesamtenergieverbrauchs in der Nutzung.
Planungs- und Bauprodukt- und Gefahrstoffinformationssysteme
Bewertungs- Bauproduktsysteme stellen über frei im Netz verfügbare Informationen umwelt- und gesundheitsrele-
hilfsmittel vante Daten zu Bauproduktgruppen zur Verfügung und unterstützen so die Entscheidungsfindung im Pla-
nungsprozess, Gefahrstoffinformationssysteme weisen auf Umwelt- und Gesundheitsrisiken bei der Ver-
arbeitung und Nutzung von Bauprodukten hin (Beispiele: WECOBIS, WINGIS).
Elementkataloge und Hilfsmittel zur Konstruktionsoptimierung
Unter Nutzung der in Deutschland zur Kostenermittlung verbreiteten Element-Methode werden für Bau-
teile (z. B. Wände mit vollständigem Schichtenaufbau) Ergebnisse der Ökobilanzierung und der Kosten-
ermittlung zur Verfügung gestellt. Die Hilfsmittel zur Erstellung der Element-Kataloge können zusätz-
lich zur Konstruktionsoptimierung nach ökonomischen und ökologischen Gesichtspunkten genutzt wer-
den (Beispiele: SIRADOS; bauloop).
Komplexe Planungs- und Bewertungshilfsmittel zur Gebäudeoptimierung
Zur Unterstützung der Planung sowie als Grundlage für eine Zertifizierung werden komplexe Hilfsmittel
verwendet, die basierend auf einer einmaligen Beschreibung der Baukonstruktion die Baukosten, die Nut-
zungskosten, den Energieaufwand in der Nutzungsphase sowie die Ökobilanz für den vollständigen Le-
benszyklus ermitteln und die Basis für eine Gebäudeoptimierung bilden (Beispiel: LEGEP).
Hilfsmittel für Ökologische Zusatzanforderungen für Ausschreibungstexte
Ausschreibung In Form von Textbausteinen werden ökologische Zusatzanforderungen für eine Integration in die Leis-
tungsbeschreibung entwickelt und zur Verfügung gestellt.
Hilfsmittel für Handlungsanleitung und -empfehlung
Planer In Form einer netzgestützten Handlungsanleitung werden Planer auf Teilschritte in der Planung hinge-
wiesen, die für Nachhaltigkeitsaspekte eine hohe Bedeutung haben. Sie werden dann durch Hinweise auf
Normen, Leitfäden, Literatur und Fallbeispiele mit ziel- und problemgerechten Informationen versorgt.
Dokumente Gebäudepass/Hausakte
Über einen Gebäudepass/eine Hausakte werden während des Lebenszyklus relevante Informationen zum
Gebäude beschrieben, verwaltet und aktualisiert.

hung ökologischer, ökonomischer und sozialer As- tungssystem Nachhaltiges Bauen (BNB) basiert
pekte in all ihren Dimensionen zu beurteilen. Die- auf einem im Auftrage des BMVBS an der Tech-
se Beurteilung soll sich auf quantitative Methoden nischen Universität Darmstadt und der Universität
der Ökobilanzierung und Lebenszykluskostenrech- Karlsruhe entwickelten Konzept [Graubner et al.
nung stützen und somit auf wissenschaftlich aner- 2007b] und wurde mit der Deutschen Gesellschaft
kannten Methoden basieren. Das aktuelle Bewer- für nachhaltiges Bauen (DGNB) intensiv abge-
1044 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

stimmt und mit den dort entwickelten Ansätzen vor der Außenentwicklung – zu berücksichtigen
kombiniert. bei der Beurteilung der Flächeninanspruchnah-
Die Vielzahl bereits verfügbarer Methoden und me infolge der Grundstücksart und -größe,
Hilfsmittel zur Bewertung und Zertifizierung der – die Verbesserung der energetischen Qualität
Umwelt- und Gesundheitsverträglichkeit bzw. der durch Verschärfung der Anforderungen an den
Nachhaltigkeit von Gebäuden wurde bereits mehr- zulässigen Primärenergiebedarf von Neubauten
fach beschrieben und analysiert [Cole 2006, FW- um 30% bis 2009 gegenüber 2007 sowie um wei-
PRDC 2005]. Dabei wird deutlich, dass sich diese tere 30% bis 2012 – zu berücksichtigen bei der
bisher mehrheitlich auf die Verwendung von Kri- Beurteilung der Inanspruchnahme nicht erneuer-
terien aus den Bereichen Standortqualität, Ener- barer Ressourcen,
gieeffizienz, Klimaschutz, Ressourcenschonung – die Erhöhung des Anteils erneuerbarer Energie
und Gesundheit konzentrieren und damit zur Be- an der Wärmeversorgung von Gebäuden von ca.
schreibung der Umwelt- und Gesundheitsverträg- 6% im Jahr 2006 auf 14% im Jahr 2020 – zu be-
lichkeit von „green buildings“ beitragen. Eine rücksichtigen bei der Beurteilung der Nutzung
überwiegend qualitative Bewertung, die sich in erneuerbarer Ressourcen,
Punktesystemen ausdrückt, sich jedoch auch häu- – die stärkere Orientierung von Investitions- und
fig auf die Ergebnisse von vorausgegangenen Be- Vergabeentscheidungen an der Höhe der Lebens-
rechnungen zur energetischen Qualität stützt, ist zykluskosten mit dem Ziel, diese zu reduzieren
weit verbreitet. Systeme, die zusätzlich auch öko- – zu berücksichtigen bei der Beurteilung der
nomische Aspekte berücksichtigen und die Ergeb- ökonomischen Qualität,
nisse einer Ökobilanzierung und Lebenszykluskos- – die Verbesserung der Innenraumluftqualität – zu
tenrechnung einbeziehen sind dagegen noch sehr berücksichtigen bei der Beurteilung der Gesund-
selten. heitsverträglichkeit von Gebäuden im Rahmen
Das BNB-Bewertungssystem sieht vor, neben der sozio-kulturellen Qualität.
den ökologischen und sozio-kulturellen Qualitäten
des Gebäudes auch ökonomische Aspekte einzube- Ziel des BNB-Bewertungssystems ist die Vergabe
ziehen und so den Ansatz „green building“ in Rich- einer „Gebäudenote“ und die zusätzliche Beschrei-
tung „sustainable building“ zu erweitern. Es wird bung der Standortmerkmale. Die Gebäudenote
von einer gleichberechtigten Bedeutung ökolo- wird (wie bei der Stiftung Warentest auch) durch
gischer, ökonomischer und sozialer Aspekte aus- Teilnoten gebildet. Es gibt 5 Teilnoten für:
gegangen, die auch bei der Wichtung der drei Di-

mensionen der Nachhaltigkeitsbewertung berück- ökologische Qualität,
sichtigt werden. Es erfolgt eine zusätzlich zur – ökonomische Qualität,
Bewertung der Nachhaltigkeit des Gebäudes erfol- – soziokulturelle und funktionale Qualität,
gende Beschreibung der Qualität des Standortes – technische Qualität des Bauwerks,
und der Qualität der Prozesse der Planung, Errich- – Prozessqualität.
tung und Bewirtschaftung. In Tabelle 3.2-2 wird
ein Überblick zu den im System verwendeten Kri- Die Teilnoten werden durch die Auswertung ver-
terien gegeben (Stand Oktober 2009). schiedener Einzelkriterien beschrieben. Die Zahl
In die Festlegung von Kriterien sowie die Erar- dieser Einzelkriterien ist für Büro- und Verwal-
beitung von Messvorschriften und Bewertungs- tungsgebäude festgelegt. Allerdings wurde im Pro-
maßstäben fließen die nationalen, sich i. d. R. auch zess der Systemerstellung deutlich, dass nicht für
an Verpflichtungen auf europäischer bzw. inter- alle Kriterien hinreichend gute Nachweismethoden
nationaler Ebene orientierenden Zielstellungen zur Verfügung standen. Einige Kriterien bleiben
Deutschlands ein. Dies sind u. a.: vorerst „ausgeschaltet“ und müssen mit entspre-
chenden Forschungsaktivitäten erst „zum Leben er-
– die Reduzierung der täglichen Zunahme der weckt“ werden.
Verkehrs- und Siedlungsfläche auf 30 ha/d in Ziel war es u. a., alle bauordnungsrechtlichen An-
Deutschland u. a. durch einen Vorrang der Innen- forderungen und sonstigen öffentlich-rechtlichen
3.2 Grundlagen für Nachhaltiges Bauen 1045

Tabelle 3.2-2 Überblick zum deutschen Zertifizierungsansatz, Version 2008

Hauptkriterien- Kriteriengruppe Nr. Kriterium Wichtung


gruppe
Gebäudenote:
Ökologische Wirkungen auf die 1 Treibhauspotenzial (GWP) 22,5%
Qualität globale und lokale 2 Ozonschichtzerstörungspotenzial (ODP)
Umwelt
3 Ozonbildungspotenzial (POCP)
4 Versauerungspotenzial (AP)
5 Überdüngungspotenzial (EP)
6 Risiken für die lokale Umwelt
7 Sonstige Wirkungen auf die lokale Umwelt
8 Sonstige Wirkungen auf die globale Umwelt
9 Mikroklima
Ressourcen- 10 Primärenergiebedarf nicht erneuerbar (PEne)
inanspruchnahme 11 Primärenergiebedarf gesamt, Anteil PE erneuerbar
und Abfallaufkom-
men 12 Sonstiger Verbrauch nicht erneuerbarer Ressourcen
13 Abfall nach Abfallkategorien
14 Frischwasserverbrauch Nutzungsphase
15 Flächeninanspruchnahme
Ökonomische Lebenszykluskosten 16 gebäudebezogene Kosten im Lebenszyklus 22,5 %
Qualität Wertentwicklung 17 Wertstabilität
Soziokulturelle Gesundheit, 18 Thermischer Komfort im Winter 22,5%
und Behaglichkeit und 19 Thermischer Komfort im Sommer
Funktionale Nutzerzufriedenheit
Qualität 20 Innenraumluftqualität
21 Akustischer Komfort
22 Visueller Komfort
23 Einflussnahme des Nutzers
24 Gebäudebezogene Außenraumqualität
25 Sicherheit und Störfallrisiken
Funktionalität 26 Barrierefreiheit
27 Flächeneffizienz
28 Umnutzungsfähigkeit
29 öffentliche Zugänglichkeit
30 Fahrradkomfort
Gestalterische 31 Sicherung der gestalterischen und städtebaulichen
Qualität Qualität im Wettbewerb
32 Kunst am Bau
1046 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

Tabelle 3.2-2 (Fortsetzung)

Hauptkriterien- Kriteriengruppe Nr. Kriterium Wichtung


gruppe
Technische Qualität der tech- 33 Brandschutz 22,5%
Qualität nischen Ausführung 34 Schallschutz
35 thermische und feuchteschutztechnische Qualität der Gebäu-
dehülle
36 Backupfähigkeit der TGA
37 Bedienbarkeit der TGA
38 Ausstattungsqualität der TGA
39 Dauerhaftigkeit/Anpassung der gewählten Bauprodukte,
Systeme und Konstruktionen an die geplante Nutzungsdauer
40 Reinigungs- und Instandhaltungsfreundlichkeit der Bau-
konstruktion
41 Widerstandsfähigkeit gegen Hagel, Sturm und Hochwasser
42 Rückbaubarkeit, Recyclingfreundlichkeit
Prozessqualität Qualität der Planung 43 Qualität der Projektvorbereitung 10%
44 Integrale Planung
45 Nachweis der Optimierung und Komplexität der Herange-
hensweise in der Planung
46 Sicherung der Nachhaltigkeitsaspekte in Ausschreibung und
Vergabe
47 Schaffung von Vorraussetzungen für eine optimale Nutzung
und Bewirtschaftung
48 Baustelle/Bauprozess
49 Qualität der ausführenden Firmen/Präqualifikation
Qualität der 50 Qualitätssicherung der Bauausführung
Bauausführung 51 geordnete Inbetriebnahme
Qualität der 52 Controlling
Bewirtschaftung 53 Management
54 systematische Inspektion, Wartung und Instandhaltung
55 Qualifikation des Betriebspersonals
Standortnote:
Standortqualität 56 Risiken am Mikrostandort 100%
57 Verhältnisse am Mikrostandort
58 Image und Zustand von Standort und Quartier
59 Verkehrsanbindung
60 Nähe zu nutzungsrelevanten Objekten und Einrichtungen
61 anliegende Medien/Erschließung
62 Planungsrechtliche Situation
63 Erweiterungsmöglichkeiten/Reserven
Hinweis: Die grau hinterlegten Kriterien können noch nicht verwendet werden, da sie noch nicht methodisch festgelegt
werden konnten; zum Teil ergibt sich hier noch Forschungsbedarf. Die Bewirtschaftungsqualität spielt bei der Bewertung
des Neubaus keine Rolle.
3.2 Grundlagen für Nachhaltiges Bauen 1047

Regelungen verpflichtend einzubeziehen. Im ökolo- In der Pilotphase wurden auch Ziele und Refe-
gischen Bereich wird zusätzlich zu den im Zuge der renzen getestet. Dabei geht es darum, das System
Planung ohnehin abzuliefernden Nachweisen eine so auszulegen, dass man mit einer Erfüllung bzw.
Ökobilanz verlangt. Bei den ökonomischen Quali- knappen Übererfüllung von deutschen Standards
täten sind nicht nur Investitionskosten, sondern die das untere Ende von „Bronze“ erreicht. Damit
Lebenszykluskosten zu ermitteln. Die zusätzlichen werden zwei Botschaften transportiert:
Anforderungen an Nachweispflichten sind gering,
wenn im normalen Planungsprozess bereits über- 1. deutsche Standards sind auch im internationalen
greifende Überlegungen und Dokumentationen zur Maßstab auf allen Gebieten relativ hoch und
Nachhaltigkeit realisiert wurden. Die Ausrichtung 2. der Wert einer Zertifizierungsplakette liegt in
der Planung auf Übererfüllung und die erhebliche der hohen Qualitätssicherung durch das Zertifi-
Qualitätskontrolle sind das eigentliche Merkmal der zierungssystem.
Zertifizierung.
Das BNB-Bewertungssystem ist zurzeit nur für Darüber hinaus wurde auch die Gewichtung der
Büro- und Verwaltungsgebäude ausgelegt und wur- Einzelkriterien zueinander (Spreizung max. 1:3),
de an derartigen Gebäuden erprobt. Ende August die Festlegung von Mindestanforderungen bei je-
2008 lag das System in einer ersten Version (sog. dem Kriterium (Nichteinhaltung bedeutet Nicht-
Betaversion) vor. Eine vorgezogene Ersterprobung zertifizierung) und die Festlegung von Mindest-
wurde in Vorbereitung der Weltkonferenz für Nach- anforderungen an einzelne Kriteriengruppen (bei
haltiges Bauen Ende September in Melbourne/Aus- Erreichung des Gold-Standards müssen die Teil-
tralien durchgeführt. Testobjekt war die neu errich- aspekte mindestens Silber-Standard aufweisen)
tete Kreisverwaltung der Stadt Eberswalde. Das untersucht. Das System „Neubau von Büro- und
Gebäude wurde im Rahmen eines Wettbewerbs ge- Verwaltungsgebäuden Version 2009“ steht markt-
plant und städtebaulich erfolgreich integriert. Der bereit zur Verfügung. BMVBS hat die entspre-
Bau des energieoptimierten Gebäudes verlief unter chende Datenbank mit den Steckbriefen Anfang
wissenschaftlicher Begleitung. Der erste Zertifizie- Dezember 2009 im Internet veröffentlicht (unter
rungsdurchgang ergab einen Erfüllungsgrad von www.nachhaltigesbauen.de). Ein „update“ erfolgte
89% (Goldstandard). Auf der Weltkonferenz in Mel- im Januar 2011.
bourne erhielt die Bundesrepublik Deutschland für Dieses Bewertungssystem kann als Planungshilfe
dieses und zwei weitere Projekte sowie für das aus- oder Leitfaden für das Planen und Ausführen, als Ar-
gestellte Zertifizierungssystem den „World Sustai- beitsmittel für die Qualitätssicherung oder als Quali-
nable Building Award 2008“. tätssicherungssysteme mit einer Zertifizierung ver-
Aufgrund einer Vereinbarung mit der DGNB bunden werden. BMVBS hat es bei der Novelle des
wurden danach private und öffentliche Gebäude Leitfadens „Nachhaltiges Bauen“ Anfang 2011 ver-
ausgewählt, an denen in zwei Testphasen Ende wendet. BMVBS hat den Leitfaden per Erlass ver-
2008 und Anfang 2009 die Zertifizierungsversion bindlich für den Bundesbau eingeführt. Praktisch
2008 getestet wurden. Die Teilnehmer aus der ers- werden so alle Bundesgebäude (intern) gelabelt. Den
ten Pilotphase haben auf der internationalen Bau- Ländern und Kommunen wird diese Methode ange-
fachmesse BAU 2009 in München die ersten Pla- boten. DGNB hat begonnen, für den gewerblichen
ketten erhalten (s. Tabelle 3.2-3). Einbezogen wur- Bereich ein Zertifizierungsverfahren anzubieten. Die
den hochrangige Leistungen in der Architektur- Anwendung von Bewertungssystemen für die Nach-
und Ingenieurbaukunst des Bundes, der Länder, haltigkeit von Gebäuden und baulichen Anlagen ist
der Kommunen und von privaten Bauherren. Mit prinzipiell weiter freiwillig. Auch das Anbieten der-
den Ergebnissen wurde die Version „Neubau von artiger Systeme erfolgt freiwillig nach Marktprin-
Büro- und Verwaltungsgebäuden Version 2008“ in zipien.
eine Version 2009 überführt. Sie steht nunmehr für BMVBS prüft auf Anfrage Bewertungssysteme
den operativen Betrieb zur Verfügung. Dabei soll und empfiehlt sie zur Anwendung nach erfolg-
das System als freiwilliges Marktsystem eingesetzt reicher Prüfung für die Planungs- und Baupraxis.
werden. Dabei müssen wichtige Anforderungen eingehal-
1048 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

Tabelle 3.2-3 Objekte der ersten Probezertifizierung

Siegel Projekt Kurzbeschreibung Auditoren


in (Namen der eingebundenen Auditoren,
der Federführende ist unterstrichen)
Gold Umweltbundesamt 35.000 m² BGF, Herr Dr. Günther Löhnert (Planungsbüro Solidar)
Dessau Fertigstellung 2005 Herr Prof. Thomas Lützkendorf (Uni Karlsruhe)
Herr Holger König (Büro Ascona)
Herr Prof. Alexander Rudolphi (GfÖB)
Gold Kreisverwaltung 21.600 m² BGF, Herr Dr. Günther Löhnert (Planungsbüro Solidar)
Barnim Fertigstellung 2007 Herr Prof. Thomas Lützkendorf (Uni Karlsruhe)
Herr Holger König (Büro Ascona)
Gold Neues Regionshaus 8.400 m² BGF, Frau Dr. Kati Herzog (Fa. Bilfinger Berger)
Hannover PPP-Projekt, Herr Dr. Günther Löhnert (Planungsbüro Solidar)
EnOB-Projekt, Herr Prof. Thomas Lützkendorf (Uni Karlsruhe)
Fertigstellung 2007 Herr Holger König (Büro Ascona)
Gold Etrium Köln 3.500 m² Herr Hoffmann (ifes)
Fertigstellung 2008
Gold OWP 11 11.941 m² Herr Hoinka (Drees & Sommer)
Stuttgart Fertigstellung 2003
Silber Projekt Laim 290 10.760 m² BGF, Herr Ralf Bode (Union Investment AG)
München Fertigstellung 2008
Silber Projekt Atmos 45.000 m² BGF, Herr Thomas Rühle (Intep)
München Fertigstellung 2008
Silber ZUB Kassel 1.800 m² Frau Eßig (TU München)
Fertigstellung 2003
Silber Hauptverwaltung Vileda 7.004 m² Herr Dülger (EGS-Plan)
Weinheim Fertigstellung 2008
Silber Institutsgebäude der Fakul- 4777 m² BGF, Herr Prof. C-A. Graubner, TU Darmstadt
tät Bauingenieurwesen der Fertigstellung 2004
TU Darmstadt
Silber Karolinen Karree 12.800 m² Herr Rudolphi (gföb)
München Fertigstellung 2008
Bronze Justizzentrum 25.000 m² BGF, Herr Nicolas Kerz (IEMB Berlin)
Chemnitz PPP-Projekt, Herr Prof. C-A. Graubner, TU Darmstadt
Fertigstellung Ende 2008 Frau Dr. Kati Herzog (Fa. Bilfinger Berger)
Bronze Super C 7.546 m² Herr Kuhnhenne (RWTH Aachen)
Aachen Fertigstellung 2008
Bronze Saegeling Medizintechnik 570 m² Herr Fest (GPAC)
Heidenau, Sachsen Fertigstellung 2009
Bronze Züblin Z-Zwo 8.500 m² Herr Mahler (EGS)
Stuttgart Fertigstellung 2002 Herr Schweig (Züblin)
Bronze Medtronic 14.000 m² Herr Brembach (DIL Deutsche Baumanagement GmbH)
Meerbusch Fertigstellung 2008 Herr Wünschmann (CSD)
Bewertungsmaßstab:
– für jedes Nachhaltigkeitskriterium werden 10 Punkte vergeben
– dabei sind 5 Punkte der Referenzwert für derzeitige Qualität („main stream“), der Zielwert mit 10 Punkten ist in die Zu-
kunft geplant und verlangt eine Übererfüllung (z. B. bereits EnEV-Standard 2012)
– bei einer derartigen Übererfüllung aller Kriterien wäre ein Erfüllungsgrad von 100% möglich
– die Plaketten haben folgende Erfüllungsgrade: Gold >80%, Silber 65 bis 80% und Bronze 50 bis 65%
– Insgesamt ist das System (auch im internationalen Vergleich) hinsichtlich der Anforderungen sehr anspruchsvoll.
3.2 Grundlagen für Nachhaltiges Bauen 1049

ten werden. Es werden nur Systeme anerkannt, die wesentliche Voraussetzung für die Erarbeitung eines
eine Gesamtbeschreibung des Gebäudes vorneh- nationalen Konsens zu Fragen der Integration von
men. Das System muss gewährleisten, dass jede Nachhaltigkeitsaspekten in die Bau-, Wohnungs-
Kriteriengruppe mit konkreten Einzelkriterien be- und Immobilienwirtschaft ist. Es gelingt so einer-
schrieben wird. Diese Kriterien müssen auf nach- seits, über Forschungsprojekte entsprechende Vor-
vollziehbaren und eindeutigen Erhebungs- und Be- arbeiten zu initiieren und zu koordinieren und ande-
wertungsmethoden aufbauen und eindeutige Mess- rerseits gemeinsame Positionen bei der Entwicklung
vorschriften beinhalten. Die Kriterien werden nach eines nationalen Bewertungs- und Zertifizierungs-
Relevanz und Praktikabilität vom Systemersteller systems zu erarbeiten. Dieses System ist jedoch ein-
festgelegt. Bei jedem Kriterium ist eine Mindest- gebettet in ein Paket sich gegenseitig ergänzender
qualität vorzugeben, die zwingend eingehalten Informations-, Planungs- und Bewertungshilfsmit-
werden muss. Die Vorgabe der Mindestqualität tel, welches auf einer einheitlichen Datenbasis auf-
muss insbesondere bei Neubauvorhaben die Ein- baut und sich am Stand der internationalen und eu-
haltung aller gesetzlichen Anforderungen ein- ropäischen Normung orientiert.
schließen. Das neu entwickelte Bewertungssystem Nach-
Die Empfehlung des BMVBS („vom BMVBS haltiges Bauen des Bundes steht für die Begleitung
anerkanntes und für die Praxis empfohlenes Be- von Planungsaufgaben zur Verfügung. BMVBS hat
wertungssystem für nachhaltige Gebäude“) wird es für Bundesgebäude mit dem Leitfaden nachhal-
auf der Grundlage von Grundsätzen und Richtli- tiges Bauen verbindlich über die Bundesbauverwal-
nien ausgesprochen, die im Bundesanzeiger veröf- tung eingeführt und kann somit auch Vorbildwir-
fentlicht wurden. kung entfalten. Die DGNB als privater Systemabie-
Diese Anerkennungspraxis soll in der weiteren ter bietet entsprechende Bewertungssysteme am
operativen Tätigkeit auch bei anderen gewerblichen Markt an. Die Erweiterung auf weitere Gebäudeka-
Gebäudekategorien angewandt werden (z. B. Hotels, tegorien erfolgt durch BMVBS und entsprechende
Handelsbauten). Die DGNB hat auch hier bereits er- Systemanbieter. Diese können sich ihr System vom
ste Testversionen entwickelt. BMVBS schließt ein BMVBS anerkennen lassen. Bei Gebäuden und
derartiges Verfahren nur bei Gebäuden mit erheb- baulichen Anlagen, die von erheblichem öffent-
lichem öffentlichem Interesse aus. Bei Gebäuden lichem Interesse sind, werden Bewertungssysteme
und baulichen Anlagen, die ausschließlich von den in Arbeitsgruppen der Träger öffentlicher Belange
Trägern öffentlicher Belange betrieben werden, sol- beim BMVBS entwickelt und umgesetzt.
len diese auch selbst Bewertungssysteme entwi-
ckeln. Das betrifft den Wohnungsbau, Gebäude der 3.2.2 Nachhaltiges Bauen mit Beton
sozialen Infrastruktur (Schulen, Kitas), Infrastruk-
turbauten (Tunnel, Brücken) und Stadtquartiere. Udo Wiens, Bruno Hauer, Josef Hegger,
Zum Thema Wohnungsbau arbeitet bereits eine Ar- Tobias Dreßen
beitsgruppe beim BMVBS gemeinsam mit Vertre-
3.2.2.1 Nachhaltigkeit im Bauwesen –
tern und Spitzenverbänden der Wohnungswirtschaft.
Allgemeines
Mit den Ländern bestehen weitere Arbeitsgruppen
(z. B. zu Bildungsbauten). Nachhaltiges Bauen wird heute von vielen Akteuren
Insgesamt stehen damit in Deutschland nunmehr im Bauwesen eingefordert und weiterentwickelt.
umfangreiche Planungs- und Bewertungshilfsmittel Wie in Abschn. 3.2.1 ausgeführt, entwickelt das
zur Verfügung. Dem nachhaltigen Bauen und Planen Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtent-
ist damit besser als bisher der Weg bereitet! wicklung (BMVBS) ein Zertifizierungssystem zum
nachhaltigen Bauen, um die eigenen Bauten damit
3.2.1.5 Zusammenfassung und Ausblick bewerten zu können. Zu den Hauptkriterien der Be-
Vor dem Hintergrund der Erfahrungen in Deutsch- wertung der Nachhaltigkeit gehören die
land kann festgestellt werden, dass die Einrichtung
eines Runden Tisches „Nachhaltiges Bauen“ unter – ökologische,
Einbeziehung aller relevanten Akteursgruppen eine – ökonomische,
1050 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

– soziokulturelle und funktionale sowie die pekten bei der Planung, Ausführung, Nutzung und
– technische dem Rückbau von Betonbauwerken ausgearbeitet
werden. Hierzu müssen
Qualität eines Gebäudes, ergänzt um die Prozess-
– Nachhaltigkeitsaspekte in bestehende Planungs-
qualität und die Standortqualität, s. Abschn. 3.2.1.
und Ausführungsgrundsätze integriert werden,
Über die Bundesbauten und über Deutschland hin-
– bereits bestehende Bewertungsverfahren zum
aus will die Deutsche Gesellschaft für Nachhal-
nachhaltigen Bauen auf die Bedürfnisse und
tiges Bauen (DGNB) Bauwerke auf ihre Nachhal-
Randbedingungen des Betonbaus zugeschnitten
tigkeit bewerten, wie es durch ausländische Zertifi-
werden,
zierungssysteme schon praktiziert wird. Detaillierte
– den am Bau beteiligten Partnern Vorschläge für
Ausführungen über das Zertifizierungssystem des
technische Lösungen insbesondere unter Be-
Bundes und erste Ergebnisse von Pilotzertifizie-
rücksichtigung der Schnittstellen einzelner Le-
rungen finden sich in Abschn. 3.2.1. Internationale
benswegphasen zur Verfügung gestellt werden,
Normungsgremien auf ISO- und auf CEN-Ebene
– Planungswerkzeuge und neue Informations- und
arbeiten derzeit an der Ausgestaltung der Grundla-
Kommunikationstools akteursbezogen entwickelt
gen für das nachhaltige Bauen.
werden, die den Transfer relevanter Informationen
Letztlich wird das nachhaltige Bauen aber durch
entlang des Lebensweges sicherstellen.
die einzelnen Bauweisen konkret umgesetzt werden
müssen. Die Betonbauweise nimmt innerhalb des ge- Abgeleitet aus diesen Vorgaben arbeitet der Deut-
samten Bauwesens vor allem aufgrund der eingesetz- sche Ausschuss für Stahlbeton (DAfStb) im Rah-
ten Mengen an Material, der großen Breite der An- men eines durch das Bundesministerium für Bil-
wendungen und der in der Leistungsfähigkeit der dung und Forschung (BMBF) und von verschie-
Bauweise begründeten Entwicklungspotenziale eine denen Verbands- und Industriepartnern geförderten
herausragende technische und wirtschaftliche Stel- Verbundforschungsprogramms (Laufzeit bis Okto-
lung ein. So wurden im Jahr 2008 in Deutschland ber 2009) an der Erstellung einer DAfStb-Richtli-
rund 41 Mio m3 Transportbeton hergestellt, hinzu nie „Grundsätze des nachhaltigen Bauens mit Be-
kommen in gleicher Größenordnung Betonfertigteile ton“ (GrunaBau). In dieser zentralen Richtlinie
und Betonwaren. Anwendungsbeispiele lassen sich sollen die wesentlichen am Betonbau Beteiligten
in Wohn- und Bürobauten mit Fundamenten, Decken, eine Unterstützung für die Umsetzung nachhal-
Wänden, Stützen, Treppen und Balkonen ebenso fin- tigen Bauens in der täglichen Berufspraxis finden.
den wie im Industriebau (Industriefußböden, Schorn- Der Weg dazu führt von der Darstellung der grund-
steine), im landwirtschaftlichen Bauen (Ställe, Gül- legenden Nachhaltigkeitsaspekte über die Hinwei-
le- und Biogasbehälter) oder bei Infrastrukturmaß- se zum Informationsfluss zwischen den Beteiligten
nahmen (Straßenbeläge, Schwellen und feste Fahr- bis hin zu Empfehlungen zur technischen Umset-
bahn bei Eisenbahnstrecken, Schleusen und Dämme zung. Die GrunaBau erhält dadurch einen für den
im Wasserbau, Tunnel, Masten). Die Anwendungs- Betonbau bisher noch nicht erreichten Konkreti-
möglichkeiten werden zudem durch die Entwick- sierungsgrad mit beträchtlicher Breitenwirkung
lungen in der Betontechnik, z. B. hochfeste Betone, und liefert somit einen wichtigen Baustein zum
erweitert. Diese exemplarisch ausgewählten Zahlen nachhaltigen Bauen in Ergänzung zu dem System
und Beispiele verdeutlichen, dass eine nachhaltige der Planungs- und Bewertungshilfsmittel, die zur
Entwicklung insbesondere im Betonbau umgesetzt Zertifizierung der Nachhaltigkeit von Gebäuden
werden muss, wenn sie im Bauwesen allgemein auf im Rahmen des BMVBS-Systems herangezogen
breiter Ebene Wirkung entfalten soll. werden können, s. Abschn. 3.2.1.
Durch die Bündelung der gesamten Interessen
3.2.2.2 Nachhaltig Bauen mit Beton – der am Betonbau Beteiligten im DAfStb (Tragwerk-
Übersicht planer, Baustoffhersteller, Bauindustrie, Behörden,
Um das nachhaltige Bauen mit Beton zu fördern private und öffentliche Bauherren) wird die Umset-
und in der Praxis zu verankern, müssen Grundsät- zung der Leitlinien in die Normung und die Praxis
ze zur Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsas- sichergestellt. Im Rahmen von Vorstudien [Rein-
3.2 Grundlagen für Nachhaltiges Bauen 1051

Abb. 3.2-1 Darstellung der Forschungsschwerpunkte anhand des im Forschungsvorhaben entwickelten fiktiven Gebäu-
des „Der Stadtbaustein“

hardt et al. 2001] und Fachgesprächen innerhalb des bar macht: der „Stadtbaustein“. Ein möglicher kon-
DAfStb wurde das Forschungsprogramm struktu- kreter Gebäudetyp mit einer festgelegten Nutzung in
riert und auf insgesamt 5 spezifische Schwerpunkte einer bestimmten Lebensphase, der sich hinter dem
für den Betonbau fokussiert: Stadtbaustein verbirgt, ist z. B. das Bürogebäude mit
einer Tragstruktur aus Beton und einer integrierten
Projekt A: Nachhaltigkeitsbeurteilung baulicher
Tiefgarage (s. Abb. 3.2-1). Bereits bei der Baustoff-
Lösungen aus Beton
wahl besteht die Möglichkeit, den Ressourceneinsatz
Projekt B: Potenziale des Sekundärstoffeinsatzes
zu optimieren. Unter Verwendung von Silikastaub,
im Betonbau
Hüttensand oder Flugasche in der Zement- bzw. in
Projekt C: Ressourcen- und energieeffiziente, adap-
der Betonproduktion, die als Sekundärstoffe in ver-
tive Gebäudekonzepte im Geschossbau
schiedenen Prozessen anfallen, lassen sich z. B.
Projekt D: Lebensdauermanagementsystem
Hochleistungsbetone herstellen, wodurch Primär-
Projekt E: Effiziente Sicherstellung der Umwelt-
stoffressourcen eingespart werden können (Projekte
verträglichkeit
B und C). Diese innovativen Werkstoffe werden mit
Projekt F: Informationsplattform.
flexiblen, adaptiven Gebäudekonzepten gekoppelt
Zur Überprüfung der Forschungsansätze aus den (Arbeitspakete C1 und C2), die u. a. den Einsatz von
einzelnen Teilvorhaben wurde eine Projektionsflä- vorgespannten Fertigteilen mit für die Gebäudetech-
che entwickelt, die alle gemeinsamen Arbeitsrich- nik optimierten Querschnitten zum Ziel haben.
tungen und Zielsetzungen beschreibt und überprüf- Durch intelligente Weiterentwicklung bestehender
1052 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

Konstruktionsprinzipien und Anschlussdetails kann Wie in Abb. 3.2-1 schematisch angedeutet, wird
die Gebäudetechnik besser in die Gesamtkonstrukti- die Tiefgarage in das Grundwasser gebaut. Aus
on integriert und dadurch die Energieeffizienz des dem Beton können umweltrelevante Stoffe durch
Bürogebäudes gesteigert werden. Auslaugung an das Grundwasser abgegeben wer-
Gerade die Nutzungsphase übt einen oftmals den. Im Sinne der Reinhaltung des Grundwassers
dominierenden Einfluss auf die Kosten und Um- gemäß Wasserhaushaltsgesetz stellt die effiziente
weltwirkungen des gesamten Lebensweges aus. Sicherstellung der Umweltverträglichkeit der Be-
Energetische Aspekte sind hierbei von besonderer tonbauwerke im Rahmen der Nachhaltigkeitsbe-
Bedeutung. Im Optimierungsprozess mit der Trag- trachtung ein wesentliches in die Zukunft gerichte-
konstruktion können massive Innenbauteile aus tes Ziel dar (Projekt E). Hier gilt es insbesondere,
Beton das energetisch ungünstige Verhalten von die wesentlichen Freisetzungsmechanismen um-
transparenten Metall-Glas-Fassadenkonstruktionen weltrelevanter Stoffe zu ermitteln und deren Ver-
erheblich kompensieren und dazu beitragen, dass in teilung in situ, d. h. anhand von Pilotprojekten,
diesen Gebäuden auf die primärenergetisch ungüns- festzustellen und mit den bisher vorliegenden Er-
tige Kühltechnik ganz oder teilweise verzichtet wer- kenntnissen aus Laboruntersuchungen und Ver-
den kann (Arbeitspaket C3). gleichsrechnungen abzugleichen.
Die Instandhaltung stellt einen weiteren wesent- Kann die ursprüngliche Gebäudenutzung nicht
lichen Gesichtspunkt für das nachhaltige Bauen dar. mehr sinnvoll aufrechterhalten werden, ermögli-
Im Bereich der Tiefgarage werden durch einfahrende chen weit gespannte Deckensysteme eine mög-
PKW Tausalze eingeschleppt, die zur Bewehrungs- lichst große Flexibilität in der Umnutzung des Ge-
korrosion führen und große Schäden verursachen kön- bäudes (Projekte C1 und C2). Sollte am Ende des
nen. Für den Schutz des Betons vor dem Eindringen Lebensweges dann doch der Rückbau bzw. Abriss
der Tausalze müssen zusätzliche Maßnahmen ergrif- des Gebäudes erforderlich sein, können eine hoch-
fen werden (z. B. das Aufbringen einer Beschichtung wertige Nutzung des Altbetons einschließlich des
oder eines Asphaltbelages). Da die Lebensdauer von Betonbrechsandes noch einen möglichst hohen
Betonbauwerken größer ist als die der Beschichtungs- Nutzen im nächsten Lebenszyklus des Materials
maßnahmen, müssen Instandhaltungskonzepte ent- erbringen und dort Kosten und Umweltwirkungen
wickelt und optimiert werden, die eine Bewehrungs- mindern (Projekt B).
korrosion über die Lebensdauer des Betonbauwerkes Eine Klammer um alle Projektschwerpunkte
wirksam verhindern (Projekt D). Fester Bestandteil bilden die Projekte A und F. Mit ihrer Hilfe sollen
solcher Instandhaltungskonzepte ist die regelmäßige die einzelnen in den Projekten getroffenen Maß-
Zustandserfassung, die ggf. durch den Einsatz von nahmen hinsichtlich ihres Beitrages zur Nachhal-
Monitoring-Systemen unterstützt werden kann. Eine tigkeit beurteilt werden. Hierzu wurden zunächst
weitere Optimierungsmöglichkeit entsteht zwischen in einem wissenschaftlichen Diskurs die Kriterien
dem Nutzen der Instandhaltungsmaßnahme im Hin- für das Bewertungsverfahren in Projekt A festge-
blick auf eine Verlängerung der Lebensdauer und den legt. Die verschiedenen vorhandenen Werkzeuge
hierfür anfallenden Kosten. Zur Lebensdauerabschät- zur Beurteilung der Nachhaltigkeit wurden in der
zung sind probabilistische Verfahren weiterzuentwi- weiteren Projektbearbeitung auf den Betonbau ab-
ckeln, die sowohl bei der Planung hilfreich sind als gestimmt und ergänzt. Die Erarbeitung der Bewer-
auch zur Abschätzung der Restlebensdauer von beste- tungskriterien und -werkzeuge geschah dabei nicht
henden Bauwerken verwendet werden können. Eine losgelöst von der Arbeit der anderen Projekt-
Erhöhung der Dauerhaftigkeit des Betonbauwerkes schwerpunkte, sondern erfolgte vielmehr im Wech-
kann z. B. durch den bereits im Zusammenhang mit selspiel mit den Anforderungen und Erfahrungen
den Projekten B und C erwähnten Einsatz von dichten aus allen Projektschwerpunkten.
Hochleistungsbetonen unter Verwendung von Sekun- Das im Aufbau befindliche Online-Informa-
därstoffen erzielt werden. Die im Projekt D entwi- tionssystem (Projekt F) gibt den professionellen
ckelten Prinzipien lassen sich auch auf andere Beton- Nutzern gezielte Zugriffsmöglichkeiten auf Ein-
bauwerke, wie Brücken oder andere Infrastrukturbau- zelinformationen und Dokumente, die im Zuge
werke mit herausragender Bedeutung, übertragen. von Informations- und Entscheidungsprozessen im
3.2 Grundlagen für Nachhaltiges Bauen 1053

Hinblick auf Nachhaltigkeitsfragen im Betonbau lichen oder architektonischen Ansprüchen nicht


relevant sind. mehr genügen. Ziel muss es daher sein, durch ge-
Im Zusammenspiel aller Projekte wird schließ- eignete Maßnahmen die Lebensdauer der Trag-
lich die GrunaBau erstellt, die auf den Betonbau struktur effizienter und länger auszunutzen.
zugeschnittene Prinzipien für das nachhaltige Bau-
en enthält. Mit der Richtlinie wird das Konzept der Ökobilanzen für Beton
nachhaltigen Entwicklung auf einzelne Bauwerke Um die mit den Bauwerken verbundenen poten-
oder Gruppen von Bauwerken des Hoch- und Inge- ziellen umweltrelevanten Wirkungen beziffern zu
nieurbaus übertragen, deren Tragstruktur oder bau- können, sind diese über ökobilanzielle Betrach-
liche Elemente aus unbewehrtem Beton, Stahlbe- tungen zu bestimmen. Idealerweise wird in einer
ton und Spannbeton bestehen. Die Richtlinie wird Ökobilanz der gesamte Lebensweg eines Bauwerks
weiterhin die Grundlagen der Nachweisführung betrachtet. Dazu werden aber u. a. Daten für die
enthalten, mit deren Hilfe die Nachhaltigkeit eines mit der Baustoffherstellung verbundenen wesent-
Bauwerkes, eines Bauwerkteils oder baulicher Ele- lichen Umweltwirkungen benötigt, die in sog.
mente aus Beton quantifiziert werden kann. Baustoffprofilen oder auch in Umweltproduktde-
Eine detaillierte Darstellung über erste For- klarationen nach ISO 21930 zusammengefasst
schungsergebnisse ist in [Schlussberichte 2007, sind. Diese gehen als Modul in die Analyse der
Schießl et al. 2007] enthalten. Im folgenden Ab- Bauwerkserstellung oder der Bauwerkserhaltung
schnitt wird anhand einer vergleichenden Ökobilanz ein. In ihnen sind der mit der Baustoffherstellung
für die Tragstruktur des Stadtbausteins auf anschau- einhergehende Primärenergiebedarf und wichtige
liche Weise dargestellt, wie sich die ökologischen emissionsbedingte potenzielle Umweltwirkungen
Wirkungen verändern, wenn das Tragsystem derart enthalten, wie etwa der Beitrag zum globalen
gewählt wird, dass eine flexible Grundrissgestal- Treibhauseffekt, der im Wesentlichen auf Kohlen-
tung ermöglicht wird. dioxidemissionen beruht. Dabei werden nicht nur
der Energiebedarf und die Emissionen unmittelbar
bei der Baustoffherstellung im Werk betrachtet,
3.2.2.3 Bewertung der Flexibilität anhand
sondern auch die Vorketten wie die Erzeugung des
der Ökobilanz der Tragstruktur des
in der Baustoffherstellung benötigten Stroms und
Stadtbausteins
die erforderlichen Transporte berücksichtigt.
Allgemeines Um – wie im Folgenden beschrieben – verschie-
Die Tragstruktur eines adaptiven Gebäudes muss dene Konstruktionsvarianten in einem klar umris-
unterschiedliche Raumaufteilungen und damit senen Anwendungsfall miteinander vergleichen zu
auch variable Leitungsführungen der Gebäude- können, ist es i. Allg. sinnvoll, Baustoffprofile zu
technik ermöglichen. Vor allem die Deckenkons- verwenden, die eine durchschnittliche Situation
truktionen sind wegen des großen Baustoffbedarfs der Baustoffherstellung widerspiegeln. So ist in
von erheblicher Bedeutung für die Nachhaltig- [Zement-Taschenbuch 2008] das Baustoffprofil
keitsbetrachtung im Geschossbau, da hier sowohl Zement für das Bezugsjahr 2006 dargestellt. Die
große Chancen zur Steigerung der Ressourceneffi- Gehalte der Bestandteile des zugrunde liegenden
zienz liegen als auch wesentliche Potenziale hin- mittleren Zements entsprechen den über die ge-
sichtlich der Planungen für die flexible Nutzung samte deutsche Zementproduktion dieses Jahres
eines Gebäudes vorhanden sind. gemittelten Anteilen des Portlandzementklinkers
Die Lebensdauer des Ausbaus, der Gebäude- und anderer verwendeter Stoffe. Es werden die Ze-
technik und zum Teil auch der Fassade ist i. Allg.. mentherstellung inklusive der damit verbunden
deutlich geringer als die der Tragstruktur [Kalten- Vorketten bis zur Auslieferung des Zements am
brunner 1999]. Häufig werden Gebäude im städ- Werktor betrachtet. Darauf aufbauend wurden un-
tischen Raum vor Ablauf ihrer technischen Le- ter Nutzung des Baustoffprofils Zement Baustoff-
bensdauer abgerissen oder aufwändig umgebaut, profile für Transportbeton entwickelt. Die Druckfes-
da sie eine Nutzungsänderung nicht zulassen, die tigkeitsklassen C20/25, C25/30 und C30/37 stellen
Umsetzung technischer Neuerungen nicht ermög- mengenmäßig die wichtigsten Klassen für die
1054 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

Druckfestigkeit dar. Die Betone sind wie der Ze- tion gemäßen Zusammensetzung der Zementhaupt-
ment so zusammengesetzt, dass sie eine mittlere Zu- bestandteile entsprechen, zeigt Abb. 3.2-2 eine mög-
sammensetzung solcher Betone widerspiegeln (s. liche Variation der Baustoffprofile für Beton, falls
Tabelle 3.2-4) [Zement-Taschenbuch 2008]. In den statt des deutschen Durchschnittszements ein Port-
in Tabelle 3.2-5 dargestellten Baustoffprofilen sind landzement CEM I oder ein Hochofenzement CEM
die mit der Baustoffherstellung verbundenen Auf- III/A verwendet wird. Dargestellt sind die relativen
wendungen bis zur Auslieferung des Bauprodukts Unterschiede zwischen den Betonvarianten mit den
am Werktor berücksichtigt. Weitere Baustoffprofile unterschiedlichen Zementarten im Hinblick auf die
wurden im Projekt für höherfeste Betone entwickelt, betrachteten Ökobilanzindikatoren. Diese relativen
weitere ergänzende Baustoffprofile werden vorbe- Unterschiede stellen sich für die Betondruckfestig-
reitet. Mit Hilfe dieser Daten können unterschied- keitsklassen C20/25 bis C50/60 sehr ähnlich dar und
liche Konstruktionsvarianten analysiert werden. wurden entsprechend für die Darstellung über diese
Mit zunehmender Druckfestigkeitsklasse des Be- Betondruckfestigkeitsklassen gemittelt.
tons nehmen die potenziellen ökologischen Wir- Bei allen Indikatoren weist der Beton mit Port-
kungen zu. Diese Tendenz hat ihre wesentliche Ursa- landzement (CEM I) den höchsten Wert auf und
che in den mit der Festigkeitsklasse zunehmenden derjenige mit Hochofenzement (CEM III/A) den
Zementgehalten. Die Abnahme des Gehalts an Ge- niedrigsten. Es zeigen sich ähnlich große Unter-
steinskörnungen hat demgegenüber eine untergeord- schiede in den Wirkungskategorien Treibhauspoten-
nete Bedeutung. Insgesamt haben die potenziellen zial (GWP), Versauerungspotenzial (AP), Eutro-
Umweltwirkungen der Betonherstellungim Laufe des phierungspotenzial (EP) und Ozonbildungspoten-
letzten Jahrzehnts von 1996 bis 2006 deutlich abge- zial (POCP). Die Unterschiede beim Bedarf an
nommen, was insbesondere auch auf den erhöhten nicht erneuerbarer Primärenergie (PE n. e.) sind
Einsatz von Zementen mit mehreren Hauptbestandtei- nicht sehr groß, beim Ozonabbaupotenzial (ODP)
len zurückzuführen ist. noch geringer, um schließlich beim Indikator „Pri-
Während Tabelle 3.2-4 von Betonen ausgeht, die märenergie erneuerbar (PE e.)“ fast ganz zu ver-
einem mittleren Zement einer der deutschen Produk- schwinden.

Tabelle 3.2-4 Zusammensetzung der dem Baustoffprofil Transportbeton zugrundeliegenden Betone

Ausgangsstoffe C20/25 C25/30 C30/37


Gesteinskörnung kg/m³ 1880 1820 1790
Zement kg/m³ 260 290 320
Wasser kg/m³ 170 176 170
Flugasche kg/m³ 40 60 80
Betonverflüssiger kg/m³ 1,30 1,16 1,28

Tabelle 3.2-5 Baustoffprofil Transportbeton: Primärenergiebedarf und Wirkungsabschätzung der Herstellung von 1 m3
Transportbeton für drei Betondruckfestigkeitsklassen (Bezugsjahr 2006) [Zement-Taschenbuch 2008]

Auswertung Primärenergie C20/25 C25/30 C30/37


Primärenergie nicht erneuerbar MJ/m³ 1024 1108 1196
Primärenergie erneuerbar MJ/m³ 19 21 22
Treibhauspotenzial (GWP) CO2-Äq. 196 217 237
Ozonabbaupotenzial (ODP) R11-Äq. 0,53.10–5 0,58.10–5 0,63.10–5
Versauerungspotenzial (AP) SO2-Äq. 0,36 0,38 0,42
Eutrophierungspotenzial (EP) PO4-Äq. 0,050 0,054 0,058
Photooxidantienpotenzial (POCP) C2H4-Äq. 0,036 0,039 0,043
3.2 Grundlagen für Nachhaltiges Bauen 1055

Abb. 3.2-2 Ökobilanzielle Indikatoren für die Herstellung eines Betons mit einem Portlandzement CEM I und mit einem
Hochofenzement CEM III/A im Vergleich zur Herstellung des Betons mit einem Zement – für die deutsche Zementpro-
duktion – mittleren Gehalts der verschiedenen Zementbestandteile

Die Gebäudestruktur zungsänderungen angepasst werden können. An-


Zur Entwicklung von Gebäudekonzepten, die ein passungsfähigkeit beinhaltet auch, dass technische
möglichst hohes Maß an Veränderbarkeit und An- Anlagen und deren Teile mit vertretbarem Aufwand
passungsfähigkeit mitbringen, sind flexible Gebäu- rückgebaut, gewartet, instand gesetzt und umge-
destrukturen grundlegende Voraussetzung. Entge- baut werden können. Nachhaltige Gebäude sind
gen der Betrachtung einzelner Fachdisziplinen mit nutzergerecht zu gestalten, d. h., Behaglichkeit, ein
ihren unterschiedlichen Verfahrensweisen und Lö- gesundes Raumklima und eine technische Ausstat-
sungsansätzen werden die jeweiligen Einflussgrö- tung, die leicht bedien- und gut regulierbar ist,
ßen in einer integralen Planung von Architekt, Trag- müssen sichergestellt sein.
werksplaner und Gebäudetechniker identifiziert und Neben den wirtschaftlichen und sozialen Gesichts-
in einem gemeinsamen Lösungsprofil beschrieben. punkten, die sich aufgrund der demographischen
Um ein möglichst breites Anwendungsfeld der zu Entwicklung und des zu beobachtenden Struktur-
konstruierenden Bauteile abzudecken, gilt es, ge- wandels ergeben, spielt ein ökologischer Aspekt eine
meinsam eine intelligente Tragstruktur zu entwi- wesentliche Rolle. Die zu beobachtende zukünftige
ckeln, deren einzelne Strukturelemente variabel und Knappheit an fossilen Brennstoffen und die im Sinne
anpassungsfähig einsetzbar sind. der Nachhaltigkeit geforderte Ressourcenschonung
Adaptive Gebäudestrukturen müssen flexibel führen dazu, dass Energieversorgung und Energieef-
auf die Einteilung der Nutzungseinheiten und auf fizienz der Gebäude weiter an Bedeutung gewinnen
sich ändernde Anforderungen sowie auf weiter- werden. Aufgrund der Entwicklungserwartungen zu-
bzw. neu entwickelte Technik reagieren können. künftiger gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Pro-
Die technischen Ausbaugewerke sind dementspre- zesse sowie anstehender Veränderungen in der Ar-
chend so zu integrieren, dass sie in technischer, beitswelt müssen nachhaltige Gebäudekonzepte so-
ökonomischer und ökologischer Hinsicht an Nut- wohl flexibel gestaltet werden und als auch dazu
1056 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

Abb. 3.2-3 Der Stadtbaustein – Geschossaufbau und Abmessungen

beitragen, dass diese Gebäude energetisch effizient schreiben. Die Nutzungsanforderungen bezüglich
gebaut und betrieben werden können. der Raumabmessungen, der Raumhöhe, der Lage
Zur methodischen Überprüfung der jeweiligen im Gebäude, der Erschließungsmöglichkeiten, der
Forschungsansätze wurde der bereits vorgestellte Belichtung, der Belüftung und der Temperierung
„Stadtbaustein“ gewählt (vgl. Abb. 3.2-3). Dieser sowie der bauphysikalischen Parameter wie dem
dient als Bezugsgröße einer exemplarischen Ge- Schallschutz bilden eine wichtige Grundlage. Mit
bäudeeinheit und ermöglicht eine klare Definition den definierten Annahmen ergibt sich ein theo-
der Problemstellungen. retisches Fallbeispiel, anhand dessen konkrete
Zur Sicherstellung der Flexibilität innerhalb des Anforderungen abgeleitet und die möglichen Lö-
Gebäudekonzeptes sind die möglichen Nutzungen sungsansätze für bauliche Strukturen entwickelt
und Nutzungskombinationen sowie ihre räumliche werden. Die sich hieraus ergebenden Randbedin-
und technische Ausformulierung gezielt zu be- gungen des Stadtbausteins nach Abb. 3.2-3 sind:

Geschosse: Gebäude bis 22,00 m (Hochhaus)


o 6 Geschosse
Geschosshöhe: lichtes Raummaß von 2,75 m bis 3,00 m (Büro- und Wohnnutzung)
o H = 3,50 m
Stützenstellung: variabel (abhängig von Raster x, ein weit verbreitetes Fassadenraster ist 1,25–1,50 m)
Aufgrund zukünftiger Bedarfsänderungen in Bezug auf die Größe des Arbeits-
platzes (neue Medien) können sich diese Bezugsgrößen in der Zukunft ändern.
Gebäudetiefe: Anordnung einer Mittelgarage im Untergeschoss
o 15,60 m lichte Gebäudetiefe.
Weitere Anforderungen bestehen bzgl. der natürlichen Belichtung und Belüf-
tung.
Szenarien des ca. 450 m² Nutzfläche, Nutzung Wohnen/Büro
Stadtbausteins: Anforderungen nach heutigem Stand an Heizung/Kühlung, Sanitär, Lüftung, Elektro

3.2.2.4 Tragsysteme die eine beliebige Raumaufteilung und Leitungs-


Tragsysteme am Stadtbaustein führung zulassen, befriedigen unterschiedliche
Das Tragsystem ist ein wesentlicher Einflussfaktor Nutzerprofile und können damit zur effizienten
auf die Flexibilität eines Gebäudes. Tragsysteme, Ausnutzung der Lebensdauer eines Gebäudes bei-
3.2 Grundlagen für Nachhaltiges Bauen 1057

tragen. Die Demontierbarkeit erweitert die Flexi- Grundrissgestaltung, da keinerlei tragende Bauteile
bilität eines Tragsystems, da einzelne Elemente zwischen den Gebäudefassaden vorhanden sind.
ersetzt, entfernt oder hinzugefügt werden können. Die maximale Stützweite ist jedoch begrenzt, wenn
Neben der Funktionalität können dafür auch ästhe- die Geschosshöhe nicht zu groß werden soll. Des
tische Gründe ausschlaggebend sein. Im Geschoss- Weiteren sind spätere Änderungen im Tragwerk,
bau werden die Tragsysteme heute meist aus dem z. B. größere Öffnungen, nur begrenzt möglich.
Entwurf abgeleitet. Dementsprechend entwickelten Neue Konzepte im Bürobau verfolgen das Ziel
sich für Bürogebäude typische Tragsysteme. Im einer möglichst freien Raumaufteilung mit weni-
Wesentlichen lassen sich gemäß Abb. 3.2-4 drei gen vertikalen Traggliedern, um unterschiedliche
Systeme unterscheiden: die Unterzugdecke, die Bürotypen (Zellen-, Kombi-, Großraumbüro, Busi-
Flachdecke auf Stützen sowie die freitragende ness-Club) wahlweise zu ermöglichen. Meist wird
Platte über die gesamte Gebäudebreite. dabei in Gebäudelängsrichtung mittig ein Versor-
Durch die Anordnung von Unterzügen (Abb. gungskanal vorgesehen, von dem aus die jewei-
3.2-4a und b) kann i. Allg. die erforderliche De- ligen Nutzungseinheiten mit der erforderlichen
ckendicke und damit der Materialaufwand redu- Gebäudetechnik bedient werden [Hovestadt et al.
ziert werden. Weiterhin lassen sich Unterzugde- 1996, Lochner/Bauer 2004]. Dies erfolgt dabei
cken leicht mit Fertigteilen oder Teilfertigteilen entweder von oben über abgehängte Decken oder
herstellen. Nachteilig wirken sich die Unterzüge von unten über Hohl- oder Doppelböden.
vor allem auf die Grundrissgestaltung und die Lei- Während sich für Bürogebäude die vorgenann-
tungsführung aus. Meist ist bei dieser Konstrukti- ten typischen Tragsysteme durchgesetzt haben, sind
onsart eine Abhangdecke erforderlich, in der die die bisherigen Tragsysteme im Wohnungsbau kaum
Leitungen verlegt werden. Zur Realisierung gerin- kategorisierbar. Wohnungsgrößen und Raumauftei-
ger Geschosshöhen können Öffnungen in den Un- lung werden bei der Planung individuell entspre-
terzügen vorgesehen werden. Dies erfordert zum chend den jeweiligen Anforderungen festgeschrie-
einen eine genaue Planung der Leitungsführung zu ben, wobei eine Neuaufteilung von Räumen oder
einem frühen Zeitpunkt und schränkt zum anderen ganzen Wohnungen nur selten in Erwägung gezo-
die Flexibilität gegenüber sich ändernden Anforde- gen wird. In der Regel sind die Stützweiten im
rungen an die Techniksysteme, wie etwa Heizung Wohnungsbau begrenzt und der Anteil an tragenden
oder Lüftung, deutlich ein. Bei einem Nutzerwech- Innenwänden hoch. Dies resultiert nicht zuletzt aus
sel können zudem neue Anforderungen entstehen, den Anforderungen des Schallschutzes, die sich
die mit den vorgesehenen Öffnungen nicht zu rea- durch schwere Wände am leichtesten erfüllen las-
lisieren sind. sen. So ist z. B. zur Erfüllung der Schallschutz-
Eine größere Flexibilität sowohl bei der Grund- anforderungen an eine Wohnungstrennwand eine
rissaufteilung als auch bei der Leitungsführung 24 cm dicke Wand mit einer Rohdichte von
bietet die Flachdecke auf Stützen (Abb. 3.2-4c). U § 1.800 kg/m³ erforderlich [DIN 4109 1989].
Der Wegfall der Unterzüge führt jedoch i. d. R. zu
größeren erforderlichen Deckendicken bei glei- Deckensystem für flexible Nutzung
chem Stützenraster. Die Ausführung in Fertigteil- In jedem mehrgeschossigen Gebäude stellen die
bauweise ist bei diesem Tragsystem erschwert und Decken einen wesentlichen Teil der Bauleistungen
bei größeren Spannweiten wird häufig der Durch- dar. Die Decken erfüllen tragende und aussteifende
stanzwiderstand zum begrenzenden Faktor. Funktionen, bilden den oberen und unteren Raum-
Die freitragende Platte über die gesamte Gebäu- abschluss und müssen somit statischen, bauphysika-
debreite (Abb. 3.2-4d) erfordert die größte Decken- lischen, nutzungsbedingten und ästhetischen Anfor-
höhe. Solche Tragsysteme können meist nur durch derungen genügen. Die Decken können vorgespannt
eine Vorspannung und/oder hohe T-, U- oder TT- oder schlaff bewehrt, aus Normal-, Leicht- oder
Platten realisiert werden, die vorzugsweise als Fer- hochfestem Beton hergestellt und (wahlweise oder
tigteile auf die Baustelle geliefert und dort verlegt planmäßig) mit einer Ortbetonschicht versehen wer-
werden. Diese Art des Tragsystems ermöglicht an- den. Neue Entwicklungen von Deckentragsystemen
dererseits die größtmögliche Flexibilität in der zielen vor allem auf die Optimierung einzelner As-
1058 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

Abb. 3.2-4 Tragsysteme in Bürogebäuden am Beispiel des Stadtbausteins

pekte. Dies sind z. B. der Einsatz von Hohlkörpern tungsführung innerhalb des Deckenquerschnitts
zur Reduzierung des Eigengewichts [Fastabend eine flexible Raumaufteilung zu ermöglichen [VBI-
2003], die Integration von Wärmedämmschichten, Firmenschrift 2005, Maack 2003].
das Aufbringen von Rippen auf Elementdecken für Ein erster Lösungsansatz für eine Deckenkons-
größere Montagestützweiten [Rojek/Keller 2003] truktion wurde im Rahmen des BMBF-Verbundfor-
oder der Einbau von Leitungen auf Trägermatten schungsvorhabens entwickelt. Abbildung 3.2-5 zeigt
zur Bauteilaktivierung [Furche et al. 2004]. Zusätz- schematisch den möglichen Aufbau einer „intelli-
lich existieren Bestrebungen, durch variable Lei- genten Decke“. Die umgedrehte Fertigteilstegplatte
3.2 Grundlagen für Nachhaltiges Bauen 1059

Abb. 3.2-5 Deckenkonstruktion mit integrierter Leitungsführung und Abmessungen der Deckenkonstruktion am Bei-
spiel des Stadtbausteins

mit einer Höhe von nur 47 cm hat eine glatte Decke- forderungen an die Gebäudetechnik zu reagieren.
nuntersicht und bietet zwischen den Stegen Platz für Zur horizontalen Flexibilität kommt auf diese Weise
die Integration von Gebäudetechnikleitungen. Um eine vertikale Installationsflexibilität hinzu. Es be-
eine flexible Leitungsführung zu ermöglichen, sind steht unter den einzelnen Etagen bezüglich der Ge-
Öffnungen in den Stegen vorgesehen. Trotz des ge- bäudetechnikleitungen keine Abhängigkeit.
ringen Eigengewichts ist das Deckensystem bei einer Die Tragstruktur ermöglicht zum einen die Ver-
Spannweite von 15,60 m zur Begrenzung der Verfor- änderung innerhalb von Gebäuden hinsichtlich einer
mung vorzuspannen. Um die großen Vorspannkräfte reinen Wohn- oder Büronutzung, des Weiteren die
einleiten zu können und die Tragfähigkeit der Beton- Veränderung innerhalb von Gebäuden hinsichtlich
druckzone sicherzustellen, muss eine hohe Betonfes- einer Mischnutzung Wohnen/Büro und zum dritten
tigkeitsklasse verwendet werden (t C50/60). Auf das Offenhalten der Planung/Erstellung hinsichtlich
diese Weise kann der Druckgurt auf eine Breite von einer kurzfristigen Nutzungsfestschreibung.
30 cm im Abstand von 60 cm reduziert werden, so
dass ausreichend Platz zwischen den Stegen vorhan-
3.2.2.5 Exemplarische Gebäudebewertung
den ist. Wegen der Öffnungen sowie der Schubüber-
tragung zur unteren Platte ist in den Stegen eine hohe Beschreibung der Nutzungsszenarien
Querkraftbewehrung anzuordnen. In diesem Bereich Innerhalb des Nutzungszeitraums wurden für den
ist auch der Einsatz von ultrahochfestem Beton und/ Stadtbaustein zum Vergleich von Tragstrukturen
oder Stahleinbauteilen denkbar. für flexible Nutzung mit Standardlösungen drei
Die Installation der Gebäudetechnik kann hier Nutzungsszenarien definiert (Abb. 3.2-7).
von oben erfolgen. Kleinere Änderungen und War- Bei Gebäuden mit Büronutzung ist ein Nutzer-
tungsarbeiten an der Gebäudetechnik erfolgen durch wechsel häufig mit einer Neuaufteilung der Räume
Revisionsöffnungen. Auf den Rippen der Stegplatte und daher mit Umbaumaßnahmen verbunden. Mo-
lassen sich z. B. Anhydritplatten verlegen, auf denen derne Bürogebäude bieten heute die Möglichkeit, auf
dann alle gängigen Bodenbeläge aufgebracht wer- solche Nutzerwechsel zu reagieren. Anders verhält es
den können. Zur Erfüllung der Schallschutzanforde- sich dagegen bei einem Wechsel von einem Büro- zu
rungen sind geeignete Schalldämmschichten zu ver- einem Wohngebäude. Hier ist bei einer Standardlö-
wenden. Eine abgehängte Decke ist bei einem sol- sung i. Allg. ein Abriss unvermeidbar. Eine flexible
chen Deckenaufbau nicht erforderlich. Gebäudestruktur bietet dagegen die Möglichkeit, auch
Die Räume können auf der Grundfläche variabel auf die Umnutzung von einer Büro- zur Wohnnutzung
angeordnet werden (Abb. 3.2-6). So ist es möglich, zu reagieren. Die hohe Lebensdauer von Betonkons-
bei Nutzungswechseln auf die sich ändernden An- truktionen kann so effektiv ausgenutzt werden.
1060 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

Abb. 3.2-6 Horizontale und vertikale Installationsflexibilität

Abb. 3.2-7 Nutzungsszenarien des Stadtbausteins


3.2 Grundlagen für Nachhaltiges Bauen 1061

Für das „Vergleichsobjekt Standard“ wird als Tabelle 3.2-6 Ökologische Ziele und zugehörige Indika-
Tragstruktur für die Büronutzung eine Flachdecke toren
mit h = 26 cm auf zwei Außen- und zwei Innenstüt- Ökologische Ziele Indikatoren
zenreihen vorgesehen. Für die Wohnnutzung werden
die Wohnungstrennwände als massive, tragende un- Schutz des Klimas Treibhauspotenzial
bewehrte Wände ausgeführt, die Dicke der Decke Schutz der Ozonschicht Ozonabbaupotenzial
beträgt 24 cm. Das Deckensystem der „flexiblen Geringe Belastung von Versauerungspotenzial
Struktur“ spannt über die gesamte Gebäudetiefe von Erde, Wasser, Luft Überdüngungspotenzial
15,60 m. Die Treppenhauswände werden für sämt- Sommersmogpotential
liche Varianten in Stahlbeton ausgeführt. Die Fassa- (Ozonbildungspotenzial)
de sowie die leichten Trennwände bleiben bei der Schonung der energe- Primärenergie (erneuerbar/nicht
tischen Ressourcen erneuerbar)
Massenermittlung zunächst unberücksichtigt. Es
gelten die Abmessungen und Randbedingungen des
Stadtbausteins ab Oberkante Kellerdecke. hen Anteil tragender Wände führt zu einem hohen
Beton- und geringen Stahlverbrauch. Die Flexible
Bewertungsindikatoren Struktur mit einem Minimum an vertikalen Trag-
Im Projekt A des Verbundforschungsvorhabens wer- gliedern weist dagegen einen etwa doppelt so hohen
den die Instrumente der Nachhaltigkeitsbewertung Stahlverbrauch auf. Gleichzeitig wird etwa 40%
bereitgestellt [Graubner/Hock 2007a]. Zur Bewer- weniger, jedoch höherfester Beton benötigt.
tung der ökologischen und ökonomischen Dimensi- Die Abb. 3.2-9 und 3.2-10 zeigen die Ergebnisse
on der Nachhaltigkeit sind die Methoden der Ökobi- der ökologischen Bewertung der Tragstruktur. Ge-
lanz und der Lebenszykluskostenrechnung bereits genüber den heute üblichen Standardtragwerken für
allgemein anerkannt. Es werden hier zunächst nur den Büro- und Wohnungsbau ergeben sich für die
die Umweltauswirkungen betrachtet, da hierfür ei- flexible Struktur mit Ausnahme der erneuerbaren
ne geeignete Datenbasis vorliegt, die für den Beton Primärenergie um etwa 10–40% größere Umwelt-
im Forschungsvorhaben zusammengestellt wurde auswirkungen. Der Anteil erneuerbarer Primärener-
[Hauer 2008]. In Tabelle 3.2-6 sind die im Projekt A gie liegt nur bei etwa 5% der Gesamtprimärenergie.
für den Betonbau identifizierten Indikatoren den Die Umweltauswirkungen der drei untersuchten
ökologischen Zielen zugeordnet. Tragsysteme liegen im Bereich von r20%.
Im ersten Schritt beschränkt sich die Untersu- Es ist leicht vorstellbar, dass die höheren Umwelt-
chung auf die Ökobilanz der Tragstruktur. Der Aus- auswirkungen bei der Erstellung des Tragwerks durch
bau, die Fassade sowie die Gebäudetechnik bleiben Einsparungen bei Umbauten kompensiert werden. Es
unberücksichtigt. In der weiteren Betrachtung in- wird deutlich, dass die Decken bei allen Wirkungska-
nerhalb des Verbundforschungsvorhabens wird dann tegorien den größten Teil ausmachen (Abb. 3.2-10).
der gesamte Lebenszyklus der Gebäude analysiert Besonders deutlich wird dies bei den im Bürobau üb-
und um die Lebenszykluskostenrechnung ergänzt. lichen Skelett-Tragwerken. Dies zeigt, dass die De-
Die Methode der Ökobilanz, die im Folgenden bei- ckentragsysteme bezüglich der ökologischen Bewer-
spielhaft auf die Tragstruktur angewendet wird, ist tung wie auch bei der Planung von Tragstrukturen für
in [Graubner/Hock 2007a] ausführlich beschrieben. flexible Nutzung von besonderer Bedeutung sind.
Bei allen Tragwerkstypen dominiert der Anteil
Bewertung der Tragstruktur des Betons mit etwa 50–90% der Gesamtauswir-
Abbildung 3.2-8 zeigt die ermittelten Beton- und kungen je nach Indikator.
Stahlmengen. Um einen Vergleich der drei Tragsys-
teme zu erhalten, wurden die Mengen und Wir-
3.2.2.6 Grundsätze des Nachhaltigen Bauens
kungskategorien prozentual aufgetragen, wobei die
mit Beton – GrunaBau
Flachdecke auf Stützen (Standard Büro) zu 100%
gesetzt wurde. Mit abnehmendem Betonverbrauch Begleitend zu den zuvor beschriebenen For-
steigt die Menge an erforderlichem Stahl. Die Stan- schungsaktivitäten wird innerhalb des Deutschen
dardtragstruktur für den Wohnungsbau mit dem ho- Ausschusses für Stahlbeton an den Grundsätzen
1062 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

Abb. 3.2-8 Massen für die drei Tragstrukturen, getrennt für Stahl und Beton, sowie Verteilung der Betongüte

des nachhaltigen Bauens mit Beton gearbeitet. Das zum Lebenszyklusmodell und zu den Systemgren-
Leitpapier befindet sich noch in der Konzeptions- zen sowie die Auflistung der für den Betonbau rele-
phase. Die Gliederung der GrunaBau sieht derzeit vanten Kriterien der Nachhaltigkeitsbeurteilung. Zu
folgende sechs Abschnitte vor: den betrachteten Aspekten der Nachhaltigkeit gehö-
ren die Kriterien zur ökologischen Qualität, zur öko-
1 Anwendungsbereich
nomischen Qualität, zur soziokulturellen und zur
2 Bezugsdokumente – normative Verweisungen
funktionalen Qualität sowie Kriterien für die tech-
3 Begriffe
nische Qualität. Für den Aspekt der ökologischen
4 Grundlagen der Nachhaltigkeitsbeurteilung
Wirkung wurden z. B. die folgenden – für den Be-
5 Durchführung der Nachhaltigkeitsbeurteilung
tonbau wesentlichen – Indikatoren festgelegt:
– Lebenszyklusmanagement
6 Technische Empfehlungen. – Treibhauspotenzial (GWP),
– Ozonabbaupotenzial (ODP),
Die GrunaBau enthält Prinzipien für das nachhal-
– Versauerungspotenzial (AP),
tige Bauen mit Beton. Diese übertragen das Kon-
– Überdüngungspotenzial (EP),
zept der nachhaltigen Entwicklung auf einzelne
– Sommersmogpotenzial (PCOP),
Bauwerke oder Gruppen von Bauwerken des Hoch-
– Verbrauch an erneuerbarer/nicht erneuerbarer
und Ingenieurbaus, deren Tragstruktur oder bau-
Primärenergie (PE e./PE n. e.).
liche Elemente aus unbewehrtem Beton, Stahlbe-
ton und Spannbeton bestehen. Sie legt die Grund- Des Weiteren enthält die GrunaBau in diesem Ab-
lagen der Nachweisführung fest und gibt technische schnitt die verschiedenen Methoden und Instru-
Empfehlungen, mit Hilfe derer die Nachhaltigkeit mente, die für die unterschiedlichen Aspekte der
eines Bauwerkes, Bauwerkteils oder baulicher Ele- Nachhaltigkeit angewendet werden. So erfolgt z. B.
mente aus Beton quantifiziert werden kann. die Ökobilanz auf Basis der ISO 14040. Die Le-
Im vierten Abschnitt der GrunaBau sind die benszykluskosten werden in Anlehnung an die ISO
Grundlagen der Nachhaltigkeitsbeurteilung enthal- 15686-1 ermittelt. Besonders wichtig für die Repro-
ten. Bestandteil dieses Abschnittes sind Angaben duzierbarkeit der Ergebnisse der Nachhaltigkeitsbe-
3.2 Grundlagen für Nachhaltiges Bauen 1063

Abb. 3.2-9 Ökologische Indikatoren der drei Tragstrukturen, getrennt für Stahl und Beton

Abb. 3.2-10 Ökologische Indikatoren der drei Tragstrukturen, getrennt für die unterschiedlichen Bauteile
1064 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

wertung ist eine stabile Datenbasis, wie sie z. B. in In der weiteren Bearbeitung des Verbundvorha-
der Datenbank Ökobau.dat des BMVBS enthalten bens werden die Tragsysteme systematisch variiert
ist, s. Abschn. 3.2.1. Ebenso wichtig ist eine voll- und ergänzt. Es ist zu klären, wie der Anschluss der
ständige Dokumentation aller durchgeführten Schrit- Tragelemente untereinander erfolgt. Die ökologische
te innerhalb der Nachhaltigkeitsbewertung. Bewertung wird auf den Stadtbaustein mit Ausbau,
Der fünfte Abschnitt der GrunaBau widmet sich Gebäudetechnik sowie Fassaden etc. und die Be-
schließlich der Durchführung der Nachhaltigkeits- trachtung des gesamten Lebenszyklus mit Umnut-
beurteilung, deren Kernstück die Festlegung des sog. zungsszenarien, wie in Abb. 3.2-7 beschrieben, er-
Anforderungsprofils in der Konzeptionsphase ist. Im weitert. Zusätzlich erfolgt eine ökonomische Bewer-
Anforderungsprofil werden alle Anforderungen für tung anhand der Lebenszykluskostenrechnung in
die Bewertung festgelegt. Hierzu gehören z. B. die Zusammenarbeit mit dem Teilprojekt A. Einen wei-
verschiedenen Kriterien, die betrachtet werden sol- teren wichtigen Aspekt stellt die Demontierbarkeit
len, sowie die verwendeten Nachweisverfahren. In und Erweiterungsfähigkeit der Tragstruktur dar.
den weiteren Schritten der Planung, Nutzung und Grundvoraussetzung dafür sind der weitgehende
Beseitigung des Gebäudes wird dieses Anforde- Verzicht auf Ortbetonverguss und der Einsatz von
rungsprofil fortgeschrieben und dem Bauablauf ent- stahlbaumäßigen Verbindungen [Walraven 1988],
sprechend verfeinert. In jedem Schritt der Nachhal- wodurch der Bauablauf beschleunigt wird.
tigkeitsbewertung sind Anpassungen bzw. Ände- Mit dem DAfStb/BMBF-Verbundforschungsvor-
rungen des Anforderungsprofils zu dokumentieren. haben werden die Forschungsergebnisse in Grund-
Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch, dass das sätze des nachhaltigen Bauens mit Beton überführt
Anforderungsprofil über die verschiedenen Schnitt- und anwendergerecht aufbereitet. Dabei werden alle
stellen der am Bau Beteiligten fortgeschrieben wird. Lebensphasen von der Baustoffherstellung, der Pla-
Der sechste Abschnitt der GrunaBau sieht schließ- nung und der Erstellung von Bauwerken aus Beton
lich vereinfachte technische Empfehlungen für die über die Nutzungsphase bis zum Rückbau betrach-
Umsetzung des nachhaltigen Bauens mit Beton für tet. Diese „Grundsätze zum nachhaltigen Bauen mit
die folgenden Phasen des Lebenszyklus vor: Beton“ (GrunaBau) sollen helfen, die immer deut-
licher artikulierten Forderungen nachhaltigen Bau-
– Herstellung von Baustoffen,
ens in der Betonbauweise zu erfüllen.
– Planung von Betonbauwerken,
– Ausführung von Betonbauwerken, Die Schlussberichte des Verbundforschungsvorhabens
– Nutzung von Betonbauwerken einschließlich wurden in der Schriftenreihe des DAfStb veröffentlicht:
Instandhaltung und Umnutzung, Bleyer T et al.: Der Stadtbaustein im DafStb/BMBF-Ver-
– Beseitigung von Betonbauwerken. bundforschungsvorhaben „Nachhaltig Bauen mit Be-
ton“ – Dossier zu Nachhaltigkeitsuntersuchungen –
Somit liefert die GrunaBau die Methoden und Ins- Schlussbericht zum TP A im Verbundforschungsvorha-
trumente sowie die technischen Empfehlungen für ben „Nachhaltig Bauen mit Beton“. Berlin: Beuth – In:
das nachhaltige Bauen mit Beton über den gesam- Schriftenreihe des Deutschen Ausschusses für Stahlbe-
ten Lebenszyklus. ton, Nr. 588
Hauer B et al.: Potenziale des Sekundärstoffeinsatzes im
Betonbau – Schlussbericht zum TB B im Verbundfor-
3.2.2.7 Fazit schungsvorhaben „Nachhaltig Bauen mit Beton“. Ber-
Im Rahmen dieses Abschnitts wurde die Ökobilanz lin: Beuth – In: Schriftenreihe des Deutschen Aus-
schusses für Stahlbeton, Nr. 584 (Beitrag 1)
unterschiedlicher Tragstrukturen des Stadtbausteins
Brameshuber W et al.: Effiziente Sicherstellung der Um-
exemplarisch ermittelt. Die Ressourcen- und Abfall- weltverträglichkeit – Schlussbericht zum TP E im Ver-
einsparungen flexibler Tragsysteme gegenüber den bundforschungsvorhaben „Nachhaltig Bauen mit Be-
heutigen Standardtragsystemen im Geschossbau ton“. Berlin: Beuth – In: Schriftenreihe des Deutschen
können im Falle von Umnutzungen die höheren Um- Ausschusses für Stahlbeton, Nr. 584 (Beitrag 2)
weltauswirkungen bei der Erstellung ausgleichen Hegger J et al.: Ressourcen- und energieeffiziente, adaptive
und bei Betrachtung des gesamten Lebenszyklus in Gebäudekonzepte im Geschossbau – Schlussbericht
der Summe zu geringeren Auswirkungen führen. zum TP C im Verbundforschungsvorhaben „Nachhaltig
3.2 Grundlagen für Nachhaltiges Bauen 1065

Bauen mit Beton“. Berlin: Beuth – In: Schriftenreihe tems zur Beurteilung der Nachhaltigkeit von Gebäuden.
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Bauen mit Beton“. Berlin: Beuth – In: Schriftenreihe tig Bauen mit Beton“, Berlin 2008
des Deutschen Ausschusses für Stahlbeton, Nr. 586 Hegger J, Will N, Dreßen T, Schneider HN, Brunk MF, Zilch
Reinhardt H-W et al.: Online-Informationssystem „NBB- K (2007) Ressourcen- und energieeffiziente, adaptive
Info“ – Schlussbericht zum TP F im Verbundforschungs- Gebäudekonzepte im Geschossbau. Teilprojekt C1: Ge-
vorhaben „Nachhaltig Bauen mit Beton“. Berlin: Beuth bäudekonzepte für flexible Nutzung. DAfStb-Schriften-
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1066 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

3.3 Massivbau tet, das zur Beschreibung statisch bestimmter Sy-


steme, in denen Schnittgrößen allein durch das
Konrad Zilch, Ralf Schneider Gleichgewicht ermittelt werden können, ausreicht.
Durch Integration des nichtlinearen Querschnitts-
3.3.1 Einführung verhaltens über die Systemlänge werden Verfor-
mungen berechnet, die die Grundlage für die Er-
Der Massivbau als Sammelbegriff für Stahl- und füllung der Verträglichkeitsbedingungen und damit
Spannbetonbau stellt eines der klassischen und die Beschreibung des Tragverhaltens in statisch
zentralen Gebiete des Bauingenieurwesens mit er- unbestimmten Systemen liefern. Eine ausführ-
heblichem Anteil am gesamten Bauvolumen dar. lichere Darstellung der Inhalte dieses Abschnitts
Nach einer etwa 150-jährigen Entwicklung seit findet sich in [Zilch/Zehetmaier 2010].
den ersten Anfängen in der 2. Hälfte des 19. Jahr-
hunderts hat er heute in der Ausführung ebenso Nachweiskonzept im Massivbau
wie in der theoretischen Beherrschung ein hohes Nachzuweisen sind die Grenzzustände der Trag-
Niveau erreicht (s. [fip 1998; fib 2010]). fähigkeit, der Gebrauchstauglichkeit und der Dau-
Durch das Zusammenfügen von Stahl und Be- erhaftigkeit. Dies erfolgt durch explizite Berech-
ton im Verbundbaustoff Stahlbeton lassen sich die nung, daneben aber auch in erheblichem Umfang
spezifischen Eigenschaften der beiden Werkstoffe durch die Einhaltung konstruktiver Regeln, die die
ideal nutzen. Die kennzeichnenden Merkmale des Voraussetzung für die Gültigkeit der Rechenmo-
Betons sind seine relativ hohe Druckfestigkeit, sei- delle schaffen. Grundlage der Bemessung ist zur
ne Widerstandsfähigkeit gegen Umwelteinflüsse Zeit DIN 1045-1 (2008) für Tragwerke des üb-
und seine unproblematische Verarbeitung. Seine lichen Hochbaus und für Brücken DIN Fachbericht
freie Formbarkeit auf der Baustelle ermöglicht es, 102 mit im Wesentlichen analogen Regelungen. In
Bauten fast jeder Form und Größe als monolithische Zukunft gilt der Eurocode 2 [DIN EN 1992] mit
Gebilde auszuführen. Die geringe Zugfestigkeit den zugehörigen nationalen Anhängen. Der tech-
wird durch stählerne Bewehrung ausgeglichen, die nische Inhalt ist im Grundsatz identisch und über
die beim Reißen des Betons freiwerdenden Zug- den deutschen nationalen Anhang weitgehend der
spannungen aufnimmt, während Druckspannungen DIN 1045-1 gleichgestellt. Es sei auch hier darauf
im Wesentlichen vom Beton abgetragen werden. hingewiesen, dass im Eurocode für Druckkräfte
Man erhält so einen preiswerten, robusten Ver- eine andere Vorzeichendefinition benutzt wird.
bundbaustoff mit sehr günstigen mechanischen Ei-
genschaften, der bei sachgemäßer Ausführung eine Grenzzustand der Tragfähigkeit (GZT)
hohe Korrosionsbeständigkeit aufweist, da der Wesentliche Forderung im GZT ist die Erfüllung
Stahl im Beton vor Umwelteinflüssen weitgehend des statischen Gleichgewichts, ggf. unter Ausnut-
geschützt ist und die hohe Alkalität des Betons die zung plastischer Umlagerungen im Querschnitt bzw.
Korrosionsmechanismen des Stahls behindert. System. Die Betrachtung konzentriert sich daher
Das Verhalten von Stahlbetontragwerken wird auf Kräfte (bzw. Schnittgrößen). Die Nachweise
bereits unter geringen Spannungen durch das nicht- werden nach DIN 1045 Teil 1 nach dem Konzept
lineare Materialverhalten, insbesondere die ge- der Teilsicherheitsbeiwerte geführt, bei dem der Be-
ringe Zugfestigkeit des Betons, bestimmt. Voraus- messungswert der Einwirkungen (Index Sd; in DIN
setzung für die Beherrschung des Materials ist die 1045-1 wird hiervon abweichend die Bezeichnung
Kenntnis der komplexen mechanischen Zusam- Ed benutzt) mit dem Bemessungswert des Wider-
menhänge. Daher werden zunächst ergänzend zu stands (Index Rd) verglichen wird. Dieser Vergleich
3.1 bemessungsrelevante Materialeigenschaften wird traditionell mit Schnittgrößen geführt, z. B.
und -modelle der Einzelkomponenten Stahl und MSd”MRd. Die Bemessungswerte der aufnehmbaren
Beton sowie am einfachen Modell des Zugstabs Schnittgrößen ergeben sich mit den Bemessungs-
die Wirkungsweise des Verbundbaustoffs Stahlbe- werten der Materialfestigkeiten, die mit mecha-
ton erläutert. Hierauf aufbauend wird das Verhal- nischen Modellen in Schnittgrößen transformiert
ten des Stahlbetons auf Querschnittsebene betrach- werden. Der Nachweis kann im Rahmen plastischer
3.3 Massivbau 1067

oder nichtlinearer Berechnungsverfahren jedoch DIN 1045 Teil 1 definierten Expositionsklassen


auch auf der Ebene der Einwirkungen geführt wer- beschrieben werden. Mögliche Grenzzustände der
den (qSd”qRd), was die Berücksichtigung von Umla- Dauerhaftigkeit sind die Korrosion der Bewehrung
gerungen im System erlaubt. und die Zerstörung des Betongefüges durch che-
Geometrische Größen werden i. Allg. mit ihren mischen oder mechanischen Angriff.
Nennwerten angesetzt, da der Einfluss ihrer Streu- Die Dauerhaftigkeit hängt in erster Linie von
ungen auf die Sicherheit der Konstruktion bei üb- der richtigen Wahl der Baustoffe ab (im Massivbau
lichen Querschnittsabmessungen gering und durch v. a. niedriger Wasser/Zement-Wert, geeignete Ze-
die Teilsicherheitsbeiwerte der Festigkeiten abge- mentart, Zugabe von Zusatzmitteln und -stoffen
deckt ist. Bei Bauteilen mit sehr kleinen Quer- usw.). DIN 1045 Teil 1 erfasst dies durch eine Min-
schnittsabmessungen (z. B. dünnen Schalen) kann destbetonfestigkeitsklasse als Summenparameter; in
er dagegen erheblich sein [fib 1999]. Daher ist die Sonderfällen können jedoch weitergehende Über-
Einhaltung vorgegebener Mindestabmessungen legungen erforderlich sein (vgl. 3.1). Daneben ist
ebenso wie die Kontrolle (Güteüberwachung) der eine geeignete konstruktive Durchbildung (Ent-
Baustoffe und Bauausführung im Rahmen des Si- wässerung horizontaler Flächen, Vermeidung di-
cherheitskonzeptes zwingend erforderlich. rekter Beregnung und wechselnder Durchfeuch-
Zu den Grenzzuständen der Tragfähigkeit ge- tung etc.) wichtig (s.3.2).
hört ferner die Ermüdung, s. 3.3.14. Der Korrosionsschutz der Bewehrung wird in
Stahl- und Spannbetonbauwerken durch die Alka-
Grenzzustand der Gebrauchstauglichkeit (GZG) lität des Betons sichergestellt, die zur Bildung ei-
Nachweise der Gebrauchstauglichkeit umfassen ner schützenden Passivschicht aus Korrosions-
im Massivbau die Begrenzung von Spannungen, produkten auf der Stahloberfläche führt. Durch das
Rissbreiten und Verformungen. Sie werden zum Eindringen von Kohlendioxid in den Beton kommt
Erreichen der geforderten Zuverlässigkeit i. Allg. es jedoch zu einer von der Bauteiloberfläche in das
unter Verwendung von charakteristischen Werten Innere fortschreitenden Umwandlung des alka-
der Materialeigenschaften für Einwirkungskombi- lischen Kalziumhydroxids in neutrales Kalzium-
nationen mit definierter Auftretenshäufigkeit ge- karbonat (Karbonatisierung) und somit zu einer
führt. Die Sicherstellung der Verträglichkeit ist Aufhebung des Korrosionsschutzes.
hierbei ein wesentlicher Aspekt. Im Vordergrund Die Geschwindigkeit der Karbonatisierung hängt
stehen daher Verformungen. von der Diffusionsdichtigkeit des Betons, der zur
Vor allem die Rissbreiten- und Spannungsbe- Verfügung stehenden Wassermenge und der umzu-
grenzung dienen auch der Sicherstellung der „Dau- wandelnden Menge an Kalziumhydroxid, also im
erhaftigkeit“. Die Unterscheidung zwischen echten wesentlichen der Zementmenge, ab. Allerdings ist
Gebrauchstauglichkeitsnachweisen und (versteck- die Karbonatisierung keine notwendige Bedingung
ten) Dauerhaftigkeitsnachweisen ist entscheidend für den Beginn der Korrosion. Bei Vorhandensein
für die Verbindlichkeit des Nachweises, da erstere von Chloriden und Sauerstoff kann es auch im alka-
nur im Hinblick auf die Nutzung durch den Bau- lischen Milieu zu einem lokalen Durchbrechen der
herrn formuliert werden können (normative Emp- Passivschicht kommen. [Nürnberger u. a. 1988].
fehlungen stellen nur Richtwerte dar), letztere im Im Bereich von Rissen geht die Schutzwirkung
Interesse einer langfristigen Tragfähigkeit dagegen der Betondeckung teilweise verloren. Mit zuneh-
zwingend einzuhalten sind. mender Rissbreite wird die Karbonatisierung der
Rissufer und das Eindringen von Chloriden zur Be-
Dauerhaftigkeit wehrung beschleunigt. Die Korrosion erfolgt nun
Unter Dauerhaftigkeit versteht man die Erhaltung entweder durch Eigenkorrosion im Riss, bei der
der zur Gebrauchstauglichkeit und Tragfähigkeit Anode und Kathode im Riss liegen, oder durch die
erforderlichen Eigenschaften über die geplante Le- Bildung von Makroelementen, bei der nur die Ano-
bensdauer (i. Allg. 50 bis 100 Jahre) des Bauwerks de im Riss liegt, die kathodische Reaktion jedoch in
unter den chemischen und physikalischen Einflüs- den ungerissenen Bereichen zwischen den Rissen
sen der Umwelt, die durch die Einordnung in die in erfolgt. Im Fall der Makroelementbildung ist der
1068 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

Einfluss der Betondeckung auf den Korrosionsfort- Gemeinsames Kennzeichen aller Betone ist ihr
schritt weit größer als der Einfluss der Rissbreite. Aufbau aus einem Gerüst von Zuschlägen, das
Die Sicherstellung der Dauerhaftigkeit erfolgt durch eine Matrix aus Zementstein verbunden
heute i. d. R. nicht durch rechnerische Nachweise, wird. Das Zusammenwirken von Matrix und Zu-
sondern durch die Einhaltung mehr oder weniger schlag zeigt jedoch bei den verschiedenen Betonen
empirischer Konstruktionsregeln. Diese ergeben charakteristische Unterschiede, die bei der Bemes-
sich aus den wesentlichen Einflussparametern sung berücksichtigt werden müssen.
Rissbreite, Betondeckung und Diffusionsdichtig- Zur Beschreibung des Betons haben sich in der
keit. Letztere ist in erster Linie eine Funktion des Literatur drei Betrachtungsebenen entwickelt
Wasser/Zement-Wertes und somit wegen der star- [Wittmann 1983]: Während sich die Mikromodelle
ken Korrelation zwischen w/z-Wert und Beton- vor allem mit Struktur und Eigenschaften des Ze-
druckfestigkeit indirekt von der Festigkeitsklasse mentsteins befassen, beschreiben Mesomodelle das
abhängig. Für eine gegebene Umweltklasse wird Zusammenwirken von Zuschlag und Matrix unter
daher die Einhaltung einer Mindestbetondeckung, Berücksichtigung von Poren und mikroskopischen
einer maximalen Rissbreite und einer Mindestbe- Rissen. In der Ingenieurpraxis beschränkt man sich
tonfestigkeitsklasse gefordert. auf die Betrachtung von Makromodellen, in denen
Die unter Baustellenbedingungen erreichbare der inhomogene Baustoff durch die integrale Be-
Betondeckung weist erhebliche Streuungen auf, trachtung eines größeren Volumens zum Kontinu-
weshalb die Mindestbetondeckung als 5%- bzw. um homogenisiert wird.
10%-Fraktilwert definiert wird. Den anzustrebenden
Mittelwert, das sog. „Nennmaß der Betondeckung“,
erhält man durch Addition eines Vorhaltemaßes ¨c, 3.3.2.1 Mechanische Eigenschaften
das aus der Standardabweichung der Betondeckung der Mesostruktur
folgt und aus Baustellenmessungen zu ca. 10 bis 15 Das Verhalten des Betons wird auf der Mesoebene
mm ermittelt wurde [Dillmann 1996] (s. hierzu die von den deutlich unterschiedlichen mechanischen
DBV-Merkblätter „Betondeckung und Bewehrung“ Eigenschaften der beiden Komponenten Matrix und
und „Abstandhalter“). Neben dem Korrosionsschutz Zuschlag bestimmt. Eine Modellvorstellung ist in
können auch der Brandschutz (s. 3.3.13) und das Abb. 3.3-1 gegeben; Näheres hierzu s. Abschn. 3.1.
Verbundverhalten (s. 3.3.5.1) maßgebend für die Bei Steigerung der Belastung entstehen Mikrorisse
Wahl der Betondeckung werden. in der Kontaktzone zwischen Zuschlag und Matrix.
Während die Mikrorisse zunächst im Körper noch
gleichmäßig verteilt und nicht einheitlich gerichtet
3.3.2 Beton sind, kommt es bei Steigerung der Last in einem
räumlich begrenzten Bereich, der sog. „Riss-
Die Eigenschaften des Betons werden hier nur inso- prozesszone“, zu einer fortschreitenden Vereinigung
weit behandelt, als sie für die Bemessung der Bau-
teile von Bedeutung sind. Zu Fragen der Herstellung
wird auf 3.1 und zu baubetriebliche Aspekten auf
2.6 verwiesen. Ausführlichere Darstellungen siehe
z. B. [Hilsdorf/Reinhardt 2000]; eine an Vollstän-
digkeit kaum zu übertreffende Sammlung von Ma-
terial- und Bemessungsmodellen bietet der Model
Code 1990 des CEB-FIP (CEB 1993a), im Fol-
genden kurz MC 90 genannt, sowie das zugehörige
Textbuch des fib [fib 1999; fib 2010].
Man klassifiziert erhärteten Beton heute nach
seiner Dichte in Leicht- (J”2100 kg/m3), Normal-
und Schwerbeton (J•2800 kg/m3) oder nach seiner
Abb. 3.3-1 Modellvorstellung für den Spannungsverlauf
Festigkeit in normalfesten und hochfesten Beton. im Korngerüst
3.3 Massivbau 1069

der Mikrorisse, bis dort schließlich ein durchge- beton zeigt wegen der geringen Festigkeit der Zu-
hender, mit bloßem Auge sichtbarer Makroriss ent- schläge ein ähnlich sprödes Versagen.
steht, der zum Bruch des Körpers und einem Abfall Zur Erhöhung der Duktilität können kurze Fasern
der Spannungen bei Steigerung der Dehnung führt. (l = 30…50 mm) aus Stahl oder Kunststoff zugege-
Man bezeichnet diesen Vorgang als Lokalisierung, ben werden, die die Rissufer verbinden und die
da die Dehnungen im Körper nun nicht mehr gleich- Übertragung von Zugspannungen ermöglichen. Bei
mäßig verteilt sind, sondern lokal stark zunehmen, hochfesten Betonen bilden Kunststofffasern darüber
während die übrigen Bereiche nach dem Überschrei- hinaus ähnlich wie die Kontaktfläche Matrix/Zu-
ten der Festigkeit entlastet werden (Abb. 3.3-2). Der schlag bei normalfesten Betonen Schwachstellen im
Übergang von Mikro- zu Makrorissen erfolgt bei Gefüge, die eine Mikrorissbildung initiieren und so-
normalfestem Beton kontinuierlich. Bis zur vollstän- mit einen ähnlichen Versagensmechanismus hervor-
digen Trennung der Rissufer werden diese durch den rufen können [König/Kützing 1998].
Riss überbrückende Zuschläge verbügelt, was die
Übertragung geringer Zugspannungen auch nach Rissverzahnung
Beginn der Makrorissbildung erlaubt [Duda 1991]. Die im Beton entstehenden Makrorisse sind i. Allg.
Ein abweichendes Verhalten zeigen hochfeste rau, wobei zwischen der lokalen Mikrorauigkeit, die
Betone [König/Grimm 2000]. Bei steigender Fe- durch den Verlauf der Makrorisse um die Zuschläge
stigkeit des Zementsteines und der Kontaktzone entsteht, sowie der globalen Makrorauigkeit aus
(z. B. durch Zugabe von Mikrosilika und Reduzie- dem unebenen Verlauf der Risse zu unterscheiden
rung des w/z-Wertes) wird die Mikrorissbildung zu- ist. Dies ermöglicht eine Verzahnung der Rissufer
nehmend unterbunden; der Beton bleibt auch unter und somit die Übertragung von Schubspannungen
höheren Spannungen nahezu elastisch. Erreicht die über den Riss, solange die Rissöffnung verglichen
Festigkeit des Zementsteines die der Zuschläge, so mit der Größe der Zuschläge klein bleibt. Im Modell
erfolgt das Versagen, ausgehend von kleineren Fehl- kann die Verzahnung als Eindringen der als starr an-
stellen, sehr spröde, u. U. sogar explosionsartig. Die genommenen Zuschläge in die starr-plastische Ze-
Risse laufen nicht mehr in der Kontaktfläche um die mentsteinmatrix beschrieben werden [Walraven
Zuschläge, sondern durch die Zuschläge hindurch, 1980]. So entsteht im Riss abhängig von der Riss-
so dass eine Zugkraftübertragung im Riss und das öffnung w und Rissuferverschiebung s eine Vielzahl
damit verbundene langsame, duktile Versagen nicht von Kontaktflächen, in denen jeweils Normalspan-
eintritt. Ein solches Verhalten stellt sich je nach nungen und Reibung wirken, deren Integral die ma-
Qualität der verwendeten Zuschläge bei Beton- kroskopischen Spannungen Wcr,Vcr ergibt. Die Ab-
druckfestigkeiten ab ca. 60 bis 80 MPa ein; Leicht- hängigkeit von w, s ist stark nichtlinear (Abb. 3.3-
3). Eine Übertragung von Schubspannungen Wcr im
Riss führt immer auch zu einer Normalspannung
Vcr<0, d. h., eine Rissuferverzahnung ist nur mög-
lich, wenn die Öffnung des Risses durch äußere
Normalkräfte oder Bewehrung behindert ist.
Da mit steigender Festigkeit des Betons die
Risse zunehmend durch die Zuschläge verlaufen,
nimmt die Mikrorauigkeit bei hochfestem Beton
stark ab [Walraven/Stroband 1993]. Der Anteil der
Makrorauigkeit an der Verzahnung nimmt zu.

3.3.2.2 Mechanische Eigenschaften


der Makrostruktur
Im Allgemeinen wird Beton als makroskopisch ho-
mogenes, im unbelasteten Zustand isotropes Mate-
Abb. 3.3-2 Lokalisierung der Rissbildung unter Zugbean-
spruchung
rial beschrieben, was nur sinnvoll ist, wenn das
1070 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

betrachtete Bauteil wesentlich größer ist als die


verwendeten Zuschläge. Die Anwendung der gän- (3.3.1)
gigen Bemessungsmodelle ist daher an Mindestab-
messungen von etwa dem Fünffachen Größtkorn- gilt wobei wcr die lokalisierte Verlängerung der
durchmesser für die Bauteile gekoppelt. Rissprozesszone ist (Abb. 3.3-2); in der gemit-
telten V-HBeziehung wird diese mit Hcr=wcr/l über
Zugbeanspruchung die Länge verschmiert.
Die V-H-Beziehung von Beton unter Zugbeanspru- Die zur Erzeugung eines Trennrisses der Fläche
chung zeigt den in Abb. 3.3-4 dargestellten charak- „l“ erforderliche Energie (d. h. die schraffierte Flä-
teristischen Verlauf. Bis zu einer Spannung von ca. che in Abb. 3.3-4) wird als Bruchenergie Gf bezeich-
80% der Zugfestigkeit verläuft die Kurve geradli- net. Aus ihr leitet sich die charakteristische Länge
nig, bei höheren Spannungen kommt es zu einer
verstärkten Bildung von Mikrorissen und schließ- (3.3.2)
lich zum Zugversagen. Erhöht man nach Über-
schreiten der Festigkeit die Dehnung, so fällt die
Spannung steil ab und geht schließlich mit Bildung ab, die das Verhältnis zwischen der bei Rissbeginn
eines sichtbaren Trennrisses gegen Null. gespeicherten elastischen Energie je Volumeneinheit
Der Verlauf der Kurve im Nachbruchbereich 0,5·fct2/Ec und der im Verlauf der Rissbildung freige-
(d. h. nach Überschreiten der Festigkeit) ist keine setzten Energie wiedergibt. Sie ist als Materialkon-
reine Materialeigenschaft, sondern stark von der stante ein Maß für die Duktilität eines Baustoffs und
Probekörperlänge abhängig (Maßstabeffekt). Er liegt bei Beton zwischen 200 und 400 mm. Wegen
wird für größere Körper deutlich steiler, da für die der zunehmenden Sprödigkeit hochfester Betone
V-w-Beziehung eines Zugstabs mit einem Riss nimmt lch mit steigender Festigkeit ab.

Abb. 3.3-3 Verzahnung der Rissufer


3.3 Massivbau 1071

Abb. 3.3-5 Last-Verformungs-Kurve unter Druckbeanspru-


chung

verursachen hier nur geringfügige Änderungen im


Gefüge des Betons. Bei höheren Spannungen neh-
men die Dehnungen überproportional zu, was auf
die verstärkte Mikrorissbildung zurückzuführen ist,
Abb. 3.3-4 Last-Verformungs-Kurven unterschiedlicher die ab ca. 0,8 fc zur Auflösung des Betongefüges
Probekörper unter Zugbeanspruchung
und schließlich zum Bruch führt. Nach Überschrei-
ten der Druckfestigkeit fällt die Spannung mit zu-
Zur Beschreibung der allmählichen Lokalisie- nehmender Dehnung wieder ab, wobei auch hier
rung eignet sich insbesondere das sog. fictitious ein deutlicher Maßstabeffekt zu beobachten ist.
crack-model [Hillerborg et al. 1976]. Dabei wird Spannungs-Dehnungs-Beziehungen können daher
die gesamte, aus der verstärkten Mikrorissbildung im Nachbruchbereich nur in Abhängigkeit von der
und -vereinigung in der Rissprozesszone auftre- untersuchten Probekörpergröße angegeben werden
tende Längenänderung als Öffnung eines fiktiven [van Mier 1986].
Einzelrisses interpretiert (d. h., die Ausdehnung Die experimentelle Bestimmung des Verhaltens
der Rissprozesszone wird zu Null gesetzt). Zur unter Druckspannungen erfolgt durch zentrische
Umsetzung s. z. B. [Rots 1988]. Druckversuche. Die gebräuchlichen Probekörper
Die Zugfestigkeit liegt bei heute üblichen Beto- sind dabei Zylinder (‡/h=150 mm/300 mm) und
nen zwischen 2 und 5 MPa. Zur Bestimmung s. 3.1 Würfel (h=150 mm bzw. 200 mm). Die Bruch-
sowie DIN EN 12390. Aufgrund des Maßstab- spannung der Zylinder liegt bei ca. 85% bis 92%
effekts und der Überlagerung von Eigenspan- der an Würfeln (h=200 mm) gemessenen, wobei
nungen aus ungleichmäßigem Schwinden etc. ist die niedrigeren Werte für normalfeste, die höheren
die Festigkeit von der Probekörpergeometrie, dem Werte für hochfeste Betone gelten. Der Unter-
Spannungszustand und den Lagerungsbedingungen schied zwischen Würfel- und Zylinderfestigkeit
abhängig, was die Einhaltung definierter Prüfungs- beruht auf dem geometrisch bedingt anderen Span-
bedingungen und die Anwendung von Korrektur- nungszustand (Abb. 3.3-6). Da die Querdehnung
faktoren erfordert. des Betons durch die Belastungsplatten behindert
wird, entsteht in der Querrichtung an den Lastein-
Druckbeanspruchung leitungsstellen eine Druckspannung, die mit zu-
Unter einachsialer Druckbeanspruchung zeigt Be- nehmender Entfernung von den Lastplatten ab-
ton die in Abb. 3.3-5 dargestellte typische V-H-Be- klingt und bei den relativ schlanken Zylindern in
ziehung, die sich grob in drei Bereiche unterteilen der Mitte der Probekörperhöhe nahezu bedeu-
lässt: Bei geringen Spannungen bis ca. 0,4 fc ist tungslos ist, bei den gedrungenen Würfeln jedoch
das Verhalten nahezu linear, Be- und Entlastung zu einer Steigerung der Tragfähigkeit führt. Da die
1072 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

formuliert werden kann, weshalb Gl. (3.3.3) streng


genommen nur für eine bestimmte Bezugslänge, die
i. Allg. den üblichen Probekörperlängen (15–30 cm)
entspricht, gültig ist. Dieser Effekt wird jedoch häu-
fig vernachlässigt [Meyer/König 1998].
Bei hochfesten Betonen ist –2,2‰>Hc1>–3‰.
Die Kurve ist weniger stark gekrümmt und fällt im
Nachbruchbereich steiler ab, da die Mikrorissbil-
dung erst bei höheren Spannungen einsetzt und
schneller zum Versagen führt.
Gleichung (3.3.3) ist mathematisch unhandlich.
Vor allem die häufig erforderliche Integration über
Abb. 3.3-6 Einfluss der Querdehnungsbehinderung und einer gedrückten Fläche mit veränderlicher Deh-
Bruchbild im Druckversuch bei unterschiedlichen Probe- nung, etwa der Druckzone eines Balkens, ist, so-
körperformen fern sie analytisch erfolgt, relativ aufwendig. Bes-
ser geeignet sind hierfür Polynomansätze der Form
Vc=™ai Hci, deren Koeffizienten ai sich z. B. durch
Querdehnungsbehinderung in Bauteilen i. Allg. Anpassung an Gl. (3.3.3) gewinnen lassen [Jahn
nicht vorausgesetzt werden kann, entspricht die 1997], und die die Anwendung von Konturinte-
Zylinderfestigkeit eher dem Bauteilverhalten. gralen nach den in [Fleßner 1962] dargestellten
Die Druckfestigkeit fc der heute üblichen Be- Prinzipien erlauben.
tone liegt zwischen 20 und 60 MPa, bei dem in den Im Bereich geringer Beanspruchungen (|Vc| ”
letzten Jahren auch in der Praxis an Bedeutung ge- 0,5fc) lässt sich das Verhalten durch eine lineare
winnenden hochfesten Betonen werden unter Bau- Beziehung der Form Vc=Ec  Hc approximieren. Üb-
stellenbedingungen Werte bis 120 MPa erreicht. licherweise wählt man dabei für Ec den Sekanten-
Die z. Z. erforschten Ultrahochfesten Betone erge- modul bei 0,4fc, der sich aus Gl. (3.3.3) zu ca. 0,9
ben Druckfestigkeiten von bis zu 300 N/mm² Ec0 ergibt. Die Querdehnzahl des Betons wird in
[Schmidt et al. 2008]. Das entspricht dem zehn- bis diesem Bereich i. Allg. mit Q§0,2 angegeben. Mit
20-fachen der Zugfestigkeit. einsetzender Mikrorissbildung nimmt Q durch die
Im Allgemeinen wird das Verformungsverhal- fortschreitende Gefügeauflockerung erheblich zu
ten wie folgt beschrieben: bis hin zur Volumenvergrößerung (Q>0,5) nach Er-
reichen der Druckfestigkeit.

Mehraxiale Beanspruchungen
(3.3.3) Für zweiaxiale Beanspruchungen (V1z0, V2z0,
V3=0) wurde an Betonscheiben (20cmu20cmu5cm)
die in Abb. 3.3-7 dargestellte Versagenskurve ermit-
telt, die alle Spannungskombinationen beschreibt,
Dabei ist Ec0 der tangentiale E-Modul im Nullpunkt, die zum Versagen führten, während die innerhalb
Ec1 der Sekantenmodul und Hc1=–fc/Ec1 die Dehnung der Kurve gelegenen Kombinationen ertragen wer-
im Spannungsmaximum; fc ist definitionsgemäß po- den konnten [Kupfer 1973]. Unter Druckbeanspru-
sitiv, Vc,Hc bei Druck negativ. Es sind also zur Be- chung in zwei Richtungen ergibt sich eine signifi-
schreibung mindestens fc , Ec0 ,Hc1 erforderlich. Die kante Erhöhung der Festigkeit auf maximal 1,25 fc
Dehnung Hc1 ist im Bereich der üblichen Festigkeiten für V1=0,5 V2 und etwa 1,15 fc für V1=V2. Im Zug-
relativ konstant und liegt bei etwa Hc1=–2,2‰. Druck-Bereich dagegen fällt die aufnehmbare
Wie bereits erwähnt, ist der Kurvenverlauf im Druckspannung bei vorhandenem Querzug erheb-
Nachbruchbereich das Resultat einer Schadensloka- lich ab. Dies entspricht dem nach Abb. 3.3-1 zu er-
lisierung, so dass keine objektive (d. h. von der Pro- wartenden Verhalten, da die in Querrichtung vor-
bekörpergröße unabhängige) V-H-Beziehung mehr handenen Spannungen die zum Versagen führenden
3.3 Massivbau 1073

um, [Nielsen 1984]). Zu wirklichkeitsnäheren


Bruchkriterien und zum Verformungsverhalten s.
[Hofstetter/Mang 1995; CEB 1996].

Bemessungskennwerte
Die Beschreibung der mechanischen Eigenschaften
des Betons erfordert eine Vielzahl von Parametern,
die dem Ingenieur zum Zeitpunkt der Planung i. d. R.
nicht bekannt sind. Es ist daher sinnvoll, für die Be-
messungspraxis einfache Kenngrößen zu definieren,
die das Verhalten zwar nicht exakt, aber für die Be-
messung hinreichend genau beschreiben. Hierfür
nutzt man die in Versuchen beobachteten Korrelati-
onen zwischen den Eigenschaften, um das Material
durch einen Parameter zu beschreiben und alle an-
Abb. 3.3-7 Versagenskurve unter zweiaxialer Beanspru-
deren näherungsweise daraus abzuleiten.
chung
Man klassifiziert Beton nach DIN 1045 Teil 1
durch die charakteristische Zylinderdruckfestigkeit
Querzugspannungen entweder kompensieren oder fc (z. B. C 35/45: fc=35MPa). Alle anderen Eigen-
verstärken. Der Würfeldruckversuch liegt aufgrund schaften werden i. Allg. unter Verwendung empi-
der Querdehnungsbehinderung im Druck-Druck- risch ermittelter Beziehungen aus fc abgeleitet. Die-
Bereich, was die gegenüber dem Zylinderdruckver- se gelten nur innerhalb des ihnen zugrunde liegen-
such erhöhte Festigkeit erklärt. den Erfahrungsbereichs und erlauben keine Extra-
In der praktischen Anwendung kommt häufig polation. So überschätzt die in MC 90 angegebene,
das Mohr-Coulombsche Bruchkriterium (bzw. das an normalfesten Betonen ermittelte Beziehung
daraus abgeleitete Druck-Prager-Kriterium) zum
Einsatz, das Gleiten und somit einen Bruch postu-
liert, sobald in einer beliebig gerichteten Schnitt- (3.3.5)
ebene die dort wirkenden Spannungen die Grenzbe-
dingung
mit fc*=10 MPa, fct*=1,4 MPa, ¨fc=8 MPa die Zug-
W c – V· tan I (3.3.4) festigkeit hochfester Betone [Remmel 1994]. Für
diese gilt nach DIN 1045 Teil 1:
erfüllen. Für einen zweiaxialen Spannungszustand
lässt sich Gl. (3.3.4) anschaulich in der V-W-Ebene fctm = 2,12 · ln(1+fcm/fc*). (3.3.6)
darstellen (Abb. 3.3-8). Da der Mohrsche Span-
nungskreis die Spannungen in allen möglichen Der Elastizitätsmodul (Tangentenmodul) darf wie
Schnittebenen enthält, ist ein Spannungszustand folgt abgeschätzt werden:
möglich, wenn der zugehörige Mohrsche Kreis
vollständig innerhalb der Grenzgeraden liegt; Glei- Ec0m = 9500 · fcm1/3. (3.3.7)
ten tritt ein, wenn der Spannungskreis die Grenz-
bedingung tangiert. Die Orientierung der Gleitebe- Da Ec0m stark durch die verwendeten Zuschläge
ne kann aus dem Mohrschen Spannungskreis abge- beeinflusst wird, sollte Gl. (3.3.7) nur als Anhalts-
lesen werden. wert verstanden und bei anspruchsvollen Bauwer-
Im Zug-Zug-Bereich ergibt Gl. (3.3.4) unrealis- ken in jedem Fall durch Versuche überprüft wer-
tisch hohe Festigkeiten; daher wird das Überschrei- den.
ten der einaxialen Zugfestigkeit durch die größte Zur Vereinfachung wird weiterhin eine ideali-
Hauptspannung als zusätzliche Grenzbedingung sierte V-H-Beziehung eingeführt, das Parabel-
eingeführt (Modifiziertes Mohr-Coulomb-Kriteri- Rechteck-Diagramm (Abb. 3.3-9):
1074 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

Abb. 3.3-8 Modifiziertes Mohr-Coulomb-Kriterium

1045 Teil 1 aufgenommen. Der wesentliche Vorteil


des Parabel-Rechteck-Diagramms, die Unabhän-
gigkeit von der Betonfestigkeitsklasse, geht so je-
doch verloren.
Neben den rein mechanischen Eigenschaften
der Baustoffe ist zur Bemessung noch die Kenntnis
ihrer stochastischen Streuungen erforderlich. Die
charakteristischen Werte (5 bzw. 95%-Quantilen,
Index k) lassen sich in Ermangelung genauerer
Werte aus den Mittelwerten (Index m) wie folgt
Abb. 3.3-9 Parabel-Rechteck-Diagramm abschätzen:

fck = fcm – ¨fc (¨ fc = 8 MPa) ,


(3.3.9)
fctk,sup = 1,3 fctm fctk,inf = 0,7 fctm .

(3.3.8) Die Standardabweichung der Betondruckfestigkeit


wird demnach unabhängig von der Festigkeitsklas-
Mit Hc2=–2‰, Hc2u=–3,5‰ und n=2 ist die Form se mit etwa 5 MPa angenommen, was zumindest
bei normalfestem Beton von der Betonfestigkeit für Betone üblicher Festigkeit (fcm> 30MPa) durch
unabhängig, was die Anwendung vereinfacht. Das die Auswertung auf der Baustelle entnommener
reale Materialverhalten, besonders die Steifigkeit Stichproben bestätigt wird (Rüsch et al. 1969).
und die zunehmende Sprödigkeit bei steigender Dies impliziert einen mit zunehmendem Mittel-
Festigkeit, werden jedoch nicht wiedergegeben. wert abnehmenden Variationskoeffizienten V, da
Gleichung (3.3.8) sollte daher nicht als Spannungs- die Herstellung von Betonen mit höherer Festig-
Dehnungs-Linie verstanden werden, sondern als keit von vorneherein mehr Sorgfalt erfordert.
rechnerische Spannungsverteilung am Querschnitt Die an genormten Probekörpern bestimmten
im Grenzzustand der Tragfähigkeit unter Berück- Festigkeiten erlauben keinen direkten Rückschluss
sichtigung von Langzeiteffekten [Grasser 1968]. auf die Festigkeit im Bauwerk, da deren Streu-
Für hochfeste Betone lassen sich geeignete Bezie- ungen von Unsicherheiten beim Einbringen und
hungen durch verallgemeinerte Parabeln mit nicht Verdichten des Betons sowie anderen Erhärtungs-
ganzzahligen Exponenten (1<n<2) und variablen bedingungen auf der Baustelle überlagert werden
Stauchungen Hc2<–2‰ und Hc2u>–3,5‰ definieren [Lewandowski 1971]. Diese müssen im Rahmen
[Quast 1981]; entsprechende Werte wurden in DIN des Sicherheitskonzeptes berücksichtigt werden.
3.3 Massivbau 1075

3.3.2.3 Zeitabhängiges Verhalten

Beobachtet man das Verhalten von Versuchskör-


pern über längere Zeit, so stellt man eine signifi-
kante Erhöhung der Verformungen fest. Man trennt
die Langzeitverformungen gedanklich in die bei-
den Anteile Kriechen und Schwinden.

Kriechen
Kriechen bezeichnet die (um das Schwinden berei-
nigte) Zunahme der Dehnungen mit fortschreiten-
der Belastungsdauer unter konstanter Spannung.
Da jede reale Belastung eine gewisse Lasteinwir-
kungsdauer hat, beruht die Trennung in Kurz- und
Langzeitverformung auf einer reinen Konvention,
wobei der Term kurzzeitig im Verhältnis zur Dauer
der Versuchsdurchführung (etwa 1 bis 2 Minuten
nach DIN EN 12390) zu sehen ist.
Die zugrunde liegenden Mechanismen sind kom-
plex und vom Spannungsniveau abhängig. Bei gerin-
gen Spannungen kommt es lediglich zu einer Umla-
gerung des nach der Hydratation im Beton verblei- Abb. 3.3-10 Einfluss hoher Dauerspannungen
benden Wassers sowie zu Teilchenumlagerungen
innerhalb der Zementsteinmatrix. Die Kriechverfor-
mungen sind proportional zur angreifenden Span- bald die Festigkeit unter die einwirkende Span-
nung (lineares Kriechen) und nach einer Entlastung nung fällt. Somit definiert das Minimum der Kurve
teilweise reversibel (Rückkriechen). Formal kann die die Dauerstandfestigkeit des Betons, die (theore-
Kriechdehnung in Grund- und Trocknungskriechen tisch) unendlich lang ertragen werden kann [Rüsch
aufgespalten werden; ersteres bezeichnet die Kriech- 1960]. Sie unterliegt im Versuch starken Schwan-
verformungen eines versiegelten Probekörpers ohne kungen zwischen 0,65 und 0,85 der Kurzzeitfestig-
Feuchteaustausch mit der Umgebung, letzteres den keit [Rüsch u. a. 1968]. Die Zeitdauer bis zum Er-
durch das Austrocknen hervorgerufenen Anteil (s. reichen des Minimums (kritische Standzeit) hängt
auch [Hilsdorf/Reinhardt 2000; Bazant 1988]). von der Geschwindigkeit des Hydratationsfort-
Ab ca. 0,4 fc nimmt das Kriechen unter Druckbe- schritts und damit vom Betonalter t0 bei Bela-
anspruchung durch die Mikrorissbildung stark zu stungsbeginn ab. Für t0=7 Tage liegt sie etwa bei
(nichtlineares Kriechen). Da dieser Effekt eine fort- einem Tag, für t0=28 Tage bei ca. 3 Tagen [Hils-
schreitende Zerstörung des Betongefüges bedeutet, dorf/Reinhardt 2000].
kann auch bei Spannungen unterhalb der Kurzzeit- Unter Zugbeanspruchung lässt sich ein ähn-
festigkeit ein Bruch eintreten. Die Festigkeit des licher Abfall der Festigkeit mit der Belastungsdau-
Betons ist daher eine von der Belastungsdauer ab- er beobachten; die Dauerstandfestigkeit liegt hier
hängige Größe [Rüsch u. a. 1968] (Abb. 3.3-10). bei etwa 0,6…0,7 der Kurzzeitzugfestigkeit [Rein-
Bei Betonkörpern unter hoher Dauerlast wirken hardt/Cornelissen 1985].
zwei gegenläufige Effekte: Während die Mikro- Die Kriechdehnung Hcc(t) wird i. d. R. über die
rissbildung zu einer zunehmenden Schädigung des Kriechzahl I als Vielfaches der elastischen Kurz-
Betongefüges führt, verfestigt sich der Beton durch zeitdehnung Hel berechnet. Dabei liegt es wegen
die fortschreitende Hydratation weiter. Zusammen- der teilweisen Reversibilität nahe, die Kriechdeh-
genommen führt dies zunächst zu einem Abfall der nung in einen verzögert elastischen, d. h. rever-
Festigkeit bis zu einem Minimum und schließlich siblen, und einen irreversiblen Fließanteil aufzu-
wieder zu einem Anstieg. Der Körper versagt, so- spalten (Summationsansatz):
1076 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

Hcc(t,t0) = Hv,el (t,t0)+ Hfl (t,t0)


= Hel(Iv,el (t,t0) + Ifl (t,t0)) . (3.3.10)

Die klassischen Summationsansätze setzen voraus,


dass der zeitliche Verlauf der Fließverformung und
der vom Belastungsalter t0 abhängige Absolutwert
durch die gleiche Funktion beschrieben werden,
d. h. Ifl(t, t0)=Ifl(t)–Ifl(t0). Dies steht jedoch im Wi-
derspruch zu Versuchsbeobachtungen [CEB 1990].
Daher werden in der neueren Literatur und den
aktuellen Normen (EC 2, DIN 1045 Teil 1, MC 90)
Produktansätze verwendet, die auf die formale Tren-
nung der einzelnen Verformungsanteile verzichten.
Die Einflussfaktoren werden hier durch multiplika-
tive Verknüpfung erfasst. Für eine zum Zeitpunkt t0
aufgebrachte Spannung Vc=konst gilt dann

Hcc (t) = Hel I(t, t0) = Hel I0 E(t – t0) , (3.3.11)

wobei I0 den Endwert der Kriechzahl bezeichnet.


Die Funktion E(t–t0) beschreibt den zeitlichen Ver-
lauf der Kriechverformung; sie nimmt für t=t0 den
Wert 0 und für t o ’ den Wert 1 an. Die Endkriech-
zahl I0 ist von der relativen Luftfeuchtigkeit der
Umgebung, der Bauteilgröße und -form sowie dem
Alter des Betons bei Belastungsbeginn abhängig,
da die Kriechfähigkeit mit zunehmendem Alter ab-
nimmt. Der Produktansatz beschreibt den Beton
demnach als alterndes viskoelastisches Material. Abb. 3.3-11 Kriechverlauf bei veränderlicher Spannung
Der Einfluss der Dichtigkeit des Betongefüges auf
die Diffusionsvorgänge wird aus Gründen der Ein- HcV(t) = Hel (1+I (t,t0)) = Vc J(t,t0). (3.3.12)
fachheit meist nur über die Betondruckfestigkeit
erfasst. Üblicherweise liegt die Endkriechzahl bei Bei einer zeitlichen Änderung der Spannung wird
I0 =1,0…4,0, die Kriechverformung beträgt also zur Ermittlung der Kriechverformungen i. Allg. die
i. Allg. ein Mehrfaches der Kurzzeitverformung. Gültigkeit des Superpositionsgesetzes vorausgesetzt.
Das Kriechmodell der DIN 1045 Teil 1 wurde Der prinzipielle Unterschied zwischen Produkt- und
aus MC 90 weitgehend übernommen, jedoch zur Summationsansatz ist in Abb. 3.3-11 dargestellt.
Erfassung hochfester Betone um einige Korrektur- Eine grundsätzliche Vereinfachung der Produkt-
faktoren erweitert. Es verzichtet auf eine formale ansätze folgt aus der Tatsache, dass die für eine kon-
Trennung von Grund- und Trocknungskriechen, stante Spannung ermittelte Komplianzfunktion un-
was eine Näherung darstellt, da die zeitliche Ent- abhängig von vorhergehenden Belastungen zu allen
wicklung des Trocknungskriechens durch die Was- Zeitpunkten als gültig angesehen wird. In einigen
serdiffusion von der Bauteilgröße abhängen muss, Fällen führt dies zu unrealistischen Ergebnissen
die des Grundkriechens dagegen nicht. Eine Tren- [CEB 1990]. Diese Schwäche wird jedoch wegen
nung der Anteil führt jedoch zu erheblich kom- der einfachen Handhabung in Kauf genommen.
plexeren Formulierungen [Bazant/Baweja 1995]. Für höhere Spannungen ist die lineare Bezie-
Durch Zusammenfassen der Kurz- und Langzeit- hung zwischen Kurzzeitverformung und Kriech-
verformung erhält man mit der Komplianzfunktion verformung nicht mehr gültig, ab ca. 0,4 fc, d. h.
J(t,t0) die gesamte spannungsinduzierte Dehnung mit Beginn der Mikrorissbildung im Kurzzeitver-
3.3 Massivbau 1077

such, steigt die Kriechzahl deutlich an [Stöckl Dabei ist ts der Zeitpunkt des Beginns des Trock-
1981]. Näherungsweise kann man bei Belastungen nungsschwindens durch eine Änderung der Um-
unterhalb der Dauerstandfestigkeit die Endkriech- weltbedingungen (Ende der Feuchtlagerung). Die
zahl mit dem Faktor Einflüsse auf die Schwindverformungen sind im
Wesentlichen dieselben wie beim Kriechen: Luft-
e1,5 Â (|Vc|fc – 0,4) (3.3.13)
feuchtigkeit, Dichtigkeit und Bauteilgröße. Ty-
erhöhen. Das Superpositionsprinzip ist jedoch pische Werte des Endschwindmaßes liegen im Be-
nicht mehr anwendbar [Shen 1992]. reich von –0,2‰ bis –0,6‰.
Für numerische Untersuchungen kann es vorteil- Ergänzend sei darauf hingewiesen, dass die
haft sein, das Kriechverhalten durch einfache rheo- Trennung in Schwinden und Kriechen nur eine re-
logische Modelle – d. h. Kombinationen von Feder- chentechnische Vereinfachung darstellt, da man in
und Dämpferelementen – zu approximieren. Solche Versuchen eine deutliche Interaktion zwischen den
Modelle können zur Berücksichtigung nichtlinearer Phänomenen beobachtet. Auch berücksichtigen die
Effekte um Reibelemente, viskoplastische Elemente vereinfachten Ansätze die sehr komplexen Dif-
usw. ergänzt werden (siehe z. B. [Bazant 1988]). fusionsvorgänge nur summarisch über die Probe-
körpergröße. Die aus dem Vergleich der Kriech-
Schwinden und Schwindvorhersagen nach DIN 1045 Teil 1
Die an spannungslosen Probekörpern beobachtete mit Versuchsergebnissen ermittelten Variations-
Volumenverringerung wird als Schwinden bezeich- koeffizienten V betragen etwa 25% für das Krie-
net. Sie beruht auf einer Austrocknung des Betons, chen und 30% für das Schwinden. In vielen Fällen
also der Verdunstung des nichtgebundenen Was- ist es daher sinnvoll, obere und untere Fraktilwerte
sers (Trocknungsschwinden), und auf volumenre- der Verformungen zu ermitteln.
duzierenden chemischen Prozessen bei der Hydrata-
tion (autogenes Schwinden). Beide Prozesse laufen
zeitlich versetzt ab, da das Trocknungsschwinden 3.3.3 Betonstahl
von der Diffusion des Wassers zur Bauteilober-
fläche und damit von der Probekörpergröße, seiner Zur Herstellung sowie zu den chemischen und me-
Dichtigkeit und den Lagerungsbedingungen ab- chanischen Eigenschaften der Betonstähle wird
hängt. Die Verformungen aus dem Trocknungs- auf 3.1 sowie auf [fib 1999; fib 2010] verwiesen.
schwinden sind über den Querschnitt ungleich-
förmig verteilt und können beträchtliche Eigen-
3.3.3.1 Bemessungskennwerte
spannungen bis hin zur Rissbildung an der Kör-
peroberfläche verursachen. Bei einer Erhöhung Bei der Untersuchung von Tragwerken wird das
des Feuchtegehalts in einer Probe (z. B. Wasser- Verformungsverhalten des Stahls meist mit verein-
lagerung) lässt sich eine Volumenvergrößerung fachten, ideal elastisch-ideal plastischen bzw. ver-
(Quellen) beobachten, die allerdings deutlich ge- festigenden Modellen beschrieben; letztere be-
ringer ist als die Schwindverformung. rücksichtigen einen Anstieg der Spannung im
Die Beschreibung des Schwindens bzw. Quel- Fließbereich bis zur Zugfestigkeit ft (Abb. 3.3-12).
lens erfolgt analog zum Kriechen durch einen End- Als Bemessungskennwerte des Stahls sind dem-
wert Hs’ und eine Funktion des zeitlichen Verlaufes nach Es, fy, ft, Hsu erforderlich. Die charakteristi-
Es(t–ts). Im Modell der DIN 1045 Teil1 werden für schen Werte von Fließgrenze und Festigkeit wer-
die Anteile Trocknungsschwinden (Index d) und den als 5%-Fraktilen definiert, die Bruchdehnung
autogenes Schwinden (Index a) getrennte Ansätze als 10%-Fraktile. Der E-Modul streut nur gering-
gemacht; dies ist insbesondere bei hochfesten Beto- fügig und kann mit Es=200000 MPa angenom-
nen erforderlich, da diese aufgrund des geringeren men werden. Heute kommen fast ausschließlich
Wassergehaltes und der hohen Diffusionsdichtigkeit Stähle mit charakteristischen Fließspannungen von
ein geringes Trocknungsschwinden aufweisen: fyk=500 MPa und einer charakteristischen Zugfes-
tigkeit von ftk=550 MPa zum Einsatz. Rechnerisch
Hcs(t,ts) = Hcas’ Eas(t) + Hcds’Eds(t – ts) (3.3.14) darf nach DIN 1045 Teil 1 jedoch nur eine Zugfes-
1078 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

3.3.3.2 Arten und Formen


Betonstähle werden in Form von Stäben oder Mat-
ten verwendet. Sie sind national in DIN 488 bzw.
durch allgemeine bauaufsichtliche Zulassungen
geregelt. Auf europäischer Ebene wird DIN 488 in
Zukunft durch EN 10080 ersetzt.

Oberflächenprofilierung
Zur Verbesserung des Verbunds zwischen Stahl und
Beton kommen heute nahezu ausschließlich geripp-
te Betonstähle zur Anwendung (Abb. 3.3-13). Der
Grad der Profilierung wird durch die bezogene Rip-
Abb. 3.3-12 Idealisierung des Verformungsverhaltens von penfläche fR charakterisiert. Mindestwerte für fR
Betonstahl
liegen je nach Stabdurchmesser zwischen 3,9 und
5,6% (DIN 488). Da die Ausbildung der Rippen
tigkeit von ftk*=525 MPa bei einer Dehnung von (Höhe, Breite, Abstand, Ausrundungen) durch die
Hsu=25‰ ausgenutzt werden. Kerbwirkung am Übergang zum Stabkern einen we-
Neben der Festigkeit kommt durch den zuneh- sentlichen Einfluss auf die Dauerschwingfestigkeit
menden Einsatz plastischer Berechnungsverfahren des Bewehrungsstabes hat sind entsprechende An-
der Duktilität, d. h. der Fähigkeit, nach Erreichen der forderungen nach DIN 488 Teil 2 einzuhalten.
Fließgrenze die Dehnung ohne Abfall der Spannung Um die bei kaltverformten Stäben mit geringem
zu vergrößern, wachsende Bedeutung zu. Die hierfür Durchmesser herstellungsbedingt reduzierte Dukti-
wesentlichen Parameter sind Hsu sowie das Verhält- lität auszugleichen, wurden in den letzten Jahren Be-
nis ft/fy, vgl. 3.3.5.2. DIN 1045 Teil 1 unterscheidet wehrungsstähle mit Tiefrippung entwickelt (s. Abb.
daher zwischen normalduktilen und hochduktilen 3.3-13b). Die Verbesserung der Duktilität beruht auf
Betonstählen (Kategorien A und B). Ein als hoch- dem weicheren Verbundverhalten (s. 3.3.5), aber
duktil eingestufter Stahl muss mindestens Hsuk=50‰ auch auf der Verminderung der erforderlichen Kalt-
sowie eine Verfestigung von (ft/fy)k=1,08 besitzen, verformung beim Einprägen der Tiefrippen und
ein normalduktiler Hsuk=25‰ und (ft/fy)k= 1,05. Da-
bei ist zu beachten, dass (ft/fy)k der charakteristische
Wert des Verhältnisses von ft und fy ist, nicht das
Verhältnis der charakteristischen Werte. Für Son-
deranwendungen mit sehr hohen Duktilitätsanforde-
rungen (z. B. für Bauten in Erdbebengebieten) defi-
niert DIN EN 10080 zusätzlich einen Stahl mit
Hsuk=80‰ und (ft/fy)k=1,15 (Kategorie C).
Die für Betonstähle der Klassen A und B gefor-
derte Duktilität lässt sich auch durch andere Kom-
binationen von Hsuk und (ft/fy)k erreichen, da z. B.
eine Unterschreitung der Mindestwerte für (ft/fy)k
durch eine Übererfüllung der Anforderungen an
Hsuk erfüllt werden kann (s. [CEB 1998]).
Die stochastischen Streuungen der Material-
eigenschaften des Stahls sind wegen der hoch ent-
wickelten und unter kontrollierten Bedingungen
ablaufenden Produktionsverfahren erheblich ge-
ringer als die des Betons. Der Variationskoeffizient
der Festigkeiten liegt unter Annahme einer loga-
rithmischen Normalverteilung nur bei ca. 5%. Abb. 3.3-13 Oberflächenprofilierung
3.3 Massivbau 1079

der daraus resultierenden geringeren Aufhärtung ersetzt. Die beim Vorspannen gegen den erhärteten
[Schwarzkopf/Schaefer 1997]. Beton erforderlichen Verankerungskomponenten
sind wegen ihrer auf dem Markt befindlichen Viel-
Stabstähle falt als Spannverfahren in allgemeinen bauauf-
Die Durchmesser der Stäbe liegen zwischen 6 und sichtlichen Zulassungen, z. T. bereits in europä-
40 mm nach DIN 488 Teil 2 (Regellänge: 12 bis 15 ischen technischen Zulassungen mit zugehörigen
m). Daneben existieren Betonstähle, deren Anwen- nationalen Anwendungszulassungen, geregelt.
dung durch allgemeine bauaufsichtliche Zulassungen
geregelt ist, u. a. GEWI-Stähle mit Gewinderippen
und Durchmessern 12 bis 50 mm oder verzinkte und 3.3.4.2 Mechanische Eigenschaften
nichtrostende Bewehrungsstähle (s. [Bertram 2002]). Das mechanische Verhalten der Spannstähle unter-
Da in den normativ geregelten Bemessungsmodel- scheidet sich nicht grundsätzlich von dem der Be-
len zahlreiche Materialeigenschaften implizit vo- tonstähle. Allerdings ist das Vorspannen nur sinn-
rausgesetzt werden, müssen auch Stähle mit bauauf- voll, wenn dabei Stahlspannungen erreicht werden,
sichtlicher Zulassung die in der jeweiligen Norm die erheblich über den im Betonstahl möglichen lie-
zugrunde liegenden Mindestanforderungen erfüllen. gen (vgl. 3.3.11). Ihre Klassifizierung erfolgt durch
die charakteristischen Werte der 0,2%-Dehngrenze
Betonstahlmatten fp0,2k und der Festigkeit fpk. Der heute häufig ver-
Betonstahlmatten bestehen nach DIN 488 Teil 4 wendete Spannstahl St 1570/1770 besitzt demnach
aus kaltverformten, gerippten Stäben mit Durch- eine charakteristische Festigkeit von fpk=1770 MPa
messern von 4 bis 14 mm, die kreuzweise ver- und fp0,02k = 1570 MPa. Das entspricht etwa dem
schweißt werden. Zu unterscheiden ist grund- dreifachen Wert der Betonstähle.
sätzlich zwischen Lagermatten und Listenmatten. Das Verformungsverhalten entspricht qualitativ
Lagermatten weisen feste Stabdurchmesser und dem des Betonstahles, allerdings liegt der rechne-
-abstände nach einem nicht genormten, aber allge- rische E-Modul von Litzen etwas niedriger bei
mein verbreiteten Programm auf. Bei Listenmatten 190000 bis 200000 MPa. Für die Bemessung wer-
dagegen werden Stabdurchmesser und -abstände den ebenfalls bilineare Näherungen mit der 0,1%-
vom Konstrukteur objektbezogen festgelegt; sie Dehngrenze fp0,1k als technischer Fließgrenze ver-
erlauben eine optimale Anpassung an die individu- wendet (für St 1570/1770 ist fp0,1k§ 1500 MPa).
ellen Erfordernisse eines Bauwerks, erfordern je- Spannstähle zeigen unter hohen Dauerlasten
doch auch einen erhöhten Planungsaufwand. ähnlich wie Beton zeitabhängige Verformungen.
Die Kaltverformung führt zu einer Aufhärtung Diese werden jedoch nicht als Kriechen, sondern als
und somit zu einem Verlust an Duktilität, weshalb Relaxation bezeichnet, da für Spannglieder in vor-
Matten i. d. R. als normalduktil einzustufen sind, gespannten Bauteilen im wesentlichen Hp=konst gilt.
sofern nicht durch allgemeine bauaufsichtliche Zu- Es handelt sich hierbei um ein hochgradig nichtline-
lassungen eine andere Einstufung erfolgt. ares Phänomen, d. h., die Relaxationsverluste stei-
gen mit zunehmender Spannung überproportional
an. Der Anteil Ut der Verluste an der ursprünglichen
3.3.4 Spannstahl Spannung ist vom Spannstahl, der Art des Spann-
glieds, der Temperatur, dem Spannungsniveau und
3.3.4.1 Arten und Formen
der Einwirkungsdauer der Spannungen abhängig.
Spannstähle werden als glatte oder profilierte Stä- Zahlenwerte sind der Zulassung zu entnehmen.
be, Gewindestäbe und Litzen hergestellt, wobei
letztere die größten Marktanteile besitzen. Spann-
stähle sind bisher in Deutschland durch allgemeine 3.3.5 Verbundbaustoff Stahlbeton
bauaufsichtliche Zulassungen erfasst, die alle be-
3.3.5.1 Verbundverhalten des Stahls
messungsrelevanten Angaben enthalten müssen.
Im Rahmen der europäischen Normung werden die Das mechanische Zusammenspiel von Stahl und
Spannstahlzulassungen in Zukunft durch EN 10138 Beton wird durch den Verbund bestimmt, also durch
1080 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

Abb. 3.3-14 Kräfteverlauf vor einer Rippe

die Übertragung von Spannungen zwischen Beton


und Stahl. Diese beruht auf drei Mechanismen,
nämlich der Adhäsion, also der chemischen Bin-
dung zwischen Beton und Stahloberfläche, der me-
chanischen Verzahnung durch die Rippen und der
Reibung. Die Aktivierung dieser Mechanismen ist
mit einer Verzerrung in Form einer zwischen der
Bewehrung und dem umgebenden Beton auftre-
Abb. 3.3-15 Mechanismen des Verbundversagens
tenden Relativverschiebung (Schlupf) s verbunden.
Die Adhäsion verhält sich sehr steif, kann jedoch
nur geringe Spannungen übertragen und fällt bei zu- Die einzelnen Traganteile sind experimentell und
nehmendem Schlupf völlig aus. Der Verbund ist so- bei der rechnerischen Untersuchung von Bauwerken
mit bei geringen Beanspruchungen nahezu völlig nur schwer zu trennen. Man betrachtet sie daher
starr. Nach dem Ausfall der Adhäsion tritt im Bereich meist in integraler Form als in der Kontaktfläche wir-
zwischen den Rippen eine Reibung zwischen Stahl- kende Schub- oder Verbundspannung. Der Zusam-
oberfläche und Beton auf, die vom Schlupf nahezu menhang zwischen Verbundspannung und Schlupf
unabhängig ist. Der Hauptanteil wird jedoch durch wird als Verbund-Schlupf-Beziehung bezeichnet
die mechanische Verzahnung übertragen. Vor den [Rehm 1961; Martin/Noakowski 1981; Eligehausen
Rippen werden durch den Schlupf hohe lokale Druck- et al. 1983; Noakowski 1985]. Diese stellt kein Stoff-
spannungen im Beton erzeugt. Da hier ein dreiachsi- gesetz im eigentlichen Sinn dar, sondern ein Ersatz-
aler Druckspannungszustand vorliegt, kann Vc auf ein modell für die komplexen Vorgänge im Beton in der
Vielfaches der einachsialen Festigkeit ansteigen. Die unmittelbaren Umgebung der Bewehrung; sie ist da-
Umlenkung der Druckspannungstrajektorien erzeugt her immer mit erheblichen Unsicherheiten behaftet.
Zugspannungen im umgebenden Beton, die ringför- Der ansteigende Ast wird i. Allg. durch eine Po-
mig um die Bewehrung verlaufen (Abb. 3.3-14). tenzfunktion beschrieben (D<1):
Das Versagen des Verbunds kann durch das Ab-
Wb = Wb,max (s/s1)D s ” s 1. (3.3.15)
scheren der Betonkonsolen zwischen den Rippen
und das Aufspalten des Zugringes erfolgen (Abb. Der prinzipielle Verlauf ist für die beiden Versa-
3.3-15). Welche der beiden Versagensarten maßge- gensarten Abscheren und Sprengen des Betons in
bend wird, ist dabei v. a. von der Umschnürung, also Abb. 3.3-16 dargestellt. Die Sprengrissbildung
von der Betondeckung des Bewehrungsstabes (je führt zu einem wesentlich spröderen Versagen;
geringer die Betondeckung, desto eher kommt es beim Versagen durch Abscheren bleibt zwischen
zur Sprengrissbildung) und der vorhandenen Quer- den Betonkonsolen und dem umgebenden Beton
bewehrung, abhängig. Eine zusätzlich vorhandene eine Reibung wirksam, die auch nach Überschrei-
äußere Zugspannung senkrecht zur Bewehrungs- ten der Verbundfestigkeit die Übertragung von
richtung kann die Sprengrissbildung wesentlich be- Spannungen ermöglicht.
schleunigen, eine äußere Druckspannung dagegen Gleichung (3.3.15) gilt zunächst nur für unge-
die Verbundwirkung verbessern. störte Bereiche, die von Oberflächen oder Rissen
3.3 Massivbau 1081

Abb. 3.3-16 Rechnerische Verbund-Schlupf-Beziehung Abb. 3.3-17 Störung des Verbundes durch Bildung eines
nach MC 90 Ausbruchkegels

weit genug entfernt sind. Tritt der Stab aus dem standteile (überschüssiges Wasser, Luft) dagegen
Beton aus, so ist die Ausbildung des in Abb. 3.3-14 wandern nach oben und sammeln sich unter hori-
dargestellten Spannungsverlaufes wegen der feh- zontal liegenden Bewehrungsstäben. Unter diesen
lenden Abstützung der Druckstreben am Rissufer Stäben weist der Beton demnach eine hohe Porosi-
nicht mehr möglich. Die Einleitung der Verbund- tät auf, die zu einer Abminderung der übertragbaren
spannungen in den Beton muss dort über Zugspan- Verbundspannungen um bis zu 50% führt. Dieser
nungen erfolgen, die bei höheren Verbundspan- Effekt ist desto ausgeprägter, je weiter ein Stab von
nungen durch Überschreitung der Zugfestigkeit der Unterkante des Frischbetons entfernt liegt. Bei
die Bildung eines Ausbruchkegels und somit einen vertikal in der Schalung stehenden Stäben ist die
Abfall der dort übertragbaren Verbundspannungen Abminderung zusätzlich von der Beanspruchungs-
verursachen (Abb. 3.3-17). richtung abhängig. Wird der Stab nach unten, d. h.
Daher muss in der Wb-s-Beziehung auch noch der in Betonierrichtung gezogen, so ist wegen der Poro-
Abstand x zum nächsten Riss berücksichtigt wer- sität des vor den Rippen liegenden Betons eine ähn-
den. Dies kann z. B. nach MC 90 durch eine lineare liche Abminderung wie bei horizontalen Stäben zu
Abminderung in rissnahen Bereichen geschehen: beobachten. Vereinfacht unterscheidet man hier
zwischen Stäben im guten und mäßigen Verbund.
(3.3.16)
3.3.5.2 Rissbildung in Stahlbetonbauteilen
Wegen der sehr hohen Druckspannungen im Beton
zeigt der Verbund ausgeprägte Kriechverfor- Bei ungerissenen, ungeschädigten Stahlbetonbau-
mungen [Rohling 1987]. Im Allgemeinen unter- teilen liegen Beton und Stahl wegen der in diesem
stellt man hier lineares Kriechen, das bei konstant Zustand geringen Verbundspannungen und der ho-
gehaltener Verbundspannung den Schlupf um den hen Verbundsteifigkeit im ideellen, ungestörten Ver-
Faktor Ib auf s(t)=s0(1+Ib) vergrößert bzw. bei bund, d. h., die Dehnung des Stahls ist überall
konstant gehaltenem Schlupf die Verbundspan- gleich der Dehnung des ihn umgebenden Betons.
nung entsprechend verkleinert. Bei Steigerung der Last geht das Bauteil in den
Neben offensichtlichen Faktoren wie der Beton- Zustand der Einzelrissbildung über. An der Stelle, an
druckfestigkeit, der bezogenen Rippenfläche und der die Spannung die Zugfestigkeit des Betons zu-
den Betonspannungen senkrecht zur Stabachse erst überschreitet, entsteht ein Riss, an dessen Ufern
wirkt sich auch die Lage des Stabes beim Betonie- die Spannung und damit auch die Dehnung des Be-
ren auf das Verbundverhalten aus. Während des Ver- tons auf Null abfällt. Im einfachen Fall des zentrisch
dichtens des Frischbetons kommt es zu einem Ab- gezogenen Stabes müssen aus Gleichgewichtsgrün-
setzen der schweren Bestandteile; die leichten Be- den die freiwerdenden Betonzugspannungen we-
1082 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

Abb. 3.3-18 Kraft-Verformungs-Beziehung

nigstens teilweise durch eine lokale Erhöhung der


Stahlspannung aufgenommen werden. Dabei führt
die Erhöhung der Stahldehnung und der Abfall der
Betondehnung zu einer unterschiedlichen Verlänge-
rung von Stahl und Beton im Bereich des Risses und
damit zu Schlupf und einer Verbundspannung.
Hier sind grundsätzlich Kraft- und Verformungs-
steuerung zu unterscheiden (Abb. 3.3-18). Im Fall
der Kraftsteuerung wird die gesamte im Verbund-
querschnitt vorhandene Kraft konstant gehalten, die
Betonzugspannungen müssen ganz von der Beweh-
rung aufgenommen werden. Im Kraft-Verformungs- Abb. 3.3-19 Spannungsverlauf
Diagramm ergibt sich bei Bildung eines Risses we-
gen der sprunghaft auftretenden Verlängerung des
Bauteiles ein Sprung nach rechts. Im Fall einer Ver- keit nicht mehr, so dass auch bei einer Steigerung
formungssteuerung wird dagegen die gesamte Ver- der äußeren Last keine neuen Risse mehr entstehen
formung konstant gehalten. Da die Bauteilsteifigkeit können. Dieser Zustand wird als abgeschlossenes
durch den Riss schlagartig abnimmt, fällt die Zug- Rissbild bezeichnet. Die Zunahme der Zugkraft
kraft ab. Mit zunehmender Länge des Stabes – d. h. zwischen Beginn und Abschluss der Rissbildung
einer zunehmenden Zahl von Rissen – wird die Li- hängt von der Streuung von fct im Bauteil ab und
nie geglättet; der Unterschied zwischen Kraft- und wird meist mit 30% angenommen.
Verformungssteuerung verschwindet. Die Verbundlänge, die erforderlich ist, um in
Mit zunehmendem Abstand vom Riss nehmen den Beton Spannungen in Höhe der Zugfestigkeit
die Betonspannungen durch den Verbund wieder einzuleiten, wird als Eintragungslänge lt bezeich-
zu, bis sie die Verhältnisse des ungerissenen Zu- net. Wenn zwischen zwei Rissen kein neuer mehr
stands erreichen. Während der Rissbildungsphase erzeugt werden soll, muss der Rissabstand bei
verbleiben zwischen den Rissen also immer Be- abgeschlossenem Rissbild kleiner sein als die
reiche im ungestörten Verbund, Verbundspan- zweifache Eintragungslänge. Umgekehrt kann ein
nungen wirken nur in der Nähe der Risse. Riss aber nur entstanden sein, wenn vorher der Ab-
Bei weiterer Laststeigerung entstehen zwischen stand der benachbarten Risse mindestens gleich
den vorhandenen Rissen neue Risse, bis die Riss- der doppelten Eintragungslänge war. Man erhält
abstände so klein geworden sind, dass zwischen somit als obere und untere Schranke des Rissab-
den Rissen keine Bereiche mehr im ungestörten standes lt ” sr ” 2lt.
Verbund verbleiben und auf ganzer Länge Ver- Der prinzipielle Verlauf der Spannungen zwi-
bundspannungen wirken. Die in den Beton einge- schen den Rissen ist in Abb. 3.3-19 dargestellt. Die
leiteten Zugspannungen erreichen die Zugfestig- maximalen Beanspruchungen der Bewehrung tre-
3.3 Massivbau 1083

Dieser Zusammenhang ist als Differentialglei-


chung des verschieblichen Verbunds bekannt (zur
Lösung s. insbesondere [Krips 1984]). Im Fol-
genden werden Lösungen für Einzelrissbildung
und abgeschlossenes Rissbild dargestellt.
Es sei darauf hingewiesen, dass die Annahme
einer gleichförmigen Spannungsverteilung und da-
mit einer konstanten Rissbreite über den Querschnitt
eine starke Vereinfachung der Realität darstellt.
Aufgrund der zwangsläufig auftretenden Verwöl-
bung des Betonquerschnitts nehmen die Rissbrei-
Abb. 3.3-20 Verbundgleichgewicht am Zugstab ten vom Rand zur Bewehrung ab [Schießl 1976].

Einzelrissbildung
ten direkt im Riss auf, weshalb im Rahmen der Be- Setzt man für die Wb-s-Beziehung (3.3.15) ein und
messung der Zustand im Riss betrachtet werden wählt die Randbedingungen am Beginn der Ver-
muss. Bei der Ermittlung von Verformungen wer- bundstörung (x=0) entsprechend dem Zustand bei
den dagegen Dehnungen über die Bauteillänge in- Einzelrissbildung, also s(0)=0; ds/dx(0)= Hs(0)–
tegriert; sie gehen daher nur mit ihrem über die Hc(0)=0, so ist die Differentialgleichung analytisch
Rissabstände gemittelten Wert Hsm ein. Die Abmin- lösbar. Mit dem Ansatz s(x)=C·xn erhält man
derungen gegenüber der Dehnung des nackten
Stahls wird als „Mitwirkung des Betons zwischen
den Rissen“ bezeichnet (engl.: tension stiffening).
(3.3.20)
Differentialgleichung des Verbunds
Zur Ermittlung der Spannungen zwischen den Ris-
sen wird ein differentielles Element eines Zugstabes
betrachtet (Abb. 3.3-20). Es wird vereinfacht davon Daraus lässt sich wiederum die Eintragungslänge
ausgegangen, dass die Betonspannungen überall ermitteln als die Strecke, nach der die Zugspannung
gleichförmig über den Querschnitt verteilt sind, im Beton zu Null wird:
d. h., der Betonquerschnitt bleibt eben.
Aus dem Gleichgewicht am Element ergibt sich (3.3.21)
Wb Us dx = dVs As = –dVc Ac . (3.3.17)
Man erhält
Dabei sind As und Us Fläche und Umfang eines
Stabes. Der Schlupf ergibt sich an jeder Stelle aus
der Differenz der Verschiebung von Stahl und Be-
ton s=us–uc. Unter Annahme eines linear-elas- (3.3.22)
tischen Stoffgesetzes für Stahl und Beton erhält
man damit die Beziehung

(3.3.18) Die Breite des Risses lässt sich aus dem Schlupf
mit w=2s(lt) bestimmen. Aus dem Ergebnis folgt
auch der Verlauf der Stahlspannung, Verbundspan-
Leitet man diese Beziehung nach x ab und setzt nung usw.
(3.3.17) ein, so ergibt sich
Abgeschlossenes Rissbild
(3.3.19) Für das abgeschlossene Rissbild ist die analytische
Lösung der Differentialgleichung wegen der dann
1084 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

vorliegenden Randbedingungen ds(0)/dx >0 schwie- Da eine konstante Verbundspannung aber nicht re-
rig. Man behilft sich hier meist mit Näherungsver- alistisch ist, liegt die Völligkeit Et etwas höher.
fahren und einigen ingenieurmäßigen Annahmen. Rao leitete aus Versuchsbeobachtungen einen mit
Zunächst wird die Verbund-Schlupf-Beziehung der Stahlspannung im Riss Vs2 hyperbolisch ab-
durch ein starr-plastisches Modell idealisiert. Die nehmenden Verlauf
plastische (d. h. konstante) Verbundspannung wird
dabei mit dem zwischen zwei Rissen zu erwar- (3.3.25)
tenden Mittelwert abgeschätzt. Unter Annahme
eines ungefähr linearen Verlaufes für den Schlupf
s(x)=w/2·x/lt erhält man ab [Rao 1966], der auch in den klassischen Riss-
theorien verwendet wird [Martin u. a. 1979]. In
(3.3.23) DIN 1045 Teil 1 wurde konstant Et=0,6 gesetzt,
das entspricht etwa einem parabolischen Verlauf
der Betonzugspannungen zwischen den Rissen
Dies ist ein oberer Grenzwert für die mittlere Ver- [König/Fehling 1988].
bundspannung, da ein linearer Ansatz für s einer Die mittlere Stahlspannung ergibt sich dann aus
zwischen den Rissen konstanten Stahlspannung der Überlegung, dass F=VcAc+VsAs in jedem Schnitt
entspricht, also sehr hohen Lastniveaus, bei denen und somit auch für die Mittelwerte gelten muss, zu
die verbundinduzierten Betonzugspannungen ver-
nachlässigbar sind.
Mit WØ b kann die Eintragungslänge ermittelt wer- (3.3.26)
den, wenn man berücksichtigt, dass definitionsge-
mäß am Ende der Eintragungslänge die Zugfestig-
keit im Beton erreicht wird: Die maximale Betonzugspannung zwischen den
Rissen Vc,max ist vom Rissabstand abhängig. Ist
sr=2lt (oberer Grenzwert), so wird fct definitions-
(3.3.24) gemäß gerade erreicht, für sr=lt (unterer Grenz-
wert) nur ca. 0,5 fct. Der für das mittlere Verfor-
mungsverhalten entscheidende mittlere Rissab-
Entscheidend für die Eintragungslänge ist nicht der stand liegt etwa bei srm=2/3 sr,max. Damit ist bei
Absolutwert der Verbundspannung, sondern deren mittlerem Rissabstand und Bezug auf fct anstelle
Verhältnis zur Zugfestigkeit. Obwohl WØ b u. a. von von Vc,max die Völligkeit Et § 2/3 0,6=0,4. Die mitt-
der Rissbreite w abhängt, wird hierfür in MC 90 und lere Stahlspannung ist dann
DIN 1045 Teil 1 ein konstanter Wert WØ bk/fctm=1,8
(charakteristischer Wert) angesetzt. Dies ist als ver- (3.3.27)
tretbare Näherung zu sehen, da wegen D<<1 die Ab-
hängigkeit von w deutlich unterproportional ist.
Für sehr hohe Bewehrungsgrade U=As/Ac geht Bei bekannten mittleren Spannungen bzw. Deh-
die Eintragungslänge und damit der Rissabstand nungen Hsm,Hcm und bekanntem Rissabstand sr er-
nach Gl. (3.3.24) gegen Null, was aufgrund der gibt sich die Rissbreite zu
Lastausbreitung vom Stahl in den Beton nicht
w = sr · (Hsm – Hcm). (3.3.28)
möglich ist. In [Martin u. a. 1979] wird dies durch
einen konstanten additiven Term, der etwa der Be- Unter Dauerlast wird Vcm durch das Kriechen des
tondeckung entspricht, berücksichtigt. Betons und des Verbunds abgebaut [Rohling 1987],
Für die idealisierte Wb-s-Beziehung ergibt sich wobei als Näherungswert ein Verhältnis von Vmax,’/
ein zwischen den Rissen linearer Verlauf der Be- Vmax,0§2/3 angenommen werden kann. Zur Ermitt-
tonzugspannungen. Die mittlere Betonzugspan- lung der mittleren Stahlspannung unter Dauerlast
nung ergibt sich dann, bezogen auf die maximale muss daher der Völligkeitsbeiwert auf Et=2/3 · 0,4
Spannung zwischen zwei Rissen, zu Vcm= 1/2Vc,max. § 0,25 reduziert werden.
3.3 Massivbau 1085

Abb. 3.3-21 Verringerung der Dehnfähigkeit im Fließbereich

Grundsätzlich sind diese Zusammenhänge auch Bei Biegebalken und hohen Bauteilen sind die
für den Zustand der Bildung von Einzelrissen gül- Zugspannungen – anders als bisher angenommen –
tig. Allerdings ist entsprechend den dann herr- nicht mehr gleichförmig über den Querschnitt ver-
schenden Randbedingungen als Einflussbereich für teilt. Zur Veranschaulichung des Problems wird
die Rissbreite die Länge des gestörten Bereichs, wieder ein zentrisch gezogenes Bauteil betrachtet,
also die doppelte Eintragungslänge, und Et=0,6 zu
setzen.
Erreicht oder übersteigt die Stahlspannung Vs2
die Fließgrenze, so sind die abgeleiteten Bezie-
hungen, die ein elastisches Verhalten des Stahls vor-
aussetzen, nicht mehr gültig. Man beobachtet hier
wegen der im Riss stark zunehmenden Stahldeh-
nungen eine allmähliche Auflösung des Verbunds
und eine Abnahme der mittleren Betonzugspan-
nungen. Da oberhalb der Fließgrenze die V-H-Linie
des Stahls jedoch flacher verläuft als im elasti-
schen Zustand, führt eine geringe Abminderung
der Stahlspannung zwischen den Rissen zu einer
deutlichen Reduktion der mittleren Stahldehnung.
Die plastischen Dehnungen lokalisieren sich in
einem kurzen Bereich am Riss. Das Verhältnis
zwischen Hsm und Hs2 kann daher je nach Verfesti-
gung des Stahls im plastischen Bereich weit gerin-
ger ausfallen als vor Beginn des Fließens (Abb.
3.3-21), was auf die Verformungsfähigkeit plasti-
scher Gelenke (vgl. 3.3.7.1) einen erheblichen Ein-
fluss hat [Alvarez 1998; Eligehausen u. a. 1998]. Abb. 3.3-22 Mitwirkende Zugzone
1086 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

dessen Bewehrung nun allerdings am Rand kon- für heff erhält man aus der Überlegung, dass die riss-
zentriert ist (Abb. 3.3-22). erzeugende Kraft Fcr=Act,eff fct maximal die im un-
Hier treten zwei Typen von Rissen auf, die man gerissenen Zustand im Beton vorhandene Kraft
als Primär- und Sekundärrisse bezeichnet. Sind die erreichen kann.
Spannungen vor der Bildung des Risses über den Abschließend sei noch darauf hingewiesen, dass
Querschnitt gleichmäßig verteilt, so entsteht ein Pri- die abgeleiteten Beziehungen die Rissbildung nur in
märriss, der über die gesamte Höhe durchläuft. Bei der unmittelbaren Umgebung der Bewehrung er-
Bildung der Sekundärrisse ist die Spannungsvertei- fassen können. Bei dem in Abb. 3.3-22 dargestell-
lung im Querschnitt durch die zuvor entstandenen ten Zugstab lässt sich dies leicht erkennen, wenn
Primärrisse bereits gestört, und die über den Ver- man bedenkt, dass die Verträglichkeit der Verfor-
bund auf der Höhe der Bewehrung eingeleiteten mungen eine im Mittel gleiche Verlängerung des
Zugspannungen breiten sich in der in Abb. 3.3-22b Stabes in jeder Höhe erfordert. Dies bedeutet, dass
skizzierten Weise aus. Da weite Teile des Quer- – unter Vernachlässigung der elastischen Beton-
schnitts nahezu spannungsfrei bleiben, verlaufen verformungen – die Breite eines Primärrisses in
die nun entstehenden Risse nur über einen begrenz- der Bauteilmitte der Summe der Breite aller zwi-
ten Bereich auf der Höhe der Bewehrung. schen den Primärrissen gelegenen Sekundärrisse
Zur Vereinfachung wird die glockenförmige am Bauteilrand entsprechen muss.
Spannungsverteilung analog zur Erfassung der
mittragenden Breite bei Plattenbalken durch ein
flächengleiches Rechteck mit gleichem Spitzen- 3.3.6 Statisch bestimmte Balken
wert ersetzt, dessen Höhe als mitwirkende Höhe
3.3.6.1 Beobachtungen im Versuch
heff bezeichnet wird; die zugehörige Fläche ist
dann Act,eff. Die für den Zugstab abgeleiteten Be- Das Verhalten auf Querschnittsebene sowie statisch
ziehungen sind innerhalb der mitwirkenden Fläche bestimmter Konstruktionen wird anhand eines Ein-
näherungsweise wieder gültig. In der Breitenrich- feldträgers erläutert (Abb. 3.3-23). Die Bewehrung
tung des Bauteils erfolgt die Spannungsausbrei- besteht aus einer Biegezugbewehrung mit dem
tung in ähnlicher Weise. Ist die Bewehrung über Querschnitt As1 sowie umlaufenden, geschlossenen
die Breite gleichmäßig verteilt, so kann angenom- und im Abstand s verlegten Bügeln der Querschnitts-
men werden, dass die volle Breite des Querschnitts fläche Asw (Summe aus beiden Schenkeln). Sie ent-
mitwirkt. Bei Plattenbalken mit gezogenem Gurt spricht damit der heute üblichen Konstruktionspra-
und einer im Bereich des Steges konzentrierten xis. Die Belastung wird durch zwei Einzellasten in
Bewehrung ist dagegen die Spannungsausbreitung den Drittelspunkten aufgebracht, es entsteht ein
entsprechend zu berücksichtigen. querkraftfreier Bereich mit konstantem Moment im
Die Ermittlung der mitwirkenden Höhe bzw. mittleren Drittel sowie zwei Bereiche mit konstanter
Breite kann unter Annahme eines Ausbreitungs- Querkraft und linear veränderlichem Moment.
winkels von ca. 45° in Abhängigkeit vom Rissab- Wird eine Belastung aufgebracht und gesteigert,
stand erfolgen [Fischer 1992]: so bleibt das Bauteil zunächst ungerissen. Die ers-
ten Risse entstehen i. d. R. im Bereich des maxima-
(3.3.29) len Moments. Die Verformungen nehmen nun bei
steigender Belastung überproportional zu (Abb.
Meist verzichtet man aber auf eine „genaue“ Er- 3.3-24). Bei Steigerung der Belastung schreitet die
mittlung und setzt unabhängig von sr einen kons- Rissbildung in Richtung der Auflager fort. Ist das
tanten Wert für heff fest, i. Allg. ein Vielfaches des Bauteil auf ganzer Länge gerissen, so ändert sich
Abstands des Bewehrungsschwerpunktes von der das Rissbild nur noch geringfügig.
Bauteiloberfläche d1: Das Rissbild zeigt starke Unregelmäßigkeit, da
es von zufälligen lokalen Schwankungen der Be-
heff = (2…5) · d1. (3.3.30)
tonzugfestigkeit abhängt. Eine Vorhersage des
Genauere Angaben enthält DIN 1045-1; i. Allg. Rissverlaufs ist daher nicht möglich. Jedoch lassen
kann heff = 2,5 d1 gesetzt werden. Eine Obergrenze sich einige Gesetzmäßigkeiten beobachten:
3.3 Massivbau 1087

Abb. 3.3-23 Balkenversuch

– Die Rissabstände schwanken nach Abschluss der


Rissbildung zwischen relativ engen Grenzen. Sie
sind am Querschnittsrand im Bereich der Biege-
zugbewehrung kleiner als in Balkenmitte, wo
sich die Risse zu Sammelrissen vereinigen. Dies
folgt aus dem begrenzten Einflussbereich der
Bewehrung (vgl. Abb. 3.3-22).

Bei Erreichen der Traglast nehmen die Verfor-


mungen stark zu, ohne dass die Last wesentlich ge-
Abb. 3.3-24 Gemessene Verformungen am Versuchsbalken steigert werden kann (duktiles Versagen); u. U. fällt
die Last bei Steigerung der Verformung auch ab
(sprödes Versagen). Es können folgende Versagens-
– Im Bereich des konstanten Moments verlaufen bilder beobachtet werden (Abb. 3.3-23c bis f):
die Risse etwa senkrecht zur Balkenachse.
– Im durch Querkraft beanspruchten Bereich zei- – An einer beliebigen Stelle des mittleren Bal-
gen die Risse einen mit etwa 40° bis 45° gegen kendrittels erreicht die Bewehrung die Fließgren-
die Balkenachse geneigten Verlauf. ze. Die Rissbreite nimmt dort stark zu, und die
1088 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

Rissspitze wandert in Richtung der Druckzone, resultierende Schnittgrößen, der Index R (von engl.
bis schließlich mit dem Erreichen der maximalen resistance) den Widerstand des Bauteiles; zsi, Asi , Vsi
Stahldehnung der Bruch der Bewehrung eintritt. bezeichnen Lage, Querschnittsfläche und Spannung
Ein solcher Versagensmechanismus lässt sich nur der einzelnen Stäbe der Biegezugbewehrung, evtl. zu
bei Bauteilen mit relativ geringen Mengen an Bewehrungslagen zusammengefasst. Da Gl. (3.3.31)
Biegezugbewehrung beobachten. lediglich das Gleichgewicht enthält, gilt sie unabhän-
– Bei einer starken Biegezugbewehrung wird der gig von kinematischen Annahmen und dem Verhal-
Beton in der Druckzone zerstört, indem auf einer ten der Baustoffe. Zur analytischen Betrachtung des
begrenzten Länge ein etwa dreiecksförmiger Problems müssen hierfür jedoch Annahmen getrof-
Körper herausgesprengt wird. fen werden. So wird in ausreichender Entfernung
– Tritt das Versagen im Bereich zwischen den von den Lasteinleitungsstellen entsprechend den üb-
Lasteinleitungsstellen und den Auflagern auf, so lichen Annahmen der Balkentheorie zunächst ein
kommt es i. d. R. zu einem Fließen der Bügel- Ebenbleiben der Querschnitte sowie starrer Verbund
bewehrung mit sich anschließender starker Auf- zwischen Stahl und Beton unterstellt, d. h. die Deh-
weitung der geneigten Risse und schließlich zum nung der Bewehrung ist gleich der des umgebenden
Bruch der Bügel. Betons. Die Dehnung H kann dann durch die beiden
– Bei Balken mit sehr starker Bügelbewehrung Parameter Krümmung N und Längsdehnung der
kann der Beton im Bereich des Steges zerstört Schwerachse H0 vollständig beschrieben werden:
werden. Dies ist allerdings eher bei profilierten
Bauteilen (z. B. Plattenbalken mit dünnen Stegen) H(z) = H0 + N z. (3.3.32)
als bei Rechteckquerschnitten zu erwarten.
Umgekehrt kann die Krümmung aus der Dehnung
Die einzelnen Mechanismen können auch kombi- in zwei Punkten, z. B. am gedrückten Querschnitts-
niert auftreten, beispielsweise als Versagen der rand und in der Zugbewehrung, bestimmt werden:
Druckzone nach dem Fließbeginn der Biegezugbe-
wehrung. Das Bauteilversagen ist jedoch immer ein (3.3.33)
lokales Phänomen, findet also in räumlich begrenz-
ten Bereichen statt, während der Rest des Bauteils
weitgehend intakt bleibt. Neben den geschilderten Zustand I
können noch sekundäre Versagensmechanismen Bis zum Beginn der Rissbildung lässt sich das Ver-
(Verankerungsversagen usw.) auftreten. halten des Betons i. Allg. durch ein linearisiertes
Stoffgesetz der Form Vc=Hc Ec approximieren. Es
gelten dann in guter Näherung die aus der linearen
3.3.6.2 Biegebeanspruchung
Elastizitätstheorie bekannten Zusammenhänge:
Grundlagen
Das mittlere Drittel des in Abb. 3.3-23 dargestellten (3.3.34)
Balkens wird nur durch ein Biegemoment MS=Pl/3
beansprucht (NS=VS=0). Das Gleichgewicht in einem
Schnitt senkrecht zur Stabachse erfordert Span- Einzige Besonderheit ist das Zusammenwirken der
nungen in Balkenlängsrichtung, die die folgenden Baustoffe Stahl und Beton mit unterschiedlichen
allgemeinen Gleichgewichtsbedingungen erfüllen: Steifigkeiten im Querschnitt. Da in der Bewehrung
bei gleicher Dehnung höhere Spannungen entstehen,
verhalten sich bewehrte Bauteile auch im ungeris-
(3.3.31) senen Zustand etwas steifer als unbewehrte. Dies
kann durch ideelle Querschnittswerte (Index i) erfasst
werden. Bei der Ermittlung von Ai, Ii, Wi werden die
Bewehrungsflächen im Verhältnis der E-Moduln D=
Der Index S (von engl. Stress; in DIN 1045-1 Index Es/Ec gewichtet (Abb. 3.3-25). Der Schwerpunkt des
E für Einwirkung) bezeichnet aus den Einwirkungen ideellen Querschnittes Mi fällt bei unsymmetrischer
3.3 Massivbau 1089

(3.3.35)

Ncr, Mcr werden als „Rissschnittgrößen“ bezeichnet.

Reiner Zustand II
Mit dem Überschreiten der Zugfestigkeit fallen die
Betonzugspannungen in den gerissenen Bereichen
Abb. 3.3-25 Ideelle Querschnittswerte eines Rechteckquer- auf Null ab. Zur Erfüllung der Gleichgewichtsbedin-
schnittes gung stehen nun im wesentlichen Betondruckspan-
nungen und Stahlzugspannungen zur Verfügung; der
Bewehrung nicht mit dem des Betonquerschnitts M an der Lastabtragung beteiligte Querschnitt reduziert
zusammen. Gleichung (3.3.34) gilt daher streng ge- sich auf Druckzone und Bewehrung (Abb. 3.3-26).
nommen nur, wenn als Bezugsachse für die Wirkung Die Spannungen in der Bewehrung und im Beton am
der Normalkraft Mi gewählt wird. gedrückten Querschnittsrand nehmen stark zu. Die
Allerdings ist der Unterschied zwischen den Aktivierung der Bewehrung erfolgt also erst mit der
ideellen Werten und denen des reinen Betonquer- Rissbildung, die damit ein fundamentaler Bestand-
schnitts und damit die Wirkung der Bewehrung im teil der Stahlbetonbauweise ist.
Zustand I i. Allg. vernachlässigbar. Dies ist offen- Der zu einer Beanspruchung gehörende Deh-
sichtlich, da die Dehnung des Stahls hier die Zug- nungszustand muss i. Allg. iterativ ermittelt werden.
bruchdehnung des Betons von ca. 0,1‰ nicht Dies kann in der Handrechnung durch eine Variati-
übersteigen kann und sich somit Stahlspannungen on der Dehnungen Hs1, Hc2 geschehen. Hierfür wer-
von maximal Vs=Es/Ec·fct§ 20MPa ergeben, also den die Betondruck- und Zugspannungen zu Resul-
nur ein Bruchteil der Fließspannung. tierenden Fc, Fs1 zusammengefasst. Die Gleichge-
Die Grenze des ungerissenen Bereichs ergibt wichtsbedingung vereinfacht sich dann zu
sich durch das Erreichen der Zugfestigkeit am
Querschnittsrand. Allerdings dürfen hierbei nicht MS = –Fc(zso–a)+Fs1(zsu–d1), (3.3.36)
nur die aus den Schnittgrößen resultierenden Span- NS = Fc + Fs1.
nungen betrachtet werden, da diese immer von
Eigenspannungszuständen infolge ungleichmäßigen Wählt man als Bezugspunkt für das Momenten-
Schwindens usw. überlagert werden. Die Größe der gleichgewicht die Achse der Zugbewehrung, so er-
entstehenden Eigenspannungen ist von den Abmes- gibt sich stattdessen mit dem inneren Hebelarm z
sungen des Bauteils, den Erhärtungsbedingungen
usw. abhängig und kaum quantifizierbar; sie wer- MS – NS zs1 = –Fc z, NS = Fc + Fs1 (3.3.37)
den daher meist durch eine Minderung der Zugfes-
tigkeit (Materialeigenschaft) zur nutzbaren Zugfes- oder
tigkeit im Bauwerk (Bauteileigenschaft) berück- (3.3.38)
sichtigt:

Abb. 3.3-26 Spannungen und resultierende Kräfte im Zustand II


1090 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

Für den häufigen Fall der reinen Biegung ist Fs1=


(3.3.41)
–Fc=MS/z.
Computerorientierte Verfahren bestimmen in je-
dem Iterationsschritt i für einen geschätzten Verzer- Für ein linear-elastisches Stoffgesetz entsprechen
rungszustand Hi=(H0i, Ni)T nach Gl. (3.3.31) den zu- die Hauptdiagonalglieder von E unter Bezug auf
gehörigen Schnittgrößenvektor Vi=(NRi, MRi)T. Falls die Hauptachsen des Systems (z=0 im Schwer-
dieser mit den angreifenden Schnittgrößen P=(NS, punkt) den elastischen Steifigkeit EcAi bzw. EcIi;
MS)T nicht im Gleichgewicht steht, verbleibt ein die Koppelglieder auf den Nebendiagonalen ver-
Ungleichgewichtsvektor Ri=P–Vi, aus dem ein ver- schwinden.
besserter Dehnungszustand Hi+1 ermittelt werden Die exakte Erfüllung des Gleichgewichtes ist
muss. Beim Newton-Raphson-Verfahren geschieht i. Allg. nicht möglich. Daher wird die Iteration ab-
dies durch eine Taylor-Reihenentwicklung des gebrochen, wenn die Restkräfte unter eine zu defi-
Schnittgrößenvektors nach den Verzerrungen: nierende Schranke fallen (z. B. ||Ri|| < G · ||P||).
Für den Fall der Biegung um zwei Achsen
(MSy0, MSz  0) lässt sich das Verfahren mit den
drei unbekannte Verformungsgrößen H0,Ny,Nz ver-
allgemeinern.
Als Ergebnis erhält man eine Beziehung zwi-
(3.3.39) schen den einwirkenden Momenten und den Krüm-
mungen des Bauteils (M-N-Beziehung) und den
Längsdehnungen der Schwerachse (Abb. 3.3-27).
Sie ist wesentlich durch Rissmoment, Fließmo-
ment und Bruchmoment gekennzeichnet, zwischen
Legt man diese linearisierte Form der Schnittgrö- denen die Kurven näherungsweise geradlinig ver-
ßen-Verzerrungs-Beziehung der Gleichgewichtsfin- laufen. Daher begnügt man sich zur Vermeidung
dung zugrunde, so ergibt sich Hi+1= Hi+' Hi; 'H er- einer Iteration häufig mit der Bestimmung von
hält man durch Invertieren von Gl. (3.3.39), indem Riss-, Fließ- und Bruchmoment sowie den zugehö-
man Vi+1=P setzt. Durch wiederholtes Anwenden rigen Krümmungen. Dazwischen kann dann nähe-
dieser Iterationsvorschrift nähert man sich im Ideal- rungsweise linear interpoliert werden.
fall dem richtigen Verzerrungszustand an. In der Mit dem Aufreißen des Querschnitts wandert
Praxis können wegen der starken Nichtlinearität des die Nulllinie in Richtung des gedrückten Quer-
Problems Konvergenzschwierigkeiten auftreten, die schnittsrandes. So entsteht auch unter reiner Bie-
ggf. Modifikationen des Verfahrens erfordern. gung eine Längsdehnung in der Schwerachse des
Die partiellen Ableitungen der Schnittgrößen Querschnitts. Die aus der elastischen Stabstatik
nach den Verzerrungen in Gl. (3.3.39) können bekannte Entkopplung von Normalkraft und Mo-
durch eine Integration der Tangentenmoduln dVdH ment bzw. Krümmung und Längsdehnung geht
über den Querschnitt verloren.
Nach dem Erreichen der Fließgrenze in der Be-
wehrung ist eine Steigerung des Moments durch
die Verfestigung der Bewehrung möglich. Zudem
nimmt der innere Hebelarm z weiter zu, da bei Ver-
größerung der Krümmung die Höhe der Beton-
(3.3.40) druckzone ab- und die Randstauchung des Betons
zunimmt. Das Versagen tritt ein, wenn die Krüm-
mung so weit angewachsen ist, dass entweder die
Bewehrung ihre Bruchdehnung erreicht hat (Zug-
oder näherungsweise durch einen Differenzenquo- versagen), was nur bei sehr geringen Bewehrungs-
tienten gebildet werden, z. B. graden der Fall ist, oder die Druckzone infolge der
Reduzierung ihrer Höhe nicht mehr in der Lage ist,
3.3 Massivbau 1091

Abb. 3.3-27 Momenten-Krümmungs-Beziehung nach Rechnung und Versuch (Ns = 0)

der Stahlzugkraft das Gleichgewicht zu halten schrieben. Ein solches im Rahmen der Bemessung
(Druckversagen). zu lösen, übersteigt den vertretbaren Aufwand je-
Die in Abb. 3.3-27 dargestellten Beziehungen doch erheblich. Daher ist es sinnvoll, die Gültigkeit
gelten für die Erstbelastung. Da bei einer Entlas- der bisher getroffenen Annahmen in ggf. modifi-
tung die Risse nicht vollständig geschlossen wer- zierter Form für die Berechnung zu prüfen.
den und irreversible Dehnungsanteile in Beton und
Bewehrung verbleiben, geht die Krümmung auch Kinematik. Den prinzipiellen Verlauf der Span-
bei vollständiger Entlastung nicht auf Null zurück. nungen zwischen den Rissen eines Biegebauteils
Bei Wiederbelastung folgt die Kurve der Entlas- zeigt Abb. 3.3-28. Es ist offensichtlich, dass ebene
tungslinie bis zur Einmündung in die Erstbelas- Dehnungsverteilungen die Wirklichkeit an einzel-
tungskurve. Die aus einer Beanspruchung resultie- nen Stellen kaum wiedergeben können. Betrachtet
rende Verformung ist daher nicht eindeutig, son- man allerdings einen längeren Abschnitt eines Bie-
dern pfadabhängig, d. h. abhängig von den vorher gebauteils mit (näherungsweise) konstanter Mo-
durchlaufenen Beanspruchungen. mentenbeanspruchung, so erzwingt die Kompati-
bilität im Mittel über die Risse hinweg trotzdem
Mittleres Verhalten im Zustand II ein Ebenbleiben der Querschnitte.
Beim Vergleich mit den Versuchsergebnissen (Abb. Bei der Betrachtung mittlerer Verzerrungszu-
3.3-27) zeigt sich, dass die auf diese Weise rechne- stände erscheint die Anwendung der Bernoul-
risch ermittelten Riss-, Fließ- und Bruchmomente lischen Hypothese daher vertretbar. Sie beschreibt
das beobachtete Verhalten im Rahmen der Streu- das Verhalten des gerissenen Betons umso besser,
ungen der Materialeigenschaften zwar gut wieder- je kleiner die Rissabstände im Bauteil sind. Für
geben, die zugehörigen Krümmungen die Steifigkeit den theoretischen Fall verschwindender Rissab-
des Bauteils jedoch z. T. erheblich unterschätzen. stände gilt sie streng, für Stahlbetonbauteile mit im
Die Gründe hierfür sind offensichtlich: Bisher wur-
den gleichförmige Spannungen entlang der Balken-
achse vorausgesetzt; das beobachtete Rissbild zeigt
dagegen erwartungsgemäß Risse in endlichen Ab-
ständen. Während in den Rissen die Betonzugspan-
nungen gegen Null gehen, werden in den Bereichen
zwischen den Rissen durch den Verbund der Be-
wehrung und die Ausstrahlung der in der Druckzone
wirksamen Spannungen Zugspannungen in den Be-
ton eingeleitet. Das Verhalten eines gerissenen
Stahlbetonbalkens unter Biegung wird also durch Abb. 3.3-28 Verlauf der Betonspannungen zwischen zwei
ein komplexes, nichtlineares Scheibenproblem be- Rissen (qualitativ)
1092 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

Verbund liegender Bewehrung in hinreichend guter Stahls, bei der die Linie des „nackten“ Stahls durch
Näherung, solange sichergestellt ist, dass die Riss- die eines im Beton eingebetteten Zugstabs ersetzt
abstände ausreichend klein bleiben. Hierfür ist wird. Man verwendet also anstelle der realen Stahl-
eine Mindestbewehrung erforderlich, die in der dehnung die über die Risse hinweg gemittelte Hsm,
Lage sein muss, die Rissschnittgrößen des Quer- wobei der Einfachheit halber häufig auch die Be-
schnitts aufzunehmen. Dies wird in den normati- tonzugspannungen des Zustands I der Bewehrung
ven Mindestanforderungen an die bauliche Durch- zugeschlagen werden. Die modifizierte Arbeitsli-
bildung geregelt. nie ist keine Materialkonstante mehr, sondern vom
Bewehrungsgrad des Bauteils abhängig.
Stoffgesetze. Bei Verwendung einer Kinematik mit Die verschmierte Betrachtung liefert einen mitt-
in der Balkenlängsrichtung „verschmierten“ Rissen leren Dehnungszustand. Da jedoch im Riss die
liegt es nahe, die Wirkung des Verbunds durch mo- Höhe der Betondruckzone kleiner ist als im Mittel,
difizierte, über die Risse gemittelte Stoffgesetze werden der innere Hebelarm im Riss und die Bean-
(Abb. 3.3-29) zu berücksichtigen, etwa durch An- spruchungen in der Druckzone unterschätzt. Bei
satz einer mittleren Betonzugspannung im Bereich der Ermittlung des Bruchmoments wird daher
der mitwirkenden Zugzone. Dies erfordert aller- i. d. R. der reine Zustand II unter Vernachlässigung
dings die Formulierung unterschiedlicher Stoffge- der Mitwirkung des Betons auf Zug und unter An-
setze für den Beton innerhalb und außerhalb von nahme einer ebenen Verteilung der Dehnungen im
heff. Auch ist zu beachten, dass bei Ansatz einer Rissquerschnitt betrachtet. Wenngleich die letzte
konstanten Betonzugspannung Vcm die Fließgrenze Annahme mechanisch streng genommen nicht ge-
der Bewehrung künstlich erhöht wird, da die Zug- rechtfertigt ist, liefert dieses Vorgehen eine sehr
tragfähigkeit des Betons zwar im Mittel, nicht je- gute Abschätzung der wirklichen Verhältnisse.
doch im Riss selbst vorhanden ist. Daher werden die Der Dehnungszustand unter einem gegebenen
Betonzugspannungen bei Erreichen der Fließspan- Moment ist bei gerissenen Bauteilen stark von der
nung in der Bewehrung i. Allg. zu Null gesetzt [Kol- vorhandenen Bewehrung und gleichzeitig wirken-
legger 1988]. Zur Berücksichtigung der verminder- den Normalkräften abhängig.
ten Dehnfähigkeit der eingebetteten Bewehrung
sollte dann die Bruchdehnung der Bewehrung zu- Einfluss des Bewehrungsgrades. Abbildung 3.3-30a
sätzlich reduziert werden (vgl. Abb. 3.3-21). zeigt Momenten-Krümmungs-Beziehungen unter
Die andere Möglichkeit besteht in der Modifi- reiner Biegung für verschiedene Bewehrungsgrade
kation der Spannungs-Dehnungs-Beziehung des U=As/bd. Die Bewehrung ist hier nur auf der Zug-
seite angeordnet.
Im ungerissenen Zustand ist der Einfluss ge-
ring. Im gerissenen Zustand steigt die Steifigkeit
dagegen mit dem Bewehrungsgrad erheblich an,
ebenso Fließ- und Bruchmoment. Der Unterschied
zwischen dem mittleren Verhalten und dem reinen
Zustand II nimmt mit steigendem Bewehrungsgrad
ab, da der Rissabstand kleiner wird und die mittle-
ren Betonzugspannungen für das Gleichgewicht
zunehmend an Bedeutung verlieren.
Besonders ausgeprägt ist der Einfluss auf die
Krümmung im Bruchzustand. Bei kleinen Beweh-
rungsgraden ist sie relativ gering. Zwar erreicht
hier die Bewehrung im Riss ihre Bruchdehnung,
wegen des bei geringen Bewehrungsgraden sehr
stark ausgeprägten Tension-stiffening-Effekts wird
Abb. 3.3-29 Möglichkeiten zur Berücksichtigung der Mit- die mittlere Stahldehnung und damit die mittlere
wirkung des Betons zwischen den Rissen Krümmung im Vergleich zum Rissquerschnitt je-
3.3 Massivbau 1093

Abb. 3.3-30 M-k-Beziehungen (reiner Zustand II und mittleres Verhalten)

doch stark reduziert. Mit zunehmendem Beweh- ringert (N>0), vgl. Gl. (3.3.35). Der Abfall der Stei-
rungsgrad nimmt das Verhältnis Hsm/Hs2 zu, bis Nm figkeit bei Rissbildung nimmt mit zunehmender
bei U § 0,4%…0,6% sein Maximum erreicht. Die- Drucknormalkraft ab, da die im Zustand I unter Zug-
ser Punkt markiert den Übergang vom Zugversa- spannungen stehende Fläche und somit die Quer-
gen zum Druckversagen. schnittsverminderung bei Rissbildung kleiner wird.
Bei hohen Bewehrungsgraden tritt Versagen in Für den Fall des Zugversagens führt eine Ver-
der Druckzone auf, bevor die Bewehrung im Riss größerung der Drucknormalkraft zu einer Zunah-
ihre Bruchdehnung erreicht. Die Bruchkrümmung me der Fließ- und Bruchmomente und damit der
nimmt entsprechend der im Vergleich zur Beweh- Querschnittstragfähigkeit. Die Krümmung im
rung geringen Duktilität des Betons mit steigendem Bruchzustand wird durch eine Vergrößerung der
Bewehrungsgrad ab. Bei sehr hohen Bewehrungs- Drucknormalkraft ähnlich beeinflusst wie durch
graden kommt es bereits vor dem Fließbeginn in der eine Erhöhung des Bewehrungsgrades.
Bewehrung zum Versagen der Druckzone. Diese
Bewehrungsgrade sind als kritisch zu beurteilen, Tragfähigkeit im GZT
da ihre plastische Verformungsfähigkeit gleich Bei der Bemessung im Grenzzustand der Tragfä-
Null ist (nahezu sprödes Versagen). Für Druckver- higkeit ist nachzuweisen, dass der Querschnitt un-
sagen lässt sich Nu im Wesentlichen auf die Höhe ter Ansatz der Bemessungswerte der Festigkeiten
der Druckzone x und die Bruchdehnung des Be-
tons zurückführen: (3.3.43)
(3.3.42)
die Bemessungswerte der einwirkenden Schnitt-
Bei sehr gering bewerten (unterbewehrten) Quer- größen NSd, MSd aufnehmen kann. Die Verteilung
schnitten kann die Bewehrung im gerissenen Zu- der Betondruckspannungen wird nach dem Para-
stand das bei Rissbildung vorhandene Moment bel-Rechteck-Diagramm (PRD) angenommen.
nicht aufnehmen, so dass es beim Aufreißen zum Eine Mitwirkung des Betons auf Zug darf im GZT
schlagartigen Versagen kommt. nicht in Ansatz gebracht werden, da sie wegen
möglicher Eigenspannungszustände oder Vorschä-
Einfluss einer Normalkraft. Abbildung 3.3-30b zeigt digungen nicht mit ausreichender Sicherheit vor-
Momenten-Krümmungs-Beziehungen für verschie- ausgesetzt werden kann.
dene Normalkräfte und U1=U2=1%. Durch Normal- Der Grenzzustand ist dabei durch das Erreichen
kräfte wird das Rissmoment erhöht (N<0) bzw. ver- einer Grenzdehnung in der Bewehrung oder im Be-
1094 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

ton definiert. Weder die Grenzdehnungen noch das In der Regel sind im Grenzzustand der Tragfä-
PRD geben das wirkliche Materialverhalten wieder, higkeit nicht die bei gegebener Bewehrung auf-
sondern stellen starke Idealisierungen dar, was zu- nehmbaren Schnittgrößen gesucht, sondern die zur
sätzliche Einschränkungen erforderlich macht. Im Aufnahme gegebener Schnittgrößen erforderliche
Fall eines zentrisch gedrückten Querschnitts wird Bewehrung. Im Unterschied zum Vorgehen im
nach dem PRD die Bruchstauchung und die Völlig- Stahl- und Holzbau liegen die äußeren Quer-
keit der Spannungsverteilung im Beton überschätzt. schnittsabmessungen i. Allg. bereits fest. Die An-
Daher ist in solchen Fällen eine zusätzliche Deh- passung an die wirkende Beanspruchung erfolgt
nungsbeschränkung auf Hc > Hc2 erforderlich. allein durch die Wahl der Bewehrung. Dabei liegt
Alle bei gegebener Querschnittsgeometrie (Form es aus wirtschaftlichen Gründen nahe, die Tragfä-
und Bewehrungsgrad) möglichen Bruchzustände higkeit des Querschnitts voll auszuschöpfen und
erhält man, indem entweder die Beton- oder die As so zu bestimmen, dass (MSd, NSd)=(MRd, NRd)
Stahldehnung gleich dem Grenzwert gesetzt und die erfüllt ist. Unter dieser Bedingung ist die Bemes-
jeweils andere Dehnung innerhalb der zulässigen sungsaufgabe zwar eindeutig lösbar, erfordert je-
Grenzen variiert wird. Die Querschnittsintegration doch meist ein iteratives Vorgehen.
liefert die Grenzkurve aller aufnehmbaren Schnitt- Hierfür ist es sinnvoll, bei der Gleichgewichts-
größenkombinationen NSd, MSd, die sich in Form findung den Bezugspunkt für ™ M in die Achse der
eines Interaktionsdiagramms darstellen lässt (Abb. Zugbewehrung zu verlegen. Das wirkende Mo-
3.3-31). Der unbewehrte Querschnitt kann demnach ment ist dann
nur Biegemomente aufnehmen, wenn gleichzeitig
Drucknormalkräfte wirken, d. h. die um die Exzent- MSds = MSd – NSd zs1 (3.3.44)
rizität e=MSd/NSd verschobene Normalkraft inner-
halb des Querschnitts angreift. Für den einseitig Für den nur auf der Biegezugseite bewehrten Quer-
bewehrten Querschnitt ist die Kurve unsymmet- schnitt folgt dann die resultierende Betondruckkraft
risch. Eine begrenzte Aufnahme von Zugnormal- Fcd=–MSds/z. Ihre Größe und Lage kann bei recht-
kräften ist nur bei gleichzeitiger Wirkung von Bie- eckigen Druckzonen mit den von der Randstauchung
gemomenten möglich. abhängigen Hilfswerten DR, ka ermittelt werden:
Für symmetrische Bewehrung ist die Kurve
symmetrisch zur Achse MSd=0. Das maximale Mo- Fcd =–DR x b fcd, a = ka x . (3.3.45)
ment ergibt sich bei einer Normalkraft von NSd§–
0,4fcd Ac. Für größere Druckkräfte wird die Fließ- Die Höhe der Druckzone folgt dabei aus der ebe-
grenze der Bewehrung nicht mehr erreicht. nen Dehnungsverteilung:

(3.3.46)

Damit lässt sich die Gleichgewichtsbedingung in


die folgende dimensionslose Form bringen:

(3.3.47)

Hierin sind Hs1,Hc2 unbekannt. Da aber im GZT de-


finitionsgemäß entweder Hs1=Hsu oder Hc2=Hc2u gilt,
enthält Gl. (3.3.47) nur noch eine Unbekannte.
Abb. 3.3-31 Interaktionsdiagramme für symmetrisch be- Im Momentengleichgewicht taucht die Kraft Fs1d
wehrte, einseitig bewehrte und unbewehrte Querschnitte (C nicht auf; sie kann nach der Ermittlung von Fcd aus
30/37, p=1% je Lage) dem Gleichgewicht der Normalkräfte NSd=Fcd+Fs1d
3.3 Massivbau 1095

bestimmt werden. Die Bewehrungsmenge ergibt Für den Fall des Betonversagens kann es sinn-
sich dann zu voll sein, die Druckzone mit einer Druckbeweh-
rung As2 zu verstärken. Dies gilt insbesondere
dann, wenn für den aus Gl. (3.3.47) resultierenden
(3.3.48) Dehnungszustand die Fließgrenze der Bewehrung
nicht erreicht wird, da in diesem Fall
– die im Vergleich zum Beton teure Bewehrung
nicht optimal ausgenutzt wird (die Summe aus
mit
Druckbewehrung und Zugbewehrung ist kleiner
als die erforderliche Zugbewehrung bei Ver-
(3.3.49)
zicht auf die Druckbewehrung) und
– das Versagen ohne vorheriges Fließen der Be-
wehrung, d. h. ohne Ankündigung des Versa-
Die Bewehrung erreicht dabei i. Allg. die Fließ-
gens durch Bildung breiter Risse, erfolgt.
grenze (Vs1•fyd).
Wegen der dimensionslosen Darstellung gilt die Für diesen Fall erweitert sich Gl. (3.3.47) um den
für eine bezogene Beanspruchung —Sds gewonnene Momentenanteil der Druckbewehrung Fs2d(d–d2)
Lösung für Rechteckquerschnitte mit beliebigen und ist mit den zwei Unbekannten Hs1 und As2 ohne
Abmessungen und Betonfestigkeiten, sofern die Einführung einer Zusatzbedingung nicht mehr ein-
Funktionen DR, ka sich nicht ändern. Dies ist bei deutig lösbar. Fordert man lediglich das Erreichen
normalfesten Betonen der Fall, weshalb hier die Lö- der Fließgrenze in der Zugbewehrung, so liegt mit
sung der Bemessungsaufgabe in Diagrammform Hs1=fyd/Es der Dehnungszustand vollständig fest;
einzig für den Eingangsparameter —Sds dargestellt aus diesem folgt der Traganteil des Betons Fcd z
werden kann (Abb. 3.3-32). Bei hochfesten Betonen und somit
ist eine Darstellung unabhängig von der Betonfes-
tigkeit wegen der sich ändernden Form des PRD (3.3.50)
nicht mehr möglich; hier sind für jede Festigkeits-
klasse eigene Bemessungshilfsmittel erforderlich
[Zilch/Rogge 2000; Zilch/Zehetmaier 2010]. Bei statisch unbestimmten Systemen können wei-
tere Begrenzungen für den Dehnungszustand nötig
werden.
In einem weiten Bereich von —Sds erreicht die
Randstauchung des Betons den Grenzwert von
Hc2u. Für diese Fälle ist es möglich, die Spannungs-
verteilung nach dem Parabel-Rechteck-Diagramm
durch einen Spannungsblock mit einer konstanten
Spannung Vc=fcd zu ersetzen. Begrenzt man den
Wirkungsbereich auf 0,8x, so stimmt seine Resul-
tierende bei rechteckigen Druckzonen nach Lage
und Größe mit der des PRD überein. Die Bestim-
mungsgleichung für die Nulllinienlage vereinfacht
sich dann zu einer quadratischen Gleichung

–Fcd z = fcd 0,8x b(d – 0,4x) = MSds (3.3.51)

mit der Lösung

Abb. 3.3-32 Allgemeines Bemessungsdiagramm für nor- (3.3.52)


malfesten Beton
1096 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

Obwohl sie streng genommen nur für den Bereich Für den allgemeinen Fall erhält man durch ein-
des Betonversagens gilt, ist sie auch für Beanspru- faches Umformen eine kubische Bestimmungs-
chungen mit Stahlversagen eine sehr gute Näherung, gleichung für [, die analytisch oder numerisch ge-
da in diesem Fall die bezogene Druckzonenhöhe [ löst werden kann. Für die praktische Anwendung
klein ist und sich ein Fehler bei der Völligkeit der findet sich eine Darstellung der Lösung in Dia-
Druckspannungen nur geringfügig auf den inneren grammform z. B. in [Grasser u. a. 1996].
Hebelarm z auswirkt. Wesentliche Vorteile ergeben Für den häufigen Fall der reinen Biegung ohne
sich aus der Anwendung des Spannungsblocks aber Normalkraft vereinfacht sich Gl. (3.3.56) zu einer
erst bei komplizierteren Querschnittsformen, z. B. quadratischen Gleichung mit der Lösung
bei Biegung um zwei Achsen. Hier kann die Druck-
zone auch bei Rechteckquerschnitten komplexe For-
men annehmen, was die Ermittlung der Resultie- (3.3.57)
renden Fcd bei Anwendung des PRD erschwert.
Die effektive Biegesteifigkeit (reiner Zustand II)
Nachweise im GZG ergibt sich zu
Wegen der Begrenzung der Spannungen im Beton
auf Werte weit unterhalb der Festigkeit kann (3.3.58)
Vc=Ec·Hc gesetzt werden. Hierfür können geschlos-
sene Lösungen für die Spannungsverteilung im
Zustand II abgeleitet werden. Für ein lineares Häufig wird der innere Hebelarm im GZG aus der
Stoffgesetz und eine ebene Dehnungsverteilung ist Bemessung im GZT übernommen oder pauschal
die Spannungsverteilung dreiecksförmig und z=d– mit z § (0,8…0,9) d abgeschätzt. Dies ist bei Stahl-
x/3. Die Randspannung infolge des auf die Stahl- betonbauteilen mit üblichen Bewehrungsgraden
achse bezogenen Moments Ms ergibt sich für Quer- zur Ermittlung der Stahlspannungen gerechtfertigt,
schnitte ohne Druckbewehrung zu erlaubt jedoch keine Ermittlung der Betonspan-
nungen, da x nicht bekannt ist.
(3.3.53)
Begrenzung der Stahlspannungen. Die Betonstahl-
spannungen sind im GZG so zu begrenzen, dass kei-
Die Stahldehnung ist dann ne plastischen Verformungen entstehen. Da die
Plastifizierung irreversibel ist (die plastische Deh-
(3.3.54) nung bleibt auch nach einer Entlastung), ist dies
eine Grundvoraussetzung für eine Beschränkung
der Rissbreite. Nach DIN 1045 Teil 1 ist daher nach-
Das Gleichgewicht der Normalkräfte N=Fc+Fs lie- zuweisen, dass unter der seltenen Einwirkungskom-
fert schließlich die Bestimmungsgleichung für die bination Vs<0,8 fyk ist. Bei statisch bestimmten Bau-
Druckzonenhöhe: teilen wird dies i. Allg. nicht maßgebend.

(3.3.55) Begrenzung der Betonspannungen. Eine Begrenzung


der Betondruckspannung im GZG wird durch die
Mit den bezogenen Größen bei einer Spannung von ca. 0,4 fc einsetzende und
ab ca. (0,6…0,8) fc bereits zu einer fortschrei-
tenden Auflösung des Betongefüges führende Mi-
krorissbildung erforderlich. Diese erreicht im Be-
reich (0,4…0,6) fc einen stabilen Zustand. Mit der
ergibt sich die dimensionslose Darstellung Vereinigung zu Makrorissen oder gar einem Versa-
gen ist hier i. Allg. nicht zu rechnen, wohl aber mit
(3.3.56) einer überproportionalen Zunahme der Kriechdeh-
nungen.
3.3 Massivbau 1097

DIN 1045 Teil 1 fordert daher in Fällen, in denen kann, sollte sie nicht als Ersatz für eine Begren-
die Gebrauchstauglichkeit oder Tragfähigkeit durch zung der Rissbreite angesehen werden.
Kriechverformungen beeinträchtigt wird, eine gene-
relle Beschränkung der quasi-ständigen Beton- Begrenzung der Rissbreite. Die Rissbildung in nicht
druckspannungen auf 0,45 fck. Diese Forderung ist vorgespannten Stahlbetonbauteilen ist Bestandteil
mitunter sehr restriktiv, da die Auswirkung der der Bauweise und i. Allg. kaum zu vermeiden. Die
nichtlinearen Kriechverformungen auf das Bauteil- Breite der Risse muss jedoch aus verschiedenen
verhalten von der Art der Beanspruchung und der Gründen begrenzt werden (vgl. DBV-Merkblatt
Querschnittsgeometrie abhängen. Unter reiner Bie- „Begrenzung der Rissbildung“):
gung führt das erhöhte Kriechen bei gedrungenen Zur Sicherstellung des Korrosionsschutzes der
Querschnitten zu einer Umlagerung der Druckspan- Bewehrung und damit der Dauerhaftigkeit sind die
nungen von den stärker beanspruchten Randberei- Rissbreiten bei Stahlbetonbauteilen auf 0,3 mm
chen in das Bauteilinnere und somit zu einer Abnah- (0,4 mm bei Innenbauteilen) zu beschränken (vgl.
me der Randspannungen (vgl. 3.3.10.2). Die Aus- 3.3.1.1). Da dies dem langfristigen Erhalt der Trag-
wirkungen auf die Querschnittssteifigkeit bleiben fähigkeit dient, sind diese Grenzwerte verbindlich.
dann gering [Zilch/Fritsche 1999], weshalb die Be- Die Karbonatisierung der Rissufer ist ein langfristi-
schränkung bei solchen Bauteilen weniger streng ger Prozess, eine kurzzeitige Überschreitung der
gehandhabt werden kann. Bei im wesentlichen zen- zulässigen Rissbreiten erscheint daher unbedenk-
trisch gedrückten Bauteilen oder Bauteilen mit aus- lich, sofern sich die Risse bei Rückgang der Belas-
geprägten Druckgurten ist diese Umlagerung dage- tung weitgehend wieder schließen. Die Nachweise
gen nicht möglich. der Rissbreitenbegrenzung können daher unter der
Bei Spannungen über 0,6 fck ist mit der Bildung quasi-ständigen Lastkombination mit dem zeit-
von Makrorissen parallel zur Hauptdruckspan- lichen Mittelwert der Rissbreite geführt werden,
nungsrichtung zu rechnen, die zu einer Reduktion wenn gleichzeitig eine Begrenzung der Stahlspan-
des Korrosionsschutzes der in den betroffenen Be- nung unter der seltenen Kombination sichergestellt
reichen liegenden Bewehrung führt. Für Bauteile wird.
unter aggressiven Umweltbedingungen ist daher Werden z. B. besondere Anforderungen an die
nach DIN 1045 Teil 1 eine Begrenzung der sel- Wasserdichtigkeit des Bauwerks gestellt (z. B. wei-
tenen Betonspannungen auf 0,6 fck erforderlich, ße Wannen), so ist eine relativ strenge Beschrän-
sofern der verminderte Korrosionsschutz nicht kung der Rissbreite erforderlich. Dabei ist zu unter-
durch eine erhöhte Betondeckung ausgeglichen scheiden zwischen durchlaufenden Trennrissen
wird. Alternativ zur Spannungsbegrenzung kann (wk”0,1…0,2 mm) und Biegerissen, bei denen die
die Öffnung der Längsrisse durch eine (senkrecht Dichtigkeit durch die ungerissene Druckzone si-
zum Riss verlaufende) Umschnürungsbewehrung chergestellt werden kann. Hinweise enthält die WU-
verhindert werden. Wegen der ab ca. 0,4 fck abneh- Richtlinie des DAfStb. Da es sich hierbei i. d. R. um
menden Steifigkeit des Betons liegt eine Span- reine Gebrauchsnachweise handelt, enthalten die
nungsermittlung unter Annahme linearen Verhal- Richtlinien nur Empfehlungen. Die zulässige Riss-
tens für die Betonspannungen auf der sicheren Sei- breite muss im Einzelfall aufgrund der spezifischen
te. Wirklichkeitsnahe Vc-Hc-Beziehungen liefern Umstände zwischen dem Tragwerkplaner und dem
günstigere Ergebnisse. Bauherrn auch aus haftungsrechtlichen Gründen
Eine Begrenzung der Betonzugspannungen ist vereinbart werden.
für Stahlbetonbauteile in DIN 1045 Teil 1 norma- Gleiches gilt für die Beschränkung der Riss-
tiv nicht geregelt; sie kann bei Bauteilen mit stren- breite aus ästhetischen Gründen. Da Risse trotz
gen Anforderungen an die Verformungen zur Be- ihrer Unvermeidlichkeit subjektiv als Mangel
grenzung der Rissbildung jedoch sinnvoll sein. empfunden werden, sollte zur Wahrung eines an-
Grenzwerte sollten unter Berücksichtigung der sprechenden Erscheinungsbildes nach DIN1045
Dauerzugfestigkeit fallspezifisch festgelegt wer- Teil 1 eine Breite wk ” 0,4 mm angestrebt werden.
den. Da eine Rissbildung aufgrund von Eigenspan- Auch wenn solche Risse mit dem bloßen Auge
nungen aber kaum sicher ausgeschlossen werden i. Allg. kaum wahrnehmbar sind, kommt es durch
1098 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

Schmutzablagerungen an den Rissufern zu einem


Nachzeichnen und Hervorheben der Risse.
Oft vergessen wird die Tatsache, dass viele der
üblichen Nachweise und empirischen Beziehungen
im Grenzzustand der Tragfähigkeit implizit eine Be-
schränkung der Rissbreite voraussetzen, v. a. zur
Übertragung von Schubspannungen über Risse.
Auch wenn eine Rissbreitenbeschränkung im Grenz-
zustand der Gebrauchstauglichkeit die Tragfähigkeit
nicht direkt erfasst, kann sie doch zum Erreichen des
angenommenen Tragmechanismus beitragen.
Die Begrenzung der Rissbreite kann auf die in
3.3.5.2 geschilderten Grundlagen zurückgeführt
werden, wenn anstelle des Balkens ein Zugstab be-
trachtet wird, dessen Höhe gleich der effektiven Abb. 3.3-33 Zusammenhang zwischen Bewehrungsgrad
und zulässigem Stabdurchmesser
Höhe nach Abb. 3.3-22 ist. Der für den Nachweis
maßgebende obere Fraktilwert der Rissbreite ergibt
sich nach DIN 1045 Teil 1 für den maximal mög- Für Platten mit einlagiger Bewehrung ist durch
lichen Rissabstand sr,max=2lt unter Verwendung cha- Einführung der Bewehrungsmenge je Längenein-
rakteristischer Werte der Verbundspannung. heit as=‡s2ʌ/(4s) analog zur Begrenzung der Stab-
Die Vorhersagegenauigkeit der Rissbreitenbe- durchmesser eine Rückführung der Rissbreitenbe-
rechnung ist wegen der stark streuenden Eingangs- schränkung auf eine Beschränkung der Stabab-
größen und der vereinfachten Modelle relativ ge- stände s möglich. Diese sind in DIN 1045 Teil 1
ring. Die berechnete Rissbreite sollte daher nicht ebenfalls tabelliert.
als Prognose der im Bauwerk wirklich zu erwar- Durch den begrenzten Einflussbereich der Be-
tenden Rissbreite verstanden werden, sondern eher wehrung kann es in größerem Abstand von der Be-
als Rechengröße zur Ableitung objektiver Kons- wehrung zur Bildung von breiten Sammelrissen
truktionsregeln. kommen. Im Stegbereich hoher Balken sollte da-
Die wesentlichen Einflussfaktoren für wk sind her zusätzlich eine konstruktive Mindestbeweh-
Stabdurchmesser ‡s und Bewehrungsgrad Ueff im rung angeordnet werden.
Wirkungsbereich der Bewehrung. Löst man wk
nach dem Stabdurchmesser auf, so ergibt sich der
3.3.6.3 Querkraft
bei gegebener Bewehrungsmenge zulässige Stab-
durchmesser zu (Abb. 3.3-33) Im Bereich zwischen den Auflagern und den
Lasteinleitungsstellen treten im Balken nach Abb.
(3.3.59) 3.3-23 neben den Biegemomenten auch Querkräfte
VS=P auf. Im ungerissenen Zustand entsteht hieraus
zunächst ein zweiachsialer Spannungszustand aus
Normalspannungen V infolge Biegung und Schub-
Hieraus lassen sich vereinfachte Verfahren zur Be- spannungen W. Vernachlässigt man die Wirkung der
grenzung der Rissbreite durch eine Begrenzung Schubverzerrungen, so bleiben die Querschnitte
des Stabdurchmessers ableiten, indem zunächst auch hier eben; die Bestimmung der Schubspan-
unabhängig von Ueff der kleinste zu einer Stahl- nungen kann dann am differentiellen Element aus
spannung Vs gehörende Stabdurchmesser ‡s als dem Gleichgewicht der Kräfte in Längsrichtung er-
Grenzwert angesetzt wird. Entsprechende Tabellen folgen. Die Spannungen Vz verschwinden in ausrei-
enthält DIN 1045 Teil 1. Da die Vernachlässigung chender Entfernung von den Lasteinleitungsstellen.
von Ueff u. U. sehr konservativ ist, erlaubt DIN Spannungen in der Schubbewehrung treten somit
1045 Teil 1 eine entsprechende Modifikation des nur infolge der Querdehnung aus den Vx auf; diese
Grenzdurchmessers. sind vernachlässigbar klein.
3.3 Massivbau 1099

Die Hauptspannungen verlaufen geneigt gegen kräften größer. Hierbei ist auch die Reihenfolge der
die Trägerrichtung, wobei der Neigungswinkel Belastung zu beachten. Wird das Bauteil z. B. vor
vom Verhältnis der Schnittgrößen MS, NS, VS ab- dem Aufbringen der äußeren Last durch Zwang in-
hängig ist. Allgemein verlaufen die Druckspan- folge Schwinden beansprucht, so entstehen die
nungstrajektorien bei Drucknormalkräften eher in Risse wegen der beim Aufreißen fehlenden Quer-
Richtung der Balkenachse, bei Zugnormalkräften kraft senkrecht zur Bauteilachse. Über diese ersten
eher senkrecht dazu. Risse hinweg können sich unter Belastung weitere
Bei Überschreitung der Zugfestigkeit kommt es geneigte Risse bilden. Zwischen den Rissen verblei-
zur Rissbildung. Der Ort der maximalen Hauptzug- ben intakte „Betonzähne“, die eine kammartige
spannung und damit der Rissentstehung ist vom Struktur bilden.
Verhältnis der wirkenden Schnittgrößen und von der Eine Aufnahme der freiwerdenden Betonzug-
Querschnittsgeometrie abhängig. Im Allgemeinen spannungen durch die Bewehrung ist zunächst
entstehen Risse auch bei gleichzeitiger Wirkung nicht möglich, da diese i. Allg. nicht in Richtung
von Querkraft und Moment als Biegerisse am Quer- der Hauptspannungstrajektorien verläuft. Eine
schnittsrand und nur bei Bauteilen mit breiten Zug- freie Öffnung der Risse wird jedoch durch die un-
und Druckgurten sowie schmalen Stegen evtl. im gerissene Druckzone behindert. Nimmt man an,
Bereich des Steges. Im Gegensatz zu rein biegebe- dass sich die zwischen den Rissen gelegenen Be-
anspruchten Bereichen verlaufen die Risse nicht tonzähne als Starrkörper verschieben, so erhält
senkrecht zur Balkenachse, sondern wie die Haupt- man die in Abb. 3.3-34a skizzierte Kinematik. Da-
spannungen im Zustand I geneigt. Sie folgen den bei lässt sich folgendes feststellen:
Hauptspannungstrajektorien jedoch nicht exakt, da
es bereits bei Beginn der Rissbildung zu Umlage- – Infolge der Rotation der Zähne bei Rissöffnung
rungen der Spannungen kommt. Für Bauteile ohne ändert sich die Höhe des Balkens. Die Bügel
Normalkräfte ist der Neigungswinkel der Risse etwa werden gedehnt, und es entsteht eine Bügel-
E§40°…45°, mit Druckkräften kleiner und mit Zug- spannung Vsw.

Abb. 3.3-34 Abtragung der Querkraft im gerissenen Zustand


1100 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

– Die Biegezugbewehrung und die Bügel erhalten neigten Bügelbewehrung ergibt sich der Traganteil
im Riss zwischen zwei Zähnen einen Knick, der der Bewehrung durch eine analoge Betrachtung
aufgrund der endlichen Biegesteifigkeit der Be- bei unverändertem Vc zu
wehrung in Wirklichkeit nicht auftreten kann.
Aus der Verdübelung entsteht somit ein Wider- . (3.3.63)
stand gegen die Rissöffnung.
– Bei Öffnung der Risse entsteht gleichzeitig eine Die Ermittlung der Spannungen in den Bügeln und
gegenseitige Parallelverschiebung der Rissufer. aus der Rissverzahnung erfordert zusätzlich die Be-
Diese wird jedoch durch die Verzahnung der rücksichtigung von Kompatibilitätsbedingungen und
Rissufer behindert; es entstehen Schub- und Stoffgesetzen für Beton, Stahl, Verbund und Rissver-
(Druck-) Normalspannungen im Riss. zahnung [Kupfer u. a. 1983]. Eine empirische Ab-
– Die freie Verdrehung der Zähne gegen die schätzung ist auch aufgrund der in Versuchen gemes-
Druckzone kann sich nicht einstellen, da beide senen Bügelspannungen möglich [Leonhardt/Walter
biegesteif verbunden sind. 1962]. Der Traganteil der Rissreibung zusammen mit
den übrigen, oben vernachlässigten Traganteilen ist
Somit stehen auch im gerissenen Beton Mechanis- demnach für verschiedene Lastniveaus nahezu kons-
men zur Querkraftübertragung zur Verfügung (Abb. tant. Die Bügelspannungen bleiben bei kleinem VS
3.3-34b). Die Vertikalanteile der Tragmechanismen zunächst gering, erst wenn VS den Widerstand der
Rissverzahnung, Dübelwirkung, Schubübertragung Rissverzahnung übersteigt, nimmt der Traganteil der
in der Druckzone und der Bügelkraft müssen der an- Bewehrung nennenswert zu.
greifenden Querkraft das Gleichgewicht halten. Aus Die Modellierung des Tragverhaltens unter
dem Momentengleichgewicht an einem von der Querkraft kann auch durch Betrachtung eines (fik-
Druckzone abgetrennten Betonzahn folgt (bei Ver- tiven) Stabwerks erfolgen, in dem die Druckspan-
nachlässigung der Einspannung in die Druckzone): nungen des Betons und die Zugspannungen der
Bewehrung zu diskreten Streben zusammengefasst
werden (Abb. 3.3-35a). Für den allgemeinen Fall
(3.3.60) erhält man die Strebenkräfte

Bei Bauteilen mit üblichen Schubbewehrungsgra-


den kann die Wirkung der Verdübelung vernachläs-
sigt werden. Die Änderung der Biegezugkraft auf
der Länge sr folgt aus der Momentenänderung und
ist damit proportional zur Querkraft (z § konst):

(3.3.61)

Die Bügelkraft ergibt sich aus den Bügelspan-


nungen und der im Bereich eines Betonzahns lie-
genden Bügelmenge Asw/s sr. Damit folgt

(3.3.62)

Es verbleibt also ein Anteil der Schubbewehrung


und der Rissverzahnung. Für den allgemeinen Fall Abb. 3.3-35 Beschreibung der Querkrafttragverhaltens mit
einer mit dem Winkel D gegen die Balkenachse ge- Stabwerken
3.3 Massivbau 1101

(3.3.64) Druckzone und Zugbewehrung aufgenommen wer-


den. Man erhält also die Kräfte

Mit der Breite der Druckstrebe


(3.3.71)
ad = z (cot T + cot D) sin T (3.3.65)

und der im Bereich einer Zugstrebe liegenden Bü-


gelmenge Die Beanspruchung der Biegedruckzone wird ver-
ringert, die der Zugzone um die gleiche Kraft ver-
(3.3.66) größert. Da die Steifigkeit der Druckzone i. Allg.
wesentlich größer ist als die der Zugbewehrung, re-
erhält man die Spannungen sultiert daraus eine zusätzliche Krümmung des Bau-
teils. Diese wird i. d. R. jedoch vernachlässigt.
(3.3.67) Die Ermittlung der aus V resultierenden Schub-
verzerrung des Balkens im gerissenen Zustand ist
aufgrund des komplexen Tragverhaltens schwierig.
Sie kann anhand der Dehnungen von Beton und Bü-
(3.3.68) gelbewehrung unter Verwendung der Kinematik des
Stabwerkmodells qualitativ abgeschätzt werden,
wobei allerdings der durch die Rissuferverschie-
Einzige Unbekannte in dem sonst statisch be- bung auftretende Verformungsanteil vernachlässigt
stimmten Modell ist der Druckstrebenwinkel T. wird. Der Abfall der Schubsteifigkeit im Vergleich
Über ihn lässt sich ein direkter Zusammenhang zum Zustand I ist von der Bügelmenge abhängig
zwischen dem Stabwerkmodell und dem Modell und wegen der erforderlichen Spannungsumlage-
mit Rissverzahnung herstellen. Da beide Modelle rungen zur Aktivierung der Tragmechanismen
für die gleiche Querkraft die gleiche Bügelspan- i. Allg. größer als der Abfall der Biegesteifigkeit.
nung liefern müssen, erhält man durch Vergleich
von Gl. (3.3.67) und Gl. (3.3.62) für den Druckstre- Tragfähigkeit im GZT
benwinkel die Beziehung (D=90°) Die Nachweise im GZT können auf der Grundlage
eines Modells mit Rissreibung oder eines Stabwerk-
(3.3.69) modells erfolgen. Die Bemessung mit Stabwerkmo-
dellen erfordert die Festlegung eines Druckstreben-
winkels T. Unter Voraussetzung einer unbeschränkten
Die aktivierbare Rissverzahnung Vc erlaubt also je Rissverzahnung und einer unbegrenzten Duktilität
nach angreifender Querkraft VS eine Abweichung der Materialien kann T frei gewählt werden; da mit
des Druckstrebenwinkels vom Risswinkel. kleineren Winkeln die erforderliche Schubbeweh-
Die Auswirkung der Querkraft auf die Biege- rung und die Tragfähigkeit der Druckstreben abneh-
zug- und -druckzone erhält man durch Betrachtung men, liegt es nahe, T so klein zu wählen, dass die
eines Schnittes senkrecht zur Bauteilachse (Abb. Tragfähigkeit der Druckstrebe eben noch ausreicht.
3.3-35b). Die horizontalen Komponenten der Bü- Für eine gegebene Bewehrungsmenge folgt der zur
gel- und Druckstrebenkräfte ergeben eine fiktive Aufnahme einer Querkraft VSd erforderliche
Normalkraft Druckstrebenwinkel aus Gl. (3.3.67), wobei entspre-
chend den Annahmen der Plastizitätstheorie ein Flie-
NV = cos T Fd – cosD Fw ßen der Bewehrung vorausgesetzt wird (D=90°):
= V(cot T– cotD). (3.3.70)
(3.3.72)
Da der Angriffspunkt von NV in der Mitte der
Schubzone liegt, muss die Kraft zur Hälfte von
1102 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

Die maximale Querkraft erhält man durch Einset- Die genannten Voraussetzungen – unbegrenzte
zen in Gl. (3.3.68), wenn man Vc gleich der Rissverzahnung und Duktilität – gelten für Stahl-
Druckstrebenfestigkeit Dc fcd (s.u.) setzt. Nach ei- betonbauteile jedoch nicht. Daher muss für T eine
nigen Umformungen erhält man für die maximal pauschale Begrenzung eingeführt werden, z. B.
aufnehmbare Querkraft bei gegebenem Beweh- 1<cotT <2,5 nach den in EC 2 empfohlenen Grenz-
rungsgrad eine Kreisgleichung (Plastizitätskreis) werten. Hierdurch wird der Plastizitätskreis unten
und oben abgeschnitten.
ȣud2 = Ȧw – Ȧw2 (3.3.73) Das Modell in DIN 1045 Teil1, das auch im deut-
schen nationalen Anhang zum EC 2 eingeführt wird,
mit den bezogenen Größen kombiniert Stabwerkmodell und Rissverzahnung,
indem es aus der aktivierbaren Rissverzahnung nach
Gl. (3.3.69) einen unteren Grenzwert Tgrenz des
(3.3.74) Druckstrebenwinkels ermittelt. Innerhalb des Be-
reichs cot Tgrenz>cot T>1 kann der Druckstreben-
winkel für die Nachweise am Stabwerkmodell im
Abbildung 3.3-36 zeigt den Plastizitätskreis im Sinne der Plastizitätstheorie frei gewählt werden.
Xud-Zw-Diagramm. Ein fester Winkel T entspricht Rissverzahnung und Rissneigung werden dabei
einer Ursprungsgeraden mit der Neigung tan T, die mit halbempirischen Ansätzen berechnet:
Winkelhalbierende (T =45°) stellt den klassischen
Bemessungsansatz mit rissparallelen Druckstreben (3.3.75)
nach Mörsch dar, der für ein Bauteil ohne Rissver-
zahnung anzunehmen wäre.
Das Maximum von Xud tritt hier (D=90°) bei (3.3.76)
T=45° auf; für diesen Winkel wird die Druckstreben-
tragfähgigkeit maximal, bei kleineren und größeren
Winkeln nimmt sie ab. Im Rahmen der Bemessung Für Leichtbetone ist VRd,c wegen der eingeschränkten
sind Winkel T>45° daher i. Allg. nicht sinnvoll, da Rissverzahnung zu mindern. Dabei wird der Effekt
hier die Bügelbewehrung größer ist als für T<45°. der bei Wirkung einer Drucknormalkraft flacher
Lediglich die Beanspruchung in der Biegezugbeweh- werdenden Risswinkel sowie der verbesserten Riss-
rung wird hierdurch verringert, vgl. Gl. (3.3.99). verzahnung qualitativ berücksichtigt. Das Ergebnis
für T=Tgrenz zeigt Abb. 3.3-36; eine begrenzte Riss-
verzahnung erlaubt keine Ausnutzung der vollplasti-
schen Tragfähigkeit. Die Ausnutzung der Rissver-
zahnung impliziert eine Begrenzung der Schubriss-
breite, was große plastische Stahldehnungen und
somit die Ausnutzung der Verfestigung ausschließt;
daher ist bei der Bemessung der Schubbewehrung
Vs=fyd zu setzen.
Für kleine X liegt die Gerade nach DIN 1045 Teil
1 außerhalb des Plastizitätskreises; hier wäre dem-
nach die Tragfähigkeit der Druckstrebe überschrit-
ten, was für entsprechend kleine Bewehrungsgrade
jedoch den im Versuch beobachteten Versagensme-
chanismen widerspricht. In diesem Bereich können
die vereinfachten Ansätze das Bauteilverhalten nicht
widergeben, was für die praktische Anwendung aber
ohne große Bedeutung ist, da dieser Bereich durch
Abb. 3.3-36 Zusammenhang zwischen bezogener Querkraft die konstruktive Mindestbügelbewehrung abge-
und Bewehrungsgrad: Plastizitätskreis; DIN 1045 Teil 1 deckt wird.
3.3 Massivbau 1103

Druckstrebenfestigkeit. In die Druckstreben werden


durch den Verbund mit der den Riss kreuzenden
Schubbewehrung Querzugspannungen eingeleitet,
die nach Abb. 3.3-7 die Festigkeit auf Dc fcd abmin- (3.3.77)
dern. Die Größe des Abminderungsfaktors Dc ist
vom Rissabstand, der Rissbreite, dem Verbundver-
halten der Bügelbewehrung usw. abhängig. In expe- Die tatsächlich aufzunehmende Zugkraft ergibt
rimentellen Untersuchungen an Stahlbetonscheiben sich also aus dem Biegemoment, das um al neben
unter Druck- und Querzugbelastung wurde Dc§0,8… der betrachteten Stelle angreift. Grafisch erhält
0,85 ermittelt, solange die Dehnung der kreuzenden man die Zugkraftlinie durch das Verschieben der
Bewehrung im Bereich der Fließdehnung bleibt M/z-Linie um das Versatzmaß (s. Abb. 3.3-43).
[Kolleger/Mehlhorn 1990]. Bei sehr großen Stahl- Bei Bauteilen mit geneigtem Druck- oder Zug-
dehnungen (Hs >10‰) ergibt sich eine stärkere Ab- gurt entsteht in den Gurten ein Anteil senkrecht
minderung, die baupraktisch allerdings kaum rele- zur Balkenachse, der bei der Bemessung berück-
vant ist, da solche Verzerrungszustände in Balken- sichtigt werden muss bzw. darf. Dieser Anteil
stegen i. Allg. nicht auftreten [Roos 1995]. wirkt günstig, wenn der Verlauf der Gurte dem
Eine gleichzeitige Aktivierung der Rissverzah- Momentenverlauf angepasst ist, wenn also der in-
nung (EzT) führt zu einer weiteren Abnahme der nere Hebelarm bei steigendem Moment zunimmt
Druckstrebenfestigkeit. In [Schlaich/Schäfer 2001] (Abb. 3.3-37), da hier die gesamte Querkraft V0d
wird daher für rissparallele Druckspannungsfelder mit der schuberzeugenden Querkraft VSd und den
eine Abminderung der Druckstrebenfestigkeit auf in gleicher Richtung wirkenden Vertikalanteilen
0,8fcd und für Druckspannungsfelder mit kreuzenden von Fs, Fc im Gleichgewicht stehen muss, d. h. in
Rissen auf 0,6fcd vorgeschlagen. Abb. 3.3-37a
In DIN 1045 Teil 1 wurde pauschal Dc=0,75 ge-
setzt, da die mögliche Abweichung zwischen Riss- V0d =VSd + sin(Ic)|Fc| + sin(Is) Fs (3.3.78)
und Druckstrebenwinkel im Modell durch die
Rissverzahnung begrenzt ist. und in Abb. 3.3-37b

Interaktion Querkraft – Biegung. Nach Gl. (3.3.71) tre- V0d =VSd – sin(Ic)|Fc| – sin(Is) Fs . (3.3.79)
ten infolge Querkraft auch Beanspruchungen in
der Biegedruckzone und der Biegezugbewehrung Nachweise im GZG
auf. Die Auswirkungen auf die Betondruckzone Die Stahlspannungen bleiben nach Bildung der
können auf der sicheren Seite liegend vernachläs- Schubrisse zunächst klein. Auf einen Nachweis der
sigt werden. Die Erhöhung der Stahlzugkraft lässt Rissbreitenbeschränkung kann daher i. Allg. ver-
sich mit Hilfe des Versatzmaßes al=z/2(cot T–cot D) zichtet werden, sofern eine konstruktive Mindest-
beschreiben. Setzt man VSd= dMSds/dx in Gl. (3.3.71) bewehrung vorhanden ist.
ein, so erhält man

Abb. 3.3-37 Auswirkung geneigter Gurte bei der Querkraftbemessung


1104 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

3.3.6.4 Torsion
Ein Torsionsmoment TS verursacht im Querschnitt
Schubspannungen, die die Gleichgewichtsbe-
dingung

TS = TR = œA (y Wxz–z Wxy) dA (3.3.80)

erfüllen müssen. Im Allgemeinen entstehen infol-


ge TS auch Normalspannungen aus der behinderten
Verwölbung des Querschnitts; diese sind jedoch
bei kompakten Querschnitten in ausreichendem
Abstand von Lasteinleitungsstellen vernachlässig-
bar gering. Zur Bestimmung der Schubspannungen
im ungerissenen Zustand siehe z. B. [Mussche-
lischwili 1971; Gruttmann u. a. 1998].
Am Bauteil resultiert aus Torsion eine Verdre-
hung -, die im ungerissenen Zustand mit dem Tor- Abb. 3.3-38 Verlauf der Schubspannungen
sionsmoment über die Torsionssteifigkeit Gc ITi
verknüpft ist:
der Torsion im gerissenen Zustand i. d. R. das Er-
(3.3.81) satzmodell des fiktiven Hohlkastens mit der Wand-
dicke t zugrunde gelegt (Abb. 3.3-38).
In den Wänden des Hohlkastens ergibt sich der
Die gemeinsame Wirkung von Bewehrung und Be- Schubfluss unter Annahme eines konstanten Ver-
ton kann durch einen ideellen Querschnittswert ITi laufes über die Wanddicke nach der Bredtschen
berücksichtigt werden. Dabei bleiben senkrecht Formel:
zur Bauteilachse stehende Bügel im ungerissenen
Zustand spannungsfrei. Der Anteil der Längsbe- (3.3.82)
wehrung ist i. Allg. vernachlässigbar.
Die aus den Schubspannungen resultierenden
Hauptspannungen verlaufen unter reiner Torsion Der Term Ak bezeichnet darin die von der Mittelli-
mit 45° Neigung gegen die Achse wendelförmig nie der Hohlkastenwände umschlossene Fläche;
um das Bauteil, entsprechend auch die bei Über- Uk ist im Folgenden der Umfang des Hohlkastens.
schreiten der Betonzugfestigkeit entstehenden Für Rechteckquerschnitte ist Ak= (b–t)(h–t) und
Risse. Das Risstorsionsmoment Tcr folgt für reine Uk=2(b+h–2t). Die Schubbeanspruchung in den
Torsion und elastisches Verhalten aus VI=Wmax=Tcr/ Wänden entspricht der eines Balkensteges infolge
WT=fct,eff (WT und IT siehe z. B. [Grasser 1997]). Querkraft, es gelten im Wesentlichen die gleichen
Da jedoch (analog zur Biegezugfestigkeit) mit Be- Aussagen über das Tragverhalten.
ginn der Rissbildung eine gewisse Plastifizierung Die Betrachtung eines dünnwandigen Querschnitts
einsetzt, liegen die experimentell beobachteten stellt für übliche Querschnittsabmessungen eine
Rissmomente etwas höher [Lampert/Thürlimann starke Idealisierung dar. Durch die Verdrehung des
1968]. Querschnitts verwinden sich die Seitenflächen zu hy-
Da Bügel- und Längsbewehrung i. Allg. am perbolischen Paraboloiden (Abb. 3.3-39), was eine
Rand des Querschnitts angeordnet sind, erfolgt die zusätzliche Biegebeanspruchung in den Betondruck-
Lastabtragung im gerissenen Zustand v. a. dort, streben verursacht [Lampert/Thürlimann 1968].
d. h., der Querschnitt besteht dann aus einer aktiven Das T--c-Diagramm zeigt einen ähnlichen Ver-
(bewehrten) Schale und einem nahezu passiven lauf wie die M-N-Beziehung unter Biegung mit un-
Betonkern [Leonhardt/Schelling 1974; Lampert/ gerissenem, gerissenem und Fließzustand. Aller-
Thürlimann 1968]. Daher wird bei der Betrachtung dings fällt die Steifigkeit mit Beginn der Rissbil-
3.3 Massivbau 1105

(3.3.84)

Die Drehachse des Querschnitts (d. h. der Schub-


mittelpunkt) wandert bei Rissbildung in Richtung
der steiferen Querschnittsteile, also bei gleichzei-
tiger Biegung und Torsion in die wesentlich st-
eifere Biegedruckzone.

Abb. 3.3-39 Verwindung der Seitenflächen zu hyperbo- Tragfähigkeit im GZT


lischen Paraboloiden Die Bemessung der Hohlkastenwände kann analog
zur Querkraftbemessung durchgeführt werden.
Man erhält nach Abb. 3.3-40a,b mit den Gln.
dung wegen der Reduzierung des mitwirkenden (3.3.67) und (3.3.68)
Querschnitts und der erforderlichen Spannungs-
umlagerung deutlich stärker ab. Die qualitative (3.3.85)
Abschätzung kann wie für die Querkraftbeanspru-
chung mit Stabwerkmodellen erfolgen. Die innere
und äußere Arbeit am freigeschnittenen differenti- (3.3.86)
ellen Element unter dem Torsionsmoment T ist

Zusätzlich ist die in Balkenlängsrichtung wirkende


Komponente der Druckstreben nach Gl. (3.3.70) in
(3.3.83) den einzelnen Wänden durch eine Längsbeweh-
rung aufzunehmen:

Der Anteil in den Druckstreben ist i. Allg. vernach- (3.3.87)


lässigbar, die Druckstrebenneigung lässt sich nä-
herungsweise durch eine Minimierung der inneren
Arbeit bestimmen. Damit erhält man die Torsions- Da die Torsionsbeanspruchung anders als die
steifigkeit Querkraft nicht an das Biegemoment gekoppelt ist,

a kompakter Querschnitt b profilierter Querschnitt

Abb. 3.3-40 Bemessung für Torsion


1106 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

muss die Längsbewehrung gesondert ermittelt und gen Wanddicken der Einfluss der Biegebeanspru-
zur Biegebewehrung addiert werden. chung gering bleibt und durch die meist auf beiden
Wie bei der Querkraft wirkt sich eine wendel- Seiten der Wand vorhandenen Bügel eine Um-
förmige Neigung der Bügel D<90° günstig auf die schnürung der Eckbereiche erreicht wird.
Beanspruchungen der Streben aus. Wegen des ein-
facheren Einbaus und der Verwechslungsgefahr auf Profilierte Querschnitte. Diese können durch eine
der Baustelle ist ein orthogonales Bewehrungsnetz Zerlegung in Rechteckquerschnitte erfasst werden,
aus Bügeln und Längsstäben jedoch vorteilhaft. auf die das angreifende Torsionsmoment zur Be-
Hinsichtlich der Neigung der Druckstrebe T rücksichtigung der Verträglichkeit entsprechend
gelten grundsätzlich die bei der Querkraft gemach- der Steifigkeit des jeweiligen Teilquerschnitts ver-
ten Aussagen. Eine explizite Berücksichtigung der teilt wird (Abb. 3.3-40b). Meist ist eine Abschät-
Rissverzahnung ist allerdings schwieriger, weshalb zung mit der Steifigkeit nach Zustand I ausreichend
T nach DIN 1045 Teil 1 i. Allg. auf der sicheren genau, man erhält also mit IT,i=Kxi3 yi für den Teil-
Seite liegend zu 45° gesetzt wird. Hierfür ergibt querschnitt i näherungsweise die Beanspruchung
sich bei D=90° auch das Minimum der Gesamtbe-
wehrung aus Asw und Asl.
(3.3.88)
Die ideelle Wanddicke t ist bei kompakten Quer-
schnitten unter Annahme ideal plastischen Verhal-
tens frei wählbar. Wegen der größeren Kernfläche
Ak nimmt As mit t ab; ein unterer Grenzwert für t wobei xi,yi die Seitenlängen der Teilquerschnitte
ergibt sich aus der Beanspruchung der Druckstrebe sind (xi ” yi).
Vc. Zusätzlich ist jedoch die Umlenkung der
Druckstrebenkräfte in den Eckpunkten des Quer- Interaktion Torsion–Querkraft. Unter kombinierter
schnitts zu berücksichtigen, die nur für die inner- Beanspruchung aus Querkraft und Torsion ist der
halb der Bügel gelegenen Teile der Strebe durch die Schubfluss je Steg des gedachten Hohlkastens
Abstützung auf Bügeln und Längsbewehrung (die ,woraus sich die erforderliche Bügelbe-
daher zumindest teilweise in den Ecken anzuordnen
ist) erfolgen kann, für die außerhalb gelegenen da- wehrung ergibt. Prinzipiell kann die Bewehrung
gegen durch Betonzugspannungen. Dies begrenzt t für Torsion und Querkraft auch getrennt ermittelt
zusätzlich nach unten. Nach DIN 1045 Teil1 wird und nachträglich addiert werden, was allerdings
die Wanddicke t daher so festgelegt, dass die Längs- voraussetzt, dass in beiden Fällen die Neigung der
bewehrung in der Schwerlinie der Wand liegt. Druckstrebe gleich angesetzt wird. Bei der Additi-
on der Bügelmengen ist zu berücksichtigen, dass
Druckstrebenfestigkeit. Wegen der aus der Verfor- die Bewehrungsmenge für Querkraft für den Ge-
mung der Oberflächen zum hyperbolischen Para- samtquerschnitt ermittelt wird, die für Torsion je-
boloid resultierenden Biegebeanspruchung wird doch für eine Hohlkastenwand. Daher wirken für
die im Modell des ideellen, dünnwandigen Hohl- die Abtragung der Querkraft beide Bügelschenkel,
kastens angenommene, über die Wanddicke kons- für die der Torsion jedoch nur einer, so dass gilt
tante Spannungsverteilung in den Druckstreben bei
begrenzter Duktilität i. Allg. nicht erreicht (Abb. (3.3.89)
3.3-40a,b). Bei Beibehaltung des Modells ist daher
ein zusätzlicher Wirksamkeitsfaktor einzuführen,
der auch die ungünstigen Einflüsse der Umlenkung Für den Nachweis der Druckstreben ist bei Voll-
in den Querschnittsecken berücksichtigen muss. querschnitten die Betrachtung nur der Hohlkasten-
Nach DIN 1045 Teil 1 wird die Druckstreben- wände sehr konservativ, da die im Inneren des fik-
festigkeit zur Berücksichtigung der genannten Ef- tiven Hohlkastens gelegenen Bereiche an der Ab-
fekte mit einem abgeminderten Faktor Dc,red=0,7 tragung der Querkraft beteiligt sind. Daher ist es
Dc reduziert. Ausgenommen hiervon sind echte prinzipiell zulässig, die Betondruckspannungen in-
Hohlkästen, da bei den in diesem Fall i. d. R. gerin- nerhalb des Querschnitts entsprechend Abb. 3.3-41
3.3 Massivbau 1107

Abb. 3.3-41 Mögliche Verteilungen der Druckstrebenkräfte im Querschnitt

zu verteilen. Alternativ hierzu kann der Nachweis


durch folgende, quadratische Interaktionsbedin-
gung geführt werden:

(3.3.90)

Dabei sind VRd,max und TRd,max die durch die Druck-


strebe maximal aufnehmbaren Schnittgrößen unter
reiner Querkraft bzw. Torsion für den gewählten Win-
kel T. Bei echten Hohlkastenquerschnitten ergibt sich
dagegen eine lineare Interaktionsbeziehung.

Interaktion Torsion–Biegung. Unter gleichzeitiger Wir- Abb. 3.3-42 Interaktionsdiagramm für Torsion und Bie-
kung von Biegung und Torsion werden die Hohlkas- gung
tenwände neben dem Schubfluss aus Torsion durch
Biegedruck- und -zugkräfte beansprucht. Für einen
stark idealisierten Querschnitt mit in den Ecken kon- und die Gesamtkraft in den Bewehrungslagen
zentrierter Längsbewehrung ist die Interaktion der
aufnehmbaren Biege- und Torsionsmomente in Abb. (3.3.93)
3.3-42 dargestellt. Das Versagen des Betons auf
Druck wird zunächst nicht betrachtet.
Aus einer vollplastischen Betrachtung folgt bei Das Erreichen des Grenzzustands folgt aus dem
Fließen der Bügel der Druckstrebenwinkel unter Fließbeginn der oberen oder unteren Bewehrung,
einem Torsionsmoment TSd zu d. h. No=fydAso oder Nu=fydAsu. Damit lässt sich
die Grenzbedingung dimensionslos schreiben:
(3.3.91)

Daraus folgt die je Bewehrungslage aufzuneh- (3.3.94)


mende Normalkraftkomponente der Druckstreben-
kraft zu

(3.3.92) Die aufnehmbaren Schnittgrößen bei reiner Bie-


gung oder Torsion sind
1108 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

sauberer) Bezug der Schnittgrößen auf die jeweils


maßgebende Festigkeit an:

(3.3.97)

mit TRd0 = Ak t Dc,red fcd ,


MRd0 = z b t fcd .
Für den unsymmetrisch bewehrten Querschnitt wird
das maximale Torsionsmoment bei gleichzeitig wir- Nachweise im GZG
kendem positivem Biegemoment erreicht. Für Der Nachweis der Rissbreitenbegrenzung unter
kleinere Biegemomente erfolgt das Versagen durch Torsion wird i. Allg. nicht explizit, sondern durch
ein Fließen der oberen Bewehrung, obwohl infolge Einhaltung von Konstruktionsregeln, d. h. eine Be-
Biegung Druckbeanspruchungen entstehen. grenzung des Stababstands geführt. Eine Vertei-
Sofern die Bemessung nicht für die kombinierte lung der Längsbewehrung über den Umfang er-
Beanspruchung durchgeführt wird, können die weist sich als günstig. Nach DIN 1045 Teil 1 ist bei
Nachweise näherungsweise getrennt geführt wer- Einhaltung der Regeln für die bauliche Durchbildung
den; bei der Ermittlung der Längsbewehrung muss kein weiterer Nachweis erforderlich.
die im jeweiligen Querschnittsteil vorhandene Bie-
gezug- bzw. Biegedruckkraft mit der aus der
3.3.6.5 Verhalten an Lasteinleitungsstellen
Schubbeanspruchung entstehenden Normalkraft
überlagert werden. In der Biegedruckzone wird da- Die oben geschilderten Modelle gelten zunächst nur
her i. Allg. keine Längsbewehrung erforderlich für ungestörte Bereiche, die man wegen des Eben-
sein, während die Bewehrungsmengen in der Bie- bleibens der Querschnitte nach der Bernoulli-Hypo-
gezugzone zu addieren sind. these als B-Bereiche bezeichnet. An Lasteinleitungs-
Beim Nachweis der Druckstreben ist die Inter- stellen bzw. Auflagern, den sog. „D-Bereichen“
aktion von Biegedruck und Torsionsschub zu be- (Diskontinuitäten), sind einige zusätzliche Beson-
rücksichtigen. Da bei großen Biegedruckkräften derheiten zu berücksichtigen. Die technische Bal-
keine Zugkraft in der Längsbewehrung entstehen kenbiegetheorie idealisiert das Bauteil als in der
kann, folgt aus NT=M/z der Druckstrebenwinkel in Breiten- und Höhenrichtung ausdehnungslosen Stab,
der Biegedruckzone was dazu führt, dass eingeleitete Lasten sich wegen
der nicht erfassten Spannungsausbreitung senkrecht
zur Stabachse unmittelbar in einer Änderung der
(3.3.95) Schnittgrößen auswirken. Für die lokale Bemessung
ist diese Idealisierung aber nicht sinnvoll.
und die Druckstrebenspannung Ähnliche Abweichungen von der Balkenbiege-
theorie ergeben sich an geometrischen Singulari-
täten wie sprunghaften Querschnittsänderungen.
Zur Untersuchung eignet sich v. a. die Methode der
Stabwerkmodelle (s. 3.3.8.3).
(3.3.96)
Direkte Lasteinleitung
Bei direkter Lasteinleitung bzw. Stützung werden
Durch Begrenzung von Vc auf die Festigkeit erhält Lasten bzw. Auflagerkräfte durch Druckspan-
man die Grenzbedingung für den Druckstreben- nungen am Bauteilrand eingeleitet. Da den Biege-
nachweis. Allerdings sind die effektiven Festigkei- und Schubspannungen des Balkens hier eine Span-
ten mit Dc,red fcd für Torsion und fcd für Biegung nung Vz < 0 senkrecht zur Balkenachse überlagert
unterschiedlich. Um einen glatten Übergang zu er- wird, bilden sich die Risse und Druckstreben fä-
möglichen, bietet sich ein (mechanisch nicht ganz cherförmig aus (Abb. 3.3-43).
3.3 Massivbau 1109

Abb. 3.3-43 End- und Zwischenauflager eines Durchlaufträgers

Am Auflager eines durch Gleichlast bean- Man erhält das gleiche Ergebnis mit der Versatz-
spruchten Balkens wandert daher ein Teil der Last maßregel.
direkt in das Auflager, ohne eine Beanspruchung in An den Zwischenauflagern von Durchlaufträ-
der Schubbewehrung zu erzeugen. Bildet man an gern bewirkt die steilere Druckstrebenneigung eine
einem parallel zur Druckstrebe abgeschnittenen Abnahme des Versatzmaßes al, so dass die Zug-
Trägerende das Gleichgewicht, so erhält man für kraft in der Bewehrung weniger stark ansteigt als
die mit Bügeln zu übertragende Querkraft das Moment. In der Auflagermitte liefert das Mo-
mentengleichgewicht
(3.3.98)
(3.3.100)
also die in einem Schnitt im Abstand x=z cot T ne-
ben dem Auflagerrand wirkende. Die Bemessung
der Bügel muss somit nicht für den Maximalwert Bei Auflagern mit endlicher Breite bewirkt der
der Querkraft direkt über dem Auflager erfolgen. rückdrehende Anteil der Auflagerpressung also
Dies gilt jedoch nicht für den Nachweis der eine Ausrundung des Verlaufes von Fs.
Druckstrebenbeanspruchung. Eine monolithische Verbindung des Balkens mit
Die am Auflager zu verankernde Zugkraft in dem unterstützenden Bauteil ermöglicht zusätzlich
der Längsbewehrung ergibt sich aus dem Momen- eine Vergrößerung des inneren Hebelarms z durch
tengleichgewicht um die Auflagermitte bei kurzen Ausstrahlung der Betondruckkraft in die Unterstüt-
Auflagern (bsup § 0) und einer senkrecht zur Bal- zung. Der Maximalwert der Kraft Fs ergibt sich
kenachse stehenden Schubbewehrung zu dann am Auflagerrand, so dass die Bemessung für
das dort wirkende Moment erfolgen kann.
Bei konzentrierten Einzellasten in der Nähe der
(3.3.99)
Auflager überlagern sich die Fächer von Last und
1110 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

Druckstrebenfächer aus. Da T konstant ist, muss die


Bewehrung die volle Zugkraft aus Biegung, Nor-
malkraft und Querkraft aufnehmen (Abb. 3.3-45a).
Die Versatzmaßregel ist nicht anwendbar. Eine Ab-
minderung der Querkraft nach Gl. (3.3.98) oder Gl.
(3.3.101) ist nicht zulässig. Indirekte Lagerungen
bzw. Lasteinleitungen treten z. B. bei Trägerrosten
auf, bei denen Haupt- und Nebenträger in einer Ebe-
ne liegen (Abb. 3.3-45b).

3.3.6.6 Profilierte Querschnitte


Mitwirkende Breite
Abb. 3.3-44 Tragwirkung bei einer auflagernahen Einzel-
last Bei stark profilierten Querschnittsformen kann das
Ebenbleiben der Querschnitte über die Breite nicht
mehr vorausgesetzt werden; mit zunehmendem
Auflager; ein Teil der Belastung wird über die Abstand von den Stegen entziehen sich Druck- und
Druckstreben direkt in das Auflager eingeleitet Zuggurte der Lastabtragung durch nichtebene Ver-
(Abb. 3.3-44). Nach DIN 1045 Teil 1 darf dies für zerrungen des Querschnitts. Um die Berechnung
a<2,5d berücksichtigt werden. Da für eine direkt der Gurte als Scheiben zu vermeiden, wird die
über dem Auflager angreifende Last (a=0) offen- unebene Spannungsverteilung durch einen flä-
sichtlich gar keine Schubbewehrung erforderlich chengleichen Block mit gleichem Spitzenwert
ist, liegt es nahe, für die Ermittlung von Asw die ersetzt, der reale Querschnitt also durch einen fik-
Querkraft aus der Einzellast linear abzumindern: tiven Ersatzquerschnitt mit der mitwirkenden
Breite beff, der unter Annahme einer ebenen Deh-
nungsverteilung die gleichen maximalen Span-
(3.3.101) nungen wie der sich verzerrende reale Querschnitt
liefert. Die Breite beff hängt v. a. vom statischen
Indirekte Lasteinleitung System, der Lastanordnung und der Querschnitts-
Die Krafteinleitung erfolgt durch Zugkräfte; für geometrie ab.
diese ist eine Aufhängebewehrung erforderlich. Da Das einfache Modell in Abb. 3.3-46 gibt nicht
ein Teil der Kraft durch den Verbund über die Bau- die exakte Lösung des Scheibenproblems [Girk-
teilhöhe verteilt eingeleitet wird, bildet sich kein mann 1959] wieder, ist jedoch zum Verständnis

Abb. 3.3-45 Indirektes Auflager


3.3 Massivbau 1111

Abb. 3.3-47 Anschluss eines Gurtes

te übertragen werden. Aus dem Gleichgewicht


folgt nach Abb. 3.3-47

œ(a) vfl dx = ¨ Ffl . (3.3.102)

Ffl ergibt sich dabei aus der gesamten Gurtkraft


(i. Allg. Biegedruck- oder Zugkraft) im Verhältnis
der abgetrennten (mitwirkenden) Gurtfläche zur
Abb. 3.3-46 Mitwirkende Breite eines Zweifeldträgers gesamten Gurtfläche. Nach elastischer Rechnung
wäre vfl etwa affin zur Querkraft. Eine bauprak-
tisch sinnvolle, in Bereichen konstante Querbe-
hilfreich. Die ungleichförmige Spannungsvertei- wehrungsmenge lässt sich durch Ausnutzung plas-
lung beruht demnach auf der Ausstrahlung der tischer Umlagerungen erreichen, wenn dort vfl
Spannungen in die Platte ausgehend vom Steg, der konstant angenommen, d. h. gemittelt wird. Die
durch Schubspannungen die Biegezug- und -druck- Länge, über die vfl gemittelt werden darf, ist we-
kräfte in die Gurte einleitet. Entscheidend für die gen der eingeschränkten Duktilität nach DIN 1045
Spannungsverteilung in der Platte ist demnach der Teil 1 auf den halben Abstand zwischen Momen-
Abstand der betrachteten Stelle von den Punkten tennullpunkt und -maximum beschränkt.
der Krafteinleitung in die Flansche, d. h. bei Biege- Da die in den Gurten aktivierbare Längskraft
beanspruchung von den Momentennullpunkten. von der Schubtragfähigkeit im Anschluss abhängt
Bei vorgespannten Bauteilen müssen als Einlei- wirkt sich diese auch auf beff aus. Umgekehrt kann
tungsstellen der Normalkraft die Verankerungen es zur Vermeidung hoher Anschlussbewehrungen
der Spannglieder angesehen werden. In Abb. 3.3- sinnvoll sein, beff und damit Ffl im GZT gegenüber
46 wirkt demnach im Stützbereich die Normalkraft dem elastischen Wert abzumindern. Zur Wahrung
aus Vorspannung bereits auf den gesamten Quer- der Gebrauchstauglichkeit sollte hiervon aber nur
schnitt, das Biegemoment dagegen nicht. Dies ist eingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
insbesondere im GZG zu beachten.
Eine hohe Genauigkeit bei der Ermittlung von Krafteinleitung
beff ist i. d. R. nicht angemessen, da die in der Lite- Bei der Untersuchung der Lasteinleitung in den
ratur angegebenen Ansätze unter Annahme elasti- Querschnitt begnügt man sich i. d. R. mit der ge-
schen Materialverhaltens abgeleitet wurden und trennten Betrachtung von Längs- und Querrich-
im GZT nur als Abschätzung angesehen werden tung. Für die Berechnung in der Längsrichtung
können; i. Allg. nimmt beff durch Rissbildung und werden die Auflagerreaktionen der Querrichtung
Plastifizierung zu. Der Einfluss auf das Bemes- auf das Längssystem aufgebracht, in Abb. 3.3-48
sungsergebnis ist i. d. R. ohnehin gering. getrennt auf jeden der beiden Stege.
Bei einstegigen Plattenbalken folgen die Schnitt-
Gurtanschluss größen der Längsrichtung unmittelbar aus dem
Zur Aktivierung von Längsspannungen in den Gleichgewicht. Bei mehrstetigen Plattenbalken
Gurten müssen am Anschluss zum Steg Schubkräf- und Hohlkastenquerschnitten ist die Verteilung der
1112 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

nach 3.3.9.1 erfolgen. Nach DIN 1045 Teil 1 ist es


jedoch zulässig, die erforderlichen Bewehrungs-
mengen für Schub as,v und Querbiegung as,m ge-
trennt zu ermitteln. Auf der Biegedruckseite sollte
dann 1/2as,v, auf der Biegezugseite der größere Wert
von 1/2as,v und as,m angeordnet werden.

3.3.6.7 Verformungen
Die Querschnittsverzerrungen sind (im Rahmen
einer geometrisch linearen Theorie) über –ws=N–Jc
und uc=H0 an die Durchbiegung w und die Längs-
verschiebung u gekoppelt. Die Berechnung der
Verformungen erfolgt durch Integration über die
Bauteillänge, z. B. mit dem Prinzip der virtuellen
Kräfte:

(3.3.103)

Abb. 3.3-48 Plattenbalken


Dies gilt unabhängig vom linearen oder nichtline-
aren Materialverhalten, da die virtuellen Schnitt-
Schnittgrößen in der Platte in Querrichtung und größen nur geometrische Wichtungsfunktionen für
auf die Stege in Längsrichtung durch statisch un- den Einfluss einer Verzerrung auf die gesuchte
bestimmte Rechnung über die Verträglichkeit der Verformung sind. Zu beachten ist, dass bei geris-
Verformungen in Längs- und Querrichtung zu er- senen Bauteilen auch unter reiner Biegebeanspru-
mitteln (Abb. 3.3-48). Symmetrische Lasten er- chung eine Verlängerung der geometrischen
zeugen in den Stegen Torsion infolge der Verfor- Schwerachse des Bauteils auftritt.
mung der Platte. Unsymmetrische Lasten werden In der Praxis wird der Anteil der Schubverfor-
durch St.-Venantsche Torsion der Teilquerschnitte mung i. Allg. vernachlässigt (N=–ws). Dies ist we-
und gegensinnige Querkräfte in den Stegen abge- gen des starken Abfalls der Schubsteifigkeit im
tragen (Wölbkrafttorsion). Zustand II nicht unbedingt gerechtfertigt. Bei ge-
Lediglich bei Vernachlässigung der St.-Ve- drungenen Balken sollte J daher zumindest quali-
nantschen Torsionssteifigkeit der Stege wird das tativ erfasst werden, z. B. über eine reduzierte elas-
Quersystem statisch bestimmt; die Kräfte verteilen tische Schubsteifigkeit, s. [Grasser/Thielen 1991].
sich nach dem Hebelgesetz auf die Stege. Diese Die zeitabhängige Zunahme der Verformungen
Näherung ist im üblichen Hochbau zulässig. Im muss in jedem Fall berücksichtigt werden (s.
Brückenbau sind genauere Untersuchungen erfor- 3.3.10). Die Länge der als gerissen anzunehmenden
derlich (s. [Holst 1998]). Zur Aufnahme der Torsi- Bereiche muss neben der bei der Durchbiegungs-
onsmomente ist i. Allg. eine Verbindung der Stege berechnung angesetzten Last evtl. auch vorherge-
mit Querträgern (meist nur im Auflagerbereich) er- hende höhere Lasten (i. Allg. die seltene Einwir-
forderlich, die die gegenseitige achsiale Verdre- kungskombination) berücksichtigen.
hung behindern. Bei der Auswertung von Gl. (3.3.103) sind zu-
nächst die aus den wirkenden Schnittgrößen resul-
Nachweise tierenden Verzerrungen (unter Berücksichtigung
Die Bemessung der Gurte kann für die Schubbean- der Mitwirkung des Betons zwischen den Rissen)
spruchung vSd,fl, die Biegebeanspruchung mSd,q in in einer ausreichenden Anzahl von Punkten ent-
Querrichtung und die Spannung in Längsrichtung lang der Stabachse und die virtuellen Schnittgrö-
3.3 Massivbau 1113

ßen für die gesuchte Verformung zu bestimmen.


Die Integration erfolgt numerisch, z. B. mit der
Simpson-Regel.
Die numerische Genauigkeit hängt von der Zahl
der verwendeten Stützstellen ab. Bei nur einer Stütz-
stelle und Annahme eines zum Moment affinen Ver-
laufs der Krümmung ergibt sich in Abb. 3.3-49

(3.3.104)

Da der angenäherte Verlauf völliger ist als der


wirkliche, wird die Verformung überschätzt. Im
Allgemeinen nähert man sich dem (numerisch)
richtigen Ergebnis bei einer Erhöhung der Zahl der Abb. 3.3-49 Berechnung der Durchbiegung eines Einfeld-
Stützstellen von oben an. trägers
Die Integration der Verzerrungen bewirkt eine
Mittelung des Bauteilverhaltens über die Länge.
Da lokale Störungen auf diese Weise ausgeglichen
werden, können Verformungen für die Nachweise
im GZG und GZT meist unter Ansatz der stochas-
tischen Mittelwerte der Materialeigenschaften be-
rechnet werden.
Hinsichtlich der Zuverlässigkeit einer Durch-
biegungsberechnung ist zu bedenken, dass die
hierfür maßgebenden Materialparameter (Elastizi-
tätsmodul und Zugfestigkeit des Betons) i. Allg.
nicht experimentell bestimmt, sondern lediglich
aus der Druckfestigkeit abgeleitet werden, vgl. Gl.
(3.3.5)–(3.3.7). Die Vorhersagegenauigkeit ist da-
her begrenzt.

Begrenzung im GZG
Zu unterscheiden sind Durchbiegung (Verformung,
bezogen auf die unverformte, spannungslose Lage
des Bauteils) und Durchhang (Stich der Biegeli- Abb. 3.3-50 Verformung
nie, bezogen auf die ideale Systemlinie, z. B. die
Verbindungslinie der Auflager). Durchhang und
Durchbiegung unterscheiden sich um das Maß der Maschinen, die Entwässerung von flachen Dächern
Überhöhung beim Betonieren. etc. zu berücksichtigen. Wegen der Vielfalt der
Die Gebrauchstauglichkeit von Bauwerken möglichen Schäden ist die Festlegung allgemein
kann durch Verformungen erheblich eingeschränkt gültiger Grenzwerte nicht möglich. In DIN 1045
werden (Abb. 3.3-50). Die Forderung nach einer Teil 1 werden in Anlehnung an ISO 4356 folgende
Begrenzung der Durchbiegung folgt i. Allg. aus der Grenzen angegeben:
Begrenzung der durch die Verformung verursach-
ten Schäden an der tragenden und nichttragenden – Zur Vermeidung von Schäden in Trennwänden
Konstruktion. Daneben sind aber auch die Auswir- darf die Durchbiegung 1/500 der Spannweite
kungen auf das subjektive Wohlbefinden von Per- nicht überschreiten. Entscheidend ist hier aber
sonen, das einwandfreie Funktionieren installierter auch die konstruktive Ausbildung und der Zeit-
1114 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

punkt des Einbaus, da nur der Teil der Durchbie- neben einer ausreichenden Dämpfung v. a. einen
gung, der nach dem Einbau der Wand noch auf- ausreichenden Abstand zwischen Eigen- (Z) und
tritt, wirksam wird. Dieser ist um den Anteil des Erregerfrequenz (:), (vgl. 1.5 und [CEB 1991a]).
Bauteileigengewichts und die bereits eingetre- Da i. Allg. :<Z angestrebt wird, entspricht dies ei-
tenen Kriechverformungen geringer. ner Mindestanforderung an die Steifigkeit und ist
– Andere Schäden können i. Allg. durch eine Be- demnach an die Beschränkung der Durchbiegung
grenzung des Durchhangs auf 1/250 der Spann- unter ruhender Last gekoppelt.
weite vermieden werden. Die Verformungen
können in diesem Fall durch eine Überhöhung
z. T. ausgeglichen werden. Die Überhöhung 3.3.7 Statisch unbestimmte Balken
sollte jedoch so vorsichtig gewählt werden, dass
3.3.7.1 Bauteilverhalten
sie von der Verformung mit Sicherheit über-
schritten wird, da ein sonst entstehender nega- Im Gegensatz zu statisch bestimmten Balken kön-
tiver Durchhang i. d. R. schädlicher ist als ein nen Schnittgrößen aus Gleichgewichtsbedingungen
positiver. nicht eindeutig bestimmt werden. Daher ist zusätz-
lich die Beachtung von Verträglichkeitsbedin-
Unter periodischen Einwirkungen (z. B. durch in- gungen erforderlich. Diese fordern für den in Abb.
stallierte Maschinen, Menschen, Fahrzeuge) erfor- 3.3-51 dargestellten Träger ein Verschwinden der
dert die Begrenzung der Schwingungsamplituden Verdrehung an den Einspannstellen:

Abb. 3.3-51 Krümmungen und Verträglichkeit der Verformungen


3.3 Massivbau 1115

eine (wesentliche) Zunahme des Stützmoments sehr


(3.3.105)
stark zu. Eine weitere Lasterhöhung muss nun allein
durch eine Vergrößerung des Feldmoments aufge-
Solange der Träger ungerissen bleibt gilt dabei nommen werden; das Bauteil wirkt nun wie ein Ein-
überall N=M/EcI, wenn der Einfluss ggf. unter- feldträger mit einem Randmoment MSt,y. Da sich die
schiedlicher ideeller Querschnittswerte bei unglei- plastischen Krümmungen auf einen relativ kurzen
cher Bewehrung im Feld- und Stützbereich ver- Bereich konzentrieren, werden sie i. Allg. zur Ver-
nachlässigt wird. Die Krümmung ist dann parabel- drehung eines (fiktiven) plastischen Gelenks zu-
förmig, und es folgt: sammengefasst. Die Zunahme der Krümmung im
Feld bei Steigerung der Feldmomente verursacht
(3.3.106) eine Verdrehung des plastischen Gelenks; durch den
entstehenden Knick ist die Verträglichkeit der Ver-
formungen nicht mehr gewährleistet.
Die ersten Risse entstehen an der Einspannung. Da Der Grenzzustand der Tragfähigkeit ist erreicht,
N im gerissenen Zustand größer ist als nach elasti- wenn mit der Bildung eines weiteren Fließgelenks
scher Rechnung entsteht eine zusätzliche Winkel- in Feldmitte eine kinematische Kette entsteht. An-
verdrehung ¨ISt<0, die dem Integral über dem ders ausgedrückt bedeutet dies, dass die Schnitt-
Krümmungszuwachs entspricht (neg. schraffierte größenverteilung im GZT durch die im Bauteil
Fläche in Abb. 3.3-51 b): vorhandene Bewehrung bestimmt wird, da sich
eine entsprechende Momentenlinie durch Fließge-
lenkbildung automatisch einstellt; dies entspricht
dem statischen Grenzwertsatz der Plastizitätstheo-
(3.3.107) rie. Voraussetzung für die vollständige Aktivierung
des Feldmoments ist eine ausreichende Duktilität
(Rotationsfähigkeit) der Stützbereiche, die in der
Lage sein müssen, die hierfür erforderliche plasti-
Die Verträglichkeit kann demnach nur gewährleis- sche Verdrehung aufzunehmen.
tet werden, wenn |MSt| kleiner ist als der aus einer Die Abweichung der tatsächlichen Biegemomente
elastischen Rechnung folgende Wert ql2/12. Das M von den nach E-Theorie berechneten Mel wird als
Feldmoment folgt dann allein aus dem Gleichge- Momentenumlagerung bezeichnet. Der Umlage-
wicht zu MF=MSt+ql2/8. Zum gleichen Ergebnis rungsfaktor ist definiert als G=MSt/ MSt,el. Das Aus-
kommt man, wenn die aus der Lasterhöhung ge- maß der Umlagerung in den einzelnen Laststufen
genüber der Erstrisslast resultierenden Schnittgrö- ist von zahlreichen Parametern abhängig, v. a. den
ßen durch eine statisch unbestimmte Rechnung Bewehrungsmengen ASt, AF, der Querschnittsform
bestimmt werden, bei der den gerissenen Stützbe- (Rechteck, Plattenbalken) und der Belastung (Form
reichen die reduzierte Steifigkeit im Zustand II zu- der Momentenlinie). Den qualitativen Verlauf für ei-
gewiesen wird. nen beidseitig eingespannten Träger unter Gleichlast
Bei weiterer Laststeigerung entstehen auch im mit Rechteckquerschnitt und gleicher Bewehrung im
Feldbereich Risse, die durch die vergrößerte Krüm- Feld und an der Stütze zeigt Abb. 3.3-52. Da bei glei-
mung einen zusätzlichen Drehwinkel ¨IF >0 verur- cher Bewehrung auch die Steifigkeit im Zustand II
sachen. Die Steifigkeit fällt auch dort auf den Wert im Feld- und Stützbereich gleich ist, verläuft die Li-
im Zustand II ab. Die weitere Entwicklung der nie im voll gerissenen Zustand parallel zur elasti-
Schnittgrößenverteilung ist wesentlich von der vor- schen. Im Allgemeinen ist die Bewehrungsmenge im
handenen Bewehrung abhängig. Für As,St>>As,F ist Stützbereich jedoch größer als im Feld; wegen der
die Steifigkeit im Stützbereich im Zustand II wesent- dann größeren Steifigkeit der Stützbereiche nähert
lich größer, was zu einem Anstieg der Stützmomente sich die Schnittgrößenverteilung nach Abschluss der
über den elastisch berechneten Wert führen kann. Rissbildung wieder der elastischen an.
Mit dem Erreichen des Fließmomentes MSt,y im Bei unsymmetrischen Querschnitten (Platten-
Stützbereich nehmen dort die Krümmungen ohne balken mit Wo>>Wu) beginnt die Rissbildung u. U.
1116 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

Abb. 3.3-52 Momentenumlagerung am beidseitig eingespannten Träger

im Feld. In diesem Fall werden die Schnittgrößen durch das Erreichen der Fließgrenze in der Beweh-
zunächst vom Feld zur Stütze umgelagert. Ebenso rung im Schnitt 1 und des Bruchmoments im Schnitt
kann bei As,St>>As,F das erste Fließgelenk im Feld 2 bestimmt. Sie hängt damit v. a. vom Verhältnis zwi-
entstehen. Dieser Fall ist bei Balken mit Gleichlast schen dem Fließ- und Bruchmoment des Querschnitts
und üblicher Bewehrungsanordnung von geringer sowie der Querkraft ab, also der Steigung der Mo-
praktischer Bedeutung und wird daher nicht weiter mentenlinie im Bereich des Gelenkes, wobei die
behandelt. Es sei aber darauf hingewiesen, dass die Ausrundung der Zugkraftlinie über direkten Aufla-
folgenden Erläuterungen hierfür nicht unmittelbar gern (Abb. 3.3-43) zu beachten ist. Die üblicherwei-
anwendbar sind, da in einem solchen Gelenk V=0 ist se angegebenen Rotationsfähigkeiten sind daher auf
und somit die Rotationsfähigkeit kleiner ausfällt. indirekte Auflager nicht ohne weiteres übertragbar.
Die maximale plastische Krümmung wird von
Einfluss der Schubverzerrung der Duktilität der Bewehrung und des Betons, dem
Bei Zweifeldträgern und den Randfeldern von Verbundverhalten und dem Bewehrungsgrad beein-
Durchlaufträgern wird v. a. bei gedrungenen Bal- flusst (Abb. 3.3-30). Für Stahlversagen ergibt sie
ken das Stützmoment und damit die Durchlaufwir- sich über die Risse gemittelt zu Num= Hsu,m/(d–x), für
kung reduziert. Bei profilierten Querschnitten mit Betonversagen zu Num=|Hcu,m|/x. Somit ist die bezo-
dünnen Stegen ist der Einfluss der Schubverzer- gene Druckzonenhöhe ein geeigneter Summenpara-
rung bereits bei größeren Schlankheiten erkennbar, meter für die Duktilität (Abb. 3.3-54). Für sehr klei-
ebenso bei gerissenen Stahlbetonbauteilen wegen
der i. Allg. relativ geringen Schubsteifigkeit.
In der Praxis wird dieser Effekt meist vernachläs-
sigt, was im Rahmen des statischen Grenzwertsatzes
der Plastizitätstheorie gerechtfertigt ist. Bei hoch-
ausgenutzten Tragwerken kann eine Berücksichti-
gung der Abnahme der Stützmomente bzw. der Ro-
tation in den plastischen Gelenken sinnvoll sein.

Rotationsfähigkeit plastischer Gelenke


Die mögliche Rotation eines Fließgelenks ergibt sich
aus dem Integral über den plastischen Krümmungs-
anteilen im Bereich des Gelenks (Abb. 3.3-53) [CEB
1998; Eligehausen u. a. 1997]. Die Länge lpl wird Abb. 3.3-53 Ermittlung der möglichen Rotation șpl
3.3 Massivbau 1117

ginn des Iterationsschrittes entwickelt: se (i+1) =


kte(i) ¨ve+se (i). kte(i) heißt dabei tangentiale Steifig-
keitsmatrix und folgt analog zur elastischen Rech-
nung aus

kte(i)= œle HeT E(i) He dx (3.3.109)

mit der tangentialen Querschnittssteifigkeit E(i)


nach Gl. (3.3.39). Die Integration muss wegen der
Veränderlichkeit von E im Element i. Allg. nume-
Abb. 3.3-54 Bemessungswerte der zulässigen Rotation
risch durchgeführt werden (Gauß-Quadratur), sie-
eines plastischen Gelenks für hochduktile Bewehrungs- he z. B. [Bathe 1986].
stähle nach DIN 1045 Teil 1 (O = 3) Die Elementsteifigkeitsmatrizen können wie in
der Elastizitätstheorie zur Systemmatrix Kt(i) kombi-
niert werden. Die Lösung der linearisierten Gleich-
ne Werte U bzw. x/d nimmt Tpl wegen der zuneh- gewichtsbedingung Kt(i)¨V= P–aT·s(i) liefert einen
menden versteifenden Mitwirkung des Betons zwi- verbesserten Verformungszustand V(i+1)=V(i)+¨V.
schen den Rissen ab. Für große x/d versagt die Die Iteration wird abgebrochen, wenn der Verfor-
Druckzone vor Fließbeginn der Bewehrung. Die mungszuwachs ¨V hinreichend klein oder die glo-
Rotationsfähigkeit ist dann gleich Null. Der Ein- bale Gleichgewichtsbedingung hinreichend genau
fluss der Querkraft wird durch die Schubschlankheit erfüllt ist.
O=MSd/(VSdd) erfasst, indem der Grundwert mit Im Allgemeinen kann bei Stabtragwerken mit
dem Faktor multipliziert wird. dem einfachen Newton-Raphson-Algorithmus Kon-
vergenz erzielt werden; zur Vermeidung von Diver-
genzen und zur Reduzierung der Rechenzeit emp-
3.3.7.2 Schnittgrößenermittlung
fiehlt sich jedoch eine Modifikation durch Line-
Nichtlineare Schnittgrößenermittlung search-Algorithmen oder Sekanten-Verfahren (Qua-
Wirklichkeitsnahe Berechnungen unter Berück- si-Newtonsche Methoden) siehe z. B. [CEB 1996].
sichtigung von Rissbildung und Plastifizierung er- Eine schrittweise (inkrementelle) Steigerung der
folgen heute i. d. R. unter Verwendung der Metho- Last erweist sich i. d. R. als vorteilhaft. Zu Einzel-
de der Finiten Elemente (zu den Grundlagen s. heiten der nichtlinearen Berechnungen siehe z. B.
1.5). Die Knotenkräfte des Elements ergeben sich [Hofstetter/Mang 1995; Stempniewski/Eibl 1996].
hier jedoch als nichtlineare Funktion der Knoten- Bei der Wahl der Elementansätze zur nichtline-
verschiebungen: aren Berechnung von Stahlbetontragwerken ist
insbesondere die Kopplung von Biegung und Nor-
se = se(ve) = œle HeT V(ve) dx+ soe (3.3.108) malkraft zu berücksichtigen. Bei den gängigen,
schubstarren Stabelementen mit zwei Knoten wird
mit dem Elementlastvektor soe und den Ansatzpo- N linear interpoliert, H0 dagegen konstant. Somit
lynomen für die Elementverzerrungen He. Die Er- kann sich die zur Krümmung zugehörige Längs-
mittlung des Schnittgrößenvektors V erfolgt für dehnung nicht frei einstellen, es entstehen fiktive,
den aus den Knotenverschiebungen ve resultie- im Element veränderliche Normalkräfte. Als vor-
renden Verzerrungszustand nach Gl. (3.3.31). teilhaft erweisen sich daher Elementtypen, die für
Eine Lösung für die Systemgleichgewichtsbe- Verzerrungsgrößen N und H0 Ansatzpolynome glei-
dingung P=aT·s mit der Transformationsmatrix a cher Ordnung verwenden [Zilch 1993].
und dem Vektor der äußeren Knotenkräfte P kann Das Verhalten plastischer Gelenke kann mit
i. Allg. nur iterativ gewonnen werden. Hierfür wer- schubstarren Elementen nicht zutreffend erfasst
den meist analog zu Gl. (3.3.39) die Knotenkräfte werden, da der Einfluss der Querkraft nicht be-
nach den Verschiebungen in eine Taylorreihe um rücksichtigt wird. Hierfür sind ggf. Modifikationen
einen geschätzten Verformungszustand V(i) am Be- erforderlich.
1118 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

Elastische Schnittgrößenermittlung schrieben wird, werden diese i. Allg. für die Schnitt-
Da die nichtlineare Berechnung von Stahlbeton- größenermittlung angesetzt. Die Querschnittsbe-
tragwerken i. Allg. für die praktische Anwendung messung lässt sich aber von der Traglastermittlung
zu aufwändig und fehleranfällig ist, werden nicht trennen, so dass die ermittelte Systemtraglast
Schnittgrößen in der Praxis heute meist auf Basis mit einem globalen Sicherheitsbeiwerte JR abge-
der linearen Elastizitätstheorie ermittelt. Dies ent- mindert werden muss [Eibl/Schmidt-Hurtienne
spricht einer Approximation durch die Tangenten- 1995]. Um für Beton- und Stahlversagen gleiche JR
steifigkeit im Ursprung und ist somit v. a. auf nied- zu erhalten, wird nach DIN 1045 Teil 1 die System-
rigen Laststufen, insbesondere solange der Beton traglast mit Rechenwerten der Materialeigen-
ungerissen bleibt, zutreffend oder zumindest eine schaften ermittelt, die so festgelegt sind, dass sich
gute Annäherung an die Realität. für reines Beton- oder Stahlversagen mit JR=1,3 die
Für höhere Lasten weicht die Näherung zuneh- gleichen Traglasten ergeben wie unter Verwendung
mend von der Wirklichkeit ab, ist für die praktische der Bemessungswerte, d. h. für die Betondruckfestig-
Arbeit i. d. R. jedoch hinreichend genau, wenn die keit fcR/JR § fcd und die Fließgrenze der Bewehrung
Schnittgrößen nicht von der Gesamtsteifigkeit, fyR/JR § fyd [König et al. 1997].
sondern nur von der örtlichen Verteilung der Stei- Die globale Abminderung der Tragfähigkeit im-
figkeiten im System abhängen. Unter Zwangbean- pliziert jedoch auf Querschnittsebene eine Abmin-
spruchung und bei einer Berechnung nach Theorie derung der Schnittgrößen bei festgehaltener Ver-
II. Ordnung liefert sie jedoch keine sinnvollen Er- zerrung und damit auch der E-Moduln. Für stark
gebnisse. verformungsbeeinflusste Grenzzustände nach The-
orie II. Ordnung liegt die Methode daher evtl. weit
auf der sicheren Seite [König/Quast 2000]. Für sol-
3.3.7.3 Nachweiskonzepte
che Fälle bietet es sich an, von vornherein mit den
Nachweis im GZT Bemessungswerten der Materialeigenschaften zu
Nichtlineare Berechnung. Der konsequenteste Nach- rechnen oder für die mit den Mittelwerten berech-
weis im GZT ist die Ermittlung der Systemtraglast neten in den kritischen Schnitten eine Bemessung
durch eine nichtlineare Systemberechnung; der unter Verwendung von Bemessungswerten durch-
Nachweis ist erbracht, sofern sichergestellt wird, zuführen. Die zweite Möglichkeit ist nicht konsis-
dass für den Bemessungswert der Einwirkungen in tent, da bei Schnittgrößenermittlung und Quer-
jeder denkbaren Anordnung ein Gleichgewichtszu- schnittsbemessung unterschiedliche Dehnungszu-
stand gefunden werden kann. Lediglich Schnitt- stände vorausgesetzt werden; sie liefert aber i. Allg.
größen, denen im Rahmen der gewählten Modell- sinnvolle Ergebnisse.
bildung keine Verformungen zugewiesen werden
(z. B. Querkraft bei schubstarren Elementen), müs- Elastische Schnittgrößenermittlung. Die Querschnitts-
sen für die im Traglastzustand vorliegenden Schnitt- bemessung wird für die elastisch berechneten
größen gesondert nachgewiesen werden. Schnittgrößen nach 3.3.6 durchgeführt, die Betrach-
Da die Verteilung der Schnittgrößen jedoch we- tung von System (Schnittgrößenermittlung) und
sentlich von der vorhandenen Bewehrung abhängt, Querschnitt (Bemessung) also entkoppelt. Dies be-
die zu bestimmen der eigentliche Zweck der Be- deutet, dass das Verhalten des Querschnitts die Ver-
messung ist, kann diese nur noch iterativ erfolgen. teilung der Schnittgrößen nicht beeinflusst und
Die Iteration lässt sich evtl. umgehen, wenn die Be- mögliche Umlagerungen durch Fließgelenkbildung
wehrung zunächst im GZG für die Schnittgrößen nicht erfasst werden können. Die globale Tragfähig-
nach der Elastizitätstheorie bestimmt und damit keit des Systems ist somit definiert durch die lokale
schließlich die Tragfähigkeit mit einer nichtline- Tragfähigkeit des schwächsten Querschnitts.
aren Berechnung nachgewiesen wird. Wegen des starken Näherungscharakters der Elas-
Die Berücksichtigung der Unsicherheiten der tizitätstheorie erlaubt sie nur im Rahmen des sta-
Materialseite ist im Rahmen des Teilsicherheits- tischen Grenzwertsatzes der Plastizitätstheorie eine
konzeptes schwierig. Da das globale Verhalten des sichere Bemessung, da sie einen möglichen Gleich-
Tragwerks am besten durch die Mittelwerte be- gewichtszustand liefert. Zum Erreichen der vollen
3.3 Massivbau 1119

Abb. 3.3-55 Momentenumlagerung beim Zweifeldträger

Tragfähigkeit ist eine (relativ geringe) Mindestdukti- zipiell nachzuweisen. In Abb. 3.3-57 gilt bei Ver-
lität erforderlich; nach DIN 1045 Teil 1 ist daher die nachlässigung der Schubverzerrungen:
Druckzonenhöhe in den Bemessungsschnitten auf x/
d”0,45(x/d” 0,35 ab C 55/67) zu begrenzen. (3.3.110)

Plastische Nachweisverfahren. Die Ausnutzung der Die erforderliche Rotation T ist mit der möglichen
Umlagerung durch Fließgelenkbildung bei der Be- Tpl, d nach Abb. 3.3-54 zu vergleichen. Die Krüm-
messung im GZT bietet mung darf bei Ermittlung der erforderlichen Rota-
tion mit den Mittelwerten der Baustoffeigen-
– konstruktive Vorteile durch Entlastung hochbe-
schaften berechnet werden; im plastischen Gelenk
anspruchter Bereiche (Vermeidung von Beweh-
sind dagegen Bemessungswerte anzusetzen.
rungskonzentrationen) sowie
Vor allem bei hohen Bewehrungsgraden und
– wirtschaftliche Vorteile aus einer günstigeren
schmalen Druckzonen, z. B. bei durchlaufenden
Momentengrenzlinie (Abb. 3.3-55).
Plattenbalken mit schmaler Druckzone über einer
Plastische Nachweisverfahren gehen daher direkt Innenstütze, bleiben so die möglichen Schnittgrö-
von der zum Versagen führenden Fließgelenkkette ßenumlagerungen begrenzt. Zu beachten ist auch,
im Grenzzustand der Tragfähigkeit aus. Das Auffin- dass bei einer Umlagerung der Momente aus Gleich-
den des maßgebenden Mechanismus bereitet bei
Stabtragwerken i. Allg. keine Probleme, wenn die
ersten Fließgelenke über den Stützen eingeführt und
die Schnittgrößen im Feld aus den Gleichgewichts-
bedingungen bestimmt werden (z. B. Einhängen ei-
ner Parabel mit dem Stich ql2/8, Abb. 3.3-56). Man
erhält so unmittelbar den Zusammenhang zwischen
der Tragfähigkeit der Stützbereiche MRd, St und
Feldbereiche MRd,F und der Traglast.
Das Verhältnis MRd, St /MRd, F ist bei ideal-plasti-
schen Baustoffen beliebig, bei Stahlbetontragwer-
ken mit eingeschränkter Duktilität aber durch die
Rotationsfähigkeit begrenzt. Diese ist daher prin- Abb. 3.3-56 Plastische Traglastermittlung bzw. Bemessung
1120 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

(3.3.112)

Die erste Bedingung entspricht jeweils dem Beton-


versagen, die zweite dem Stahlversagen. Bei hoch-
festen Betonen sind die zulässigen Umlagerungen
wegen der geringeren Verformungsfähigkeit des Be-
tons kleiner.

Abb. 3.3-57 Rotationsnachweis beim Zweifeldträger


Nachweise im GZG
Die Nachweise in den Grenzzuständen der Ge-
brauchstauglichkeit werden nach 3.3.6 geführt.
gewichtsgründen auch die Querkräfte und evtl. an- Die Schnittgrößen werden dabei i. Allg. elastisch
dere Schnittgrößen umgelagert werden müssen und ermittelt, obwohl durch die Rissbildung bereits bei
der Momentennullpunkt sich verschiebt, was bei geringen Einwirkungen Umlagerungen auftreten,
der Anordnung der Bewehrung zu berücksichtigen deren Verfolgung mit nichtlinearen Berechnungs-
ist. Da bei der Ermittlung der Fließmomente Be- methoden möglich und zulässig ist. Die Anwen-
messungswerte der Festigkeiten angesetzt werden, dung plastischer Verfahren ist dagegen wegen der
die wirklichen Festigkeiten i. Allg. jedoch weit hö- hier vorausgesetzten Plastifizierungen im GZG
her liegen, tritt die Fließgelenkbildung bei den an- nicht zulässig.
genommenen Bemessungslasten evtl. noch nicht Da bei einer Bemessung unter Ausnutzung plas-
auf (Überfestigkeit). Um ein vorzeitiges Versagen tischer Umlagerungen die Schnittgrößen nicht pro-
durch spröde Mechanismen (z. B. Querkraft) unter portional zu den äußeren Lasten sind, werden ein-
den evtl. ungünstigeren Schnittgrößen ohne Umla- zelne Bereiche im GZG relativ hoch ausgenutzt
gerung auszuschließen, sind ggf. Grenzwertbetrach- (z. B. Stützbereich in Abb. 3.3-55). Die Nachweise
tungen erforderlich. im GZG werden dort häufig bemessungsrelevant,
Die Ausnutzung der Verfestigung, d. h. der Zunah- und zwar umso eher, je größer die angenommene
me vom Fließ- zum Bruchmoment in den plasti- Umlagerung (1 – G) im GZT ist.
schen Gelenken, ist im Sinne der Plastizitätstheorie Nach DIN 1045 Teil 1 sind die Spannungen in
nicht konsequent, da zum Erreichen der Bruchmo- Beton und Bewehrung für G<0,85 daher grund-
mente im Feld eine wesentlich größere plastische sätzlich zu überprüfen. Dies begrenzt zusätzlich zur
Rotation erforderlich ist als zum Erreichen der Rotationsfähigkeit die ausnutzbare Umlagerung und
Fließmomente, was bei Berechnung des Rotations- stellt Mindestanforderungen an die Bewehrungs-
bedarfs mit Mittelwerten der Materialeigenschaften führung (z. B. die Länge der Stützbewehrung) dar.
aber nicht erfasst wird. Im Allgemeinen ist dies
aber tolerierbar. Zwangsschnittgrößen
Auf einen expliziten Nachweis der Rotations- Zwangsschnittgrößen entstehen durch eingeprägte
fähigkeit darf nach DIN 1045 Teil 1 verzichtet Verformungen und sind abhängig von der Steifig-
werden, wenn die Umlagerung in Abhängigkeit keit des Systems. Daher besteht für Bauteile mit
von der bezogenen Druckzonenhöhe x/d begrenzt nichtlinearem Verhalten ein fundamentaler Unter-
bleibt (linear-elastische Berechnung mit Umlage- schied zu Schnittgrößen infolge Lasten.
rung). Für normalfeste Betone (bis C 50/60) gilt Das Prinzip lässt sich am Beispiel des Zugsta-
bei Verwendung hochduktiler Stähle bes erläutern (Abb. 3.3-58). Der erste Riss entsteht
unabhängig vom Bewehrungsgehalt des Bauteils,
sobald die Dehnung ¨s/l des Bauteiles die Riss-
(3.3.111) dehnung fct/Ec des Betons überschreitet. Im Riss
wird ein Teil der Zwangsverformung abgebaut, die
und bei Verwendung normalduktiler Stähle Zugkraft reduziert sich um den Anteil w/¨s.
3.3 Massivbau 1121

(3.3.114)

Act ist die im ungerissenen Zustand unter Zug-


spannungen stehende Fläche. Der Faktor kc lässt
sich aus einer Gleichgewichtsbetrachtung gewin-
nen. Bei zentrisch gezogenen Bauteilen ist die
Rissschnittgröße offensichtlich Ncr=fct,eff Act und
somit kc=1,0. Für einen Rechteckquerschnitt unter
reiner Biegung ist Mcr=fct,eff b h2/6; die Stahlzug-
kraft im gerissenen Zustand ist mit dem geschätzten
inneren Hebelarm z§0,8h und Act=b h/2 gleich

Abb. 3.3-58 Verhalten unter Zwangsbeanspruchung (3.3.115)

Beginnt der Stahl im Riss zu fließen, so fällt die Damit ist kc=0,4. Die aufzunehmende Kraft ist also
Zugkraft auf fy As ab, so dass die elastischen Deh- kleiner als die Biegezugkraft des ungerissenen
nungen des Betons in den ungerissenen Bereichen Querschnitts 1/2 Act fct,eff, was auf die Zunahme des
ebenfalls abnehmen und im Bauteil kein weiterer inneren Hebelarms von 2/3 h bei linearer Span-
Riss entstehen kann, da die Zugfestigkeit des Betons nungsverteilung auf 0,8 h zurückzuführen ist. Für
nicht mehr erreicht wird. Daher wird fast der ge- kombinierte Beanspruchungen aus Zug und Bie-
samte Zwang ¨s in einem einzigen, sehr breiten Riss gung liegt der Wert bei 0,4<kc<1,0 und für Biegung
abgebaut. mit Längsdruck bei 0<kc<0,4; s. auch Gl. (3.3.201).
Kann die Bewehrung die Zugkraft dagegen auf- Bei gleichzeitiger Wirkung von Eigenspan-
nehmen ohne zu plastifizieren, so steigt bei einer nungen (infolge ungleichmäßigen Schwindens, un-
weiteren Steigerung von ¨s die Zugkraft wieder gleichmäßiger Temperaturspannungen aus Abflie-
an, bis der nächste Riss entsteht. Dabei kann sie ßen der Hydratationswärme) ergibt sich die Gesamt-
die Rissschnittgröße nicht bzw. nur im Rahmen der spannung aus der Summe von Eigenspannung und
Schwankung der Betonzugfestigkeit innerhalb des äußerem Zwang und muss am Rand fct ergeben
Bauteils überschreiten, solange das Bauteil im Zu- (Abb. 3.3-59). Demnach verbleibt für den äußeren
stand der Einzelrissbildung bleibt. Bei gleich- Zwang nur eine abgeminderte Zugfestigkeit k fct.
zeitiger Wirkung von Last- und Zwangsbean- Da aus den Eigenspannungen definitionsgemäß kei-
spruchungen gelten diese Aussagen sinngemäß. ne Schnittgröße resultiert, reduzieren sich die Riss-
Die Zwangsschnittgröße kann dann maximal die schnittgrößen Ncr, Mcr entsprechend. Die Größe der
Differenz zwischen Last- und Rissschnittgröße be- Eigenspannungen ist von der Bauteildicke abhän-
tragen.
Die explizite Berücksichtigung von Zwän-
gungen ist daher bei Nachweisen im GZG für
Tragwerke des üblichen Hochbaus i. d. R. nicht er-
forderlich, sofern die vorhandene Bewehrung zur
Aufnahme der Rissschnittgrößen ausreicht. Diese
ergeben sich aus

(3.3.113)

Die erforderliche Mindestbewehrung lässt sich in Abb. 3.3-59 Eigenspannung, Spannung aus äußerem
der folgenden Form schreiben: Zwang und resultierende Spannung
1122 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

gig; i. Allg. ist 0,5<k<1,0. Eigenspannungen werden toniert werden: As,min für Zwang aus abfließender
jedoch mit der Zeit durch Kriechen abgebaut. Die Hydratationswärme. Die Einleitung/Weiterleitung
Abminderung sollte daher nur ausgenutzt werden, in den Kernen sollte ebenfalls betrachtet werden.
wenn die gleichzeitige Wirkung von Zwang und Ei- – Gleiches gilt für Bodenplatten mit Verformungs-
genspannung vorausgesetzt werden kann, d. h. wenn behinderung durch den Baugrund. Dabei kann es
beide die gleiche Ursache haben (z. B. behindertes aber sinnvoll sein, zu untersuchen, ob die Riss-
Schwinden). kraft durch die Reibung zwischen Bodenplatte
Treten die ersten Risse, etwa bei Zwang infolge und Baugrund im Bauzustand überhaupt erzeugt
abfließender Hydratationswärme, schon vor dem werden kann. Falls nicht: Rissbreitennachweis
Erreichen der endgültigen Festigkeit auf, so kann für die durch Reibung eingeleitete Zwangskraft.
die Zugfestigkeit entsprechend reduziert werden. – Bauteile mit Verformungsbehinderung und großen
Allgemein sollte jedoch bedacht werden, dass die Änderungen der mittleren Bauteiltemperatur im
in der üblichen Bemessung angesetzten Festigkei- Jahresverlauf (z. B. in nicht beheizten Gebäuden)
ten untere Grenzwerte darstellen, die in den realen oder nutzungsbedingt (Industriebau): As,min für
Bauwerken z. T. erheblich überschritten werden zentrischen Zwang mit voller Zugfestigkeit und
und bei der Ermittlung der Mindestbewehrung auf k = 1.
der unsicheren Seite liegen. Daher schreibt DIN – Durchlaufende/eingespannte Balken oder Platten
1045 Teil 1 einen Mindestwert von 3 MPa vor. mit hohen Temperaturgradienten (z. B. Bauteile
Die Stahlspannung Vs folgt i. d. R. aus der Be- in der Gebäudehülle) oder mit erheblicher Stüt-
schränkung der Rissbreite; unter reiner Zwangsbe- zensenkung (z. B. weicher Baugrund): As,min für
anspruchung sollte der Ermittlung der Rissbreite der Biegezwang mit voller Zugfestigkeit und k = 1.
Zustand der Einzelrissbildung zugrunde gelegt wer- – Platten/Balken mit rechnerisch nicht berücksich-
den. Bei massigen Bauteilen mit Zwang aus abflie- tigten Tragwirkungen/Lagerungen, z. B. durch
ßender Hydratationswärme und Schwinden führt monolithische und damit biegesteife Verbindung
dies jedoch zu unwirtschaftlichen Ergebnissen. Hier mit Stützen oder Wänden am Endauflager: in DIN
macht man sich die Bildung von Sekundärrissen 1045-1 durch konstruktive Regeln berücksichtigt.
(Abb. 3.3-22) zunutze, indem die Begrenzung der
Rissbreite nur für die Randzonen mit der zur Sekun- Der planende Ingenieur hat einen erheblichen Er-
därrissbildung erforderlichen Kraft fct,eff ˜ Ac,eff nach- messensspielraum, indem er aufgrund von Erfah-
gewiesen wird. Dabei ist k = 1 zu setzen, da nach rungen und ingenieurmäßigen Betrachtungen ent-
Abb. 3.3-59 die Abminderung der Rissschnittgröße scheiden muss. Da die Mindestbewehrung v. a. für
durch Eigenspannungen zwar für den Gesamtquer- flächige Bauteile häufig maßgebend ist, wird viel-
schnitt, nicht aber für die Randzonen gilt. Um eine fach versucht, Zwangsbeanspruchungen wegzudis-
Sekundärrissbildung sicherzustellen, muss ein Flie- kutieren. Man sollte jedoch bedenken, dass ein
ßen der Bewehrung bei Primärrissbildung vermie- großer Teil der in der Praxis auftretenden Schäden
den werden, d. h. die Mindestbewehrung muss zu- auf die Fehleinschätzung von Zwängungen zurück-
sätzlich Gl. (3.3.114) mit Vs = fyk erfüllen. zuführen ist. Fallweise kann eine Vermeidung von
Die Frage, ob eine Mindestbewehrung zur Be- Zwängungen durch die Wahl des Tragsystems
grenzung der Rissbreite überhaupt erforderlich ist, (Ausbildung von Gelenken oder Fugen) sinnvoll
und für welche Beanspruchung diese zu bemessen sein; hier sollten Kosten und Nutzen aber kritisch
ist, kann in der Norm nicht allgemeingültig beant- abgewogen werden.
wortet werden. Für einige typische Fälle werden In Sonderfällen kann der Verformungszuwachs
die folgenden Ansätze empfohlen, diese sind evtl. bei Einzelrissbildung nicht ausreichen. Dann ist
auch zu überlagern: eine explizite Berechnung (nichtlinear oder mit ab-
geminderter elastischer Steifigkeit) der Zwangs-
– Platten im Hochbau mit behinderter Horizontal- schnittgröße oder eine ingenieurmäßige Abschät-
verformung, z. B. durch statisch unbestimmte An- zung erforderlich. Dies gilt z. B. auch für örtlich
bindung an mehrere Kerne, sowie Wände, die auf (z. B. durch Öffnungen) geschwächte Bereiche in
bereits erhärtete Bauteile (z. B. Fundamente) be- zwangsbeanspruchten Bauteilen, die durch die Riss-
3.3 Massivbau 1123

schnittgrößen der angrenzenden, ungeschwächten


Bereiche beansprucht werden.
Im GZT werden Zwangsschnittgrößen bei Be-
ginn der Plastifizierung weiter abgebaut, da das
System in einen statisch bestimmten und schließlich
kinematischen Zustand übergeht. Eingeprägte Ver-
formungen wirken sich auf die Rotation in den
plastischen Gelenken aus; i. Allg. ist der resultie-
rende Drehwinkel jedoch vernachlässigbar. Im üb-
lichen Hochbau dürfen Zwangsschnittgrößen da-
her bei der Bemessung im GZT vernachlässigt Abb. 3.3-60 Differentielles Element im unverformten und
werden. Sie sollten jedoch bei der konstruktiven verformten Zustand
Durchbildung berücksichtigt werden.

Berechnung unter Berücksichtigung von Membran-


3.3.7.4 Membraneffekte
kräften muss also auch diese Effekte sowie das
Bedingt durch die Verschiebung der Nulllinie ent- Kriechen und evtl. vorhandene Zugspannungen
steht in gerissenen Stahlbetonbauteilen auch unter aus dem behinderten Schwinden berücksichtigen.
reiner Biegebeanspruchung eine Dehnung in der Modellbildung und Definition der Auflagerbedin-
Schwerachse und somit eine Verlängerung des Bau- gungen erfordern erheblich mehr Aufmerksamkeit
teils. Bei in Längsrichtung statisch unbestimmt ge- als bei Anwendung der E-Theorie.
lagerten Bauteilen (d. h. bei zwei unverschieblichen
Auflagern) werden hierdurch Drucknormalkräfte
3.3.7.5 Torsion in statisch unbestimmten
(Membrankräfte) aktiviert. Diese können v. a. bei
Tragwerken
gering bewehrten Bauteilen eine erhebliche Trag-
laststeigerung hervorrufen (Bogentragwirkung). Treten in statisch unbestimmten Systemen Torsi-
Ihre Ausnutzung in der Bemessung ist jedoch onsbeanspruchungen auf (Abb. 3.3-61a), so wird
problematisch, da die in der Berechnung unter- das Tragverhalten wesentlich vom deutlichen Ab-
stellten völlig starren Auflager in der Praxis nicht fall der Torsionssteifigkeit bei Rissbildung beein-
vorkommen und die Aufnahme der Membrankräfte flusst. Eine elastische Schnittgrößenermittlung mit
nicht sichergestellt werden kann. Zudem überla- den vollen Torsions- und Biegesteifigkeiten liefert
gert sich der materiellen Nichtlinearität eine geo- i. Allg. unrealistische Ergebnisse. Für die Torsions-
metrische. Die Länge eines Stabelements im ver- steifigkeit sind daher abgeminderte Werte anzuset-
formten Zustand ergibt sich zu (Abb. 3.3-60) zen, siehe z. B. [Grasser/Thielen 1991].
In der Praxis hat dies und die Tatsache, dass die
(3.3.116) Aufnahme großer Torsionsmomente u. U. mit er-
heblichen konstruktiven Problemen verbunden ist,
für kleine Dehnungen ((du/dx)2 § 0) folgt zu folgender Vereinfachung geführt: Bei Verträg-
lichkeitstorsion, d. h. Torsionsmomenten, die zum
Erhalt des Gleichgewichts nicht erforderlich sind
(3.3.117) und nur aus der Verträglichkeit der Verformungen
resultieren, darf auf eine Bemessung für T verzich-
Mit zunehmender Verformung entsteht also infol- tet werden und bei der Schnittgrößenermittlung
ge wc eine im Rahmen geometrisch linearer Theo- eine freie Verdrillbarkeit der Stäbe um ihre Achse
rien vernachlässigte Zugdehnung der Schwerach- angenommen werden, was zwangsläufig mit einer
se, die die Bauteilverlängerung teilweise kompen- Erhöhung anderer Schnittgröße, z. B. des Biege-
siert. Ebenso vergrößern sich die Biegemomente moments in Feldmitte in Abb. 3.3-61a, verbunden
durch Gleichgewichtsbildung am verformten Sys- ist. Zur Vermeidung breiter Risse und anderer un-
tem nach Theorie II. Ordnung. Eine nichtlineare erwünschter Tragwirkungen ist dann jedoch eine
1124 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

Abb. 3.3-61 Torsionsbeanspruchung

konstruktive Mindestbewehrung anzuordnen. Bei spannungszustand (Druckspannungsfeld) vorliegt.


Gleichgewichtstorsion, die zum Erhalt des sta- Aus dem Gleichgewicht an den zwei Elementen in
tischen Gleichgewichts erforderlich ist, muss eine Abb. 3.3-62 folgt dann
entsprechende Bemessung dagegen durchgeführt
werden (Abb. 3.3-61b). fsx = (3.3.118)

fsy = (3.3.119)
3.3.8 Scheiben
fc = (3.3.120)
3.3.8.1 Differentielles Scheibenelement
Am Element wirken die Schnittgrößen nx, ny, nxy, Dabei ist h die Scheibendicke, asx, asy die Beweh-
die sich in die Hauptrichtungen [ K mit n[K=0 rung je Länge in beiden Richtungen. Hinsichtlich
transformieren lassen. Diese fallen i. Allg. nicht des Druckfeldwinkels T gelten die Aussagen aus
mit der Richtung der Bewehrung x, y zusammen. 3.3.6.3 sinngemäß.
Zur Bestimmung des zugehörigen Verzerrungszu-
stands Hx, Hy, Hxy siehe [Vecchio/Collins 1986,
3.3.8.2 Tragfähigkeit im GZT
Kaufmann 1998].
Vereinfacht kann angenommen werden, dass im Unter Annahme ideal-plastischen Materialverhal-
gerissenen Zustand im Beton ein einachsialer Druck- tens kann T für die Bemessung frei gewählt wer-

Abb. 3.3-62 Ermittlung der Bemessungsschnittgrößen in einer Scheibe


3.3 Massivbau 1125

den. Bei ausgenutzter Bewehrung in x-Richtung


ergibt sich dann der Druckfeldwinkel nach Gl.
(3.3.118) zu

(3.3.121)

Eingesetzt in (3.3.119) erhält man die Interaktions-


beziehung für das Fließen der Bewehrung

(asx fyd – nx) (asy fyd – ny) – |nxy|2 • 0. (3.3.122)

Ebenso erhält man unter Annahme kleiner Beweh-


rungsgrade für die Beanspruchung des Druckfel-
des (Vc=Dc fcd , vgl. 3.3.6.3) Abb. 3.3-63 Erforderliche Scheibenbewehrung

(Dc fcd h + nx) (Dc fcd h + ny) – |nxy|2 • 0. (3.3.123)


Stabwerkmodelle
Im Spannungsraum beschreiben die beiden Bezie- Ausgehend vom statischen Grenzwertsatz der Plas-
hungen das Innere zweier Kegelflächen. tizitätstheorie werden bei der Bemessung mit
Da ein beliebiger Druckstrebenwinkel aufgrund Stabwerkmodellen die Hauptdruckspannungen des
der eingeschränkten Rissuferverzahnung nicht Betons und die Stahlzugkräfte zu einem fachwerk-
möglich ist, empfiehlt sich eine Beschränkung an- artigen System von diskreten Druck- und Zugstre-
alog zur Querkraftbemessung. Bei Zug- oder ge- ben zusammengefasst, die in den Knoten gelenkig
ringen Druckbeanspruchungen nx, ny kann verein- gekoppelt werden [Schlaich/Schäfer 2001; Muttoni
facht T = 45° gesetzt werden. Hierfür ergibt sich u. a. 1996].
auch das Minimum der Bewehrung asx+asy und der
Betonspannung. Für hohe Druckbeanspruchungen Stabwerkgeometrie. Die Geometrie des Stabwerks
-nx, -ny > |nxy| erhält man eine realistische Abschät- ist im Sinne der Plastizitätstheorie (d. h. für ideal-
zung des Winkels unter der Annahme, dass die plastische Materialien) zunächst frei wählbar, so-
Zugkraft in der zugehörigen Bewehrung ver- fern Gleichgewicht möglich ist. Wegen der einge-
schwindet. Für nx<–|nxy| folgt dann aus asx Vsx=0 schränkten Fließfähigkeit und Rissuferverzahnung
der Winkel tanT=–nx/|nxy|. Insgesamt erhält man so bei Stahlbetonbauteilen müssen die erforderlichen
die vier in Abb. 3.3-63 dargestellten Fälle. Diese Plastifizierungen durch eine geeignete Wahl des
können auch für die Nachweise im GZG verwen- Stabwerks und eine qualitative Sicherstellung der
det werden. Verträglichkeit der Verformungen begrenzt wer-
den.
Hierfür sind v. a. die Winkel zwischen Beweh-
3.3.8.3 Schnittgrößenermittlung
rung und Druckstreben in den Knoten zu begrenz-
Elastische Berechnung en (30°<T<60°). Einen ersten Anhaltspunkt für ei-
Die Ermittlung der Schnittgrößen kann nach der nen sinnvollen Strebenverlauf bieten die Haupt-
Elastizitätstheorie erfolgen (s. 1.5). Eine Bemes- spannungstrajektorien aus einer Berechnung nach
sung für die so ermittelten Schnittgrößen liefert im der Elastizitätstheorie. Ein objektives Kriterium
Sinne der Plastizitätstheorie ein sicheres Ergebnis, zur Beurteilung der Qualität eines Modells ist die
erfasst das Tragverhalten im GZT jedoch nur in bis zum Erreichen des Fließzustands zu leistende
sehr grober Näherung. Zudem sind die resultie- (elastische) Verformungsarbeit, wobei wegen der
renden Bewehrungsführungen aus baupraktischer i. Allg. geringen Betondruckspannungen nur die
Sicht oft wenig sinnvoll. Arbeit der Zugstreben berücksichtigt wird:
1126 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

Gleichgewichts frei erfolgen. In der Praxis ge-


(3.3.124) schieht dies durch die Zerlegung in mehrere sta-
tisch bestimmte Teilsysteme, denen ein Teil der
Darin sind Nj , Hj , lj Kraft, Dehnung und Länge der Last zugewiesen wird. Für die Bemessung werden
einzelnen Streben, wobei unter Annahme eines die Strebenkräfte der Teilsysteme überlagert. Bei
gleichzeitigen Fließbeginns in allen Streben Hj=Hy der Aufteilung der Last sollte die Steifigkeit der
gesetzt werden kann. Unter mehreren möglichen Teilsysteme zur Vermeidung extremer Plastifizie-
Systemen ist das am geeignetsten, das die minima- rungen qualitativ berücksichtigt werden.
le Arbeit leistet und demnach auch die geringsten
Verformungen des Bauteiles erfordert. Nachweise im GZT. Bei der Bewehrungsermittlung
Lage und Richtung der Zugstreben liegen jedoch kann die Stahlmenge i. Allg. mit der Fließspannung
durch die Anordnung der Bewehrung fest. Da diese bestimmt werden:
i. d. R. unter baupraktischen Gesichtspunkten ge-
wählt wird (z. B. nur vertikal und horizontal) erge- (3.3.125)
ben sich zusätzliche Randbedingungen für die Stab-
werkgeometrie (Abb. 3.3-64). Beispiele enthalten
[Schlaich/Schäfer 2001; Zilch/Zehetmaier 2010]. Da die Druckstreben zwischen den Knoten den in
Die Methode der Stabwerkmodelle führt nie zu Abb. 3.3-65 dargestellten flaschenförmigen Ver-
eindeutigen Lösungen und bietet erhebliche Frei- lauf annehmen, erfolgt der Nachweis der Beton-
heiten bei der Bemessung. Das gewählte Stabwerk druckspannungen in den Knoten (|Vc|= max). Zur
kann kinematisch sein, solange sichergestellt ist, Aufnahme der Umlenkkräfte zwischen den Knoten
dass im realen Tragwerk ein Kollaps durch die aus- ist jedoch meist eine orthogonale Netzbewehrung
steifende Wirkung des rechnerisch nicht berück- anzuordnen.
sichtigten Betons verhindert wird. Sind mehrere Abbildung 3.3-66 zeigt einige typische Knoten-
Lastfälle zu untersuchen, so kann die Betrachtung formen, auf die sich nahezu alle praktisch vorkom-
verschiedener Modelle erforderlich werden. menden Knoten zurückführen lassen (s. auch
[Schlaich/Schäfer 2001]). Die Abmessungen der
Berechnung. Die Ermittlung der Kräfte in den Zug- Druckstreben bc in den Knoten folgen aus den geo-
und Druckstreben erfolgt mit den elementaren metrischen Verhältnissen der Knoten mit den Nei-
Mitteln der Statik (Knotengleichgewicht, Ritter- gungen der Streben T.
schnitt). Bei statisch unbestimmten Modellen führt Die effektive Druckfestigkeit des Betons ist
dies nicht zu eindeutigen Lösungen; wegen der vom Spannungszustand im Knoten abhängig. Liegt
vorausgesetzten Plastifizierung kann die Auftei- ein zwei- oder dreiachsiger Druckspannungszu-
lung der Kräfte auf die Streben im Rahmen des stand vor, so steigt die Druckfestigkeit an z. B. bei

Abb. 3.3-64 Beispiel für die Anwendung von Stabwerkmodellen


3.3 Massivbau 1127

Unter Querzugspannungen fällt die effektive


Festigkeit dagegen auf Dc fcd ab. Beispiele hierfür
sind die Knoten a) für den Fall großer Zugkräfte Z1,
Z2 (F1>0) sowie Knoten c, da senkrecht zur Ebene
der Umlenkung Spaltzugkräfte im Beton wirken;
der Nachweis von Knoten c wird jedoch meist durch
einen Mindestwert für den Biegerollendurchmesser
der Bewehrung und eine konstruktive Bewehrung
senkrecht zu Krümmungsebene erbracht. Wird die
Zugkraft Z über Verbund verankert, so gehört Kno-
ten b ebenfalls in diese Kategorie, da durch die Rip-
penpressung Spaltzugkräfte entstehen.
Abb. 3.3-65 Druckstrebenform zwischen den Knoten Die erforderliche Verankerungslänge lb eines
Stabes im Knoten ergibt sich aus dem Gleichge-
wicht zwischen Stabkraft und Verbundspannun-
Knoten a, wenn die angreifenden Zugkräfte Z1, Z2 gen. Bei einem mit der Fließgrenze ausgenutzten
sehr klein sind, d. h., wenn F1 eine Druckbeanspru- Stab ist
chung ist. Beim Nachweis der Betondruckspan-
nungen kann die Festigkeit auf 1,1 fcd erhöht wer- (3.3.126)
den (vgl. Abb. 3.3-7).

Abb. 3.3-66 Typische Knotenbereiche


1128 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

Dabei ist fbd der Bemessungswert der Verbundfes- Der Traganteil der Bewehrung ist dabei im Zustand
tigkeit, d. h. der über die Verankerungslänge ge- I praktisch immer vernachlässigbar.
mittelten Verbundspannungen. Bei nicht voll aus- Aus mx, my, mxy lassen sich Hauptmomente mI,
genutzten Stäben oder Haken bzw. Querstäben am mII analog zu den Hauptspannungen am Scheiben-
Stabende kann lb abgemindert werden. Bei Knoten element ableiten. Sie gehorchen dabei den gleichen
b beginnt die vorhandene Verankerungslänge am Transformationsbedingungen (beide sind Tensoren
Schnittpunkt von Bewehrung und Druckstrebe, II. Stufe) und können am Mohrschen Kreis gra-
also etwa an der Auflagervorderkante. Da die Auf- phisch dargestellt werden. Es gilt:
lagerpressungen einen Querdruck auf die Beweh-
rung erzeugen, reduziert sich lb wegen der Verbes-
serung des Verbunds nach DIN 1045 Teil 1 um 1/3. (3.3.129)

Nachweise im GZG. Da sich die Methode der Stab-


werkmodelle aus der Plastizitätstheorie ableitet, ist Die ersten Risse entstehen, wenn die größte Haupt-
sie für Nachweise im GZG prinzipiell ungeeignet. zugspannung die Zugfestigkeit erreicht:
Sollte sie in Ausnahmefällen trotzdem zur Anwen-
dung kommen, ist bei der Entwicklung der Stab- (3.3.130)
werkgeometrie besondere Sorgfalt erforderlich
und eine Anpassung der Streben am Trajektorien-
verlauf nach elastischer Rechnung sinnvoll. Mit Beginn der Rissbildung müssen die Momente
wie beim Balken im Wesentlichen durch Beton-
druck- und Stahlzugkräfte aufgenommen werden.
3.3.9 Platten Die Steifigkeit fällt ab. Da sie im Zustand II v. a.
von der vorhandenen Bewehrung abhängt und die-
3.3.9.1 Biegung und Normalkraft
se in x- und y-Richtung i. Allg. nicht gleich ist,
Am differentiellen Element wirken die Momente geht die Isotropie verloren. Insbesondere die Drill-
mx,my, mxy, im verallgemeinerten Fall zusätzlich steifigkeit nimmt wegen der von der Beweh-
die Membrankräfte nx, ny, nxy. Der Dehnungszu- rungsrichtung abweichenden Beanspruchung stark
stand wird bei Annahme einer ebenen Dehnungs- ab [Schießl 1996]. Es ergibt sich wie beim Balken
verteilung durch die drei Krümmungen Nx, Ny, Nxy eine Verschiebung der Spannungsnulllinie in Rich-
und die drei Mittelflächendehnungen Hx0, Hy0, Hxy0 tung der Druckzone und folglich eine Kopplung
beschrieben. Die Momente definieren sich dabei von Krümmung und Dehnungen in der Mittelflä-
durch die hervorgerufenen Spannungen; ein Mo- che. Der zu einer gegebenen Beanspruchung gehö-
ment mx bzw. my erzeugt Spannungen Vx bzw. Vy, rende Verformungszustand kann durch Variation
erfordert also eine Bewehrung in der x- bzw. y- der Verzerrungsgrößen und Kontrolle des Gleich-
Richtung. Wegen der gelegentlich abweichenden gewichts gefunden werden [Kollegger 1991].
Definition über die Richtung des Momentenvek- Für die praktische Anwendung ist dies zu auf-
tors ist bei der Anwendung von Tafelwerken und wendig. Eine einfache Lösung erhält man, wenn
Programmen Vorsicht geboten. man die Platte in zwei Scheiben an Ober- und Un-
Bei einer elastischen (ungerissenen) Platte sind terseite mit einer dazwischen liegenden Schubzone
die am differentiellen Plattenelement wirkenden zerlegt. Im Folgenden werden nur Platten mit or-
Momente durch die elastische Plattensteifigkeit thogonalen Bewehrungsnetzen behandelt; für all-
gemeine Bewehrungsführungen wird auf das
(3.3.127) Schrifttum verwiesen [Baumann 1972]. Die Koor-
dinatenrichtungen x, y sollen dabei mit den Rich-
an die Krümmungen gekoppelt: tungen der Bewehrung zusammenfallen.
Aus den Momenten mx, my, mxy entstehen an der
mx = B (Nx + Q Ny), my = B (Q Nx + Ny), Unterseite die Scheibenkräfte nx,u, ny,u, nxy,u, die
mxy = B (1 – Q ) Nxy . (3.3.128) nach Gl. (3.3.118) in der Bewehrung die Kräfte
3.3 Massivbau 1129

Die Beanspruchungen der Betondruckzone wer-


(3.3.131) den mit den Gl. (3.3.132) und (3.3.133) nur nähe-
rungsweise erfasst. Für eine reine Drillbeanspru-
chung mxy erhält man je Seite eine Betondruckkraft
von fc=–2|mxy|/z (tan T=1), bei einer reinen Biegebe-
hervorrufen. Multipliziert man beide Seiten mit dem anspruchung mx nur fc= –mx/z. Da mit zunehmender
Hebelarm z, so erhält man bei analoger Betrachtung Betondruckkraft der innere Hebelarm z abnehmen
der y-Richtung die Bemessungsmomente: muss, stellt die Verwendung eines gleichen Hebel-
arms für alle Beanspruchungen eine starke Vereinfa-
(3.3.132) chung dar; der resultierende Fehler ist jedoch bei
üblichen Bewehrungsgraden vernachlässigbar.
Für den allgemeinen Fall eines gleichzeitigen
Ebenso ist die Plattenoberseite zu betrachten: Auftretens von Momenten und Normalkräften
kann analog vorgegangen werden, wenn die Schei-
(3.3.133) benkräfte um die Normalkräfte erweitert werden:

(3.3.136)
Die so ermittelten Momente können zur Bestim-
mung der Bewehrungsmengen oder zur Ermittlung (andere Richtungen analog). Die Bemessung er-
der Stahlspannungen verwendet werden. Hinsicht- folgt direkt für die Scheiben mit den Dicken ho, hu
lich der Druckstrebenneigung gelten die in 3.3.8.1 an Ober- und Unterseite. Der Hebelarm z wird vor-
gemachten Aussagen sinngemäß. Durch geeignete ab geschätzt (z=h–1/2(ho+hu) § 0,75 h) und iterativ
Wahl von To, Tu können einzelne Bewehrungskräf- so verbessert, dass die Betondruckfestigkeit gera-
te bei hinreichend kleinen Drillmomenten zu Null de ausgenutzt ist. Die Scheibendicken ho, hu kön-
gesetzt werden, und auf die entsprechende Beweh- nen jedoch i. d. R. nicht kleiner werden als der dop-
rung kann verzichtet werden. pelte Abstand der Bewehrung von der Betonober-
fläche.
Tragfähigkeit im GZT
Die Bemessung für die Bewehrung an Ober- und
3.3.9.2 Querkraft
Unterseite erfolgt unter Verwendung der transfor-
mierten Schnittgrößen nach den Gl. (3.3.132) und Platten werden wegen der Schwierigkeiten beim
(3.3.133) wie bei Stabtragwerken. Eine Berück- Einbau aus wirtschaftlichen Gründen meist nicht mit
sichtigung zweiachsialer Spannungszustände in einer Schubbewehrung zur Aufnahme der Querkraft
der Druckzone von Platten erfolgt wegen der meist versehen. Im gerissenen Zustand stehen zur Übertra-
geringen Ausnutzung der Druckzone i. Allg. nicht, gung der Querkraft die Tragmechanismen Rissver-
obwohl eine Abminderung von fcd auf Dc fcd bei zahnung, Dübelwirkung und Schubübertragung in
Druckzonen, die in Querrichtung gerissen sind, der Druckzone zur Verfügung [Reineck 1991].
sinnvoll wäre. Der Anteil der Druckzone vD ist von der Ein-
Aus den Bemessungsmomenten lässt sich fol- spannung des Zahnes in die Druckzone abhängig,
gende Fließbedingung für die Bewehrung an Plat- die jedoch i. Allg. bereits vor Erreichen der Bruch-
tenunter- und -oberseite ableiten: last versagt (horizontale Verlängerung des Risses
unterhalb der Druckzone). Eine Vergrößerung der
(3.3.134) Druckzone – etwa durch eine äußere Drucknor-
malkraft – führt zu einem Anstieg von vD. Der
(3.3.135) Hauptanteil wird jedoch durch die Rissverzahnung
vcr übertragen, die wegen der fehlenden Schubbe-
mRdx bzw. mcRdx sind die Fließmomente bei Be- wehrung nicht mit der nach Gl. (3.3.75) gleichge-
anspruchung durch positive bzw. negative Mo- setzt werden kann. vcr ist von der Rissöffnung ab-
mente mx. hängig. Da diese bei gleicher Krümmung mit der
1130 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

Bauteilgröße zunimmt, ergibt sich ein unterpro-


portionaler Anstieg der aufnehmbaren Querkraft
mit der Bauteilhöhe (Maßstabeffekt). Die Beweh-
rung trägt neben der Dübelwirkung v. a. durch die
Begrenzung der Rissbreite zur Schubtragfähigkeit
bei. Ihre Konzentration am Querschnittsrand ver-
stärkt den Maßstabeffekt. Das Versagen wird i. d. R.
durch eine horizontale Verlängerung des Risses
entlang der Bewehrung (Versagen der Dübelwir-
kung) eingeleitet. Abb. 3.3-67 Querkräfte am Plattenelement
Für die Querkrafttragfähigkeit ohne Schubbe-
wehrung muss die Betonzugfestigkeit ausgenutzt
werden. Dies ist bei Flächentragwerken weniger Darin ist N1 ein zusätzlicher Maßstabfaktor zwischen
problematisch als bei Balken, da solche Bauteile 0,0525 für d d 600 mm und 0,0375 für d t 800 mm.
die Möglichkeit besitzen, bei Überschreitung der Bei nicht ausreichender Querkrafttragfähigkeit
Tragfähigkeit an einzelnen lokalen Fehlstellen die kann diese durch eine Schubbewehrung erhöht wer-
Schnittgrößen auf alternativen Lastpfaden um die- den. Für die Bemessung gilt 3.3.6.3. Bei dünnen
se Bereiche herum zu leiten. Eine nur lokal ver- Platten ist die Verankerung der Bügel in der Druck-
minderte Zugfestigkeit wirkt sich auf das globale zone jedoch problematisch; daher müssen schubbe-
Tragverhalten des Bauteils kaum aus. Die Zugfes- wehrte Platten eine Mindestdicke von 20 cm nach
tigkeit wird so von der Material- zur Systemeigen- DIN 1045 Teil 1 besitzen. In vielen Fällen ist eine
schaft. Voraussetzung hierfür ist die zweiachsige Vergrößerung der Plattendicke oder der Biegebe-
Lastabtragung, für die auch bei einachsig ge- wehrung zur Erhöhung der Tragfähigkeit sinnvoller
spannten Platten eine Querbewehrung von 20% als eine Schubbewehrung.
der Hauptbewehrung anzuordnen ist. Die einwirkende Querkraft kann nicht ohne Wei-
teres den Schnittgrößen vSd,x bzw. vSd,y gleichgesetzt
Bemessung im GZT werden. Am differentiellen Plattenelement folgt aus
Die Ableitung analytischer Modelle ist wegen der dem vertikalen Gleichgewicht (Abb. 3.3-67):
Komplexität der an der Querkraftabtragung betei-
ligten Mechanismen äußerst schwierig und bisher vSd ds = vSd,x dx + vSd,y dy Ÿ
nur ansatzweise gelöst [Bazant/Kim 1984; Reineck vSd = vSd,x cos T+ vSd,y sin T (3.3.138)
1991; Fischer 1997]. Im Rahmen der Bemessung
kommen daher empirische, an Versuchen kalib- Durch Quadrieren und einige trigonometrische
rierte Formeln zur Anwendung. Die in DIN 1045 Umformungen erhält man daraus:
Teil 1 übernommene Beziehung

(3.3.139)
(3.3.137)
Als Maximalwert erhält man somit für dvSd/dT= 0
wurde ausgehend von der Beziehung in MC 90 in
[Hegger u. a. 1999] abgeleitet. Darin erfasst N=1+ die Bemessungsquerkraft Da
deren Wirkungsrichtung i. Allg. nicht mit der Rich-
” 2 (d in m) den Maßstabeffekt. Für kleine
tung der Bewehrung übereinstimmt, muss in Gl.
Bewehrungsgrade wird ein unterer Grenzwert der
(3.3.137) ein effektiver Bewehrungsgrad in der be-
Schubtragfähigkeit definiert:
trachteten Richtung eingesetzt werden, der sich
nach MC 90 ergibt zu:
.
U=Ux cos4T +Uy sin4 T (3.3.140)
3.3 Massivbau 1131

Abweichend hiervon dürfen die Nachweise nach sene Zugzone zutreffenden Wert Q§0 angenommen
DIN 1045-1 in den beiden Richtungen getrennt ge- werden. Im GZG sollte wegen der i. Allg. geringen
führt werden. Eine ggf. erforderliche Schubbeweh- Rissbildung Q§0,2 gesetzt werden.
rung ist ebenfalls getrennt zu ermitteln und zu ad-
dieren. Plastische Nachweisverfahren
Statische Verfahren. Durch Vernachlässigung der
Drillmomente und der Querdehnung erhält man
3.3.9.3 Schnittgrößenermittlung
aus Gl. (3.3.141) die Differentialgleichung der
Wirklichkeitsnahe, nichtlineare Berechnungen sind elastischen, drillweichen Platte:
mit der FE-Methode nach den in 3.3.7.2 ge-
schilderten Prinzipien unter Verwendung zweiach- (3.3.143)
siger Stoffgesetze für Beton prinzipiell möglich,
für die praktische Anwendung z. Z. jedoch noch
nicht geeignet. Daher kommen geeignete Idealisie- Die beiden verbleibenden Terme können als Trag-
rungen zur Anwendung. anteile zweier in x- und y-Richtung gespannter tor-
Grundlage hierfür ist die elementare Gleichge- sionsweicher Balkenscharen interpretiert werden
wichtsbedingung der Platte: (Abb. 3.3-68a). Fordert man eine gleiche Durchbie-
gung im Kreuzungspunkt zweier Balken, so erhält
(3.3.141) man die klassische Streifenmethode nach Markus.
Bei der Hillerborgschen Streifenmethode er-
folgt dagegen eine willkürliche Aufteilung der
Elastische Schnittgrößenermittlung Einwirkungen auf die beide Tragrichtungen ohne
Durch Einsetzen von Gl. (3.3.128) in Gl. (3.3.141) Berücksichtigung der Kompatibilität. Dies erlaubt
erhält man die elastische Plattengleichung die Behandlung komplizierter Plattengeometrie in
einer Handrechnung (Abb. 3.3-68b). Die völlige
(3.3.142) Vernachlässigung der Drillmomente und der Ver-
träglichkeit kann das Verhalten im GZG wesent-
lich beeinträchtigen. Da Platten im ungerissenen
Zur Lösung stehen für Standardfälle zahlreiche Ta- Zustand immer drillsteif sind, ist zur Ausbildung
felwerke zur Verfügung [Czerny 1999]; für allge- der angenommenen Tragwirkung eine erhebliche
meine Fälle ist die (elastische) FE-Methode Stand Schnittgrößenumlagerung durch Rissbildung er-
der Technik (s. 1.5). forderlich. Zur Begrenzung der Rissbreite ist eine
Die Querdehnzahl kann im Rahmen des Grenz- konstruktive Drillbewehrung anzuordnen.
wertsatzes der Plastizitätstheorie im GZT zwischen Da in drillweichen Platten keine abhebenden
dem elastischen Wert Q§0,2 und dem für die geris- Eckkräfte entstehen, liefert eine Berechnung nach

Abb. 3.3-68 Streifenmethode


1132 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

Gl. (3.3.143) eine zwar nicht realistische, aber auf tischen Grenzwertsatz der Plastizitätstheorie ein ki-
der sicheren Seite liegende Lösung für Platten, bei nematisch zulässiger Mechanismus lediglich eine
denen ein Abheben der Ecken nicht behindert wird. obere Schranke für die wirkliche Traglast liefert und
Wegen mxy =0 liegt die Streifenlösung i. Allg. auf ein beliebiger Gelenkmechanismus die Einhaltung
der sicheren Seite. Verfeinerte Methoden verwen- der Fließbedingung in den dazwischen liegenden
den statisch zulässige Ansätze für die Momente mx, Plattensegmenten nicht unbedingt sicherstellt. Das
my, mxy, die in allen Punkten der Platte die Gleich- Ergebnis liegt somit für alle anderen als den maßge-
gewichtsbedingung (3.3.141) und die Randbedin- benden Mechanismus auf der unsicheren Seite.
gungen erfüllen müssen und die Fließbedingungen Für eine Quadratplatte liegt aus Symmetriegrün-
nicht verletzen [Nielsen 1984; Marti 1981]. den ein Mechanismus nach Abb. 3.3-69a nahe. Nach
Für den einfachen Fall einer Quadratplatte un- dem Prinzip der virtuellen Verschiebungen erhält
ter Gleichlast mit mRdx=mRdy=mR und mcRdx= man mit Gw in Plattenmitte die äußere Arbeit
mcRdy=mcR liefern die Ansätze
(3.3.146)


(3.3.144) sowie mit der Gelenkverdrehung GI = 2 ¥2 Gw/l
die geleistete innere Arbeit durch Integration ent-
lang der Fließgelenklinie:
in Gl. (3.3.141) die Traglast q=24 mR/l2. Durch
Einsetzen in die Fließbedingung verifiziert man (3.3.147)
außerdem, dass mit mR=mcRGl. (3.3.134) überall
erfüllt, Gl. (3.3.135) in den Ecken gerade erfüllt Aus Wi=–Wa folgt q=24mR/l2. Dies entspricht für
und nirgends verletzt ist. Die Auflagerkräfte erge- mR=mcR dem Ergebnis nach der statischen Metho-
ben sich zu de; die gewählte Bruchlinienfigur ist somit die
maßgebende.
(3.3.145)

Die abhebende Eckkraft ist R=2 mxy=2 mR.


Reduziert man die Menge der oberen Beweh-
rung so weit, dass mcR=mR/2, so wäre Gl. (3.3.135)
in den Ecken oben verletzt. Zur Einhaltung der
Fließbedingung sind die Drillmomente mxy eben-
falls zu halbieren (mxy=–mR2xy/l2). Die Traglast
reduziert sich dann auf q=20mR/l2. Bei fehlender
oberer Bewehrung muss mxy=0 sein; die Traglast
q=16mR/l2 entspricht dann der Lösung nach der
Hillerborgschen Streifenmethode.

Kinematische Verfahren. Grundgedanke der Bruchli-


nientheorie ist die Vorstellung, dass sich bei Annä-
herung an die Traglast sukzessive ein System von
Fließgelenk- oder Bruchlinien ausbildet, bis ein ki-
nematischer, d. h. ohne weitere Lasterhöhung frei
verformbarer Mechanismus entsteht [Nielsen 1984;
Park/Gamble 1979].
Die Schwierigkeit der Methode liegt in der Wahl
des Fließgelenkmechanismus, da nach dem kinema- Abb. 3.3-69 Bruchlinienverlauf
3.3 Massivbau 1133

Bei fehlender oberer Bewehrung ergibt sich für genden ungerissenen Abschnitte deren Verlänge-
den untersuchten Fließgelenkmechanismus die rung behindern und als Zugring wirken [Park/
gleiche Traglast, da die oben liegende Bewehrung Gamble 1979]. Hinsichtlich der Ausnutzung bei
keinen Beitrag zur Energiedissipation liefert. In der Bemessung gelten die Aussagen aus 3.3.7.4.
den Plattenecken ist jedoch die Fließbedingung
verletzt. Der in Abb. 3.3-69b dargestellte Mecha-
3.3.9.4 Punktförmig gestützte Platten
nismus liefert eine kleinere Traglast.
Für allgemeine Plattengeometrien kann die Su- Platten, die ohne Unterzüge unmittelbar auf Stüt-
che des maßgebenden Mechanismus als mathema- zen aufgelagert werden (Flachdecken), erfordern
tisches Optimierungsproblem q=min prinzipiell einen geringeren Schalungsaufwand und eine ge-
gelöst werden, erweist sich jedoch als schwierig. ringere Bauhöhe als konventionelle Decken mit
Eine Zusammenstellung von Lösungen enthält [Jo- Unterzügen. Zudem ist die glatte Deckenuntersicht
hansen 1972]. für die Führung von haustechnischen Installationen
vorteilhaft. Der Stahlbedarf ist i. Allg. höher als bei
Rotationsfähigkeit. Der Nachweis der Rotationsfä- konventionellen Platten. Dies wird jedoch durch
higkeit ist für zweiachsig gespannte Platten kaum geringere Lohnkosten kompensiert. Die Ermitt-
zu führen, da die Rotation in den Fließgelenken lung der Schnittgrößen kann mit FEM oder in ein-
ohne aufwendige nichtlineare Rechnung nicht er- fachen Fällen anhand der Streifenmethode [Gras-
mittelt werden kann. Daher wird bei der plastischen ser/Thielen 1991] erfolgen.
Berechnung ohne expliziten Nachweis nach DIN
1045 Teil 1 die Rotationsfähgikeit durch eine kon- Durchstanzen
servative Begrenzung der Druckzonenhöhe in den Im Bereich der punktförmigen Auflager (oder ana-
Fließgelenken auf x/d”0,25 und die ausschließliche log unter konzentrierten Einzellasten) lässt sich
Verwendung hochduktiler Stähle sichergestellt. Die bei Überschreiten der Tragfähigkeit ein Durchstan-
Anwendung wird damit stark eingeschränkt, da die zen, d. h. das Herausbrechen eines kegelförmigen,
bei Platten im Hochbau übliche Mattenbewehrung um die Last annähernd rotationssymmetrischen
als normalduktil einzustufen ist. Bruchkörpers, beobachten (Abb. 3.3-70). Die Nei-
gung der Kegelfläche gegen die Platte liegt i. Allg.
Membraneffekte bei ca. 25° bis 30°. Außerhalb der Kegelfläche
Die unter 3.3.7.4 geschilderten Membraneffekte bricht die Platte in sektorenförmige Elemente. Es
treten hier auch als innere Membranspannungszu- handelt sich um ein komplexes, kombiniertes Bie-
stände auf, da die um die gerissenen Bereiche lie- ge-/Schubversagen.

Abb. 3.3-70 Durchstanzen


1134 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

Ein relativ vollständiges Modell wurde in [Kin-


nunen/Nylander 1960] durch Gleichgewichts- und
Verträglichkeitsbetrachtungen am Sektorenele-
ment entwickelt. In der Bemessungspraxis greift
man jedoch auf einfachere Modelle zurück, die
den Nachweis auf einen Schubnachweis entlang
eines fiktiven kritischen Rundschnitts zurückfüh-
ren. Wegen des starken Näherungscharakters und
der Entkopplung von der Biegebeanspruchung ist
eine ausreichende Biegetragfähigkeit Vorausset-
zung für die Gültigkeit des Bemessungsmodells. Abb. 3.3-71 Querkräfte am Plattenelement
Diese wird nach DIN 1045 Teil 1 durch die Bemes-
sung für Mindestmomente sichergestellt.
Die wirksame Querkraft aus der Punktlast bzw. reduzieren. Zur Berücksichtigung von Unsicher-
Auflagerkraft VSd ergibt sich aus vSd= VSd/Ucrit, heiten in der tatsächlichen Verteilung der Boden-
wobei Ucrit der Umfang des kritischen Rund- pressung und des tatsächlich maßgebenden Nach-
schnittes ist. Dieser ist nach DIN 1045 Teil1 im weisschnitts darf nach DIN 1045 Teil 1 jedoch nur
Abstand 1,5 d vom Stützenanschnitt anzunehmen. die Hälfte der Resultierenden aus den Bodenpres-
Bei nicht rotationssymmetrischen Fällen muss der sungen innerhalb des kritischen Rundschnitts abge-
kritische Rundschnitt angepasst werden, insbeson- zogen werden. Alternativ kann der Nachweis in
dere bei einer Lasteinleitung am Plattenrand. einem Rundschnitt im Abstand 1,0 d vom Stützen-
Der Nachweis vSd”vRd entlang des kritischen anschnitt geführt werden mit einer um den Faktor
Rundschnittes erfolgt für Bauteile ohne Durch- ucrit,r=1,5d / ucrit,r=1,0d erhöhten Tragfähigkeit.
stanzbewehrung analog zu Gl. (3.3.137) unter Be-
rücksichtigung der günstigen Wirkung der Rotati-
3.3.9.5 Durchbiegungen
onssymmetrie:
Die Berechnung der Durchbiegungen von Stahlbe-
vRd,ct = (0,21/Jc N (100 U fck)1/3 – 0,12 Vcd) d. tonplatten ist in der Praxis angesichts des hohen
(3.3.148) Rechenaufwands und der großen Unsicherheiten
in den Eingangsparametern vielfach nicht gerecht-
Bei nicht ausreichender Tragfähigkeit kann diese fertigt. Daher wird die Begrenzung i. Allg. indirekt
mit Durchstanzbewehrung erhöht werden. Hierfür durch eine Beschränkung der Biegeschlankheit l/d
werden heute i. d. R. vorgefertigte Bewehrungsele- nachgewiesen. Der in DIN 1045 Teil 1 empfohlene
mente (z. B. Dübelleisten) mit allgemeiner bauauf- Grenzwert von l/d=35 für Einfeldplatten im Hoch-
sichtlicher Zulassung verwendet. Alternativ kann bau geht auf die Auswertung tatsächlich beobach-
die Plattendicke im Bereich der Stützen vergrößert teter Schadensfälle zurück. Lediglich bei Decken,
werden. In diesem Fall wird zusätzlich ein Nach- die verformungsempfindliche Trennwände tragen
weis am Übergang von der verstärkten zur unver- sollte die Schlankheit auf l/d=150/l (l in m) redu-
stärkten Platte erforderlich. ziert werden [Mayer/Rüsch 1967].
Werden durch die Stütze auch Biegemomente in Die Grenzwerte lassen sich kaum verifizieren,
die Platte eingeleitet, so ist die Verteilung der wenn man für die so bemessenen Platten die Durch-
Schubspannungen um den Umfang nicht mehr biegungen mit üblichen Verfahren rechnerisch er-
gleichförmig (Abb. 3.3-71). Im üblichen Hochbau mittelt; diese überschreiten die Grenzwerte nach
darf die Wirkung unplanmäßiger Momente verein- 3.3.6.7 z. T. erheblich. In der Praxis sind jedoch bei
facht durch eine Erhöhung von vSd=E VSd/ Ucrit mit Einhaltung der Grenzschlankheiten kaum Schäden
E >1 berücksichtigt werden. aufgetreten. Sie sind für Standardfälle daher empi-
Bei Einzelstützen auf Fundamentplatten treten risch abgesichert, sollten aber in Sonderfällen
konzentrierte Sohlspannungen direkt unter der Stüt- durch rechnerische Abschätzungen der Durchbie-
ze auf, die die in der Platte zu übertragenden Kräfte gung ersetzt werden.
3.3 Massivbau 1135

3.3.10 Einfluss zeitabhängiger die den Spannungsabbau unter konstanter Deh-


Verformungen nung beschreibt:

3.3.10.1 Grundlagen (3.3.153)

Wegen der Schwierigkeiten bei der Erfassung


nichtlinearer Kriecheffekte und der i. Allg. gerin- Bei veränderlicher Dehnung gilt mit Gl. (3.3.151)
gen, dauerhaft vorhandenden Betonspannungen
(|Vc|<0,4fc) wird üblicherweise die Linearität des
Kriechens vorausgesetzt. Die Dehnung unter sprung-
haft veränderlichen Spannungen kann damit unter (3.3.154)
Anwendung des Superpositionsprinzips mit Gl.
(3.3.12) durch
Setzt man näherungsweise F=1, so gilt mit dem ef-
Hc(t) = Vc,0 J(t, t0) + ™¨Vc, j J(t, tj) + Hcs(t) fektiven E-Modul Ec,eff=Ec/(1+I :
(3.3.149)
Vc (t) = (Hc (t) – Hcs (t)) Ec,eff . (3.3.155)
beschrieben werden; durch einen Grenzübergang
erhält man daraus
3.3.10.2 Querschnitt
Der Dehnungszustand kann unter Verwendung von
Gl. (3.3.154) nach Gl. (3.3.39) ermittelt werden.
(3.3.150)
Hierbei ist es sinnvoll, die aus dem Kriechen infol-
Für den allgemeinen Fall Vc zkonst ist keine ge- ge des vorab zu bestimmenden Verformungszu-
schlossene Lösung der Integralgleichung möglich; stands zum Zeitpunkt t0 sowie dem Schwinden re-
numerische Lösungen können durch zeitliche Dis- sultierenden Schnittgrößenanteile dem Lastvektor
kretisierung auf der Grundlage von Gl. (3.3.149) P zuzuschlagen.
gewonnen werden [Bazant 1988]. Vereinfacht kann jedoch eine geradlinige Span-
Für praktische Anwendungen kann das Integral nungsverteilung in der Druckzone angenommen
in Gl. (3.3.150) mit dem Relaxationsbeiwert F nä- werden (was allerdings wegen der Verschiebung
herungsweise ersetzt werden durch [Trost 1967]: der Nulllinie für t>t0 auch bei linearem Kriechver-
halten nur eine Näherung darstellt). Aus der Deh-
nungsverteilung am gerissenen Querschnitt folgt
(Abb. 3.3-72)
(3.3.151)
(3.3.156)
mit I=I(t,t0). Da der Relaxationsbeiwert F den Ver-
lauf von Vc im Zeitraum [t0, t] beschreibt, ergibt er
sich formal aus der Lösung der Integralgleichung.
Er hängt v. a. vom Alter des Betons bei Belastungs-
beginn t0 und dem zeitlichen Verlauf der Spannungs-
änderung ab und ist üblicherweise 0,5”F”1,0. Meist
liefert F=0,8 hinreichend genaue Ergebnisse; ge-
nauere Angaben enthält [CEB 1993b].
Durch Umformen der Kriechfunktion erhält
man die Relaxationsfunktion

(3.3.152) Abb. 3.3-72 Spannungsverteilung im Zustand II unter Be-


rücksichtigung von Kriechen und Schwinden
1136 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

und mit den Gln. (3.3.53) und (3.3.155) sowie Im Allgemeinen führen die zeitabhängigen Ver-
N=Fc+Fs für den Querschnitt mit nur einer Beweh- formungen bei gerissenen Querschnitten zu einer
rungslage die Bestimmungsgleichung für die deutlichen Zunahme der Druckzonenhöhe x. Aus
Druckzonenhöhe z§d–x/3 folgt damit eine (meist geringe) Zunahme
der Biegezug- und -druckkraft, die zu einem An-
(3.3.157) stieg der Stahlspannungen führt. Die Betondruck-
spannungen nehmen wegen der Vergrößerung von
mit x dagegen deutlich ab. Die Verformungzunahme
fällt bei gerissenen Querschnitten geringer aus als
(3.3.158) bei ungerissenen, da bei gerissenen das Kriechen
nur auf der Biegedruckseite stattfindet, bei unge-
rissenen dagegen auf Zug- und Druckseite.
Die Verkrümmung folgt aus N=(Hs–Hc2)/d.
Die durch die Bewehrung behinderte Schwind- Ergänzte Querschnitte
dehnung des Betons wirkt wie eine zusätzliche Bei Fertigteilen, die zum Zeitpunkt t1 durch Ortbe-
Normalkraft Ncs auf Höhe der Bewehrung. Mit ton ergänzt werden, entstehen durch unterschied-
dieser Erkenntnis lässt sich auch der ungerissene liches Schwinden der Betone ebenfalls Eigenspan-
Zustand I erfassen. Mit Ncs=As Es Hcs ergibt sich nungen und Verkrümmungen. Die Berechnung
das Moment Mcs=As Es Hcs zs und daraus eine Ver- zum Zeitpunkt t>t1 erfolgt wie vorherstehend mit
krümmung infolge Schwinden: der Schwindnormalkraft Ncs = ¨Hcs Ao Ec,eff,o, wo-
bei ¨Hcs die Differenz zwischen dem Schwinden
(3.3.159) des Ortbetons und der Zunahme des Schwindens
im Fertigteil im Zeitraum [t1,t] ist (Abb. 3.3-73).
Spannungen, die vor dem Aufbringen und Erhär-
Für den gerissenen Querschnitt ist eine additive ten des Ortbetons im Fertigteil wirken (z. B. aus Ei-
Aufteilung in Lastverkrümmung und Schwindver- gengewicht Fertigteil und Ortbeton) werden durch
krümmung infolge der Verschiebung der Nullli- das Kriechen z.T. in den Ortbeton umgelagert. Bei
nienlage durch das Schwinden streng genommen ungerissenen Querschnitten kann die Berechnung
nicht möglich. Näherungsweise gilt Gl. (3.3.159) analog zum Schwinden erfolgen. Der Verzerrungs-
mit der Steifigkeit III im Zustand II anstelle von Ii zustand des Querschnitts wird nach dem Ergänzen
jedoch auch hier, wenn [ infolge der äußeren Last zunächst gedanklich festgehalten; dabei reduzieren
berechnet und zs auf die Nulllinie bezogen wird. sich die Schnittgrößen im Fertigteil (NF, MF) um

Abb. 3.3-73 Fertigteil mit Ortbetonergänzung


3.3 Massivbau 1137

der Anteil aus der Schwindverkrümmung. Ist die-


ser zusätzlich gleich Null, so tritt keine Änderung
der Schnittgrößen ein, da die Verformung des Bau-
werks mit der Zeit nur affin vergrößert wird.
In der Praxis sind die genannten Vorausset-
zungen i. Allg. nicht erfüllt, da durch die Rissbil-
dung und das ungleiche Langzeitverhalten von
Stahl und Beton die Homogenität der Struktur ver-
lorengeht. Bei monolithisch hergestellten Stahlbe-
tontragwerken kann auf eine Berücksichtigung der
zeitabhängigen Umlagerung durch Lasten hervor-
gerufener Schnittgrößen meist jedoch verzichtet
Abb. 3.3-74 Kriechen eines Zweifeldträgers werden, da sie im Rahmen der übrigen Unsicher-
heiten bedeutungslos ist.
Durch Zwang hervorgerufene Schnittgrößen
(3.3.160) können durch Kriechen erheblich abgebaut wer-
den. Für eine plötzliche Fundamentsetzung ¨s un-
ter dem Mittelauflager entsteht für t=t0 eine
Die verbleibenden Ungleichgewichtskräfte (¨ N, Zwangskraft von X1=¨s/G11. Aufgrund der Relaxa-
¨ M) werden auf den Gesamtquerschnitt aufge- tion gilt jedoch
bracht. Dabei sind die alters- und evtl. festigkeits-
bedingt unterschiedlichen effektiven E-Moduln
der beiden Betone zu berücksichtigen. (3.3.163)

3.3.10.3 Systemumlagerung
Für I(t,t0)=2 und F=0,8 beträgt die Zwangskraft
Ein Überblick über baupraktische Verfahren zur nur noch X1(t)=0,23 X1(t0).
Berechnung der Schnittgrößenumlagerung in Sys- Bei horizontaler Festhaltung der beiden Rand-
temen findet sich in [Rüsch/Jungwirth 1976]. Bei- auflager entsteht infolge der Schwindverkürzung
spielhaft wird der in Abb. 3.3-74 dargestellte Zwei- eine zentrische Normalkraft im Bauteil, für die
feldträger durch Freischneiden der Innenstütze mit eine Mindestbewehrung nach Gl. (3.3.114) vorge-
dem Kraftgrößenverfahren unter Voraussetzung sehen werden sollte. Zu berücksichtigen ist die
eines ungerissenen Querschnitts untersucht. Zum Zwangsschnittgröße auch bei der Bemessung der
Zeitpunkt t=t0 gilt aufgrund der Kompatibilität Lager oder der unterstützenden Bauteile. Da sie
G1q+X1 G11=0. Für t=t0+¨ t vergrößert sich die nicht schlagartig auftritt und so durch das Kriechen
Durchbiegung infolge q auf G1q (1+Iq), infolge der bereits während ihrer Entstehung wieder abgebaut
anfänglichen Stützkraft auf X1G11(1+I1). Zusätz- wird, bleibt sie weit unter dem Wert, der sich bei
lich tritt eine Verformung G1cs infolge der Schwind- elastischem Materialverhalten einstellen würde:
verkrümmung auf. Aus der Kompatibilität
(3.3.164)
G1q(1 + Iq) + G1cs + X1 G11(1 + I1)
+¨X1 G11 (1 + F I1) = 0 (3.3.161)

folgt die Änderung der Auflagerkraft ¨ X1: 3.3.10.4 Systemwechsel


Bei der abschnittsweisen Herstellung von Ortbe-
(3.3.162) tonbauwerken oder der nachträglichen Verbindung
von Fertigteilen ändert sich das statische System
Für ein vollkommen homogenes System gilt Iq=I1; während der Bauzeit. Zur Veranschaulichung der
im Zähler verbleibt wegen G1q+X1G11=0 lediglich Umlagerung von Schnittgrößen aus Lasten, die vor
1138 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

3.3.11 Spannbeton

3.3.11.1 Prinzip der Vorspannung


Die Rissbildung kann stark reduziert oder ganz ver-
mieden werden, indem durch Vorspannen der Be-
wehrung ein Eigenspannungszustand erzeugt wird,
der die Zugspannungen aus äußeren Einwirkungen
kompensiert. Vorgespannte Bauteile verhalten sich
somit wesentlich steifer und ermöglichen kleinere
Abb. 3.3-75 Änderung des statischen Systems durch Ver- Querschnittsabmessungen als Stahlbetonbauteile.
binden zweier Einfeldträger Die Dauerhaftigkeit wird ebenfalls verbessert.
Am Gesamtquerschnitt aus Spannstahl und Be-
ton erzeugt die Vorspannkraft P zunächst keine
dem Verbinden aufgebracht wurden, wird ein aus Schnittgrößen, am Betonquerschnitt dagegen
zwei nachträglich verbundenen Fertigteilen zu- i. Allg. Normalkraft, Querkraft und Biegemoment
sammengesetzter Zweifeldträger untersucht (Abb. Np,Vp, Mp (Abb. 3.3-76). Mit der Spanngliednei-
3.3-75). Zum Zeitpunkt t0 des Einbaus werden die gung tanTp=dzp/dx und der Lage zp, bezogen auf
Träger durch ihr Eigengewicht belastet. Über dem den Schwerpunkt des Betonquerschnitts, ist
Mittelauflager entsteht eine gegenseitige Verdre-
hung infolge Kurzzeitverformung G10, die bei ge- Np = –P cos Tp , Vp = –P sin Tp ,
lenkig verbundenen Einfeldträgern zum Zeitpunkt Mp = –P cos Tp zp . (3.3.167)
t durch das Kriechen auf G10(1+I(t, t0)) steigen
würde. Werden die beiden Einfeldträger jedoch in Im Allgemeinen kann cosTp=1, sinTp=Tp gesetzt
t=t1 über der Stütze miteinander verbunden, so werden.
wird die Verbindungsstelle in diesem Zustand Man erhält Np, Mp,Vp auch durch Betrachtung
„eingefroren“, der gegenseitige Verdrehwinkel der vom Spannglied auf den Beton wirkenden Ver-
G10(1+I(t1, t0)) ändert sich nicht mehr. Daher muss ankerungs- und Umlenkkräfte. Die Umlenkkraft
ein Stützmoment ¨ X1 aktiviert werden, dass der ergibt sich aus der Krümmung der Spannglieder:
Kriechverformung entgegenwirkt:
(3.3.168)

(3.3.165)
Die Ankerkräfte und -momente ergeben sich ana-
log zu Gl. (3.3.167). Verlaufen die Spannglieder
affin zum Moment, so stehen die Umlenkkräfte mit
Dabei ist G10/G11 das Stützmoment eines monoli- einem Teil der Last im Gleichgewicht und erzeu-
thisch hergestellten Tragwerks. gen im Bauteil keine Schnittgrößen außer einer
Gleichung (3.3.165) lässt sich so verallgemei- Normalkraft.
nern, dass der tatsächliche Spannungszustand zwi- Die Höhe der Vorspannung wird i. d. R. durch
schen dem des Bauzustands MB (ohne Kriechen) die Nachweise im GZG bestimmt. Eine Bestim-
und dem eines (fiktiven) monolithisch hergestellten mung der Vorspannung aus dem GZT ist meist
Tragwerks ME interpoliert wird; näherungsweise nicht sinnvoll, da eine vorgespannte Bewehrung
gilt (t1§t0): hier keinen wesentlichen Vorteil bietet und eine
Bemessung mit Betonstahl wirtschaftlicher ist. Zu
(3.3.166) Technologie und Anwendung des Spannbetons s.
[Kupfer/Hochreiter 1993].

Zur genaueren Berechnung s. [Trost/Wolff 1970].


3.3 Massivbau 1139

Abb. 3.3-76 Schnittgrößen am Betonquerschnitt eines Einfeldträgers

3.3.11.2 Vorspannen im Spannbett


Das Vorspannen von Fertigteilen erfolgt überwie-
gend im Spannbett. Dabei werden die Spannglieder
(i. Allg. sieben drahtige Litzen) im Fertigteilwerk
zunächst in der noch leeren Schalung zwischen zwei
massiven Verankerungsblöcken (Spannbett) vorge-
spannt und anschließend Bewehrung und Beton ein-
gebracht. Sobald der Beton eine ausreichende Fes-
tigkeit erreicht hat, wird die Verankerung der Spann-
glieder gelöst. Eine Verkürzung der Spannglieder ist
nur möglich, bis die durch den Verbund im Beton
entstehenden Druckspannungen der abnehmenden
Spannstahlkraft das Gleichgewicht halten (Abb. Abb. 3.3-77 Vorspannung im Spannbett
3.3-77). Die Gesamtdehnung des Spanngliedes setzt
sich zusammen aus der Vordehnung im Spannbett
und einer Zusatzdehnung ¨Hp. (3.3.169)
Beton und Spannstahl wirken hier von Anfang
an als Verbundquerschnitt (Vorspannung mit so- Die Spannungsänderung im Spannglied gegenüber
fortigem Verbund). In ausreichender Entfernung dem Spannbettzustand (Hc=0) ist
von den Einleitungsbereichen gilt daher im unge-
rissenen Zustand Hc(zp)=¨Hp. Das Zusammenwir- (3.3.170)
ken von Spannstahl und Beton lässt sich im Zu-
stand I mit den ideellen Querschnittswerten (s.
Abb. 3.3-25) erfassen. Die Spannung im Beton un- Die Spannglieder verlaufen im Bauteil i. d. R. ge-
ter der Spanngliedkraft im Spannbett P0 und den radlinig, da eine Umlenkung der vorgespannten,
äußeren Schnittgrößen M, N ist aber noch nicht einbetonierten Spannglieder auf-
1140 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

wendig ist. Werden in Abb. 3.3-77 die für die Mo- – innerhalb des Betonquerschnitts in Hüllrohren
mente in Feldmitte bemessenen Spannglieder voll- aus Blech oder Kunststoff (interne Spannglieder
ständig bis zum Auflager durchgeführt, so entsteht mit oder ohne Verbund) oder
dort bei stark exzentrischer Anordnung ein großes – außerhalb des Betonquerschnitts, aber innerhalb
negatives Moment aus Vorspannung, dem keine der Querschnittsumhüllenden, z. B. im Inneren
Momente aus äußeren Einwirkungen entgegenwir- von Hohlkastenquerschnitten (externe Spann-
ken. Dies kann für die Druckspannungen an der Un- glieder), verlaufen.
terseite und die Zugspannungen an der Oberseite
bemessungsrelevant werden. Um dies zu vermei- Interne Spannglieder stehen auf ganzer Länge mit
den, kann ein Teil der Spannglieder an den Aufla- dem Betonquerschnitt in Kontakt und können da-
gern durch Überschieben eines Hüllrohrs verbund- her fast beliebigen Raumkurven folgen, was eine
los gemacht (abisoliert) werden, so dass die Vor- sehr gute Anpassung an den Momentenverlauf und
spannkraft erst in einer definierten Entfernung vom somit eine optimale Tragwirkung ermöglicht. Üb-
Trägerende in das Bauteil eingeleitet wird. lich sind Parabeln 2. Ordnung, ggf. mit dazwi-
schenliegenden geraden Abschnitten. Zur Be-
schreibung genügen dann die Lage der Endpunkte
3.3.11.3 Vorspannen gegen den
und der Parabelstich f (Abb. 3.3-76):
erhärteten Beton
Spanngliedführung (3.3.171)
Bei Ortbetonbauwerken werden die Spannglieder
aus baupraktischen Gründen erst nach dem Erhär-
ten des Betons vorgespannt. Dabei können die Wegen zpƎ=konst ergibt sich eine konstante Um-
Spannglieder (Abb. 3.3-78) lenkkraft.

Abb. 3.3-78 Innenfeld eines Brückenträgers; Umlenkkräfte (Längsschnitt überhöht)


3.3 Massivbau 1141

Externe Spannglieder dagegen verlaufen ab- Aus diesen drei Größen ergibt sich der Spannweg,
schnittsweise geradlinig und erfordern an den Eck- d. h. die Verschiebung zwischen Spannglied und
punkten des Polygonzugs aufwendige Umlenk- bzw. Beton an der Presse
Verankerungskonstruktionen. Sie erlauben jedoch
eine Reduktion der Abmessungen des Betonquer- a = P1 (Gp,11 + Gc,11) +Gc,1g . (3.3.175)
schnittes, der keine Spannglieder aufnehmen muss,
und bieten die im Hinblick auf die Korrosionsemp- Die Auswertung der Integrale kann i. Allg. mit den
findlichkeit des Spannstahls wichtige Möglichkeit, Gik-Tafeln erfolgen (vgl. 1.5). Bei der Ermittlung
Spannglieder auf Schäden zu inspizieren und ggf. der Querschnittswerte ist die Fläche der nicht ver-
auszutauschen. pressten Hüllrohre abzuziehen (Nettoquerschnitt).
Der Unterschied zum Bruttoquerschnitt, d. h. dem
Vorspannen statisch bestimmter Tragwerke Querschnitt inklusive Hüllrohrfläche ist jedoch
Das Anspannen erfolgt mit hydraulischen Pressen, meist vernachlässigbar.
die sich gegen den Betonkörper abstützen. Der Für eine nach dem Anspannen aufgebrachte äu-
Zeitpunkt für das Aufbringen der Vorspannung auf ßere Last q ergibt sich die Änderung der Spannstahl-
den Beton folgt aus technischen und wirtschaft- spannung aus der Bedingung, dass an den Veranke-
lichen Überlegungen. Zum einen muss die Festig- rungsstellen keine Verschiebung auftreten kann:
keit des Betons bereits hoch genug sein, um die
Kräfte v.a. im Verankerungsbereich aufnehmen zu ¨P (Gp,11 + Gc,11) +Gc,1q = 0 . (3.3.176)
können. Andererseits verbietet der Bauablauf meist
lange Erhärtungszeiten. Häufig wird ein Teil der Das Anspannen mehrerer Spannglieder in einem
Vorspannkraft bereits sehr früh, i. Allg. nach zwei Bauteil erfolgt i. d. R. nacheinander, was einen
bis drei Tagen, aufgebracht, um durch das Erzeu- Abbau der Spannung in den vorher gespannten
gen kleiner Druckspannungen die Rissbildung in- Spanngliedern verursacht. Die Verkürzung des
folge der Eigenspannungen aus Schwinden und Spannglieds 1 beim Anspannen von 2 auf die Kraft
Abfließen der Hydratationswärme zu unterdrü- P2=1 ist
cken.
Beim Spannen des ersten Spannglieds auf die (3.3.177)
Kraft P1=1 entsteht auf Höhe des Spannglieds eine
Betondehnung Hcp. Aus ihrem Integral folgt (unter
der Voraussetzung cosTp§1) die Verkürzung des Die Kraft im ersten Spannglied reduziert sich um
Betons in der Spanngliedachse [Kupfer 1994]:
(3.3.178)
(3.3.172)

Um nach Beendigung des Anspannens aller Spann-


Die Verlängerung des Spannglieds ist glieder eine Kraft P im Spannglied zu erreichen,
muss die Pressenkraft um die Verlustanteile der da-
(3.3.173) nach vorgespannten erhöht werden.

Reibung und Ankerschlupf


Meist verursacht das Anspannen eine Hebung des Durch die Relativverschiebung zwischen Spann-
Bauteils aus der Schalung, so dass das Eigenge- glied und Beton sowie die Umlenkkräfte tritt Rei-
wicht (bei nachfedernder Schalung ein Teil davon) bung auf, die sich mit dem Reibungsbeiwert —
aktiviert wird. Hieraus resultiert eine Verlängerung durch die Differentialgleichung der Seilreibung be-
des Betons auf Höhe der Spanngliedachse: schreiben lässt:

(3.3.174) (3.3.179)
1142 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

Dabei ist P0 die durch die Presse aufgebrachte Vorspannung vor und nach dem Verankern gleich
Kraft, x der Abstand vom Spannende (Abb. 3.3- ist, ihre Richtung (vgl. Abb. 3.3-79b). Die Summe
79a). Das Integral der Krümmung entspricht dem der dort auftretenden Dehnungsänderungen muss
Umlenkwinkel zwischen zwei Punkten. Daneben dem Keilschlupf ¨lsl entsprechen.
ist noch ein durch die ungewollte Abweichung des Wird die Exponentialfunktion in Gl. (3.3.179)
Hüllrohres aus seiner idealen Lage verursachter linearisiert (ex§1+x), so entspricht die zu integrie-
Anteil k zu berücksichtigen: rende Fläche einem Dreieck:

(3.3.180) (3.3.181)

Werte für —, k sind der Zulassung des Spannver- Für eine konstante Spanngliedkrümmung erhält
fahrens zu entnehmen. Die unter Vernachlässigung man dann den Schnittpunkt des Spannkraftverlaufs
der Reibung abgeleiteten Beziehungen (3.3.172) vor und nach dem Verankern
bis (3.3.178) gelten näherungsweise, wenn für Pi
der Mittelwert der Kraft über die Spanngliedlänge
gesetzt wird. Der Vergleich zwischen Pressenkraft
und Spannweg erlaubt Aussagen darüber, ob die in und damit
der Berechnung angesetzte Vorspannung planmä-
ßig erreicht wurde.
Die Verankerung von Litzenspanngliedern er- (3.3.182)
folgt nach dem Spannen i. Allg. mit Keilen (Abb.
3.3-80). Zum Herstellen eines kraftschlüssigen
Kontakts ist ein Keilschlupf ¨lsl im Millimeterbe-
reich erforderlich. Durch die Verkürzung des Nachträglicher Verbund
Spannglieds wird die aufgebrachte Vorspannung Der Korrosionsschutz der Spannglieder in den
vermindert. Im Bereich der Verankerung wechselt Hüllrohren kann durch Verpressen mit Zement-
die Reibung auf einer Länge lsl, an deren Ende die mörtel hergestellt werden. Dabei entsteht ein kraft-
schlüssiger Verbund zwischen Spannglied und Be-
ton (Vorspannung mit nachträglichem Verbund).
Alle nach Herstellen des Verbunds aufgebrachten
Beanspruchungen wirken auf den Verbundquer-
schnitt. Die Berechnung erfolgt hierfür zweckmä-
ßig mit ideellen Querschnittswerten, soweit der
Querschnitt im Zustand I verbleibt.
Das Verpressen erfolgt auf der Baustelle. Zur
Vermeidung von Korrosionsschäden vor dem Ver-
pressen muss die Verweildauer der Spannglieder
im unverpressten Hüllrohr gering gehalten, das

Abb. 3.3-80 Litzenspannglied mit Plattenverankerung, be-


Abb. 3.3-79 Spannen gegen den erhärteten Beton weglicher Kopplung und Innenverankerung (Verbundanker)
3.3 Massivbau 1143

Hüllrohr vor dem Einbau des Spannglieds gereini-


gt und ein fehlerfreies Verpressen ohne Hohlräume
sichergestellt werden. Mangelhaft verpresste Hüll-
rohre waren in der Vergangenheit Ursache von
Korrosionsschäden.

Verbundlose Vorspannung
Beim Verpressen mit Fett oder ähnlichen Materi-
alien bleibt das Spannglied verbundlos (Vorspan-
nung ohne Verbund). Das Verpressen erfolgt im Abb. 3.3-81 Modellierung bei verbundloser Vorspannung
Herstellwerk. Zur Anwendung s. [Eibl u. a. 1995].
Das Zusammenwirken von Stahl und Beton
3.3.11.4 Statisch unbestimmte Wirkung
muss auch im Endzustand durch Systembetrach-
tungen analog zu den Gl. (3.3.172) bis (3.3.178) Der durch die Vorspannung induzierte Eigenspan-
untersucht werden; für die elektronische Berech- nungszustand erzeugt i. Allg. eine Verformung des
nung kann das System wie in Abb. 3.3-81 abgebil- Bauteils, die bei statisch unbestimmt gelagerten
det werden. Die Integration der Betondehnungen Systemen zu zusätzlichen Schnittgrößen führt. Die-
über die Bauteillänge entspricht einer Mittelwert- se werden als statisch unbestimmte Wirkung (Index
bildung. Die Spannungsänderung bei Änderung ind) der Vorspannung bezeichnet. Im Gegensatz
der äußeren Einwirkung fällt somit weit geringer zur bisher betrachteten statisch bestimmten Wir-
aus als die eines bei gleichem Verlauf im Verbund kung (Index dir) des Eigenspannungszustands am
liegenden Spannglieds an den höchstbeanspruch- Querschnitt erzeugt sie auch am Gesamtquerschnitt
ten Stellen. Verbundlose Spannglieder sind dem- Schnittgrößen. Diese lassen sich über die Spann-
nach bei der Querschnittsbemessung weniger gliedführung nahezu beliebig verändern. Man kann
effektiv, aber auch weniger ermüdungsgefährdet, sie daher gezielt zur Umlagerung von Vorspann-
v. a. beim Übergang in den Zustand II. Der höhere momenten im Tragwerk nutzen, im Beispiel des
Betonstahlbedarf wird durch den Wegfall des auf- Zweifeldträgers typischerweise vom Feld in die
wendigen Verpressvorgangs und die verbesserte Stütze. Die Bestimmung kann auf zwei Arten er-
Dauerhaftigkeit z. T. kompensiert. folgen (Abb. 3.3-82).
Bei der Ermittlung des Spannungszuwachses im Bei der Berücksichtigung als Vorverformung
GZT ist die Berücksichtigung der Rissbildung aus werden die Krümmungen und Dehnungen
Gründen der Wirtschaftlichkeit sinnvoll. Dabei ist
jedoch zu beachten, dass der Zuwachs mit zuneh- (3.3.183)
mender Verformung steigt. Die Berücksichtigung
der Mitwirkung des Betons zwischen den Rissen
sowie eines oberen Grenzwertes der Betonzugfe- infolge des statisch bestimmten Anteils der Vor-
stigkeit (d. h. einer möglichst geringen Rissbildung) spannung als spannungslose Verformungen auf das
ist daher meist erforderlich. Nach DIN1045Teil 1 System aufgebracht. Die resultierenden Schnitt-
ist für die Erhöhung ¨Vp ein Sicherheitsbeiwert größen (statisch unbestimmte Wirkung) können
Jpz1 zu berücksichtigen. In den Umlenkpunkten ist mit den üblichen Verfahren der Baustatik berech-
die Verschiebung zwischen Spannglied und Beton net werden.
durch die Reibung behindert; eine volle Festhal- Alternativ können die Verankerungs- und Um-
tung kann im GZT i. Allg. jedoch nicht angenom- lenkkräfte der Spannglieder als äußere Lasten auf das
men werden. In der Praxis verzichtet man häufig statisch unbestimmte System aufgebracht werden,
auf die Berücksichtigung des Spannungszuwachses. woraus sich die gesamten Schnittgrößen aus Vor-
Anker- und Umlenkkräfte können dann als äußere spannung ohne die Trennung in den statisch bestimm-
Lasten auf das Tragwerk angesetzt werden. Dies ten und unbestimmten Anteil ergeben, die dann nach-
entspricht der Betrachtung als Stahlbetonbauteil träglich vorgenommen werden muss. Nachteilig ist
mit Längskraft. hier die bei nicht durch mathematische Funktionen
1144 3 Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau

Abb. 3.3-82 Bestimmung der statisch unbestimmten Schnittgrößen

definierten Spanngliedführungen aufwendige Ermitt- Statisch bestimmte Systeme


lung der Umlenkkräfte. Das Verfahren lässt sich je- Zum Zeitpunkt t=t0 sei die Spannung im Spann-
doch problemlos auf Flächentragwerke anwenden. gliedstrang i gleich Vp0,i und die Spannung im Be-
Im Allgemeinen wird unter der statisch unbe- ton auf Höhe zp,i des Stranges aus der Vorspannung
stimmten Wirkung nur die aus behinderter Biege- und der äußeren, ständig wirkenden Einwirkung
verformung entstehende Schnittgröße verstanden. Vcp0,i. Zum Zeitpunkt t hat sich die Betonspannung
Bei behinderter Längsverformung können jedoch infolge der Spannkraftverluste ¨Vp,j um
auch statisch unbestimmte Normalkräfte entstehen.
Im Brückenbau tritt dieser Fall i. d. R. nicht auf, da (3.3.184)
durch spezielle Lager eine in Längsrichtung statisch
bestimmte Lagerung erreicht werden kann. In mo-
nolithischen Tragwerken des Hochbaus ist dies geändert. Die Dehnungsänderung im Beton ist
meist nicht der Fall. Bei statisch unbestimmter An-
ordnung vertikaler Aussteifungselemente können in (3.3.185)
diesen erhebliche Zwangsschnittgrößen entstehen,
so dass nur ein Teil der Vorspannung in das vorzu-
spannende Bauteil eingeleitet wird. Aus Vorspan- Die wirksame Schwinddehnung Hcs ist dabei die
nung resultierende Verformungen müssen daher ge- zwischen dem Vorspannen und dem betrachteten
nau verfolgt werden. In Extremfällen empfiehlt es Zeitpunkt auftretende Zunahme.
sich, auf die Berücksichtigung der Normalkraft in- Bei Vorspannung im Verbund ist die Änderung
folge Vorspannung ganz zu verzichten. Die Wirkung der Betondehnung gleich der Änderung der Spann-
der Umlenkkräfte kann jedoch unabhängig hiervon stahldehnung ¨Hp,i=¨Hcp,i. Zusammen mit den Re-
vorausgesetzt werden [Wicke/Maier 1998]. laxationsverlusten ¨Vpr folgt

¨Vp,i = ¨Vpr,i +¨Hp,i , Ep. (3.3.186)


3.3.11.5 Zeitabhängige Verluste
Das zeitabhängige Verformungsverhalten von Be- Durch Einsetzen und Umformen erhält man ein
ton und Spannstahl verursacht einen mit der Zeit lineares Gleichungssystem zur Bestimmung der
fortschreitenden Abbau der Vorspannung um ca. Spannungsverluste. So gilt bei zweisträngiger Vor-
10% bis 20%. Zur Vereinfachung der Berechnung spannung
werden Spannglieder mit ungefähr gleichem zp zu
einem Strang zusammengefasst.
3.3 Massivbau 1145

3.3.11.6 Verankerung der Spannglieder


An den Verankerungs- und Umlenkstellen werden
große Kräfte konzentriert in den Beton eingeleitet.
(3.3.187) Zur Aufnahme der hinter den Ankerplatten auftre-
tenden hohen Druckspannungen sind i. Allg. Wen-
deln entsprechend der Zulassung des Spannverfah-
rens anzuordnen, die durch die Umschnürungswir-
kung einen dreiachsialen Druckspannungszustand
mit erzeugen. Die aus der Kraftausbreitung resultie-
renden Spaltzugkräfte sind durch Bewehrung aufzu-
(3.3.188) nehmen. Zur Bestimmung werden i. Allg. Stabwerk-