You are on page 1of 208

Sergio Ghione ist Arzt und Forscher beim Nationalen

Forschungsrat Italiens. Seine Leidenschaft für Inseln ver-


anlasste ihn 1997, ein Team von Meeresbiologen auf die In-
sel Ascension zu begleiten. Sergio Ghione lebt mit seiner
Familie in Pisa.
Sergio Ghione
Die Insel der Schildkröten
Ein ungelöstes Rätsel im Atlantik

Aus dem Italienischen von Andreas Simon

Campus Verlag
Frankfurt/New York
Die italienische Originalausgabe erschien 2000 unter dem Titel »L'isola delle
tartarughe « bei Gius. Laterza & Figli SpA. © Guis Laterza & Figli SpA, 2000.
This translation of »L'isola delle tartarughe« is published by arrangement with Gius.
Laterza & Figli SpA, Romana-Bari.

Redaktion: Dr. Barbara Werner, Stuttgart

Die Deutsche Bibliothek – CIP- Einhe itsaufnahme

Ein Titeldatensatz für diese Publikation ist bei


Der Deutschen Bibliothek erhältlich
ISBN 3-593-36798-X

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede
Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für
Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und
Verarbeitung in elektronischen Systemen. Copyright © 2002 Campus Verlag
GmbH, Frankfurt/Main
Umschlaggestaltung: Guido Klütsch, Köln
Satz: Fotosatz L. Huhn, Maintal- Bischofsheim
Druck und Bindung: Druckhaus Beltz, Hemsbach
Gedruckt auf säurefreiem und chlorfrei geble ichtem Papier.
Printed in Germany
Meinem Vater
There is something
about a small island
that satisfies the heart of man.

[Eine kleine Insel hat etwas,


das zu unserem Herzen spricht.]

Ronald M. Lockley
Islands around Britain, 1945
Inhalt

Vorwort 11
Die Insel der Schildkröten 17
Epilog 188

Anhang 190
Sankt Helena 190
Im Netz 206
Danksagung 208
Vorwort

»Sergio, hier ist Floriano, ich habe versucht, dich im Kran-


kenhaus zu erreichen, aber du warst schon weg. Ich habe
eine gute Nachricht für dich. Ruf mich zurück, sobald du
kannst.«
Es war einige Monate her, seit Floriano Papi von seinem
Wunsch gesprochen hatte, nach Ascension zu fliegen; da-
nach hatte ich nichts wieder von ihm gehört. Floriano,
Biologieprofessor und einer der bedeutendsten Experten
für Tiernavigation und Tierorientierung auf der Welt, ist
ein Studienfreund meines Vaters. Mittlerweile ist er auch
mein Freund geworden: Wir teilen die Hobbys Malerei
und Schach und arbeiten darüber hinaus zusammen an ei-
ner Reihe von Forschungsprojekten.
Floriano ist es zusammen mit anderen gleichaltrigen
Kollegen gelungen, seine Pensionierung zu verschieben,
obwohl sie eigentlich jetzt anstünde. Er hat zwei weitere
Jahre herausgeholt und hegt trotz seines Alters eine ge-
sunde und ein wenig waghalsige Leidenschaft für seine Ar-
beit.
In der letzten Zeit konzentriert sich sein Interesse auf
Meeresschildkröten – auf jene außergewöhnlichen Tiere
also, die in den warmen Meeren beheimatet sind und äu-
ßerst lange Reisen durch die offene See zurücklegen kön-
nen, bei denen sie mit schier unglaublicher Genauigkeit ihr
Ziel erreichen. Floriano ist mit Paolo Luschi, einem For-
scher seines Instituts, schon mehrfach nach Malaysia und
Südafrika gereist, um die Wanderlust der Schildkröten zu
studieren. Aber der faszinierendste Ort, um dem Geheim-
nis dieser Tiere näher zu kommen, bleibt die Insel Ascen-
sion.
Ascension liegt inmitten des Atlantischen Ozeans etwas
südlich vom Äquator. Die englische Kolonie ist vielleicht
das entlegenste Eiland der Welt. Im Südosten ist der nächste
Flecken Erde die Insel Sankt Helena, von der aus Ascension
verwaltet wird. Sie liegt 1 500 Kilometer entfernt. Nach
Norden hin sind es bis zur afrikanischen Kontinentalküste
Liberias ebenfalls 1 500 Kilometer. Im Westen findet sich
der westlichste Zipfel Brasiliens, die Stadt Recife, in 2 200
Kilometern Entfernung, im Osten sind es 3 000 Kilometer
bis Luanda, der Hauptstadt Angolas. Nach Süden erstreckt
sich bis zur Antarktis das offene Meer.
Für diejenigen, die wie ich Gefallen an solchen Verglei-
chen finden: Befände sich Rom in einer solchen geografi-
schen Lage, wäre von dort aus gesehen das nächstgelegene
Land eine kleine Insel in der Nähe von Rhodos im Ägäi-
schen Meer und alles ringsherum wäre offene See bis nach
Kopenhagen im Norden, Baku am Kaspischen Meer im
Osten, bis zum Atlantik auf halbem Weg zwischen Portu-
gal und den Azoren im Westen und Südafrika im Süden.
In Ascension kommen jedes Jahr die Meeresschildkrö-
ten an – die »Suppenschildkröten« oder, wenn Sie den ge-
lehrten Namen vorziehen, die Chelonia mydas. Gewöhn-
lich leben sie nicht in den Gewässern der Insel, aber sie
kommen dorthin zur Eiablage. Zwischen Januar und Mai
landen sie zu Tausenden. Wie sie es schaffen, ohne offen-
kundige Orientierungspunkte inmitten des Ozeans eine so
kleine und entlegene Insel zu finden, ist bis heute ein Rät-
sel. Und dieses Geheimnis ist es, dem unsere Expedition
auf den Grund gehen will. Beginnen wollen wir damit, die
Wanderwege einiger Schildkröten auf ihrem Rückweg zu
rekonstruieren, indem wir auf ihrem Rücken (oder auf ih-
rem Rückenschild, wie die genaue Bezeichnung lautet) ei-
nen Sender anbringen, um via Satellit ihren Weg zu verfol-
gen.
Floriano und Paolo haben einen englischen Mitstreiter
gefunden, auch er ein Meeresbiologe, der sich für die
Schildkröten interessiert und vor einigen Jahren schon ein-
mal in Ascension war. Zusammen mit ihm haben sie ein
Forschungsvorhaben vorgelegt, das gerade bewilligt wur-
de.

Eben dies ist die Neuigkeit, die mir Floriano bei seinem
Anruf mitteilt. Ja, das Projekt ist genehmigt, der Weg nach
Ascension ist frei – und ich kann mitkommen, wenn ich
mich an den Kosten beteilige.
Ich kann es kaum glauben. Einige Monate später – es ist
Ende April – befinde ich mich im Autobus, der mich von
Gatwick nach Oxford bringt, um dort Floriano und die
anderen zu treffen und mit ihnen noch am selben Abend
nach Ascension abzureisen.

Ein Freund gestand mir einmal seine etwas verrückte Lei-


denschaft für Brücken, nicht nur als Bauwerke (er hat eine
Sammlung sehr schöner Fotos), sondern auch, wie ich
glaube, weil sie etwas in ihm wachrufen. Dieser Freund ist
Jude, und vielleicht ist seine ein wenig verschämte Vorliebe
für etwas, das die Überwindung von Barrieren erlaubt und
den Austausch zwischen Menschen, von Waren und Ideen
erleichtert, kein Zufall: Sie symbolisieren die – gelungene –
Überwindung von Hindernissen.
Meine Leidenschaft waren immer die Inseln, eine an-
dere, in gewisser Weise entgegengesetzte geografische Me-
tapher. Als mir Floriano daher eines Tages von seinem Plan
erzählte, nach Ascension zu fliegen, rutschte mir sofort
heraus, dass dies einer meiner Lebensträume sei. Das war
noch nicht die ganze Wahrheit, aber sie kam der eigentli-
chen Wahrheit schon sehr nahe. Ich wusste zum Beispiel
haargenau, wo die Insel Ascension liegt – wie ich im Übri-
gen genau weiß, wo die Cookinseln, die Hebriden, die
Marquesasinseln, Tristão da Cuña, Pitcairn und viele an-
dere liegen. Es ist eine Neugier, die in früher Jugend durch
die Lektüre der Odyssee, der Schatzinsel oder Robinson
geweckt wird und bei mir vielleicht sogar schon früher, in
der Kindheit, entstanden ist.
Ich erinnere mich, dass mir mein Vater, als ich drei oder
vier Jahre alt war, jeden Abend einige Seiten von Jules Ver-
nes Die geheimnisvolle Insel vorlas. Ich habe das Buch nie
gelesen – und verspüre auch heute nicht das Bedürfnis.
Lieber bewahre ich meine eigene verworrene und fantasti-
sche Erinnerung an die Geschichte einiger Figuren, Schiff-
brüchige, wie ich mich zu entsinnen glaube, zu denen viel-
leicht ein Kind und ein Hund gehörten, die glücklich auf
einer – natürlich geheimnisvollen Insel – strandeten, unbe-
wohnt, aber voller Hinweise darauf, dass dort jemand leb-
te, wobei es sich, wenn ich nicht irre, um Kapitän Nemo
handelte, der gerade Zwanzigtausend Meilen unter dem
Meer hinter sich hatte.
Vor der Reise war mir die Insel Ascension bereits zwei-
mal »begegnet«, das erste Mal, als ich noch zur Schule
ging. Sie verdankt ihren Namen der Tatsache, dass sie am
Fest Christi Himmelfahrt entdeckt wurde – oder, wie wir
noch sehen werden, wiederentdeckt wurde –, also an je-
nem Tag, an dem die christliche Religion nach Tod und
Auferstehung die »Auffahrt« Christi in den Himmel fei-
ert. Ich ging damals auf das deutsche Gymnasium, und im
Klassenbuch stand auf Deutsch: »Himmelfahrt frei.« Zum
Spaß hatten wir Schüler hinzugefügt: »Kinder und Solda-
ten: die Hälfte.« Wir waren stolz auf das Wortspiel – ich
erinnere mich, dass der Geistesblitz von mir war und
amüsierten uns köstlich darüber. Nicht so unser Lehrer,
der den Witz nicht nur nicht zu schätzen wusste – ja viel-
leicht nicht einmal verstand –, sondern darin auch ich weiß
nicht was für ein schlimmes Vergehen witterte. Die Ge-
schichte ging glimpflich aus, aber vielleicht zum ersten Mal
in meinem Leben wurde mir die Macht und Gefährlichkeit
der menschlichen Stumpfheit bewusst.
Meine zweite Begegnung mit Ascension geht auf den
Falklandkrieg 1982 zurück, als meine kleinste Tochter we-
nige Monate alt war. Freunde, die für ein Jahr in die USA
gegangen waren, hatten uns ihren Farbfernseher überlas-
sen. Ascension tauchte häufig in den Nachrichten auf, weil
es den Engländern, die allerdings eine eiserne Nachrich-
tensperre verhängt hatten, als vorgeschobener Stützpunkt
diente.
Diese Insel ließ in mir eine vage und unbefriedigte Neu-
gier zurück.
I

In den langen Wintermonaten, die der Abreise vorausgin-


gen, wollte ich mich so gut wie möglich sachkundig ma-
chen. Aber über dieses Eiland, verloren inmitten des At-
lantiks, war nur sehr wenig zu erfahren. Immerhin fand ich
beim Surfen im Internet heraus, dass Ascension eine Vul-
kaninsel ist, mit einer Fläche von 90 Kilometern (mehr
oder weniger ein Drittel so groß wie die Insel Elba). Äu-
ßerst spärlich bewachsen, ist sie ein wichtiger strategischer
Knotenpunkt für die Engländer und mehr noch für die
Amerikaner, die dort einen Luftstützpunkt und eine Reihe
von Systemen zur Raketenortung und Satellitenkommu-
nikation errichtet haben. Es gibt dort keinen Tourismus,
keine Hotels, Restaurants oder öffentlichen Transportmit-
tel. Ascension ist eine »geschlossene« Insel, auf die man
nur in Militärflugzeugen mit Zustimmung des britischen
Verteidigungsministeriums gelangt. 1989 zählte die ansäs-
sige Bevölkerung 1127 Seelen.
Wer heute genug Geld und Zeit hat, kann touristische
Pauschalreisen in fast jeden Winkel der Welt buchen –
von den Galapagosinseln bis zur Halbinsel Kamtschatka,
von der Antarktis bis in die Mongolei, vom Nordpol bis
zur Osterinsel – aber nicht auf die Insel Ascension. Sie
bleibt bis heute von jedem Tourismus abgeschnitten, so
exotisch, alternativ oder teuer die Reiseziele sonst auch
sein mögen.

Aber was sollte ich eigentlich einen Monat lang auf Ascen-
sion? Das fragte ich mich im Bus, der mich Ende April
vom Flughafen nach Oxford brachte, wo Floriano und Pa-
olo bereits einige Tage zuvor zu einem Kongress eingetrof-
fen waren. Das überschäumende Glück der ersten Mo-
mente, nachdem mich die Nachricht erreicht hatte, hielt
sich monatelang. Ich sagte es allen, erzählte immer wieder
davon, so oft, dass mich meine Kollegen im Krankenhaus
schon damit aufzuziehen begannen.
Je näher der Zeitpunkt der Abreise rückte, desto stärker
kühlte meine Begeisterung ab. Fast gestand ich es mir selbst
nicht ein. Mir kam ein Aphorismus der Wiener Schriftstel-
lerin Marie von Ebner-Eschenbach in den Sinn, der unge-
fähr lautete: »Ich hatte mich so gefreut auf das, was gesche-
hen sollte. Dann traf es nicht ein. Warum sollte ich jetzt
verzweifeln? Warum kann ich mich nicht mit dem Glück
begnügen, das mich glauben ließ, es würde geschehen?«
Warum wollte ich mich nicht einfach damit zufrieden
geben, was hätte sein können, aber dann doch nicht einge-
troffen war? So klein der Schritt alles in allem war, für
mich war er neu: Ich spürte, wie mich in diesen Gedanken
die Mutlosigkeit beschlich. Einen Traum zu verwirklichen
ist keine kleine Sache, und eine vage Unsicherheit befiel
mich. Aber eine andere Stimme sagte: Hic Rhodus, hic sal-
ta! Dies ist eine Geschichte, die dem griechischen Fabel-
dichter Äsop zugeschrieben wird. Irgendjemand rühmt
sich eines sagenhaft großen Sprungs, den er auf Rhodos
getan haben will. Sein Zuhörer erwidert: »Gut, wenn du
dazu auf Rhodos in der Lage warst, versuch es hier erneut.
Stell dir vor, hier ist Rhodos, und spring.« Und auch Rho-
dos ist eine Insel.
Das alles ging mir durch den Kopf, als der Bus durch die
englische Landschaft fuhr. Unter dem durchsichtigen,
wolkenschweren Aprilhimmel breiteten sich wogend die
Frühlingsfelder aus, die Hecken, die über die Weiden ver-
streuten Herden, die Dörfer mit ihren kleinen Häusern aus
rotem Backstein, die viergeteilten, von großen weißen
Simsen gerahmten Fenster und die Schieferdächer – die
verzauberte Landschaft Südenglands.

In Oxford angekommen, sind meine Hirngespinste mit ei-


nem Mal verflogen. Am Busbahnhof erwartet mich Paolo.
Das Wetter ist umgeschlagen, der Wind pfeift, und es ist
kalt. Floriano hat sich in eine Bar geflüchtet und liest be-
gierig eine italienische Zeitung, die ich kurz vor der Ab-
reise gekauft hatte.
Brize Norton, in der Nähe von Oxford, ist der Militär-
stützpunkt, von dem aus zweimal die Woche eine Ma-
schine zu den Falklandinseln startet – mit Zwischenstopp
auf der Insel Ascension. Linienflüge gibt es nicht. Wir neh-
men ein Taxi zum kleinen Flughafen, eines der üblichen,
unwahrscheinlich großen und quadratischen englischen
Taxis, das ein seraphischer Pakistaner steuert, der ange-
sichts unseres umfangreichen und vielteiligen Gepäcks
nicht die Fassung verliert. Tatsächlich gelingt es uns, wenn
auch mit Schwierigkeiten, alles zu verstauen, einschließlich
der »Mumie«. Dabei handelt es sich um einen Sack, so lang
und breit wie ein Mensch, mit den Bauteilen eines »Schild-
krötenkäfigs«, der in Florianos Institut entworfen wurde.
Er soll dazu dienen, die Tiere festzuhalten, während wir
die Sender anbringen.
Der Verkehr wird nach und nach weniger, als wir Ox-
ford verlassen. Dann fahren wir übers Land, gelangen zur
kleinen Ortschaft Brize Norton und schließlich zum Luft-
waffenstützpunkt. Am Eingang erwartet uns unser briti-
scher Kollege Graeme Hays. Er ist Meeresbiologe, arbeitet
an der Universität von Wales und war bereits vor fünf Jah-
ren für drei Monate in Ascension. Er ist 30, im gleichen Al-
ter wie Paolo, wirkt aber kaum älter als ein Jugendlicher.
Am Eingang werden wir zügig und nicht allzu gründlich
kontrolliert, obwohl es sich um eine Militäreinrichtung
handelt und die Briten allerhand Probleme mit den Iren
haben. Für alle Fälle steht auf der Rückseite des Passier-
scheins, den man uns ausstellt, in großen Lettern:
STAY ALERT – STAY ALIVE
(Bleib wachsam, bleib am Leben).

Wir haben keine genaue Vorstellung davon, wie wir am


besten wachsam bleiben können. Aber da wir uns alle ei-
nig darin sind, wie gut es wäre, am Leben zu bleiben, sagen
wir, jeder auf seine Weise, unsere diesbezüglichen Be-
schwörungsformeln auf. Wir werden zum Flugplatz gelei-
tet. »Was ist das?«, fragt uns in strengem Ton ein Militär-
polizist, der den Zugang bewacht, und zeigt auf die
Mumie. »Ein Käfig für Schildkröten«, erklären wir ihm.
Ich und Paolo, einer vorne, der andere hinten, halten das
Gepäckstück hoch, ein Anblick, der die Laune des Polizis-
ten nicht sonderlich hebt. Zu unserer Erleichterung schrei-
tet Graeme, unser englischer Kollege, rasch ein.
Schließlich gelingt es uns, das Gepäck ohne größere
Schwierigkeiten aufzugeben, einschließlich der Mumie.
Ich betrachte den Flugplan: Zypern (24 Stunden Verspä-
tung), Dubai, Ascension – Mount Pleasant, Gibraltar. Es
sind die letzten Überseestützpunkte, die Großbritannien
geblieben sind.
Der Wartesaal ist leer und schmucklos, an den Wänden
hängen einige Fotos von Militärflugzeugen, doch schließ-
lich füllt er sich langsam. Es sind fast alles junge Männer,
Soldaten in Zivil. Nur wenige Frauen, einige mit männli-
chen Zügen und wenig ansprechend, andere trotz ihres mi-
litärischen Gepräges reizend und interessant. Die meisten
rauchen, plaudern in gedämpftem Ton, und fast alle haben
eine Dose Bier in der Hand. Ab und zu kündigt der Laut-
sprecher etwas an oder ruft jemanden aus. Ton und Inhalt
dieser Botschaften verraten, dass wir uns in einem militäri-
schen Umfeld bewegen: nicht die übliche weiche Frauen-
stimme, sondern eine männliche, trockene und schnell
sprechende Stimme. Bei der Ankündigung von Verboten
werden unmissverständlich die Strafen genannt, die die
Nichtbeachtung nach sich zieht. Es ist zum Beispiel verbo-
ten, alkoholische Getränke mit an Bord zu nehmen. Wer
dabei ertappt wird, hat mit Disziplinarmaßnahmen zu
rechnen. Als wir uns in die Reihe stellen, um an Bord zu
gehen, setze ich mir meinen australischen Hut auf, den ich
einige Jahre zuvor in Melbourne gekauft hatte, Typ »Cro-
codile Dundee«. Ich werde sofort zurechtgewiesen: Die
erlaubte Bekleidung sieht keinen Cowboyhut vor. Ich
muss ihn also in der Hand halten.
Draußen, wo jetzt die Nacht hereingebrochen ist, er-
wartet uns, beleuchtet von Scheinwerfern, die große weiße
Tristar mit dem Abzeichen der Royal Air Force, das an die
französische Trikolore erinnert. Die Neigung der Briten
zu so vielen verschiedenen Fahnen ist schon merkwürdig:
Es gibt den Union Jack für das Vereinigte Königreich, je-
weils eine eigene Flagge für England, Wales und Schott-
land, eine Fahne für die Handelsmarine, die sich davon
wieder unterscheidet (ganz rot mit dem Union Jack in ei-
ner Ecke), eine weitere für die Kriegsmarine und diese
Flagge der Royal Air Force aus drei konzentrischen Krei-
sen in Rot, Weiß und Blau, die wesentlich besser zur fran-
zösischen Luftwaffe zu passen scheint. Von außen wirkt
die Tristar wie ein Zivilflugzeug, aber als wir an Bord ge-
hen, wird uns sofort der Unterschied klar. Es herrscht ein
weit spartanischerer und einförmigerer Stil, und es gibt
keine Unterteilung in verschiedene Klassen. Im vorderen
Teil fehlt eine ganze seitliche Sitzreihe, die durch seltsame
Gestelle ersetzt wurde. Ihre wahre Bestimmung geht mir
später auf, als ich nach dem Abheben wieder aufstehen
darf und neugierig herumgehe. Es sind Ständer für Trag-
bahren.
Es geht los. Ich verfolge eine Weile vom Fenster aus das
Vorbeiziehen der wie an Schnüren aufgereihten gelb-oran-
gen Straßenbeleuchtung, dann verschwindet alles in den
Wolken. Wir haben einen achtstündigen Flug vor uns.
II

Wie immer, wenn ich mich in einem Flugzeug befinde,


schlafe ich wenig und schlecht. Ich habe gegessen und ge-
trunken, ein bisschen von dem Film gesehen, der gezeigt
wurde, und die vertraute, ganz besondere Atmosphäre ei-
nes Nachtflugs genossen. Viele schlafen, der eine oder an-
dere liest, einige reden. Im Halbdunkel scheint sich eine
seltsame Vertrautheit einzustellen. Es ist jedoch auch ein
Flug, der sich von anderen unterscheidet. Ich brauche ein
bisschen, bis ich dahinterkomme: Die Flugbegleiter, die es
auch hier gibt, benehmen sich schlicht, wie normale Men-
schen, und lächeln nicht die ganze Zeit.

Einen Sonnenaufgang vom Flugzeug aus zu sehen ist im-


mer bewegend. Durch das Fenster entdecke ich plötzlich
draußen die ersten Zeichen des Tagesanbruchs. Eine
blasse Linie am Horizont färbt sich langsam orange, dar-
über leuchtet ein feiner weißer Streifen auf, der nach
oben in ein wunderschönes Hellblau übergeht, dann in
intensives Blau, bis er in das Dunkel der Nacht eintaucht.
Unter uns offenbart das erste Morgenlicht einen weitläu-
figen und bizarren Wolkenteppich aus schmutzigem
Grau, voller fantastischer Gipfel aus helleren Wolken-
bäuschen, die von dunkleren Furchen durchzogen sind.
Der Kapitän kündigt den Beginn des Landeanflugs auf
Ascension an.
Der Lärm der Motoren verändert sich, während das
Flugzeug abtaucht und durch die Wolken stößt. Atmosphä-
rische Turbulenzen bereiten uns allen vertraute Momente
geheimer Panik. Das Meer taucht auf, bleiern und leer. Die
Tristar legt sich in die Kurve, und plötzlich erscheint im
fahlen Morgenlicht, dunkelviolett, ganz kurz ein Küsten-
streifen, bevor sie wieder in die Horizontale schwenkt und
uns graue Wolken umhüllen. Ich bin aufgeregt.

Einsame Inseln faszinieren mich seit meiner Kindheit, denn


sie ermöglichten meiner kindlichen Fantasie Reisen ins Ge-
heimnisvolle. Der Ort der Verzauberung wurde dann zu ei-
ner fantastischen Welt der Erkundungen und Entdeckun-
gen, aber auch zum Zufluchtsort. Sind Inseln nicht die
vielleicht einzigen Orte auf der Welt, wo Utopien wahr
werden können? Während ich noch in der Vergangenheit
schwelge, kommen mir die ersten Worte über Ascension in
den Sinn, die ich Monate zuvor im Internet gelesen hatte:
»Es ist eine raue, trockene und unwirtliche Vulkaninsel.«

Wie immer, wenn es mir gelungen ist, einen Fensterplatz


zu ergattern, blicke ich angestrengt nach draußen. Das
Meer rückt immer näher, zuletzt erscheinen der Erdboden
und plötzlich die Landebahn. Das Flugzeug sinkt weiter.
Dann setzt es auf dem Boden auf. Die Landschaft, die im
unsicheren Licht des frühen Morgens rasch an uns vorbei-
zieht, während die Motoren zum letzten Mal aufheulen, ist
beunruhigend. Da ist etwas, das nicht stimmt.
Da ist gar nichts.
Es gibt keinen Baum, keinen Strauch, kein bisschen
Grün – nur die Landebahn und die Farbe der Erde rings-
um, ein eindringliches, dunkles Ziegelrot. Dann, noch
während die Tristar bei der Bremsung große Fahrt macht,
wölbt sich das Terrain brüsk auf, als ob das Flugzeug in ei-
nen Canyon glitte. Nicht weit entfernt ziehen auf halber
Höhe die weißen und blauen Lichter vorbei, die bei nor-
malen Flughäfen auf dem Boden die Grenzen der Lande-
bahn markieren. Oben bemerke ich flüchtig eine große
weiße Parabolantenne wie ein Radarbild und in geringer
Entfernung eine zweite, noch größere. Das Flugzeug steht
nun fast. Es ist am Ende seines Weges angelangt und wen-
det. Der Blick auf die andere Seite wird frei: kein Haus,
keine Straße, kein Feld, kein auch noch so geringes Zei-
chen von Leben, nur Erde, Steine und seltsame Erhebun-
gen. In der Ferne zeichnet sich gespenstisch ein wilder
Berg gegen den perlfarbenen Himmel ab, von Wolkenfet-
zen umhüllt wie Dampf, der aus den Tiefen der Erde quillt.
Plötzlich sehe ich vor meinem geistigen Auge Don Quixo-
tes Windmühlen auftauchen: Auf einem Sattel zwischen
zwei Gipfeln, entfernt und drohend, stehen vier Windge-
neratoren mit ihren langsam kreisenden Flügeln. Als gi-
gantische Wachposten dieses öden Landes lassen sie unun-
terbrochen ihre absurden Arme kreisen.
Das Flugzeug hat seinen Stellplatz erreicht. Der Laut-
sprecher verkündet, dass der Aufenthalt in Ascension 45
Minuten betragen wird und warnt, dass es regnen könnte.
Als ich auf die Gangway trete, verspüre ich das angenehme
Gefühl des feuchtwarmen Windes, der einen in den Tro-
pen umhüllt.
Benommen überqueren wir zu Fuß die Landebahn. Ich
sehe mich um: Es gibt kein einziges anderes Flugzeug, der
Flughafen ist leer. Aber vor uns stehen – eine kleine Er-
leichterung, denn es scheint also wirklich jemand hier zu
sein – ein Wagen der Feuerwehr, ein Krankenwagen und
ich weiß nicht welche anderen Rettungsfahrzeuge, alle mit
leuchtenden Scheinwerfern. Wir gehen weiter über einen
kleinen umzäunten Platz, hinter dem das niedrige Flugha-
fengebäude steht. »Welcome to RAF Ascension« begrüßt
uns ein Schild. Kurz darauf bringt man uns in einen klei-
nen Wartesaal, zusammen mit den anderen drei oder vier
Mitreisenden, die hier aussteigen. Die anderen bleiben
draußen, sitzen auf den Bänken des Vorplatzes und warten
auf den Aufruf, wieder an Bord zu gehen, um ihre Reise in
noch einmal acht Stunden bis zu den Falklandinseln fort-
zusetzen. Es ist Ende April: In Europa ist es Frühling; hier,
auch wenn es noch früher Morgen ist, kündigt sich bereits
die kommende Tageshitze an. Auf den Falklandinseln, in
Port Stanley, ist dagegen der erste Schnee gefallen, was den
Abflug des Flugzeugs in der letzten Woche verzögert hatte.
Ich fotografiere lieber nicht und lasse die Videokamera
vorsichtshalber in der Tasche, sonst verstoße ich noch ge-
gen irgendeine militärische Vorschrift und werde sofort
wieder ausgewiesen. Als ich über die Landebahn laufe,
empfinde ich plötzlich jene Genugtuung, die manchmal
schon durch minimale Erkenntnisse hervorgerufen wird.
Verrückt, denke ich, wirklich verrückt. Wo um alles in der
Welt sind wir bloß gelandet? Auf dem Mond?
III

Portugiesische Seefahrer entdeckten die Insel Ascension,


als sie einen Seeweg nach Indien suchten. Sie wollten das
Handelsmonopol der Araber (und Venezianer) brechen
und eine Route finden, die nicht der schrulligen Idee folg-
te, die Welt verkehrt herum zu umsegeln. Ende des 15.
Jahrhunderts regten die portugiesischen Könige zahlreiche
Expeditionen in den Südatlantik an, um auf diesem Weg
über das Meer in den Indischen Ozean und in den Osten
zu gelangen.

Von der Möglichkeit, Afrika zu umschiffen, wussten be-


reits die alten Griechen. Herodot erzählt in seiner Ge-
schichte, dass Nechos II., Pharao von Ägypten zwischen
610 und 595 V. Chr., einige phönizische Schiffe von Ägyp-
ten ins Eritreische (Rote) Meer entsandte, die Kurs auf den
»Südlichen«, den Indischen Ozean nehmen sollten. Als
der Herbst kam, gingen sie vor Anker, die Männer bestell-
ten ein Stück Land, pflanzten Getreide und warteten, bis
es gereift war. Nach der Ernte stachen sie erneut in See. So
machten sie es zwei weitere Jahre, am Ende des dritten
passierten sie die Säulen des Herkules (die Meerenge von
Gibraltar) und kehrten nach Hause zurück. In ihren Er-
zählungen berichteten sie, dass sie bei der Umschiffung Li-
byens (Afrikas) die Sonne immer steuerbords, also auf der
Rechten hatten.
Was Herodot darunter verstand, wenn er sagte, die phö-
nizischen Seefahrer hätten die Sonne immer zur Rechten
gehabt, ist nicht ganz klar. Die wahrscheinlichste Hypo-
these ist diese: Wer damals zur See fuhr, setzte großes Ver-
trauen auf die Position der Sonne und wusste, dass sie sich
bei der Umschiffung irgendeiner Insel mittags auf der ei-
nen Seite zur Linken und auf der anderen zwangsläufig zur
Rechten befand. Das musste auch für die Phönizier gegol-
ten haben, die Afrika im Uhrzeigersinn umsegelten. Da sie
die Sonne entlang der Mittelmeerküste zur Rechten (im
Süden) hatten, hätten sie sie an einem bestimmten Punkt
auf ihrer Linken finden müssen. Weil die Phönizier das in
ihren Erzählungen nicht erwähnten, war die ganze Ge-
schichte in den Augen Herodots, der 200 Jahre später lebte,
unglaubwürdig: Es war für ihn eine Geschichte, die »ich
meinesteils nicht glaube […] auch wenn es vielleicht
andere tun«. Für uns ist sie jedoch durchaus plausibel, da
wir uns heute das Phänomen erklären können: Die Schiffe
hatten den Äquator überquert, und von dem Punkt an be-
fand sich die Sonne am Mittag im Norden und nicht mehr
im Süden. Vielleicht erscheint uns diese Geschichte gerade
deshalb glaubwürdig, weil Herodot sie anzweifelte, aber
trotzdem so erzählte, wie er sie gehört hatte.

Kehren wir zu den portugiesischen Entdeckern zurück.


Einige ihrer Namen sind fast völlig vergessen, wie der
Diogo Cãos, der 1481/1482 die Mündung des Kongos pas-
sierte und von dem kürzlich gerade in der Nähe dieser
Mündung Spuren entdeckt wurden. Andere sind bekann-
ter, wie Bartolomeu Dias, der 1488 das Kap der Guten
Hoffnung umschiffte, ohne es zu sehen, da er von einem
heftigen Sturm abgetrieben wurde. Er fuhr weiter nach Sü-
den, bis er bemerkte, dass es im Osten keine Küsten mehr
gab. Dias gelangte nicht weit über das Kap hinaus. Auf
dem Rückweg gab er ihm den Namen Kap der Stürme,
sein König jedoch, Johann II., der um die beschwörende
Macht der Namen gewusst haben muss, benannte es bald
darauf in Kap der Guten Hoffnung um. Dias war schein-
bar auch sonst kein großer Menschenkenner, denn es ge-
lang ihm nicht, seine Mannschaft zu überzeugen oder zu
zwingen, die Reise fortzusetzen (was letztlich auf das
Gleiche hinauslief), vor allem nicht seine Offiziere, die un-
ter solchen Umständen den Ausschlag gaben.
Auch Vasco da Gama segelte neun Jahre später, im Juli
1497, von Lissabon aus. Die Situation hatte sich zuge-
spitzt, weil Kolumbus, im Dienste der Spanier, von seiner
Reise zurückgekehrt war. Um den Strömungen entlang der
afrikanischen Küste und den Flauten am Äquator auszu-
weichen, wählte er eine Route, die weiter vom Festland
entfernt lag. Und hatte Glück: Nach wenig mehr als vier
Monaten passierte er das Kap der Guten Hoffnung und
nach zehn Monaten Seereise gelangte er nach Calicut an
der Südostküste Indiens, dem Haupthandelszentrum für
Gewürze. Zwei Jahre später, 1499, kehrte da Gama nach
Lissabon zurück.
Der Seeweg nach Indien war frei. Im Jahr 1500 stach Pe-
dro Alvares Cabral in See. Nach dem Vorbild da Gamas se-
gelte er in den Südatlantik und entdeckte die Küste Brasili-
ens, bevor er wieder Kurs auf Afrika nahm, das Kap der
Guten Hoffnung umsegelte, wo Bartolomeu Dias starb,
einer der Kapitäne der Expedition, und Indien erreichte.
In unaufhörlichem Rhythmus folgte Expedition auf Ex-
pedition. Im folgenden Jahr, 1501, verließ ein neuer
Schiffsverband Portugal, den der portugiesische König un-
ter das Kommando des Spaniers Juan da Nova Castella
stellte. Als diese Schiffe den »achten südlichen Grad jen-
seits des Äquators passiert hatten, fanden sie eine Insel, der
sie den Namen Conception gaben«, wird der portugiesi-
sche Geschichtsschreiber João de Barros 50 Jahre später
berichten. Es besteht kein Zweifel, dass es sich dabei um
die Insel Ascension handelte, deren exakte Position 7º 57'
ist – die einzige im Atlantischen Ozean in diesen Breiten.
Und zu jener Zeit – aber auch schon viel früher – konnten
die Seefahrer den Breitengrad nach der Höhe der Sterne
sehr gut bestimmen.
Die Reise von da Nova verdient vielleicht nicht so sehr
wegen der Entdeckung der Inseln Ascension und Sankt
Helena im Gedächtnis zu bleiben, sondern weil an ihr
auch der Kaufmann, Seefahrer, Abenteurer, Schriftsteller
und Wissenschaftler Amerigo Vespucci teilnahm, der an
einem bestimmten Punkt die Hauptexpedition verließ und
die Küsten Südamerikas entlangsegelte, an die Mündung
des Rio della Plata und vielleicht noch weiter nach Süden
bis Patagonien gelangte.
Vespucci, ein Sohn der Renaissance, war Bankier im
Dienste der Medici mit einer Leidenschaft für die Geogra-
fie. Er nahm (vielleicht) an einer der Reisen von Kolumbus
mit den Spaniern teil und später, so viel ist sicher, an por-
tugiesischen Expeditionen. Er erkannte als Erster, dass die
entdeckten Länder nicht zu Asien gehören konnten und
dass es sich um einen neuen Kontinent handeln musste.
Dies schrieb Amerigo Vespucci in einigen Briefen, weshalb
der Kontinent nach ihm benannt wurde. Denn diese las ein
deutscher Kartograf namens Martin Waldseemüller, der
1507 in Saint Dié, einem kleinen Städtchen zu Füßen der
Vogesen, ein kleines Traktat in 1000 Exemplaren veröf-
fentlichte, die Cosmographiae universalis introductio, so-
wie eine Weltkarte, die Universalis Cosmographia Se-
cundum Ptholomei Traditionem Et Americi Vespucci
Aliorum Lustrationes.
Wahrscheinlich hielt sich da Nova nicht in Ascension
auf. Die Insel war unbewohnt und sollte es noch lange
bleiben. Alfonso de Albuquerque, der zwei Jahre später –
vielleicht gerade am Tag Christi Himmelfahrt – vorbeise-
gelte, machte hier ebenso wenig Station. Der erste Name
Conception entstammte schließlich dem Kalender. Die
Idee, einer gerade entdeckten Insel den Namen des jeweils
begangenen Festes zu geben, war verbreitet: Die Osterin-
sel, die Weihnachtsinsel (tatsächlich gab es zwei davon, das
heutige Christmas Island und Kiritimati) und die Insel
Sankt Helena verdanken diesem Umstand ihre Namen.
Auch Albuquerque vollbrachte Denkwürdigeres, als eine
inmitten des Atlantiks verlorene Insel zu taufen oder wie-
der zu taufen: Er wurde Vizekönig von Indien und er-
oberte Goa an der indischen Küste, das bis 1961 portugie-
sische Kolonie blieb, als Nehru mit einem Handstreich die
Portugiesen vertrieb. Albuquerque besetzte wichtige stra-
tegische Positionen wie die Insel von Hormos am Eingang
des Persischen Golfs, die Insel Sokotra am Eingang des
Golfs von Aden und somit zum Roten Meer sowie die ma-
layische Halbinsel Malakka in der Nähe des heutigen Sin-
gapur. Er legte die Fundamente für die Präsenz Portugals
im Indischen Ozean und wurde zum eigentlichen Begrün-
der der westlichen Vorherrschaft über den Orient.
1506 stach Albuquerque von Lissabon aus erneut in See,
um nach Indien zurückzusegeln. Der Admiral, der die
Flotte befehligte, hieß Tristão da Cuña und entdeckte in je-
nem Jahr die Insel, die seinen Namen trägt. Sie ist zusam-
men mit Sankt Helena und Ascension die dritte Insel, aus
der sich die britische Kolonie im Südatlantik zusammen-
setzt.
IV

Man holt uns vom Parkplatz des Flughafens mit einem Mi-
nibus und einem Jeep mit einem Anhänger ab, in dem wir
unser Gepäck mitsamt der Mumie verstauen. Der Park-
platz neben unserem ist, wie mir auffällt, reserviert: »Re-
served for H.H. the Administrator« steht auf dem Schild.
Ich vermute, dass »H.H.« für »His Honour« steht,
schließlich sind wir in einer der letzten britischen Kolo-
nien.
»Are you a television team?«, fragt mich in gutem Eng-
lisch schüchtern ein junger Mann, der unser Gepäck trägt.
Er ist im Hemd, mager, mit dunkler Haut, aber ohne ne-
groide Züge. Außerdem sind seine Augen – unglaublicher-
weise – mandelförmig und blau. Er hat ein sanftes Wesen
und ist sehr schön.
Meine erste Reaktion ist Misstrauen. »Nein«, antworte
ich ein wenig brüsk, »wir sind Wissenschaftler.« Er ist der
erste »Sankthelenaer« oder »Saint« (»Heiliger«), den wir
treffen. Bei ihm ist ein Engländer, rotblond und rundlich,
der das Kommando führt, auch er in Hemd und kurzen
Hosen. Wir entdecken später, dass beide Polizisten sind. Ei-
nige Tage später finden wir sie in der Polizeistation in ma-
kellosen Londoner Uniformen: schwarze Hosen, weißes
Hemd, Dienstmütze mit schwarz-weiß-karierter Borte.
Entlang der Straße, auf der wir den Flughafen verlassen,
stehen einige Palmen, die mich einen Moment lang daran
erinnern, dass wir in den Tropen sind. Dann verschwindet
fast jedwede Vegetation, und wir sehen nur noch Steine,
selten einmal einen Busch, sonst nackte, staubige Erde, die
an einigen Stellen wie pechschwarzer Kies aussieht.
Unser Fahrer grüßt die wenigen Autos, die uns entge-
genkommen (es ist noch früher Morgen) und wird zurück-
gegrüßt. Es ist eine Gewohnheit, die auch wir bald anneh-
men. Was in unseren Großstädten unmöglich ist, hat hier
einen wirklichen Sinn – wie in den Bergen, im Dorf oder
wenn man mit dem Fahrrad übers Land fährt. Es gibt we-
niger als 1000 Menschen auf der ganzen Insel, fast alle ken-
nen sich auf die eine oder andere Weise, und wenn sie sich
begegnen, im Auto oder zu Fuß, grüßen sie sich. Das ist
nicht nur eine Förmlichkeit.

Die Strecke vom Flughafen nach Georgetown ist kurz.


Man bringt uns zu unserer Unterkunft. Sie heißt »The Is-
lander Hostel« und scheint auf den ersten Blick eines der
wenigen Steingebäude mit zwei Stockwerken zu sein, die
sich in Georgetown befinden. Es gibt ein Dutzend Zim-
mer, groß und bequem, die auf zwei ausladende Veranden
zu beiden Hauptseiten des Hauses führen. Die Luvseite ist
von Glas geschützt. Wie wir bald bemerken werden, bläst
der Wind hier unaufhörlich und immer aus derselben
Richtung. Die leeseitige Veranda öffnet sich auf einen klei-
nen, mit schwarzem Kies bedeckten Platz, der von einigen
niedrigen Fertighäusern umgeben ist, durch die hindurch
man im Hintergrund das Meer erblickt.
Immer ist es Graeme, der uns anleitet. Nachdem wir das
Gepäck aufs Zimmer gebracht haben, müssten wir uns
dem Verwalter vorstellen, doch dafür ist es wahrscheinlich
noch zu früh am Morgen. So beschließen wir, uns zunächst
bei der Polizei anzumelden. Die Polizeistation ist ein wei-
ßes, einstöckiges Häuschen mit einem Säulenvorbau, nur
wenige Fußminuten entfernt. An den Seiten des Eingangs
liegen zwei große, blau gestrichene Kanonenkugeln als
Prellsteine. Daneben steht auf einem Schild an der Wand in
derselben Farbe:
S T H E L E N A P OL I CE
ASCENSION DETACHMENT
POLICE OFFICE
GEORGETOWN
Die Innenräume der Wache sind schlicht: ein Schreibtisch,
ein Funkgerät, ein Megafon, an den Wänden eine Karte der
Insel sowie ein großes und entschieden veraltetes Foto der
königlichen Familie mit einer lächelnden Prinzessin Dia-
na. Wir zahlen die Einreisegebühr, während unsere Pässe
gestempelt werden: IMMIGRATION/25 APR 1997/
ASCENSION. Ich betrachte den Stempel lange, fast wie
eine Trophäe.
Ich frage, wo wir unser Geld lassen können. (Das brau-
chen wir schließlich noch für einen Monat Kost und Lo-
gis.) Gibt es in der Polizeistation einen Tresor? Der
schwarze Polizist im Hemd, der mir eben den Pass ge-
stempelt hat, blickt mich verwirrt an, er versteht erst nicht,
dann lächelt er amüsiert. Wir könnten es ruhig auf den
Zimmern lassen, gar kein Problem, hier gebe es nieman-
den, der irgendjemand bestiehlt. Wir entdecken später,
dass die Leute, wenn sie aus dem Auto steigen, die Schlüs-
sel stecken lassen. Niemand schließt nachts sein Haus ab.
Und auch wir lassen nach den ersten Tagen die Zimmer of-
fen, ohne uns um das Geld und unsere anderen Besitztü-
mer zu sorgen.
Ich werfe einen verstohlenen Blick in den Raum neben
dem Polizeiamt. Es ist das Gericht der Insel: Ich sehe den
Richterstuhl in der Mitte, zu beiden Seiten die Bänke der
Anklage respektive der Verteidigung. An einer Wand lehnt
ein Schild, das, wie ich mir vorstelle, bei den wenigen Ge-
legenheiten, in denen das Gericht zusammentritt, vor die
Tür gestellt wird: »Ruhe, das Gericht tagt«. Gleich neben
der Polizei finden wir das Büro des Verwalters, der höchs-
ten Autorität auf der Insel, nur dem Gouverneur unter-
stellt, der in Sankt Helena residiert. Er ist ein kleiner, hin-
kender Mann, rundlich und kräftig, mit einem roten
Bärtchen, das sein Kinn bedeckt. Freundlich und mit per-
fektem Schliff heißt er uns feierlich auf der Insel willkom-
men. Er informiert sich über unser Vorhaben und ist inte-
ressiert: Sein Hobby ist die Naturgeschichte, und er
schreibt eine kleine Monografie über die Schildkröten von
Ascension. Er zeigt uns das Manuskript, präzisiert jedoch
sofort wie zur Entschuldigung, dass er kein Wissenschaft-
ler sei. Floriano erzählt von seinen Erfahrungen in Malay-
sia und Südafrika und wie es gelungen ist, die Wanderrou-
ten der Schildkröten über Tausende von Kilometern zu
rekonstruieren. Er erwähnt auch, dass bei den vorange-
henden Expeditionen einige der Sender defekt waren, oder
aber, da sie nur an den Weibchen angebracht wurden, von
den Männchen zerquetscht worden waren, die sie bestie-
gen.
Heiter klingt der kurze Empfang aus. Der Verwalter bittet
um unsere Unterschrift in sein Gästebuch, dann verab-
schiedet er sich und kündigt an, uns bald zu einem Abend-
essen in seiner Residenz »in der Frische, oben auf dem
Berg« einzuladen. Geblendet von der Morgensonne treten
wir auf die Straße. Alle Formalitäten sind erledigt, einen
Monat lang sind wir nun »Ascensioner«.
V

Am Pier von Ascension verspüre ich plötzlich, wie unge-


heuer isoliert die Insel liegt: die unendliche Entfernung vor
und hinter uns; der gewaltige blaue Himmel, in dem sich
versprengte weiße Wolken auftürmen; das grenzenlose
Grün des Meeres, das sich öde bis zum Horizont erstreckt
und wer weiß wie weit darüber hinaus; der immer steife
Wind; der Gedanke, dass in jeder Richtung für Tausende
von Kilometern nichts ist außer Meer und Himmel.
Mir kommt Manaus ins Gedächtnis, die vom Regenwald
umgebene brasilianische Stadt mitten im Amazonasbe-
cken. Unser Hotel lag am Fluss am Rand der Stadt. Eines
Abends zu später Stunde war ich noch ausgegangen, um
ein paar Schritte zu gehen. Hinter mir gab es einen hellen
Flecken am Himmel: die Stadt mit ihren Geräuschen und
Lichtern. Aber in allem Übrigen ringsherum, in einem un-
geheuren Raum, herrschte unangefochten das Reich des
Dunkels und des Geheimnisses, in das wir vollständig und
bedingungslos eingetaucht waren.

Das Schauspiel, das sich am Ufer präsentiert, verscheucht


bald die anfängliche Befremdung. Alles ringsumher ist ein
einziges Kreisen von Vögeln. Es sind keine Möwen, die
gibt es auf dieser Insel nicht, sondern Tölpel, sagen mir
meine Freunde, die es als gute Biologen wissen müssen.
Wenn die Tunfische und die anderen großen Fische in die
Nähe des Ufers kommen, erklärt uns später ein Fischer,
flüchten sich die Blaufischschwärme in seichteres Gewäs-
ser und werden zur Beute der Tölpel. Zu Hunderten krei-
sen sie dann über dem Meer und stoßen wie Pfeile kopf-
über ins Wasser.
Zu uns gesellen sich ein paar andere Müßiggänger, die
auf das Meer blicken und das Schauspiel der Tölpel genie-
ßen. Einige sind weiß (Engländer), andere schwarz (Sankt-
helenaer). Niemand scheint es hier besonders eilig zu ha-
ben.
Auch wir haben keine Eile, alles sofort zu entdecken.
Wir haben einen ganzen Monat vor uns. Ich bin schon
recht viel in der Welt herumgekommen, aber immer in ei-
nem anderen Rhythmus. An einem Ort zwei oder drei Ta-
ge zu bleiben war das Äußerste, und dabei nahm die Arbeit
die meiste Zeit in Anspruch. Ebenso in den Ferien: Wer
kann sich schon mehr als ein, zwei Wochen erlauben? In
Ascension dagegen dehnt sich die zeitliche Perspektive un-
glaublich aus, wie die Ferien in der Schulzeit: Die Zeit, die
man noch vor sich hat und die uns von der Rückkehr
trennt, bemisst sich nach Wochen, nicht nach Tagen.
Während die anderen zum Islander Hostel zurückkeh-
ren, bleibe ich noch auf dem Pier, um das Meer zu betrach-
ten, die Vögel, die Wolken, den leeren Strand, der sich zur
Linken weiß abhebt, die Klippen zur Rechten, die Untie-
fen mit ihrem durchsichtigen Grün, in denen es von
schwarzen Fischschwärmen wimmelt, das Brausen des
Windes, die Schreie der Vögel, die sich im Flug nähern,
und die Stimmen der Kinder aus Sankt Helena, die ab und
zu herüberdringen.
In der Ferne liegt ein Tankschiff auf Reede, etwas näher
ankern eine Gruppe von Fischkuttern und das einzige Se-
gelschiff. Ein gelbes Ruderboot hebt sich vor der Yacht ab
und nimmt Kurs auf den Pier. Von oben sehe ich ihnen zu,
wie sie bis zur Anlegestelle direkt unter mir rudern: ein
Mann, eine Frau und zwei Kinder. Die Kinder – sie dürf-
ten sechs und acht Jahre alt sein – springen aus dem Boot,
rennen die Treppe hoch und laufen lachend und tobend
zum Strand davon, ausgelassen wie alle Kinder in diesem
Alter. Die junge Mutter geht ihnen etwas besorgt hinter-
her und lässt sie dann gewähren, gefolgt vom Vater, der das
Boot vertäut hat, auch er jung, blond, mit sonnenver-
brannter Haut. Der Mann wendet sich an die beiden
Sankthelenaer, die neben mir an der Pierbrüstung lehnen.
Er ist gerade angekommen und fragt nach den erforderli-
chen Formalitäten, in korrektem Englisch, das aber voller
harter Kehllaute ist, die mir gut vertraut sind.
Was macht ein Deutscher in dieser Gegend? Ich spreche
ihn in seiner Muttersprache an: »Wo kommen Sie her?« Er
antwortet mir ebenfalls auf Deutsch mit bayrischem Ak-
zent. Er stammt aus Afrika, aus Namibia, das bis zum Ers-
ten Weltkrieg deutsche Kolonie war und noch heute eine
große deutsche Gemeinde hat. Der Mann dürfte höchstens
30 Jahre alt sein und wurde in Walvis Bay geboren, dem
übelsten Ort der Welt, wie er sagt: kaltes, stürmisches
Meer und glühend heißes Wüstenland, das eine wie das an-
dere gleichermaßen unwirtlich, und als sei das noch nicht
genug, immer Nebel. Er ist Schiffszimmermann und fasste
irgendwann den Entschluss, mit seiner Familie wegzuge-
hen. Er baute sich ein Boot, verkaufte alles und reiste ab.
Sie brauchten drei Wochen bis Sankt Helena, wo sie die
erste Etappe einlegten, und weitere neun Tage bis Ascen-
sion. Mit Wind und Wetter hatten sie bis dahin Glück ge-
habt. Ihr Ziel ist die Karibik, wo genau, wissen sie noch
nicht, aber es soll ein schöner, warmer und heller Ort sein,
fern vom Nebel Namibias. Dort will der Familienvater das
machen, was er gelernt hat, und als Schiffszimmermann ar-
beiten. Ich wünsche ihnen Glück.
Wie klein können diese Entfernungen erscheinen, die
mir ein paar Minuten vorher noch so unermesslich vorka-
men! Mit einer kleinen, selbst gebauten Yacht, zwei Kin-
dern, einer jungen Frau und ein bisschen Glück wird der
Zimmermann viel früher in der Karibik ankommen, als
wir wieder zu Hause sind.
VI

Nachdem die Portugiesen die Insel entdeckt hatten, setzte


jemand – vielleicht sogar eben jene Seeleute – auf Ascen-
sion Ziegen aus, wie es damals üblich war. Sie stellten eine
Nahrungsreserve dar und dienten zugleich als Test, ob ei-
ne menschliche Ansiedlung möglich wäre. Trotz der kar-
gen Vegetation überlebten die Ziegen und pflanzten sich,
wenn auch mit Mühe, fort. Bis auf unregelmäßige und un-
freiwillige Besucher blieb die Insel jedoch drei Jahrhun-
derte lang verwaist.

Am 22. Februar 1701 strandete hier William Dampier. We-


niger bekannt als Francis Drake, der ein Jahrhundert frü-
her lebte, und als James Cook 60 Jahre nach ihm, war Wil-
liam Dampier einer der großen Seefahrer, denen England
sein Imperium verdankte. Er war eine Mischung aus Pirat,
Abenteurer, Entdeckungsreisendem und Wissenschaftler.
Auf der Rückfahrt einer Reise im Auftrag der Admiralität
des südlichen Indischen Ozeans versuchte er mit seinem
Schiff, das von einem Sturm in der Nähe der Insel Ascen-
sion beschädigt worden war, dort vor Anker zu gehen. Es
gelang ihm, doch verlor er dabei das Schiff und mit ihm
möglicherweise einen sagenumwobenen Schatz, von dem
man noch heute spricht und den manch einer weiter auf
der Insel und in ihren Gewässern sucht. Dampier und sei-
ne Männer hatten Glück: Auf der Spur der Ziegen ent-
deckten sie die einzige Wasserquelle der Insel und überleb-
ten. Die Quelle ist heute ausgetrocknet, heißt aber immer
noch Dampiers Drip.
Wer weiß, ob zu den Männern von Dampiers Besatzung
bereits der schottische Seemann Alexander Selkirk ge-
hörte, der vielleicht gerade damals Gefallen am Schicksal
des Schiffbrüchigen fand. Tatsache ist, dass Selkirk einige
Jahre später, als er an einer Expedition englischer Schiffe
unter Führung von Dampier teilnahm, nach heftigen Mei-
nungsverschiedenheiten mit seinem Kapitän darum bat,
auf der verlassenen Insel Juan Fernández im Pazifischen
Ozean ausgesetzt zu werden, 600 Kilometer von der Chi-
lenischen Küste entfernt. Dort blieb er viereinhalb Jahre
und wurde 1709 erneut von Dampier geborgen, der auf
seiner letzten Reise noch einmal durch jene Gewässer kam.
Selkirk kehrte in die Heimat zurück und schrieb einen
Bericht über sein Abenteuer, der ihm für kurze Zeit zu be-
trächtlichem Ruhm verhalf. Wenn man sich noch heute an
ihn erinnert, so deshalb, weil seine Erinnerungen Anlass
zu einem anderen Buch gaben, das kurz darauf erschien:
Des weltberühmten Engländers Robinson Crusoe Leben
und ganz ungemeine Begebenheiten von Daniel Defoe.
Auch Dampier führte ein abenteuerliches Leben, unter-
nahm zahlreiche Entdeckungsreisen bis an die Küsten
Australiens und Neuguineas. Er schrieb ein Buch, A New
Voyage Round the World (deutsch: Freibeuter), in dem er
von seinen Reisen berichtete und die Idee eines großen
südlichen Kontinents verbreitete: jene Terra Australis
Incognita, Australien, deren Existenz bereits chinesische,
arabische, portugiesische, spanische und holländische
Kaufleute und Seefahrer vage vermuteten, die dann aber
englisch wurde.
Das kleine Museum in Ascension bewahrt Kopien ver-
schiedener Dokumente im Zusammenhang mit Dampier,
von seinem Tagebuch, das er nach dem Schiffbruch führte,
und von Berichten seiner späteren Abenteuer. Er ver-
brachte fünf Wochen in Ascension. Zurück in der Heimat,
wurde er der Misshandlung seiner Offiziere angeklagt, für
schuldig befunden und seiner Stellung enthoben. Nie wie-
der sollte er das Kommando auf den Schiffen seiner briti-
schen Majestät übernehmen dürfen. Zehn Monate später
segelte er jedoch erneut nach Indien, als Kapitän der »St.
George«, nicht bevor ihm die Ehre zuteil geworden war,
die Hand seiner Majestät zu küssen. In der Zwischenzeit
war der Spanische Erbfolgekrieg ausgebrochen. Franzosen
und Spanier waren zu Feinden der Engländer geworden,
sodass ein Seeräuber, der im Dienste des Königs von Eng-
land die südlichen Meere unsicher machte, wieder ge-
braucht wurde.

Andere Seefahrer kamen durch diese Gewässer, darunter


Louis-Antoine de Bougainville und James Cook, aber nie-
mand hielt sich hier lange auf. Cook kam auf seiner zwei-
ten Weltreise 1775 vorbei, auf dem Rückweg vom Pazifik,
nachdem er im Südatlantik die Südsandwichinseln und
Südgeorgien entdeckt hatte. In Ascension angekommen,
nutzte er die Gelegenheit, um eine andere nicht weit ent-
fernte Insel zu suchen, auf die er sehr neugierig war: die In-
sel St. Matthew.
St. Matthew ist die Ascension am nächsten gelegene In-
sel. Sie befindet sich nordöstlich auf halbem Weg zur afri-
kanischen Küste. Finden lässt sie sich auf allen geografi-
schen Karten der Welt bis zur ersten Hälfte des 19. Jahr-
hunderts. Und sie hat eine Besonderheit: Es gibt sie nicht.
Sie ist das Phantasma einer Insel, geboren aus irgendeinem
ungenauen Bericht oder aus der Einbildungskraft eines
Seefahrers und hartnäckig mehr als drei Jahrhunderte von
Kartograf zu Kartograf weitergegeben. Oder vielleicht
handelte es sich wirklich um eine Insel, die auftauchte und
wieder verschwand, wie eine andere, auf die wir später
noch zu sprechen kommen.
Die Geschichte der Inselphantasmen, der geheimnisvol-
len Inseln, die im Gedächtnis der Legenden überdauerten,
würde ein eigenes Kapitel beanspruchen und wurde zum
Teil schon erzählt: von der Insel St. Brendan, wo Frieden,
Eintracht und ewige Jugend herrschten, über die Insel
Buss, die gerissene Seeleute der Hudson-Schifffahrtsge-
sellschaft verkauften, bis zur Insel Frisland, deren Pro-
dukte venezianische Kaufleute vertrieben. Ganz zu
schweigen von den fantastischen Inseln in Literatur, Mu-
sik und Dichtung: von der Utopia des Thomas Morus über
das Niemals-Land aus Peter Pan bis zu einem Lied des Ita-
lieners Francesco Guccini nach einem Gedicht von Guido
Gozzano, »La più bella« (»Die Schönste«):
Aber schöner als alle ist die Insel Nichtgefunden
Jene, die der König von Spanien von seinem Cousin erhielt
Dem König von Portugal, mit gesiegelter Unterschrift
Und der Bulle des Pontifex in gotischer Fraktur.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Gozzano sich gerade


auf die Insel St. Matthew bezieht, die, mitten im Atlantik
gelegen, zweifellos Gegenstand von Anfechtungen und
unterschiedlichen Interpretationen des Vertrags von Tor-
desillas war. Dank dieser Übereinkunft, die 1494 in einem
obskuren Städtchen Kastiliens durch Vermittlung des sich
überall einmischenden Papstes Alexander VI. Borgia ge-
troffen wurde, hatte man sich bereits vorsorglich geeinigt,
wie die zukünftig noch zu entdeckenden Länder zu beiden
Seiten des Atlantiks zu verteilen wären. Es waren gerade
einmal zwei Jahre vergangen seit der Reise von Kolumbus.
VII

Vor den Passatwinden geschützt, findet sich in der Nord-


westecke von Ascension Georgetown, Hauptort und ein-
ziger wirklicher Ankerplatz der Insel.
Die Landschaft dominiert der Cross Hill, der sich hin-
ter dem Dorf erhebt: ein massiver Vulkankegel aus nack-
ter, glatter Erde, von unregelmäßigen Regenfällen un-
gleichmäßig zerfurcht, der bis auf einen einzigen einsamen
Baum auf halber Höhe keine Vegetation aufweist. Dunkel
und imponierend erscheint er am frühen Morgen, wenn
seine Georgetown zugewandte Seite noch im Schatten
liegt. Doch dann erhellt sich der Berg nach und nach und
leuchtet in einem intensiven Rostrot, das bei Sonnenunter-
gang feuerrot wird. Eine Straße schneidet sich in ausladen-
den Zickzackbewegungen in seine Flanke. Sie führt zu den
beiden alten Kanonen, die aus dem Ersten Weltkrieg stam-
men, und zum rundlichen Gipfel, wo ein Kreuz aus dem
19. Jahrhundert und einige Antennen stehen, die die Ame-
rikaner aufgestellt haben. Cross Hill ist einer der vielen
Schlackekegel, wie sie die Geologen nennen, die sich auf
der Insel befinden.
Unten breitet sich friedlich, geordnet und schläfrig die
Ortschaft aus. Etwa 30 Häuser liegen entlang der Haupt-
straße und der drei kurzen Seitenstraßen, die zum Pier,
zum Friedhof und an den Strand führen. Zum Großteil
sind es niedrige Fertighäuser mit einem Stockwerk, die in
den letzten Jahrzehnten entstanden, Unterkünfte für die
Arbeiter aus Sankt Helena und kleine Häuser der briti-
schen Staatsbediensteten. Die einen wie die anderen sind
nach Art angelsächsischer Wohngebiete von kleinen Gär-
ten umgeben, in denen – weniger angelsächsisch – pracht-
volle Bougainvillea und andere sehr bunte Tropenpflanzen
blühen.
Die wenigen zweigeschossigen Steingebäude gehen auf
die Kolonialzeit zurück: das Garnisonshauptquartier, die
Lagerhäuser neben dem Pier und der alte Sitz der Tele-
kommunikationszentrale, die durch Unterseekabel Eng-
land mit Südafrika und Südamerika verband und kürzlich
in eine Herberge für die wenigen Besucher der Insel ver-
wandelt wurde, zu denen auch wir gehören: das Islander
Hostel.
Der Hauptplatz der Ortschaft oder – wenn man so will
– der »Hauptstadt« ist ein teilweise asphaltierter Platz, auf
den die Post, der Supermarkt und der Exiles Club blicken.
Im Hintergrund liegt das Gebäude des Verwalters, gewei-
ßelt und von einem schmucklosen Garten mit ein paar
Bäumen umgeben. Im Zentrum weht, hoch oben und
stolz, die britische Fahne.
Das Postgebäude, das man am typischen roten zylindri-
schen Briefkasten neben dem Eingang erkennt, ist ein für
die Philatelisten dieser Welt nicht ganz unbedeutender
Ort. Die in England gedruckten Briefmarken und Ge-
denkmünzen werden hierher gebracht, wo sie mit dem au-
thentischen Stempel der Insel versehen werden und zur
Freude (sowie für den Tausch und das Geschäft) der
Sammler in alle Welt verschickt werden. Im Inneren des
kleinen Amtes zeigt ein Schaukasten die jüngsten Serien.
Zum siebzigsten Geburtstag der Königin sieht man eine
betagte Elizabeth II. mit dem unfehlbaren Hut und, im
Hintergrund, die Kirche St. Mary von Georgetown (20
Pence), die Residenz des Verwalters (25 Pence), den Exiles
Club (65 Pence), dann die Meeresvögel, die Pflanzen von
Ascension und schließlich einen wenig überzeugenden
Weihnachtsmann, der zur Feier des Weihnachtsfestes 1995
auf der Insel seine Runde macht.
Der Supermarkt ist der einzige Laden der Insel. Er wür-
de irgendeinem anderen kleinen Dorfsupermarkt ähneln,
wären da nicht einige Besonderheiten, darunter die Her-
kunft der Waren: Etwa zu zwei Dritteln stammen sie aus
Großbritannien, zu einem aus Südafrika, der letzten Sta-
tion der »Sant'Elena«, des Postschiffs, das in monatlichem
Turnus die Insel anläuft.
In der Zeit, als wir in Ascension waren, gab es keinen
Käse. Vielleicht war eine Lieferung geplatzt oder der Kon-
sum war plötzlich gestiegen. Tatsache ist, dass seit mehr als
einem Monat aller Käse verschwunden war. So meldete es
The Islander, die einzige Zeitung, die jeden Freitag in
Georgetown erscheint. Einen Monat lang mussten wir uns
bei unseren Mittag- und Abendessen auf die Kost der Hei-
ligen (der Sankthelenaer) beschränken, mit einer einzigen
Ausnahme: An dem Abend, an dem wir beim Verwalter in
seiner Residenz zu Gast waren, wurde uns ein reichhalti-
ger und höchst willkommener Käseteller offeriert. Ange-
sichts seiner Privilegien kam der Käse des Verwalters, wie
ich vermute, per Luft.
Im Supermarkt gab es andere Beispiele für das Un-
gleichgewicht von Angebot und Nachfrage. Ein ganzes
Regal enthielt ausschließlich Waren, deren Verfallsdatum
überschritten war, worauf ein Schild korrekterweise hin-
wies. Weiter vorne fanden sich die typischen Produkte für
wirklich sämtliche Feste des Jahres. Wir hatten Ende Ap-
ril, der Karneval war seit einigen Monaten vorbei, Ostern
seit etwa einem Monat und bis Weihnachten waren es noch
acht Monate. Dennoch lagen im Regal in nebeneinander
liegenden, aber getrennten Fächern Konfettisäckchen, Os-
tereier, Weihnachtsdekorationen und Knallfrösche für Sil-
vester. Ein Schild lud ein: »Bereiten Sie sich beizeiten auf
die Feste vor! Nutzen Sie jetzt die Gelegenheit, damit Sie
im letzten Moment keine Überraschung erleben!«

Nicht weit vom Supermarkt erhebt sich ein großes, qua-


dratisches, ein wenig verfallenes Gebäude, eines der ältes-
ten von Georgetown. Das zweistöckige Gebäude im Ko-
lonialstil, das ein Säulengang umgibt und ein Türmchen
krönt, ist »The Exiles Club«, der Club der Exilierten. Eine
alte Kanone neben dem Eingang erinnert an seinen militä-
rischen Ursprung: Er war das Hauptquartier der Garni-
son.
Dem Exiles Club ist seine lange Vergangenheit anzuse-
hen. Durch die staubigen Fenster erkennt man im Inneren
schmucklose Räume, hingeworfene Reifen, Kisten, Bau-
schutt, Schmutz. Im Obergeschoss gibt es noch den engli-
schen Club, eben den Exiles Club, dessen Name auf einer
so weit entfernten Insel zweifellos eine gute Wahl war: ein
großes, halbleeres Lokal mit einem Bartresen in der Mitte
und zwei von der Decke hängenden großen Ventilatoren.
Ringsum erzählen die Wände von unwiederbringlich ver-
gangenen Ereignissen. Auf zwei großen, aufgehängten
Schildkrötenpanzern findet sich die Liste der englischen
und amerikanischen Militärkommandanten der Insel –
aber sie wird seit langem nicht mehr weitergeführt. Dane-
ben vergilbte Fotos von Militär- und Zivilschiffen, die vor
der Küste ankerten, Flaggen und Standarten von Militär-
korps, die vor wer weiß wie langer Zeit hier einen Besuch
abstatteten. In einer Ecke hängt die verblasste Fotografie
von Elizabeth und Philip am Tag ihrer Heirat. Mit ein biss-
chen Fantasie kann man in diesem vergessenen Winkel des
Empire eine koloniale Atmosphäre heraufbeschwören, die
eines William Somerset Maugham oder Joseph Conrad
würdig wäre, wo eine kleine Gruppe von Beamten und In-
genieuren, versorgt von schwarzen Dienern, nicht enden
wollende Abende damit verbringt, zu trinken und sich zu
Tode zu langweilen.
Vor fast fünf Jahren, als Graeme das erste Mal nach
Ascension kam, war der Zugang Nicht-Briten (lies: Sankt-
helenaern) verboten. Heute stünde der Exiles Club allen
offen, aber tatsächlich ist er fast jeden Abend geschlossen,
und auch zur Mittagszeit öffnet er nur sporadisch.

Vom Exiles Club führt die Straße zum Meer hinab: einige
graue Steingebäude, ein Kran, ungeordnet verstreute Con-
tainer, ein paar Lastwagen und im Hintergrund, plump
und hoch über dem Meer, der Pier. Früher hatte man
mehrfach versucht, einen längeren zu bauen, aber damals
wie heute wäre das zwecklos: Früher oder später würde er
von den rollers, den schweren Brechern, zerstört werden,
die aus den atlantischen Stürmen entstehen und in periodi-
schen Abständen gegen die Insel branden.
Im Hintergrund, auf der Reede, ein Dutzend Kutter. Sie
dienen dem Fischfang und zum Übersetzen der Menschen
und Waren von den wenigen Schiffen, die hier ankommen
und weit draußen ankern. Gelegentlich kommt auch eine
Yacht auf Transatlantikfahrt vorbei, aber die Regeln des
Verwalters besagen, dass sie sich nicht länger als zwei Tage
aufhalten darf. Etwas weiter draußen, in zirka einer halben
Meile Entfernung, liegt die »Mærsk Ascension«, der Tan-
ker, der die Insel mit Brennstoff versorgt und schon seit
vielen Jahren fest vor Anker liegt. Das Schiff bewegt sich
nie von Ascension fort, sondern wird in regelmäßigen Ab-
ständen von einem Schwesterschiff aufgetankt. Einmal im
Monat macht es eine Runde um die Insel, um den müden
Schrauben Auslauf zu geben.
VIII

Den Geologen zufolge war die Geografie der Erde vor 200
Millionen Jahren in der Periode der Trias, wo sich die äl-
testen Fossilien von Meeresschildkröten finden, ganz an-
ders als die heutige. Gebildet aus den leichtesten Minera-
lien, die aus der Tiefe der Erde nach oben stiegen wie
Schwimmkörper auf dem Wasser, hatten sich in den Milli-
arden vorangehenden Jahren Landmassen gefestigt. Wie
gigantische Flöße (die Geologen sprechen lieber von
Schollen oder Platten) drifteten diese überdimensionierten
Erdkrustenstücke umher – und tun dies bis heute. Sie sto-
ßen zusammen, zerbrechen, vereinigen sich wieder und
schaffen beständig, langsam und unmerklich neue geogra-
fische Konstellationen. Ganz ähnlich, nur schneller und
für uns sichtbar, mischen sich die unmittelbar darüber lie-
genden Schichten der Atmosphäre immer wieder neu. Die-
se können wir wahrnehmen und in geringem Maße in
ihren bescheidenen und für uns scheinbar ziellosen tägli-
chen Schwankungen vorhersehen. Die Bewegungen unter
der Erdkruste bleiben uns verborgen.
In der Trias hatten sich die aufgetauchten Landmassen
größtenteils zu einem einzigen gigantischen Superkonti-
nent vereinigt: Pangea. Zu jener Zeit war Afrika auf einer
Seite mit Südamerika verbunden, auf der anderen, wo heu-
te Madagaskar liegt, mit der Antarktis, Australien und In-
dien, das noch weit vom übrigen Asien entfernt war. Eben
zu jener Zeit begann sich, wer weiß aus welchem Grund,
in dem riesigen Floß zwischen dem späteren Südamerika
und dem Bereich, der den Namen Afrika erhalten sollte,
eine gewaltige Spalte von Süden nach Norden wie ein
Reißverschluss zu öffnen, um erst Afrika, dann Europa
von Amerika zu trennen. In diesen Spalt, der sich nach und
nach weitete, drang das Meer ein. So entstand der Atlanti-
sche Ozean.
Etwas Ähnliches scheint sich heute im Roten Meer und
im Golf von Aden zwischen dem nordöstlichen Afrika
und Arabien zu vollziehen. Man muss nur einen Blick auf
die Landkarte werfen, um zu ahnen, dass auch Arabien
und Nordostafrika zwei Teile eines Puzzles sind, die – wie
einst Afrika und Südamerika – früher vereint waren und
sich nun langsam voneinander entfernen. In einigen Zehn-
millionen Jahren wird das Rote Meer ein neuer Ozean
sein.
Dort, wo die Spaltung einer Scholle begonnen hat, reicht
der Riss in der Erdkruste bis in jene Regionen hinab, in de-
nen sich die Erde durch Hitze und Druck teilweise in ei-
nem flüssigen Zustand befindet. Durch diesen Spalt steigt
langsam Lava auf, die erkaltet und sich zu einer unterseei-
schen Bergkette auftürmt. Ständig drängt weitere Lava
nach und drückt die Ränder des Spalts und die bereits er-
kalteten Lavamassen auseinander. So wandert der Ozean-
boden langsam nach außen, wie zwei Förderbänder, die
sich vom Zentrum in entgegengesetzte Richtungen bewe-
gen und die einst vereinigten Kontinente immer weiter
auseinander treiben.
Die Geschwindigkeit, mit der sich die Kontinente von-
einander entfernen, ist nicht gering. Im Museum für Na-
turgeschichte und Technologie von la Villette in Paris steht
ein (künstliches) Mauerstück mit einem Spalt, der sich seit
der Einweihung des Museums mit der gleichen Geschwin-
digkeit weitet, wie Amerika und Afrika auseinander drif-
ten. Das Museum wurde 1986 von Giscard d'Estaing ein-
geweiht. Heute ist der Spalt etwa 15 Zentimeter breit, und
man kann leicht die Hand hineinlegen. Wenn es sich um
die Mauer eines Hauses gehandelt hätte, wäre es wahr-
scheinlich schon eingestürzt. Und noch ein Vergleich: Die
Geschwindigkeit, mit der die Kontinente auseinander drif-
ten, ist etwa die gleiche, in der unsere Fingernägel wach-
sen.
Die zentrale unterseeische Bergkette des Atlantischen
Ozeans heißt Nord- und Südatlantischer Rücken und
dehnt sich über dessen ganze Länge aus, von Island bis hi-
nunter zur Insel Bouvet in der Nähe der Antarktis, wo er
sich nach Osten und Westen in den anderen ozeanischen
Rücken des Indischen und Pazifischen Ozeans fortsetzt.
Das System der ozeanischen Rücken ist, wie man glaubt,
untereinander verbunden, ähnlich den Sprüngen in einer
Kaffeekanne, und stellt die größte vulkanische Bergkette
der Welt dar: Sie ist 70000 Kilometer lang, 1500 Kilometer
breit und vom Meeresboden gesehen 3000 Meter hoch.
Schätzungen zufolge wäre der Meeresspiegel ohne die
ozeanischen Rücken 200 Meter niedriger.
Es gibt darüber hinaus Vulkanherde, Schwächezonen,
wo die Erdkruste dünner und die Produktion von Magma
größer ist. Hier entstehen richtige unterseeische Vulkane,
die früher oder später auftauchen und die Inseln vulkani-
schen Ursprungs bilden. So entstehen fast alle Inseln, die
sich auf den Ozeanen finden.
Auf dem Ozeanboden verankert, der sich langsam be-
wegt, verschieben sich auch die Ozeaninseln mit ihm. Vom
Vulkanherd entfernt, dem sie ihren Ursprung verdanken,
erwartet sie gewöhnlich mit der Zeit alle das gleiche
Schicksal: Sie versinken wieder im Meer. Das liegt zum ei-
nen daran, dass der Ozeanboden, auf dem sie ruhen, dazu
neigt, sich abzusenken, zum anderen, dass die Vulkane mit
zunehmender Entfernung von der Schwächezone kein
neues Lavamaterial mehr produzieren. Zuweilen hinter-
lässt eine untergegangene Insel jedoch eine Spur. Während
sich der Vulkankegel senkt, um dann völlig unter dem
Wasser zu verschwinden, wachsen Korallen entlang der
Küsten dicht unter der Wasseroberfläche weiter nach
oben, schaffen zuerst ein Korallenriff und später, wenn die
eigentliche Vulkaninsel schon viele Millionen Jahre im
Wasser versunken ist, einen schmalen Ring, der den einsti-
gen Küstenverlauf markiert: ein Atoll. Dieses Phänomen
beschrieb bereits Charles Darwin.

Ascension ist eine »junge« Insel. Ihre ältesten Felsen sind


nicht älter als eine Million Jahre, die jüngsten weniger als
600 Jahre, als sich die letzte große Eruption ereignete. Un-
ter der Meeresoberfläche fallen die Hänge des Vulkanke-
gels weitere 3 200 Meter in die Tiefe hinab. Der Sockel des
Kegels am Boden des Ozeans hat, so schätzt man, einen
Durchmesser von zirka 60 Kilometern. Von diesem gigan-
tischen Kegel, von dem nur die höchste und jüngste Spitze
aus dem Wasser ragt, ist nichts bekannt.

Ein paar weitere Geschichten von Vulkaninseln sind er-


wähnenswert. Am 27. August 1883 explodierte der Vulkan
der kleinen Insel Krakatau in der Sundastraße zwischen Ja-
va und Sumatra. Die Explosion war bis nach Perth in
Australien 3 000 Kilometer entfernt zu spüren. Das Mee-
resbeben, das ihr folgte, forderte 36000 Menschenleben
und schickte seine Ausläufer bis nach Südamerika und zu
den Hawaii-Inseln. Von der Insel blieb nur ein winziges
Stück übrig. Alles Leben auf ihr wurde ausgelöscht.
Am 8. Mai 1902 explodierte der Vulkan La Pelée (»Der
Kahle«) in Martinique. Es sollte der Ausbruch mit den
meisten Opfern im gerade angebrochenen Jahrhundert
werden. Er zerstörte die Stadt Saint-Pierre und tötete alle
30000 Einwohner bis auf einen: einen Afrokariben, von
Beruf Schuster, der im Keller des Gefängnisses auf seine
Hinrichtung wartete.
Der italienische Dichter Giovanni Pascoli erinnert dar-
an in seinem Gedicht »Negro di Saint-Pierre«:
[…] In der tiefen Dunkelheit
Begriff ich: Neger, lass mich nur machen!
Ich bin's, Neger, der Kahle Berg,
Ich bin das Schicksal, der stärkste Gott,
Der die andern tötet und dich rettet.

Am 14. November 1963 bemerkten die Fischer auf einem


Kutter wenige Kilometer vor der Südküste Islands, dass
das Wasser eigenartig aufgewühlt war: Das war kein
Sturm, der da nahte, sondern der Beginn eines unterseei-
schen Vulkanausbruchs. Er dauerte vier Jahre. Am Ende
war auf den geografischen Karten eine neue Insel hinzuge-
kommen. Die jüngste Insel des Planeten bekam den Na-
men Surtsey, nach Sutur, dem Giganten, der in der nordi-
schen Mythologie am Tag des Jüngsten Gerichts die Welt
in Flammen setzt und ihr Ende verkündet.
Surtsey ist eine kleine Insel, in ihren Ausmaßen und in
ihrer Entfernung von der Küste vergleichbar mit der Insel
Gorgona im Toskanischen Archipel. Sie wurde zum Na-
tionalpark erklärt, und seither verfolgen die Wissenschaft-
ler ihre Entwicklung. Die Ersten, die dort ankamen, waren
Vögel, dann Krabben. 1987 gab es bereits 25 Pflanzenar-
ten. Nach 30 Jahren ist ihr Schicksal immer noch ungewiss:
Wenn es keine weiteren Eruptionen gibt, wird die Insel in
ein paar tausend Jahren verschwunden sein, erodiert von
den Stürmen, fortgetragen vom Meer und vom Wind.
Mittlerweile musste Surtsey den Titel der jüngsten In-
sel des Planeten wieder abgeben. Wenn es nicht schon
wieder neue Inseln gibt, heißt die jüngste Lahtayikee und
wurde im März 1996 im Archipel von Tonga im Pazifi-
schen Ozean im Norden Neuseelands geboren.
In den uns vertrauteren Breiten ist schließlich an die In-
sel Ferdinandea zu erinnern, die 1831 in der Straße von Si-
zilien zwischen Sciacca und Pantelleria entstand. Die Ein-
wohner von Sciacca waren zu Recht besorgt wegen der
Rauchwolke, die am Horizont aus dem Meer stieg, und
wegen der beängstigenden Erdstöße, die sich seit Anfang
des Sommers immer wieder ereigneten. Im August er-
reichte die mittelgroße Insel ihren Entwicklungshöhe-
punkt: zirka fünf Kilometer Umfang und etwa 60 Meter
Höhe. Sie erregte das – nicht ganz uneigennützige – Inte-
resse verschiedener Nationen und erhielt zahlreiche Na-
men: Die Sizilianer nannten sie Insel von Sciacca, die
Bourbonen Ferdinandea (zu Ehren von Ferdinand II.), die
Franzosen Juliinsel (weil sie in diesem Monat entstanden
war), die Engländer Grahaminsel (nach einem britischen
Politiker der Zeit). Engländer, Franzosen und Bourbonen
erklärten sie sofort zu ihrem Eigentum und entsandten
Schiffe, um ihre Flaggen zu hissen. Die diplomatisch-mili-
tärischen Verwicklungen, die sie auslöste, dauerten nicht
lange. Ihre Lösung besorgte sie selbst, die Insel Ferdinan-
dea. Denn so rasch, wie sie entstanden war, verschwand sie
im Laufe weniger Monate wieder. 1863 tauchte sie kurz-
zeitig wieder auf und ging dann wieder unter. Was heute
von Ferdinandea bleibt, ist ein unterseeischer Vulkan, des-
sen Spitze bis wenige Meter unter die Wasseroberfläche
reicht, in recht flachen Gewässern, die den Namen Gra-
hambank tragen.
IX

Am Rand der Ortschaft kurz vor dem Strand finden sich


zwei alte gemauerte Becken, jedes etwa zehn mal zehn Me-
ter lang. Sie sind nicht tief und vom Meer durch eine halb
verfallene Mauer getrennt. Bei Flut bricht das Wasser
durch verschiedene Breschen in sie ein. Heute leben hier
Myriaden von Krabben, einst schwammen Schildkröten in
ihnen. Es sind die alten »turtle ponds«, die Schildkröten-
becken. Erbaut in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts,
wurden dort Schildkröten gehalten, die man am Strand ge-
fangen hatte, bevor man sie schlachtete oder, noch leben-
dig, an die Schiffe verkaufte, die hier vor Anker gingen.

Das Tagebuch von Simon Frazer wird im kleinen Museum


von Fort Hayes neben Georgetown zusammen mit einigen
alten Fotografien aufbewahrt. Eine davon zeigt am Strand
neben den Becken Dutzende von Schildkröten rücklings
mit umgedrehtem Kopf und allen vieren ausgestreckt, fast
als hätte man sie gekreuzigt. Es ist nicht leicht, eine Schild-
kröte bewegungsunfähig zu machen, es ist vielmehr na-
hezu unmöglich: Die einzige Möglichkeit ist, sie auf den
Rücken zu werfen. An diesem Punkt hört die Schildkröte
auf zu kämpfen.
Um die Mitte des 19. Jahrhunderts war Simon Frazer
Abbildung I
Long Beach in der Nähe von Georgetown. Im Vordergrund sind
die »turtle ponds« zu sehen, in denen in der ersten Hälfte des
79. Jahrhunderts Schildkröten gehalten wurden. Im Hintergrund
die Erhebung Sisters' Peak.

der Kommandant der auf Ascension stationierten Royal


Marines. Während der Zeit der Eiablage, die von Januar
bis Juni dauert, rekrutierte er unter den Marinesoldaten
die Freiwilligen für die Strandpatrouille. Die Glücklichen
unter ihnen wurden in Gruppen von zwei nach Long Be-
ach und Dead Man's Beach geschickt. Die anderen mar-
schierten zur English Bay, South-East Bay und North-
East Bay, entfernte und zur damaligen Zeit unwegsame
Buchten. Auf sie wartete kein unterhaltsames Leben.
Zweimal die Woche traf die Verpflegung ein. Es gab nicht
einmal einen Baum. Eine Hütte diente als Sonnenschutz
und zum Schlafen. Man arbeitete nachts, wenn die Schild-
kröten an den Strand kommen. Die Arbeit war einfach: Es
galt, die ganze Nacht den Strand zu kontrollieren und, so-
bald eine Schildkröte erspäht war, zu warten, bis sie ihre
Eier abgelegt hatte, um sie dann mithilfe von Stöcken auf
den Rücken zu werfen und sie so liegen zu lassen, bis zwei
oder drei Tage später andere Soldaten kamen, um sie abzu-
transportieren und zu den Schildkrötenbecken zu bringen.
In den Hochzeiten schwammen in den Becken bis zu 300
Schildkröten, und in einer Saison wurden bis zu 1 000 ge-
fangen. Heute beträgt die Zahl der Schildkröten, die jedes
Jahr ankommen, zwischen 2000 und 3000.
Seit den ersten großen Reisen über die Ozeane und noch
bevor sie zu einer Delikatesse vor allem als Suppe auf den
Tischen der Vornehmen und Reichen Europas wurden,
waren die Schildkröten ein einfacher und wirkungsvoller
Weg, die Mannschaften der Segelschiffe mit Proviant zu
versorgen. Sie fanden sich in großer Zahl, waren einfach zu
fangen, ihr Fleisch war genießbar, und sie ließen sich wo-
chenlang auf engem Raum ohne große Anforderungen am
Leben halten: auf den Rücken geworfen, wie auf dem ver-
gilbten Foto im Museum von Ascension. Deswegen mach-
ten die Segler im letzten Jahrhundert hier Station, in den
Stoßzeiten zwischen fünf und sechs Schiffe pro Woche.
Der Sand am Strand von Long Beach ist ocker-goldfar-
ben. An anderen Stränden ist die Farbe anders: Der Pan
Am Beach – so nannte man die Bucht im Zweiten Welt-
krieg, weil sie neben dem von den Amerikanern gebauten
Flughafen liegt – hat einen hellen, weißen Strand. Dunkler,
fast schwarz, durch den großen Anteil zerriebener Lava,
ist dagegen der North East Bay Beach auf der anderen Seite
der Insel. Und es gibt einen Strand namens Crystal Beach
mit offenbar grünem Sand, an dem ein bestimmtes Mineral
dieser Farbe vorherrscht, das Olivin. Dieser ist jedoch
auf dem Landweg gar nicht und vom Meer aus nur schwer
erreichbar.
An all diese Strände kommen jedes Jahr die Schildkrö-
ten zur Eiablage. Wegen ihnen hat die Farbe der Strände
möglicherweise eine gewisse Bedeutung. Tatsächlich hängt
von der Farbe durch die unterschiedliche Absorption der
Sonnenstrahlen die Wärmeaufnahme und daher die Tem-
peratur des Sandes ab, was seinerseits kurioserweise das
Geschlecht der Schildkröten beeinflusst. Wie bei anderen
Reptilien hängt das Geschlecht der Nachkommen von der
Temperatur während der Brutzeit ab: Wenige Grade Un-
terschied, und die ganze Brut wird aus Männchen oder
Weibchen bestehen. Das Phänomen wurde zuerst bei den
Krokodilen entdeckt, als man begann, diese Tiere zur Le-
dergewinnung in Massen aufzuziehen.
Graeme hat einige Temperaturmessgeräte mitgebracht,
die wir an verschiedenen Stränden eingraben – eins der
nachgeordneten Ziele unserer Reise nach Ascension. Sie
sind so groß wie Zigarettenschachteln und zeichnen die
Temperatur ein Jahr lang alle sechs Stunden in einem klei-
nen elektronischen Speicher auf. In einem Jahr wird er zu-
rückkehren und, wenn er Glück hat und nicht Sturmfluten
die Strände durcheinander gebracht haben, seine Messge-
räte wiederfinden, um die Temperatur während der Brutzeit
der Eier zu rekonstruieren und auf diese Weise festzustel-
len, ob das Geschlecht der neu geschlüpften Schildkröten
tatsächlich von der Farbe des Strandes abhängt.
X

Das einzige Buch über die Insel Ascension schrieb 1973


ein englischer Journalist namens Duff Hart-Davis, Ascen-
sion: The Story of a South Atlantic Island. Einige Monate
nach meiner Rückkehr gelang es mir, in der Stadtbiblio-
thek von San Francisco ein Exemplar davon aufzuspüren.
Hart-Davis gibt darin die Beschreibung eines schiffbrüchi-
gen Seemanns aus dem 17. Jahrhundert wieder: »Jeder hätte
gedacht, dass der Teufel persönlich hier seine Wohnstatt
genommen und hierhin den Eingang zur Hölle verlegt
hat.«
Auf dieser Insel, von einem Reisenden des letzten Jahr-
hunderts als »Inferno ohne Feuer« charakterisiert, gehört
der Teufel zur Familie. Wenigstens fünf Orte erinnern an
ihn: The Devil's Riding School (»Die Reitschule des Teu-
fels«), The Devil's Ashpit (»Des Teufels Aschengrube«),
The Devil's Cauldron (»Der Teufelskessel«), The Devil's
Inkpot (»Das Tintenfass des Teufels«), The Devil's Punch-
bowl (»Der Punschbecher des Teufels«) – nicht wenig für
eine Insel, die nur ein Drittel so groß ist wie Elba.
Ein Seelenzustand, der dort in den ersten Tagen häufig
auftritt, ist das Gefühl der Entfremdung, ein Unbehangen,
das sich dann unmerklich verflüchtigt: Mein Gott, wo sind
wir bloß gelandet!
Jeder Name, den wir benutzen, ruft eine primäre Bedeu-
tung und eine Reihe von Assoziationen wach. Nehmen
wir das Wort »Hügel«. Wie kann man dieses Wort nur für
Cross Hill benutzen? Hill bedeutet »Hügel«, aber es ent-
spricht nicht im Geringsten dem, was wir hier sehen. Es
weckt andere Assoziationen, die nichts mit der Erhebung
zu tun haben, die Georgetown überragt (die wogenden
Hügel der Toskana, Die grünen Hügel Afrikas von He-
mingway). Zu einem »Hügel« passen nicht das zu steile
und zu gleichförmige Gefälle, der Mangel an Vegetation,
die absurd rötliche Farbe. Es fehlen außerdem ähnliche
»Hügel« in der Nähe, die wir doch erwarten würden.
Stattdessen gibt es andere, entferntere, die wild verstreut
liegen: manche in Trauben, andere allein, viele mit noch
deutlich erkennbarem Kraterrand.
Einige Tage nach der Ankunft auf der Insel, als ich mit
dem Auto unterwegs war, verstand ich plötzlich. Cross
Hill und die vielen anderen Vulkane sahen genau so aus
wie gerade aufgehäufte Kieshaufen in Großformat: das
gleiche Gefälle und die gleiche für einen natürlichen Berg
unnatürliche Regelmäßigkeit. Es sind Erhöhungen, die
eben erst entstanden sind, bei denen die umweltformenden
Kräfte noch kaum Gelegenheit hatten, sich auszuwirken.

Ich war einmal auf der Insel Lavezzi in der Straße von Bo-
nifacio. Wind und Meer haben auf diesem ewig windge-
peitschten Eiland die Felsen glatt poliert und bizarre, fan-
tastische, wunderschöne Formen geschaffen. Warum sind
diese Formen »schön«, während uns die von Ascension
beunruhigen?
Ich glaube, weil wir spüren, dass sie in gewisser Weise
sinnvoll sind. Durch die formenden Kräfte von Wind und
Abbildung 2
Wideawake Airport, der Flughafen von Ascension.
Der erste Hügel links im Hintergrund ist Cross Hill.

Meer haben sie eine charakteristische Gestalt gewonnen,


wie vom Fluss geschliffene Kiesel, die verschiedene Grö-
ßen und Formen haben können, aber sich alle in gewisser
Weise ähneln. Selbst in ihrer Unterschiedlichkeit spüren
wir, dass dahinter eine Kraft steht, der sich die Materie ge-
beugt, eine Ordnung, der sie sich unterworfen hat, eine
Gestaltung, eine Regel, ein »Sinn« (»fast eine Absicht«,
wie Thornton Wilder den Bruder Juniper in Die Brücke
von San Louis Rey sagen ließ, der dafür auf dem Scheiter-
haufen endete). Das gibt uns Orientierung, oder zumin-
dest die Illusion einer Orientierung.
Anderswo ist das Lebendige die Kraft, die die Land-
schaft geformt hat: Bakterien, Pflanzen und Tiere haben in
wechselnder Weise und durch die außergewöhnlichsten
Gleichgewichtszustände die unglaublichsten Formen ge-
schaffen. Im Mikro- wie im Makrokosmos verleiht das Le-
ben der Landschaft ihr Gepräge, vom Regenwald bis zum
trockenen Laub auf unseren herbstlichen Straßen, überall
spürt man die Wiederholung von Vorbildern, die Gegen-
wart von Regeln.
Schließlich hat der Mensch mit seiner Zivilisation und
Technik eine weitere Ordnung geschaffen: Jede Stadt-, In-
dustrie- oder Kulturlandschaft ist dafür ein Beispiel.
Und dort, wo wir in der Welt eine (oder sogar mehr als
eine) Ordnung erkennen, gibt es die Möglichkeit der Ori-
entierung. Es lassen sich Vorkehrungen treffen, man kann
Kontrolle ausüben und die eigenen Fähigkeiten nutzen,
um die Dinge zusammenzufügen: Wir können unsere ei-
gene »Intelligenz« nutzen. Es ist dort, wo diese Möglich-
keit fehlt, wo das Unvorhergesehene, das Beunruhigende,
der Alpdruck und das Monströse die Oberhand gewinnen.
Wie ein Baum, aus dessen Stamm außer den Ästen plötz-
lich ein Arm herausragt.

In Ascension fehlen die Wirkungen der drei großen »wei-


chen« – aber beständigen – Kräfte, die unsere Umwelt ge-
zähmt haben und sie, nach unserem Gefühl, geordnet, ver-
traut und damit »schön« gemacht haben, oder sie sind auf
ein Mindestmaß reduziert: das Wetter, die Tier- und Pflan-
zenwelt und die Technik. Hier spürt man unvermischt die
ungeheuren, machtvollen und undurchdringlichen Kräfte,
die aus dem Innersten der Erde kommen. Hier herrscht
bedrohlich das Gepräge der »starken«, explosiven und ur-
sprünglichen geologischen Kräfte vor. Die Schlunde von
40 Vulkanen, ihre Form, ihre Ausmaße und Verteilung
entbehren jeder Ordnung, sind unvorhersehbar, chaotisch
– und mit ihnen selbst die Felsen und Steine, zu denen die
Lava erstarrt ist. Wie ist es möglich, Kontrolle in einer sol-
chermaßen beschaffenen Welt auszuüben?
Dies ist der Grund des Unbehagens, das uns im Moment
der Ankunft überkam, und der Beunruhigung, die uns in
den ersten Tagen begleitete. Doch nach und nach mildern
sich das Erstaunen und die Unruhe, ein Beweis der fast un-
erschöpflichen Fähigkeit des Menschen, sind an jede Art
von äußerer Welt anzupassen.

Hoch über dem Strand neben den Schildkrötenbecken


kreist ein großer schwarzer Vogel. Mit seiner Farbe, sei-
nem gegabelten Schwanz und den großen schmalen, zu-
nächst ein wenig vor-, dann zurückgekrümmten Flügeln
erinnert er an einen Pterodactylus, einen jener Flugsaurier,
die wir alle als Kinder in Büchern gesehen haben. Es ist ein
Fregattvogel, der aus der Höhe über den Strand patrouil-
liert, auf der Jagd nach kleinen Schildkröten. Seine Silhou-
ette, die sich gegen den Himmel abzeichnet, fügt sich in die
umliegende Vulkanlandschaft und verleiht ihr einen weite-
ren alarmierenden Zug prähistorischen Zaubers.
XI

Entdeckt am 11. November 1493 von Kolumbus auf seiner


zweiten Reise, erhielt die Insel Montserrat ihren Namen
von dem Bergkloster in der Nähe Barcelonas, jenem Ort,
wo einige Jahre zuvor Ignatius von Loyola seinen qualvol-
len mystischen Weg einschlug, der ihn später zur Grün-
dung der Jesuiten führte. Montserrat – die Insel – ist eine
der Inseln über dem Wind, der Kleinen Antillen, ein wei-
terer Landkrümel, der vom britischen Empire übrig ge-
blieben ist. Im 17. Jahrhundert siedelten sich dort irische
Kolonisten an, und ab 1871 wurde die Insel britische Ko-
lonie. Es ist eine Vulkaninsel; doch seit ihrer Entdeckung
durch Kolumbus hatte der Vulkan keinerlei Lebenszei-
chen von sich gegeben. Die Beatles nahmen hier einige ih-
rer Platten auf, die Zeitungen nannten sie die »Smaragdin-
sel«, und verschiedene Berühmtheiten bauten sich hier ihre
Residenzen. Vor wenigen Jahren war der Sourfière Hill er-
wacht. Die Nachricht, dass zwei Drittel der Insel zerstört
sind, stammt aus den letzten Monaten des Jahres 1997: Sie
wurde von Lava überrollt, oder genauer und noch weit ge-
fährlicher, von »Glutwolken« aus Gas, Dämpfen und glü-
hender Asche, die der Vulkan ausstieß und die sich, schwe-
rer als Luft, mit hoher Geschwindigkeit die Hänge
hinabwälzten und alles zerstörten, was sich ihnen in den
Weg stellte. Ein Großteil der 13 000 Einwohner wurde
evakuiert. Es ist ungewiss, ob sie jemals auf die Insel zu-
rückkehren können.
Könnte das Gleiche auch in Ascension geschehen, wo es
seit der Entdeckung der Insel niemals Vulkanausbrüche
gab? Doch dieser Zeitraum ist viel zu kurz und die vulka-
nischen Züge der Insel sind unzweideutig. Die letzte große
Eruption ereignete sich vor 500 bis 600 Jahren. Als die
Portugiesen die Insel entdeckten, war die Lava gerade erst
erkaltet.
An dem Tag, an dem einer der Vulkane von Ascension
wieder aktiv wird und das Überleben der Insel bedroht,
wird es allerdings einen Unterschied gegenüber Montser-
rat geben. Hier leben keine Familien, die seit Generationen
auf der Insel wohnen und die ihre Häuser noch vielen wei-
teren Generationen hinterlassen wollen. In Ascension
wohnt niemand seit Generationen. Es gibt und gab dort
nie eine ansässige Bevölkerung. Niemand ist hier je länger
als ein paar Jahre geblieben.
Jeder ist auf der Durchreise. Graeme war hier vor fünf
Jahren für drei Monate und lernte viele Leute kennen. Als
er zurückkehrte, waren davon noch zwei übrig. Vor wenig
mehr als 15 Jahren brach der Falklandkrieg wie ein Sturm
über die Insel herein. Plötzlich war sie der vorgeschobene
Stützpunkt für alle Kriegseinsätze der Briten. Nichts blieb
seither, wie es war. Wenige Wochen lang war der Flugha-
fen wortwörtlich der geschäftigste der Welt. Er wurde aus-
gebaut, es entstand ein neues Dorf für die Flieger der Royal
Air Force, das Krankenhaus wurde renoviert, vor allem
aber wurde eine zweiwöchentliche Fluglinie nach England
eingerichtet. Heute, nach über 15 Jahren, gibt es noch etwa
zehn Menschen, die schon vor dem Falklandkrieg auf der
Insel wohnten. Und niemand erinnert sich an den Zweiten
Weltkrieg, als die Amerikaner ankamen und der Insel eine
noch größere Umwälzung bescherten.

Eine der wenigen, die sich an die Zeit vor dem Falkland-
krieg erinnerten, war die Helferin des Zahnarztes. Ich be-
suchte John, den Zahnarzt, nicht, weil ich Zahnschmerzen
hatte, sondern weil er und sein gelber Hund zu den sym-
pathischsten und zuvorkommendsten Wesen gehörten, die
ich dort getroffen habe. Er hatte mir gesagt, dass er die Fo-
tokopie eines Artikels des National Geographic Magazine
aus dem Jahr 1946 aufbewahrte, der über die Insel berich-
tete. Seltsam, dass sich das Magazin, das immer auf der
Jagd nach besonderen Orten und Landschaften ist, seither
nie wieder mit der Insel befasste.
Statt des Zahnarztes traf ich seine Arzthelferin an. Sie
war eine Dame von etwa 50 Jahren, sehr freundlich, mit ei-
nem etwas schleppenden Akzent. Auch sie stammte aus
Sankt Helena und würde nach einem Jahr dorthin zurück-
kehren. Sie hatte eine Milchkaffeehaut, blaue, lächelnde
Augen und strahlte eine sanft verblühende Schönheit aus,
die erahnen ließ, wie hinreißend sie in ihrer Jugend ausge-
sehen haben musste. Ich kehrte verschiedene Male zu
Johns Praxis zurück: weil er vergessen hatte, die verspro-
chenen Fotokopien zu machen; um ihn zu fragen, ob ich
ein altes Foto von ihm abfotografieren könne, vor allem
aber, um mit seiner Arzthelferin zu plaudern. Sie hatte
nicht viel zu tun. Sie musste jeden Nachmittag um zwei
Uhr in der Praxis sein, aber es gab nur wenige Termine,
und die Arbeit begann nie vor vier. Meine Freunde stichel-
ten, dass ich in Wahrheit aus ganz anderen Gründen zu ihr
ging. Aber in Wirklichkeit ging es mir natürlich um nichts
anderes als mit einem Menschen zu reden, der etwas über
die Vergangenheit der Insel wusste.
Ich schrieb ihre Geschichten in mein Notizbuch, das ich
dann blöderweise verlor. Dort hinein schrieb ich all meine
Reiseeindrücke bis zu den letzten Stunden, bis zum Flug
von London zurück nach Hause. Als wir zum Landean-
flug ansetzten (ich erinnere mich genau), steckte ich das
Buch in die Tasche an der Rücklehne des Sitzes vor mir, wo
ich es dann vergaß. Womöglich war der Verlust am Ende
gar nicht so zufällig. Es war, als hätte ich unbewusst die
Notwendigkeit erkannt, mich im Moment der Rückkehr
davon zu befreien, wie um eine Art Zensur auszuüben.
Und vielleicht ist die Tatsache, dass ich mich dennoch hin-
setzte, um alles aufzuschreiben, eine Auflehnung gegen je-
ne unbewusste Kapitulation vor dem »Realitätsprinzip«.
Ich muss folglich aus dem Gedächtnis schreiben, auch
die Geschichte der Arzthelferin. Ich habe eine ungenaue
Erinnerung an ein Leben zwischen Sankt Helena und
Ascension, unterbrochen von Besuchen bei Verwandten in
England, ein Land, das ihr schön, aber zu teuer, hektisch
und kalt erschienen war. In Ascension verdiente man or-
dentlich, aber auch dort war es nicht ideal. Wie alle hatte
sie nach ein paar Jahren fern von Sankt Helena Heimweh
nach ihrer grüneren, ruhigeren, normaleren Insel. Mit dem
gesparten Geld kaufte sie ein Haus, um dort mit ihrem
Mann alt zu werden. So bescheiden ihr Gehalt nach euro-
päischen Standards war, sie verdiente hier viel mehr, als sie
in Sankt Helena bekommen konnte, wo es keine Arbeit
gibt und die Leute auf staatliche Unterstützung angewie-
sen sind. Die Tochter blieb in Ascension, weil sie in Eng-
land studiert und noch vor Vollendung des 27. Lebensjah-
res eine Arbeit bei der BBC gefunden hatte. Danach
nämlich gibt es für die Kinder der in Ascension Beschäftig-
ten nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie haben eine Ar-
beit auf der Insel gefunden, oder sie müssen sie verlassen –
ausnahmslos.
Die Arzthelferin erzählte mir von der Zeit vor dem
Falklandkrieg, als die Engländer die Insel vergessen zu ha-
ben schienen, die Südafrikaner dort noch eine Fernmelde-
station unterhielten und es mehr Amerikaner gab als heute.
Es waren viele Leute von der NASA in Ascension, aber nur
Militärangehörige. Einmal im Monat kam das Schiff aus
England vorbei, auf dem Weg nach Sankt Helena und
Kapstadt. Für die Zivilisten gab es jährlich vier oder fünf
Charterflüge. Die Arzthelferin erinnerte sich, dass ein
Flug im Herbst für die Kinder gedacht war, die wieder in
die Schule mussten. Ein andere Maschine landete um
Weihnachten, vielleicht auch eine im Frühling …

Ein anderer, der die Insel schon lange kannte, war der Bar-
mann des Exiles Club, der Bar der Engländer. Er war pech-
schwarz mit einem finsteren und sarkastischen Blick, der
mich an Quarrel erinnerte, den schwarzen Fischer, der in
dem James-Bond-Film James Bond jagt Dr. No zuerst
dessen Feind ist und dann sein Freund wird. Auch der Bar-
mann kam aus Sankt Helena, aber anders als die Arzthel-
ferin hatte er in seinem Leben schon viele Berufe ausgeübt.
Als Junge hatte er bei einer amerikanischen Expedition zur
Erhöhung des Schildkrötenbestandes geholfen und Eier
am Strand gesammelt. Er war in Diensten der Engländer,
dann der Amerikaner, dann wieder der Engländer gewesen
und hatte in den USA gearbeitet. Seit fünf Jahren war er
Barmann. Ihn umgab die Aura der Allwissenheit, aber ihm
etwas aus der Nase zu ziehen war unmöglich. Er machte es
einem schwer, zum Teil wegen seines unverständlichen
Akzents, aber vor allem, weil er misstrauisch wurde und
das Thema wechselte, sobald er merkte, dass sein Zuhörer
sich für das interessierte, was er zu erzählen hatte.
XII

Wieder drängt sich mir der Vergleich mit dem Mond auf.
Sollte er dereinst besiedelt werden, wird wohl auf lange
Zeit niemand Lust verspüren, sich dort lange aufzuhalten.
Man wäre auf einer Mission, für eine begrenzte Zeit, die im
Arbeitsvertrag vereinbart ist, und könnte es nicht erwar-
ten, wieder nach Hause zu kommen.
So auch in Ascension. Das Land ist nicht in Privatbesitz.
Es gibt nur die Beschäftigten der vier oder fünf Firmen,
denen die Insel gehört und die sie »nutzen«. Ausdrücklich
und ohne die geringste Verbrämung nennt sich die Gruppe
von Firmen, denen die Insel gehört, The London Users
Committee (»Londoner Nutzerkomitee«). Es handelt sich
um die Telekommunikationsfirma Cable & Wireless, die
BBC, die CSO (was für Composite Signals Organisation
steht, eine halb geheime englische Staatsfirma, die den
Äther abhört). Dazu kommen noch die Royal Air Force
und die Amerikaner.
Es gibt keine Bauern, keine Fischer, keine Händler, kein
Privateigentum und keine Privatinitiative. Es gibt nicht
einmal Steuern. Der Supermarkt und die anderen kleinen
Geschäfte, die sich in Georgetown, Two Boats und Travel-
ler's Hills befinden, gehören einem einzigen Unterneh-
men, dem AIS (Ascension Island Services), das die Insel
»betreibt«, vom Hafen über die Geschäfte und die Versor-
gung bis zur Gesundheit.
Aber so ganz ohne Privatinitiative ist die Insel dann
doch nicht.
Es ist Sonntagmittag. Auf dem Pier herrscht ein unge-
wöhnliches Treiben. Da stehen drei oder vier Autos, ein
paar kleine Lieferwagen und etwa ein halbes Dutzend
Neugierige, die aufs Meer hinausblicken, das grau ist wie
der wolkenbedeckte Himmel. Der kleine Fischkutter, der
nur wenig größer ist als eine Schaluppe und der die Nacht
über auf See war, ist soeben vor Anker gegangen. Ein Boot
ist ihm entgegengefahren, das jetzt zurückkehrt. Ringsum-
her kreisen wie üblich die Tölpel im Wind.
Vom Kai aus beobachte ich, wie sie ankommen. Es sind
Fischer aus Sankt Helena, die ihr altes Handwerk hier nur
am Wochenende ausüben, oder wann sonst es ihr Arbeits-
rhythmus erlaubt. Es sind sieben Männer und ein Junge
am Steuer – alle schwarz, aber jeder mit einem anderen
Hautton. Zwei stehen am Bug, die anderen sitzen an den
Seiten des Bootes, dessen Boden voller Fische ist. Mit den
Tunfischen und anderen großen Fischen, die ich nicht ken-
ne, zähle ich 16 Fische. Nachdem das Boot vertäut ist,
greift jeder der Fischer zwei davon beim Schwanz, bringt
sie die Treppe hoch zum Ende des Kais und legt sie unter
einen Betontisch. Als sie an mir vorbeigehen, fällt mir auf,
dass die Tunfische eine zitronengelbe Rückenflosse haben.
Urteile, Witze und Kommentare gehen durcheinander.
Der Fang war gut, so meine ich herauszuhören, wenn auch
nicht außergewöhnlich. Aus einem Wagen wird eine Lage
Bierdosen geholt. Alle bedienen sich, auch mich lädt man
ein, aber für meinen Geschmack ist es dafür noch zu früh
am Tag.
Zwei Fischer, bewaffnet mit großen Schürzen und zwei
langen Messern, schicken sich an, die Fische auszunehmen
und zu putzen. Rasch schneiden sie die Haut auf, häuten
sie und lösen das Fleisch, das bei den Tunfischen rot ist wie
bei einem Säugetier. Es kommt ein zweites Boot mit weite-
ren 20 Tunfischen und dann ein drittes mit einem Riesen-
thunfisch: Nur mit einem Seil und den vereinten Kräften
von sechs Männern lässt er sich auf den Pier wuchten. Man
hängt ihn mit dem Kopf nach unten auf, um ihn zu wiegen.
Lebhafte Debatten entspinnen sich um die Frage, wie genau
die Messung ist. Ist dieser hier größer als der Riesenfisch der
Vorwoche, der den Jahresrekord hält? Der arme Tunfisch
wird hochgehoben und wieder heruntergelassen, die Mes-
sung mehrfach kontrolliert. Schließlich müssen sich der
Tunfischfänger und seine Freunde schweren Herzens ge-
schlagen geben: Wenn auch nicht viel fehlte, den Rekord
konnten sie nicht einstellen.
Die Schlachter werden mehr, jetzt sind zehn um den
Betontisch versammelt. Die Fröhlichkeit und das Durch-
einander erreichen ihren Höhepunkt. Was von den Tunfi-
schen übrig bleibt, wird ins Meer geworfen, wo es von Fi-
schen nur so wimmelt, den so genannten blackfish, die
absolut ungenießbar und höchst gefräßig sind. Was im-
mer ins Wasser geworfen wird, es hat noch nicht das Was-
ser berührt, da ist es schon von einem brausenden
Schwarm von Fischen verschlungen worden. Als das
Brausen abklingt, ist von den Resten nicht die geringste
Spur übrig.
Die Fischer am Tisch sind fast genauso schnell wie die
wimmelnden schwarzen Fische unter ihnen. Sie teilen das
Fleisch auf, und bald zieht jeder frohgemut mit zahlrei-
chen vollen Plastiktüten von dannen, die für den eigenen
Verzehr oder für einen halb legalen Privathandel bestimmt
sind. In wenigen Minuten leert sich der Pier.

In vielen großen und schönen europäischen Städten will es


die Volkstradition oder eine touristische Legende, dass ein
ritueller Akt oder eine Geste, die man an bestimmten Or-
ten vollführt, die Gewissheit schafft oder erhöht, dorthin
zurückkehren zu können. Wirft jemand zum Beispiel eine
Münze in einen Brunnen und kehrt ihm den Rücken, wird
er oder sie noch einmal im Leben an diesen Ort zurück-
kehren. Und die Touristen pflegen diesen Brauch.
In Ascension dagegen gibt es einen Ort in der Nähe von
Georgetown auf dem Weg nach Two Boats, für den die
umgekehrte Regel gilt. Es ist ein Grenzstein, eine Art
Prellstein, der in tausend Farben bemalt ist. Die Legende
besagt, dass man dorthin gehen und einen Farbklecks auf
den Stein malen muss, wenn man die Insel verlässt und si-
chergehen will, nie wieder zurückkehren zu müssen. Nur
so kann man dem Risiko entgehen, jemals wieder einen
Fuß auf diese verfluchte Insel zu setzen. Aber, so die Le-
gende weiter, man muss es im Verborgenen tun, des
Nachts, sodass einen niemand sieht, denn wer dabei über-
rascht wird, dessen Schicksal ist für immer besiegelt: Er
darf die Insel nie wieder verlassen.
Dieser Brauch stammt aus einer Vergangenheit, in der
sich Georgetown noch The Garrison (»die Garnison«)
nannte und die einzigen Inselbewohner eine Hand voll
Marineinfanteristen mit ihren Offizieren sowie einige
schwarze Arbeiter waren, die man aus Afrika geholt hatte.
Seither hat sich viel verändert. Auf der Insel gibt es keine
wirklichen Ansässigen. Ascension ist nur eine Durch-
gangsstation, wo man wohnt, weil man dort arbeitet, dazu
bestimmt, trotz der Angst einflößenden Legende früher
oder später wieder fortzugehen.
Verschiedene Male geschah es, dass jemand neugierig
wurde, wer wir sind – ein sehr verständliches Interesse an
einem Ort, an dem sich alle kennen. Die uns gestellte Frage
war immer: »For whom do you work?« (»Für wen ar-
beiten Sie?«) und nicht »Wer sind Sie?«, »Woher kommen
Sie?«, »Was machen Sie?« Das Entscheidende war der Ar-
beitgeber.
Ascension ist ein Ort ohne geschichtliches Gedächtnis
und ohne alte Menschen.
XIII

Mittlerweile ist eine Woche verstrichen, seitdem wir anka-


men. Wir haben die Funktionstüchtigkeit der Sender über-
prüft und sind jeden Abend zum Strand von Long Beach
hinuntergegangen.
Wie überall in den Tropen kommt die Nacht plötzlich.
In der Kantine der Sankthelenaer oder Saints, am »Tisch
der Heiligen« also, isst man früh zu Abend. Wenn wir ge-
gen sieben mit dem Essen fertig sind, ist die Sonne gerade
untergegangen, und in der kurzen Zeit, die wir brauchen,
um über die Straße zum Islander Hostel zurückzukehren,
kurz aufs Zimmer zu gehen und uns dann auf die Veranda
zu setzen, ist es schon dunkel geworden. In wenigen Tagen
haben wir Gewohnheiten angenommen, die wir den gan-
zen Monat lang pflegen. Was das Kulinarische angeht, ha-
ben wir im Supermarkt einen guten südafrikanischen Wein
entdeckt. Floriano entkorkt ihn, während ich die Schach-
figuren aufstelle, Paolo nimmt sich sein Buch (Moby Dick
von Melville), während Graeme das Radio einschaltet und
die BBC-Nachrichten hört.
Im Schach sind wir kaum besser als mittelmäßig. Es ge-
winnt, wie Floriano sagt, wer den vorletzten Fehler macht.
So verbringen wir einige Stunden mit langen Phasen des
Schweigens, unterbrochen nur dann und wann von einem
Abbildung 3
»Es gewinnt, wer den vorletzten Fehler macht.« Eine Schachpartie im
Islander Hostel, bevor in der Nacht die Arbeit beginnt.
Links im Bild Floriano Papi, rechts Sergio Ghione.
gepfefferten Witz, einem kleinen Lamento über einen
schlechten Schachzug oder lautem Hohn über einen er-
rungenen Vorteil – ganz üble Schachmanieren. Draußen ist
es stockdunkel. Aus dem einzigen geöffneten Treffpunkt
des Dorfes, The Saints' Club oder »Club der Heiligen«,
dringen ab und zu Musik aus einer Jukebox und die Stim-
men junger Männer zu uns herüber.
Um zehn beginnen wir, uns wieder zu regen. Die Fla-
sche Wein ist lange geleert, zwei oder drei Partien Schach
sind ausgefochten, und auch Paolo und Graeme erwa-
chen aus ihrer Trägheit. Die Arbeit beginnt. Wir packen
die Taschen mit zusätzlicher Kleidung, Leim, Lösungs-
mittel, Handschuhen, den Satellitensendern, Empfänger,
Nachtsichtgerät, Kopflampen, wie sie Höhlenforscher
tragen, normalen Taschenlampen und was wir sonst
noch brauchen. Wir überprüfen, ob wir auch nichts ver-
gessen haben, teilen die Last unter uns auf und gehen zu
Fuß los.
Wir lassen den Club der Heiligen, dessen Lärm uns
noch eine Weile begleitet, hinter uns. Zur Rechten liegt er-
leuchtet und die ganze Nacht geöffnet die Polizeistation.
An der Tür steht ein Polizist in Uniform und grüßt uns.
Das Büro des Verwalters ist leer und dunkel, ebenso wie
etwas weiter das kleine, von einem niedrigen Zaun umge-
bene Haus mit einem geschlossenen Gitter, neben dem ein
Schild angebracht ist: »H.M. Prison«, das Gefängnis Ihrer
Majestät. Das letzte Mal saß hier jemand vor drei Jahren
ein, erzählte uns später der Verwalter. Es waren zwei junge
Männer, die mit einer Yacht aus Südafrika gekommen wa-
ren und Haschisch an Bord hatten. Sie verbrachten zwei
Tage im Gefängnis und wurden dann von der Insel verwie-
sen, oder man ließ sie gehen, wenn man so will, jedoch erst,
nachdem sie eine Strafe bezahlt hatten, nämlich die Kosten
ihres Zwangsaufenthalts: Kost und Logis.
Die Straße fällt sanft ab, biegt erst nach links und dann
wieder nach rechts. Außer dem Polizisten begegnet uns
niemand. Jenseits des Hangs kommen wir an der letzten
Laterne vorbei, wo die asphaltierte Straße endet. Jetzt sind
wir im Dunkeln und laufen über einen befestigten Weg pa-
rallel zum Strand. Nach einigen Minuten blicke ich nach
oben: die beste Gelegenheit, um den hinreißenden Ster-
nenhimmel zu genießen. Nicht früher, denn da ist das Auge
noch zu sehr an das Licht gewöhnt, aber auch nicht später,
wenn man sich ganz an das Dunkel gewöhnt hat und die
Details nicht mehr so gut erkennt.
Wir laufen ein paar hundert Meter, den Strand zur Lin-
ken, Gestrüpp zur Rechten. Der Landstrich sieht aus wie
der afrikanische Busch, sagen Floriano und Paolo, die
schon dort waren, und wurde früher Benin City genannt,
als hier das Lager der Cru-Arbeiter stand, die die Englän-
der aus Nigeria geholt hatten.
Wir verlassen die Straße und gehen, umhüllt von schwar-
zer Nacht, den Strand entlang. Der Weg wird sofort be-
schwerlich. Der Sand ist mit Vertiefungen übersät, die von
den Schildkröten stammen. Graeme besteht geradezu ver-
bissen darauf, die Lampen nicht einzuschalten, um die viel-
leicht noch in der Nähe befindlichen Schildkröten nicht zu
stören. Mitten auf dem Strand machen wir Halt und errich-
ten eine Art Basiscamp, wo wir unsere Taschen lassen. Im
Dunkeln suchen wir einen Orientierungspunkt, um sie spä-
ter auch wiederzufinden, ein Stück Strandgut zum Beispiel,
einen alten Reifenfetzen. Wir sind etwa auf halber Höhe des
Strandes, weshalb zwei von uns zur einen und zwei zur an-
deren Seite losgehen, auf der Suche nach einer Schildkröte.
Ich laufe mit Graeme die Strandlinie entlang, während
sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnen. Der
Mond ist noch nicht aufgegangen, aber es ist unbewölkt
und die Landschaft rings um den Schildkrötenstrand bie-
tet, schwach von den Sternen erleuchtet, einen außerge-
wöhnlichen Anblick. Blickt man zurück, erhebt sich
rechts von der Straße bedrohlich der Umriss des Cross
Hill, während in der Ferne der gespenstische Schatten des
Green Mountain auftaucht, des höchsten Bergs der Insel.
In der Nähe des Gipfels erkennt man zwei leuchtende
Punkte: die Residenz des Verwalters und das Farmhaus.
Noch weiter in der Ferne sieht man die undeutlichen Um-
risse weiterer Vulkane, dann, in der Nähe des Meeres, den
einzigen anderen leuchtenden Punkt. Es ist Pyramid Point
am anderen Ende der Bucht, eine von Reflektoren erleuch-
tete weiße Scheibe, die »Golfball« genannt wird. (Eine Ra-
daranlage? Eine Antenne? Sie wird immer beleuchtet, und
ab und zu kommt ein geheimnisvolles blaues oder rotes
Blinklicht hinzu.) Die Ortschaft in unserem Rücken
schläft mittlerweile. Über das Meer gleiten die dunklen
Schatten der wenigen ankernden Boote. Ein wenig weiter
die Lichter des Tankschiffes, das immer da ist und in ge-
wisser Weise beruhigend wirkt. Außer dem periodischen
Getöse der Brandung dringt von der Landseite von Zeit zu
Zeit das Zirpen einer Grille oder ein Eselsschrei zu uns he-
rüber.
Graeme und ich wollen sehen, ob schon eine Schild-
kröte angekommen ist, was man an den Spuren im Sand er-
kennen kann. Wir sind sehr aufmerksam und immer bereit,
einer größeren Welle auszuweichen. Im Dunkeln ist es
nicht leicht, das Meer einzuschätzen, das man hier immer
ernst nehmen muss. Einmal wurde Floriano sogar tagsüber
von einer Welle überrascht, die ihn umwarf und fast mit
sich fortriss.
Wir finden eine Spur. Sie stammt aus dieser Nacht und
weist landwärts. Wir haben gelernt, die frischen Spuren von
den Vortagsspuren zu unterscheiden, und erkennen mittler-
weile, ob sie landeinwärts oder seewärts gerichtet sind. Gra-
eme und ich folgen der Spur eine Weile, dann macht mein
Freund mir ein Zeichen, mich zu ducken und zu warten. Er
selbst legt sich hin, kriecht geräuschlos über den Sand und
verschwindet im Dunkeln. Nach einigen Minuten taucht er
wieder auf und flüstert mir zu, dass die Schildkröte gleich
da vorne ist. Aber wir haben noch Zeit, sie hat gerade erst
zu graben begonnen, und es wird noch eine halbe Stunde
dauern, bevor sie mit der Eiablage beginnt. Wir sind unsi-
cher, ob wir warten oder eine andere suchen sollen.

In den vier Wochen auf Ascension habe ich viele Schild-


kröten gesehen. Auch bei starkem Wellengang kommen sie
nachts an Land, schon ab Januar, wenn noch gewaltige At-
lantikbrecher gegen die Insel branden. Sie tauchen aus dem
Meer auf und beginnen mit unterbrochenen Bewegungen,
den Strand hinaufzukriechen, indem sie sich mit ihren
kräftigen Vorderbeinen voranziehen, mit den Hinterbei-
nen abstoßen und auf dem flachen Brustschild ihres Pan-
zers über den Boden schleifen. Hinter sich lassen sie eine
breite Spur zurück, die wie der Abdruck eines Kettenfahr-
zeugs aussieht.
So elegant ihre Bewegungen im Wasser sind, so unbe-
holfen wirken sie an Land. Darin ähneln die Schildkröten
vielen ursprünglichen Landtieren, die sich an ein Leben im
Wasser angepasst haben – Seehunde, Pinguine, Krokodile,
Flusspferde.
Abbildung 4
Diese Spur hinterließ eine Schildkröte, die nach der nächtlichen
Eiablage auf Long Beach zurück ins Wasser ging. Im Hintergrund
zu sehen: Georgetown.

Alle paar Minuten halten sie inne, vielleicht um auszu-


ruhen. Dann strecken sie den Hals und drehen den Kopf in
verschiedene Richtungen, als würden sie die Umgebung
auf mögliche Gefahren untersuchen. Tatsächlich sind ihre
Augen, wie Floriano mir erklärte, auf die Sicht unter Was-
ser eingestellt. So wie wir, die wir in der Luft gut, im Was-
ser dagegen (ohne Taucherbrille) nur unscharf sehen, kön-
nen die Schildkröten umgekehrt aufgrund einer dafür
nicht geeigneten Krümmung der Hornhaut in der Luft nur
schlecht sehen, im Wasser allerdings gut. Das schließt un-
ter anderem die Möglichkeit aus, dass sie sich auf dem Weg
nach Ascension und bei ihrer Rückkehr an den Sternen
orientieren, was viele Wandervögel zu tun scheinen. An
Land erkunden sie die Umwelt auf andere Weise: mit dem
Gehör- und vor allem mit dem Geruchssinn. Wenn sie Ge-
fahr wittern, kehren sie ins Meer zurück, um später oder in
einer der folgenden Nächte wieder zurückzukehren.
Nachdem sie sich ein Stück Strand hochgeschleppt hat,
kriecht die Schildkröte etwas umher, um einen Ort zu su-
chen, wo sie ein Loch graben kann. Mit den Vorderbeinen,
die sich wie die Hinterbeine in große Flossen verwandelt
haben, macht sie Bewegungen wie beim Schwimmen, wirft
sie nach vorne, gräbt sie in den Sand und drückt sie dann mit
einer ruckartigen Bewegung nach außen beziehungsweise
nach hinten. Bei jeder Grabbewegung hebt sie Sand aus, der
einige Meter umherfliegt. Alle acht oder zehn Bewegungen
hält sie inne, um sich auszuruhen, die Gegend zu erkunden
und tief durchzuatmen. Von nahem sind die Geräusche, die
sie dabei ausstößt, beeindruckend, ein tiefes Keuchen, ein
unheimliches, viehisches Röcheln. Sie bewegt sich von Zeit
zu Zeit etwas vor oder zur Seite, verschwindet langsam in
ihrem Loch und wird unsichtbar in der Nacht.
Nachdem das Hauptloch in etwa einer Dreiviertel-
stunde gegraben ist, bleibt die Schildkröte reglos liegen
und beginnt erst nach einer langen Pause mit einem zwei-
ten, kleineren Loch, das sie diesmal mit den kleineren Hin-
terbeinen gräbt. Sehr vorsichtig schaufelt sie nun ein vier-
zig bis fünfzig Zentimeter tiefes Loch und legt die Eier
hinein.
Manchmal, wenn die Schildkröte während der Arbeit ir-
gendetwas stört, unterbricht sie das Graben, bewegt sich
etwas weiter und beginnt ganz von vorn. Verschiedene
Male, wenn wir eine Schildkröte fanden und lange darauf
gewartet hatten, dass sie mit der Eiablage begann, kroch
Graeme von seinem Spähversteck zurück und flüsterte:
»Sie hat aufgegeben.« Eines Nachts kehrte eine Schild-
kröte, an der wir schon zwei Wochen zuvor einen Sender
Abbildung 5
»Dead Man's Beach« in der South-West-Bay: Deutlich zu sehen sind
die Löcher, in denen die Schildkröten ihre Eier ablegen.

angebracht hatten, zur Eiablage an den Strand zurück (jede


Schildkröte legt vier bis fünf Mal Eier ab). Nachdem sie aus
dem Meer gekrochen war, unternahm sie drei Grabungen,
die sie stets unterbrach. Erst beim vierten Mal legte sie ihre
Eier. Das dauerte so lange, dass sie vom Sonnenaufgang
überrascht wurde, weshalb wir sie fotografieren und auf
Video aufnehmen konnten. Das entschädigte uns für die
schlaflose Nacht.

Nach einer Weile sieht Graeme wieder nach der Schild-


kröte und entscheidet, dass der Zeitpunkt günstig ist. Von
dem Moment der Eiablage an lässt sie sich durch nichts
mehr stören, als ob sie gezwungen wäre, die mühselige
Abfolge programmierter Handlungsschritte bis zum Letz-
ten auszuführen. Wir können jetzt die Taschenlampen an-
machen, uns nähern und den Sender auf ihrem Rücken-
schild anbringen, ohne dass sie im Geringsten reagieren
wird. Nichts an ihrem Verhalten lässt darauf schließen,
dass sie Notiz von uns nimmt. Ich sage den anderen Be-
scheid und hole die Taschen.
Als wir zurückkehren, ist Graeme schon bei der Arbeit.
Er ist um die Schildkröte herumgekrochen und dabei, die
Eier zu vermessen. Jeder hat seine Aufgabe: Paolo und
Floriano bereiten den Kleber und den Kitt vor, während
ich Buch führe und die Zahlen aufschreibe, die mir
Graeme nennt. Ich lege mich vorsichtig neben ihn. Man
muss aufpassen, dass man nicht die Wände des Hauptlochs
zum Einstürzen bringt, oder, schlimmer noch, des kleinen
Lochs, wo die Eier abgelegt werden. Es wirkt wie eine Art
Schrein unter dem großen Körper der Schildkröte, verbor-
gen von dem kleinen dreieckigen Schwanz und den Hinter-
flossen, die Graeme mit viel Feingefühl beiseite geschoben
hat. Unten sehen wir, beleuchtet von den Taschenlampen –
rund, weiß und kaum größer als Tischtennisbälle – die Eier,
die in Trauben von drei oder vier nach unten fallen. Am
Ende hat die Schildkröte etwa 100 Eier gelegt, die wir aber
nicht alle vermessen. Bäuchlings auf dem Boden liegend,
sammelt Graeme sie auf, misst ihren Durchmesser mit ei-
ner Lehre und legt sie dann zu den anderen, wobei er flüs-
tert: »Forty-one point seven«, »forty-two point one«,
»thirty-eight point nine«…

Um die Schildkröten ruhig zu halten, während wir die


Sender anbringen (PTT oder Platform Transmitter Termi-
nal), hatten wir einen passenden Käfig mitgebracht, eine
einfallsreiche Vorrichtung, die, in ihre Einzelteile zerlegt,
leicht, tragbar und wieder zusammensetzbar war: die Mu-
mie. Sie bestand aus einem aluminiumverstärkten Holzge-
stell, das an drei Seiten von einem Futteral geschützt war,
damit sich die Schildkröte nicht verletzt. Doch dann haben
wir unseren schönen Schildkrötenkäfig nur einmal be-
nutzt, das erste Mal. Die Idee war, dass die Schildkröte
durch die offene Seite in den Käfig kriechen sollte und
dann dort gefangen wäre, sodass wir unsere Arbeit in aller
Ruhe hätten verrichten können. Das funktionierte über-
haupt nicht. Nachdem die erste Schildkröte in den Käfig
gelaufen war, überwand sie ohne die geringsten Probleme
die Barriere und stieg an der anderen Seite wieder aus. Ei-
ne Nacht, die man besser vergessen sollte: der ungleiche
Kampf zwischen uns vieren, die wir uns ungeschickt ab-
mühten, sie zurückzuhalten, und ihr, die mit weit überle-
genen Kräften an allen Seiten immer wieder entwich.
So gaben wir die Idee auf, die Schildkröten mit Gewalt
zurückzuhalten und begriffen, dass wir nur mit List vor-
gehen konnten: Um ihnen den Sender anzukleben, muss-
ten wir den Moment ausnutzen, in dem sie damit beschäf-
tigt waren, die Eier abzulegen und zuzudecken.

Während die anderen den Kitt vorbereiten, habe ich Gele-


genheit, mir die Schildkröte in Ruhe anzusehen. Sie ist ein
großes, beeindruckendes Tier. Im Dunkeln erscheint sie
mit ihrem schwarzen, einen Meter langen und einen hal-
ben Meter breiten Panzer wie ein gewaltiger, kafkaesker
Käfer. Tatsächlich ist der Panzer – pardon, der Rücken-
schild – bei richtiger Beleuchtung olivgrün, weshalb sie im
Englischen und Italienischen »Grüne Schildkröte« heißt,
und teilt sich wie bei den uns vertrauteren Landschildkrö-
ten in symmetrische Platten. Anders als diese kann sie je-
doch ihre Gliedmaßen und den Kopf mit ihrer graugrünen
Haut, die ebenfalls ein Schuppenmuster zeigt, nicht in den
Panzer einziehen. Die Vorder- und Hinterbeine sind flos-
senartig ausgebildet, haben aber Respekt einflößende
Krallen. Die Schnauze ist quadratisch, ein wenig nach vor-
ne gespitzt und hat zwei kreisrunde Nasenlöcher, über de-
nen große, runde, schwarze Augen sitzen, die einmal voll-
kommen ausdruckslos erscheinen und ihr dann wieder ein
fast sympathisches Aussehen verleihen.

Das Anbringen des Senders geht schnell und folgt den An-
ordnungen von Paolo, der in dieser Phase die Leitung
übernimmt. Im Licht der Taschenlampen schmirgeln wir
das Oberteil des Rückenschildes an, tragen Klebstoff auf,
dann Kitt, um dem Sender ein Bett zu bereiten. Danach
wird dieser in den Kitt gepresst, ein Kreuz aus langen
Glaswollstreifen über den Sender und den Panzer gelegt,
um beides fest miteinander zu verbinden, und das Ganze
mit einem äußerst starken Klebstoff bestrichen. Es ist ein
Kampf gegen die Zeit. Nachdem die Schildkröte die Eiab-
lage in etwa einer Viertelstunde beendet hat, beginnt sie,
die Brutzelle mit den Eiern abzudecken. Das macht sie mit
großer Sorgfalt und Genauigkeit, mit langsamen Bewe-
gungen der Hinterbeine, die an das Teigkneten menschli-
cher Hände erinnern.
Es ist wichtig, fertig zu werden, bevor das Zuschaufeln
der Eier beendet ist. Solange die Schildkröte nur die Hin-
terbeine bewegt, gibt es keine Probleme. Aber wenn man
zu spät beginnt oder auf ein Hindernis stößt, wird es
kompliziert. Wie am Anfang, wenn die Schildkröte das
Hauptloch zu graben beginnt, schaufelt sie nun mit ausla-
denden und kräftigen Schwimmbewegungen der Glied-
maßen Sand hinter sich, um den Grabungsort zu verste-
cken. Es sind Momente, wo man vom großen Aktionsra-
dius ihrer Flossen besser Abstand hält. Sich eine Ohrfeige
von einem ihrer Beine einzufangen, kann sehr wehtun,
wie wir alle früher oder später erleben mussten. Für die
letzten Handgriffe muss man die Ruhepausen abwarten,
wenn das Tier innehält, um seine unglaublichen Stöhn-
laute auszustoßen.
Auch wenn alles beendet scheint, muss man noch war-
ten. Wir müssen verhindern, dass sie zu früh ins Wasser
zurückkehrt: Der Klebstoff und der Kitt müssen erst ab-
binden. Manchmal tritt diese Schwierigkeit nicht auf, es
reicht, die Schildkröte im Auge zu behalten, die von sich
aus genug Zeit verstreichen lässt und eine Ewigkeit damit
verbringt, den Ort zu verbergen, an dem sie die Eier abge-
legt hat. Bei anderen Gelegenheiten hat sie es plötzlich
sehr eilig und setzt sich in Bewegung: Sie klettert aus dem
Loch und kriecht auf das Meer zu. Dann müssen wir ein-
greifen. Trotz der ganzen Arbeit, die sie geleistet hat, ist
die Schildkröte immer noch viel stärker als wir, und es ist
unmöglich, sie bewegungsunfähig zu machen. Wieder ist
eine List vonnöten. Wir müssen versuchen, ihr die Orien-
tierung zu nehmen und leuchten den Sand an den Seiten
ihres Kopfes an. Auf diese Weise gelingt es eine Weile lang,
sie zu verwirren und in die Irre zu leiten. Doch bald orien-
tiert sie sich wieder in die richtige Richtung, und dann
müssen wir versuchen, sie umzudrehen, indem wir die
Momente ausnützen, in denen sie Halt macht – wobei wir
jedes Mal aufpassen müssen, uns keine Ohrfeige von ihren
Flossen einzufangen. Das widerfuhr einmal Paolo, und ei-
nen Augenblick lang fürchtete ich, die Schildkröte hätte
seine Nase abgeschlagen.
Ich blicke auf die Uhr: Es ist nach drei. Jetzt können wir
Abbildung 6
Long Beach im Morgengrauen: eine Schildkröte kriecht – vom Sonnen-
aufgang überrascht — aus dem Loch, in dem sie ihre Eier abgelegt hat.
Auf dem Panzer klebt der Satellitensender.

sie gehen lassen. Wir belästigen sie nicht weiter, und sie
macht sich sofort auf den Weg und schleppt sich zum
Meer. Dazu wird sie noch eine halbe Stunde brauchen. Wir
könnten sofort schlafen gehen, bleiben aber noch und ver-
folgen ihre langsamen Bewegungen, unterbrochen von
langen Pausen mit ihren röchelnden Atemzügen. In der
Zwischenzeit ist hinter den Vulkanen eine Mondsichel
aufgegangen und taucht den Strand in ein unwirkliches,
silbernes Licht. Die Schildkröte erreicht die Strandlinie, eine
erste Welle benetzt sie, eine zweite hebt sie sachte an und
zieht sie einen kurzen Moment lang mit. Sie kriecht
weiter, erreicht die Zone, wo sich die Wellen brechen, und
wird von einer größeren Welle überrollt. Wir sehen einen
letzten Augenblick lang, beleuchtet von unseren Lampen,
das dunkle Profil des Rückenschilds mit der Sendeantenne,
das sich gegen die weiße Gischt abzeichnet. Dann ver-
schwindet sie im schwarzen Meer.
Wir schalten den Empfänger ein und warten. Nach eini-
gen Minuten hören wir zwei kurze, krächzende Geräu-
sche. Alles in Ordnung. Die Schildkröte ist zum Atmen
aufgetaucht und mit ihr einen kurzen Moment lang die
Antenne. Der Sender ist aktiviert und hat seine Signale
zum Satelliten geschickt. Alles funktioniert bestens. Es ist
vier Uhr morgens, wir können schlafen gehen.
In ein paar Tagen werden wir die Nachrichten über die-
se Schildkröte per Fax von Florianos Institut erhalten und
wissen, ob sie sich auf den Rückweg gemacht hat. Wohin
wird sie wandern?
XIV

Das Schicksal von Ascension änderte sich, als Napoleon


nach Sankt Helena verbannt wurde, nachdem er in Water-
loo besiegt worden war und sich den Engländern ergeben
hatte. Das war die Zeit, in der die Engländer beschlossen,
die Insel Ascension zu besetzen, um auf Nummer Sicher
zu gehen und nach Napoleons Flucht von Elba keine wei-
teren Überraschungen zu riskieren.
Napoleon wurde von der »Northumberland« nach
Sankt Helena gebracht, deren Kapitän, Sir George Cock-
burn, mit der Bewachung des Gefangenen beauftragt war.
Cockburn selbst war es, der auf eigene Initiative beschloss,
Ascension zu besetzen. Duff Hart-Davis berichtet, dass
Cockburn wenige Tage nachdem er mit Napoleon auf
Sankt Helena eingetroffen war, zwei Schiffe aus dem Ge-
leitzug der »Northumberland«, die »Zenobian« und die
»Peruvian«, in einer Sondermission entsandte. (Die »Peru-
vian« hatte übrigens schon eine wichtige Aufgabe auf der
Hinfahrt nach Sankt Helena erfüllt, als sie 200 Flaschen
guten französischen Weins beförderte, um die Tafel des
Kaisers zu bereichern.)
Die Instruktionen in einem versiegelten Umschlag, der
erst auf hoher See geöffnet werden durfte, enthielten den
Befehl, nach Ascension zu segeln. War die Insel unbe-
wohnt, sollte der Kapitän der »Peruvian« an Land gehen,
die britische Flagge hissen und eine Garnison bestehend
aus einem Offizier und zehn Soldaten zurücklassen, ebenso
eine Kanone und was sonst noch zur Verteidigung nötig
wäre. Fanden sie dagegen Schiffe anderer Nationen vor der
Insel vor, sollten sie zuwarten und ihre Absichten geheim
halten, bis diese die Gewässer wieder verließen. Wenn
die Insel anders als erwartet bereits von einer anderen
Nation besetzt war, so schlossen die Anweisungen mit
Vorsicht, sollten sie in keiner Weise eingreifen und mit der
Nachricht sofort nach Sankt Helena zurückkehren.
Vom Wind getrieben erreichten die Schiffe nach fünf Ta-
gen Ascension. Sie fanden dort niemanden vor und hissten
die englische Flagge. So geschah es, wie die Logbücher der
beiden Schiffe berichten, dass am späten Nachmittag des
22. Oktobers 1815 um halb sechs Uhr, eine Woche nach
der Ankunft Napoleons auf Sankt Helena, Ascension ohne
Schwertstreich britisch wurde. Und das blieb die Insel –
ohne Schwertstreich – bis heute.

Ähnlich war die Geschichte von Tristão da Cuña. Auch


dorthin entsandten die Briten 1816 eine Garnison, besorgt,
dass die Franzosen, aber vor allem die Amerikaner, die sie
mehr fürchteten, die Insel als Stützpunkt benutzen könnten,
um im Handstreich Napoleon zu befreien. Im Gegensatz zu
Ascension fanden sie die Insel jedoch bewohnt. Tristan liegt
viel weiter südlich, ein immer windgepeitschtes Eiland, das
den atlantischen Stürmen ausgesetzt ist. Aber, und das ist
wichtig: Es gibt dort Wasser. Die Engländer fanden auf der
Insel einen seltsamen Kauz namens Tommaso Corri (angli-
siert Thomas Currie), einen Italiener aus Livorno, der sechs
Jahre zuvor zusammen mit einem Amerikaner, einem gewis-
sen Jonathan Lambert, angekommen war. Lambert war so
klug gewesen, die Insel zu seinem persönlichen Eigentum zu
erklären und sich selbst zum Kaiser von Tristão da Cuña
auszurufen. Er hatte sogar daran gedacht, die Nachricht in
der Boston Gazette zu veröffentlichen. Dann, eines Tages im
Jahre 1812, war er zum Fischen ausgelaufen und nie wieder
zurückgekehrt. Um völlig sicher zu gehen, ließen die Eng-
länder Corri eine Erklärung unterschreiben, die ihnen die
Herrschaft über die Insel zuerkannte. Was Corri, der auf der
Insel blieb und 1817 starb, möglicherweise zu verbergen hatte,
werde ich später erzählen.
Als Napoleon 1821 starb, verlor Tristão jede Bedeutung,
und die Garnison wurde abgezogen. Aber ein schottischer
Seemann namens William Glass entschloss sich, zusam-
men mit seiner sehr jungen – zwölfjährigen – schwarzen
Frau aus Südafrika zu bleiben. Sie schenkte ihm 16 Kinder.
Mit der Zeit kamen andere Seeleute und Schiffbrüchige
hinzu, unter denen 1893 zwei Italiener namens Andrea Re-
petto und Gaetano Lavarello aus Camogli waren, die die
Havarie einer Brigantine, der Italia, überlebt hatten. Noch
heute trägt ein Drittel der ungefähr 300 Bewohner von
Tristão ihre Nachnahmen. 1962 überraschte ein plötzlicher
Vulkanausbruch das einzige Dorf der Insel, Edinburgh.
Die Bewohner mussten auf eine nahe gelegene Insel flüch-
ten und wurden dann von einem Schiff der britischen Ma-
rine evakuiert. Man brachte sie nach England, wo sie einige
Zeit in einem Flüchtlingslager blieben. Aber sie fühlten
sich dort nicht wohl und wurden weitergeschickt auf eine
Insel im Norden, vielleicht auf eine der Orkney- oder der
Shetlandinseln, wo sie nicht minder unglücklich waren.
Zwei Jahre später kehrten sie nach Tristão da Cuña zu-
rück.
Im Gegensatz zu Ascension erregte Tristão da Cuña das
Interesse von Schriftstellern. Edgar Allan Poe erwähnt sie
in Die denkwürdigen Erlebnisse des Arthur Gordon Pym,
Jules Verne in Die Eissphinx und Primo Levi in Das perio-
dische System. Auch einige Bücher jüngeren Datums be-
richten von der Insel.

Die genaueste Quelle sind jedoch vielleicht die Annals of


Tristão da Cuña von einem Italiener namens Arnaldo
Faustini. Professor Faustini – so wird er auf der Internet-
seite tituliert, der ich diese Informationen entnehme –
wurde 1872 in Rom geboren und war zur Jahrhundert-
wende ein Polarforscher von einem gewissen Ruhm. 1915
ging er in die USA, wo er für die Banca d'Italia arbeitete.
Nach dem Tod seiner Frau 1990 – er selbst war lange zu-
vor gestorben – fand die Tochter bei der Sichtung des vä-
terlichen Nachlasses ein Manuskript, von dem niemand et-
was wusste, eben jene Annalen von Tristão da Cuña, die sie
im Internet veröffentlichte.
Es ist eine äußerst detailreiche Chronik. Sie beginnt mit
der Entdeckung der Insel in den ersten Monaten des Jah-
res 1506, als das Schiff von Tnstäo da Curia durch einen
Sturm abgetrieben wurde und die Insel zuerst erblickte.
Erzählt wird die Geschichte von Lambert und Tommaso
Corri, der wohl eine Art Pirat war und seinen Kompagnon
wahrscheinlich umgebracht hat. Berichtet wird auch vom
unvorstellbar harten und isolierten Leben einer Hand voll
Kolonisten, die auf der Insel über ein Jahrhundert lang
ums Überleben kämpften.
Die Annalen enden am 23. März 1925 mit der Antwort
des Kolonialministers an einen Londoner Rechtsanwalt,
der ein Bittgesuch der Insulaner vorgetragen hatte: »Der
Innenminister versichert, dass er Seiner Majestät dem Kö-
nig die Ehrerbietungen übermitteln wird, die an Seine Ma-
jestät in der Petition der Insulaner gerichtet sind, und ver-
spricht, ihnen einen Brief zu schreiben, sobald sich eine
Gelegenheit findet. Die Regierung Seiner Majestät hegt je-
de Sympathie für den Wunsch der Bittsteller, jährlich die
Post zu erhalten, und die Frage der Einrichtung einer re-
gelmäßigeren und häufigeren Verbindung mit der Insel
wird aufmerksam geprüft […]. Es steht jedoch zu befürch-
ten, dass die Lords der Admiralität in Anbetracht der er-
heblichen Kosten und anderer Schwierigkeiten einen Be-
such der Insel durch ein Schiff Seiner Majestät nur alle drei
oder vier Jahre garantieren können […]«
XV

Es ist zwei Uhr nachmittags, jene Stunde, in der laut Noel


Coward in den Tropen nur tollwütige Hunde und Englän-
der unterwegs sind. Die Sonne steht gnadenlos hoch am
Zenit, aber die Hitze wird ein wenig vom Passat gemildert,
der wie immer ununterbrochen aus Südost weht. Meine
Freunde sitzen auf der Veranda, markieren auf der Karte
die Position der Schildkröten, deren Koordinaten gerade
per Fax aus Italien gekommen sind, und fragen sich, was
sie wohl gerade tun. Ich nehme den Kleinbus, um eine
Runde zu machen.
Es war nicht leicht, den Lieferwagen aufzutreiben. Wie
überall, wo es keine Nachfrage gibt, gibt es auch kein An-
gebot. Da keine Touristen nach Ascension kommen, war
niemand darauf vorbereitet, ein Auto zu vermieten. Der
Verwalter hatte sich von Anfang an klar geäußert: »Ich
kann gar nichts machen. Ich habe kein Auto, das ich Ihnen
einen Monat lang geben kann, die ansässigen Firmen ha-
ben ihre eigenen Wagen, und nur in begrenzter Zahl. Viel-
leicht kann ich Ihnen das Auto des katholischen Pfarrers
geben, wenn er in zwei Wochen abreist. Oder hören Sie
sich bei den Heiligen um. Aber darum müssen Sie sich
selbst kümmern, wenn ich frage, wird es nur noch schwie-
riger.« Nach einer Woche fanden wir einen Heiligen, der
bereit war, uns gegen Bezahlung seinen überaus klapprigen
Lieferwagen zu leihen.
Benzin gibt es und auch Wasser, das, nach Empfehlung
des Heiligen, jeden Tag aufgefüllt werden muss. Ich fahre
los und mache die übliche Anstrengung, mich zu konzen-
trieren, denn hier herrscht Linksverkehr, und fahre nach
Süden zum amerikanischen Militärstützpunkt und zum
Flughafen. Die Straße führt parallel zur Küste bergan,
durch eine öde und unwirtliche Landschaft mit dürrem
Gestrüpp. Mir begegnen ein paar Autos – wir grüßen uns
– und eine Gruppe von Eseln, die im Gänsemarsch am
Straßenrand entlanglaufen. Sie erschrecken sich nicht im
Geringsten, als ich vorbeifahre, nur ein Füllen läuft ver-
ängstigt zur Mama und drückt sich an ihre Seite.
Ich stelle das Radio an. Es ist auf die Welle der BBC ein-
gestellt, Africa Service. Die Sendung, die gerade aus Ascen-
sion über die gigantischen Antennen der English Bay aus-
gestrahlt wird, hat ein besonders für Afrika ernstes Thema:
Wie kann man sich vor Aids schützen?

Zwei hohe Fahnenmasten mit der britischen und amerika-


nischen Flagge markieren den Eingang zum Stützpunkt.
Auf dem Boden stehen zwei Kanonen, ein Gedenkstein,
der an den Bau des Flughafens im Zweiten Weltkrieg erin-
nert, und der unvermeidliche weiße Wegweiser voller Pfei-
le, die in alle Richtungen zeigen und die Entfernungen zu
den unterschiedlichsten Orten auf der Welt angeben: so
und so viele Meilen nach Los Angeles, so und so viele nach
Singapur und viele andere Orte, einschließlich des Nord
und Südpols. Es gibt keinerlei Absperrung, aber es wird so-
fort klar, dass es sich hier um eine andere Welt handelt. Im
Radio erklärt ein Arzt die Nützlichkeit von Kondomen.
Ich arbeitete vor Jahren auf einem Stützpunkt in der
Nähe der Stadt, in der ich lebe, und habe auch schon an-
dere Militärbasen gesehen, in Deutschland, in den USA
und auf Okinawa in Japan. Überall der gleiche Stil, die
gleiche Art von Gebäuden, der gleiche erfolgreiche Ver-
such, das Ambiente eines »guten« Vorortes einer Klein-
stadt des Mittleren Westens zu schaffen, wie immer die üb-
rige Umgebung aussehen mag: die Hügel Mittelitaliens,
die Felder und Wälder Deutschlands oder die verlosche-
nen Vulkane einer verlorenen Insel inmitten des Ozeans.
Quadratische Wege, große Autos, niedrige, von Rasen um-
gebene Häuschen und dann, weiter hinten, die Depots mit
Lastwagen, Kränen, Verladebühnen, alles in dunklem
Graugrün und, so scheint es uns, übertrieben, sowohl im
Hinblick auf die Zahl wie auf die Dimensionen.
So, wie es einem Sprung Tausende Kilometer nach Nor-
den gleichkommt, wenn man abends in den Club der Hei-
ligen in Georgetown tritt und sich wie durch ein Wunder
im lauten Halbdunkel eines englischen Pubs wiederfindet,
so wird man beim Betreten des Vulcano Clubs der ameri-
kanischen Militärbasis wundersamerweise wer weiß wie
viele tausend Kilometer entfernt nach Nordwesten in ir-
gendeine amerikanische Bar versetzt. Es ist ebenso laut –
nur dass hier Country-Musik spielt – und ebenso dunkel –
hier jedoch mit den durch den Raum säbelnden rosafarbe-
nen und dunkelblauen Scheinwerfern einer Lichtorgel.
Und es ist größer, bunter, bequemer und funkelnder, vol-
ler kräftiger junger Leute der unterschiedlichsten Ethnien,
Männer und Frauen, alle Kaugummi kauend, zuweilen mit
einigen älteren, rundbäuchigen Möchtegern-Cowboys
darunter. Während im Pub der Heiligen unangefochten
das Bier regiert, wird der Vulcano Club von gefährlich
hochprozentigen, wenn auch schön präsentierten Spiri-
tuosen (Whisky) und Softdrinks (Coca-Cola) beherrscht.
Die Wände sind mit leicht veralteten Farbfotos behängt,
die von einer nahen Vergangenheit erzählen: Sie zeigen
startende Raketen auf Cape Canaveral, Satellitenfotos, auf
denen die Insel unfehlbar zum Teil von Wolken verdeckt
wird. Man sieht die Besatzungen von Mondflügen mit den
lächelnden Astronauten und ihren Autogrammen, die den
Stützpunkt der NASA besuchen, der jetzt schon acht Jahre
geschlossen ist.

Die Straße steigt entlang anderer Vulkankegel an und er-


reicht das Zentrum der Insel. Die Landschaft verändert
sich. Pflanzen tauchen auf, vertrocknet und gelb, die Bü-
sche nehmen zu, hier und da steht ein Baum. Wir sind auf
der zentralen Ebene, Donkey Piain, wo es viele wilde
Schafe und, wie der Name schon sagt, Esel gibt. Im Radio
hat eine neue Sendung begonnen: »This – is – London«,
sagt die Stimme des Ansagers mit verhaltener Emphase. Es
folgen die Nachrichten. Links in der Ferne neben einem
kleinen, schwarzen Vulkankegel erscheinen drei Anten-
nen, die wie riesige Salatschüsseln gegen den Himmel ge-
richtet sind. Rechts, neben der Straße, steht eine andere
weiße Parabolantenne. Es ist die Satellitenempfangsstation
von Cable & Wireless, erbaut 1967, neben einer kleinen,
unbewohnten Hütte, in der ein geomagnetisches Observa-
torium untergebracht ist.
Ich fahre ein paar weitere Kilometer bergan, während
sich eine herrliche Aussicht über den Südwestteil der Insel
eröffnet. Unter mir liegt die äußerst lang gestreckte Roll-
bahn des Flughafens. Sie ist, wie uns erzählt wurde, für die
Notlandung eines Spaceshuttles ausgelegt, falls es ausge-
rechnet in diesem Weltteil zur Landung gezwungen sein
sollte. Jenseits der Piste weitet sich der Blick auf die zen-
trale Ebene mit ihrem Durcheinander von kleinen und
großen Vulkankratern, von denen der größte Green
Mountain heißt. Auf der gegenüberliegenden Seite im Sü-
den erstreckt sich eine endlose Lavafläche und dahinter
der unermessliche Ozean. Während im Norden die dunk-
len Farben der Erde vorherrschen – Braun, Ocker, das
Rostrot der Erde und das Dunkelgrün der Pflanzen –, bie-
tet der Blick nach Süden ein noch öderes Bild. Hier erstre-
cken sich vom Guano der Vögel blendend weiß gefärbte
Lavafelder, die abrupt in das intensive Blau des Meeres am
Horizont übergehen.

Ich gelange zu einem kleinen Pass und blicke auf eine


gänzlich andere Landschaft. Der Übergang ist brüsk und
unerwartet. Plötzlich ist alles ringsherum grün. Ich bin zur
östlichen, der Luvseite der Insel gelangt, die dem feuchten
Passat ausgesetzt ist. Die Straße wurde von der NASA an-
gelegt und führt zu einer Station zur Weltraumbeobach-
tung und Kontrolle der Apollo-Missionen im Zentrum der
Insel. Kilometerweit treffe ich niemanden, es gibt keine
Gebäude und nicht einmal Antennen. Nur die wilden
Schafe und auf dem Asphalt von Zeit zu Zeit die Reste ei-
ner riesigen Landkrabbe.
Die Station wurde 1965/66 gebaut und 1989 geschlos-
sen. Die Apollo-Missionen waren beendet und der Welt-
raum wurde nun von anderen Sternwarten aus studiert.
Zwei schlecht gepflegte Palmen an der Straße markieren
den Eingang. Aus dem rissigen Asphalt des Parkplatzes
wächst Gras. Es ist ein einziges, leeres Gebäude. Von den
Wänden bröckelt der Putz, einige Fenster sind zerbro-
chen, die Rahmen verrostet, an den Scheiben kleben Ab-
ziehbilder, die jemand vor zehn oder fünfzehn Jahren an-
gebracht hat. Von den beiden großen Parabolantennen, die
die erste Mondlandung des Menschen direkt verfolgten,
sind als einzige Spuren nur noch die großen Betonfunda-
mente auf dem Gelände übrig geblieben – sie wurden ab-
gebaut und abtransportiert. Nur die wenigen Pfadfinder
der Insel machen manchmal einen Ausflug hierher.

Ich kehrte einige Male zu diesem Teil der Insel zurück und
machte lange und einsame Spaziergänge, während sich
Floriano und Paolo auf die Jagd nach irgendwelchen In-
sekten begaben. Ich verließ die Straße und ging einen be-
festigten Weg in Richtung Cricket Valley, das Tal der Gril-
len, hinunter und dann in Richtung Teufelskessel, Devil's
Cauldron. Weit und breit keine Seele, keine Spur von
Menschen, keine Geräusche von Stimmen oder von Autos,
nur das ununterbrochene Pfeifen des Windes. Ringsherum
überall niedriges Gebüsch, das im ersten Moment an die
Macchia, den niedrigen Buschwald des Mittelmeeres, erin-
nert. Aber die Pflanzen sind nicht mediterran, keine Sträu-
cher mit kleinen, duftigen Blättern, Beeren … Sie sind zwar
ebenfalls niedrig und dicht, aber mit größeren und glän-
zenderen Blättern, allzu grellfarbenen Blumen und kleinen
Schlingpflanzen, irgendetwas zwischen Zimmerpflanzen
in einem verwilderten Gewächshaus und einem tropischen
Regenwald in Miniaturformat. Auch der Boden ist, ob-
wohl feucht und mit Grün bedeckt, unfruchtbar. Es reicht,
ein wenig daran zu kratzen, um zu sehen, wie dünn die
Humusschicht ist. Diese Umgebung, die für sich genom-
men schon seltsam ist, wird durch ihren hauptsächlichen –
und lange Zeit einzigen – Bewohner noch unwirklicher.
An jedem anderen Ort auf der Welt wäre das Unterholz
von Eichhörnchen, Nattern und Kaninchen bevölkert ge-
wesen, hier jedoch leben nur große, angriffslustige, gelb-
lich-orange Landkrabben, mit wissenschaftlichem Namen
Geocarcinus langostoma.
Es ist nicht schwer, auf sie zu stoßen. Es reicht, am We-
gesrand innezuhalten und das Unterholz zu beobachten,
schon lässt sich nach einigen Minuten eine große orange
Krabbe blicken. Sie bemerken sofort, dass jemand da ist
und legen von vornherein ein Verhalten an den Tag, das al-
les andere als furchtsam wirkt. Sie scheinen nicht die ge-
ringste Lust zu haben, zu fliehen oder sich zu verstecken –
was bei der Körperfarbe allerdings auch nicht ganz einfach
wäre. Stattdessen verharren sie reglos und scheinen einen
durch die feindseligen kleinen Augen zu beobachten, die
unter ihrem Panzer vorlugen, wobei sie gut sichtbar und
drohend ihre Furcht einflößenden Scheren zeigen.
Einst war die ganze Insel von Abertausenden von Land-
krabben bevölkert. Im vergangenen Jahrhundert, als man
versuchte, die höchstgelegenen und fruchtbarsten Böden
zu bestellen, erkannte man, dass sie ein Problem darstell-
ten. Ihre Angewohnheit, Löcher zu graben, machte jeden
Versuch, einen Garten anzupflanzen oder ein Feld einzu-
säen, zu einem fruchtlosen Unterfangen. Daraufhin wur-
den sie von den Mannes ausgerottet. Für zehn Scheren-
paare getöteter Krabben erhielt jeder Jäger eine bestimmte
Menge Rum. In irgendeinem Dokument sind Reste der
Buchführung über die abgelieferten Scheren – oder den
dafür ausgegebenen Rum – erhalten geblieben. So konnte
Duff Hart-Davis errechnen, dass zwischen 1880 und 1888
gut 385 5 35 Landkrabben getötet wurden.
In diesem entlegenen und unbewohnten Teil der Insel
trifft man noch einen weiteren, nicht so alteingesessen und
heimlicheren Bewohner: Katzen. Es sind kleine, magere
und äußerst schnelle Tiere. Wenn man eine trifft, späht sie
einen Augenblick von weitem, aber sobald man sich zu nä-
hern versucht, ist sie verschwunden.
XVI

Wenn man das erste Mal eine Meeresschildkröte nachts am


Strand sieht, denkt man vielleicht zuerst an einen riesigen
Käfer, aber als Zweites kommen einem unweigerlich ihre
nicht so entfernten und weniger glücklichen Verwandten
in den Sinn: die Dinosaurier.
Schildkröten sind wahrhaft lebende Fossilien. Ihr erstes
Auftauchen liegt 200 Millionen Jahre zurück, als die ersten
Reptilien das Festland besiedelten. Das gelang ihnen vor
allem aufgrund von zwei neuen Fähigkeiten, über die die
Fische und Amphibien nicht verfügten: Sie legten Eier, die
außerhalb des Wassers überleben konnten, und sie bilde-
ten eine widerstandsfähige und undurchlässige Haut aus,
die sie vor dem Austrocknen schützte. Bei einigen der ers-
ten Reptilien nahm dieses Merkmal eine besondere Ent-
wicklung: Die Schuppen des Rumpfes wuchsen unterei-
nander und mit den darunter liegenden Rippen zusammen,
verhärteten und verdickten sich und wurden zu einem
echten, harten und äußerst resistenten Panzer. Es war nur
eine der vielen Variationen, die in der Natur ständig entste-
hen, aber diese Innovation sollte sich als siegreich erwei-
sen.
Andere Reptilien, die Dinosaurier, bildeten unzählige
Arten aus, bis sie in der folgenden erdgeschichtlichen Peri-
ode, dem so genannten Mesozoikum vor 220 bis 65 Millio-
nen Jahren, das ganze Tierreich beherrschten, dann jedoch
mit einer Katastrophe, wahrscheinlich einem Meteoriten-
einschlag auf der Erde, ein plötzliches Ende fanden. Seit-
her breiteten sich die Vögel aus, vielleicht Nachkommen
der Dinosaurier, und die Säugetiere.
Unter den Reptilien überlebten nach dem Aussterben
der Dinosaurier andere Formen, die sich zu den Schlangen
und Echsen entwickelten. Es überlebten die Krokodile
und die noch älteren Schildkröten, die über Jahrmillionen
die gleiche Skelettstruktur bewahrten und damit bewie-
sen, dass diese spezielle evolutionäre Lösung – ein äuße-
rer, höchst widerstandsfähiger, wenn auch schwerer und
hinderlicher Panzer – insgesamt besser war als so viele an-
dere.

Wie alle Tiere, die im Meer oder im Süßwasser leben und


Luft atmen, sind die Schildkröten »sekundäre« Wasser-
tiere, die von älteren Landschildkröten abstammen, wel-
che in einer bestimmten Phase der Evolution – wer weiß
vor wie vielen Millionen Jahren – ins Wasser zurückkehr-
ten. Sie bewahrten neben der Atmung noch ein anderes
Merkmal der Landtiere, das zu wichtig war, um geändert
zu werden: die Art ihrer Fortpflanzung. Aus diesem
Grund legen die Weibchen der Meeresschildkröten ihre
Eier am Strand ab.
Nachdem die Eier abgelegt und abgedeckt sind, kehrt
die Mutter ins Meer zurück. Anders als andere Reptilien
kümmert sie sich danach nicht mehr um sie. Nach etwa 50
Tagen, wenn der Sand die richtigen Bedingungen hatte,
keine Sturzsee den Strand verwüstet und das Gelege zer-
stört und kein Räuber es entdeckt hat, schlüpfen die Klei-
Abbildung 7
Seltener Anblick: Eine Schildkröte kehrt erst im Hellen nach der
Eiablage ins Meer zurück. Der Sender auf ihrem Panzer wird ihre
Reise durch den Ozean nachverfolgen.
nen. Wie wir herausfanden, haben sie fast alle oder sogar
alle – das gleiche Geschlecht.
Der große Vorzug von Ascension ist für die Schildkrö-
ten, dass die Räuber nur dünn gesät sind: Es fehlen Hunde
und Affen, die im Sand nach Eiern graben. Auch die Men-
schen, die anderswo, in Malaysia, Mexiko und Afrika,
Schildkröteneier zu schätzen wissen und sie auf den dorti-
gen Märkten kaufen können, verschonen sie hier – noch.
Es gibt allerdings andere Feinde.
Die Eier werden nicht nur nachts gelegt, auch die Jung-
tiere schlüpfen in der Nacht. Erst gräbt sich eins, dann
zwei und dann in schneller Folge die ganze Brut nach oben
und läuft auf das Meer zu. Dass alle zur gleichen Zeit
schlüpfen, ist eine Notwendigkeit, weil sie es nur gemein-
sam schaffen, sich den Weg nach oben aus dem Sand freizu-
schaufeln. Außerdem wächst, einmal oben angekommen,
auf diese Weise die Wahrscheinlichkeit, dass wenigstens das
eine oder andere Jungtier überlebt. Weniger als zehn Zenti-
meter lang, sind sie perfekte Schildkröten in Miniaturfor-
mat. Nicht selten wurden wir in den langen Nächten, die
wir am Strand verbrachten, von einem plötzlichen Ge-
wimmel im Sand unter uns überrascht: Dutzende kleiner
Schildkröten, die, statt sich ins Meer zu stürzen, vom Licht
unserer Lampen angelockt worden waren.

Was danach mit den Kleinen geschieht, blieb lange ein Ge-
heimnis. Schildkrötenforscher sprachen von lost years, den
verlorenen Jahren, von denen wir nichts wissen. Tatsäch-
lich war das Ende für die übergroße Mehrzahl von ihnen
immer recht vorhersehbar: Sie werden früher oder später
zur Beute von Fischen oder Vögeln. Man glaubt heute,
dass die wenigen glücklichen Schildkröten, die das Er-
wachsenenalter erreichen, sich jahre-, jahrzehntelang von
den majestätischen Ozeanströmen treiben lassen, die wie
gigantische unsichtbare Flüsse die Meere durchqueren. So-
bald sie im offenen Meer sind und ihre letzten Energiere-
serven aufgezehrt haben, ernähren sie sich von Plankton,
kleinen Quallen und kleinen Fischen.
Wenn die Suppenschildkröten groß genug sind, verlas-
sen sie aus unbekannten Gründen das offene Meer und
bleiben in Küstennähe. Sie werden sesshaft und wechseln
– wie die Meeresbiologen sagen, die sich wie alle Spezialis-
ten eine exklusive Geheimsprache zugelegt haben – von ei-
ner »pelagischen« Lebensweise (im offenen Meer) zu einer
»benthonen« (in Ufernähe). Jetzt ändern sie auch ihre Er-
nährungsgewohnheiten: Sie werden zu Pflanzenfressern
und ernähren sich von der Meeresvegetation. Dann, nach
vielen weiteren Jahren, ziehen sie los, um sich fortzupflan-
zen und finden – unglaublicherweise – den Ort wieder, an
dem sie mindestens 15 bis 20 Jahre zuvor geboren wurden.

Die Fähigkeit, zum Geburtsort zurückzukehren, um sich


fortzupflanzen – die Verhaltensforscher sprechen von na-
tal homing –, ist eins der faszinierendsten und geheimnis-
vollsten Phänomene des Tierreichs.
Der – indirekte – Beweis, dass auch Schildkröten dies
können, wurde erst vor wenigen Jahren erbracht. Er grün-
det auf der Analyse der mitochondrialen DNA, die jedes
Tier einschließlich der Schildkröten von der eigenen Mut-
ter erhält. Es ist eine Art weibliches Äquivalent zum
Nachnamen, der in vielen Kulturen früher von den Män-
nern an alle Nachkommen weitergegeben wurde. Unter-
suchungen an jungen Schildkröten, die an verschiedenen
Orten auf der Welt gefangen wurden, haben gezeigt, dass
jeder Strand eine typische und begrenzte Anzahl von ge-
netischen Merkmalen der mitochondrialen DNA hat. Wie
bei Dörfern auf dem Land, wo fast alle Bewohner diesel-
ben vier oder fünf Nachnamen tragen, weil sie seit Gene-
rationen hier leben oder, selbst wenn sie umgezogen wa-
ren, immer wieder an ihren Geburtsort zurückkehrten,
kann die Tatsache, dass junge Schildkröten an jedem
Strand alle die gleichen drei oder vier »mitochondrialen
Nachnamen« haben, nur zweierlei bedeuten: entweder,
dass die Schildkröten alle am selben Strand bleiben, oder
dass sie, selbst wenn sie fortwandern, immer wieder an
denselben Ursprungsstrand zurückfinden, um sich fortzu-
pflanzen. Da wir aber wissen, dass die erste Hypothese
nicht stimmt, bleibt nur die zweite übrig, dass nämlich, so-
bald sie nach ein bis zwei Jahrzehnten erwachsen gewor-
den sind, jede Schildkröte in der Lage ist, die Ozeane wie-
der zu durchqueren und jenen Strand oder, in unserem
Fall, jene äußerst entlegene und verlorene kleine Insel wie-
der aufzusuchen, an der sie so viele Jahre zuvor geboren
wurde.
Es gibt einen anderen, weniger bekannten und wissen-
schaftlich noch nicht ausreichend publizierten Beweis, der
vielleicht direkter und noch überzeugender ist. Floriano er-
zählte mir davon, und später sah ich darüber auch ein Vi-
deo. Es handelt sich um die Arbeit von George Hughes,
dem Direktor eines Naturparks an der Küste des Indischen
Ozeans in der Nähe von Durban in Südafrika. An den
Stränden des Parks legen verschiedene Schildkrötenarten
ihre Eier ab. Seit mehr als 30 Jahren führt Hughes mit sei-
nen Mitarbeitern immer das gleiche Experiment mit den
Schildkröten durch, die an diesen Stränden geboren wer-
den. In der Schlüpfzeit, wenn jede Nacht Hunderte aus den
Gelegen krabbeln und zum Meer laufen, werden die Jung-
tiere gefangen, in Plastikbehälter gesteckt und der Rand ih-
res Panzers an ein oder zwei Stellen eingekerbt, immer an
der gleichen in einem Jahr, aber jedes Jahr an einer anderen
Stelle. Dabei stellte sich heraus, dass ein Großteil der er-
wachsenen Schildkröten, die zur Eiablage an die Strände
kamen und bis heute kommen, eine oder zwei Kerben im
Rückenschild tragen, Zeichen der kleinen Verletzung, die
ihnen die Forscher nach der Geburt beibrachten.
Es bleiben drei entscheidende Fragen: Warum kehren sie
zurück, wie schaffen sie das und woher kommen sie?
Der Grund, warum die natürliche Auslese dieses beson-
dere Verhalten begünstigte, mit anderen Worten, der Vor-
teil, den es bedeutet, an den eigenen Geburtsort zurückzu-
kommen, um dort die eigenen Nachkommen zur Welt zu
bringen, lässt sich vielleicht ahnen. Schon die Tatsache
nämlich, dass ein bestimmtes Exemplar lebt, beweist ja,
dass es bis zu dem Moment in der Lage war, zu überleben.
Das ist vielleicht eine banale Erkenntnis, aber sie bedeutet
in der Natur in der Regel, eine Unzahl von Prüfungen be-
standen zu haben, von denen die erste – und sicher eine der
schwierigsten – darin besteht, die Momente unmittelbar
nach der Geburt zu überleben, wenn jedes Tier wehrlos
ist. Auch wenn dabei viel Glück im Spiel ist: Wenn ein Tier
die anfänglichen Gefahren überstanden hat, beweist dies
zweifellos, dass sein Geburtsort gut gewählt war. Und das
dürfte wohl der Grund sein, warum es für die Schildkrö-
ten selbst um den Preis, unglaubliche Entfernungen zu-
rücklegen und auf den ersten Blick unüberwindliche Hin-
dernisse meistern zu müssen, von Vorteil ist, an ihre
Ursprünge zurückzukehren, um die eigenen Nachkom-
men die gleichen Abenteuer bestehen zu lassen.
Schwieriger ist es, die Frage nach dem »Wie« zu beant-
worten. Es ist bekannt, dass sich einige Vögel an der Posi-
tion von Sonne und Sternen orientieren und Geruchsspu-
ren in der Luft folgen. Auch Lachse scheinen dem
Geruchssinn zu vertrauen, wenn sie zum Laichen die Flüsse
hochschwimmen. Das haben zahlreiche Experimente
gezeigt, von denen eins recht einfach ist: Wenn man eine
Gruppe von Fischen an einer oberen Stelle eines Flusses
fängt, den die Lachse hochschwimmen, und sie ein Stück
flussabwärts vor einer Flussgabelung wieder aussetzt, keh-
ren sie zu dem Punkt zurück, an dem sie gefangen wurden.
Das beweist, dass die Wahl der Flussarme nicht zufällig
war. Wird den Lachsen jedoch vorher das Geruchsorgan
entfernt, schwimmt die Hälfte von ihnen den »richtigen«
Arm hoch, die andere den »falschen«, was belegt, dass die
Wahl vom Geruchssinn beeinflusst wird, der zwischen
dem »Geruch« der beiden Flussarme unterscheiden konn-
te.
Gilt das, was für einen engen Wasserlauf bewiesen wur-
de, wo die Wahl relativ einfach ist – entweder links oder
rechts –, auch für die unbegrenzten Räume des offenen
Meeres? Folgt der Lachs, der Tausende von Kilometern
zurücklegt, um zu dem Fluss zurückzukehren, in dem er
geboren wurde, bereits im Meer der Geruchsspur, die ihn
den richtigen Flussarm wählen lässt, wenn er landeinwärts
schwimmt? Wie orientieren sich Lachse – und Schildkrö-
ten – in den riesigen Weiten der Ozeane? Darüber ist we-
nig oder nichts bekannt. Aber darauf und auf die Frage des
»Woher« kommen wir in einem der nächsten Kapitel noch
zurück.
XVII

Obwohl Ascension wahrscheinlich einer der Orte mit der


höchsten Antennendichte auf der Welt ist, gibt es keinen
örtlichen Fernseh- oder Radiosender. Es gibt wohl einen
Fernsehkanal, der Spielfilme sendet, und eine Sendestation
des BBC World Service mit enormer Leistung, die Atlan-
tic Relay Station, die in einem halben Dutzend Sprachen –
Englisch, Französisch, Swahili, Haussa, Spanisch und Por-
tugiesisch – Nachrichten und Kommentare für zwei Kon-
tinente ausstrahlt, aber keine Neuigkeiten über das Insel-
leben verbreitet.
Die einzige Informationsquelle ist die kleine Zeitung
The Islander, die seit 1971 jeden Freitag erscheint, heraus-
gegeben von der fleißigen Frau eines Angestellten der
BBC (oder der Royal Air Force oder von Cable & Wire-
less).
Heute – wir haben die 1330ste Ausgabe – besteht die
Zeitung aus etwa 30 zusammengehefteten, maschinenge-
tippten Seiten. Man ahnt, dass die Herausgeberin neuer-
dings mit einem Computer arbeitet, der sicher bereitwillig,
wenn auch noch nicht ganz perfekt eingesetzt wird. The
Islander kostet 30 Pence beziehungsweise 55 Cent.
Ich blättere im Durcheinander der Hefte, die ich mit
nach Hause gebracht habe:
Visite des Augenarztes
Wir erinnern daran, dass Dr. Eric Burton vom 29. September bis zum
14. Oktober für seine jährliche Visite auf die Insel kommt. Wer sich un-
tersuchen lassen möchte, möge das Krankenhaus in Georgetown unter
der Nummer […] anrufen, Namen, Organisationszugehörigkeit und
Telefonnummer hinterlassen und angeben, ob er oder sie ein neuer Pa-
tient ist oder bereits früher hier oder auf Sankt Helena untersucht wurde.
Die Sprechzeiten müssen vor dem 27. Juni vereinbart werden. Danach
können keine Termine mehr vergeben werden, es werden keine
Ausnahmen gemacht und für Termine, die nicht eingehalten oder we-
gen Verspätung verpasst werden, können keine neuen vereinbart wer-
den. Jennifer Ross.

Ich sitze an meinem Schreibtisch und blicke auf den Ka-


lender: Es ist der 12. Oktober, noch zwei Tage, und Dr.
Burton wird sich für ein ganzes Jahr nicht mehr auf der In-
sel blicken lassen. Und wer es vergessen hat oder zu spät
kommt, bekommt keine Brille oder muss die alte weiter
tragen. Ob die eisernen Regeln, die Jennifer Ross verkün-
det, wirklich eingehalten werden?
Könnte es vielleicht sein, dass Jennifer Ross dieselbe
strenge, nicht mehr ganz junge, strohblonde Kranken-
schwester ist, die mich empfing, als ich im Krankenhaus
war? Ich wette darauf!
Am zweiten Tag nach unserer Ankunft ging ich zum
Krankenhaus, um dem Arzt der Insel einen Besuch abzu-
statten. Meine Freunde zogen mich damit auf: »Erst
murrst du, dass du es nicht abwarten kannst, deinem Beruf
– wenigstens für kurze Zeit – zu entkommen, und jetzt,
wo du die Möglichkeit hast, was machst du? Du nutzt die
erstbeste Gelegenheit, um deinen Kollegen auf der Insel zu
besuchen. Du kannst ohne Krankenhaus nicht leben.«
Recht hatten sie, meine Freunde. Manche Berufe verein-
nahmen den Menschen völlig, und man kann sie nicht so
leicht abschütteln. Semel abbas, semper abbas, sagt ein al-
tes lateinisches Kirchensprichwort: Einmal Priester, immer
Priester, man ist gezeichnet und bleibt es für immer. Das
Gleiche gilt für Ärzte, und es ist nur natürlich, Seinesglei-
chen zu suchen.
Der Doktor war ausgegangen und würde vielleicht später
wiederkommen. »Aber was wollen Sie?«, fragte mich
Jennifer Ross. Wie alle guten Schwestern und Kranken-
pfleger beschützte sie ihren Arzt, der ohne sie oder ihn
verloren wäre. Ich erklärte ihr, wer ich war und was ich
wollte. Sie blickte mich misstrauisch an. Dann sagte sie, ich
solle mich setzen, der Doktor würde im Laufe einer Vier-
telstunde zurückkehren. Ich blieb eine Weile neben zwei
anderen Patienten sitzen und wartete. Die Stühle standen
auf einer Veranda, die auf einen Platz mit schwarzem
Schotter mit dem Meer im Hintergrund hinausblickte.
Nach ein paar Minuten zwang mich meine natürliche Un-
ruhe – mein Arztberuf gab mir dazu die Autorität –, mich
zu bewegen. Ich konnte ja schlecht dort sitzen bleiben wie
ein normaler Patient, ich hatte das Recht auf einen Erkun-
dungsgang, und schließlich belästigte ich im Grunde ja
niemanden. Aber da war ich im Irrtum. Trocken rief mich
die Krankenschwester zur Ordnung: Ich solle auf meinem
Platz bleiben. Ich erwiderte, dass ich am folgenden Tag
wiederkommen würde und ging.
Ein anderer Artikel in der Inselzeitung sprach von
Percy Yon:
Percys letztes Volltanken
Ein Kapitel in der Geschichte der Insel Ascension endete am Montag-
nachmittag, als Percy Yon zum letzten Mal seine Tankstelle schloss.
Percy war am 9. November 1962 nach Ascension gekommen, um für
drei Jahre auf dem amerikanischen Stützpunkt zu arbeiten. Danach
ging er nach Sankt Helena zurück, heiratete und kehrte 1966 wieder,
um für Cable & Wireless zu arbeiten. Er arbeitete kurze Zeit auch für
die Polizei, ging wieder zu C & W und wechselte dann zu AIS (Ascen-
sion Island Services), wo er die letzten 13 Jahre für die Tankstelle ver-
antwortlich war.
Seine Frau Doreen und seine Tochter Deborah folgten ihm 1971 von
Sankt Helena auf die Insel, als Deborah vier Jahre alt war.
Percy und Doreen verließen Ascension mit der Tristar am Mitt-
woch, um in Portsmouth im Vereinigten Königreich ihre Vorruhe-
standsferien zu verbringen. Es ist ihr erster Besuch in England, und wir
alle hoffen, dass sie dort unten eine wunderbare Zeit verleben.
Sie werden rechtzeitig in Ascension zurück sein, um am 19. Juni das
RMS [Royal Mail Ship] zu nehmen und wieder nach Sankt Helena zu-
rückzukehren, wo sie endgültig in Pension gehen.

Alle kannten Percy Yon und seine Tankstelle. Sie war die
einzige auf der Insel und hatte wie jedes der wenigen Ge-
schäfte ganz persönliche und unwahrscheinliche Öffnungs-
zeiten. Einige Tage bevor Percy und Familie abreisten, um
»im Vereinigten Königreich ihre Vorruhestandsferien zu
verbringen«, waren wir zufällig tanken gefahren. Wir trafen
einen zornigen und groben alten Mann an, der uns mit
Schimpfwörtern überhäufte.
Hinterher erfuhren wir, dass der arme Percy tatsächlich
verzweifelt war: Er war gezwungen, den Ort zu verlassen,
wo er 35 Jahre lang gelebt hatte, und vor allem musste er
seine Tochter und seine kleinen Enkel zurücklassen – die
Hälfte seiner Familie.
In der Inselzeitung fand sich auch eine Meldung über
das Kriminalitätsniveau:
Polizeistatistik
Die Zweigstelle Ascension der Polizei von Sankt Helena gab die Statis-
tiken für das erste Jahresdrittel bekannt (1. Januar bis 31. März 1997).
In dieser Zeit erhielt die Polizei 51 Anzeigen (die gleiche Zahl wie
im gleichen Zeitraum im Jahr zuvor). Es gab acht Kriminalfälle, vier
mehr als im Vorjahr. Vier Fälle wurden vor Gericht verhandelt (keiner
im Vorjahr). Die Zahl der Verkehrsunfälle blieb gleich (7). Es gab nur
15 Übertretungen der Straßenverkehrsordnung, verglichen mit 30 im
ersten Drittel 1996.
Die vor Gericht verhandelten Fälle waren vier Diebstähle (einer
1996) […]
Abgesehen von den Schiffen Ihrer Majestät betrug die Gesamtzahl
der Einschiffungen in Ascension im untersuchten Zeitraum 15 (wovon
14 Yachten waren), im vergangenen Jahr waren es 13, davon 9 Yachten.
Schließlich sind auf der Insel 867 Kraftfahrzeuge registriert, von de-
nen 682 tatsächlich am Straßenverkehr teilnehmen. Es sind 107 Motor-
räder registriert, von denen 52 am Verkehr teilnehmen.

Ebenso wenig fehlt es an Arbeitsangeboten:


Zeitungsdirektor
Ab Mitte Juni wird der Posten des Verantwortlichen Direktors der
Wochenzeitung The Islander frei. Diese wirklich interessante Position
sieht einen Arbeitsaufwand von zwei vollen Tagen in der Woche vor.
Die Befriedigung aus der Arbeit wird unterschiedlich sein, nicht selten
wird sich Frustration einstellen. Erfahrung in diesem Bereich ist nicht
unbedingt erforderlich. Günstig wirkt sich dagegen ein verständnisvol-
ler Partner und eine ordentliche Portion Humor aus. Vorteile der Ar-
beit sind, an Festen, Geburtstagen, Taufen und so weiter teilnehmen zu
können und einige interessante Fische von beträchtlichen Ausmaßen
zu sehen zu bekommen, fotografieren und zuweilen auch kosten zu
dürfen.
Das sind die Vorteile, die sich mit dieser prestigeträchtigen Aufgabe
verbinden, für die keinerlei Vergütung vorgesehen ist. Es wird jedoch
eine Entschädigung für belegte Ausgaben bis zu einer Höchstgrenze
von zehn Pfund pro Woche gewährt.
Interessenten sind eingeladen, sobald wie möglich ihre Bewerbun-
gen in den Briefkasten des Islander neben dem Eingang des Verwal-
tungsamtes zu stecken, um der Untersuchungskommission zu ermög-
lichen, die zu erwartende Bewerbungslawine zu bewältigen.

Schließlich noch die lange Mitteilung, in der das Verwal-


tungsamt die größten Neuigkeiten im Monat April be-
kannt gab:
In einigen Tagen ist der Gedenktag der Insel Ascension, ein nationales
Fest und eine Gelegenheit für eine große Feier, zu der alle eingeladen
sind […] Vandalen drangen in das Challenger Outward Bound Center
ein und richteten dort Schaden an. [Ein früheres Gebäude der NASA,
das heute teilweise als Unterkunft oder Herberge für Jugendliche
dient.] […]
Einige werden schon die Gruppe von Biologen kennen gelernt ha-
ben, die unsere Schildkröten untersucht und an ihnen Sender anbringt,
um ihre Rückkehrrouten zu verfolgen – wo immer sie hinschwimmen
mögen […]
Andere Besucher haben sich angekündigt: John Wallace, der bereits
im November des Vorjahres hier war, um uns über die Einführung ei-
ner Einkommenssteuer zu beraten, die dann doch nicht erhoben wur-
de, kehrt dieses Jahr zurück, um uns bei der besseren Organisation un-
serer Dienste zu helfen; Dr. Perch kommt mit seinen Käfern, um den
Mesquitebaum zu bekämpfen. (Es wurde versichert, dass sie keine an-
deren Pflanzen befallen.) Andere sind vor kurzem abgereist, darunter
David Henry von der Saint Helena Coffee Company, der daran inte-
ressiert ist, das Gut zu übernehmen. Das Leitungsteam führt weiter
Gespräche mit ihm […]
Achtung: Zwei neue Schwellen zur Geschwindigkeitsbegrenzung
werden am Ausgang von Georgetown auf der Straße zum Stützpunkt
geschaffen. Die Autos fahren auf dieser Straße zu schnell, und früher
oder später wäre jemand zu Schaden gekommen […]
XVIII

Nach dem Tod Napoleons wurde die Insel nicht aufgege-


ben. Sie hatte als Stützpunkt für die Schiffe, die nach Asien
und in den Pazifik fuhren, eine gewisse strategische Be-
deutung gewonnen. Der Suezkanal wurde 50 Jahre, der
Panamakanal erst ein Jahrhundert später eröffnet. Auch
für den Kampf gegen die Piraten und vor allem gegen die
Sklavenhändler war Ascension wichtig. Beseelt von einem
humanitären Geist und vielleicht auch aus politischem
Kalkül hatten die Engländer zu Beginn des 19. Jahrhun-
derts erklärt, dass es nicht mehr rechtens sei, Afrika seiner
Menschen zu berauben und sie in Ketten nach Amerika zu
verschleppen.
Ascension hatte einen großen Vorteil und einen großen
Nachteil. Der Vorteil bestand in seinem gesunden Klima,
der Nachteil im Wassermangel. Für beides gibt es einen
einzigen Grund: Es regnet wenig auf der Insel.
Verglichen mit dem afrikanischen und südamerikani-
schen Festland auf demselben Breitengrad gibt es hier keine
drückende Feuchtigkeit und weder Malaria noch andere
infektiöse Tropenkrankheiten. Ascension wurde deshalb
zu einem Ort, wo man erkrankte Seeleute ausschiffen
konnte.
Diese Funktion hat es bis heute. Als ich nach zwei oder
drei Tagen auf der Insel den Arzt besuchte, fand ich im
kleinen, aber wohlgeordneten Krankenhaus als einzigen
Kranken neben Jeremy, meinem Polizistenfreund, einen
japanischen Seemann von einem Hochseefischkutter, der
in den umliegenden Gewässern auf Fang kreuzte.

Der Weg nach Comfortless Cove, in die »trostlose kleine


Bucht«, führt vorbei an der weißen Rundkuppel von Py-
ramid Point, dem äußersten Punkt der Bucht, die wir jede
Nacht von Long Beach aus sahen, über ein unwegsames,
zerklüftetes Lavafeld. »Welcome to the Moon«, grüßt ein
Schild, das ein Witzbold hier aufgestellt hat. Kurz bevor
man auf der Linken das Meer erreicht, liegt der Friedhof
von Bonetta. Die »Bonetta« war eins der vielen Schiffe, die
in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Ascension Sta-
tion machten. Sie war ein Patrouilleschiff zur Bekämpfung
des Sklavenhandels vor der afrikanischen Küste. Als sie am
28. Januar 1838 eintraf, wurde ihr nicht erlaubt, vor Geor-
getown auf Reede zu gehen: An Bord wütete das Gelbfie-
ber. Stattdessen ankerte sie vor Comfortless Cove. Wer auf
dem Schiff starb, wurde im Meer bestattet, wer an Land
verschied, wurde in Küstennähe begraben. Daran erinnern
die Grabsteine des kleinen Friedhofs.
Den Soldaten der Garnison war der Kontakt mit Schif-
fen unter Quarantäne verboten. Sie brachten die Lebens-
mittel bis in die Nähe von Comfortless Cove, und wenn
sie fort waren, holten sie sich die Seeleute auf die Schiffe.
Trotzdem brachen in der Garnison verschiedene Epide-
mien aus, die schlimmste in jenem Jahr 1838. Es starben 25
der etwa 100 auf der Insel stationierten Männer, darunter
Kapitän William Bates, der zehn Jahre den Befehl geführt
hatte.
»Im Jahr 1829 erhielt ich Instruktionen von der Admirali-
tät, mich zur Insel Ascension zu begeben, um eine Erkun-
dung durchzuführen und Kommandant Bates von den
Royal Marines Bericht zu erstatten, welche Maßnahmen
für eine dauerhafte Stationierung auf der Insel zu ergreifen
seien.« So beginnen die »Aufzeichnungen über die Insel
Ascension« des Kapitäns der Royal Engineers H.R.
Brandreth. Bei der Beschreibung von Geografie und Geo-
logie der Insel unterstreicht Brandreth anfänglich ihre au-
ßergewöhnliche Ödnis, kommt dann aber zu folgendem
Schluss: »Die schwarzen Lavafelder, die dunkelroten Hü-
gel, die wilden und erschreckenden Berge und Schluchten,
die überall sichtbaren Zeichen einer kürzlichen Vulkantä-
tigkeit, alles verleiht der Insel das Gepräge völliger Öde
und Unfruchtbarkeit, das jedoch nicht wirklich gerecht-
fertigt ist […]. Während der erste Eindruck des zufälligen
Besuchers völlig ungünstig ist, wird eine aufmerksamere
Untersuchung diesen Eindruck zumindest teilweise besei-
tigen.«
Schon einer der seltenen Orkane, die etwa alle zehn Jahre
die Insel heimsuchen, reicht aus, um in wenigen Stunden die
gleiche Wassermenge über ihr auszuschütten, die sonst in
der ganzen übrigen Zeit fällt. Außer auf den Lavafeldern
breitet sich dann plötzlich allenthalben eine flüchtige Ve-
getationsdecke aus, aus Samen, die das Meer und die Vögel
von überallher herangetragen haben und die seit wer weiß
wie langer Zeit im Boden schliefen.
XIX

Wenn sie die Umsicht besaßen, nachts zu schlüpfen, gingen


die kleinen Schildkröten bis vor ein paar Jahrhunderten
kein großes Risiko ein. Machten sie dagegen den Fehler, am
Tag aus ihrem Gelege zu kriechen, war ihr Schicksal fast si-
cher besiegelt. Paolo beobachtete eines Abends das Schlüp-
fen eines Geleges, als es noch hell war und gerade geregnet
hatte. Vielleicht hatte das Sinken der Bodentemperatur auf-
grund des Regens die Kleinen zu dem Irrtum verleitet, dass
es bereits Nacht sei. Die Fregattvögel über dem Strand er-
spähten sie sofort. Trotz ihrer frenetischen Bemühungen,
zum Meer zu gelangen, konnten sich nur wenige retten.
In den letzten Jahrhunderten ist den kleinen Schildkrö-
ten auf Ascension ein noch furchterregenderer Feind er-
wachsen, der auch des Nachts operieren kann: Katzen. Ur-
sprünglich gab es sie auf der Insel nicht. Der Mensch
brachte sie mit, um die Mäuse und Ratten zu bekämpfen,
die mit den Schiffen ankamen. Ratten sind auf vielen entle-
genen Inseln ein Unheil. Auf Tristão da Cuña wird noch
heute jedes Jahr ein »Nationalfest« gefeiert, das ihrem
Fang gewidmet ist, The Rat Day.

Über die Ratten auf Ascension dachte auch der junge


Charles Darwin nach, der hier auf dem Rückweg von sei-
ner Weltumseglung auf dem Schiff Seiner Majestät »Be-
agle« Station machte. Er kam im Gefolge des gleichaltrigen
Kapitäns Robert Fitzroy, der später Gouverneur von Neu-
seeland wurde und Selbstmord beging. Darwin nahm im
unglaublichen Alter von 23 Jahren fast durch Zufall an der
Reise teil, nachdem zwei andere junge Naturforscher, die
als tüchtiger galten, die Einladung abgesagt hatten, und
kehrte vier Jahre später zurück. Und noch unglaublicher
ist, dass bei Licht betrachtet sein ganzes folgendes Werk ei-
ne Ausarbeitung dessen war, was er auf dieser Reise be-
obachtete.
In seinen Geologischen Beobachtungen erwähnt Darwin
die Insel Ascension. Er bemerkt, dass sich dort »Land-
krabben und Ratten in großen Mengen finden«, und fährt
fort: »Es ist sehr unwahrscheinlich, dass die Ratten hier
von jeher heimisch waren. Es gibt zwei Arten, eine
schwarze mit feinem und glänzendem Fell lebt in den
höchsten und grünsten Regionen der Insel, die andere ist
braun, mit längerem, matterem Fell, und lebt näher an der
Siedlung an der Küste [Georgetown]. Beide Arten sind um
ein Drittel kleiner als eine gemeine schwarze Ratte (M. rat-
tus) und unterscheiden sich von dieser in Farbe und Merk-
malen des Fells, aber in keiner anderen wesentlichen Ei-
genschaft. Es ist meine Überzeugung, dass diese Ratten
(wie die gemeine Maus, die sich hier ebenfalls ausgewildert
hat), von außen auf die Insel gebracht wurden. Wie auf den
Galapagosinseln haben sie sich aufgrund der neuen Bedin-
gungen, denen sie ausgesetzt wurden, verändert. Daher
unterscheidet sich die Varietät auf den hohen Inselteilen
von jener an der Küste.«
Zusammen mit den noch berühmteren Finken auf den
Galapagosinseln regten folglich auch die Ratten auf der
Abbildung 8
Eine kleine Schildkröte verlässt ihr Gelege. Ein riskantes Unterfangen:
Die meisten Tiere tun dies im Schutz der nächtlichen Dunkelheit.

Insel Ascension Charles Darwin in jungen Jahren zum


Nachdenken an und inspirierten ihn womöglich zur Ab-
fassung seines Buches Die Entstehung der Arten, einem
der grundlegenden Standardwerke der modernen Biolo-
gie.

Mehr noch als mit den Galapagos-Finken und den Ratten


von Ascension verbindet sich die Geschichte der Theorie
der natürlichen Auslese mit einem anderen leidenschaftli-
chen englischen Naturforscher, der weniger bekannt, aber
ebenso außergewöhnlich ist: Alfred Russel Wallace.
Beide waren in vielen Zügen sehr unterschiedliche, in
manchem ähnliche Persönlichkeiten. Darwin, aus reicher
und gebildeter Familie, war wenig älter als 20, als er in See
stach, um »Erfahrungen zu sammeln«, ohne über eine
wirkliche Ausbildung als Naturforscher zu verfügen. Er
nutzte die Reise jedoch für eine Vielzahl von Beobachtun-
gen, besonders auf den Galapagosinseln, die ihn auf eins
der ungelösten Probleme der damaligen Naturwissen-
schaft stießen: der Grund für die offenkundige Vielfalt und
Verwandtschaft zwischen den Tierarten sowie ihre unter-
schiedliche geografische Ausbreitung – Phänomene, die
sich nicht mit der damals noch vorherrschenden Idee ver-
einbaren ließen, dass alle Lebewesen so, wie sie waren, von
Gott erschaffen worden waren.
Wieder in der Heimat, wurde Darwin zu einem be-
rühmten Naturforscher. Er wartete jedoch noch 20 –
zwanzig! – Jahre, bevor er die Theorie von der Unverän-
derlichkeit der Tierarten öffentlich in Zweifel zog und
stattdessen die Theorie von der natürlichen Auslese vor-
schlug. Und vielleicht hätte er noch länger damit gewartet,
wäre da nicht Alfred Russel Wallace gewesen.
14 Jahre jünger, aus weniger wohlhabender und gebilde-
ter Familie, wurde Wallace im Alter von 20 Schullehrer in
einer Kleinstadt im Herzen Englands und ging einer da-
mals üblichen Vorliebe für das Sammeln von Insekten
nach. Er hatte eine Ahnung, darauf ein »business« gründen
zu können. So machte er sich nach Amazonien auf, wo er
vier Jahre auf der Jagd nach Schmetterlingen, Käfern und
größeren Tieren verbrachte, die er aufspießte, präparierte
und seinem Agenten in England schickte, der sie an Mu-
seen und Sammler verkaufte. Auf dem Rückweg fing sein
Schiff Feuer und ging unter. Wallace konnte sich retten,
verlor jedoch einen Großteil seiner Sammlung, seiner Ware
– nicht jedoch seinen Mut. Im folgenden Jahr brach er
wieder auf, diesmal in Richtung Sundainseln, wo er sieben
weitere Jahre nach Insekten und Vögeln jagte. Er reiste
von einer Insel zur anderen – Java, Bali, Borneo, Celebes,
Lombok, Timor und so weiter – und sammelte insgesamt
125 000 Exemplare. Dabei machte er die gleichen Beobach-
tungen wie 20 Jahre zuvor Darwin auf anderen Inseln.
1855 schrieb er einen ersten wissenschaftlichen Beitrag
in Sarawak auf der Insel Borneo über die Entstehung neu-
er Arten, den er nach England schickte. Er wurde in einer
der großen Wissenschaftszeitungen des damaligen Eng-
land veröffentlicht. Auch Darwin las ihn, erkannte jedoch
nicht die Gefahr, dass sich dieser junge Mann, ein obsku-
rer Sammler und Händler aufgespießter Insekten und Vö-
gel, den gleichen Schlussfolgerungen näherte, mit deren
Ausarbeitung er sich seit Jahrzehnten befasste. Die beiden
traten in Briefkontakt. Drei Jahre später hatte Wallace auf
Ternate, einer verlorenen Insel der Molukken vor Halma-
hera, im Malariafieber die richtige Eingebung und fand
den Schlüssel zum Rätsel: Er erkannte, dass der »Motor«
hinter der Artenvielfalt die natürliche Auslese war, das
Überleben der am besten Angepassten, der Stärksten. In
zwei Nächten schrieb er – im wortwörtlichen Sinne fieber-
haft – seine Theorie über die Neigung der Arten auf, sich
von ihren Ursprüngen zu lösen. Wallace zögerte jedoch
noch, sie in einer wissenschaftlichen Zeitschrift zu veröf-
fentlichen, denn ihm wurde die potenzielle Sprengkraft
seiner Hypothese klar. Er brauchte Unterstützung, Ermu-
tigung. Daher sandte er seine Abhandlung zuerst an einen
um so vieles angeseheneren und wichtigeren Wissenschaft-
ler, als er selbst es war. Dieser hatte sich ihm gegenüber
freundlich gezeigt, deshalb bat ihn Wallace, die Arbeit zu
beurteilen und einer Wissenschaftszeitung zu schicken, die
der Kollege für geeignet hielt.
An diesem Punkt gewinnt die Geschichte Züge eines
Krimis. Nach der Lesart der offiziellen Geschichtsschrei-
bung fuhr Darwin nach Erhalt des Briefes der Schreck in
alle Glieder. Wallace hatte als Erster jene Theorie formu-
liert, an der er im Stillen schon so lange gearbeitet hatte.
Aber er zögerte nicht und schickte die Arbeit von Wallace
sofort an die Akademie der Wissenschaften. Zwei befreun-
dete große Wissenschaftler, die zu den wenigen gehörten,
die seine geheime Arbeit kannten, überzeugten ihn jedoch,
damit nicht hinter dem Berg zu halten: Seine Arbeit und
die von Wallace sollten gemeinsam auf einer Sitzung der
Akademie präsentiert werden. Dieser Version, in der Dar-
win als Held von strenger moralischer Rechtschaffenheit
erscheint, steht eine andere Hypothese gegenüber, in der
er zwielichtiger, aber darum vielleicht auch menschlicher
und glaubhafter wirkt. Danach erhielt Darwin den Brief
und geriet in Panik. Zwar widerstand er der Versuchung,
ihn zu zerreißen, aber er zögerte mit seiner Verbreitung,
beschleunigte die Formulierung seiner eigenen Theorie,
entlehnte vielleicht sogar einige Ideen von Wallace, beriet
sich mit den befreundeten Wissenschaftlern und arran-
gierte die gemeinsame Veröffentlichung. Welche der bei-
den die wahre Version ist, wissen wir nicht. Tatsache ist,
dass der an Darwin geschickte Brief am 9. März Ternate
verließ und Darwin zufolge am 3. Juni bei ihm eintraf.
Manche meinen, dass drei Monate eine allzu lange Zeit sei
– aber ausgeschlossen ist es nicht.

Die Rattenfang-Kampagnen auf Ascension haben Wir-


kung gezeigt. Heute ist die Plage vergessen. In einem Mo-
nat habe ich ein oder zwei Mäuse gesehen, aber nie eine
Ratte. Es bleibt aber das Problem der verwilderten Katzen,
die die zahllosen Vogelkolonien auf der Insel dezimiert ha-
ben. Wenn auf Ascension trotzdem so viele Vögel leben,
liegt das daran, dass es in der Nähe noch eine andere, sehr
kleine Insel gibt, die nach einer Raubmöwenart benannt
und kaum mehr als ein Felsen im Meer ist, Boatswain Bird
Island. Dorthin sind die Katzen nicht gekommen. Hier
und auf den unzugänglichsten Klippen der Hauptinsel nis-
ten noch alle Vögel von einst zu Tausenden.
Nur eine Seeschwalbenart, die den größten Teil ihrer
Zeit im Flug über den Ozeanen verbringt, kehrt in der
Brutzeit auf die Hauptinsel zurück. Man nennt sie auch
»wideawakes«, ein lautmalerischer Name, der den Schrei
der Vögel nachahmt und der Insel Ascension den zweiten
Namen gibt, unter dem sie bekannt ist: Wideawake Island.
Ich war auf den Wideawake Fairs, einer wilden Lavaflä-
che in der Nähe des Flughafens, nachdem gerade eine
Brutkolonie von Seeschwalben angekommen war, ein be-
eindruckendes Spektakel. Auf dem Boden lagen über
Hunderte von Metern Dutzende und Aberdutzende von
Vogelskeletten und Kadavern in mehr oder weniger fort-
geschrittenem Verwesungszustand, außerdem Eier, eine
unendliche Zahl von leeren Eierschalen, über die sich die
Katzen hergemacht hatten.
Ein britischer Ornithologenverein organisierte 1957 ei-
ne wissenschaftliche Expedition nach Ascension, um die
Vögel zu studieren. Daraus entstand das Buch Wideawake
Island, von dem ich ein Exemplar im kleinen Museum von
Ascension fand. Bernard Stonehouse, der Autor des
Buchs, schreibt, dass in jeder Saison 750 000 Seeschwalben
auf den Wideawake Fairs brüteten, von denen nur 10 000
bis 20 000 den Katzen zum Opfer fielen.
Wie zahlreich diese Vögel hier früher waren, ergibt sich
auch aus einem Bericht von Kapitän Brandreth. Damals
konnte man in einer einzigen Woche bis zu 120 000 See-
schwalbeneier sammeln. Da die menschliche Bevölkerung
in jenen Jahren kaum mehr als 100 Personen betrug, über-
stieg das Angebot dieser offenkundigen Delikatesse bei
weitem die Möglichkeit des Konsums.
XX

Die zweite Straße, die von Georgetown ins Zentrum der


Insel führt, steigt an der Flanke des Cross Hill zur zentra-
len Ebene des Donkey Piain an, nachdem man die Ort-
schaft und ihre Bucht verlassen hat. Zur Linken trifft man
auf die einzige Tankstelle – die von Percy Yon – und etwas
weiter auf den Prellstein, dessen bunte Farbkleckse bis
heute von den englischen wie amerikanischen Soldaten
aufgefrischt werden, sobald ihre Dienstzeit auf Ascension
beendet ist. Man gelangt auf diese Weise nach One Boat –
»ein Boot«, das treffender »halbes Boot« heißen würde. In
der Hälfte durchgeschnitten und mit dem Bug nach oben
aufgerichtet, bot es den Konvois, die im letzten Jahrhun-
dert von Georgetown in die Berge stiegen, einen Schutz
vor der brennenden Äquatorsonne. Nach One Boat
kommt auf derselben Straße etwas weiter Two Boats, wo,
wie der Name sagt, zwei Boote in die Erde gerammt sind.
Von One Boat geht zur Linken die Straße ab, die nach
Pyramid Point und zur English Bay führt. Auf dem Weg
liegt der Golfplatz von Ascension. Er war im Guinness-
Buch der Rekorde lange Zeit als der »hässlichste Golfplatz
auf dem gesamten Planeten« verzeichnet. Es ist nicht
schwer zu begreifen, warum: Die staubige Fläche ohne
Grün und ohne Bäume, übersät mit spitzen Steinen und
dornigen Sträuchern und umgeben von einer beunruhi-
genden Mondlandschaft konnte nicht viele Rivalen um
diesen Titel haben.
Weiter in Richtung Pyramid Point durch die ödesten
schwarzen Lavafelder der Insel kommt man am unglaubli-
chen »Schwesterngipfel«, Sisters Peak, vorbei, der aus zwei
hohen Vulkanerhebungen besteht, deren Hänge vollkom-
men glatt sind. Hier ereignete sich den Geologen zufolge
vor zirka 500 Jahren der letzte Vulkanausbruch. Und hier
war es, wo die Amerikaner, denen dieses Stück der Insel
gehört, vor 20 Jahren ihr Roboterfahrzeug ausprobierten,
das sie später auf dem Mond einsetzten. Jenseits der bizar-
ren Formen erstarrter schwarzer Lava wirkt die Land-
schaft durch Dutzende von dreieckigen Antennen noch
unwirklicher. In parallelen Reihen aufgestellt, sehen sie aus
wie auf den Kopf gestellte Dreifüßler, die ihre Beine gen
Himmel zu den Satelliten ausstrecken.
Rechts führt die English-Bay-Straße zu weiteren Anten-
nen. Sie sind schon von weitem zu erkennen, aber erst von
nahem sieht man, wie groß sie wirklich sind. Es sind vier,
die wie normale, aber gewaltig dimensionierte Eisengitter
aussehen. Sie sind untereinander in verschiedenen Höhen
mit Tausenden von Drähten verbunden, die sich gegen den
Himmel kreuzen und ein undurchschaubares geometri-
sches Muster bilden. Es ist die Atlantic Relay Station der
BBC, über die der BBC World Service seine Programme
für Afrika und Lateinamerika ausstrahlt – der Weg, über
den Radio London die beiden großen Südkontinente er-
reicht.
Etwas weiter findet sich das Kraft- und Wasseraufberei-
tungswerk, wo der Brennstoff der »Masrsk Ascension« an-
kommt und verbrannt wird. Hier wird die Elektrizität für
die Insel produziert und das Meerwasser für die ganze In-
sel entsalzen – bis auf den Teil der Amerikaner, die alles ri-
goros selbst machen.
Von One Boat führt die Hauptstraße nach Two Boats.
Dort wohnt ein Großteil der Engländer. Früher hieß die
Straße Old Mountain Road. Es war der alte Saumpfad, der
die Garnison mit dem Berggipfel verband, dem einzigen
fruchtbaren und frischen Ort, wo es ein paar Obstgärten,
ein paar kultivierte Felder und ein paar Tiere gab, eine klei-
ne Farm – und das Krankenhaus.
In Two Boats zweigt die Straße auch nach North East
Bay ab, der einsamsten Bucht, die sich noch mit dem Auto
erreichen lässt. Zum Meer gelangt man durch einen unge-
wöhnlich lieblichen Landstreifen: ein Wäldchen aus im-
mergrünen Bäumen, die auf den ersten Blick an Pinien
oder Tannen erinnern. Es sind Kasuarine, die in den gan-
zen Tropen verbreitet sind und Mitte des 19. Jahrhunderts
nach Ascension kamen. Hier brütet eine große Kanarien-
vogelkolonie, die zur gleichen Zeit von den kanarischen
Inseln importiert wurde.
Hat man das Wäldchen durchquert, stößt man wieder
auf die gewohnte Vulkanlandschaft. Links erscheinen zwei
Erhebungen mit viel sagenden Namen. Die erste ist der
Perfect Crater, der exemplarisch die Formen und Propor-
tionen eines idealen Vulkankraters zeigt. Etwas weiter ste-
hen zwei weniger vollkommene Vulkanschlunde, die
ebenso sprechende Namen haben: Hollow Tooth (»hohler
Zahn«) und Broken Tooth (»abgebrochener Zahn«). Die
Straße führt zur Ariane Site, der Station der europäischen
Weltraumagentur ESA. Nach dem Start der Ariane-Rake-
ten in Guyana übernimmt die Station in Ascension von et-
wa der dritten bis zur zehnten Minute die Kontrolle, die
danach für einige Minuten auf die Basis in Kenia übergeht
und dann weiter, wer weiß auf wen.

Vom Küstenkamm aus überblickt man plötzlich eine


Landschaft von herber und einsamer Schönheit: ein langer
brauner Strand, der sich wie ein Amphitheater öffnet, ma-
jestätisch, verlassen und unablässig vom Wind gepeitscht.
Dann folgen die Klippen, Theaterrängen gleich, und im
Hintergrund die schwarzen Umrisse des Broken und des
Hollow Tooth. Davor und ringsherum Kobaltblau: unten
das intensivere und mit weißer Gischt gesprenkelte Blau
des Meeres, oben das hellere Himmelsblau, durchsetzt mit
großen, unregelmäßigen, schnell über den Himmel flie-
henden Wolken.
XXI

In der Fachsprache nennt man die Rekonstruktion der tie-


rischen Wanderwege via Satellit »Satellitentelemetrie«. Sie
steht seit einigen Jahren zur Verfügung und wird immer
häufiger von Biologen eingesetzt, die sich mit Wandertie-
ren beschäftigen. Das am häufigsten verwendete System
stammt von einer französisch-amerikanischen Gesell-
schaft, die zwei Satelliten mit nord-südlichen, von Pol zu
Pol verlaufenden Umlaufbahnen in 850 Kilometern Höhe
einsetzt. Die Satelliten kreisen somit rechtwinklig zur Erd-
rotation und decken nach und nach die gesamte Erdober-
fläche ab.
In unserem Fall funktionierte das so: Die an den Schild-
kröten angebrachten Sender sandten jedes Mal, wenn diese
zum Luftholen an die Wasseroberfläche kamen, ihre Sig-
nale aus. Wenn in diesem Moment wenigstens einer der
beiden Satelliten die Zone überflog, wurden die Signale
aufgefangen und, wenn sie stark genug waren, die Position
bestimmt. Diese funkte dann der Satellit zur Erdstation in
Toulouse, von wo aus sie mit elektronischer Post zu Flo-
rianos Institut in Italien gingen, um dann via Fax nach
Ascension zu gelangen.
Auf diese Weise wussten wir alle zwei Tage, wo alle un-
sere Schildkröten waren. Meine Freunde waren perplex.
Die Signale der ersten Funkortungen zeigten an, dass die
Schildkröten immer in Inselnähe blieben. Sie schienen kei-
nerlei Lust zu haben abzureisen.
Das ging einige Tage so. Dann kamen von einer Schild-
kröte plötzlich keine Signale mehr. Am folgenden Tag wa-
ren es schon zwei Schildkröten, von denen die Informatio-
nen fehlten. Geheimnisvollerweise hörten vier der fünf
Sender einer nach dem anderen auf, Funksignale zu über-
mitteln. Jedes neue Fax enthielt eine weitere schlechte
Nachricht. Unsere Verwirrung verwandelte sich in Sorge,
dann wurde aus der Sorge eine wachsende Missstimmung.
Dass die Schildkröten nicht sofort fortwanderten, wussten
wir, denn sobald sie die Orte der Eiablage erreichen, gehen
sie nicht nur einmal, sondern mehrmals zur Ablage an
Land, in Intervallen von zehn bis zwölf Tagen, bevor sie
sich auf den Rückweg machen.
Jetzt hatten wir ein wirklich gravierendes Problem: Die
Sender schickten überhaupt keine Signale mehr. Es blieb
uns nichts anderes übrig, als das Anbringen zu unterbre-
chen und darauf zu warten, dass schon mit Sendern ausge-
stattete Schildkröten wieder zur Eiablage an Land kamen,
um zu sehen, was geschehen war. Waren sie defekt, hätten
wir sie vom Panzer lösen, mit zurück nach Italien nehmen
und dem Hersteller zurückgeben müssen, um neue und
funktionsfähige zu erhalten.
So begann eine der anstrengendsten Phasen unseres
Aufenthalts. Es ging nicht mehr einfach darum, irgendeine
Schildkröte zu finden, die an den Strand kam, um ihre Eier
abzulegen, sondern wir mussten den Strand in seiner gan-
zen Länge patrouillieren und alle Schildkröten kontrollie-
ren, die während der ganzen Nacht zur Eiablage kamen.
Und das ohne jede Gewissheit, dass auch nur eine der ge-
suchten Schildkröten je wieder zurückkommen würde.
Vielleicht waren sie schon auf der Rückreise, oder sie such-
ten andere Strände auf.
Wir brachen gegen zehn Uhr abends auf. Auch wenn es
schon um acht dunkel wurde, warteten die Schildkröten
einige Stunden, bevor sie an Land kamen, um uns genug
Zeit zu lassen, unsere Schachpartien zu diskutieren. Wir
gingen in Hemd und kurzen Hosen zum Strand, der noch
warm vom Tag war. Aber die Nacht war lang und der
Wind wehte unablässig. Mit fortschreitender Nacht wur-
den die Temperaturen immer frischer und erforderten zu-
nehmend mehr Kleidung. Wir hatten zwei Funksprechge-
räte, die nie funktionierten, und ein Nachtsichtgerät, das
im Gegensatz dazu beste Dienste leistete. Es war ein Fern-
rohr mit Bildverstärker, das Floriano sich von einem Kol-
legen in Rom geliehen hatte. Es wird von der britischen
Armee eingesetzt und für die Nachtsicht auf Gewehre
montiert. Das geringste Sternenlicht reicht aus, um die
Landschaft zu erkunden, die ganz in fluoreszierendem
Grün erscheint. Die Bilder erinnern an die nächtliche
Bombardierung von Bagdad, die CNN während des Golf-
krieges in die ganze Welt ausstrahlte.
Während ich den Strand beobachte, ertappe ich mich
dabei, wie ich in kindliche Fantastereien abgleite: Ich stelle
mir vor, das Sichtgerät wäre tatsächlich auf ein Gewehr
montiert. Auf den Schirm ist ein Fadenkreuz gezeichnet,
um einen Feind in der Nacht unter Beschuss zu nehmen.
In der Ferne, am anderen Ende der Bucht, gibt es Leute,
von Zeit zu Zeit scheint das Licht einer Taschenlampe auf.
Vielleicht sind es Soldaten der Royal Air Force, die neugie-
rig auf die Schildkröten sind. Es gefällt mir, im Dunkeln zu
spionieren, ohne gesehen zu werden, und den geheimnis-
vollen Bewegungen undeutlicher Gestalten zu folgen. Wie
viele sind es? Was machen sie? Kommen sie näher? Soll ich
schießen?

Die langen Wartezeiten im Dunkel des Strandes, unterbro-


chen von unseren Erkundungsgängen, gehören zu meinen
schönsten Erinnerungen. Auf dem Strand ausgestreckt,
beobachten wir zwischen einem Rundgang und dem
nächsten den unglaublichen Äquatorhimmel, ein einziger
wimmelnder Sternenteppich. Floriano hat ein Buch mitge-
bracht, das ihre Namen und die Bilder erklärt. Im Norden,
in Richtung auf das Meer, steht dicht über dem Horizont
der Große Bär, während sein kleiner Bruder und der Po-
larstern hinter dem Horizont unsichtbar bleiben. Unmög-
lich, nicht an Dantes Odysseus zu denken.
Und alle Sterne schon des andern Poles
Sah man zur Nacht und unsern schon gesunken,
So dass er nicht mehr aus dem Meere tauchte.
{Die Hölle, XXXVI, 127-129)

Ob Ascension die Insel »in dunkler Ferne« ist, die Odys-


seus erblickte, nachdem er die Säulen des Herkules passiert
hatte und fünf Monde lang nach Süden in den Atlantik ge-
segelt war?
Im Süden, über den schwarzen Massen der Vulkane »alle
Sterne schon des andern Poles«: das falsche und echte
Kreuz des Südens, das komplizierte Bild des Zentaurs mit
Alpha- und Beta-Zentaur (den so genannten Straußenze-
hen), rechts, etwas über der Ortschaft, Canopus, nach Si-
rius der zweithellste Fixstern, und rechts, in einer Him-
melsregion, wo sich fast keine anderen Sterne finden, die
lange und geschwungene Reihe des Sternbildes Skorpion.
Das Dunkel. Eingetaucht ins Dunkel, umgeben von Fins-
ternis, ganz dem schwachen Licht des Mondes – wenn er
sich blicken ließ – und der Sterne überlassen. So muss die
Nacht für die Menschen bis vor wenigen Jahrzehnten und
Jahrhunderten gewesen sein. Heute kennen wir das wahre
Dunkel – die echte, vollständige Dunkelheit und nicht die
von Autoscheinwerfern oder Straßenlaternen erleuchtete
Nacht – nicht mehr oder lernen sie höchstens noch flüch-
tig kennen.
Dass das Sehvermögen von zwei Arten von Rezeptoren
abhängt, den so genannten Zäpfchen und Stäbchen, wusste
ich seit dem dritten Semester meines Medizinstudiums.
Die einen, die Zäpfchen, kommen bei stärkerem Licht zum
Einsatz und ermöglichen die klare Sicht und Farberken-
nung, während die anderen, die Stäbchen, die Sicht bei nur
geringem Licht erlauben, klare Konturen und Farben je-
doch nicht erkennen. All dies hatte ich vor wer weiß wie
langer Zeit studiert, aber erst jetzt wurde mir der tatsächli-
che Sinn der Nachtsichtfähigkeit klar.
Die »Stäbchen«-Sicht hat eine ganz besondere Eigen-
heit, besonders, wenn sie sich über viele Stunden erstreckt,
wie bei uns. Es ist eine andere Art, die Welt zu sehen – und
in ihr zu leben. Es ist schwierig, sie zu beschreiben, so sehr
hat sie sich bereits von unserer kollektiven Erfahrung ent-
fernt. Nachtsicht bedeutet, in eine geheimnisvolle Un-
wirklichkeit ohne Tiefe und Farben einzutauchen. Man ist
umfangen von einer Welt, die nicht grau ist, sondern mil-
chig, aus Chiaroscuro, Schatten, körperlosen Formen, Fle-
cken mit verschwommenen Konturen, die sich aufzulösen
scheinen, wenn man sie fixiert, und die sich wieder ver-
dichten, kaum dass sich der Blick von ihnen abwendet.
Auch das hat eine physiologische Erklärung. Jener dunk-
lere Umriss, den ich zu erblicken meine, ist er eine Illusion,
oder sind es die Felsen am Ende der Bucht? Und jenes an-
dere, kaum deutlichere Schattenbild, das ich gegen den
dunklen Hintergrund der Vulkane zu sehen glaube, ist es
das Materiallager auf halber Höhe des Strandes oder meine
Einbildung?
Phantasmen, Ungeheuer, Gespenster, Elfen und wer weiß
wie viele andere Gestalten, die in den Volkstraditionen und
in der Literatur immer schon die Nacht bevölkerten – sie
haben ihre Wurzel in der Stäbchensicht.
XXII

Die Nächte vergingen ohne besondere Ereignisse: das üb-


liche Dutzend Schildkröten, das wir ergebnislos kontrol-
lierten, der gespenstische Strand, den wir ungezählte Male
kreuz und quer durchstreiften, der Duft des Meeres, das
Zirpen der Grillen, gelegentlich der Drohruf eines Esels,
der auf einen Artgenossen gestoßen war, die Golfkugel
von Pyramid Point in der Ferne, die wie eine Astronauten-
basis wirkte, die bleichen Silhouetten der Vulkane, der im-
mense, mit Sternen gefleckte Himmel, über den die Wolken
jagten, ab und zu eine Sternschnuppe. Ich habe nie so au-
ßergewöhnliche Sternschnuppen gesehen wie auf Ascen-
sion. Einige waren strahlend hell, und eines Nachts sahen
wir eine besonders leuchtende, ein unglaublicher smaragd-
grüner Schweif, der im Meer verschwand.
In jener Nacht erzählte mir Graeme von einem Ereignis,
das er fünf Jahre zuvor erlebt hatte, als er drei Monate lang
auf Ascension war. Er hatte sich mit einigen Leuten, Eng-
ländern und Amerikanern, angefreundet, die ihm in allen
Einzelheiten erklärten, was vor sich gehen würde. Die
Amerikaner, die seit dem Zweiten Weltkrieg etwa ein Vier-
tel der Insel besitzen, benutzen von Zeit zu Zeit die umlie-
genden Gewässer als Zielscheibe, um die Genauigkeit ihrer
ballistischen Interkontinentalraketen zu testen. Ascension
war fester Bestandteil der Eastern Test Range, des »östli-
chen Testgebiets«. Auf dem Grund des Meeres, in einer
Tiefe von ungefähr 1 000 Metern einige Meilen vor der In-
sel, wurden eine Reihe von Unterseemikrofonen versenkt,
mit denen man sehr genau die Punkte feststellen kann, an
denen die Raketenköpfe auf dem Wasser aufschlagen. Die-
ses System, MILS (Missile Impact Location System) ge-
nannt, stellt die amerikanische Regierung heute, nach dem
Ende des Kalten Krieges, den Vereinten Nationen zur
Kontrolle der nuklearen Abrüstung zur Verfügung.
Graeme war Zeuge der Vorbereitungen gewesen: Am
Nachmittag hatte er einige Ballons aufsteigen sehen. Der
Abend war hereingebrochen und kurz vor dem vorher-
gesehenen Aufprall der Rakete hatte man einige kleine
Raketen abgefeuert, die mit großem Lärm in den Him-
mel schossen, um die letzten meteorologischen Informa-
tionen über die genaue Aufschlagzeit zu sammeln. Plötz-
lich tauchte wie eine grandiose Feuerwerksrakete am jetzt
dunklen Himmel über dem Meer eine strahlend helle
Leuchtspur auf, die mit einem Schirm begleitender
Leuchtstreifen vertikal nach unten schoss und einen Au-
genblick lang wie bei einem plötzlichen Blitzgewitter den
ganzen Teil des Meeres und des Himmels erleuchtete.
Dann, nach vielen Sekunden absoluter Stille, drang durch
das Dunkel ein anhaltendes fernes Grollen.
Wer weiß, ob wir an jenem Abend nicht unwissentlich
den Aufschlag einer Rakete oder eines Meteoriten erleb-
ten, der besonders reich an irgendeinem Metall war und in
der dunklen, sauberen Luft von Ascension aufstrahlte?

Es ist eine zweite Yacht eingetroffen, seit wir auf Ascen-


sion sind. Am Morgen kam uns die Besatzung im Islan-
der Hostel besuchen. Kaum älter als Jugendliche, haben
sie den Auftrag, das »Boot« eines reichen Südafrikaners
von Südafrika nach England zu bringen. Es sind zwei
Frauen und ein Mann aus Südafrika, eine Schottin und
ein Australier; alle sind um die 25 Jahre alt. Zwei verste-
hen etwas vom Segeln: der südafrikanische Kapitän und
die schottische Seefrau. Die anderen nutzen die Gelegen-
heit, um eine Kreuzfahrt zu machen. In etwa zwei Wo-
chen sind sie von Kapstadt nach Sankt Helena gesegelt
und in einer weiteren bis Ascension. Die anderen, noch
vorgesehenen Stationen ihres Segeltörns werden die
Kapverdischen Inseln, die Kanaren und schließlich Eng-
land sein.
Mir wurde ganz warm ums Herz, als ich diese jungen
Leute sah, die nur wenig älter als meine eigenen Töchter
sind und sich mit dem gleichen Abenteuergeist und der
gleichen Lust, die Welt zu entdecken, in das Unternehmen
gestürzt haben, den Atlantik zu durchqueren.
Am Abend nehmen wir sie mit, um ihnen die Schildkrö-
ten bei der Eiablage zu zeigen, und an diesem Abend ent-
decken wir, warum die Sender aufhörten, Signale zu fun-
ken. Es war der Abend nach dem Meteoriten, den auch die
jungen Leute auf ihrem Weg nach Ascension beobachtet
hatten.
Floriano und ich sind bei ihnen geblieben. Wir sitzen im
Kreis im Sand, und Floriano kann der Versuchung nicht
widerstehen, eine kleine Lehrstunde über den Orientie-
rungssinn der Tiere abzuhalten, der alle fasziniert. Plötz-
lich tauchen Graeme und Paolo, die auf Erkundungsgang
waren, verwirrt aus dem Dunkel auf. Sie haben eine le-
gende Schildkröte gefunden, eine von jenen, an denen wir
die Sender angebracht hatten.
Wir laufen alle, um die Schildkröte zu sehen, die noch da-
bei ist, ihr Gelege zuzuscharren. Es besteht kein Zweifel,
sie gehört zu »unseren« Schildkröten. Am Rand des vor-
deren Rückenschilds in der Nähe des Kopfes finden wir
das Schild mit unseren Adressen, Telefonnummern und
anderen Informationen, das wir ihr angeklebt hatten. Die
Rückenfläche ist jedoch glatt, keine Spur mehr von den
verschiedenen Klebern, vom Kitt und von den Glasfaser-
streifen: Der Sender ist einfach verschwunden.
Meine Freunde sind fassungslos. Es ist nicht das erste
Mal, dass sie Sender an Schildkröten anbringen. Sie hatten
sie monatelang per Satellit durch das Chinesische Meer
und den Indischen Ozean verfolgt. Der eine oder andere
hatte vorzeitig seinen Betrieb eingestellt, war vielleicht von
einem Haifisch verspeist worden oder im Netz eines
Fischkutters gelandet, aber der Großteil hatte sehr lange
gehalten. Außerdem sorgen sie sich um die Kosten. Jeder
Sender kostet etwa 2 000 Euro, und die Finanzierung sol-
cher Projekte ist, wie man weiß, begrenzt. Das Geld war
nun ohne offenkundige Erklärung auf dem Meeresboden
gelandet. Da jedes Schild eine Kennnummer aufweist,
können wir die Schildkröte genau einordnen. Es war die
erste, an der wir vor zwölf Tagen einen Sender anbrachten.
Unsere südafrikanischen Freunde verlassen uns voller
Anteilnahme. Sie haben die Schildkröten und ihre Eiablage
gesehen und nicht viel von dem verstanden, was passiert
ist. Jetzt haben sie anderes vor, trotz des Verbotes des Ver-
walters, der Besuchern untersagt, über Nacht auf der Insel
zu bleiben. Sie sind von einigen Gleichaltrigen aus der
amerikanischen Armee auf ein Fest eingeladen worden.
Wie jedes anständige Fest in diesem Alter auf der ganzen
Welt einschließlich Ascension fängt es gegen Mitternacht
an und endet am frühen Morgen. Wir treffen sie um sieben
Uhr wieder, wir aufgerieben von einer Nacht auf Pa-
trouille am Strand, sie in noch schlechterem Zustand, auf
dem Rückweg zur Yacht nach einer Nacht voller jungend-
lichem Leichtsinn.
Nachdem wir den ganzen Tag über verschiedene Hypo-
thesen aufgestellt haben, bekommen wir in der folgenden
Nacht die Bestätigung, dass die wahrscheinlichste Erklä-
rung die richtige ist. Wir finden die zweite Schildkröte, an
der wir einen Sender befestigten – auch bei ihr vor zwölf
Tagen, auch sie erkennbar an ihrem Schild, auch sie ohne
Anzeichen eines Senders. Sie zeigt jedoch Spuren, die an
der ersten nicht erkennbar waren: eine quer verlaufende
Verletzung, nicht groß, aber doch sichtbar. Meine Freun-
de, die Schildkrötenexperten, haben keine Zweifel: Dieses
Zeichen stammt von einem Männchen, das sich vor kur-
zem mit ihr gepaart hat.
Der hinderliche Rückenschild macht die Paarung, die im
Meer stattfindet, schwierig. Das Männchen, das sich dem
Weibchen von hinten nähert, muss sie mit aller Mühe zu-
rückhalten, klammert sich mit seinen Beinen fest und ver-
beißt sich in ihrem Hals. Unter diesen Bedingungen, mit
dem Körper des Männchens gegen den Rückenschild des
Weibchens gedrückt, war angesichts der Masse der Tiere
das Schicksal des armen Senders vorauszusehen: abgebro-
chen und zerrieben von der erotischen Leidenschaft zweier
verliebter Schildkröten.
Nicht alle Sender wurden auf diese Weise zerstört, der
Großteil überlebte. Und so ließ sich dann doch noch die
Rückreise der Schildkröten rekonstruieren.
XXIII

Trotz der Bemühungen und des Optimismus von Kapitän


Brandreth blieb die Insel während des gesamten 19. Jahr-
hunderts nur der Sitz einer kleinen Militärgarnison. Nie
hatte ein Siedler Lust, sich hier niederzulassen. Mit der
Zeit fiel sie in einen langen Dornröschenschlaf, eine Peri-
ode, in der – verglichen mit einem Jahrhundert zuvor –
nichts Besonderes geschah. Napoleon war seit langem tot
und vergessen, der Krieg gegen die Sklavenhändler been-
det und Mitte des Jahrhunderts war der Suezkanal eröffnet
worden, der die Umschiffung Afrikas auf dem Seeweg
nach Indien überflüssig machte. Die West African Squa-
dron, die Flotte, die entlang der afrikanischen Küsten pa-
trouillierte, wurde abgezogen. Der Zweck einer Garnison
auf dieser Insel stand immer mehr in Frage, aber sie wurde
nicht aufgegeben.
Ein Jahrhundert lang, bis 1922, unterstand Ascension
der britischen Marine. Da diese nicht das Recht hatte, sich
um Festland zu kümmern, sondern nur um ihre Schiffe,
wurde die Insel seit ihrer Besetzung einfach zum »Schiff«
erklärt – zu einem Kriegsschiff, zu »His Majesty's Ship
Ascension«. Für dieses »Schiff« war ein Kapitän verant-
wortlich, der das Kommando über eine »Besatzung« führte:
die kleine Garnison aus etwa 50 Seeleuten der Royal
Marines und ein paar hundert afrikanischen Arbeitern
vom Stamm der Kru.
Das britische »Kriegsschiff« hatte in seiner ganzen Le-
benszeit von etwas mehr als 100 Jahren nie, nicht ein einzi-
ges Mal, Gelegenheit zu einem Scharmützel mit feindli-
chen Schiffen. Und das war ein Glück. Die Insel wäre
natürlich nur schwer zu versenken gewesen, aber aufgrund
ihrer schwachen Verteidigung hätte man sie mit einem Mi-
nimum an Entschlossenheit sehr leicht entern können.
Wer in jenen Jahren auf Ascension lebte, hatte andere
Schlachten zu bestehen: gegen die Langeweile, die Krank-
heiten, die von der Admiralität auferlegten Ausgabenbe-
schränkungen, gegen die Natur und gegen die Störungen
ihres Gleichgewichts, die der Mensch selbst verursachte.

Bis zu ihrer Entdeckung besaß die Insel nur eine sehr dürf-
tige Tier- und Pflanzenwelt. Es waren vielleicht nicht mehr
als 30 Pflanzenarten aus Samen, die der Wind oder die Vö-
gel herangetragen hatten – Pflanzen, die das zweifelhafte
Glück gehabt hatten, hier Wurzeln zu schlagen und nun
ein kümmerliches Leben an den höchsten und feuchtesten
Orten fristeten. Tiere gab es dagegen unzählige, aber nur
Vögel und Krabben, und jedes Jahr kamen für einige Mo-
nate die Schildkröten.
Die Ankunft des Menschen führte von Anfang an zu ei-
ner Reihe von Neuheiten und Ungleichgewichten. Und
das blieb bis zum heutigen Tag so. Jede Lebensform, die
eingeführt wurde, stand vor der Alternative: untergehen
oder gedeihen. Der Untergang war das wahrscheinlichere
Schicksal. Doch wo der Zufall es wollte, wo Klima und
Boden sich als geeignet erwiesen, da eröffnete sich für die
jeweilige Art, ob Tier oder Pflanze, die Möglichkeit einer
explosionsartigen Ausbreitung. So unwahrscheinlich das
war, unmöglich war es nicht, denn der Lebensraum war
zwar schwierig, aber gewiss nicht ungünstiger als viele an-
dere auf der Erde. Darüber hinaus bot er den Vorteil, dass
es keine natürlichen Feinde gab, vor denen man fliehen,
oder Konkurrenten, mit denen man um die verfügbaren
Ressourcen wetteifern musste.
In einer solchen Umwelt lief jeder Eingriff von außen
Gefahr, zu missglücken und unvorhersehbare Konsequen-
zen nach sich zu ziehen. Die anfänglich mitgebrachten
Ziegen drohten, die spärliche Vegetation fast völlig zu ver-
nichten. Ratten breiteten sich aus, die unfreiwillig mit den
Schiffen angekommen waren, während es die Katzen, die
absichtlich mitgebracht wurden, um sie zu jagen, weit ein-
träglicher fanden, gemeinsam mit eben jenen Ratten die
Nester der Vögel zu plündern, deren Brutgebiete auf der
Hauptinsel sie fast vollständig vernichteten. Jeder Versuch,
auf den Höhen von Green Mountain Obstgärten oder an-
dere Pflanzungen anzulegen, wurde von der sofortigen
Ausbreitung von Parasiten – Insekten, Raupen, Larven –
behindert, die üppig gediehen, da sie keine Vögel oder In-
sekten fressenden Säugetiere fürchten mussten, deren Ein-
führung kläglich scheiterte: Die wenigen Exemplare von
Krähen, Staren oder Igeln, die die lange Seereise überleb-
ten, gingen aus ebenso rätselhafter wie erbarmungsloser
Unverträglichkeit mit den Umweltbedingungen sofort ein.
Nur die Hirtenstare kamen durch, Vögel, die 1879 aus
Mauritius importiert wurden und deren Nachfahren sich
noch in großer Zahl um Georgetown finden. Auch einige
Kolonien von grünen Kanarienvögeln halten es schon seit
1890 auf der Insel aus.
Andere Tiere, die der Mensch mitbrachte, entglitten sei-
ner Kontrolle und verwilderten. Die Katzen, die es noch
reichlich gibt, und die Ziegen, die heute verschwunden
sind, habe ich schon erwähnt. Hunde, Schweine, Kanin-
chen und Hühner versuchten ebenfalls die Flucht in die
Freiheit. Von ihnen ist keine Spur mehr übrig. Es bleiben
die Eselherden, die seit mehr als einem Jahrhundert wild
leben und die trockene Zone der Insel durchstreifen, und
die Schafe, die in den grüneren Bereichen weiden. Ähnlich
erging es den Pflanzen: Eukalyptus, Kasuarine, Zypressen
aus Bermuda, Orangen, Zitronen, tropische Pflanzen, Pal-
men, Bananen, Gummibäume, Zuckerrohr, Oliven, Mais,
Gemüse, Bambus und Dutzende anderer Pflanzen wurden
im Laufe des 19. Jahrhunderts importiert. Viele sind ver-
schwunden, einige haben kleine Nischen zum Überleben
gefunden, wie den kleinen Olivenhain in der Nähe von
Devil's Cauldron. Andere haben sich ausgebreitet oder tun
dies heute noch, mal schneller und mal langsamer.
Der Ostteil der Insel ist heute ganz grün, während im
Westteil, der auf den ersten Blick so trocken und ungast-
lich wirkt, eine langsame Invasion stattfindet. Einige Vul-
kankegel sind nach wie vor völlig nackt, bis auf ein paar
äußerst seltene, vereinzelte Kasuarine, aber der Fuß der
Hänge ist schon mit Sträuchern gesprenkelt, die auf den
Fotos im Museum, die erst vor wenigen Jahren aufgenom-
men wurden, noch fehlen.
Vor 20 Jahren gab es in Georgetown keinerlei Vegeta-
tion, wie die Fotos von damals zeigen. Heute stehen hier
überall Eukalyptus, Bougainvillea und Akazien, vor allem
aber der Mesquitebaum, von dem im folgenden Kapitel die
Rede sein wird.
XXIV

Ein Schaukasten am Eingang des Islander Hostel verkün-


dete die wichtigsten Mitteilungen: Notfalltelefonnum-
mern, die Öffnungszeiten der zwei oder drei Geschäfte der
Insel, die eine oder andere Verordnung des Verwalters und
die Gästeliste mit Ankunft und Abreise. In regelmäßigen
Abständen brachte eine unsichtbare Hand die Liste auf
den neuesten Stand. Wie in allen Gasthöfen, Pensionen
und Hotels, wo es nur wenige und seltene Gäste gibt, er-
regt jeder Neuankömmling Neugier, umso mehr an einem
so isolierten und von der Welt vergessenen Ort wie die-
sem.
»Du wirst sehen«, sagte mir ein Freund vor der Abreise,
»dass du die seltsamsten Menschen kennen lernen wirst:
Es sind außergewöhnliche Leute, die es auf solche Inseln
verschlägt.« Aber die Regeln in Ascension sind zu rigoros,
als dass sich hier niederlassen könnte, wen man nach dem
Sprachgebrauch der Alternativen der siebziger und achtzi-
ger Jahre im Englischen »dropout« und im Deutschen
Aussteiger nennt, Leute also, die sich entschließen, an ei-
nem entlegenen Ort vor der Welt Zuflucht zu suchen. (Als
Italiener fällt mir auf, dass es in meiner Sprache gar keinen
vergleichbaren Ausdruck gibt.)
Auf dieser Insel leben keine »Gestrandeten«, die vom
Schicksal wie Fische an Land gespült wurden. Alle haben
Arbeit und sind hier nur, weil und solange sie welche ha-
ben. Trotzdem ist der Ort so eigenartig, dass man hier un-
weigerlich auf besondere Charaktere stößt.
Als wir ankamen, stand auf der Gästeliste neben unseren
Namen der eines weiteren Engländers, der am folgenden
Tag mit der Tristar auf ihrem Rückweg von Port Stanley
abreisen wollte. Wir verbrachten einige Stunden am Nach-
mittag mit ihm plaudernd auf der Veranda. Er war ein
sympathischer englischer Journalist, rundlich und ver-
schwitzt, von seiner Zeitung auf die Falklandinseln und
nach Ascension geschickt, um einige Artikel über die letz-
ten englischen Kolonien zu schreiben, nun, da Hongkong
wieder an China fallen sollte. Er erklärte uns ein wenig die
Regeln der Insel, aber vor allem sprachen wir über italieni-
sche Politik. Sein Spezialgebiet war Europa, und so kannte
er Italien weit besser als die letzten Reste des britischen
Empire.
Einige Tage übernachtete ein junger Mulatte aus Sankt
Helena in einem Zimmer im Erdgeschoss, der untätig auf
sein Visum für die Falklandinseln wartete. In jenen Tagen
klingelte jeden Nachmittag, wenn wir versuchten, den ver-
lorenen Schlaf nachzuholen, das Telefon der Pension, das
sich in der Eingangshalle befand und mit einem Mark und
Bein durchdringenden Läutwerk ausgestattet war. Mario,
so nannte sich unser Heiliger, war zu dieser Stunde nie da.
Es oblag also immer einem von uns, aufzustehen und ans
Telefon zu gehen. Am anderen Ende sprach immer eine
andere Frauenstimme, aber immer mit dem gleichen be-
sorgten und bebenden Ton, mit dem sie nach ihrem Mario
verlangte.
Es kam ein niederländisches Fernsehteam, das aus den
gleichen Motiven auf dem gleichen Rundflug war wie der
britische Journalist. Auch sie sahen wir kaum, weil sie nur
zwei Tage blieben und immer draußen waren, um Aufnah-
men zu machen. Dann reisten sie ab und hinterließen einen
unglaublichen Berg leerer Bierdosen.
Einige Gäste bekamen wir nie zu Gesicht. Manchmal
standen ein paar Personen auf der Liste, die für uns un-
sichtbar blieben – vielleicht nicht ohne Grund.

Eines Tages traf, angekündigt vom Mitteilungsbrief des


Verwalters, der Insektenforscher ein. Wir lernten ihn am
Abend kennen, weil wir morgens lange schliefen und er,
kaum angekommen, schon auf Käferjagd ging. Im Gegen-
satz zu den anderen geheimnisvollen Personen war seine
Gegenwart nicht zu übersehen: Er nahm die gesamte Ve-
randa des Erdgeschosses mit Schachteln unterschiedlicher
Größe in Beschlag, die er mit feinen Netzen abdeckte.
Darin waren trockene Blätter, Würmer und Raupen.
Der Wissenschaftler besuchte uns abends, während wir
auf unserer Veranda mitten über einer Schachpartie saßen.
Mit Unterstützung der Flasche südafrikanischen Weins,
die er mitgebracht hatte, schlossen wir sofort Freund-
schaft. Er arbeitete für ein Amt, das sich mit der biologi-
schen Schädlingsbekämpfung in der Landwirtschaft be-
fasste.
Er war auf Bitten des Verwalters nach Ascension ge-
kommen, um ein ökologisches Problem wachsenden Aus-
maßes zu lösen: die Ausbreitung eines Dornenstrauches
namens Mesquitebaum (Mexican Thorn Tree) auf der In-
sel. Diese Pflanze mit dem lateinischen Namen Prosopis ju-
liflora gehört zur Familie der Leguminosae und ist entfernt
mit der Akazie verwandt. Ähnliche Sträucher sind in allen
Trockenzonen Lateinamerikas verbreitet. Man vermutet,
dass ein amerikanischer Soldat während des Falklandkrie-
ges das Gewächs mitbrachte, um seinen kleinen Garten zu
verschönern. Der Strauch fand ideale Bedingungen für
Wachstum und Ausbreitung: trockenes Klima, in manchen
Jahren unterbrochen von sturzartigen Regenfällen, den
richtigen Boden, die Esel, die seine Samen fressen und
dann über ihren Kot aussäen, und vor allem das Fehlen na-
türlicher Feinde, mit denen diese Pflanzen in ihrer Heimat
kämpfen müssen.
Um eben diese Feinde zu beschaffen, hatte man den In-
sektenforscher gerufen. Schon ein paar Jahre zuvor hatte
er die Verhältnisse auf Ascension erkundet und war zu der
Auffassung gelangt, dass man es versuchen könnte. Jetzt
war der Forscher mit den Eiern von Algarobius prosopis
und Nelturius arizonensis zurückgekehrt. Er musste die
Larven einige Tage in Kontakt mit den Blättern der Pflanze
bringen, damit sie sie kennen und schätzen lernten, dann
wollte er sie aussetzen. Wenn alles nach Plan ging, würde
man in einigen Jahren die ersten Ergebnisse sehen und
der Mesquitebaum wäre – ohne Pestizide – in einem
Jahrzehnt eingedämmt.

An dem Abend, als wir den Insektenforscher kennen lern-


ten, beschlossen wir, nicht zum Strand und stattdessen ge-
meinsam in den Saints' Club zu gehen, die einzige offene
Bar in Georgetown. Der »Club der Heiligen« war ein eng-
lischer Pub aus dem Bilderbuch mitten im Atlantischen
Ozean. Im Halbschatten saßen die Gäste auf Barhockern
am Tresen und tranken Bier. Ringsum kleine Tische mit
Stühlen und Sofas, die mit rotem, glatt gewetztem und
ganz fleckigem Stoff bespannt waren. An den Wänden
hingen vergilbte Fotos des gewöhnlichen (und außerge-
wöhnlichen) Insellebens: gefangene Fische in allen Grö-
ßen, die Fußballmannschaft, die vor 15 Jahren das Team
der amerikanischen Armee geschlagen hatte, Marineschiffe
und Militärflugzeuge, die hier vor 20 Jahren angelegt hat-
ten und gelandet waren, der Besuch von Prinz Andrew am
10. April 1984 und – Schildkröten. Das Lokal war bre-
chend voll und die Menge an Bier, die alle, einschließlich
meines Insektenforscherfreundes, konsumierten, gewaltig.
Mit vom Alkohol gelöster Zunge erzählte mir der Ento-
mologe von seinen Reisen um die Welt, die letzte einige Tage
zuvor nach Syrien, davor nach Sankt Helena, Afrika und
Südamerika. Er stellte mir einige Freunde aus Sankt Helena
vor, die er von seiner letzten Reise kannte und mit denen
auch ich eine ebenso großartige wie flüchtige Freundschaft
schloss. Wir redeten über Frauen, Geschichte, Politik, das
britische Empire. Schließlich sprachen wir darüber, wie un-
glaublich es doch war, sich an einem Ort inmitten des At-
lantiks zu befinden. Nun schon fast betrunken, begann der
Forscher, mit sich zunehmend verdüsternder Miene über
die fortdauernde und, wie er sagte, ewige englische Arro-
ganz herzuziehen.
Wie in allen englischen Pubs wird auf dieser kleinen In-
sel inmitten des Atlantiks die Sperrstunde rigoros mit der
gleichen, unwandelbaren Zeremonie ausgerufen. Zu genau
festgelegter Stunde ruft der Barmann, es sei Zeit, das letzte
Bier zu bestellen. Eine Gelegenheit, die sich niemand ent-
gehen lässt. Dann fährt er ein Gitter herunter, das ihn von
den Gästen trennt (und vor ihnen schützt), und während
diese weiter trinken und plaudern, beginnt er unbeirrbar,
Gläser zu spülen und Flaschen zu putzen. Dann, genau um
Mitternacht, verkündet er, dass nun endgültig alle gehen
müssen. Die Gäste wissen Bescheid, kippen, wenn auch
widerwillig, den letzten Schluck hinunter und verlassen
das Lokal. Ich glaube, wenn es nicht diese eisernen Regeln
gäbe, würde ganz England und auch die Insel Ascension
im Laufe weniger Wochen einem kollektiven Delirium tre-
mens zum Opfer fallen.

Einige Zeit danach besuchte ein seltsames Trio die Insel,


das ein paar Tage blieb, um auf das Schiff zu warten, das es
nach Sankt Helena bringen sollte.
Einer von ihnen war Psychologe, ein älterer, magerer
und ein wenig eitler Herr. Die Gästeliste stellte ihn als Pro-
fessor vor und tatsächlich wirkte er, wie viele Akademiker,
betont distingniert.
Der Zweite war ein Architekt um die 60, kleinwüchsig
und kahl. Sein Englisch war so unverständlich wie das des
Professors perfekt. Er warf ständig mit Witzen, Wortspie-
len und ironischen Bemerkungen um sich, die für uns un-
durchschaubar blieben, wobei er jedes Mal kichernd hoch-
fuhr.
Die Dritte war eine Dame unbestimmbaren Alters,
klein, mager und etwas schüchtern. Sie war als Kranken-
schwester in Malaysia gewesen, nach England zurückge-
kehrt, dann zehn Jahre auf Malta gewesen und wieder nach
England zurückgegangen. Sie hatte erfahren, dass das Au-
ßenministerium für drei Jahre eine leitende Kranken-
schwester auf Sankt Helena suchte und sich um die Stelle
beworben. Sie ließ in England einen verheirateten Sohn
und einen Enkel zurück. Von der Existenz eines Eheman-
nes sprach sie nie.
Von den dreien plante nur die Dame einen längeren Auf-
enthalt auf Sankt Helena. Der Architekt wollte drei Mo-
nate bleiben, um für die Regierung ein Gutachten über
nützliche (oder weniger nützliche) bauliche Veränderun-
gen am Krankenhaus zu erstellen, die jedoch so wenig wie
möglich kosten sollten, wie er kichernd erklärte. Der Pro-
fessor schließlich stattete den »Problemkindern« der Insel
einen Besuch ab, der auf ganze zwei Wochen beschränkt
war, auf die Zeitspanne, die das Schiff, mit dem er wieder
abreisen wollte, bis Kapstadt und zurück nach Sankt He-
lena benötigte.

Zwei Tage vor unserer Abreise kam der letzte Besucher,


mit dem wir das Islander Hostel teilten. Sein Name auf der
Gästeliste wies ihn zweifelsfrei als Niederländer aus. Als
wir am Morgen einen strohblonden, fahrig wirkenden
Mann mit schweinchenrosa gerötetem, pausbäckigem Ge-
sicht trafen, der uns mit einem gutturalen »good after-
noon« begrüßte, wussten wir, dass der Holländer mit dem
Nachtflugzeug angekommen war.
Den ganzen Tag sahen wir nichts mehr von ihm, aber als
wir vom Abendessen zurückkamen, trafen wir ihn wieder.
Er trug immer noch denselben schlecht sitzenden dunklen
Anzug und war noch fahriger als am Morgen. Der Tag auf
seinem Zimmer hatte ihm keinerlei Erholung verschafft,
sondern nur allen Mücken der Gegend Gelegenheit gege-
ben, von der Gegenwart des Neuankömmlings zu profitie-
ren. (Die Mücken waren am Anfang für uns alle ein erheb-
liches Problem, das wir aus schierem Überlebensinteresse
jeder auf seine Weise umgehend lösten: mit Anti-Mücken-
Creme, Moskitonetz, Mückenfängern vor den Fenstern
und so weiter.)
Der Niederländer grüßte uns mit einem überraschenden
»buona sera«. Wie klein die Welt ist! Er sprach nicht nur
gut Italienisch, sondern kannte auch unseren Landesteil
hervorragend. Seine Eltern wohnten in einer Kleinstadt
wenige Kilometer von unserer Heimatstadt entfernt. Er
war Schriftsteller und hatte eben ein Buch über Bomarzo
beendet, ein kleines mittelalterliches Dorf nicht weit von
Viterbo. Hier befindet sich der Parco dei mostri, der »Park
der Ungeheuer«, den ein Sprössling der Orsini, des einsti-
gen Herrscherhauses der Gegend, anlegen ließ. Es gibt
nicht viele Italiener, die Bomarzo kennen, und es war
schon merkwürdig, mitten auf einer Insel im Atlantik dar-
über zu sprechen.
Der Niederländer war auf Ascension, um über die
Hauptperson seines nächsten Buches zu recherchieren, ei-
nen niederländischen Seemann, der 1725 auf Ascension
ausgesetzt wurde, als die Insel noch nicht bewohnt war. Er
hatte sich eines Verbrechens schuldig gemacht, das auf den
Schiffen der Epoche ebenso verbreitet war, wie es verab-
scheut wurde: Sodomie.
Die Geschichte erzählen auch der Katalog des kleinen
Museums von Ascension und das Buch von Hart-Davis –
aber beide geben zu verstehen, sie nicht für sehr glaubwür-
dig zu halten. Demnach ging die »Compton«, ein engli-
sches Kriegsschiff, im Januar 1726 vor der Insel vor Anker.
Am Strand fand die Besatzung die Reste eines Zeltes und
ein Tagebuch, das am 5. Mai des Vorjahres einsetzte und als
letzten Eintrag den 14. Oktober auswies. Von seinem Ver-
fasser fand sich keinerlei Spur.
Es ist hier nicht der Ort, um von den Leiden zu berich-
ten, die in diesem Tagebuch beschrieben werden, in dem
sich Momente halluzinierender Hoffnung mit immer grö-
ßerer Verzweiflung mischen. Der Autor berichtet von
Schrecken erregender Einsamkeit, Hunger- und Durstqua-
len, seinem wachsenden Schuldbewusstsein und dem wahn-
haften Wunsch, Buße zu tun. »14. September: Ich werde zu
einem wandelnden Skelett. Meine Kräfte schwinden zuse-
hends […] Meine Reue über die Sünden, die ich begangen
habe, könnte nicht wahrhaftiger und aufrichtiger sein, und
ich bitte den Herrn, dass keinem Menschen ähnliche Lei-
den widerfahren möchten wie die, die ich erdulden musste
und noch erdulde.«
Ich möchte natürlich nicht die Ergebnisse vorwegneh-
men, auf die unser Mitbewohner auf den Spuren dieses un-
glücklichen, phantomhaften Seemanns in den Archiven
der britischen und niederländischen Marine stieß. Sein ers-
tes Problem bestand darin, die Echtheit der Geschichte
festzustellen. Die Veröffentlichung des Tagebuchs, das die
Besatzung des Schiffs seiner Majestät »Compton« an der
Küste der Insel Ascension fand, der einzigen Quelle der
ganzen Geschichte, geht auf das Jahr 1726 zurück, nur ei-
nige Jahre nachdem ein Buch erschienen war, das seit sei-
ner Veröffentlichung 1719 zu einem der berühmtesten und
erfolgreichsten der Geschichte wurde: Robinson Crusoe
von Daniel Defoe. Es ist wohl legitim, den Verdacht zu he-
gen, dass das Tagebuch nur erdacht und erfunden war, um
auf der literarischen Modewelle zu reiten, die Defoes Buch
ausgelöst hatte.
Ob wahr oder falsch, die Geschichte des wegen seiner
homosexuellen »Sünden« auf eine Insel verbannten See-
mannes griff in den achtziger Jahren ein homosexueller
Schriftsteller aus San Francisco aus der Perspektive der
Schwulenbewegung auf, ohne sich freilich, wie mein nie-
derländischer Freund ein wenig abfällig bemerkte, die ge-
ringste Mühe um eine historische Fundierung zu machen.
Was ist wahr an der schrecklichen Geschichte des ge-
strandeten Niederländers und seines Tagebuchs? Glaubt
man unserem Mitbewohner, vielleicht doch mehr, als die
Bücher glauben machen wollen, die ich konsultierte. Aber
das ist, wie man in solchen Fällen zu sagen pflegt, eine an-
dere Geschichte.
XXV

Am 20. Oktober 1922 hörte die Insel Ascension auf, offi-


ziell ein britisches »Kriegsschiff« zu sein. Die Militärgar-
nison wurde abgezogen, die Munitionsbestände verfeuert
und das restliche Eigentum der Marine an eine Gesell-
schaft verkauft, die seit einigen Jahren auf der Insel Fuß
gefasst hatte: die Eastern Telegraph Company. Sie hatte
schon Ende des 19. Jahrhunderts begonnen, sich mit Tele-
kommunikation via Kabel zu befassen und ein Netz auf-
gebaut, das England mit Indien verband. Dann, 1899, hatte
sie ein Unterseekabel von Cornwall über die Kapverdi-
schen Inseln, Ascension und Sankt Helena nach Kapstadt
verlegt, rechtzeitig zum Beginn des Burenkrieges.
Die Insel Ascension hatte immer die Rolle eines Knoten-
punktes gespielt, an dem sich dank ihrer geografischen La-
ge auf natürliche Weise Verkehrs- und Informationswege
kreuzten, und dies schon seit ihrer Entdeckung, als die por-
tugiesischen Seeleute die ersten Ziegen für nachfolgende
Seefahrer aussetzten und die Schiffe hier Nachrichten hin-
terließen, in der Hoffnung, dass sie andere Schiffe auf dem
Rückweg entdecken und in die Heimat tragen würden.
Im Verlauf von ein paar Jahrzehnten, um die Wende
vom 19. zum 20. Jahrhundert, wurde Ascension wie eine
Spinne inmitten ihres Netzes zu einem Knotenpunkt, an
dem die unterseeischen Telegrafenkabel von und nach Kap-
stadt, Jamestown in Sierra Leone, Porthcurno in Cornwall,
Rio de Janeiro und Buenos Aires zusammenliefen. Die In-
sel wurde der Aufsicht des Kolonialministeriums und so-
mit dem Gouverneur von Sankt Helena unterstellt. In der
Praxis veränderte sich wenig. Die nun seltenen Seeleute,
englischen Marinesoldaten und die wenig zahlreicheren
Kru-Arbeiter wurden von ein paar Dutzend Angestellten
der Eastern Telegraph Company und etwa 100 Sankthe-
lenaern ersetzt, die für sie arbeiteten. Die Eastern Tele-
graph Company verschmolz dann mit der Firma Marconi
und erhielt den Namen Cable & Wireless. Da sie sich nun
nicht mehr nur um die Unterseekabel (cable) kümmerte,
sondern auch um den – drahtlosen – Rundfunk (wireless),
baute sie die Insel zum ersten Funkverbindungszentrum
aus. Der Sitz von Cable & Wireless war anfänglich eben je-
nes Islander Hostel, in dem wir wohnten.
Die einzigen, für die sich das Leben wirklich veränderte,
waren die Schildkröten. Nachdem die Segelschiffe ver-
schwunden und von den schnelleren und weniger witte-
rungsabhängigen Dampfschiffen ersetzt worden waren,
gingen immer weniger Schiffe vor Ascension vor Anker.
Der Bedarf an Schildkrötenfleisch brach zusammen. Nach
dem Erwerb der Insel beschränkte Cable & Wireless die
Schildkrötenjagd und verbot sie schließlich ganz – zum
großen Ärger der Lords der Admiralität, die nur widerwil-
lig das Privileg aufgaben, regelmäßig Schildkrötensuppe
aus Ascension zu beziehen, die passenderweise vom King's
Turtle Soup Manufacturer gekocht wurde. Um dieses Vor-
recht zu erhalten, entspann sich zwischen der Admiralität
und Cable & Wireless ein verbissener, fruchtloser und
amüsanter Briefkrieg, der gut zehn Jahre dauerte.
Heute ist es verboten, die Schildkröten zu jagen oder
auch nur zu stören. Eine Anordnung des Verwalters
warnt, dass mit einer Strafe von »nicht mehr als 100
Pfund« rechnen muss, wer dagegen verstößt. (Das briti-
sche Recht setzt der Willkür des Staates bei der Bestrafung
seiner Bürger Grenzen. In Italien würde ein ähnliches Ver-
bot, wie ich glaube, genau umgekehrt formuliert: Wer ge-
gen dieses Verbot verstößt, wird mit einer Strafe von nicht
weniger als 100 000 Lire belegt. Die Bürger sind gewarnt:
Der Staat kann sie ab einem bestimmten Niveau aufwärts
so hart bestrafen, wie er will.)

Alles änderte sich, als der Zweite Weltkrieg ausbrach. Wie-


der war Ascension kein Schauplatz irgendeiner See-
schlacht, weder unter Wasser noch in der Luft. Trotz der
Sorge der Engländer, die aufgrund der dürftigen Verteidi-
gung – zwei Kanonen, die nie einen Schuss abgegeben hat-
ten – mehr als berechtigt war, wurde die Insel nie angegrif-
fen. Dennoch muss man im Rückblick sagen, dass sie eine
entscheidende Rolle im Krieg gegen die deutschen Unter-
seeboote spielte, die die Schiffe im Atlantik bedrohten.
Im Oktober 1941, als der Krieg schon im vollen Gange
war, die Amerikaner sich aber noch nicht daran beteiligten,
nahm die amerikanische Regierung mit der englischen
Kontakt auf – oder war es umgekehrt? –, um die Möglich-
keiten zu sondieren, einen Militärstützpunkt auf der Insel
Ascension zu errichten. Ähnliche Abkommen waren für
einige Inseln – britische Kolonien – in der Karibik getrof-
fen worden. Bald war eine Übereinkunft erreicht, deren
Details jedoch, wie Simon Winchester in seinem Buch über
die letzten britischen Kolonien schreibt, nie an die Öffent-
lichkeit drangen. Tatsache ist, dass seither ein kleiner, aber
wichtiger Teil der Insel in jeder Hinsicht amerikanisch
wurde und bis heute blieb. Im Dezember jenes Jahres
griffen die Japaner Pearl Harbour an, und wenige Monate
später kamen die Amerikaner nach Ascension, um dort
den geheimsten und unglaublichsten Flughafen der Welt
zu bauen. Er wurde in Rekordzeit – in nur zwei Monaten
– fertig gestellt: vom 30. März 1942, als die ersten Pionier-
einheiten landeten, bis zum 20. Mai, dem Tag, an dem der
Flughafen eröffnet wurde.
Selbst wenn man den einen oder anderen Zweifel an sol-
chen von den Siegern erzählten Geschichten hegt, der Bau
dieses Flughafens auf einem Lavafeld in so kurzer Zeit und
unter derart schwierigen Bedingungen war zweifellos eine
außergewöhnliche Leistung. Bis zum Kriegsende landeten
zirka 20 000 Flugzeuge auf Ascension. Der Krieg in Af-
rika, El Alamein, die Landung der Engländer und Ameri-
kaner in Algerien, in Sizilien, in der Normandie: All diese
militärischen Unternehmungen glückten auch dank der
Luftunterstützung von Flugzeugen, die in Ascension zwi-
schenlandeten. Gegen Kriegsende flogen Bomber über
Ascension, die sogar auf so entfernten Kriegsschauplätzen
wie China, Indien und Birma eingesetzt wurden.
If you miss Ascension/Your wife will get a pension.
»Wenn du Ascension verfehlst, kriegt deine Frau eine Ren-
te.« Dieser Schüttelreim war unter den amerikanischen
Fliegern wohlbekannt, die von Florida oder Brasilien in
Richtung Ascension starteten. Wenn sie die Insel verfehl-
ten, hatten sie nicht mehr genug Treibstoff, um woanders
zu landen, weil es kein Festland und keinen anderen Flug-
hafen im Umkreis von 1000 Kilometern gab.
Im Atlantischen Ozean ging der Kampf gegen die deut-
schen Unterseeboote weiter, die alle ein schlimmes Ende
nahmen. Gerade in der Nähe von Ascension ereignete sich
eine Episode des Seekriegs, die als »Zwischenfall der ›La-
conia‹« in die Geschichte einging.
Im September 1942 griff ein deutsches Unterseeboot,
das U-156, den englischen Ozeandampfer Laconia an, der
1 800 italienische Kriegsgefangene transportierte, und ver-
senkte ihn. Der Kapitän des Unterseebootes bat das Kom-
mando in Deutschland – vielleicht auch, weil er bemerkt
hatte, dass unter den Schiffbrüchigen viele italienische Sol-
daten waren – über Funk um Instruktionen. Dieses ord-
nete an, die Überlebenden zu retten, jedoch ohne die Si-
cherheit des U-Bootes zu gefährden. Der Kapitän ließ
daraufhin das Boot auftauchen, hisste die Fahne des Roten
Kreuzes und begann mit der Bergung der Schiffbrüchigen,
während er über Funk die Botschaft aussandte, dass er
nichts gegen andere Hilfsaktionen von Feindesseite unter-
nehmen wolle, um nicht selbst angegriffen zu werden.
All das ereignete sich gefährlich nahe an der Insel, deren
eben fertig gestellter Flughafen ein eifersüchtig gehütetes
Geheimnis der Engländer und Amerikaner war. Ein auf-
tauchendes feindliches U-Boot war, auch wenn es eine
Hilfsaktion unternahm, ein Risiko. Daher wurde es, so-
bald die patrouillierenden Aufklärer es entdeckten, ohne
Rücksicht sofort angegriffen. Das U-156 rettete sich, in-
dem es abtauchte und die Rettungsboote der Schiffbrüchi-
gen in seinem Schlepptau ihrem Schicksal überließ. Nach
dieser Episode erließ Admiral Dönitz den Befehl, dass
kein deutsches U-Boot mehr den Schiffbrüchigen der
Schiffe zu Hilfe kommen durfte, die es versenkte. Einige
Jahre später wurde dieser Befehl in den Nürnberger Pro-
zessen gegen Dönitz ins Feld geführt, der sich jedoch mit
der Zeugenaussage des – amerikanischen – Admirals Ni-
mitz retten konnte. Nimitz erklärte, ein ähnlicher Befehl
sei auch an die amerikanischen U-Boote im Pazifik ergan-
gen.
XXVI

Die Tage vergingen, und der Moment der Abreise rückte


näher, aber der Verwalter schien seine Absicht vergessen
zu haben, uns zu einem Abendessen einzuladen. Trotzdem
war er sehr gut über uns informiert, weil Graeme, der die
Kontakte hielt, regelmäßig zu ihm ging, um ihn über un-
sere Forschungen zu informieren, aber auch, weil in einem
Ort von den Ausmaßen Georgetowns alle alles über alle
wissen.
Dann kam der Tag der Einladung. Wir fanden die Um-
schläge eines Morgens auf dem Tisch der Veranda des Is-
lander Hostel. Darauf standen unsere Namen und die Ad-
resse (c/o The Islander Hostel), die – man sah es an der
ungleichmäßigen Schwärzung der Buchstaben – mit einer
veralteten Schreibmaschine geschrieben worden waren. Die
Billets im Inneren waren jedoch von ganz anderer Art.
Oben prunkte, vergoldet und stolz, das verwickelte Wap-
pen der britischen Krone: rechts der Löwe, links das Ein-
horn, beide aufsteigend, im Zentrum die Krone über den
Wappen von Wales, England, Schottland und Nordirland
mit den Inschriften Honi soit qui mal y pense und Dieu et
mon droit. Unter dem Wappen, in schönen kursiven Druck-
buchstaben, wurden wir davon in Kenntnis gesetzt, dass
sich Seine Ehren und Seine Werte Gemahlin am 19. Mai
um 7.30 p.m., also um 19 Uhr 30, über unsere Gesellschaft
in der Residenz freuen würden. Im Hinblick auf die Gar-
derobe stand auf dem Billet:
DRESS: INFORMAL/PLANTERS/CASUAL

Die Entschlüsselung dieses letzten Teils bereitete uns eini-


ges Kopfzerbrechen. Was planters genau bedeutete, blieb
ein Geheimnis, auch wenn es in diesem Zusammenhang
unwichtig war, weil diese Art der Kleidung nicht von uns
verlangt wurde.
Unser Insektenforscherfreund kam uns zu Hilfe, der
ebenfalls an jenem Abend eingeladen war und sich besser
auskannte als wir. Er erklärte uns, dass nach dem klassi-
schen britischen Understatement, der gewohnheitsmäßigen
Untertreibung, informal tatsächlich »schrecklich formal«
bedeutete, mit Jackett, Krawatte und schwarzer Anzug-
hose, planters war (vielleicht) ein Grad dazwischen und ca-
sual bedeutete im Wesentlichen ohne Schlips. Das war im
Grunde genau das, was wir wissen wollten.
Die Bedeutung von planters und die Beschreibung der
kompletten Kleiderordnung der englischen Etikette –
nicht zu verwechseln mit der amerikanischen, die offenbar
anders ist –, erklärte mir später ein Freund, der als junger
Mann einige Zeit Steward auf einem britischen Kreuz-
schiff gewesen war. Von oben angefangen bedeutet formal
im höchsten Grade förmlich – Smoking. Der arme Verwal-
ter hätte in diesem Fall in Ausgehuniform mit dreizacki-
gem Federhut erscheinen müssen. Informal hieß, wie der
Insektenforscher richtig gesagt hatte, dunkler Anzug,
schwarze Schuhe, weißes Hemd und natürlich Krawatte.
Planters – von »Pflanzer, Siedler« – bedeutet: Jacke und
Krawatte, jedoch braune Schuhe, kombinierter Anzug,
nicht notwendigerweise weißes Hemd. Casual will sagen:
kein Jackett und keine Krawatte, aber lange Hosen. Barbe-
cue meint schließlich Bermuda-Shorts und kurzärmliges
Hemd.
Die Residenz des Verwalters liegt fast auf dem Gipfel
von Green Mountain. Einst beherbergte sie The San, das
Sanatorium, ein kleines Bergkrankenhaus, wo die Seeleute
und Soldaten der East African Squadron aufgenommen
wurden, die im Allgemeinen unter Gelbfieber litten. Wir
erreichen das niedrige, quadratische, eingeschossige Haus
mit grauen Steinmauern hinter dunkelgrünen Bäumen
beim letzten Tageslicht. Auf dem Kiesvorplatz stehen im
Halbschatten bereits einige Wagen. Den Eingang erhellt
das gelbe Licht einer Laterne. Es könnte auch ein Gasthof
in einer entlegenen Heidelandschaft im Herzen Englands
sein.
Außer uns, Seiner Ehren und Seiner Werten Gemahlin
sind bei dem Essen der Chef der Station von Cable & Wi-
reless zu Gast, der den Verwalter vertritt, wenn dieser in
England Ferien macht, ein Ingenieur der BBC und ein Of-
fizier der Royal Air Force, alle nebst Gattinnen.
Der Abend verläuft angenehm. Der Insektenforscher
erzählt von seinen Insekten, meine Biologenfreunde von
den Schildkröten, die Frau des Ingenieurs erklärt, wie
glücklich sie sei, dass ihre Kinder auf die Grundschule in
Two Boats statt auf eine in London gehen, und die Frau
des Verwalters gibt sich als Vulkanexpertin zu erkennen
und zeigt uns ihre Mineraliensammlung.
Es kommt heraus, dass ich in Wirklichkeit kein Biologe,
sondern Arzt bin. Der Verwalter fährt zusammen und
kann seinen Schrecken kaum verbergen: Ist er betrogen
worden? Warum also bin ich auf der Insel? Ich kann ihn
beruhigen: Ich begleite meine Biologenfreunde und be-
schäftige mich selbst auch mit Schildkröten, lüge ich. Nach
dem Cocktail kommt das Abendessen. Es bedienen uns,
still und untadelig, zwei Sankthelenaerinnen, Mutter und
Tochter, in schwarzer Livree mit weißer Schürze.
Der Verwalter erzählt von der möglichen Zukunft der
Insel. England wird seine Präsenz weiter vermindern, nur
die Amerikaner bleiben, aber auch sie in geringerer Zahl.
Ein Unternehmer aus Sankt Helena möchte das Gut über-
nehmen und eine Kaffeeplantage anlegen. Das Klima, so
scheint es, wäre für Kaffeepflanzen ideal. Und dann sind
die Arbeitskräfte auf Sankt Helena ja so billig… Es gibt
auch das Vorhaben, die Insel dem Tourismus zu öffnen –
einem reichen, umweltschonenden Tourismus mit be-
grenzten Gästezahlen. Aber dazu wären Investitionen
notwendig, und das Außenministerium – das die Insel vom
Kolonialministerium geerbt hat – scheut die Ausgaben.
Vielleicht könnte man Gelder von der Europäischen Uni-
on bekommen. Aber wären (der Verwalter spricht es nicht
aus) die Amerikaner damit einverstanden?
Ich habe im Internet den Bericht über die Lage der »ab-
hängigen Gebiete« gefunden, den die Unterstaatssekretä-
rin des Außenministeriums, Baronin Symons of Vernham
Dean, am 11. Juni 1997 dem House of Lords, dem briti-
schen Oberhaus, vorlegte. Gibraltar, Hongkong, die briti-
schen Karibikinseln, Falkland, Sankt Helena – über
Ascension findet sich nicht mehr als eine Zeile: »Wir dis-
kutieren mit unseren amerikanischen Alliierten über die
Möglichkeit, die Insel für den kommerziellen Verkehr zu
öffnen.«
Bei Tisch sprechen wir auch von anderen Dingen, von
den kleinen, unvermeidlichen Geschichten des Gesell-
schaftslebens und des Alltags auf der Insel: »Neulich
abends bei John haben wir so gelacht, als er erzählte …«
»Es ist schon eine Weile her, dass die Waddingtons eine
Party gegeben haben …« »Als wir sie das letzte Mal bei den
Youngs gesehen haben, wollte Richards Frau einen chine-
sischen Kochkurs machen, aber bislang hat sie noch nicht
damit begonnen … Nun ja, auch ich wollte ja ein kleines
Buch über die Küche von Sankt Helena schreiben, aber ich
bin immer noch mitten drin …«
Unglücklicherweise gleitet das Gespräch auf medizini-
sche Themen ab. »Wo Sie doch Arzt sind, dürfte ich die
Gelegenheit nutzen, um Sie zu fragen …?« Jede Ärztin und
jeder Arzt muss in einer solchen Situation unweigerlich
mit dieser Art von Fragen rechnen. Man weiß, dass es un-
vermeidlich ist, erwartet es und fürchtet den Zeitpunkt.
Mit einer Mischung aus Resignation und Bangigkeit warte
ich auf die Fortsetzung des Gesprächs.
XXVII

Nach Kriegsende entvölkerte sich Ascension im Laufe we-


niger Jahre und alles oder fast alles – war wieder wie zu-
vor. Die britischen und amerikanischen Militärkontin-
gente wurden abgezogen, auch der Verwalter ging, der in
seiner Eigenschaft als Repräsentant des Gouverneurs von
Sankt Helena von den Engländern entsandt worden war,
um die Aktivitäten mit den amerikanischen Partnern zu
koordinieren und sie im Auge zu behalten.
Am 31. Mai 1947 wurde der Flughafen geschlossen. Es
blieben eine verwaiste Landepiste, ein paar Gebäude, die
abzureißen nicht lohnte, da sie von selbst verfallen wür-
den, und es blieben die Beschäftigten von Cable & Wire-
less, um weiter die gewohnte Arbeit zu verrichten. Erneut
war Ruhe auf der Insel eingekehrt, wenn auch nur für kurze
Zeit.
Zehn Jahre später, 1956, kehrten die Amerikaner zu-
rück, dank jenes Abkommens von 1941, das ihnen einen
Teil der Insel überließ. Der Kalte Krieg war ausgebrochen
und Ascension wieder nützlich geworden. Es wurde der
äußerste Punkt des Eastern Range, des »östlichen Testge-
bietes«, jenes bis auf wenige Karibikinseln fast menschen-
leere Seegebiet, auf dessen anderer Seite 5000 Kilometer
weiter im Nordwesten Cape Canaveral liegt und in dem
die Amerikaner einen Großteil ihrer Versuche mit ballisti-
schen Interkontinentalraketen unternahmen.
Ascension war nun einer der Stützpunkte, von dem aus
die Flugbahnen der Raketen verfolgt wurden, die von Ca-
pe Canaveral starteten, und die umliegenden Gewässer
fungierten als eine Art Zielscheibe, um die Zielgenauigkeit
der Flugkörper zu testen. Aus einer immer globaleren Per-
spektive wurde die Insel mit der Zeit zum strategischen
Verbindungspunkt für die Satelliten, die über diesem Teil
der Erde kreisten – Satelliten, mit denen sich diskret, ohne
Belästigung und ohne großen Aufwand beobachten ließ,
was in Afrika und Südamerika vor sich ging, den beiden
äußerst reichen und politisch instabilen Südkontinenten.
Doch die Insel diente nicht nur als Abhöranlage. Im
Monat unserer Expedition fiel die Regierung von Mobutu
in Zaire, das nun wieder den Namen Kongo erhielt. Viel-
leicht war es kein Zufall, dass in jenen Tagen höchster Un-
sicherheit auf der Flughafenlandebahn zwei gigantische
Galaxys landeten, amerikanische Militärtransportmaschi-
nen. Sie blieben dort einige Tage stehen und waren dann
plötzlich verschwunden, als auch diese politische Krise
vorerst gelöst schien.
Dass es für die Weltmacht Amerika von Nutzen ist, über
eine mit Antennen gespickte Insel im Zentrum des Atlan-
tischen Ozeans mit einem großen Flughafen und ohne ein-
heimische Bevölkerung zu verfügen, auf die man Rück-
sicht nehmen müsste, versteht sich. Weniger einsichtig ist
der Nutzeffekt für die Engländer. Das Empire ist seit lan-
gem untergegangen. Es gibt nur noch winzige Reste, nur
Inseln, die so klein sind, dass sich ihre Unabhängigkeit von
selbst verbietet. Die letzte Zuckung von Nationalstolz war
der Falklandkrieg. Er hatte den unleugbaren Vorteil, den
Bluff eines brutalen, korrupten und ineffizienten Militär-
regimes offenkundig zu machen und seinen Sturz herbei-
zuführen und er hatte es Margaret Thatcher ermöglicht,
sich etliche weitere Jahre an der Macht zu halten. Aber
auch diese Zeiten sind vorbei. Die Royal Air Force hat ei-
nen Großteil ihres Personals aus Ascension abgezogen
und auch die CSO (der halb geheime Nachrichtenüberwa-
chungsdienst) will in Kürze gehen. Nach dem kurzen Auf-
lodern des Falklandkrieges tritt die Insel erneut in eine
Phase der Ruhe und Vergessenheit.
XXVIII

Woher kommen sie, wohin kehren sie zurück, und wel-


chen Routen folgen die Schildkröten von Ascension?
Der Erste, der sich mit diesem Problem auseinander
setzte, war der »Vater« der Meeresschildkrötenforschung,
ein Zoologieprofessor der Universität von Florida namens
Archie Carr, der vor einigen Jahren gestorben ist. Zusam-
men mit seinen Mitarbeitern versah Carr zwischen 1960
und 1980 die unglaubliche Zahl von 3 384 Schildkröten, die
zur Eiablage an die Küsten von Ascension kamen, mit ei-
nem Kennschild. Das Schild versprach auf Englisch und
Spanisch jedem eine Belohnung von fünf amerikanischen
Dollar, der eine gekennzeichnete Schildkröte fand und die
Informationen über Zeit und Fundort einsandte.
Die Absender erhielten auf diese Weise die Daten von 66
Schildkröten, im Allgemeinen solche, die sich in den Net-
zen von Fischern verfangen hatten. Sie stammten alle aus
den subäquatorialen Gewässern Brasiliens und in großer
Zahl von der östlicheren Küste um die Stadt Recife herum,
aber einige fand man auch viele hundert Kilometer weiter
nördlich und südlich. Trotz der begrenzten Zahl dieser
Stichproben – man hatte weniger als zwei Prozent der ge-
kennzeichneten Schildkröten wiedergefunden wies die
Studie darauf hin, dass die Schildkröten an den Küsten
Brasiliens beheimatet sind und alle zwei bis drei Jahre zur
Insel Ascension wandern.
Nach den ersten düsteren Tagen, als wir alle Satelliten-
sender verloren hatten, gingen meine Freunde auf Num-
mer Sicher und warteten ab. Um das Risiko zu verklei-
nern, die Sender zu verlieren, musste man sie an Tieren
anbringen, die den Eiablagezyklus hinter sich hatten und
nicht länger in den Gewässern um die Insel blieben, um
sich zu paaren.
Es gab jedoch kein äußeres Zeichen, an dem sich eine
Schildkröte am Ende ihres Eiablagezyklus von jenen un-
terscheiden ließ, die noch in der Nähe von Ascension ver-
weilten. Die einzige Möglichkeit, um die Wahrscheinlich-
keit zu erhöhen, die richtigen Schildkröten auszuwählen,
bestand darin, einige Wochen zu warten, bis sich die übli-
che Zeit der Eiablage ihrem Ende zuneigte. Dann würde
man sicher davon ausgehen können, dass die – wenigen –
Schildkröten, die wir noch fanden, alle zur letzten Eiab-
lage an Land kamen.
Diese Überlegung erwies sich als richtig. Paolo kehrte
im folgenden Monat nach Ascension zurück, um die letz-
ten Sender anzubringen. Wieder in Italien, trafen immer
mehr Daten ein, die die Erwartungen erfüllten: Die Schild-
kröten waren fortgewandert und senden weiterhin Signale,
viele Wochen lang. Alle fünfzehn Schildkröten, die mit
dem Satellit verfolgt wurden, hatten sich auf den Weg nach
Brasilien gemacht.

Aber der Beitrag unserer Reise zur Forschung beschränkte


sich nicht nur darauf, mit einer anderen Methode eine be-
reits bestehende Hypothese zu bestätigen. Die Analyse der
Wanderrouten der Schildkröten ermöglichte neue Er-
kenntnisse über die Art ihrer Wanderung durch die Meere
und warf neue Fragen auf.
Die Ergebnisse zeigten, dass sich die Schildkröten, so-
bald sie Ascension verlassen haben, nach einem anfängli-
chen leichten Südkurs sofort nach Westen orientieren. Die
Routen in diesem ersten Abschnitt überlagern sich in un-
gewöhnlicher Weise: Es ist, als ob die einzelnen Schildkrö-
ten, die wir verfolgten, die ersten 150 Kilometer alle den
gleichen unsichtbaren Korridor nahmen, auch wenn sie zu
verschiedenen Zeiten zurückwanderten. Dann, nach einer
längeren Wegstrecke über Hunderte von Kilometern,
neigten sie dazu, zu divergieren, wobei einige leicht nach
Norden oder Süden abwichen und andere eine mittlere
Route hielten. Alle orientieren sich jedoch insgesamt Rich-
tung Westen. Nachdem sie etwa zwei Drittel des Weges
zurückgelegt hatten und noch weit von der Küste entfernt
waren, begannen die Wanderrouten, wieder auf den Ziel-
ort zusammenzulaufen, den östlichsten Punkt der brasilia-
nischen Küste. Wenn es sich dabei nicht um einen außer-
gewöhnlichen Zufall handelt, lässt sich dies offenbar nur
auf eine Weise erklären: Die Schildkröten sind in der Lage,
den eigenen Kurs zu korrigieren, weil sie in irgendeiner
Weise die Position des nächstgelegenen Küstenstreifens
»bemerken«.
Welche Informationen nutzten die Schildkröten, um ih-
re Richtung zu korrigieren? Sicher nicht den Anblick der
Küste, die noch Hunderte von Kilometern entfernt ist.
Vielleicht – so glauben meine Freunde – folgen sie irgend-
einer Geruchsspur, einem Stoff, der vom Festland kommt
und im Wasser gelöst von den Flüssen mitgeführt wird
oder sich in der Luft ausbreitet. Aber auch dies ist nicht
sehr wahrscheinlich, weil sowohl der Wind wie die vor-
herrschenden Meeresströmungen in diesen Regionen auf
die Küste zu und nicht in die umgekehrte Richtung verlau-
fen.

Die Schildkröten schwimmen mit einer durchschnittlichen


Geschwindigkeit von 2,5 bis drei Kilometern in der Stun-
de. Das entspricht der Geschwindigkeit eines gemächli-
chen Spaziergangs oder der Fortbewegung mit einem Ru-
der- oder Paddelboot. Ob es sich dabei um ihre effektive
Geschwindigkeit handelt oder ob sie zwischen schnelleren
und langsameren Phasen wechseln und vielleicht sogar Er-
holungspausen einlegen, Nahrung aufnehmen oder sich
orientieren, das lässt sich über die Satellitentelemetrie
nicht feststellen. Um das zu klären, reicht die Häufigkeit
der Erhebungen nicht aus.
Sie schwimmen tagsüber und nachts, legen alle 24 Stun-
den 60 bis 70 Kilometer zurück und erreichen in 30 bis 40
Tagen die brasilianische Küste in einer Entfernung von
2300 Kilometern.
Sie schwimmen ebenso bei Licht wie im Dunkeln, bei
bedecktem wie bei klarem Himmel, mit und ohne Sonne,
Sterne und Mond. Das bedeutet, dass sie sich anders als an-
dere Wandertiere wie zum Beispiel Vögel nicht an den
Himmelskörpern orientieren, oder auf sie verzichten kön-
nen. Sie lassen sich auch nicht vom Kurs abbringen, wenn
ihnen das Magnetfeld der Erde als Bezug fehlt.

Dies war einer der interessantesten Aspekte der Forschung


meiner Freunde. Bei sieben der 15 Schildkröten hatten sie
mit einem besonders ausgeklügelten System kleine, aber
starke Magnete an verschiedenen Stellen des Rücken-
schilds angebracht. Die Magnete wurden nicht direkt am
Rückenschild befestigt, sondern an kleinen, halbfesten
Metallstielen von einigen Zentimetern Länge, die ihnen
Spiel ließen, wenn sich das Tier bewegte. So schufen sie um
die Schildkröten herum ein Magnetfeld, das nicht nur stär-
ker als das der Erde war, sondern sich auch ständig verän-
derte. Um zu verhindern, dass die Magneten für immer an
der Schildkröte haften blieben, war ein Teil der Halterung
aus einem Metall gefertigt, das im Meerwasser korrodiert
und nach etwa vier Wochen von selbst abfallen würde. Die
Routen dieser sieben Schildkröten waren von den »nicht-
magnetisierten« Tieren ununterscheidbar, trotz der Mag-
nete und ungeachtet der verbreiteten Meinung, dass sich
Meeresschildkröten wie viele andere Tiere am Magnetfeld
der Erde orientieren und mit seiner Hilfe nicht nur die
Himmelsrichtungen, sondern auch die eigene Position
feststellen. Diese Auffassung ist zwar häufig anzutreffen,
wurde aber nach Meinung meiner Freunde nie hinreichend
bewiesen.
Die Theorie, nach der die Schildkröten eine Art inneren
Kompass zur Orientierung benutzen, war tatsächlich al-
les andere als unbegründet. Die Untersuchungen einer
amerikanischen Forschergruppe hatten gezeigt, dass jun-
ge Schildkröten, die man in ein Becken setzte und frei
schwimmen ließ, alle spontan dazu neigten, eine be-
stimmte Richtung einzuschlagen, die sie änderten, wenn
sie einem Magnetfeld ausgesetzt wurden.
Vielleicht, so sagen meine Freunde, gibt es hier keinen
zwangsläufigen Widerspruch: Die kleinen Schildkröten
könnten die Informationen des Magnetfeldes für kurze
Zeit nutzen, um auf die offene See zu gelangen, bevor sie
ihre geringen Energiereserven aufgebraucht haben und
sich von der Strömung treiben lassen, während die er-
wachsenen Tiere ebenso gut den Weg zurück durch den
halben Atlantik finden, auch wenn ihre Wahrnehmung des
Erdmagnetfeldes – gesetzt den Fall, dass sie existiert – ge-
stört wird.
Wie es die Schildkröten also schaffen, auf ihrer Route
mitten durch den Ozean Kurs zu halten, bleibt bis heute
ein Rätsel – ein schier unglaubliches Geheimnis, wenn man
bedenkt, dass sie im offenen Meer eine gerade Wanderrich-
tung einhalten können, trotz der Strömungen, Winde und
Stürme und obwohl sie offenbar nicht die geringsten Be-
zugspunkte haben. Und dies, indem sie 40 Tage lang Tag
und Nacht ununterbrochen in der Geschwindigkeit eines
Ruderbootes wandern.

Abbildung 9
Rekonstruktion der Routen, auf denen die beobachteten Schildkröten
von Ascension nach Brasilien wanderten. Einige Spuren verlieren sich
rätselhafterweise vor der Ankunft.
XXIX

Ich wanderte drei Mal auf den Green Mountain und


schwor mir jedes Mal, dass es das letzte Mal sein würde.
Von Two Boats steigt der Weg plötzlich steil an und win-
det sich in die Berge. Der Anstieg ist kurz, beeindruckend
und gefährlich. Uns erwartet eine Reihe von Spitzkehren
einer äußerst steilen Serpentine und jedes Mal scheint der
Wagen es nicht zu schaffen. Doch jedes Mal gelingt es im
letzten Moment dann doch, das Äußerste aus dem Motor
herauszuholen und das Hindernis zu überwinden.
Währenddessen verändert sich die umliegende Land-
schaft rasch. Die fast wüstenhafte Vegetation von Two
Boats belebt sich. Es tauchen Büsche, Stauden, Blumen al-
ler Art, immer üppigere und majestätischere Bäume auf,
während man in alle Richtungen freie Sicht gewinnt.
Schließlich erreichen wir mit kochendem Motor und
dampfendem Kühler das Ende der Straße. Jedes Mal, bevor
wir uns auf den Rückweg machten, war das Kühlwasser
vollständig verdampft.
Wir befinden uns 730 Meter über dem Meeresspiegel,
und es sind nur noch wenig mehr als 100 bis zum Gipfel,
der jedoch nur zu Fuß zu erreichen ist. Kurz nach dem
Parkplatz kommt das Gut, immer schon und bis heute der
einzige Ort der Insel, wo etwas Ackerbau und Viehzucht
betrieben wird. Einst waren die Marines hier die Bauern,
heute sind es einige Sankthelenaer, die bei den Ascension
Island Services angestellt sind, dem Konsortium, das große
Teile der Versorgungsdienste auf der Insel übernimmt.
Es ist verwirrend, dort oben anzukommen. Man lässt
den Wagen unterhalb eines Waldes riesiger Bananenstau-
den und anderer Tropenbäume stehen und findet sich nach
einer Biegung vor einem typischen englischen Rasen. Auf
der einen Seite liegt eine perfekte, tief grüne Wiese mit ei-
nem Baum und einer Wippe, auf der anderen befindet sich
ein Garten mit Rosenhecken und Himbeeren, die die
Nutzgärten verbergen. Etwas höher liegt der Schweine-
stall, zu dem eine Sau und eine ebenso ängstliche wie neu-
gierige Ferkelschar gehören. Der Wind trägt vertraute,
aber für eine Tropeninsel inmitten des Ozeans unwahr-
scheinliche Geräusche heran: den Schrei eines Hahns, den
Klang von Kuhglocken. Weiter bergan treffen wir einen
Heiligen in Arbeitskleidung. Vor ihm trippelt ein kleines
Schwein, das er mit leichten Stockschlägen auf den Rücken
führt.
Von hier aus überblickt man den Nordwestteil der Insel:
die Vulkane, die Lavafelder, den Flughafen und ringsum
das unendliche Meer.

Das dritte Mal war ich an unserem letzten Tag mit unserem
Insektenforscherfreund auf dem Elliot Path, um mit einem
langen Spaziergang Abschied von der Insel zu nehmen.
Der Weg, angelegt 1839 und eingeweiht von Admiral El-
liot, dem Befehlshaber der britischen Flotte an der afrika-
nischen Westküste, ist ein langer, ebener Pfad, der etwas
unterhalb des Gipfels des Green Mountain verläuft, in ei-
ner Höhe, wo sich nur selten Wolken finden, die stattdes-
sen häufig den Gipfel verhüllen. Von Elliot Path aus konn-
ten wenige Wachposten die gesamte Küste kontrollieren
und die eventuelle Ankunft von Piraten und anderen
feindlichen Schiffen ankündigen. Während des Zweiten
Weltkriegs wurde der Pfad erweitert. Manche sagen, dass
es noch Reste eines amerikanischen Jeeps gibt, der vom
Weg abkam und den Berg hinunterstürzte.
Wir lassen ein kleines, mit grauem Stein ausgepflastertes
Tal auf der Rechten hinter uns. Nach oben fächerförmig
geöffnet, läuft es unten wie ein Trichter zusammen. Es
handelt sich um ein Regenwasserauffangsystem, das 1881
erbaut wurde und bis vor wenigen Jahrzehnten das Über-
leben auf der Insel sicherte.
Zur Linken kommen wir an dem Weg nach Dew Pond
vorbei, dem kleinen Teich auf dem Gipfel des Berges im al-
ten Krater, in dem eine Kolonie von Rotfischen lebt, die
wer weiß wann von wer weiß wem hier ausgesetzt wur-
den. Ringsum wächst ein dichter Bambuswald.
Noch heute findet auf Ascension vier Mal im Jahr einer
der verrücktesten Gehwettbewerbe der Welt statt. Daran
müssen oder sollten – alle rüstigen Erwachsenen der Insel
teilnehmen. Die Strecke beginnt am Strand von
Georgetown in der Nähe von Turtle Pond. Beim Start
muss man die Hand im Wasser baden, dann geht es – für
die, die es schaffen – bis hoch zum Gipfel des Green
Mountain, um dort dieselbe Hand ins Wasser des Dew
Pond zu tauchen. Erfunden, um die auf der Insel statio-
nierten Marines und Soldaten in Bewegung zu halten, fand
der Wettkampf – zum Glück – nicht in dem Monat statt, in
dem wir dort waren.
Lange verläuft unser Weg wie ein Schützengraben, der
zu beiden Seiten von sehr dichter, über zwei Meter hoher
Vegetation begrenzt ist. Über uns das außergewöhnliche
Blau des Himmels, über den hoch fliegende große Wolken
ziehen. Ab und zu lichtet sich die Vegetation oder ver-
schwindet ganz, und dann eröffnen sich Schwindel erre-
gende Ausblicke. Wir sind an der windzugewandten Seite
Richtung Südosten, auf der grünen und unbewohnten Seite
der Insel. Unten gibt es kein Zeichen von Menschen, bis auf
die Straße, die zur NASA-Station führt.
Dank der engen Beziehung zwischen Insekten und Pflan-
zen ist der Insektenforscher auch ein guter Pflanzenkenner
und rattert die lateinischen Namen herunter, natürlich mit
englischer Aussprache. Es muss nicht eigens erwähnt wer-
den, dass ich von dieser Sturzflut von Namen so gut wie
nichts behalten habe. Hier aus Madagaskar stammende Aga-
ven. Dort eine besondere, krautartige Pflanze, die aus dem
Himalaja kommt und sich ölfleckartig in den Höhen vieler
Ozeaninseln ausbreitet. Und hier wiederum eine, wie es
scheint, äußerst seltene, auf Bermuda autochthone Zedern-
art.
Wir gelangen zu einem Tunnel, der angelegt wurde, um
die gefährlichsten, aber auch wirklich nur die allergefähr-
lichsten Stellen zu umgehen, versichert mir mein Freund.
Wenige Schritte, und wir befinden uns in völliger Dunkel-
heit. Man sieht nur das Licht des Ausgangs in etwa 50 Me-
tern Entfernung. Ohne Taschenlampe haben wir nicht die
geringste Vorstellung, wohin wir unseren Fuß setzen.
Draufgängerisch und plaudernd geht mir der Insektenfor-
scher voran, während ich mich auf schlüpfrigem, ungleich-
mäßigem Boden hinterhertaste. Als wir erleichtert aus dem
Tunnel treten, hat sich die Landschaft plötzlich verändert.
Wir sind um den östlichsten Vorsprung gebogen und
blicken an diesem Punkt nach Norden. Die Vegetation ist
Abbildung 10
Abschied von der einsamen Insel: Noch einmal schweift der Blick
über Long Beach und – im Hintergrund – den Sisters' Peak.

anders: Es fehlt der beruhigende Vorhang aus Sträuchern,


der uns eben noch vor der Tiefe sicherte. Wir sind ihr
schutzlos ausgesetzt. Nur Gras wächst an den Schwindel
erregend steilen Hängen. Über uns sehen wir zum Bam-
bushain am Dew Pond hinauf. Unter uns liegt ein Felsvor-
sprung, und der Blick schweift über den Nordostteil der
Insel, den man nicht erreichen kann, weil keine Straße
dorthin führt. Vor uns sehen wir den Weather Post, den
zweithöchsten (Vulkan-)Gipfel von Ascension, der die
kleine Insel Boatswain Bird verbirgt, den Zufluchtsort für
einen Großteil der Meeresvögel. An der Seite zur Rechten
erstreckt sich Cricket Valley, links liegt der imposante
Krater von Devil's Cauldron.
Wir sind wieder auf dem Rückweg. Unter uns beginnt
der trockene und wüstenartige Teil der Insel. In der Ferne
stehen die riesigen Gittermasten der Atlantikfunkstation
der BBC in der English Bay, die Vulkanerhebungen der
Sisters, Broken und Hollow Tooth, Perfect Crater und
schließlich im Hintergrund die nun schon vertrauten Um-
risse von Cross Hill, hinter dem bald die Sonne im Meer
versinken wird.

Wir gehen schneller. In einigen Stunden müssen die Koffer


gepackt sein, bevor uns der diensthabende Polizist zum
Flughafen bringt, wo die Tristar aus Falkland landet. Bei
der Abreise wird mich, wie ich bereits weiß, eine Art All-
machtssehnsucht befallen, ein melancholisches Bewusst-
sein meiner ausweglosen Vergänglichkeit, das mich jedes
Mal überkommt, wenn ich von einem fernen und unge-
wöhnlichen Ort abreise, an den ich, wie ich nur zu gut
weiß, niemals wieder zurückkehren werde.
Epilog

Meine Freunde sind nach Ascension zurückgekehrt, um


weitere Sender an den Schildkröten anzubringen und die
Untersuchungen über ihren Orientierungssinn fortzuset-
zen.
Nach dem, was mir Paolo und Floriano erzählen, hat
sich auf den ersten Blick nichts verändert: Die gleiche
schläfrige Atmosphäre von Georgetown mit einem blassen
Hauch von Melancholie, dieselben Leute, dieselben leeren
Strände, dieselbe Abgeschiedenheit, zwei Flüge in der Wo-
che für die wenigen, die eine Erlaubnis haben, und sonst
nur das Schiff, das einmal im Monat vorbeikommt.
Aber einige Veränderungen gibt es doch. Ein australi-
sches Taucherteam entdeckte das Wrack des Schiffes von
Dampier vor Long Beach, eine Glocke aus Bronze wurde
aus dem Wasser gezogen. Auf dem NASA-Stützpunkt
wurde eine große Parabolantenne installiert, dort, wo an-
dere Antennen die erste Mondlandung des Menschen ver-
folgten. Sie erlaubt, die Fernsehprogramme der BBC di-
rekt zu empfangen. Die Zeitung The Islander wurde
modernisiert, sie hat jetzt Farbfotos und widmet zwei
volle Seiten dem Fernsehprogramm. Heute ist sie sogar –
siehe Anmerkungen – im Internet zu finden. Die Mittel
zur Renovierung des Exiles Club werden möglicherweise
bewilligt, und Graeme hat das Geld für die Anstellung
zweier Heiliger aufgetrieben, die die Schildkröten kon-
trollieren und schützen, die an den Stränden ankommen.
Der Direktor des Museums ist in die USA zurückge-
kehrt und dann nach Alaska, aber ein Nachfolger ist schon
gefunden. Auch der Verwalter steht kurz vor der Pensio-
nierung und hat ein Buch über die Schildkröten geschrie-
ben, auf dessen Veröffentlichung er hofft. Überdies haben
meine Biologen-Freunde nun bewiesen, dass die Schild-
kröten ihren Weg nach Ascension finden, indem sie in den
Wind riechen. Das zeigten Studien, bei denen die Schildkrö-
ten am Strand eingefangen und wieder ins Wasser gebracht
worden waren. Diejenigen, welche auf der Luvseite ausge-
setzt wurden, schwammen direkt nach Ascension zurück;
die, die auf der Leeseite ins Wasser kamen, schwammen ge-
nauso zielstrebig nach Brasilien. Rätselhaft ist jedoch
noch, wie nah sie bereits an der Insel sein müssen, um sich
orientieren zu können.
Nachdem die peinliche Hongkong-Frage gelöst ist, sol-
len auch die übrigen Kolonien einen anderen Status erhal-
ten. Die Einwohner von Sankt Helena haben die Britische
Staatsbürgerschaft erhalten, und ein spärlicher Fremden-
verkehr hat in Ascension eingesetzt. Die Insel wird von
der Welt in Besitz genommen werden und ihre Eigenschaft
als »nicht-existenter Ort« verlieren. Ob das eine gute
Nachricht ist, weiß ich nicht.
Anhang

Sankt Helena
Sankt Helena ist etwas Besonderes: Sie ist zugleich eine der
bekanntesten und unbekanntesten Inseln der Welt. Alle
haben von Sankt Helena gehört, aber nur wenige wissen
etwas von ihr, außer dass Napoleon dort in Verbannung
lebte. Fast niemand ist je auf der Insel gewesen. »The best
kept secret of the world«, wie man auf Sankt Helena sagt,
das bestgehütete Geheimnis der Welt.
Auch ich war nicht auf Sankt Helena, aber es ist fast so,
als würde ich die Insel kennen. Sankt Helena, das dort un-
ten alle seintilíne aussprechen, mit der Betonung auf der
vorletzten Silbe, ist auf Ascension sehr präsent. Mehr als
ein Drittel der Einwohner kommt von dort. Die Hafenar-
beiter, die Polizisten, die Feuerwehrleute auf dem ameri-
kanischen Stützpunkt, die Angestellten der verschiedenen
Dienste, von den Geschäften bis zur Tankstelle, die Stra-
ßenwacht, die Angestellten der Telefongesellschaft, die
Elektriker, die Köche der Kantine, in der wir essen gingen,
die Dame, die zweimal in der Woche unsere Zimmer auf-
räumte, alle kamen sie aus Sankt Helena.
Wenn Ascension schon entlegen ist, so gilt dies umso
mehr für Sankt Helena. Die Insel hat keinen Flugplatz,
keinen wirklichen Hafen, sie wird regelmäßig nur von ei-
nem einzigen Schiff angelaufen, das sich ebenfalls »Sankt
Helena« nennt und ein-, bestenfalls zweimal im Monat
vorbeikommt. Das Schiff fährt die Route von Cardiff in
England nach Kapstadt in Südafrika und zurück. Es macht
in Teneriffa, Ascension, Sankt Helena und, einmal im Jahr,
in Tristão da Cuña Station. Von Cardiff nach Sankt Helena
braucht es etwa zwei Wochen, von Kapstadt aus fünf Tage.
Die Insel ist nur etwas größer als Ascension – mit einer
Fläche von 122 Quadratkilometern im Vergleich zu 98. Es
gibt aber einen großen Unterschied: Sankt Helena befindet
sich in gemäßigteren Breiten und verfügt über Wasser. Sie
ist seit 1659 bewohnt, immer schon von den Engländern,
bis auf ein sehr kurzes Intervall von einigen Jahren, als die
Niederländer die Insel besetzt hielten. Unter den ersten
Siedlern waren einige Londoner, die alle Habe im großen
Feuer von London 1666 verloren hatten. Bevor der Suez-
kanal eröffnet wurde, kam der Insel – abgesehen von Na-
poleons Exil – als Station auf dem Weg nach Indien eine
gewisse Bedeutung zu. Außerdem war sie der Sitz einer
Leinenmanufaktur. Heute jedoch ist Sankt Helena fast
vergessen.
Gerade in den Tagen unserer Expedition war die Insel in
die Schlagzeilen geraten. Auch einige italienische Journa-
listen widmeten ihr ein paar Artikel. Es gab einige De-
monstrationen gegen den Gouverneur und einige Tumulte.
Die Situation war »angespannt«. In den Nachrichten des
Islander, der Sankt Helena immer einige Seiten widmet,
klang die Lage weniger dramatisch: Zwei Mitglieder des
Inselrates hatten ihren Rücktritt erklärt, der Gouverneur
hatte Neuwahlen anberaumt und war in Urlaub nach Eng-
land geflogen. Die Probleme, die dahinter steckten, be-
standen allerdings schon seit langem: die wirtschaftliche
Situation und die Verweigerung der britischen Staatsbür-
gerschaft.
Seit dem Zusammenbruch der letzten Ressource der In-
sel, der Flachsmonokultur für die Leinenproduktion, ver-
fügt Sankt Helena nicht mehr über ein wirkliches Wirt-
schaftsleben. Man produziert ein bisschen Dosenthunfisch
von sehr guter Qualität, der auch im Supermarkt von
Ascension zu haben ist, und etwas Kaffee, der als sehr gut,
aber auch als »der teuerste Kaffee der Welt« gilt. Im Übri-
gen lebt oder überlebt – Sankt Helena von staatlichen
Subventionen.
Das andere, ebenso brennende Problem besteht darin,
dass die Heiligen nicht die britische Staatsbürgerschaft ha-
ben. Einst besaßen sie sie, aber 1981 wurde sie ihnen von
der britischen Regierung aberkannt. Als Margaret That-
cher klar wurde, dass es die Chinesen ernst meinten und
England auf Hongkong würde verzichten müssen, be-
schloss sie, den Einwohnern Hongkongs die britische
Staatsbürgerschaft zu nehmen. Da sich dies nicht nur auf
Hongkong beschränken ließ, weitete sie das entspre-
chende Gesetz, den Nationality Act, auf alle anderen Ein-
wohner abhängiger Gebiete aus. Die Konsequenzen sind
nicht unerheblich. Im Gegensatz zu den letzten französi-
schen Ex-Kolonien, aus denen ȟberseeische Departe-
ments und Territorien« wurden – Neukaledonien, Marti-
nique, Réunion, Tahiti und so weiter –, brauchen die
Einwohner Sankt Helenas eine Aufenthaltsgenehmigung,
um in England zu wohnen und zu arbeiten.
Kurz vor der Übergabe Hongkongs an China war der
Moment gekommen, das Problem wieder aufzuwerfen,
»weil es sich bei den Sankthelenaern«, wie Reverend Ni-
cholas Turner aus Sankt Helena schrieb, »nicht um arme
kleine Ureinwohner handelt, die Großbritannien ergeben
sind. Sie sind Engländer, ebenso wie die Einwohner Eng-
lands. Engländer gemischter Ethnien: genauso wie im rest-
lichen England.«
Auf der Insel leben 5 500 Menschen, »Heilige« genannt.
Die Europäer, Afrikaner, Inder, Chinesen und Polynesier
– Seeleute, Schiffbrüchige, Siedler, befreite Sklaven, Garni-
sonssoldaten, Prostituierte, Kaufleute … –, die dort im
Laufe der Jahrhunderte ankamen, vermischten sich, und es
entstand eine heterogene Bevölkerung, in der die spezifi-
schen Züge der einzelnen Ethnien die unvorhersehbarsten
Mischungen eingehen. Es finden sich dort alle möglichen
Farbabstufungen der Haut, die mit den unterschiedlichsten
anderen Körpermerkmalen zusammengehen: Schwarze mit
typisch weißen Zügen (gerade Nase und kleine Lippen)
oder asiatischen Merkmalen (Mandelaugen), Weiße mit ty-
pisch negroiden Zügen (breite und platte Nase, große Lip-
pen) und vieles mehr. Vom jungen schwarzen Polizisten
mit den mandelförmigen, blauen Augen, der uns vom
Flughafen abholte, habe ich schon berichtet.
Der Ort, wo wir die Heiligen am nächsten kennen lern-
ten, war ihre Kantine. Sie befand sich gegenüber dem Is-
lander Hostel. Wir mussten nur über die Straße gehen, um
das niedrige Gebäude zu erreichen, wo sie speisen.
Floriano hatte sich unter anderem auch deshalb auf die
Reise nach Ascension gefreut, weil er dort unten sicher je-
den Tag Fisch zu essen bekäme. Nichts hätte ferner liegen
können. Es gibt keine typisch englischere Küche als jene,
die uns in Ascension angeboten wurde: Shepherd's Pie,
Yorkshire Pudding, Kartoffelpfannekuchen, Kidney Pie,
Banbury Cakes, das waren einige der Gerichte, die uns
vorgesetzt wurden. Und dann, als Alternative, ein Gericht
mit einem unaussprechlichen Namen auf der Grundlage
von Fleisch mit Curry: Rind-, Lamm-, Hühnerfleisch,
Kartoffeln mit Curry, Worcestershire-Sauce, Tomaten-
ketchup, Heidelbeermarmelade.
Ich weiß, wo immer man auf der Welt hinkommt, findet
man französische, italienische, chinesische, indische, ara-
bische, japanische, spanische, vietnamesische, afghanische,
deutsche, russische, türkische, ungarische, brasilianische
und noch viele andere Restaurants. Dagegen ist es beinahe
ausgeschlossen, außerhalb von England ein typisch engli-
sches Restaurant zu finden. Nachdem ich einen Monat in
Ascension war, erlaube ich mir die Bemerkung, dass die
Angst davor unbegründet ist. Wir aßen gut am Tisch der
Heiligen.
Von den Heiligen lässt sich sagen, dass sie »päpstlicher
als der Papst« sind: Ihre Loyalität zur Heimat und ihre
Identifizierung mit dem Mutterland sind sehr ausgeprägt.
Das zeigt sich außer an der Küche auch an der Kleidung,
am bevorzugten Sport (Cricket) und an der Verehrung der
königlichen Familie. In den Geschäften, den Amtsstuben
und, wie man uns sagte, in jeder guten Stube der Insel
hängt ein Bild der Königin. Typisch englisch sind schließ-
lich auch die Gebräuche.
Kurz vor unserer Abreise ging die »Sankt Helena« in
Ascension vor Anker. Am Morgen, als ich zum Hafen
ging, lag sie in der Bucht. Sie war in der Nacht angekom-
men und sollte am Nachmittag nach den Ein- und Aus-
schiffungen ablegen. Ein großer Lastkahn pendelte zum
Schiff und zurück, an der Anlegestelle türmten sich Kis-
ten, und ein imposanter roter Kran war auf dem Pier auf-
gebaut worden, der im Begriff stand, einen Lastwagen auf
den Kahn zu hieven. Fünf oder sechs Arbeiter im blauen
Overall mit Handschuhen und Helm und ein Vorarbeiter
beschäftigten sich mit dem Lastwagen, riefen sich laute
Anweisungen und Warnungen zu, die zwischen ihnen und
dem Kranführer oben in der Kabine hin und her gingen.
Ein Polizist und einige Schaulustige sahen dabei zu, die
übliche Gruppe von müßigen Ansässigen und der eine
oder andere Reisende, der eben mit dem Schiff angekom-
men war und vor der Ausschiffung nach Sankt Helena
stand. Plötzlich bleibt alles wie durch Zauberhand stehen,
einschließlich des Lastwagens in der Luft. Der Kranführer
steigt aus seiner Kabine herunter, die Arbeiter ziehen die
Handschuhe aus und legen den Helm ab und der Polizist –
es scheint geradezu, dass er nur deshalb da ist – geht auf ei-
nen Tisch zu, auf dem ein großer, zylinderförmiger Metall-
behälter mit einem Hahn steht, und beginnt, allen Tee ein-
zuschenken. Er bietet auch mir eine Tasse an. Einige
Minuten trinken wir friedlich unseren Tee in der Sonne
und im Morgenwind. Dann machen sich alle wieder ans
Werk, und die Arbeit geht weiter. Ich blicke auf die Uhr:
Es ist zehn nach elf.
Im Netz

Wir alle wissen, dass das Netz, das Internet, eine Art ständige Baustelle
ist, wo unablässig neue Gebäudeteile und Anbauten errichtet werden,
während an anderer Stelle abgerissen und neu gebaut wird. Es ist daher
wahrscheinlich, dass einige der angegebenen Adressen in dem Moment,
wo die Leser sie zu finden versuchen, nicht mehr vorhanden sind.

Kapitel I

Eine der Websites mit den meisten Bildern von Ascension findet sich
unter http://eclipse.span.ch/live.htm. Der Autor ist Olivier R. Staiger,
ein leidenschaftlicher Fotograf von Himmelsphänomenen – Eklipsen,
Sternbilder und so weiter –, der im April 1998 genau ein Jahr nach uns
Ascension besuchte, weil dies der einzige Ort war, wo er ein seltenes
Phänomen beobachten konnte, die gleichzeitige Eklipse von Venus
und Jupiter durch den Mond. Wie ich nach der Fertigstellung des Bu-
ches entdeckte, kann man auf diesen Seiten eine virtuelle Parallelreise
unternehmen. Am Anfang, auf http://eclipse.span.ch/20ap98.htm, be-
ginnt man die Reise von Brize Norton aus.

Kapitel II

Bilder vom Flughafen von Ascension finden sich unter http://eclipse.


span.ch/21ap98.htm.
Dieselbe Site bietet kurioserweise einen Blick aus dem Flugzeug-
fenster im Morgengrauen, so wie auf diesen Buchseiten beschrieben.
Die Windgeneratoren sind unter http://www.hr.doe.gov/energy100/
world/51.html zu betrachten.

Kapitel III

Eine interessante Site, von der aus man mit einem Surf-Trip durch geo-
grafische Entdeckungen beginnen kann, ist http://www.win.tue.nl/
cs/fm/engels/discovery/.
Von Martin Waldseemüllers Traktat Cosmographiae Introductio
gibt es nur ganz wenige Exemplare auf der Welt. Ein Auszug findet sich
im Netz: Die Seite, wo der Name Amerika vorgeschlagen wird, kann
man sich auf der Site der Library of Congress, Washington, unter
http://lcweb.loc.gov/rr/rarebook/guide/rao15001.jpg ansehen.
Über die Weltkarte Universalis Cosmographia Secundum Ptholomei
Traditionem Et Americi Vespucci Aliorum Lustrationes erfährt man ei-
niges unter http://www.galaxymaps.com/AWAWM.HTM.

Kapitel IV

Wer dem Verwalter von Ascension einen – virtuellen – Besuch abstat-


ten möchte, wähle http://www.ascension-island.gov.ac/.

Kapitel V

Was auf dem Pier von Ascension geschieht, kann man in »Echtzeit« auf
der Website http://www.the-islander.org.ac/webcam/ begutachten.
Die Seite ist mit einer Webcam auf dem Fensterbrett der Hafenmeisterei
verbunden. Es handelt sich um eine automatische Telekamera, die
Bilder aufzeichnet und automatisch von sieben Uhr morgens bis sieben
Uhr abends alle drei Minuten auf den neuesten Stand bringt.
Kapitel VI

Interessante Sites über William Dampier sind: http://www.athen


apub.com/damp1.htm und http://pacific.vita.org/pacific/dampier/
dampier.htm.
Zur Verbindung zwischen den Erinnerungen von Alexander Selkirk
und Daniel Defoes Robinson Crusoe vergleiche die Website http://
wy.essortment.com/alexanderselkir_rehj.htm.
Im Hinblick auf die Geschichte der Insel-Phantasmen und der Le-
genden, die sich mit ihnen verbinden, weise ich hier ausnahmsweise auf
eine »papierne« Quelle hin, das Buch Fata Morgana der Meere. Die
verschwundenen Inseln des Atlantiks von Donald J. Johnson.
Eine alte und mit einiger Fantasie gezeichnete Karte von Ascension
– Vera effigies et delineatio Insulae Ascensio … – findet sich unter der
Adresse http://www.telepath.com/bweaver/maps/linsch-ai.htm.

Kapitel VII

Einige Fotos von Georgetown kann man sich auf einer der Websites
von Barry Weaver ansehen: http://geowww.gcn.ou.edu/~bweaver/
Ascension/ai.htm.
Ein Bild des Postgebäudes von Ascension findet sich unter
http://www.ascension-island.gov.ac/postoffice.htm.
Die Sammlung der jüngsten gestempelten Briefmarken ist unter
http://www.ascension-island.gov.ac/cgi-bin/web_store/web_store.cgi
zu betrachten.
Wer sich für eine Stippvisite im Exiles Club interessiert, sei verwie-
sen auf http://eclipse.span.ch/24april98.htm.

Kapitel VIII

Eine Darstellung der Ereignisse in den verschiedenen erdgeschichth-


chen Epochen findet sich unter http://www.enchantedlearning.com/
subjects/astronomy/planets/earth/Continents.shtml.
Eine Karte der Ozeanrücken erscheint unter http://volcano.und.
nodak.edu/vwdocs/vwlessons/volcano_types/spread.htm.
Über die Vulkane von Ascension vergleiche http://geowww.gcn.
ou.edu/~bweaver/Ascension/ai-geol.htm.
Zu Krakatau siehe http://volcano.und.nodak.edu/vwdocs/volc_
images/southeast_asia/indonesia/krakatau.html.
Bilder des Ausbruchs des Pelée finden sich unter der Adresse
http://volcano.und.nodak.edu/vwdocs/volc_images/img_mt_
pelee.html.
Einige sehr schöne Fotos von Surtsey, begleitet von einem rein islän-
dischen Text, kann man sich unter http://www.islandia.is/hamfarir/
jardfraedilegt/eldgos/surtsey.html ansehen.
Eine andere Site über Surtsey ist: http://www.soest.hawaii.edu/
GG/ASK/surtsey.html.
Über die junge Insel Lahtayikee im Archipel von Tonga vergleiche
http://www.mclmk.1t/n/infoc1ty/archivio/scienzamar96.htm.
Informationen über die Geschicke von Ferdinandea kann man unter
http://www.geocities.com/Heartland/Acres/9369/isolaferdinandea.
htm finden.

Kapitel IX

Eine kurze Geschichte der Schildkrötenbecken von Ascension von der


Hand des Verwalters ist verzeichnet unter http://www.the-islander.
org.ac/1431.htm.

Kapitel X
Typische Bilder der Vulkanlandschaft der Insel finden sich unter ver-
schiedenen Adressen, zum Beispiel: http://eclipse.span.ch/22ap98later
%2oin%2othe%20morning.htm; http://www.ascension-island.gov.ac/
virtualtour/crosshill/index.htm sowie unter http://www.websmith.
demon.co.uk/ AscensionIsland/index.html#FIRSTIMP.

Kapitel XI
Informationen und Bilder über die Ausbrüche in Montserrat:
http://volcano.und.nodak.edu/vwdocs/current_volcs/montserrat/
montserrat.html sowie http://www.geo.mtu.edu/volcanoes/west.
indies/soufriere/.
Aufnahmen von John Hobson, dem Zahnarzt von Ascension, und
von Paddy, seinem Hund, finden sich unter http://eclipse.span.ch/
25april98.htm.

Kapitel XII

Über das staatliche britische Amt CSO (Composite Signals Organiza-


tion) vergleiche die Website: http://www.fas.org/irp/world/uk/gchq/
index.html.
Am Sonntagmorgen kann man via Webcam die Ankunft der Fischer
erleben, sofern es keine Aus- oder Einschiffungen gibt. Häufig sieht
man im Hintergrund den Tanker, und zwar unter http://www.the-
1slander.0rg.ac/webcam/.

Kapitel XIII

Fotos von Schildkröten bei Nacht auf dem Strand von Long Beach fin-
den sich auf der schon vertrauten Site von Olivier R. Staiger unter der
Adresse http://eclipse.span.ch/april21evening.htm.
Andere Sites über Meeresschildkröten sind http://www.seaturtle.
org/ sowie http://www.turtles.org/.

Kapitel XIV

Die »Annalen von Tristão da Cuña « kann man einsehen, aber nicht
ausdrucken unter http://www.btinternet.com/~sa_sa/tristan_da_cunha/
tristan_annals.pdf.

Kapitel XV

Über den amerikanischen Militärstützpunkt in Ascension vergleiche


http://geowww.ou.edu/~bweaver/Ascension/usbase.htm.
Die Basis kann man besuchen unter http://eclipse.span.ch/24
april98.htm. Dort findet sich auch der Wegweiser in alle Himmelsrich-
tungen.
Ein sehr aufschlussreiches Foto des geomagnetischen Observatori-
ums gibt es unter http://ub.nmh.ac.uk/ascension.html.
Ein Bild von der Deep Space Station, Ascension Island, ist unter
http://www.scouts.org.ac/nasa_site.htm zu sehen.
Eine Aufnahme des Cricket Valley von Ascension steht unter
http://www.heritage.org.ac/aria8b.htm.

Kapitel XVI

Eine erschöpfende Site über die Evolution der Sc hildkröte n ist


http://www.ucmp.berkeley.edu/anapsids/anapsidalh.html.

Kapitel XVII

Heute kann man The Islander, die Zeitung von Ascension, im Netz le-
sen, und zwar unter http://www.the-islander.org.ac/.

Kapitel XVIII

Ein Bild vom Friedhof Bonetta kann man unter der Adresse http://geo
www.ou.edu/~bweaver/Ascension/comfort.htm anschauen.
Lithografien der Insel sind auf der Website http://www.telepath.
com/bweaver/allen/allen.htm zu finden. Sie stammen vom Leutnant
zur See William Allen, der in jenen Jahren auf der Insel Dienst tat.

Kapitel XIX

Den Text des Buches von Darwin kann man unter der Adresse
http://www.literature.org/authors/darwin-charles/the-voyage-of-the-
beagle//chapter21.html lesen.
Die Lebensgeschichte von Alfred Russel Wallace gibt es unter ver-
schiedenen Adressen, darunter: http://www.wku.edu/~smithch/
index1.htm.
Die Texte der Vorträge, die Darwin und Wallace gleichzeitig der
Akademie der Wissenschaften präsentierten, findet man unter
http://www.inform.umd.edu/PBIO/darwin/darwindex.html.
Fotos der Vögel von Ascension bietet die Website http://geowww.
gcn.ou.edu/~bweaver/Ascension/boatbird.htm.

Kapitel XX

Sisters Peak, Two Boats und Broken Tooth sieht man, indem man
http://geowww.gcn.ou.edu/~bweaver/Ascension/sisters.htmanwahlt.
Den hässlichsten Golfplatz der Welt besucht man unter den Adressen
http://www.heritage.0rg.ac/Ross4b.htm und http://eclipse.span.ch/
22ap98later%20in%20the%20morning.htm.
Auf einer anderen Seite derselben Website sieht man auch die Aria-
ne-Beobachtungswarte: http://eclipse.span.ch/22ap98afternoon.htm.

Kapitel XXI
Bilder der Schildkröten mit angebrachtem Sender zeigen http://ccc
turtle.org/attach_perd.htm; http://www.kustem.edu.my/seatru/ und
http://www.tamar.org.br/sat_fotos.htm.
Wer sich für Studien der Satellitentelemetrie interessiert, kann unter
http://www.argosinc.com nachschauen.
Eine Website, die sich der Tierwanderung widmet, ist http://
www.argosinc.com/biology.htm.

Kapitel XXII
Informationen über das Missile Impact Location System bietet die Seite
http://www.pidc.org/hydrobox/NetworkInformation/Ascension/
summary.html.
Kapitel XXIII

Über die Vegetation von Ascension findet sich etwas unter http://
eclipse.span.ch/22ap98afternoon.htm.

Kapitel XXIV

Die Mesquitebäume kann man sich unter http://echpse.span.


ch/22ap98afternoon.htm ansehen.

Kapitel XXV

Zur Gründungsgeschichte von Cable & Wireless und zum Radiosen-


der, der seit 100 Jahren auf der Insel in Betrieb ist, vergleiche die Web-
site http://www.atlantis.co.ac/.
Informationen über den »Zwischenfall der ›Laconia‹« finden sich
bei http://uboat.net/ops/laconia.htm.

Kapitel XXVI

Über das Projekt von Kaffeepflanzungen auf Ascension informiert die


Site http://www.theeastindiacompany.com/coffee3.html.

Kapitel XXVII

Die Geschichte des Falklandkriegs findet sich auf zahlreichen Websi-


tes, zum Beispiel: http://www.falklands-malvinas.com/chronolo.htm
sowie http://www.yendor.com/vanished/falklands-war.html.
Kapitel XXVIII

Zwei Websites, die an die Arbeit von Archie Carr erinnern, sind
http://www.flmnh.ufl.edu/natsci/herpetology/turtcroclist/fore.htm
und http://www.turtles.org/archie.htm.
Eine Reihe von sehr schönen Unterwasserfotos von Suppenschild-
kröten in der Nähe von Ascension kann man unter http://www.sea
turtle.org/mtrg/projects/ascension/undersea.shtml bewundern.

Kapitel XXIX

Wer eine virtuelle Besteigung des Green Mountain machen möchte,


sollte die Website http://eclipse.span.ch/upgreenmountain.htm und
folgende besuchen. Dabei geht man auch durch den Tunnel.

Epilog

Seit der Erstveröffentlichung dieses Buches hat sich die virtuelle und,
in bescheidenem Maße, auch die tatsächliche Zugänglichkeit der Insel
enorm erhöht.
Das Internet ist auch in Ascension angekommen. Heute hat die In-
sel einen eigenen Regional-Code (ac). Zu den wichtigsten Websites der
Insel gehört die des Verwaltungsamtes (http://www.ascension-
island.gov.ac/), die auch über die Modalitäten eines Besuchs auf der In-
sel informiert, der heute möglich, wenn auch nicht einfach ist (http://
www.ascension-island.gov.ac/visitors.htm). Zu nennen sind außerdem
die Sites von Cable & Wireless (http://www.atlantis.co.ac/), der Asce-
mon Island Services (http://www.aiwsa.co.ac) und vor allem der Zei-
tung The Islander (http://www.the-islander.org.ac/).
Die Websites mit den besten Links, von denen aus man die Insel er-
kunden kann, sind: http://www.atlantis.co.ac/ascension_links.htm so-
wie http://www.websmith.demon.co.uk/AscensionIsland/hnks.htm.
Erinnert sei noch einmal an die Adressen zweier Besucher aus
jüngster Zeit, die Berichte und viele Bilder der Insel ins Internet gestellt
haben: http://www.websmith.demon.co.uk/AscensionIsland/index.
html#FIRSTIMP sowie http://eclipse.span.ch/live.htm.
Schließlich weise ich auf Adressen hin, unter denen man mit ande-
ren interessanten Personen chatten und sich über neueste Informatio-
nen auf dem Laufenden halten kann:
http://www.ascension-island.gov.ac/visitorsbook.htm#visitors
http://www.ascension-island.gov.ac/visitorsbook.htm#discussion

Anhang: Sankt Helena

Einige interessante Websites zur »Erkundung« von Sankt Helena sind:


http://geowww.ou.edu/~bweaver/Ascension/sh.htm und www.sthelena.
se/.
Über den Kaffee, der auf Sankt Helena angebaut wird, gibt die Site
http://www.theeastindiacompany.com/coffee_introduction.html Auf-
schluss.
Literatur

Anonym, Ascension at War, Wood Norton 1997.


Ashmole, Philip, Ashmole Myrtle: Natural History of St. Helena and
Ascension Island, Anthony Nelson Ltd, Oswestry, Shnopshire, UK,
2000.
Carr, Archie, »The Ascension Island Green Turtle Colony«, in: Co-
peia, 1975, S. 547-555.
Ders., The Sea Turtle. So Excellent a Fish, Austin (Texas) 1992.
Clarke, F.J., »Ascension Island. An Engineering Victory«, in: National
Geographic, Mai 1944, S. 623-640.
Gallery of Photographs, Old Documents and Other Memorabilia, Ka-
talog, Ascension Island Historical Society, Ascension Island 1985.
Hart-Davis, Duff, Ascension. The Story of a South Atlantic Island, Gar-
den City (New York) 1973.
Johnson, Donald, S., Fata Morgana der Meere. Die verschwundenen
Inseln des Atlantiks, München u.a. 1999.
Keilor, J., Memoires of Ascension 1929-31, Newmarket (Suffolk) 1997.
Luschi, Paolo u. a., »The Navigational Feats of Green Sea Turtle Mi-
grating from Ascension Island Investigated by Satellite Telemetry«,
in: Proceedings of the Royal Society London. B, Nr. 265, 1998, S.
2279-2284.
Lutz, Peter L.; Musick, John (Hg.), The Biology of Sea Turtles, New
York 1997.
Marx, R., »Ascension Island«, in : Oceans, November 1975, S. 38-43.
Mortimer, J.A.; Carr, Archie, »Reproduction and Migrations of the
Ascension Island Green Turtles (Chelonia Mydas)«, in: Copeia,
1987, S.103-113.
Packer, J.E., A Concise Guide to Ascension Island, Ascension Island
1968.
Papi, Floriano; Mencacci, R., »The Green Turtles of Ascension Island.
A Paradigm of Long-Distance Navigational Ability«, in: Rend. Fis. Acc.
Lincei, Reihe IX, Bd. 10, 1999, S. 109-119.
Quammen, David, Der Gesang des Dodo. Eine Reise durch die Evolu-
tion der Inselwelten, München 1998.
Stonehouse, Bernard, Wideawake Island. The Story of the B.O.U.
Centenary Expedition to Ascension, London 1960.
Winchester, Simon, Outposts. The Sun Never Sets. Travel to the Remai-
ning Outposts of the British Empire, New York 1991.
Young, Louise B., Islands. Portraits of Miniature Worlds, New York
1999.

Bildnachweise

Die angegebenen Ziffern verweisen auf die Abbildungsnummern.

Paolo Luschi 1, 4, 5, 8, 9
Sergio Ghione 2, 6, 7
Graeme Hays 3
Danksagung

Ich möchte an einige Menschen erinnern, denen ich mei-


nen Dank schulde, vor allem an meine Töchter Anna und
Silvia, die mich gezwungen haben, dieses Projekt zu Ende
zu bringen, von dem ich ihnen unbedacht erzählt hatte,
meinen Eltern, Gabriella und einigen Freunden, die die
Geduld hatten, das Manuskript in Teilen oder ganz zu le-
sen und kostbare Ratschläge gaben (Paolo, Lauretta, Ar-
mando, Carol Enza, Marirosa, Mauro, Michael, Nayva,
Nino, Ruth), Francesco Orlando, Armando Petrucci und
Luigi Donato für die Ermutigung und Enrico Alleva für
seine Unterstützung sowie Roberto Santacroce und vor al-
lem Floriano Papi, Professoren in Disziplinen, in die ich
Exkursionen bis an die Grenze der Verwegenheit unter-
nommen habe, dafür, dass sie zahlreiche Fehler korrigier-
ten. Für die verbliebenen bin ausschließlich ich selbst ver-
antwortlich.

Related Interests