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Elektrische Energieversorgung - Eine kleine Einführung

Book · July 2013

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Gerhard Herold
Friedrich-Alexander-University of Erlangen-Nürnberg
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Lehrstuhl für Elektrische Energieversorgung
der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Univ.-Prof. Dr.-Ing. habil. Gerhard Herold

Elektrische Energieversorgung

Eine kleine Einführung


Mit 73 Bildern

Bearbeitungsstand 10.07.2013

Erlangen & Gröna


2012 – 2013
Schlembach Fachverlag Wilburgstetten 2013
Abstrakt
Mit wenigen physikalisch-technischen und wirtschaftlichen Grundgedanken wird ver-
sucht, den Rahmen der Elektrischen Energieversorgung als Teil unserer Infrastruktur
möglichst einfach und verständlich darzustellen. In einer Zeit des Umschwungs, den die
Elektrische Energieversorgung gerade erfährt, ist die gewählte Darstellung mit zahlrei-
chen vierfarbigen Bildern sicherlich für einen größeren Kreis geeignet, um sich die
notwendige fachliche Orientierung bei der Einschätzung und Beurteilung der zum Teil
schwer überschaubaren Entwicklungen zu verschaffen.
Die Energiewende betrifft uns alle! Um ihre technischen Auswirkungen in der Praxis zu
verstehen, ist ein gewisses Grundlagen- und Faktenwissen unabdingbar, das in diesem
Buch für jeden technisch Interessierten nachvollziehbar dargestellt wird.
• Vorbemerkungen / Einleitung zur Elektrischen Energietechnik
• Energie und Leistung
• Leistung und Energie in elektrischen Stromkreisen
• Verluste und Leistungsgrößen
• Prozess der elektrischen Energieversorgung
• Elektrische Energieversorgungsnetze
• Stabilität der elektrischen Energieübertragung

Der Autor
Prof. Dr.-Ing. habil. Gerhard Herold lehrte an der Friedrich-Alexander-Universität
Erlangen-Nürnberg (FAU) und war dort bis zum 30.09.2012 Inhaber des Lehrstuhls für
Elektrische Energieversorgung
Vorwort
Die Energieversorgung in Deutschland befindet sich am Beginn eines Wandels. Getrie-
ben durch den verbreiteten Wunsch, zukünftig auf die Nutzung der Kernkraft und
möglichst weitgehend auch der Kohle als Primärenergieträger zu verzichten, scheint
sich die Energiewende vorrangig auf die Stromversorgung zu konzentrieren. Der gesell-
schaftliche Diskurs spiegelt daher die Komplexität des Vorhabens nur ungenügend
wieder und erweckt häufig sogar den falschen Anschein, als ob die Stromversorgung
privater Haushalte im Vordergrund stünde. Bei letzterer geht es aber nur um einen
kleinen Teil dessen, was die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit zum Leben braucht. Nur
etwa ein Fünftel des gesamten Energiebedarfs in Deutschland wird heute durch Strom
gedeckt und wiederum nur ein Viertel davon in privaten Haushalten verbraucht. Der
Stromanteil, als Energiemenge betrachtet, ist also klein und private Haushalte spielen
insgesamt nur eine untergeordnete Rolle.
Oft wird übersehen, daß die Bedeutung von Strom in seiner Menge allein ganz und gar
nicht zum Ausdruck kommt, weil er über Informations- und Automatisierungstechnik in
viele systemrelevante gesellschaftliche und wirtschaftliche Prozesse eingreift und dort
trotz seines gegebenenfalls geringen Beitrages zur Deckung des Energiebedarfs unver-
zichtbar und unersetzbar ist. Die Änderung der Stromversorgung bedeutet vor diesem
Hintergrund einen Eingriff in das zentrale Nervensystem moderner Gesellschaften, der
nur mit äußerster Vorsicht und Achtsamkeit vollzogen werden sollte.
Wirtschaftlichkeit, Sicherheit und Zuverlässigkeit waren bei der Entwicklung der elek-
trischen Energieversorgung seit jeher oberstes Gebot. Die Versorgung mit Strom gehört
daher heute zumindest in den hochentwickelten Gesellschaften zu den Grundbedürfnis-
sen. Strom ist dort für die meisten erschwinglich und in der wirtschaftlichen Nutzung
äußerst effektiv. Er ist sowohl Grundlage als auch Garant für Wohlstand und die Strom-
versorgung ist bei uns als Teil der Infrastruktur so sicher und zuverlässig, daß man sie
nicht oder nur in sehr außergewöhnlichen Situationen, meist bei den seltenen Ausfällen,
wahrnimmt. Sicherheit und Zuverlässigkeit der konventionellen elektrischen Energie-
versorgung spiegeln sich nicht zuletzt in ihrer in den vergangenen Jahren erwiesenen
Fähigkeit, volatile regenerative Stromerzeugung in beträchtlichem Maß dem äußeren
Anschein nach ohne Gefahr aufnehmen zu können. Nur bei oberflächlicher Betrachtung
sieht man darin den Beweis, daß die beabsichtigte Umstellung leicht und einfach, ledig-
lich durch Anhäufung einer ausreichenden regenerativen Erzeugerkapazität, erreichbar
sei. Jedes tiefere Wissen erweckt dagegen Respekt vor den alltäglichen Anstrengungen
zur Aufrechterhaltung eines stabilen Netzbetriebes.
Die vorgelegten Ausführungen sind entstanden, um Studentinnen und Studenten der
Elektrotechnik die Elektrische Energieversorgung als ingenieurwissenschaftliches Fach
näherzubringen. Mit wenigen einfachen physikalisch-technischen und wirtschaftlichen
Grundgedanken wird versucht, den Rahmen der elektrischen Energieversorgung als Teil
IV Elektrische Energieversorgung

der Infrastruktur grob darzustellen und so das Feld abzustecken, auf dem man während
des Studiums und danach wissenschaftlich in die Tiefe dringen oder später als Ingenieur
anderweitig seine berufliche Erfüllung finden kann.

In Zeiten des Umschwunges, den die elektrische Energieversorgung gerade erfährt, mag
die gewählte Darstellungsform vielleicht außerdem geeignet sein, einem größeren Per-
sonenkreis als den zunächst ins Auge gefaßten etwas Orientierung bei der Einschätzung
und Beurteilung der zum Teil schwer überschaubaren Entwicklungen zu bieten. Voll-
ständigkeit der Darstellung lag nicht in der Absicht, weil aus dem Einzelnen meist nicht
auf das Ganze geschlossen werden kann. Um ein Prinzip zu zeigen, muß man vielmehr
vieles übertreiben und sollte vieles einfach auslassen.

Die „Energiewende“ geht alle an. Sie ist keinesfalls nur eine Herausforderung für
Naturwissenschaftler, Ingenieure und Ökonomen, sondern es braucht dazu ein Umden-
ken und einen Neuanfang in vielen (fast allen) Lebensbereichen. Niemand kennt die
„richtige“ Richtung und den „richtigen“ Weg und es gibt niemals nur eine Lösung.
Darum muß die Entwicklung im Vertrauen und in der Hoffnung auf menschliche Krea-
tivität zwar festen Grundsätzen folgen, aber dabei gleichzeitig offen für neue Wege und
Ideen bleiben.

Viele Studentinnen und Studenten haben sich in den vergangenen Jahren am Lehrstuhl
für Elektrische Energieversorgung der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürn-
berg mit Interesse, Kreativität und Fleiß in ihren Abschlußarbeiten mit Problemen der
zukünftigen Energieversorgung beschäftigt und wurden dabei von den Mitarbeitern
intensiv unterstützt und betreut. Ihnen allen gehört mein besonderer Dank für die stets
angenehme und fruchtbare gemeinsame Arbeit sowie für viele wertvolle Ergebnisse und
Anregungen. Dem J. Schlembach Fachverlag danke ich für die Veröffentlichung in
Buchform.

Gröna, im Juli 2013 Gerhard Herold


Inhaltsverzeichnis
0 Vorbemerkungen für Studentinnen und Studenten der Elektrischen Energietechnik... 1

1 Einleitung ..................................................................................................................... 9

2 Energie und Leistung ................................................................................................ 12


2.1 Zu den Begriffen Energie und Arbeit ...................................................................... 12
2.2 Energieumwandlung ................................................................................................ 14
2.2.1 Energieerhaltungssatz ............................................................................................ 14
2.2.2 Carnotscher Kreisprozeß ....................................................................................... 15
2.2.3 Wirkungsgrad des Carnotschen Kreisprozesses .................................................... 16
2.2.4 Umkehrung des Carnotschen Kreisprozesses ........................................................ 17
2.2.5 Zweiter Hauptsatz der Thermodynamik ................................................................ 19
2.3 Maßeinheiten für die Energie .................................................................................. 20
2.4 Vergleich der Primärenergieträger........................................................................... 21
2.5 Leistung ................................................................................................................... 22
2.6 Energiewandlungsprozesse zur Stromerzeugung .................................................... 24
2.7 Fossile und regenerative Energieträger in der Stromversorgung ............................. 26

3 Leistung und Energie in elektrischen Stromkreisen.............................................. 28


3.1 Reihen- und Parallelschaltung ................................................................................. 28
3.2 Leistung und Energie bei Gleichstrom .................................................................... 29
3.3 Leistung und Energie bei Wechselstrom ................................................................. 30
3.4 Effektivwerte von Strom und Spannung .................................................................. 34
3.5 Drehstromleistung ................................................................................................... 35
3.6 Leistungsgleichgewicht im elektrischen Energiesystem.......................................... 37

4 Verluste und Leistungsgrößen ................................................................................. 41


4.1 Spannungs- und stromabhängige Verluste .............................................................. 41
4.2 Scheinleistung und Leistungsfaktor ......................................................................... 44
4.3 Blindleistung............................................................................................................ 46
4.4 Optimale Bildung der Leistung ............................................................................... 48
4.5 Wachstumsgesetze ................................................................................................... 49
4.6 Die Leistung als Bemessungsparameter .................................................................. 51
4.7 Kurzschlüsse in elektrischen Energieversorgungssystemen .................................... 53
4.8 Ideale elektrische Energieversorgung ...................................................................... 55
VI Elektrische Energieversorgung

5 Prozeß der elektrischen Energieversorgung .......................................................... 56


5.1 Wahl des Stromsystems .......................................................................................... 56
5.2 Belastungsgang ....................................................................................................... 58
5.3 Abnehmerstruktur und Belastungsgang .................................................................. 60
5.4 Dauerlinie ............................................................................................................... 62
5.5 Beispiele für Dauerlinien und ihre Kenngrößen ..................................................... 66
5.6 Anpassung zwischen Last und Erzeugung............................................................... 69
5.7 Stromerzeugung aus den Quellen Sonne und Wind ................................................ 75
5.8 Dezentrale solare Stromerzeugung .......................................................................... 81
5.9 Autarke solare Stromversorgung ............................................................................. 83
5.10 Vollkommen regenerative Stromversorgung .......................................................... 89

6 Elektrische Energieversorgungsnetze ...................................................................... 97


6.1. Sicherheit und Zuverlässigkeit der elektrischen Energieversorgung ...................... 97
6.2 Hierarchie eines elektrischen Energieversorgungssystems.................................... 101
6.3 Verbundbetrieb ...................................................................................................... 104
6.4 Einfluß der liberalisierten Elektrizitätswirtschaft auf das Stromnetz .................... 107
6.5. Einspeisung dezentraler Erzeuger......................................................................... 108
6.6 Netzknoten und Netzzweige .................................................................................. 110
6.7 Typische Netzformen ............................................................................................ 115
6.8 Elektrische Betriebsmittel...................................................................................... 120

7 Stabilität der elektrischen Energieübertragung .................................................. 133


7.1 Leistungsaustausch eines Generators mit einem starren Netz ............................... 133
7.2 Leistungsregelung in Verbundnetzen .................................................................... 137
7.3 Momentengleichgewicht eines Generators am Netz.............................................. 140
7.4 Störungen der Stabilität in elektrischen Energieversorgungsnetzen ...................... 147
7.5 Windstromerzeugung und Netzstabilität ............................................................... 148

Literatur ...................................................................................................................... 149

Sachwortverzeichnis ................................................................................................... 152


0 Vorbemerkungen für Studentinnen und Studen-
ten der Elektrischen Energietechnik
Die Elektrische Energietechnik ist ein Anwendungsgebiet der Elektrotechnik. In ihrem
Mittelpunkt steht der Prozeß der elektrischen Energieversorgung mit seinen physikali-
schen, technischen, wirtschaftlichen sowie gesellschaftlichen Gesetzen und Rahmenbedin-
gungen. Er umfaßt die Erzeugung, Übertragung, Verteilung und Anwendung elektrischer
Energie, und zwar sowohl in Bezug auf die Entwicklung, die Konstruktion, die Fertigung
bzw. den Bau der Betriebsmittel und Komponenten elektrischer Energieversorgungs-
systeme als auch in Bezug auf deren Planung, Berechnung, Errichtung und Betrieb.

Elektrische Betriebsmittel (Generatoren und Motoren, Freileitungen und Kabel, Trans-


formatoren und Drosselspulen, Kondensatoren, Stromrichter, Schaltgeräte und -anlagen
usw.) sind vielfältigen Beanspruchungen an ihrem Einsatzort im System ausgesetzt, de-
nen sie über eine lange Nutzungsdauer (häufig 25 Jahre und länger) standhalten müssen.
Die elektrischen Beanspruchungen resultieren nahezu unabhängig voneinander aus den
Belastungen mit Spannungen und Strömen. Daneben wirkt die Umgebung (Witterung,
Temperatur, Druck, Staub, Feuchtigkeit, Nässe, Stoß usw.) beanspruchend auf die Be-
triebsmittel ein. Die nötige Festigkeit gegenüber allen Beanspruchungen, denen ein Be-
triebsmittel an seinem Einsatzort im System und in seiner örtlichen Umgebung aus-
gesetzt sein kann, ist nur mit dem Aufwand von Material ausreichender Menge und
Qualität und einer angemessenen Fertigung, Montage, Wartung und Instandhaltung er-
reichbar. Elektrische Energieversorgung war bei allen ihren Vorteilen daher schon im-
mer aufwändig und teuer und die Wirtschaftlichkeit, häufig ausgedrückt durch techni-
sche Kriterien (z.B. Materialaufwand, Verluste, Wirkungsgrad, Leistungsfaktor, Wachs-
tumsgesetze elektrischer Betriebsmittel usw.), besaß von Beginn der Entwicklung an
eine zentrale Bedeutung.

Der Prozeß der elektrischen Energieversorgung war zu jeder Zeit Ausgangspunkt aller
Entwicklungen und Innovationen, denn vor allem er sollte natürlich wirtschaftlich ablau-
fen, so wirtschaftlich, daß möglichst viele Menschen mit ihren individuellen Bedürfnissen
der Stromnutzung an ihm teilhaben können. Dazu gehört unter anderem, daß das vorhan-
dene, aufwändige elektrische Energieversorgungssystem so gut wie möglich ausgelastet
ist und Primärenergien sparsam und ressourcenschonend zur Stromerzeugung eingesetzt
werden. Kenngrößen wie die Verluste, der Wirkungsgrad, die Benutzungsdauer der
Höchstlast und der Belastungsgrad sind Kriterien, die unter anderem die Wirtschaftlich-
keit des Prozesses zum Ausdruck bringen.

Elektrische Energie wird von jedem genutzt. Sie muß daher sicher, ohne Gefährdung von
Personen und Sachen, anwendbar sein. Auch das hat Einfluß auf die elektrischen Betriebs-
mittel und das gesamte System. Im Laufe der Entwicklung ist so in der Stromversorgung ein
Sicherheitsstandard entwickelt worden, der in keinem anderen Zweig der Technik erreicht
wird. Zunehmend dienten daher elektrotechnische Einrichtungen dazu, die Sicherheit ande-
rer technischer Geräte und Einrichtungen zu erhöhen. Diese Entwicklung hält unter Nutzung
moderner Elektronik und Sensorik bis heute ungebrochen an und führt gleichzeitig dazu,
daß die Abhängigkeit von der Stromversorgung ständig größer wird.
2 Elektrische Energieversorgung

Die ersten elektrischen Energieversorgungsanlagen dienten der Speisung von elektri-


scher Beleuchtung. Mit der Glühlampe als einzigem Stromabnehmer hätte sich Strom-
versorgung aus wirtschaftlichen Gründen aber niemals durchsetzen können. Als Emil
Rathenau im Jahr 1883 die „Städtischen Electricitätswerke“ in Berlin gründete, hatte er
jedoch schon im Sinn, „den elektrischen Strom zur Beleuchtung und Kraftübertragung
im jetzigen und künftigen Weichbild der Stadt Berlin gewerbsmäßig auszunützen“. Hin-
ter dem Gedanken der Kraftübertragung steckt der Elektromotor als weiterer Stromab-
nehmer. Seine verstärkte Nutzung hat wesentlich zur Wirtschaftlichkeit der Stromver-
sorgung beigetragen, da seine Belastungscharakteristik sich völlig von der Beleuch-
tungslast unterscheidet und diese so im Sinne der Stromerzeugung zweckmäßig ergänzt.
Noch immer machen Motoren etwa 50 % der Last elektrischer Energieversorgungsnetze
aus. Inzwischen gibt es eine Vielfalt von Stromabnehmern. Anfangs hat die Diversifi-
zierung der Abnehmerstruktur maßgeblich zur Erhöhung der Wirtschaftlichkeit beige-
tragen. Die gestiegene Effizienz hat aber nicht zur Einsparung von elektrischer Energie
geführt, sondern zum Gegenteil, zum drastischen Wachstum des Strombedarfs. Diesen
Rebound-Effekt hat William Stanley Jevons bereits Mitte des neunzehnten Jahrhunderts
für die Kohlenutzung nachgewiesen (Jevons-Paradox). Das Streben nach Effizienz muß
also in größeren Zusammenhängen nicht unbedingt mit Einsparung verbunden sein. Bis zu
den Ölkrisen in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ging man von einer Zehn-
Jahres-Verdopplung des Verbrauchs von elektrischer Energie aus und der Energiever-
brauch eines Landes wurde als Kriterium für dessen Lebensstandard herangezogen.
Moderne Gesellschaften sind völlig vom Strom abhängig. Mit der Entwicklung dieser
Abhängigkeit sind die Anforderungen an die Versorgungssicherheit und Versorgungs-
zuverlässigkeit der Stromversorgung ständig gestiegen. Eine hohe Versorgungssicher-
heit verlangt eine ausreichende Diversifizierung. Die Stromversorgung sollte auf einer
Vielzahl von unabhängigen Kraftwerken mit unterschiedlichen Betriebscharakteristika
einschließlich des Stromverbunds mit den Nachbarn beruhen. Nach bisherigem Ver-
ständnis sollten außerdem verschiedene Primärenergiequellen (Energiemix) zur Gewin-
nung elektrischer Energie genutzt werden, um einseitige Abhängigkeiten zu vermeiden.
Im Zusammenhang mit dem beschlossenen Kernkraftausstieg in Deutschland und der
verstärkten Nutzung regenerativer Energien muß über diesen Energiemix neu nachge-
dacht werden. Eine allen bisherigen Anforderungen gerechtwerdende Lösung kann noch
niemand vorweisen. Außerdem weiß niemand, wie weit man von bisherigen Anforde-
rungen und Standards abweichen darf, ohne das gesellschaftliche Leben zu beeinträch-
tigen oder gar zu gefährden.

Die Grundlagen für eine hohe Versorgungszuverlässigkeit werden mit der zweckent-
sprechenden Bemessung und Auswahl der elektrischen Betriebsmittel gelegt. Sie sollten
für ihre Aufgabe ausreichend robust sein, d.h. mit einem angemessenen Abstand zu den
Grenzen ihrer Belastbarkeit betrieben werden, damit das gesamte System genügend
widerstandsfähig (resilient) gegenüber plötzlichen Störungen ist. Zuverlässigkeit kann
nur bei einem hinlänglichen Abstand zu den Belastungsgrenzen erwartet werden. Das
elektrische Energieversorgungssystem und jede einzelne seiner Komponenten sollten
darüber hinaus möglichst einfach im Aufbau sein, denn übertriebene Komplexität trägt
0 Vorbemerkungen für Studentinnen und Studenten der Elektrischen Energietechnik 3

häufig zur Störanfälligkeit bei. Es gilt der Grundsatz, daß das, was nicht vorhanden ist,
nicht ausfallen oder stören kann. Da jedes elektrische Betriebsmittel aber trotz richtiger
Bemessung und angemessener Wartung versagen kann, verlangt eine hohe Versor-
gungszuverlässigkeit außerdem eine ausreichende Redundanz im System, die eine Fort-
setzung der Energielieferung trotz Ausfalls einzelner Systemkomponenten ohne oder
mit nur geringer Unterbrechungsdauer erlaubt. In Deutschland ist die Zuverlässigkeit
der elektrischen Energieversorgung sehr hoch. Das System arbeitet so hervorragend,
daß man es nicht spürt und seine Dienste als selbstverständlich hinnimmt. In der Gesell-
schaft ist daher das Bewußtsein ihrer Abhängigkeit von der Stromversorgung nur sehr
wenig entwickelt.

Der oben mit wenigen Sätzen abgesteckte Rahmen der Elektrischen Energietechnik läßt
die Breite des Fachgebietes erahnen. Das Tätigkeitsfeld des Ingenieurs reicht von der
Beschäftigung mit einzelnen Systemkomponenten, und sogar nur Details von ihnen, bis
hin zur Befassung mit dem gesamten System. Es reicht von der Entwicklung,
Konstruktion und Fertigung von elektrischen Beriebsmitteln und Systemkomponenten
bis zur Planung, Projektierung und dem Betrieb komplexer Anlagen und Netze. Bei
seiner wissenschaftlichen Bearbeitung ist ebenso wie in einem akademischen Hoch-
schulstudium eine Spezialisierung in Teilgebiete daher unerläßlich. Dieser Spezialisie-
rung liegt zunächst einmal der Gedanke zugrunde, daß die Spannungs- und die Strom-
beanspruchung und die zugehörigen Festigkeiten elektrischer Betriebsmittel in sehr
guter Näherung als unabhängig voneinander angesehen werden können. Die Hoch-
spannungstechnik ist demgemäß die Grundlagendisziplin der Elektrischen Energie-
technik, die sich mit der Spannungsbeanspruchung und -festigkeit elektrischer Be-
triebsmittel, mit der Beherrschung ihres elektrischen Feldes im weitesten Sinne be-
schäftigt. Die Hochstromtechnik widmet sich dagegen den Beanspruchungen elektri-
scher Betriebsmittel durch den Strom und ihre Beherrschung. Grundlage der Hoch-
stromtechnik ist das elektromagnetische Feld, ebenfalls im weitesten Sinne. Eine cha-
rakteristische Äußerung von elektrischer Beanspruchung sind die spannungs- und
stromabhängigen Verluste. Sie bestimmen nicht nur den Wirkungsgrad, sondern vor
allem auch den notwendigen Materialeinsatz für die Übertragung elektrischer Energie
und müssen bei zulässigen Temperaturen in Form von Wärme an die Umgebung abge-
geben werden. Elektrische Betriebsmittel müssen so ausgelegt werden, daß ihre Er-
wärmung zulässige Grenzen nicht überschreitet. Diese Grenzen werden maßgeblich
von ihrem temperaturabhängigen Alterungsverhalten bestimmt. Alle Bemühungen bei
der Auslegung und Dimensionierung elektrischer Betriebsmittel bzw. bei ihrer Auswahl
als Komponenten konkreter Anlagen und Systeme müssen daher auf Langlebigkeit und
Dauer gerichtet sein. Insbesondere der Fortschritt in der Rechentechnik eröffnet ständig
neue Optionen, die oben beschriebenen Aufgaben der Hochspannungs- und Hoch-
stromtechnik in immer komplexeren Systemzusammenhängen zu behandeln, zu berech-
nen oder zu simulieren. Das führt, meist unter Mißachtung der unüberschaubaren
Komplexität der Beanspruchungen elektrischer Betriebsmittel im System, zu mannig-
faltigen Verlockungen, sich den vermeintlichen Belastungsgrenzen immer weiter anzu-
nähern, die vielbeschworene Effizienz zu steigern und daraus sich ergebende Spar-
samkeit als Erfolg zu propagieren. Noch immer kommt man bei der Entwicklung elekt-
4 Elektrische Energieversorgung

rischer Betriebsmittel nicht ohne Experimente und Prüfungen aus und diese müssen in
der Regel ebenfalls getrennt nach Spannungs- und Strombeanspruchungen, gegebenen-
falls synthetisch, ausgeführt werden, denn die Verbindung beider wäre eine Aufgabe der
elektrischen Hochleistungstechnik, die man wegen des immensen Aufwandes bisher
nur an wenigen Orten der Erde und dort auch nur mit Einschränkungen betreiben kann.

Eine Gruppe von Teildisziplinen der Elektrischen Energietechnik beschäftigt sich mit ein-
zelnen elektrischen Betriebsmitteln. Besonders zu nennen sind hier die Schaltgeräte-
technik und die Elektrischen Maschinen. In beiden erfahren die Aufgaben der Hoch-
spannungs- und Hochstromtechnik eine anwendungsspezifische Ausprägung, aber gleich-
zeitig eine über die allgemeinen Aufgaben hinausgehende Erweiterung. Die Energie-
übertragung über das magnetische Feld, insbesondere auch die Kraftwirkungen auf
stromführende Leiter im Magnetfeld, sind natürlich ein Hauptgegenstand innerhalb des
Gebietes der Elektrischen Maschinen. Ähnliche Fragestellungen müssen aber unter an-
deren Randbedingungen in gleicher Weise für andere elektrische Betriebsmittel wie
Schaltgeräte, Kondensatoren, Schaltungen der Leistungselektronik und vollständige
Schaltanlagen bearbeitet werden. Eine besondere Rolle spielen dabei die mechanischen
Beanspruchungen durch Kurzschlußkräfte in Geräten, Betriebsmitteln und Anlagen.

Auch die Leistungselektronik, unter der hier die Entwicklung, die Konstruktion und
der Bau leistungselektronischer Stellglieder für spezifische Anwendungen der Elektri-
schen Energietechnik und nicht die Entwicklung und Fertigung der zugehörigen Bau-
elemente verstanden werden soll, gehört in diese Gruppe, obwohl ihre wichtigen Ent-
wicklungsschritte im Rahmen der Elektrischen Antriebstechnik stattgefunden haben.
Heute stehen Leistungshalbleiter zur Verfügung, die mit ihren Parametern bis zu den
höchsten Spannungen und in allen Leistungsbereichen einsetzbar sind. Leistungselek-
tronische Stellglieder können daher in allen Spannungsebenen Aufgaben übernehmen,
die bisher den Schaltgeräten vorbehalten waren, und ihnen völlig neue Qualitäten, an
die vorher nicht zu denken war, verleihen, wie z.B. die dynamische Blindleistungskom-
pensation und Lastflußsteuerung. Diese Entwicklungsrichtung wird international unter
dem Begriff FACTS (Fexible Alternating Current Transmission Systems) in breitem
Maßstab verfolgt. Im gewissen Sinne kann auch die Hochspannungs-Gleichstrom-Über-
tragung (HGÜ bzw. HVDC (High Voltage Direct Current)) zu FACTS gezählt werden.
Obwohl sie auf Basis netzgeführter Stromrichter schon älter als sechzig Jahre ist, wird
die HGÜ erst jetzt mit den leistungsstarken Bauelementen eine größere Verbreitung
finden. Schließlich könnte Strom aus regenerativen Energien ohne leistungselektroni-
sche Stellglieder nicht oder nur in sehr unbefriedigender Weise in des Netz eingespeist
werden. Die heute angestrebte Entwicklung wäre also ohne eine passende Leistungs-
elektronik nicht denkbar. Schließlich besteht nun auch die Möglichkeit, das Strom-
system auf dem Weg zwischen Erzeugung und Nutzung der elektrischen Energie mit
leistungselektronischen Stellgliedern mehrfach zu wechseln und so speziellen techni-
schen Randbedingungen anzupassen. Auch in der Entwicklung der Leistungselektronik
zeigt sich das Jevons-Paradox in anschaulicher Weise: Effizienz und Leistungsfähigkeit
eröffnen neue Anwendungsoptionen und tragen auf diese Weise nicht zur Einsparung,
sondern zur breiteren Nutzung bei.
0 Vorbemerkungen für Studentinnen und Studenten der Elektrischen Energietechnik 5

Eine zweite Gruppe von Teildisziplinen der Elektrischen Energietechnik, die der Voll-
ständigkeit halber nur erwähnt werden soll, beschäftigt sich mit mit den technologi-
schen Anwendungen des elektrischen Stroms. Zu nennen sind hier die Elektrochemie
und Galvanotechnik, die Elektrowärmetechnik und die Plasmatechnik. Für den in
der elektrischen Energietechnik tätigen Ingenieur laufen diese Stromanwendungen auf
spezielle Abnehmer, z. B. Elektrolyseanlagen und Elektroöfen verschiedener Art, hin-
aus, die unter Berücksichtigung ihrer Besonderheiten optimal in des elektrische Ener-
gieversorgungssystem zu integrieren sind. In gleicher Weise setzt die Stromversorgung
von beliebigen anderen technologischen Prozessen spezifische Kenntnisse der jeweili-
gen Technologie voraus, wenn die Gestaltung des Elektroenergiesystems gelingen soll.

Die Elektrischen Antriebssysteme und die Elektrischen Energiesysteme gehören in


eine dritte Gruppe, weil sie Problemstellungen der Elektrischen Energietechnik unter
einem Systemaspekt behandeln. In den akademischen Studiengängen dominieren heute
diese beiden Richtungen in breit gefächerter Ausprägung. Die weiter oben aufgeführten
anderen Teildisziplinen, die während der Entwicklung der Stromversorgung zum heuti-
gen Stand einmal eine sehr hohe Bedeutung besaßen, fristen demgegenüber ein Schat-
tendasein. Dennoch darf der in ihnen angehäufte riesige Wissensschatz im gesellschaft-
lichen und vor allem wirtschaftlichen Interesse nicht verschüttet werden, sondern er be-
darf einer ständigen sorgsamen Pflege und Erweiterung, weil er sehr zum Verständnis
der Elektrischen Energietechnik beiträgt und letztendlich zu den Existenzgrundlagen der
elektrotechnischen Industrie gehört.

Ein moderner elektrischer Antrieb ist ein sehr komplexes System, das eine spezielle,
gesamtheitliche Behandlung verlangt. Zu ihm gehört ein leistungselektronisches Stell-
glied, ein Stromrichter, der eine rotierende oder sich linear bewegende elektrische Ma-
schine speist, die wiederum ein mehr oder weniger komplexes mechanisches System
antreibt. Dabei sind häufig hohe Anforderungen an die Drehzahl, das Drehmoment, die
Leistung oder andere Größen zu erfüllen, die eine entsprechende Regelung verlangen.
Der hohe Strombedarf für motorische Antriebe insgesamt verleiht der Elektrischen An-
triebstechnik darüber hinaus eine besondere Bedeutung innerhalb der Elektrischen
Energietechnik.

Der Gegenstand der Elektrischen Energiesysteme ist das gesamte elektrische Energie-
versorgungssystem von der Stromerzeugung bis hin zur Stromanwendung. Dafür bildet
die Netzberechnung eine Grundlage. Sie verfolgt das Ziel, die einzelnen Betriebsmittel
und das gesamte System dem Berechnungsziel entsprechend zu modellieren und die
stationären und transienten Betriebsvorgänge in elektrischen Energieversorgungsnetzen
zwischen Leerlauf und Kurzschluß zu berechnen. Da der Vorgang des Berechnens selbst
durch die moderne Informationsverarbeitungstechnik sehr erleichtert wird, liegt die
wissenschaftliche Kompetenz heute vor allem in der zweckorientierten Modellbildung und
in der Interpretation und Anwendung der Ergebnisse. Die Netzberechnung fließt in eine
Vielzahl von Aufgabenfeldern der elektrischen Energieversorgung ein. Sie liefert die
elektrischen Belastungsgrößen für einzelne Betriebsmittel an ihrem Einsatzort im System.
In der Netzplanung wird das Ziel verfolgt, ein elektrisches Energieversorgungsnetz auf
6 Elektrische Energieversorgung

der Basis einer Aufgabenstellung und zugehörigen Ausgangsdaten zu entwerfen, seine


Struktur und seine Hauptkomponenten festzulegen. Das Engineering bzw. die Projek-
tierung beschäftigt sich mit der Dimensionierung und Auswahl elektrischer Betriebsmittel
komplexer elektrischer Anlagen und dient so der technischen Vorbereitung für deren
Errichtung, Montage und Inbetriebsetzung. Die digitale Netzleittechnik dient der Führung
des Betriebes elektrischer Anlagen und Netze. Die Netzschutztechnik, die heute ebenfalls
überwiegend digital arbeitet, übernimmt die Systemüberwachung und veranlaßt die
selektive Heraustrennung gestörter Betriebsmittel und Teilnetze bei Störungen, insbeson-
dere bei Kurz- und Erdschlüssen. Die Netzberechnung, die Netzleittechnik und die
Netzschutztechnik werden heute mit Hilfe von Digitalrechnern ausgeführt. Die grundle-
genden Berechnungsalgorithmen sind ähnlich bzw. können einander mehr oder weniger
angenähert werden. Dadurch entstehen vielfältige Synergieeffekte zum Vorteil der
Stromversorgung, aber auch zum Vorteil in der Ausbildung.

Die stark angestiegene Verbreitung leistungselektronischer Betriebsmittel in elektri-


schen Netzen, nicht zuletzt im Zusammenhang mit der Netzintegration regenerativer
Stromquellen, stellt eine der großen Herausforderungen an die Elektrische Energiever-
sorgung dar. Zum einen eröffnen sich dadurch vielfältige, bisher unbekannte oder bisher
nicht umsetzbare Optionen. Zum anderen entstehen aber gleichzeitig völlig neue Anfor-
derungen für die Netzberechnung, die Netzleittechnik, die Netzschutztechnik und den
Netzbetrieb, die in vielerlei Hinsicht einem Paradigmenwechsel gleichkommen, den es
unter den Bedingungen der Energiewende zu meistern gilt. Dabei ist es ratsam, sich
daran zu erinnern, daß die einzelnen Betriebsmittel und Komponenten elektrischer
Netze während der Entstehung der Stromversorgung ausgehend von den systembeding-
ten Anforderungen entwickelt wurden. Eine Spezialisierung nach Teilaufgaben entstand
erst später. Es ist deshalb für ein Gelingen allein der „elektrischen Energiewende“
äußerst wichtig, daß man das Ganze im Auge hat, selbst dann, wenn man sich nur mit
einem kleinen Teil davon beschäftigt.

Einen weiteren bedeutsamen Innovationsschub wird die Stromversorgung aus der


Durchdringung aller ihrer Prozesse mit Informationstechnik erfahren. Auch er kann
völlig neue Optionen eröffnen, wenn die neue Technologie zu einer tieferen wissen-
schaftlichen Durchdringung des Prozesses und damit zu einer neuen Qualität führt.
Begriffe wie „smart metering“, „smart grid“ und das schon etwas ältere „Energie- und
Lastmanagement“ stehen für moderne Entwicklungen in dieser Richtung. Aber nicht die
Anwendung der neuen Technologie allein ist schon eine „smarte“ Lösung. Diese erhält
man nur, wenn das Elektroenergiesystem von den Grundgedanken her unter
Berücksichtigung der geänderten Randbedingungen völlig neu durchdacht wird. Mit
oberflächlichem „energietechnischen Wissen“, implementiert in informationstechnische
Lösungen für die Stromversorgung, wird man nur wenig und vielleicht sogar das Ge-
genteil vom Beabsichtigten erreichen. Ganz bestimmt muß man sich mit den Werkzeu-
gen beschäftigen, Priorität besitzt aber immer das, was man mit ihnen erreichen will.
Das aber sollte man präzise wissen. Die mit „smart grid“ bzw. „smart metering“ ver-
bundene Erfassung und Verarbeitung großer Datenmengen, viel größerer als bisher,
wird sich nicht, wenn es konsequent genutzt wird, nur auf den Betrieb des elektrischen
0 Vorbemerkungen für Studentinnen und Studenten der Elektrischen Energietechnik 7

Energieversorgungssystems vorteilhaft auswirken, sondern kann außerdem viele Daten


und Erkenntnisse als Grundlage für die Systemplanung liefern. An dieser Stelle sei
angemerkt, daß die Planung von elektrischen Energieversorgungssystemen schon immer
auf die Erfassung umfangreicher statistischer Daten (z.B. Belastungsdaten) angewiesen
war, wenn sie zu wirtschaftlichen, zuverlässigen und sicheren Lösungen führen sollte.
Wegen unzureichender Mittel zur Datenerfassung und -auswertung waren immer wieder
Kompromisse nötig, die nun mit der neuen Technologie überflüssig werden. Darin
steckt ein Verbesserungspotential, dessen Höhe noch nicht abschätzbar ist.

Elektrische Energietechnik war, wie bereits erwähnt, von Beginn an eng mit wirtschaft-
lichen Überlegungen verknüpft. So wird die Spannung, der Strom, die Leistung, die
Stromdichte, die Auslastung elektrischer Betriebsmittel nach wirtschaftlichen Gesichts-
punkten gewählt, wobei sowohl der Materialaufwand (die Investitionskosten) als auch
die Verluste (als Teil der Betriebskosten) Berücksichtigung finden. Freileitungen wer-
den mit „optimalem Mastabstand“ und „wirtschaftlichem Durchhang“ und Transforma-
toren nach ihrem „maximalen Wirkungsgrad“ ausgelegt. Motoren werden so dimen-
sioniert, daß sie in ihrem Nennbetriebspunkt mit „maximalem Leistungsfaktor“ arbeiten
und vieles andere mehr. Diese Beispiele auf der Betriebsmittelebene erfahren ihre Fort-
setzung auf höherer Ebene in der Netzplanung. Dafür stehen z. B. die optimale Größe
eines (von einem Transformator gespeisten) Versorgungsgebietes, die wirtschaftliche
Zuordnung von Motoren und anderen Abnehmern zu den Spannungsebenen in Indu-
strienetzen oder die Bestimmung der wirtschaftlichsten Spannungsebene für spezielle
Versorgungsaufgaben. In der vollintegrierten Stromversorgung wurde der Netzbetrieb
nach einer Vielzahl von Gesichtspunkten optimiert, wobei sich auch zeigte, daß der
Optimierung durch die Systemkomplexität Grenzen gesetzt sind. Begriffe wie „Energie-
und Lastmanagement“, „optimaler Kraftwerkseinsatz“, „optimaler Verbundbetrieb“,
„optimaler Lastfluß und Blindleistungshaushalt“ zeugen z. B. davon. In der liberalisier-
ten Energiewirtschaft gelten insbesondere für den Netzbetrieb andere Kriterien. Das
sogenannte „Least-Cost-Planning“ oder „Integrated Ressource Planning“ war ein viel-
versprechender Ansatz zur Energieökonomie, der über die Grenzen des elektrischen
Systems hinausging und die wirtschaftlichen Interessen von Abnehmern und Stromver-
sorgern in Einklang bringen sollte. Er scheint in der liberalisierten Elektrizitätswirt-
schaft in Vergessenheit geraten zu sein, sollte aber besonders im Zusammenhang mit
der Integration regenerativer Stromquellen wieder Beachtung finden. In der akademi-
schen Ausbildung stehen Wirtschaftliche Energieversorgung und Elektrizitätswirt-
schaft als Teildisziplinen der Energietechnik für den wirtschaftlich sorgsamen Umgang
mit Energie und Material, an dem auch und besonders in der Energiewende festgehalten
werden muß.

Im Begriff „Elektrische Energieversorgung“ kommt schließlich der soziale Aspekt des


Faches zum Ausdruck: Es geht um die Versorgung der Menschen mit Strom, dessen
Nutzung heute zum Grundbedürfnis geworden ist. Es geht um „die Ausstattung mit dem
Nötigen“, wie die Bedeutung des Wortes „Versorgung“ im Grimm´schen Wörterbuch
angegeben ist.
8 Elektrische Energieversorgung

Der gegenwärtige gesellschaftliche Diskurs darüber dreht sich um die viel beschworene
„Energiewende“ mit der ausschließlichen Nutzung regenerativer Energieträger als fer-
nem Ziel. Es wäre vermessen zu glauben, es handele sich um eine rein wirtschaftliche
Aufgabe oder man wäre diesem Ziel schon einen gewichtigen Schritt näher, wenn man
an den Universitäten nur die „richtigen“ Lehrstühle und Studiengänge einrichtet, die
dann das dafür nötige Wissen erschließen und in die Praxis tragen. Der sogenannten
„Dezentralen (elektrischen) Energieversorgung“, die der klassischen, „antiquierten“
(Elektrischen) Energietechnik als „zeitgemäß“ gegenübergestellt wird, fehlt es noch zu
sehr an gesichertem Wissen. Sie ist keine moderne Entwicklung, sondern lediglich eine
Verengung, eine Erstarrung der Form, nur ein verschwindend kleiner Teil des bisher
unüberschaubaren Problems der zukünftigen Energieversorgung, der wegen vieler
Überschneidungen und gegenseitiger Abhängigkeiten nicht von der (Elektrischen)
Energietechnik getrennt werden sollte. Die Entwicklung der Energieversorgung und
besonders der Stromversorgung der Zukunft ist aus heutiger Sicht eine weit greifende
Aufgabe, die zu ihrer Lösung das Denken in größeren Systemzusammenhängen ebenso
benötigt wie das in feinzergliederten Detailansichten.

Die Elektrische Energietechnik erweist sich als breit angelegtes ingenieurwissen-


schaftliches Fachgebiet, das fest in den Grundlagen der Elektrotechnik verankert ist, aus
vielen wissenschaftlichen Teildisziplinen gespeist wird und dieses Wissen in einem
spezifischen Systemdenken verknüpft und zur Wirkung bringt.
1 Einleitung
Die Versorgung mit Energie gehört zu den elementaren Bedürfnissen der Menschheit.
Das Lebensniveau in den hochentwickelten Ländern der Erde konnte nur auf einer sta-
bilen energetischen Grundlage entstehen. Ohne Energie ist keine industrielle Produktion
möglich, Energie verleiht Mobilität, erleichtert das Leben und führt zu Wohlstand.

Die elektrische Energie nimmt seit Beginn ihrer technischen Nutzung im Prozess einer
nachhaltigen Energieversorgung eine Schlüsselposition ein, weil sie aus jedem Primär-
oder Sekundärenergieträger auf einfache Weise erzeugt und im Vergleich zu allen ande-
ren Energieformen in ausgezeichneter Weise an die Erfordernisse der Nutzung angepaßt
werden kann. Sie ist deshalb die Grundlage jeglicher Automatisierung, selbst dann,
wenn die Hauptenergieform des Prozesses eine andere ist. Im Laufe der industriellen
Entwicklung hat die Anwendung elektrischer Energie mehrfach zu positiven externen
Effekten geführt, die sich tiefgreifend auf die Wirtschaftskraft und das Lebensniveau
ausgewirkt haben.

Die ersten Stromversorgungsanlagen dienten vorrangig der Beleuchtung. Für diesen


Zweck allein hätte sich die Nutzung elektrischer Energie aber niemals durchsetzen kön-
nen, weil der Belastungsgang der Kraftwerke für einen wirtschaftlichen Betrieb viel zu
unausgeglichen gewesen wäre. Schon der elektrische Motor als weitere Last (Licht &
Kraft) trug mit seinem ausgleichenden Einfluß wesentlich zur Steigerung der Effizienz
der Stromversorgung bei. Die damit einsetzende Diversifizierung der Abnehmerstruktur
durch ständig neuere Stromanwendungen steigerte die Effizienz der elektrischen Ener-
gieversorgung immer weiter und bestätigte in der Folge das Jevons-Paradox (heute auch
Rebound-Effekt genannt), daß der wirtschaftliche Gebrauch eines Gutes nicht etwa zur
Verminderung, sondern vielmehr zur Steigerung des Verbrauchs führt. Elektrische
Energie fand so schließlich Anwendungen selbst in Bereichen, in denen es anfangs nicht
nötig gewesen wäre, sondern bestenfalls der Bequemlichkeit diente. Heute sind mo-
derne Gesellschaften als Folge dieser Entwicklung total vom Strom abhängig geworden
und es geht längst nicht mehr nur darum, daß an jedem Ort eine bestimmte Menge elek-
trischer Energie mit einem bestimmten zeitlichen Leistungsprofil bereitzustellen ist,
sondern schon kurzzeitige Versorgungsunterbrechungen mit vergleichsweise kleinen
Lieferausfällen können zu schwerwiegenden Folgen im Gemeinwesen führen. Jeder
Eingriff in die Stromversorgung bedeutet daher einen Eingriff in das zentrale Nervensy-
stem der Gesellschaft, der beruhend auf festen und sicheren Grundlagen nur mit Beson-
nenheit und Achtsamkeit vollzogen werden sollte.

Weltweit unterscheidet sich der Pro-Kopf-Verbrauch an Energie um zwei bis drei Grö-
ßenordnungen. Da sich das unmittelbar in den Lebensbedingungen der Menschen nie-
derschlägt, wird ein globaler Aufschwung der Wirtschaft mit einer drastischen Stei-
gerung des Energiebedarfs, des Strombedarfs im Besonderen, einhergehen, der
ausgleichend auf diese Unterschiede wirkt. Die Gestaltung dieses Prozesses bei scho-
nendem Umgang mit allen verfügbaren Energie- und Rohstoffquellen ist eine substan-
tielle Aufgabe der Daseinsvorsorge. Das kommt in dem Begriff „Versorgung“, der nach
10 Elektrische Energieversorgung

dem Grimm´schen Wörterbuch so viel bedeutet wie „jemanden mit dem Nötigen aus-
statten“, unmißverständlich zum Ausdruck.
Eine technische Lösung, so auch das elektrische Energieversorgungssystem im Beson-
deren, ist stets Mittel zu einem Zweck. Wenn die Mittel sich ändern oder neue Mittel
zur Verfügung stehen, um Zwecke besser, effizienter, wirtschaftlicher, ökologischer er-
reichen oder gar übertreffen zu können, dann sind Sprünge zu vollziehen, die es er-
fordern, das Wissensgebäude von seinen Fundamenten her zu überarbeiten und zu über-
denken. Technikentwicklung verläuft so nicht stetig. Das Besondere hierbei in der elekt-
rischen Energieversorgung liegt in der gewaltigen Ausdehnung des heute bestehenden
Systems, das schier seiner Größe wegen nicht einfach durch ein anderes, neues ersetzbar
ist. Neue Lösungen führen unter diesem Umstand nur dann zu Innovationen, wenn ihre
Integration in das bestehende System so gelingt, daß dabei dessen Funktionalität ver-
bessert wird. Gelungene Systemintegration neuer Komponenten ist daher in der elektri-
schen Energietechnik ein bestimmender Faktor für erfolgreiche Innovation. Wunsch-
denken ist fehl am Platz. Man sollte von keiner neuen Lösung mehr erwarten, als sie
unter den physikalisch-technischen Randbedingungen zu leisten in der Lage ist. Das
Verbesserungspotential einer neuen Technik ergibt sich aus der Differenz zwischen dem
Ideal- und dem Istzustand des Systems, ist also unabhängig von ihr selbst. Der Aufwand
für ihre Einführung muß aber schließlich durch die tatsächlich erzielbaren Verbesserungen
gerechtfertigt werden.

Komponenten elektrischer Energieversorgungssysteme sind materialintensiv und werden


es wohl noch lange Zeit bleiben. Sie müssen aus diesem Grunde langlebig sein, weil Ko-
stensenkungen in dem Ausmaß wie bei Erzeugnissen der Massenproduktion in der Elek-
tronik keinesfalls zu erwarten sind. Das bedingt ein Denken in langen Zeiträumen von
fünfzig Jahren und mehr. Niemand ist freilich in der Lage, so weit vorausschauen zu kön-
nen. In einer Gesellschaft kann man mit einer solchen Situation nur im Konsens über den
weiteren Weg sinnvoll umgehen. Dieser ist aber gegenwärtig nicht gegeben und der Streit
über den „richtigen“ Weg bindet immense Kraft und Zeit. Es wäre vermessen, eine be-
stimmte Technik, etwa der Stromerzeugung oder -übertragung, langfristig vorschreiben
zu wollen. Im Laufe der Entwicklung eröffnen sich ständig neue, heute noch unbekann-
te Wege, die man prüfen und verfolgen kann, um fernen Zielen mit immer besseren Mit-
teln näher zu kommen.

Die momentane Entwicklungsphase der elektrischen Energietechnik ist unter anderem da-
durch gekennzeichnet, daß einerseits Leistungshalbleiter mit Stromtragfähigkeiten und
Spannungsfestigkeiten zur Verfügung stehen, die alle Leistungsbereiche der elektrischen
Energieversorgung über alle Spannungsebenen vom Hochspannungs-Übertragungsnetz
bis zur Niederspannungs-Verteilung abdecken. Andererseits können leistungselektroni-
sche und andere Stellglieder in elektrischen Energieversorgungsnetzen mit den Mitteln der
modernen Informationstechnik intelligent betrieben werden. In Kombination von moder-
ner Leistungselektronik und Informationstechnik werden daher völlig neue intelligente
elektrische Betriebsmittel mit bisher unbekannten Gebrauchseigenschaften für eine ratio-
nelle Energieübertragung, -verteilung und -anwendung entstehen, die es im oben darge-
stellten Sinne in das System zu integrieren gilt.
2 Energie und Leistung 11

Darüber hinaus führt die Deregulierung (Liberalisierung) der Elektrizitätswirtschaft zu


einer völligen Veränderung des Betriebsgeschehens in elektrischen Energieversorgungs-
netzen. Die Durchdringung der Energietechnik mit Informationstechnik hat ihr anfangs
den Weg bereitet und sie fördert nun ihrerseits die Beschleunigung der Entwicklung hin
zu intelligenten elektrischen Energieversorgungssystemen, den heute so bezeichneten
„smart grids“. Der „intelligente“ Netzbetrieb und seine Ziele sind nicht neu, sein Ver-
besserungspotential ist bekannt und wird im begrenzten Umfang seit längerer Zeit ge-
nutzt. Die Technikentwicklung hat aber auf diesem Gebiet ein Mittel hervorgebracht,
mit dem der Zweck zweckmäßiger erreichbar ist.

Daneben ist der drängende Wunsch nach einer „Dezentralisierung“ unter breiterer Nut-
zung regenerativer Energieträger zu sehen. Er entspringt der weit verbreiteten Sorge, daß
die heutigen Energiewandlungsprozesse mit ihren Auswirkungen auf die Umwelt die
Existenz der Menschheit gefährden könnten. Die keinesfalls befriedigenden Fortschritte
auf diesem Gebiet sind nicht allein mit den im Vergleich zur bisherigen Technik oft zu
hohen Kosten zu begründen, sondern vor allem auch damit, daß es nur unzureichend
gelingt, sie in das bestehende System zu integrieren. Auch hier ist die Verknüpfung von
Energie mit Intelligenz, die Verwirklichung ganzheitlicher Energieversorgungskonzepte
gefragt. Bei aller Sorge sollte Wunschdenken jedoch nicht dazu verführen, von neuen,
regenerativen Energieträgern mehr zu verlangen, als sie zu leisten in der Lage sind.

Es läßt sich historisch sehr gut verfolgen, daß das elektrische Energieversorgungssystem
im Widerstreit um die besten technischen Lösungen entstanden ist. Wirtschaftliche,
sichere und zuverlässige Versorgung waren von Anfang an Ziele dieser Entwicklung.
Erfolg war ihr umso mehr beschieden, je besser die Anpassung an die physikalisch-
technischen und wirtschaftlichen Besonderheiten und Eigenschaften dieser Energieform
gelungen ist. Auch neue Konzepte sind dieser Anpassung zu unterwerfen, wenn sie von
einer rein geistigen Vision in eine reale Innovation überführt werden sollen. Darum lohnt
es sich, die wichtigsten Grundgedanken und Entwicklungsphasen der elektrischen
Energieversorgung nachzuvollziehen. Nicht alle Grundgedanken und Prinzipien von einst
müssen heute noch gelten. Für einen neuen Weg können wir uns aber nur ganz bewußt
entscheiden, ohne dabei Vergangenheit und Gegenwart zu ignorieren, denn „bevor wir
wissen, wohin wir gehen, müssen wir wissen, woher wir kommen“ (Sokoloff).
2 Energie und Leistung
2.1 Zu den Begriffen Energie und Arbeit
Der Begriff Energie ist aus dem Griechischen entlehnt und bedeutet "wirkende Kraft".
Im Deutschen verwenden wir das Wort Energie für verschiedene Inhalte. Physikalisch
bedeutet Energie die Fähigkeit eines Stoffes, Körpers oder Systems, Arbeit zu ver-
richten. Diese Definition gilt im übertragenen Sinne auch für viele umgangssprachliche
Wortverbindungen wie Energiequellen, Energiereserven, Energieträger usw.

Unter naturwissenschaftlichen Kriterien wird die Energie nach ihrer Erscheinungsart


verschiedenen Energieformen zugeordnet. Vereinfacht werden sechs solcher Erschei-
nungsformen unterschieden:
1. Mechanische Energie: Mechanische Energie äußert sich als Bewegungsenergie
(kinetische Energie), z.B. fließendes Wasser, strömendes Gas (Wind), geschleu-
derter Stein, oder als Energie aufgrund der Lage (potentielle Energie), z.B. gestau-
tes Wasser, komprimiertes Gas, gespannte Feder.
2. Thermische Energie: Wärmeenergie, die in einem Körper aufgrund der unge-
ordneten Bewegung seiner atomaren Bausteine (Atome, Moleküle) vorhanden ist,
z. B. kochendes Wasser, glühender Stahl, Gasflamme.
3. Chemische Energie: Chemische Energie ist in Stoffen gebundene Energie, die
durch chemische Reaktionen freigesetzt werden kann, z. B. Verbrennung fester,
flüssiger und gasförmiger Brennstoffe unter Entstehung von Wärme und Licht.
4. Elektrische Energie: Sie ist an Ladungsträger gebundene Energie, die in kineti-
scher (elektrischer Strom in einer Leitung → bewegte Ladungsträger) oder poten-
tieller Form (gespeicherte Ladung in einer Batterie oder einem Kondensator)
auftreten kann. Sie wird im folgenden oft einfach nur als Strom bezeichnet.
5. Elektromagnetische Energie: Sie setzt das Vorhandensein bewegter elektrischer
Ladungsträger voraus und ist an zeitlich veränderliche (periodische) elektrische und
magnetische Felder gebunden (Rundfunk- und Fernsehwellen, Licht, Wärmestrah-
lung, Röntgenstrahlen, Gammastrahlen usw.).
6. Kernenergie: Sie ist in Atomkernen gebundene Energie, die bei bestimmten Kern-
reaktionen freigesetzt werden kann, z.B. Spaltung von Uran-Atomkernen, Fusion
von Wasserstoffkernen.

Energiewirtschaftlich wird der Begriff Energie nicht nur unter physikalischen Aspekten
betrachtet, sondern auch hinsichtlich der Herkunft und der Verwendung von Energiear-
ten. Alle Energieträger, die in der Natur vorkommen und nicht durch technologische
Prozesse umgewandelt oder veredelt sind, werden als Primärenergien (Primärenergie-
träger) bezeichnet. Beispiele dafür sind Kohle, Uran, Erdgas, Erdöl, Sonnenstrahlung,
Wind- und Wasserkraft, Biomasse, Erdwärme. Sonnenstrahlung. Wind- und Wasser-
kraft, Biomasse, Erdwärme sind sich ständig erneuernde (regenerative) Primärenergie-
2 Energie und Leistung 13

träger. Kohle, Uran, Erdgas, Erdöl werden dagegen aufgebraucht. Sie sind fossile Pri-
märenergieträger, die in früheren Zeiten entstanden sind.

Die meisten Primärenergien sind für eine direkte Nutzung wenig geeignet. Um sie den
Bedürfnissen der Energieversorgung anzupassen, werden sie in Sekundärenergien
überführt. Beispiele dafür sind die Umwandlung von Kohle in Elektrizität oder Fern-
wärme, die Umwandlung von Erdöl in Benzin oder Heizöl, die Umwandlung von Was-
ser- und Windkraft in elektrische Energie.

Nach der Aufbereitung werden den Verbrauchern Primär- oder Sekundärenergien als
Endenergien zur Verfügung gestellt. Die Verbraucher (Haushalte, Gewerbe, Industrie,
Verkehr) wandeln sie in Nutzenergie um. Am Ende der Kette steht die sogenannte
"Energie-Dienstleistung": der geheizte oder beleuchtete Raum, die laufende Maschine,
das fahrende Verkehrsmittel usw. Für den Kunden der Energie-Dienstleistung ist es oft
unerheblich, auf welchem Weg und mit welcher Energieform sie zustandegekommen
ist. Der erwartete Nutzen dieser Energie-Dienstleistung besteht meist darin, daß eine
Arbeit verrichtet wird, die der Mensch nicht selbst verrichten möchte oder kann.

Im Alltag wird die Menge einer verrichteten Arbeit nach der verspürten Ermüdung
beurteilt. Sie hängt einerseits von der aufgewandten Kraft und andererseits von der
Länge des Weges, über dem diese Kraft wirken muß, ab. Der physikalische Begriff
Arbeit entspricht weitgehend dem Alltagsbegriff.

y
F
Fy

 Fx x
 

Bild 2.1: Zur Bestimmung der Arbeit beim Transport eines Koffers

Die Arbeit WA ist gleich dem Produkt aus dem Weg x und der in Richtung des Weges
wirkenden Kraft Fx.

W A = Fx x (2.1.1)

Bild 2.1 zeigt, daß die Kraft Fx eine Komponente der tatsächlich aufzubringenden Kraft
F ist. Für sie gilt mit dem Winkel  zwischen Weg- und Kraftrichtung

Fx = F cos  (2.1.2)

Die senkrecht zu Fx wirkende Kraft Fy beansprucht zwar den Träger, trägt aber nicht zur
Arbeit beim Transport des Koffers bei.
14 Elektrische Energieversorgung

2.2 Energieumwandlung
2.2.1 Energieerhaltungssatz. Es gehört zu den täglichen Erfahrungen, daß überall dort,
wo die Bewegung eines Körpers gehemmt wird, also ein Teil seiner kinetischen Energie
verlorengeht, Wärme entsteht. Beispiele dafür sind das Sägen, Schleifen, Feilen und
Bohren. Die einzelnen Energieformen sind folglich ineinander umwandelbar. Dabei gilt
der Energieerhaltungssatz: In einem abgeschlossenen System ist die Summe aller
Energiemengen konstant. Ein System heißt abgeschlossen, wenn es keinerlei Einfluß
aus seiner Umgebung erfährt. Der Energiezuwachs eines nichtabgeschlossenen Systems
muß mithin gleich der Energieabnahme seiner Umgebung sein und umgekehrt. Aus die-
ser Erfahrung folgt, daß es kein System (Maschine) geben kann, das mechanische Ar-
beit abgibt, ohne daß eine gleichwertige Menge einer anderen Energieform dafür aufge-
bracht wird. Ein solches undenkbares System heißt Perpetuum mobile erster Art.

Der Energieerhaltungssatz wird in der Thermoynamik erster Hauptsatz genannt. Um


ihn formulieren zu können, wird vereinfachend vorausgesetzt, daß das betrachtete Sy-
stem weder kinetische noch mechanische Energie besitzen soll. Es soll also im Raum
ruhen, und seine Lage über dem Erdboden soll hier ohne Bedeutung sein. Unter diesen
Voraussetzungen beschreibt der Energieerhaltungssatz Vorgänge, bei denen einem Sy-
stem Wärme und eine Arbeit zu- oder abgeführt werden. Die gesamte in einem System
enthaltene Energie wird unabhängig von der Form der Zuführung innere Energie ge-
nannt. Sie wird mit U bezeichnet und ihre Änderung mit ΔU. Zu jedem Zustand eines
Systems wird nun eine genau bestimmte Menge an innerer Energie vorausgesetzt, d.h.,
die innere Energie wird als eindeutige Zustandsfunktion des Systems angenommen.
Führt man z.B. einem Gas Wärme oder Arbeit zu, dann ändern sich außer der inneren
Energie auch diejenigen Größen, wie Druck, Volumen und Temperatur, die seinen Zu-
stand charakterisieren. Die Zustandsänderung und die Änderung der inneren Energie
sind folglich miteinander verknüpft.

Mit den oben getroffenen Annahmen lautet der erste Hauptsatz: Die einem System zu-
geführte Wärmemenge WQ führt zur Erhöhung der inneren Energie und zur Ab-
gabe mechanischer Arbeit WA nach außen.

WQ = U + WA (2.2.1)

Die Wärmemenge WQ wird hier positiv gezählt, wenn sie dem System zugeführt wird,
die Arbeit WA dagegen, wenn sie vom System abgegeben wird, und umgekehrt.

Da die innere Energie eine Zustandsfunktion des Systems darstellt, hängt ihre Änderung
nur vom Anfangs- und Endzustand ab, nicht aber vom Weg, auf dem sich der Zustand
ändert. Für den Übergang von einem Zustand 1 in einen Zustand 2 erhält man daher die
Änderung der inneren Energie als Differenz der inneren Energien beider Zustände

U = U 2 − U1 (2.2.2)
2 Energie und Leistung 15

2.2.2 Carnotscher Kreisprozeß. Der Carnotsche Kreisprozeß ist als idealer Prozeß, der
in der Realität nur angenähert werden kann, für die Umwandlung von Wärme in mecha-
nische Energie von grundlegender Bedeutung. Er läuft mit einer unveränderlichen
Menge eines idealen Gases, das in einen Arbeitszylinder mit beweglichem Kolben ein-
geschlossen ist, in vier Phasen ab, die im Bild 2 schematisch dargestellt sind.

WQ1 = WA1

0 = U a1 + WAa1

T2 < T1 WQ 2 = WA2

Bild 2.2:
Phasen des Carnotschen
Kreisprozesses 0 = U a 2 + WAa 2

In der ersten Phase ist der Arbeitszylinder mit einem Wärmespeicher mit der absoluten
Temperatur T1 verbunden. Das ideale Gas in ihm dehnt sich isotherm (bei gleichblei-
bender Temperatur T1) aus. Seine innere Energie bleibt dabei unverändert. Nach Glei-
chung (2.2.1) wird daher die gesamte während der ersten Phase zugeführten Wärme-
menge WQ1 in die mechanische Arbeit WA1 umgewandelt. In der zweiten Phase ist der
Arbeitszylinder thermisch isoliert, es wird weder Wärme zu- noch abgeführt. Das Gas
dehnt sich adiabatisch weiter aus und gibt weiterhin mechanische Arbeit nach außen ab.
Die dafür nötige Energie wird seiner inneren Energie entnommen und das ideale Gas
kühlt sich auf die Temperatur T2 ab. In der dritten Phase ist der Arbeitszylinder mit
einem Wärmespeicher der Temperatur T2 verbunden. Das ideale Gas wird unter Auf-
wendung mechanischer Arbeit isotherm komprimiert. Während der vierten Phase ist der
Arbeitszylinder wiederum thermisch isoliert und das Gas wird adiabatisch weiter kom-
primiert. Seine Temperatur steigt dabei auf T1 an und es erreicht so seinen Ausgangszu-
stand, von dem aus der Kreisprozeß erneut in gleicher Weise ablaufen kann.

Die Energiebilanz des Prozesses erhält man durch Addition der vier Gleichungen in
Bild 2.2 unter Berücksichtigung der Richtungen der Kolbenbewegung. Die beiden adia-
batischen Phasen heben sich dabei gegenseitig auf und gehen so nicht in die Bilanz ein.
Man erhält daher für die gewonnene mechanische Arbeit

WA = WA1 − WA2 = WQ1 − WQ2 (2.2.3)

Die abgeführte mechanische Arbeit ergibt sich aus der Differenz der Arbeitsmengen der
Phasen 1 und 3 und entspricht der Differenz der Wärmemengen, die in diesen beiden
16 Elektrische Energieversorgung

Phasen aufgenommen und abgegeben wurden. Gerade in letzterem liegt das Dilemma
der Umwandlung von Wärme in mechanische Energie, denn insgesamt wurde dem
Speicher 1 die Wärmemenge WQ1 entnommen und nur ein Teil davon ist in mechanische
Arbeit WA umwandelbar. Die Wärmemenge WQ2 geht diesem Zweck verloren. Während
mechanische Arbeit stets vollständig in eine äquivalente Wärmemenge umgewandelt
wird, muß im umgekehrten Fall zur Erzeugung mechanischer Arbeit zusätzlich eine
Wärmemenge aufgebracht werden, die in einen Speicher mit niedrigerer Temperatur
fließt. Wärme verliert also an Wert, je niedriger die zugehörige Temperatur ist.

2.2.3 Wirkungsgrad des Carnotschen Kreisprozesses. Der Wirkungsgrad η eines


energetischen Prozesses ist definiert als das Verhältnis von Nutzarbeit zu dem dafür
nötigen Energieaufwand

Nutzarbeit
= (2.2.4)
Energieaufwand

Er ist ein Qualitätsmerkmal des Prozesses.


Für den carnotschen Kreisprozeß gilt mit der oben aufgestellten Energiebilanz

WQ1 − WQ2
Carnot = <1 (2.2.5)
WQ1

Mit der Zustandsgleichung idealer Gase kann Gleichung (2.2.5) umgeformt werden

T1 − T2 T
 Carnot = = 1− 2 < 1 (2.2.6)
T1 T1

Der Wirkungsgrad des Carnotschen Kreisprozesses wächst mit abnehmender Tempera-


tur T2. Im absoluten Nullpunkt, der nach dem Nernstschen Wärmetheorem, dem drit-
ten Hauptsatz, nur asymptotisch erreichbar ist, würde er eins betragen. Die Erzeugung
von Temperaturen unterhalb der Umgebungstemperatur bedeutet jedoch einen zusätzli-
chen Aufwand, der in die Energiebilanz einbezogen werden müßte. Der Wärmespeicher
mit der Ausgangstemperatur T2 befindet sich daher immer auf Umgebungstemperatur
bzw. auf einer Temperatur, die in der jeweiligen Umgebung leicht zugänglich ist (z.B.
Erdboden oder Grundwasser).

Der Wirkungsgrad kann nach Gleichung (2.2.6) außerdem durch Erhöhung der Ein-
gangstemperatur T1 verbessert werden. Dieser Möglichkeit sind durch die Materialbe-
anspruchung der Systemkomponenten bei hohen Temperaturen technische Grenzen
gesetzt, ein Umstand, dem man in der Technik immer wieder begegnet: Physikalische
Prozesse lassen sich nur in dem Rahmen verwirklichen, den die Belastbarkeit der
2 Energie und Leistung 17

verwendeten Materialien im Hinblick auf verschiedenste Beanspruchungen der


Systemkomponenten vorgibt. Temperaturbeanspruchung setzt sehr häufig technische
Grenzen. Sie hängt unmittelbar mit Alterung und Lebensdauer von Betriebsmitteln und
Systemen zusammen.

Eine letzte Möglichkeit der Wirkungsgradverbesserung des Carnotschen Kreisprozesses


ist die Nutzung der Wärmemenge WQ2. Das wird möglich, wenn die Ausgangstempera-
tur des eigentlichen Kreisprozesses T2 so hoch gewählt wird, daß die Wärme anderwei-
tig nutzbar wird, z.B. zur Erzeugung von Prozeßdampf in einem Produktionsprozeß
oder aber einfach zur Heizung. Das ist das Prinzip der Kraft-Wärme-Kopplung. Im
Anschluß an den Carnotschen Kreisprozeß ließe sich so theoretisch die gesamte Wär-
memenge WQ2 nutzen und man erhält einen Wirkungsgrad von eins.

2.2.4 Umkehrung des Carnotschen Kreisprozesses. Durch Einspeisung von mechani-


scher Arbeit läßt sich der Carnotsche Kreisprozeß umkehren. Das wird im Bild 2.3
veranschaulicht. Links ist der oben beschriebene Prozeß dargestellt. Rechts wird dem
System im Kreisprozeß bei gleichen Temperaturen die gleiche Menge an mechanischer
Arbeit WA zugeführt und dadurch ebenfalls die gleiche Wärmemenge WQ2 wie links aus
dem Speicher 2 mit der niedrigen Temperatur T2 in den Speicher 1 mit der höheren
Temperatur T1 gehoben. Dem Speicher 1 wird damit rechts insgesamt die Wärmemenge
WQ1 zugeführt, die ihm im umgekehrten, linken, Prozeß entnommen wurde.

WQ1 WQ1

WQ 2 WQ 2
WA WA
Bild 2.3:
Energiefluß des Carnotschen
Kreisprozesses und seiner
T2 < T1 T2 < T1
Umkehrung

Die Umkehrung des Carnotschen Kreisprozesses hat zwei Anwendungen: die Wärme-
pumpe und die Kältemaschine. Die Wärmepumpe dient zur Heizung und Warmwasser-
bereitung. Einem Warmwasserspeicher mit der Temperatur T1 wird unter Einsatz von
aus Strom erzeugter mechanischer Energie WA eine Wärmenge WQ1 zugeführt, die zum
Teil als Wärmemenge WQ2 aus einen ansonsten ungenutzten Speicher mit niedrigerer
Temperatur T2 entnommen wird. Das Verhältnis aus Nutzen und Aufwand ist hier das
von gewonnener Heizwärme zum aufgewandten Strom
18 Elektrische Energieversorgung

WQ1 WQ1 T1
WP = = = (2.2.7)
WA WQ1 − WQ2 T1 − T2

Der Warmwasserspeicher soll eine Temperatur von etwa 73,25 C besitzen und die
Wärmemenge WQ2 soll aus dem Grundwasser mit einer Temperatur von 4 C entnom-
men werden. Dafür erhält man aus Gleichung (2.2.7) das Nutzungsverhältnis WP = 5,
d.h., dem Grundwasser wird die vierfache Energiemenge entzogen, die man als Strom
dafür einsetzen muß. Die Energieeinsparung zum Strom würde vier Fünftel (80 %)
betragen.

Den tatsächlichen Gewinn erhält man durch Vergleich mit einer Heizung, die Primär-
energie direkt verwendet. Vereinfachend soll eine moderne Erdgasheizung mit einem
Wirkungsgrad von 100 % angenommen werden. Der Energieinhalt des benötigten Erd-
gases ist dann gleich der Wärmemenge WQ1. Der mittlere Wirkungsgrad der Stromver-
sorgung in Deutschland liegt etwa bei 40 %, d.h., um die mechanische Arbeit WA aus
Strom aufzubringen, muß etwa die 2,5fache Primärenergiemenge 2,5 WA eingesetzt
werden. Die Primärenergieeinsparung durch die Wärmepumpe beträgt dann nur noch
50 %. Anders sieht das z.B. in Norwegen aus. Dort wird der Strom überwiegend aus
Wasserkraft, d.h. mit einem Wirkungsgrad von mehr als 90 % erzeugt. Die mit der
Wärmepumpe erzielte Einsparung an Primärenergie beträgt dort somit immerhin noch
mehr als 75 %. Das Beispiel lehrt zugleich, daß eine elektrische Heizung bei unserer
Struktur der Stromversorgung energetisch sehr ungünstig ist und damit ökologisch nicht
empfehlenswert.

Die Kältemaschine dient dem Zweck, durch Aufwendung mechanischer Arbeit einem
Wärmespeicher mit niedriger Temperatur T2 (dem Kühlschrankinneren) Wärme WQ2 zu
entziehen und sie an die Umgebung mit höherer Temperatur T1 abzugeben. Das
Nutzungsverhältnis KM der Kältemaschine ist das Verhältnis von WQ2 zu WA

WQ2 WQ2 T2
 KM = = = (2.2.8)
WA WQ1 − WQ2 T1 − T2

2.2.5 Zweiter Hauptsatz der Thermodynamik. Der erste Hauptsatz sagt aus, daß in
der Natur nur solche Prozesse ablaufen können, bei denen sich die Gesamtenergie aller
beteiligten Komponenten oder Stoffe eines abgeschlossenen Systems nicht ändert. Die
in diesem Sinne zulässigen Prozesse können in reversible und irreversible Vorgänge
unterschieden werden. Ein Vorgang heißt reversibel oder umkehrbar, wenn er so
rückgängig gemacht werden kann, daß keinerlei Veränderung gegenüber dem Aus-
gangszustand zurückbleibt. Anderenfalls heißt er irreversibel oder nicht umkehrbar.
2 Energie und Leistung 19

Die Bewegung der Planeten im Sonnensystem kommt einem reversiblen Vorgang am


nächsten. Mechanische Vorgänge verlaufen unter Vernachlässigung der Reibung rever-
sibel. Es gibt auch thermische Vorgänge, die der Reversibilität umso näher kommen, je
langsamer sie verlaufen. Auch eine Menge elektrischer Vorgänge kann man sich theo-
retisch reversibel vorstellen, wenn die Stromkreise widerstandslos sind. Reale Vorgänge
sind dagegen immer irreversibel. Sie können sich reversiblen nur asymptotisch annä-
hern. Je besser diese Annäherung gelingt, desto höher ist ihre Qualität. Darin liegt die
praktische Bedeutung reversibler Vorgänge für den Ingenieur: Reversible Vorgänge
sind Ideale, denen man sich annähern sollte, ohne sie je erreichen zu können. Sie
liefern Ausgangsparameter, die man nicht überbieten kann.

Der zweite Hauptsatz der Thermodynamik sagt nun aus, daß es keine Vorgänge geben
kann, die genaue Umkehrungen von irreversiblen Zustandsänderungen sind. In diesem
Zusammenhang ist das Perpetuum mobile zweiter Art besonders bedeutsam. Unter
ihm versteht man eine Maschine, die einem Wärmebehälter ausschließlich Wärme ent-
zieht und sie in die gleiche Menge mechanischer Arbeit umwandelt. Ein solches Perpe-
tuum mobile zweiter Art kann es nach dem zweiten Hauptsatz nicht geben. Aus der Er-
fahrung ist es beispielsweise unmöglich, daß ein kalter Körper ohne äußere Einwirkun-
gen Wärme an einen warmen Körper abgibt. Ebenso kann sich ohne äußere Eingriffe
kein Temperaturunterschied in einem gleichmäßig erwärmten Körper einstellen. Boltz-
mann hat, diese Erfahrungen auswertend, den zweiten Hauptsatz so formuliert: Die Na-
tur strebt aus einem unwahrscheinlicherem dem wahrscheinlicheren Zustand zu.

Auf der Grundlage des zweiten Hauptsatzes läßt sich beweisen, daß der Carnotsche
Kreisprozeß den höchsten Wirkungsgrad der mechanisch-thermischen Energieumwand-
lung besitzt. Mit anderen reversiblen Kreisprozessen läßt sich aber der gleiche Wir-
kungsgrad ebenfalls erreichen. Der Wirkungsgrad irreversibler Kreisprozesse ist stets
kleiner als der reversibler.

 irr <  Carnot (2.2.9)

Allen Mechanismen der Energieumwandlung ist gemeinsam, daß neben der gewünsch-
ten Energieform Wärme entsteht. Alle Energieumwandlungen enden also in der Freiset-
zung von Wärme niedrigen Temperaturniveaus. Die vorhergehenden Überlegungen zei-
gen, daß der Wert von Wärmeenergie von der Temperatur abhängt und eine gegebene
Wärmemenge nur mit zusätzlicher Arbeit auf ein höheres Temperaturniveau gehoben
werden kann. Wärme nimmt deshalb eine Sonderstellung unter den Energieformen ein.
Der Teil der Energie, der Arbeit verrichten kann, wird Exergie genannt, und der nicht
nutzbare Teil Anergie. Energieverbrauch ist gleichbedeutend mit Exergieverbrauch.
Der Verbrauch von Energiereserven ist die Transformation von vielfältig umwandelba-
ren Energieformen in beschränkt umwandelbare Wärme.
20 Elektrische Energieversorgung

2.3 Maßeinheiten für die Energie


Die potentielle mechanische Energie Wmpot eines Körpers oder Stoffes wird von seiner
Masse m, der Erdbeschleunigung g und der bei Ortsveränderung nutzbaren Höhe h
bestimmt. Sie läßt sich als Produkt der Kraft Fg und des Weges einfach ausdrücken

Wmpot = Fg h = m g h (2.3.1)
Die Maßeinheit der (mechanischen) Energie ist das Newtonmeter (N m). Aus Glei-
chung (2.3.1) erhält man dafür

m
1 N m = 1 kg 2 m (2.3.2)
s

Die Maßeinheit der elektrischen Energie ist das Joule (J), die Wattsekunde (Ws). Zwi-
schen den Einheiten gilt die Beziehung

1 Nm =1 J =1 Ws (2.3.3)

Größere Einheiten davon sind das Kilojoule (kJ), das Megajoule (MJ), das Gigajoule
(GJ), das Terajoule (TJ), das Petajoule (PJ) und das Exajoule (EJ).

1 kJ =1000 J
1 MJ = 1000 kJ = 1000 000 J
1 GJ =1000 MJ = 1000 000 kJ = 1000 000 000 J
(2.3.4)
1 TJ =1000 GJ = 1000 000 MJ = 1000 000 000 kJ
1 PJ =1000 TJ = 1000 000 GJ = 1000 000 000 MJ
1 EJ =1000 PJ = 1000 000 TJ = 1000 000 000 GJ

Eine veraltete Energieeinheit ist die Kalorie (cal). Eine Kalorie entspricht der Wärme-
menge, die nötig ist, um ein Gramm Wasser von 14,5 C auf 15,5 C zu erwärmen.

1 cal  4,187 J = 4,187 W s (2.3.5)

Die Kilokalorie (kcal) wird noch gebraucht (veraltet), um den Energiegehalt von Nah-
rungsmitteln anzugeben. Fälschlicherweise wird sie in diesem Zusammenhang oft als
Kalorie bezeichnet. Praktisch kommen häufig Maßeinheiten zur Anwendung, die auf eine
Zeitangabe in Stunden (h) bezogen sind. Eine Wattstunde (Wh) beträgt

1 W h = 3600 W s (2.3.6)

Größere Einheiten davon sind die Kilowattstunde (kWh), die Megawattstunde (MWh),
die Gigawattstunde (GWh) und die Terawattstunde (TWh).
2 Energie und Leistung 21

1 kW h = 1000 W h
1 MW h = 1000 kW h =1000 000 W h
(2.3.7)
1 GW h = 1000 MW h=1000 000 kW h=1000 000 000 W h
1 TW h = 1000 GW h =1000 000 MW h=1000 000 000 kW h

Neben diesen Einheiten sind weitere gebräuchlich, die vor allem zur Angabe des Ener-
giegehalts von Primärenergieträgern benutzt werden. Die Steinkohleneinheit (SKE)
gibt die Wärmemenge an, die bei der vollständigen Verbrennung von einem Kilogramm
Steinkohle definierter Qualität als Wärme entsteht. Sie beträgt

1 SKE = 29,3 MJ = 29,3 MW s = 8,139 kW h (2.3.8)

Um größere Energiemengen zu bezeichnen, bezieht man die Steinkohleneinheit auf eine


Tonne Steinkohle und spricht von Tonnen Steinkohleneinheiten (t SKE)

1 t SKE = 1000 SKE =29300 MJ =29,3 GJ = 8139 kW h (2.3.9)

In Energiebilanzen auf Länderbasis verwendet man Millionen Tonnen Steinkohlenein-


heiten. Neben der Steinkohleneinheit wird das Erdöläquivalent benutzt. Es ist gleich der
Energiemenge, die bei der Verbrennung von einem Liter Erdöl definierter Qualität als
Wärme entsteht. Die Umrechnung auf Steinkohleneinheiten ist nicht einfach, da die
Dichte von Erdöl je nach Förderort zwischen 0,8 und 1 kg/l betragen kann. Als ge-
bräuchlicher Durchschnittswert des Energiegehalts von einer Tonne Erdöl wird 41,9 GJ
angegeben. Einer Tonne Steinkohle entspricht demnach bezüglich des Energiegehalts
etwa die Menge von 0,7 Tonnen Erdöl (Erdöläquivalent). Für den Energiegehalt von
Erdöl gibt es weitere Einheiten (z.B. Energiemenge je Barrel Öl), die hier nicht benutzt
werden sollen, da sie nicht auf den internationalen SI-Einheiten beruhen.

2.4 Vergleich der Primärenergieträger


Der Vergleich zwischen verschiedenen Primärenergieträgern gibt einen ersten Einblick
in die Potentiale der Energiegewinnung.

3, 25 t Braunkohle
0,7 t Erdöl

1 t Steinkohle   3 (2.4.1)
925 m Erdgas
12 g Kernbrennstoff aus Urandioxid ( U O2 )

22 Elektrische Energieversorgung

Der Vergleich der Steinkohle mit regenerativen Energieträgern ergibt

≈ 8,1 Jahre (70956 h) Sonnenschein auf 1m 2 in ca. 50 n.B.



≈ 3, 24 Jahre (28382 h) Sonnenschein auf 1m2 in der Sahara
1 t Steinkohle   (2.4.2)
3
451 Millionen m Luft bei 10 m s Windgeschwindigkeit
 3
2930 000 m Wasser bei 1 m Fallhöhe

Der Vergleich der Steinkohle mit den regenerativen Energieträgern ist ein deutlicher
Hinweis auf den unwiederbringlichen Wert aller fossilen Primärenergieträger. Er sollte
zur äußerst sparsamen Verwendung dieser Rohstoffe ermahnen.

Insbesondere die großen Einheiten sind ein Hinweis auf den immensen Energiebedarf
der Menschheit. Der weltweite Primärenergiebedarf lag im Jahre 2008 bei ca. 12 270
Milltionen t Öläquivalent. Das sind etwa 17 520 Millionen Tonnen Steinkohleneinhei-
ten bzw. 514 EJ ( 142800 TW h).

Der Primärenergiebedarf Deutschlands betrug im Jahr 2009 insgesamt etwa 13 430 PJ.
Davon wurden 5 200 PJ, ca. 38,7 %, zur Stromerzeugung eingesetzt. Der Stromver-
brauch beläuft sich dagegen auf etwa 596 TWh (2 145 PJ). Der mittlere Wirkungsgrad
der deutschen Stromerzeugung liegt daher bei annähernd 40 %.

2.5 Leistung
Der energetische Zustand eines Systems kann sich nicht sprunghaft ändern. Energie-
umwandlungen wie auch der Transport von Energie sind Prozesse, die in der Zeit ablau-
fen. Die Frage nach der Geschwindigkeit einer Energieumwandlung bzw. auch eines
Energietransportes führt auf den Begriff der Leistung. Sie ist die zeitliche Änderung der
Energie. Wenn der Prozeß innerhalb eines Zeitabschnittes Δt gleichförmig verläuft,
dann ist die Leistung P zeitlich konstant und es gilt

W
P= (2.5.1)
t
Mit Gleichung (2.5.1) erhält man aus Gleichung (2.3.2) als Maßeinheit der mechani-
schen Leistung das Newtonmeter je Sekunde (N m/s)

Nm m2
1 = 1 kg 3 (2.5.2)
s s
2 Energie und Leistung 23

und aus Gleichung (2.3.3) die SI-Einheit der Leistung, das Watt (W)

Nm J
1 =1 =1W (2.5.3)
s s

Gebräuchlich sind die vom Watt abgeleiteten Maßeinheiten Milliwatt (mW), Kilowatt
(kW), Megawatt (MW), Gigawatt (GW) und Terawatt (TW)

1 mW = 0,001 W
1 kW = 1000 W
1 MW = 1000 kW =1000 000 W (2.5.4)
1 GW = 1000 MW=1000 000 kW =1000 000 000 W
1 TW = 1000 GW =1000 000 MW=1000 000 000 kW

Die großen Leistungseinheiten weisen wiederum auf den Energiehunger der Menschheit
hin. In Deutschland liegt die installierte Leistung konventioneller Kraftwerke bei etwa
110 GW, ca. 30 GW davon werden von Kernkraftwerken erbracht, und im Jahre 2010
waren zusätzlich Windenergieanlagen mit einer Gesamtleistung von annähernd 30 GW in-
stalliert. Die maximale Verbraucherleistung lag in Deutschland im Jahr 2008 bei
82,2 GW, die minimale bei 48,7 GW. Der Überschuß an installierter Kraftwerksleistung
trägt zu einer zuverlässigen und sicheren Stromversorgung bei. Im westeuropäischen
Verbundnetz beträgt die installierte Erzeugerleistung insgesamt etwa 690 GW. Die
maximale Verbraucherleistung lag 2008 bei 392,4 GW und die minimale bei 217,1 GW.

Neben dem Watt sind noch einige veraltete Maßeinheiten für die Leistung gebräuchlich. Die
wichtigsten sind das Kilopondmeter je Sekunde (kp m/s) und die Pferdestärke (PS).

kp m
1 = 9,80665 W
s
(2.5.5)
kp m
1 PS = 75 = 735, 49875 W
s

Im Zusammenhang mit Wärmeenergie wird veraltet noch die Kilokalorie je Stunde


(kcal/h) als Maßeinheit gebraucht. Sie beträgt umgerechnet in die SI-Einheit Watt

kcal
1 = 1,163 W (2.5.6)
h
24 Elektrische Energieversorgung

2.6 Energiewandlungsprozesse zur Stromerzeugung


Im Bild 2.4 sind die wichtigsten Wege zur Gewinnung elektrischer Energie schematisch
dargestellt.

 3

Bild 2.4: Wege zur Stromerzeugung

Die größte Strommenge wird bisher auf dem Weg 1 (rot) erzeugt. Eine Primär- oder Se-
kundärenergie wird in Wärme umgewandelt, aus der im zweiten Schritt mechanische
Bewegungsenergie (Rotationsenergie) gewonnen und aus dieser schließlich Strom herge-
stellt wird. Das geschieht in thermischen Kraftwerken, in denen Primärenergieträger
(Kohle, Gas, Öl u.a.) zur Wärmeerzeugung verbrannt werden, und in Kernkraftwerken,
in denen bei der Kernspaltung Wärme entsteht. In solarthermischen Kraftwerken wird
Sonnenenergie in Wärme umgewandelt und in geothermischen Kraftwerken Erdwärme.

Auf dem Weg 2 (blau) wird die Primärenergie direkt in mechanische Energie umge-
wandelt und aus ihr auf die gleiche Weise wie oben Strom hergestellt. Dieser Prozeß
läuft in Wasserkraftwerken und in Windenergieanlagen ab.

Der Weg 3 steht für die direkte Umwandlung einer Primär- oder Sekundärenergie in
Strom. Photovoltaische Anlagen wandeln Sonnenenergie direkt in Strom um. In Bat-
terien wird chemische Energie in Strom umgewandelt. Das gleiche geschieht in Brenn-
stoffzellen, in denen durch die sogenannte „kalte Verbrennung“ von Wasserstoff und
Sauerstoff Wasser und Strom entstehen.

Der Weg 4 wird voraussichtlich mit dem weiteren Ausbau der Windenergienutzung eine
große Bedeutung gewinnen. Überschüssiger Strom könnte dabei zur Erzeugung eines
2 Energie und Leistung 25

chemischen Energieträgers dienen, z. B. zur Erzeugung von Wasserstoff durch Elektro-


lyse mit ggf. anschließender Methanisierung (gas to power). Der Wasserstoff kann di-
rekt oder an Trägerstoffe gebunden gespeichert, transportiert und schließlich wieder zur
Erzeugung von Strom oder anderer Energieformen (z.B. mechanische Energie in Kraft-
fahrzeugen) eingesetzt werden. Als ein solcher Trägerstoff wird das (N-Ethyl-)Carbazol
(C12 H9 N) genannt. Es kann größere Mengen an Wasserstoff aufnehmen als ein gleich-
großer 700-Bar-Drucktank und nach seiner „Entladung“ erneut verwendet werden.

Der Weg 5 steht für die thermoelektrische Energieumwandlung. Die Energieumwand-


lung mit Thermoelementen (Seebeck-Effekt) besitzt in der Energieversorgung wegen
des niedrigen Wirkungsgrades, der weit unter dem Carnot-Wirkungsgrad liegt, eine sehr
geringe Bedeutung. Thermoelektrische Generatoren dienen z.B. zur Abwärmenutzung
in Blockheizkraftwerken, Müllverbrennungs- und Abwasseranlagen. Für größere Lei-
stungen wurden magnetohydrodynamische Generatoren (MHD-Generatoren) gebaut,
die in einen thermodynamischen Kreisprozeß integriert sind. In ihnen werden bewegte
Ladungsträger eines heißen Plasmas (ca. 3000 C) durch ein Magnetfeld abgelenkt und
so getrennt. Wegen der hohen thermischen Beanspruchungen der Brennkammer sind
solche Anlagen bisher nicht über das Pilotstadium hinaus entwickelt worden.

Die Wege 1 und 3 sind umkehrbar. In Pumpspeicherkraftwerken wird auf dem Weg 1
überschüssige elektrische Energie in potentielle mechanische Energie aufgestauten
Wassers umgewandelt, aus der bei späterem Bedarf wieder Strom zurückgewonnen
wird. Dies ist bisher die einzige Möglichkeit, um große Mengen an Strom wirtschaftlich
zu speichern. Pumpspeicherkraftwerke nutzen einen Höhenunterschied zwischen zwei
Wasserspeichern. Sie können daher nicht an beliebiger Stelle errichtet werden. Auf dem
Weg 3 wird durch Aufladen einer Batterie (eines Akkumulators) Strom in chemische
Energie gewandelt und bei späterem Bedarf zurückgewonnen. Die gegenwärtig auf
diese Weise technisch und wirtschaftlich speicherbaren Energiemengen reichen an die
von Pumpspeicherkraftwerken nicht heran.

Ein häufig genannter Weg zur Zwischenspeicherung elektrischer Energie sind Druck-
luftspeicherkraftwerke, in denen Druckluft, in eine unterirdische Kaverne gepreßt, als
Speichermedium für mechanische Energie dient. Sie lassen sich nicht direkt einem der
oben dargestellten fünf Wege zuordnen. Einerseits entsteht bei der Kompression von
Luft neben der mechanischen Energie immer auch Wärme und bei ihrer Entspannung
muß Wärme zugeführt werden, um eine Vereisung der Turbine zu vermeiden. Ein hoher
Wirkungsgrad kann daher nur bei Zwischenspeicherung der Kompressionswärme erzielt
werden. Andererseits wird für den Betrieb außer Strom als weiterer Energieträger Gas be-
nötigt. Die Druckluftspeicherkraftwerke sind also eigentlich Druckluftspeicher-Gastur-
binen-Kraftwerke. Um eine bestimmte Strommenge wieder zu erzeugen, benötigen sie
eine (kleinere) Strommenge und zusätzlich eine weitere Energiemenge, gewonnen aus der
Verbrennung von Gas. Ihr Wirkungsgrad liegt bei etwa 40 bis 42 %, während moderne
Pumpspeicherkraftwerke 80 % erreichen. Weltweit gibt es bisher zwei Kraftwerke dieses
Typs, drei weitere sind im Bau.
26 Elektrische Energieversorgung

2.7 Fossile und regenerative Energieträger in der Stromversor-


gung
Stromversorgung aus fossilen Energien bedeutet die Ausbeutung von Lagerstätten,
von Speichern, die in Jahrmillionen entstanden sind. Anfangs war man sich sicher nicht
darüber im Klaren, daß diese eines Tages aufgebraucht sein würden. Heute hat die Er-
kenntnis der Endlichkeit unserer Welt eine, wenn auch noch zu geringe Verbreitung ge-
funden. In der Ökonomie ist Wachstum ungebrochen eine zentrale Kategorie, mit allen
sich daraus ergebenden Fehlentwicklungen, auch für die Energie- und Stromversorgung.
Aber es wird immer mehr Menschen bewußt, daß unsere Ressourcen endlich sind und
daß es deswegen kein unendliches quantitatives Wachstum geben kann. Solange die
Lagerstätten reichen und man weitere von zum Teil anderen Energieträgern erschließen
kann, käme Stromversorgung aus fossilen Energien im Prinzip ohne Speicher aus. Die
heute gleichwohl vorhandenen Speicher dienen dem Belastungsausgleich und tragen,
wie später gezeigt wird, so zur Erhöhung der Wirtschaftlichkeit und zum sorgsamen
Umgang mit Energie bei.

Wasserkraft ist eine regenerative Energieform, die durch Einbindung der Stromerzeu-
ger in den natürlichen Kreislauf des Wassers genutzt wird. Obwohl der Wasserrücklauf
zum Meer natürlich verzögert ist, benötigt Stromversorgung aus Wasserkraft je nach
Wasserdargebot kleinere oder größere künstliche Speicher (Wehre, Stauseen), die den
Rücklauf des Wassers weitergehend so hemmen, daß man mit den verfügbaren Mengen
haushälterisch umgehen kann. Da der Wasserkreislauf jährlich periodisch verläuft, war
von Anfang an mehr Umsicht nötig als bei der Ausbeutung von scheinbar unendlichen
Vorkommen fossiler Energieträger. Die Stromerzeugung aus Biomasse ist ähnlich ein-
zuordnen. Die Stromerzeuger werden aus dem periodischen Vegetationskreislauf ge-
speist. Sie können nur dann ausgeglichen versorgen, wenn genügend Biomasse über die
gesamte Jahresperiode zur Verfügung steht, also auch außerhalb der Erntezeit. Neben
einer ausreichenden Kapazität zur Erzeugung der Biomasse sind Speicher vonnöten, die
die gleichbleibende haushälterische Nutzung der Bioenergie erlauben.

Wind und Sonne sind als regenerative Energien nicht so haushälterisch nutzbar wie das
Wasser und die Biomasse, weil ihr Dargebot mit hoher Dynamik stochastisch schwankt.
Ihre Nutzung ist vielmehr eine Art des Erntens, ohne vorher gesät zu haben, also eines
Erntens von Wildfrüchten, allerdings mit einer hochentwickelten und aufwendigen
Technologie. Sind die gewonnenen Mengen klein, so wirken sie als willkommene Er-
gänzung zur althergebrachten Versorgung ressourcenschonend. Größere Mengen aber
führen zu dem Überfluß, der aus Erntezeiten allgemein bekannt ist, der aber auch nötig
wäre, um die Zeiten zwischen den Ernten zu überbrücken. Er könnte nur dann sofort
verbraucht werden, wenn die normale Versorgung mit der gleichen Dynamik einge-
schränkt wird wie die regenerative Erzeugung ansteigt und umgekehrt. Will oder kann
man das nicht, dann bleibt nichts anderes übrig, als für die spätere Verwendung zu spei-
chern. Gegebenenfalls ist dazu vorher eine Metamorphose nötig, ein Überführen in eine
neue Form zur zweckmäßigen Einlagerung. Das aber verlangt wie bei jedem anderen
27

gespeicherten Gut zunächst eine taugliche Technologie, um die angestrebten Mengen in


geeigneter Form anzusammeln, und bedeutet somit zusätzlichen Aufwand.

Größere Mengen regenerativer Energie aus Wind und Sonne lassen sich also nur
dann sinnvoll verwerten, wenn ihre Gewinnung, ggf. ihre Konservierung und ihre
Speicherung proportional entwickelt sind. Unabhängig von der Tatsache, daß
geeignete Speicher- und Konservierungstechnologien mit der nötigen Kapazität
gegenwärtig nicht zur Verfügung stehen, bedeutet die Stromversorgung aus Sonne und
Wind so einen höheren Materialaufwand und eine niedrigere Materialausnutzung als bei
der Verwendung anderer Energieträger. Sie ist zumindest in der Aufbauphase stark
ressourcenverbrauchend (Konstruktionsmaterialien) und kann aus diesem Grund
ebenfalls nicht unendlich ausgedehnt werden. Ihr Vorteil wäre die Nachhaltigkeit, wenn
der Aufbau gelingt.
3 Leistung und Energie in elektrischen Stromkreisen
3.1 Reihen- und Parallelschaltung
In einem einfachen elektrischen Stromkreis, der als Beispiel nur aus einem Generator und
drei Verbrauchern bestehen soll, können die Lasten (die Stromverbraucher) nach Bild 3.1 in
Reihe oder parallel geschaltet sein. Die Ströme und Spannungen im Stromkreis bestimmen
das Betriebsverhalten.
I Last 1 Last 2 Last 3
Reihen-
U1 U2 U3 schaltung
Up

I
Bild 3.1: I1 I2 I3 Parallel-
Elektrische Stromkreise in schaltung
Reihen- und Up
U1 Last 1 U2 Last 2 U3 Last 3
Parallelschaltung

Bei der Reihenschaltung ist der Strom aller drei Lasten gleich dem Generatorstrom I und die
Generatorspannung Up ist gleich der Summe der Lastspannungen.

 I = I1 = I 2 = I3
Reihenschaltung   (3.1.1)
U p = U1 + U 2 + U 3

Bei der Parallelschaltung sind sämtliche Lastspannungen gleich der Generatorspannung und
der Generatorstrom ist gleich der Summe der Lastströme

 I = I1 + I 2 + I3
Parallelschaltung   (3.1.2)
U p = U1 = U 2 = U 3

In der elektrischen Energieversorgung hat man es von Anfang an als einen großen Vorteil
angesehen, wenn sämtliche Verbraucher vollkommen freizügig am Prozeß teilnehmen
können oder auch nicht. Das erfordert, daß sie zu jeder Zeit auf einfache Weise aus dem
Stromkreis entfernt und eingefügt werden können. Die Reihenschaltung ist dafür denkbar
ungeeignet, weil das Heraustrennen einer Last, wie immer und mit welchem Aufwand das
geschieht, den Arbeitspunkt des Stromkreises einschneidend verändert. Der Ausfall einer
Last könnte außerdem den Stromkreis völlig unterbrechen und damit die Versorgung aller
anderen Lasten ebenfalls beenden. Reihenschaltungen findet man daher nur bei einfachen
und in der Regel gleichen Abnehmern, wie z.B. Lichterketten und speziellen Heizelementen,
bzw. als interne Schaltungen von Lasten.
3 Leistung und Energie in elektrischen Stromkreisen 29

In den Stromkreisen der elektrischen Energieversorgung sind die Lasten parallel geschaltet.
Sie können mit einem Schalter einfach ein- und ausgeschaltet werden und so am Prozeß
teilnehmen oder nicht. Im Stromkreis ändert sich dabei wesentlich nur der Generatorstrom.
Die Spannung bleibt nahezu konstant. Elektrische Energieversorgungsnetze werden also
bei nahezu konstanter Spannung betrieben.

Was für die Lasten gilt, müssen in gleicher Weise auch die Stromerzeuger für sich in An-
spruch nehmen dürfen, wenn der Versorgungsprozeß wirklich freizügig verlaufen soll. Nicht
alle Generatoren sind stets betriebsbereit, die Kraftwerke arbeiten zu ungleichen Kosten und
haben unterschiedliche Betriebsbedingungen. Sie müssen daher entsprechend der Lastsitua-
tion flexibel einsetzbar sein. Ein Stromkreis der elektrischen Energieversorgung erhält damit
die Grundstruktur nach Bild 3.2, in der alle Lasten und Stromerzeuger mit Hilfe von Schal-
tern beliebig parallelgeschaltet werden können.

I
Bild 3.2:
Basisstromkreis der
elektrischen Erzeuger Erzeuger Erzeuger U
2 1 Last 1 Last 2 Last n
Energieversorgung m

Durch Ergänzung mit Übertragungselementen (z. B. Freileitungen, Kabeln und Transfor-


matoren) sowie weiteren Schaltgeräten wird der Basisstromkreis zum elektrischen Energie-
versorgungsnetz. Dabei sind Gesetzmäßigkeiten, Regeln und Kriterien zu beachten, die
später abgeleitet und besprochen werden. Der Parallelbetrieb aller Erzeuger und Abnehmer
bleibt dabei als Grundsatz erhalten.

Spannung und Strom bestimmen nach den obigen Überlegungen die Betriebsbedingungen in
einem Stromkreis. In der elektrischen Energieversorgung sind als Maßeinheiten für die
Spannung das Volt (V) und das Kilovolt (kV) gebräuchlich und als Maßeinheiten für den
Strom das Milliampere (mA), das Ampere (A) und das Kiloampere (kA).

1 mA = 0,001 A
1 kV = 1000 V und  (3.1.3)
1 kA = 1000 A

3.2 Leistung und Energie bei Gleichstrom


In einem Gleichstromkreis ist die Leistung P das Produkt von Spannung und Strom.

P =U I (3.2.1)
30 Elektrische Energieversorgung

Die gebräuchlichen Maßeinheiten der Leistung sind in der Gleichung (2.5.4) angegeben. In
den beiden Stromkreisen von Bild 3.1 beträgt die Erzeugerleistung

Reihenschaltung Parallelschaltung
PG = U p I = (U1 + U 2 + U 3 ) I = U p ( I1 + I 2 + I3 ) (3.2.2)

Bei konstanter Spannung und konstantem Strom ist die elektrische Energie das Produkt aus
der Leistung und der Dauer Tn des Prozesses.

W = P Tn = U I Tn (3.2.3)

Bei schwankender Last schwankt im Stromkreis der elektrischen Energieversorgung der


Strom, während die Spannung nahezu konstant bleiben sollte. Die Energie erhält man in
diesem Fall durch Integration über die Zeit.
Tn Tn Tn
U =const
W=  
P( t ) d t = U ( t ) I ( t ) d t ≈ U  I (t ) d t (3.2.4)
0 0 0

Die Maßeinheiten der Energie sind in Gleichung (2.3.4) angegeben. Eine bestimmte Ener-
giemenge kann erst im Laufe der Zeit angesammelt werden. Wie schnell das geht, hängt von
der Größe der Leistung ab, zu der Strom und Spannung eines Stromkreises als Faktoren in
gleicher Weise beitragen.

3.3 Leistung und Energie bei Wechselstrom


In einem Wechselstromkreis folgen Spannung und Strom periodischen Zeitfunktionen, die
ideal einfrequent harmonisch sein sollen. Die Periodendauer der Spannungs- und Strom-
schwingungen wird von der Betriebsfrequenz f bestimmt. Diese beträgt in Europa 50 Hertz
(Hz), in Nordamerika sowie in Teilen Japans 60 Hz. Die Zahl 60 (= 2235) ist besser
teilbar als 50 (= 255) und paßt in das Schema der 360-Grad-Winkelteilung des Kreises.

1
1 Hz = (3.3.1)
1s

Die deutsche, die österreichische, die schweizerische Bahn sowie die skandinavischen
Eisenbahnen werden mit 16,7 Hz (früher 16 ²/3 Hz) betrieben. Außerdem gibt es Bahnnetze
mit einer Frequenz von 25 Hz. Die Bordnetze von Flugzeugen arbeiten mit einer Frequenz
von 400 Hz.

Die Periodendauer ist der Kehrwert der Frequenz. Sie beträgt bei 50 und 60 Hz
3 Leistung und Energie in elektrischen Stromkreisen 31

1 T = 1 50 s = 20 ms bei f = 50 Hz
T=   2 ms bei (3.3.2)
f T = 1 60 s = 16 3 f = 60 Hz

Für Berechnungen wird zweckmäßig die Kreisfrequenz ω eingeführt. Für sie gilt

2
 =2 f =  T = 2  (3.3.3)
T

Die Größe ωt ist dimensionslos und stellt einen Winkel dar, der nach einer Periode den Wert
2 π annimmt. Anstelle der Zeit t wird zweckmäßig dieser Winkel als unabhängige Variable
benutzt. Die Wechselspannung und der Wechselstrom verlaufen so unabhängig von der Be-
triebsfrequenz nach den Funktionen.

u (  t ) = Uˆ cos (  t + u ) und i (  t ) = Iˆ cos (  t + i ) (3.3.4)

Die Größen Uˆ und Iˆ sind die Amplituden (Spitzenwerte) von Spannung und Strom. Der
Strom ist gegenüber der Spannung um den Winkel  = u - i phasenverschoben. Im Bild
3.3 ist ein Beispiel für u = 0 dargestellt. Die Zeitfunktion der Spannung beginnt dort in
ihrem Maximum bei t = 0 bzw. ωt = 0.

Die obere, magentafarbene Funktion stellt eine Wechselspannung dar. Darunter ist blau der
Stromverlauf eingetragen. Der Strom eilt der Spannung um einen Winkel von etwa 25,8 
voraus. Das ist daran zu erkennen, daß seine Nulldurchgänge vor den Nulldurchgängen der
Spannung in gleicher Richtung liegen.

Die Berechnung von Wechselstromkreisen beruht auf der komplexen Darstellung der
harmonischen Zeitfunktionen von Strom und Spannung aus Gleichung (3.3.4). Für die
Spannung erhält man so mit der Euler´schen Formel z.B.

u( t ) =
1
2
( (
1
Uˆ e j u e j  t + Uˆ e − j u e − j  t ) = Uˆ e j  t + Uˆ e − j  t
2

) (3.3.5)

Für den Strom gilt Gleichung (3.3.5) in analoger Weise. Die beiden konjugiert komplexen
Zeiger Û und Û in Gleichung (3.3.5) enthalten die gleiche Information, so daß nur einer
berechnet werden muß. Die im Abschnitt 3.1 formulierten Gesetze der Reihen- und Parallel-
schaltung gelten in Wechselstromkreisen in entsprechender Weise für die komplexen Zeiger
von Spannung und Strom.

Der Momentanwert der Wechselstromleistung ist das Produkt der Momentanwerte von
Spannung und Strom

p(  t ) = u (  t ) i (  t ) (3.3.6)
32 Elektrische Energieversorgung

Seine Berechnung stimmt mit der der Gleichstromleistung nach Gleichung (3.2.1) überein.
Der Leistungsverlauf ist als rote Funktion unter dem Stromverlauf dargestellt. Die Leistung
schwingt nach Bild 3.3 mit der Amplitude P̂ um den Mittelwert P. Die Frequenz der Lei-
stungsschwingung ist aber gleich der doppelten Betriebsfrequenz. Das zeigt sich daran, daß
der Leistungsverlauf sich bereits nach einer halben Periode wiederholt. Mit der Gleichstrom-
leistung vergleichbar ist bei diesem Verlauf nur der Mittelwert P.
2 2
1 1
P=
2  p( t ) d  t =
2  u ( t ) i( t ) d  t (3.3.7)
0 0

Er wird Wirkleistung genannt, weil aus ihm die während einer Wechselstromperiode
zwischen Erzeuger und Verbraucher ausgetauschte Energie berechnet werden kann.

WT = P T (3.3.8)

Aus der Energiemenge einer Periode erhält man bei konstanter Wirkleistung die Ener-
giemenge während der Dauer Tn durch Multiplikation mit der Anzahl der Perioden wäh-
rend Tn.

T T
W = WT n = P T n = P Tn (3.3.9)
T T

Die Wirkleistung ist also in ihrer Wirkung, ihrem Effekt, mit der Gleichstromleistung
gleichzusetzen. Mit dem Begriff Leistung ist daher bei Wechsel- und Drehstrom immer
Wirkleistung gemeint.

Die Amplitude der Leistungsschwingung und die Wirkleistung nach Gleichung (3.3.7) sind
leicht zu berechnen

1 1 1
Pˆ = S = Uˆ Iˆ und P = Uˆ Iˆ cos ( u − i ) = Uˆ Iˆ cos  = S cos  (3.3.10)
2 2 2

Die Größe S scheint der Formel nach als Produkt von Strom und Spannung auch eine Lei-
stung zu sein. Sie ist es im Unterschied zur Wirkleistung jedoch nicht im physikalischen
Sinne und wird daher Scheinleistung genannt. Daß sie nur eine Leistung zu sein scheint,
wird auch an der Maßeinheit Voltampere (VA) deutlich, mit der sie angegeben wird. Ge-
bräuchliche Maßeinheiten der Scheinleistung sind das Voltampere (VA), das Kilovoltam-
pere (kVA) usw. analog zu den Leistungsmaßeinheiten nach Gleichung (2.5.4). Die Bedeu-
tung der Scheinleistung für den Prozeß wird später abgeleitet. Schein- und Wirkleistung
lassen sich unmittelbar aus den komplexen Zeigern von Spannung und Strom bestimmen.

S = Uˆ Iˆ∗ und { }
∗ ∗
P = Re Uˆ Iˆ = Re Uˆ Iˆ { }Vereinbarung
= Re {Uˆ Iˆ }

(3.3.11)
3 Leistung und Energie in elektrischen Stromkreisen 33
t ms
0 5 10 15 20
400
u u(t )
V 200 U = 230 V

Uˆ = 325,3 V
−200


10
i
A i( t )
5 I = 4,831 A

Iˆ = 6,832 A
−5

−10
2000
p
W p( t )

P̂ = S
S = 1111 VA
1000 P = 1000 W

0  2
t

Bild 3.3: Wechselspannung, Wechselstrom und Wechselleistung


34 Elektrische Energieversorgung

Da die Wirkleistung auf zwei verschiedene Weisen berechnet werden kann, ist die Verein-
barung in Gleichung (3.3.11) nötig. Die Wirkleistung ist nach Gleichung (3.3.10) nicht nur
von der Höhe von Strom und Spannung, sondern auch von deren Phasenverschiebung ab-
hängig. Dabei ist es unerheblich, welche der beiden Größen voreilt und welche nacheilt, da
Strom und Spannung als gleichwertige Faktoren in die Momentanleistung eingehen. Das
kommt in der mathematisch geraden Kosinusfunktion zum Ausdruck. Im Wechselstrom-
kreis ist ein Betriebszustand denkbar, in dem Spannung und Strom um 90  phasenverscho-
ben sind. Dann ist die Kosinusfunktion null und mit ihr die Wirkleistung. Die Scheinleistung
und die Leistungsschwingung existieren bei konstanter Spannung und konstantem Strom
aber unverändert fort.

3.4 Effektivwerte von Strom und Spannung


Mit der Wirkleistung besteht eine Vergleichbarkeit zwischen Gleich- und Wechsel-
stromkreis. Diese Entsprechung kann ebenso auf der Ebene der Spannungen und der
Ströme hergestellt werden, wenn man die Wirkleistungen, die in einem ohmschen Leit-
wert G bzw. ohmschen Widerstand R in Wärmeleistungen umgewandelt werden, mit
den entsprechenden Gleichstromleistungen vergleicht. Spannung und Strom eines ohm-
schen Leitwertes bzw. Widerstandes sind nach dem Ohmschen Gesetz proportional. Als
Gleichstromleistung erhält man daher

P =U I = GU2 = R I2 (3.4.1)

Gleichung (3.4.1) gilt bei Wechselstrom für die Momentanwerte

p(  t ) = u (  t ) i (  t ) = G u 2(  t ) = R i 2(  t ) (3.4.2)

Die Berechnung der Wirkleistung nach Gleichung (3.3.7) führt in diesem Fall auf die
Berechnung quadratischer Mittelwerte für Spannung und Strom

2 2
1 Uˆ 1 Iˆ
 
2(
U= u t ) d t = bzw . I = i 2(  t ) d  t = (3.4.3)
2 2 2 2
0 0

Diese quadratischen Mittelwerte werden Effektivwerte genannt, weil sie die Kenngrö-
ßen einer Wechselspannung bzw. eines Wechselstromes darstellen, aus der die Wärme-
wirkung in einem ohmschen Stromkreiselement hervorgeht. Gleichung (3.4.1) gilt also
für Wechselstromkreise in gleicher Weise, wenn man die Effektivwerte verwendet.
3 Leistung und Energie in elektrischen Stromkreisen 35

Im Alltag werden Wechselgrößen als Effektivwerte angegeben. Eine Spannung von


230 V, die Nennspannung unseres Wechselstrom-Niederspannungsnetzes, ist einer gleich-
großen Gleichspannung in ihrer Wirkung, ihrem Effekt, äquivalent. Sie steht aber für eine
Wechselspannung mit einer Amplitude von 325,3 V.

Die Schein- und die Wirkleistung nach Gleichung (3.3.10) werden alltäglich ebenfalls
aus Effektivwerten berechnet.

Pˆ = S = U I = U I ∗ und P = U I cos  = S cos  = Re U I ∗ { } (3.4.4)

Im Bild 3.3 sind die Effektivwerte und Amplituden von Strom und Spannung und die
Scheinleistung für eine Wirkleistung von 1000 W angegeben.

3.5 Drehstromleistung
Ein Drehstromsystem ist zunächst nichts anderes als die Verkettung dreier Wechsel-
stromsysteme, die im symmetrischen Betrieb mit drei gleichgroßen, aber um jeweils
120  (um eine Drittelperiode) zueinander phasenverschobenen Spannungen und Strö-
men arbeiten. In Bild 3.4 ist im oberen Teil ein symmetrisches Dreiphasensystem von
Spannungen und darunter gleichfarbig das zugehörige symmetrische Dreiphasensystem
der Ströme dargestellt. Die Spannung u1 und der Strom i1 sind die gleichen Größen wie
im Bild 3.3. Die Summen der drei symmetrischen Spannungen und der drei symmetri-
schen Ströme sind infolge der Phasenverschiebung in jedem Augenblick null.

u1(  t ) + u2 (  t ) + u3 (  t ) = 0 und i1(  t ) + i2 (  t ) + i3 (  t ) = 0 (3.5.1)

Für die komplexen Zeiger gilt ebenso

U 1 + U 2 + U 3 = 0 und I 1 + I 2 + I 3 = 0 (3.5.2)

Die Wirk- und Scheinleistungen sowie die Effektivwerte von Spannung und Strom
werden wie oben für Wechselgrößen dargestellt berechnet. Sie sind für die drei verket-
teten Wechselstromsysteme jeweils gleich.

Im unteren Teil des Bildes 3.4 sind die drei Leistungen dargestellt. Das besondere an
der Drehstromleistung besteht darin, daß die drei Leistungsschwingungen um ein Drittel
ihrer Periode phasenveschoben sind. Ihre Summe ist daher wie die der Spannungen und
Ströme in jedem Augenblick ebenfalls null.
36 Elektrische Energieversorgung

t ms
0 5 10 15 20
400
u u1 ( t ) u2 ( t ) u3 ( t )
V 200 U = 230 V

−200


10
i
i1( t ) i2 ( t ) i3 ( t )
A 5 I = 4,831 A

−5

−10
2000
p p2 ( t ) p1( t ) p3 ( t )
W

S1,2,3 = 1111 VA
1000 P1,2,3 = 1000 W

0  2
t

Bild 3.4: Symmetrische Dreiphasensysteme von Spannungen, Strömen und


Leistungen
3 Leistung und Energie in elektrischen Stromkreisen 37

Die momentane Drehstromleistung beträgt demnach

{ }
p ( t ) = p1 ( t ) + p2 ( t ) + p3 ( t ) = const . = P1 + P2 + P3 = 3 U I cos  = 3 Re U I ∗ (3.5.3)

Die Drehstromleistung ist wie die Gleichstromleistung zeitlich konstant und gleich der
Summe der Wirkleistungen der drei Wechselstromsysteme. Dieser Umstand erhebt das
symmetrische Drehstromsystem im Vergleich zum Wechselstromsystem in eine neue
Qualität, denn er bedeutet, daß die ihm über die Generatorwelle zugeführte mechanische
Leistung ebenso wie die über eine Motorwelle abgegebene zeitlich konstant, d.h., frei
von störenden und beanspruchenden Schwingungen sind. Der veraltete Name Kraft-
strom hat darin seinen Ursprung.

Die Drehstromscheinleistung ist ebenfalls die Summe der Scheinleistungen der drei ver-
ketteten Wechselstromsysteme

S = S1 + S2 + S3 = 3 U I = 3 U I ∗ (3.5.4)

In einem symmetrischen Drehstromsystem kann die dreifache Leistung gegenüber ei-


nem einfachen Wechselstromsystem ausgetauscht werden. Dafür benötigt man aber nur
einen Leiter gleichen Querschnitts mehr, d.h., die auf die Leistung bezogene Menge von
Leitermaterial, die in den Anfängen der elektrischen Energieversorgung im sogenannten
Kupferwirkungsgrad ihren Ausdruck fand, ist nur noch halb so groß. Das Leiter-
material wird also in Drehstromsystemen besser genutzt als in Wechselstromsystemen.

In der heutigen elektrischen Energieversorgung dominieren daher die Drehstromsyste-


me. Wechselstromsysteme gibt es hauptsächlich nur in der unteren Spannungsebene und
in der Bahnstromversorgung. Man nimmt ihren wesentlichen Nachteil, die periodischen
Leistungsschwingungen, inkauf, um eine vereinfachte Technik dort bereitzustellen, wo
viele mit ihr umgehen, bzw. bei der Bahn, um das Fahrleitungssystem zu vereinfachen.

3.6 Leistungsgleichgewicht im elektrischen Energiesystem


Ein einfacher Stromkreis der elektrischen Energieversorgung soll der Übersichtlichkeit halber
nur aus einem Erzeuger und einem Verbraucher sowie einer Übertragungskomponente zwi-
schen beiden bestehen. Die Übertragungskomponente kann eine Freileitung, ein Kabel, ein
Transformator oder aber ein aus mehreren Übertragungselementen bestehendes Netz sein. Der
Stromkreis ist im Bild 3.5 mit seinen Komponenten dargestellt.
38 Elektrische Energieversorgung

Dem Stromerzeuger wird aus einer Menge umzuwandelnder Energie Leistung zuge-
führt. Er wandelt sie in eine elektrische Leistung um. Diese wird über das Übertra-
gungssystem zur Last übertragen und dort in eine Nutzleistung einer anderen Energie-
form umgewandelt. In allen drei Systemkomponenten treten bei diesem Prozeß elektri-
sche Verluste auf. Die Verluste sind Ausdruck der Irreversibilität des Prozesses. Sie
sind praktisch sehr klein, aber, wie zu zeigen sein wird, nicht nur bestimmend für den
Wirkungsgrad, sondern zugleich für die Auslegung der Systemkomponenten.

PvG PvÜ PvL

IG IL
PPrimär − PNutz
Strom- UG UL
Primärleistung erzeuger Übertragung Last Nutzleistung

elektrische Leistung

Bild 3.5: Leistungen in einem einfachen elektrischen Stromkreis

Im stationären Zustand des Systems muß nun nach dem Energieerhaltungssatz Lei-
stungsgleichgewicht herrschen. Mit den im Bild 3.5 angegebenen Vorzeichen der Lei-
stungen bedeutet das, daß die Summe aus der Primärleistung und der Nutzleistung
gleich der Summe aller Verluste im System (der Erzeuger-, Übertragungs- und Verbrau-
cherverluste) sein muß.

PPrimär + PNutz = PvG + PvÜ + PvL =  Pv (3.5.5)

Die innere Energie des elektrischen Systems ändert sich im stationären Zustand nicht.

In einem elektrischen System sind im stationären Zustand Erzeugung und Ver-


brauch (einschließlich der Verluste) in jedem Augenblick ausgeglichen.

Befindet sich im elektrischen Stromkreis ein Stromspeicher, wie im Bild 3.6 schema-
tisch dargestellt, dann ist im stationären Fall eine Änderung seiner inneren Energie
möglich, da der Speicher elektrische Energie aufnehmen oder abgeben kann. Das Lei-
stungsgleichgewicht nach Gleichung (3.5.5) ist um die Speicherleistung zu ergänzen.
Jeder Speicher ist außerdem immer verlustbehaftet, so daß auch die Speicherverluste in
die Leistungsbilanz eingehen.

PPrimär + PNutz + PSpeicher = PvG + PvÜ + PvL + PvSp =  Pv (3.5.6)


3 Leistung und Energie in elektrischen Stromkreisen 39

PvG PvÜ PvL

IG IL
PPrimär − PNutz
Strom- UG UL
erzeuger Übertragung Last

I Sp U Sp PvSp

Strom-
speicher

Bild 3.6: Einfacher elektrischer Stromkreis mit Speicher

Ein Speicher trägt, wie das Schema des Leistungsflusses nach Bild 3.7 verdeutlicht, da-
zu bei, daß das Leistungsgleichgewicht zwischen Erzeugung und Verbrauch nicht mehr
in jedem Augenblick gelten muß. Speicher entkoppeln Erzeugung und Verbrauch.
In Zeiten überschüssiger Erzeugung oder niedriger Last nimmt der Speicher die Ener-
giemenge auf, die die Last nicht benötigt. In Zeiten eines Erzeugungsmangels oder einer
hohen Last gibt der Speicher dagegen Energie an die Last ab und gleicht so das Erzeu-
gungsdefizit aus.

 Pv

Strom- − PNutz
erzeuger
PPrimär Last
± PSpeicher

Bild 3.7:
Leistungsfluß in einem
Strom-
elektrischen Energiesystem speicher
mit Speicher

Die größte Entkopplung zwischen Erzeugung und Verbrauch erhält man bei einer Sy-
stemstruktur nach Bild 3.8. Bei ausreichender Speichergröße können dann in einem
bestimmten Zeitraum Erzeugung und Verbrauch nahezu unabhängig sein. Beispiele
hierfür sind ein Kraftfahrzeug, das mit einem gegebenen Tankinhalt eine gewisse
40 Elektrische Energieversorgung

Strecke fahren kann, ohne tanken zu müssen, oder ein Elektrofahrzeug, das keine
Erzeugung benötigt, solange seine Batterie noch ausreichend gefüllt ist usw.

 Pv

Bild 3.8:
Speicher als Bindeglied
zwischen Erzeugung und Strom- Strom- − PNutz
erzeuger
PPrimär
speicher Last
Verbrauch

Elektrische Energie läßt sich aber bisher nicht direkt in den für die Stromversor-
gung nötigen Mengen speichern. Das ist wohl ihr schwerwiegendster Nachteil. Erzeu-
gung und Verbrauch bleiben deshalb weitgehend voneinander abhängig, mit gravieren-
den Auswirkungen auf den Aufbau und den Betrieb des elektrischen Energieversor-
gungssystems. Es gibt zwar Batterien und moderne Superkondensatoren zur Stromspei-
cherung, auch supraleitende Speicher magnetischer Energie sind fast praxisreif. Aber
die Energiemengen, die sie bei angemessenem Aufwand aufnehmen können, sind für
die elektrische Energieversorgung immer noch viel zu klein. Strom wird deshalb bisher
praktisch nur mittelbar gespeichert. Der bedeutendste Speicher dafür ist immer noch das
Pumpspeicherkraftwerk mit einer naturgegebenen, begrenzten Anzahl von Einsatzorten.
4 Verluste und Leistungsgrößen
4.1 Spannungs- und stromabhängige Verluste
In elektrischen Energieversorgungssystemen treten zwei Arten von Verlusten auf, die
weitgehend unabhängig voneinander sind: spannungs- und stromabhängige Verluste.
Beide Verlustarten hängen nach den Gleichungen (3.4.1) bis (3.4.3) bei Wechsel- und
Drehstrom quadratisch von den Effektivwerten von Spannung und Strom ab.

Ein Transformator nimmt auch dann Leistung auf, wenn er auf der anderen Seite keine
Leistung abgibt. Das gleiche trifft für ein Kabel umso ausgeprägter zu, je höher seine
Spannung ist. Auch ein Motor nimmt Leistung auf, wenn er an seiner Welle keine me-
chanische Leistung abgibt. Allen diesen Verlusten ist gemeinsam, daß sie schon dann
auftreten, wenn das jeweilige Betriebsmittel eingeschaltet ist, unter Spannung steht,
aber noch nicht arbeitet. Die spannungsabhängigen Verluste werden daher außerdem
Leerlaufverluste oder lastunabhängige Verluste genannt. Da sie beim Transformator
hauptsächlich durch die Magnetisierungsvorgänge im Eisenkreis entstehen, heißen sie
auch Eisenverluste. Die Leerlaufverluste von Kabeln sind dielektrische Verluste, die
durch Polarisationsvorgänge in der Isolierung hervorgerufen werden. Bei Freileitungen
sind sie als Koronaverluste bekannt, deren Ursache Entladungsvorgänge in der Umge-
bung der Leiterseiloberflächen sind. Die Korona zeigt sich besonders bei feuchtem
Wetter.

Wenn ein Betriebsmittel Last übernimmt, kommen zu den Leerlaufverlusten strom-


oder lastabhängige Verluste, die Lastverluste, hinzu. Da sie in Leitermaterialien auf-
treten, werden sie außerdem Leiterverluste oder Kupferverluste genannt.

U 
Belastung  
I 

P 
Verluste  vu 
 Pvi 
Bild 4.1:
Beanspruchung
eines elektrischen Betriebs- G( ) 
Betriebsmittels temperatur  R( ) 

Die Leerlauf- und die Lastverluste bestimmen nicht nur den Wirkungsgrad, son-
dern tragen zur Erwärmung der Systemkomponenten bei und damit zu ihrer Be-
anspruchung. Der Mechanismus der Beanspruchung eines Betriebsmittels ist im Bild
42 Elektrische Energieversorgung

4.1 schematisch dargestellt. Das Betriebsmittel wird durch Spannung und Strom bela-
stet. Die damit verbundenen Verluste äußern sich als Wärme, die mit der Umgebung
ausgetauscht wird. Dabei stellt sich eine Betriebstemperatur  ein, die das Betriebsmit-
tel beansprucht. Sie hat außerdem Einfluß auf die Verluste, weil die ohmschen Elemente
temperaturabhängig sind. Wie groß der Strom in einem Kabelleiter, einem Freileitungs-
seil oder einer Transformatorwicklung sein darf, hängt z.B. davon ab, wie groß die
Verluste sein dürfen, die bei einer zulässigen Leitertemperatur an die Umgebung abge-
geben werden können. Die zulässige Leitertemperatur wird wesentlich vom Alterungs-
verhalten der eingesetzten Materialien bestimmt. Sie hängt also mit der vorgesehenen
Lebensdauer zusammen.

Bei Gleichstrom werden die lastabängigen Verluste in einem Leiter von dessen tempe-
raturabhängigem Widerstand und dem Strom bestimmt. Der Widerstand hängt vom
temperaturabhängigen spezifischen Widerstand  ( ) des Leitermaterials, der Länge l
des Leiters und dessen Queschnittsfläche A ab.

l 2
Pvi = R ( ) I 2 =  ( ) I (4.1.1)
A

Die Ausnutzung des Leitermaterials wird durch die Stromdichte J bestimmt. Sie stellt
das Verhältnis des Stromes I zur Querschnittsfläche des Leiters A dar. Setzt man die
Stromdichte in Gleichung (4.1.1) ein, so erhält man

Pvi =  ( ) V J 2 (4.1.2)

Die lastabhängigen Verluste sind bei gegebener Stromdichte dem Volumen des
Leitermaterials proportional.

Der stromdurchflossene Leiter befindet sich im stationären Zustand, wenn seine Tempe-
ratur konstant ist. Die lastabhängigen Verluste sind dann gleich der Wärmeleistung, die
über die Leiteroberfläche an die Umgebung abgegeben wird. Nach einer einfachen, auf
Newton zurückgehenden Vorstellung ist die Wärmeleistung PK dem Produkt aus der
Oberfläche des Leiters O und der Differenz seiner Temperatur  zur Temperatur der
Umgebung u proportional.

PK = W O  mit  =  −  u (4.1.3)

Der Proportionalitätsfaktor ist der Wärmeübergangskoeffizient W. Setzt man die beiden
Leistungen nach den Gleichungen (4.1.2) und (4.1.3) gleich, so folgt daraus für die
zulässige Stromdichte bei vorgegebener Leitertemperatur

W U
J zul =  (4.1.4)
 ( ) A
4 Verluste und Leistungsgrößen 43

In Gleichung (4.1.4) ist U der Umfang der Querschnittsfläche A des Leiters. Das Ver-
hältnis des Umfanges zum Inhalt der Fläche ist von der Art der Fläche abhängig. Für
einen Leiter mit kreisförmigen Querschnitt (einem Draht) erhält man

U  2 r 2
  = = (4.1.5)
 A Kreis  r 2 r

Das Verhältnis ist umgekehrt proportional zum Radius. Das bedeutet: Die zulässige
Stromdichte nimmt mit steigendem Leiterquerschnitt, mit steigendem Volumen
des Leitermaterials, ab. Das Leitermaterial wird also umso schlechter ausgenutzt,
je mehr man davon braucht. Diese Aussage gilt unabhängig von der Form der Quer-
schnittsfläche. Das Verhältnis von Umfang zu Fläche ist für Leiter mit rechteckigem
Querschnitt aber größer als das eines flächengleichen Kreises. Die Materialausnutzung
ist demnach bei rechteckförmigen Leitern besser als bei runden Drähten, weshalb sie in
Schaltanlagen häufig eingesetzt werden.

Gleichung (4.1.4) zeigt alle Maßnahmen auf, die geeignet sind, um die Beanspruchung
in zulässigen Grenzen zu halten:

•  ( )  Wahl des Leitermaterials (Kupfer statt Aluminium)


• W  Kühlung des Leiter (Luft- oder Flüssigkeitskühlung)
• U A  Größe und Form der Querschnittsfläche
•   Materialien mit hoher Temperaturfestigkeit

Die Maßnahmen deuten die Komplexität des Problems an. Es geht nicht einfach nur um
mehr oder weniger Material, sondern es steht eine Vielfalt von Lösungen zur Verfü-
gung, die der Ingenieur nach seinem Geschick und seiner Phantasie einsetzen kann. Alle
Maßnahmen bedeuten aber zusätzlichen Aufwand und nur die Wahl eines Leitermate-
rials mit niedrigerem spezifischen Widerstand führt zu einer Verringerung der Verluste
und zu einer Verbesserung des Wirkungsgrades

Infolge der Stromverdrängung ist die Stromdichte in Leiteranordnungen für Wechsel-


und Drehstrom ungleichmäßig über dem Leiterquerschnitt verteilt. Diese Ungleichmä-
ßigkeit nimmt mit steigendem Leiterquerschnitt zu. Sie führt immer zu höheren Verlu-
sten als bei Gleichstrom. Zu dieser Wirkung kommt hinzu, daß die Leiterströme in lei-
terparallelen metallischen Elementen, die nicht zum Stromkreis gehören, Wirbelströme
induzieren und so zusätzliche Verluste außerhalb der Leiter hervorrufen, die die ge-
samte Anordnung beanspruchen und somit einen Einfluß auf die Stromtragfähigkeit
ausüben. Bild 4.2 zeigt als Beispiel die metallischen Elemente eines Hochspannungs-
Drehstrom-Seekabels im Querschnitt.

Die Stromdichte ist nach der Färbung in den einander zugewandten Bereichen der drei
kreisrunden Leiter am größten. Sie nimmt nach außen hin ab. Jeder Leiter ist von einem
Mantel aus Blei umgeben, der von ihm isoliert ist. Da die drei Mäntel miteinander ver-
44 Elektrische Energieversorgung

bunden sind, fließen in ihnen ebenfalls Ströme und es entstehen Verluste im Blei. Die
Stromdichten sind in den einander zugewandten Bereichen der Bleimäntel am niedrigs-
ten und steigen nach außen an. Alle drei Leiter und Mäntel sind von einer Lage von Be-
wehrungsdrähten aus Stahl umgeben, die dem Kabel eine ausreichende Festigkeit ge-
genüber mechanischen Beanspruchungen geben sollen. Aber auch in ihnen fließen Strö-
me und verursachen Verluste, obwohl auch sie keine leitfähige Verbindung zu den drei
Leitern besitzen.

Bild 4.2:
Stromdichteverteilung in einem
Drehstrom-Hochspannungs-
Seekabel

Die zusätzlichen Verluste durch Stromverdrängung gehören zu den Nachteilen von


Wechsel- und Drehstrom. Sie erhöhen die Komplexität des Beanspruchungsproblems.

4.2 Scheinleistung und Leistungsfaktor


Obwohl die Beanspruchung eines elektrischen Betriebsmittels in Wirklichkeit viel kom-
plexer ist, als oben beschrieben, ergibt sich daraus eine wichtige Schlußfolgerung für
die Bemessung der Komponenten elektrischer Energieversorgungssysteme. Die Effek-
tivwerte repräsentieren nach den oben angestellten Überlegungen die Verluste und
stellen damit charakteristische Größen für die Beanspruchung dar, und zwar getrennt
nach Spannung und Strom. Die Scheinleistung stellt somit als das Produkt der bei-
den Effektivwerte die maximale Wirkleistung dar, die bei konstanter Strom- und
Spannungsbeanspruchung erzeugt, übertragen bzw. genutzt werden kann.

Pmax = S = U e I e ≥ P (4.2.1)
4 Verluste und Leistungsgrößen 45

Die Effektivwerte sind hier mit dem Index e besonders gekennzeichnet, um die Schein-
leistung trotz unterschiedlicher Stromsysteme auf die gleiche Weise beschreiben zu
können. Für Wechselstrom gilt weiterhin die Gleichung (3.4.3), für Drehstrom werden
kollektive Effektivwerte aller drei Stränge eingeführt.

U e3 = U12 + U 22 + U 32 Symmetrie U e3 = 3 U


⎯⎯⎯⎯⎯
→ (4.2.2)
I e3 = I12 + I 22 + I 32 I e3 = 3 I

Das Verhältnis von Wirk- und Scheinleistung ist der Leistungsfaktor .

=P S  P = S  = Ue Ie  mit 0 ≤  ≤ 1, 0 (4.2.3)

Er ist ein Gütekriterium für den betrachteten Prozeß. Als Ursache dafür, daß der Lei-
stungsfaktor vom Idealwert 1,0 abweicht, hat sich im Abschnitt 3.3 die Phasenver-
schiebung zwischen Spannung und Strom erwiesen. Weitere Ursachen sind die Verzer-
rung (Abweichung von der Sinusform im zeitlichen Verlauf) von Spannung und Strom,
die z.B. durch Stromrichter hervorgerufen wird, und in Drehstromsystemen die Unsym-
metrie der drei Stränge, eine besondere Form der Verzerrung. Auch das Schwanken
von Spannung und Strom über längere Zeiten als eine Wechselstromperiode hinweg, die
Modulation, äußert sich in einem Leistungsfaktor kleiner als eins.

Zur physikalischen Interpretation des Leistungsfaktors wird die Wirkleistung als minimale
Scheinleistung aufgefaßt, mit der der Prozeß theoretisch ablaufen könnte. Da die Effektiv-
werte von Spannung und Strom den Wurzeln aus den Leerlauf- und Lastverlusten propor-
tional sind, besteht zwischen ihnen und dem Leistungsfaktor eine Beziehung.

P Smin U min I min Pvu min Pvi min Pv min


= = = = = (4.2.4)
S S U I Pvu Pvi Pv

In elektrischen Energieversorgungsnetzen mit (nahezu) konstanter Spannung (innerhalb


einer Spannungsebene) sind die Leerlaufverluste konstant und aus Gleichung (4.2.4) folgt

P Pvi min Pvi min


= =  Pvi = (4.2.5)
S Pvi 2

Gleichung (4.2.5) sagt aus: Die lastabhängigen Verluste sind in Netzen mit kon-
stanter Spannung dem Quadrat des Leistungsfaktors umgekehrt proportional. Ein
Leistungsfaktor von  = 0,7 bedeutet also, daß die Verluste doppelt so hoch sind, wie es
im Idealfall nötig wäre.

In einem Drehstromnetz kann eine Last symmetrisch (dreipolig), zweiphasig an zwei


Außenleiter oder einphasig an einen Außenleiter und den Neutralleiter so angeschlossen
46 Elektrische Energieversorgung

werden, daß ihre Wirkleistung in allen drei Fällen gleich ist (PL = SL L). Bei konstanter
Spannung stehen die Leiterströme und die Scheinleistungen dann im Verhältnis

I L3 p : I L 2 p : I L1 p = 1: 3 : 3 und S3 p : S2 p : S1 p = 1: 2 : 3 (4.2.6)

zueinander und für die Leistungsfaktoren gilt

L 
3 p : 2 p : 1 p = L : : L (4.2.7)
2 3

Im Vergleich zum symmetrischen Anschluß der Last führt der zweiphasige Anschluß zu
einer Verdopplung der lastabhängigen Verluste und der einphasige gar zu einer Verdrei-
fachung. Drehstromnetze sind daher symmetrisch zu betreiben. Gleichung (4.2.7)
belegt außerdem, daß symmetrische Drehstromsysteme Wechselstromsystemen überle-
gen sind.

Innerhalb einer Spannungsebene ist die Scheinleistung dem Strom proportional und die
lastabhängigen Verluste demnach dem Quadrat der Scheinleistung. Bei konstanter Bela-
stung (konstanter Stromdichte) steigt das Volumen des benötigten Leitermaterials nach
Gleichung (4.1.2) somit ebenfalls quadratisch mit der Scheinleistung an. Nun haben die
Überlegungen im Abschnitt 4.1 gezeigt, daß die Belastung mit steigenden Leiterquer-
schnitten kleiner werden muß (siehe z.B. Gleichung (4.1.4)), wenn die Beanspruchung
gleich bleiben soll. Das bedeutet, daß das Leitermaterialvolumen stärker als quadratisch
mit der Scheinleistung ansteigen muß. Wegen des Materialaufwandes ist die Schein-
leistung innerhalb einer Spannungsebene begrenzt. Diese Überlegung trifft bei ein-
heitlicher Abnehmerstruktur (der Leistungsfaktor ist konstant) in gleicher Weise für die
Wirkleistung zu.

4.3 Blindleistung
Wirk- und Scheinleistung reichen zur Charakterisierung des Prozesses der elektrischen
Energieversorgung im hier diskutierten Sinne aus. Die Wirkleistung steht für seine
quantitative Seite. Sie drückt die Energiemenge aus, die pro Zeiteinheit erzeugt, übertra-
gen oder genutzt werden kann. Die Scheinleistung bringt zum Ausdruck, mit welcher
Beanspruchung dies geschieht. Das Verhältnis von Wirk- und Scheinleistung, der Lei-
stungsfaktor, stellt ein Gütekriterium dar, ein Nutzen-Aufwand-Verhältnis.

Neben diesen Größen wird zusätzlich die Blindleistung Q gebraucht. Sie ist eine zur
Wirkleistung orthogonale (mathematisch unabhängige) Größe, die nur zur Beanspru-
4 Verluste und Leistungsgrößen 47

chung der Systemelemente beiträgt, nicht aber zum Nutzen des Prozesses. Je nach der
Ursache der Abweichung vom Idealfall (  = 1 ) spricht man von Verschiebungs-, Ver-
zerrungs-, Unsymmetrie- und Modulationsblindleistung. Unabhängig von der Blind-
leistungsart gilt die Beziehung

S 2 = P 2 + Q2 (4.3.1)

Wie die Scheinleistung ist die Blindleistung keine Leistung nach Abschnitt 2.5 im phy-
sikalischen Sinne. Das kommt wiederum in ihrer Maßeinheit Voltampere reaktiv
(VAr) zum Ausdruck. Der Begriff ist von der Verschiebungsblindleistung, die fälschli-
cherweise oft als Blindleistung schlechthin aufgefaßt wird, abgeleitet. Sie entsteht durch
reaktive Elemente (Induktivitäten und Kapazitäten) in Wechsel- und Drehstromkreisen.
Im anglo-amerikanischen Sprachgebrauch, der sich auch in Deutschland durchsetzt,
wird heute die Maßeinheit der Blindleistung oft als Var geschrieben und gesprochen.

Die Blindleistung wird im alltäglichen Sprachgebrauch nur mit Wechsel- und Dreh-
stromsystemen in Verbindung gebracht. Streng genommen ist aber nur die Verschie-
bungsblindleistung darauf beschränkt. Verzerrung und Modulation dagegen treten auch
in Gleichstromsystemen auf. Ihre Wirkung auf das System wird über die entsprechen-
den Blindleistungen beschrieben.

Die oben genannten verschiedenen Arten der Blindleistung lassen sich nur dann exakt
trennen, wenn entweder die Spannung oder der Strom zeitlich ideal verlaufen (bei
Wechselstrom sinusförmig, mit konstanter Amplitude, in Drehstromsystemen außerdem
symmetrisch). In elektrischen Energieversorgungsnetzen sollte das in sehr guter Nähe-
rung für die Spannung gelten. Die Blindleistungsarten lassen sich dann getrennt so kom-
pensieren, daß der Leistungsfaktor größer wird, also eine Annäherung an den Idealfall
geschieht. Zu dieser Blindleistungskompensation benötigt man zusätzliche Betriebs-
mittel im System, auf die hier nicht eingegangen werden soll. Die Blindleistungs-
kompensation führt zu einer Erhöhung des Leistungsfaktors und trägt so zur Senkung
der Verluste bei. Das wird erkauft durch einen höheren Aufwand.

P1 P2

Nachgeordnetes
Vorgeordnetes Teilnetz
Netz oder Abnehmer

Bild 4.3: Einrichtungen zur Blindleistungskompensation im Netz

Einrichtungen zur Blindleistungskompensation wirken entweder auf den Strom oder auf
die Spannung. Im ersten Fall spricht man von Reihen-, Serien- oder Längskompensa-
48 Elektrische Energieversorgung

tion und im zweiten von Parallel- oder Querkompensation. Ihre Verluste sollen mög-
lichst klein sein, ihr Wirkungsgrad ηK hoch, und ein darüber hinausgehender Energie-
bedarf soll nicht bestehen.

P =const .
W2 =  K W1 ⎯⎯⎯⎯→ P2 =  K P1 (4.3.2)

Modulationsblindleistung wird mit Energiespeichern kompensiert, die nicht gleichzeitig


Leistung aufnehmen und abgeben. Für sie gilt der rechte Teil von Gleichung (4.3.2)
nicht. Die Kompensation erfüllt ihren Zweck, wenn die Eingangsscheinleistung kleiner
als die Ausgangsscheinleistung ist.

T T
1 1
  S2 ( t ) d t
P = const .
S12 ( t ) d t < 2
⎯⎯⎯⎯→ S1 < S2 (4.3.3)
T T
0 0

Bei zeitlich veränderlicher Leistung gilt das nach Gleichung (4.3.3) für den quadrati-
schen Mittelwert der Scheinleistung. Der Leistungsfaktor am Eingang einer Kompensa-
tionseinrichtung ist größer als der am Ausgang. Die Beanspruchung und die Verluste im
vorgeordneten Netz werden durch die Kompensation kleiner. Blindleistung sollte da-
her nahe dem Ort kompensiert werden, an dem sie hervorgerufen wird, um so
einen möglichst großen Teil des Netzes zu entlasten.

Im Netzbetrieb sind im Zusammenhang mit der Blindleistung weitere Aspekte zu


beachten. So hat Verschiebungsblindleistung z.B. einen großen Einfluß auf die Span-
nungshaltung. Das soll hier aber unbeachtet bleiben.

4.4 Optimale Bildung der Leistung


Es läßt sich zeigen, daß eine Komponente eines elektrischen Energieversorgungssy-
stems mit Leerlauf- und Lastverlusten genau dann ihren maximalen Wirkungsgrad be-
sitzt, wenn beide Verluste gleich sind.

Pvi = Pvu   =  max (4.4.1)

Bei zeitlich schwankender Belastung gilt diese Aussage für die Verlustenergie.


Wvi = Pvi d t = Wvu = Pvu d t    =  max (4.4.2)

Dieses Gesetz vom maximalen Wirkungsgrad fließt zum Beispiel in die Bemessung
von Transformatoren ein. Ein Transformator, der ständig eingeschaltet ist, aber selten
4 Verluste und Leistungsgrößen 49

belastet wird, benötigt mehr Eisen für den Magnetkreis als einer, der überwiegend mit
hoher Last läuft. Dieser benötigt im Gegensatz zu ersterem mehr Leitermaterial für die
Wicklung.

Von größerer Bedeutung ist die Verallgemeinerung des Gesetzes vom maximalen Wir-
kungsgrad. Nach Gleichung (4.2.3) gehen die Effektivwerte von Spannung und Strom
als gleichwertige Faktoren in die Leistung ein. Ein und dieselbe Leistung kann also aus
beliebig vielen Kombinationen von Strom und Spannung gebildet werden. Nach den
oben angestellten Überlegungen verlangt die Gewährleistung einer zulässigen Bean-
spruchung sowohl durch die Spannung als auch durch den Strom einen gewissen
Aufwand. Daraus läßt sich folgern: Für jede Leistung gibt es einen optimalen Strom
und eine optimale Spannung. Diese sind dann gegeben, wenn der Aufwand für die
Gewährleistung beider Beanspruchungen gleich groß ist. Dieses Gesetz ist nicht so
streng wie das des maximalen Wirkungsgrades. Es hängt vor allem auch vom betrachte-
ten Betriebsmittel ab. Für rotierende elektrische Maschinen und Transformatoren gelten
dabei andere Regeln als für Freileitungen und Kabel. Es kann außerdem nicht so strikt
befolgt werden, weil man in einem System nicht beliebig viele Spannungen bereitstellen
kann. Aber es führt zu der zwingenden Forderung: Ein elektrisches Energieversor-
gungssystem muß mehrere Spannungsebenen besitzen. Die Überlegungen zur
Strombeanspruchung in den Abschnitten 4.1und 4.2 legen außerdem nahe: Je höher die
Leistung ist, desto höher muß auch die Spannung sein.

4.5 Wachstumsgesetze
In Transformatoren und rotierenden elektrischen Maschinen wird die Energie zwischen
zwei oder mehreren elektrisch getrennten Wicklungen magnetisch übertragen. Neben
den Wicklungen, die Teile elektrischer Stromkreise sind, besitzen diese Betriebsmittel
einen Magnetkreis, der ebenfalls für eine zulässige Beanspruchung ausgelegt sein muß.
Wählt man als Beanspruchungsgröße für die Wicklungen die Stromdichte und als
Beanspruchungsgröße für den Magnetkreis (Eisenkreis) die magnetische Flußdichte, die
über das Induktionsgesetz mit der Wicklungsspannung verknüpft ist, so zeigt sich, daß
die Scheinleistung eines Transformators oder einer rotierenden elektrischen Maschine
dem Produkt zweier Querschnittsflächen proprotional ist, dem der Wicklung und dem
des Eisenkreises. Aus Gleichung (4.2.1) erhält man daher

S = U e I e = ku AFe B ki Aw J = k B J AFe Aw = k B J lc4 (4.5.1)

Bei gegebenen Beanspruchungsgrößen (hier Stromdichte J und magnetische Induktion


B) ist die Scheinleistung demnach der vierten Potenz einer charakteristischen Länge lc
50 Elektrische Energieversorgung

proportional. Dieses Wachstumsgesetz hat weitreichende Konsequenzen, denn es sagt


aus: Die Scheinleistung wächst stärker als das Volumen, das der dritten Potenz der
charakteristischen Länge proportional ist. Die Masse des Materials, das für einen Trans-
formator, Generator oder Motor benötigt wird, ist dem Volumen proportional. Die
Scheinleistung eines Betriebsmittels wächst daher auch stärker als die Materialmenge,
die für seine Herstellung benötigt wird.

Eine Typenreihe besteht aus Betriebsmitteln (Transformatoren, Generatoren, Motoren


oder anderen) verschiedener Leistung, die man durch Änderung der charakteristischen
Länge erhält. Die Betriebsmittel der Typenreihe sind alle geometrisch ähnlich. Für zwei
Betriebsmittel aus einer Typenreihe folgen aus dem Wachstumsgesetz die Beziehungen

3
lc1 S V1 m1 S 
=4 1 und = =4 1  (4.5.2)
lc 2 S2 V2 m2  S2 

Die stromabhängigen Verluste (hier die Wicklungsverluste) sind nach Gleichung (4.1.2)
dem Volumen proportional. Das gilt in gleicher Weise für die Verluste im Eisenkreis,
die spannungsabhängigen Verluste. Für die Verluste gilt also die gleiche Beziehung wie
für das Volumen und die Masse

3
Pv1 V1 m1 S 
= = =4 1  (4.5.3)
Pv 2 V2 m2  S2 

Die Verluste nehmen in einer Typenreihe wie das Volumen und die Masse nicht so
stark zu wie die Scheinleistung. Die Konsequenz dessen ist: Der Wirkungsgrad
nimmt mit steigender Scheinleistung zu. Für ihn gilt die Beziehung

1 − 1 S
=4 2 (4.5.4)
1 − 2 S1

Wenn etwa ein 1000-MVA-Generator eines Kohlekraftwerkes und ein 1000-kW-Wind-


generator zur selben Typenreihe gehörten, dann erhielte man

S1 l Pv1 V1 m1
= 1000  c1 = 5, 623  = = = 177,828 (4.5.5)
S2 lc 2 Pv 2 V2 m2

Der Kohlekraftwerksgenerator hätte bei der 1000fachen Leistung nur das 177fache
Volumen und die 177fachen Verluste. Wenn er einen Wirkungsgrad von 99 % besitzt,
dann besäße der Windgenerator einen Wirkungsgrad von 94,4 %. In der Regel gehören
die beiden angenommenen Generatoren natürlich nicht einer Typenreihe an. Die realen
4 Verluste und Leistungsgrößen 51

Zahlen weichen daher von denen des Beispiels ab, aber der durch das Wachstumsgesetz
vorgegebene Trend ist keinesfalls umkehrbar: Je größer desto wirtschaftlicher.

Diese Aussage ist gefährlich, wenn sie auf einseitiges Denken trifft und zur Gigan-
tomanie führt. Denn natürlich können Größen, wie z.B. die Scheinleistung, niemals
jedes Maß übersteigen. Die Grenzen des Wachstums sind dann durch andere Faktoren
bestimmt, als hier besprochen.

Wenn ein 1000-MVA-Kohlekraftwerksgenerator durch eintausend 1-MVA-Windgene-


ratoren ersetzt werden sollte, so folgt aus dem Wachstumsgesetz mit Gleichung (4.5.5)
die dafür nötige Materialmenge

1000 V2 1000 m2 1000


= = = 5, 623 (4.5.6)
V1 m1 177,828

Unter der Voraussetzung, daß die Generatoren einer Typenreihe angehören und daß sie
unter gleichen Betriebsbedingungen arbeiten, benötigt man nahezu die sechsfache Mate-
rialmenge. Voraussichtlich wird aber sehr viel mehr Material gebraucht, weil die Be-
triebsbedingungen der Windkraftgeneratoren, wie später gezeigt wird, erheblich un-
günstiger sind als die eines Generators im Kohlekraftwerk und daher weit mehr als
eintausend von ihnen für den Ersatz vonnöten wären. Stromversorgung aus regenera-
tiven Energien muß aber schon allein wegen der viel kleineren Erzeugungseinhei-
ten aufwändiger sein als die konventionelle Stromversorgung.

4.6 Die Leistung als Bemessungsparameter


Die Leistung ist die Größe, nach der die meisten Komponenten und Betriebsmittel eines
elektrischen Energiesystems (unter anderem) bemessen werden, weil sie den erstrebten
Nutzen definiert. Die Nennleistung gibt die Leistung an, die ein Betriebsmittel unter
definierten Bedingungen abgeben oder aufnehmen kann.

Ein Motor mit einer Nennleistung von 100 kW vermag diese Leistung (in der Regel dau-
ernd) an seiner Welle als mechanische Leistung abzugeben und ein Generator mit einer
Leistung von 900 MW kann diese Leistung an ein elektrisches Energieversorgungsnetz
ebenfalls dauernd abgeben. Bei beiden Maschinen ist die Nennleistung eine Leistung im
physikalischen Sinne, eine Wirkleistung, da sie den Nutzen, die Erzeugung mechanischer
bzw. elektrischer Energie, repräsentiert. Die Scheinleistung als Beanspruchungsgröße
wird bei beiden Betriebsmitteln selten angegeben, weil sie nichts über den Nutzen aussagt.
Der Nenndatensatz der Maschinen enthält aber weitere Daten, die die Ermittlung der
Scheinleistung erlauben. Diese ist die maßgebende Größe für die Integration in das Netz.
52 Elektrische Energieversorgung

Bei Transformatoren wird als Nennleistung dagegen immer die Scheinleistung angege-
ben, weil ihr Nutzen darin besteht, die angeschlossene Last unabhängig von deren Art
zu versorgen. Gemäß der Scheinleistungsdefinition ist die Nennleistung eines Trans-
formators die Wirkleistung, die er unter idealen Bedingungen maximal übertragen kann.
Beim Motor ist die aus dem Energieversorgungsnetz aufgenommene Wirkleistung um
die Verluste höher als seine Nennleistung. Der Generator muß an seiner Welle eine um
die Verluste höhere mechanische Leistung aufnehmen als er als Nennleistung an das
Netz abzugeben vermag. Auch die aufgenommene Wirkleistung des Transformators ist
um seine Verluste größer als die abgegebene. Alle drei Betriebsmittel haben darüber
hinaus einen Bedarf an induktiver Blindleistung, der in die Scheinleistung eingeht.

Eine elektrische Heizung nimmt ihre Nennleistung unter definierten Betriebsbedingungen


auf. Bei ihr kann man davon ausgehen, daß die gesamte erzeugte Wärme die erwünschte
Nutzenergie an ihrem Einsatzort darstellt, wenn sie zweckentsprechend aufgestellt und
betrieben wird. Wirk- und Scheinleistung einer Heizung sind praktisch gleich.

Die Übertragung elektrischer Energie ist leitungsgebunden. Die Nennleistung einer


Leitung (Kabel, Freileitung) ist keine feststehende Größe, sondern sie wird davon be-
stimmt, welchen Einfluß die Umgebungsbedingungen auf die Erwärmung besitzen. So
hängt der zulässige Strom eines Kabels von der Umgebungstemperatur, der Art seiner
Verlegung (frei in Luft, im Kabelkanal, im Erdboden usw.) und ggf. von der Art der
Belastung (konstant oder schwankend) ab. Parallel verlegte weitere Kabel tragen zur
zusätzlichen Ewärmung bei und mindern so die Belastbarkeit. Die Scheinleistung einer
Leitung ist das Produkt aus ihrer Nennspannung und dem zulässigen Strom

Sth zul = U n I e zul (4.6.1)

Sie soll hier thermisch zulässige Scheinleistung genannt werden, weil sie sich aus der
zulässigen Erwärmung der Leitung in ihrer Umgebung ergibt.

Für Drehstrom-Hochspannungsleitungen ist daneben die sogenannte natürliche Lei-


stung von Bedeutung. Sie ist die Wirkleistung, die unter elektrisch optimalen Bedin-
gungen übertragen werden kann. Das ist dann der Fall, wenn die Leitung am Ende mit
ihrem Wellenwiderstand abgeschlossen ist. Die natürliche Leistung ist quadratisch von
der Nennspannung der Leitung abhängig. Der Einfluß der Geometrie der Leiteranord-
nung kommt durch den Ersatzradius eines Leiters rers und dem mittleren Abstand zwi-
schen den drei Leitern D zum Ausdruck. Die relative Permeabilität des Dielektrikums r
beschreibt den Einfluß der Isolation und somit einen Unterschied zwischen Freileitun-
gen und Kabeln. Die natürliche Leistung einer Drehstromleitung beträgt

 2 U2 r
Pnat = U n2 = n (4.6.2)
 ln D 60  ln D
rL rLers
4 Verluste und Leistungsgrößen 53

Die natürlichen Leistungen von Kabeln sind etwa fünf- bis zehnmal größer als die von
Freileitungen gleicher Nennspannung. Eine Ursache dafür ist die relative Dielektrizitäts-
konstante, die bei Kabeln r = 2,3  3,5 beträgt und bei den luftisolierten Freileitungen
gleich eins ist. Der entscheidendere Grund liegt aber im mittleren Abstand zwischen den
Leitern. Er beträgt z.B. bei einer 400-kV-Freileitung D = 8  9 m, bei einer 400-kV-
Kabelstrecke aber weniger als einen Meter, während die Ersatzradien der Leiter etwa
die gleiche Größenordnung besitzen. Die natürliche Leistung von Freileitungen ist daher
kleiner als die thermisch zulässige Scheinleistung, bei Kabeln ist es umgekehrt.

Freileitung  Pnat < Sth zul


(4.6.3)
Kabel  Pnat > Sth zul

Das hat zur Konsequenz, daß das Leitermaterial einer Drehstrom-Freileitung im Betrieb
mit natürlicher Leistung nicht voll ausgelastet ist. Ein Drehstrom-Kabel wäre dagegen
im Betrieb mit natürlicher Leistung thermisch überlastet und kann deshalb nicht elekt-
risch optimal betrieben werden. Hochspannungs-Drehstrom-Kabelverbindungen können
elektrische Energie im Vergleich zu adäquaten Freileitungen infolge dessen nur über
kürzere Entfernungen übertragen. Hochspannungs-Drehstromkabel sind für Fern-
übertragungen nicht geeignet.

Gasisolierte Rohrleiter sind dem Aufbau nach gasisolierte Kabel. Das Isoliergas ist eine
Mischung aus Schwefelhexaflourid (SF6), einem elektronegativen Gas mit hervorragen-
den Isoliereigenschaften, und Stickstoff. Man kann sie im Unterschied zu Kabeln durch
zweckmäßige Wahl der Abmessungen so auslegen, daß ihre natürliche Leistung annä-
hernd gleich der thermisch zulässigen Scheinleistung ist. Sie schließen daher die Lücke
zwischen konventionellen Freileitungen und Kabeln. Gasisolierte Rohrleiter sind besser
als Freileitungen zur Fernübertragung geeignet und können wie normale Kabel unterir-
disch verlegt werden. Aus Gründen des Aufwandes werden sie bisher jedoch nur in
wenigen Pilotanlagen eingesetzt.

4.7 Kurzschlüsse in elektrischen Energieversorgungssystemen


Kurzschlüsse sind zwar seltene Ereignisse in elektrischen Energieversorgungsnetzen,
dennoch haben sie einen außerordentlich großen Einfluß auf die Auslegung aller elektri-
schen Betriebsmittel und auf den Aufbau des gesamten Systems. Tritt in einem elektri-
schen Energieversorgungssystem aus irgendeinem Grund ein Kurzschluß auf, so fließen
in seinen Komponenten Ströme, die die normalen Betriebsströme in der Regel um ein
Vielfaches übersteigen. Dadurch steigen die stromabhängigen Verluste ebenfalls sehr
stark an und es kommt zu einer unzulässig hohen Erwärmung, die die Betriebsmittel
54 Elektrische Energieversorgung

gefährdet. Nach den Überlegungen des Abschnitts 4.1 können die Verluste bei Kurz-
schluß nur durch eine Verkleinerung der Kurzschlußstromdichte verringert werden. Das
aber läuft immer auf einen Kompromiß hinaus. Man kann die Kurzschlußstromfestig-
keit entweder durch Vergrößerung der Leiterquerschnitte erhöhen oder aber die Kurz-
schlußstrombeanspruchung durch Vergrößerung der Impedanzen der Quellen und der
Übertragungselemente verkleinern. Die erste Maßnahme läuft auf einen höheren Mate-
rialeinsatz hinaus und verteuert das System. Die zweite Maßnahme bewirkt eine größere
Lastabhängigkeit der Spannungen im System. Einzelne Lasten (große anlaufende Moto-
ren, Stoßlasten wie z.B. Pressen, Lichtbogenöfen, Stromrichter) wirken dadurch so auf
das System zurück, daß sie über die Spannung am gemeinsamen Verknüpfungspunkt
den Betrieb anderer Lasten beeinträchtigen. Man spricht von Netzrückwirkungen, die
die Versorgungsqualität verringern. Es gilt also

Höhere Kleinere Niedrigere


Kurzschlußstrom- ⇐ Kurzschlußstrom-  Kurzschlußstrom-
festigkeit dichte beanspruchung
  (4.7.1)
Mehr Kompromiß
←⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯

Niedrigere
Material Versorgungsqualität

Unabhängig davon gilt trotzdem: Kein Betriebsmittel eines elektrischen Energiever-


sorgungssystems kann so bemessen werden, daß es Kurzschlußströme dauernd
tragen kann. Kurzschlußströme müssen deshalb so schnell wie möglich ausge-
schaltet werden. Das ist die Aufgabe einer entsprechend schnell wirkenden Schutz-
technik.

Neben der thermischen Kurzschlußstrombeanspruchung werden die Betriebsmittel


durch die Kurzschlußkräfte des Stromes zusätzlich mechanisch beansprucht. Die
folgenreichste Beanspruchung tritt ein, wenn der Kurzschluß mit einem Störlichtbogen,
der gewaltige Wärmemengen bei sehr hohen Temperaturen abgibt, verbunden ist. Alle
Arten der Kurzschlußstrombeanspruchung verlangen eine schnelle Ausschaltung der
Kurzschlußströme. Das ist die Aufgabe von Leistungsschaltern, die während des Aus-
schaltvorganges ebenfalls Beanspruchungen durch den Kurzschlußstrom unterliegen.

Die transienten Vorgänge, die in elektrischen Stromkreisen mit Kurzschlüssen und


anderen, hier nicht zu besprechenden Fehlern verbunden sind, verlaufen so schnell, daß
sie durch menschliches Eingreifen allein nicht beherrschbar wären. Allgemein gilt:
Transiente Vorgänge in elektrischen Energiesystemen verlaufen schneller als sol-
che in allen anderen Systemen der Energieversorgung. Stromversorgung verlangte
immer schon ein gewisses Maß an Automatisierung, eine spezielle Technik, die den
Betrieb von Technik überwacht und bei Fehlverhalten automatisch systemsichernde
Maßnahmen einleitet und ausführt. Elektrische Energieversorgung hat daher die Auto-
4 Verluste und Leistungsgrößen 55

matisierungstechnik maßgeblich vorangetrieben. Ohne Automatisierung gäbe es kei-


nen Strom. Gerade wegen der hier besprochenen Eigenschaft der elektrischen Energie
gilt aber auch umgekehrt: Ohne Strom gäbe es keine Automatisierung.

4.8 Ideale elektrische Energieversorgung


Die Verluste besitzen nach den bisherigen Überlegungen eine herausragende Bedeutung
für die elektrische Energieversorgung. Sie bestimmen nicht nur den Wirkungsgrad der
Erzeugung, Übertragung und Verteilung elektrischer Energie, sondern darüber hinaus
auch den dafür notwendigen Materialeinsatz, den Aufwand für das elektrische Energie-
versorgungssystem. Dieser wichtige Umstand wird oft übersehen, weil die Wirkungs-
grade der elektrischen Betriebsmittel hoch, ihre Verluste also dementsprechend klein
sind.

Der ideale Prozeß der elektrischen Energieversorgung verläuft gleichförmig mit


konstanter Leistung. Auf diese Weise könnte die größte Energiemenge bei gegebener
Beanspruchung der Systemelemente oder mit geringstem Materialeinsatz im elektri-
schen Energieversorgungssystem übertragen werden. Dieses Ideal des gleichfrömigen
Verlaufs trifft in gleicher Weise für andere Transportprozesse zu.

Die Verluste im elektrischen System nehmen außerdem mit der Länge der Übertra-
gungs- und Verteilungswege zu. Die ideale elektrische Energieversorgung ist daher
dezentral mit dicht beieinanderliegenden Erzeuger- und Abnehmerschwerpunkten.
Im Alltag wird der Begriff „dezentrale elektrische Energieversorgung“ häufig mit der
Stromerzeugung (mit Erzeugern kleiner Leistung) aus regenerativen Quellen verbunden,
obwohl er dort nicht immer zutrifft. So ist die Windstromerzeugung eigentlich nicht
dezentral, weil Erzeuger- und Abnehmerstandorte praktisch immer voneinander ge-
trennt sind. Die oben getroffene Aussage gilt aber auch für Kraftwerke großer Leistung.
Je besser es gelingt, die Erzeugerkapazität über die „Lastfläche“ zu verteilen, desto stär-
ker nähert sich die elektrische Energieversorgung ihrem Ideal an. So war in der vollinte-
grierten klassischen Stromversorgung der Systembetrieb bei minimalen Verlusten ein
wichtiges Optimierungsziel. In der liberalisierten Elektrizitätswirtschaft glaubt man da-
gegen, mit dem Stromhandel nach marktwirtschaftlichen Methoden bessere Ergebnisse
zu erzielen, und nimmt dafür höhere Verluste und Beanspruchungen inkauf bzw. be-
achtet sie erst garnicht.

Ideale sind praktisch niemals erreichbar. Häufig ist es sogar nötig, bewußt von ihnen
abzuweichen, um in größeren Systemzusammenhängen und/oder unter einschränkenden
Randbedingungen eine günstigere Lösung zu erreichen. Trotzdem muß die Wirklichkeit
stets am Ideal gemessen werden, denn nur so erkennt man das Potential für Verbesser-
ungen.
5 Prozeß der elektrischen Energieversorgung
5.1 Wahl des Stromsystems
Einphasenwechselstrom scheidet als Stromsystem für die elektrische Energiever-
sorgung aus, weil die Wechselstromleistung mit doppelter Betriebsfrequenz pul-
siert, also zeitlich nicht konstant sein kann. Der ideale Prozeß der Stromversorgung
kann mit einphasigem Wechselstrom nicht angenähert werden.

Sowohl in Gleichstrom- als auch in Drehstromsystemen ist die Leistung bei konstanten
Spannungen und Strömen ebenfalls zeitlich konstant. Beide sind daher für die Strom-
versorgung besser geeignet als Einphasenwechselstrom. Da aber die optimale Lei-
stungsbildung aus Strom und Spannung nach Abschnitt 4.4 von der Leistungshöhe ab-
hängt, und ein elektrisches Energieverorgungsnetz daher mehrere Spannungsebenen be-
sitzen muß, scheiden Gleichstromsysteme zur Stromversorgung aus, da sie nicht trans-
formierbar sind. Dreiphasensysteme sind dagegen wie Einphasenwechselströme trans-
formierbar. Sie vereinigen in sich die Vorteile des Gleichstroms mit denen des Wech-
selstroms. Elektrische Energieversorgungsnetze sind daher überwiegend Dreh-
stromnetze.

Gleichstrom hat gegenüber Wechsel- und Drehstrom einen weiteren gravierenden


Nachteil: Er läßt sich schwerer ausschalten. Die freizügige Teilnahme von Erzeugern und
Abnehmern ist aber ohne die Möglichkeit des Ein- und Ausschaltens undenkbar.
Wechselströme werden in einem ihrer periodischen Nulldurchgänge unterbrochen. Ein
Schalter für Wechsel- und Drehstrom braucht beim Ausschalten gewissermaßen nur dafür
zu sorgen, daß der Strom nach einem natürlichen Nulldurchgang nicht weiterfließt. Ein
Gleichstrom muß beim Ausschalten dagegen erst zu null gezwungen werden. Das geht
nur, wenn eine Gegenspannung in den Stromkreis geschaltet wird, die dafür sorgt, daß am
Ende der Ausschalthandlung kein Strom mehr fließt. Diese Spannung ist bislang
gewöhnlich eine Lichtbogenspannung, die im Gleichstromschalter erzeugt wird. Sie muß
die Leerlaufspannung des Netzes überschreiten, damit die Ausschaltung erfolgreich
verläuft. Das wird umso schwieriger, je höher die Netzspannung ist. Hochspannungs-
gleichstromnetze können deshalb bisher nicht aufgebaut werden, weil es für sie keine
Schaltgeräte gibt. An Hochspannungsgleichstromschaltern auf leistungselektronischer
Grundlage wird gearbeitet, eine Lösung steht bisher noch aus.

Einphasenwechselstromsysteme werden trotz ihres Nachteils überall dort errichtet, wo


es andere gute Gründe dafür gibt. So kommt es im privaten und öffentlichen Bereich,
wo jedermann unmittelbar mit der Stromversorgung in Berührung kommt, auf eine
einfache und sichere Technik an. Die Wechselstromtechnik erfüllt diese Forderungen
am einfachsten. Die Wechselstromnetze sind in diesem Bereich nach Bild 5.1 norma-
lerweise Ableger eines Drehstromsystems. Im Drehstromnetz wäre die Leistungspul-
sation ausgeglichen, wenn die drei Wechselstromnetze gleich belastet sind. Praktisch ist
das nicht vollkommen, aber wenigstens doch annähernd erreichbar.
5 Prozeß der elektrischen Energieversorgung 57

Wechsel-
stromnetz I

Wechsel-
Drehstromnetz
stromnetz II

Bild 5.1:
Anbindung dreier Wechsel-
Wechselstromnetze an ein stromnetz III
Drehstromnetz

Bahnstromversorgungen sind entweder Gleich- oder Einphasenwechselstromsysteme.


Ihre Vorteile liegen wegen der eindrähtigen Fahrleitung auf der Hand. Die Transfor-
mierbarkeit des Wechselstromes läßt höhere Fahrdrahtspannungen und damit höhere
Lokomotiv- bzw. Zugleistungen als bei Gleichstrom zu.
Der Entwicklungsstand der modernen Leistungselektronik läßt die Bedeutung von
Gleichstromsystemen für die Stromversorgung steigen. Hochspannungs-Gleichstrom-
Übertragungen (HGÜ) sind Verbindungszweige zwischen zwei oder mehreren Dreh-
stromnetzen. Sie werden bisher auf der Drehstromseite geschaltet, womit das Schalter-
problem umgangen wird. Gleichstromfreileitungen sind einfacher aufgebaut als solche
für Drehstrom. Sie benötigen eine geringere Trassenbreite und können bis zur thermi-
schen Leistung belastet werden. Bei Ausfall eines der beiden Leiter kann die Erde oder
ein spezieller Rückleiter als Stromleiter benutzt werden, so daß immer noch die halbe
Leistung übertragbar ist. Gleichstrom-Seekabel-Verbindungen benötigen lediglich Ein-
leiterkabel, weil als Rückleiter das Seewasser zur Verfügung steht. Während die Leitun-
gen einer HGÜ-Anlage einfacher werden und in der Regel eine höhere Übertragbarkeit
besitzen, erfordert die Umformung von Dreh- in Gleichstrom und umgekehrt in den
Stromrichterstationen der HGÜ-Anlage einen zusätzlichen Aufwand. HGÜ-Verbin-
dungen über Land sind daher erst ab einer Länge von ca. 500 km wirtschaftlicher als
Drehstromfreileitungen. Es wird allerdings ständig daran gearbeitet, dieses Verhältnis
zugunsten des Gleichstroms zu verbessern.

Der verstärkte Einsatz regenerativer Stromerzeuger hat ebenfalls einen großen Einfluß
auf die Bedeutung von Gleichstromsystemen. Photovoltaikanlagen und Brennstoffzellen
sind Gleichstromerzeuger. Sie werden über einen Stromrichter, der Gleich- in Dreh-
strom umwandelt, mit dem Drehstromnetz verbunden. Windenergieanlagen lassen sich
nur dann optimal nutzen, wenn sie mit einer von der Windgeschwindigkeit abhängigen
Drehzahl betrieben werden. Hierfür werden Stromrichter gebraucht, die ein Drehstrom-
58 Elektrische Energieversorgung

system mit variabler Frequenz (Windgenerator) über einen Gleichspannungs-Zwischen-


kreis mit dem Drehstromnetz mit fester Betriebsfrequenz verbinden. Bild 5.2 enthält
dafür zwei typische Schaltungsvarianten, auf deren Details hier nicht eingegangen wer-
den soll. Mit der modernen Leistungselektronik könnte das Stromsystem zwischen
Erzeuger und Abnehmer in Zukunft ggf. mehrfach gewechselt werden, um den Prozeß
der elektrischen Energieversorgung zu verbessern.

Windenergieanlage mit Synchronmaschine

Umrichter mit
Gleichspannungs-Zwischenkreis

Windenergieanlage mit doppelt gespeister


Asynchronmaschine

Bild 5.2: Anbindung von Windenergieanlagen an das Drehstromnetz

5.2 Belastungsgang
Der ideale Prozeß ist praktisch nur sehr eingeschränkt realisierbar und besitzt seine
Bedeutung daher vor allem als das Maß, dem die Wirklichkeit sich weitgehend annä-
hern sollte und an dem sie gemessen werden muß. Die Abweichung des tatsächlichen
Belastungsganges vom Ideal geht auf die vollkommene Freizügigkeit der Stromversor-
gung zurück und hat viele Ursachen, die aber hauptsächlich von den Wechseln zwi-
schen Tag und Nacht und zwischen den Jahreszeiten bestimmt werden. Diesem natürli-
chen Rhythmen folgen die Lebensgewohnheiten und Bedürfnisse der Menschen und
überwiegend auch die zyklischen Verläufe der materiellen Produktion und des
Geschäftslebens. Im Bild 5.3 sind die Tagesbelastungsgänge in Deutschland im Jahr
2008 dargestellt. Sie werden üblich jeweils für den dritten Mittwoch im Monat ausge-
5 Prozeß der elektrischen Energieversorgung 59

wiesen. Die Tagesverläufe sind unabhängig von der Jahreszeit weitgehend ähnlich und
unterscheiden sich wesentlich nur durch die Höhe der Leistung.

80
P
GW

60

40  Januar  Juli
 Februar  August
 März  September
°
 April  Oktober
20  Mai  November
 Juni  Dezember
berechnet aus
Statistical Yearbook (UCTE) 2008
0
0 6 12 18 24
Uhrzeit h

Bild 5.3: Tages-Belastungsgänge in Deutschland im Jahr 2008

Obwohl nach Abschnitt 3.6 in jedem Augenblick Leistungsgleichgewicht herrschen


muß, ist elektrische Energieversorgung mit diesem typischen Tagesrhythmus im Voraus
planbar. Die (konventionelle) Stromerzeugung kann also darauf eingestellt werden, den
Bedarf der Abnehmer zu jeder Tageszeit zu decken und so die gewünschte Freizügigkeit
zu gewährleisten. Voraussetzung dafür aber ist, daß man die Belastungsgänge aus ent-
sprechenden Aufzeichnungen kennt. Die Abnehmer könnten die Stromversorgung ge-
fährden, wenn sie plötzlich ihre Gewohnheiten völlig änderten. Zuverlässige Strom-
versorgung beruht wesentlich auf einem hinreichend bekannten rhythmischen
Lastverhalten.

Bild 5.4 zeigt die entsprechenden Tages-Belastungsgänge des (west-)europäischen Ver-


bundnetzes ebenfalls im Jahr 2008 (damals noch UCTE). Ihr Verlauf ist den deutschen
Belastungsgängen sehr ähnlich, obwohl sie ein weitaus größeres Territorium repräsen-
tieren, in dem die Lebensgewohnheiten der Menschen stark voneinander abweichen sollten.
Ein Ausgleich der Belastungsschwankungen wird deshalb oft vermutet und als möglicher
Vorteil eines großen Verbundnetzes angesehen. Daß er in Europa nur wenig ausgeprägt ist,
60 Elektrische Energieversorgung

könnte mit dem synchronisierenden Einfluß des Wirtschafts- und Geschäftslebens zusam-
menhängen. Die Leistungen im europäischen Verbundnetz liegen etwa zwischen der 4,3-
fachen Minimallast und der fünfachen Maximallast Deutschlands. Das Band zwischen mi-
nimaler und maximaler deutscher Last ist zum Vergleich in das Bild 5.4 eingetragen.

400

P
GW
300

 Januar  Juli
200  Februar  August
 März  September
°
 April  Oktober
 Mai  November
 Juni  Dezember
100

berechnet aus
0 Statistical Yearbook (UCTE) 2008
0 6 12 18 24
Uhrzeit h

Bild 5.4: Tages-Belastungsgänge im europäischen Verbundnetz im Jahr 2008

5.3 Abnehmerstruktur und Belastungsgang


Der Einfluß der Abnehmerstruktur auf den Belastungsgang soll an einem Beispiel nach
Bild 5.5 besprochen werden, das von der Versorgung eines einzelnen Abnehmers bis
hin zur Versorgung einer größeren Region reicht.

Der Elektroherd nach Bild 5.5, oben links, stellt eine sehr unausgeglichene Last dar.
Wollte man nur für ihn ein „Kraftwerk“ bauen, so müßte es eine Leistung von 3800 W
besitzen. Könnte man dagegen die zum Kochen benötigte elektrische Energie über eine
Zeit von vierundzwanzig Stunden beziehen, dann bräuchte man ein „Kraftwerk“ mit
5 Prozeß der elektrischen Energieversorgung 61

einer Leistung von nicht mehr als 335 W und würde so die Wirtschaftlichkeit der
Stromversorgung anscheinend erhöhen. Bereits dieses einfache Beispiel zeigt, daß die
Angabe der benötigten Energie für die Charakterisierung einer Last nicht nur unzu-
reichend ist, sondern sogar in höchstem Maße irreführend. Der Haushalt benötigt zum
Kochen täglich eine Energie von WHerd = 335 W ∙ 24 h ≈ 8 kWh. Aber niemand könnte
mit dieser Energiemenge kochen, wenn sie gleichmäßig über 24 Stunden zugeführt wür-
de. Um die Mittagszeit muß der Herd mit einer Leistung von 3800 W arbeiten, damit
das Essen gelingt. Mit dieser Leistung würde er die gesamte Kochenergie in nur 2,12
Stunden (≈ 127 Minuten) aufnehmen. Nach dem Bild arbeitet der Herd tatsächlich vier
Stunden pro Tag, weil die Mahlzeiten morgens und abends nicht so aufwändig sind wie
mittags. Der Elektroherd wird im privaten Haushalt demzufolge schlecht ausgelastet,
aber es liegt nicht an ihm. Bei einem Gas- oder gar Kohleherd wäre es auch nicht
anders. Es liegt an unseren Lebensgewohnheiten, die diesen unausgeglichenen Energie-
verbrauch verlangen. Im wirklichen Leben ist der gesamte Energieverbrauch wie in
diesem Beispiel zeitlich immer unausgeglichen. Aus diesem Grunde ist es stets falsch,
z.B. eine Anlage zur regenerativen Stromerzeugung nur nach der erzeugten Energie-
menge zu charakterisieren.

5 5
Elektroherd Einfamilienhaus
P
Pmax = 3800 W P Pmax = 4100 W
kW kW

Pmittel = 1088 W
Pmittel = 335 W
0 0
5 10
500 Einfamilienhäuser Region
P Pmax = 380 kW P
100kW Pmax = 6800 kW
MW

Pmittel = 5613 kW

Pmittel = 177 kW

0 0
0 12 24 0 12 24
t h t h

Bild 5.5: Einfluß der Abnehmer auf den Belastungsgang


62 Elektrische Energieversorgung

Da die weiteren Abnehmer im Einfamilienhaus eine andere Betriebscharakteristik als


der Elektroherd besitzen, sorgen sie nach Bild 5.5, oben rechts, für einen Belastungsaus-
gleich. Die Diversifizierung der Abnehmerstruktur durch ständig neue Stromanwen-
dungen besitzt für die elektrische Energieversorgung eine ganz besondere Bedeutung.
An ihrem Anfang stand als zweiter, bis heute bestimmender Abnehmer neben dem Licht
der Motor mit völlig anderer Betriebscharakteristik, da er zu jeder Tageszeit genutzt
werden kann. Noch immer werden etwa 50 % des Stromes in mechanische Energie
umgeformt. Die veraltete Bezeichnung „Licht- & Kraftanlagen“ bringt das sehr deutlich
zum Ausdruck. Im Laufe der Zeit sind viele weitere Abnehmer dazugekommen und
haben auf ihre Weise zum Ausgleich des Lastganges beigetragen. Einen zusätzlichen
Ausgleich der Last erhält man durch die Erhöhung der Abnehmerzahl, d.h., die Ver-
größerung des Versorgungsgebietes, da sich selbst gleichartige Abnehmer nicht
gleich verhalten. So sind z. B. die Koch- und Eßgewohnheiten keinesfall in allen Häu-
sern gleich. Der Übergang im Bild 5.5 von einem Einfamilienhaus zu einer ganzen
Siedlung dokumentiert diesen Einfluß. Ein über die Siedlung hinausgehendes, größeres
Versorgungsgebiet stellt schließlich eine noch ausgeglichenere Last dar, zum einen,
weil die Abnehmerzahl nochmals größer ist, zum anderen aber auch, weil die Diversität
der Abnehmerstruktur durch z. B. Gewerbe- und Handelsbetriebe sowie produzierende
Industrie (ggf. im Schichtbetrieb) größer ist. Vielfalt und Anzahl der Abnehmer
glätten den Belastungsgang und tragen so zur Wirtschaftlichkeit der Stromversor-
gung bei.

5.4 Dauerlinie
Für die Auswertung und Interpretation von Belastungen ist es zweckmäßig, die Bela-
stungsgänge in sogenannte Dauerlinien umzuformen. Sie werden dazu nach der Größe
der Leistung, üblicherweise vom größten zum kleinsten Wert absteigend, geordnet, wie
es im Bild 5.6 schematisch dargestellt ist. Dauerlinien heißen darum auch geordnete
Belastungsdiagramme. In der umgekehrten Ordnung (vom kleinsten zum größten Wert
aufsteigend) entsprechen sie empirischen Verteilungsfunktionen der Leistung. Dauerli-
nien können für ganz unterschiedliche Zeitabschnitte gelten, z.B. für einen Tag, einen
Monat, ein Jahr oder auch für einen beliebigen Produktionszyklus. In der Praxis hat die
Tagesdauerlinie eine untergeordnete Bedeutung, da die tageszeitlichen Leistungs-
schwankungen aus ihr nicht hervorgehen. Für die öffentliche Energieversorgung sind
die Jahres- und die Monatsdauerlinie von größerem Interesse. In der Gegenüberstellung
von Erzeugung und Last können, wie später gezeigt wird, aus Dauerlinien Grenzfälle
abgeleitet werden, die auch für die Dauer eines Tages bedeutsam sind.

Die Nennbetriebsdauer beträgt also z. B.


5 Prozeß der elektrischen Energieversorgung 63

24 h 1 Tag
 ( ) ( ) 
Tn = 30 31 ⋅ 24 h = 720 744 h für 1 Monat (5.4.1)
365 ⋅ 24 h = 8760 h 1 Jahr
 

Unabhängig von der gewählten Nennbetriebsdauer gehorchen Dauerlinien gleichen Ge-


setzen. Sie sind sogenannte selbstähnliche Kurven.

Ganglinie Dauerlinie
P Pmax

A B A+B

C Pmin C

0 6 12 18 h 24 0 6 12 18 h 24
Uhrzeit h Dauer h

Bild 5.6: Konstruktion der Tagesdauerlinie

Aus der Dauerlinie ergeben sich wichtige Kenngrößen zur Beurteilung von Lasten, die
in gleicher Weise auch für Erzeuger anwendbar sind. Die während der Nennbetriebs-
dauer im betrachteten Prozeß umgesetzte Energie entspricht der Fläche unter der Dau-
erlinie. Die gleiche Energie würde umgesetzt werden, wenn der Prozeß über die ge-
samte Nennbetriebsdauer mit der mittleren Leistung Pmittel abliefe. Er wäre dann ideal.
Als zweites Extrem ist vorstellbar, daß er mit der maximalen Leistung Pmax, der Höchst-
last, über die sogenannte Benutzungsdauer (der Höchstlast) Tm ideal verläuft, danach
aber die Leistung bis zur Nennbetriebsdauer null ist. Diese Annahme bringt zum Aus-
druck, daß die maximale Leistung im Prozeß nur über die Länge der Benutzungsdauer
in Anspruch genommen wird. Je kleiner die Benutzungsdauer ist, desto schlechter wird
das System, das ja wegen des Leistungsgleichgewichts für die maximale Leistung aus-
gelegt sein muß, ausgenutzt, desto ungünstiger verläuft der Prozeß. Die umgesetzte
Energie kann mit diesen Überlegungen auf zwei Weisen ausgedrückt werden

Tn
W=  P (t ) d t = Pmittel Tn = Pmax Tm (5.4.2)
0

Der Elektroherd nach Abschnitt 5.3 wird als Abnehmer mit der Höchstlast und der Be-
nutzungsdauer treffender beschrieben als mit der mittleren Leistung und der Nennbe-
triebsdauer. Die maximale Energie erhielte man als absoluten Grenzfall, wenn der Pro-
zeß mit maximaler Leistung über die gesamte Nennbetriebsdauer ideal betrieben wird
64 Elektrische Energieversorgung

Wmax = Pmax Tn (5.4.3)

Dividiert man die Gleichung (5.4.2) durch die Gleichung (5.4.3), so erhält man den
sogenannten Belastungsgrad des Prozesses

W T P
m= = m = mittel ≤ 1 (5.4.4)
Wmax Tn Pmax

Der Belastungsgrad des idealen Prozesses ist eins. Er drückt zweierlei aus: die zeitliche
Auslastung des Systems bei Betrieb mit Höchstlast oder die leistungsmäßige Auslastung
bei idealem Betrieb mit mittlerer Leistung. Es gilt dasselbe wie für die Benutzungs-
dauer: Je kleiner der Belastungsgrad ist, desto ungünstiger wird das Energiever-
sorgungssystem mit dem betrachteten Prozeß betrieben, desto unwirtschaftlicher
ist es. Da alle Ökonomie von willkürlichen Grundannahmen ausgeht, kann man hier den
Begriff „unwirtschaftlich“ zeitlos auch nur als hohen Materialaufwand oder als schlech-
te Materialausnutzung auffassen. In einer endlichen Welt mit begrenzten Ressourcen ist
Sparsamkeit auf allen Gebieten immer zugleich wirtschaftlich.

Als weitere Kenngröße einer Last hat sich das sogenannte Lastverhältnis m0 als zweck-
mäßig erwiesen. Es ist das Verhältnis der minimalen zur maximalen Leistung.

P P −P
m0 = min   p = max min = 1 − m0 (5.4.5)
Pmax Pmax

Mit dem Lastverhältnis ergibt sich die relative Leistungsschwankung Δp nach Gleichung
(5.4.5) ebenfalls auf einfache Weise. Schließlich kann mit dem Lastverhältnis die im Pro-
zeß umgesetzte Energie nach Gleichung (5.4.2) in einer dritten Form dargestellt werden

W = ( Pmax − Pmin ) Tm′ + Pmin Tn = Pmax ( (1 − m0 ) Tm′ + m0 Tn ) (5.4.6)

Mit Gleichung (5.4.6) wird der Prozeß als Überlagerung eines idealen Teilprozesses mit
der minimalen Leistung, die daher als Grundlast bezeichnet wird, mit einem zweiten,
nichtidealen Teilprozeß beschrieben. Für den nichtidealen Teilprozeß beträgt der Bela-
stungsgrad

T ′ m − m0
m′ = m = <m (5.4.7)
Tn 1 − m0

Seine Benutzungsdauer T´m und sein Belastungsgrad sind kleiner als die entsprechenden
Größen des gesamten Prozesses. Die drei vereinfachten Prozeßdarstellungen sind im
Bild 5.7 zusammen mit der Dauerlinie und ihren Kenngrößen dargestellt.
5 Prozeß der elektrischen Energieversorgung 65

Pmax
P
1
Pmittel ideal
2
Pmin
Bild 5.7:
Kenngrößen der Dauerlinie
Tm′ Tm t Tn

Zur vollständigen Beschreibung des Prozesses gehört nach den bisherigen Überlegun-
gen eine adäquate Darstellung der Scheinleistung. Scheinleistungsgänge sind aber prak-
tisch selten aufgezeichnet worden, anfangs wohl mangels geeigneter Technik dafür. Da
aber entsprechende Kenngrößen zur vollständigen Beurteilung gebraucht wurden, sind
im Laufe der Zeit verschiedene Verfahren entwickelt worden, um sie aus den Bela-
stungsgängen bzw. den zugehörigen Dauerlinien abzuleiten. Grundlage dafür waren
verschiedene Annahmen zum Blindleistungsverhalten des Netzes. Darauf soll hier nicht
eingegangen werden. Zu bemerken ist jedoch, daß heute die technischen Möglichkeiten
(z.B. smart metering) bestünden, Scheinleistungsgänge aufzuzeichnen und auszuwerten.
Die dem Belastungsgrad entsprechende Kenngröße für die Scheinleistung ist der soge-
nannte Scheinarbeitsverlustfaktor . Im Unterschied zum Belastungsgrad ergibt er
sich wie die Effektivwerte von Spannung und Strom aus dem quadratischen Mittelwert
der Scheinleistung
Tn Tn

 S 2 (t ) d t I
2(
t) dt
2
0 T S mittel U =const. 0
 = 2
= v = 2
<m ⎯⎯⎯⎯→  = 2
(5.4.8)
S max Tn Tn S max I max Tn

Die Dauer Tv in Gleichung (5.4.8) ist die sogenannte Verlustdauer, die Dauer, während
der die maximalen Verluste sich zur Gesamtverlustenergie des Prozesses anhäufen. Bei
konstanter Spannung (innerhalb einer Spannungsebene) entsprechen die Schwankungen
der Scheinleistung denen des Stromes.

Für den Prozeß mit schwankender Leistung kann auf dieser Grundlage ein Leistungs-
faktor als Gütekriterium angegeben werden

Pmittel m Pmax m m
= = = max mit ≤1 (5.4.9)
Smittel  Smax  

Gleichung (5.4.9) verdeutlicht im Zusammenhang mit den Überlegungen zum Lei-


stungsfaktor im Abschnitt 4.2: Belastungsschwankungen äußern sich als Modula-
tionsblindleistung und führen im Vergleich zum idealen, gleichförmigen Prozeß zu
66 Elektrische Energieversorgung

erhöhten Verlusten im Energieversorgungssystem. Es zeigt sich also aus anderer


Sicht erneut, daß ein System bei schwankender Belastung ungünstiger arbeitet als bei
konstanter.

5.5 Beispiele für Dauerlinien und ihre Kenngrößen


Im Bild 5.8 sind die Jahresdauerlinien für das deutsche und das europäische Verbund-
netz im Jahr 2008 dargestellt, wie sie aus den Belastungsgängen der Bilder 5.1 und 5.2
berechnet wurden. Die Abszisse wurde in der Darstellung auf die Jahresstundenzahl
bezogen und die Ordinate auf die jeweilige Höchstlast. Die Normierung der Koordina-
tenachsen erlaubt die Darstellung beider Dauerlinien in einem Diagramm und ihren
unmittelbaren Vergleich.

P 1
Pmax
D
Eu
0,8

0, 6

0, 4
D Eu P in GW D Eu
m 0,812 0, 790 Pmax 82, 2 392, 4
m0 0,592 0,553 Pmittel 66,8 310,1
0, 2 m0lin 0, 624 0,581 Pmin 48, 7 217,1

berechnet aus
Statistical Yearbook (UCTE) 2008
0
0 0, 2 0, 4 0, 6 0,8 1
T Tn

Bild 5.8: Dauerlinien des deutschen und des europäischen Verbundnetzes für 2008
5 Prozeß der elektrischen Energieversorgung 67

Trotz der Abweichungen ist feststellbar, daß die Dauerlinien prinzipiell ähnlich sind.
Das zeigt sich auch in den Werten des Belastungsgrades und des Lastverhältnisses.
Danach ist die Last des europäischen Verbundnetzes nur geringfügig weniger
ausgeglichen als die des deutschen. Zusätzlich zu den beiden Dauerlinien sind Geraden
zur linearen Annäherung an die Dauerlinien eingetragen. Sie besitzen die gleiche
Höchstlast und den gleichen Belastungsgrad wie die zugehörigen Dauerlinien, ihre
Lastverhältnisse sind etwas größer.

Einzelne Abnehmer und Abnehmergruppen lassen sich mit den Kenngrößen des Bela-
stungsganges ebenfalls beschreiben und so bezüglich ihres Einflusses auf die elektrische
Energieversorgung einordnen.

Abnehmer m Tm h m0
Elektroherd 0, 088 2,11 0
Einfamilienhaus 0, 265 6,36 0, 049 (5.5.1)
500 Einfamilienhäuser 0, 467 11, 21 0,197
größere Region 0,825 19,80 0, 618

Die Tabelle in (5.5.1) enthält Belastungsdaten aus Tages-Dauerlinien der öffentlichen


Energieversorgung. Der Elektroherd ist, wie bereits besprochen, ein sehr unausgegliche-
ner Abnehmer, weil er nur während der kurzen Kochzeiten benutzt wird. Wer sich für
ihn entscheidet, muß gute andere Gründe haben, die seine Nachteile im Hinblick auf die
Stromversorgung ausgleichen. Der Einfluß der Abnehmerstruktur auf den Lastgang
kommt in seinen Parametern sehr gut zum Ausdruck.

Abnehmer m Tm h
chemische Industrie 0, 68  0,91 6000  8000
großindustrieller Maschinenbau 0, 46  0, 63 4000  5500
Gewerbe & Kleinindustrie 0, 23  0, 46 2000  4000 (5.5.2)
Haushalte 0, 06  0,15 500  1300
Speicherheizung 0, 08  0,11 700  1000
Landwirtschaft 0, 02  0, 03 150  250

Die verschiedenen Zweige der Volkswirtschaft haben zum Teil ganz unterschiedliche
Belastungsgänge. Dort, wo man einen kontinuierlichen Prozeß betreibt oder im Mehr-
schichtbetrieb arbeitet, ist die Belastung am ausgeglichensten. Je kürzer aber die tägli-
chen Betriebszeiten sind, desto größer werden die Belastungsschwankungen. Die Tabel-
le in (5.5.2) enthält dafür Beispiele, die aus Jahresdauerlinien ermittelt wurden. Mit
Landwirtschaft ist dort die konventionelle gemeint. Die industrielle Landwirtschaft
stellt im Unterschied dazu eine ausgeglichenere Last dar.
68 Elektrische Energieversorgung

Stromerzeuger können in gleicher Weise mit Gang- und Dauerlinien (Erzeugungsgang-


und -dauerlinien) und den dazugehörigen Kenngrößen charakterisiert werden. Die Ta-
belle in (5.5.3) enthält die Kenngrößen für konventionelle Stromerzeuger aus den Jah-
resdauerlinien. Die Stromerzeugung in Kernkraft-, Braunkohle- und Laufwasserkraft-
werken ist am ausgeglichensten. Kern- und Braunkohlekraftwerke arbeiten bei niedrig-
sten Betriebskosten, wenn der Prozeß nahezu kontinuierlich (ideal) verläuft. Es sind ty-
pische Grundlastkraftwerke. Auch Laufwasserkraftwerke gehören dazu. Es wäre wirt-
schaftlich und ökologisch abwegig, das zur Verfügung stehende Wasser nicht zur
Stromerzeugung zu nutzen.

Stromerzeuger m Tm h
Kernkraftwerk 0,87 7650
Braunkohlekraftwerk 0, 73 6440
Laufwasserkraftwerk 0, 58 5090
Steinkohlekraftwerk 0, 48  0,51 4230  4500
(5.5.3)
Speicherwasserkraftwerk 0, 22 1950
Erdgaskraftwerk 0,18 1590
Pumpspeicher-KW mit nat. Zufluß 0,10 900
Pumpspeicher-KW ohne nat. Zufluß 0, 089 780
Heizölkraftwerk 0, 023 200

Ein Steinkohlekraftwerk hat ebenfalls niedrigere spezifische Betriebskosten, je ausge-


glichener der Prozeß ist. Es kann aber im Gegensatz zu Braunkohle- und Kernkraftwer-
ken den Belastungsschwankungen leichter folgen und dient daher als Mittellastkraft-
werk (Regelkraftwerk), das Belastungsschwankungen ausregelt. Die Kenngrößen
eines Steinkohlekraftwerkes werden also nicht nur von seinen eigenen Eigenschaften
bestimmt, sondern vorrangig von der Belastungssituation. Moderne Braunkohlekraft-
werke werden jedoch im Zusammenhang mit der Windenergienutzung zunehmend
gleichfalls als Regelkraftwerke eingesetzt.

Ein Speicherwasserkraftwerk muß mit dem Wasser seines Speichers haushalten, in der
Regel über eine Periodendauer von einem Jahr. Seine Arbeitsweise hängt von der Größe
des Speichers ab und ggf. davon, ob er weiteren Zwecken außer der Stromerzeugung
dient. Es kann daher meist nur im Mittellastbereich eingesetzt werden. Eine Ausnahme
davon sind die großen Flußkraftwerke weltweit, mit ausreichendem Wasserzufluß für
einen kontinuierlichen Betrieb. Sie besitzen zwar einen Stausee (einen Wasserspeicher),
aber meist wird er nur benötigt, um die nutzbare Gefällehöhe zu gewährleisten bzw. zu
vergrößern. Die weiteren Kraftwerksarten in (5.5.3) dienen in der Hauptsache zum Aus-
gleich von kurzfristigen Belastungsschwankungen und Spitzenlasten. Sie haben ent-
sprechend kleine Benutzungsdauern und Belastungsgrade. Die Stromerzeugung aus den
regenerativen Quellen Sonne und Wind ist vollkommen dargebotsabhängig. Die Ein-
bindung derartiger Stromerzeuger in den Prozeß wird daher gesondert besprochen.
5 Prozeß der elektrischen Energieversorgung 69

5.6 Anpassung zwischen Last und Erzeugung


Der Prozeß der elektrischen Energieversorgung ist nach Abschnitt 3.6 ein Gleichge-
wichtsprozeß und hat als solcher mindestens zwei Seiten, die so aufeinander abgestimmt
sein sollten, daß das Leistungsgleichgewicht unter Berücksichtigung technischer, wirt-
schaftlicher und ökologischer Randbedingungen besteht. In der konventionellen elektri-
schen Energieversorgung erreicht man dieses Ziel durch eine wechselseitige Anpassung
zwischen Last und Erzeugung. Wichtige Schritte auf dem Weg zu diesem Ziel sollen hier
besprochen werden. Die Grundlage dafür ist ein Belastungsgang nach Bild 5.9.

1
P
Pmax

WL1 WL 2 WL3
m0

Bild 5.9:
Belastungsgang eines
Energieversorgungs-
unternehmens 0
0 T Tn 1

Sein Belastungsgrad und sein Lastverhältnis betragen

m = 0, 7 und m0 = 0,508 (5.6.1)

Diese Parameter hat man bisher als typisch für ein Energieversorgungsunternehmen
angesehen und bezeichnet einen solchen Belastungsgang daher oft als EVU-Last. In den
Zeiten mit niedriger Last (den Schwachlastzeiten) sind die Kraftwerke schlecht ausge-
lastet, ihr Betrieb ist damit unwirtschaftlich. Unter diesem Gesichtspunkt erscheint es
sinnvoll, die Lasttäler durch Gewinnung neuer Abnehmer aufzufüllen. Da die Schwach-
lastzeiten in der Regel nachts auftreten, wurde der sogenannte Nachtstromtarif einge-
führt, der niedriger als der Normaltarif war. So wurde für einige Abnehmer der Anreiz
erzeugt, ihren Strom nachts zu beziehen. Ein typisches Beispiel dafür sind die Nacht-
speicherheizungen, die nachts Wärme speichern, um auch tagsüber heizen zu können.
Auf diese Weise werden die Lasttäler im Bild 5.9 aufgefüllt (blaue Flächen).
70 Elektrische Energieversorgung

WL = WL1 + WL 2 + WL3 (5.6.2)

Die zusätzlichen Abnehmer verbrauchen mehr Strom und der daraus resultierende Bela-
stungsgang besitzt die Parameter

mL = 0, 725 und m0 L = 0, 62 (5.6.3)

1
P
WSp
Pmax

m
m0L

m0
PG
Pmax

Bild 5.10:
Verlagerung der Last
von der Spitzenlast- in
die Schwachlastzeit 0
0 T Tn 1

Tarifliche Anreize können aber auch dazu eingesetzt werden, Abnehmer zu bewegen,
ihren Strombezug aus einer Spitzenlastzeit in eine Schwachlastzeit teilweise oder voll
zu verlagern. Das wird beispielhaft im Bild 5.10 gezeigt. Es werden nicht nur die Last-
täler aufgefüllt, sondern gleichzeitig die Lastspitzen abgetragen. Die weiße Fläche ist
genauso groß wie die drei blauen Flächen zusammen.

WL = WL1 + WL 2 + WL3 = WSp (5.6.4)

Die mittlere Last ist gegenüber der Ausgangs-Ganglinie unverändert. Der neue Bela-
stungsgang (dunkelblaue Linie) zeichnet sich im Vergleich zu Bild 5.9 durch eine Sen-
kung der Spitzenleistung aus. Die maximal nötige Erzeugerleistung beträgt nur noch
etwa 80,4 % der ursprünglichen. Die Einsparungen am Kraftwerkspark wären also er-
heblich. Verwendet man als Bezugsgröße die neue Spitzenleistung, dann besitzt der
neue Belastungsgang die Parameter

mLS = 0,87 und m0 LS = 0, 771 (5.6.5)


5 Prozeß der elektrischen Energieversorgung 71

Es ist also nicht nur eine geringere Kraftwerksleistung nötig, sondern diese ist darüber
hinaus in Schwachlastzeiten überdies besser ausgelastet.

Die Beispiele belegen, was Lastmanagement (Energiemanagement) bei der Gestaltung


einer technisch-wirtschaftlichen Stromversorgung bewirken kann. Es ist durch weitere
Maßnahmen ausbaufähig. Größeren Abnehmern können z.B. tarifliche Anreize dafür ge-
boten werden, daß sie selbst für einen möglichst ausgeglichenen Belastungsgang ihres
Betriebsprozesses sorgen, also ihre Energie bei möglichst niedriger Spitzenleistung und
ggf. möglichst hoher Grundlast beziehen. In Verbindung mit moderner Informations-
technik bietet sich eine Pallette von Mitteln, die Last erzeugungsgerecht bis in den Bereich
der privaten Abnehmer hinein zu gestalten, indem sie die Stromversorgung in den soge-
nannten smart grids mit Intelligenz ausstattet. Alle diese Maßnahmen laufen auf Vor-
wegnahme oder Aufschub des Energiebezugs hinaus, also auf einen Verzicht oder eine
Einschränkung der Freizügigkeit der Stromversorgung. Das geht häufig nur, wenn Spei-
cher in irgendeiner Form zur Verfügung stehen. So benötigt die Nachtspeicherheizung
Wärmespeicher, um die Heizenergie vorweg beziehen zu können. Selbst der Aufschub
eines Wasch- oder Geschirrspülganges erfordert genügend sauberes Gut, um die Zeit bis
zum Abschluß der Wäsche oder Geschirrspülung überbrücken zu können. Das Verbesse-
rungspotential der Stromversorgung, das niemals voll ausgeschöpft werden kann, ergibt
sich aus der Differenz des realen zum idealen Prozeß.

Ein weiteres Mittel, den Belastungsgang in der oben beschriebenen Weise zu manipu-
lieren, ist der Einsatz von Speicherkraftwerken, die heute mit wenigen Ausnahmen
Pumpspeicherkraftwerke sind, in denen die Energie als potentielle mechanische Ener-
gie aufgestauten Wassers gespeichert wird. Die Lasttäler in Bild 5.9 können auch aufge-
füllt werden, indem ein Pumpspeicherkraftwerk als Last arbeitet und im Pumpbetrieb
sein Oberbecken füllt, um Energie zu speichern. Diese Energie kann es im Generator-
betrieb abgeben, z.B. um die erste Lastspitze im Bild 5.10 abzubauen. Die Wirkung ist
also die gleiche wie bei der oben beschriebenen Verlagerung der Last aus der Spitzen-
in die Schwachlastzeit.

Der Unterschied im Belastungsgrad ist die Folge des Wirkungsgrades des Speicher-
kraftwerkes, der natürlich kleiner als eins ist und dem Verhältnis von abgegebener zu
aufgenommener Energie des Speichers entspricht.

WSp
 PSW = <1 (5.6.6)
WL

Die Ganglinie in Bild 5.11 wurde für einen Wirkungsgrad des Pumpspeicherwerkes von
75 % berechnet. Der Belastungsgrad wird wegen der Verluste des Pumspeicherwerkes
geringfügig höher als der der Ausgangs-Ganglinie. Er beträgt

mSp = 0, 706 (5.6.7)


72 Elektrische Energieversorgung

1
P
WSp
Pmax

mSp
m
m0 L
WL1 WL 2 WL3
m0
PG
Pmax

Bild 5.11:
Belastungsgang mit
Pumpspeicherkraftwerk 0
0 T Tn 1

Das Pumpspeicherwerk erlaubt es im dargestellten Beispiel, die maximale Leistung der


anderen Kraftwerke auf 83,5 % zu reduzieren. Setzt man diese Spitzenleistung wiede-
rum als Bezugsgröße, so ergeben sich die Parameter des Belastungsganges

mPS = 0,845 und m0 LS = 0, 743 (5.6.8)

Die Ganglinie ist wesentlich ausgeglichener als die Ausgangs-Ganglinie, aber infolge
der verlustbehafteten Energiespeicherung nicht ganz so ausgeglichen wie im Beispiel
der Lastverlagerung nach Bild 5.10.

Der mit Hilfe des Pumpspeicherkraftwerkes manipulierte Belastungsgang wird schließ-


lich durch den Einsatz verschiedener Kraftwerkstypen abgedeckt. Einen Teil der Last
tragen Grundlastkraftwerke. Im Beispiel nach Bild 5.12 beträgt die Grundlast 58 %
der Maximallast. Die sogenannten Mittellastkraftwerke (Regelkraftwerke) überneh-
men den Teil der Last, der sich mit relativ großer Regelmäßigkeit täglich wiederholt.
Sie wurden früher daher auch Fahrplankraftwerke genannt, weil sie nach einem ver-
hältnismäßig festen Fahrplan arbeiten können. Ihre Spitzenleistung beträgt im Beispiel
22 % von Pmax. Die verbleibende Differenz muß von Spitzenkraftwerken (hier außer
dem Pumpspeicherwerk) übernommen werden. Deren Spitzenleistung beträgt im
Beispiel etwa 7 % der Maximallast. Die maximale Leistung des Pumpspeicherwerkes
beträgt im Generatorbetrieb 16,5 % von Pmax.
5 Prozeß der elektrischen Energieversorgung 73

1
P
PSW Spitzenlast
Pmax

Mittellast

m0G
m0

Grundlast

Bild 5.12:
Kraftwerkseinsatz
für den verbleiben-
den Belastungsgang 0
0 T Tn 1

1
P
Pmax PSW Spitzenlast

Mittellast

m0G
m0

Grundlast

Bild 5.13:
Dauerlinien des
Kraftwerkseinsatzes 0
0 T Tn 1

Im Bild 5.13 ist der Kraftwerkseinsatz in Form von Dauerlinien dargestellt. Bei der
Umwandlung der Gang- in Dauerlinien geht zwar die zeitliche Zuordnung der einzelnen
74 Elektrische Energieversorgung

Kraftwerkstypen untereinander und zum Belastungsgang verloren. Trotzdem entsteht


aber ein anschauliches Bild zur Beurteilung des Prozesses. Da die zeitliche Zuordnung
stochastischen Charakter besitzt, kann man ihren Einfluß durch Grenzfalluntersuchun-
gen besser abschätzen als aus einer Menge realer Belastungssituationen.

Die Überlegungen zur Anpassung zwischen Last und Erzeugung zeigen, daß es
sich bei der konventionellen Stromversorgung um ein System handelt, das zur Er-
zielung von Wirtschaftlichkeit in seiner Gesamtheit betrachtet werden muß. Ob-
wohl die Parameter der Gang- und Dauerlinien sowohl die Last als auch die Erzeugung
treffend charakterisieren, bestehen in Bezug auf ihre Interpretation zwischen Abneh-
mern und Erzeugern gravierende Unterschiede. Bei der Last geben sie die Abnehmerei-
genschaften wieder, wenn man die Fähigkeit oder Bereitschaft zum teilweisen Verzicht
auf die Freizügigkeit der Stromversorgung einbezieht. Bei der Erzeugung trifft das im
wesentlichen nur auf die Grundlastkraftwerke zu.

Bei Regel- und Spitzenkraftwerken ergeben sich Belastungsgrad und Benutzungsstun-


denzahl vor allem auch aus der Funktion, die ihnen im System zugewiesen ist, und nicht
allein aus den Betriebseigenschaften. Beurteilt man z.B. in der liberalisierten Elektrizi-
tätswirtschaft ein Pumpspeicherkraftwerk lediglich nach der Benutzungsstundenzahl
(der Erzeugung), dann „rechnet es sich“ wegen der schlechten Auslastung häufig ein-
fach nicht, obwohl Speicher im Zusammenhang mit regenerativer Stromerzeugung drin-
gend gebraucht werden.

Genausowenig wird ein Investor sein Geld für ein Gaskraftwerk anlegen wollen, wenn
dieses unter anderem die Schwankungen von Stromerzeugung aus Wind ausregeln und
deshalb mit einer niedrigeren Benutzungsstundenzahl arbeiten soll als es vom Typ her
erreichen könnte. Auch die Wahl der Kraftwerksstandorte wird bei dieser Denkweise
unter Umständen lediglich unter dem Gesichtspunkt einer möglichst kostengünstigen
Primärenergieversorgung getroffen und die Vorteile einer dezentralen Stromversorgung
bleiben unbeachtet. Kohlekraftwerke werden dann in der Nähe von Häfen errichtet und
Gaskraftwerke in der Nähe von Gasleitungstrassen. Ob der Strom dort gebraucht wird
oder nicht, ist zweitrangig, denn der Bau von Leitungen für den Stromtransport liegt in
anderer Verantwortung.

Das Denken in größeren Systemzusammenhängen führt zu anderen Prioritäten und


verlangt demgemäß andere Entscheidungen. Die Beispiele zeigen, daß es sich dabei
aber nicht um Neuland handelt, sondern um eine Vorgehensweise, die sich in etwa
einhundert Jahren Stromversorgung im Interesse und zum Nutzen der Allgemeinheit
bewährt hat.
5 Prozeß der elektrischen Energieversorgung 75

5.7 Stromerzeugung aus den Quellen Sonne und Wind


Das Grundproblem der Nutzung von Sonne und Wind zur Stromerzeugung ist bereits
im Abschnitt 2.7 angedeutet worden. Windenergie- und Photovoltaikanlagen arbeiten
vollkommen dargebotsabhängig. Sie können nur dann Strom erzeugen, wenn der Wind
weht bzw. die Sonne scheint, und sind daher nur schwer in den oben beschriebenen
Prozeß zu integrieren, weil ihre Erzeugung unregelmäßig und nicht für lange Zeiträume
vorhersagbar ist. Stromerzeugung aus Wind ist vollkommen azyklisch, da Wind zu
jeder Jahres- und Tageszeit in nutzbarer Stärke wehen könnte. Photovoltaisch kann
Strom theoretisch jedoch nur während der Sonnenscheinzeiten erzeugt werden, die sich
am gegebenen Ort tages- und jahreszeitlich periodisch ändern. Wolkenzug überlagert
diese beiden Grundzyklen azyklisch und sorgt für zusätzliche stochastische Schwan-
kungen. Da die Stromerzeugung aus Wind und Sonne zeitweise vollständig ausfallen
kann, müssen in der elektrischen Energieversorgung Vorkehrungen getroffen werden,
um den Ausfall zu jeder Zeit und in vollem Ausmaß kompensieren zu können.

Im Bild 5.14 ist der Tagesgang pS einer städtischen Photovoltaikanlage an einem sonnen-
scheinreichen Tag am Anfang des Sommers dargestellt. Die Sonne scheint etwa zwischen
5 Uhr und 20 Uhr. Nahezu in der gesamten ersten Tageshälfte ist es wolkenlos. Etwa ab
Tagesmitte sind aber Erzeugungsschwankungen infolge Wolkenzugs erkennbar.

P
Pmax

pSDJ
pS pSD
Bild 5.14:
Tagesgang und
Tn = 24 h
Dauerlinien einer
Photovoltaikanlage
im Sommer
0
0 0,5 T Tn 1

Die Tagesganglinie besitzt folgende Parameter

mS = 0,327 TmS = 7,837 h d m0 S = 0 (5.7.1)


76 Elektrische Energieversorgung

Bild 5.14 zeigt außerdem die zugehörige Tagesdauerlinie pSD und die Jahresdauerlinie
pSDJ. Die Jahresdauerlinie besitzt die Parameter

mSJ = 0,132 TmSJ = 3,17 h d bzw . TmSJ = 1156 h a m0 SJ = 0 (5.7.2)

Die gesamte im Jahr geerntete elektrische Solarenergie könnte in ca. 148 Tagen mit dem
angegebenen Tagesgang erzeugt werden. In unseren Breiten werden deshalb 80 % der
Sonnenenergie in den Sommermonaten und nur 20 % in den Wintermonaten gewonnen.
Die solare Stromerzeugung schwankt also in größerem Ausmaß periodisch mit dem Jah-
reslauf.

Die Stromerzeugung aus Windkraft ist in Deutschland seit 1993 stark angestiegen. Bild
5.15 zeigt den Verlauf dieser Entwicklung an der installierten Leistung pI der Windener-
gieanlagen, ihrem jährlichen Zuwachs ΔpI und der damit geernteten Energie wW. Die
installierte Leistung und ihr jährlicher Zuwachs sind auf die im Jahr 2010 installierte
Leistung bezogen, die Energie auf die im gleichen Jahr aus der Windkraft gewonnene
Energiemenge. Die Bezugsgrößen betragen

PIW 2010 = 27214 MW und WW 2010 = 37,3 TWh (5.7.3)

Die bezogene Darstellung zeigt, daß die aus Windkraft geerntete Energie etwa propor-
tional mit der installierten Leistung der Windenergieanlagen ansteigt. Das bedeutet, daß
sich die Jahresdauerlinien zwischen 1993 und 2010 nur geringfügig unterscheiden.
Lediglich die Jahre 2004 und 2007 bis 2009 sind etwas windreicher als die anderen.
Dieses Ergebnis ist bemerkenswert, weil im betrachteten Zeitraum die installierte Lei-
stung etwa auf das 81fache, also um beinahe zwei Größenordnungen, angestiegen ist.
Die gemittelten Parameter der Gang- und der Dauerlinie der Stromerzeugung aus Wind-
kraft in Deutschland betragen

mW = 0,188 TmW = 1643 h a m0W = 0 (5.7.4)

Die maximale Windleistung ist kleiner als die installierte, d.h. nicht alle Windenergiean-
lagen sind jeder Zeit verfügbar. Im betrachteten Zeitraum gilt im Mittel

Pmax W
= pmax W = 0,89 (5.7.5)
PIW

Der Grad der Ausnutzung maW der installierten Windleistung und die zugehörige Aus-
nutzungsdauer TaW betragen somit

maW = pmax W mW = 0,166 und TaW = pmax W TmW = 1451 h a (5.7.6)


5 Prozeß der elektrischen Energieversorgung 77

berechnet aus Daten des


1 Bundesverbandes f. Windenergie e.V. wW
p, w
PIW pIW
pIW =
PIW 2010
Ww
0,5 wW =
WW 2010
 PIW
Bild 5.15:  pIW =
Entwicklung der PIW 2010
Windenergienutzung
in Deutschland von  pIW
1993 bis 2010 0
93 95 2000 05 10
Jahr

Im Bild 5.16 sind die Gang- und die Dauerlinie der Woche mit maximaler Windleistung
im Jahr 2002 im Versorgungsgebiet eines deutschen Übertragungsnetzbetreibers darge-
stellt. Die installierte und die maximale Windleistung des Gebietes betragen

PIW = 4000 MW und Pmax W = 3530 MW (5.7.7)

Die Ganglinie zeigt die azyklische Windstromerzeugung. Ihre Parameter sind deutlich
größer als die Durchschnittswerte für Deutschland nach Gleichung (5.7.4). Die Strom-
ernte aus Wind kann folglich weit überdurchschnittlich sein. Die grau unterlegten Berei-
che im Bild markieren den Gang mit dem höchsten Zwei-Tages-Mittelwert (hellgrau)
und dem höchsten Ein-Tages-Mittelwert (dunkelgrau). Dort betragen die Parameter

mW 2d max = 0,872 TmW 2d max = 20,94 h d m0W 2d max = 0,535


(5.7.8)
mWd max = 0,956 TmWd max = 22,93 h d m0Wd max = 0,922

Die Windstromerzeugung ist nach diesem Beispiel über die Zeiträume von einem oder
zwei Tagen durchaus mit der konventionellen Stromerzeugung vergleichbar, während
aber bereits innerhalb einer Woche selbst bei überdurchschnittlicher Leistung starke
Schwankungen auftreten, deren Ausgleich sehr aufwendig ist. In das Diagramm sind
zusätzlich der über das Jahr 2002 gemittelte Tagesbelastungsgang (rot gestrichelt) und
die zugehörige Dauerlinie (blau gestrichelt) eingetragen.

Die gemittelten Werte der maximalen und minimalen Tagesleistung betragen

Pmax dm = 1026 MW und Pmin dm = 833, 4 MW (5.7.9)


78 Elektrische Energieversorgung

1
berechnet aus
p Quelle: EON, Dr. H. Bouillon

m = 0,550

pd ∅
Bild 5.16:
Gang- und Dauerlinie in m0 = 0, 088
der Woche mit Tn = 7⋅ 24 h = 168 h
maximaler Windleistung 0
0 0,5 T Tn 1

Die starken Schwankungen der Windstromerzeugung im Gebiet des Übertragungsnetz-


betreibers über das gesamte Jahr 2002 stellt das Bild 5.17 unter Beweis. Dort sind die
täglich erzeugten Strommengen angegeben. Der höchste Ertrag tritt in der zweiten Ja-
nuar- und der ersten Februarhälfte auf. Innerhalb der Dauer von einem Monat sinkt die
Erzeugung nie unter 40 GWh je Tag. Dort liegt auch die Woche mit der maximalen
Windleistung. Das Bild zeigt aber auch, daß es im Jahreslauf Zeiten gibt, in denen die
Windstromernte völlig zusammenbricht. Im Bild 5.18 ist die Jahresdauerlinie der Wind-
stromerzeugung des gleichen Übertragungsnetzbetreibers angegeben. Ihre Parameter
sind lagebedingt (vorwiegend Norddeutschland) etwas höher als die deutschen Durch-
schnittswerte, aber dennoch mit ihnen vergleichbar. Die Windleistung ist nur für eine
ganz kurze Zeit null. Sie liegt aber für mehr als 140 Tage im Jahr unter 10 % der maxi-
malen Leistung. Im Bild 5.18 ist zum Vergleich die Dauerlinie des gemittelten Tages-
belastungsganges (blau gestrichelt) eingetragen. Sie weicht nur geringfügig von der
mittleren Jahresleistung ab. Magentafarben gepunktet ist eine linear verlaufende Dauer-
linie mit gleicher Maximalleistung und Energiemenge eingetragen, die für eine Bei-
spielrechnung benutzt werden soll.

Die Schwankungen der Windstromerzeugung müssen im System ausgeregelt werden.


Dabei ist nicht nur die Schwankungsamplitude von Bedeutung, sondern auch der Lei-
stungsanstieg bzw. -abfall. Im Versorgungsgebiet des Übertragungsnetzbetreibers wur-
den Leistungsanstiege und -abfälle von 1500 MW je Stunde sowie von ca. 450 MW je
Viertelstunde gemessen. Im gleichen Maße muß die Leistung der Regelkraftwerke
gemindert bzw. gesteigert werden. Windstromerzeugung läßt sich nur ausbauen,
wenn gleichzeitig der proportionale Ausbau von Regelkraftwerken betrieben wird.
5 Prozeß der elektrischen Energieversorgung 79

80
Quelle: EON, Dr. H. Bouillon
WWd
GWh

Bild 5.17:
Tagesstromerzeugung
aus Wind im Jahr 0

01.01
01.01.

2002 Jahr 2002

4000
Quelle: EON, Dr. H. Bouillon
P Pmax W = 3530 MW
MW
WW = 7925 GWh
PIW = 4000 MW
mW = 0, 255 TmW = 2235 h
maW = 0,181 TaW = 1585 h
2000

pd ∅
PmW = 904, 6 MW

Bild 5.18: Tn = 8760 h


Jahresdauerlinie
der Windstrom-
erzeugung 0 0,5 1
0 T Tn

Zur Erzielung einer höheren Ausbeute wird die Windstromerzeugung vor den Meeres-
küsten (off-shore) ausgebaut. Davon kann eine Erhöhung der Benutzungsstundenzahl
um ewa 1000 Stunde im Jahr erwartet werden. Für einen dänischen Windpark in der
Ostsee ist eine Benutzungssstundenzahl von 4200 h/a mit allerdings sehr steilen Erzeu-
80 Elektrische Energieversorgung

gungsschwankungen ermittelt worden. Auf See arbeiten Windenergieanlagen ausgegli-


chener als an Land. Erkauft wird dieser Vorteil durch rauhere Umgebungsbedingungen
und größere Entfernungen zu den Lasten, die durch Fernleitungen, deren Auslastung
durch die Windstromerzeugung bestimmt wird, überbrückt werden müssen.

30
P Wind Datenquelle: EEX-Transparency-Plattform
GW Solar
m = 0,310
Gesamt mW = 0, 263

20 mS = 0, 252

10
Pmittel

0
01.04.11

21.04.11
t

Bild 5.19: Leistungseinspeisung aus Wind und Sonne in Deutschland,


01. bis 24. April 2011

Im Bild 5.19 ist die Stromerzeugung aus Wind und Sonne in Deutschland über drei Wo-
chen im April 2011 dargestellt. In Bezug auf die Windstromerzeugung ist erkennbar,
daß sich daran seit 2002 bis auf die absolute Höhe der Leistungen nichts geändert hat.
Der azyklische Verlauf wird ebenso deutlich wie die Tatsache, daß die Windstromer-
zeugung über eine längere Zeit von hier etwa acht Tagen beinahe vollständig zusam-
menbrechen kann. Der Windstrom wird vom Solarstrom mit Tagesperiode überlagert.
Die charakteristischen Leistungen der regenerativen Stromerzeugung in dem betrachte-
ten Zeitraum betragen
5 Prozeß der elektrischen Energieversorgung 81

P GW Pmax Pmittel Pmin


Wind 18,553 4,878 0, 369
(5.7.10)
Sonne 13, 342 3, 357 0
gesamt 26,578 8, 232 0, 667

Für die Überlegungen zur Stabilität des Netzbetriebes sind die täglichen starken Lei-
stungsanstiege und -abfälle von Bedeutung. Die Leistung ändert sich über einen Vier-
teltag um mehr als 20 GW, also um mehr als ein Viertel der deutschen Jahreshöchstlast.
Dazu trägt der Solarstrom durch seine Tagesperiode besonders viel bei, obwohl die
maximale Windleistung um 40 % höher ist als die maximale Sonnenleistung.

5.8 Dezentrale solare Stromerzeugung


Die Stromerzeugung aus Sonne und Wind in Solar- oder Windparks ist nicht dezentral.
Zwar wird der Strom dort in Einheiten kleiner Leistung, die über eine größere Fläche
verteilt sind, erzeugt. Letztendlich muß er aber gesammelt und zu den mehr oder weni-
ger weit entfernt davon liegenden Lasten transportiert werden. Bei der Windstromer-
zeugung ist das in der Regel immer so. Die Anlagen finden nur auf freien Flächen Platz,
d.h. dort, wo die elektrische Lastdichte null ist. Ein bisher wenig beachteter, aber wich-
tiger Vorteil der photovoltaischen Stromerzeugung besteht darin, daß ihre Anlagen
selbst in Gebieten mit hoher Lastdichte unter Nutzung vieler architektonischer Gestal-
tungsmöglichkeiten auf Dächern, an Fassaden usw. errichtet werden können und so eine
dezentrale elektrische Energieversorgung in bester Annäherung an das im Abschnitt 4.8
formulierte Ideal erlauben, zumindest so lange die Sonne scheint.
Bild 5.20 zeigt dazu Tagesganglinien des elektrischen Netzes einer Stadt mit etwa
100 000 Einwohnern. Die Linie pH stellt den typischen Belastungsgang von Haushalts-
lasten mit der Höchstlast in den Abendstunden dar, die Linie pG repräsentiert eine Ge-
werbelast, deren Höchstlast am Vormittag auftritt, und die Linie pHG beschreibt die
Mischlast eines Stadtgebietes aus 70 % Gewerbe und 30 % Haushalten. Ihre Höchstlast
tritt etwa in der Zeit auf, in der die solare Stromerzeugung nach der Ganglinie pS, die
auch im Bild 5.14 angegeben ist, ebenfalls ihre maximale Leistung erreicht. Die Gangli-
nien besitzen die charakteristischen Parameter

Linie m Tm h d m0
H O 0,668 16,02 0,302
(5.8.1)
G 0,642 15, 41 0,330
HG 0,689 16,53 0,345
82 Elektrische Energieversorgung

P
Pmax pH
pHG
pG

pS

Tn = 24 h

0
0 0,5 T Tn 1

Bild 5.20: Tagesganglinien städtischer Lasten

P
pHG
Pmax

pM

pS Tn = 24 h

0
0 0,5 T Tn 1

Bild 5.21: Überlagerung der Ganglinien von Last und solarer Stromerzeugung
5 Prozeß der elektrischen Energieversorgung 83

Bild 5.21 zeigt ein Beispiel der Überlagerung der Mischlast aus Haushalt und Gewerbe
mit der solaren Stromerzeugung im Lastgebiet. Die gewonnene Ganglinie pM gibt den
Betrag der Leistung an, da für die Belastung der Systemkomponenten die Richtung des
Leistungsflusses ohne Bedeutung ist. Als maximale Leistung der Stromerzeugung wur-
de die doppelte Spitzenleistung der Last angenommen.

Das Beispiel wurde so gewählt, daß die maximale Leistung der überlagerten Ganglinie
pM die der Last nur geringfügig und nur für eine kurze Dauer überschreitet. Die
Parameter der überlagerten Ganglinie aus Erzeugung und Last betragen

mM = 0,505 und TM = 12,11 h d (5.8.2)

Etwa die Hälfte des erzeugten Stromes wird unmittelbar im Stadtgebiet verbraucht und
die zweite Hälfte „exportiert“. Da die Erzeugerkapazität der Last proportional ist, steigt
die Ausbeute mit steigender Lastdichte. Dieser Prozeß läuft ohne gravierende Änderung
der Belastung der elektrischen Betriebsmittel des Netzes ab, wenn die Erzeugung im
gesamten Stadgebiet gleichmäßig verteilt ist. Ein Netzausbau wäre für die Solarstromer-
zeugung so nicht nötig, weil die Stromversorgung wirklich dezentral ist.

5.9 Autarke solare Stromversorgung


Die solare Stromerzeugung hat bei starker Sonneneinstrahlung ein Ausmaß erreicht, das
zu Netzüberlastungen und der Gefährdung der Systemstabilität führen kann. Deshalb
scheint der Gedanke naheliegend, daß jeder seinen Strom selbst herstellt und somit das
Netz nicht oder nur im geringen Maße in Anspruch nehmen muß. Dazu werden dezen-
trale Stromspeicher für jede autarke Versorgungseinheit benötigt. Bei den folgenden
Überlegungen soll vorausgesetzt werden, daß diese verfügbar wären und sämtlichen
Anforderungen an eine sichere und zuverlässige Stromversorgung genügten.

Im Bild 5.22 ist als Last die Ganglinie pH des Einfamilienhauses aus Bild 5.5 darge-
stellt. Sie soll mit der Ganglinie der solaren Erzeugung pS aus Bild 5.14 bzw. 5.20 abge-
deckt werden, die hier als Erzeuger mit negativem Vorzeichen eingetragen ist. Autarke
Stromversorgung bedeutet somit, daß die Energiemengen von Last und Erzeugung bei
einem Wirkungsgrad der Speicherung von 100 % in der Summe null sind.

WH + WS1 = 0 (5.9.1)

Mit den Gleichungen (5.5.1) und (5.7.1) ergibt sich die maximale solare Erzeugerleistung

P m 0, 265
mH Pmax H + mS Pmax S1 = 0  − max S1 = − pmax S1 = H = = 0,81 (5.9.2)
Pmax H mS 0,327
84 Elektrische Energieversorgung

1
pH
P
Pmax L

pSp

Bild 5.22: pS
Autarke
Stromversorgung
eines Eigenheims −1
0 T Tn 1

Da der Belastungsgrad des Hauses kleiner als der der solaren Erzeugung ist, ist die
maximal erforderliche Leistung der Solaranlage kleiner als die Spitzenlast des Hauses.
Die Ganglinie des Speichers ist gleich der Differenz zwischen den Ganglinien der Last
und der Erzeugung. Mit den gewählten Vorzeichen gilt

pSp = − pH − pS (5.9.3)

Bei einem Speicherwirkungsgrad ηSp von 100 % ist der Speicher für eine maximale Ent-
ladeleistung (Erzeugerleistung) PmaxSpG von 85 % und eine maximale Ladeleistung
PmaxSpL von 68 % der Spitzenlast des Hauses auszulegen. Er muß dabei eine Energie-
menge WSp von 48 % des Tagesbedarfs des Hauses zwischenspeichern können.

Bei einem Speicherwirkungsgrad von weniger als 100 % muß die solare Erzeugung zu-
sätzlich die Speicherverluste WSpv bereitstellen. Es gilt

WSpG =  Sp WSpL  WSpv = (1 −  Sp ) WSpL (5.9.4)

So beträgt die maximale solare Erzeugerleistung bei einem Wirkungsgrad ηSp von 75 %
nun 93 %, die maximale Entladeleistung des Speichers 85 % und seine maximale
Ladeleistung 80 % der Spitzenlast des Hauses. Der Speicher muß beim Laden 59 % des
Tagesenergiebedarfs des Hauses aufnehmen und beim Entladen 44 % wieder abgeben
5 Prozeß der elektrischen Energieversorgung 85

können. Der Wirkungsgrad des Hauses ηH sinkt dadurch auf 87 %, wenn sämtliche
anderen Verluste im Haus in die Last einbezogen werden. Der Strombedarf steigt durch
die Speicherung auf 115 %. Der Wirkungsgrad zukünftiger Speicher ist also für die
regenerative Stromversorgung von großer Bedeutung. In der folgenden Gleichung sind
die wichtigsten Parameter des Beispiels nochmals zusammengefaßt.

 Sp pmax S pmax SpG pmax SpL wSpL wSpG H


1 −0,81 −0,85 0, 68 0, 48 −0, 48 1 (5.9.5)
0, 75 −0, 93 −0,85 0,80 0,59 −0, 44 0,87

Die maximalen Leistungen sind in (5.9.5) auf die Spitzenlast und die Energiemengen
des Speichers auf den Strombedarf des Hauses bezogen. Im Bild 5.22 stellen die gestri-
chelten Ganglinien der solaren Erzeugung und des Speichers den Idealfall (ηSp = 1) dar,
die vollen Linien dagegen den Fall mit ηSp = 0,75.

1
pHD
P
Pmax L

0
pSpD

Bild 5.23:
Autarke
Stromversorgung pSD
eines Eigenheims,
gleichorientiert −1
0 T Tn 1

Da die Ganglinien von Erzeugung und Last in beliebiger Korrelation stehen können, ist
es wichtig, Grenzfälle zu kennen. Dafür bietet sich die Verwendung der Dauerlinien an.
Wir nehmen zunächst an, daß die Dauerlinien von Erzeugung und Last gleichorientiert
sind, d.h., maximale Erzeugung und maximale Last fallen ebenso zusammen wie mini-
male Erzeugung und minimale Last. Die Korrelation zwischen Erzeugung und Last ist
in diesem im Bild 5.23 dargestellten Fall bestmöglich. Die gestrichelten Dauerlinien der
86 Elektrische Energieversorgung

Erzeugung und des Speichers gelten wiederum für den Idealfall mit ηSp = 1. Die Para-
meter werden ebenso wie für die Ganglinien bestimmt. Sie betragen

 Sp pmax S pmax SpG pmax SpL wSpL wSpG H


1 −0,81 −0, 22 0,34 0, 21 −0, 21 1 (5.9.6)
0, 75 −0,86 −0,17 0,37 0, 25 −0,19 0, 94

Der Strombedarf des Hauses steigt durch die Speicherung bei optimaler Korrelation von
Erzeugung und Last auf 106 %.

Die ungünstigste Korrelation zwischen Erzeugung und Last ist bei Spiegelung der Dau-
erlinien gegeben. Maximale Erzeugung fällt in diesem Fall nach Bild 5.24 mit minima-
ler Last zusammen und umgekehrt. Im Idealfall mit ηSp = 1 gelten hier ebenfalls die ge-
strichelten Linien.

1
pHD
P
Pmax L

pSpD

Bild 5.24:
Autarke
Stromversorgung pSD
eines Eigenheims, −1
gespiegelt 0 1
T Tn

Die Parameter bei der ungünstigsten Korrelation zwischen Erzeugung und Last betragen

 Sp pmax S pmax SpG pmax SpL wSpL wSpG H


1 −0,81 −1 0,76 0,84 −0,84 1 (5.9.7)
0, 75 −1,04 −1 0,99 1,12 −0,84 0,78
5 Prozeß der elektrischen Energieversorgung 87

Der Strombedarf des Hauses würde bei ungünstigster Korrelation zwischen Erzeugung
und Last auf 128 % steigen.

Nach (5.9.5) bis (5.9.7) liegen die Systemparameter auf der Grundlage der Ganglinien
zwischen denen für gleichorientierte und gespiegelte Dauerlinien. Mit letzteren beiden
Fällen sind also zwei Extreme gegeben, zwischen denen sich unabhängig vom konkre-
ten Verlauf der Ganglinien der zu erwartende Zustand einstellen wird. Bei vorgegebe-
nen Dauerlinien von Erzeugung und Last kann es keinen besseren Zustand geben
als die Gleichorientierung und keinen schlechteren als die Spiegelung.

Die Auslegung des autarken Systems erfordert weitere Überlegungen. Der ungünstigste
Fall scheint dann gegeben zu sein, wenn minimale Sonneneinstrahlung mit maximaler
Last zusammentreffen. Inwieweit man diesen berücksichtigen muß, kann erst die noch
nicht vorhandene praktische Erfahrung zeigen. Das hier untersuchte Beispiel repräsen-
tiert einen Zustand mit einer für ein Eigenheim relativ hohen Last an einem Tag mit
sehr hoher Sonneneinstrahlung. Es ist daher zu erwarten, daß die solare Erzeugung und
der Speicher praktisch höher auszulegen sind als hier ermittelt.

An dieser Stelle soll noch untersucht werden, wie sich die Größe der autarken Versor-
gungseinheit auf die Systemparameter auswirken wird. Wir gehen dazu vereinfachend
davon aus, das eine Anzahl zH gleicher Abnehmer (Eigenheime) sich lastausgleichend
zu einer Ortslast ergänzt, deren Lastgang pO gleich dem für Haushaltslasten aus Bild
5.20 ist. Seine Parameter sind in Gleichung (5.8.1) aufgeführt. Da die Abnehmer gleich
sein sollen, gilt für den Strombedarf des Ortes

mH
WO = mO Pmax O = z H WH = z H mH Pmax H  Pmax O = z H Pmax H (5.9.8)
mO

Die maximale Ortslast ist kleiner als die Summe der maximalen Hauslasten. Hier be-
trägt sie 40 % davon. Da mit der solaren Erzeugung der gesamte Strombedarf des Ortes
geerntet werden muß, wirkt sich der Lastausgleich auf sie nicht aus. Im Idealfall gilt
ausgehend von Gleichung (5.9.2)

mO m
− Pmax S1 = Pmax O = 2,02 Pmax O = z H H Pmax H = 0,81 zH Pmax H (5.9.9)
mS mS

Im Idealfall mit ηSp = 1 kann sich ein Lastausgleich nur auf die Speicherung aus-
wirken, nicht aber auf die Erzeugung. Bei realen Speicherwirkungsgraden wirkt sich
der Lastausgleich über die Speicherverluste dagegen auch auf die Erzeugung aus.

Um im folgenden die Parameter der Siedlung mit denen eines einzelnen Eigenheims
unmittelbar vergleichen zu können, werden die maximalen Leistungen für den Ort auf
die Bezugsleistung PmaxB = zH PmaxH bezogen. Die Berechnung für den Ort läuft anson-
sten in der gleichen Weise ab wie oben für das einzelne Haus beschrieben. Sie führt im
Idealfall auf die Ergebnisse
88 Elektrische Energieversorgung

 Sp = 1

Fall pmax S pmax SpG pmax SpL wSpL wSpG


gleichor. −0,81 −0, 27 0, 41 0, 41 −0, 41 (5.9.10)
Gangl. −0,81 −0, 39 0,50 0, 48 −0, 48
gesp. −0,81 −0, 40 0,69 0,64 −0,64

Die drei Fälle liegen bei sämtlichen Parametern in der erwarteten Reihenfolge. Die
maximalen Speicherleistungen sind durch den Lastausgleich im ersten Fall größer als
beim einzelnen Haus, im zweiten und dritten Fall aber kleiner. Bei den Speicherener-
gien trifft diese Reihenfolge ebenfalls zu, wobei jedoch im zweiten Fall die Unter-
schiede zwischen dem einzelnen Haus und dem Ort vernachlässigbar sind.

Die Speicherverluste beeinflussen die Systemparameter der autarken Versorgung in fol-


gender Weise

 Sp = 0, 75

Fall pmax S pmax SpG pmax SpL wSpL wSpG O waut


gleichor. −0, 92 −0, 27 0,52 0,53 −0, 40 0,88 1,13 (5.9.11)
Gangl. −0, 94 −0,39 0, 63 0, 63 −0, 47 0,86 1,16
gesp. −0, 98 −0, 40 0,86 0,84 −0, 63 0,83 1, 21

Die bezogene Energie waut in (5.9.11) drückt die Steigerung des Energiebedarfs bei au-
tarker Versorgung aus. Der Vergleich mit dem einzelnen Haus ergibt, daß die Ver-
größerung der autarken Versorgungseinheit und der damit verbundene Lastausgleich
nur bei gespiegelten Dauerlinien zu Verbesserungen führt. Hierarchische Speicher-
konzepte könnten daher Optimierungspotential bieten, über dessen Größe hier allerdings
keine Aussage getroffen werden kann.

Wenn das elektrische Netz für Notfälle erhalten bleiben soll, dann führt eine autarke
Versorgung zu Zusatzaufwendungen für Speicher über die für die regenerative Erzeu-
gung hinaus. Die Speicherverluste tragen außerdem zur Steigerung des Strombedarfs
bei.
5 Prozeß der elektrischen Energieversorgung 89

5.10 Vollkommen regenerative Stromversorgung


Eine allein aus regenerativen Quellen gespeiste Energieversorgung wird häufig als die
Voraussetzung genannt, um in eine nachhaltige ökologische Entwicklung der Mensch-
heit einzutreten und den Klimawandel abzuwenden bzw. zu mildern. An dieser Stelle
soll daher in einem Gedankenexperiment überprüft werden, wie der Prozeß der elektri-
schen Energieversorgung gestaltet werden müßte, wenn er ausschließlich aus Win-
denergie gespeist wird. Als Parameter der zu versorgenden Last wählen wir dazu die
Daten des deutschen Verbundnetzes im Jahr 2008 nach Bild 5.8. Sie seien hier, ergänzt
um den Belastungsgrad m´ des zweistufigen Belastungsmodells nach Bild 5.7, Kurve 2,
nochmals angegeben

m m′ m0 m0lin
(5.10.1)
0,812 0,539 0,592 0, 624

Die Gang- und Dauerlinie der Stromerzeugung aus Wind soll durch den Belastungsgrad
mW = mG = 0,255 aus Bild 5.18 beschrieben werden. Das zugehörige Lastverhältnis ist
null. Ein zweistufiges Modell der Dauerlinie nach Bild 5.7, Kurve 2, läßt sich für die
Windstromerzeugung daher nicht angeben.

Wir gehen bei den Betrachtungen, wie oben beschrieben, von Dauerlinien aus, denen
erst später eine Nennbetriebsdauer zugeordnet werden soll. Vorerst bleibt der reale
zeitliche Verlauf der Windstromerzeugung auf diese Weise unbeachtet. Grundlage der
Überlegungen ist der Energieerhaltungssatz. Für den benötigten Speicher, dessen
praktische Realisierung noch unbekannt ist, soll ein Wirkungsgrad von

 Sp = 0, 75 (5.10.2)

angenommen werden. Das entspricht etwa dem minimalen Wirkungsgrad eines Pump-
speicherkraftwerkes. Bei der Umwandlung von Strom in Gas zur Speicherung wird als
günstigster Wirkungsgrad heute 80 % angegeben. Die Rückwandlung von Gas in Strom
ist bestenfalls mit einem Wirkungsgrad von 60 % möglich. Ein Speicherkonzept auf
dieser Basis würde also einen Wirkungsgrad von weniger als 50 % besitzen. Die Verlu-
ste bei der Übertragung und Verteilung der elektrischen Energie sollen in die Last ein-
bezogen sein. Einen ersten Anhaltspunkt für die maximale Erzeugerleistung erhält man
aus der Annahme, daß sowohl die Last als auch die Windstromerzeugung als ideale
Prozesse nach Bild 5.7 beschrieben werden. Die erzeugte Energie muß dann gleich der
abgenommenen sein

WW = WG = −mG Pmax G Tn = mL Pmax L Tn = WL (5.10.3)

Aus Gleichung (5.10.3) kann die maximale Erzeugerleistung der Windenergieanlagen


bestimmt werden. Da der Belastungsgrad der Windstromerzeugung erheblich kleiner als
der der Last ist, übersteigt die maximale Windleistung die Maximallast beachtlich.
90 Elektrische Energieversorgung

Pmax G m
− = − pmax G = L = 3,184 (5.10.4)
Pmax L mG

Die maximale Windleistung muß danach mehr als das Dreifache der maximalen Lei-
stung der Last betragen, um diese versorgen zu können. Aus den Dauerlinien der Last
und der Stromerzeugung lassen sich für die Speicherparameter, wie im vorhergehenden
Abschnitt beschrieben, zwei Grenzfälle ableiten. Im ersten Fall sollen die maximale
Last und die maximale Erzeugung zusammenfallen, d.h., die Dauerlinien sollen gleich-
orientiert sein. Im zweiten Fall soll dagegen die maximale Erzeugung bei minimaler
Last auftreten. Die Dauerlinien sind dann gespiegelt. Die Differenz zwischen beiden
Grenzfällen ist gleich dem maximalen Spielraum, den die Manipulation der Last
bietet (z.B. durch smart grid).

Die maximale Ladeleistung des Speichers zwischen beiden Grenzfällen beträgt

Pmax SpL
pmax SpL = = ( pmax G − 1) ( pmax G − m0 L ) = 2,184 2,560 (5.10.5)
Pmax L

Die maximale Entladeleistung (Erzeugerleistung) des Speichers liegt in dem Bereich

Pmax SpG
pmax SpG = = 1 m0 L = 1 0, 624 (5.10.6)
Pmax L

Der nötige Speicher muß mehr als die doppelte maximale Leistung der Last aufnehmen
können. Seine Abgabeleistung braucht aber höchstens gleich der Maximallast zu sein. Die
Speicherkapazität kann ebenfalls angegeben werden. Für die linearisierten Dauerlinie der
Last nach Bild 5.8 bzw. Gleichung (5.10.1) und der Erzeugung nach Bild 5.18 erhält man

WSpL
wSpL = wSpG = = 0,5  0, 61 (5.10.7)
WL

Unter idealen Bedingungen muß etwa 50 % bis 60 % der Lastenergie zwischengespei-


chert werden. Das Modell im Bild 5.22 bietet einen einfachen Ansatz, um eine Aussage
über die nötige Speicherkapazität des Prozesses bei Berücksichtigung des Speicherwir-
kungsgrades zu gewinnen. Die Last wird dort durch einen idealen Prozeß beschrieben
und die Erzeugung durch einen unausgeglichenen nach Bild 5.8, Kurve 1.

Die Lade- und Entladeenergie WSpL und WSpG des Speichers ergeben sich aus Bild 5.25

WSpL = ( Pmax G − mL Pmax L ) TmG und WSpG = mL Pmax L (Tn − TmG ) (5.10.8)

Beide Flächen sind über den Speicherwirkungsgrad miteinander verknüpft. Daraus läßt
sich die maximale Erzeugerleistung bestimmen
5 Prozeß der elektrischen Energieversorgung 91

Pmax G mL  1 1 −  Sp 
 Sp WSpL = WSpG  pmax G = =  − mG  = 3,975 (5.10.9)
Pmax L mG   Sp  Sp 

P 4 Last
Speicher
Pmax L Erzeuger
wSpL
1
wL
0
wSpG
−1
wG
Bild 5.25:
Prozeßmodell der elektrischen
Energieversorgung allein aus −4
Windkraft 0 T Tn 1

Die maximale Erzeugerleistung ist infolge der Speicherverluste höher als nach Glei-
chung (5.10.3) berechnet. Für einen verlustfreien Speicher geht Gleichung (5.10.9) in
(5.10.3) über. Die maximale Lade- und Entladeleistung des Speichers können nun
ebenfalls leicht angegeben werden

pmax SpL = pmax G − mL = 3,163 und pmax SpG = mL = 0,812 (5.10.10)

Der Prozeß ist unter den angenommenen Randbedingungen nur in der gewünschten
Form durchführbar, wenn die maximale Erzeugerleistung etwa gleich der vierfachen
Spitzenleistung der Last ist. Dazu wird ein Speicher benötigt, dessen Ladeleistung etwa
die dreifachen Spitzenleistung der Last beträgt.

Zur Absicherung soll der Prozeß mit weiteren Modellen, die im Bild 5.26 zusammenge-
stellt sind, untersucht werden. In der ersten Zeile werden sowohl die Erzeugung als auch
die Last mit der Kurve 1 nach Bild 5.7 beschrieben. Im linken Bild sind beide Dauerli-
nien gleichorientiert, d.h. Zeiten hoher Erzeugung und hoher Last fallen zusammen. Im
rechten Bild sind die Dauerlinien der Erzeugung und der Last dagegen gespiegelt. Zei-
ten hoher Erzeugung fallen so mit Zeiten niedriger Last zusammen und umgekehrt. In
der zweiten Zeile wird die Last durch das zweistufige Modell nach Bild 5.7, Kurve 2,
beschrieben. Wegen des niedrigen Belastungsgrades (mG < 0,5) läßt sich für die Erzeu-
gung kein zweistufiges Modell angeben. Links sind beide Prozesse gleichorientiert und
rechts gespiegelt. Die Dauerlinien der Modelle in der dritten Zeile verlaufen linear, im
linken Bild sind Erzeugung und Last gleichorientiert und im rechten gespiegelt. Die
Berechnung der Kenngrößen des Prozesses geschieht, wie oben für das Bild 5.25 be-
schrieben.
92 Elektrische Energieversorgung

Für die Beurteilung des Prozesses sind neben den oben angegebenen Kenngrößen die
Energie WSpL, die der Speicher beim Laden aufnehmen muß, und der Wirkungsgrad von
Bedeutung. Die Energie ist der Fläche unter der Dauerlinie des Speichers während der
Ladung proportional und kann daher leicht berechnet werden. Der Wirkungsgrad des
gesamten Prozesses ist das Verhältnis von Last- zu Erzeugerenergie. Er kann ebenfalls
aus den Flächen unter den Dauerlinien bestimmt werden und wird mit dem hier ausge-
klammerten Wirkungsgrad der Übertragung und Verteilung zum Gesamtwirkungsgrad
ergänzt.

WL
=   ges =  Ü &V (5.10.11)
WG

Die errechneten Kenngrößen sind in der Tabelle 5.1 zusammengestellt. Die ersten bei-
den Zeilen stehen für die Prozesse nach Gleichung (5.10.3) und Bild 5.25, die jeweils
folgenden zwei Zeilen stehen für je eine Zeile des Bildes 5.26 in der dort angegebenen
Reihenfolge. Bezüglich der Spitzenleistung unterscheiden sich die Modelle nicht gravie-
rend voneinander:

Unter den angegebenen Voraussetzungen benötigt man etwa die vierfache Spitzen-
leistung der Last als Erzeugerspitzenleistung und etwa die dreifache als Speicher-
spitzenleistung während der Ladung. Eine Verbesserung des Speicherwirkungsgrades
wirkt sich als Verminderung der Spitzenleistungen von Erzeugung und Speicherung
aus, ein niedrigerer Wirkungsgrad erfordert höhere Spitzenleistungen.

Tabelle 5.1: Parameter der Prozeßmodelle für eine Stromversorgung ausschließ-


lich aus Windkraft
Prozeß pmaxG pmaxSpL pmaxSpG WSpL/WL η
Gl. (5.10.3) 3,184 2,184⋯2,56 1⋯0,624 0,5⋯0,61 1
Bild 5.25 3,975 3,163 0,812 0,993 0,801
Bild 5.26, 1-li 3,912 2,912 1 0,915 0,814
Bild 5.26, 1-re 4,158 3,158 1 1,223 0,766
Bild 5.26, 2-li 4,158 3,158 1 0,915 0,814
Bild 5.26, 2-re 4,048 3,456 1 1,085 0,787
Bild 5.26, 3-li 3,704 2,704 0,808 0,654 0,860
Bild 5.26, 3-re 3,821 3,197 1 0,800 0,833

Die maximale Erzeugerleistung nach Gleichung (5.10.3) steht bei allen Prozeßmo-
dellen für einen Speicherwirkungsgrad von 100 %. Eine weitere Verringerung ist nur
möglich, wenn der Belastungsgrad der Windstromerzeugung steigt (z.B. Erzeugung vor
den Küsten statt an Land). Die installierten Leistungen sowohl der Erzeugung als auch
der Speicherung müssen nicht zuletzt zur Gewährleistung einer zuverlässigen Stromver-
sorgung höher sein, weil nicht alle Anlagen ständig verfügbar sind und sein können.
5 Prozeß der elektrischen Energieversorgung 93

P 4 Last
Speicher
Pmax L Erzeuger
wSpL wSpL
1 wL
wL
0
wSpG wSpG
−1
wG wG

−4
0 T Tn 1 0 T Tn 1

P 4 Last
Pmax L Speicher
Erzeuger wSpL
wSpL
1
wL wL
0
wSpG wSpG
−1
wG wG

−4
0 T Tn 1 0 T Tn 1
4
Last
P Speicher
Pmax L Erzeuger
wSpL wSpL
1
wL wL
0
wSpG wSpG
−1 wG
wG

−4
0 T Tn 10 T Tn 1

Bild 5.26: Vereinfachte Prozeßmodelle für eine Stromversorgung ausschließlich


aus Windkraft
94 Elektrische Energieversorgung

Die Zahlen der Tabelle weisen auf eine Besonderheit der Speicherung hin, die in der
konventionellen Stromversorgung nicht besteht: Die Ladeleistung ist unabhängig vom
Modell ein Vielfaches der Entladeleistung. Die Ursache dafür ist der niedrige Bela-
stungsgrad der Erzeugung, der (wesentlich) kleiner als der der Last ist. Ein Speicher-
konzept nach dem Prinzip des klassischen Pumpspeicherwerkes oder jedes anderen,
parallel am System betriebenen Speichers ist dafür wenig geeignet, weil bei ihnen La-
dung und Entladung in der Regel über dieselbe Einrichtung geschieht, Lade- und
Entladeleistung also gleich oder annähernd gleich sind. Die Lade- und Entladeeinrich-
tung wäre ständig schlecht ausgelastet, weil ihre maximale Leistung während der La-
dung nur kurze Zeit in Anspruch genommen wird und sie während der Entladung über
eine längere Zeit nur mit einem Bruchteil ihrer Nennleistung betrieben werden kann.

PspL Langzeit- PSpG


Speicher

Strom-
erzeugung Strom- Last
speicher
Bild 5.27:
Systemkonzept für eine
Stromversorgung aus
regenerativen Quellen

Wesentlich besser wäre dafür ein serielles Speicherkonzept, wie es im Bild 3.8 darge-
stellt ist. Lade- und Entladeeinrichtung könnten so auf ihre unterschiedlichen Anforde-
rungen abgestimmt werden. Altherkömmliche Speicherkonzepte, wie z.B. Speicher-
kraftwerke beliebiger Art, erfüllen diese spezifischen Anforderung nicht, selbst solche
nicht, die bisher die technische Einsatzreife noch nicht erreicht haben, z.B. Batterie-
speicher.Wenn man schließlich einen Teil der Windenergieanlagen direkt zur Ladung
des Speichers einsetzt, kann eine spezielle Ladeeinrichtung sogar entfallen und man
erhält ein Systemkonzept nach Bild 5.27.

In diesem Konzept wird nur ein Teil des Stromes von den Erzeugern direkt in das Ener-
gieversorgungsnetz eingespeist. Dieser Anteil ist nur so groß, daß Erzeugungsschwan-
kungen im Netz technisch-wirtschaftlich sinnvoll ausgeregelt werden können. Im kon-
ventionellen System würden dafür die verfügbaren Speicher-, Spitzen- und Regelkraft-
werke zum Einsatz kommen. Im vollkommen aus regenerativen Quellen gespeisten Sy-
stem würden die Entladeeinrichtungen des Langzeit-Speichersystems die Ausregelung
übernehmen, also hier Spitzen- und Regelkraftwerke, die aus direkt gespeicherter Wind-
energie gespeist würden.
5 Prozeß der elektrischen Energieversorgung 95

Bisher sind noch keine Überlegungen dazu angestellt worden, welche Nennbetriebs-
dauer den Dauerlinien der Prozeßmodelle nach den Bildern 5.25 und 5.26 zugeordnet
werden sollten. Die azyklischen Schwankungen der Windkraft schließen einen Tag oder
gar eine kürzere Zeit als Nennbetriebsdauer Tn aus. Selbst eine Woche erscheint nach
den im Abschnitt 5.7 angegebenen Daten zu kurz. Kurzzeitspeicher besitzen bei der
azyklische Windstromerzeugung nur eine geringe Wirksamkeit. Der über die lang-
jährige Entwicklung der Windkraftnutzung, wie sie im Bild 5.16 dargestellt ist, nur rela-
tiv geringen Schwankungen unterworfene Belastungsgrad nach Gleichung (5.7.4) läßt
dagegen den Schluß zu, daß eine Nennbetriebsdauer von einem Jahr (8760 Stunden)
brauchbar ist. Ein Speicher mit der dafür nötigen Kapazität ist praktisch jedoch nicht
realisierbar. Die Untersuchungen der Windstromerzeugung in den Jahren 2008 bis 2011
in [17] haben erbracht, daß die Windstromausbeute in den Sommermonaten niedriger
als in den Wintermonaten ist und diese saisonale Energiedifferenz im Mittel etwa ein
Viertel der Gesamterzeugung beträgt. Mindestens diese Energiemenge, die aus Mo-
natsmittelwerten bestimmt wurde, müßte langfristig (in einer Jahresperiode) speicherbar
sein. Folgt man [17], so ist es weiterhin erforderlich, die volatile Windstromerzeugung
für jeweils eine Monatsperiode ausgleichen zu können. Dazu benötigt man Monatsspei-
cher, die nach Bild 5.23, unten, zwischen 65 % und etwa 80 % der Monatsenergiemenge
der Last speichern können. Diese hierarchische Speicherstruktur, die um Tages- oder
Mehrtagesspeicher ergänzbar sein sollte, führt zur drastischen Verringerung der Ge-
samt-Speicherkapazität. Trotzdem bleibt diese unverhältnismäßig hoch.

Die Zyklusdauer von einem Jahr hätte den Vorteil, daß sie mit den Zyklen der photovol-
taischen Stromerzeugung und der Energiegewinnung aus Biomasse übereinstimmt. Das
bedeutet, daß sich die wichtigen regenerativen Energiequellen in eine Systemstruktur
nach Bild 5.27 einbinden ließen. Die Einbindung von Photovoltaik in das Konzept trägt
in unseren Breiten zum Ausgleich der saisonalen Energiedifferenz bei, da etwa 80 %
des gesamten Sonnenstromes im Sommer geerntet werden. Die nötige Speicherkapazität
wird dadurch geringer. Die hier angestellten Überlegungen sind also nicht nur auf kom-
plexere Erzeugungsstrukturen aus einer Mischung verschiedener regenerativer Quellen
übertragbar, sondern die so erzielte Diversität der Erzeugung trägt sogar wesentlich zur
Verbesserung der Lage bei.

Um die Anforderungen der Stromversorgung ausschließlich aus regenerativen Quellen


zu verdeutlichen, sollen die hier angegebenen bezogenen Zahlen in die relevanten
Stromdaten für Deutschland im Jahr 2008 übertragen werden. Die Spitzenlast betrug in
diesem Jahr 82,2 GW. Um sie allein mit Windkraft abzudecken, würde man eine maxi-
male Windleistung von etwa 310 GW aufbringen müssen. Das ist etwa die dreifache
Leistung der in Deutschland vorhandenen konventionellen Kraftwerke. Da man aber die
maximale Windleistung nicht unmittelbar nutzen kann, benötigt man zusätzlich noch
Speicher mit einer Spitzenladeleistung von ca. 250 GW. Das ist nochmals etwa das
Doppelte der in Deutschland vorhandenen Kraftwerksleistung. Insgesamt müßte die
Erzeugerleistung Deutschlands so gegenüber dem heutigen Stand verfünffacht werden.
Bedenkt man darüberhinaus, daß die Leistung regenerativer Stromerzeuger im Ver-
gleich zu der konventioneller klein ist und daher nochmals darüberhinaus die Leistung
96 Elektrische Energieversorgung

mit kleiner Spannung und großem Strom gebildet wird, so wird klar, daß die für den
Ausbau nötige Materialmenge das Fünffache im Vergleich zum heute eingesetzten Ma-
terial weit übersteigt.

Der Stromverbrauch beträgt in Deutschland etwa 600 TWh pro Jahr. Ein Viertel davon
(ca. 150 TWh) müßte der Langzeitspeicher liefern können. Der Monatsspeicher sollte
eine Gesamtkapazität von etwa 40 TWh besitzen. Die gegenwärtige Pumpspeicherkapa-
zität in Deutschland beträgt 40 GWh, also nur ein Tausendstel der nötigen Kapazität des
Monatsspeichers.

Der Ausbau der regenerativen Energienutzung ist eine gewaltige Aufgabe, die mit der
bloßen Anhäufung von immer mehr Anlagen nicht nur nicht getan ist, sondern in eine
Sackgasse führt. Ein sinnvoller Ausbau muß von Systemüberlegungen ausgehen und
darauf gerichtet sein, Erzeugung, Speicherung und Nutzung der geernteten Energie
proportional zu entwickeln. Man muß ständig das Ganze im Blick behalten, so wie in
der Entstehungsphase der Stromversorgung, auch dann wenn man nur an einem Detail
arbeitet.
6 Elektrische Energieversorgungsnetze
6.1. Sicherheit und Zuverlässigkeit der elektrischen
Energieversorgung
An den oben beschriebenen Prozeß der elektrischen Energieversorgung werden Erwar-
tungen gestellt, die einen großen Einfluß auf den Aufbau des elektrischen Energiesys-
tems und seine Betriebsmittel besitzen. Diese Erwartungen haben sich mit den Poten-
tialen der Stromversorgung historisch entwickelt. Das elektrische Licht war anfangs nur
ein willkommener Luxus zur Bereicherung des Lebens, aber bereits die ersten elektro-
motorischen Antriebe eröffneten völlig neue Perspektiven in der handwerklichen und
industriellen Produktion. Heute ist die Stromversorgung in alle Lebensbereiche vorge-
drungen und die Menschen in den hochentwickelten Ländern sind völlig von ihr abhän-
gig. Die moderne Stromversorgung muß daher sicher und zuverlässig sein.

Versorgungssicherheit Versorgungszuverlässigkeit

Primärenergie- Strom- Verteilung


bereitstellung Übertragung Hoch-, Mittel- & Verbrauch
erzeugung Höchstspannung
& -dargebot Niederspannung

Bild 6.1: Sicherheit und Zuverlässigkeit der elektrischen Energieversorgung [16]

Die Versorgungssicherheit bezieht sich nach Bild 6.1 auf das gesamte, überregionale
elektrische Energiesystem. Sie drückt aus, inwieweit Strom zu jeder Zeit, an jedem Ort,
in der gewünschten bzw. vertraglich vereinbarten Menge, mit angemessener technischer
Qualität und zu einem vertretbaren Preis bezogen werden kann. Die Versorgungssicher-
heit beginnt bei der Diversität, der Vielfalt, der für die Stromversorgung genutzten Pri-
märenergiequellen. Das bezieht sich sowohl auf die Nutzung verschiedener Primärener-
gieträger als auch auf die Verteilung der Standorte der Stromerzeugung innerhalb der zu
versorgenden Region. Einfalt statt Vielfalt führt zu einer Einbuße an Sicherheit und
damit zur Gefährdung der Gesellschaft.

Ohne Redundanz ist ein sicheres System ebenfalls nicht denkbar. Jedes einzelne Be-
triebsmittel des Systems besitzt eine endliche Lebensdauer und es kann unter äußeren
Einflüssen (höhere Gewalt) auch unabhängig von seinem Alterungszustand ausfallen.
Ausfallende Teilsysteme müssen dann durch redundante Komponenten ersetzbar sein,
so daß der Betrieb bis zum Ende des Ausfalls (der Reparatur oder des Austauschs)
fortgesetzt werden kann.

Ein sicheres System muß weiterhin Störungen in einem bestimmten Ausmaß ohne
Funktionsverlust aushalten können. Zwischen der Grenze seiner Belastbarkeit und sei-
98 Elektrische Energieversorgung

ner tatsächlichen Belastung im normalen Betrieb ist daher ein ausreichender Sicher-
heitsabstand nötig, d.h., das System bedarf einer gewisser Resilienz, einer Elastizität
beim Abfangen von Störungen.

Diversität, Redundanz und Resilienz sind keine Zustände, die, einmal erreicht, unverän-
dert weiter bestehen. Sie können vielmehr nur in einem kontinuierlichen Prozeß erhalten
werden. Sicherheit kann ohne ständige Wachsamkeit nicht bewahrt werden. Sicherheit
entzieht sich außerdem der Berechnung. Niemand kann ein System mit vorgegebener
Sicherheit entwerfen. Man kann lediglich verschiedene Systemvarianten in Bezug auf
ihre Sicherheit miteinander vergleichen.

Die Versorgungszuverlässigkeit ist gegenüber der Versorgungssicherheit einge-


schränkt. Sie gibt an, wie oft und wie lange die Stromversorgung an einem Ort oder
eines einzelnen Abnehmers unterbrochen ist, und stellt daher nach Bild 6.1 im wesentli-
chen eine Qualitätskenngröße der Stromverteilung dar. Die Einflußgrößen der Versor-
gungszuverlässigkeit sind die Unterbrechungshäufigkeit HU und die Unterbre-
chungsdauer TU. Aus beiden berechnet man die sogenannte Nichtverfügbarkeit QU

QU H T
= U U (6.1.1)
min a 1 a min

Die Nichtverfügbarkeit wird häufig als Qualitätskriterium von Stromversorgern heran-


gezogen. Für Deutschland gilt beispielsweise der Mittelwert

min
QUD ≈ 15 (6.1.2)
a

Er ist im europäischen Maßstab der Spitzenwert und hat sich über lange Jahre nur wenig
verändert. Am anderen Ende der Skala liegt in Europa Portugal mit

min
QUP ≈ 220 (6.1.3)
a

Der Vergleich beider Werte legt es nahe, daß die lokalen Unterschiede, z.B. auch
zwischen Stadt und Land, groß sind.

Die Unterbrechungshäufigkeit hängt stark vom Ausfallverhalten (der Ausfallhäufigkeit)


der Betriebsmittel und der Fehlerhäufigkeit des Netzes ab. Die Fehlerhäufigkeit wird
unter anderem davon beeinflußt, ob es sich um Freileitungs- oder Kabelnetze handelt.
Die Unterbrechungsdauer wird zum einen von der Netztopologie bestimmt. Hier kommt
ein Aspekt der Redundanz des Systems zum Tragen. Zum anderen sind die Ausstattung
mit Fernwirk- und Automatisierungstechnik, der Personaleinsatz und die Reparaturdau-
er von Einfluß. Alle Einflußfaktoren hängen schließlich von der Netzspannung ab. Für
Deutschland gibt man z.B. folgende durchschnittliche Unterbrechungshäufigkeiten für
einen Niederspannungs-Hausanschluß und ein Mittelspannungs-Netzgebiet an
6 Elektrische Energieversorgungsnetze 99

11 11
HU NS − H ≈ und HU MS − N ≈ (6.1.4)
3a 5a

Das bedeutet, daß ein Haus im Mittel etwa alle drei Jahre eine Versorgungsunterbre-
chung erfährt und ein Mittelspannungs-Netzgebiet etwa alle fünf Jahre.

Versorgungszuverlässigkeit wird als Nichtverfügbarkeit ganz unterschiedlich wahrge-


nommen:

• Individuell bedeutet Nichtverfügbarkeit von Strom Ärger und Unbequemlichkeit.


• Im öffentlichen Raum bedeutet sie eine Einschränkung des Gemeinwohls.
• Bei einigen Abnehmern äußert sich Nichtverfügbarkeit in Form von Schadensko-
sten, sowohl für einzelne Geräte, wie z.B. Kühlschränke und Kühltruhen, als auch
größere EDV-Anlagen und vollständige industrielle Produktionsprozesse.
• Ausdrücklich hervorzuheben ist, das Nichtverfügbarkeit von Strom in allen Berei-
chen von Gesellschaft und Wirtschaft meist mit einem Verlust an individueller, öf-
fentlicher und allgemeiner Sicherheit einhergeht.

Obwohl Versorgungszuverlässigkeit und Nichtverfügbarkeit schwer quantifizierbar sind,


bestenfalls als Schadenskosten bzw. Schadenerwartungswerte, muß man mit ihnen um-
gehen können. In der Netzplanung und im Netzbetrieb geschieht dies bisher auf der
Grundlage von deterministischen Betrachtungen empirisch. Netze werden z.B. mit dem
(n-1)-Kriterium so geplant, daß bei Ausfall eines Netzzweiges (eines Transformators,
eines Kabels, einer Freileitung, eines Systems einer Mehrfach-Freileitung einschließlich
der Betriebsmittel (Schalter und Meßwandler) an den Zweigenden) weder Versorgungs-
unterbrechungen an Abnehmeranschlüssen noch dauerhafte Grenzwertverletzungen im
Hinblick auf die Betriebsspannung und die Belastung von Betriebsmitteln auftreten dür-
fen. Mittel- und Hochspannungsnetze sowie das Höchstspannungsnetz sind bisher (n-1)-
sicher. Niederspannungs-Ortsnetze sind es im allgemeinen nicht. Die Versorgungszu-
verlässigkeit von Industrienetzen hängt vom Produktionsprozeß und den zu erwartenden
Schäden und Auswirkungen von Produktionsausfällen ab.

Etwas „genauer“ geht man bei der Planung und im Betrieb nach der sogenannten Zol-
lenkopf-Kurve vor. Sie geht davon aus, daß man für eine Störung eine akzeptable
Ausfallenergie (eine während der Versorgungsunterbrechung nicht gelieferte Energie)

WU = PU TU (6.1.5)

angeben und so einen Zusammenhang zwischen der zulässigen Unterbrechungsdauer


und der ausgefallenen Leistung PU gewinnen kann. Das ist im Bild 6.2 für Ausfallener-
gien von 3 MWh und 30 MWh exemplarisch dargestellt. Die Höhe der Ausfallenergie
wird abhängig von durch die Versorgungsunterbrechung zu befürchtende Schäden fest-
gelegt. Je kleiner die Ausfallenergie ist, desto kleiner ist auch die Fläche unter der
Zollenkopf-Kurve und desto größer ist der Aufwand zur Gewährleistung der geforderten
Versorgungszuverlässigkeit.
100 Elektrische Energieversorgung

10 h
Niederspannung: Reparatur & Austausch
TU
Mittelspannung: Handumschaltung
1h

30 MWh
Hochspannung: autom. Umschaltung ( n − 1) − sicher

1min Höchstspannung: Momentanreserve


3 MWh

1s
10 100 1 MW 10 100 1 GW 10
kW kW MW MW GW
PU

Bild 6.2: Zollenkopf-Kurve zur Versorgungszuverlässigkeit

Je höher die Versorgungszuverlässigkeit ist, desto teurer wird das System. Daraus er-
wächst im liberalisierten Strommarkt das Interesse, Kosten durch eine genauere Vorher-
sage der Zuverlässigkeitskenngrößen einsparen zu können. Man versucht damit, die Re-
silienz des Systems aus wirtschaftlichen Erwägungen zu verkleinern. Ein Zuverlässig-
keitsgrenzwert ist indessen nicht angebbar und niemand ist in der Lage, ein System zu
entwerfen, das eine vorgegebene Zuverlässigkeit besitzt. Auch hier kann man mit Hilfe
der Kenngrößen nur verschiedene Systemvarianten miteinander vergleichen. Die Ent-
scheidung, welche von ihnen realisiert werden soll, ist kontingent.

Neben der Versorgungszuverlässigkeit gehört in einem System, das bei nahezu konstanter
Spannung arbeitet, die sogenannte Spannungsqualität, die Stabilität von Betrag (Ampli-
tude, Effektivwert) und Frequenz der Netzspannung zur sogenannten Versorgungsqualität,
da alle elektrischen Geräte nur in einem engen Spannungsband funktionsgerecht arbeiten.
In einem liberalisierten Markt zählt auch die Servicequalität, die das Verhältnis zwischen
Unternehmen und Kunden wiederspiegelt, dazu. Bei zuverlässiger Stromversorgung und
damit zufriedenen Kunden ist sie aber von untergeordneter Bedeutung.
6 Elektrische Energieversorgungsnetze 101

6.2 Hierarchie eines elektrischen Energieversorgungssystems


Ein elektrisches Energieversorgungsnetz hat die Aufgabe, Stromquellen und -abnehmer so
miteinander zu verbinden, daß der Prozeß der elektrischen Energieversorgung technisch-
wirtschaftlich bestmöglich sowie sicher und zuverlässig ablaufen kann. Es verbindet die
diversen Stromquellen und -abnehmer zu einem elektrischen Energieversorgungssystem,
dessen untrennbarer Bestandteil es gleichzeitig ist. Erst durch das Netz kann die Stromver-
sorgung die ihrer Bedeutung angemessene Diversität, Redundanz und Resilienz entfalten.
Es muß aber laufend an eine im ständigen Wandel begriffene Erzeuger- und Abnehmer-
struktur angepaßt werden. So wird der ständige Zuwachs an regenerativen Stromerzeugern
das Netz genauso verändern wie die politisch geplante Ausschaltung von Kernkraftwer-
ken. Die Entwicklung von Wirtschaft, Industrie und Besiedlung eines Landes wird sich
unmittelbar im Um- und Ausbau des Netzes spiegeln.
Ein elektrisches Energieversorgungssystem ist hierarchisch aufgebaut, denn es braucht
nach Abschnitt 4.4 aus technisch-wirtschaftlichen Gründen mehrere Spannungsebenen.
Das ist im Bild 6.3 für die deutsche Stromversorgung schematisch dargestellt. Die höch-
ste Spannung beträgt in Deutschland 400 kV. Daneben existieren aus historischen Grün-
den ausgedehnte Netzteile mit einer Spannung von 230 kV. Über das Höchstspannungs-
netz sind die Verbundunternehmen länderübergreifend miteinander verbunden. Die gro-
ßen Kraftwerke speisen ebenfalls in das Höchstspannungsnetz ein. Der typische Lei-
stungsbereich der Generatoren ist im Bild angegeben. Die größte Leistung haben Kern-
kraftwerksgeneratoren mit 1400 MW. In den letzten Jahren sind in Deutschland einige
moderne Braunkohlekraftwerke mit Generatorleistungen von 900 MW gebaut worden.
Die Generatorspannung ist kleiner als 35 kV, da die Wicklungen rotierender elektri-
scher Maschinen technisch-wirtschaftlich nicht für höhere Spannungen ausgelegt wer-
den können. Der Generatornennstrom beträgt daher bis zu 30 kA. Er ist wirtschaftlich
nicht über größere Entfernungen übertragbar. Die sogenannte Generatorausleitung, eine
Hochstromleitung, verbindet den Generator mit dem Blocktransformator, der sich un-
mittelbar außerhalb des Kraftwerksgebäudes befindet, über eine Entfernung von weni-
gen Metern. Der Blocktransformator spannt auf die Spannung des gespeisten Netzes
um. Die Energie wird von seiner Oberspannungsseite in der Regel über eine Freileitung
mit Netzspannung und einem wesentlich kleineren Strom zum nächsten Umspannwerk
übertragen und dort in das Netz eingespeist.
An das Höchstspannungsnetz sind einzelne Sonderkunden S mit einem sehr hohen Lei-
stungsbedarf angeschlossen, z.B. große Betriebe der chemischen Industrie. Diese besitzen
meist eigene Kraftwerke, die ggf. zumindest zeitweise ebenfalls in das Übertragungsnetz
einspeisen. Dem Übertragungsnetz ist das Hochspannungsnetz unterlagert. Es wird in
Deutschland mit einer Nennspannung von 110 kV betrieben und nimmt im begrenzten
Umfang noch Aufgaben der Energieübertragung wahr. Seine Hauptaufgabe besteht aber
in der Primärverteilung der elektrischen Energie innerhalb einer größeren Region. In das
Hochspannungsnetz speisen Kraftwerke mittlerer Leistung ein. An ihm sind Sonderkun-
den mit hoher Anschlußleistung direkt angeschlossen, z.B. Industriebetriebe, aber auch
Stadtwerke, die beide desgleichen eine eigene Stromerzeugung besitzen können.
102 Elektrische Energieversorgung

G G
<35 kV 2001400 MW
3~ 3~

400 kV 6001000 MVA 230 kV


Höchstspannung 400/230 kV
Verbundnetz & Übertragung Ausland Ausland
Nachbar-EVU  200 MW Nachbar-EVU
G
S 3~ S
300350 MVA 150  300 MVA

Hochspannung 110 kV
Übertragung & Primärverteilung

G
S S S  50 MW
3~
20  63 MVA

Mittelspannung 10/20 kV
Sekundärverteilung

S S S S
100  630 kVA  3150 kVA

Niederspannung 400 V
Ortsnetze

S T S T S T

Bild 6.3: Schematische Darstellung der öffentlichen Energieversorgung in


Deutschland

Mittelspannungsnetze mit Nennspannungen von 10 kV, 20 kV, in geringerem Umfang


auch 30 kV übernehmen die Sekundärverteilung der elektrischen Energie. Sonderkun-
den großer Anschlußleistung, kleinere Betriebe, werden häufig direkt an das Mittelspan-
nungsnetz angeschlossen. Teilnetze z.B. eines Stadtgebietes können über Verbindungen
parallelgeschaltet werden. Die so geschaffene Redundanz trägt zur Erhöhung der Ver-
sorgungszuverlässigkeit bei. Den Mittelspannungsnetzen sind die Niederspannungs-
netze mit einer Nennspannung von 400 (230) V unterlagert. Sie übernehmen die Ver-
teilung bis hin zum letzten Abnehmer. Am Niederspannungsnetz sind sowohl Sonder-
kunden als auch Tarifkunden angeschlossen.

Die verschiedenen Spannungsebenen sind über Transformatorzweige miteinander ver-


bunden. Bis zur Mittelspannung besitzen die Transformatoren häufig ein Stufenschalt-
werk zur Änderung des Übersetzungsverhältnisses, das zur Spannungsregelung dient.
Im Bild 6.3 sind typische Transformatorleistungen angegeben. Diese sind in Abhängig-
6 Elektrische Energieversorgungsnetze 103

keit von den zu verbindenden Spannungsebenen nach oben begrenzt. Ein wichtiger
Grund dafür ist die Höhe der Kurzschlußströme an der Unterspannungsseite. Die Be-
triebsmittel eines Netzes müssen nach Abschnitt 4.7 kurzschlußstromfest sein. Je höher
die Kurzschlußströme sind, desto höher ist auch der Aufwand zur Gewährleistung der
Kurzschlußstromfestigkeit. Oberhalb eines bestimmten Kurzschlußstrompegels ist Kurz-
schlußstromfestigkeit technisch-wirtschaftlich nicht mehr realisierbar. Mit den begrenz-
ten Transformatorleistungen ist die Übertragungsfähigkeit gleichfalls eingeschränkt.

Im rechten unteren Teil des Bildes 6.3 ist eine Industrienetzstruktur angedeutet. Das
Mittelspannungsnetz wird über einen sogenannten Dreiwicklungstransformator aus dem
Hochspannungsnetz gespeist. Dieser besitzt zwei getrennte Unterspannungswicklungen
in der Regel für 10 kV. Ältere Industrienetze werden ggf. noch mit 6 kV betrieben. Der
Dreiwicklungstransformator stellt einen Kompromiß dar. Er speist die Energie über die
beiden getrennten Wicklungen in zwei Netze ein. So werden trotz hoher Anschlußlei-
stung die Kurzschlußströme begrenzt. In das Mittelspannungsnetz kann ein eigener
Generator einspeisen. Viele Industriebetriebe benötigen für ihren technologischen Pro-
zeß Dampf (chemische Industrie, Kaliindustrie, Zuckerfabriken o. ä.). In solchen Fällen
ist es naheliegend und wirtschaftlich, eine Eigenerzeugung von Elektroenergie zu be-
treiben. Dann liegt Verbundbetrieb zwischen öffentlicher Energieversorgung und einem
Industriekraftwerk vor.

Die Niederspannungstransformatoren besitzen in Industrienetzen oft eine größere Lei-


stung als in Ortsnetzen. Außer der 400-V-Ebene gibt es in Industrienetzen häufig zu-
sätzlich eine 690-V-Ebene, an der ausschließlich Motoren als Abnehmer betrieben wer-
den, weil dort die zulässige Anschlußleistung höher ist.

Die Übertragung der elektrischen Energie geschieht mit Freileitungen und Kabeln. Im
Hochspannungsnetz liegt der Kabelanteil unter 1 %. Eine Ursache dafür ist die schlechte
Eignung der Kabel für die Fernübertragung. Im Mittelspannungsnetz liegt er etwa bei
29 % und im Niederspannungsnetz bei 70 %. Durch die fortschreitende Verdichtung der
Versorgungsräume steigt der Kabelanteil vornehmlich in den unteren Spannungsebenen.

Die Leistungsdichten in der öffentlichen Energieversorgung betragen in Deutschland


durchschnittlich 1,4 W/m², in Nordrhein-Westfalen 4,2 W/m², in München 132 W/m²
und beispielsweise in Manhattan 630 W/m².

In Industrienetzen sind die Verhältnisse oft völlig anders als in der öffentlichen Energie-
versorgung. Wir treffen hier auf relativ kleine territoriale Bereiche mit hoher Leistungs-
dichte (bis 100 kW/m²). Industrienetze sind nahezu ausschließlich Kabelnetze. Für sie
wird häufig eine hohe Versorgungszuverlässigkeit gefordert, vor allem um Folgeschä-
den durch Energieausfall zu vermeiden. Teilweise sind Abnehmer mit einem unruhigen
Lastgang bzw. großen Netzrückwirkungen angeschlossen (große Motoren, Lichtbogen-
öfen, leistungselektronische Anlagen usw.).
104 Elektrische Energieversorgung

6.3 Verbundbetrieb
Aus Gründen der Zuverlässigkeit der Stromversorgung muß jeder bedeutende Abneh-
merschwerpunkt über mehrere Wege mit den Erzeugerschwerpunkten verbunden wer-
den können, um das (n-1)-Prinzip zu erfüllen. Die Übertragungs- und Verteilungsan-
lagen besitzen Redundanzen. Es sind Übertragungs- und Verteilungsnetze.

Der Netzbetrieb ist in der Praxis immer mit Störungen (z.B. Kurzschlüssen, Unterbre-
chungen) verbunden. Die mit solchen Vorgängen verknüpften Übergangsprozesse ver-
laufen im Vergleich zu anderen Systemen (Fernwärme-, Gas-, Wassernetze) sehr
schnell. Außerdem kann man ein elektrisches Energieversorgungsnetz und jedes einzel-
ne seiner Betriebsmittel nach Abschnitt 4.7 praktisch nur so bemessen, daß es lediglich
eine relativ kurze Zeit (wenige Sekunden) im Kurzschlußzustand betrieben werden darf,
ohne daß Zerstörungen auftreten. Darum benötigt man automatisch arbeitende Netz-
schutzeinrichtungen, die in der Lage sind, Störungen sehr schnell von normalen Be-
triebsvorgängen zu unterscheiden und fehlerbehaftete Teilsysteme auszuschalten. Die
Beherrschung von Störungsfällen und auch die Durchführung von Wartungs- und
Instandhaltungsmaßnahmen erfordert demzufolge Möglichkeiten, den Schaltzustand des
Netzes (die Systemkonfiguration) freizügig den Erfordernissen anpassen zu können. Im
Netz sind dazu Schaltstellen (Schaltanlagen) erforderlich. Sie gestatten die Herstel-
lung verschiedener Schaltzustände. Fehlerfreie Teilsysteme übernehmen zeitweise die
Funktion fehlerbehafteter bzw. aus anderen Gründen nicht in Betrieb befindlicher. Die
Teilsysteme müssen daher in gewissem Grade überdimensioniert werden.

Die Übertragungsnetze verschiedener Energieversorger eines Landes und darüber hin-


aus verschiedener Länder sind miteinander verbunden, um so die Nachteile der unzurei-
chenden Speicherfähigkeit der elektrischen Energie teilweise ausgleichen zu können.
Verbundbetrieb in der Stromversorgung ist dann gegeben, wenn zwei oder mehrere
Stromquellen in einer solchen Weise elektrisch miteinander verschaltet sind, daß eine
anstelle der anderen oder zu deren Ergänzung eingesetzt werden kann. Ziel war in der
vollintegrierten elektrischen Energieversorgung dabei immer ein wirtschaftliches Opti-
mum. Die besten Bedingungen für einen wirksamen Verbundbetrieb ergeben sich bei
der Zusammenarbeit von Laufwasser-, Speicher-, und Wärmekraftwerken, da sie sich in
ihrem Betriebsverhalten sehr gut ergänzen. Die Vorteile des Verbundbetriebes sind:

• Zusammenfassung ausreichend großer Absatzgebiete mit Abnehmern unterschiedli-


cher Charakteristik  Belastungsausgleich
• Ausgleich der jährlich schwankenden Energiedarbietung aus Wasserkräften durch
thermo-hydraulischen Verbundbetrieb  Optimale Nutzung der Wasserkraft, spar-
same Verwendung fossiler Brennstoffe
• Eingliederung standortgebundener Kraftwerke (Wasserkraft, Braunkohle, nicht ab-
setzbare Steinkohle (Ballastkohle))
• Deckung der Spitzenlasten durch hydraulische Speicherkraftwerke
• Begrenzung der Reserveleistung durch gegenseitige Aushilfe
• Stromaustausch mit den Nachbarländern
6 Elektrische Energieversorgungsnetze 105

• Ausgleich von Schwankungen der Erzeugung und Bereitstellung von Regelleistung


für die Nutzung regenerativer Quellen (Windenergie).

Elf Länder Westeuropas einschließlich Deutschlands haben sich schon 1951 im europä-
ischen Verbundsystem UCPTE (Union für die Koordinierung der Erzeugung und des
Transports elektrischer Energie) zusammengeschlossen und betreiben ihr Verbundnetz
mit einer installierten Erzeugerleistung von etwa 630 GW und einer Frequenz von
50 Hz. Sie sind mit den ebenfalls im Verbund arbeitenden skandinavischen Ländern und
Großbritannien über Gleichstrom-Seekabel-Verbindungen gekuppelt. Die politische
Wende in Osteuropa hat dazu geführt, daß das westeuropäische Verbundnetz im Herbst
1995 um die ostdeutschen Bundesländer und Westberlin erweitert wurde. Im Zusam-
menhang mit der Liberalisierung des Elektrizitätsmarktes hat eine Entflechtung (unbun-
deling) von Stromerzeugung und -übertragung stattgefunden. Die heutige Vereinigung
der Verbundpartner umfaßt daher nur noch die europäischen Übertragungsnetzbetreiber.
Sie ist mittlerweile auf zahlreiche osteuropäische Länder ausgeweitet.

Im Bild 6.4 ist das deutsche Verbundnetz im Jahr 2012 dargestellt. Es besteht aus 380-
bzw. 400-kV-Doppelleitungen (zwei parallele Drehstromsysteme (Stromkreise)) (rot)
mit einer Stromkreislänge von insgesamt ca. 18 300 km und 220- bzw. 230-kV-Leitun-
gen (grün) mit einer Stromkreislänge von ca. 23 300 km. Die Umspannwerke, in denen
Kraftwerke in das Verbundnetz einspeisen bzw. die Hochspannungsnetze der Primär-
verteilung gespeist werden, sind als graue Punkte eingetragen. Grenzüberschreitende
400- und 230-kV-Leitungen verbinden das deutsche Verbundnetz mit den Verbundun-
ternehmen in den Nachbarländern. Mit Skandinavien ist Deutschland neben den 400-
und 230-kV-Drehstromleitungen nach Dänemark über zwei Seekabel-Strecken (ma-
gentafarben) mit einer Länge von 170 km bzw. 250 km durch die Ostsee verbunden. Es
sind Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungen (HGÜ) mit einer Gleichspannung von
450 kV und einer Übertragungskapazität von jeweils 600 MW. Sie dienen neben weite-
ren HGÜ-Seekabelverbindungen im Ostseeraum dem Stromaustausch zwischen Skan-
dinavien und dem europäischen Festland und binden vor allem die norwegischen Was-
serkraftwerke an das europäische Verbundnetz an.

An Nord- und Ostsee nimmt die Entwicklung der Off-shore-Stromerzeugung aus Wind-
energie einen starken Einfluß auf den Ausbau des Verbundnetzes. Dort sind einige
HGÜ-Kabelstrecken (magentafarben) in Betrieb, im Bau oder in der Planung, die Off-
shore-Windparks an das Verbundnetz anbinden sollen. Als zweite Art der Anbindung
von Windparks auf See kommen 150-kV-Drehstromseekabelstrecken (blau) zur An-
wendung. Diese stellen neben der HGÜ ebenfalls eine neue Technologie dar, weil in
keiner anderen Anwendung vorher Kabel mit dieser Spannung und solcher Länge (ca.
100 km) zum Einsatz gekommen sind.

Die Windkraftnutzung wirkt sich auch auf das Verbundnetz weit im Binnenland aus.
Dort muß in Deutschland vor allem die Übertragungskapazität in Nord-Süd-Richtung
erhöht werden, um Windstrom, der vorrangig im Norden erzeugt wird, in größeren
Mengen nach Süden transportieren zu können. Das belegen einige geplante 400-kV-
106 Elektrische Energieversorgung

Leitungen im Bild 6.4. Der Einfluß der Windenergienutzung auf das Verbundnetz ist ein
einprägsames Beispiel für die Anpassungsnotwendigkeit eines elektrischen Netzes an
die Erzeuger- und Abnehmerstruktur.

Bild 6.4: Deutsches Verbundnetz im Jahr 2012


6 Elektrische Energieversorgungsnetze 107

6.4 Einfluß der liberalisierten Elektrizitätswirtschaft auf das


Stromnetz
Laut des deutschen Energiewirtschaftsgesetzes von 1935 ist „die Energieversorgung so
sicher und so billig wie möglich zu gestalten“. Dieser Grundsatz besaß für die Planung
und den Betrieb der elektrischen Energieversorgungsnetze über lange Jahre hinweg eine
herausragende Bedeutung. Im volkswirtschaftlichen Rahmen war er unter anderem nicht
mit dem Transport elektrischer Energie über große Entfernungen vereinbar, weil das zu
teuer schien. Elektrische Energieversorgung als Gesamtprozeß (vollintegrierte elektrische
Energieversorgung) von der Erzeugung bis zur Abnahme und dem Verbrauch galt als
umso wirtschaftlicher, je dichter Abnehmer- und Erzeugerschwerpunkte beieinanderlagen,
weil so die Übertragungsverluste, die damit einhergehende Beanspruchung und Ausle-
gung der elektrischen Betriebsmittel und somit die Transportkosten minimal werden.
Kraftwerksstandorte wurden deshalb unter Beachtung weiterer Randbedingungen mög-
lichst nahe an die Abnehmerschwerpunkte gelegt bzw. Abnehmerschwerpunkte bildeten
sich dort, wo günstige Bedingungen für die Errichtung von Kraftwerken vorlagen. Die
Erzeugung wurde also weitgehend dezentralisiert, wobei neben der Wirtschaftlichkeit
gleichzeitig die Versorgungsqualität positiv beeinflußt werden konnte.

Der Verbundbetrieb diente nicht vordergründig dem Transport größerer Energiemengen


über weite Entfernungen. Er wurde vielmehr nach verschiedenen Kriterien optimiert,
wobei die Energieübertragung mit minimalen Verlusten immer eine besondere Priorität
besaß. Im thermo-hydraulischen Verbundbetrieb fanden aber z.B. sogar wasserwirt-
schaftliche Optimierungskriterien Berücksichtigung. Das Verbundnetz diente zur Stei-
gerung der Wirtschaftlichkeit und zur Erhöhung der Versorgungsqualität. Das Monopol
der elektrischen Energieversorgung bildete die Grundlage für eine solche Strategie.
Obwohl schon immer streitbar, fand es seine Begründung darin, daß das gesamte elek-
trische Energieversorgungsnetz in allen seinen Komponenten und Teilprozessen so auf-
wendig ist, daß mehrere miteinander konkurrierende Systeme im gleichen Territorium
volkswirtschaftlich nicht tragbar sind.

Die Deregulierung und Liberalisierung verfolgt eine andere Glaubensrichtung und gibt
dem Wettbewerb als vorherrschendem Prinzip den Vorzug vor dem Monopol und stellt
die Elektrizitätswirtschaft so auf eine völlig neue Basis. Die Stromerzeugung wird dazu
von der Übertragung und Verteilung wirtschaftlich entflochten (unbundling), sodaß die
Kraftwerke miteinander in Konkurrenz treten können. Die Netze zur Übertragung und
Verteilung bleiben dabei aus den oben erwähnten Gründen Gebietsmonopole, wobei die
Netzbetreiber jedoch zur Durchleitung von Energie von beliebigen Kraftwerken zu
beliebigen Abnehmern verpflichtet sind. Das erlaubt einen Stromhandel auf marktwirt-
schaftlicher Grundlage von Angebot und Nachfrage. Im Verbundbetrieb gewinnt nun
der Stromtransport eine hohe Bedeutung, weil Lieferungen zwischen Erzeugern und
Abnehmern allein nach wirtschaftlichen Konditionen ausgehandelt werden, wobei die
Lieferentfernungen lediglich in Form der Durchleitungsentgelte der Netzbetreiber ein-
gehen. Das führt zu vollkommen anderen Lastflüssen als vorher. In den vergangenen
Jahren ist das deutsche Übertragungsnetz aus einseitigen Handelsinteressen und Ge-
108 Elektrische Energieversorgung

winnbestrebungen mehrfach bis an die Grenze zum Kollaps (black-out) gebracht wor-
den. Für die Übertragungsnetzbetreiber kommt es jetzt anstelle einer Minimierung der
Übertragungsverluste und der damit verbundenen Systembeanspruchungen vielmehr
darauf an, die geschäftlichen Handelsinteressen mit den technischen Bedingungen für
den Energietransport in Einklang zu bringen. Erschwerend kommt hinzu, daß die Un-
ternehmensgrenzen zwischen Erzeugern (Kraftwerken) und Netzbetreibern sowie zwi-
schen Netzbetreibern untereinander, also die ökonomisch bedingten Grenzen, keine
Grenzen innerhalb des elektrischen Energieversorgungssystems unter physikalisch-
technischen Aspekten sind. Staatliche Gesetze anstelle technisch orientierter Prinzipien
der Planung und Betriebsführung von Netzen müssen nun durch entsprechende Kon-
trolle und Aufsicht kritische Situationen verhindern und auf diese Weise die Versor-
gungsqualität sichern.

6.5. Einspeisung dezentraler Erzeuger


Die oben beschriebene Struktur eines optimalen elektrischen Energieversorgungssy-
stems mit dicht beieinanderliegenden Erzeuger- und Abnehmerschwerpunkten wird
landläufig nicht als dezentralisierte Versorgung angesehen, weil die einspeisenden kon-
ventionellen Kraftwerke meist Großkraftwerke sind. Von dezentraler elektrischer
Energieversorgung spricht man in diesem Sinne erst dann, wenn eine Vielzahl von Er-
zeugeranlagen kleinerer Leistung, die über größere Gebiete verteilt sind, in das Netz
einspeisen. Windenergieanlagen haben sich in diesem Sinne zu den wichtigsten dezent-
ral einspeisenden Erzeugern entwickelt, mit zukünftig weiter steigender Bedeutung.
Wirklich dezentral ist Windenergienutzung aber nicht, denn Windenergieanlagen kön-
nen in der Regel nur an Standorten (freie Flächen, Ackerland) errichtet werden, an de-
nen keine Stromabnahme stattfindet und zwischen Off-shore-Windparks und den
Stromabnehmern liegt immer eine größere Übertragungsentfernung.

Die Entwicklung eines elektrischen Energieversorgungsnetzes innerhalb eines Gebietes


muß der Entwicklung der Erzeuger- und Abnehmerschwerpunkte folgen. Wenn sich
z.B. Kraftwerksstandorte ändern, wie oben am Beispiel des deutschen Verbundnetzes
beschrieben, müssen in der Regel neue Leitungen gebaut werden und das System erhält
eine neue Struktur. Das trifft im Prinzip auch auf die Einbindung kleiner dezentraler
Erzeuger in das Netz zu, wenn die Summe ihrer Anschlußleistungen eine Größe
erreicht, die der Leistung eines oder mehrerer konventioneller Kraftwerke entspricht.
Wegen der kleinen Anschlußleistung besitzen einzelne Anlagen aber nur einen geringen
Einfluß auf das Gesamtsystem und sind daher anfangs leicht in das bestehende Netz zu
integrieren. Mit steigender Anzahl bewirken sie jedoch nach und nach eine Änderung
des Lastflusses und irgendwann ergibt sich daraus der Zwang, die Systemstruktur anzu-
passen.
6 Elektrische Energieversorgungsnetze 109
G
3~

400-kV-
Netz

110-kV-
Netz

MS-Netz

Bild 6.5: NS-Netz


Elektrisches Energieversorgungssystem Last
mit Windenergieeinspeisung

Im Bild 6.5 ist diese Situation schematisch dargestellt. Der Lastfluß ohne dezentrale
Einspeiser ist mit geraden Pfeilen gekennzeichnet. Die Energie wird von den über- zu
den untergeordneten Spannungsebenen übertragen. Die Windenergieanlagen sind in
Abhängigkeit von der Anschlußleistung in allen Spannungsebenen angeschlossen. Sie
erzeugen einen Lastfluß, der mit den abgewinkelten Pfeilen dargestellt ist. Die Überla-
gerung beider Lastflüsse kann nun zeitweise dazu führen, daß die Energieflußrichtung
sich zum Teil umdreht. Im Bild 6.5 ist beispielhaft angedeutet, daß das Mittelspan-
nungs- und Niederspannungsnetz vollständig von den Windenergieanlagen, die in der
Mittelspannungsebene angebunden sind, versorgt werden und darüberhinaus von der
Mittelspannungs- in die 110-kV-Ebene eingespeist wird. Der Lastfluß fluktuiert jedoch
mit Winddargebot, sodaß betrieblich schwierige Situationen entstehen. Deshalb kann es
entgegen den vorherigen Gepflogenheiten notwendig werden, das Energieversorgungs-
system auch in den unteren Spannungsebenen zu kuppeln, obwohl die Übertragungsfä-
higkeit dort nach den bisherigen Überlegungen begrenzt ist. Da die Spannungswinkel
der zu kuppelnden Netze in der Regel voneinander abweichen, ist das nicht direkt, son-
dern nur über leistungselektronische Stellglieder, also mit erhöhtem Aufwand, möglich.
Langfristig wird es notwendig sein, die Netzanbindung dezentraler Stromerzeuger
grundlegend zu überdenken.

Leistung und Wirkungsgrad sind bei der Nutzung von Strömungsenergie von der Strö-
mungsgeschwindigkeit und deren Änderung in der Turbine abhängig. Bei Wasserkraft-
anlagen wird der Umwandlungsprozeß so gestaltet, daß sie mit konstanter Drehzahl
wirtschaftlich betrieben werden können. Die Luftströmung des Windes muß im Unter-
110 Elektrische Energieversorgung

schied dazu so hingenommen werden, wie sie ist. Die maximale Leistung einer Wind-
turbine unter optimalen Bedingungen ist daher eine Funktion der Windgeschwindigkeit.

8 v  1
Pm max =  d A v13 = 8  d A v23 bei  2  = (6.5.1)
27  1 opt 3
v

In Gleichung (6.5.1) bedeuten  d die Dichte der Luft, A die Rotorfläche und v1,2 die
Strömungsgeschwindigkeiten vor und nach der Turbine. Windturbinen können danach
nur mit variabler Drehzahl wirtschaftlich betrieben werden. Ihre Anbindung an das Netz
verlangt leistungselektronische Stellglieder (Frequenzumrichter). Das zieht eine Reihe
von Konsequenzen für den Netzbetrieb nach sich. Die wohl wichtigste besteht darin,
daß Windenergieanlagen nicht zur Frequenzhaltung des Netzes (zur synchronisierenden
Leistung) beitragen. Die Gewährleistung der Systemstabilität obliegt daher weiterhin
den konventionellen Kraftwerken allein. Das Verhalten bei Netzstörungen und der
Beitrag zum Blindleistungshaushalt sind weitere Besonderheiten von Windenergiean-
lagen, deren Anpassung an die technischen Anforderungen eines zusätzlichen Aufwan-
des bedarf. Darauf soll hier nicht eingegangen werden.

6.6 Netzknoten und Netzzweige


Die Knotenpunkte eines elektrischen Energieversorgungsnetzes werden durch Schalt-
anlagen gebildet. Die einfachste Möglichkeit, mehrere Leitungen eines elektrischen
Energieversorgungsnetzes miteinander zu verbinden, ist ihr Anschluß an eine soge-
nannte Sammelschiene nach Bild 6.6, die den räumlich aufgelösten Knotenpunkt dar-
stellt. In Drehstromnetzen besteht die Sammelschiene aus drei bzw. vier Hauptleitern.

Bild 6.6: Bild 6.7:


Schaltanlage als Knotenpunkt im Netz Prinzip der Streckentrennung
mit Leistungsschaltern

Es ist offensichtlich, daß die einfache Bildung eines Knotenpunktes durch Zusammen-
schluß aller von ihm ausgehenden Verbindungen (Leitungen und Transformatoren) für
6 Elektrische Energieversorgungsnetze 111

den praktischen Betrieb nicht akzeptabel ist. Ein Fehler auf einer Verbindung oder aber
eine notwendige Wartungsmaßnahme würde zum Ausfall aller an der Sammelschiene
angeschlossenen Abzweige führen.

Zur Gewährleistung eines flexiblen und zuverlässigen Netzbetriebes wird daher das
Prinzip der Streckentrennung mit Schaltgeräten nach Bild 6.7 eingeführt. Eine feh-
lerhafte oder wartungsbedürftige Verbindung kann nun ausgeschaltet werden, ohne daß
die anderen am Knotenpunkt angeschlossenen davon beeinträchtigt werden.

Mit Ausnahme von Schaltanlagen sehr geringer Bedeutung muß das Prinzip der Stre-
ckentrennung auch bei Störungen (z.B. Kurzschlüssen) wirksam sein. Das verlangt den
Einsatz von Schaltgeräten, die in der Lage sind, Kurzschlüsse innerhalb kurzer Zeit aus-
zuschalten. Die Kurzschlußdauer muß nach Abschnitt 4.7 so klein sein, daß die elektri-
schen Betriebsmittel durch den Kurzschlußstrom nicht unzulässig hoch beansprucht
werden. Schaltgeräte, die das leisten, werden als Leistungsschalter bezeichnet.

Um Störungen erfassen zu können, müssen die Ströme und Spannungen eines jeden
Abganges ständig überwacht werden. In Hochspannungsanlagen und Niederspannungs-
anlagen mit hohen Strömen ist die Strom- und Spannungsmessung nicht direkt möglich.
Man benötigt dazu Strom- und Spannungswandler (IW & UW), die Meßgrößen in eine
verarbeitbare Form auf niedrigem Potential umwandeln. Diese Betriebsmittel beanspru-
chen Platz innerhalb der Schaltanlage und können nach Bild 6.8 auf unterschiedliche
Weise in Bezug zum Leistungsschalter angeordnet werden. In beiden Anordnungsfällen
kann ein von der Sammelschiene her gespeister Kurzschluß zwischen dem Leistungs-
schalter und dem Stromwandler nicht erfaßt werden, weil der Kurzschlußstrom nicht
durch den Stromwandler fließt. Der Kurzschlußschutz hat eine tote Zone, in der er nicht
wirkt. Im linken Abzweig befindet sich aber der Spannungswandler im Schutzbereich
des Stromwandlers. Störungen an ihm werden daher vom Schutz erfaßt. Ein Fehler am
Spannungswandler am rechten Abzweig wird im Gegensatz dazu nicht erkannt. Auch
wenn der Kurzschlußstrom zur Sammelschiene hin fließt, hat der Kurzschlußschutz eine
tote Zone. In diesem Fall liegt der Spannungswandler des rechten Abganges innerhalb
des Schutzbereichs.

Schutz Schutz
Bild 6.8:
Anordnungen von Strom- und IW
Spannungswandlern für den Netzschutz UW UW
IW

Bei Störungen ist das Prinzip der Streckentrennung nur dann ausreichend wirksam,
wenn der Netzschutz selektiv arbeitet. Die Selektivität des Schutzes besitzt drei Aspek-
te: Erstens muß die Störung sicher von normalen Betriebsvorgängen unterschieden wer-
den können, damit letztere keine ungewollten Unterbrechungen des Betriebes herbeifüh-
ren. Dieser Aspekt wird als Selektivität der Fehlerart bezeichnet. Zweitens dürfen nur
die dem Fehlerort am nächsten gelegenen Schutzeinrichtungen ausschalten, damit alle
112 Elektrische Energieversorgung

fehlerfreien Betriebsmittel und Teilnetze weiter betrieben werden können. Das wird
durch die Selektivität des Fehlerortes erreicht. Der dritte Aspekt, der hier von unter-
geordneter Bedeutung ist, ist die Selektivität des Gefährdungszustandes. Er fordert,
daß die vom Schutz bei Störungen eingeleiteten Maßnahmen der jeweiligen Gefähr-
dungssituation adäquat sind. Selektivität bedeutet also die Fähigkeit des Netzschutzes,
Fehler von normalen Betriebsvorgängen eindeutig zu unterscheiden und Maßnahmen
einzuleiten, die sich möglichst eng begrenzt auf den Fehlerort (das fehlerhafte oder
gefährdete Betriebsmittel) beziehen und in ihren Auswirkungen der gegebenen Gefähr-
dungssituation angemessen entsprechen. Der Netzschutz besitzt einen großen Einfluß
auf die Versorgungsqualität.

Das in den Bildern 6.7 und 6.8 dargestellte Prinzip der Streckentrennung ist in der Pra-
xis noch immer unzureichend. Die Leistungsschalter und Wandler müssen im Laufe
ihrer Nutzungsdauer gewartet werden. Defekte Betriebsmittel muß man ersetzen kön-
nen. Dazu ist es erforderlich, daß Abgänge mit Hilfe zusätzlicher Schaltgeräte freige-
schaltet werden können. Diese Schaltgeräte, die so einfach und kostengünstig wie mög-
lich sein sollen, sind die sogenannten Trennschalter oder Trenner. Sie dürfen nur
stromlos betätigt werden und besitzen insbesondere kein Ausschaltvermögen. Die
Trenner schaffen Trennstrecken mit einer sehr hohen Spannungsfestigkeit, die in kon-
ventionellen Schaltanlagen zudem sichtbar sein müssen. Sie dienen so der Sicherheit
des Personals bei Wartungsarbeiten. Zusätzlich sieht man Vorrichtungen zum Erden
und Kurzschließen (Erdungsschalter, Kugelfestpunkt zum Anschließen einer bewegli-
chen Erdungs- und Kurzschließvorrichtung) vor. Damit wird das Personal gegen un-
beabsichtigtes Einschalten gesichert. So gelangt man zu einer vollständigen Schaltung
des Abganges einer Schaltanlage, an den Leitungen (Freileitungen, Kabel) oder Trans-
formatoren angeschlossen werden, nach Bild 6.9.

Sammelschienen-
trenner
Leistungsschalter Schutz

Stromwandler
Spannungswandler
U
Bild 6.9: Leitungstrenner
Schaltung eines Abganges einer
Schaltanlage Erdungstrenner

Die Abgänge von Innenraum-Schaltanlagen werden in Anlehnung an die ursprüngliche Bau-


form Schaltzellen genannt, während sie in Freiluft-Schaltanlagen Schaltfelder heißen.

Wenn nun gefordert wird, daß die Verbindung selbst bei Ausfall eines Betriebsmittels
im Abgang nicht ausfallen darf, dann muß das Prinzip der Umgehung zur Anwendung
6 Elektrische Energieversorgungsnetze 113

kommen. Es beinhaltet Schaltungen innerhalb einer Schaltanlage, die eine Freischaltung


einzelner Betriebsmittel ohne Unterbrechung einer Verbindung gestatten. Im Bild 6.9 ist
eine sogenannte Umgehungsschiene U gestrichelt eingezeichnet. Sie kann über einen
zweiten Abgangstrenner mit dem Abgang verbunden werden, so daß Leistungsschalter
und Wandler umgangen werden können.

I
II

Quer-
kupplung
U

Bild 6.10:
Doppelsammelschienen-Anlage
mit Umgehungsschiene

Schaltanlagen sind nicht nur einfache Knotenpunkte im Netz, sondern dienen daneben
gleichzeitig der Flexibilität des Netzbetriebes, die einen großen Einfluß auf die Ver-
sorgungsqualität besitzt. Unter Flexibilität wird die Option verstanden, im gestörten und
ungestörten Betrieb Umgruppierungen von Abgängen in Abhängigkeit von sich ändern-
den Erfordernissen vornehmen zu können. Die Flexibilität einer Schaltung wird danach
bewertet, welche Varianten der Umgruppierung realisierbar sind.

Im Bild 6.10 ist eine sogenannte Doppelsammelschienen-Anlage der Übersicht halber


ohne die Strom- und Spannungswandler in den Abgängen dargestellt. Diese besitzt zwei
unabhängige Sammelschienen, d.h., es können mit ihr zwei Knotenpunkte im Netz
gebildet werden. Jeder Abgang ist über die entsprechenden Sammelschienentrenner,
die man hier auch als Wahltrenner bezeichnet, wahlweise an das Sammelschienensys-
tem I oder II anschließbar. Die Schaltanlage besitzt eine sogenannte Querkupplung,
mit der beide Sammelschienensysteme nach entsprechender Vorwahl des Weges mit
den Sammelschienentrennern über den Kupplungs-Leistungsschalter zu einem einzigen
Knotenpunkt verbunden werden können. Bei eingeschalteter Kupplung ist über die
Wahltrenner ein Sammelschienenwechsel eines oder mehrerer Abgänge ohne Versor-
gungsunterbrechung durchführbar. An die Querkupplung ist zusätzlich eine Umge-
hungsschiene angeschlossen. Über die Umgehungsschiene kann ein Abgang ohne Ver-
sorgungsunterbrechung umgangen werden. Der Kupplungs-Leistungsschalter über-
nimmt dabei die Funktion des jeweiligen Abgangs-Leistungsschalters.
114 Elektrische Energieversorgung

A B
I I
II II

Bild 6.11:
Vollkupplung für eine
Doppelsammelschienenanlage
U U

Im Bild 6.11 ist eine sogenannte Vollkupplung für eine Doppelsammelschienenanlage


dargestellt. Rechts und links von ihr kann jeweils eine Doppelsammelschiene nach Bild
6.10 angeschaltet werden. Die Querkupplungen entfallen dabei. Bei einer solchen An-
lage sind die beiden Sammelschienen in jeweils zwei Blöcke A und B getrennt, so daß
mit der Schaltanlage vier unabhängige Knotenpunkte gebildet werden können. Mit der
Vollkupplung können diese in beliebiger Weise gekuppelt werden. Der gewünschte
Weg des Leistungsflusses wird über die Wahltrenner wiederum vorgewählt und danach
mit dem Kupplungs-Leistungsschalter eingeschaltet. An der Vollkupplung ist ebenfalls
wieder eine Umgehungsschiene angeschlossen, die hier ebenfalls in zwei Blöcke auf-
geteilt ist. Einzelne Abgänge können so umgangen werden, wobei sie über die Voll-
kupplung an jeden der vier Sammelschienenblöcke anschaltbar sind.

Der Extremfall der Flexibilität liegt dann vor, wenn jeder Abgang mit jedem anderen
ohne Beeinflussung der nichtbeteiligten verbunden werden kann. Eine so hohe Flexibi-
lität ist praktisch nicht notwendig und wirtschaftlich schwer realisierbar. Zwei Sammel-
schienensysteme sind in wichtigen Schaltanlagen die Regel, mehr als drei findet man
dagegen schon selten. Der nötige Schaltungsaufwand zur Gewährleistung der Versor-
gungszuverlässigkeit hängt schließlich auch von den Ausfallraten und dem Wartungs-
aufwand für die elektrischen Betriebsmittel ab. Ausfallraten und Wartungsaufwand sind
im Laufe der Entwicklung gesunken. Moderne Schaltanlagen müssen daher in der Regel
ohne Einbuße an Versorgungszuverlässigkeit nicht mehr so flexibel sein wie früher.
Eine Anlage mit drei Sammelschienen mit oder ohne Umgehungsschiene wird heute
praktisch nicht mehr gebaut. Es gibt außerdem zahlreiche Formen der Vereinfachung
von Schaltanlagen, die in einer Technik mit niedrigen Ausfallraten ausgeführt sind
und/oder dort zum Einsatz kommen, wo die Anforderungen an die Versorgungszuver-
lässigkeit nicht so hoch sind.

Ein Netzzweig als Verbindung zwischen zwei Netzknoten besteht nach Bild 6.11 aus
zwei Schaltzellen bzw. -feldern an seinen Enden. Zwischen den Schaltzellen ist das
Übertragungselement angeordnet. Es kann eine Freileitung, ein Stromkreis einer Dop-
pelleitung, ein Kabel, ein Transformator, eine Kettenschaltung von Leitungen mit einem
Transformator oder sogar eine sehr komplexe Einrichtung wie eine HGÜ-Verbindung
bzw. eine andere Stromrichterkupplung sein. Unabhängig von der Komplexität des
Übertragungselementes spricht man von einem Netzzweig, wenn er an seinen Enden
6 Elektrische Energieversorgungsnetze 115

jeweils ein einziges Schaltfeld und damit eine einzige Netzschutzeinrichtung besitzt.
Auch parallele Kabel oder Stromkreise von Freileitungen stellen einen einzigen Netz-
zweig dar, wenn sie an den Enden jeweils nur von einer Schutzeinrichtung geschützt
werden, d.h., an eine gemeinsame Schaltzelle angeschlossen sind. Werden parallele
Übertragungselemente dagegen an parallele Schaltzellen angeschlossen, dann sind es
unabhängige Netzzweige mit jeweils eigenem Schutz, die selektiv aus dem Netz her-
ausgetrennt werden können. Kupplungen können als Sonderfälle eines Netzzweiges
aufgefaßt werden, da sie zwar zwei Netzknoten verbinden, aber im oben erläuterten
Sinn nicht vollständig sind.

Eine Schaltanlage mit allen Nebeneinrichtungen (Gebäude, Hilfsenergieversorgung und


andere Hilfseinrichtungen) wird Schaltwerk oder Schaltstation genannt. In einem
Umspannwerk treffen die Netze von mindestens zwei Spannungsebenen zusammen. Es
besitzt daher mindestens zwei Schaltanlagen unterschiedlicher Nennspannung, die
durch einen oder mehrere Transformatorzweige verbunden sind. In Umspannwerken
werden also Knotenpunkte mehrerer Netze verschiedener Spannung gebildet.

6.7 Typische Netzformen


Bild 6.12 zeigt die einfachste Form eines elektrischen Energieversorgungsnetzes, ein
sogenanntes einfach stichgespeistes Strahlennetz. Die Schaltgeräte und Betriebsmittel
in den einzelnen Abgängen sind zum besseren Überblick nicht dargestellt. Das
Strahlennetz ist wegen seiner Einfachheit sehr übersichtlich, hat jedoch den Nachteil,
daß bei Ausfall einer Stichverbindung die angeschlossenen Abnehmer bis zur Behebung
der Ursache nicht versorgt werden können. Die Anwendung beschränkt sich aus diesem
Grunde auf Fälle geringer Bedeutung.

Bild 6.12:
Einfach stichgespeistes
Strahlennetz

Eine Verbesserung der Versorgungszuverlässigkeit erhält man durch Verdopplung des


Aufwandes gegenüber dem einfachen Strahlennetz. Wir kommen auf diese Weise zum
zweifach stichgespeisten Doppelstrahlennetz nach Bild 6.13. Dort sind die zusätzli-
116 Elektrische Energieversorgung

chen Schaltgeräte als Rechtecke eingetragen. Jeder Lastschwerpunkt ist bei dieser Netz-
form über zwei unabhängige Wege erreichbar.

Bild 6.13:
Zweifach stichgespeistes
Doppelstrahlennetz

Die zusätzlichen Schaltgeräte sind im Normalzustand geöffnet, so daß jeder Last-


schwerpunkt zwei Knotenpunkte im Netz bildet. Sie werden nur im Bedarfsfall ge-
schlossen. Der betreffende Lastschwerpunkt wird dann zu einem Knotenpunkt. Das
Doppelstrahlennetz kann bei hohen Anforderungen an die Versorgungszuverlässigkeit
aus zwei voneinander unabhängigen übergeordneten Netzen eingespeist werden. Dann
spricht man von Zwei-Zentralen-Betrieb. Netze gelten als unabhängig, wenn sich eine
Störung in einem von beiden nicht im anderen auswirkt. Das können zum Beispiel zwei
110-kV-Netze sein, die über verschiedene Transformatoren an verschiedenen Netzkno-
ten aus dem Übertragungsnetz gespeist werden.

Bild 6.14 zeigt ein über mehrere Spannungsebenen hinweg aufgebautes Doppelstrahlen-
Industrienetz. Es wird zweifach aus der 110-kV-Ebene eingespeist. Die beiden 110-kV-
Einspeisungen können aus unabhängigen Netzen kommen. Der 110-kV-Ebene ist eine
20-kV-Mittelspannungsebene unterlagert. Diese besteht aus zwei Blöcken, in die
jeweils ein Generator eines eigenen Industriekraftwerkes einspeist.

Der 20-kV-Ebene ist wiederum eine 10-kV-Ebene unterlagert. Aus der 10-kV-Ebene
werden die Niederspannungsnetze gespeist. Außerdem sind dort Abnehmer größerer
Leistung angeschlossen, z.B. auch große Motoren mit einer Nennleistung ab 800 kW.
An die 20-kV-Ebene sind zwei verschiedene Niederspannungsebenen angeschlossen.
Die 690-V-Ebene versorgt ausschließlich Drehstromabnehmer, z.B. Motoren mit
Nennleistungen von bis zu 630 kW. Die 400-V-Ebene dient der allgemeinen Versor-
gung. Dort können aber auch Motoren mit Nennleistungen bis zu 320 kW angeschlos-
sen sein. Über alle Spannungsebenen hinweg werden alle Knotenpunkte des Netzes über
jeweils zwei unabhängige Einspeisungen versorgt.
6 Elektrische Energieversorgungsnetze 117

G G
3~ 110 kV 3~

20 kV

10 kV

M M M M
3~ 3~ 3~ 3~

400 V 690V

M M M
3~ 3~ 3~

M M M M
3~ 3~ 3~ 3~

Bild 6.14: Doppelstrahlen-Industrienetz

Elektrische Energieversorgungsnetze können auch als sogenannte Ringnetze aufgebaut


werden. Bild 6.15 zeigt eine Erweiterung des einfachen Strahlennetzes nach Bild 6.12
durch eine Ringergänzungs-Leitung. Auf diese Weise wird es ebenfalls möglich, jeden
Lastschwerpunkt über zwei Wege zu versorgen.

Bild 6.15:
Einfach stichgespeistes
Strahlennetz mit Ringergänzung
118 Elektrische Energieversorgung

Bild 6.16 zeigt einen Ring, der vornehmlich aus Kabeln besteht und an seinen Enden
aus zwei verschiedenen Netzen gespeist wird. In den Ring sind vereinfachte Schaltanla-
gen, sogenannte Ringkabelfelder, integriert. In Mittelspannungs-Industrienetzen wer-
den an die Ringkabelfelder z. B. Motoren, andere Mittelspannungsabnehmer und Nie-
derspannungstranformatoren angeschlossen. Im rechten Bildteil ist ein doppeltes Ring-
kabelfeld dargestellt, an das ein Motor und ein Transformator angeschlossen sind. Im
Zuge des Ringes sind Schaltgeräte angeordnet, die eine Auftrennung bei Störungen er-
lauben. Oft werden solche Ringe im Normalbetrieb an einer Stelle unterbrochen betrie-
ben (offener Ring), um einfachere Bedingungen für den Netzschutz zu schaffen. In der
öffentlichen Energieversorgung werden Ringnetze zur Speisung von Ortsnetz-Transfor-
matorstationen aus einem Mittelspannungsnetz eingesetzt. Die an die Ringkabelfelder
angeschlossenen Abnehmer sind dann sämtlich Niederspannungstransformatoren.

Netz 1 Netz 2

M
3~

M
M 3~
3~
Bild 6.16:
Ringnetz und
Ringkabelfeld

Bild 6.17:
Über Transformatorketten
mehrfach gespeistes
Maschennetz
6 Elektrische Energieversorgungsnetze 119

Maschennetze werden nur noch selten gebaut. Sie bieten die höchste Versorgungszu-
verlässigkeit und sind daher für die Versorgung besonders sensibler Produktionspro-
zesse geeignet, stellen gleichzeitig aber auch die größten Anforderungen an den Netz-
schutz. Sie zeichnen sich dadurch aus, daß sie stoßartige Belastungen gut ausgleichen
können und eine gute Spannungsqualität besitzen. Die einspeisenden Transformatoren
brauchen nur mit einer vergleichsweise geringen Reserve ausgelegt zu werden und die
Netzverluste sind gering. Im Bild 6.17 ist ein mehrfach über sogenannte Transforma-
torketten gespeistes Maschennetz dargestellt.

Außer der Drehstromtechnik gibt es Sonderformen von geringerer Bedeutung. Diese


sind meist historisch gewachsen und haben daher ihre Existenzberechtigung, obwohl sie
heute ebenfalls aus der Drehstromtechnik heraus realisierbar wären. Bewußt werden
aber auch Vorteile anderer Systeme genutzt, die die Drehstromtechnik für den jeweili-
gen Einsatzfall nicht bietet. Solche Ausnahmen sind:

• Gleichstromnetze geringer territorialer Ausdehnung zur Bahnstromversorgung.


Hier kam es darauf an, eine einfache Stromversorgung über Eindrahtsysteme zu
realisieren und einen Antriebsmotor mit guter Drehzahlregelbarkeit und hohem
Anzugsmoment (Gleichstrom-Reihenschlußmotor) einsetzen zu können. Das An-
triebsproblem ist heute auch mit Drehstromantriebstechnik beherrschbar (z.B. ICE).
Die elektrische Energie wird in den seltensten Fällen mit Gleichstromgeneratoren er-
zeugt, sondern über Stromrichter aus dem Drehstromnetz entnommen.
• Einphasenwechselstromnetze zur Bahnstromversorgung (Frequenz 16,7 Hz). Die
Beweggründe waren die gleichen wie bei der Bahnstromversorgung mit Gleichstrom.
Die höheren Leistungen der Lokomotiven und die größere territoriale Ausdehnung
des Netzes erforderten aber eine höhere Fahrleitungsspannung und daher eine Trans-
formation auf der Lokomotive. Die Frequenz ist ein Kompromiß, um z. B. für den
Motor gleichstromähnliche Verhältnisse zu erreichen. Die Energie wird zum Teil in
bahneigenen Kraftwerken erzeugt und über ein eigenes 110-kV-Netz an die verschie-
denen Einspeisepunkte verteilt. Zunehmend werden aber auch Umformerstationen zur
Einspeisung aus dem öffentlichen Drehstromnetz eingesetzt.
• Gleichstromnetze zur Bereitstellung von Steuerspannungen (auch für Notstrom-
versorgungen). Die hier benötigten Energiemengen sind für begrenzte Zeiten in Batte-
rien speicherbar. Derartige Netze arbeiten daher selbst bei Ausfall der primären
Stromversorgung noch. Im Normalbetrieb wird die Batterie aus dem Drehstromnetz
ständig nachgeladen (gepuffert). Die Steuerung von Relais und Schützen mit Gleich-
spannung bietet Vorteile gegenüber Wechselspannung (kein Brummen, hohe Anzugs-
kraft). Dafür gibt es inzwischen aber ebenfalls gute Wechselstromlösungen.
• Gleichstromversorgung von Elektrolysen. Hier ist Gleichstrom Voraussetzung für
die Funktion. Eine andere Stromart ist physikalisch nicht möglich. Der Gleichstrom
wird überwiegend über Stromrichter aus dem Drehstromnetz entnommen. Eine Elek-
trolyseanlage ist so nichts anderes als ein Abnehmer am Drehstromnetz.
• Energieversorgung drehzahlgeregelter Antriebe (Walzwerke, Fördermaschinen
und ähnliche). Früher dienten für diesen Zweck rotierende elektrische Umformer
(Motor-Generatoren), die Drehstrom mit mechanischer Energie als Zwischenstufe in
120 Elektrische Energieversorgung

Gleichstrom umwandelten (Leonardumformer). Dies war notwendig, um die gute


Drehzahlstellmöglichkeit von Gleichstrommotoren nutzen zu können. Die Umformer
wurden im Laufe der Zeit durch Stromrichter ersetzt. Heute bietet die Leistungselek-
tronik die Möglichkeit, neben Gleichstrommotoren auch frequenzgeregelte Dreh-
strommotoren einzusetzen.
• Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung (HGÜ). Hier werden die Vorteile von
Gleichstrom bei der Energieübertragung über große Entfernungen und die Möglich-
keit der Kopplung von Netzen mit voneinander abweichenden Frequenzen (auch mit
HGÜ-Kurzkupplungen) genutzt. Besondere Bedeutung haben Seekabel-Verbindun-
gen. HGÜ wurde bisher ausnahmslos als Zweipunkt-Verbindung von Drehstromsy-
stemen eingesetzt, da das Schalten von Gleichströmen hoher Spannung mit konven-
tionellen Schaltern nicht möglich ist. Die HGÜ-Verbindungen werden drehstromseitig
geschaltet. Es gibt bisher keine Hochspannungs-Gleichstromnetze.

Die Anbindung regenerativer Stromerzeuger verlangt meist eine Wandlung des Strom-
systems, z.B. von Gleichstrom in Drehstrom oder von Drehstrom in Drehstrom einer
anderen Frequenz, wobei im letzteren Fall häufig eine Gleichstrom-Zwischenstufe be-
nötigt wird. Als Wandler zwischen den Stromsystemen dienen Stromrichteranlagen
verschiedenster Art. Die Zahl leistungselektronischer Stellglieder als Bestandteile von
Netzzweigen wird deshalb zunehmen.

6.8 Elektrische Betriebsmittel


Bild 6.18 gibt einen Gesamtüberblick über die wichtigsten konventionellen Betriebsmit-
tel elektrischer Energieversorgungsnetze mit Ausnahme der Schaltgeräte. Die elektri-
sche Energie wird in Generatoren erzeugt und über Maschinen- oder Blocktransforma-
toren in das Netz eingespeist. Sie wird über Freileitungen übertragen. Bei großen Lei-
tungslängen dienen Reihenkondensatoren im Leitungszug zur Veränderung der Übertra-
gungseigenschaften (Blindleistungskompensation). Netztransformatoren verbinden
Übertragungs- und Verteilungsnetze mit unterschiedlichen Spannungen. Sie besitzen
häufig eine dritte Drehstromwicklung, die in Dreieck geschaltete Tertiär- oder Aus-
gleichswicklung. An ihr können Ladestromdrosseln angeschlossen sein, die wie die Rei-
henkondensatoren ebenfalls die Veränderung der Eigenschaften der Fernübertragung
bewirken.

An den Netztransformator ist eine Kabelanlage angeschlossen, die der Energieübertra-


gung über kürzere Entfernung dient. Sie speist einen Netzknotenpunkt, an den ein Mo-
tor als wichtiger Abnehmer eines elektrischen Energieversorgungsnetzes angeschlossen
ist. Am gleichen Knoten wird ein Parallelkondensator zur Kompensation der Blindlei-
stung der dort angeschlossenen Abnehmer betrieben. Ein Drehstrom-Zweiwicklungs-
6 Elektrische Energieversorgungsnetze 121

transformator speist von dort eine untergeordnete Spannungsebene. Mit ihm ist eine
Drosselspule zur Begrenzung der Kurzschlußströme im nachgeordneten Netz in Reihe
geschaltet.
Parallel-
Maschinen- Netz- kondensator
Transformator Reihenkondensator Transformator
G Freileitung Freileitung
3~ Kabel- M
Generator HGÜ- anlage
Glättungs- 3~
Stromrichter
drossel Motor
Netz

Stromrichter-
Transformator Ladestrom-
Gleichstrom- drossel
Seekabel

Filter bzw. Saugkreis


Reihen-
drossel

Bild 6.18: Betriebsmittel elektrischer Energieversorgungsnetze

Über eine Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung wird aus einem fremden Dreh-


stromnetz zusätzliche Energie eingespeist. Beispielhaft ist eine Fernübertragung über ein
Seekabel angegeben. Ebenso könnte natürlich auch eine Gleichstrom-Freileitung zum
Einsatz kommen. Beide Stromrichterstationen der HGÜ-Strecke könnten im Extremfall
aber auch am gleichen Ort stehen. Die Gleichstrom-Übertragung würde dann über eine
Leiterschienen-Verbindung über nur wenige Meter stattfinden. Man spricht in diesem Fall
von einer sogenannten HGÜ-Kurzkupplung. Sie ist überall dort vorteilhaft einsetzbar, wo
Netze mit voneinander abweichenden Frequenzen zu verbinden sind. Mit Ausnahme der
Fernübertragungsstrecke sind die elektrischen Betriebsmittel von HGÜ-Verbindungen im
wesentlichen gleich. An den Enden der Übertragungsstrecke befinden sich Stromrich-
terstationen, die die Umformung von Drehstrom in Gleichstrom und umgekehrt vorneh-
men. Ihre Hauptelemente sind die Stromrichter-Transformatoren und die Stromrichter
selbst. Auf der Gleichstromseite der Stromrichter werden Drosselspulen zur Glättung des
Gleichstromes (Glättungsdrosseln) eingesetzt. Die Ströme und Spannungen an den
drehstromseitigen Klemmen eines Stromrichters sind im allgemeinen nicht kosinusförmig.
Deshalb betreibt man auf der Drehstromseite von großen Stromrichteranlagen Filter bzw.
Saugkreise zur Verminderung der Strom- und Spannungsverzerrungen. Sie werden nicht
nur bei HGÜ-Verbindungen eingesetzt, sondern auch in Verteilungsnetzen mit Strom-
richtern als Abnehmer. Der Betrieb von Stromrichtern in Drehstromnetzen verlangt also
häufig Zusatzanlagen zur Begrenzung der Netzrückwirkungen.
In allen Knotenpunkten des Netzes dienen Schaltgeräte zum Ein- und Ausschalten der
Verbindungen und Abnehmer sowohl im Normalbetrieb als auch im Zusammenwirken
mit Schutzrelais bei Fehlern und Störungen.

Rotierende elektrische Drehstrommaschinen sind dominierende Betriebsmittel von


Drehstromnetzen, die bislang ganz wesentlich deren Eigenschaften bestimmen. Je nach
122 Elektrische Energieversorgung

Betriebszustand arbeiten sie sowohl generatorisch als auch motorisch. Die Bezeichnung
Generator oder Motor dient lediglich zur Kennzeichnung des Hauptbetriebszustandes.
Dem Aufbau nach unterscheiden sich Generatoren und Motoren im Prinzip nicht. Rotie-
rende Drehstromgeneratoren, angetrieben durch Wasser-, Dampf-, Gas- und Windturbi-
nen sowie Verbrennungsmotoren, erzeugen heute über 99 % der elektrischen Energie.
Über die Hälfte dieser Energie wird in elektrischen Motoren in mechanische Energie
umgewandelt.

Bild 6.19 zeigt den prinzipiellen Aufbau von Drehstrom-Synchronmaschinen. Im


feststehenden Teil der Maschine, dem Ständer oder Stator, ist bei der zweipoligen Ma-
schine eine dreisträngige Drehstromwicklung untergebracht. Die Spulenachsen dieser
Wicklung sind jeweils um 120 Grad gegeneinander gedreht. Die Stränge der Drehstrom-
wicklung können in Stern oder in Dreieck geschaltet sein. Im Läufer oder Rotor der
Maschine befindet sich eine Wicklung, die mit Gleichstrom gespeist wird. Sie wird
Erregerwicklung genannt. Weiterhin trägt der Läufer eine zweite kurzgeschlossene
Wicklung, die sogenannte Dämpferwicklung. Sie kann in zwei einsträngige kurzge-
schlossene Wicklungen mit senkrecht aufeinanderstehenden Spulenachsen, von denen
eine mit der Achse der Erregerwicklung zusammenfällt, zerlegt werden.

Erregerwicklung
Ständer Ständer
Dämpfer-
wicklungen

fer
Läu
Läufer

Drehstrom-
wicklung

Turbomaschine Schenkelpolmaschine

Bild 6.19: Prinzipieller Aufbau zweipoliger Synchronmaschinen

Der Läufer der im Bild 6.19, links, dargestellten Maschine ist zylindrisch. Der Luftspalt
zwischen ihm und dem Ständer ist längs seines Umfanges nahezu konstant. Der magne-
tische Kreis der Maschine besitzt daher in allen Richtungen nahezu gleiche Eigenschaf-
ten. Eine derartige Maschine wird als Turbomaschine bezeichnet. Eine Turbomaschine
wird stets zweipolig ausgeführt. Der Läufer der im Bild 6.19, rechts, dargestellten Syn-
chronmaschine besitzt ausgeprägte Pole. Sie wird Schenkelpolmaschine genannt. Der
Luftspalt zwischen Läufer und Ständer ist in der Polachse wesentlich kleiner als senkrecht
dazu. Dementsprechend unterscheiden sich die magnetischen Eigenschaften in diesen
6 Elektrische Energieversorgungsnetze 123

beiden orthogonalen Richtungen deutlich voneinander. Schenkelpolmaschinen haben


meist mehr als zwei Pole. Bei mehrpolpaarigen Maschinen ist die im Bild 6.19 angege-
bene Anordnung entsprechend der Polpaarzahl vervielfacht.

Im stationären Betrieb dreht sich der Läufer der Synchronmaschine genauso schnell wie
das durch die Ständerwicklung erzeugte Drehfeld. Das Feld der Erregerspule und das
Drehfeld bewegen sich synchron und schließen dann miteinander einen konstanten
Winkel ein. Die Drehzahl einer Synchronmaschine mit der Polpaarzahl zp (die synchro-
ne Drehzahl) je Minute beträgt

60 f
n= (6.8.1)
zp

Eine Turbomaschine dreht sich bei einer Frequenz von 50 Hz mit 3000 Umdrehungen je
Minute, der höchsten synchronen Drehzahl bei dieser Betriebsfrequenz. Daher rührt
auch der Name Turbomaschine. Sie ist eine Synchronmaschine, die als Generator von
einer entsprechend schnelldrehenden Dampf- oder Gasturbine angetrieben wird. Eine
Schenkelpolmaschine dreht sich in Abhängigkeit von ihrer Polpaarzahl entsprechend
langsamer. Mit der Wahl der Polpaarzahl wird die Drehzahl der Maschine dem Ver-
wendungszweck angepaßt, ohne daß dafür mechanische Getriebe benötigt werden.
Synchronmaschinen können sowohl als Generatoren wie auch als Motoren betrieben
werden. In der überwiegenden Zahl werden sie als Generatoren eingesetzt. Turbogene-
ratoren werden bis zu Leistungen über 1000 MW gebaut. Sie werden in Wärmekraft-
werken eingesetzt. Schenkelpolgeneratoren werden für Leistungen bis etwa 850 MW
gebaut. Sie werden vorwiegend in Wasserkraftwerken eingesetzt, da sich Wasserturbi-
nen wesentlich langsamer drehen als Dampfturbinen. Moderne Windkraftgeneratoren
besitzen z.T. vielpolige Wicklungen, d.h. eine hohe Polpaarzahl. Sie drehen sich daher
dem Wind angepaßt sehr langsam und ein Getriebe zwischen Windrad und Generator ist
nicht nötig.

Die zweite wichtige Drehstrommaschine ist die Asynchronmaschine. Ihr Ständer ist
ebenso aufgebaut wie der der Synchronmaschine. Im Läufer besitzt sie im einfachsten
Fall eine dreisträngige Drehstromwicklung wie im Ständer. Sie kann wie die Ständer-
wicklung in Stern oder Dreieck geschaltet sein. Ihre Enden sind mit drei Schleifringen
verbunden. Die Schleifringe sind im stationären Betrieb kurzgeschlossen. Nur während
des Anlaufs wird an sie der Anlasser, ein veränderbarer dreisträngiger Widerstand,
angeschlossen, dessen Widerstandswert mit steigender Drehzahl auf null verringert
wird. Auf diese Weise wird der Anlaufstrom begrenzt, gleichzeitig aber ein hohes
Drehmoment erzeugt. Derartige Maschinen werden als Schleifringläufer bezeichnet.
Statt der dreisträngigen Drehstromwicklung kann der Läufer aber auch eine kurzge-
schlossene Käfigwicklung besitzen. Die Maschine wird dann als Kurzschlußläufer be-
zeichnet. Der Aufbau eines Kurzschlußläufers entspricht dem einer Synchron-Turbo-
maschine ohne Erregerwicklung. Die Läuferdrehzahl einer Asynchronmaschine weicht
von der synchronen Drehzahl nach Gleichung (6.8.1) ab. Auch sie kann sowohl als Ge-
nerator wie auch als Motor arbeiten. Im generatorischen Betrieb ist die Läuferdrehzahl
124 Elektrische Energieversorgung

größer als die synchrone Drehzahl, im motorischen Betrieb kleiner. Asynchronmaschi-


nen werden überwiegend als Motoren eingesetzt und dort bis zu Leistungen von 20 MW
und mehr gebaut. Als Generatoren werden sie meist nur für kleine Leistungen zum
Beispiel in kleinen Wasser- oder Windkraftwerken eingesetzt.

Als sogenannte doppeltgespeiste Asynchronmaschinen haben sie in den letzten Jahren


jedoch außerdem eine große Bedeutung in der Windstromerzeugung gewonnen (siehe
Bild 5.2, unten). Gegenüber der Synchronmaschine besitzen sie hier den Vorteil, daß
nur ein Teil der erzeugten elektrischen Energie mit dem Netz über Stromrichter ausge-
tauscht werden muß. Die maximale Nennleistung beträgt bei dieser Anwendung gegen-
wärtig etwa 3,5 bis 5 MW. Als Generator kann die doppeltgespeiste Asynchronma-
schine über den Ständer und den Läufer zusammen eine höhere Leistung als die Nenn-
leistung abgeben. Eine weitere wichtige Anwendung erfährt diese Maschine bei maxi-
malen Nennleistungen von mehr als 250 MW in Pumpspeicherwerken, weil mit ihr
sowohl die Pumpleistung als auch die Generatorleistung über die Drehzahl stufenlos
verändert werden können. Das Speicherkraftwerk kann so sehr flexibel auf die jeweilige
Netzsituation reagieren.

Transformatoren haben in elektrischen Energieversorgungsnetzen vielfältige Aufga-


ben. Entsprechend vielfältig sind ihre Bauformen. Der aktive Teil eines Drehstrom-
Transformators besteht im Prinzip aus einem magnetischen Eisenkreis mit drei Schen-
keln, die durch die sogenannten Joche miteinander verbunden sind. Die Schenkel tragen
zwei oder mehr Drehstromwicklungen, die je nach Aufgabe in Stern oder Dreieck ge-
schaltet sein können. Der Sternpunkt einer in Stern geschalteten Transformatorwicklung
kann mittelbar oder unmittelbar geerdet werden. Diese sogenannte Sternpunktbe-
handlung hat einen wichtigen Einfluß auf die Eigenschaften des Netzes vor allem bei
unsymmetrischen Fehlern und im unsymmetrischen Betrieb. Darauf kann hier nicht
eingegangen werden.

Die maximale Baugröße von Transformatoren, charakterisiert durch ihre Nennleistung,


wird heute davon bestimmt, ob man den Transformator von der Fertigung im Werk zu
seinem Einsatzort im Netz transportieren kann. Falls an einem Netzknoten eine höhere
Transformatorleistung benötigt wird, bleibt die Möglichkeit, mehrere kleinere Trans-
formatoren bei Gewährleistung einer für die Versorgungszuverlässigkeit angemessenen
Redundanz parallel zu betreiben. Es kann aber auch eine sogenannte Transformator-
bank installiert werden. Diese besteht aus drei Einphasentransformatoren, die in der
gewünschten Weise zu einer Drehstromeinheit verschaltet werden. Für die Reservehal-
tung genügt in diesem Fall ggf. ein vierter Einphasentransformator.

Bild 6.20 zeigt den prinzipiellen Aufbau des aktiven Teils eines Drehstrom-Zweiwick-
lungstransformators. Sein Eisenkreis besitzt neben den drei wicklungstragenden Schen-
keln noch zwei Rückschlußschenkel, die Einfluß auf den Magnetisierungsstrom und die
Betriebseigenschaften des Transformators bei Unsymmetrie haben und die Joche mag-
netisch entlasten. Der Eisenquerschnitt der Joche kann kleiner gewählt werden als beim
Dreischenkelkern. Dadurch verringert sich die Bauhöhe des Transformators, die trans-
6 Elektrische Energieversorgungsnetze 125

portierbare Baugröße steigt. Wenn der aktive Teil des Transformators in einem Stahl-
Kessel in Isolieröl untergebracht ist, dann spricht man von einem Öltransformator.
Transformatoren, deren Wicklungen zum Beispiel mit Gießharz vergossen sind, kom-
men aber auch ohne Ölkessel zum Einsatz. Man nennt sie Trockentransformatoren.

Spulen einer Drehstromwicklung

R S T

2
Bild 6.20:
Aktiver Teil eines Drehstrom- Eisenkreis (Kern)
Zweiwicklungs-Transformators
Spulen einer Drehstromwicklung

Zu den Leitungen zählen wir Freileitungen, Kabel und dazu vergleichsweise kurze
Leiteranordnungen (Leiterschienensysteme, Hochstromschienen) aus biegesteifen
Leitern. Freileitungen gibt es in praktisch allen Spannungsebenen von der Niederspan-
nung bis zur Höchstspannung. In den unteren Spannungsebenen werden sie jedoch
zunehmend durch Kabel verdrängt. Für Fernübertragungen elektrischer Energie mit
Drehstrom sind Freileitungen unverzichtbar.

Die Leiter einer Freileitung sind aus Sicherheitsgründen immer mehrdrähtige Seile aus
Aluminium (Reinaluminium 99,5%), Aldrey (0,3% bis 0,5% Mg, 0,4% bis 0,7% Si, 0,3%
Fe, Rest Al), Kupfer und Stahl (Erdseile). Bei Hoch- und Höchstspannungsleitungen
überwiegen Aluminium-Stahl-Seile. Ein äußerer Mantel von Aluminiumdrähten verleiht
diesen Seilen eine gute elektrische Leitfähigkeit, der mehrdrähtige Stahlkern des Seiles
gibt ihm die erforderliche mechanische Festigkeit. Hochspannungsleitungen mit Nenn-
spannungen von 220 kV und darüber werden im allgemeinen mit Bündelleitern ausgestat-
tet. Die Aufteilung der Leiter in mehrere Teilleiter hat den Vorteil, daß genormte und
verhältnismäßig leichte Einzelseile verwendbar sind. Bündelleiter dienen zur Herabset-
zung der elektrischen Randfeldstärke und damit der Koronaverluste. Gleichzeitig werden
damit die Leitungskapazitäten und -induktivitäten beeinflußt und damit das Übertragungs-
verhalten verändert. Die Teilleiter eines Bündels werden durch Feldabstandhalter, auch
bei Wind und Zusatzlasten durch Eis und Rauhreif, auf Abstand gehalten.

Bauform und Material der Freileitungsmaste sind sehr vielfältig. In Deutschland werden
für Spannungen unterhalb von 110 kV Holz-, Beton- und Stahlgittermaste eingesetzt. In
den höheren Spannungsebenen dominieren Stahlgittermaste vielfältiger Bauformen. Im
126 Elektrische Energieversorgung

Hoch- und Höchstspannungsnetz werden Freileitungen wegen Trassenmangel in der


Regel als Doppelleitungen (mit zwei Drehstromsystemen) ausgeführt. In Ballungsge-
bieten gibt es auch Leitungen mit mehr als zwei Drehstromsystemen und unterschiedli-
chen Spannungen der Systeme. Charakteristikum einer Freileitung ist ihr Mastkopfbild,
die Anordnung der Leiterseile in der Ebene senkrecht zu ihrer Längsrichtung. Bild 6.21
zeigt zwei sogenannte Donau-Maste für 110 kV und 380 kV im Größenvergleich.

8,00
2,40
4,00

11,00 11,00

9,00
1,20

4,95 4,95
4,00

5,00
1,75

6,40 7,80 7,80 6,40


3,50 3,50
3,20 3,20

22,15

38,55
20,85

27,80

110 - kV - Leitung 380 - kV - Leitung

Bild 6.21: Doppelleitungsmaste für 110 kV und 380 kV (Längen in m)


Die beiden Drehstromsysteme beider Leitungen sind im Dreieck angeordnet. An der
Mastspitze ist ein sogenanntes Erdseil befestigt. Das Erdseil liegt, wie der Name sagt,
auf Erdpotential. Es dient dem Blitzschutz der Freileitung und beeinflußt ihr Betriebs-
verhalten bei Fehlern mit Erdberührung.
Eine 110-kV-Leitung mit dem dargestellten Mast besitzt nach Gleichung (4.6.2) etwa
eine natürliche Leistung von 65 MW. Da die Leitungslängen in den 110-kV-Netzen
aber nicht so lang sind, daß man elektrisch optimal übertragen müßte, werden sie mit
Übertragungsleistungen von bis zu 100 MVA betrieben. Die Leiterseile würden im Hin-
blick auf ihre thermische Belastbarkeit Übertragungsleistungen bis zu etwa 250 MVA
zulassen. Mit einer solchen Leitung könnte eine Stadt mit bis zu 100 000 Einwohnern
(ohne Redundanz) versorgt werden. Die natürliche Leistung einer 400-kV-Leitung mit
dem dargestellten Mast beträgt etwa 1400 MW. Sie wird in der Praxis möglichst auch
mit natürlicher Leistung betrieben. Die Leiterseile würden im Hinblick auf ihre thermi-
sche Belastbarkeit Übertragungsleistungen bis zur zweieinhalbfachen natürlichen Lei-
stung zulassen. Mit einer solchen Leitung kann die Leistung eines Kernkraftwerks-
blocks (ohne Redundanz) abgeführt werden.
6 Elektrische Energieversorgungsnetze 127

Auch die Bauformen von Kabeln und die bei ihnen eingesetzten Werkstoffe sind ent-
sprechend der Verwendungsbreite sehr vielfältig. Kabel können heute für alle Spannun-
gen bis 1000 kV gebaut werden. Da sie sich für die Fernübertragung jedoch nicht eig-
nen, liegt ihr Haupteinsatzgebiet bei Spannungen bis 110 kV. Für die Anbindung von
Off-shore-Windparks an des Drehstromnetz sind neuerdings 150-kV-Drehstrom-Seeka-
bel in der Planung. Diese sollen bis zu 100 km lang sein. Da es vergleichbare Objekte
an Land nicht gibt, betritt man hier infolge der steigenden Windenergienutzung auch auf
dem Gebiet der Kabel- und der Netztechnik Neuland.

Als Leiterquerschnitt wird bei Kabeln grundsätzlich nicht der geometrische, sondern der
elektrisch wirksame, d.h. der durch Messung des elektrischen Widerstandes ermittelte,
angegeben. Bei Starkstromkabeln werden Kupfer- und Aluminiumleiter eingesetzt. Für
ortsveränderliche Abnehmer werden feindrähtige flexible Kupferleiter verwendet. Ab
einem Querschnitt von 25 mm2 sind Kabelleiter im allgemeinen mehrdrähtig, um eine
ausreichende Biegefähigkeit zu gewährleisten. Bei Kabeln mit Kunststoffisolierung sind
jedoch bis zu Querschnitten von 185 mm2 auch eindrähtige Leiter in der Anwendung.
Ein- und mehrdrähtige Aluminiumleiter werden als Rundleiter ausgeführt, sind aber bei
höheren Querschnitten auch als kreissektorförmige Leiter zulässig. Die mehrdrähtigen
Leiter werden gegebenenfalls durch Walzen verdichtet, um einen hohen Füllfaktor des
Leiterquerschnitts zu erreichen.

Trotz der Vielfalt der Kabelbauformen sind im Hinblick auf das elektrische Feld nur
zwei Grundtypen zu unterscheiden: Kabel mit nichtradialem und solche mit radialem
elektrischem Feld.

Kabel mit Kabel mit


nichtradialem el. Feld radialem el. Feld
Metallmantel,
konzentrischer Leiter oder
leitf. Schicht mit Cu-Schirm
Isolierung
Leiter

Einleiterkabel

Metallmantel,
konzentrischer Leiter äußere Schutzhülle
Gürtelkabel Bewehrung Dreimantelkabel

Bild 6.22: Grundtypen von Starkstrom-Kabeln

Bei Kabeln mit nichtradialem elektrischem Feld sind die drei isolierten Leiter inner-
halb eines gemeinsamen Metallmantels untergebracht. Niederspannungskabel können
auch vier und mehr Leiter besitzen. Der Mantel (in der Regel aus Blei, selten auch aus
Aluminium) umschließt die drei Leiter wie ein Gürtel. Deshalb heißen sie Gürtelkabel.
128 Elektrische Energieversorgung

Der Spiegel eines Gürtelkabels ist im Bild 6.22, links, dargestellt. Die nicht von den
Leitern einschließlich ihrer Isolierung beanspruchten Flächen des Kabelquerschnitts
sind mit geschichteten Isoliermaterialien ausgefüllt. Bei Spannungen oberhalb von
10 kV ist die elektrische Beanspruchung dieser Kabel besonders in den Zwickeln zwi-
schen den Leitern sehr hoch. Gürtelkabel werden deshalb nur für Spannungen bis 30 kV
hergestellt, heute aber nur bis 10 kV verwendet.

Wegen der ungünstigen dielektrischen Eigenschaften der Gürtelkabel begann der Über-
gang zu Kabeln mit radialem Feld bereits um 1913. Man umwickelte die isolierten
Leiter in den USA zu dieser Zeit mit Metallfolien. Eine entscheidende Verbesserung
gelang Höchstädter durch Verwendung von metallisiertem und perforiertem Papier als
oberste Lage der Leiterisolierung, weil Schirmung und Aderisolierung nun die gleiche
Wärmedehnung besaßen. Bei modernen Kabeln besteht die Schirmung in der Regel aus
einer Kombination von leitfähigen Schichten mit metallischen Bauelementen. Die Art
der Schirmung wird durch die Höhe der elektrischen Beanspruchung und die Empfind-
lichkeit des Isolierstoffes gegen Teilentladungen bestimmt. Die Leitfähigkeit der leitfä-
higen Schichten reicht aus, um die sehr kleinen partiellen Ableitströme über kleinere
Strecken (z.B. über den Umfang von Kabeladern) abzuleiten. Die Weiterleitung in
Längsrichtung des Kabels hin zu den Erdungspunkten müssen jedoch Bauelemente mit
einem geringen spezifischen Widerstand und einer entsprechenden Strombelastbarkeit
übernehmen. Dazu dienen metallische Schirme, die mit den äußeren Leitschichten in
galvanischem Kontakt stehen. Je nach Kabelart verwendet man Kupferdrahtlagen mit
Querleitwendeln über jeder einzelnen geschirmten Ader, Metallmäntel (meist aus Blei)
über jeder einzelnen Ader oder über den verseilten einzeln geschirmten Adern bzw.
Stahldrahtbewehrungen über den verseilten und einzeln geschirmten Adern.

Später ging man zur Einzeladerabschirmung durch Metallmäntel um jeden einzelnen


Leiter über. Derartige Kabel werden als Dreimantelkabel bezeichnet. Sie wurden für
Spannungen bis 60 kV gefertigt, werden heute allerdings nur noch bis Spannungen von
30 kV eingesetzt. Bild 6.22, rechts, zeigt den Spiegel eines Dreimantelkabels.

Heute hat das Einleiterkabel mit radialem Feld in allen Spannungsebenen eine weite
Verbreitung gefunden. Bei hohen Spannungen wird ausschließlich dieser Kabeltyp ein-
gesetzt. Es ist nach Bild 6.22, mitte, koaxial aufgebaut. Der isolierte Leiter ist mit einem
Metallmantel oder -schirm umgeben. Der Metallmantel wird durch äußere Schutzhüllen
geschützt. Drehstromsysteme werden durch Verwendung dreier Einleiterkabel gebildet.
Diese werden entweder in einer Ebene nebeneinander mit einem lichten Abstand zur
Verbesserung der Wärmeabfuhr oder aber im Dreieck angeordnet.

Bild 6.23 zeigt den Spiegel eines Drehstrom-Seekabels zum Anschluß eines Off-shore
Windparks an das Drehstromnetz auf dem Festland. Seine Grundelemente sind drei
Einleiterkabel mit Kupferschirm bzw. Bleimantel. Ihre Außenmäntel bestehen aus
halbleitendem Kunststoff, der den örtlichen Ausgleich ihrer kapazitiven Ladeströme
zuläßt. Die Einleiterkabel sind im Kabelspiegel um einige Füllkörper aus Kunststoff
ergänzt. Die Abmessungen der Komponenten sind so gewählt, daß die äußere Umhül-
6 Elektrische Energieversorgungsnetze 129

lende des Querschnitts ein Kreis ist. Im Zentrum eines oder mehrerer Füllkörper sind
bewehrte Lichtwellenleiter eingebracht, so daß mit dem Kabel auch Informationen
übertragbar sind. Die Einleiterkabel und Füllkörper sind in eine gemeinsame Polster-
schicht eingeschlossen, oberhalb derer eine Bewehrung aus Stahldrähten angeordnet ist.
Die Stahldrahtbewehrung dient dem Kabel als Schutz und verleiht ihm Zugfestigkeit
und eine Festigkeit gegen andere mechanische Beanspruchungen. Das Innere des Ka-
bels und die Bewehrung sind in gegensätzlicher Richtung verseilt, um den Biegeradius
zu verkleinern.

Stahldraht-
bewehrung
Füllkörper

Lichtwellenleiter
mit Bewehrung
äußere Schutzhülle

Polsterschicht

Leiter
Isolierung
Mantel oder
Schirm
Außenmantel

Bild 6.23: Spiegel eines Drehstrom-Seekabels

SF6-Rohrleiter (Gasinsulated Lines, GIL) haben im Prinzip den gleichen Aufbau wie
Einleiter-Kabel. Anstelle des festen Isolierstoffes wird aber ein unter Druck stehendes
Gemisch aus Stickstoff und Schwefelhexafluorid SF6 eingesetzt. Rohrleiter sind teurer
als Freileitungen und Kabel. Deswegen sind sie bisher bis auf wenige Pilotanlagen noch
nicht eingesetzt worden. Während Hochspannungs-Freileitungen bei Betrieb mit natür-
licher Leistung thermisch nicht ausgelastet sind, Hochspannungs-Kabel aber nicht mit
natürlicher Leistung betrieben werden können, weil sie dann thermisch überlastet wä-
ren, kann man die Rohrleiter so bemessen, daß ihre natürliche und ihre thermisch zuläs-
sige Leistung annähernd übereinstimmen. Elektrisch optimales Übertragungsverhalten
fällt dann mit optimaler Materialausnutzung zusammen.

Zur Überbrückung kurzer Entfernungen werden für hohe Ströme vorzugsweise Leiter-
anordnungen aus biegesteifen Leitern mit unterschiedlichen Querschnittsprofilen einge-
setzt. Solche Schienensysteme können gekapselt oder ungekapselt sein. Sie werden
teilweise auch in Gießharz eingegossen.
130 Elektrische Energieversorgung

Drosselspulen haben nach Bild 6.18 in elektrischen Energieversorgungsnetzen vielfäl-


tige Aufgaben. Als Reihendrosseln (Längsdrosseln) werden sie zur Begrenzung der
Höhe der Kurzschlußströme eingesetzt. Kurzschlußstrombegrenzungsdrosseln besit-
zen keinen Eisenkreis. Sie sind als Luftspulen aufgebaut. Die drei Stränge einer Dreh-
strom-Drossel sind meist übereinander mit den drei Spulen in einer Achse angeordnet.

Die Ladestromdrosseln dienen der Kompensation des kapazitiven Ladestromes von


Leitungen. Sie besitzen einen Eisenkreis in Form eines Dreischenkelkerns. Der Eisen-
kreis enthält im Gegensatz zum Transformator zur Linearisierung Luftspalte. Aus dem
gleichen Grund kann er eine in Dreieck geschaltete Ausgleichswicklung besitzen. Lade-
stromdrosseln werden meist in einem Ölkessel untergebracht.
Drosselspulen für Filter werden sowohl mit als auch ohne Eisenkreis ausgeführt. Sie
werden mit Parallelkondensatoren kombiniert und auf eine Resonanzfrequenz, die in der
Nähe einer charakteristischen Harmonischen im Drehstromsystem liegt, abgestimmt. In
Drehstromnetzen werden einphasige Drosselspulen unterschiedlicher Ausführungen zur
Erdung von Transformatorsternpunkten eingesetzt.

In Stromrichteranlagen der Starkstromtechnik dienen Drosseln zur Glättung des Gleich-


stromes und gegebenenfalls zur gleichmäßigen Aufteilung des Stromes auf parallelge-
schaltete Stromrichterventile. Eine gleichmäßige Stromaufteilung auf mehrere parallel-
geschaltete Stromrichter wird bei verschiedenen Stromrichterschaltungen durch soge-
nannte Saugdrosseln erreicht.

Die Elektroden von Leistungskondensatoren bestehen überwiegend aus Aluminiumfolie,


die zusammen mit einem verlustarmen Dielektrikum zu induktivitätsarmen Wickelele-
menten verarbeitet werden. Mehrere solcher Wickel werden in hermetisch verschlossenen
Metallgehäusen untergebracht. Die optimalen Spannungen solcher einphasigen Kon-
densatoren liegen bei 1 bis 10 kV. Höhere Spannungen werden durch Reihenschaltung
einzelner Kondensatoren bei isolierter Aufstellung der Gehäuse (Kaskadierung) erreicht.
Höhere Kapazitäten erfordern die Parallelschaltung einer entsprechenden Zahl von Kon-
densatoren. Einzelne Leistungskondensatoren findet man daher selten. Häufig kommen
Kondensatorgruppen oder -batterien, in denen viele (bis zu mehreren tausend) Einzel-
kondensatoren in Reihen-Parallel-Schaltung zusammengeschaltet sind, zum Einsatz.

Nach Bild 6.18 werden Kondensatoren in elektrischen Energieversorgungsnetzen als


Reihen- und Parallelkondensatoren zur Blindleistungskompensation eingesetzt. Filter-
kondensatoren sind speziell bemessene Parallelkondensatoren, die meist Strom- und
Spannungsverzerrungen sowie Verschiebungsblindleistung gemeinsam kompensieren.
Durch höhere Stromharmonische werden sie stärker beansprucht als Parallelkondensato-
ren, die mit kosinusförmiger Spannung betrieben werden.

Im Bild 6.18 sind zur Erhöhung der Übersichtlichkeit keine Schaltgeräte eingetragen.
Sie sind jedoch, wie oben im Zusammenhang mit dem Netzaufbau festgestellt wurde
(siehe Abschnitt 6.6), für den Betrieb eines elektrischen Energieversorgungsnetzes von
6 Elektrische Energieversorgungsnetze 131

großer Bedeutung. Grob können wir drei bedeutende Kategorien von Schaltgeräten
unterscheiden: Leistungsschalter, Lastschalter, Trenner.

Da die Parameter eines einzuschaltenden Stromkreises nicht vorhersehbar sind, müssen


alle Schaltgeräte jeden Strom bis zur Höhe des Kurzschlußstromes ohne Beeinträchtigung
der Sicherheit einschalten können. An Leistungsschalter werden die höchsten Anforde-
rungen gestellt. Sie müssen in allen Spannungsebenen sämtliche Belastungsströme zwi-
schen Leerlauf und Kurzschluß auch ausschalten können.

Lastschalter brauchen hingegen nur die Ströme normaler Lasten auszuschalten. Sie
sind nicht in der Lage, Kurzschlußströme zu unterbrechen. In Nieder- und Mittelspan-
nungsnetzen werden sie daher häufig mit Sicherungen für den Kurzschlußschutz kombi-
niert. Der Vorteil der Lastschalter besteht in ihrer Einfachheit im Vergleich zu Leis-
tungsschaltern und den damit verbundenen niedrigeren Kosten.

Trenner sind sehr einfach aufgebaute Schaltgeräte, die nur stromlos ausgeschaltet wer-
den dürfen. Dessen ungeachtet besitzen sie wichtige Aufgaben. Sie dienen zum Frei-
schalten von Betriebsmitteln und Anlageteilen, die zum Beispiel gewartet werden müs-
sen. Sie gewährleisten dabei durch ihre hohe Spannungsfestigkeit die Sicherheit des
Wartungspersonals. Mit Trennern wird zweitens der Stromweg innerhalb einer Schalt-
anlage festgelegt, wie im Abschnitt 6.6 beschrieben.

Im Abschnitt 6.6 haben wir die Bedeutung der Meßwandler für die Netzschutztechnik
kennengelernt. Strom- und Spannungswandler stellen Meßsignale für Schutzzwecke,
für Betriebsmessungen und für Energiezählungen zur Verfügung. Sie arbeiten bis heute
überwiegend nach dem transformatorischen Prinzip. Lediglich für Spannungsmessun-
gen werden daneben kapazitive Meßprinzipien eingesetzt. Induktive Meßwandler sind
sehr teure Betriebsmittel.

Überspannungsableiter haben die Aufgabe, Überspannungen in elektrischen Netzen


auf einen vorgegebenen Schutzpegel zu begrenzen. Sie werden sowohl zwischen den
Leitern des Drehstromsystems und der Erde als auch zwischen jeweils zwei Leitern des
Drehstromsystems betrieben. Isolierte Sternpunkte von Transformatoren werden eben-
falls über Überspannungsableiter mit der Erde verbunden. Ein nichtlinearer Widerstand,
an dem eine vom fließenden Strom nahezu unabhängige Spannung abfällt, ist das
Hauptelement von Überspannungsableitern.

Bei Siliciumkarbid-Ableitern ist dieser nichtlineare Widerstand mit einer Funken-


strecke, die bei Überschreiten einer vorgegebenen Spannung zündet, in Reihe geschal-
tet, weil ohne sie im Normalbetrieb ein zu hoher Ableitstrom fließen würde. Metall-
oxidableiter (Zinkoxidableiter) benötigen diese Funkenstrecke nicht, da ihr Strom im
Normalbetrieb vernachlässigbar gering ist. Das hat den Vorteil, daß solche Ableiter zu
Ableiterbänken parallelgeschaltet und so dem Energieinhalt der abzuleitenden Über-
spannungen am Einsatzort angepaßt werden können.
132 Elektrische Energieversorgung

Die Netzschutztechnik, früher Relaisschutztechnik, wertet die Ströme und Spannungen


im Netz nach verschiedenen Fehlerkriterien aus und leitet gegebenenfalls Meldungen
oder Ausschalthandlungen unter Wahrung der Selektivität ein. Moderne Schutzrelais
arbeiten digital. Wegen der hohen Lebensdauern sind aber auch heute noch elektrome-
chanische und analoge elektronische Schutzrelais im Einsatz.

Die Stations- und Netzleittechnik hat die Aufgabe, den Betrieb von Schaltstationen,
Umspannwerken und vollständigen Netzen zu steuern und zu überwachen. Aus Sicher-
heitsgründen ist sie von der Schutztechnik getrennt. Moderne Leittechnik arbeitet eben-
falls digital. Daneben sind jedoch noch immer ältere Ausführungsformen mit einem
niedrigeren Automatisierungsgrad in Betrieb.
7 Stabilität der elektrischen Energieübertragung
Die Problematik der Stabilität elektrischer Energieübertragung ist so kompliziert und
komplex, daß sie an dieser Stelle lediglich in ihren Grundzügen angedeutet, keinesfalls
aber erschöpfend behandelt werden kann. Das Verhalten des Systems bei sich ständig
ändernder Belastung gehört aber zu seinen spezifischen Grundeigenschaften, ohne deren
Kenntnis man elektrische Energieversorgung nur unzureichend verstehen kann.

7.1 Leistungsaustausch eines Generators mit einem starren Netz


Ein Drehstromnetz, das nur von einem einzigen Synchrongenerator gespeist wird, kann
verhältnismäßig leicht in stabilem Betrieb gehalten werden, da der Generator die einzige
Spannungsquelle des gesamten Netzes darstellt. An den Generatorklemmen wirkt das
Netz in einem gegebenen Betriebszustand praktisch als konstante Impedanz.

Schaltzustandsänderungen im Netz, z.B. das Ein- und Ausschalten von Lasten oder
Kurzschlüsse, führen zu einer Veränderung der Belastungsimpedanz des Generators.
Dadurch verändern sich die Spannungen an den Netzknoten, im besonderen auch die
Klemmenspannung des Generators, und die Generatordrehzahl sowie mit ihr die Netz-
frequenz. Von letzterem haben wir eine anschauliche Vorstellung: Radfahrer oder ein
Kraftfahrzeuge, die mit konstanter Tretkraft bzw. konstantem Drehmoment fahren, wer-
den an einem Anstieg langsamer und an einem Gefälle schneller. In gleicher Weise än-
dert der Generator seine Drehzahl mit wechselnder Last, solange die Änderungen klein
genug bleiben, damit der Drehzahlregler nicht eingreift. Die Betriebsfrequenz spiegelt
in diesem sogenannten Inselbetrieb den Lastzustand des Netzes wider.

Bei einem Klemmenkurzschluß wird die Generatorspannung null und bei einem plötzli-
chen Lastabwurf der Generatorstrom. In beiden Fällen wird der Generator elektrisch
entlastet, weil seine Wirkleistung null sein muß, wenn entweder die Spannung oder der
Strom null sind. Treibt die Antriebsmaschine den Generator weiterhin mit konstanter
mechanischer Leistung an, so wird er beschleunigen und seine Betriebsfrequenz anstei-
gen. Dieser Zustand darf nur eine begrenzte Zeit andauern, um Zerstörungen der Ma-
schine durch zu hohe Drehzahl (z.B. unter der Wirkung von Fliehkräften) zu vermeiden.

Eine völlig andere Situation liegt vor, wenn mehrere Generatoren in ein Netz einspei-
sen. Als Beispiel dafür wird angenommen, daß ein einziger Drehstromgenerator in ein
symmetrisches Drehstromnetz einspeist, in das eine Vielzahl weiterer Generatoren ein-
speist. Das Netz soll so leistungsstark sein, daß man es als starr bezeichnen kann. Die
Leerlaufspannung und die Betriebsfrequenz eines starren Netzes sind unabhängig von
der Lastsituation konstant. Im Bild 7.1, links, ist die Übersichtsschaltung dazu darge-
stellt. Wir betrachten hier zunächst ausschließlich die elektrische Seite. Für sie kann die
einfache Ersatzschaltung nach Bild 7.1, rechts, angegeben werden. Zwei ideale Span-
134 Elektrische Energieversorgung

nungsquellen sind über eine Impedanz miteinander verbunden. Die Impedanz des Ver-
bindungszweiges wurde vereinfachend als rein induktive Reaktanz gewählt. Diese Ver-
einfachung trifft für die inneren Impedanzen von rotierenden elektrischen Maschinen,
Transformatoren und kurzen Leitungen mit Ausnahme der von Niederspannungs-Be-
triebsmitteln recht gut zu.

U
I

jX
G P
G starres U pG U pN
 3~ Netz

Bild 7.1: Leistungsaustausch eines Generators mit einem starren Netz

Der Strom im Verbindungszweig setzt sich aus zwei von den beiden Leerlaufspannun-
gen herrührenden Teilströmen zusammen, deren Effektivwerte unabhängig voneinander
ermittelt werden können.

U pN U pN U pG U pG
IN = = −j und IG = = −j (7.1.1)
jX X  G
j G X X
 

Beide Ströme sind Blindströme mit unterschiedlicher Frequenz. Der Gesamtstrom ist im
allgemeinen Fall zweifrequent. Er lautet für den Leiter 1 des Dreiphasensystems

( ) (
i1 ( t ) = IˆN cos  t +  I N + IˆG cos G t +  IG ) (7.1.2)

Die Momentanwerte der Leistungen der Spannungsquellen bestehen daher jeweils aus
zwei Anteilen. Für die Leistung der Spannungsquelle des Netzes erhält man im Leiter 1

pN1 = p NN1 + pNG1 = u pN1 (  t ) iN1(  t ) + u pN1(  t ) iG1( Gt ) (7.1.3)

Da sich die mit doppelter Frequenz pulsierenden Leistungen im symmetrischen Dreh-


stromsystem aufheben (siehe Abschnitte 3.3 und 3.5), ist der erste Leistungsanteil in
Gleichung (7.1.3) konstant. Er ist im besonderen Fall hier aber gleich null, da die Leer-
laufspannung des Netzes dem zugehörigen Teilstrom um 90 Grad voreilt.

3 Uˆ pN IˆN 
p NN = cos =0 (7.1.4)
2 2

Im zweiten Leistungsanteil der Netzspannungsquelle pulsieren die Strangleistungen mit


zwei Frequenzen: der Differenz und der Summe von Netz- und Generatorfrequenz. Die
7 Stabilität der elektrischen Energieübertragung 135

schnell pulsierenden Leistungsanteile heben sich im symmetrischen Drehstromsystem


auch hier auf. Übrig bleibt eine Drehstromleistung, die mit der Differenz von Netz- und
Generatorfrequenz pulsiert

3 Uˆ pN IˆG
p NG = −
2
(
cos  t + U pN −  I G ) mit  =  − G (7.1.5)

Die Wirkleistung davon ist null.


2
1
PNG =
2  p NG (  t ) d  t = 0 für  t ≠ 0 (7.1.6)
0

Damit ist die gesamte Wirkleistung der Netzspannungsquelle null, wenn Netz und
Generator mit unterschiedlichen Frequenzen arbeiten.

Für die Leistungsanteile der Generatorspannungsquelle gilt in entsprechender Weise das


Gleiche

pG1 = pGG1 + pGN1 = u pG1 ( Gt ) iG1( Gt ) + u pG1 ( Gt ) iN1(  t ) (7.1.7)

3 Uˆ pG IˆG 
pGG = − cos =0 (7.1.8)
2 2

3 Uˆ pN IˆN
pGN =
2
(
cos  t + U pG −  I N ) (7.1.9)

2
1
PGN =
2  pGN (  t ) d  t = 0 für  t ≠ 0 (7.1.10)
0

Ein Leistungsaustausch zwischen Generator und Netz ist nach diesen Überlegungen nur
möglich, wenn beide mit gleicher Frequenz arbeiten. Allgemein gilt: Sämtliche Span-
nungsquellen des Netzes müssen mit gleicher Frequenz arbeiten, wenn zwischen
ihnen im Verbundbetrieb ein Leistungsaustausch möglich sein soll.

Für den Fall gleicher Frequenz erhalten wir aus den Gleichungen (7.1.5) und (7.1.9)

3 Uˆ pN IˆG 3 Uˆ pN IˆN
PNG = −
2
(
cos U pN −  IG ) und PGN =
2
(
cos U pG −  I N ) (7.1.11)

Die Summe beider muß gleich null sein, da der Verbindungszweig als verlustlos ange-
nommen wird.
136 Elektrische Energieversorgung

PNG + PGN = 0 (7.1.12)

Wir drücken die Stromwinkel in Gleichung (7.1.11) durch die zugehörigen Spannungs-
winkel aus und führen den Differenzwinkel  zwischen beiden Spannungen ein.

 I N = U pN −  2 und  I G = U pG −  2 sowie  = U pG − U pN (7.1.13)

Für die Wirkleistungen aus Gleichung (7.1.11) erhält man mit Gleichung (7.1.1) auf
diese Weise

3 Uˆ pN IˆG   ˆ ˆ
 3 U pG U pN
PNG = cos  U pN − U pG +  = sin  (7.1.14)
2  2  2X

3 Uˆ pG IˆN   3 Uˆ pG Uˆ pN
PGN = cos  U pG − U pN +  = − sin  (7.1.15)
2  2 2X

Gleiche Frequenz der Spannungsquellen allein reicht nach den Gleichungen (7.1.14)
und (7.1.15) für den Leistungsaustausch zwischen Generator und Netz nicht aus. Bei
einer gegebenen Leistung stehen beide Leerlaufspannungen außerdem in einem festen
Winkel, dem Lastwinkel , zueinander. In einem Netz mit vielen Generatoren beste-
hen im stationären Betrieb feste Winkelbeziehungen zwischen den Leerlaufspan-
nungen.
Im vorliegenden Fall ist das Vorzeichen des Stromes in der Ersatzschaltung im Bild 7.1
so gewählt, daß der Generator bei positivem Lastwinkel in das Netz einspeist. Seine
Leerlaufspannung eilt der des Netzes voraus. Anschaulich gesprochen, zieht der Gene-
rator das Netz hinter sich her. Im Motorbetrieb wäre es umgekehrt.

Die austauschbare Leistung wird bei einem Lastwinkel von  = ± 90 Grad am größten,
weil dann die Sinusfunktion den Wert 1 annimmt. Bei einer weiteren Vergrößerung des
Lastwinkels würde die Leistung wieder abnehmen. Bei  = ± 90 Grad ist die statische
Stabilitätsgrenze der Übertragung erreicht. Dieser Grenze könnte sich das System nur
sehr langsam, in sehr kleinen Schritten, annähern.
Ein infinitesimaler Leistungssprung P wird zu einer infinitesimalen Änderung des
Lastwinkels  führen. Aus Gleichung (7.1.15) erhält man dafür

3 Uˆ pG Uˆ pN
PGN +  P = − sin (  +  ) (7.1.16)
2X

Wir zerlegen die Sinusfunktion mit dem Additionstheorem

3 Uˆ pG Uˆ pN
PGN +  P = − ( sin  cos  + cos  sin  ) (7.1.17)
2X
7 Stabilität der elektrischen Energieübertragung 137

und erhalten nach Einführung der Näherung die Beziehung zwischen Leistungsstoß und
Lastwinkelsprung

cos  ≈ 1  3 Uˆ pG Uˆ pN dP
   P ≈ − cos   = −  = Psyn  (7.1.18)
sin  ≈   2X d

Die Größe Psyn wird synchronisierende Leistung genannt.

Wenn das System durch einen kleinen Leistungsstoß aus dem Gleichgewicht gebracht
wird, kehrt es nach der Störung in den Ausgangszustand zurück, solange die statische
Stabilitätsgrenze dabei nicht überschritten wurde. Wird diese aber infolge der Störung
überschritten, ändert die synchronisierende Leistung ihr Vorzeichen und der Lastwinkel
wächst weiter an. Der Generator fällt außer Tritt und der stabile synchrone Leistungs-
austausch ist zu Ende.
Die synchronisierende Leistung kann also als Rückstellkraft aufgefaßt werden, die das
System im synchronen Betrieb zusammenhält, solange die Stabilitätsgrenzen nicht über-
schritten werden. Sie ist nach Gleichung (7.1.18) umso größer, je kleiner der Lastwinkel
ist, und an der Stabilitätsgrenze ist sie null. Je dichter man sich an der Stabilitätsgrenze
befindet, desto geringer ist der Zusammenhalt des Systems. Im praktischen Betrieb muß
man daher immer einen Sicherheitsabstand zu ihr wahren, um das System bei ange-
messener Resilienz betreiben zu können.

7.2 Leistungsregelung in Verbundnetzen


Die Leistung eines Generators wird durch die Veränderung der Zufuhr des Arbeitsmedi-
ums seiner Antriebsmaschine (Dampf-, Gas-, Wasserturbine, Dieselmotor, Windturbine
usw.) geregelt. Frequenz und Leistung eines Generators sind über das Drehmoment der
Turbine miteinander verknüpft. Die Regelung beider Größen ist daher stets kombiniert
(Frequenz-Leistungs-Regelung). Wenn die Frequenz und/oder die Leistung von ihren
Sollwerten abweichen, muß z. B. die Dampfzufuhr der Dampfturbine entsprechend
verändert werden.

Unabhängig von der Art der Antriebsmaschine des Generators muß die Frequenz-Lei-
stungs-Kennlinie nach Bild 7.2 fallend sein, damit eine feste Zuordnung von Frequenz
und Leistung gegeben ist. Ein Maß für die Kennlinienneigung ist der Proportionali-
tätsgrad p (die Statik). Er ist nach Bild 7.2 definiert.
f
p= (7.2.1)
f0
138 Elektrische Energieversorgung

f
A
f0
f
Bild 7.2:
Frequenz-Leistungs-Kennlinie eines PA Pn
Generators
P

Die Frequenz f0 ist der Sollwert. In der Praxis sind Werte von p = 0,05 üblich. Im Insel-
betrieb bei einer Betriebsfrequenz von 50 Hz bedeutet das, daß sich die Frequenz beim
Übergang von Leerlauf auf Vollast um 0,05⋅50 Hz = 2,5 Hz verringern würde. Im Ver-
bundnetz kann die Frequenz dagegen als starr angesehen werden. Will man hier eine
bestimmte Lastübernahme PA der Maschine erreichen, so muß die Kennlinie durch
Veränderung des Leistungs-Sollwertes solange parallel verschoben werden, bis sich der
Schnittpunkt A mit der 50-Hz-Ordinate ergibt. Ändert sich dagegen die Netzfrequenz,
dann bestimmt die Neigung der Regler-Kennlinie die Veränderung der Belastung.

Das Prinzip der Frequenz-Leistungs-Regelung eines Generators ist im Bild 7.3 darge-
stellt. Die Frequenz und die Wirkleistung werden an den Klemmen des Generators
gemessen. Die Regelabweichung der Frequenz wird über die Statik der Frequenz-Lei-
stungs-Kennlinie umgeformt und geht so mit der gemessenen Leistung in die Regelab-
weichung ein. Diese wirkt schließlich über einen PID-Regler auf das Stellventil der
Antriebsmaschine. Die Turbinenregelung heißt Primärregelung.

G
3~

Psoll fsoll
Bild 7.3:
+ +
Prinzip der Frequenz-Leistungs-
PID + − f P
Regelung eines Generators

In einem Verbundnetz ist den Primärreglern der Generatoren ein Sekundär- oder
Netzregler überlagert. Er hat die Aufgabe, die Frequenz nach einer Abweichung (nach
einer Störung) mit Hilfe von Regelkraftwerken auf ihren Nennwert zurückzuführen.
Als Regelkraftwerke kommen solche zum Einsatz, die in kurzer Zeit in Betrieb genom-
men werden können. Das sind Speicher- und Pumpspeicher- sowie Gasturbinenkraft-
werke. In Ländern mit überwiegend thermischer Elektroenergieerzeugung müssen je-
doch dafür auch thermische Kraftwerke eingesetzt werden. Die Sekundärregelung darf
zeitlich erst nach der Primärregelung in den Prozeß eingreifen, um Schwingungen des
Regelkreises zu vermeiden.
7 Stabilität der elektrischen Energieübertragung 139

Die Sekundärregelung hat die zusätzliche Aufgabe, die Übergabeleistungen zu anderen


Netzverbänden und Verbundnetzen anderer Länder in einer bestimmten Bandbreite um
einen vorgegebenen Wert konstant zu halten. Dann spricht man von Übergabelei-
stungs-Frequenz-Regelung, die ebenfalls eine kombinierte Regelung darstellt. Sie er-
fordert wie die Primärregelung, daß Leistung und Frequenz nach einer Kennlinie gemäß
Bild 7.2 in einem definierten Verhältnis zueinander stehen. Wir betrachten dazu ein
Beispiel nach Bild 7.4.

Bild 7.4:
Drei elektrische P12 P23
Energieversorgungsnetze Netz 1 Netz 2 Netz 3
im Verbundbetrieb

Drei Netze mit unterschiedlicher Statik ihrer Frequenz-Leistungs-Kennlinien arbeiten


im Verbund mit den vereinbarten Übergabeleistungen P12 und P23. Infolge einer Bela-
stungszunahme ΔP im Netz 2 sinkt die Frequenz von f0 vor der Störung auf die Fre-
quenz f1. Wäre das Netz 2 ohne seine beiden Verbundpartner auf sich allein gestellt,
wäre die Frequenz auf den Wert f2 abgesunken. Im Verbundbetrieb übernimmt indessen
jedes der drei Netze eine zusätzliche Leistung ΔP1, ΔP2, und ΔP3 entsprechend der
Statik seiner Regler-Kennlinie. Je größer die Netzstatik, je schwächer das Netz ist, desto
geringer ist der übernommene Lastanteil. Die Primärregler in den drei Netzen werden
jetzt wirksam und erhöhen die Frequenz wiederum auf f0. Die zusätzlichen Leistungen
in den drei Netzen werden nun bei normaler Betriebsfrequenz geliefert. Die Übergabe-
leistungen P12 und P23 weichen aber um die Leistungsänderungen ΔP1 bzw. ΔP2 von
ihren Sollwerten ab. Daher wird der Netzregler des Netzes 2 wirksam. Er verschiebt die
Netz-Kennlinie so lange, bis die Übergabeleistungen ihre Sollwerte wieder erreichen.
Dann hat das Netz 2 die gesamte zusätzliche Leistung ΔP allein übernommen. Die
vereinbarten Übergabeleistungen werden wieder eingehalten. Auf diese Weise wird
erreicht, daß jedes Netz die in ihm ablaufenden Belastungsschwankungen selbst ausre-
gelt und seine Verbundpartner damit nicht belastet.

f
f0
f1
f2
P
 P1  P2  P1+3  P3

Netz 1 Netz 2 Netz 3

Bild 7.5: Übergabeleistungs-Frequenz-Regelung zwischen drei Netzen


140 Elektrische Energieversorgung

Für die Ausregelung der Lastzunahme muß das Netz 2 die nötige Erzeugerleistung
besitzen. Wäre das nicht der Fall, dann würden die beiden anderen Netze an der Lastzu-
nahme beteiligt bleiben und die vereinbarten Übergabeleistungen könnten nicht einge-
halten werden. Der Betreiber des Netzes 2 müßte dafür einen entsprechenden Ausgleich
an seine beiden Verbundpartner zahlen.

Tabelle 7.1: Maßnahmen zur Beherrschung von Großstörungen mit Frequenzeinbrüchen


f Hz Maßnahme
49,8 Warnung des Personals, Einsatz aller verfügbaren Reserven, Abwurf von Pumpen
49,0 Abwurf von 10  15 % der Last
48,7 Abwurf von weiteren 10  15 % der Last
48,4 Abwurf von weiteren 10  20 % der Last
Auftrennung des Verbundnetzes in einzelne Inselnetze,
47,5
Abtrennen aller Kraftwerke vom Netz

Bei großen Störungen in einem Verbundnetz ergeben sich dynamische Frequenzände-


rungen. Um einen Zusammenbruch des gesamten Netzes zu vermeiden, sind dann Maß-
nahmen notwendig, die nicht mehr mit der Sekundärregelung abgedeckt werden kön-
nen. Sie sind zwischen den Teilnehmern am Verbundbetrieb vereinbart und laufen in
fünf Stufen ab. Beim Unterschreiten der Frequenz von 49,8 Hz wird die gesamte ver-
fügbare Erzeugerleistung eingesetzt, um einen weiteren Frequenzabfall zu verhindern.
Die Betreiber von Verteilungsnetzen und Kraftwerken werden alarmiert. Nimmt die
Frequenz trotzdem weiter ab, dann werden in drei Frequenzstufen Abnehmer vom Netz
getrennt. Dieser frequenzabhängige Lastabwurf ist vorher mit den jeweiligen Abneh-
mern vereinbart worden. Wenn auch diese Maßnahme nicht hilft, wird der Verbundbe-
trieb aufgegeben und das Verbundnetz in Inselnetze aufgetrennt. Damit kann die Ver-
sorgung von Netzbereichen, die nicht Auslöser der Störung waren, ggf. z.T. aufrecht
erhalten bleiben. Die Kraftwerke in Netzbereichen, die weiterhin von der Störung be-
troffen sind, werden ebenfalls vom Netz getrennt. Sie sind dann in der Lage, ihre Ei-
genversorgung weiterhin zu gewährleisten und stehen so für den Netzaufbau nach der
Störung kurzfristig wieder zur Verfügung.

7.3 Momentengleichgewicht eines Generators am Netz


Zwischen der mechanischen Leistung Pm und dem Drehmoment Mm einer rotierenden
Maschine besteht die Beziehung

Pm =  l M m (7.3.1)
7 Stabilität der elektrischen Energieübertragung 141

mit der Drehgeschwindigkeit l des Läufers. Die Abweichung der Drehgeschwindigkeit


des Läufers von der Drehgeschwindigkeit  des durch die Netzfrequenz vorgegebenen
Ständerdrehfeldes wird allgemein durch den Schlupf s ausgedrückt.

 − l
s=  l = (1 − s )  (7.3.2)

Wenn der Generator synchron mit dem Netz läuft, ist der Schlupf gleich null.

Aus den Leistungen nach den Gleichungen (7.1.14) und (7.1.15) erhält man das Dreh-
moment

3 Uˆ pG Uˆ pN
Ms = − sin  (7.3.3)
2 X

Es wird synchrones Moment genannt, weil es im synchronen Betrieb wirkt.

Im stationären Betrieb ist die Summe aus dem synchronen Moment und dem Antriebs-
moment der Turbine, dem mechanischen Moment null.

Ms + Mm = 0 (7.3.4)

Dieses Gleichgewicht kann durch ein analoges mechanisches Modell nach Bild 7.6,
links, veranschaulicht werden. Es besteht aus einem senkrechten, feststehenden Hebel-
arm der Länge rN und einem drehbaren Hebelarm der Länge rG. Beide sind an ihren
Enden mit einer Feder elastisch verbunden.

An einer Scheibe mit dem Radius r greift eine Kraft F an und übt so das mechanische
Moment Mm aus. Dadurch wird die Feder gedehnt, wobei die Federlänge r der in ihrer
Richtung wirkenden Kraft FN proportional ist. Durch die Dehnung der Feder stellt sich
im Gleichgewicht zwischen den beiden Hebelarmen der Winkel  ein. Dann befinden
sich die Momente an der Scheibe und am Hebelarm rG sowie die an den Hebelarmen rG
und rN jeweils im Gleichgewicht.

M m + M s = F r + Fs rG =0
(7.3.5)
M s + M sN = Fs rG + FsN rN = 0

Zu beachten ist hier, daß die momentbildenden Kräfte senkrecht auf dem zugehörigen
Hebelarm stehen. Die Kraft Fs steht also senkrecht auf rG. Sie ist eine Komponente der
negativen Federkraft –FN, die in Längsrichtung der Feder wirkt. Die Kraft FsN steht
senkrecht auf rN. Sie ist eine Komponente der Federkraft FN. Für FsN erhält man aus
Bild 7.6

FsN = FN cos (  −  2 ) = FN sin  (7.3.6)


142 Elektrische Energieversorgung

r
Fs
U =
FN jX I
− FN

FsN 

rG rN UG UN

 


r

F −I

Bild 7.6: Mechanisches Modell des Synchrongenerators am Netz

Außerdem erkennt man am von den beiden Hebeln aufgespannten Dreieck die Bezie-
hung

 r sin  = k FN sin  = rG sin  (7.3.7)

Aus den Gleichungen (7.3.5) bis (7.3.7) folgt schließlich für das Moment Ms

rG rN
Ms = − sin  (7.3.8)
k

Es hat dieselbe Form wie das synchrone Moment in Gleichung (7.3.3), d.h., das
mechanische Modell bildet die elektrischen Verhältnisse des Generators am Netz im
stationären Gleichgewichtszustand auf analoge Weise ab. Das Zeigerdiagramm im Bild
7.6, rechts, ist dem von beiden Hebeln aufgespannten Dreieck ähnlich. Die Generator-
spannung UG entspricht dem Hebelarm rG, die Netzspannung UN dem Hebelarm rN. An
den Kräften zeigt sich eine weitere Analogie zum elektrischen Stromkreis. Die Feder
wird durch die Kraft FN beansprucht, der Verbindungszweig zwischen den Spannungs-
quellen von Generator und Netz durch den Strom I. Die Spannungsdifferenz U zwi-
7 Stabilität der elektrischen Energieübertragung 143

schen beiden Spannungsquellen ist dem Strom proportional, wie die Länge der Feder
der Federkraft. Nicht die Beträge von Federkraft bzw. Strom, sondern nur Komponenten
davon gehen aber in die Drehmomentenbildung ein.

Der Generator ist nach den hier entwickelten Vorstellungen im stationären Zustand
elastisch mit dem Netz verbunden. Bei Änderung eines der Momente stellt sich bei
konstanten Spannungen ein neues Gleichgewicht durch Änderung der Spannungsdiffe-
renz ein. Mechanisch entspricht dem die Änderung der Federdehnung.

In den rotierenden Massen von Generator, Turbine und Erregermaschine ist kinetische
mechanische Energie, die Rotationsenergie, gespeichert, die bei einer plötzlichen Stö-
rung einer Drehzahl- und damit Frequenzänderung entgegenwirkt. Bei dynamischen
Änderungen wird deshalb zusätzlich ein Trägheitsmoment, das sogenannte Beschleuni-
gungsmoment Mb, wirksam. Analog zur geradlinigen Bewegung, bei der die hemmende
Trägheitskraft das Produkt aus Masse und Beschleunigung ist, ist das Beschleuni-
gungsmoment das Produkt aus dem Trägheitsmoment der Rotationsbewegung  und
der Drehbeschleunigung, der Ableitung der Drehgeschwindigkeit nach der Zeit.

dl ds
M b = − =  (7.3.9)
dt dt

In Gleichung (7.3.9) muß der Lastwinkel  eingeführt werden. Er ist die Differenz zwi-
schen dem im dynamischen Zustand veränderlichen Winkel des Läufers xl und dem
unveränderlichen Netzwinkel x. Seine erste und zweite zeitliche Ableitung betragen

d d ( xl − x ) dxl dx d 2 ds
= = − = − s  2
= − (7.3.10)
dt dt dt d t dt dt

Das Beschleunigungsmoment nach Gleichung (7.3.9) ist also der zweiten Ableitung des
Lastwinkels, der Winkelbeschleunigung, proportional

ds d 2
Mb =   = − 2 (7.3.11)
dt dt

Das dynamische Drehmomentengleichgewicht lautet damit

d 2 3 Uˆ pG Uˆ pN
M b + M s + M m = − − sin  + M m = 0 (7.3.12)
dt 2 2 X

Gleichung (7.3.12) stellt eine nichtlineare Schwingungsgleichung dar. Die Nichtlineari-


tät kommt hier in der Abhängigkeit des synchronen Moments vom Sinus des Lastwin-
kels zum Ausdruck. Sie führt dazu, daß sich stabile Zustände, wie bereits oben bespro-
chen, nur innerhalb der Stabilitätsgrenzen einstellen können. Der Übergang zwischen
zwei Lastzuständen des Systems verläuft als Lastwinkelschwingung. Diese ist aber nach
144 Elektrische Energieversorgung

Gleichung (7.3.12) ungedämpft, würde also theoretisch, durch eine Störung einmal an-
gestoßen, nicht abklingen. In realen Systemen verlaufen Schwingungen in der Regel
gedämpft. Im vorliegenden Fall würden z.B. die Verluste im Verbindungszweig dämp-
fend wirken, die Leistungen nach den Gleichungen (7.1.4) und (7.1.8) wären dann ve-
schieden von null. Eine größere dämpfende Wirkung besitzt aber der asynchrone Leis-
tungsaustausch zwischen Generator und Netz, der dann auftritt, wenn der Schlupf un-
gleich null ist. Das zugehörige Drehmoment ist dem Schlupf proportional. Mit Glei-
chung (7.3.10) kann Gleichung (7.3.12) um das asynchrone Drehmoment ergänzt wer-
den und man erhält die Bewegungsgleichung des Generators

d 2 d 3 Uˆ pG Uˆ pN
− − K D (  ) − sin  + M m ( t ) = 0 (7.3.13)
dt 2 dt 2 X

Die Dämpfungskonstante KD ist vom Lastwinkel abhängig, so daß auch das asynchrone
Dämpfungsmoment Einfluß auf die Nichtlinearität des Systems nimmt. Da das mecha-
nische Moment, das Drehmoment der Antriebsmaschine, zeitlich schwanken kann, geht
es in Gleichung (7.3.13) als Zeitfunktion ein.

Ein Generator am starren Netz soll eine Zunahme der elektrischen Last um 12 % erfah-
ren. Vor dem Lastsprung arbeitete er bei einem Lastwinkel von 60 Grad (/3 im Bo-
genmaß). Bei unveränderten Spannungen stellt sich nach dem Lastsprung ein stationärer
Lastwinkel von etwa 76 Grad (1,325 im Bogenmaß) ein. Die Ausgleichsschwingung,
die den Übergang zwischen beiden Zuständen vermittelt, ist im Bild 7.7 für drei ver-
schiedene Dämpfungskoeffizienten KD dargestellt.

Das obere Bild zeigt den zeitlichen Verlauf des Lastwinkels. Bei der größten Dämpfung
(blauer Verlauf) pendelt die Maschine in einer gedämpften Schwingung auf den neuen
stationären Lastwinkel ein. Bei der kleinsten Dämpfung (magentafarbener Verlauf)
steigt der Lastwinkel dagegen unbegrenzt an und die Maschine fällt außer Tritt. Beim
roten Verlauf des Lastwinkels wurde die Dämpfung so gewählt, daß die Maschine ge-
rade noch stabil auf den neuen Zustand einschwingt. Nach einem Anstieg stellt sich
während dieses Verlaufs über eine begrenzte Dauer ein labiler Gleichgewichtszustand
ein, von dem aus die Maschine schließlich doch auf den neuen stationären Zustand
einpendelt. Bemerkenswert ist, daß sich alle drei Vorgänge während des ersten Anstiegs
nicht signifikant unterscheiden und die Dämpfung den Vorgang erst in der Nähe des
ersten Lastwinkelmaximums und danach zu beeinflussen scheint. Die Nichtlinearität
des Ausgleichsvorganges ist praktisch nur während der ersten Schwingung festzustel-
len. Je kleiner die Schwingungsamplituden werden, desto harmonischer wird die Last-
winkelschwingung. Während des Einschwingvorganges kann der Lastwinkel die stati-
sche Stabilitätsgrenze von 90 Grad durchaus überschreiten, ohne deswegen außer Tritt
zu fallen.
7 Stabilität der elektrischen Energieübertragung 145

2, 0

1, 6

1,325
1, 2

s
0, 2

0,1

−0,1
I
I0
1,5

1, 4

1,3

1, 223
1, 2

1,1

1
0 5 t s 10

Bild 7.7: Ausgleichsvorgang nach einem Lastsprung


146 Elektrische Energieversorgung

Das mittlere Bild zeigt die Verläufe des Schlupfes während des Ausgleichsvorganges.
Sein Anfangswert ist null, da die Maschine vor dem Lastsprung im synchronen Betrieb
arbeitete. Im stationären Zustand nach dem Lastsprung arbeitet der Generator wieder
synchron, d.h. ohne Schlupf. Unmittelbar nach dem Lastsprung steigt der Schlupf
praktisch unabhängig vom Dämpfungskoeffizienten bis zu einem ersten Maximum an,
d.h., die Frequenz wird kleiner, um danach wieder abzunehmen. Die drei Verläufe
verzweigen sich erst bei sehr kleinen Schlupfwerten, also in der Nähe des synchronen
Betriebs. Während des labilen Gleichgewichtszustandes im roten Verlauf bleibt der
Schlupf für eine begrenzte Zeit ebenfalls null bzw. sehr klein.

Das untere Diagramm von Bild 7.7 zeigt die beiden stabil einschwingenden Verläufe
des Strombetrags, bezogen auf den Generatorstrom vor dem Lastsprung. Der stationäre
Strom nach dem Lastsprung beträgt etwa 122 % des stationären Stromes davor. Wäh-
rend des Vorganges erreicht der Strom den Maximalwert von etwa 160 %. Die Strom-
schwingungen äußern sich im Netz auch als Leistungs- und als Impedanzschwingungen.
Letzteres stellt z.B. eine hohe Anforderung an den Distanzschutz dar, der als Fehlerkri-
terium die Impedanz zwischen seinem Einbauort im System und der Kurzschlußstelle
auswertet. Trotz pendelnder Impedanz darf keine Fehlauslösung veranlaßt werden.

Der beschriebene Vorgang läuft unmittelbar nach einem Lastsprung ab, bevor die im
vorhergehenden Abschnitt beschriebene Frequenz-Leistungs-Regelung eingreift. Schon
in diesem Stadium entscheidet es sich, ob die Stabilität erhalten bleibt. Mit den
mechanischen Schwungmassen des Stromerzeugers steht dem System ein intrinsischer
Energiespeicher zur Verfügung, der ihm Kurzzeitstabilität verleiht und damit zur
Zuverlässigkeit der Stromversorgung beiträgt.

Die abgeleitete Bewegungsgleichung des Generators beschreibt das Problem der Stabi-
lität lediglich im Prinzip. Die maßgebenden Systemparameter sind vielfältigen Einflüs-
sen unterworfen, die hier nicht besprochen werden können. Die Flüsse in einem Gene-
rator ändern sich unter anderem während eines Ausgleichsvorganges mit Zeitkonstanten
von mehr als 10 s nur sehr langsam. Das hat zur Folge, daß sich die Parameter der Be-
wegungsgleichung (7.3.13) bei transienten Vorgängen stark von den aus der stationären
Betrachtung abgeleiteten unterscheiden. Die transiente Stabilitätsgrenze liegt daher
oberhalb der statischen.
7 Stabilität der elektrischen Energieübertragung 147

7.4 Störungen der Stabilität in elektrischen Energieversorgungs-


netzen
Es ist nun leicht vorstellbar, daß ein Netz mit vielen Synchrongeneratoren ein sehr
komplexes schwingungsfähiges System darstellt. Es ist unmöglich, dessen Stabilität
allumfassend zu bestimmen. In der Praxis behandelt man daher auf der Grundlage der
Bewegungsgleichungen ausgewählte Stabilitätsstörungen, d.h. Zustände, bei denen der
Lastwinkel zwischen einzelnen Maschinen eine zulässige Grenze überschreiten kann,
und legt Maßnahmen fest, die die Stabilität im betrachteten Fall gewährleisten. Ist die
Stabilität für eine Anzahl typischer Fälle nachgewiesen, nimmt man an, daß Stabilität
auch im allgemeinen Fall gegeben ist.

Im einfachsten Fall untersucht man die Stabilität bei unendlich langsamen Zustandsän-
derungen. Der Lastwinkel ist in diesem Fall konstant, seine erste und zweite Ableitung
sind null. Man spricht in diesem Fall von statischer Stabilität, die im Abschnitt 7.1 für
einen Generator am Netz besprochen worden ist.

Bei quasistationären Zustandsänderungen schwingt der Lastwinkel nach einer Sum-


me von Sinusschwingungen unterschiedlicher Frequenz. Diese können z.B. durch eine
negative Dämpfung angeregt werden, die vorzugsweise dann auftritt, wenn der
Widerstand des Ständerstromkreises hoch ist, der Frequenz-Leistungsregler eine ungün-
stige Eigenzeit besitzt oder die Frequenzchrakteristik der Last labil ist. Weitere Ursa-
chen sind das zeitliche Schwanken des synchronen Moments, z.B. durch schwankende
Last, oder des Antriebsmomentes.

Eine dritte Möglichkeit sind plötzliche Zustandsänderungen, z.B. mehr oder weniger
große Lastsprünge, wie oben besprochen, die im normalen Betrieb ständig auftreten, bis
hin zu Kurzschlüssen, bei denen die Last vollständig oder fast vollständig wegfällt. So
ist es wichtig, bei der Untersuchung der transienten Stabilität, die zulässige Kurz-
schlußdauer zu bestimmen, bei der die Maschine nach der Kurzschlußstromausschal-
tung wieder in den stationären Betrieb zurückkehrt. Der Netzschutz muß im Ergebnis
dessen so eingestellt werden, daß diese zulässige Kurzschlußdauer eingehalten wird.

Insbesondere bei plötzlichen Zustandsänderungen sind die mechanischen Schwungmas-


sen des Systems als intrinsische Energiespeicher zur Gewährleistung der Kurzzeitstabi-
lität von besonderer Bedeutung. Jede einzelne Synchronmaschine liefert mit ihrer ge-
speicherten mechanischen Energie und der synchronisierenden Leistung einen Beitrag
zur Stabilität des gesamten Systems. Jede einzelne Asynchronmaschine trägt als me-
chanischer Energiespeicher ebenfalls zur Stabilität bei, ohne jedoch sich mit synchroni-
sierender Leistung beteiligen zu können.
148 Elektrische Energieversorgung

7.5 Windstromerzeugung und Netzstabilität


Heutige elektrische Energieversorgungssysteme werden in ihrem Verhalten maßgeblich
von den elektrischen und mechanischen Eigenschaften rotierender elektrischer Maschi-
nen geprägt, da ihre Drehzahlen und damit ihre Frequenzen nach Abschnitt 7.3 Zu-
standsgrößen des Systems sind. Sie können daher nicht ohne weiteres und keinesfalls in
vollem Umfang durch Stromerzeuger, die elektrische Energie über leistungselektroni-
sche Stellglieder in das Netz einspeisen (regenerative Stromquellen, Hochspannungs-
Gleichstrom-Übertragungen), ersetzt werden, da letztere bisher nicht über vergleichbare
Eigenschaften verfügen. Ohne Zweifel sind leistungselektronische Stellglieder in der
Lage, sehr dynamisch auf Lastsprünge zu reagieren. Das allein ist aber nicht die Lösung
des Problems, denn es kommt nach den oben angestellten Überlegungen darauf an, daß
in dem Zustand nach einer Störung die Last wieder in erwünschter und zulässiger Weise
auf die vielen speisenden Stromquellen verteilt ist und die Übergabeleistungen zu den
Verbundnachbarn der Störung adäquat eingestellt werden können. Nach den Gleichun-
gen (7.1.14) und (7.1.15) bedeutet das eine der neuen Lastsituation entsprechende Än-
derung der Winkel der Leerlaufspannungen der einzelnen Stromquellen. Die Stromquel-
len müssen also bei Laständerungen gegeneinander schlüpfen können. Das aber setzt
variable Frequenzen voraus und synchronisierende Momente nach Gleichung (7.1.18),
die die nötigen Änderungen antreiben.

In einem Netz mit fester Frequenz würden sich alle Laständerungen wie in einem
Gleichstromnetz in entsprechenden Änderungen der Spannungsbeträge äußern. Der
Lastfluß, die Spannungshaltung und der Blindleistungshaushalt würden dann ganz an-
ders sein als heute, so wie wir ihn gegenwärtig noch nicht kennen. Es ist ein unschätz-
barer Vorteil von Wechsel- und Drehstrom, daß die Leistungen von Spannungs-
winkeln und nicht nur von Spannungsbeträgen abhängig sind, denn die Span-
nungshaltung und die Steuerung des Leistungsflusses ist dadurch einfacher als in
Gleichstromnetzen, wo dies nur über das Spannungsprofil geschehen kann und
zwischen Quellen und Abnehmern immer ein Spannungsgefälle herrschen muß.

Die Windstromerzeugung hat schon heute ein Ausmaß erreicht, bei dem die Maßnah-
men zur Beherrschung von Großstörungen nach Tabelle 7.1 nur sehr begrenzte Wirk-
samkeit haben. So ist in Gebieten mit hoher Windstromerzeugung im Prinzip kein Last-
abwurf mehr möglich, weil die Unterbrechung der Stromversorgung in einer Region
gleichzeitig zur Ausschaltung von Windstromgeneratoren, also von Erzeugern, führt
und bei entsprechend großer Anzahl statt einer Entlastung des Systems gerade das Ge-
genteil eintreten kann. Außerdem dürfen Windstromgeneratoren bei einem Frequenzan-
stieg, also einem Erzeugungsüberschuß, nicht mehr bei Überschreiten einer oberen Fre-
quenz (z.B. 50,2 Hz) automatisch vom Netz getrennt werden, weil durch die große
Anzahl der so ausfallenden Stromerzeuger eine Überlastsituation entstehen kann.

Die erwünschte neue Qualität der Stromerzeugung verlangt neue Systemkonzepte. Neue
Speichertechnologien und einfacher Netzausbau allein reichen ganz offensichtlich nicht
aus.
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Energieverbrauch in Deutschland 2009 und 2010
Stand März 2011
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Teil 1: Planungsgrundsätze und CAE
Teil 2: Strukturen elektrischer Netze
Teil 3: Berechnung elektrischer Belastungen
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Kompaktseminar Prozeßleittechnik: Elektrotechnik
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dezentrale elektrische Energieversorgung 55, 108
Sachwortverzeichnis dezentraler Erzeuger 108
Dezentralisierung 11
Abgang 112 dielektrische Verluste 41
Diversifizierung der Abnehmerstruktur 62
Abnehmerschwerpunkt 108
Diversität 62, 97, 101
Abnehmerstruktur 60
Doppelsammelschienen-Anlage 113
Abnehmerzahl 62
Doppelstrahlennetz 115
adiabatisch 15
doppeltgespeiste Asynchronmaschine 124
Akkumulator 25
Drehgeschwindigkeit 141
Alterung 42, 97
Drehmoment 140
Amplitude 31
Drehstromleistung 35
Anergie 19
Drehstromscheinleistung 37
Arbeit 13, 14
Drehstromsystem 35, 56
Asynchronmaschine 123
Drehstromtransformator 124
Ausfallenergie 99
Dreimantelkabel 128
Ausfallhäufigkeit 98
Dreiphasensystem 35
Ausfallrate 114
Dreiwicklungstransformator 103
Ausfallverhalten 98
dritter Hauptsatz 16
Ausschalten 56
Drosselspule 130
Ausschaltvorgang 54
Druck 14
Autarke Stromversorgung 83
Druckluftspeicher-Gasturbinen-Kraftwerk 25
autarkes System 87
Druckluftspeicherkraftwerk 25
Automatisierungstechnik 55, 98
Durchleitung 107

Bahnstromversorgung 57, 119


Effektivwert 34, 44
Batterie 25
Einleiterkabel 128
Beanspruchung 41, 49
Einphasentransformator 124
Beanspruchungsgröße 49
Einphasenwechselstromsystem 56, 119
Belastbarkeit 97
Eisenverluste 41
Belastung 52, 98
elektrische Energie 24, 30
Belastungsausgleich 26
elektrische Energie 12
Belastungsgang 60
elektrische Energieversorgung 28
Belastungsgrad 64, 69, 94
elektrische Heizung 18
Benutzungsdauer 63
elektrischer Stromkreis 28
Beschleunigungsmoment 143
elektrisches Energieversorgungsnetz 29
Betriebsfrequenz 30, 123, 133
Elektrizitätswirtschaft 11, 107
Bewegungsgleichung 144
Elektrolyse 119
Biomasse 26
Elektromagnetische Energie 12
Blindleistung 46, 47
Endenergie 13
Blindleistungshaushalt 110
Energie 12
Blindleistungskompensation 47
Energieaufwand 16
Blockheizkraftwerk 25
Energiebilanz 15
Blocktransformator 101, 120
Energie-Dienstleistung 13
Braunkohlekraftwerk 68
Energieerhaltungssatz 14, 89
Brennstoffzelle 24, 57
Energieform 12
Bündelleiter 125
Energiemanagement 71
Energiemenge 32
Carnotscher Kreisprozeß 15, 17 Energiespeicher 48
chemische Energie 25 Energieumwandlung 22
Chemische Energie 12 Energieversorgungsnetz 101
Energieversorgungssystem 10
Dauerlinie 62 Energiewirtschaftsgesetz 107
Entladeleistung 91, 94
Deregulierung 11, 107
Erdbeschleunigung 20
dezentral 81
Sachwortverzeichnis 153
Erdöläquivalent 21 Ideales Gas 15
Erdungsschalter 112
Industriekraftwerk 103, 116
Erdwärme 24
Industrienetz 103, 116
Ernte 26
Informationstechnik 10
erster Hauptsatz 14
innere Energie 14, 38
Erzeugerschwerpunkt 108
Inselnetz 140
Exergie 19
irreversibel 19
isotherm 15
Fahrplankraftwerk 72
Fehlerhäufigkeit 98 Jahresdauerlinie 66, 76
Feldabstandhalter 125
Fernübertragung 120
Fernwirktechnik 98 Kabel 29, 103, 127
Filter 130 Kabelanlage 120
Flexibilität 113 Kabelart 128
Flußkraftwerk 68 Kabelbauform 127
fossile Energie 26 Kältemaschine 17
fossiler Primärenergieträger 22 Kernenergie 12
Freileitung 29, 103, 125 Kernkraftwerk 24, 68
Frequenz 30, 105, 135 Kernspaltung 24
frequenzabhängiger Lastabwurf 140 kinetische Energie 14
Frequenzhaltung 110 Knotenpunkt 110
Frequenz-Leistungsregelung 137 Kohlekraftwerksgenerator 50
Frequenzumrichter 110 Konservierung 27
Koronaverluste 41, 125
Gasisolierter Rohrleiter53 Kraft-Wärme-Kopplung 17
Kraftwerk 105
Gebietsmonopol 107
Kraftwerksleistung 23
Gefährdungssituation 112
Kreisfrequenz 31
Generator 28
Kreislauf des Wassers 26
Generatorausleitung 101
Kreisprozeß 15
geordnetes Belastungsdiagramm 62
Kugelfestpunkt 112
geothermisches Kraftwerk 24
Kupferverluste 41
Gesetz vom maximalen Wirkungsgrad 48
Kupferwirkungsgrad 37
gespiegelt 86, 90
Kupplung 113
Gewerbelast 81
Kurzschluß 53, 104
gleichorientiert 85, 90
Kurzschlußdauer 111
Gleichstrom-Freileitung 121
Kurzschlußläufer 123
Gleichstromkreis 29
Kurzschlußschutz 111, 131
Gleichstromsystem 56
Kurzschlußstrom 103, 111
Großkraftwerke 108
Kurzschlußstrombeanspruchung 54
Grundlast 64
Kurzschlußstrombegrenzungsdrossel 130
Grundlastkraftwerk 68, 72
Kurzschlußstromdichte 54
Gürtelkabel 128
Kurzschlußstromfestigkeit 54, 103
Kurzzeitspeicher 95
Harmonische Zeitfunktion 31 Kurzzeitstabilität 147
Haushaltslast 81
HGÜ 105 Ladeleistung 90, 94
HGÜ-Kurzkupplung 121
Ladestromdrossel 130
Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung 57, 105,
Längsdrossel 130
121, 148
Längskompensation 48
Hochspannungsnetz 101, 103
Last 28, 29
Höchstlast 63
lastabhängige Verluste 41
Hochstromleitung 101
Lastabwurf 140, 148
Höchstspannungsnetz 101
Lastfluß 109
154 Elektrische Energieversorgung

Lastmanagement 71 Nachtspeicherheizung 69
Lastschalter 131
Nachtstromtarif 69
Lastschwerpunkt 116
natürliche Leistung 52, 126
Lastspitze 70
Nennbetriebsdauer 63
Lasttal 70
Nennleistung 51
lastunabhängige Verluste 41
Netz 101
Lastverhältnis 64, 69
Netzbetrieb 104
Lastverluste 41, 48
Netzform 116
Lastwinkel 136, 143
Netzknoten 114
Lastwinkelsprung 137
Netzrückwirkung 54
Läufer 122
Netzschutz 104, 131, 147
Laufwasserkraftwerk 68
Netzschutztechnik 132
Lebensdauer 97
Netzzweig 114
Leerlaufverluste 41, 48
nicht umkehrbar 18
Leistung 22, 29, 51
Nichtverfügbarkeit 98
Leistungsbilanz 38
Niederspannungsnetz 102
Leistungsdichte 103
(n-1)-Kriterium 99
Leistungselektronik 10, 58
(n-1)-Prinzip 104
leistungselektronisches Stellglied 109
(n-1)-sicher 99
Leistungsfaktor 45
Normaltarif 69
Leistungsfluss 39
Nutzarbeit 16
Leistungsfluß 39
Nutzenergie 52
Leistungsgleichgewicht 38, 59
Leistungshalbleiter 10
Leistungskondensator 130 Off-shore-Stromerzeugung 105
Leistungsregelung 138 Off-shore-Windpark 105
Leistungsschalter 111, 112, 131 Öltransformator 125
Leistungsschwankung 64 Ortsnetz 103
Leistungsstoß 137
Leiteranordnung 125 Parallelkompensation 48
Leitermaterial 42, 46
Parallelkondensator 130
Leiterquerschnitt 127
Parallelschaltung 28
Leiterverluste 41
Periodendauer 30
Leittechnik 132
Perpetuum mobile erster Art 14
Liberalisierung 11, 107
Perpetuum mobile zweiter Art 19
Licht- & Kraftanlagen 62
Phasenverschiebung 45
Photovoltaik 75, 95
Magnetische Energie 40 Photovoltaikanlage 57
magnetohydrodynamischer Generator 25 Photovoltaische Anlage 24
Maschinentransformator 120 Polpaarzahl 123
Mastkopfbild 126 potentielle mechanische Energie 20
maximaler Wirkungsgrad 48 Primärenergie 12
mechanische Arbeit 15 Primärenergiebedarf 22
Mechanische Energie 12 Primärenergiequelle 97
mechanische Leistung 51 Primärenergieträger 12, 21, 24, 97
Mehrtagesspeicher 95 Primärregelung 138
Meßwandler 131 Primärverteilung 101
MHD-Generator 25 Prinzip der Streckentrennung 111
Mittellastkraftwerk 68, 72 Prinzip der Umgehung 112
Mittelspannungsnetz 102, 103 Pumpspeicherkraftwerk 25, 40, 71
Modulation 45 Pumpspeicherwerk 124
Modulationsblindleistung 47, 48, 65
Monatsspeicher 95 Quadratischer Mittelwert 34
Querkompensation 48
Querkupplung 113
Sachwortverzeichnis 155

Randfeldstärke 125 Spannungsbeanspruchung 49


Spannungsebene 49, 101, 102
Redundanz 97, 101
Spannungsqualität 100
Regelkraftwerk 68, 72, 138
Spannungsreglung 102
regenerativer Energieträger 22
Spannungswandler 111
regenerative Stromquelle 148
Speicher 26, 90
regenerativer Primärenergieträger 13
Speicherkapazität 90
Regler-Kennlinie 139
Speicherkonzept 94
Reihendrossel 130
Speicherkraftwerk 71, 104, 124
Reihenkompensation 47
Speicherstruktur 95
Reihenschaltung 28
Speicherverluste 38, 88
Reparaturdauer 98
Speicherwasserkraftwerk 68
Reserveleistung 104
Speicherwirkungsgrad 84, 90
Resilienz 98, 101
Spitzenkraftwerk 72
reversibel 18
Spitzenlast 104
Ringergänzung 117
Spitzenlastzeit 70
Ringnetz 117
Spitzenwert 31
Rotationsenergie 24
Stabilität 81, 133, 146
Rotorfläche 110
Stabilitätsgrenze 136, 146
Stabilitätsstörung 147
Sammelschiene 110 Stadtwerk 101
Sammelschienenblock 114 Ständer 122
Sammelschienentrenner 113 Statik 137
Saugdrossel 130 statische Stabilitätsgrenze 136
Schaltanlage 104, 110, 115 Stator 122
Schaltfeld 112 Stausee 26
Schaltgerät 29, 111 Steinkohlekraftwerk 68
Schaltstation 115 Steinkohleneinheit 21
Schaltstelle 104 Sternpunkt 124
Schaltwerk 115 Sternpunktbehandlung 124
Schaltzelle 112 Steuerspannung 119
Schaltzustand 104 Störlichtbogen 54
Scheinarbeitsverlustfaktor 65 Störung 104
Scheinleistung 32, 44, 46, 50, 51, 65 Strahlennetz 115
Schenkelpolmaschine 122 Streckentrennung 111
Schienensystem 129 Strom 29
Schleifringläufer 123 stromabhängige Verluste 50
Schlupf 141 Strombeanspruchung 49
Schutzbereich 111 Stromdichte 42
Schutztechnik 54 Stromerzeuger 29
Schwachlastzeit 69 Stromerzeugung 22, 24, 75
Sekundärenergie 13 Stromhandel 107
Sekundärregelung 138 Stromkreislänge 105
Sekundärverteilung 102 Stromrichter 57
selektiv 111 Stromrichterkupplung 114
Selektivität 111 Stromspeicher 38
Serienkompensation 47 Strömungsenergie 109
Servicequalität 100 Strömungsgeschwindigkeit 109
smart 11 Stromverbraucher 28
smart grid 71 Stromverdrängung 43
solare Stromerzeugung 83 Stromversorgung 9, 26, 56, 59
Sonderkunden 101, 102 Stromwandler 111
Sonne 75 Stufenschaltwerk 102
Sonnenenergie 24 Superkondensator 40
Spannung 29 supraleitender Speicher 40
spannungsabhängige Verluste 41, 50 symmetrisches Drehstromsystem 46
156 Elektrische Energieversorgung

symmetrisches Dreiphasensystem 35 Var 47


synchrones Moment 141
Verbraucher 28
synchronisierende Leistung 137, 147
Verbundbetrieb 103, 104
Synchronmaschine 122
Verbundnetz 60, 105, 138, 140
Systemintegration 10
Verbundpartner 139
Systemstabilität 110
Verbundunternehmen 101
Verlustdauer 65
Tagesbelastungsgang 58 Verluste 38, 41
Tagesdauerlinie 62, 76 Verschiebungsblindleistung 47, 48
Tagesganglinie 75 Versorgung 9
Tagesspeicher 95 Versorgungsqualität 54, 100, 108, 112
Tarifkunden 102 Versorgungssicherheit 97
thermisch zulässige Scheinleistung 52 Versorgungsunterbrechung 99
Thermische Energie 12 Versorgungszuverlässigkeit 98, 102, 114, 115
thermisches Kraftwerke 24 Verteilungsnetz 120
thermoelektrische Energieumwandlung 25 Verzerrung 45
thermo-hydraulischer Verbundbetrieb 104 Verzerrungsblindleistung 47
Tonnen Steinkohleneinheit 21 Vollkupplung 114
Trägheitsmoment 143 Volumen 14
Transformator 29, 102, 124
Transformatorbank 124 Wachstumsgesetz 50
Transformatorleistung 102, 124
Wahltrenner 113
transiente Stabilität 147
Wandler 112
transiente Stabilitätsgrenze 146
Wärmeenergie 14, 16, 19, 24
Trenner 112, 131
Wärmepumpe 17
Trennschalter 112
Wärmeübergangskoeffizient 42
Trennstrecke 112
Wartungsaufwand 114
Trockentransformator 125
Wasserdargebot 26
Turbine 109
Wasserkraft 26, 109
Turbomaschine 122
Wasserkraftwerk 24
Typenreihe 50
Wechselstromkreis 30
Wechselstromleistung 31
Übergabeleistung 139, 148 Wechselstromsystem 35
Übergabeleistungs-Frequenz-Regelung 139 Wechselstromtechnik 56
Übergangsprozeß 104 Wehr 26
Überlast 148 Wellenwiderstand 52
Übersetzungsverhältnis 102 Winddargebot 109
Überspannungsableiter 131 Windenergie 75
Übertragungselement 29, 114 Windenergieanlage 24, 76
Übertragungsfähigkeit 103 Windgenerator 50, 58
Übertragungsnetz 101, 104 Windstromerzeugung 77, 148
Übertragungsverluste 107 Windturbine 110
Umgebungsbedingungen 52 Wirbelströme 43
Umgehungsschiene 113 Wirkleistung 32, 44, 51, 135
Umspannwerk 105, 115 Wirkungsgrad 16, 48
unbundling 107
Unsymmetrie 45 Zeiger 31
Unsymmetrieblindleistung 47
Zollenkopf-Kurve 99
Unterbrechungsdauer 98
Zustandsgleichung 16
Unterbrechungshäufigkeit 98
zweiter Hauptsatz 19
Zwei-Zentralen-Betrieb 113
Lehrstuhl für Elektrische Energieversorgung
der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Univ.-Prof. Dr.-Ing. habil. Gerhard Herold

Elektrische Energieversorgung

Eine kleine Einführung – Ergänzungen


Bearbeitungsstand 18.09.2014

Erlangen & Gröna


2012 – 2014
Prof. Dr.-Ing. habil. Gerhard Herold Parameter regenerativer Stromversorgung aus den Dauerlinien 17.09.2014
Grönaer Schulstraße 13a 10:47
06406 Bernburg (Saale)

Parameter der regenerativen Stromversorgung aus den Dauerlinien von


Last, Erzeugung & Speicherung
1. Ausgangsparameter
Tn := 8760 Stunden pro Jahr
Belastungsgrad und Benutzungsstunden der Höchstlast im europäischen Verbundnetz

mL := 0.812 TL := mL⋅ Tn TL = 7113.12 nach UCTE 2008

PmaxL := 80 GW angenommene Maximallast für Deutschland

PmaxL⋅ TL
WL := WL = 569.05 Lastenergie in TWh
1000

PmaxL⋅ Tn
WmaxL := WmaxL = 700.8 Bezugrgröße der Lastenergie in TWh
1000

ηSp := 0.75 angenommener Wirkungsgrad der Speicher

Abschätzung der Stromspeicherung über Power to Gas

Speicher: Power to gas ηPtG := 0.7 Gaskraftwerk ηGK := 0.6

ηSpPG := ηPtG⋅ ηGK ηSpPG = 0.42 Gesamtwirkungsgrad

Benutzungsstunden& Belastungsgrade konventioneller Kraftwerke


TK
TK := 7645 mK := mK = 0.873 Kernkraftwerk
Tn

TB
TB := 6400 mB := mB = 0.731 Braunkohlekraftwerk
Tn

Belastungsgrade & Benutzungsstunden der Windstromerzeugung

TW = 1400 1900 h/a


TW
TW := 1900 mW := mW = 0.217 On-Shore-Windenergieanlage,
Tn optimistische Annahme
Quelle: Bundesverband Windenergie e.V.
PWind08 := 23903 PWind09 := 25777 PWind10 := 27214.7 MW
ΔP Wind09 := 1917 ΔP Wind10 := 1551
6 6
WWind09 := 37.3⋅ 10 WWind09pot := 47.8⋅ 10
MWh
6 6
WWind10 := 38.7⋅ 10 WWind10pot := 50.5⋅ 10
Der potentielle Energieertrag ist die Energiemenge, die bei mitteleren Betriebsbedingungen während eines Jahres erzeugt werd
kann. Sie soll u.a. wegen des jährlichen Zubaus größer als der tatsächliche Ertrag sein.

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Annahme: Der Zuwachs an installierter Windleistung findet linear von April bis September statt
3 Tn Tn
WWind10max := PWind09⋅ ⋅ Tn + PWind10⋅ + ΔP Wind10⋅ WWind10max = 232351773
4 4 4
WWind10
mWind10 := mWind10 = 0.167
WWind10max

3 Tn Tn
WWind09max := PWind08⋅ ⋅ Tn + PWind09⋅ + ΔP Wind09⋅
4 4 4
WWind09
mWind09 := mWind09 = 0.171
WWind09max

WWind09pot
mWind09pot := mWind09pot = 0.212
PWind09⋅ Tn

WWind10pot
mWind10pot := mWind10pot = 0.217
WWind10max

Mittelwert von 1993 bis 2010

mWindm := 0.1876 TWindm := mWindm⋅ Tn TWindm = 1643.376

mW := mWindm TW := mW⋅ Tn TW = 1643.376 mW = 0.188

Von 1993 bis 2010 beträgt die Benutzungsstundenzahl der Windstromerzeugung in Deutschland im Mittel 1643 h/a und der
Belastungsgrad 0,188.

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2. Ansatz: Erzeugte Energie = verbrauchte Energie


Angenommen wird eine elektrisches Energiesystem mit idealem Speicher (ηSp = 1). Der erzeugte Strom ist dann gleich dem
verbrauchten, wenn man die Systemverluste der Last zuschlägt.

P T m
WL = WG  Pmax G TmG = Pmax L TmL  pmax G = max G = mL = L
Pmax L TmG mG
mG := mW
mL
pmaxG := pmaxG = 4.328 PmaxG := pmaxG⋅ PmaxL PmaxG = 346.269
mG

Bei reiner Windstromerzeugung müßte die maximale Erzeugerleistung in einem solchen System gleich der 4,3fachen
Maximalleistung der Last sein. Bei einer angenommenen Spitzenlast von 80 GW in Deutschland müßte die Maximallast der
Windstromerzeuger ca. 346 GW betragen.

mG := mB
mL
pmaxG := pmaxG = 1.111 PmaxG := pmaxG⋅ PmaxL PmaxG = 88.914
mG

mG := mK
mL
pmaxG := pmaxG = 0.93 PmaxG := pmaxG⋅ PmaxL PmaxG = 74.434
mG

Konventionelle Kraftwerke benötigen wegen des höheren Bentuzungsgrades eine viel kleinere Maximlleistung als die regenerat
Erzeugung. Wenn der Belastungsgrad der Erzeugung größer als der der Last ist, ist die maximale Erzeugerleistung kleiner als di
der Last. Speicher tragen unter diesen Bedingungen dazu bei, die Kraftwerksleistung verringern zu können.

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3. Berücksichtiung des Speichers - Last maximal ausgeglichen, Erzeugung mit


Höchstlast
Die Last wird über der gesamten Jahresdauer als konstant angenommen, die Erzeugung über der Benutzungsdauer der Erzeug
ebenso. Der Speicher soll den angenommenen Wirkungsgrad besitzen.

mL 1 − mG (1 −  Sp )
 Sp ( Pmax G − mL Pmax L ) TmG = mL Pmax L (Tn − TmG )  pmax G =
mG  Sp
Maximale Erzeuger- & Speicherleistung

mL 1 1 −  Sp
pmax G = − mL
mG  Sp  Sp
Pmax Sp
Pmax Sp = Pmax G − mL Pmax L  pmax Sp = = pmax G − mL
Pmax L

mG := mW TG := TW
mG = 0.188 TG = 1643.376

mL 1 − mG⋅ (1 − ηSp)
pmaxG := ⋅ pmaxG = 5.5
mG ηSp

pmaxSp := pmaxG − mL pmaxSp = 4.688

mG := mK TG := TK
mG = 0.873 TG = 7645

mL 1 − mG⋅ (1 − ηSp)
pmaxG := ⋅ pmaxG = 0.97
mG ηSp

pmaxSp := pmaxG − mL pmaxSp = 0.158

mG := mB TG := TB
mG = 0.731 TG = 6400

mL 1 − mG⋅ (1 − ηSp)
pmaxG := ⋅ pmaxG = 1.211
mG ηSp

pmaxSp := pmaxG − mL pmaxSp = 0.399

In einem konventionellen Stromversorgungssystem sind die maximale Erzeugerleistung und die maximale Speicherleistung deu
geringer als bei rein regenerativer Stromerzeugung. Die Maximalleistungen von Erezugung & Speicherung sind gleichzeitig
Ausdruck für den Materialeinsatz im System.

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Abhängigkeit der maximalen Erzeuger- & Speicherlleistung vom Belastungsgrad der Erzeugung
und dem Wirkungsgrad der Speicherung

mL 1 − mGx⋅ (1 − ηSpz)
pmaxGy (mGx , ηSpz) := ⋅ maximale Erzeugerleistung
mGx ηSpz

pmaxSpy (mGx , ηSpz) := pmaxGy (mGx , ηSpz) − mL maximale Speicherleistung

mGx := 0.15 , 0.16 .. 1


ηSp1 := ηSp ηSp1 = 0.75 ηSp2 := ηSpPG ηSp2 = 0.42

15

10

pmaxGy ( mGx , ηSp1)

pmaxSpy ( mGx , ηSp1)

pmaxGy ( mGx , ηSp2) 5

pmaxSpy ( mGx , ηSp2)

−5
0 0.2 0.4 0.6 0.8
mGx

Je kleiner der Belastungsgrad der Erzeugung & der Wirkungsgrad der Speicherung, desto größer
die notwendigen Maximalleistungen von Erzeugung & Speicherung

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4. Lineare Dauerlinien bei Belastungsgraden der Erzeugung mG < 0,5

Lineare Dauerlinie der Last

mG := mW TG := TW mG = 0.188 TG = 1643.376

m0L := 2⋅ mL − 1 m0L = 0.624 Lastverhältnis

pL ( x) := 1 − (1 − m0L)⋅ x
Dauerlinie der Last
pL ( 0) + pL ( 1)
wL := wL = 0.812 Fläche unter der Dauerlinie der Last
2 = bezogene Energie
WLa := wL⋅ PmaxL⋅ Tn WLa − WL = 568480.55

Lineare Dauerlinie der Erzeugung

Bei einem Belastungsgrad der Erzeugung kleiner 0,5 besteht die Dauerlinie aus zwei Abschnitten. Im ersten Abschnitt verläuft
Erzeugerleistung von der Maximalleistung auf null und im zweiten Abschnitt ist die Erzeugung null.
m0G := 2⋅ mG − 1 m0G = −0.625

xG := 2⋅ mG bezogene Gesamtdauer der Erzeugung bei linearer Dauerlinie

pL (xG) = 0.859 bezogene Last am Ende der Erzeugungsdauer bei gleichorientierten Dauerlinien von Erzeugung &

pL (1 − xG) = 0.765 bezogene Last zu Beginn der Erzeugung bei gespiegelten Dauerlinien von Erzeugung & Last
Auf die maximale Erzeugerleistung bezogene Dauerlinie der Erzeugung
x
pG0 ( x) := 1 −
2⋅ mG

pG1 ( x) := wenn (pG0 ( x) > 0 , pG0 ( x) , 0)

Die o.g. Dauerlinie muß mit der auf die maximale Last bezogenen maximalen Erzeugerleistung pmaxG multipliziert werden, um
mit der Dauerlinie der Last in Beziehung gesetzt werden zu können. Diese ergibt sich aus dem Energieerhaltungssatz für das
Stromversorgungssystem für zwei Grenzfälle:
1. Die Dauerlinien von Last & Erzeugung sind gleichorientiert, d.h., maximale Last und maximale Erzeugung fallen
zusammen.
2. Die Dauerlinie der Erzeugung ist zur Dauerlinie der Last gespiegelt, d.h., die maximale Erzeugung fällt mit der minimalen
Last zusammen und umgekehrt.

Die Realität, wiedergegeben durch die Ganglinien von Erzeugung & Last, liegt zwischen diesen beiden Grenzfällen. Durch di
Arbeit mit Dauerlinien gelingt es demzufolge, unabhängig vom zufälligen zeitlichen Last- & Erzeugungsgang verläßliche
Angaben über die Parameter des Systems zu gewinnen.

Energieerhaltung
wG + wL + wSpV = wG + wL + wSpL − wSpG = wG + wL + wSpL (1 −  Sp ) = 0
wG Erzeugerenergie
wL Lastenergie
wSpV Speicherenergieverluste
wSpL Ladeenergie des Speichers
wSpG Entladeenergie des Speichers

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1
wG = − pmax G xG
2
1
wL = (1 + m0 L )
2
1 p −1 gleichorientiert
wSpL = pmax SpL xSpL mit pmax SpL =  max G
2  pmax G − m0 L gespiegelt

Gespiegelte Dauerlinien von Erzeugung & Last

( ) ( )
pmax G pG ( xSpL ) + 1 + pL(1 − xSpL ) + m0 L xSpL + ( pmax G − m0 L ) xSpL = 0

pmax G ( pG ( xSpL ) + 1 + xSpL ) + pL(1 − xSpL ) xSpL = 0

Die Gleichungen sind anhand der Dauerlinien leicht nachvollziehbar.


x0 := xG x0 = 0.375 1 − x0 = 0.625

y0 := pL (1 − x0) y0 = 0.765

 y⋅ (x0 − 1) − x0  y⋅ (x0 − 1) − x0
f ( y) := (y − m0L)⋅ ηSp⋅ 1 +  + y0⋅ − 1 + x0
 y + x0 − m0L⋅ x0 y + x0 − m0L⋅ x0
y := 2

y := wurzel( f ( y) , y) y = 5.344

pmaxGg := y pmaxGg = 5.344

y⋅ (x0 − 1) − x0
x1 := − x1 = 0.677
y + x0 − m0L⋅ x0

xSpLg := 1 − x1 xSpLg = 0.323

1
wG := − ⋅ y⋅ x0 wG = −1.002 erzeugte Energie
2

wSpL := (y − m0L)⋅
(1 − x1) wSpL = 0.762
2 Ladeenergie des Speichers (Speicher als Last)

wSpL⋅ ηSp = 0.571

wSpG := −(1 + y0)⋅


(1 − x0) − y ⋅ (x1 − 1 + x0) wSpG = −0.571 Entladeenergie des Speichers (Speicher als
0
2 2 Erzeuger)

wSpL⋅ ηSp + wSpG = −0

pSpL := y − m0L pSpL = 4.72 maximale Ladeleistung des Speichers

wSpV := wSpL + wSpG wSpV = 0.19 Verlustenergie des Speichers

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wWL := wG + wSpL wWL = −0.241 direkt der Last zugeführte Windenergie

−wWL wSpL −wSpG


= 0.296 = 0.938 = 0.704
wL wL wL

Nur etwa 30 % der erzeugten Energie fließen direkt in die Last.


Die Ladeenergie des Speichers beträgt ca. 94 % der Lastenergie, die Entladeenergie ca. 70 %.

wSpV wL
= 0.235 ηS := ηS = 0.81
wL −w G
Die Speicherverluste betragen fast 24 % der Lastenergie. Der Wirkungsgrad des Systems mit Speicher beträgt 81 %. Er muß
mit dem Wirkungsgrad des Systems ohne Speicher multipliziert werden, um den Gesamtwirkungsgrad zu erhalten.
pG ( x) := −y⋅ pG1 ( 1 − x) Erzeugerleistung
pSp ( x) := −pL ( x) − pG ( x) Speicherleistung

x := 0 , 0.001 .. 1

pL ( x)
pG ( x)
pSp ( x)

−5

− 10
0 0.2 0.4 0.6 0.8 1
x

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Gleichorientierte Dauerlinien von Erzeugung & Last


Die Rechnung wird in der gleichen Weise durchgeführt wie oben.

( ) ( )
pmax G pG ( xSpL ) + 1 + 1 + pL( xSpL ) xSpL + ( pmax G − 1) xSpL = 0

pmax G ( pG ( xSpL ) + 1 + xSpL ) + pL(1 − xSpL ) xSpL = 0

y0 := pL (x0) y0 = 0.859

y⋅ x0 − x0  y⋅ x0 − x0 
f ( y) := ( y − 1) ⋅ ηSp⋅ + y0⋅  1 +  + m0L⋅ (1 − x0)
−y + x0 − m0L⋅ x0  −y + x0 − m0L⋅ x0 
y := 2

y := wurzel( f ( y) , y) y = 5.2 pmaxGgo := y maximale Erzeugerleistung

y⋅ x0 − x0
x1 := − x1 = 0.311 relative Dauer der Speicherladung
−y + x0 − m0L⋅ x0

1
wG := − ⋅ y⋅ x0 wG = −0.976 Erzeugerenergie
2

x1
wSpL := ( y − 1) ⋅ wSpL = 0.654 Speicherladeenergie
2

wSpL⋅ ηSp = 0.491

(1 − x1) −  m0L − m x0 
wSpG := −y0⋅  0L⋅  wSpG = −0.491 Speicherentladenergie
2  2 2

wSpG + ηSp⋅ wSpL = −0

pmaxSpL := y − 1 pmaxSpL = 4.2 maximale Speicherladeleistung

wSp := wSpL + wSpG wSp = 0.164

wSp
mSp := mSp = 0.039
pmaxSpL

wWL := wG + wSpL wWL = −0.321 direkt der Last zugeführte Windenergie

wSpL −wSpG
−wWL = 0.806 = 0.604
= 0.396 wL wL
wL

wSp −w G wL
= 0.201 = 1.201 ηS := ηS = 0.832
wL wL −w G

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pG ( x) := −y⋅ pG1 ( x) Erzeugerleistung


pSp ( x) := −pL ( x) − pG ( x) Speicherleistung

pL ( x)
pG ( x)
0
pSp ( x)

−2

−4

−6
0 0.2 0.4 0.6 0.8 1
x

Die Parameter des Prozesses nach der Ganglinie (des realen Prozesses) liegen zwischen denen der
beiden oben berechneten Grenzfälle.

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5. Lineare Dauerlinien bei Belastungsgraden der Erzeugung mG > 0,5


Die Berechnung wird wie unter Punkt 4 durchgeführt. Lediglich die Dauerlinie der Erzeugung verläuft nach einer anderen
Funktion.

m0L := 2⋅ mL − 1 m0L = 0.624 mL = 0.812 ηSp = 0.75

wL = 0.812
pL ( x) := 1 − (1 − m0L)⋅ x Dauerlinie der Last

TG := TB Braunkohlenkraftwerk
TG
mG := mG = 0.731
Tn

m0G := 2⋅ mG − 1 m0G = 0.461

pG1 ( x) := 1 − (1 − m0G)⋅ x Dauerlinie der Erzeugung

Dauerlinien von Last und Erzeugung gespiegelt


y := 1

 −y⋅ m0G + 1  −y⋅ m0G + 1


f ( y) := (y − m0L)⋅ ηSp⋅ 1 −  − (1 − y⋅ m0G)⋅
 1 − m0L + (1 − m0G)⋅ y 1 − m0L + (1 − m0G)⋅ y

y := wurzel( f ( y) , y) y = 1.161

pmaxG := y pmaxG = 1.161 maximale Erzeugerleistung

−y⋅ m0G + 1
x1 := x1 = 0.464 Nullstelle der Speicherleistung
1 − m0L + (1 − m0G)⋅ y

y1 := pL (x1) y1 = 0.825 y⋅ pG1 (1 − x1) = 0.825

pG1 ( 1) + pG1 ( 0)
wG := − ⋅y wG = −0.848 Erzeugerenergie
2

pmaxSpL := y − m0L pmaxSpL = 0.537 maximale Ladeleistung des Speichers

pmaxSpG := 1 − y⋅ m0G pmaxSpG = 0.465 maximale Entladeleistung des Speichers

y − m0L
wSpL := ⋅ (1 − x1) wSpL = 0.144 Ladeenergie des Speichers
2

wSpL⋅ ηSp = 0.108

1 − m0G⋅ y
wSpG := − ⋅ x1 wSpG = −0.108 Entladeenergie des Speichers
2

ηSp⋅ wSpL + wSpG = −0

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wSp := wSpG + wSpL wSp = 0.036 Speicherverlustenergie

wSp
mSp := mSp = 0.067 Lade-Belastungsgrad des Speichers
pmaxSpL
wSp −w G
−wSpG = 0.044 = 1.044
wSpL = 0.133 wL wL
= 0.177 wL
wL
wL
ηS := ηS = 0.958
−w G

pG ( x) := −y⋅ pG1 ( 1 − x) Erzeugerleistung


pSp ( x) := −pL ( x) − pG ( x) Speicherleistung

x := 0 , 0.001 .. 1

pL ( x)
pG ( x)
pSp ( x)

−1

−2
0 0.2 0.4 0.6 0.8 1
x

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Grönaer Schulstraße 13a 10:47
06406 Bernburg (Saale)

Dauerlinien von Erzeugung & Last gleichorientiert


a1 := wenn (mL > mG , −1 , ηSp) a2 := wenn (mL > mG , −ηSp , 1)
a1 = −1 a2 = −0.75

f ( y) := (y⋅ m0G − m0L)⋅ a1⋅ 1 −  − ( 1 − y) ⋅ a ⋅


y−1 y−1

m0L − 1 + (1 − m0G)⋅ y
2
m0L − 1 + (1 − m0G)⋅ y

y := wurzel( f ( y) , y) y = 1.123

pmaxG := y pmaxG = 1.123


maximale Erzeugerleistung
y−1
x1 := x1 = 0.536 Nullstelle der Speicherleistung
m0L − 1 + (1 − m0G)⋅ y
y1 := pL (x1) y1 = 0.799 y⋅ pG1 (x1) = 0.799

pG1 ( 1) + pG1 ( 0)
wG := − ⋅y wG = −0.82 Erzeugerenergie
2
pmaxSpL := y − 1 pmaxSpL = 0.123 maximale Ladeleistung des Speichers

pmaxSpG := m0L − y⋅ m0G pmaxSpG = 0.106 maximale Entladeleistung des Speichers

y−1
wSpL := − ⋅ x1⋅ a1 wSpL = 0.033
2

1−y
wSpG := − ⋅ x1⋅ a2 wSpG = −0.025 ηSp⋅ wSpL + wSpG = 0
2

wSp := wSpG + wSpL wSp = 0.008

wSpL
mSp := mSp = 0.268
pmaxSpL

−w G
wSpL −wSpG = 1.01
= 0.04 = 0.03 wL
wL wL

wL
ηS := ηS = 0.99
−w G

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pG ( x) := −y⋅ pG1 ( x) Erzeugerleistung


pSp ( x) := −pL ( x) − pG ( x) Speicherleistung

pL ( x)
pG ( x)
pSp ( x)

−1

−2
0 0.2 0.4 0.6 0.8 1
x

Die Parameter des Prozesses nach der Ganglinie (des realen Prozesses) liegen zwischen denen der
beiden oben berechneten Grenzfälle.

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6. Lineare Dauerlinien bei Belastungsgraden der Erzeugung mG > 0,5


Die Berechnung wird wie unter Punkt 4 durchgeführt. Lediglich die Dauerlinie der Erzeugung verläuft nach einer anderen
Funktion.

m0L := 2⋅ mL − 1 m0L = 0.624 mL = 0.812 ηSp = 0.75

wL = 0.812
pL ( x) := 1 − (1 − m0L)⋅ x Dauerlinie der Last

TG := TK Kernkraftwerk
TG
mG := mG = 0.873
Tn

m0G := 2⋅ mG − 1 m0G = 0.745

pG1 ( x) := 1 − (1 − m0G)⋅ x Dauerlinie der Erzeugung

Dauerlinien von Last und Erzeugung gespiegelt


y := 1

 −y⋅ m0G + 1  −y⋅ m0G + 1


f ( y) := (y − m0L)⋅ ηSp⋅ 1 −  − (1 − y⋅ m0G)⋅
 1 − m0L + (1 − m0G)⋅ y 1 − m0L + (1 − m0G)⋅ y

y := wurzel( f ( y) , y) y = 0.956

pmaxG := y pmaxG = 0.956 maximale Erzeugerleistung

−y⋅ m0G + 1
x1 := x1 = 0.464 Nullstelle der Speicherleistung
1 − m0L + (1 − m0G)⋅ y

y1 := pL (x1) y1 = 0.825 y⋅ pG1 (1 − x1) = 0.825

pG1 ( 1) + pG1 ( 0)
wG := − ⋅y wG = −0.834 Erzeugerenergie
2

pmaxSpL := y − m0L pmaxSpL = 0.332 maximale Ladeleistung des Speichers

pmaxSpG := 1 − y⋅ m0G pmaxSpG = 0.287 maximale Entladeleistung des Speichers

y − m0L
wSpL := ⋅ (1 − x1) wSpL = 0.089 Ladeenergie des Speichers
2

wSpL⋅ ηSp = 0.067

1 − m0G⋅ y
wSpG := − ⋅ x1 wSpG = −0.067 Entladeenergie des Speichers
2

ηSp⋅ wSpL + wSpG = 0

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wSp := wSpG + wSpL wSp = 0.022 Speicherverlustenergie

wSp
mSp := mSp = 0.067 Lade-Belastungsgrad des Speichers
pmaxSpL
wSp −w G
−wSpG = 0.027 = 1.027
wSpL = 0.082 wL wL
= 0.11 wL
wL
wL
ηS := ηS = 0.973
−w G

pG ( x) := −y⋅ pG1 ( 1 − x) Erzeugerleistung


pSp ( x) := −pL ( x) − pG ( x) Speicherleistung

x := 0 , 0.001 .. 1

0.5

pL ( x)
pG ( x)
0
pSp ( x)

− 0.5

−1
0 0.2 0.4 0.6 0.8 1
x

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Dauerlinien von Erzeugung & Last gleichorientiert


a1 := wenn (mL > mG , −1 , ηSp) a2 := wenn (mL > mG , −ηSp , 1)
a1 = 0.75 a2 = 1

f ( y) := (y⋅ m0G − m0L)⋅ a1⋅ 1 −  − ( 1 − y) ⋅ a ⋅


y−1 y−1

m0L − 1 + (1 − m0G)⋅ y
2
m0L − 1 + (1 − m0G)⋅ y

y := wurzel( f ( y) , y) y = 0.936

pmaxG := y pmaxG = 0.936


maximale Erzeugerleistung
y−1
x1 := x1 = 0.464 Nullstelle der Speicherleistung
m0L − 1 + (1 − m0G)⋅ y
y1 := pL (x1) y1 = 0.825 y⋅ pG1 (x1) = 0.825

pG1 ( 1) + pG1 ( 0)
wG := − ⋅y wG = −0.817 Erzeugerenergie
2
pmaxSpL := y − 1 pmaxSpL = −0.064 maximale Ladeleistung des Speichers

pmaxSpG := m0L − y⋅ m0G pmaxSpG = −0.074 maximale Entladeleistung des Speicher

y−1
wSpL := − ⋅ x1⋅ a1 wSpL = 0.011
2

1−y
wSpG := − ⋅ x1⋅ a2 wSpG = −0.015 ηSp⋅ wSpL + wSpG = −0.006
2

wSp := wSpG + wSpL wSp = −0.004

wSpL
mSp := mSp = −0.174
pmaxSpL

−w G
wSpL −wSpG = 1.006
= 0.014 = 0.018 wL
wL wL

wL
ηS := ηS = 0.994
−w G

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pG ( x) := −y⋅ pG1 ( x) Erzeugerleistung


pSp ( x) := −pL ( x) − pG ( x) Speicherleistung

0.5

pL ( x)
pG ( x)
0
pSp ( x)

− 0.5

−1
0 0.2 0.4 0.6 0.8 1
x

Die Parameter des Prozesses nach der Ganglinie (des realen Prozesses) liegen zwischen denen
der beiden oben berechneten Grenzfälle.
Je höher der Belastungsgrad ist, desto niedriger muß die Speicherkapazität sein, desto geringer
ist also der Speichereinfluß auf den Systemwirkungsgrad.
Wenn der Belastungsgrad der Erzeugung größer als der der Last ist, dann kann die maximale
Erzeugerleistung bei genügend großem Wirkungsgrad der Speicherung sogar kleiner als die
Maximallast sein. Der Speicher spart dann Kraftwerkskapazität und hat somit eine andere
Aufgabe als in einem System mit regenerativer Erzeugung.

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Eine erste, grobe Beurteilung eines Stromversorgungsprozesses verlangt die Berücksichtigung


zweier Aspekte. Die benötigte Energiemenge stellt die quantitative Seite des Prozesses dar.
Daneben ist es wichtig zu wissen, bei welcher Leistung eine Energiemenge benötigt wird. Die
maximalen Leistungen z.B. von Erzeugung & Speicherung sind Ausdruck für die benötigte
Erzeuger- & Speicherkapazität. Sie stehen damit auch für den notwendigen Materialeinsatz und
die Kosten des Systems. Der zeitliche Leistungsverlauf unterliegt aber stochastischen
Schwankungen. Einfache Modelle nach den Punkten 2 und 3 liefern Anhaltswerte bei der
Berücksichtigung der Leistungen Es läßt sich jedoch darüber hinaus nachweisen, daß die
Parameter des realen, stochastischen Prozesses zwischen denen der Prozesse mit
gleichorientierten und gespiegelten Dauerlinien von Last & Erzeugung liegen. Da die Parameter
der Dauerlinien auf der Grundlage von Langzeitaufzeichnungen angebbar sind, kann ein
Stromversorgungsprozeß auf ihrer Grundlage einfach beurteilt werden.

Man benötigt dazu lediglich den zur Allgemeinbildung gehörenden Energieerhaltungssatz in zwe
Formen: Die Summe der Energiemengen in einem Elektroenergiesystem ist null und die Summe
seiner Leistungen ist zu jedem Zeitpunkt null. Immer vorhandene Verluste von (Nutz-)Energie
werden dabei über bekannte Wirkungsgrade berücksichtigt.

Die Beurteilung der Stromversorgung allein über Energiemengen setzt zeitlich konstante
Leistungen voraus und ist daher in der Regel falsch. Sie ist in Zeiten der "Energiewende"
gefährlich, weil sie ein falsches Bild vorgaukelt, das mit der Realität nicht im Einklang steht.

 gerhard.herold@fau.de ParameterRegStromversorgung.xmcd 19 - 19
Änderung der Belastung von Netzkomponenten bei der
Integration von Photovoltaik ins Verteilungsnetz

Gerhard Herold
Lehrstuhl für Elektrische Energieversorgung der Universität Erlangen-Nürnberg
Cauerstraße 4, Haus 1, D-91058 Erlangen
Tel.: +9131 - 85 295 10, Fax: +9131 - 85 295 41
E-Mail: herold@eev.eei.uni-erlangen.de
Internet: www.eev.eei.uni-erlangen.de

1. Einleitung

Eine Wende in der Energieversorgung kann nur gelingen, wenn zukünftig mehr und
mehr regenerative Quellen erschlossen werden. Das trifft insbesondere auch auf die
elektrische Energieversorgung zu, die bei uns etwa 20 % des Bedarfs abdeckt. Der
Aufwand für die heutige Stromversorgung ist aber so groß und das diesem Zweck
dienende System so komplex, daß sich eine neue Technologie nur in dem Maße
durchsetzen kann, in dem ihre Systemintegration gelingt. Regenerative Stromerzeu-
ger werden bisher größtenteils in bestehende Netze eingebunden, photovoltaische
wegen ihrer meist kleinen Leistung vorwiegend in Niederspannungsnetze. Je höher
ihr Anteil an der Stromversorgung steigt, desto dringender müssen sie bei der Netz-
planung berücksichtigt werden. Das Netz ist keine stereotype Einrichtung. Als Ver-
knüpfungselement zwischen Erzeugern und Lasten muß es ständig an sich verän-
dernde Strukturen der Erzeugung und/oder der Belastung angepaßt werden.

Elektrische Energieversorgung war schon immer mit einem hohen Aufwand verbun-
den. Sie hätte sich nicht etablieren können, wenn man nicht von Anfang an nach
technisch-wirtschaftlich optimalen Lösungen gesucht hätte. Die Palette der Möglich-
keiten dafür reicht von der optimalen Auslegung elektrischer Betriebsmittel bis hin zur
optimalen Gestaltung des Betriebsablaufs des Netzes. Die Aufzeichnung des Last-
verhaltens von Beginn an hat zur ständigen Verbesserung der Betriebsmittel und des
Betriebes beigetragen. Vielfältige Maßnahmen zur Bedienung eines gegebenen Be-
lastungsganges bzw. zu seinem Ausgleich waren und sind die Grundlage für eine
wirtschaftliche Stromversorgung. Die dargebotsabhängige Stromerzeugung aus re-
generativen Quellen gibt dieser bisher kontinuierlich verlaufenen Entwicklung neue
Randbedingungen. An ihren Zielen muß aber unbeirrt festgehalten werden, wenn die
Umstellung auf überwiegend regenerativen Quellen gelingen soll.
2. Erwärmungsverhalten von Transformatoren

Transformatoren und Kabel sind die wichtigsten Betriebsmittel eines elektrischen


Verteilungsnetzes, die die zulässige Netzlast bestimmen. Sie werden im einfachsten
Fall für eine konstante zulässige Belastung ausgelegt. In Havariesituationen im Netz
können sie jedoch überlastet werden. Dann sorgt ihre thermische Trägheit für eine
Reserve, die bleibende Schäden verhindert. Im Zusammenhang mit dem Betrieb re-
generativer Energiequellen in Verteilungsnetzen soll diese thermische Trägheit aus-
genutzt werden, um die maximale Erzeugerleistung durch Inkaufnahme zeitweiser
Überlastungen der Netzkomponenten erhöhen zu können.

Für Öltransformatoren kann unter Berücksichtigung ihrer Hauptelemente Kern, Wick-


lung, Öl und Kessel das einfache Wärmenetz nach Bild 2.1 entwickelt werden.

RwÖlF
 K RwK  Öl
RwW RwGk
 W  G
Bild 2.1:
Pvl Pvk RwÖl
Einfaches Wärmenetz
CwK CwW CwÖl PvG CwG RwGs
eines Öltransformators

In den Kern und in die Wicklung mit den Wärmekapazitäten CwK und CwW werden die
Leerlauf- und die Lastverluste Pvl und Pvk eingespeist. Diese werden über die Wär-
mewiderstände RwK bzw. RwW an das Öl, das die Wärmekapazität CwÖl besitzt, abge-
geben. Die Wärme wird aus dem Öl über den Kessel (und einen Fremdkühler)
schließlich über die angegebenen Wärmewiderstände an die Umgebung abgegeben.
Der Kessel besitzt ebenfalls eine Wärmekapazität CwG und ggf. entstehen in ihm Zu-
satzverluste durch Wirbelströme. Die Elemente des Wärmenetzes ergeben sich aus
der Geometrie des Transformators. Da diese selten bekannt ist, bleibt nichts anderes
übrig, als sie vereinfacht aus den Volumina bzw. Massen, den zulässigen Tempera-
turen von Kern, Wicklung, Öl und Kessel und den Leerlauf- und Lastverlusten im
Nennbetrieb zu berechnen.

i   j
Rw  und Cwi  cVi Vi  ci mi (2.1)
ij Pv
ij

Das Wärmenetz eines Öltransformators kann weiter vereinfacht werden, wenn man
berücksichtigt, daß die Wärmekapazität des Kessels klein im Vergleich zu denen des
Kerns, der Wicklung und des Öls ist. Außerdem ist der Transformator im Normalbe-
trieb in der Regel dauernd eingeschaltet. Seine Leerlaufverluste fallen also ständig
an, während die nur lastabhängigen Verluste mit der Belastung schwanken. Die
Temperatur der Wicklung ist daher stärker von der Last abhängig als die des Kerns,
so daß dessen Wärmekapazität einen geringeren Einfluß auf den lastabhängigen
transienten Erwärmungsvorgang besitzt. Man erhält mit diesen Annahmen das ver-
einfachte Wärmenetz des Öltransformators nach Bild 2.2.

RwÖlu
 W RwW
Bild 2.2:
 Öl
Vereinfachtes Wärmenetz eines Öltrans- Pvl Pvk
CwW CwÖl
formators

In ihm werden die Leerlaufverluste des Transformators direkt dem Öl zugeführt, die
lastabhängigen Verluste fließen aber weiterhin aus der Wicklung über einen Wärme-
widerstand in das Öl. Von dort werden die Gesamtverluste über einen weiteren
Wärmewiderstand an die Umgebung abgegeben.

Aus der Zustandsgleichung des Wärmenetzes nach Bild 2.1 erhält man vier thermi-
sche Zeitkonstanten, aus der des Bildes 2.2 dagegen nur zwei. Sie sind in Gleichung
(2.2) für einen 250-MVA-Transformator und eine Baureihe von Niederspannungs-
transformatoren mit den Nennleistungen 310, 400, 500 und 630 kVA für beide Wär-
menetze angegeben.

 w   7726 1295 296 39  s  w  14250 1988 490 197  s


bzw. (2.2)
 wr   6155 300  s  wr  10100 495  s

Aus den Wachstumsgesetzen für Transformatoren folgt, daß die thermischen Zeit-
konstanten einer idealen Baureihe unabhängig von der Nennleistung sind. Unter-
schiede im thermischen Verhalten von Transformatoren resultieren so unabhängig
von ihrer Nennleistung vorwiegend aus Abweichungen der Bauform.

Im Bild 2.3 ist der Erwärmungs- und Abkühlungsvorgang eines Transformators für
einen periodischen Lastgang mit abwechselnd 130 % und 50 % der Nennleistung
dargestellt. Die Zeit ist auf die maximale thermische Zeitkonstante des Wärmenetzes
nach Bild 2.1 bezogen, die die Dauer des Erwärmungs- und Abkühlungsvorganges
bestimmt. Die ausgezogenen Temperaturverläufe für die Wicklung ΔW und das Öl
ΔÖl wurden aus dem Wärmenetz nach Bild 2.2 gewonnen, die punktierten und ge-
strichelten Verläufe aus dem Wärmenetz nach Bild 2.1. Die Temperaturverläufe für
den Kern ΔK und den Kessel ΔG sind aus dem vereinfachten Wärmenetz nicht be-
stimmbar.
70

 W
K 60

50

40  K
 Öl
30
Bild 2.3:
20
Transformatorerwärmung
10  G
bei periodischer Überla-
stung 0
0 1 2 3 4 5
t  max

Das Bild 2.3 zeigt, daß man mit dem vereinfachten Wärmenetz auf der „sicheren“
Seite liegt, weil die Verläufe der Wicklungs- und der Öltemperatur bei Überlast steiler
ansteigen. Für den vorliegenden Belastungsfall mit abschnittsweise konstanten La-
sten kann die zulässige Überlastdauer einfach abgeschätzt werden.

t zul S S 1,3 S t zul


 2 ln nT 
aT nT
  0,5 (2.3)
 max SaT  max

3. Erwärmungsverhalten von Kabeln

Wenn man für die Wärmespeicherung nur die metallischen Elemente Leiter, Mantel
(Schirm) und Bewehrung berücksichtigt und für die Wärme übertragenden nur die
Leiterisolation, die innere und die äußere Schutzhülle, dann erhält man für ein Kabel
das Wärmenetz nach Bild 3.1.

RwI 2n RwI 2n RwiS RwaS

Bild 3.1: n PvL n CwL PvM CwM PvB CwB Rwa


PvD
Wärmenetz eines Kabels

Sämtliche Wärmekapazitäten und die Wärmewiderstände der Isolation RwI, der inne-
ren und der äußeren Schutzhülle RwiS und RwaS ergeben sich aus dem Aufbau des
Kabels. Lediglich der äußere Wärmewiderstand Rwa hängt von der Legungsart ab.
Die lastabhängigen Verluste in den n Leitern n PvL, im Mantel PvM und in der Beweh-
rung PvB sind Ergebnis einer Stromverdrängungsberechnung und hängen sämtlich
von der Höhe des Leiterstromes ab. Die spannungsabhängigen dielektrischen Verlu-
ste PvD fallen nach dem Wärmenetz in der Mitte der Leiterisolation an. Sie werden bei
Niederspannungs- und oft auch bei Mittelspannungskabeln vernachlässigt. Das Wär-
menetz besitzt drei thermische Zeitkonstanten. Diese betragen z.B. für ein 150-kV-
Drehstromseekabel zur Netzanbindung eines Off-shore-Windparks, das 3 m tief im
Seeboden verlegt ist und einen Leiterquerschnitt von 1200 mm2 besitzt

 w   26 440 7093  s (3.1)

Das lastabhängige Erwärmungsverhalten eines Kabels wird gewöhnlich aber nur


durch ein stark vereinfachtes Wärmenetz mit lediglich einer thermischen Zeitkon-
stante nach Bild 3.2 nachgebildet.

Rw
Bild 3.2:
Vereinfachtes Wärmenetz eines Kabels Pvg CwL

Seine Parameter sind aus den Belastbarkeitstabellen der Kabelhersteller ermittelbar.


Für eine Reihe von Niederspannungs-Kunststoffkabeln NYY erhält man z.B. für die
Verlegung in Erde unter Nennlegungsbedingungen die Zeitkonstanten

A mm2 25 150 185 240 300 400 500


(3.2)
w s 368 1820 2165 2684 3278 4439 5523

Die thermischen Zeitkonstanten für Kabel nehmen mit steigendem Querschnitt zu.
Das rührt daher, daß die Wärmeleitwerte im Gegensatz zu den Wärmekapazitäten
nicht dem Leiterquerschnitt proportional sind, sondern weniger stark zunehmen.
Nach den Gleichungen (3.1) und (3.2) sind sie daher erst für große Leiterquer-
schnitte mit denen von Transformatoren vergleichbar. Kabel sind also in der Regel
thermisch nicht so träge wie Transformatoren und daher auch nicht in gleicher Weise
überlastbar.
4. Lastgänge in einem städtischen Verteilungsnetz

Für das Verteilungsnetz einer Stadt mit etwa einhunderttausend Einwohnern sind die
im Bild 4.1 dargestellten Tages-Ganglinien der Belastung gegeben.

P
Pmax pG pH

pHG

pS
Bild 4.1:
Tages-Ganglinien der Tn  24 h
Netzlast 0
0 0,5 T Tn 1

Die Linie pH zeigt den typischen Verlauf für Haushalte, die Linie pG für Gewerbe und
die Linie pHG stellt den Belastungsgang eines Stadtgebietes mit 30 % Haushalts- und
70 % Gewerbelast dar. Die Gewerbelast zieht die Zeit maximaler Belastung, die bei
den Haushalten in den Abendstunden liegt, in die Mitte des Tages. Dadurch fällt die
Zeit hoher Belastung recht gut mit der Ganglinie pS photovoltaischer Stromerzeugung
zusammen, so daß der solar erzeugte Strom zu einem mehr oder weniger großen
Teil unmittelbar im gleichen Gebiet genutzt werden kann. Das trägt sehr zur Wirt-
schaftlichkeit der Photovoltaikanlagen bei, denn elektrische Energieversorgung ist
unabhängig von der Größe der Erzeugungseinheiten immer dann besonders wirt-
schaftlich, wenn Erzeuger- und Abnehmerschwerpunkte dicht beieinander liegen.

Die Kenndaten Belastungsgrad m, Lastverhältnis m0 und Benutzungsstundenzahl der


Höchstlast Tm der vier Ganglinien betragen

Ganglinie pH pG pHG pS
m 0,668 0,642 0,689 0,327
(4.1)
m0 0,302 0,330 0,345 0
Tm h 16,02 15,41 16,53 7,84

Die gewichtete Überlagerung der Ganglinien der Last des Stadtgebietes und der
Photovoltaikanlagen zu einem Mischbelastungsgang erhält man mit der Gleichung
PS max
pM  pHG  kS pS mit kS  (4.2)
PHG max

In Gleichung (4.2) ist kS das Verhältnis aus maximaler solarer Erzeugerleistung PSmax
und Maximallast PHGmax. Bild 4.2 zeigt ein Beispiel für kS = 2. Da für die Belastung
der Betriebsmittel die Lastflußrichtung ohne Bedeutung ist, ist hier der Betrag der
Mischlast maßgebend.

P
pHG
Pmax

pM
Bild 4.2:
Ganglinie mit solarer pS Tn  24 h
Stromerzeugung 0
0 0,5 T Tn 1

Nach dem Beispiel scheint es zweckmäßig zu sein, die maximale Erzeugerleistung in


der Größenordnung der doppelten Last anzusetzen, weil sich die maximale Bela-
stung der Betriebsmittel dadurch nur unwesentlich ändert. Wie weit man tatsächlich
gehen kann, wird die Belastungsberechnung zeigen.

Für die Ermittlung der lastabhängigen Verluste wird statt des Belastungsganges die
Ganglinie der Scheinleistung benötigt, die bei konstanter Spannung der Ganglinie
des Belastungsstromes entspricht. Für diese gibt es leider aus historischen Gründen
keine zu den Belastungsgängen adäquaten Aufzeichnungen. Mit smart metering
bzw. smart grids könnte diese Lücke leicht geschlossen und damit die Qualität der
Netzplanung verbessert werden. Da der Blindleistungsverlauf normalerweise nicht
bekannt ist, müssen dazu Annahmen getroffen werden. Dafür hat sich der Ansatz
von Holmgreen-Rung durchgesetzt und bewährt

2
 Q t    P t  
    (4.3)
 Qmax   Pmax 
Er geht davon aus, daß die Wirkleistung bei konstanter Spannung dem Strom, die
Blindleistung einer Reaktanz aber dem Quadrat des Stromes proportional ist. Mit
Gleichung (4.3) kann die Ganglinie des Scheinleistungsquadrates aus dem Bela-
stungsgang abgeleitet werden.

2
2  St  
s t     
  max p t   1  max p t  mit max 
2 2 2 Pmax
(4.4)
 Smax  Smax

2
 S 
S 
 max 

pM
Bild 4.3:
Ganglinie des 2
sM
Scheinleistungs- Tn  24 h
2
pM
quadrates 0
0 0,5 T Tn 1

Als Leistungsfaktor max in Gleichung (4.4) wird der mittlere Leistungsfaktor im Vertei-
lungsnetz angenommen. Er ist mit  = 0,94 angegeben. Im Bild 4.3 ist der Verlauf
des Scheinleistungsquadrates für die Mischlast mit kS = 2 im Vergleich zum Bela-
stungsgang und seinem Quadrat angegeben. Da die stromabhängigen Verluste bei
konstanter Spannung dem Quadrat der Scheinleistung proportional sind, ist mit den
gegebenen Daten die Erwärmungsberechnung durchführbar. Als Beispiel dient ein
630-kVA-Transformator, der in dem Verteilungsnetz am häufigsten vorkommt.

5. Belastung eines Netztransformators ohne solare Einspeisung

Der 630-kVA-Transformator besitzt die Kurzschluß- und die Leerlaufverluste

Pvk  5200 W und Pvl  1400 W (5.1)


Die maximalen Übertemperaturen der Wicklung und des Öls sind für eine Nenn-
Umgebungstemperatur von 50 C angegeben. Im folgenden wird jedoch auch von
einer Umgebungstemperatur von 35 C ausgegangen.

u  50 C  Wzul  55 K und Ölzul  45 K


(5.2)

u  35 C  Wzul  70 K und Ölzul  60 K

Die Transformatoren des Verteilungsnetzes sind im Mittel zu

S P  S
kam  aTm  0,45  kLm  Lm  max aTm  0,42 (5.3)
SnT SnT SnT

ausgelastet. Die mittlere Last beträgt etwa 42 % der Nennleistung. Bei dieser Ausla-
stung wird der Transformator nach seinen Parametern annähernd mit maximalem
Wirkungsgrad betrieben.

Zur Erwärmungsberechnung wird die Zustandsgleichung des Wärmenetzes für


periodischen Betrieb mit der Periodendauer von einem Tag gelöst. Bei normaler Be-
lastung des Transformators nach der Ganglinie pHG betragen seine maximale Ausla-
stung und die Übertemperaturen der Wicklung und des Öls

S
ka max  aT max  0,649 und W  25,4 K sowie Öl  21,9 K (5.4)
SnT

Die Parameter der maximal zulässigen Auslastung bei Belastung nach der Ganglinie
pHG betragen für beide Umgebungstemperaturen nach Gleichung (5.2) dagegen


u C ka max kam
35 1,27 0,94 (5.5)
50 1,10 0,81

Die Zahlen in (5.5) belegen, daß der größere Auslastungsgewinn nicht etwa aus der
thermischen Trägheit des Transformators folgt, sondern aus einer niedrigeren Umge-
bungstemperatur. Die thermische Trägheit hat auch für alle anderen Belastungs-
gänge unter Nennbetriebsbedingungen keinen allzu großen Einfluß, wenn für die Be-
nutzungsstundenzahl der Höchstlast gilt

Tm  3  w max (5.6)
Dann werden die stationären Übertemperaturen meistens erreicht. Im Bild 5 sind die
Temperaturverläufe mit der Ganglinie des Scheinleistungsquadrates dargestellt.

70


W

Öl 2
sHG

Bild 5:
Verläufe der
Tn  24 h
Übertemperaturen von
 u  35 C
Wicklung und Öl 0
0 0,5 T Tn 1

6. Belastung eines Netztransformators mit solarer Einspeisung

Für die Belastung des Trafos mit solarer Einspeisung sind drei Fälle interessant:

1. Der Transformator maximal zulässig nach der Ganglinie pM belastet.


2. Er wird mit mittlerer Last nach der Ganglinie pHG, überlagert mit einer solaren
Erzeugerleistung maximal zulässig belastet.
3. Er wird mit der Ganglinie pS maximal zulässig belastet.

Die Berechnung des Erwärmungsverhaltens führt zu folgenden Ergebnissen

Fall ka max kam PHGm kW PS max kW PSm kW


1 1,33 0,84 495 1438 497
(5.7)
2 1,39 0,52 265 1172 383
3 1,34 0,44 0 843 275

Die solare Erzeugerleistung PSmax darf umso größer sein, je höher die Netzlast des
Transformators ist. Er ist bei zulässiger Beanspruchung dann am schlechtesten
ausgelastet, wenn seine Last null ist, also wenn er z.B. ausschließlich zur Anbindung
eines Solarparks an das elektrische Energieversorgungsnetz dient. Die angegebene
Transformatorauslastung ist auf einen Sommertag mit hoher solarer Erzeugerlei-
stung bezogen. Sie wird besonders im letzten Fall deutlich geringer, wenn man sie
auf ein Jahr bezieht.

Im Bild 6.1 sind als Beispiel die Temperaturverläufe für den Fall 3 zusammen mit der
Ganglinie des Scheinleistungsquadrates angegeben. Die thermische Trägheit führt
hier zu einem Gewinn, denn stationär würde sich bei der angegebenen Auslastung
eine Wicklungsübertemperatur von etwa 100 K einstellen.

70


W

sS2

Öl
Bild 6.1:
Verläufe der
Übertemperaturen von
Tn  24 h
Wicklung und Öl für den
 u  35 C
Fall 3 0
0 0,5 T Tn 1

Das Erwärmungsverhalten von Kabeln wird in der gleichen Weise berechnet. Wegen
der kleineren thermischen Zeitkonstanten ist der Auslastungsgewinn durch ihre
thermische Trägheit geringer als bei Transformatoren.

7. Zusammenfassung

Solare Stromversorgung sollte im besten Sinne des Wortes dezentral sein, mit
geringen Entfernungen zwischen Erzeugung und Abnahme. Dann läßt sich der
meiste Strom bei vergleichsweise guter Auslastung der elektrischen Betriebsmittel
erzeugen. Den größten Gewinn erzielt man dabei, wenn die Auslastung bereits ohne
Berücksichtigung der Erzeugung hoch ist.

Während des Sommers liegt die Benutzungsstundenzahl der Höchstlast solarer Ein-
strahlung mit etwa acht Stunden in der Größenordnung der dreifachen maximalen
thermischen Zeitkonstante der Netztransformatoren. Das schmälert den Gewinn an
Überlastbarkeit durch Ausnutzung der thermischen Trägheit. Die maximale thermi-
sche Zeitkonstante legt es außerdem nahe, daß als Lastperiode für die deterministi-
sche Ermittlung der zulässigen Auslastung der Tag mit der höchsten solaren Ein-
strahlung gewählt werden sollte. Bei höheren Auslastungen muß mit Lebensdauer-
verlust gerechnet werden. Von der bewußten Inkaufnahme eines Lebensdauerverlu-
stes ist jedoch gegenwärtig abzuraten, weil es über den Zusammenhang zwischen
Überbeanspruchung und Lebensdauer noch keine gesicherten Erkenntnisse gibt.

Die dargestellten Beispiele zeigen die Grenzen der Betriebsmittelbelastbarkeit unter


Ausnutzung der thermischen Trägheit bei deterministischer Betrachtung. Wie weit
man sich praktisch diesen Grenzen nähert, bleibt der Entscheidung des Energiever-
sorgers überlassen, da er daneben noch weitere Kriterien, wie z.B. Versorgungszu-
verlässigkeit, Überlastbarkeit in Störungszuständen, perspektivische Entwicklung der
Netzlast, zu berücksichtigen hat.

Literatur:

[1] Kerber, G.; Witzmann, R.


Loading capacity of standard oil transformers on photovoltaic load profiles
World Renewable Energy Congress (WRECX) Editor A. Sayigh  2008, S. 1198 – 1203
[2] Witzmann, R.; Kerber, G.
Aufnahmefähigkeit der Verteilnetze für Strom aus Photovoltaik
Elektrizitätswirtschaft 106 (2007), Heft 4, S. 50-54
[3] Kerber, G.; Witzmann, R.
Empfehlung zur Richtlinie zum Anschluß von Erzeugungsanlagen an das NS-Netz
TU München, 15.05.2009
[4] Scheffler, J.
Bestimmung der maximal zulässigen Netzanschlußleistung photovoltaischer
Energiewandlungsanlagen in Wohngebieten
Dissertation der TU Chemnitz, Fakultät Elektrotechnik und Informationstechnik 2002
[5] Mehlmann, G.; Böhm, M.; Keil, T.; Jäger, J.
Advanced planning methods maintaining reliability and power quality in networks with
distributed generation, 2008 China International Conference on Electricity Distribution
[6] Heinhold, L.; Stubbe, R. (Hrsg.)
Kabel und Leitungen für Starkstrom
Publicis MCD Verlag, Erlangen 1999
[7] Herold, G.
Elektrische Energieversorgung I – V
Schlembach Fachverlag, Wilburgstetten 2003 - 2011
Die Stromversorgung aus regenerativen Quellen und ihre Zwänge
Gerhard Herold
Lehrstuhl für Elektrische Energieversorgung der
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

1. Stromversorgung als Aufgabe der Infrastruktur


Die Stromversorgung ist eine zentrale Aufgabe der Infrastruktur moderner Gesellschaften, deren Verzicht im
täglichen Leben nicht mehr vorstellbar ist. Aber nur etwa 20 % des Energiebedarfs in Deutschland wird über
Strom gedeckt und nur ein Viertel davon wird in privaten Haushalten verbraucht. In der Menge benötigter elekt-
rischer Energie liegt die hohe Bedeutung von Strom also nicht. Sie liegt einerseits vielmehr darin, daß die Wirt-
schaftskraft und der damit einhergehende Wohlstand wegen der Vorzüge elektrischer Energie fest an Strom
gekoppelt sind. Andererseits ist Strom die Grundlage aller Automatisierungs- und Informationstechnik, selbst
dort, wo er als Energiequelle keine Bedeutung besitzt, also sein Beitrag zur Energieversorgung des Prozesses
selbst vernachlässigbar ist. Gerade dadurch ist eine totale Abhängigkeit von Strom entstanden. Wegen der
Unumkehrbarkeit dieser Entwicklung ist die Umstellung der Stromversorgung auf neue, regenerative Primär-
energiequellen nicht einfach nur eine Maßnahme der „Energiewende“, sondern sie kommt einem Eingriff in das
zentrale Nervensystem moderner Staaten gleich, der mit Achtsamkeit, Umsicht und Weitblick ausgeführt werden
muß.

2. Prozeß der elektrischen Energieversorgung


Alle von Menschen angestrebte Entwicklung sollte sich am Ideal orientieren, wenn auch dieses niemals erreich-
bar sein wird. Der ideale Prozeß der Stromversorgung verläuft bei konstanter Leistung, wie jeder andere Trans-
portprozeß bei konstantem Mengendurchsatz pro Zeiteinheit ebenfalls ideal verläuft. Dieses Ideal zeichnet sich
durch geringsten Materialaufwand, minimale Verluste und maximalen Wirkungsgrad aus. Bei frei verfügbaren
Ressourcen sind die Kosten des idealen Prozesses minimal. Minimale Kosten, „Bezahlbarkeit“ aber scheinen für
die „Energiewende“ keinesfalls auszureichen, wenn aus ihr keine „Rohstoffkrise“ erwachsen soll.
In kleinen Zeiten betrachtet, ist der ideale Prozeß der Stromversorgung nur bei Gleichstrom oder Drehstrom mit
sinusförmigen und symmetrischen Strömen und Spannungen durchführbar, da die Leistung nur bei diesen beiden
Stromsystemen zeitlich konstant sein kann. Aber auch dann wird der reale Prozeß wegen der Unterschiede zwi-
schen Tag und Nacht, dem Wechsel der Jahreszeiten und den damit einhergehenden Lebens- und Wirtschaftsge-
wohnheiten vom Ideal abweichen. Die äußerst volatile Stromerzeugung aus Wind und Sonne trägt in starkem
Maße zu den Abweichungen vom Ideal bei.

400
Deutschland Europa
80 P
P
GW
GW
300
60

 Januar  Juli
200  Februar  August
40  Januar  Juli  März  September
°
 Februar  August  April  Oktober
 März  September  Mai  November
°
 April  Oktober  Juni  Dezember
100
20  Mai  November D maximal
 Juni  Dezember
D minimal
berechnet aus
0 Statistical Yearbook (UCTE) 2008
0
0 6 12 18 24 0 6 12 18 24
Uhrzeit h Uhrzeit h

Bild 1: Tagesbelastungsgänge im deutschen und im europäischen Verbundnetz


Die Tagesbelastungsgänge nach Bild 1 im deutschen und im europäischen Verbundnetz sind sehr ähnlich. Sie
unterscheiden sich lediglich in der Höhe der Leistungen. Das Geschäfts- und Wirtschaftsgeschehen hat Europa
„synchronisiert“, d.h., der Belastungsausgleich infolge der territorialen Ausdehnung unseres Erdteils ist gering.
2 Gerhard Herold: Die Stromversorgung aus regenerativen Quellen und ihre Zwänge

3. Beanspruchung der Systemelemente bei der Stromversorgung


Der Prozeß der Stromversorgung führt zu einer Beanspruchung der Komponenten und Betriebsmittel elektri-
scher Netze, die nahezu unabhängig voneinander durch Belastung mit Strom und Spannung hervorgerufen wird.
Der Aufwand für eine aus Strom und Spannung gebildetete Leistung ist deshalb minimal, wenn die Aufwände
für die Stromleitung und für die Spannungsisolation gleich sind. Ein elektrisches Energieversorgungssystem
muß daher mehrere Spannungsebenen besitzen. Da Gleichstrom nicht transformierbar ist, bleibt als Stromsystem
nur Drehstrom mit symmetrischen Strömen und Spannungen übrig. Das soll hier die Hochspannungs-
Gleichstrom-Übertragung (HGÜ) einschließen, deren Enden stets mit Drehstromnetzen verbunden sind.
Innerhalb einer Spannungsebene steigt das Volumen des Leitermaterials und mit ihm die Stromleitungsverluste
stärker als quadratisch mit dem Strom bzw. der Leistung an. Je größer die Leistung ist, desto höher muß die
Spannung sein, wenn ein Netz ressourcenschonend errichtet und betrieben werden soll. Auch bei Speisung aus
regenerativen Quellen kann somit der Leistungsfluß nicht einfach vom Nieder- zum Hochspannungsnetz umge-
dreht werden. Das ist nur in einer Übergangszeit zu rechtfertigen. Eine zukunftsträchtige Lösung erfordert neue,
der regenerativen Stromerzeugung angepaßte Netzkonzepte.
Die Übertragung elektrischer Energie ist aufwändiger als der Transport von Gas, Kohle und vieler anderer Ener-
gieträger. Abnehmer- und Erzeugerschwerpunkte sollten daher mit der höchsten Erzeugerleistungsdichte in oder
in der Nähe von Ballungszentren dicht beieinander liegen. Praktisch wird, häufig aus guten Gründen, von diesem
Ideal der dezentralen Stromversorgung oft abgewichen, z.B. weil die Vorteile und Synergien des Verbundbetrie-
bes mit Kraftwerken unterschiedlicher Betriebscharakteristik oder Wasserkraft bzw. nicht transportwürdige
Braunkohle genutzt werden sollen. Auch eine territorial unausgeglichene Windstromerzeugung führt zu einer
stärkeren Trennung von Abnehmer- und Erzeugerstandorten. Und schließlich gelten in der marktwirtschaftlich
orientierten Elektrizitätswirtschaft mit ihrem ausgeprägten Stromhandel andere Kriterien, die ein kostspieligeres
Netz verlangen.
Bei gegebener Beanspruchung durch Strom und Spannung ist die Nennleistung eines elektrischen Betriebsmit-
tels dem Produkt zweier Querschnittsflächen, also der vierten Potenz einer Länge, proportional. Die Leistung
wächst somit stärker als das Volumen oder die Masse. Wegen der ebenfalls dem Volumen proportionalen Verlu-
ste steigt mit der Leistung der Wirkungsgrad. Ein elektrisches Betriebsmittel wird deshalb sowohl im Hinblick
auf den Materialeinsatz als auch auf die Betriebsverluste um so wirtschaftlicher, je größer seine Leistung ist.
Daraus erklärt sich der Trend zu immer größeren Bau- und Nennleistungen, der jedoch aus hier nicht zu bespre-
chenden Erwägungen seine Grenzen hat. Für die regenerative Stromerzeugung ist die Umkehrung dieses Wach-
stumsgesetzes von großer Bedeutung, denn man muß wissen, daß viele kleine Stromerzeuger mehr Material be-
nötigen, mit größeren Verlusten arbeiten und einen niedrigeren Wirkungsgrad besitzen als ein entsprechend
großer. Regenerative Stromerzeugung muß allein aus diesem Grund aufwändiger sein als konventionelle.

4. Abnehmer der Stromversorgung


Der entscheidende Vorteil der Stromversorgung besteht in ihrer absoluten Freizügigkeit. Jeder Abnehmer kann
bei passenden Anschlußbedingungen völlig frei entscheiden, wann, wie lange und mit welcher Leistung er Strom
beziehen will, solange es dem Versorger technisch und wirtschaftlich gelingt, die Erzeugung ständig mit der dy-
namisch veränderlichen Abnahme im Gleichgewicht zu halten.
Der Elektroherd nach Bild 2, oben links, stellt eine sehr unausgeglichene Last dar. Wollte man nur für ihn ein
„Kraftwerk“ bauen, so müßte es eine Leistung von 3800 W besitzen. Könnte man dagegen die zum Kochen
benötigte elektrische Energie über eine Zeit von vierundzwanzig Stunden beziehen, dann bräuchte man ein
„Kraftwerk“ mit einer Leistung von nicht mehr als 335 W und würde so die Wirtschaftlichkeit der Stromversor-
gung erhöhen. Da die weiteren Abnehmer im Einfamilienhaus eine andere Betriebscharakteristik als der
Elektroherd besitzen, sorgen sie nach Bild 2 für einen Belastungsausgleich. Einen zusätzlichen Ausgleich der
Last erhält man durch die Erhöhung der Abnehmerzahl, d.h., die Vergrößerung des Versorgungsgebietes, da sich
selbst gleichartige Abnehmer nicht gleich verhalten.
Die Diversifizierung der Abnehmerstruktur durch ständig neue Stromanwendungen besitzt für die elektrische
Energieversorgung eine ganz besondere Bedeutung. An ihrem Anfang steht als zweiter Abnehmer neben dem
Licht der Motor (Licht & Kraft) mit völlig anderer Betriebscharakteristik, da er zu jeder Tageszeit gebraucht
werden kann. Im Laufe der Zeit sind viele weitere Abnehmer hinzugekommen und haben zum Ausgleich des
Lastganges beigetragen. Das Paradox, daß der wirtschaftliche Einsatz eines Gutes nicht etwa zur Abnahme des
Verbrauchs, sondern vielmehr zu seiner Zunahme führt, das der Brite Jevons bereits Mitte des neunzehnten Jahr-
hunderts für die Kohlenutzung gefunden hatte, ist so in der Stromversorgung zur vollen Geltung gekommen und
hat schließlich unumkehrbar zur völligen Abhängigkeit hochentwickelter Länder von elektrischer Energie ge-
führt. Effizienzsteigerung scheint also kein Erfolgsrezept für eine „Energiewende“ zu sein.
Gerhard Herold: Die Stromversorgung aus regenerativen Quellen und ihre Zwänge 3

5 5
P Elektroherd P Einfamilienhaus
kW kW Pmax = 4100 W
4 Pmax = 3800 W 4

3 Diversität der Abnehmerstruktur


3

2 2

Pmittel = 1088 W
1 hl 1
za
Pmittel = 335 W er
hm
0 bne 0
5 A 10
P 500 Einfamilienhäuser P Region
100kW MW
4 Pmax = 380 kW 8
Pmax = 6800 kW

3 6
Pmittel = 5613 kW

2 Pmittel = 177 kW 4

Diversität & Abnehmerzahl


1 2

0 0
0 4 8 12 16 20 24 0 4 8 12 16 20 24
t h t h

Bild 2: Abnehmerstruktur in der elektrischen Energieversorgung

Mit der zeitlichen Verschiebung, also der Vorwegnahme oder dem Aufschub, des Strombezugs kann der
Lastgang weiter geglättet und dem Ideal angenähert werden. Das verlangt immer Speicher im weitesten Sinne
und schränkt womöglich die Freizügigkeit der Abnehmer ein. Ein Beispiel dafür ist die altbekannte Nachtspei-
cherheizung, die die Wärme zum Heizen vorweg (nachts zuvor) aus Strom erzeugt, damit den heimischen Wär-
mespeicher füllt, um sie später (tags darauf) zu nutzen. Mit moderner Informationstechnik (smart grids) sind
heute weitere Anwendungen erschließbar.
Der Stromversorger kann aber auch Speicher im elektrischen Netz, die dem Abnehmer verborgen bleiben, ein-
setzen, die er mit vorab produzierter Energie lädt, um daraus später Strom zu erzeugen, wenn die Lastsituation es
verlangt. Die Wirkung eines Pumpspeicherkraftwerkes wird am Beispiel des Lastganges nach Bild 2, unten
rechts, im Bild 3 gezeigt. Die rote Linie markiert den Lastgang, die Fläche darunter ist der elektrischen Last-
energie proprotional.
10
P
MW
8
Pmax = 6800 kW

6 Pmax K
Pmittel = 5613 kW
4 Pmin = 4110 kW
Pumpbetrieb
Generatorbetrieb
2
Speicherwirkungsgrad 75 %

Bild 3: 0
Lastgang mit Pumpspeicherwerk 0 4 8 12 16 20 24
t h
4 Gerhard Herold: Die Stromversorgung aus regenerativen Quellen und ihre Zwänge

Im Lasttal (hier von etwa 20 Uhr bis 4 Uhr) arbeitet das Pumpspeicherwerk im Pumpbetrieb, also als Last. Die
blauen Flächen im Bild 3 entsprechen der dabei aufgenommenen Energie. In den Zeiten hoher Last arbeitet es im
Generatorbetrieb, also als Erzeuger. Die okerfarbene Fläche im Bild 3 steht für die abgegebene Energie, die
wegen der Speicherverluste um ein Viertel kleiner ist als die aufgenommene, weil hier ein Wirkungsgrad von
75 % angenommen wurde. Die blaue Linie stellt den neuen Lastgang für die Kraftwerke dar. Die maximale
Kraftwerksleistung ist mit Pumpspeicherwerk kleiner als die maximale Last. Sie beträgt nur noch etwa 5800 kW.
Gleichzeitig wird die minimale Kraftwerksleistung angehoben und so die Ganglinie weiter geglättet.

5. Parameter der Last


Bereits das einfache Beispiel des Elektroherds als Last zeigt, daß die Angabe der zum Kochen benötigten Ener-
gie für seine Charakterisierung nicht nur unzureichend ist, sondern sogar in höchstem Maße irreführend. Der
Haushalt benötigt zum Kochen nach Bild 2 täglich eine Energie von WHerd = 335 W ∙ 24 h ≈ 8 kWh. Aber nie-
mand könnte mit dieser Energiemenge kochen, wenn sie gleichmäßig über 24 Stunden zugeführt würde. Um die
Mittagszeit muß der Herd mit einer Leistung von 3800 W arbeiten, damit das Essen gelingt. Mit dieser Leistung
würde er die gesamte Kochenergie in nur 2,12 Stunden (≈ 127 Minuten) aufnehmen. Nach dem Bild arbeitet der
Herd tatsächlich vier Stunden pro Tag, weil die Mahlzeiten morgens und abends nicht so aufwändig sind wie
mittags. Der Elektroherd wird im privaten Haushalt demzufolge schlecht ausgelastet, aber es liegt nicht an ihm.
Bei einem Gas- oder gar Kohleherd wäre es auch nicht anders. Es liegt an unseren Lebensgewohnheiten, die
diesen unausgeglichenen Energieverbrauch verlangen. Im wirklichen Leben ist der gesamte Energieverbrauch
wie in diesem Beispiel zeitlich immer unausgeglichen. Aus diesem Grunde ist es stets falsch, z.B. eine Anlage
zur regenerativen Stromerzeugung nur nach der erzeugten Energiemenge zu charakterisieren.
Das Beispiel zeigt, dass neben der Energiemenge zur Prozeßcharakterisierung immer zusätzlich die Angabe der
maximalen Leistung, mit der diese Energie bezogen (oder erzeugt) wird, nötig ist, da das System in der Lage
sein muß, diese bei zulässigen Beanspruchungen bereitzustellen. Der Belastungsgrad m als das Verhältnis von
mittlerer zu maximaler Leistung bringt das auf einfache Weise zum Ausdruck.
Pmittel W
m= = (5.1)
Pmax Tn Pmax
In Gleichung (5.1) ist Pmittel die mittlere Leistung, W die (am Zähler abgelesene) elektrische Energie, die wäh-
rend der Dauer Tn (z.B. ein Tag, ein Jahr) verbraucht wurde, und Pmax stellt die in diesem Zeitraum aufgetretene
maximale Leistung dar. Der ideale Betrieb mit dem Belastungsgrad von eins wird allein durch die mittlere Lei-
stung Pmittel beschrieben, denn W = Pmittel ∙ Tn. Besonders bei längeren Dauern (z.B. 1 Jahr ≡ 8760 Stunden)
verwendet man als weiteres Maß die sogenannte Benutzungsdauer (der Höchstlast) Tm als die Dauer, während
der mit konstanter maximaler Leistung Pmax die benötigte Energiemenge W geliefert bzw. bezogen wird.
Pmittel W T P T
m= = = m max = m (5.2)
Pmax Tn Pmax Tn Pmax Tn
Die Parameter der Last im deutschen und im europäischen Verbundnetz nach Bild 1 betragen
Pmax GW Pmittel GW Pmin GW W TWh m Tm h a
D 82, 2 66,8 48, 7 585 0,812 7113 (5.3)
Eu 392, 4 310,1 217,1 2717 0, 790 6920
Für Deutschland bringen die Zahlen in (5.3) zum Ausdruck, daß sich die gesamte innerhalb eines Jahres benö-
tigte elektrische Energie mit einer mittleren Karftwerksleistung von 66,8 GW über eine Dauer von 8760 Stunden
erzeugen ließe. Die Unausgeglichenheit der Last verlangt aber eine maximale Leistung von 82,2 GW zur Erzeu-
gung des benötigten Stroms. Dafür würde ein Kraftwerkspark mit maximaler Leistung nur 7113 Stunden benöti-
gen und ist damit nur zu 81,2 % ausgelastet.
Belastungsgrad und Benutzungsstundenzahl drücken auf verschiedene Weise die Unausgeglichenheit des Pro-
zesses aus. Sie können zur Charakterisierung der gesamten Last, zusammengesetzter Abnehmer (Regionen, Orte,
Betriebe, Gebäude usw.) oder einzelner Abnehmer (Motor, Lampe) dienen. In der Erzeugung sind sie sowohl auf
einzelne Stromerzeuger als auch auf komplexere Kraftwerke oder ganze Kraftwerksparks (Braunkohle-, Stein-
kohle-, Gas-, Kernkraftwerke) anwendbar, wobei aber die Ursachen der Unausgeglichenheit zu berücksichtigen
sind. Der Belastungsgrad einer Windenergieanlage oder einer Solaranlage ist in der Regel wegen des geringen
Primärenergiedargebots niedrig, während der niedrige Belastungsgrad eines Pumpspeicherwerkes oder eines
gasbetriebenen Spitzenkraftwerkes vorwiegend durch den Lastgang, also die Erfordernisse des Systembetriebes,
erzwungen wird. In einer vollintegrierten Stromversorgung tragen die Spitzenkraftwerke, richtig eingesetzt,
trotzdem zur Erhöhung der Wirtschaftlichkeit bei, während eigennützige Stromerzeuger in der liberalisierten
Gerhard Herold: Die Stromversorgung aus regenerativen Quellen und ihre Zwänge 5

Elektrizitätswirtschaft nur über den Energiepreis zur Errichtung und zum Betrieb von Spitzenkraftwerken ange-
reizt werden können, ein gewichtiges Hindernis für die „Energiewende“.
Durch den Übergang von der Gang- zur Dauerlinie mit der Größe nach geordneten Leistungen (ab- oder
aufsteigend) im Bild 4 wird die konkrete Zeitabhängigkeit der Last eliminiert, um dann später doch Aussagen
über Extremfälle der Zeitabhängigkeit treffen zu können.

Pmax

Pmin

Bild 4:
Gang- und Dauerlinie
Uhrzeit h Dauer t h

Die Dauerlinie liegt nach Bild 5 zwischen zwei Extremen, dem idealen Prozeß mit mittlerer Leistung Pmittel über
die gesamte Dauer Tn und dem extrem unausgeglichenen Prozeß mit maximaler Leistung Pmax nur über die Be-
nutzungsdauer Tm. Die okerfarbene Fläche unter der roten Dauerlinie ist der elektrischen Energie des Prozesses
proportional und den graugefüllten Rechtecken in Bild 5 jeweils flächengleich.
Pmax
P
Pmittel ideal

Bild 5: Pmin
Dauerlinie zwischen
zwei Extremen
t Tn Tm t Tn

6. Quellen der Stromversorgung und Speicherung


Speicher in einem Energiesystem entkoppeln Erzeugung und Verbrauch. Bei ausreichender Speicherkapazität
können Erzeugung und Verbrauch unabhängig voneinander behandelt und ggf. optimiert werden. Ein Beispiel
dafür ist der Öltank in einem Eigenheim. Besitzt er eine ausreichende Größe, dann kann über die Betankung in
Abhängigkeit von der Ölpreisentwicklung entschieden und trotzdem relativ freizügig geheizt werden. Es gehört
zu den schwerwiegenden Nachteilen der Stromversorgung, daß elektrische Energie in den dafür erforderlichen
Mengen weder direkt noch indirekt speicherbar ist. Die größten gegenwärtig verfügbaren Stromspeicher sind
Pumpspeicherkraftwerke mit einer Speicherkapazität von etwa 40 GWh in Deutschland bei einem gesamten
Strombedarf von annähernd 600.000 GWh pro Jahr. In einem Speicherzyklus sind also nur ca. 0,007 % der
Jahresenergie speicherbar. Selbst bei einer Zyklusdauer (Ladung – Entladung) von nur einem Tag könnten
lediglich 2,4 % der Jahresenergie zwischengespeichert werden.
Die verschiedenen Quellen der Stromversorgung stellen unterschiedliche Anforderungen an die Stromspeiche-
rung. Die Nutzung fossiler Energieträger bedeutet die Entleerung endlicher natürlicher Speicher nach dem je-
weiligen Bedarf. Eine allein darauf aufbauende Stromversorgung käme ohne künstliche Speicher aus. Die vor-
handenen verbessern die Wirtschaftlichkeit und erhöhen die Versorgungssicherheit, wären aber verzichtbar. Der
Gebrauch von Wasserkraft geschieht im natürlichen Wasserkreislauf. Er benötigt künstliche Wasserspeicher zur
Nutzung von Höhenunterschieden und für den haushälterischen Umgang mit veränderlichen Wasserreserven im
Jahreslauf. Der Einsatz von Biomasse ist an die Vergetationsperiode gebunden und verlangt je nach Art künstli-
che Speicher, deren Kapazität bis zur nächsten Ernte reichen muß.
Die direkte Stromerzeugung aus Sonne und Wind wird dagegen allein vom Dargebot bestimmt und erfordert den
Einsatz aufwändiger Erntetechnik bei unvorhersehbarer Ausbeute. Wie überall in Erntezeiten kann großer Über-
fluß herrschen, der jedoch nur nutzbar ist, wenn er konserviert und für Zeiten der Flaute in irgendeiner Form
gespeichert werden kann. Diese Form der Stromerzeugung verlangt also besonders große Speicher oder sie stellt
bei begrenzter Menge nur einen willkommenen Zugewinn dar, wenn der Systembetrieb in zulässigen Grenzen
verlaufen soll.
6 Gerhard Herold: Die Stromversorgung aus regenerativen Quellen und ihre Zwänge

7. Parameter der Windstromerzeugung in Deutschland


Im Bild 6 ist die Entwicklung der Windenergiegewinnung in Deutschland von 1993 bis 2010 dargestellt. Es
zeigt, daß die installierte Leistung PIW und die gewonnene Energie WW mit wenigen Ausnahmen in der gleichen
Weise ansteigen. Unabhängig von der Höhe der installierten Leistung, die im Jahr 2010 in Deutschland etwa
30 GW betrug, sind die Parameter der Gang- und der Dauerlinie etwa gleich geblieben. Ihre Mittelwerte über
den betrachteten Zeitraum sind im Bild angegeben. Die maximale Windleistung PmaxW ist stets kleiner als die
installierte PIW. Das Verhältnis beider beträgt im Mittel 89 %. Das soll später unberücksichtigt bleiben, da si-
chere Stromversorgung ohnehin immer Redundanz verlangt. Belastungsgrad und Benutzungsstundenzahl nach
Bild 6 sagen aus, daß Windenergieanlagen im Mittel nur zu 18,7 % ausgelastet sind. Sie würden die
Jahresenergie erzeugen, wenn sie nur 1643 Stunden (von 8760 Stunden) mit Vollast liefen. Wenn jährlich eine
bestimmte Energiemenge aus Windkraft gewonnen werden soll, dann müssen Anlagen mit einer Gesamtleistung
zur Verfügung stehen, die es erlaubt, diese Menge bei Vollast bereits in 1643 Stunden zu erzeugen.

berechnet aus Daten des


1 Bundesverbandes f. Windenergie e.V. wW
p, w
PIW pIW
pIW =
PIW 2010
Ww
wW =
0,5 WW 2010 mW = 0,187
 PIW TmW = 1643 h a
 pIW =
PIW 2010 Pmax W
= pmax W = 0,89
PIW
Bild 6:  pIW
Stromerzeugung aus Wind in Deutschland 0
93 95 2000 05 10
Jahr

Im Bild 7 sind Beispiele der Windenergienutzung in Norddeutschland angegeben. Das linke Bild zeigt die Gang-
und die Dauerlinie (rot & blau) der windreichsten Woche im Jahr 2002 mit einem außergewöhnlich hohen
Belastungsgrad. Die beiden windreichsten Tage, die unmittelbar aufeinander folgen, sind grau unterlegt. Im
rechten Bild ist die tägliche Windstromernte über das gesamte Jahr 2002 dargestellt.

1 80
berechnet aus Quelle: EON, Dr. H. Bouillon
p Quelle: EON, Dr. H. Bouillon WWd
GWh

m = 0,550

Tn = 7⋅ 24 h = 168 h
0 0
0 0,5 1
01.01
01.01.

T Tn
Jahr 2002

Bild 7: Windstromerzeugung im Gebiet eines Übertragungsnetzbetreibers

Beide Bilder belegen, daß die Windstromerzeugung vollkommen aperiodisch verläuft, wobei aber die Ernte in
den Wintermonaten höher ist als im Sommer. Diese saisonale Energiedifferenz betrug für die Jahre 2008 bis
2011 im Mittel etwa ein Viertel der gesamten Erzeugung. Im Bild 8 ist die Dauerlinie der Windstromerzeugung
zu Bild 7 mit den zugehörigen Kenngrößen angegeben.
Im folgenden Beispiel wird mit dem Belastungsgrad mW bzw. der Benutzungsdauer TmW aus Bild 8 gerechnet.
Beide Werte sind günstiger als die mittleren deutschen Werte nach Bild 6. Die Dauerlinie wird dagegen durch
Gerhard Herold: Die Stromversorgung aus regenerativen Quellen und ihre Zwänge 7

den magentafarbenen linearen Verlauf in Bild 8 angenähert. Dieser verläuft bei gleichen Parametern etwas un-
günstiger als die ursprüngliche Dauerlinie, weil nach ihm fast ein halbes Jahr lang totale Flaute herrscht.
4000
Quelle: EON, Dr. H. Bouillon
P Pmax W = 3530 MW
MW
WW = 7925 GWh
PIW = 4000 MW
mW = 0, 255 TmW = 2235 h a
maW = 0,181 TaW = 1585 h a
2000

PmittelW = 904, 6 MW

Tn = 8760 h
Bild 8:
Dauerlinie der Windstromerzeugung 0
0 0,5 1
T Tn

8. Stromerzeugung allein aus Wind


Ein elektrisches Energieversorgungssystem, dessen Erzeugung allein auf Windenergie beruht, muß über Spei-
cher verfügen, die die Differenz zwischen Erzeugung und Last vollständig ausgleichen können. Schlägt man die
Netzverluste der Last zu, dann wäre das System bei einem Speicherwirkungsgrad von 100 % ideal. In diesem
Fall muß die erzeugte elektrische Energie gleich der in den Lasten verbrauchten sein und mit den Erzeugungs-
parametern und den Lastparametern gilt

WW = Pmax W TmW = WL = Pmax L TmL (8.1)

Die Umstellung von Gleichung (8.1) führt unter Verwendung der Erzeugungsparameter nach Bild 8 und der Last
des deutschen Verbundnetzes nach Gleichung (5.3) auf das Verhältnis von maximaler Windleistung zu Maxi-
mallast.
Pmax W T m 7113 h a 0,812
= mL = L == = = 3,18 (8.2)
Pmax L TmW mW 2235 h a 0, 255
4
P Last
Pmax L Speicher
Erzeuger
wSpL wSpL
1

wL wL
0
wSpG wSpG

−1
wW wW

Dauerlinien von Erzeugung & Last Dauerlinien von Erzeugung & Last
gleich orientiert gegensätzlich orientiert

−4 1
0 T Tn 10 T Tn

Bild 9: Dauerlinien eines Energieversorgungsystems mit reiner Windstromerzeugung


8 Gerhard Herold: Die Stromversorgung aus regenerativen Quellen und ihre Zwänge

Um die Last allein mit Windenergie versorgen zu können, muß die maximale Windleistung unter den idealen Be-
dingungen 318 % der Maximallast betragen. Für die Bestimmung der weiteren Größen aus den Dauerlinien gibt es
zwei Grenzfälle: entweder sind beide Dauerlinen gleich orientiert (beide aufsteigend oder beide absteigend) oder
beide Dauerlinien sind gespiegelt (eine auf- und die andere absteigend). Im ersten Fall trifft die maximale Erzeu-
gung mit der Maximallast zusammen und im zweiten ist die Erzeugung bei minimaler Last maximal. Die Differenz
zwischen beiden Grenzfällen, die im Bild 9 für lineare Dauerlinien dargestellt sind, ergibt den theoretischen Spiel-
raum, der in intelligenten Netzen (smart grids) durch Manipulation der Last (zeitliche Verschiebung des Energiebe-
zugs) ausgeglichen werden kann, wenn das Winddargebot immer voll genutzt werden soll.
Die maximale Ladeleistung des Speichers pmaxSpL, die maximale Erzeuger- bzw. Entladeleistung des Speichers
pmaxSpG und die Ladeenergie des Speichers (Speicherkapazität) WSpL ergeben sich aus den Diagrammen im Bild 9.
Sie betragen
Dauerlinien pmax W pmax SpL pmax SpG wSpL wL
gleichorientiert 3,18 2,18 0,81 0,50 (8.3)
gespiegelt 3,18 2,56 1 0, 61

Die Leistungen sind in Gleichung (8.3) auf die Maximallast bezogen und die Speicherkapazität auf die Lastener-
gie. Der Speicherwirkungsgrad beeinflußt die Ergebnisse sehr. Für einen Wert von ηSp = 75 %, einem unteren
Grenzwert für Pumpspeicherwerke, erhält man
Dauerlinien pmax W pmax SpL pmax SpG wSpL wL 
gleichorientiert 3, 70 2, 70 0,81 0, 65 0,86 (8.4)
gespiegelt 3,82 3, 20 1 0,80 0,83

Der Speicherwirkungsgrad wirkt auch auf den Gesamtwirkungsgrad η des Systems ein, und zwar umso stärker,
je größer die Speicherkapazität ist.
Die absoluten Werte für das deutsche Verbundnetz mit reiner Windstromerzeugung sind mit den Gleichungen
(5.3) und (8.4) bis auf die Speicherkapazität leicht bestimmbar. Der aperiodische Verlauf der Windstromerzeu-
gung legt zunächst einen Jahresspeicher nahe. Seine Speicherkapazität müßte für die deutsche Last zwischen
etwa 390 TWh und 480 TWh liegen. Das ist praktisch nicht realisierbar. Ein Wochenspeicher würde aus heutiger
Sicht nicht ausreichen und ein Monatsspeicher müßte noch immer eine Kapazität von 32 TWh bis 40 TWh, d.h.
das Tausendfache der deutschen Pumpspeicherkapazität, besitzen. Selbst das ist eine heute unvorstellbare Größe.
Die installierte Windleistung betrug in Deutschland im Jahr 2011 etwa 30 GW. Bei voller Verfügbarkeit würde man
damit eine Maximallast mit den deutschen Parametern von etwa 7,9 GW allein versorgen können. Dazu benötigte
man zusätzlich Speicher mit einer Ladeleistung von 25 GW und einer Entladeleistung von 7,9 GW. Die kumulative
Speicherkapazität für ein Jahr müßte etwa 45 TWh betragen. Das ist mehr als das Eintausendfache der heute in
Deutschland verfügbaren Pumpspeicherkapazität. Ein Jahresspeicher wäre also selbst für weniger als ein Zehntel
der deutschen Last nicht realisierbar. Selbst ein Monatsspeicher müßte immer noch eine Speicherkapazität von etwa
3,8 TWh, dem 95fachen der deutschen Pumpspeicherkapazität, besitzen. Windenergieerzeugung ist demnach auf
lange Sicht nur im Verbund mit konventioneller Stromerzeugung nutzbar.

9. Stromerzeugung aus Wind und Sonne


Die Stromerzeugung aus Wind und Sonne bedeutet bei Beachtung spezifischer Eigenschaften nicht einfach nur
die Nutzung zweier verschiedener Quellen. Die saisonalen Energiedifferenzen der Stromerzeugung aus Wind
und Sonne gleichen sich in unseren Breiten aus. Ein Gemisch aus Wind- und Sonnenenergie kann daher min-
dernd auf die Kapazität der Langzeitspeicherung wirken.
Windenergiegewinnung geschieht nur auf unbesiedelten Flächen und ist deswegen nicht dezentral. Die damit
verbundenen Nachteile werden durch das Ungleichgewicht der Erzeugung zwischen Nord- und Süddeutschland
und den Trend ihrer Verlagerung vor die Küsten so verstärkt, daß die Trennung der Erzeuger- und Abnehmer-
schwerpunkte einen aufwändigen Stromtransport in Nord-Süd-Richtung verlangt. Sonnenenergie kann an Land
ebenfalls auf unbesiedelten Flächen gewonnen werden und leider wird das mit allen Nachteilen aufwändig und
bei geringer Ausbeute auch praktiziert. Sie kann dagegen ebenso auf dicht besiedelten bzw. wirtschaftlich ge-
nutzten Flächen mit hoher elektrischer Lastdichte in Strom umgewandelt und dort (zum Teil) genutzt werden.
Eine solche solare Stromversorgung könnte im besten Sinne des Wortes dezentral sein.
Im Bild 10, links, sind die Gang- und die Dauerlinie der solaren Stromerzeugung für einen sonnenreichen Tag
am Sommeranfang in einer kleinen Großstadt dargestellt. Außerdem ist die wesentlich unausgeglichenere Jah-
Gerhard Herold: Die Stromversorgung aus regenerativen Quellen und ihre Zwänge 9

resdauerlinie eingetragen. Die Belastungsgrade und Benutzungsdauern sind im Bild angegeben. Bild 10, rechts,
enthält die Ganglinien typischer Lasten der Stadt mit den dazugehörigen Parametern. Die Linie pH beschreibt
eine Haushaltslast, die Linie pG eine Gewerbelast und die Linie pHG eine Mischlast für ein Stadtgebiet mit 70 %
Gewerbe und 30 % Haushalten. Die Mischlast ist die ausgeglichendste, ihre Leistungsspitze liegt dicht bei der
Spitze der solaren Stromerzeugung.

1
mS = 0,327
pH
TmS = 7,837 h d
P
Pmax mSJ = 0,132
pHG
TmSJ = 3,17 h d
bzw . pG
TmSJ = 1156 h a
Linie m Tm h d
pSDJ H 0, 668 16, 02
G 0, 642 15, 41
pS pSD
Tn = 24 h HG 0, 689 16,53

0
0 0,5 T Tn 1 0 0,5 T Tn 1

Bild 10: Solare Stromerzeugung und Lasten in einem Stadtgebiet

Die Ganglinien der Mischlast aus Gewerbe und Haushalten und der solaren Stromerzeugung lassen sich gut
miteinander kombinieren. Wenn die Spitzenlast dabei nicht signifikant erhöht werden soll, um die Belastung des
Netzes und der Hauptbetriebsmittel (z.B. der Transformatoren) dadurch nicht zu vergrößern, dann darf die Spit-
zenleistung der Erzeuger hier etwa doppelt so hoch sein wie die der Last. Die Ganglinien für diesen Fall sind im
Bild 11 dargestellt. Die Ganglinie der Kombination pM ist unausgeglichener als die der Mischlast pHG.

mM = 0,505 & TM = 12,11 h d

P
pHG
Pmax

pM

pS Tn = 24 h
Bild 11:
Kombination der Last mit solarer Stromerzeugung 0
0,5
0 T Tn 1

Solare Stromerzeugung läßt sich dort umso besser in das elektrische Energieversorgungssystem integrieren, wo
die Flächenlast tagsüber hoch ist, und auf diese Weise wirtschaftlicher nutzen.

10. Speicherkonzept für eine Stromversorgung aus regenerativen Quellen


Die Stromversorgung aus regenerativen Quellen verlangt nach den bisherigen Überlegungen die Speicherung
sehr großer Energiemengen über längere Zeiträume. Der Speicher muß mit großer Leistung in kurzer Zeit gela-
den und mit kleinerer Leistung (etwa einem Drittel der Ladeleistung) entladen werden. Ein Pumpspeicherwerk,
bei dem Lade- und Entladeleistung annähernd gleich sind, könnte z.B. allein wegen der Wachstumsgesetze der
elektrischen Maschinen so nicht wirtschaftlich ausgelegt und betrieben werden. Eine andere, (all-)elektrische
10 Gerhard Herold: Die Stromversorgung aus regenerativen Quellen und ihre Zwänge

Lösung, die den einmal erzeugten Strom bis zur Nutzung im elektrischen Netz behält, ist nicht in Sicht. Unter
heutigen Gesichstpunkten ist daher nur ein Speicherkonzept für die Stromversorgung nach Bild 12 vorstellbar.

PspL Speicher PSpG

Strom-
erzeugung Strom- Last
speicher

Bild 12:
Speicherkonzept für eine Stromversorgung
aus regenerativen Quellen

Ein (größerer) Teil der regenerativen Stromerzeuger speist nicht in das elektrische Netz ein, sondern lädt direkt
(noch unbekannte) Langzeitspeicher großer Kapazität, die dann bei Bedarf zum Gleichgewicht der Stromversor-
gung beitragen. Ein (kleinerer) Teil der regenerativen Stromerzeuger speist dagegen in das elektrische Netz mit
Stromspeichern kleinerer Kapazität ein, wobei nur soviel Strom die Lasten unmittelbar versorgen sollte, wie die
anderen Kraftwerke des Netzes ohne Beeinträchtigung der Stabilität des Betriebes auszuregeln in der Lage sind.
Diese Vorgehensweise würde gleichzeitig zu einer dezentraleren Stromversorgung mit all ihren Vorteilen führen.

11. Regenerative Stromerzeugung und Stabilität


Zwischen einem Generator und einem Netz kann nur dann stationär Leistung ausgetauscht werden, wenn ihre
Leerlaufspannungen die gleiche Frequenz besitzen. Das bedeutet allgemeiner: Alle Stromerzeuger eines elek-
trischen Energieversorgungssystems müssen im stationären Betrieb die gleiche Frequenz besitzen. In
einem Gleichstromnetz oder in einem hypothetischen Drehstromnetz mit rein ohmschen Leitungswiderständen
fließt die Leistung von Knotenpunkten höherer Spannung zu Knotenpunkten niedrigerer Spannung. Dadurch
stellt sich im Netz ein Spannungsprofil ein. In einem realen Drehstromnetz mit überwiegend induktiven bzw.
reaktiven Leitungsimpedanzen fließt die Leistung zwischen zwei Knotenpunkten dagegen in Abhängigkeit vom
Phasenwinkel zwischen den Knotenspannungen. Sie kann dabei auch von einem Knoten niedrigerer Spannung
zu einem Knoten höherer Spannung fließen. Das ist ein großer Vorteil von Wechsel- und Drehstromnetzen, der
die Spannungshaltung nach vorgegebenen Qualitätskriterien und die Steuerung des Leistungsflusses wesentlich
erleichtert.

U
I
U pN
jX
G P U pG 
G starres U pG U pN
 3~ Netz

Bild13: Leistungsaustausch zwischen einem Generator und einem Netz

Die über einen rein induktiven Netzzweig nach Bild 13 übertragene Leistung beträgt
U pG U pN
P= sin  (11.1)
X
Der Winkel  zwischen der Generatorleerlaufspannung UpG und der Netzleerlaufspannung UpN in Gleichung (11.1)
wird Lastwinkel genannt. Im Bild 13, rechts, eilt die Generatorspannung der Netzspannung voraus. Der Generator
speist so Leistung in das Netz ein, er zieht gewissermaßen das Netz hinter sich her. Nach Gleichung (11.1) wird die
Leistung bei einem Lastwinkel von 90 Grad maximal. Dieser Zustand bezeichnet die statische Stabilitätsgrenze.
In einem Drehstromnetz mit vielen Stromquellen bestehen im stationären Betrieb feste Winkelbeziehungen
zwischen den Leerlaufspannungen. Eine Änderung des Leistungsflusses durch Ein- und Ausschalten von Lasten
und/oder Stromerzeugern muß sich also als Änderung der Lastwinkel äußern. Das aber bedeutet: Die Netzfrequenz
Gerhard Herold: Die Stromversorgung aus regenerativen Quellen und ihre Zwänge 11

darf keine starre Größe sein, denn die einzelnen Stromquellen können ihre Lastwinkel nur ändern, indem sie bei
Entlastung (vorübergehend) beschleunigen und bei Belastung verzögern, also mit ihrer Frequenz gegenüber der
Netzfrequenz schlüpfen, denn die zeitliche Lastwinkeländerung ist dem Schlupf, also der Frequenzabweichung,
proportional. Zu einem Laststoß (Ein- oder Ausschaltung) gehört im Drehstromnetz immer eine Änderung des
Lastwinkels. Aus Gleichung (11.1) kann der Zusammenhang zwischen einem Laststoß P und der zugehörigen
Lastwinkeländerung  abgeleitet werden.
dP U pG U pN
P ≈  = cos   = Psyn  (11.2)
d X
Der Laststoß ist der Lastwinkeländerung näherungsweise proportional. Der Proportionalitätsfaktor Psyn heißt syn-
chronisierende Leistung. Sie ist als die Kraft vorstellbar, die den Verbund zwischen Generator und Netz bei Sprün-
gen bis zur Stabilitätsgrenze aufrechterhält, d.h., sie bewirkt, daß das System nach dem Wegfall des Sprunges dann
wieder in den alten Zustand zurückkehrt. Wird die Stabilitätsgrenze bei einem Sprung jedoch überschritten, dann
ändert die synchronisierende Leistung ihr Vorzeichen und der Lastwinkel steigt danach weiter an. Der Synchronis-
mus geht verloren, der Verbundbetrieb bricht zusammen, das System fällt außer Tritt. Je größer die synchronisie-
rende Leistung ist, desto größer ist die Stabilität des Verbundbetriebes. Ein konventioneller Stromerzeuger besitzt
nach Gleichung (11.2) bei kleinem Lastwinkel, d.h. nach Gleichung (11.1) bei kleiner Leistung, also auch geringer
Auslastung, die größte Stabilität. Ein stabiler Verbundbetrieb erfordert angemessene Leistungsreserven.
Ein Leistungsstoß im System stört das Gleichgewicht zwischen elektrischer und mechanischer Leistung, da letztere
wegen der Massenträgheit nicht springen kann. Die in den rotierenden Massen des konventionellen Systems (Läu-
fer rotierender elektrischer Maschinen, Turbinenläufer usw.) gespeicherte mechanische Energie schafft dazu einen
Ausgleich. Unter ihrer Wirkung, im Bild 13 symbolisch dargestellt durch das mechanische Massenträgheitsmoment
, ändert sich die mittlere Netzfrequenz, um die die Frequenzen der einzelnen Stromquellen mit sehr niedriger
Frequenz (ca. ¼ Hz bis < 1Hz) schwingen, wobei die Schwingungsamplituden nach Gleichung (11.2) von den
individuellen synchronisierenden Leistungen bestimmt werden. Die Regelung greift verzögert ein und stellt durch
Änderung der mechanischen Leistungseinspeisung (Turbinenregelung) die ursprüngliche Betriebsfrequenz wieder
ein. Dabei genügt es nicht, mit der sogenannten Primärregelung jeden einzelnen Generator auf Betriebsfrequenz zu
regeln, sondern über die Sekundärregelung muß außerdem der Leistungsstoß so auf die verfügbaren Quellen des
Systems aufgeteilt werden, daß sich ein gewünschter und zulässiger Leistungsfluß im System ergibt. Dazu werden
Regelkraftwerke mit dynamisch veränderbarer Leistungsabgabe benötigt. Die Leistungs-Frequenz-Regelung ist
eine Systemaufgabe, die das Zusammenwirken aller Beteiligten über ökonomische Grenzen hinaus verlangt.
Regenerative Stromerzeuger werden über Stromrichter an das Drehstromnetz angebunden. Die für ihre Steue-
rung benötigte Betriebsfrequenz wird in der Regel als Meßgröße aus dem Drehstromnetz gewonnen. Regenera-
tive Stromerzeuger liefern, wie auch Einspeisungen in das Drehstromnetz über Hochspannungs-Gleich-
strom-Übertragungen, keinen Beitrag zur synchronisierenden Leistung. Diese muß bisher weiterhin von
konventionellen Kraftwerken aufgebracht werden. Es ist zwar bekannt und vielfach nachgewiesen, daß Strom-
richter sehr dynamisch geregelt werden können, aber die schnelle Reglung vieler einzelner Stromrichter im
Sinne der oben erwähnten Primärregelung löst die Systemaufgabe nicht. Dazu müßte eine Vielzahl regenerativer
Stromquellen konzertiert so geregelt werden, daß sich nach jedem Sprung bei Gewährleistung der Systemstabi-
lität ein zulässiger Lastfluß ergibt. Zulässig bedeutet hier, daß nirgendwo im System eine Überlastun auftritt, die
ggf. zum Ausfall eines Betriebsmittels führt. Diese Aufgabe ist nicht nur nicht gelöst, sondern sie wird bisher
außerdem kaum beachtet.
Im Bild 14 ist die Einspeiseleistung regenerativer Stromerzeugung in den ersten drei Aprilwochen 2011 in
Deutschland dargestellt. Die Solarstromerzeugung zeigt die Tagesperiode, wenn auch mit unterschiedlichen
Maximalleistungen. Die Windstromerzeugung unterstreicht die Aussagen im Abschnitt 7. Sie verläuft vollkom-
men aperiodisch mit z. T. tagelang anhaltendem Stark- als auch Schwachwind. Die Windleistung erreicht am 12.
April ihren Maximalwert mit 18,553 GW. In der gesamten dritten Woche ist sie aber äußerst gering und die
minimale Windleistung beträgt nur 368,5 MW, das sind 2 % des Maximalwertes. Die Parameter der Belastungs-
gänge zeigen, daß sich Wind- und Sonnenenergie zu einer etwas ausgeglicheneren Ganglinie ergänzen.
Für die Stabilität des Netzbetriebes sind hier die steilen Flanken des Leistungsanstiegs und -abfalls von Bedeu-
tung. Die Leistung ändert sich über die Dauer von jeweils etwa einem Vierteltag z. T. um mehr als 20 GW, also
um mehr als ein Viertel der deutschen Jahreshöchstlast. Dazu trägt in dem Beispiel die Solarenergie mit ihrer
Tagesperiode besonders viel bei, obwohl die maximale Windleistung um 40 % höher ist als die maximale Son-
nenleistung.
Die regenerative Stromerzeugung liefert wegen dem besonderen Betriebsverhalten der Stromerzeuger nicht nur
keinen Beitrag zur Systemstabilität, sondern sie gefährdet diese darüber hinaus durch ihre extreme Volatilität. Daß
es im gegenwärtigen System gelingt, die starken Schwankungen immer wieder auszugleichen, verdient Hochach-
tung. Unabhängig davon wäre es eine bedeutsame Aufgabe der Energiewende, Systemlösungen zu finden, die den
Besonderheiten der regenerativen Stromquellen besser angepaßt sind als die heutigen.
12 Gerhard Herold: Die Stromversorgung aus regenerativen Quellen und ihre Zwänge

30
P m = 0,310
Wind Datenquelle: EEX-Transparency-Plattform
GW mW = 0, 263
Solar mS = 0, 252
Gesamt
Pmax Pmittel Pmin
Wind 18,553 4,878 0,369
20
Sonne 13,342 3,357 0
gesamt 26,578 8, 232 0, 667
Leistungen in GW

10
Pmittel

21.04.11
01.04.11

Bild 14: Leistungseinspeisung aus Wind und Sonne in Deutschland

12. Regenerative Stromerzeugung und Versorgungssicherheit


Die Sicherheit der elektrischen Energieversorgung beinhaltet drei Aspekte: die Diversität der Quellen, die Re-
dundanz und die Resilienz des Systems. Bisher war man in der Stromversorgung bemüht, möglichst viele ver-
schiedene Primärenergiequellen, einen Energiemix, zu nutzen und die Erzeugerstandorte der Lastdichte gemäß
über das Land zu verteilen. Vielfalt erzeugt Sicherheit. Die Fokussierung auf die Nutzung von Wind und Sonne
als Primärenergiequellen schränkt diese Diversität ein. Nicht nur die Palette der Primärenergiequellen wird klei-
ner, sondern die ungleichmäßige Verteilung der Windstromerzeugung über die Fläche bis vor die Küsten und
ggf. die Solarstromerzeugung in Wüsten (Desertec) sorgen für eine stärkere Trennung zwischen Erzeuger- und
Abnehmerstandorten, die durch aufwändige und ggf. anfällige Übertragungen überbrückt werden muß. Die
Frage der Diversität muß also im Zusammenhang mit der Nutzung regenerativer Energieträger zur Stromerzeu-
gung neu bedacht werden.
Kein Betriebsmittel ist vor Ausfall geschützt. Elektrische Energieversorgungssysteme wurden daher schon im-
mer redundant ausgelegt. Sie besitzen Systemkomponenten und Reserven, die in Normalsituationen vollkommen
überflüssig, unter außergewöhnlichen und unvorhergesehenen Umständen aber für eine sichere Versorgung un-
verzichtbar sind. Sicherheit braucht Reserven. Die Kapazität der Stromerzeugung aus regenerativen Quellen
und der Speicherung müssen also höher sein als nach den Überlegungen der vorhergehenden Abschnitte ermit-
telt. Ebenso sind die in Deutschland notwendigen Nord-Süd-Verbindungen redundant auszulegen, weil ihr Aus-
fall nicht anderweitig kompensiert werden kann, da die Erzeugung an ihren Nordenden, die Last aber an ihren
Südenden konzentriert ist.
Ein elektrisches Energieversorgungssystem, das vermutlich gerade in der Lage wäre, seinen Anforderungen zu
genügen, ist praktisch untauglich, denn niemand kann reale Anforderungen vorhersehen. Eine sichere Stromver-
sorgung muß daher stets in einem angemessenen Abstand zu ihren Grenzen betrieben werden und eine genü-
gende Elastizität oder Robustheit beim Abfangen von Störungen besitzen, sie muß angemessen resilient sein, wie
es im Abschnitt 11 am Beispiel der Stabilität angedeutet ist. Die „Ausschöpfung aller Reserven“ bei der Ener-
giewende ist daher in höchstem Maße kontraproduktiv.
Die Entwicklung der Stromversorgung muß festen Grundsätzen folgen und dabei gleichzeitig offen für neue
Wege und Ideen bleiben. Es gibt niemals nur eine Lösung, wie heute oft behauptet. Mit Vertrauen in die mensch-
liche Kreativität bleibt auch in einer modernen Gesellschaft die Hoffnung, schließlich doch einen guten Weg zu
finden.
Gerhard Herold: Die Stromversorgung aus regenerativen Quellen und ihre Zwänge 13

Literatur
[1] Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen
Energieverbrauch und Stromerzeugung in Deutschland 1990 bis 2010
Stand März 2011
[2] Bouillon, H.
Das Windjahr 2002
EON 2004
[3] Bundesverband WindEnergie
Installierte Windenergieleistung in Deutschland
Excel-Datenblatt 2011
[4] UCTE
Statistical Yearbook 2008
Edition September 2009
[5] EEX-Transparenzplattform – Erzeugungsdaten 2012
Online verfügbar unter www.transparency.eex.com
[6] Neuner, Felix
Anforderungen an Energiespeicher für eine erneuerbare Stromversorgung in Deutschland, Projektarbeit,
Rechts- & Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät & Lehrstuhl für Elektrische Energieversorgung
der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, 2012
[7] Herold, G.
Elektrische Energieversorgung I – V
J. Schlembach Fachverlag, Wilburgstetten 2003 bis 2011
[8] Herold, G.
Elektrische Energieversorgung – Rahmen, Prinzipien & Zwänge
Lehrstuhl für Elektrische Energieversorgung der FAU 2012, unveröffentlicht
Die Stromversorgung aus regenerativen Quellen
und ihre Zwänge

Symposium „Klima & Energie – Ein Blick in die Zukunft


Erlangen, 8. November 2012

gerhard.herold@fau.de

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Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Prof. Dr.-Ing. G. Herold
1

Stromversorgung – eine Aufgabe der Infrastruktur


Ca. 20 % des Energiebedarfs in Deutschland wird über Strom gedeckt.
Etwa ein Viertel davon wird in privaten Haushalten verbraucht.
Wirtschaftskraft (Wohlstand) ist fest an die Stromversorgung gekoppelt
Außerdem:
Strom ist die Grundlage aller Automatisierungs- und Informations-
technik, selbst dort, wo er als Energiequelle keine Bedeutung besitzt.
Die Umstellung der Stromversorgung ist nicht einfach nur eine
Maßnahme der Energiewende.
Die Änderung der Stromversorgung ist heute zugleich ein schwerer
Eingriff in das Nervensystem einer modernen Gesellschaft.
Selbst in Utopia müssen wir wachsam bleiben…!! (Chesterton)
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2
Idealer Prozeß der Stromversorgung
Der Prozeß der elektrischen Energieversorgung verläuft bei konstanter
Leistung ideal.

Der Materialaufwand und die Verluste des idealen Prozesses sind


minimal, der Wirkungsgrad maximal.

Nur bei Gleichstrom oder Drehstrom mit sinusförmigen symmetri-


schen Strömen und Spannungen kann die Leistung konstant sein.

Praktisch kann die Stromversorgung nicht ideal verlaufen:


• Tag & Nacht
• Jahreszeiten & Witterung
• Lebens- & Wirtschaftsgewohnheiten
• Stromerzeugung aus Wind & Sonne

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3

Stromversorgung & Beanspruchung des Systems


Der Aufwand für die aus Strom & Spannung gebildete Leistung ist
minimal, wenn die Aufwände für die Stromleitung und für die
Spannungsisolation gleich sind. (Material & Verluste)
Ein elektrisches Energieversorgungssystem muß daher mehrere
Spannungsebenen besitzen.  Drehstrom

Bei konstanter Spannung steigt das Volumen (die Masse) des Leiter-
materials und mit ihm die Leiterverluste stärker als quadratisch mit
der Leistung bzw. dem Strom.
Je größer die Leistung ist, desto höher muß die Spannung sein, wenn
man ein Netz ressourcenschonend errichten und betreiben will.
 Auch bei Speisung aus regenerativen Quellen kann man die
Leistungsflußrichtung im Verbundnetz nicht einfach umdrehen.

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4
Wachstumsgesetze für elektrische Betriebsmittel
Bei gegebener Beanspruchung durch Strom und Spannung ist die
Nennleistung eines elektrischen Betriebsmittels dem Produkt zweier
Querschnittsflächen proprotional.
4 3
Sn1  lc1  V1 m1  lc1 
= aber = =
Sn 2  lc 2  V2 m2  lc 2 

Die Leistung wächst stärker als das Volumen oder die Masse. Da die
Verluste dem Volumen proportional sind, steigt mit der Leistung der
Wirkungsgrad
Je größer, desto besser, aber … .!!!
Viele kleine Stromerzeuger benötigen mehr Material, haben
größere Verluste und einen niedrigeren Wirkungsgrad als ein
entsprechend großer.

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5

Stromversorgung sollte dezentral sein


Die Übertragung elektrischer Energie ist aufwändiger als der Trans-
port von Gas, Steinkohle oder vieler anderer Energieträger.
Abnehmer- & Erzeugerschwerpunkte sollten daher so dicht wie
möglich beieinander liegen.
Die Kraftwerksstandorte sollten über das Land verteilt sein, mit der
höchsten Erzeugerdichte in den Ballungszentren.
Praktisch wird immer wieder von diesem Ideal abgewichen und muß
abgewichen werden:
• Nutzung der Vorteile des Verbundbetriebes
• Nutzung von Wasserkraft
• Nutzung von Braunkohle, die nicht transportwürdig ist
• überproportionale Windstromerzeugung in Norddeutschland
• marktwirtschaftliche Elektrizitätswirtschaft, Stromhandel

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6
Elektrische Energie ist nicht speicherbar
Energieversorgungssystem mit Speicher entkoppeln
Speicher Erzeugung und Verbrauch
PE(t) PV(t)
Speicher
Erzeugung Verbrauch
(saisonal)

Elektrisches Energieversorgungssystem
Konsumanpassung
PE(t) PV(t)
Abrechnung
Erzeugung Übertragung Verteilung
Verbrauch

Angebot und Nachfrage just in time


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7

Quellen der Stromversorgung


Die Nutzung fossiler Energieträger bedeutet die Entleerung natürlicher
Speicher nach dem jeweiligen Bedarf.
Die Nutzung von Wasserkraft geschieht im natürlichen Wasserkreis-
lauf. Der haushälterische Umgang mit dem Wasser im Jahreslauf ver-
langt aber mehr oder weniger aufwändige künstliche Speicher.
Die Nutzung von Biomasse ist an die Vegetationsperiode gebunden
und verlangt je nach Art künstliche Speicher, deren Kapazität bis zur
nächsten Ernte reichen muß.
Die direkte Nutzung von Wind & Sonne wird allein vom Dargebot
bestimmt und erfordert eine aufwändige Erntetechnik.
In Erntezeiten kann großer Überfluß herrschen, der jedoch nur nutzbar
ist, wenn er konserviert und für Zeiten der Flaute in irgend einer Form
gespeichert werden kann.
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8
Die Stromversorgung ist lastgeführt
P /kW
5
Elektroherd P /kW
5
Einfamilienhaus
Pmax = 3800 W Pmax = 4100 W
4 4

3 3
Diversität der Abnehmerstruktur
2 2
Pm=1088 W
1 Pm=335 W 1

0 0
0 2 4 6 8 10 12 14 16 18 20 22 0 2 4 6 8 10 12 14 16 18 20 22
t/h t/h

P /kW Siedlung (500 Einfamilienhäuser) P /kW


Versorgungsgebiet
400 8000
Pmax = 380 kW Pm=5613 kW
300 6000
Pm=177 kW
200
Diversität & Anzahl
4000 Pmax=6800 kW
100 2000

0 0
0 2 4 6 8 10 12 14 16 18 20 22 0 2 4 6 8 10 12 14 16 18 20 22 24
t /h t /h

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9

Tagesbelastungsgang in deutschen Verbundnetz

80
P
GW

60

40  Januar  Juli
 Februar  August
°
 März  September
 April  Oktober
20  Mai  November
 Juni  Dezember
berechnet aus
Statistical Yearbook (UCTE) 2008
0
0 6 12 18 24
Uhrzeit h

Lehrstuhl für Elektrische Energieversorgung 8. November 2012


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10
Tagesbelastungsgang im europäischen Verbundnetz
400

P
GW
300

 Januar  Juli
200  Februar  August
°
 März  September
 April  Oktober
 Mai  November
 Juni  Dezember
100

berechnet aus
0 Statistical Yearbook (UCTE) 2008
0 6 12 18 24
Uhrzeit h

Lehrstuhl für Elektrische Energieversorgung 8. November 2012


Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Prof. Dr.-Ing. G. Herold
11

Belastungsgang mit Pumpspeicher-Kraftwerk

P /kW
Belastungsgang
Ursprünglicher
mit Pump-
Belastungsgang &Belastungsgang
Generatorbetrieb
mit Pumpbetrieb
8000

6000

4000
Pumpbetrieb
Pumpbetrieb
Maximale Leistung der
2000 Generatorbetrieb
thermischen Kraftwerke
0
Wirkungsgrad 75 %
0 2 4 6 8 10 12 14 16 18 20 22 24
t /h

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Zwei Darstellungsformen: Ganglinie & Dauerlinie

Pmax

Pmin

Uhrzeit h Dauer t h

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Gang- & Dauerlinie liegen zwischen zwei Extremen


Pmax Idealer Prozeß
P
Pmittel

Pmin
Pmittel
Belastungsgrad  m =
t Tn Pmax
Pmax extrem unausgeglichener
P
Prozeß
Pmittel

Pmin
Benutzungsstunden  Tm = m
Tm t Tn
der Höchstlast Tn

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Dauerlinien von Deutschland & Europa

P 1
Pmax
D
Eu
0,8

0, 6
D Eu
m 0,812 0, 790
0, 4 Tm h 7113 6920
P in GW D Eu
Pmax 82, 2 392, 4
W TWh 5 85 2717
Pmittel 66,8 310,1
0, 2 Pmin 48, 7 217,1
berechnet aus
Statistical Yearbook (UCTE) 2008
0
0 0, 2 0, 4 0, 6 0,8 1
T Tn

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Lasten & konventionelle Stromerzeuger


Abnehmer m Tm h
chemische Industrie 0, 68  0,91 6000  8000
großindustrieller Maschinenbau 0, 46  0, 63 4000  5500
Gewerbe & Kleinindustrie 0, 23  0, 46 2000  4000
Haushalte 0, 06  0,15 500  1300
Speicherheizung 0, 08  0,11 700  1000
konventionelle Landwirtschaft 0, 02  0, 03 150  250

Stromerzeuger m Tm h
Kernkraftwerk 0,87 7650
Braunkohlekraftwerk 0, 73 6440
Laufwasserkraftwerk 0,58 5090
Steinkohlekraftwerk 0, 48  0,51 4230  4500
Speicherwasserkraftwerk 0, 22 1950
Erdgaskraftwerk 0,18 1590
Pumpspeicher-KW mit nat. Zufluß 0,10 900
Pumpspeicher-KW ohne nat. Zufluß 0, 089 780
Heizölkraftwerk 0, 023 200

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Stromerzeugung aus Wind in Deutschland
berechnet aus Daten des
1 Bundesverbandes f. Windenergie e.V. wW
p, w
Entwicklung der
PIW pIW
pIW = Windenergienutzung
PIW 2010
Ww
in Deutschland von
0,5 wW = 1993 bis 2010
WW 2010
 PIW
 pIW =
PIW 2010

 pIW
0
93 95 2000 05 10
Jahr

mW = 0,187 TmW = 1643 h a m0W = 0

Pmax W
= pmax W = 0,89
PIW

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Windstromerzeugung in einer windreichen Woche


1
berechnet aus
p Quelle: EON, Dr. H. Bouillon

mw = 0,550

pd ∅
m0 = 0, 088
Tn = 7⋅ 24 h = 168 h
0
0 0,5 T Tn 1

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Jahres-Ganglinie der Windstromerzeugung
Tagesmittelwerte der 80
Quelle: EON, Dr. H. Bouillon
Windstromerzeugung WWd
GWh

Stromerzeugung aus Wind


verläuft aperiodisch
Im Winter ist die Ausbeute
höher als im Sommer.
Die saisonale Energiedifferenz
0
betrug von 2008 bis 2011 im

01.01
01.01.

Jahr 2002
Mittel etwa ¼ der Erzeugung

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Dauerlinie der Windstromerzeugung


4000
Quelle: EON, Dr. H. Bouillon
P Pmax W = 3530 MW
MW
WW = 7925 GWh
PIW = 4000 MW
mW = 0, 255 TmW = 2235 h
maW = 0,181 TaW = 1585 h
2000

pd ∅
PmW = 904, 6 MW

Tn = 8760 h

0 0,5 1
0 T Tn
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Stromerzeugung allein aus Wind
In einem System ohne Verluste muß die erzeugte elektrische Energie
gleich der in den Lasten verbrauchten Energie sein.
WW = WL
WW = Pmax W TmW = Pmax L TmL = WL

Pmax W T m 7113 h a 0,812


= mL = L = = = 3,18
Pmax L TmW mW 2235 h a 0, 255
Die installierte Windleistung muß ein Vielfaches der maximalen
Last sein.

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Stromerzeugung allein aus Wind - II


4
P Last
Last
Erzeuger
Speicher
Pmax L Erzeuger
wSpL
1
wL
0
wSpG
−1
wG

pmax W pmax SpL pmax SpG wSpL wL 


3,18 2,56 1 0, 61 1

−4
0 T Tn 1

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Stromerzeugung allein aus Wind – III
4
P Last
Speicher
Pmax L Erzeuger
wSpL
1
wL
0
wSpG

−1
wG

pmax W pmax SpL pmax SpG wSpL wL 


3,18 2,18 0,81 0,5 1

−4
0 T Tn 1

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Prozeß der Stromerzeugung allein aus Wind


Speicherwirkungsgrad  Sp = 0, 75  75 %
4
Last
P Speicher
Pmax L Erzeuger
wSpL wSpL
1
wL wL
0
wSpG wSpG
−1 wG
Etwa w60
G % bis 80 % der von der Last verbrauchten Energie muß

zwischengespeichert werden.
−4
0 T Tn 1 0 T Tn 1

pmax W pmax SpL pmax SpG wSpL wL  pmax W pmax SpL pmax SpG wSpL wL 
3, 70 2, 70 0,81 0, 654 0,86 3,82 3, 20 1 0,800 0,83

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Speicherkonzepte
 Pv

Strom- PPrimär − PNutz


erzeuger Last

± PSpeicher
Speicher zwischen  Pv
Erzeugung & Last
Speicher parallel
Strom- zur Last Strom- Strom-
speicher erzeuger
PPrimär
speicher
− PNutz Last

Pumpspeicherwerk z.B. batteriegespeistes


Batteriespeicher Gleichstromnetz
Lade- & Entladeleistung sollten Lade- & Entladeleistung sind
annähernd gleich sein unabhängig voneinander

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Speicherkonzept für regenerative Stromversorgung


Stromversorgung aus regenerativen Quellen verlangt die Speicherung
großer Energiemengen über einen längeren Zeitraum.
Der Speicher muß mit großer Leistung in kurzer Zeit geladen und mit
kleinerer Leistung (etwa ein Drittel der Ladeleistung) über eine
längere Zeit entladen werden.

PspL Langzeit- PSpG


Speicher

Meine Behauptung: Strom-


erzeugung Strom- Last
Eine (all-)elektrische speicher

Lösung dafür kennt


niemand.

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Volatile Stromerzeugung & Transiente Stabilität

Leistungsschwankungen
bei der Stromerzeugung
aus Wind & Sonne dürfen
die transiente Stabilität
des Systems nicht
gefährden.

Im europäischen
Verbundnetz wird dafür
eine Sofortreserve von
3000 MW garantiert.

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Netzstörung durch Kraftwerksausfall


Quelle: etz

Ausfall eines 900-MW-Kraftwerkes am 17.01.1997 in Spanien


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Wind  Sonne
Die saisonalen Energiedifferenzen der Stromerzeugung aus Wind und
Sonne gleichen sich in unseren Breiten aus.
 Ein Gemisch aus Wind & Sonne kann die Kapazität der
Langzeitspeicherung senken.

Stromerzeugung aus Wind ist im wesentlichen nur auf unbesiedelten


Flächen möglich.
Sonnenenergie kann auch auf dicht besiedelten bzw. wirtschaftlich
genutzten Flächen mit hoher Lastdichte in Strom umgewandelt und
dort (zum Teil) genutzt werden.
Stromversorgung aus Sonnenenergie könnte im besten Sinne des
Wortes dezentral sein.

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Gang- & Dauerlinie solarer Stromerzeugung


Gang- & Dauerlinie einer
1
Photovoltaikanlage in
Erlangen an einem Sonnen-
tag am Sommeranfang P
Pmax

mS = 0,327 TmS = 7,837 h d


pSDJ
pS pSD

Tn = 24 h
TmSJ = 3,17 h d
mSJ = 0,132 bzw . 0
0 0,5 T Tn 1
TmSJ = 1156 h a

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30
Ganglinien von Lasten in einer kleinen Großstadt
1

P
Pmax pHG pH

pG

Linie m Tm h d
H 0, 668 16, 02
G 0, 642 15, 41
HG 0, 689 16,53
Tn = 24 h

0
0 0,5 T Tn 1

pHG  70 % Gewerbe & 30 % Haushalte


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Kombination der Ganglinien in einem


Stadtgebiet mit Wohnungen & Gewerbe

Pmax S ≈ 2 Pmax HG 1

P
pHG
Pmax

Solarstromerzeugung pM
läßt sich dort umso
besser in das System
integrieren, wo die pS Tn = 24 h
Flächenlast tagsüber
hoch ist. 0
0 0,5 T Tn 1

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Verbundbetrieb
Erhöhung der Versorgungszuverlässigkeit
und der Wirtschaftlichkeit durch über-
regionalen Stromaustausch

Das Netz ist ursprünglich nicht für ständig


wechselnde Stromtransite (Handel) ausgelegt

In der liberalisierten Elektrizitätswirtschaft


Regelzonen in D
hinkt die Physik der Ökonomie hinterher

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Sicherheit der Stromversorgung


Versorgungssicherheit Versorgungszuverlässigkeit

Primärenergie- Strom- Verteilung


bereitstellung Übertragung Hoch-, Mittel- & Verbrauch
erzeugung Höchstspannung
& -dargebot Niederspannung

Quelle: Haubrich u.a.

Versorgungssicherheit:
• Diversität der Primärenergiequellen und der Erzeugerstandorte
• Redundanz – normal „überflüssige“ Systemkomponenten
• Resilienz – angemessener Abstand zu den Belastungsgrenzen &
Elastizität beim Abfangen von Störungen

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Sicherheit & Wachsamkeit
Diversität, Redundanz und Resilienz sind keine Dauerzustände eines
Systems. Sie können nur in einem kontinuierlichen Prozeß erhalten
werden.
Sicherheit entzieht sich der Berechnung und kann ohne ständige
Wachsamkeit nicht bewahrt werden.

Selbst in Utopia müssen wir wachsam bleiben…!! (Chesterton)

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Stromversorgung & Effizienz


Am Anfang diente die Stromversorgung der Beleuchtung. Dafür allein
hätte sie sich niemals durchsetzen können.
Diversifizierung der Abnehmerstruktur führt zur Erhöhung der
Wirtschaftlichkeit.  anfangs: Licht & Kraft
Vergrößerung des Versorgungsgebietes und der Abnehmerzahl führt
ebenfalls zur Erhöhung der Wirtschaftlichkeit.
Vorwegnahme oder Aufschub des Strombezugs.
 früher: Nachtstrom – zukünftig: smart grids
Aber:
Jevons-Paradox: Der wirtschaftliche Einsatz eines Gutes führt zur
Verbrauchszunahme.  Reboundeffekt  Elektromobilität ???
Effizienzsteigerung ist kein Erfolgsrezept für die Energiewende
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Versorgungssicherheit & Effizienz
Sicherheit verlangt Reserven – Effizienz zielt auf die Vermeidung
von Überfluß.

Sicherheit Effizienz
Das Leitbild der Effizienz hat unser Leben verändert. Effizienz hat es vom Mittel
zum Ziel geschafft, zum Zweck an sich. Effizienz zu hinterfragen heißt deshalb, ein
zentrales Funktionsprinzip reicher Gegenwartsgesellschaften in Zweifel zu ziehen. ...

Effizienz ist das ganz große Wort unserer Zeit. Es wird nie angefochten, nie in Frage
gestellt. Ist es ausgesprochen, liegt es wie ein Fels im Raum, tonnenschwer und
unverrückbar.
(Fred Luks)

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Regionenmodell der Übertragungsnetzbetreiber 2012


Vattenfall -Transmission

14.630 MW Regionen
EEG (Ost, HH,
Übrige dt.Ostsee)
Regionen 11.520 MW
konv. KW
Einspeisung
13.260 MW
Last

4.360 MW EEG
(Nettobilanz Starklast
und Starkwind 2012)

13.440 MW konv. KW

Einspeisung

29.790 MW
Süddeutsche
Last Regionen

Quelle: Regionenmodell Stromtransport 2012, Vattenfall Europe Transmission GmbH

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Leistungsbilanz der
öffentlichen
Stromversorgung
18.11.1999
18 Uhr

Quelle DVG

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Windenergie und Leistungsbilanz


3,0
Sofortreserve des
europäischen
UCTE-Netzes

16,7
Installierte Leistung von
Windenergieanlagen in
Deutschland, Dez. 2004

Die installierte Leistung


von Windenergieanlagen
entspricht ca. 22 % der 77,2
deutschen Höchstlast

Quelle: VDN

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