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Bertolt Brecht 55Wiederholung statt.

Folgt die Theaterszene


Die Straßenszene als Grundmodell für hierin der Straßenszene, dann verbirgt das
episches Theater (1938) Theater nicht mehr, daß es Theater ist, so wie
die Demonstration an der Straßenecke nicht
Es ist verhältnismäßig einfach, ein Grundmo- verbirgt, daß sie Demonstration (und nicht
dell für episches Theater aufzustellen. Bei 60vorgibt, daß sie Ereignis) ist. Das Geprobte
praktischen Versuchen wählte ich für ge- am Spiel tritt voll in Erscheinung, das
wöhnlich als Beispiel allereinfachsten, sozu- auswendig Gelernte am Text, der ganze
5 sagen „natürlichen“ epischen Theaters einen Apparat und die ganze Vorbereitung. Wo
Vorgang, der sich an irgendeiner Straßenecke bleibt dann das Erlebnis, wird die dargestellte
abspielen kann: Der Augenzeuge eines Ver- 65Wirklichkeit dann überhaupt noch erlebt?
kehrsunfalls demonstriert einer Menschen- Die Straßenszene bestimmt, welcher Art das
ansammlung, wie das Unglück passierte. Die Erlebnis zu sein hat, das dem Zuschauer be-
10 Umstehenden können den Vorgang nicht ge- reitet wird. Der Straßendemonstrant hat ohne
sehen haben oder nur nicht seiner Meinung Zweifel ein „Erlebnis“ hinter sich, aber er ist
sein, ihn „anders sehen“ - die Hauptsache ist, 70 doch nicht darauf aus, seine Demonstration
daß der Demonstrierende das Verhalten des zu einem „Erlebnis“ der Zuschauer zu ma-
Fahrers oder des Überfahrenen oder beider in chen; selbst das Erlebnis des Fahrers und
15 einer solchen Weise vormacht, daß die Um- des Überfahrenen vermittelt er nur zum Teil,
stehenden sich über den Unfall ein Urteil keinesfalls versucht er, es zu einem genuß-
bilden können. 75 vollen Erlebnis des Zuschauers zu machen,
Dieses Beispiel epischen Theaters primitivster wie lebendig er immer seine Demonstration
Art scheint leicht verstehbar. Jedoch bereitet gestalten mag. Seine Demonstration verliert
20 es erfahrungsgemäß dem Hörer oder Leser zum Beispiel nicht an Wert, wenn er den
erstaunliche Schwierigkeiten, sobald von ihm Schrecken, den der Unfall erregte, nicht
verlangt wird, die Tragweite des Entschlusses 80 reproduziert; ja, sie verlöre eher an Wert. Er
zu fassen, eine solche Demonstration an der ist nicht so auf Erzeugung purer Emotionen
Straßenecke als Grundform großen Theaters, aus. Ein Theater, das ihm hierin folgt, vollzieht
25 Theater eines wissenschaftlichen Zeitalters, geradezu einen Funktionswechsel, wie man
anzunehmen. [...] verstehen muß.
Man bedenke: Der Vorgang ist offenbar kei- 85Ein wesentliches Element der Straßenszene,
neswegs das, was wir unter einem Kunst- das sich auch in der Theaterszene vorfinden
vorgang verstehen. Der Demonstrierende muß, soll sie episch genannt werden, ist der
30braucht kein Künstler zu sein. Was er können Umstand, daß die Demonstration gesell-
muß, um seinen Zweck zu erreichen, kann schaftlich praktische Bedeutung hat. Ob unser
praktisch jeder. Angenommen, er ist nicht im- 90Straßendemonstrant nun zeigen will, daß bei
stande, eine so schnelle Bewegung auszu- dem und dem Verhalten eines Passanten oder
führen, wie der Verunglückte, den er nach- des Fahrers ein Unfall unvermeidlich, bei
35ahmt, so braucht er nur erläuternd zu sagen: einem andern vermeidlich ist, oder ob er zur
er bewegte sich dreimal so schnell, und seine Klärung der Schuldfrage demonstriert – seine
Demonstration ist nicht wesentlich geschädigt 95Demonstration verfolgt praktische Zwecke,
oder entwertet. Eher ist seiner Perfektion eine greift gesellschaftlich ein.
Grenze gesetzt. Seine Demonstration würde
40gestört, wenn den Umstehenden seine Ver-
wandlungsfähigkeit auffiele. Er hat es zu ver-
meiden, sich so aufzuführen, daß jemand aus-
ruft: „Wie lebenswahr stellt er doch einen
Chauffeur dar!“ Er hat niemanden „in seinen
45Bann zu ziehen“. Er soll niemanden aus dem
Alltag in „eine höhere Sphäre“ locken. Er
braucht nicht über besondere suggestive
Fähigkeiten zu verfügen. Völlig entscheidend
ist es, daß ein Hauptmerkmal des gewöhnli-
50chen Theaters in unserer Straßenszene
ausfällt: die Bereitung der Illusion. Die
Vorführung des Straßendemonstranten hat
den Charakter der Wiederholung. Das
Ereignis hat stattgefunden, hier findet die