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S O N D E R-

4 191355 504704 01
EDITION
70 JAHRE
STERN

BEWEGT
70 Jahre Journalismus im stern
E T

WAS UNS
NR. 1/2018 14. 4. 2018 € 4,70
L e sen S i e m ic h d u rc h ,
ic h b i n A rzt !
T N EU!
J ETZ

LIES DICH GESUND.


„FRAGEN SIE MICH NICHT NACH DEM SINN DES LEBENS.
FRAGEN SIE MICH NACH SEINER SINNLICHKEIT.“
Henri Nannen, stern-Gründer

gelassen. Ich bin dem stern-Reporter Kai Hermann, Pro-


tokollant der Lebensgeschichte von Christiane F.,bis heu-
te dankbar für seine Serie. Sie hat mir, ganz nah an uns
dran, von einer fernen, düsteren Welt erzählt. In diesem
Sonderheft zum 70. Jahrestag des stern drucken wir den
ersten Teil noch einmal nach (Seite 124).
Dieser Artikel hat mich zum Journalismus gebracht und
zum Glück schließlich selbst zum stern. „Wir Kinder vom
Bahnhof Zoo“ ist nicht nur für mich zu einem Leitbild
unserer journalistischen Arbeit geworden. stern-Repor-
ter hören den Menschen zu, versuchen sie zu verstehen.
In ihren Ängsten und Sorgen,aber auch in ihrer Fröhlich-
keit und Hoffnung. Wir haben keine Scheu vor dem
Unbekannten. Wir kauen nicht nach, was andere schon
fein formulierten. Wir suchen in der Welt Geschichten,
die wir Ihnen weitererzählen möchten. So genau beob-
achtet wie möglich.Und so unvoreingenommen wie mög-
Christian Krug, lich.Im Zentrum unserer Arbeit stehen keine Systeme und
Konzerne. Im Kern unserer Recherche stehen immer die
Chefredakteur Menschen und was sie bewegt. Der Journalismus und
die Mediengattungen haben sich seit meinem ersten
Kontakt zum stern stark verändert. Die Körpertempera-
tur unserer Reporter ist konstant geblieben.Sie ist immer
eine Beziehung zum stern begann am noch 37 Grad. Aus dieser Temperatur schöpfen wir unse-
28. September 1978. Vom Titelbild aus ren Auftrag. Sie eint alle Generationen von stern-Redak-
blickte mir ein Mädchen direkt in die teuren,-Fotografen und -Layoutern.Seit 70 Jahren berich-
Augen. Es war etwas älter als ich und ten wir von Krisenherden, von gefährlichen Despoten,
hieß Christiane. Ich war damals Schü- von schönen Menschen, von Menschen, die wir kritisch
ler in Hamburg.Auf unserem Schulhof sehen,und solchen,deren Schaffen uns Respekt einlößt.
wurde seit Kurzem Haschisch verkauft. Nur eine Einteilung werden wir nie machen: Wir werden
Am Nachmittag traf man sich in Cli- nie von unwichtigen und wichtigen Menschen sprechen.
quen (so hieß das damals),hörte immer Ob unten oder oben in der gesellschaftlichen Pyramide
nur die eine Platte von Neil Young. angekommen, interessiert uns nicht. Was sagt uns das
„Harvest“ war damals schon sechs Jah- Leben der Person? Was können wir von ihr lernen? Was
re alt,aber für uns war das Album frisch genug.Es war der können wir davon weitererzählen und welche Einblicke,
Sound unseres Lebensgefühls.Es hörte sich nach Freiheit welche Erkenntnisse können Sie,liebe Leserin und lieber
ohne Aufregung an,war verstörend,aber nicht zu schnell. Leser, daraus gewinnen? Diese Fragen interessieren uns
Wir waren damals nämlich nicht so schnell. Wir hatten damals wie heute.Von diesen Menschen handelt im Kern
auch keine Ahnung von Drogen. Haschisch war einfach auch dieses Heft. Wie jeder stern seit 70 Jahren.
überall,aber keiner von uns hat darüber wirklich gespro-
chen. Außer den Lehrern. Und die haben genervt. Dann
kam der stern mit der Geschichte „Wir Kinder vom Bahn- Herzlichst Ihr
hof Zoo“. Nicht von oben herab und belehrend. Erstmals
hatte eine von uns das Wort. Christiane F. lebte in Berlin,
wo ich bis dahin noch nie gewesen war. Sie kam über
Haschisch zu Heroin, beschaffte sich das Geld dafür auf
dem Straßenstrich.Es war einfach unglaublich.Da erzähl-
te ein Mädchen,das in unserer Clique hätte sein können,
von seinem Leben.Und die Erwachsenen hörten zu.Auch
ich hing an ihren Lippen. Sie hat mich nie wieder los-

70 Jahre 3
10 40 66
POLITIK EREIGNISSE, GLAMOUR,
HAUTNAH DIE DAS LAND KLATSCH,
Politik im stern war immer
prall, immer auch ein bisschen
BEWEGTEN PROMINENTE
großes Kino. Viele der Bilder 70 Jahre stern – das ist 70 Jahre Wenn es im stern um Stars ging,
zeugen davon. stern-Autor Zeitgeschehen, konzentriert war das nie „nur“ unterhaltsam.
Andreas Hoidn-Borchers hat in starken Bildern. Über Mit Oberlächenpolitur
Politiker begleitet, oft über ein Ereignis, das der stern gabsich der stern nicht zufrieden.
Jahre. Wie Momente der Nähe selbst erzeugte und damit Von seinen denkwürdigsten
entstehen und was man daraus enormen Furor auslöste, Begegnungen erzählt stern-
lernt – darüber schreibt er hier schreibt Ingrid Kolb Reporter Jochen Siemens

6 34 60 88
Weil die Die stern- Wer war Der Super-GAU
Lunte brennt Fotografen Henri Nannen? Die Affäre um die
Unverbesserliche säen Mit Chuzpe und Eine Naturgewalt – falschen Hitler-Tage-
Zweifel an der Glaub- Könnerschaft holten als Journalist, als bücher war der große
würdigkeit der Medien. sie die Welt ins Blatt. Chef, als Mann. Claus Bruch in der Geschichte
Das ist brandgefährlich Eine Liebeserklärung Lutterbeck hat das des stern. stern-Autor
und fordert uns. Ein von Jochen Siemens Grollen noch im Ohr Malte Herwig erzählt
Essay von stern-Heraus- das Drama, das noch
geber Andreas Petzold heute als Lehrstück taugt

4 70 Jahre
96 140 166
GROSSE KRISEN, MODE –
REPORTAGEN KRIEGE, NOT PUNK UND
Reporter sitzen nicht
am Schreibtisch, sie sind
Die Welt zeigen, wie sie ist.
Konlikte, Kriege und
PRUNK
unterwegs und inden Not transparent machen, Modemacher, Modefotografen,
Geschichten. Bilder aus bewe- aufklären und erklären, Models – eine Wahnsinnswelt,
genden stern-Reportagen mit großer Umsicht und die im stern immer ihren
zeigen wir hier. Warum es Kompetenz. Dem sah sich besonderen Platz hatte. Und
ihn immer wieder in die der stern immer verplichtet. verrückt sind auch viele
Grenzregionen des Lebens Warum das gerade heute der Geschichten, die Dirk
zieht, schreibt Reporter so wichtig ist, erklärt stern- van Versendaal mit den
Jan Christoph Wiechmann Autorin Katja Gloger Großen der Branche erlebt hat

118 124 162 178


Die stern- Menschen und Cover-Storys Die Cartoonis-
Hilfsaktionen Schicksale 20 Titelbilder, die ten im stern
Immer hat sich der stern Unvergessen und Geschichte erzählen Keine Ausgabe ohne
gegen Not und Unge- heute noch beängstigend Tetsche, Mette, Schülert
rechtigkeit engagiert. aktuell: „Wir Kinder und all die unver-
Journalisten müssen das vom Bahnhof Zoo“. gessenen Ikonen des
tun, indet Uli Hauser,
Mitinitiator von „Mut
Der erste Teil der Serie
zum Nachlesen
182 Humors. Mit Til Mette
schwärmt stern-
gegen rechte Gewalt“ Impressum und Autor Kester Schlenz
Fotonachweise von deren Kunst
70 Jahre 5
WEIL DIE
LUNTE BRENNT
6 70 Jahre
Die Freiheit der Presse ist
unter Druck, auch in der westlichen
Welt. Das ist gefährlich. Denn
wir brauchen einen unabhängigen,
mutigen Journalismus. Wir
brauchen Medien wie den stern
Von Andreas Petzold

1994
James Nachtwey
gehört zu den
Fotojournalisten,
die für die Wahrheit
immer wieder ihr
Leben riskierten.
Hier fotografiert
er zwischen den
Fronten einer Schie-
ßerei in Südafrika

70 Jahre 7
ü nn war es. Ein dünnes Blättchen, nur 16 Seiten zum Preis von
40 Pfennig. Der erste stern erschien am 1. August 1948 mit
einer Auflage von gut 130 000 Exemplaren. Das Titelfoto zeigte
züchtig die populäre Hildegard Knef und ließ erkennen,
was Gründer und Chefredakteur Henri Nannen dem Publikum
verkaufen wollte: „Sensationen und Katastrophen,
Entdeckungen und Erfindungen, Präsidentenwahlen und
Modenschauen, Autorennen und Filmbälle.“ Halt das,
was die Nachkriegszeit-Tristesse ein wenig verdrängen konnte.

Die Wundertüte stern nahm Das gesellschaftspolitische Schlachtfeld war in den 70er
ihre faszinierten Leser mit Jahren noch übersichtlich. Es gab rechts und links und we-
dorthin, wo das Leben zurück nig in der Mitte. Auf der einen Seite die konservativen
aus den Ruinen kroch und Hornbrillenträger mit weißen Hemden und schwarzer See-
schon wieder nach Geld, Par- le. Auf der anderen die auf Solidarität geeichten Großgrup-
füm und Erfolg roch. Nannen pen, die Gewerkschaften, die SPD und die 68er-Bewegung.
prämierte das schönste Strumpfbein und druckte Fort- Die Spuren der rebellischen Jugend zogen sich zeitweise
setzungsromane. Aber dann, schon 1955, sah man ihn auch durch die stern-Berichterstattung, bis dieser Groß-
inmitten von Adenauers Delegation im konlikt nach dem Fall der Mauer Moos
Moskauer Kreml und kurz darauf im ansetzte. Aus jener Zeit rührt der verein-
knallroten Mercedes-Cabrio auf Reporta- zelt bis heute überlieferte Vorwurf, der
gereise durch die bettelarme UdSSR. stern sei immer noch ein linkes Blatt.
Spätestens Anfang der 60er Jahre waren Das ist natürlich Blödsinn. Kein Journa-
die Zeiten vorbei, in denen beim stern lei- list, der sein Handwerk ernst nimmt,
tende Mitarbeiter nur deshalb eingestellt würde Recherchen über Missstände partei-
wurden, weil sie eine Schreibmaschine politisch ausrichten. Es sei nur daran
besaßen. Die Zeiten waren vorbei, in denen erinnert, dass es stern-Veröffentlichungen
sich Nannen ausschließlich auf Sophia Lo- waren, die im Sommer 2002 zum Rücktritt
ren konzentrierte – sie hatte es immerhin von Verteidigungsminister Rudolf Schar-
fünfmal auf den stern-Titel geschafft. ping führten. Der SPD-Minister hatte sich
Der stern wurde politisch. Man kann von einem PR-Berater bezahlen lassen, was
auch sagen, der stern half, Politik zu ma- auch die Anfertigung eines neuen Anzugs
chen. Henri Nannen focht mit seinem bei einem Frankfurter Herrenschneider
Blatt für die auf Entspannung ausgerich- 1948 einschloss. Inklusive Zweithose! Dennoch
tete Ostpolitik der SPD,er mochte die CDU Hildegard Knef auf dem bemühen sich gewisse Kreise, die alte
ersten stern-Titel
nicht und noch weniger Franz Josef Schlachtordnung wieder zu errichten.
Strauß.Aber die Chance,mit Konrad Ade- Sie bezeichnen den stern und andere ge-
nauer nach Moskau zu liegen,ließ er sich damals nicht standene Medienmarken als „links-grün-versifft“. Wie
entgehen – weil es um Großes ging: um Aussöhnung haltlos diese im digitalen Raum verbreiteten Kategorien
und um die Freilassung deutscher Kriegsgefangener. sind,lässt sich daran erkennen, dass dieselben Absender
Später kam es dann zu dem Interview mit Breschnew, den etablierten Medien einen Atemzug später „Merkel-
dessen journalistische Ausbeute zwar mager war, aber Hörigkeit“ vorwerfen.
allein das Foto des 1,95 großen Hamburger Chefredak- Man kann das alles als absurd abtun, es aber auch zum
teurs auf dem Schreibtisch des mächtigsten Mannes der Anlass nehmen, die Rolle der Presse in einer offenen
Sowjetunion war die Reise wert (um das Foto wird es in Gesellschaft herauszustellen. 70 Jahre nach seiner Grün-
diesem Heft noch einige Male gehen). dung ist es dringender denn je, dass der stern und ande-
Nannen nutzte die Wucht der stetig kletternden Mil- re Medien laut und deutlich für den demokratischen
lionenaulage, um sich einzumischen und zu helfen. Er Rechtsstaat eintreten. Wir misstrauen den selbstgerech-
stand hinter Willy Brandt, als der 1970 den Warschauer ten Extremisten an den links- und rechtsradikalen
Vertrag unterzeichnete.Er wühlte die Deutschen auf mit Rändern der Gesellschaft vor allem deshalb, weil ihnen
Hilfsaktionen für hungernde Kinder in Afrika (s.Seite158), die Pressefreiheit auf ihrem Marsch in die staatlichen
gründete „Jugend forscht“ und druckte den legendären Institutionen als Hindernis im Wege steht.
Titel „Wir haben abgetrieben“, was zur Abschaffung Wie schnell eine Demokratie zu liquidieren ist, lässt
des Paragrafen 218 führte (S. 58). Und während des Viet- sich in Polen besichtigen, das als Mitglied der Europäi-
namkriegs veröffentlichte der stern als erste deutsche schen Union eigentlich der Rechtsstaatlichkeit verplich-
Zeitschrift Fotos von Massakern, die US-GIs an vietna- tet sein sollte. Dort zwingt die national-konservative
mesischen Zivilisten begingen. Regierungspartei fast alle Medien zur Aufgabe ihrer

8 70 Jahre
Unabhängigkeit.Sie betäubt das Land mit einer riesigen etablierten Medien zu umgehen, können ihre Agitatoren
Wolke aus triefender Vaterlandsliebe, und die Journalis- ungestört jede Unwahrheit zur Wahrheit umdeuten.
ten mögen doch bitte der Regierungslinie folgen. Sonst Und in den Nutzerbeiträgen lässt sich gut beobachten, was
ist es vorbei mit der Karriere. schon die Geschichte lehrt: Der Hang zur Vereinfachung
Das ist keine Revolution. Denn das bedeutete eine führt immer zu reaktionären Haltungen, verkürzte
Änderung der Verfassung mit Mitteln, die in ihr nicht vor- Losungen ersparen das Nachdenken und die Auseinan-
gesehen sind. Das Gift der Unfreiheit, der unverhohlene dersetzung mit unangenehmen Wahrheiten. Anders ge-
staatliche Dirigismus, die Volksverräter-Mentalität – das sagt: Auf diesem digitalen Gelände entsteht ein anderes
alles schleicht sich mit systemkonformen Mitteln ein. Bis Land, das kein Rechtsstaat ist.
es irgendwann zu spät ist. Die Pressefreiheit zu schützen, Da brennt also eine Lunte. Aber es gibt auch Grund für
die Akzeptanz der großen Medien des Landes zu bewah- Optimismus: Die übergroße Mehrheit der deutschen
ren – das ist deshalb oberstes Gebot. Dazu gehört der Medienkonsumenten wirkt aufgeklärt und urteilsfähig,
Verzicht auf Überheblichkeit, Zynismus und Selbstherr- weil sie – nicht nur, aber überwiegend – erfahrenem
lichkeit (das ist ja mitunter unsere innere Neigung). Journalismus vertraut, ganz gleich, ob gedruckt oder di-
Dazu gehört auch, mit der gebotenen Distanz Macht und gital. Die Redaktionen der meisten Blätter, die in den
Politik kritisch zu dechiffrieren, Ungerechtigkeiten und Nachkriegsjahren gegründet wurden, haben sich über
Missstände ans Licht zu zerren. Jahrzehnte eine journalistische Autorität erarbeitet. Das
Es wäre allerdings eine Anmaßung, die Rolle der Pres- ist, wenn man so will, der ideelle Wert dieser Medienmar-
se als „vierte Gewalt“ auszuschmücken, wie es immer mal ken, das gilt auch für den stern. Und das Publikum dankt
wieder geschieht. Diesem Etikett hängt der Geruch der es mit hohen Reichweiten und Nutzerzahlen.
Selbstgerechtigkeit an. Vor allem, wenn man bedenkt, Mit Glaubwürdigkeit, schreiberischer Exzellenz, tief
welchen langen Weg die drei Gewalten von Montesquieus bohrenden Recherchen und publizistischen Erfolgen
„Geist der Gesetze“ (1748) bis in die modernen Verfassun- schafft unser Gewerbe die Bindung zum Leser. Aber wenn
gen westlicher Demokratien genommen wir nicht richtig aufpassen, kann diese
hat. Wir sollten unsere Rolle eher nüchtern jahrelange Anstrengung von einer Ausga-
formulieren: Eine unabhängige Presse be zur nächsten verpuffen. So wie es dem
trägt zur Selbstregulierung einer demokra- stern mit der Veröffentlichung der Hitler-
tischen Gesellschaft bei.Das hatten schon Tagebücher 1983 widerfahren ist (Seite 88).
jene Männer erkannt, die am 12. Juni 1776 Der Anspruch dieser stolzen Redaktion,
auf britischem Kolonialboden in Nordame- der Wahrheit verplichtet zu sein, löste
rika die „Grundrechteerklärung von Vir- sich über Nacht in Luft auf. Doch am
ginia“ formulierten. In Artikel 12 heißt es Ende führte dieses Drama dazu, dass die
dort: „Die Pressefreiheit ist eines der Redaktion noch penibler darauf achtete,
stärksten Bollwerke der Freiheit und kann was veröffentlicht wird. Die Dokumenta-
niemals, außer durch despotische Re- re des stern sind heute mächtiger als die
gierungen, eingeschränkt werden.“ Wie se- Reporter. Sie befragen die Journalisten so
herisch und aktuell diese Mahnung auch hartnäckig wie die Reporter ihre Quellen.
heute noch wirkt, erkennen wir unter an- Und was sich nicht veriizieren lässt, wird
derem daran, dass auch in der türkischen 2017 nicht gedruckt. Diese Verlässlichkeit als
Verfassung der Satz steht: „Zensur indet Beschreiben, was los ist: ein Versprechen an die Leser ist in Zeiten,
nicht statt“. Nun ja ... stern-Titel über Donald Trump in denen man sich nicht immer darauf
einigen kann, dass Fakten Fakten sind, ein
MEDIALE ZOMBIES IN DEN DIGITALEN ECHOKAMMERN hohes Gut. Tatsachen lassen sich leicht verfälschen, Fotos
Von türkischen Verhältnissen sind wir in Deutschland sind heute einfach zu manipulieren. Aber auch ein un-
weit entfernt. Aber sie berühren und irritieren uns, weil verfälschtes Bild kann in einem falschen Kontext zur
sie brutal aufzeigen, dass die Herrschaft des Rechts und Unwahrheit werden. Dieses Menetekel im Hinterkopf zu
damit die Freiheit der Presse eben doch nicht unveräu- halten gehört heute zum Handwerk des Journalisten. Für
ßerlich sind, wie es sich die Väter unseres Grundgesetzes stern-Reporter heißt das nach wie vor: Schreiben, was ist.
ausgemalt hatten. Es geht also um mehr als um den Damit diejenigen, die der Realität den Krieg erklärt ha-
Selbsterhaltungstrieb der Medien. Es geht darum, dass
die in Artikel 5 des Grundgesetzes festgeschriebenen
ben, nicht gewinnen. 2
Selbstverständlichkeiten, Presse- und Meinungsfreiheit,
selbstverständlich bleiben.
Übertriebener Alarmismus? Nicht, wenn man in die
digitalen Echokammern schaut. Dort entstehen mediale
Zombies, die die Pressefreiheit nur als Vehikel benutzen,
aber letztlich der freien und offenen Gesellschaft ein Ende Andreas Petzold, stern-Herausgeber
setzen wollen. Es handelt sich um Propaganda-Klitschen Von 1999 bis 2013 war Andreas Petzold
mit Namen wie „Epoch Times“ oder „pi news“, die für stern-Chefredakteur, gemeinsam mit Thomas
Osterkorn. Heute ist er Herausgeber des stern
rechtsnationale Parteien und Bewegungen Stimmung ma- und des Wirtschaftsmagazins „Capital“.
chen. In wachsenden digitalen Blasen, die heute viele Als stern-Stimme #DasMemo kommentiert
Menschen nutzen, um die Schleusenwärter-Funktion der er auf stern.de das politische Geschehen

70 Jahre 9
„FÜR DEN HIMMEL
HABE ICH KEINE PLÄNE.
ICH WILL DA OBEN
MEINE RUHE.
SONST NICHTS.“
Angela Merkel, CDU-Vorsitzende,
im Juli 2000 im stern
POLITIK
HAUTNAH
70 Jahre 11
1969
NASSRASIERER
So eine Nassrasur im Feinripp-
hemd ist eine recht intime
Sache. Damals inszenierten
sich Politiker noch nicht
in Wäsche, deshalb war es ein
kleines Wunder, dass stern-
Fotograf Jay Ullal den dama-
ligen Außenminister Willy
Brandt so ablichten durfte.
Schon als Regierender Bür-
germeister von Berlin hatte
sich Brandt in einer Rede
vor der Belegschaft eines Ra-
sierklingenwerks zur seiner
Vorliebe für das Nassrasieren
bekannt – obwohl, wie sein
Pressesprecher Egon Bahr
später verriet, in seiner
Schublade auch immer ein
Elektrorasierer lag. Womög-
lich war auch beim Nato-Tref-
fen in Washington, wo dieses
Foto entstand, einer mit im
Gepäck. Das hätte aber nicht
so gut ausgesehen.

70 Jahre 13
2009
EIN BESONDERER ABEND
Er hat ihr seine Jacke umge-
hängt, damit sie in dem
zugigen Frachtaufzug nicht
friert. Und sie turteln, als
wären sie ganz allein. Die
Begleiter an der Wand
gucken beflissen weg, nur
Pete Souza, der Fotograf,
schaut zu – und mit ihm die
ganze Welt. Souza durfte
Barack Obama monatelang
begleiten, auch an diesem
besonderen Tag der Ernen-
nung des ersten Farbigen
zum Präsidenten der USA.
Barack und Michelle Obama
sind auf dem Weg zum
Inauguration Ball im
Washington Convention
Center. Sie werden dort sehr
eng tanzen, sie in diesem
wunderbaren Kleid und er.

14 70 Jahre
1986
ZWEI, DIE ZITTERN
Landtagswahlabend in
Niedersachsen. Gerhard
Schröder will Ministerpräsi-
dent werden, und wie stern-
Fotograf Robert Lebeck
es in diesem Bild einfing, war
das Rennen spannend.
Schröder verlor diesmal noch.
Hiltrud, seine dritte Frau,
war mehr als die Gattin an
seiner Seite. Sie wollte keine
sein, die „nachts brav ein
Kerzlein für den Mann auf-
stellt“, und Schröder sagte
einmal über sie: „Ohne Hillu
würde ich verkommen.“ Sie
gaben ein starkes Team und
waren in Deutschland eines
der ersten Politikerpaare,
die ihre Verbindung öfent-
lich zelebrierten – bis hin zur
Trennung per Pressemittei-
lung zehn Jahre später.

16 70 Jahre
2017
IM SAND VON SYLT
Die richtig guten Gespräche
entstehen nicht am Tisch,
sondern an der frischen
Luft. Und so war es auch
diesmal, als stern-Chef-
redakteur Christian Krug
den damaligen Außenminis-
ter Sigmar Gabriel während
des Familienurlaubs auf
Sylt besuchte. Gabriel tollte
mit Tochter Marie im Lister
Sand herum, Ehefrau Anke
stand mit Tochter Thea
vergnügt daneben. Noch
barfuß im Sand erteilte der
Minister der GroKo eine
Absage und gab via stern-
Interview Ratschläge an
seinen Nachfolger Martin
Schulz. Heute wissen wir,
dass dieses Interview
den Riss zwischen Gabriel
und Schulz vertieft hat. Der
SPD-Vorsitzende soll über
den Inhalt getobt haben.

18 70 Jahre
2017
POMMES TIEF-TRAURIG
28. August. Autobahnrast-
stätte Eichelborn. Martin
Schulz kauft eine Curry-
wurst mit Pommes. Mit
dem Essen ist es in jedem
Wahlkampf ein Problem:
zu unregelmäßig, zu unge-
sund, zur falschen Zeit.
Es waren die letzten Wochen
vor der Bundestagswahl,
den Absturz nach dem
Hype hatte der Mann aus
Würselen bereits hinter
sich. Er steckte ihm sichtlich
in den Knochen. Aber er
kämpfte weiter. Es war
nicht das erste Mal, dass
der Fotograf Maurice Weiss
und Jens König, Leiter des
Berliner stern-Büros, Schulz
begleiteten. Schulz sei
ein blendender Erzähler,
früher war es lustig mit ihm,
erinnert sich König. In
diesem Wahlkampf nicht.

70 Jahre 21
1979
ANKUNFT DES MESSIAS
Zweimal strich die Boeing 747
der Air France über den
Teheraner Airport hinweg.
In der Kabine herrschte bange
Stille. Aus Sorge, das Rollfeld
könnte mit Barrieren gesperrt
oder von Panzern blockiert
sein, hatte der Pilot vor dem
Start in Paris extra viel Kero-
sin tanken lassen. Nur einer
an Bord schien unbekümmert:
In seinem Sessel auf dem
Oberdeck hatte Ayatollah
Ruhollah Chomeini ein Nicker-
chen gehalten, gebetet und
anschließend zum Frühstück
ein Omelett verzehrt. Als einer
der mitgereisten Journalisten
den 76-Jährigen kurz vor dem
Landeanflug fragte, was er
in diesem Moment empfinde,
antwortete der Alte nur: „Hit-
schi – gar nichts.“ Als sei
seine Rückkehr in den Iran
nach 14 Jahren Exil eine
Selbstverständlichkeit. Oder
göttliche Fügung. stern-
Fotograf Robert Lebeck hielt
die Rückkehr des Ayatollah
am 1. Februar 1979 fest. Er
erlebte den Empfang in Tehe-
ran, die Ekstase der Men-
schen, die den alten Mann wie
ihren Erlöser feierten. Aber
das alles kam danach, nach
diesem Moment der Stille.

22 70 Jahre
2011
DAS TRAUMPAAR
Im September 1953 heirateten
Jacqueline Bouvier und Senator
John F. Kennedy in Newport,
sie war 24, er 36 und stand
am Beginn einer glanzvollen
Karriere. 800 Gäste hatten der
Trauung beigewohnt und der
Predigt zugehört, die fast pro-
phetisch war: „Die Zukunft mit
ihren Hofnungen und Enttäu-
schungen, ihren Erfolgen und
Misserfolgen, ihren Freuden
und Schmerzen … ist vor euren
Augen verborgen. In der Unge-
wissheit, was vor euch liegt,
gehört ihr zueinander … bis
zum Tode.“ Als dem Präsiden-
ten zehn Jahre später in Dallas
der Kopf zerschossen wurde,
war sie 34 und Mutter zweier
kleiner Kinder. Die Totgeburt
eines Mädchens hatte sie ver-
kraften müssen, und im August
1963 auch den Tod ihres neu-
geborenen Sohnes Patrick nach
nur 39 Stunden. Jacqueline
Kennedy heiratete noch einmal,
den reichen Reeder Onassis,
aber so strahlend wie auf die-
sem Foto sah man sie nie wie-
der. Der stern druckte es, als
2011 die lange verborgenen Er-
innerungen Jacqueline Kenne-
dys als Buch erschienen. Heute
ist der Glanz der Kennedys er-
loschen. Politischen Einfluss
hat die Familie kaum mehr. Wer
hätte all das für möglich gehal-
ten, an diesem strahlenden
Septembertag in Newport.

70 Jahre 25
1990
ANGIE UND DIE FISCHER
Angela Merkels Besuch in
der Fischerhütte in Lobbe
auf Rügen war nicht ge-
plant. Sie klopfte einfach
an und trat ein. Es war vor
der ersten gesamtdeut-
schen Bundestagswahl, die
damals 36-jährige Merkel
war im blauen Trabi auf
Wahlkampftour in ihrem
Wahlkreis 267 (Rügen,
Stralsund, Grimmen). In der
Fischerhütte holten die
Männer erst einmal einen
80er Rundeisen, einen
Schnaps, heraus. Merkel
trank mit, „vier bis fünf
waren det schon“, erinnerte
sich Eberhard Heuer später,
er war der Mann vorn
rechts im Bild. Er habe sie
Angie genannt, und man
war per Du. Merkel gewann
dann in ihrem Wahlkreis
ein Direktmandat im
Bundestag, auch mit der
Stimme von Fischer Heuer.

26 70 Jahre
1979
LUFT AN DIE BEINE
Natürlich rauchend, natür-
lich am Schachbrett und wie
immer stramm gescheitelt.
Doch es war nun einmal heiß
auf den Bahamas, und des-
halb zog der Bundeskanzler
die lange Hose aus. Auf dem
Weg zum G7-Gipfeltrefen
auf der Karibikinsel Guade-
loupe gönnte sich Schmidt
einen Kurzurlaub. Er mietete
sich im gediegenen Winder-
mere-Island-Club auf dem
Inselchen Eleuthera ein, die
Anlage gibt es noch heute.
Im begleitenden Journalis-
tentross war auch stern-
Fotograf Jürgen Gebhardt.
Er erhaschte den ungewohnt
legeren Schmidt-Moment.

28 70 Jahre
„HELLO, SILVIO!“
Als politischer stern-Journalist bekommt man so
manches mit: Gerhard Schröder beim Skatdreschen.
Angela Merkel verstrubbelt im Pulli oder am
Telefon mit Berlusconi. Mit beinharten Inhalten
haben solche Erlebnisse meist nicht viel zu tun,
aber man lernt eine Menge daraus
Von Andreas Hoidn-Borchers

N
ein, ich war nicht dabei, als sich Willy Gabriels Ausbrüche konnte ich bald mitsprechen: dass wir
Brandt 1969 morgens in seinem Hotelba- Berliner Journalisten uns nicht für Inhalte interessierten,
dezimmer in Washington nass rasierte, sondern nur für Personalquerelen, für das nebensächli-
auch in Eleuthera nicht, als Helmut che „Wer wird was?“. Gabriel. Ausgerechnet. Auch schon
Schmidt sich rauchend (normal) und in wieder Geschichte.Und im Übrigen einer der letzten Poli-
kurzen Hosen (nicht ganz so normal) tiker, der sich zu Hause oder sogar mit seinen Kindern
im Urlaub auf den Bahamas ablichten ließ. fotograieren ließ.Fast alle haben längst Brandmauern um
Ganz so alt bin ich nun auch wieder nicht. ihr Privatleben gezogen. Besonders hoch: die Kanzlerin.
Aber zumindest dieses Bild aus dem Bad Bilder im Bad? Träumt weiter, Freunde.
hat sich mir eingebrannt. Ein Politiker Merkel hat sich mal, da war sie noch nicht Kanzlerin,
im Unterhemd, das sah man in den Vor- zusammen mit ihrem Mann im schlunzigen Freizeitdress
Lindner-Zeiten wirklich nicht alle Tage. fotograieren lassen,auf einem Anglersteg. Die Bilder sind
Ich bin in einer Gaststätte groß geworden,mit Soleiern, wie von Zauberhand vom Markt verschwunden.
Musikbox und Lesezirkel.Als Steppke habe ich mich nach Nicht dass es – fast – allen Spitzenpolitikern nicht auch
der Schule durch „Quick“, „Praline“ und stern geblättert. schmeicheln würde, wenn man sich ihnen jenseits ihrer
„Praline“ hatte die nackteren Mädchen, der stern die im Profession nähert. Sie möchten nur gern die Kontrolle
Übrigen faszinierenderen Bilder samt den spannenderen darüber behalten, was sie preisgeben und was davon die
Geschichten. Brandt auf den Knien in Warschau! Henri Öffentlichkeit erfährt. Als Journalist muss man perma-
Nannen auf der Schreibtischkante im Kreml!! Viele mei- nent die Balance halten zwischen Distanz und Nähe.
ner Generation sind mit dem stern politisch sozialisiert Ohne Nähe erfährt und erlebt man nichts, kann man
worden. Meine Berufswahl beförderte er allemal. einen Politiker und sein Handeln nicht erklären. Verliert
Als Lokalredakteur saß ich gern im Amtsgericht.Raub, man die Distanz, verrät man den Leser.
Alkohol, Betrug, Fahrerlucht. Ein Jahr auf Bewährung,
solches Zeug.Kleine Sünden.Das pralle Leben.Es ließ sich MERKEL KOMMT MAN IM FLUG AM NÄCHSTEN
dort gut hinter die Fassaden blicken. Und dann bin ich, Oft sind es kleine Begebenheiten, durch die man über
relativ jung, auf die schiefe Bahn geraten und Politikbe- Politiker mehr lernt als in stundenlangen Gesprächen.
richterstatter geworden. Im Grunde änderte sich zu den Wer der Kanzlerin näherkommen will als Journalist,muss
Amtsgerichtszeiten nicht viel. Politik, Politik im stern mit ihr liegen.Im Flugzeug redet sie ziemlich unverstellt
zumal,das ist ja immer auch: ein bisschen Drama,großes mit unsereinem. Nicht einzeln, im Rudel. Und natürlich
Kino und Tragikomödie. Pralles Leben, nur auf größerer nur „unter drei“, alles nicht zum Zitieren. In einem Be-
Bühne. Macht und Ohnmacht. Kampf und Krampf. sprechungsraum, der bei gutem Willen für zehn Leute
Sieger und Verlierer.Lafontaine gegen Schröder.Schäub- gedacht ist, stauen sich dann zwei Dutzend Menschen
le gegen die Griechen.Merkel gegen Erdoğan.Gabriel oder um die Kanzlerin. Journalisten, Referenten, der
Trump – und manchmal auch nur eine Kanzlerwitwe – Regierungssprecher. Es hat ein bisschen was von Schaf-
gegen den Rest der Welt. stall.Man staunt oft dabei.Wie ihr ein Terminusbrocken
Politiker nervt es meist, dass zu stark personalisiert vom Kaliber „asymmetrische Schockabsorptionsmecha-
wird, zu viel über sie und zu wenig über ihre Themen nismen“ unfallfrei über die Lippen rollt und wenig
geschrieben werde. Behaupten sie wenigstens. Sigmar später ein schlichtes „So, und jetzt muss ich in die Kiste“.

30 70 Jahre
Voriges Jahr auf einem Flug in die Elfenbeinküste. Alle geschrieben wird oder wie man am schnellsten zum
haben Block und Kulis in der Hand. Eine Kollegin tippt Bahnhof Goslar kommt.
direkt in ihr iPad. Nach ein paar Minuten fällt ihr das Angela „Old-fashioned“ Merkel hat kürzlich erstaunt
Tastaturteil herunter. Die Kanzlerin bückt sich ganz festgestellt: „Als ich Kanzlerin wurde, gab es noch kein
selbstverständlich, hebt das Teil auf und reicht es der Kol- iPad.“
legin. Kohl oder auch Schröder hätten das nie gemacht. Es gab auch kein Netlix. Kein Spotify. Keine Inluen-
Merkel guckt trotzdem irritiert: Das Gerät behagt ihr cer. Keine Bitcoins, keine selbstfahrenden Autos, keine
nicht. Wird da etwa mitgeschnitten? „Wenn alle nur noch AfD, die SPD war noch Volkspartei, der Euro drei Jahre
da sitzen und klappern, verändert das die Atmosphäre“, alt und die Sorge, bald könnten Roboter den größten
sagt sie schließlich. „Ich bin ja noch old-fashioned.“ Teil unserer Arbeit erledigen,trieb nicht einmal extrem
Dann verändert sich die Atmosphäre … eingeweihte Nerds um.So rasant verändert sich die Welt
War früher alles besser? Es war auf jeden Fall: anders. – und zugleich so wenig.
Als ich Ende der 80er Jahre zum ersten Mal an einer
stern-Konferenz teilnahm, saßen am riesigen Tisch mit DREI KANZLER IN 35 JAHREN UND KEIN VIERTER IN SICHT
den Chefs zwei Frauen – die Ressortleiterinnen für, na Es ist verrückt: Ich bin seit 35 Jahren politischer Journa-
klar, Mode und für Erziehung und Gesellschaft, intern list – und habe in dieser Zeit drei Kanzler erlebt. Sehr viel
„Strick und Fick“ genannt. Immerhin auch nicht weniger mehr werden es mutmaßlich auch nicht.Noch verrückter
als im Kabinett Helmut Kohl. Und, nein, das war neben- ist allerdings: Langweilig war es trotzdem nie. Montags-
an nicht anders, nicht bei den Sozialdemokraten und demos und Wiedervereinigung. Stasi und Treuhand.
nicht bei Springer und „Spiegel“. Politik und Journalis- Schwarzgeldaffären und Kamikaze-Neuwahlen. Krisen
mus waren vor 30 Jahren eine Männerwelt. Der stern und Kriege. Immer wieder mal überraschend ein neuer
steckte noch im Paläozoikum, in vielerlei Hinsicht. Bundespräsident. Noch häuiger ein neuer SPD-Chef.
Meine ersten Artikel habe ich noch auf der elektrischen 1998 guckte ich vor der Vereidigung der Minister
Schreibmaschine getippt. Im Bonner Büro gab es einen schnell ins Restaurant des Bundestags. An einem Tisch
Dienst-Mercedes samt Fahrer, eine lila Warhol-Kuh und saß Joschka Fischer.Er war noch in der Innenstadt gewe-
die Henri-Nannen-Etage, eine Wohnung oben im zwei- sen,er brauchte ein geeignetes Hemd.Jetzt nahm er noch
ten Stock, in der Politiker zu Hintergrundgesprächen einen Espresso und brummte, fast erwartungsfroh:
empfangen wurden. Der Legende nach betrachtete der „Mönchlein,Mönchlein,du gehst einen schweren Gang.“
große Rotwein- und Kunstkenner Björn Engholm eines Luther als Referenzgröße, das war, das ist Joschka
Abends nachdenklich den – echten – Miró an der Wand Fischer.
und sagte nach einer Weile genüsslich: „Schönes Bild. Eine solche Begegnung heute? Schwer vorstellbar.
Hängt allerdings falsch herum.“ Allein weil Fischer im Nu von Kameras umringt wäre.
Wenn wir unterwegs waren und telefonieren wollten, Außerdem: Das Leichte,auch das leicht Größenwahnsin-
mussten wir warten, bis wir im Hotel waren oder eine Tele- nige ist verloren gegangen.
fonzelle gefunden hatten. Selbst Spitzenpolitiker verfüg- Der Beruf hat sich gewandelt, und die Politiker haben
ten nicht jederzeit über Autotelefon. Ich erinnere mich an sich gewandelt. Der Beruf stärker.
einen Anruf des SPD-Vorsitzenden Hans-Jochen Vogel. Er Noch vor 20 Jahren haben wir montags besprochen,
hatte versprochen, rechtzeitig Zitate für eine Geschichte was wir für das nächste Heft machen wollen – zehn
freizugeben. Nach einer Weile sagte Vogel: „Moment, mir Tage später. Manchmal haben wir eine Geschichte
geht das Geld aus, ich muss ein paar Groschen borgen, ich gekippt, weil die Zeit über sie hinweggegangen war.
rufe sofort wieder an.“ Zwei Minuten später war er wieder Heute sind die Säue,die montags durch Berlin getrieben
dran. Kein Referent. Keine Pressesprecher. werden, längst geschlachtet, verwurstet und vertilgt,
Klarsichthüllen-Vogel. Penibel, verlässlich und leicht bevor unser Redaktionsschluss auch nur halbwegs ge-
erregbar. Einer von zwei Politikern, die hochroten Kop- fährlich näher rückt.
fes ein Interview mit mir abgebrochen haben. Als Ame- Früher holten – vor allem – „Spiegel“ und stern ziem-
rikaner würde ich sagen: I love him. lich einsam die Informationen ein, wie es hinter den
Kurz darauf schleppten wir die ersten Mobiltelefone Kulissen zuging,wer in Kabinett oder Parteigremien was
mit uns herum, halb so groß und schwer wie Gutenberg- gesagt hatte, welche Verabredungen in den Hinterzim-
Bibeln. Heute? Kann ich mich kaum noch daran erinnern, mern der Macht getroffen wurden.Heute machen das alle.
wie es war, als wir nicht mit einem Fingerklick checken Und etliche dieser Treffen kann man in Zeiten von
konnten, wie der ghanaische Außenminister korrekt SMS und Twitter fast als Livestream verfolgen.
Früher scharwenzelten auch nicht – echte wie selbst
ernannte – Berater im Dutzend um Spitzenpolitiker he-
rum, um diese zu einer natürlich möglichst authentisch
DER BERUF HAT SICH GEWANDELT, wirkenden,für Wähler attraktiven Kunstigur zu machen,
in Auftritt,Habitus und Stil (dass diese Rolle damals gern
UND DIE POLITIKER Kollegen übernahmen,ist eine andere,weniger ruhmrei-

HABEN SICH GEWANDELT.


che Geschichte).
Früher war,nein,nicht alles besser.Die Welt der Journa-

DER BERUF STÄRKER


listen ist nicht mehr scharf geteilt in Schwarz und Rot wie
noch zu Bonner Zeiten. Feind oder Freund. Sozialdemo- 4
70 Jahre 31
kraten waren darin besonders gut. Lafontaine und dessen seine jungen Jahre waren allerdings dürftig. Reden woll-
Leute hielten mich für einen „Schröder-Mann“. Schröder te er nicht darüber. Wir recherchierten bei Mitschülern,
und seine Leute für einen „Lafontaine-Mann“. Ich saß Ladenbesitzern, Weggefährten im Lipperland, in Wül-
zwischen allen Stühlen. Es machte es nicht einfach. Aber fer-Bexten, Talle und Mossenberg und zeichneten die
einen besseren Ort gibt es nicht für Journalisten. Geschichte einer Familie nach, an der das Wirtschafts-
Zwei Konstanten begleiten mich durch all die Jahre beim wunder spurlos vorbeigegangen war. Mit einem – außer
stern. Das eine sind die Hitler-Tagebücher. Das andere ist beim Fremdgehen – antriebslosen Stiefvater und einer
der Vorwurf: Ihr seid unpolitisch geworden. Das mit den Mutter, die ihre fünf Kinder mit allen erlaubten und auch
Tagebüchern hat abgenommen über die Jahrzehnte. unerlaubten Mitteln durchzubringen versuchte.
Anfang der 90er Jahre recherchierten wir monatelang „Spiel nicht mit den Schröder-Kindern“ hieß die Titel-
die Stasi-Verbindungen von Lothar de Maizière. Wir zeile aus dem Jahr 2004, und es war das einzige Mal, dass
trugen ein Dokument nach dem anderen zusammen, eine der Chefredakteur fragte, ob wir nicht noch 100 Zeilen
eidesstattliche Erklärung und noch eine und noch eine. mehr schreiben könnten. Schröder sprach uns nie auf
Wir schrieben. Geschichte um Geschichte. Keine erschien. die Geschichte an, ließ aber ausrichten, sie sei „fair“ ge-
Dafür gab es endlose Gespräche mit dem damaligen Chef- wesen. Das Schlimmste hatten wir weggelassen.
redakteur, dem die Beweislage zu dünn war. Irgendwann
fragte ich Rolf Schmidt-Holtz entnervt: „Würden Sie sich FRÜHER WAR NICHT ALLES BESSER, ABER MANCHES IRRER
auch so anstellen, wenn wir beim ‚Spiegel‘ wären?“ Zwei Jahre davor war Schröder in Südamerika unterwegs
„Wenn ich Chefredakteur des ‚Spiegel‘ wäre, wäre die gewesen. Mexiko. Argentinien. Brasilien. Samt außerplan-
Story längst gedruckt“, antwortete er. „Aber ich bin Chef- mäßiger Zwischenlandung in Manaus. Schröder war auf
redakteur des stern. Wir haben eine Geschichte.“ dem Tiefpunkt, noch hatte er sich nicht entschlossen, mit
Damit war alles gesagt. Wenig später erschien der aller Kraft gegen die drohende Abwahl anzukämpfen. Für
„Spiegel“ mit der De-Maizière-Enthüllung. Die Kollegen ihn war diese Reise eine Art Abschiedstour. Er hatte ein
hatten insgesamt weniger Informationen als wir. Aber paar Kumpel mitgenommen, den Maler Markus Lüpertz,
sie hatten auch keine Hitler-Tagebücher im Gepäck. den Stahlunternehmer Jürgen Großmann, und ließ es
Würden wir uns heute, fast 30 Jahre später, ebenso krachen. In Mexiko-Stadt besorgte Großmann reichlich
schwertun? Ich hoffe es. Nein, früher war nicht alles Bordeaux, was Besseres als den Null-acht-13-Prozentigen,
besser. Ganz früher jedenfalls nicht. den es an Bord gab. Auf den langen Flügen droschen sie
Und nun, Hand aufs Herz: Sind wir unpolitischer gewor- vorn in der Kanzlerkabine ausgiebig Skat. Ein Männer-
den? Der Vorwurf hat mich erst erstaunt, dann genervt. auslug. Uns Journalisten ignorierte Schröder weitge-
Verstanden habe ich ihn nie. Politik ist mehr, viel mehr hend, bis auf ein Abendessen, bei dem er verriet, wen er
als das hauptstädtische Laubsägenmassaker am Stuhl des sich als Nachfolger vorstellen könnte. „Der Frank kann
jeweils anderen. Rüstungsexporte. Kinderpornograie. das.“ Frank-Walter Steinmeier. War knapp daneben.
Rechtsradikalismus. Antisemitismus. Reportagen über Und nun Manaus. Mitternacht. Regenwald. Drücken-
Kriegsopfer und Hunger, Armut und Unterdrückung. de tropische Hitze. Auftanken. Schröder weigerte sich, den
All das ist Politik und hat den stern immer ausgemacht. Flieger zu verlassen. Der aus dem Bett geklingelte deut-
sche Generalkonsul kam, um den Kanzler zu begrüßen.
IM ZWEIFEL AUF DER SEITE DER SCHWACHEN Der fertigte ihn oben auf der Gangway ab: „Sie stören
Das war – und ist – für mich der stern: ein Blatt mit Hal- leider beim Skat.“
tung. Im Zweifel aufseiten der Schwachen. Angefangen Auch das war Schröder. Bei Merkel? Undenkbar. Nein,
beim Kampf für die Ostpolitik und die Frauenrechte. Bis früher war nicht alles besser. Aber manches einfach irrer.
hin zum Euro. Wir waren dafür. Von Anfang an und spä- Großmann hat übrigens mal erzählt, wie Schröder Skat
ter in der Krise. Für Kohl, wenn es um Europa ging – und spielt: „Ehrgeizig, intenreich, oft aggressiv, wobei er das
gegen ihn bei nahezu dem ganzen Rest. Wir mochten ihn Risiko meist kalkuliert, gelegentlich aber auch grandios
nicht, er uns nicht. Das passte. untergeht.“ Besser kann man ihn nicht beschreiben.
Irrtümer nie ausgeschlossen, wie bei der Änderung So, genau so hat er Politik gemacht.
des Grundgesetzes 1993. Das Asylrecht verschwand da- Die beste Szene mit Merkel? April 2010, auf dem Flug
nach nicht, wie in düsteren Farben ausgemalt. Stattdes- von San Francisco nach, ja: wohin eigentlich? Das Ziel war
sen beruhigte sich die aufgeheizte Stimmung im Land. Berlin. Die Aschewolke des isländischen Vulkans Eyjafjal-
Wir haben nicht immer richtig gelegen, aber wir haben lajökull lag zwischen uns. Nürnberg? München? Eventu-
Flagge gezeigt. ell Wien? Großes Rätselraten. Irgendwann kam Merkel
Manchen Politikern kamen wir paradoxerweise am zu uns in den hinteren Teil des Fliegers. Kleine Augen,
nächsten, indem wir uns weit von ihnen entfernten – strubbelige Haare, hellblauer Altpulli. Sie sah aus wie frisch
zeitlich gesehen. Wer den Grund für Gerhard Schröders aus dem Bett gefallen und sagte: „Wir bleiben zusammen,
unbändigen Willen, den unerschütterlichen Glauben an keiner wird zurückgelassen, und wir gehen kein Risiko ein.“
sich selbst, aber auch seine serielle Sehnsucht nach Merkel guckte in viele dankbare Gesichter.
heiler Familie suchte, musste tief eintauchen in seiner Wir landeten schließlich in Lissabon, später in Rom, wo
Vergangenheit, in eine Welt aus Behelfsbaracken und wir mithören konnten, wie Merkel mit Berlusconi
Schuldenbüchern, Ausgrenzung und bitterer Armut. telefonierte. „Hello, Silvio!“ Hat man auch nicht oft. Es
Gerhard Schröder erzählte oft, dass er als Kind arm ge- hatte, je länger es dauerte, immer mehr von einem Klas-
wesen sei und „Kitt gefressen“ habe; seine Biograien über senauslug. Wir kamen mit zwei Tagen Verspätung in Ber-

32 70 Jahre
19961
AUUFBRUCH
Die Politik Willy
Brrandts war immer
wieder groß im
stern. Das politische
Beewusstsein vieler
junger Leser
wuurde mit diesen
Geeschichten geweckt

lin an. Merkel hatte einen Wahlkampfauftritt in NRW und


ein Staatsbegräbnis in Polen verpasst. Sie machte keinen JE STÄRKER FRANZ
sonderlich betrübten Eindruck.
Merkel verfügt übrigens durchaus über komödianti- MÜNTEFERING UNTER STROM
sches Talent. Sie kann die Macken der ganzen Staatsmän-
ner und -männchen nachmachen, von Putin bis Sarkozy. STAND, DESTO MEHR
Einmal erzählte sie vom litauischen Ministerpräsiden-
ten, der sich als Tourist tarnte und zur Grenze radelte, um ZUCKERWÜRFEL RÜHRTE
ein Kernkraftwerk zu inspizieren, das die Weißrussen dort
bauten – und der prompt von der weißrussischen Polizei ER IN SEINEN TEE. EINMAL
hoppgenommen wurde. Sie hatte Tränen in den Augen
vor Lachen. WAREN ES SECHS
Andrea Nahles besitzt eine ähnliche Beobachtungs-
gabe. Sie erzählte mal, woran sie erkennen konnte, wie
es um den Gemütszustand des nach außen immer so
coolen Franz Müntefering bestellt war. War alles in Ord-
nung, rührte er zwei Zuckerwürfel in seinen Tee. Je stär-
ker er unter Strom stand, desto mehr Würfel kamen in
die Tasse. Der Höhepunkt waren sechs.
Müntefering wiederum war der Erste, der Merkels
Macke bemerkte und thematisierte: „Die knabbert
Fingernägel.“
Gescheitert? Bin ich oft, am heftigsten beim Versuch,
ein Porträt über Merkels Mann Joachim Sauer zu recher-
chieren. Das Schicksal teile ich mit vielen Kollegen. Der
Chemieprofessor redet nicht. Und wer ihn kennt, redet Andreas Hoidn-Borchers,
auch nicht. Sauer umgibt eine Art Omertà. Eine Minis- stern-Autor
terin, von der ich sicher weiß, dass sie zu den wenigen Andreas Hoidn-Borchers,
gehört, die sich mit dem Paar Merkel/Sauer auch privat Jahrgang 1960, schreibt
treffen, schwindelte mich tapfer an: Nein, nein, das in Berlin über Politik, zur
Abwechslung und Erholung
stimme nicht.
aber gern auch mal über
Es gibt Grenzen, die lassen sich nicht durchbrechen. Ich Fußball. Er arbeitet mit einer
fürchte, daran wird sich auch die nächsten vier Jahre nichts kurzen Unterbrechung
ändern. Aber wenn ich einen Wunsch anmelden dürfte: seit 1989 beim stern – wo
er in seinem ersten Jahr
Wenigstens eine andere oder einen anderen würde ich mehr Chefredakteure erleb-
schon gern noch erleben im Kanzleramt, allein der
Abwechslung halber. Ein bisschen Zeit bleibt noch. 2 te als Bundeskanzler in
seinem ganzen Berufsleben

70 Jahre 33
NAH
DRAN
AM
LEBEN Die großen
stern-Fotografen
sind Legende.
Ihre Bilder
zeigen nicht
irgendwas, nicht
irgendwen, sie
erzählen, was ist
Von Jochen Siemens

Keiner fotografierte
die Schauspielerin
Romy Schneider
so wie Robert Lebeck.
Hier sieht man sie
beide, 1976 bei
Dreharbeiten
zu „Gruppenbild
mit Dame“

34 70 Jahre
ine kleine und jun-
ge Redaktion wa-
ren sie damals,
1949, im Jahr zwei
des stern. Sie saßen
im Pressehaus in
Hannover, und sie
hatten gehört, dass
sich in der Nach-
barstadt Celle jede
Nacht ein sehr loses Leben
abspielte.
Von den Celler Flugplät-
zen starteten jeden Tag die
berühmten „Rosinenbom-
ber“ der Amerikaner, die die
Menschen in Berlin mit
Care-Paketen versorgten –
die „Luftbrücke“. Abends
nach der Schicht saßen die
Piloten in den Cafés und Bars
von Celle. Sie hatten Dollars,
es gab Gin und Sekt, Zigaret-
ten und Schokolade. Und es
gab Frauen, Kriegswitwen
und andere, die nicht wuss-
ten, ob und wann ihre Män-
ner zurückkommen würden.
Es waren, vier Jahre nach
Kriegsende, wilde Celler
Nächte, und irgendjemand
in der Redaktion des stern,
vielleicht Henri Nannen
selbst, muss dem Fotografen
Eberhard Grastorf gesagt
haben: Mach da mal Bilder.

MAN HÖRT DAS KNISTERN


DER NYLONS – HEUTE NOCH
Und er machte Bilder, aber
nicht irgendwelche. Gras-
torf fotograierte unter dem
Tisch die Nylonstrümpfe
der Frauen, er fotograierte
volle Aschenbecher und
volle Gläser und Arme, die
sich sehnsüchtig um ameri-
kanische Schultern legten;
er fotograierte torkelnde
Frauen in der Nacht und
Hauseingänge, in deren
Schatten sich „Fräulein“ und
Pilot „zum letzten Akt“ ver-
zogen. Noch heute, 69 Jahre
später, liest man aus den
Zeilen des Textes den Rauch
von Camel-Zigaretten he-
raus. Aber was viel wichtiger
ist: Beim Betrachten der Bil-
der hört man noch heute das
Gekicher, das Knallen der
Sektkorken und das hell
kratzende Reiben billiger
Nylonstrümpfe. „Die Fräu- 4
70 Jahre 35
Die Stimmen, das
Rascheln, das Klirren –
schon 1949 ist auf
den Fotos von entgegenwankten. Grastorf Alfred Eisenstaedt oder W. fen, die diesen Blick hatten.
Eberhard Grastorf war ein Erzähler so dichter Eugene Smith in Zeitschrif- Einerseits. Andererseits
die stern-DNA Geschichten, dass man den ten wie „Life“ mit ihren Bil- hatten die wenigen Foto-
zu erkennen
Text zu den Fotos gar nicht dern – den „telling pictures“ grafen, die ihre Kamera so
mehr lesen musste. Selbst – so erzählten. Aber sie war beherrschten, endlich ein
das in der Geschichte schwe- neu für deutsche Augen, die Blatt, das ihr Handwerk und
bende Thema Sex erzählte von der jahrelangen Propa- ihre Kunst forderte. Und so
Grastorf mit einem sensa- ganda-Fotograie der Nazis kamen sie zum stern und
tionell subtilen Bild: Eine verdorben waren. Und so wurden zu großen Namen
leins von Celle“, eine Dop- Frau betrachtet Kinderwa- war jedes freie, unzensierte der deutschen Fotograie.
pelseite mit elf Fotos, zählt gen in einem Schaufenster. und auch freche Foto für die Der im Februar verstorbe-
bis heute zu den unerhör- Und genau da sitzt das Herz Deutschen eine Sensation, ne Stefan Moses zum
testen Reportagen in den der stern-Fotograie – die ja, man glaubte Bildern so- Beispiel, ein Schwarz-Weiß-
70 Jahren des stern. Denn je- Bilder erzählen von selbst. gar mehr als Worten. Chronist deutschen Lebens.
des einzelne Bild zeugt,wie Das wusste auch Henri Oder Thomas Hoepker, des-
viele andere Bilder aus den VIELE DER GROSSEN FOTO- Nannen, der bei jeder noch sen Bilder später der DDR
jungen Jahren des Maga- GRAFEN BEGANNEN HIER so kleinen Enthüllung ein Gesicht gaben. Oder
zins,von der DNA der stern- Der stern-Reporter Claus des stern Fotos verlangte, Max Scheler, Hilmar Pabel,
Fotograie. Lutterbeck erinnerte sich und zwar solche, die „nicht Fred Ihrt, Robert Lebeck,
Warum? Weil der Fotograf 1998 einmal an einen Mo- sterbenslangweilig“ sein Wilfried Bauer oder Volker
Grastorf nicht einfach in ein ment mit dem Fotografen durften. Wie er das meinte, Hinz. Und auch die vielen
Celler Café kam, ein paar Wilfried Bauer: „Als ich Wil- zeigte Nannen, als er sich anderen, die hier gar nicht
Bilder machte und wieder frieds Bilder sah, war ich 1973 beim Interview mit aufzuzählen sind.
ging. Grastorf wurde Teil verzweifelt. Was sollte ich dem Kreml-Chef Leonid Man kann nicht sagen,
dieser Nächte, er setzte sich jetzt noch schreiben? Er hat- Breschnew dröhnend auf dass es eine einheitliche
dazu,er feierte mit,so lange, te mit sechs großen Fotos dessen Schreibtisch setzte. stern-Schule der Fotograie,
bis keinem mehr seine Ka- alles erzählt.“ Für das Foto. einen stern-Stil gab. Das
mera aufiel, mit der er Diese Reporterfotograie Das Primat des Bildes war Gegenteil war der Fall: Jeder
unter und auf dem Tisch war vor 70 Jahren nicht neu – in den frühen Jahren des stern-Fotograf verkörperte
fotograierte und auf der sie kam aus den USA, wo stern eine große Hürde. Denn seine eigene Schule, seinen
Straße die Frauen, die ihm Fotografen wie Robert Capa, es gab nicht viele Fotogra- eigenen Stil, und es war ge-

36 70 Jahre
Lebeck, 2014 verstorben,
gehörte zu den instinkt-
sichersten Fotografen des
stern. Immer nur mit einer
Leica in der Tasche, war er
ein kaffeetrinkender Spa-
ziergänger, der das Gesche-
hen und das Bild, das er
suchte, schon spürte, bevor ROBERT LEBECK
es da war. 1929–2014, kam 1966 zum
Der große Henri Cartier- stern. Seine Bilder von Romy
Bresson sagte einmal: „Man Schneider, Alfred Hitchcock
darf gegenüber einer be- und Jackie Kennedy wurden
weglichen Sache nicht in Be- Ikonen der Fotografie
wegungslosigkeit verhar-
ren. Manchmal indet man
ein Bild in Sekunden, es
kann aber auch Stunden
oder Tage dauern.“

SEHEN, WAS GLEICH KOMMT


Und so sind die besten stern-
Bilder immer entstanden:
aus Schnelligkeit heraus THOMAS HOEPKER
oder Geduld, manchmal aus
beidem zusammen. Kam 1964 zum stern,
fotografierte zwei Jahre lang
Geistesgegenwärtig drück-
in Ost-Berlin und war
te der damalige stern-Repor- Artdirektor. Der heute
ter Sebastian Knauer auf 81-Jährige lebt in New York
Die ganze Tragödie den Auslöser, als er 1987 in
in einem Bild: Genf den toten Uwe Bar-
der tote Uwe schel in der Badewanne
nau diese Freiheit, die zu Barschel am fand. Ein umstrittenes Bild,
einer solchen Vielfalt der 11. Oktober 1987 sicher. Aber die ganze Au-
Bildsprache führte. im Genfer Hotel thentizität der Barschel-
Menschen mit einer Beau Rivage Tragödie in einem Foto.Und
Kamera in der Hand und Volker Hinz hatte 1977 erst
Fotografen – das sind ver- viel Geduld, als er die bei-
schiedene Dinge. den Fußballspieler Pelé und
Seit der Erindung der Franz Beckenbauer in Fort
VOLKER HINZ
Fotograie vor knapp 170 Jah- Lauderdale in die Umklei- Von 1974 bis 2012 beim stern,
ren hat sich die Fototechnik dekabine und dann bis zu arbeitete acht Jahre in
immer weiter beschleunigt. eine kleine Gesellschaft“, den Waschräumen verfolg- New York. Eines seiner
Von der Plattenkamera zum und fotograierte sie bei der te,um dann das eine spekta- berühmtesten Fotos (links im
Kleinbildilm, von der Schär- Selbstbetrachtung. kuläre Bild zu machen: Be- Text beschrieben)
feneinstellung zum Auto- Oder Robert Lebeck, der ckenbauer und Pelé nackt zeigen wir auf Seite 78
fokus, von der Chemie des von sich einmal sagte, seine unter der Dusche.
Fotolabors zum Pixelteppich einzige Fotograie-Ausbil- Ein guter Fotograf brau-
des Digitalen. Mit der Ent- dung sei die Gebrauchsan- che „Samthandschuhe und
wicklung fotograierender weisung seiner ersten Ka- Falkenaugen“, wie es Car-
Smartphones sind Bilder zu mera gewesen.Er stand 1960 tier-Bresson einmal nannte.
einer Alltagssprache gewor- in Leopoldville im Kongo Und, ganz einfach: Kennt-
den. Von Menschen mit einer eigentlich ganz falsch hinter nis. „Ich habe immer ver-
Kamera in der Hand. dem Wagen,in dem der bel- sucht,die Körpersprache der
stern-Fotografen begnü- gische Kolonialherr und Kö- Fotograierten zu verste-
gen sich nicht mit dem, was nig durch die Stadt fuhr. hen“,sagt Volker Hinz,„wenn HILMAR PABEL
sie sehen, sondern sie su- Und dann instinktiv doch man sie lange beobachtet,
1910–2000, kam 1961 zum
chen das, was sie sehen wol- ganz richtig,als jemand dem weiß man schon vorher, stern und fotografierte
len. Stefan Moses zum Bei- König den Degen entriss wann sie den Arm heben im Krieg in Vietnam und den
spiel setzte die Menschen, und an Lebeck vorbeirann- oder die Brille absetzen.“ Einmarsch sowjetischer
die er aufnehmen wollte, te.Das Foto ging um die Welt Doch die Bilder, die stern- Truppen in Prag
vor einen Spiegel, frei nach als Symbol des kolonialen Fotografen täglich aus der
Novalis, „jeder Mensch ist Niedergangs. ganzen Welt in die Redaktion 4
70 Jahre 37
gebracht haben und heute ren längst nicht so mobil ie, wie es der einstige stern-
bringen, sind die eine Sache. und reiseleißig war wie Artdirektor und Fotograf
Damit sind sie ja noch nicht heute. China, Afrika, die So- Tom Jacobi nennt, gab es
im Heft, und auch nicht alle wjetunion, die USA – alles nicht ewig exklusiv. Auch
Bilder sind gut. Manchmal weiße Flecken in den Leser- das Fernsehen war in der
ist es nur eines von hundert, köpfen. stern-Fotografen Welt unterwegs, das Ange-
aber das muss gefunden wer- fuhren in die entlegensten bot an Bildern, bewegt und
den. Die Auswahl der opti- Ecken der Welt, und stern- in Farbe, wuchs schnell.
FRED IHRT schen Brillanten durch Art- Graiker bauten diese Bilder „Der stern lebte lange von
1918–2005, kam 1957 direktion und Bildredaktion auf etlichen Doppelseiten zu der ungesehenen Welt, doch
zum stern. Fotografierte im war und ist berühmt, aber großen Abenteuern zusam- die wurde immer kleiner, als
Jom-Kippur-Krieg und auch gefürchtet. men – jeden Donnerstag die Leser aningen, selbst
Internierungslager der Eines der legendären Weltreise zum Blättern. Und auf Reisen zu gehen. Also
griechischen Diktatur Ende „Oberaugen“ war Rolf Gill- weiter noch. Als 1969 Neil mussten wir umdenken und
der 60er Jahre hausen, der die Optik des Armstrong als erster Mensch die Welt im Kleinen neu ent-
Magazins fast 20 Jahre lang den Mond betrat, konnte die decken“, sagt Wolfgang
prägte. In Gillhausens Blick Welt am Fernsehen grobkör- Behnken, der lange Jahre
war immer auch die Sehn- nige Schwarz-Weiß-Bilder Artdirektor des Magazins
sucht des Lesers, auf jedem sehen. Vier Wochen später war. Der Alltag vor der Tür,
Foto etwas unerhört Interes- hatte der stern die Mondbil- in der anschwellenden
santes oder Bewegendes zu der von der Nasa, gestochen Schnelligkeit des Lebens oft
sehen. Und einer wie „Gill“ scharf in Farbe. übersehen, wurde zu einem
suchte das in Haufen von Von einem einst sehr Thema der stern-Fotograie.
Dias und Abzügen, die er mächtigen Chefredakteur Interessant waren jetzt
MAX SCHELER
blitzschnell ansah. Dann einer deutschen Zeitung die Sensationen des Alltäg-
1928–2003, kam 1959 brummte er, sagte: „Das ist ist aus den 70er Jahren lichen. Ob es um das Leben
zum stern. Fotografierte eine Gurke“,und warf sie weg ein Seufzer überliefert: in einer Bochumer Eckknei-
Adenauer, Brandt und oder schwieg, wenn ihm ein „Warten wir mal bis Don- pe geht, um Campingplatz-
Kennedy und begleitete in Bild geiel.Gillhausens Blick nerstag, dann wissen wir, bewohner im Winter oder
den Sechzigern die Beatles war erbarmungslos,vor ihm worüber Deutschland redet eine Kuhschau in Ostfries-
waren alle gleich, er interes- und staunt.“ land – richtig fotograiert ist
sierte sich nicht für die Eitel- „Deutschland genauso exo-
keit oder Prominenz von WER DAS GEDRUCKTE BILD tisch wie Afghanistan oder
Fotografen, die er mit dem BETRACHTET, HÄLT INNE Paraguay“, so sagte es Stefan
„Gurke“-Urteil zusammen- Die Liebe zur Bildsprache Moses einmal.
faltete,so wie er junge,unbe- machte den stern neben Und da ist noch etwas, das
kannte Talente mit Schwei- Blättern wie „Life“ und „Pa- die Fotograie im stern so be-
gen belohnte. ris Match“ zu einem welt- merkenswert macht, nen-
Diese kompromisslose weiten Medium. Interna- nen wir es den Zauber des
WILFRIED BAUER Suche nach dem Foto, das tional begehrte Fotografen Stillstands. Allen medien-
1944–2005, arbeitete seit alles erzählt, gehört ebenso wie James Nachtwey, Sebas- kritischen Vorhersagen,
1976 für den stern. zur DNA der stern-Fotogra- tião Salgado oder Albert dass das Konzept, Bilder auf
Berühmt wurden seine ie, auch wenn der Ton heu- Watson wollten im stern ge- Papier zu drucken, aus der
deutschen Landschafts- te anders ist und das Wort druckt werden. Für die Mo- Mode komme, hält der stern
und Naturaufnahmen „Gurke“ nur noch gedacht destrecken des Magazins etwas entgegen, was kein
oder gelüstert wird. wurde Helmut Newton fast digitales Medium bieten
Man muss sich Artdirek- so etwas wie ein Hausfoto- kann: Ruhe. Oder wie es Tom
tion und Bildredaktion wie graf, der persönlich nach Jacobi beschreibt: „Die Zeit
die Kommandobrücke eines Hamburg kam und sich mit stillstehen zu lassen, wäh-
Schiffes vorstellen, das sich Graikern um das beste Lay- rend der Blick auf einem
jeden Tag durch eine immer out stritt oder in der Kanti- Foto herumwandert.“
höher anschwellende Bil- ne Kaffee trank. Und 2009 Das ist sicherlich eine alt-
derlut navigieren muss.Das war es Karl Lagerfeld, der an modische Qualität in einer
war früher einfacher,früher einem Abend für den stern Zeit, in der sich Fotos auf
HANS-JÜRGEN gab es Zeitungen und Zeit- die Stars der Berlinale foto- Smartphones in Sekunden-
BURKARD schriften und zwei, drei graierte. bruchteilen weiterwischen
Fernsehprogramme. Und es Auch junge, damals noch lassen oder sich auf Snapchat
Fotografiert seit 1989 für gab, gleich einer Oase in der unbekannte Fotografen selbst löschen. Doch es ist
den stern, war Fotoreporter Wüste: den stern. Der auch kamen. Einer hieß Peter die Qualität, die dem Wesen
in Moskau, zeigt gern den und besonders die Sehn- Lindbergh, ein anderer Da- der Fotograie innewohnt.
deutschen Alltag, unter ande- süchte einer Gesellschaft vid LaChapelle. „Fotograieren ist nicht, die
rem in der Fankurve des BVB
bediente, die in den 50er, Doch diese „Am Kopf vor- Welt als Objekt zu nehmen,
60er und auch noch 70er Jah- bei in den Bauch“-Fotogra- sondern sie zum Objekt wer-

38 70 Jahre
Champions League
2013, Finale. Hans-
Jürgen Burkard
fotografierte Borus- ment hergibt, weil er weiß, Dass sich stern-Fotogra- im Heft ist seitdem auch
sia-Dortmund-Fans. dass er hinterher reicher fen in ihrer Kunst der psy- ihm gewidmet.
Beim Betrachten sein wird. Ein Handel, den chischen Erkundung dabei Ein Satz vom großen
pocht einem das man sonst eigentlich nur nicht in die Karten schauen Denker und Erklärer Bau-
Herz, so als stünde noch in der Kunst indet. lassen, erzählt ein Dialog, drillard zum Abschluss: „Je-
man mittendrin Alles sind Landschaften, der Jahre her ist. Da fragte des Foto ist von Natur aus
auch Gesichter. Menschen Claudia Schiffer,ganz Proi- besessen, eigensinnig, eks-
lassen sich besser begreifen, Model,den stern-Fotografen tatisch und narzisstisch.“
ja, man liest in ihnen, wenn Robert Lebeck: „Und wie Das waren Fotos im stern
ihr Gesicht einen auf einem wollen Sie die Bilder ma- schon bei „Den Fräuleins
den zu lassen“, schrieb der Bild anschaut und es keine chen?“ Lebeck kaute auf von Celle“, und sie werden
Soziologe und Kulturkritiker
Jean Baudrillard.
Chance hat, sich abzuwen-
den wie im richtigen Leben.
einem Bonbon, sah Schiffer
an und sagte: „Ich dachte,
es immer bleiben. 2
Man beobachte Men- So lernt man viel über Mai- mit der Kamera.“
schen im Café,beim Friseur ke Kohl-Richter, wenn sie Doch alles, was man über
oder im Zug beim Blättern wie neulich in einer Titelge- 70 Jahre Fotograie im stern
in einer Zeitschrift wie dem schichte mit dem stern erzählen kann,wäre unvoll-
stern. Sie halten inne, ihr spricht, aber man lernt fast ständig, wenn sein Name
Blick spaziert durch die noch mehr aus den Bildern, fehlen würde: Volker Krä-
Details der Bilder wie durch die stern-Fotograf Thomas mer.Eine traurige Geschich-
Landschaften. Bilder wie Rabsch von ihr machte – ein te,doch sie gehört dazu.Fast Joc en iemens,
stern-Reporter
die von Hans-Jürgen Bur- Wechselspiel aus Seele zei- 30 Jahre war er als Fotore-
kard, der es immer wieder gen und Seele verstecken. porter für den stern unter- Jochen Siemens war jahrelang
schafft, selbst eine Auto- Und es ist viel über die wegs, 1999 wurden er und Autor und Redakteur der Reihe
stern FOTOGRAFIE und inter-
bahnbaustelle oder die Fan- Überzeugung und gleich- der stern-Reporter Gabriel
viewte dafür Fotolegenden wie
kurve des BVB-Stadions wie zeitige Schlitzohrigkeit Grüner während einer Re- Albert Watson, Helmut New-
ein brillantes Wimmelbild eines Sigmar Gabriel ge- portage im Kosovo erschos- ton, Lord Snowdon oder Mario
zu fotograieren. schrieben worden,ein Blick sen. Krämer war in den Testino. Mit Robert Lebeck
suchte er noch Bilder für die
Ein solches Bild zu be- auf die Porträts von Anatol 70 Jahren des stern der einzi- letzte Ausgabe der Reihe
trachten fordert Zeit,die der Kotte reicht aus, um genau ge Fotograf, der bei seiner aus. Kurz nach Erscheinen des
Betrachter in diesem Mo- das zu erkennen. Arbeit umkam. Jedes Bild Bandes verstarb Lebeck

70 Jahre 39
„EINE WUNDERTÜTE,
GEFÜLLT VON FOTOGRAFEN
UND REPORTERN,
DIE FÜR IHRE LESER
IMMER WIEDER UM DIE
GRÖSSTMÖGLICHE NÄHE
ZUM EREIGNIS KÄMPFEN,
UM DIE GANZ
EIGENE GESCHICHTE,
UM DAS FOTO,
DAS KEIN ANDERER HAT.
SO IST DER STERN. “
Heiko Gebhardt, stern-Autor
1998
EREIGNISSE,
DIE DAS
LAND
BEWEGTEN
70 Jahre 41
1989
ALS DIE MAUER FIEL
Gefühle verjähren nicht.
Zumindest werden das
beim Anblick dieses Bildes
viele empfinden, die den
9. November 1989 miterlebt
haben. Nach fast 30 Jahren
war die Mauer plötzlich
ofen, in Berlin strömten in
dieser Nacht die Leute auf
die Straße, die ersten Trabis
rollten in den Westen.
Menschen aus Ost und West
begrüßten einander be-
geistert. Tage davor hätten
sie sich im Falle eines Krie-
ges noch beschossen. Es
war wie ein Wunder: eine
Revolution auf deutschem
Boden, für Freiheit und
Demokratie, friedlich und
erfolgreich.

70 Jahre 43
1967
KOMMUNE 1
Wild und schön! Es war die
Zeit der Studentenrevolte,
und kaum jemand lebte
die Lust an der Befreiung so
betörend wie Rainer Lang-
hans und Uschi Obermaier.
Sie erregten die Republik –
weil sie lebten, wie es gerade
eben noch unvorstellbar
gewesen war. Rainer Lang-
hans und Uschi Obermaier
waren die populärsten
Bewohner der Berliner Kom-
mune 1. Angetreten, um
ein antibürgerliches Leben
fernab des traditionellen
Familienmodells zu führen,
das man unter den Kommu-
narden für die „Keimzelle
des Faschismus“ hielt. Die K1
war ein linkes Projekt. Und
dazu gehörte damals auch:
freie Liebe. Der stern schau-
te sich in der Kommune um,
fotografierte, und Langhans
und Obermaier machten
mit Leidenschaft mit. Hart-
näckig hielt sich das Gerücht,
für die Fotos sei Geld ge-
flossen – entsprechend dem
Kommunen-Motto: „Erst
blechen, dann sprechen.“

70 Jahre 45
1977
DEUTSCHER HERBST
Mit bis dahin unvorstellbarer
Brutalität töteten Terroris-
ten der „Roten Armee Frak-
tion“ in Köln die Personen-
schützer und den Fahrer von
Arbeitgeberpräsident Hanns
Martin Schleyer. Schleyer
selbst verschleppten sie. Es
war der Auftakt zu dramati-
schen Wochen, an deren
Ende die Grenzschutzson-
dereinheit GSG 9 in Mogadi-
schu eine entführte Lufthan-
sa-Maschine befreite – und
Schleyer sein Leben verlor,
weil der Staat sich nicht
erpressen ließ. Unter keinen
Umständen wollte Bundes-
kanzler Helmut Schmidt die
inhaftierten Genossen der
Täter freilassen. Damit lud er
Schuld am Tode Schleyers
auf sich – und macht sich
verdient um ein Land, das
nach diesem „Deutschen
Herbst“ nur mühsam zur
Normalität zurückfand. Die
RAF verübte weiter Anschlä-
ge, aber eine Gefahr für
den Staat war sie nach dem
Scheitern ihrer Angrife im
Terrorjahr 1977 nicht mehr.

46 70 Jahre
2014
WELTMEISTER, ENDLICH
Philipp Lahm hat wenig
geschlafen in der Nacht nach
dem Finale, nur in der Luft
fand er ein paar Stunden Ruhe.
In 30 Minuten wird der A 340
in Berlin landen, doch noch ist
der Empfang weit weg. Wäh-
rend sein Nebenmann Thomas
Müller in einer Zeitschrift
blättert, schaut Lahm aus dem
Fenster und lässt die Gedan-
ken schweifen. Eine Last muss
gewichen sein. Endlich ist er
da: der Pott. Als einziger Foto-
graf durfte Paul Ripke die
Deutsche Nationalmannschaft
nach ihrem Weltmeister-Sieg
im Sommer 2014 begleiten,
vom Final-Schlusspfif bis zum
Triumphzug in Berlin. Bilder
von stillen, berührenden Mo-
menten entstanden. Der stern
druckte diese Fotos exklusiv.

70 Jahre 49
1965
CONTERGAN-SKANDAL
Kinder in der Heidelberger Univer-
sitätsklinik, Contergan-Kinder.
Ende der 50er Jahre waren überall
im Land schwerbehinderte Kinder
geboren worden: ohne Arme, mit
stark verkürzten Beinen, verstüm-
melten Ohren, Schäden an den inne-
ren Organen. Die Wahrheit erfuhren
die Menschen im Land erst Jahre
später: Verantwortlich war das
Schlafmittel Contergan, entwickelt
von der Aachener Pharmafirma
Grünenthal. Der fatale Wirkstof
war als Wundermittel angepriesen
worden, eine gesetzlich vorge-
schriebene Arzneimittelprüfung
gab es nicht. Schon eine Tablette
genügte, um das heranwachsende
Kind im Mutterleib zu schädigen.

70 Jahre 51
2017
HAMBURGS DESASTER
Die Männer vom SEK rückten
spät an, an diesem Abend
des 7. Juli. Eigentlich sollten
sie die Teilnehmer des
G20-Gipfels vor Terror-
anschlägen schützen, dann
wurden sie zum Teil mit
Hubschraubern zum
Schanzenviertel gebracht.
Schwer bewafnet stürmten
sie ein Gebäude, von dem
aus Randalierer Polizisten
angegrifen hatten. Liberal,
konstruktiv, friedlich, so
hatte sich Hamburg der
Welt präsentieren wollen.
Stattdessen eskalierte die
Gewalt. Vermummte zogen
marodierend durch die
Straßen des Schanzenvier-
tels, aus ganz Europa
waren sie angereist, um
sich unter dem Vorwand
linken Protests auszutoben.
Polizei und Behörden
waren sichtlich überfordert.
Und erst Tage später fand
Hamburgs Erster Bürger-
meister Olaf Scholz die
Worte, auf welche die Bür-
ger der Stadt dringend
gewartet hatten: „Das alles
tut mir leid.“

52 70 Jahre
1978
REISE NACH POONA
Sie kam aus Deutschland und
geriet in Ekstase, als Bhag-
wan ihr eine hölzerne Schach-
tel auf die Stirn drückte.
Es war ein Geschenk, in der
Schachtel befand sich ein
Haar des Meisters. Der Inder
sammelte in Poona eine
schnell wachsende Gemeinde
von Zivilisationsmüden um
sich. Er ließ sich als Gott ver-
ehren und predigte die Ich-
Aufgabe, um das wunschlose
Glück zu erlangen. stern-
Fotograf Jay Ullal und Repor-
ter Jörg Andrees Elten be-
suchten damals eine Woche
lang den Aschram und mach-
ten alles mit. Sie wollten wirk-
lich begreifen, was dort vor
sich ging. Die Geschichte der
beiden löste in Deutschland
eine Pilgerschwemme nach
Indien aus. Und sie veränder-
te das Leben von Jörg
Andrees Elten. Er gab sein
altes Leben auf und zog in
den Aschram. In einem späte-
ren Interview mit dem stern
sagte Elten: „Ich war 49 Jahre
alt und spürte zunehmend
eine innere Leere, die ich mit
Erfolg, Geld und Anerken-
nung nicht mehr kompensie-
ren konnte. In dieser Situa-
tion war die Begegnung mit
Bhagwan ein Glücksfall.“

54 70 Jahre
DAS SCHWEIGEN WAR
ZU ENDE „Wir haben abgetrieben!“
Dieses Bekenntnis von
374 Frauen im stern veränderte
das Land. Studentinnen,

D
er Anruf kam aus Paris, und der Vorschlag
war brisant. Selbst einem alten Hasen wie Lehrerinnen, Hausfrauen –
dem stern-Ressortleiter Winfried Maaß ver-
schlug es kurz die Sprache, dann wehrte er
ganz normale Frauen
ab: „Das wird nichts. Deutsche Frauen riskierten Gefängnisstrafen,
gehen doch nicht auf die Straße und beken-
nen öffentlich,dass sie abgetrieben haben.“ um gegen Benachteiligung
„Doch“, antwortete die junge Kollegin am
anderen Ende der Leitung,„ich organisiere
und Bevormundung
das.“Das klang selbstbewusst und überzeu- aufzubegehren.
gend. Der stern-Mann überlegte. Wenn es
klappte, würde das eine große Geschichte werden, eine Es war die erste MeToo-
ganz große. „Setzen Sie sich ins nächste Flugzeug“, sagte
er, „und kommen Sie hierher.“ So machte sich Alice
Debatte der Republik
Schwarzer auf den Weg zum stern, und so erschien am
6.Juni 1971 die stern-Titelgeschichte „Wir haben abgetrie- Von Ingrid Kolb
ben!“ Darin bekannten 374 Frauen unter Nennung ihres
Namens, ihres Berufs, ihres Wohnorts und ihres Alters,
gegen den Paragrafen 218 verstoßen zu haben. Unter
ihnen: der Weltstar Romy Schneider, das Topmodel
Veruschka von Lehndorff, die Schauspielerinnen Senta
Berger, Sabine Sinjen und Vera Tschechowa.
„An das Telefonat mit Romy Schneider erinnere ich
mich noch ganz genau“, erzählte die „Emma“-Heraus-
geberin und Bestsellerautorin Alice Schwarzer später,„ich
erwischte sie in Hamburg,und ich hatte kaum gesagt,wo-
rum es ging,da iel sie mir schon ins Wort.Selbstverständ-
lich mache sie da mit, es sei höchste Zeit für eine solche
Sache auch in Deutschland.“
Die damals in Paris lebende Schauspielerin wusste von
der Aktion der Französinnen, die der stern-Kampagne
vorausgegangen war.Im April 1971 hatten sich 343 Frau-
en in der Wochenzeitung „Le nouvel Observateur“ des
illegalen Schwangerschaftsabbruchs bezichtigt und „das
Recht auf freie Abtreibung für jede Frau“ gefordert.
Allen voran: Simone de Beauvoir, Jeanne Moreau und 1971 Der Aufmacher der
stern-Geschichte
Françoise Sagan.
Als in Paris ruchbar wurde, dass die völlig unpolitische
FRAUENOFFENSIVE zeigte die 21-jährige
Studentin Renate
deutsche Gazette „Jasmin“,die sich „Zeitschrift für das Le- Schlerka mit dem
ben zu zweit“nannte,die Aktion nachahmen wollte,setz- von ihr unterschrie-
te sich die freie Korrespondentin Alice Schwarzer mit dem benen Appell gegen
stern in Verbindung.Sie hatte die gleiche Idee,und sie fand den Paragrafen 218
den stern als Forum viel interessanter: „Wir benutzten uns
gegenseitig, er hatte die Aulage, und wir hatten das Auf-

56 70 Jahre
sehen.“ Sie reiste damals von Stadt zu Stadt, um die Unter-
schriften einzusammeln, klopfte bei der Deutschen Kom- DIE FRAUEN BEGANNEN ÜBER
munistischen Partei an und bei den Gewerkschaften,
sprach mit Sozialdemokratinnen und mit den Mit- IHRE ROLLE NACHZUDENKEN,
gliedern der wenigen Frauengruppen, die innerhalb der
Studentenbewegung entstanden waren. Manche mach- ÜBER IHRE CHANCEN
ten spontan mit („Endlich konnten wir handeln“), an-
dere wiesen das Vorhaben peinlich berührt von sich IM BERUF, IHRE BEZIEHUNG
(„unpolitisch“, „reformistisch“, „blanker Aktionismus“).
Doch die Zeit war reif für einen Akt des Aufbegehrens, ZU DEN MÄNNERN
für eine Rebellion. Nichts bot sich dafür mehr an als
dieser hundert Jahre alte Paragraf, der Frauen demütig-
te, entmündigte, kriminalisierte und mit bis zu fünf
Jahren Gefängnis bedrohte. Dabei wussten alle, dass
selbst die Todesstrafe unter den Nazis Frauen nicht da-
von abgehalten hatte, sich in die Hände von Kurpfuschern drückung.Weltweit waren Frauen unruhig geworden.Aus
und Engelmacherinnen zu begeben, wenn sie keinen Amerika drangen Geschichten herüber von Emanzen,die
anderen Ausweg sahen. ihre Büstenhalter verbrannten; aus Holland kam die Kun-
de von den „dollen Minnas“,die bei ihren Protestumzügen
ES WAR EIN AUFSCHREI GEGEN DIE DOPPELMORAL auch schon mal gaffende Männer in den Hintern kniffen;
Wer es sich leisten konnte, reiste Ende der 60er und aus Frankreich wurde kichernd von der provozierenden
Anfang der 70er Jahre nach England, wo Ärzte in Klini- Kranzniederlegung am Arc de Triomphe berichtet: „Für
ken den Eingriff vornahmen. Wer kein Geld hatte, lande- die unbekannte Frau des unbekannten Soldaten.“
te zum Beispiel bei dem 55-jährigen Mechaniker Hel- In Deutschland herrschte Ruhe – die Ruhe vor dem
mut S., dem 1971 vor dem Frankfurter Landgericht der Sturm.Es fehlte nur ein Signal – und dieses Signal setz-
Prozess gemacht wurde. Er hatte Abtreibungen mithilfe te der stern.Mochte die Polizei nach der 218-Aktion auch
von kochend heißer Seifenlauge vorgenommen, die er den Razzien und Hausdurchsuchungen abhalten, täglich
Frauen in die Gebärmutter spritzte. Aufgelogen war er, solidarisierten sich Tausende Frauen. In vielen Städten
weil eine 32-jährige Patientin an Verletzungen in der schlossen sie sich spontan zu Gruppen zusammen,
Bauchhöhle verblutet war. Er hatte ihr die Kanüle zu tief gingen mit der Parole „Mein Bauch gehört mir“ auf die
in den Leib gerammt. Straße und begannen,über ihre Situation als Frau nach-
Nach einer maßvollen Schätzung kamen jährlich rund zudenken: ihre Chancen im Beruf, ihre Plichten in der
50 Frauen ums Leben, weil sie sich solch „blutigen“Laien Familie, ihre Beziehung zu den Männern. Und sie
anvertrauten. Niemand weiß, wie viele ihre Gesundheit erkannten,dass ihre scheinbar individuellen Probleme
für immer ruinierten, wie viele unfruchtbar blieben, ziemlich allgemeiner, wenn auch geschlechtsspezii-
wie viele nach einem solchen Eingriff vor jedem Ge- scher Natur waren.
schlechtsverkehr zitterten und mit Sexualität nur noch Hatten nicht auch die Apo-Studentinnen 1968 ihre
ein einziges Gefühl verbanden: Angst, Angst, Angst. Genossen an der Frankfurter Universität mit Tomaten
Obwohl der Kampf gegen den Paragrafen 218 in der beworfen, weil sie deren autoritäres Gehabe nicht mehr
Weimarer Republik begonnen hatte, gab es bis zu der ertrugen? Selbst die Bräute der Revolution,die scheinbar
stern-Aktion keine ernsthaften Versuche, das Gesetz zu gleichberechtigt mithelfen wollten, die Fesseln des
reformieren. Selbst der Fall einer 13-jährigen Schülerin, kapitalistischen Systems zu lockern,spürten die patriar-
die von drei Jugendlichen vergewaltigt worden war, hat- chalische Leine, an der sie hingen („Tags tippten wir
te eine Kommission der Ärztekammer Westfalen-Lippe Matrizen, nachts dienten wir auf den Matratzen“).
nicht dazu bewegen können, den Abbruch zu erlauben. „Die,die Kinder hatten,begriffen schneller“,erinnern
Keine der Frauen, die sich im stern selbst bezichtigten, sich Feministinnen,die aus der Apo hervorgingen.Eine
wusste, welche juristischen Folgen ihr Bekenntnis haben der radikalsten Gruppen, „Brot und Rosen“, entstand
würde, ob ihre Familie sie verstoßen, ihre Kollegen sie damals in einer Küche in Berlin, als die Frauen Stullen
ächten, ihre Nachbarn sie nicht mehr grüßen würden. Das schmierten, während die Polit-Zampanos nebenan, die
Problem war ja nicht die Verdammnis der Kirche, sondern Füße auf dem Tisch, das Establishment ins Wanken
der Schock, den dieser ungeheure Tabubruch bei Freun- brachten.
den, Verwandten und Bekannten auslösen würde. Es war eine lange unterdrückte, gewaltige Wut, die zur
Es gehörte ein heute unvorstellbarer Mut dazu, sich so Mobilmachung führte und die neue deutsche Frauen-
an die Öffentlichkeit zu wagen. Später wurde die Aktion bewegung in Gang brachte. Seit dem Kampf um das
als Spektakel von Film- und Showstars heruntergespielt. Frauenstimmrecht, das 1919 Gesetz wurde, und um das
Prominent war aber nur knapp ein Dutzend. Überwie- Frauen-Hochschulstudium – 1908 öffneten sich alle deut-
gend kamen die Unterschriften von Hausfrauen, Sekre- schen Universitäten für Studentinnen – waren deutsche
tärinnen, Journalistinnen und Studentinnen. Bürgerinnen nicht mehr für ihre Rechte auf die Straße
Ihr Appell war ein Aufschrei nicht nur gegen den gegangen. Das holten sie jetzt nach, und zwar gründlich.
„Schandparagrafen“, sondern auch gegen Doppelmoral und Die deutschen Männer, von links und von rechts, wa-
Heuchelei, gegen Ausbeutung und jede Form von Unter- ren sich schnell einig in der Ablehnung des störenden und 4
70 Jahre 57
wurde 1976 ein Indikationsmodell eingeführt, das von den
Gegnern der Reform immer wieder attackiert wurde. Es
erlaubte den Schwangerschaftsabbruch auch in einer
sozialen Notlage. Beim Prozess gegen den Arzt Dr. Horst
Theissen in Memmingen zeigte sich jedoch, dass inquisi-
torischer Eifer und frömmelnde Selbstgerechtigkeit eine
Notlage anders deinieren als die betroffenen Frauen.
Nach der Wiedervereinigung mussten die unterschied-
lichen gesetzlichen Regelungen in West- und Ostdeutsch-
land einander angeglichen werden. Seit 1994 gilt eine
Zwölf-Wochen-Frist mit Beratungsplicht. Abtreibungen
sind demnach immer noch „rechtswidrig“ (außer bei
Vergewaltigung und bei Gefahr für das Leben oder die
körperliche oder seelische Gesundheit der Schwangeren),
aber „straffrei“. Doch immer wieder versuchen konser-
1971 Diese Gruppe junger
Berlinerinnen vative Kräfte, das Rad zurückzudrehen.
FRAUENSOLIDARITÄT sammelte innerhalb
einer Woche
Im Internet werden Ärztinnen und Ärzte, die Abtrei-
bungen vornehmen,als „Tötungsspezialisten“angepran-
130 Unterschriften.
Hätte es Facebook gert. Sie werden beschimpft und bedroht. Und wenn sie
gegeben, hätten sie auf ihrer Website Informationen über Schwangerschafts-
wohl Tausende in abbrüche anbieten, müssen sie mit einer Strafanzeige
Bewegung gesetzt rechnen. Der Paragraf 219 a, ein Relikt aus der Nazizeit,
hat sich bis heute im deutschen Strafgesetz gehalten. Er
verbietet die Werbung für Abtreibungen. Eine Richterin
hat im November 2017 eine Ärztin aus Gießen in erster
Instanz zu 6000 Euro Strafe verurteilt, weil sie Frauen
verstörenden weiblichen Kampfgeistes,der sich wie eine Informationsmaterial per E-Mail zuschickte.
Epidemie über das Land verbreitete,die Provinz nicht ver- Sie und andere Ärztinnen weigern sich inzwischen,
schonte und schließlich die eigene Ehefrau ansteckte. das Thema Schwangerschaftsabbruch von ihrer Seite zu
Der Kommunistische Bund Westdeutschland sprach, nehmen. Sie wollen erreichen, dass der Paragraf 219 a
anlässlich einer 218-Demonstration, bei der die Frauen verschwindet.
die Megafone nicht den Männern überlassen hatten,von Fast ein halbes Jahrhundert nach der stern-Aktion
„eifersüchtig auf ihre Selbstdarstellung bedachten ist der Kampf noch nicht zu Ende und wird vielleicht
Weibern“,die „ideologisch einen üblen Gestank“verbrei- angesichts des weltweiten Rechtsrucks in vielen Staa-
tet hätten. ten wieder härter. US-Präsident Donald Trump, der
früher befürwortet hatte,Frauen sollten selbst entschei-
DER KAMPF IST NOCH NICHT ZU ENDE den dürfen, ob sie ein Kind auf die Welt bringen wollen
Dass die autonomen Frauengruppen bei ihren Treffen die oder nicht, hat seine Haltung während seines Wahl-
Tür hinter sich schlossen und Männer keinen Zutritt hat- kampfs radikal geändert.Ganz im Sinne der Republika-
ten, machte vor allem den Herren der linken Szene zu ner und seiner Wähler stellte er sich im Januar 2018 mit
schaffen. „Sektiererisch“, „spalterisch“, „Ghettobildung“, einer persönlichen Botschaft hinter den traditionellen
zeterten sie. Kavaliere aus konservativen Sphären droh- March for Life der amerikanischen „Lebensschützer“.
ten mit dem Entzug von Ritterlichkeit. Doch die Frauen Er lobte die Bewegung („aus Liebe geboren“) und kün-
konterten: „Für uns braucht kein Mann in der U-Bahn digte an,am liberalen amerikanischen Abtreibungsrecht
aufzustehen,wenn wir dafür seinen Chefsessel kriegen.“ etwas ändern zu wollen.
Frauen drangen in die Jahreshauptversammlung des Wieder einmal werden Frauen aus ihrer Geschichte
Hartmann-Bundes ein und bestreuten die Ärzte mit lernen müssen, dass das Erreichte verloren geht, wenn
Kinderpuder, um dem Protest gegen den Paragrafen 218 es nicht ständig verteidigt und immer wieder neu gesi-
Nachdruck zu verleihen.Bei der Wahl zur „Miss Teenager-
bein“ bombardierten sie die Bühne der Frankfurter
chert wird. 2
Disco „Number One“ mit Schweinshaxen („Ihr verkauft
hier unsere Knie wie der Bauer sein Stück Vieh“). Sie
organisierten ihre eigenen Kongresse,schrieben sich ihre
eigenen Bücher und texteten ihre eigenen Lieder: „Von
heute an gibt’s mein Programm.“
Am 26. April 1974 beschloss der Bundestag unter Füh- Ingrid Kolb, ehemalige stern-Ressortleiterin
rung der sozialliberalen Koalition in einer Kampfabstim- Ingrid Kolb kam 1977 als Reporterin zum stern.
mung die Fristenregelung.Der Schwangerschaftsabbruch Ihre erste große Geschichte könnte man heute wieder
abdrucken: Es ging um sexuelle Belästigung am
sollte in den ersten drei Monaten straffrei bleiben. Doch Arbeitsplatz. Ingrid Kolb leitete das Ressort
das Gesetz trat nie in Kraft. Das Bundesverfassungsge- Erziehung und Gesellschaft. Bis 2007 war sie Leiterin
richt brachte es am 21. Juni 1974 zu Fall. Stattdessen der Hamburger Journalistenschule

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DER GEWALTIGE

1968
Na, ob das gut geht?
Henri Nannen lässt
sich von Artdirektor
Rolf Gillhausen
Vorschläge vorlegen.
An der „Mini-Wand“
im Hintergrund
hängen die fertigen
Doppelseiten
der nächsten Ausgabe
s war, lange bevor Algorithmen die Fe- tive, die den Bahnhof zog“, so Nannen, sie
der führten, da lief im zerbombten war eine Gelddruckmaschine, die ihre
Hannover ein stattlicher Kerl in kurzen Verleger, erst Gerd Bucerius, später Rein-
Hosen herum, auf der Suche nach ei- hard Mohn, zu reichen Leuten gemacht
nem neuen Leben. Als Leutnant einer hat. Ein anderer stern-Verleger fuhr schon
Propaganda-Einheit war Henri Nannen 1954 mit einem Cadillac durch Hamburg,
aus amerikanischer Kriegsgefangen- da wurden die stern-Mitarbeiter morgens
schaft heimgekehrt, nun wollte er sein noch von einem klapprigen Kleinbus
Glück in der Presse versuchen. Als die eingesammelt. Keiner von ihnen konn-
britische Militärregierung ihm überra- te sich ein Auto leisten. Der Kunsthisto-
schend die Lizenz für ein Jugendmaga- riker und Verleger Hubert Burda schätzt,
zin namens „Zick-Zack“ anbot, das ein dass Nannen seinen Verlegern „über die
Damenstrumpfhändler aus Bad Pyr- Jahre an die zwei Milliarden Mark ver-
mont bastelte, griff er zu, „mit etwas dient hat. Es gibt in der Kunstwelt nur
List und Tücke müsste sich früher oder zwei, die mit Bildern so viel Cash gene-
später ein illustriertes Magazin für Er- riert haben: Picasso und Warhol. Rubens,
wachsene machen lassen“, sagte er sich. ja, aber das ist lange her.“
Die Redaktion befand sich im zweiten
Stock eines von Bomben getroffenen NICHTS WAR IHM PEINLICH, NIE
Hauses, in dem auch Rudolf Augstein Ende der 50er Jahre wollte Nannen das
seinen „Spiegel“ redigierte. Die einzige Soraya-Image loswerden. Er kaufte die
Sekretärin hatte so wenig Papier, dass besten Fotografen ein, dazu engagierte
man beide Seiten eines Blattes beschrieb. er streitbare Intellektuelle wie Paul
Es gab keine Schreibtische, keine Farb- Sethe, Sebastian Haffner, Gert von
bänder, keine Bleistifte, sogar ihre Stüh- Paczensky und Erich Kuby. Sie machten
le mussten die ersten stern-Redakteure aus dem Musikdampfer ein Blatt, das
von zu Hause mitbringen. Reporter Gün- politisch ernst genommen wurde. Geld
ter Dahl erzählte später die Geschichte, spielte keine Rolle, man log erster Klas-
dass „ich nur deshalb als Volontär ein- se und wohnte fünf Sterne. War auf
gestellt wurde, weil ich eine Schreibma- die Schnelle kein Linienlug verfügbar,
schine besaß“. mietete man einen Lear-Jet. Bis in die
Und es gab kein Papier. Nannen fuhr 70er Jahre hinein gab es keine Etats und
in die niedersächsischen Wälder, trieb keine Kostenkontrolle. Wenn die Verle-
irgendwie Kiefernholz „Homa Klasse A ger wagten, sich zu beschweren, kanzel-
So blaustichig“ auf und lieferte den Roh- te Nannen sie ab: „Ich muss das Geld
stoff in der Papierfabrik Feldmühle ab. zum Fenster rausschmeißen, damit ihr
Ein andermal beschaffte er sich Uhren es unten mit der Schubkarre wieder
ko und tauschte sie in der Schweiz gegen reinfahren könnt.“ Als unten kein
vor Leidenschaft für Papier ein. Schubkarren mehr stand, war Nannen
Uhren in die Schweiz schmuggeln! Ein längst auf dem Altenteil. Und im stern
sein Magazin – so einen echter Nannen. wurde keiner mehr gefragt, ob er lieber
würde heute wohl Henri Franz Theodor Max Nannen einen Mercedes oder einen BMW als
wurde am 25. Dezember 1913 geboren, Dienstwagen zu fahren geruhte.
kaum ein Verlagshaus sein Leben umspann gewissermaßen die Wie er die bestgemachte und renta-
an seine Spitze stellen. große Zeit der gedruckten Presse. Als belste Illustrierte der Welt fabriziert hat?
er 1996 starb, las man Nachrichten schon „Ich ging davon aus, dass das, was mich
Schade eigentlich online, heute kämpft Print ums Über-le- interessiert, auch die Leser interessiert.“
ben. Die traditionsreiche Firma Feld- Leserbefragung? Media-Analyse? Er piff
Von Claus Lutterbeck mühle, in der Nannen seine ersten Pa- darauf. Sein Spott über die Theoretiker
pierrollen kaufte, meldete Anfang des der Medienbranche war vernichtend:
Jahres 2018 Insolvenz an. „Sie sind wie die Eunuchen. Sie wissen,
Im heißen Sommer 1948 dagegen wie es geht, aber sie können es nicht.“
herrschte Aufbruchstimmung. Nannens Alles an diesem 1,89 Meter großen Ra-
erster stern erschien mit einer Aulage bauken war einschüchternd, sein raum-
von 130 000 Exemplaren, der Druck war greifendes Ego überwältigte nicht nur
sepiafarben (bis 1959), denn schwarze uns Redakteure, auch seine zweite Frau
Farbe war teurer. Das Heft hatte 16 Sei- Martha hatte schwer daran zu tragen:
ten und kostete 40 Pfennig. 20 Jahre „Man verliert auf die Dauer seine Iden-
später, im Frühjahr 1967, druckte man tität in deiner Gegenwart.“ Er sah blen-
1 931 438 Exemplare, die höchste Einze- dend gut aus, messerscharfer Scheitel,
laulage aller Zeiten. Nannens reich il- blaue Augen, donnernde, raue Stimme,
lustrierte Wundertüte war „die Lokomo- breite Schultern, er hatte ein Auftreten, 4
70 Jahre 61
als sei er dem „Ring des Nibelungen“
entstiegen. Leni Riefenstahl, die Exper-
tin für germanisches Ebenmaß, war von
dem 24-Jährigen so begeistert, dass
sie ihn als Stadionsprecher für ihren
Film über die Olympischen Spiele 1936
engagierte. Nachträglich. Nannen war
gar nicht im Berliner Stadion dabei, die
Aufnahmen wurden später gedreht.
Nichts war ihm peinlich, nie. Ob er in
Konferenzen einschlief, ob er seine Mei-
nung von einem Tag auf den nächsten
änderte oder ob er haarscharf an der
Wahrheit vorbeischrammte, egal. Und
natürlich hat keiner seiner Redakteure
je vergessen, dass er auch mal eine Arsch-
backe hob und ungeniert pupste. Dann
tat er so, als sei nichts gewesen. Einem
Erfolgsmenschen wie ihm ließ man
alles durchgehen, man war „geradezu
stolz, wenn man von ihm angeschissen
wurde“, sagte Layouter Herbert Suhr.
Damit gehörte man zur Bande eines cha-
rismatischen Antreibers, man genoss
Freiheiten, von denen man in anderen
Redaktionen nur träumen konnte, und
man bekam ein Gehalt überwiesen, das
einem die Branche neidete.

„SIE SCHWACHKOPF, SIE CHAOT!“


Der Preis dafür war hoch.Solange er den
stern regiert,war die Luft bleihaltig.Die
wöchentliche „Struktur“,wenn die Plät-
ze für die Artikel der nächsten Ausgabe
verteilt wurden, war ein darwinistisches
Gemetzel, bei dem jeder gegen jeden
keilte, angestachelt von einem „peit-
schenschwingenden Dompteur“, so der
einstige Chef vom Dienst, Wolf Schnei-
der. Nicht alle Wutausbrüche waren
echt, einige waren nur genial inszeniert.
Gelernt hat er den großen Bluff bei ei-
nem Lehrgang der Wehrmacht über
„psychologische Kriegsführung“. Selbst
in seiner schwärzesten Stunde griff
Nannen erfolgreich in diese Trickkiste.
Als die Hitler-Tagebücher enttarnt wur-
den, entlud sich die Wut der Redaktion,
die nicht über die Machenschaften des
Verlags informiert gewesen war, in einer
tumultuösen Vollversammlung. Nan-
nen beschimpfte seine Kritiker: „Jetzt
kommen die Ratten aus ihren Löchern!“
Da forderten Hunderte in Sprechchören:
„Nannen raus!“ Der Betriebsratsvorsit-
zende wies ihn aus dem Saal, drohte so-
gar mit der Polizei, als Nannen partout
1969 Henri Nannen hatte
den fotoscheuen
nicht gehen wollte. Da schaltete der Alte BADEN MIT BRANDT Willy Brandt dazu
blitzschnell von Attacke auf Schlappe überredet, sich mit ihm
im Pool zu zeigen.
um und vergoss ein paar Tränen. Es war Brandt war damals
ein beklemmender Augenblick, die to- Außenminister, Robert
bende Belegschaft war geschockt: Der Lebeck fotografierte

62 70 Jahre
Übervater, der den stern und damit sie ein Beweis, dass die Story schlecht war.
alle groß gemacht hatte, weinte? Re- Und das ließ er seine Redakteure spü-
porterin Wibke Bruhns begegnete ihm ren. Modechein Barbara Larcher, eine
später im Aufzug, von Zerknirschtheit der wenigen Frauen am Tisch, erinnert
keine Spur: „Siehste, Wibke“, feixte er, sich: „Wenn Nannen den Mund auf-
„so macht man das.“ machte, zuckten alle Männer zusam-
Wenn Sir Henri morgens das Haus men. Da ging bei denen sofort so ein
betrat, „herrschte Hochspannung auf al- Überlebensding los: Wenn du jetzt
len Fluren“, erinnert sich der ehemalige nicht funktionierst, liegst du raus.“ Wer
Leiter des Deutschland-Ressorts, Micha- da den Schwanz einzog, wurde auch
el Seufert. Airedale-Terrier Nuck ging wie ein Hund behandelt. Da bekam er
vorneweg mit Nannens Ledertasche im „diese Menschenbrechlust“, sagt der da-
Maul, und Leibwächter Ey hinterher, malige Unterhaltungs-Ressortleiter
man nannte ihn nur „Nannens drittes Michael Jürgs, „da wollte er sehen, wie
Ei“. Er sollte ihn zu RAF-Zeiten beschüt- weit er gehen konnte“. Und wenn einer
zen, hatte freilich einen ruhigen Job. Er dann klein war, freute er sich diebisch,
machte Frühstück, mähte den Rasen dass er wieder „einen Adler zum Sup-
hinter Nannens Villa oder ging Gassi penhuhn“ gemacht hatte.
mit Nuck. Seinen Hund hat Nannen ver- Oft überging er einfach die Ressort-
göttert, der durfte alles, auch an die Tür- leiter am anderen Ende des Tisches, in
pfosten in der Redaktion pinkeln. der „Todeskurve“ saßen Motor, Mode,
Abends deckte er ihn zu: „Da lag er ne- Reise. Auch der unrasierte Jürgs hing
ben meinem Bett, und ich habe mit ihm dort provokant lässig in seinem Sessel
zur Nacht gebetet.“ und machte sein freches Maul ungefragt
Punkt zehn begann die Konferenz, auf. „Sie Schwachkopf, Sie Chaot“, bekam
keine Minute später. Verspätungen dul- er zu hören, als er sich einmal weigerte,
dete der Sohn eines preußischen Polizei- die Memoiren von Nannens Freundin
beamten nicht. Nannen setzte sich in Leni Riefenstahl zu drucken.
den Sessel am Kopfende – er blieb leer,
wenn er verreist war – und steckte sich 20 LEUTE AM STÜCK FLOGEN RAUS
die erste „Gitanes“ an. Gereizt schmet- Wer ihm Paroli bot, wurde gebissen, aber
terte er dann einen Themenvorschlag ernst genommen, wie Heinrich Jaenecke,
nach dem anderen ab, alles langweilig, einer der Klügsten. Der Enkel des Reich-
alt und abgelutscht. Seine eigenen Ide- spräsidenten Ebert widerlegte ihn mit
en dagegen fand er brillant. Triumphie- solch intellektuellem Format, dass
1967 rend zog er ein Dutzend Zeitungsausris- selbst Nannen sanft wurde. An einer
PLAUDERN MIT JOHNSON se aus der Tasche seines Oberhemds und Figur jedoch biss er sich die Zähne aus,
US-Präsident schimpfte: „Ihr solltet die Zeitungen das war Erich Kuby, drei Jahre älter, noch
Lyndon B. Johnson besser lesen! Die sind voller guter The- arroganter und viel politischer als er.
empfing den stern- men.“ Nannen las sie jeden Morgen auf Lautstark warf der erfolgreiche Schrift-
Chef auf seiner dem Klo. Wenn ihn etwas interessierte, steller ihm vor, er verschlafe wichtige
Ranch in Texas und
war Nannen hellwach und neugierig, Themen oder sei zu feige, sie anzufassen.
zeigte ihm alles.
Aus einer Stunde voller Feuer und und fast kindlicher Nach solchen Krächen besann Nannen
wurden fünf – Wissbegier. Wenn ihn etwas langweilte, sich schnell und behauptete gern: „Das
man verstand schlief er einfach ein. Sogar, als er ein- hab ich nie gesagt!“ Er war nicht nach-
sich so gut mal die SPD-Größen Willy Brandt, tragend. Einmal wunderte er sich, dass
Herbert Wehner und Fritz Erler inter- der Chef des Motor-Ressorts nicht in der
viewte. Als das Gespräch bei der „mit- Runde saß. „Herr Nannen“, sagte man
telfristigen Finanzplanung“ angelangt ihm, „den haben Sie letzte Woche gefeu-
war, „schnarchte Nannen laut“, wie sein ert.“ Nannen war perplex: „Das hat der

NANNEN WOLLTE DAS


ebenfalls anwesender Politikchef Gerd ernst genommen?“ Am schlimmsten war
Gründler später berichtete, er wachte die Konferenz an Heiligabend 1966, da

SORAYA-IMAGE
auch nicht auf, als „ich vorsichtig ver- hat er gleich 20 Leute am Stück rausge-
suchte, ihn aufzuwecken“. schmissen. Sie wurden am zweiten

LOSWERDEN UND EIN


Neben Nannen saß am Konferenz- Weihnachtsfeiertag wieder eingestellt.
tisch immer auch eine Person, unsicht- Besonders rustikal war der Ton, wenn

BLATT MACHEN,
bar, die mächtiger war als alle Ressort- sich Reporter Heiko Gebhardt und sein
leiter, Nannens Schwiegermutter Elsa. Chef in die Haare gerieten: „Wir haben

DAS POLITISCH ERNST


Sie servierte ihm nachts Rinderbraten, uns immer ordentlich eingeschenkt“,
wenn er müde aus der Redaktion heim- sagt der Sohn eines niedersächsischen

GENOMMEN WURDE
kam. Wenn sie eine Reportage nicht Gastwirts, der einmal sogar seinen
verstand oder langweilig fand, war das Rausch auf Nannens schwarzseidenem 4
70 Jahre 63
Sofa ausschlief. Kein Problem, solche
Nummern nahm der Chef mit einem
weisen Lächeln hin. Als es aber zu einem
lautstarken Streit über einen Text kam,
entließ Nannen ihn, er sei „unfähig, ei-
nen graden Satz zu schreiben“. Gebhardt
bollerte zurück: „Und Sie sind der
dümmste Ostfriese, den ich je getroffen
habe!“ Ihren gegenseitigen Respekt hat
das eher gefestigt. Zwei Jahre später heu-
erte Nannen ihn wieder an, fürs doppel-
te Gehalt.

ER LIESS X-MAL UMSCHREIBEN


Selbst sein engster Mitarbeiter, einer
seiner wenigen wirklichen Freunde, der
großartige Victor „Vic“ Schuller, gab es
ihm noch in der Grabrede: „Du konntest
richtig wehtun, bis an die Grenze des Er-
träglichen.“ Der Siebenbürger gehörte
zu jener Handvoll Leute, die ihn duzten,
warum er ihn nicht Henri, sondern „Pe-
ter“ nannte, blieb uns immer ein Rätsel.
Ohne seinen Stellvertreter hätte Nan-
nens stern niemals so hell funkeln kön-
nen. Eine der vornehmsten Aufgaben
von Vic war es, die Redakteure, die
Nannen gerade in den Boden gestampft
hatte, wieder aufzurichten: „Die Lei-
chenteile, die aus seinem Büro ielen, hat
er wieder zu Menschen zusammenge-
setzt“, wie ein Augenzeuge schrieb. Die
andere tragende Figur war Artdirektor
Rolf Gillhausen, genannt Gill. Der eher
schweigsame Rheinländer war das Auge
des stern, neben dem Strahlemann Nan-
nen ging er oft unter. Das Verhältnis der
beiden war quecksilbrig, „da wackelten
die Wände“, erinnert sich Gillhausens
Vize Wolfgang Behnken, „irgendwann
gingen sie dann brummend zum Italie-
ner und vertrugen sich bei einem Teller
Pasta wieder“. Bis zum nächsten Krach.
Nannen war natürlich viel mehr als
ein polternder Zerstörer. Er war vor
allem ein sinnlicher, vor Ideen sprühen-
der Charmeur, der es wie kein anderer
verstand, aus kreativen Leuten mehr 1973
ER WAR AUF SEINEM
herauszukitzeln, als sie selbst für mög-
lich gehalten hätten. Zielsicher fand er BEIM KREML-CHEF
SCHIFF, ALS ER
die Schwachstellen in jedem Artikel: Auf Augenhöhe,
„Ihre Geschichte hat eine starke und mindestens:
Frech platziert sich
DAS MANUSKRIPT ÜBER
eine schwache Seite“, kanzelte er seine
Henri Nannen auf
Schreiber ab, „sie fängt schwach an und dem Schreibtisch von
DIE KINDER VOM BAHNHOF
fällt dann stark ab.“ X-mal ließ er sie Leonid Breschnew.
dann umschreiben, Widerworte gab es Drum herum stehen

ZOO LAS. „WAHNSINN,


nicht: „Er war nicht hochmütig oder ar- der Dolmetscher
rogant, er wusste nur genau, wie die und eifrig mitschrei-
bende stern-Leute
DAS MUSS SOFORT
Struktur einer Geschichte auszusehen
hatte“, sagt Axel Hecht, damals Ressort-

INS BLATT“, SAGTE ER


leiter Kultur. Wenn er „nachts im Lay-
out stand“, erzählt Behnken, „und sich

64 70 Jahre
mit seinen großen Pranken die Mett- Mehrheitseigner des stern-Verlags Gru-
brötchen hineinstopfte, fragte er: ,Was ner + Jahr, in eine Reihe mit illustren
steht denn in der Geschichte drin?‘ Oft Steuerlüchtlingen gestellt. Der Kon-
hatte er sie gar nicht gelesen. Aber dann zernchef verlangte Bissingers Entlas-
warf er eine geniale Überschrift hin.“ sung, Nannen gab schließlich nach. Der
Nie war er zufrieden. Wenn in der Dru- bewunderte Chef, der sich tausendund-
ckerei die großen Walzen schon anliefen, einen Krach mit dem Verlag geliefert und
raste er morgens um fünf in seinem wie ein Löwe immer seine Leute vertei-
Flügeltüren-Mercedes 300 SL hinaus digt hatte, dieser Kämpfer für den unab-
nach Itzehoe und änderte im laufenden hängigen Journalismus stand plötzlich
Andruck irgendeine Überschrift, die ihm auf der anderen Seite. Das verzieh ihm
nicht mehr geiel. Für das Geld, das so damals keiner. Damals zerriss „der Vor-
etwas kostete, hätte er sich jedes Mal ei- hang zwischen Akteuren und Regisseur“,
nen neuen SL kaufen können. wie Nannen später selbst bekannte.
Und er hatte einen unglaublichen Rie- 1981 trat Nannen als Chefredakteur
cher. Ein Jahr lang hatten die Reporter ab, sein Geschöpf hatte er abgehakt. Im
Kai Hermann und Horst Rieck an ihrer „VEB Stern“, höhnte er, grassiere eigent-
Serie über die Kinder vom Bahnhof Zoo lich nur eine „Angst: dass die Räder der
geschrieben, aber in der Chefredaktion Gehaltsbuchhaltung still stünden“. Die
war das Interesse gleich null. Das Stück dilettantisch gefälschten Hitler-Tage-
lag und lag. Nannen hatte sich damals, bücher vom Mai 1983 haben am Heraus-
1978, aus dem Tagesgeschäft verabschie- geber weit grausamer genagt, als er je
det, er war immer öfter auf seiner orkan- zugeben wollte. Nach außen hin steckte
tauglichen Stahlyacht „Positano III“ auf er die „Hitler-Scheiße“, wie er sie nann-
hoher See. Aber eines Tages bekam er das te, locker weg. Aber innerlich litt er
lange Stück über die Berliner Dro- fürchterlich daran, er hatte Depressio-
genszene in die Finger, las es in einer nen und suchte Hilfe bei einem Psycho-
Nacht durch und sagte: „Wahnsinn, das therapeuten. Nicht nur seine Enkelin
muss sofort ins Blatt.“ Es wurde eine der Stephanie, die ein inniges Verhältnis
erfolgreichsten stern-Serien überhaupt. zu ihrem „Gropi“ hatte, ist davon über-
(Den ersten Teil von „Wir Kinder vom zeugt, dass er nie nach Emden gezogen
Bahnhof Zoo“ haben wir auf Seite 124 wäre, wenn die Tagebuch-Affäre nicht
nachgedruckt). „sein Leben so erschüttert und ihm
nicht Hamburg so vermiest hätte“.
AN DEN TAGEBÜCHERN LITT ER Henri Nannen starb am 13. Oktober
Reporter Jürgen Serke erzählte seinem 1996, knapp 83 Jahre alt. Ein Kerl wie
Chef bei einem Glas Rotwein, es gebe er, sagt Springer-Chef Matthias Döpfner,
zahllose, von den Nazis ermordete sei „heute in sehr kostenbewussten
Schriftsteller, die in der Bundesrepub- Verlagsetagen eher schwer vermittelbar.
lik vergessen seien. Nannen sprang so- Und das ist schade. Man kann auch sa-
fort darauf an: „Fahren Sie los!“ Ein Jahr gen: Das ist ein Fehler.“
lang waren Serke und der Fotograf Wil- Alles an ihm war maßlos und unbän-
fried Bauer unterwegs, ihre Serie „Die dig, sein Ego, seine Lust auf das Leben –
verbrannten Dichter“ wurde eine der und natürlich auf das Leben der ande-
markantesten in der Geschichte des ren. Hätte Verdi ihn gekannt, hätte
stern. Serke ist mit Nannen oft zusam- er eine Oper aus ihm gemacht. Sein
mengerasselt, er war der Einzige, der Redakteur der ersten Stunde, Günter
1948 nach dem Skandal um die gefälschten
Hitler-
Dahl,rief ihm den Satz nach,den wir alle,
die mit ihm arbeiten durften, unter-
FIT FÜRS EDITORIAL Tagebücher 1983 seinen gut bezahlten schrieben hätten: „Ich möchte ihn von
„Doppelkinn weg“ Job hingeschmissen hat.Später sagte er: hinten erstechen und dann an seinem
und weitere Retusche-
Anweisungen für
„Ich verdanke dem Mann alles. Er hat
mich machen lassen.“
Grab weinend zusammenbrechen.“ 2
das erste Editorial-
foto des Chefredak- Der Bruch zwischen Nannen und sei-
teurs. Darunter: nem stern begann im Jahr 1978 mit dem
Nannen in den Siebzi- rüden Rausschmiss seines Stellvertre-
gern beim Segeln, ters Manfred Bissinger. Niemand in der Claus Lutterbeck, einst stern-Autor
als Steuermann zeigte Redaktion verstand,warum Nannen sei- Claus Lutterbeck wurde von Henri Nannen
er sich gern eingestellt. An das klamme Gefühl, wenn der
nen designierten Nachfolger wegen ei-
Chef nach einem rufen ließ, kann er sich
nes schlampig recherchierten Artikels
gut erinnern, auch die Stimme hat er
eines freien Mitarbeiters gefeuert noch im Ohr: rau wie eine Holzraspel, mit
hatte. Darin wurde Reinhard Mohn, ostfriesisch rollendem Rrrrr

70 Jahre 65
„DAS TELEFON KLINGELT
FRÜHMORGENS,
UND KLAUS, DIE SAU,
IST DRAN.
HALLO, RAUNT ER HEISER,
ICH BRAUCHE LEIDENSCHAFT,
UM ZU LEBEN.
LIEBE! LIEBE!“
stern-Reporter Jochen Siemens über Klaus Kinski,
24. Januar 1991 im stern
GLAMOUR,
KLATSCH,
PROMINENTE
70 Jahre 67
2015
THOMAS GOTTSCHALK
ZIEHT BILANZ
Thomas Gottschalk sprach
oft mit dem stern, zuletzt
im April 2015. „Ich habe
einfach immer Schwein
gehabt“, sagte er im Rück-
blick auf seinen Erfolg.
Fotografiert wurde Gott-
schalk von einem, der eben-
falls ein Star ist: Sänger
und Fotograf Bryan Adams
in seinem Londoner Studio.

70 Jahre 69
2012
MICHAEL SCHUMACHER,
EIN LETZTES MAL
Es war vor seinem letzten
Rennen für die Formel 1 am
25. November 2012 in São
Paulo, Brasilien. Fast genau
ein Jahr später verletzte
sich Schumacher bei einem
Skiunfall schwer. Er hatte
auf der Piste alles richtig ge-
macht, fuhr umsichtig, trug
Helm. Doch das Schicksal
kannte kein Mitleid mit dem
vom Erfolg verwöhnten,
durch und durch sportlichen
Mann. Nach langer Zeit im
Koma brachte man ihn nach
Hause in die Schweiz, dort
setzt er seine Rehabilitation
fort, abgeschirmt von der
Öfentlichkeit.

70 Jahre 71
1971
MICK JAGGER
SAGT „YEAH“
Es war seine erste Ehe, und sein
Jawort war „Yeah“. Am 12. Mai
1971 heiratete der Stones-
Sänger in Saint-Tropez die
Nicaraguanerin Bianca Pérez-
Mora Macías. Aus der Ehe
ging die Tochter Jade Jagger
hervor, 1979 wurden die
Jaggers geschieden. Bianca
Jagger ist heute eine engagier-
te Menschenrechtsaktivistin
und Botschafterin von
Amnesty International. Mick
Jagger, inzwischen Mitte 70,
tritt immer noch auf.

72 70 Jahre
1981
DREI TAGE MIT
ROMY SCHNEIDER
Im März 1981 verbrachte die
Schauspielerin im französi-
schen Quiberon drei Tage
mit den stern-Reportern
Michael Jürgs und Robert
Lebeck. Schneider hielt sich
in einer Entzugsklinik auf
und war mitten in der Tren-
nung von ihrem zweiten
Ehemann. Dem stern sagte
sie: „Ich bin eine unglück-
liche Frau von 42 Jahren.“
Niemand ahnte, dass es ihr
letztes großes Interview
sein würde, ein Jahr später
starb Romy Schneider.
Über das Interview hat die
Regisseurin Emily Atef
im vergangenen Jahr einen
Film gemacht: „3 Tage in
Quiberon“; Marie Bäumer
spielt Romy Schneider.
Der Film erhielt zehn Nomi-
nierungen für den Deut-
schen Filmpreis, der Ende
April verliehen wird.

74 70 Jahre
76 70 Jahre
2009
MICHAEL JACKSON
IST NICHT MEHR
In diesem Bett starb am
25. Juni 2009 an einer Über-
dosis Narkosemitteln der
King of Pop. Das Foto ent-
stand kurz darauf, die Decke
ist noch zurückgeschlagen,
medizinische Gerätschaften
liegen herum und zeugen von
dem Drama. Jacksons Arzt
Conrad Murray wurde später
wegen fahrlässiger Tötung
angeklagt und zu vier Jahren
Gefängnis verurteilt. Der
Tod des Musikers löste bei
seinen Fans weltweit Trauer
aus. Der stern widmete
Michael Jackson eine Sonder-
ausgabe. Sein letzter Film
„This is it“, erschienen im
Oktober 2009, ist der
erfolgreichste Konzertfilm
aller Zeiten.
1977
BECKENBAUER
UND PELÉ NACKT
Fort Lauderdale, August
1977. Um den amerikani-
schen Fußball attraktiv zu
machen, kauften Klubs wie
New York Cosmos weltbe-
kannte Starspieler, Franz
Beckenbauer und Pelé zum
Beispiel. Nach einem Spiel
gegen die Fort Lauderdale
Strikers folgte stern-Foto-
graf Volker Hinz Becken-
bauer und Pelé bis in die
Dusche. „Ich habe Becken-
bauer noch gesagt, sich
etwas zur Seite zu drehen“,
erinnert sich Volker Hinz.

78 70 Jahre
2004
ELTON JOHN ISST EIS
Der Mann mit dem Eis und
mit dem Hund ist der Sän-
ger Elton John, einer der
berühmtesten und zugleich
ein bisschen verrückten
Popstars der Welt. Der
Mann, der das Foto gemacht
hat, ist David LaChapelle,
einer der verrücktesten
Fotografen der Welt. Wenn
zwei solche aufeinander-
trefen, dann entstehen
Bilder wie dieses: grell und
nach Bonbon schmeckend.
Und es brauchte noch eine
Zeitschrift, die verrückt
genug war, das zu drucken:
den stern.

80 70 Jahre
1984
MUHAMMAD ALI,
DER GROSSE
Muhammad Ali in seinem
Rolls-Royce in Los Angeles,
auf dem Rücksitz sein
marokkanischer Butler.
stern-Fotograf Volker Hinz
verbrachte einen ganzen
Tag mit dem Boxer in des-
sen Haus. Es war das Jahr,
in dem bei Ali zum ersten
Mal die Parkinson’sche
Krankheit festgestellt wur-
de. Sein letzter Boxkampf
war da schon drei Jahre
her. Es war kaum zu fassen,
dass dieser begabteste
Boxer aller Zeiten die Kon-
trolle über seinen Körper
verlieren sollte. So legendär
wie seine Schläge war sein
großes Mundwerk: In Ver-
sen hatte er Gegnern ihren
Knock-out vorhergesagt,
bevor er in den Ring stieg.

70 Jahre 83
2008
CLAUDIA SCHIFFER
ERINNERT SICH
„Alle wollen Claudia“, stand
da auf dem Cover, und vom
Foto lachte einen eine
verwuschelte junge blonde
Frau auf einem Motorrad an.
Das war im April 1990, die
erste große stern-Geschich-
te über Claudia Schifer,
die damals ganz am Anfang
ihrer Karriere stand. Zehn
Jahre später blickte sie zu-
rück und erzählte, wie sie
das Beauty-Dasein anfangs
vom Leben isoliert hatte:
„Ich habe in den Jahren viel
verpasst. Heute ist es groß-
artig. Man sitzt in einem
Restaurant, lacht und ist
ganz einfach nur gern auf
der Welt. Das Gefühl kannte
ich nicht.“ Dieses vom
Modefotografen John
Rankin aufgenommene Bild
erschien 2008 im stern.
In den 70 Jahren stern war die Knef einige Male auf
dem Titel und mit langen Geschichten und Interviews
auch im Heft. Sie ließ die Leser an ihrem Leben, ihren
Scheidungen und Krankheiten teilhaben. Oder anders
gesagt: Sie kam immer mal vorbei und erzählte von sich.
Sie war dem stern treu und der stern ihr auch. Und die
Leser hatten das Gefühl, Hildegard Knef käme auch bei
ihnen vorbei.Nähe,immer wieder Nähe,forderte schon
Henri Nannen von seinen Reportern: Schaut hin, wie

AUF KLO MIT


sie wohnen, was sie essen und welche Hemden und
Schuhe sie tragen, seid nahe.
Prominente, Stars, Idole, ganz oben oder ganz unten,
dieses Leben im Scheinwerferlicht ist nicht der Puder-
zucker auf einer ansonsten harten politischen oder

STEPHEN
ökonomischen Welt. Sie sind nicht nur der Platz zum
Luftholen zwischen den Realitäten,sondern genauso ein
Teil davon.Menschen erkennen sich in ihren Stars wie-
der, sie sind das Ziel, besser oder anders zu sein oder zu

SPIELBERG
werden. Die Frauen, die in den 50er Jahren Hildegard
Knef im Kino sahen,wollten so unabhängig werden wie
sie. Romy Schneider zu verehren und ihrem Weg von
„Sissi“ zum Weltstar zwischen Alkohol und Depressio-
nen zu folgen forderte eine Leidenschaft und ein
Der stern ohne Glamour, Mitleid, was viele aus dem eigenen Leben gar nicht
kannten. Oder, wie es Henri Nannen 1961 zum Tod des
ohne Stars? Nicht vorstellbar. Schauspielers Gary Cooper schrieb: „Die Illusion für eine
Die großen und kleinen Mark achtzig – wer brachte sie vollkommener und schö-
ner in die Herzen all derer, die niemals Helden waren
Dramen, die ganzen und sich ein Leben lang wünschten, Helden zu sein?“
Helden. Wer schon etwas älter ist und im stern liest, wie
Schoten und Anekdoten – Keith Richards von den Rolling Stones ihm mit 74 er-
wohin denn dann damit? zählt, dass er keinen Ruhestand kennt, fühlt sich einen
Moment lang vielleicht auch als Held.Über seinen Ren-
tenbescheid könnte er vielleicht weinen, aber Keith
Von Jochen Siemens Richards liest er mit den alten Füßen auf dem Tisch und
einem Drink in der Hand.Das ist nicht die heiße Luft des
Tratsches, sondern Lebenshilfe.

H
ildegard Knef.Wer schon etwas älter ist,dem
muss man jetzt nichts erklären. Wer noch BITTE KEINE FOTOS IN UNTERHOSE
etwas jünger ist, dem vielleicht schon. Aber, wie gesagt, dazu braucht es Nähe. Und nicht drei
Hildegard Knef war eine deutsche Schau- Minuten gehechelte Interviews an roten Teppichen. Es
spielerin und Sängerin,sie lebte von 1925 bis braucht die Nähe, wie sie einmal der Sänger Julio Igle-
2002, sang so schöne Texte wie „Ich möchte sias offerierte, als er die stern-Reporter im spanischen
am Montag mal Sonntag haben und ‚Feier- Málaga mit dem Satz emping: „Bis morgen früh gehö-
abend‘ vorm Aufstehn sagen. Ich möchte re ich Ihnen. Nur eine Bedingung: keine Fotos von mir
ganz sorglos verreisen können und Erd- in Unterhose.“ Oder Nähe, wie sie Romy Schneider
teile wie meinen Garten kennen.“ Und sie zuließ, als sie sich 1981 mit zwei stern-Reportern drei 4
spielte in vielen Filmen und davon in einem, „Die Sün-
derin“,1951 auch ganz kurz mal ganz nackt,was ein ziem-
licher Skandal war. „Die Knef“, wie man sie nannte, war
so etwas wie das deutsche „It-Girl“ der Nachkriegs-
gesellschaft. Und sie war das Gesicht auf der ersten
Ausgabe des stern.Das war 1948,die Knef ing gerade erst LESER ERKENNEN
an, berühmt zu werden, die deutsche Star- und Promi-
nentenlandschaft war noch sehr wenig bevölkert, doch SICH IN IHREN STARS
der Hunger nach neuen,unverdächtigen Gesichtern,die
sich anhimmeln ließen, war groß. WIEDER. DAS IST
Also zeigte der stern jede Woche ein Star-Gesicht auf
dem Titel, aber auch viele Halb- oder Viertelprominen- NICHT HEISSE LUFT, SON-
te oder gar nicht Prominente, die wenigstens ein sonni-
ges Gesicht hatten. DERN LEBENSHILFE
70 Jahre 85
sich selbst preisgab. Es war noch eine andere Zeit, eine
Zeit ohne Internet, Twitter, Hashtags. Sicher, es gab auch
Gerüchte über gescheiterte Ehen, verheimlichte
Schwangerschaften, Liebesglück und Liebesleid; über
Stars, die zu viel tranken oder zu viel Geld ausgaben.
Aber es waren Gerüchte mit der Geschwindigkeit des
Gelüsterten, und wenn sie mal öffentlich wurden, dann
auf den brüllenden Seiten der Boulevardpresse. Nie im
stern. Der stern wollte die Nachricht, nicht das Gerede.
Bis heute. 1993 gab es einmal so eine Geschichte. Der TV-
Sender Sat 1 und die „Bild“-Zeitung wälzten sich vor ein
paar Jahren in Gerüchten, Thomas Gottschalk sei mög-
licherweise ein heimlicher Freund der Psycho-Sekte
Scientoloy, tagelang waren Fernsehzuschauer verun-
sichert, bis Gottschalk selbst aufklärte. Im stern. Alles
Unsinn, es gab einen Schweizer Scientologen, der auch
Thomas Gottschalk hieß, Sat 1 und „Bild“ waren auf eine
Namensverwechslung hereingefallen.

SCHELL BELLTE: „DAS GEHT SIE GAR NICHTS AN!“


Der stern wird in Hamburg gemacht und hat eine durch-
aus hanseatische Seele: unaufgeregt, nüchtern, und es
gilt sozusagen der Handschlag. Mit anderen Worten:
Dem stern kann man vertrauen. Das war auch der Grund,
warum Thomas Gottschalk die Gerüchte um ihn im stern
aufklärte. Und es ist auch der Grund, warum andere gro-
ße Namen mit dem stern sprachen und heute sprechen.
2009 Moritz Bleibtreu, Til
Schweiger, Daniel Brühl, Arnold Schwarzenegger, Claudia Schiffer, Tom Hanks,
BERLINALE EXKLUSIV extrem lässig bei Mick Jagger, Paul McCartney, Brad Pitt, Michael Douglas,
der Berlinale 2009. Elton John, Helene Fischer – die Liste ist endlos. Aber,
Für den stern und das ist wichtig, der stern ist mit keinem der großen
fotografierte Karl
Lagerfeld viele Stars. Stars befreundet. Denn befreundet sein hieße, befangen
Ein gigantischer zu sein. Und damit jemanden vielleicht berühmter zu
Aufwand, allein machen, als er ist. Oder über einen Fehltritt, einen
Lagerfelds Entourage schlechten Film oder sonst eine Beule im Ruhm hinweg-
von bildschönen zusehen. Weil der Leser es auch nicht tut. „Ich glaube“,
jungen Männern war
schrieb 1961 Henri Nannen im stern, „man kann von uns
beeindruckend
nicht sagen, dass wir die Traumfabrik Film und ihre
Vertreter allzu oft mit sentimentaler Verehrung
behandelt hätten. Im Gegenteil, wir sind respektlos ge-
nug, um Stars und Sternchen menschlicher zu inden,
als es ihrem Nimbus guttut.“ Wer mit dem stern spricht,
weiß, worauf er sich einlässt.
Tage und Nächte lang zu ihrem letzten großen Interview Meistens jedenfalls. Es gab auch Begegnungen, die
traf.Auch die Nähe des Dabeiseins, der Beobachtung: wie zum Streit führten, es gab auch Krach und wenige Male
bei einer Golden-Globe-Verleihung in Hollywood ein Nachspiele vor Gericht. Mancher Star oder Halbstar
stern-Reporter dem alten Gregory Peck einen Stuhl be- wollte hinterher nicht gesagt haben, was er im stern las;
schaffte und später mit Stephen Spielberg und Michael andere forderten gerichtliche Unterlassung, und wieder
J. Fox auf der Toilette an derselben Rinne stand. Jeder andere wollten jahrelang nichts mit dem stern zu tun
stern-Unterhaltungsreporter könnte solche bunten Ge- haben. Götz George schimpfte öffentlich auf „dieses
schichten erzählen.Manche haben sich mit großen Stars Scheißblatt“, und auch Heidi Klum machte viele Jahre
betrunken, andere die Tränen getrocknet, gelüsterte einen Bogen um den stern, erst zu ihrem 40. Geburtstag
Geheimnisse für sich behalten, im selben Hotelbett traf man sich zu einem langen Gespräch wieder. Und,
geschlafen oder,wie bei Whitney Houston, abends noch das kann man hier ja heute erzählen, es gab auch Inter-
die Nintendo-Spielkonsole in ihrer Küche aufgebaut, views, die nie gedruckt wurden. Eines mit dem Schau-
weil sie nicht wusste, wie das geht. spieler Maximilian Schell, der dem stern einmal von sich
Viele der ganz großen Namen waren in den 70er Jah- aus angeboten hatte, über Erbstreit in seiner Familie zu
ren immer wieder im Heft: Sophia Loren zum Beispiel plaudern. Als die stern-Reporter ihn dann in einem
erzählte im stern von ihrem ersten Kind, später von ihrer Wiener Hotel trafen und die erste Frage zum Thema
Ehe mit Carlo Ponti.Oder Liz Taylor, die einmal von einer stellten, bellte Schell sie an: „Das geht Sie gar nichts an!“
Nacht mit Richard Burton berichtete und später viel über Und auch Klaus Kinski, dem der stern viele Geschichten

86 70 Jahre
widmete, verhandelte 1991 lange am Telefon über ein
Interview mit der Bedingung, er lasse sich nur von einer
„schönen Frau“ befragen. Zu einem Treffen kam es nicht
mehr, Kinski verstarb kurz darauf in Kalifornien. Und
auch Boris Becker, man ahnt es schon, war nicht immer
ein einfacher Interviewpartner. Nach einem sehr langen
Gespräch vor vielen Jahren auf Mallorca wollte Becker
vieles nicht mehr gesagt haben, was er erzählt hatte, und
schrieb Fragen und Antworten um. Nie erschienen.
Es kann also schon herzhaft zugehen, wenn Promi-
nente einsehen müssen, dass der stern sie nicht für so
großartig hält wie sie sich selbst. Wobei der stern immer
die privaten Linien der Stars respektiert hat, wenn sie
es verlangten.

ZLATKO? VON DEM SPRACH SCHON


BALD KEIN MENSCH MEHR
Hatten die stern-Macher in den 50er Jahren noch Mühe,
jede Woche ein halbwegs berühmtes Gesicht zu inden,
ist es heute eine schwer überschaubare Menge an Stars
und Helden oder Halbhelden, die in die Öffentlich-
keit drängen. Andy Warhol hatte 1968 noch bescheiden
vorausgesehen, dass „in Zukunft jeder für 15 Minuten
weltberühmt sein wird“, heute gibt es „Bachelor“- oder
Dschungelcamp-Teilnehmer, die keiner kennt, die aber
hartnäckig versuchen, aus den 15 Minuten ein halbes Le-
ben zu machen. Der Drang und die Illusion, „prominent“,
was auf Lateinisch „hervorragend“ bedeutet, zu leben 1985 Ein rotblonder
Jüngling aus Leimen,
und auch davon leben zu können, ist ein Phänomen, das BORIS BECKER der vom Gewinnen
sich durch Medien wie Youtube oder Instagram lutartig nicht genug bekommen
ausgebreitet hat. Und weil es bei dieser Flüchtigkeit von konnte; die Deutschen
vergötterten ihren
Prominenz nicht immer einfach ist, zielsicher zu sein, neuen Helden. Hier
lag der stern mit seiner Geschichte über Instagram-Star inszenierte die Fotografin
Pamela Reif richtig, mit dem Titel über Zlatko, den Gabo Boris Becker
Gewinner der ersten „Big Brother“-Staffel, eher nicht.
Über Zlatko sprach schon bald kein Mensch mehr.
Und so ist das: Kein Star ist berühmt, weil er im stern
steht,sondern in den stern kommt,wer berühmt ist.Der
stern kann und will keine Stars machen, das müssen sie
schon selbst schaffen. Die Leistung kommt vor dem
Ruhm, auch wenn sie am Anfang vielleicht noch klein
KAUM JEMAND
oder unentdeckt ist.
Manchmal ist kommende Größe spürbar. So berichte-
KANNTE JOHNNY
te der stern schon über den heutigen Superstar Helene
Fischer, als sie noch eine, sagen wir, vielversprechende
DEPP. UND
blonde Schlagersängerin war. Und mit Weltstar Taylor
Swift traf sich der stern zu einer Zeit, als sie kaum jemand
ER ERZÄHLTE
kannte, und wenn doch, dann als Countrysängerin aus
der amerikanischen Provinz. Auch Johnny Depp war Jochen Siemens, VON EINEM, DEN
ERST RECHT
stern-Reporter
nicht mehr als ein interessanter Jungschauspieler, als er
Unterhaltungsreporter
sich 1994 mit dem stern an der Hamburger Alster unter-
KEINER KANNTE:
Jochen Siemens kennt
hielt und von einem noch jüngeren erzählte, mit dem er die gelegentlichen
einen Film gemacht hatte und den erst recht keiner Tücken des Interviews
kannte: Leonardo DiCaprio. Mit diesem sprach der stern
drei Jahre später, als er zum Star in „Titanic“ wurde.
mit Stars. Man hat
sich gut vorbereitet, LEONARDO
DICAPRIO
interessant gefragt,
Nicht ganz so gespürsicher war der stern 1973, als er interessiert zugehört –
über eine Band orakelte: „Von der Bildläche verschwin- und nach einer Stunde
den wird sicher keiner der Rolling Stones, wenn sich die hat das Aufnahmegerät:
fünf Minuten. Batterie
Gruppe eines vermutlich nicht allzu fernen Tages auf- alle. Sein Tipp:
löst.“ Tja, Fehler der Jugend, könnte man sagen. Immer- immer auch mit dem
hin ist der stern fünf Jahre jünger als Mick Jagger. 2 Gedächtnis zuhören

70 Jahre 87
„DEM STERN IST
EINE WUNDE
GESCHLAGEN WORDEN,
DIE NOCH LANGE
SCHMERZEN WIRD“
HENRI NANNEN AM 11. MAI 1983

Kunstledereinband und Siegel


mit Hakenkreuz und Reichsadler –
ein Tagebuch aus
Konrad Kujaus Werkstatt

88 70 Jahre
DER SUPER-GAU
Der Skandal um die
gefälschten Hitler-Tagebücher
war der große Bruch
in der Geschichte des stern.
Eine aberwitzige Story,
die auch heute
noch als Lehrstück taugt
25. April 1983
Von Malte Herwig stern-Reporter Gerd
Heidemann posiert
mit drei der Kladden
für die Weltpresse. Er
galt in der Redaktion
als „Spürnase“ –
aber seine größte
Geschichte wurde
auch seine letzte. Mit
im Bild: Chefredak-
teur Felix Schmidt

D
er Traum eines jeden Reporters: Stellen Sie die Konkurrenz, sondern stern-Herausgeber Henri Nan-
sich vor, Sie haben einen richtig dicken nen.Für den stern,damals nach eigener Einschätzung „die
Fisch an der Angel und wollen jetzt das gro- führende Zeitschrift seines Genres wohl in der ganzen
ße Ding drehen.Die wenigen eingeweihten Welt“, wurde die Geschichte zum Albtraum.
Kollegen sind begeistert, Ihr oberster Chef Zwar erholte sich die Aulage nach ein paar Monaten
auch.Er gibt Ihnen alles,was Sie verlangen: wieder. Aber der stern musste danach alles tun, um seine
Sonderverträge,Gewinnbeteiligungen,Ge- Glaubwürdigkeit wiederherzustellen. Man habe sich
heimhaltungsprivilegien, Dienst-Merce- danach „unendlich seriös“verhalten müssen,urteilte der
des. Und so viel Geld, dass Sie es kaum ehemalige stern-Journalist Manfred Bissinger rückbli-
schnell genug ausgeben können. ckend, und das sei für eine Illustrierte eine schwierige
Dann nimmt die Sache richtig Fahrt auf. Situation. Mit der journalistischen Spielfreude und ra-
Ihre Quelle sprudelt und liefert Sensationen in Serie: baukigen Angriffslust des stern war es erst einmal vorbei.
Tagebücher, Memoiren, Manuskripte, sogar eine Oper. Die Schuldigen standen schnell fest, allen voran der
Natürlich werden zwischendurch auch mal Fragen laut. einstige Star-Reporter Gerd Heidemann und seine omi-
Aber die kommen von den üblichen Nörglern und Neidern. nöse Quelle „Conni Fischer“. Dahinter verbarg sich der
Ist die Geschichte zu gut, um wahr zu sein? Sind da Meisterfälscher Konrad Kujau,ein wegen Diebstahls und
Widersprüche? Die Zweiler und die Zweifel – auch die anderer Delikte polizeibekannter Kleinkrimineller.Dann
eigenen – werden abgespeist, weil nicht sein kann, was Thomas Walde, der drei Jahre lang eng mit Heidemann
nicht sein darf. Nach zwei Jahren Recherche wird der zusammengearbeitet hatte und als Leiter der stern-Son-
Erscheinungstermin hektisch vorgezogen. Man will sich derredaktion Zeitgeschichte für die Koordinierung
die „Jahrhundert-Sensation“ ja nicht in letzter Minute der Recherchen zuständig war.Die Chefredakteure Peter
wegschnappen lassen. Sie verkünden vollmundig, jetzt Koch und Felix Schmidt, die trotz aller Zweifel den
müsse die Geschichte des Dritten Reiches „teilweise um- Erscheinungstermin der Geschichte vorgezogen hatten,
geschrieben werden“, und lassen sich mächtig feiern. ohne auf ein abschließendes Papiergutachten des Bun-
Aber dann werden Sie plötzlich aufgeweckt aus deskriminalamts zu warten.
diesem schönen Traum. Dann gehen Sie baden, aber so Aber auch Gerd Schulte-Hillen, der Vorstandsvorsit-
richtig. So wie der stern, als die von ihm 1983 unter zende des stern-Verlags Gruner + Jahr, und sein Vorgänger
mächtigem Getöse veröffentlichten angeblichen Hitler- Manfred Fischer trugen Mitverantwortung an dem Desas-
Tagebücher innerhalb weniger Tage als Fälschungen ter. Sie hatten an der stern-Redaktion vorbei Verträge mit
entlarvt wurden. Heidemann und Walde gemacht und damit gegen ein eher-
Aus dem größten Knüller aller Zeiten wurde „der größ- nes Gesetz journalistischer Unabhängigkeit verstoßen: Ein
te Flop der deutschen Pressegeschichte“.Das schrieb nicht Verlag darf sich in redaktionelle Dinge nicht einmischen.

90 70 Jahre
Einige Auszüge aus den Tagebuchnotizen bildete der stern in seiner
Titelgeschichte über den vermeintlichen Sensationsfund ab

„Nur die stern-Redaktion hat mit der ganzen Sache Am 9. März 1983 bestellt stern-Chefredakteur Peter
nichts zu tun“, hielt Nannen denen entgegen,die nun die Koch seinen Autor zu sich ins Büro. Thieme gehört beim
gesamte Mannschaft mit Hohn und Spott übergossen.Es stern zu den Edelfedern und ist genau der richtige
war ein schwacher Trost für die Redakteurinnen und Mann für Koch.Denn der Chefredakteur hat ein Problem:
Redakteure, die sich von einem Tag auf den anderen Er braucht einen Auftakt für die Serie über die Hitler-
schuldlos-schuldig inmitten des größten Presseskandals Tagebücher,jemand muss die Geschichte des Fundes auf-
wiederfanden, den die Bundesrepublik je gesehen hatte. schreiben. Heidemann kann und will nicht schreiben, er
„Obwohl wir alle darauf beharrten, ohne Schuld zu sein“, sei ja immer nur nach Stuttgart gefahren,um die Bücher
erinnerte sich der damalige stern-Redakteur Michael abzuholen. Das ist alles, aber keine stern-Geschichte.
Jürgs später, „hatten wir die journalistische Unschuld Von Koch erfährt Thieme zum ersten Mal von der Exis-
verloren, weil wir zum stern gehörten, mussten wir die tenz der Hitler-Tagebücher. Nun soll er innerhalb der
Erblast AH tragen.“ nächsten Wochen den Text über den sensationellen Fund
schreiben. Länge: 60 Seiten. Er soll im stern erscheinen
„EIN RAUSCH, DER DIE LEUTE ERFASST HAT“ und später in einem Buch über Hitlers Stellvertreter
„Dem stern ist eine Wunde geschlagen worden, die noch Rudolf Heß, das Heidemann und Walde bereits fertig
lange schmerzen wird“, urteilte Henri Nannen damals.Bei haben. Neben den Tagebüchern habe Hitler nämlich
manchen der Beteiligten jucken die Narben noch heute. Heß’ Geheimlug nach England im Mai 1941 eine eige-
Zum Beispiel bei Wolf Thieme. „Wir wurden von allen ne Kladde gewidmet.
Seiten mit Scheiße beschmissen“, erinnert sich der Im Gegenzug soll Thieme an den Tantiemen beteiligt
ehemalige stern-Autor. Es sei eine richtige Hexenjagd ge- werden. Weil die Buchverträge mit Heidemann und
wesen, auch innerhalb des Hauses. Der heute 80-Jährige Walde längst abgeschlossen sind, bietet ihm die stern-
kann auf eine bewegte Journalistenkarriere zurückbli- Chefredaktion 25 000 D-Mark an. Nicht schlecht, aber
cken: Reporter bei der „Bild“, „Playboy“-Chefredakteur, auch keine unübliche Summe für damalige Verhältnisse
stern-Autor und zuletzt Chefredakteur vom „Feinschme- und ein Klacks im Vergleich zu den Gewinnen, auf die
cker“. Von 1980 bis 1987 war er beim stern und ist erst Heidemann, Walde und der Verlag hoffen.
einmal wenig erfreut über den Anruf. Die Sache mit den Denn Gruner + Jahr will mit den Ergüssen des Tage-
Hitler-Tagebüchern sei natürlich auch in seiner Karrie- buch-Führers ein Riesengeschäft machen. 1,7 Millionen
re der Tiefpunkt. Thieme war der Autor, der damals für Hefte druckte der stern jede Woche und war das größte
den stern die Fundgeschichte der Hitler-Tagebücher auf- Magazin der Republik. Thieme weiß nicht, dass bereits
schreiben musste und darüber fast verzweifelte. Was er Lizenzverhandlungen mit „Newsweek“, „Times“, „Paris
erzählt, ist ein Lehrstück über Zweifel und Zugzwang im Match“ laufen. Er ahnt nicht, dass der Verlag 9,34 Millio-
Journalismus. Und das kam so: nen D-Mark für die 60 Tagebuch-Kladden bezahlt hat und 4
70 Jahre 91
92
„DIE GESCHICHTE DES DRITTEN REICHES

70 Jahre
MUSS TEILWEISE UMGESCHRIEBEN WERDEN“
CHEFREDAKTEUR PETER KOCH AM 25. APRIL 1983
Das sind sie: 51 von

70 Jahre
insgesamt 60 Kladden.
Ein toxischer
Haufen, wohlverwahrt
in den Kellern

93
von Gruner + Jahr
25. April 1983
Die Akteure präsentieren
den angereisten
Journalisten aus aller
Welt ihren Fund*.
In der Tabelle sind die
Summen notiert, die der
Verlag an Heidemann
ausbezahlt hat.
Und Henri Nannen:
sichtlich mitgenommen
auf der Vollver-
sammlung der Redaktion
am 17. Mai 1983

Der Kunstmaler Konrad Kujau zeigt die stern-


Ausgabe, die seine Fälschungen für echt
verkaufte. Er wurde, wie der Reporter Heide-
mann, zu einer Haftstrafe von mehr als vier
Jahren verurteilt. 2000 starb er

folglich die Bereitschaft, das ganze Projekt infrage zu Ressortleiter Walde wacht genau darüber, welche
stellen, eher gering war. „Das war wie ein Rausch, der die Informationen der Autor bekommt. Dazu gehört ein
Leute erfasst hat“, erinnert sich Thieme. mehrseitiges Dokument mit Zitaten aus den Tagebü-
Auch er ist erst einmal fasziniert.„Ich fand das toll und chern und einer Beschreibung der Fundstücke,über das
habe Koch noch gratuliert,weil ich der Meinung war,dass Walde quer mit rotem Filzstift die Anweisung geschrie-
die Kollegen eine wasserdichte Geschichte an Land ben hat: „Für G.Heidemann.Nur diese Zitate dürfen von
gezogen hatten.“ Thieme u. stern TV verwendet werden“. In dem Dossier
indet Thieme Informationen wie diese: „Alle Eintra-
HEIDEMANN BERUFT SICH AUF INFORMANTENSCHUTZ gungen handschriftlich, mit Tinte, sehr häuig sind
Noch am selben Tag trifft er sich mit Heidemann,der ihm die einzelnen Eintragungen mit voller Unterschrift
vom Absturz einer „Führermaschine“ im sächsischen versehen (geradezu manisch) …“
Börnersdorf kurz vor Kriegsende erzählt und von den Do- Weil Thieme mit den unvollständigen Auskünften
kumenten, die aus dem Flugzeug geborgen worden sein Heidemanns unzufrieden ist,verlangt er von Chefredak-
sollen – darunter die persönlichen Tagebücher Adolf Hit- teur Felix Schmidt, der solle dem Reporter befehlen,
lers. Allerdings: Wie und wann Heidemann an die Akten endlich mit Einzelheiten rauszurücken. Es hilft nichts.
gekommen ist,will dieser nicht verraten und beruft sich Heidemann beruft sich auf den ihm vertraglich vom
auf Quellenschutz. Seine Informanten in der DDR seien Verlag zugesicherten Informantenschutz.Da ist auch die
sonst in Gefahr.Stattdessen bekommt Thieme Berge von Chefredaktion machtlos.
Tonbandabschriften von Gesprächen, die der rasende Die Tagebücher bekommt Thieme nie zu Gesicht. Er
Reporter Heidemann mit ehemaligen Nazi-Größen aus muss die Geschichte ihrer Entdeckung im Blindlug schrei-
Hitlers Umfeld geführt hat. „Aber das war praktisch ben und macht sich noch heute Vorwürfe. „Das war mein
unbrauchbar, die haben alle gesagt: Kaum zu glauben, Fehler,dass ich mich darauf eingelassen und das nicht hin-
dass der Führer Tagebuch geführt hat.“ geklatscht und gesagt habe: Dann mach ich’s nicht.“
Dann zieht sich Thieme in ein Landhaus in der Lüne- Niemand wundert sich, dass der „Führer“ immer we-
burger Heide zurück. „Ich sollte weit weg sein, uner- niger in jedes einzelne Tagebuch geschrieben hat,je mehr
reichbar für die Redaktion.“ Die Bunkermentalität, der stern davon aufkauft. Zuletzt pro Tagebuch ein Mo-
mit der sich die wenigen Eingeweihten vom Rest der nat – mit vielen leeren Seiten. Dass die Schrift „kleiner
Redaktion abschotten, bekommt paranoide Züge. und immer lüchtiger“ wird, wie Thieme in der Fundge-
Aus journalistischen Tugenden – Informantenschutz, schichte schrieb,hing ja nicht mit dem nahenden Kriegs-
Redaktionsgeheimnis – werden Untugenden – Geheim- ende zusammen,sondern mit dem Produktionsdruck in
niskrämerei, Blindgläubigkeit. Kujaus Fälscherwerkstatt. Die Preise der Hitler-Akten
schwankten zwischen 85 000 und 200 000 D-Mark pro
Stück, als wäre man an der Börse.
* Am Tisch von links: Historiker Hugh Trevor-Roper, Chefredakteur
Peter Koch, Ressortleiter Thomas Walde, Reporter Gerd Heidemann, Andererseits: Die Zitate sind schon gut. Zum Beispiel
Chefredakteur Felix Schmidt, Redakteur Leo Pesch die Lästereien über den „kleinen Dr. Goebbels“ („schon

94 70 Jahre
wieder Geschichten mit Frauen“) und den „hinterhälti-
gen Kleintierzüchter“ Himmler („dieser undurchsichti- DIE TAGEBÜCHER ENTHIELTEN
ge Buchhaltertyp wird mich auch kennenlernen“). Auch
intime Details über Führers Verdauungsstörungen oder KLEINE LÄSTEREIEN
Scheinschwangerschaften von Eva Braun enthalten die
Tagebücher. Oder Hitlers Kritik an den Novemberpogro- UND INTIME DETAILS ÜBER
men von 1938: „Es geht nicht, dass in unserer Wirtschaft
durch einige Hitzköpfe Millionen- und Aber-Millionen- FÜHRERS VERDAUUNG
werte vernichtet werden, allein schon an Glas …“ Ja, ver-
dammt noch mal,war Hitler gar nicht so ein Schlimmer?
Mit dem Abdruck solcher Zitate setzte sich der stern dem
Vorwurf aus, Nazi-Themen zu verharmlosen. Er kam dioser Komödie „Schtonk“sei klargestellt: Natürlich hat-
später auch aus der eigenen Redaktion. te es solche Diskussionen gegeben.Laut dem stern-inter-
nen Untersuchungsbericht erklärte Heidemann damals,
DIE BUCHSTABEN WAREN AUS VERGOLDETEM PLASTIK Hitlers Sekretär Martin Bormann habe ihm erzählt,schon
Im Nachhinein mögen die Tagebücher wie eine plumpe Hitler habe Anstoß an den Lettern genommen, weil das
Fälschung erscheinen. Aber Kujau sei schon sehr ge- vermeintliche A auch als I gelesen werden könne („Idiot
schickt gewesen,sagt Thieme,indem er nicht einfach nur Hitler“).Dem Leiter des stern-Wissenschaftsressorts,den
aus Chroniken des Dritten Reichs abschrieb, sondern man kurz vor der Veröffentlichung eingeweiht hatte,war
seiner Führer-Fantasie freien Lauf ließ. „Das war ein zudem aufgefallen,dass die Buchstaben aus vergoldetem
richtiges Illustriertenfressen.“ Plastik und die Einbände aus schnödem Kunstleder be-
Aber spricht es nicht doch eher gegen die Existenz von standen – ungewöhnlich für ein Staatsoberhaupt mit
Tagebüchern, wenn praktisch alle Leute aus Hitlers dem Ego Adolf Hitlers.
Umfeld erklären,davon nie etwas gewusst zu haben? Und Über dessen Lebensstil kursierten zwei Versionen: Die
warum sollte ein Tagebuch-Führer unter jeden Eintrag eine besagte,für ihn hätte es in diesem Fall nur Leder und
in sein privates Diarium seine schwungvolle Unterschrift sonst nichts gegeben.Sie passte nicht zum Fund und wur-
setzen? Der stern gibt Gutachten in Auftrag, um sich die de verworfen.Die andere zeigte Hitler als einen Ausbund
Echtheit der Hitler-Tagebücher bestätigen zu lassen. an Bescheidenheit. Das passte: Wer sonntags Kartoffel-
Renommierte Historiker wie der Amerikaner Gerhard suppe aß, der hatte seine Gedanken für die Nachwelt
Weinberg und der Brite Hugh Trevor-Roper sollen als sicher auch in billigen Kladden festgehalten.
Gewährsleute für die Echtheit der Sensation dienen. Henri Nannen setzte einen unabhängigen Redaktions-
Als die ersten positiven Gutachten eintreffen, ist ausschuss ein, der die Vorgänge lückenlos und ohne
Thieme nicht überzeugt. „Eine Veriizierung ausschließ- Ansehen der Personen aufklären sollte. Durch seine zen-
lich über Schriftgutachten taugt nichts. Außerdem war trale Rolle in der Affäre wurde Heidemann, den Henri
einer der Gutachter bereits tot, und einen toten Grafolo- Nannen in Editorials früher oft mit Lob überhäuft
gen zu interviewen ist ziemlich blöd.“ Auch ein Papier- hatte,zum Blitzableiter für die Wut der Kollegen.Aber die
gutachten gibt der stern in Auftrag, ohne aber dessen stern-Kommission kam auch zu dem Ergebnis, dass die
Ergebnis abzuwarten. Knüller-Mentalität in der Redaktion dazu beigetragen
Denn die Chefredaktion zieht die Deadline für die Text- habe,dass vermeintliche Sensationen oft als „toll ins Blatt
abgabe noch einmal vor: Thieme muss bis zum 7. April passend“ akzeptiert wurden, ohne dass ihr Wahrheitsge-
liefern, weil an diesem Tag Lizenzverhandlungen in halt kritisch geprüft wurde.Das Veriizieren sei mitunter
Zürich laufen sollen. Inzwischen gibt es auch ein „Beweis- zu einer Methode verkommen,um eine Story erst mit den
foto“, auf dem ein Stapel Kladden neben Hitlers Sofa im „facts“ auszustatten, die zur „wirklichen“ Sensation noch
Führerhauptquartier zu sehen ist. Der stern wird das Bild fehlten. So etwas durfte nie wieder geschehen, weshalb
zusammen mit einem Pfeil und der Bildunterschrift „Sein die akribische Arbeit der stern-Dokumentation auch
Tagebuch war immer dabei“ drucken. „Das nehme ich auf heute noch fester Bestandteil jeder Heftproduktion ist.
mich“, sagt Thieme, „das haben wir nach dem Motto ge- Den weltweiten Spott aber musste der stern ertragen
textet: Stimmt vielleicht nicht, könnte aber so gewesen und druckte sogar eine Auswahl der Karikaturen über
sein“. Gerd Heidemann widerspricht: Der Sohn von die Affäre ab. Aus Sicht von stern-Gründer Henri Nan-
Hitlers Hoffotograf Heinrich Hoffmann habe ihm bestä- nen war das nur recht. „Denn wer austeilt, muss auch
tigt, dass es sich auf dem Foto zweifelsfrei um Hitlers
Tagebücher handele.
einstecken können.“ 2
„Wie Sternreporter Gerd Heidemann die Tagebücher
fand“, lautete der Titel der 14-seitigen Geschichte, die am
28. April 1983 in Ausgabe 18 des stern erschien – jenem
berühmt-berüchtigten Heft, auf dessen Titelseite das
blaue Tagebuch mit den goldenen Initialen „FH“ abge- Malte Herwig, stern-Autor
stern-Autorin
bildet war. Malte Herwig beobachtete bei seinen Gesprächen mit Zeitzeugen
Dann nahm die Tragikomödie ihren Lauf, und die Welt der Affäre, wie unterschiedlich diese mit der Last der Vergangenheit
umgehen. Wolf Thieme holte seine alten Unterlagen vom
rätselte unter anderem über die Frage, was „FH“ denn zu Dachboden und entsorgte sie im Müll. Gerd Heidemann hingegen
bedeuten habe. „Führer Hitler“? „Führerhauptquartier“? hat sich seit dem Skandal ein eigenes Dokumentationsarchiv
„Führers Hund“? Für die Fans von Helmut Dietls gran- mit 8000 penibel sortierten Aktenordnern aufgebaut

70 Jahre 95
„FAHRT LOS!“
Rolf Schmidt-Holtz,
stern-Chefredakteur von 1989 bis 1994
GROSSE
REPORTAGEN
IM STERN
70 Jahre 97
2016
DIE DSCHUNGEL-KRIEGER

Gebannt verfolgen die Kämpfer


der Front 34 im Fernsehen das
Ergebnis des Referendums
zum Friedensvertrag zwischen
der kolumbianischen Regierung
und der Guerillaeinheit Farc.
Es geht auch um ihre Zukunft.
Seit mehr als 20 Jahren leben
die Kämpfer der Front 34 im Ur-
wald verborgen, voller Entbeh-
rung, bedroht von Malaria und
Typhus, giftigem Getier und
Gewalt. Und zum ersten Mal
erlaubten sie Journalisten den
Zutritt zu ihrem Unterschlupf.
Mit Propellerflugzeug, im
Einbaum und zu Fuß erreichten
stern-Reporter Jan Christoph
Wiechmann und der Fotograf
Federico Rios von Medellín aus
das Camp tief in dem feuchtes-
ten Urwaldgebiet der Erde.
Sechs Tage verbrachten sie
dort. Die Guerilla hatte Body-
guards für sie abgestellt,
zum Schutz vor Paramilitärs.
„Die Menschen hier tragen
selbst in der Hitze ihre Unifor-
men und Gewehre und Kappen
mit rotem Stern“, beschrieb der
stern-Reporter diese seltsame
Welt. „Ihren Booten geben
sie Namen wie: ‚Vereint für den
Frieden‘, und ihr Sprachreper-
toire entstammt den 60er Jah-
ren. Es ist so was wie der letzte
Außenposten von Karl Marx,
gut 9000 Kilometer entfernt
von dessen Geburtsort Trier.“
Nach dem Friedensschluss
im November 2016 löste sich
die Farc auf, auch das Camp
existiert heute nicht mehr. Die
Ex-Kämpfer haben sich im Land
verstreut. Viele haben ihre
Familien gesucht, einige sind
arbeitslos, andere im Wahl-
kampf für die Partei Farc.
Manche haben sich kriminellen
Gangs angeschlossen.

70 Jahre 99
2017
STEPPENWÖLFE
Es war dieser eine Moment,
als der Fotograf Luis
Fabini in Uruguay mit einem
Gaucho beim Mate zusam-
mensaß und ihn fragte:
„Was macht einen Gaucho
aus?“ „Das Land unter sei-
nen Füßen“, antwortete der.
Er habe sofort verstanden,
was er meinte, sagte Fabini,
der selbst Uruguayer ist.
Und er hatte sein Herzens-
projekt. Fabini, der bis
dahin Modefotograf war,
begleitete zehn Jahre lang
Gauchos in Uruguay und
Argentinien, Pantaneiros in
Brasilien, Chagras in Ecua-
dor, er fotografierte in
Mexiko und Chile. Seine
Aufnahmen zeigen Männer,
kantig, karg und stolz. Man
hört das Leder der Sättel
knarzen, hört das Schnau-
ben der Pferde, riecht
Schweiß und Staub. Es sind
Sehnsuchtsbilder, die von
harter Arbeit und erdver-
bundener Freiheit erzählen.

70 Jahre 101
2013
DIE HÖLLE DAHEIM
„Darf man das? Fotografie-
ren, wenn ein Mann seine
Freundin verprügelt?
Einfach die Kamera drauf-
halten, keine zwei Meter
entfernt, wenn ein kleines
nacktes blondes Kind
versucht, seine Mutter zu
schützen und den Zorn des
Schlägers auf sich zu len-
ken. Darf man das?“ So
beginnt diese Reportage im
stern, die zu den verstö-
rendsten gehört, die er je
druckte. Die junge Fotogra-
fin Sara Lewkowicz wollte
erzählen, wie der strafälli-
ge Shane zurück in den All-
tag findet. Seine 20-jährige
Freundin Maggie und die
beiden Kinder waren zu ihm
in die Wohnwagensiedlung
gezogen, um neu anzufan-
gen. Da passierte es. Es kam
zum Streit, und er schlug
zu. Und Sara Lewkowicz
drückte weiter auf den Aus-
löser. Am Ende riefen Freun-
de die Polizei. Sie warnten
Maggie: Geh! Doch sie blieb.

70 Jahre 103
2016
IN DER SCHATTENWELT
Was gibt es Besseres bei
40 Grad Hitze als ein kaltes
Bad? Der zweijährige Sardie
genießt seine Auszeit in der
Kühltruhe, mitten auf dem Bür-
gersteig im Aborigine-Viertel
Kennedy Hill in der australi-
schen Stadt Broome. Etwa
25 Ureinwohner leben hier, hin-
ter den Dünen der Stadt, in
einem heruntergekommenen
Reservat. Mit den 15 000 Ein-
wohnern von Broome und den
Touristen, die wegen der lan-
gen Strände und der Ursprüng-
lichkeit in den Nordwesten
des Landes kommen, haben sie
kaum Kontakt. Aus Abscheu
vor der Respektlosigkeit, mit
der das reiche Australien die in
Armut lebende Urbevölkerung
behandele, habe sie begonnen,
die Aborigines von Kennedy
Hill zu fotografieren, sagt
Ingetje Tadros. Ihre Schwarz-
Weiß-Bilder erzählen von ihrer
Gemeinschaft, von der Jagd,
von Tänzen und Riten, von der
Armut. Die in den Niederlanden
geborene Fotografin versteht
ihre Arbeit als humanitäres
Engagement: „Ich will aufrüt-
teln, indem ich das Elend doku-
mentiere, die Gewalt, den
Alkoholismus und die nur noch
schwache Hofnung dieser
einst stolzen Menschen.“

70 Jahre 105
2016
MITTEN IN AMERIKA
Das sind Becca und Glen Fry-
dendall (3. u. 4. v. l.) mit fünf
ihrer sieben Kinder. Sie führen
das US Center Motel in Smith
Center, Kansas. stern-Korres-
pondent Norbert Höfler über-
nachtete dort auf seiner
Reportagereise im Vorfeld der
amerikanischen Präsident-
schaftswahlen. Hier hat Ame-
rika seinen geografischen
Mittelpunkt. Hans-Jürgen
Burkard fotografierte die Fry-
dendalls, sie posieren mit
Gewehren und Pistolen. Damit
gehen sie auf die Jagd, schie-
ßen Rehe, Enten und Fasanen.
Fleisch aus dem Supermarkt
können sie sich kaum mehr
leisten. Die Frydendalls zählen
sich selbst zur „unteren
Mittelschicht“. „Allen um uns
herum geht es immer schlech-
ter“, sagte Glen Frydendall.
„Wir schuften uns den Arsch
ab“, sagte Becca. Sie sagten,
sie würden Donald Trump
wählen. Trumps Lügen und
Sex-Tapes seien ihnen egal.
Es ärgere sie, dass die Städter
an Ost- und Westküste über
sie als tumbe Hinterwäldler
lästern. Die Frydendalls
träumen nicht vom großen
Reichtum. Sie träumen von
„viel Freiheit“. Dazu zählen sie
das Gewehr und die Jagd.
Die vor allem.

70 Jahre 107
2012
GOLDHÄNDE
So sehen Hände von Olym-
pia-Ruderern aus. Hände,
die nach Gold grifen, im
Jahr 2012 bei den Olympi-
schen Spielen in London.
stern-Reporter Christian
Ewers und Fotograf Martin
Stefen begleiteten die
deutsche Achter-Mann-
schaft vor den Wettkämp-
fen beim Training auf dem
Dortmund-Ems-Kanal.
Ein normaler Trainingstag
sah so aus: morgens um
acht zum Schifshebewerk
Henrichenburg, zwölf Kilo-
meter hin, zwölf zurück.
Frühstück. 20 Kilometer
rudern. Mittagessen. Nach-
mittags noch einmal zwölf
Kilometer. Insgesamt
7500 Kilometer im Jahr.
Die Mannschaft trainierte
bis auf die Knochen. Es soll-
te der letzte gemeinsame
Wettkampf sein, danach
würde sich der Achter auf-
lösen. Am 1. August 2012
um 12.30 Uhr Londoner
Ortszeit war es dann, das
olympische Finale der
Ruder-Achter, für das die
Männer mehr als drei Jahre
lang geschuftet hatten.
Sie gewannen Gold.

70 Jahre 109
2010
JENSEITS VON EDEN
Welch ein Moment! Die
Sonne bricht durch die Wol-
ken und gießt ihr Licht über
den Cathedral Peak. Dra-
kensberge, „Drachenberge“,
nannten die Buren die bis
zu 3000 Meter hohen ge-
zackten Basaltformationen
im Osten Südafrikas. Seit
Jahren feiert der Fotograf
Michael Poliza die Natur-
gewalt Afrikas in atembe-
raubenden Bildern, viele
Male auch im stern. Dieses
Foto war Teil einer großen
Südafrika-Reportage des
stern-Korrespondenten
Marc Goergen kurz vor der
Fußball-Weltmeisterschaft
2010. Goergen schrieb über
die vielen Facetten des
Landes, dessen Faszination
und Zerrissenheit.

110 70 Jahre
1990
WILDER OSTEN
Straflager 272/32, Sibirien.
Auf vergitterten Lkws werden
die Gefangenen morgens zur
Arbeit transportiert. Straflager,
das bedeutet ein erbärmliches
Leben auf zwei Quadratmetern,
in Schlafsälen zu 40, 50 Mann.
Das Lager 272/32 war eine der
Stationen auf ihrer Erkundung
des riesigen Landes jenseits
des Urals. Fünf Wochen lang be-
reisten Korrespondentin Katja
Gloger und Fotograf Hans-
Jürgen Burkard den Osten der
damaligen UdSSR. Sie waren bei
buddhistischen Mönchen in
Ulan-Ude, bei den Streikkomi-
tees der Bergarbeiter im ver-
dreckten Industriegebiet
Kusbass, bei Rentier-Nomaden
am arktischen Eismeer, im
Straflager an der Transsibiri-
schen Eisenbahn. Sie sprachen
mit Umweltschützern und
Fabrikdirektoren, mit Arbeitern
in heruntergekommenen
Barackensiedlungen. Immer
wieder begegneten sie
Menschen, die voller Sehnsucht
nach einem besseren Leben
in das Land ihrer Träume
gekommen waren. Doch die
Wirklichkeit sah anders aus:
Sie wurden ausgebeutet,
ebenso wie das rohstofreiche
Land, das sie erobern wollten.

70 Jahre 113
2014
GEFANGEN IM FETT
Sein Zimmer konnte Hector
Garcia jr. kaum noch verlassen.
An seinem 45. Geburtstag
kamen seine Verwandten zu
ihm, um ihn zu herzen und zu
feiern. Der Mann aus Texas
wog fast 300 Kilo. Sein Körper
war so schwer, dass seine
Knochen zu brechen drohten.
„Ich habe nie gelernt, anders
glücklich zu sein als wenn
ich esse. Ich habe mich selbst
zerstört dabei“, sagte er der
Fotografin Lisa Krantz. Sie
begleitete Hector Garcia vier
Jahre lang, bis zu seinem Tod
2014. Er hatte sich das ge-
wünscht, weil er wollte, dass
sich die Leute einfühlen
können in Menschen wie ihn.
Krantz’ Bilder erfüllen diesen
Wunsch. Die Fotos und Garcias
Sätze dazu geben Einblick in
sein beschwerliches Leben.
Sie verbergen nichts, aber sie
stellen Hector Garcia nie aus.
„Für viele bin ich nur der
faule Sack, der keine Selbstdis-
ziplin hat“, sagte er. Die Wahr-
heit war viel komplizierter.

114 70 Jahre
„WIE GROSS IST DEIN
DRANG, LOSZUZIEHEN?“
Das würde der Autor junge Menschen fragen,
die Journalist werden wollen. Denn gute
Geschichten entstehen selten am Schreibtisch,
sondern draußen, im Leben, im Fremden
Von Jan Christoph Wiechmann

D
iese Zeilen kommen aus einem Armenvier-
tel am Rand von Buenos Aires, 11 800 Kilo-
meter entfernt von Deutschland. Es hat
keinen ofiziellen Namen und keine Stra-
ßen, es besteht aus etwa 300 Hütten, eini-
gen Schotterwegen und vor allem aus viel
Sand. Die Bewohner nennen es Cuartel
Quinto – Lager 5.
In Cuartel Quinto regiert, wie in vielen
Slums Südamerikas, nicht der Staat, son-
dern die Maia. Die Polizei traut sich nicht
hinein oder schaut gegen eine Bestechungsgebühr ein-
fach weg.Vor allem Migranten leben hier,die vor der Ar-
mut Paraguays liehen und sich in der kaum geringeren
Armut Argentiniens ansiedeln. 2015 Für diese
Reportage wurde
Unter den Flüchtlingen sind der alleinerziehende
Bauarbeiter Luis und seine drei Töchter Lucia, 16, Rosa, 15,
AFGHANISTAN Jan Christoph
Wiechmann 2016
und Belen,13.Vor einem Jahr wurden die Mädchen von der mit dem Henri
Maia mithilfe einer Bekannten aus ihrer Hütte gelockt Nannen Preis
und in ein Bordell entführt. Lucia wurde zur Prostitution ausgezeichnet
gezwungen, Belen unter Drogen gesetzt, und Rosa befrei-
te beide nach Wochen in einer dramatischen Aktion.
Es ist die Geschichte einer großen Geschwisterliebe vor
dem Hintergrund der in Argentinien stark verbreiteten Die Reportage „Drei Krieger“(siehe oben) fanden wir ge-
Zwangsprostitution. Nachzulesen demnächst im stern. nau so – auf Umwegen.Geplant war eine Geschichte über
Der Fotograf Karl Mancini und ich stießen zufällig auf den Alltag eines Talibankämpfers im Norden Afghanis-
die Familie, bei einer Reportage über eine Welle von Fe- tans.Als sich herausstellte,dass sein Kollege,ein militäri-
micidios, Frauenmorden in Argentinien. Lucia befand scher Anführer,an der blutigsten Schlacht gegen deutsche
sich zu dem Zeitpunkt in psychiatrischer Behandlung, Soldaten in Isa Chel beteiligt gewesen war, wurde aus der
sie lebte – vollgepumpt mit Antidepressiva – bei einer Alltagsreportage eine Geschichte über einen Talibanfüh-
Aktivistin der Frauenbewegung, die wir interviewten. rer,einen Bundeswehrsoldaten und einen amerikanischen
Solche zufälligen Begegnungen sind oft die Basis der Hubschrauberpiloten, die sich in der Schlacht begegnet
wichtigsten Reportagen.Man indet sie nicht am Redak- waren. Wir begleiteten sie fortan über mehrere Jahre.
tionstisch, bei dpa oder im Internet. Man indet sie un- Nie hat die Chefredaktion gesagt: Die Recherche dau-
terwegs, bei der Recherche, im Leben. An Orten, an die ert zu lange, die Kosten werden zu hoch. Stets hieß es:
unsere Leser nicht kommen. Dem eigentlichen Arbeits- Mach, was du für richtig hältst.
platz von Reportern. Die Reportage „Drei Krieger“ widerlegte einige meiner
Das hat den stern immer ausgezeichnet: die Entde- eigenen Vorurteile – eines der wichtigsten Resultate einer
ckung von vermeintlich kleinen und doch so wichtigen jeden Recherche. Der schwer versehrte deutsche Soldat
Geschichten am Rand des Weges. Maik Mutschke wurde von der Bundeswehr nicht etwa

116 70 Jahre
vernachlässigt, sondern geplegt wie ein Privatpatient. Der aus Wyoming, Indianer am Amazonas, Flüchtlinge aus
Talibankämpfer Habib, der auf Mutschke geschossen hat- Honduras. Die mutigsten und nettesten sowieso.
te, war nicht in erster Linie ein fanatischer Gotteskrieger, Einmal sollte ich Angela Merkel beschreiben und bin
sondern ein Vater, der seine sechs Kinder durchschleppen grandios gescheitert. Sie hatte nichts zu erzählen, und
musste. Der Pilot Jason LaCrosse, der Mutschke in einer wenn sie doch etwas erzählte, strich es ihr Pressesprecher
waghalsigen Aktion das Leben rettete, war ein sensibler weg. Wir Reporter sind oft bei den Reichen, Schönen und
Held, den man nicht in die bei uns so beliebte Kategorie Mächtigen, und natürlich erscheint ihre Welt erst einmal
„Redneck-Amerikaner“ stecken konnte. faszinierend. Das Problem ist, dass der freie Zutritt in
Auch das ist das Gute am Herumwandern, Entdecken, diese Welt – anders als vor 20 Jahren – nicht mehr exis-
Stöbern: sich von der Wahrheit immer wieder überra- tiert, oder nur in einer inszenierten Form. Also suggerie-
schen zu lassen. ren wir unseren Lesern Nähe und legen großes Gewicht
Dabei gilt es, viele Widersprüche auszuhalten: Die net- in jede noch so kleine Geste. Und selbst wenn sich der
ten Herren von der Bürgerwehr in Mexiko töten, ohne Prominente authentisch zeigt, beim Tennisspiel oder
zu zögern, wenn sie einen Räuber erwischen, wie ich bei Skatabend, ist auch das inszenierte Realität.
der Recherche erleben musste. Die Guerilleros der kolum- Die Grenzen für uns Reporter sind heute nicht mehr
bianischen Farc, oft dargestellt als Killermaschinen, große Distanzen oder undurchdringlicher Dschungel,
hatten keine größere Sehnsucht, als ihre Kinder wieder- sondern autoritäre Regime. Und Leute in Pressestellen,
zusehen (siehe Seite 100.) Hillary Clinton, häuig kriti- die den Zugang bewachen, die nicht selten Wahrheit ma-
siert als steife, abgebrühte Politikerin, ist im Gespräch nipulieren, nicht nur bei Putin und Erdoğan, sondern im
eine lustige, schlagfertige Frau. Kanzleramt, bei VW oder Greenpeace. Es sind Leute, die
verlangen, dass Zitate im Nachhinein verändert, Inter-
WICHTIG SIND DIE, DIE KEINE LOBBY HABEN views umgeschrieben werden, die schamlos die Realität
Die Grenzen, so scheint mir oft, stecken wir Journalisten verdrehen – ein Prozess, von dem Leser nichts erfahren.
uns selbst, die wir aus einer bestimmten sozialen Schicht Geben Redaktionen dem nach, steht am Ende das Gegen-
kommen, aus einer Stadt und dort aus bestimmten Vier- teil von Authentizität und Wahrheit.
teln, die wir zu Hause sind in bestimmten Cafés, Res- Der Job als Reporter ist gefährlicher geworden. Gerade
taurants und Weltanschauungen. Wer von uns lebt in in Zeiten, in denen autokratische Staaten die Pressefrei-
Duisburg-Marxloh? Oder in Frankfurt/Oder? Früher gab heit zunehmend beschneiden. Länder wie Venezuela
es in unserem Beruf mehr Seiteneinsteiger, nicht so verweigern uns die Einreise, Nicaragua schikaniert und
viele Typen wie ich selbst, die den üblichen Weg gehen: bedroht Journalisten. 2017 wurden kaum irgendwo so
Praktikum, Studium, Journalistenschule. viele Reporter ermordet wie in Mexiko, unter ihnen groß-
Kurz vor dem Tod Henri Nannens 1996 sollte ich ihn artige Kollegen wie Miroslava Breach und Javier Valdez.
für den stern in Ostfriesland besuchen. Ich sollte über ihn Die erste Frage an mich nach Recherchen in Afghanis-
aus der Sicht eines jungen Reporters schreiben. Er saß – tan, im Irak oder bei Guerillas ist oft, ob es nicht sehr
schon krank – in einem großen Sessel im lichtdurchlu- gefährlich sei. Ich antworte dann: nicht gefährlicher als
teten Wohnzimmer und sagte, dass ihn die Wahrheit in Brasilien, wo ich lebe, vor allem dann nicht, wenn man
immer wieder überrasche, auch mit 82 Jahren noch. Er als Reporter mit dem Militär „embedded“ ist. Gefährli-
sagte dies mit einer kräftigen Stimme, einer Begeisterung, cher fand ich Begegnungen mit Narcos in Mexiko oder
als würde er aus Emden sofort hinaus in die Welt ziehen mit Gangs in den Slums von Venezuela, wo Menschen ver-
wollen. Nichts ist bei mir damals so hängen geblieben wie zweifelt sind und Hunger haben.
seine Leidenschaft für spannende Geschichten, ob in Umso wichtiger ist es, weiterhin dort zu sein, wo die
Emden oder Afrika. Menschen die Folgen schlechter Politik oder tyrannischer
Meine erste Frage an den journalistischen Nachwuchs Herrschaft zu spüren bekommen: in den Hütten der
heute wäre nicht: Was hast du studiert?, sondern: Wie Armen, bei den Verletzten im Krieg, bei den Bewohnern
stark ist dein Drang, loszuziehen? Wie groß ist dein Hun- der vom Klimawandel betroffenen Gebiete, bei den
ger, die Welt zu erleben? Flüchtlingen im Cuartel Quinto.
Als ich in den Achtzigern aufwuchs,fesselte mich der Für Reporter ist der stern in seiner Offenheit und
stern mit seinen Reportagen von Orten und Straßen, wo Themenbreite auch 2018 noch ein großartiges Magazin.
die Underdogs saßen, die Arbeiter und Arbeitslosen, Etwas anachronistisch erscheint mir nur eines: Diese so
auch die Gestrauchelten. Ich war fasziniert von Repor- relevante, gesellschaftlich progressive Zeitschrift hatte
tern, die mich mitnahmen an Orte und in Milieus, die
mir fremd waren. Von Fotos, die Menschen so zeigten,
in 70 Jahren nie eine Frau an der Spitze. 2
wie sie waren, nicht ausgeleuchtet oder angeblitzt oder
in albernen Posen.
Der stern hat in seinen Reportagen die Menschen in den
Mittelpunkt gestellt. Er hat nicht den kühlen, analytischen
Blick gewählt, von oben herab, sodass der Mensch im Be- Jan Christoph Wiechmann, stern-Reporter
richt nur Mittel zum Zweck ist, der Beleg für eine These. Nach Abschluss der Henri-Nannen-Schule kam Jan
Er schreibt über die, die sich selbst nicht äußern, weil sie Christoph Wiechmann 1996 zum stern. Von 2003
bis 2010 war er USA-Korrespondent. Im Berliner
keine Lobby oder Plattform haben. Die interessantesten Hauptstadtbüro hielt es ihn nicht lange. Seit 2014
(und oft weisesten) Menschen, denen ich begegnete, berichtet er von Rio de Janeiro aus über Lateinamerika.
waren nicht Professoren oder Politiker, sondern Cowboys Seine Einsatzgebiet: von Mexiko bis Feuerland

70 Jahre 117
WAS IST EIGENTLICH SCHÖNER,
ALS ANDEREN ZU HELFEN? UND
SELBST HILFE ZU ERFAHREN?
WAS ERFÜLLENDER, ALS
ZU GEBEN UND MITFÜHLEND
EINEM ANDEREN MENSCHEN
ZU BEGEGNEN? ANTEIL ZU
NEHMEN UND NICHT NUR MIT
ABSTAND ZU BERICHTEN –
AUCH DAS KANN DER JOB DES
JOURNALISTEN SEIN.
VON ULI HAUSER

118 70 Jahre
1976
JUGEND FORSCHT
So sah die ultraschall-
orientierte Sehhilfe für
Blinde aus, die Preis-
träger Andreas Gruhle
entwickelt hatte.
Seit Jahrzehnten unter-
stützt „Jufo“ junge
Erfinder dabei, ihre
Kreativität zu entfalten

70 Jahre 119
2005
SCHULEN HELFEN SCHULEN
In Sri Lanka hatte der Tsunami 2004 ganze Land-
striche verwüstet. Der stern half, den Aufbau
von Schulen zu organisieren, damit die Kinder schnell
wieder in einen normalen Alltag finden konnten

S
ich über die Berichterstattung hinaus zu Helfen und Handeln, das war eine Maxime des Bauch-
engagieren: Das ist seit 70 Jahren auch ein menschen Nannen. Ende der Fünfziger sammelte er mehr
Anliegen der stern-Redaktion. Weil es im Le- als 200 000 D-Mark für damals in Deutschland fehlende
ben unter anderem darum geht, das Beste Herz-Lungen-Maschinen, um kranke Kinder vor dem
aus seinen Möglichkeiten zu machen. Und Erstickungstod zu bewahren. Anfang der Sechziger en-
Journalisten haben mehr Möglichkeiten, als gagierte er sich gegen die Wohnungsnot: Vor den Toren
nur zu beschreiben. Hamburgs entstand eine Mustersiedlung. Im Juli 1963,
Das Engagement begann kurz nach der damals kostete das Heft noch sechzig Pfennig, schrieb
Gründung des Blatts, als die stern-Redaktion Nannen auf den Titel: „stern baut 40 Häuser in 80 Tagen
in den Nachkriegsjahren Winterkleidung – einziehen, aussuchen, kaufen.“
sammelte und den Leserinnen und Lesern Im Sommer 1962 mischte sich Henri Nannen in die Auf-
Rechtsanwälte und Ärzte vermittelte. „Wir waren der klärung eines Kunstraubs ein. In einer Kirche in Volkach
Meinung, man müsse den Menschen, dem Individuum, bei Würzburg war eine der schönsten Madonnen Tilman
gegen die Macht des Apparats beistehen, sei dieser Riemenschneiders aus der Wand gerissen worden. Der
Apparat nun der Staat, eine einzelne Behörde, ein Unter- stern-Chef versprach dem Dieb 100 000 D-Mark Lösegeld
nehmen, die Gewerkschaft oder was immer“, so begrün- für die Rückgabe und traf sich sogar mit ihm. Die Madon-
dete Henri Nannen seine Entscheidung, sich als Journa- na kam zurück an ihren Platz.
list zu kümmern. Er wolle Fürsprecher der kleinen Leute
sein, auf der Seite der Schwachen stehen, „die Geschichte ZUR GUTEN TAT GEHÖRT DAS EINMISCHEN IN DIE POLITIK
wird uns nach unserem Verantwortungsbewusstsein Mitte der 60er Jahre wurde der stern nicht nur zu Europas
gegenüber unseren Mitmenschen beurteilen“. größter Illustrierten, sondern zunehmend zum Akteur in
Das war, früh formuliert, wie ein Auftrag und eine politischen Debatten. „Ich will die Dinge vorantreiben, ich
Ermutigung an alle beim stern, sich gemein zu machen will etwas bewirken“, sagte Henri Nannen. stern-Leute
mit einer guten Sache. Nicht nur Leid und Unrecht zu be- kämpften für mehr Demokratie und nach den Verheerun-
schreiben, sondern zu helfen, die Welt zu einem besseren gen des Weltkriegs um ein neues Vertrauen unter den Völ-
Ort zu machen. Henri Nannen ging all die Jahre mit bes- kern. Henri Nannen war im besten Sinne ein Wegbegleiter
tem Beispiel voran. Für ihn war der stern „mehr als eine Willy Brandts. „Die Stunde ist gekommen, in der Ost und
Illustrierte“, und seine Leser waren „mehr als Normalver- West sich zusammeninden müssen, wenn nicht über ihren
braucher von bedrucktem Papier“. Streit die Welt untergehen soll“, schrieb Henri Nannen.

120 70 Jahre
Höpker ihren Bericht im stern ab: „Hilfe! Hunderttausen-
de verhungern, wenn wir nichts tun“, schrieb der Chef-
redakteur aufs Cover.
In zwei Nächten unterzeichnete Henri Nannen 5000 Bet-
telbriefe an Unternehmer. Damit die Empfänger nicht
merkten, dass es sich um ein Formschreiben aus einem
Automaten handelte, ließ der stern-Chef einen Tipp-
fehler in den Text einbauen, den er eigenhändig mit dem
Füllfederhalter korrigierte. Der wohl Einzige, der den
kleinen Trick für einen guten Zweck erkannte, war Krupp-
Chef Berthold Beitz; er hatte, weil in mehreren Ämtern
tätig, zwei Bittbriefe mit dem gleichen Tippfehler erhal-
ten. Und gab doppelt.
Die Soforthilfe startete mit fünf Boeing 707, zwei Trans-
all-Flugzeugen mit elf Ärzten, zwei Mercedes-Unimogs,
zwei VW-Bussen und 100 Tonnen Nahrungsmitteln,
Decken und Medikamenten. Zehntausende stern-Leser
spendeten auch kleine Summen; innerhalb weniger Wo-
chen wurden daraus über 20 Millionen D-Mark. Es wurden
Brunnen gebohrt und Dämme gebaut, Straßen und Häu-
ser. Unter anderem entstand auch ein „SOS Kinderdorf“.
2014 Für Menschen, die sich engagieren wollten, wurde der
MUT GEGEN RECHTE GEWALT stern zu einem ersten und ernsten Ansprechpartner. Nach
„Birlikte“ heißt zusammenstehen. Und einer bewegenden Reportage über unerträgliche Schmer-
das taten Zehntausende Menschen, zen an Krebs erkrankter Kinder meldeten sich viele
viele Politiker, Prominente und
der damalige Bundespräsident in Köln Leserinnen und Leser, die helfen wollten. So entstand in
der Redaktion die Idee zur stern-„Hilfe für krebskranke
Kinder“. Über 18 Millionen D-Mark kamen zusammen,
um die größte Not in Kliniken zu lindern und Eltern zu
helfen, nah bei ihren Kindern zu sein. Wohnungen in der
Nähe von Kliniken wurden gemietet und sogar gekauft.
Im Juni 1971 löste eine stern-Aktion eine der leiden- 1990 sammelte der stern gemeinsam mit dem ZDF
schaftlichsten Diskussionen aus, die das Nachkriegs- 138 Millionen D-Mark für hungernde und frierende
deutschland bis dahin erlebt hatte. Nach einem Aufruf Menschen in Russland. „Keiner von uns kann wollen, dass
von Alice Schwarzer bekannten 374 Frauen im stern: „Wir der demokratische Aufbruch in der Sowjetunion, dem
haben abgetrieben!“ Hausfrauen, Studentinnen, Journa- keiner mehr zu verdanken hat als wir Deutschen, im
listinnen und Schauspielerinnen wie Romy Schneider, Chaos einer Hungersnot untergeht“, schrieb der dama-
Senta Berger oder Vera Tschechowa protestierten gegen lige Chefredakteur Rolf Schmidt-Holtz.
den hundert Jahre alten Paragrafen 218, der Frauen bis Zwei Jahre später startete der stern gemeinsam mit der
zu fünf Jahre Gefängnis androhte, wenn sie sich für eine Arbeiterwohlfahrt die „Aktion Zulucht“ für Flüchtlinge
Abtreibung entschieden. Staatsanwälte in acht Städten aus dem jugoslawischen Bürgerkrieg. Kinder wurden
eröffneten nach dem provozierend öffentlichen Bekennt- evakuiert, Krankenhäuser wieder aufgebaut. Und ein Jahr
nis Ermittlungsverfahren gegen die Frauen; mit der stern- danach gründete stern-Fotograf Klaus Meyer-Andersen
Titelgeschichte begann eine Debatte über die Macht nach monatelangen und aufrüttelnden Recherchen unter
der Männer. Mit ihren Slogans „Ob Kinder oder keine, Kinderschändern gemeinsam mit Ärzten, Therapeuten
entscheiden wir alleine“ und „Die Unterdrückung der und Lehrern den Verein „Dunkelziffer – Hilfe für sexuell
Frau fängt im Bett an und hört im Betrieb auf“ forcierten missbrauchte Kinder“.
die Frauen ihren Kampf um Gleichberechtigung und Eine wichtige und bis heute wirkende stern-Kampagne
Selbstbestimmung. Ihr Einsatz führte schließlich zur war die Aktion „Mut gegen rechte Gewalt“. Die Idee kam
Reform des Paragrafen. uns* nach einer Recherche. Immer wieder hatten wir über
Zwei Jahre später stieß der stern eine der größten Hilfs- rechtsradikale Attacken berichtet, immer wieder ihren
aktionen in der Geschichte der Bundesrepublik an. In Verlauf beschrieben, immer wieder unsere Ohnmacht ge-
Äthiopien hungerten nach jahrelanger Dürre mehr als spürt. Und immer wieder erfolgreich versucht, das Gesche-
eine halbe Million Menschen; in der Hoffnung auf Reis hene nicht an uns heranzulassen. Nüchtern zu bleiben,
oder ein Stückchen Brot zogen Hunderttausende, bis aufs distanziert. Wie es sich ja eigentlich gehört für Reporter.
Skelett abgemagert, bettelnd durch das Land. Der ver- Diesmal war es anders. Als der stern über den Mord an
greiste Kaiser Haile Selassie, auch verantwortlich für die einem jungen Mann aus Mosambik berichtete, Alberto
Katastrophe, versuchte noch zu verhindern, dass diese Adriano. Er war Pingsten 2000. 4
Bilder um die Welt gingen. Doch im November 1973
lieferten Reporter Heiko Gebhardt und Fotograf Thomas *Der Autor war Mitinitiator

70 Jahre 121
1990
RUSSLANDHILFE
Fast 140 Millionen D-Mark an Spenden sammelte
der stern gemeinsam mit dem ZDF, um die unter dem
harten Winter leidenden Menschen zu versorgen

Wir standen unter einer Eiche im Stadtpark zu Dessau, durch die Republik. 2014 half die stern-Kampagne, in Köln
dort, wo drei junge Deutsche den Familienvater zu Bo- das „Birlikte“-Festival zu organisieren, zum Gedenken an
den getreten hatten. Ein paar Blumen lagen da. Es schien die Opfer der NSU-Terroristen: Mehr als 150 000 Men-
ein Fall wie jeder andere: wieder ein rassistischer Mord schen kamen an drei Tagen in der Keupstraße zusammen,
in Deutschland, der 90., der 100., der 138. seit der Wieder- Ehrengäste waren die Familien der Opfer und der dama-
vereinigung. Wer wusste es schon genau? lige Bundespräsident Joachim Gauck.
Wir baten die stern-Leser, Geld zu spenden für Opfer Besonders ein „Mut gegen rechte Gewalt“-Projekt gilt
rechter Angriffe. Unser Motto: Mut gegen rechte Gewalt. heute als vorbildlich: die Neonazi-Aussteiger-Initiative
Als die ersten 100 000 D-Mark zusammen waren, rief ein „Exit“. Die Gruppe um den Berliner Kriminologen Bernd
Unternehmer an. Er würde gern mehr tun, der Familie Wagner unterstützte seit ihrer Gründung über 600 Neo-
einen Rechtsanwalt bezahlen, zum Beispiel. Und plötz- nazis, die Szene zu verlassen. Für Ex-US-Präsident Barack
lich war da eine Idee: Was wäre, wenn wir von uns aus Obama zählt „Exit“ zu einem der weltweit wichtigsten
deutsche Unternehmer bitten würden, Geld zu spenden? gesellschaftlichen Engagements. Mittlerweile wurde mit
Arbeitsplätze zu schaffen im Kampf gegen rechts? „Hayat“ eine zweite Initiative gegründet, die sich Tätern
Dauerhaft und effektiv? aus der islamistischen Szene widmet.
Mit Unterstützung von Unternehmen wie Brainpool, Seit 2003 organisiert und verwaltet die Stiftung stern
Bertelsmann, Gruner + Jahr, der Bahn, der Deutschen Bank die guten Taten der Redaktion. Den Anstoß lieferte
oder SAP sammelten wir Geld zur Unterstützung von De- die Flutkatastrophe im Sommer 2002. Der stern brachte
mokratie-Initiativen vor allem im Osten Deutschlands. ein Sonderheft heraus mit dem Versprechen, einen Euro
Mit mehr als zwei Millionen Euro wurden Menschen vom Verkauf jedes Exemplars direkt an die Opfer vor al-
gefördert, die sich in Dörfern und Städten Neonazis in lem im Osten des Landes zu spenden. Überwältigt von
den Weg stellten und Opfern von Attacken zur Seite stan- der Hilfsbereitschaft der stern-Gemeinde gründeten
den. In Zusammenarbeit mit der Berliner Amadeu Anto- die damaligen Chefredakteure Thomas Osterkorn und
nio Stiftung schufen wir ein Projekt, das später für die Andreas Petzold die Stiftung. Deren Arbeitsprinzip ist
Bundesregierung zum Beispiel dafür wurde, vor allem einfach und effektiv: stern-Reporter überzeugen sich vor
junge Menschen im Kampf um Toleranz und gegen Ort vom Sinn einer Spende und bürgen dafür, dass die
Rassismus zu unterstützen. Heute arbeiten dort 40 Men- Gelder sinnvoll verwendet werden.
schen. Danach schlossen sich Künstler wie Udo Linden- Seitdem hat die Stiftung stern fast acht Millionen Euro
berg, Peter Maffay, Smudo, Clueso oder Nena der Initia- Spendengelder für 65 Hilfsprojekte in Deutschland und
tive an und tourten 2001 mit „Rock gegen rechte Gewalt“ dem Ausland gesammelt. Über 35 000 Leserinnen und

122 70 Jahre
Leser spendeten. Für Familien in Not, für den Wiederauf-
bau von Schulen nach dem Tsunami, für die Arbeit von
„Ärzte ohne Grenzen“ und dem Kinderhilfswerk „Arche“.

JEDER EURO BRINGT 20-FACHEN NUTZEN


In Zusammenarbeit mit dem Schauspieler Til Schwei-
ger wurde vor vier Jahren das Projekt „Mutmacher“
ins Leben gerufen. Hier kümmern sich drei Sozialarbei-
ter gezielt um die Probleme von Jugendlichen. Hören zu,
fragen nach, versuchen Perspektiven zu entwickeln.
Sie sind: Lebensberater. Und manchmal die Einzigen,
denen sich Jugendliche noch anvertrauen, weil sie von
ihren Eltern und manchmal auch von ihren Lehrern
nichts mehr erwarten. Die „Mutmacher“ arbeiten so
erfolgreich, dass sich Unternehmensberater der Boston
Consulting Group daran gemacht haben, die „soziale
Rendite“ des Projekts zu bemessen. Ihr Ergebnis: „Jeder
in das ‚Mutmacher‘-Programm investierte Euro bringt
mindestens 20 Euro sozialen Nutzen.“ Weil Jugendliche,
die das Abitur oder eine Ausbildung schaffen, dem
2005
Staat später nicht auf der Tasche liegen. Weil weniger DIE ARCHE
Gefahr besteht, dass sie kriminell werden. Und weil Seit vielen Jahren unterstützt der stern die
„Arche“. Hier finden Kinder aus armen Familien
die Chancen groß sind, dass sie sich später auch für an- einen Platz zum Lernen und Spielen, warmes
dere engagieren. Essen, Freundschaft und Halt. Der Hamburger
Auch die vom stern ausgelobten Preise sind legendär. Bernd Siggelkow gründete das Hilfswerk,
Allen voran der bis heute größten Talentwettbewerb Standorte gibt es inzwischen in vielen Städten
Deutschlands: „Jugend forscht“. 1965 gründete Henri
Nannen den Wettbewerb, um Kinder und Jugendliche
für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und
Technik zu begeistern. Und sie zu ermutigen, gesell-
schaftliche Verantwortung zu übernehmen. Mehr als
250 000 Jungforscher haben sich seitdem an den Wett-
bewerben beteiligt und aus ihren Projekten heraus welt-

Ì 7,7 MILLIONEN EURO


weit Firmen gegründet.
Großes Renommee genießt auch der 2002 ins Leben
gerufene „Deutsche Gründerpreis“, der junge Unterneh-
mer und Unternehmerinnen fördert. Und seit mehr als hat die Stiftung stern seit 2003
zehn Jahren wird in Sachsen mit Unterstützung des stern
der „Sächsische Förderpreis für Demokratie“ an Men-
für Hilfsprojekte eingesetzt
schen verliehen, die sich vor Ort gegen Rassismus und

Ì 3 MILLIONEN DAVON
für die Menschenwürde engagieren.
Der stern wird sich weiter kümmern. Gemeinsam mit
seinen Leserinnen und Lesern. Nicht leise zu werden: Das
ist unser Job. 2 kamen bedürftigen Kindern
in Deutschland zugute

Ì 65 GROSSE HILFSPROJEKTE
Uli Hauser, stern-Reporter
werden gefördert – weltweit
Uli Hauser gefällt die Idee schon lange, mehr
zu tun, als zu beschreiben. Er ist Mitinitiator der
stern-Kampagne „Mut gegen rechte Gewalt“,
der Aktion „Mutmacher“, und er half mit, 2014
das „Birlikte“-Festival in Köln zu organisieren.
Ì 35 000 MENSCHEN
Hauser wurde 2013 für sein Engagement von haben bisher an die
der Bundesregierung als „Botschafter für
Demokratie und Toleranz“ ausgezeichnet Stiftung stern gespendet
70 Jahre 123
„40 PROZENT DER JUNGEN
ERWACHSENEN HABEN SCHON
SUCHTMITTEL KONSUMIERT.
ALLEIN DIE ECSTASY-DELIKTE
SIND INNERHALB EINES JAHRES
UM 20 PROZENT GESTIEGEN.
ZAHLEN, DIE ZEIGEN:
DIE GESCHICHTE DER KINDER
VOM BAHNHOF ZOO IST
NOCH LÄNGST NICHT ZU ENDE.
SIE SCHREIBT SICH
GERADE NEU.“
Christian Krug, Chefredakteur,
am 11. Februar 2016 im stern
MENSCHEN
UND
SCHICKSALE

70 Jahre 125
1978
Als die stern-Serie im September 1978 begann, ahnte niemand, dass das Schicksal Das stern-Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ wurde mehr als drei Millionen
der 16-jährigen Berlinerin Christiane F. zur meistgelesenen stern-Geschichte werden Mal verkauft und in rund 20 Sprachen übersetzt. Die Geschichte der jungen Frau,
würde. Die stern-Reporter Kai Hermann und Horst Rieck zeichneten den Abstieg und das ist die traurige Nachricht, hat von ihrer Aktualität nichts verloren –

126
des Mädchens in Drogenelend und Prostitution und ihren Ausstieg aus der Szene auf. sie könnte heute genau so in Hannover spielen, in Mainz, in Greifswald.

70 Jahre
70 Jahre 127
128 70 Jahre
70 Jahre 129
130 70 Jahre
70 Jahre 131
132 70 Jahre
70 Jahre 133
134 70 Jahre
70 Jahre 135
136 70 Jahre
70 Jahre 137
138 70 Jahre
70 Jahre 139
„DAS WEINEN,
DAS TRAUERN,
DAS HUNGERN,
DAS FRIEREN,
DAS STERBEN.
ES IST NICHT VORBEI.
ES GESCHIEHT AUCH
GERADE JETZT.“
Raphael Geiger, Auslandskorrespondent,
im Dezember 2017 im stern
KRISEN,
KRIEGE,
NOT
70 Jahre 141
2014 SPANIEN:
FESTUNG EUROPA
Diese Szene spielt in Melilla,
einer spanischen Exklave in
Nordafrika. Vorn schlagen
gut gekleidete Menschen den
Golfball ab, hinten hängen
Afrikaner in der Krone des
Zaunes. Der Stacheldraht soll
Europa vor ihnen schützen, vor
Menschen, die um ihr Leben
fürchten oder ein wenig Wohl-
stand ersehnen. Hier beginnt
die Festung Europa. Doch die
Not der Flüchtlinge ist so
groß, dass sie ohne Rücksicht
auf ihr Leben gegen Zäune
anrennen und in überladenen
Booten über das Mittelmeer
fahren. Der Golfplatz übrigens
wurde mit EU-Geld gefördert –
zur Beseitigung von Un-
gleichheiten zwischen den
Regionen Europas.

142 70 Jahre
2017 BANGLADESCH:
DIE VERDAMMTEN
Ein Mann hilft einer erschöpf-
ten Rohingya-Frau an Land.
Das Boot hinter ihr brachte sie
über den Grenzfluss Naf, der
hier Bangladesch und Myanmar
trennt. Den Transport über-
nehmen – gegen Geld – die
Fischer der Region. Unter all
den humanitären Katastrophen
des vergangenen Jahres stach
diese in ihrer schier epischen
Brutalität hervor: die Ver-
treibung der Rohingya, der
muslimischen Minderheit von
Myanmar. Sie sollen zurück-
kehren dürfen, hieß es zuletzt,
aber wohin? In ihre abgebrann-
ten Dörfer? Noch sind sie dort,
wo stern-Reporter Raphael
Geiger und der Fotograf Kevin
Frayer sie im September 2017
besuchten. Das Ausmaß des
Exodus der Rohingya machte
beide fassungslos. „Wohin
man sah, überall war nur Trau-
rigkeit“, sagte Frayer.

144 70 Jahre
2017 SYRIEN:
LOST IN ALEPPO
Er sitzt in einem Zimmer, das
einmal ein Zuhause war.
Früher, als Aleppo in voller Blüte
stand. Jetzt bleiben Moham-
mad Mohiedine Anis nur
Erinnerungen. Und sein altes
Grammofon, das den Beschuss
durch Bomben, Granaten und
Gewehrkugeln wie durch ein
Wunder unbeschadet überstan-
den hat. Ansonsten ist in dem
Gebäude aus den 1930er Jahren
nicht viel heil geblieben. Der
Krieg hat alles zerstört – auch
das Hobby des 70-Jährigen:
Einst sammelte der Syrer alte
Autos. Die Oldtimer stehen
jetzt zerschossen auf Aleppos
staubigen Straßen. Das Gram-
mofon spielt noch immer
Musik. Aber es sind Melodien
aus einem früheren Leben.

146 70 Jahre
2014 UKRAINE:
GLÜHENDER PROTEST
Auf dem Majdan, dem Platz
der Unabhängigkeit, steht
das Denkmal zu Ehren der Stadt-
gründer Kiews inmitten von
Fahnen, Flammen und Qualm.
Drei Monate lang protestierten
Hunderttausende Menschen für
Demokratie, gegen Korruption,
gegen ihren Präsidenten Wiktor
Janukowitsch. Der wollte das
Land enger an Russland binden,
die Menschen auf dem Majdan
aber wünschten sich ein Abkom-
men mit der EU. Die Aufständi-
schen siegten, doch die Hof-
nung auf eine friedliche Zukunft
währte nicht lange. Wladimir
Putin nutzte das Chaos, um die
Krim zu annektieren und die
Menschen im Donbass im Osten
des Landes gegen die neue Re-
gierung aufzustacheln. Zwar
war das Land von jeher gespal-
ten: Im Westen und in der Zen-
tralukraine fühlten sich die Men-
schen Europa näher, im Osten
neigte man mehr Russland zu.
„Doch der Aufstand auf dem
Majdan hätte niemals zum jetzi-
gen Krieg geführt. Es war das
Kreml-Regime, das ihn gnaden-
los eskalierte“, schrieben die
Reporter Bettina Sengling und
Tilman Müller damals im stern.
Mehr als 10 000 Menschen
starben bis heute in diesem fast
vergessenen Konflikt.

148 70 Jahre
1994 RUANDA:
SCHULD UND SÜHNE
In der Nacht zum 7. April 1994
begann der Völkermord in
Ruanda. Der Blutrausch währte
100 Tage. Hutu-Milizen erschlu-
gen ihre Mitbürger vom Volk
der Tutsi, das afrikanische Land
versank im Strudel der Gewalt.
Männer, Frauen und Kinder
wurden mit Macheten nieder-
gemetzelt. Fast eine Million
Menschen töteten die Hutu-Ex-
tremisten. Es war, als wäre für
100 Tage die Menschlichkeit aus
Ruanda verschwunden. Damals
ging das Foto des Jungen um
die Welt, der gerettet werden
konnte und dessen Narben von
der Wucht der Brutalität erzäh-
len. Der Fotograf James Nacht-
wey wurde für das Foto mit dem
World Press Preis ausgezeich-
net. 2014 grif der stern es
wieder auf – in einer Geschichte
über die Versöhnung von Op-
fern und Tätern. Begleitet von
Psychologen gaben geschun-
dene Tutsi ihren Peinigern die
Hand. Jahre hatte der Wille
zum Verzeihen reifen müssen,
und die Bilder davon waren
nicht weniger eindrucksvoll.

150 70 Jahre
2001 USA: WUNDE
DER WESTLICHEN WELT
Noch lange nach dem 11. Sep-
tember ragte das Stahlgerippes
aus dem qualmenden Schutt
auf. Es sind die Reste des World
Trade Center. Kein Ereignis
unserer Zeit sollte die Welt so
sehr verändern wie der Angrif
auf die Zwillingstürme in New
York. Dienstag gegen 15 Uhr
erreichte die Nachricht von der
Katastrophe die Hamburger
stern-Redaktion. Die kommen-
de Ausgabe war bereits in
Druck, es blieben 13 Stunden
Zeit, um die Leser in einer
Sonderausgabe zu informieren.
Viele Kollegen arbeiteten die
Nacht durch, stilles Entsetzen
beherrschte die Stimmung
in der Redaktion. Und tiefes
Mitgefühl mit den Opfern
dieser unfassbaren Gewalt.

70 Jahre 153
2013 BANGLADESCH:
IN DER TODESFALLE
Wie eine Träne läuft ihm das
Blut aus dem Auge. Vielleicht
versuchte er die Frau zu retten,
vielleicht versuchten sie, einan-
der Halt zu geben, in den letzten
Sekunden, bevor das einstür-
zende Gebäude sie begrub.
Mehr als 1000 Menschen star-
ben in den Trümmern der Textil-
fabrik nahe Dhaka, Bangla-
desch. Sie nähten Kleider für
den Westen, unter erbärmlichs-
ten Bedingungen. Hauptsache,
billig. Um zwei Uhr nachts fand
die Fotografin Taslima Akhter
die beiden: „Ich weiß nicht,
wer sie sind, in welcher Bezie-
hung sie zueinander stehen.
Doch fühle ich mich ihnen nahe.
Als ob sie mir sagen würden:
,Wir sind keine Nummer. Wir
sind Menschen wie ihr. Unser
Leben ist so wertvoll wie eures.
Und unsere Träume auch.‘“

154 70 Jahre
1997 AFGHANISTAN:
TRAUER UM DEN BRUDER
Man kann nicht erkennen, ob
sie weint. Still verharrt die ver-
schleierte Frau am Grab ihres
Bruders. Es ist eines von zahl-
losen Gräbern in der kahlen,
rissigen Erde des Friedhofs in
Kabul. Um die namenlose letzte
Ruhestätte von den anderen
unterscheiden zu können, hat
sie ein weißes Stück Tuch um
den Stein gebunden. Zu der
Zeit, als James Nachtwey die-
ses Bild aufgenommen hat, tobt
seit 18 Jahren der Krieg in dem
Gebirgsland am Hindukusch.
Und er wird das zerrissene
Land auch in den kommenden
Jahren nicht verlassen.

70 Jahre 157
ZEUGNIS
S
ie hatten tagelang gewartet, um diesen Flug
in die Hölle zu ergattern, dorthin führten
keine Straßen; schließlich quetschten sie
sich in eine winzige Cessna, erlaubt waren
ihnen fünf Kilo Gepäck. Ein Flug nach

ABLEGEN
Ajiep, ein Dorf im Süden des Sudan, das
im Sommer 1998 die Welthauptstadt des
Hungers war.
In jenem Sommer vor 20 Jahren verhun-
gerte das Volk der Dinka, nomadische Vieh-
züchter und Bauern. Der Krieg, auch damals
schon herrschte Krieg im Süden des Sudan, hatte zwei
Die Welt zeigen, wie sie ist, Ernten vernichtet, plündernd zogen Soldaten durch das
Land.Brannten Hütten nieder, stahlen Vieh und Saatgut.
in ihrer Schönheit, aber auch Mehr als eine Million Menschen waren vom Hungertod
bedroht,vor allem Frauen, Kinder, Alte; Menschen wie wir.
in ihrer Grausamkeit – in Der Wind trug den Geruch von Schweiß und Exkremen-
ten. Und die Starken ließen die Schwachen sterben.
dieser Verantwortung Ihre letzte, allerallerletzte Hoffnung war Ajiep, dort
sieht sich der stern. Präzision hatte die Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ ein
„medizinisches Ernährungszentrum“ errichtet, eine win-
und Faktentreue gehören zige Zeltstadt im Busch. Zu den grausamsten Plichten
der 15 Ärzte und Krankenschwestern gehörte es, die Ster-
dazu, Erfahrung und benden von denen trennen zu müssen, die noch den
ein maßvolles Urteil. So wächst Hauch einer Überlebenschance hatten.
„Es sind viele, so viele“, notierte Reporter Gabriel Grü-
Glaubwürdigkeit, und ner,„der Hunger hat jedes Gefühl für die Gemeinschaft
zerstört.“
die ist heute wichtiger denn je Der kleine Junge mit dem aufgeblähten Hungerbauch,
nackt,an Durchfall leidend, von Fliegenschwärmen über-
Von Katja Gloger sät.Zu schwach schon, um zu stehen, versuchte das Kind
doch mit letzter Kraft, sich aufzurichten. Ein Foto ent-
stand, ein Dokument, seinen Betrachtern kaum zumut-
bar. Weil es einem Menschen seine Würde raubte?
Lange hatten wir Zuhausegebliebenen in der Redak-
tion überlegt, ob der stern dieses Foto veröffentlichen
dürfe.Wir hatten uns schließlich dafür entschieden. Die-
ses so verstörende Bild musste zumutbar sein: weil die
Realität ja noch viel schrecklicher war. Diesem Kind war
seine Würde geraubt worden, lange bevor das Foto
entstand: Denn die Menschen im Rest der Welt hatten
wieder einmal viel zu lange weggesehen.
Reporter Gabriel Grüner und Fotograf, nein, Fotojour-
nalist Hans-Jürgen Burkard waren nach Ajiep gereist, um
mit einer stern-Reportage Zeugnis zu geben.
Zeugnis geben von den Realitäten unseres Lebens, von
der Welt, wie sie ist: von ihrer furchtbaren Grausamkeit,
aber auch von ihrer überwältigenden Schönheit; von
ihren Geheimnissen, ihren Widersprüchen und ihren
herrlichen Kapriolen. Das Leben, wie es ist: so kostbar
und so zerbrechlich.
Zeugnis geben, aufrütteln. Es mag eine altmodische
Hoffnung sein, aber an sie wollten – und wollen – viele
Kollegen glauben in den 70 Jahren, die es den stern nun
1998 Ein Kind verhun-
gert, von Fliegen schon gibt.Zeugnis geben: Diese Verantwortung zählt zu
HUNGERSNOT IM SÜDSUDAN übersät – nach den vornehmsten Plichten eines Journalisten. Weil dazu
Diskussionen Faktentreue und Überprüfbarkeit gehören; Präzision und
entschied damals
der stern: Wir ein maßvolles Urteil, nur so wächst Glaubwürdigkeit.
drucken dieses Skepsis als journalistische Grundhaltung. Respekt und
Bild, wir müssen auch Empathie, aber niemals Gefühlsduselei.

158 70 Jahre
Wir wollen Wahrheitssammler sein. Durch gründli-
che Recherche wollen wir den Tatsachen so nah kommen
1999
Auf einer
wie möglich. Vielleicht ist dies heute wichtiger denn Recherchereise
je, in diesen vermeintlich „postfaktischen“ Zeiten des im Kosovo
digitalen Kulturbruchs, in denen alles nur einen Klick, verloren Gabriel
eine Zehn-Fundstellen-Google-Abfrage und einen skan- Grüner und der
dalisierenden Tweet weit entfernt scheint – übrigens Fotograf Volker
Krämer ihr
auch der digitale Pranger. Auch das ist „Fake News“: die Leben. Auch der
Illusion, dass man sich jederzeit über alles und alle Dolmetscher
informieren kann. Senol Alit starb
Das Wahrheitsmonopol des Journalisten, so wie er sei-
ne Rolle gern verstand, ist unwiderrulich verloren gegan-
gen. Eine Herausforderung, der wir uns stellen müssen.
Die Welt, wie sie ist: Zeugnis geben im Einklang von
Wort und Bild, die Zusammenhänge erklären – dies ge-
hörte früh zu den großen Tugenden des stern. Auch durch
die Opulenz und emotionale Wucht seiner Reportagen
NATÜRLICH HATTE ER
wollte – und will – der stern Aufklärung im besten Sinn
leisten. Zu keinem Zeitpunkt war er perfekt, seine Jour-
MANCHMAL DIE „SCHNAUZE
nalisten haben große Fehler gemacht und kleine. Aber er
wollte immer die Besten, damit die ihr Bestes geben.
VOLL“ VON DEM „GANZEN
Die Reportage aus dem Süden des Sudan wurde im Ju-
biläumsheft zum 50. Geburtstag des stern veröffentlicht.
HASS“. UND NATÜRLICH
Der damals noch vergleichsweise kleinen Hilfsorganisa-
tion Ärzte ohne Grenzen brachte sie 1,14 Millionen
MACHTE ER WEITER
D-Mark Spenden, Hilfe für die Hungernden.
Natürlich ließ Gabriel Grüner zurück, was er entbeh-
ren konnte, als er das Notlager in Ajiep verließ. Sein Alexander T., der mit seinem Auto auf der viel befahre-
Einmannzelt und den Schlafsack, Malariatabletten, nen Straße verunglückt war. Er schoss mit seinem
Wasserilter, die Kekse. Sein einziges Ersatz-T-Shirt Schnellfeuergewehr in den Wagen der Journalisten, mit
schenkte er dem Mädchen Abuk. Die damals elfjährige dem er dann lüchtete.
Waise hatte sieben Monate im Busch überlebt. „Mit leuch- Immer wieder riskierten Kollegen in diesen 70 Jahren
tenden Augen nimmt sie unser Geschenk“, schrieb Grü- ihr Leben für die Geschichte, die sie nach Hause bringen
ner, „rappelt sich hoch auf ihren Spinnenbeinchen, streift wollten. Im Vietnamkrieg gerieten sie hinter den Linien
sich das billige T-Shirt über ihren Hungerkörper, als wäre des Vietcong in Gefangenschaft, einer landete im Kongo
es ein Kleid aus Gold und Seide. Tapfer würgt sie an ihrer im Gefängnis; ein Reporterteam wurde während des
Morgenration Haferbrei.“ Krieges im kaukasischen Berg-Karabach im Militärhub-
schrauber abgeschossen – und überlebte. Sie wagten sich
IMMER WIEDER RISKIERTEN KOLLEGEN IHR LEBEN – wahnwitzig – ins hoch radioaktive Innere des explo-
Vielleicht hat der junge Reporter einem Menschen da- dierten Reaktors IV im ukrainischen Tschernobyl. Sie
mit geholfen, seine Würde zurückzugewinnen. Allein für interviewten allerlei unberechenbare Diktatoren.
diesen Moment hatte sich die Reise gelohnt. „Für diese 1967 log Fotograf Fred Ihrt in einer Piper Cherokee
Leute macht es einen Unterschied, ob jemand über sie gefährliche 25 Meter über dem Meer zur griechischen
schreibt oder nicht“, sagte er. Insel Jaros und dokumentierte, wie die Militärjunta Tau-
Der großartige Reporter Gabriel Grüner, ein junger sende ihrer Kritiker wegsperrte. Sein Foto des Lagers ging
Mann, berichtete vor allem aus dem zerfallenden Jugo- um die Welt – Beweis für die Lügen eines Folter-Regimes.
slawien und aus Afghanistan. Er beschrieb den Krieg und Der stern war journalistische Heimat für die besten
den Tod, die Ohnmacht und die Hoffnung auf Zukunft Reporter der Welt. Er wuchs mit ihnen, so wie sie an ihm
und all das Leben dazwischen. Er war getrieben von dem wuchsen, manchmal füllten ihre Reportagen 20 Seiten,
Wunsch, zu verstehen; und natürlich gab es Momente, in keine einzige davon zu viel. James Nachtwey war unter
denen hatte er die „Schnauze voll“ von dem „ganzen Hass“, ihnen, dieser markante Gentleman unter den Kriegsfoto-
wie er sagte. Natürlich machte er weiter. grafen, der immer nur Antikriegsbilder machen wollte.
Seine Lebensgefährtin Beatrix Gerstberger war schwan- Den es so lange immer wieder in den Krieg zog, bis er 2003
ger, als Gabriel Grüner, begleitet von stern-Fotograf im Irak selbst schwer verletzt wurde. Der es als seine
Volker Krämer und ihrem Dolmetscher Senol Alit, im Juni Plicht sieht, zu dokumentieren, was Menschen einander
1999 aus dem Kosovo über den Einmarsch der Nato-Trup- antun. Keinesfalls ein Draufgänger, sondern ein ebenso
pen berichten wollte, akribisch wie immer seine Notizen. asketischer wie ehrgeiziger Athlet, der sich scheut,
An jenem 13. Juni 1999, diesem ersten, noch unsicheren irgendein Aufhebens um sich zu machen. Ihn treibt die
Tag eines möglichen Friedens, starben sie am Dulje-Pass Hoffnung, nein, die Gewissheit, dass „Fotos Verantwort-
mutmaßlich durch die Kugeln des russischen Söldners liche zum Handeln zwingen können“. Weil es unmora- 4
70 Jahre 159
lisch ist, die Zeugnisse des Leidens anderer nicht anzu-
sehen. Und auch, damit denen, die er fotograiert, „so viel
Gerechtigkeit als möglich widerfahren kann“. Und damit
meint Nachtwey die Opfer ebenso wie die Täter.
Die Frage, der wir uns im Jahr 71 des stern stellen müs-
sen: Ist der Bilderverschleiß so groß geworden, dass alles
beliebig wird? Tausende Fotos laufen jeden Tag über die
Server der Bildredaktion ein. Einen Klick weit weg nur
gleichen Krieg und Konlikte zunehmend Illustrationen
im Stil der Bilderwelten aus Hollywood. Über die oft kom-
plizierten Ursachen jedoch und die langfristigen Folgen
von Konlikten berichten nur noch wenige – so wie
Redaktionen unter Kostendruck nur noch wenigen die
Zeit geben und das Honorar dafür zahlen, länger als
durchschnittlich eine Woche an einer Reportage zu arbei-
ten. So werden Reporter zu „parachute journalists“, die
Fallschirmspringern gleich von oben herab ins Gesche-
hen fallen und schnell wieder verschwinden; und Foto-
grafen rasen als „ambulance chaser“ auf der Jagd nach
dem Bild des Tages den Krankenwagen hinterher, oft nur
für ein paar Dollar Veröffentlichungshonorar.

DER CHEFREDAKTEUR RIEF: „FAHRT LOS!“


Zum Markenkern des stern gehörte schon früh seine
Internationalität, diese manchmal unverschämte Gran- 2002 Monatelang
durfte das stern-
dezza. Der 2014 verstorbene Weltenwanderer Robert RUSSLANDS HOFFNUNG Team Präsident
Lebeck – beinahe ein halbes Jahrhundert lang durfte der Wladimir Putin be-
stern seine Fotos veröffentlichen – zog Mitte der 60er Jah- gleiten. Er war
damals gerade
re nach New York. Von dort aus eroberte er zielsicher zwei Jahre im Amt
Amerika, ein zerrissenes Land der Träume; auch dort
seinem Grundsatz folgend: „Dass man sich nie etwas
vorschreiben lassen darf und dass man, wenn es doch PUTIN SCHMIERTE
Vorschriften gibt, sie in jedem Fall umgehen muss.“
Henri Nannen natürlich, der für seine Leser noch im- DEM FOTOGRAFEN
mer das „Blaue vom Himmel runterholte“, wie Nannen-
Biograf Hermann Schreiber notierte.Einst als Kriegspro- BUTTERBROTE MIT KAVIAR
pagandist beim „Völkischen Beobachter“an der Ostfront
eingesetzt,gehörte Nannen 1955 als stern-Chefredakteur
zum journalistischen Begleittross von Bundeskanzler
Konrad Adenauer bei dessen Staatsbesuch in Moskau. view mit dem damaligen Staats- und Parteichef Leonid
Während der Kanzler mühsam das russische Wort Breschnew an dessen Schreibtisch im Kreml – welch ein
sdrawstwuite, Guten Tag, gelernt hatte und die Mitglie- Symbol auch das: Die Unterstützung der neuen Ostpoli-
der der (west-)deutschen Delegation sich gewappnet hat- tik Willy Brandts, der Verständigung mit Osteuropa und
ten, den befürchteten Zwangskonsum größerer Mengen der Sowjetunion gehörte zu den zentralen Themen des
an Wodka durch die morgendliche Einnahme eines Ess- stern. Es war mit Nannen auch der Versuch einer ganzen
löffels Olivenöls quasi präventiv zu neutralisieren,schum- Generation, etwas von dieser unermesslichen Kriegs-
melte sich Nannen mit breitestem Strahlelachen mitten schuld wiedergutzumachen.
hinein in einen gemeinsamen Auftritt von Konrad Ade- Überhaupt, der wilde Osten. Wie der stern nach dem
nauer und Parteichef Nikita Chruschtschow im Moskau- Fall der Mauer jenen faszinierenden Kontinent neu
er Kreml – der stern, auch im Sowjetreich ganz vorn. vermaß, der noch eine Weile Sowjetunion hieß. Wohl
Zwei Jahre später reiste Nannen erneut gen Osten.Von kaum ein Magazin berichtete über das sowjetische – und
Hamburg durch Polen nach Moskau und weiter auf die postsowjetische – Leben so ausführlich wie der stern.
Krim, auch dies eine grenzüberschreitende Sensation in Wir Moskauer Korrespondenten waren Glückskinder an
West wie Ost: Er fuhr mit einem knallroten Mercedes Orten, an denen Weltgeschichte geschrieben wurde.
Cabrio 190 SL mit stern-Stander durch die noch immer Auch wenn man es heute kaum glauben kann, Chef-
kriegsverwüstete Sowjetunion, Fotograf und Reporter redakteur Rolf Schmidt-Holtz rief damals: „Fahrt los!“
folgten in einem VW-Käfer, der vollgepackt war mit – und manchmal kehrten wir erst Monate später zurück.
Ersatzteilen für das Cabrio. Oft durften wir die Ersten sein: betraten Geheimarchi-
Und da lümmelte Henri Nannen 1973 nach einem ve des KGB und bereisten den Archipel Gulag, Stalins
(übrigens in Fragen und Antworten bereits schriftlich grausame Lagerwelt der Kolyma im fernen Osten
vom sowjetischen Parteiapparat vorformulierten) Inter- Sibiriens,diese gefrorene Welt der Schatten.Dokumen-

160 70 Jahre
tierten Umweltzerstörung in den Ölfördergebieten, früh mahnten vor diesen unheilvollen Invasionen und
plauderten mit Ofizieren der Roten Armee am Ab- ihren verheerenden Folgen für die Welt und auch für
schuss-Silo einer Interkontinentalrakete. Wir begleite- Amerikas Seele, denn es folgten Guantánamo und Abu
ten Polizisten bei Anti-Maia-Einsätzen und Oligarchen Ghraib. Es waren – und sind – die Momente, in denen der
auf Raubzügen. Und bei Michail Gorbatschow und stern Haltung zeigt.
Boris Jelzin im Kreml war der stern natürlich auch. Haltung. Ein schwieriger Begriff, oft verwechselt mit
Als erste westliche Journalisten waren wir Monate „Ich“ und dem schnellen Facebook-„Like“, mit gut ge-
unterwegs mit einem jungen russischen Präsidenten, auf meinter Empörung und einseitiger Parteinahme. Haltung
den sich anfangs so viele Hoffnungen richteten: Wladi- aber entwickelt sich aus eigener Anschauung und mög-
mir Putin. Er lud zu sich nach Hause ein, nach Nowo- lichst umfänglich informierter Abwägung. Sie orientiert
Ogarjowo vor den Toren Moskaus. Noch immer lebt er in sich an den nicht verhandelbaren Rechten des Menschen
dieser Residenz, die viel zu mächtig ist, um ein Zuhause und seiner Würde. Der Anspruch ist hoch – und wahr ist
zu bieten. Er kochte Tee und schmierte dem hungrigen ja auch, dass auch wir ihm nicht immer genügen. Auch
Fotografen kleine Butterbrote mit Kaviar, ein aufmerk- der stern ist seinen Lesern mehr Rechenschaft schuldig,
samer, ja, charmanter Gastgeber. Putin plauderte – auf mehr Transparenz. Und das ist vielleicht die Chance in
Deutsch – über sein Faible für Romy Schneider und dieser Medien- und Glaubwürdigkeitskrise, in der die
sprach von der „historischen Mission“ seines Amtes. Ein manchmal so großkotzig-selbstsichere Leichtigkeit der
Mann mit leiser Stimme, so merkwürdig verkantet angeblich guten, alten Zeiten vorbei ist: dass die Suche
freundlich, niemals unbefangen. Schon damals setzte sich anstrengender wird.
Wladimir Putin als Feldherr eines sich wieder erheben- Haltung zeigen all die, die dorthin gehen, wo es wehtut
den Landes in Szene, eines ganz neuen Russland – so – auch ihnen selbst. Journalisten, die sich nicht wichtiger
dokumentierten es die auf ihre Weise entlarvenden Fotos nehmen als die, die sie fotograieren und beschreiben.
von Konrad R. Müller, die im Jahr 2018 aktueller scheinen Meist mühsam und im Dreck und manchmal unter Ein-
denn je. satz des eigenen Lebens sammeln sie die Wahrheit. Zu den
Und natürlich standen stern-Reporter auf dem Kiewer Chronisten unserer Zeit gehören auch all die Freelancer,
Majdan – dort, wo sich Ende 2013 ein Land gegen seine Handyfotografen und Bürgerjournalisten in Kriegsgebie-
korrupten Herrscher erhob. Sie reisten auf die von Russ- ten. Sie harren aus in den Feuerstürmen von Raqqa und
land annektierte Halbinsel Krim; besuchten die Zurück- Aleppo und Ost-Ghouta, schmuggeln Nachrichten hinaus.
gebliebenen im Osten der Ukraine, dort, wo der Krieg Sie gestatten sich keine andere Wahl.
längst Alltag ist. Sie werden uns begleiten, die Kriege, der furchtbare
Terror, all die Geschundenen, die leeren Augen, ihr
HALTUNG HAT NICHTS MIT DEM SCHNELLEN „LIKE“ ZU TUN verzweifeltes „Warum?“. Aber auch ihr Mut und ihre
In Krisen und Katastrophen schlugen stets Sternstunden Mitmenschlichkeit und ihre Hoffnungen. Überlebende
des stern. Dieser Moment des Innehaltens, wenn die ers- der Terroranschläge in Paris, Bataclan, wie sie der Angst
ten Nachrichten eintreffen, beinahe gespenstisch ruhig, und dem Hass trotzen. Und ein ganzes Land zeigt sich
mitten im großen Lärm scheint auf einmal die Zeit still- solidarisch. Migranten in den Sklavenlagern an der
zustehen. Dann sind alle Reibereien, ist alles Gequassel libyschen Küste, festgehalten von Menschenhändlern.
auf den Fluren am Hamburger Baumwall vergessen. Dann Tausende, die um den Preis ihres Lebens über das Meer
geht dieser Ruck durch die Redaktion. Jeder weiß, was zu nach Europa wollen – denn für sie ist das „Wahrschein-
tun ist. Von nun an greift alles ineinander, Fotografen, lich“ schlicht größer als das „Vielleicht“, wie es stern-
Schreiber, Korrespondenten, die „Onliner“. Die Chefs, auch Reporter Raphael Geiger so punktgenau beschreibt.
die vom Dienst. Bildredakteure, Layout, Titelbildner, die Sie werden mit uns sein, die Opfer und die Täter, denn
so wichtigen Faktenprüfer, Schlussgraiker, Schlussredak- die Hoffnung auf ein „Nie wieder“, wie es ein Kollege
teure, die Druckerei und der Vertrieb. Dann formt sich sagte, die erfüllt sich nicht.
aus diesem Haufen Individualisten eine fast unbezwing- Zeugnis geben, aufrütteln, auch wenn es wehtut: in
bare Einheit. immer neuen Momentaufnahmen die Welt zeigen, wie
Und jeder ist an seinem Platz. sie ist. Wahrheit sammeln. Dies bleibt die Verplichtung
9/11, zwei Flugzeuge bohrten sich in das World Trade aus 70 Jahren.
Center. Die großen Türme ielen; America under attack.
Der Terror traf das Herz einer Nation und der ganzen
Daher: jeder an seinen Platz. 2
westlichen Welt. Der strahlend blaue Himmel; der Feu-
erball, das Inferno, der stern produzierte eine 32-seitige
Sonderbeilage. Und in New York Korrespondent Michael
Streck, bis zur Erschöpfung berichtete er wochenlang, so Katja Gloger, stern-Autorin
empathisch und ruhig und präzise, wie er nun einmal ist;
Als Korrespondentin in Moskau erlebte Katja Gloger das
und Kette rauchte er auch. Bald wusste man, Amerika Ende der Sowjetunion und den Aufstieg eines neuen
würde wieder in den Krieg ziehen, mit den USA solida- Russland; sie interviewte Michail Gorbatschow, Boris Jelzin
risch anfangs auch die Deutschen. Amerika zog in den und Wladimir Putin. Als USA-Korrespondentin begleitete
sie den Weg Barack Obamas ins Weiße Haus. Die Henri-
Krieg, erst in Afghanistan und bald darauf im Irak. Und
Nannen-Preisträgerin engagiert sich ehrenamtlich
zu den Sternstunden des stern gehört auch, dass seine im Vorstand der Organisation „Reporter ohne Grenzen“:
Reporter und Korrespondenten mit guten Argumenten Denn Pressefreiheit ist ein Menschenrecht

70 Jahre 161
70 Jahre stern 1965 1969

in 20 Titelbildern

EXPEDITION NACH FERNOST WUNDER DES LEBENS DER MANN IM MOND


Ende der 50er Jahre hatte Weltgefahr von morgen“. Die Bilder des schwedi- 600 Millionen Menschen
die Bundesrepublik ihren Noch war das bitterarme schen Wissenschaftsfoto- saßen vor dem Fernseher,
Platz im Westen gefunden, Land vor allem mit sich grafen Lennart Nilsson als der erste Mensch
die Deutschen hatten selbst beschäftigt. Die waren eine Weltsensation: den Mond betrat. Neil
wieder etwas zu verlieren, Zwangskollektivierung ungeborene Menschen- Armstrong sagte die Worte,
materiell wie politisch. der Landwirtschaft und kinder, aufgenommen die in das kollektive Ge-
Seit Jahren standen sich andere Maßnahmen führ- mit einer Spezialkamera. dächtnis eingingen: „Ein
Nato und Warschauer Pakt ten zu einer furchtbaren Dem Betrachter gaben kleiner Schritt für einen
unversöhnlich gegenüber. Hungersnot, die Millionen sie das Gefühl, Gott bei Menschen, ein riesiger
Und im Fernen Osten Menschen das Leben der Arbeit zuzuschauen – Sprung für die Menschheit.“
schien eine neue Gefahr kostete. Ebenfalls auf dem und dass der Fortschritt 32 Kilogramm wog der
für den Weltfrieden zu Titel: „Ich schwöre und keine Grenzen kennt. Bordcomputer von „Apollo
entstehen. „Unheimliches gelobe.“ Der Serienroman Die Technik belügelte 11“, er war bei Weitem
China“, titelte der stern, um einen Frauenarzt fei- neue Hoffnungen auf eine nicht so leistungsfähig wie
und: „Reporter sahen die erte damals große Erfolge. bessere Welt. ein Smartphone.

1959 1967 1972

VERHÜTUNG BRUTAL „WILLY WÄHLEN“


Ein neues Antibabymittel Für die Sozialdemokraten
aus Schweden. Das Präparat blieb der Wahltag 1972
versprach, die Menschen unvergesslich. Sie wurden
vor ungewollten Schwan- stärker als die Union – zum
gerschaften zu schützen, ersten Mal in der Geschichte
mit nur einer einzigen Pille der Bundesrepublik. Kanz-
im Monat. Bei aller Faszina- ler Willy Brandt hatte
tion für die neuen medizi- bei seinem Amtsantritt
nischen Möglichkeiten trieb drei Jahre zuvor verkündet,
den Autor aber auch die „mehr Demokratie wagen“
Frage um, ob es erlaubt sein zu wollen. Nun bekam
dürfe, „eine schon gezeugte er den Segen der Bürger für
Generation schnell mal seine Ostpolitik, die ihm
eben wieder aus der Welt schon den Friedensnobel-
zu schaffen“. preis eingebracht hatte.

162 70 Jahre
1980 1989

KANDIDAT STRAUSS DAS DILEMMA VON GLADBECK LÖCHER IN DER MAUER


Der CSU-Chef und Kanzler- Silke Bischoff starb mit nehmers löste, als er Glücklich zeigt das Paar auf
kandidat der Union ging in 18 Jahren. Als das Gladbe- selbst im Oberschenkel dem stern-Titel seine neuen
die Offensive: Helmut cker Geiseldrama 1988 das getroffen wurde. Aber darf westdeutschen Pässe. Über
Schmidt, sein Rivale, sei un- Land erschütterte, war sie der Staat töten, um Leben Ungarn und Österreich
fähig, skrupellos und lasse eine der Entführten. Sie zu retten? Das berühmte entkamen im Sommer des
sich von der sowjetischen könnte womöglich noch Bild des Opfers – mit Wendejahres 1989 Tausende
Propaganda einspannen. Mit leben, wenn die Polizei die der Waffe ihres Peinigers der SED-Tristesse. In der
solchen Tönen spaltete Franz Täter gezielt erschossen am Hals – spiegelt sich bundesdeutschen Botschaft
Josef Strauß die Nation. Es hätte – statt bei ihrem auf dem stern-Titelbild in Prag kampierten DDR-
war der letzte Wahlkampf, Zugriff auf der Autobahn im Visier des Polizisten. Bürger auf ihrem Weg in die
der entlang der alten Kampf- A 3 südlich von Bonn „Finaler Rettungsschuss“ Freiheit. Das Regime in
linien des Kalten Krieges einen Schusswechsel zu nennen Experten das Ost-Berlin schwankte zwi-
geschlagen wurde. Am Ende riskieren. Viel spricht letzte Mittel, um Gewalt- schen Resignation und
siegte Helmut Schmidt. dafür, dass sich die Kugel verbrecher zu stoppen. „chinesischer Lösung“ – der
Auch das zum letzten Mal. aus der Waffe des Geisel- Es bleibt umstritten. Anwendung von Gewalt.

1983 1989 1997

DAS WALDSTERBEN SCHÄUBLES TRAUM


Der saure Regen galt als Er war der Kronprinz. Wolf-
größte Bedrohung für gang Schäuble, einst Helmut
Deutschlands Wälder. Tat- Kohls Unterhändler der
sächlich waren weite Teile Einheit, schien dessen natür-
in schlechtem Zustand. licher Nachfolger als Bundes-
Luftschadstoffe aus Indus- kanzler zu sein. Mit eiserner
trie, Verkehr und Privat- Disziplin kehrte er nach dem
haushalten galten als Ver- Attentat 1990 in die Politik
ursacher. Heute wissen wir: zurück. Körperlich war er
Der Wald ist nicht gestor- eingeschränkt – aber it ge-
ben. Die Befürchtungen in nug für jedes Amt. 1997, als
den 80er Jahren waren über- Kohl noch Kanzler war, mel-
trieben, haben aber dazu dete er im stern seine Am-
beigetragen, schärfere bitionen auf den Spitzenjob
Umweltgesetze einzuführen. an. Es wurde nichts daraus. 4
70 Jahre 163
2001 2011

2009

DIE ZEITENWENDE GAU IM PAZIFIK


Vier Flugzeuge brachten die Am 11. März 2011 traf nach
Attentäter in ihre Gewalt, einem Seebeben eine verhee-
zwei steuerten sie am rende Flutwelle das Kern-
Morgen des 11. September kraftwerk Fukushima
in die beiden Türme des Daiichi an der japanischen
World Trade Centers an der Küste. In mehreren Reaktor-
Südspitze Manhattans. Fast blöcken kam es zur Kern-
3000 Menschen starben an schmelze, zum größten an-
diesem Tag durch den Terror zunehmenden Unfall in
der Al-Qaida-Islamisten. einem Atomkraftwerk.
Der Angriff auf Amerika 160 000 Einwohner wurden
wurde zum Auftakt eines evakuiert. Die Bilder des real
Kriegs, der bis heute anhält: gewordenen Albtraums be-
der militante Islamismus schleunigten Deutschlands
gegen die westliche Welt. Ausstieg aus der Kernenergie.

2007 DER KÖNIG IST TOT 2013


Michael Joseph Jackson der König. Auf der Bühne
starb im Alter von nur souverän, brillant, einzig-
50 Jahren in Los Angeles artig. Abseits davon
an einer Propofol-Vergif- zerbrechlich, zuweilen
tung. Sein Leibarzt, der abgründig. Er iel aus der
später wegen fahrlässiger Norm, in vielerlei Hin-
Tötung verurteilt wurde sicht. Seine Kunst verän-
(siehe auch S. 76), hatte derte die Musik. Sein
ihm das Narkosemittel Album „Thriller“ von
über viele Wochen verab- 1982, in Deutschland drei
reicht. Es sollte gegen Jahre in den Charts, war
Jacksons Schlafstörungen ein Meilenstein der Pop-
helfen. Längst fand er geschichte. Leben und
sich in der Welt nicht Tod des Moonwalkers
MENSCHENPLANET mehr zurecht. Er war ein zeigten, dass künstleri- IM ABSEITS
In Brüssel beschlossen die Star seit Kindertagen, sches Genie es nicht Als Fußballspieler war Uli
Staats- und Regierungs- einer der erfolgreichsten leichter macht, glücklich Hoeneß Welt- und Europa-
chefs der EU, den Ausstoß Popkünstler aller Zeiten, zu werden. meister. Als Funktionär
von Treibhausgasen zu wurde der Metzgersohn aus
senken und den Anteil Ulm zum König des FC Bay-
erneuerbarer Energien zu ern, zur Symboligur für
steigern. „Es ist immerhin Macht, Erfolg – und: das
ein Anfang“, schrieb stern- soziale Gewissen. Dann der
Chefredakteur Thomas Absturz: dreieinhalb Jahre
Osterkorn im Editorial einer Haft wegen Steuerhinter-
ganz besonderen stern- ziehung, 43 Millionen Euro
Ausgabe: Sie befasste sich zahlte Hoeneß an den Fiskus.
fast ausschließlich mit dem Nach der Hälfte der Haft-
Klima, sogar das Logo auf strafe wurde er entlassen. Er
dem Titel leuchtete grün. sitzt wieder auf der Tribüne.

164 70 Jahre
2014 2016

2015

VORMARSCH DES IS SCHAFFT SIE DAS?


Sie schienen direkt aus dem Es war Angelas Merkels
Mittelalter zu kommen, schwerste Krise. Lange wur-
verbreiteten Schrecken und de die Kanzlerin wegen ihres
töteten auf archaische Weise: ideenarmen Regierungsstils
Kämpfer des sogenannten kritisiert – doch als sie in
Islamischen Staats überroll- der Flüchtlingskrise Haltung
ten in kurzer Zeit ganze zeigte, verstörte das große
Regionen im Nahen Osten. Teile der Bevölkerung. Mer-
Sie waren gut gerüstet, mit kels Macht in Europa schien
Geld aus Ölgeschäften zu bröckeln, und am rechten
versorgt und zudem hoch Rand stieg immer schneller
professionell in der Insze- die AfD auf. Merkels Ent-
nierung ihres grausamen scheidung hat das Land ver-
Kampfes – das lockte Freiwil- ändert, die politische Land-
lige auch aus Deutschland an. schaft und das Miteinander.

2015 UNENDLICHES ENTSETZEN 2017


„Der Tod hat eine Schlacht deren einziges Verbrechen
in Paris gewonnen“, es war, dass sie sich
schrieb der Pariser Publi- amüsieren wollten, eine
zist Frédéric Beigbeder gute Zeit miteinander
in einem Essay für den haben, ihr Leben genießen
stern, nachdem Terroristen wollten. Während die
des Islamischen Staats Menschen nach dem
130 Menschen in Pariser Mordanschlag auf die
Cafés, Bars und in dem Redaktion der Satirezeit-
Musiksaal Bataclan er- schrift „Charlie Hebdo“ im
schossen hatten. Zwei von Januar zuvor zu Tausenden
Beigbeders Freunden wa- auf die Straße gegangenen
ren unter den Toten. Es war waren, trauerte die Stadt
eine neue Dimension des diesmal still. Mit diesem
ABSTURZ IN DEN ALPEN Schreckens. Die Mörder Titelbild vom Pariser ER WOLLTE NICHT
Am 24. März zerschellte zielten auf die westliche Eiffelturm bekundete Mit einem Knall beendete
Germanwings Flug 4U9525 Art zu leben. Sie zielten auf der stern sein Mitgefühl Sigmar Gabriel im Januar
auf den Weg von Barcelona junge Männer und Frauen, und seine Solidarität. seine Amtszeit als SPD-Chef
nach Düsseldorf in den und überließ die Kanzler-
französischen Alpen. Der kandidatur für die Bundes-
psychisch kranke Copilot tagswahl seinem Partei-
Andreas Lubitz hatte den freund Martin Schulz.
Airbus gegen die Felsen ge- Schulz habe einfach bessere
steuert, um sich das Leben Chancen, sagte Gabriel in
zu nehmen. Dafür riss er 149 einem Exklusivgespräch mit
Menschen mit in den Tod, dem stern, nur darum gehe
unter ihnen 16 Schüler des Jo- es. Er wolle einen Neuan-
seph-König-Gymnasiums in fang für Deutschland, ein
Haltern am See, die von einem Ende der Großen Koalition.
Austausch zurückkamen. Es kam dann alles anders.2
70 Jahre 165
„NUR IN
DIESEM BLATT
FÜHLE ICH
MICH
RICHTIG
VERSTANDEN.“
Yves Saint Laurent,
Modedesigner
MODE –
PUNK UND
PRUNK
70 Jahre 167
2013
ELLEN VON UNWERTH
Für eine große Fotostrecke
inszenierte Ellen von
Unwerth deutsche Trachten.
Sie machte sich auf die Suche
nach Lederhosen, Haferl-
schuhen und Dirndl. Die über
100 Jahre alte Schwälmer
Brauttracht mit ihrer mehr-
teiligen Kopfbedeckung aus
Glaskugeln und Figürchen
entdeckte sie bei einem hes-
sischen Trachtenverein.
Als das Model Eva zehn ver-
schiedene Röcke übereinan-
der ziehen musste, wunderte
sich die Fotografin, „wie
zeitraubend es früher war,
sich anzuziehen“. Von
Unwerth, in Hessen geboren,
im Allgäu aufgewachsen,
zählt zu den bedeutendsten
Modefotografen weltweit.

70 Jahre 169
1990
PETER LINDBERGH
Der junge Peter Lindbergh war
dem stern aufgefallen, weil
er eine kleine Geschichte über
Kindermode nicht mit pro-
fessionellem Filmmaterial auf-
genommen hatte, sondern dem
grobkörnigen, das Amateure
benutzten. 1978 entsandte
Modechefin Barbara Larcher ihn
nach Paris, um die weißen
Kleider des Designers Kenzo zu
fotografieren. Lindbergh,
der eigentlich bildender Künstler
werden wollte, blieb dort und
entwickelte sich zum inter-
nationalen Spitzenfotografen.
Besonders eingeprägt haben
sich seine Gruppenfotos
junger Models – wie hier Naomi
Campbell, Linda Evangelista,
Tatjana Patitz, Christy Turling-
ton und Cindy Crawford.
Der Kult um die „Supermodels“
begann so.

170 70 Jahre
2017
NICK KNIGHT
Detailverliebt und experimentier-
freudig arbeitete der Engländer
drei Tage lang in seinem Lon-
doner Studio an der Idee, für den
stern die etwas andere Schönheit
jenseits des Massengeschmacks
zu zeigen – jene „Unconventional
Beauty“, der sich auch sein
Model Jazzelle zugehörig fühlte.
„Viele Freunde hatte ich nicht“,
sagte sie in einem Interview. „Und
für kommerzielle Kunden und
Werbeprospekte sah ich immer zu
komisch aus.“ Knight hatte die
Amerikanerin mit afroamerikani-
schen, finnischen und österrei-
chischen Wurzeln auf Instagram
entdeckt. Für dieses Foto
inszenierte er sie in einer Hose von
Faustine Steinmetz, mit 60 000
blauen Swarovski-Kristallen.

172 70 Jahre
1980
HELMUT NEWTON
Berühmt war Helmut New-
ton für die martialischen
Darstellungen nackter Frau-
en. Diesmal fotografierte
er Männer: knackig, braun
gebrannt, muskulös. In
Badehose posieren sie als
Stafage am Swimmingpool
in Los Angeles. „Ich mache
sehr viel Landschafts- und
Blumenfotografie“, bekann-
te Newton einige Jahre
später im stern-Gespräch,
„aber das will keiner
drucken. Wenn ich das
dem stern anbieten würde,
wäre doch die Antwort:
Helmut, schieb dir das in
den Hintern.“

174 70 Jahre
TRÄGT
D
as ist irgendwie dekadent, meint ihr nicht
auch?“, schrieb Jasmin A. aus Berlin. „Total
geschmacklos, unnötig dazu“, empörte sich
eine weitere stern-Leserin aus dem saarlän-
dischen St. Ingbert, und eine dritte ärgerte

MAN DAS
sich über „ein gratis Pornoheft unter dem
Pseudonym Modefotograie“. Die drei Lese-
rinnen beschwerten sich über die Mode-
strecke „Männerbilder“, die die New Yorker
Fotograin Collier Schorr im vergangenen

JETZT?
September im stern inszeniert hatte. Eine
vierte Leserin applaudierte. Bilder und Layout seien der
absolute Knaller, schrieb die Kölnerin zu den gleichen
Fotos, „das hat mal Spaß gemacht – nichts für Spießer,
weiter so!“
Die Modeberichterstattung im stern war immer ein
Die Mode im stern war immer Streitpunkt, Ansichtssache, eine Frage des Geschmacks
– aber immer mehr als nur schmückendes Beiwerk.
gut für Irritation. Daraus schöpft Mode begeistert und verunsichert, sie verärgert, wird
sie ihre Kraft, bis heute missverstanden, macht staunen. Sie ist Teil unseres
Alltagslebens, steckt aber auch voller Überraschungen.
Von Dirk van Versendaal Als sich die stern-Mode vor mehr als 40 Jahren ent-
schloss, auf die allgemein übliche Katalogdarstellung von
Laufsteg- und Atelierentwürfen zu verzichten und statt-
dessen eigenständig produzierte Geschichten zu veröf-
fentlichen, reagierten Modeschöpfer, Boutiquenbesitzer
und Konsumenten säuerlich bis schockiert. Sie waren es
gewohnt, dass man ihnen die neuen Kollektionen im
Laufstegoriginal präsentierte.
Doch damit war Anfang der Siebziger Schluss, erinnert
sich Barbara Larcher, die damals die neue Ressortchein
war und Mode nicht mehr bloß ablichten, sondern selbst
zusammenstellen wollte: „Eine Frau kleidet sich ja auch
nicht derart komplett ein. Sie kombiniert Teile neuer Ent-
würfe mit Sachen, die sie schon im Schrank hat.“
Die opulenten Oberteile, die Karl Lagerfeld 1972 in
seiner Winterkollektion für Chloé entworfen hatte, in-
szenierte Barbara Larcher mit abgetragenen Jeans.
Lagerfeld, stets dem Neuen zugewandt, war begeistert
von der Dreistigkeit, die sich das Ressort herausge-
1958 Die Vertreter der „Berliner
Konfektion“ waren zum
nommen hatte.
F.C. GUNDLACH ersten Mal nach New York Seither ist die wohl häuigste Frage von Lesern und Kol-
gereist, um ihre Entwürfe legen an das Moderessort: Aha, trägt man das jetzt so?
zu präsentieren. Das Bild Ja – wenn man Lust dazu hat! Auch andere Fragen zur
zeigt Gundlach beim Foto- aktuellen Mode hat der stern gern beantwortet: Wie
shooting. Er erinnert sich: schwul ist die Hipster-Mode? Wieso tragen wir plötzlich
„Es war sehr windig dort
oben, auf dem Dach des Bomberjacke? Wie schaffte es der Overknee-Stiefel vom
Rockefeller-Wolkenkratzers. Rotlichtmilieu auf den Laufsteg? Haben italienische
Weil ich keinen Assistenten Männer mehr Geschmack? Warum lieben Frauen Schu-
hatte, habe ich einen he? Lässt sich ein maues Sexualleben durch den Kauf von
Steward von der Lufthansa Handtaschen kompensieren?
gebeten, mir zu helfen.
Die Geschichte erschien Bis Mitte der Achtziger war der stern die einzige deut-
dann unter dem Titel: ‚New sche Publikumszeitschrift, in der Helmut Newtons auf-
York war eine Reise wert‘.“ sehenerregende Modefotograien erschienen. Aufträge
wurden nicht erst von Agenten ausgehandelt, bevor
irgendwann ein Bild entstand. „Wir haben ihn in Paris an-
gerufen, und Newton sagte Ja oder Nein. So etwas ging
damals recht einfach“, erzählt Barbara Larcher. Dann

176 70 Jahre
bestellte Newton seine Models, die auf den Bildern nie Paris an, um mitzuteilen, dass er seinen Urlaub in
lachen durften, auf Campingplätze an der Côte d’Azur, Biarritz nun doch um einen Tag verlängern wollte. Und
an Swimmingpools in Los Angeles, oder er ließ sie Marc Jacobs tauchte mit achtstündiger Verspätung im
nackt durch italienische Weinberge marschieren. Die Hauptquartier von Louis Vuitton auf, sprach dann aber
Modefotos, die Newton fast 30 Jahre lang für den stern freimütig davon, welche Probleme es ihm bereite, ein
machte, waren auch innerhalb der Redaktion Streitthe- Suchtmensch zu sein.
ma. Immer wieder wurden sie als sexistisch und frau- Bis in die frühen 90er Jahre war die Modewelt ein Para-
enfeindlich kritisiert. dies für Journalisten – wenn man den Erzählungen älte-
Fotografen wie Peter Lindbergh, Peter Beard oder Herb rer Kollegen Glauben schenken darf. Lagerfelds Partys
Ritts jetteten für den stern mit ihren Crews nach Miami waren wüst-skandalös, die Schauen Thierry Muglers im
oder Kalifornien, um glanzvolle Doppelseiten zu kreie- Pariser Cirque d’Hiver ein mit Worten kaum zu beschrei-
ren, Bruce Weber setzte den Südseefarbenrausch des Fran- bendes Spektakel, Interviewtermine gestalteten sich als
zosen Gauguin auf dem fernen Hawaii in Szene. Eine entspanntes, offenes Plaudern, oft stundenlang.
Budgetgrenze für Modeshootings gab es unter Henri Mit der Entstehung der mächtigen Luxusholdings ver-
Nannen nicht: Geld spielte damals keine Rolle. änderte sich diese Welt, plötzlich traten Presseberater und
Die großen Modefotografen kamen alle gern. Denn bei Agenten auf, die über jedes Wort der Designer wachten.
keinem anderen vergleichbaren Blatt ließ man ihnen so Würde sich Gianni Versace heute noch drei Stunden Zeit
viel künstlerische Freiheit, nirgendwo sonst waren sie in nehmen, um Besucher durch seine Villa und seine Biblio-
ihrer Arbeit derart unabhängig – was gelegentlich hart thek zu führen? Bekäme ein Journalist heute noch die
ausgereizt wurde. Von Mario Testino etwa, der den Auf- Gelegenheit, die stern-Fotograf Volker Hinz 1978 hatte, als
trag bekam, die aktuelle Bademode zu fotograieren, er seine Kamera im Backstage von Yves Saint Laurent
stattdessen jedoch eine Fetisch-Modestrecke ablieferte, auspacken durfte? Wohl kaum. Und falls doch: Das Bild
aufgenommen auf den Straßen Berlins. des am Boden liegenden, durch ein Loch in der Wand auf
den Laufsteg linsenden Couturiers würde zur Veröffent-
VALENTINO SERVIERTE VOR CAPRI TONNARELLI lichung nicht freigegeben werden.
Auch heute folgt das Moderessort dieser Tradition. In sei- Heute fürchtet die Branche den subversiven Kitzel,
nen Mode-Supplements lässt der stern berühmten Foto- das Provokante, die Risiken. Was heute zählt, ist aus-
grafen völlig kreative Freiheit, ihre Version der aktuellen schließlich der Proit. Aus mittelständischen Familien-
Designermode umzusetzen, in der Branche ist das ein- unternehmen wie Prada wurden Milliarden-Dollar-
malig. Bislang nutzten Nick Knight, Collier Schorr oder Konzerne mit Tausenden von Beschäftigten, in denen
Ryan McGinley die Carte blanche, auch Peter Lindbergh Funktionalität den Kurs bestimmt. Und das Anzei-
und zuletzt Miles Aldridge. gengeschäft: Jede noch so kleine Erwähnung eines
Überraschung statt des Erwarteten – die Modemacher Designernamens in den Magazinen, jede abgebildete
waren stets angetan von dem, was der stern aus ihren Gürtelschnalle wird von den Modeunternehmen auf den
Kollektionen machte, wie er über ihre Arbeit berichtete. Millimeter genau vermessen, analysiert und gegen die
Der Italiener Gianni Versace sagte einmal, das einzig geschalteten Anzeigen verrechnet.
Schlechte am stern sei, „dass es ihn nicht auf Englisch oder Das tut der künstlerischen Freiheit nicht gut, der Bran-
Italienisch gibt, damit ich ihn wenigstens lesen könnte“. che nicht, dem Leser nicht, wenn Marken wie Louis
Die Großen der Branche öffneten sich bereitwillig dem Vuitton, Céline oder Calvin Klein den Moderedaktionen
stern. Giorgio Armani nahm stern-Journalisten mit auf einen „Total-Look“ vorzuschreiben versuchen: Wer eine
Geschäftsreise nach Shanghai und Peking, Valentino Jacke des Labels in sein Shooting integrieren will, muss
servierte ihnen auf seiner Yacht vor Capris Westküste auch Hemd, Hose, Schuhe aus derselben Kollektion zei-
Tonnarelli. Sie begleiteten die Top-Models Iris Strubeg- gen, um die Konkurrenz auszuschalten.
ger und Katrin Thormann über Wochen auf ihrer Kno- Der stern hat sich diesen Vorschriften natürlich nicht
chenjob-Tour durch Mailand, Paris, New York.
Im stern sprach Roberto Cavalli erstmals überhaupt
gebeugt. 2
von der Ermordung seines Vaters durch Luftwaffen-
soldaten der Division „Hermann Göring“ im Juli 1944
im Zuge einer Racheaktion der Wehrmacht. Gisele Bünd-
chen erzählte weinend davon, wie schwer es für sie
gewesen war, als 14-Jährige ihr brasilianisches Dorf Ho-
rizontina zu verlassen, nur auf sich gestellt, um in Japan Dirk van Versendaal, stern-Modeexperte
als Model zu arbeiten. Domenico Dolce, Gründer von Der Modejournalist ist ausgebildeter Schnitttechniker
Dolce & Gabbana, verriet, dass es seine Bewerbung und Schneider und arbeitete ein paar Jahre als
bei Giorgio Armani einst nicht einmal auf dessen Hemdendesigner in Mailand. Seit 1996 schreibt
er für den stern. Fast alle bedeutenden Modedesigner
Schreibtisch geschafft hatte. Karl Lagerfeld – wohl nie- hat er seitdem getroffen, einige von ihnen über-
mand gab dem stern mehr Interviews als er – rief zehn raschte er mit seinen alten Bewerbungsschreiben,
Minuten vor einem verabredeten Interviewtermin in die sie damals abschlägig beantwortet hatten

70 Jahre 177
„IN DER
LÜCKE
SITZT
DIE
KOMIKZwischen dem
großen Anspruch
und der platten
Wirklichkeit,
da finden die stern-
Humoristen seit
Jahrzehnten ihren
Stof. Ein Gespräch
mit dem Zeichner
Til Mette über
seine berühmten
Kollegen und
die eigene Arbeit
Von Kester Schlenz

Til Mette zu
Hause an seinem
Schreibtisch.
Seit 22 Jahren
arbeitet Mette
für den stern

178 70 Jahre
Dein Vorgänger war der
große Gary Larson.
Ja, als klar war, dass Gary
aufhören will, habe ich mich
beworben. Larson war eine
Klasse für sich. Er hat die
Welt der Wissenschaft und
der Kleintiere für die Kari-
katur erobert.
Kleintiere?
Ja. Amöben und so. Er hat
Witze über Amöben und In-
sekten gemacht. Großartig.
Nach ihm ist sogar eine Laus
benannt.
Wer von all den Zeichnern
des stern hat dich am meis-
ten beeinflusst?
Sicherlich Peter Neugebau-
er, der war der Großmeister
des schwarzen Humors. Sei-
ne Zeichnungen waren im
besten Sinne klassisch, und
seine Pointen ziehen heute
noch.Der hat kaum an Rele-
vanz eingebüßt. Auch Mar-
TIL METTE kus hat mich beeinlusst.
Til Mettes Thema ist der Wahnsinn Seine Liebe zum Hinter-
im Alltag. Kein zeitgeschicht- grund-Detail.Das Deutsch-
liches Phänomen ist vor seiner land der Siebziger hat er auf
spitzen Feder sicher. Wie dieser sehr faszinierende und
„Sackgassen“-Cartoon zeigt manchmal irritierende Wei-
se perfekt eingefangen. Fritz
Wolf war auch ein ganz
Großer.Ein fantastischer Fe-
derzeichner.
Man muss allerdings zuge-
o, Til, das Band Welche Funktion hat der ben, dass man heute nicht
läuft Humor im stern? mehr jeden Witz versteht.
Meine Nase auch, Na,die Antwort ist eine B Bin- Oder bin ich zu doof?
um gleich mal senweisheit,aber das maacht Das möglicherweise auch.
mit einem – al- sie nicht weniger richtig: Aber tatsächlich ist uns
lerdings sehr mä- Humor ist für den Leser mit natürlich oft der Kontext
ßigen – Kalauer seinen alltäglichen Sorg gen verloren gegangen. Was ir-
anzufangen.Und eine kurze Entlastung. La- gendein CSU-Hinterbänkler
schon wären wir chen hat etwas Befreiend des. in den 70er Jahren von sich
bei einem ganz Großen 70 Jahre stern – das sind gegeben hat,weiß doch heu-
des stern-Humors: Tetsche, auch 70 Jahre befreiender te keine Sau mehr.
dem Meister des gezeich- Humor. Was sagt dir Loriot?
neten Kalauers. Ein ganz Ja, das ist eine große Traadi- Als Loriot in den 50er Jahren
großartiger Kollege. Ich tion, und ich bin stolz, Teil
T für den stern gezeichnet hat,
glaube, er ist jetzt fast 40 dieser Tradition zu seein. war ich noch zu jung.In sei-
Jahre dabei. Und das zu Ich bin ja als Kind und Teeen- nen ersten Jahren war ich
Recht. Ein lebender Klassi- ager mit dem stern groß ge- noch nicht mal geboren, was
ker sozusagen. Absolute worden.Und natürlich au uch die Beurteilung seines Wer-
stern-DNA! mit den Karikaturisten.D Das kes damals auch für mich als
Du hast mal gesagt,er kön- sind Leute,deren Strich, de- jungen Künstler etwas
ne sehr lustig schweigen. ren Stil mich geprägt hab ben. schwierig machte. Aber in
Absolut. Er ist schließlich Ich fand das schon dam mals der Rückschau ist klar: ein
Norddeutscher. Aber Tet- sehr cool. ganz, ganz Großer. Interes-
sche kann durchaus auch Seit wann bist du dabei? sant ist, dass Loriot erst
mal ins Plaudern kommen. Seit 22 Jahren. Ich bin Mitte richtig erfolgreich wurde,
Dann sind auch schon mal der Neunziger beim sttern nachdem er beim stern raus-
zwei, drei Worte drin. eingestiegen.
g g gelogen war. 4
70 Jahre 179
„Der Schluss
LORIOT ist geändert.
Im Roman
PETER NEUGEBAUER
Die Zusammenarbeit zwischen heiraten sie“ Für den stern erfand Peter Neu-
Loriot und dem stern war langjährig gebauer den Detektiv „Zeus
und fruchtbar. Sie überstand auch Weinstein“. Die Abenteuer des
eine Kündigung, die Henri Nannen eleganten Ermittlers hatten
nach diesen Cartoons aussprach. Suchtpotenzial. Denn sie luden
Herr ist Hund? Das ging gar nicht die Leser zum Mittüfteln ein

Rausgeflogen?Warum? Ich persönlich mochte Nacktheit zu zeigen war Die legendäre Seite 13 war
Einige Leser empfanden es auch Papan sehr. auch ein Teil der sexuellen ja das Vorbild für unsere
damals als unmöglich,dass Absolut. Für mich ein gro- Revolution. Es wäre aller- heutige Witzseite „Ein
Loriot in seinen Zeichnun- ßes Vorbild.Ein Meister der dings schön gewesen,wenn Quantum Trost“, die von
gen die Umkehrung von reduzierten Form. Mit gro- dieser neue Blick nicht nur unserem Humor-Redak-
Herr und Hund vollzog.Der ßem Witz. ein Männerblick gewesen teur Tobias Schülert ver-
Mensch war der Hund, Es gab ja viele Jahre die be- wäre. antwortet wird.
und der Hund wurde zum rühmte Seite 13 im stern, Mehr nackte Kerle hätten Ja,es ist klasse,dass Tobi,der
Menschen. So hat er Kli- eine Witzseite. Unten sah da gutgetan. ja auch Zeichner ist, diese
schees wunderbar auf den man immer eine Art histo- Genau, aber ein Pimmel Tradition wieder aufge-
Punkt gebracht. Für so risches Pin-up-Foto, und war damals schnell Porno- nommen hat. Da verbindet
manchen war das aber da- dazu gab es dann mehr graie. Bei nackten Frauen sich die gute alte Zeit mit
mals geschmacklos. Auch oder weniger dämliche waren die Gerichte deut- dem Humor von heute.Toll,
Henri Nannen schäumte Texte. Keine Ruhmesblatt lich entspannter. dass wir für diese Seite nun
und feuerte Loriot, nur um für uns. Hast du das als Problem unter anderen einen Texter
sich dann, nachdem der als Ja, das war damals Pro- empfunden, als du beim wie Thomas Gsella haben.
Buchautor sehr erfolgreich gramm. Der Herrenwitz stern aningst? Die Humor-Redakteure
wurde, mit ihm wieder zu wurde geplegt,aber eigent- Nö, Mitte der Neunziger des stern haben immer
versöhnen und ihn erneut lich sah jedes zweite Titel- war der Sexismus schon eine große Rolle gespielt,
zu beschäftigen. bild so aus. Der stern hatte deutlich gezähmter. Und obwohl sie gern im Hinter-
Er begann dann für die immer einen Hang zu nack- ich war zusätzlich sensibi- grund blieben.
Kinderbeilage„Sternchen“ ten Frauen.Wenn es damals lisiert. Ich kam ja von der Absolut. In der gesamten
zu zeichnen. eine Geschichte über das „Taz“. Da war ich von den Historie des stern hatten
Genau. Die legendäre Serie wilde Leben der Hippies auf Kolleginnen eindeutig ein- wir lediglich drei von ih-
um „Reinhold, das Nas- Ibiza gab,war ja klar,wie die genordet worden,was geht nen: Erhard Kortmann,Rolf
horn“. Die lief 17 Jahre. Die Fotos aussahen. Aber das und was nicht. Ich war da Dieckmann und jetzt To-
ist nun wirklich Kult. war nicht nur sexistisch. ganz bei mir. bias Schülert. Sie waren

180 70 Jahre
„Je suis Charlie“
TETSCHE HADERER
Tetsche ist der Kalauermeister im Welche Kraft Stifte haben können,
stern. „Neues aus Kalau“ hieß lange zeigte Gerhard Haderer 25 Jahre lang
Jahre seine Rubrik, es gab den im stern. Nach dem Mordanschlag
„Abgeschlossenen Roman“ und eine auf das Satire-Magazin „Charlie
große Liebe zu schlecht versteckten Hebdo“ in Paris zeichnete er dieses
Markenzeichen wie dem Pümpel Bild. Es lag dem stern als Poster bei

unnd sind die Väter und Be- ßigkeit großartig vorgeführt. Also, dass sie, wie ich, einen Bist du Feminist?
schhützer der Zeichner. So Sein Blick ist einzigartig.Ich kleinen Dachschaden ha- Das hört sich so theoretissch
vieel Kontinuität gab es in mag ihn auch menschlich ben, stelle ich mir nicht vor. an. Ich bin für die absolu
ute
keiinem anderen Ressort sehr. Schade, dass er nicht Ich sehe da vor meinem Gleichberechtigung zw wi-
des stern. Rolf Dieckmanns mehr dabei ist. geistigen Auge eher aufge- schen Mann und Frau. N Nur
Naamen kennen übrigens Kommen wir zu dir und schlossene Leute,die grund- darum geht es. Alle müsssen
vieele, weil er jahrzehnte- deinem Werk. Til, wie sätzlich schon wissen, was alles machen dürfen. Ich I
ng die berühmte Rubrik
lan kommst du auf deine in Ordnung ist und was will die Frauen ja niccht
„Prrominenten in den Mund Ideen? nicht,aber gern über Absur- überhöhen.Ich will nur die-
d
gesschoben“ betextet hatte. Du weißt: Ich hasse diese ditäten des Alltags lachen. se Selbstverständlichkeitt.
Daa hat er wirklich Maßstä- Frage.Ich weiß es doch nicht. Mich interessiert immer der Beinhaltet das auch d das
be gesetzt. Darüber hat das Ein neurologisch gebilde- Widerspruch zwischen An- Recht,von dir verarschtt zu
gannze Land gelacht. Irre, ter Bekannter von mir be- spruch und Wirklichkeit.Da werden?
dass Rolf immer wieder et- hauptet,bei Künstlern wie liegt die meiste Komik. In Absolut.
waas einiel. dir würden während der dieser Lücke.
Einn weiterer Großmeister Arbeit Hirnareale aktiv, Vor allem Männer sind ja
mu uss hier natürlich noch die bei gewöhnlichen Men- deine tragischen Helden.
gennannt werden: Gerhard schen brachliegen.Aus gu- Das könnte damit zu tun ha-
Haderer.
aderer tem Grund
Grund.Denn
Denn hier,nah
hier nah ben, dass ich selber einer
ben
Kester Schlenz,
Eine Ausnahmeerscheinung. dem orbitofrontalen Cor- bin. Ich kenne meine Pap- stern-Autor
Handwerklich wie satirisch. tex,sei auch derWahnsinn penheimer.
Unser Autor führte das Inter-
Ein Glücksfall für den stern. beheimatet. Deine Helden scheitern view mit Til Mette in seinem
Vielleicht der einzige satiri- Wahnsinn lass ich nicht entweder an ihrer Groß- Hamburger Büro. Schlenz hatte
sche Maler Europas. Jeder gelten. Bescheuert muss kotzigkeit oder dem eige- Grippe, bekam einen gruseligen
Hustenanfall und iel zuckend
hat sofort ein Bild von ihm reichen! nen Rollenverständnis. von seinem Stuhl. Mette war
vor Augen. Er hat uns Deut- Welche Leser hast du beim Schön formuliert. Das lass begeistert. Kranke, wehleidige
sche in unserer ganzen Spie- Zeichnen vor Augen? ich mal so stehen. Männer zeichnet er sehr gern

70 Jahre 181
FOTOCREDITS
TITEL:
Nick Knight; Efrem Lukatsky/AP; Michael Poliza; Pete
Souza/White House; GABO/Agentur Focus; Alex Fuchs/AP;
Kevin Frayer/Getty Images; Thierlein/Ullstein Bild;
Henning von Borstell; Rankin/Trunk Archive
INHALT:
Jürgen Gebhardt; Wolfgang Steche; Francesco Carrozzini;
Martin Stefen; Efrem Lukatsky/AP; Ellen von Unwerth;
Hans-Jürgen Burkard; Stefan Moses; Eberhard Seeliger; Walter
Schießwohl; Christian Beier; Wolfgang Scheerer; Marcus Windus
ESSAY:
David Turnley; Anatol Kotte
POLITIK HAUTNAH:
Jay Ullal; Pete Souza/White House; Robert Lebeck (2);
Verena Berg; Maurice Weiss/Ostkreuz; Lisa Larsen/
Time & Life Pictures/Getty Images; Michael Ebner/Meldepress;
Jürgen Gebhardt; Repro: Jürgen Herschelmann
STERN-FOTOGRAFEN:
Robert Lebeck; Grastorf; Sebastian Knauer; Karin Rocholl;
Thomas Meyer; BPK; Jens Büttner/ZB/Picture Alliance;
Philipp von Ditfurth/DPA; Hanns-Jörg Anders; Herbert List;
Hans-Jürgen Burkard
Es sind diese kleinen
EREIGNISSE, DIE DAS LAND BEWEGTEN: 2014 Tricks, die den
Thierlein/Ullstein Bild; Werner Bokelberg; Wolfgang
Steche; Paul Ripke; Doering; Julius Schrank; Jay Ullal; TIM FLACH Bildern des britischen
Repros: Jürgen Herschelmann Fotografen Tim Flach
etwas Unwirkliches
HENRI NANNEN: geben. In seine Flügel
Jochen Blume; Robert Lebeck (2); Fred Ihrt; Volker Hinz; gehüllt steht der
Uschi Hintz
IMPRESSUM Flughund da, als
sinniere er über uns
GLAMOUR, KLATSCH, PROMINENTE: Bryan Adams;
stern 70 Jahre Sonderheft Menschen. Was hat er
Francesco Carrozzini; Lichfield/Getty Images; Robert Lebeck;
Davies Photography; Volker Hinz (2); David LaChapelle/ Gruner + Jahr GmbH & Co KG vor? Und: Ist auf
Contour/Getty Images; Rankin/Trunk Archive; Verlag und Sitz der Redaktion: diesem Foto oben
Karl Lagerfeld; GABO/Agentur Focus Am Baumwall 11, 20459 Hamburg wirklich oben?
Chefredakteur: Christian Krug
HITLER-TAGEBÜCHER: Redaktionsleitung: Sabine Kartte
Repro Walter Schießwohl; Volker Hinz; Ingo Röhrbein/DPA; Creative Director: Frances Uckermann
Fred Ihrt Artdirektorin: Christiane Kapaun
Bildredaktion: Volker Lensch
GROSSE REPORTAGEN IM STERN: Titelgrafik: Michel Lengenfelder
Federico Rios; Luis Fabini; Sara Naomi Lewkowicz; Ingetje Chef vom Dienst: stern-CvDs
Tadros; Hans-Jürgen Burkard (2); Martin Stefen; Mitarbeit an dieser Ausgabe, Autoren: Susanne Bremer, Katja Gloger, Uli
Michael Poliza; Lisa Krantz/San Antonio Express/ZUMA Press Hauser, Kai Hermann, Dr. Malte Herwig, Andreas Hoidn-Borchers, Ingrid Kolb,
Christiane Kröger-Stark, Claus Lutterbeck, Andreas Petzold, Horst Rieck, Kester
STERN-HILFSAKTIONEN: Schlenz, Jochen Siemens, Dirk van Versendaal, Jan Christoph Wiechmann
Eberhard Seeliger; Geert van Kesteren; Roland Weihrauch/DPA; Verifikation und Lektorat: Günther Garde, Hildegard Frilling, Cornelia Haller,
Nikolaj Adamowitsch; Anne Schönharting/Ostkreuz Ursula Hien, Sven Hinrichsen, Sibylle Kumm, Christian Schwan, Andrea Wolf
Geschäftsführende Redakteurin: Nicola Wagner
MENSCHEN UND SCHICKSALE: Publisher: Alexander von Schwerin,
Eva Kroth (3); Jürgen Müller-Schneck (4); Nica Volquartz (Publishing Manager)
Repros: Wolfgang Scheerer Brand Solutions: Anja Dreßler
Director Distribution & Sales: Christopher Höpfner
KRISEN, KRIEGE, NOT: Herstellung: G+J-Herstellung, Heiko Belitz (Ltg.), Martin Laue
José Palazón/Reuters; Kevin Frayer/Getty Images; Joseph Eid/ Marketing: Lena Rautenstrauch
Presse- und Öfentlichkeitsarbeit: Sabine Grüngreif (Ltg.),
AFP; Efrem Lukatsky/AP; James Nachtwey Archive/Hood Tamara Kieserg
Museum of Art Dartmouth/Contrasto (2); Alex Fuchs/AP; Taslima Syndication: Picture Press; E-Mail: sales@picturepress.de
Akhter; Hans-Jürgen Burkard; Konrad R. Müller/Agentur Focus Verantwortlich für den redaktionellen Inhalt: Christian Krug,
Am Baumwall 11, 20459 Hamburg.
MODE – PUNK UND PRUNK: Verantwortlich für die Anzeigen: Anja Dreßler, G+J e|MS,
Ellen von Unwerth; Peter Lindbergh; Nick Knight; Am Baumwall 11, 20459 Hamburg
Helmut Newton Estate/Maconochie Photography; F. C. Gundlach Reproduktion: Peter Becker GmbH, Würzburg
Druck: Mohn Media, Gütersloh
STERN-CARTOONISTEN: Marcus Windus; Til Mette; Es gilt die aktuelle Preisliste. Infos hierzu unter www.gujmedia.de
Peter Neugebauer/Staatliche Bücher- und Kupferstich- Vertrieb: DPV Deutscher Pressevertrieb
sammlung Greiz; Loriot; Haderer; Tetsche Preis des Heftes: 4,70 Euro

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„Redl sorgt für Kopfkino.


Fesselnde 80 Minuten.“
Hamburger Abendblatt

liest aus dem Magazin CRIME vom STERN


WAHRE VERBRECHEN – WAHRE GESCHICHTEN
Eine Koproduktion von CRIME und St. Pauli Theater

25.03.18 FRANKFURT (ODER), Kleist Forum, 18 Uhr, Karten: 03 35 - 40 10 120


05.05.18 PANKETAL, Gut Hobrechtsfelde / Siebenklang, 20 Uhr, Karten: 033 37 - 42 57 30
03.06.18 GREIZ, Vogtlandhalle, 19 Uhr, Karten: 036 61 - 628 80
FOTO: JONAS WRESCH