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Siebenjähriger Krieg

(2,105 words)
Article Table of Contents

1.

1. Historische Einordnung

2.

2. Wechsel der Bündnissysteme und Kriegsausbruch

3.

3. Kriegsschauplätze

4.

4. Kriegserfahrungen: Materielle und immaterielle


Ressourcenmobilisierung

5.

5. Die Friedensschlüsse von 1763 als historische


Zäsuren

6. Bibliography

1. Historische Einordnung
Der S. K. (1756–1763) markierte sowohl mächtepolit. als auch militärgeschichtlich einen
epochalen Wendepunkt in der Geschichte der Frühen Nz. Er gehörte einerseits noch in die
Tradition dynastisch orientierter Kriege (= K.) im Rahmen des sich ausbildenden europ.
Mächtesystems, war aber im Unterschied zu den vorausgegangenen K. kein Erbfolgekrieg
mehr. Im europ. Mächtesystem selbst führte ein spektakulärer Wechsel der
Bündniskonstellationen zur Abkehr vom traditionellen Antagonismus der Häuser Habsburg
und Bourbon. Langfristig veränderte der durch den S. K. bestätigte Aufstieg Brandenburg-
Preußens in den Rang einer Großmacht das europ. Staatensystem, das nunmehr von einer
Pentarchie aus fünf Großmächten dominiert wurde (England, Frankreich, Preußen, Österreich,
Russland). Aus dem S. K. gingen v. a. England und Russland als die »Flügelmächte« dieser
Pentarchie gestärkt hervor.

Für die dt. Geschichte resultierte aus dem S. K. die Konstante einer andauernden Rivalität
zwischen Preußen und Österreich, die das Alte Reich endgültig paralysierte (Deutscher
Dualismus). Weltgeschichtliche Bedeutung kam dem S. K. schließlich als erstem K. der Nz.
zu, der mit Schauplätzen von Amerika bis nach Indien eine globale Dimension erreichte;
dabei spielten darüber hinaus die Ereignisse in Übersee erstmals eine eigenständige und
entscheidende Rolle für den K.-Ausbruch und -Verlauf. Schließlich kennzeichnen auch die
Kriegführung und Ressourcenmobilisierung den Übergang von den dynastisch bedingten
Kabinettskriegen zu den mit Massenheeren geführten modernen National-K.

2. Wechsel der Bündnissysteme und Kriegsausbruch


Der Friedensschluss zu Aachen, mit dem 1748 der Österr. Erbfolge-K. beendet wurde, hatte
die wesentlichen Konflikte zwischen den Kontrahenten nicht aus der Welt schaffen können:
Frankreich und England vertagten lediglich die Entscheidung ihrer kolonialpolit. Rivalitäten
in Indien und Nordamerika, und Österreich fand sich keineswegs mit dem Verlust Schlesiens
an Preußen ab. Die Konflikte in den Kolonien wurden von den lokalen Vertretern der
Kolonialmächte zunächst in Indien, dann auch in Nordamerika fortgesetzt und entwickelten
eine Eigendynamik, die bereits ab 1754 in Nordamerika erneut zur offenen militärischen
Konfrontation führte (French and Indian War; Kolonialkriege 2.3.) [3]; [8].

Das Bemühen der Höfe in London und Versailles, ein Übergreifen des K. auf den europ.
Kontinent zu verhindern, scheiterte. Als England am 16. 1. 1756 zu Westminster ein Bündnis
mit Preußen abschloss, wollte es dadurch das ihm in Personalunion verbundene
Kurfürstentum Hannover vor einem franz. Angriff sichern. Dies ermöglichte aber dem österr.
Staatskanzler Wenzel Anton von Kaunitz, die von ihm schon länger betriebene Allianz mit
Frankreich in geheimen Verhandlungen voranzutreiben [11]. Als Preis für eine Unterstützung
gegen Preußen und einen Wiedererwerb Schlesiens bot er einen Verzicht auf Teile der Österr.
Niederlande einschließlich der Kanalhäfen an. Die vom franz. König Ludwig XV. und Maria
Theresia von Österreich befürwortete Annäherung mündete am 1. 5. 1756 schließlich in eine
Defensivallianz der beiden traditionell verfeindeten Mächte [7], was von den Zeitgenossen als
sensationeller Umsturz der bestehenden Bündnissysteme – als Renversement des Alliances –
gewertet wurde.

Durch Kaunitz' überlegene Diplomatie, der zugleich ein Bündnis mit der russ. Zarin Elisabeth
I. gegen Preußen abschließen konnte, sah sich König Friedrich II. von Preußen so in die Enge
getrieben, dass er glaubte, der drohenden Einkreisung zuvorkommen zu müssen. Mit dem
überraschenden Einmarsch in das neutrale Sachsen im August 1756 löste er die diversen
Bündnisfälle und damit den großen K. aus. Dies erleichterte es seinen Gegnern, noch weitere
Verbündete wie das Königreich Schweden gegen ihn aufzubieten. Im Januar 1757 verfügte
außerdem eine große Mehrheit der Reichsstände die Reichsexekution wegen Landfriedens-
Bruchs gegen den preuß. König. Lediglich eine Minderheit protestantischer Stände wie
Hannover und Hessen-Kassel schlug sich auf die Seite Preußens.
3. Kriegsschauplätze
Die neue europ. Bündniskonstellation sorgte dafür, dass im Unterschied zu den meisten
vorausgegangenen K., in denen die Häuser Habsburg und die franz. Königsdynastien Gegner
gewesen waren, der S. K. nicht auf den traditionellen Schlachtfeldern in Belgien, Oberitalien
und am Rhein ausgefochten wurde. Stattdessen spielte er sich auf drei großen K.-Theatern ab,
die militärisch weitgehend getrennt blieben.

(1) Der K. zwischen Preußen auf der einen und Österreich und Russland auf der anderen Seite
fand in Sachsen, Böhmen, Schlesien und Grenzgebieten Brandenburgs statt [13]. Friedrich II.,
der Große, agierte zunächst offensiv und trug den K. auf böhm. Gebiet, doch unterlag er 1757
bei Kolin gegen Feldmarschall Leopold Joseph von Daun. In Sachsen konnte er sich jedoch
Ende 1757 mit dem Sieg bei Roßbach gegen Franzosen und Reichsarmee und in Schlesien
gegen die Österreicher bei Leuthen behaupten. Nachdem eine weitere preuß. Offensive in
Böhmen 1758 gescheitert war, wurde der preuß. König immer mehr in die Defensive gedrängt
und geriet nach der Niederlage bei Kunersdorf gegen die vereinten Russen und Österreicher
im August 1759 in äußerste Bedrängnis. Die Verbündeten vermochten jedoch ihre
Überlegenheit nicht auszunutzen, sodass er sich nach den Siegen bei Liegnitz und Torgau
1760 in Teilen Sachsens und in Schlesien behaupten konnte. Entscheidend wurde jedoch der
Tod der Zarin Elisabeth Anfang 1762, denn mit ihrem Nachfolger Peter III. gelangte ein
erklärter Bewunderer des Preußenkönigs auf den russ. Thron. Auch wenn dessen
Bündniswechsel aufgrund der Ermordung des Zaren im Juli 1762 keinen Bestand hatte,
verfügte das auf sich allein gestellte Österreich nicht mehr über die Ressourcen, den K. zu
seinen Gunsten zu entscheiden [10]; [9. 77].

(2) Im Westen führten die Franzosen auch auf dem Kontinent ihren K. gegen den
Hauptgegner England und seine Verbündeten im Reich [6. 49–59]. Zu diesem Zwecke
marschierte 1757 ein starkes franz. Heer nach Nordwestdeutschland und konnte zunächst
erfolgreich bis an die Elbe vorstoßen. Die Niederlage eines nach Sachsen detachierten
Kontingents unter dem Prinzen Soubise gegen den Preußenkönig bei Roßbach im November
leitete jedoch die Wende ein. Die aus Engländern und ihren dt. Verbündeten (Hannover,
Braunschweig, Hessen-Kassel) zusammengestellte »alliierte Armee« unter Herzog Ferdinand
von Braunschweig-Wolfenbüttel trieb die Franzosen Anfang 1758 bis hinter die Rheinlinie
zurück und fügte ihnen bei Krefeld eine empfindliche Niederlage zu. Offensiven der franz.
Armeen nach Westfalen und Hessen scheiterten 1759 bei Minden bzw. 1760 bei
Vellinghausen. Beim Ende der Kampfhandlungen 1762 konnten die Franzosen nur die
linksrheinischen preuß. Gebiete (Kleve, Geldern, Moers) behaupten [6. 60–65].

(3) Noch katastrophaler war die Bilanz auf franz. Seite im Kolonialkrieg mit den Engländern.
Nachdem auch hier zunächst bis 1757 franz. Erfolge in Nordamerika und im Seekrieg im
Mittelmeer zu verzeichnen waren, gewannen die Engländer ab 1758 v. a. aufgrund der
Überlegenheit ihrer K.-Flotte die Oberhand. Mit der Eroberung Québecs 1759 und Montréals
1760 fiel Kanada in engl. Hand [8]; die Eroberung Pondicherrys bedeutete 1761 das Ende
aller franz. Ambitionen in Indien. Der Versuch des Außenministers Etienne-François de
Choiseul, durch eine K.-Allianz mit den span. Bourbonen (Pacte de famille, 1761) das Blatt in
Übersee noch einmal zu wenden, führte lediglich dazu, dass die Engländer ihre Überlegenheit
auch gegenüber dem span. Kolonialreich demonstrieren konnten: 1762 fielen mit Havanna
und Manila zwei Eckpfeiler des span. Imperiums an England.
4. Kriegserfahrungen: Materielle und immaterielle
Ressourcenmobilisierung
Während das Völkerrecht mit Emer de Vattel 1758 seine klassische Ausformulierung erhielt
[2], überschritt der S. K. vielfach die Konzeption eines normativ gehegten K. im Rahmen der
altständischen Gesellschaft. Die von allen K.-Parteien aufgestellten Freikorps und der von
ihnen geführte Kleine Krieg setzten von vornherein die Regeln des Kriegsrechts außer Kraft;
die zahlreichen äußerst blutigen Schlachten der regulären Heere straften das Klischee vom
vorsichtigen Kabinettskrieg Lügen.

Die Konzeption des K.-Rechts beruhte auf einer Trennung von Militär und unbeteiligter
Zivilbevölkerung; doch appellierte v. a. die preuß. Propaganda an eine Parteinahme auch
breiterer Schichten der Bevölkerung [12]. Thomas Abbts Vom Tode fürs Vaterland (1761)
propagierte folgerichtig den Patriotismus als einen allgemeingültigen höchsten Wert, für den
das eigene Leben hinzugeben sei [4. 163–169], und der einflussreiche Publizist Johann
Wilhelm von Archenholtz resümierte in seiner Geschichte des S. K. (1788), dieser habe »bey
denen Einwohnern von Nord-Deutschland, vorzüglich aber bey denen der preuß. Staaten, eine
Vaterlandsliebe erzeugt, die in Germanien bislang fremd gewesen …« [1. 165]. Auch wenn
der S. K. kein Religionskrieg war [5], erwies sich die konfessionelle Identität als wesentlicher
Katalysator für die Genese eines solchen Patriotismus [6. 368–371], der bereits auf die
nationale Mobilisierung im Gefolge der Französischen Revolution vorauswies.

Die sozialen Kosten des S. K. überstiegen gleichfalls den üblichen Rahmen: Auch wenn die
K.-Führenden sich um Schonung der Zivilbevölkerung bemühten, verursachten die von den
Heeren verbreiteten Lagerseuchen und die Lebensmittelknappheit in den betroffenen
Regionen deutlich erhöhte Mortalitätsraten – insgesamt soll nach zeitgenössischen
Schätzungen der Bevölkerungsverlust allein in Preußen und im besetzten Sachsen 500 000
Menschen betragen haben. Die Verluste der preuß. und österr. Armeen erreichten mit ca.
320 000 Soldaten ebenfalls einen außerordentlich hohen Grad [9. 51].

Auch bei der Ressourcenmobilisierung lassen sich Züge einer Radikalisierung bis an die
äußersten Grenzen des Möglichen feststellen. Preußens großer Staatsschatz war schon nach
dem ersten K.-Jahr aufgebraucht, sodass Friedrich der Große den K. nur aufgrund der hohen
engl. Subsidien, skrupelloser Münzmanipulationen (Münzverschlechterung) und einer
rücksichtslosen Ausbeutung des okkupierten Sachsen finanziell durchstehen konnte. Auch die
Gegner Preußens versuchten sich jedoch in Feindesland schadlos zu halten; das Phänomen
langjähriger Okkupation von Territorien im Reich – der preuß. Westprovinzen durch
Franzosen und Österreicher, der westfälischen geistlichen Territorien durch die Alliierten,
Sachsens durch Preußen – gehört zu den Charakteristika des S. K.

Die Kriegsfinanzierung ging zu Lasten der öffentlichen Kassen, deren Überschuldung zu den
sich langfristig auswirkenden sozialen Kosten des K. gehörte [6. 376–400]; [9. 72–78].
Während Preußen v. a. unter der durch Inflation und K.-Konjunktur ausgelösten
Wirtschaftskrise litt, sah sich die Habsburgermonarchie zu tiefgreifenden Finanz- und
Gesellschaftsreformen genötigt. England konnte seine finanziellen Lasten nur durch eine
verschärfte Zoll- und Steuerpolitik gegenüber den nordamerikan. Kolonien tragen, was den
Unabhängigkeitskrieg und die Loslösung der Vereinigten Staaten vom Mutterland auslöste
(Nordamerikanische Revolution). Frankreich schließlich konnte die Last der Kriegsschulden
im bestehenden Regierungs- und Gesellschaftssystem nicht mehr bewältigen: Der
unausweichliche Staatsbankrott löste 1789 den Zusammenbruch des Ancien Régime und die
Französische Revolution aus.

5. Die Friedensschlüsse von 1763 als historische Zäsuren


Im Unterschied zu den vorausgegangenen europ. K. waren die diversen Konflikte nicht mehr
durch einen einzigen großen Friedenskongress zu lösen. Im sächs. Hubertusburg schlossen
Preußen und Österreich im Februar 1763 Frieden auf der Grundlage des status quo ante,
wodurch Preußen endgültig in den Rang einer zweiten Großmacht im Alten Reich aufstieg.
Habsburg verzichtete auf die Wiedergewinnung Schlesiens. Auch wenn die Wahl des
Thronfolgers Joseph II. zum Reichsoberhaupt Bestandteil des Übereinkommens war,
blockierte der Antagonismus der beiden Mächte künftig jede Reform des Reiches. Bis zur
endgültigen Niederlage Österreichs gegen Preußen 1866 blieb die Rivalität der beiden dt.
Großmächte eine Konstante der dt. Geschichte ( Deutscher Dualismus).

Der ebenfalls im Februar 1763 zwischen England, Frankreich und Spanien geschlossene
Pariser Frieden entschied den Kampf der führenden Kolonialmächte zugunsten Englands.
Dieses vermochte v. a. seine nordamerikan. Kolonien durch den Erwerb Kanadas sowie des
vormals span. Florida zu arrondieren, während die Eroberungen in der Karibik und auf den
Philippinen an Spanien zurückfielen. Der Sieg im S. K. untermauerte die hegemoniale
Stellung Englands als Seemacht und stellte die entscheidende Etappe des British Empire auf
dem Weg zur global agierenden »Weltmacht« dar.

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Carl, Horst