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Georg G Iggers

Geschichtswissenschaft
im 20. Jahrhundert
Ein kritischer Überblick
im internationalen Zusammenhang

Neuausgabe 2007

Vandenhoeck & Ruprecht


Bibliografische lnfonnalion der DeullK:hen Nationalbibliothek

Die DeullK:he Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der


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im Internet Ober http://dnb.d-nb.de abrufbar.

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Inhalt

Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7

Zur Neuauflage 2007 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8

Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . II

Vom klassischen Historismus zur Geschichte


als analytische Sozialwissenschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21
l. Geschichte als wissenschaftliche Disziplin:
Der klassische Historismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22
2. Geschichte als Sozialwissenschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . 32

Von der Historischen Sozialwissenschaft zur


»linguistischen Wende« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61
l. Die Rückkehr der Erzählkunst . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61
2. Kritische Theorie und Gesellschaftsgeschichte:
Die Historische Sozialwissenschaft . . . . . . . . . . . . . . . . 65
3. Die marxistische Geschichtswissenschaft
vom Historischen Materialismus zur kritischen
Anthropologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75
4. Alltagsgeschichte, Mikrohistorie und Historische
Anthropologie. Die Infragestellung der
Historischen Sozialwissenschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86
5. Die »linguistische Wende«. Das Ende der Geschichte
als Wissenschaft? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . l 0 l

Schlussbetrachtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . lll
I. Das »Ende der Geschichte«? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . lll
2. Das Ende der Geschichte als Wissenschaft? . . . . . . . . . 113
3. Das Ende der Aufklärung? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117
6 Inhalt

Nachwort zur Neuausgabe 2007 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121

I. Die kulturelle und die linguistische Wende . . . . . . . . . . . . 124


2. Feministische undgender-Geschichte ................ 127
3. Die Beschäftigung mit Weltgeschichte und globaler
Geschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131
4. Das Weiterbestehen von Nationalismen .............. 136
5. Ein neues Verständnis der Verbindung von
Geschichte und Sozialwissenschaften . . . . . . . . . . . . . . . . 137
6. Die Sozialwissenschaften und die Geschichte der
Globalisierung ................................... 141

Vorschläge zur weiteren Lektüre ...................... 145

Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149

Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 162

Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 173
Vorwort

In diesem Buch behandele ich ausgewählte Probleme und einige


Hauptrichtungen der Geschichtsforschung und Geschichtsschrei-
bung im 20. Jahrhundert. Den ersten Anstoß zu dem Buch hat ein
öffentliches Gesprlch gegeben, das ich im April 1990 im Phila-
delphia Philosophy Consortium mit Leszek Kolakowski über das
Thema »Vernunft und Geschichte« (Rationality and History)
gefiihrt habe. Die Frage, die uns beschäftigte, war: Was bleibt
vom Glauben der Aufklärung an die Möglichkeit eines wissen-
schaftlichen Umgangs mit der Geschichte und an die emanzipa-
torische Aufgabe der Wissenschaft übrig, nachdem die Postmo-
deme nicht nur die Kohärenz der Geschichte, sondern auch die
Kohärenz menschlichen Denkens radikal in Frage gestellt hat?
Was mich damals schon besonders interessierte, das war die Rol-
le des postmodernen Geschichtsdenkens. Dieses Interesse ist in
gewisser Weise fllr das Buch bestimmend geworden. Mein Vor-
trag in Philadelphia war hauptsächlich der Theoriediskussion
gewidmet, hier sollte es von vomherein auch um die Wirkung
dieser Diskussion auf die Praxis der Historiker gehen. Das hat
dazu gefllhrt. dass ich mich ausgiebig mit Strömungen der Ge-
schichtswissenschaft befasst habe, in denen die aufklärerischen
und emanzipatorischen Intentionen weiterleben, die aber zugleich
die Widersprüchlichkeil der Aufklärung (Horkheimer, Adomo,
Foucault) ernst nehmen. Darum liegt das Schwergewicht der
Darstellung auf der Sozial- und Kulturgeschichte im späten 20.
Jahrhundert.

Die Thesen dieses Buches habe ich seit dem Frühjahr 1990
mehrfach mit den Teilnehmern meiner Seminare diskutiert: in
Buffalo von 1990 bis jetzt und während kurzzeitiger Gastprofes-
suren an den Universitäten Darmstadt und Leipzig. Studenten,
Kollegen und Freunde haben das Manuskript oder große Teile
davon gelesen und mir kritische Hinweise gegeben. Dafllr danke
8 Vorwon

ich namentlich Werner Berthold, Gerald Diesener, Christoph


Dipper, Dagmar Friedrich, Wolfgang Ernst, Wolfgang Hardtwig,
Frank Klaar, Wolfgang Küttler, Jonathan Knudsen, Ulrich
Pappenberg, Iris Pilling, Lutz Raphael, Anne-Katrin Richter,
Hans Schleier, Ulrich Schneckener, Christian Simon, Rudolfvon
Thadden, Wiebke von Thadden, Volker Titel, Edoardo Tortarolo,
Johan van der Zande und Peter Walther.
Wie immer war das Max-Planck-lnstitut fiir Geschichte, in
dem ich Gast war, ein Ort anregender Gespräche mit den Mitar-
beitern, nicht zuletzt mit den dort arbeitenden Gästen aus aller
Welt. Mehrere Mitglieder des Instituts - Hans Erich Bödeker,
Alf Lüdtke, Hans Medick, Otto Gerhard Oexle, Jürgen Schlum-
bohm und Rudolf Vierhaus - haben das Manuskript ebenfalls
gelesen, meine Frau hat es in allen Entstehungsphasen mit kriti-
scher Aufmerksamkeit begleitet. Besonders danke ich Winfried
Hellmann, der den Band als Lektor kritisch betreut und viel dazu
beigetragen hat, dass wir beide am Ende mit dem Manuskript
zufrieden waren.

BufTalo, New York, Januar 1993 Georg G. lggers

Zur Neuauflage 2007

Als mir der Verlag mitteilte, dass er mein Buch von 1993 noch
einmal auflegen wolle, war ich überrascht, da sich die Welt in
den letzten anderthalb Jahrzehnten sehr verändert hat und die
Veränderungen auch zu neuen historiographischen Perspektiven
gefilhrt haben. Das Buch ist, seit es zuerst auf Deutsch erschien,
allerdings gut aufgenommen und inzwischen in zehn europäische
und ostasiatische Sprachen übersetzt worden. 1997 ist eine er-
weiterte englisch-amerikanische Ausgabe erschienen, die 2005
in einer zweiten Auflage durch ein neues Nachwort ergänzt
wurde.
Ich habe nun auch ein Nachwort filr den deutschen Band ge-
schrieben, das nicht nur dem heutigen Stand der Historiographie
gerecht wird und globaler ausgerichtet ist als die Ausgabe von
1993, sondern auch Veränderungen in meinem Denken wider-
spiegelt.
Vorwon 9

Ich danke Martin Rethmeier, meinem Lektor bei Vandenhoeck


& Ruprecht, filr die Anregung zu dieser Neuausgabe. Er hat
nicht nur den Text sorgßiltig überprüft, sondern auch ausfllhrlich
mit mir diskutiert. Ich bin außerdem Hans-Erich Bödeker dank-
bar, der mir viel Zeit gewidmet hat, sowie Dagmar Friedrich,
ehemalige Lektorin bei Vandenhoeck & Ruprecht, filr ihre Rat-
schläge, Dominic Sachsenmaier filr seine sorgfaltige Lektüre des
Entwurfs des Nachworts von 2007 und besonders meiner Frau
Wilma, die sich wie immer kritisch mit meinem Text auseinan-
dergesetzt hat, so dass mit ihrer Hilfe ein besseres Manuskript
entstanden ist.

Göttingen und Buffalo


Juli 2007 Georg G. lggers
Einleitung

Vor gut zwanzig Jahren habe ich ein kleines Buch Ober den dama-
ligen Stand der Geschichtswissenschaft in Europa veröffent-
licht, 1 in dem ich die Ablösung des herkömmlichen Wissen-
schaftsmodellsdes Historismus durch neuere Formen sozialwis-
senschaftlicher Geschichtsforschung dargestellt habe. Historiker
in allen Ländern waren sich weitgehend einig, dass die Ge-
schichtsforschung, wie sie seit der Entstehung der Geschichts-
wissenschaft als wissenschaftliche Disziplin im frOhen 19. Jahr-
hundert international praktiziert worden war, weder den gesell-
schaftlichen und politischen Bedingungen der zweiten Hälfte des
20. Jahrhunderts noch den Anforderungen einer modernen Wis-
senschaft entsprach. Inzwischen haben sich die Vorstellungen
über Geschichte und Geschichtswissenschaft erneut tief greifend
geändert. Dieser Band kann deshalb nicht eine Fortsetzung sein,
die meine Veröffentlichung von 1975 gewissermaßen auf den
Stand von heute bringt. Stattdessen beschäftigt er sich vor allem
mit einigen grundsätzlichen Veränderungen im Denken und in
der Praxis, die heute die Arbeit von Historikern - und zuneh-
mend auch Historikerinnen - bestimmen. obwohl es viele Konti-
nuitäten mit älteren Formen der Geschichtsforschung und Ge-
schichtsschreibung gibt, hat doch eine sehr grundsätzliche Neu-
orientierung stattgefunden. So sind in den letzten zwanzig Jahren
zunehmend Voraussetzungen in Frage gestellt worden, auf denen
Geschichtsforschung und Geschichtsschreibung seit der Entste-
hung der Geschichte als wissenschaftliche Disziplin im 19. Jahr-
hundert beruht haben. Viele dieser Voraussetzungen gehen bis in
die Antike zurück, denn seit der Antike hat es eine Beschäfti-
gung mit der Geschichte und eine kontinuierliche Tradition der
Geschichtsschreibung gegeben. Was im 19. Jahrhundert neu war,
war die Verwissenschaftlichung der Geschichtsforschung im
Rahmen der Professionalisierung, wie sie sich an Hochschulen
und Forschungsinstituten vollzog. Damals konstituierte sich die
12 Einleitung

Geschichte als ))Disziplin« und bezeichnete sich als Geschichts-


wissenschaft im Gegensatz zu dem älteren Begriff Geschichts-
schreibung. Zwar distanzierte sie sich von dem Erkenntnisziel
anderer Wissenschaften, Gesetzmäßigkeilen - oder wenigstens
zwingende Erklärungsmodelle - zu formulieren, und betonte die
Elemente des Besonderen und des Spontanen, die der Geschichte
als Geisteswissenschaft eine besondere, auf das Verstehen
menschlicher Intentionen und Werte gerichtete Logik der For-
schung abverlangten. Sie teilte aber die damalige Zuversicht der
professionalisierten Wissenschaften allgemein, dass methodisch
geregelte Forschung objektive Erkenntnis ermögliche, ohne sich
bewusst zu sein, dass diese Forschung auf Annahmen über den
Geschichtsverlauf und die Struktur der Gesellschaft beruhte, die
die Resultate ihrer Untersuchungen vorbestimmten. Die Selbst-
definition der Geschichte als wissenschaftliche Disziplin bedeu-
tete für die professionelle Arbeit des Historikers eine scharfe
Trennung zwischen wissenschaftlichem und literarischem Dis-
kurs, zwischen Berufs- und Amateurhistorikem.
Diese institutionelle Veränderung darf aber nicht über die
Gemeinsamkeiten hinwegtäuschen, die die Geschichtswissen-
schaft, wie sie sich im 19. Jahrhundert etablierte, mit der älteren
Geschichtsschreibung seit der Antike verbanden. Allem voran
war das die Unterscheidung zwischen Geschichte und Mythos,
wie Herodot und besonders Thukydides sie vorgenommen ha-
ben. Geschichtsschreibung wurde von ihnen zwar als eine Form
der Literatur, speziell der Erzllhlung betrachtet, der es in erster
Linie nicht um methodisch gewonnenes Wissen ging, sondern
darum, die großen Begebenheiten in der Erinnerung wach zu
halten, aber doch ganz bewusst mit dem Ziel einer wahrheitsge-
treuen Erzählung, die ihre Quellen kritisch überprüft. Dreierlei
war der wissenschaftlichen Historie seit Ranke und der Historie
von Thukydides bis Gibbon gemeinsam: (I) Die historische Dar-
stellung beschreibt Menschen, die wirklich existierten, und
Handlungen, die wirklich stattgefunden haben, und sie muss die-
ser Wirklichkeit entsprechen, d. h. wahrheitsgemäß sein. (2) Sie
verfolgt diese Handlungen in ihrer diachronischen Abfolge, d. h.
sie kennt nur eine eindimensionale Zeit, in der spätere Ereignisse
auf frühere folgen und durch diese verständlich werden. (3) Sie
setzt voraus, dass menschliche Handlungen die Absichten der
Einleitung 13

Handelnden widerspiegeln. Diese Voraussetzungen von Wirk-


lichkeit, fortschreitender Zeit und intentionalem Handeln bestim-
men den Erzählcharakter der Geschichte von Thukydides bis
Ranke, von Caesar bis Churchill, und genau diese Prämissen
sind im Laufe der großen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts
allmählich in Frage gestellt worden.
Eng verbunden mit den Denkstrukturen, die sowohl die klas-
sische Tradition der Geschichtsschreibung seit der Antike als
auch die Geschichtswissenschaft des 19. und 20. Jahrhunderts
kennzeichnen, ist die Betrachtung des geschichtlichen Verlaufs
aus der Perspektive der Herrschenden. Treitschkes Überzeugung
>>Männer machen die Geschichte«,2 also die Vorstellung, dass die
fllr die menschliche Gesellschaft relevanten Entscheidungen von
männlichen Personen gemacht werden, die an den Schalthebeln
der Macht sitzen, haben fast alle Historiker seit der Antike
geteilt. Die Geschichte hat sich darum primär mit Herrschaft
befasst, d. h. vor allem mit dem Staat als dem Zentrum der
Macht, dessen Existenz es zugleich ermöglicht, den historischen
Darstellungen eine kohärente Struktur zu geben, so dass, wie es
Droysen formuliert, aus »Geschäften« Geschichte wird. 1 Diese
Aussage beruht auf dem Gedanken, dass der Verlauf der
menschlichen Geschichte eine kontinuierliche Einheit darstellt,
so dass man nicht mehr von »Geschichten« spricht, wie es Ranke
in seinem Erstlingswerk »Geschichten der romanischen und ger-
manischen Völker« noch getan hat, sondern von »der Geschich-
te<<.4 Damit hängt zusammen, dass im 19. Jahrhundert die Ge-
schichte zunehmend mit der Entwicklung der europäischen Staa-
tenwelt gleichgesetzt wird. Indien und China, behauptete Ranke,
hätten keine Geschichte. »Ihr Zustand gehört mehr der Naturge-
schichte« (sie!).$ Die Gegenüberstellung von Geschichte und
Natur- oder Naturgeschichte- besagt, dass Geschichte, im Ge-
gensatz zur Natur, vom intentionalen Handeln der Menschen
bestimmt wird und dass deshalb, im Gegensatz zu den angebli-
chen Naturvölkern, nur die Kulturvölker Geschichte haben. Im
Laufe unseres Jahrhunderts hat sich nun in der historischen For-
schung ein fundamentales Umdenken vollzogen, weg von der
eng konzipierten Staaten zu einer viel umfassender angelegten
Sozialgeschichte, die mit einem größeren Interesse an der Ge-
schichte breiter Bevölkerungsschichten verbunden ist. Auch die
14 Einleitung

außerwestliche Welt wurde jetzt in die historische Betrachtung


mit einbezogen, wenn auch zunächst noch primär in ihrer Bezie-
hung zu Europa und Nordamerika. Strukturen und Prozesse ge-
wannen filr das Verständnis historischer Vorgänge und Zusam-
menhänge eine größere Bedeutung als Ereignisse oder die Taten
von Treitschkes »großen Männern«. Was aber blieb, war die
Überzeugung, dass ein wissenschaftlicher Zugang zur Geschich-
te möglich sei. Die neuere Geschichtsschreibung, die sich als
Social Science History, histoire science sociale oder in der Bun-
desrepublik Deutschland als Historische Sozialwissenschaft ver-
stand,' kritisierte an der älteren Geschichtswissenschaft, dass sie
nicht genügend wissenschaftlich gewesen sei, ihr Ziel noch im-
mer zu sehr die Erzählung und nicht die streng wissenschaftliche
Analyse gewesen sei. Die neue Sozialg.eschichte blieb aber inso-
fern der Denkstruktur der älteren Geschichtswissenschaft verhaf-
tet, als auch sie davon überzeugt war, dass die historische Dar-
stellung einen direkten Wirklichkeitsbezug habe, dass sie das
Faktische vom Fiktionalen streng trenne und dass sich dadurch
der Diskurs des Historikers von dem des Schriftstellers unter-
scheide. Sie bestand noch stärker als die herkömmliche Ge-
schichtsschreibung darauf, dass die Verfahrensweise des Histo-
rikers die eines Wissenschaftlers, nicht die eines Künstlers sei,
so dass Geschichte, wenn sie wahrheitsgemäß, d. h. wissen-
schaftlich sein wollte, genauso wenig von Amateuren betrieben
werden könne wie z. B. die Physik oder Biologie.
In den letzten zwanzig Jahren ist diese Auffassung von Ge-
schichte als Wissenschaft nun aber von Grund auf in Frage ge-
stellt worden. Viele Historiker in der ganzen Welt- und viele
Historikerinnen müssen wir hier betonen, nicht nur weil sie zahl-
reicher geworden sind, sondern auch weil ihre besondere Per-
spektive eine bedeutende Rolle spielt - begannen Geschichte von
einem anderen Denkansatz her zu begreifen und zu schreiben. Im
Mittelpunkt der Geschichtsschreibung stehen jetzt weder die
Handlungen fUhrender Persönlichkeiten noch die unpersönlichen
Strukturen oder Prozesse von Wirtschaft und Gesellschaft, son-
dern vielmehr die existentiellen Erfahrungen einzelner Men-
schen, darunter auch solcher, die, weil sie machtlos waren, aus
der herkömmlichen Geschichte ausgegrenzt worden waren. Jene,
die, wie Brecht es formulierte, nicht gesehen werden, weil sie im
Einleitung 15

Schatten stehen, rücken jetzt ins Licht Und die neuen Themen
implizieren neue Forschungsstrategien.
Der Durchbruch zu einer neuen Kultur- und Sozialgeschichte
in den letzten fllnfzehn bis zwanzig Jahren ist nicht als eine rein
wissenschaftsimmanente Entwicklung zu verstehen, sondern
muss im Zusammenhang mit fundamentalen Veränderungen der
Bedingungen gesehen werden, unter denen sich das moderne
Leben abspielt. Wir werden auf diese Transformation im folgen-
den Kapitel nilher eingehen. Hier sei nur betont, dass spätestens
seit Nietzsche die Axiome der Geschichtsschreibung problema-
tisch geworden sind, die Axiome, die zu seiner Zeit für die poli-
tischen Historiker, später auch filr die sozialwissenschaftlich ori-
entierten Historiker die Grundlage ihrer geschichtswissenschaft-
liehen Arbeit gebildet haben. Diese Axiome waren eng mit den
Werten der bürgerlichen Welt des 19. Jahrhunderts verbunden,
bürgerlich hier nicht im Sinne von Marx als Klasse verstanden,
die primär durch ihr Verhältnis zu den Produktionsmitteln defi-
niert wird, sondern als eine Lebenswelt, eine Denk- und Verhal-
tensweise, die mit den wirtschaftlichen und politischen Macht-
verhältnissen zusammenhängt, aber weit über sie hinausgeht und
diese mitgestaltet
Eines dieser Axiome ist, dass Geschichte eine sinnvolle Ent-
wicklung sei, in der die ))bürgerlichen<( Werte der Bezwingung
der Natur und des Naturwüchsigen durch Vernunft und Wissen-
schaft zum Wohle der Menschen verwirklicht werden. Der bei
der Mehrheit der Denker des 19. Jahrhunderts, bei Heget, Ranke,
Marx, Mill, Michelet und Treitschke maßgebende Entwick-
lungsgedanke geht davon aus, dass der Sinn der Geschichte in
dem unaufhaltsamen Sieg der Kultur, d. h. von Bildung, Wissen-
schaft und Technik, kurzum in der aufgeklärten Vernunft über
die Unvernunft der Natur liegt. Im 20. Jahrhundert hat dann aber
der Gang der Dinge in zwei Weltkriegen, in den totalitären Re-
gimen undangesichtsder zunehmenden Zerstörung der Umwelt
die Widersprüche eines Fortschritts offensichtlich gemacht, in
dessen Verlauf Wissenschaft und Technik nicht Mittel der Be-
freiung, sondern der Beherrschung von Menschen wurden. Der
Fortschritt des Wissens tllhrte zugleich zu einer zunehmenden
))Entzauberung der Welt«/ verbunden mit dem Gedanken, dass
die Geschichte zu Ende sei.• Für diejenigen, filr die das Leben
16 Einleitung

seinen Sinn verlor, büßte auch die Geschichte ihren Sinn und
damit ihre Rolle als Bildungsinstitution ein, die sie filr das Bür-
gertum nach dem Verlust des religiösen Glaubens besessen hatte.
Damit wurde auch der Zweck der Geschichtswissenschaft in
Frage gestellt.
Aber nicht nur der Sinn der Geschichte ist problematisch ge-
worden, sondern auch die Möglichkeit geschichtswissenschaftli-
eber Erkenntnis, ja wissenschaftlicher Erkenntnis überhaupt.
Von der Systematisierung der Quellenkritik durch Ranke in den
zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts bis zur Anwendung quan-
tifizierender Methoden und theoretischer Modelle durch Robert
Fogel in den siebziger Jahren dieses Jahrhunderts haben die His-
toriker vorausgesetzt, dass es einen Gegenstand der historischen
Forschung gibt und dass dieser Gegenstand wissenschaftlichen
Forschungsmethoden zugänglich ist. Dieser Zuversicht entspra-
chen die strenge Trennungslinie zwischen historischem und lite-
rarischem Diskurs und die Trennung zwischen der Arbeitsweise
des Historikers, der sich als Wissenschaftler verstand, und der
des populären Geschichtsschreibers, der sein Werk als Teil der
Literatur sah. Aber schon Nietzsche verneinte, und zwar bereits
in seinen Frühschriften »Die Geburt der Tragödie ( 1871) und
»Vom Nutzen und Nachteil der Historie filr das Leben« (1874),
die Möglichkeit wie die Nützlichkeit wissenschaftlicher Ge-
schichtsforschung und Geschichtsschreibung. Nicht nur sei das
Objekt der Forschung durch die Interessen des Historikers und
seinen Standpunkt in der Zeit bedingt, deren Auffassungen er aus
der Gegenwart in die Vergangenheit projiziere - in Goethes
Worten: ••Was ihr den Geist der Zeiten heißt I Das ist im Grund
der Herren eigner Geist«. Auch der Glaube, auf dem das abend-
ländische Denken seit Sokrates und Platon beruhte, dass es eine
objektive Wahrheit gebe, die nicht an die Subjektivitllt der Den-
ker gebunden sei, habe sich als unhaltbar erwiesen. Wie schon
filr Marx, so war das Wissen auch filr Nietzsche immer ein Mit-
tel der Macht. Marx' Zuversicht jedoch, die Entlarvung der ideo-
logischen Momente in der Wissenschaft könne zu objektiver.
ideologiefreier Erkenntnis und Emanzipation filhren, lehnte
Nietzsche radikal ab. Die Geschichte der philosophischen Ver-
nunft seit Sokrates erschien ihm als eine Variante der Unver-
nunft, als ein effektives Mittel, Autoritllt und Macht zu behaupten.
Einleitung 17

Damit verneinte er den Vorrang des logischen, z. B. des sokrati-


schen Denkens vor dem vorlogischen, d. h. dem mythischen oder
poetischen Denken
Davon ausgehend kamen immer mehr Historiker der letzten
Jahrzehnte zu der Überzeugung, dass Geschichte enger mit Lite-
ratur als mit Wissenschaft verbunden sei, dass ))auch Klio dich-
tetcc.9 Von hier aus sind in den letzten Jahrzehnten Grundpositio-
nen der Geschichtswissenschaft, wie sie im 19. Jahrhundert ent-
stand, zunehmend in Frage gestellt worden. Der Gedanke, dass
es in der Geschichtsforschung keine Objektivitlt geben könne,
weil es kein Objekt der Geschichte gebe, gewann an Zustim-
mung. Danach entrinne der Historiker nie seiner Welt, und was
er sehe, werde durch die Kategorien der Sprache, in denen er
denkt, präformiert. In letzter Instanz habe nur der Text Bestand,
mit dem der Historiker arbeitet, aber nicht eine Wirklichkeit, die
Ober den Text hinausgeht. Dieser Text braucht nicht eine schrift-
liche Quelle zu sein, auch eine Kultur bildet einen )Texte. Und
der Text besitzt, wie wir später genauer darlegen werden, fllr die
neue Geschichts- und Literaturkritik keinen eindeutigen Sinn, da
er weder auf eine eindeutige Wirklichkeit verweist, noch die Ab-
sichten derer, die diesen Text verfasst haben, eindeutig wieder-
gibt.
Die Kritik an der Wissenschaftlichkeit der Geschichtswissen-
schaft muss vor einem politischen und sozialkritischen Hinter-
grund verstanden werden. Sie ist eine Kritik an der bürgerlichen
Kultur und Lebensweise, zu der auch die Begriffe von Wissen-
schaft gehören, die der institutionalisierten Geschichtsforschung
und Geschichtsschreibung des 19. und 20. Jahrhunderts zugrun-
de liegen. Bürgerlichkeit wird von ihren Kritikern im 19. Jahr-
hundert wie Kierkegaard, Burckhardt, Nietzsche und Baudelaire
als eine Bedrohung der kreativen geistigen Spontaneitlt empfun-
den, als Nivellierung, Verdinglichung und Unsensibilitllt. Diese
Kulturkritik bzw. dieser Kulturpessimismus hat dann auch im
antidemokratischen Denken der Zeit bis 1945 eine bedeutende
Rolle gespielt.
Man sollte jedoch vorsichtig sein und diese Reaktion auf die
Modeme nicht vorschnell mit einer politischen ))Rechten« in
Verbindung bringen. Sie ist nicht ))rechts« im konventionellen
Sinn einer romantischen Nostalgie filr ein Gemeinschaftsgefilhl,
18 Einleitung

das in der Anonymität der modernen Gesellschaft verloren ge-


gangen sei. In vieler Hinsicht rührt diese Reaktion vielmehr die
aufklärerische Kritik an dem religiösen Erbe der abendländi-
schen Welt weiter zu der in ihrer Sicht unausweichlichen Konse-
quenz des Todes Gottes und der deshalb objektiven Sinnlosigkeit
der Welt und des menschlichen Lebens. Der letzte Mensch in
Nietzsches »Also sprach Zarathustra«, der das Glück erfunden
hat, verkörpert Werte der bOrgerliehen Gesellschaft: Wohlsein
und Wohlstand, Chancengleichheit und Frieden, die von der Hel-
dentum, Kampf und damit auch Krieg idealisierenden Kritik von
))rechts« vehement abgelehnt wurden. Zu dieser Ablehnung
gehört ein Geschichtsbewusstsein, das eine bestimmte Form der
Modeme bejaht, eine Modeme, die sich von den herkömmlichen
Konzeptionen von Wissenschaftlichkeit und Fortschritt lossagt.
Nach der Jahrhundertwende und besonders in den Zwischen-
kriegsjahren 1918-1939 wurde diese Einstellung international
breit vertreten: von Sorel, Spengler, D' Annunzio, Ortegay Gasset,
Jünger, Heidegger, Eliot und Pound. Sie suchten nach einem
neuen Weltverständnis, das die logischen Kategorien der her-
kömmlichen Wissenschaft hinter sich lässt und eine neue, von
der Dinglichkeil und dem Rationalismus des Bürgertums befreite
Welt anbahnt.
Diese Kritik von »rechts« an der ))bUrgerlichen« Welt, die
durch ihr BUndnis mit dem Faschismus oder mindestens ihre Af-
finität zu ihm und dem Nationalsozialismus nach 1945 diskredi-
tiert war, wlre für unsere Untersuchung des gegenwärtigen Ge-
schichtsdenken und der gegenwärtigen Geschichtsschreibung
belanglos, wenn sie nicht nach 1945 und zunehmend nach 1960
von ))linken« Kritikern Ubemommen worden wäre. Wie bei dem
Begriff»rechts«, mUssen wir auch hier vorsichtig sein, wenn wir
von »links<< sprechen. Es geht dabei nicht um einen Marxismus,
der weitgehend die traditionellen Konzepte von Wissenschaft,
Wachstum und Fortschritt vertrat, sondern um eine Neue Linke,
die diese Konzepte in Frage stellt. Sie Obernimmt von der oben
beschriebenen ))rechten<< Gesellschaftskritik die Überzeugung,
dass Wissenschaft nicht zu objektiver Erkenntnis filhre, sondern
ein Mittel der Macht sei, der Beherrschung der vielen durch die-
jenigen, die Macht ausOben können. Aber sie verwirft diese Be-
herrschung, jedoch ohne mit der alten, marxistischen Linken die
Einleitung 19

Zuversicht zu teilen, dass die Geschichte ein Prozess der Befrei-


ung sei. Für die Neue Linke rücken diejenigen Menschen in den
Mittelpunkt, die bis jetzt in der Geschichtsschreibung unberück-
sichtigt geblieben sind, weil sie als Machtobjekte, nicht als Fak-
toren der Geschichte betrachtet wurden. Damit verbunden ist ein
neues Verständnis der Macht. Die marxistische Geschichts-
schreibung ging davon aus, dass die Macht zentral von den Men-
schen, die den Gang des Staates oder der Wirtschaft bestimmen,
ausgeübt wird. Für einen Geist wie Foucault dagegen manifes-
tiert sich die Macht in den verschiedensten zwischenmenschli-
chen Beziehungen, im alltäglichen Umgang zwischen Mann und
Frau, Lehrer und Kind, Arzt und Patient usw. Sprache, Moral
und Wissenschaft verkörpern und bestimmen Macht.
Dieses neue Gesellschaftsverständnis verlangt ein neues Ge-
schichtsverständnis, das ein Umdenken im Hinblick auf die etab-
lierten Formen von Wissenschaft und den Umgang mit Wissen-
schaft erfordert. Wenn nicht mehr die zentralen Institutionen von
Staat und Wirtschaft der Gegenstand sind, muss die Geschichts-
wissenschaft neue Forschungsstrategien entwickeln, die geeignet
sind, sich mit den vielen Menschen in ihren existentiellen Bezie-
hungen kritisch zu befassen. Aus dieser Perspektive ist die Über-
prüfung nicht nur der Wissenschaftsauffassungen, sondern auch
der Konzeptionen historischen Wandels und gesellschaftlicher
Ordnung, die der herkömmlichen Geschichtswissenschaft zu-
grunde liegen, unerlässlich. Allerdings besteht ein weiter Ab-
stand zwischen den theoretischen Aussagen von Philosophen,
Soziologen, Literaturkritikern und anderen, die über die Ge-
schichte nachdenken, aber nicht Geschichte schreiben, und den
Historikern, die sich in der Regel weniger Gedanken über die
theoretischen Voraussetzungen ihrer Arbeit machen. Während
erstere von sprach- und texttheoretischen Positionen ausgehend
die Wirklichkeitsbezogenheil der Texte und daher auch die Not-
wendigkeit wissenschaftlicher Methoden in Frage stellen, gehen
Historiker weiterhin streng wissenschaftlich mit ihren Quellen
um, mit einem Methodenverständnis, das den Rationalitätsbeg-
riff der herkömmlichen Geschichtswissenschaft nicht negiert,
sondern ihn signifikant erweitert. Dennoch ist die theoretische
Diskussion ernst zu nehmen, eben weil sie, wie wir sehen wer-
den, die Praxis der Historiker beeinflusst und zu einer kritischen
20 Einleitung

Auseinandersetzung mit überlieferten Methoden und Konzepten


getllhrt hat. Der Hauptzweck dieses Buches ist es, die!en neuen
Zugang zur Geschichte, der in den letzten zwei Jahrze:~nten zu-
nehmend an Bedeutung gewonnen hat, in seinen thee:relischen
Vorstellungen und in seiner tatsächlichen Forschungs- und Dar-
stellungspraxis kritisch zu untersuchen.
Vom klassischen Historismus zur Geschichte
als analytische Sozialwissenschaft

Vergangenheitsüberlieferung gab und gibt es in allen Kulturen.


Sie hat im Laufe der Zeit verschiedene Formen angenommen,
unter denen in der okzidentalen Welt, einschließlich der islami-
schen, aber auch im Femen Osten, die Geschichtsschreibung
eine zentrale Stelle einnimmt. Sie war in der abendländischen
Kultur - und ähnlich auch in der ostasiatischen - schon früh be-
strebt. sich von Mythos und Dichtung zu unterscheiden und eine
wahre Beschreibung des vergangeneo Geschehens zu bieten.
Geschichtswissenschaft dagegen ist eine Erscheinung der mo-
dernen westlichen Welt; von nicht-westlichen Gesellschaften ist
sie im Zuge ihrer Modemisierung übernommen worden.
Die Entstehung der Geschichtswissenschaft ßlllt zusammen
mit der Etablierung der Geschichte als ein Fach, das an Universi-
täten gelehrt und studiert wird. Dieses moderne Fach Geschichte,
das wir hier von der langen Tradition der Geschichtsschreibung
unterscheiden, ist nie reine Wissenschaft im Sinne etwa der Ma-
thematik oder der Naturwissenschaften gewesen. Aber selbst in
diesen Wissenschaftsbereichen gibt es, wie z. 8. Thomas Kuhn 1
im Hinblick auf die neuere Wissenschaftsgeschichte nachgewiesen
hat, keinen reinen kumulativen Fortschritt des Wissens; vielmehr
waren die großen Umstrukturierungen des Denkens, die zur Ent-
stehung von neuen Paradigmen gefilhrt haben, immer auch eng
mit den geistigen Strömungen ihrer Zeit verbunden. Dies ist bei
der Geschichte in einem noch höheren Maße der Fall.
Dieser Hinweis ist nicht als schlichter Reduktionismus in dem
Sinne gemeint, dass die Arbeit der Historiker bloß von gesell-
schaftlichen Faktoren abgeleitet werden könne oder dass ihr eine
primär ideologische Funktion zugeschrieben werden soll. Er be-
deutet aber, dass Wissenschaft, und ganz besonders eine Wissen-
schaft, die so eng mit menschlichen Werten und Intentionen ver-
bunden ist wie die Geschichtswissenschaft, in dem soziokulturel-
22 Geschichte als analytische Sozialwissenschaft

Jen und politischen Rahmen gesehen werden muss, in dem sie


stattfindet. Eine rein wissenschaftsimmanente Geschichte der
Geschichtswissenschaft ist nicht möglich. Zwar kann die Rekon-
struktion bestimmter historischer Fakten auf rein fachlicher Ba-
sis widerspruchsfrei überprüft werden, die größeren Zusammen-
hänge, die ihnen Sinn und Bedeutung geben, können das jedoch
kaum. Wie schon in der Einleitung angedeutet, lässt sich Wis-
senschaft nie auf Resultate des Denkens oder der Forschung re-
duzieren, sondern sie ist zugleich eine Lebens- und Verhaltens-
weise, die Pierre Bourdieu2 Habitus nennt. Sie setzt eine Ge-
meinschaft von Wissenschaftlern voraus, mit einem ganzen
Bündel von Praktiken des Arbeitens und Kommunizierens. Eine
Geschichte der Geschichtswissenschaft ist darum auch nicht von
den Institutionen zu trennen, in denen wissenschaftliche Arbeit
stattfindet. In diesem ersten Teil der Darstellung will ich die
Wandlungen im Selbstverstlndnis der Historiker nachzeichnen,
die sich vom Beginn des 19. Jahrhunderts, von der Konstituie-
rung der Geschichte als wissenschaftlichem Fach, bis zu dem
Zeitpunkt vollzogen haben, an dem viele Historiker und Histori-
kerinnen anfingen, sich erneut über den wissenschaftlichen Sta-
tus der Geschichtswissenschaft Gedanken zu machen.

1. Geschichte als wissenschaftliche Disziplin:


Der klassische Historismus

Im frühen 19. Jahrhundert kam es in der westlichen Welt allge-


mein zu einem Bruch mit der Art und Weise, wie bis dahin Ge-
schichte erforscht, geschrieben und gelehrt worden war. Das
Entscheidende dabei war die Umwandlung der Geschichte in
eine Fachdisziplin - in Preußen außerdem, dass sich diese neue
Disziplin an der im Zuge der preußischen Reformen umgestalte-
ten Universität etablierte. 1 Bis dahin hatte es zwei verschiedene
Formen der Geschichtsschreibung gegeben. eine gelehrte Rich-
tung und die literarische. Diese beiden Arten verschmolzen in
dem Maße miteinander, in dem Geschichte von einem literari-
schen Genre zu einer Fachdisziplin wurde.
Allerdings war dies kein abrupter Wandel. Die Historiker
neuen Stils, repräsentiert vor allem durch von Leopold von Ranke,
Der klassische Historismus 23

betrachten zwar die Geschichte als eine Wissenschaft, sind aber


weiterhin davon überzeugt. dass die Darstellung der Geschichte
literarischen Kriterien folgen müsse. Geschichte soll. wie Ranke
betont. Wissenschaft und Kunst verbinden.• Die großen deutsch-
sprachigen Historiker des 19. Jahrhunderts - Ranke. Burckhardt.
Gervinus. Droysen. Treitschke und Mommsen - bemühen sich
bewusst. als gute Schriftsteller filr ein breites gebildetes Publi-
kum zu schreiben. und es war deshalb auch kein Zufall. dass
Mommsen 1902 den Nobelpreis fllr Literatur erhielt.
Als wissenschaftliche Disziplin hatte die Geschichte von An-
fang viel mit anderen Wissenschaften gemeinsam. auch mit den
Naturwissenschaften. wie sie seit dem 17. Jahrhundert entstan-
den sind. obwohl die Historiker immer wieder den Unterschied
zwischen ihrer Wissenschaft und den Naturwissenschaften be-
tont haben. Die modernen Wissenschaften setzen einen sozialen
Rahmen voraus. eine scientific community,S in der sich die Betei-
ligten über die Regeln der Forschung und des wissenschaftlichen
Diskurses einig sind. Das gilt bereits filr die schon im 17. Jahr-
hundert entstehenden wissenschaftlichen Institutionen. darunter
die Akademien. Im späten 18. Jahrhundert und ganz besonders
im 19. Jahrhundert spielen dann die Universitäten als Stätten. in
denen Forschung und Lehre verbunden werden. die wichtigste
Rolle. 6 Für die Entstehung der Geschichtswissenschaft ist die
moderne deutsche Universität entscheidend. ihr Prototyp ist die
während der preußischen Reformära 1810 gegründete Universi-
tät Berlin. Das politische und kulturelle Milieu ihrer Entstehung
spiegelt auch die neue Disziplin Geschichte wider: eine moderne
Gesellschaftsordnung. in der die bürgerliche Gesellschaft. wie
Heget sie verstanden hat. in einen monarchische Beamtenstaat
eingeordnet ist. In diesem Rahmen ist eine bestimmte Wissen-
schaftsanschauung entstanden. der klassische Historismus. der
mit der politischen und philosophischen Gedankenwelt der Auf-
klärung eng verbunden war. sich aber gleichzeitig mit dieser
auseinander setzte. 7
Der Begriff ))Historismus« hat viele Bedeutungen.1 Er wird
zuerst in der Romantik als Gegensatz zu ))Naturismus«9 ge-
braucht. um die von den Menschen gemachte Geschichte von der
Natur zu unterscheiden. die die Menschen nicht machen. Vom
späten 19. Jahrhundert an wird de Begriff häufig gebraucht und
24 Geschichte als analytische Sozialwissenschaft

unterschiedlich definiert, einerseits als Weltanschauung, ande-


rerseits als Methode, 10 obwohl dies beides untrennbar miteinan-
der verbunden ist. Als Weltanschauung bedeutete Historismus,
dass die Wirklichkeit nur in ihrer historischen Entwicklung ver-
standen werden kann und dass deshalb jede Wissenschaft vom
Menschen von der Geschichte ausgehen muss. Extrem formu-
liert: »... der Mensch hat nicht ... Natur, sondern er hat Geschich-
te«.11 Aus dieser Sicht sind auch die Philosophie Hegels und der
Marxsche Historische Materialismus Erscheinungsformen des
Historismus, obwohl sie in der deutschen Tradition nicht so ver-
standen worden sind.
In Deutschland bedeutete der Begriff Historismus, wie er von
Meinecke definiert worden ist, gleichzeitig eine Weltanschauung
und eine Wissenschaftskonzeption, die im Gegensatz zum Hegei-
schen oder Marxschen Glauben an Gesetzmäßigkeilen in der Ge-
schichte die spontanen, unberechenbaren Elemente der mensch-
lichen Freiheit und Kreativität betonte. Diese benötigen eine Logik
der Forschung, des Verslehens menschlicher Zusammenhänge,
die grundsätzlich anders ist als die der Naturwissenschaften. 12
Auch diese Anschauung ist, wie das Denken von Hegel und
Marx, mit einem gewaltigen Optimismus verbunden, mit der
Zuversicht, dass das, was historisch gewachsen ist, in erster Li-
nie also die Welt der modernen europäischen Kultur, sinnvoll
und wertvoll sei.
Polemisch benutzt der Wiener Nationalökonom Carl Menger
den Begriff Historismus 1884 in seiner Schrift ))Die Irrtümer des
Historismus in der deutschen Nationalökonomie«, einer Kritik
der preußischen Historischen Schule der Nationalökonomie. Ihr
wirft er (wie Max Weber einige Jahre später auf ähnliche Weisen)
vor, dass sie durch eine deskriptive historische Darstellungswei-
se die klare Begriffsbildung vermeide, die das Kernstück aller
Wissenschaftlichkeit ausmache. Für Meinecke dagegen bedeutet
gerade die Betonung des Einmaligen, das jeder abstrakten Be-
griffiichkeit trotzt, ))die höchste bisher erreichte Stufe in dem
Verständnis menschlicher Dinge«, 14 die er als den besonderen
Beitrag des deutschen Geistes zur abendländischen Kultur be-
trachtet. So weit wie Meinecke mit seiner Anti-Begriffiichkeit
gingen Geschichtsdenker wie J. G. Droysen, Wilhelm Dilthey,
Wilhelm Windelband und Heinrich Rickert allerdings nicht. Sie
Der klassische Historismus 25

hoben die Eigenständigkeil der Geschichte als einer Geistes- oder


Kulturwissenschaft hervor, deren Ziel nicht die Fonnulierung
abstrakter Erklärungsmodelle sei, sondern das ••Verstehen« ein-
zelner Sinneinheiten. Das erfordere eine besondere Fonn von
Begrifflichkeit, die der Sinnhaftigkeit menschlichen Daseins
Rechnung trägt. 1s
Für den klassischen Historismus sind diese Betonung der Ei-
genständigkeit des historischen Denkens wie auch die Zuver-
sicht. dass die historische Welt sinnvoll sei, die Geschichte daher
den wichtigsten Schlüssel zur europäischen Bildung enthalte,
von zentraler Bedeutung. Obwohl die theoretische Diskussion
erst viel später erfolgt, bildet dieser Historismus die Grundlage
der Wissenschaftskonzeption und der Wissenschaftspraxis der
im frühen 19. Jahrhunden an der deutschen Universität entste-
henden Geschichtswissenschaft.
Als Prototyp und bedeutendster Vertreter des klassischen His-
torismus gilt Leopold von Ranke. Auf dem Umweg der Betrach-
tung des sozialen, kulturellen und politischen Rahmens, in dem
Rankes Auffassungen entstanden, möchte ich untersuchen, worin
die Grundlagen dieser Auffassung und Forschungspraxis bestan-
den - Grundlagen, deren sich Ranke und seine Nachfolger nur in
sehr begrenztem Maße bewusst waren.
Rankes Wissenschaftskonzeption ist gekennzeichnet von der
Spannung zwischen der expliziten Forderung nach sachlicher
Forschung, die alle Wenurteile und metaphysischen Spekulatio-
nen strikt ablehnt, und den impliziten philosophischen und poli-
tischen Grundannahmen. die diese Forschung tatsichlieh bestim-
men. Wissenschaftliche Forschung war filr Ranke aufs engste
mit kritischer Methode verbunden. Vorbedingung filr jede For-
schung war die gründliche Ausbildung in den Methoden der phi-
lologischen Kritik. Für den Historiker als Wissenschaftler war
••die strenge Darstellung der Tatsache ... das oberste Gesetz«. 16
Eine solche Geschichtsschreibung darf sich nicht auf die Glaub-
würdigkeit anderer Erzählungen verlassen, wie es bis dahin
weitgehend üblich war. ihre Aussagen müssen vielmehr auf einer
kritischen Analyse von zuverlässigen Augenzeugenberichten oder
zeitgenössischen Dokumenten beruhen. Eine sorgfaltige Ausbil-
dung in der kritischen Untersuchung der Quellen, was eine
gründliche Kenntnis nicht nur der betreffenden Sprachen, son-
26 Geschichte als analytische Sozialwissenschaft

dem auch der historischen Hilfswissenschaften voraussetzt, war


Voraussetzung filr die wissenschaftliche Beschäftigung mit der
Geschichte. In dieser Betonung der Methode verstand Ranke
sich als Wissenschaftler im strengen Sinne des Wortes. Diese
Betrachtungsweise schloss aber zugleich einen Faktenpositivis-
mus aus, der sich auf die bloßen Tatsachen beschränkt. Denn fllr
Ranke war die Tatsache eine höchst komplizierte Angelegenheit,
weil sie als Ausdruck menschlichen Lebens geistiger Natur sei
und nur in einem Sinnzusammenhang verstanden werden könne.
Das >>Amt« der Historie ist daher nicht nur »auf die Sammlung
der Tatsachen und ihre Aneinanderfiigung«, sondern ebenso >>auf
das Verständnis derselben gerichtet«. 17
Dieses >>Verständnis« ist aber nur möglich, weil es einen ob-
jektiven Zusammenhang gibt, der den Tatsachen ihren Sinn ver-
leiht. Der Begriff »Objektivität« ist hier zweideutig, ohne dass
sich Ranke dessen voll bewusst war. Einerseits bedeutet Objek-
tivität das wertfreie, »unparteiliche« Verfahren des Historikers.•'
Der Historiker soll sich nicht vermessen, »die Vergangenheit zu
richten«, sondern sich auf die Darstellung der Tatsachen be-
schränken. Andererseits ist Ranke davon überzeugt, dass diese
Tatsachen objektive Zusammenhänge, »geistige, Leben hervor-
bringende, schöpferische Kräfte ... moralische Energien« 19 wi-
derspiegeln.
Im Gegensatz zur Hegeischen Geschichtsphilosophie lehnt
Ranke und nach ihm der klassische Historismus den Gedanken
einer vernunftbedingten Entwicklung zu einem Ziel, d. h. den
Fortschritt ab und sieht vielmehr in jeder historischen Epoche die
Erfiillung der Zeit. Ähnlich wie fllr Heget ist fiir ihn der Staat der
rote Faden der neueren Geschichte. Und ähnlich wie Heget be-
trachtet er die Staaten, in denen er individualisierte »Gedanken
Gottes« 20 sieht, als Verkörperungen sittlicher Potenzen. Weil
jeder Staat als ein Individuum zu betrachten sei, dessen Entwick-
lung, wie die eines Organismus, durch innere Prinzipien der Ent-
faltung bestimmt ist, erscheint jeder Versuch, seine Handlungen
in einem wesentlichen Zusammenhang mit anderen Faktoren -
sozialen, ökonomischen oder kulturellen - zu analysieren, als
unhistorisch. Ein scharfer Widerspruch besteht zwischen Rankes
Betonung, dass jede Ordnung in ihrem historischen Kontext zu
verstehen sei, und seiner Annahme einer natürlichen, einer im
Der klassische Historismus 27

Grunde ahistorischen, hierarchischen Ordnung als Normalzu-


stand in allen Gesellschaften. (Er selbst hAtte dies sicherlich
bestritten.) Er verurteilt die Bauern im deutschen Bauemkrieg,
weil sie diese natürliche Ordnung in Frage stellten,21 und ebenso
alle revolutionären und weitgehend auch die reformerischen
Bemühungen, eine bestehende Gesellschaft umzugestalten. Ein
krasser Widerspruch besteht ebenfalls zwischen Rankes berühm-
ter Formulierung, ))jede Epoche ist unmittelbar zu Gott«,22 und
seiner Zuversicht, dass die protestantische, monarchische Welt
der Neuzeit einen Höhepunkt der geschichtlichen Entwicklung
bedeutet Aus dieser Sicht spricht er dann den nicht-europäischen
Völkern einschließlich Indem und Chinesen jede Geschichte im
eigentlichen Sinn ab. 23 Dieser Glaube an Dauer und Bestand der
modernen bürgerlichen Zivilisation ist ein integraler Bestandteil
des klassischen Historismus und seiner Geschichtsschreibung.
Rankes Auffassung von Wissenschaft war im Wesentlichen auch
die Wilhelm von Humboldts bei der Gründung der Berliner Uni-
versität im Jahre 1810. Wissenschaft wurde von der alten Ge-
lehrsamkeit, wie sie in der deutschen Universität und anderswo
bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts herrschte, unterschieden.
Die neue Universität entstand im Zusammenhang mit der politi-
schen und sozialen Umgestaltung Preußens nach der militäri-
schen Niederlage durch das napoleonische Frankreich. Diese
Revolution von oben, wie sie oft genannt worden ist, begründete
eine ))bürgerliche Gesellschaftee unter der Schirmherrschaft eines
bürokratischen Absolutismus, wie Hegel sie in seiner Rechtsphi-
losophie beschrieben hat. 2~ Die Universität sollte den BedOrfuis-
sen des Bürgertums und des monarchischen Beamtenstaats die-
nen, dafllr musste auch ihr Lehrplan modernisiert werden. Wie
schon im 18. Jahrhundert bildete sie Staatsdiener aus, jetzt war
sie aber auch filr die Ausbildung von Berufen da, die sich unter
den neuen sozialen Bedingungen als freie Berufe betrachten
konnten. Das Studium sollte technisches Können mit humanisti-
scher Bildung verbinden. Bereits im 18. Jahrhundert hatte sich
mit der Entstehung einer bürgerlichen Öffentlichkeit der Gedan-
ke durchgesetzt, der Zweck der Schule, des Gymnasial- und auch
des Universitätsstudiums sei nicht Gelehrsamkeit, sondern die
umfassende geistige und ästhetische Bildung des Individuums.
Das war dann auch der Grundgedanke der Reformen Humboldts.
28 Geschichte als analytische Sozialwissenschaft

Für Ranke bedeutete es, dass Geschichte mehr als faktische Rekon-
struktion der Vergangenheit ist, nämlich selbst ein Bildungsgut
Dies schloss ein, dass trotz aller wissenschaftlichen Bestrebun-
gen die Symbiose von literarischer Kunst und Wahrheitstreue,
kennzeichnend für die große Tradition der Geschichtsschreibung
von Thukydides bis Gibbon, nicht aufgegeben werden durfte.
Die Wissenschaftskonzeption, die Ranke vertrat und die sich
an den deutschen Universitäten durchsetzte, beruhte auf den po-
litischen und kulturellen Werten einer bürgerlichen Kultur. Die
Ansätze dieser Kultur bestanden seit der Aufklärung in den Be-
mühungen, die Schranken der ständischen Gesellschaft eines
aufgeklärten Absolutismus zu überwinden. Die preußischen Re-
formen schaffien diese Schranken weitgehend ab, wenigstens auf
der sozialen und ökonomischen Ebene, und schufen die Grund-
lagen einer bürgerlichen Ordnung. Die Gymnasial- und Universi-
tätsreformen waren aber keineswegs demokratisch gedacht. Der
humanistische Lehrplan vertiefte nicht nur die Kluft zwischen
Bildungsbürgertum und allgemeiner Bevölkerung, sondern schuf
auch eine Klasse gehobener Staatsdiener, die Fritz Ringer 5 mit
den chinesischen Mandarinen verglichen hat, deren Schulung an
den klassischen Texten, eben weil es dabei nicht um die prakti-
schen Gesetzmäßigkeilen des Lebens ging, dieser Klasse einen
gesellschaftlichen Abstand und Vorrang vermitteln sollte. Die
objektive Ordnung wurde, wie Ranke es so prägnant tat, 26 mit
den bestehenden Besitz- und Machtverhältnissen identifiziert.
Der Staat, der aus der Französischen Revolution hervorging,
auch wenn er nicht die Folge, sondern die Reaktion auf die Re-
volution war, repräsentierte die bürgerliche gesellschaftliche
Ordnung und bürgerliche Kultur. Darum auch die Konzentration
Rankes auf den Staat und sein - trotz der Zurückweisung jeder
formalen Geschichtsphilosophie - fester Glaube an den gutarti-
gen Charakter der historischen Entwicklung wenigstens seit der
Reformation. Hinter der Berufung auf Objektivität versteckte
sich nicht nur eine ganze Metaphysik. sondern auch eine Gesell-
schaft, Staat und Kultur umfassende Ideologie, die eben einen
»objektiven«, d. h. wertfreien Zugang zur Geschichte gerade ver-
hinderte. 27
Ranke war zunächst keineswegs typisch für die deutsche und
noch weniger für die internationale Geschichtsschreibung, aber
Der klassische Historismus 29

er war wegweisend. Unter den Historikern vor 1848 waren seine


Auffassung von Geschichtswissenschaft und seine Forschungs-
praxis eher die Ausnahme. Die Seminare, in denen zukünftige
Historiker in textkritischen Methoden ausgebildet wurden (sie
reichen bis zu dem Göttinger Historiker Gatterer und bis in die
siebziger Jahre des 18. Jahrhunderts zurück, wurden als integra-
ler Bestandteil des Studienganges aber erst von Ranke einge-
filhrt), setzten sich vor 1848 nur langsam durch, in Frankreich
und in den USA erst nach den Hochschulreformen der siebziger
Jahre des 19. Jahrhunderts.
Das Interesse an historischer Bildung war auch vor 1848 kei-
neswegs auf Deutschland beschränkt. An der Rolle der Histori-
ker im öffentlichen und politischen Leben gemessen, war der
Stellenwert der Historie in Frankreich sehr wahrscheinlich sogar
noch höher als in Deutschland. Man denke an Fran~Yois Guizot,
Jules Michelet, Louis Blanc, Alphonse de Lamartine, Alexis de
Tocqueville, Hyppolite Taine und Adolphe Thiers. 21 Vielleicht
war das der Fall, weil die Geschichtsschreibung in Frankreich
weniger verwissenschaftlicht und nicht durch die Universitlten
von der allgemeinen gebildeten Öffentlichkeit abgeschnitten war.
Ein kritisches Verhältnis zu den Quellen setzte sich auch hier
allmählich durch, die Trennung zwischen Literatur und wissen-
schaftlicher Geschichtsschreibung, die ja auch bei Ranke keine
absolute war, wurde in Frankreich jedoch bewusst vermieden.
Die französischen Historiker setzten auch ganz bewusst die Kul-
turgeschichtsschreibung der Autldllrung fort, wie das in Deutsch-
land am ehesten noch Georg Gervinus29 tat. Der Staat wurde in
Frankreich nun mit der Nation gleichgesetzt.
Der Unterschied zwischen der Französischen Revolution, die
den Machtapparat der alten Monarchie und Aristokratie zer-
schlagen hatte, und den Reformen innerhalb der bestehenden
Institutionen in Deutschland spiegelt sich in unterschiedlichen
politischen Ansichten der französischen und der deutschen His-
toriker wider. Mit Ausnahme des Sozialisten Louis Blanc und
des besorgten Alexis de Tocqueville sah die Mehrheit der fran-
zösischen Historiker die Geschichte ähnlich wie ihre deutschen
Kollegen als den Triumph des Bürgertums. Selbst wenn, wie bei
Michelet, 30 das Volk als Bürgertum vereinnahmt wird, bleibt die-
ses eine durch Bildung und Besitz definierte Schicht, aus der die
30 Geschichte als analytische Sozialwissenschaft

übrige Bevölkerung und wie selbstverständlich auch die Frauen


politisch ausgeschlossen sind. Die Betonung des bürgerlichen
Elements kennzeichnet auch die Geschichtsschreibung in ande-
ren europäischen Ländern und in den USA.
Die Verwissenschaftlichung und lnstitutionalisierung der Ge-
schichtsschreibung setzt sich nach 1848 in der deutschsprachigen
Welt und nach 1870 in anderen Ländern sehr schnell durch, in
Großbritannien und in den Niederlanden allerdings erst mit einer
Verspätung von zwei Generationen. Im Prozess der Entstehung
der wissenschaftlichen Disziplin war die deutsche Universität
Modell und Vorbild fllr die wissenschaftliche Praxis und fiir die
Organisation der Forschung in vielen europäischen, zunehmend
auch in außereuropäischen Ländern. Und das, obwohl die Bedin-
gungen und die Traditionen wissenschaftlicher Arbeit, z. B. in
Amerika und Frankreich, wo die Professionalisierung des Faches
nach deutschem Muster ab 1870 rasch fortschritt, 31 ganz andere
waren als in Deutschland. Der soziale und intellektuelle Kontext
unterschied sich dort stark von dem der preußischen Restaurati-
onszeit, in der diese Wissenschaft entstanden war. Aber im Zuge
der allgemeinen Professionalisierung des Faches Geschichte
werden die Institutionen und Praktiken der deutschen Forschung
nachgeahmt. Schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
entstanden fast gleichzeitig mit den großen deutschen Quellen-
editionen ähnliche Unternehmen in Frankreich und England, in
Italien sogar schon frOher. Der Grandung der ))Historischen Zeit-
schrift<< ( 1859) folgen die ))Revue Historiquecc ( 1886), die
))English Historical Review<C (1889), die >>Rivista storica italia-
nacc ( 1884), die ))American Historical Review<C ( 1896) und ähnli-
che Zeitschriften in anderen Ländern. Der 1884 gegrOndete ame-
rikanische Historikerverband, die ))American Historical Associa-
tioncc, wählt 1885 Ranke, ))the father of historical sciencecc, zu
ihrem ersten Ehrenmitglied. Die Reorganisation der französi-
schen Universität nach 1870 hält sich in vielem an das deutsche
Muster. In all diesen Ländern übernehmen Historiker wichtige
Elemente der deutschen Wissenschaftspraxis, allerdings ohne die
mit ihr verknüpften philosophischen und politischen Grundüber-
zeugungen ganz zu verstehen oder verstehen zu wollen. n
Paradoxerweise ist die Verwissenschaftlichung im 19. Jahr-
hundert überall (nicht nur in Deutschland) eng mit einer ldeo-
Der klassische Historismus 31

logisierung der Geschichte verbunden. Verwissenschaftlichung


bedeutet keineswegs, wie wir schon bei Ranke gesehen haben,
Objektivität im Sinn politischer Neutralität. Stattdessen wird die
Wissenschaft betont in den Dienst der nationalen und der bürger-
lichen Sache gestellt. Dies war in Deutschland, insbesondere mit
der Herausbildung der preußischen Schule der Fall, deren Ver-
treter - z. B. Johann Gustav Droysen, Heinrich von Sybel und
Heinrich von Treitschke- die Vergangenheit aus der Sicht ihrer
politischen Interessen deuteten.ll Auch der Aufruf der Neo-
Rankeanerl4 um die Jahrhundertwende zur Rückkehr zu Rankes
Objektivität und Unparteilichkeit übersieht die politischen Vor-
aussetzungen, auf denen Rankes Geschichtsschreibung beruht.
Im Übrigen wird die Berufung auf sein Konzept der Großen
Mächte ftlr die Neo-Rankeaner die Basis ftlr die Rechtfertigung
der expansiven Weltpolitik des Deutschen Reiches. Worin die
deutsche Entwicklung sich von der in den westlichen Undern
unterscheidet, das ist die zentrale Rolle der Obrigkeit in der Be-
gründung einer modernen politischen Ordnung. Aber wie schon
gesagt, Ahnlieh wie in Deutschland hat die neue Geschichtswis-
senschaft auch anderswo ganz gezielt eine politische Funktion. In
Frankreich geht die Professionalisierung des Faches Geschichte
Hand in Hand mit der nationalen Auseinandersetzung mit
Deutschland und der Legitimierung der Dritten Republik. 35 Und
wie in Deutschland steht der Staat als Garant der bürgerlichen
Kultur auch in der Geschichtswissenschaft anderer Under im
Mittelpunkt der Forschung, auch wenn er dort in einem anderen
Traditionszusammenhang gesehen wird. Daneben beginnt da-
mals auch in Deutschland eine ganz andere Entwicklung. Mit der
fortschreitenden Institutionalisierung von Lehre und Forschung
und dem damit verbundenen Druck zur Spezialisierung geht
allmählich das enge Verhältnis von Wissenschaft und Bildung
verloren, das die große politische Geschichtsschreibung des 19.
Jahrhunderts allgemein kennzeichnete.
32 Geschichte als analytische Sozialwissenschaft

2. Geschichte als Sozialwissenschaft

Die Krise des klassischen Historismus

Der geisteswissenschaftliche Ansatz in der Geschichtsforschung


und Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts muss im Zu-
sammenhang der sozialen und politischen Verhältnisse einer
Epoche gesehen werden, in der sich einerseits das kapitalistische
Wirtschaftssystem durchsetzte, andererseits das volle Ausmaß
einer Industriegesellschaft noch nicht spürbar wurde. Um das
Ende des 19. Jahrhunderts verstärkt sich eine vorher nur gele-
gentlich zu beobachtende Unzufriedenheit mit dem Wissenschafts-
begriff und der Wissenschaftspraxis, die sich in der Geschichts-
forschung und Geschichtsschreibung international durchgesetzt
hatten. In Deutschland, Frankreich, den USA und anderswo kommt
eine rege Diskussion über die Grundlagen der Geschichtsfor-
schung und Geschichtsschreibung in Gang, die den veränderten
sozialen und politischen Bedingungen entsprechen soll. 36 Einen
einheitlichen WissenschaftsbegritT, der als Alternative zu der
herkömmlichen Praxis dienen könnte, gab es allerdings nicht,
wohl aber die Überzeugung, dass der Gegenstand der Geschichte
erweitert werden müsse, um Gesellschaft und Kultur stärker in
den Mittelpunkt der Geschichtsbetrachtung zu stellen, und dass
die Geschichtsforschung mit einem WissenschaftsbegritT arbei-
ten müsse, der strenge methodische Kriterien nicht nur filr die
Erforschung der Tatsachen, sondern auch tUr die Erkenntnis
bzw. die Erklärung, der historischen Zusammenhänge bietet, der
also die Geschichte mit der Konzeption einer empirischen Sozial-
wissenschaft verbindet.
ln Deutschland entbrannte diese Diskussion mit dem Streit um
Karl Lamprechts »Deutsche Geschichte«, deren erster Band 1891
erschien. 37 Lamprecht stellte zwei Grundprinzipien der etablier-
ten Geschichtswissenschaft in Frage: Die zentrale Rolle des
Staates in der historischen Darstellung und die personenbezoge-
ne Erzählung. >>In der Naturwissenschaft ist das Zeitalter jener
beschreibenden Methode der Erscheinungen, die bloß nach auf-
fallenden Einzelmerkmalen unterscheidet, längst überwunden«, 3K
stellte er fest. Auch die Geschichtswissenschaft müsse die de-
skriptive Methode durch eine genetische ersetzen. Die »Deutsche
Geschichte als Sozialwissenschaft 33

Geschichte« wurde von einem breiten Publikum sehr positiv


aufgenommen, stieß aber auf den vehementen Widerspruch der
Fachwissenschaft. In zwei Hinsichten war die Kritik sicherlich
berechtigt. Erstens wimmelte es darin von Fehlern und Ungenau-
igkeiten. Das ließ zwar auf rasche und unsorgfllltige Arbeit
schließen, stellte aber nicht unbedingt die Thesen des Werkes in
Frage. Zweitens waren aber vom Standpunkt einer streng wis-
senschaftlichen Rationalität auch die Thesen nicht haltbar. In
seinen programmatischen Schriften unterschied Lamprecht zwi-
schen den »alten Richtungen in der Geschichtswissenschaft«, die
sich der strengen Erforschung der Tatsachen widmeten, aber keine
wissenschaftliche Methode fiir die Erfassung größerer Zusammen-
hänge besaßen, und den »neuen«, die, wie jede Wissenschaft,
bewusst mit theoretischen Fragestellungen und methodologi-
schen Grundsätzen an den Gegenstand ihrer Forschung herangin-
gen.3~ Die Vorstellung von einer wissenschaftlichen Geschichte
beruhte auf der Annahme - Lamprecht bezeichnete sie als meta-
physisch -, dass sich hinter den historischen Erscheinungen
»Ideen« verbergen wOrden, die der Geschichte ihre Kohärenz
gäben. Die »neue« Geschichtswissenschaft sollte die Geschichte
den systematischen empirischen Wissenschaften angleichen. Aber
Lamprecht arbeitete in der »Deutschen Geschichte<< mit einer
Kollektivpsychologie, in der sich der verschwommene, dem
organologischen Denken der Romantik entnommene Gedanke
einer deutschen »Volksseele« verbarg. Das brachte Max Weber,
der einen sozialhistorischen und empirischen, sozialwissen-
schaftliehen Ansatz durchaus befilrwortete, dazu, Lamprechts
~~Deutsche Geschichte<< als spekulativen Unsinn anzusehen und
zu bemerken: »(Lamprecht) hat es auf dem Gewissen, dass eine
gute Sache: die stärkere Hinwendung der historischen Arbeit auf
dem [sie!] Gebiet der Begriffsbildung, filr Jahrzehnte kompro-
mittiert ist.« 40
Im Widerspruch gegen Lamprecht spielten jedoch auch politi-
sche Motive eine wichtige Rolle. In den Augen der Vertreter des
Faches waren die Geschichtswissenschaft, wie sie an der deut-
schen Universität im 19. Jahrhundert entstanden war, und die
Geschichtsauffassung, auf der sie beruhte, eng verbunden mit der
besonderen Entwicklung Deutschlands zu einem Staat, der die
Interessen von Obrigkeit und gehobenem Bürgertum verband.
34 Geschichte als analytische Sozialwissenschaft

Schon kurz vor dem Ausbruch des Lamprecht-Streits hatte es


eine scharfe Auseinandersetzung gegeben zwischen Dietrich
Schäfer, der die verbreiteten Anschauungen in der Zunft vertrat,
und Eberhard Gothein, der kultur- und sozialgeschichtliche Ge-
sichtspunkte in die Geschichtsforschung und Geschichtsschrei-
bung einbeziehen wollte. 41 Für Schäfer stand der Staat im Mittel-
punkt der Geschichte, wobei ihm der deutsche Staat, wie ihn Bis-
marck geschaffen hatte, als Prototyp diente. Ohne den Staat als
Leitfaden gab es ftlr ihn keine Geschichte. Aber da er den Staat
als eine Ballung von Macht begritT und deshalb die Außenpolitik
als das bestimmende Element der Politik betrachtete, lehnte er
jeden Versuch, diese Politik aus innenpolitischer Sicht zu analy-
sieren, als unhistarisch ab.
Lamprecht war sicher alles andere als ein Revolutionär. Er
war keineswegs gegen die bestehende monarchische Ordnung
oder die weltpolitischen Ziele des deutschen Reiches. Vielmehr
wollte er, wie viele seiner Zeitgenossen, das Reich durch eine
Einbindung der entfremdeten Arbeiter in die Nation als Welt-
macht stärken und modernisieren. Dennoch sah man in seiner
»Deutschen Geschichte(( eine Annäherung an eine materialisti-
sche, in mancher Hinsicht sogar marxistische Auffassung: 2 die
die zentrale Rolle des Staates und daher die politische und soziale
Ordnung im deutschen Kaiserreich in Frage stellte.
Diese fast geschlossene Ablehnung Lamprechts und der Kul-
tur- und Sozialgeschichtsschreibung allgemein hing u. a. mit der
Konstituierung und lnstitutionalisicrung des Faches Geschichte
in Deutschland zusammen, dessen Repräsentanten bei der Rekru-
tierung des Nachwuchses von Gymnasiallehrern und Professoren
weitgehend auf politischer und ideologischer Konformität be-
standen.43 Dementsprechend kam es zu einem massiven Angriff
der etablierten Historiker auf Lamprecht. Das Ergebnis war nicht
nur, dass Lamprecht als Historiker isoliert blieb, sondern auch,
dass im Fach Geschichte sozialgeschichtliche Ansätze auf lange
Zeit behindert und verhindert wurden, im Unterschied zu histori-
schen Nachbardisziplinen wie der Nationalökonomie und der
Soziologie. Allenfalls in der Landesgeschichte, die die nationale
politische Ordnung weniger direkt in Frage stellte, konnte es eine
fruchtbare Weiterentwicklung sozial- und kulturgeschichtlicher
Ansätze geben.
Geschichte als Sozialwissenschaft 35
Der ganz andere politische Rahmen in Frankreich und Ameri-
ka erklärt zum Teil die größere Offenheit in diesen Ländern fUr
Bemühungen, zwischen Geschichtsschreibung und den Sozial-
wissenschaften eine engere Verbindung herzustellen. Während
in Deutschland die Sozialgeschichte in die Defensive gezwungen
wurde, war es in Frankreich die Soziologie, die den Kampf ge-
gen die herkömmliche universitäre Geschichtsforschung filhrte.
Emile Durkheim sprach 1888 in seinem ))Cours de science socia-
le« der Geschichte den Rang einer Wissenschaft ab, eben weil
sie sich mit dem Besonderen befasse und deshalb nicht zu den
allgemeinen, empirisch Oberprüfbaren Aussagen gelange, die den
Kern der wissenschaftlichen Denkweise ausmachten. Die Ge-
schichte könne bestenfalls eine Hilfswissenschaft sein, die der
Soziologie Informationen liefere. In der Wirtschaftsgeschichte
ließen sich, wie der stark von Durkheim beeinflusste Wirt-
schaftswissenschaftler Fran~ois Simiand meinte, Geschichte und
Sozialwissenschaft noch am ehesten verbinden.o~o~ Diese Unter-
ordnung der Geschichte unter die Soziologie wurde auch in
Frankreich von sehr wenigen Historikern akzeptiert, aber die
Ausweitung des Gegenstands der Geschichte auf Gesellschaft,
Wirtschaft und Kultur und die Annäherung der Geschichte an die
empirischen Sozialwissenschaften wurde doch ernster genom-
men als in Deutschland. 1900 gründete der Philosoph Henri Berr
in Paris die Zeitschrift ))Revue de synthese historique« mit eben
diesem Anliegen als ein internationales Forum fllr die kritische
Auseinandersetzung, auf dem auch die Teilnehmer an der deut-
schen theoretischen Diskussion, darunter Heinrich Rickert und
Karl Lamprecht, zu Wort kamen. In Amerika entstand eine ähn-
liche Diskussion unter Historikern, die weder die geschichtsphi-
losophischen Ambitionen Lamprechts noch die szientistischen
Konzeptionen Durkheims teilten, aber doch davon Oberzeugt
waren, dass eine moderne Geschichtswissenschaft die Gesell-
schaft stärker einbeziehen und sich gleichzeitig enger mit Sozi-
alwissenschaftlichen Methoden anfreunden müsse.
War in der Kampagne gegen Lamprecht in Deutschland die
Abwehr gegen die befllrchtete Demokratisierung ein leitender
Gedanke, so war in Amerika das Interesse an einer »Neuen
Geschichte« (New History) mit der Bemühung verbunden, Ge-
schichte filr eine moderne demokratische Gesellschaft zu schrei-
36 Geschichte als analytische Sozialwissenschaft

ben. Diese Verbindung war den Historikern bewusst, die sich als
»Progressive Historians« bezeichneten und sich mit den Zielen
der »Progressiven Ära« des frühen 20. Jahrhundert in Amerika
identifizierten.•' Der weltweite Charakter dieser neuen Einstel-
lung zur Geschichte kam 1904 bei der Weltausstellung in St.
Louis zum Ausdruck, wo Historiker aus Nordamerika und Euro-
pa, darunter die späteren Vertreter der New History in den USA,
Frederick Jackson Turner und James Harvey Robinson, sowie
der Deutsche Karl Larnprecht für Geschichte als eine interdiszi-
plinäre Wissenschaft plädierten.46 Im Gegensatz zur herkömmli-
chen Politikgeschichte, die trotz nationaler und politischer Vari-
anten eine einheitliche Vorstellung von Thematik und Methode
der Geschichte hatte, gab es in der neuen Sozialgeschichte sehr
unterschiedliche Richtungen. Allen gemeinsam war aber die
Vorstellung des klassischen Historismus, dass die Geschichte
eine streng methodisch verfahrende, auf eine objektive Wirk-
lichkeit gerichtete Wissenschaft sei. Ihre Vertreter glaubten auch
weiter an eine sich linear fortbewegende Zeit, die der Geschichte
ihre Kohärenz gibt und dadurch wissenschaftliche Beschäftigung
mit ihr ermöglicht. Sie blieben weiter ganz bewusst Historiker
von Beruf mit alle Konsequenzen fllr ihre Denk- und Arbeits-
weise.
Ich möchte hier vier Richtungen hervorheben: eine, die her-
kömmliche Methoden der Textkritik auf die Sozialgeschichte
anwendete, eine zweite, die danach trachtete, die Geschichte in
eine historische Soziologie umzuwandeln; eine dritte - sie ge-
wann allerdings erst nach dem Zweiten Weltkrieg Bedeutung-,
fllr die abstrakte Modelle der Ökonomie Muster fiir eine quan-
tifizierbare, theorieorientierte Geschichtswissenschaft wurden;
schließlich die »Schule der Annales«, die den vorgegebenen
Rahmen sprengte, indem sie den Zeitbegriff, mit dem die ande-
ren Richtungen ebenso wie der klassische Historismus arbeite-
ten, radikal in Frage stellte.
Von dem deutschen Ansatz zu einer Wirtschafts- und Sozial-
geschichte gingen wichtige Impulse filr die internationale For-
schung aus. Während Henri Berrs »Revue de synthese« sich
hauptsächlich mit theoretischen und methodologischen Fragen
beschäftigte, wurde die von Wiener Wissenschaftlern 1893 ge-
gründete » Vierteljahrschrift fllr Sozial und Wirtschaftsgeschich-
Geschichte als Sozialwissenschaft 37

te« die internationale Zeitschrift filr die mit den Methoden der
Quellenkritik arbeitende Sozialgeschichte. Im Vordergrund stand
allerdings die Verfassungs- und die Verwaltungsgeschichte. Da-
bei spielte eine nicht geringe Rolle das Bestreben, den modernen
Obrigkeitsstaat preußischer Provenienz in die Vergangenheit zu
projizieren, so bei Georg von Below, dem deutschen Herausge-
ber der » Vierteljahrschrift« nach 1903.47 In Frankreich befreite
sich die Sozialgeschichte in Henri Hausers Arbeiten über die
Lebensbedingungen mittelalterlicher und neuzeitlicher Arbeiter4'
von der engen Sicht auf den Staat. Erwähnt sei hier auch noch
Lucien Febvres »La Franche-Comte sous Philippe II« (1912). Es
war das erste große Werk, das, siebzehn Jahre vor der Gründung
der Zeitschrift ))Annales«, den Versuch unternahm, aufgrund
sorgfältiger Analyse nicht nur politischer, sondern auch ökono-
mischer, religiöser, literarischer und künstlerischer Quellen eine
umfassende Geschichte einer Region zu schreiben.

Die Wirtschafts- und Sozialgeschichte in Deutschland

Der erste wichtige Anstoß filr eine Sozialgeschichte, die sich


ernstlich mit den von der Industrialisierung ausgelösten Proble-
men auseinander setzte, war die Jüngere Historische Schule der
Nationalökonomie in Deutschland, deren bedeutendster Vertreter
Gustav von Schmoller war. Vom klassischen Historismus über-
nahm sie die Überzeugung, dass die Wirtschaft nicht, wie die
klassische englische und schottische Politische Ökonomie und
der Wiener Wirtschaftstheoretiker Menger behaupteten, durch
strenge. universell gültige, mathematisch formulierbare Gesetze
bestimmt wird, sondern dass sie nur historisch und im Rahmen
der Werte und Institutionen eines Volkes verstanden werden
könne. Noch zwei weitere Elemente der Wissenschaftspraxis des
klassischen deutschen Historismus übernahm die ))Schmoller-
Schule«: die Betonung der zentralen Rolle des Staates und die
quellenkritischen Methoden. Sie identifizierte sich mit der Mo-
narchie der Hohenzollern, sah aber auch im - Gegensatz zur So-
zialdemokratie - die Möglichkeit und die Notwendigkeit, die
Arbeiter in den Staat zu integrieren. Aus dieser Schule kamen
die ersten großen empirischen Untersuchungen Ober die Lebens-
38 Geschichte als analytische Sozialwissenschaft

Verhältnisse der zeitgenössischen Industriearbeiter, ebenso aber


sorgfältige Arbeiten über das Handwerk im Mittelalter.49 In die-
ser Tradition, wenn auch unabhängig von ihr, entstand Lamp-
rechts >>Deutsches Wirtschaftsleben im Mittelalter« (1884-
1885): der Versuch, die wirtschaftliche und soziale Struktur und
die Mentalität - im Untertitel spricht Lamprecht von der ))mate-
riellen Kultur<< 50 - einer Region, des Mosellandes, zu erfassen.
Für die Entwicklung der Wirtschafts- und Sozialgeschichte war
diese intensive Beschäftigung Lamprechts mit einer Region von
größerer Bedeutung als seine Aufsehen erregende, in ihrem An-
spruch, sozialpsychologische Gesetzmäßigkeilen aufzuzeigen,
jedoch höchst spekulative >>Deutsche Geschichte«.
Diese Sozial- und Wirtschaftshistoriker erweiterten zwar den
Gegenstand der Geschichte über Politik und geistige Kultur hin-
aus um Gesellschaft und Wirtschaft, übernahmen aber wesentli-
che Teile des Wissenschaftsbegriffs der politischen Historiker.
Für Schmoller, den Franzosen Hauser und den Belgier Pirenne,
den wichtigsten Vermittler zwischen deutscher und französischer
Sozialgeschichtsschreibung, bestand die Wissenschaftlichkeit
ihrer Geschichtsschreibung nach wie vor in der kritischen Aus-
wertung der Quellen, die die Grundlage ihrer Darstellung bilde-
ten. Bei Schmoller wurde diese Darstellung allerdings mit einer
evolutionären Stufenlehre verbunden, deren spekulativer Charak-
ter in einem gewissen Widerspruch zu seiner sorgfältigen Quel-
lenarbeit stand. Generell kann man sagen, dass die Arbeiten
Schmollers und der Jüngeren Historischen Schule der National-
ökonomie auf theoretischen und methodischen Voraussetzungen
beruhten, die sie nie kritisch oder systematisch expliziert hat.
Für eine wachsende Zahl von Sozialhistorikern reichte diese
unreflektierte Arbeitsweise nicht aus. Wilhelm Dilthey, Wilhelm
Windelband und Heinrich Rickert hatten schon am Ende des 19.
Jahrhunderts zwischen den individualisierend und verstehend
verfahrenden Geistes- oder Kulturwissenschaften, zu denen fllr
sie auch die Geschichtswissenschaft gehörte, und den Naturwis-
senschaften unterschieden, deren Ziel die Erklärung aufgrund
universaler Gesetzmäßigkeilen war. Gleichzeitig betonten sie
aber, dass die Geistes- oder Kulturwissenschaften, um den Rang
von Wissenschaften beanspruchen zu können, wie jede Wissen-
schaft eine strenge Begrifflichkeil benötigen, allerdings eine
Geschichte als Sozialwissenschaft 39

Begrifflichkeit, die dem Sinngehalt geistiger und kultureller Phä-


nomene Rechnung trägt.
Für die Geschichtswissenschaften wichtige Vertreter einer
Forschungsrichtung, die von der Wissenschaftspraxis der Histo-
rischen Schule der Nationalökonomie ausgeht, aber solch eine
genaue Begrifflichkeit anstrebt und damit die kritische Überprü-
fung der methodischen und theoretischen Voraussetzungen die-
ser Praxis verbindet, waren Otto Hintze und Max Weber. Otto
Hintze hat im Lamprecht-Streit eine vermittelnde Stellung ein-
genommenY Während die Kritiker der ))Deutschen Geschichte«
Lamprechts sich häufig auf Wilhelm Windelbands Konzeption
der Geschichte als einer Wissenschaft, die rein individualisierend
verfahrt, beriefen, betonte Hintze, dass es die Geschichte gleich-
zeitig mit kollektiven Phänomenen zu tun habe, die ohne abs-
trakte Begriffe nicht erfasst werden könnten. Lamprechts ge-
schichtsphilosophische Konstruktion war wegen ihres spekulati-
ven Charakters unakzeptabel, nicht aber sein Bemühen, soziale
Verhältnisse begrifflich zu erfassen. Max Weber hat von dem
Standpunkt aus, dass ohne strenge Begrifflichkeil keine Wissen-
schaftlichkeit möglich sei, Knies, Roseher und Schmoller, die
Vertreter der Historischen Schule der Nationalökonomie, kriti-
siert,52 die von der Annahme ausgingen, dass die Darstellung
eines historischen Vorganges schon an sich selbst wissenschaft-
lich sei. Andererseits stimmten Hintze und Weber mit dem klas-
sischen Historismus darin überein, dass jede Gesellschaft einen
Sinn- und Wertezusammenhang darstelle, der in seiner Kon-
kretheil verstanden werden müsse. Darum Webers Ruf nach ei-
ner »verstehenden Soziologie«. 53 Aber Verstehen ist fllr Weber
nicht wie in der Tradition von Ranke, Droysen oder Dilthey ein
intuitiver Akt der unmittelbaren ))Einfllhlung« oder des ))Erleb-
nissescc, sondern ein hochrationaler Prozess. ))Verstehencc schließt
keineswegs ))Erklärungcc und damit Analyse aus.
Für Weber, aber auch fllr Hintze war der Abstand zwischen
Soziologie und Geschichte nicht so groß wie filr den klassischen
Historismus. Soziologie wurde in ihren Anßingen in Frankreich
und in Amerika oft mit einer ahistorischen Typenbildung ver-
bunden, Geschichte dagegen mit einem narrativen Diskurs, der
solche Typenbildung vermeidet. ln seinen großen Aufsätzen der
zwanziger Jahre über Feudalismus und Kapitalismus 54 als histo-
40 Geschichte als analytische Sozialwissenschaft

rische Kategorien versuchte Hintze mit >>anschaulichen Abstrak-


tionen« zu arbeiten, die den gesellschaftlichen und politischen
Phänomenen eine begriffliche Kohärenz geben sollten. Dabei
bricht er auch bewusst mit dem idealistischen Kern des klassi-
schen Historismus von Ranke und Droysen, auch von Hege! und
Dilthey, nämlich die historische Institutionen, vor allem den
Staat, als »sittliche Mächte«,'' »Objektivation[en] des Lebens« 56
zu betrachten. Im Gegensatz dazu sieht Hintze im Staat eine
»Anstalt« oder einen »Betrieb«, H der nüchtern und sachlich in
seiner historischen Struktur und Funktion untersucht werden
müsse. Max Weber verneint noch emphatischer die Verbindung
von Werten und Wissenschaft, indem er auf der Wertfreiheit der
Wissenschaft besteht,S8 die zwar Wertvorstellungen analysieren
könne und müsse, aber auf keine Weise die Gültigkeit dieser
Werte wissenschaftlich begründen könne.
Die Wissenschaftlichkeit der Geschichte als Sozialwissen-
schaft beruht filr Weber nicht nur auf ihrer Wertfreiheit, sondern
setzt, wie jede Wissenschaft, die Anwendung kausaler Begriffe
voraus. Diese Verbindung von Wissenschaft und Kausalität bei
ihm lehnt sich an die neukantianische Auffassung an, dass diese
Kausalitäten nicht in einer objektiven Wirklichkeit verankert
sind, sondern ihre Basis im wissenschaftlichen Denken haben.
Eine Kontinuität von Hege! über Marx zu Weber ist unverkenn-
bar, auch wenn Weber sich von der Hegeischen Konzeption ei-
nes vernünftigen Geschichtsprozesses, die ja auch die von Marx
ist, radikal abwendet. ln einer Welt, die keine objektiven Werte
kennt, kann es auch kein Ziel der Geschichte geben. Dennoch
gibt es filr ihn Entwicklungslinien, die unverkennbar sind und
die den Kern einer historischen Sozialwissenschaft ausmachen.
Wie filr Marx besitzen menschliche Gesellschaften auch filr Max
Weber eine innere Dynamik, deren Kern aber weniger in der ma-
teriellen als in der kulturellen Sphäre zu finden sei, in Denk- und
Verhaltensstrukturen, die die gesellschaftlichen Beziehungen
und den gesellschaftlichen Wandel verständlich machen. Die
Wissenschaft setze den denkenden Wissenschaftler voraus und
nicht eine Welt an sich, deshalb könne es keine objektiven Ge-
setze geben. Weber ersetzt Gesetze durch Idealtypen, durch Beg-
riffe, die den Denkstrukturen, die gesellschaftliches Handeln und
sozialen Wandel bestimmen, Rechnung tragen. Die Idealtypen
Geschichte als Sozialwissenschaft 41

geben vor, wie Menschen und Gesellschaften im Idealfall aus der


Logik ihrer Vorstellungen handeln müssten, an diesem Kon-
strukt ist dann die Wirklichkeit der menschlichen Handlungen
und der zwischenmenschlichen Beziehungen zu messen.
Trotz der Nüchternheit Webers, seinem Bruch mit der teleo-
logischen Sicht der Geschichte, seiner Ablehnung einer Konzep-
tion, filr die (wie noch filr Marx) die Welt und damit auch die
Wissenschaft objektiven Charakter hat, hält Weber an zwei
Grundannahmen des historischen Denkens des 19. Jahrhunderts,
des klassischen Historismus wie des klassischen Marxismus,
fest: dass es eine kohärente Kontinuität der Geschichte der okzi-
dentalen Welt gibt und dass eine wissenschaftliche Beschäfti-
gung mit dieser Welt möglich und intellektuell sinnvoll ist. Da-
bei spielt bei Weber (wie bei Marx) der Kapitalismus eine zent-
rale Rolle, wobei der Kapitalismus weniger im Bezug auf
Klassengegensätze gesehen wird als vielmehr aus der Perspektive
eines Rationalisierungsprozesses, der die abendländische Welt
seit der jüdischen und griechischen Antike bestimmt und der filr
Weber in einem Weltbild wurzelt, das diese Welt von den nicht-
westlichen Kulturen unterscheidet. Was die Machtverhältnisse
angeht, so lassen diese sich nicht auf die Kategorien des Gleich-
gewichts der großen Mächte (Ranke) oder des Klassenkampfes
(Marx) reduzieren. Ein gewisser und ungelöst bleibender Wider-
spruch besteht in Webers Wissenschaftsverständnis zwischen
dem spezifisch okzidentalen Ursprung der modernen Wissen-
schaft und dem ahistorischen kantianischen Glauben, dass die
Logik der Forschung, auf der diese Wissenschaft beruht, univer-
sal verbindlich sei. ))Denn es ist und bleibt wahr, dass eine me-
thodisch korrekte wissenschaftliche Beweisfilhrung auf dem Ge-
biet der Sozialwissenschaften, wenn sie ihren Zweck erreicht
haben will, auch von einem Chinesen als richtig anerkannt wer-
den muss, während ihm filr unsere ethischen Imperative das
>Gehör< fehlen kann.« 5q Weber hat die philosophischen Voraus-
setzungen nicht nur der herkömmlichen, sondern auch der Marx-
schen Geschichts- und Wissenschaftsvorstellungen in Frage ge-
stellt, trotzdem bleibt er in vieler Hinsicht der Konzeption einer
Weltgeschichte und einer wenigstens methodisch objektiven
Wissenschaft verbunden. Die Geschichtswissenschaft haben er
wie auch Hintze erst nach dem Zweiten Weltkrieg beeinflusst;
42 Geschichte als analytische Sozialwissenschaft

wir werden deshalb später, wenn wir die »Gesellschaftsgeschich-


te« in den Jahren nach 1960 behandeln, noch einmal auf ihn zu-
rückkommen.

Amerikanische Traditionen der Sozialgeschichte

Weder Marx noch Weber haben sich also völlig von den ge-
schichtsphilosophischen Konzepten des deutschen Idealismus
gelöst. ln der englischsprachigen Welt knüpfte das Bemühen,
Geschichte mit sozialwissenschaftliehen Perspektiven zu verbin-
den, an andere intellektuelle Traditionen an als in Deutschland.
Englische und amerikanische Historiker arbeiteten zumeist mit
einem Gesellschaftsbegriff, der eine andere soziale Ordnung als
die der kontinentalen europäischen Länder widerspiegelte. Es ist
wichtig, dass in England und besonders in Amerika trotz des ho-
hen Grades der Industrialisierung filr die Gesellschaft noch lange
ein geringer Grad der Bürokratisierung kennzeichnend war. So
war auch die bürgerliche Gesellschaft, wie sie seit John Locke
und den schottischen Moralphilosophen verstanden wurde, viel
unabhängiger vom Staat als in der Konzeption Hegels oder Rankes.
ln ihrer Auffassung von Geschichte und von einem wissenschaft-
lichen Zugang zur Geschichte bemühten sich die Historiker in
den beiden angelsächsischen Undern viel weniger um eine sys-
tematisierende Konzeption als in Deutschland oder in Frankreich.
Wie dort ging die Methodendiskussion um die Jahrhundert-
wende auch in Amerika von der Überzeugung aus, dass die tradi-
tionelle Geschichtswissenschaft an den Universitäten den wis-
senschaftlichen und gesellschaftlichen Ansprüchen einer moder-
nen demokratischen Industriegesellschaft nicht mehr entspricht.
Besonders in Amerika gab es Bemühungen, die Geschichts-
schreibung zu modernisieren. Dies bedeutete: Erweiterung des
Gegenstandes der Geschichtsschreibung vom Staat und den
staatstragenden Persönlichkeiten, die nach deutschem Muster
auch in der amerikanischen Geschichtsforschung eine zentrale
Stellung innehatten, hin zu einer breit angelegten Geschichte der
Bevölkerung. In Deutschland hatte es seit der Mitte des 19. Jahr-
hunderts mit Wilhelm Riehl eine »Kulturgeschichte<cM gegeben,
die neben die Geschichte des Staates die des Volkes stellte. ln
Geschichte als Sozialwissenschaft 43

ihrem Drang nach Modernisierung unterschied sich die neue


Richtung in Amerika, die sich als »New History«61 bezeichnete,
jedoch von der Kulturgeschichte in der Art Riehls. Während diese
nostalgisch in die hierarchisch geordnete und agrarisch bestimm-
te Vergangenheit zurückblickte, bejahte jene die Modernität und
mit der Modernität die demokratische Gesellschaftsordnung.
Während die ältere, sich auf Ranke berufende »Scientific
School«, die die venneintlichen Kontinuitäten zwischen mittelal-
terlichen ))gennanischen« Institutionen und der auf angelsächsi-
scher Grundlagen beruhenden amerikanischen politischen Ord-
nung beweisen wollte, betonten die »New Historians« den Bruch
mit der vonnodernen europäischen Vergangenheit. Amerika war
für sie ein Land der Einwanderer, die das Bild der ländlichen
»Frontier« im Westen wie auch der großen Städte im Nordosten
und Mittelwesten prägten. Eine reine, auf Archivquellen basie-
rende Politikgeschichte genügte nicht mehr. Die Wissenschaften,
mit denen sich die »New History« verbinden wollte, waren die
der modernen Gesellschaft, in erster Linie die Ökonomie und die
Soziologie. Der Glaube an einen amerikanischen Konsens, der
fUr die ältere Geschichtswissenschaft so wichtig war, wurde jetzt
durch eine neue Sicht ersetzt, die stärker Gegensätze beachtete,
ohne Gemeinsamkeiten ganz zu leugnen.
Es ist schwer, die ))New History« auf einen Nenner zu bringen.
Charles Beard'2 sah in ökonomischen und sozialen Konflikten
die entscheidenden Faktoren beim Zustandekommen der ameri-
kanischen Verfassung, James H. Robinson, Vernon Parrington
und Carl Becker stellten die Rolle der Ideen in den Mittelpunkt,
Perry Miller die Religion. 63 Eine nur erzählende Geschichtsdar-
stellung genügte nicht; die Geschichtsschreibung bezog, wie
Turner in seiner ))Frontier These<~ oder Beard in seiner ökono-
mischen Interpretation der amerikanischen Geschichte, die Dar-
stellung des historischen Verlaufes bewusst auf einen bestimm-
ten theoretischen Rahmen. Andererseits unterschieden sich die
))New Historians« deutlich von der Verbindung von Sozialwis-
senschaften und Geschichte, wie sie Durkheim und Simiand in
Frankreich, Marx, Lampeecht und Max Weber in Deutschland
viel systematischer herstellen wollten. Ähnlich wie bei Henri Berr'5
ist bei den »New Historians« die Verbindung der Geschichtsfor-
schung mit den Sozialwissenschaften locker und eklektisch.
44 Geschichte als analytische Sozialwissenschaft

Letztere sollen Einsichten und mögliche Erklärungsmodelle an-


bieten; es wird aber nicht versucht, die Geschichtswissenschaft
in eine systematische Sozialwissenschaft umzuwandeln. Bei den
»New Historians«, wie auch bei Henri Berr spielen Evolutionis-
mus und Optimismus hinsichtlich der Fortentwicklung einer sich
demokratisierenden und modernisierenden Gesellschaft eine
Rolle, aber es fehlt die Tendenz zur Festlegung historischer Ab-
läufe, eine Tendenz, die nicht nur im Fortschrittsglauben von
Marx, sondern auch im Pessimismus von Weber zentral ist.
ln den ersten beiden Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg
werden die politischen wie die wissenschaftlichen Grundlagen
dieser »Progressive Historians«, wie sie sich selbst nennen, in
Frage gestellt. Im Kalten Krieg wird ein neuer nationaler Kon-
sens entdeckt.66 Amerika wird im Gegensatz zu Europa als die
eigentliche klassenlose Gesellschaft verstanden, in der mit Aus-
nahme des »vermeidbaren« Bürgerkrieges nie größere soziale
oder politische Konflikte ausgetragen wurden. Die großen sozia-
len Gegensätze seien in einer expansiven kapitalistischen Markt-
wirtschaft ausgeglichen worden. Amerika wird in diesen Jahren
zunehmend Modell der »freien Welt«. ln dem erreichten Sta-
dium der gesellschaftlichen Entwicklung werden ideologische
Auseinandersetzungen unbedeutend. 67 Dem hoch rationalisierten
Charakter der modernen kapitalistischen Industriegesellschaft
entspricht ein rationalisiertes - d. h. hier quantifizierenden Me-
thoden zugängliches - Wissenschaftsverständnis. Der Computer
erscheint zur rechten Zeit. Zunehmend, nicht nur in Amerika,
sondern auch in England, Frankreich, Skandinavien und anders-
wo, auch in den sozialistischen Ländern, werden quantitative
Methoden in die historische Forschung eingefiihrt. Zahlen sollen
den Wissenschaftsanspruch der Forschung verstärken.
Die Anwendung quantitativer Methoden bedeutet jedoch noch
keineswegs den Übergang zu einer systematischen, analytischen
Sozialwissenschaft. Quantifizierung ist oft nur ein Hilfsmittel,
um Behauptungen über soziale Entwicklungen statistisch zu be-
legen. Auf wenigstens vier Gebieten wird in den USA und auch
anderswo seit den filnfziger Jahren mit der entstehenden Compu-
ter-Technologie zunehmend quantitativ gearbeitet. In der Poli-
tikgeschichte wird das Wahlverhalten mit sozialen Variabeln
korreliert. Es werden die Grundlagen einer historischen Demo-
Geschichte als Sozialwissenschaft 45

graphie geschaffen, wobei allerdings die Forschung in Frank-


reich und England der in Amerika vorangeht. Soziale Mobilität
wird mit Hilfe der alle zehn Jahre stattfindenden Volkszählungen
in den USA untersucht. Schließlich dienen quantitative Metho-
den zunehmend der Analyse wirtschaftlicher Prozesse.68 Quanti-
tative Methoden lassen sich durchaus mit einem Begriff von Ge-
schichte verbinden, der der Besonderheit menschlichen Handeins
und der Rolle von Wertvorstellungen in menschlichen Gesell-
schaften Rechnung trägt. Vor allem umfasst die quantitative Ge-
schichtsforschung die Beschäftigung mit konkreten Menschen
ebenso wie die Analyse kollektiven Verhaltens. Die Kirchenre-
gister als Quelle filr die Historische Demographie ermöglichen,
sowohl etwas über das Leben einzelner Menschen und Familien
als auch einiges über das Verhalten großer Gruppen und ihre
Wertvorstellungen zu erfahren. Diese Daten geben auch Einblick
in das Sexualverhalten und damit Auskunft über die Moralvor-
stellungen der in den Registern erfassten Menschen. Quantitative
Methoden ermöglichen es, Aspekte der konkreten Lebenswelt
konkreter Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Ge-
schichte und in einem bestimmten kulturell zu rekonstruieren.
Am radikalsten hat sich die Gleichsetzung von wissenschaftli-
cher Geschichts- oder Sozialforschung mit Quantifizierung in
der Wirtschaftsgeschichte durchgesetzt. Marx und Weber z. B.
hatten beide mit einem Begriff von Gesellschaftswissenschaft
gearbeitet, der einerseits auf strenger Begrifflichkeil bestand,
andererseits aber auch in Betracht zog, dass filr gesellschaftliche
Gebilde, im Gegensatz zu natürlichen, als Sinnzusammenhänge
historische Begriffe nötig sind, die sowohl der Einmaligkeit als
auch der Vergleichbarkeit dieser Gebilde Rechnung tragen. Sie
erkannten zum einen, dass die Naturwissenschaft ein Produkt der
menschlichen Kultur ist- für Weber war sie nur in der okziden-
talen Welt, die einen abstrakten Rationalitätsbegriff hervorge-
bracht hatte, möglich -zum anderen, dass auch die Natur, wie
phänomenal auch immer sie erscheint, nur mittelbar, durch ge-
sellschaftlich bedingte Kategorien verstanden werden kann." In
letzter Instanz handelt es sich in den Gesellschaftswissenschaften
um Beziehungen, die qualitativ begriffen werden müssen, ob-
wohl Zahlen nützlich dabei sind, die Konturen dieser sinnerfilll-
ten Beziehungen genauer zu erfassen und theoretische Behaup-
46 Geschichte als analytische Sozialwissenschaft

tungen zu überprüfen. Die streng quantifizierende Geschichtsfor-


schung, die in den siebziger Jahren besonders in Amerika und
Frankreich eine bedeutende Rolle gespielt hat, arbeitet dagegen
mit einem Wissenschaftsbegriff, ftlr den die Geschichtswissen-
schaft, wie alle Wissenschaften, ihre Wissenschaftlichkeit nur
dadurch erhält, dass ihre Aussagen mathematische Form anneh-
men können. Le Roy Ladurie betonte 1973, dass es »in der letz-
ten Instanz keine wissenschaftliche Geschichte gibt, die nicht
quantifizierbar ist«. 70 Diese Perspektive gewinnt in den sechziger
und siebziger Jahren mit der Perfektionierung des Computers
und der mit ihm verbundenen Umgestaltung von Wirtschaft und
Gesellschaft an Bedeutung. In seinem fiir die UNESCO verfass-
ten Überblick von 1979 über Tendenzen in der Geschichtswis-
senschaft kommentiert Geoffrey Barraclough, dass die Quantifi-
zierung das wichtigste Merkmal der heutigen Geschichtswissen-
schaft sei. 71 Allerdings müssen wir hier, wie oben angedeutet,
unterscheiden zwischen der Anwendung quantitativer Methoden,
wie sie in der Sozialgeschichte und besonders in der Wirt-
schaftsgeschichte seit vielen Jahrzehnten üblich ist, auf der einen
und einer nach dem Modell der streng generalisierenden Wissen-
schaften konzipierten Geschichtswissenschaft auf der anderen
Seite. Zwischen diesen beiden Polen entsteht in den sechziger
und siebziger Jahren eine Forschungsrichtung, die sich in Ame-
rika als »Social Science History« bezeichnet, aber auch in Frank-
reich und Skandinavien weit verbreitet ist und die sich die reine
empirische Forschung zum Ziel setzt. Ein Beispiel ßlr die EDV-
Verarbeitung von Massendaten ist das gigantische »Philadelphia
Social History Projectcc, in dem der Versuch gemacht wird, die
gesamte Bevölkerung von Philadelphia aufgrund mehrerer
Volkszählungen des 19. Jahrhunderts zu erfassen, um über ihre
soziale Mobilität genauere Informationen zu erhalten. 72
Quantitative Geschichte, wie sie von den Vertretern der ,,New
Economic Historycc in den USA verstanden wurde, ist eine Wis-
senschaft, die nach dem Modell der Naturwissenschaften oder
der klassischen Politischen Ökonomie mit theoretischen Modellen
arbeitet. Ähnlich werden in Frankreich in der >1histoire seriellecc
lange, sich oft über Jahrhunderte erstreckende Reihen von Daten
über Klima, Preise, Löhne, Geburten und Sterbeflille kausal mit-
einander in Beziehung gesetzt. 73
Geschichte als Sozialwissenschaft 47

Der Wirtschaftsgeschichte, wie sie in den USA von Robert


Fogel, dem wichtigsten Vertreter der ))New Economic History«
vertreten wird, liegen vier Annahmen zugrunde: Erstens, dass es
eherne Gesetze gibt, die den Gang der Wirtschaft bestimmen,
und das sind die Gesetze, wie sie ursprünglich von Adam Smith
und David Ricardo formuliert worden sind. An ))eherne Naturge-
setze« glaubte auch Marx, nur dass dies Gesetze nicht rein öko-
nomischer Natur waren und dass sie durch soziale Auseinander-
setzungen historisiert und vorwärts getrieben werden. Zweitens,
dass die kapitalistische Wirtschaft ein unaufhaltsames Wachstum
kennzeichnet, das in allen modernen oder modernisierenden Ge-
sellschaften, wie Walt Rostow das 1961 in seinem ))nicht-
kommunistischen Manifest« 74 vertrat, ähnliche Fonnen annimmt.
ln dieser Hinsicht kann die Formulierung von Marx: »Das indus-
triell entwickeltere Land zeigt dem minder entwickelten nur das
Bild der eigenen Zukunft«, 75 auch für den Standpunkt Rostows
stehen. ln Reaktion auf Rostow hat Alexander Gerschenkron 76
betont, dass der Ausgangspunkt von Ländern, in denen der ln-
dustrialisierungsprozess später begonnen hat, z. B. in Deutsch-
land, Russland oder Japan, anders sein musste als in England
und auch durch andere politische und gesellschaftliche Verhält-
nisse bedingt war. Dies hat Rostow, der einen rein ökonomi-
schen Standpunkt vertrat, nicht beachtet. Drittens: der ökonomi-
sche Modernisierungsprozess führt zwangsläufig zu einer politi-
schen Modemisierung, d. h. zu einer freien Marktgesellschaft
und einer liberalen Demokratie, wie sie nach dem Zweiten Welt-
krieg in den westlichen Industrienationen verwirklicht worden
ist. Die letzte Grundannahme ist, dass die quantitative Methode
sich nicht nur auf wirtschaftliche, sondern auch auf soziale Pro-
zesse anwenden lässt.
1974 erschien Fogeis und Stanley Engennans große compu-
tergestützte Studie über die Sklaverei in den amerikanischen
Südstaaten. 77 Die Autoren wollten nicht nur, wie sie im Vorwort
behaupten, die umstrittene Frage der Rentabilität der Sklaverei
ein für allemal beantworten; aufgrund quantifizierter Quellen
wollten sie auch unwiderlegbare Auskunft geben über die Quali-
tät des materiellen Lebens der Sklaven und über ihre Arbeits-
und FamilienmoraL Das Buch, das zuerst in der amerikanischen
Presse weithin als ein überzeugendes wissenschaftliches Werk
48 Geschichte als analytische Sozialwissenschaft

begrüßt wurde, wurde sehr bald einer vernichtenden Kritik un-


terzogen, nicht nur von konventionellen Sozialhistorikern, son-
dern auch von quantifizierenden Wirtschaftshistorikern, die sich
bewusst waren, wie schwierig und willkürlich es ist, qualitative
Zeugnisse in quantitative Aussagen urnzusetzen. 78 Das verhin-
derte nicht, dass Fogel auf einen Stiftungslehrstuhl an die Har-
vard University berufen wurde. Die Geschichtswissenschaft, ge-
gen die er sich wandte, unterschied sich von anderen Sozialwis-
senschaften dadurch, dass sie in ihrem Diskurs noch weitgehend
frei von Fachjargon und dadurch einem gebildeten Leserpubli-
kum zugänglich war. Für Fogel war dies letztlich unvereinbar
mit wahrer Wissenschaft. Für ihn musste der Historiker, wie je-
der Wissenschaftler, ein technisch ausgebildeter Spezialist sein,
der in der Sprache der formalen Wissenschaft mit anderen Spe-
zialisten kommuniziert."' Dennoch verbirgt sich, wie bei Ranke,
hinter Fogeis Begriff einer objektiven, unparteilichen Wissen-
schaft ein komplettes ideologisches Gerüst. Dazu gehört Fogeis
Bejahung der bestehenden Wachstums- und Konsumgesellschaft.
Er macht sich noch keine Gedanken über die Geflihrdung der
Umwelt, sondern ist einem historischen Optimismus verpflichtet,
der nicht nur von der Möglichkeit objektiver, messbarer Wissen-
schaft überzeugt ist, sondern auch von der emanzipatorischen
Funktion dieser Wissenschaft.

Frankreich: Die »Annales<<

Es ist nicht selbstverständlich, die »Annales« in diesem Kapitel


zu behandeln. Der Wissenschaftsbegriff und die Praxis der His-
toriker der •>Annales« sind vielschichtig. Einerseits teilen sie die
vom dargelegten Vorstellungen der sozialgeschichtlichen Rich-
tungen über die Möglichkeit wissenschaftlicher Methode und
wissenschaftlicher Erkenntnis andererseits relativieren sie diese.
Die Konzeption, was Geschichte ist und wer Geschichte macht,
wie sie der Geschichtswissenschaft von Ranke bis heute ganz
überwiegend zugrunde gelegen hat, wandelt sich bei ihnen
grundlegend. Auch die Auffassung der Zeit ändert sich. Sie wird
nicht mehr als eindimensionale Bewegung von der Vergangen-
heit in die Zukunft gesehen, wie nicht nur Ranke, sondern auch
Geschichte als Sozialwissenschaft 49
Marx und Weher sie aufgefasst haben. Die »Annales« führen die
sozialwissenschaftliehen Bestrebungen der Geschichtswissen-
schaft im 20. Jahrhundert fort, gehen aber gleichzeitig über die
moderne Sozialgeschichte hinaus und streben eine Kulturge-
schichte an, die viele moderne Sozialgeschichtsschreibung in
Frage stellt.
Die Vertreter der »Annales<< haben immer wieder betont, dass
sie nicht die »Schule« seien, als die sie oft bezeichnet worden
sind, dass ihnen vielmehr eine Einstellung, ein »esprit« gemein-
sam sei, der zu neuen Methoden und Forschungsansätzen auffor-
dert, aber keine Doktrin ist. 80 Sehr weitgehend stimmt das auch.
Die Ansätze in den Veröffentlichungen der »Annales« sind sehr
verschieden, allerdings innerhalb eines Diskurses, der bei aller
Breite die herkömmlichen Formen der erzählenden Politik- und
Geistesgeschichte fast immer ausschließt. Daneben ist charakte-
ristisch, dass die Praxis betont Vorrang vor der Theorie hat; in
der Praxis sind aber wichtige theoretische Voraussetzungen ent-
halten.
Trotz allem: die »Annales« sind eine mehr oder weniger insti-
tutionalisierte wissenschaftliche Schule geworden - eine Tatsa-
che, die ihrem Diskurs Grenzen gesetzt hat. Sie sind sehr stark
vom Vorbild ihrer Gründer, Lucien Febvre und Mare Bloch, ge-
prägt. Zur Vorgeschichte der »Annales« gehört die früher er-
wähnte französische Methodendiskussion um 1900, die in Henri
Berrs Zeitschrift ))Revue de synthese historique« stattfand.
Lucien Febvres schon erwähntes Buch über die Franche-Comte
signalisiert den Übergang zu einer neuen Art von Geschichtswis-
senschaft, die die in dieser Diskussion entwickelten Ideen verar-
beitet hat. Die festen Größen, die bis dahin eine so zentrale Rolle
gespielt hatten, der Staat, aber auch die Wirtschaft, die Religion,
die Literatur und die Künste verlieren ihre Grenzen und ihre
Selbstständigkeit und werden Teilbereiche in einer alles umfas-
senden Kultur. Diese Kultur wird nicht geisteswissenschaftlich
verstanden, nicht als der gedankliche und ästhetische Stil einer
Oberschicht, sondern anthropologisch als die Gefllhls- und Le-
bensweise der gesamten Bevölkerung.
Lucien Febvre und ganz besonders Mare Bloch, der 1908/09
in Leipzig und Berlin studiert hat, haben die deutsche Sozial-
und Wirtschaftsgeschichtsschreibung aufmerksam verfolgt. Es
50 Geschichte als analytische Sozialwissenschaft

bestehen auch Parallelen zwischen Febvres Buch über die Franche-


Comte und Lamprechts Wirtschaftsgeschichte des Mosellandes
im Mittelalter. Während die meisten landesgeschichtlichen Ar-
beiten in Deutschland damals die Verwaltung und Verfassung in
den Mittelpunkt stellten, ging es Lamprecht und Febvre um die
enge Verbindung von sozialen, wirtschaftlichen und politischen
Strukturen mit Denk- und Verhaltensweisen in einer bestimmten
Region. Bei Febvre spielt auch die Religion eine bedeutende
Rolle. In Deutschland hatten von 141 Inhabern historischer
Lehrstühle in der Zeit von 1850--1900 als Nebenfach 87 Philolo-
gie (davon 72 Klassische Philologie), 23 Theologie oder Philo-
sophie, nur zehn hatten Nationalökonomie, zwölf Geographie
studiert. 81 In Frankreich dagegen war Geographie ein fester Be-
standteil der agregation, der Prüfung, die fiir eine weitere Hoch-
schulkaniere als Historiker quasi obligatorisch war. Und die
Geographie, die in Frankreich um 1900 von Paul Vidal de Ia
Blache entwickelt wurde (er hat viel aus der von Carl Ritter be-
stimmten Tradition der deutschen Geographie des 19. Jahrhun-
dert übernommen), war eine Disziplin, die den geographischen
Raum in einen historisch-kulturellen Rahmen stellte. Vidal de Ia
Blache, wie er auch von Febvre rezipiert wurde, vermied in sei-
ner >>geographie humaine« den geographischen Determinismus
seines Zeitgenossen Friedrich Ratze( in Deutschland.
Zum Einfluss der Geographie kam der soziologische Ansatz
Emile Durkheims hinzu, wie er den Historikern der ))Annales«
durch einen Schnier Durkheims, den Ökonomen Fran~ois Simiand,
vermittelt wurde. Durkheim wollte einerseits die Soziologie in
eine strenge Wissenschaft verwandeln, was fiir Simiand Mathe-
matisierung bedeutete. Andererseits ist filr Durkheim das Be-
wusstsein der zentrale Gegenstand der Wissenschaft von der Ge-
sellschaft, ein kollektives Bewusstsein, in dem Normen, Bräuche
und Religion wichtige Komponenten sind. Diese Einflüsse erklä-
ren die enge Verbindung von Geographie, Ökonomie und Anthro-
pologie in der französischen Geschichtsschreibung, eine Verbin-
dung, die mit der Methodendiskussion in Bewegung kommt, im
Gegensatz zur Betonung von Staat, Verwaltung und Recht in der
deutschen Tradition, auch bei Max Weber. Von hier aus wird die
große Bedeutung verständlich, die Febvre und Bloch anonymen
Strukturen beimessen, aber auch ihre Betonung des ))Gefilhlsle-
Geschichte als Sozialwissenschaft 51
bens«, das sie im Rahmen einer historischen Anthropologie als
kollektive Mentalität verstehen.
Die Grundlagen der »Annales« wurden von Febvre und Bloch
schon lange vor der Gründung der Zeitschrift gelegt. Das Buch
über die Franche-Comte (1912) und Mare Blochs Buch über die
magischen Heilkünste der englischen und französischen Könige
im Mittelalter ( 1924)12 erschienen schon vor der Gründung der
Zeitschrift im Jahr 1929. Diese vertrat keine Doktrin. Nach dem
Vorbild der »Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsge-
schichte« nannte sie sich ursprünglich »Annales d'bistoire eco-
nomique et sociale«, nach 1946, um ihren interdisziplinären Cha-
rakter noch stärker zu betonen, »Annales. Economies. Societes.
Civilisations«. Geschichte sollte die Leitwissenschaft werden,
aber in einem anderen Sinn als filr den Historismus Rankescher
Provenienz. Hier wie dort war die Geschichte die zentrale Wis-
senschaft vom Menschen, doch während Ranke die Geschichte
vom Staat den Teilbereichen, die historisiert wurden, überordne-
te, hoben die Historiker der »Annales« die Grenzen zwischen
den Teildisziplinen auf, um sie in die >>Wissenschaften vom
Menschen« (sciences de l'homme) zu integrieren. Der Plural
wird bewusst angewendet, um die Pluralität der Wissenschaften
zu betonen. Die »Annales« haben darauf verzichtet, selbst in
Mare Blochs »Apologie der Geschichte«13 - Aufzeichnungen,
die er 1940 an der Front gemacht hat -. eine Theorie der Ge-
schichte oder der Geschichtsschreibung zu formulieren, wie
Ranke es gelegentlich, und Droysen und Dilthey es systematisch
getan haben. Der Zweck der »Annales« war, wie Bloch und
Febvre in der Einleitung zum ersten Heft der Zeitschrift ausge-
führt haben, verschiedenen Richtungen und Neuansätzen ein Fo-
rum zu bieten ...
Auch politisch lassen sich die »Annales« nicht auf einen ge-
meinsamen Nenner bringen, im Gegensatz zu den deutschen His-
torikern in der Tradition des Historismus, die von Ranke bis
Gerhard Ritter fast alle Befiirworter eines Obrigkeits- und
Machtstaats waren. Für das Verständnis des politischen Enga-
gements der Begründer der »Annales« ist es jedoch wichtig zu
wissen, dass Mare Bloch, der jüdischer Herkunft war, 1944 als
Widerstandskämpfer von den Deutschen gefoltert und ermordet
wurde. Die wissenschaftliche Situation war, dass Febvre und
52 Geschichte als analytische Sozialwissenschaft

Bloch sich, bis sie in den späten dreißiger Jahren nach Paris be-
rufen wurden, als Professoren an der Universität Straßburg in
ständiger Auseinandersetzung mit den Historikern der Sorbonne
befanden, die - wie Seignobos - die herkömmliche politische
Geschichtsschreibung vertraten. Später sah es dann ganz anders
aus. In den großen Werken von Bloch, Febvre, Fernand Braudel,
Georges Duby, Jacques Le Goff, Emmanuel Le Roy Ladurie,
Robert Mandrou, Michel Vovelle, Fran'Yois Furet und anderen
gelang den ~~Annales«-Historikern etwas, das ihren deutschen
und französischen Fachkollegen meist nicht gelang, nämlich
strenge Wissenschaftlichkeit mit guter Literatur zu verbinden
und ein breites Publikum zu gewinnen.
Daneben darf die lnstitutionalisierung der ~~Annales<< nicht
übersehen werden. 1946 wurden sie in eine mächtige Institution,
die 6. Sektion der Ecole Pratique des Hautes Etudes, einbezogen.
Diese war 1868 nach deutschem Vorbild als Forschungszentrum
gegründet worden, ohne nonnale Studiengänge ausschließlich
der Forschung und der Ausbildung von Forschern gewidmet. In
der 4. Sektion, der Sektion filr Geschichtswissenschaft, wurden
in den 1870er Jahren Seminare nach Rankesehern Muster einge-
führt. Die 1946 gegründete 6. Sektion, seit 1972 als Ecole des
Hautes Etudes en Seiences Sociales (EHESS) selbstständig. setz-
te sich das Ziel, nicht nur die Sozialwissenschaften, die in den
frühen Jahren filr die »Annales« wichtig waren, die Ökonomie,
die Soziologie und die Anthropologie, sondern auch die Linguis-
tik, die Semiotik, die Literatur- und Kunstwissenschaften und die
Psychoanalyse in eine umfassende Wissenschaft vom Menschen
zu integrieren. Während die Mitglieder des ~>Annales«-Kreises
vor 1939 Außenseiter waren, erhielten sie mit der Gründung die-
ser neuen Institution, unterstützt durch Gelder des französischen
Nationalrats filr wissenschaftliche Forschung (CNRS), einen sehr
großen Einfluss auf Forschung und Stellenbesetzungen.
Diese lnstitutionalisierung hatte widersprüchliche Resultate.
Sie begünstigte interdisziplinäre Forschung und damit oft auch
eine neue Aufgeschlossenheit. Sie ennöglichte Teamwork und
koordinierte Projekte, die zunehmend die neuen technischen Mit-
tel der elektronischen Datenverarbeitung einsetzten (und zuwei-
len szientizistische Züge annahmen). So entstanden in den sech-
ziger und siebziger Jahren einerseits die großen Synthesen von
Geschichte als Sozialwissenschaft 53

Femand Braudel, Pierre Goubert, Jacques Le Goff, Georges Duby,


Emmanuel Le Roy Ladurie und Robert Mandrou,15 andererseits
erschienen in den »Annales« hoch spezialisierte Beiträge, die
häufig in einem Jargon geschrieben waren, der Uneingeweihten
unverständlich blieb.
Trotz der Vielfalt der methodischen und gedanklichen Ansätze
in den jetzt achtzig Jahren seit Febvres Buch über die Franche-
Comte von 1912 gibt es in den Werken der »Annales«-Historiker
Gemeinsamkeiten. Um das zu verdeutlichen, wollen wir kurz
einige Werke aus der Zeit von 1912 bis in die Mitte der achtziger
Jahre in einem zusammenfassenden Überblick betrachten: Febvres
Buch über die Franche-Comte, Mare Blochs »Die Feudalgesell-
schaft« von 1939/40, Febvres Buch über den Unglauben im
Zeitalter Rabelais ' 16 von 1942, Femand Braudels Mitleimeer-
Buch von 1949, von Le Roy Ladurie die »Bauern des Langue-
doc« ( 1966) und »Montaillou« ( 1975), schließlich die 1987 und
1988 postum erschienenen ersten beiden Bände von Braudels
»ldentite de Ia France«. 87
In keinem dieser Werke gibt es noch einen zentralen Punkt
oder eine zentrale Institution, die als Leitfaden einer Geschichte
dienen könnte, in der Handlungen von Personen eine entschei-
dende Rolle spielen. Der Staat und ebenso die Wirtschaft sind in
eine umfassende Betrachtung der Gesellschaft einbezogen. Das
bedeutet nicht, dass das politische Element ignoriert wird. Es
spielt in Blochs Untersuchung der feudalen Gesellschaft eine
wesentliche Rolle, aber anders als in der deutschen Medillvistik,
filr die Verfassung und Verwaltung zentral sind, nämlich als ein
Komplex von Verhaltensweisen und zwischenmenschlichen Be-
ziehungen. Indem ich von >Komplex< spreche, vermeide ich be-
wusst den Begriff >System<, der auch von den »Annales«-
Historikem selten benutzt worden ist und der die menschlichen
Verhaltensweisen viel zu sehr objektivieren und verdinglichen
würde. Aus demselben Grund muss man auch mit dem Begriff
>Struktur< vorsichtig sein, der von Annales-Historikem gelegent-
lich benutzt wird. Personen, einzelne Menschen gibt es in diesen
Werken selten. »Montaillou« ist eine Ausnahme und in gewisser
Hinsicht ein Wendepunkt. Die Könige in Blochs »Die feudale
Gesellschaft« etwa werden nur ganz am Rand erwähnt, in Brau-
dels Mittelmeerbuch werden sie in einen separaten Teil verbannt,
54 Geschichte als analytische Sozialwissenschaft

der mit den beiden Hauptteilen des Buches nicht organisch ver-
bunden ist. Der idealistische BegritT der Persönlichkeit, des Indi-
viduums, der ftlr die ganze Auffassung des gebildeten Bürger-
tums des 19. Jahrhunderts grundlegend war, wird negiert. Auch
die Bauern und Bäuerinnen in Le Roy Laduries mittelalterlichem
Ketzerdorf Montaillou sind nicht Personen im idealistischen
Sinn von Individuen, die klare Vorstellungen von sich selbst und
über ihre Welt haben.
Ein weiterer Bruch mit der Tradition ist der Bruch mit der
herkömmlichen historistischen Vorstellung des Geschichtsver-
laufs, mit dem BegritT einer linearen, fortschreitenden Zeit, der
für die Wissenschaftsauffassung der bisherigen Geschichtswis-
senschaft unentbehrlich war. Für Reinhart Koselleck ist die Vor-
stellung, dass es eine Geschichte und nicht nur Geschichten
gibt, 88 fundamental ftlr den Übergang von der vormodernen zur
modernen Zeit nach ungeflihr 1750. Michel Foucault betrachtet
den Gedanken einer Geschichte als eine Erfindung der modernen
Zeit, die schon zu Ende gegangen ist. Aber in den erwähnten
Werken der »Annales((-Historiker hingegen gibt es nicht mehr
eine Zeit, sondern sehr verschiedene Zeiten, so in Jacques Le
GotTs klassischem Aufsatz »Die Zeit der Kirche und die Zeit des
Händlers im Mittelalter« 89 und in Braudels Mittelmeerbuch, in
dem er zwischen der fast stationären Zeit des Mittelmeers als
geographischem Raum (Ia longue duree), der langsamen Zeit der
sozialen und wirtschaftlichen Strukturen (conjonctures) und der
schnellen Zeit der politischen Ereignisse (evenements) unter-
scheidet. Mit dem ZeitbegritT bricht auch die Zuversicht in den
Fortschritt und mit ihr der Glaube an den Vorrang der modernen
westlichen Kultur in der Geschichte zusammen. Nicht nur, dass
es keine einheitliche Zeit mehr gibt, die als Faden einer Erzäh-
lung dienen kann, es gibt auch keinen einheitlichen Punkt mehr,
um den sich diese Erzählung gliedern kann. Der BegritT der Na-
tion, der so wichtig fiir die Geschichtsgläubigkeit des gebildeten
Bürgertums und der Geschichtswissenschaft des Historismus
war, löst sich auf. Die Geschichtsschreibung der »Annales« ist
mit wenigen Ausnahmen entweder regional oder übernational.
Als regionale Geschichte folgt sie dem Muster von Febvres Buch
über die Franche-Comte, auf der Grundlage einer sorgfaltigen
empirischen Untersuchung die kulturellen und gesellschaftlichen
Geschichte als Sozialwissenschaft 55
Konturen einer Landschaft zu beschreiben. Übernational ist z. B.
»Civilisation materielle et capitalisme« (1967-1979)90 von Brau-
dei, der die Charakteristika eines großen Gebiets, in diesem Fall
der europäischen Welt im Zeitalter des frühen Kapitalismus, im
Vergleich mit der außereuropäischen Welt herausarbeitet, immer
mit der Betonung von Lebens- und Verhaltensweisen. Dagegen
ist Braudels letztes großes Werk, seine französische Nationalge-
schichte,91 wieder nationale Geschichtsschreibung, aber mit dem
Ziel, die Vielfalt der fianzösischen Regionen und die Überlebens-
flihigkeit vormoderner Lebensweisen, besonders die der bäuerli-
chen Kultur, im modernen Frankreich deutlich zu machen.
Diese Bemerkungen zur Geschiehtsauffassung und zur histo-
riographischen Praxis der >>Annales« sollen nicht den Eindruck
einer Wissenschaft erwecken, die sich in achtzig Jahren nicht
geändert hat. Es besteht eine Kontinuität zwischen den Ge-
schichtskonzeptionen und den Methoden von Febvre und Bloch
und denen der späteren »Annales«-Historiker; gleichwohl spie-
geln die »Annales« die wichtigsten Wandlungen im Geschichts-
denken des 20. Jahrhunderts wider, haben diesen aber ihren
eigenen Charakter gegeben. Strukturen stehen im Vordergrund,
diese Strukturen haben jedoch immer eine mentale Dimension,
ohne die sie nicht existieren würden. Wenn Bloch sich mit der
Technik beschäftigt, ob mit der Wassermühle oder mit dem
Pflug,92 dann sind die Werkzeuge, mit denen die Menschen in
einer bestimmten Gesellschaft arbeiten, filr ihn der Schlüssel zu
ihrer Denk- und Lebensweise. Daneben steht, dass besonders in
den Arbeiten nach dem Zweiten Weltkrieg ein Spannungsver-
hältnis spürbar wird zwischen einem stark empirischen, in man-
cher Hinsicht positivistischen und einem strukturalistischen Wis-
senschaftsverständnis, das diesen Positivismus in Frage stellt.
Die materiellen Grundlagen der Geschichte betont vor allem
Braudei immer wieder. Unter materiell versteht er die geographi-
schen, klimatischen, biologischen, technologischen und Markt
bedingten Faktoren, die freilich nie rein mechanisch bedingt,
sondern von Menschen mitgestaltet sind; darum sein Interesse
filr Küche, Kleidung, Mode. Unter Geographie versteht er eine
geographie humaine, die in der Tradition von Paul Vidal de Ia
Blache das menschliche Element hervorhebt. Häufig weist er auf
Grenzen hin, die der menschlichen Freiheit durch diese materiel-
56 Geschichte als analytische Sozialwissenschaft

Jen Faktoren gesetzt werden. In der Wirtschaftsgeschichte Frank-


reichs, die er zusammen mit dem Wirtschaftshistoriker Ernest
Labrousse schrieb,93 interessieren ihn die großen zyklischen
Konjunkturen, die filr das Verständnis von historischer Stabilität
und von historischem Wandel von Bedeutung sind. Der nächste
Schritt, den nicht Braudei selbst, aber seine Schüler gemacht ha-
ben, ist die quantitative Wirtschafts- und Sozialgeschichte.
In den sechziger Jahren setzt sich dann in Frankreich, ähnlich
wie in den USA, die Faszination der Zahlen und des Computers
durch. Sie ist keineswegs auf die »Annales« beschränkt, sondern
wird von der internationalen Forschung weitgehend übernom-
men. Die historische Demographie entsteht in Frankreich und
England zuerst als eine rein quantitative Wissenschaft. Mit der
Familienrekonstitution geht sie dann jedoch bald konkreter auf
die Lebensverhältnisse ein. Der Höhepunkt einer mit quantitati-
ven, neomalthusianischen Modellen des Wechselverhältnisses
von Bevölkerung und Nahrungspreis arbeitenden Geschichts-
schreibung ist Le Roy Laduries Buch über die Bauern in Lan-
guedoc von der Pest im 14. bis zur demographischen und land-
wirtschaftlichen Revolution des 18. Jahrhunderts. In seiner Dar-
stellung der blutigen Auseinandersetzungen, die den Karneval in
Romans 1580 begleiteten, geht Le Roy Ladurie jedoch gleichzei-
tig über eine abstrakte Rekonstruktion der großen wirtschaftli-
chen und demographischen Zyklen hinaus und beschäftigt sich
mit der protestantischen Reformation, die er in den Zusammen-
hang dieser Zyklen stellt.
Der materielle, fast materialistische Ansatz ist nur eine Seite
der »Annales«-Geschichtsschreibung in den sechziger und frO-
hen siebziger Jahren. Von größerer Tragweite fiir die spätere
Geschichtsforschung war die Geschichte der Mentalitäten. Die
»histoire des mentalites« 94 wurde scharf von der Ideengeschichte
des Historismus Friedrich Meineckes oder Benedetto Croces un-
terschieden, aber auch von der »intellectual history«, die in den
Jahren nach 1940 in den USA an Bedeutung gewonnen hatte.
Ideengeschichte und »intellectual history(( gehen davon aus, dass
Menschen klare Ideen haben, die sie vermitteln können. Die
Texte sind Ausdruck der Intentionen ihrer Autoren und als sol-
che ernst zu nehmen. Demgegenüber bezeichnet der Begriff
»mentalite(( Einstellungen, die viel diffuser sind als Ideen und im
Geschichte als Sozialwissenschaft 57

Gegensatz zu den Ideen Eigentum einer kollektiven Gruppe,


nicht das Denkresultat einzelner Individuen. In den siebziger
Jahre wird die »Geschichte der Mentalitäten« (histoire des men-
talites) mit einer >>seriellen Geschichte« (histoire serielle) ver-
bunden, in der lange Reihen von Daten elektronisch verarbeitet
werden, z. B. der Inhalt von Tausenden von Testamenten zu ei-
ner bestimmten Zeit und in einer bestimmten Region oder Loka-
lität, um den Säkularisationsprozess und die Vorstellungen vom
Tod zu untersuchen. 9l
Neben diesem fast mechanischen Herangehen an die Ge-
schichte der Mentalitäten ist der sehr anders geartete Versuch
von Bedeutung, zu den im kollektiven Unterbewusstsein verbor-
genen Denkstrukturen vorzudringen. Dieser Forschungsrichtung
hat Febvres 1942 veröffentlichte Arbeit über »Das Problem des
Unglaubens im Zeitalter Rabelais'« den Weg gebahnt. Hier sind
nicht explizite Ideen entscheidend, um die Frage zu beantworten,
ob z. B. Rabelais Atheist gewesen ist oder nicht, sondern das
Sprachinstrumentarium, mit dem die Menschen zu Rabelais' Zeit
gedacht haben. Die hermeneutischen Methoden des Historismus
genügen nicht, um die religiösen Anschauungen einer Zeit zu
»verstehen«; die Sprache enthält etwas viel Konkreteres, freier
von Subjektivität, einen archäologischen Bestand, durch den wir
Zugang zu einer vergangeneo Kultur haben. Die Priorität der
Sprache ist schon in dem I 9 I 6 posthum veröffentlichten Werk
»Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft«"" von Ferdi-
nand de Saussure formuliert worden: die Sprache bestimmt den
Inhalt des Denkens und dadurch die Kultur, nicht umgekehrt.
Jede Kultur, jede Gesellschaft ist ein Text, der entschlüsselt wer-
den muss. Aus dieser Sicht ist auch Le Roy Laduries Behand-
lung des Massakers zu verstehen, das während des Karnevals in
der südfranzösischen Stadt Romans von den hugenottischen obe-
ren an den katholischen unteren Schichten verübt wurde. Hinter
der sexuellen Symbolik der Karneval-Umzüge verbirgt sich eine
tiefere Struktur der gesellschaftlichen Beziehungen und Hand-
lungen.
An den Arbeiten der »Annales«-Historiker der letzten achtzig
Jahre fallt zweierlei auf: die Vernachlässigung der Geschichte
nach 1789 und nach der industriellen Revolution und die Kon-
zentration auf die vormoderne Zeit, auf das Ancien Regime und
58 Geschichte als analytische Sozialwissenschaft

das Mittelalter. Diese Vernachlässigung hängt offensichtlich


damit zusammen, dass die Konzeptionen und Methoden sich
besser auf relativ stabile, als auf sich rasch wandelnde Gesell-
schaften anwenden lassen, und nicht ganz zufällig damit, dass
Bloch ein Mediävist und Febvre ein Historiker der Frühen Neu-
zeit war. Vielleicht hängt sie aber auch mit einer gewissen Mü-
digkeit gegenüber der modernen Welt zusammen. Immerhin: in
den dreißiger Jahren widmeten die »Annales« den Problemen der
modernen Industriegesellschaft in den Großstädten der entwi-
ckelten, aber auch in der noch kolonialen Welt, viel Aufmerk-
samkeit.97 Auch die neuen politischen Formen Faschismus, Bol-
schewismus und New Deal wurden analysiert. In den siebziger
Jahren erschienen die Arbeiten von Maurice Agulhon91 und
Mona Ozouf,99 die die republikanischen Traditionen des 19. Jahr-
hunderts anband ihrer Symbole untersuchten. Fran~ois Furet 100
entdeckte in seiner Geschichte der Französischen Revolution
Politik und Ideen wieder. In den achtziger Jahren wandte sich
der Sammelband »les Lieux de Memoires«, dem sich viele der
bedeutenden »Annales«-Mitarbeiter beteiligten, den Symbolen
und Gedenkstätten des modernen französischen nationalen Be-
wusstseins zu.
Die »Annales« sind trotz der Beachtung, die sie international
gefunden haben, ein spezifisch französisches Phänomen geblie-
ben, tief verwurzelt in französischen Wissenschaftstraditionen.
Als Vorbild rur neue Wege in der historischen Erforschung von
Kultur und Gesellschaft haben sie jedoch eine sehr große inter-
nationale Wirkung gehabt. Diese Wirkung erstreckte sich auch
auf die sozialistischen Länder, wo Historiker zunehmend einsa-
hen, dass die »Annales« einen viel besseren Zugang zur mate-
riellen Kultur und zum Arbeiteralltag boten als der dogmatische
Marxismus. So erschien 1971 sogar in der Sowjetunion das gro-
ße Werk »Das Weltbild des mittelalterlichen Menschen« 101 von
Aaron Gurjewitsch, das sich völlig frei von marxistischen Sche-
mata in der Tradition von Bloch und Febvre bewegte. Dieser
Einfluss der »Annales« hat sicher teilweise den Grund, dass ihre
Wissenschaftskonzeptionen vielschichtiger sind als die anderer
sozialwissenschaftlicher Richtungen der Geschichtswissenschaft.
Das schließt viele Widersprüche in Wissenschaftstheorie und
wissenschaftlicher Praxis der »Annales« ein. Einerseits begegnet
Geschichte als Sozialwissenschaft 59

man immer wieder Ansätzen zu einem ausgeprägten Szientismus


und zu einer Objektivierung der Geschichte. Besonders in den
sechzigerund frühen siebziger Jahren haben einige ihrer Vertre-
ter, u. a. Furet und Le Roy Ladurie, häufig betont, dass es keine
wissenschaftliche Sozialgeschichte gebe, die nicht quantitativ
arbeite. Andererseits haben Bloch, Febvre, Le GotT, Duby und
andere oft Quellen wie Kunst, Bräuche, Werkzeuge berücksich-
tigt, die zu viel subtileren, qualitativen Denkweisen filhren. Die-
se Arbeiten haben auch die strenge Grenze zwischen Wissen-
schaft und Literatur relativiert. Gleichzeitig hat der anthropologi-
sche Ansatz, der von Anfang an zum Denken der ))Annales«
gehörte, dafilr gesorgt, dass der Alleinanspruch der okzidentalen
Vorstellung von Wissenschaft in Frage gestellt wurde, einen An-
spruch, den nicht nur Marx und die amerikanischen Theoretikern
des Ökonomischen Wachstums, sondern auch Max Weber gel-
tend gemacht haben. Mit der Abwendung davon ist auch die
Skepsis gegenüber der modernen Zivilisation verbunden. Damit
kommen wir an den Punkt, an dem das historische Denken und
die historiographische Praxis sich zunehmend kritisch mit allen
herkömmlichen Vorstellungen von Geschichte als strenger W is-
senschaft auseinandersetzen.
Von der Historischen Sozialwissenschaft
zur »linguistischen Wende«

I. Die Rückkehr der Erzählkunst

1979 erschien in der Zeitschrift ~~Past and Present((, die seit ihrer
Gründung in den fünfzigerJahrenein Forum filr sozialgeschicht-
liche Diskussionen in Großbritannien ist, der Aufsatz von Law-
rence Stone ))Die Rückkehr der Erzählkunst. Gedanken zu einer
neuen alten Geschichtsschreibung((.• In diesem inzwischen be-
rühmten Aufsatz konstatiert Stone fiir die siebziger Jahre einen
grundsätzlichen Wandel des Geschichtsverständnisses. Er spricht
von dem ))Ende des Glaubens, (dass) eine kohärente wissen-
schaftliche Erklärung vergangener Entwicklungen möglich sei((,
wie sie in der Nachkriegszeit einem Großteil der Geschichts-
schreibung in allen Nationen vorgeschwebt habe. Stattdessen sei
ein erneuertes Interesse an den Aspekten menschlichen Daseins,
die sich nicht leicht in abstrakte Modelle zwingen ließen, ent-
standen. und damit die ~~Überzeugung, dass die Kultur einer
Gruppe oder gar der Wille eines Individuums als Determinanten
des Wandels mindestens ebenso wichtig genommen werden
muss wie die unpersönlichen Kräfte der materiellen Produktion
oder des demographischen WachstumS((~. Diese Betonung der
Wichtigkeit menschlicher Handlungen und menschlichen Be-
wusstseins filhrt zurück zu einer erzählenden Geschichtsschrei-
bung, die den subjektiven Aspekten menschlicher Existenz ge-
recht werden will.
Eine solche Abkehr von den analytischen Sozialwissenschaf-
ten bedeutet aber keineswegs die Rückkehr zu den Theorien und
zur Praxis des klassischen Historismus. Wichtige Themen und
Anliegen der sozialwissenschaftlich orientierten Richtungen in
der Geschichtsschreibung der Nachkriegsjahre werden übernom-
men. Die ~~Annales(( und die Historische Demographie haben auf
unterschiedliche Arten den Weg gebahnt, zu einer Geschichte, in
62 ))Linguistische Wende((

deren Mittelpunkt nicht mehr die Eliten, sondern die breiten


Schichten der Bevölkerung stehen. Die »neue Kulturgeschichte«
des Alltags, die die Beschäftigung mit anonymen Prozessen und
die quantifizierenden Methoden der ihr vorangehenden »neuen
Sozialgeschichte« betont ablehnt, bedeutet daher nicht nur einen
Bruch, sondern zugleich auch eine Weiterfiihrung früherer For-
men von Sozialgeschichtsschreibung. Wie Stone bemerkt, be-
fasst sich die neue erzählende Geschichtsschreibung im Gegen-
satz zur traditionellen »fast ausnahmslos mit den Lebensläufen,
Gefiihlen und Verhaltensweisen der Armen und Unbedeutenden -
und nicht der Großen und Mächtigen«. Sie erzählt die »Ge-
schichte einer Person . . . oder einer dramatischen Begebenheit
nicht um ihrer selbst willen, sondern um Licht auf die Funkti-
onsweise einer vergangeneo Kultur oder Gesellschaft zu wer-
fen«.1 Um dem Verständnis einer Kultur oder einer Gesellschaft
näher zu kommen, bricht sie keineswegs mit herkömmlichen,
sozialwissenschaftliehen Methoden und Begriffen, sondern ge-
staltet diese um. Wie wir sehen werden bedeutet die neue Ge-
schichtsschreibung eine Erweiterung wissenschaftlicher Rationa-
lität, nicht eine Absage an sie. Die Welt der Menschen wird
komplexer gesehen, als sie dem positivistischen Wissenschafts-
verständnis erschien, und benötigt daher auch Wissenschafts-
praktiken, die dieser Komplexität Rechnung tragen.
Gleichzeitig werden aber der Begriff der Wissenschaft und
das Verhältnis zu ihr fUr die neue Geschichtsschreibung höchst
problematisch. Mit dem tief greifenden Strukturwandel der mo-
dernen Gesellschaft ist eine in den letzten drei Jahrzehnten zu-
nehmende Wissenschaftsskepsis verbunden, in der das Unbeha-
gen an der modernen technisch-wissenschaftlichen Zivilisation,
das schon in der Kulturkritik des späten 19. und frühen 20. Jahr-
hunderts spürbar war, zum Ausdruck kommt. In den politischen
Auseinandersetzungen in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre,
in den USA ausgelöst durch die Konflikte um Bürgerrechte und
um den Vietnam-Krieg, geht es nicht nur um Kritik an den be-
stehenden politischen und sozialen Verhältnissen, sondern auch
an der Qualität des Lebens in einer hoch industrialisierten Ge-
sellschaft. Der Glaube an Fortschritt und Wissenschaft, der nicht
nur der quantitativen Wirtschaftsgeschichte der New Economic
History, sondern auch dem Marxismus zugrunde lag, wurde an-
Die ROckkehr der Erzlhlkunst 63

gesichtsder Gefahren und der Brutalität des Technisierungspro-


zesses in der ersten und der dritten Welt zunehmend fragwürdig.
Es ist wichtig, sich darüber im Klaren zu sein, dass die Studen-
tenbewegung der späten sechziger Jahre in Berkeley, Paris, Ber-
lin oder Prag sich gleichzeitig gegen den real existierenden Kapi-
talismus und gegen den orthodoxen Marxismus richtete. Für die
Entwicklungen innerhalb der Geschichtsschreibung ist dies von
Bedeutung, um zu verstehen, warum weder die üblichen sozial-
wissenschaftlichen Modelle noch der Historische Materialismus
weiter überzeugen konnten. Beide gehen von makrohistorischen
und makrosozialen Auffassungen aus, fUr die der Staat, der
Markt, oder - fUr den Marxismus - die Klasse, zentrale Begriffe
darstellen. Im Hintergrund steht der feste Glaube an die Mög-
lichkeit und Erwünschtheil wissenschaftlich gesteuerten Wachs-
tums.
ln diesen makrosozialen Anschauungen gab es wenig Platz filr
die Gruppen der Bevölkerung, die bis dahin aus einer patriarcha-
lischen und hierarchischen Gesellschaftsordnung ausgeschlossen
waren und fUr die auch der klassische Marxismus wenig Ver-
ständnis hatte: Frauen, ethnische Minderheiten, soziale und kul-
turelle Randgruppen, die jetzt Anspruch auf eigene Identität und
eine eigene Geschichte erhoben. Dazu kam noch, dass die etab-
lierte sozialwissenschaftlich orientierte Geschichtsschreibung mit
ihrer Konzentration auf Makroprozesse kein Interesse an den
existentiellen Aspekten des Lebens hat, die den Alltag mit all
seinen Emotionen und Ängsten ausmachen - Aspekte, die aber
schon ein wichtiges Anliegen der ))Annales«-Historiker waren.
ln der Geschiehtsauffassung der ))Neuen Kulturgeschichte«
spielt eine pessimistische Einschätzung der okzidentalen Geschich-
te häufig eine ganz zentrale Rolle, verbunden mit einer sehr pa-
radoxen Beziehung zum Marxismus. Von ihm übernehmen viele
der neuen Historiker und Historikerinnen die Auffassung, dass
die Geschichtsschreibung eine emanzipatorische Funktion habe.
Sie stellen sich aber die Emanzipation -oder die Zwänge, von de-
nen die Menschen sich emanzipieren sollen - ganz anders vor,
als es der klassische Marxismus tat. Nach Foucault gehen diese
Zwänge nicht primär von institutionalisierten Strukturen aus,
z. B. dem Staat oder der Klassenherrschaft, sondern sind in den
vielen zwischenmenschlichen Beziehungen verkörpert, in denen
64 »Linguistische Wende<<

Menschen Macht über andere Menschen ausüben. Der Gedanke


der emanzipatorischen Funktion der Wissenschaft wird jedoch
gleichzeitig wieder in Frage gestellt. Nach den bitteren Erfah-
rungen mit den marxistischen oder marxistisch-leninistischen
Bemühungen seit der Novemberrevolution von 1917, Utopien zu
verwirklichen, stehtjeder Versuch, mit ideologischen oder eman-
zipatorischen Vorstellungen Wissenschaft zu betreiben, unter
dem Verdacht, Wahrheit und Menschen manipulieren zu wollen.
ln der Geschichtswissenschaft der siebziger Jahre spielten die
älteren Sozialwissenschaften nicht nur eine wichtige Rolle, wie
wir am Beispiel der Historischen Sozialwissenschaft in Deutsch-
land und des Marxismus allgemein in der westlichen Welt sehen
werden; sie erlebten sogar einen neuen Aufschwung. Aber die
Themen und damit die Methoden der Sozialgeschichtsschreibung
änderten sich. Der Schwerpunkt verlagerte sich von Strukturen
und Prozessen auf Kulturen und Lebensweisen, ohne jedoch un-
bedingt die Verbindung zwischen den beiden Polen zu lösen.
Eine Geschichtsschreibung, die sich stärker den existentiellen
Erfahrungen durchschnittlicher Menschen widmet, benötigt al-
ternative Methoden, die dem Verständnis dieser Welt näher
kommen können, ohne dass sie damit in der Praxis der Anspruch
auf Wissenschaftlichkeit aufgibt.
Die Historiker folgen jedoch in der Regel nicht der radikalen
Wissenschaftskritik der postmodernen Theoretiker (Barthes, De
Man, White, Foucault, Derrida), für die Geschichtsschreibung
keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben kann und die
sie darum ausschließlich als Literaturgattung betrachten. Auch
die »Neue Kulturgeschichte«, die dem Gebrauch von Theorien
ablehnend gegenübersteht, verlässt sich nicht auf eine ethnologi-
sche »dichte Beschreibung«: sondern verbindet, wie wir in den
folgenden Abschnitten sehen werden, weitgehend hermeneuti-
sche und analytische Verfahren.
Die Historische Sozialwissenschaft 65

2. Kritische Theorie und Gesellschaftsgeschichte:


Die Historische Sozialwissenschaft

Obwohl die kritischen Anliegen und Beiträge moderner Sozial-


historiker in den westlichen Ländern in den sechziger Jahren zu
einer gemeinsamen Grundlagendiskussion filhrten und sich mehr
als zu irgendeiner anderen Zeit seit der Aufklärung ein Grenzen
überschreitender Diskurs anbahnte, unterscheiden sich die neuen
Strömungen der Geschichtsschreibung und des Geschichtsden-
kens in der alten Bundesrepublik Deutschland wesentlich von
denen in anderen westlichen Ländern. Insbesondere die französi-
sche Sozialgeschichtsschreibung der »Annales«, von der ent-
scheidende Denkanstöße filr die moderne Forschung ausgegan-
gen sind, hat sich vornehmlich der vonnodernen, vorindustriel-
len Zeit zugewandt und entsprach damit dem Unbehagen an der
modernen Lebenswelt Dagegen wandte sich ein Großteil der
bundesdeutschen Forschung, die sich in neue methodologische
und konzeptionelle Richtungen bewegte, dem Industriezeitalter
zu.
Zwei Gründe haben dabei sicherlich eine Rolle gespielt: die
moralische und politische Notwendigkeit, sich mit den Verbre-
chen der NS-Zeit auseinanderzusetzen, und die daraus entste-
hende Aufgabe, den Ursachen dieser katastrophalen Entwicklung
nachzugehen. Daran wiederum war ein im Vergleich zu anderen
westlichen Ländern doppeltes Nachholbedürfnis beteiligt. Man
fragte sich, warum, ob oder wie Deutschland im 19. Jahrhundert
im Zuge der Reichsgründung einen >>Sonderweg« 5 eingeschlagen
hatte, der sich von der als nonnativ betrachteten Entwicklung
moderner Industriestaaten unterschied, in denen ökonomische
und technische Modernisierung im Rahmen einer politischen
Demokratisierung stattgefunden haben sollen, die in Deutschland
blockiert wurde. Für die politischen und die damit verbundenen
geistigen Verhältnisse sowie fiir die Einstellung zur Geschichts-
schreibung im Deutschen Kaiserreich kennzeichnend war der
Lamprecht-Streit, dessen Ergebnis letztlich war, dass die deut-
schen Historiker sich weiterhin hauptsächlich filr den Staat und
filr Politik interessierten. Während in anderen westlichen Län-
dern, aber auch in Polen und Russland, nach der internationalen
Methodendiskussion6 der Jahrhundertwende eine interdisziplinäre,
66 »Linguistische Wendecc

analytisch verfahrende Sozialgeschichtsschreibung der narrativen,


ereignis- und personenzentrierten Politikgeschichte den Vorrang
streitig machte, behauptete letztere in Deutschland und nach
1945 auch in der Bundesrepublik noch lange ihre fUhrende Rolle
in der Geschichtswissenschaft. Die Auseinandersetzung mit den
autoritären Traditionen der deutschen Geschichte und der mit
ihnen verbundenen Geschichtswissenschaft vollzog sich hier erst
in den sechziger Jahren - zu einem Zeitpunkt, als die sozialwis-
senschaftliehen Voraussetzungen der Geschichtsschreibung in
den anderen westlichen Ländern im Zuge der Modernitätskritik
schon in Frage gestellt wurden.
Ein wichtiger Ausgangspunkt filr die kritische Auseinander-
setzung mit der deutschen Vergangenheit in der Bundesrepublik
war die Diskussion über Fritz Fischers 1961 veröffentlichte Un-
tersuchung deutscher Kriegsziele im Ersten Weltkrieg in seinem
Buch »Griff nach der Weltmacht«. Obwohl dieses Buch auf einer
durchaus konventionellen Überprüfung staatlicher Akten beruh-
te, die Fischer zu der Überzeugung brachte, dass die Reichsre-
gierung im Sommer 1914 bewusst einen Präventivkrieg in Kauf
genommen hatte, verband er die verhängnisvollen Entscheidun-
gen, die zum Krieg filhrten, mit den Intentionen wirtschaftlicher
Interessenverbände. Dies erforderte eine Ausweitung der For-
schung von den Ereignissen und Entscheidungen, die den Akten
zu entnehmen waren, hin zu dem strukturellen Rahmen. in dem
diese Entscheidungen getroffen wurden. Fischers Thesen Ober
die deutschen Kriegziele 1914-1918 warfen auch die Frage einer
Kontinuität bis zu den nationalsozialistischen Eroberungsplänen
auf sowie die Frage der Verankerung dieser Politik in gesell-
schaftlichen und politischen Strukturen, die mindestens bis ins
19. Jahrhundert zurückreichten. 7
Von Bedeutung filr die Herausbildung einer kritischen Orien-
tierung unter einer jüngeren Generation von Historikern, die nach
dem Zweiten Weltkrieg ausgebildet wurden und eine größere
Distanz zur Vergangenheit hatten als ihre Lehrer, die ihre Karrie-
re im Dritten Reich begonnen hatten, war die Veröffentlichung
der Aufsätze von Eckart Kehr aus der späten Weimarer Zeit und
die Wiederveröffentlichung seiner Doktorarbeit »Schlachtflot-
tenbau und Parteipolitik« von 1930, die Hans-Uirich Wehler
1965 und 1966 besorgte8 und die im Kontext der von Fischers
Die Historische Sozialwissenschaft 67

Arbeiten entfachten Kontroverse um die deutsche Vergangenheit


standen. Grundlegend fUr Kehr, der 1933 dreißigjährig starb, und
filr die jungen Historiker, die in den sechziger Jahren seine Ideen
wieder aufnahmen, war die These einer ungleichzeitigen Ent-
wicklung in Deutschland seit dem Hohenzollemstaat des 18.
Jahrhunderts. Demzufolge setzte sich ))die deutsche Industriali-
sierung im Gehäuse des traditionalen Obrigkeitsstaats«' durch,
dessen Werte und Leitbilder einer älteren, vorindustriellen Ge-
sellschaft und Kultur entstammten. Die deutsche Politik, die zum
Ersten Weltkrieg fiihrte, war darum filr Kehr, Fischer und Wehler
ein Resultat der Spannungen, die aus dem Widerspruch zwischen
wirtschaftlicher und sozialer Modemisierung auf der einen und
politischer Rückständigkeit auf der anderen Seite entstanden wa-
ren.
Für Kehr und Wehler hat die Geschichtswissenschaft eine
bewusst kritische Funktion, die filr Wehler, der sich auf Hork-
heimer und die Kritische Theorie beruft, darin besteht, die beste-
henden Verhältnisse an dem Maßstab einer vernünftigen Gesell-
schaft zu messen. 10 Obwohl Wehler sich im Gegensatz zu Kehr
betont von Marx distanziert, geht er von dem Gedanken aus, dass
die Entwicklung der deutschen Gesellschaft durch die Dauerhaf-
tigkeit struktureller sozialer Ungleichheit 11 bestimmt worden ist.
Wehler, wie schon Kehr, liest aber Marx mit den Augen von
Max Weber, indem er Herrschaft, Wirtschaft und Kultur als
))drei, in einem prinzipiellen Sinn jede Gesellschaft erst formie-
rende, sich gleichwohl wechselseitig durchdringende und bedin-
gende Dimensionen« auffasst. 12
Im scharfen Gegensatz zu der Modemitätskritik, die sich in
der westlichen Geschichtsschreibung der sechziger Jahre durch-
setzt, beurteiltWehler-und zwar mit noch größerer Zuversicht
als Weber, der sich der Widersprüchlichkeit dieses Prozesses
bewusst war - den unaufhaltsamen Drang zur Modemisierung
positiv. Die deutsche Tragödie besteht fiir ihn in der unvoll-
kommenen Modemisierung. Wirtschaftlich bedeute der Moder-
nisierungsprozess die ))Durchsetzung des Kapitalismus bis hin
zum hoch entwickelten Industriekapitalismus«, filr Wehler »ein
Basisprozess der deutschen Gesellschaftsgeschichte« 1\ der seit
dem späten 18. Jahrhundert die deutsche Geschichte unaufhalt-
sam geformt hat. Den ))Maßstab dieser Modemisierung« bildet
68 ))Linguistische Wende«

das »Vordringen >marktbedingter< und schließlich >sozialer


Klassen<«. Kulturell bedeutet diese Modernisierung die »Aus-
dehnung des Zweck-Mittei-Denkens einer instrumentellen Ver-
nunft«, die den Geist des Kapitalismus verkörpert, politisch be-
deutet sie die »Durchsetzung des bürokratischen Anstaltsstaa-
tes<<.14 Soweit Marx durch die Augen von Weber gesehen. Was
Wehler am Anfang seiner wissenschaftlicher Karriere in den
sechziger Jahren, aber auch noch in den ersten beiden Bänden
der »Deutschen Gesellschaftsgeschichte« in den späten achtziger
Jahren zuversichtlich stimmt, das ist der Glaube, dass die Ent-
wicklung in der Bundesrepublik Deutschland in die Richtung
eines modernen, demokratischen Sozialstaats filhrt.
Wissenschaftstheoretisch geht die Geschichtsforschung und
Geschichtsschreibung, wie sie von Wehler, Kocka und den ihnen
nahe stehenden kritischen Sozialhistorikern praktiziert wird, von
zwei »erkenntnisleitenden lnteressen« 1s aus, nämlich dass die
Geschichtswissenschaft eine Historische Sozialwissenschaft ist,
der es »um eine problemorientierte Analyse wichtiger Prozesse
und Strukturen« geht, und dass zwischen wissenschaftlicher For-
schung und gesellschaftlicher Praxis ein enger Zusammenhang
besteht. Die Historische Sozialwissenschaft geht dabei von zwei
Konzeptionen aus, die in einer Webersehen Umdeutung des
Marxschen Begriffs der Gesellschaftsformationen und der Auf-
fassung eines einheitlichen abendländischen Geschichtsprozesses
wurzeln. »Gesellschaftsgeschichte« wird im weiten Sinn ver-
standen als die Geschichte sozialer, politischer, ökonomischer,
aber auch soziokultureller und geistiger Phänomene. Das zentra-
le Thema ist die Erforschung und Darstellung von Prozessen und
Strukturen gesellschaftlichen Wandels. »So gesehen ist Gesell-
schaftsgeschichte über weite Strecken Sozialstrukturgeschich-
te«.16 Die politische Verantwortung beruht auf der Verpflichtung
auf die Kategorien einer Kritischen Theorie im Sinne von Max
Horkheimer oder Jürgen Habermas, »die mit dem Interesse an
einer vernünftig organisierten zukünftigen Gesellschaft die ver-
gangene und gegenwärtige kritisch durchleuchtet« 17 Die Moder-
nisierungsidee, wie sie von Wehler vertreten wird, enthält in der
Verknüpfung mit der Kritischen Theorie den normativen Gedan-
ken, der Wissenschaft mit politischen Werten verbindet, nämlich
dass der Industrialisierung, als Hauptmoment der ökonomischen
Die Historische Sozialwissenschaft 69
Modemisierung, »mit ihrer permanenten technologischen Revo-
lution, institutionellen Umformung und sozialen Veränderung
eine Entwicklung in Richtung auf eine Gesellschaft rechtlich
freier und politisch verantwortlicher, mündiger Staatsbürger«
entspricht. Die Hauptaufgabe einer deutschen Gesellschaftsge-
schichte ist es zu ergründen, warum diese Entwicklung in
Deutschland anders als in Westeuropa und mit der Konsequenz
1933 stattfand. 18
Diese Verbindung einer analytischen Wissenschaft der Ge-
schichte mit der Bejahung eines demokratischen Sozialstaates
setzte sich in der Bundesrepublik in den sechziger und siebziger
Jahren durch, also zu einer Zeit, als diese Werte in den westli-
chen Gesellschaften, die Wehler gewissermaßen als Muster dien-
ten, in intellektuellen Kreisen zunehmend in Frage gestellt wur-
den. Dies hatte auch etwas damit zu tun, dass in Deutschland die
Auseinandersetzung mit den Traditionen des klassischen Histo-
rismus in der Geschichtswissenschaft noch keineswegs abge-
schlossen war. ln den siebziger Jahren erhielt die neue Richtung
der Gesellschaftsgeschichte jedoch eine solide institutionelle
Basis. Das Monopol des klassischen Historismus an den Univer-
sitäten wurde gebrochen. Die 1971 gegründete Universität Biete-
feld, an die Wehler berufen wurde, wurde eine Stätte filr inter-
disziplinäre Forschung;• der Zusammenarbeit von Sozial- und
Geisteswissenschaftlern ähnlich wie in der Ecole des Hautes
Etudes en Seiences Sociales, dem Heim der »Annales«, aber mit
anderen sozialen und politischen Erkenntnisinteressen. Mit der
Gründung der Monographienreihe »Kritische Studien zur Ge-
schichtswissenschaft« ( 1972) und der Zeitschrift »Geschichte
und Gesellschaft« ( 1975) wurde ein breites Netz von Publikati-
onsmöglichkeiten geschaffen. Die Historiker aus diesem Kreis
haben sich vornehmlich empirischen Untersuchungen zur Ge-
schichte der deutschen Arbeiter, Angestellten und später zuneh-
mend des deutschen Bürgertums gewidmet.
Forschungsgegenstände und Fragestellungen waren anders als
in der amerikanischen »Social Science History« oder bei den
»Annales«. Im Gegensatz zu den meisten »Annales«-Arbeiten
liegt der Schwerpunkt nicht auf der vorindustriellen Welt und
auf über lange Zeiträume stabilen Strukturen, sondern auf den
raschen Prozessen des Wandels in den lndustriegesellschaften.
70 ))Linguistische Wendecc

Gleichzeitig besteht filr die Historische Sozialwissenschaft eine


enge Verbindung zwischen sozialen und politischen Strukturen
und Prozessen. Man ist bereit sich quantitativer Methoden zu
bedienen, jedoch mit größerer Zurückhaltung als die amerikani-
sche ))New Social History« oder die französische ))histoire seriel-
le«. Die eigentlichen Ahnen der Historischen Sozialwissenschaft
sind Deutsche, Marx, Weber und ihre Vermittler in der Weima-
rer Republik und der Emigration-Historiker wie Eckart Kehr und
Hans Rosenberg, die sich mit dem Problem der vereitelten oder
verspäteten Demokratisierung Deutschlands beschäftigten. Die
Wissenschaftsauffassung der Historischen Sozialwissenschaft ist
daher eine andere als die der ))Social Science History«. In der
Tradition der deutschen Geistes- und Sozialwissenschaften defi-
niert sie eine Gesellschaft viel stärker an Hand ihrer Werte und
Lebensanschauungen, dementsprechend muss eine Gesellschafts-
wissenschaft, wie sie sie versteht, hermeneutische mit analyti-
schen Verfahrensweisen verbinden.
Obwohl Wehler Kultur als ))gleichberechtigte, kontinuierlich
durchlaufende Dimension von Gesellschaft« neben Herrschaft
und Wirtschaft stellt und sie anthropologisch als einen Komplex
symbolischer Interaktionen 20 definiert, ist ihm immer wieder
vorgeworfen worden, dass er die kulturelle Seite der Geschichte
vernachlässige. In seiner Gesellschaftsgeschichte verschwinden
die Menschen hinter den Strukturen, und Kultur wird ausschließ-
lich in ihren organisierten Formen wie Kirchen, Schulwesen,
Universitäten und dem Vereinswesen behandelt. Die Formen des
täglichen Lebens werden kaum untersucht; als Aspekte der Frau-
enfrage werden lediglich Eherecht, Frauenarbeit und Frauenbe-
wegung kurz erwähnt. 21 Die Gesellschaftsgeschichte arbeitet mit
Makroaggregaten, in denen kaum Platz filr existentielle Lebens-
erfahrungen ist. Tatsächlich räumt Wehler in seiner Deutschen
Gesellschaftsgeschichte beispielsweise den Frauen und dem All-
tag weniger Platz ein als es Thomas Nipperdey tut, der in seiner
Deutschen Geschichte von 1800--1918 einerseits zu einer narra-
tiven Politikgeschichte zurückkehrt, andererseits aber dem tägli-
chen Leben, einschließlich der Geschlechterproblematik, aus-
filhrlichere Abschnitte widmet als Wehler. 22
Man muss allerdings bedenken, dass Wehlers Arbeiten- ähn-
lich wie die Braudels - als große zusammenfassende Entwürfe
Die Historische Sozialwissenschaft 71

und nicht als empirische Arbeiten gedacht sind, als Gesell-


schafts- und nicht als Sozialgeschichte. Wehlers Konzeption ei-
ner kritischen Sozialgeschichte hat aber den Anstoß zu einer Fül-
le von empirischen sozialgeschichtlichen Untersuchungen und
Diskussionen gegeben. Im Mittelpunkt dieser Untersuchungen
steht der Industrialisierungsprozess mit seinen Auswirkungen auf
soziale Klassen und Schichten, auf Arbeiter, Angestellte und das
Bürgertum. Dieses Interesse fiir die Folgen der Industrialisierung
ist in Deutschland nicht neu. Es war schon das zentrale Anliegen
des 1957 von Werner Conze gegründeten ••Arbeitskreises fiir
moderne Sozialgeschichte«, dem damals viele der jüngeren kriti-
schen Sozialhistoriker angehört haben (und heute noch angehö-
ren) und in dessen Veröffentlichungsreihe viele ihrer Arbeiten
erschienen sind. Die kritische Sozialgeschichte brachte aber eine
neue Nuance in die Forschung, eben die politische Perspektive
mit dem Blick auf die deutsche Vergangenheit und eine viel
stärkere Verbindung von Theorie und Empirie. Die Themen, die
die kritischen deutschen Sozialhistoriker der siebziger Jahre be-
schäftigten, besonders die Arbeitergeschichte, besaßen insbeson-
dere in England, aber auch in Amerika eine lange Tradition, und
wurden in den siebziger und achtziger Jahren in Frankreich auf-
genommen. Aber meist fehlte ihnen der deutliche Bezug auf
Theorien des strukturellen Wandels, die in den deutschen Arbei-
ten einen wichtigen Platz einnahmen, wo sehr bewusst betont
wurde, dass es die Aufgabe des Historikers sei, nicht nur zu er-
zählen, sondern auch zu erklären. Jürgen Kocka formulierte es
so: ••Insgesamt ist nicht zu bezweifeln, dass vergangene Ge-
schichte erst dann richtig begriffen ist, wenn der Zusammenhang
von Strukturen und Prozessen einerseits, Erfahrungen und Hand-
lungen andererseits verstanden und erklärt werden kann.(( 23
Jürgen Kocka hat schon in den späten sechziger Jahren einen
ersten großen Versuch gemacht, theoretische Modelle fiir die
Analyse sozialgeschichtlicher Entwicklungen heranzuziehen.
Am Beispiel des Großunternehmens Siemens 1847-191424 wird
nicht nur das generelle Problem der Herausbildung einer An-
gestelltenschaft analysiert, sondern auch der Webersehe Ideal-
typus der Bürokratie in der Privatwirtschaft überprüft. In dieser
Arbeit und noch mehr in seiner vergleichenden Untersuchung
der Angestellten in Deutschland und Amerika 1890-194()2S, in
72 »Linguistische Wende<<

der es ihm um eine Erklärung der Antllligkeit der deutschen


Angestellten filr den Nationalsozialismus ging, wird betont der
Versuch gemacht, über objektive Strukturen und Prozesse hinaus-
zugehen und diese mit dem politischen Bewusstsein der Betrof-
fenen zu verbinden. Diese Verbindung von Arbeitsverhältnissen
und Arbeiterexistenzen und darOber hinaus von Arbeiterkultur
spielt eine zunehmende Rolle in den empirischen Arbeiten der
siebziger und achtziger Jahre, die sich mit dem Arbeiterleben,
z. B. mit Wohnverhältnissen, Freizeit und Familie beschäftigen.
Der Begriff der Klasse nimmt in vielen dieser Arbeiten, auch bei
Kocka, einen entscheidenden Platz ein. Ihm liegt eine Konzepti-
on sozialer Schichten zu Grunde, die den Marxschen Klassen-
begriff modifiziert, jedoch die enge Verbindung von Klassenbe-
wusstsein und Produktionsverhältnissen in einem höheren Maße
voraussetzt als das bei Max Weber der Fall ist, fiir den Stand und
Ehre auch in der Industriegesellschaft noch einen bedeutenden
Platz einnehmen. Aber die empirischen Arbeiten über die Arbei-
terschaft. etwa die Untersuchungen von Niethammer, Tenfelde
und Brüggemeier in den siebziger Jahren über die Lebensbedin-
gungen der Bergarbeiter an der Ruhr,26 fUhren notwendigerweise -
z. B. bei der Beschäftigung mit der polnischen Zuwanderung in
das Ruhrgebiet - zu Faktoren wie Ethnizität und Religion, die
das stark von Marx beeinflusste Klassenkonzept wenn nicht
sprengen, so doch grundsätzlich modifizieren.
Diese Erweiterung der Sozialgeschichte von einer Geschichte
sozialer Strukturen und Prozesse zu einer Geschichte von Leben
und Kultur war nicht auf die bundesdeutsche Geschichtswissen-
schaft beschränkt. Ausgehend von einem klassisch marxistischen
Klassenbegriff zeigt Hartmut Zwahr in seiner 1974 in der DDR
abgeschlossenen, auf empirischen Massendaten beruhenden Un-
tersuchung »Zur Konstituierung des Proletariats als Klasse.
Strukturuntersuchungen über das Leipziger Proletariat während
der industriellen Revolution<<, wie sich strukturelle Prozesse in
zwischenmenschlichen Verhältnissen, nämlich in Familien- und
Freundschaftsbeziehungen und im gesellschaftlichen Bewusst-
sein widerspiegeln. Auch in Amerika, Frankreich und Italien
und, wie wir sehen werden, besonders in England, bewegte sich
die Sozialgeschichte zunehmend von den Strukturen zu den Le-
benswelten. ln Amerika haben in den sechziger und siebziger
Die Historische Sozialwissenschaft 73

Jahren mit dem Computer durchgeflihrte Untersuchungen sozia-


ler Mobilität eine große Rolle gespieltY In den siebziger Jahren
begannen dann Arbeiten wie die von Herbert Gutman/8 ähnlich
wie die von Edward P. Thompson in England, die kulturellen
und lebensweltlichen Traditionen, mit denen eine höchst hetero-
gene Bevölkerung in den Industrialisierungsprozess eintrat. zu
betonen. Die quantitativen Wahlforschungen, die amerikanische
Politologen seit den fllnfziger Jahren unternahmen, um die Zu-
sammensetzung der Wählerschaft in den Präsidentschafts- und
Kongresswahlen des 19. und 20. Jahrhunderts herauszuarbeiten,
flihrten ähnlich wie die Analysen der nationalsozialistischen
Wahlerfolge zu der Erkenntnis, dass herkömmliche Klassenbe-
griffe nicht ausreichen, um Wahlverhalten zu erklären. Der Weg
flihrte von sozialen zu kulturellen, religiösen, regionalen, in
Amerika zunehmend zu ethnischen und geschlechtsspezifischen
Faktoren.
Exemplarisch filr die Neuorientierung der sozialgeschichtli-
chen Forschungen in der Bundesrepublik in den achtziger Jahren
sind die vergleichenden Untersuchungen über das europäische
Bürgertum im 19. Jahrhundert, die Jürgen Kocka in Zusammen-
arbeit mit einem großem internationalen Kreis von Sozial- und
Geisteswissenschaftlern, darunter auch Wissenschaftlern aus
dem ehemaligen Ostblock, unternommen hat. 29 Hier wird eine
Definition, die primär vom ökonomischen Status des Bürgertums
ausgeht, von einer Konzeption abgelöst, die Bürgertum eng mit
Bürgerlichkeit verbindet, die in letzter Instanz nur mit Begriffen
wie Bildung, Ehre und Verhaltensweise gefasst werden kann.
Strukturen und Prozesse, die quantitativen Methoden und stren-
ger Begrifflichkeil zugänglich sind, werden keineswegs negiert,
aber humanisiert und mit einem Inhalt gefilllt, der Lebensweisen
in den Mittelpunkt stellt.J0 Als ein Beispiel filr die enge Verbin-
dung von Struktur- und Erfahrungsgeschichte, von quantitativen
und hermeneutischen Methoden kann Dorothee Wierlings Buch
»Mädchen ftlr alles. Arbeitsalltag und Lebensgeschichte städti-
scher Dienstmädchen um die Jahrhundertwendecc ( 1987) dienen.
Der Dienstmädchenberuf wird hier als Erscheinung einer sich im
Prozess der Industrialisierung und Modernisierung wandelnden
Gesellschaft gesehen. In diesem Übergang ermöglichten die
Dienstmädchen einen Lebensstil, den Dorothee Wierling »bür-
74 ))Linguistische Wendecc

gerlich« nennt. Sie hatten Anteil an dem bedeutsamen histori-


schen Wandels von einer agrarisch-feudalen zu einer städtisch-
kapitalistischen Gesellschaft. Die Hereinnahme der Diensbnäd-
chenperspektive in die Darstellung bezweckt, »die unterschiedli-
chen, jeweils subjektiven Deutungen einer historischen Situation,
eines gesellschaftlichen Wandels durch die Beteiligten als Ele-
mente einer komplexen Erfahrung von Geschichte ... zum Ge-
genstand historischer Forschung zu machen«. 31 Diese erfordert
die Verbindung neuer Quellen, wie den aus Interviews gewon-
nenen Lebensgeschichten, mit den klassischen Quellen und Me-
thoden der historischen Sozialwissenschaft. Auch die Österrei-
chische Variante einer kritischen >historischen Sozialwissen-
schaft<, wie sie von Michael Mitterauer und seinen Mitarbeitern
seit seiner Berufung nach Wien 1971 vertreten wird, verbindet
sozialstrukturelle Sichtweisen mit einer Berücksichtigung von
Lebenserfahrungen. Die »Gruppe Mitterauer« hat in einem noch
höherem Maß als die »Bielefelder Schule«, die doch eng mit
deutschen geistigen Traditionen, in erster Linie mit einem durch
Webersehe Augen gesehenen Marx verbunden ist, quantifizie-
rende Methoden nach angloamerikanischem und französischem
Muster rezipiert. Dabei spielt die Historische Demographie, wie
sie in England und Frankreich entstanden ist. eine besondere
Rolle. Zum ersten Mal wurden im deutschsprachigen Raum in
großem Maßstab computergestützte Auswertungen von Massen-
quellen durchgetllhrt. Im Gegensatz zu der Historischen Demo-
graphie, wie sie in England von der »Cambridgc Group for the
History of Population and Social Structure«, in Frankreich von
der Gruppe um Louis Henry praktiziert wird, wird hier aber der
Geschichte der modernen Familie und dem Modernisierungs-
prozess größeres Gewicht zugemessen. Dabei verbindet man
sozialstruktureHe Aspekte stärker mit demographischen als es in
England und meist auch in Frankreich der Fall ist. Themen wie
Pubertät, Sexualität und Jugend kommen zur Sprache, statisti-
sche Methoden werden mit der Rekonstruktion individueller Le-
bensläufe durch Oral History-Methoden verbunden. 32
Die marxistische Geschichtswissenschaft 15

3. Die marxistische Geschichtswissenschaft vom


Historischen Materialismus zur kritischen Anthropologie

Mit dem Zusammenbruch der realsozialistischen Systeme, die


sich als Verkörperungen marxistischer oder marxistisch-leninis-
tischer Ideen betrachteten, stellt sich selbstverständlich die Fra-
ge, ob der Marxismus nicht nur als Gesellschaftssystem, sondern
auch als wissenschaftliche Methode seine Relevanz verloren hat.
Der Beitrag des Marxismus zur modernen Geschichtswissen-
schaft darf nicht unterschätzt werden. Ohne Marx sind weder die
Historische Sozialwissenschaft noch Weber denkbar, ebenso wenig
die Hauptformen moderner Kulturgeschichte, wie wir im folgen-
den Abschnitt sehen werden. Es bestehen durchaus fundamentale
Ähnlichkeiten zwischen den Wissenschaftskonzepten der Histo-
rischen Sozialwissenschaft und den Haupttraditionen der marxis-
tischen Geschichtsschreibung. Beiden sind drei Voraussetzungen
gemeinsam. Die erste Gemeinsamkeit besteht in der Annahme,
dass es eine Logik der Forschung gibt, die filr alle Wissenschaf-
ten verbindlich ist. In dieser Hinsicht bilden Gesellschafts- und
Naturwissenschaften eine Einheit. Hier wie da ist Wissenschaft-
lichkeit gleichbedeutend mit analytischen Verfahrensweisen, die
auf Erklärung der Erscheinungswelt zielen. Das ist auch der
Standpunkt des logischen Positivismus, von dem Historische
Sozialwissenschaft und Marxismus sich aber darin unterschei-
den, dass filr sie die soziale Welt nur als Geschichte verstanden
werden kann. So sieht es auch der klassische Historismus von
Ranke bis Dillbey und Meinecke. Nur dass die Historische Sozial-
wissenschaft die Trennung ablehnt, die der Historismus zwi-
schen den erklärenden, analytischen Methoden und den Erkennt-
niszielen der Naturwissenschaften auf der einen, den verstehen-
den, hermeneutischen Methoden und den Erkenntniszielen der
historischen Wissenschaften auf der anderen Seite macht, und
eine Wissenschaft von der Gesellschaft anstrebt, die herme-
neutische und analytische Verfahrensweisen verbindet. Darüber
hinaus verbindet Marxismus und Historische Sozialwissenschaft
der Gedanke, dass Gesellschaft und Geschichte eine innere
Kohärenz besitzen. Für beide besteht diese in dem BegritT einer
Gesellschaftsformation und einer sich vorwärts bewegenden
Entwicklung, wie sie in der marxistischen Stufenlehre, der
76 >>Linguistische Wendecc

Webersehen Rationalisierungs- oder der Wehlerschen Moderni-


sierungskonzeption fonnuliert werden. Der dritte Gedanke, der
Historischer Sozialwissenschaft und Marxismus gemeinsam ist,
ist die Ablehnung einer wertfreien, neutralen Wissenschaft, wie
der logische Positivismus und Max Weher sie auf unterschiedli-
che Art postulieren. Der diffuse Begriff der Dialektik bedeutet in
diesem Zusammenhang, dass die Wirklichkeit nicht das ist, als
was die empirischen Wissenschaften sie darzustellen versuchen,
sie vielmehr in ihrer Ganzheit verstanden werden muss. Diese
Ganzheit setzt die Kohärenz von Gesellschaft und Entwicklung
voraus. Jede empirische Erscheinung muss im Rahmen dieser
Totalität verstanden werden. Damit ist auch eine nonnative Per-
spektive verbunden, ohne die weder die Historische Sozialwis-
senschaft noch der Marxismus verstanden werden können, der
Gedanke einer vernünftig organisierten, von Antagonismus und
Beherrschung befreiten Gesellschaft. Jedem, der das erste Kapi-
tel des »Kapitals« von Marx liest, das in dem Abschnitt über den
Warenfetischismus endet, wird deutlich, dass damit gleichzeitig
die ökonomischen und zugleich die menschlichen Widersprüche
des Kapitalismus aufgedeckt werden sollen, wie der Untertitel
»Kritik der politischen Ökonomieee auch schon andeutet. Ähnlich
wie die Historische Sozialwissenschaft wurde in den siebziger
und achtziger Jahren aber auch der Marxismus zunehmend zu
einer Überprüfung seiner makrogesellschaftlichen und makrohis-
torischen Voraussetzungen gezwungen.
Die Geschichte des Marxismus als wissenschafilicher Theorie
ist seit ihren Anfängen durch den Widerspruch gekennzeichnet
zwischen dem Anspruch des Historischen und Dialektischen Ma-
terialismus, strenge Wissenschaft im Sinne der Naturwissen-
schaften zu sein, und einer gesellschaftskritischen Perspektive,
die diesen Drang zur Objektivität als eine fonn des Positivismus
ablehnt. Es ist eine Schwäche des Marxismus gewesen, dass er
sich zu lange an einem positivistischen Wissenschaftsbild orien-
tiert hat. Der Materialismus, wie er von Friedrich Engels im
»Anti-Dühringee und in der »Dialektik der Naturee vertreten wird,
bedeutet eine Weitsicht, die trotz ihrer Berufung auf Dialektik,
die Welt teils in mechanistischen, teils in darwinistischen Begrif-
fen versteht. Marx gab Grund zu einer solchen Sicht, als er den
Verlauf der Weltgeschichte in seinem immer wieder zitierten
Die marxistische Geschichtswissenschaft 77
Vorwort zur »Kritik der politischen Ökonomie« (1859) als einen
von Gesetzen determinierten und relativ mechanisch von der
ökonomischen Basis bedingten Prozess darstellte. 31 Während
Marx durch seine problemorientierte, interdisziplinäre Gesell-
schaftsauffassung einerseits die Möglichkeiten einer wissen-
schaftlichen Beschäftigung mit Geschichte vorantrieb, schränkte
er sie andererseits durch sein geschichtsphilosophisches Schema
ein, das die Resultate der empirischen Forschung in hohem Maße
vorbestimmte.
Mit der bolschewistischen Revolution und der Etablierung des
realen Sozialismus wurde diese Geschiehtsauffassung Grundlage
einer offiziellen Ideologie, des Marxismus-Leninismus. Dieser
unterschied sich schon durch die institutionelle Basis, die er in
einem diktatorischen Regime erhielt, von dem Marxschen Mar-
xismus. Die Vormachtstellung der Partei ermöglichte die weitere
Dogmatisierung der Marxschen Philosophie. Theoretiker sprachen
von der >>Einheit des Logischen und Historischen« und postulier-
ten, »dass sich Geschichte als ein naturhistorischer, einheitlicher
Prozess in einem gesetzmäßigen Zusammenhang vollzieht«,].t
der »in der Gegenwart gleichbedeutend ist mit der Überzeugung
vom unaufhaltsamen Sieg des Sozialismus und Kommunis-
mus«.lS Die zentrale Rolle der Partei ftlhrte auch zu einer erhöh-
ten lnstrumentalisierung der Geschichtswissenschaft als »ideolo-
gische Hauptwaffe ... des Klassenkampfes«. 16
Ein großes Manko von Marx' eigener Geschichtsschreibung,
das auch die Geschichtsschreibung in den realsozialistischen
Ländern belastete, ist der Umstand, dass es ihm nicht gelang,
über eine schematische Verbindung von Theorie und Darstellung
hinauszukommen. Dies wird im »Achtzehnten Brumaire« offen-
sichtlich. Die Klassenbegriffe entbehren einer präzisen empiri-
schen Grundlage; der Zusammenhang von Politik und Gesell-
schaft wird hypostasiert. Was bleibt, ist dann eine Geschichte
von oben, die sich auf die Handlungen und Entscheidungen fUh-
render Persönlichkeiten konzentriert. Was sie von der so genann-
ten bürgerlichen Geschichtsschreibung unterscheidet, ist ihre po-
litische, polemische Haltung und Bewertung. Dieses Grundmus-
ter marxistisch-leninistischer Geschiehtsauffassung hat weitge-
hend eine Sozialgeschichte verhindert, die es hätte unternehmen
können, mit marxistischen Fragestellungen gesellschaftliche
78 »Linguistische Wende((

Zusammenhänge zu untersuchen, oder die sich mit dem Leben


der breiten Schichten der Bevölkerung beschäftigt hätte. Für die
Arbeitergeschichte bedeutete das Grundmuster häufig eine Ge-
schichte einer parteigelenkten Bewegung. Dafilr sei ein groteskes
Beispiel erwähnt: die achtbändige »Geschichte der deutschen
Arbeiterbewegung« von 1968, die sich insbesondere auf die Ar-
beiten von Marx, Engels, Lenin und die »Beschlüsse der Partei
der Arbeiterklasse und die Reden und Aufsätze filhrender Funk-
tionäre der deutschen Arbeiterbewegung« beruft. 37
Mit dem Zusammenbruch des realen Sozialismus musste die-
se Art von Geschiehtsauffassung und Geschichtsschreibung ihre
Relevanz völlig einbüßen. Schon vorher hatten Historiker in den
sozialistischen Ländern mit der einsetzenden Krise der realsozia-
listischen Systeme seit den siebziger Jahren (in Polen noch frü-
her), in Forschungsgebieten, die nicht direkt an heikle politische
Fragen rührten, eine Öffnung zur internationalen Geschichtswis-
senschaft gesucht, ohne unbedingt ihre marxistische Grundorien-
tierung aufzugeben, In manchen Fällen hatten sie diese sogar
weiterentwickeJt.ll Das hat zu wichtigen Beiträgen in der inter-
nationalen Forschung gefuhrt. Ich denke dabei besonders an Witold
Kulas Versuch in seiner »Ökonomische Theorie des Feudalis-
mus«,39 die Handlungslogik eines Beziehungssystems auszuar-
beiten, um so das ftlr den Feudalismus zu leisten, was Marx filr
den Kapitalismus geleistet hatte. Genannt sei auch nochmals der
Versuch Hartmut Zwahrs in seinem Buch Ober die Konstituie-
rung des Leipziger Proletariats als Klasse, Makrofragen mit Fra-
gen der Handlungen von Menschen in Verbindung zubringen.
Marxistisches Gedankengut spielte des Weiteren unter Histo-
rikern und Historikerinnen in westlichen Ländern, besonders in
Italien, Lateinamerika, Frankreich und Japan, aber auch in Groß-
britannien,40 eine wichtige Rolle. Der Marxismus befand sich
aber auch dort in einer tiefen Krise. Dennoch scheinen parado-
xerweise die Krise und die steigende Relevanz des Marxismus in
den westlichen Ländern eng miteinander verbunden gewesen zu
sein.
Was den Marxismus im Westen interessant machte, war seine
kritische Haltung zu den Verhältnissen in einer modernen kapita-
listischen Industriegesellschaft und sein politisches Engagement
filr die sozial Benachteiligten. Andererseits stellten eben diese
Die marxistische Geschichtswissenschaft 79
Verhältnisse in einem postindustriellen Zeitalter die Grundan-
schauungen, auf denen der Marxismus beruhte, in Frage. Diese
waren tief in der Welt des 19. Jahrhunderts verankert, in An-
schauungen, die Marx und die Marxisten mit der bürgerlichen
Gedankenwelt, die sie ablehnten, teilten. Dazu gehörte der Glaube
an unbeschränktes Wachstum aufgrund technisch-wissenschaft-
lichen Fortschritts und das Bestreben, die europäische Zivilisati-
on weltweit zu verbreiten. Gleichzeitig erschien sozialkritischen
Denkern des postindustriellen Zeitalters die Marxsche Konzen-
tration auf Makroaggregate wie Produktivkräfte, Klassen und
Staat zu restriktiv angesichts außerökonomischer und außerstaat-
licher Formen der Ausübung von Macht und Beherrschung im
alltäglichen Leben, einschließlich der Geschlechterbeziehungen.
Im Westen begannen sich marxistische Denker schon kurz
nach dem Ersten Weltkrieg der Grenzen des Historischen Mate-
rialismus bewusst zu werden, wie er von der marxistischen Or-
thodoxie seit den Spätwerken von Friedrich Engels und nach ihm
vom Marxismus-Leninismus interpretiert worden war. In den
zwanziger Jahren verlagerten u. a. Antonio Gramsci, György
Lukäcs und Karl Korsch das Schwergewicht der Kritik am Kapi-
talismus von der Ökonomie auf die Kultur. Für Lukacs war »Das
Kapital« von Marx eine Kritik am ökonomistischen Denken des
Kapitalismus und an seiner Rationalität, in dem alle menschli-
chen Beziehungen »verdinglichh< wurden. 41 Diese kulturelle In-
terpretation der Marxschen Kritik an der modernen kapitalisti-
schen Gesellschaft wurde durch die Veröffentlichung der Pariser
Manuskripte 1932, in denen Marx 1844 den Entfremdungs-
begriff in den Mittelpunkt seiner Kritik stellt, bestätigt.42 Diese
Kritik bildet auch den Kern des Marx-Verständnisses der Kriti-
schen Theorie der Frankfurter Schule. Ihre Vertreter arbeiteten
ebenfalls mit einem Wissenschaftsbegriff, der den positivisti-
schen Objektivismus, der im orthodoxen Marxismus und Mar-
xismus-Leninismus ausschlaggebend war, durch einen Versle-
hensbegriff ersetzte, der von der Voraussetzung ausgeht, dass
menschliche Gesellschaften Wertsysteme verkörpern, deren Be-
deutung »verstanden« werden müsse.
In der marxistischen Geschichtsschreibung der westlichen
Länder bildeten sich nach dem Zweiten Weltkrieg zwei Haupt-
richtungen aus, eine strukturalistische und eine kulturalistische,
80 »Linguistische Wende<<

die aber oft ineinander übergingen. Die strukturalistische Rich-


tung ist der Marxschen Basis/Überbau- und der Stufenlehre noch
eng verhaftet. Das zentrale Problem, das Historiker wie Dobbs,
Sweezy, Bois, Brenner und Wallerstein interessiert, ist der Über-
gang vom Feudalismus als Gesellschaftsformation zum Kapita-
lismus.43 Obwohl die Stufenlehre zu dogmatischen Einseitigkei-
len fiihren konnte, hat sie in den fiinfziger und sechziger Jahren
zu regen und fruchtbaren Diskussionen mit nichtmarxistischen
Wirtschafts- und Sozialhistorikern über die Entstehung eines
modernen Wirtschaftssystems und einer modernen Gesell-
schaftsordnung gefilhrt. 44 Diese Diskussionen sind längst ab-
geflaut. Aber die Konzeption des Kapitalismus als eines in der
Neuzeit entstandenen Weltsystems hat begriffliche Instrumente
zum Problem der Abhängigkeit und Unterentwicklung der Dritten
Welt geliefert, z. B. filr die lateinamerikanischen Dependencia-
Theorien. 4s
Während filr die häufig an Althusser46 orientierten Struktura-
listen die objektiven sozialen Verhältnisse filr die Entwicklung
des Klassenbewusstseins ausschlaggebend sind, spielt filr eine
große Anzahl englischsprachiger und italienischer Marxisten
(Thompson, Rude, Hobsbawm, Genovese; Ginzburg, Levi, Poni)
Bewusstsein eine entscheidende Rolle.
Sie unterscheiden sich darin nicht nur von den strukturalis-
tischen Marxisten und den Hauptströmungen der empirischen
amerikanischen Sozialwissenschaften, sondern auch von der
Mentalitltsgeschichte der ))Annales« und von der Historischen
Anthropologie von Levi-Strauss oder Clifford Geertz. 41 Der
Schwerpunkt ihrer Untersuchung bleibt der Klassenkampf oder,
besser gesagt, das Problem der Herrschaft. Marxistisch bleibt die
Betonung des Verhältnisses zwischen Bewusstsein und Produk-
tionsweise und des Konfliktes zwischen denen, die Herrschaft
ausüben, und denen, die beherrscht werden. Neu ist die Hervor-
hebung von Bewusstsein und Kultur als entscheidenden Faktoren
im sozialen Handeln. Entscheidend sei, wie die Menschen ihre
Lage erleben. Im Gegensatz zu den systematischen Sozialwis-
senschaften wird das spezifisch Historische als Sinnzusammen-
hang betont. Geschichte wird jetzt »von unten« betrachtet. Im
Gegensatz zur Historischen Anthropologie und zur Mentalitäts-
geschichte, die den politischen Zusammenhang weitgehend aus-
Die marxistische Geschichtswissenschaft 81

klammem und ein kollektives Bewusstsein und kollektive Hand-


lungsmuster postulieren, gehen kulturorientierte Marxisten wei-
ter vom Konfliktcharakter aller Gesellschaften aus. Dieser Kon-
flikt ist politischer Natur, obwohl er nicht immer die Form offe-
ner Auseinandersetzung annimmt, sondern sich in Widerständen,
die im täglichen Leben verborgen sind, ausdrücken kann. Wäh-
rend Marx die Passivität vorproletarischer Unterschichten betont,
wenn er die französischen Bauern mit einem »Sack von Kartof-
feln<<" vergleicht, hebt der kulturorientierte Marxismus die aktive
Beteiligungt9 und die alltäglichen Widerstände dieser Schichten
hervor.
Einen wichtigen Anstoß zu einer solchen Geschichtsschrei-
bung leistete Edward P. Thompson mit seinem Buch >>Die Ent-
stehung der englischen Arbeiterklasse« (1963 )50 und in seinen
späteren theoretischen Auseinandersetzungen mit der marxisti-
schen Orthodoxie und insbesondere mit dem marxistischen Struk-
turalismus von Louis Althusser. Thompson unterscheidet betont
»zwischen dem Marxismus als geschlossenem System und einer
von Marx abstammenden Tradition offener Untersuchung und
Kritik. Die erste steht in der Tradition der Theologie. Die zweite
ist eine Tradition der aktiven Vernunft<<, die sich »von der wahr-
haft scholastischen Vorstellung freimacht, dass die Probleme
unserer heutigen Zeit (und die Erfahrungen unseres Jahrhun-
derts) mittels der rigorosen Analyse eines vor einhundertzwanzig
Jahren veröffentlichten Textes verstanden werden können«. 51
Marx' Vorstellung, gesellschaftliches Sein bestimme gesell-
schaftliches Bewusstsein, ist »problematisch«, wenn wir nicht
erkennen, dass »Männer und Frauen (und nicht bloß Philoso-
phen) vernunftbegabte Wesen sind und darüber nachdenken, was
mit ihnen und der Welt geschieht«. 52 Thompson lehnt damit die
Basis/Überbau-Lehre ab, nach der die Arbeiterklasse das Resul-
tat der neuen Produktivkräfte ist. 53 Er sieht »Klasse nicht als eine
>Struktur< oder gar als eine >Kategorie<, sondern als etwas, was
sich unter Menschen, in ihren Beziehungen, tatsächlich ab-
spielt«.54 Dies bedeutet aber keinen reinen Kulturalismus. »Die
Klassenerfahrung ist weitgehend durch die Produktionsverhält-
nisse bestimmt, in die man hineingeboren wird - oder in die man
gegen seinen Willen eintritt«. Klassenbewusstsein dagegen »ist
die Art und Weise, wie man diese Erfahrungen kulturell interpre-
82 >>Linguistische Wendecc

tiert und vermittelt: verkörpert in Traditionen, Wertsystemen,


Ideen und institutionellen Fonnen«.ss Die Entstehung der Arbei-
terklasse, und es handelt sich hier nicht um eine prototypische,
sondern um eine konkrete englische Arbeiterklasse, ))ist zugleich
eine Entwicklung innerhalb der politischen und kulturellen Ge-
schichte und innerhalb der Wirtschaftsgeschichte. Sie war nicht
das automatische Produkt des Fabriksystems. Und genauso wenig
sollten wir uns eine äußere Kraft vorstellen, die >Industrielle Re-
volutionc, die auf ein unbestimmtes, undifferenziertes mensch-
liches Rohmaterial einwirkt und am Ende eine >neue Rasse von
Lebewesenc hervorbringt. Die Veränderungen der Produktions-
verhältnisse und Arbeitsbedingungen durch die Industrielle Re-
volution wurden nicht irgendeinem Rohmaterial aufgezwungen,
sondern dem frei geborenen Engllndercc, der seit langem beste-
hende Anschauungen, Verhaltensweisen und Werte in diesen
Prozess einbrachte. Daher betont Thompson, dass die Arbeiter in
dieser Umgestaltung eine aktive Rolle spielten. ))Die Arbeiter-
klasse wurde nicht nur geschaffen, sie war zugleich ihr eigener
Schöpfercc. S6
Ohne dass die objektive Rolle der Produktivverhältnisse ge-
leugnet wird, werden diese doch in den Rahmen einer konkreten
Kultur eingebettet, die nicht ohne die Erfahrungen von wirkli-
chen Männern und Frauen verstanden werden kann. Indem diese
Konzeption der Subjektivität eine entscheidende Rolle einräumt,
kann sie sich kritisch mit Wissenschaftstraditionen marxistischer
und sozialwissenschaftlicher Provenienz auseinandersetzen, fllr
welche gesellschaftliche oder ökonomische Strukturen ausschlag-
gebend sind. Die Geschichte wird nun als Schlüssel zum Ver-
ständnis gesellschaftlicher Verhältnisse betont. ))Unter Klassecc,
schreibt Thompson, ))Verstehe ich ein historisches Phänomencc.s 7
Aber Geschichte wird anders verstanden als in der marxistischen
Tradition oder in der Historischen Sozialwissenschaft. Zwei ent-
scheidende Komponenten der Wissenschaftstradition des Marxis-
mus bleiben trotz Thompsons Betonung der kulturellen Elemente
bestehen: die Voraussetzung, dass Produktions- und Besitzver-
hältnisse die Ausgangspunkte sozialer Analyse sind; und damit
verbunden die Überzeugung, dass diese Verhältnisse soziale Un-
gleichheit und Konflikt bedingen. Wie im klassischen Marxis-
mus ist der Übergang von der vorindustriellen zur industriellen
Die marxistische Geschichtswissenschaft 83

Gesellschaft entscheidend fiir das Verständnis der modernen


Welt. Thompson verfolgt diesen Übergang in seiner Betrachtung
vom Wandel des Zeitbegriffes im Prozess der Industrialisierung,
von einer konkreten naturverbundenen zu einer abstrakten,
streng messbaren Zeit, die das ganze Leben beherrscht.51 Für
Thompson handelt es sich hier nicht um einen wertneutralen
Prozess, wie er in den sechziger Jahren in Modemisierungstheo-
rien wiederholt definiert wurde, um eine Entwicklung zu größe-
rer Rationalität und Effizienz in der menschlichen Tätigkeit,
sondern um einen kapitalistischen Industrialismus, in dem Rati-
onalität als Instrument ökonomischer und sozialer, und damit
auch kultureller, Beherrschung dem idealtypischen Ziel der Ma-
ximierung des Profits dient.
In der Einschätzung der Bedeutung des Industrialisierungs-
bzw. Modernisierungsprozesses unterscheidet Thompson sich
jedoch von klassischen marxistischen Geschichtskonzeptionen.
Den Gedanken, dass Modemisierung einen Fortschritt der Mensch-
heit auf dem Weg zu einer höher entwickelten Gesellschaft be-
deutet, der die Widersprüche und Antagonismen aller vorher be-
stehenden Gesellschaften aufhebt, lehnt er ab. Die quantitative
Verbesserung der Lebensbedingungen, die die Industrielle Revo-
lution in einigen Bereichen mit sich brachte, entschädigte nicht
filr die großen Verluste an Lebensqualität, die die Folge der Mo-
demisierung waren. Das bedeutet eine Rückkehr zu einem Histo-
rismus, der sich viel konsequenter als Ranke oder Droysen (die
sich mit der Sicht ihrer Zeit als einem Höhepunkt der Geschichte
zufrieden gaben) gegen den Gedanken sträubt, dass die Vergangen-
heit die Stufe zur Zukunft sei. Gleichzeitig betrachtet Thompson
das Leben jedes Einzelnen als historisch wertvoll und erhebt sei-
nen Einspruch gegen die Auffassung, die >>die Geschichte im
Lichte späterer Interessen interpretiert, und nicht so, wie sie sich
wirklich ereignet hat«. »Stattdessen«, schreibt Thompson, »ver-
suche ich den armen Strumpfwirker, den ludditischen Tuchscherer,
den >obsoleten< Handweber, den >utopistischen< Handwerker,
sogar den verblendeten Anhänger von Joanna Southcott vor der
ungeheuren Arroganz der Nachwelt zu retten«, obwohl »ihre
Feindschaft gegen den neuen Industrialismus vielleicht rück-
wärts gerichtet war«. 59 Trotz der Abkehr von der Konzeption
eines einheitlichen Geschichtsprozesses halten Thompson und
84 ))Linguistische Wende<<

spätere kulturorientierte marxistische Historiker an zwei über-


greifenden Begriffen fest: amBegriff der Klasse und an dem der
Volkskultur. Unter Volkskultur versteht Thompson: plebejische
Kultur, einen Begriff, den er aus dem ethnologischem Diskurs
übernimmt, der aber bei ihm eine marxistische Bedeutung be-
kommt. Und indem Thompson betont, dass »Klasse eine Bezie-
hung ist und nicht ein Ding«,60 lehnt er die orthodox-marxis-
tische Auffassung, die die Klasse von den objektiven Produktiv-
kräften ableitet, entschieden ab und sieht den Kern der Klasse im
gesellschaftlichen Bewusstsein, wie es historisch entstanden ist,
also auch in kulturellen Aspekten. Er ist aber der marxistischen
Orthodoxie noch so weit verbunden, dass er fest davon überzeugt
ist, dass es eine einheitliche englische Arbeiterklasse und nicht
einfach verschiedene Arbeiterklassen mit verschiedenen kulturel-
len Traditionen gibt. 61 In der Begegnung mit der neuen Industrie
sei das englische Arbeiterbewusstsein entstanden. Die Brotunruhen
des 18. Jahrhunderts seien nicht primär als Folgen ökonomischen
Mangels zu verstehen, sondern als Ausdruck einer Volkskultur,
die die Vorstellung einer »moralischen Ökonomie« verteidigte,
die durch die moderne Marktwirtschaft in Frage gestellt wurde. 62
Der Begriff einer plebejischen Volkskultur, die sich gegen die
bestehenden Herrschaftsverhältnisse und Herrschaftspraktiken
wehrt, kehrt in marxistisch inspirierten Untersuchungen von vor-
und frühindustriellen Gesellschaften immer wieder. Das beginnt
bereits bei Friedrich Engels. In seinem Werk »Die Lage der ar-
beitenden Klasse in Manchester« hat er schon 1844 ein Beispiel
geliefert für Widerstand nicht nur als direkte politische Opposi-
tion, sondern filr Widerstand gegen die herrschenden Kräfte und
die herrschende Kultur in den verschiedensten Formen und auf
allen Ebenen des Lebens. Für die marxistische Geschichtsschrei-
bung typischer war allerdings Marx' »Der achtzehnte Brumaire
des Louis Bonaparte«, wo der Klassenkampf aus der Sicht von
oben, von der politischen Bühne herab mit seinen Staatsmännern
und Politikern beschrieben wird. Trotzdem wird z. B. in Eric
Hobsbawms »Sozialrebellen«, in den Arbeiten von George
Rude,63 in Thompsons »Whigs and Hunters« und dann in einer
großen Anzahl italienischer Publikationen der Widerstand einer
bäuerlichen oder handwerklichen Bevölkerung gegen den Durch-
bruch kapitalistischer Wirtschaftsformen behandelt, ein Wider-
Die marxistische Geschichtswissenschaft 85

stand, der sich weniger in direkten politischen Handlungen als in


versteckten Formen der »bäuerlichen Tricks« (Poni) und der ei-
gensinnigen Einstellung zu Arbeit und LeistungM ausdrückte. In
Carlo Ginzburgs »Der Käse und die Würmer. Die Welt eines
Müllers um 1600« schlägt sich diese alles durchdringende plebe-
jische Bauernkultur in dem Weltbild eines außergewöhnlichen
Menschen nieder. Das Volk erscheint hier als ein Ganzes mit
einer gemeinsamen Kultur, die es von den Schichten abgrenzt,
die soziale und kulturelle Macht besitzen. Wichtig ist dabei der
Gedanke, dass ))die Menschen ihre eigene Geschichte (ma-
chen)«,65 dass Menschen nicht passive Objekte materieller Kräfte
sind, sondern sich selber mitgestalten. Das ist die Bedeutung des
englischen Titels von Thompsons »The Making of the English
Working Class« und von Eugene Genaveses Buch »Roll Jordan,
Roll. The World the Slaves Made«, das sich mit dem Herr-Knecht-
Verhältnis zwischen Sklaven und Sklavenhaltern im amerikani-
schen Süden beschäftigt.
Dies alles führt zu der Frage nach der Wissenschaftskonzep-
tion des kulturorientierten Marxismus. Thompson will sich auf
den Boden des Historischen Materialismus stellen, indem er die
Rolle der Produktionsverhältnisse als objektive Faktoren aner-
kennt, hebt aber gleichzeitig hervor, dass sie nur in einem Rah-
men bestehen, der durch das Mitwirken von Kultur und Be-
wusstsein seine Form erhält.66 Er gesteht der empirischen For-
schung eine nicht unwichtige Rolle zu, lehnt aber gleichzeitig
einen ))Empirismus« ab, der sich auf eine solche Forschung be-
schränkt. ln letzter Instanz kann die Wirklichkeit einer Gesell-
schaft nur durch die Erfahrungen ihrer Menschen verstanden
werden, doch diese Erfahrungen verweigern sich primär empiri-
schen Untersuchungen. Hier kehrt Thompson zu hermeneuti-
schen Gesichtspunkten zurück, wie sie auch im klassischen His-
torismus vertreten waren, nur dass für ihn ganz andere Themen
relevant sind. In »The Making of the English Working Class«
spielen Ideen noch eine wichtige Rolle, so die Ansichten von
Paine, Cobbett, Owen, der ))London Corresponding Society« und
die politischen Traditionen des englischen Radikalismus. In die-
ser Hinsicht ist »The Making of the English Working Class<<
noch mehr Ideen- als Erfahrungsgeschichte. Eine Erfahrungsge-
schichte benötigt weitergehende Quellen wie die, die Thompson
86 »Linguistische Wende<<

fiir seine späteren Aufsätze heranzieht. Für den Wandel des Zeit-
begriffes, oder genauer gesagt filr den Wandel der Erfahrung von
Zeit, hat Thompson andere, besonders literarische Quellen be-
nutzt.67 Mit dem Übergang von einer Geschichte politischer
Ideen, was »The Making of the English Working Classcc letzt-
endlich ist, zur Betrachtung plebejischer Kultur vollzieht sich der
Übergang zur Historischen Anthropologie, die ein anderes her-
meneutisches Vorgehen erfordert.

4. Alltagsgeschichte, Mikrohistorie und Historische


Anthropologie. Die Infragestellung der Historischen
Sozialwissenschaft

Die Kritik an sozialwissenschaftliehen Modellen der Geschichts-


schreibung, die in den siebziger und achtziger Jahren in den
westlichen und vereinzelt auch in den real sozialistischen Län-
dern immer betonter einsetzte, spiegelt die enge Verbindung wi-
der, die zwischen Geschichtsdenken, Geschichtsschreibung und
den politischen und gesellschaftlichen Anschauungen der betref-
fenden Historiker und Historikerinnen bestanden. Wie Carlo
Ginzburg und Carlo Poni, 68 zwei der bedeutendsten italienischen
Vertreter der neuen Kultur- und Sozialgeschichte es formulierten,
Jagen die Gründe filr die Abkehr von der Geschichtsschreibung,
wie Marxisten, aber auch die Historische Sozialwissenschaft sie
betrieben, in der radikalen Infragestellung der optimistischen
Beurteilung des technischen und zivilisatorischen Fortschritts,
auf denen diese Geschichtsschreibung beruht So hängt fllr JOtgen
Kocka die Historische Sozialwissenschaft eng mit dem »generel-
len Ziel der auf Vernunft setzenden kritischen Aufklärungcc zu-
sammen, die in der modernen Gesellschafttrotz ihrer ))>Kosten<,
Brüche und Katastrophen« eine emanzipatorische, herrschafts-
und ideologiekritische Funktion hat. Die raschen Veränderungen
in Osteuropa ließen sich, schreibt er 1991, noch einmal als »Be-
stätigung der Modernisierungstheorie lesen, insoweit diese die
langfristig sich durchsetzende, interdependente Parallelität von
(a) Marktwirtschaft und Industrialisierung, (b) sozialer Plurali-
sierung, (c) >civic culturec und (d) freiheitlich-demokratischem
Verfassungstaat behauptetcc.69 Es waren aber eben diese Errun-
Infragestellung der Historischen Sozialwissenschaft 87

genschaften des technischen und zivilisatorischen Fortschritts


mit ihren Begleiterscheinungen von wachsender weltweiter Ver-
elendung, atomarer Bedrohung und ökologischen Katastrophen,
die die Modemisierungstheorien politisch und ethisch zu wider-
legen schienen.
Auch sind die Argumente, die gegen die herkömmliche Sozial-
geschichte erhoben werden, in erster Linie politischer und ethi-
scher Natur, einerlei, ob sie sich auf Marx, Weber oder die ameri-
kanischen Wachstumstheorien beziehen. Diese Sozialgeschichte
setze einen einheitlichen, welthistorischen Prozess voraus, der
durch die Merkmale der »Modemisierung, Industrialisierung,
Verstädterung sowie des bürokratischen Anstalts- und National-
staats gekennzeichnet (wird)«. 70 Übersehen worden seien die
menschlichen Kosten dieses Prozesses, die Tatsache, dass die
»ungleichmißige Entfaltung der Produktivkräfte ... nicht von der
Entwicklung der Destruktivkräfte abzulösen istK 71 Diese Prozes-
se hätten sich sozusagen hinter dem Rücken der Menschen voll-
zogen. Es gehe jetzt darum, die Menschen, und insbesondere die
»kleinen Leute((, die bisher aus der Geschichte ausgeblendet
worden seien, in die Geschichte einzubeziehen. Dabei handle es
sich weniger um die materiellen Verhältnisse des täglichen Le-
bens, wie Braudei sie in seinem Buch über den Alltag in seiner
Sozialgeschichte des 15.-18. Jahrhunderts beschrieben hat, als
vielmehr um die Weise, wie Menschen diese Verhältnisse erfah-
ren. Was der Sozialgeschichte in der Anschauung ihrer Kritiker
bis jetzt gefehlt hat, war eine adäquate, differenzierte Vorstel-
lung, wie »die komplexe wechselseitige Beziehung zwischen
umfassenden Strukturen und der Praxis der Subjekte, zwischen
Lebens-, Produktions- und Herrschaftsverhältnissen und den Er-
fahrungen und Verhaltensweisen der Betroffenen erfasst und
dargestellt werden (kann )K 72
Diese Betonung der Subjektivität der vielen Menschen erfor-
dert eine neue Auffassung von Geschichte, die die bisherigen
»zentristische(n) und unilineare(n) historische(n) Sichtweiseß((
der Sozialgeschichte und ihrer »systemischen Logik(( mit einer
»kommunikativen, erfahrungsbezogenen Logik der Lebenswelt((
(Habermas) ergänzt. 73 ln sehr ähnlicher Weise reagierten Sozial-
und Kulturhistoriker in allen westlichen Ländern, in Italien,
Frankreich, England, den USA, Schweden, der alten Bundesre-
88 »Linguistische Wende<<

publik, Japan, aber auch anderswo, auf die ältere Sozialgeschichte


und den herkömmlichen Marxismus und forderten eine »mikro-
historische« Geschichte des Alltags. 74 Seit der Aufklärung hat es
keinen solchen gleichartigen internationalen Diskurs gegeben.
Die Traditionen der Sozialgeschichte, die in Frankreich, den
USA und Deutschland in den ersten zwei Dritteln dieses Jahr-
hunderts bestimmend waren, unterschieden sich in nationalen
Nuancen viel stärker, als es die neue Kulturgeschichte tut.
Die neue Alltags- oder Mikrogeschichte lässt sich nicht von
den politischen und geschichtsphilosophischen Wertungen tren-
nen, mit denen sie eng verbunden ist. Ihr geht es um die kleinen
Leute. Eine Alltags- und Kulturgeschichte der Eliten hatte es seit
langem gegeben. Antike und mittelalterliche Lebensgeschichten,
nicht nur Plutarchs Biographien, auch Alcuins Beschreibung des
Alltags Karl des Großen sind Beispiele dafür, des weiteren Jacob
Burckhardts »Kultur der Renaissance« und Johan Huizingas
>>Herbst des Mittelalters<<. ln der neuen Alltagsgeschichte geht es
aber bewusst um die Menschen, die nicht an den Hebeln der
Macht standen, eben darum, wie es Edward P. Thompson aus-
drückt, >>den armen Strumpfwirker und den >obsoleten< Hand-
werker ... vor der ungeheuren Arroganz der Nachwelt zu retten«. 71
Dies bedeutet zugleich, dass die Anschauung von der politischen
Macht als dem konstituierenden Merkmal der Geschichte aufge-
geben wird. Statt einer Geschichte gibt es jetzt viele Geschich-
ten. Man will sich von einer »ethnozentrischen« Sicht befreien,
die den westlichen Fortschritt mit der eigentlichen Geschichte
identifiziert, die aber nicht zur Kenntnis nahm, welche großen
Verluste an menschlichen Werten diesen Fortschritt begleiteten.
Man betont, dass Kulturen keine einheitliche Geschichte haben.
Geschichte gehe nicht von einem Zentrum aus und bewege sich
nicht unilinear in eine Richtung. Es gibt nicht nur eine große An-
zahl gleich wertvoller Kulturen, sondern es existiert auch inner-
halb dieser Kulturen kein Zentrum, um das sich eine einheitliche
Darstellung gruppieren könnte. Eine Vielzahl von Geschichten
ist daher möglich, die besondere Methoden erfordern, um die
qualitativen Aspekte der Lebenserfahrungen zu erfassen.
Mit der Kritik an der Auffassung der Geschichte als einem
einheitlichen, von einem gesellschaftlich-politischen Zentrum
ausgehenden Prozess ist der Wissenschaftsbegriff, auf dem
Infragestellung der Historischen Sozialwissenschaft 89

betreffende Geschichtsforschung und Geschichtsschreibung be-


ruht, in Frage gestellt. An die Stelle einer mit abstrakten Theo-
rien arbeitenden Wissenschaft, die den Gegenstand ihrer Unter-
suchung als Objekt behandelt, soll eine alternative Wissenschaft
treten, die die qualitativen Aspekte von Erfahrungen rekonstruie-
ren kann. Eine solche Wissenschaft erforderte den Verzicht auf
eine Theorie, >>die dem Gegenstand ihre Methode und Logik«
aufzwingt. Stattdessen müsse sie den Versuch unternehmen, die
»informelle Logik des Lebens« zu rekonstruieren. 76 Die Theoretiker
der Alltagsgeschichte und der Mikrohistorie wie Hans Medick,
Giovanni Levi, Natalie Davis und Roger Chartier warnen aber
gleichzeitig vor der der Hermeneutik zugrunde liegenden Auf-
fassung, dass man sich in seinen Forschungsgegenstand hinein-
filhlen könne. 77 Denn die Hermeneutik, die die Grundlage des
klassischen Historismus war, setze eine Gemeinsamkeit voraus
zwischen der Lebenswelt des Historikers und den Handlungen
und Gedankengängen, die er erforscht. Sie nehme die »kulturel-
len Einheit und Kontinuität ein und desselben Erfahrungs- und
Überlieferungszusammenhangsec an, welche den Historiker und
seinen Gegenstand verbinden und» Vorbedingungjeglichen Ver-
stehens« seien. 71
Mit der immensen Erweiterung des Arbeitsfeldes durch die
neue Sozial- und Kulturgeschichte hat diese Voraussetzung einer
gemeinsamen kulturellen Tradition, die das historische Verste-
hen ermöglicht, ihre Selbstverständlichkeit verloren. Für die neue
Geschichte des Alltags wurde die Kulturanthropologie, wie sie in
den siebziger und achtziger Jahren von Clifford Geertz79 und mit
einer stärkeren historischen Komponente von Marshall Sahlins10
vertreten wurde, zunehmend ein Muster fUr historische Forschung.
»Der Ethnologe verfUgt über keinen unmittelbaren Zugang zur
fremden Erfahrung. Deshalb bleibt er darauf beschränkt, die
fremde Kultur und Lebensweise indirekt zu entschlüsseln.«11
Diese offenbart sich in symbolischen und rituellen Handlungen,
die über die Unmittelbarkeit der einzelnen Absichten und Hand-
lungen hinausgehen und einen »Text« bilden, der einen Zugang
zu der fremden Kultur ermöglicht. Geertz sprach von einer
»dichten Beschreibung«. »Ich versuchte, ... die intimsten Zu-
sammenhänge und Vorstellungen nicht dadurch zu erforschen,
dass ich mir einbildete, ein anderer zu sein, ein Reisbauer oder
90 »Linguistische Wendecc

ein Stammesscheich, um mir dann anzusehen, was ich wahr-


nahm, sondern dadurch, dass ich die symbolischen Formen auf-
suchte und analysierte - Worte, Bilder, Institutionen, Verhal-
tensweisen -, mit deren Hilfe sich die Menschen an jedem Ort
darstellen (represent), vor sich selbst und vor den anderen.<<12
Die Frage nach den methodischen Regeln, nach denen die
Analyse dieser »dichten Beschreibung« verfahren soll, bleibt
aber offen. Für Jürgen Kocka bedeutet dieses Verfahren die Auf-
gabe methodischer Rationalität und den Rückfall in einen Neo-
Historismus. »Die Rekonstruktion der Erfahrungen allein (kann)
nicht zur begreifenden Rekonstruktion der Geschichte fUhren«,
schreibt er. 13 Geertz und Medick wollen es vermeiden, mit einer
expliziten Fragestellung an den Gegenstand heranzugehen, um
stattdessen eine »eingeborene Theorie der historischen Subjek-
te((84 freizulegen. Die »dichte Beschreibung« setzt aber voraus,
wie Kritiker immer wieder betont haben, dass die Kultur, die
beschrieben wird, eine homogene Einheit ist und nicht in weit-
gehend getrennte Sektoren zerflillt. Vielleicht ist es aber (wie wir
sehen werden) keineswegs aller Alltags- und Mikrohistoriker,
dass sie einerseits zwar die Einheit der westlichen Kultur leugnen,
anderseits aber in ihrer dezentralen Haltung nicht weit genug
gehen, insofern sie die Einheit ihres Forschungsgegenstandes
hypostasieren und dabei übersehen, dass eine ••jede Beschrei-
bung, und (sei sie auch) noch so dicht, bereits ein Produkt von
Auswahl (ist)((Y Trotz ihrer massiven Kritik an der herkömmli-
chen Sozialgeschichte übernehmen fast alle Vertreter der All-
tagsgeschichte und der Mikrohistorie grundsätzliche geschichts-
philosophische, wissenschaftliche und politische Konzeptionen
der sozialwissenschaftliehen Tradition. Fast alle, auch Medick,
akzeptieren, dass es einen Modemisierungsprozess gibt. Dieser
ist filr sie vielschichtiger und kostenbeladener als filr Marx, Weber
oder Rostow, geht aber doch irreversibel in eine Richtung, die
mit den ••großen Veränderungen«, mit Modemisierung, Industri-
alisierung, Verstädterung, Bürokratisierung usw. weitgehend
identisch ist. Aus der Sicht der neunziger Jahre unseres Jahrhun-
derts ist allerdings nicht mehr sicher, ob dieser Prozess in der Tat
irreversibel ist bzw. ob er Grenzen erreicht und Verhältnisse ge-
schaffen hat, die zwangsläufig in andere Richtungen fUhren, z. B.
zu einer Einschränkung des Wachstums. Eine Kulturkritik mit
Infragestellung der Historischen Sozialwissenschaft 91

langer Tradition, die in das 19. und sogar schon in das 18. Jahr-
hundert zwückreicht, beginnt sich der Verluste bewusst zu werden,
die der Modemisierungsprozess mit sich gebracht hat. Allerdings
war auch Weber sich dieser Verluste bewusst. Die Alltags- und
Mikrohistoriker sind nun bemüht herauszufinden, wie die Men-
schen diesen Prozess erlebt und erfahren haben. Dem Marxismus
und der Historischen Sozialwissenschaft, so sagen sie, fehlen
eine ))differenzierte Subjekttheorie«.16 Die Alltags- und Mikro-
historiker beanspruchen, sie zu haben. Ihr Anliegen besteht dar-
in, die Geschichte zu vermenschlichen, was gleichzeitig die Er-
weiterung der Geschichtsschreibung von den großen Prozessen
zur Geschichte auf engerem Raum erfordert, auf die Erlebnisse
und Erfahrungen von konkreten Menschen oder kleinen Gruppen
von Menschen, aber immer im Rahmen dieser größeren Prozesse.
Die Ablösung - aber nicht totale Aufgabe - der zentristischen
Sichtsweise bedeutet, dass Lebenssphären, die bis dahin arn
Rande des historischen Geschehens standen, jetzt historisch be-
handelt werden. Eine wichtige Rolle spielt dabei das private Le-
ben - Kindheit, Sexualität, Familie, Freizeit, Tod - das schon in
den französischen Arbeiten des ))Annales«-Kreises eine wichtige
Rolle gespielt hat. Dabei lässt man sich jedoch nicht auf quanti-
fizierende Methoden ein, wie sie in der Historischen Demogra-
phie von Louis Henry in Frankreich sowie in der ))Cambridge
Group for the History of Population and Social Structure« und in
der ))histoire serielle<< von Pierre Chaunu, Michel Vovelle' 7 u. a.
angewandt wurden. Emmanuel Le Roy Laduries Buch ••Montail-
lou« ( 1975), die Betrachtung eines kleinen Ketzerdorfes in Süd-
frankreich in den Jahren 1314-1321, das seiner die filnf Jahr-
hunderte von 1300 bis 1800 erfassenden demographisch-ökono-
mischen Untersuchung )•Die Bauern des Languedoc« ( 1966)
folgte, ist ein Beispiel fllr diesen Übergang von einer Makro- zu
einer Mikrohistorie und von Strukturen zu Erfahrungen und Le-
bensweisen.
In fast allen anthropologisch orientierten historischen Arbei-
ten, die sich mit der Zeit seit dem Mittelalter, aber auch mit au-
ßereuropäischen Kulturen beschäftigen, z. B. Eric Wolfs ).Völker
ohne Geschichte« und Sydney Mintz' ))Die süße Macht« spielt
der Modemisierungsprozess jedoch eine zentrale Rolle, ja er bil-
det den roten Faden. Das ist auch in der Mediävistik häufig der
92 ))Linguistische Wendecc

Fall, wie in Jacques Le Goffs schon eJWähnten berühmten Auf-


satz über die Entstehung des modernen Zeitbegriffes. Eigentlich
sind dies alles aber makrohistorische Entwürfe, die allerdings die
Akzente von Politik und Gesellschaft auf die Kultur verlegen.
Und obwohl Foucault immer wieder betont hat, dass die Ge-
schichte keine Einheit besitze und von Brüchen gekennzeichnet
sei, gehen seine Arbeiten über den Wahnsinn, die Klinik und das
Geflingnis88 doch von der Voraussetzung aus, dass der Verlauf
der modernen Geschichte gleichbedeutend ist mit zunehmender
Disziplinierung des alltäglichen Lebens. Dies ist auch der Grund-
gedanke von Robert Muchembleds Arbeiten, 89 der die Entfaltung
des VeJWaltungsstaats im frühmodernen Frankreich mit der Aus-
grenzung nichtkonformer Randgruppen verknüpft. Auch die
immer häufiger werdenden mikrohistorischen Forschungen, die
das Private und Persönliche zum Gegenstand haben, gehen weit-
gehend von Modernisierungskonzeptionen aus.
Ein wichtiger Anstoß zu diesen Forschungen kam von Norbert
Elias' Werk ))Über den Prozess der Zivilisation«, das schon 1939
in der Emigration veröffentlicht, aber erst in der Neuauflage von
1969 bekannt wurde; Elias vertritt die These, dass mit dem Ab-
solutismus eine höfische Kultur entstand, die körperlichen Funk-
tionen wie Essen, Verdauen, Lieben, die früher ungehemmt aus-
geübt wurden, strengen Regeln unteJWarf und aus der öffentli-
chen in die private Sphäre verbannte. Diese Konzeption der
••Privatisierung der Sitten«90 ist der Grundgedanke der fUntbän-
digcn, die westliche Welt von der römischen Antike bis in. das
Frankreich des 20. Jahrhunderts umfassenden ••Geschichte des
privaten Lebens«, an dem sich viele der bedeutendsten französi-
schen Sozial- und Kulturhistoriker beteiligen. Die Privatisierung
des persönlichen Lebens wird dort eng mit der wachsenden Ano-
nymität der modernen Gesellschaft verbunden, in der die Familie
bis in das 20. Jahrhundert hinein zum Zufluchtsort wird, zumin-
dest fiir die bürgerlichen Schichten in einer Gesellschaft, die über-
wiegend von bürgerlichen Werten geprägt ist. Die gegenwärtige
Krise der Familie gilt dann auch als ein Zeichen fiir den Über-
gang von einer modernen, bürgerlichen zu einer postmodernen,
nachbürgerlichen Welt.
Es gibt einen zweiten Punkt, an dem Alltagsgeschichte und
Mikrohistorie unmittelbar an Vorstellungen des Marxismus und
Infragestellung der Historischen Sozialwissenschaft 93

der Historischen Sozialwissenschaft anknüpfen. Es ist der, dass


Gesellschaften durch soziale Konflikte gekennzeichnet sind. Der
Marxismus, aber auch die Historische Sozialwissenschaft sehen
diese Konflikte als Auseinandersetzung zwischen Klassen, die
im Zusammenhang mit der Entwicklung der Produktivkräfte ent-
standen sind.91 Marxistische Denker haben aber, ohne den Beg-
riff der sozialen Klasse und des Klassenkampfes aufzugeben,
schon in den sechziger und siebziger Jahren zunehmend kulturel-
le und Bewusstseinsfaktoren betont. 92 Wir haben bereits darge-
legt, dass Edward P. Thompson »Klasse nicht als eine >Struktur<
oder gar als eine >Kategorie< [betrachtete], sondern als etwas, das
sich unter Menschen in ihren Beziehungen abspielt«. Der franzö-
sische Anthropologe Pierre Bourdieu schrieb 1970 (damals be-
trachtete er sich noch als Marxist): »Eine soziale Klasse lässt
sich niemals allein aus ihrer Lage und Stellung innerhalb einer
gesellschaftlichen Struktur, d. h. aus den Beziehungen bestim-
men, die sie objektiv zu anderen Klassen der Gesellschaft unter-
hält; eine Reihe ihrer Eigenschaften verdankt sie nämlich dem
Umstand, dass die Individuen, die diese Klasse bilden, absicht-
lich oder ohne es zu merken in symbolische Beziehungen zuein-
ander treten«. Bourdieu fiihrt hier eine Diskussion weiter, die um
die Jahrhundertwende in der deutschen und der amerikanischen
Soziologie - bei Max Weber, Georg Simmel und Thorsten
Veblen - begonnen hat. Er meint, Weber unterscheide die öko-
nomische Klasse von dem Stand, »einer durch bestimmte >Stel-
lung< in der Hierarchie von Ehre und Prestige bestimmten Ge-
meinschaft von Menschen«, und er ftlgt hinzu, es sei »bemer-
kenswert, dass alle Züge, die Max Weber dem Stand zuschreibt,
zur symbolischen Ordnung gehören«. 93 Auch sei es fraglich, ob
die Entwicklung zu einem Idealtyp Klasse, der dem Marxschen
Begriff entspräche, indem er sich rein nach den Beziehungen zur
Produktion definieren ließe, sich in der modernen Industriege-
sellschaft wirklich vollzogen habe. Diese gesellschaftliche
Gruppierung, ob als Klasse oder als Stand bezeichnet, stehe
vielmehr in engem Zusammenhang mit dem Begriff der »Le-
bensfilhrung«. Aus dieser Sicht hat Thorsten Veblen um 1900
mit beißendem Spott die Symbolik der Ehre einer Oberschicht in
einer modernen, nachständischen, kapitalistischen Gesellschaft
karikiert. 94
94 >>Linguistische Wendecc

Thompson definiert Klasse zwar als Beziehung und Bewusst-


sein dieser Beziehung, besteht aber darauf, dass es eine englische
Arbeiterklasse als »ein historisches Phänomen« gegeben hat, das
rechtfertigt, von ))Klasse und nicht von Klassen« zu sprechen.
Der Begriff einer ))Klassenerfahrung«, fiir Thompson noch ))Weit-
gehend durch die Produktionsverhältnisse bestimmt«,95 wird in
den siebziger und achtziger Jahren mehr und mehr angezweifelt.
Und schon lange wird die Arbeiterschaft nicht mehr als Einheit
mit einem einheitlichen Bewusstsein verstanden, wie Thompson
sie noch dargestellt hat. Eine Proletarisierung, wie Marx sie ideal-
typisch projizierte hat, hat in dieser Form nicht stattgefunden.
Für Thompson ist die Arbeiterschaft eine sehr heterogene Grup-
pe. Handwerkliche Traditionen Oberlebten auch in der Fabrik.
Eine Vielfalt von klassenübergreifenden Beziehungen, religiöser
und ethnischer Art, bestimmt die Identität von Gruppen.
Das haben die Analysen der nationalsozialistischen Wahler-
folge 1932 gezeigt, in denen der BegritT der Klasse auch in
nicht-marxistischen Untersuchungen den roten Faden lieferte. So
hat der amerikanische Politologe Seymour Martin Lipset 1959
zwar die kommunistische Interpretation des Nationalsozialismus
als Funktion der aggressiven Kräfte des Monopolkapitals zu
Recht entschieden abgelehnt, aber doch mit expliziten Klassen-
begriffen gearbeitet. 96 Seine Theorie von der kleinbUrgerlichen
Basis der NS-Wählerschaft und der fast geschlossenen Ableh-
nung der NSDAP durch die Arbeiter ist heute nicht mehr haltbar.
William Sheridan Allen97 hat schon in seiner frühen Studie über
die nationalsozialistische Machtergreifung in Northeim betont,
dass die politischen Parteien dort, obwohl sie bis zu einem ge-
wissen Grad sozialökonomischen Gruppierungen entsprachen,
komplizierte Verbände waren, in denen Vereine, Freundeskreise
und gesellige Verbindungen eine entscheidende Rolle spielten.
Die Wahlanalysen von Richard Hamilton,98 Thomas Childers,99
JUrgen Falter' 00 u. a. haben belegt, dass die Wähler der NSDAP
aus allen Klassen kamen, auch aus dem gehobenen BUrgerturn
und, wenngleich in geringerem Maße, aus der Arbeiterschaft.
Nicht sozioökonomische Kriterien, sondern darüber hinausrei-
chende kulturelle, auch religiöse Bindungen und Verhaltenswei-
sen bestimmten die soziale und politische Identität. Wie schon
erwähnt, hat Thomas Childers die Rolle von Sprache und Rheto-
Infragestellung der Historischen Sozialwissenschaft 95

rik in der politischen Mobilisierung der Wähler in der Weimarer


Republik untersucht. 101
Von den makrohistorischen Kategorien >Markt< und >Staat<,
die filr den Marxismus und für die verschiedenen Formen der
Historischen Sozialwissenschaft von entscheidender Bedeutung
sind, haben Alltags- und Mikrohistorie sich entfernt; übernom-
men haben sie dagegen den Gedanken, dass Herrschaft und sozi-
ale Ungleichheit Grundfaktoren der Geschichte sind. Ungleich-
heit und die damit verbundenen Herrschaftsverhältnisse nehmen
in der Geschichtskonzeption der meisten Alltags- und Mikrohis-
toriker sogar eine noch zentralere Stelle ein als im Marxismus.
Nur dass jetzt nicht mehr die Makroaggregate >Markte und
>Staat< im Mittelpunkt stehen, sondern die täglichen Erfahrungen
der Menschen. Foucault etwa hat in seinen schon erwähnten Ar-
beiten Beispiele dafür gegeben, wie sich diese Herrschaftsver-
hältnisse - Foucault spricht von Macht (pouvoir) - in den zwi-
schenmenschlichen Beziehungen auswirken. 102 Die Arbeiterge-
schichte wird nicht nur auf der Makroebene von Staat und
Marktwirtschaft, sondern auf der sehr persönlichen Ebene der
Beziehungen von Menschen am Arbeitsplatz untersucht. Ein
Beispiel fiir eine solche Umorientierung ist die Frauengeschich-
te, die sich von der Frauenbewegung, dem ursprünglich zentralen
Thema der Frauenforschung, abwendet und sich zu einer kriti-
schen Geschichte des Frauenalltags hinbewegt Für den marxisti-
schen Klassenbegriff ist dagegen die Frau als Frau unsichtbar. 103
Nun kommt zur Kategorie >Klasse< die Kategorie >Geschlecht<
hinzu. Das Verhältnis von Mann und Frau wird, wie vorher das
zwischen Arbeiter und Arbeitergeber, als ein wesentlich unglei-
ches gesehen. Was fiir den Marxismus Klassenkampf ist, ist für
viele Alltags- und Mikrohistoriker der Widerstand. Er drückt
sich weniger in spektakulärem Aufruhr als vielmehr in subtilen
Formen des täglichen Verhaltens aus. 104 Eine Reihe von Studien
ist diesen Formen des Widerstandes gewidmet, dem Widerstand
in der Familie, am Arbeitsplatz in der industriellen Gesellschaft,
auf dem Hof in der vorindustriellen bäuerlichen Gesellschaft.
Wie schon dargelegt unterziehen deutsche Theoretiker der
Alltagsgeschichte den Wissenschaftsbegriff der analytischen So-
zialwissenschaften einer radikalen Kritik. Auch westliche Marxis-
ten stehen seit »Geschichte und Klassenbewusstsein« ( 1923) von
96 >>Linguistische Wende«

Georg Lukacs den positivistischen Ansätzen in der modernen


Sozialforschung kritisch gegenüber. Aus einer dialektischen
Sicht heraus hatte Lukäcs ein analytisches Vorgehen verurteilt,
das Geschichte und Gesellschaft in Teile zerlegt, ohne die Be-
deutung dieser Teile im größeren historisch-sozialen Zusam-
menhang zu verstehen.•os Die makrohistorische Vorstellung eines
vernünftigen Geschichtsverlauf, die Lukäcs von Marx übernahm,
wurde von den Denkern der Frankfurter Schule, besonders von
Max Horkheimer und von Theodor Adorno, abgelehnt. Beide
übernahmen aber den dialektischen Gedanken der Verflechtung
und des Ineinanderwirkens alles geschichtlichen Lebens. Damit
knüpften sie an eine ins 19. Jahrhundert zurückreichende deut-
sche Tradition an, die darauf besteht, dass die Kulturwissen-
schaften, also auch die Geschichte, weil sie es mit Bedeutungen
und Werten zu tun haben, hermeneutisch, verstehend und erzäh-
lend vorgehen müssten und dass darum die rein analytischen Me-
thoden der systematischen Wissenschaften ungeeignet seien. 106
Es stellt sich jedoch die Frage, wie hermeneutische Verfahren,
die analytische Beweisruhrungen vermeiden, zu überprüfbaren
Erkenntnissen kommen können. Die Hermeneutik, wie sie von
Wilhelm von Humboldt und Leopold von Ranke bis zu den Mik-
rohistorikern unserer Zeit verstanden worden ist, setzt voraus,
dass der Forscher seine Materie direkt verstehen kann, indem er
sich auf Grund »urkundliche(n), eingehende(n), tiefe(n) Studi-
um(s)« der Quellen'"' unbefangen in sie versenkt. Die theoreti-
schen Fragestellungen und analytischen Methoden der empiri-
schen Sozialwissenschaftler seien schon deshalb nicht anwend-
bar, weil abstrakte Begriffe nicht in der Lage seien, die qualitati-
ven Aspekte menschlichen Daseins ohne Verlust und Verzerrung
zu verstehen und zu vermitteln. Der hermeneutische Sprung setzt
aber voraus, dass es einen größeren Zusammenhang gibt - bei
Ranke und Droysen z. B. die »sittlichen Mächte«, bei Ginzburg
und Davis die bäuerliche Kultur -, die der Materie eine Einheit
geben und sie verständlich machen. Natalie Zernon Davis geht
über das hermeneutische Verfahren hinaus, indem sie eine Gren-
ze zwischen Faktum und Fiktion radikal in Frage stellt. Die his-
torische Darstellung komme nicht ohne die Einbildungskraft des
Historikers oder der Historikenn aus; diese Einbildungskraft
könne aber durchaus den Kern der Sache treffen. Das Faktische
Infragestellung der Historischen Sozialwissenschaft 97

und das Fiktive seien untrennbar miteinander verschmolzen. ln


ihrem Buch ))Die wahrhaftige Geschichte der Wiederkehr des
Martin Guerre«, in dem es um einen Fremden geht, der sich als
der Gatte der von ihrem Ehemann verlassenen Bäuerin eines
französischen Dorfes des 16. Jahrhunderts ausgibt und von ihr
als solcher akzeptiert wird, erklärt sie, dass der Historiker be-
rechtigt sei, die Lücken in den Quellen, durch eine an den Quel-
len orientierte, aber über sie hinausgehende Einbildungskraft -
sie benutzt den englischen Ausdruck Invention - zu ftlllen. 101 Ihr
wird freilich vorgeworfen, dass sie, indem sie über die Quellen
hinausgeht, feministische Anliegen des 20. Jahrhunderts in die
Gedankengänge einer Bäuerin des sechzehnten Jahrhunderts pro-
jiziert.'09 Ihr Standpunkt ist, dass man durch die Vertiefung in
eine breite Palette von Quellen, die Informationen über soziale
und ökonomische Verhältnisse und Geschlechterverhältnisse in
der Region enthalten, die Gedankengänge der verlassenen Bäue-
rin rekonstruieren kann. Dies setzt voraus, dass es so etwas wie
eine bäuerliche Kultur gibt, die eine solche Rekonstruktion mög-
lich macht.
Alltagsgeschichte und Historische Anthropologie wollen aus-
drücklich den Einfluss von Theorien einschränken, um dem Ge-
genstand der Forschung keine Gewalt anzutun. Kommt man aber
ohne explizite Theorien aus? Für viele Alltags- und Mikrohisto-
riker, einschließlich Natalie Zernon Davis und Hans Medick,
bietet die ))dichte Beschreibung« von Clifford Geertz einen
Schlüssel zur Erkenntnis. Die »dichte Beschreibung« verlangt,
dass der Forscher an seinen Gegenstand nicht mit theoriegeleite-
ten Fragestellungen herangeht, sondern das Subjekt seiner For-
schung selber sprechen lässt Das erinnert an die alte Hermeneutik
des klassischen deutschen Historismus, meint aber etwas grund-
sätzlich anderes. Denn der Historismus setzt voraus, dass die zu
verstehenden Subjekte Ideen und Motivationen haben, deren sie
mehr oder weniger bewusst sind und die folglich verstanden
werden können, besonders von solchen Forschern, die demsel-
ben Kulturraum wie diese Subjekte angehören. Hans Medick und
die Vertreter der Historischen Anthropologie im allgemeinen
dagegen betonen gerade die Fremdartigkeit jedes historischen
Forschungsgegenstandes, nicht nur die außereuropäischer ))Ein-
geborener«, sondern auch württembergischer Dorfbewohner der
98 ))Linguistische Wendecc

Neuzeit 110 oder der Fabrikarbeiter unter dem Nationalsozialis-


mus.''' Für Medick ergibt sich ))dichte Beschreibung<< aus ))der
Notwendigkeit. Neues, Fremdes, Unbekanntes und Schwer-
Interpretierbares in den zu erforschenden >Texten< einer Kultur
in Form einer beschreibenden Rekonstruktion in möglichst um-
fassender Weise präsent zu halten<<. So gesehen steht sie im Ge-
gensatz zur ))hypothesenprüfenden Forschung<<. Medick betont,
dass ))dichte Beschreibung<< keineswegs einen Verzicht auf sys-
tematisches Interpretieren bedeutet. ))aber doch einen Verzicht
auf die Erweckung des (falschen) Anscheins der Eindeutigkeit,
Stimmigkeit und Finalität eines interpretierenden >Zugriffsccc. 112
Bei seiner Idee der ))dichten Beschreibung«, auf die sich Medick
immer wieder beruft, geht Geertz allerdings davon aus, dass es
eine homogene Volkskultur gibt. Dies filhrt Geertz dazu, dass er
die sozialen Konflikte innerhalb der Volkskulturen vernachläs-
sigt. Dagegen wendet der italienische Mikrohistoriker Giovanni
Levi ein, dass es in allen Kulturen, auch auf der mikrohistori-
schen Ebene, soziale Konflikte gibt, dass weder die großen Ge-
sellschaften noch die Mikrogesellschaften integrierte Systeme
darstellen. 111
Es ist schwer die mentalen Prozesse von Menschen zu rekon-
struieren, die nicht der Oberschicht angehört und daher keine
Selbstzeugnisse hinterlassen haben. Die Arbeiten, die das versu-
chen, stützen sich zumeist auf Gerichtsprotokolle, d. h. sie befassen
sich mit außergewöhnlichen Ereignissen oder Menschen. Bei-
spiele dafllr sind Le Roy Laduries Ketzerdorf Montaillou, Natalie
Zernon Davis' Rückkehr des Martin Guerre, Carlo Ginzburgs
philosophierender Müller Menocchio und David Sabeans schwä-
bische Dortbewohner, die sich weigern zur Kommunion zu ge-
hen.114 Ginzburgs Versuch, Menocchios fast atheistische Äuße-
rungen mit einer uralten mediterranen Bauernkultur zu verknüp-
fen und die Hinrichtung des Müllers mit den Bemühungen der
neuen ökonomischen und politischen Machteliten in Verbindung
zu bringen, diese Kultur auszuschalten, ist ein Beispiel ftlr die
Verschmelzung mikrohistorischer Forschung mit den ))kleinen
Leuten« geltenden makrohistorischen Spekulationen aus dem
marxistischen Erbe.
Die Arbeiten vieler Alltags- und Mikrohistoriker, z. B. der
Protoindustrialisierungsgruppe, auf die wir noch zu sprechen
Infragestellung der Historischen Sozialwissenschaft 99

kommen werden, bedeuten eine Ergänzung und nicht eine Ab-


lehnung sozialwissenschaftlicher Methoden, wie sie von der His-
torischen Sozialwissenschaft praktiziert werden. Giovanni Levi
ist sich dessen sehr bewusst, wenn er seine Art der Mikrohistorie
scharf von der Historischen Anthropologie abgrenzt, wie sie von
Clifford Geertz und Marshall Sahtins vertreten wird. Für ihn hat
die Mikrohistorie ihre wissenschaftlichen, politischen und ethi-
schen Wurzeln im Marxismus. Aus dieser Tradition ist es zu ver-
stehen, dass sie wenigstens in ihrer italienischen Form mit der
Idee verbunden ist. •>dass Geschichtsforschung nicht eine rein
rhetorische oder ästhetische Tätigkeit ist«. Es sei deshalb wich-
tig, ••den Relativismus, Irrationalismus und die Reduktion der
Arbeit des Historikers auf ... die Interpretation der Texte zu wi-
derlegencc.• 15
Der Übergang vom Marxismus und der Historischen Sozial-
wissenschaft zur Alltagsgeschichte wird in den Mitte der siebzi-
ger Jahre begonnenen Arbeiten der Göttinger Proloindustrialisie-
rungsgruppe deutlich sichtbar. Die theoretische Ausgangsposition
dieser Arbeiten ist der marxistischen Anschauung verpflichtet,
dass Produktions- und Reproduktionsverhältnisse die Grundlage
sozialer Strukturen und Prozesse sind. Der methodische Grund-
gedanke kommt direkt aus der Historischen Sozialwissenschaft
und besteht in dem Bemühen, >•die Theorie über den Zusammen-
hang von wirtschaftlichem, sozialem und demographischem
Wandel im frühneuzeitlichen Europace empirisch zu bestlltigen.' 16
Das Buch ••Industrialisierung vor der Industrialisierung« mit
Beiträgen von Peter Kriedte, Hans Medick, Jürgen Schlumbohm,
Herbert Kisch und Franktin Mendels, stellte im Wesentlichen ein
theoretisches und methodologisches Programm vor, das in sorg-
fliltigen Lokal- und Regionalstudien konkretisiert werden muss,
zum Teil inzwischen konkretisiert worden ist. 117
Es ist interessant, wie der makrohistorische Ansatz hier zur
Mikrohistorie fiihrte. Einerseits entsprach die Beschäftigung mit
einem Ort und einer Region einem Interesse an der Geschichte
der »kleinen Leutecc - man wollte der Geschichte ein •>menschli-
ches Antlitzcc geben -, andererseits war sie eine konsequente
Weiterfiihrung der Forschung. Wichtige Anstöße filr die Erfor-
schung der Proloindustrialisierung kamen von der Historischen
Demographie. Diese wandte sich der Masse der Bevölkerung zu,
100 »Linguistische Wende<<

die sie quantitativ zu erfassen suchte. Die Masse blieb aber


stumm und gesichtslos. Diese Arbeiten fiihrten sodann zur Fami-
lienrekonstitution. die Lebens- und Familiengeschichten, »neben
Durchschnitten und >Regeln< auch Muster von Abweichungen
und Alternative« aufdeckte. Auf diesem Weg wurden Netze von
sozialen Beziehungen zwischen konkreten Personen und Famili-
en über einen längeren Zeitraum sichtbar. Jürgen Schlumbohm
drückt das in der methodologischen Einleitung seiner Studie über
Bauern und Eigentumslose im Kirchspiel Beim 1650-1860 so
aus: »Je weiter die Untersuchung fortschreitet, desto weniger
erscheinen die Menschen. deren Lebensweise ihr Gegenstand ist.
in ihrem Verhalten als durchgehend determiniert von den harten
Strukturen, den wirtschaftlichen Bedingungen und des Makro-
Wandels, desto mehr zeigt sich, dass sie das soziale Gefllge, in
dem sie lebten. aktiv mitgestalteten«. 111 Computergestützte Un-
tersuchungen erlauben dann aber auch Einsichten in Verhaltens-
und sogar Denkweisen. So ist es Hans Medick auf der Grundlage
von Erbinventaren gelungen. Buchbesitz und Buchkultur in dem
schwäbischen Dorf Laiehingen zu untersuchen. 119 Was Kriedte,
Schlumbohm, Medick und Sabean fiir eine lange Zeitspanne un-
ternommen haben, haben Carola Lipp und Wolfgang Kaschuba
fl1r ein politisches Ereignis, die Revolution von 1848 in der Stadt
Esslingen getan. 120 Hier liegt der Schwerpunkt nicht auf wirt-
schaftlichen und sozialen Bedingungen, die aber keineswegs ig-
noriert werden. sondern auf Kommunikationsweisen von Men-
schen - ob am Arbeitsplatz, in politischen Vereinen oder im
Kampf um die Erhaltung eines kostenlosen Badeplatzes. Mit ei-
nem Fragenkatalog hat Carola Lipp alle Bewohner Esslingens im
Jahr 1848 in ihren Wohnvierteln im Computer erfasst. um ein
Bild zu gewinnen. das die Verhaltensmuster konkreter Frauen
und Männer wiedergibt. 121
Was in den manchmal heftigen Auseinandersetzung zwischen
Vertretern der Historischen Sozialwissenschaft wie Hans-Uirich
Wehlerund Jürgen Kocka und der Alltags- und Mikrogeschichte
wie Hans Medick und Jürgen Schlumbohm auf den ersten Blick
als eine tiefe Kluft erscheint, verdeckt die vielen Affinitäten zwi-
schen beiden Richtungen. Wie wir am Beispiel der oben behan-
delten Arbeiten gesehen haben. beruhen die Untersuchungen von
Medick, Schlumbohm und Kriedte auf Forschungen. die in ihrer
Die »linguistische Wendecc 101

empirischen, quantitativen Berücksichtigung wirtschaftlicher,


sozialer und demographischer Faktoren über die meisten Arbeiten
der Historischen Sozialwissenschaft noch hinausgehen. Aus dem
Kreis der Historischen Sozialwissenschaft sind ebenfalls zahl-
reiche empirische Lokalstudien hervorgegangen. Sie beschäfti-
gen sich häufiger als die Alltagsgeschichte mit der industriellen
Welt des 19. und 20. Jahrhunderts.' 22 Die mikrohistorischen Stu-
dien, die wir besprochen haben, vernachlässigen keineswegs den
Zusammenhang der Regional- oder Lokalgeschichte mit den
größeren Prozessen des ökonomischen, sozialen und kulturellen
Wandels, tragen aber zu einem differenzierteren Bild dieser Pro-
zesse bei.

5. Die »linguistische Wende«


Das Ende der Geschichte als Wissenschaft?

Es gibt Theorien einer postmodernen Geschichtsschreibung. Die


Frage ist, ob es auch postmoderne Formen der Geschichtsschrei-
bung gibt.
Ausgangspunkt dieser Theorien ist »das Ende des Glaubens,
dass eine kohärente wissenschaftliche Erklärung vergangeocr
Entwicklungen möglich seicc, wie Lawrence Stone formuliert
hat. 12 l Aber postmoderne Theorien gehen über Stones Formulie-
rung hinaus, indem sie den Standpunkt vertreten, dass jegliche
Kohärenz suspekt sei. 124 Der Grundgedanke der posbnodernen
Theorie der Geschichtsschreibung ist die Leugnung des Wirk-
lichkeitsbezugs der Geschichtsschreibung. So betonen Roland
Barthes 125 und Hayden White, dass Geschichtsschreibung sich
von Dichtung nicht unterscheide, sondern selbst Dichtung sei.
Dementsprechend hat White in seinem Buch »Metahistory. Die
historische Einbildungskraft im 19. Jahrhundert in Europace am
Beispiel von vier Historikern (Michelet, Tocqueville, Ranke und
Burckhardt) und vier Geschichtsphilosophen (Heget, Marx,
Nietzsche und Croce) zu zeigen versucht, dass es kein ge-
schichtswissenschaftliches Wahrheitskriterium gibt. Deshalb be-
stehe auch kein wesentlicher Unterschied zwischen Geschichts-
wissenschaft und Geschichtsphilosophie. Zwar könne die philo-
logische Beschäftigung mit den Quellen Tatsachen ermitteln,
102 ))Linguistische Wende<<

aber jede Verknüpfung zu einer zusammenhängenden Darstel-


lung werde von ästhetischen und moralischen, nicht von wissen-
schaftlichen Erwägungen bestimmt. 126 Zugleich ließen sich in der
Geschichtsschreibung Form und Inhalt nicht trennen. Nach White
steht Historikern eine begrenzte Anzahl rhetorischer Möglichkeiten
zur Verfilgung, die die Form und bis zu einem gewissen Grade
auch den Inhalt der Darstellung vorbestimmen. ))Im allgemei-
nen«, schreibt White, ))haben [Literaturtheoretiker] eine gewisse
Abneigung gezeigt, historische Erzählungen als das anzusehen,
was sie am offensichtlichsten sind: sprachliche Fiktionen [verbal
flctions ], deren Inhalt ebenso erfunden wie vorgefunden ist und
deren Form mit ihren Gegenstücken in der Literatur mehr ge-
meinsam haben als mit denen in den Wissenschaften«. 127
Dieser Standpunkt, dass jede historische Darstellung Erfin-
dung sei, geht weit über die Überlegungen von Thukydides bis
Natalie Zernon Davis hinaus, die die literarischen Eigenschaften
der historischen Darstellung erkannt, aber nicht bezweifelt ha-
ben, dass sie zugleich Einsichten in menschliche Wirklichkeiten
bietet. Auch filr Ranke war Geschichte zugleich Wissenschaft
und Kunst. 128 Er vertiefte sich in die Gedanken und Gefilhle sei-
ner Hauptakteure, wenn er es unternahm, sie mit von den Quel-
len geleiteter Einbildungskraft zu rekonstruieren. Aber ihm wie
den Historikern allgemein - z. B. auch Thukydides, als er die
Reden der griechischen Staatsmänner rekonstruierte - diente die
Einbildungskraft dazu, der wirklichen Vergangenheit näher zu
kommen. Es besteht deshalb ein Unterschied zwischen einer
Theorie, die der historischen Darstellung jeden Wirklichkeitsan-
spruch aberkennt, und einer Geschichtsschreibung, der die Kom-
plexität historischer Erkenntnis voll bewusst ist, die aber doch
davon ausgeht, dass wirkliche Menschen wirkliche Gedanken
und Gefilhle hatten, die zu wirklichen Handlungen gefilhrt ha-
ben, die historisch erkannt und dargestellt werden können. Dass
es, wie Patrick Bahncrs formuliert, »kein materiales Wahrheits-
kriterium gibt, ist aber kein Mangel der Historie, sondern seit
Kant die Situation der Wissenschaft«. 1:!9 Allerdings: obwohl Kant
oder auch Max Weber kein materiales Wahrheitskriterium mehr
zuließen, so gab es filr sie doch ein formales Kriterium, das in
der Logik der Forschung verankert war. Diese Logik war univer-
sal gültig und bildete die Grundlage der objektiven Wissen-
Die >>linguistische Wendecc 103

schaft. Dieses fonnale Wahrheitskriterium wird jetzt von ver-


schiedenen modernen Wissenschaftstheoretikern in Frage gestellt
ln der modernen Wissenschaftstheorie muss man zwischen
Denkern wie Gaston Bachelard130 und Paul Feyerabend 131 auf der
einen und z. B. Thomas Kuhn auf der anderen Seite unterschei-
den. Bachelard und Feyerabend begreifen Wissenschaft als eine
poetische Tätigkeit, filr die es keine verbindliche Logik oder
Forschungsmethode gibt. In seinem Buch ••Die Struktur der wis-
senschaftlichen Revolutionen« ( 1960) vertritt auch Kuhn den
Standpunkt, dass die Wissenschaft nicht als Reflexion einer ob-
jektiven Welt verstanden werden kann. Aber sie ist nicht Dich-
tung, sondern ein historisch und kulturell bedingter Diskurs unter
Menschen, die sich über die Regeln ihres Diskurses einig sind.
Für ihn ist Wissenschaft eine institutionalisierte Verhaltenswei-
se, eine Art, wie man in einer Gemeinschaft Ähnlichgesinnter
mit der Wirklichkeit umgeht. Ihr Kern liegt in der Kommunika-
tion und damit in der Sprache. Damit stellt Kuhn zwar auch den
Wirklichkeitsbezug der Wissenschaft in Frage, aber nicht wie
Bachelard und Feyerabend die Möglichkeit eines wissenschaftli-
chen Diskurses.
Die Frage nach dem Wirklichkeitsbezug von Wissen spielt
auch in der Sprachtheorie eine zentrale Rolle. Die moderne Wis-
senschaft hat die Sprache als Vehikel filr die Verständigung, d. h.
filr die Vennittlung sinnvollen Wissens verstanden. Der logische
Positivismus, wie er in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts
aus dem Wiener Kreis hervorgegangen und in das sprachanalyti-
sche Denken angloamerikanischer Philosophen und Wissen-
schaftler eingegangen ist, strebt eine Sprache an, die von allen
Widersprüchlichkeilen und kulturbedingten Mehrdeutigkeilen
gereinigt und sowohl klare logische als auch real bezogene
Begriffe vennitteln kann. Genau diese referentielle Funktion der
Sprache hat der Strukturalismus in Frage gestellt.
Für die Sprachtheorie, wie sie von dem Schweizer Linguisten
Ferdinand de Saussure in seinem 1916 posthum erschienenen
Werk ••Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft« for-
muliert wurde, waren zwei miteinander verbundene Gedanken
grundlegend: Die Sprache bildet ein in sich geschlossenes auto-
nomes System, das eine syntaktische Struktur besitzt. Und: Die
Sprache ist kein Mittel, Sinn oder Sinneinheiten mitzuteilen,
104 ))Linguistische Wendecc

sondern umgekehrt, der Sinn ist eine Funktion der Sprache. An-
ders ausgedrOckt: Der Mensch bedient sich nicht der Sprache,
um seine Gedanken zu vermitteln, sondern was der Mensch
denkt, ist durch die Sprache bedingt. Hier haben wir den zentra-
len Gedanken der strukturalistischen Gesellschafts- und Ge-
schichtsauffassung: Der Mensch bewegt sich im Rahmen von
Strukturen (in diesem Fall von sprachlichen Strukturen), die
nicht er bestimmt, sondern die ihn bestimmen. Diese Auffassung
hat auch auf die Literaturtheorie eingewirkt, die in den filnfziger
Jahren (und später) die amerikanischen Verfechter der New Cri-
ticism vertreten haben und die in Frankreich in einer kontinuier-
lichen Diskussion von Roland Barthes bis Jacques Derrida fort-
gefUhrt worden ist: Der Text hat keine Beziehung (Referentiali-
tät) zu einer Außenwelt, sondern ist in sich geschlossen. Das gilt
nicht nur filr den literarischen, sondern ebenso filr den ge-
schichtswissenschaftlichen Text. Da er keinen Wirklichkeitsbe-
zug hat, entflillt, wie Barthes betont, der Unterschied zwischen
Wahrheit und Dichtung. Der Text wird aber nicht nur unabhän-
gig von seinem Bezug zur Außenwelt gesehen, sondern auch
unabhängig von seinem Autor. Es geht ausschließlich um den
Text, nicht um den Kontext, in dem er entstanden ist. Der nächs-
te Schritt ist die Kritik Michel Foucaults, in der der Mensch als
aktiver Faktor und damit auch die menschliche Intentionalität als
sinnstiftendes Element verschwindet. Für Foucault verliert die
Geschichte daher auch jede Bedeutung, sie ist eine späte Erfin-
dung des okzidentalen Menschen in der so genannten klassischen
Phase der späten Neuzeit, die schon wieder überholt ist. 112 Para-
doxerweise sind seine Werke über den Wahnsinn, über die Kli-
nik und über das Geflingnis trotzdem ganz historisch angelegt.
Wogegen sich die Kritik von Barthes bis Derridam richtet,
sind die ideologischen Vorstellungen, die, wenn man genau hin-
sieht, jeden Autor leiten. Der Text muss deshalb von seinem Au-
tor ))befreit« werden. Zugleich radikalisiert sich das Sprachver-
ständnis. Für de Saussure hatte die Sprache noch eine Struktur,
stellte sie ein System dar. Es bestand noch eine Einheit zwischen
dem Wort (signifiant) und der Sache, auf die es sich bezog
(signifie). Für Derrida dagegen besteht diese Einheit nicht mehr,
er sieht eine unendliche Fülle von signifiants ohne klare Bedeu-
tung, weil es keinen archimedischen Punkt gibt, von dem aus
Die >~linguistische Wendecc 105

eine Bedeutung fixiert werden könnte. Für die Geschichtsschrei-


bung bedeutet dies nach Derridas Ansicht eine Welt ohne Bedeu-
tung, ohne menschliche Akteure, ohne Intentionen, ohne Zu-
sammenhang. Wenn es in der Zukunft Historie noch geben soll,
dann nur in ganz anderen Formen, wie schon Stone betont hatte:
))Geschichten werden auf eine andere Art erzählt als bei Homer,
Dickens oder Balzac«, 134 filr die ja die aristotelische Einheit der
Person, der Handlung und der Zeit selbstverständlich war. Jetzt
erscheinen die Texte von Joyce, Proust oder Musil als geeigne-
tere Modelle der historischen Erzählung. Hayden White und
Dominick LaCapra, die sich seit den siebziger Jahren mit den
theoretischen Problemen befasst haben, die diese Diskussion für
die Geschichtsschreibung aufgeworfen hat, verstehen Geschichts-
schreibung wieder als reine Literaturgattung. Für LaCapra muss
sie die rhetorische Qualität wiedergewinnen, die sie seit der An-
tike besaß.m Die Entrhetorisierung, die bei Jörn ROsen und
Horst-Waller Blanke-Schweers136 das Merkmal der modernen
Geschichtswissenschaft ist, wie sie mit Ranke entstand, soll
rückgängig gemacht werden. Dazu ist allerdings zu bemerken,
dass es, von extremen Formen der quantifizierten Forschung ab-
gesehen, wohl noch nie eine Geschichtsschreibung ohne eine
bedeutende rhetorische Komponente gegeben hat. White geht
darüber jedoch hinaus. Für ihn ist jeder Versuch, auf Grund von
Tatsachen eine zusammenhängende Geschichte zu schreiben, mit
einer Reihe metawissenschaftlicher Entscheidungen verknüpft.
Diese sind, ähnlich wie bei einem Roman, von einer begrenzten
Anzahl literarischer Möglichkeiten bedingt, die bestimmen, wie
der Historiker die Geschichtsdarstellung gestaltet.
Diese Kritik an der herkömmlichen Geschichtsschreibung
(implizit auch an der geschichtswissenschaftliehen Rationalität)
wird von denjenigen Historikern und Historikerinnen sehr ernst
genommen, die in dem Imperativ der Objektivität den Pfeiler einer
logozentrischen Weltauffassung sehen, die für Michel Foucault
und Jacques Derrida - und vor ihnen filr Friedrich Nietzsche und
Martin Heidegger - Grundlage der Machtstrukturen ist, die die
okzidentale Welt seit Sokrates beherrscht haben. Dies gilt etwa
für die amerikanische Sozialhistorikerin Joan Scott, die sich in
ihrer Theorie einer feministischen Geschichtsschreibung auf
Derrida beruft und nach Derridas Muster durch die Dekonstruk-
106 ))Linguistische Wende((

tion der herkömmlichen Logik und der herkömmlichen Diskurse


die uralten Strukturen männlicher Dominanz in Frage stellen
will, einer Dominanz, der, wie sie argumentiert. die Frauen und
nicht nur Frauen zum Opfer gefallen sind. 137
Mit der Betonung der Sprache wird in der gegenwärtigen the-
oretischen Diskussion immer häufiger vom Diskurs als der Form
gesprochen, in der sich zwischenmenschliche Kommunikation
vollzieht. Die Beschäftigung mit dem Diskurs spielt eine zuneh-
mende Rolle in sozial- und kulturhistorischen Arbeiten, aber
auch in der Politik- und der Geistesgeschichte. Für die meisten
dieser Arbeiten ist der Diskursbegriff ein Mittel, an die viel-
schichtige historische Wirklichkeit näher heranzukommen, nicht
diese zu verneinen. So erhält etwa die Geschichte der politischen
Ideen durch die Beschäftigung mit der politischen Sprache
neues Leben. Ein Beispiel dafilr ist die Geschichte der politi-
schen Begriffe, wie sie im angloamerikanischen Kontext von
J. G. A. Pocockm und Quentin Skinner, 139 in Deutschland von
Reinhart KoseHeck u. a.in dem sechsbändigen Lexikon ••Ge-
schichtliche Grundbegriffe« entwickelt worden ist. 140 Pocock.
Skinner und KoseHeck gehen davon aus, dass Ideen und Begriffe
filr die Entstehung der modernen politischen Gesellschaft aus-
schlaggebend gewesen sind, dass diese Ideen aber Teile eines
Diskurses bilden, eines normativen Vokabulars durch das politi-
sches Verhalten legitimiert wird. Lucien Febvre hat schon 1942
in seinem früher erwähnten Buch ••Das Problem des Unglauben
im Zeitalter Rabclais'(( ein Beispiel datnr gegeben, wie man den
Gedankengängen einer Zeit durch die Analyse ihrer Sprache, die
ihr ••geistiges Werkzeug« (outil mental) ausmacht, näher kom-
men kann. Das bedeutet nicht, dass Ideen oder die Sprache eine
historische Entwicklung, z. B. die Entstehung des modernen
Staatsgedankens, bestimmen, wohl aber, dass sie sie verständlich
machen. 141 Bei KoseHeck -und ebenso bei Pocock und Skinner -
haben wir es allerdings noch mit Begriffen zu tun, die verhält-
nismäßig konzise zusammengefasst werden können. Überdies
erheben Pocock und Skinner auch nicht den Anspruch, Sozialge-
schichte zu schreiben. Und obwohl sie von der Analyse von Tex-
ten, und zwar von klassischen Texten, ausgehen, teilen sie nicht
die Auffassung vom Primat des Textes, wie sie den Arbeiten von
Barthes, White und Derrida zugrunde liegt. Ihr Ziel ist, den Sinn
Die .,linguistische Wende<< 107

eines Textes, d. h. die Intentionen des Autors zu verstehen und


ihn darüber hinaus in den Kontext der Zeit, in der er entstanden
ist, das heißt: in den Diskurs der Zeit einzubetten.
Anderen Historikern und Historikerinnen, die sich der moder-
nen Kulturanthropologie enger verbunden filhlen, erscheint die
Deutung der Sprache viel komplexer. Für William Sewell, ähn-
lich auch filr Lynn Hunt, wird die Sprache ebenfalls zu einem
wichtigen Schlüssel fiir das Verständnis politischen Wandels, in
diesem Falle der Entstehung der französischen sozialistischen
Bewegungen vor der Revolution von 1848 mit ihren Wurzeln im
korporativen Denken der Zeit vor 1789. Dieser Wandel spiegelt
sich nicht nur in der Sprache wider, sondern lässt, so Sewell,
eine neue politische und gesellschaftliche Denkweise entstehen.
Die Sprache, der gemeinsame Diskurs, ersetzt die älteren Vor-
stellungen von sozialen Gruppierungen wie die der Klasse im
marxistischen Sinn. Dabei wird Sprache aber vielschichtiger und
vieldeutiger. Aus den klassischen Texten, wie es noch Pocock
und Skinner tun, sei die Bedeutung der Begriffe nicht mehr zu
rekonstruieren. Stattdessen müsse man die verschlüsselten, sym-
bolischen Formen der Sprache untersuchen. Bei Sewell und Hunt
geht die Sprachanalyse ganz bewusst in die Historische Anthro-
pologie über. Ähnlich wie Furet142 will Lynn Hunt in ihrem Buch
über die Französische Revolution ))die Politik der Revolution
rehabilitieren<<. Es ist aber nicht ihre Absicht, die revolutionären
Ereignisse darzustellen, sondern sie will ))den Versuch machen,
die Regeln des politischen Denkens aufzudecken. Um zu verste-
hen, was die handelnden Individuen damals zu tun glaubten,
können Historiker nicht einfach die Äußerungen der Beteiligten
über ihre Absichten zusammenfassen. ))Die Werte, Erwartungen
und unausgesprochenen Regeln, die den kollektiven Absichten
und Aktivitäten Ausdruck und Form verleihen, bilden das, was
ich die politische Kultur der Revolution nennen möchte; diese
politische Kultur liefert die Logik des revolutionären politischen
Handelns«. 141 Ähnlich schreibt Sewell über die Rolle der Arbei-
ter in der Revolution von 1848 in Frankreich: ))Aber weil Kom-
munikation nicht auf Sprache und Schreiben beschränkt ist, müs-
sen wir auch den verstehbaren Formen vieler anderer Aktivitäten
nachgehen: Ereignissen, und Institutionen, den Praktiken von
Handwerkerorganisationen, von Ritualen und Zeremonien ...
108 ••Linguistische Wendecc

Wenn wir den Symbolgehalt und die begriffliche Kohärenz aller


Arten von Erfahrungen der Arbeiterklasse entdecken können.
dann wird die Aufnahme expliziter politischer Ideologien durch
die Arbeiter nicht mehr als ein plötzliches Eindringen von
>Ideen< von außen erscheinen, sondern als die Einfiihrung oder
Ausarbeitung eines weiteren symbolischen Rahmens in, die so
wie die Lebensläufe von uns allen vorher schon von begriffli-
chen Streitfragen und Problemen durchdrungen waren«. Es geht
nicht mehr »um die Gedanken einer Reihe von Autoren, sondern
um die Rekonstruktion eines Diskurses aus fragmentarischen
Quellen«. 144
Der Versuch, die Französische Revolution als einen bis ins
19. Jahrhundert fortdauernden Prozess der Wandlung von Sym-
bolen als Formen eines Diskurses darzustellen, ist das Herzstück
der Arbeiten von Maurice Agulhon 145 und Mona Ozoufl 46 über
die Übernahme republikanischer Denkweisen in Frankreich, ge-
sehen als ein vielschichtiger Komplex von Verhaltensweisen.
Und Gareth Stedman-Jones versucht, von Edward Thompsons
Konzeption der Klasse als »einer historischen Beziehung« 147
ausgehend, die Arbeiterklasse oder die Arbeiterklassen durch
»die sprachlichen Regelsysteme - also die Diskurse, in denen die
Menschen die ökonomischen und politischen Prozesse jeweils
erleben und wahrnehmencc 141 zu definieren. Die Rolle von Spra-
che und Rhetorik in der politischen Mobilisierung der Wähler in
der Weimarer Republik hat, wie schon erwähnt, Thomas Childers
untersucht. 140 Die Propaganda der NSDAP war ihm zufolgc des-
halb so erfolgreich, weil es ihr gelang, an eine nationale Rhetorik
anzuknüpfen, die das zwiespältige und gespannte Verhältnis der
Bevölkerung zur Modernität widerspiegelte.
An diesem Punkt stellt sich die Frage, ob es filr eine Ge-
schichtsschreibung, fllr die die Sprache die Grundlage aller ge-
sellschaftlichen Phänomene bildet, noch wissenschaftliche Krite-
rien fllr die Darstellung der Vergangenheit gibt. Nach dem streng
linguistischen Standpunkt de Saussures entbehrt die Sprache jedes
Wirklichkeitsbezuges bzw. bildet sie selbst die einzige existente
Wirklichkeit. Dieser Gedanke ist in der Literaturtheorie von
Barthes und Derrida bis zu der Position weitergeführt worden,
dass es »nichts außerhalb des Textes gebe« und dass, da jede
historische Darstellung die Form eines sprachlichen Textes an-
Die ,,linguistische Wendecc 109

nehme, das Verhältnis jeder historischen Darstellung zur Wirk-


lichkeit dem Verhältnis eines rein literarischen Textes zur Wirk-
lichkeit ähnlich sei. Nicht Wahrheit ist fllr White und LaCapra
das Ziel einer sprachlichen Rekonstruktion der Vergangenheit.
sondern eine bedeutungsvolle Erzählung. Und für einen solchen
Text sind die Intentionen des Autors belanglos.
Hier sei noch einmal zwischen der theoretischen Diskussion,
die wir verfolgt haben, und der Praxis historischer Forschung
unterschieden. Die zunehmende Betonung der Rolle der Sprache
und damit verbunden, der semiotischen Aufgabe der Geschichts-
schreibung bedeutet, dass die Vorstellungen von historischer
Wirklichkeit und von menschlicher Intentionalität viel komple-
xer werden, nicht aber, dass sie abhanden kommen. So betont die
neue Kulturgeschichte in einem viel höheren Grad die Rolle der
handelnden Menschen - und ihre Einwirkung auf die Strukturen,
in deren Rahmen das Handeln stattfindet - als es die älteren
Formen der Sozialgeschichte mit ihrer Betonung der Strukturen
getan haben. Und trotz der deterministischen Aspekte der Kul-
turanthropologie, wie sie in Frankreich in einer älteren Form von
Durkheim und Levi-Strauss, in Amerika in den letzten Jahren
von Geertz und Darnton 150 vertreten worden ist, führt der neue
kulturelle und linguistische Ansatz meist zu dem Versuch, den
Determinismus älterer sozialwissenschaftlicher Traditionen -
seien sie von Marx oder seien sie von den ))Annales(( geprägt -
zu brechen. Dabei wird die Kultur als der entscheidende Faktor
in der Gestaltung der Formen menschlichen Zusammenlebens
verstanden.
Zusammenfassend: Zweifellos hat die theoretische Diskussion
der letzten Jahrzehnte die Praxis der Geschichtsschreibung tief
beeinflusst. Voraussetzungen, auf denen die Geschichtswissen-
schaft seit ihrer Grßndung als wissenschaftliche Disziplin im 19.
Jahrhundert beruhte, sind in Frage gestellt worden. Das überlie-
ferte Weltbild der Geschichtswissenschaft hat sich für die Ge-
dankenwelt des späten 20. Jahrhunderts als zu einfach erwiesen.
Die an den systematischen Sozialwissenschaften und am Mar-
xismus orientierte Historie hatte viele dieser Voraussetzungen
unkritisch von der älteren, dem klassischen Historismus ver-
pflichteten Politik- und Ereignisgeschichte übernommen. Dazu
gehörte die Annahme, dass zentrale Institutionen wie der Staat
110 ))Linguistische Wende«

und die Wirtschaft das Rückgrat der Geschichte bilden und dass
die Geschichtswissenschaft sich an ihnen orientieren könne; es
gehörte dazu auch die damit verbundene Annahme, dass diese
Institutionen sich in einen kohärenten Geschichtsverlauf einbe-
ziehen lassen, der gradlinig zur modernen westlichen Welt hin-
fUhrt. Anders die postmoderne Theorie. Indem sie die moderne
Gesellschaftsordnung und deren Kultur in Frage stellte, hat sie
ein vielschichtigeres Verständnis von Gesellschaft und Ge-
schichte entwickelt, das die Menschen und die Lebensbereiche,
die im herkömmlichen Geschichtsdenken nicht beachtet worden
sind, ins historische Licht rückt. ln diesen Zusammenhang gehört
auch der Gedanke, dass Macht nicht ausschließlich von den
zentralen Institutionen ausgeht, die die herkömmliche Historie
vor allem beschäftigt haben, sondern sich auch in den alltägli-
chen zwischenmenschlichen Beziehungen manifestiert. Damit war
eine Grundlage nicht nur filr eine Alltags-, sondern auch fiir eine
Frauen- und Geschlechtergeschichte geschaffen. Das Feld der
Geschichtsforschung wurde unermesslich erweitert. Damit wur-
de auch die historische Erkenntnis schwieriger. Eine dezentrierte
Geschichtsschreibung, in der Erfahrungen und Verhaltensweisen
eine entscheidende Rolle spielen, erfordert wissenschaftliche
Strategien, die weit komplexer sind als die der herkömmlichen
Geistes- und Sozialwissenschaften. Die postmoderne Theorie
machte die Komplexitäten des Wissensprozesses, die ideologi-
schen Komponenten in allen Texten und die Widersprüche im
Denken jedes Einzelnen (Widersprüche, die die Vorstellung ei-
ner integrierten Persönlichkeit in Frage stellen) zum Gegenstand
der Diskussion. Sie schoss über ihr Ziel in dem Moment hinaus,
als sie nicht nur zeigte, wie schwierig es ist, die Wirklichkeit mit
allihren Widersprüchen zu verstehen, sondern radikal verneinte,
dass es überhaupt eine Wirklichkeit gebe. Die Geschichtswissen-
schaft ist durch sie zu größerer Umsicht gezwungen worden. Sie
braucht aber nicht ihren Anspruch aufzugeben, dass sie wirkli-
ches Leben, wie perspektivisch auch immer, rekonstruiert.
Schlussbetrachtung

Wir können diesen Überblick mit der Feststellung schließen,


dass die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Geschichte
keineswegs in einer tiefen Krise steckt. Drei Behauptungen, die
auf eine Krise der modernen okzidentalen Kultur hindeuten, sind
in diesen Diskussionen ständig artikuliert worden: dass die Ge-
schichte zu Ende sei, dass damit auch die Möglichkeit objektiver
Geschichtsschreibung hinfällig geworden sei, schließlich dass
die Aufldärung, auf der das Wissenschafts- und Weltverständnis
der Geschichtsschreibung der letzten zwei Jahrhunderte beruht,
ein Selbstbetrug gewesen sei.

I. Das »Ende der Geschichte«?

Es ist modisch geworden von einer Posthistoire 1 zu sprechen,


einer nachhistorischen Zeit. Was hat es damit auf sich? Das jü-
disch-christliche Denken des Okzidents ist von der Vorstellung
gekennzeichnet, dass die Geschichte ein Ziel oder wenigstens
eine Richtung hat. Demgegenüber hat der zyklische Gedanke
einer »ewigen Wiederkehr« in den nicht-okzidentalen Kulturen,
aber auch in der Vorsokratischen Gedankenwelt das Geschichts-
bild bestimmt. Die Aufklärung hat dann den Gedanken, dass sich
die Zeit erfilllt, in die Welt verlegt. Auf dem Glauben, dass die
Geschichte einen sinnvollen Prozess darstellt, beruhte die Zuver-
sicht nicht nur des gehobenen Bürgertums, sondern auch des
Durchschnittsmenschen im Europa des 19. Jahrhunderts, dass die
Beschäftigung mit der Geschichte den Schlüssel zu Bildung und
Kultur enthalte. Die Geschichte wurde als eine Einheit gesehen,
als ))die Geschichte«, an deren Ende die vernünftige Gesellschaft
stehen würde, wie sie auf verschiedene Weise Kant, Condorcet,
Heget, Comte und Mill, aber auch Marx gesehen haben.
Der Gedanke, dass die Geschichte zu Ende sei, ist seit Burck-
hardt und Nietzsche mit der Verzweiflung über die Entwicklung
112 Schlussbetrachtung

der modernen Kultur und Gesellschaft verknüpft. Was Nietzsche,


Burckhardt, aber z. B. auch Dostojewski an der europäischen
Welt ihrer Zeit störte, waren weniger die Ausbrüche von Gewalt
als vielmehr die rapide Bewegung zu dem, was sie als die Vulga-
risierung der Werte empfanden, die filr sie die Kultur der westli-
chen Welt verkörperten. Und ähnlich wie später Nietzsche hat
Kierkegaard am Vorabend der Revolution von 1848 bedauert,
dass die moderne bürgerliche Gesellschaft die Fähigkeit zur he-
roischen Gewalt verloren habe. 2 Wissenschaft und Technik wur-
den als die letzten Folgen eines Rationalisierungsprozesses gese-
hen, der die Wurzeln der Kultur in Mythos und Dichtung zerstört
und die Menschen vor das Nichts stellt. Dieser Kulturpessimismus,
dessen spätere Vertreter, etwa Ernst Jünger und Carl Schmitt,
von einer Erneuerung der technisierten Welt in Krieg und Ge-
walt3 in einer postmodernen Volksgemeinschaft phantasierten,
war bewusst elitär und antidemokratisch. Trotzdem inspirierte er
nach 1945 Denker, die diese elitäre Einstellung zwar ablehnten,
die Wissenschafts- und Technikkritik aber in vielen Punkten als
Teil einer Kapitalismuskritik übernahmen, Denker die in der
modernen Wissenschaft und Technik Instrumente der Herrschaft
über Menschen und der Zerstörung einer humanen Welt sahen.
Mit dem Konsens, dass es eine Geschichte gibt und dass diese
in die moderne okzidentale Welt mündet, mit dem Konsens also,
der von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen das Denken des 19.
Jahrhunderts beherrscht hat, ist es zu Ende. Das bedeutet aber
keineswegs, dass die Geschichte zu Ende ist. Es sollte zu der
Erkenntnis fUhren, dass es nicht die Geschichte, sondern eine
Vielfalt von Geschichten gibt. Diese Einsicht ist insbesondere
filr die Mikrohistorie grundlegend. Ob man die Geschichte als
einen kontinuierlichen Prozess oder als eine Vielfalt von Ge-
schichten sieht, hängt auch von den Fragen ab, die Historiker der
Vergangenheit stellen. Überdies hat die Geschichte sich als viel-
schichtiger erwiesen als sie Heget, Ranke oder Marx erschien.
Zwar werden wir ständig mit übergreifenden Prozessen der Mo-
dernisierung mit all ihren sozialen, technischen und kulturellen
Nebenerscheinungen konfrontiert, die zu makrohistorischen Fra-
gestellungen drängen. In dieser Hinsicht ist Webers- aber auch
Braudels - Frage nach dem spezifischen Charakter der okziden-
talen Welt nicht überholt. Diese Fragestellung gibt jedoch den
Das Ende der Geschichte als Wissenschaft? 113

Anspruch auf, den Marx noch erhob: den Gang »der« Geschichte
ausfindig zu machen. In letzter Instanz wird die Makrohistorie
nicht von ihrem Gegenstand. sondern von den Fragestellungen
der Historiker bestimmt. Der Begriff eines Ende der Geschichte
ist, wie Lutz Niethammer betont, im Grunde von derselben An-
nahme bestimmt wie das herkömmliche Geschichtsdenken, näm-
lich der, dass es nur eine, in der Zeit fortschreitende Geschichte
geben könne und dass, wenn diese als Ganze ihre Bedeutung
verliert, die Geschichte zu Ende sein müsse. Aber neben dieser
einen Geschichte gibt es die Geschichten der vielen Menschen,
Gruppierungen und Kulturen, und diese Geschichten sind im
Grunde näher an der Wirklichkeit, als die abstrakt projizierten
Vorstellungen einer einheitlichen Geschichte.• Dank der Arbei-
ten von Le GotT, Braudel, Thompson und Koselleck ist uns heute
bewusst, wie zeit- und kulturbedingt unser Begriff einer linearen,
fortschreitenden Zeit ist, die Vergangenheit, Gegenwart und Zu-
kunft verbindet, 5 d. h. der Begriff der Zeit, der fiir die moderne
Geschichtsschreibung sozusagen der rote Faden war. Es gibt viele
Zeiten, »die Zeit der Kirche und des Händlers im Mittelalter«,6
die »longue duree« der sozialen und kulturellen Strukturen und
die schnelle Zeit der Ereignisse - Konzeptionen von Zeit, 7 die
alle von den Fragestellungen des Historikers und von dem Ge-
genstand seiner Fragestellungen mit bedingt werden. Man kann
mit einer gewissen Berechtigung feststellen, dass die Geschichte
keineswegs ihre Bedeutung verloren hat, sondern dass sie durch
die Vermehrung der Perspektiven an Bedeutungen gewonnen
hat.

2. Das Ende der Geschichte als Wissenschaft?

Dieser Überblick Ober die Geschichtsschreibung im 20. Jahrhun-


dert hat zu zeigen versucht, dass der wachsende Zweifel an der
Möglichkeit einer »objektiven« Geschichte nicht zum Ende einer
wissenschaftlichen Geschichtsforschung und Geschichtsschrei-
bung gefilhrt hat, sondern eher zu größerer Differenziertheit. In
den Diskussionen der letzten Jahrzehnte sind zunehmend herme-
neutische und analytische Wissenschaftsbegriffe in der Historie
in Frage gestellt worden. Diese gingen ursprünglich, bei Ranke
114 Schlussbetrachtung

wie bei Buckle, von der Annahme aus, dass es einen Gegenstand
der Geschichte gebe, der wissenschaftlich, d. h. objektiv erfasst
werden könne. Für Ranke und den klassischen Historismus be-
stand dieser Gegenstand aus lebenden Menschen, deren Hand-
lungen wenigstens zum Teil intentional waren, eingebettet in
größere Einheiten wie Nation, Staat und Religion, die gemein-
same Wertvorstellungen und Weltanschauungen verkörperten.
Ranke und die hermeneutische Tradition bis zu Dilthey' und
Collingwood' waren sich vollkommen bewusst, dass diese Werte
und diese Gedankenwelt nicht durch empirische Beobachtungen
rekonstruiert werden können und dass sie in abstrakten Formu-
lierungen ihren Sinn verlieren würden, waren aber auch davon
überzeugt, dass sie vermittelbar seien, d. h. dass sie verstanden
werden können. Im Gegensatz zur Hermeneutik des klassischen
Historismus betonte eine andere Richtung von Buckle bis Braudei
und Fogel den materiellen Rahmen und die strukturellen Gege-
benheiten, in denen menschliches Denken und Handeln stattfin-
det, war aber ebenfalls davon überzeugt, dass diese Strukturen in
ihrer Gegenständlichkeit wissenschaftlich erfasst werden können.
Dieser Glaube an einen Gegenstand, gleichgültig ob er als Zu-
sammenhang von Intentionen und Werten oder als überpersönli-
che Struktur verstanden wurde, ist im Laufe des 20. Jahrhunderts
diskreditiert worden. Kant hatte ja schon darauf hingewiesen,
dass man das ))Ding an sich« nicht kennen könne, dass das wis-
senschaftliche Denken sich nicht an den Gegenständen orientie-
re, sondern diese nach den Kategorien der Vernunft konstruiere.
Jetzt wurde aber die Möglichkeit eines streng wissenschaftlichen
Denkens, das auch Max Weber noch voraussetzte, überhaupt
problematisiert. Für das hermeneutische Verfahren wurde von
Gadamer10 und Ricoeur 11 die Möglichkeit des Verslehens in Fra-
ge gestellt. Für sie kann kein Text so verstanden werden, wie er
gemeint war. Er wird immer aus der Perspektive des Lesers ver-
standen. Der Leser, auch der Historiker, geht mit einem ))Vorur-
teil« an ihn heran, das durch die Rezeption des Textes durch die
ganze Geschichte seiner Interpretation, mitbestimmt worden ist.
Die Vergangenheit als solche gibt es nicht. Für Foucault und
Derrida entflllt, wie früher dargelegt, auch der Autor als fester
Bezugspunkt. Ein Text hat keine geschlossene Bedeutung, sondern
enthält unversöhnliche Widersprüche. Darum haben Barthes,
Das Ende der Geschichte als Wissenschaft? II S

White und Denida den qualitativen Unterschied zwischen Ge-


schichte als Wissenschaft und als Fiktion in Frage gestellt. Aber
auch die an den empirischen und analytischen Sozialwissen-
schaften orientierte Geschichtsschreibung ist sich jetzt bewusst,
dass ihre Vorstellungen vergangener und gegenwärtiger Gesell-
schaften auf Konstruktionen beruhen. Die Realtypen, die Marx
noch auf die Gesellschaft angewandt hat, werden jetzt durch
Webers Idealtypen ersetzt, die die Gesellschaft als Gegenstand
der Forschung mit Begriffen angehen. die dem wissenschaftli-
chen Denkens des Forschers und nicht der Gesellschaft als einer
objektiven Wirklichkeit entspringen. Im Laufe der letzten Jahre
ist dann zusätzlich noch die Rolle kultureller Faktoren betont
worden, die nur »auf der Grundlage der Bedeutung« 12 (Weber)
verstanden werden können und daher Methoden erfordern, die
über die Verfahrensweisen einer empirischen Sozialwissenschaft
hinausgehen.
Das Verhältnis des Historikers zum Gegenstand seiner For-
schung ist sehr viel komplizierter geworden als es in der her-
kömmlichen historistischen oder sozialwissenschaftliehen Ge-
schichtswissenschaft der Fall war. Dies hat dazu beigetragen.
dass die Möglichkeit eines wissenschaftlichen Zugangs zur Ge-
schichte überhaupt radikal angezweifelt worden ist. TatsAchlich
hat dieses neue Bewusstsein in der Praxis nicht zu einer Auflösung.
sondern zu einer Erweiterung der wissenschaftlichen Beschäfti-
gung mit der Geschichte gefilhrt. In den letzten Jahrzehnten hat
eine regelrechte Explosion der Themen stattgefunden. die tllr die
Geschichtsschreibung relevant sind. Nie zuvor hat die Geschichts-
forschung sich so vielen Schichten der Bevölkerung gewidmet.
Gleichzeitig sind Aspekte des Lebens in die Geschichtsbetrach-
tung aufgenommen worden, die früher, als der Staat im Mittel-
punkt stand und scharf zwischen ))Geschichte und Geschäften<<u
unterschieden wurde, als tllr die Geschichte unwichtig betrachtet
wurden. Die neuen Themen, die die Geschichtsforschung im
Zeichen einer sich wandelnden Welt erschloss. benötigten neue
Methoden, die sowohl über die Quellenkritik des klassischen
Historismus als auch über die quantitativen Modelle der empiri-
schen Sozialwissenschaften hinausgehen.
Es gibt jetzt kein Paradigma der Geschichtsforschung mehr.
wie es das an den Universitäten des 19. und frühen 20. Jahrhun-
))6 Schlussbetrachtung

derts durchaus gegeben hat. sondern eine Vielfalt von For-


schungsstrategien. Die Historiker haben den Anspruch nicht auf-
gegeben, dass sie wissenschaftlich mit der Geschichte umgehen,
auch wenn sie die Grenzen zwischen Wissenschaft und Literatur
jetzt häufig weniger streng ziehen. Der Anspruch auf Wissen-
schaftlichkeit hat sicher auch den soziologischen Grund, dass
Geschichte auch im späten 20. Jahrhundert immer noch haupt-
sächlich an Universitäten und Forschungsinstitutionen (wie sie
im 19. Jahrhundert entstanden sind) erforscht, gelehrt und ge-
schrieben wird. Dieser institutionelle Rahmen bestimmt weitge-
hend, wie der Wissenschaftler sich als Wissenschaftler verhält.
Die Professionalisierung hat zweifelsohne auch den Möglichkei-
ten neuer unkonventioneller Wege in Geschichtsschreibung und
Geschichtsdenken Grenzen gesetzt. Unabhängig von den theore-
tischen Diskussionen, die oft die Möglichkeit einer wissenschaft-
lichen Historie in Frage gestellt haben, indem sie Wirklichkeits-
bezug und innere Kohärenz der >Texte< bestritten, sind die Histo-
riker, auch wenn sie sich mit kulturellen Aspekten befassten,
davon ausgegangen, dass sie es nicht mit imaginären, sondern
mit wirklichen Menschen zu tun hatten, die sie verstehen wollten.
Die alte Gegenüberstellung von hermeneutischer, >verstehen-
der< und analytischer, >erklärender< Verfahrensweise, die in der
Methodendiskussion um die Jahrhundertwende so sehr betont
und von Teilen der New Cultural History wieder aufgegriffen
wurde, ist in vieler Hinsicht falsch. Max Weber hat schon versucht
die Grundlagen fllr eine >.verstehenden Soziologiecc zu schaffen,
die eine historische Soziologie war und von der Annahme aus-
geht. dass die »Erkennblis von Kulturvorgängen [nicht] anders
denkbar ist, als auf der Grundlage der Bedeutung, welche die
stets individuell geartete Wirklichkeit des Lebens in bestimmten
einzelnen Beziehungen filr uns hat<<. 14 Die Tatsache, dass die So-
zialwissenschaften und damit auch die Geschichtswissenschaft
sich mit Werten und Bedeutungen befassen, die in ihrem konkre-
ten historischen Zusammenhang verstanden werden müssen,
schließt filr Weber keinesfalls die Möglichkeit aus, sie zu erklä-
ren, sondern macht Erklärungen vielmehr erst möglich.
Die Formen, die diese Erklärungen haben können, sind viel-
fliltig. Es gibt heute keine Historik (wie die von Droysen und
Dilthey konzipierten), die Prinzipien der wissenschaftlichen For-
Das Ende der Auftdlrung? 117

schung filr unsere Zeit verbindlich artikuliert. Und angesichts der


vielen praktizierten und möglichen Strategien der gegenwärtigen
Geschichtsforschung ist es gut, dass es keine gibt. Aber auch
Lawrence Stones Plädoyer fiir eine Rückkehr der Geschichte zur
Erzählkunst sollte keinesfalls so verstanden werden, dass sich
die Geschichte von den Sozialwissenschaften abwenden soll.
Das Subjekt in der Geschichtsschreibung tritt wieder stärker her-
vor, und Historiker haben begonnen, die Menschen nicht nur
innerhalb sozialer, kultureller und sprachlicher Strukturen zu
sehen, die menschliche Verhaltensweisen bestimmen, sondern
auch die Frage zu stellen, wie Menschen an der Formierung und
dem Wandel dieser Strukturen mitgewirkt haben. Die Erzählung
ist ein mögliches Medium, das Verhältnis von Strukturen und
Menschen zu erfassen, eben dadurch, dass sie, wie Artbur Danto 15
und Jörn Rüsen 16 argumentiert haben, eine Form der Erkllrung
ist. In der Tat geht die neuere Kulturgeschichte auch wenn sie
erzählt, von Fragestellungen und Konzeptionen aus, die ebenfalls
Bestandteile der neuen Sozialgeschichte sind. Man kann Jörn
Rüsen zustimmen, dass die Geschichte ein Dialog mit der Vergan-
genheit ist, ein Dialog, der sehr verschiedene Formen annehmen
kann, dass sie aber stets die - individuelle oder kollektive - Au-
tonomie der Menschen, die das Thema der historischen Untersu-
chung ausmachen, respektieren muss.

3. Das Ende der Aufklärung?

Der radikale Zweifel an der Möglichkeit wissenschaftlicher Ge-


schichte ist in unserem Jahrhundert mit dem wachsenden Unbe-
hagen an der modernen Gesellschaft und der modernen Kultur
eng verknüpft. Diese Gesellschaft ist als das Erbe der Aufklärung
betrachtet worden. Aufklärung wurde ursprilnglich als Emanzipa-
tion verstanden, als eine Befreiung, die in von der Vernunft ge-
leiteter Auseinandersetzung mit den bestehenden geistigen und
gesellschaftlich-politischen Autoritäten vor sich gehen sollte.
Die Vernunft hat aber zwei Seiten, eine normative und eine in-
sbumentell-technische. Ihr normatives Ziel ist eine Welt, in der
jeder Mensch, von seiner Vernunft geleitet, seinen eigenen Gang
bestimmen und sich voll entwickeln kann. Die Welt ist aber auch
118 Schlussbetrachtung

eine Welt, in der der Menschaufgrund seiner wissenschaftlichen


Kenntnisse die Natur beherrscht und die Gesellschaft umgestal-
tet. Die Kritik an dem emanzipatorischen Ethos der Aufklärung
und ihrer Vorstellung gleichberechtigter Menschen kam im spi-
ten 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von Den-
kern wie Nietzsche und Heidegger, die aus elitärer Sicht die Idee
der Gleichberechtigung und der Überwindung der Gewalt ab-
lehnten. Mit entgegen gesetztem Ziel, eben dem der Gleichbe-
rechtigung, wurde dann die Kritik der Aufklärung von Vertretern
einer Kritischen Theorie übernommen, z. 8. von Horkheimer,
Adorno und Marcuse. Sie sahen die Vernunft als das Instrument,
mit dem die Menschen nicht nur die Natur, sondern immer mehr
auch die Menschen beherrschen. Im Namen der Vernunft werde
die Welt zunehmend zerstört und enthumanisiert. Die Vernunft,
die den Mythos aufheben wollte, sei zum neuen Mythos gewor-
den. Auschwitz und die Zerstörung der Umwelt wurden als die
konsequenten Folgen der Aufklärung gesehen. Diese kritische
Einstellung gegenüber der modernen Welt bestimmt einen gro-
ßen Teil der neuen kulturanthropologischen Geschichtsschrei-
bung. Im Gegensatz zur marxistischen Geschichtswissenschaft
lehnen die neuen Richtungen die Ideologien der Weltverbesse-
rung ab, die ihrer Meinung nach zu den totalitären Systemen des
20. Jahrhunderts geftlhrt haben. Aus dieser Sicht ist auch die kri-
tische Haltung gegenüber der Französischen Revolution von His-
torikern wie Furet und Hunt zu verstehen, die zu einer entideolo-
gisierten Geschichtsschreibung zurück wollen, die allerdings,
wie sie wissen, nicht mehr dem klassischen Ideal der »objekti-
vencc Forschung entsprechen kann. Ein großer Teil der neuen
Kulturgeschichte will (wie Thompson) den »armen Strumpfwir-
kercc und den »obsoleten Handwerkercc vor »der Arroganz der
Nachwelt rettencc. 17 ln dieser Hinsicht ist die neue Geschichts-
schreibung dem Ziel einer humaneren Welt verpflichtet, in der
die Vorstellungen der Aufklärung von einer Gesellschaft auto-
nomer Menschen ihren Platz haben. Sie übernimmt vieles vom
Erbe der Aufklärung, auch deren Bemühung, sich vom Mythos
zu befreien. Aber sie ist auch eine Geschichtsschreibung, die die
Grenzen der Aufklärung sieht. Die neue Geschichtsschreibung
hat keineswegs aufgegeben, sich wissenschaftlich mit der Ver-
gangenheit auseinander zu setzen; aber sie ist sich der Komplexi-
Das Ende der Aufldlrung? 119

tät der Vergangenheit und deren ErgrOndung bewusst, besonders


in der Notwendigkeit, in die tieferen Strukturen menschlichen
Bewusstseins und Verhaltens einzudringen. Hier wird es dann
zuweilen nötig, sich auch metaphorisch auszudrücken, in einer
Weise, die fllr die ältere Geschichtswissenschaft unakzeptabel
war. Das heißt aber nicht, wie Kritiker der wissenschaftlichen
Geschichtsschreibung es verlangt haben, die Geschichte in Me-
taphern aufgehen zu lassen} 8
Zum Schluss noch einige Bemerkungen zum Problem des Re-
lativismus und der ideologischen Verzerrung. Jede Geschichts-
schreibung geht aus einer personen-, zeit-und kulturgebundenen
Perspektive hervor und enthält deshalb ein ideologisches Ele-
ment. Jeder Versuch, dieses perspektivische Element zu leugnen,
wie das von Ranke bis zu den Vertretern einer wertfreien empiri-
schen Sozialwissenschaft immer wieder geschehen ist, hat die
Werturteile und die ideologischen Voraussetzungen, auf denen
die Wissenschaft beruht, nur verschleiert. Perspektivität schließt
aber keineswegs die um Erkenntnis bemühte Auseinanderset-
zung mit der Vergangenheit aus. Johann Christoph Ganerer hat
schon vor zweihundert Jahren festgestellt, dass »Standort und
Gesichtspunkt des Geschichtsschreibers« 19 historische Erkennt-
nis erst ermöglichen. Das Ziel der wissenschaftlichen Beschäfti-
gung mit der Geschichte ist die Annäherung, wie partiell sie
auch sein mag, an eine Vergangenheit, wie wirkliche Menschen
sie erfahren und gemacht haben. Die Erforschung der Geschichte
erscheint uns daher als ein fortdauernder Dialog, der weder aus-
schließlich rational noch rein willkürlich gefllhrt werden kann,
sich aber stets an der Wirklichkeit orientieren muss. Die Vielfalt
von Forschungsstrategien und Erkenntnisperspektiven im späten
20. Jahrhundert sind ein Gewinn und haben unseren Zugang zur
historischen Welt bereichert.
Nachwort zur Neuausgabe 2007

Der vorliegende Band erschien erstmals im Frühjahr 1993; das


Manuskript hatte ich bereits ein Jahr zuvor abgeschlossen, nur
wenige Monate nach dem Zusammenbruch des Sowjetreiches.
Ich hatte daher keine Gelegenheit, auf die Bedeutung dieser fol-
genschweren Ereignisse fiir die Geschichtsschreibung einzuge-
hen. Die in der Folge veränderte politische und insbesondere
auch ökonomische Konstellation hatte jedoch weltweit großen
Einfluss auf das historische Denken und die Geschichtsschrei-
bung in den neunziger Jahren des 20. und zu Beginn des 21.
Jahrhunderts. Die Auflösung der Sowjetunion bedeutete nicht
nur das Ende des Kalten Krieges in politischer und militärischer
Hinsicht, sondern machte auch den Weg fiir eine gründliche öko-
nomische Durchdringung der Welt durch den Finanzkapitalismus
frei. Das Scheitern des Sozialismus sowjetischer Prägung trug
zudem zum Niedergang des Marxismus als alternativer Sozial-
philosophie bei. Wie wir in den vorhergehenden Kapiteln gese-
hen haben, hatte dieser Niedergang bereits frOher begonnen. Al-
ternative Theorien von ganz unterschiedlicher intellektueller
Herkunft, geprägt vom Umweltgedanken, dem Feminismus oder
ethnischen Fragen, stellten schon damals den Marxismus in Fra-
ge. Diese Theorien hielten sich auch nach 1990 und nahmen an
Überzeugungskraft noch zu.
Im Sommer 1989, kurz vor den dramatischen Ereignissen, die
sich im Herbst dieses Jahres in Osteuropa zutrugen, verkündete
der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama in seinem Essay
»The End of History?cc• triumphierend den Sieg der politischen
und wirtschaftlichen Werte des Westens als krönenden Schluss-
punkt der Geschichte. Für die Zeit nach dem Zusammenbruch
des Kommunismus sagte er eine weltweite, wenn auch nur
schrittweise, Anerkennung der demokratischen Institutionen und
des freien Marktes nach amerikanischem Modell voraus. In einer
Hinsicht bewahrheitete sich Fukuyamas Vorhersage zumindest
teilweise: Die Ausbreitung des Kapitalismus westlicher Prägung
122 Nachwort zur Neuausgabe 2007

auf weite Teile der Welt, die schon vor 1989 begonnen hatte,
erfuhr nun mit der rasanten Entwicklung in Ost- und Südostasien
und der Hinwendung zum freien Markt in der Volksrepublik
China und in Vietnam eine erhebliche Beschleunigung. Im Zuge
dieses Prozesses fand auch der westliche Lebensstil und seine
Konsumkultur immer weitere Verbreitung; doch filhrte er, von
wenigen Ausnahmen (insbesondere Taiwan und Südkorea) abge-
sehen, nicht zu einer Demokratisierung.
Fukuyamas Voraussage des Weltfriedens unter den neuen Be-
dingungen nach dem Ende des Kalten Krieges erwies sich also
als zu optimistisch. Die Jahre seit 1989 sind auf der internationa-
len Ebene von neuen Formen kriegerischer Auseinandersetzung
gekennzeichnet: Anders als im Kalten Krieg spielen sich die
neuen Auseinandersetzungen nicht zwischen Staaten ab (selbst
im Vietnamkrieg gab es ja noch Kämpfe zwischen Staaten und
Armeen, den Vereinigten Staaten und Nordvietnam), sondern,
insbesondere im Nahen Osten, im Balkan und in den ehemaligen
Sowjetrepubliken in Asien, mit Feinden ohne klar definierbare
Grenzen und unter Verwendung unkonventioneller terroristi-
scher Waffen. Samuel Huntington hatte in ))The Clash of Civili-
zations«2 einen unlösbaren Konflikt zwischen dem Islam und
dem Westen heraufbeschworen; dabei hatte er allerdings mit ei-
nem grob vereinfachenden Islambegriff gearbeitet, der die unter-
schiedlichen Lager in der islamischen Welt ebenso Obersah wie
die Auswirkungen der Modernisierung, die Bedeutung wirt-
schafUicher Faktoren und die wechselseitigen Beziehungen zwi-
schen islamischen Gesellschaften und dem modernen Westen.
Nicht zu vergessen ist auch die wachsende soziale und wirt-
schaftliche Kluft innerhalb der westlichen Gesellschaften, die
Demontage des Wohlfahrtsstaates und insbesondere das Versa-
gen vor der Aufgabe, die Armut in großen Teilen Afrikas, Asiens
und Lateinamerikas zu bekämpfen, sowie die anhaltende und
teils anwachsende Armut in den USA und Europa.
All das zeigt, dass wir eine neue Form der Geschichtsschrei-
bung brauchen, um unsere heutigen Lebensbedingungen zu ver-
stehen, die sich in vielerlei Art und Weise von der Situation vor
1989 unterscheiden. Die historische Forschung muss sich nicht
nur mit den homogenisierenden Kräften der Globalisierung aus-
einandersetzen, sondern auch mit den zahlreichen wirtschaftli-
Nachwort zur Neuausgabe 2007 123

eben und kulturellen Fonneo des Widerstands gegen diesen Pro-


zess, die aus den jeweils einheimischen Traditionen hervorge-
hen. Der amerikanische Sinologe Arif Dirlik vertritt daher die
Auffassung, dass die Globalisierung in den Bereichen der Tech-
nologie und der Wirtschaft von einem Trend zu größerer kultu-
reller Diversität begleitet wird. 3
Die Geschichtsschreibung nach 1990 war also gezwungen,
neue Wege zu erkunden- wobei sie natürlich auch eine deutli-
che Kontinuität mit der bisherigen Geschichtsschreibung verbin-
det. Von den turbulenten Jahren der Protestbewegungen in den
sechziger Jahren bis zum Ende des Kalten Krieges 1991 hatte
das historische Denken und Schreiben im Laufe der siebziger
und achtziger Jahre einschneidende Veränderungen erlebt. Teil
dieser Umorientierung war eine Kritik der sozialwissenschaftli-
ehen Methoden, die die historische Forschung in den zwei Jahr-
zehnten nach dem Zweiten Weltkrieg bestimmt hatten. Diese
Kritik wiederum hing eng zusammen mit einem allgemeinen
Gefiihl der Unzufriedenheit mit der modernen westlichen Welt,
ihrer expansiv kapitalistischen Industriewirtschaft, der damit
einhergehenden Umweltzerstörung und sozialen wie wirtschaft-
lichen Ungleichheit, der kommerziellen Massenkultur und der
Ausweitung ihres Einflusses auf wirtschaftlich weniger entwi-
ckelte Teile der Welt mit wirtschaftlichen und militärischen Mit-
teln. Dabei müssen wir im Auge behalten, dass die Historiker,
von denen dieses Buch gehandelt hat und von denen dieser Epi-
log handeln wird, größtenteils zu einem akademischen Estab-
lishment gehören, dessen Ansichten nicht unbedingt diejenigen
größerer Teile der Bevölkerung wiedergeben; letztere identifi-
ziert sich weitgehend mit dem Status quo.
Unter den Historikern jedoch fanden zu Beginn der Zeit nach
1990, mit der wir hier zu tun haben, bestimmte Ideen weitgehen-
de Zustimmung. Zu diesen Ideen gehört die Ablehnung des von
der Aufklärung bis in das zweite Drittel des 20. Jahrhunderts
weit verbreiteten Glaubens an die kulturelle Überlegenheit der
westlichen Welt als Höhepunkt der geschichtlichen Entwicklung.
Diese Überlegenheit sollte nicht nur im technischen und wissen-
schaftlichen Fortschritt bestehen, sondern auch bürgerliche Frei-
heit und Repräsentation des Volkes, kurz: Freiheit und Gleich-
heit filr alle, als Grundlage westlicher Zivilisation und Vorbild
124 Nachwort zur Neuausgabe 2007

fiir den Rest der Welt, gewährleisten. Was ein solches Modell
jedoch übersieht, ist die lange Geschichte von Gewalt und Aus-
beutung, die im Namen der westlichen Werte an nichtwestlichen
Völkern ausgeübt wurden. Eine solche Geschichtskonzeption auf
der Basis einer umfassenden Meistererzählung, die zur modernen
und im Wesentlichen westlichen Welt als Ergebnis eines groß
angelegten historischen Prozesses hinfUhrt, hat ihren Ausdruck
in verschiedenen sozialwissenschaftliehen Theorien der Moder-
nisierung nicht nur neoliberaler, sondern auch marxistischer Prä-
gung gefunden; und eben diese Geschichtskonzeption wurde nun
nicht nur außerhalb des Westens, sondern auch im Westen selbst
in Frage gestellt und machte Ansätzen Platz, die in der einst vom
Westen kolonialisierten oder dominierten Welt einen kulturellen
Pluralismus erblickten.
Kommen wir nun zu den wichtigsten Entwicklungen in der
Geschichtsschreibung, die aus der Auseinandersetzung mit die-
sen veränderten Bedingungen hervorgingen. Nach dem Ende des
Kalten Krieges können wir in der historischen Fachliteratur
weltweit im Wesentlichen fiinf Trends oder Schwerpunkte aus-
machen: I) die weiter andauernde kulturelle und linguistische
Wende, die die so genannte »neue Kulturgeschichte« hervorge-
bracht hat; 2) die immer weitere Ausbreitung der feministischen
und gender-bezogenen Geschichte; 3) die Wende zur Weltge-
schichte und das Weiterbestehen von Nationalismen; 4) eine
neue Verbindung von historischer Forschung und Sozialwissen-
schall im Licht der postmodernen Kritik; 5) die Sozialwissen-
schaften und die Geschichte der Globalisierung.

I. Die kulturelle und die linguistische Wende

Wie wir in den vorangegangenen Kapiteln gesehen haben, ereig-


nete sich in den siebzigerund achtziger Jahren im Westen, aber
auch z.B. im postkolonialen Denken in Indien und Lateinameri-
ka, die so genannte »kulturelle Wende« (cultural turn), die eng
mit der »linguistischen Wende« (linguistic turn) im Westen ver-
bunden war. Kernstück beider »Wenden« bildete die Kritik eines
allen professionellen Historikern der beiden vorhergehenden
Jahrhunderte gemeinsamen Glaubenssatzes: dass sich mittels
Die kulturelle und die linguistische Wende 125

systematischer Forschung objektives Wissen über die Vergan-


genheit erwerben ließe. In den siebziger und achtziger Jahren
begannen Historiker mehr und mehr darauf hinzuweisen, dass
die fllr die Sozialwissenschaften ebenso wie den Marxismus cha-
rakteristische Konzentration auf wirtschaftliche und quantitative
gesellschaftliche Faktoren filr die historische Darstellung nicht
adäquat sei, da diese vielmehr die Bedeutung der Kultur und
Sprache für die in stetem Wandel begriffenen Konstruktionen
der Wirklichkeit berücksichtigen müsse. Gerade als der empiri-
schen Forschung erstmals Computer zur Verfilgung standen, ver-
breitete sich Skepsis über ihren Nutzen zum Verständnis der his-
torischen Welt. Man war der Auffassung, dass eine historische
Erklärung zunehmend qualitative Aspekte, die einer quantitati-
ven Messung am Computer entgehen, berücksichtigen müsse.
Neue Ansätze wandten sich ab von einer Analyse der anonymen
makrogesellschaftlichen und makrohistorischen Prozesse und
Strukturen hin zur mikrohistorischen Beachtung verschiedener
Aspekte aus dem alltäglichen Leben normaler Menschen. Zum
ersten Mal spielte die Rolle der Frau und das Geschlechterver-
hältnis eine wichtige Rolle. Auch die Unterklassen fanden nicht
nur als Gegenstand wirtschaftlicher und sozialer Unterwerfung,
sondern auch in Hinsicht auf ihre kulturelle Unterdrückung Be-
achtung. Diese neue Forschung hatte einen politischen Ton, der
aus der Konfrontation der sechziger Jahre herrührte und sich
dem zuwandte, was im Westen als ••Geschichte von unten« und
in Indien als ••Subaltern Studies« proklamiert wurde und in den
achtziger Jahren maßgeblichen Einfluss auch auf die historische
und sozialwissenschaftliche Forschung in Lateinamerika und den
südlich der Sahara gelegenen Teilen Afrikas ausübte. Bei aller
Nähe dieser Ideen zum Marxismus blieb vom marxistischen Ge-
dankengut nicht sein Anspruch auf eine Erklärung der Gesell-
schaft und der Geschichte erhalten, sondern vielmehr seine Kri-
tik an der Rolle des Kapitalismus als inländisch wie international
wirksame Kraft zur Aufrechterhaltung und Ausweitung sozialer
Ungerechtigkeit in Teilen der Welt, die gerade erst der Kontrolle
der Kolonialmächte entkommen waren.
Diese Wende zur Rolle der Kultur und der Sprache waren der
historischen Forschung gleichermaßen nützlich wie schädlich.
Die Diskussionen der siebziger und achtziger Jahre waren zu
126 Nachwon zur Neuausgabe 2007

dem Ergebnis gekommen, dass ein Verständnis politischer und


wirtschaftlicher Entwicklungen ohne Berücksichtigung der kul-
turellen Faktoren, einschließlich der von den herkömmlichen
Sozialwissenschaften wie auch dem Marxismus vernachlässigten
Rolle der Sprache, nicht möglich war. Doch radikale Formen des
Kulturatismus unterminierten in bedeutender Hinsicht die Mög-
lichkeit historischer Forschungen überhaupt: nicht nur durch die
Vernachlässigung des institutionellen politischen und gesellschaft-
lichen Kontexts von Kultur in vielen kulturell ausgerichteten Un-
tersuchungen, sondern auch in ihrer Kritik sozialwissenschaftlicher
Ansätze, in denen sie mit Foucault Machtinstrumente zur Auf-
rechterhaltung sozialer Hegemonie sahen. Die Ablehnung der
Sozialwissenschaften ging, wie wir in den vorhergehenden Kapi-
teln gesehen haben, mit der Behauptung einher, dass alle Versu-
che, die Vergangenheit wiedererstehen zu lassen, vergeblich sei-
en, da es keine wahre Vergangenheit gebe. Jede historische Dar-
stellung ist, wie Hayden White es ausdrückte, ein Produkt
poetischer lmagination.4 Damit kann die Wahrheit oder Falsch-
heit solcher Darstellungen nicht bewiesen werden. Theoretiker
wie der holländische Philosoph Frank Ankersmit 5 riefen noch in
den neunziger Jahren zu einer Umkehr weg von der Forschungs-
orientiertheit zurück zur Rhetorik auf. Der indische Philosoph
Ashis Nandy vertrat in einem 1994 in der Zeitschrift »History
and Theory« erschienen Artikel 6 die Auffassung, die säkulare
Ausrichtung der modernen Geschichtsschreibung sei mitverant-
wortlich ßlr die Gräuel des 20. Jahrhunderts, und rief zur Rück-
kehr zu einer in Mythen und Poesie verwurzelten Geschichte auf.
Aus der Perspektive der linguistischen Wende war die Sprache
nicht Reflexion einer historischen Vergangenheit, sondern die
Vergangenheit vielmehr eine Schöpfung der Sprache. Für eine
realistische Rekonstruktion der Vergangenheit lässt eine solche
Auffassung keinen Raum.
Doch ein so radikaler Kulturatismus fand sich eher in den the-
oretischen Schriften der Literaturkritik sowie, in geringerem Maße,
in der kulturellen Anthropologie als in der Geschichtsschreibung.
Lawrence Stone, der sich (wie wir bereits sahen) 1979 in seinem
einflussreichen Artikel »The Revival of the Narrative« 7 gegen
die herkömmlichen Ansätze der Sozialwissenschaften und filr
die Kultur als >>Wichtigen Akteur in Veränderungen« ausgespro-
Feministische und gender-Oeschichte 127

eben hatte, verwarf 1991 den extremen erkenntnistheoretischen


Relativismus, zu dem die kulturelle und linguistische Wende
gefllhrt hatte.• Tatsichlieh könnte ohne Forschung gar keine
ernsthafte Geschichtsschreibung betrieben werden, und For-
schung basiert auf der Annahme einer historischen Realität. auch
wenn sie die Komplexität des historischen Wissens berücksich-
tigt, die nur eine Konstruktion und keine getreue Abbildung der
Vergangenheit zulässt. Doch angesichts der Herausforderungen
einer sich verändernden Welt ließ seit 1990 der Einfluss des ex-
tremen Kulturatismus und der linguistischen Wende auf die sozi-
al wissenschaftliche Theorie wie auch auf die Theorie der Ge-
schichtsschreibung nach. Lynn Hunt, die in ihrem 1984 erschie-
nenen Buch ilber die französische Revolution der Einbindung
kultureller Perspektiven in die Geschichtswissenschaft einen
wichtigen Impuls gegeben hatte, ohne jedoch ihre Verpflichtung
auf die Forschung aufzugeben, war 1999 Mitherausgeberio einer
Anthologie mit dem Titel »Beyond the Cultural Turn«'. Darin
kam sie zu dem Schluss, dass mit Ausnahme von Hayden White
alle wichtigen Kulturalisten der achtziger Jahre, die in dem
Sammelband vertreten waren, ihren radikalen erkenntnistheoreti-
schen Relativismus zurückgezogen hatten, ohne jedoch ihr Inte-
resse an der Kultur aufzugeben. Eine ähnliche Beobachtung
machte 2005 Gabrielle Spiegel in einer Zusammenstellung aktu-
eller Artikel von Hauptvertretern der linguistischen Wende: »25
Jahre nach der >linguistischen Wende< besteht zunehmend ein
Gefilhl der Unzufriedenheit mit ihrer Obersystematischen Dar-
stellung der sprachlichen Operationen in allen Bereichen
menschlichen Handelns.cc 10

2. Feministische und gender-Oeschichte

Wie bereits festgestellt. eignet sich der kulturell ausgerichtete


Ansatz in besonderem Maße zu einer »Geschichte von unten«,
die auch die Geschichte der Frauen einschließt. Umgekehrt er-
hielt auch der Kulturatismus von feministischen Historikerinnen
starken Zuspruch. Im Kapitel ilber die »linguistische Wende«
haben wir bereits gesehen, wie feministische Historikerinnen in
der neuen Kulturgeschichte eine filhrende Rolle spielten. Seit
128 Nachwort zur Neuausgabe 2007

den Achtzigern nahmen nicht nur Frauen und die Geschlechts-


thematik, sondern auch Rasse, Ethnie und Klassenzugehörigkeit
eine immer wichtigere Rolle in der Geschichtsschreibung ein.
Das Interesse an Frauen, der Geschlechtsthematik (gender) und
Sexualität nahm in den neunziger Jahren in Westeuropa, Latein-
amerika, Indien, Ostasien und dem Mittleren Osten an Bedeu-
tung zu. Nirgends aber war dieser Schwerpunkt so vorherrschend
wie in den Vereinigten Staaten, wie unter anderem aus dem Pro-
gramm der jährlichen Versammlung der American Historical
Association im Januar 2007 deutlich wird: Dort dokumentierten
zahlreiche Sektionen das Interesse an Frauen und an sexueller
Identität (auch der männlichen). Aufmerksamkeit wurde außer-
dem den Themen des Sklavenhandels und der Sklaverei gezollt,
und zwar unter Einschluss sexueller Aspekte der Sklaverei. Da-
bei wurden diese Themen aus einer transnationalen, globalen
Perspektive betrachtet, in der dem Vergleich zwischen verschie-
denen nichtwestlichen Gesellschaften eine zentrale Stelle zukam,
aber auch wiederum Aspekte der Sexualität berOcksichtigt wur-
den. Die Sektionen beschäftigten sich mit dem Thema in breit
angelegter globaler Perspektive; eine Berücksichtigung des poli-
tischen und ökonomischen Kontexts von Sexualität fehlte fast
vollkommen. Das würden die in diesem Bereich arbeitenden
Historiker zwar möglicherweise bestreiten und darauf hinweisen,
dass ihr BegritT der »Macht« höchst politisch sei und dass es in
der Frauen- oder gender-Geschichte um Machthierarchien gehe.
Dennoch widmet ein Großteil dieser Geschichtsschreibung dem
als traditionell »männlichen<< Bereich betrachteten institutionel-
len Rahmen der Macht, Regierung und Wirtschaft, wenig Auf-
merksamkeit.
Diese Beschränkung trifft auch auf die Reihe »Women and
Gender History in Global Perspective<< zu, eine Serie von neun
Veröffentlichungen über »Familie, Religion, Rasse und Ethnizi-
tät«, die von der American Historical Association's Committee
on Women Historians publiziert und von Bonnie Smith heraus-
gegeben werden. Smith schreibt: »Die siebziger Jahre brachten
uns die Geschichte der Frauen, die Achtziger das Bewusstsein
filr gender; das letzte Jahrzehnt des Jahrtausends schließlich
lenkte unsere Aufmerksamkeit auf die Notwendigkeit einer glo-
baleren und komparativereD Perspektive auf die Frauen- und
Feministische und gender-Geschichte 129

gender-Geschichte in Forschung und Lehre.« 11 In der Tat erleb-


ten die neunziger Jahre eine Ausweitung der Sozialgeschichte, in
der Frauen und die gender-Thematik weit größere Beachtung
erhielten. Größere Beachtung kam auch den Lebensbedingungen
von Frauen über nationale Grenzen hinweg zu, mit Einschluss
ehemals kolonisierter Gesellschaften.
Die Gründung der internationalen Zeitschrift »Gender and
History« im Jahr 1990 war symptomatisch filr die neue Orientie-
rung der Frauen- und gender-Geschichte. In den Worten des Edi-
torial der Erstausgabe: »Unser besonderes Bestreben gilt der
Förderung von Forschungen, die sich nicht nur mit Frauen und
gender, sondern mit der Frage auseinander setzen, wie andere
Faktoren die Vorstellungen von gender und die Erfahrungen von
Frauen verstärkt und geprägt haben.« 12 Beim Durchgang der in
internationalen historischen Fachzeitschriften besprochenen Bü-
cher aus den Jahren 1989-2007 sehen wir, dass historische Stu-
dien zunehmend die gender-Thematik berücksichtigten. Auch
die in der herkömmlichen Geschichtsschreibung praktizierte
scharfe Trennung zwischen öffentlicher und privater Sphäre, die
historische Bedeutung der fast ausschließlich männlichen öffent-
lichen Sphäre vorbehielt und das alltägliche Leben der Frauen im
Haus und am Arbeitsplatz als historisch irrelevant erachtete,
wird zunehmend aufgegeben. Obgleich diese Wende in weiten
Teilen der anglophonen, frankophonen, italienischen und skan-
dinavischen Geschichtsschreibung schon vor 1990 geschah, hielten
sich ältere Konzeptionen in einem Großteil der Fachliteratur. So
fUhrt das umfassende deutschsprachige Handbuch »Geschichtli-
che Grundbegriffe« (1972-1996), das die Wandlung der Grund-
begriffe zwischen 1750 und 1850 sowie deren Auswirkungen auf
die deutsche Politik und Gesellschaft analysiert, keinen einzigen
geschlechts- oder gender-bezogenen Begriff auf, wenngleich die
Frauenemanzipation in einigen Artikeln erwähnt ist. 13
Dieses neue Interesse an der Frauen- und gender-Geschichte
distanziert sich von der marxistischen Geschichtstheorie und
führt doch zugleich, meist ohne es einzugestehen, die marxisti-
sche Ideologie teilweise fort. Man verwirft den ökonomischen
Determinismus der marxistischen Theorien - doch auch das oft
nur teilweise. Feministische Geschichtsschreibung verfolgt fast
immer politische Ziele. Sie weist daraufhin, wie sehr Frauen von
130 Nachwon zur Neuausgabe 2007

Anbeginn der Zeit in allen Bereichen des Lebens den MAnnern


unterworfen waren und wie diese Unterwerfung und Ausbeutung
unter Bedingungen des Kapitalismus noch verstärkt wurde. Ein
Großteil der frühen Feministinnen hatte sogar die Bedeutung der
Klasse anerkannt, forderte aber ein neues Verständnis dieses
Begriffs, um die geschlechtsspezifische Ausbeutung und Unter-
drückung im Kapitalismus zu erfassen. Aus feministischer Per-
spektive hatte der Marxismus die Frage des untergeordneten Status
der Frauen, die mit dem Erreichen des Sozialismus überwunden
sein sollte, weitgehend ignoriert.•• Die feministische Geschichts-
schreibung sah ihre Aufgabe von Anfang an in einer Verände-
rung der Geschlechterverhältnisse und dem Erreichen der Eman-
zipation in allen Lebensbereichen. Die feministische und gender-
orientierte Geschichtsschreibung der neunziger Jahre folgte dem
neuen Trend der Geschichtsschreibung im Allgemeinen, die nun
der Rolle des Geschlechts (gender) einen zentralen Platz einräumte.
Ein weiterer wesentlicher Aspekt der Geschichtsschreibung
nach 1990 bestand in der in den siebziger und achtziger Jahren
begonnenen Erweiterung der Geschichte von unten, die jetzt
nicht nur die Geschlechtsthematik, sondern auch ))Subalterne<<
Teile der Bevölkerung erfasste. Dies fiihrte zu einer Kritik der
von Marxisten wie Nicht-Marxisten gleichermaßen bis weit ins
20. Jahrhundert hinein vertretenen Auffassung von der westli-
chen Zivilisation als der Norm, die letztlich auch fllr die nicht-
westliche Welt Gültigkeit besitzen müsse. Als Teil der historio-
graphischcn Trends nach 1990 wandte sich die feministische
Geschichtsschreibung der nichtwestlichen Welt zu und hob die
Konsequenzen des Imperialismus hervor, wobei sie zusätzlich
zur Geschlechtsproblematik auch Fragen der Rasse und Ethnizi-
tät in ihre Sicht der Geschichte einbezog. Auch außerhalb der
Vereinigten Staaten folgten historische Studien insbesondere in
Indien und Lateinamerika sowie, in geringerem Maße, in West-
europa ähnlichen Leitlinien, wie sie in den USA die Oberhand
gewonnen hatten.
Eine abschließende Bemerkung zur feministischen und gender-
Geschichte: Es besteht ein klarer Widerspruch zwischen dem,
was viele feministische Historikerinnen vertreten, und dem, was
sie tatsächlich tun. Viele Historiker nehmen zwar einerseits die-
jenigen Aspekte postmoderner Theorie an, denen zufolge es nur
Weltgeschichteund globale Geschichte 131

Texte und keine darOber hinausgehende Realität gibt und somit


auch keine Möglichkeit zum objektiven Erkenntnisgewinn über
die Vergangenheit; andererseits verhalten sie sich aber gerade so,
als gäbe es eine reale Vergangenheit, gehen in Archive und ver-
wenden sozialwissenschaftliche Theorien, um das dort Gefunde-
ne zu verstehen. Ein gutes Beispiel hierfiir ist Joan Scott selbst.
Wie wir im Kapitel über die linguistische Wende (S. lOSt) gese-
hen haben, insistierte sie, dass eine ))radikal feministische Poli-
tik« auch eine >>radikale Erkenntnistheorie« erforderte, die sie in
den postmodernen Ansätzen Foucaults und Derridas und deren
Relativierung alles Wissens fand. Auf der anderen Seite verfass-
te sie einige solide Untersuchungen über die Sozialgeschichte
der Frauen in Frankreich in der ersten Hälfte des neunzehnten
Jahrhunderts und ihre Rolle in der Politik, die im Widerspruch
zu diesem erkenntnistheoretischen Relativismus stehen.

3. Die Beschäftigung mit Weltgeschichte


und globaler Geschichte

Die Wendung der Geschichtswissenschaft zur transnationalen,


transkulturellen Weltgeschichte hatte schon vor 1990 begonnen,
erfuhr aber in der Zeit danach einen deutlichen Auftrieb. Mit
dem beinahe ausschließlichen Gebrauch des Englischen als
Kommunikationssprache stieg auch die internationale Koopera-
tion unter den Historikern an. Die Forscher tauschten sich mehr
als zuvor untereinander aus, wobei auch Wissenschaftler aus nicht-
westlichen Ländern beteiligt waren, von denen einige an fllhren-
de Universitäten in Nordamerika, Großbritannien und Australien
berufen wurden. Doch bestand weiterhin eine Ungleichheit.
Wichtige Werke in englischer Sprache und in geringerem
Ausmaß auch solche in deutscher oder französischer Sprache
wurden in alle Sprachen der Welt übersetzt, auch in diejenigen
Ostasiens, des Nahen Ostens und Lateinamerikas. Indien nahm
eine Sonderrolle ein, da dort schon seit den 1830er Jahren Eng-
lisch die offizielle Amts- und Wissenschaftssprache war und ln-
der an nordamerikanischen wie auch europäischen (insbesondere
britischen) Universitäten gut vertreten waren. Leider wurden
aber nur sehr wenige wichtige Werke aus nichtwestlichen Spra-
132 Nachwort zur Neuausgabe 2007

eben ins Englische oder andere Sprachen des Westens übersetzt,


was zur Folge hatte, dass sich zwar die Wissenschaftler in nicht-
westlichen Ländern über die wichtigsten Diskussionen im Westen,
insbesondere in der englischsprachigen Literatur, auf dem Lau-
fenden zu halten hatten, die westlichen Wissenschaftler aber im
Allgemeinen keine anderenorts gefiihrten Diskussionen verfolgen
mussten, abgesehen vielleicht von ihrem eigenen Spezialgebiet
Indien stellte wiederum eine Ausnahme dar. Die indische postko-
loniale Fachliteratur der achtziger und neunziger Jahre, vor allem
diejenige aus der »Subaltern Groupcc, verlief parallel zur post-
modernen Literatur im Westen und hatte beträchtlichen Einfluss
auf die theoretischen Diskussionen wie auch die Geschichts-
schreibung im Westen und in Lateinamerika. In den letzten Jah-
ren haben aber auch ostasiatische Universitäten, in China, Japan,
Südkorea und Taiwan, internationale Konferenzen ausgerichtet
und dadurch einen aktiven Beitrag zur weltweiten Diskussion
leisten können. Doch der Austausch blieb begrenzt. Und viel
mehr noch als die Sozialwissenschaften wird Geschichte weiter-
hin in Nationalsprachen und fiir ein nationales Publikum ge-
schrieben.
Eine deutliche Veränderung seit dem Ende des Kalten Krieges
besteht in der wachsenden Aufmerksamkeit fiir globale und
Weltgeschichte. 15 Interkulturelle Geschichte gab es natürlich
schon lange vor der Modeme; man denke nur an Herodots >>His-
torien<<, an Ibn Khalduns »Muqaddimahcc und an Voltsires »Es-
sai sur les moeurs<< (»Versuch einer Schilderung der Sitten und
des Geistes der Nationen((). Doch die Professionalisierung der
Geschichtswissenschaft im 19. Jahrhundert ging mit einem in-
tensiven Nationalismus einher und erlebte so eine Wende weg
von der Universal- ebenso wie von der Regionalgeschichte hin
zur Konzentration auf die Nation und die jeweiligen National-
staaten. Diese Wende stand in Zusammenhang mit dem neuen
Glauben an die kulturelle Überlegenheit des Westens und war
Ausdruck eines ausgeprägten Nationalismus.
Die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts hat ein Wie-
dererstarken der Weltgeschichte erlebt, das seinerseits das Ent-
stehen einer weltweiten Gesellschaft, insbesondere seit dem En-
de des Kalten Krieges, widerspiegelt. 16 Ein früher Beitrag von
äußerster Bedeutung zur wissenschaftlichen Erforschung kultur-
Weltgeschichteund globale Geschichte 133

übergreifender Interaktion und Diffusion war William H. McNeills


Buch »The Rise ofthe West: A History ofthe Human Community«
von 1963, das trotz seines Titels komparativ angelegt war und
richtungsweisend ftlr die spätere Weltgeschichtsschreibung wurde.
McNeill ging es darum, aufzuweisen, dass der Kontakt zwischen
verschiedenen Gesellschaften und kulturellen Traditionen und
der damit einhergehende Austausch von Ideen und Fertigkeiten
einen Schlüsselfaktor der Weltgeschichte darstellen. In einem
weiteren Werk, dem 1976 erschienenen »Plagues and Peoples«,
widmete er sich den Auswirkungen von Infektionen und anste-
ckenden Krankheiten über die gesellschaftlichen und kulturellen
Grenzen hinweg und den von solchen Krankheiten herbeigefilhr-
ten Brüchen in den bestehenden politischen, wirtschaftlichen und
sozialen Ordnungen als bedeutendem Leitfaden der historischen
Forschung. Hier wurde, beinahe zum ersten Mal, ein von Histo-
rikern bisher weithin vernachlässigtes Thema angesprochen, das
auch biologische Faktoren und Umwelteinflüsse betraf; es wurde
bald zu einem wichtigen Forschungsbereich.
In den achtziger Jahren und vor allem nach 1990 ging die
Weltgeschichtsschreibung in zwei verschiedene Richtungen. Ei-
ne davon war bereits früher, in den siebziger und achtziger Jah-
ren, von Sozialwissenschaftlern wie Andre Gunder Frank, Eric
Wolf und lmmanuel Wallerstein begründet worden, allesamt
Vertreter der Dependenztheorie und interessiert an den Auswir-
kungen des modernen westlichen Kapitalismus auf den Rest der
Welt. Wie auch die Modemisierungstheoretiker hielten sie die Ent-
wicklung einer kapitalistischen Wirtschaft und eines Weltmark-
tes seit dem sechzehnten Jahrhundert filr zentrale Elemente zum
Verständnis der modernen Weltgesellschaft; doch glaubten sie,
dass kapitalistisches Wachstum auf der Ausbeutung billiger Ar-
beit in den wirtschaftlich weniger entwickelten Ländern basierte
und dass dieser Prozess die Bevölkerung solcher Länder daran
hinderte, sich aus Armut und Entbehrungen zu befreien. Ihrer
Ansicht nach wurzelte Rassismus ebenso wie die Unterdrückung
der Frau in der ökonomischen Ausbeutung. Nach 1990 gerieten
marxistisch fundierte Theorien der Weltsysteme ebenso aus der
Mode wie antimarxistische Modernisierungstheorien; beide über-
lebten jedoch, wenn auch in unterschiedlicher Form, wie wir in
der Auseinandersetzung mit globaler Geschichte sehen werden.
134 Nachwort zur Neuausgabe 2007

McNeill steht filr eine zweite Ausrichtung, die weniger an


ökonomischen und politischen Faktoren interessiert ist, weniger
europazentriert und eher dazu bereit ist, frühere geschichtliche
Epochen mit einzubeziehen. Diese Ideen stehen auch hinter dem
1990 unter internationaler Mitwirkung gegründeten und von Jerry
Bentley herausgegebenen »Journal of World History«. Diese Zeit-
schrift, die auch Rezensionen relevanter Bücher enthält, wurde
zum wichtigsten internationalen Organ der neuen Weltgeschichte.
Ihr auf der ersten Seite jeder Ausgabe erklärtes Ziel war ein Ver-
ständnis der Geschichte »aus globaler Perspektive« mit den
Schwerpunktthemen: »Bevölkerungsbewegungen und ökonomi-
sche Fluktuation im großen Umfang; kulturübergreifender Transfer
von Technologien, die Ausbreitung ansteckender Krankheiten;
Fernhandel sowie die Verbreitung von religiösen Glaubensrichtun-
gen, Ideen und Idealen.<< Die Betonung dieser Themen dominiert
noch heute weite Teile der Weltgeschichtsschreibung. Patrick
Manning unterscheidet in seinem 2003 erschienenen ))Navigating
World History: Historians Create a Global Past« 17 zwischen zwei
Herangehensweisen an die Weltgeschichte. Die erste folgt tradi-
tionellen Methoden, indem sie sich an Zivilisationen, Nationen
und der Sozialgeschichte orientiert. Die zweite und neuere Heran-
gehensweise, die Manning »scientific-cultural« nennt, »besteht
in der Anwendung neuer, nicht archivarischer Quellen und Me-
thoden aus Bereichen wie der Evolutionsbiologie, der Umwelt-
forschung, der Paläontologie, Archäologie, Chemie sowie der lin-
guistischen und Iiteraturwissenschaftlichen Forschung«. Die bei-
den Herangehensweisen schließen sich gegenseitig nicht aus, doch
können wir uns nach Mannings Ansicht von der zweiten mehr filr
die Weltgeschichte versprechen. 18 Ein bedeutender Anteil der Zeit-
schrift geht in diese Richtung und bietet Themen wie Gewalt und
Sklaverei weiten Raum, während herkömmliche Methoden der
Sozialwissenschaften ebenso wie computerbasierte Techniken
wenig Anwendung finden. Von ihrer Gründung im Jahr 1990 bis
ins Jahr 2007 sind viele in der Zeitschrift erschienenen Artikel
der von Bentley und Manning vorgegebenen Richtung gefolgt,
wobei die Betonung der gender-Thematik in einem breit angeleg-
ten soziokulturellen Kontext womöglich noch zugenommen hat.
Der Begriff der globalen Geschichte erfreute sich besonders
nach 1990 zunehmender Beliebtheit; aber erst 2006 wurde ein
Weltgeschichteund globale Geschichte 135

>>Journal of Global History<< gegründet. Bisher besteht noch kein


Konsens darüber, was globale Geschichte eigentlich bedeutet
und von welchem Punkt an man von globaler Geschichte spre-
chen kann. 19 Der Begriff der ))globalen Geschichte« Oberschnei-
det sich mit demjenigen der ))Weltgeschichte« bis hin zur Identi-
tät in vielen Fällen; doch wird er tendenziell häufiger filr die Zeit
seit den Entdeckungen des 15. Jahrhunderts in Anspruch ge-
nommen und bezieht sich oft auch auf den Prozess der Globali-
sierung seit dem letzten Drittel des 20. Jahrhunderts. 20 Weltge-
schichte schließt die Untersuchung vormoderner Gesellschaften
und Kulturen ein, die beide Zeitschriften interessiert; so konnten
sie sich etwa mit dem Austausch von Rohstoffen, Nahrungsmit-
teln und Krankheiten im Pazifikraum lange vor der Ankunft der
Europäer befassen. Für die geschichtswissenschaftliehe Praxis
hieß das, dass Historiker die nationalen Grenzen mehr und mehr
Oberschritten und sich mit Kulturen und Gesellschaften außer-
halb der westlichen Welt beschäftigten. Doch auch das Klima
und die Umwelt spielten eine wichtige Rolle vor allem für
vergleichende Untersuchungen zu frühgeschichtlichen Epochen.
Auch diese Themen passen ins ))Journal of Global History«. Das
Editorial der ersten Ausgabe dieser Zeitschrift und der darauf
folgende historische Essay versuchen, ihre besondere Rolle zu
bestimmen. 21 Sie will die Zersplitterung in regionale und
engräumig spezialisierte Forschungsgebiete überwinden, die lan-
ge kennzeichnend filr die Geschichtswissenschaft war. Sie stellt
fest, dass in den letzten beiden Jahrhunderten ))alle historiogra-
phischen Traditionslinien darin zusammentrafen, dass sie den
Aufstieg des Westens entweder positiv sahen oder gegen ihn re-
agierten.« Die Zeitschrift möchte nun wahrhaft globale Ge-
schichte betreiben, die auf ))ernsthafter Forschung« basiert. Mehr
noch als im ))Journal of World History« konzentrieren sich die
Artikel der ersten drei Ausgaben auf das 19. und besonders das
20. Jahrhundert, vermeiden es jedoch ebenso wie das ))Journal of
World History«, dem Schema von Modernisierung oder Globali-
sierung zu folgen. Kennzeichnend filr Weltgeschichte und globale
Geschichte gleichermaßen ist die Einbeziehung sozial- und kul-
turgeschichtlicher Aspekte; beide befassen sich häufig mit den
oben genannten Problemen der sozialen Unterdrückung, wobei
ein besonderer Schwerpunkt auf Geschlechterverhältnissen so-
136 Nachwort zur Neuausgabe 2007

wie klassenbedingten und ethnisch geprägten Konflikten liegt


und auch die Geschichte der Sklaverei häufig behandelt zur
Sprache kommt.

4. Das Weiterbestehen von Nationalismen

Trotz der Wende zur globalen und Weltgeschichte spielten Nati-


onalismen weiterhin eine wichtige Rolle in allen Ländern, wenn
auch in unterschiedlichen Formen. ln den Ländern Osteuropas
war der Nationalismus zu Zeiten der sowjetischen Herrschaft
niemals tot oder auch nur verschüttet gewesen; nun erhob er sich
wieder in seiner ganzen Kraft und benutzte die Geschichts-
schreibung als Mittel zur Mobilisierung nationaler ldentitäten
angesichts interethnischer Konflikte. Oft nahm die nationale Ge-
schichtsschreibung aber auch kritischere Formen an. Ein gutes
Beispiel dafllr ist der Umgang mit der nationalen Vergangenheit
in der Bundesrepublik seit den sechziger Jahren. Die deutsche
Wiedervereinigung im Jahre 1990 ließ viele Beobachter eine
Wiedergeburt älterer nationalistischer Einstellungen und eine
Entfremdung von den Hauptströmungen des westlichen Ge-
schichtsdenkens prophezeien, die aber nicht eingetreten ist; wohl
gab es nationalistische Stimmen, doch waren diese schwächer als
in anderen europäischen Ländern.
Die Vorstellung davon, was eine Nation ausmacht, erfuhr ins-
besondere in den Vereinigten Staaten eine Veranderung. So ver-
warfen zum Beispiel die >>National Standards for United States
History« und die >>National Standards for World Historycc Mitte
der neunziger Jahre22 für den Schulunterricht die Idee einer ein-
heitlichen Nation und hoben den Pluralismus ethnischer Kultu-
ren sowie die Rolle von Minderheiten und Frauen fllr die Ge-
schichte hervor; sie verfolgten somit einen Ansatz, der globale
interkulturelle Vergleiche erlaubte. Diese Ansicht war keines-
wegs unumstritten, wie die darauf folgende hitzige Debatte zeigte,
doch war sie Ausdruck eines Umdenkens zur Frage, was eine
nationale Gemeinschaft ausmacht.
Einen wichtigen Versuch, nationale und europäische Geschichte
miteinander zu verbinden, stellt ein 2003 von der Europeon
Science Foundation initiiertes Projekt darY Schwerpunktthema
Verbindung von Geschichte und Sozialwissenschaften 137

ist die Entwicklung der professionellen historischen Forschung


seit Beginn des neunzehnten Jahrhunderts in den europliseben
Ländern, wobei jedes Land einzeln analysiert wird, unabhängig
davon, ob es bereits eine nationale Vereinigung erreicht hatte oder
nach nationaler Unabhängigkeit strebte. Zu jedem einzelnen Land
sollen die entscheidenden Forschungsinstitutionen wie Universi-
täten, Archive, Berufsverbände und Zeitschriften katalogisiert
werden, um eine gesamteuropäische Übersicht zu verschaffen.
Trotz dieses Trends zur Europäisierung und zur globalen Ge-
schichte bleibt ein Großteil der historischen Forschung in Europa
auf die europäische Erfahrung oder, vor allem in Osteuropa, auf
die nationale Erfahrung beschränkt. In Deutschland etwa sind
einer kürzlich durchgefiihrten Studie zufolge nur rund fiinf Pro-
zent der Historiker Experten für transkontinentale oder außereu-
ropäische Geschichte. Zum Vergleich: In den Vereinigten Staa-
ten sind 34 Prozent aller Lehrenden an historischen Institute in
Universitäten und Colleges auf Forschungsgebiete außerhalb der
amerikanischen und europäischen Geschichte spezialisiert. 2•

5. Ein neues Verständnis der Verbindung von Geschichte


und Sozialwissenschaften

Schon vor 1990 hatte sich eine Kluft aufgetan zwischen der Me-
thodologie der herkömmlichen Sozialwissenschaften, die eine
Kausalerklärung von Strukturen und Prozessen anstrebte, und
den neu entstehenden Kulturwissenschaften, die Kulturen, um
mit Clitford Geertz zu sprechen, als »Bedeutungsnetzecc verstan-
den und die Kulturwissenschaft daher ))nicht als experimentelle
Wissenschaft auf der Suche nach Gesetzmäßigkeiten, sondern
vielmehr als interpretierende Wissenschaft auf der Suche nach
Bedeutung« sahen. 25 Wie Lawrence Stone 1979 bemerkte, wurde
der für eine sozialwissenschaftliche Geschichtsschreibung zen-
trale Glaube an die Möglichkeit einer ,,kohärenten wissenschaft-
lichen Erklärung von Veränderungen in der Vergangenheit« nun
weitgehend verworfen. 26 Angesichts der Globalisierung erlebten
die neunziger Jahre jedoch einen erneuten Aufschwung der Sozi-
alwissenschaften. Zum einen fand nach 1990 eine deutliche Um-
orientierung statt, die sich zwar nicht von der Betonung auf Kul-
138 Nachwort zur Neuausgabe 2007

tur und Sprache abwandte, doch von den in den siebziger und
achtziger Jahren vorherrschenden extremen Formen des Kultura-
lismus und der Vorrangstellung der Sprache sowie vom daraus
folgenden radikalen erkenntnistheorischen Relativismus abging.
Deutlich zeigte sich dies im von der 1974 gegründeten amerika-
nischen Social Science History Association eingeschlagenen
Kurs. In der 1976 erschienenen Erstausgabe der von dieser As-
soziation herausgegebenen Zeitschrift »Social Science History«
hatte das Editorial Gewicht auf lnterdisziplinarität als eines der
Hauptanliegen der Assoziation gelegt und war dabei offen filr
»quantitative Analyse, soweit angemessen<< gebliebenY 1999
widmete sich eine Sonderausgabe den Auswirkungen von Post-
moderne, Poststrukturalismus und linguistischer Wende auf das
gewandelte und dem Kommentar des Herausgebers zufolge un-
klar gewordene Verhältnis zwischen der Geschichte und den So-
zialwissenschaften21. Unter Anerkennung eines methodischen
Pluralismus suchten die Autoren des Bandes nach Mitteln und
Wegen zur Schließung der Kluft zwischen der analytischen So-
zialwissenschaft und der Kulturwissenschaft. Der amerikani-
schen Social Science History Association folgte in den neunziger
Jahren eine European Social Science History Association, die
seit 1998 im Zweijahresrhythmus Konferenzen abhält. Zum
Treffen im Jahr 2006 waren Vorträge geladen, die den oben be-
sprochenen Trends entsprachen. Der thematische Schwerpunkt
lag auf der nichtwestlichen Welt- Afrika. Asien und Lateiname-
rika - sowie auf Ethnizitlt und Migration, gender und Sexualitlt,
Familie und Demographie, Arbeit, sozialer Ungleichheit, Natio-
nen und Nationalismus, und schließlich auf Politik, Religion und
den theoretischen Fragen zum Verhältnis zwischen Geschichte
und den Sozialwissenschaften. Wie im Ca// for Papers filr die
Konferenz 2008 steht, zielt die Vereinigung darauf ab, >>Forscher
zusammenzubringen, die an einer Erklärung historischer Phä-
nomene mit Hilfe sozialwissenschaftlicher Methoden interes-
siert sind.<< Die Konferenz und die Assoziation, samt ihrer Trä-
gerinstitution, dem International Institute of Social History in
Amsterdarn, haben somit die Reichweite der Sozialwissenschaften
vergrößert; anders als viele Vertreter der postmodernen Kultur-
wissenschaft legen sie jedoch nach wie vor Wert auf die wichtige
Rolle der analytischen Sozialwissenschaften.
Verbindung von Geschichte und Sozialwissenschaften 139

ln Frankreich ist die Zeitschrift ))Annalescc, die 1994 ihren


Untertitel von ))Economies. Societes. Civilisationscc in »Histoire.
Seiences Socialescc ver-änderte, symptomatisch ftlr die Umorien-
tierung seit 1990. Als Grund tlir die Umstellung wurde angege-
ben, dass der frühere Untertitel zu eng gefasst gewesen sei und
dass Historiker nicht nur mit Soziologen und Ökonomen, son-
dern auch mit Wissenschaftlern aus anderen Disziplinen sowie
aus den Geisteswissenschaften zusammenarbeiten müssten. Das
hatten die ))Annalescc zwar eigentlich immer schon getan, doch
verliehen sie ihrem Standpunkt nun neuen Nachdruck. Schon in
einem Editorial des Jahres 1988 und einem weiteren im Jahr
1989 hatten die ••Annalescc von einer Krise der herkömmlichen
Sozialwissenschaften gesprochen und festgestellt, dass der Mar-
xismus, der Strukturalismus und die quantitative Sozialforschung
allesamt ihre Fähigkeit zur Oberzeugenden Grundlegung der Ge-
schichtswissenschaft verloren hätten, wie überhaupt alle Ideolo-
gien ihre Glaubwürdigkeit eingebüßt hätten. Es gelte, die Kluft
zwischen Mikro- und Makrogeschichte zu überwinden. Dies be-
deutete keine Ablehnung der Sozialwissenschaft, oder vielmehr
der Sozialwissenschaften im Plural, sondern vielmehr eine Ver-
breiterung, den Einschluss kultureller Aspekte, die bisher nicht
ausreichend Beachtung gefunden hatten. Und das wiederum ver-
langte neue Methoden - nicht nur die der Geographie, Soziologie
und Anthropologie, die in der Geschichtsschreibung der ••Anna-
lescc bisher die tragende Rolle gespielt hatten, sondern auch die-
jenigen der Literaturkritik, der Soziolinguistik, der Semiotik und
der politischen Philosophie. 2'
Die Zeitschrift deckte nun mehr Themen ab als zuvor. Nach
1945 hatte sie jahrelang die Beschäftigung mit zeitgenössischen
Themen vermieden, die sie in den 1930er Jahren noch behandelt
hatte. Ihr Interesse am Mittelalter blieb bestehen, doch veröffent-
lichte sie jetzt auch Artikel, die sich dem neunzehnten und be-
sonders dem zwanzigsten Jahrhundert zuwandten, und gelegent-
lich solche zur klassischen Antike. Beträchtliche Aufmerksam-
keit wurde der nichtwestlichen Weh gezollt, darunter China,
Indien, Japan und auch Afrika südlich der Sahara. Doch setzte
man sich nicht nur mit der Gesellschaft und der Wirtschaft aus-
einander, sondern auch mit Religion; so befassten sich etwa einige
Ausgaben mit Juden und dem Judentum in Vergangenheit und
140 Nachwort zur Neuausgabe 2007

Gegenwart. Geschlecht und gender ignorierten die »Annales« in


den neunziger Jahren zwar nicht, doch erhielten diese Themen
keinen so zentralen Stellenwert wie in den amerikanischen und
zum Teil auch in den britischen Zeitschriften. Auch waren die
»Annales« frei von jener ideologischen Orientierung, die das bri-
tische »Past and Present« und mehr noch »History Workshop«
kennzeichnete.
Wie schon an früherer Stelle im vorliegenden Buch erwähnt,
wurde die britische Zeitschrift »History Workshop« 1977 mit der
expliziten Zielsetzung gegründet, nicht nur akademisch ausge-
bildete Forscher, wie die in »Past and Present« vertretenen Auto-
ren, einzubeziehen, sondern auch andere, die aus der arbeitenden
Bevölkerung stammten. Es ist der Zeitschrift nie besonders gut
gelungen, dieses Ziel zu erreichen. Doch ihre veränderten Unter-
titel sind kennzeichnend filr die Wandlung der historiographi-
schen und politischen Einstellungen. Der ursprüngliche Unterti-
tel 1977 lautete >>A Journal of Socialist History«, was 1982 zu
»A Journal of Socialist and Feminist History« umgewandelt
wurde. 1995 wurde der Untertitel ganz aufgegeben mit der Be-
gründung, »dass die politischen Bedingungen, unter denen wir
arbeiten, sich in den 14 Jahren seit der letzten Anpassung unse-
res Untertitels bis zur Unkenntlichkeit verändert haben.«Jo Der
Geschlechtsbegriff war zwar weiterhin wichtig, musste aber von
seiner Bindung an marxistische Konzeptionen der Gesellschaft
und der Geschichte freigemacht werden.
Diese Befreiung von marxistischen Annahmen kennzeichnete
auch Zeitschriften wie die italienischen »Quaderni Storici«, die
in den siebziger Jahren die Wende zur »microstoria« (Mikro-
Geschichte) eingeleitet hatte. Die amerikanischen Zeitschriften
hatten in der Mehrheit nie marxistischen Annahmen angehangen
und hatten sich spätestens zu diesem Zeitpunkt auch von der
Vorstellung einer zum westlichen, oder genauer amerikanischen
Triumph führenden Modernisierung freigemacht. 11
Sozialwissenschaften und Globalisierung 141

6. Die Sozialwissenschaften
und die Geschichte der Globalisierung

Die Globalisierungsdebatte verweist in vieler Hinsicht zurück


auf frühere Diskussionen über Dependenz und Modemisierung.
Die globale Geschichte, die sich mit den verschiedensten histori-
schen Epochen befassen kann, ist natürlich nicht dasselbe wie
eine Geschichte der Globalisierung. Die erstere muss nicht im-
mer den Westen und daher auch nicht eine Untersuchung des
westlichen Kapitalismus einbeziehen; die letztere handelt von
einem Prozess, der in gewisser Hinsicht eine komplexere Versi-
on der Modemisierung ist und sich zwar nicht auf den Westen
beschränkt, aber doch untrennbar mit diesem und der Expansion
des Finanzkapitals verbunden ist. Die globale Geschichte braucht
keine klar definierte Theorie der historischen Entwicklung, keine
umfassende Meistererzählung; im Allgemeinen verwirft sie diese
sogar als Teil des westlich-imperialistischen Ballasts; die Ge-
schichte der Globalisierung dagegen arbeitet mit einem solchen
Erzählmuster. Sie sieht diesen Prozess nicht notwendigerweise
als etwas Positives an. Wie bereits erwähnt, wiesen Andre Gun-
der Frank, lmmanuel Wallerstein und Eric Wolf in den siebziger
und achtziger Jahren unter dem Gesichtspunkt der dependencia-
Tbeorie auf die Negativaspekte dieses Vorgangs hin und warfen
zudem die Frage auf, warum nur der Westen den Durchbruch zur
modernen Industriegesellschaft geschaffi habe. ln der neueren
Literatur wendet Kenneth Pomeranz in seinem 2000 erschiene-
nen Buch »The Great Divergence: China, Europe and the Mo-
dem World Economy«12 von einer anderen Perspektive aus ge-
gen alle derartigen Erklärungen ein, sie hätten die Tatsache über-
sehen, dass China, Japan und Indien im späten achtzehnten
Jahrhundert ökonomisch ebenso weit entwickelt waren wie Wes-
teuropa, und dass der westliche Aufstieg zur Weltmacht nicht
mit dem Entstehen eines kapitalistischen Weltmarktes im Zeital-
ter der Entdeckungen, sondern mit der viel später eingetretenen
industriellen Revolution zusammenhing. Ein bedeutender Teil
der Literatur ist dieser Argumentation seither gefolgt.H Die The-
orien fast aller dieser Globalisierungshistoriker fußen primär auf
ökonomischen Faktoren. Zwar vernachlässigen auch sie, insbe-
sondere Wolf, nicht die kulturelle Auswirkung globaler Prozesse,
142 Nachwort zur Neuausgabe 2007

doch liegt ihr Schwerpunkt vorrangig auf dem internationalen


Netzwerk von Gütern, Dienstleistungen und Finanzen und den
damit verbundenen globalen Produktions- und Konsummustern.
Zwar haben sich die Historiker inzwischen der transnationalen
und transkulturellen Geschichte sowie der globalen und der Welt-
geschichte zugewandt; doch mit der Geschichte der Globalisie-
rung und der damit verbundenen Einschätzung, wo die Globali-
sierung heute steht und in welche Richtung sie geht, haben sie
sich sehr wenig beschäftigt. Die Anzahl von Untersuchungen zur
Globalisierung ist sprunghaft angestiegen, doch stammen solche
Untersuchungen hauptsächlich aus der Feder von Soziologen,
Politikwissenschaftlern, Anthropologen und vor allem Ökono-
men. Die Historiker, selbst die Autoren von Artikeln im »Journal
of World History« und im >>Journal of Global History«, sind be-
merkenswert wenig involviert. Diese Konzentration auf die öko-
nomische Seite hat unvollständige Analysen des Globalisie-
rungsprozesses zur Folge. Kennzeichnend dafiir ist eine im
»Journal of Modem History« erschienene ausfilhrliche Rezensi-
on von Werken zur Globalisierungsgeschicht~. die sich kaum
mit den sozialen Auswirkungen der Globalisierung und noch
weniger mit kulturellen Aspekten beschäftigen. Bemerkenswert
ist auch, dass dieser Artikel, der in einer geschichtswissenschaft-
liehen Zeitschrift mit Historikern als Leserschaft erschien. sehr
wenig Ober die Arbeit von Historikern zu sagen hatte. Dabei gibt
es viele wichtige Themen, die gerade Historiker aufgreifen soll-
ten. Die Entwicklungen der letzten 15 Jahre, die nicht den klassi-
schen Modemisierungstheorien folgten, sondern vielmehr einen
oft gewalttätigen Widerstand gegen die modernen Lebensbedin-
gungen und Gewohnheiten zu Tage fbrderten, erfordern eine
Analyse. Die Globalisierung fiihrte keineswegs zur Homogeni-
sierung, nicht einmal in wirtschaftlicher Hinsicht. Die Auswei-
tung einer globalen Wirtschaft ging einher mit Veränderungen
des Konsumverhaltens im Ausgang von regionalen Traditionen,
Gewohnheiten und Auffassungen. Hier ist ein wichtiger Ansatz-
punkt filr die Arbeit von Historikern, die die globalisierungsbe-
dingten Veränderungen in einen größeren historischen und regi-
onalen Kontext setzen können.
Wie hat die Globalisierung die historische Forschung und Li-
teratur beeinflusst? ln der Zeit seit 1990 hat eine lntemationali-
Sozialwissenschaften und Globalisierung 143

sierung der historischen Forschung stattgefunden. Historische


Untersuchungen in nichtwestlichen Ländern wie Japan, Südkorea
und Indien, in Lateinamerika und in Afrika südlich der Sahara,
sowie nach und nach auch in eingeschränktem Maße in China
seit dem Ende des Maoismus, operierten mit Begriffen und Me-
thoden, die denen des Westens glichen. Dem angloamerikani-
schen Raum kam bei diesem Ideenaustausch eine Schlüsselrolle
zu. Somit war der Westen weiterhin dominierend; doch kamen
auch wichtige Impulse, die das historische Denken auf einer glo-
balen Ebene bestimmten, aus der nichtwestlichen Welt, wie etwa
im Fall der indischen »Subaltern Group« und in den Untersu-
chungen zum Postkolonialismus. Statt aber voreilige Schlüsse zu
ziehen, müssen wir sehen, wo die Internationalisierung histori-
schen Forschens und Denkens an ihre Grenzen stößt. Die westli-
chen Ideen, gleich ob sie Ranke, dem Marxismus oder den ver-
schiedenen Sozialwissenschaften entstammten, erfuhren überall
Veränderungen. Notwendig wäre eine Untersuchung der Wech-
selwirkungen unterschiedlicher Wissenschaftskonzeptionen und
-traditionen in den verschiedenen Kulturen, die die westlichen
Ideen teilweise akzeptieren, aber sie umwandeln oder alternative
historische Ansätze aus ihrer eigenen Tradition einbringen. So
haben wir gesehen, wie ähnliche historiographische Ausrichtun-
gen in westlichen Ländern wie Deutschland, Frankreich und den
Vereinigten Staaten unterschiedlich verstanden und wie sie selbst
innerhalb dieser Länder in verschiedener Weise aufgenommen
oder gänzlich verworfen wurden - ein Paradebeispiel dafllr ist
Ranke. Und natürlich sind die Unterschiede noch größer, wenn
wir es mit Regionen wie Ostasien oder der muslimischen Welt
zu tun haben, die selbst eine weit zurückreichende Tradition der
Geschichtsschreibung besitzen. All dies muss in einer Geschichte
der Geschichtsschreibung mit internationalem und interkulturel-
lem Anspruch berücksichtigt werden.
Es ist offensichtlich, dass eine historische Untersuchung der
Globalisierung die Rolle lokaler Traditionen und Besonderhei-
ten, die Einfluss auf die Veränderung der modernen Welt haben,
in Betracht ziehen muss. Die Entwicklungen der letzten 15 Jahre,
die nicht den klassischen Modemisie-rungstheorien folgten, son-
dern gegen die modernen Bedingungen und Gewohnheiten auch
Widerstand von oft gewalttätiger Natur boten, müssen analysiert
144 Nachwort zur Neuausgabe 2007

werden. An dieser Stelle empfiehlt es sich, auf die Frage nach


der Notwendigkeit sozialwissenschaftlicher Methoden einzuge-
hen, die in den siebziger und achtziger Jahren durch die kulturelle
und linguistische Wende herabgesetzt worden waren, aber wei-
terhin als Werkzeug für eine realistische Analyse der globalen
Aspekte und lokalen Besonderheiten der Welt, in der wir leben,
unersetzlich sind. Die kulturelle und linguistische Wende der
siebziger und achtziger Jahre hat das Bewusstsein für die Kom-
plexität der modernen Existenz und ihrer zahlreichen histori-
schen Kontexte geschärft. Doch sie hat oftmals die strenge Logik
verworfen, die fllr eine Untersuchung der sozialen und kulturel-
len Sphäre erforderlich ist und die ihrerseits einen Rückgriff auf
die Sozialwissenschaften erfordert. Jetzt, da wir uns dem Ende
des ersten Jahrzehnts im 21. Jahrhundert nähern, müssen die be-
grifflichen und methodologischen Grundlagen der älteren Sozi-
alwissenschaften neu überdacht werden. Die Unzulänglichkeit
der Modemisierungstheorie mit ihrem westlich orientierten Tri-
umphalismus ist ans Licht getreten, ebenso wie die Unzuläng-
lichkeit von breit angelegten Verallgemeinerungen und Model-
len, die kulturelle Faktoren nicht ausreichend in Betracht ziehen.
Auf der anderen Seite hat ein Großteil des Kulturalismus und der
linguistisch orientierten Ansätze nicht nur die Bedeutung des
sozialen Kontextes von Kultur außer Acht gelassen, sondern
häufig auch die Möglichkeit wissenschaftlicher Untersuchung
überhaupt in Abrede gestellt. Nun gilt es, Ansätze zu entwickeln,
die die Kluft zwischen den herkömmlichen Sozialwissenschaften
und dem Kulturalismus überwinden. Dieser Bedarf hat in den
letzten Jahren weite Anerkennung gefunden, doch besteht noch
keine klare Vorstellung davon, wie eine integrierte Sozialwissen-
schaft, die diese Kluft überwinden kann, aussehen soll - zumal
es eine solche integrierte Wissenschaft gar nicht geben sollte.
Denn die Beschaffenheit sozial- und kulturwissenschaftlicher
Forschung schließt ein Paradigma aus, wie es Thomas Kuhn fllr
die Physik und ihr verwandte Wissenschaften vorgeschlagen hat.
Ein Pluralismus der Forschungsstrategien kann sehr fruchtbar
sein. Doch sind diese Strategien nicht Schöpfung einer poetischen
Imagination, wie einige Postmodemisten noch immer behaupten
würden. Sie müssen vielmehr von Standards rationaler Untersu-
chung geleitet sein und eine Überprüfung ihrer Gültigkeit zulassen.
Vorschläge zur weiteren Lektüre

Es folgt eine Auswahl von relevanten Publikationen seit Ende der 1980er Jahre. Im
Falle von fremdsprachigen Werken wird wenn es eine deutsche Übersetzung gibt,
nur der deutsche Titel angegeben.

Historiographische Überblicke

Die einzige bis jetzt auf Deutsch erschienene globale Geschichte der Geschichtswis-
senschaft stammt von Markus VOlke\, Geschichtsschreibung. Eine Einfllhnmg in
globaler Perspektive, Koto 2006; im Januar 2008 erscheint Georg G. lggers, Supriya
Mukherjee und Q. Edward Wang, A Global History of Modem Historiography,
London. Eine 1\lnfblndige Oxford History of Historiography, herausgegeben von
Daniel Wonlf. soll 2010 erscheinen {siehe auch den Artikel, Daniel Woolf, Histori-
ography, in: New Dictionary ofthe History ofldeas, Farmington Hills 2005, Bd. I,
S. XXXV-LXXXVIII). Spezifisch ftlr das 20. Jahrbundert ist Lutz Raphael. Ge-
schichtswissenschaft im Zeitalter der Extreme. Theorien, Methoden, Tendenzen von
1900 bis zur Gegenwart, MOnehen 2003, mit kurzen Hinweisen auf Geschichtswis-
senschaft in Undern außerhalb des Westen. Ausschließlich westlich: Christian Simon.
Historiographie. Stuttgart 1996, und Erhard Wierling, Geschichte des historischen
Denkens - zugleich eine Einfilhrung in die Theorie der Geschichte, Paderbom 2007.

Wichtige Aufsatzsammlungen

Michael Bentley (Hg.), Companion to Historiography, London 2002 ; Benedikt


Stuchtey und Eckhardt Fuchs {Hg.) Writing World History 1800-2000, Oxford
2003; JOm ROsen, Michael Gonlob und Achim Mittag (Hg.), Die Vielfalt der Kultu-
ren (Erinnerung, Geschichte, lclentitlt), Frankfun am Main 1998; JOm ROsen, West-
liches Geschichtsdenken. Eine interkulturelle Debatte, GOitingen 1998; Wolfgang
KOttler. JOm ROsen und Ernst Schulin (Hg.). Geschichtsdiskurs, S Bde., Frankfun am
Main 1993-1999; Q. Edward Wang und Georg G. lggers {Hg.), Tuming Points in
Historiography: A Cross Cultural Comparison, Rochester 2002; Stefan Jordan (Hg.),
Zukunft der Geschichte: Historisches Denken an der Schwelle zum 21. Jahrbundert,
Berlin, 2000.
146 VorschlAge zur weiteren LektOre

Wichtige Nachschlagewerke

ROdiger vom Bruch und Rainer A. MOIIer (Hg.), Historiker Lexikon: Von der Antike
bis zur Gegenwart, 2., Oberarbeitete Außage, MOnc:hen 2002; Stefan Jordan (Ha.),
Geschichtswissenschaft: Hundert Grundbegriffe, Stungart 2002. Umfassender und
aus globaler Sicht: Daniel Woolf (Hg.), A Global Encyclopedia of Historical Writ-
ing. 2 Bde., New Yorlt 1998, und Kelly Boyd (Hg.), Encyclopedia ofHistorians and
Historical Writing, 2 Bde., London 1999.

Zur Theorie der Geschichte und der Geschichtswissenschaft

Reinhart Koselleck. Vergengene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten,


Frankfurt am Main 1989; Hayden Wbite, Metahistory: Die historische EinbildUDJS-
kraft im 19. Jahrhundert in Europa. Frankfurt am Main 1991; Joyce Appleby, Lynn
Hunt, Margaret Jacob (Hg.), Telling the Truth About History, New Yorlt 1994;
Frank Ankersmit und Hans Kellner (Hg.), A New Philosophy of History, Chicago
199S; Jöm ROsen, Zerbrechende Zeit: Über den Sinn der Geschichte, Köln 2001;
Reinhart Koselleck. Zeitschichten: Studien zur Historik. Frankfun am Main 2003:
Aviezer Tucker, Our Knowledge ofthe Past: A Philosophy ofHistoriography, Cam-
bridge 2004. AngekOndigt: Jöm ROsen, Historik. Göttingen 2009.

Zur Kulturgeschichtsschreibung und zur


kulturellen und linguistischen Wende

Roger Chartier, Cultural History: Between Practices and Representations, Cam-


bridge 1988: Lyon Hunt (Hg.), The New Cultural History, Berkeley 1989; Victoria
Bonnen and Lyon Hunt (Hg.), Beyond the Cultural Turn: New Directions in the
Study of Soc1ety and Culture, Berkeley 1999; Peter Burlte, Was ist Kultur-
geschichte, Frankfun am Main 200S; Hans Schleier, Geschichte der deutschen Kul-
turgeschichtsschreibung. Bd. I, Vom Ende des 18. bis zum Ende des 19. Jahrhun-
derts, Waltrop 2003: Gabrielle M. Spiegel (Hg.), Practicing History. New Directions
in Historical Writing after the Linguistic Turn. New Yorlt 200S; Doris Bac:hmann-
Medick. Cultural Turns: Neuorientierungen in den Kulturwissensc:haften, Reinbek
bei Hamburg 2006.

Zur Begriffsgeschichte

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Vorschlage zur weiteren Lektllre 147

Post-Modernismus

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Frauen in der europliseben Geschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart, MOnehen
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rians create a Global Past, New York 2003; Anthony G. Hopk.ins. »Tbc History of
Globahzation - and the Globalization of History?cc, in: Hopkins (Hg.), London
2002. S. 11-46; Dominic Sachscnmaier (Hg.), Retlections on Multiple Modernitics:
Europcan, Chinese, and Othcr Interpretations, Leiden 2002. Ein guter Überblick
Ober die Literatur: Michael Lang. Review Article »Giobalization and lts History«,
in: Journal ofModcm History. Bd. 78 (Deccmbcr 2006), S. 899-931.
148 VorschlAge zur weiteren Lektare

Nationale und Trans-Nationale Geschichtsschreibung

Emest Gellner, Nations and Nationalisms, Oxford 1983; Eric Hobsbawm, Nationen
und Nationalismus. Mythos und Realitlt seit 1780, Frankfurt am Main 1991; Gunilla
Buckle, Sebastian Conrad, Oliver Janz, (Hg.). Transnationale Geschichte. Themen,
Tendenzen und Theorien, Göttingen 2006; Christoph Conrad und Sebastian Conrad
(Hg.), Die Nation schreiben: Geschichtswissenschaft im internationalen Vergleich,
Göttingen 2002; Jllrgen Osterhammel, Geschichtswissenschaft jenseits des National-
staats: Studien zu Beziehungsgeschichte und Nationsvergleich. Göttingen 2001; Effi
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Anmerkungen

Einleitung

I Iagers, New Directions (dt.: Neue Geschic:hiSwissenschaft).


2 TreiiSc:hke, Bd.l, S. 28.
3 Droysen, S. 2Sf. und 398.
4 Kosellec:k, Geschichte, Geschichten., S. 130-143.
S Ranke, Idee der Universalhistorie, S. 8S.
6 FOr drei sehr verschiedene Auffassungen einer historischen Sozialwissenschaft
siehe Chaunu, die amerikanisc:he Zeilsc:hrift Soda/ Scierrce History und Welller,
Sozialwissenschaft und Gesc:hic:htssc:hreibung.
7 Weber, Wissenschaft als Beruf. S. 612.
8 Niethammer, Posthistoire.
9 White, Auc:h Klio dichtet.

Vom klassischen Historismus zur Geschichte als


analytische Sozialwissenschaft

I Kuhn.
2 Bourdieu, Sozialer Sinn.
3 Vgl. Wehler, Deulsc:he Gesellsc:haftsgesc:hic:hte, Bd.l, S. 481-48S, Bd.2. S. S04-
S20; Nipperdey, DeuiSc:he Geschichte 1800-1866, S. 470-482.
4 Ranke, Idee der Universalhistorie, S. 72f.
S Siehe Kuhn.
6 Zu den Akademien siehe Kraus, Ch. Mc:Ciellllld, Wehler, DeuiSc:he Gesell-
schaftsgeschic:hte und Nipperdey, DeuiSc:he Geschichte 1800-1866.
7 Siehe Nipperdey. ebd., S. 498-S33; auc:h lggers, DeuiSc:he Gesc:hic:hiSwissen-
schaft.
8 Siehe lggers, Historic:ism (1973), S. 4S6-464, auc:h lggers. Historic:ism: The
History IJid Meaning of the Tenn. in: Jouma/ of the History of ltkas, S6
(199S). S. 129-IS2.
9 Zu ,.NaturismUS« als Gegenausdruc:k zu ,.Historismus« siehe Brarniss; auc:h
lggers, Historic:ism (1973 ).
10 Siehe TroeliSc:h und Mannheim.
II Onega y Gasset. S. 68.
12 Siehe Dilthey, Einleitung; Windelband; Ric:kert.
13 Siehe Max Weber, Rosc:her.
14 Meinec:ke, EniSiehung des Historismus, S. 4.
IS Siehe Gadamer.
16 Ranke, Vorrede zu den ..OCSC:hic:hten der romanischen und germanischen VGI-
ker«,S.46.
Anmerkungen 163

17 Siehe ebd.• S. 45, und Ranke, Über die Verwandtschaft, S. SO: >Hiaß deren [der
Historie] Amt nicht sowohl auf die Sammlung der Tatsachen und ihre Aneinan-
dertllgung. als auf das Verstlndnis derselben gerichtet sei<<.
18 Siehe Ranke, Idee der Universalhistorie, S. 8~3.
19 Ranke. Die großen Mlcbte, S. 41.
20 Ranke, Politisches Gesprlch, in: ders., Die großen Machte, S. 61.
21 Siehe Ranke, Deutsche Geschichte, Bd. 2, S. 124-1 58.
22 Ranke, Über die Epochen, S. S9f.
23 Siehe Ranke, Idee der Universalhistorie, S. 85.
24 Hege!, Grundlinien der Philosophie des Rechts, S. 165-207: Die bürgerliche
Gesellschaft.
2S Ringer, Gelehrten.
26 Siebe Ranke, z. B. Über die Verwandtschaft, und das Kapitel Ober den Bauern-
krieg in: ders., Deutsche Geschichte.
27 Siebe lggers. Deutsche Geschichtswissenschaft; Ringer; Gelehnm und W. Weber,
Priester.
28 Siehe Stadler, Mellon, Gerhanf und Keylor.
29 Siehe HObinger.
30 Zum Beispiel Michelet, Le Peuple.
31 Fnr Amerika siehe Higham u.a., History; filr Frankreich Keylor; auch Gabriele
Lingelbach, Klio macht Karriere. Die lnstitutionalisierung der Geschichtswis-
senschaft in Frankreich und den USA in der zweiten Hllfte des 19. Jahrhun-
derts, Göttingen 2003.
32 Siehe lggers, The Image of Ranke.
33 Siehe lggers, Deutsche Geschichtswissenschaft und W. Weber.
34 Siehe KrilL
35 Siehe Keylor und Sirnon.
36 Siehe Schorn-Schntte. S. 287-337: Karl Lamprecht und »New History<<; auch
lggers. Social History. Zu Lamprecht auch Hans Schleier (Hg.), Alternative zu
Ranke: Karl Lamprechts Schriften zur Geschichtstheorie, Leipzig 1988; Roger
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bung im Zeitalter der Verfachlichung und Professionalisierung: Das Leipliger
Institut filr Kultur- und Universalgeschichte 1890-1990, Bd. I, Leipzig 2005.
37 Siehe Schom-SchOtte, auch Oestreich.
38 Lamprecht. Deutsche Geschichte, Bd.l, S. VI f.
39 Lamprecht, Alte und neue Richtungen.
40 Zilien in Schultz. S. 282.
41 Siehe Schlfer. Das eigentliche Arbeitsgebiet (1888) und Gothein. Aufgabe der
Kulturgeschichte ( 1889). Dazu Oestreich.
42 Siehe Rachfahl, Deutsche Geschichte
43 Siehe W. Weber.
44 Simiand, Methode historique ( 1903 ).
45 Siehe Higham u. a., History; Hofstadter, The Progressive Historians; Ernst
Breisach, American Progressive History: An Experiment in Modernization,
Chicago 1993.
46 Congress of Arts and Science: Universal Exposition St. Louis 1904, Boston
1906, Bd. 2.
47 Siehe Fellner, Ludo Moritz Hartmann; Oexle. Georg von Below.
164 Anmerkungen

48 Zum Beispiel Hauser, Ouvriers.


49 Sc:hmoller.
SO Lampm:ht, DeuiSc:hes Wirtschaftsleben.
SI HiniZe, Geschichtsauffassung.
S2 Siehe Max Weber. Roscher.
S3 Siehe Max Weber, Ober einige KalegOrien.
S4 HiniZe, Feudalismus ( 1929); ders., Der moderne Kapitalismus ( 1929).
SS Siehe Droysen, Historik, S. 296-362.
S6 Siehe Dillhey, Aufbau, S. l~IS2.
S1 HiniZe, StaaL
SB Max Weber, Sinn der ,Wertfteiheitc.
S9 Max Weber, Objeklivitll, S. ISS.
60 Siehe z. B. RiehL Naturgeschichte.
61 Siehe Robinson, New History; dazu Higlwn u.a., History, S. 104-116.
62 Beard, Ökonomische Interpretation.
63 Siehe Higlwn u. a., History.
64 Twner, Frontier.
6S Berr.
66 Higham, Beyond Consensus.
67 Siehe Bell, The End of ldeology; ders., Nachindustrielle Gesellschaft; vgl.
Fukuyama.
68 Siehe Frisch, Neue Wege.
69 Siehe Marx' I. These in: Thesen Ober Feuerbach.
70 Le Roy Ladurie, Territoire, S. 22.
71 Siehe Barrac:lough, Main Trends.
72 Frisch, S. 2S2-2S4.
73 Siehe lggers, Neue Geschichtswissenschaft, S. 148-ISI; auch Jarausch, Quan-
tifizierung.
74 Rostow, Stadien.
7S Marx, Vorwon zur ersten Auflage, Das Kapital, Bd. I, S. 12.
76 Gerschenltron, Economic Backwardness.
77 Fogel und Engennon, Time.
78 Siehe Gutman, Slavery.
79 ln: Fogel und Elton, Which Road?
80 Zur Geschichte der Anno/es siehe Burke, Offene Geschichte; eine gute Samm-
lung von Annales-Aufsltzen enlhlll Bloch, Prozesse.
81 Siehe Raphael, Hislorikerkontroversen.
82 Bloch, Rois.
83 Bloch, Apologie.
84 Siehe Bloch und Febvre, A nos lecteurs; der Gegensatz zwischen den Intentio-
nen der Anno/es und der herkommliehen deuiSc:hen Medilvistik kommt klar in
Mare: Blochs Nachruf auf Georg von Below zum Ausdruck, siehe Bloch, Tem-
perament. besonders S. SS6, wo Bloch von Below vorwirft., dass es ihm nie ge-
lungen sei, »die engen Verbindungen zwischen politischer Ordnung, sozialer
SbUktur, Mentalillt, Geftlhlen und Ideen spOrbar zu machen«.
8S ln deuiSc:her Übersetzung siehe u. a.: Braudel, Das Miaelmeer; ders., Sozialge-
schichte; Le Goff, FOr ein anderes Miaelalter; Le Roy Ladurie, Bauern; clers.,
Montaillou; clers., Karneval.
86 Siehe Febvre, Das Problem des Unglaubens im 16. Jalubunden.
Anmerkungen 165

87 Braudcl, Frankreich.
88 Koselleck, Geschichte, Historie.
89 Le Goff, in: Bloch, Prozase, S. 393-414.
90 Braudel, Sozialgeschichte.
91 Braudcl, Frankreich.
92 Bloch. Wassennllhle, und ders., Histoire nuale.
93 Braudei u. Labrousse, Histoire konomique.
94 Siehe Huaon, Mentalillten. S. 103f.
95 Siehe Vovelle, Mourir autrefois; auch die Amrala-Sondemummer, Autour dc
Ia mon (1976). Ober •histoire seriellec siehe Vovelle, Serielle Geschichte;
Chaunu, Histoire quantitative.
96 de Saussure, Grundfragen.
97 Siehe Raphael, PresenL
98 Agulhon, Republique au village.
99 Ozouf, File n!volutionnaire.
100 Furet, FI'IIW)sische Revolution. Siehe vergleichsweise Vovelle, Franzllsische
Revolution.
101 Auch Gurjewitsch, Mittelalterliche Volkskultur.

Von der Historischen Sozialwissenschaft zur


))linguistischen Wende«

I Stone. Zilien wird hier die deutsche Übersetzung.


2 Ebd.. S. 89.
3 Ebd., S. 101.
4 Siehe Geertz, Dichte Beschreibung, in: den., S. 7-43.
5 Zur Debatte um den »Sonderwegcc siehe Ritter, Neuere Sozialgeschichte, ~
sonders S. 54f., Anm. 126; auch Kocka, Deutsche Geschichte vor Hitler. Zu-
sltzlich Eley, Wilhelminismus.
6 Siehe lgers. Geschichtswissenschaft in Deutschland und Frankreich; Oest-
reich; Raphael, Historikeritontroversen; Scham-SchOtte, besonders S. 289-335.
7 Auch Fischer, Krieg der Illusionen.
8 Kehr, Primat der Innenpolitik; ders., Schlachtflottenbau.
9 Wehler. Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. I, S. 17.
10 Siehe Wehler, Bismarck, S. 14; Hortdleimer, Traditionelle IDid kritische Theorie.
II Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bel. I, S. 16.
12 Ebd.. S. 7.
13 Ebd., S. 14, 21.
14 Ebd., S. 14.
I5 Ebd., S. 12-20.
16 Ebd., S. 10.
17 Wehler, Bisman:k, S. 14.
18 Wehler, Kaiserreich, S. 19.
19 Siehe dazu Ritter, Neuere Sozialgeschichte.
20 Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bel. I, S. I 0.
21 Siehe Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, zu Ehaecht Bd. I, S.l46-148,
172. 243; zu FIIIUeiWbeit Bd. 2, S. 254f~ und zu Frauenbewegungen Bd. 2, S. 5, 736.
166 Anmerkungen

22 Nipperdey. Deutsche Geschichte 1800-1866; ders .• Deutsche Geschichte 1866--


1918,2Bde.
23 Kocka. Paradigmawechsel, S. 7S.
24 Kocka, Untemehmensverwaltung.
25 Kocka. Angestellte.
26 Zum Beispiel Niethammer, Wohnen; Tenfelde, Sozialgeschichte; Brilggemeier,
leben vor Ort.
27 Siehe Hays und auch Frisch.
28 Guunan. Work; ders., Black Family.
29 Kocka. BOrgertum im 19. Jahrhundert.
30 Ein interessantes Beispiel ft1r diese Verbindung ist die Untersuchung des Duells
in der bOrgerliehen Gesellschaft in Frevert. Ehrenmlnner.
31 Wierling, Madeben ft1r alles, S. 14. 19.
32 Siehe dazu Ehmer und Müller.
33 Marx, Zur Kritik der Politischen Ökonomie, Vorwort. S. 8 f.
34 Bollbagen, Eintllhrung, S. 44-46.
35 Lozek u. a., Unbewlltigte Vergangenheit, S. 9.
36 Scheel u.a., Forschungen, S. 381.
37 Institut ft1r Marxismus-leninismus beim Zentralkomitee der SED (Hg.). Ge-
schichte der deutschen Arbeiterbewegung, Bd. I, Vorwort, S. 8.
38 Vgl. lggers, Ein anderer historischer Blick.
39 Kula. Theory of the Feudal System; interessant von einem anthropologischen
Ansatz: ders .• Measures and Men.
40 Siehe Kaye, British Marxist Historians; ders., Education of Desire.
41 Luklcs. Verdinglichung, in: ders., Geschichte und Klassenbewusstsein, S. 257-
397.
42 Marx. Ökonomisch-philosophische Manuskripte.
43 Zur angloamerikanischen Debatte siehe Kaye, British Marxist Historians; s1ehe
auch Wallerstein, Das moderne Weltsystem.
44 ln Frankreich mit der Braudel-Schule. in England in der Debatte um die Krise
des 17. Jahrhunderts: siehe Richardson.
45 Zur Literatur Ober Dependencia-Theorien: Mütter. Grenzen.
46 Althusser.
47 Siehe Carlo Ginzburgs Kritik an der Mentalilltsgeschichte in seiner Einleitung
zu: ders., Der Klse und die WOrmer, S. 7-21.
48 Marx, Achtzehnte Brumaire, S. 198.
49 ln der englischen marxistischen Literatur wird diese aktive Beteiligung mit dem
Ausdruck »agency« bezeichnet.
50 Deutsch, Frankfurt 1987. Der deutsche Titel: »Die Entstehung der englischen
Arbeiterklasse« ist eine unglückliche Übersetzung des englischen Titels, »Tbc:
Making of the English Warking Class«, der die aktive Rolle der Arbeiter bei
der Konstituierung der Arbeiterklasse betonL
51 Thompson, Elend der Theorie, S. 253, 2S6.
52 Ebd., S. 47.
53 Ebd., S. 182.
54 Thompson. Entstehung, S. 7. Übersetzung von mir leicht verbessen.
55 Ebd., S. 8.
56 Ebd., S. 208f.
57 Ebd .• S. 7.
Anmerkungen 167

58 Thompson, Time, S. 56-97.


59 Thompson, Entstehung, S. II.
60 Meine Übersetzung; vgl. ebd., S. 9.
61 Ebd., S. 7.
62 Thompson, Moral Ec:onomy.
63 Rude, Volksmassen.
64 Zum Beispiel LOcltke, Protest; Mason; Peters.
65 Siehe Marx: DDie Menschen machen ihre eigene Gesc:hic:hle, aber sie machen
sie nic:ht aus freien Stßc:ken, nic:ht unrer selbst gewlhllen, sondern unter unmit-
lelbar vorgefundenen, gegebenen und Oberlieferlen UmstAnden«, in: Der Acht-
zehnie Brumaire, S. IIS.
66 Zur Kontroverse Ober Thompsons und Gelloveses »KulturalismUS« siehe John-
son; auc:h K. Mc:Cielland.
67 Siehe Thompson, Time.
68 Ginzburg u. Poni, Was ist Mikrohistorie?
69 Koc:ka, Überrasc:hung, S. 19.
70 Medic:k, Missionare, S. 49.
71 LOdtke, Alltagsgesc:hic:hle: Einleitung, S. 12.
72 Medic:k, Missionare, S. SO.
73 Habermas, Theorie, Bd. 2, S. 232; zitien in Lipp, Überlegungen, S. 31.
74 Siehe Levi, On Mic:rohistory; siehe auc:h Medic:k, Entlegene Gesc:hic:hre?
75 Thompson, Entsrehung, S. II.
76 Siehe fi11here Fassung von Medic:k, Missionare, in: Geschichte und Gesell-
schaft, S. 308 bzw. 304f.
77 Über Mikrohistorie noc:h einmal Medic:k, Entlegene Gesc:hic:hre? Über die Ent-
srehung des BegritTs »mic:rostoriacc in Italien siehe ebd., S. 364f. Anm. 10.
78 Medic:k, Missionare, S. 57. Siehe auc:h Gadamer, Wahrheit
79 Siehe Geenz. Dic:hle Beschreibung.
80 Siehe Sahlins, Kapilln Cook.
81 Medic:k, Missionare, S. 59.
82 Zitien ebd .• s. 60.
83 Koc:ka, Sozialgesc:hic:hre, S. 170.
84 Medic:k, Missionare, S. 6lf.
BS Koc:ka, Sozialgesc:hic:hre, S. 173.
86 Lipp, Überlegungen, S. 30.
87 Siehe den Übergang von der Dhistoire serielle« zur Mentalitllengesc:hic:hre in:
Vovelle, Die franzGsisc:he Revolution.
88 Fouc:aull, WahnsiM; ders., Gebun der Klinik und ders., Überwachen.
89 Muc:hembled, Kultur und ders., Erfindung.
90 Perrot, lntroduction, in: Aries u. Duby, Gesc:hic:hre des privaten Lebens, Bd. 4,
S.9.
91 Siehe Wehler, Deutsche Gesellsc:haftsgesc:hic:hre, Bd. I, S. 14.
92 Siehe Stedman-Jones' Betonlßlg der Rolle der Sprache in der Konstituierung
der Arbeiterklasse in: ders., Politik und Sprache.
93 Bourdieu, Soziologie, S. 57, 59.
94 Veblen.
95 Thompson, Entstehung, S. 71
96 Lipset, Fasc:ism, S. 131-176.
97 Allen, Das haben wir nic:ht gewollt
168 Anmerkungen

98 Hamilton, Who Voted for Hitler?


99 Childers, The Nazi Voter.
100 Falter, Hitlers Wlhler.
101 Childers, Social Language.
102 Foucault, Dispositive.
I 03 Siehe auch Lipp, Überlegungen, S. 30.
I 04 Siehe LOdtke, Protest.
IOS Lukäcs, Geschichte und Klassenbewusstsein.
I06 Adomo u. a., Positivismusstreit
107 Ranke, Idee der Universalhistorie, S. 78; siehe auch Humboldt, S. S87.
108 Siehe Davis, Die wahrhaftige Geschichte, S. 20.
109 Finlay; siehe auch Davis' Antwon »>n the Lame«.
110 Medick, Weben und Überleben.
III Das Konzepl des »Eigen-Sinns« ist zuerst 198S von LOdtke fllr die historische
Rekonstruktion vorgeschlagen worden. Vgl. zusammenfassend jetzt: ders., Die
Ordnung der Fabrik; fllr die Erforschung des Nationalsozialismus in dieser Per-
spektive vgl. auch ders., Wo blieb die »rote Glut«?. Siehe auch Mason, Sozial-
politik.
112 Medick, Missionare, S. 61.
113 Levi.
114 Sabean, Zweischneidiges Schwen.
IIS Levi, S. 941
116 Schlumbohm, LebenslAufe, S. I.
117 Schlumbohm, LebenslAufe; Medick, Weben und Überleben; Kriedte, Stadt am
seidenen Faden; Sabean, Property.
118 Schlumbohm, LebenslAufe, S. 8.
119 Medick, Ein Volk »mit<< BOchern.
120 Kaschuba und Lipp, Wasser und Brot.
121 Lipp, Politische Kultur; siehe auch dies., Wriling History.
122 Siehe die VerOffent lichungen seit 1972 in der Reihe »Kritische Studien zur
Geschichtswissenschaft« und auch in der Schriftenreihe »Industrielle Welt« des
»Arbeitskreises fllr moderne Sozialgeschichte«.
123 Stone, Revival, S. 88, Anm.
124 Siehe Ankemnit; auch Frank Ankersmit und Hans Kellner (Hg). A New Phi-
losophy of History, Chicago 199S.
12S Banhes.
126 White, Metahistory. S. 13.
127 White, Auch Klio dichtet, S. 102.
128 Ranke, Vorlesungseinleitungen, S. 721.
129 ~.S.313.
130 Bachelard.
131 Feyerabend, Wider den Methodenzwang; ders., Irrwege.
132 Foucault, Arcblologie; ders., Die Ordnung der Dinge.
133 Dmida, Gramrnatologie; ders., Die Schrill
134 Stone, Revival, S. 101.
13S LaCapra. Rhetorik und Geschichte.
136 Blanke u. Rosen. Von der Aufldlrung zum Historismus; Jaeger und Rosen,
Geschichte des Historismus.
137 Scott. Women's History, S. SB; siehe auch dies., History.
Anmerkungen 169

138 Pocock, Machiavellian Moment; ders., Politics.


139 Skinner, Foundations; ders•• Return ofGrand Tbeory.
140 Koselleck, Geschichte, Historie; ders., Geschichte, Geschichten. Melvin Richter,
Tbe History of Political and Social Conc:epts - A Critical introduction, New
York 1995.
141 Kosolleck, Geschichte, Historie.
142 Siehe Furet. 1789; ders. mit Riebet, Französische Revolution; ders. mit Ozouf,
Transformation ofPolitical Culture.
143 Hunt, Symbole der Macht
144 Sewell, Work and Revolution in France, S. II.
145 Agulhon, Republique au village.
146 Ozouf. F~te revolutionnaire.
147 Hier meine Übersetzung; vgl. Thompson, Entstehung, S. 9, II.
148 Stedman-Jones, S. II.
149 Childers, Social Language.
ISO Siehe die Debatte um Damton, Das große Katzenmassaker; Cbartier, Texts, Sym-
bols and Frenchness, und Duntons Antwort, The Symbolic Element in History.

Schlussbetrachtung

I Niethammer, Posthistoire; Fukuyama.


2 Kierkegaard.
3 Siehe JOnger.
4 Siehe Niethammer, Posthistoire, S. 1~172.
S Koselleck, Zum Verhlltnis von Vergangenheit und Zukunft.
6 Le GotT. in: Bloch, Prozesse. S. 393--414.
7 Siehe Braudel, Das Minelmeer.
8 Dilthey, Aufbau.
9 Collingwood.
10 Gadamer.
II Ricoeur.
12 Max Weber, >>Objektivitltcc, S. 180.
13 Droysen, S. 2Sf., 398.
14 Ebd.
IS Danto.
16 Siehe ROsen, Wie kann man Geschichte vemOnftig schreiben?, in: ders., Zeit
und Sinn, S. I06-134; ders .• GrundzOge einer Historik.
17 Tbompson. Entstehung, S. II.
18 Ankersmit, History and Tropology: The Rise and Fall ofMetaphor. Berkeley 1994.
19 ln: Blanke u. Fleischer, Theoretiker der deutschen Autkllrung, Bd. 2, S. 452-466.

Nachwort zur Neuausgabe 2007

Francis Fukuyama. »The End of History?cc, National lnterest, 1989, S. 3-18;


Tbe End of HistOI}' and the Last Man, New York 1996; siehe auch seine »Re-
170 Anmerkungen

flcctions on the End of History, Five Years Latercc in: History and Theory, 34
(1995), Nr. 2, S. 27-43.
2 Samuel P. Huntington, The Clash of Civilizations and the Remalting of the
World Order, New York 1996; eiL: Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der
Weltpolitik im 21. Jahrhundert. MOnehen 2006; siehe auch Salim Rashid, »The
Clash ofCivilizations?«. Asian Responses, Dbaka, Bangladesh 1997.
3 Arif Dirlik, »History Without a Center? Reflections on Eurocentrism«, in:
Eckhardt Fuchs and Benedict Stuchtey (Hg.), Across Cultural Borders. Histori-
ography in Global Perspective, Lanham, Boulder 2002, S. 247-284.
4 Hayden White. Die historische Einbildungskraft im 19. Jahrhundert in Europa,
Frankfun am Main 1991; siehe >>Einleitung. Die Poetik der Geschichte((, S. 15-
62.
5 Frank Ankersmit. History and Tropology: The Rise and Fall of the Metaphor,
Berkeley 1994. und ders .• Historical Representation, Chicago 2002.
6 Vergleiche Ashis Nandy, >>Histories Forgotten Doublesec in: History and The-
ory, 34 (1995), Heft 2, S. 44-66.
7 Siehe Stone, unten, S. 5 I.
8 Stone, >>History and Posunodernismcc, in Post and Pre.sent, 131 (Augustl991),
S. 217-218; Antwort aufPatrick Joyce, ebenda, 135 (November 1991), S. 208.
9 Victoria Sonneiland Lynn Hunt (Hg.), Beyond the Cultural Turn: New Direc-
tions in the Study ofSociety and Culture. Berkeley 1999.
10 Gabrielle M. Spiegel (Hg.). Practicing History. New Directions in Historical
Writing after the Linguistic Turn, New York 2005, S. 3.
II Artikel Bonnie Smith in: Mrinalini Sinha. Gender and Nation in Women's and
Gender History in Global Perspective. ASeries by the American Historical As-
sociation's Committee on Women's Historians, Washington. DC 2006, S. vii.
12 The Editorial Collective, >>Why Gender and Historycc in: Gender and History, I
( 1989), Nr. I S. I.
13 Geschichtliche Grundbegriffe, 8 Bde., Stuttgan 1972-1997.
14 Friedrich Engels hob in >>Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und
des Staatsec (1883) hervor, dass die Unterdrilckung der Frauen seit der klassi-
schen Antike Teil der abendlln<lischen Geschichte war und somit dem moder-
nen Kapitalismus vorausging. lbml Urspruog sah er in der Wendung von der
matriarchalisch zur patriarchalisch organisierten Familie, zu deren zentralen
Merkmalen das Privateigentum und dessen Vererbung gehOrten und die damit
zur Schaffung des Staates als SchOtzer des Eigentumsrechts filhne. Mit dieser
Perspektive stand Engels allerdings relativ allein. Und auch er nahm an, dass
das Problem der Unterdrilckung von Frauen mit dem Errichten einer kommu-
nistischen Gesellschaft gelOst sein wßrde. Die neue feministische und gencler-
Geschicbte brach sowohl methodologisch als auch in Hinsicht auf ihr Ver-
stlndnis des geschichtlichen Prozesses mit den liieren historiographischen Tra-
ditionen, insbesondere mit dem Marxismus, aber auch mit der Orientierung an
den Sozialwissenschaften. die wir im vorhergehenden Kapitel behandelt haben.
15 Siehe die Diskussion Ober Formen der Weltgeschichte und ihre Entwicklung im
historischen Denken und Forschen der letzten Jahre in Patrick Manning. Navi-
gating World History. Historians Cn:ate a Global Past, New York 2003, sowie
den kurzen, aber sehr bOndigen Artikel von Jerry H. Bentley. >>World Historycc,
in: D. R. Woolf, A Global Encyclopedia of Historical Writing, Bd. 2. New
York 1998, S. 968-970, und vom selben Autor »The New World History((, in:
Anmerkungen 171

Lloyd Kramer and Sarah Maza (Hg.), A Campanion to Western Historical


Thought, Oxford 2002, S. 393-416. Ich danke Dominic Sachsenmaier ftlr das
Manuskripts seines Artikels »Global History and Critiques of Western Perspec:-
tives« (13. April 2006), das mir von großem Nutzen war und soeben in einer
Sonderausgabe von Camparalive Education unter dem Titel »Comparative Me-
thods in the Social Sciencescc erschienen ist, 42 (2006), Nr. 3 S. 451-470.
16 Siehe Jerry H. Bentley, Shapes ofWorld History in Twentieth-Centwy Schol-
arship, Washington 1996.
17 New York 2003.
18 Das Zitat stammt aus einer Rezension von Mannings Buch von Gary Kroll im
Journal ofWorld History, 16 (2005).
19 Anthony G. Hopkins, »The History ofGiobalization- and the Globalization of
History?«, in: Hopkins, Anthony G. (Hg.), Globalization in World History.
London 2000, S. 11-46.
20 Siehe JQrgen Osterhammel und Niels P. Petersson, Geschichte der Glo-
balisierung. MOnehen 2003; Dominic Sachsenmaier, »Global History and Cri-
tiques of Western Perspectives«, in: Camparalive Education, 42 (2006), Nr. 3,
S.4SI-470.
21 Patrick O'Brien. »Historiographical Traditions and Modem Imperatives for the
Restoralion ofGiobal History«, in: Journal ofG/obal History, I (2006), Nr.l,
s. 3-39.
22 (Los Angeles, 1995), im Auftrag des National Center for History in the Schools
an der University ofCalifomia at Los Angeles.
23 Siehe Stefan Berger und Andrew Mycock (Hg.), »Europe and its National
Historie&«, Sonderausgabe von Storia della Storiografia SO (2006).
24 Vergleiche dazu Dominic Sachsenmaier, »Global History, International His-
tory. World History - Assessing the Debate in the US, China and Germanycc,
demnlchst in: Middell, Mattbias und Naumann, Katja (Hg.), World History
Writing in Europe. Leipzig 2008.
25 Geertz, The Interpretation ofCultures, New York 1973, S. S.
26 Siehe S. S l.
27 »Editor's Foreword«, in: Soda/ Science History, I ( 1976). Nr.l/2.
28 Siehe den ersten Anikel der Sonderausgabe von Paula Baker, »What is Social
Science History, Anyway?cc in: »What is Social Science History?«, in: Social
Science History, 23 (1999), Nr. I, S. 2-S; außerdem Eric H. Monkkonen, »Les-
sons ofSocial Science Historycc, in: Social Science History, 18 (1994), Nr. 2,
s. 161-168.
29 »Histoire et sciences sociales, un toumant critique?«, in: Annales ESC, 43
(1988), Nr. 2. S. 291-293, außerdem »Histoire et sciences sociales: Tentons
l'experiencecc, in: ebenda, 44 (1989), Nr. 6, S. 1317-1323.
30 Editorial: »Change and Continuitycc, in: History Workshop Journal, 39 (1995),
s. iii.
31 Diese allgemeine Richtung gilt ftlr die Zeitschriften, die wir betrachtet haben.
Die American Historical Review, das Journal of lnterdiscip/inary History,
Camparalive Studies of History and Society, Social Science History, Social
History sowie neuerdings auch The Journal of Modern History und das Journal
of the History of ldeas, die altehrwtlrdige britische English Historical Review,
die nicht weniger altehrwllrdige französische Revue Historique und die Revue
d'Histoire Modeme et Contemporaine, und die italienische Nuova Revista Sto-
172 Anmerkungen

rico gaben alle einen Teil ihres Eurozentrismus auf und erweiterten ihre
Schwerpunkte. Dies kann nicht im gleichem Maße von der lltesten historischen
Fachzeitschrift. der deutschen Historischen Zeitschrift, gesagt werden; diese
konzenlrien sich weiterhin auf traditionell deutsche Themen bei gelegentlicher
Überschreitung der nationalen Grenzen, und brachte etwa in der Dezem-
berausgabe 2006 einen Anikel von Manfred Berg Ober das Ende der Lynchjus-
tiz im SOden der Vereinigten Staaten. Die vom Institute of Social History in
Amsterdam publizierte International Review of Sociol History stellt weiterhin
die Arbeiterklasse in den Mittelpunkt, allerdings versllrkt in internationaler und
globaler Perspektive. Eine Untersuchung der beiden wichtigsten Zeitschriften
zur lateinamerikanischen Geschichte, der Hisponic Americon Historicol Review
und der Lotin Americon Research Review sowie zweierZeitschriftenzur Ge-
schichte Afrikas, des Journol ofAfricon History und des Journal of Modem Af-
ricon Studies, deuten in eine Ihnliehe Richtung.
Die vorherrschenden Themen der westlichen Forschungsliteratur, die neue
Kulturgeschichte, die Globalisierung, Geschlecht und Sexualilll, Rasse und
Ethnizillt. und mehr noch als im Westen die Geschichte der Sklaverei und Ge-
schichte ethnischer Minderheiten. finden sich in den lateinamerikanischen Zeit-
schriften wieder, und etwas abgewandelt auch in denen aus Afrika sOdlich der
Sahara. Die Geschichte ethnischer Minderheiten, Rasse und Ethnizillt, die Ge-
schichte der Sklaverei und der transkontinentale Sklavenhandel mit seinen glo-
balen Aspekten, Kolonialismus und Postkolonialismus sowie das Entwerfen na-
tionaler ldentillten und winschaftliche Entwicklung sind hier die meist-
diskutienen Themen. Wenn man auch nicht von einem neuen Puadigma
sprechen kann, so hat sich doch der Blickwinkel historischer Untersuchungen
erweiten und von einer Konzentration auf die Nation oder auch nur auf den
Westen in Richtung auf andere Aspekte der Gesellschaft und der Kultur erwei-
ten.
32 Princeton 2000.
33 Siehe Roben C. Allen, Tommy BenglaSOll und Martin Dribe (Hg.), Living
Standards in the Past: New Perspectives on Weii-Being in Asia and Europe,
Oxford 200S; sowie Hopkins, Globalization in World History.
34 Michael Lang, Rezension zu »Giobalization and lts History«, in: Journal oj
Modem History, 78 (2006). S. 899-931; Hopkins. Globalization in World His-
tory.
Personenregister

Adomo, Tbeodor W. 7, 96, 118 Collingwood, Robin G. 114


Agulhon, Mauric:e SB, 108 Comte, Auguste III
Allen. William S. 94 Condorcet, Antoine Marquis de III
Althusser, Louis 80f. Conze, Wener 71
Ankenmit, Fnnk A. 126 Cnoce,Benedetto S6, 101

Bachelard, Gaston I03 D' Annunzio, Gabriele 18


Bahners, Patrick I 02 Danto, Artbur C. 117
Barrac:lough, Geoffiey 46 Damton, Robert I09
Banhes, Roland 64, 101, 104, 106, Darwin, Charles 76
108,114 Davis, Natalie Zernon 89, 96--98,
Baudelaire, Charles 17 102
Beard, Charles 43 De Man, Paul 64
Becker, Carl 43 Derrida, Jacques 64, 1~106, 108,
Below, Georg von 37 114f., 131
Bentley. Jeny 134 Dilthey, Wilhelm 24,38-40, SI,
Berr, Henri 3Sf. 43f., 49 7S,II4,116
Blanc, Louis 29 Dirlik, Arif 123
Blanke-Schween, Horst- Dobbs. Mauric:e 80
Waller lOS Dostojewski, Fjodor 112
Bloch, Mare 49-S3, SS, S8f. Droysen, Johann Gustav 13, 23f.,
Bois,Guy 80 31, 39f., SI, 83, 96, 116
Bourdieu, Pierre 22, 93 Duby, Georges S2f., S9
Braudel, Fernand S2-S6, 70, 87, Durkheim, Emile 3S, 43, SO, I 09
112-114
Brecht, Bertolt 14 Elias, Norbert 92
Brenner, Roben 80 Eliot, Thomas Steams 18
Br11ggemeier, Franz-Josef 72 Engels, Friedrich 76, 78f., 84
Buckle, Henry Thomas 114 Engerman, Stanley 47
Burckhardt,Jacob 17,23,88,101,
lllf. Falter, JOrgen 94
Febvre, Lucien 37, 49-SS, S7-S9,
Caesar, Julius 13 106
Cambridge Group for the History of Feyerabend, Paul 103
Population and Social Structure Fischer, Fritz 66f.
74,91 Fogel, Robert 16, 47f., 114
Chartier, Roger 89 Foucault, Michel 7, 19, S4, 63f., 92,
Chaunu, Pierre 91 9S, 104f., 114, 126, 131
Childers, Thomas 94, 108 Frank, Andre Gunder 133, 141
Churchill, Winston 13 Fukuyama, Francis 121f.
Cobbett, William 8S Furet, Fran~is S2, S8f., 107, 118
174 Register
Gadamer, Hans-Georg 114 Kuhn, ThomasS. 21,103,144
Gatterer, Johann Christopb 29, 119 Kula, Witold 78
Geertz, ClifTord 80, 89f., 97-99,
109,137 Labrousse, Emest 56
Genovese,Eugene 80,85 LaCapra. Dominick lOS, 109
Gerschenkron, Alexander 47 Lamartine, Alphonse de 29
Gervinus, Georg 23, 29 Lamprecht, Karl 32-36, 38f., 43,
Gibbon, Edward 12, 28 50,65
Ginzburg, Carlo 80, 8Sf., 96, 98 Le GotT, Jacques 52-54, 59, 92,
Goethe, Johann Wolfgang von 16 113
Gothein, Eberhard 34 Lenin, Vladimir lljitsc:h 77-79
Goubert, Pierre 53 Le Roy Ladurie, Emmanuel 46,
Gramsci, Antonio 79 S2-S4,S6f.,S9,91,98
Guizot, Fnm,.ois 29 Levi, Giovanni 80, 89, 98f.
Gwjewitsch, Aaron 58 Uvi-Strauss, Claude 80, 109
Gutman, Herben 73 Lipp, Carola 100
Lipset, Seymour Martin 94
Habennas, Jllrgen 68, 87 Locke, John 42
Hamilton, Richard 94 LOdtke, Alf 8
Hauser, Henri 37f. Luk!cs, Georg 79,96
Hegel, Georg Wilhelm Friedlich I S,
23f., 26f., 40, 42, I0 I, 111 f. Mandrou, Roben S2f.
Heidegger, Martin 18, IOS, 118 Manning. Patrick 134
Henry, Louis 74, 91 Marcuse, Herben 118
Herodot 12, 132 Marx, Karl ISf., 18, 24, 4~5.
Hintze, Otto 39-41 47,49,S8f.,62-64,67f., 70, 72,
Hobsbawm, Eric 80, 84 74-82,84-88, '»-96. 99, 101,
Horkheimer, Max 7, 67f., 96, 118 109, 111-113, 115, 121, 12Sf.,
Huizinga, Johan 88 130, 139, 143
Humboldt, Wilhelm von 27, 96 McNeill, William H. 133f.
Hunt, Lynn 107, 118, 127 Medick, Hans 8, 89f., 97-100
Huntington, Samuel 122 Meinecke, Friedrich 24, 56, 75
Mendels, Franklin 99
Ibn Khaldun 132 Menger, Carl 24, 37
Michelet, Jules I S, 29, I0 I
Joyce, James lOS Miller, Perry 43
JQnger, Ernst 18, 112 Mill, John Stuart I S, III
Mintz. Sidney 91
Kant, lmmanuel 102, I II, 114 Mitterauer, Michael 74
Kaschuba, Wolfgang 100 Mommsen, Theodor 23
Kehr,Eckan 66f., 70 Muchembled, Roben 92
Kierkegaard, Seren 17, 112 Musil, Roben lOS
Kisch, Herben 99
Knies, Karl Guslav Adolf 39 Nandy, Ashis 126
Kocka, Jllrgen 68, 71-73, 86, 90, Niethammer, Lutz 72, 113
100 Nietzsche, Friedrich IS-18, 101,
Korsch, Karl 79 IOS,IIIf.,ll8
Koselleck, Reinbart 54, I06, 113 Nipperdey, Thomas 70
Kriedte, Peter 99f.
Register 175
0nega y Gasset, Jose 18 Simiand. F~is 35, 43, SO
Owen, Robert 85 Simmel, Georg 93
Ozouf, Mona SB. 108 SkiMer, Quentin 106f.
Smith. Adam 47
Paine, Thomas 85 Smith, Bonnie 128
Parrington, Vernon 43 Sokrates 16, 105
Philadelphia Social History ~ Sorel. Georges 18
ject 46 Spengler, Oswald 18
Pin:nne, Henri 38 Spiegel, Gabrielle M. 127
Platon 16 Stedman-Jones, Gareth I08
Pocock, J.G.A. 106f. Stone, Lawn:nce 6lf., 101, lOS,
Poni, Carlo 80. 8Sf. 117, 126, 137
Pound. Ezra 18 Sweezy. Paul 80
Proust, Marcel I OS Sybel, Heinrich von 31

Rabelais. Fran~ois 53, 57, 106 Taine, Hyppolite 29


Ranke, Leopold von 12f., I Sf., 22f., Tenfelde, Klaus 72
2S-31,39-43,48,Sif.,7S,83,96. Thiers, Adolphe 29
10lf.• IOS,II2-114,119,143 Thompson, Edward P. 73, 8G-86,
Ratzel, Friedrich SO 88, 93f., 108, I 13, 118
Ricardo, David 47 Thukydides 12f. 28, I 02
Rickert. Heinrich 24, 35, 38 Tocqueville, Alexis de 29, 101
Rica:ur, Paul 114 Treitschke, Heinrich von 13-1 5, 23,
Riehl, Wilhelm 42f. 31
Ringer, Fritz 28 Turner, Frederick Jackson 36. 43
Ritter. Carl 50
Ritter, Gerhard S I Veblen, Thorsten 93
Robinson, James Harvey 36, 43 Vidal de Ia Blanche. Paul SO, S5
Rascher, Wilhelm 39 Voltaire 132
Rosenberg, Hans 70 Vovelle, Michel 52, 91
Rostow, Wall 47,90
RudC. George 80. 84 Wallerstein,lmmanuel 80, 133, 141
ROsen. Jom 105, 117 Weber. Mu 24, 33, 39-45, 49f.,
59,67f., 70-72, 74-76,87,90f.,
Sabean. David 98, 100 93. 102, 112. 114-116
Sahlins, Marshall 89, 99 Wehler. Hans-Uirich 66-71,76,
Saussure, Femand de 57, 103f.• 108 100
Schlfer, Dietrich 34 White, Hayden 64, IOif., 105f.,
Schlumbohm. JQrgen 8, 99f. 109, 115, 126f.
Schmitt. Carl 112 Wierling, Dorothee 73
Schmoller, Gustav von 37-39 Windelband. Wilhelm 24, 38f.
Scott. Joan I OS. 131 Wolf, Eric 91, 133, 141
Seignobos, Charles 52
Sewell. William 107 Zwahr, Hanmut 72, 78