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Gutachten

Frage 1

Die Verfassungsbeschwerde hat Aussicht auf Erfolg, wenn sie zulässig und
begründet ist.

A. Zulässigkeit

Die Beschwerde ist zulässig, wenn die Zulässigkeitsvoraussetzungen erfüllt sind.


Diese bestimmen sich nach den Art.90 I 4a GG, §§ 13 Nr. 8a, 90 ff. BVerfGG.

I. Zuständigkeit

Die Zuständigkeit des Bundesverfassungsgerichts für eine Verfassungsbeschwerde


folgt aus Art. 90 I Nr. 4a GG, §§ 13 Nr. 8a, 90 ff. BVerfGG.

II. Beschwerdefähigkeit
Gem. § 90 I BVerfGG kann „jedermann“ eine Verfassungsbeschwerde erheben, das
heißt jeder Träger von Grundrechten. R ist als natürliche Person Träger von
Grundrechten und somit i.S.d. § 90 I BVerfGG auch beschwerdefähig. 1

III. Prozessfähigkeit
Prozessfähig für eine Verfassungsbeschwerde ist unabhängig vom Alter jeder, der
grundrechtsmündig, einsichts- und selbstbestimmungsfähig ist.2 R ist mangels
anderer Informationen aus dem SV die Prozessfähigkeit zu unterstellen.
IV. Beschwerdegegenstand
Tauglicher Beschwerdegegenstand sind grundsätzlich alle Akte öffentlicher Gewalt.
Art. 1 III GG bindet die 3 Staatsgewalten ( Exekutive, Iudikative, Legislative) an die

1
Autor: ZuckBüchting, Beck´sches Rechtsanwaltshandbuch,
9. Auflage 2007Rn 14-19

2
BVerfGG § 90 Autor: Bethge Maunz/Schmidt-Bleibtreu/Klein/Bethge,
Bundesverfassungsgerichtsgesetz,
29. Auflage 2009 Rn 171

1
deutsche Verfassung. Somit muss der Begriff „öffentliche Gewalt“ im Sinne dieser
Vorschrift alle drei potentiell grundrechtsgefährdenden Staatsfunktionen umfassen. 3
Die Durchsuchung der Kanzleiräume des R als Akt der Exekutive, sowie die
Gerichtsentscheidungen als Akte der Judikative sind daher taugliche
Beschwerdegegenstände.

V. Beschwerdebefugnis
Eine Verfassungsbeschwerde ist gem. Art. 93 Abs. 1 Nr. 4 a GG i. V. m. § 90 Abs. 1
BVerfGG nur dann zulässig, wenn der Beschwerdeführer darlegen kann, durch den
angegriffenen Hoheitsakt in einem von ihm benannten
verfassungsbeschwerdefähigen Recht verletzt bzw. beeinträchtigt zu sein. 4 Zudem
wird für diese Rechtsverletzungsbehauptung auch erwartet, dass der
Beschwerdeführer belegen kann, durch den angegriffenen Hoheitsakt selbst,
gegenwärtig und unmittelbar verletzt zu sein. 5
a) Möglichkeit einer Grundrechtsverletzung

Durch die Hausdurchsuchung und die Urteile der Gerichte wurde R möglicherweise
in seinem Grundrecht der Berufsfreiheit aus Art. 12 GG verletzt, da bei der
Durchsuchung seiner Kanzlei der Arbeitsbetrieb eingeschränkt bzw. das
Vertrauensverhältnis zur Mandantschaft durch die Durchsuchung verletzt sein
könnte, was möglicherweise eine Einschränkung der Berufsfreiheit darstellt. Ferner
stellen die Hoheitsakte eine mögliche Verletzung des Art. 13 I GG dar, da R Besitzer
der durchsuchten Kanzlei ist. Eine Grundrechtsverletzung kann mithin nicht
ausgeschlossen werden.
b) Unmittelbar, selbst, gegenwärtig

R als Anwalt seiner Kanzlei ist durch die Akte der Öffentlichen Gewalt selbst
betroffen. Gegenwärtig bedeutet, dass die Verletzung durch den Hoheitsakt noch
oder schon geschehen sein muss. Da die Durchsuchung schon durchgeführt wurde ist

3
Maunz/Schmidt-Bleibtreu/Klein/Bethge, Bundesverfassungsgerichtsgesetz,
29. Auflage 2009Rn 176

4
Autor: Bethge Maunz/Schmidt-Bleibtreu/Klein/Bethge, Bundesverfassungsgerichtsgesetz
29.Auflage 2009 Rn 339

5
Umbach/Clemens/Dollinger BVerfGG 2. Auflage Heidelberger Kommentar § 90 Rn 71; BVerfGE 1, 97
2
R gegenwärtig betroffen. Er ist auch unmittelbar betroffen, da die mögliche
Grundrechtsverletzung ohne weitere Vollzugsakte ermöglicht wurde.

c) Zwischenergebnis
R ist somit beschwerdebefugt.

VI. Rechtswegerschöpfung und Subsidiarität


Gem. § 90 II 1 BVerfGG muss der Rechtsweg erschöpft sein. Die
Verfassungsbeschwerde darf nicht subsidiär zu anderen Rechtsbehelfen sein. 6
Laut Sachverhalt hat R alle möglichen Rechtsmittel ausgeschöpft. Die Beschwerde
ist daher nicht subsidiär.

VII. Form und Frist


Die Form und Frist Erfordernisse aus den §§ 23, 92, 93 I BVerfGG sind laut
Sachverhalt erfüllt.

VIII. Zwischenergebnis
Die Verfassungsbeschwerde ist zulässig

B. Begründetheit

Die Verfassungsbeschwerde ist begründet, wenn die von R gerügten Akte der
öffentlichen Gewalt einen Eingriff in dessen Grundrechte darstellen und dieser nicht
verfassungsrechtlich zu rechtfertigen ist. 7
Laut Sachverhalt rügt R die Verletzung seines Grundrechts aus Art. 12 GG, sowie
die Verletzung des Art. 13 I GG.

I. Art 12 I GG Berufsfreiheit

6
Umbach/Clemens/Dollinger BVerfGG 2. Auflage Heidelberger Kommentar § 90 Rn 125-128

7
GG Art. 93 Autor: Maunz Maunz/Dürig, Grundgesetz,56. Ergänzungslieferung 2009

3
R ist in seinem Grundrecht auf Berufsfreiheit i.S.d. Art. 12 I GG verletzt, wenn der
Schutzbereich eröffnet ist, ein Eingriff in diesen vorliegt und dieser nicht
verfassungsrechtlich zu rechtfertigen ist.

1. Schutzbereich eröffnet

a) Persönlicher Schutzbereich
Aus dem Wortlaut des Artikel 12 I GG folgt, dass nur Deutsche Träger dieses
Grundrechts sein können. R ist auf Grund fehlender Angaben aus dem Sachverhalt
die deutsche Staatsangehörigkeit gem. Art. 116 GG zu unterstellen. Der persönliche
Schutzbereich ist daher eröffnet.

b) Sachlicher Schutzbereich
Art. 12 I GG gewährleistet freie Berufsausbildung, freie Berufs- und
Arbeitsplatzwahl und freie Berufsausübung. 8 Beruf wird vom BVerfG als eine auf
Dauer angelegte Tätigkeit, welche zur Schaffung oder Erhaltung
einerLebensgrundlage dient, definiert. .9Die anwaltliche Tätigkeit des R entspricht
somit einem Beruf i.S.d. BVerfG. Fraglich ist, ob die Kanzlei des R als Arbeitsstätte
und Ort der Berufsausübung vom Schutzbereich des Art. 12 I GG erfasst ist. Nach
herrschender Meinung der Literatur und Rechtsprechung des
Bundesverfassungsgerichts jedoch, wird die Integrität der Arbeitsstätte vielmehr von
Art. 13 I GG geschützt.10 In Fällen einer möglichen Verletzung von Betriebs- und
oder Geschäftsräumlichkeiten tritt Art. 12 GG gegenüber Art. 13 I GG als subsidiär
zurück.11
Der sachliche Schutzbereich des Art. 12 GG ist somit nicht eröffnet.

2. Eingriff

8
Maunz/Dürig,Grundgesetz,56. Ergänzungslieferung 2009 GG Art. 12 Autor: Scholz Rn 266
9
Vgl. hierzu BVerfGE 7, 377 - 444
10
Mangoldt/Klein/Stark Bonner Grundgesetz Kommentar Band 1 4. Auflage / Art 12 I Rn 281;

11
Maunz/Dürig,Grundgesetz,56. Ergänzungslieferung 2009 GG Art. 12 Autor: Scholz Rn 203;
BVerfGE 42, 212 ( 219)

4
Es ist hilfsgutachtlich zu prüfen, ob die Durchsuchung der Kanzlei einen Eingriff in
Art. 12 darstellt.
Ein Eingriff in ein Grundrecht liegt grundsätzlich dann vor, wenn eine Maßnahme
öffentlicher Gewalt final, unmittelbar, rechtsförmlich und imperativ 12 wirkt.13
Die Durchsuchung der Kanzlei ist zwar ein Unmittelbarer, rechtsförmlicher (
Anordnung der Verwaltung ) und imperativer (befehlsartiger) Eingriff, jedoch zielt er
nicht auf die Verkürzung der Berufsfreiheit ab und ist mithin nicht final.
Bei Fehlen der Finalität wird nach ständiger Rechtsprechung des BVerfG zudem
eine sog. Berufsregelnde Tendenz des Eingriffs erwartet. 14Auch dies ist im
vorliegenden Fall nicht gegeben, da die Anordnung der Durchsuchung einer Kanzlei
keinerlei berufsregelnde Tendenzen aufzeigen kann.

3. Zwischenergebnis

Der Schutzbereich ist nicht eröffnet, da die Voraussetzungen für den sachlichen
Schutzbereich der Berufsfreiheit nicht vorliegen. Zudem liegt kein tauglicher
Eingriff in Art.12 I GG vor. R wurde somit nicht in seinem Grundrecht aus Art. 12 I
GG verletzt.

II. Art. 13 I GG Unverletzlichkeit der Wohnung

Eine Grundrechtsverletzung des Art. 13 I GG kommt dann in Betracht, wenn der


Schutzbereich eröffnet ist und ein Eingriff in diesen vorliegt, der nicht
verfassungsrechtlich rechtfertigt werden kann.

1. Schutzbereich eröffnet

a) Persönlicher Schutzbereich
Grundrechtsträger des Art. 13 I GG können Deutsche, Ausländer und Staatenlose
sein. Art. 13 I GG ist daher als „Jedermann-Grundrecht“ zu klassifizieren.15R als

12
PIEROTH/Schlink Rn.195 ff.
13
BVerfGE 105, 279 ( 299 f.)
14
GG Art. 12 [Berufsfreiheit] Dieterich Erfurter Kommentar zum Arbeitsrecht
10. Auflage 2010 Rn 17-19
15
Schmidt-Bleibtreu-Hofmann-Hopflauf GG Kommentar 11. Auflage 2008 Art 13 Rn 5
5
natürliche Person ist somit tauglicher Träger des von ihm gerügten Grundrechts; der
persönliche Schutzbereich ist mithin eröffnet.

b) Sachlicher Schutzbereich

Art. 13 I GG schützt zunächst die Unverletzlichkeit der Wohnung im engeren


Sinne.16Somit wird die räumliche Sphäre, in der sich das Privatleben entfaltet,
geschützt.17Dem Bürger wird durch diesen Schutz gewährleistet, in diesen Räumen
in Ruhe gelassen zu werden. 18
Fraglich ist, ob Betriebs- und Geschäftsräumlichkeiten ebenso wie die Wohnung des
einzelnen vom Schutz des Art. 13 I GG erfasst werden.
Nach Meinung des BVerfG ist der Begriff „Wohnung“ weit auszulegen: So werden
Arbeits-, Betriebs- und Geschäftsräume vom sachlichen Schutzbereich ebenso
erfasst wie private Räumlichkeiten. 19Diese Ansicht wird vom BVerfG auf Grund
historischer Auslegung vertreten, da schon in den preußischen und Weimarer
Verfassungen der Wohnungsbegriff weit ausgelegt wurde. Neben der Kontinuität der
Rechtsordnung wird die Auslegung der Norm zudem mit ihrem Schutzzweck
begründet, welcher auch auf die ungestörte Berufsausübung als Teil der Entfaltung
der Persönlichkeit abzielt. 20
Die Kanzlei des Beschwerdeführers als Arbeits- und Geschäftsräumlichkeit ist somit
vom Schutzbereich des Art. 13 I GG erfasst.

c) Zwischenergebnis

Der Schutzbereich des Art. 13 I GG ist eröffnet

2. Eingriff

16
Schmidt-Bleibtreu-Hofmann-Hopflauf GG Kommentar 11. Auflage 2008 Art 13 Rn 6
17
Schmidt-Bleibtreu-Hofmann-Hopflauf GG Kommentar 11. Auflage 2008 Art 13 Rn 7
18
BVerfGE 32, 54
19
Jarass/ Pieroth GG kommentar 9. AuflageArt. 13 Rn 5; BVerfGE 44, 353/371; BVerfGE 32, 54 ( 69-
71)
20
BVerfGE 32,54 ( 70)
6
Eingriffe n die Unverletzlichkeit der Wohnung sind jegliche Verletzung der
Privatheit des geschützten Raumes.21 So stellt jede Durchsuchung , sowie jedes
Betreten geschützter Räumlichkeiten einen Eingriff in den Schutzbereich des Art. 13
I GG dar.22Durchsuchungen sind laut BVerfG Tätigkeiten, die von einem ziel- und
zweckgerichteten Suchen staatlicher Organe in einer Wohnung geprägt sind. Inhalt
dieser Suche muss sein „etwas aufzuspüren, was der Inhaber der Wohnung von sich
aus nicht offenlegen oder herausgeben will. 23Diese Tatbestandsvoraussetzungen sind
laut SV erfüllt, eine Durchsuchung lag mithin vor. Das Betreten öffentlicher Räume
stellt jedoch dann keinen Eingriff dar, wenn der Grundrechtsinhaber den
ausdrücklichen Willen besitzt, seiner Räumlichkeit eine größere Offenheit nach
außen zukommen zu lassen. 24Ferner liegt kein Eingriff vor, wenn der
Grundrechtsträger mit dem Eindringen in seinen Raum einverstanden ist.25
In diesem Falle war R mit der Durchsuchung nicht einverstanden. Eine Kanzlei ist
zudem eine Räumlichkeit, in der Gespräche höchster Vertrautheit und
höchstpersönlicher Natur abgehalten werden, ferner auch geistig anspruchsvolle
Arbeit geleistet werden muss, welche ein ruhiges konzentriertes Arbeitsklima
benötigt. Somit ist R nicht zu unterstellen den Willen zu besitzen, seiner
Räumlichkeit eine besonders große Offenheit nach außen zukommen zu lassen.
Ein Eingriff in Form einer Durchsuchung liegt mithin vor.

3. Verfassungsrechtliche Rechtfertigung des Eingriffs


Der Eingriff in den Schutzbereich ist verfassungsrechtlich gerechtfertigt, wenn er
eine taugliche Gesetzesgrundlage als Schranke hat und diese die Voraussetzungen
der Schranken-Schranken erfüllt.26

a) Schranken
Es ist zu prüfen, welcher Schranke Art. 13 I GG unterliegt. Hierbei ist zu
unterscheiden, um welchen Eingriffstypus es sich handelt, da Art. 13 GG
verschiedenen Eingriffstypen, jeweilige Schranken zuordnet.27Laut Sachverhalt

21
BVerfGE 65,1/40
22
Jarass/ Pieroth GG kommentar 9. AuflageArt. 13 Rn 7
23
BVerfGE 51,97 ( 106); Münch/Kunig 5. Auflage Art. 13 Rn 25
24
Jarass/ Pieroth GG kommentar 9. AuflageArt. 13 Rn 10
25
Jarass/ Pieroth GG kommentar 9. AuflageArt. 13 Rn 9-10
26
Vgl.: Kube, Dr. Hanno JuS 2003 S. 461
27
Jarass/ Pieroth GG kommentar 9. AuflageArt. 13 Rn 12
7
manifestierte sich der Eingriff in einer Wohnungsdurchsuchung (s.o.). Somit ist Art.
13 II als Schranke einschlägig. Dieser Absatz stellt die Durchsuchung einer
Wohnung unter den s.g. Richtervorbehalt. 28 Gemeint ist hierbei ein Richter i.S.d. Art.
97 GG, welcher eine spezielle, begründete Anordnung treffen muss, um eine
Wohnungsdurchsuchung zu legitimieren. 29Ausnahme von dieser Regelung ist laut
Art. 13 II GG der Fall der „Gefahr im Verzug“. Liegt diese vor, so dürfen andere
Staatsorgane, sofern sie hierzu durch ein formales Gesetz ermächtigt wurden, ebenso
eine Durchsuchung anordnen.30
Art. 13 I unterliegt somit dem in Art. 13 II GG festgehaltenen qualifizierten
Gesetzesvorbehalt.
Als Gesetzesgrundlage für den Eingriff kommen hierbei §§ 102, 105 I S.1 STPO als
formelle Gesetz in Betracht, da laut Sachverhalt der Hoheitsakt im Rahmen der
Strafverfolgung stattfand.

b) Schranken-Schranken
Es ist im Folgenden zu eruieren, ob §§ 102,105 I S.1 STPO als Gesetzesgrundlage
die Voraussetzungen der Schranken-Schranken erfüllen. Hierzu müssten sowohl die
Gesetze als auch die Einzelmaßnahmen formell und materiell verfassungsgemäß
sein.

aa) Verfassungsmäßigkeit der Gesetze

Laut Sachverhalt sind die zitierten Normen aus der Strafprozessordnung sowohl
formell als auch materiell verfassungskonform.

bb) Verfassungsmäßigkeit der Einzelanwendung

(1) Prüfungsumfang
Das Bundesverfassungsgericht ist grundsätzlich keine Superrevisionsinstanz, welche
die Aufgabe besitzt, einfaches Recht zu prüfen. Auslegung und Anwendung des
einfachen Gesetzes sind wie auch Feststellung und Würdigung des Sachverhalts

28
Münch/Kunig 5. Auflage Art. 13 Rn 28
29
Mangoldt/Klein/Stark Bonner Grundgesetz Kommentar Band 1 4. Auflage / Art 13 II Rn 67-68;
ebenso /Kunig 5. Auflage Art. 13 Rn 28
30
Münch/Kunig 5. Auflage Art. 13 Rn 32
8
allein Sache der Fachgerichte. Aufgabe des Bundesverfassungsgerichts ist vielmehr
die Prüfung spezifischen Verfassungsrechts. 31
Nur in Fällen in denen die Richter der vorangegangenen Fachgerichte den Einfluss
von Grundrechten auf das einfache Recht verkannt haben, oder Auslegungsfehler
sichtbar werden, die auf einer unrichtigen Anschauung des Einflusses des jeweiligen
Grundrechts auf die Einzelnorm beruhen, ist das BVerfG zuständig. 32
In diesem Fall kann nicht ausgeschlossen werden, dass den Fachgerichten
Auslegungsfehler der obengenannten Art und Weise unterlaufen sind.
Somit ist auch die Einzelanwendung vom Prüfungsumfang des BVerfG
eingeschlossen.

(2) Formelle Verfassungsmäßigkeit der Einzelanwendung von §102 STPO


i.V.m.§ 105 STPO
Es ist zu prüfen ob die Öffentliche Gewalt bei Anwendung der §§ 102, 105 STPO
formell verfassungsgemäß gehandelt hat. Die formelle Verfassungsmäßigkeit ist
dann gegeben, wenn der Eingriffsakt in den Punkten Zuständigkeit, Verfahren und
Form korrekt war.

(aa) Zuständigkeit
Für die Durchsuchung der Wohnung eines Verdächtigen ist gem. § 102 i.V.m. § 105
I S.1 STPO grundsätzlich ein Richter i.S.d. Art. 97 GG zuständig. Er hat während
eines Ermittlungsverfahrens der Staatsanwaltschaft je nach Aktenlage zu
entscheiden, ob eine Durchsuchung gerechtfertigt ist.33
Laut Sachverhalt ist dies jedoch nicht geschehen. Nach einem erfolglosen Anruf
seitens der Staatsanwaltschaft ist dieser nicht mehr kontaktiert worden. Eine
Anordnung durch einen zuständigen Richter fand somit nicht statt.
Jedoch können gem. § 105 I S.1 STPO bei „Gefahr im Verzug“ auch der
Staatsanwalt und seine Hilfsbeamten eine Durchsuchung anordnen. Da laut

31
St. Rspr. seit BVerfGE 1, 418 (420)
32
Vgl. etwa BVerfGE 7, 346 (359), BVerfGE 18, 85 (93).

33
§ 105 Anordnung, Durchsuchung Nack Karlsruher Kommentar zur StPO
6. Auflage 2008 Rn 1

9
Sachverhalt der Staatsanwalt die Tatbestandsmerkmale der Gefahr im Verzug als
gegeben ansieht und somit selbst die Durchsuchung anordnet, ist im Folgenden zu
prüfen, ob diese Annahme den verfassungsmäßigen Voraussetzungen entspricht.

Gefahr im Verzug

Bei Definition des Begriffes „ Gefahr im Verzug“ ist zu beachten, dass die
richterliche Anordnung nach Meinung des BVerfG die Regel sein soll, die
nichtrichterliche die Ausnahme. 34Dies soll den verfassungsrechtlich in Art. 13 II GG
verankerten präventiven Schutz durch eine unabhängige Instanz gewährleisten. 35 Der
Begriff ist folglich eng auszulegen. 36Gefahr im Verzug ist dann anzunehmen, wenn
der Erfolg der Beschlagnahme durch die Verzögerung, die die Einholung der
richterlichen Entscheidung mit sich bringen würde, gefährdet wäre .37 Nach Ansicht
des BVerfG reichen Spekulationen, Erwägungen oder fallunabhängige, auf dem
kriminalistischen Alltag beruhende Vermutungen hierzu jedoch nicht aus, um von
den Tatbestandsvoraussetzungen der „Gefahr im Verzug“ auszugehen. 38Auch darf
Gefahr im Verzug nicht damit begründet werden, dass der Richter nicht sofort
erreichbar gewesen ist. So haben die Strafverfolgungsbehörden im Rahmen des
Möglichen tatsächliche und rechtliches Vorkehrungen zu treffen, damit die in der
Verfassung vorgesehene Regelzuständigkeit des Richters gewahrt bleibt. 39Durch
selbst verschuldete Verzögerung der Kontaktierung des Richters entstandene Gefahr
zum Verlust der Beweismittel darf folglich auch kein verfassungsgerechter Vorgang
sein. 40
In diesem Fall ruft laut SV der Staatsanwalt den zuständigen Richter einmal an. Als
er feststellt, dass das Telefon besetzt ist, ordnet er selbst die Durchsuchung an. Die
Zuständigkeitsvoraussetzungen für den Staatsanwalt wären folglich dann erfüllt,

34
BVerfG NstZ 2001, 383 ff.
35
Siehe JURA Heft 2002 S. 259 ff. Prof. Dr. Oliver Lepsius, Heidelberg „ Die Unverletzlichkeit der
Wohnung bei Gefahr im Verzug“

36
StPO § 105 [Anordnung; Ausführung] Autor: Pfeiffer Strafprozeßordnung,
5. Auflage 200 Rn 1-3

37
BVerfGE 51, 111 ; BVerfG NStZ 2001, 382
38
BVerfGE 104,142 Leitsatz 1 b)
39
BVerfGE 104,142 Leitsatz 2
40
JURA Heft 2002 S. 264 Prof. Dr. Oliver Lepsius, Heidelberg „ Die Unverletzlichkeit der Wohnung bei
Gefahr im Verzug
10
wenn der Staatsanwalt im Rahmen des Möglichen alle rechtlichen und tatsächlichen
Vorkehrungen getroffen hätte um den Richtervorbehalt zu erfüllen. 41 Es müsste
ferner ebenso zu belegen sein, dass im vorliegenden Fall ein weiterer Anruf beim
zuständigen Richter die Ermittlungen derart verzögert hätte, dass ein
Beweismittelverlust anzunehmen wäre.
Dies erscheint äußerst fragwürdig. Dem Sachverhalt ist erstens nicht zu entnehmen,
dass die dringende Gefahr eines Beweismittelverlustes durch Vernichtung seitens des
Verdächtigen besteht, zweitens war das Telefon des Richters lediglich besetzt. Dies
zeigt, dass er nur vorübergehend nicht erreichbar ist, was zur Folge hat, dass ein
zweiter und ggbfs. auch dritter Anrufversuch hätten erfolgen müssen.
Die Tatbestandsvoraussetzungen für die Gefahr im Verzug waren somit zum
Zeitpunkt der Anordnung durch den Staatsanwalt nicht erfüllt. Folglich hatte S keine
verfassungsmäßige Zuständigkeit um eine Durchsuchung anzuordnen.

(bb) Verfahren, Form


Mangels Angaben im Sachverhalt ist von einem formellen korrekten Verfahren,
sowie einer korrekten Form der Durchsuchung auszugehen.

(cc) Zwischenergebnis

Da S keine Zuständigkeit für die Durchsuchungsanordnung hatte, ist der Einzelakt


der öffentlichen Gewalt formell verfassungswidrig.

(3) Materielle Verfassungsmäßigkeit Verfassungsmäßigkeit der


Einzelanwendung von §102 STPO i.V.m.§ 105 STPO
Es ist im Folgenden hilfsgutachterlich zu prüfen, ob der Eingriffsakt im vorliegenden
Fall materiell verfassungsgemäß ist.
Hierzu müssen erstens die tatbestandlichen Voraussetzungen42 für eine
Durchsuchung von § 102 STPO erfüllt sein. Des Weiteren muss die Durchsuchung
im Einzelfall verhältnismäßig sein.

(aa) Rechtfertigungsmöglichkeit des Einzelaktes/ Tatbestandsvoraussetzungen

41
Siehe BVerfGE 104,142 Leitsatz 2
42
StPO § 102 Durchsuchung beim Verdächtigen Nack Karlsruher Kommentar zur StPO
6. Auflage 2008 Rn 1
11
Es ist zu untersuchen ob die in den §§ 102, 105 I S.1 STPO vorgeschriebenen
Voraussetzungen für deren Anwendung im hier gegebenen Einzelfall vorgelegen
haben.
Voraussetzung einer Durchsuchung nach § 102 STPO ist die Wahrscheinlichkeit,
dass der Verdächtige eine bestimmte Straftat bereits begangen, nicht nur straflos
vorbreitet hat. Hierfür müssen zureichende tatsächliche Anhaltspunkte
vorliegen.43Der Tatvorwurf muss soweit wie möglich konkretisiert werden.44 Daher
muss dieser mit konkreten Angaben so belegt werden, dass er unter das
Strafgesetzbuch subsumiert werden kann. 45Es muss mithin die Möglichkeit zur
Durchführung eines Strafverfahrens gegen ihn bestehen. 46
Zweck der Durchsuchung ist im Falle der Ermittlungsdurchsuchung das Auffinden
von Beweismitteln und im Falle der Ergreifungsdurchsuchung das Auffinden und
Ergreifen eines Beschuldigten. 47
Laut Sachverhalt wurde gegen den Verdächtigen R Strafanzeige wegen
Gebührenerhebung gestellt. Diese wurde seitens des Anzeigenstellers mit Indizien in
Form mehrerer Rechnungen belegt. Der bestehende Verdacht einer Straftat lässt sich
unter das STGB subsumieren und fällt unter § 352 STGB. Auch war es Ziel der
Durchsuchung Beweismittel zu finden. Jedoch ist fraglich, ob die wirklich den oben
genannten zureichenden tatsächlichen Hinweisen entspricht, da der Staatsanwalt laut
SV nur anmerkt, an der Sache könne „etwas dran“ sein. Da präzisere Angaben zur
genauen Verdachtsfrage im SV fehlen, ist jedoch den Ermittlungsbehörden zu
unterstellen, dass sie genügend Informationen und Indizien hatten, um die
materiellen Tatbestandsvoraussetzungen des § 102 STPO zu erfüllen.

43
Beckscher Kurzkommentar Kleinknecht/Meyer STPO 40. Auflage§ 102 Rn 1-2; BVerfG NJW 91, 690

44
StPO § 102 [Durchsuchung beim Verdächtigen] Autor: Pfeiffer Strafprozeßordnung, 5. Auflage
2005 Rn 1

45
BVerGE 44, 353, 371

46
StPO § 102 Durchsuchung beim Verdächtigen Nack Karlsruher Kommentar zur StPO
6. Auflage 2008 Rn 1

47
StPO § 102 Durchsuchung beim Verdächtigen Nack Karlsruher Kommentar zur StPO
6. Auflage 2008 Rn 2
12
(bb) Verhältnismäßigkeit des Einzelaktes
Der Eingriffsakt ist verhältnismäßig, wenn er ein legitimes Ziel hatte, für dessen
Erfüllung er geeignet und erforderlich war und der Zweck und das Mittel
angemessen sind. 48
Legitimes Ziel in diesem Falle war die unter (aa) erörterte Verfolgung einer Straftat
und der Fund von Beweismitteln.
Hierzu war der Eingriff auch grundsätzlich geeignet, da die gesuchten Dokumente
normalerweise in Kanzleien aufbewahrt werden. Erforderlich war die Maßnahme, da
ein milderes Mittel, etwa die Frage der freiwilligen Aushändigung der Beweismittel
gar nicht möglich gewesen wäre. Gem. SV existierten die gesuchten Beweismittel
nicht.
Jedoch erscheint es fragwürdig ob der Zweck und das Mittel in diesem Falle in
einem angemessenen Verhältnis zueinander stehen. Angemessen ist der Eingriff
dann nicht, wenn die Intensität des Eingriffs mit dem verfolgten Zweck in einem
großen Missverhältnis steht.
Die Intensität des Eingriffs bestimmt bei Betriebs- Geschäfts- und
Arbeitsräumlichkeiten nach dem Grad der öffentlichen Zugänglichkeit. 49
Je größer der Grad der Zugänglichkeit für die Öffentlichkeit zu einer Räumlichkeit
ist, desto weniger intensiv ist jeder Eingriff in ihre Unverletzlichkeit.
In diesem Fall handelt es sich zwar um eine grundsätzlich für jedermann zugängliche
Räumlichkeit, jedoch werde dort Gespräche höchstprivater Natur abgehalten und
geistig anspruchsvolle Arbeit geleistet. Folglich ist Einlass nur dann möglich wenn
Termine im vorab vereinbart werden, um eine ordnungsgemäße Durchführung von
Mandanten-Gesprächen abhalten zu können und das notwendige Arbeitsklima nicht
zu gefährden.
Die Privatheit einer Kanzlei wird zudem dadurch intensiviert, dass dort in der Regel
Dokumente aufbewahrt werden, die Informationen über hochpersönliche
Angelegenheiten von Mandanten enthalten können. Ein intensiver Eingriff liegt
somit durch die Durchsuchung vor. Das Mittel ist gegenüber dem Zweck, einer
möglichen Gebührenüberhebung, auch unangemessen, da ein Verstoß gegen § 352

48
Epping Grundrechte S. 19-23
49
Maunz/Dürig,Grundgesetz,56. Ergänzungslieferung 2009 GG Art. 13 GG II. Rn. 13-15 Autor: Papier
13
STGB höchstens mit einem Jahr Freiheitsstrafe bestraft werden kann und somit kein
sehr schweres Verbrechen darstellt.
Somit ist der Eingriff nicht angemessen und daher unverhältnismäßig.

(cc) Zwischenergebnis

Der Eingriffsakt ist auch in materieller Hinsicht nicht verfassungsgemäß.

(4) Zwischenergebnis

Die Einzelmaßnahme der öffentlichen Gewalt ist weder formell, noch materiell
verfassungsgemäß.

4. Zwischenergebnis

Der Eingriff in Art. 13 I GG kann nicht verfassungsmäßig gerechtfertigt werden.

III. Ergebnis

Die VB des R ist zulässig und im Hinblick auf die Grundrechtsverletzung des Art. 13
I GG begründet. Sie hat mithin Aussicht auf Erfolg.

Frage 2

B. Begründetheit
Die Verfassungsbeschwerde ist begründet, wenn ein Eingriff der öffentlichen Gewalt
in den Schutzbereich der Grundrechte des R aus Art.13 I, Art. 2 I i.V.m. Art. 20 III
GG vorliegt, und dieser verfassungsrechtlich nicht zu rechtfertigen ist.

I. Art. 2 I i.V.m. Art. 20 III GG “Recht auf faires Gerichtsverfahren ”

1. Schutzbereich eröffnet

14
a) Persönlicher Schutzbereich
Art. 2 I GG ist ein sog. „Jedermann-Grundrecht“. Somit sind sowohl Deutsche, als
auch Ausländer und Staatenlose vom persönlichen Schutzbereich umfasst. 50 Auch in
Verbindung mit Art. 20 III GG bleibt dieses Gesamtgrundrecht ein „Jedermann-
Grundrecht“, da die Rechtstaatlichkeit als eines der obersten Prinzipien der
Bundesrepublik Deutschland auf alle Menschen des Landes wirkt.51 R ist mithin
Träger des Grundrechts auf fairen Prozess gem. Art. 2 I GG i.V.m. Art. 20 III GG.

b) Sachlicher Schutzbereich

Fraglich ist, in wieweit die vom BVerfG entwickelte Theorie mit


Grundrechtscharakter aus Art. 2 I GG i.V.m. Art. 20 III 52 in sachlicher Hinsicht
schützen soll. Gem. der ständigen Rechtsprechung soll es alldiejenigen
Verfahrensgrundrechte schützen, die von spezielleren Normen nicht erfasst wurden.
Es soll ein faires, rechtstaatliches Strafverfahren gewährleisten. 53
In diesem Fall geht es um mögliche Ungerechtigkeiten im Strafprozess, da der
Angeklagte die Nichteinhaltung eines potenziellen Beweismittelverwertungsverbotes
seitens der Gerichte rügt. Speziellere Normen, welche die vom Beschwerdeführer
unterstellte Verletzung seiner Rechte schützen sind nicht ersichtlich. Der sachliche
Schutzbereich ist daher eröffnet.

2. Eingriff

Laut Rechtsprechung des Verfassungsgerichts liegt eine Verletzung des Rechts auf
ein faires Verfahren erst dann vor, wenn eine Gesamtschau auf das Verfahrensrecht
- auch in seiner Auslegung und Anwendung durch die Gerichte - ergibt, dass
rechtsstaatlich zwingende Folgerungen nicht gezogen worden sind oder
rechtsstaatlich Unverzichtbares preisgegeben wurde.54

50
GG Art. 2 Autor: Di Fabio Maunz/Dürig,Grundgesetz,56. Ergänzungslieferung 2009 Rn 10

51
Vgl. BVerfGE 57, 250 ( 274 ff.)
52
BVerfGE 57, 250 ( 275 )
53
BVerfGE 57, 250 ( 274 )
54
BVerfG, 2 BvR 2225/08 vom 2.7.2009 Rn 23
15
Es sei daher nur zu prüfen, ob ein rechtsstaatlicher Mindeststandart gewahrt ist.55
Laut Sachverhalt gibt es keine Anhaltspunkte dafür, dass strafprozessuale Normen
während der Gerichtsverhandlung missachtet wurden. Es gibt ebenso keine Hinweise
darauf, dass durch das Verwerten der Beweismittel ein rechtsstaatlicher
Mindeststandart nicht gewahrt worden wäre oder rechtsstaatlich Unverzichtbares
preisgegeben wurde.
Das Verwerten unrechtmäßig erhaltener Beweise stellt grundsätzlich noch keine
Verletzung des Art. 2 I GG i.V.m. Art. 20 GG dar, weil es in der deutschen
Strafprozessordnung keine Normen gibt, die grundsätzlich die Verwertung
rechtswidrig erlangten Beweismaterials ausschließen. 56 Da ein totales Verbot der
Verwertung illegal erlangten Beweismaterials folglich im deutschen Rechtssystem
gar nicht gesetzlich verankert ist, kann keine Verletzung des Rechtstaates und des
fairen Prozesses beanstandet werden.57 Es liegt somit kein Eingriff in den
Schutzbereich vor.

II. Art. 13 I „Unverletzlichkeit der Wohnung als Rechtsgrundlage für ein


Beweisverwertungsverbot“

1. Schutzbereich eröffnet

a) Persönlicher Schutzbereich

Der persönliche Schutzbereich ist eröffnet. ( siehe oben zu Frage 1)

b) Sachlicher Schutzbereich

Es ist zu prüfen ob der sachliche Schutzbereich des Art. 13 I GG sich zusätzlich zu


dem unter Frage 1 erörterten Schutzgebieten auch aufgefundene Beweise schützt,
wenn die Durchsuchung rechtswidrig war. Das Bundesverfassungsgericht ist der
Ansicht, dass sich der weite Schutzbereich nicht nur auf die Durchsuchung selbst,
sondern auch auf die Verwertung der erlangten Kenntnisse erstreckt.58

55
BVerfG, 2 BvR 2225/08 vom 2.7.2009 Rn 24
56
BVerfG, 2 BvR 2225/08 vom 2.7.2009 Rn 15
57
NJW 2008 S. 3054
58
BVerfGE 109. 379 ( 325-327); BVerfG, 2 BvR 2225/08 vom 2.7.2009 Rn 14,
16
Somit schützt der Schutzbereich alle Gegenstände in vom Schutzbereich erfassten
Räumlichkeiten und gegebenenfalls auch deren Verwertung.
Die gerügten Beweise wurde bei einer Durchsuchung in einer vom Schutzbereich des
Art. 13 I GG umfassten Räumlichkeit sichergestellt.
Der sachliche Schutzbereich ist somit eröffnet.

2. Eingriff

Im Folgenden ist zu prüfen ob ein Eingriff in den Schutzbereich vorliegt.


Der klassische Eingriff wird als final, unmittelbar, rechtsförmlich und imperativ
charakterisiert.5960
Die Beschlagnahme persönlicher Gegenstände im Wege der Hausdurchsuchung
geschah unmittelbar, rechtsförmlich durch Anordnung des Staatsanwalts und
imperativ. Finalität ist gegeben, da die Möglichkeit der Beschlagnahme von
Gegenständen unmittelbar auch auf eine Begrenzung der geschützten Sphäre des Art.
13 I GG abzielt.
Ein Eingriff liegt mithin vor.

3. Verfassungsrechtliche Rechtfertigung

Es ist zu eruieren, ob der Eingriff in den Schutzbereich verfassungsrechtlich zu


rechtfertigen ist. Dies ist dann der Fall, wenn sich eine taugliche gesetzliche
Grundlage als Schranke finden lässt, und diese die Voraussetzungen der Schranken-
Schranken erfüllt. 61

a) Schranken
Art. 13 I steht unter einem qualifizierten Gesetzesvorbehalt. ( s.o.)
Für dsas Verwerten beschlagnahmter Beweismittel kommt hierbei § 244 II StPO in
Betracht und kann gem. SV als Gesetzesgrundlage herangezogen werden.

59
Detterbeck/Windthorst/Sproll Staatshaftungsrecht Rn. 26
60
Pieroth/Schlink Rn.195 ff.
61
Vgl.: Kube, Dr. Hanno JuS 2003 S. 461
17
b) Schranken-Schranken

Es ist zu prüfen, ob § 244 II StPO selbst verfassungsgemäß ist und im Einzelfall


verfassungskonform angewendet wurde.

aa) Verfassungsmäßigkeit des Gesetzes


Laut Sachverhalt sind die Normen der StPO sowohl formell, als auch materiell mit
der Verfassung zu vereinbaren.

bb) Verfassungsmäßigkeit der Einzelanwendung

(1) Formelle Verfassungsmäßigkeit

Der Sachverhalt lässt keine Zweifel an der Zuständigkeit, dem Verfahren und der
Form der Beweisverwertung während des Prozesses aufkommen. Die formellen
Voraussetzungen des § 244 II StPO sind mithin erfüllt.

(2) Materielle Verfassungsmäßigkeit

Die Verwendung der Beweise müsste zudem materiell verfassungsmäßig sein. Dies
ist dann der Fall wenn die Verwendung in einem angemessenen Verhältnis zum
Rechtsverstoß der Hausdurchsuchung steht. Laut h.M. der Rechtsprechung ist die
Frage jeweils nach den Umständen des Einzelfalls, insbesondere nach der Art des
Verbots und dem Gewicht des Verstoßes62 unter Abwägung der widerstreitenden
Interessen zu entscheiden.63
Die Verwertung unrechtmäßig erlangter Beweise sei die Regel, ein
Verwertungsverbot eine Ausnahme in besonders unverhältnismäßigen Fällen.64 Die
willkürliche Annahme von Gefahr im Verzug oder das Vorliegen eines besonders
schwerwiegenden Fehlers können - müssen indes nicht in jedem Fall - danach ein
Verwertungsverbot nach sich ziehen.65Folglich ist in einer

62
BVerfGE 34, 239
63 63
Vgl. NJW 2008, S. 3053; BVerfG, 2 BvR 2225/08 vom 2.7.2009 Rn 16
64
BVerfG, 2 BvR 2225/08 vom 2.7.2009 Rn 15-16
65
BVerfGE 113,61; BVerfG, 2 BvR 2225/08 vom 2.7.2009 Rn 15-16
18
Verhältnismäßigkeitsprüfung zu eruieren, ob ein Beweismittelverwertungsverbot
angenommen werden kann.
Legitimes Ziel der Verwertung der aufgefundenen Beweismittel ist laut Sachverhalt
die Verfolgung einer Straftat im Sinne des § 370 AO. Laut Sachverhalt beweisen die
aufgefundenen Dokumente eine Steuerhinterziehung in Höhe von 82.000 €. Somit
wäre die Steuerhinterziehung als solche „großen Ausmaßes“ i.S.d. § 370 III 2 Nr. 1
zu bezeichnen.66 Dies stellt einen Straftatbestand dar, der gem. § 370 III mit bis zu
10 Jahren Freiheitsstrafe bestraft werden kann. Die Verfolgung einer derartigen
Straftat ist somit legitimes Ziel für die Beweismittelverwertung, da das Gericht
grundsätzlich dazu verpflichtet ist, die Wahrheit zu erforschen. 67 Es ist dazu auch
geeignet, da vor Gericht durch eine Beweismittelverwertung die Straftat erst bestraft
werden kann. Erforderlich ist es auch, da kein milderes Mittel ersichtlich ist, mit dem
man dem Gericht die Schuld des R an der Straftat beweisen könnte.
Fraglich ist jedoch ob die Beweismittelverwertung unter dem Gesichtspunkt der
rechtswidrigen Hausdurchsuchung und dem Verstoß gegen die formellen und
materiellen Voraussetzungen bei Anwendung des Art 13 I GG noch angemessen ist.
Individualinteresse und Strafverfolgungsauftrag des Staates sind miteinander
abzuwägen.68
Hierbei ist zunächst das große öffentliche Interesse an der Verfolgung der Straftat
i.S.d. § 370 AO zu unterstreichen. Das Sozialstaatprinzip aus Art. 20 I GG
verpflichtet den einzelnen Steuern abzugeben, um ein funktionstüchtiges soziales
Apparat für die Gemeinschaft sicherzustellen. 69
Verstöße gegen die Pflicht zur Steuerzahlung sind somit als Verstöße gegen die
Pflicht zur Beteiligung am sozialen Leben im Bundesstaat zu sehen. Folglich entsteht
hierbei ein großes öffentliches Interesse an der Strafverfolgung genannter Straftaten.
Ein Zweck von hoher Wichtigkeit liegt mithin vor. Es ist nun zu prüfen ob das Mittel
in diesem Falle nicht mehr angemessen ist um den Zweck zu verwirklichen. Die
willkürliche Annahme von Gefahr im Verzug, sowie schwerwiegende Fehler bei
einer Durchsuchung, können wie bereits angesprochen nach Rechtsprechung des

66
BGH 1 StR 416/08 Leitsatz 3
67
BVerfG, 2 BvR 2225/08 vom 2.7.2009 Rn 16
68
vgl. BVerfG, Beschluss der 3. Kammer des Zweiten Senats vom 8. November 2001 - 2 BvR 2257/00

69
GG Art. 20 Autor: Grzeszick Maunz/Dürig, Grundgesetz, 56. Ergänzungslieferung 2009 Rn 2-17

19
BVerfG eine solche Unangemessenheit entstehen lassen. 70 Zudem ist zu
Berücksichtigen, dass der Fund der Beweismittel nur zufällig erfolgte und nicht
Tatbestandsvoraussetzung der eigentlichen Durchsuchung war.
In diesem Fall ist fraglich ob Gefahr im Verzug völlig willkürlich angenommen
wurde, da der Sachverhalt keine stichhaltigen Angaben zur konkreten Verdachts- und
Beweislage macht. Zumindest jedoch wurde die grundrechtliche Wichtigkeit des
Richtervorbehalts sowie der verfassungsmäßig eng auszulegende Begriff der „
Gefahr im Verzug“ grob fehlerhaft missachtet ( siehe hierzu Frage 1 ).
Durch die damit rechtswidrige Durchsuchung wurde R daher schwerwiegend in
seinem Grundrecht aus Art. 13 I GG verletzt. Der Eingriff war trotz der
Geschäftsräumlichkeit auch besonders intensiv, da eine Kanzlei einen besonders
privaten Raum darstellt (vgl. auch hierzu Frage 1).
Wiegt man Zweck und Mittel miteinander ab, so ist festzustellen, dass sowohl ein
hohes Interesse der Strafverfolgung als Zweck, sowie ein den R stark in seinen
Grundrechten verletzendes Mittel vorliegen.
Jedoch ist zu beachten, dass die verfolgte Straftat der Steuerhinterziehung einen
Schaden für die soziale Gemeinschaft der BRD darstellt. Somit ist der Zweck als
wichtiges Gemeinschaftsgut für den sozialen Frieden in diesem Einzelfall als
höherrangig gegenüber der spezifischen Grundrechtsverletzung des R anzusehen.
Die Verwertung der Beweismittel ist daher angemessen und verhältnismäßig.

(3) Zwischenergebnis

Die Einzelanwendung des § 244 II STPO ist formell und materiell


verfassungsgemäß.

cc) Zwischenergebnis

Die Voraussetzungen der Schranken-Schranken sind erfüllt .Eine


verfassungsrechtliche Rechtfertigung liegt vor.

III. Ergebnis

70
2 BvR 2225/08 vom 2.7.2009 Rn 16
20
Die VB ist weder im Hinblick auf Art 2 I i.V.m. Art. 20 III, noch im Hinblick auf
Art. 13 I GG begründet. Sie hat keine Aussicht auf Erfolg.

21
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