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Ausgabe 1/2018, 10. Jg.

zukunft
forschung

REIN
WISSENSCHAFTLICH
thema: abfall, ekel & hygiene | zoologie: die biologische uhr | botanik: leben nach
dem feuer | standort: mehr offenheit | tourismus: innovative mobilitätskonzepte
psychologie: gewalttätige computerspiele | meteorologie: am rande des sturms
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2 zukunft forschung 01/18 Foto: Andreas Friedle
EDITORIAL

LIEBE LESERIN, LIEBER LESER,

N
icht immer sind es nur erfreuliche Dinge, mit denen schweren ERC-Grants aus hochkompetitiven EU-Mitteln und
sich unsere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Verleihung des Wittgenstein- und eines START-Preises an
beschäftigen. Auch Schmutz, Abwasser, Keime, Unkraut Forscherinnen und Forscher der Universität. Insgesamt haben
und Abfall stehen im Fokus ihrer Arbeit. Auf wissenschaftli- wir im Jahr 2017 über 56 Millionen Euro an Drittmitteln einge-
chen Grundlagen und Methoden basierend erweitern diese worben. Minion
Forschungen unser Wissen und helfen so, Prozesse zu opti- Diese Leistungen schlagen sich auch in Rankings nieder,

DE
mieren und Abläufe zu verbessern. In dieser Ausgabe unseres auch wenn diese aufgrund der Methodik stets mit Vorsicht zu
Forschungsmagazins stellen wir einige dieser Projekte vor. genießen sind: 2017 konnte sich die Universität Inns­bruck im
Anke Bockreis und Wolfgang Müller entwickeln zum Beispiel Shanghai Ranking erneut gemeinsam mit der Universität Wien
Strategien und Technologien, mit denen aus lokal verfügbaren als beste Universität Österreichs in der Gruppe 150 – 200 aller
organischen Abfällen Energie erzeugt werden kann. Wie Ab- Universitäten weltweit positionieren. Als einzige Universität
PEFC zertifiziert
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wasserkanäle konstruiert sein müssen, damit sie auch zukünf- Österreichs verbesserte sich die Uni Inns­bruck zudem stammt
im Times
aus
nachhaltig
stammt aus
nachhaltig
tigen Ansprüchen genügen, untersuchen Forscher um Manfred Higher Education Ranking. bewirtschafteten
Wäldern und
bewirtschafteten
Wäldern und
kontrollierten kontrollierten
Kleidorfer vom Arbeitsbereich Umwelttechnik. Über Hygiene Quellen Quellen

in der Geburtshilfe sprachen wir mit der Firnberg-Stipendiatin Wir wünschen Ihnen eine interessante Lektüre und freuen www.pefc.at www.pefc.at

Marina Hilber und über Ekel mit der Psychologin Eva Bännin- uns über Ihre Fragen und Anregungen!
ger-Huber. Im übertragenen Sinn schmutzig geht es manchmal
auch in der Politik zu. Wahlforscher Marcelo Jenny widmet
seine Forschung unter anderem dem Phänomen des „Negative
Campaigning“ in der österreichischen Politik.
Die Vielfalt der hier vorgestellten Projekte spiegelt auch die
starke Performance bei der Einwerbung von Forschungsmitteln. TILMANN MÄRK, REKTOR
Diese manifestierte sich im vergangenen Jahr in drei millionen- ULRIKE TANZER, VIZEREKTORIN FÜR FORSCHUNG
Myriad

IMPRESSUM
Herausgeber & Medieninhaber: Leopold-Franzens-Universität Inns­bruck, Christoph-Probst-Platz, Innrain 52, 6020 Inns­bruck, www.uibk.ac.at
Projektleitung: Büro für Öffentlichkeitsarbeit und Kulturservice – Mag. Uwe Steger (us), Dr. Christian Flatz (cf); public-relations@uibk.ac.at PEFC zertifiziert PEFC zertifiziert
Dieses Produkt Dieses Produkt
Verleger: KULTIG Werbeagentur KG – Corporate Publishing, Maria-Theresien-Straße 21, 6020 Inns­bruck, www.kultig.at stammt aus stammt aus
Redaktion: Mag. Melanie Bartos (mb), Mag. Eva Fessler (ef), Mag. Andreas Hauser (ah), Mag. Stefan Hohenwarter (sh), nachhaltig
bewirtschafteten
nachhaltig
bewirtschafteten
Lisa Marchl, MSc (ml), Daniela Pümpel, MA (dp), Mag. Susanne Röck (sr) Wäldern und Wäldern und
kontrollierten kontrollierten
Layout & Bildbearbeitung: Florian Koch, Lara Hochreiter Fotos: Andreas Friedle, Universität Inns­bruck Druck: Gutenberg, 4021 Linz Quellen Quellen
www.pefc.at www.pefc.at

Foto: Uni Inns­bruck zukunft forschung 01/18 3


BILD DER
WISSENSCHAFT
INHALT

TITELTHEMA 8
ABFALL. Anke Bockreis und Wolfgang Müller entwickeln Techno-
logien und Strategien zur Nutzung lokal verfügbarer organischer
Reststoffe. Das Ziel: aus Abfall Energie erzeugen. 8

INTERVIEW. Psychologin Eva Bänninger-Huber über Waschzwang


und was Betroffene zu diesen Zwangshandlungen treibt. 13

GESCHICHTE. Gestiegene Hygiene machte Ende des 19. Jahrhunderts


das Inns­brucker Gebärhaus zum bevorzugten „Geburtsort“.  14 TITELTHEMA. Nicht nur die schönen Seiten des Lebens,
sondern auch Dreck, Abwasser, Unkraut und Abfall
POLITIK. Wahlkampagnen sind nicht erst jüngst untergriffig, sagt sind Objekte wissenschaftlichen Interesses. ZUKUNFT
Marcelo Jenny – der Politologe forscht zu „Dirty Campaigning“. 16 FORSCHUNG beschäftigt sich in dieser Ausgabe mit
der „schmutzigen Arbeit“ an der Uni Inns­bruck.
ABWASSER. Der Klimawandel betrifft auch Abwassersysteme,
Manfred Kleindorfer will sie den neuen Bedingungen anpassen. 18
22

FORSCHUNG
STANDORT. Martin Kocher, Chef des Instituts für Höhere Studien,­
plädiert für einen stärkeren Wettbewerb zwischen den ­
Universitäten und für mehr Offenheit in Österreich. 22

METEOROLOGIE. Der Föhn gehört zu Inns­bruck wie das Goldene STANDORT. Kooperationen von Unis und Wirtschaft
Dachl – Alexander Gohm ist dem warmen Wind auf der Spur.­ 26 sieht Martin Kocher als Chance, aber: „In Österreich
gibt es dafür noch keine breite Kultur – vor allem auf
PHARMAZIE. Andreas Bernkop-Schnürch arbeitet an pharmazeu- Seiten der Unternehmen und möglicher Mäzene.“
tischen Formulierungen, die das Abwehrsystem des Körpers
gefahrlos passieren und dort ankommen, wo sie wirken sollen.  30 26
BIOLOGIE. Inns­brucker Forscher untersuchen an Zebrafischen,
wie sich Änderungen am circadianen Rhythmus auswirken. 32

PSYCHOLOGIE. Computerspiele haben es Tobias Greitemeyer


angetan, er untersucht ihre Wirkung auf das Verhalten im Alltag. 36

VERKEHR. Mit „Easy Travel“ nehmen Verkehrsforscher und Praxis-


partner ein Rundum-Sorglos-Paket für Bahnreisende ins Visier. 38 FÖHN. Mehr als 100 Jahre wird der Föhn in Inns­bruck
schon untersucht, bis heute sind aber viele Mechanis-
BOTANIK. Welche Folgen haben Waldbrände Jahre später für überle- men nicht gänzlich verstanden. Alexander Gohm will
bende Bäume? Stefan Mayr und Andreas Bär suchen die Antwort. 42 nun Anfang und Ende des Föhns besser erforschen.

RUBRIKEN
EDITORIAL/IMPRESSUM 3 | BILD DER WISSENSCHAFT: STOKESIA VERNALIS 4 | NEUBERUFUNG: THOMAS KARMANN 6 | FUNDGRUBE VERGANGEN­HEIT: EHRENMAL 7 | BILDGLOSSAR:
KÄFER ALS UNTERSCHÄTZTE HELFER 20 | MELDUNGEN 24 | WISSENSTRANSFER: CHEMISCHES LEGO, QUANTENCOMPUTER, URISALT 34 + 35 | KARRIEREGIPFEL 42 | PREISE & AUS-
ZEICHNUNGEN 45 | ZWISCHENSTOPP: TILL VAN RAHDEN 48 | SPRUNGBRETT INNS­BRUCK: JOHANNES W. SCHWANK 49 | ESSAY: TOXISCHE ENTHEMMUNG von Michaela Ralser 50

Das Wimpertierchen Stokesia vernalis kommt im Plankton von Seen und die symbiontischen Algen (gelb) zu sehen. Es verfügt auch über
vor. Es ist 0,15 mm groß und hat eine „Tirolerhut“-förmige Gestalt, wie spezielle Zellorganellen zur Abwehr von Fressfeinden, die sogenannten
es im Bestimmungsbuch heißt. Diese Ciliatenart lebt meist mit Algen in Extrusomen (im Bild werden sie gerade abgefeuert). Ciliaten spielen als
Symbiose, die es mit Nährstoffen versorgen und vor der Sonnenstrah- Konsumenten von kleinen Algen und Bakterien eine wichtige Rolle im
lung schützen. Im eingefärbten Wimpertierchen sind ein Zellkern (blau) mikrobiellen Nahrungsnetz von Seen.

Fotos: Andreas Friedle (2), Alice do Carmo Precci Lopes (1) COVERFOTO: Andreas Friedle; BILD DER WISSENSCHAFT: Bettina Sonntag zukunft forschung 01/18 5
NEUBERUFUNG

ANFÄNGE DES CHRISTENTUMS


Die antike Kirchengeschichte und Patrologie sind die inhaltlichen Schwerpunkte von Thomas Karmann,
seit März 2017 Professor am Institut für Bibelwissenschaften und Historische Theologie.

THOMAS KARMANN, geboren 1973,

D
ie ersten Jahrhunderte bis zum gängigen Fremdsprachen sind für ihre studierte Philosophie und Theologie an
Ende der Antike werden in theo- wissenschaftlichen Interessen dabei nur der Universität Regensburg. Ab 2001
logischen Fachkreisen als die Zeit teilweise hilfreich. „Man sollte die anti- war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am
der Kirchenväter bezeichnet oder auch ken Sprachen beherrschen. Neben Grie- Lehrstuhl für Alte Kirchengeschichte und
Patristik bzw. Patrologie genannt. „Das chisch und Latein sind zunehmend auch Patrologie, bevor er 2014 an das Institut
Christentum entstand in einer jüdischen orientalische Sprachen wie das Syrische, für Bibelwissenschaften und Historische
und gleichzeitig griechisch-römischen Koptische oder Altäthiopische wichtig, Theologie der Universität Inns­bruck wech-
Umwelt und musste sich am Anfang erst sie eröffnen nämlich einen Zugang zu selte. Nach seiner Habilitation 2016 wur-
selbst definieren. Entscheidungen wur- Schriften, die häufig fast vergessen sind“, de Karmann 2017 Universitätsprofessor
den getroffen, was diese neue Religion hebt Karmann hervor. „Dafür muss man für Kirchengeschichte und Patrologie an
ausmacht, worin ihre Inhalte bestehen sich natürlich begeistern können und be- der Universität Inns­bruck. Sein Interesse
und wie christliches Leben zu führen ist. reit sein, über das normale Studium hi- gilt vor allem den Anfängen des Christen-
Diese Phase finde ich persönlich beson- naus Eigeninitiative zu entwickeln und tums und dabei der Frage, wie damals ge-
ders spannend“, so Thomas Karmann sich diese sprachlichen Kompetenzen troffene Entscheidungen bis heute zentral
über seine wissenschaftlichen Interessen. anzueignen“, so der Wissenschaftler. und prägend für die Kirchen sind.
In den ersten Jahrhunderten unserer
Zeitrechnung entwickelte sich das Chris­ Blick in den Osten
tentum von einer verschwindend klei- Der Blick in den Osten ist aber nicht nur nur in der Forschung Akzente setzen,
nen jüdischen Sekte zur Staatsreligion historisch interessant. Karmann betont, ganz besonders liegen ihm auch die Stu-
des Römischen Reiches. Die damaligen dass das Christentum von Anfang an ei- dierenden am Herzen. „Ich hoffe sehr,
Grundentscheidungen prägen die Kirche ne Weltreligion war und eben nicht nur dass ich als Hochschullehrer meine eige-
bis heute. Zudem stellt das frühe Chri- auf Europa bezogen. In ihren Ursprungs- ne Begeisterung für die Geschichte des
stentum die gemeinsame Vergangenheit ländern, im Vorderen Orient, sind die Christentums, ja für die Theologie insge-
aller heutigen Konfessionen dar. „Der Kirchen derzeit leider sehr gefährdet. samt, an die Hörerinnen und Hörer wei-
Blick auf die Anfänge kann uns also hel- „Der Blick zurück ist immer faszinierend. tergeben kann. Auch wenn mein eigener
fen, künftig die Gemeinsamkeiten von Mir ist es wichtig, vor allem auch in der Schwerpunkt in der Antike liegt, so emp-
Katholiken, Orthodoxen und Protes­ Lehre deutlich zu machen, dass das Chri- finde ich es als Bereicherung, in Inns­
tanten noch stärker in den Mittelpunkt stentum nichts Statisches ist, sondern ei- bruck für alle Epochen der Kirchenge-
zu rücken“, betont der Theologe. Um die ne reiche Geschichte besitzt und dass schichte zuständig zu sein. Durch die
Quellen der Frühzeit erforschen zu kön- manche Dinge am Anfang anders waren, Lehre darf ich so auch selbst immer wie-
nen, benötigen Kirchenhistoriker beson- als wir sie heute kennen.“ Der neuberu- der Neues lernen“, hebt der Theologe
dere sprachliche Kompetenzen. Die heute fene Theologieprofessor möchte nicht hervor.  dp

6 zukunft forschung 01/18 Foto: Uni Inns­bruck


FUNDGRUBE VERGANGENHEIT

ADLER IM WANDEL
Das Denkmal vor der Universität Inns­bruck erinnert an die in den Weltkriegen gefallenen Angehörigen der
Universität – zwei Gedenktafeln aber auch an einen Widerstandskämpfer und zwei Befreiungstheologen.

E
r thront stolz auf einem wuchtigen klassischen Moderne kennzeichnen noch Einheit des Landes Tirol und seit 1945 für
dreiseitigen Sockel und doch ist heute zwei markante, 1926/27 gebaute die in beiden Weltkriegen Gefallenen der
er versteckt zwischen vier großen Inns­brucker Gebäude: die Zentrale der Universität Inns­bruck. Aufgrund dieser
Linden – der Adler, linker Hand vom Inns­brucker Kommunalbetriebe sowie das Symbolik war es immer wieder Ziel von
Eingang des Hauptgebäudes der Univer- Adambräu-Sudhaus (heute genutzt vom Protestaktionen – zuletzt 2010 als „Rosaro-
sität Inns­bruck. Das war nicht immer so, Architekturzentrum aut und dem Archiv ter Adler“ –, auch wenn das Denkmal in-
1926, bei der Einweihung des Denkmals, für Baukunst der Universität Inns­bruck). zwischen ebenso eines für Widerstand ist.
vermerkte der Allgemeine Tiroler Anzeiger: Welzenbachers Kriegerdenkmal jeden- Seit 1984 erinnert eine am Denkmal an-
„Das Denkmal ist auf Fernwirkung be- falls gilt seit 1926 als Monument für die gebrachte Gedenktafel an Christoph
rechnet und macht einen erhebenden Ein- Probst, Medizinstudent der Uni Inns­
druck.“ Mit „Ehre – Freiheit – Vaterland“ bruck, der 1943 als Mitglied der Wider-
sollte das Denkmal, so Prorektor Theodor standsgruppe Weiße Rose in München
Rittler in seiner Festansprache, an die „97 von den Nationalsozialisten hingerichtet
Österreicher und Reichsdeutsche, die als worden war. Eine zweite Tafel dient seit
Hochschüler und Angestellte unserer Uni- 1991 der Erinnerung an die Befreiungs-
versität den Heldentod gestorben sind,“ theologen Ignacio Ellacuría SJ und Segun-
erinnern: „Denn für Deutschlands Größe, do Montes SJ, Absolventen der Katho-
Österreichs Ehre und die Einheit Tirols lisch-Theologischen Fakultät der Uni
sind sie in den Kampf gezogen. Im An- Inns­bruck, die 1989 wegen ihres Einsatzes
blick des Adlers wollen wir uns der Kraft für Frieden und Gerechtigkeit in San Sal-
und Stärke unseres Volkstums getrösten vador ermordet wurden. Ab 2019, so der
und gläubig sprechen: Deutschland, Dein Plan, soll das Denkmal ein „zusätzliches
Reich komme!“ Gesicht“ bekommen. Anlässlich ihres
Mehr als befremdlich klingen diese 350-jährigen Jubiläums lobt die Universi-
Worte heute, auch die Ästhetik des Denk- tät Inns­bruck einen Wettbewerb aus – ei-
mals erinnert mehr an die Kunst des Na- ne dauerhafte künstlerische Intervention
tionalsozialismus als an jene der 1920er- am sogenannten „Ehrenmal“ soll ein „zu-
Jahre, vor allem im Vergleich zur zeit- GEDENKTAFELN erinnern an die Ermor­ kunftsweisendes Bekenntnis für die Ver-
gleichen Architektur des Künstlers Lois dung von Christoph Probst sowie von Igna­- antwortung einer modernen und weltof-
Welzenbacher. Seine alpine Variante der cio Ellacuría SJ und Segundo Montes SJ. fenen Universität“ ablegen. ah

Fotos: Uni Inns­bruck (3), Stadtarchiv Inns­bruck (1) zukunft forschung 01/18 7
8 zukunft forschung 01/18 Foto: Andreas Friedle
WERTVOLLER ABFALL
Aus Abfall Energie erzeugen – daran forschen Anke Bockreis und Wolfgang Müller vom
Arbeitsbereich Umwelttechnik. Gemeinsam mit einem Team entwickeln sie Technologien und
Strategien zur Nutzung lokal verfügbarer organischer Reststoffe.

zukunft forschung 01/18 9


TITELTHEMA

ABFALLPROBEN der Müllaufbereitungsanlage

L
ebensmittel sind kostbar. Trotzdem lan- Ahrental werden im Labor sortiert. Schwere
den allein in Österreich jährlich rund Bestandteile wie Glas würden bei der Vergärung
157.000 Tonnen Lebensmittel und Spei- biogener Stoffe in Kläranlagen zu Problemen
sereste aus Haushalten im Restmüll. Berück- mit Pumpen und Rühreinheiten führen.
sichtigt man neben dem Restmüll noch andere
Entsorgungswege, wie etwa die Eigenkom-
postierung oder die Sammlung über die Bio- misches und industrielles System dar, in dem
tonne, ist von einem noch größeren Anteil an Rohstoffe im Idealfall über den Lebenszyklus
weggeworfenen Lebensmitteln auszugehen. einer Ware hinaus wieder vollständig in den
Anke Bockreis und Wolfgang Müller verfol- Produktionsprozess zurückgelangen sollen.
DAS KOMPETENZZEN- gen neue Ansätze, um regional verfügbare or- Bereits 2008 hat die Europäische Union eine
TRUM alpS widmet sich der ganische Abfälle effizient zu nutzen. Im Rah- fünfstufige Abfallrahmenrichtlinie eingeführt.
Forschung, Entwicklung und men des vom Kompetenzzentrum alpS finan- Diese Hierarchie gibt den Mitgliedstaaten ei-
Beratung im Bereich Klima- zierten Projekts ProNutrice soll aus Abfällen ne Prioritätenfolge für ihre national festzule-
wandel sowie Risiko- und aus Haushalten, Supermärkten und der Kar- genden Maßnahmen zur Abfallbehandlung
Energiemanagement. Mit dem toffelverarbeitungsindustrie sowie dem orga- und Abfallbeseitigung vor und fördert damit
Fokus auf Gebirgsregionen nischen Anteil gemischter Siedlungsabfälle das Denken und Handeln hin zur Kreislauf-
nimmt alpS eine Sonderstel- erneuerbare Energie erzeugt werden. „Auch wirtschaft. Die erste Stufe dieser Hierarchie
lung innerhalb klimabezogener wenn wir nie ganz abfallfrei bleiben werden, und gleichzeitig ihr übergeordnetes Ziel ist
Forschungseinrichtungen ein. sollten wir versuchen, Stoffströme möglichst die Vermeidung von Müll. Die zweite Stu-
ProNutrice ist ein Teilprojekt gering zu halten und diese im Kreislauf zu fe, die Vorbereitung zur Wiederverwertung,
des alpS-K1-Zentrums, das im führen“, so Anke Bockreis vom Arbeitsbereich umfasst die Reinigung und Reparatur von
Rahmen des Förderprogramms Umwelttechnik am Institut für Infrastruktur. Abfällen. Die dritte Stufe zielt auf Recycling,
„COMET – Competence Cen- „Die Begriffe Abfall und Abfallwirtschaft sind also die stoffliche Verwertung. Die Strategien
ters for Excellent Technologies“ sehr negativ behaftet. Das, was wir mit Abfall und Technologien im Rahmen von ProNutri-
durch die Bundesministerien machen, bezeichnen wir eher als Kreislauf- ce setzen bei der vierten Stufe an, der ener-
BMVIT und BMWFW sowie wirtschaft“, so die Wissenschaftlerin weiter. getischen Verwertung. Damit ist die Erzeu-
durch die Bundesländer Tirol Die Kreislaufwirtschaft steht im Gegensatz gung von Energie sowie die Erhaltung der
und Vorarlberg gefördert wird. zur Linearwirtschaft. Sie stellt ein ökono- Nährstoffe und deren lokale Rückführung in

10 zukunft forschung 01/18 Fotos: Alice do Carmo Precci Lopes (1), Sabine Robra (1), Andreas Friedle (2)
TITELTHEMA

die Böden gemeint. Die effiziente Nutzung reich Abfallbehandlung und Ressourcenma-
organischer Rohstoffe verhindert ihren un- nagement weiter.
kontrollierten Abbau an anderen Orten und
die damit verbundene Produktion von Treib- Kartoffelreste
hausgasen. Außerdem soll so die fünfte Stufe, Ein praktisches Beispiel für die Kreislaufwirt-
die Ablagerung von Abfällen auf Deponien, schaft liefert die Firma 11er Nahrungsmittel.
möglichst vermieden werden. Auch ein neues, Das Unternehmen verarbeitet die Reststoffe
im vergangenen April vom Europäischen Par- aus der Kartoffelproduktion in einer Vergä-
lament beschlossenes Gesetzespaket soll zu rungsanlage zu Biogas. Dieses wird anschlie- WOLFGANG MÜLLER, ge-
einer verstärkten Ausrichtung hin zu einer ßend zu Biomethan aufbereitet und zur Betan- boren 1983, ist promovierter
Kreislaufwirtschaft und damit einem System, kung der firmeneigenen LKW-Flotte genutzt. Ingenieur und schon seit vielen
in dem der Wert von Produkten, Materialien So können die Kartoffeln, die zum Teil aus Jahren in der Planung und
und Ressourcen in der Wirtschaft so lange wie Bayern und Niederösterreich kommen, mit- Prozessoptimierung von Abfall-
möglich erhalten bleibt, beitragen. Demnach hilfe erneuerbarer Energie bezogen werden. behandlungsanlagen tätig. Er
dürfen Mitgliedstaaten bis 2035 nur noch ProNutrice hat das Unternehmen bei Proble- arbeitet an der angewandten
höchstens ein Zehntel aller Abfälle deponie- men unterstützt, die mit der Inbetriebnahme Forschung und Entwicklung,
ren. dieser Vergärungsanlage entstanden sind. So Konzeptentwicklung und
haben beispielsweise Fettkügelchen aus Umsetzung im Bereich der
„Die Begriffe Abfall und Abfallwirtschaft der Pommes-Produktion den Vergärungs- biologischen und mechanisch-
sind sehr negativ behaftet. Das, was prozess gestört. Mithilfe einer Laboranalyse biologischen Abfallbehand-
wir mit ­Abfall machen, bezeichnen wir konnte dieses Problem identifiziert und der lung. Unter anderem ist er
Vergärungsprozess optimiert werden. Ne- als Berater in internationalen
eher als K­ reislaufwirtschaft.“ Anke Bockreis
ben der optimalen Verarbeitung von Kartof- Projekten, beispielsweise
felresten zu Biogas sucht ProNutrice außer- in Frankreich, Südafrika,
Die Wissenschaftler beschäftigen sich somit dem Wege, die Gärreste möglichst hochwertig Tunesien, Korea und China,
mit einem hochrelevanten Thema. „Ziel von aufzubereiten. Für gewöhnlich werden diese tätig. Seit 2009 ist er wissen-
ProNutrice ist es, mehrere Nutzungsmög- als Dünger in der Landwirtschaft genutzt. schaftlicher Mitarbeiter am
lichkeiten oder eine höherwertige Nutzung Gemeinsam mit lokalen Landwirten wurden Fachgebiet Abfallbehandlung
für Stoffströme aus dem Lebensmittelbereich die Gärreste kompostiert und so zu höherwer- und Ressourcenmanagement
zu finden,“ erklärt der Projektleiter von Pro- tigem Dünger oder Blumenerde verarbeitet. an der Universität Inns­bruck.
Nutrice, Wolfgang Müller. „Alle drei Teilpro- Wolfgang Müller ist Projektlei-
jekte von ProNutrice können der Kreislauf- Organische Supermarktabfälle ter von ProNutrice.
wirtschaft zugeordnet werden. Sie zeigen Gemeinsam mit der Firma MPREIS ver-
eindrücklich, wie wertvoll auch Abfall noch sucht ProNutrice, organische Rohstoffe in
sein kann,“ so Wolfgang Müller vom Fachbe- Supermärk­ten effizienter zu erfassen. Bisher

BEI DER INBETRIEBNAHME der Vergärungs- TROTZ MÜLLTRENNUNG sind immer noch
anlage zur Verarbeitung von Reststoffen aus ca. 20 Prozent des Restmülls biogene Stoffe.
der Kartoffelverarbeitung zu Biogas entstanden Im Projekt ProNutrice versuchen die Forscher,
Probleme, beispielsweise störten Fettkügelchen Bioabfälle aus dem Restmüll in Kläranlagen in
aus der Pommes-Produktion den Vergärungs- Energie umzuwandeln. Obwohl die biogenen
prozess. Die Inns­brucker Experten unterstützten Abfälle im Reststoff aufgrund der Verunreinigung
die Firma 11er Nahrungsmittel, analysierten das von minderer Qualität sind, können auch sie zu
Problem im Labor und optimierten so den Ver- Energie verarbeitet werden. In der Müllaufberei-
gärungsprozess. Neben der optimalen Verarbei- tungsanlage im Ahrental bei Inns­bruck werden
tung von Kartoffelresten zu Biogas suchen die jährlich 70.000 Tonnen Restmüll verarbeitet.
Wissenschaftler außerdem Wege, die Gärreste Davon könnten rund 10.000 Tonnen einer Vergä-
möglichst hochwertig aufzubereiten. rung zugeführt werden.

zukunft forschung 01/18 11


TITELTHEMA

ANKE BOCKREIS (Jahrgang 1971) studierte


Bauingenieurwesen an der Technischen Hoch-
schule Darmstadt. Von 1996 bis 2009 war
sie dort wissenschaftliche Mitarbeiterin am
Institut IWAR, wo sie 2001 mit einer Arbeit
über die Überwachung von Flächenbiofiltern
zur Geruchsminderung von Abfallbehand-
lungsanlagen promovierte. 2007 und 2008
absolvierte Bockreis mehrere Forschungs-
aufenthalte an der École des Mines d‘Ales in
Frankreich. Zusätzlich zu ihrer Forschungsar-
beit sammelte sie praktische Erfahrungen in
verschiedenen Ingenieurbüros. Seit Oktober
2009 ist sie Universitätsprofessorin für Abfall-
behandlung und Ressourcenmanagement am
Institut für Infrastruktur der Universität Inns­
bruck. Seit März 2012 ist Bockreis auch Vize-
rektorin für Infrastruktur der Uni Inns­bruck.

werden Obst- und Gemüseabfälle in der Bio­ terhin wurde untersucht, welche Reinigungs-
tonne gesammelt, die dann wöchentlich oder mittel am besten geeignet sind, die möglicher-
14-tägig geleert wird. Besonders im Sommer weise entstehenden Keime zu entfernen, ohne
verursacht das häufig Geruchs- und Hygiene- gleichzeitig den Vergärungsprozess zu stören.
probleme. Die Inns­brucker Wissenschaftler ha- Die teilnehmenden Filialen zeigen sich positiv
ben in drei MPREIS-Filialen die Verwendung gegenüber diesem neuen Verfahren. Ob und
von Aufgabestationen beglei- wann diese Technologie in die Filialen kommt,
„Das Ziel von ProNutrice ist es, mehrere tet, in denen Bioabfälle ge- wird derzeit von MPREIS geprüft.
Nutzungs­möglichkeiten oder eine sammelt werden. Die Anlagen
zerkleinern das zugeführte
höherwertige Nutzung für Stoffströme Obst und Gemüse sofort und
Vergärung in Kläranlagen
Eine weitere Lösung wird im Rahmen von
aus dem Lebens­mittelbereich zu finden.“ bereiten es zu einer flüssigen ProNutrice für die Vergärung von Speiseresten
 Wolfgang Müller Suspension auf. Dieses Ma- in Faultürmen von Kläranlagen gesucht. Bei
terial wird in einem Tank ge- der Abwasserreinigung bleiben Klärschläm-
sammelt, in dem eine natürliche Versäuerung me übrig, worin sich häufig Schadstoffe kon-
stattfindet. So können die Bioabfälle länger zentrieren. Verwertet man Speisereste, die ei-
gelagert und im Anschluss direkt in Biogasan- gentlich relativ sauber sind, so mischen sich
lagen in Energie umgewandelt werden. Wei- diese mit den Schadstoffen. Übrig bleibt dann
Klärschlamm, der in Tirol bereits jetzt nicht als
Dünger ausgebracht werden darf. Langfristig
soll der Klärschlamm in allen Bundesländern
verbrannt werden und damit auch die darin
enthaltenen organischen Substanzen. Eigene
(Mono-)Vergärungsanlagen für organische
Stoffe wären hier eine Lösung.
Die Forscher legen in ProNutrice den Fokus
dabei auf Bioabfälle aus dem Restmüll. Trotz
Mülltrennung sind immer noch ca. 20 Prozent
des Restmülls biogene Stoffe. Obwohl die bio-
PRONUTRICE HAT IN drei MPREIS-Filialen die genen Abfälle im Reststoff aufgrund der Ver-
Verwendung von Aufgabestationen begleitet, unreinigung von minderer Qualität sind, kön-
in denen Bioabfälle gesammelt werden. Die nen auch sie zu Energie verarbeitet werden.
Anlagen zerkleinern das zugeführte Obst und Beispielsweise werden in der Müllaufberei-
Gemüse sofort und bereiten es zu einer flüssigen tungsanlage im Ahrental jährlich 70.000 Ton-
Suspension auf. Dieses Material wird in einem nen Restmüll verarbeitet. Davon könnten rund
Tank gesammelt, in dem eine natürliche Versäue- 10.000 Tonnen einer Vergärung zugeführt wer-
rung stattfindet. So können die Bioabfälle länger den. Mit einer Tonne dieser aufbereiteten orga-
gelagert und im Anschluss direkt in Biogasanla- nischen Stoffe kann ein Haushalt einen ganzen
gen in Energie umgewandelt werden. Monat lang heizen. lm

12 zukunft forschung 01/18 Fotos: Andreas Friedle (1), Marco Wehner (1)
TITELTHEMA

EVA BÄNNINGER-HUBER ist seit


dem Jahr 2000 Professorin für Klinische
Psychologie an der Universität Inns­
bruck. Sie habilitierte sich 1995 mit einer
Untersuchung über affektive Prozesse in
der psychotherapeutischen Interaktion. Zu
ihren Forschungsschwerpunkten zählen die
Emotions- und Psychotherapieprozessfor-
schung, bei der sie soziale Interaktionen
insbesondere basierend auf Videoaufnah-
men analysiert und codiert.

WASCHECHTE PROBLEME
Mehrere Stunden täglich am Wasserhahn zu stehen und sich die Hände wund zu waschen, ist
für Menschen mit einem Waschzwang tragischer Alltag. Was Betroffene zu diesen und anderen
Zwangshandlungen treibt, erklärt Psychologie-Professorin Eva Bänninger-Huber im Gespräch.

ZUKUNFT: Häufiges Händewaschen wird Ich bin nur mit diesem Zwang beschäf- derum starke Schuldgefühle in ihm aus-
als Infektionsschutz durchaus empfoh- tigt und das hilft, mich zu stabilisieren. löste. Da der Patient als Kind vom Vater
len. Wo ist die Grenze zwischen oft Hän- Das ist die „positive“ Funktion einer sehr streng und fromm erzogen wurde,
dewaschen und Waschzwang? Zwangshandlung, die dem Betroffenen interpretierte Freud den Zwangsgedan-
EVA BÄNNINGER-HUBER: Wer an einer Sicherheit gibt. ken als Auflehnung gegen die väterliche
Zwangsstörung leidet, verspürt große ZUKUNFT: Was sind die Ursachen für Autorität. Es gibt aber auch verhaltens-
Angst, wenn er oder sie eine bestimmte Zwangsstörungen und spielen sie für die therapeutische Ansätze, die einen ande-
Handlung – in diesem Fall eben das Therapie eine Rolle? ren Schwerpunkt verfolgen: Sie versu-
Händewaschen – nicht durchführt. Das BÄNNINGER-HUBER: Psychoanalytische chen anstelle des negativen Verhaltens
ist ein Diagnosekriterium. Der zweite Erklärungsmodelle gehen davon aus, ein ähnliches positives aufzubauen, das
Aspekt ist, dass das Leben stark beein- dass Zwangsstörungen mit verbotenen dem Betroffenen auch Sicherheit gibt.
trächtigt ist, weil für die Zwangshand- Gedanken und Impulsen zu
lung sehr viel Zeit aufgewendet wird. Im tun haben, die abgewehrt „Ein Waschzwang hat nicht unbedingt damit
Fall von einem Händewaschzwang ist werden müssen. Mit Ag- zu tun, dass die Betroffenen physischen
sie natürlich auch körperlich schädlich. gression zum Beispiel. Der Schmutz abwaschen wollen.“ Eva Bänninger-Huber
ZUKUNFT: Wovor haben die Betroffenen psychoanalytisch-psycho-
Angst? Vor Dreck? dynamische Therapieansatz versucht ZUKUNFT: Aber gibt es nicht auch Men-
BÄNNINGER-HUBER: Also ein Wasch- daher, die Entstehungsgeschichte und schen, die sich aus übersteigertem Ekel
zwang hat nicht unbedingt damit zu Funktion von solchen Zwangshand- sehr häufig die Hände waschen?
tun, dass die Betroffenen physischen lungen zu verstehen und sie dadurch BÄNNINGER-HUBER: Ja, aber da sind wir
Schmutz abwaschen wollen. Er hat etwas aufzulösen. Ein berühmtes Beispiel hat eher bei hypochondrischen Menschen,
Symbolisches und eine stabilisierende Freud mit dem Wolfsmann beschrieben, die Angst davor haben, kontaminiert zu
Funktion: Indem ich immer wieder das der konnte nicht anders als Gott mit Kot werden, zum Beispiel durch Krankheits-
Gleiche tue, bin ich nicht hilflos. Ich ha- zu assoziieren. Und wenn er auf der erreger. Hypochondrie ist mit Angststö-
be in dem Moment die Kontrolle über Straße drei Pferdeäpfel sah, musste er an rungen zwar schon verwandt, aber ein
die Welt und die ist sehr eingeschränkt. die Dreifaltigkeit denken, was aber wie- separates Krankheitsbild.  ef

Foto: Andreas Friedle zukunft forschung 01/18 13


TITELTHEMA

GEBURTSORTSWECHSEL
Am Ende des 19. Jahrhunderts verlagerte sich in Inns­bruck die Geburt von den eigenen vier Wänden
in R­ ichtung Gebärhaus. Neben dem medizinischen Fortschritt und gesellschaftlichen Veränderungen in
der Stadt spielte die gestiegene Hygiene in der Gebäranstalt eine entscheidende Rolle.

IM JAHR 1890 wurde in Inns­bruck

E
s war ein Neubau, der sozusagen sundheit und Krankheit sowie der Ent- die neue Landesgebärklinik bezogen,
alle Stückerl spielte: hohe Räume, wicklung der medizinischen Versorgung die Zahl der „institutionellen Geburten“
licht- und luftdurchflutet, Ventila- in der Pfarre Matrei am Brenner beschäf- nahm deutlich zu. Schon 1924, mit der
tion und Heizung, gut ausgestattet und tigte. „Mir fielen im Kirchenbuch einige Eröffnung der erweiterten Frauenklinik,
auch großzügig geplant – den Schwan- Kinder mit dem Geburtsort Landes-Ge- schloss das Gebärhaus seine Pforten. In
geren, Gebärenden und Wöchnerinnen bäranstalt Inns­bruck auf“, erinnert sie dem Gebäude in der Michael-Gaismair-
sollte in der 1890 eröffneten Tiroler Lan- sich. Gänzlich ihr Interesse weckte dann Straße befinden sich heute Einrichtungen
des-Gebärklinik genügend Raum zur ein Kirchenbuch, auf das sie ihre Betreue- der Tiroler Landesverwaltung.
Verfügung stehen. Kein Vergleich zur rin Elisabeth Dietrich-Daum aufmerksam
Gebärstation im alten Inns­brucker Stadt- machte, enthielt es doch nur Namen und
spital. „Dort waren die hygienischen Ver- Daten von Frauen und Kindern. Nachfor- stieg sei erst mit einer erhöhten Frequenz
hältnisse desolat, es hat an allen Ecken schungen ergaben, dass es sich um das der öffentlichen Institution feststellbar.
und Enden gekrankt. Die Zustände Sterbebuch der Landes-Gebäranstalt han- Im Jahr 1816 wird erstmals ein „Son-
wurden auch von den Ärzten und Pro- delte. „In der Inns­brucker Gebäranstalt derzimmer für Kinderbetterinnen“ im
fessoren bemängelt“, erklärt die Histori- war die Sterblichkeit der Frauen aber Inns­brucker Spital erwähnt, dokumen-
kerin Marina Hilber. Kein Wunder also, überraschenderweise nie extrem hoch, tiert sind in den 1830er-Jahren rund
dass Kindbettfieber in den 1870er-Jahren die Säuglingssterblichkeit sogar nied- 25 Geburten pro Jahr – mit fallender
vermehrt zum Problem geworden war. riger als Zuhause“, weiß die Historikerin Tendenz, 1846 etwa waren es nur noch
Erstmals auf die Landes-Gebäranstalt daher aus ihren Untersuchungen. Über- sechs. Grund war die Eröffnung des auf
gestoßen ist Marina Hilber im Zuge ih- haupt wäre Kindbettfieber in Inns­bruck Staatskosten geführten ersten Tiroler
rer Diplomarbeit, für die sie sich mit Ge- lange Zeit kein Thema gewesen, ein An- Gebär- und Findelhauses im Jahr 1833.

14 zukunft forschung 01/18 Fotos: Andreas Friedle, Stadtarchiv Inns­bruck


TITELTHEMA

Obwohl in Trient gelegen, entschieden


sich immer mehr mittellose ledige Müt-
ter, ihr Kind im Süden des Landes zur
Welt zu bringen, wurden sie doch unent-
geltlich versorgt und konnten ihre Kin-
der im Findelhaus abgeben. Inns­bruck
zog 1858 nach, die Gebärabteilung des
Spitals wurde zu einer Filialanstalt von
Trient, was zu einem Anstieg der Spitals- MARINA HILBER (Jahrgang 1981)
geburten führte. Als 1869 die Universität Frauen. Dies und andere Vorfälle führten studierte Geschichte und Anglistik/Ame-
Inns­bruck wieder eine Medizinische Fa- 1881 zu seiner Entlassung. rikanistik (Lehramt) sowie Europäische
kultät bekam, übersiedelte auch das Tiro- Im gleichen Jahr eröffnete in Inns­ Ethnologie in Inns­bruck (Promotion
ler Gebär- und Findelhaus nach Nordtirol bruck das Sieber‘sche Waisenhaus, im 2011). Von 2008 bis 2015 arbeitete sie
ins Inns­brucker Stadtspital. Stadtspital wurde daher das Findelhaus in mehreren Forschungsprojekten an der
geschlossen. Bis dahin war das Gebär- Universität Inns­bruck im Fach Wirt-
Reinigende Maßnahmen und Findelhaus vor allem Anlaufstelle schafts- und Sozialgeschichte. Von 2016
„Ab 1869 steigt im Stadtspital aber auch für Frauen, die ein uneheliches Kind bis 2017 war sie Post-Doc-Stipendiatin
die Zahl der Wöchnerinnen, die aufgrund erwarteten, war doch die staatliche Wei- am Institut für Geschichte der Medizin
von Infektionen sterben. In Krisenjahren terversorgung der Kinder gewährleistet. der Robert Bosch Stiftung, Stuttgart. Seit
lag die Sterblichkeit bei sechs Prozent, ein „Die Frauen mussten sich aber auch, da 2017 untersucht sie mit einer Hertha-
massiver Wert“, berichtet Hilber. Abhilfe hier Hebammen, Wundärzte und später Firnberg-Stelle des FWF die Forschungs-
schafft erst der 1877 an die Universität auch Mediziner ausgebildet wurden, für karriere des Gynäkologen Ludwig
Inns­bruck berufene Gynäkologe Ludwig Untersuchungsübungen zur Verfügung Kleinwächter (1839-1906) und dessen
Kleinwächter. Ein „Wissenschaftler mit stellen. Teilweise mussten sie auch als Stellung im wissenschaftlichen Netzwerk
Leib und Seele“, beschreibt ihn Hilber, Ammen tätig sein“, erläutert Hilber. seiner Zeit. Kleinwächter war von 1877
aber auch „ein streitbarer Charakter“. Die Schließung des Findelhauses bis 1881 Professor für Geburtshilfe an
Nach dem Medizinstudium, Tätigkeit führte dazu, dass nach einer Statutenän- der Universität Inns­bruck, danach war
als Sekundararzt, Habilitation in Ge- derung im Gebärhaus auch verheiratete er als Privatarzt in Czernowitz tätig. Sein
burtshilfe und einer außerordentlichen Frauen aufgenommen wurden. „Das wissenschaftliches Werk umfasst etliche
Professur in Prag kam Kleinwächter an nutzten vor allem Frauen, die in prekären Monografien, darunter geburtshilfliche
eine Universität und Klinik, die in Be- Verhältnissen lebten. Ihre Anzahl stieg Lehrbücher, sowie 150 wissenschaftliche
zug auf medizinische Forschung und durch die Urbanisierung Inns­b rucks“, Aufsätze und Rezensionen.
zeitgemäße Standards Aufholbedarf sagt Hilber. Dank eines neuen Desinfek-
hatte. „Kleinwächter versuchte antisep- tionsmittels sank ab 1883 die Sterblich-
tische Maßnahmen einzuführen, stieß keit der Wöchnerinnen im Stadtspital – Höchststand wurde 1913 mit 1700 er-
damit aber auf Widerstand“, berichtet trotz desolater hygienischer Verhältnisse reicht. War der Erste Weltkrieg sozusagen
Hilber. Trotzdem setzte er Waschungen – auf 0,3 Prozent. Hilber: „Das sprach die Blüte des Gebärhauses („Die Frauen
mit verdünnter Karbolsäure und Wund- sich herum, selbst vom Land wurden Ri- hatten zu Hause keinen Rückhalt.“), be-
desinfektionen durch, Studenten verbot sikoschwangerschaften nach Inns­bruck deutete die Not nach dem Krieg sein En-
er, direkt nach dem Sezierkurs die Ge- geschickt.“ Noch mehr sprach sich ab de. Zwei seperate Institutionen – Gebär-
bärklinik zu betreten. Die Maßnahmen 1890 die Attraktivität der neuen Tiroler haus und gynäkologische Klinik – waren
zeigten Wirkung, „die Sterblichkeit fiel Landes-Gebärklinik herum, so sehr, nicht zu finanzieren, 1924, mit der Eröff-
rasch unter die kritische Marke von drei „dass das System bald kollabierte, auch nung der erweiterten Frauenklinik, kam
Prozent.“ Kritisch wurde es aber für wenn nie mehr die widrigen sanitären es zur Fusionierung. Eine Zeit, in der in-
Ludwig Kleinwächter, Methoden wie Be- Verhältnisse der 1870er- und 1880er-Jahre zwischen wesentlich mehr verheiratete
ckenmessungen, aber auch sein Umgang erreicht wurden.“ 1894 fanden 636 Ent- als unverheiratete Frauen das Gebärhaus
führten zu massiver Kritik von Seiten der bindungen in der Gebärklinik statt, der aufsuchten.ah

zukunft forschung 01/18 15


TITELTHEMA

MARCELO JENNY: „Allein die Definition dessen, was als ‚schmutziger Wahlkampf‘ gilt, ist ja schon Teil der Wahlauseinandersetzung.“

DER KANZLER MIT DER


ROTEN NASE
Wahlkampagnen sind nicht erst jüngst untergriffig: Ganz im Gegenteil, zeigt Marcelo Jenny.
Der Politikwissenschaftler forscht zu „Dirty Campaigning“.

K
atzen taugen im Jahr 2018 wohl rade in Österreich in der Vergangenheit erst kürzlich in ihrer Dissertation gezeigt:
nicht mehr als Negativsymbol. schon sehr viel schärfer. Parlamentsreden Wahlplakate sind seit den ersten Wahlen
„Cat Content“ im Internet, Videos waren in der Ersten Republik viel unter- der Zweiten Republik immer harmloser
und Fotos von Katzen sind ein Renner griffiger, die Polarisierung stärker, auch geworden“, sagt er.
und Katzen tauchen da ausschließlich in der Zweiten Republik haben wir in
positiv auf. Bei der Nationalratswahl den Anfangsjahren schärfere Auseinan- Rote Katze Kommunismus
1949 war das noch anders: Mit dem Titel dersetzungen gesehen als heute“, erklärt Das angesprochene Plakat mit dem
„Der Kater lässt das Mausen nicht, die Marcelo Jenny vom Institut für Politik- Kanzler-Kater 1949 war eine Reaktion
ÖVP das Lügen nicht“ plakatierte die wissenschaft. Er forscht unter anderem der SPÖ auf eines der ÖVP, das aller-
SPÖ damals ÖVP-Kanzler Leopold Figl zu Wahlen und politischer Kommuni- dings als verschollen gilt, wie Marcelo
als schwarzen Kater. Perfid dabei: Der kation in Österreich und beschäftigt sich Jenny erläutert: „Es gibt Berichte von
Kater hat eine knallrote Nase, eine An- auch mit Negativkampagnen und ihrer Zeitzeugen, die sich an das Bild erin-
spielung auf Figls Alkoholkonsum – und Steigerung bis zum sogenannten „Dirty nern – eine rote Katze, die aus einem
ein Beweis dafür, dass es Untergriffe in Campaigning“. „Wahlplakate sind ein Sack springt. Die Botschaft war: Mit der
Wahlkampagnen nicht erst seit Kurzem wunderbares Beispiel für diese Polarisie- SPÖ wählt ihr den Kommunismus mit,
gibt. „Die Auseinandersetzung war ge- rung, das hat meine Kollegin Lore Hayek also die rote Katze im Sack.“ Dieses Pla-

16 zukunft forschung 01/18 Fotos: Andreas Friedle (1), Österreichische Nationalbibliothek/Slama (1)
TITELTHEMA

kat ist allerdings nirgends erhalten, nur „Die Auseinandersetzung war gerade in Österreich in der
die zornige Reaktion der SPÖ mit dem Vergangenheit schon sehr viel schärfer. Parlamentsreden waren
Kanzler als schwarzem Kater. in der Ersten Republik viel untergriffiger, die Polarisierung stärker,
Was in Wahlkämpfen geht und was
auch in der Zweiten Republik haben wir in den Anfangsjahren
nicht, hängt von der politischen Kultur
eines Landes ab – und die ändert sich schärfere Auseinandersetzungen gesehen als heute.“ Marcelo Jenny

über die Zeit. „Negative Campaigning


ist wie alles im Wahlkampf der Versuch, auf die jüdische Herkunft seines Gegners über Haiders Homosexualität Bescheid
gegenüber dem Mitbewerber Punkte Bruno Kreisky. „Natürlich sind das alles wissen, hat der Begriff aber eine weitere,
bei den Wählern zu sammeln. Deshalb Codes, die man auch erst verstehen und nochmals untergriffigere Dimension.“
schreien Parteien auch beim anderen bei denen man den Kontext kennen muss
schnell auf und drücken bei sich selbst – aber bei Insidern kommen diese Bot- Teil des Wahlkampfrepertoires
beide Augen zu. Allein die Definition schaften durchaus an.“ Ein weiteres Bei- Negativbotschaften in der politischen
dessen, was als ‚schmutziger Wahlkampf‘ spiel, außerhalb von Wahlkämpfen, wäre Auseinandersetzung sind nichts grund-
gilt, ist ja schon Teil der Wahlauseinan- die Bezeichnung „Buberlpartie“ für die sätzlich Schlechtes: Parteien grenzen sich
dersetzung und war zum Beispiel bei großteils jungen Männer, mit denen sich von anderen Parteien ab, indem sie auf
dem sehr polarisierten Bundespräsi- Jörg Haider in den 1990er-Jahren umgab deren Schwächen hinweisen. „Das etwas
denten-Wahlkampf 1986 ein zentrales und die unter ihm in der FPÖ Karriere heroische Bild eines Wahlkampfs wäre:
Thema. Und dann gibt es natürlich im- machten: „Der Begriff ‚Buberl‘ ist für Jeder betont nur seine positiven Seiten
mer wieder auch Kampagnen, wo für die sich gesehen natürlich bereits abwer- und Stärken. Aber das zweite logische
meisten Beteiligten am Ende klar ist, es tend und mit der Betonung des jungen Element, das immer kommen wird, ist
wurden Grenzen überschritten und üb- Alters dieser Personen versucht man, ei- der Versuch, die Konkurrenz zu kritisie-
rig bleibt: Es hat uns nichts gebracht, es nen Hinweis auf eine vermeintlich man- ren und deren Schwächen herauszustrei-
hat uns nur alle beschädigt.“ Dass Wahl- gelnde Kompetenz zu geben. Für die, die chen. Das können inhaltliche Schwächen
kämpfe von Mal zu Mal „schlimmer“ sein, in der Programmatik, in den Ideen,
würden, lässt sich durch die Forschung in Lösungsvorschlägen, oder es zielt auf
dennoch nicht belegen, sagt der Wis- das politische Personal der Konkurrenz
senschaftler. „Diese Einschätzung ‚Der ab. Und selbst bei Kritik am Personal
aktuelle Wahlkampf ist der schlimmste kann man das noch relativ sachlich anle-
bisher‘ hat viel damit zu tun, dass jeder gen, indem man die Kompetenz oder die
neue Wahlkampf eben tatsächlich neu ist Führungsstärke anzweifelt“, sagt Jenny.
– und das wirkt dann unmittelbar stär- „Aber nicht selten werden bei dieser Kri-
ker. Längerfristig betrachtet hatten wir tik an der Person Grenzen überschritten,
in der Vergangenheit auch schon heftige so, dass man als Wähler das Gefühl hat,
Auseinandersetzungen, das blendet man da werden jetzt soziale Normen verletzt.
Jahre später aus.“ Negative Campaigning hat ja durchaus in-
formative Elemente: Man lernt etwas über
Echte Österreicher die Partei oder die Person, die man bisher
Weitgehend tabu sind in Österreich per- vielleicht bevorzugt hat.“
sönliche Untergriffe, die ins Privatleben Vergleichende Werbung, in der Pro-
reichen – und das Privatleben von Po- dukte der Konkurrenz kritisiert werden,
litikerinnen und Politikern generell. In ist in der Wirtschaft rar und stark regu-
den USA ist das anders: „Die US-ame- liert. In der Politik ist das ein normaler
rikanische politische Kultur hat da we- Bestandteil des Parteienwettbewerbs. „Für
sentlich weniger Skrupel. Zum Beispiel: manche Wählerin oder manchen Wähler
In dem Moment, in dem einem Politiker KANZLER LEOPOLD FIGL als ist die neue Negativinformation Anlass
eine außereheliche Affäre nachgewiesen schwarzer Kater mit roter (Alkoholiker-) dafür, eine andere Partei zu wählen, idea-
werden kann, kommt das auch im Wahl- Nase auf einem Plakat der SPÖ aus lerweise die, von der die Attacke ausgeht.
kampf vor – als Aussage über seine poli- dem Nationalratswahlkampf 1949. Das Das wäre das Ideal eines wirkungsvollen
tische Integrität“, erläutert Jenny. Plakat wurde vom bekannten Grafiker, Negative Campaigning. Was aber häufiger
Was nicht heißt, dass es nicht auch in Ausstellungsgestalter und Bühnenbildner passiert: Man registriert die Kritik an der
Österreich Untergriffe und Unterschwel- Victor Theodor Slama († 1973) gestaltet. bisher bevorzugten Partei, am Kandidat
liges gibt: Da wäre die erwähnte Alkoho- Eine aktuelle wissenschaftliche Arbeit oder der Kandidatin, und geht nicht zur
lismus-Anspielung auf Kanzler Leopold aus Inns­bruck beschäftigt sich näher mit Wahl. Und auch das nutzt der Partei, von
Figl mit der roten Nase genauso ein Bei- Plakatwahlkämpfen in Österreich: Lore der die Negativkampagne ausgeht: Wenn
spiel, wie dass die ÖVP ihren Kanzler Hayek (2016). Design politischer Parteien: ich es schon nicht schaffe, dass diese Wäh-
Josef Klaus 1970 als „echten Österrei- Plakatwerbung in österreichischen Wahl- ler zu mir wechseln, sorge ich zumindest
cher“ plakatieren ließ – eine Anspielung kämpfen. Münster: LIT Verlag. dafür, dass sie zu Hause bleiben.“sh

zukunft forschung 01/18 17


TITELTHEMA

VORAUSSCHAUENDER
BLICK IN DEN KANAL
Bedingt durch den Klimawandel wird sich auch das Wetter ändern und häufigere und intensivere
Starkregenereignisse werden wahrscheinlicher. Auch die bestehende Infrastruktur muss an die sich
ändernden Bedingungen angepasst werden.

K
urze aber intensive Gewitterschau- und den urbanen Lebensraum schützen. der Stadt nicht mehr in die Kanalisation
er bringen die städtischen Kanal- Obwohl es bereits Untersuchungen über eingeleitet werden, sondern müssen vor
netze immer wieder an ihre Gren- solche in Frage kommenden Maßnahmen Ort versickern. „In Inns­bruck wird die-
zen und lokale Überschwemmungen sind gibt, weiß man doch noch wenig über ser Weg bereits konsequent verfolgt und
die Folge. Noch passiert dies in einem deren weitläufigere Auswirkungen. Bei- ein kontinuierlicher Rückgang der an das
vertretbaren Ausmaß, doch rechnen Ex- spielsweise wirkt sich eine erhöhte Im- Kanalsystem angeschlossenen befestigten
pertinnen und Experten mit einer Erhö- plementierung grüner Infrastruktur po- Flächen wurde schon erreicht“, betont
hung der Niederschlagsintensität und sitiv auf die Grundwasserbilanz und die der Wissenschaftler, der empfiehlt, auch
häufigeren extremen Wetterereignissen. Erholung der Bevölkerung aus. Gleich- eine Möglichkeit zur Versickerung des
Manfred Kleidorfer, Professor am Insti- zeitig ist gerade im urbanen, dicht besie- Wassers von Straßen einzuführen.
tut für Infrastruktur, beschäftigt sich mit delten Raum der Platz dafür knapp und Durch das im Winter ausgebrachte Salz
urbanen Abwassersystemen und deren kostenintensiv“, verdeutlicht Kleidorfer. könne das Abwasser von Straßen derzeit
Anpassung an klimatische Erfordernisse. noch nicht in Grünstreifen versickern,
„Basierend auf der Analyse unterschied- Grüne Infrastruktur sondern muss noch in das Kanalsystem
licher Klimaszenarien erwarten wir lang- Gründächer, Raingardens oder Gräben eingeleitet werden. Neben dem Ausbau
fristig häufiger sogenannte urbane Sturz- zur Versickerung von Regenwasser wer- von dezentralen Versickerungsanlagen
fluten. Bis zu einer gewissen Häufigkeit den das städtische Bild zunehmend prä- werden bereits weitere Maßnahmen zur
ist eine kurzfristige Überlastung der Sys- gen. Das Ziel der Expertinnen und Exper- Bewältigung von Starkregenereignissen
teme verkraftbar und einkalkuliert. Mit ten im Bereich der Siedlungswasserwirt- getroffen. Eine multifunktionale Flächen-
Blick auf die Zukunft müssen wir aber schaft ist die Ableitung von Abwasser nutzung soll einen Beitrag zur Vorsorge
daran arbeiten, die urbane Infrastruktur und Niederschlagswasser. „Regen, der für Starkregenereignisse leisten. „Ein
vermehrt auf solche Ereignisse vorzube- über urbanen Gebieten fällt, kommt bei- neuer Sportplatz kann beispielsweise et-
reiten“, erklärt Manfred Kleidorfer. spielsweise mit Dächern oder Straßen in was tiefer angelegt werden, damit er bei
In den Forschungen der Siedlungswas- Kontakt und wird verschmutzt. Dieses starkem Regen mit Wasser geflutet wer-
serwirtschaft wird jedoch nicht nur der Wasser muss entweder in einer Klär- den kann. Die multifunktionale Nutzung
Klimawandel berücksichtigt. Auch die anlage behandelt werden oder wird in dieser Fläche ist sehr sinnvoll. Auch für
Landnutzung sowie das Bevölkerungs- dezentralen Versickerungsanlagen gerei- Tiefgaragen gibt es bereits Konzepte, die-
wachstum beeinflussen die Planungen nigt“, sagt Kleidorfer. Dachwässer oder se gezielt zu evakuieren und als Puffer
der urbanen Infrastruktur und haben die Abwässer von Parkplätzen dürfen in für Wolkenbrüche zu verwenden“, ver-
insbesondere auch einen großen Einfluss deutlicht Kleidorfer. Mit den Forschun-
auf die Leistungsfähigkeit der Kanalsys­ gen möchten der Wissenschaftler und
teme. „Städte wachsen, Wohnraum wird sein Team dazu beitragen, Umsetzungs-
verdichtet und Flächen werden versie- empfehlungen für den Einsatz von grü-
gelt. Damit kommt es zu größeren Ab- ner Infrastruktur zu liefern.
flussmengen, mit denen man umgehen
muss“, so der Experte, der betont, dass Maßnahmen treffen
bereits viel getan und umgesetzt wird, je- Wird es tendenziell trockener oder nas-
doch eine kontinuierliche Anpassung so- ser? Zu wissen, wie sich das Klima lokal
wie die Erforschung weiterer innovativer verändern wird und welche Tendenzen
Lösungen notwendig ist. „Frühzeitig für die Region zu erwarten sind, ist für
wohl überlegte Adaptierungs- und Prä- VERSICKERUNGSMULDE zur Regenwas- viele Entscheidungsträger zentral. „Mit
ventionsmaßnahmen können die Wider- serbehandlung am neu gestalteten Campus unserer Forschung möchten wir Hilfs-
standsfähigkeit der Systeme verbessern Technik der Universität Inns­bruck. mittel zur Verfügung stellen, die den

18 zukunft forschung 01/18 Fotos: Andreas Friedle, Manfred Kleidorfer


TITELTHEMA

MIT STAUDEN bepflanzte Tiefbeete und


Mulden bilden sogenannte ‚Regengärten‘, in
denen Wasser versickern und verdunsten kann.

„Basierend auf der Analyse unterschiedlicher Klimaszenarien erwarten wir langfristig häufiger s­ ogenannte
urbane Sturzfluten. Bis zu einer gewissen Häufigkeit ist eine kurzfristige Überlastung der Systeme
­verkraftbar und einkalkuliert. Mit Blick auf die Zukunft müssen wir aber daran arbeiten, die urbane
­Infrastruktur vermehrt auf solche Ereignisse vorzubereiten.“ Manfred Kleidorfer, Institut für Infrastruktur/Arbeitsbereich Umwelttechnik

Verantwortlichen in Gemeinden Ent- nicht zielführend. „Das kann nicht nur nahmen zur Anpassung an den Klima-
scheidungen zur Optimierung von In- eine Fehlinvestition, sondern kann auch wandel. „Es kann durchaus sein, dass wir
frastrukturen erleichtern sollen“, so der schädlich sein. Bei zu geringen Fließge- diese heute noch nicht abschätzen kön-
Experte für Siedlungswasserwirtschaft. schwindigkeiten des Abwassers in den nen und später erneut Anpassungen zu
Ein Leitfaden für kleinere und mittlere Rohren der Kanalisation kann es zu Se- den umgesetzten Maßnahmen vorneh-
Gemeinden soll aufzeigen, welche Me- dimentationsproblemen kommen, indem men müssen. Veränderungen in der War-
thoden es zur Behandlung von Nieder- der Dreck nicht weitertransportiert wer- tung der Systeme könnte eine mögliche
schlagswasser gibt und welche für die den kann und sich im Rohr absetzt“, er- Konsequenz sein, für die erst das not-
jeweiligen Rahmenbedingungen emp- läutert Kleidorfer. Eine gezielte Beratung wendige Know-how entwickelt und qua-
fehlenswert sind. und Planung von Erneuerungen und lifiziertes Personal ausgebildet werden
Eine Besonderheit bei der Betrachtung Neubauten von Infrastruktur ist daher muss“, verdeutlicht Kleidorfer. Alle Kon-
siedlungswasserwirtschaftlicher Infra- notwendig. Der Trend zum Einsatz von sequenzen und notwendigen Vorkeh-
struktur ist die lange Lebensdauer der mehr Grünflächen hat für die Stadt viele rungen zur Begegnung der Auswir-
Systeme von 100 Jahren und mehr. Eine zusätzliche positive Effekte. „Nicht nur kungen des Klimawandels können heute
vorausschauende Planung ist dabei von Regenwasser kann hier behandelt wer- noch nicht vollständig abgeschätzt wer-
besonderer Bedeutung. Nicht nur aktu- den. Auch Hitzeinseln in der Stadt wer- den. Die Forschung leistet hier einen
elle Schwachstellen sollen behoben, son- den bekämpft und das städtische Klima wichtigen Beitrag zur Schaffung innova-
dern auch mögliche zukünftige Probleme verbessert“, so der Wissenschaftler. tiver Lösungen und bietet Unterstützung
vermieden oder verhindert werden. Al- In seinen Forschungen untersucht Klei- für kommunale Planer und Entschei-
lein der Ausbau von Kanalnetzen sei dorfer auch die Konsequenzen von Maß- dungsträger.dp

zukunft forschung 01/18 19


UNTERSCHÄTZTE HELFER
Der Gold-, Hain- und der Lederlaufkäfer gehören zu den bekanntesten Arten heimischer Laufkäfer. Dass die kleinen
Feldbewohner auch wertvolle Ökosystemleistungen vollbringen, ist allerdings weniger bekannt. Auf ihrem bevor-
zugten Speiseplan stehen nämlich neben Springschwänzen und Regenwürmern vor allem auch Pflanzenschädlinge
wie Blattläuse und Nacktschnecken sowie Unkrautsamen. Corinna Wallinger vom ÖAW-Institut für Interdisziplinäre
Gebirgsforschung untersucht in Kooperation mit Michael Traugott, Daniela Sint und ihrem Team vom Institut für
Ökologie an der Universität Inns­bruck die Nahrungswahl von Laufkäfern. So weisen die Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftler ihren wertvollen Nutzen für die Landwirtschaft nach.

20 zukunft forschung 01/18


TITELTHEMA

01 HILFE IM FELD
Laufkäfer sind in den heimischen Feldern zahl- und artenreich vertreten und spielen dort eine
wichtige ökologische Rolle. Anders als Maikäfer, die auf Blattläuse spezialisiert sind, sind Laufkäfer
als Allesfresser nicht auf Schädlinge als Nahrung angewiesen. Daher sind sie bereits vor Ort,
sobald die ersten Schädlinge Anfang Mai einwandern und wirken von Beginn an regulativ ein. So
verhindern sie eine explosionsartige Vermehrung beispielsweise von Blattläusen. Ebenso verzehren
Laufkäfer die Genetzte Ackerschnecke, kleine Nacktschnecken sowie Nacktschneckeneier und
dämmen auch hier das unkontrollierte Ausbreiten der Schädlinge ein.
Corinna Wallinger mit ihrem Team

02
bei den Arbeiten im Labor.

UNKRAUT
Neben der tierischen Kost fressen Laufkäfer auch Unkrautsamen und liefern so einen wichtigen
Beitrag zur Unkrautregulation. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler interessieren sich
für das Fressverhalten und die Nahrungsvorlieben der Käfer im Feld. Zu erforschen, welche
Käfer welche Unkrautsamen fressen, ist ein Ziel der Forschungen von Wallinger, Traugott und
Sint. Da zur bevorzugten Nahrung der einzelnen Arten bislang noch wenig bekannt ist, wird
ihr Speiseplan mit molekularbiologischen Methoden erforscht. Nur so bietet sich die Möglich-
keit, diesen aktiven und oft im Verborgenen lebenden Tieren auf den Speiseplan zu schauen.
,

03 SPEISEPLAN
Damit die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler genau identifizieren können was welche
Laufkäferarten bevorzugt fressen, wird im Rahmen eines FWF-Projekts die DNA aus ihrem
Mageninhalt extrahiert. Molekulare Marker geben konkrete Hinweise auf die Nahrungswahl
der Tiere. Dafür machen sich Wallinger, Traugott und Sint mit ihrem Team einen natürlichen
Abwehrmechanismus der Tiere zu nutze. Durch gezieltes Stressen der Käfer erwirken die
Forscherinnen und Forscher das Regurgitieren von Nahrung in kleine Reaktionsgefäße. Dieser
hochgewürgte Nahrungsbrei wird anschließend molekularbiologisch untersucht, während die
Käfer wieder freigelassen werden können. Zwischen 8.000 und 10.000 Käfer wurden bereits
in biologisch bewirtschafteten Getreidefeldern im Raum Dijon in Frankreich, Wien und Tirol
gefangen und ihre Nahrungswahl mit dieser nicht-invasiven Methode untersucht.

HEIM FÜR KÄFER 04


In biologisch bewirtschafteten Getreidefeldern finden die Expertinnen und Experten die größte
Vielfalt an wirbellosen Tieren und somit auch an Laufkäfern. Besonders wohl fühlen sich die
Tiere auf nicht zu schweren Böden sowie auf Äckern mit Blüh- oder Brachstreifen zwischen
den Feldern. Das Vorkommen der oft nachtaktiven Nützlinge kann auch durch das Anlegen
von kleinen Brachstreifen am Feldrand, von Böschungen und Gehölz-Streifen zwischen den
Feldern gezielt von den Landwirtinnen und Landwirten gefördert werden. Solche Landschafts-
strukturen wirken sich generell positiv auf die Artenvielfalt in Agrarflächen aus. Die Ökosystem-
leistungen der Käfer gezielt nutzbar zu machen, könnte langfristig betrachtet eine nachhaltige
Alternative zum bisherigen Einsatz von Pestiziden darstellen – und damit zum verantwortungs-
bewussten Umgang mit unserer Umwelt und unseren Ressourcen beitragen.

Fotos: Corinna Wallinger/Daniela Sint zukunft forschung 01/18 21


STANDORT

KULTUR DER OFFENHEIT


Bei Kooperationen zwischen Universitäten und Wirtschaft gibt es in Österreich noch keine ausgeprägte
Kultur, meint Martin Kocher. Der Chef des Instituts für Höhere Studien plädiert auch für
einen stärkeren Wettbewerb zwischen den Universitäten und für mehr Offenheit in Österreich.

KOCHER: Eigentlich sehr stark, denn in


Amsterdam und München waren eini-
ge Österreicherinnen und Österreicher,
selbst in den Departments unter den
Volkswirten. Es gibt relativ viele öster-
reichische Volkswirte im Ausland, es hat
sich ein Netzwerk entwickelt. In Mün-
chen etwa waren wir vier Österreicher
unter den rund 20 Professoren, insofern
waren wir überrepräsentiert. Wie es in
Österreich genau läuft, war nie ein großes
Thema, es war aber klar, dass es hier eine
gute Ausbildung gibt und dass man inter-
national erfolgreich sein kann.
ZUKUNFT: Ist Österreich heute für aus-
ländische Forscherinnen und Forscher
attraktiv?
KOCHER: Es hängt vom Fach ab. In der
VWL ist es nicht einfach, weil der Wett-
bewerb um die besten Leute sehr hart
ist. Bei finanziellen Aspekten gibt es in
Österreich einfach Grenzen, aber auch

„Wenn nur zehn Prozent der


Antragsteller eine Förderung­
­bekommen, haben neunzig
Prozent­den Antrag umsonst
geschrieben­– das ist wertvolle
Zeit, die verloren geht.“ Martin Kocher

ZUKUNFT: Sie haben in Inns­bruck Volks- KOCHER: Sehr unspektakulär. Es hat in Deutschland. Zudem geht es um Frei-
wirtschaft studiert – welche Erinne- mich interessiert, die Diplomarbeit hat heiten, die man als Forscher hat: Im in-
rungen haben Sie an diese Zeit? mir Spaß gemacht. Von Manfried Gant- ternationalen Vergleich ist in Österreich
MARTIN KOCHER: Nur positive. Es war die ner kam dann das Angebot, bei ihm eine die Lehrbelastung relativ hoch. Mit den
erste Zeit weg von zu Hause, für mich als Dissertation zu schreiben. Große Gedan- Top-Privatuniversitäten in den USA kann
Mensch vom Land erstmals in einer groß- ken, ob ich in der Wissenschaft bleiben man sicher nicht konkurrieren, mit ande-
en Stadt. Im Studium gab es noch viel will, habe ich mir nicht gemacht. Der ren europäischen Universitäten aber sehr
Freiheit. Die Wirtschaftswissenschaften entscheidende Punkt war mein Research wohl. In den letzten Jahren hat Österreich
sind ja ein Fach, in dem man schon etwas Fellowship als Post-Doc an der Universi- etwas verloren, weil die Finanzierung der
mit Scheuklappen durch das Leben geht, tät Amsterdam, nach diesen zwei Jahren Universitäten im Vergleich zu anderen
deshalb habe ich nebenbei auch Politik- war klar, dass ich in die Wissenschaft will. Ländern wie Deutschland im Spitzenbe-
wissenschaft und Zeitgeschichte studiert, ZUKUNFT: Ihre Forscherlaufbahn führte reich nicht ganz so gut war. Die deutsche
aber nie abgeschlossen. Sie in die Niederlande, nach England
ZUKUNFT: Auch Ihre Wissenschaftskarri- und Deutschland. Wie wurde dort der
ere starteten Sie an der Universität Inns­ Wissenschaftsstandort Österreich wahr- Das gesamte Interview finden Sie auf der
Homepage der Uni Inns­bruck unter:
bruck. Wie kam es zum diesem Schritt? genommen? www.uibk.ac.at/forschung/magazin/20/

22 zukunft forschung 01/18 Fotos: Andreas Friedle


STANDORT

Exzellenzinitiative hat zu mehr Möglich- Da könnte man sich Gedanken machen, Studienplatzfinanzierung. Es geht in
keiten beigetragen, das wurde internatio- wie man die Unis und die einzelnen Ein- die richtige Richtung, ist aber noch sehr
nal wahrgenommen. heiten innerhalb der Universitäten etwas schwach ausgeprägt. Man muss sich noch
ZUKUNFT: Sehen Sie sonst noch Unter- besser vergleicht: Wo läuft etwas gut, wo Gedanken machen, wie das ausgestaltet
schiede? weniger? Wo kann man unterstützen? Wo wird. Die Gefahr ist, dass man mit sol-
KOCHER: Man merkt in Österreich, aber kann man es eventuell schaffen, weltweit chen Methoden Fehlanreize setzt.
auch in Deutschland, dass es im täg- in die Spitzengruppe zu kommen? ZUKUNFT: Besteht nicht die Gefahr, dass
lichen Leben schwierig ist, wenn man ZUKUNFT: Ein Wettbewerb, in dem For- sich Unis auf exzellente Fächer konzen-
nicht deutschsprachig ist. In den Nieder- schungsoutput mehr zählt als die Anzahl trieren und andere vernachlässigen?
landen ist das anders, auf einer Behörde der Studierenden oder Mitarbeiter… KOCHER: Das wäre sicher eine Gefahr,
spricht immer jemand sehr gut Englisch. KOCHER: Ja, etwa eine klare Forschungs- daher braucht es die Koordination durch
Man kommt durch, ohne Niederländisch orientierung für einen Teil des Budgets. das Ministerium. Es gibt aber viele Bei-
zu sprechen. Andererseits ist Österreich Das kommt jetzt ein bisschen durch die spiele, wo wir Doppelungen haben. Ob
extrem beliebt, was das generelle Umfeld es Wien mehrere Bachelor, Master und
betrifft: Landschaft, Kultur, die Work- Doktorate für VWL geben muss, kann
Life-Balance. man durchaus diskutieren. Es muss ein
ZUKUNFT: In einem Interview meinten Grundangebot geben, es ist aber auch
Sie in diesem Zusammenhang, dass es in gut, wenn sich einzelne Universitäten auf
Österreich eine generelle Kultur benötige, bestimme Fächer konzentrieren. Nur so
offen zu sein. kann man international wahrgenommen
KOCHER: Wir haben das Problem, dass wir werden. Und die Studierenden sind oh-
Ausländerinnen und Ausländer, wenn nehin mobil genug, da geht es mehr um
sie einmal da sind, nicht so offen behan- die Information, wo was angeboten wird.
deln und aufnehmen, wie wir es sollten. Möglicherweise macht es auch Sinn, sich
Das betrifft nicht nur den universitären nicht nur in Österreich abzustimmen,
Sektor, sondern Österreich generell. Wir sondern im ganzen Alpenraum.
haben einen Fachkräftemangel: Wenn ZUKUNFT: Von den Universitäten wird
man im Ausland Leute sucht, muss man immer mehr angewandte Forschung bzw.
ihnen das Gefühl geben, dass sie – wenn Kooperation mit der Wirtschaft gefordert.
sie hier sind – willkommen sind. Man Ist dies ein Fluch oder ein Segen?
kann, das ist eine politische Diskussion, KOCHER: Wahrscheinlich beides. Es geht
bei der Auswahl, wen man ins Land lässt, MARTIN KOCHER (Jahrgang 1973) darum, wie es gestaltet wird. In gewissen
restriktiv sein. Eine Kultur, offen Nicht- studierte an der Universität Inns­bruck Bereichen soll es genutzt werden. In Ös-
Österreicher aufzunehmen, ist aber auch Volkswirtschaft, „weil ich mich schon terreich gibt es dafür aber noch keine
wichtig. Man sieht in Umfragen, dass die- immer für gesellschaftliche Zusammen- breite Kultur – vor allem auf Seiten der
se in anderen Ländern wie z.B. in Kanada hänge interessiert habe.“ Ab 1998 war Unternehmen und möglicher Mäzene,
oder Skandinavien deutlich ausgeprägter Kocher als wissenschaftlicher Mitarbeiter Unis zu unterstützen. Ich glaube, dass
ist. Ausländer werden eher als Bereiche- am Institut für Finanzwissenschaft tätig man beidseitig gewinnen kann. Die Re-
rung gesehen, bei uns gibt es erstmals (Promotion 2002) . Ein Marie-Curie- geln müssen aber klar sein, es darf keinen
eher eine Abwehrhaltung. Wobei es an Stipendium führte ihn an die Universität Eingriff auf das Ergebnis der Forschung
Universitäten, die ja sehr international Amsterdam (2005-2007). „Nach diesen geben. Also eher eine generelle Förde-
sind, weniger Probleme gibt. zwei Jahren war mir klar, dass ich in die rung, mit der man was lernt, einen Aus-
ZUKUNFT: Stichwort Unis: Vor Kurzem Wissenschaft will“, sagt Kocher heute. tausch hat, mit der man als Unternehmen
meinten Sie, dass es bei Forschungsför- 2008 folgte die Habilitation in Inns­bruck, profitiert, aber nicht bestimmen kann, in
derungen und Universitätsfinanzierung 2010 wurde er Professor an der University welche Richtung die Forschung geht oder
mehr Wettbewerb geben sollte. of East Anglia, 2011 nahm er den Ruf der welche Ergebnisse veröffentlicht werden
KOCHER: Da muss man differenzieren. Auf Ludwig-Maximilians-Universität München und welche nicht. In einigen Bereichen
individueller Ebene ist der Wettbewerb an. Seit 2016 ist Martin Kocher Leiter des wird das leichter gehen, in anderen viel-
relativ hart, es gibt auch Grenzen, weil Instituts für Höhere Studien in Wien, die leicht nicht. Da muss man gegensteuern,
Wettbewerb in gewisser Weise Leistung „für mich wichtige universitäre Anbindung weil es nicht sein kann, dass nur Fächer,
zerstört. Wenn nur zehn Prozent der An- in Österreich“ hat er seit 2017 an der die sich mit Drittmitteln aus der Wirt-
tragsteller eine Förderung bekommen, Universität Wien, wo er – zu 15 Prozent schaft leichter tun, profitieren. Ich glaube,
haben 90 Prozent den Antrag umsonst – als Professor für „Verhaltensökonomik dass es in diese Richtung gehen muss,
geschrieben – das ist wertvolle Zeit, die mit Anwendungen in der Wirtschafts- man muss ja nur den Anteil der öffentli-
verloren geht. Mir ging es aber vor allem politik Österreichs“ lehrt. Zudem ist der chen Mittel für Universitäten mit den pri-
um die Frage des Globalbudgets der Uni- mehrfach ausgezeichnete Ökonom seit vaten Mitteln vergleichen. Beim privaten
versitäten, da gibt es relativ wenige wett- 2011 Visiting Professor am Department of Anteil sind wir weit hinten – auch im eu-
bewerbliche Elemente zwischen den Unis. Economics der Universität Göteborg. ropäischen Vergleich.ah

zukunft forschung 01/18 23


KURZMELDUNGEN

VERSCHRÄNKTE ATOME
LEUCHTEN IM GLEICHKLANG

D as Team um den Quantencompu-


ter-Pionier Rainer Blatt kontrolliert
in seinen Experimenten in Ionenfallen
einzelne Atome sehr exakt. Die gezielte
Verschränkung dieser Quantenteilchen
eröffnet nicht nur die Möglichkeit zum
Bau eines Quantencomputers, sondern
schafft auch die Grundlage für die Mes-
sung von physikalischen Eigenschaften
in bisher ungekannter Präzision. Den
Physikern ist es nun erstmals gelungen,
die Interferenz von einzelnen Lichtteil-
chen, die von zwei verschränkten, aber
räumlich getrennten Atomen ausgesen-
UNTERNEHMERGEIST
Das Wissenschaftsministerium unterstützt drei Inns­brucker
det werden, zu demonstrieren.
„Wir können heute die Position und Nachwuchsforscher bei der Unternehmensgründung.
Verschränkung von Teilchen sehr exakt

M
kontrollieren und bei Bedarf einzelne ­­­­it den neuen Spin-off-Fellow- suche, Produktmuster und Prototypen
Photonen erzeugen“, erzählt Gabriel ships will das Wissenschafts- produziert, um die Machbarkeit zu de-
Araneda aus dem Team von Rainer Blatt ministerium die Verwertung monstrieren. Schon jetzt gibt es konkretes
am Institut für Experimentalphysik. Die innovativer Ideen stärken und den Un- Interesse, die neue Technologie zur Ver-
Physiker verglichen die Überlagerung ternehmergeist an österreichischen Hoch- stärkung einer bestehenden Brücke ein-
schulen und in Forschungseinrichtungen zusetzen.
fördern. Besonders gute Ideen kommen Barbara Brinkmeier vom Arbeitsbereich
von der Uni Inns­bruck, an die drei der Wasserbau am Institut für Infrastruktur
acht verliehenen Fellowships gehen. Mit wird mit der Förderung einen Elektro-
bis zu jeweils 500.000 Euro gefördert Fischschutzseilrechen weiterentwickeln
werden der Aufbau eines Unternehmens und marktfähig machen. Im Zuge der
im Bereich Textilbetonbau, die Kommer- Umsetzung der Europäischen Wasser-
zialisierung einer an der Uni Inns­bruck rahmenrichtlinie müssen an allen Was-
entwickelten Fischschutzeinrichtung für serkraftanlagen geeignete Fischschutz-
Wasserkraftanlagen und die Weiterent- einrichtungen errichtet werden. Nun
von Licht, das einmal von verschränkten wicklung von neuen anorganischen Farb- wird die an der Universität Inns­bruck
und ein andermal von nicht verschränk- und Funktionspigmenten. „Die Universi- entwickelte Fischschutzeinrichtung an
ten Barium-Atomen ausgesendet wurde. tät Inns­bruck verfolgt seit Jahren konse- Demonstrationsanlagen umgesetzt. Mit
Die Messungen zeigten, dass diese qua- quent eine aktive Verwertungsstrategie, den gesammelten Betriebserfahrungen
litativ unterschiedlich sind. Tatsächlich die Ideen und Wissen aus der Universität und dem entsprechenden unternehme-
entspricht der gemessene Unterschied möglichst unmittelbar für Wirtschaft und rischen Know-how soll die Technologie
der Interferenzstreifen direkt dem Betrag Gesellschaft verfügbar macht“, sagt Rek- dann kommerziell vermarktet werden.
der Verschränkung der Atome. „Auf die- tor Tilmann Märk. Laut einer IHS-Studie Der Chemiker Daniel Schildhammer
se Weise können wir die Verschränkung nimmt die Uni Inns­bruck mit ihrer Spin- hat anorganische Farb-und Funktionspig-
rein optisch charakterisieren“, unter­ off-Strategie samt Beteiligungsportfolio mente weiterentwickelt. Diese werden
streicht­Araneda die Bedeutung des Ex- eine Sonderstellung unter den österrei- nun für den Einsatz in Farben, Lacken,
periments. Die Physiker konnten aber chischen Universitäten ein. Kunststoffen und Baumaterialien getestet,
auch demonstrieren, dass das Interfe- Matthias Egger vom Arbeitsbereich für um sie anschließend im Rahmen eines
renzsignal gegenüber Umwelteinflüssen Massivbau und Brückenbau am Institut eigenen Unternehmens zu verwerten. Im
am Standort der Atome sehr empfindlich für Konstruktion und Materialwissen- Gegensatz zu den aktuellen kommerzi-
ist. „Wir haben diese Empfindlichkeit schaften entwickelt gestickte textile Be- ellen Pigmenten zeichnen sich die in Inns­
ausgenutzt, um mithilfe des beobachte- wehrungen für den breiten Einsatz im bruck weiterentwickelten Pigmente da-
ten Interferenzsignals die Magnetfeld- Betonbau. Für die wirtschaftliche Verwer- durch aus, dass sie aus unbedenklichen
gradienten zu ermitteln“, sagt Araneda. tung wird der Einsatz bei der Verstärkung Materialien bestehen, meist kostengüns­
Die Technik könnte so die Grundlage für von bestehenden Brückenbauten und die tiger sind und gleichzeitig die für indus-
den Bau von hochempfindlichen op- Anwendung im Fertigteilbau anvisiert. trielle Anwendungen benötigten op-
tischen Gradiometer bilden.  Nun werden Kleinversuche, Bauteilver- tischen Eigenschaften aufweisen. 

24 zukunft forschung 01/18 Fotos: IQOQI Inns­bruck/Harald Ritsch (1), Matthias Egger (1)
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METEOROLOGIE

DER BEKANNTE
UNBEKANNTE
Bei den meisten nicht sehr beliebt, aber dennoch gehört er zu Inns­bruck i­rgendwie
dazu: der Föhn. Viele Mechanismen rund um den warmen Wind sind aber bis heute nicht verstanden.
Wie gewinnt der Föhn etwa den Kampf gegen die kalte Luft am Boden des Inntals?
Alexander Gohm ist dem Phänomen auf der Spur.

MIT LASERMESSGERÄTEN am Boden (hier am Geiwi-Turm der Uni Inns­bruck) tastet Alexander Gohm die Luft über Inns­bruck ab.

26 zukunft forschung 01/18 Fotos: Andreas Friedle, Alexander Gohm; Grafik: Maren Haid
 METEOROLOGIE

IN DER ABBILDUNG ist ein Vertikalschnitt der Atmosphäre (die untersten 1.000 Meter)
quer über die Stadt Inns­bruck von Süd nach Nord dargestellt. Gezeigt werden die Wind-
geschwindigkeit und Windrichtung in der vertikalen Ebene, gemessen mit zwei Doppler-
Wind-Lidaren am 5. November 2017 um ca. 02:30 Uhr morgens. Gut zu erkennen ist die
Wechselwirkung zwischen Föhn und Kaltluftsee. Die Grauschraffierung im unteren Teil der
Abbildung stellt die Skyline von Inns­bruck mit den Messstandorten dar (rote Punkte).

M
ehr als 40 Tage pro Jahr sind zusagen gegeneinander kämpfen. Kann waghalsigen Ballonfahrten über der
es in Inns­b ruck, die von der der Föhn den Kaltluftsee nicht ausräu- Nordkette zu klären, warum der Föhn
ZAMG (Zentralanstalt für Me- men, weht er zwar oberhalb der kalten in die Täler absteigt. Dennoch: Bis heu-
teorologie und Geodynamik) die Be- Luft, setzt sich aber nicht bis zum Boden te sind viele Mechanismen hinter dem
zeichnung „Föhntage“ erhalten. Den durch“, sagt der Meteorologe. Föhn nicht gänzlich verstanden und un-
Bewohnerinnen und Bewohnern von tersucht. Alexander Gohm beschäftigt
Inns­bruck und Umgebung ist der warme, Abrupte Phänomene sich in seinem aktuellen Projekt PIANO
trockene Wind – der berühmt-berüchtigte Mehr als 100 Jahre wird der Föhn in (Penetration and Interruption of Alpine
Föhn – daher ein mehr als nur bekanntes Inns­bruck bereits wissenschaftlich un- Foehn) mit Anfang und Ende des Föhns.
Phänomen. Plötzlich auftretende Wind- tersucht. Der Meteorologe und Geophy- „Bisherige Studien setzten sich vor
geschwindigkeiten zwischen 80 und 100 siker Heinrich von Ficker führte bereits allem mit dem Wind in seiner voll ent-
Kilometer pro Stunde in der Ebene und von 1906 bis 1910 die „Inns­b rucker wickelten Phase auseinander. In PIANO
noch mehr auf den Bergen – auf dem Föhnstudien“ durch und versuchte mit fokussieren wir uns auf den Durch-
Inns­b rucker Hausberg Patscherkofel bruch in die Täler und den späteren
etwa werden regelmäßig Windspitzen Zusammenbruch des Windes. Beide
von mehr als 130 km/h gemessen – sind DAS PROJEKT PIANO (Penetration and Ereignisse können sehr abrupt erfolgen
keine Seltenheit. „Föhn kann grundsätz- Interruption of Alpine Foehn) unter der und sind von dementsprechend großer
lich überall dort auftreten, wo es Gebirge Leitung von Alexander Gohm ist eine Bedeutung in verschiedenen Bereichen“,
gibt. Inns­bruck ist aufgrund seiner Lage Zusammenarbeit zwischen dem sechs- erklärt Gohm. Durch- und Zusammen-
aber besonders interessant“, erzählt Ale- köpfigen Team am Inns­brucker Institut bruch des Föhns wirken sich stark auf
xander Gohm vom Institut für Atmo- für Atmosphären- und Kryosphärenwis- die Flugsicherheit – gerade in Inns­bruck
sphären- und Kryosphärenwissenschaf- senschaften und dem Karlsruher Institut ein großes Thema – aus und nehmen
ten der Uni Inns­bruck. für Technologie (KIT). Die Projektdauer großen Einfluss auf die Luftgüte im Tal.
Die Hauptstadt Tirols gilt als Modell- beträgt drei Jahre und endet im Herbst „Wir wollen mit unseren Ergebnissen
region für die Erforschung des Föhns, 2020, finanziert wird PIANO durch den dazu beitragen, dass die Entwicklung
das Team rund um den Meteorologen Fonds zur Förderung der wissenschaftli- des Wetters präziser und noch verläss-
Alexander Gohm findet hier ideale Be- chen Forschung FWF und die Weiss-Wis- licher vorhergesagt werden kann. Das
dingungen vor, um das Windphänomen senschaftsstiftung. Im Jänner 2017 wurde ist Grundlagenforschung, die nicht nur
zu untersuchen. „Inns­bruck liegt genau Alexander Gohm für seine Forschungen für die Beschreibung des Föhns von Re-
am Ende der Föhnschneise des Wipp- zum Thema Föhn mit dem Weiss-Preis levanz sein kann. Der Föhn ist unser pro-
tals. Von dort bewegen sich aufgrund der Gottfried und Vera Weiss-Wissen- minenter Aufhänger, aber wenn wir die
von Ausgleichsströmungen von Süden schaftsstiftung in der Höhe von 360.000 Prozesse rund um den Wind vor allem
nach Norden absinkende Luftpakete Euro ausgezeichnet. Die Mittel fließen in auch kleinräumig besser verstehen, trägt
in Richtung Inns­bruck. Hier ‚trifft’ der das Projekt PIANO. das zur Verbesserung der Prognose von
warme Wind dann auf die Nordkette, Im Bild das Inns­brucker Team: Lukas vielen kleinräumigen Prozessen in der
spaltet sich in zwei Äste auf und verteilt Lehner, Helen Ward, Maren Haid, Ale- Atmosphäre über komplexem Gelände
sich über die Stadt, sofern er stark genug xander Gohm, Lukas Umek und Thomas bei“, so Alexander Gohm. Dazu arbeitet
ist“, erklärt Gohm. Damit der Föhn sich Muschinski (v. li.). das PIANO-Team mit Messungen im
aber wirklich durchsetzen kann, muss er Rahmen von Feldkampagnen und Strö-
zunächst den Kaltluftsee durchbrechen, mungssimulationen.
der oft im Inntal liegt – und der ziemlich
hartnäckig sein kann. „Die Kaltluft liegt Datenauswertung
vergleichbar mit kaltem Wasser in einer „Der technologische Fortschritt in den
Badewanne im Tal und muss zunächst Messmethoden einerseits und die Simu-
ausgeräumt werden, damit sich der lationsmöglichkeiten dank der Anwen-
warme Wind durchsetzen kann. Dazu dung von Supercomputern andererseits
müssen die kalte und warme Luft so- eröffnen uns viele spannende Möglich-

zukunft forschung 01/18 27


METEOROLOGIE

DER FÖHN ist ein warmer, trockener


keiten, die bis vor einigen Jahren noch mit den real gemessenen Zahlen und mit Wind – also eine Luftmasse, die zum
nicht denkbar gewesen wären.“ Modellen. Das Strömungsmodell liefert Überströmen eines Gebirges „gezwun-
Aktuell steht das Team rund um Gohm uns eine von den Messdaten zunächst gen“ wird und auf der dem Wind
vor der Auswertung der bereits im Feld unabhängige Lösung der Föhnentwick- abgewandten Seite – der Leeseite – eines
gewonnenen Daten. Die Wissenschaft- lung, die wir mit der Wahrheit – also den Berges aus großer Höhe talwärts strömt.
lerinnen und Wissenschaftler haben in gemessenen Daten – vergleichen. Das Im Zuge dieses Absinkprozesses wird die
einer großen Messkampagne im Herbst ermöglicht­uns, das Modell zu validie- Luft erwärmt und die relative Feuchte
vergangenen Jahres mithilfe unterschied- ren: Ist das Strömungsmodell gut, kann sinkt. Warm ist diese Form des Windes,
licher Messmethoden verschiedene rele- das Modell weiterverwendet werden, weil die Luft beim Absteigen in die
um atmosphärische Pro- Tiefe durch den steigenden Luftdruck
„Diese Geräte erfassen mithilfe von zesse viel detaillierter und komprimiert und dadurch erwärmt wird.
­augensicheren Laserstrahlen ­Staubteilchen umfassender zu studieren, Niederschlag auf der Luvseite südlich
als dies mit den Messdaten der Alpen ist für die Erwärmung nicht
in der Luft, die Rückschlüsse auf die
allein möglich wäre. In den notwendig, wie fälschlicherweise oft
­Geschwindigkeit, Richtung und Stärke von Computersimulationen ver- behauptet wird. Im Tal trifft der Föhn
Luftströmungen und Turbulenzen e­ rlauben.“ ändern wir verschiedene auf einen Kaltluftsee, gegen den sich
 Alexander Gohm, Institut für Atmosphären- und Kryosphärenwissenschaften Parameter und schauen, wie der Wind erst durchsetzen muss. Wenn
sich die Strömung verhält der Kaltluftsee ausgeräumt und durch
vante Parameter im Großraum Inns­bruck und wie sensibel sie auf kleine Verände- die warme Luft verdrängt wurde, spricht
dokumentiert. Dabei kamen verteilt über rungen reagiert.“ man vom Durchbruch des Föhns. Es
Inns­bruck neben mehreren mobilen Wet- Aufgrund ihrer Komplexität und gro­ gibt verschiedene Theorien dazu, wie
terstationen auch vier sogenannte Dopp- ßen Datenmenge können diese Berech- der Durchbruch gelingen kann. Die
ler-Wind-Lidare, also laserbasierte Instru- nungen nur von Supercomputern an der Erwärmung des Kaltluftsees durch die
mente zur Messung der Geschwindigkeit Universität Inns­b ruck und am Vienna Sonne ist ein Faktor, der den Durchbruch
der turbulenten Strömung, zum Einsatz. Scientific Cluster bewältigt werden. Die begünstigt. Ein weiteres, bisher aber
„Diese Geräte erfassen mithilfe von au- größte Herausforderung sieht Alexander kaum verstandenes Phänomen ist das
gensicheren Laserstrahlen Staubteilchen Gohm im Umgang mit der komplexen „Anknabbern“ der kalten Luft durch den
in der Luft, die Rückschlüsse auf die Topografie im alpinen Raum generell, Föhn von oben. An der Grenze zwischen
Geschwindigkeit, Richtung und Stärke und in Inns­b ruck besonders. „Viele Föhn und Kaltluftsee kommt es zu teils
von Luftströmungen und Turbulenzen meteo­rologische Modellierungen sind starken Turbulenzen. Im Alpenraum wird
erlauben. Mit diesen Geräten haben wir auf das Flachland ausgelegt. Gerade der der warme Wind meist als Föhn bezeich-
sozusagen die Luftschichten über Inns­ Föhn in Inns­b ruck macht aber immer net, ist aber ein weltweites Phänomen,
bruck abgetastet“, verdeutlicht der Me- wieder deutlich, dass hier sehr kleinräu- das in Südosteuropa beispielsweise Bora
teorologe. Die nächsten Schritte erfolgen mige Entwicklungen eine große Rolle genannt wird und auch in Nordamerika
nun im „virtuellen Labor“: „Wir arbeiten spielen können.“  mb als Chinook bekannt ist.

28 zukunft forschung 01/18 Foto: pixabay.com/johnrp


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motivierte Studierende machen die Universität Innsbruck zu einem Motor für Wirtschaft und
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und Absolventen aller österreichischen Hochschulen den 1300 weltbesten

Beste Hochschule
Universitäten

Westösterreichs
Quelle: Global Employability Survey 2017 von Emerging und trendence
Nr. 1
in Österreich
gemeinsam mit der Universität Wien

Nr. 4 Quelle: Academic Ranking of World Universities 2017

unter
den beliebtesten
Arbeitgebern in Tirol

5
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International Österreichweit führend mit
Top
vernetzt:
14 Unternehmens-
Top 6 weltweit
bei der Anzahl der Publikationen, die
in Österreich
in Bildung und Forschung dank
spannender Arbeitsinhalte,
flexibler Arbeitszeiten und einem
beteilungen
durch die 2008 gegründete
Beteiligungsholding
mit ausländischen Partnern
internationalen Arbeitsumfeld
verfasst wurden Quelle:
Quelle: Ranking „Österreichs beste Arbeitgeber 2018“ https://www.uibk.ac.at/
Quelle: CWTS Leiden Ranking 2017 PP (int collab) der Zeitschrift trend transferstelle/beteiligungen/

35 Millionen Euro Jedes Jahr über

öffentlicher Forschungsmittel
national und international eingeworben 4000 neue Fachleute

E
die auf dem aktuellen Stand
20% Steigerung in 5 Jahren der Forschung ausgebildet wurden

Quelle: Semesterstatistiken
Quelle: Universität Innsbruck in Zahlen 2017 https://orawww.uibk.ac.at/public/stv01_pub.liste

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zukunft forschung 01/18 29
PHARMAZIE

DIE OPTIMALE FORMULIERUNG für einzelne medizinische Wirkstoffe zu finden, ist Ziel der Arbeitsgruppe um Andreas Bernkop-Schnürch.

TROJANISCHE PFERDE
Arzneistoffe dorthin bringen, wo sie wirken sollen – was so einfach klingt, stellt die Wissenschaft
immer wieder vor Herausforderungen. Andreas Bernkop-Schnürch arbeitet daran, pharmazeutische
Formulierungen so zu optimieren, dass sie das Abwehrsystem des Körpers gefahrlos passieren können
und dort ankommen, wo sie wirken sollen.

W
ann immer es darum geht, einen Hormonen spielen Biologics eine immer ßer Vorteil der Thiomere ist, dass sie mu-
Wirkstoff in ausreichender Men- größere Rolle – bei den Wirkstoff-Neu- koadhäsiv sind, also an Schleim haften.
ge in den Körper zu bekommen, zulassungen liegen Biopharmazeutika Diese Methode haben wir ständig wei-
sind wir pharmazeutische Technologen bereits vorne“, erläutert Andreas Bern- terentwickelt und arbeiten auch immer
an der Reihe“, erklärt Andreas Bernkop- kop-Schnürch die aktuelle Entwicklung noch daran, sie zu verbessern. In Kürze
Schnürch die Grundlagen seines For- auf dem pharmazeutischen Markt. „Ein wird auch das erste Medizinprodukt
schungsgebiets. „Da das Abwehrsystem Nachteil dieser Wirkstoffe ist allerdings, auf den Markt kommen, das auf dieser
des Körpers darauf spezialisiert ist, kör- dass sie bislang nur mittels Spritze ver- Technologie basiert: ein Medikament zur
perfremde Partikel zu bekämpfen und abreicht werden können.“ Aus diesem Behandlung des trockenen Auges, das in
ihr Eindringen zu verhindern, ist dies­ Grund arbeitet er mit seiner Forschungs- klinischen Tests hervorragende Ergeb-
allerdings nicht immer ganz einfach.“ gruppe an verbesserten Verabreichungs- nisse erzielt hat.“
Besonderes Augenmerk legen die Wis-
senschaftler um den pharmazeutischen „In Kürze wird das erste Nanotechnologie
Technologen derzeit auf sogenannte Bio­ Daneben verfolgen die Wissenschaftler
­Medizinprodukt auf den Markt
pharmazeutika. Darunter fallen Arznei- verschiedene weitere Strategien, um die
stoffe, die mit Mitteln der Biotechnologie
kommen, das auf unserer Bioverfügbarkeit von Wirkstoffen zu
und gentechnisch veränderten Organis- ­Technologie basiert.“ verbessern. Ein für die orale Gabe von
men hergestellt werden, wie zum Beispiel  Andreas Bernkop-Schnürch, Institut für Pharmazie Biopharmazeutika besonders interes-
Proteine oder Wirkstoffe auf DNA- oder santer Ansatz sind selbstemulgierende
RNA-Basis. Ziel dieser Wirkstoffe ist es, formen: In einem Nanomedizin-Projekt Systeme auf fettlöslicher Basis. Dabei la-
gezielt in die Vorgänge im Körper einzu- entwickelte Bernkop-Schnürch bereits gern die Wissenschaftler den Wirkstoff in
greifen. vor über zehn Jahren die sogenannte Thi- eine ölige Lösung ein. Nach der Einnah-
„Biopharmazeutika werden immer omer-Technologie, bei der die therapeu- me bildet diese Öllösung im wässrigen
wichtiger. Der Peptidwirkstoff Insulin tische Effizienz von Medikamenten mit- Milieu des menschlichen Dünndarms
und sein Nachfolger GLP 1 Analoga sind hilfe thiolisierter Makromoleküle erhöht Öltröpfchen im Nanometer-Bereich, die
prominente Beispiele für diese Wirk- wird. Diese werden dazu eingesetzt, um den Wirkstoff dann durch die Schleim-
stoffart. Aber auch bei anderen Medi- Medikamente zielgenau in den Körper zu schicht, ein wichtiger Abwehrmechanis-
kamenten wie Impfstoffen, Interfero- transportieren oder eine optimale Wirk- mus des Körpers, ins Blut bringen. „Die
nen, Gerinnungsfaktoren oder weiteren stoffaufnahme zu ermöglichen. „Ein gro- Nano-Tröpfchen werden im Vorfeld auch

30 zukunft forschung 01/18 Fotos: colourbox.de (1), Andreas Friedle (1)


PHARMAZIE

mithilfe der Thiomer-Technologie mit zu-


sätzlichen Eigenschaften versehen, die sie
zum Beispiel gegen Verdauungsenzyme
schützen.“
Was relativ einfach klingt, ist in der
Umsetzung nicht ganz so leicht, denn die
meisten Biopharmazeutika sind nicht öl-
löslich (lipophil), sondern wasserlöslich
(hydrophil). Bei ihrer Arbeit können die
Wissenschaftler auf jahrelange Erfah-
rungen im Bereich der Forschung an
festen Nanopartikeln aufbauen. „Welt-
weit wurde jahrelang an festen Nano­
partikeln gearbeitet. Diese sind aber nicht
nur in der Herstellung kompliziert, son-
dern auch in der Handhabung schwer in
den Griff zu bekommen“, erklärt Andreas­
Bernkop-Schnürch. „Bei unserer neuen
Methode profitieren wir aber sehr von
diesem Wissen, das sich einfach auf die
neue Technologie übertragen lässt.“ Im
Vergleich zu festen Nanopartikeln sind
ölige Lösungen sehr leicht herstellbar.
Diese Lösung kann dann in Weichgelati- ANDREAS BERNKOP-SCHNÜRCH
nekapseln verabreicht werden und bildet menschliche Abwehrsystem positiv ge- studierte Pharmazie an der Universität
so ein eigenes System. Bernkop-Schnürch ladene Partikel als körperfremd identi- Wien, wo er sich 1998 auch habilitierte.
ist davon überzeugt, dass diese Verabrei- fiziert und mit einer anionischen Hülle Seit September 2003 hat er den Lehrstuhl
chungsform funktioniert und in Kürze umschließt, sie also im wahrsten Sinn für Pharmazeutische Technologie an der
oral verfügbare Peptidproteinwirkstoffe, des Wortes neutralisiert, bevor sie an Uni Inns­bruck inne. Er zählt mittlerweile
zum Beispiel GLP1 für die Behandlung ihrem eigentlichen Ziel – der Krebszelle zu den meistzitierten Pharmazeuten
von Diabetes, bei Patienten zum Einsatz – ankommen.“ Österreichs. Bernkop-Schnürch wurde
kommen werden. „Wir wissen, dass es Um dieses Problem zu umgehen, ha- bereits mit zahlreichen Preisen ausge-
funktioniert, aber bis zum fertigen, am ben die Wissenschaftler um Bernkop- zeichnet und ist seit 2016 auch Mitglied
Markt erhältlichen Medikament sind Schnürch Zeta-Potenzial-wechselnde des wissenschaftlichen Komitees der
noch einige Schritte notwendig, die nicht Öltröpfchen entwickelt. Bei diesem Zu- Innovative Medicines Initiative (IMI).
mehr in unseren Händen liegen“, ver- gang wird das Carrier-System mit einer
weist der Wissenschaftler auf klinische negativ geladenen Hülle umschlossen,
Studien und Zulassungsverfahren, die um sie gefahrlos durch das Abwehrsys­ tive Ladung erzeugen. Wenn das so vor
im Pharmabereich sehr langwierig sein tem des Körpers zu bringen. Diese ne- dem Abwehrsystem geschützte Nano-
können. gativ geladene Hülle soll aber – sobald Öltröpfchen dann auf sein Ziel, die
sie die Krebszelle erreicht – zu einer po- Krebszelle, trifft, spaltet die alkalische
Ladungsprobleme umgehen sitiven Ladung wechseln. „Ohne diesen Phosphatase die Phosphatreste ab, eine
Die Bemühungen, dieses Carrier-System Ladungswechsel würde es uns nicht ein- positive Oberflächenladung entsteht und
zu verbessern, gehen aber auch an der mal gelingen, unsere trojanischen Pferde der Wirkstoff kommt an sein Ziel“, er-
Universität weiter: Um selbstemulgie- – die Öltröpfchen, die den Wirkstoff klärt Andreas Bernkop-Schnürch. „Wirk-
rende Systeme auch bei der Behandlung transportieren – vor die Mauern zu brin- stoffe könnten also sehr zielgerichtet und
von Krebserkrankungen zum Einsatz gen. Durch den Wechsel ihrer Oberflä- deshalb auch viel höher dosiert einge-
bringen zu können, forscht die Arbeits- chenladung können wir sie allerdings in setzt werden.“ Was so einfach klingt, ba-
gruppe um Bernkop-Schnürch derzeit an Stellung bringen“, verdeutlicht Bernkop- siert allerdings auf komplizierten Abläu-
der Umgehung des sogenannten „poly- Schnürch. Um diesen Ladungswechsel fen und erfordert noch einiges an Ent-
cation dilemma“. „Körperzellen, und vor zu erzeugen, bedienen sich die Wissen- wicklungsarbeit. Wenn dieses System, an
allem auch Krebszellen, weisen eine ne- schaftler eines Enzyms, das an der Zell­ dem neben Andreas Bernkop-Schnürch
gative Oberflächenladung auf. Die medi- oberfläche von Krebszellen vorkommt: mittlerweile auch zahlreiche andere For-
zinischen Wirkstoffe sollen an die Krebs- die alkalische Phosphatase. schungsgruppen arbeiten, aber so opti-
zelle binden, um optimal zu wirken – sie „Wir umhüllen unser Carrier-System, miert werden kann, dass es zuverlässig
müssen also positiv geladen sein“, er- das eigentlich eine positive Ladung auf- funktioniert, ergibt sich daraus enormes
klärt Andreas Bernkop-Schnürch. „Das weist, mit Phosphatresten, die diese mehr Potenzial für die Therapie von Krebser-
Dilemma dabei ist jedoch, dass das als überkompensieren und so eine nega- krankungen. sr

zukunft forschung 01/18 31


ZOOLOGIE

WER HAT AN DER UHR


GEDREHT?
Die innere Uhr: Sie regelt, wann wir schlafen und wann wir wach sind.
Dass aber ­wesentlich mehr biologische Prozesse an diesen Rhythmus angepasst sind, wissen die ­
Zoologen Margit Egg und Adolf Sandbichler, die sich auf Chronobiologie spezialisiert haben.

MARGIT EGG und Adolf Sandbichler untersuchen an Zebrafischen, wie sich Änderungen am circadianen Rhythmus zellbiologisch auswirken.

32 zukunft forschung 01/18 Fotos: Anil Ramalingam (1), Andreas Friedle (1)
ZOOLOGIE

S
einen Biorhythmus kann jeder erklärt Adolf Sandbichler. Die Glykolyse
Mensch selbst stärken: Sonnenlicht – also der Glukosestoffwechsel der Zelle
und Dämmerung wirken taktend – spielt demnach eine erhebliche Rolle bei
auf den Körper, genauso wie Sport und der Regelung der inneren Uhr auf Zell­
Nahrungsaufnahme. Diese einfachen ebene. „Wir konnten zellbiologisch nach-
Faustregeln können alle Menschen be- weisen, dass die Glykolyse die circadiane
achten, ausgenommen Schichtarbeiter, Amplitude bereits in einer Phase regu-
die oft die Nacht zum Tag machen müs- lieren kann, in der noch kein Transkrip-
sen. Die daraus resultierenden negativen tionsfaktor auf die Uhr-Gene einwirkt“,
Auswirkungen auf ihre Gesundheit sind beschreibt Egg. Für ihre Tests haben die
mittlerweile auch von der Weltgesund- Wissenschaftler die Zebrafischlarven zu
heitsorganisation WHO bestätigt. Diese unterschiedlichen Tageszeiten einem Sau-
hat bereits 2007 bestimmte Formen der erstoffmangel über jeweils zwei Stunden
Schichtarbeit als krebserregend einge- ZEBRAFISCHE und ihre Larven sind wich- ausgesetzt. „Diese zweistündige Hypoxie
stuft. Zudem wurde in mehreren Studi- tige Modellorganismen für die Zoologen. hat den gesamten Tag-Nacht-Rhythmus
en belegt, dass Schichtarbeiterinnen und der Tiere umgekehrt“ beschreibt Sand-
-arbeiter ein erhöhtes Risiko für Herz- bei immer wieder mit stark verkürzten bichler. „Unter normalen Bedingungen
Kreislauf-Erkrankungen, Metabolisches und verlängerten Tagphasen konfrontiert, läuft der Glukose-Stoffwechsel in der
Syndrom und Diabetes haben. Die Zoo- wobei die gesamte Lichtmenge innerhalb Zelle vermehrt tagsüber, unter Hypoxie
logen Margit Egg und Adolf Sandbichler 24 Stunden unverändert blieb. verschiebt sich die maximale Stoffwech-
überrascht das nicht. „Der Stoffwechsel „Die Zebrafischlarven mit gestörtem selaktivität in die Nacht.“
wird massiv von der inneren Uhr getra- Tagesablauf hatten deutlich mehr für
gen. Wenn diese gestört wird, ist klar, den Sauerstofftransport zuständige rote Ko-Evolution
dass eine Zelle, ein Organ oder ein gan- Blutkörperchen im Blut als die Kontroll- Die Zoologen gehen davon aus, dass sich
zer Organismus mit äußeren Einflüssen gruppe, obwohl das für die Erythrozyten- diese beiden Signalwege im Zellstoff-
nicht mehr so gut umgehen kann“, sagen Neubildung verantwortliche Gen nicht wechsel schon sehr früh gemeinsam in ei-
die Wissenschaftler, die bereits seit Jahren hochreguliert wurde“, berichtet Margit ne Richtung entwickelt haben. „Wir glau-
an Zebrafischlarven erforschen, wie sich Egg. Die Tiere mit gestörtem Schlaf- ben, dass die Wechselwirkung von Sau-
Änderungen am circadianen Rhythmus Wach-Rhythmus bildeten kaum noch erstoff-Signalweg und innerer Uhr aus
zellbiologisch auswirken. neue Erythrozyten, hatten aber noch sehr einer Zeit stammt, in der sich Sauerstoff
viele alte im Blut. „Die Störung der in- auf der Erde durch die photosynthetische
Sport taktet innere Uhr neren Uhr unterbindet also offenbar die Aktivität der Cyanobakterien anreicher-
Den Einfluss von Sport auf die innere Uhr Ausmusterung alter Zellen mit fatalen te. Diese hatten bereits einen Tag-Nacht-
belegte die Arbeitsgruppe von Margit Egg Folgen für die Gesundheit der Tiere: Die Rhythmus, der Sauerstoff-Signalweg, der
am Institut für Zoologie schon vor sechs alten Blutkörperchen transportieren we- sich ja erst im Zuge der Anreicherung der
Jahren. „Unsere erste Arbeit zu diesem niger Sauerstoff, verklumpen leicht und Erdatmosphäre mit Sauerstoff entwickeln
Thema bestätigte, dass Sport die innere bleiben an den Wänden der Blutgefäße konnte, hat sich dann abgestimmt auf den
Uhr verstellt“, berichtet Egg. „Bis dahin haften, was das Risiko für Herz-Kreislauf- circadianen Rhythmus entwickelt.“
ist man davon ausgegangen, dass sich Erkrankungen deutlich erhöht“, sagt Egg. Das Wissen um die Verbindung dieser
nicht die sportliche Betätigung an sich beiden Signalwege hat auch immense
auf den Schlaf-Wach-Rhythmus auswirkt, Grundlegender Zusammenhang Auswirkungen auf die Humanpatholo-
sondern der damit einhergehende An- In ihren jüngsten Untersuchungen haben gie. Beide Signalwege für sich sind bereits
stieg der Körpertemperatur. An unserem sich Margit Egg und Adolf Sandbichler seit längerem Angriffspunkte in der Be-
Modellorganismus, den Zebrafischlar- mit der Wechselwirkung zwischen Sauer- handlung verschiedenster Krebserkran-
ven, die wechselwarm sind, weswegen stoff-Signalweg und circadianem Rhyth- kungen. „Man weiß seit einigen Jahren,
die Körpertemperatur keine Rolle spielt, mus beschäftigt. „Die Uhr-Gene werden dass der circadiane Rhythmus eine mas-
konnten wir diese Annahme mit Tests in unter Sauerstoffmangel in ihrer Ampli- sive Rolle bei der Entstehung und Pro-
einem Strömungsbecken widerlegen.“ tude gedämpft und umgekehrt wird der gression von Tumoren spielt und auch
In einer weiteren Forschungsarbeit Sauerstoff-Signalweg sehr stark von der der Sauerstoff-Signalweg ist bereits heute
zeigte das Team um Margit Egg 2014, inneren Uhr reguliert“, erklärt Margit ein wichtiger Angriffspunkt in der Krebs-
dass eine Störung des Schlaf-Wach- Egg. Die Ursachen für diese wechselsei- therapie – die Zusammenschau der Wech-
Rhythmus das Risiko für Herz-Kreis- tige Beeinflussung sind laut Adolf Sand- selwirkungen dieser beiden sehr stark
lauf-Erkrankungen bei Zebrafischlarven bichler allerdings viel grundlegender, als konservierten Signalwege führt zu einem
erhöht. Dazu untersuchten die Wissen- bisher angenommen. „In unserer letz- viel besseren Verständnis in der Tumor­
schaftler die Fischlarven mithilfe eines ten Arbeit konnten wir zeigen, dass die biologie, was natürlich in weiterer Folge
neuen Messprotokolls, das sich an der Wechselwirkung von innerer Uhr und auch zu verbesserten Therapie-Ansätzen
Schichtarbeit in Betrieben orientiert: Über Sauerstoff-Signalweg schon auf der Ebene führen wird“, sind die Zoologen über-
sechs Tage wurden Zebrafischlarven da- des primären Zellstoffwechsels beginnt“, zeugt. sr

zukunft forschung 01/18 33


WISSENSTRANSFER

BESCHICHTUNGEN
NACH MASS
Im Labor entwickeln Chemiker der Uni Inns­bruck neue Verbindungen, die optimierte
Eigenschaften für Anwendungen besitzen und die Umwelt schonen.

A
nhand von Legobausteinen veran-
schaulicht Benjamin Naier seinen CHEMISCHES LEGO: Beschichtungen
Forschungsansatz: Der rote Bau- so zusammenbauen, dass sie Wasser-
stein steht für jenen Teil des Moleküls, der und Öltropfen abweisen.
später mit seinesgleichen polymerisiert
und lange Molekülketten bildet. Das grü-
ne Bauklötzchen stellt den funktionellen
Teil dar, der der Beschichtung seine be-
sonderen Eigenschaften verleihen wird.
„Das können zum Beispiel fluorierte
Kohlenstoffketten sein, die als einzige
Stoffe gleichzeitig Wasser und Öl abwei-
sen“, erklärt Benjamin Naier: „Solche
Beschichtungen kommen etwa auf vielen
Outdoor-Jacken zum Einsatz.“ Allerdings
geraten langkettige Fluorverbindungen
immer mehr in Verruf, weil sie in der
Umwelt nur sehr schwer abbaubar sind
und sich die Hinweise mehren, dass sie
gewisse Krankheiten begünstigen oder
auslösen können. Die EU hat die Verwen- Inns­brucker Chemiker gemeinsam mit noch selbst überprüfen will. Schon jetzt
dung dieser langkettigen Substanzen des- Thomas Bechtold vom Institut für Textil- zeigen Textilunternehmen Interesse an
halb bereits eingeschränkt und ab 2020 chemie und Textilphysik in Dornbirn und den neuen Entwicklungen. Die Chemiker
gänzlich verboten. Thomas Rosenau von der BOKU Wien um Benjamin Naier erwägen deshalb die
vor allem an neuen Textilbeschichtungen. Gründung eines eigenen Unternehmens,
Skiwachs und Feuerlöscher mit vier eingereichten Patenten ist dafür
Für die Industrie sind Materialien mit Positiv geladen die Grundlage bereits gelegt.
wasser- und ölabweisenden Eigenschaf- Den Wissenschaftlern ist es mit ihrem
ten von großer Bedeutung. Auch Kon- Ansatz gelungen, den mit dem funktio- Viele Anwendungen
sumentinnen und Konsumenten wollen nellen Teil versehenen Baustein positiv Der chemische Legobaukasten bietet je-
nur ungern auf Produkte verzichten, die aufzuladen und den Verbindungen da- denfalls viele Möglichkeiten, auch die
gegen Schmutz und Wasser resistent sind. mit einzigartige Eigenschaften zu ver- Anwendungen für öl- und wasserabwei-
Die Forschungsgruppe um Herwig Schot- leihen. Da Baumwolle an der Oberfläche sende Beschichtungen sind mannigfaltig.
tenberger am Institut für Allgemeine, An- meist negativ geladen ist, haften die neu Neben der Textilbranche benötigt die In-
organische und Theoretische Chemie, in entwickelten Beschichtungen besser auf dustrie in zahlreichen anderen Bereichen
der Benjamin Naier forscht, ist auf der den Stoffen. Außerdem sind sie länger Materialien mit diesen Eigenschaften. Zur
Suche nach Alternativen. Auf Basis des haltbar und es werden deutlich weniger Trennung von Wasser und Öl haben die
chemischen Legobaukastens haben die Fluoranteile benötigt, was wiederum die Inns­brucker Chemiker zum Beispiel eine
Forscher inzwischen über 150 neue Ver- Umwelt freut. Vieles deutet auch darauf Verbindung entwickelt, die Öl abweist,
bindungen synthetisiert, die unterschied- hin, dass diese neuen Verbindungen per- aber Wasser hingegen weiterhin passieren
liche Eigenschaften haben und als Lacke, fekte antibakterielle Eigenschaften besit- lässt. Das ermöglicht beispielsweise die
Kleber, Skiwachs oder Feuerlöschschaum zen. „Damit müssten den Dispersionen Konstruktion von Filtern für die Fettab-
bereits getestet wurden. Mit Hilfe einer keine giftigen Zusatzstoffe mehr beige- scheidung oder das erleichterte Einfangen
Prototypenförderung des österreichischen fügt werden“, erklärt Benjamin Naier, der von Ölteppichen bei Ölkatastrophen in
Wissenschaftsministeriums arbeiten die dies in den nächsten Monaten im Labor Gewässern.  cf

34 zukunft forschung 01/18 Fotos: Uni Inns­bruck


WISSENSTRANSFER

QUANTENCOMPUTER
„MADE IN AUSTRIA“

Q uantentechnologien zählen zu den


Schlüsseltechnologien des 21. Jahr-
hunderts und haben wachsendes Poten-
zial für Anwendungen in Wirtschaft
und Gesellschaft, beispielsweise im Be-
reich der sicheren Informationsübermitt-
lung, der verbesserten medizinischen
Diagnostik oder der präziseren Wetter-
vorhersagen. In der grundlegenden Er-

SALZ IM URIN forschung der Quanteninformationsver-


arbeitung nimmt die Universität Inns­
bruck seit Mitte der 1990er-Jahre welt-
Elektrolyte spielen für unsere Gesundheit eine essenzielle Rolle. weit eine führende Rolle ein. Dieses
Know-how wird nun mit der Gründung
So hat der Natriumpegel einen direkten Einfluss auf den Blutdruck, der Alpine Quantum Technologies
die Nahrungsverwertung und die Viskosität der Schleimhäute. GmbH (AQT) auch in der technolo-
gischen Umsetzung genutzt. „Die öster-

P
atienten mit Zystischer Fibrose ckeln und möchte Ende 2019 damit auf reichischen Quantenphysiker zählen zur
oder Durchfallerkrankungen lei- den Markt gehen. In Zukunft soll der
den häufig an einem chronischen Test auch für weitere gesundheitsrele-
Natriummangel. Der hohe Salzkonsum vante Elektrolyte adaptiert werden.
aufgrund industriell gefertigter Lebens-
mittel führt anderseits bei vielen Men- Die Uni-Holding
schen zu einem Natriumüberschuss mit Die Universität Inns­bruck hat über die
negativen Folgen für das Herz-Kreislauf- Unternehmensbeteiligungsgesellschaft
System. Wissenschaftler der beiden Inns­ mbH Anteile an dem Unternehmen
brucker Universitäten haben nun einen übernommen. Die Uni-Holding beteiligt
nicht-invasiven Test entwickelt, mit dem sich seit ihrer Gründung 2008 an kom-
Ärzte und Laien sehr einfach und güns­ merziell ausgerichteten Spin-offs der
tig den Natriumstatus überprüfen kön- Universität Inns­b ruck. Neben Urisalt QUANTEN-SPIN-OFF: Bundesminister
nen. Nötig ist dafür nur ein Urin-Test- umfasst das Portfolio die Textilspezia- Heinz Faßmann, Alpine Quantum Techno-
streifen und ein tragbares Analysegerät. listen Acticell und Texible, die Software- logies-Gründer Thomas Monz und Rainer
Bisher waren für solche Untersuchungen Unternehmen Airborne Hydro Mapping Blatt, Rektor Tilmann Märk (v.li.)
aufwendige Blutanalysen notwendig. Software, Laserdata, Onlim, QE LaB
Das Anfang dieses Jahres gegründete Business Services, Txture, WeMatch, Weltspitze, das gilt insbesondere für den
Unternehmen Urisalt GmbH wird diese 2PCs, GRID-IT, Hydro-IT sowie die Um- Standort Inns­bruck und für die renom-
patentierte Lösung nun weiterentwi- welttechnik-Firma BioTreat. mierten und vielfach ausgezeichneten
Forscher wie Rainer Blatt und Peter
Zoller“, betonte Wissenschafts- und For-
KREISLAUFWIRTSCHAFT: VON EINER WIEGE BIS ZUR NÄCHSTEN schungsminister Heinz Faßmann bei
einem Besuch in Inns­bruck. Aus Sicht

D ie meisten heute verfolgten Prozessoptimierungen bilan-


zieren den Weg von der Erzeugung bis zur Entsorgung
eines Produkts, betrachten also im Wesentlichen Ressourcen-
der Grundlagenforschung gibt es kein
erkennbares Hindernis, um die neuen
Quantentechnologien auch in der Praxis
oder Ökobilanzen. Beim Cradle-to-Cradle-Konzept wird die umzusetzen, ist Quantenphysiker Rai-
Bewertung der Inhaltsstoffe sowie die Wiederverwertung als ner Blatt vom Institut für Experimental-
Forderung miteinbezogen. Die bei der Produktion eingesetzten physik vom Erfolg überzeugt. „Die neu-
Materialien verbleiben damit idealerweise in einem geschlos- en Technologien werden Innovationen
senen Kreislauf. Mit Unterstützung der Forschungsförderungs- in Wissenschaft und Wirtschaft im 21.
gesellschaft FFG hat das Team um Thomas Bechtold vom Institut für Textilchemie und Tex- Jahrhundert antreiben.“ Die AQT wird
tilphysik in Dornbirn gemeinsam mit dem Wäschehersteller Wolford und zwölf Vorarlberger die in den Inns­brucker Labors erforschte
Zulieferfirmen seit 2014 Damenunterwäsche in dieser Hinsicht optimiert. Noch in diesem Jahr Ionenfallen-Technologie für zukünftige
soll als Ergebnis das erste Produkt, eine Strumpfhose, auf den Markt kommen. Im Rahmen Quantencomputer weiterentwickeln
einer Befragung konnte die FH Vorarlberg zeigen, dass Konsumentinnen und Konsumenten und den Quantencomputer „Made in
durchaus bereit sind, Textilien zu sammeln und in den Produktionszyklus zurückzuführen. Austria“ Realität werden lassen.

Fotos: Aaron Burden (1), Sweet Ice Cream Photography (1), Uni Inns­bruck (1) zukunft forschung 01/18 35
PSYCHOLOGIE

DER SPIELE WIRKUNG


Computerspiele haben es dem Sozialpsychologen Tobias Greitemeyer angetan, er
untersucht ihre Wirkung auf das Verhalten im Alltag. Inzwischen weiß er,
dass sie nicht nur den Spieler beeinflussen, sondern auch sein soziales Umfeld.

A
uch wenn sich Tobias Greitemeyer spiele. So lässt das Greitemeyer aller- „Für unsere Untersuchungen verwen-
mit Computerspielen beschäftigt, dings nicht gelten: „Es ist extrem un- den wir drei Arten von Studiendesigns“,
spielt Wasser eine wichtige Rolle wahrscheinlich, dass allein das Spielen gibt Greitemeyer Einblick in seine For-
in seiner Forschungsarbeit. Und zwar von gewalthaltigen Spielen zu einer so schungsarbeit. In korrelativen Studien
kaltes Wasser – oder wie er selbst sagt: ernsthaften Aggression führt. Es braucht werden die Probandinnen und Proban-
„Extrem kaltes Wasser.“ Denn mit dem eine Kombination mit anderen Faktoren, den befragt, in diesem Fall, wie oft sie zu
kühlen Nass will der Inns­brucker Sozial­ damit sich die Neigung zu solcher Ge- gewalthaltigen Computerspielen greifen
psychologe untersuchen, inwieweit ein walt und Aggression steigert.“ Trotz- und wie aggressiv ihr Verhalten im Alltag
Zusammenhang zwischen dem Spielen dem: Die Forschungen des Psychologen ist. „Man stößt dabei durchaus auf Zu-
von gewalthaltigen Computergames und zeigen, dass sich Computerspiele auf sammenhänge, wir wissen aber nicht, ob
aggressivem Verhalten im Alltag besteht. das Verhalten auswirken – im Guten die Spiele zu Aggressionen führen oder
Es gehört fast wie das Amen zum Ge- wie im Schlechten, auf das Verhalten des ob aggressive Menschen zu solchen Spie-
bet, speziell wenn Jugendliche involviert Spielers selbst, aber auch, so die ersten len neigen“, sagt der Psychologe. Bessere
sind: Schuld an Schulmassakern wie zu- Zwischenergebnisse eines laufenden Antworten will er daher bei Befragungen
letzt jenem im März 2018 in Parkland, FWF-Projekts, auf das Verhalten seines in sogenannten Längsschnittstudien
Florida sind gewaltbetonte Computer- sozialen Umfelds. finden: Gibt es einen Zusammenhang

36 zukunft forschung 01/18 Fotos: Florian Koch (1), Andreas Friedle (1)
PSYCHOLOGIE

zwischen der heutigen Aggression und reduziert werden. „Studien zu Langzeitef-


den Gewaltspielen vor sechs Monaten? fekten gibt es zwar noch keine, es könnte
Greitemeyer: „Wir haben dabei einen aber ähnlich sein wie bei den prosozialen
kleinen, aber signifikanten Effekt gefun- Spielen“, vermutet der Psychologe.
den, dass sich gewalthaltige Spiele auf
das aggressive Verhalten in sechs Mo- Soziales Umfeld der Spieler
naten auswirken.“ Um seine Forschung Implizit spielte das soziale Umfeld in
nicht nur auf Befragungen zu stützen, Greitemeyers Studien zu prosozialen und
geht Greitemeyers Team mit den Proban- kooperativen Spielen schon eine Rolle, in
dinnen und Probanden ins Labor – und einem seit 2016 laufenden FWF-Projekt
da kommt kaltes Wasser ins Spiel. nimmt es sein Team nun explizit unter
die Lupe. Analog zu Studien, die zeigen,
Griff ins kalte Wasser dass psychologische Phänomene anste-
„Die Probandinnen und Probanden ckend sein können, wollte man wissen,
werden per Zufall gewaltbetonten oder inwieweit der Effekt des Spielens von
neutralen Computerspielen zugeteilt“, Gewaltgames ansteckend sein kann: „Un-
berichtet der Wissenschaftler, „danach ser Gedanke war: Wird jemand durch ge-
wird ihr aggressives Verhalten gemes- walthaltige Spiele aggressiver, wird sein
sen.“ Nicht im Alltag, sondern wieder soziales Umfeld dadurch beeinflusst und
im Labor. „Inwiefern mutet man es an- auch aggressiver.“ Ergebnisse aus einer
deren Menschen zu, ihre Hand in extrem egozentrischen sozialen Netzwerkana-
kaltes Wasser zu halten, und wie lange lyse und einer Längsschnittstudie bestä-
mutet man ihnen das zu“, beschreibt tigten die Vermutung, fürs Experiment
Greitemeyer einen Experimentaufbau. Bei ließ man 400 Probandinnen und Proban-
einem anderen kommt scharfe Chili­sauce den wieder ins Wasser greifen. Zuvor be-
zum Einsatz – wieviel von der scharfen schäftigten sie sich entweder mit einem
Mixtur gibt man einer Person zum Es- gewaltbetonten oder einem neutralen
sen, von der man weiß, dass sie nichts TOBIAS GREITEMEYER (Jahrgang 1969) Spiel, danach mussten sie bestimmen,
Scharfes mag? „Natürlich gibt es Kriti- studierte Psychologie in München an der wie lange eine andere Person die Hand
ker dieser Art, Aggression zu messen. Ludwig-Maximilians-Universität (LMU), ins kalte Wasser halten soll – was diese
Ergeben sich aber aus allen drei Studien wo er im Jahr 2000 auch promovierte. auch tatsächlich für die vorgesehene Zeit
ähnliche Befunde, ist die Evidenz gut“, ist Nach einem Jahr an der TU Chemnitz tun musste. Anschließend konnte die-
Greitemeyer überzeugt. Sein Fazit lautet: arbeitete er für 18 Monate als Postdoc se Person die Zeit festlegen, für die der
„Das einmalige Spielen eines gewalthal- an der University California, Los Angeles. ursprüngliche Spieler bzw. eine dritte,
tigen Computerspiels steigert kurzfristig Wiederum an der LMU habilitierte er sich unbeteiligte Person kaltem Wasser aus-
gewaltbereite Tendenzen, längerfristig 2004 für das gesamte Fach Psychologie. gesetzt wird. Erscheint die gleiche „Kalt-
aber nicht. Spielt man aber über Jahre 2007 nahm er einen Ruf als Senior Lecturer wasserzeit“ für den Spieler fast logisch
hinweg, scheint es Zusammenhänge von an die University of Sussex an. Seit 2010 ist als Vergeltung, überraschte Greitemeyer
Aggression und Gewalt zu geben.“ Greitemeyer Professor für Sozialpsychologie die „Kaltwasserzeit“ unbeteiligter Dritter:
Es gibt aber auch, weiß Greitemeyer, an der Universität Inns­bruck. „Je länger die zweite Person die Hand ins
Spiele mit positiven Folgen. Für eine kalte Wasser halten musste, desto länger
andere Studie stand „City Crisis“ am auch die dritte.“ Auch wenn der Effekt
Programm: Der Spieler ist Hubschrau- menschlichen Spielpartner“, erläutert deutlich schwächer war als jener gegen-
berpilot und muss Menschen aus einem Greitemeyer. Für seine Studie setzte er über dem ursprünglichen Täter, geht
brennenden Hochhaus retten. „In un- eine Gruppe von Probanden mit einem Greitemeyer davon aus, „dass sich Ag-
serem Experiment hat sich gezeigt, dass Partner vor ein Computerspiel, die ande- gression ausweitet.“
Menschen nach prosozialen Spielen hilfs- re vor das gleiche Spiel, allerdings allein: Interessieren würde Tobias Greite­
bereiter sind, sie sind zum Beispiel eher „Der Kooperationsgedanke generalisiert meyer zudem, ob sich auch positive
bereit, auf den Boden gefallene Stifte auf den Alltag. Man ist weniger koopera- Spiele auf das Umfeld auswirken, eine
aufzuheben“, berichtet der Forscher und tiv, wenn man allein ein gewaltbetontes Studie dazu „ist aber noch Zukunftsmu-
ergänzt: „Amerikanische Kollegen haben Spiel spielt, dieser Effekt tritt nicht mehr sik“. Er selbst hat das Computerspielen
auch Langzeiteffekte beobachtet. Durch auf, wenn man das Spiel zu zweit gespielt übrigens schon lange aufgegeben, „aber
wiederholtes Spielen prosozialer Games hat.“ Von der erhöhten Kooperationsbe- nicht, weil ich denke, dass es negative
verhält man sich im Alltag prosozialer.“ reitschaft profitiert nicht nur der vorige Auswirkungen auf mich hätte.“ Vielmehr
Positive Auswirkungen auf das Sozial­ Spielpartner, sondern auch Dritte. Weiters seien die heutigen Spiele zu komplex,
verhalten zeigt auch das gemeinsame zeigte sich, dass „Partner-Spieler“ weniger man müsse sich richtig hineinarbeiten.
Spielen. „Viele aktuelle Spiele sind für aggressiv sind, die negativen Effekte die- „In meiner Jugend hatte man einen Joy-
Teams konzipiert, man assistiert einem ser Gewaltspiele, so Greitemeyer, würden stick und los ging‘s.“  ah

zukunft forschung 01/18 37


INFRASTRUKTUR

38 zukunft forschung 01/18 Fotos: Andreas Friedle (1), istock/deepblue4you (1))


INFRASTRUKTUR

AUTOFREI ANS
URLAUBSZIEL
In dem Projekt „Easy Travel“ haben Verkehrsforscher und Partner aus
der Praxis ein Rundum-Sorglos-Paket für Bahnreisende im Visier, das
­passenden Gepäcktransport, Angebote für Vor-Ort-Mobilität am Urlaubsort
und einfache Buchbarkeit vereint.

E
r gehört zum Urlaub in Tirol wie Pulver- Möglichkeiten aus, das Gepäck transportieren
schnee, Almwiesen und Brettljausen, mit zu lassen? Welche Angebote gibt es am Markt?
Erholung oder Genuss hat er allerdings Wie sind die Rahmenbedingungen im Ötztal?
nichts zu tun – der Stau. 80 bis 90 Prozent der Wie sehen es Hoteliers, Seilbahnbetreiber und
Gäste reisen mit dem eigenen PKW in den ansässige Unternehmen? Wie kann man vor
Urlaub nach Tirol, bei 5.882.494 Ankünften Ort mobil sein? Gibt es bereits übertragbare
im Winter 2017 bzw. 5.864.951 im Sommer des Carsharing-Modelle? Letzteres kann Mailer
gleichen Jahres nicht nur ein massives Stau- mit Klarheit beantworten: „Nein.“
problem, sondern auch eines mit ökologischen
und gesundheitlichen Auswirkungen. Der An- Carsharing-Konzepte
teil der Touristen, die per Flugzeug in den Ti- „Es gab ein Pilotprojekt im Schwarzwald,
roler Urlaubsort gelangen, ist am Steigen, der Carsharing-Modelle, die sich einfach auf
Anteil der Bahnreisenden stagniert aber seit Tourismusregionen übertragen bzw. skalie-
Längerem bei fünf Prozent – mit dem Projekt ren lassen, gibt es aber noch nicht“, weiß der
„Tirol auf Schiene“, das die Tirol Werbung mit Verkehrsforscher. Die Gründe sind unter ande-
den staatlichen Bahnbetreibern aus Österreich,­ rem geografischer und wirtschaftlicher Natur.
Deutschland und der Schweiz im Jahr 2013 „Modernes Carsharing in Städten funktioniert
gestartet hat, soll dieser Anteil bis 2020 auf heute so, dass die Autos über die Stadtfläche
zehn Prozent gesteigert werden. Doch warum verteilt sind. Das führt zu kurzen Wegen, die
ist das Auto das bevorzugte Fortbewegungs- Autos können spontan gebucht werden und
mittel Richtung Urlaubsdestination? Und wie sind schnell ereichbar“, sagt der Professor für
kann man Autofahrer zum Umsteigen auf die Verkehrsplanung. Nicht vergleichbar wäre die MARKUS MAILER,
Bahn bewegen? Fragen, denen ein Konsorti- Situation in einer ländlichen Region wie dem geboren 1970, studierte
um unter der Leitung von Markus Mailer vom Ötztal: Die Distanzen sind größer, nicht jeder Bauingenieur­wesen mit Ver-
Arbeitsbereich Intelligente Verkehrssysteme „Abstellplatz“ ist für den nächsten Autobenut- tiefung Verkehrswesen an der
nachgeht, um in dem Projekt „Easy Travel“ zer leicht erreichbar. Dazu kommen noch die Technischen Universität Wien
(siehe Seite 40) quasi ein Fundament für eine saisonalen Schwankungen – im Ötztal stehen (Promotion 2002). Dort war
„Mobilität der Zukunft“ – so der Name des volle Auslastungen mit über 600.000 Ankünf- er ab 1996 wissenschaftlicher
FFG-Programms – zu schaffen. ten im Winter Zwischensaisonen mit knapp Mitarbeiter am Institut für Ver-
„Unser Team hat über 8.000 Reisende be- 15.000 Einwohnern gegenüber. kehrsplanung und Verkehrs-
fragt, rund 4.800 im Winter und 3.300 im „Inzwischen haben wir die Rahmenbedin- technik. Ab 2003 arbeitete
Sommer, und zwar im Zug, am Flughafen und gungen abgesteckt“, resümiert Mailer ein Er- Mailer für die BMW AG und
Gäste vor Ort“, berichtet Mailer. Vor Ort, das gebnis des seit Herbst 2016 laufenden Projekts, wechselte 2004 endgültig
war im Ötztal, ist doch die Oberländer Tou- „zum Beispiel ob die Infrastruktur – Tank-, nach München, wo er schließ-
rismusregion „Untersuchungsobjekt“ des Pro- Reparatur- und Reinigungsmöglichkeiten – lich die Gruppe Verkehrsma-
jekts. „Es hat sich gezeigt, dass der Transport für einen Carsharing-Anbieter gegeben ist.“ nagement leitete. 2010 folgte
des Gepäcks und die Mobilität vor Ort zwei Wichtig ist ihm, dass – obwohl natürlich Aus- Markus Mailer einem Ruf als
entscheidende Gründe sind, warum Menschen gangspunkt – nicht nur die Gäste, sondern Professor für Verkehrsplanung
mit dem eigenen PKW anreisen“, zieht Mailer auch die Einheimischen und die Beschäftigten an die Universität Inns­bruck,
eine Bilanz aus der Befragungsrunde. Folglich bei einem Carsharing-Modell mitbedacht wer- wo er seither den Arbeitsbe-
waren es diese zwei Themen, denen man sich den, denn auch letztere haben ein Mobilitäts- reich Intelligente Verkehrssys­
im Projekt näher widmete: Wie schaut es mit problem – Parkplätze für Hotelangestellte teme leitet.

zukunft forschung 01/18 39


INFRASTRUKTUR

MARKUS MAILER: „Viele Autofahrer erkundigen sich erst im Hotel über Angebote. Der Bahnreisende plant seinen Urlaub viel intensiver.“

sind oft Mangelware. „Was wäre aber, wenn wie viel diese etwa bereit wären, für Gepäck-
der Angestellte mit dem Carsharing-Auto zur abholung oder -zwischenlagerung zu zahlen.
Arbeit fährt, dieses am Hotelparkplatz abstellt Gezeigt hat sich übrigens auch, dass das Ge-
und der Gast weniger später damit zum Aus- päckthema trotz erhöhten Ausleihangebots
gangspunkt seiner Wanderung fährt?“, ent- ein bleibendes ist. „Von den Gästen, die mit
wirft Mailer ein mögliches Szenario. Sein Plan dem PKW anreisen, bringen rund 70 Prozent
jedenfalls wäre es, in einem Fortsetzungspro- ihre eigene Ausrüstung mit. Bei Anreisen mit
jekt einen Probebetrieb anzugehen, Interesse der Bahn sind es auch noch knapp 60 Prozent,
und Bereitschaft seien gegeben, zeigte doch mit dem Flugzeug fast 50 Prozent“, nennt
die Befragung der Gäste, dass ein Viertel bereit Mailer ein weiteres Befragungsdetail. Er ist
wäre, nicht mit dem Auto anzureisen, wenn überzeugt, dass sich aus dem Projekt heraus
EASY TRAVEL ist ein Projekt, Carsharing möglich wäre. Mailer: „Ein wei- Serviceleistungen für den Gast entwickeln las-
das im Programm „Mobilität terer Vorteil ist, dass ein Carsharing-Modell sen, um diese an den Mann zu bringen bzw.
der Zukunft“ des österreichi- unabhängig aufgebaut werden könnte. An- in die Mobilitätskette einzubinden, braucht es
schen Bundesministeriums ders sieht es beim Gepäck aus, da ist man auch zudem eine Integration in lokale Buchungssy-
für Verkehr, Innovation und vor Ort Teil einer Kette. Und das vorhandene steme, „denn große Plattformen werden auf
Technologie gefördert und System der Bahn hat seine Schwächen.“ regionale Besonderheiten nicht eingehen bzw.
über die Österreichische darauf verweisen.“
Forschungsförderungsgesell- Gepäckservice Notwendig sei das aber, denn der Bahnrei-
schaft (FFG) abgewickelt wird. Unattraktive Abhol- und Zustellzeiten (nur sende ticke anders als der Autoreisende. „Viele
Geleitet wird „Easy Travel“ Montag bis Freitag), dazu noch unflexibel, Autofahrer steigen ins Auto, fahren los und
vom Arbeitsbereich Intelli- eine Nachverfolgung des Gepäcks ist auch erkundigen sich erst an der Hotelrezeption
gente Verkehrssysteme der nicht möglich – angenommen wird das Tür- über Angebote. Der Bahnreisende hingegen
Universität Inns­bruck, Wissen- zur-Tür-Angebot der Bahn nicht wirklich. plant seinen Urlaub viel intensiver,“ erklärt der
schaftspartner sind das Institut Gepäck war dennoch ein intensiver Pro- Mitarbeiter des Instituts für Infrastruktur.
für Verkehrswissenschaften jektbestandteil, „auch wenn wir uns auf die Auch kommen Bahnreisende vermehrt aus
der TU Wien und die Fach- Logistik im Ötztal konzentriert haben.“ So dem urbanen Bereich und würden „städtische
hochschule Oberösterreich­, zeigte sich in Gesprächen mit lokalen Un- Qualität“ wie Öffentlichen Verkehr, Fußgän-
Forschungspartner aus der ternehmen, dass Logistiker oft mehrmals am gerzonen etc. auch am Urlaubsort schätzen:
Wirtschaft sind komobile w7 Tag das Tal ein- und ausfahren, dass Taxis „Das gilt aber ebenso für Autofahrer, 70 Pro-
sowie netwiss. Die Praxispart- Hotels und Flughäfen oft leer an- bzw. leer zent würden einen autofreien Urlaubsort gut
ner kommen aus Tirol: Ötztal von ihnen retourfahren – Möglichkeiten des finden.“ Ist dann noch eine autofreie Anfahrts-
Tourismus, Ötztaler Verkehrs- Gepäcktransports wären also gegeben. Auch möglichkeit gegeben, steht Pulverschnee, Alm-
gesellschaft, Tirol Werbung konkrete Überlegungen für Servicepakete wiesen und Brettljausen nichts mehr im Wege
und Standortagentur Tirol. wurden bei den Gästen abgefragt, ob und – und das ohne Stau.  ah

40 zukunft forschung 01/18 Foto: Andreas Friedle


KURZMELDUNGEN

FAKTOREI
NEUE FORM VON EIS
Abhängig von Druck und TemperaturMinimalismus ist das Konzept der
bilden Wassermoleküle
unterschiedliche Strukturen aus. Ein Team um ein
„Faktorei“, Chemiker
kleinesThomas
stilvolles
Lörting hat nun eine weitere Eisform entdeckt.
Hotel im Innsbrucker Stadtteil
Mariahilf. Nichts was ablenken

W
ährend Eis I als Schnee und Eis nannten frustrierten Kristall, weil hier
auf der Erde zu finden ist, fin- könnte vom Hier und Jetzt ist in
nur die Sauerstoffatome periodisch an-
det man auf der Oberfläche der neuen Unterkunft zu finden,
geordnet sind, während die Wasserstoff-
unseres Planeten – außer in Forschungs- atome chaotisch orientiert sind. Wird Eis QUANTENVERSCHRÄNKUNG
laboren – keine anderen Eisformen. Viele vor allem keine Fernseher.
VI abgekühlt, so können sich auch die AUF DEN KOPF GESTELLT
www.faktorei-innsbruck.com

Eisformen entstehen in den Weiten des Wasserstoffatome periodisch anordnen,


Weltalls unter besonderen Druck- und
Temperaturverhältnissen. Eis VI wurde
auf Himmelskörpern wie dem Jupiter-
und es entsteht eine neue, geordnete Eis-
form, genannt Eis XV. Für beinahe alle
ungeordneten Eisformen wurden in der
M it einer überraschend einfachen
Idee ermöglichen Physiker aus
Triest und Inns­bruck die Untersuchung
mond Ganymed indirekt nachgewiesen. Vergangenheit auch entsprechende ge- von Quantenverschränkung sehr vieler
Dort sorgen hunderte Kilometer dicke ordnete Eisformen nachgewiesen. „Aus Teilchen. Die Verschränkung einzelner
Eisschichten für die notwendigen Druck-
verhältnisse. Eis VI gibt es aber auch im
Inneren der Erde, nämlich im oberen
Erdmantel in 200 bis 500 Kilometern Tie-
fe bei Temperaturen oberhalb von null
Grad Celsius, wie Einschlüsse in Dia-
Mahü
Eis VI hat Christoph Salzmann 2009 hier
in Inns­bruck erstmals die geordnete Eis-
form Eis XV hergestellt“, erzählt Thomas
Lörting vom Institut für Physikalische
Chemie der Universität Inns­b ruck.
Durch einen veränderten Herstellungs-
Teilchen – seien es Photonen, Atome
oder Moleküle – gehört heute im Labor
zum Alltag. In der Vielteilchenphysik
wird Verschränkung typischerweise
durch das sogenannte Verschränkungs-
spektrum beschrieben. „Es ist heute
manten belegen. Obwohl diese Eisform prozess ist es dem Team um Lörting nun extrem schwierig, ein Experiment mit
als kristallin bezeichnet wird, handelt es
Üppig geht es hingegen im an-
gelungen, eine zweite geordnete Form mehr als einigen wenigen Teilchen
sich bei Eis VI eigentlich um einen soge- geschlossenen Cafe Mahü zu;
für Eis VI zu erzeugen. Wie umfang- durchzuführen und dabei konkrete
reiche Analysen zeigen, die gemeinsam Aussagen über deren Verschränkungs-
hier läuft alles unter dem Motto,
mit dem Team um Roland Böhmer an spektrum zu machen“, erklärt Marcello
hausgemacht ist doch am Besten.
der TU Dortmund durchgeführt wur- Dalmonte (im Bild). Gemeinsam mit Pe-
den, weist diese Eisform eine neue Art ter Zoller und Benoît Vermersch hat er
Es wird großer Wert auf regionale
von Ordnung auf. Noch ist es den Wis- nun einen überraschend einfachen Weg
und biologische Zutaten gelegt.
senschaftlern nicht gelungen, deren Kri- gefunden, wie Verschränkungsspektren
stallstruktur zu bestimmen. Sobald diese direkt untersucht werden können.
Das Mahü beschränkt sich in
gefunden ist, könnte die neu entdeckte „Anstatt im Labor mit einem Quan-
Form als Eis XVIII Eingang in die Lehr- tensimulator ein bestimmtes Problem
keiner Weise auf Hotelgäste, hier
bücher finden.  zu simulieren und dann zu versuchen,
kann jeder sein Frühstück, seinen die Verschränkungseigenschaften des
realisierten Zustands zu messen, schla-
Kaffee und sein Essen genießen. gen wir vor, den Spieß einfach umzu-
Mariahilfstraße 36 NICHT MEHR ABWENDBAR
GLETSCHERSCHMELZE
Am Abend hat man die Wahl drehen und den entsprechenden Ver-
6020
orscherInnsbruck
F der Universitäten Bremen und
Inns­bruck zeigen in einer aktuellen
+43 dass
676das5419410
zwischen einem Gläschen gedie-
schränkungs-Hamiltonoperator direkt
zu realisieren. Dies schafft unmittel-
Studie, weitere Abschmelzen der genem Wein oder einem spritzi- baren und einfachen Zugang zu den
Gletscher im laufenden Jahrhundert nicht Verschränkungseigenschaften wie dem
mehr verhindert werden kann – selbst, wenn gen Gin Tonic. Verschränkungsspektrum“, erklärt Dal-
alle Emissionen gestoppt würden. Über monte. „Diesen Verschränkungs-Ha-
das 21. Jahrhundert hinaus hat unser Verhalten aber massive Auswirkungen: 500 Meter miltonoperator im Labor zu untersu-
Autofahrt kosten langfristig ein Kilo Gletschereis. „Gletscher reagieren langsam auf klima- chen, ist konzeptuell und praktisch
tische Veränderungen. Wenn wir beispielsweise den aktuellen Umfang des Gletschereis- ähnlich einfach, wie Vielteilchenspek-
Bestandes erhalten wollen würden, müssten wir ein Temperaturniveau aus vorindustriellen tren zu messen, was eine etablierte
Zeiten erreichen, was natürlich nicht möglich ist. Wir haben in der Vergangenheit durch Routine im Labor ist“. Diese radikal
Treibhausgasemissionen bereits Entwicklungen angestoßen, die sich nicht mehr aufhalten neue Methode könnte helfen, Quanten-
lassen. Für die Gletscher ist es 5 nach 12. Das bedeutet aber auch, dass unser heutiges materie besser zu verstehen und damit
Verhalten Auswirkungen auf die langfristige Entwicklung der Gletscher hat – das sollten auch den Weg zu neuen Quantentech-
wir uns bewusstmachen“, sagt der Inns­brucker Gletscherforscher Georg Kaser. nologien zu öffnen.

Fotos: Universität Inns­bruck (3) zukunft forschung 01/18 41


BOTANIK

BRENNENDE FRAGEN
Welche Folgen Waldbrände noch nach Jahren für überlebende Bäume haben,
­untersuchen Stefan Mayr und Andreas Bär von der Forschungsgruppe Ökophysiologie.
Dazu kombinieren sie Feldforschung mit Laborexperimenten.

R
und 70 Hektar Rasen- und Wald- brandflächen vermehrt sterben, interes- Transporteffizienz –, er ist auch in der
fläche vernichtete ein Feuer im siert die Forscher ebenso wie die Frage, Lage, mit dem Risiko von trockenheits-
März 2014 am Hochmahdkopf im welche Baumarten wie auf die extreme bedingten Blockaden im Leitsystem, so-
Gemeindegebiet von Absam in der Nähe Hitzeeinwirkung reagieren. „Wenn wir genannten Embolien, umzugehen. Dass
von Innsbruck. Es war einer der größten die Mechanismen genau verstehen, kön- bei hitzegeschädigten Bäumen sowohl
Waldbrände in der Geschichte Tirols. nen wir besser prognostizieren, welche die Transporteffizienz als auch die Em-
Wer etwas mehr als vier Jahre später zur Bäume überleben und welche abster- bolie-Resistenz beeinträchtigt sind, haben
Waldbrandfläche hinaufsteigt, kann die ben“, erklärt Andreas Bär. Auf Grundla- die Inns­brucker Forscher gemeinsam mit
ersten Erfolge der großen Wiederauf- ge derartiger Erkenntnisse könnten auch Kollegen aus Triest bereits im Labor be-
forstungsinitiative erkennen. Nicht zu verbesserte Empfehlungen für künftige obachtet.
übersehen sind aber auch zahlreiche ab- Aufforstungen gegeben werden. Der Großbrand im Halltal bot ihnen die
gestorbene Bäume. Ihnen gilt das wissen- „Wir haben vermutet, dass neben und Gelegenheit, umfassende und langfris­tige
schaftliche Interesse von Stefan Mayr und in Kombination mit anderen Faktoren Freilandmessungen durchzuführen und
Andreas Bär vom Institut für Botanik. eine Beeinträchtigung des Wassertrans- erstmals an einem Waldbrandstandort
„Es ist bekannt, dass überlebende portsystems für die erhöhte Sterblichkeit nachzuweisen, was bisher nur experi-
Bäume in den Jahren nach einem Wald- verantwortlich ist“, hält Mayr eine der mentell erforscht war: Bedingt durch die
brand deutlich erhöhte Mortalitätsraten Ausgangsüberlegungen fest, denn: Ein
aufweisen“, sagt Stefan Mayr, Leiter gesunder Baum kann nicht nur seine
der Forschungsgruppe Ökophysiologie. Krone mit entsprechend großen Was- Ein Video zu den Forschungen von Stefan
Mayr und Andreas Bär finden Sie hier:
Warum die Bäume am Rande von Wald- sermengen versorgen – man spricht von www.uibk.ac.at/forschung/magazin/20/

42 zukunft forschung 01/18 Fotos: Stefan Mayr (1), Eva Fessler (2), pixabay (1); Grafiken: Stefan Mayr (2)
BOTANIK

BÄUME IM CT
Die Computertomografie (CT) kennt man
als bildgebendes Diagnoseverfahren bei
diversen menschlichen Erkrankungen.
Stefan Mayr und Andreas Bär vom Institut
für Botanik setzen sie zur Untersuchung
von Bäumen ein. Und tatsächlich wollen
die Forscher wissen, wie es Bäumen geht,
wenn sie an Stämmen die Sensoren des
CT befestigen. Ganz konkret interessiert
sie der Zustand des Wasserleitsystems.

SENSOREN AM BAUMSTAMM

STEFAN MAYR führte in regelmäßigen Rund um den Baumstamm befestigen


Abständen computertomografische die Forscher in genau abgemessenen
­Messungen an den überlebenden Bäumen Abständen Elektroden, mit denen die
im Halltal durch. Widerstandsverteilung im Stamm analy-
siert wird. Mittels eines transportablen
CT-Geräts wird daraus ein Querschnittbild
große Hitze kommt es zu strukturellen Kleiner Mosaikstein errechnet, das über den Zustand der
Veränderungen im Holz und in weiterer Die Ergebnisse zeigen ein sehr kom- Leitelemente Auskunft gibt.
Folge zu einer Beeinträchtigung der Leit- plexes Bild, wie Andreas Bär erläutert,
systeme. Es gibt aber große Unterschiede der seine Doktorarbeit auf dem Gebiet CT GESUNDER BAUM
zwischen den Baumarten. Detailliert un- der Feuerökologie verfasst: „Die Hitze Das Bild
tersucht haben Mayr und Bär derzeit drei wirkt offensichtlich artspezifisch. So wird zeigt hohe
Baumarten: Fichte, Rotföhre und Rotbu- etwa die Resistenz gegenüber Embolien elektrische
che. Astproben von beschädigten Bäumen bei der Fichte kaum, bei der Föhre hin- Widerstän-
und Kontrollbäumen wurden verschie- gegen durch Hitze massiv herabgesetzt. de (rot) im
denen Labortests unterzogen. Darüber Bei Trockenperioden in den Jahren nach Zentrum des
hinaus führten die Forscher in regelmä- Brandereignissen könnten geschädigte Stammes und
ßigen Abständen computertomografische Föhren dementsprechend empfindlich re- im Außenbe-
Messungen an den überlebenden Bäumen agieren.“ Unterschiede zwischen den Ar- reich einen Ring mit niedrigen Wider-
im Halltal durch. ten wurden auch bei der Transporteffizi- ständen. Dieser blaue Bereich entspricht
enz beobachtet. Die deutlichsten Effekte dem sogenannten Saftholz, in dem die
wurden bei Buchen verzeichnet, die bei Wasserleitung stattfindet.
Hitze bis zu 50 Prozent ihrer Transportef-
fizienz einbüßten. BEEINTRÄCHTIGTER BAUM
Da für den Wasserhaushalt von Bäu- Der Stamm
men noch viele weitere Aspekte eine Rol- zeigt eine
le spielen, sind diese Ergebnisse laut Ste- deutliche
fan Mayr erst ein kleiner Mosaikstein in Reduktion
einem komplizierten Gesamtbild. Seine der blauen
Forschungsgruppe will deshalb in Zu- Flächen mit
kunft Daten zu möglichst vielen hei- niedrigem
ÜBERLEBENDE BÄUME sind für die mischen Baumarten gewinnen und jenen elektrischen
Stabilisierung des Bodes nach einem Wald- Fragen nachgehen, die angesichts der Widerstand.
brand sehr wichtig. Viele sterben allerdings durch den Klimawandel stark gestie- Durch die Hitzewirkung des Waldbrandes
in den Jahren nach dem Brand, z.B. weil sie genen Waldbrandgefahr im wahrsten wurde bei diesem Baum ein großer Teil
weniger resistent gegen Trockenstress sind. Sinne des Wortes brennend sind.  ef des Saftholzes geschädigt.

zukunft forschung 01/18 43


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PREISE & AUSZEICHNUNGEN

HANNS-CHRISTOPH NÄGERL (geboren


1967 in Göttingen) studierte Physik und
Mathematik in Göttingen und San Diego.
Sein Doktoratsstudium in Physik absolvierte er
unter Rainer Blatt in Göttingen und Inns­bruck.
Nach einem Postdoc-Aufenthalt am California
Institute of Technology (1998-2000) schloss
er sich der Arbeitsgruppe von Rudolf Grimm
in Inns­bruck an, wo er sich auch habilitierte.
2006 wurde er zum außerordentlichen
Professor ernannt. Im Jahr 2011 avancierte er
zum Universitätsprofessor. Für seine Leistun-
gen wurde er unter anderem bereits mit dem
Wittgenstein-Preis, einem ERC Consolidator-
Grant, dem START-Preis und dem Rudolf-
Kaiser-Preis ausgezeichnet.

EUROPÄISCHE
TOPFÖRDERUNG
Der Experimentalphysiker Hanns-Christoph Nägerl erhielt vom Europäischen Forschungsrat (ERC)
einen Advanced Grant und damit über 2,4 Millionen Euro für seine Forschungen zu ultrakalter
Quantenmaterie.

H
anns-Christoph Nägerl ist einer für das Studium dieser Vielteilchenquan- künftigen elektronischen Schaltkreisen
der weltweit führenden Quan- tendynamik geeignet, da die ultrakalten ermöglichen oder verhindern und die bei
tenphysiker auf dem Gebiet der Teilchen im Labor sehr gut kontrolliert der Bildung von neuartigen Supraflüssig-
ultrakalten Quantenvielteilchensysteme. werden können. keiten relevant sind.
Er ist besonders für seine Arbeiten zu Der ERC Advanced Grant wird es
atomaren Quantendrähten und zu mole- Molekularer Quantensimulator Hanns-Christoph Nägerl ermöglichen,
kularen Quantengasen bekannt. In seiner Hanns-Christoph Nägerl und sein Team einen Quantensimulator aus Kalium-Cä-
Forschung beschäftigt er sich mit Quan- haben in den vergangenen Jahren de- sium-Molekülen zu bauen, die polare Ei-
tengasen in der Nähe des absoluten Tem- monstriert, wie man Quantengase aus genschaften aufweisen und Zugang zu
peraturnullpunkts. Dabei werden Quan- Molekülen bei hoher Teilchendichte und vielen Phänomen von Quantenvielteil-
tenzustände gezielt erzeugt, um sie für Temperaturen im Nanokelvin-Bereich chensystemen bieten, die bisher nicht un-
die Simulation oder für neuartige Mess­ erzeugen kann. Mit den Mitteln des Eu- tersucht werden konnten. So will Nägerl
aufgaben zur Verfügung zu stellen. Be- ropäischen Forschungsrats will er nun mit dem molekularen Quantensimulator
sonders relevant ist dieser Ansatz für dy- molekulare Quantensimulatoren reali- neue Formen von Suprafluidität erzeugen
namische Vielteilchenquantenprozesse, sieren, um direkt im Experiment kom- und den Quantenmagnetismus untersu-
die aufgrund von Quantenkorrelationen plexen Vielteilchenquantenprozessen auf chen. Mögliche Anwendungen seiner For-
in der Regel mit klassischen Simulati- die Spur zu kommen, die beispielsweise schungen liegen in der Präzisionsmess-
onsverfahren auf herkömmlichen Com- hinter der bisher unerklärten Hochtem- technik und der Beantwortung der Frage,
putern nicht in den Griff zu bekommen peratursupraleitung in Festkörpern ste- ob fundamentale Naturkonstanten wirk-
sind. Quantengase sind besonders gut hen, die elektronischen Transport in zu- lich konstant sind.  cf

Foto: Die Fotografen zukunft forschung 01/18 45


PREISE & AUSZEICHNUNGEN

LIECHTENSTEIN-PREIS
INTERNATIONALE PREISE
Quantenphysiker
Peter Zoller erhielt
im Mai den mit
10.000 Dollar do- Der Preis des Fürstentums Liechtenstein zählt zu den
tierten Norman F.
Ramsey Preis 2018
renommiertesten Auszeichnungen für wissenschaftliche Forschung
der Amerikanischen an der Universität Inns­bruck und der Medizinischen Universität
Physikalischen Gesell- Inns­bruck.
schaft. Ausgezeichnet wurde er für seine
bahnbrechenden theoretischen Arbeiten zu

D
Quantencomputer, Quantenkommunika­tion ie diesjährigen Preise gingen an
und Quantensimulation mit gefangenen die Molekularbiologin Nadine
Ionen, Atomen und Molekülen. Bereits im Jasmin Ortner (im Bild), den
Januar wurde Zoller mit dem Willis Lamb Geologen Michael Meyer und den Phy-
Award for Laser Physics and Quantum Op- siker Florian Meinert von der Univer-
tics ausgezeichnet. Unter den bisherigen sität Inns­bruck sowie Humangenetiker
Preisträgern befinden sich zahlreiche he- Andreas Janecke von der Medizinischen
rausragende Physiker, z.B. im Vorjahr Rainer Universität.
Weiss, der im Dezember 2017 für die Mit- Nadine Jasmin Ortner untersuchte mit
entdeckung der Gravitationswellen mit dem Kolleginnen und Kollegen die Rolle der
Nobelpreis für Physik ausgezeichnet wurde. im Hirn vorkommenden Subtypen von
spannungsabhängigen L-Typ-Kalzium-
INTERRELIGIÖSE VERSTÄNDIGUNG Kanälen in der Krankheitsentstehung
Der Islamwissen- von Morbus Parkinson. Dabei konnte
schaftler und Re- sie in einer präklinischen Studie zeigen,
ligionspädagoge dass, im Gegensatz zu bisher publi-
Zekirija Sejdini vom zierten Daten, die genetische Ausschal-
Institut für Islamische tung von bestimmten Kalzium-Kanälen teau zu erklären. Auch für Genetiker
Theologie und Re- das Absterben von Nervenzellen bei sind diese neuen archäologischen Daten
ligionspädagogik Morbus Parkinson nicht verhindert. Die von Bedeutung. Sie untersuchen die Hö-
wurde im Februar für therapeutische Dosierung des Medika- henanpassungsstrategie der Tibeter, da
interreligiö­se Verständigung mit dem Kurt- ments Isradipin, welches alle im Hirn sie zur Kalibration der genetischen Uhr
Schubert-Gedächtnispreis ausgezeichnet. Er vorkommenden L-Typ-Kalzium-Kanäle verwendet werden können.
ist der erste Muslim, der diesen Preis erhielt. blockiert, besitzt ebenfalls keine neu- Gemeinsam mit seinem Team unter-
Als Pionier, Wegbereiter und Brückenbauer roprotektive Wirkung. Dieses Ergebnis suchte Florian Meinert anhand von ultra-
geht es ihm darum, ins Gemeinsame zu lässt sich durch eine niedrige Empfind- kalten Atomen nahe am absoluten Null-
kommen, nicht bei den Differenzen stehen lichkeit dieser Kalzium-Kanäle für Isra- punkt quantenmechanische Aspekte in
zu bleiben, sagte Laudatorin Martina Kraml dipin im Gehirn erklären. Die Ergebnisse der kollektiven Vielteilchendynamik.
bei der Preisverleihung in Salzburg. legen nahe, dass L-Typ-Kalzium-Kanäle, Dabei stießen sie auf erstaunliche und
entgegen der derzeitig weltweit unter- der Intuition widersprechende Resultate,
FÜR LEBENSWERK AUSGEZEICHNET suchten Hypothese, keinen geeigneten unter anderem gelang es, ein einzelnes
Rektor Tilmann Märk therapeutischen Angriffspunkt für Me- Quantenteilchen dabei zu beobachten,
wurde im April in dikamente zur Neuroprotektion bei wie es durch eine stark korrelierte Quan-
Prag mit einem in- Morbus Parkinson darstellen. tenflüssigkeit hindurchfällt. Statt eines
ternationalen Preis Michael Meyer publizierte seine Er- einfachen Falls konnte im Experiment
ausgezeichnet, dem gebnisse über die quartären Klima- und beobachtet werden, wie das Quantenteil-
„2018 Dissociative Umweltveränderungen sowie die Besie- chen auf und ab oszilliert, ein Effekt der
Electron Attachment delungsgeschichte des Tibetischen Hoch- sich aus dem Zusammenspiel seiner Wel-
Club Distinguished plateaus in der Fachzeitschrift Science. lennatur und starken Quantenkorrelati-
Service Award“. Mit dem Preis werden Meyer und sein Team konnten zeigen, onen ergibt. Die Ergebnisse könnten da-
seine über viele Jahrzehnte geleisteten, dass Tibet schon vor 8.000 Jahren perma- bei helfen, grundlegende Transportme-
grundlegenden wissenschaftlichen Beiträge nent besiedelt war, also 4.000 Jahre frü- chanismen in einer ganzen Reihe von
auf diesem Fachgebiet der Ionenphysik und her als bisher angenommen. Diese frühe Systemen besser zu verstehen und damit
Plasmaphysik gewürdigt. Ein nicht uner- Besiedelungsphase ist durch den damals technisch nutzbar zu machen, wie etwa
heblicher Teil seines umfangreichen wissen- erheblich intensiveren Monsun und die in nanostrukturierten Elektronikbautei-
schaftlichen Schaffens widmete sich diesem damit feuchteren und somit günstigeren len oder sogar in komplexen biolo-
Forschungsthema. Lebensbedingungen auf dem Hochpla- gischen Systemen.

46 zukunft forschung 01/18 Fotos: Andreas Friedle (1), Medizinuni Inns­bruck (1), Gerhard Berger (1), Christof Lackner (1)
PREISE & AUSZEICHNUNGEN

GESCHLECHTERFORSCHUNG
Katharina Lux erhielt
den mit 1.500 Euro
dotierten Maria-Du-
cia-Forschungspreis.
Lux will in ihrem
Forschungsvorhaben
die unterschiedlichen
Zugangsweisen zur
Geschichte der Zweiten Frauenbewegung
am Beispiel der Zeitschrift „Die schwarze Bo-
tin“ aufzeigen. Die Auszeichnung wird von
der SPÖ Tirol vergeben.

NEUE ÖAW-MITGLIEDER
Bei der jährlichen Wahlsitzung der Österrei-
PREISTRÄGERINNEN: Sabine Engel (Leiterin Bereich Gleichstellung), Regine Oexl, Veronika chischen Akademie der Wissenschaften wur-
Ruzsanyi, Daniela Glätzle-Rützler, Katherine Dormandy, Vize-Rektor Wolfgang Meixner (v.li.). den die Hörimplantat-Entwickler und MED-
EL-Gründer, Ingeborg Hochmair-Desoyer

FRAUENKARRIEREN
und Erwin Hochmair, zu Ehrenmitgliedern
ernannt. Althistoriker Robert Rollinger wur-
de wirkliches Mitglied, Musikwissenschaftler

FÖRDERN
Federico Celestini korrespondierendes Mit-
glied der Philosophisch-historischen Klasse.
Zum Mitglied der Jungen Akademie wurde
der Chemiker Thomas Magauer gewählt.

Veronika Ruzsanyi, Daniela Glätzle-Rützler, Regine Oexl GRÜNDUNGSPRÄSIDENT


und Katherine Dormandy werden im Rahmen des Frank Edenhofer
Erika-Cremer-Habilitationsprogramms unterstützt. wurde zum Grün-
dungspräsidenten
der Österreichischen

M
it dem Erika-Cremer-Habili- rinnen und Mitarbeiter dazu motivieren, Gesellschaft für
tationsprogramm verfügt die im langfristigen Interesse der Firma zu Stammzellforschung
Universität Inns­bruck bereits handeln. Veronika Ruzsanyi vom Insti- gewählt. Ziel der
seit 2009 über ein Programm, um ge- tut für Atemgasanalytik verfolgt einen „Austrian Society for
zielt wissenschaftliche Frauenkarrieren komplexen methodischen Ansatz, der Stem Cell Research“ ist, die wichtigsten Ak-
zu fördern – hoch qualifizierten Wis- Analysen durch hochauflösende Mess- teure der Stammzellforschung in Österreich
senschaftlerinnen aller Fachdisziplinen techniken benutzt, um neue Substrate zu vernetzen. Edenhofer ist seit Herbst 2015
wird die Möglichkeit geboten, ihr Habi- für einen nicht-invasiven Atemtest in Professor für Genomik am Institut für Mole-
litationsprojekt abzuschließen. Im März der klinischen Routine zu entwickeln. kularbiologie der Uni Inns­bruck.
wurden vier Wissenschaftlerinnen mit Dieses Karriereförderprogramm für
dem Erika-Cremer-Preis ausgezeich- hervorragend qualifizierte Forscherinnen EHRENKREUZ FÜR WISSENSCHAFT
net: Katherine Dormandy vom Institut aller Fachdisziplinen wird auf Initiative Beatrix Grubeck-Loe­
für Christliche Philosophie beschäftigt des Vizerektorats für Personal von der benstein erhielt das
sich mit Fragen des Glaubensdissens Universität Inns­bruck ausgeschrieben. Österreichische Ehren-
in Zeiten des religiösen Pluralismus. Die Namensgeberin des Programms, Eri- kreuz für Wissenschaft
Anhand von Laborexperimenten un- ka Cremer, hat in den 1940-er-Jahren in und Kunst I. Klasse.
tersucht Daniela Glätzle-Rützler vom Inns­bruck die Grundlagen der Gaschro- Die Biogerontologin
Institut für Finanzwissenschaft den matografie entwickelt, einer heute weit und Leiterin des
Markt für Vertrauensgüter im Gesund- verbreiteten Analysetechnik in der Che- Forschungsinstituts
heitsbereich. Regine Oexl vom Institut mie. Trotz hervorragender wissenschaft- für biomedizinische Altersforschung wurde
für Wirtschaftstheorie, -politik und -ge- licher Leistung wurde Erika Cremer erst für ihre herausragende wissenschaftliche
schichte erforscht in ihrem Projekt „Be- 1959 zur ordentlichen Universitätsprofes- Arbeit und ihr verdienstvolles Wirken an der
rücksichtigung Verhaltensökonomischer sorin für Physikalische Chemie bestellt Uni Inns­bruck ausgezeichnet. Ebenfalls mit
Aspekte im Design von Arbeitsverträ- und zur Leiterin des Physikalisch-Che- dem Ehrenkreuz ausgezeichnet wurden der
gen“ die Frage, wie Firmen Anreize mischen Instituts an der Uni Inns­bruck Sportmediziner Martin Burtscher und der
gestalten sollen, welche die Mitarbeite- ernannt. Kunsthistoriker Christoph Bertsch.

Foto: Andreas Friedle (1), privat (1), Julia Hitthaler (1), Uni Inns­bruck (1) zukunft forschung 01/18 47
ZWISCHENSTOPP INNS­BRUCK

DEMOKRATIE
VERSTEHEN
Der Historiker Till van Rahden interessiert sich für die Spannung
zwischen dem Versprechen demokratischer Gleichheit und der Allgegenwart von
kultureller Vielfalt und moralischen Konflikten.

D
ie Frage nach der Demokratie formen für die Demokratie auszuloten.
brennt den Österreichern unter „Demokratische Lebensformen verstehe
den Nägeln, sagt Till van Rah- ich nicht so, dass jeder Lebensbereich
den, Inhaber des Canada Research Chair formal nach demokratischen Regeln
in German and European Studies an zu organisieren ist. Es müssen aber be-
der Université de Montréal und im Juni stimmte Praktiken, die den demokrati-
Gastprofessor am Institut für Zeitge- schen Geist atmen, in allen Bereichen
schichte der Universität Inns­bruck. „Mit eingeübt werden“, sagt der Geisteswis-
der Nähe zu Ungarn und der Ukrai­n e senschaftler. „Was sind die sozialen und
wird sie dringlicher und ernsthafter dis- kulturellen Voraussetzungen für eine
kutiert als in der Bundesrepublik“, sagt bestimmte Form der Herrschaft?“
der Historiker. Oft gilt die Frage nach den demokra-
In mehreren Vorlesungen und Work- tischen Grundlagen als eine moralische
shops widmet sich Till van Rahden an Frage, sei es in Form geteilter Werte
der Universität Inns­b ruck der demo- oder einer Leitkultur. Doch lässt sich
kratischen Kultur. Er fragt, was es be- Demokratie nicht auf eine spezifische
deuten könnte, wenn der Aufstieg und Moral reduzieren. „Was machen wir mit
das Wohlergehen der Demokratie nicht Menschen, die unsere moralischen Über-
anders als bei der Diktatur oder der Mo- zeugungen nicht teilen“, fragt Till van
narchie der Erklärung bedürfen. Damit Rahden, der demokratische Formen un-
untergräbt er die weitverbreitete Über- tersucht, die es uns erlauben, mit einer
zeugung, dass Demokratie die normale, Vielfalt von moralischen Gewissheiten
selbstverständliche Herrschaftsform der zu leben. „Die große Kunst besteht da-
Moderne sei. „Das ist eine große Frage: rin, moralische Konflikte aushaltbar zu
Ist Demokratie auch eine erklärungsbe- machen, sie einzuhegen“, betont der
dürftige Form der Herrschaft?“ Historiker. „Demokratische Kultur lässt
Unzähligen Studien über die Ursa- sich nicht über Inhalte begründen, weil
chen des Faschismus oder die Frage, eine inhaltliche Begründung immer Ge-
was Monarchie möglich macht, stehen fahr läuft, andere Standpunkte auszu-
„Die große Kunst besteht darin, kaum vergleichbare Untersuchungen schließen“. Es sei fruchtbarer, „das als
moralische Konflikte aushaltbar zur Demokratie gegenüber. Mit seinen eine Frage der Form zu sehen.“
zu machen, sie einzuhegen.“ Arbeiten zur europäischen Geschichte Damit öffnet sich der Blick für eine
 Till van Rahden, Université de Montréal
seit der Aufklärung setzt der Historiker demokratische Haltung, die es uns er-
genau hier an. möglicht, so Till van Rahden. „in Ge-
gensätzen zu leben, Unterschiede, Kon-
Demokratische Umgangsformen flikte und Spannungen zu ertragen“.
Ein Workshop an der Universität Inns­ Die lange Geschichte demokratischer
bruck trägt den Titel „Demokratie als Lebensformen bietet hierfür reiches An-
Lebensform“. Till van Rahden unter- schauungsmaterial, etwa die Kaffee-
scheidet zwischen der Demokratie als hauskultur, die bürgerliche Geselligkeit
Herrschaftsform und Lebensform. Im oder die Emanzipationskämpfe von
Anschluss daran versucht er, die Bedeu- Sklaven und Arbeitern, Juden und
tung von Ästhetik, Stil und Umgangs- Frauen.  cf

48 zukunft forschung 01/18 Foto: privat


SPRUNGBRETT INNS­BRUCK

attraktive Stelle in den Forschungslabors


von General Motors lehnte er ab, als die
Universität ihm die Bewerbung um eine
Stelle am Chemical Engineering Depart-
ment nahelegte. In Inns­b ruck hatte er
einige Vorlesungen in technischer Che-
mie und Verfahrenstechnik belegt und
so wurde er 1980 Assistant Professor für
Chemical Engineering und innerhalb von
vier Jahren Associate Professor. 1990 wur-
de er Full Professor und übernahm die In-
stitutsleitung. „Offensichtlich war meine
Ausbildung in Inns­bruck gut genug, um
sehr rasch eine erfolgreiche akademische
Karriere in den USA aufzubauen“, blickt
Johannes Schwank heute zufrieden zu-
rück. Seit 2008 ist er James and Judith
Street Professor of Chemical Engineering
in Ann Arbor.

Vielfältig tätig
An sein Studium in Inns­bruck erinnert
sich der Chemiker gerne: „Wir hatten eine
wunderbare Zeit, viel Spaß und sehr inte-
ressante wissenschaftliche Gespräche bei
der täglichen Kaffeepause.“ Als er einmal
mit seinen Kollegen einen ganzen Nach-
mittag im Labor verbrachte, um Substan-
JOHANNES W. SCHWANK in seinem Forschungslabor an der University of Michigan. zen zu synthetisieren, die ähnlich irritie-
rend wie Tränengas waren, und danach
in die Straßenbahn stieg, verließen die

MATERIALFORSCHER anderen Fahrgäste fluchtartig den Wagen.


Heute noch kommt Schwank regelmäßig
nach Tirol, wo seine Familie einen Zweit-
wohnsitz hat. Gerne würde er auch mit
Nach seiner Ausbildung an der Universität Inns­bruck startete seiner Universität mehr Kontakt halten –
vor allem im wissenschaftlichen Bereich.
der Chemiker Johannes Schwank eine erfolgreiche akademische Als ein benachbarter HNO-Chirurg ihn
Karriere in den USA. vor einigen Jahren fragte, ob er ihm hel-
fen könne, ein bessere Material für den
Schutz von Zähnen bei Operationen zu

D
as Leitmotiv meiner Forschung ist, Inns­bruck in den 1970er-Jahren gelegt. entwickeln, entstand daraus eine neue
Korrelationen zwischen der ato- Als Doktorand lernte er hier den ameri- Technologie, die inzwischen durch sechs
maren Struktur von Festkörpern kanischen Gastprofessor Giuseppe Parra- Patente geschützt ist. Ein von den beiden
und ihrer Funktion herzustellen“, erzählt vano kennen, der ihn in die USA einlud, gegründetes Unternehmen vertreibt den
der Chemiker Johannes Schwank von um dort mit ihm an Gold-Katalysatoren neuen Zahnschutz für Sport und Medizin
der University of Michigan in Ann Arbor. zu arbeiten. Nur kurz nachdem der junge heute weltweit.
Aus den Materialien entstehen neue Gas­ Chemiker mit einem Fulbright-Stipen- An der University of Michigan ist Jo-
sensoren, Elektroden für Treibstoffzellen dium in der Tasche an der University of hannes Schwank seit 2013 auch Direktor
und Batterien und in enger Zusammen- Michigan angekommen war, verstarb sein eines internationalen Programms, das
arbeit mit der amerikanischen Autoindus- Mentor plötzlich. So musste sich Johannes sich zum Ziel gesetzt hat, durch die Ent-
trie Abgas-Katalysatoren. Aktuell arbeitet Schwank um die Studierenden von Parra- wicklung von Lösungen in den Bereichen
er mit seinem Team an der grundlegen- vano kümmern und er übernahm die Lei- Energie, Wasser und Ernährung den Le-
den Frage, ob sich mithilfe von Licht die tung der Arbeitsgruppe. Schwank stellte bensstandard von unterprivilegierten
Effizienz von Katalysatoren verbessern Forschungsanträge, um die Finanzierung Gemeinschaften anzuheben. Erste Pro-
lässt. Die Grundlagen für diese Forschun- der Gruppe aufrechtzuerhalten und ver- jekte in Kasachstan und Gabun wurden
gen hat Johannes Schwank schon wäh- zichtete auf einen bereits zugesagten in den vergangenen Jahren bereits reali-
rend seines Chemie-Studiums an der Uni Industriejob in Deutschland. Auch eine siert.  cf

Foto: privat zukunft forschung 01/18 49


ESSAY

TOXISCHE ENTHEMMUNG
Michaela Ralser über die zunehmend verletzende Rede im Netz und die
Notwendigkeit der Partizipation am öffentlichen Diskurs.

D
ie Tonalität verschärft sich: in den Kom- tun aber auch gut daran, das meiste für sag-
mentaren von Online-Zeitungen, den bar zu halten, solange es auch die Kritik daran
Beiträgen auf Social-Media-Plattformen, verträgt. Es ist wie Carolin Ehmke es in einer
auf manchen Blogs und in den Berichten von Kolumne mit dem Titel „Schäbige Gefühle“ in
sich selbst ‚alternativ‘ nennenden Medien im der Süddeutschen Zeitung formulierte: „Für
Netz. Polarisierende Kommunikation gewinnt. jene Wörter, die zu Gewalt gegen Menschen
Der affektiv lärmende Beitrag erhält mehr Zu- anstiften, ist die Staatsanwaltschaft zuständig“
stimmung und Aufmerksamkeit, der Algo- (oder es wägen Gerichte ab, ob das freie Recht
rithmus der Plattformen verstärkt den Effekt: der Rede oder beispielsweise der Schutz vor
Er bringt die Meinung voran. Das übler Nachrede höher zu gewichten sind). „Für
„Es wird entscheidend sein, wie es machen sich insbesondere neo- alle Wörter unterhalb davon, (...) sind wir alle
konservative und neorechte Grup­ zuständig.“
­gelingen kann, gezielt verletzenden
pierungen und Parteien zu Nutze: Daneben gilt aber auch, dass jene über eine
­Tabubrüchen zu begegnen ohne in ihren eigenen Portalen, aber auch Mehrheit verfügen, die zu beeinflussen imstan-
ihnen­ diskurshegemonialen an zentralen Orten öffentlicher De- de sind, wie oder worüber gesprochen wird:
Einfluss zu ­verschaffen.“ batte im Netz, den frequentierten „The word majority (...) refers to influence”
Leserforen und Facebook-Seiten analysierte James Baldwin in einer berühmten
großer Medien. Die Diskussion ist überwie- Rede 1960. Daraus folgt für unsere Frage jeden-
gend toxisch. Sie verhöhnt das Argument der falls: Zu erkennen, dass hier eine laute Minder-
Anderen, sie beleidigt und verunglimpft die heit spricht, die beansprucht, eine Mehrheit zu
Person der Andersdenkenden, sie enthemmt vertreten und im Gestus der vermeintlichen
die Schreibenden. Wir aber haben die Mög- Unerhörtheit immer lärmender und wütender
lichkeit zu reagieren: Der Ort muss abgewo- Themen und Gesprächsstil vorgibt. Es wird
gen werden. (Hass)Sprache besitzt die Kraft entscheidend sein, wie es gelingen kann, ihr
zur Verletzung. Dieselbe Kraft ist umgekehrt zu begegnen, ohne ihr Diskurshegemonialität
auch ihr subversiv performatives Potenzial. zuzueignen. Echokammern kennzeichnen be-
Judith Butler setzt darauf, wenn sie meint: Wir kanntlich nicht nur das Internet. Die Krise der
können dieser Rede die verletzende Wirkung Repräsentation ist kein Privileg der Wütenden:
entziehen. Fehlaneignung, Neubesetzung und Vielmehr gelte es jene vielen zu stärken, die ihre
Wieder-Sprechen sind die Stichworte, die sie in Belange und Nöte nicht in sexistisches, rassisti-
„Excitable Speech. A Politics of the Performa- sches und menschenverachtendes Ressentiment
tive“ (1997) dazu nennt. umgewandelt sehen wollen und jene, die von
„Das wird man doch wohl noch sagen dür- eben diesen Ressentiments betroffen sind. Das
fen“ ist die rhetorische Figur des Anfangs – ob ist auch eine Aufgabe der (Sozial- und Kultur-)
MICHAELA RALSER ist ausgesprochen oder unterstellt. Dann folgt die Wissenschaften und der Universität.
1962 in Bozen geboren. Sie kurze oder lange Rede im Netz, aber längst Diskurswirksame Mehrheiten sind nichts,
studierte Erziehungswissen- nicht nur dort. Auch im Feuilleton durchaus was man besitzt. Sie müssen hergestellt wer-
schaften, Psychologie, anerkannter Zeitungen ist sie inzwischen an- den: Deshalb sind auch Universitäten gefor-
Zeitgeschichte und Soziologie gekommen. Ihre bevorzugten Themen sind die dert, den Diskurs zu kultivieren, sodass Kon-
vorwiegend in Inns­bruck mit Geschlechter-, die Migrations- und die Flücht- flikte argumentativ ausgetragen werden kön-
einem Postgraduateaufenthalt lingsfrage. Ihr Stilmittel ist der Tabubruch. Die- nen. Es ist nötig, verbreiteten Lügen mit Tatsa-
in Berlin. Sie ist seit 2009 ha- ser rechtfertigt alles, auch den feindlichen Ton, chen zu begegnen, auch wenn wir wissen, dass
bilitiert und seit 2016 Profes- die Hetze und bewusste Lüge. Wir tun gut da- sich die Wirklichkeit nicht in Fakten erschöpft
sorin mit den Schwerpunkten ran, den Rekurs auf die Redefreiheit, das Tabu und jedes Wissen partikulär und situiert ist.
Wissenschafts(geschichts-) und die Wut als strategische Instrumente und Sicher aber haben unsere wissenschaftlichen
forschung, Institutionen immunisierende Einsätze zu erkennen, die das Beschreibungen teil am Deutungsreservoir,
öffentlicher Erziehung und Ziel verfolgen, in Deutungskämpfen die eige- aus dem andere schöpfen. Zivilität und eine
Gender Studies. Seit 2013 ist ne Position durchzusetzen: als von unten durch freundliche Haltung zur Welt sind kein Gegen-
Ralser Dekanin der Fakultät oben im Gestus des Anti-Establishments, des satz zur engagiert geführten Debatte. Sie sind
für Bildungswissenschaften. Anti-Etatismus‘ und der Anti-Hegemonie. Wir ihre Bedingung: on- wie offline.

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