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Auszug aus Gotthard Günther „Das Bewusstsein der Maschinen“

Da [die] natürliche Distribution der Reflexion in einem System wie dem menschlichen Leibe
unaufhebbar ist, kann man die philosophische und speziell geschichtsmetaphysische
Bedeutung der Kybernetik etwa im folgenden Sinn interpretieren: diese neue Denkweise
versucht, die Bedeutung dieser Unaufhebbarkeit und den verhängnisvollen Einfluß, den sie
auf die Geschichte gehabt hat, zu reduzieren und auf ein unschädliches Minimum
zurückzuführen. Das Mittel dafür ist ebenso radikal wie paradox: die natürliche Distribution
des menschlichen Denkens über konkurrierende Ichzentren soll durch eine künstliche
(technische) Distribution der Reflexionsvorgänge über Mensch und Maschine überboten
werden. Es ist offensichtlich, daß wenn dieses Unternehmen gelingt – und es besteht alle
Aussicht, daß es glücken wird – menschliches Ich und menschliches Du zusammen auf eine
Seite rücken müssen. Auf der anderen steht dann der mensch-erschaffene Mechanismus, und
das Denken ist über beide Seiten distribuiert... über das Menschsein sowohl als auch über das
im geschichtlichen Prozeß entstandene Artefakt.
Diese zweite Distribution wird eine so ungeheure, heute noch fast unvorstellbare
metaphysische Spannweite haben, daß ihr gegenüber die erste, die zwischen Ich und Du, zu
relativer Bedeutungslosigkeit herabsinkt. Die erste wird zunehmend, in reziproker
Abhängigkeit von dem kybernetischen Fortschritt, eine Privatangelegenheit des Menschen.
Das öffentlich-geschichtliche Interesse wird dafür immer mehr von der Problematik in
Anspruch genommen werden, die die zweite Distribution impliziert. […]
Denn wenn man sich [aber] bemüht, die Reflexionseigenschaften, die nach Lenin im
Materiellen überhaupt investiert sind, auf dieselbe Stufe zu bringen, auf der sie im
hochorganisierten lebendigen tierischen bzw. menschlichen Leib erscheinen, so führt das zu
einem metaphysischen Problem, das auf der voraufgehenden Stufe des Denkens als technisch
realisierbares noch nicht existierte. Im organischen Leibe des Tieres oder des Menschen war
die Selbstreflexion als erwachte und zu ihrem Bewußtsein gekommene vorgegeben. Sie ist
von vornherein da, und der Mensch braucht sich um ihre Erweckung nicht zu kümmern. In
biblischer Sprache:
Und Gott der Herr machte den Menschen aus einem Erdenkloß,
Und er blies ihm ein den lebendigen Odem in seine Nase.
Und also ward der Mensch eine lebendige Seele.

Die Existenz des Menschen als Mensch beginnt aber erst nach diesem Ereignis. Die Existenz
der Materie ist empirisch ohne jeden "Odem" vorgegeben, und es ist Aufgabe des Menschen,
die Beseelung des Stoffes als seine künftige Weltgeschichte zu wiederholen. Der Odem
Gottes ist nur eine Leihgabe, und es liegt dem Menschen ob, sie an die tote Materie
weiterzugeben. Auf die Imitatio Christi soll die Imitatio Dei folgen; die Transzendenz des
Materiellen überhaupt soll durch seine Introszendenz bereichert werden.
Wenn fromme Gemüter in den Schlußsätzen des vorangehenden Absatzes eine Blasphemie
sehen, dann muß ihnen entgegengehalten werden, daß ihr Denken, trotz aller Gläubigkeit,
noch in jenem törichten Materialismus, den auch Lenin ablehnt, befangen ist. Sie sehen nicht,
daß jene Aufgabe eine unendliche, also unvollendbare ist, weil ihr Ziel die von uns weiter
oben beschriebene mittlere oder "dritte" Transzendenz ist, in der sich die Introszendenz der
Subjektivität und die Transzendenz des Objektes begegnen sollen […]. Die Arbeit, die ihm
hier zugemutet wird, […] enthält die Forderung einer moralischen Selbstentäußerung und
willentlichen Preisgabe seiner bisherigen geschichtlichen Existenz. Zwar sagt schon Hegel in
seiner Einleitung zu den Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte, daß die
Weltgeschichte eine "Schlachtbank" sei, "auf welcher das Glück der Völker, die Weisheit der
Staaten und die Tugend der Individuen zum Opfer gebracht worden" sind. Aber dem
konkreten Bewußtsein des Gegenwartsmenschen fehlt noch die Einsicht, daß er selber durch
die Selbstverwirklichung seines "Wesens" diese Schlachtbank angerichtet hat. Sein
geschichtliches Gewissen wohnt noch immer in dem "finstern spröden Mittelpunkt" seines auf
sich selbst beschränkten Ichs, von dem Hegel in der gleichen Einleitung sagt, "in welchem
weder Natur noch Geist offen und durchsichtig (sind), und für welche Natur und Geist nur
erst durch die Arbeit fernerer und einer in der Zeit sehr fernen Bildung (des) selbstbewußt
gewordenen Willens offen und durchsichtig werden können."
Für die Anrichtung dieser Schlachtbank wird tätige Reue, die über bloße Deklamationen
hinausgeht, verlangt. Und es ist die vornehmste Aufgabe der Technik, diese Reue in der
Geschichte zu betätigen, indem sie in ihrer kybernetischen Gestalt den Charakter jener
menschlichen Subjektivität, die die bis dato abgelaufene Geschichte verursacht hat,
unbarmherzig aufdeckt und sie dem heutigen Bewohner des Planeten im technischen
Spiegelbild vorhält. Dazu muß der Mechanismus, vermittels dessen Subjektivität sich in der
Welt betätigt, aus den dunklen Schlupfwinkeln seiner Introszendenz ans Tageslicht gezogen
und in die objektive Konstruktion einer Maschine projiziert werden. Die Technik verlangt
vom Menschen nicht mehr und nicht weniger, als daß er aufhört, sich mit jenen
transzendentalen Mechanismen zu identifizieren, die seine bisherige geschichtliche Gestalt
ausmachen. Es wird von ihm die Aufgabe jenes Selbst gefordert, daß seine vergangene
Geschichte gemacht hat. Das
ist die letzte und tiefste Absicht der Kybernetik: das Seelentum (Spengler), das eine
vollendete Kulturepoche dominiert und ihren Charakter bestimmt hat, in die leblose
Materialität eines Mechanismus einzubauen, der durch diese Arbeit zu eigenem "Leben"
erweckt werden soll.
S. 91 (bzw. 152