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Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht

Didaktik und Methodik im Bereich Deutsch als Fremdsprache


ISSN 1205-6545 Jahrgang 22, Nummer 2 (Oktober 2017)

„Ein Brief wird erhalten!“: Passivfehler iranischer DaF-Studierender


Rana Raeisi Dastenaei
Faculty of Foreign Languages
University of Isfahan
Isfahan, Iran
E-Mail: r.raeisi@fgn.ui.ac.ir

Abstract: Das deutsche Passiv stellt für Lernende mit der Ausgangssprache Persisch eine spezifische Schwierigkeit dar.
Deswegen hat die vorliegende Untersuchung sich zum Ziel gestellt, die diesbezüglichen Probleme der Lernenden
herauszuarbeiten, d.h. sie zu diagnostizieren und die jeweiligen Gründe dafür zu klären. Entsprechend dieser Zielsetzung
wurden die Fehler von 38 persischsprachigen DaF-Studierenden an der Universität Isfahan bei der Absolvierung einiger
Passivübungen untersucht, und es wurde analysiert, bei welchen der Passivkonstruktionen sie größere Probleme haben. Die
Ergebnisse zeigen, dass Fehler im Hinblick auf das Passiv überwiegend beim Vorgangspassiv im Perfekt und
Plusquamperfekt sowie bei solchen Verben, die im Persischen passivfähig sind, im Deutschen dagegen nicht (und
umgekehrt), aber auch beim Zustandspassiv und bei der Transformierung der Kasusformen auftreten. Diese kleine Studie
zeigt, dass eine Reihe von Fehlern, die bei der Bildung und Verwendung des Passivs von persischen Lernenden gemacht
werden, offensichtlich Interferenzfehler sind, d.h. unter dem Einfluss des Systems der Muttersprache entstehen.

The German passive is a specific difficulty for L1 Persian learners of German. For this reason, the present study has aimed to
elucidate the problems of the learners in this area, to diagnose them and to clarify the respective reasons. In accordance with
this objective, the mistakes of 38 L1 Persian learners of German at the University of Isfahan were examined and it was
analyzed with which of the passive constructions they have major problems. The results show that mistakes with regard to the
passive forms are predominant in case of present perfect and past perfect tenses, as well as in verbs which can become
passive in Persian, but not in German (and vice versa), but also in the transformation of the case forms. This small-scale
study shows that a series of mistakes made in the formation and use of the passive forms of Persian learners are obviously
interference errors, that is, under the influence of the system of the mother tongue.

Schlagwörter: Deutsch als Fremdsprache, Interferenz, iranische Studierende, Passivfehler, Persisch; German as a foreign
Language, interference, Iranian students, passive forms mistakes, Persian

1. Einleitung
Während meiner bisher 10-jährigen Tätigkeit als Dozentin für Deutsch musste ich immer wieder feststellen, dass Lernende
mit der Muttersprache Persisch Deutsch ganz allgemein als eine sehr schwierige Sprache empfinden. Schuld sind daran nicht
nur phonetisch-phonologische Gründe wie z.B. Konsonantenreihungen im Onset der Silbe oder die gerundeten
Vorderzungenvokale, die es im Persischen nicht gibt, sondern eben auch ihre komplexe grammatische Struktur, die die
Lernenden als besonders schwer zu erlernen wahrnehmen. Dazu zählt u.a. auch das Passiv als für sie komplizierte Verbform,
die ihnen, nachdem sie damit theoretisch vertraut gemacht wurden, immer wieder Probleme bei der Bildung und Verwendung
bereitet und eine Quelle für zahlreiche Fehler ist.

Ziel dieser Studie ist es zu untersuchen, welche Passivformen bei dieser Lerngruppe besonders problematisch und welche
Gründe für diese Schwierigkeiten verantwortlich sind. Um dieses Ziel zu erreichen, habe ich 38 persischsprachige
Studierende, die an der Universität Isfahan das Fach „Deutsche Sprache mit dem Schwerpunkt Übersetzen“ belegen und das
Passiv im Unterricht bereits kennengelernt haben, darum gebeten, einige Passivübungen zu absolvieren. In einem nächsten
Schritt wurden dann die Antworten der Lernenden untersucht, um herauszufinden, wo sie größere Probleme haben.
Anschließend wurde versucht, die Gründe für diese fehlerhaften Konstruktionen zu ermitteln. Meine Hypothese war dabei,
dass in einigen Fällen der Einfluss der persischen Sprache auf die Bildung der deutschen Passivkonstruktionen für diese
Normverstöße verantwortlich ist, was in diesem Beitrag expliziert werden soll.

2. Forschungsstand
Das Passiv ist eine schwierige Kategorie der deutschen Grammatik, die bis heute unter verschiedenen Fragestellungen
untersucht wird. Unter anderem haben Brinker (1971) z.B. Form und Funktion des Passivs und Pape-Müller (1980) die
Textfunktionen des Passivs, d.h. die Verwendung von grammatisch-lexikalischen Passivformen, untersucht. Das sind genau
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die Felder, auf denen persischsprachige Lernende besondere Schwierigkeiten haben. Das persische Passiv ist allerdings
bisher nicht sehr detailliert untersucht worden und wird deshalb auch nur relativ kurz in einschlägigen Grammatiken
behandelt (vgl. u.a. Ahmadi Giwi & Anwari 2008: 67-69; Wahidian Kamyar & Omrani 2007: 50-52).

Das deutsche Passiv ist in Untersuchungen auch bereits mit anderen Sprachen kontrastiert worden, so hat z.B. Maier (1995)
die Passivparadigmen im Spanischen und im Deutschen miteinander verglichen. In Bezug auf die persische Sprache sei in
diesem Zusammenhang erwähnt, dass ich das deutsche und persische Passiv in meiner für die Grundstufe konzipierten
kontrastiven Lernergrammatik kurz behandelt habe (vgl. Raeisi 2014: 39-41). Dabei habe ich die Bildungsweise und die
Form des Passivs im Deutschen und Persischen miteinander verglichen und ihre Ähnlichkeiten und Unterschiede
herausgearbeitet.

3. Formen des Einflusses der Muttersprache auf die Fremdsprache


Dass die Muttersprache die Fremdsprache beeinflusst, ist unumstritten: „Interference theory predicts that if a learner is called
upon to produce some L2 form which he has not learnt, he will tend to produce an erroneous from having its origin in his L1“
(James 1980: 23). Die Frage, die sich daraus ergibt, ist nun, wie sich dieser Einfluss in konkreten Lerneräußerungen
manifestiert.

Im weiteren Sinne bezeichnet man den Einfluss der Muttersprache auf das Fremdsprachenlernen als Transfer: „Transfer is the
influence resulting from the similarities and differences between the target language and any other language that has been
previously (and perhaps imperfectly) acquired“ (Odlin 1989: 27).

Im engeren Sinne unterscheidet man aber zwischen Transfer und Interferenz. Wenn es um die positive Beeinflussung des
Sprachlernprozesses aufgrund der Struktur der Muttersprache geht, spricht man von Transfer. Wenn es aber dadurch zu
Fehlern kommt, wird dieser Einfluss negativer Transfer oder Interferenz genannt.

Im Folgenden gehen wir der Feststellung von Ellis (1994: 302) nach, der diesen Einfluss in vier Erscheinungsformen
klassifiziert hat, und zwar in 1. Fehler, 2. Fehlervermeidung, 3. Erleichterung und 4. Überrepräsentation.

3.1. Fehler

In der traditionellen Sichtweise des Transfers standen stets die Fehler beim Fremdsprachenerwerb im Mittelpunkt der
Untersuchungen, als deren einzige Quelle der negative Einfluss der Muttersprache beim Fremdsprachenlernen gesehen
wurde. Es ist offensichtlich, dass manche Fehler, aber natürlich nicht alle, unter dem Einfluss der Muttersprache zustande
kommen. Sie können dabei nicht nur die Folge von Unterschieden, sondern auch von Ähnlichkeiten zwischen den beiden
Sprachen sein. Die Untersuchung und Feststellung von Fehlerursachen ist nicht unproblematisch, und die bereits gemachten
Untersuchungen weisen durchaus unterschiedliche Ergebnisse auf: Dulay & Burt (1974) haben z.B. eine empirische Studie
durchgeführt, bei der sie die Äußerungen von spanischen Englischlernenden untersucht haben. Sie haben festgestellt, dass nur
3% der Fehler auf die Muttersprache zurückzuführen sind. Tran Chi Chau (1975) ist dagegen bei chinesischen
Englischlernenden zu dem Schluss gekommen, dass 51% der Fehler Interferenzfehler sind (zitiert n. Ellis 1994: 302).

3.2. Lernerleichterung

Aus dem oben Gesagten folgert, dass die Muttersprache auch das Fremdsprachenlernen erleichtern kann. Es ist eine
Binsenweisheit, dass eine bestimmte Fremdsprache für Sprechende einer Sprache besonders leicht zu erlernen und eine
andere in dieser Hinsicht besonders schwierig ist. Das Englische ist z.B. leichter für Deutsche als für Chinesen zu erlernen,
umgekehrt lernen Chinesen Japanisch schneller als Englisch. Dies zeigt, dass die Struktur der Muttersprache das
Fremdsprachenlernen unterstützen und erleichtern kann, wenn die Muttersprache und die Fremdsprache typologisch und/oder
genealogisch verwandt sind (ebd.).

Raeisi Dastenaei, Rana (2017), „Ein Brief wird erhalten!“: Passivfehler iranischer DaF-Studierender. Zeitschrift für
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3.3. Fehlervermeidung

Wenn man vom negativen Einfluss der Muttersprache beim Fremdsprachenlernen spricht, so denken wir normalerweise an
Fehler, wobei sich dieser Einfluss allerdings auch bei korrekten Äußerungen zeigen kann, d.h. bei der Fehlervermeidung. Die
Lernenden verwenden bewusst diejenigen Strukturen, die sich von ihrer Muttersprache signifikant unterscheiden, aus Angst
vor möglichen Fehlern nicht oder kaum. Sie tendieren eher dazu, diejenigen Formen zu präferieren, die denen ihrer
Muttersprache ähneln, ungeachtet der Tatsache, dass sie eigentlich auch die Formen, die sich von ihrer Muttersprache
unterscheiden, gelernt haben.

Gass (1979) hat in einer Studie die Relativsätze in den Äußerungen von 17 Erwachsenen mit verschiedenen Muttersprachen
untersucht, die Englisch lernten. Sie hat dabei festgestellt, dass diejenigen Lernenden mit Muttersprachen, die über diese
Struktur verfügen, wie z.B. Persisch und Arabisch, mehr Fehler gemacht haben als die anderen, in deren Sprache diese
Struktur fehlt. Das Fehlen dieser Struktur führt dazu, dass die Lernenden sie vermeiden und demzufolge weniger Fehler
machen. Bei einer ähnlichen Studie fand auch Schachter (1974) heraus, dass Chinesen und Japaner bei Relativsätzen im
Englischen weniger Fehler machen als Perser und Araber.

In solchen Fällen zeigt sich der negative Einfluss der Muttersprache nicht in den Äußerungen, die die Lernenden machen,
sondern in denen, die sie nicht machen, und dies führt dazu, dass sie diese Strukturen nicht verwenden können. Man muss in
diesem Zusammenhang aber auch sehen, dass die Identifizierung der Fehlervermeidung schwierig ist, weil Lernende
versuchen, mit Hilfe anderer Strukturen korrekte Äußerungen zu bilden, was ihnen auch oft gelingt.

3.4. Überrepräsentation

Im Gegensatz zur Fehlervermeidung tendieren die Lernenden hierbei dazu, manche fremdsprachlichen Strukturen mehr zu
benutzen, weil sie mit denen ihrer Muttersprache übereinstimmen. Dies führt dazu, dass manche Formen in
Lerneräußerungen häufiger auftauchen als andere. Dieser Faktor ist aber zu unterscheiden von intralingualer
Übergeneralisierung, die eine Art Übungstransfer darstellt, d.h. die Übertragung von korrekt gelernten Formen auf Fälle, in
denen die sprachliche Norm das nicht erlaubt.

4. Begriffsbestimmung
Es gibt eine Kategorienklasse des Verbs im Deutschen, die das Aktiv und das Passiv umfasst und Diathese, oft auch Genus
verbi bezeichnet wird (vgl. u.a. Duden 2006: 543). Diese Kategorienklasse existiert auch im Persischen und wird hier Ğens
genannt. Das Aktiv ist in beiden Sprachen die unmarkierte Normalform des Verbs. Bei diesem Genus verbi ist normalerweise
das Agens wichtig, d.h. die aktivischen Formen sind agensorientiert, wobei diese semantische Rolle prototypisch syntaktisch
als Subjekt im Nominativ enkodiert wird, somit wird dieses Element obligatorisch im Satz gebraucht. Dem Aktiv steht das
Passiv gegenüber. Das Agens ist beim Passiv entweder nicht bekannt oder nicht von Bedeutung oder die Aktion/der Vorgang
selbst ist wichtiger. Aus diesem Grund wird hier oft auf das Agens verzichtet, sein Auftreten ist somit fakultativ. „Mit dem
Passiv ist die Verhaltungsrichtung des Verbs, die von der im Satzgegenstand genannten Person oder Sache her gesehen wird,
die von einer Handlung betroffen wird, gemeint“ (Dudenredaktion 1994: 2498).

Diese Subkategorie des Genus verbi existiert aber nicht in allen Sprachen, und in den Sprachen, in denen sie vorkommt, stellt
sie eine relativ späte Entwicklungserscheinung dar (vgl. ebd.). Das Althochdeutsche verfügte über ein Aspektsystem ohne
Passiv und dann zu einer Sprache mit Passiv, aber ohne Aspekt wurde (vgl. u.a. Abraham 1999: 1), während das Persische
auch heute noch über ein Aspektsystem verfügt und passivische Formen in dieser Sprache nicht sehr beliebt sind. Die
Sprecher/Schreiber tendieren stärker dazu, aktivische Sätze mit der gleichen Bedeutung zu verwenden. Dies gilt besonders
bei Übersetzungen aus anderen Sprachen, wobei man dann von einem nicht ins Persische integrierten Text spricht, wenn
darin viele passivische Formen enthalten sind.

Raeisi Dastenaei, Rana (2017), „Ein Brief wird erhalten!“: Passivfehler iranischer DaF-Studierender. Zeitschrift für
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5. Das Passiv im Deutschen und im Persischen: Ein Überblick

5.1. Das deutsche Passiv

Das deutsche Passiv unterteilt sich in zwei Formen, und zwar das Vorgangspassiv und das Zustandspassiv. Das
Vorgangspassiv oder werden-Passiv ist die übliche Form der Passivbildung und wird aus der konjugierten Verbform des
Hilfsverbs werden und dem Partizip II des transitiven Vollverbs gebildet und verweist, wie auch sein Name verrät, auf ein
laufendes Geschehen. Das Vorgangspassiv kommt oft ohne Agensvorgabe vor. Aber dennoch kann das Agens in der
Konstruktion mit Präpositionen wie von oder durch die passivische Form begleiten. Dabei ist anzumerken, dass manche
Gruppen von transitiven Verben nicht oder sehr beschränkt fähig sind, eine passivische Form zu bilden (vgl. u.a. Duden
2006: 553):

a. Verben des Besitzens und des Besitzwechsels wie haben, besitzen, erhalten, kriegen, bekommen wie in (1a) und Behälter-
Verben wie enthalten, umfassen usw. wie in (1b):
(1a) Ich bekomme einen Brief. * Ein Brief wird bekommen.
(1b) Das Buch umfasst 100 Seiten. * 100 Seiten werden umfasst.

b. Verben wissen und kennen wie z.B. in (2):


(2) Ich kenne diesen Mann. * Dieser Mann wird gekannt.

c. die transitiven Verben schulden und verdanken wie z.B. in (3):


(3) Ich verdanke ihm mein Leben. * Mein Leben wird ihm verdankt.

d. die transitiven Verb(variant)en mit reflexivem Dativobjekt wie sich etw. vorstellen, vornehmen, einbilden, merken usw.
wie in (4):
(4) Ich bilde mir diese Situation ein. * Diese Situation wird eingebildet.

e. Wahrnehmungsverben in der AcI-Konstruktion wie sehen, hören wie in (5):


(5) Ich höre ihn kommen. * Er wird kommen gehört.

f. reflexive Verben wie z.B. in (6):


(6) Ich schäme mich. * Ich werde geschämt.

Wenn das Resultat der Handlung des Vorgangspassivs andauernd ist, wird das durch das sein- oder Zustandspassiv
ausgedrückt. Das Zustandspassiv wird aus der konjugierten Verbform des Kopulaverbs sein und dem Partizip II des
transitiven Vollverbs gebildet wie z.B. in (7):
(7) Die Tür ist seit gestern geöffnet.

Aber nicht alle Verben, die ein Vorgangspassiv bilden wie in (8a), können auch ein Zustandspassiv bilden wie z.B. in (8b).
Das Zustandspassiv kann nicht von transitiven Verben mit durativer Aktionsart gebildet werden (8b), sondern nur von
transitiven Verben perfektiver Aktionsart, die einen solchen starken Grad der Affizierung des Akkusativobjekts ausdrücken
(8a), dass ein zeitweilig bleibendes Resultat, ein neuer Zustand tatsächlich entstehen kann (vgl. dazu u.a. 559-560):
(8a) Das Buch wird gelesen. (Vorgangspassiv)
(8b) * Das Buch ist gelesen. (kein Zustandspassiv möglich)
Es gibt im Deutschen neben dem persönlichen Passiv, das ein Subjekt im Nominativ enthält und in der Regel bei transitiven
Verben vorkommt wie z.B. in (9a), auch ein unpersönliches Vorgangspassiv, wo das Passiv oft von einem intransitiven
Vollverb gebildet wird. Hier fehlt das Subjekt wie z.B. in (9b) bzw. tritt es als formales Subjekt auf wie z.B. in (9c). Das
Verb muss in diesem Fall im Aktivsatz eine Handlung oder Aktivität bezeichnen, d.h. der Subjektaktant muss ein echtes
Agens sein (vgl. 554):
(9a) Er wird geschlagen.
(9b) Ihm wird gedankt.
(9c) Es wird ihm gedankt.

Die intransitiven Verben sind passivfähig, wenn

- ein aktivisches Verhalten gemeint ist wie z.B. in (10a, 10b):


(10a) Es wird getanzt. (Man tanzt.)
(10b) Es wird heftig in die Hände geklatscht. (Man klatscht heftig in die Hände.)

- eine energische Aufforderung formuliert wird wie z.B. in (11). Diese Form hat imperativische Bedeutung und beschränkt
sich auf das Präsens mit Zukunftsbedeutung:
(11) Jetzt wird geschlafen! (Geh ins Bett!)

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Die intransitiven Verben, wie z.B. in (12a), können aber keine passivische Form bilden, da ihr Subjektaktant nicht als
handelnde Person verstanden werden kann wie z.B. in (12b):
(12a) Er gehört zu dieser Klasse.
* Es wird zu dieser Klasse gehört.
(12b)

5.2. Das persische Passiv

Das persische Passiv hat nur eine einzige Form, und zwar das Vorgangspassiv. Es wird mit Hilfe der konjugierten Verbform
des Hilfsverbs šodan (werden), aber auch gaštan und gardidan, die die gleiche Bedeutung haben, und des Partizips II des
transitiven Vollverbs gebildet wie in (13a) und verweist auf ein laufendes Geschehen. Das persische Vorgangspassiv kommt
oft ohne Agensvorgabe vor, aber auch hier kann das Agens fakultativ in Begleitung der Präposition tavassote (von) im
passivischen Satz auftreten wie in (13b):
(13a) Inğā yek otubān sākhte mi-šaw-ad.
Hiereine Autobahngebaut wird.
(Hier wird eine Autobahn gebaut.)
(13b) Inğā yek otubān tavassote kāregarān sākhte mi-šaw-ad.
Hier eine Autobahn von den Arbeitern gebaut wird.
(Hier wird eine Autobahn von den Arbeitern gebaut.)

Dabei sind einige Besonderheiten des persischen Passivs hervorzuheben:

- Im Persischen können nur transitive Verben ein Passiv bilden, intransitive Verben sind dazu grundsätzlich nicht in
der Lage.
- Es gibt kein Zustandspassiv.
- Verben des Besitzwechsels wie erhalten, kriegen und bekommen sind dagegen fähig, eine passivische Form zu
bilden.
- Auch wenn das Agens unbekannt ist bzw. nicht im Fokus steht, wird im Persischen deutlich das Aktiv bevorzugt,
und es wird eine aktivische Konstruktion verwendet, in der das Verb in der 3. Person Plural konjugiert wird, das
Subjekt aber fehlt. Dies ist möglich, weil es sich beim Persischen um eine der sog. Pro-drop-Sprachen handelt, bei
denen die Person und der Numerus bereits durch die finite Verbform ausreichend markiert sind und das
Personalpronomen als Subjekt einfach ausgelassen werden kann:

(14) Inğā yek otubān mi-sāz-and.


Hier eine Autobahn bauen.
(Man baut hier eine Autobahn.)

Bezüglich des Kasussystems im Persischen ist zu erwähnen, dass es im Neupersischen keine Kasusformen mehr gibt und nur
die Relationen der Satzglieder zueinander diesbezüglich eine Rolle spielen.

5.3. Der Vergleich zwischen dem deutschen und persischen Passiv

Bezüglich des Genus verbi gibt es nach Raeisi (2014: 60f) zusammengefasst folgende Ähnlichkeiten und Unterschiede in
beiden Sprachen festzuhalten:

5.3.1. Ähnlichkeiten

1. Es existieren in beiden Sprachen zwei Kategorien des Genus verbi: Aktiv und Passiv.
2. Das Auftreten des Agens beim Passiv ist in beiden Sprachen fakultativ.
3. Passivische Formen können aus transitiven Verben gebildet werden.
4. Im Deutschen wird zur Bildung des Passivs das Hilfsverb werden und im Persischen das Hilfsverbverb šodan
und das Partizip II des Vollverbs benutzt.

5.3.2. Die Unterschiede

1. Im Deutschen können auch manche intransitiven Verben ein Passiv bilden (unpersönliches Passiv), was im
Persischen nicht möglich ist.
2. Im Persischen gibt es kein Zustandspassiv, stattdessen werden das Adjektiv und das Kopulaverb budan (sein)
benutzt.
3. Diejenigen Verben, die ein Bekommen ausdrücken, können im Deutschen wegen der ihnen inhärenten Passiv-
Perspektive keine formalen passivischen Formen bilden, im Persischen ist bei solchen Verben die Bildung des
Passivs durchaus möglich.

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4. Das Passiv wird im Deutschen sehr häufig in kommunikativen Situationen bzw. Textsorten benutzt, bei denen
das Agens unbekannt ist bzw. nicht im Fokus steht, im Persischen wird aber auch in solchen
Sprachhandlungen bzw. Texten deutlich das Aktiv bevorzugt.

6. Die ProbandInnen und die Datenerhebung


Die ProbandInnen der vorliegenden Studie, die zeigen sollte, welche passivische Strukturen für Deutschlernende mit der
Ausgangssprache Persisch problematisch sind, waren 38 Deutschstudierende im Alter von 19 bis 30, die die staatliche
Aufnahmeprüfung der iranischen Universitäten bereits absolviert und mit ihrem Studium im Fach „Deutsche Sprache mit
dem Schwerpunkt Übersetzen“ an der Universität Isfahan begonnen hatten. 44,73 % der Testteilnehmenden waren 21 Jahre
alt und das durchschnittliche Alter betrug 21,5Jahre. Da diese Studierenden ohne Vorkenntnisse mit dem Lernen der
deutschen Sprache begonnen hatten, konnte man davon ausgehen, dass sie über fast gleiche Sprachkenntnisse, d.h. das
Sprachniveau B1, verfügten. Die Gruppe, die vorwiegend aus Frauen bestand (81,58 % weiblich zu 18,42 % männlich), hatte
das Passiv schon vorher im Unterricht kennengelernt und intensiv geübt, aber dennoch wurden zur Auffrischung vor dem
Test noch einmal einige Erklärungen und Hinweise über diese Struktur und ihre Bildungsweise gegeben. Diejenigen
Studierenden, die bereits in einem deutschsprachigen Raum gelebt hatten und demzufolge Deutsch als Zweitsprache
erworben hatten, wurden nicht als ProbandInnen für den Test berücksichtigt.

Der Untersuchungsablauf erfolgte in zwei Phasen: Zuerst wurden den ProbandInnen zwei Aufgaben gestellt, die sie innerhalb
von 60 Minuten (durchschnittlich zwei Minuten je Übung), zu bearbeiten hatten. Sie hatten dabei die Möglichkeit, nach der
Bedeutung der ihnen unbekannten Wörter zu fragen, mussten aber die Übungen selbstständig erfüllen. In einem weiteren
Schritt wurden ihre Antworten untersucht und die aufgetretenen Fehler und Abweichungen analysiert.

Die meisten Sätze wurden aus der Übungsgrammatik „Deutsche Grammatik: ein Handbuch für den Ausländerunterricht“ von
Helbig & Buscha (2000) ausgewählt und in zwei Formen vorbereitet, wobei ich bei der Auswahl der Übungen die
Besonderheiten des Passivs für Lernende mit der Ausgangssprache Persisch im Auge behalten habe:

Die erste Aufgabe beschäftigte sich mit der Transformierung der aktivischen Sätze ins Vorgangspassiv, wobei sie auch
passivunfähige Verben und absolute Verben enthielt. Die zweite Aufgabe forderte zur Bildung des Zustandspassivs auf. Mit
diesen Aufgabenstellungen habe ich mir gleichzeitig das Ziel gestellt, den eventuell negativen/positiven Einfluss des
Persischen auf die Antworten der Lernenden zu eruieren.

Im Folgenden will ich einen Überblick über die Aufgabenstellung geben:

Aufgabe (1): Formen Sie folgende aktivische Sätze, wenn möglich, in das Vorgangspassiv um!

1. Der Kraftfahrer hat den Fußgänger überfahren.


2. Die Zuschauer klatschten lange.
3. Der Fußgänger hat die Straße an einer unübersichtlichen Stelle überquert.
4. Der Vater hat ein neues Buch bekommen.
5. Die Passanten helfen dem verunglückten Fußgänger.
6. Der Kraftfahrer beschuldigt den Fußgänger der Unvorsichtigkeit.
7. Er duschte sich jeden Morgen.
8. Man sprach in der Klasse sehr laut.
9. Die Passanten sorgen für den Abtransport des Verletzten ins Krankenhaus.
10. Die Polizei untersucht die Ursachen des Unfalls.
11. Das Gericht klagt den Kraftfahrer der mangelnden Rücksichtnahme an.
12. Peter hat ein Buch.
13. Man bezeichnete ihn als einen rücksichtslosen Fahrer.
14. Ein Zeuge des Unfalls nennt ihn einen unerfahrenen Fahrer.
15. Man hat im Saal getanzt.
16. Das Gericht entzieht ihm den Führerschein.
17. Der Artikel umfasst 20 Seiten.
18. Die Angehörigen des Verletzten drängen auf eine Bestrafung.
19. Die Polizei hatte auf die Briefe der Familie geantwortet.
20. Der Schüler hat sich gründlich gewaschen.
21. Die Kollegen lachten laut.
22. Sie danken der Polizei für die Aufklärung des Falles.
23. Monika wäscht sich die Hände.
24.Peter erhält einen Brief.

Aufgabe (2): Bilden Sie, wenn möglich, das Zustandspassiv!

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25. Er hat am Abend das Haus verschlossen.


26. Henry beglückwünscht seinen Freund zum Geburtstag.
27. Peter schreibt das Buch.
28. Sie haben die Fahrkarten schon gelöst.
29. Die Studenten haben die Probleme verstanden.
30. Meine Großeltern unterstützten finanziell meinen Bruder

7. Datenauswertung
Um die Passivfehler der am Test teilnehmenden Studierenden einfacher diagnostizieren zu können, wurden die Sätze zuerst
in Bezug auf ihre Zielsetzungen in elf Gruppenunterteilt1, dann wurden die Antworten der ProbandInnen in diesen Gruppen
untersucht. Die erste Aufgabe hatte neun Untergruppierungen. Jede dieser Gruppe enthielt bestimmte Verben in Bezug auf
die Passivbildung, d.h. ob sie sich ins Vorgangspassiv transformieren lassen oder nicht. Die zweite Aufgabe unterteilte sich
in zwei Teilaufgaben: Verben, mit denen man das Zustandspassiv bilden kann, und Verben, die sich nicht in diese Form
transformieren lassen. Die Testteilnehmenden sind darum gebeten, wenn möglich, Passivsätze zu bilden und wenn es nach
ihrer Meinung nicht geht, sollten sie anmerken, dass das Verb sich nicht ins Passiv transformieren lässt. Die Ergebnisse
stellen sich zusammengefasst so dar:

Gruppe 1:

Die Übungen 1, 3 und 10 (Der Kraftfahrer hat den Fußgänger überfahren. Der Fußgänger hat die Straße an einer
unübersichtlichen Stelle überquert. Die Polizei untersucht die Ursachen des Unfalls.) stellten die Passivbildung von
transitiven Verben mit einem Akkusativobjekt in den Mittelpunkt. Diese Verben sind in beiden Sprachen zumeist
passivfähig. Dabei waren bei den Verben überfahren und untersuchen, abgesehen von Fehlern, die die Korrektheit des
Partizips II des Vollverbs und des Hilfsverbs betreffen (wie übergefahren, übergefahren geworden und untergesucht), keine
wesentlichen Fehler zu beobachten. Die Teilnehmenden waren aufgefordert, wenn möglich, Passivsätze zu bilden, und wenn
nicht, das Verb als passivunfähig zu bezeichnen. In diesem Zusammenhang haben 20 ProbandInnen das Verb überqueren für
passivunfähig gehalten und haben erklärt, dass dieses Verb sich nicht ins Passiv transformieren lasse, obwohl das Verb
transitiv ist. Der Grund dafür könnte sein, dass dieses Verb sich im Persischen nicht ins Passiv transformieren lässt, was die
Schlussfolgerung zulässt, dass dieser Fehler eine Folge von Interferenz ist.

Gruppe 2:

Die Übungen 2, 8, 15 und 21 (Die Zuschauer klatschten lange. Man sprach in der Klasse sehr laut. Man hat im Saal getanzt.
Die Kollegen lachten laut.) beschäftigten sich mit dem unpersönlichen Passiv. Obwohl die ProbandInnen diese Struktur
bereits im Unterricht kennengelernt hatten, sind 18 Teilnehmende davon ausgegangen, dass die Verben klatschen und
sprechen intransitiv sind und sich demzufolge wie im Persischen nicht ins Passiv transformieren lassen damit also
passivunfähig seien. Folglich haben sie die jeweiligen Sätze nicht ins Passiv übertragen. Dieser Fehler ist noch deutlicher bei
den Verben tanzen und lachen zu beobachten. Nach der Meinung von 26 ProbandInnen sei die Passivbildung beim Verb
tanzen und nach der Auffassung von 30 Testteilnehmenden die von lachen wie bei ihren Entsprechungen im Persischen
ausgeschlossen, was man fraglos als Interferenzfehler einstufen kann. Die anderen Testpersonen haben aber ungeachtet ihrer
Ausgangssprache das unpersönliche Passiv in diesen Fällen richtig gebildet.

Gruppe 3:

Die Übungen 4 und 24 (Der Vater hat ein neues Buch bekommen. Peter erhält einen Brief.) beinhalten solche Verben, die
über ein Akkusativobjekt verfügen, aber trotzdem nicht ins Passiv transformiert werden können. Die Verben bekommen und
erhalten gehören im Persischen aber zu den passivfähigen Verben, deren passivische Form sogar sehr frequent ist. Die von
den ProbandInnen absolvierten Übungen zeigen nun deutlich, inwieweit die Passivbildung im Deutschen von der persischen
Struktur beeinflusst ist, denn 34 Personen haben folgenden Satz gebildet: „*Ein neues Buch ist bekommen (ge)worden“.
Außerdem hat niemand gezögert, einen passivischen Satz wie „*Ein Brief wird erhalten“ zu bilden, obwohl sie im Unterricht
explizit darauf hingewiesen worden sind, dass Verben mit der Bedeutung von bekommen im Deutschen passivunfähig sind.
An dieser Stelle muss noch einmal betont werden, dass der zuletzt erwähnte passivische Satz im Gegensatz zum Deutschen
im Persischen gang und gäbe ist.

Gruppe 4:

Raeisi Dastenaei, Rana (2017), „Ein Brief wird erhalten!“: Passivfehler iranischer DaF-Studierender. Zeitschrift für
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Die Übungen 5, 16 und 22 (Die Passanten helfen dem verunglückten Fußgänger. Das Gericht entzieht ihm den Führerschein.
Sie danken der Polizei für die Aufklärung des Falles.) fokussieren auf Verben mit einem Dativobjekt, sei es allein oder in
Begleitung eines Akkusativ- oder eines Präpositionalobjekts. Bei 16 Teilnehmenden der Studie ist bei der Überführung der
Aktivkonstruktion mit dem Verb helfen ins Passiv eine Transformierung des Dativs in den Nominativ zu beobachten: „*Der
verunglückte Fußgänger wird geholfen“, wobei dies im Deutschen nur für den Akkusativ zulässig ist. Eigentlich wären hier
keine Fehler zu erwarten, weil diese Transformierungen in beiden Sprachen ähnlich verlaufen. Dieser Fehler könnte aber eine
Folge der Übergeneralisierung dieser Regel sein, weil beim Vermitteln des Passivs darauf hingewiesen wird, dass diese
Transformierung nur beim Akkusativobjekt vollzogen werden kann. Hier könnte aber auch der Einfluss des Englischen u.U.
eine Rolle spielen, denn dort sind solche Formen möglich: „He was helped“.

Es ist auch interessant zu wissen, dass fünf Personen das Verb werden im Plural konjugiert haben, d.h. in Bezug auf die
Nominativergänzung des aktivischen Satzes. Das Verb entziehen ist abgesehen von Fehlern beim Partizip II von allen richtig
ins Passiv transformiert worden, 16 ProbandInnen haben aber die Dativergänzung ihm weggelassen, was als
Fehlervermeidung bewertet werden kann: „Der Führerschein wird entzogen“. Wie auch zu erwarten war, können wir beim
Verb danken nochmals in 16 Fällen eine Transformierung der Dativergänzung in den Nominativ beobachten, dabei haben
diese ProbandInnen auch die zum Verb gehörende Präposition weggelassen: „*Der Polizei wird/werden die Aufklärung des
Falles gedankt“. Die anderen Teilnehmenden haben aber ungeachtet des Numerus des Verbs einen korrekten passivischen
Satz gebildet. Da diese Abweichung nicht auf Interferenzeinflüsse zurückzuführen ist, kann man vermuten, dass
Überrepräsentation dafür verantwortlich sein könnte, weil manche Formen im Unterricht stärker im Fokus stehen als andere.
Hinsichtlich des Passivs bedeutet das, dass im Unterricht Passivtransformationen mit transitiven Verben, d.h. mit einem
Akkusativobjekt, signifikant häufiger geübt werden als andere Konstruktionen.

Gruppe 5:

Verben mit einem Akkusativ- und einem Genitivobjekt stehen in den Übungen 6 und 11 (Der Kraftfahrer beschuldigt den
Fußgänger der Unvorsichtigkeit. Das Gericht klagt den Kraftfahrer der mangelnden Rücksichtnahme an.) im Mittelpunkt.
Alle ProbandInnen haben, abgesehen vom Tempus des Verbs (vier Teilnehmende haben wahrscheinlich aus Versehen das
Verb im Präteritum gebraucht), die Verben beschuldigen und anklagen richtig ins Passiv überführt. Da es aber im Persischen
kein Genitivobjekt gibt, ist diese Struktur für die Lernenden völlig fremd, und 36 Testpersonen sind folglich davon
ausgegangen, dass der Unvorsichtigkeit als Genitiv von der Fußgänger und der mangelnden Rücksichtsnahme von der
Kraftfahrer regiert werden und nicht vom Verb: „*Der Fußgänger der Unvorsichtigkeit wird beschuldigt“ und „*Der
Kraftfahrer der mangelnden Rücksichtnahme wird angeklagt“.

Gruppe 6:

Die Übungen 7, 20 und 23 (Er duschte sich jeden Morgen. Der Schüler hat sich gründlich gewaschen. Monika wäscht sich
die Hände.) fordern dazu auf, reflexive Verben ins Passiv zu transformieren. Obwohl solche Verben mit einem
Reflexivpronomen im Akkusativ sich nicht ins Passiv transformieren lassen, haben 24 Teilnehmende versucht, eine
passivische Form mit den Verben sich duschen und sich waschen zu bilden: „*Er wurde jeden Morgen geduscht“ und „*Er
ist gründlich gewaschen (ge)worden“.2

Sechs ProbandInnen sind der Meinung, dass auch das Verb waschen im Satz „Monika wäscht sich die Hände“ passivunfähig
sei. Der Grund dafür ist höchstwahrscheinlich eine Übergeneralisierung der Regel für reflexive Verben, die besagt, dass
Verben mit einem Reflexivpronomen im Akkusativ passivunfähig sind. Reflexivpronomina fehlen im Persischen. In dieser
Sprache übernimmt ein allgemeines Pronomen die Rolle dieser Pronomina, welches für alle Personen verwendet werden
kann (vgl. u.a. Raeisi 2014: 112).

Gruppe 7:

In den Übungen 9, 18, 19 und 22 (Die Passanten sorgen für den Abtransport des Verletzten ins Krankenhaus. Die
Angehörigen des Verletzten drängen auf eine Bestrafung. Sie danken der Polizei für die Aufklärung des Falles.) stehen
Verben mit einem Präpositionalobjekt im Fokus. Das Verb sorgen haben alle ProbandInnen richtig ins Passiv überführt,
allerdings haben 23 Personen die Präposition für weggelassen und die von dieser Präposition gebundene Kasusform in den
Nominativ transformiert, obwohl dies auch im Persischen nicht der Fall ist: „*Der Abtransport des Verletzten ins
Krankenhaus wird gesorgt“. Auch hier haben sieben Testpersonen die Passivform im Plural gebraucht, offensichtlich
beeinflusst durch den Numerus der Nominativergänzung. 23 Teilnehmende haben wie bei der Übung 9 eine Bestrafung ohne
Präposition auf im passivischen Satz verwendet: „*Eine Bestrafung hat/ist gedrängt (ge)worden“. Bei den Übungen 18 und
19 haben 16 ProbandInnen das Tempus des passivischen Verbs falsch wiedergegeben. Sie haben das Verb entweder im
Präteritum gebraucht (Fehlervermeidung): „wurde geantwortet, wurde gedrängt“, oder sie haben versucht, es ins
Perfekt/Plusquamperfekt zu transformieren, was ihnen aber nicht gelungen ist: „hatte geantwortet worden/war geantwortet
geworden und hat/ist gedrängt (ge)worden“.

Raeisi Dastenaei, Rana (2017), „Ein Brief wird erhalten!“: Passivfehler iranischer DaF-Studierender. Zeitschrift für
Interkulturellen Fremdsprachenunterricht 22: 2, 169-178. Abrufbar unter http://tujournals.ulb.tu-darmstadt.de/index.php/zif/.
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In Bezug auf den Numerus kann man bei diesen beiden Übungen weitere Abweichungen beobachten, denn acht
ProbandInnen haben das passivische Verb im Plural gebraucht. Wie schon bei der Analyse der Gruppe 4 festgestellt wurde,
ist auch bei der Übung 22 die zum Verb gehörende Präposition von 16 ProbandInnen weggelassen worden: „*Der Polizei
wird/werden die Aufklärung des Falles gedankt“.

Gruppe 8:

Die Verben haben und umfassen, die in den Übungen 12 und 17 (Peter hat ein Buch. Der Artikel umfasst 20 Seiten.)
vorkommen, sind weder im Persischen noch im Deutschen passivfähig, trotzdem haben 14 ProbandInnen erstaunlicherweise
versucht, aus diesen Verben passivische Formen zu bilden: „*Ein Buch wird gehabt“ und „*20 Seiten werden umfasst“.
Offensichtlich sind diese Lernenden ungeachtet ihrer Muttersprache davon ausgegangen, dass alle deutschen Verben, die ein
Akkusativobjekt regieren, passivfähig seien.

Gruppe 9:

Die Passivbildung solcher Verben, die zwei Akkusativobjekte regieren, wie die Verben der Übungen 13 und 14 (Man
bezeichnete ihn als einen rücksichtslosen Fahre. Ein Zeuge des Unfalls nennt ihn einen unerfahrenen Fahrer.), ist für die
meisten Lernenden mit der Ausgangssprache Persisch problematisch, so dass fünf ProbandInnen die Verben bezeichnen und
nennen sogar als passivunfähig bezeichnet haben und bei 32 Personen die Transformierung des zweiten Akkusativobjekts in
den Nominativ fehlt, obwohl sie das Verb richtig ins Passiv überführt haben: „*Er wurde als einen rücksichtslosen Fahrer
bezeichnet“ und „*Er wird einen unerfahrenen Fahrer genannt“. Hier hat nur eine einzige Person völlig korrekte Passivsätze
gebildet.

Gruppe 10:

Die Übungen 25, 27 und 28 (Er hat am Abend das Haus verschlossen. Peter schreibt das Buch. Sie haben die Fahrkarten
schon gelöst.) fordern dazu auf, das Zustandspassiv zu bilden, wobei sie alle Verben enthalten, die sich in diese Form
überführen lassen. Die ProbandInnen hatten damit keine Probleme, alle Sätze wurden korrekt transformiert.

Gruppe 11:

Auch die Übungen 26, 29 und 30 (Henry beglückwünscht seinen Freund zum Geburtstag. Die Studenten haben die Probleme
verstanden. Meine Großeltern unterstützten finanziell meinen Bruder.) beschäftigen sich mit der Bildung des
Zustandspassivs, wobei die Verben in diesen Übungen sich nicht in diese Form überführen lassen. Trotzdem haben alle
Teilnehmenden der Studie versucht, die Sätze umzuformen. Das zeigt, dass sie alle von der Annahme ausgegangen sind, dass
der einzige Unterschied zwischen dem Zustands- und dem Vorgangspassiv das Vorhandensein oder das Fehlen des
reduzierten Partizips II des Hilfsverbs werden ist. Sie haben nicht unterscheiden können, welche Verben in der Lage sind,
diese Form zu bilden und welche nicht, und haben daher fehlerhafte Konstruktionen gebildet: „*Sein Freund ist
beglückwünscht“, „*Die Probleme sind verstanden“ und „*Mein Bruder ist finanziell unterstützt“. Daraus kann man
schließen, dass diese Form wegen ihrer Ungewöhnlichkeit für Perser sehr schwierig zu erlernen ist.

8. Schlussbemerkungen
Mit Hilfe dieser kleinen Studie sollte gezeigt werden, dass für die persischsprachigen Deutschlernenden solche passivischen
Konstruktionen, die in beiden Sprachen strukturell übereinstimmen, kaum Lernschwierigkeiten bereiten. Die ProbandInnen
der Studie hatten bei der Bildung des Vorgangspassivs im Präsens bzw. Präteritum aus denjenigen transitiven Verben, die in
beiden Sprachen passivfähig sind, keinerlei Probleme. Eine Reihe von Konstruktionen bereitete ihnen dagegen besondere
Probleme, Dazu gehören das Vorgangspassiv im Perfekt und Plusquamperfekt, Verben, die im Persischen passivfähig sind
und im Deutschen nicht und umgekehrt, das Zustandspassiv generell und die Transformierung der Kasusformen. Diese
Studie bestätigt unsere Annahme, dass einige Fehler, die bezüglich des Passivs von Deutschlernenden mit der
Ausgangssprache Persisch gemacht werden, Interferenzfehler sind, d.h. unter dem Einfluss der Muttersprache entstehen.
Dies bedeutet aber auf keinen Fall, dass ich damit Fehler der Lernenden in jedem Fall vorhersagen kann und will. Allerdings
können solche Befunde für den Fremdsprachenunterricht nützlich sein, weil sie Tendenzen aufzeigen und
Schwerpunktsetzungen ermöglichen, denn wenn man als Lehrende/Lehrende mit Problemen vertraut ist oder vertraut
gemacht wird, die Lernende unter dem Einfluss ihrer Muttersprache haben, so wird man mehr Zeit in spezifische
Problemfälle im Unterricht investieren und diese auch mehr üben. Man kann zudem auch explizit auf die Unterschiede
zwischen den Strukturen der beiden Sprachen hinweisen, (u.U. auch in der Muttersprache), und damit den Erkenntnis- und
Lernprozess beschleunigen.

Raeisi Dastenaei, Rana (2017), „Ein Brief wird erhalten!“: Passivfehler iranischer DaF-Studierender. Zeitschrift für
Interkulturellen Fremdsprachenunterricht 22: 2, 169-178. Abrufbar unter http://tujournals.ulb.tu-darmstadt.de/index.php/zif/.
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Literatur
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Wahidian Kamyar, Taghi & Omrani, Gholamreza (2007), Dasturzabane Farsi (Persische Grammatik): Band I. Teheran:
Samt Verlag.

Anmerkungen:

1
Im Folgenden sind die Zielsetzungen und der Grund dieser Gruppierung erklärt worden.
2
Es sei hier der Vollständigkeit halber noch ergänzt, dass diese Sätze vollkommen akzeptable Sätze sind, allerdings ohne
Reflexivkonstruktion.

Raeisi Dastenaei, Rana (2017), „Ein Brief wird erhalten!“: Passivfehler iranischer DaF-Studierender. Zeitschrift für
Interkulturellen Fremdsprachenunterricht 22: 2, 169-178. Abrufbar unter http://tujournals.ulb.tu-darmstadt.de/index.php/zif/.