You are on page 1of 317

Das Buch

»Sollte er in den Kopf getroffen werden, würde er


nichts hören oder fühlen. Er hoffte, wenn es schon ge-
schehen sollte, daß es dann auf diese Art wäre. Seine
Füße erschienen ihm sehr schwer und unbeholfen …
Und sein Hals war so zugeschnürt wie damals, als er
versucht hatte im College eine Rede zu halten.« Stein-
beck schrieb dieses Tagebuch zwischen Juni und De-
zember 1943 in England, Nordafrika und Sizilien. Er-
innerungen, Gedanken, Episoden, Meinungen und
Gerüchte verbinden sich zu einer detaillierten Schilde-
rung des Krieges. Da ist zunächst England während
der Vorbereitungszeit auf die Invasion. Die Stationie-
rung der amerikanischen Truppen im einstigen Mut-
terland ist offensichtlich nicht sehr willkommen. Zwi-
schen Engländern und Amerikanern kommt es zu Dif-
ferenzen. Steinbeck beschreibt minutiös die Stimmung
der Soldaten, während sie auf den Tag X, den soge-
nannten D-day warten. Dann kommt Steinbeck über
Nordafrika nach Sizilien, wo die Invasion gerade im
Gang ist … In diesen Aufzeichnungen geht es nicht
um Kriegsberichterstattung, vielmehr handelt es sich
um eine Sammlung von Momentaufnahmen, welche
die Stimmung und die Ansichten, Meinungen und
Vorstellungen im Zusammenhang mit entscheidenden
Tagen und Monaten des Zweiten Weltkriegs meister-
haft widerspiegeln.
Der Autor

John Ernst Steinbeck, amerikanischer Erzähler deutsch-


irischer Abstammung, geboren am 27. Februar 1902 in
Salinas, wuchs in Kalifornien auf. 1918–24 Studium der
Naturwissenschaften an der Stanford University, Gele-
genheitsarbeiter, danach freier Schriftsteller in Los Ga-
tos bei Monterey. Im Zweiten Weltkrieg Kriegsbericht-
erstatter, 1962 Nobelpreis für Literatur, gestorben am
20. Dezember 1968 in New York.
John Steinbeck:
An den Pforten der Hölle
Kriegstagebuch 1943

Deutsch von Hans Jürgen Jacobs

Deutscher
Taschenbuch
Verlag

D
Ungekürzte Ausgabe Juni 1993
Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG,
München
© 1943, 1958 John Steinbeck
© 1971 Elaine Steinbeck, Thom Steinbeck,
John Steinbeck IV
Titel der amerikanischen Originalausgabe:
›Once there was a war‹
© 1992 der deutschsprachigen Ausgabe:
Paul Zsolnay Verlag Gesellschaft m. b. H., Wien
(Deutsche Erstveröffentlichung: 1989 im Diana Verlag,
Zürich)
Umschlaggestaltung: Celestino Piatti
Gesamtherstellung: C. H. Beck’sche Buchdruckerei,
Nördlingen
Printed in Germany • isbn 3-423-11712-5
Vorwort

Es war einmal ein Krieg, aber schon vor so langer


Zeit und so von anderen Kriegen und auch anderen
Arten von Krieg aus dem Bewußtsein verdrängt, daß
selbst Leute, die daran teilgenommen haben, geneigt
sind, ihn zu vergessen. Dieser Krieg, von dem ich
spreche, fand nach dem Einsatz gepanzerter Fahrzeu-
ge statt und kurz vor den ersten kleinen Atombom-
ben von Hiroshima und Nagasaki mit ihrem radioak-
tiven Niederschlag.
Ich habe einen Teil dieses Krieges beobachtet,
man könnte sagen, ihn besucht, da ich in der Ver-
kleidung eines Kriegsberichterstatters teilnahm und
nicht selbst kämpfte. Heute finde ich es interessant,
daß ich mich an nicht viel erinnere. Das Lesen dieser
alten Berichte, die ich zu jener Zeit mit Aufregung
abgeschickt hatte, bringt die Bilder und Gefühle, die
schon fast völlig verloren schienen, wieder zurück.
Vielleicht ist es richtig oder sogar notwendig, Un-
fälle zu vergessen, und Kriege sind sicherlich Unfälle,
zu denen unsere Spezies offensichtlich neigt. Könnten
wir aus unseren Unfällen lernen, wäre es vielleicht
gut, die Erinnerung lebendig zu halten, aber wir ler-
nen einfach nicht dazu. Im antiken Griechenland sag-
te man, es müsse alle zwanzig Jahre einen Krieg ge-
ben, weil jede Generation wissen solle, wie so etwas
sei. Wir müssen wohl vergessen, oder wir könnten
uns diese mörderische Dummheit nie wieder leisten.

9
Der Krieg, von dem ich jedoch rede, ist vielleicht
schon deshalb denkwürdig, weil er der letzte seiner
Art war. Man nannte unseren Bürgerkrieg den letzten
»ritterlichen« Krieg, und der sogenannte Zweite
Weltkrieg war sicherlich der letzte der langen weltwei-
ten Kriege. Sollten wir so dumm sein, es noch einmal
so weit kommen zu lassen, so wird der nächste Krieg
der letzte überhaupt sein. Es wird niemand mehr üb-
rigbleiben, um sich an etwas erinnern zu können.
Und wenn wir wirklich so dumm sind, (dann) ver-
dienen wir es aus der Sicht der Biologie nicht, daß wir
überleben. Viele andere Lebensformen sind aufgrund
unvorhergesehener Entwicklungen von der Erde ver-
schwunden. Mit einiger Sicherheit können wir davon
ausgehen, daß wir gegen das unwandelbare Naturge-
setz nicht immun sind. Dieses Gesetz besagt, daß zu-
viel Aufrüstung, zuviel Überfluß und in den meisten
Fällen ein Übermaß an Integration Symptome kom-
mender Auslöschung sind. Mark Twain spricht in
›Ein Yankee aus Connecticut‹ vom grauenhaften, zu-
gleich aber realistischen Paradoxon, daß die Sieger
vom Gewicht der Toten erdrückt werden.
Aber all das ist eine Hypothese, gleichgültig, wie
realistisch sie sein mag. Merkwürdig ist, daß dieser
Krieg, an den ich mich kaum erinnere, zu einer nebu-
lösen Sache geworden ist. Mein Freund Jack Wagner
war im Ersten Weltkrieg. Sein Bruder Max war im
Zweiten Weltkrieg. Jack verteidigt diesen Krieg im-
mer wie besessen und nennt ihn immer den Großen
Krieg, was seinen Bruder mit Abscheu erfüllt. Und

10
der Große Krieg ist natürlich immer der, den man
selbst erlebt hat.
Aber hat man ihn wirklich erlebt? Erinnert man
sich daran? Erinnert man sich an die heftigen Angrif-
fe, die Einstellung, das Grauen und – ja, auch an die
angenehmen Dinge? Ich frage mich, wie viele der
Männer, die dort gewesen sind, sich noch an Einzel-
heiten erinnern.
Ich habe diese Berichte und Geschichten nicht
mehr gesehen, seit sie eilig niedergeschrieben und te-
lefonisch über den Ozean gingen, um als Berichte di-
rekt vom Kriegsschauplatz im ›New Herald Tribune‹
und einer großen Zahl anderer Zeitungen zu erschei-
nen. Das waren die Zeiten, da jeder Kriegsberichter-
statter ein Buch schrieb, aber ich habe dieser Versu-
chung widerstanden, weil ich der Ansicht war, oder
mir zumindest einredete, diese Geschichten sollten,
wenn sie nicht auch noch in zwanzig Jahren vertret-
bar seien, auf dem vergilbenden Papier vergessener
Zeitungen bleiben. Wenn ich sie jetzt hervorgeholt
habe, so nicht nur aufgrund der oben genannten Mo-
tive. Während ich sie jetzt nach all diesen Jahren wie-
der lese, erkenne ich nicht nur, wieviel ich vergessen
habe, sondern daß es sich um zeitgeschichtliche
Stücke handelt: Die Haltung ist archaisch, das Motiv
romantisch. Unter dem Blickwinkel von allem, was
seither geschehen ist, ist vielleicht die ganze Samm-
lung unwahr, verzerrt und einseitig.
Die Ereignisse, die ich hier beschrieben habe, sind
wirklich geschehen. Aber wenn ich diese Reportagen

11
heute lese, werden andere Dinge in meiner Erinne-
rung lebendig, die gleichfalls passiert sind, über die
aber nicht berichtet wurde. Daß nicht darüber be-
richtet wurde, hing teilweise mit Befehlen und Tradi-
tion zusammen, war aber zum größten Teil auch eine
Folge der (großen) Kriegsanstrengungen. Alles, was
die Kriegsanstrengungen störte oder ihnen zuwider-
lief, war automatisch schlecht. In großem Maß lag
die Beurteilung der Fakten in den Händen des
Kriegsberichterstatters selbst, aber wenn er sich ver-
gaß und eine der Regeln brach, gab es noch die Zen-
soren, die militärische Führung, die Zeitungen und
schließlich, als einflußreichste Gruppe, die kriegsbe-
geisterte Zivilbevölkerung, die zivilen Kommandos
des Stork Clubs und die Zeitschriften ›Time‹ und
›The New Yorker‹. Sie sorgten dafür, daß ein Bericht-
erstatter wieder auf die richtige Linie einschwenkte,
oder regten an, daß er als Gefahr für die Kriegsan-
strengungen aus dem Gebiet entfernt wurde. Es gab
Zivilistengruppen, die im taktischen und logistischen
Bereich halfen; es gab Organisationen von Müttern,
die die Moral überwachten, und mit Moral meine ich
nicht nur sexuelle Moral, sondern auch die Dinge wie
Glücksspiele und Auf-die-Pauke-Hauen. Geheimhal-
tung war eine Sache für sich. Vielleicht hatte die gan-
ze ansteckende Geheimhaltungshysterie der letzten
zwanzig Jahre ihren Ursprung in dieser Zeit. Unser
Geheimhaltungswahn gründete völlig legitim auf der
Furcht, daß das Wissen um Truppenverschiffungen
die Wolfsrudel der Unterseeboote anlocken könnte;

12
was ja auch oft passierte. Aber dann geriet alles außer
Kontrolle, bis schließlich Fakten, die man in jeder
Bücherei der Welt nachlesen konnte, zu sorgfältig
gehüteten Geheimnissen wurden, und die bestgehü-
teten Geheimnisse waren jedermann bekannt.
Ich will damit nicht andeuten, daß der Korrespon-
dent in diese Verhaltensregeln gezwungen worden
wäre. Meistens trug er sein Regelbuch im Kopf und
legte sich im Interesse der Kriegsanstrengungen sogar
selbst Einschränkungen auf. Als sich Viking Press ent-
schied, diese Berichte in Buchform zu drucken, schlug
man vor, ich sollte nun, da alle diese Einschränkun-
gen aufgehoben seien, die Ortsangaben »Irgendwo im
Raum von …« herausnehmen und die Ortsnamen
einsetzen. Das ist unmöglich. Ich war damals so um
Geheimhaltung bemüht, daß ich mich heute nicht
mehr erinnere, wo was wirklich passiert ist.
Die Regeln, manchmal aufgezwungen, manchmal
selbst auferlegt, erscheinen zwanzig Jahre später recht
amüsant. Ich will versuchen, mich an einige zu erin-
nern. Es gab zum Beispiel keine Feiglinge in der ame-
rikanischen Armee, und von all diesen tapferen Män-
nern war der einfache Infanterist der tapferste und
edelste überhaupt. Der Grund dafür ist unter Berück-
sichtigung der Kriegsanstrengungen offensichtlich.
Der einfache Infanterist hatte die schmutzigste, er-
müdendste Aufgabe im ganzen Krieg, und er wurde
kaum dafür belohnt. Abgesehen davon, daß sein Job
gefährlich und schmutzig war, erwiesen sich sehr vie-
le seiner Aufgaben als sinnlos. Man mußte ihm des-

13
halb versichern, daß diese Dinge, die nach seiner
Überzeugung sinnlos waren, tatsächlich notwendig
und wohlüberlegt waren und er ein Held war, wenn
er sie ausführte. Niemand dachte natürlich auch nur
daran, daß der einfache Soldat keine Wahl hatte.
Wenn er nur ein Wort sagte, wurde er entweder au-
genblicklich vor ein Exekutionskommando gestellt
oder lebenslänglich ins Gefängnis gesteckt.
Eine zweite Regel besagte, daß wir keine grausa-
men, ehrgeizigen oder unwissenden Kommandeure
hatten. Wenn der unorganisierte Wahnsinn, zu dem
wir gehörten, Schiffbruch erlitt, dann war es nicht
nur vorhersehbar gewesen, sondern auch Teil einer
überlegten Strategie, die schließlich zum Sieg führen
würde.
Nach einer dritten Regel, die man sehr ernst nahm,
hatten fünf Millionen ganz normaler junger, vitaler
und lüsterner Männer für die Dauer der Kriegsan-
strengungen ihre natürliche Beschäftigung mit Mäd-
chen vergessen. Die Tatsache, daß sie Bilder von
nackten Mädchen, Pinup-Girls genannt, mit sich her-
umtrugen, erschien niemandem als Widerspruch.
Die Regel war das Gesetz. Als das Nachschubwesen x-
Millionen Gummikondome und krankheitsverhü-
tender Medikamente anforderte, mußte erklärt wer-
den, sie würden benutzt, damit keine Feuchtigkeit in
die Läufe der Maschinengewehre eindringen konnte
– und vielleicht wurden sie auch wirklich dazu be-
nutzt.
Da sich unsere Armee und Marine, wie jede andere

14
Armee und Marine, aus den Guten, den Schlechten,
den Schönen und Häßlichen, den Brutalen, Emp-
findsamen und Grausamen, den Freundlichen, den
Starken und Schwachen zusammensetzte, läßt sich
diese Regel der allgemeinen edlen Gesinnung viel-
leicht nur schwer aufrechterhalten, aber es war gar
nicht so schwer. Wir waren alle ein Teil der Kriegsan-
strengungen. Wir machten dabei mit und unterstütz-
ten sie sogar ganz aktiv. Nach und nach machten wir
es uns zu eigen, daß die Wahrheit automatisch als
Geheimnis zu behandeln war. Eine Bagatellisierung
hätte den Kriegsanstrengungen geschadet. Damit will
ich nicht sagen, daß die Korrespondenten Lügner
gewesen wären. Das war nicht der Fall. In den Arti-
keln dieses Buches ist alles, was ich aufgezeichnet ha-
be, wirklich geschehen. In den Dingen, die ver-
schwiegen werden, liegt die Unwahrheit.
Als General Patton einen kranken Soldaten in ei-
nem Lazarett ohrfeigte und als unsere Marine bei Ge-
la neunundfünfzig unserer eigenen Truppentrans-
portflugzeuge abschoß, bat General Eisenhower per-
sönlich die Kriegsberichterstatter, die Berichte dar-
über nicht abzuschicken, weil sie schlecht für die
Moral zu Hause seien. Und die Korrespondenten
reichten ihre Geschichten nicht ein. Natürlich ließ
das US-Verteidigungsministerium einem örtlichen
Zeitungsreporter gegenüber etwas durchsickern, und
die Geschichten wurden doch gedruckt, aber nie-
mand im Kampfgebiet war an diesem Verrat betei-
ligt.

15
In der Zwischenzeit wurden die üblichen merk-
würdigen Geschichten in die Welt gesetzt und
pflichtgemäß durchgegeben. Eine der merkwürdig-
sten betraf einen Oberst oder General der Luftwaffe,
dessen Pflicht es verlangte, daß er in der behaglichen
Bodenstation zurückblieb, der sich jedoch zu Tode
grämte, weil er nicht bei seinen »Jungs« über
Deutschland mitten im Flakfeuer im Einsatz sein
konnte. Es war die harte, ernste Pflicht, die ihn auf
dem Boden hielt, viel schwieriger als der Einsatz in
der Luft. Ich weiß nicht, wer diese Geschichte auf-
brachte, aber wahrscheinlich kam sie nicht aus dem
Bericht der Unteroffiziere oder der einfachen Solda-
ten. Ich habe noch nie Bomberbesatzungen gesehen,
die nicht im Handumdrehen diese ernste Pflicht auf
sich genommen hätten. Sie waren vielleicht ein biß-
chen stürmisch, aber keineswegs verrückt.
Wenn ich diese alten Berichte lese, sehe ich, daß
wieder und wieder Sätze vom Zensor unterdrückt
worden sind. Ich habe keine Ahnung, was gestrichen
wurde. Korrespondenten hatten gewöhnlich keine
Schwierigkeiten mit den Zensoren. Auch die Zenso-
ren hatten eine schwere Aufgabe. Sie wußten nie, was
gegen sie hätte verwendet werden können. Niemand
konnte sie wegen ihrer Streichungen belangen, und
so strichen sie als Selbstschütz ziemlich rigoros. Die
Zensur der Marine war besonders bei Ortsnamen
empfindlich, ob sie nun irgendeine militärische Be-
deutung hatten oder nicht. Das war die sicherste Me-
thode. Einmal, als ich mich von den Zensoren un-

16
gerecht behandelt fühlte, sandte ich Herodots Bericht
der Schlacht von Salamis ein, die zwischen den Grie-
chen und Persern im Jahre 480 v. Chr. geschlagen
worden war, und weil Ortsnamen vorkamen, wenn
auch klassische, unterdrückten die Marinezensoren
die ganze Geschichte.
Wir versuchten wirklich, die Zensurregeln zu be-
achten, selbst in dem Bewußtsein, daß viele unsinnig
waren, aber es war sehr schwer zu verstehen, was die
Regeln wirklich besagten. Sie änderten sich jeweils
mit der Person des Kommandeurs. Immer, wenn
man dachte, nun sei endlich klar, was man einreichen
könnte, übernahm ein neuer Kommandeur, und
man konnte überhaupt nichts mehr schicken.
Die Korrespondenten waren eine merkwürdige,
verrückte und doch verantwortungsbewußte Mann-
schaft. Armeen ist schon aufgrund ihrer Natur, Grö-
ße, der Kompliziertheit ihrer Zusammensetzung und
ihres Kommandos vorherbestimmt, Fehler zu ma-
chen; Fehler, die man erklären oder in offiziellen Be-
richten umdeuten kann. Daraus folgt, daß Komman-
deure wegen der Korrespondenten immer ein wenig
nervös sind. Sie sind unruhig, wenn ihnen Leute, be-
sonders Experten, über die Schulter sehen. Und es traf
zu, daß viele der professionellen Kriegsberichterstatter
mehr Kriege und auch mehr von Kriegen mit anderen
Voraussetzungen gesehen hatten als irgend jemand in
der Armee oder Marine. So hatte Capa den spani-
schen Bürgerkrieg, den äthiopischen Krieg und den
pazifischen Krieg durchgemacht. Clark Lee war bei

17
Corregidor und in Japan gewesen. Wenn die Armee
und die Marine den Kriegsberichterstatter auch nicht
mochte, konnte sie doch nichts dagegen tun, denn
diese Männer standen in direkter Verbindung mit der
Öffentlichkeit. Darüber hinaus waren viele von ihnen
äußerst bekannt geworden und hatten enorme Ge-
folgschaften. Sie waren vom einen Ende der Nation
bis zum anderen in einer Gesellschaft zusammenge-
schlossen. Viele von ihnen hatten ihre Methoden und
ihren Stil etabliert. Und einige waren zu Primadon-
nen geworden, aber nicht viele. Ernie Pyle war so po-
pulär, und seine Leser zu Hause verließen sich so sehr
auf ihn, daß er in seiner Bedeutung die meisten Offi-
ziere im Generalstab übertraf.
Zu diesem erfahrenen Haufen von Profis stieß ich
als Nachzügler, als heilige Kuh oder eine Art Tou-
rist. Ich glaube, sie hatten den Eindruck, ich würde
mich in ihr hart erkämpftes Territorium drängen.
Als sie jedoch herausfanden, daß ich ihre Arbeit
nicht imitierte und keine direkten Nachrichten
übermittelte, waren sie sehr freundlich zu mir und
taten alles, um mir zu helfen und Dinge zu zeigen,
die ich nicht kannte. So war es zum Beispiel Capa,
der mir den besten Rat für das Verhalten im
Kampfeinsatz gab, den ich je gehört habe. Er lautete:
»Bleib, wo du bist. Wenn sie dich nicht getroffen
haben, dann haben sie dich nicht gesehen.« Und
dann mußte ausgerechnet Capa in Vietnam auf eine
Landmine treten, gerade als er sich aus der ganzen
schrecklichen, nutzlosen Geschichte zurückziehen

18
wollte. Und Ernie Pyle bekam auf der Reise, die sei-
ne letzte sein sollte, von einem Scharfschützen eine
Kugel zwischen die Augen.
Wir alle entwickelten unsere bescheidenen kleinen
Tricks beim Schreiben. Wenn ich diese alten Stücke
lese, erkenne ich einen meiner Tricks. Ich gab nie zu,
etwas selbst gesehen zu haben. Wenn ich eine Szene
beschreibe, lege ich die Worte einem anderen in den
Mund. Ich habe vergessen, warum ich das getan ha-
be. Vielleicht hatte ich den Eindruck, die Szene wäre
glaubhafter, wenn sie von einem anderen erzählt
würde. Es ist auch möglich, daß ich mich als Ein-
dringling, als Lauscher fühlte und mich ein wenig
schämte, überhaupt dazusein. Vielleicht schämte ich
mich, daß ich nach Hause gehen konnte, die Soldaten
aber nicht. Und dennoch war es oft weder sicher
noch angenehm, ein Korrespondent zu sein. Ein gro-
ßer Teil der Truppen war im Nachschub- und Trans-
portwesen oder in den Büros beschäftigt. Selbst
Kampfverbände hatten etwas Ruhe, wenn ein Einsatz
beendet war. Aber die Kriegsberichterstatter glaub-
ten, daß alle ihre Zeitungen nervös wurden, wenn sie
nicht ganz nah am Geschehen waren. Das Ergebnis
war eine sehr hohe Todesrate unter den Korrespon-
denten. Wenn man lange genug Korrespondent blieb
und sich immer dicht am Ort des Geschehens auf-
hielt, waren die Chancen hoch, erwischt zu werden.
Wenn ich diese Berichte lese, bin ich entsetzt, wie
viele Reporter bereits tot sind. Nur eine Handvoll
dieser munteren Geister, die die Nächte schrecklich

19
machten und die Tage mit Beschwerden füllten, blieb
am Leben.
Aber um auf die Regeln zurückzukommen: Es ge-
hörte zum Stil, immer Angst zu haben. Ich nehme an,
ich hatte wirklich Angst, aber es gehörte ja auch zum
Stil. Ich denke, man wollte damit auch beweisen, wie
tapfer die Soldaten sind. Und die Soldaten waren ge-
rade so tapfer oder feige wie jeder andere.
Wir stutzten unsere Berichte selbst weit mehr, als die
Zensur es tat. Wir fühlten uns dem gegenüber verant-
wortlich, was man die Heimatfront nannte. Es herrsch-
te allgemein das Gefühl, daß die Heimatfront, wenn sie
nicht sorgsam vor dem Bericht, wie der Krieg wirklich
war, geschützt würde, in Panik ausbrechen würde. Und
wir hatten auch den Eindruck, wir müßten die Streit-
kräfte vor Kritik schützen, oder sie würden sich in ihre
Zelte zurückziehen, um wie Achill zu schmollen.
Die Selbstdisziplinierung und die Selbstzensur un-
ter den Kriegsberichterstattern war sicherlich mora-
lisch und patriotisch, aber sie war auch praktisch im
Sinne des Selbstschutzes. Einige Themen waren tabu.
Einige Leute durften nicht kritisiert oder auch nur in
Frage gestellt werden. Der närrische Reporter, der
diese Regeln brach, wurde zu Hause nicht gedruckt
und zusätzlich durch den Führungsstab des Kriegs-
schauplatzes verwiesen. Und ein Kriegsberichterstat-
ter ohne Kriegsschauplatz ist arbeitslos.
Wir wußten zum Beispiel, daß ein gewisser, sehr
berühmter Offizier im Generalstab ständig die Pres-
seagenten wechselte, weil er nicht genügend Schlag-

20
zeilen bekam. Wir kannten den Kommandeur, der
einen Unteroffizier der Fernmeldetruppe fertigmach-
te, weil dieser sein Profil von der falschen Seite foto-
grafiert hatte. Mehrere gute Stabsoffiziere wurden
aufgrund der Eifersucht ihrer Vorgesetzten von ihren
Kommandos abgelöst, weil sie zuviel Enthusiasmus
bei ihren Männern und zuviel Bewunderung bei den
Reportern erregten. Es gab beständige Freistellungen
wegen Krankheit, wobei die Krankheit ein giganti-
scher Kater war; spektakuläre Verbindungen zwi-
schen hohen Armeeoffizieren und »WAACs«, dem
Truppenhelferinnenkorps, Entlassungen mit ärztli-
chem Attest wegen Dummheit, Brutalität, Feigheit
und selbst sittlichen Fehlverhaltens. Ich kenne keinen
einzigen Reporter, der irgendeine dieser Informatio-
nen benutzt hätte. Abgesehen von der Kriegsmoral
wäre es beruflicher Selbstmord gewesen. Der Mann,
der voreilig handelte und die Erstmeldung über den
Waffenstillstand in die Welt setzte, war beruflich er-
ledigt, und seine Karriere war zu Ende.
Ja, wir beschrieben nur einen Teil des Krieges.
Aber zu jener Zeit glaubten wir, glaubten wir leiden-
schaftlich, es sei so das Beste. Und vielleicht ist das
der Grund, warum, als der Krieg vorbei war, Romane
und Geschichten von ehemaligen Soldaten wie ›The
Naked and the Dead‹ auf die Öffentlichkeit, die sorg-
sam vor dem Kontakt mit dem verrückten, hysteri-
schen Schlamassel geschützt worden war, so schok-
kierend wirkten.
Wir hatten sowieso eine Menge Material. Es gab

21
einen ungeheuren Überfluß an Heroismus, Selbstlo-
sigkeit, Intelligenz und Freundlichkeit, über den man
schreiben konnte. Und vielleicht hatten wir recht, ei-
nen Teil des gesamten Bildes auszulassen. Wenn wir
alles eingereicht hätten, was wir wußten, und es in
der Sprache des Feldes verpackt hätten, wäre die
Heimatfront sicherlich noch verwirrter gewesen, als
sie es ohnehin durch unsere Berichte schon war. Da-
von abgesehen, gab es für jeden schreienden Egoisten
einen Bradley und für jeden schlagzeilenverrückten
militärischen Stümper große Männer wie Terry Allen
und General Roosevelt. Auch unter den Mann-
schaftsdienstgraden, zwischen stinkenden, betrügeri-
schen, unflätigen Drückebergern, gab es wirkliche
Helden, freundliche Männer, intelligente Männer,
die wußten oder zu wissen glaubten, wofür sie
kämpften, und den ganzen Rest in Kauf nahmen.
Beruflich waren die Kriegsberichterstatter, wie ich
glaube, moralische und verantwortungsbewußte
Männer, viele von ihnen sehr tapfere Männer, einige
von ihnen hingebungsvolle Männer. Aber in der Zeit,
nachdem die Geschichten abgeschickt worden waren,
würde ich sagen, waren wir nicht besser oder schlech-
ter als die Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften.
Nur hatten wir mehr Möglichkeiten als die Truppen,
ob nun Offizier oder einfacher Soldat. Wir trugen
Pseudo-Rangabzeichen, die vom Hauptmann bis zum
Oberstleutnant reichten, die uns gestatteten, in der
Offiziersmesse zu essen, wohin die einfachen Soldaten
nicht durften. Wir hatten aber auch – im Gegensatz

22
zu den Offizieren – persönlichen Kontakt zu den
Mannschaftsdienstgraden. Ich erinnere mich an einen
Offizierstanz in Nordafrika, eine langweilige, kühle
Angelegenheit, bei der jüngere Offiziere wie Roboter
mit Krankenschwestern zu alten Schallplatten tanz-
ten, die auf einem Grammophon abgespielt wurden,
während in den Unterkünften ganz in der Nähe eine
der besten Jazz-Combos, die ich je gehört hatte, reine
Ekstase verbreitete. Natürlich gingen wir Korrespon-
denten gerne zu der besseren Musik hinüber.
Rang hat sicherlich seine Privilegien, aber bei uns
war das manchmal mit Freiheit gleichzusetzen. Wenn
unsere Aufgabe erledigt war und unsere Geschichten
durchgegeben waren, entdeckten und tauschten wir
jede Adresse, wo auf dem Schwarzmarkt Fleisch, Al-
kohol und Frauen zu haben waren. Wir kannten die
illegalen Taxis. Wir schummelten, klauten, simulier-
ten, drückten uns um Dinge herum und ließen es uns
so gut wie möglich gehen. Ich lernte schon sehr früh,
daß ich mit Hilfe eines halben Liters Whisky für einen
Sergeant des Transportwesens schneller in ein Flug-
zeug kam als ein General mit dringenden Befehlen des
Generalstabs. Wir haben der Armee nicht viel gestoh-
len. Wir brauchten das nicht. Es wurde uns gegeben.
Im übrigen hatten wir es in der Armee mit Experten
zu tun. Ich erinnere mich an einen General im Nach-
schubwesen, der mürrisch einen Bericht über fehlen-
des Kriegsmaterial von einem Nachschubdepot las
und explodierte: »Der amerikanische Soldat ist der
schlimmste aller Diebe. Wissen Sie, was geschehen

23
wird? Wenn unsere Soldaten alles gestohlen haben,
was uns gehört, werden sie anfangen, die Deutschen
zu bestehlen, und dann helfe Gott Hitler.« Und ich
erinnere mich, daß auf einem Zerstörer auf See, nach-
dem alle Seitenwaffen der Offiziere, 45er-Pistolen und
Karabiner plötzlich verschwunden waren, das Schiff
vom Bug bis zum Heck durchsucht wurde. Obwohl
auch die Treibstoff- und Wassertanks überprüft wur-
den, tauchte nicht eine einzige Waffe je wieder auf. Es
gab eine Art von Zwang zum Stehlen. Gefangene
wurden fachmännisch auf Armbanduhren, Kameras
und Seitenwaffen (die Handelsware der GIs) gefilzt.
Aber die Korrespondenten stahlen nicht viel. Erstens,
wie ich schon sagte, weil das nicht nötig war, und
zweitens, weil wir so viel reisten, daß wir kaum etwas
mitnehmen konnten. Der Himmel weiß, wie viele
Helme, Schlafsäcke und Gasmasken ich bekommen
habe. Ich habe sie nur selten dahin transportiert, wo
ich hinging, und ich habe sie nie zurückgebracht. In
den Kellern einiger Londoner Hotels müssen auch
heute noch Kisten voller Beutestücke liegen, die vor
fünfzehn Jahren von Korrespondenten dort zurückge-
lassen und nie angefordert wurden. Ich persönlich
weiß von zwei solchen Verstecken.
Egal, was sie wert sind oder was sie ins Gedächtnis
zurückrufen mögen, hier sind sie: zeitgeschichtliche
Stücke, Märchen, halb bedeutungslose Erinnerungen
an eine Zeit und an Wertvorstellungen, die für alle
Zeiten von dieser Welt gegangen sind. Eine Auf-
zeichnung trauriger und lustiger Episoden aus dem

24
Krieg, den ich gesehen habe, auch wenn ich es nicht
glauben kann: wirklichkeitsfremder und erfundener
Pomp, der in Erinnerung bleibt wie die Schlachtbil-
der von Crécy und Bunker Hill und Gettysburg. Und
auch wenn Krieg ein Beweis für das Versagen des
Menschen als denkfähiges Geschöpf ist, gab es in die-
sem Erinnerungskrieg doch so etwas wie Ritterlich-
keit, Tapferkeit und Freundlichkeit. Ein Mann wurde
getötet, das ist schon wahr. Oder er wurde vielleicht
verstümmelt, aber wenn er überlebte, konnte er ge-
sunde Kinder zeugen.
Jetzt haben wir uns seit vielen Jahren von der Angst,
und allein von der Angst genährt, und die Angst bringt
nichts Gutes hervor. Ihre Kinder sind Grausamkeit
und Betrug und Argwohn, die in der Dunkelheit kei-
men. Und ebenso sicher, wie wir unsere Luft mit
Bombenversuchen vergiften, ist unsere Seele durch
Angst und gesichtslosen, dummen, schwärenden
Schrecken vergiftet.
Die Stücke in diesem Band wurden unter Druck
und voller Anspannung geschrieben. Mein erster Ge-
danke war, als ich sie wieder las, zu korrigieren, zu
ändern und zerrissene Sätze zu glätten und Wieder-
holungen zu streichen, aber gerade ihre Zerrissenheit
ist, wie mir scheint, ein Teil des Dabeiseins. Sie sind
so wirklichkeitsnah wie die böse Hexe und die gute
Fee, so wahr und erprobt und zurechtgestutzt wie je-
der andere Mythos.
Es war einmal ein Krieg, vor langer Zeit – vor lan-
ger, langer Zeit.

25
England

Truppentransportschiff

Irgendwo in England, 20. Juni 1943


Auf den Docks sitzen die Truppen zu Tausenden auf
ihrer Ausrüstung. Es ist Abend, und die ersten Ver-
dunkelungslampen werden eingeschaltet. Die Män-
ner haben ihre Helme aufgesetzt, die sie alle gleich
aussehen lassen, sie aussehen lassen wie lange Reihen
Pilze. Die Gewehre haben sie gegen ihre Knie gelehnt.
Sie haben keine Identität, keine Persönlichkeit. Die
Männer sind Einheiten in einer Armee. Die Kreide-
zahlen auf ihren Helmen wirken fast wie Nummern-
schilder auf Robotern. Die Ausrüstung ist sorgfältig
gestapelt – gerolltes Bettzeug, Zeltbahnen und Klei-
dersäcke. Einige Männer sind mit Springfield- oder
Enfield-Gewehren aus dem Ersten Weltkrieg bewaff-
net, einige mit dem M-1 oder mit Garand-Gewehren
und andere wieder mit den schönen, kleinen, leich-
ten, praktischen Karabinern, die nach dem Krieg alle
als Jagdgewehr haben wollten.
Hoch und massig wie ein Bürohaus ragt der Trup-
pentransporter über dem Pier auf. Man muß sich den
Hals ausrenken, wenn man sehen will, wo die Bullau-
gen aufhören und das offene Deck beginnt. Es ist ein
namenloses Schiff, und das wird es auch bleiben, so-
lange der Krieg dauert. Nur wenige Männer kennen
seinen Bestimmungsort und noch weniger seine Rou-

27
te. Die Last auf den Schultern der Männer, die es be-
fehligen, muß fast unerträglich sein, denn der Kapi-
tän, der Schiff und Ladung verliert, wird nie wieder
ruhig schlafen. Wahrscheinlich schläft er allerdings
auch in diesem Augenblick nicht. Die Laderäume sind
voll, und das Schiff erwartet eine Tonnage Menschen.
Die Soldaten auf den Docks sind ruhig. Geredet
wird nur wenig, gesungen gar nicht, und als die
Dämmerung in Dunkelheit übergeht, kann man den
einen nicht mehr vom anderen unterscheiden. Die
Köpfe hängen vor Müdigkeit vornüber. Einige dieser
Männer sind den ganzen Tag hierher unterwegs ge-
wesen, andere sogar viele Tage.
Es gibt mehrere Arten, einen Hut oder eine Mütze
zu tragen. Ein Mann kann sich durch Form und Sitz
seines Hutes ausdrücken, nicht jedoch durch einen
Helm. Einen Helm kann man nur auf eine einzige Art
tragen. Auf eine andere Weise klappt es einfach nicht.
Er sitzt gerade auf dem Kopf und reicht tief über Au-
gen und Ohren in den Nacken. Mit dem Helm auf
dem Kopf bist du ein Pilz in einem Pilzbeet.
Vier Gangways sind geöffnet, und die Einheiten
stehen müde auf und schlurfen nacheinander los. Die
Männer lehnen sich nach vorne, um das Gewicht ih-
rer Ausrüstung auszubalancieren. Füße schleifen
über die steile Gangway. Einer nach dem anderen
verschwinden die Soldaten durch die großen Türen
im Bauch des Truppentransporters.
Drinnen werden sie von Kontrolleuren aufgelistet.
Die Kreidenummern auf ihren Helmen wiederum

28
werden mit denen auf einer Kontrolliste verglichen.
Die Platzverteilung ist bereits bestimmt worden. Die
eine Hälfte der Männer wird auf den Decks schlafen,
die andere Hälfte in den Ballsälen und Messen, in
denen einmal ganz andere Leute saßen und ganz an-
dere Dinge vorfanden, die nun natürlich verschwun-
den sind. Einige Männer werden in Kojen, in Hän-
gematten, auf den blanken Decks oder in Korridoren
schlafen. Morgen wird man tauschen. Die Männer,
die auf Deck geschlafen haben, werden hereinkom-
men, und die Männer, die drinnen waren, werden
hinaus müssen. Bis zur Landung werden sie jede
Nacht wechseln. Bis zur Landung werden sie nicht
einmal ihre Kleider ausziehen. Das ist kein Vergnü-
gungsdampfer.
Auf den Decks, die von den Verdunkelungslampen
in eine schwach-blaue Dämmerung getaucht werden,
sinken die Männer vor Müdigkeit um und schlafen
gleich ein. Kaum haben sie ihren Platz gefunden, sind
sie auch schon eingeschlafen. Viele nehmen nicht
einmal ihren Helm ab. Es ist ein anstrengender Tag
gewesen. Sie halten die Gewehre, die neben ihnen lie-
gen, noch im Schlaf in den Händen.
Über die Gangways werden immer noch endlose
Reihen Soldaten in den Bauch des Truppentranspor-
ters gefüttert – ein Regiment farbiger Truppen, hun-
dert Armeekrankenschwestern, hübsch mit ihren
Helmen und Feldpaketen. Die Krankenschwestern
zumindest haben Kabinen, wenn sie auch völlig über-
füllt sein werden. Über das erste Fallreep kommt zu-

29
sätzliches Personal für die Kommandostelle eines
Bombergeschwaders und eine Kompanie Militärpoli-
zei. Alle sind gleichermaßen erschöpft. Sie suchen ih-
re Plätze und schlafen ein.
Die Verladung ist in vollem Gange. Rauchen ist
nirgendwo gestattet. Jeder, der an Bord geht, wird
dreifach geprüft, um sicherzustellen, daß er auch
wirklich dazugehört. Das Verladen geht in aller Ruhe
vor sich. Nur das Schlurfen von müden Füßen auf
den Landungstreppen und halblaut gesprochene Be-
fehle sind zu hören. Die ständige Truppe der Militär-
polizei kennt jeden einzelnen Schritt. Sie hat eine sol-
che Massenabwicklung schon einmal bewältigt.
Die Tennisplätze auf dem Oberdeck bestehen nun
aus einem halben Morgen schlafender Männer –
Männer, Füße und Ausrüstung. Militärpolizei ist
überall anwesend, auf den Treppen und in den Kor-
ridoren. Sie dirigiert und beobachtet. Die Einschif-
fung muß reibungslos weitergehen, denn bereits ein
kleiner Stau kann im Verladungsprozeß den Verlust
von Stunden zur Folge haben, genau wie ein eigen-
sinniger Fahrer durch ein falsches Wendemanöver
den Verkehrsfluß auf einer Hauptstraße lange Zeit
lahmlegen kann. Doch trotz des schleppenden Gan-
ges geht die Einschiffung sehr schnell voran. Gegen
Mitternacht ist der letzte Mann an Bord.
Im Stabsraum sitzt der befehlshabende Offizier
hinter einem langen Tisch, eine Reihe von Telefonen
vor sich. Sein Adjutant, ein müder, blonder Major,
macht Meldung und breitet seine Papiere auf dem

30
Tisch aus. Der Kommandeur nickt und gibt ihm ei-
nen Befehl.
Überall im Schiff krächzen die Lautsprecher. Die
Verladung ist beendet. Die Gangways gleiten vom
Schiff ab. Niemand kann mehr das Schiff betreten
oder verlassen – außer dem Lotsen. Auf der Brücke
geht der Kapitän des Schiffes langsam auf und ab.
Nun liegt die Last auf seinen Schultern. Tausende be-
finden sich jetzt in seiner Obhut, und wenn ein Un-
fall passieren sollte, wird es seine Schuld sein.
Das Schiff bleibt am Pier, und ein schwaches At-
men dringt tief aus seinem Inneren. Die Truppen ha-
ben die Heimat nun wirklich verlassen und sind end-
gültig von ihr abgeschnitten, obwohl sie noch keine
hundert Schritte vom Land entfernt sind. Auf dem
Oberdeck lehnen einige wenige Männer an der Re-
ling und sehen auf den Pier herunter und hinüber
zur Stadt. Das ölige Wasser kräuselt sich mit dem
Wechsel der Gezeiten. Die Zeit zum Ablegen ist fast
gekommen. Im Befehlsraum, der einmal als Schiffs-
theater diente, sitzt der Kommandeur hinter seinem
Tisch. Sein müder, blonder Adjutant sitzt neben ihm.
Das Telefon klingelt, der Kommandeur nimmt den
Hörer ab, hört einen Augenblick zu und legt wieder
auf. Er dreht sich zu seinem Adjutanten um.
»Alles fertig«, sagt er.

Irgendwo in England, 21. Juni 1943


Die Gezeiten wechseln gerade; es ist nach Mitternacht.
Auf der Brücke, die die Gebäude auf dem Pier über-

31
ragt, herrscht rege Betriebsamkeit. Die Trossen sind
abgeworfen, und die Maschinen laufen. Das große
Schiff fährt vorsichtig rückwärts gegen die Strömung
und füllt den Fluß bis fast an beide Ufer aus. Dort aber
erwarten die kleinen Schlepper das riesige Schiff und
stoßen und drehen es herum, bis es sich in der richti-
gen Position befindet. Während es langsam auf die See
zugeht, hängen sie an seiner Seite wie saugende Babys.
Nur die wachhabenden Militärpolizisten sehen die
verdunkelte Stadt vorbeigleiten.
Tief im Innern des Schiffes, im Lazarett, nehmen
jene Dinge, die so vielen Menschen geschehen kön-
nen, ihren Lauf. Ein Arzt im Rang eines Majors des
Sanitätswesens hat die Uniformjacke ausgezogen und
die Hemdsärmel hochgekrempelt. Er wäscht sich die
Hände mit grüner Seife, während eine Armeekran-
kenschwester in Operationsuniform wartet und den
weißen Kittel für den Doktor bereithält. Dem na-
menlosen Soldaten mit dem gefährlichen Blinddarm
wird gerade von einer anderen Armeekrankenschwe-
ster der Bauch rasiert. Helles Licht überflutet den
Operationstisch. Der Arzt zieht sich die sterilen
Handschuhe über. Die Krankenschwester rückt ihm
den Mundschutz über Nase und Mund zurecht, dann
tritt er schnell zu dem narkotisierten Soldaten, der
auf dem Tisch unter dem gleißenden Licht liegt.
Das große Truppenschiff, ein schwarzes Ding, das
in die Finsternis hineindampft, schleicht an der Stadt
vorbei, und die Schlepper kehren zurück. Auf den
Decks, in den Korridoren und in den Kojen liegen

32
Tausende von Männern wie ohnmächtig im Schlaf.
Nur ihre Gesichter sind unter dem schwachen bläuli-
chen Verdunkelungslicht zu erkennen – Gesichter
und das verschwommene Bild verschlungener Hände
und Füße und Beine und Ausrüstung. Offiziere und
Militärpolizisten wachen über diesen tiefen Schlaf,
ein Schlaf vieler, der Schlaf von Tausenden. Ein Ge-
ruch steigt von den Männern auf, der charakteristi-
sche Geruch einer Armee. Es ist der Geruch von Wol-
le und der bittere Geruch von Erschöpfung, von
Waffenöl und Leder. Die Männer liegen kreuz und
quer, einige mit offenem Mund, aber die schnarchen
nicht. Vielleicht sind sie selbst zum Schnarchen zu
müde; doch ihr Atem ist pulsierend und hörbar.
Der müde, blonde Adjutant spukt wie ein Geist
über das Deck. Er weiß nicht, wann er jemals wieder
schlafen wird. Er und der Kommandeur der Militär-
polizei tragen die Verantwortung für eine ruhige
Überfahrt, und beide sind ernsthafte und verantwor-
tungsbewußte Männer.
Die schlafenden Männer verpassen etwas Kolossa-
les, wie ja gewöhnlich die letzten Dinge immer ver-
paßt werden. Die Büroangestellten und Bauern, Ver-
käufer und Studenten, Arbeiter, Techniker, Reporter
und Fischer, die ihre Arbeit niedergelegt haben, um
eine Armee zu bilden, sind seit ihrer Einberufung für
diesen Augenblick ausgebildet worden. Nun beginnt
der Ernst, auf den sie vorbereitet worden sind. Ihr
Land, zu dessen Verteidigung sie Soldaten geworden
sind, gleitet langsam in der nebligen Nacht an ihnen

33
vorbei – und sie schlafen. Das Land, das in den
kommenden Monaten ihre Gedanken erfüllen wird,
ist weg, und sie haben es nicht verschwinden sehen.
Sie schliefen. Sie werden es lange Zeit nicht mehr se-
hen, und einige werden es nie wieder sehen. Das war
der Moment für Gefühle, ein Augenblick, der einma-
lig ist; aber sie waren zu müde. Sie schlafen wie Kin-
der; die wirklich versucht haben, wach zu bleiben,
um Sankt Nikolaus zu sehen, es aber doch nicht ge-
schafft haben. Sie werden sich an diesen Augenblick
erinnern, aber er wird nie wirklich geschehen sein.
Die Nacht zieht langsam über die See herauf. Es ist
bewölkt, und es beginnt leicht zu regnen. Es ist gutes
Wetter für diesen Transport, denn ein Unterseeboot
könnte uns aus zweihundert Metern Entfernung
nicht ausmachen. Das Schiff ist ein grauer, nebelhaf-
ter Schatten, der durch grauen Nebel gleitet und mit
ihm verschmilzt. Ein Kleinluftschiff der Marine
wacht über ihm; manchmal kommt es so nahe, daß
man die Männer in der kleinen Hängekabine erken-
nen kann.
Das Truppenschiff ist nun völlig isoliert. Es kann
andere Sender hören, aber es kann keinen Kontakt
aufnehmen. Sein Sendegerät wird nur benutzt, wenn
es angegriffen oder getroffen wird. Unterseeboote
warten in der nebligen See vor ihm, und von den
Männern an Bord haben viele den Ozean noch nie
gesehen. Die See ist dunkel und furchterregend ge-
nug ohne diese lauernden Ungetüme. Und außerdem
gibt es auch noch andere Dinge, die einem Jungen

34
vom Lande Furcht einflößen können – unbekannte
Dinge, unbekannte Leute, unbekannte Sprachen.
Die Männer wachen nun langsam auf, noch vor
dem Appell. Sie haben den Augenblick des Abschieds
versäumt. Vor ihnen liegt nur Unbekanntes: Be-
stimmungsort unbekannt, Route unbekannt, das Le-
ben selbst für die nächste Stunde unbekannt. Das
große Schiff schiebt seinen Bug in den Atlantik.
Auf dem Bootsdeck stehen zwei junge Burschen
aus dem Gebirge, an das frühe Aufstehen gewöhnt,
und sehen voller Verwunderung auf die unglaubliche
See. Einer von ihnen sagt: »Sie soll salzig sein bis ganz
auf den Grund.«
»Aber du weißt doch wohl, daß das nicht stimmt«,
sagt der andere.
»Was soll das heißen, es stimmt nicht? Warum soll
es nicht stimmen?«
Der andere antwortet selbstbewußt. »Paß auf,
mein Guter«, sagt er, »du weißt doch, daß es soviel
Salz auf der ganzen Welt nicht geben kann. Stell dir
das doch mal vor.«

Irgendwo in England, 22. Juni 1943


Der erste Morgen auf einem Truppentransporter
bringt immer ein schreckliches Durcheinander mit
sich. Die Versorgung Tausender Männer in derart
beengten Räumlichkeiten stellt ein großes Problem
dar. Pro Tag gibt es zwei Mahlzeiten im Abstand von
zehn Stunden. Reihen zum Frühstückfassen bilden
sich um sieben und dauern bis zehn Uhr. Schlangen

35
fürs Abendessen bilden sich um fünf Uhr nachmit-
tags und lösen sich erst um zehn Uhr abends auf.
Während dieser Zeiten sind die langen, engen Korri-
dore mit Männern gesäumt, die zu dritt Seite an Seite
mit ihrem Feldgeschirr in der Hand warten.
Am ersten Tag funktioniert es noch nicht. Es gibt
Stauungen, und die Stimmung ist oft gereizt. Mor-
gens um zehn Uhr beklagt sich ein unglücklicher
Soldat für chemische Kriegführung bei einem Mili-
tärpolizisten, der dafür sorgt, daß die Schlangen wei-
terschlurfen. »Bitte, Mister, nehmen Sie mich aus
dieser Schlange. Ich habe schon dreimal gefrühstückt.
Ich bin wirklich nicht mehr hungrig. Jedesmal wenn
ich aus einer Schlange herauskomme, schubsen sie
mich in eine andere.«
Auf einem Truppentransporter können die Män-
ner nicht individuell behandelt werden. Sie sind ein-
fach Einheiten, die sechs mal drei mal zwei Fuß Platz
einnehmen, horizontal oder vertikal. So viel Raum
muß man einem Körper zugestehen. Sie sind Ma-
schinen, denen man Treibstoff geben muß, um zu
verhindern, daß sie stehenbleiben. Die Produkte ih-
rer Verbrennung müssen sorgsam entfernt werden.
Am zweiten und dritten Tag funktioniert die Sache
schon besser. Die Schlangen kriechen reibungslos
und pünktlich voran; aber dieser erste Tag ist ein
schreckliches Durcheinander.
Die Männer ruhen nun, und es gibt keinen Platz,
um sich zu bewegen. Während der ganzen Überfahrt
werden sie keine Möglichkeit haben, sich Bewegung

36
zu verschaffen. Da sind einfach zu viele Füße. Der
Haupteindruck, den man von einem Truppentrans-
porter hat, sind Füße. Ein Mann kann seinen Kopf
oder seine Waffen aus dem Weg nehmen, doch ob er
nun liegt oder sitzt, seine Füße sind ein Problem. Sie
breiten sich in den Gängen aus, sie stehen in allen
möglichen Winkeln hervor. Sie sind nicht geschützt,
weil sie der Körperteil sind, der wahrscheinlich nicht
verletzt wird. Will man umhergehen, muß man zwi-
schen Füße treten und über Füße stolpern.
Man sieht große, unförmige Füße, kleine, zierliche
Füße; polierte Schuhe, an den Zehen verbogene
Schuhe; Schuhriemen geknotet und verwirrt und
sorgfältig geknüpfte kleine Schleifen. An Schuhen
und Füßen kann man den Charakter ablesen. Es gibt
ewig müde Füße und nervöse, flinke Füße. Erinnert
man sich an einen Truppentransporter, so erinnert
man sich an Füße. Nachts auf einem verdunkelten
Schiff kann man umherkriechen und seinen Weg
durch ein Gewirr von Füßen erfühlen.
Die Männer werden jetzt unruhig. Es ist schwer,
ruhig zu sitzen und nichts zu tun. Einige haben sich
Taschenbücher mitgebracht, andere gehen zur
Schiffsbücherei, um sich welche zu holen. Detektiv-
geschichten und Kurzgeschichten. Sie nehmen, was
sie kriegen können. Für viele Männer ist Lesen kein
Vergnügen, und sie müssen sich anders beschäftigen.
Vor einigen Monaten forderte der Nachschub in
seiner Versorgungsliste für das Ersatzlager der Solda-
ten einige hunderttausend Würfelspiele an, mit der

37
Erklärung, das Parcheesi-Spiel* gewänne in der Ar-
mee zunehmend an Beliebtheit. Diejenigen, für die
Parcheesi ein ziemlich dummes Spiel ist, werden das
nicht glauben können, wenn sie es selbst nicht erlebt
haben, aber es stimmt. Das Spiel ist irgendwie span-
nender geworden und erfreut sich ohne Zweifel gro-
ßer Beliebtheit. Das Brett mit den Zielreihen** ist
wegen des mangelnden Platzes verschwunden. Par-
cheesi wird nun einfach auf einer Felddecke gespielt.
Es ist ein temperamentvolles, ungefährliches Spiel,
das die Spieler fasziniert. Einige Parcheesi-Turniere
dauern mehrere Tage. Eines wurde tatsächlich wäh-
rend der gesamten Überfahrt nicht unterbrochen.
Ein anderes Spiel, das in der Armee sehr beliebt ist,
ist Cassino. Die bekanntesten Arten dieses Karten-
spiels sind Studcassino und Cassino, bei dem fünf
Karten gezogen werden. Es erfüllt mit Genugtuung,
wenn man feststellt, daß unsere moderne Armee zu
den traditionellen Tugenden zurückgefunden hat, die
unsere Vorfahren verleugnet haben.
Das Schiff ist schwer bewaffnet. Auf jedem Beobach-
tungspunkt ragen Kanonen hervor. Der Truppen-
transporter könnte sich den Weg durch beträchtlichen
Widerstand freikämpfen. Zusätzlich zu den Rettungs-

* Parcheesi ist ein Warenzeichen für ein Spiel, ähnlich wie


»Mensch-ärgere-Dich-nicht«, das dem indischen Brettspiel
»Pachisi« nachempfunden ist.
** Gemeint ist wohl die Zielreihe, die wie das Ziel bei »Mensch-
ärgere-Dich-nicht« angeordnet ist.

38
booten gibt es auf den Decks Hunderte Rettungsflöße,
die sofort ins Meer geworfen werden können. Diese
Boote und Flöße sind mit Lebensmitteln und Wasser,
Medizin und sogar Angelgerät ausgerüstet.
Jetzt gehen die Männer, die letzte Nacht auf den
Decks geschlafen haben, in das Innere des Schiffes,
während die Männer aus dem Bauch des Schiffes her-
auskommen. Der Wind an Deck ist frisch. Die Solda-
ten nehmen die Zeltbahnen und bauen damit origi-
nelle Unterstellplätze. Einige errichten einfache, klei-
ne Dächer zwischen Pfosten und Geländer, während
andere durch Zusammenlegen mehrerer Zeltbahnen
gemeinsame, windgeschützte Höhlen zwischen den
Rettungsflößen bauen. Da drinnen richten sie sich
ein und lesen oder spielen Parcheesi oder Cassino.
Die See ist ruhig, und das ist gut so, denn eine große
Anzahl der Männer ist noch nie zuvor auf irgendei-
nem Schiff gewesen. Selbst eine leicht aufgerauhte
See ließe sie seekrank werden, und dann hätte die be-
sorgte und übermüdete Stammbesatzung des Schiffes
ein zusätzliches Problem zu bewältigen.
Die Decks können nicht abgespritzt werden, weil
es keinen Platz gibt, wohin die Männer in dieser Zeit
ausweichen könnten. Es gibt viele heikle Probleme
auf einem solchen Schiff. Sollte ein anderes Schiff ge-
sichtet werden, dürfen die Männer nicht auf eine Sei-
te drängen, weil das Gewicht dann zu sehr auf diese
Seite verlagert würde, und das bedeutete sogar Ge-
fahr für das Schiff. Unsere Ladung besteht aus Män-
nern, und sie muß mit Umsicht behandelt werden.

39
Jeden Tag gibt es einen Schiffsappell. Es wird
Alarm gegeben, und nach dem Inferno des ersten Ta-
ges gehen die Männer jetzt ruhig auf ihre Positionen.
Auf einem Truppentransporter wird man mit unend-
lich vielen Problemen konfrontiert.

Irgendwo in England, 23. Juni 1943


Ein Truppenschiff ist eine seltsame Gemeinschaft
und reagiert auch wie eine Gemeinschaft. Es ist je-
doch einzigartig, weil es von der Welt abgeschnitten
ist und sich in ständiger Gefahr befindet, angegriffen
und zerstört zu werden. Wie ausgeglichen die Män-
ner auch immer scheinen, diese Tatsache haben sie
immer vor Augen. An jeder Stelle könnte ein Unter-
seeboot lauern, und jeden Augenblick könnte die Ex-
plosion erfolgen, die das große Schiff auf den Boden
des Meeres versenkt.
Deshalb können die Kanoniere nie entspannen; die
Horchgeräte lauschen gespannt und sind ständig be-
setzt. Ein Teil der Aufmerksamkeit gilt immer dem
Lauschen und Warten, und in der Nacht sind auch
schon kleinste Geräusche von großer Bedeutung. In
bestimmten Abständen werden die Kanonen abge-
schossen, um sicherzugehen, daß sie einsatzbereit
sind. Der Geschützoffizier ist nie entspannt. Der Ka-
pitän auf der Brücke schläft nur selten und trinkt sei-
nen Kaffee im Stehen.
Unter einer derartigen Belastung reagiert das
menschliche Gehirn oft seltsam. Es läßt Befürchtun-
gen zum wirklichen Erleben werden und wiederholt

40
dann diese Erlebnisse. Daher ist ein Truppentrans-
porter immer voller Gerüchte; Gerüchte, die in Win-
deseile durch das ganze Schiff flitzen. Eigenartig ist
jedoch, daß die Gerüchte auf allen Truppentranspor-
tern immer die gleichen sind. Irgendeine Verallge-
meinerung nimmt durch diese Gerüchte Gestalt an.
Eine Geschichte kommt auf und geht von Mund zu
Mund. Und jeder – vielleicht mit Ausnahme der
ständigen Besatzung – glaubt jede dieser Geschichten
für ein paar Stunden, bis eine neue ihren Platz ein-
nimmt. Es wäre eine gute Idee, einige dieser Gerüchte
aufzuzeichnen, damit sie von denen, die sie hören, als
das erkannt werden, was sie sind: die üblichen Ge-
schichten auf einem Truppentransporter.
Die folgenden Geschichten werden ohne Ausnah-
me auf jedem Truppentransporter erzählt; und dar-
über hinaus werden sie auf jedem Truppentranspor-
ter geglaubt:
1. Heute morgen wurden wir von einem Unter-
seeboot gesichtet. Es konnte uns zwar selbst nicht er-
ledigen, aber es funkte seinen Kameraden, und nun
lauert ein ganzes Rudel auf unserem Weg, um uns ab-
zufangen und zu versenken. Dieses Gerücht kommt
angeblich vom Funkoffizier, der das Unterseeboot ge-
hört hat, als es seine Kameraden rief. Die Meute wird
uns heute abend umzingeln. Alle diese Gerüchte
stammen angeblich von verantwortlichen Offizieren.
2. Heute morgen ist ein Unterseeboot aufge-
taucht, ohne zu wissen, daß wir in der Nähe waren.
Wir hatten schon alle Kanonen ausgerichtet, denn

41
wir konnten es mit unseren Horchgeräten ausma-
chen und waren bereit, es glatt aus dem Wasser her-
auszublasen. Das U-Boot sah uns, als es durch die
Wasseroberfläche brach, und signalisierte gerade
noch rechtzeitig, daß es eines von den unseren war.
Es ist nicht geklärt worden, warum es uns nicht mit
seinen Horchgeräten ausmachen konnte, und wenn
man fragt, wird es heißen, daß wahrscheinlich seine
Horchgeräte nicht funktionierten.
3. Etwas Schreckliches und Unbeschreibliches ist
zwischen den Offizieren vorgefallen (dieses Gerücht
wird nur unter den Unteroffizieren und Mann-
schaften erzählt). Das Verbrechen, das sie begangen
haben, wird nicht erwähnt, doch ist bekannt, daß
einige Offiziere in Haft genommen worden sind
und vor das Kriegsgericht gestellt werden sollen.
Dieses Gerücht könnte jedoch reines Wunschden-
ken sein.
4. Die PX-Läden für Offiziere wie auch die für
Mannschaften verkaufen Brause in braunen Fla-
schen. Die einfachen Soldaten wissen nur zu gut, daß
in ihren Flaschen Brause ist, aber das Gerücht läuft
durch das Schiff, daß die braunen Flaschen in der
Offiziersmesse Bier enthalten. Mißstimmung kommt
dadurch auf, bis die Geschichte durch ein neues Ge-
rücht in Vergessenheit gerät.
5. Der Bug des Schiffes ist schwach und nur not-
dürftig geflickt. Auf der letzten Einsatzfahrt schnitt es
einen Zerstörer (manchmal einen Kreuzer) glatt in
zwei Teile; man flickte es wieder zusammen und

42
schickte es wieder auf See. Das Schiff ist vollkommen
in Ordnung, solange wir nicht in einen Sturm gera-
ten; in dem Fall wird es aller Wahrscheinlichkeit nach
in Einzelteile zerfallen. Da die Männer jedoch nicht
zur Bugspitze dürfen, weil die Kanonenbesatzung
dort ist, können sie nicht hinuntersehen und feststel-
len, ob das wahr ist oder nicht.
6. Gestern abend gab der deutsche Rundfunk be-
kannt, dieses Schiff sei versenkt worden. Das machen
die Deutschen oft, wenn sie nach Meldungen suchen.
Obwohl Eltern, Frauen und Freunde nicht genau wis-
sen, auf welchem Schiff wir uns befinden, wissen sie,
wann Alarmbereitschaft besteht. Sie werden außer
sich sein, und es gibt keinen Weg, ihnen mitzuteilen,
es gehe uns gut, weil keine Nachrichten gefunkt wer-
den dürfen. Die Soldaten machen sich nun beständig
selbst Sorgen, wenn sie sich die Sorgen ihrer Familien
vorstellen.
7. Irgendeine Epidemie ist an Bord ausgebrochen.
Die Offiziere verschweigen es, um eine Panik zu ver-
meiden. Sie übergeben die Toten heimlich nachts der
See.
Wenn die Tage vergehen, die Männer unruhiger
werden und die Parcheesi-Spiele ein Ende gefunden
haben, weil das Spielgeld in einige magere und hung-
rige Hände gefallen ist, verdichten sich die Gerüchte
immer mehr. Irgendwo mitten über dem Ozean ganz
in der Nähe fliegt ein großes Patrouillenflugzeug und
umkreist uns beschützend, und das Gerücht kommt
auf, daß es dem Kapitän signalisiert hat, den Kurs zu

43
ändern. Irgendwo geschieht gerade etwas Schreckli-
ches, und wir ändern unseren Bestimmungsort.
Da wir allerdings unseren Kurs alle dreißig Sekun-
den ändern, kann man nichts Genaues über unsere
Richtung sagen, selbst wenn man das Kielwasser be-
obachtet.
So die Gerüchte. Es wäre interessant, wenn die
Schiffsoffiziere eine Liste der Gerüchte aushängen
würden, die die Soldaten wahrscheinlich bald zu hö-
ren bekommen. Damit könnte man einige Befürch-
tungen der Männer aus dem Weg räumen, und es
wäre interessant zu beobachten, ob dann eine völlig
neue Sammlung frischer Gerüchte aufkäme.

Irgendwo in England, 24. Juni 1943


Eine kleine Künstlertruppe der USO* ist an Bord un-
seres Truppentransporters: Frauen und Männer, die
losziehen, um die Truppen in allen Teilen der Welt
zu unterhalten. Es handelt sich dabei natürlich nicht
um die großen Namen, die mit einem Sturm von
Publicity herkommen und nebenbei ihre Verträge
mit Radiosendern erfüllen. Dies sind Mädchen, die
singen und tanzen können und hübsch aussehen,
und Männer, die Zauberkunststücke vorführen kön-
nen, und Pantomimen und Witzeerzähler. Sie haben
nur wenige Requisiten und keine Tricks wie Licht
und Farbe, um eine Show zu bestreiten. Aber es ist

* USO – United Service Organization (=Org. der Streitkräfte


zur Truppenbetreuung)

44
etwas sehr Ritterliches an ihnen. Das Theater ist die
einzige Institution in der Welt, die seit viertausend
Jahren im Sterben liegt und dennoch nie tot ist. Es
gehören zähe und engagierte Leute dazu, um es am
Leben zu erhalten. Ein Akkordeon ist das größte
Stück, das die Entertainer bei sich haben. Die Abend-
kleider, die in Koffer gequetscht werden, müssen ge-
bügelt und in Ordnung gehalten werden. Die Le-
bensgeister müssen angeregt werden. Das ist wirklich
die härteste Art der Unterhaltung.
Als Theater dient eine der größeren Messen. Sie ist
mit Soldaten vollgestopft; sie sitzen auf Bänken, ste-
hen auf Tischen und liegen in Eingängen. Ein kleines
Podium an einer Seite dient als Bühne. Heute funk-
tioniert der Lautsprecher nicht, doch wenn er funk-
tioniert, kreischt er und verzerrt die Stimmen. Der
Conférencier kommt auf die Bühne und begrüßt das
zusammengepferchte Publikum. Er erzählt einen
Witz – aber dieses Publikum setzt sich aus Männern
aus verschiedenen Teilen des Landes zusammen, und
jede einzelne Gegend hat ihren eigenen Humor. Er
erzählt einen New-York-Witz. Gelächter, doch nur
wenig. Die Männer aus South Dakota und Oklahoma
verstehen diesen Witz nicht. Sie lachen zu spät, ei-
gentlich nur, weil sie lachen wollen. Er versucht einen
anderen Witz und geht jetzt auf Nummer Sicher. Es
ist ein Armeewitz über Militärpolizisten. Dieses Mal
hat’s geklappt. Witze über Militärpolizisten mögen
sie alle.
Er stellt eine Akrobatik-Tänzerin vor, ein hübsches

45
Mädchen mit langen Beinen und dem angestrengten
Lächeln, das Akrobaten entwickeln, um zu verbergen,
daß ihre Muskeln vor Anspannung schreien. Das
Schiff schwankt langsam von einer Seite auf die ande-
re. Der gesamte Auftritt des Mädchens hängt von ex-
aktem Gleichgewicht ab. Sie versucht jede Nummer
mehrere Male und wird immer wieder aus dem
Gleichgewicht gebracht. Aber sie versucht es tatsäch-
lich wieder, bis es ihr in einer Pause zwischen dem
Schlingern des Schiffes gelingt und die Beine ord-
nungsgemäß zwei volle Sekunden lang verdreht sind.
Die Soldaten empfinden mit ihr. Sie kennen die
Schwierigkeiten. Sie wollen, daß es ihr gelingt, und
sie jubeln ihr zu, als sie Erfolg hat. Es wird alles sehr
ernst genommen. Sie verläßt die Bühne unter Pfiffen
und jubelndem Beifall.
Danach kommt eine Blues-Sängerin. Ohne den
Lautsprecher kann man sie kaum hören, weil ihre
Stimme, wenn sie auch voller Schmelz ist, nicht sehr
ausgeprägt ist. Sie zwingt ihre Stimme zur Lautstärke
und verliert so den Schmelz, aber sie ist hübsch und
jung und eifrig.
Eine junge Akkordeonspielerin tritt auf. Sie bittet
um Vorschläge. Man soll gemeinsam singen, und es
werden alte Songs gewünscht – ›Harvest Moon‹,
›Home on the Range‹, ›When Irish Eyes Are Smiling‹.
Die Männer brüllen die Worte in allen Stimmlagen:
für diesen Krieg gibt es noch kein Kriegslied. Noch
nicht. Die Show geht weiter – ein Pantomime, der die
medizinische Untersuchung eines Einberufenen dar-

46
stellt und dies so herrlich imitiert, daß das Publikum
vor Lachen brüllt. Ein Zauberkünstler hantiert mit
farbigen Seidentüchern.
In keiner Nummer ist die Illusion perfekt. Das Pu-
blikum hilft, so sehr es kann, denn es will, daß die
Show gut ist. Und aus den kleinen Darbietungen, die
nicht ganz überzeugend sind, und dem großen Pu-
blikum, das überzeugt sein möchte, entsteht auf ein-
mal etwas Ganzes und Gutes. Als alles vorbei ist, hat
eine richtige Show stattgefunden.
Einer der Künstler hatte Angst. Er hat nicht ge-
schlafen, seit das Schiff abgelegt hat. Er hat Angst vor
der See und vor Unterseebooten. Er hat in seiner Ko-
je gelegen und auf die Explosion gewartet, die ihn tö-
ten wird. Er ist wahrscheinlich sehr tapfer. Er stellt
seine Nummer vor, obwohl er schreckliche Angst hat.
Es wäre dumm, ihm zu sagen, er bräuchte keine
Angst zu haben. Er hat Angst, und das ist etwas, was
er nicht steuern kann. Aber er führt seine Nummer
vor, und das ist etwas, was er sehr wohl steuern kann.
Auf den Decks haben sich die farbigen Truppen
ausgebreitet. Sie sitzen schweigend. Eine schöne Baß-
stimme singt leise eine Strophe des Kirchenliedes
›When the Saints Go Marching In‹. Eine Stimme sagt:
»Sing, Bruder!«
Der Baß beginnt wieder, und einige andere Stim-
men fallen ein. Als die vierte Strophe beginnt, singt
ein Orkan von Stimmen das Kirchenlied. Die Stim-
men nehmen den Takt auf, ordnen sich ein. Chöre
formieren sich. Es herrscht absolute Finsternis. Die

47
dröhnenden Stimmen kommen aus der Dunkelheit.
Die Männer singen, während sie ausgestreckt auf
dem Rücken liegen. Das Lied wird gewaltig vor
Glaubwürdigkeit. Das ist ein Kriegslied. Das könnte
das Kriegslied sein. Nicht das sentimentale Gewäsch
über Lichter, die wieder aufleuchten werden oder
Lieder über Drosseln.
Das finstere Deck zittert förmlich im Klang des
Gesanges. Ein Chor hört auf und ein anderer beginnt
›When the Saints Go Marching In‹. Viermal, und
beim fünften Mal verklingen die Stimmen zu einem
kleinen Summen, und das Deck ist wieder still. Das
Schiff schlingert, und Metall knirscht gegen Metall.
Das Schiff ist wieder ruhig. Nur das Beben der Ma-
schine und das Rauschen des Wassers und das Wis-
pern des Windes in den Drahtseilen der Takelage
durchbrechen die Stille.
Wir haben noch keine singende Armee und auch
keine Lieder für eine singende Armee. Künstliche Ge-
fühle und Nostalgien haben keine Chance, weil die
Truppen instinktiv wissen, daß sie künstlich sind. Bis
heute hat noch niemand Worte und Melodie gefun-
den für wahres Heimweh, wahre Angst und die wah-
re Grausamkeit des Krieges.

Irgendwo in England, 25. Juni 1943


Wir kommen näher an das Festland heran. Die Vögel
hatten uns bereits heute morgen ausgemacht. Ein
großes Flugboot umkreiste uns und eilte dann fort,
um uns zu melden. Es hat überhaupt keine Probleme

48
gegeben, und falls auf der Brücke jemand den Feind
gemeldet hat, wissen wir es nicht. Von der Brücke ist
durchgesickert, daß wir heute nacht landen werden.
Die Soldaten säumen die Reling und melden jede
tiefhängende Wolke als Sichten von Land. Jetzt, da
wir fast am Bestimmungsort sind und unsere An-
marschwege kürzer werden, wird auch die Gefahr
größer. Das Schiff dreht und windet sich ständig.
Diese Gewässer sind die gefährlichsten von allen.
Die Männer lesen ein kleines Heftchen, das verteilt
worden ist. Es erklärt ihnen, wie man mit den Eng-
ländern gut auskommt. Es erklärt Sprachunterschie-
de. Es deutet an, daß ein »Closet« in England kein
Ort ist, um Kleider aufzuhängen, daß das Wort
»bloody« vermieden werden sollte, daß ein »garbage
can« ein »dust-bin« ist. Und es warnt davor, daß die
Engländer viele Wörter in einer anderen Bedeutung
gebrauchen als in der, die wir ihnen geben. Viele un-
serer Männer finden das sehr lustig und gehen herum
und reden in einem sonderbaren Kauderwelsch, den
sie für englischen Slang halten.
Ein leichter Dunst hüllt den Horizont ein. Spitfires
stürzen auf uns zu und umkreisen uns wie wütende
Bienen. Sie kommen so nahe heran, daß wir das wil-
de Pfeifen ihrer Flügel hören können. Lange Zeit
umkreisen sie uns und ziehen dann ab, und andere
nehmen ihren Platz ein.
Am Nachmittag zeigt sich Land durch den Dunst-
schleier, und als wir näher herankommen, kann man
die hübschen Häuser und die malerische Landschaft

49
erkennen – ordentlich und alt. Die Männer betrach-
ten es mit Verwunderung. Für die meisten ist es das
erste Mal, daß sie ein fremdes Land sehen, und jeder
sagt, daß es einer Gegend ähnlich sieht, die er kennt.
Einer sagt, es sieht wie Kalifornien im Frühling eines
verregneten Jahres aus. Ein anderer erkennt Ver-
mont. Die Männer drängen sich an den Bullaugen
und der Reling.
Das Truppenschiff läuft in den Hafen und wirft
Anker. Es ist von allen Seiten von allen möglichen
Schiffen und Marineeinheiten umringt. Die Männer
sollen mit Leichtern an Land gebracht werden, aber
noch nicht sofort, weil die Ausschiffung, wenn das
möglich sein sollte, noch komplizierter ist als die Ein-
schiffung. Männer gehen leicht verloren oder geraten
in die falschen Einheiten.
Die Nacht zieht auf, und im Stabsraum versam-
meln sich die Offiziere und warten, bis die Ausschif-
fung ihrer Männer angewiesen wird. Das dauert fast
die ganze Nacht. Zu einem genau festgesetzten Zeit-
punkt muß jede Einheit an einem genau festgesetzten
Platz sein, wo ein Leichter auf sie wartet, um sie auf-
zunehmen. Die Truppenzüge stehen schon an Land
bereit.
Es war eine perfekte Überfahrt. Keine Probleme,
keine Krankheit, kein Angriff. Den Schiffsoffizieren
sieht man die Anstrengung an. Sie haben nicht viel
geschlafen. Nach ein paar Fahrten müssen sie abge-
löst werden. Die Verantwortung ist zu groß für einen
Mann, als daß er sie längere Zeit tragen könnte.

50
Am Morgen kommen die Leichter und legen an den
Seiten des Truppenschiffes an. Die großen eisernen
Tore öffnen sich, und die Truppen kommen heraus
und nehmen ihre Plätze auf den Decks der kleinen
Schiffe ein. Die Bullaugen hoch darüber sind voller
neugieriger Köpfe. Männer für eine spätere Ausschif-
fung. Das kleine Boot entfernt sich, arbeitet sich zwi-
schen Schleppern, Zerstörern und den ankernden
Frachtern durch die Bucht. Die Soldaten fühlen sich in
dieser neuen Umgebung gehemmt. Sie sehen sich die-
ses neue Land skeptisch an, wie man es zwangsläufig
tut, wenn man unsicher ist. Das kleine Boot keucht an
die »Docks« heran, die mysteriöserweise zu einem
»Kai« geworden sind, was wie »key« (aus)gesprochen
wird. Viele finden das natürlich lächerlich.
Als der Leichter festmacht, geschieht etwas Über-
raschendes. Ein Korps Dudelsackpfeifer marschiert
auf in Kilts, mit Dudelsäcken und Trommeln und
dem schwungvollen Marsch der Dudelsackpfeifer.
Das scharfe Pfeifen schneidet durch die Luft. Die mi-
litärischste, kämpferischste Musik auf Erden. Unsere
Männer drängen sich an der Reling. Die Truppe nä-
hert sich mit dröhnenden Trommeln und schrill pfei-
fenden Dudelsäcken, und als sie vorüberziehen, bre-
chen die Soldaten in lauten Jubel aus. Vielleicht mö-
gen sie diese Musik gar nicht – es dauert seine Zeit,
bis man sie mag –, aber irgend etwas an dem fast
Strengen dieser Musik berührt sie. Die Pfeifertruppe
macht kehrt, marschiert zurück und ist verschwun-
den. Das war eine gute Idee. Unsere Männer fühlen

51
sich in einer unergründlichen Weise geehrt. Die Mu-
sik hat sie gerührt. Das ist ein ganz anderer Krieg,
verglichen mit dem der Ausbildungslager und der
Strategie in den Kantinen zu Hause.
Vom Deck des Leichters können die Männer Häu-
ser ohne Dach und ausgebrannte Ruinen erkennen.
Schutthaufen, wo Bomben gefallen sind. Sie haben
Bilder davon gesehen, und sie haben davon gelesen,
aber das waren nur Bilder und nur Lektüre. Das war
nicht die Wirklichkeit. Das hier ist anders. Das ist
überhaupt nicht wie auf den Bildern. Auf dem Kai
wartet das Rote Kreuz mit großen Kesseln Kaffee und
Bergen von Kuchen. Sie teilen bereits seit dem Mor-
gengrauen aus und werden bis weit nach Einbruch
der Dunkelheit weiter austeilen. Der Landungssteg
zum Leichter ist mittlerweile festgemacht. Die Män-
ner kämpfen sich mit ihren schweren Kleidersäcken,
den Tornistern auf ihren Rücken und über die Schul-
ter geworfenen Gewehren die steile Gangway zu ei-
nem unbekannten Land herauf. Und in der Ferne
können sie noch den Klang der Dudelsackpfeifer hö-
ren, die die Truppen für einen weiteren Leichter be-
grüßen.

Der Name eines Flugzeuges

Ein Bomberstützpunkt, 26. Juni 1943


Die Bomberbesatzung kommt aus London zurück.
Die Männer haben 48 Stunden Ausgang gehabt. Am

52
Bahnhof wartet ein Armeebus, und sie drängen sich
mit anderen Besatzungen hinein. Dann fährt der
große Bus durch die engen Straßen des kleinen alten
Städtchens und rollt über das grüne Land. Getreide-
felder mit Hecken dazwischen. Rechts ist einer dieser
großen Gemüsegärten in kleine Parzellen aufgeteilt,
in denen Familien ihren eigenen Bedarf anbauen. Ei-
nige Männer und Frauen arbeiten gerade im Garten,
sie sind mit dem Fahrrad aus der Stadt gekommen.
Der Armeebus rattert über die holprige Straße
durch ein kleines Wäldchen. In der Ferne sieht man
einige niedrige braune Gebäude und eine Fahnen-
stange mit der amerikanischen Flagge. Ein Bomber-
stützpunkt. England ist damit übersät. Der hier ist
einer der besten. Hier gibt es keinen Morast, und die
Kasernen sind massiv und annehmbar. Die Anzahl
der Flugzeuge auf diesen Flugplätzen ist nicht sehr
groß. Wahrscheinlich sind hier nicht mehr als fünf-
undzwanzig »Fliegende Festungen« stationiert, und
sie sind so verteilt, daß man sie nicht auf einen Blick
sieht. Ein Angreifer kriegt vielleicht eine Maschine,
aber es ist nicht sehr wahrscheinlich, daß er mehr als
eine erwischt.
Man hat nicht versucht, die Gebäude oder die
Flugzeuge zu tarnen – es bringt nichts und macht nur
eine Menge Arbeit. Luftschutz und Streuung der
Flugzeuge funktionieren gut. Stacheldraht ist entlang
der Straße in Rollen verlegt worden, und vor dem
Verwaltungsgebäude befindet sich ein Tor mit einem
Wachhäuschen. Der Bus hält am Tor an, und die

53
Männer springen heraus und befestigen ihre Gas-
masken an der Seite. Niemand darf den Ort ohne
Gasmaske verlassen. Die Männer passieren das Tor,
weisen sich aus und melden sich bei der Wache zu-
rück. Die Besatzungen gehen langsam zu ihren Un-
terkünften.
Das Zimmer ist lang und schmal und nicht gestri-
chen. An jeder Seitenwand stehen eiserne Etagenbet-
ten mit Spinden dazwischen. Ein langer Kleiderstän-
der in der Mitte zwischen den Betten dient als Garde-
robe für Winter- und Regenmäntel. Gleich daneben
befindet sich der Ständer für die Gewehre und Ma-
schinenpistolen der Besatzung.
Jedes Bett ist sorgfältig gemacht, und an jedem
Fußende hängen ein Helm und eine Gasmaske. An
den Wänden hängen Bilder von Pin-up-Girls. Über-
all, an jedem Bett die gleichen Mädchen – großbusige
Blondinen in verführerischer Pose, mit Kindergesich-
tern, geöffneten glänzenden Lippen und schläfrigen
Augen, die zweifellos heißes Verlangen ausdrücken:
aber überall die gleichen Mädchen.
Die Besatzung der »Mary Ruth« hat ihre Betten auf
der rechten Seite des Zimmers. Sie haben diese Betten
erst seit ein paar Wochen. Eine »Fliegende Festung«
war abgeschossen worden, die Betten sind jetzt frei.
Es ist ein seltsames Gefühl, in dem Bett eines Mannes
zu schlafen, der beim Frühstück noch bei dir war und
nun tot oder als Gefangener Hunderte von Meilen
entfernt ist. Es ist seltsam und unvermeidlich. Seine
Kleider sind noch im Spind, sie werden abgeholt und

54
aufbewahrt. Sein Helm wird vom Fußende genom-
men, und deiner wird hingehängt. Nur seine Pin-up-
Girls läßt du, wo sie sind. Warum sie auswechseln?
Deine sehen auch nicht anders aus.
Diese Besatzung hat die »Mary Ruth« nicht getauft
und ist nicht mit ihr herübergekommen. Am Bug des
Flugzeuges steht der Name und darunter »Erinne-
rungen an Mobile«. Aber diese Besatzung weiß we-
der, wer »Mary Ruth« war, noch, welche Erinnerun-
gen gefeiert werden. Das Flugzeug war schon be-
nannt, als sie es bekamen, und es fiele ihnen nicht im
Traum ein, seinen Namen zu ändern. Das würde Un-
glück bringen.
Ein Gerücht fegt über die Flugzeugstützpunkte,
daß irgendeine mächtige Lobby in Amerika gegen die
Namen auf den Flugzeugen protestiert hätte und daß
bald ein Befehl ausgegeben würde, wonach diese
Namen entfernt und durch Namen von Städten und
Flüssen ersetzt werden. Man kann nur hoffen, daß
das nicht wahr ist.
Die besten Schriftzüge in diesem Krieg findet man
auf den Bugs der Bomber. Die Namen sind etwas
ganz Persönliches, und die Flugzeuge werden zu
Menschen. Ändert man den Namen von »Bomben-
Boogie« in »St. Louis«, oder »Mary Ruth« in »Wichi-
ta« oder »Wolga-Jungfrau« in »Davenport«, hat man
das Flugzeug verletzt. Der Name muß perfekt sein
und von jedem Mitglied der Besatzung akzeptiert
werden. Die Namen dürfen nicht geändert werden.
Es gibt schon genug Langeweile im Krieg.

55
Die Besatzung der »Mary Ruth« sitzt auf ihren Bet-
ten und diskutiert das Pech von »Bomben-Boogie«.
»Bomben-Boogie« ist ein Unglücksflugzeug. Es er-
reicht nie sein Ziel. Jeder Einsatz ist ein Fehlschlag.
Sie holen es rein und überprüfen alles, testen es und
schicken es auf Testflüge. Das Flugzeug ist perfekt,
und dann startet es zu einem Einsatzflug, und seine
Maschinen arbeiten schlecht, oder sein Fahrgestell
macht Ärger. Irgend etwas ist immer los mit »Bom-
ben-Boogie«. Es erreicht nie sein Ziel. Keiner kann
das verstehen. Vor vier Tagen startete es und kam
noch nicht einmal bis zur englischen Küste, als eines
seiner Triebwerke ausfiel und es umkehren mußte.
Einer der Rumpfschützen schlendert ein bißchen
herum, aber eine Minute später ist er zurück. »Wir
stehen für morgen in Alarmbereitschaft«, sagt er.
»Ich hoffe, es ist nicht Kiel. Bei Kiel gab es höllisch
viel Flakfeuer.«
»Der Kerl mit dem roten Bart ist dort«, sagt
Brown, der Heckschütze. »Er hat mir direkt in die
Augen gesehen. Ich zog auf ihn herunter, und meine
Geschütze hatten Ladehemmung.«
»Laßt uns essen gehen«, sagt der Heckturmschütze.

Neuigkeiten von zu Hause

Bomberstützpunkt in England, 28. Juni 1943


Die Tage sind sehr lang. Durch die Sommerzeit ist es
bis fast elf Uhr dreißig abends hell. Nach dem

56
Abendessen nehmen wir den Bus zur Stadt. Es ist ei-
ne kleine alte Stadt, die jeder Amerikaner kennt, so-
bald er lesen kann. Die Gebäude in den engen Stra-
ßen sind Tudor- oder Stuart-Stil, georgisch und eini-
ge sogar normannisch. Die Pflastersteine sind glatt-
gewetzt, und die Markierungssteine auf den
Bürgersteigen von Generationen von Spaziergängern
ausgetreten. Es ist eine Stadt zum Spazierengehen.
Amerikanische Soldaten, kanadische Soldaten, Leute
der Royal Air Force und viele der weiblichen briti-
schen Soldaten spazieren durch die Straßen. Nur
Großbritannien zieht seine Frauen zum Wehrdienst
ein, und sie werden voll und ganz in der Armee ein-
gesetzt, als Fahrer mit Mechanikerausbildung, Mel-
defahrer – schmuck und streng in ihren Uniformen.
Die Besatzung der »Mary Ruth« landet in einem
kleinen, überfüllten und lauten Pub. Sie drängen sich
zur Bar durch, wo die Kellnerinnen Bier zapfen, so
schnell sie können. Nach einem Augenblick hat die
Crew einen Tisch gefunden, und die kleinen Gläser
mit der blassen gelben Flüssigkeit stehen vor ihnen.
Es ist seltsames Bier. Der größte Teil des Alkohols ist
herausdestilliert worden, um Kriegsmaterial herzu-
stellen. Es ist nicht kalt. Es ist Scheinbier – mehr ein
Symbol als ein wirkliches Getränk.
Die Bomberbesatzung ist ernst. Männer, die in
Alarmbereitschaft für einen Einsatz versetzt worden
sind, sind gewöhnlich ernst, aber heute nacht liegt
eine schwere Last auf der Crew. Man hat keine Ah-
nung, wie diese Dinge sich entwickeln. Ganz plötzlich

57
fühlt sich eine Besatzung vom Schicksal geschlagen.
Dann gehen Kleinigkeiten schief. Dann sind sie be-
unruhigt, bis sie zu ihrem Einsatz starten. Wenn das
Unbehagen da ist, tut das Warten förmlich weh.
Sie trinken das schale, geschmacklose Bier in klei-
nen Schlucken. Einer sagt: »Ich habe eine Zeitung
von zu Hause beim Roten Kreuz in London gese-
hen.« Es ist still. Die anderen sehen ihn über ihre
Gläser weg an. Eine gemischte Gruppe von Piloten
und ATS*-Mädchen am anderen Ende des Pubs ha-
ben zu singen begonnen. Es ist erstaunlich, wie viele
der Lieder amerikanisch sind. Sie singen: ›You’d Be
So Nice to Come Home to‹. Und der Takt des Liedes
ist unmerklich verändert worden. Es ist nun ein eng-
lisches Lied.
Der Rumpfschütze erhebt seine Stimme, damit
man ihn trotz des Gesangs hört. »Es scheint mir, daß
wir Angst haben, unsere Verluste bekanntzugeben. Es
scheint fast, als ob das Kriegsministerium Angst hät-
te, daß die Leute es nicht aushalten könnten. Ich ha-
be noch nie etwas gesehen, das die Leute nicht doch
aushalten könnten.«
Der Turmschütze wischt sich den Mund mit dem
Handrücken. »Wir erfahren nicht viel«, sagt er, »es ist
komisch, aber je näher man an die Front kommt, um
so weniger liest man Zeitungen und Kriegsberichte.

* ATS = (US) Army Transport Service (Armeetransportdienst)


od. (britsich): Auxiliary Territorial Service (= weiblicher
Hilfsdienst des Heeres im 2. Weltkrieg

58
Ich erinnere mich, bevor ich Soldat wurde, habe ich
immer gewußt, was los war. Ich wußte, was in der
Türkei gerade los war. Ich hatte sogar Landkarten mit
Stecknadeln und zeichnete Feldzüge mit farbigen
Bleistiften ein. Jetzt habe ich schon seit zwei Wochen
keine Zeitung mehr angesehen.«
Der erste Mann spricht weiter: »In dieser Zeitung,
die ich gesehen habe, waren einige komische Sachen
drin. Die scheinen zu glauben, daß der Krieg fast vor-
bei sei.«
»Ich wünschte, die Jerrys* würden das glauben«,
sagte der Heckschütze. »Ich wünschte, du könntest
Görings gelbe Nasen und die verdammten Flakschüt-
zen davon überzeugen.«
»Nun, jedenfalls«, sagt der Rumpfschütze, »ich ha-
be mir diese Zeitung ziemlich genau angesehen. Es
scheint mir, daß unsere Leute zu Hause einen Krieg
führen und wir hier einen ganz anderen. Zu Hause
haben sie ihn schon fast gewonnen, und wir haben
unseren erst begonnen. Ich wünschte, sie kämen in
den Krieg, in dem wir drin sind. Ich wünschte, sie
würden in den Zeitungen von den Opfern schreiben
und den Leuten sagen, wie es wirklich ist. Vielleicht
würden sie gerne an dem Krieg teilnehmen, in dem
wir sind, wenn sie nur wüßten, wie.«
Der Heckschütze lebt so nahe an der Grenze zu
Kentucky, daß er wie jemand aus Kentucky redet.
»Ich habe einen hübschen Artikel über uns in der

* Jerry: Bezeichnung für die deutschen Soldaten (A. d. Ü.)

59
Zeitung gelesen«, sagt er. »Da heißt es, wir haben
Nerven aus Stahl. Wir haben keine Angst. Das einzi-
ge, das wir auf der Welt wollen, ist, die ganze Zeit
fliegen und richtig gegen Jerry loslegen. Ich habe
noch nie gehört, daß wir so ein Ausbund an Tapfer-
keit sind. Ich habe es drei- oder viermal gelesen, um
mich zu überzeugen, daß ich keine Angst habe.«
Ȇber Bremen hatten wir letzten Donnerstag mas-
sives Flakfeuer«, sagt der Funker. »Wenn wir noch
mehr kriegen, können wir über einen soliden Flak-
teppich nach Hause gehen. Ich hasse dieses Flakfeuer.
Haben wir am Donnerstag richtig Dresche bezogen!«
»Nun, wir sind nicht getroffen worden«, sagt Hen-
ry Maurice Crain, einer der Bordschützen. »Der Bug
unseres Flugzeuges ist abgeschlagen worden, aber das
war ein Unfall. Einer der Kanoniere eines Flugzeuges
hoch vor uns hat einige leere Geschützkisten rausge-
worfen, und die kamen glatt durch unseren Bug.
Aber sie haben die Kiste schon wieder fast zusam-
mengeflickt.«
»Jedenfalls«, sagt der erste Mann verbissen,
»wünschte ich, die würden denen zu Hause sagen,
daß der Krieg noch nicht vorbei ist und die nicht
denken, wir wären so tapfer. Ich will nicht so helden-
haft sein. Wollen wir noch eins trinken?«
»Wozu?« sagt der Heckschütze. »Dieses Zeug hat
noch nicht einmal Charakter genug, daß man Abnei-
gung dagegen empfinden könnte. Ich gehe zurück
und putze meine Geschütze. Dann brauche ich es
morgen früh nicht zu machen.«

60
Sie stehen auf und drängen sich langsam nachein-
ander aus dem Pub. Es ist immer noch hell. Die Tau-
ben fliegen um den Turm einer alten gotischen Kir-
che, eine Architektur, die für nistende Tauben be-
sonders geeignet ist.
Das Hotel, das vom Roten Kreuz übernommen
worden ist, ist überfüllt mit Männern von all den
Flugplätzen, die die ganze Landschaft übersäen. Un-
ser Bus hält an, und wir klettern rein. Die Crew sieht
automatisch zum Himmel. Er ist klar mit kleinen
weißen Wölkchen, die noch im Lichte der Sonne ste-
hen, die schon untergegangen ist.
»Sieht aus, als ob es morgen klaren Himmel gibt«,
sagt der Funker. »Das ist gut für uns, und es ist gut
für sie, um uns zu erwischen.«
Der Bus rattert zurück zum Flugplatz. Der Heck-
schütze grübelt. »Ich hoffe, der alte Rotbart hat eine
schlimme Erkältung«, sagt er. »Der Blick in seinen
Augen gefiel mir letztes Mal gar nicht.«
Rotbart ist ein feindlicher Jagdflieger, der so nahe
herankommt, daß man fast sein Gesicht sehen kann.

Aberglaube

Bomberstützpunkt in England, 30. Juni 1943


Es ist eine schlechte Nacht in den Unterkünften, eine
Nacht, wie sie nicht oft vorkommt. Man kann un-
möglich wissen, wie es anfängt. Die Nerven sind ein
bißchen überreizt, und niemand ist müde. Der Heck-

61
schütze der anderen Besatzung im Zimmer kommt
von seinem oberen Bett herunter und fängt an, auf
dem Boden herumzustöbern.
»Was ist los?« fragt der Mann im unteren Bett.
»Ich habe mein Medaillon verloren«, sagt der
Heckschütze.
Niemand fragt, was es gewesen sei, eine Christo-
phorus-Medaille oder ein Glücksbringer. Tatsache
ist, daß es sein Medaillon ist und er es verloren hat.
Alle stehen auf und helfen suchen. Sie rücken das
Etagenbett von der Wand ab. Sie drehen alle Schuhe
um. Sie sehen hinter den Stahlspinden nach. Sie be-
stehen darauf, daß der Bordschütze alle seine Ta-
schen überprüft. Es ist nicht gut für einen Mann,
wenn er sein Medaillon verliert. Vielleicht hat man
vorher schon ein gewisses Unbehagen gespürt. Jetzt
setzt es sich fest. Das Unbehagen kriecht überall im
Raum herum. Es tarnt sich mit Heiterkeit. Sie erzäh-
len Witze; sie ziehen sich gegenseitig auf. Sie fragen
einander nach ihrer Schuhgröße, um ihrem Unbeha-
gen entgegenzutreten. »Was hast du für eine Schuh-
größe, Brown? Ich kriege deine Treter, wenn du
schlappmachst.«
Und dann hören die Witze auf. Es gibt viele kleine
Dinge, die man zu tun hat, wenn man auf Einsatz
geht. Man hinterlegt die Sachen, die nach Hause ge-
schickt werden sollen, falls man einen Unfall hat.
Man legt sie unter das Kopfkissen, die Fotografien,
die man hat, und den Brief, den man geschrieben hat,
und den Ring. Sie sind unter deinem Kopfkissen, und

62
du machst dein Bett nicht mehr. Das muß unge-
macht bleiben, damit du gleich wieder reinschlüpfen
kannst, wenn du zurückkommst. Niemand käme auf
die Idee, ein Bett zu machen, während sein Inhaber
auf Einsatz ist. Man geht auch glatt rasiert hinaus,
weil man ja zurückkommt, um seine Verabredung
einzuhalten. Man richtet seine Gedanken auf die Zu-
kunft und auf die Dinge, die man danach tun wird.
In den Unterkünften erzählen sie von bösen Vor-
ahnungen, von denen sie gehört haben. Zum Bei-
spiel von dem Funker, der eines Morgens sein Bett-
zeug säuberlich auf seinem Feldbett zusammenfalte-
te und sein Kopfkissen drauflegte. Und er faltete sei-
ne Kleidung zu einem ordentlichen Paket zusammen
und leerte seinen Spind. Nie zuvor hatte er so etwas
getan. Und tatsächlich wurde er an diesem Tag abge-
schossen.
Der Heckschütze hat sein Medaillon immer noch
nicht gefunden. Er hat seine Taschen immer wieder
durchsucht. Das grausame Gerede geht weiter, bis ei-
ne Stimme sagt: »Haltet um Gottes willen den Mund.
Es ist nach Mitternacht. Wir müssen einfach ein biß-
chen schlafen.«
Das Licht wird ausgeschaltet. Es ist völlig dunkel in
dem Zimmer, denn auch die Verdunkelungsvorhän-
ge sind dicht zugezogen. Ein Mann spricht in der
Dunkelheit. »Ich wünschte, ich wäre jetzt schon im
Flugzeug.« Er weiß, daß er in Ordnung sein wird,
wenn der Einsatz beginnt. Aber es ist diese Wartezeit,
die quält. Und heute nacht ist es besonders schlimm.

63
Es ist still in dem Zimmer, und dann hört man zu-
erst Schritte und dann einen großen Krach. Ein wei-
terer Heimkehrer ist in der Dunkelheit über den Ge-
wehrständer gestolpert, als er versuchte, zu seinem
Bett zu finden. Das ganze Zimmer bricht in laute Flü-
che aus. Jeder flucht über den Neuankömmling. Sie
sagen ihm, woher er kommt und wohin er hoffent-
lich gehen wird. Es ist ein gesunder, lauter Ausbruch,
der dem Raum die Spannung nimmt. Das böse Etwas
ist gewichen.
Man hört ein brummendes Geräusch, während
man auf seinem Feldbett liegt, ein Geräusch, das an-
hält. Es ist die Royal Air Force, die wieder zu einem
nächtlichen Bombenangriff startet. Es müssen Hun-
derte sein – ein großer Einsatz. Das Geräusch war
schon den ganzen Abend zu hören, und es dauert
noch eine weitere Stunde an. Hunderte Lancaster-
Bomber mit Hunderten Tonnen Bomben. Und wenn
sie zurückkommen, gehen die nächsten raus.
Man kann das, was mit Bomberbesatzungen pas-
siert, nicht einfach Aberglauben nennen. Durch An-
spannung und durch die Höhe befindet sich der Kör-
per in einem Ausnahmezustand. Der Mensch atmet
Sauerstoff durch einen Schlauch, und seine Augen
und Ohren arbeiten im verminderten Luftdruck. Es
ist nicht verwunderlich, daß er dann manchmal Din-
ge sieht, die nicht da sind, und Dinge nicht sieht, die
da sind. Schützen haben auf ihre eigenen Flugzeuge
geschossen, und andere haben große Salven in die
leere Luft gejagt, weil sie glaubten, sie hätten ein Ha-

64
kenkreuz gesehen. Die Sinne sind nicht mehr zuver-
lässig. Und der Himmel ist mit Flakgeschossen über-
sät. Die Flakgeschosse explodieren um dich herum,
und manchmal fetzen Splitter durch das Flugzeug.
Die Jäger blitzen mit aufflackernden Geschützen an
dir vorbei. Und wenn du ab und zu kleine Visionen
haben solltest – nun, das muß einfach eines Tages
passieren. Und falls in deinem konzentrierten Be-
wußtsein kleine Geschehnisse mit Bedeutung aufge-
laden werden – nun, derartige Dinge passieren im-
mer unter solcher Spannung. Geister sind immer
durch die Lüfte geritten, und wenn dein Körper und
deine Nerven noch durch die Höhe überanstrengt
sind, dann müssen solche Dinge einfach eines Tages
passieren.
In der Unterkunft ist es still. Aus einer Ecke
kommt ein leichtes Schnarchen. Einer spricht im
Schlaf. Erst ein gemurmelter Satz und dann: »Helen,
laß uns jetzt auf das Ferris-Rad gehen.«
Von der gegenüberliegenden Wand kommt ein
unterdrücktes Geräusch, und dann ein leises metalli-
sches Klimpern. Der Heckschütze tastet immer noch
in seinen Taschen nach dem Medaillon.

Vorbereitung auf einen Luftangriff

Bomberstützpunkt in England, 1. Juli 1943


In der Kaserne leuchtet ein helles weißes Licht auf,
das dich aus dem Schlaf reißt. Eine scharfe Stimme

65
ruft: »Nun macht, daß ihr rauskommt. Einsatzbe-
sprechung um 3 Uhr, Bereitschaft ab 4.20 Uhr. Macht
jetzt besser, daß ihr rauskommt.«
Die Besatzung kämpft sich schläfrig aus ihren
Feldbetten und in ihre Kleidung. Es ist 2.30 Uhr mor-
gens. Keiner hat viel geschlafen.
Draußen wird es langsam hell. Die Crew tastet ih-
ren Weg durch Schläfrigkeit und Halbdunkel zu dem
bewachten Tor, und jeder geht hin, wenn er vom Po-
sten identifiziert worden ist.
Drinnen stehen Reihen von Bänken vor einer gro-
ßen, weißen Leinwand, die eine ganze Wand ein-
nimmt. Einige Männer der Besatzungen haben schon
Platz genommen. Das Licht geht aus, und ein Projek-
tor wirft ein Luftbild auf die Leinwand. Es ist bemer-
kenswert klar. Es zeigt Straßen und Fabriken, einen
sich schlängelnden Fluß, Docks und Unterseebunker.
Ein Nachrichtenoffizier steht neben der Leinwand, er
hält einen langen Zeigestock in der Hand. Er beginnt
ohne lange Einleitung. »Da geht es heute hin!« sagt er
und nennt den Namen einer deutschen Stadt.
»Nun, dieses Geschwader wird aus dieser Richtung
kommen.« Der Zeigestock folgt der Straße und wirft
einen schwarzen Schatten auf die Leinwand. Der Zei-
gestock hält bei drei langen, schmalen, nebeneinan-
derliegenden Gebäuden. »Das ist euer Ziel. Da pro-
duzieren sie kleine Maschinenteile. Vernichten!« Er
gibt die Zeiten bekannt, und ein Feldwebel schreibt
sie auf eine Tafel. »Bereitschaft zu der Zeit, Start zu
dieser Zeit. Ihr werdet über eurem Ziel um soundso-

66
viel Uhr sein, und ihr solltet um soundsoviel Uhr zu-
rück sein.« Es ist alles auf die Minute genau festgelegt
– 5.52 Uhr und 9.43 Uhr. Die unglaubliche Aufgabe,
so viele Flugzeuge zu einer gegebenen Zeit an einen
gegebenen Punkt zu dirigieren, bedeutet ein Timing
auf Bruchteile von Sekunden.
Der Nachrichtenoffizier fährt fort: (Die nächsten
drei Sätze von der Zensur gestrichen) »Viel Glück
und gute Jagd.« Das Licht geht wieder an. Die abge-
bildete Stadt verschwindet wieder. Ein Geistlicher er-
scheint an der Stirnseite des Raumes. »Alle Katholi-
ken versammeln sich hinten im Raum«, sagt er.
Die Crews bummeln quer über den Weg zum
Speisesaal und füllen ihre Teller und Tassen mit ge-
dämpften Früchten, Rührei und Speck, Frühstücks-
flocken und Kaffee.
Die Besatzung der »Mary Ruth« ist fast fröhlich. Es
ist eine Reaktion auf die Spannung der vorigen
Nacht. Die Anspannung ist jetzt vorüber, weil es Ar-
beit gibt, der Flug bevorsteht und das Warten vorbei
ist. Der Heckschütze sagt: »Falls heute irgendwas pas-
sieren sollte, will ich festhalten lassen, daß ich zum
Frühstück Pflaumen hatte.«
Sie essen in Eile und drängen sich dann raus, nach-
dem sie ihr Geschirr und die Tassen in seifigem Was-
ser abgewaschen und in großen Kesseln abgespült
haben.
Das Anziehen ist ein langwieriger und komplizier-
ter Vorgang. Sie ziehen sich nackt aus. Auf die bloße
Haut ziehen sie wollene Unterwäsche an. Darüber

67
streifen sie etwas, das wie lange, blaßblaue Unterwä-
sche aussieht: Sie reicht bis auf die Fußgelenke und
bis zu den Handgelenken, und in Hüfthöhe sind
elektrische Stecker angebracht. Die Anzüge sind zwi-
schen zwei Lagen Textil mit elektrischen Drähten
durchwirkt, die Wärme leiten, wenn der Stecker mit
dem Wärmeanschluß des Flugzeuges verbunden ist.
Über den Wärmeanzug kommt der braune Overall.
Zuletzt dann dicke, mit Schaffell gefütterte, beheizba-
re Stiefel und Handschuhe, die gleichfalls Stecker für
den Wärmeanschluß haben. Als nächstes wird die
»Mae West« angezogen, die orangefarbene Gummi-
schwimmweste, die in Sekunden mit Luft gefüllt
werden kann. Dann kommt der Fallschirm mit den
schweren Leinwandriemen über den Schultern und
zwischen den Beinen. Und zuletzt der Helm mit Mi-
krofon und Kopfhörern. Sobald er an die Bord-
sprechanlage angeschlossen ist, kann sich jeder Mann
mit der übrigen Besatzung verständigen, egal welcher
Lärm um ihn herum herrscht. Während des Anklei-
dens sind die Männer immer stärker geworden, als
sie ein Ausrüstungsstück über das andere anzogen.
Sie gehen steif wie Roboter. Selbst der magere
Rumpfschütze sieht jetzt ein bißchen rundlicher aus.
Sie ziehen sich sehr sorgfältig an, denn eine unge-
schützte Stelle oder ein nicht angeschlossener Anzug
kann in einer Höhe von 10 000 Metern schlimme Er-
frierungen zur Folge haben. Dort oben ist es fürch-
terlich kalt.
Es ist nun Tag, und es bläst ein kalter Wind. Die

68
Männer gehen zur Waffenkammer zurück und holen
ihre Geschütze ab. Ein Lastwagen wartet auf sie. Sie
verstauen die Geschütze vorsichtig auf dem Boden
und hieven sich dann selbst steif hinein. Der Lastwa-
gen fährt die verlassene Startbahn entlang. Er biegt in
eine seitliche Startbahn ab. Nun kann man die Flug-
zeuge hier und da auf dem Flugplatz sehen. Unter
den Flügeln jeder Maschine hat sich eine kleine
Gruppe Männer versammelt.
»Da ist es«, sagt der Turmschütze. »Ich frage mich,
ob sie es geschafft haben, den Bug zu reparieren.« Es
war die »Mary Ruth« deren Nase durch Geschoßki-
sten eines vor ihr fliegenden Bombers beschädigt
worden war. Der Lastwagen fährt bis unter den Bug
des großen Flugzeuges vor. Die Crew klettert herun-
ter, und jeder Mann hebt sein Geschütz vorsichtig
heraus. Sie steigen in das Flugzeug. Die Geschütze
müssen installiert und vorsichtig getestet werden. Die
Munition muß kontrolliert und die Geschütze gela-
den werden. Das nimmt alles Zeit in Anspruch. Das
ist der Grund, weshalb die Männer lange vor der
Startzeit geweckt wurden. Tausend Dinge sind vor
dem Start noch zu erledigen.

Das Bodenpersonal

Bomberstützpunkt in England, 2. Juli 1943


Die Bodenmannschaft arbeitet noch an der »Mary
Ruth«. Master Sergeant (Hauptfeldwebel) Pierce

69
aus Oregon ist der Chef der Crew. Er ist schon lan-
ge Soldat und kennt seine Maschine. Es wird be-
hauptet, ihm gehöre die »Mary Ruth« und daß er
sie dem Flugzeugführer nur gelegentlich leihe.
Wenn er sagt, daß ein Flug nicht gestartet werden
kann, dann wird er nicht gestartet. Den größten
Teil der Nacht hat er damit verbracht, die Trieb-
werke zu kontrollieren.
Corporal Harold ist auch da. Er hat die Bomben
geladen und dafür gesorgt, daß die Ausrüstung des
Flugzeuges in Ordnung ist. Das Bodenpersonal hastet
herum wie die Kaninchen. Die Zeit wird knapp. Sie
haben eine ruhmlose Pflicht zu erfüllen, eine Aufgabe
ohne Heldentum und ohne Publicity. Und doch
könnte das Flugzeug ohne sie nicht fliegen. Sie tragen
Overalls und Baseballmützen.
Die Bordschützen haben mittlerweile ihre Ge-
schütze eingebaut und testen die Schieber. Ein Mann
des Bodenpersonals poliert die reparierte Nase und
wischt auch das kleinste bißchen Schmutz weg, damit
der Bombenschütze sein Ziel gut sehen kann.
Ein Jeep fährt vor und bringt die Offiziere – Brown,
Quenin, Bliley und Freerick. Sie verstreuen eine Zahl
von kleinen, quadratischen Paketen auf dem Boden,
eines für jeden Mann. Captain Brown verteilt sie. Sie
enthalten Geld und Landkarten. Brown sagt: »Nun,
falls wir irgendwelche Probleme kriegen sollten, mar-
schiert nicht in Richtung auf … denn die Leute dort
sind nicht sehr freundlich gewesen. Geht in Richtung
… dort sind sie sehr hilfsbereit.« Die Männer nehmen

70
ihre Pakete und lassen sie in die Taschen unter dem
Knie ihrer Overalls gleiten.
Die Sonne ist nun gerade unterhalb des Horizonts,
und man sieht feine rosafarbene Federwölkchen am
ganzen Himmel. Der Captain sieht auf seine Uhr.
»Ich würde sagen, wir machen uns jetzt auf«, sagt er.
Der andere Brown, der Heckschütze, kommt her-
übergerannt. Er übergibt ihm zwei Ringe, einen Ka-
meering und einen anderen. »Ich habe vergessen, die
hierzulassen«, sagt er. »Würden Sie sie unter mein
Kopfkissen legen?« Die Crew klettert auf ihre Plätze,
und die Tür wird zugeschlagen und verriegelt. Die
Seitentüren sind seitlich offen, mit den Geschützen,
die hervorlugen, nun unten festgezurrt, aber sofort
einsatzbereit. Der lange Patronengurt hängt lose in
jedes der Geschütze hinein.
Der Pilot winkt von seinem hohen Thron. Sein
Fenster befindet sich direkt über dem Namen des
Flugzeuges – »Mary Ruth, Erinnerungen an Mobile«.
Die Triebwerke drehen sich, schnappen einzeln ein
und dröhnen, während sie warmlaufen. Und nun er-
schallt über dem ganzen Flugplatz das knatternde
Dröhnen der startenden Triebwerke. Von überall her
auf dem ganzen Flugplatz kommen die großen Flug-
zeuge von ihren verstreuten Standorten zur Haupt-
startbahn gerumpelt. Sie formieren eine Reihe wie
Riesenkäfer, eine Parade von Riesenkäfern, die sich
herunter zur Startbahn bewegt.
Der Pilot gibt ein Signal, und zwei Bodenmänner
rennen blitzschnell los, ziehen die Bremsklötze von

71
den Rädern weg und springen ebenso blitzschnell
wieder aus dem Weg. Die »Mary Ruth« bringt ihre
Motoren auf Touren und kriecht dann langsam aus
ihrer Zufahrt heraus und reiht sich in die Parade ein.
Weiter vorne auf der Startbahn zieht das erste Flug-
zeug an, beschleunigt und hebt vom Boden ab. Hin-
ter ihm kommt ein weiteres und dahinter ein weite-
res und dahinter eines, bis die fliegende Reihe der
Flugzeuge sich bis weit in den Norden ausdehnt. Ei-
nen kurzen Augenblick lang ist das Geschwader ver-
schwunden, aber nach einigen Minuten sind sie wie-
der über dem Flugplatz, jedoch diesmal nicht in einer
Reihe. Sie haben Höhe gewonnen und fliegen in ge-
schlossener Formation. Sie überqueren das Flugfeld
dröhnend und sind kaum vorbei, als ein weiteres Ge-
schwader von einem anderen Flugplatz vorbeikommt
und dann ein weiteres und wieder eines. Sie werden
sich an einem bestimmten Punkt treffen, die Ge-
schwader von vielen Flugfeldern. Und wenn der gan-
ze Verband vereinigt ist, werden vielleicht einhundert
der großen Flugzeuge in V-Formation und innerhalb
der V in weiteren V fliegen, jedes sich selbst und
gleichzeitig die anderen durch seine Position schüt-
zend. Und dieser große Flug führt gen Süden wie der
Zug der Gänse im Herbst.
Damit diese Einsatzkommandos starten können,
ist unglaublich viel Kleinarbeit nötig. Nachschub und
Nachrichtendienst, Bestimmung des Zieles und
Einsatzbesprechung, Einteilung des Personals und
die Zuweisung der Besatzungen und die Arbeit der

72
Mechaniker, um die Triebwerke in Gang zu halten.
»Bomben-Boogie« startete mit den anderen, flattert
aber schon nach kurzer Zeit mit einem verreckten
Motor zurück. Wieder mal hat dieses Flugzeug
schlappgemacht. Niemand weiß, warum. Entmutigt
sinkt es zu Boden.
Sobald die Einsatzgruppe abgeflogen ist, steht das
Bodenpersonal herum und macht einen verlorenen
Eindruck. Die Männer haben jede Phase des Starts
beobachtet, und jetzt hat man sie zurückgelassen, um
den Tag geduldig zu warten, bis die Flugzeuge wieder
zurückkehren. Es ist sehr schwierig, die Beziehung
zwischen Bodenpersonal und den fliegenden Crews
zu bestimmen; es gibt aber eine sehr enge Verbin-
dung zwischen beiden. Das Bodenpersonal wird ner-
vös und besorgt sein, bis die Flugzeuge wieder zu
Hause sind. Und falls die »Mary Ruth« es nicht schaf-
fen sollte, nach Hause zurückzukehren, wird sie in
einer mürrischen, wortlosen Art betrauert werden.
Sie haben die ganze Nacht gearbeitet. Nun drängen
sie sich auf einem Traktor zusammen, um zum Han-
gar zurückzufahren und in der Messe eine Tasse Kaf-
fee zu trinken. Master Sergeant Pierce sagt: »Das ist
ein gutes Flugzeug. Habe nie Ärger damit gehabt. Es
wird zurückkommen, falls sie es nicht völlig in Stücke
schießen.« In den Unterkünften ist es sehr still; die
Betten sind nicht gemacht, die Bettücher hängen an
den Seiten der eisernen Feldbetten herunter. Die Pin-
up-Girls sehen etwas verstört aus in ihren Flitterge-
wändern. Die Familienfotos liegen oben auf den stäh-

73
lernen Spinden. Das Ticken einer Uhr klingt durch-
dringend. Die Ringe werden unter Browns Kopfkis-
sen gelegt.

Warten

Bomberstützpunkt in England, 4. Juli 1943


Das Flugfeld liegt verlassen da, nachdem die Flugzeu-
ge gestartet sind. Das Bodenpersonal kehrt in die Un-
terkünfte zurück, um ein bißchen zu schlafen. Es hat
fast die ganze Nacht durchgearbeitet. Die Flagge
hängt schlaff über dem Verwaltungsgebäude. In den
Hangars arbeiten die Mechanikerteams an Maschi-
nen, die beschädigt worden sind. »Bomben-Boogie«
wird hereingeholt, um ihn ein weiteres Mal zu über-
holen, und die Besatzung von »Bomben-Boogie« geht
verärgert ins Bett zurück.
Die Crews besitzen einige kleine Hunde. Diese
Hunde, von denen die meisten einen ungewissen
oder zumindest zweifelhaften Stammbaum haben,
gehören keinem einzelnen Mann. Jedem Flugzeug
gehört generell ein Hund, und die gesamte Besatzung
ist sehr stolz auf ihn. Jetzt wandern die Hunde un-
tröstlich über das Flugfeld. Der Bomberstützpunkt
liegt leblos da. Der Morgen geht langsam vorbei. Das
Geschwader sollte um 9.52 Uhr über dem Ziel sein.
Um 12.43 Uhr wird es zurückerwartet. Wenn es 9.50
Uhr ist und der Zeiger vorrückt, hast du nur das
Flugzeug im Kopf. Jetzt sind sie im Bereich der Flak.

74
Jetzt hat sich vielleicht ein Rudel Kampfjäger auf sie
gestürzt. Das geht alles in deinem Kopf vor. Jetzt,
wenn alles gutgegangen ist und keine Unfälle passiert
sind, werden die Bombenschächte geöffnet, und die
Flugzeuge überqueren das Zielgebiet. Jetzt haben sie
abgedreht und nehmen das Rennen nach Hause auf.
Sie halten die Formation eng zusammen und gehen
höher und höher, um dem Flakbeschuß zu entgehen.
Es ist 10 Uhr, und sie sollten auf dem Weg zurück
sein – jetzt 10.20 Uhr, und sie müßten bereits das
Meer sehen können.
Gestern nacht erzählte die Besatzung die Geschich-
te vom Ende eines Bombers, und in einem Augen-
blick wie diesem kommt die Erinnerung daran zu-
rück.
Es war ein schöner Tag, so wurde erzählt, ein Tag
wie aus dem Bilderbuch, mit großen Wolken und ei-
nem sehr blauen Himmel. Eine Art Himmel, wie
man ihn zu Hause in der Reklame für Flugreisen
sieht. Die Formation flog in Richtung auf St. Nazaire,
und die Luft war sehr klar. Sie sagten, sie konnten die
kleinen Städte am Boden erkennen. Dann ging die
Flak los, erzählten sie, und einige Messerschmitts
hielten sich außer Reichweite und fingen an, mit ih-
rer Kanone loszuknallen. Sie konnten nicht sehen,
wo die Festung vor ihnen getroffen worden war.
Wahrscheinlich die Steuerung, denn sie sahen sie
nicht auseinanderbrechen.
Sie waren sich alle einig, daß alles ganz langsam zu
geschehen schien. Die Fliegende Festung nahm lang-

75
sam die Nase höher und höher, bis sie fast senkrecht
zu steigen versuchte, was natürlich nicht ging. Dann
glitt sie in Zeitlupe ab, segelte rückwärts wie ein fal-
lendes Blatt und hielt dann kurze Zeit das Gleichge-
wicht, bis ihr Bug sich zu neigen begann und sie dann
mit der Nase voran auf die Erde zuschoß.
Der blaue Himmel und die weißen Wolken ließen
daraus ein lebendiges Bild werden. Die Crew konnte
beobachten, wie ein Bordschütze herauszukommen
versuchte, und dann hatte er es geschafft, und sein
Fallschirm öffnete sich. Und den Turmschützen sa-
hen sie, wie er sich herausfallen ließ. Der Bomben-
schütze und der Navigator fielen wie Blüten aus dem
Bug, und der Rumpfschütze folgte ihnen. Die Besat-
zung der »Mary Ruth« schrie: »He, Piloten, schnell
raus!« Das Flugzeug war schon ziemlich tief, als der
Turmschütze es ebenfalls schaffte. Sie dachten schon,
Pilot und Co-Pilot seien verloren. Sie blieben zu lan-
ge in ihrem Flugzeug, und dann war das Flugzeug
schon so weit unten, daß sie es kaum noch sehen
konnten. Es muß schon fast auf dem Boden gewesen
sein, als sie zwei kleine weiße Flocken – zuerst eine
und dann eine zweite – aus ihm herausschießen sa-
hen. Und die ganze Besatzung schrie vor Erleichte-
rung. Und dann traf das Flugzeug auf dem Boden auf
und explodierte. Nur der Heckschütze und der
Turmschütze hatten das Ende verfolgen können. Sie
erzählten es über die Bordsprechanlage.
Neben dem Hangar Nr. 1 ist ein kleiner Erdhügel,
der mit kurzem, dichtem Gras bewachsen ist. Um

76
12.15 Uhr versammelt sich dort langsam das Boden-
personal, um geduldig auf die Rückkehr der Bomber
zu warten. Der Leiter des Bodenpersonals bringt das
Gerücht auf, daß sie sich gemeldet haben, aber es
bleibt ein Gerücht. Ein kleiner Hund, er hätte ein
grauer schottischer Terrier sein können, wenn seine
Ohren nicht heruntergehangen und sein Schwanz
nicht in die falsche Richtung gekrümmt gewesen wä-
re, gesellt sich zu ihnen und setzt sich auf den Hügel.
Er macht es sich bequem und legt seine Schnauze auf
die ausgestreckten Pfoten. Er macht seine Augen
nicht zu, und seine Ohren zucken. Das gesamte Bo-
denpersonal ist jetzt hier versammelt und wartet auf
die Flugzeuge. Es sind die längsten Minuten, die man
sich vorstellen kann.
Plötzlich hebt der kleine Hund den Kopf. Er be-
ginnt am ganzen Körper zu zittern. Der Leiter des
Bodenpersonals hat einen Feldstecher. Er sieht den
Hund an und richtet dann seinen Feldstecher nach
Süden. »Kann überhaupt noch nichts sehen«, sagt er.
Der kleine Hund hört auf zu zittern und winselt in
den höchsten Tönen.
Und da kommen sie. Man kann nur kleine Punkte
weit im Süden sehen. Die Formation ist gut, aber eine
Maschine fliegt allein voraus. »Kannst du die Num-
mer ausmachen? Welche ist es?« Das führende Flug-
zeug verliert an Höhe und kommt direkt auf die
Rollbahn zu. Von seiner Seite werden zwei kleine
Leuchtraketen abgeschossen, eine rote und eine wei-
ße. Der Krankenwagen, sie nennen ihn den Fleisch-

77
wagen, rast die Rollbahn herunter. In diesem Flug-
zeug ist ein Verletzter.
Die Hauptformation überquert das Flugfeld, und
jedes Flugzeug schert zur Landung aus dem Verband
aus, nur das einzelne Flugzeug sinkt direkt herunter,
die Räder setzen auf, und die Fliegende Festung lan-
det wie ein großer Käfer auf der Rollbahn. In dem
Augenblick, als ihre Räder aufsetzen, hört man ein
scharfes, kläffendes Gebell, und man sieht einen
grauen Streifen. Der kleine Hund scheint den Boden
kaum zu berühren. Er hetzt quer über das Flugfeld
auf das gelandete Flugzeug zu. Er kennt sein Flug-
zeug. Eine Festung nach der anderen landet, und das
Bodenpersonal hakt die Nummern ab, sobald sie ge-
landet sind. »Mary Ruth« ist da. Nur ein Flugzeug
fehlt; es mußte wegen Treibstoffmangels weiter süd-
lich landen. Auf dem Hügel gibt es einen großen
Seufzer der Erleichterung. Der Einsatz ist vorbei.

Ein Tag voller Erinnerungen!

London, 4. Juli 1943


Für die Truppen auf Urlaub gab es den ganzen Tag
Paraden und Unterhaltung in London. Alles, was für
einen Gast getan werden kann, ist getan worden.
Heute morgen gab es einen vergnüglichen Ausflug,
dann Bewegungsübungen, Tanzveranstaltungen, Re-
den, Rundfahrten zu einigen Sehenswürdigkeiten.
Die Briten, die Kanadier und die anderen waren be-

78
sonders freundlich. Die Kapelle im Park spielte ›The
Star-Spangled Banner‹ und ›Dixie‹ und ›Home, Sweet
Home‹. Alles, was getan werden kann, ist getan wor-
den, was das Heimweh aber nur verschlimmert.
Der Sprecher sagt in gestochenem und präzisem
Englisch: »Wir heißen euch an diesem Tag, der euch
viel bedeutet, wieder herzlich willkommen.« Und
man denkt an den rotnackigen Politiker, der vor En-
thusiasmus und Bourbon schäumt und auf einem
fahnenbedeckten Podium Reden schwingt, während
sein Publikum sich danach sehnt, daß endlich die
Wassermelonen und der Kartoffelsalat kämen.
Der Ausflugsleiter sagt: »Wir fahren jetzt zum
Tower von London. Er ist in gewissem Sinne die
Wiege der englischen Zivilisation« – das Wettrennen
der dicken Männer, der Dreibein-Wettlauf*, das Ge-
kreische der Frauen, die mit Eiern auf Eßlöffeln lau-
fen, der Geruch von gegrilltem Fleisch.
Auf dem Trafalgar Square spielt die Kapelle wun-
derschön einen würdigen und unwiderstehlichen
Marsch – und dann war da auch noch Coney Island
mit dem Durcheinander kreischender Kinder, dem
Geruch von Speiseeis und Erdnüssen und nassen Zi-
garrenstummeln, der Brandung aus einem Drittel
Wasser und zwei Drittel Menschen, die sich durch

* Ein Spiel, bei dem man paarweise an den Start geht. Das
rechte Bein des Mitspielers und das linke Bein des anderen
Mitspielers werden zusammengebunden, so daß sich das
Paar tatsächlich auf drei Beinen fortbewegt. (A. d. Ü.)

79
Pampelmusenschalen und das Quietschen und Dröh-
nen von Spelunkenmusik kämpfen.
Soldaten marschieren in London in Paraden; Män-
ner, die wie angezogene Maschinen marschieren,
steif, gerade hochgereckt wie ihre eigenen Gewehre,
Männer mit schwingenden Armen – zu Hause in den
verschiedensten Berufen tätig, mit zerbeulten Strau-
ßenfeder-Hüten, in Umformen, die wieder aus der
Mottenkiste hervorgeholt wurden. Männer in Ritter-
gewändern, die noch gestern abend Metzger waren
oder Angestellte oder Schalterbeamte der örtlichen
Bank. Jetzt aber sind sie Ritter, die etwas Schwierig-
keiten mit dem Gleichschritt haben. Mit ihren Zier-
schwertern in allen unmöglichen Lagen über der
Schulter trotten sie hinter ihrer Fahne her – die »Rit-
ter« aus allen Berufssparten.
Die gastfreundlichen Leute in London servieren
Käsekuchen und Obstdesserts mit Schlagsahne, Kekse
und Tee, Marmelade, Gin und Limonensaft, Scotch
und Wasser und Bier – Würstchen mit Senf, der un-
ten heraustropft und in den Ärmel läuft. Hamburger
mit rohen Zwiebeln, die aus den runden Brötchen
herausquellen, und Popcorn, das vor Butter tropft.
Da ist der stechende Geruch von gutem Whisky und
Bierfässern, die auf Holzböcken stehen. Schokola-
denkuchen und gebratene Eier, aber vorwiegend
Hamburger mit Zwiebeln. Welchen Belag hätten Sie
gern? Pickles oder Dill oder Mayonnaise oder alles
zusammen?
Die kühlen Mädchen tanzen gut und sind liebens-

80
würdig und freundlich. Sie arbeiten hart in den
Kriegsfabriken, und es ist schon schwierig, ein Kleid
so gut zu bügeln. Lippenstift kann man kaum be-
kommen, und das Parfüm ist der letzte Rest in der
Flasche. Ordentlich und hübsch und freundlich sind
sie. Zu Hause die klebrigen Küsse auf dem Notsitz,
und das Erschlagen von Stechmücken auf einer hei-
ßen, weinberankten Veranda. Und in den Spelunken
heult die Musikbox, ihr Baß läßt die Luft vibrieren.
Wenn du etwas sagst, weiß das Mädchen die passen-
de Antwort. Nichts bedeutet etwas, aber es paßt alles
zusammen. Alles paßt zusammen.
Das ist eine Zeit für Heimweh, und Weihnachten
wird es noch schlimmer sein. Keine Würde, kein Lu-
xus, nicht die schönste Beschäftigung kann es ver-
hindern. Keine Show ist so gut wie die Doppelvor-
stellung im »Odeon«, kein Essen ist so gut wie das
Mitternachts-Sandwich in »Joe’s Restaurant«, und
niemand auf der ganzen Welt ist so hübsch wie die
blonde Margie, die im »Poppy« arbeitet.
Wenn sie nach Hause kommen, werden sie für
lange Zeit ein bißchen gelangweilt an London den-
ken. Sie werden sich an exotische Abenteuer und selt-
same Speisen erinnern. Piccadilly und das »Savoy«
und der Tower, die »Normandie-Bar« und Soho. Das
wird in ihren Gesprächen auftauchen. Sie werden ih-
re Erinnerungen enthusiastisch mit denen anderer
Soldaten, die auch dort waren, vergleichen. Die küh-
len Mädchen werden dann zu seltsamen und roman-
tischen Abenteuern aufgebauscht werden. Ein verein-

81
zelter kleiner Blick wird in ihrer Erinnerung zu einer
ausschweifenden Orgie. Sie werden sich an Dinge er-
innern, von denen sie nie gewußt haben, daß sie sie
wirklich gesehen haben – die St.-Pauls-Kathedrale
gegen einen bleifarbenen Himmel mit dem darü-
berhängenden Sperrballon; Waterloo-Station, die
Sandsäcke hoch gegen die vielen Kirchen des Bau-
meisters Sir Christopher Wren gestapelt, die nerven-
aufpeitschende Sirene und der überraschende Luft-
angriff.
Aber heute, am 4. Juli 1943, wandern sie vom
Heimweh verstört herum; sie sehen nichts, sie hören
nichts, außer den Gesichtern und den Stimmen ihrer
Familien zu Hause.

Die Leute von Dover

Dover, 6. Juli 1943


Dover, mit seiner Burg auf dem Hügel und seinen
kleinen verwinkelten Gäßchen, mit seinen großen,
häßlichen Hotels und seiner geheimen und gefährli-
chen Angriffsmacht hat von allen Städten die gering-
ste Distanz zum Feind. Dover ist voll von Erinnerun-
gen an Wellington und Napoleon, an die Zeit, als
Napoleon nach Calais kam und über den Kanal hin-
weg England betrachtete und wußte, daß nur dieser
kleine Streifen Wasser seine Eroberung der Welt be-
hinderte. Und später schleppten sich die Männer von
Dünkirchen mit müden Füßen von den kleinen

82
Schiffen herunter und kämpften sich durch die Stra-
ßen von Dover.
Dann kam Hitler zu dem Hügel über Calais und
sah hinüber auf die Klippen, und wieder verhinderte
nur der kleine Streifen Wasser die Eroberung der
Welt. Es ist ein sehr kleines Stück Wasser. An klaren
Tagen kann man die Hügel von Calais sehen, und
mit einem Fernglas kann man den Uhrenturm von
Calais erkennen. Wenn die Kanonen von Calais ab-
gefeuert werden, kann man das Mündungsfeuer se-
hen, während man mit einem Teleskop von der Burg
aus die Kanonen selbst ausmachen kann, und sogar
Panzer, die am Strand Gefechtsstellung einnehmen.
In Dover fühlt man sich dem Feind sehr nahe.
Drei Minuten in einem schnellen Flugzeug, drei Vier-
telstunden in einem schnellen Boot. Fast jeden Tag
bricht ein Flugzeug wie ein Peitschenschlag durch die
Verteidigungslinie und wirft eine Bombe ab oder ris-
kiert einen Schuß auf die Ballons, die in der Luft über
der Stadt schweben. Und alle paar Tage richtet Jerry
seine großen Kanonen auf Dover und feuert ein paar
Salven brisanter Geschosse auf die kleine alte Stadt.
Dann wird ein Gebäude getroffen und fällt in sich zu-
sammen, und manchmal werden ein paar Leute getö-
tet. Es ist brutal und nutzlos, es dient keinem militä-
rischen, nautischen oder moralischen Zweck. Es sieht
fast so aus, als ob sich die Deutschen wegen des klei-
nen Streifens Wasser ärgern, durch den sie geschla-
gen wurden.
Die Leute von Dover verfügen über eine Eigen-

83
schaft, die durchaus der Schlüssel für das kommende
Verderben der Deutschen sein könnte. Sie sind un-
verbesserlich und nicht zu beeindrucken. Der Deut-
sche mit seiner Uniform und seinem Pomp, seinen
Drohungen und Plänen beeindruckt diese Leute
überhaupt nicht. Der Einwohner von Dover hat viel-
leicht ein bißchen mehr einstecken müssen als die
meisten anderen, nicht bei großen Luftangriffen, aber
durch die täglichen Bombenangriffe und das Granat-
feuer, und noch immer ist er unbeeindruckt.
Der Deutsche ist für ihn wie das Wetter. Er beklagt
sich darüber und macht dann weiter mit dem, was er
gerade zu tun hatte. Nichts auf der Welt ist so wichtig
wie sein Garten und an anderen Tagen seine Hummer-
fallen. Das Wetter und der Deutsche ähneln sich, weil
sie unbequem sind und manchmal einen Schlamassel
verursachen. Wenn er ein Gebäude begutachtet, das
von einer großen Granate in Schutt gelegt worden ist,
dann sagt er: »Die Deutschen waren letzte Nacht wie-
der böse«, als ob er über einen Sturm spricht.
Die ganze Sache geht so vor sich – auf den Hügeln
um Calais sieht man einen Blitz in der Nacht. Sofort
geben die Sirenen von Dover Feuerwarnung. Vom
Mündungsfeuer muß man ungefähr neunundfünfzig
Sekunden bis zur Explosion rechnen. Die Granate
kann fast überall einschlagen. Es gibt eine Detonati-
on, deren Echo von den Klippen zurückgeworfen
wird, und eine Wolke von Staub steigt in die Luft.
Die Leute sehen auf ihre Uhr. Die nächste wird in
zwanzig Sekunden stattfinden. Und genau zu der Zeit

84
sieht man einen weiteren Blitz von der französischen
Küste her und zählt wieder die Sekunden. Das geht
manchmal die ganze Nacht so. Eine Stunde nach der
letzten Granate ertönt die Entwarnung. Das bedeutet
nicht, daß alles vorbei ist. Die Deutschen schieben
manchmal noch eine hinterher in der Hoffnung,
noch ein paar Menschen umzubringen.
Am Morgen sieht man die zerstörten Häuser; die
Toten sind ausgegraben worden. Eine kleine Gruppe
Männer säubert die Straßen von Schutt, so daß der
Verkehr weiterfließen kann. Ein Polizist hält die Leu-
te davon ab, zu nahe zu kommen, aus Angst, ein Zie-
gel könnte herunterfallen. Dieses Haus ist wahr-
scheinlich so zerstört, daß es unbewohnbar bleiben
wird, bis der Krieg vorbei ist, aber auch alle Häuser
ringsherum sind beschädigt. Alle Fenster sind zer-
sprungen, und auch Glas wird es keines geben bis
nach dem Krieg. Die Leute kleben bereits Papier über
die kaputten Fenster. Wandputz ist in allen Häusern
heruntergefallen. Überall werden die Häuser gerei-
nigt. Wolken vom Kehren quellen aus den Türen
heraus. Frauen liegen auf den Knien und putzen die
Böden. Die Detonation einer Granate, die in der Nä-
he einschlägt, reinigt den Kamin, sagen sie. Der
Druck der Explosion bläst den Ruß aus dem Kamin
und in die Zimmer.
Also muß man da auch noch putzen. In einem
Vorgarten steht ein Mann in seinen Blumenbeeten.
Ein Stück Bauholz hat seinen Rosenbusch abgebro-
chen. Die Knospe, die sich zu öffnen begann, ver-

85
welkt auf dem Boden. Der Mann bückt sich und hebt
die Knospe auf. Er befühlt sie, hebt sie an seine Nase
und riecht daran. Er nimmt das Stück Holz vom
Stamm und sieht es an, ob es vielleicht noch weitere
Schüsse abgeben könnte. Dann richtet er sich auf,
dreht sich herum und sieht zur französischen Küste
hinüber, wo fünfhundert Männer und ein giganti-
sches Geschütz und hochexplosive Geschosse, Karten
und Pläne, mathematische Formeln, Uniformen, Te-
lefone und laute Befehle darauf aus sind, seinen Ro-
senstrauch zu vernichten. Auf der Straße geht ein
Nachbar vorbei.
»Der Boche* war wieder verdammt böse letzte
Nacht«, sagt er. »Hat den gelben Strauch völlig abge-
brochen, und er fing gerade zu blühen an.«
»Nun«, sagt der Nachbar, »wir wollen mal einen
Blick darauf werfen.« Die beiden knien sich neben
den Strauch. »Er ist über dem Pfropfen abgebro-
chen«, sagt der Nachbar. »Der Stamm ist nicht ge-
spalten. Treibt wahrscheinlich hier aus.« Er zeigt mit
einem dicken Finger auf eine Verdickung an der Seite
des Strauches. »Manchmal«, sagte er, »manchmal,
wenn sie einen Schock bekommen haben, entwickeln
sie sich noch schöner als je zuvor.«
Jenseits des Kanals, auf der Rückseite des Hügels,
den man von Dover aus sehen kann, wird das große
Geschützrohr gereinigt, Kurven studiert, Meldungen
gemacht, und man schäumt vor lauter Geopolitik.

* Boche: frz., Schimpfwort für Deutscher (A.d.Ü.)

86
Minensucher

London, 7. Juli 1943


Tag für Tag laufen die Minensucher aus. Kleine
Schiffe, die in Friedenszeiten Hering und Kabeljau
gefangen haben. Sie sind jetzt mit seltsamen, neuen
Fangleinen ausgerüstet und fangen größere Dinge.
Die Besatzungen bestehen fast ausschließlich aus
ehemaligen Fischern und Walfängern, und die Offi-
ziere sind von dem gleichen zähen Schlag. Sie haben
einen unromantischen Job, der nicht im Blickpunkt
der Öffentlichkeit steht, der aber getan werden muß,
und zwar sehr sorgfältig. Die Gefahr lauert ohne
Flaggen und ohne Beschuß. Nur sehr wenige Aus-
zeichnungen werden den Männern auf Minensu-
chern verliehen. Gewöhnlich verlassen sie den Hafen
in einer Linie; drei Boote, um die Minen zu entfer-
nen, und zwei, um die Warnbojen abzusetzen, die
den minenfreien Kanal markieren. Sobald sie sich in
dem Gebiet befinden, das es zu räumen gilt, breiten
sie sich in Formation aus und fahren in genau be-
stimmten Abständen voneinander weiter. Der Ab-
stand zwischen ihnen ist der Bereich, der von ihren
Instrumenten erfaßt werden kann. Die kleinen Schif-
fe suchen nach den beiden Arten von Minen, die
normalerweise ausgesetzt werden. Die Haftminen,
die explodieren, wenn ein Schiff mit seinem selbster-
zeugten magnetischen Feld darüber hinwegfährt, und
eine andere Art, die durch die Vibration der Schiffs-
maschinen zur Explosion gebracht wird. Die Minen-

87
sucher sind mit Instrumenten ausgerüstet, um beide
Arten zur Explosion bringen zu können, und das aus
sicherer Entfernung.
Die drei voranfahrenden Schiffe bewegen sich
langsam über das zu räumende Gebiet, und hinter
ihnen folgen in bestimmten Abständen die Warnbo-
jenleger und setzen die Flaggen. Am Ende ihrer Fahrt
drehen sie um und fahren zurück, so daß sich ihre
Reichweite mit ihrem alten Kurs überlappt. Die
Warnbojenleger nehmen die Flaggen wieder auf und
markieren nun den äußeren Rand des Kurses.
Alle Schiffe sind für die Abwehr von Flugzeugen
bewaffnet. Die Schützen sind die ganze Zeit auf Po-
sten und suchen ständig den Himmel ab, während
der Funker die Schußbeobachtungsgeräte an der Kü-
ste abhört. Sie gehen mit den Flugzeugen kein Risiko
ein. Sobald sich eins nähert, richten sie ihre Geschüt-
ze aus, bis das Flugzeug identifiziert wird. Und selbst
nichtfeindliche Flugzeuge fliegen nicht zu nahe her-
an. Denn diese Männer sind so oft aus der Luft bom-
bardiert und beschossen worden, daß sie sofort feu-
ern, wenn es nur den geringsten Zweifel gibt. Der
Mast vieler Schiffe ragt noch über den Wasserspiegel
hinaus. Sie sind zu Beginn des Krieges versenkt wor-
den, als die deutschen Flugzeuge noch fast völlig un-
gestraft über den Kanal flogen. Das passiert jetzt
nicht mehr.
Die Stimme des Funkers dringt durch das Sprech-
rohr zur kleinen Brücke. »Feindliches Flugzeug in der
Nähe«, sagt er, und einen Augenblick später »Alarm-

88
stufe rot«. Die Geschützführer drehen ihre Geschüt-
ze, und die Mannschaft steht in Bereitschaft. Alle Au-
gen sind auf den Himmel gerichtet. Von der engli-
schen Küste brausen die Typhoons wütend heran,
schnelle und tödliche Flugzeuge, die dicht über der
Wasseroberfläche fliegen. In der Ferne kann man das
feindliche Flugzeug als Punkt erkennen. Es dreht ab
und fliegt auf die französische Küste zu. Der Funker
ruft: »Alles klar«, und die Mannschaft beruhigt sich.
Auf der kleinen Brücke dirigiert der Kapitän das
Abwerfen der farbigen Flaggen, während sein Adju-
tant den Abstand zwischen den Booten überprüft.
Wenn ein Warnbojenleger zu nahe kommen würde,
könnte eine Mine unter ihnen explodieren. Mit den
Instrumenten wird der Abstand alle paar Sekunden
überprüft. Die kleine Flotte bewegt sich sehr langsam,
denn wenn sie durchgefahren ist und den minenfrei-
en Kanal markiert hat, müssen die Nachschubschiffe
gefahrlos passieren können.
Plötzlich wird der Warnbojenleger von einem hef-
tigen Schlag getroffen, die See ringsum wird flach
und erzittert, und dann stößt hundert Meter vor ih-
nen eine Säule aus Wasser und Matsch mit furchtba-
rem Dröhnen in die Luft. Sie scheint lange Zeit in der
Luft zu schweben, und als sie in sich zusammenfällt,
ist der Warnbojenleger schon fast über ihr.
Auf der Wasseroberfläche ist eine große schmutzi-
ge Stelle aus Grundschlick und einer schwarzen kleb-
rigen Substanz, die von der Explosion stammt. Die
Mannschaft sucht gespannt das Wasser ab. »Keine

89
Fische«, sagen sie. »Was ist mit den Fischen passiert?
Man könnte annehmen, ein oder zwei wären von der
Explosion getötet worden.« Die Männer haben eine
der schrecklichsten Waffen der Welt zur Explosion
gebracht und machen sich Sorgen um die Fische.
Der Kapitän markiert auf seiner Karte mit großer
Sorgfalt den exakten Ort, an dem die Mine zur Ex-
plosion gebracht wurde. Er peilt die Küste mehrere
Male an, um die genaue Position zu bestimmen. Eine
weitere Mine explodiert auf der anderer Seite der
Schneise. Der 1. Offizier nimmt das Blinkgerät und
signalisiert: »Fische?«, und die Antwort kommt zu-
rück: »Keine Fische.«
Der Tag ist lang und mühselig, Minensuchen und
Umkehren und Minensuchen, und wenn die Aufgabe
erledigt ist, dann nur bis zur nächsten Nacht. Denn
auch diese Nacht könnten die Minenleger von der
französischen Küste herüberschleichen und das Ge-
biet wieder mit den schrecklichen Dingern übersäen,
oder ein Flugzeug könnte in der Dunkelheit tief flie-
gen und die Minen an Fallschirmen abwerfen. Die
Arbeit der Minensucher ist nie beendet.
Es ist spät, als sie nach Hause fahren, und es ist
dunkel, als die kleinen Schiffe in den Hafen einlaufen
und am Kai festmachen. Dann erst lockert sich die
Spannung beim Kapitän und seinem 1. Offizier. Ihre
Gesichter entspannen sich. Es spielt keine Rolle, wie
lange sie mit oder ohne Erfolg Minen suchen, denn
Gefahr lauert überall. Die Bedienungsmannschaften
säubern ihre Geschütze, decken sie ab und gehen zu

90
ihren Unterkünften. Die Offiziere klettern in die
kleine Offiziersmesse hinunter. Sie ziehen ihre lamm-
fellgefütterten Schuhe aus und lehnen sich in ihren
Sesseln zurück. Der Kapitän nimmt die Arbeit wieder
auf, mit der er schon seit Wochen beschäftigt ist. Er
bastelt ein schönes, naturgetreues Modell eines – Mi-
nensuchers.

Küstenbatterie

Irgendwo in England, 8. Juli 1943


Die Geschütze sind in einem Getreidefeld mit Mohn-
blumen versteckt. Man kann die Geschützmündun-
gen sehen, wie sie hervorragen und auf den Himmel
zielen. Die Batterie steht an der Südküste in Sichtwei-
te von Frankreich. Es gab eine Zeit, als die großen
Verbände deutscher Bomber diese ungeschützte Kü-
ste anflogen und ihre Bombenladungen nach London
und Canterbury brachten. Aber jetzt ist die Küste
nicht mehr ungeschützt.
Die Beobachter sind über die Hügel verteilt, kom-
plizierte und empfindliche Horchposten, die ein
Flugzeug meilenweit hören können; die Beobachter
sind Frauen. Wenn ein verdächtiges Flugzeug ausge-
macht wird, geben sie seine Position den Zielweg-
rechnern telefonisch durch, und auch die Rechner
sind Frauen. Für das Anvisieren der Ziele waren
ebenfalls Frauen zuständig. Nur die Geschützbesat-
zung, die die Kanonen lädt und ausrichtet, besteht

91
aus Männern. Es ist eine erstaunliche Einrichtung,
die gemischte Batterie, etwas Einzigartiges in der Ge-
schichte der Armee.
Die Unterkünfte liegen ganz in der Nähe, eine Ba-
racke für die Frauen und eine andere für die Männer.
Der Eßsaal wird gemeinsam benutzt, die Aufenthalts-
räume gemeinsam, und auch die Arbeit wird gemein-
sam getan.
Die Besatzungen sind vierundzwanzig Stunden am
Tag im Dienst. In einer bestimmten Entfernung von
der Kanone können sie tun und lassen, was sie wol-
len. Die Frauen lesen und waschen ihre Kleidung,
nähen und kochen. Die Küche, ein Provisorium, ist
aus Kerosin-Blechdosen gebaut worden, die mit Sand
gefüllt und wie Ziegel verlegt wurden. Die neue Kü-
che wird erst gerade gebaut.
Die Gegend ist ruhig. Die Kanonen sind ruhig.
Plötzlich heulen die Sirenen. Die getarnten Gebäude
spucken Leute aus, junge Männer und Frauen. Sie
strömen heraus und rennen wie verrückt. Seit dem
Heulen der Sirenen sind noch keine dreißig Sekun-
den vergangen, und schon sind die Geschütze be-
mannt und das Ziel ausgemacht. Im unterirdischen
Kontrollraum haben die Geräte ihr Ziel gefunden.
Eine Frau hat es ausgemacht. Die Positionsdaten sind
übermittelt worden, und die häßlichen Rohre wir-
beln herum. Über der Erde, in einem Betonstand,
spricht eine Frau in ein Telefon. »Feuer«, sagt sie ru-
hig. Der Hang bebt von dem Geschützfeuer der Bat-
terie. Das Gras wird erschüttert, und die Mohnblu-

92
men erzittern durch den Knall. Weitere Befehle wer-
den von unten heraufgegeben, und die Frau sagt wie-
der: »Feuer.«
Der Ablauf ist exakt wie der einer Maschine. Es
gibt keine überflüssigen Bewegungen und keinen Un-
sinn. Diese Frauen scheinen ganz natürlich Soldaten
zu sein. Sie sind auch Soldaten. Nichts nehmen sie so
übel, wie als Frauen behandelt zu werden, wenn sie in
der Nähe der Geschütze sind. Sie arbeiten hart und
unermüdlich. Manchmal werden sie innerhalb eines
Tages und einer Nacht dreißigmal zu den Geschützen
gerufen. In dieser Zeit feuern sie vielleicht zehnmal
auf einen Angreifer. Sie sind bombardiert und im
Tiefflug beschossen worden, und niemand hat je ein
Mädchen zurückweichen sehen.
Der Kommandeur ist sehr stolz auf sie. Er ist zu
seiner Batterie ungemein herzlich. Etwas bitter sagt
er: »Natürlich, warum fragen Sie nicht nach dem
Moralproblem? Jeder will was darüber wissen. Ich
will’s Ihnen sagen – es gibt kein Problem!«
Er spricht von den Gewohnheiten, die sich in die-
ser Batterie herausgebildet haben; eine Reihe von
Gewohnheiten, die sich automatisch ergeben haben.
Die Männer und Frauen singen zusammen, tanzen
zusammen, und wenn eine der Frauen beleidigt wor-
den sein sollte, hat der jeweilige Kerl die ganze Batte-
rie am Hals. Aber wenn ein Mädchen am Abend nach
Hause geht, dann nicht mit einem Mann aus der Bat-
terie, die Männer nehmen die Mädchen auch nicht
mit ins Kino. Es hat weder Verlobungen noch Ehen

93
zwischen den Angehörigen der Batterie gegeben. In-
stinktiv haben die Leute wohl selbst geahnt, daß dar-
aus nur Ärger entstehen würde. Diese Dinge sind
keine Frage von Befehlen, sondern von natürlichem
Anstand.
Die Mädchen mögen ihre Aufgabe und sind stolz
darauf. Man kann sich einfach nicht vorstellen, wie es
Hausmädchen möglich sein soll, wieder zurückzu-
kehren, um unter den Blicken streitsüchtiger Haus-
herrinnen Möbel abzustauben. Wie es den Bauern-
mädchen möglich sein soll, auf ihre kleinen Bauern-
höfe in Schottland oder in Mittelengland zurückzu-
kehren. Das ist die große, aufregende Zeit ihres
Lebens. Diese jungen Frauen sind sehr wichtig. Die
Verteidigung des Landes liegt in ihren Händen.
Der Manager des örtlichen Kinos hat für diesen
Abend zwei Sitzreihen für die Mitglieder der Batterie
reserviert, die keinen Dienst haben. Die jungen Frau-
en, die hingehen können, tauschen ihre Uniformho-
sen gegen hübsche Khaki-Röcke und Blusen. Sie
verbringen einige Zeit damit, sich hübsch zu machen.
Sie sitzen im Kino und lehnen sich vor Aufregung
nach vorne. Der Film, mit Errol Flynn* in der
Hauptrolle, ist ein kleiner miserabler Schinken mit

* Errol Flynn (1909-1959): amerikanischer Filmschauspieler,


der in seinen Filmen den Typ des mutigen und charmanten
Draufgängers spielt. Er kämpft für eine gute Sache im Dien-
ste des Vaterlandes und bleibt der strahlende Sieger. Für Ge-
nerationen von Amerikanern wurde Flynn zu einer Symbol-
figur. (A. d. Ü.)

94
dem Titel ›Kriegsberichterstatter‹, der sechstausend
Meilen weit von jeder Kampfhandlung entfernt pro-
duziert wurde, da, wo die Leute wahrscheinlich nie
einen wirklichen Konflikt sehen werden.
Es geht um einen amerikanischen Kriegsberichter-
statter, der lediglich durch gutes Aussehen, Klugheit,
Tapferkeit und Kitsch das Dritte Reich besiegt. Die
Gestapo und die deutsche Wehrmacht sind Wachs in
seinen Händen. Es ist ein echter Flynn-Film. Und
diese Frauen, die bombardiert und im Tiefflug be-
schossen wurden, die Feinde aus der Luft abgeschos-
sen haben und die dann zum Sockenstopfen zurück-
gekehrt sind – sind diese Frauen etwa hochmütig?
Nicht im geringsten. Sie sitzen auf dem Rand der
Stühle. Wenn der dumme Gestapo-Mann an den
Helden herankriecht, schreien sie, um ihn zu warnen.
Für sie ist das wirklicher als alles an diesem Nachmit-
tag, als sie auf eine Focke-Wulf 190 gefeuert haben.
Der Held, der mit frisiertem Haar und makelloser
Kleidung aus einem Ein-Mann-Dünkirchen hervor-
geht, der ist wahr, gut und wundervoll.
An diesem Nachmittag waren die jungen Frauen
noch verschwitzt, staubig und rochen nach Schieß-
pulver. Das gehörte zu ihrer Aufgabe – es ist Krieg.
Und wenn der Film vorbei ist, gehen sie in ihre Ka-
sernen zurück und reden aufgeregt über den strah-
lenden Glanz der Hollywood-Kriegführung. Sie ge-
hen zurück zu ihrer täglichen Routine, um die engli-
sche Küste gegen Angriffe zu verteidigen, und wenn
sie nach Hause gehen, singen sie: »Es war sooo schön,

95
wenn du nach Haus’ kämst, es wär sooo schön, mit
dir am Kamin zu sitzen.«

Der alkoholische Ziegenbock

London, 9.Juli 1943


Sein Name ist Geschwaderkommodore William Goat
(»Ziegenbock«), DSO*, er ist alt und hat einige Aus-
zeichnungen bekommen, und einige sagen, er sei zu
Unrecht ausgezeichnet worden. Als er vor zwei Jah-
ren zum Geschwader der Royal Air Force stieß, war
er gerade noch fähig, auf langen und knorrigen Bei-
nen umherzuwanken. Für lange Zeit wurde er wie ein
Rekrut behandelt – herumgestoßen, nicht beachtet
und zuweilen mit Flüchen belegt. Aber allmählich
wurden seine Fähigkeiten offensichtlich. Wenn er in
der Nähe ist, bringt er Glück. Wenn er in der Nähe
ist, hat sein Geschwader Glück und Jagderfolg. All-
mählich entwickelten sich mit seinen Talenten auch
seine Hörner, sein Dienstgrad und seine Auszeich-
nungen sind in glänzenden Farben auf seine Hörner
aufgemalt worden, und er stolziert mit einer wat-
schelnden Gespreiztheit umher.
Er ißt fast alles. Keine Party und keine Truppenpa-
rade ist ohne ihn komplett. Auf einer Party, so er-
zählt man, aß er, als man ihn für einige Augenblicke
allein gelassen hatte, zweihundert Sandwiches, drei

* Distinguished Service Order, Militär-Verdienstorden: A. d. Ü

96
Kuchen, das Arrangement für Piano und Flöte von
›Pomp and Circumstance‹, trank eine halbe Schüssel
Bowle und spazierte dann munter zwischen den Tän-
zern herum, rülpste leicht und betrachtete die Frau
eines jungen Leutnants, die hier namenlos bleiben
soll, mit wollüstigen Augen.
Das Militär der höheren Kategorie bedachte er
immer mit leicht galligen Blicken. Da Goat »Ziegen-
bock der Lüfte« ist, hat er ziemlich komische Ange-
wohnheiten. Wenn er eine Sauerstoffflasche sieht,
rennt er hin und will sie haben. Er stülpt seinen
Mund ganz über das Ventil, und wenn die Düse ge-
öffnet ist, entspannt er sich immer mehr; er grunzt
glücklich, und seine Seiten blasen sich auf, bis er fast
platzt. Kurz vor dem Platzen läßt er das Mundstück
los und fällt langsam wieder zusammen. Aber die
Energie, die er durch den Sauerstoff bekommen hat, ,
läßt ihn hoch in die Luft springen und imaginäre
Ziegen-Kämpfe mit den Hörnern ausfechten. Er liebt
auch die Glykol-Kühlflüssigkeit, die in den Triebwer-
ken der Typhoons verwendet wird. Stundenlang steht
er unter den Fässern und leckt die Tropfen von den
Zapflöchern. Er besitzt das Vertrauen seiner Leute.
Als es einmal erforderlich war, daß sein Geschwader
die Operationsbasis schnell wechselte, hatte man ihn
zurückgelassen, denn in jenen Tagen wußte man
noch nicht, wie wichtig er war. Am neuen Standort
waren die Männer nervös, ängstlich und fast aufrüh-
rerisch. Als man schließlich erkannte, daß sie sich
nicht beruhigen würden, mußte man ein Flugzeug

97
entsenden, um den Geschwaderkommodore abzuho-
len und zum neuen Standort zu bringen. Sobald er
angekommen war, ging alles wieder seinen normalen
Gang. Die Typhoons hatten vier Abschüsse innerhalb
von vierundzwanzig Stunden. Die nervöse Spannung
ließ nach, das Essen wurde besser, als der Koch das
Grübeln aufhörte, und eine ganze Zahl von Magen-
beschwerden verschwand sofort.
Geschwaderkommodore Ziegenbock wohnt in ei-
nem kleinen Haus hinter dem Einsatzraum. Sein
Name und seine Ehrungen sind auf die Tür gemalt
worden. Es bringt Glück, wenn man zu ihm geht,
ihm die Flanken streichelt und seine Hörner reibt,
bevor man zum Einsatz startet. Er selbst geht nie auf
Einsatz. In den Typhoons gibt es für ihn keinen Platz,
doch wenn es möglich wäre, ihn hineinzuzwängen,
würden sie ihn mitnehmen. Und weiß der Himmel,
welch großartiger Kampf dann stattfinden würde.
Dieser Ziegenbock hat nur eine wirklich schlechte
Angewohnheit. Er liebt Bier und ist darüber hinaus
fähig, es in solchen Mengen zu schlürfen, daß sogar
das fast alkoholfreie englische Bier ihn beschwipst
machen kann. Trotz ausdrücklicher Befehle gelingt es
ihm immer wieder, schlechte Kumpane ausfindig zu
machen, die ihm Bier geben. Sobald er berauscht ist,
neigt er dazu, höhnisch spottend herumzulaufen. Er
verhöhnt die amerikanische Air Force, er verhöhnt
die Labour-Partei, und einmal verhöhnte er Mr.
Churchill. Der Hohn ist wahrscheinlich eine Folge des
Bieres, denn Bowle hat eine andere Wirkung auf ihn.

98
Die Erscheinung dieses Ziegenbocks ist nicht gera-
de eindrucksvoll. Er hat ein schäbiges, rötliches Fell
und kalte Fischaugen; seine Beine sind krumm wie X-
Beine. Er trägt den Kopf hoch, aber die Hörner, in
Rot und Blau bemalt, machen seine körperlichen
Unzulänglichkeiten mehr als wett. Er hat in jeder
Hinsicht eine militärische Figur. Er ist großartig bei
Paraden. Zu gegebener Zeit wird man ihm eine Gruft
im Luftfahrtministerium bewilligen, und er wird zu
gegebener Zeit an jener militärischen Krankheit, der
Leberzirrhose, sterben. Er wird mit allen militäri-
schen Ehren beigesetzt werden.
Aber in der Zwischenzeit ist Geschwaderkommo-
dore Goat, DSO, der Glücksbringer seines Geschwa-
ders, und ihn zu verlieren würde Unruhe und sogar
Verzweiflung hervorrufen.

Geschichten vom Blitz

London, 10. Juli 1943


Leute, die einem erzählen wollen, wie der Blitz in
London war, fangen ihre Geschichte mit Feuer und
Explosion an und enden fast zwangsläufig mit einem
sehr kleinen Detail, das in ihre Erinnerung gekrochen
ist, sich breitgemacht hat und für sie das Symbol des
gesamten Geschehens geworden ist. Das geschieht
wieder und wieder in Unterhaltungen. Es ist, als ob
der Verstand nicht das ganze Entsetzen und den
Krach der Bomben und das allgemeine Grausen er-

99
fassen könnte und sich deshalb an etwas Kleinem
und Verständlichem und Gewöhnlichem festhält. Je-
der, der zu jener Zeit während des Blitzes in London
gewesen ist, möchte es beschreiben, möchte es kon-
kretisieren, wenn auch nur für sich selbst.
»Es ist das Glas«, sagt ein Mann, »der Klang des
zerbrochenen Glases, das am Morgen weggefegt wur-
de, das bösartige Geklirre. Daran erinnere ich mich
mehr als an irgend etwas anderes, dieser durchdrin-
gende Klang von zerbrochenem Glas, das auf Geh-
steigen zusammengekehrt wurde. Mein Hund hat vor
einigen Tagen ein Fenster zerbrochen, und meine
Frau fegte das Glas auf, und ein kalter Schauer kroch
mir über den Rücken. Es hat einen Augenblick ge-
dauert, bis ich die Ursache begriff.«
Man geht zum Essen in ein kleines Restaurant.
Auf der anderen Seite der Straße befindet sich ein
Trümmerhaufen, die bizarren Überbleibsel eines
zerstörten Steingebäudes. Dein Begleiter sagt: »Eines
Nachts hatte ich eine Verabredung mit einer Dame
zu einem Abendessen in gerade diesem Haus. Sie
sollte mich hier abholen. Ich kam etwas zu früh hier
an, und dann schlug eine Bombe dort drüben ein.«
Er zeigt auf die Ruine. »Ich bin auf die Straße gelau-
fen. Man konnte sehr gut sehen, die Feuer erleuch-
teten die ganze Stadt. Die Hausfront war auf die
Straße gebrochen. Man konnte die Motorhaube ei-
nes Taxis aus dem Haufen der zerfallenen Wand se-
hen. Direkt vor meinen Füßen fand ich, als ich aus
der Tür trat, einen blaßblauen Abendschuh, der

100
herausgeschleudert worden war. Die Spitze zeigte
direkt auf mich.«
Ein anderer zeigt eine Wand hinauf; das Gebäude
ist weg, aber man sieht noch fünf offene Kamine, ei-
ner über dem anderen. Er weist auf den obersten
Kamin. »Das war eine schwere Bombe«, sagt er. »Das
fiel mir auf meinem Weg zur Arbeit auf. Wißt ihr,
seit sechs Monaten hing ein Paar langer Strümpfe vor
dem Kamin. Sie müssen dort festgesteckt gewesen
sein. Monatelang hingen sie da, als ob sie zum
Trocknen aufgehängt worden wären.«
»Ich ging gerade am Hyde-Park vorbei«, sagt ein
Mann, »als ein großer Luftangriff begann. Ich warf
mich sofort in die Straßenrinne. Hab ich immer so
gemacht, wenn man keinen Schutz erreichen konnte.
Ich sah einen großen Baum, einen wie den da, glatt in
die Luft springen und nicht weit weg von mir auf die
Seite fallen – gerade da drüben, wo das große Loch
im Boden ist. Dann fiel ein Spatz direkt neben mir
auf die Straße. Er war mausetot. Der Explosions-
druck bringt Vögel sehr leicht um. Aus irgendeinem
Grund hob ich ihn auf und hielt ihn lange Zeit in der
Hand. Man sah kein Blut oder sonst etwas. Ich habe
ihn mit nach Hause genommen. Seltsam, ich hätte
ihn sofort wegwerfen sollen.«
Eines Nachts, als die Bomben heulten und dröhn-
ten, hielt es ein Flüchtling nicht mehr aus. Er war von
Ort zu Ort getrieben und hatte überall Qualen erlit-
ten, bis er schließlich nach London kam. Er schnitt
sich die Kehle durch und sprang aus dem oberen

101
Fenster. Ein Mädchen, das in dieser Nacht den Kran-
kenwagen fuhr, sagt: »Ich erinnere mich, wie böse ich
auf ihn war. Jetzt verstehe ich ihn, aber in dieser
Nacht war ich wütend. Es gab so viele in dieser
Nacht, die erwischt wurden und nichts dafür konn-
ten. Ich schrie ihn an, ich hoffte, daß er sterben wür-
de, und er starb.«
»Die Leute retten so seltsame Dinge. Ein älterer
Mann verlor sein ganzes Haus bei einem Brand. Er
rettete einen alten Schaukelstuhl. Er nahm ihn über-
allhin mit, er ließ ihn nicht einen Augenblick aus den
Augen. Seine ganze Familie war umgekommen, aber
er hielt an diesem Schaukelstuhl fest. Er wollte nicht
darin sitzen. Er saß auf der Erde daneben, aber man
konnte ihm den Schaukelstuhl nicht wegnehmen.«
Zwei Reporter warteten auf das Ende des Blitzan-
griffes im Savoy Hotel; sie spielten Schach und spra-
chen sich Mut zu. Als die Bombeneinschläge näher
kamen, flüchteten sie unter den Tisch. »Der eine oder
der andere von uns langte hinauf und mogelte ein
bißchen«, sagt der Reporter.
Hunderte von Geschichten – und alle enden mit
einer kleinen Begebenheit, irgend etwas Kleinem, das
man in Erinnerung behält.
»Ich erinnere mich an die Augen der Leute, wenn
sie am Morgen zur Arbeit gingen«, sagt ein Mann.
»Sie hatten eine gewisse Müdigkeit in den Augen, die
ich nie vergessen werde. Es war jenseits jeder Müdig-
keit, die man sich vorstellen kann – eine verzweifelte
Erschöpfung, die keine Ruhe mehr finden konnte.

102
Die Augen der Leute schienen tief, tief in ihren Köp-
fen zu sitzen und ihre Stimmen aus großer Entfer-
nung zu kommen. Und ich erinnere mich, während
eines Luftangriffes einen blinden Mann am Bordstein
stehen gesehen zu haben, der mit seinem Stock gegen
die Kante tappte und darauf wartete, daß ihn jemand
durch den Verkehr führte. Da war gar kein Verkehr
mehr, und die Luft war voller Feuer, aber er stand da
und tappte, bis jemand vorbeikam und ihn in einen
Bunker brachte.«
In all diesen kleinen Geschichten ist es das Ge-
wöhnliche, das Alltägliche vor dem Hintergrund der
Bombenangriffe, das ein unauslöschliches Bild hin-
terläßt.
»Eine alte Frau verkaufte kleine erbärmliche Sprüh-
flaschen mit süßem Lavendel. Die ganze Stadt wurde
von Bombeneinschlägen geschüttelt, und der Schein
brennender Gebäude ließ es taghell werden. Die Luft
war nur noch ein einziges donnerndes Tosen. Und in
einem winzigen Loch in diesem Tumult, in einem
Augenblick der Ruhe, hörte man ihre Stimme – eine
quieksende Stimme. ›Lavendel!‹ sagte sie. ›Kauft La-
vendel als Glücksbringer.‹«
Das Bombardement an sich verschwimmt wie ein
Traum. Die kleinen Ereignisse bleiben so scharf wie
am Tag des Geschehens.

103
Lili Marleen

London, 12. Juli 1943


Das ist die Geschichte eines Schlagers. Sein Titel ist
›Lili Marleen‹, und er ist 1938 in Deutschland von
Norbert Schultze und Hans Leip geschrieben worden.
Nach angemessener Zeit versuchten sie ihn zu veröf-
fentlichen, er wurde aber von etwa zwei Dutzend
Verlagen abgelehnt. Schließlich nahm sich Lale An-
dersen, ein schwedisches Mädchen, seiner an und
benutzte ihn als Markenzeichen. Lale Andersen hat
eine rauhe Stimme und entspricht dem, was man den
Hildegard-Typ nennen könnte.
›Lili Marleen‹ ist ein sehr einfacher Schlager. Die
erste Strophe beginnt: »Underneath the lanterns, by
the baracks square, I used to meet Marlene and she
was young and fair.«* Der Schlager war so simpel wie
diese Zeilen. Und so ging er weiter und erzählte von
Marleen, die zuerst Unteroffiziersstreifen und dann
Offizierssterne liebte. Marleen lernte mehr und mehr
Leute kennen, bis sie schließlich einen Brigadegeneral
traf, der genau das war, was sie die ganze Zeit wollte.
Wir haben ein Lied mit einem ganz ähnlich amüsan-
ten Zynismus.

* Übertragen lautet der Text: »Unter den Laternen vor dem Ka-
sernentor, traf ich oft Marlene, und sie war jung und schön.«
Zum Vergleich die deutsche Originalversion: »Vor der Ka-
serne, vor dem großen Tor, steht eine Laterne, und steht sie
noch davor …« (A. d. Ü.)

104
Irgendwann nahm Lale das Lied auf Schallplatte
auf, und selbst die erfreute sich keiner Beliebtheit.
Aber eines Nachts entdeckte die deutsche Radiostati-
on in Belgrad, die für Rommels Afrika-Korps Pro-
gramme sendete, daß aufgrund eines Bombenangriffs
nur wenige Platten unbeschädigt waren. Aber unter
diesen wenigen fand sich der Schlager ›Lili Marleen‹.
Er wurde für Afrika gesendet, und am nächsten Mor-
gen wurde er vom ganzen Afrika-Korps gesummt,
und Briefe kamen an mit der Bitte, ihn noch einmal
zu spielen.
Die Geschichte seiner Popularität in Afrika drang
bis nach Berlin durch, und Frau Göring, die einmal
Opernsängerin gewesen war, sang das Lied der unbe-
ständigen Lili Marleen vor einer auserwählten Gruppe
von Nazis, falls es das gibt. Sofort war der Schlager be-
liebt und wurde fortwährend im deutschen Rundfunk
gespielt, bis selbst Göring genug davon hatte. Es heißt,
daß der Vorschlag gemacht wurde, das Lied zu unter-
drücken, weil das Thema Unbeständigkeit in den Oh-
ren bestimmter hoher Nazis nicht angenehm klang.
Aber in der Zwischenzeit war ›Lili Marleen‹ außer
Kontrolle geraten. Lale Andersen war nun als »Lieb-
chen der Soldaten« bekannt. Ihre rauhe Stimme drang
noch aus tragbaren Plattenspielern in der Wüste.
Bis dahin war ›Lili‹ nur ein deutsches Problem ge-
wesen, aber nun begann die Achte Britische Armee
Gefangene zu machen, und unter ihren Beutestücken
war auch ›Lili Marleen‹. Und das Lied fegte durch die
Achte Armee. Australier summten es und fanden

105
neue Wörter dafür. Die Machthaber zögerten und
überlegten, ob es wirklich eine gute Idee wäre, ein
deutsches Lied über ein Mädchen, das nicht alle ty-
pisch britischen Tugenden verkörperte, zum Lieb-
lingslied der britischen Armeen werden zu lassen. Zu
diesem Zeitpunkt war das Lied bereits in die Erste
Armee eingedrungen, und die Amerikaner begannen
mit der Harmonie zu experimentieren und brachten
sogar einen Jazz-Rhythmus hinein. Es hätte den Be-
fehlshabern nichts Gutes gebracht, wenn sie sich ge-
gen das Lied entschieden hätten.
Es war außer Kontrolle. Die Achte Armee schlug
sich im Feld tapfer, und es wurde beschlossen, ›Lili
Marleen‹ als Kriegsgefangene zu betrachten, was so-
wieso geschehen wäre, wie auch immer die Befehls-
haber darüber dachten. Nun bahnt sich ›Lili Marleen‹
ihren Weg zu den amerikanischen Streitkräften in
Afrika. Die Pressestelle des Kriegsministeriums nahm
sich des Problems an und entschied, die Melodie bei-
zubehalten, aber einen neuen Text zu dichten. ›Lili
Marleen‹ ist international. Der Verdacht ist begrün-
det, daß sie irgendwann neben den Kasernenmauern
auftaucht – jung und schön und unbestechlich unbe-
ständig.
Es gibt nichts, was man gegen einen solchen Schla-
ger tun kann, als ihn einfach seinen Weg gehen zu las-
sen. Kriegslieder müssen überhaupt nicht vom Krieg
handeln. Tatsächlich tun sie es selten. Im letzten Krieg
hatten ›Madelon‹ und ›Tipperary‹ auch nichts mit
dem Krieg zu tun. Der große australische Schlager die-

106
ses Krieges, ›Waltzing Matilda‹, hat den Diebstahl von
Schafen zum Thema. Es ist anzunehmen, daß einige
Gruppen in Amerika ›Lili‹ angreifen werden, erstens,
weil sie ein ausländischer Feind ist, und zweitens, weil
sie nicht besser ist, als sie sein sollte. Derartige Angriffe
werden wenig Wirkung haben. ›Lili‹ ist unsterblich.
Ihr einfaches Verlangen, einen Brigadegeneral ken-
nenzulernen, ist wohl nicht nur der Wunsch einer
deutschen Frau. Politik kann beherrscht und nach Na-
tionen unterschieden werden, aber Lieder haben die
Tendenz, Grenzen zu überspringen.
Es wäre amüsant, wenn nach all dem Theater und
Sieg-Heil-Geschrei, nach all der Marschiererei und
Indoktrination der einzige Nazi-Beitrag für die Welt
›Lili Marleen‹ gewesen sein sollte.

Kriegsgespräch

London, 13. Juli 1943


Es ist interessant, daß man immer weniger von gro-
ßer Strategie hört, je näher man einem Kriegsgebiet
kommt. Es gibt mehr Diskussionen über Taktik und
die Gesamtlage an einem Samstagabend im Stork
Club als an allen europäischen Fronten. Das mag bis
zu einem gewissen Grad daran liegen, daß es nicht
genug Generäle gibt, die den Strategien eine gesell-
schaftliche Basis ermöglichen. Im Carlton Hotel in
Washington findet man nämlich zur Mittagszeit
mehr Generäle als auf der ganzen restlichen Welt.

107
Dieser eingeengte Blickwinkel kann rein geogra-
phischer Natur sein. Man reißt die Zeitungen in Eng-
land nicht mit Begeisterung an sich, und sobald man
sich der Küste nähert, wo die ganze Zeit Gefechte
stattfinden, verringert sich die Kriegsdiskussion, bis
sie fast völlig verschwindet. Weiterhin ist interessant,
wie zivile Grausamkeit von Soldaten oder Matrosen
im Gefecht oder nahe dem Kampfgebiet nachläßt.
In der aus Beton gebauten Messe über den Liege-
platzen der Torpedoboote versammeln sich die jungen
Männer und trinken Bier. Es sind sehr junge Männer,
aber ihre Gesichter sind alt, weil sie ihr Leben zu oft
aufs Spiel gesetzt haben. Bisher sind die Würfel für ei-
nige dieser jungen Männer günstig gefallen, aber zu
viele ihrer Freunde haben eine Sieben erwischt: es gibt
keine Garantie für das Spiel oder ihr Glück. Die klei-
nen Boote sind nicht schwer bewaffnet, aber ihre Tor-
pedorohre haben eine fürchterliche Wirkung. Es sind
die einzigen »Leichtgewichtler« der Welt, die den
Schlag eines »Schwergewichtlers« (Anm.: aus der Bo-
xersprache) versetzen können. Zu ihrer eigenen Si-
cherheit verlassen sie sich nur auf ihre Geschwindig-
keit und die Schlauheit ihrer Besatzung.
Heute nacht laufen sie zu einem Ding aus, wie die
Männer das nennen. Ein Ding ist etwas mehr als eine
Schlägerei, aber ein bißchen weniger als Das Ding. Ein
Ding wird wahrscheinlich ein Angriff auf einen deut-
schen Konvoi sein, der heimlich in der Nacht durch
den Kanal zu schlüpfen versucht, aber schwer bewaff-
net und gut gesichert ist, und außerdem dicht an der

108
Küste bleibt, so daß er die meiste Zeit im Bereich der
Küstengeschütze fährt. Und dorthin werden sich die
winzigen Schiffe unter Kanonenbeschuß durchzumo-
geln versuchen, sich auf der Route der Verfolger win-
den und drehen, ihre Torpedos auf das größte Schiff,
das sie aufspüren können, abfeuern und dann versu-
chen, blitzschnell nach Hause zu entkommen.
In der Messe reden die Männer in einer Art aufge-
setzter Fröhlichkeit. Nie hört man, daß über den Feind
gesprochen wird. Aufgrund einer stillschweigenden
Übereinkunft oder auch nur, weil es einfach zuviel
Krieg gegeben hat, wird darüber nicht gesprochen.
»Jerry« heißt der Feind, oder auch der »Boche«, und
der Name wird wie etwas Gegenstandsloses und Un-
bestimmtes ausgesprochen. »Jerry« ist ein Problem für
die Navigation, ein Job, eine Gefahr, aber nicht viel
mehr als irgendein anderer großer und gefährlicher
Job. Die Männer leiden unter der Anspannung. Sie
haben so lange unter dieser Spannung gestanden, daß
sie sich dessen wahrscheinlich gar nicht mehr bewußt
sind. Es ist nicht Angst, es ist etwas, das man fühlen
kann. Ein Druck in der Bauchgegend, der größer und
größer wird. Er schwillt an und berührt die Lungen, so
daß man außer Atem ist. Herumsitzen ist auch
schlecht. Man neigt dazu, alles als unglaublich lustig
anzusehen. Das ist der Moment, um eine schmutzige
Geschichte zu erzählen, die sonst nicht angebracht wä-
re. Jetzt ist ihr röhrendes Gelächter sicher.
In der Messe gibt es eine kleine Bar, in der eine An-
gehörige der weiblichen Marine das schale Bier aus-

109
schenkt, das niemand mag. Das Bier schmeckt nicht
gut, aber jeder nimmt ein Glas, und das Schlucken
fällt schwer, weil der Magendruck immer größer wird.
An der Wand hängt eine Uhr, und ihre Zeiger krie-
chen langsam, viel zu langsam auf die Einsatzzeit zu.
Das Warten ist die schlimmste Zeit. Die Wetterbe-
richte treffen ein. Wind kommt auf, aber vielleicht
nicht genug, um das Ding abzublasen. Dutzende der
kleinen Schiffe werden hinausfahren. Es ist eine ge-
meinsame Operation der Alliierten. Holländische
Boote und polnische und englische nehmen daran
teil. Die Polen sind große Kämpfer. Das ist die richti-
ge Aufgabe für sie. Als die kleinen Schiffe die
»Scharnhorst« angriffen, die gerade durch den Kanal
schlüpfen wollte, saß ein polnischer Seemann – so
wird erzählt – auf dem Bug seines Torpedobootes und
feuerte in aller Seelenruhe mit einem Gewehr auf das
riesige stählerne Schlachtschiff. Die Holländer sind
ruhig und kalt, und die Briten geben wie gewöhnlich
vor, daß es eine Art Gartenparty sei, zu der man eben
geht.
Zehn Minuten vor der Zeit ziehen die Männer ihre
Anzüge an, Jacken und Hosen aus Öltuch, die dicht
um die Gelenke schließen. Ein Handtuch wird um
den Hals gewickelt, und die Jacke wird eng darüber
geknöpft. Die kleinen Schiffe sind naß. Das grüne
Wasser kommt ständig über den Bug, und es gibt
wenig Schutz. Im Einsatz werden die Männer ver-
mutlich Helme tragen, aber das ist eine Annahme.
Jetzt stehen sie herum, gepolstert und wattiert. Ihre

110
Arme stehen wegen der dicken Kleidung leicht ab.
Der Führer der Gruppe ist ein junger Mann mit viel
Erfahrung. Er ist zweiundzwanzig und kam von ei-
nem Zerstörer auf die kleinen Torpedoboote. Der
große Zeiger der Uhr zeigt nun die Zeit zum Auf-
bruch. Der Kommandant sagt fast alles beiläufig und
genau auf die Minute: »Alles fertig?«
Die jungen Männer treten schwerfällig durch die
Tür und gehen die Treppen hinunter zu den ver-
steckten Bunkern, wo die kleinen Stachelfische lie-
gen. Es dröhnt, als eine Maschine nach der anderen
startet. Jetzt platzt die Druckblase im Magen, und
man kann wieder atmen. Alles ist in Ordnung. Es ist
eine gute Nacht, diesig, schlechte Sicht. Die Schiffe
fahren rückwärts aus ihren Bunkern und reihen sich
in die Formation ein. Ein winziger Blinker gibt Signa-
le des Befehlshabers weiter, die großen Motoren
donnern, die Boote springen vorwärts, und das weiße
Kielwasser bleibt in der Form eines V zurück. Das
grüne Wasser spritzt über den Bug. Die Mannschaft
kauert sich zusammen, gegen Wind und See gewapp-
net – und niemand hat den Krieg erwähnt.

Die Hütte, die nicht da war

London, 14. Juli 1943


Ein Sergeant lag auf der Wiese, zupfte Gras mit ein
paar zarten Stielen aus und kaute darauf. Es war
Sonntag, viele Leute lagen herum, Seeleute und Sol-

111
daten und sogar einige Zivilisten. Auf der anderen
Seite des Weges fischte eine Reihe von Leuten in ei-
nem Teich. Sie saßen auf geliehenen Stühlen und
fischten im Wasser, das durch die Paddel der Boote
und die aufgeregten Schwäne aufgewühlt wurde. Je-
der Angler hatte sein eigenes kleines Publikum.
Der Sergeant sagte: »Das ist ein verrücktes Land.
Sieh dir das an, den ganzen Tag hat man da noch kei-
nen Fisch gefangen, und trotzdem machen sie weiter.
Vielleicht haben sie es gar nicht auf die Fische abge-
sehen. Es ist ein verrücktes Land, und es bringt auch
mich zum Wahnsinn.« Er spuckte die gekauten grü-
nen Grashalme aus. »Da ist etwas, was mich beunru-
higt«, sagte er. »Eine Geistergeschichte. Ich kann sie
zwar nicht glauben, aber ich weiß, daß sie passiert ist.
Nur glaube ich nicht an Geister. Ich habe darüber
nachgedacht, daran herumgeschnüffelt, und ich kann
das Ganze nicht verstehen.«
»Weißt du«, sagte er, »ich bin in einem kleinen La-
ger. Ungefähr eine Meile davon entfernt ist ein Dorf,
und abends spazieren wir hin und trinken ein paar
Gläser Bier und versuchen uns an diesem Pfeilwurf-
spiel.«
Weiter oben fing einer der Angler einen Fisch von
der Größe einer Sardine und verursachte dadurch so
viel Aufregung, daß er augenblicklich von einer
Menge Leute umringt war. Der Sergeant lachte in
sich hinein: »Ich bin immer auf Lachs gegangen in
Columbia«, sagte er und beließ es dabei. »Nun, je-
denfalls, es geht auf die Dämmerung zu, und ich habe

112
noch einigen Papierkram aufzuarbeiten, deshalb
dachte ich, ich geh zurück zum Lager. Die anderen
Kerls hatten noch keine Lust zu gehen. Sie waren da-
bei, die Kellnerin aufzuziehen, und erzählten ihr, sie
wären mit Filmstars befreundet. So bin ich also allein
losgezogen.
Diese kleine Straße bin ich schon mindestens hun-
dertmal gegangen. Ich kenne dort jeden Meter, würde
ich sagen. Es ist eine enge, schmale Straße mit Hecken
auf beiden Seiten, so daß man nicht auf die Felder se-
hen kann. Die Straße ist sozusagen hineingeschnitten,
fast wie ein Graben. Es war keine sehr dunkle Nacht,
zum indest gab es wenig Sternenlicht, und man konn-
te große Wolken sehen, als ob es bald regnen würde.«
Er schwieg und schien zu überlegen, ob er überhaupt
fortfahren sollte. Er sah über den Teich hinweg zu
dem kleinen Pavillon, wo man Boote mieten konnte
und den ganzen Tag viele Menschen darauf warteten,
daß sie endlich eins bekommen.
Der Sergeant hatte sich plötzlich entschlossen.
»Ungefähr auf halbem Weg sah man ein Licht auf der
Straße. Da stand eine kleine Hütte, oder so was, mit
einer Hecke zu beiden Seiten. Davor war ein Garten,
ein Zaun und dann eben dieses große quadratische
Fenster mit kleinen Fensterscheibchen. Nun, das
Licht fällt also aus diesem Fenster. Ich sah direkt hin-
ein und konnte in das Zimmer sehen. Auf einem
Tisch stand eine Lampe, und ein Feuer prasselte in
einem kleinen Kamin. Es war irgendwie gemütlich.
Es war kein sehr helles Licht, aber man konnte ganz

113
gut sehen. Auf dem Polster eines Stuhles lag eine
weiße Katze und schlief. Und am Tisch im Lampen-
schein saß eine Frau von ungefähr fünfzig Jahren,
würde ich sagen, und sie nähte irgendwas. Und ich
stand da, und für ein paar Minuten beobachtete ich
sie heimlich. Es sah so friedlich aus, gemütlich und
hübsch.
Nach einer Minute ging ich weiter. Irgend etwas
beunruhigte mich. Und dann dachte ich: Genau, das
ist’s, keine Verdunkelungsvorhänge. Solange ich dort
war, zehn Monate, hatte ich nie Licht in diesem Fen-
ster gesehen. Ich wollte schon zurückgehen und der
Frau sagen, sie sollte ihre Verdunkelungsvorhänge
zuziehen. Falls ein Landpolizist vorbeikäme, hätte sie
mit einer gesalzenen Strafe zu rechnen. Ich drehte
mich um und sah zurück. Ich konnte die Hütte nicht
sehen, aber ich sah das Licht auf die Straße scheinen.
›Nun‹, dachte ich, ›wird schon kein Polizist vorbei-
kommen.‹ Es sah so hübsch aus, das Zimmer und das
Feuer, das man von draußen sehen konnte. Man hat
die Verdunkelungsvorhänge furchtbar satt.«
Der Feldwebel hob einen kleinen Zweig auf und
grub damit an einem Grasbüschel herum. »Ich ging
weiter, aber da war irgend etwas, das nicht aufhörte,
in meinem Kopf zu ticken, etwas, das ich nicht genau
erklären konnte. Ein leichter Sprühregen fiel, aber
das machte mir nichts. Ich dachte an die Arbeit, die
ich noch zu tun hatte, aber ich wurde das Gefühl
nicht los, daß dort irgend etwas nicht in Ordnung
wäre.«

114
Er hatte sein Grasbüschel mit einem Klumpen Er-
de ausgegraben. Er schüttelte die Erde ab. »Ich wollte
gerade ins Lager reingehen, als der Groschen fiel. Al-
so, die Sache sieht so aus. Ich habe darüber nachge-
dacht, und ich kann es nicht begreifen. Da ist gar
keine Hütte, nur vier Steinwände, schwarz vor Ruß.
Vor einiger Zeit hatte ein ›Jerry‹ in einem Blitz-
Angriff eine Bombe auf diese Hütte geworfen.«
Seine Finger sind ruhelos. Sie versuchten, das
Grasbüschel wieder in das Loch einzupflanzen. »Se-
hen Sie, was mich am meisten an dieser Geschichte
beunruhigt, ist«, sagte er, »daß ich einfach nicht an
solches Zeug glaube.«

Gemüseanbau

London, 15. Juli 1943


Es ist in England nichts Ungewöhnliches, am Rand
amerikanischer Start- und Landebahnen sorgfältig
gepflegte Gemüsegärten zu entdecken. Niemand
scheint zu wissen, wo die Idee herstammt, aber die
Zahl dieser Gärten hat beständig zugenommen. Es ist
mittlerweile normal, daß sich ein Standort zum gro-
ßen Teil mit seinem eigenen Gemüse und eigenen Sa-
laten versorgt.
Die Idee, die wahrscheinlich von dem Grundge-
danken ausging, daß die Männer so einen Teil ihrer
Freizeit sinnvoll ausfüllen könnten, weil es kaum eine
Unterhaltung gab, erwies sich als ungemein erfolg-

115
reich. Die Gärten werden von den Einheiten versorgt
und von den Gruppen bearbeitet. Aber manchmal
macht sich ein Mann alleine daran und versucht, eine
exotische Pflanze anzubauen, die normalerweise in
diesem Klima nicht gedeiht. In jeder Einheit gibt es
gewöhnlich einen Mann, der etwas von diesen Din-
gen versteht und beim Anpflanzen berät, aber selbst
diese Männer wissen oft keinen Rat mehr, weil sich
die Gemüsearten hier von denen zu Hause unter-
scheiden.
Die Arten, die die Männer am liebsten anbauen
wollen, sind in der Reihenfolge der Beliebtheit Mais,
Tomaten und Paprika. Aus all diesen Arten wird aber
in England ohne Gewächshaus nicht viel. Tomaten
bleiben klein; es gibt keine jener Mordstomaten, die
vor Saft fast platzen. Der Sommer ist kurz und kühl.
Mais hat nur eine geringe Chance, reif zu werden,
und Paprika muß unter Glas angebaut werden.
Trotzdem gibt man sich alle Mühe, dies alles anzu-
bauen. Männer, die an Heimweh leiden, scheinen
ungemein viel Freude daran zu haben, mit Erde zu
arbeiten.
Die Gärten werden meist mit viel Ehrgeiz begon-
nen. Wassermelonen und Beutelmelonen werden an-
gepflanzt, obwohl sie in diesen Breitengraden, wo
gewöhnlich selbst Gurken nur in Gewächshäusern
angebaut werden, praktisch keine Chance haben, reif
zu werden; aber nach und nach entsteht aus dem
ganzen Durcheinander eine gewisse Ordnung. Salat,
Erbsen, grüne Bohnen, Zwiebeln und Kartoffeln ge-

116
deihen hier sehr gut, wie auch Kohl, Rüben, rote Bete
und Möhren. Die Gärten sind ertragreich und sehr
gepflegt. An den Abenden, die jetzt sehr lang sind,
arbeiten die Männer in den Beeten. Vor elf Uhr wird
es nicht dunkel, man kann in den Kinos nur wenige
Filme sehen, und die englischen Pubs sind nicht be-
sonders aufregend. Aber in bezug auf die Gärten
scheint ständig Aufregung zu herrschen, und die
hauseigenen Produkte schmecken viel besser als die,
die man auf den Märkten kaufen kann.
Eines der Lager hat sein Hauptquartier in einem
großen englischen Landhaus, das ehemals sehr luxu-
riös gewesen sein muß. Dieses Anwesen besteht zum
Teil aus einer Reihe von Gewächshäusern, und hier
sind die Gärten ganz gewöhnlich. Es bestand nie die
Notwendigkeit, Druck auszuüben, um die Männer
zur Arbeit in den Gärten zu bewegen. Sie haben diese
Aufgabe mit Enthusiasmus begonnen, und in vielen
Fällen sind Männer aus den Städten, die nie in ihrem
Leben einen eigenen Garten hatten, hier zu wahren
Hobbygärtnern geworden. Durch einen Garten hat
man Beziehung zur Normalität, eine Art Beziehung
zum Frieden.
Hin und wieder muß ein Garten, der gerade Ertrag
bringt, aufgegeben werden, weil die Einheit in ein
anderes Gebiet verlegt wird. Aber das scheint kein
Problem zu sein. Die neue Einheit übernimmt den
Garten, und die alte beginnt von vorne, wenn es am
neuen Standort noch keinen geben sollte. Der Wert
liegt in der Tätigkeit an sich. Der moralische Nutzen

117
des Experimentes ist sehr hoch, so hoch, daß vorge-
schlagen wurde, Nachschuboffiziere sollten ganz
selbstverständlich mit einem Sortiment an Sämereien
ausgestattet werden. Der Samen nimmt wenig Platz
ein, und Gartengeräte können an Ort und Stelle her-
gestellt werden oder sind fast überall zu bekommen.
Es gibt zwischen den Engländern und uns einen
großen Unterschied in der Zubereitung von Gemüse.
Die Engländer verkochen ihr Gemüse gewöhnlich zu
einem klebrigen Brei, in dem die Form, und wie
manche meinen, der Geschmack, längst verschwun-
den sind. Unsere Köche kochen ihr Gemüse nicht
annähernd so lang, sie mögen es gern knackig. Die
Engländer benutzen nicht im entferntesten so viele
Zwiebeln wie wir und geben fast nie Knoblauch zu.
Die kleinen Gärten sind eine Art Symbol des Wider-
willens gegenüber fremden Gewohnheiten.
Der englische Durchschnittskoch betrachtet Ge-
müse mit Mißtrauen. Er ist der Ansicht, daß Gemüse,
wenn es nicht beherrscht und vollkommen davon
überzeugt wird, keinen Unsinn zu machen, wahr-
scheinlich revoltieren oder den Status eines Com-
monwealth-Landes verlangen wird. Folglich werden
nur jene Gemüsearten gepflegt, die fügsam und in
der Lage sind, sich englische Manieren anzueignen.
Der Rosenkohl stellt ein gutes Beispiel für an-
nehmbares Gemüse dar. Zuerst wird ihm gestattet,
groß und hart zu werden. Dann wird er vom Stamm
gepflückt und fürchterlich verkocht. Nach ein paar
Stunden ist die kleine grüne, wilde Knospe zu einer

118
merkwürdigen gräulichen Paste zerfallen. Erst dann
wird das Ganze als tauglich zum Verzehr erachtet.
Der gleichen Methode folgt man beim Kohl. Wäh-
rend der Kohl kocht, wird er gestochen und gesto-
ßen, bis er, wenn er dann endlich aufgetischt wird,
seinen Charakter und Geschmack aufgegeben hat
und genau den gleichen Geschmack hat wie der Ro-
senkohl, der wiederum wie Kohl schmeckt. Der
Möhre gestattet man, ihre gelbe Farbe zu behalten,
aber sonst wird nichts von ihren Eigenschaften be-
wahrt.
Niemand hat bislang diese angeborene Angst der
Engländer, Opfer einer Rebellion der Gemüsearten
zu werden, erklären können. Die unbeschwerte ame-
rikanische Haltung, dem Gemüse eine gewisse Frei-
heit – wenn auch nicht das Wahlrecht – zuzugeste-
hen, wird von den Engländern als weichlich und de-
kadent angesehen.
Gewisse englische Spione haben berichtet, sie hät-
ten in amerikanischen Gärten amerikanische Solda-
ten beobachtet, wie sie Möhren und Rüben und
Zwiebeln herausgezogen und roh verzehrt hätten.
Einem Amerikaner kommt es merkwürdig vor,
daß die Engländer, die Hunde lieben und nur selten
essen, trotzdem mit Gemüse so brutal umgehen. Das
ist eben einer dieser nationalen Unterschiede, die un-
ergründlich sind.

119
Der Zustand der Welt

London, 16. Juli 1943


Das ist kein Krieg wie andere Kriege, der gewonnen
werden soll wie andere Kriege. Wir erinnern uns an
den letzten Krieg. Das war eine einfache, leichte Sa-
che. Als wir den Kaiser und seine kleine militärische
Clique vernichtet hatten, war das Böse beseitigt, und
alle guten Dinge kamen wieder ins Lot. So war es
zwar nicht ganz, aber der Krieg wurde auf dieser Ba-
sis von Truppen geführt, die Lieder sangen und dann
wieder nach Hause in eine Zeit des Glücks und Frie-
dens zurückkehrten.
Man sagt, dies sei kein Krieg mit Gesang, und das
ist wahr. Die Soldaten kämpfen und arbeiten unter
einer bedrückenden Last. Sie wissen tief in ihrem In-
neren, daß die Vernichtung des Feindes noch nicht
das Ende des Krieges bedeutet. Und fast überall ist
unter den Soldaten nicht die Angst vor dem Feind
verbreitet, sondern die Angst davor, was nach dem
Krieg geschehen wird. Der Zusammenbruch der ge-
rade neu ausgerüsteten Fabriken, die Arbeitslosigkeit
von Millionen aufgrund der zunehmenden Automa-
tisierung, eine Depression, die die letzte Wirtschafts-
krise wie einen Feiertag erscheinen läßt.
Sie kämpfen unter dem Banner von vier noch
nicht verwirklichten Freiheiten – vier Worte, und
wenn ein Machthaber versucht, diesen Freiheiten
zum Durchbruch zu verhelfen, erfahren die Soldaten,
daß man diesen Menschen angreift und erniedrigt. Es

120
spielt keine Rolle, ob die Methoden und Pläne gut
oder schlecht sind. Alle Pläne werden zu Hause ge-
macht. Und die Truppen haben das Gefühl, sie hät-
ten zu Hause nur eine Wahl – entweder eine
schmerzlose Anarchie oder ein System, das in ihrer
Abwesenheit aufgebaut worden ist und in dem die
Karten zu ihren Ungunsten verteilt sind.
Unsere Armee ist nicht naiv. Die einfachen Leute
haben in den letzten fünfundzwanzig Jahren eine
Menge gelernt, und die alten magischen Worte kön-
nen sie nicht mehr täuschen. Sie glauben nicht mehr
an die goldene Zukunft, die aus Worten besteht. Sie
möchten Freiheit haben, keine Armut oder Not. Das
bedeutet, daß die kleine Farm in Connecticut vor der
Zwangsversteigerung sicher ist. Das bedeutet, daß die
Stelle, die der Soldat aufgegeben hat, als er sich der
Armee anschloß, auf ihn wartet, und nicht nur war-
tet, sondern auch weiterbesteht, wenn die Kinder
aufwachsen. Das bedeutet, daß es Schulen geben wird
und im Krankheitsfall Ersparnisse oder Medizin, die
gratis ist. Wenn man sich mit vielen Soldaten unter-
hält, beeindrucken die Sorgen, die aus ihnen spre-
chen. Wird das Land durch Vermittlung bestimmter
Fürsprecher von gewissen Interessengruppen über-
nommen? Gebietet man der Inflation keinen Einhalt,
weil ein paar Leute dadurch reich werden? Werden
dort Vermögen angehäuft, während diese Männer
hier 50 Dollar im Monat bekommen? Werden sie in
ein Land zurückkehren, das durch Habgier zerstört
worden ist? Wenn irgend jemand ihnen versichern

121
könnte, daß diese Dinge nicht wahr sind, oder, wenn
sie wahr sein sollten, nicht mehr erlaubt wären, dann
hätten wir eine singende Armee. Diese Armee kann
den Feind besiegen. Daran besteht kein Zweifel. Sie
wissen das und wollen das auch schaffen, aber sie
wollen nicht nach Hause zurückkehren, um sich mit
einem heraufziehenden Bürgerkrieg konfrontiert zu
sehen. Die Schrecken der letzten Wirtschaftskrise
sind ihnen immer noch gut in Erinnerung.
Sie erinnern sich an die zwangsversteigerten Far-
men, die Schweine, die geschlachtet wurden, um die
Preise hoch zu halten, das Unterpflügen der Ernte,
weil damals die Führer nicht intelligent genug waren,
um Mittel und Wege zu finden, die Überproduktion
der Nahrung zu verteilen. Sie erinnern sich, daß jeder
Plan für ein sorgenfreies Leben aller Menschen an
dem Hindernis notwendiger Profite fehlschlägt.
Diese Dinge können nicht genügend betont wer-
den. Jeder, der diesen Soldaten versichern kann, daß
derartige Dinge nicht wieder geschehen, wird eine
Waffe von unglaublicher Stärke in ihre Hand legen.
Was aber hören die Soldaten? Daß Mr. Jones Mr.
Wallace beschimpft, daß Mr. Jeffers sich mit Mr. Jo-
kes herumstreitet, daß Magnaten auf diesem oder je-
nem Gebiet um mehr Macht und mehr Zuständigkeit
kämpfen.
Der Kongreß hat in einer Art von Immunitätshy-
sterie gegen öffentliche Kritik sogar auf die Maschi-
nerie der Linderung verzichtet, die die Auswirkungen
einer neuen Wirtschaftskrise hätte auffangen können;

122
Schwarzmärkte blühen überall, und die Schwarz-
händler sind keine Gauner, sondern die bedeutenden
Leute. Die Soldaten hören, daß die Lebenshaltungs-
kosten steigen und die Löhne ihnen folgen. Ein Sol-
dat ist kein alleinstehender Mann. Gewöhnlich hat er
eine Familie, die weitgehend von dem Geld abhängig
ist, das er ihr schicken kann, aber sein Lohn steigt
nicht mit den Lebenshaltungskosten.
Das sind die Dinge, die er hört. Die Zeitungen sind
voll davon, die Briefe von zu Hause sind voll davon –
Zwistigkeiten, Sorgen, Habgier. Und da er ein Soldat
ist, kann er sich nicht beklagen. Es ist ihm verboten,
sich zu beklagen. Das kann man in einer Armee nicht
zulassen. Er ist nicht zynisch, aber er macht sich Sor-
gen. Er will, daß dieser Krieg endlich zu Ende geht,
daß er nach Hause zurückkehren kann, um zu sehen,
was in seiner Abwesenheit mit seinem Land gesche-
hen ist. Die »Vier Freiheiten« definieren, was er will,
aber wenn ihm kein gangbarer Weg, keine Grundlage
und klarer Plan dafür gezeigt wird, kann er wohl nur
an jene Freiheit glauben, die Anatole France definier-
te – die gleiche Freiheit für arm und reich, unter
Brücken zu schlafen.

Theaterfest

London, 18,Juli 1943


Es war ein später Nachmittag im englischen Sommer,
und in einem der unzähligen Außenbezirke Londons

123
war das Kino ziemlich gut besetzt. Ein paar Soldaten,
die verwundet worden waren und sich gerade von ih-
ren Verletzungen erholten, waren anwesend. Und
ebenfalls Frauen der Streitkräfte, die ein paar Stun-
den dienstfrei hatten. Ein paar Zivilistinnen waren
da, die sich nach dem Einkaufen schnell noch einen
Film ansehen wollten, und auch ein paar Fabrikarbei-
ter, deren Schicht gerade zu Ende war. Ganz vorne
waren ein paar Reihen mit Kindern, die sich so dicht
vor der Leinwand zusammenscharten, wie sie nur
konnten.
Es war nur ein normaler Nachmittag im Kino. Das
Haus war ziemlich voll, aber nicht überbesetzt. An
besonders dafür vorgesehenen Plätzen saßen einige
Männer in Rollstühlen aus dem Krankenhaus. Es
wurde ›I Married a Witch‹ mit Veronica Lake gezeigt.
Eine Komödie, in der eine Hexe aus dem puritani-
schen Neu-England wieder zum Leben erwacht und
direkt in eine traditionelle Schlafzimmerkomödie
purzelt – kein hervorragender Film, aber auch kein
schlechter. Die Kinder waren von dem Film begei-
stert und glaubten die Geschichte, weil sie allen Fil-
men glauben.
Draußen verdunkelte eine tiefhängende Wolke
den Himmel, und es sah aus, als ob es später am
Abend noch regnen würde. Bislang hatte es noch
nicht genügend Regen gegeben.
Während Veronica Lake mit dem blonden Haar,
das sie über ein Auge fallen ließ, im Pyjama auf dem
Bett eines Mannes saß und er sich um seinen guten

124
und ehrbaren Namen Sorgen machte und die Kinder
vor Freude krähten – wirbelten zehn deutsche
Kampfbomber über die Küste heran. Die Aufklärer
hatten sie ausgemacht. Die Spitfires starteten. Die
Luftabwehrkanonen feuerten, und zwei der Angreifer
wurden abgeschossen. Ein dritter prallte gegen einen
kleinen Berg. Dann begann eine verrückte, wilde Jagd
in den grauen Wolken. Spitfires, die durch Wolken
jagten und suchten. Die Angreifer teilten sich und
stürzten auf London los, die Sirenen begannen zu
heulen, und das gewaltige Alarm- und Abwehrsystem
wurde aktiv.
Nur einer der Angreifer kam durch, da es ihm ge-
lang, sich durch die Abwehr durchzuschlängeln. Er
kam durch die Wolken gestürzt, und gleich unter
ihm war das Kino. Er war sehr tief, als er seine Bom-
be ausklinkte. Das Dach des Kinos hüpfte in die Luft
und sank dann wieder auf die Trümmer nieder. Die
Leinwand wurde dunkel. Der Angreifer brachte sein
Flugzeug in die Schräglage, wirbelte herum, kam zu-
rück und feuerte mit seinen Geschützen in den
Trümmerhaufen. Dann riß er sein Flugzeug in die
grauen Wolken hoch, drehte Richtung Küste ab und
ließ die Kinder hinter sich zurück, die vor Angst und
Schmerz schrien.
Die Gemeinden haben für solche Fälle vorgesorgt.
Innerhalb von Minuten waren Rettungsteams an der
Arbeit; die Feuerwehrmänner waren schnell an Ort
und Stelle. Die Mannschaften waren gut ausgebildet.
Sie bahnten sich ihren Weg in das zerrissene und zer-

125
fetzte Gebäude. Die verletzten Kinder wurden her-
ausgetragen und so schnell wie möglich in ein Kran-
kenhaus gebracht – zermalmt und zerschossen und
zugrunde gerichtet. Die Toten wurden beiseite ge-
schafft für die Beerdigung, aber jene, die immer noch
atmeten und sich bewegten und wimmerten, wurden
zu den wartenden Ärzten gebracht.
Die ganze Nacht durch wurde operiert, nach Ku-
geln gesucht, Hände und Beine abgeschnitten und
Augen entfernt. Die Anästhesisten arbeiteten zartfüh-
lend gegen den Schmerz und ließen Bewußtlosigkeit
auf Masken tropfen. Diese Prozession der Verstüm-
melten zum Krankenhaus hielt die ganze Nacht an.
Die Ärzte arbeiteten vorsichtig und schnell. Schnelle
Entscheidungen – dieses Kind hier wird nicht überle-
ben – ließen sie nicht zu Bewußtsein kommen. Dieses
Kind hat keine Chance, wenn beide Beine amputiert
werden. Entscheidungen und schnelle Arbeit.
Von den Blutbanken wurde das Plasma eiligst her-
beigeholt, und die Lebenskraft aus den Venen ande-
rer Menschen tropfte in die Adern der Kinder.
Um neun Uhr morgens waren die Operationen
beendet. Im Kino fanden die übermüdeten Mann-
schaften immer noch ein paar Körper. Und in den
Krankenhausbetten – große Knäuel aus Bandagen
mit großen, starrenden, ungläubigen Augen und rie-
siger Müdigkeit – die kleinen Ziele, die siebenjähri-
gen Ziele militärischer Angriffe.
Arbeiter gruben ein großes, langes Massengrab für
die Toten. Veronica Lake war zusammen mit dem

126
schnellen Aufflackern brennenden Films verschmort,
und nur die Spulen, auf die sie aufgewickelt war, blie-
ben übrig. Und in den Häusern wurden an diesem
Morgen die Menschen gerade wach genug, um zu
weinen. Es war sehr ruhig auf den Straßen.
In einer Bar ließ sich ein Arzt einen Drink geben,
bevor er ins Bett ging. Um seine Augen lagen Ringe
aus roter Trauer, und seine Hand zitterte, als er den
Whisky an die Lippen führte.

Verständnis füreinander per Anordnung

London, 19. Juli 1943


Internationale Freundschaft, gute Kameradschaft
und gegenseitiges Verständnis zwischen den Briten
und Amerikanern sind oft so ausgeprägt, daß Krieg
zwischen beiden in Reichweite scheint. Das liegt ge-
wöhnlich an der Anordnung für gegenseitiges Ver-
ständnis und führt häufig zu dummen Situationen.
Verständnis und Toleranz auf Befehl fangen nor-
malerweise mit Verallgemeinerungen an. Unseren
Truppen wird, wenn sie sich England nähern, in Bro-
schüren mitgeteilt, wie die Briten sind, wo ihre nega-
tiven und positiven Seiten liegen, welche Worte, die
zu Hause völlig unschuldig klingen, in britischen Oh-
ren einen harten und häßlichen Klang haben. Das hat
so ziemlich die gleiche Wirkung, wie wenn man ei-
nem Freund sagt: »Du mußt unbedingt Jones ken-
nenlernen – ein wunderbarer Kerl. Ihr beide werdet

127
euch gut verstehen.« Damit hat Jones zwei Verlust-
punkte auf seinem Konto, bevor man sich überhaupt
kennengelernt hat. Er muß dem Urteil gerecht wer-
den, ein charmanter Kerl zu sein, bevor man ihn
überhaupt erst akzeptiert. In diesem Fall ist es sogar
noch schlimmer, weil man den Briten gesagt hat, sie
würden uns mögen, wenn sie uns erst kennenlernen.
Das Resultat ist, daß die beiden wie fremde Hunde
zusammenkommen, von denen jeder Streit sucht. Es
dauert lange Zeit, bis man mit dieser Art gegenseiti-
gen Verständnisses zurechtkommt.
Die zweite Phase, miteinander auszukommen, be-
steht darin, einander zu beschreiben. Die Briten sind
so und so. Die Amerikaner sind so und so. Die Briten
sind genau wie andere Menschen, nur noch ausge-
prägter. Die Amerikaner sind Angeber, die das Geld
lieben. Diese Liebe zum Geld ist natürlich ausschließ-
lich eine Eigenschaft der Amerikaner. Alle anderen
Völker verachten Geld. Die Amerikaner sind nette,
standhafte Leute. Die Briten sind nette, standhafte
Leute. Das ist offensichtlich eine Lüge. Es gibt gute
Menschen und Ekel auf beiden Seiten. Derartige Be-
hauptungen aufzustellen bringt nichts Gutes. Wenn
man gerade anfängt, einige Engländer zu mögen und
zu respektieren, kommt irgend jemand daher und er-
zählt, wie die Engländer sind, und man kann wieder
von vorne anfangen. Und das passiert ohne Zweifel
auch den Engländern.
Die dritte Fallgrube betrifft die Qualität der kämp-
fenden Truppen. Ein großer, schlaksiger alter Bur-

128
sche aus den Bergen kommt die Straße herunterge-
schlendert, und die Knöchel seiner Finger berühren
fast den Bürgersteig, und gleich hinter ihm ein
Wachsoldat mit gestrafften Schultern, hoch erhobe-
nem Kinn und neun Knöpfen, die auf Hochglanz po-
liert sind. Sofort wird ein Vergleich angestellt. Der
eine ist ein guter Soldat, und der andere ist ein Tol-
patsch. Tatsache ist jedoch, daß sie beide im gleichen
Maß vorwärts marschieren. Und beide könnten
wahrscheinlich diese Strecke auch noch mit einem
vollen Rucksack auf dem Rücken bewältigen. Und
dann, wenn man genug über Soldaten erfahren hat,
sieht man einen kleinen Tommy mit einem verzerr-
ten Gesicht und breiten Schultern, der seitwärts wie
eine Krabbe geht, und man erkennt, daß er im
Kampf so gut wie nur möglich ist, aber in seinen Lei-
stungen, nicht in seinem Auftreten.
Die ganze Schwierigkeit scheint in den Verallge-
meinerungen zu liegen. Sobald man etwas verallge-
meinert hat, bleibt man daran hängen. Man muß die-
se Verallgemeinerung verteidigen. Sagen wir mal, der
britische oder der amerikanische Offizier sei ein
Gentleman. Und schon hat man eine Lüge. Es gibt
gute und schlechte. Man findet selbst heraus, zu wel-
cher Kategorie einer gehört, wenn man in Ruhe ge-
lassen wird. Und wenn man einen amerikanischen
Leutnant sieht, der sich in einem Londoner Pub
schlecht benimmt, dann wird erwartet, daß man die-
se Tatsache abstreitet. Oder wenn man einen Fatzke
von einem britischen Offizier mit schlechten Manie-

129
ren trifft, erwartet man von den Briten, daß sie seine
Existenz abstreiten. Aber dennoch existiert er, und sie
hatten solche Typen genauso wie wir. Das Problem
der Verallgemeinerung, besonders der patriotischen,
besteht darin, daß sie die Leute dazu zwingt, Dinge
zu verteidigen, die sie normalerweise selbst über-
haupt nicht mögen.
Für einen Engländer, der überzeugt ist, Amerikaner
seien Angeber, muß es ein großer Schock sein, wenn
er einmal einen bescheidenen kennenlernt. Sein Glau-
be an die Gültigkeit bestimmter Aussagen ist erschüt-
tert. Vorgefaßte Meinungen sind schlimm genug, oh-
ne daß man noch versucht, neue Vorurteile zu schaf-
fen. Vor kurzem beschwerte sich ein Junge aus Geor-
gia mit einem Gesicht wie ein Wels und dem
ausgezeichneten soldatischen Betragen eines Kojoten,
er sei nun schon vier Tage hier und habe noch keinen
Herzog gesehen. Er glaubte schon langsam, es gäbe gar
keine Herzöge, und war über alle Maßen schockiert.
Irgendwo gibt es Wahrheit oder eine Annäherung
daran. Wenn ein Gefecht stattgefunden hatte und die
Briten sagen »Wir sind ein bißchen herumgeschubst
worden«, und die Amerikaner sagen »Sie haben uns
durch die Hölle gejagt«, dann stimmt weder die eine
noch die andere Behauptung. Hier wird die Unter-
treibung bewundert und die Übertreibung verachtet.
Aber beides kommt der Wahrheit nicht nahe und hat
nichts mit der tatsächlichen Kampfkraft der Soldaten
zu tun. Wir wissen, daß man nicht sagen kann, die
Amerikaner sind so oder so, wenn diese Amerikaner

130
Aufschneider aus Georgia oder langbeinige Männer
aus West Virginia sind, ordentliche Geschäftsmänner
mit Lesebrillen, zweifelhafte Juwelenhändler oder
lange Holzarbeiter aus den Wäldern Oregons.
Und es ist genauso dumm, die Briten zu beschrei-
ben, wenn sie aus Lancastershire kommen oder Wali-
ser und Cockneys sind oder Hafenarbeiter aus Liver-
pool. Wir kommen als Individuen sehr gut mitein-
ander aus, aber sobald wir die Amerikaner und die
Briten werden, ist der Ärger nicht mehr fern.

»Big Train«

London, 25. Juli 1943


Der Gefreite »Big Train« Mulligan fand sich nach sei-
ner Verlegung nach Übersee in einem Fuhrpark in
London wieder. Dort chauffierte er einen braunen
Armee-Ford und brachte alle möglichen Offiziere ir-
gendwohin. Das ist ein Job, der »Big Train« durchaus
gefällt. Er fährt Generäle und Leutnants dahin, wohin
man ihm sagt, und mit der Geschwindigkeit, die man
ihm vorgibt. Setzt sie dort ab. Wartet. Holt sie wieder
ab. Man muß ihm nur sagen, wann man an einem
bestimmten Ort ankommen will, und er wird einen
hinbringen, und obwohl die Gefahr für den Fahrgast,
für Fußgänger und herumlaufende Katzen und Hun-
de groß ist, wird »Big Train« davon nicht weiter be-
rührt.
Durch seinen Job kennt er wahrscheinlich mehr

131
militärische Geheimnisse als irgend jemand auf dem
europäischen Kriegsschauplatz. Er aber erklärt das so:
»Meistens hör ich gar nicht zu. Wenn ich doch zuhö-
re, geht es zum einen Ohr rein und zum anderen
wieder raus. Ich muß an andere Sachen denken.« In
bezug auf die Armee und sein Privatleben hat er eine
bestimmte Philosophie entwickelt. Zum Thema Be-
förderung meint er: »Wenn man General werden
will, dann ist es ganz in Ordnung, wenn man Ärmel-
streifen kriegt, wenn man aber glaubt, man könne
nicht entscheidend zum Sieg beitragen, dann ist man
als Gefreiter besser dran und hat auch mehr Spaß.«
Er mag es nicht, andere Leute herumzukommandie-
ren, mag aber selbst auch nicht herumkommandiert
werden. Das zweite kann er nicht vermeiden, aber
das erste kann er verhindern, indem er bloß Gefreiter
bleibt. »Nicht, daß es mir was ausmachen würde«,
sagt er. »Ich würde einen solchen Job schon richtig
anfassen, aber ich möchte einem Haufen Männern
nicht sagen müssen, was sie tun sollen.«
Nachdem er sich entschieden hatte, daß er 1. den
Krieg nicht im Alleingang gewinnen könne, daß 2.
der Krieg noch eine ziemliche Weile dauern werde,
daß er 3. nicht an einem festgesetzten Tag nach Hau-
se kommen würde und daß es 4. sowieso alles scheiß-
egal sei, fand sich »Big Train« damit ab und versuch-
te, alles zu genießen, wenn er es schon nicht ändern
konnte.
Er kennt England wahrscheinlich mindestens so
gut wie irgendein anderer lebender Amerikaner. Er

132
kennt die kleinen Städte, die Schleichwege, den Nor-
den und den Süden, und er besitzt etwas, das allge-
mein als bestes Adreßbuch in Europa betrachtet
wird. Er unterhält sich mit jedem und vergißt nie ei-
nen Namen oder eine Adresse. Wenn er also seinen
Oberst oder zwei Majore und einen Hauptmann ir-
gendwo in einem fragwürdigen kleinen Hotel in einer
feuchten kleinen Stadt abgesetzt hat, diese die Betten
und das Essen verfluchen, und »Big Train« entlassen
ist, dann konsultiert er dieses Adreßbuch. Dann be-
sucht er einen seiner Freunde, die er hier oder dort
kennengelernt hat.
»Big Train« bekommt ein Stück Fleisch und fri-
sches Gemüse zum Abendessen. Er prostet seinen
Freunden zu. Er schläft in sauberen weißen Bettlaken
und bekommt zum Frühstück frische Eier. Absolut
pünktlich trifft er in dem kleinen feuchten Hotel ein.
Der Oberst und die Majore sind erschöpft, weil sie
die ganze Nacht mit Klumpen in den Matratzen ge-
kämpft haben. Ihre Verdauung ist durch das teigige
Essen ruiniert, aber »Big Train« ist ausgeruht und
sieht blühend aus. Er ist aufmerksam und wird seine
Offiziere in einer weiteren Taverne zurücklassen und
einen Freund zum Mittagessen aufsuchen.
»Big Train« ist nicht unbedingt attraktiv, aber er
sieht gut aus und hat ein gewinnendes Wesen, und er
mag vor allem die Gesellschaft von Frauen. Er fühlt
sich glücklich, wenn ein Mädchen da ist, mit dem er
sich unterhalten kann. Wie er über die denkt, hat
noch niemand herausfinden können. Man kann »Big

133
Train« mitten in einer großen öden Ebene zurücklas-
sen, ohne ein Gebäude und einen Busch, ohne irgend
etwas, und wenn man zehn Minuten später zurück-
kommt, sitzt ein Mädchen auf dem Sitz neben ihm,
raucht die Zigaretten des Oberst und kaut einen
Kaugummi des Majors, während »Big Train« sorg-
sam ihre Adresse und den Namen der Stadt, aus der
sie kommt, aufschreibt.
Seine Art, mit Frauen und Mädchen umzugehen,
ist weder gierig noch feinfühlig. Sie besteht einfach
darin, daß er wirklich an ihnen interessiert ist. Er
spricht in einer Art liebevoller Höflichkeit mit ihnen.
Er ist ein Verfechter guter Manieren. Er redet alle
Frauen, ob er sie nun kennt oder nicht, mit »meine
Liebe« an, und es gelingt ihm, überzeugend zu er-
scheinen; wahrscheinlich, weil er es auch fühlt. Die
Folge ist, daß alle Frauen ihn wiedersehen wollen,
und wenn der Krieg lang genug dauert, wird dieser
Wunsch auch irgendwann einmal erfüllt. Mulligan ist
vollkommen ehrlich. Wenn er dem Mädchen die Zi-
garetten des Obersten geben sollte, ein ganzes Päck-
chen, dann erklärt er das dem Obersten und erklärt
sich bereit, diese zu ersetzen, sobald er wieder nach
London kommt. Der Oberst weigert sich natürlich,
das überhaupt in Betracht zu ziehen; es wäre einfach
ungalant. Natürlich durfte das Mädchen seine Ziga-
retten rauchen. Sie fühlt sich wohl bei ihm, aber sie
fühlt sich eigentlich immer wohl. Er starrt sie an,
bläht seine Brust auf und fährt schließlich weg. »Big
Train« weiß, wo sie wohnt und wer bei ihr wohnt.

134
Und er hat sich bereits ausgerechnet, was er wohl
zum Abendessen bekommt, wenn er sie einmal be-
sucht.
Von den Engländern hat »Big Train« eine knappe
und einfache Meinung. »Ich komme ganz gut mit
denen klar, die ich mag, und ich will nichts mit de-
nen zu schaffen haben, die ich nicht mag. Genau so
war es auch zu Hause«, sagt er. Wahrscheinlich hat er
eine größere Wirkung auf die anglo-amerikanischen
Beziehungen als zweihundert Propagandisten der Re-
gierung, die sich darum bemühen, die fundamenta-
len Unterschiede zwischen den beiden Nationen her-
auszufinden. »Big Train« kennt außer dem Akzent
und den Drinks nicht viele Unterschiede. Er mag die,
die er mag, und er weigert sich, einen Mann aus ir-
gendwelchen Gründen zu mögen, den er auch zu
Hause nicht leiden könnte.
Seine Ausdrucksweise ist bildhaft und anschaulich.
Er sagt von einem breit lächelnden Mädchen, sie sehe
aus wie ein Esel, der Hummeln esse. Er lehnt es ab,
sich wegen des Krieges Sorgen zu machen. »Wenn sie
wollen, daß ich das tue, dann sollen sie mir Sterne
auf die Achselstücke stecken«, sagt er. »Dazu haben
wir Generäle.«
»Big Train« Mulligan ist nach zwei Jahren in der
Armee und einem Jahr Übersee wahrscheinlich einer
der lockersten und erfolgreichsten Gefreiten, den der
Krieg je erlebt hat. Wenn sie wollen, daß er sein Ge-
wehr nimmt und kämpft, dann ist er durchaus bereit,
das zu tun. Aber bevor ihm das jemand aufträgt, wird

135
er sich nicht darum kümmern. Es gibt überall in Eng-
land gute kleine Abendessen in hübschen kleinen
Häuschen, die auf ihn warten. Und solange es noch
genügend von den Zigaretten des Obersten gibt, wird
»Big Train« seine Gastgeberin nicht mit leeren Hän-
den zurücklassen.

Bob Hope

London, 26. Juli 1943


Wenn die Zeit kommt, um den Dienst an der Nation
in Kriegszeiten zu würdigen, sollte Bob Hope ganz
oben auf der Liste stehen. Dieser Mann treibt sich
selbst und ist getrieben. Es ist kaum zu verstehen, wie
er so viel unternehmen, wie er so viel bewältigen, so
hart arbeiten und so effektiv sein kann. Er arbeitet
Monat um Monat mit einem Tempo, das die meisten
Leute umbringen würde. Wer die Feldlager, Flugplät-
ze, Truppenunterkünfte, Nachschubdepots und La-
zarette überall im Land besucht, hört eins immer und
immer wieder. Bob Hope kommt oder Bob Hope ist
hier gewesen. Der Verteidigungsminister ist auf In-
spektionsreise, aber es ist Bob Hope, der erwartet
wird und an den man sich erinnert.
In irgendeiner Art hat er die Phantasie der Solda-
ten gefangen. Er hat die Lacher auf seiner Seite, wo
immer er hinkommt, das Lachen von Männern, die
Gelächter brauchen. Er hat sich seine eigene Rolle ge-
schaffen – die eines Mannes, der alles wirklich ver-

136
sucht und immer versagt, der angibt und dabei er-
wischt wird. Sein Humor ist sarkastisch, zielt jedoch
nie auf Menschen, sondern auf Zustände und An-
sichten. Und wo Bob Hope auftaucht, brüllen die
Männer vor Lachen und wiederholen seine Witze
noch Tage später.
Hope bestreitet vier, manchmal fünf Auftritte am
Tag. In einigen Lagern müssen die Männer in Schich-
ten kommen, weil sie ihn nicht alle zur gleichen Zeit
hören können. Dann springt er in ein Auto, rast zur
nächsten Kaserne; und weil er auch über Rundfunk
sendet und jeder seine Sendungen hört, kann er ein
Programm nur ein paarmal bringen. Deshalb muß er
mitten in dieser ganzen Hetze und den Auftritten
ständig neue Shows vorbereiten. Wenn er das einige
Zeit tun würde, dann aufhörte und sich Ruhe gönnte,
wäre das schon beachtlich, aber er ruht sich nie aus.
Und das macht er schon seit Kriegsbeginn. Seine
Energie ist grenzenlos.
Hope bringt seine Show überall hin – nicht nur in
die großen Lager. In kleinen Gruppen im Sonderdienst
hört man immer den gleichen Satz: Bob Hope kommt
am Donnerstag. Sie wissen schon Wochen im voraus,
daß er kommt. Es wäre einfach entsetzlich, wenn er
doch nicht käme. Vielleicht ist das eine Art von An-
sporn. Er hat eine Art Vertrag mit sich selbst und mit
den Männern geschlossen, daß keiner – und Bob Hope
am allerwenigsten – aufgeben darf. Es ist kaum mög-
lich, die Bedeutung dieses Unternehmens und die Ver-
antwortung, die es einschließt, zu überschätzen.

137
Das Bataillon von Männern, das Halbkettenfahr-
zeuge von Ort zu Ort bringt und einen Job macht,
der keine Schlagzeilen und keine öffentliche Anteil-
nahme erntet, aber eben doch getan werden muß,
wenn es einen Sieg geben soll, ist vergessen, und die
Männer fühlen sich auch vergessen. Aber Bob Hope
ist im Lande. Wird er auch zu ihnen kommen? Und
dann trifft eines Tages die Ankündigung ein, daß er
kommt. Dann haben sie das Gefühl, daß man sich an
sie erinnert. Dieser Mann ist für sie zu einer Art
Brücke geworden. Das hat nichts damit zu tun, wie
komisch er sein kann oder wie gut Frances Langford
singt. Es ist interessant zu beobachten, wie er zu ei-
nem Symbol geworden ist.
Der Verfasser dieses Buches, der Hope nicht per-
sönlich kennt, kann nur vermuten, was in diesem
Mann vor sich geht. Er hat schreckliche Dinge gesehen
und sie mit Humor überlebt und sie erträglicher ge-
macht, aber das geschieht nicht, ohne eine Wunde zu-
rückzulassen. Er ist vom Rest der Welt abgeschnitten
und darf keine Müdigkeit zeigen. Da er ein Symbol
geworden ist, muß er das Leben eines Symbols führen.
Wahrscheinlich besteht die schwierigste und auf-
reibendste Sache darin, in einem Krankenhaus ko-
misch zu sein. Die langen, niedrigen Gebäude liegen
verstreut, falls sie einmal angegriffen werden sollten.
Die ambulanten Fälle arbeiten in den Gärten oder le-
sen in den kastanienbraunen Bademänteln in den
Aufenthaltsräumen. Aber in den Krankenabteilungen
liegen in den langen Reihen der Schmerzen Männer,

138
deren Augen nur auf ihr Inneres und auf ihre Leute
gerichtet sind. Einige befinden sich gerade im Stadi-
um der Genesung mit vielen Schmerzen und einem
unerträglichen Jucken. Einige bewegen langsam ihre
Finger, und andere klammern sich an die kleinen
Trapeze, die ihnen helfen sollen, sich im Bett zu be-
wegen.
Die makellos gekleideten Krankenschwestern ge-
hen leise durch die Gänge am Fußende der Betten.
Die Zeit vergeht nur sehr langsam. Briefe, selbst
wenn sie jeden Tag einträfen, würden Wochen aus-
einander liegen. Alles, was man tun kann, wird getan.
Aber Medizin kann nicht die Einsamkeit und die
Schwäche von Männern heilen, die stark gewesen
sind. Und die Krankenpflege kann keinen einzigen
endlosen Tag in einem Krankenhausbett verkürzen.
Und Bob Hope muß mit seiner Truppe in diese stil-
len, in sich gekehrten, einsamen Häuser kommen
und die Männer langsam und sanft wecken, ihre
Aufmerksamkeit auf sich lenken und schließlich La-
chen aus diesem trüben Wasser zaubern. Das ist eine
Aufgabe! Lachen tut manchem dieser Männer weh,
schmerzt in den geflickten Knochen, zerrt an den ge-
nähten Schnitten, und doch ist das Lachen eine gute
Medizin.
Diese Geschichte wird in einem dieser namenlosen
Krankenhäuser erzählt, die vor Bomben geschützt
werden müssen. Hope und seine Truppe hatten dort
gearbeitet, und allmählich war es ihnen gelungen, die
bleiernen Augen zum Glänzen zu bringen; sie hatten

139
Lachen gepflanzt und genährt und ins Leben gerufen.
Ein Geschützführer mit Bauchverletzung schnappte
vor Lachen nach Luft. Ein Verwundeter von der Ei-
senbahn schlug Applaus mit seiner rechten Hand auf
den Gipsverband an seinem linken Arm. Und sobald
das Lachen einmal am Leben war, lachten die Männer
schon vor der Pointe, so daß sie wiederholt werden
mußte, damit sie ein zweites Mal lachen konnten.
Schließlich war es an der Zeit für Frances Lang-
fords Lieder. Die Männer baten um ›As Time Goes
By‹. Sie stand neben dem kleinen GI-Klavier und be-
gann zu singen. Ihre Stimme war ein bißchen heiser
und strapaziert. Sie hat zu lange und zu hart gearbei-
tet. Sie hatte acht Takte gesungen und begann mit
der Überleitung, als ein Junge mit einer Kopfverlet-
zung zu weinen begann. Sie hörte auf und setzte
dann wieder an, aber ihre Stimme gehorchte nicht
mehr, und sie flüsterte das Lied zu Ende, und dann
ging sie hinaus, damit niemand sah, wie sie zusam-
menbrach. Es war still in der Krankenabteilung, und
niemand klatschte. Und dann ging Hope in den Gang
zwischen den Betten, und er sagte ganz ernsthaft:
»Männer, unsere Leute zu Hause haben es ganz
schrecklich schwer, wenn es um Eier geht. Sie können
überhaupt kein Eipulver bekommen. Also müssen sie
diese altmodischen Dinger nehmen, die ihr immer
aufschlagt.«
Das ist ein Mann nach ihrem Herzen – das ist
wirklich ein echter Mann.

140
Ein gemütliches Schloß

London, 27. Juli 1943


Der Jeep biegt von der Hauptstraße ab und hält an.
Das große Tor aus grauem Stein spannt sich in einem
Bogen über die Auffahrt. Als es gebaut wurde, war
Amerika eine Wildnis mit ein paar Kolonisten, die
sich leidenschaftlich an den Rand dieser Wildnis
klammerten. Aus dem steinernen Wachgebäude
taucht ein amerikanischer Wachsoldat auf und stellt
sich neben den Jeep. Er sieht sich die Pässe an. Dann
salutiert er und öffnet ein großes eisernes Tor.
Der Jeep fährt weiter auf einer ansteigenden Zu-
fahrt, die von Eichen und Buchen mit zwei Meter
dicken Stämmen torbogenartig gesäumt wird. Die
Straße krümmt sich und führt einen kleinen Hügel
hinauf, und man kann einen grauen Turm sehen, der
die riesigen Bäume noch überragt. Dann verläßt man
den hübschen, uralten Wald und sieht ein richtiges
Schloß vor dem Hügel liegen, davor unterbrochene
Grünflächen. Es ist ein kleines Schloß mit nur etwa
vierzig Zimmern, für seine Zeit ein Wochenendhaus.
Und es wurde von einem bestimmten englischen Kö-
nig für eine bestimmte englische Mätresse gebaut.
Es ist merkwürdig, daß man diesen uralten Skan-
dal nicht genau benennen darf, aber es ist so. Wenn
man zum Beispiel wissen würde, welcher König und
welche Mätresse mit dem Bau des kleinen Schlosses
zu tun hatten, dann würde auch der Feind wissen,
um welches Schloß es sich handelt, und wenn weiter-

141
hin bekannt würde, daß amerikanische Truppen in
diesem Schloß Quartier bezogen hätten, würde es ein
Angriffsziel für feindliche Flugzeuge. Aber da eine
große Zahl englischer Könige Mätressen hatte und
kleine Schlösser für sie baute, bietet eine derartige In-
formation dem Feind kein Ziel, oder anders ausge-
drückt, sie bietet ihm eine so große Anzahl von Zie-
len, daß er sich nicht darauf konzentrieren kann.
Auf dem Rasen vor dem Schloß, wo einst vielleicht
Gentlemen in schwerer Rüstung einander mit Spee-
ren herausforderten, absolviert ein Zug amerikani-
scher Soldaten mit Helmen und voller Marschausrü-
stung geschlossenes Exerzieren, marschiert hin, mar-
schiert zurück, öffnet und schließt seine Reihen, und
die Bajonette blitzen in der Sonne des englischen
Sommers.
In den Gärten, die zu der spitz zulaufenden Tür
führen, blühen die Rosen. Rote Rosen und weiße Ro-
sen. Ururenkel der Rosenstöcke, von denen vielleicht
die Symbole von Lancaster und York stammen, die als
Insignien des Bürgerkrieges getragen wurden. Die
Stufen am Eingang sind tief ausgetreten, konkav wie
Wasserbecken, und jenseits davon schließt sich eine
dunkle Halle an, selbst mittags so dunkel und schat-
tig, daß man seine Augen daran gewöhnen muß, be-
vor man die geschnitzte Eichendecke sehen kann, von
der Tausende von kleinen Eichengesichtern herunter-
blicken. Und in dieser großartigen Eingangshalle sitzt
ein Sergeant der amerikanischen Armee hinter einem
Tisch aus Kiefernholz und verrichtet seine Arbeit.

142
Auf der anderen Seite sieht man durch eine offene
Tür einen noch größeren Raum, dieser ist jedoch hel-
ler, denn eine Seite besteht ganz aus Bleifenstern, die
rauten- und rhombenförmig und in Kreisen und
Monden aus Glas angelegt sind. Und auch hier blickt
man auf den Rosengarten, den Rasen und auf den
Wald.
In diesem Zimmer befindet sich ein großer Kamin,
ein offener Kamin, der so hoch ist, daß selbst ein gro-
ßer Mann hineingehen kann, ohne sich zu bücken,
und sich hinlegen könnte, ohne sich zusammenzu-
kauern. Der Sims über dem Kamin ist mit Wappen-
schnitzereien verziert. Das ist der Salon. Auf Stühlen,
die man sich irgendwo beschafft hat, sitzen die GIs
und lesen oder hören Radio. Eine schöne Bar ist an
einer Wand angebaut worden; dort werden Coca-
Cola und Popcorn verkauft. Und über allem erhebt
sich das bogenförmige Dach aus geschnitztem Ei-
chenholz, gearbeitet und eingepaßt, lange bevor
Amerika geboren wurde. Und ein Soldat, der sich in
seinem Sessel zurücklehnt, starrt fasziniert auf die
Decke. Auf seinem Schoß liegt ein Exemplar von
›Yank‹. Er kneift die Augen zusammen und betrach-
tet die Decke. Er wendet seine Aufmerksamkeit ab
und ruft: »Mensch, Walter, haben die Dodgers vier-
undzwanzig oder fünfundzwanzig Spiele gewonnen?«
Geht man die breite Treppe hinauf, befindet man
sich in einem langen Säulengang, und daran schlie-
ßen sich die etwa dreißig Zimmer an, in denen die
Gäste des Paares untergebracht wurden, denn es ist

143
wahrscheinlich, daß nur etwa fünf- bis sechshundert
Personen, einschließlich des Ehemannes der Dame,
von diesem alten Skandal wußten. Die Zimmer sind
groß, und jedes hat einen geschnitzten Kamin und
ein kleines Bleifenster mit rautenförmigen Scheiben,
von dem aus man verschwommen den Garten er-
kennen kann. Aber die Zimmer selbst sind heute
Mannschaftsunterkünfte, die Betten in Reihen ge-
ordnet, die Schuhe ordentlich darunter, die Spinde
mit den zusammengelegten Hemden und Hosen und
Handtüchern und den Helmen. Die Zimmer sind
wahrscheinlich viel sauberer als zu der Zeit, als die
Mätresse des Königs hier lebte.
Im Erdgeschoß befindet sich in einer Art Höhle die
Küche, wo ein Armeekoch riesige quadratische Ap-
felkuchen backt. Der Boden ist so tief ausgetreten,
daß er über einige der unebenen Stellen wegsteigen
muß. Sein Kohleofen tost, und er ist am Rande jener
Hoffnungslosigkeit, die Köche befällt, wenn sie er-
kennen, daß ihre Arbeit nie zu Ende gehen wird, daß
es keine Möglichkeit gibt, einen Mann für alle Zeiten
satt zu kriegen.
Der Kommandeur ist ein Oberleutnant aus Texas,
sein Stellvertreter ein Leutnant aus Chicago. Sie sind
jung und ernst und freundlich. Die Aufgabe, das
Schloß in Ordnung zu halten, ist nur ein Job für sie.
Vieles ergibt keinen Sinn, abgesehen von dem
Wechsel der Bewohner. Das Schloß, das für Herolde,
Höflinge und Soldaten in Rüstung gebaut worden war,
fühlt sich durch diese neue Lage nicht verletzt. Die

144
Jeeps und Panzerwagen, die Halbkettenfahrzeuge, die
durch die Tore gefahren sind, die Soldaten mit ihren
Helmen scheinen auf dem Rasen nicht fehl am Platz.
Sie gehören hierher. Sie unterscheiden sich wahr-
scheinlich nur sehr wenig von den früheren Bewoh-
nern. Sicherlich wäre eben jener König froh um sie ge-
wesen, denn auch er hätte seine politischen Probleme.

Die Yankees kommen an

London, 28. Juli 1943


Der kleine englische Bahnhof liegt mitten in den sich
sanft wellenden Feldern. Das Gras wird gerade ge-
schnitten. Dort, wo die Mähmaschine schon gewesen
ist, welkt es bereits wie auch die Mohnblumen. Ein
Doppelgleis führt vorn in den Bahnhof hinein. Aus
dem Bahnhof führen die Gleise in verschiedene Rich-
tungen hinaus. Um 4.03 Uhr fahren der amerikani-
sche Kommandeur und vier Offiziere zum Bahnhof.
Ein britischer Offizier kommt aus dem Zimmer des
Bahnwärters. »Der Zug hat vier Minuten Verspä-
tung«, sagt er. Alle Offiziere blicken auf ihre Uhr. Auf
der Hauptlinie donnert ein Zug mit mehr als hundert
Stundenkilometer durch. Der junge Leutnant sagt:
»Ich dachte, britische Züge wären langsam.«
»Sie haben früher den Weltrekord an Geschwin-
digkeit gehalten«, sagt der Kommandant.
Auf einem anderen Gleis fährt ein Güterzug
schnell durch den Bahnhof. Die flachen Wagen sind

145
mit Panzern beladen – eine ununterbrochene Reihe
von Panzern über die ganze Länge des Zuges. Hun-
dert Meter vom Bahnhof entfernt ist ein Erfri-
schungswagen geparkt, ein Bus, den man in eine Kü-
che verwandelt hat. Dort wird Kuchen gebacken und
Kaffee gekocht, zwei Mädchen vom Roten Kreuz füh-
ren das Unternehmen. Ihre Kaffeemaschinen damp-
fen, und große Körbe füllen sich mit Gebäck. Sie
nehmen die Kuchen aus dem Ofen heraus und bela-
den die Körbe damit. Oben auf dem Bus befindet
sich ein Lautsprecher, der mit einem Plattenspieler
verbunden ist.
Der Kommandant sagt: »Dieses große Mädchen ist
klasse. Heute morgen um sechs Uhr waren fünfhun-
dert Männer hier. Sie waren alle ziemlich müde. Die-
ses große Mädchen legte eine Schallplatte auf und
tanzte zu der heißen Musik einen schottischen High-
lander-Tanz. Die ist vielleicht komisch.« Der Duft
des Kuchens kommt mit der Brise herunter.
Der britische Offizier tritt wieder aus dem Signal-
wärterhäuschen. »Er wird in drei Minuten hiersein«,
sagt er. Und wieder blicken die Offiziere auf ihre Uh-
ren. Der kleine Zug kommt um die Kurve. Er fährt
am Bahnhof vorbei, rangiert und setzt rückwärts auf
das Nebengleis. Die Abteile sind voll bepackt mit be-
helmten Männern, die ihre Ausrüstung vor sich auf
den Knien aufgetürmt haben. Ihre Gesichter sind fast
so braun wie ihre Uniformen. Sie sitzen da mit dem
Sturmgepäck auf dem Rücken. Es ist ein heißer
Nachmittag, einer der wenigen in diesem Sommer.

146
Während der Zug in den Bahnhof einfährt, heult
der Plattenspieler auf dem Bus ›Mr. Five by Five‹. Die
Musik ist weit zu hören. Die Soldaten drehen lang-
sam den Kopf und blicken in Richtung auf die Mu-
sik. Jetzt läuft ein Feldwebel am Zug vorbei und öff-
net die Türen zu den Abteilen, aber die Männer be-
wegen sich nicht. Ein untersetzter Hauptmann mit
einem tiefschwarzen Schnurrbart ruft: »In Ordnung,
Männer. Heraustreten.« Und die kleinen Abteile
spucken Männer aus. Sie stehen hilflos auf dem
Bahnsteig herum, ihre Schultern und ihre Rücken
sind naß von Schweiß, der sich unter den Riemen des
Sturmgepäcks gesammelt hat. Sie tragen auch ihre
Kleidersäcke und die Sachen, die nicht mehr hinein-
paßten; eine Gitarre, eine Mandoline oder ein Paar
Schuhe. Ein Mann hat eine Promenadenmischung
von Foxterrier an der Leine, und der Hund steht
japsend vor Aufregung neben ihm.
Der untersetzte, nervöse Hauptmann läßt die
Männer in Reihe antreten und marschiert mit ihnen
zum Erfrischungswagen. Swing-Musik kreischt im-
mer noch aus dem Lautsprecher auf dem Dach. Eine
Reihe Männer geht an einer kleinen Theke an der
Seite des Wagens vorbei, und jeder Mann bekommt
eine große Tasse Kaffee und zwei Stück Gebäck.
Dann lösen sich die Reihen auf, und die Soldaten ste-
hen herum, trinken ihren Kaffee und sehen verloren
aus. Das große Mädchen kommt aus dem Wagen
heraus und nimmt sie sich vor.
»Wo kommt ihr Kerls denn her?«

147
»Michigan.«
»Dann sind wir ja Nachbarn. Ich komme aus Illi-
nois.«
Ein bekannter Schürzenjäger, zu Hause ein geris-
sener Kerl, ein dunkelhäutiger Bursche mit Kotelet-
ten, sagt müde und nur mehr aus Pflichtgefühl: »Hast
du heute abend schon was vor, Süße?«
»Und was hast du vor?« fragt das große Mädchen,
und die herumstehenden Männer lachen so laut, als
ob das komisch wäre.
Der müde Schürzenjäger legt einen Arm um ihre
Taille. »Zeig’s mir«, sagt er, und die beiden vollführen
einen grotesken Shag, eine Art Jitterbug in Zeitlupe.
Ein blonder Bursche mit sonnenverbrannter Nase
und roten Augenlidern nähert sich schüchtern einem
Leutnant. Er hält seinen Kaffee in der einen und sei-
nen Kuchen in der anderen Hand. Zu spät erkennt
er, daß er damit Schwierigkeiten kriegt. Er balanciert
die beiden Gebäckstücke auf dem Rand seiner Tasse,
und sie fallen prompt hinein. Er salutiert, und der
Leutnant erwidert seinen Gruß voller Ernst.
»Entschuldigen Sie, Sir«, sagt der Bursche. »Sind
Sie nicht ein Filmstar?«
»Das war ich einmal«, sagt der Leutnant. »Das war
ich einmal.«
»Ich wußte, daß ich Sie in Filmen gesehen habe«,
sagt der junge Mann. »Ich werde nach Hause schrei-
ben, daß ich Sie hier getroffen habe. Sagen Sie«, sagt
er voller Aufregung, »würden Sie Ihren Namen auf
irgend etwas schreiben, damit ich ihn nach Hause

148
schicken kann, damit sie mir glauben und damit sie
das Autogramm für mich aufheben können?«
»Klar«, sagt der Leutnant und signiert einen
schmierigen Umschlag, den der Soldat aus einer Ta-
sche gezogen hat. Der Bursche betrachtet ihn einen
Augenblick.
»Was machen Sie denn hier?« fragt er.
»Naja, ich bin eben in der Armee, genau wie Sie.«
»O ja, natürlich. Ja, das ist ja klar. Nun, jetzt wer-
den sie mir zu Hause glauben müssen, daß ich Sie ge-
troffen habe.«
»Wie lange sind Sie denn schon in Übersee?« fragt
der Leutnant.
»Wir sollen nichts über solche Dinge sagen.«
»Klar, habe ich vergessen. Guter Junge, daß Sie
sich daran erinnert haben.«
Das Gebäck hat sich im Kaffee schon fast aufgelöst.
Der Junge trinkt den Kaffee mit dem Gebäck, ohne es
zu bemerken.
»Glauben Sie, daß man uns je nach London lassen
wird?« fragt er.
»Sicher, wenn Sie einen Urlaubsschein bekommen.«
»London ist sicher weit weg, oder?«
»Nicht so sehr. Sie könnten es in einem Achtund-
vierzig-Stunden-Urlaub leicht schaffen und haben
noch ’ne Menge Zeit.«
»Schön. Gibt es dort viele Mädchen?«
»Sicher. Eine Menge.«
»Und werden sie, ich meine, werden sie sich mit
einem Burschen unterhalten?«

149
»Klar.«
»Verdammt noch mal«, sagt der Junge. »Ver-
dammt noch mal!«
»Antreten«, ruft der untersetzte, nervöse Haupt-
mann, und »Antreten!« ruft dann auch der Feldwe-
bel. Der blonde Bursche stellt sich in die Reihe im-
mer noch mit seiner Tasse in der Hand. Das große
Mädchen übertönt die Musik: »Hallo, Süßer. Wir
brauchen diese Tassen noch.«
Sie eilt ungestüm auf ihn zu, schnappt sich die
Tasse und klopft ihm einmal auf die Schulter. Die
Männer zu beiden Seiten lachen laut, als ob das sehr
komisch wäre.

Eine Hand

London, 29. Juli 1943


Der Soldat trägt einen kastanienbraunen Bademantel,
einen braunen Pyjama und Pantoffeln – die Uniform
des Armeelazaretts. Er ist ein bißchen blaß und unsi-
cher auf den Beinen, wie es Rekonvaleszenten eben
sind. Seinen linken Arm trägt er gebogen und hoch,
und die Finger seiner linken Hand sind hilflos ge-
krümmt. Vor ihm auf dem Tisch steht ein halbferti-
ges Flugzeugmodell einer Liberator. Noch nicht ver-
kleidet, noch Gerippe. Er hat ein Brettchen aus Bal-
saholz vor sich, auf dem der Plan abgedruckt ist, eine
Rasierklinge und eine kleine Leimschüssel, aus der
ein Streichholz ragt.

150
»Ich bin in Afrika verwundet worden«, sagt er.
»Bauchschuß, aber das haben sie ziemlich gut hinge-
kriegt.« Er hält seinen linken Arm hoch. »Das beun-
ruhigt mich«, sagt er. »Der war ziemlich schlimm ge-
brochen. Ich bin den Gipsverband noch nicht lange
los.« Er bewegt ein bißchen die Finger. »Nicht viel
Gefühl darin«, sagt er. »Ich kann keine Faust machen.
Ich kann nichts damit halten. Zumindest konnte ich
das nicht. Sie sind irgendwie taub.
Ich hab dieses Modell gekriegt«, sagt er. »Ich
kann Sachen mit meiner Hand auf den Tisch drük-
ken, so …« er legt die Seite seiner Hand auf das Bal-
sabrettchen. »Ich habe das alles mit meiner rechten
Hand gemacht. Ich würde sagen, ich hab’ noch
Glück gehabt, daß ich Rechtshänder bin.« Er be-
trachtet seine linke Hand und bewegt die Finger.
»Der Arzt sagt, ich werde sie benutzen können, um
Dinge damit festzuhalten, wenn ich nur genügend
übe. Aber es ist schwer, damit zu üben, wenn man
kaum fühlen kann, daß sie überhaupt da ist.
Gestern ist was Komisches passiert«, sagt er. »Hier,
ich zeige ihnen die genaue Stelle.« Er nimmt einen
Bleistift und steckt ihn in das Gewirr von winzigen
Verstrebungen. »Da, können Sie dieses Stückchen da
sehen? Das mit dem kleinen Bleistiftzeichen? Ich ha-
be ein Zeichen darauf gemacht, damit ich mich erin-
nern kann, welches es war.
Gestern habe ich versucht, das an die richtige Stelle
zu bringen, und Sie können selbst sehen, daß man an
diese Stelle nur schwer rankommt. Man muß es hier

151
festhalten und dann hochschieben. Nun, ich war mir
gar nicht bewußt, daß ich das wirklich machte. Als
ich es dann merkte, hielt ich dieses kleine Ding in
meiner linken Hand.« Er betrachtet voller Verblüf-
fung seine verhutzelten krummen Finger. »Ich habe
dem Arzt davon erzählt, und er sagte, das sei in Ord-
nung, und ich sollte sie so viel benutzen, wie ich nur
könne. Nun, Sir, wenn ich es bewußt machen will,
kann ich es nicht. Zumindest noch nicht. Vielleicht
später, nach und nach ein bißchen mehr. Ich rolle ei-
nen Bleistift unter meinen Fingern. Sie sagen, das sei
eine gute Methode. Ich kann ihn sogar ein bißchen
fühlen.«
Er hält mit der Seite seiner linken Hand ein Balsa-
brettchen mit der Konstruktionszeichnung nieder
und schneidet mit der Rasierklinge vorsichtig das
winzige gebogene Teilchen aus, das er als nächstes
einsetzen wird. Es ist ein kniffeliges Stück, und seine
Hand zittert ein bißchen, aber die Rasierklinge bleibt
auf der schwarzen Linie, und er hält das kleine Stück-
chen hoch und legt es dann neben sich auf den Tisch,
um auf jedes Ende einen Tropfen Leim zu geben.
Dann setzt er mit seiner rechten Hand das Teilchen
vorsichtig ein. »Ich lasse mir die Nägel wachsen«, sagt
er. »Ich kann meine Fingernägel für eine Menge Sa-
chen gebrauchen.« Mit dem langen Fingernagel sei-
nes rechten Zeigefingers kratzt er einen kleinen
Leimtropfen ab, der aus der Klebestelle herausge-
drückt worden ist, und wischt ihn an einem Stück-
chen Papier ab.

152
»Diese Hand macht mir Sorgen«, sagt er. »Natür-
lich glaube ich, daß ich trotzdem eine Stelle bekom-
men kann. Das macht mir nicht so große Sorgen. Ich
kann immer eine Stelle kriegen. Aber ich muß diese
Hand wieder in Form kriegen, damit ich wieder Din-
ge festhalten kann.« Er dreht das Modellflugzeug um
und betrachtet dann die Konstruktionszeichnung für
das nächste Teilchen. Er schweigt lange Zeit. »Meine
Frau weiß, daß ich verwundet worden bin. Sie weiß
nicht, wie schwer. Sie weiß, daß ich wieder gesund
werde und dann nach Hause komme, aber … sie
muß sich recht viele Gedanken machen. Ich muß
diese Hand wieder hinkriegen. Sie würde keinen
Krüppel mit einer Hand wollen, die nicht zu gebrau-
chen ist.«
Seine Augen glänzen ein bißchen fiebrig. »Nun,
wie würde es Ihnen denn gefallen, wenn ein Krüppel
zu Ihnen nach Hause zurückkommt. Was würden Sie
davon halten?
Die Hand wird immer ein bißchen gekrümmt
sein«, sagt er, »aber das wäre nicht so schlimm, wenn
sie nur wieder funktionieren würde. Meine Frau hat
eine Stelle in einer Flugzeugfabrik an der Küste …
verrichtet dort Männerarbeit. Sie sagt, es gehe ihr
gut, und ich solle mir keine Sorgen machen. Hier. Ich
zeige Ihnen ein Bild von ihr.« Er greift in die Tasche
seines Bademantels. »Wo ist es denn?« sagt er. »Die
Krankenschwester steckt es immer hier hinein.« Er
steckt seine linke Hand in die Tasche und zieht eine
kleine Lederbrieftasche heraus. Und plötzlich erkennt

153
er, was er getan hat, und seine Finger lösen sich, und
die Brieftasche fällt zu Boden.
»Großer Gott!« sagt er. »Haben Sie das gesehen?«
Er sieht die gekrümmte Hand an, die immer noch in
der Luft zu schweben scheint. »Das ist schon das
zweite Mal in zwei Tagen«, sagt er sanft. »Zweimal in
zwei Tagen.«

Die Karriere des »Big Train«

Irgendwo in England, 4. August 1943


Es war möglich, weitere Daten über das Leben und
die Methoden des Gefreiten »Big Train« Mulligan zu-
sammenzustellen, eines Mannes, dem es gelungen ist,
einen Großteil der Armee für sich arbeiten zu lassen.
Einer seiner Feinde, von denen er nur wenige hat,
sagte von ihm, er sei ein Drückeberger, denn er sei
einfach viel zu faul.
Im Verlaufe einer genauen Untersuchung, die sich
über mehrere Tage erstreckte, sind gewisse Eigen-
schaften des Gefreiten hervorgetreten, zusätzlich zu
denen, die in dem früheren Bericht erwähnt worden
sind. »Big Train« hat eine sehr seltsame Methode.
Wenn man nicht sehr vorsichtig ist, merkt man plötz-
lich, daß man sein Gepäck trägt, und man weiß nie,
wie das passieren konnte. Vor kurzem, als »Big Train«
in einer für ihn alltäglichen Verlegenheit war, stellte
der Autor zu seiner Verblüffung fest, daß er aus
Freundschaft Mulligan nicht nur 2 Dollar 10 Cents ge-

154
liehen, sondern sie ihm ohne Sicherheiten förmlich
aufgedrängt hatte und darüber hinaus hinterher das
Gefühl hatte, ihm sei geradezu eine Ehre widerfahren.
Wie das passieren konnte, darüber kann man nur
spekulieren. Irgendwann wird Mulligan diesen Geld-
betrag zweifellos zurückzahlen, aber er wird dabei den
Eindruck vermitteln, daß er beraubt worden sei.
Mulligan hat Plünderung oder Beschlagnahmung,
oder wie immer man es nennen will, zur höchsten
Form entwickelt. Er glaubt standhaft an das Sprich-
wort, daß sich eine Armee auf dem Bauch vorwärts-
bewegt, eine Position, die er mag. Er liebt gutes Essen
und bekommt es gewöhnlich auch. Vor ein paar Ta-
gen besuchte eine Gruppe ein Schiff, das vor kurzem
mit Kriegsmaterial in einen englischen Hafen einge-
laufen war. Die Gruppe ging auf die Brücke, wurde
dem Kapitän vorgestellt, trank eine kleine Tasse sehr
guten Kaffees, und jeder aß etwa zehn Gramm Ge-
bäck, während man sich ein paar Minuten höflich
unterhielt. Als man zum Dock zurückkehrte, wo der
Wagen stand und wo Mulligan hätte warten sollen,
war alles ganz anders.
Mulligan war nicht in Sicht. Einer der Gruppe, der
den Gefreiten seit einiger Zeit kannte und bewunder-
te, bemerkte: »Wenn ich Mulligan in diesem Augen-
blick suchen sollte, würde ich zum Kühlraum dieses
Schiffes gehen, in der Zuversicht, daß sich Mulligan
nicht fern davon befindet.« Also machte sich die
Gruppe auf den Weg zum Kühlraum des Schiffes,
und da war Mulligan dann auch und lehnte sich un-

155
beschwert gegen einen Tisch. Er hielt das größte
Roastbeef-Sandwich, das man sich vorstellen kann, in
der Hand. Er hat gelernt, sehr schnell zu essen, wäh-
rend er über alle möglichen Themen redet. Er ver-
paßt nie einen Bissen oder ein Wort. Sein Tempo
scheint langsam zu sein, aber die Durchführung ist
exzellent. Nicht zwischen den Bissen, sondern schon
beim Kauen erzählte er einem bewundernden Kreis,
der aus dem Steward und drei Kanonieren der Mari-
ne bestand, eine Geschichte von Raub und Plünde-
rung, die ihre Aufmerksamkeit so vollständig in An-
spruch nahm, daß sie den Stapel Sandwiches hinter
»Big Train« gar nicht bemerkten.
Der ranghöhere Offizier sagte: »Mulligan, meinen
Sie nicht, wir sollten jetzt endlich weiterfahren?«
Mulligan sagte: »Ja, Sir. Ich wollte gerade wieder
runter, aber ich dachte, der Hauptmann könnte
hungrig sein. Ich war gerade dabei, einen kleinen Im-
biß für den Hauptmann herzurichten.« Er griff hinter
sich und zog einen riesigen Stapel von Roastbeef-
Sandwiches hervor, die er dann herumreichte. Ob
nun diese Sandwiches ausgerechnet für einen solchen
Notfall vorbereitet worden waren oder ob Mulligan
vorhatte, sie selbst zu verspeisen, wird wohl nicht ge-
klärt werden. Wir möchten lieber daran glauben, was
er sagte. Mulligan ist ein aufmerksamer Freund und
ein selbstloser Mann. Davon abgesehen rennt er nie
in eine Sackgasse. Er hält sich immer eine Rückzugs-
möglichkeit offen, was ja nur beweist, daß er ein gu-
ter Soldat ist.

156
Sollte seinem Offizier schlecht vor Hunger sein,
hat Mulligan ein Stückchen Schokolade, um den
Hauptmann über Wasser zu halten. Was macht es
schon aus, wenn diese Schokolade sowieso dem
Hauptmann gehörte und man ihm nur vorgetäuscht
hatte, es sei nichts mehr davon da? Die entscheidende
Tatsache ist, daß Mulligan, wenn der Hauptmann
seine eigene Schokolade braucht, ihm gerne die Hälf-
te abgibt.
»Big Train« ist jetzt etwas mehr als ein Jahr in Eng-
land und hat sich eine Sprache angewöhnt, die nur
als Georgia-Oxford beschrieben werden kann. Er
spricht Leute mit »mate« oder sogar mit »mait« an.
In manchen Fällen weigerte er sich, die britischen
Begriffe anzunehmen. Zu anderen Gelegenheiten be-
steht er grundsätzlich auf den britischen Worten und
tut so, als kenne er die amerikanischen gar nicht.
So mancher Offizier hat versucht, Mulligan zum
Unteroffizier zu befördern, selbst wenn es nur deshalb
war, um ihn loszureißen, aber er ist mit seiner eigen-
artigen Lebensweise wie mit einem Schützengraben
verbunden. Es gibt nichts, was man in dieser Hinsicht
unternehmen kann. Man könnte ihn ins Gefängnis
stecken, aber dann hat man niemanden, der den Wa-
gen fährt. Wenn er ein Unteroffizier wäre, dann
könnte man ihn fertigmachen, aber Mulligan hat bis-
her jeden Schritt seiner Vorgesetzten umgangen.
Wenn die Empfehlung eingegangen war, wurde er ge-
nau zum richtigen Augenblick einer kleinen Übertre-
tung der Regeln für schuldig befunden – keiner be-

157
deutenden, aber gerade genug, um seine Beförderung
unmöglich zu machen. Sein Wagen ist bei der Inspek-
tion schmutzig. Mulligan bringt dann sechs Stunden
Drill mit vollem Sturmgepäck hinter sich und ist für
längere Zeit vor der Beförderung sicher.
Mulligan hat fast alles, was er will – Frauen, Frei-
zeit, Reisen und Gesellschaft. Er will nur noch eines,
und er denkt sich einen Weg aus, wie er es bekom-
men kann. Er hätte gerne einen Hund, vorzugsweise
einen Scotchterrier, und er würde ihn gerne in sei-
nem Auto mitnehmen. Bislang hat er sich noch kei-
nen Plan ausgedacht, aber es steht schon jetzt fest,
daß er nicht nur seinen Hund bekommen wird, son-
dern daß sein Offizier ihn füttern wird. Und wenn
Mulligan abends ein Rendezvous hat, wird sich wahr-
scheinlich sein Offizier um den Hund kümmern und
sich dabei auch noch sehr gut fühlen. Die Armee ist
das perfekte Umfeld für diesen Mulligan. Es wäre
dumm von ihm, sie zu verlassen. Und er ist nur sel-
ten dumm.

Kaugummi

London, 6. August 1943


Die Schauerleute im Hafen sind alle alt. Das Durch-
schnittsalter liegt bei zweiundfünfzig Jahren, und die-
se Männer löschen die Schiffsladungen aus Amerika.
Ihr Tempo scheint nicht rasch zu sein, aber die
Fracht wird entladen und weggeschafft. Die einzigen

158
Männer auf den Docks, die vom Alter her eingezogen
werden könnten, aber trotzdem keine Uniform tra-
gen, sind die Iren aus dem neutralen Freistaat, die
keinen Militärdienst zu leisten brauchen. Sie bleiben
unter sich; auch wenn sie ihre Neutralität begrüßen,
ist es nicht angenehm, in einem Land, das sich im
Krieg befindet, neutral zu sein. Sie fühlen sich als
Außenseiter.
Kleine alte Waliser mit harten, zerfurchten Gesich-
tern löschen die Ladung. Den riesigen Kran bedient
ein ausgezehrter Mann. Er steht neben der offenen
Luke und ordnet mit den Händen die Ladungstrage-
gurte, als ob er ein Orchester dirigierte. Handfläche
nach unten bedeutet: Ladung nach unten. Handflä-
che nach oben läßt sie hochfahren, und an der
Schnelligkeit der Bewegung erkennt der Kranführer,
ob er schnell oder langsam fahren soll. Dieser Mann
hat eine dünne, hohe Stimme, die aber trotzdem den
Lärm der stampfenden Maschine und des kreischen-
den Getriebes durchdringt. Seine Finger flattern auf-
wärts, und die Lokomotive in den Gurten hebt sich
in die Luft. Der Mann scheint sie mit seinen bloßen
Händen über die Bordwand des Schiffes zu tragen.
Die siebenundachtzig Tonnen der Lokomotive läßt er
mit seinen Händen sanft auf die Gleise der Docks
niedersinken.
An einer unsichtbaren Grenze stehen die Kinder
und beobachten, wie die Ladung aus dem Schiff ge-
hievt wird. Es ist ihnen nicht erlaubt, diese Grenze zu
überschreiten, weil man befürchtet, sie könnten ver-

159
letzt werden. Es sind mindestens hundert, die ein
bißchen schäbig aussehen, wie jeder in England nach
vier Jahren Krieg. Und auch nicht allzu sauber, denn
sie haben auf dem Boden gespielt, der zum großen
Teil aus Kohlenstaub besteht. Wie sie sich um einen
amerikanischen Soldaten scharen, der gerade von
Bord eines Schiffes gekommen ist! Sie wollen Kau-
gummi. So sehr auch die Briten die Angewohnheit
des Kaugummikauens verachten, ihre Kinder finden
sie wunderbar. Es gibt halbprofessionelle Kaugummi-
Bettler unter ihnen. Der Ruf »Ein Penny, Mister?« hat
»Kaugummi, Mister?« Platz gemacht.
Wenn man Kaugummi hat, dann besitzt man et-
was Dauerhaftes, etwas, das man Tag für Tag benut-
zen und dann verkaufen kann, wenn man keine Lust
mehr darauf hat. Süßigkeiten sind vergänglich. Einen
Augenblick hat man sie, und im nächsten sind sie
weg. Aber Kaugummi ist ein echter Besitz.
Die schmierigen kleinen Hände werden dem Sol-
daten hingehalten, und der Chor schwillt an: »Kau-
gummi, Mister?«
»Ich habe keinen«, sagt der Soldat, aber sie schen-
ken dem keinerlei Beachtung. »Kaugummi, Mister?«
schreien sie wieder und scharen sich dichter um ihn.
Ein Steward kommt die Landebrücke vom Schiff her-
unter. Er ist ein bißchen beschwipst und landfein an-
gezogen. Er will sich ein paar schöne Stunden ma-
chen. Ein paar Kinder gehen zu ihm hinüber und
stellen ihn auf die Probe. »Kaugummi, Mister?« fra-
gen sie. Der Steward grinst freundlich, zieht eine

160
Handvoll Münzen aus der Tasche und wirft sie in die
Luft. Staub wirbelt auf und verdeckt das folgende
Durcheinander, und als sich der Staub wieder legt,
befindet sich der Steward auf der Flucht vor einer
Meute Verfolger.
Nur ein kleiner Junge ist bei dem Soldaten geblie-
ben – ein sehr kleiner Junge mit blondem Haar und
grauen Augen. Er hält die Hand des Soldaten, und
der Soldat errötet vor Freude.
»Hast du einen Kaugummi für mich?« fragt der
Junge.
»Nein, kein einziges Stück.«
»Gibt es viel Kaugummi in Amerika?«
»O ja, eine ganze Menge.«
Der kleine Junge seufzt tief. »Irgendwann werde
ich mal hinfahren«, sagt er ernst.
Die Meute kehrt langsam zurück. Sie haben ihr
Opfer verloren und suchen nun ein neues. Dann wird
die Abfallkiste über die Seite des Schiffes herunterge-
lassen. Sie ist vor lauter ausgepreßten Orangen ganz
golden. Die Kinder zögern, denn es ist ganz gegen ih-
re Erziehung, Verbote zu übergehen. Aber die Versu-
chung ist zu groß. Sie können ihr nicht widerstehen.
Sie überschreiten die imaginäre Grenze und stürzen
sich auf die Abfallkiste. Sie drücken die Schalen aus,
um auch noch den letzten Tropfen Saft zu erwischen.
Ein Bobby kommt schnell herbei; sein hoher Hut
läßt ihn einen halben Meter größer erscheinen, als er
in Wirklichkeit ist. »Macht, daß ihr wegkommt, nun
macht schon«, sagt er milde.

161
Die Kinder stopfen die Schalen in ihre Taschen
und gehen dann gehorsam bis an ihre Grenze zurück;
ihre Taschen aber sind prall vor Beute.
»Das ist nicht in Ordnung«, sagt der Bobby. »Aber
sie haben eben großen Hunger auf Orangen. Wirk-
lich. Ich habe schon seit vier Jahren keine Orange
mehr gegessen. Das ist Gesetz; niemand über fünf
Jahren kriegt eine Orange.
Sie brauchen sie am meisten, verstehen Sie«, er-
klärt er.

Mussolini

London, 9. August 1943


Das Schiff befand sich mitten auf dem Meer, als Mus-
solini zurücktrat. Gerüchte kursierten unter den Sol-
daten und der Besatzung und den Armeekranken-
schwestern, daß etwas Wichtiges geschehen sei. Dann
kam von der Brücke die Bestätigung – »Mussolini ist
zurückgetreten«. Fünf Tage lang beschäftigten sich
die Menschen an Bord mit dieser Meldung, um in ih-
ren Gedanken und Hoffnungen damit zu spielen.
Und der Verlauf war ungefähr so:
Zwei Sergeants und ein Obergefreiter standen im
Windschatten auf einem Schlauchboot. »Nun, Sie
müssen zugeben, das sind gute Nachrichten, wenn sie
stimmen«, sagte der Obergefreite.
»Ja«, sagte der Technical Sergeant, »aber Sie wis-
sen, wie es ist, wenn ein Mann zurücktritt. Man tritt

162
ihm in den Hintern. Es muß eine Menge Leute ge-
ben, die den alten Mussolini ganz gerne mal treten
würden. Ich wäre nicht überrascht, wenn er gar nicht
mehr allzu lange leben würde.«
»Sie haben recht«, sagte der Sergeant. »Ich möchte
nicht gerne in Mussolinis Haut stecken.«
Das Schiff pflügte durch die See, und der Geleit-
schutz blieb in der Nähe wie verängstigte Hühner …
Ein Leutnant saß im Salon und unterhielt sich mit
einer Armeekrankenschwester. »Eine Partie Rom-
mé?« fragte er.
»Warum nicht«, sagte die Krankenschwester.
Der Leutnant beugte sich zu ihr herüber. »Ein Ge-
freiter in meiner Einheit hat es genau mitbekommen.
Irgend jemand hat den Duce abgemurkst.«
»Wie meinen Sie das?«
Der Leutnant mischte die Karten und schob sie
zum Abnehmen herüber. »Sie haben ihn erwischt.
Das meine ich. Ihm die Gurgel durchgeschnitten. Ich
hoffe, er hat ein bißchen geblutet.«
Die Krankenschwester sah nicht auf die Karten. Sie
runzelte die Stirn. »Ich frage mich, ob er wirklich
Macht hatte oder ob er nur eine Galionsfigur war.«
»Warum? Welchen Unterschied macht das schon,
wenn er tot ist?«
»Nun«, sagte die Krankenschwester, »wenn er
Macht hatte, dann werden die Faschisten mit ihm
untergehen. Sie werden alle mit ihm getötet. Es
wird eine Revolution geben. Das will ich damit sa-
gen.«

163
»Ich nehme an, Sie haben recht«, sagte der Leut-
nant. »Wollen Sie die Punktliste führen …?«
Der Hauptmann lag in seiner Koje in der überfüll-
ten Kabine auf dem Rücken. Er sprach mit der Koje
über ihm. »Das muß man diesen Itakern lassen«, sag-
te er. »Wenn die ein Ziel haben, für das sich ein
Kampf lohnt, dann legen sie aber auch wirklich los.«
Der Kopf eines Majors erschien über der Kante der
oberen Koje. »Wovon reden Sie?«
»Haben Sie noch nicht gehört? Nachdem Mussoli-
ni kaltgemacht worden ist, haben die Itaker revol-
tiert. Dort ist gerade die hübscheste Revolution im
Gange, von der man je gehört hat. Rom ist ein einzi-
ges Durcheinander. Die Faschisten werden wie Rat-
ten gejagt.«
»Guter Gott«, sagte der Major, »das wäre der rich-
tige Zeitpunkt für eine Invasion. Vom militärischen
Standpunkt aus könnte es keinen besseren Augen-
blick geben. Ich frage mich, ob wir in der Lage wären,
das zu machen.«
Ein Steward bummelte im Korridor in der Nähe
des Eisschrankes herum. Ein Mann des Küchenper-
sonals näherte sich verstohlen. »Bleib von den Erd-
beeren weg«, sagte der Steward streng.
»Wir haben überhaupt keine Erdbeeren«, sagte der
Anschleicher. »Die Krankenschwestern haben diese
Erdbeeren vernascht, wie wir Italien vernaschen wer-
den. Ich habe von den Erdbeeren nichts abgekriegt.«
»Sind wir denn schon in Italien?«
»Schon in Italien? Haben Sie geschlafen? Wir sind

164
schon auf halbem Weg den Stiefel hinauf. In diesem
Augenblick fährt die Militärpolizei Streifen in den
Straßen von Rom, und die Itaker stecken sich Blu-
men ins Haar.«
Der Hauptmann unterbrach das schläfrige Karten-
spiel. »Darauf müssen wir trinken«, sagte er. »Wer
hat noch Whisky?«
»Was soll denn das? Wir haben seit dem zweiten
Tag auf See schon keinen Whisky mehr«, war die
Antwort des Oberstleutnant. »Worauf trinkt ihr? Auf
die Invasion Italiens?«
»Invasion, Blödsinn. Italien ist in unserer Hand.«
»Ich hab noch eine Flasche«, sagte der Oberstleut-
nant, kletterte über Beine hinweg und wühlte in sei-
ner Aktentasche herum. Sie standen zusammen, stie-
ßen mit den Gläsern an und schütteten den Whisky
hinunter. Der Hauptmann wandte sich um und warf
sein Glas aus dem Bullauge. »Das ist ein ziemlich be-
deutsamer Drink«, sagte er. »Ich will nicht, daß ein
gewöhnliches Getränk in dieses Glas kommt.« Er
spähte aus dem Bullauge. »Eine Möwe hat sich uns
angeschlossen. Wir können nicht mehr weit von der
Küste entfernt sein«, sagte er.
Der Oberstleutnant sagte: »Wissen Sie, nachdem
jetzt Italien draußen ist, wird es für Deutschland
ziemlich hart, den Balkan unter Kontrolle zu halten.
Die werden aus der Unterdrückung raus wollen. Ich
wette, auch Griechenland wird revoltieren. Und die
Türkei war fast bereit einzusteigen. Das könnte viel-
leicht der Anstoß sein, den man dort brauchte …«

165
Drei GIs saßen in einer vom Wind gebeutelten
Höhle, die sie gebaut hatten, indem sie ihre Zeltbah-
nen zwischen ein Geländer, einen Schiffskran und ei-
nen Ventilator gespannt hatten. Sie beobachteten,
wie die Schaumkronen vorbeiwogten. »Ich würde
gerne dort sein, bevor es vorbei ist, Willie. Ich werde
kaum eine Chance haben, etwas vom echten Kampf-
geschehen mitzubekommen, wenn wir uns nicht be-
eilen.«
»Du wirst noch genug Kampf sehen, und du wirst
noch viel Unheil anrichten, bevor deine Wehrzeit ab-
gelaufen ist, Freund.«
»Ich bin mir da nicht so sicher. Wo diese Türken
gerade wild werden, kann Deutschland nicht ewig
durchhalten. Deutschland hat so viel zu tun, ich
würde wetten, wir könnten sogar über den Kanal
reinkommen. Es ist ein verdammt langsamer Kahn.«
»Meine Herren«, sagte ein zwanzigjähriger Leut-
nant zu drei weiteren zwanzigjährigen Leutnants,
»meine Herren, ich gebe Ihnen Paris.«
»Mein alter Herr hat Paris im letzten Krieg einge-
nommen«, sagte einer der Herren.
»Meine Herren«, sagte der erste Sprecher mit zit-
ternder Stimme, »wir haben den Kanal überquert. O
mein Gott, o mein Gott! Wir sind drin.«
Die drei faßten einander an der Hand wie bei ei-
nem brüderlichen Spiel.
Und so kam das Schiff mit einem bereits durch-
kämpften und gewonnenen Krieg in den Hafen. Sie
brauchten einige Zeit, um darüber hinwegzukommen.

166
Würfelspiel

London, 12. August 1943


Das ist eine von Mulligans Lügen, und sie betrifft ei-
ne Persönlichkeit namens Eddie. Mulligan war mit
Eddie zusammen Soldat und kennt ihn gut. Nach
und nach wird deutlich, daß Mulligan mit jeder
wichtigen Persönlichkeit als Soldat gedient hat.
Jedenfalls war dieser Eddie ein Falschspieler, aber
von derart heiligem Charakter, daß seine Integrität
beim Umgang mit Würfeln nie in Frage gestellt wur-
de. Eddie hatte eben nur Glück, soviel Glück, daß er
die Würfel an einem Sonntag gegen die Wand werfen
und sie halb über den Boden ihrer Unterkunft fliegen
lassen konnte und immer noch einen Pasch würfelte.
Aufgrund dieser Vorstellungen wuchs der Ver-
dacht, daß Eddie in der Gunst einer Macht stünde,
die ein wenig über dem Menschen angesiedelt sei.
Eddie wurde im Verlauf von einem oder zwei Jahren
ein reicher und glücklicher Mann, nicht so glücklich
in der Liebe, aber man kann ja nicht alles haben. Ed-
die behauptete, die Würfel könnten ihm jederzeit ei-
ne Frau besorgen, er hat aber nie eine Frau gesehen,
die ihn einen Pasch würfeln lassen konnte. Wenn dies
auch vielleicht saure Trauben für ihn waren, Eddie
begnügte sich damit.
Schließlich kam die Zeit, als Eddie und sein Re-
giment an Bord eines Schiffes gebracht wurden, das
Kurs auf X nahm. Es war kein sehr großes Schiff, und
es war sehr überfüllt. Decks und Kabinen und Gänge,

167
alles war überfüllt. Und zufällig lief das Schiff nach
dem Zahltag aus.
An diesem ersten Tag liegen zumindest zweihun-
dert Würfelspiele an Deck, und als Eddie sich einem
anschloß, tat er es lustlos, nur um seine Hände warm
zu halten und nicht zu ermüden. Er wußte, daß die
bedeutendsten Sachen erst später kommen würden.
Zwischen diesen Kinderspielen blies Eddie Trübsal
und tat eine gute Tat oder zwei, um sich selbst in den
Stand der Gnade zu versetzen, denn er wußte, daß er
die später dringend brauchte. Er half einem leicht be-
schwipsten GI, einen Kleidersack zu tragen, und
nahm dafür nur widerwillig eine Flasche Bourbon,
die die gute Tat nach Eddies Meinung wieder aufhob.
Er schrieb einen Brief an seine Frau, die er seit zwölf
Jahren nicht mehr gesehen hatte, und hätte ihn auch
abgeschickt, wenn er nur eine Briefmarke gefunden
hätte.
Manchmal schlenderte er zum Deck zurück und
nahm an einem kleinen Spiel teil, um sein Handge-
lenk geschmeidig und seinen Kopf klar zu halten, was
aber nicht notwendig war. Eddie hatte eine Menge
Geld. Er brauchte während des Vorgeplänkels keine
Bank aufzubauen. Er hielt sich aus zwei Gründen aus
dem spektakulären Spielen heraus. Erstens war es ei-
ne Zeitverschwendung. Es war mindestens genauso
praktisch, das Geld in ein paar Hände kommen zu
lassen, bevor er sich der Anstrengung unterzog, und
zweitens zog Eddie zu einem solchen Zeitpunkt eine
Position im Abseits und in der Anonymität vor. Es

168
gab auch noch einen anderen Grund. Das Schiff lief
an einem Dienstag aus, und Eddie wartete auf den
Sonntag, denn sonntags war er besonders heiß, eine
Tatsache, die er einer sauberen und zurückgezogenen
Lebensart zuschrieb. Einmal an einem Sonntag –
und, wohlgemerkt, das geschah nach Mulligans Wor-
ten – hatte Eddie von einer Straßenbande in Neu-
Mexiko eine kleine Dampfwalze gewonnen, und an
einem anderen Sonntag hatte Eddie ein ganzes Camp
ausgenommen und dann in seiner Demut 10 Prozent
seines Gewinns für wohltätige Zwecke gespendet.
Im Laufe der Woche nahm die Zahl der Spiele ab.
Es gab weniger Spiele, und die Einsätze wurden grö-
ßer. Am Samstag liefen nur noch vier gute Spiele,
und zu diesem Zeitpunkt begann Eddie sich dafür zu
interessieren. Am Samstagmorgen spielte er noch
lustlos, wurde aber am Nachmittag aktiver und stach
zwei Spielrunden aus, denn die Zeit wurde knapp,
und er wollte nicht, daß am nächsten Tag zu viele
Spiele liefen.
Um zehn Uhr erschien Eddie am nächsten Tag an
Deck, sauber und gekämmt und bescheiden und mit
ausbauchenden Taschen in seiner Feldjacke. Das
Spiel hatte schon begonnen, aber es machten nur drei
Männer mit. Eddie fragte unschuldig: »Jemand was
dagegen, wenn ich für eine oder zwei Runden mit-
mache?« Die drei Spieler begutachteten ihn zynisch.
Ein Pole mit einem blauen und einem braunen Auge
gab eine grobe Antwort. »Moneten braucht man hier,
Soldat«, sagte er, »wir spielen nicht mit Erdnüssen.«

169
Eddie ließ diskret das Ende einer Rolle Banknoten
sehen, das aussah wie ein Rollbraten für ein Festes-
sen. Der Pole seufzte vor Glück, und die beiden ande-
ren, die weder bemerkenswert noch erfolgreich wa-
ren und in der Menge absolut nicht aufgefallen wä-
ren, rieben sich unwillkürlich die Hände, als ob sie
ihre Finger warmhalten wollten. Eddie steckte seine
Rolle so bescheiden weg, wie eine junge Frau die Trä-
ger eines Abendkleides in Ordnung bringt, das ei-
gentlich keine Träger hat. Er kniete sich neben die
Decke und sagte: »Wie ist es mit dem Tarif?« Eine
Wand von Zuschauern schloß sich hinter ihm.
Eddie setzte dreißig von hundert ein. Der Pole wür-
felte, gewann und ließ den Einsatz liegen, und Eddie
nahm einhundert von den zweihundert, und der Pole
würfelte eine Sechs und gewann. Hinter dem dichten
Kreis der Zuschauer konnte man das Geräusch von
laufenden Füßen hören. Das würde ein richtiges Spiel
werden. Das Schiff neigte sich ein wenig zur Seite, als
GIs aus allen Richtungen angelaufen kamen, um we-
nigstens in der Nähe eines solchen Spieles zu sein,
wenn sie es schon nicht direkt beobachten konnten.
Die vierhundert lagen auf der Decke wie ein gro-
ßer Salat. Die beiden Männer, die ausstiegen, sahen
Eddie an, und Eddie griff nach seiner Rolle, zählte
vierhundert in kleinen Scheinen ab und legte sie
schüchtern dazu. Der Pole starrte ihn mit seinem
braunen Auge an und lächelte ihn mit seinem blauen
Auge an; ein Trick, der ihm beim Pokern sehr gute
Dienste geleistet hatte, bei einem Würfelspiel aller-

170
dings wenig Wirkung hatte. Er blies auf die Würfel,
sprach aber nicht mit ihnen. Er würfelte eine Acht
und lächelte nun mit beiden Augen. Wieder blies er
auf die Würfel und ließ sie aus der Rückhand rollen,
um zu zeigen, wie leicht die ganze Sache war, und ei-
ne Vier und eine Drei sahen ihn an.
Eddie atmete leicht, entspannt und seiner Sache si-
cher und zog den großen grünen Salat sanft auf seine
Seite der Decke. Er zog weitere zweihundert aus sei-
nem Bündel, als ob es Toilettenpapier wäre, und legte
sie auf die Decke. »Tausend«, sagte er, »alle oder hal-
be-halbe?«
Der Pole nahm die Hälfte, und die beiden unbe-
kannten Männer teilten sich den Rest, und Eddie
würfelte einen Pasch, eine Sechs und eine Fünf. »Las-
sen wir es liegen«, sagte er sanft.
Nur der Pole hörte ihm zu. Er nahm die Würfel
auf und betrachtete sie sorgfältig, um sicherzugehen,
daß es diejenigen waren, die er selbst ins Spiel ge-
bracht hatte. Und dann beobachtete er Eddie, indem
er mit beiden Augen schielte. Der Stapel Geld war
mittlerweile zwanzig Zentimeter hoch und fiel aus-
einander wie ein loser Heuhaufen.
Eddie summte ein bißchen vor sich hin, als er die
Würfel rollen ließ, und eine Sieben blieb liegen. Der
Pole schnaubte verächtlich. Eddie sagte: »Und laß das
liegen, alles oder halbe-halbe für jeden.« Keiner atmete
mehr auf dem Schiff, nur die Maschinen liefen noch.
Münder standen offen. Gestalten verharrten wie er-
starrt in der dichten Menschenmenge, die um die

171
Decke herumstand. Nur hin und wieder wurde ein
Wort darüber ausgetauscht, was gerade vor sich ging.
Eddie finster anstarrend, kratzte der Pole den Rest
seines Geldes zusammen. Eine ganze Woche sehr an-
strengender Arbeit lag auf der Decke, und der Einsatz
war gemacht. Eddie war großartig. Er bewegte sich
ungezwungen. Er schüttelte die Würfel nicht, klap-
perte nicht mit ihnen, sprach nicht mit ihnen, be-
schwor sie nicht. Er ließ sie einfach mit kindlichem
Glauben ausrollen. Einen langen Augenblick starrte
er verständnislos auf die Schlangenaugen, die ihn an-
starrten. Und dann verwandelte sich sein Ge-
sichtsausdruck in pures Entsetzen. »Nein«, sagte er,
»irgendwas stimmt nicht. Ich gewinne sonntags, ich
gewinne sonntags immer.«
Ein Unteroffizier trat unsicher von einem Fuß auf
den anderen. »Mister«, sagte er, »Mister, wissen Sie,
es ist nicht Sonntag. Wir sind rausgefahren und
schon über der Datumsgrenze. Wir haben den Sonn-
tag verloren.«
Auf jeden Fall ist das eine von Mulligans Lügen.

172
Afrika

Ein Flugzeug für Afrika

Ein nordafrikanischer Posten


(Via London), 26. August 1943
Um neun Uhr morgens kommt eine Meldung, daß es
mit der Versetzung nach Afrika geklappt hat. Man
geht also zum Büro des Transportoffiziers. »Können
Sie heute abend schon fliegen?« fragt er. »Sie müssen
Ihr Gepäck bis drei Uhr abgeben. Sie werden sich bei
der und der Adresse um sieben Uhr dreißig melden.
Kommen Sie aber nicht zu spät.«
Jetzt ist es Mittag. Man erledigt die tausend Sa-
chen, die bei einem Wechsel von einem Kontinent
zum anderen notwendig sind. Man packt eine Tasche
und verstaut die anderen Sachen, die man nicht mit-
nimmt, die warme Kleidung und die Papiere und die
Bücher. Man ruft die Leute an, mit denen man noch
verabredet war, und sagt ab.
Um sieben Uhr dreißig trifft man bei der genann-
ten Adresse ein, und von da an ist der Verlauf der Sa-
che einem aus der Hand genommen, und alles geht
glatt. Um Viertel vor acht steigt man auf einen Ar-
meelastwagen und wird zum Bahnhof gefahren. Ein
Armeezug wartet schon. Diese Züge werden Geister-
züge genannt, denn sie haben kein festgelegtes Ziel.
Alle möglichen Arten von Einheiten besteigen den
Zug: Kampfeinheiten auf dem Weg zu ihren Schiffen;

173
Oberste, die nach Monaten im Feld nach Hause ge-
hen; Kuriere mit Taschen und Paketen voller Post.
Die Kampftruppen tragen Pistolen und Messer und
haben große Säcke mit Fliegerausrüstung bei sich. Es
sind braungebrannte Offiziere, die in der Wüste ge-
dient haben, und sie sehen ein bißchen krank vor Er-
schöpfung aus.
Eine Bomberbesatzung, die noch nicht im Kampf
gewesen ist, ja noch nicht einmal im Flugzeug geses-
sen hat, seit sie nach Übersee gekommen ist, hat sich
englisches Bier vorgenommen und es tatsächlich ge-
schafft, in einen Zustand lärmender Fröhlichkeit zu
geraten. Die Signalpfeife ertönt, und alles strömt in
den Zug. Es ist ein Zug mit Schlafwagen.
Es gibt keinen Platz, wo man stehen und sich un-
terhalten könnte. Man geht also sofort zu Bett. Im
Korridor lehnt sich die singende Besatzung aus dem
Fenster und ruft Mädchen nach, als der Zug anrollt.
Dann brechen sie in ›Home On the Range‹ aus, aber
der Lärm des Zuges überdeckt ihren Gesang. Das Bier
war nicht stark genug, um ihnen viel Auftrieb zu ge-
ben. Der verdunkelte Zug donnert durch die Nacht.
Die Fenster sind geschlossen und schwarz angestri-
chen, so daß kein Licht nach außen dringen kann.
Der Gesang bricht in sich zusammen, und die Besat-
zung zieht sich in ihre Abteile zurück.
Um vier Uhr dreißig am nächsten Morgen klopft
der Steward an die Tür, stellt eine Tasse Tee auf ein
kleines Regal über dem Bett und geht wieder. Man
trinkt schnell den Tee und rasiert sich, um rechtzei-

174
tig um fünf Uhr den Zug zu verlassen. Es ist kalt und
regnerisch. Man weiß nicht, wo man ist. Das haben
sie dir nicht gesagt. Armeelastwagen warten, um die
Leute zum Flugplatz zu bringen. Tiefe Regenpfützen
stehen überall auf dem kleinen Bahnhof. Man klet-
tert auf einen Lastwagen, und nach kurzer Zeit ist
man auf einem riesigen Flugplatz. Das ist einer der
Flugplätze des Lufttransportkommandos, das Män-
ner und Material in alle Welt befördert. Kampfflug-
zeuge stehen auf dem ganzen Flugplatz verteilt,
kaum sichtbar durch den Regen. Die C-54er stehen
startbereit.
Das ist ein großer und schöner Stützpunkt. Es gibt
Clubräume, eine Bar und ein großes Restaurant.
Draußen ist es kalt, und drinnen brennen in den
Kaminen die glühenden Kohlen auf einem großen
Haufen. Im größten Clubraum warten viele Leute
darauf, abfliegen zu können. Es gibt Leute, die eine
Woche hier sind, und ein paar Besatzungen, die ge-
rade erst angekommen sind. Ein Schallplattengerät
spielt was von Dinah Shore. Die Männer schlafen auf
den Sofas und warten auf ihren Abflug.
Der Offizier der Meldestelle sagt: »Kommen Sie
um ein Uhr dreißig zurück, und man wird Ihnen sa-
gen, wann Sie abfliegen.«
Die nächste Stadt ist mehrere Kilometer entfernt.
Die Besatzungen spazieren einige Zeit herum und
gehen dann in das Clubhaus zurück, um ein Comic-
Heft zu lesen – ›Superman‹ oder so was. Sie lesen oh-
ne Begeisterung, aber mit großer Konzentration.

175
Der Offizier sagt: »Sie werden wahrscheinlich in
acht Stunden fliegen«, und dann wieder das Umher-
wandern. Ein Flugzeug läßt die Motoren warmlau-
fen. Es fliegt nach Hause. Die Männer an Bord wer-
den morgen in New York sein. Selbst diejenigen, die
erst vor kurzem rübergekommen sind, schauen diese
Glücklichen sehnsuchtsvoll an. Kurz bevor sie an
Bord gehen, werden sie umringt, und man gibt ihnen
Botschaften mit. »Ruf meine Frau an und sag ihr, daß
du mich getroffen hast. Hier ist ihre Telefonnum-
mer.« Es gäbe auch Briefe, die sie mitnehmen könn-
ten, aber das ist verboten.
Die Männer, die nach Hause fliegen, schreiben tat-
sächlich die Nummern auf. Sie sehen ein bißchen be-
fangen aus, eben weil sie nach Hause dürfen, und
doch auch sehr glücklich. Sie steigen in das große
Flugzeug, und die Tür schließt sich. Es ist ein Flug-
zeug mit vier Triebwerken, und man muß eine lange
Treppe hinaufsteigen, um hineinzukommen. Die
kleine Menschenmenge steht am Eingang der Halle
und beobachtet, wie es abhebt, und dann ist es schon
im Regen verschwunden, fast noch bevor es über-
haupt vom Boden abgehoben hatte. Der Flugplatz ist
plötzlich sehr einsam geworden. Die Männer kehren
zu den Kohlenfeuern und den alten Zeitschriften zu-
rück; ›Esquires‹ und ›New Yorkers‹, Monate alt, und
Ausgaben von ›Life‹ vom April und Mai.
Der Offizier sagt: »Das Flugzeug nach Afrika wird in
fünfzehn Minuten starten.« Man erwartet, das Flug-
zeug werde überfüllt sein, aber das ist nicht der Fall.

176
An Bord befinden sich nur eine kleine Kampfeinheit
und zwei Zivilisten. Es ist eine C-54-A, das heißt, das
Flugzeug hat Klappsitze und wird zu mehr als der
Hälfte als Frachtflugzeug benutzt. Jetzt sammelt die
Besatzung ihre Taschen und Fallschirme zusammen,
legt die Gurte mit den Pistolen und Messern an. Sie
sind ganz gleichgültig. Afrika bedeutet ihnen nichts.
Eine Weile stehen wir zitternd im Regen, während
unsere Namen aufgerufen werden. Dann klettert je-
der die Leiter hinauf und geht durch die Tür. Die
Fenster des Flugzeuges sind nicht verdunkelt, wie es
zu Hause der Fall ist. Es macht nichts, wenn man es
sieht. Die große Tür wird zugeschlagen, und man
kann hören, wie draußen die Motoren starten.

Algier

Algier (Via London), 28. August 1943


Algier ist jetzt eine phantastische Stadt. Immer schon
eine Stadt von seltsamer Mischung, ist sie durch den
Zustrom britischer und amerikanischer Truppen und
ihrer Ausrüstung in ein alptraumhaftes Durcheinan-
der gestürzt worden. Jetzt bahnen sich Jeeps und
Mannschaftswagen ihren Weg durch Kamele und
Pferdekarren. Der Sonnenschein ist blendend weiß in
dieser weißen Stadt, und wenn keine Brise von der
See her weht, ist die Hitze gewaltig.
Die Straßen sind mit offenen Wagen, die mit frisch
geernteten Trauben beladen sind, mit militärischen

177
Konvois, mit Arabern auf Pferden, mit Kanadiern,
Amerikanern und Angehörigen der französischen
Kolonialtruppen mit ihren hohen roten Hüten ge-
säumt. Uniformen in allen möglichen Farben und
Farbkombinationen. Vielen der französischen Kolo-
nialtruppen hat man amerikanische Uniformen ge-
geben, weil sie keine eigenen hatten. Man kann nie
wissen, wenn man auf amerikanischen Khaki zugeht,
ob nicht ein Araber oder ein Senegalese darin steckt.
Die Sprachen, die in den Straßen gesprochen wer-
den, sind faszinierend. Nur selten wird eine Unter-
haltung in nur einer Sprache geführt. Unsere Trup-
pen lassen sich nicht durch Sprachschwierigkeiten
stören. Man kann also einen Soldaten antreffen, der
sich in breitem Georgia-Dialekt mit einem Fremden-
legionär und einem in einen Burnus gekleideten Ara-
ber unterhält. Er spricht Georgia-Mundart und streut
ab und zu schwerfällig ein französisches Wort ein,
aber seine eigentliche Sprache ist die seiner Hände.
Damit stellt er die Unterhaltung bis ins Detail sze-
nisch dar.
Seine Freunde hören zu und beobachten ihn und
antworten ihm auf arabisch oder französisch und äu-
ßern ihre Meinung durch Pantomime, und merk-
würdigerweise verstehen sie sich. Die gesprochene
Sprache ist lediglich der tönende Hintergrund für die
beachtliche Schauspielerei. Daraus entsteht ein Kau-
derwelsch von Gesten, die bereits eine feste Bedeu-
tung haben. Die Geste für einen Drink ist schon ein-
heitlich, und auch die Gesten für Freundschaft und

178
Wut und Liebe sind bereits zu einer festen Bedeutung
geworden.
Geld ist ein echtes Problem. Ein Franc ist zwei
Cents wert. Es ist Papiergeld in Fünf-, Zehn-, Zwan-
zig-, Fünfzig-, Hundert- und Eintausend-Franc-
Noten. Das Papier, das benutzt wird, ist eine Art
Löschpapier, das leicht zusammenklebt und zerreißt.
Wenn man es in der Tasche trägt, wird es vom
Schweiß leicht naß und klebrig und zerfällt, wenn
man es herausnimmt, in den Händen oft in kleine
Stücke. In einigen Geschäften wollen sie zerrissenes
Geld nicht annehmen, und damit sind Soldaten be-
nachteiligt. Denn das meiste Geld, das ein Soldat be-
sitzt, ist nicht nur zerrissen, sondern auch aufge-
weicht und so abgenutzt, daß die Zahlen auf den
Scheinen fast nicht mehr zu erkennen sind. Ein Bün-
del dieser Geldscheine fühlt sich wie eine Handvoll
warmer, verwelkter Salatblätter an. Daneben gibt es
noch amerikanische Banknoten, das sogenannte In-
vasionsgeld, das sich vom Geld zu Hause dadurch
unterscheidet, daß ein goldenes Siegel auf die Vor-
derseite gedruckt ist. Diese Geldscheine fühlen sich
kühl und beständig an, verglichen mit dem algeri-
schen Geld.
Ein ganz neuer Touristenverkehr hat sich etabliert.
Ein Soldat kann Körbe, schlechte Teppiche, Fächer
und Gemälde auf Tuch kaufen, gerade wie auf Coney
Island. Viele GIs mit dem Instinkt einer Elster wer-
den die Sachen nie nach Hause schaffen können,
denn ihre Beutesammlung ist zu groß. Sie besitzen

179
neben farbigen Körben und Teppichen noch Erinne-
rungsstücke aus der Schlacht. Messer, Pistolen, Split-
terstücke von Granaten und Helmen. In jedem ein-
zelnen Fall denkt der Sammler an jemand zu Hause,
wenn er etwas kauft. Großmutter würde dieser algeri-
sche Schal gefallen, und dieses italienische Bajonett
wäre genau das richtige über Onkel Charleys Kamin,
zusammen mit dem französischen Bajonett, das er
aus dem letzten Krieg mitgebracht hat. Plötzlich wird
der Befehl kommen, mit leichtem Kampfgepäck zu
marschieren, und die verschiedenen Sammlungen
müssen mit Instruktionen zur Weitersendung zu-
rückgelassen werden, die natürlich nie ausgeführt
werden. Amerikaner sind große Sammler. Die näch-
ste Besatzung wird damit wieder von vorn anfangen.
Um fünf Uhr nachmittags sind die Terrassen der
Hotels völlig überfüllt. Das ist die Zeit, wenn sich die
Menschen versammeln, um ein Glas zu trinken oder
um einander zu sehen. Es gibt keine harten Getränke.
Es gibt Bier, das aus Erdnüssen hergestellt wird und
das auch einen starken Erdnußgeschmack hat. Der
Wein ist gut und leicht und erfrischend, ein kleiner
Schock für den Gaumen, der an Bourbon gewöhnt
ist, aber annehmbar.
Auf diesen Terrassen sitzen die Soldaten an klei-
nen Tischen herum und warten auf ihre Mädchen.
Die französischen Frauen sind bemerkenswert ge-
pflegt. Ihre Schuhe haben dicke hölzerne Sohlen, sind
aber sehr hübsch, und die wenigen Kleider, die sie
besitzen, sind sauber und tadellos in Ordnung. Da es

180
wenige Mittel gibt, das Haar zu färben oder zu blei-
chen, scheint eine neue Mode aufgekommen zu sein.
Eine einzelne Locke wird gebleicht und über die rest-
lichen ungebleichten Haare zurückgekämmt. Das hat
eine seltsame und nicht unattraktive Wirkung.
Gegen fünf Uhr findet auf den Straßen eine Inva-
sion von kleinen farbigen Jungen mit Zeitungsbün-
deln statt. Sie schreien: »Stahs’n Straipes. Stahs’n
Straipes.« Die neue Ausgabe der Armeezeitung ist da.
Das sind die einzigen Nachrichten, die die meisten
Männer bekommen. In Wirklichkeit gibt es hier nur
wenig Nachrichten. New York und London sind viel
besser informiert als dieser Posten, der doch recht
nah am Kampfgebiet liegt. Aber es scheint allgemein
zuzutreffen, daß das Interesse des einzelnen an der
umfassenden Lage abnimmt, je näher er dem Kampf-
gebiet kommt.
Die Soldaten hier sind nicht so sehr am Verlauf des
Krieges interessiert wie etwa die Soldaten in den Aus-
bildungslagern zu Hause. Hier sind die Qualität der
Verpflegung in der Messe, die Feindseligkeiten mit
dem Feldwebel und der Preis des Weins viel wichtiger
als die Welt im Krieg.
Es ist eine verrückte, fröhliche, traumhafte Stadt.
Wahrscheinlich werden sich unsere Soldaten an sie
als ein Gewirr von Farben und ein vielsprachiges Ge-
plapper erinnern. Die Hitze nebelt den Kopf ein we-
nig ein, so daß die Eindrücke verschwimmen und
einander verwischen. Die Konturen sind nur noch
unscharf. Es werden merkwürdige Erinnerungen

181
sein, wenn die Soldaten versuchen, ihre Eindrücke zu
ordnen, um nach dem Krieg davon zu erzählen, und
es wird überhaupt nicht merkwürdig sein, wenn sie
dabei ein bißchen improvisieren.

Ein Uhrenbetrüger

Ein nordafrikanischer Posten


(Via London), 31. August 1943
Es war weit nach Mitternacht. Der Sergeant der Mili-
tärpolizei und sein Leutnant fuhren in einem Jeep auf
der Sidi-Belle-Straße aus Oran heraus. Der Sergeant
hatte den Griff eines Gewehrs aus dem Plexiglas des
Bugs eines Bombers geschnitzt, und er hatte begon-
nen, in seiner Freizeit mit seinem Taschenmesser Fi-
guren hineinzuschneiden. Es war eine milde afrikani-
sche Nacht mit unglaublich vielen Sternen. Der Leut-
nant war ziemlich jung und vernünftig genug, sich zu
einem guten Teil auf seinen Sergeant zu verlassen.
Der Jeep sprang und ratterte über die Pflastersteine.
»Fahren wir zu den Technikern und holen uns eine
Tasse Kaffee und ein Sandwich«, sagte der Leutnant.
»Biegen Sie an der nächsten Ecke ab.«
In diesem Augenblick kam ein Waffentransporter
mit fast einhundert Stundenkilometer vom Land in
Richtung Stadt gedonnert. Er sauste an dem Jeep vor-
bei und bog an der Ecke auf zwei Rädern ab. »Du lieber
Gott«, sagte der Sergeant, »soll ich hinter ihm her?«
»Schnappen Sie ihn«, sagte der Leutnant.

182
Der Sergeant warf den Jeep herum und trat das
Gaspedal durch. Als sie um die Ecke herum waren,
konnten sie die Schlußleuchten in der Ferne sehen.
Sie schienen dem Wagen schnell näher zu kommen.
Der Waffentransporter wurde gestoppt und hielt ne-
ben einem Feld an. Der Jeep kam rutschend zum
Stehen, und der Sergeant sprang – den Leutnant
dicht hinter sich – aus dem Wagen.
Drei Männer saßen in dem Waffentransporter,
drei Männer auf dem Vordersitz. Sie waren ziemlich
betrunken. Der Sergeant leuchtete mit seiner Ta-
schenlampe hinter die Sitze. Auf dem Boden des
Lastwagens lagen zwei leere Weinflaschen. »Ausstei-
gen«, sagte der Sergeant. Als die Männer ausstiegen,
durchsuchte er jeden einzelnen, klopfte die Hosenta-
schen und die Hosen unterhalb der Knie ab. Die drei
Soldaten sahen ein bißchen heruntergekommen aus.
»Wer hat den Wagen gefahren?« fragte der Leut-
nant.
»Weiß ich nicht«, sagte ein kleiner dicker Soldat.
»Hab ihn noch nie vorher gesehen. Er ist einfach
rausgesprungen und weggerannt, als er Sie kommen
sah. Hab’ ihn noch nie vorher gesehen. Wir gingen
nur ein bißchen spazieren, und er fragte uns, ob wir
nicht auf eine kleine Tour mit ihm kommen woll-
ten.« Der kleine dicke Soldat stieß die Worte hastig
hervor.
»Das ist erst mal genug«, sagte der Sergeant. »Sie
brauchen Ihren Freunden das Alibi nicht vorzukau-
en. Wo haben Sie das Zeug rausgeworfen?«

183
»Welches Zeug, Sergeant? Ich weiß nicht, welches
Zeug Sie meinen.«
»Sie wissen ganz genau, was ich meine. Soll ich
mich mal umsehen, Sir?«
»Machen Sie nur«, sagte der Leutnant. Der Serge-
ant ging an den Rand des Feldes und ließ seine Ta-
schenlampe in den Stoppeln umherleuchten. Dann
kam er zurück. »Kann nichts finden«, sagte er, und
dann zu den drei Männern:
»Wo habt ihr denn diesen Lastwagen her?«
»Genau, wie ich Ihnen gesagt habe … dieser Soldat
lud uns auf eine Tour ein, und dann sah er Sie kom-
men, sprang raus und rannte weg.«
»Wie war sein Name?«
»Weiß ich nicht. Wir haben ihn Willie genannt. Er
hat gesagt, sein Name sei Willie. Hab ihn in meinem
ganzen Leben noch nicht gesehen. Aber er hat gesagt,
er heißt Willie.«
»Steigt in den Jeep«, sagte der Sergeant. »Ich habe
die Schlüssel, Leutnant. Wir schicken jemand her, der
den Lastwagen abholt. Nun macht schon, steigt in
den Jeep ein.«
»Aber wir haben doch nichts getan, Sergeant. War-
um nehmen Sie uns mit? Dieser Kerl Willie hat uns
nur gefragt …«
»Halt’s Maul und steig ein«, sagte der Sergeant.
Die drei zwängten sich auf den Rücksitz des Jeeps.
Der Sergeant setzte sich hinter das Steuerrad, und der
Leutnant lockerte seine Pistole im Gurt und nahm
auf dem kleinen Vordersitz Platz. Er hatte sich so ge-

184
dreht, daß er die drei im Auge hatte. Nur der kleine
Mann wollte reden. Der Jeep ratterte auf den dunklen
Straßen Orans und fuhr zur MP-Station, setzte über
den Bordstein und hielt, die Stoßstange knapp vor
dem Gebäude. Drinnen wurde man durch die hellen
Lampen geradezu geblendet, wenn man aus den ver-
dunkelten Straßen kam. Ein Sergeant und ein
Oberstleutnant saßen hinter einem großen, hohen
Schreibtisch und blickten die drei an, die vor ihnen
aufgereiht waren.
»Nehmt eure Erkennungsmarken ab und legt sie
hier hin«, sagte der Sergeant. Er fing an, auf einem
Block Notizen von den Daten auf den Erkennungs-
marken zu machen. »Legt alles, was ihr in euren Ta-
schen habt, in diese Schachtel.« Er schob eine Zigar-
renkiste an den Rand des Schreibtischs.
»Aber das sind meine Sachen«, protestierte der
kleine Mann.
»Sie bekommen eine Empfangsbestätigung. Legen
Sie die Sachen hier hinein und rollen Sie Ihre Ärmel
hoch.«
Die beiden Männer, die den kleinen Dicken beglei-
teten, waren still und wachsam. »Wer hat den Last-
wagen gefahren?« fragte der wachhabende Sergeant.
»Ein Bursche namens Willie. Er ist rausgesprungen
und weggerannt.«
Der Sergeant wandte sich an die beiden anderen.
»Wer hat den Lastwagen gefahren?« fragte er sie.
Sie nickten beide mit dem Kopf in Richtung auf
den kleinen dicken Mann, aber keiner von beiden

185
sprach ein Wort. »Ihr Schweinekerle«, sagte der klei-
ne dicke Mann ruhig. »Oh, ihr dreckigen Schweine-
kerle.«
»Rollt eure Ärrmel auf«, sagte der Sergeant und
dann: »Guter Gott, vier Armbanduhren. Sag mal, die
hier ist eine GI-Uhr. Das ist Regierungseigentum. Wo
haben Sie die her?«
»Ich habe einem Kerl Geld darauf geliehen. Er
wird sie wiederbekommen, wenn er es mir zurück-
gibt.«
»Legen Sie Ihre Brieftasche hier hin.«
Der kleine dicke Mann zog eine Brieftasche aus ro-
tem Saffian heraus und legte sie zögernd hin. »Ich
will eine Empfangsbescheinigung. Das sind meine Er-
sparnisse.«
Der wachhabende Sergeant am Schreibtisch schüt-
telte die Brieftasche aus. »Allmächtiger Gott«, sagte er
und begann, die Berge von Geldscheinen zu zählen
und machte sich Notizen auf dem Block. »Zehntau-
send algerische Francs und dreitausend amerikani-
sche Dollars«, sagte er. »Du trägst ganz schön was mit
dir herum, was, Freundchen?«
»Das sind meine Lebensersparnisse«, sagte der
kleine dicke Mann klagend. »Ich will eine Empfangs-
bestätigung dafür, das ist mein Geld.«
Der Leutnant hinter dem Schreibtisch wurde le-
bendig. »Schließen Sie die drei getrennt ein«, sagte er.
»Ich werde mich mit ihnen unterhalten. Sergeant,
schicken Sie ein paar Leute zu diesem Lastwagen
raus, und befehlen Sie ihnen, das Gelände um den

186
Wagen herum abzusuchen. Sagen Sie ihnen, sie sol-
len nach Uhren, Elgin-Uhren* und Gl-Uhren su-
chen. Es wird ungefähr eine Schachtel in dieser Grö-
ße sein. Es müßten etwa tausend drin sein, wenn sie
noch alle da sind. Die Araber zahlen vierzig Dollar
dafür. Okay, sperren Sie diese Männer ein.«
»Ein Kerl namens Willie«, beschwerte sich der dik-
ke Mann, »ein Kerl namens Willie hat uns zu einer
Tour eingeladen.« Er sah die beiden anderen an, und
sein weiches Gesicht sah giftig aus. »Oh, ihr drecki-
gen Schweinekerle«, sagte er.

Über dem Hügel

Ein nordafrikanischer Posten


(Via London), 1. September 1943
Sligo und der Junge nahmen ihren Urlaubsschein für
48 Stunden lustlos entgegen. Die Bars schließen in
Algerien um acht Uhr, aber sie waren schon vorher
ziemlich betrunken und nahmen dann noch eine Fla-
sche Wein mit und legten sich an den Strand. Die
Nacht war warm, und nachdem die beiden die zweite
Flasche Wein ausgetrunken hatten, zogen sie ihre
Kleider aus, wateten in das stille Wasser hinaus,
hockten sich dann hin und saßen dort nur noch mit
ihrem Kopf über Wasser. »Ziemlich unangenehm,
was, Junge?« sagte Sligo. »Es gibt Leute, die für solche

* Elgin = Stadt in Illinois, bekannt u. a. für ihre Uhrenindustrie

187
Sachen ziemlich viel Kies bezahlen, und wir kriegen
es umsonst.«
»Ich wäre lieber zu Hause in der 10th Avenue«,
sagte der Junge. »Dort wäre ich lieber als irgendwo
anders. Ich würde gerne meine alte Dame sehen. Ich
würde dieses Jahr gern die World-Series sehen.«
»Du möchtest vielleicht einen Hammer in die
Fresse haben«, sagte Sligo.
»Ich würde gern zum Griechen gehen und mir ei-
ne doppelte Schokolade mit sechs geschlagenen Eiern
holen«, sagte der Junge. Er tauchte kurz hoch, damit
eine kleine Welle nicht in sein Gesicht schwappte.
»Diese Stadt ist so einsam. Ich mag Coney.«
»Zu viele Leute da«, sagte Sligo.
»Diese Stadt ist so einsam«, sagte der Junge.
»Da wir gerade von den Series sprechen, das würde
ich gern selbst mal machen«, sagte Sligo. »Es passiert
gerade in Zeiten wie diesen, daß ein richtiger Kerl
mal so einfach abhauen will.«
»Angenommen, du würdest abhauen, wo zum
Teufel willst du hingehen? Da ist nichts, wo man hin-
gehen kann.«
»Ich würde nach Hause gehen«, sagte Sligo. »Ich
würde zu den Series gehen. Ich wäre der erste auf der
Tribüne, wie schon damals 1940.«
»Du könntest nicht nach Hause gehen«, sagte der
Junge, »da ist keine Chance, nach Hause zu kommen.«
Der Wein wärmte Sligo auf, und das Wasser war
angenehm. »Ich hab Kies, und der sagt, daß ich nach
Hause kann«, sagte er nachlässig.

188
»Wieviel Kies?«
»Zwanzig Eier.«
»Das schaffst du nicht«, sagte der Junge.
»Willst du wetten?«
»Klar, abgemacht. Wann zahlst du?«
»Ich werde nicht zahlen, du wirst zahlen. Komm,
gehen wir zum Strand und pennen wir ein bißchen.«
An den Piers liegen die Schiffe. Sie hatten Lan-
dungsboote, Panzer und Truppen gebracht und lagen
jetzt dort und nahmen den Schrott von den nordafri-
kanischen Schlachtfeldern auf, den sie zu den Hoch-
öfen bringen sollten, damit dort weitere Panzer und
Landungsboote produziert werden konnten. Sligo
und der Junge saßen auf einem Stapel Verpflegungs-
kisten und beobachteten die Schiffe. Den Hügel her-
unter kam ein Trupp mit hundert italienischen Ge-
fangenen, die nach New York gebracht werden soll-
ten. Einige der Gefangenen waren zerlumpt, und an-
dere trugen amerikanischen Khaki, weil ihre
Kleidung an den falschen Stellen zu zerfetzt war. Kei-
ner der Gefangenen schien unglücklich darüber zu
sein, nach Amerika verschifft zu werden. Sie mar-
schierten zum Landungssteg hinunter, standen in
Gruppen zusammen und warteten auf den Befehl, an
Bord zu gehen.
»Sieh sie dir an«, sagte der Junge, »sie müssen nach
Hause fahren, und wir müssen bleiben. Was machst
du denn da, Sligo? Warum schmierst du denn deine
ganze Hose mit Öl voll?«
»Zwanzig Eier«, sagte Sligo, »und ich finde dich

189
und kriege auch das Geld aus der Wette noch.« Er
stand auf, nahm seine Feldmütze ab und warf sie
dem Jungen zu. »Da hast du ein Geschenk, Kleiner.«
»Was hast du denn vor, Sligo?«
»Komm mir bloß nicht nach, du bist zu dumm.
Zwanzig Eier, und vergiß es nicht. Bis dann, auf der
10th Avenue.«
Der Junge sah ihm verständnislos nach, als er weg-
ging. Sligo näherte sich in seiner schmutzigen Hose
und mit zerrissenem Hemd langsam den Gefange-
nen, mischte sich dann unmerklich unter sie, stand
mit unbedecktem Kopf da und blickte zu dem Jun-
gen zurück.
Ein Befehl wurde zu den Wachen heruntergerufen,
und sie trieben die Gefangenen auf den Landesteg zu.
Sligos Stimme war zu hören. Er beklagte sich: »Ich
hab’ hier nichts mehr zu tun. Sie mich nicht können
stecken in diese Schiff.«
»Halt’s Maul, Itaker«, knurrte ihn eine Wache an.
»Interessiert mich nicht, ob du mal sechzehn Jahre in
Brooklyn gelebt hast. Mach, daß du den Steg rauf-
kommst.« Er stieß den sich sträubenden Sligo den
Landesteg hinauf.
Und hinten auf dem Stapel Kisten beobachtete der
Junge das alles mit Bewunderung. Er sah, wie Sligo
an das Geländer trat. Er sah, wie Sligo immer noch
protestierte und kämpfte. Er hörte, wie er schrie: »Ich
Americano, americano Soldat. Ihr mich nicht hierher
stecken können.«
Der Junge sah, wie Sligo kämpfte, und dann konn-

190
te er den endgültigen Triumph beobachten. Er sah,
wie Sligo nach der Wache schlug, und er sah, wie sich
der Knüppel der Wache hob und auf Sligos Kopf
heruntersauste. Sein Freund brach zusammen und
wurde fortgetragen, so daß er ihn nicht mehr sehen
konnte. »Dieser Teufelskerl«, murmelte der Junge vor
sich hin. »Dieser clevere Teufelskerl. Sie können ihm
überhaupt nichts anhaben, und er hat auch noch
Zeugen. Mensch, dieser Teufelskerl. Mein Gott, das
ist zwanzig Dollar wert.«
Der Junge saß lange Zeit auf den Kisten. Er verließ
seinen Platz nicht, bevor das Schiff nicht abgelegt
und die Schlepper es nicht von den Unterseebootnet-
zen weggezogen hatten. Der Junge sah, wie sich das
Schiff dem Konvoi anschloß, und er sah, wie die Zer-
störer herankamen und den Konvoi unter ihren
Schutz nahmen. Der Junge ging niedergeschlagen zur
Stadt zurück. Er kaufte eine Flasche algerischen Wein
und machte sich dann wieder auf den Weg zum
Strand, um seinen Urlaubspaß ganz zu verschlafen.

Die Kriegsgefahr durch den »Short Snorter«-Club

Irgendwo in Afrika
(Via London), 2. September 1943
Die wachsende Zahl der Mitglieder des »Short Snor-
ter«-Clubs ist eine der größten Gefahren, die sich bis-
her aus dem Krieg entwickelt haben. Die Idee war als
eine Art Scherz gedacht, zu einer Zeit, als nur sehr

191
wenige Menschen in einem Flugzeug über das Meer
flogen. Es wurde damals bei den Besatzungen der
Flugzeuge Brauch, ihren Namen auf eine Eindollar-
note zu schreiben, die den neuen Ozeanüberquerer
zu einem Mitglied machte. Er sollte diesen Geld-
schein immer bei sich tragen. Er galt als Mitglieds-
ausweis des »Short Snorter«-Clubs. Falls er je gefragt
werden würde, ob er ein »Short Snorter« sei und er
seine Banknote nicht bei sich hätte, wäre er gezwun-
gen, allen anwesenden Mitgliedern einen Dollar zu
zahlen.
Das war dann ein toller Spaß, und außerdem hatte
man immer jemanden, der die Drinks bezahlen mußte.
Aber dann kam der Krieg und mit ihm der Bau
von Tausenden von Flugzeugen und der Transport
von Tausenden von Männern nach Übersee, und je-
der einzelne wurde ein »Short Snorter«.
Mittlerweile gibt es Hunderttausende »Short Snor-
ters«, die über den Atlantik geflogen sind. Und es gibt
weiterhin Hunderttausende, die unterschriebene
Geldscheine bei sich tragen. Und der neue Typ des
»Short Snorters« geht viel weiter, als seinen Geld-
schein von der Crew unterzeichnen zu lassen, die ihn
bei seinem ersten Transatlantikflug herübergebracht
hat. Es ist jetzt Brauch, den Geldschein von jedem
unterzeichnen zu lassen, dem man über den Weg
läuft. An einer Bar bittet man seinen Trinkgenossen,
den Schein zu unterschreiben. Man bittet Generäle
und Schauspieler und Senatoren, die Banknote zu
unterschreiben.

192
Für die wachsende Anzahl von Unterschriften war
ein Geldschein bald nicht mehr groß genug. Man zog
eine weitere Banknote hervor und klebte sie mit Kle-
bestreifen an die erste. Dann wurde die Sache noch
weiter getrieben. Man begann Geldscheine aus ande-
ren Ländern zu sammeln. An die amerikanische Dol-
larnote klebte man einen englischen Ein-Pfund-
Schein, daran eine algerische Fünfzig-Franc-Note
und daran wiederum einen Hundert-Lire-Schein.
Überall, wohin man reiste, klebte man einen Geld-
schein an die wachsende Kette von »Short Snorter«-
Noten. Mittlerweile gibt es Leute, die Papierschlan-
gen von drei bis vier Meter besitzen, die gefaltet und
gerollt ein riesiges Bündel in der Tasche abgeben,
und diese Papierfahnen sind mit Tausenden Namen
bedeckt und stellen daneben noch einen beträchtli-
chen Geldbetrag dar.
Sogar das Ein-Dollar-Original verschwindet. Viele
neue »Short Snorters« benutzen Zwanzig-Dollar-
Scheine und manche sogar Hundert-Dollar-Scheine.
Das sind die neuen Autogrammhefte. Der ur-
sprüngliche Scherz ist verschwunden. In Bars, auf
Flughäfen, in Clubs ist der Austausch von Unterschrif-
ten das allererste, was getan werden muß. Ernsthafte
und intelligente Herren unterzeichnen die jeweiligen
Geldscheine absolut humorlos. Wenn die Gruppe
ziemlich groß ist, kann es unter Umständen eine
Stunde dauern, bis jeder jeden Geldschein unter-
schrieben hat. In der Zwischenzeit wird die Suppe kalt.
Es gibt Vorzugsplätze auf dem Geldschein für ver-

193
ehrte und hochgeschätzte Autogramme. Der kleine
Fleck unter Morgenthaus Namen ist ein solcher. Die
breite Stelle neben dem Porträt auf dem Schein ist
ein weiterer. Wenn man ein Autogramm bekommt,
das man anderen zeigen möchte, dann läßt man es
auf einen freien Platz schreiben, aber wenn es nur
eine der Durchschnittsunterschriften ist, dann wird
sie auf irgendeine Stelle im grünen Teil gesetzt, wo
sie kaum auffällt. Es ist eine wahnsinnige, ernste, irre
Sache. Würdevolle Männer balgen sich um Auto-
gramme auf ihren »Short Snorter«-Banknoten.
Manchmal wird sogar eine besondere Schachtel, ge-
wöhnlich aus Zellophan, mitgeführt, in der die Note
oder die lange Papierfahne aufbewahrt wird. Denn
diese Schätze werden so oft in die Hand genommen,
daß sie in Stücke fallen würden, wenn man sie nicht
schützt.
Der Aufwand an Mühe und Zeit für diese merk-
würdige Sache ist unwahrscheinlich. Unterhaltungs-
künstler, die herumreisen und unsere Truppen besu-
chen, unterzeichnen buchstäblich Tausende von
Geldscheinen. Denn mittlerweile brauchen Leute
keinen Ozean mehr zu überqueren, um Mitglied zu
werden. Nach der neuen Methode kann jeder »Short
Snorter« jede andere Person zu einem »Short Snor-
ter« ernennen. Der Club wird pyramidenförmig im-
mer größer. Wahrscheinlich gibt es jetzt zehn Millio-
nen »Short Snorters«, und jeden Tag kritzeln weitere
Tausende auf Banknoten herum. Es wäre interessant
zu wissen, wie viele Geldscheine aus dem Umlauf ge-

194
zogen werden, um als Autogrammhefte verwendet zu
werden. Die Zahl muß in die Millionen gehen.
Die Benutzung großer Geldscheine als »Short
Snorter«-Banknoten folgt einer merkwürdigen Logik.
Ob Mann oder Frau, wer eine Zwanzig- oder Hun-
dert-Dollar-Note benutzt, hat das Gefühl, daß er die-
ses Geld wegen der Unterschriften nicht ausgeben
wird, es im Notfall doch tun kann. So hat er einen
Notgroschen oder auch einen Schatz. Er wird es nicht
auf die Theke werfen oder in einem Würfelspiel ein-
setzen. Wenn er aber wirklich einmal in Schwierig-
keiten kommen sollte, dann hat er dieses Geld bei
sich.
Sehr merkwürdige Bräuche entstehen in einem
Krieg, und sicherlich ist noch keiner in letzter Zeit an
die Öffentlichkeit gedrungen, der merkwürdiger wäre
als dieser.

Der Schrottplatz

Ein nordafrikanischer Posten


(Via London), 5. September 1943
Am Rande einer nordafrikanischen Stadt gibt es ei-
nen großen Panzerfriedhof. Dort stehen nicht nur al-
te Panzer. Es ist ein gigantischer Schrottplatz, auf den
zerschossene Panzer, Lkws und Geschütze gebracht
und geparkt werden, um dann überholt zu werden.
Da sieht man Sherman’s-Panzer mit zusammenge-
schossenen Türmen und gebrochenen Ketten oder

195
mit defekten Motoren. Da finden sich Lastwagen, die
in Granatlöcher gefallen sind. Da sind Hunderte be-
schädigter Motorräder und viele funktionsunfähige
und ausgebrannte Geschütze – die Überbleibsel aus
Monaten erbitterter Kämpfe in der Wüste.
Am Rand dieses großen Friedhofs befinden sich
die Reparatur- und Umbauwerkstätten. Inspekteure
der Armee arbeiten sich durch Unmengen zerstörten
Materials. Sie sehen sich jedes einzelne Stück an und
kennzeichnen es mit einem Etikett. Vielleicht wird
dieser Panzer mit einem sauberen Durchschlag einer
deutschen 8,8 bald wieder im Kampf sein. Mit einem
Turm von dem Panzer gleich daneben, dem die Ket-
ten weggeschossen wurden. Die meisten Panzer wer-
den wieder einsatzbereit sein, aber diejenigen, die
nicht mehr zu reparieren sind, liefern immer noch
Ersatzteile für die Panzer, die funktionstüchtig sind.
Das ist wie bei den Gebrauchtwagenhändlern in ame-
rikanischen Städten, wo man zu einem geringen Preis
eine Kupplung oder ein Rad kaufen kann, damit der
Wagen wieder läuft.
Die Motoren werden aus den zerstörten Lastwagen
herausgeholt und auf die Montagebänder gelegt. Hier
werden Fahrzeuge vollständig überholt, die Zylinder
ausgeschliffen und neue Ringe eingesetzt. Tests wer-
den durchgeführt, und schließlich geht es in die Lak-
kiererei, wo die Fahrzeuge mit grüner Farbe neu ge-
spritzt werden. Gehäuse, Getriebe und Kupplungs-
scheiben werden mit Dampf gereinigt, kontrolliert
und in Behälter gelegt, um dann als Ersatzteile ver-

196
fügbar zu sein. An einer Seite des Schrottplatzes tür-
men sich reparierte Reifen auf. Hunderte Männer ar-
beiten auf diesem Schrottplatz und reparieren das
zerstörte Material.
Hier steht fast ein halber Hektar voller kaputter
kleiner Artilleriegeschütze, 20- und 37-mm-
Panzerabwehrkanonen. Mit einigen von ihnen ist so
lange gefeuert worden, bis ihre Rohre ausgebrannt
sind. Einige von ihnen haben nur einen geplatzten
Reifen oder einen verbogenen Lafettenschwanz. Die
werden ausgesondert und zur Reparatur vorbereitet.
Die Rohre werden durch neue ersetzt, und die alten
kommen zum Schrott. Wenn alle brauchbaren Teile
genutzt worden sind, bleibt immer noch ein großer
Haufen verbogenen Stahls, der nur noch als Schrott
zu brauchen ist. Aber die Schiffe, die der Armee von
zu Hause Nachschub bringen, fahren auch wieder zu-
rück. Sie werden mit diesem Schrott beladen, der für
die Herstellung von neuem Stahl für neues Kriegsge-
rät gebraucht wird.
Es ist interessant zu beobachten, wie die gleichen
Amerikaner, die ein paar Monate vorher in einer
kleinstädtischen Werkstatt an Motoren herumbastel-
ten, jetzt am Motor eines (General-)Grant-Panzers
herumfummeln. Und der Mann selbst hat sich nicht
verändert. Er ist immer noch der eifrige Mann, der
sich gut mit Motoren auskennt. Er ist nicht einmal
sonderlich anders gekleidet, denn die Drillichanzüge
sind den Overalls, die er jahrelang getragen hat, recht
ähnlich. Neben diesen Männern arbeiten die Franzo-

197
sen und Araber. Sie lernen von unseren Männern,
wie man den Maschinenpark pflegt, damit sie ihn
später benutzen können. Sie lernen schnell, aber oh-
ne viele Worte, denn die meisten unserer Männer
beherrschen die Sprache der Männer nicht, die ihnen
helfen. Es ist eine Ausbildung mittels Zeichensprache,
und das scheint sehr gut zu funktionieren.
Das zerstörte Kriegsgerät kommt in Strömen von
den Schlachtfeldern herein. Der moderne Krieg geht
mit seinem Material sehr rauh um. Während in die-
sem Krieg weniger Männer fallen, wird mehr Kriegs-
gerät denn je zerstört, denn hier kämpft eher eine
Waffe gegen die andere als ein Mann gegen den an-
deren.
Doch in den Fahrzeugen findet man viele traurige
kleine Spuren. In diesem Panzer, der von einer Gra-
nate getroffen worden ist, sieht man einen Blutsprit-
zer auf der Stahlseite des Turmes. Und in diesem
ausgebrannten Panzer ein großes Stück versengten
Stoffes und einen verkohlten und gewellten Schuh.
Das Innere der Panzer ist voll von den Spuren der
Männer, die ihn gefahren haben; gekritzelte Notizen
an den Wänden, eine Telefonnummer, die Zeich-
nung eines Profils auf der stählernen Schutzplatte.
Wahrscheinlich hat jedes einzelne Fahrzeug in der
ganzen Armee einen Namen, gewöhnlich der Name
eines Mädchens, aber manchmal auch einen trotzi-
gen Namen wie ›Hunnen-Jäger‹. Der wurde schwer
getroffen. Und da ist ein Panzer ohne Kette und ohne
den ganzen oberen Teil des Turmes, der von einer

198
schweren Granate weggeschossen worden ist, aber
vorn kann man auf dem Rand immer noch den Na-
men lesen. Er wurde ›Lucky Girl‹ genannt. Mit jedem
dieser Vehikel, die hier auf dem Schrottplatz liegen,
ist eine interessante Geschichte verbunden, aber in
vielen Fällen ist die Geschichte mit dem Fahrer und
der Besatzung gestorben.
An den Rohren der Kanonen sind kleine Etiketten
befestigt. Auf einem steht: »Der Rückstoß schlägt
seitlich aus. Macht mir verdammt Angst.« Und ein
anderes sagt: »Mit dem Ding kann man nicht mal
mehr eine Scheune treffen.« Und nach kurzer Zeit
werden diese Kanonen, funktionstüchtig und mit
Tarnfarbe gestrichen, wieder zurück auf dem Kriegs-
schauplatz sein.
Überall auf dem Schrottplatz hört man Hämmern
und das Zischen der Schweißgeräte und das Pfeifen
der Dampfleitungen. Die Männer sind bis zur Hüfte
nackt, denn sie arbeiten unter der heißen afrikani-
schen Sonne, und ihre Haut ist fast schwarz ge-
brannt. Die kleinen Kräne sausen geschäftig herum,
transportieren Ersatzteile, lagern Motoren und rei-
ßen die hoffnungslosen Fälle auseinander, um an die
noch brauchbaren Teile heranzukommen.

199
Italien

Truppenübung

Irgendwo auf einem Kriegsschauplatz


im Mittelmeerraum, 29. September 1943
Amerikanische Truppen trainierten an den Stränden
Nordafrikas für den Einsatz in Italien. An Land war
es heiß und staubig, und landeinwärts gab es eine
Menge Übungsrequisiten, mit denen die Männer ar-
beiten konnten. Da waren hölzerne Landungsboote,
in denen staubige Männer kauerten, bis auf ein Si-
gnal hin die Rampe niedergelassen wurde und sie
herausrannten und in Deckung gingen. So schnell
wie möglich an Land zu kommen und so schnell wie
möglich hinter einem Erdhügel in Deckung zu gehen,
wo dich die Maschinengewehre nicht mehr erreichen
können, ist bei einer Landung eine wichtige Sache.
Und das übten sie wieder und wieder, und anstatt
naß zu werden, wirbelten sie nur Staubwolken auf,
den leichten rötlichen Staub Afrikas, in seiner Farbe
ein wenig wie der rote Boden Georgias.
Und als die Männer gelernt hatten, herauszusprin-
gen und weiterzurennen und in Deckung zu gehen
und dann wieder vorwärts zu laufen und dabei von
den beobachtenden Offizieren so wenig wie möglich
gesehen zu werden, gingen sie zu dem Szenenaufbau
hinüber, wo sie lernen sollten, wie sie sich zu verhalten
haben, wenn sie in eine feindliche Stadt eindringen.

201
Szenenaufbauten wie diese gab es in den Holly-
wood-Studios zur Stummfilmzeit: hölzerne Fassaden
und hohe und niedrige Gebäude mit offenen Fen-
stern und schmalen Straßen. Und da lernten die
Männer, wie sie um eine Ecke kriechen und wie sie in
der Deckung von Wänden schleichen sollten. Sie
lernten mit Übungsgranaten, wie man ein Maschi-
nengewehrnest in einem Haus aushebt. Es war selt-
sam, sie proben zu sehen, als ob es sich um ein
Schauspiel handelte. Das dauerte Wochen.
Und wenn sie sich an die Methode gewöhnt hatten
und fast schon instinktiv reagierten, wurden sie
schließlich an die Küsten des Mittelmeeres gebracht,
an die langen weißen Strände, die den Stränden von
Salerno gar nicht so unähnlich waren. Das Wasser ist
dort unglaublich blau, und die Strände sind weiß.
Und das Wasser ist sehr salzig. Man treibt wie ein
Korken darauf. An den Stränden übten sie mit echten
Landebooten. Die Mannschaften fuhren auf das Meer
hinaus, machten dann kehrt und probten einen An-
sturm auf die Küste. Die eisernen Rampen polterten
herunter, die Männer rannten an Land und krochen
und schlängelten sich ihren Weg zu der Linie am
Strand hin, wo die Weinreben begannen, denn auch
in Italien gibt es Weingärten.
Wenn sie einige Zeit geübt hatten, wurde mit Ma-
schinengewehren mit scharfer Munition über ihre
Köpfe weggeschossen, aber nicht sehr hoch über ihre
Köpfe, damit sie lernten, geduckt zu bleiben.
Jetzt stürzten sie in größeren Gruppen zum

202
Strand, rannten auf die Weinreben zu, krochen
durch die Weingärten und weiter landeinwärts. Eine
verblüffende Anzahl Männer kann in einem Wein-
garten verschwinden, so daß man sie nicht mehr se-
hen kann.
Die dunklen algerischen Weintrauben waren reif,
und während sie herumkrochen, pflückten und aßen
die Männer sie, und die Fülle von GI-Ruhr nahm
drastisch zu. Trotzdem gibt es keine Möglichkeit, ei-
nen verstaubten, durstigen Mann davon abzuhalten,
reife Trauben zu essen, besonders dann, wenn sie di-
rekt über seinem Kopf hängen, während er unter ih-
nen durchkriecht.
Wieder und wieder nahmen sie diesen kleinen
Sektor ein, kletterten die Dünen hinauf und besetzten
die Höhen. Sie mußten es bei Tag lernen und üben;
der wirkliche Angriff würde in der Dunkelheit des
frühen Morgens stattfinden. Aber nachdem die tägli-
che Ausbildung beendet war, gingen die Männer an
den Strand zurück, zogen ihre Kleider aus und ver-
gnügten sich im Wasser. Das Wasser war warm und
angenehm, und das Salz biß in den Augen. Ihre Kör-
per wurden jeden Tag brauner, bis sie nur noch ein
wenig heller als die Araber aussahen.
Nachts waren sie sehr müde, und es gibt in Afrika
– schon gar nicht nach Einbruch der Dämmerung –
nicht sonderlich viel zu tun. Man mag die Araber
nicht. Sie sind das schmutzigste Volk der Welt und
auch das übelriechendste. Die ganze Landschaft
riecht nach Urin, viertausend Jahre Urin. Das ist der

203
charakteristische Geruch von Nordafrika. Den Män-
nern war nicht gestattet, in die Städte der Eingebore-
nen zu gehen, weil man sich dort eine ganze Menge
Krankheiten zuziehen konnte. Und davon abgesehen
gibt es zu viele religiöse Regeln und Vorurteile, mit
denen ein harmloser Landser in Konflikt geraten
kann. Man konnte auch nicht viel kaufen, und das,
was es zu kaufen gab, kostete zuviel. Die Preise sind
beim Eintreffen der Truppen in die Höhe geschnellt.
Die Männer schliefen in ihren Zweimannzelten,
zogen ihre Moskitonetze über sich und kratzten und
fluchten die ganze Nacht, bis sie nach einiger Zeit zu
müde zum Kratzen und Fluchen wurden und augen-
blicklich einschliefen, sobald sie sich ausgestreckt
hatten. Ihr Verstand und ihre Körper wurden einer
Maschine ähnlich. Sie redeten nicht über den Krieg.
Sie sprachen nur von zu Hause und von sauberen
Betten mit weißen Laken, und sie sprachen von Eis-
wasser und Eiskrem und Gegenden, die nicht nach
Urin rochen. Die meisten von ihnen ließen ihre
Phantasie auf Schneebänken und den Winterstürmen
in den Staaten des Mittleren Westens verweilen. Aber
der rote Staub blies über sie hinweg und verkrustete
ihre Haut, und nach einer Weile konnten sie ihn
nicht mehr abwaschen. Der Krieg hatte sich auf ihre
eigene kleine Gruppe von Männern und ihren eige-
nen Job konzentriert. Es wäre eine Lüge, andeuten zu
wollen, sie wären gerne dort. Sie wünschten alle, sie
wären irgendwo anders.

204
Irgendwo auf einem Kriegsschauplatz
im Mittelmeerraum, 1. Oktober 1943
Woche für Woche wurde die Invasion geübt und ge-
wann Schwung, je näher der Tag rückte. Landungs-
operationen und Durchbrüche, heimliches Vorrücken
und schnelle Attacken. Die ganze Sache lief nach und
nach immer schneller ab, je näher dieser Tag rückte.
Die Straßen hinter der Küste waren von hin und
her rasenden Mannschaftswagen verstopft. Die Au-
topisten waren von Lastwagen gesäumt, die mit un-
terschiedlichstem Kriegsmaterial für die Invasion Ita-
liens vollgepackt waren. Für eine moderne Armee
sind tausend Dinge notwendig, und aufgrund des
schwierig zu organisierenden Nachschubes ist eine
moderne Armee eine schwerfällige Angelegenheit.
Einmal entworfene Pläne können nicht einfach geän-
dert werden, denn bei jeder Bewegung der Kampf-
truppen laufen hinter den Linien Hunderte Bewe-
gungen parallel ab. So zum Beispiel der Transport
von Lebensmitteln und Munition und Lastwagen, die
an einem bestimmten Punkt rechtzeitig ankommen
müssen. Wenn das ganze große, schwerfällige Tier
sich nicht mit vollkommener Koordination bewegt,
ist es sehr wahrscheinlich, daß es sich überhaupt
nicht bewegen wird. Moderne Kriegführung ähnelt
dem Fließband in einer Autofabrik. Wenn ein Bolzen
in der ganzen Maschinenanlage nicht an der richti-
gen Stelle sitzt oder nicht verfügbar ist, muß das gan-
ze Fließband anhalten und auf Ersatz warten. Impro-
visation ist nicht möglich.

205
Und überall in den Übungszonen in Nordafrika
wurden die Übungen fortgesetzt, um sicherzustellen,
daß jeder Bolzen an seinem Platz ist. Die Männer
wurden auf Feldration gesetzt, um sie daran zu ge-
wöhnen. Die Feldflaschen müssen immer voll sein,
aber voll von dem schlechtschmeckenden, desinfi-
zierten Wasser, das den Mund zwar befeuchtet, aber
sonst kaum Genuß verschafft.
Während die Männer an den Stränden den letzten
Schliff bekamen, wurde das Kriegsmaterial zusam-
mengezogen. In großen Häfen, deren Namen nicht
erwähnt werden dürfen, wurden Transport- und
Landefahrzeuge aller Art konzentriert. Sie krochen an
die Piers heran und öffneten ihre Bugklappen, nah-
men Panzer und beladene Lastwagen in ihren Bauch,
glitten dann aus dem Hafen hinaus, lagen vor der
Küste vor Anker und warteten auf den Tag X und die
Stunde X, die nur sehr wenige in der gesamten Ar-
mee kannten.
Auf den Frachtern hievten Kräne vollbeladene Last-
wagen und Zweieinhalb-Tonnen-Schwimmkampfwa-
gen, die vielleicht Amerikas eigentliche Geheimwaffe
in diesem Krieg sind, an Bord. Schwimmkampfwagen
– das sind große Lastwagen, die die Strände herunter-
poltern, ins Wasser fahren und sich in Boote verwan-
deln können, oder Boote, die beladen an den Strand
kommen, herausklettern und als Lastwagen über die
staubigen Straßen fahren.
In den Häfen lagen ganze Gruppen wartender
Schiffe, Panzer- und Truppenlandungsfahrzeuge aller

206
Art. Die Landungsfahrzeuge kamen zum Strand,
spuckten ihre Ladung aus und fuhren zurück, um die
nächste zu holen. Und auf den Piers schafften arabi-
sche Arbeiter Hunderttausende von Kisten mit Kon-
servenrationen zu den Leichtern, die dann hinaus-
fuhren und die Schiffe mit Lebensmitteln für die Sol-
daten füllten. Die Flotten wuchsen an, bis sie die Hä-
fen fast verstopften.
Jetzt wußte auch der Feind, was vor sich ging. Er
mußte es einfach wissen. Die Operation war zu groß,
als daß er es nicht wissen konnte. Sie schickten ihre
Flugzeuge über den Hafen, um die sich sammelnden
Flotten zu bombardieren, und sie wurden vertrieben
und von den Beaufighters und den P-38ern vernichtet.
Sie schafften es nicht, Schaden anzurichten, denn der
Feind hatte die Luftherrschaft bereits verloren, und die
Flotten konnten schließlich in aller Ruhe laden.
Aber nachts versuchten sie immer wieder durch-
zukommen, und die Flak machte sie am Himmel aus,
wie sie es in der Geschichte am 4. Juli schon immer
getan hatten. Und die Schiffe und Küstenbatterien
bauten eine Wand von Geschossen gegen die ein-
dringenden Flugzeuge auf, so daß einige von ihnen
ihre Bomben in der offenen Landschaft abwarfen,
andere mit ihren eigenen Bomben explodierten und
wieder andere in die See stürzten. Aber sie hatten die
Luftherrschaft verloren.
Jetzt rückte der Tag X näher, und in der Kom-
mandostelle sammelten sich die Offiziere und hielten
Konferenz auf Konferenz ab, und man spürte eine

207
wachsende Spannung in der gesamten Organisation.
Stabsoffiziere stürzten zu ihren Einsatzbesprechun-
gen und eilten dann zu ihren Einheiten zurück, um
ihre Untergebenen einzuweisen. Man hätte leicht
schließen können, wie nahe der Tag X war, allein
aufgrund des Tempos. Und dann war plötzlich alles
bereit, und eine merkwürdige Ruhe breitete sich über
die ganze Invasionsstreitmacht aus.
Irgendwo wurde ein Befehl gegeben, und noch in
der Nacht bewegten sich die Schiffe auf ihre Treff-
punkte zu. Und in der Nacht kletterten endlose Rei-
hen von Männern auf die Lastwagen, und die Last-
wagen fuhren an die Piers und zu den Schiffen her-
unter. Die Männer krochen wie Ameisen an Bord
und setzten sich auf ihre Ausrüstung. Die Truppen-
schiffe bewegten sich dann zu ihrem Treffpunkt, um
dort auf den Augenblick der Abfahrt zu warten.
Es war kein Beginn mit Fanfaren und Flaggen oder
jubelnden Männern. Die Funkgeräte knisterten ihre
kodierten Funksprüche durch. Botschaften gingen
von den Funkräumen an die Brücken der Schiffe. Die
Informationen wurden an die Maschinenräume wei-
tergegeben, und die großen Konvois liefen auf die
hohe See aus.
Auf den Decks der Truppenschiffe und auf dem
flachen Boden der Landungsboote saßen die Männer
auf ihren massigen Bergen an Ausrüstung und warte-
ten. Die Lastwagenfahrer saßen in ihren Lastwagen
auf den Schiffen und warteten. Die Panzerfahrer hiel-
ten sich ganz in der Nähe ihrer eisernen Monster auf

208
und warteten. Die Schiffe begaben sich an ihre Posi-
tion in der Formation, und die Zerstörer eilten an ih-
re Positionen an den Flanken vor und hinter den
Schiffen. Außer Sichtweite durchkämmten die
Kampfschiffe den Ozean in alle Richtungen nach Un-
terseebooten, und die Horchgeräte bemühten sich,
Geräusche aufzufangen, die anzeigten, daß sich ein
stählerner Feind nähert.
Über dem Konvoi hingen die silbernen Ballons im
südlichen Sonnenlicht, Ballons, die die Stukas abhal-
ten sollten. Und dann ging die Sonne unter. Die Bal-
lons fingen die Sonne noch eine halbe Stunde auf,
nachdem sie schon hinter der Wasseroberfläche des
Meeres verschwunden war. Jetzt herrschte Funkstille,
die Dunkelheit kam, und der große Konvoi kroch auf
Italien zu. Die See war ruhig, und höchstens ein ganz
empfindlicher Magen konnte sich unwohl fühlen.
Es war kein Licht zu sehen, aber ein fahler Mond
warf ein düsteres Licht auf die Schiffe, und die lang-
samen Wellen unterbrachen den Weg des Mondes
auf dem Ozean.
Die Kampftruppen saßen auf ihrer Ausrüstung
und warteten. Das war es. Darum war es immer ge-
gangen. Deswegen hatten sie ihr Zuhause verlassen.
Deswegen hatten sie gelernt und geübt und ihr We-
sen und ihre Kleidung und ihre Gewohnheiten ganz
im Hinblick auf diesen Moment geändert. Und auch
jetzt gab es nur sehr wenige Männer, die die Stunde X
kannten.

209
Invasion

Irgendwo auf dem Kriegsschauplatz


im Mittelmeerraum, 3. Oktober 1943
Auf den eisernen Böden der Infanterie-Landungs-
boote sitzen die Männer herum, und eine Zeitlang
reden sie und lachen und machen Witze, um das
große Ereignis zu überdecken. Sie versuchen, dieses
große Ereignis als etwas Normales, etwas Gewöhnli-
ches anzusehen, als etwas ganz Alltägliches. Sie neh-
men sich gegenseitig auf den Arm, werfen sich vor,
Angst zu haben, und sprechen von Erfahrungen aus
vergangenen Tagen. Dann wird es allmählich wieder
still, und sie bleiben ruhig sitzen, weil die Bedeutung
des Ereignisses sie überwältigt hat.
Es sind unerfahrene Soldaten. Sie sind bestens vor-
bereitet, abgehärtet und ausgebildet, und es fehlt ih-
nen nur eins, um sie zu richtigen Soldaten zu ma-
chen: das Feuer des Feindes. Sie werden nie zu Solda-
ten werden, bevor sie nicht die Feuerprobe bestanden
haben. Niemand weiß, am allerwenigsten sie selbst,
was sie tun werden, wenn das Schreckliche geschieht.
Niemand weiß, ob er es aushalten kann. Niemand
weiß, ob er weglaufen oder ausharren wird, ob er die
Nerven verliert und zusammenbricht, oder ob er ein
guter Soldat sein wird. Man kann das nicht wissen,
und wahrscheinlich beunruhigt diese eine Tatsache
einen mehr als alles andere.
Und genau das unterscheidet den unerfahrenen
vom erfahrenen Soldaten. Morgen um diese Zeit

210
werden diese Männer, zumindest die, die dann noch
leben, anders sein. Dann werden sie wissen, was sie
heute nacht noch nicht wissen können. Sie werden
wissen, wie sie sich im Feuer verhalten. Eigentlich be-
steht kaum Gefahr. Sie werden gute Soldaten sein,
denn sie wissen noch nicht, daß heute der Tag vor
dem Angriff ist. Keiner kann das wohl wissen.
Im Mondlicht auf dem eisernen Deck sehen sie
einander seltsam an. Männer, die sie gut kennen und
mit denen sie gedient haben, erscheinen ihnen selt-
sam. Jeder ist mit seinen Gefühlen allein, und in ih-
ren Gedanken streifen sie über die Gesichter ihrer
Kameraden. Wer von ihnen wird morgen abend
noch leben? Ich ja, das ist sicher. Niemand wird im
Krieg getötet. Völlig unmöglich. Es würde keinen
Krieg geben, wenn man darin umkäme. Aber jeder
Mann schaut in dieser letzten Nacht im Mondlicht
die anderen merkwürdig an und sieht den Tod in ih-
ren Gesichtern. Das ist die schrecklichste Zeit über-
haupt. Diese Nacht vor dem Angriff mit den neuen
unerfahrenen Soldaten. Sie werden nie wieder so sein
wie heute.
Jeder Mann stellt sich in Gedanken vor, wie es sein
wird, aber es ist nie so, wie er es sich gedacht hat.
Wenn er sich vorstellt, wie der Angriff abläuft, ist er
allein und von allen anderen abgeschnitten. Er ist al-
lein im Mondlicht, und die vielen Männer um ihn
herum sind in diesen Augenblicken Fremde. So wird
es nicht sein. Das Feuer und die Bewegung und die
Anstrengung werden ihn zu einem Teil dieser Frem-

211
den, die jetzt um ihn herumsitzen, machen, und sie
werden ein Teil von ihm sein; aber jetzt weiß er das
noch nicht. Das ist eine schlimme Zeit, die sich nie
wiederholen soll.
Nicht einer dieser Männer wird umkommen. Das
ist unmöglich, und es ist kein Widerspruch, daß alle
von ihnen umkommen. Irgendwie ist jeder von ihnen
bereits tot. Und fast jeder hat schon seinen Brief ge-
schrieben und hat ihn irgendwo deponiert, damit er
abgeschickt werden kann, falls er umkommt. Manche
dieser Briefe sind voll von Rechtschreibfehlern, man-
che ungehobelt, manche elegant und voller Gemüts-
bewegungen, andere wieder dürftig und knapp. Alle
sagen das gleiche. Alle sagen: »Ich wünschte, ich hätte
es Dir gesagt, hab es aber doch nicht getan. Ich konn-
te es einfach nicht. Irgend etwas Unverständliches
und Dummes hat mich davon abgehalten, es Dir zu
sagen, und erst jetzt, wo es zu spät ist, kann ich es
ausdrücken. Ich habe oft daran gedacht«, sagen die
Briefe, »aber immer, wenn ich anfangen wollte, etwas
zu sagen, hat mich etwas unterbrochen. Aber jetzt
kann ich es sagen, aber es soll Dir nicht zur Last wer-
den. Ich weiß nur, daß es immer so war, nur hab ich
es nie sagen können.« In allen Briefen ist das die Bot-
schaft. Die aufgestaute Zurückhaltung fällt in den
letzten Briefen weg. So steht es in Briefen an Frauen
und Mütter und Schwestern und Väter und, so groß
ist das Verlangen, ein Teil von jemandem gewesen zu
sein, manchmal auch in Briefen an gar nicht so nahe-
stehende Personen.

212
Die großen Schiffe gleiten durch die Nacht, die sie
jetzt schützend deckt, und die Maschinen machen
keinen Lärm. Befehle werden mit leiser Stimme gege-
ben, und die Unterhaltung ist gedämpft. Irgendwo
vor ihnen wartet der Feind, und auch er ist ruhig.
Weiß er, daß wir kommen, und weiß er, wann und in
welcher Stärke? Liegt er schon kampfbereit mit sei-
nen Maschinengewehren in Deckung und hat seine
Granatwerfer an den Küsten und seine Artillerie in
den Hügeln in Stellung gebracht? Hat er Angst, oder
ist er zuversichtlich?
Die Offiziere kennen jetzt die Stunde X. Der Mond
geht unter. Stunde X ist um 3.30 Uhr, gleich nachdem
der Mond untergegangen ist und die Küsten dunkel
sind. Vielleicht kann der Feind den Konvoi mit Fern-
gläsern gegen den untergehenden Mond ausmachen,
aber vor uns liegt nur dunstiges, perlenähnliches
Grau. Der Mond geht im Meer unter, und Schiffe,
die die ganze Zeit neben dir und überall um dich
herum gewesen sind, verschwinden in der Dunkel-
heit, und nur die winzigen Positionslichter zeigen an,
wo sie sich befinden.
Die Männer, die auf Deck sitzen, verschwinden in
der Dunkelheit und der Stille, und ein Mann fängt an,
leise zu pfeifen, nur um sicher zu sein, daß er da ist.

Irgendwo auf dem Kriegsschauplatz


des Mittelmeerraumes, 4. Oktober 1943
Bei Salerno gibt es einen guten Strand, und eine
sehr gute Landung am Roten Strand Nr. 2. Die

213
Schwimmkampfwagen kamen beladen an den Strand,
kämpften sich aus dem Wasser heraus und schlossen
sich einer Reihe Lastwagen an. Die Ponton-
Landungsbrücken lagen draußen im Wasser, und gro-
ße Landefahrzeuge hatten angelegt. Am Strand entlang
waren die Bulldozer an der Arbeit und schoben Sand-
rampen zusammen, so daß die Lastwagen an Land
fahren konnten, und direkt hinter dem Strandstreifen
sah man die weißen Bänder, die anzeigten, daß die
Landminen noch nicht entfernt worden waren.
Es gibt kleine Büsche auf den Sanddünen am Roten
Strand, südlich des Flusses Sele, und in einem Loch
im Sand, das durch Sandsäcke abgestützt wurde, saß
ein Soldat mit einem lederüberzogenen Stahltelefon
neben sich. Er hatte sein Hemd ausgezogen, und sein
Rücken war vor lauter Sonnenbrand dunkel. Sein
Helm lag auf dem Boden des Loches, und sein Ge-
wehr hatte er auf einen kleinen Busch gelegt, damit
kein Sand hineingeriet. Der Soldat hatte ein kleines
Schutzdach aufgebaut, das ihn vor der Sonne schüt-
zen sollte, und er hatte als Tarnung Büsche darauf ge-
legt. Neben ihm standen ein Wasserbehälter und eine
leere Verpflegungsdose, um daraus zu trinken.
Der Soldat sagte: »Sicher können Sie was zu trin-
ken haben. Hier. Ich gieße Ihnen etwas ein.« Er füllte
etwas Wasser aus dem Behälter in den Blechbecher.
»Ich würde Ihnen nur ungern beschreiben, wie das
schmeckt«, sagte er.
Ich nahm einen Schluck. »Na, stimmt’s nicht?«
sagte er.

214
»Stimmt absolut«, sagte ich Oben auf den Hügeln
donnerten die 8,8er los, und die kleinen Explosionen
wirbelten Sand auf. Das Gesicht des Soldaten hatte
Streifen, wo der Schweiß durch den Staub herunter-
gelaufen war, und sein Haar und seine Augenbrauen
waren von der Sonne fast weiß gebrannt. Aber um
ihn herrschte eine Art von Fröhlichkeit. Sein Telefon
summte, er nahm ab und sagte: »Ist noch nicht ge-
kommen, Sir. Nein, Sir, ich werd’s ihm sagen.« Dann
legte er auf.
»Wann sind Sie an Land gekommen?« fragte er.
Und dann, ohne auf eine Antwort zu warten, fuhr er
fort: »Ich bin gestern kurz vor dem Morgengrauen an
Land gekrochen. Ich war nicht der allererste, aber mit
Sicherheit der zweite.« Er schien sehr froh darüber zu
sein. »Es war die Hölle«, sagte er, »es war die blutige
Hölle.« Er schien Genugtuung zu empfinden wegen
der Hölle, die es gewesen war, und das stimmte auch.
Die große Frage war für ihn gelöst worden. Er war
unter Beschuß gewesen. Jetzt wußte er, was er unter
Beschuß tun konnte. Er würde nie wieder dieser Un-
sicherheit ausgesetzt sein. »Ich war ziemlich nah dar-
an«, sagte er und wies auf zwei wundervolle griechi-
sche Tempel etwa eine Meile entfernt. »Und dann hat
man mich für die Kommunikation im Küstenbereich
zurückgeschickt. Wann sagten Sie, sind Sie an Land
gekommen?« Und wieder wartete er nicht auf die
Antwort.
»Es war so dunkel wie die Hölle«, sagte er, »und
wir warteten hier draußen.« Er wies auf die See, wo

215
die riesige Zahl der Invasionsschiffe wartete. »Wir
waren ja verrückt zu glauben, wir könnten uns an
Land schleichen«, sagte er. »Die warteten schon auf
uns. Die wußten genau, wo wir landen. Die hatten
Maschinengewehre in den Sanddünen und 8,8er auf
den Hügeln.
Wir waren da draußen, alle in ein Infanterie-
Landungsfahrzeug gestopft, und dann brach die Höl-
le los. Der Himmel war voller Leuchtgeschosse, die
alles hell erleuchteten, die Leuchtspurgeschosse zogen
im Zickzack dahin, und der Lärm – wir konnten
beobachten, wie der Angriff anlief, und dann lief ei-
nes der Boote auf eine Brandungsmine und ging
hoch, und in dem Licht konnte man sehen, wie sie in
der Luft herumflogen. Ich konnte sehen, wie die Boo-
te landeten, wie die Jungs herausrannten und auf den
Strand krochen. Dann waren da auch noch eine
Menge weißer Linien, und einige der Kameraden
torkelten herum und brachen dann zusammen, und
einige schlugen auf den Strand.
Es sah nicht aus, als ob Männer getötet wurden,
sondern eher wie ein Bild, wie ein Film. Wir saßen da
oben ziemlich dicht zusammengedrängt, und dann
kapierte ich plötzlich, daß das kein Film war. Das wa-
ren Jungs, die wild zusammengeschossen wurden,
und dann bekam ich so etwas wie Angst, aber vor al-
lem wollte ich mich bewegen. Ich mochte es nicht, da
zusammengepfercht zu sitzen, wo man nicht weg-
kommen oder sich nicht dicht auf den Boden drük-
ken konnte.

216
Nun, das Feuer hörte auf, und dann wurde es pech-
schwarz, obwohl es auch heller wurde, aber die 8,8er
blinkten auf den Hügeln fast wie Signale, und die
Granaten explodierten überall um uns herum. Sie
hatten viele 8,8er, und sie schossen auf alles. Ich be-
kam gerade richtige Angst, als wir den Befehl erhiel-
ten, an Land zu gehen. Bei Gott, das war die längste
Reise, die ich je unternommen habe, diese Meile bis
zum Strand. Ich dachte, wir kämen nie an. Ich hatte
mir vorgestellt, ich würde mich nach der Landung
eingraben und aus dem Weg sein. Aber hier waren
einfach zu viele auf diesem Landungsboot. Ich wollte
Platz haben. Dieses Boot, das auf die Mine gefahren
war, brannte immer noch, als wir an ihm vorbeifuh-
ren. Dann setzten wir am Strand auf, und die Rampen
gingen runter, und ich stand bis zur Hüfte im Wasser.
Sobald ich am Strand war, fühlte ich mich besser.
Es schien nicht so, als ob jeder auf mich schießen
würde. Ich rannte bis zu einer Buschreihe und warf
mich dort zu Boden, und ein Kamerad warf sich di-
rekt neben mir hin, und dann fühlten wir uns ein
bißchen komisch. Wir standen auf und rannten wei-
ter. Haben nichts zueinander gesagt, sind nur weiter-
gerannt. Das Tageslicht zog zu dieser Zeit gerade auf,
und das Mündungsfeuer der Gewehre war nicht
mehr so hell. Ich fühlte mich ein bißchen, als ob ich
betrunken wäre. Der Boden hob und senkte sich un-
ter meinen Füßen, und ich war wie betäubt. Ich
nehme an, das war so wegen der Explosionen. Meine
Ohren sind noch nicht so gut. Ich vermute, wir ha-

217
ben uns zu weit raufgemacht, weil man uns hierher
zurückgeschickt hat.« Er lachte laut. »Ich hätte direkt
weiter nach Rom gehen können, wenn mich niemand
zurückgeschickt hätte. Ich würde sagen, ich hätte di-
rekt diesen Hügel hinaufgehen können.«
Die Kreuzer eröffneten das Feuer auf die Hügel,
und die 8,8er feuerten zurück. Von drüben in der
Nähe des Hügels drang das schwere Trommelfeuer
eines Kaliber-59-Maschinengewehrs herüber. Der
Soldat fühlte sich ziemlich gut. Jetzt wußte er, was er
tun konnte. Er sagte: »Wann, sagten Sie noch, sind
Sie an Land gegangen?«

Kriegsschauplatz
im Mittelmeerraum, 6. Oktober 1943
Man kann nicht viel von der Schlacht beobachten.
Diese Gemälde in den Geschichtsbüchern, die lange
Reihen marschierender Truppen zeigen, sind entwe-
der idealisiert, oder aber die Zeiten und Schlachten
haben sich geändert. Die Darstellung der gestrigen
Schlacht in den Morgenzeitungen stammt nicht vom
Korrespondenten selbst, sondern wurde aus Berich-
ten zusammengestellt.
Was der Korrespondent wirklich sah, war Staub,
das gefährliche Explodieren von Granaten, niedrige
Büsche und zerrissene Gräben. Er lag auf dem Bauch,
wenn er klug genug war, und beobachtete Ameisen,
wie sie zwischen kleinen Stöckchen auf der Sanddüne
herumliefen, und seine Nase war so dicht an den
Ameisen, daß ihr Zug dadurch behindert wurde.

218
Dann sah er einen Vormarsch. Nicht gerade Linien
von Männern, die in Kanonenfeuer hineinmarschier-
ten, sondern kleine Gruppen, die wie Krabben von
kleinen Deckungen hier zu kleinen Deckungsmög-
lichkeiten da krochen, während das helle Rattern der
Maschinengewehre und das tiefe Bollern der Gra-
natwerfer zu hören war.
Vielleicht rannte der Korrespondent mit ihnen
und warf sich wieder zu Boden. Sein Bericht wird
von Schlachtplänen und Taktik handeln, von gewon-
nenem und verlorenem Terrain, von Attacke und
Gegenangriff. Aber das hier sind wahrscheinlich ein
paar der Dinge, die er wirklich sah:
Er hat vielleicht den Spritzer Dreck und Staub gese-
hen, der eine Granatexplosion ist, und ein kleines ita-
lienisches Mädchen auf der Straße, dessen Bauch weg-
geschossen worden war. Er hat vielleicht einen ameri-
kanischen Soldaten gesehen, wie er sich über einen
zuckenden Körper beugte und weinte. Er sah wahr-
scheinlich viele tote Maultiere, die auf der Seite lagen
und zu Brei reduziert waren. Er sah die Trümmer von
Häusern mit zerrissenen Betten, die wie Fetzen aus
den Löchern in einer Mauer hingen. Da waren rote
Karren und die Fahrzeuge von Flüchtlingen, die nicht
angesprungen waren und die es deshalb nicht geschafft
hatten, noch rechtzeitig wegzukommen.
Die Krankenträger kamen von der Front zurück,
gingen in ungleichem Schritt, damit ihre Last nicht
zu sehr erschüttert würde, und das Blut tropfte von
der Leinwand. Und auf den Tragen lagen Brüder wie

219
auch Feinde, wenn sie verletzt waren. Und dann noch
die Verletzten, die mit zerschmetterten Armen und
bandagierten Köpfen zurückkamen, die marschie-
renden Verwundeten, die sich unter Schmerzen nach
hinten kämpften.
Er würde das scharfe Pulver in der Luft gerochen
haben und den heißen Blutgeruch, wenn es einen
harten Kampf gegeben hatte. Beißender Staub würde
in seine Nase steigen, und der üble Geruch von Män-
nern und Tieren, die gestern und tags zuvor schon
getötet worden waren. Dann wird ein ganzes Gebäu-
de in die Luft gejagt, und ein erdiger, saurer Geruch
dringt aus seinen Wänden. Er wird seinen eigenen
Schweiß riechen und den Schweiß einer ganzen Ar-
mee. Wenn seine Kehle trocken ist, wird er das war-
me Wasser aus seiner Feldflasche trinken, das nach
Desinfektionsmittel schmeckt.
Während der Korrespondent für euch von Vor-
märschen und Rückzügen schreibt, wird seine Haut
wund von den wollenen Kleidern, die er seit drei Ta-
gen nicht ausgezogen hat. Und seine Füße sind heiß
und schmutzig und geschwollen, weil er seit Tagen
seine Schuhe schon nicht mehr ausziehen konnte.
Die Moskitobisse der vergangenen Nacht und die
Bisse der Sandfliegen von heute werden ihn plagen.
Vielleicht leidet er auch ein bißchen am Pappataci-
fieber und sein Kopf pocht und seine Sicht ist durch
einen roten Schleier getrübt. Sein Kopf schmerzt viel-
leicht von der Hitze, und seine Augen brennen vom
Staub. Das Knie, das er sich verstaucht hat, als er an

220
den Strand sprang, wird steif werden und schmerzen,
aber es ist keine Wunde und kann nicht behandelt
werden.
»Die 5. Armee ist zwei Kilometer weiter vorge-
rückt«, wird er schreiben, während die Lastwagenko-
lonnen die Straße zu tiefem Staub zermahlen und die
Lastwagenfahrer tief über ihre Steuerräder gekauert
sind. Und rechts neben der Straße graben Bestat-
tungskommandos Löcher in das sandige Erdreich.
Die Leichen liegen wirr und unförmig auf dem Bo-
den herum. Bevor man sie in die Sandlöcher legt,
wird der zweite Teil der »Erkennungsmarke« abge-
nommen, damit man weiß, der Mann mit dieser Er-
kennungs-Nummer ist tot, nicht mehr im Dienst der
Armee.
Das sind die Dinge, die er sieht, während er von
Taktiken und Strategien schreibt und Generäle nennt
und in seinen Berichten Helden auszeichnet. Aus sei-
ner Tasche nimmt er eine stark gewachste Schachtel.
Das ist sein Essen. Darin sind zwei kleine Pakete mit
harten Keksen, die nach Hundekuchen schmecken.
Dazu noch eine Büchse Käse und eine Rolle Vitamin-
bonbons, ein kleiner Beutel mit Zitronenpulver, da-
mit das Wasser aus der Feldflasche nicht ganz so ekel-
haft schmeckt, und eine kleine Packung Zigaretten.
Das ist sein Essen, und es wird ihn mehrere Stun-
den auf den Beinen halten und seinen Magen arbei-
ten und sein Herz schlagen lassen. Und wenn die
Kampftruppen weitermarschiert sind, während er
ißt, werden eventuell schmutzige Kinder wie auf-

221
dringliche Insekten zu ihm hinkriechen, geduckt und
mit fliegenumrandeten Nasen schnüffeln. Diese Kin-
der werden um einen Keks und ein Vitaminbonbon
betteln. Sie werden nach Süßigkeiten betteln: »Cara-
mela – caramela – caramela – okay, okay, danke, good-
bye.« Und wenn er einem der Kinder Bonbons gibt,
kommen wie aus dem Boden weitere schmutzige
Kinder gekrochen, die alle schrill um Süßigkeiten
betteln: »Caramela – caramela.« Der Korrespondent
wird das Communiqué zur Hand nehmen und den
Morgenbericht für euch auf einer knirschenden, ver-
staubten Reiseschreibmaschine abfassen: »General
Clarks 5. Armee rückte gestern gegen starkes feindli-
ches Feuer zwei Kilometer weiter.«

Irgendwo auf einem Kriegsschauplatz


im Mittelmeerraum, 8. Oktober 1943
Die Invasion und Einnahme des Küstenstreifens bei
Salerno war sehr hart gewesen. Die Deutschen hatten
auf uns gewartet. Ihre 8,8er befanden sich auf den
umgebenden Hügeln und ihre Maschinengewehre in
den Sanddünen. Ihre Minen schwammen in der
Brandung, und sie saßen dort und warteten auf uns.
Es gab keinen Weg. Die Deutschen mußten zurück-
geworfen werden. Aber eine Zeitlang sah es aus, als
ob wir zurückgeworfen würden. Doch allmählich än-
derte sich das Bild durch das Feuer der Marine, das
entschlossene Aushalten der bis vor kurzem noch
unerfahrenen Soldaten und das Eintreffen unserer
Reserveeinheiten von See her. Jetzt liegt die Invasi-

222
onsflotte ziemlich sicher vor der Küste, und der
Strand ist fest in unserer Hand.
Die See ist während des ganzen Unternehmens ru-
hig gewesen. Ein Sturm hätte es schwieriger gemacht,
aber das Meer war nett zu uns. Es ist so glatt wie Sei-
de und viele Kilometer lang mit kleinen Verpfle-
gungsdosen übersät, die auf dem Wasser treiben und
in der Sonne glitzern. Das Wasser glänzt ölig, und
überall treiben die Trümmer und der ganze Abfall
unserer riesigen Flotte: Kisten, Dosen, Flaschen und
der Unrat, den der Mensch nun eben gerne einfach
wegwirft.
In der Nähe der Küste feuern die Kreuzer und
Schlachtschiffe weiter, aber jetzt sind ihre Kanonen
höher gerichtet, und sie feuern über die Berge hinweg
auf Ziele, die von der Küste aus nicht zu sehen sind.
Das Kommandoschiff liegt geschützt in der Mitte
der Invasionsflotte. Es ist ein schwimmender Sender.
Von diesem Schiff sind alle Befehle ausgegangen, und
bei ihm sind auch alle Meldungen eingegangen. Der
gesamte Stab ist todmüde. Der Verlauf des Gesche-
hens war nicht wie sonst üblich. Das Kommando-
schiff war ständig beschossen worden. Die Besatzung
ist in vierundzwanzig Stunden alle dreißig Minuten
in Alarmbereitschaft versetzt worden. Das Signalhorn
wird geblasen, und dann ertönt über Lautsprecher
die Pfeife des Bootsmanns und dann das krachende
Horn, das die Männer auf Gefechtsstation ruft. Dann
legten müde Stabsoffiziere ihre Helme und ihre Ret-
tungsgürtel ab und machten sich auf den Weg auf das

223
Deck zu den ihnen zugewiesenen Stellungen, wäh-
rend die Bomben niederfielen und das Wasser in die
Luft jagten.
Nur wenige deutsche Flugzeuge schafften es durch
dieses Abwehrfeuer, aber einige schafften es eben
doch, und fast alle waren hinter dem Kommando-
schiff her. Sie deckten das Ziel mit ihren Bomben ein.
Es hat Fehltreffer gegeben, die so nahe am Ziel vor-
beigingen, daß sie das Schiff im Wasser hin und her
stießen und seine Panzerung nur wie durch ein
Wunder standhielt.
Und das dauerte vier lange Tage. Niemand konnte
schlafen. Und was das Ganze noch schlimmer mach-
te: die deutschen Flugzeuge sprachen miteinander
über Funk und machten sich nicht einmal die Mühe,
ihre Gespräche zu verschlüsseln. Sie suchten dieses
besondere Schiff und zielten darauf. Sie wußten, sie
konnten mit diesem Schiff vielleicht das Hirn der
ganzen Operation ausschalten.
An Bord befinden sich sehr müde Oberste und
Generäle, die auf den Befehl warten, an Land zu ge-
hen und dort eine Kommandozentrale zu errichten.
Sie werden sich viel besser fühlen, wenn sie an Land
sind. Es ist keine angenehme Sache, an Bord des
Hauptziels innerhalb der Flotte zu sein. Das Kom-
mandoschiff ist jedoch nicht getroffen worden. An-
dere Schiffe im Umkreis sind bombardiert worden,
aber nicht das Kommandoschiff. Man hatte an Bord
das Gefühl, daß alles an einem seidenen Faden hing
und der nächste Angriff sein Ziel erreichen würde.

224
In der Zwischenzeit verbreitet sich der Abfall in
kleinen Strömungen auf der See. In einem Abschnitt
von tausend Meilen werden noch Verpflegungsdosen
angeschwemmt werden. Der Abfall wird die Küsten
Italiens bedecken.
Was das Leben des Kommandoschiffes noch le-
bendiger gemacht hat, ist die Tatsache, daß die Deut-
schen eine neue Bombe haben. So lautet jedenfalls
das Gerücht. Diese Bombe wird abgeworfen und
dann vom Flugzeug aus gesteuert. Sie wird per Funk
gelenkt, und wenn sie das Ziel zu verfehlen scheint,
wird sie vom Flugzeug dirigiert, so sagt man zumin-
dest. Und sicherlich reagieren diese Bomben nicht so
wie andere. Sie kommen langsamer runter, und sie
glühen, während sie fallen, mit einer Leuchtkraft, die
man sogar bei Tageslicht noch sehen kann.
Wenn das rote Signal für einen Luftangriff gegeben
wird, bewegen sich die Zerstörer in Kreisen und bla-
sen Nebelschwaden ab. Die kleinen Nebelwerfer flit-
zen zwischen den großen Schiffen herum und ziehen
weiße, stickige Nebelschleier hinter sich her, die nach
Schwefel riechen. Die kleinen Boote fahren hin und
her, bis sie die Flotte mit ihrem künstlichen Nebel
bedeckt haben. Das Geräusch des Hustens ist ohren-
betäubend; zumindest, bis das Flakfeuer einsetzt.
Und dann hört man durch den Nebel die dumpfen
Explosionen der Bomben. Nichts klingt auch nur im
entferntesten wie diese Bomben. Und der Druck ih-
rer Explosionen dringt durch das Wasser und trifft
auf das Schiff. Man kann es unter den Füßen spüren.

225
Die endlosen Reihen von Landefahrzeugen, die
den Nachschub für die Männer transportieren, die in
den Büschen in den vordersten Linien liegen, gehen
an Land: Kisten mit Lebensmitteln und Tonnen von
Granaten und Patronen. Eine Unmenge an Nach-
schub säumt die Küste und wartet darauf, in das
Landesinnere gebracht zu werden.
Und die Frontlinie hat sich nach vorne verscho-
ben. Der Strand ist jetzt eingenommen, und die Inva-
sion läuft weiter. Die weißen Lazarettschiffe bewegen
sich zum Strand, um ihre Ladung aufzunehmen.

Palermo

Irgendwo auf einem Kriegsschauplatz


im Mittelmeerraum, 10. Oktober 1943
Die See vor Sizilien rollte in langen, glatten Wellen
ohne Gischt. Der Tag war strahlend schön und das
Meer von diesem mediterranen Blau, das sich von je-
dem anderen Blau auf der Welt unterscheidet. Das
Schnellboot stieß hart durchs Wasser, hinterließ da-
bei eine große schäumende Spur und bekam sogar
noch ein bißchen vom geringen Seegang über den
Bug ab. Es ist das nasseste Boot von allen, das Torpe-
doboot. Die Crew kauerte sich in ihrem Gummizeug
auf Deck und versuchte, sich von den ständigen
Gischtspritzern fernzuhalten. Auf beiden Seiten der
Brücke saßen die Maschinengewehrschützen auf ih-
ren Positionen in den Gefechtstürmen hinter ihren

226
Gewehren, und das Wasser glänzte auf ihren Gesich-
tern. Die Munitionskisten der Kaliber-50-Granaten
waren grün vor lauter Meerwasser.
Rechts neben dem Boot trieb ein Körper im Was-
ser und hob und senkte sich mit den langen Wellen.
Er war ziemlich angeschwollen, der braune Rettungs-
gurt und der Rettungskragen ließen ihn hoch auf
dem Wasser treiben.
Der Kapitän war in einen Schwimmanzug geklei-
det und barfuß. Der 1. Offizier hatte einen Gummi-
mantel an, aber seine Hose war aufgerollt, und auch
seine Füße waren nackt. Die beiden blickten über das
Torpedorohr an der Backbordseite auf den treiben-
den Körper.
»Sollen wir mal rüber und ihn uns ansehen?« sagte
der 1. Offizier.
»Nein, so wie der aussieht, hat das keinen Zweck«,
sagte der Kapitän. »Davon abgesehen müssen wir un-
seren Zeitplan einhalten.«
Der 1. Offizier sagte: »Ich finde, das ist das Einsam-
ste, was es gibt. Ein Körper, der in der See treibt. Ich
wüßte nichts sonst, was so einsam aussieht.«
Der Kapitän ließ das Torpedorohr los, wandte sich
um und hielt sich an dem Geländer hinter dem Ge-
schützturm an der Backbordseite fest. »Bevor Sie auf
das Boot kamen, hatte ich einen, der machte mich
ganz verrückt«, sagte er. Er begann ganz abrupt seine
Geschichte.
»Nachdem Palermo gefallen war«, sagte er, »dau-
erte es eine Nacht und den Teil eines Tages, bevor die

227
Siebte Armee zur Stadt vordrang. Ich war mit fünf
anderen Schnellbooten auf Streifenfahrt, und wir
hatten plötzlich eine Idee, und da wir sowieso in der
Nachbarschaft waren, haben wir mal reingesehen. Sie
wissen, wie Palermo aussieht. Dieser hohe, großartige
Berg gleich neben der Stadt und die verrückten Lich-
ter, die da erscheinen, und dann liegt die Stadt da
verstreut an seinem Fuß. Sie sieht so aus, als ob
Odysseus sie gerade erst verlassen hätte. Man kann
wirklich verstehen, was Vergil meinte, wenn man die-
sen Berg, diese ganze nördliche Küste Siziliens be-
trachtet. Er riecht geradezu nach Klassikern.
Jedenfalls war es ziemlich spät an einem Nachmit-
tag, als wir uns der Stadt näherten, gleich neben der
Mole herankrochen und uns in den Hafen einschli-
chen. Wir waren darauf vorbereitet, sofort abzuhau-
en, falls jemand auf uns schießen sollte, aber nichts
geschah. Wir kamen in den Hafen, und der war wirk-
lich in Stücke geschossen worden. Überall gesunkene
Schiffe und verformte Kräne und ein kleiner italieni-
scher Zerstörer, der auf der Seite lag. Die Luftwaffe
hat dort an der Küste wirklich ganze Arbeit geleistet.
Gebäude und Docks und die gesamte Anlage und alle
Schiffe zu Schrott geschossen. Der Traum eines jeden
Schrotthändlers! Ich erinnere mich, daß auf dem
Wasser eine Ölschicht von den versenkten Schiffen
war und eine tote Frau in der öligen Brühe trieb, mit
dem Gesicht nach unten, mit fächerförmig ausgebrei-
tetem Haar. Sie bewegte sich in unserem Kielwasser
auf und ab.

228
Zuerst«, sagte der Kapitän, »wußte ich nicht, wo-
her das merkwürdige Gefühl kam, aber dann wurde
es mir klar. Am Strand war niemand zu sehen. Stellen
Sie sich eine in Trümmern liegende Stadt vor, nun,
da stochert gewöhnlich immer einer irgendwo her-
um. Hier aber nicht. Ich hatte Lust, an Land zu ge-
hen. Deshalb legten der 1. Offizier und ich zwischen
zwei zerschossenen Fischerbooten an, nahmen uns
jeder eine Maschinenpistole, machten das Boot fest
und sprangen an Land.
Es ist irgendwie schwer vorstellbar. Palermo ist ei-
ne ziemlich große Stadt. Mit Ausnahme des Hafens
und des Küstenstreifens hatten unsere Bomber sie
nicht sehr beschädigt. Oh, es gab natürlich ein paar
Trümmer, aber das war nicht so wild. Ich sage Ihnen,
in der ganzen Stadt war keine einzige Seele. Die Be-
völkerung war sofort in die Hügel gezogen, und die
Truppen waren noch nicht da. Es war einfach nie-
mand da.
Man konnte eine Straße hinaufgehen, wo die gro-
ßen Häuser waren, und die Türen standen offen und
– niemand war da. Ich sah eine Katze, die über die
Straße lief – eine weiße Katze, aber das war das einzi-
ge Lebewesen.
Sie kennen diese kleinen, bunten Karren, die die Si-
zilianer haben, auf deren Seiten Bilder aufgemalt sind?
Nun, von denen lagen ein paar auf der Seite, und die
Esel, die sie gezogen hatten, lagen auch da – tot.
Der 1. Offizier und ich gingen in die Stadt. Manch-
mal kam mir der Gedanke, in eins der Häuser zu ge-

229
hen, nur um mir anzusehen, wie es drinnen aussah,
aber ich konnte nicht. Es war still, kein Lüftchen regte
sich, die Türen waren offen, und ich konnte mich ein-
fach nicht überwinden, in eins dieser Häuser zu gehen.
Wir waren eine ziemliche Strecke in die Stadt ge-
gangen, weiter, als wir dachten, und es begann dun-
kel zu werden. Keiner von uns hatte daran gedacht,
eine Taschenlampe mitzunehmen. Nun, als wir er-
kannten, daß es dunkel wurde, sind wir wohl beide –
ohne jeden Grund, wie ich glaube – in Panik geraten.
Wir begannen, zum Hafen zurückzugehen, und wir
gingen immer schneller und schneller, und schließ-
lich fingen wir an zu laufen.
Da war irgend etwas an dieser Stadt, das uns nach
Einbruch der Dunkelheit wegtrieb. Die offenen Tü-
ren waren bereits schwarz und warfen tiefe Schatten.
Wir trotteten durch die engen Straßen, und dann
dachte ich – es ist niemand da, aber wenn ich jetzt
jemanden sähe, würde ich Angst kriegen. Es wird
sehr schnell dunkel da unten. Es war stockfinster in
den engen Gassen, aber man konnte über den Häu-
sern noch Licht sehen.
Schließlich rannten wir wirklich, und als wir am
Dock ankamen und über die Wracks kletterten,
keuchten wir. Der 1. Offizier sagte zu mir: ›Man hätte
sich da drinnen verirren können und wäre die ganze
Nacht nicht rausgekommen.‹ Er wußte, wir hatten
Angst gehabt, und ich wußte es auch.«
Ein starker Gischtspritzer kam über den Bug des
Schnellbootes und traf ihn im Gesicht.

230
»Das hat mich verrückt gemacht«, sagte der Kapi-
tän. »Ich glaube, davor hatte ich mehr Angst als vor
sonst etwas seit langer Zeit. Ich habe noch oft daran
gedacht, und ein- oder zweimal habe ich davon ge-
träumt. Wenn ich so daran denke, war die ganze Sa-
che sowieso wie ein Traum, angefangen mit dieser
toten Frau bis zum Schluß. Aber wenn ich je aus-
drücken müßte, wie es ist, einsam zu sein und Panik
zu empfinden, dann glaube ich, würde ich sofort dar-
an denken.«

Souvenir

Irgendwo auf dem Kriegsschauplatz


im Mittelmeerraum, 12. Oktober 1943
Man sagt, und das mit gewissem Recht, daß die Ame-
rikaner um Souvenirs kämpfen, während die Deut-
schen um die Weltherrschaft kämpfen und die Eng-
länder für die Verteidigung Englands. Das ist viel-
leicht nicht der letzte, entscheidende Grund für unse-
re Landser, aber er hilft. Man schätzt, daß zwei
Divisionen amerikanischer Truppen die Große Py-
ramide innerhalb von vierundzwanzig Stunden
Stückchen für Stückchen wegtragen könnten. Der
Autor hat selbst Zweimannzelte gesehen, die bis ans
obere Spannseil mit fast wertlosen Erinnerungsstük-
ken an die Orte vollgestopft waren, die die Soldaten
eingenommen hatten. In dunklen Hinterzimmern
von Häusern in Algerien und Palermo und Messina

231
und mittlerweile auch in Salerno ist man fleißig da-
bei, kleine Stückchen farbigen Tuches und Zelluloid
zu irgendwelchen Kinkerlitzchen zu verarbeiten, die
man an Soldaten verkaufen kann.
Ein Soldat hat sich in Palermo mit der Statue eines
Gipsengels, die einen halben Zentner wog, dahinge-
schleppt. Sie war blau und rosa gestrichen, und auf
ihrem Sockel stand in Goldbuchstaben »Balcome too
Palermo«. Man wird nie erfahren, wie er diese Statue
eigentlich nach Hause schaffen wollte. Wenn all die
Souvenirs, die von unseren Truppen gesammelt wer-
den, je in die Häuser in Amerika gelangen, wird kein
Platz mehr zum Wohnen sein. Das Postamt in einem
Stützpunkt in Afrika hielt vor kurzem ein gefühlvol-
les Geschenk auf, das ein Soldat seiner Frau schicken
wollte. Es war ein hochgeschätzter Besitz, und er hat-
te es für tausend Francs von einem Goum gekauft. Es
bestand aus einem Literglas mit Fingern, die in Bran-
dy eingelegt waren.
Es ist berichtet worden, daß die griechischen Tem-
pel bei Salerno in zwei Wochen mehr gelitten haben
als in dreitausend Jahren, weil amerikanische Solda-
ten ständig kleine Steine als Souvenir abgeschlagen
haben. Und obwohl sie jahrhundertelang die zerstö-
rerische Wut von Eindringlingen überlebt haben, ist
nicht zu erwarten, daß sie das bewundernde Souve-
nirsammeln unserer Truppen aushalten, die nur ih-
rer kleinen Frau zu Hause ein kleines Steinchen
schicken wollen.
Wahre Souvenirjagd hat ihre Gesetze. Die sind

232
nicht auf eine Jagdgruppe anwendbar, die einen Kon-
zertflügel Stück für Stück über Tausende von Meilen
transportierte. Und auch nicht auf die Swingband ei-
ner Bombergruppe, die einen lädierten Kontrabaß
rettete und ihn mit Flugzeug-Reparaturmaterial in-
stand setzte, bis der Klangkörper zehn Zentimeter
dick war. Echtes Souvenirsammeln konzentriert sich
nur auf Dinge, die unmöglich noch zu gebrauchen
sind und zu groß oder zu zerbrechlich sind, um sie
nach Hause zu bringen.
Der wahrscheinlich größte Souvenirsammler die-
ses ganzen Krieges ist ein Obergefreiter, der namen-
los bleiben muß, allgemein aber Bugs genannt wird.
Als die Schlacht von Gela auf Sizilien abflaute, sto-
cherte Bugs gerade in den Trümmern herum, als er
einen Spiegel sah – aber einen Spiegel, der ihn ver-
blüffte. Er hatte das Bombardement und den Granat-
beschuß auf wunderbare Weise überstanden, eine
Tatsache, die Bugs sehr in Erstaunen versetzte. Der
Spiegel war 1,84 auf 1,20 Meter, und er steckte in ei-
nem Rahmen aus geschnitztem und bemaltem Holz
mit Hunderten kleinen Amoretten, die sich um ein
langes blaues Band balgten, das ganz beiläufig die
Blößen aller Amoretten abdeckte. Das ganze Stück
muß ungefähr fünfundsiebzig Pfund gewogen haben,
und es war so schön, daß es Bugs Herz brach. Er
konnte den Spiegel einfach nicht zurücklassen.
Bugs war wahrscheinlich der härteste Kämpfer im
Krieg auf ganz Sizilien, denn er trug den Spiegel den
ganzen Weg auf seinem Rücken. Wenn das Granat-

233
feuer schlimm war, legte er den Spiegel mit dem Ge-
sicht nach unten und bedeckte ihn mit Erde. Beim
Vorrücken ließ er ihn zurück und kam immer in der
Nacht zurück, um ihn zu holen, obwohl er dadurch
doppelt so viel marschieren mußte wie die anderen
Männer seiner Truppe.
Schließlich fertigte Bugs eine Art Schlinge, so daß
er während des Vorwärtsrückens wie ein angreifendes
Anschlagbrett aussah. Allmählich widmete er einen
großen Teil seines Lebens der Pflege, dem Transport
und dem Schutz des größten Souvenirs in der ganzen
Siebten Armee. Als er schließlich in Palermo einmar-
schierte, tat er das voller Triumph, denn sein Spiegel
war völlig unbeschädigt. Nur der Rahmen war vom
Herumtragen ein bißchen mitgenommen.
Nun wurde Bugs zum ersten Mal in einem Haus
einquartiert; eines jener großen Häuser mit eisernen
Balkongeländern und engen Treppen. Bugs versuchte
vergeblich, den Spiegel um eine Ecke des engen Trep-
penhauses zu manövrieren. Er holte schließlich ein Seil,
band ein Ende an den Balkon, ging zurück auf die Stra-
ße und band das andere an seinen Spiegel. Dann ging er
zurück und zog ihn bis zum zweiten Stock hoch, wo er
einquartiert war. Dort musterte er das Zimmer und
entschied sich, wo er seinen Spiegel aufhängen wollte.
Er schlug einen Nagel in die Wand, hing den Spiegel auf
und trat einen Schritt zurück, um ihn zu bewundern.
Und er war gerade weit genug zurückgetreten, als der
Nagel herausriß und die ganze Sache herunterkrachte
und in Millionen Stückchen zerbrach.

234
Bugs betrachtete das Durcheinander traurig, aber
dann ergriff ihn die wunderbare Windei-Philosophie
des Souvenirsammlers. Er sagte: »Na ja, vielleicht
hätte er sowieso nicht in unsere Wohnung gepaßt.«

Willkommen

Irgendwo auf dem Kriegsschauplatz


im Mittelmeerraum, 14. Oktober 1943
Das italienische Volk begrüßt vielleicht einrückende
amerikanische und britische Truppen in verschiede-
nen Teilen des Landes recht unterschiedlich, aber
immer mit einer Begeisterung, die an Gewalttätigkeit
grenzt. Es macht die Soldaten zuerst etwas unsicher,
bis sie sich daran gewöhnt haben. Riesige Men-
schenmengen stehen auf den Bürgersteigen, wenn die
Truppen vorbeimarschieren, und applaudieren ein-
fach, wie bei einer Darbietung. Dann gehen die
Truppen sehr steif und sie lächeln unsicher, halb Sol-
daten und halb Schauspieler.
Aber dieses Klatschen ist noch das Harmloseste.
Die Soldaten werden noch verlegener, wenn sie von
italienischen Männern förmlich mit Umarmungen
erdrückt werden, die auch noch große nasse Küsse
auf ihre Wangen drücken und ein bißchen dabei
weinen. Die Soldaten wollen sie nicht gern wegsto-
ßen, aber sie sind es nicht gewöhnt, von Männern
geküßt zu werden, also erröten sie und suchen so
schnell wie möglich das Weite.

235
Eine dritte Art, Begeisterung zu zeigen, besteht
darin, irgendwelche Früchte oder Gemüse auf die Be-
satzungstruppen zu werfen. In Sizilien waren die
Trauben reif, und mancher Soldat bekam mit einer
schweren Traube, die ihm mit der besten Absicht zu-
geworfen wurde, einen tüchtigen Schlag ins Gesicht.
Der Saft lief ihnen innen im Hemd herunter, und
nach einem Marsch durch ein paar Straßenzüge wa-
ren die Truppen so ziemlich von Traubensaft durch-
tränkt, der zufällig auch die Fliegen anzieht, und da-
gegen kann man nichts machen. Man kann diesen
Enthusiasmus nicht unterbinden und sie dazu brin-
gen, keine Trauben zu werfen.
Eine der lächerlichsten und auch gefährlichsten
Eroberungen war jedoch die Belagerung und Ein-
nahme der Insel Ischia. Dort dachten die Leute, als
sie nach einem Tribut an Gemüse oder Blumen such-
ten, daß die rosa Amaryllis die auffallendste und
protzigste Blume sei. Das ist an sich schon keine an-
genehme Blume, aber in den Händen einer begeister-
ten italienischen Menschenmenge kann sie fast zu ei-
ner tödlichen Waffe werden.
Ein mittelgroßer Bund Amaryllis mit den großen,
dicken Stielen kann vier Pfund wiegen. Während ei-
ner kurzen Fahrt durch die Straßen der Stadt Ischia
wurden einige Soldaten mit diesen Blumen fast zu
Tode geschlagen. Und ein Marineoffizier wurde von
einem wohlgezielten Strauß dieser schrecklichen
Blumen glatt aus seinem Wagen geschleudert. Seine
Freunde schlugen ihn für das Verwundetenabzeichen

236
»Purple Heart« vor und schrieben einen Bericht über
seine Tapferkeit im Kampf. »Unter einem tödlichen
Hagel von Amaryllis«, stand in dem Bericht, »kämpfte
Korvettenkapitän Soundso seinen Weg durch die
Straßen – trotz der Verwundung durch diese neue ge-
heime Waffe.« Man konnte leicht von einem Gegner
umgebracht werden, der mit Amaryllis bewaffnet war.
Der Druck, der auf den Italienern lastete, muß
enorm gewesen sein. Sie schienen ihre Beherrschung
zu verlieren, als der Krieg für sie nun wirklich und
wahrhaftig zu Ende war. In Gruppen standen sie ein-
fach da und weinten – Männer, Frauen und Kinder.
Sie wollten verzweifelt etwas für die Truppen tun und
hatten nicht viel. Wein, Blumen, irgendein kleines
Geschenk. Sie liefen in die Kirchen und beteten, und
dann eilten sie vor Angst, sie könnten etwas verpas-
sen, zurück, um weitere Truppenverbände zu beob-
achten. Die italienischen Soldaten in Italien hatten
augenblicklich auf den Befehl reagiert, ihre Waffen
abzuliefern. Sie stapelten ihre Gewehre so schnell in
den Straßen auf, daß man den Eindruck hatte, sie sei-
en sehr erleichtert, die verdammten Dinger endlich
los zu werden.
Aber was immer auch die faschistische Regierung
zu verantworten hat, es ist im Augenblick offensicht-
lich, daß die kleinen italienischen Leute nie unsere
Feinde gewesen sind. Ganze Städte könnten nicht so
handeln, wenn sie es nicht ehrlich meinten. Aber in
fast jeder Gemeinde findet man einen dicken und
aalglatten Mann, manchmal einen Oberst, manchmal

237
einen Mann aus der Verwaltung. Hin und wieder
trägt einer von ihnen den Silberdolch mit der Gold-
spitze auf der Scheide, was bedeutet, daß er einer war,
der mit Mussolini nach Rom marschiert ist.
In einem Land, das lange Hunger litt, ist dieser
Mann wohlgenährt und schön gekleidet. Er hat auf
Kosten dieser Leute gelebt, seit der Faschismus hier-
her kam, und es ist ihm selbst nicht schlecht gegan-
gen. Bei der Kapitulation einer Gemeinde ist er ge-
wöhnlich der erste, der sich anbietet, um bei der
Verwaltung zu helfen. Er wird alles tun, um zu hel-
fen, wenn er nur seine Schmiergelder und seine
Macht behalten kann.
Man kann nur hoffen, daß ihm nie gestattet wird,
zu helfen oder in seiner Position zu bleiben. Ja, unse-
re Kommandeure werden gewöhnlich sogar von Ab-
ordnungen der Stadtbewohner und der Bauern be-
sucht, die darum bitten, daß die örtlichen Faschisten
entfernt und unter Kontrolle gehalten werden.
Sie wissen, daß er sich an ihnen rächen wird, falls
er je wieder an die Macht kommen sollte. Sie hassen
ihn und wollen ihn los sein. Und wenn man sie fragt,
ob sie Faschisten waren, antworten die meisten Ita-
liener: »Sicher, entweder man war Faschist, oder man
bekam keine Arbeit, und wenn man nicht arbeitete,
hungerte die Familie.« Und ob das nun wahr ist oder
nicht, sie scheinen es ernsthaft zu glauben.
Als die Eroberung Italiens den Stiefel hinauf ihren
Fortgang nimmt, ändern sich die Früchte. Einige Sol-
daten haben bereits eine schlimme Vorahnung wegen

238
der Kohlanbaugebiete und der Kartoffelernte, falls
auch diese Feldfrüchte als geworfene Beweise der
Liebe und Bewunderung benutzt werden sollten.

Die Dame packt

Irgendwo auf dem Kriegsschauplatz


des Mittelmeerraumes, 15. Oktober 1943
Es gibt eine kleine Insel dicht am Festland in der Nä-
he von Neapel, auf der sich eine sehr große Torpedo-
fabrik befindet, eine der größten Italiens. Als Italien
kapitulierte, besetzten die Deutschen die Insel, ver-
minten sie sorgfältig und führten die Detonationska-
bel unter Wasser bis zum Mutterland, so daß sie die
Torpedofabrik in die Luft jagen konnten, falls sie er-
obert würde. Die Deutschen ließen ein paar schwer-
bewaffnete Wachen und außerdem einen italieni-
schen Admiral und seine Frau als Geiseln bei den
Sprengsätzen zurück, die überall auf der kleinen Insel
verteilt waren.
Da bekam ein kleiner anglo-amerikanischer Mari-
neverband einen merkwürdigen Befehl. Ein einzelnes
Torpedoboot sollte einige britische Kommandosol-
daten aufnehmen, die heimlich an Land gehen, die
Kabel zum Festland durchschneiden, die deutschen
Wachen töten und den italienischen Admiral und
seine Frau evakuieren sollten.
Das ausgewählte Boot war ein Torpedoboot. Es lag
nachmittags am Pier und wartete auf die Einheit, die

239
an Bord kommen sollte. Die gefeierten Soldaten, die-
se »großmäuligen Teufelskerle«, ließen sich Zeit. Ja,
sie trafen fast in der Abenddämmerung ein, fünf an
der Zahl, was für sie schon eine große militärische
Streitmacht darstellt. Und es waren sehr merkwürdi-
ge Männer.
Es waren kleine, müde aussehende Männer, die
Kellner oder Gepäckträger auf einem Bahnhof hätten
sein können. Ihre Rücken waren etwas gebeugt und
ihre Knie knorrig, und sie hatten einen schleppenden
Gang. Ihre Schuhe mit den dicken Gummisohlen sa-
hen aus, als wären sie viel zu groß. Sie trugen ausge-
blichene kurze Hosen und offene Hemden, und jeder
hatte einen altmodischen Revolver und ein langes,
tückisches Messer bei sich. Ihr Anführer sah wie eine
müde und verdrießliche Maus aus, die mehr als alles
andere auf der Welt zu einem sicheren Job in einem
Versicherungsbüro zurückkehren will, in der Gewiß-
heit, daß die Pension nicht gefährdet ist.
Diese fünf Gestalten watschelten an Bord und
gingen sofort unter Deck, um sich eine Tasse Tee
und ein Stück von dem Kuchen zu holen, der ein
bißchen nach Fisch schmeckte. Sie saßen traurig in
der winzigen Offiziersmesse, träumten über ihrem
Tee und kratzten die Moskitostiche an ihren knorri-
gen Knien.
Als es dunkel war, schlich das Torpedoboot vom
Dock auf die See hinaus und auf die Insel zu. Der
Mond schien sehr hell, das mußte man berücksichti-
gen. Man war aber der Ansicht, die Aktion wäre in

240
dem diffusen Licht leichter durchzuführen. Die Mo-
toren waren in ihrer Lautstärke gedämpft worden,
und das kleine, aber antriebsstarke Boot zog ruhig
durch eine glatte, mondbeschienene See.
Auf Deck war das Gummiboot, das die Nahkampf-
spezialisten an Land bringen sollte, schon aufgebla-
sen und bereit. Die Geschützbesatzung saß still auf
ihren Gefechtsständen. Kurz vor Mitternacht drehte
das Boot bei, denn die schwarzen Umrisse der Insel
waren nicht mehr weit entfernt. Dann kam das
Kommando die Kajüttreppe heraufgestolpert und
stand an Deck herum. Der Kapitän des Torpedoboo-
tes sagte: »Sie kennen jetzt alle Pläne – schneiden Sie
die Drähte durch, töten Sie wenn möglich die Wa-
chen, und bringen Sie den Admiral und seine Frau
raus. Wie lange, glauben Sie, wird das dauern?«
Der Anführer des Kommandos überlegte sich die
Sache und tippte sich leicht mit den Fingern auf die
Lippen. »Wir müßten in einer Stunde zurück sein«,
sagte er schließlich.
»Eine Stunde? Wieso, das kann doch nicht so lange
dauern. Wenn Sie so lange brauchen, werden Sie es
überhaupt nicht schaffen.«
»Na, die Sache mit den Wachen und den Dräh-
ten«, erklärte der Kommandoführer, »das wird nicht
lange dauern.«
»Aber was denn?« fragte der Kapitän.
»Nun, die Frau des Admirals wird Zeit zum Pak-
ken brauchen. Sie weiß ja nicht, daß wir kommen.
Sie wird ihre Sachen nicht fertig haben.« Und damit

241
hoben sie das Gummiboot über die Seite und paddel-
ten leise weg.
Eine Stunde lang lag das Torpedoboot im Mond-
licht und wartete. Die Soldaten behielten die dunkle
Insel scharf im Auge, und nichts passierte. Es fielen
keine Schüsse, und es waren keine Lichter auf der
verdunkelten Insel zu sehen. Sie sah wie tot aus und
lag still im dunstigen Mondlicht.
Zehn Minuten bevor die volle Stunde vorbei war,
begann der Kapitän, jede halbe Minute auf die Uhr
zu sehen. Er murmelte dabei etwas von Schnell-
bootpatrouillen und der Notwendigkeit, sein Schiff
nicht für irgendeinen Unsinn in Gefahr zu bringen.
Wenn an Land irgendwelche Aktivitäten auszu-
machen gewesen wären, hätte er zumindest gewußt,
daß dort irgendwelche Kampfhandlungen im Gange
wären.
Fünf Minuten vor Ablauf der Stunde zeigte sich
eine große Gestalt auf dem Wasser. Weil im Prinzip
alles gefährlich ist, drehten die Kanoniere ihre Ma-
schinengewehre in die Richtung und warteten darauf,
daß die Gestalt sich zu erkennen gab. Sie kam näher
und entpuppte sich als das Schlauchboot. Es legte
sanft an der Seite des Torpedoboots an, und man half
einer kleinen, schlanken Frau über die Bordwand
und dann einem ziemlich untersetzten Admiral, der
einen schönen Mantel trug, obgleich die Nacht warm
war. Diese Gestalten gingen sofort unter Deck, aber
der Führer des Kommandos sagte: »Bert, du fährst
mit mir zurück.« Drei der Männer kletterten an Bord

242
des Torpedoboots, und das Schlauchboot stieß wie-
der ab und bewegte sich auf die Insel zu.
Die drei Kommandomitglieder standen müde auf
Deck herum. Der Kapitän des Torpedoboots war un-
geduldig. »Ist der Auftrag durchgeführt?« fragte er.
»Ja, Sir, es waren acht Wachen da, nicht sieben.«
»Sie haben Sie nicht getötet?«
»Nein, Sir.«
Die Augen des Kapitäns wanderten schnell zu dem
langen, dünnen Messer am Gürtel des Mannes, und
das Kommandomitglied fingerte nervös, fast ent-
schuldigend, an dem Stahlgriff herum.
»Warum sind sie wieder zurückgefahren?«
»Der Schrankkoffer der Dame, Sir. Wir konnten
ihn nicht in das Boot bekommen. Es war nicht mehr
genug Platz da. Sie sind zurückgefahren, um den
Koffer zu holen. Ein ziemlich großer Koffer. Diese
altmodische Art mit einem Buckel drauf, wissen Sie.«
Der Kapitän stützte die Hände in die Hüften und
betrachtete den kleinen Mann.
»Sir?« begann das Kommandomitglied.
»Ja, ich weiß. Und ich wünschte, wir hätten Bier,
aber wir haben keins.«
Er rief leise die Treppe hinunter: »Joel, Joel, stell
Wasser auf. Hier werden gleich fünf Leute einen Tee
wollen.«

243
Capri

Irgendwo auf einem Kriegsschauplatz


im Mittelmeerraum, 18. Oktober 1943
Am Tag nachdem die Insel Capri eingenommen wor-
den war und bevor irgendeiner der Admiräle und
Generäle es für nötig befunden hatte, die Verteidi-
gungsanlagen der felsigen Klippen und die gefährli-
chen Weinkeller zu inspizieren, schlenderte eine
Gruppe von Soldaten von einem Zerstörer über ei-
nen der wunderschönen, von Bäumen gesäumten
Pfade. Auch sie inspizierten die Verteidigungsanla-
gen, die der Insel und ihre eigenen, und sie fanden,
daß es ihren eigenen an Verteidigungskraft fehlte.
Der Hügel war steil, und diesseits und jenseits des
Weges lagen Gärten.
Als sie so herumschlenderten, hörten sie plötzlich
eine schrille, schwache Stimme, die von einem mit
Wein überwachsenen Bogen neben dem Weg kam.
»Also wirklich!« sagte die Stimme.
Die Marinesoldaten blickten über die niedrige
Mauer und sahen eine kleine alte Frau – eine sehr
kleine Frau – in Schwarz gekleidet, die unter den
Weinreben hervorgeklettert kam und hurtig die Stu-
fen hinaufeilte. Sie war völlig außer Atem.
»Ich hoffe, ich störe Sie nicht«, keuchte sie. »Es
war sehr schön, Englisch zu hören. Ich bin nämlich
Engländerin, wissen Sie.«
Sie hielt einen Moment inne, um diese kolossale
Tatsache wirken zu lassen. Sie war in dezentes

244
Schwarz gekleidet, das sie noch älter machte. Sie hat-
te nie das geringste Zugeständnis an Italien gemacht.
Ihre Kleidung hätte ihr selbst noch in Finchley Ehre
gemacht und sie vor Aufsehen geschützt.
Ihre Augen tanzten vor Freude – weise, kleine,
humorvolle Augen. »Man spricht hier Italienisch«,
sagte sie fröhlich, und es war offensichtlich, daß sie es
nicht tat, wenn sie es vermeiden konnte. »Und dann
kamen die Deutschen«, sagte sie, »und ich habe nicht
mehr viel Englisch gehört. Das ist der Grund, wes-
halb ich Sie nur gerne sprechen hören würde. Ich
mag Amerikaner«, erklärte sie, und man konnte er-
kennen, daß sie bereit war, jede Kritik an dieser Ein-
stellung hinzunehmen. »Ich habe schon lange kein
Englisch mehr gehört. Die Deutschen kamen – aber
das habe ich ja schon gesagt, nicht? Nun, wie dem
auch sei: Der Krieg kam, und ich konnte nicht weg,
und das ist doch schon drei Jahre her. Und wissen
Sie, daß es schon ein Jahr her ist, daß ich eine Tasse
Tee bekommen habe, mehr als ein Jahr … Sie werden
es wohl nicht glauben.«
Der Fernmeldeoffizier sagte: »Wir haben Tee an
Bord. Ich könnte Ihnen heute nachmittag ein Päck-
chen bringen.«
Die kleine Frau hüpfte wie ein Kind von einem
Fuß auf den anderen. »Nei-Nei-Nei-Nein«, sagte sie
aufgeregt. »Ach, wie schön, wie schön.«
Der Fernmeldeoffizier sagte: »Gibt es sonst noch
etwas, was Sie brauchen? Vielleicht kann ich Ihnen
das auch mitbringen?«

245
Einen Augenblick lang betrachteten ihn die alten,
fröhlichen Augen und schätzten ihn ein. »Sie könnten
nicht …« begann sie und hielt dann inne. »Sie könn-
ten mir nicht ein kleines Stück … Butter bringen?«
»Aber klar kann ich das«, sagte der Fernmeldeoffi-
zier.
»Nei-ei-ein«, sagte sie und fing an, wie ein Kind zu
tanzen, das »Himmel und Hölle« spielt. Sie hielt ei-
nen Finger hoch. »Wenn Sie mir ein kleines Stück
Butter bringen, werde ich ein bißchen Teegebäck
machen, richtiges Teegebäck, und wir werden eine
Party feiern. Das wäre doch ein Spaß, oder? Wäre das
nicht lustig?«
Sie tanzte vor Aufregung. »Stellen Sie sich das nur
mal vor«, sagte sie.
»Ich bringe es Ihnen heute nachmittag«, sagte der
Fernmeldeoffizier.
»Wissen Sie, ich bin hier gefangen worden, und
dann kamen die Deutschen. Sie haben mir eigentlich
nichts Böses getan. Sie waren nur einfach hier«, sagte
sie ernsthaft. »Meine ganze Familie lebt in Australien.
In England habe ich keine Angehörigen mehr.« Ihre
alten Augen wurden ohne Übergang traurig. »Ich
weiß nicht, wie es ihnen geht«, sagte sie. »In drei Jah-
ren habe ich nur zwei Briefe von ihnen bekommen.
Es dauert fast ein Jahr, bis man einen Brief be-
kommt.«
»Wenn Sie einen Brief schreiben wollen, werde ich
ihn abholen, wenn ich die Butter und den Tee bringe,
und ihn im ersten Hafen abschicken.«

246
Sie sah ihn ernst an. »Und wie lange wird der brau-
chen, um nach Australien zu kommen?« fragte sie.
»Oh, ich weiß nicht. Vielleicht ein paar Wochen.«
»Nei-ei-ein«, rief sie und begann wieder mit klei-
nen zierlichen Tanzschritten zu tanzen, indem sie ihre
Arme etwas anhob und ihre Handgelenke nach unten
bog. Ihre schrille schwache Vogelstimme lachte, und
ihre blassen alten Augen waren feucht. »Wirklich«,
rief sie. »O Gott, das ist noch schöner als der Tee.«

Seekrieg

Irgendwo auf einem Kriegsschauplatz


im Mittelmeerraum, 19. Oktober 1943
Die Pläne für den Kampfverband X waren fast vollstän-
dig. In einem Restaurant in einer nordafrikanischen
Stadt tranken die Offiziere Kaffee. Der große Nervöse,
ein Korvettenkapitän und Minenfachmann für Kon-
taktminen, Magnetminen und Erschütterungsminen,
die durch Vibration von Schiffsmotoren zum Explodie-
ren gebracht werden, lehnte sich über den Tisch.
»Ich habe immer den Eindruck, daß die Kriegfüh-
rung auf See viel mit Kammermusik gemeinsam hat«,
sagte er. »Kaliber-30-MGs, das sind die Violinen, die
Fünfziger sind die Violas, und die 15-Zentimeter-
Kanonen sind echte Cellos.«
Er sah ein bißchen traurig aus. »Ich habe nie Ka-
nonen zum Komponieren gehabt. Ich habe nie Bässe
zur Verfügung gehabt.« Er lehnte sich in seinem Stuhl

247
zurück. »Das Komponieren von Kammermusik ist
ziemlich das gleiche wie ein guterdachtes und gutge-
plantes Seegefecht. Zerstörer raus, nun, das ist nur die
Einführung in das Thema, ein Tarnangriff und die
Vorbereitung für den großen Einsatz der Schlacht-
schiffe.« Er lehnte sich weiter zurück, kippte seinen
Stuhl gegen die Wand und rastete seine Absätze auf
der unteren Verstrebung ein.
Ein Leutnant lachte. »So redet er immer. Wenn er
nicht so viel über Minen wüßte, würden wir glauben,
er wäre verrückt.«
»Sie sind noch nicht in der Schlacht gewesen, in
einem richtigen Seegefecht, und Sie haben keine Ah-
nung von Kammermusik«, sagte der Korvettenkapi-
tän. »Heute nacht zeige ich Ihnen was, wenn Sie mit
mir gehen.« Der Jeep fuhr durch die Verdunkelung.
Die Straßen der Stadt waren mit Militärfahrzeugen
und schwerer Ausrüstung gesäumt; alles bewegte sich
auf den Hafen zu, wo die Schiffe für Italien beladen
wurden. Der Jeep, der sich gegen die Verkehrsrich-
tung durchkämpfte, fuhr den Hügel hoch, über die
Steigung und auf der anderen Seite hinunter in das
Tal – ein Tal, wo einmal Weingärten und kleine
Landhäuser gewesen waren. Aber jetzt war es ein rie-
siges Lagergelände für Munition und Lastwagen und
Panzer, die geparkt oder gestapelt darauf warteten, an
Bord der Schiffe nach Italien gebracht zu werden.
Der Mond beleuchtete die Materialmassen, die zum
Kriegseinsatz bereit waren.
»Wohin bringen Sie uns?« fragte der Leutnant.

248
»Sie werden schon sehen. Nur Geduld.«
Der Jeep fuhr an eine sehr helle Wand heran, die
sich weit in die Ferne erstreckte und in der perlenhaf-
ten Unbestimmtheit des Mondlichts verschwand. Ein
hohes Tor aus eisernen Stangen und Spitzen öffnete
sich in der Wand. Der Korvettenkapitän ging zum
Tor und zog an einem Seil, das dort hing, und eine
kleine Glocke erklang leise. Einen Augenblick später
erschien eine weißgekleidete Gestalt am Tor, ein
Mann mit einem langen, dunklen Bart.
»Ja?« fragte er leise.
»Dürfen wir hereinkommen?« fragte der Korvet-
tenkapitän. »Dürfen wir zur Abendandacht herein-
kommen?«
»Ja, natürlich«, sagte der Bruder. Er zog an dem
einen Flügel des Tores, und die Angeln quietschten
ein wenig.
Jenseits der Mauer lag ein wundervoller Garten im
Mondlicht. Nirgendwo Kriegsmaterial. Alles war
draußen geblieben mit Ausnahme der Blumen und
dem Geräusch von fließendem Wasser und den
mächtigen Konturen einer Kirche vor dem leuchten-
den Himmel. Der Leutnant sagte: »Sie sprechen sehr
gut Englisch.«
»Natürlich«, sagte der Bruder. »Ich bin in Massa-
chusetts geboren.«
»Sie sind Amerikaner?«
»Wir kommen von überall her. Wir haben Deut-
sche und Franzosen und sogar einen Chinesen. Auch
ein paar Russen.«

249
Die Gruppe ging langsam den Weg hinauf und
kam an einen kleinen Springbrunnen, der das Ge-
räusch des fließenden Wassers verursachte und der
heißen Nacht einen kühlen Hauch verlieh. »Die An-
dacht hat bereits begonnen«, sagte der Bruder. »Ge-
hen Sie leise.«
Der Weg führte an Wänden von blühenden Bü-
schen vorbei, dann zwei Stufen hoch in eine dunkle
Eingangshalle und schließlich durch den Eingang in
einen Raum, der einem vertraut erschien und doch
fremdartig war. Jenseits des Geländers lag unten das
Hauptschiff der Kirche. Man konnte es nicht sehen,
denn es brannte nur eine einzige Kerze, und sie ließ
die Höhe und Größe der Kirche lediglich ahnen. Sie
beleuchtete nur eine Ecke und einen Bogen und ei-
nen goldenen Punkt, und das Vorstellungsvermögen
mußte den Rest ergänzen. Unten saßen, gerade noch
sichtbar, die Reihen der weißgekleideten Brüder. Und
dann drang der sanfte Klang ihrer Stimmen zu ihnen
hoch und schwoll an. Sie sangen die uralte Musik, die
körperlose und leidenschaftslose Musik, von der Mo-
zart sagte, er hätte lieber einen dieser Gesänge ge-
schrieben als alle seine eigenen. Der Abendgesang
stieg höher und höher, das Düstere der Bögen über
ihnen. Der große, unbestimmte Raum schwoll an
und pulsierte von dem Klang, der dann erstarb und
in eine einzelne Stimme überging. Dann fielen die
anderen wieder ein, und die Kerzenflamme zuckte an
ihrem Docht.
Das Geräusch der Lastwagen und Halbkettenfahr-

250
zeuge und das Rasseln der Panzer drang schwach aus
der Ferne, und die Musik stieg zu einem hohen Ton
an und hörte dann auf. Die Reihen weißer Gestalten
gingen langsam hinaus, und eine Hand wurde im
Kerzenlicht sichtbar und drückte die Flamme aus.

Der Jeep fuhr in die Stadt zurück, und dieses Mal


fuhr er sehr langsam, denn er war zwischen einem
Waffenfahrzeug und einem Mannschaftsfahrzeug
eingekeilt, der mit schläfrigen, aufrechten Soldaten
besetzt war, die schwankten, wenn der Mannschafts-
wagen über eine Unebenheit fuhr.
Der Leutnant war sehr still. Ein gewisser Zwiespalt
machte ihm Kummer. Er sagte: »Der Übergang von
einer Situation zur anderen ging zu schnell. Man hat-
te keine Zeit, sich daran zu gewöhnen. An solche Sa-
chen müßte man sich langsam gewöhnen können.«
»Es gab eigentlich keinen Übergang«, sagte der
Korvettenkapitän. »Ich habe immer schon den Ein-
druck gehabt, die Kriegführung auf See sei wie
Kammermusik komponiert. Es gab keinen Übergang.
Sie haben nur zwei Seiten der gleichen Sache gesehen.
Man kann keine isolierten Erfahrungen machen. Sie
beziehen sich gerade so aufeinander wie die Streich-
instrumente in einem Quartett. Vielleicht verstehen
Sie das in ein oder zwei Tagen, wenn wir in den
Kampf eingreifen. Sie sind noch nicht im Kampf ge-
wesen, oder?«

251
Der besorgte Barmixer

Irgendwo auf dem Kriegsschauplatz


im Mittelmeerraum, 20. Oktober 1943
Als unsere kleine amerikanische Streitmacht die Insel
Capri ohne den geringsten Widerstand eingenom-
men hatte, war es nur natürlich, daß wir früher oder
später Luigi, den Barmixer, kennenlernen würden.
Luigi hatte über den ganzen Krieg hinweg seine Liebe
zu den Amerikanern warmgehalten, die – wie er of-
fen zugab – auf der Erinnerung an die Trinkgelder
beruhte, wenn in besseren Zeiten amerikanische
Touristen nach Capri kamen, um in der Blauen Grot-
te und im roten Wein zu baden. Als die Marinesolda-
ten und Offiziere der kleinen Streitmacht die Vertei-
digungsanlagen von Luigis Bar inspizierten und sie
für hervorragend befanden, war Luigi freundlich,
aber traurig. Er sprach das Englisch, das wir kennen,
das Englisch der Bananen-Schubkarren und der Piz-
zerias, der Spaghetti-Lokale und der Leierkasten-
männer. Luigis Dialekt klang wie zu Hause.
Luigi war munter, aber traurig. Seine Freude ebbte
gewöhnlich schnell ab und verflüchtigte sich. Eines
Nachmittags, nachdem jeder von uns versucht hatte,
sich an einen Mann namens Giuseppe Marinari aus
Gary, Indiana, zu erinnern, der ein Cousin Luigis
dritten Grades war, fragten wir ihn nach dem Grund
seiner Traurigkeit. Und erst zu diesem Zeitpunkt
sprach er offen über seine Schwierigkeiten.
Es schien, als habe Luigi eine Tochter und als er-

252
wartete er außerdem noch ein Enkelkind. Aber diese
Tochter und das erwartete Kind befanden sich jen-
seits des kleinen Wasserstreifens in Castellamare.
Und was noch schlimmer war, die Deutschen kamen
Castellamare immer näher, und unsere Streitmacht
dort war nicht groß genug, um sie entweder zurück-
zuwerfen oder ihren Vormarsch aufzuhalten. Folglich
erschien es als sehr wahrscheinlich, daß Luigis Toch-
ter ihr Kind in einem Granattrichter im Licht von
Leuchtgeschossen und niedergehenden Fallschirm-
leuchtkugeln zur Welt bringen und die Geburt wo-
möglich durch Bombenexplosionen beschleunigt
würde. Luigi war beunruhigt und aufgeregt, weil er,
wie er erklärte, keine anderen Töchter oder Enkel-
kinder hatte. Das sei aufgrund unglücklicher Um-
stände oder körperlicher Gebrechen sein einziges
Küken, und der Grund dafür sei nur Gott bekannt.
Und während uns Luigi sein Leid klagte, schenkte er
auch schottischen Whisky aus, der die ganze Zeit, seit
der Krieg ausgebrochen war, in der Erde hinter seiner
Bar vergraben gelegen hatte.
Als sie zum Schiff zurückging, konnte die kleine
Gruppe die Traurigkeit nicht mehr loswerden, mit
der Luigi sie angesteckt hatte. »Was würdest du sa-
gen, wenn das deiner Familie passieren würde?« frag-
te Leutnant Blank. »Und man kann sogar bis nach
Castellamare hinübersehen.«
In dieser Stimmung besuchte die Gruppe den
Kommodore in der Offiziersmesse seines Flaggschif-
fes. Sie erzählten ihm ihre Geschichte, und der

253
Kommodore blickte sie über seine Kaffeetasse hinweg
ernst an. Seine sehr ruhigen blauen Augen begannen
vor Belustigung richtig zu strahlen. »Was soll ich
denn tun?« fragte er, »Castellamare angreifen?«
»Nein, Sir«, sagte Leutnant Blank. »Aber wir haben
doch sechs eroberte italienische Schnellboote. Wie
wäre es, wenn wir eins davon nehmen und mal
schnell rüberfahren und sie holen? Das würde nur ei-
ne Stunde dauern, oder sogar noch weniger.«
»Angenommen, Sie verlieren das Boot oder wer-
den getötet?«
»Das passiert schon nicht, Sir. Wir würden nur
mal rüberfahren und sie holen. Wir könnten das
praktisch in ein paar Minuten schaffen.«
Der Kommodore sagte: »Ich kann das nicht erlau-
ben. Das steht außer Frage. Es ist zu dumm. Wir ver-
suchen, Krieg zu führen und nicht eine Wöchnerin-
nenstation zu leiten. Und davon abgesehen habe ich
Arbeit für Sie. Sie können nicht einfach so rumren-
nen.«
»Ja, Sir«, sagte Leutnant Blank.
»Das sind Ihre Befehle«, sagte der Kommodore.
»Sie werden eines dieser Schnellboote nehmen und
an der Küste des Festlandes Streife fahren, besonders
in der Gegend von Castellamare. Sie werden jedes
deutsche Schiff melden, und wenn Sie ein feindliches
Fahrzeug sehen, werden Sie es angreifen. Es kann
notwendig sein, daß Sie ziemlich nahe an die Küste
herangehen müssen, um diese Befehle auszuführen.
Haben Sie mich verstanden?«

254
»Ja, Sir«, sagte Leutnant Blank, »aber ich wünschte
wirklich, wir könnten dieses Mädchen holen.«
»Wir haben keine Zeit für Gefühlsduselei«, sagte
der Kommodore.
Die Sache ging sehr schnell über die Bühne. Man
brauchte lediglich an dem kleinen Dock der kleinen
Stadt anlegen und sich nach Luigis Tochter zu erkun-
digen. In zehn Minuten war sie am Dock. Sie trug ein
Kleiderbündel und war – nach unserer Einschätzung
– dem Tag der Niederkunft sogar noch ein bißchen
näher, als selbst Luigi annahm. Und dann surrten die
Isotta-Fraschini-Motoren des Schnellbootes, und die
weiße Gischt spritzte vom Bug des Bootes weg, als es
auf seinem Weg zurück nach Capri die Wellen
schnitt; denn Schnellboote fahren nicht auf der Was-
seroberfläche, sondern schneiden das Wasser.
Das Ende war recht albern. Luigi war am Hafen
und weinte, und seine Tochter weinte, und ungefähr
tausend Caprianos weinten. Das Geräusch der vielen
Küsse war ohrenbetäubend, und viele Marinesolda-
ten sahen barsch aus, und eine Art Triumphzug fuhr
mit der Seilbahn den Hügel hinauf, und es gab eine
Party in Luigis Bar. Das Kind, ob Junge oder Mäd-
chen, wird Leutnant Blanks Vornamen bekommen,
und nicht nur Luigi, sondern auch alle Verwandten
Luigis werden sich unser aller noch viele Jahre in ih-
ren Gebeten erinnern.
Soviel der Versprechen und Zusicherungen. Am
nächsten Morgen ging eine Gruppe von fünf Solda-
ten den Hügel hinauf, um sich die Haare schneiden

255
zu lassen. Wir saßen herum und lasen in ›The Lon-
don Pictorial‹ von 1937 und warteten darauf, daß der
eine Frisierstuhl frei würde, als Luigi in der Tür er-
schien. Luigi trug ein kleines Tablett, und auf diesem
Tablett befanden sich Scotch und Soda für jeden von
uns. Später am Tag gingen wir einkaufen, und wo
wir auch anhielten, um uns etwas anzusehen oder
etwas zu kaufen, erschien Luigi mit seinem kleinen
Tablett.
Es war ein recht netter Tag.

Die Kamera macht Soldaten

Irgendwo auf dem Kriegsschauplatz


im Mittelmeerraum, 21. Oktober 1943
Ich nehme an, es gibt keine Waffe, die die Seelen der
Männer so hinterhältig und gezielt angreift wie eine
Filmkamera. Männer, die angeekelt oder verletzt
oder einfach einfältig sind, reagieren auf eine Bell &
Howell-Eyemo wie ein Frosch auf einen heißen Stein.
Einer unserer besten Sportjournalisten schlug einmal
vor, die beste Art, Touchdowns im Football zu errei-
chen, bestehe darin, eine Wochenschaukamera zwi-
schen den Torpfosten anzubringen. Es ist eine Ge-
heimwaffe, die Leute auseinandernimmt, und das
merkwürdige kindliche Ego, das jedermann in sich
hat, bringt es dick aufgetragen an die Oberfläche.
Kürzlich arbeiteten wir in Afrika, Sizilien und Itali-
en an einem Film für die Armee. Dort entdeckten wir,

256
daß die gleiche Kraft, die bei Gartenpartys auf Long
Island und bei Tennis-Matches wirkt, auch an der
Front wirksam ist. Sie funktionierte überall. Müde
Truppen richteten sich auf und marschierten steif
weiter, einige versuchten, sich vor der Kamera breit
zu machen, andere blickten grimmig und soldatisch
drein. Alle hielten sich gerade, und die Schritte be-
schleunigten sich. Der nur dürftig versteckte Schau-
spieler kam in jedem einzelnen durch. Schauerleute
der Armee in den Docks eines nordafrikanischen Ha-
fens fingen plötzlich an, als sie eine Kamera entdeck-
ten, die Verpflegungskisten mit einer Schnelligkeit
und in einem Rhythmus weiterzuleiten, den es wahr-
scheinlich nie mehr gegeben hat. Natürlich fielen sie,
sobald die Kamera entfernt wurde, in ein vernünftige-
res, etwas schleichendes Tempo zurück, aber auf den
paar Metern Film, die wir haben, schossen die Kisten
nur so vorbei und stapelten sich zu einem Berg auf,
den die Kamera nicht mehr erfassen konnte.
Die Wirkung der Kamera ist keineswegs auf Ame-
rikaner beschränkt. Unser Film beschäftigte sich mit
der verschiedensten Arbeit und den verschiedensten
Menschen. Eines Tages stellten wir die Kamera auf
einem Lastkahn auf, wo einige Araber damit beschäf-
tigt waren, die Ladung zu löschen. Anfänglich beweg-
ten sie sich wie die besten Schlafwandler, die ich je
gesehen habe. Jeder Araber betrachtete jede einzelne
Kiste als Person, die er nicht mochte; er berührte sie
nur widerwillig und war erleichtert, wenn er sie wie-
der los war. Seine Abneigung hinderte ihn daran, sie

257
mit einer Geschwindigkeit, die Stromlinienform er-
fordert hätte, zu ihrem Bestimmungsort zu schaffen.
Bei diesen Leuten konnten wir keine Eile feststellen,
als die Kamera auftauchte. In dem Augenblick, als
wir zu drehen begannen, richtete sich jeder Araber
eindrucksvoll auf, zeigte sein Profil und blickte feier-
lich gen Mekka. Immer wieder versuchten wir, sie in
einer Haltung zu erwischen, die man als natürliche
Pose bezeichnen könnte – nicht bei der Arbeit, denn
das wäre ein Widerspruch in sich –, sondern einfach
entspannt und im Aussehen wie ein Araber. Aber
entweder hatten sie zu viele Hollywood-Filme mit
Valentino* in der Rolle eines Arabers gesehen, oder
ein Valentino hatte Araber studiert, als sie unter dem
Einfluß der Kamera standen. Wir erwischten sie nie,
daß sie anders als feierlich in die Kulisse geblickt hät-
ten, immer im Profil und immer edel. Wir hatten sie
entspannt filmen wollen, weil ich vermute, daß Ara-
ber genauso viele edle Momente wie alle anderen
Menschen haben. Buschmänner könnten es mit ih-
nen in dieser Hinsicht vielleicht aufnehmen, aber ich
bezweifle das. Und man konnte sie nicht täuschen.
Sie wußten genau, wann gedreht wurde und wann
nicht. Sie waren dann geübt, einander Szenen zu

* Rudolf Valentino (1895-1926): gefeierter Hollywood-Star der


Stummfilm-Zeit, der vor allem in opulenten Ausstattungsfil-
men mit exotischem Ambiente brillierte. Zu dem Genre von
Filmen, auf die Steinbeck sich hier bezieht, gehört u. a. Va-
lentinos Erfolg ›Son of the Sheik‹ (1926). (A. d. Ü.)

258
stehlen wie Komparsen in Hollywood. Schließlich
gaben wir auf. Sie werden edel weitermachen, so weit
es uns betrifft. Wir werden den Mythos des edlen
Arabers weiter aufrechterhalten. Genau in dem Au-
genblick, als wir mit den Dreharbeiten aufhörten,
wurden sie wieder zu natürlichen Arabern, aber das
bekamen wir nie auf den Film. Die Kamera funktio-
nierte überall. Nichts kann man mit der Wildheit ei-
nes Quarterbacks* vergleichen, der nicht auf einen
Gegner, sondern auf eine der Fernsehnachrichten auf
einem Stativ zuläuft. Das mag Selbstgefälligkeit sein,
es gab aber auch ein Beispiel, das für mehr als nur
Selbstgefälligkeit sprach. Eines Tages stellten wir die
Kamera auf, um das Löschen der Ladung eines Laza-
rettschiffes zu filmen, das in Sizilien beladen worden
war. Die Luken des Schiffes waren geöffnet, und die
hölzerne Plattform war ausgefahren. Die Kranken-
wagen standen in Reihen auf dem Pier, und dann
kamen die Krankenträger in einer langen Kolonne
mit den verwundeten Männern heraus, die auf den
Tragen saßen oder lagen, zusammengekauert oder
ausgestreckt, je nach Art ihrer Verletzung. Manche
von ihnen waren von Schmerz gepeinigt, andere wa-
ren fahl vor Schmerz, und einige waren nur leicht
verwundet, so daß ihre Augen klar waren. Und nicht
ein einziger von ihnen konnte es unterlassen, auf die
Kamera zu reagieren, wenn er an ihr vorbeikam. Je-
der lächelte oder nickte leicht. Einige salutierten

* Quaterback: Feldspieler beim American Football (A. d. Ü.)

259
ernst. Die starren Gesichtszüge veränderten sich, und
die Augen hellten sich auf, und wenn sich ein Arm
bewegen konnte, dann bewegte er sich im Gruß. Ich
glaube, das war keine Selbstgefälligkeit. Ich glaube,
diese Männer, jeder einzelne von ihnen, hatten nur
einen Gedanken. »Jemand zu Hause wird diesen Film
sehen. Ich muß weniger schlimm verwundet erschei-
nen, als ich wirklich bin. Sonst machen sie sich Sor-
gen.« Ich glaube, dieses müde Lächeln war ein riesi-
ges Stück Rücksichtnahme und Mut.

Die Geschichte eines Kobolds

Montag, 1. November 1943


Diese Geschichte könnte nicht geschrieben werden,
wenn es keine Zeugen gäbe – keine verschwomme-
nen, unbekannten Gestalten, sondern Quentin Rey-
nolds und H. R. Knickerbocker und Clark Lee und
Jack Belden, der bei Salerno verwundet worden war,
und John Lardner und eine ganze Zahl anderer, die
laut protestierten, wenn jemand die Tatsachen be-
zweifelt, die hier vorgetragen werden sollen.
Die ganze Sache begann, als ein britischer Konsul
Quentin Reynolds in der Empfangshalle des Hotels
Alletti in Algier traf. Der Konsul war ein kleiner,
harmloser Mann mit guten Manieren, der Amerika-
ner und Briten gerne als Verbündete sah und zu
freundschaftlichen Gesten bereit war. In gutem
Glauben fragte er Reynolds, wo er wohne, und

260
gleichfalls in gutem Glauben antwortete Reynolds, er
sei noch nicht einquartiert worden.
»In meinem Zimmer steht ein zusätzliches Bett«,
sagte der Konsul. »Sie können es gerne haben, wenn
Sie wollen.«
Das war der Anfang, und was dann geschah, war
niemandes Schuld. Es war eben nur einer jener Zufäl-
le. Der Konsul hatte ein hübsches Zimmer mit einem
Balkon, von dem aus man den Hafen sehen und Luft-
angriffe beobachten konnte. Es war nicht Reynolds
Schuld. Er nahm die Gastfreundschaft für sich selbst
an und nicht für die neun anderen Kriegsberichter-
statter, die gleichzeitig mit ihm einzogen. Neun ist
nur eine Zahl, mit der sich arbeiten läßt. Manchmal
waren auch bis zu achtzehn da. Sie schliefen auf dem
Boden, auf dem Balkon, im Bad, und einige schliefen
sogar im Korridor vor der Tür zu Zimmer 140 im
Hotel Alletti, Algier.
Man war allgemein der Meinung, der Konsul solle
sein eigenes Bett haben, oder wenigstens, solange er
darin lag. Aber ließ man ihn nur einmal aufstehen,
um zur Toilette zu gehen … Wenn er dann zurück-
kehrte, fand er mit Sicherheit Knickerbocker oder
Lee oder Belden oder alle drei darin. Und noch etwas
störte den Konsul ein wenig. Korrespondenten schla-
fen nachts nicht viel. Sie redeten und diskutierten
und sangen, so daß der arme Konsul nicht viel Ruhe
fand. Es passierte einfach zuviel in seinem Zimmer.
Tagsüber mußte er arbeiten, und nachts bekam er
sehr wenig Schlaf. Gegen Ende der Woche begann er,

261
mitten am Nachmittag auf ein Nickerchen zurückzu-
schleichen. Aber dann war sein Bett belegt. Irgend
jemand lag immer darin. Aber gegen drei Uhr nach-
mittags war es gewöhnlich ruhig genug, daß er sich
auf dem Boden zusammenrollen und ein bißchen
ausruhen konnte.
Das eben Erwähnte ist nicht der unglaubliche Teil
– ganz im Gegenteil. Erst für das nun Folgende sind
Zeugen nötig. Es war während einer dieser nächtli-
chen Diskussionen über Dinge im allgemeinen, als
irgend jemand, vielleicht Clark Lee oder vielleicht
auch Jack Belden, die Andeutung machte, wir hätten
den algerischen Wein doch wohl alle ziemlich satt,
und es wäre doch nett, wenn wir ein bißchen Scotch
hätten. Und von diesem Punkt an ist das unsere Ge-
schichte, und wir haben vor, an ihr festzuhalten.
Irgend jemand muß an etwas gerieben haben, ei-
nem Ring oder einer Lampe oder am völlig erschöpf-
ten britischen Konsul. Jedenfalls sah man eine kleine
blaue Rauchwolke, und mitten im Zimmer stand
plötzlich ein kleiner Mann mit spitzen Ohren und ei-
nem prächtigen Bauch. Er trug einen Anzug aus grü-
nem Leder, und seine Kappe und seine spitzen Schu-
he waren ebenfalls grün.
»Alle Heiligen von Galway«, sagte Reynolds. »Seht
ihr auch, was ich sehe?«
»Ja«, sagte Clark Lee.
»Und, glaubt ihr es?«
»Nein«, sagte Lee, immerhin als Realist bekannt,
der schließlich auch bei Corregidor dabei war.

262
Jack Belden hatte viele Jahre in China gelebt und
kannte sich mit solchen Dingen aus. »Wer sind Sie?«
fragte er streng.
»Ich bin der kleine Charley Lytle«, sagte der Ko-
bold.
»Und was wollen Sie von uns? Warum platzen Sie
hier so rein?« brüllte Belden.
Der britische Konsul stöhnte, drehte sich um und
zog die Bettdecke über den Kopf. Knickerbocker gab
inzwischen zu, sein erster Impuls sei gewesen, den Ko-
bold zu töten und auszustopfen, um ihn neben seinem
Seglerfisch* in seiner Bude aufzuhängen. Ja, er schlich
sich bereits an, als Charley Lytle die Hand hob.
»Als der Krieg ausbrach, versuchte ich, mich re-
krutieren zu lassen«, sagte er. »Aber ich wurde aus
politischen Gründen zurückgewiesen. Nicht, daß ich
irgendwelche politischen Ansichten hätte«, erklärte
er, »aber die Armee war der Ansicht, nur der Himmel
könne wissen, wie diese Ansichten wohl aussähen,
falls ich überhaupt welche hätte. Es hat schon seit
Coolidge keinen republikanischen Kobold mehr ge-
geben. Ich wurde also abgewiesen bis zur Bildung ei-
nes Exil-Bataillons aus Kobolden. Damals entschied
ich mich, dann eben Menschen wie Kriegsberichter-
stattern, Soldaten und ähnlichen Leuten Freude zu
bereiten.«
Reynolds Augen zogen sich gefährlich zusammen.

* Eine Art Schwertfisch mit segelartig ausgebildeter Flosse


oben. (A. d. Ü.)

263
Er ist sehr loyal. »Wollen Sie unterstellen, daß wir
keine Freude haben?« knirschte er. »Daß meine
Freunde nicht glücklich sind?«
»Ich bin nicht glücklich«, sagte der britische Kon-
sul, aber niemand achtete auf ihn.
Der kleine Charley Lytle sagte: »Ich hörte etwas
von Scotch Whisky. Zufällig habe ich gerade …«
»Wieviel?« sagte Clark Lee, der Realist.
»Aber soviel Sie wollen.«
»Ich meine, wieviel Geld?« fragte Lee.
»Sie verstehen nicht«, sagte der kleine Charley. »Es
geht nicht um Geld. Das ist mein Beitrag zum Krieg –
ich glaube, Sie nennen es Kriegsanstrengungen.«
»Ich bringe ihn um«, sagte Knickerbocker. »Nie-
mand spöttelt über meinen Krieg und kommt unge-
schoren davon.« Reynolds sagte: »Können wir eine
Kiste bekommen?«
»Sicher«, sagte der kleine Charley.
»Drei Kisten?«
»Klar.«
Lee mischte sich ein. »Jetzt überfordere ihn nicht.
Du weißt nicht, wo seine Grenzen sind.«
»Wann können Sie liefern?« fragte Reynolds.
Anstatt zu antworten, machte Charley Lytle eine
theatralische und leicht obszöne Geste. Man sah nur
noch eine kleine Rauchwolke, und schon war er ver-
schwunden. Dann folgten drei kleine Explosionen
wie von ein paar winzigen Wasserbomben, und auf
dem Boden von Zimmer 140 des Hotels Alletti in Al-
gier standen drei Kisten »Haig and Haig Pinch Bott-

264
le«, umringt von den gierigen und ungläubigen Au-
gen einer Schar durstiger Korrespondenten.
Reynolds atmete schwer wie ein Mann, der einen
Anfall hat. »Ein Wunder!« flüsterte er. »Ein Wunder
wie aus dem Mittelalter oder aus ›Mary Roberts Ri-
nehart.‹«
Der mürrische Jack Belden hat lange Zeit in China
gelebt. Er ist prinzipiell pessimistisch, hat schon alles
gesehen und läßt sich nur schwer durch irgend etwas
beeindrucken. Jetzt wanderten seine Augen zum bo-
genförmigen Fenster hinaus auf die vor Hitze ko-
chenden Straßen und den dampfenden Hafen unter
ihnen. »Das ist ein mittelmäßiger Trick«, sagte er.
»Aber es ist ein weithin bekannter Trick. Ich würde
ihn gerne auf eine richtige Probe stellen.« Er igno-
rierte den zunehmenden Zorn seiner Kollegen.
»Wenn dieser sogenannte Kobold an einem heißen
Tag wie heute eine Flasche, sagen wir, »La Batts Pale
India Ale« herbeischaffen kann, würde ich sagen,
könnte er mal Spitze werden …« Er wurde durch
leichten Schneefall von der heißen und von Fliegen-
dreck übersäten Decke unterbrochen. Unsere Augen
folgten den trägen weißen Flocken bis zum Boden,
wo sie auf eine Kiste schlanker Flaschen fielen.
Ich glaube, Jack Belden ging zu weit. Er sagte mü-
de: »Aber sind sie auch wirklich kalt?«
Reynolds stürzte vor und berührte den Hals einer
Flasche. »Kälter als ein … (Zwei Worte von der Zen-
sur gestrichen)«, sagte er.
In jener Nacht gab es einen Luftangriff, und selbst

265
der britische Konsul genoß ihn. Und jeder, der diese
Geschichte nicht glaubt, kann die daran Beteiligten
fragen, sogar den mürrischen Jack Belden.

Magische Gegenstände

3. November 1943
Sehr viele Soldaten haben einen kleinen Gegenstand
bei sich, eine Art Glücksbringer oder Symbol, das für
sie, wenn sie in der Schlacht Glück hatten, immer
mehr an Bedeutung gewinnt. Und in einer Schlacht
Glück zu haben bedeutet einfach nur, nicht verwun-
det zu werden. Die häufigsten magischen Anhänger
sind natürlich Hasenfüße, die in fast allen Geschenk-
artikelgeschäften zu kaufen sind. Katholiken wie auch
Nichtkatholiken tragen St.-Christophorus-Medaillen,
die sie in vielen Fällen gar nicht als religiöses Symbol,
sondern einfach als Glücksbringer betrachten.
Eine Firma in Amerika hat eine Bibel mit Me-
talleinband herausgebracht, die in der Hemdtasche
über dem Herz getragen werden soll, ein schauerli-
ches kleines Stück purer Berechnung. Man hat weder
Vertrauen zu Metall noch zur Bibel, sondern hofft,
eine Kombination von Bibel und Metall werde schon
helfen. Viele dieser Bibeln sind an die Eltern von Sol-
daten verkauft worden, aber ich habe nie gesehen,
daß ein Soldat sie tatsächlich bei sich trug. Diese be-
stimmte Tasche ist für Zigaretten, und die Soldaten,
die Bibeln mit sich tragen, wie es manche tun, tragen

266
sie in ihren Hosentaschen, und sie werden nie als
Glücksbringer angesehen.
Die magischen Gegenstände bestehen aus allen
möglichen Dingen: ein glatter Stein, ein merkwürdig
geformtes Stück Metall oder kleine Fotografien, die
in Zellophan eingeschlagen sind. Viele Soldaten be-
trachten Bilder ihrer Frauen oder Eltern fast als
Schutz vor Gefahren. Ein Soldat hatte die Griffscha-
len seines 45er Colts entfernt und neue aus dem Ple-
xiglas eines abgeschossenen Flugzeuges gefertigt.
Dann hatte er Fotos seiner Kinder unter das Plexiglas
gelegt, so daß seine Kinder ihm aus dem Griff seiner
Pistole entgegensahen.
Manchmal werden Münzen als Glücksbringer be-
trachtet, manchmal auch Ringe und Anstecknadeln.
Gewöhnliche Gegenstände, die ihre Eigenschaft aus
der Verbundenheit mit den Zurückgebliebenen zu
Hause beziehen, ein Geschenk, oder das Symbol für
ein gefühlsmäßiges Erlebnis. Ein Mann trägt ein Me-
daillon bei sich, das seine verstorbene Ehefrau als
Kind trug, ein anderer eine Kette aus Bernsteinper-
len, die ihn seine Mutter einst tragen ließ, um Erkäl-
tungen vorzubeugen. Jetzt wehren die Perlen alle Ge-
fahren ab.
Es ist interessant, daß diese Glücksbringer mit der
Dauer des Einsatzes an der Front nicht nur wertvoller
werden, sondern auch von ihren Besitzern immer ge-
heimer gehalten werden. Und viele Männer erfinden
kleine Rituale, um ihre Amulette zu aktivieren. Ein
glatter Stein wird vielleicht gerieben, wenn die

267
Leuchtgeschosse über den Köpfen der Männer Spuren
in den Himmel zeichnen. Ein Feldwebel hält einen
Penny mit einem Indianerkopf in seiner linken Hand
und gegen den Schaft seines Gewehres, wenn er feu-
ert. Er ist ziemlich überzeugt, daß er nicht vorbei-
schießen kann, wenn er das tut. Diese Art von Magie
ist viel weiter verbreitet, als allgemein bekannt ist.
Wenn die Zeit vergeht, sich die Gefahren mehren
und es vielleicht ein knappes Entrinnen oder ähnli-
ches gibt, gewinnt das Amulett nicht nur eine wach-
sende Bedeutung, sondern auch tatsächlich eine ge-
wisse Persönlichkeit. Es wird zu einer Sache, mit der
man reden und auf die man sich verlassen kann. Ei-
ner dieser Glücksbringer ist ein kleines hölzernes
Schwein, nur etwa zwei Zentimeter lang. Sein Besit-
zer glaubt, nachdem er es über eine bestimmte Zeit-
spanne und in ein oder zwei brenzligen Situationen
getestet hat, daß dieses kleine hölzerne Schwein be-
merkenswerte Dinge vollbringen kann. So hielt er bei
einem Bombardement das Schweinchen in der Hand
und sagte: »Schweinchen, die ist nicht für uns be-
stimmt.« Und bei einem Granatschuß sagte er:
»Schweinchen, du weißt, daß die, die mich erwischt,
auch dich erwischt!«
Aber es bewahrt seinen Eigentümer nicht nur vor
Schaden. Man weiß von diesem Schwein, daß es ei-
nen Nebel steigen ließ, die See beruhigte und in ei-
nem Restaurant, wo man schon seit Wochen kein
Rindfleisch mehr hatte, plötzlich ein Beefsteak auf-
tauchen ließ. Weiterhin geht das Gerücht um, daß

268
dieses Schwein in Händen des vorigen Besitzers eine
Todesstrafe in eine Haftstrafe umwandelte, verschie-
dene Krankheitsfälle geheilt und einen gewaltigen
Glücksfall direkt herbeigeführt hat. Der Eigentümer
dieses Schweines würde sich um nichts in der Welt
von ihm trennen.
Die Beziehung zwischen einem Mann und seinem
Amulett wird nicht nur sehr stark, sondern auch per-
sönlich. Der Grund ist teilweise die Angst, verlacht zu
werden, aber auch ein Gefühl, daß es seine Kraft ver-
liert, wenn man darüber redet. Außerdem hat man
das Gefühl, man dürfe seine magische Kraft nicht zu
oft in Anspruch nehmen. Die Wirkung des Glücks-
bringers ist nicht unerschöpflich. Sie kann schwächer
werden, und es ist daher besser, sie sparsam einzuset-
zen und sie nur anzurufen, wenn die Not groß ist.
Bestimmte Firmen haben diesen fast universalen
Drang nach magischen Kräften ausgenutzt. Sie brin-
gen glücksbringende Ringe, Münzen und Figuren zu
Tausenden auf den Markt, aber diese Dinge haben
sich nie so durchgesetzt wie jene Gegenstände, die
sich mit persönlichen Erinnerungen verbinden lassen.
Was auch der Grund für diesen Glauben an magi-
sche Amulette sein mag, im Krieg ist es eben so. Und
der Brauch ist keineswegs auf einfältige oder aber-
gläubische Männer beschränkt. Es scheint so, daß in
Zeiten großer Gefahr und großer emotionaler Ver-
wirrung ein Mann Hilfe und Trost bei einer Instanz
außerhalb seines Ichs sucht und ein übergeordnetes
Symbol haben muß, an das er sich klammern kann.

269
Es kann praktisch alles sein, ein alter Schirmgriff oder
ein religiöses Symbol, aber er muß es einfach haben.
Es gibt Zeiten im Krieg, da ist das schlimmste Gefühl
nicht Angst, sondern Einsamkeit und das Gefühl der
eigenen Bedeutungslosigkeit. Und in diesen Zeiten
sind der glatte Stein oder der Penny mit dem India-
nerkopf oder das hölzerne Schwein nicht nur ange-
nehm, sondern unentbehrlich. Welchen Atavismus
sie auch heraufbeschwören mögen, sie tauchen auf
und scheinen ein Bedürfnis zu befriedigen. Das Dun-
kel ist uns nahe – uns allen.

Symptome

5. November 1943
In den Jahren zwischen dem letzten Krieg und diesem
war ich immer von der Verschwiegenheit ehemaliger
Soldaten bezüglich ihrer Erlebnisse im Kampf ver-
blüfft. Wenn sie an sich schweigsame Männer gewe-
sen wären, wäre es etwas anderes, aber einige von ih-
nen redeten gerne, und einige waren sogar Angeber.
Sie beschrieben ihre Erlebnisse bis unmittelbar vor
der Schlacht, und dann plötzlich schwiegen sie. Das
wurde ihnen als heroisch angerechnet. Man nahm an,
sie hätten derart Schreckliches gesehen oder getan,
daß sie es nicht wieder heraufbeschwören wollten,
damit es sie oder ihre Zuhörer nicht verfolge. Aber
viele dieser Männer kannten diese Rücksichtnahme in
anderen Bereichen durchaus nicht.

270
Erst kürzlich habe ich eine vernünftige Erklärung
gefunden, und die Antwort ist einfach. Sie konnten
und können sich nicht erinnern – und je schlimmer
die Schlacht war, desto weniger erinnern sie sich.
Bei allen möglichen Arten des Kampfeinsatzes
wird der gesamte Körper mit Gefühlen bombardiert.
Die endokrinen Drüsen ergießen ihre Flüssigkeit in
den Organismus, um ihn zu befähigen, der großen
Anforderung gerecht zu werden. Angst und Wildheit
werden ebenfalls durch diese Flüssigkeit erzeugt. Er-
müdungsgifte schädigen den Organismus. Hunger
und anschließend heruntergeschlungenes Essen ver-
zerren den Stoffwechsel, der bereits durch Adrenalin
und Erschöpfung hinreichend verzerrt ist. Körper
und Geist, die bereits derart gestört sind, sind wirk-
lich krank und fiebrig. Aber zusätzlich zu diesen
Krankheiten, die aus dem Innern eines Mannes
kommen und ihm zugeführt werden, damit er zeit-
weise Belastungen aushalten kann, die jenseits seiner
natürlichen Widerstandskraft liegen, gibt es den noch
größeren Streß der Explosion.
Die Druckwelle läßt Erde und Luft erzittern. Sie
erschüttert die Nerven der Soldaten. Erst schmerzen
die Ohren, dann nimmt das Sehvermögen ab, und
schließlich nehmen sie nichts mehr wahr.
So fühlt man sich nach ein paar Tagen anhaltenden
Beschusses. Die Haut fühlt sich dick und empfin-
dungslos an. Man hat einen salzigen Geschmack im
Mund. Ein harter, schmerzhafter Knoten liegt im Ma-
gen, wenn das Essen noch nicht verdaut ist. Die Au-

271
gen erkennen nicht viele Details, und die scharfen
Konturen von Gegenständen sind leicht verwischt.
Alles sieht ein bißchen unwirklich aus. Wenn man
geht, hat man den Eindruck, die Füße würden kaum
den Boden berühren, und man hat ein schwebendes
Gefühl überall im Körper. Sogar das Zeitgefühl
scheint verändert zu sein. Männer, die sich tatsächlich
in einem normalen Tempo bewegen, scheinen eine
Ewigkeit zu brauchen, um einen bestimmten Punkt
zu passieren. Und wenn man sich selbst bewegt,
glaubt man, daß man sehr langsam ist, obgleich man
sich eigentlich sogar schneller als normal bewegt.
Bei den Explosionen werden die Augäpfel so stra-
paziert, daß die Erde und die Luft zu zittern schei-
nen. Anfänglich schmerzen die Ohren, aber dann läßt
das Hörvermögen nach und auch die anderen Sinne
lassen nach. Es gibt natürlich Ausnahmen. Einige
Männer können sich nicht so schützen, sie brechen
zusammen, und das sind wahrscheinlich die Fälle, in
denen wir von Kriegsneurose sprechen.
Während dieser Schwächung der Sinne verlagern
sich alle Schwerpunkte. Selbst der Instinkt der Selbst-
erhaltung ist abgestumpft. Es kann dann passieren,
daß ein Mann Dinge tut, die man heroisch nennt,
obwohl in Wirklichkeit seine gesamte Reaktions-
struktur verändert ist. Die ganze Welt nimmt für ihn
etwas Unrealistisches an. Man lacht über Dinge, die
unter gewöhnlichen Umständen nicht komisch sind,
und man gerät schon wegen Kleinigkeiten außer sich
vor Wut. In dieser Zeit ist ein netter, freundlicher

272
Mann zu großer Grausamkeit fähig und ein ängstli-
cher Mann zu großer Tapferkeit. Und fast alle Män-
ner verfügen über außergewöhnliche Widerstands-
kräfte gegen Belastungen.
Dann kann der Schlaf wie eine Droge ohne War-
nung über einen kommen. Nach und nach scheint
der Körper wie in Watte gepackt zu sein. Alle Haupt-
nervenstränge sind wie abgetötet, und aus der zer-
marterten Großhirnrinde tauchen merkwürdige
traumähnliche Gedanken auf. Dann kann es vor-
kommen, daß viele Männer Visionen haben. Die Au-
gen heften sich auf eine Wolke, und ein übermüdetes
Hirn verwandelt sie in ein Gesicht, einen Engel oder
einen Teufel. Und im gequälten Hirn werden merk-
würdige Erinnerungen wach, Szenen und Worte und
Menschen, die lange vergessen waren, aber ganz hin-
ten im Hirn aufbewahrt wurden. Das müssen keine
bedeutsamen Dinge sein, aber sie kommen mit einer
verblüffenden Klarheit ins Bewußtsein zurück, das
sich von der Wirklichkeit abkehrt. Und diese Erinne-
rungen sind bereits Visionen.
Und dann ist es vorbei. Man kann nichts mehr hö-
ren, aber man hat ein sausendes Geräusch in den Oh-
ren. Und man will um jeden Preis schlafen, aber
wenn man schläft, wird man von Träumen heimge-
sucht, und im Innersten ist man unruhig und sieht
allerlei Gestalten. Das Betäubungsmittel, das der
Körper zum Schutz aktiviert hat, läßt in der Wirkung
nach, und das ist wie bei den meisten Betäubungs-
mitteln ein bißchen schmerzhaft.

273
Und wenn man dann aufwacht und sich an das
Geschehene erinnert, erscheint es schon wie ein
Traum. Dann ist es nicht ungewöhnlich, daß man
Angst hat und sich unwohl fühlt. Man versucht sich
zu erinnern, wie es war, und man schafft es nicht
ganz. Die Konturen in der Erinnerung sind ver-
schwommen. Am nächsten Tag gleitet das Erinne-
rungsvermögen noch weiter weg, bis nur noch sehr
wenig übrig ist. Man sagt, eine Frau fühlt sich auch
so, wenn sie versucht, sich an die Geburt ihres Kindes
zu erinnern. Und auch Fieber hinterläßt das gleiche
verschwommene Bild. Vielleicht ist es immer so,
wenn etwas über das ertragbare Maß hinausgeht. Der
Körper sorgt für den Schutzschild und läßt dann die
Erinnerung schwinden, damit eine Frau ein weiteres
Kind haben und ein Mann wieder in den Kampf zie-
hen kann.
Die Erinnerung gleitet so schnell weg. Falls man
nicht an Ort und Stelle Notizen gemacht hat, kann
man sich später nicht mehr daran erinnern, wie man
empfunden hat oder wie die Dinge wirklich aussa-
hen. Männer, die lange in der Schlacht waren, sind
keine normalen Männer mehr. Und wenn sie nach-
her scheinbar verschwiegen sind, so erinnern sie sich
vielleicht nur nicht gut.

274
Die Sperrholz-Marine

15. November 1943


Die Befehle waren einfach. Der Sonderverband der
Marine sollte alle deutschen Schiffe aus dem gesamten
Seebereich nördlich von Rom vertreiben oder zerstö-
ren. Deutsche Konvois liefen in verschiedenen Häfen
aus und transportierten möglicherweise schwere Waf-
fen und Gerät von Italien nach Südfrankreich. Der
Sonderverband hatte Befehl, diesen Verkehr zu un-
terbinden.
Es ist nicht gestattet, Angaben darüber zu machen,
aus welchen Einheiten diese Streitmacht bestand, aber
zumindest gehörten einige britische und einige ame-
rikanische Torpedoboote dazu. Die britischen Boote
waren nicht ganz so schnell wie die amerikanischen,
aber sie waren schwerer bewaffnet.
Der Nachmittag vor dem Angriff wurde damit ver-
bracht, die Schiffe klarzumachen. Die Kanoniere
nahmen ihre Geschütze auseinander, ölten sie und
rieben die Salzspritzer von den beweglichen Teilen.
Die Geschütze auf den kleinen Booten müssen stän-
dig gewartet werden. Selbst die Patronenhülsen fär-
ben sich durch die stetigen Salzwasserspritzer grün.
Die amerikanischen Boote sind wie nasse Teufel. Bei
jeder Geschwindigkeit und bei jedem Wetter schlägt
grünes Wasser über den Bug. Die Männer ziehen
Gummikleidung und -kapuzen an und bleiben selbst
dann noch nicht trocken.
Am Nachmittag wurden die Torpedos geprüft und

275
die Tanks bis an den Rand gefüllt. Die See war sehr
blau und ganz ruhig. Während der ganzen ersten bei-
den Wochen des Angriffs auf Italien war das Meer
ruhig wie ein Binnensee, und gerade dieser Teil des
Meeres kann sehr rauh sein.
Die britischen Offiziere und Männer trugen Bärte
mit schönen, großartigen Bürsten, die nach vorn ab-
standen, weil sie ständig mit den Händen nach außen
gestrichen wurden. Das verleiht einem Mann einen
kämpferischen Gesichtsausdruck. Auch ein paar
Amerikaner trugen einen Bart, aber die Tradition hat
sich bei unseren Männern nicht durchgesetzt.
Von dem kleinen Inselhafen aus kam die Küste
Italiens am Nachmittag in Sicht – die steilen Hügel,
die terrassenförmig für Wein und Zitronenbäume
angelegt worden waren, und die Berge, die zu den
nackten felsigen Gebirgsketten dahinter anstiegen.
Der Vesuv rauchte im Hintergrund – eine hohe Feder
aus Rauch.
Auf dem Kai standen Carabinieri, die sich ergeben
hatten, und beobachteten die »Sperrholz-Marine«,
wie die Besatzungen die Torpedoboote nennen.
Als die Sonne unterging, war die Arbeit getan, und
das Abendessen wurde in den winzigen Kombüsen der
»Sperrholz-Marine« eingenommen. Der Verband soll-
te bei Einbruch der Dunkelheit auslaufen. Lange vor
der Dunkelheit war der Mond bereits aufgegangen. Er
würde nach zwei Uhr morgens untergehen, und es war
geplant, an Ort und Stelle und bereit für den Angriff
zu sein, sobald der Mond untergegangen war.

276
Das war ein tödlicher Schwarm, der sich hier auf
das Auslaufen vorbereitete. Mit all seinen Torpedo-
rohren hatte er die Möglichkeit, eine ganze Marine zu
versenken. Die kleinen Schiffe können sich nahe her-
anschleichen, und wenn die Sache schlechtgeht, kön-
nen sie sich zerstreuen und wie Wachteln rennen. Und
sie können so schnell drehen und wenden und mit ei-
ner solchen Geschwindigkeit fahren, daß man sie un-
möglich abfangen und nur sehr schwer treffen kann.
Bei Einbruch der Dämmerung dröhnten die Moto-
ren nacheinander auf und pendelten sich dann auf ih-
ren pulsierenden Takt ein. Diese Motoren können ge-
drosselt werden, so daß sie sehr wenig Lärm verursa-
chen, aber normalerweise klingen sie wie Flugzeuge.
Dann schien der Mond. Die kleinen Schiffe verlie-
ßen ihren Ankerplatz, und sobald sie die Wellenbre-
cher hinter sich gelassen hatten, formierten sie sich in
drei Reihen und drosselten ihr Tempo auf normale
Fahrt. Das weiße Kielwasser leuchtete im Mondlicht,
und jedes Boot kreuzte das Kielwasser des voranfah-
renden Bootes, und der Takt der Motoren war dun-
kel. Auf Deck hatten die Männer bereits ihre Gum-
mihosen und -Jacken und die spitzen Gummikapu-
zen angezogen. In den Gefechtstürmen saßen die
Männer schon an ihren Maschinengewehren und
warteten.
Auf Schiff 412 standen der Kapitän und sein 1. Of-
fizier auf der kleinen Brücke. Die Gischt schoß in
peitschenden Strahlen über den Bug, wenn das Tor-
pedoboot seine Nase in die leichten Wellen senkte

277
und der Wind das Wasser aufnahm. Ihre Gesichter
waren bereits tropfnaß. Hin und wieder ging der 1.
Offizier die drei Stufen in den winzigen Kartenraum
hinunter, wo eine abgeschirmte Lampe über der Kar-
te flimmerte, (Eine Zeile von der Zensur gestrichen.)
Der 1. Offizier überprüfte den Kurs, steckte dann sei-
nen Kopf wieder durch die Tür und kletterte zurück
auf die Brücke. Von achtern ertönte ein Ruf: »Flug-
zeug in westlicher Richtung!«
Die Männer in den Türmen und am Heckgeschütz
schwenkten ihre Waffen nach links und richteten die
Mündungen nach oben. Die Kanoniere spähten un-
ruhig in den milchigen mondbeschienenen Himmel.
Wenn sie nicht direkt aus dem Mond kommen, und
das tun sie nie, sind sie sehr schwer auszumachen.
Aber über die Maschinen des Schiffes hinweg war das
Summen der Flugzeugmotoren zu hören. »Unsere
oder feindliche?« fragte der 1. Offizier.
»Unsere haben Befehl, uns nicht nahe zu kommen.
Es muß ein feindliches sein«, sagte der Kapitän. Dann
sah man backbord die dunklen Schatten eines Flug-
zeuges am Himmel, das nicht sehr hoch flog. Die Ka-
noniere wurden aktiv und folgten der Gestalt mit ih-
ren Mündungen. Es war zu weit weg, um darauf zu
feuern. Der Kapitän nahm sein Megaphon und rief:
»Es wird von der Seite kommen, wenn es angreift.
Haltet es im Auge.« Das Brummen des Flugzeuges
verschwand.
»Vielleicht hat es uns nicht gesehen«, sagte der 1.
Offizier.

278
»Bei unserem Kielwasser? Natürlich hat es uns ge-
sehen. Vielleicht war es doch eins von unseren.«
Es muß seine Motoren abgestellt haben. Plötzlich
ist es über uns, und seine Bombe landet und explo-
diert, kurz nachdem es an uns vorbei ist. Das Don-
nern der Explosion und das Knallen der Maschinen-
gewehre kommen auf einen Schlag. Eine Wasserwand
wird von der Explosion über die Seite geworfen, und
das Schiff scheint aus den Wellen zu springen.
Die Spuren der Leuchtgeschosse greifen nach dem
sich entfernenden Flugzeug, und die Spuren scheinen
sich in Wellenlinien fortzubewegen, wie es der Strahl
aus einem Schlauch tut, wenn man ihn bewegt. Der
Kapitän ruft: »Paßt auf. Vielleicht kommt es zurück.
Achtet auf die gleiche Seite.« Die Kanoniere schwen-
ken gehorsam ihre Geschütze herum.
Dieses Mal stellte es seine Motoren nicht ab. Viel-
leicht brauchte es mehr Höhe. Man konnte es kom-
men hören. Die Geschütze eröffneten das Feuer auf
das Flugzeug, bevor es über uns war. Die wogenför-
migen Spuren der Leuchtgeschosse folgten ihm wei-
ter, und jede der Spuren blieb ein bißchen hinter ihm
zurück. Und dann sprang eine Spur etwas nach vor-
ne. Da zeigte sich ein kleines blaues Licht auf dem
Flugzeug. Einen Augenblick lang schien es zu schwe-
ben und dann fiel es kopfüber, aber langsam, und das
blaue Licht auf dem Rumpf wurde größer und grö-
ßer, während es abstürzte. Die anderen Geschütze
waren noch hinter ihm her, während es herunter-
kam. Es ging etwa fünfhundert Meter von uns ent-

279
fernt nieder, und in dem Augenblick, als es auf die
Wasseroberfläche aufschlug, ging es in einer grellen
Flamme auf. Dann explodierte es eine Sekunde später
mit einem dumpfen Knall, und das Wasser ver-
schluckte das Feuer, und das Flugzeug war weg.
»Der Pilot muß verrückt gewesen sein«, sagte der
Kapitän, »so anzugreifen. Wer hat es erwischt?« Nie-
mand antwortete. Der Kapitän rief zu dem Back-
bordschützen hinüber: »Haben Sie es erwischt, Er-
nest?«
»Ja, Sir«, sagte Ernest. »Ich glaube ja.«
»Gut geschossen«, sagte der Kapitän.

19. November 1943


Das Torpedoboot 412 schlich sich nach Süden. Der
Mond schien am Himmel zu hängen und die Absicht
aufgegeben zu haben, je unterzugehen. In Wirklich-
keit war natürlich das Zeitgefühl verändert. Die
Dämpfer waren immer noch auf den Motoren, aber
die Schiffe fuhren etwas schneller, nicht das große
dröhnende Sausen der weit offenen Torpedoboote,
aber ein gleichmäßiges Hämmern, das ein geschwun-
genes V als Kielwasser aufwarf und das Wasser unter
dem fächerförmigen Heck ein wenig zum Brodeln
brachte. Der Kapitän sagte: »Haltet eure Augen für
die anderen auf. Wir wollen nicht, daß unsere eige-
nen Leute uns einen draufhauen.« Er stieg wieder in
das kleine Kartenzimmer hinunter und studierte sei-
ne Karten. Dann streckte er seinen Kopf hoch und
sprach mit seinem 1. Offizier. »Ein Hafen ist jetzt

280
nicht mehr weit weg«, sagte er. »Fahren wir hin. Viel-
leicht schnappen wir einen Konvoi.« Über seine
Worte hörte man das Summen von Maschinen in der
Ferne.
Der 1. Offizier drosselte seine Motoren noch wei-
ter, um besser hören zu können, und die Geschwin-
digkeit von Boot 412 verminderte sich. »Ich nehme
an, das sind unsere«, sagte er.
Der Kapitän legte seinen Kopf ein wenig schief.
»Da stimmt was nicht«, sagte er. »Hört sich nicht
gut an.« Und er legte seinen Kopf auf die andere Seite
wie ein lauschender Cockerspaniel. »Haben Sie schon
mal ein deutsches Schnellboot gehört?« fragte er.
»Nein, noch nicht. Sie wissen verdammt gut, daß
ich noch keins gehört habe.«
»Ich auch noch nicht«, sagte der Kapitän, »aber die
klingen für mein Ohr nicht wie die amerikanischen
oder die britischen.« Er spähte über die Reling. Der
Signalgeber hatte seine Signallampe bereit, um ein
Erkennungssignal zu geben. Der Kapitän sagte
schnell: »Motor abstellen.« Durch das milchige Licht
kamen die deutschen Schnellboote. Sie schienen aus
dem Dunkel herauszuwachsen. Die nebligen Formen
dieser Schiffe waren mächtig und unverkennbar. Das
Boot 412 trieb ruhig im Wasser.
Der Kapitän sagte mit heiserer Stimme zum Si-
gnalgeber: »Signalisieren Sie um Gottes willen
nicht!« Es war einen Augenblick lang still, und über-
all um sie herum schienen die Schnellboote zu sein.
»Hören Sie zu«, sagte der Kapitän. »Vielleicht müs-

281
sen wir einen Blitzstart machen. Ich weiß nicht,
wann.« (Zehn Zeilen von der Zensur gestrichen.)
Die deutschen Schnellboote fuhren langsam vorbei.
Vielleicht kamen sie nicht auf den Gedanken, daß
ein feindliches Schiff in der Nähe ihrer Kanonen so
ruhig liegen könne. Das Atmen der Besatzung war
fast hörbar. Die deutschen Schnellboote waren fast
vorbei, als eins von ihnen auf gut Glück signalisierte.
(Eine Zeile von der Zensur gestrichen.) Die Kano-
niere drehten ihre Rohre nach unten. Die Motoren
des 412 dröhnten auf, und das Boot sprang im Was-
ser hoch. Es stand praktisch auf seinem eigenen
Heck und raste weg. (Eine Zeile vom Zensor gestri-
chen.) Das Kielwasser hinter ihm sah im unterge-
henden Mondlicht cremig aus. Das Boot peitschte
wie eine Möwe über das Wasser. Aber die deutschen
Schnellboote feuerten nicht. Sie fuhren gelassen auf
ihrem Kurs weiter.
Nach fünf Minuten schneller Fahrt drosselte der 1.
Offizier die Motoren, und Boot 412 sackte in das
Wasser zurück, stabilisierte sich, und das Geräusch
der Motoren erstarb. »Allmächtiger Gott«, sagte der
Kapitän und pfiff vor sich hin. »Das war knapp.«
(Drei Zeilen von der Zensur gestrichen.) »Wir blei-
ben hier einen Augenblick liegen und holen erst mal
tief Luft. Das war zu knapp.«
Der Mond lag endlich tief über dem Wasser. In ein
paar Minuten würde es dunkel sein, herrlich dunkel,
sicher und dunkel. Dann bewegten sich die Männer
nervös über das stille Boot.

282
Und dann bewegte sich eine dunkle Gestalt über den
dunklen Mond und dann eine weitere. »Großer Gott«,
sagte der Kapitän, »das ist ein Konvoi. Deshalb waren
die deutschen Schnellboote hier.« Ein großer dunkler
Schiffsrumpf zog vor dem Mond vorbei. »Wir müssen
sie einfach kriegen«, sagte der Kapitän aufgeregt.
»Die werden uns bestimmt kriegen«, sagte der 1.
Offizier.
»Nein, die kriegen uns nicht.« (Drei Zeilen von der
Zensur gestrichen.)
Er rief leise seine Befehle. Die Torpedoschützen
gingen auf ihre Positionen. Das 412 machte eine Wen-
dung und schlich sich an den vorbeifahrenden Konvoi
an. Er schien Schiffe aller Größen zu umfassen, und
das 412 konnte sie gegen den untergehenden Mond
sehen, sie aber konnten das 412 nicht ausmachen.
»Dieses große da«, sagte der Kapitän, »das muß
mindestens fünftausend Tonnen haben.« Er gab seine
Befehle und übernahm dann selbst das Steuer. Dann
drehte er das Boot und sagte leise: »Feuer!« Man hör-
te ein scharfes explodierendes Zischen und ein Plat-
schen, und der Torpedo war unterwegs. Er drehte das
Boot wieder und schoß einen zweiten ab. Und sein
Mund bewegte sich, als ob er zähle.
Dann gingen Wasser und Himmel plötzlich in
gleißendem Licht auf, und einen Augenblick später
hob das 412 fast aus dem Wasser ab. »Abhauen«,
schrie der Kapitän. »Abhauen!« Und 412 sprang wie-
der auf ihr fächerförmiges Heck und schob ihren Bug
in die Luft.

283
Die Explosion war fast im gleichen Moment vorbei,
in dem sie begonnen hatte. Nur noch ein kleines Feu-
er sank in sich zusammen und tauchte sofort unter.
»Munition«, rief der Kapitän. »Munition oder
Treibstoff.«
Aber der Rest der Flotte blieb nicht untätig. Die
Leuchtgeschosse und die Raketen, sogar die Flakrake-
ten ergossen sich über die See hinaus. Das Kreuzfeuer
reichte auf die See hinaus, kämmte sie durch und
suchte sie ab. (Eine Zeile von der Zensur gestrichen.)
Einige Zeit später berührte der Kapitän den Arm sei-
nes 1. Offiziers, und dieser drosselte die Geschwin-
digkeit wieder. Fernab in der Finsternis durchkämm-
ten jetzt deutsche Schnellboote wahrscheinlich das
Wasser und suchten nach dem 412 oder nach dem
Unterseeboot oder einem anderen Angreifer, der ihr
Schiff getroffen hatte. Aber das Boot 412 war ent-
kommen. (Eine Zeile von der Zensur gestrichen.)
Pechschwarze Dunkelheit lag auf dem Wasser, nach-
dem der Mond untergegangen war. Ozean und Land
und Boot waren in die Nacht gehüllt.
»Wir wollen machen, daß wir verdammt noch mal
hier wegkommen«, sagte der Kapitän. »Machen wir
uns auf den Rückweg.«

284
Ein Zerstörer

24. November 1943


Ein Zerstörer ist ein wundervolles Schiff, wahrschein-
lich das schönste aller Kriegsschiffe. Schlachtschiffe
sind ein bißchen wie stählerne Städte oder große Zer-
störungsbetriebe. Flugzeugträger sind schwimmende
Flughäfen. Selbst Kreuzer sind große Maschinen, aber
ein Zerstörer ist ein wirkliches Schiff. Mit seinen schö-
nen klaren Konturen, seiner Geschwindigkeit und sei-
ner Rauheit, mit seiner merkwürdigen Pracht ist er
durch und durch ein Schiff im alten Sinn des Wortes.
Zum einen ist ein Zerstörer klein genug, so daß
der Kapitän seine ganze Besatzung persönlich kennt,
alles über jede einzelne Person weiß, seinen Vorna-
men und die Anzahl seiner Kinder und die Schwie-
rigkeiten, in denen er gesteckt hat und in die er viel-
leicht noch kommen wird. An Bord eines Zerstörers
herrscht Ungezwungenheit und eine gute Beziehung
zwischen den Männern. Und wenn der Zerstörer
dann noch einen guten Kapitän hat, hat man wirklich
ein Schiff, auf dem man gerne dient.
Schlachtschiffe werden für den tödlichen Schlag
zurückgehalten, und solch einen Schlag gibt es
manchmal nur einmal in einem Krieg. Kreuzer gehen
als zweite ins Gefecht, aber Zerstörer sind ständig im
Einsatz. Sie sind wahrscheinlich die fleißigsten Schiffe
in der ganzen Flotte. In einem wichtigen Gefecht
übernehmen sie die Aufklärung und den ersten An-
griff. Sie geben Geleitschutz und eilen zu jedem

285
Kampf. Wo immer es ein Problem gibt, eilen als erste
Schiffe die Zerstörer hin. Sie haben nicht die göttliche
Würde der Schlachtschiffe und auch nicht die bi-
schöfliche Würde der Kreuzer. Zuallererst sind sie
Schiffe, und die Männer, die dort arbeiten, sind See-
leute. In rauhem Wetter sind sie rauh, ehrlich und
ungestüm.
Ein Mann auf einem Zerstörer leidet in Kriegszei-
ten nie an Langeweile, denn ein Zerstörer ist das
Schiff eines Seemannes. Er kann in Windeseile auf
Fahrt gehen. Das Wasser brodelt unter dem fächer-
förmigen Heck wie der Niagarafall. Er zieht mit fünf-
unddreißig Knoten dahin, und die Gischt schießt
über ihn hinweg. Er wendet und kämpft und zieht
sich wieder zurück, er setzt Wasserbomben ab, bom-
bardiert und rammt andere Schiffe. Er kann für
Himmelfahrtskommandos eingesetzt werden und ist
gefährlich. Und aus all diesen Gründen ist die Besat-
zung eines Zerstörers von leidenschaftlicher Liebe zu
ihrem Schiff erfüllt. Jeder kennt sein Schiff, jeden
Zentimeter und nicht nur seine eigene Position.
Der Zerstörer X ist so ein Schiff. Seit dem Kriegs-
ausbruch hat er viele tausend Seemeilen zurückge-
legt. Er ist bombardiert worden, und Torpedos sind
unter seinen Bug gegangen. Er hat Geleitschutz gege-
ben und ist im Kampf gewesen. Sein Kapitän ist ein
junger, dunkelhaariger Mann, und sein stellvertre-
tender Kommandant sieht wie ein blonder Student
aus. Das Schiff ist makellos. Die Maschinen sind po-
liert und gestrichen und gewienert.

286
Der Zerstörer X ist ein ziemlich neues Schiff, vor
fünfzehn Monaten in Dienst gestellt. Er hat Casa-
blanca bombardiert und Gela und Salerno, und er
hat Inseln eingenommen. Die Offiziere würden na-
türlich gern auf größere Schiffe wechseln, weil sie
dort leichter befördert werden können, aber die
Mannschaft eines Zerstörers würde nicht gern auf ei-
nem anderen Schiff fahren.
Der Zerstörer X ist ein persönliches Schiff und eine
wirkliche Persönlichkeit. Man arbeitet dort in aller
Ruhe. Niemand hebt je die Stimme. Der Kapitän ist
ein freundlicher Mann, und das trifft auch auf jeden
anderen zu. Befehle werden in der gleichen normalen
Stimmlage ausgesprochen wie die Bitte um Salz in
der Messe. Die Disziplin ist genau und pedantisch,
aber sie wird in gegenseitigem Einverständnis akzep-
tiert und nicht von oben herab aufgezwungen. Der
Kapitän sagt zum Beispiel: »Soundso viele Männer
haben Landurlaub. Beim ersten Mann, der betrunken
zurückkommt, ist der Landurlaub für alle anderen
gestrichen.« Es ist sehr einfach. Die Besatzung würde
jeden disziplinieren, der den Ausgang der ganzen Be-
satzung gefährdet. Daher kommen sie also in guter
Verfassung und pünktlich zurück. Auf X muß nur
selten jemand in den Bau.
Wenn der Zerstörer X in einer Kampfzone ist, gibt
es keine Entspannung. Die Männer schlafen in ihren
Kleidern. Der aufreizende blökende Ton, der »Alarm«
bedeutet, ist dazu geeignet, den tiefsten Schlaf zu
durchbrechen. Es klingt wie der gellende Schrei eines

287
metallischen Maultieres, und die Reaktion setzt au-
genblicklich ein. Man hört ein Hasten von Füßen auf
dem Korridor und das Geklapper von Füßen auf den
Leitern. Innerhalb weniger Sekunden strotzt X vor
bemannten und feuerbereiten Geschützen, Flakkano-
nen, die in den Himmel spähen, und die Fünf-Zoll-
Kanonen, die ebenfalls auf Objekte am Himmel feu-
ern können.
Die geduckten und behelmten Männer schaffen es
in weniger als einer Minute zu ihren Gefechtsstellun-
gen. Es gibt kein Hasten und keinen Tumult. Sie ha-
ben es schon hunderte Male gemacht. Und dann ver-
wandelt ein leise in ein Telefon gesprochenes Wort
von der Brücke den Zerstörer in einen feuerspeien-
den Drachen. In kürzester Zeit kann er Tonnen von
Stahl von sich schleudern.
Äußerst merkwürdig ist es, die großen Geschütze
zu sehen, wenn sie auf automatische Steuerung ge-
schaltet sind. Sie werden von der Brücke ausgerichtet
und abgefeuert. Türme und Kanonen waren vorher
schweres, totes Metall, und jetzt plötzlich erwachen
sie zum Leben. Der Turm saust herum, aber es sind
die Kanonen, die zu leben scheinen. Sie wippen und
zittern, fast als ob sie in der Luft herumschnuppern.
Sie zittern wie die Fühler eines Insekts, das seine Beu-
te hört oder riecht. Plötzlich bleiben sie stehen, und
mit einem Donner fliegen die Granaten weg. Die
Leuchtgeschosse scheinen endlos zu schweben, bevor
sie treffen. Noch bevor die Granaten einschlagen, zit-
tern die Kanonen wieder und gehen auf ein neues

288
Ziel. Sie sind wie Klapperschlangen, die sich aufge-
richtet haben, um ihr Opfer zu schlagen, und sie
scheinen wirklich lebendig zu sein. Es ist schon be-
ängstigend, das zu beobachten.

Eine zerlumpte Mannschaft

31. Dezember 1943


Als die Pläne gemacht wurden, eine deutsche Radar-
station auf einer italienischen Insel im Tyrrhenischen
Meer einzunehmen, beauftragte man damit amerika-
nische Fallschirmjäger, vierzig Mann und drei Offi-
ziere. Sie kamen von irgendwo in Afrika zu dem Ma-
rinestützpunkt. Sie sagten nicht, woher. Sie kamen
irgendwann in der Nacht und wurden am Morgen in
eine Wellblechhütte zum Schlafen gebracht, eine har-
te und zerlumpte Mannschaft. Ihre Uniformen waren
nicht mehr so schön und neu wie auf den Plakaten.
Die Jacken mit all den Taschen und die Segeltuchho-
sen waren so oft gewaschen und in der heißen Sonne
getrocknet worden, daß sie schon fast weiß waren,
und an den Rändern waren sie ausgefranst. Die Offi-
ziere, zwei Leutnants und ein Hauptmann, waren
auch nicht anders gekleidet als ihre Männer, und
schon seit Monaten trugen sie keine Rangabzeichen
mehr. Der Hauptmann hatte zwei Streifen eines Kle-
bebandes auf seine Schultern geklebt, um überhaupt
zu zeigen, daß er der Hauptmann sei. Einer seiner
Leutnants hatte ein Stückchen gelbes Tuch als Rang-

289
abzeichen auf seine Schulter genäht. Sie waren zehn
Monate in der Wüste gewesen, und es hatte keine
Möglichkeit gegeben, die hübschen kleinen Rangab-
zeichen zu kaufen, die man sonst auf den Schultern
trägt. Sie waren nicht mehr aus einem Flugzeug abge-
sprungen, seit sie ihre Ausbildung in den Vereinigten
Staaten beendet hatten, aber das strenge harte Trai-
ning war auch in der Wüste weitergegangen.
Für diese Männer hatte es auch keine Luxusartikel
gegeben. Manchmal gingen die Zigaretten aus, und
dann hatten sie eben keine mehr. Sie mußten oft wo-
chenlang mit Feldrationen auskommen und wußten
schon lange nicht mehr, wie es war, in einem Bett zu
schlafen oder auch nur auf einer Pritsche. Sie sahen
einander alle irgendwie ähnlich, und vielleicht ist das
das charakteristische Aussehen von Fallschirmjägern.
Ihre meist grauen oder blauen Augen waren weit ge-
öffnet. Das Haar war kurz geschnitten, fast rasiert,
was ihren Köpfen ein merkwürdig eiförmiges Ausse-
hen verlieh. Ihre Ohren schienen gerade aus ihren
Köpfen hervorzustehen, vielleicht weil all ihr Haar
abgeschnitten war. Ihre Haut war von der Wüsten-
sonne fast schwarz gebrannt, was ihre Augen und
Zähne sehr hell erscheinen ließ. Ihre Lippen waren
von monatelanger Sonneneinwirkung aufgerauht.
Das Merkwürdigste an ihnen waren ihre Ruhe und
ihre fast scheuen, guten Manieren. Ihre Stimmen wa-
ren so leise, daß man sie fast nicht hören konnte, und
sie waren außergewöhnlich höflich. Die Offiziere ga-
ben ihre Befehle fast im Flüsterton, und es gab nichts

290
von der Steifheit der normalen militärischen Diszi-
plin. Es war fast, als ob sie alle ähnlich dächten, so
daß überhaupt nur wenige Befehle notwendig waren.
Wenn etwas getan werden mußte, zum Beispiel das
Aus- oder Einladen ihres Nachschubs, dann arbeite-
ten sie wie Teile einer Maschine. Keiner schien sich
schnell zu bewegen, aber es gab keine überflüssige
Bewegung, und daher wurde die Arbeit in einem un-
glaublichen Tempo erledigt. Mit Salutieren wurde
keine Zeit verschwendet. Ein Mann grüßte seinen Of-
fizier nur, wenn er ihn ansprach oder von ihm ange-
sprochen wurde.
Diese Fallschirmspringer hatten so wenig Ausrü-
stung bei sich, wie man sich nur vorstellen kann. Sie
hatten ein paar Gewehre, ein paar Maschinenpisto-
len, und die Offiziere besaßen die neuen Karabiner.
Zusätzlich hatte jeder Mann ein Messer und vier
Handgranaten, die gelb gestrichen waren, aber sie
hatten ihre Granaten schon so lange, daß die gelbe
Farbe schon fast abgegriffen war. Die Gewehre waren
so oft poliert und geputzt worden, daß die schwarze
Beschichtung an verschiedenen Stellen abgescheuert
war und das blanke Metall durchschien. Die kleinen
amerikanischen Flaggen, die sie auf ihren Schultern
trugen, waren von der Sonne und vom Waschen der
Kleider schon ganz bleich. In ihrer Ausrüstung hatten
sie nur das Nötigste. Sie besaßen ihre Kleidung und
was sie tragen konnten. Und irgendwie hatte man
den Eindruck, sie seien sehr tüchtig.
Am Morgen kamen ihre Offiziere zur Konferenz,

291
um über die Operation unterrichtet zu werden. Sie
traten scheu ein und nahmen an dem einfachen
Tisch Platz. Die Marineoffiziere verteilten Karten,
und die Operation wurde in Einzelheiten beschrie-
ben, ein Teil wurde auf einer großen Tafel aufge-
zeichnet, die an der Wand lehnte.
Die Insel hieß Ventotene, und auf ihr befand sich
eine Radarstation, die den ganzen Seebereich nörd-
lich und südlich von Neapel absuchte. Die Radarsta-
tion gehörte den Deutschen, aber man nahm an, daß
nur sehr wenige Deutsche dort seien. Es waren je-
doch zwei- oder dreihundert Carabinieri da, und
man wußte nicht, ob sie kämpfen würden oder nicht.
Auf der Insel gab es auch eine Anzahl politischer Ge-
fangener, die freigelassen werden sollten. Die Insel
sollte dann von den Fallschirmjägern so lange gehal-
ten werden, bis ein Truppenverband an Land gesetzt
werden konnte.
Die drei Offiziere betrachteten die Tafel mit weit
geöffneten Augen. Hin und wieder blickten sie sich
ruhig an. Als die Diskussion beendet war, sagte der
Marinekapitän: »Haben Sie alles verstanden? Gibt es
irgendwelche Fragen?«
Der Hauptmann der Fallschirmspringer studierte
die Tafel mit der aufgezeichneten Karte der Insel und
fragte leise: »Irgendwelche Artillerie?«
»Ja, es gibt da ein paar Küstengeschütze, aber
wenn sie die einsetzen, werden wir sie mit unseren
Marinegeschützen kriegen.«
»Ich verstehe. Nun, ich hoffe, die Italiener werden

292
nichts anstellen. Ich meine, ich hoffe, sie schießen
nicht auf uns.« Seine Stimme klang sehr scheu.
Ein Marineoffizier sagte scherzend: »Wollen Ihre
Männer denn nicht kämpfen?«
»Das ist es nicht«, sagte der Hauptmann. »Wir
sind lange Zeit in der Wüste gewesen. Meine Männer
sind ziemlich kampflustig. Sie könnten ziemlich grob
werden, wenn jemand auf sie schießt.«
Die Besprechung war beendet, und die Marine lud
die Fallschirmjäger zum Mittagessen in der Marine-
messe ein.
»Wenn Sie uns entschuldigen würden«, sagte der
Hauptmann, »ich glaube, wir gehen lieber zu unse-
ren Männern zurück. Sie werden wissen wollen, was
wir zu erledigen haben. Ich nehme diese Karte hier
mit und erkläre es ihnen.« Er hielt wie zur Ent-
schuldigung inne und sagte: »Verstehen Sie, sie
werden es wissen wollen.« Die drei Offiziere standen
von dem Tisch auf und gingen hinaus. Ihre Männer
warteten in der Blechhütte. Der zerlumpte Haupt-
mann und seine Leutnants gingen über die Straße,
geblendet vom grellen Sonnenlicht, betraten die Un-
terkunft und schlossen die Tür. Sie blieben lange
Zeit drinnen und erklärten den vierzig Männern die
Operation.

293
Ventotene

3. Dezember 1943
Die Kampfverbände der Marine trafen sich in der
Dämmerung auf See, formierten sich und machten
sich mit vorherberechneter Geschwindigkeit nach
Ventotene auf, um bei Monduntergang an der Insel
anzukommen. Ihr Auftrag lautete, die Insel einzu-
nehmen und die deutsche Radarstation zu besetzen.
Der Mond war sehr groß, und man wollte verhin-
dern, daß die Leute auf der Insel erkennen, welche
Streitmacht auf sie zukommt. Deshalb wollte man
den Angriff nicht vor Einbruch der Dunkelheit ver-
suchen. Die Schiffe breiteten sich zur Fahrt im Ver-
band aus und zogen langsam über die ruhige See.
Auf einem Zerstörer des Verbandes saßen die Fall-
schirmjäger, die den Angriff durchführen sollten, auf
Deck und betrachteten den Mond. Sie schienen ein
wenig unruhig zu sein. Nachdem man sie dazu aus-
gebildet hatte, vom Himmel zu fallen, bestand ihr er-
ster Auftrag in einer Seefahrt. Vielleicht sahen sie
darin eine Beleidigung ihrer Tüchtigkeit.
Überall an der italienischen Küste entlang unter-
nahm die Luftwaffe Angriffe. Die Marine konnte die
Leuchtsätze sehen, die an Fallschirmen niedergingen,
und dann die Explosionen und die Linien der
Leuchtspurgeschosse zu ihrer Rechten. Aber die Kü-
ste wurde zu sehr beschäftigt, als daß sich dort je-
mand mit dem kleinen Marineverband hätte beschäf-
tigen können, der in nördlicher Richtung fuhr.

294
Der Zeitplan war absolut exakt. Der Mond wurde
sehr rot, bevor er unterging, und gerade, als er unter-
ging, zeigte sich der hohe Buckel der Insel in seinem
Schein. Und sobald er untergegangen war, erschien
die Dunkelheit so undurchdringlich, daß man schon
den Mann zu seiner eigenen Seite nicht mehr sehen
konnte. Auf der Insel sah man überhaupt keine Lich-
ter. Diese Insel war drei Jahre lang verdunkelt. Als
der Marineverband seine Position eingenommen hat-
te, fuhr ein kleines Boot, das mit einem Lautsprecher
ausgerüstet war, näher an die Küste heran. Aus fünf-
hundert Metern Entfernung richtete es seine Laut-
sprecher auf die verdunkelte Stadt, und eine schreck-
lich klingende Stimme übermittelte den Aufruf.
»Italiener«, sagte sie, »ihr müßt jetzt kapitulieren.
Wir sind in großer Zahl gekommen. Eure deutschen
Verbündeten haben euch im Stich gelassen. Ihr habt
fünfzehn Minuten, um euch zu ergeben. Zeigt drei
weiße Lichter als Zeichen der Kapitulation. Nach Ab-
lauf von fünfzehn Minuten werden wir das Feuer er-
öffnen. Dieser Aufruf wird noch einmal wiederholt.«
Der Aufruf wurde noch einmal wiederholt – »… drei
weiße Lichter als Zeichen der Kapitulation.« Dann
war die Nacht still.
Auf der Brücke eines Zerstörers spähten die Offi-
ziere in die Dunkelheit in Richtung Insel. An den Ge-
ländern des Schiffes spähten auch die Männer in die
Dunkelheit. Der 1. Offizier blickte immer wieder auf
seine Armbanduhr. Die Nacht war so dunkel, daß
man das beleuchtete Zifferblatt zwei Meter weiter

295
noch sehen konnte. Die Feuerzentrale hatte die
Schußwerte bereit. Die Geschütze des gesamten Ver-
bandes wurden auf die Insel gerichtet. Und die Mi-
nuten gingen langsam vorbei. Niemand wollte auf die
Stadt schießen, die konzentrierte Zerstörungskraft
der hochexplosiven Geschosse auf die Insel richten.
Aber die Minuten verstrichen unaufhaltsam – zehn –
elf – zwölf. Die grünen, leuchtenden Zeiger bewegten
sich über das Zifferblatt der Armbanduhr. Der Kapi-
tän sprach ein Wort in sein Telefon, und dann hörte
man ein Rascheln, und die Tür des Auswerterraumes
öffnete sich einen Augenblick lang und schloß sich
dann wieder.
Und dann, als der Minutenzeiger schon etwas
mehr als vierzehn Minuten zeigte, stiegen von der In-
sel drei weiße Raketen auf. Sie stiegen auf, beschrie-
ben langsam einen Bogen und fielen zurück. Und
dann, noch nicht zufrieden, stiegen drei weitere auf.
Der Kapitän seufzte vor Erleichterung und sprach
wieder in sein Telefon. Und das ganze Schiff schien
sich zu entspannen.
In der Offiziersmesse saß der Kommandeur des
Geschwaders am Kopfende des Tisches. Er war in
Khaki gekleidet, der Kragenknopf seines Hemdes of-
fen, und seine Hemdsärmel waren aufgekrempelt. Er
trug einen Helm, und eine Maschinenpistole lag vor
ihm auf dem Tisch. »Ich werde rüberfahren und die
Kapitulation entgegennehmen«, sagte er und be-
nannte fünf Männer, die mit ihm gehen sollten. »Die
Fallschirmjäger sollen sofort rüberfahren, sobald ihr

296
sie im Landeboot habt«, sagte er zu seinem 1. Offizier.
»Laßt das Rettungsboot zu Wasser.«
Das Deck war sehr dunkel. Man mußte sich seinen
Weg ertasten. Die Auslegerarme für die Boote wur-
den eingeschwenkt, wie es im Kampf immer ge-
schieht, und jetzt ließ eine Mannschaft das Rettungs-
boot zu Wasser. Sie hielten es auf der Höhe des
Decks, damit die Männer einsteigen konnten – ein
Steuermann und ein Maschinist waren bereits im
Boot. Fünf Offiziere, mit Maschinenpistolen bewaff-
net, kletterten über die Reling und ließen sich im
Boot nieder. Jeder Mann hatte eine Trommel mit
Kugeln auf seiner Pistole, und jeder trug auch noch
eine kleine Tasche mit einer weiteren Trommel. Das
Boot wurde weiter heruntergelassen, und gerade als
es die Wasserfläche berührte, warf der Maschinist
den Motor an. Das Boot drehte ab und wandte sich
der Küste zu. Richtung und Entfernung mußte man
schon fast erraten, da die Küste selbst nicht zu sehen
war. Der Kommandant sagte: »Wir müssen hin-
kommen und sie entwaffnen, bevor sie ihre Meinung
ändern. Man weiß nie, was sie machen, wenn wir ih-
nen Zeit geben.« Und er sagte zu seinen Männern:
»Geht kein Risiko ein. Eröffnet das Feuer, wenn ir-
gend jemand auch nur das geringste Zeichen von
Widerstand erkennen läßt.«
Das Boot glitt auf die dunkle Küste zu, die Moto-
ren waren gedämpft und liefen ruhig.

297
6. Dezember 1943
Es gibt Zeiten, in denen das Glück bei einem Einsatz
eine so große Rolle spielt, daß hinterher ein Gefühl
von Grauen aufkommt. Und ein solcher Einsatz war
die Invasion der Insel Ventotene durch fünf Männer
in einem Motorboot. Sie wußten, daß sich auf der In-
sel eine deutsche Radarmannschaft befand, aber sie
wußten nicht, daß sie siebenundachtzig Mann zählte
und dazu noch mit Maschinengewehren schwer be-
waffnet war. Sie wußten nicht, daß die Einheit Muni-
tion und Lebensmittel hatte, um sechs Wochen
durchhalten zu können. Die Männer in dem Ret-
tungsboot wußten lediglich, daß die Italiener als Zei-
chen der Kapitulation drei weiße Raketen in die
Nacht geschossen hatten.
Der Haupthafen von Ventotene besteht aus einem
schmalen Meeresarm, der an einer steilen Klippe wie
in einem Amphitheater endet, und auf dieser halb-
kreisförmigen Klippe liegt die Stadt hoch über dem
Wasser. Zur Linken dieses Meeresarmes liegen der
Pier und ein kleiner Wellenbrecher, der nicht mit
dem Land verbunden ist und gebaut wurde, damit
die Brecher nicht gegen den Pier donnern. Schließ-
lich gibt es links des Piers noch einen weiteren Mee-
resarm, der dem eigentlichen Hafen sehr ähnlich
sieht, allerdings kein Hafen ist.
Das Rettungsboot mit den fünf Männern näherte
sich der dunklen Insel, und als es nahe genug an der
Küste war, schaltete der Kommandant schnell eine
Taschenlampe an, die eine tiefe Bucht erkennen ließ.

298
Natürlich nahm er an, das sei der Hafen, und das
kleine Boot fuhr ohne Probleme hinein. Dann ging
das Licht wieder an und schweifte umher, nur um
festzustellen, daß das nicht der richtige Hafen, son-
dern die falsche Einfahrt war.
Das Rettungsboot machte kehrt und fuhr wieder
aus der Bucht heraus, und bald kam es an eine Sand-
bank, die aus dem Wasser aufragte. Und wieder blitzte
die Taschenlampe auf, und man sah, daß es sich um
den Wellenbrecher handelte. Wieder fuhr das Boot
weiter, aber man hatte fast zehn Minuten verloren,
weil man sich verirrt hatte. Der dritte Versuch war er-
folgreich, und das kleine Boot fand die Einfahrt zu
dem wirklichen Hafen und fuhr hinein. Und gerade
als das Boot seinen Bug in den kleinen Hafen schob,
hörte man hinter dem Wellenbrecher eine Explosion
und das Geräusch von laufenden Füßen. Dann von
der Spitze der Klippe eine weitere Explosion, und
dann auf dem Hügel mehr und mehr Explosionen.
Man konnte zu diesem Zeitpunkt nichts anderes
tun als weiterfahren. Das Boot legte am Pier an, und
die fünf Männer sprangen heraus. Hinter dem Wel-
lenbrecher lag ein deutsches Schnellboot, und
daneben stand ein deutscher Soldat. Er hatte gerade
eine Stielhandgranate unter das Schnellboot gewor-
fen, um es zu zerstören und zu versenken. Einer der
amerikanischen Offiziere lief auf ihn zu, und in einer
einzigen Bewegung riß sich der Deutsche seine Lu-
ger-Pistole aus dem Gurt, warf sie ins Wasser und
hob dann beide Hände über den Kopf. Der Strahl der

299
starken Taschenlampe legte sich wie ein Kreis um
ihn. Der Offizier, der ihn gefangengenommen hatte,
brachte ihn schnell zum Boot und stellte ihn unter
die Aufsicht des Bootsmaschinisten.
Und jetzt kamen Italiener vom Hügel herunterge-
schwärmt und schrien: »Kapitulation, Kapitulation!«
Und als sie herunterkamen, ließen sie ihre Gewehre
auf einen wirren Haufen fallen. Der Kommandant
wies auf eine Stelle auf dem Kai. »Stapelt sie da auf«,
sagte er. »Holt alles, was ihr habt, und stapelt es da
auf.«
Jetzt wurde der Kai kreuzweise mit Scheinwerfern
ausgeleuchtet. Die fünf Amerikaner standen Seite an
Seite mit ihren Waffen in Anschlag, während die ita-
lienischen Carabinieri ihre Gewehre brachten und sie
auf einen Haufen legten. Alle schienen verwirrt und
froh und verängstigt. Die Leute wollten sich eng zu-
sammendrängen, um die Amerikaner zu sehen, aber
zur gleichen Zeit hielten sie die häßlichen Mündun-
gen der Maschinenpistolen auf Distanz. Es ist kein
beruhigendes Gefühl, einer von fünf Männern zu
sein, die zweihundertfünfzig Männern gegenüberste-
hen, selbst wenn diese Männer scheinbar kapituliert
haben.
Alle Italiener redeten. Niemand hörte zu. Und nie-
mand wollte zuhören. Und dann brach eine bemer-
kenswerte Gestalt durch ihre Reihen, ein großer,
grauhaariger alter Mann, der einen rosafarbenen Py-
jama trug. Er stolzierte durch die schnatternden,
schreienden Carabinieri und sagte: »Ich spreche Eng-

300
lisch.« Augenblicklich hörte der Lärm auf, und ein
Kreis von Gesichtern zeigte sich deutlich in den
Lichtkegeln der Scheinwerfer. »Ich bin seit drei Jahren
als politischer Gefangener hier«, sagte der alte Mann.
Aus irgendeinem Grund sah er in seinem rosafarbe-
nen Pyjama nicht komisch aus. Er besaß viel Würde,
sogar genug, um seine Kleidung vergessen zu machen.
Der Kommandeur fragte: »Was waren das für Ex-
plosionen?«
»Die Deutschen«, sagte der alte Mann. »Es sind
siebenundachtzig Mann. Sie waren darauf vorberei-
tet, mit Maschinengewehren auf euch zu feuern, als
ihr in den Hafen einfuhrt, aber als ihr Truppen im
falschen Hafen und weitere Truppen auf dem Wel-
lenbrecher abgesetzt habt, dachten sie, sie waren um-
zingelt und zogen sich zurück. Sie sprengen auf ih-
rem Rückzug alles in die Luft.«
»Als wir Truppen an Land setzten …?« begann der
Kommandeur, unterbrach sich dann aber selbst. »O
ja. Ich verstehe«, sagte er. »Ja, als wir die Truppen an
Land setzten.« Einer der Offiziere fröstelte ein wenig
und grinste zum Kommandeur hinüber.
»Ich wünschte, diese Fallschirmspringer würden
jetzt eintreffen«, sagte er.
»Ich hätte auch nichts dagegen«, antwortete der
Kommandeur. Und er wandte sich wieder an den al-
ten Mann im Schlafanzug. »Wohin gehen die Deut-
schen?«
»Sie werden sich zu ihrer Radarstation zurückzie-
hen, um sie zu zerstören. Sie haben ein paar Schüt-

301
zengräben auf dem Hügel. Ich nehme an, sie werden
die Stellung dort halten wollen.« In diesem Augen-
blick hörte man eine gewaltige Explosion, und oben
auf dem Hügel brach Feuer aus, ein Feuer, das groß
genug war, um das kleine Dock und die Einfahrt zur
Bucht zu beleuchten. »Das war wohl die Radarstati-
on«, sagte der alte Mann. »Sie sind sehr gründlich.
Schade, daß die Truppen, die Sie an Land gebracht
haben, nicht zuerst dort waren.«
»Ja«, sagte der Kommandant, »das ist wirklich
schade.«
Weitere Italiener kamen den Hügel herunter und
gaben ihre Waffen ab. Sie schienen sehr froh zu sein,
sie ablegen zu können. Offensichtlich hatten sie nie
ein besonderes Verhältnis zu ihren Gewehren gehabt.
Auf dem Dock standen die fünf Amerikaner unru-
hig herum, sie hielten ihre Pistolen entsichert, und ih-
re Augen schweiften ruhelos über die Italiener. Der
Feuerschein von den brennenden Gebäuden hoch
oben auf dem Hügel warf hinter den Dockhäusern tie-
fe Schatten. Der Kommandeur sagte leise: »Ich
wünschte, diese Fallschirmjäger würden kommen.
Wenn Jerry herausfindet, daß wir nur fünf Mann sind,
würde ich keinen Pfifferling mehr für uns geben.«
Und dann konnte man das Geräusch eines Motor-
bootes hören, und der Kommandant lächelte vor Er-
leichterung. Die dreiundvierzig Fallschirmjäger ka-
men an Land. »Leuchten Sie ihnen, Bootsführer«, rief
der Kommandant. »Zeigen Sie ihnen, wo sie landen
müssen.«

302
8. Dezember 1943
Die fünf Männer von dem Zerstörer bewegten sich
ruhelos über den Kai der Insel Ventotene, die sie zu-
fällig und mit Glück eingenommen hatten. Man sah
nicht das geringste Zeichen von dem Zerstörer, der
vor der Küste lag, und Minuten wurden zu Stunden.
Die dunkle Stadt auf der Klippe war für sie in ihrer
Vorstellung von Scharfschützen bevölkert, und von
drüben auf dem Hügel, wohin sich die Deutschen zu-
rückgezogen hatten, donnerte gelegentlich eine Ex-
plosion, wenn die Deutschen weitere Einrichtungen
sprengten. Sie wußten nicht, wie viele Amerikaner da
waren – es waren nur fünf. Und die Amerikaner wuß-
ten nicht, wie viele Deutsche da waren – es waren sie-
benundachtzig. Das war großes Glück für die Ameri-
kaner, denn wenn die Deutschen gewußt hätten …
Das ist kein Gedanke, den man weiterspinnen sollte.
Man hat den Drang, in Bewegung zu bleiben, ru-
helos hin und her zu gehen, und man ist auch ängst-
lich darauf bedacht, kein Licht im Rücken zu haben,
wenn man allein ist und nicht weiß, wann aus der
Dunkelheit auf einen geschossen wird. Dieses Her-
umgehen ist wahrscheinlich das schlimmste, was
man tun kann. Nach Meinung von Bob Capa*, der in

* Robert Capa wurde als Erno Endre Friedmann 1913 in Buda-


pest geboren. Als Fotojournalist war er an allen Brennpunk-
ten der Welt. 1949 gründete er zusammen mit Cartier-
Bresson und David Seymour in Paris die Foto-Agentur Ma-
gnum. Er starb 1954 in Indochina, als er beim Fotografieren
auf eine Mine trat (A.d.Ü.)

303
mehr Kriegen und näher dran gewesen ist als fast je-
der, der jetzt noch lebt (und weshalb er noch lebt,
weiß niemand), soll man sich auf keinen Fall bewe-
gen. Wenn man absolut unbeweglich in der Dunkel-
heit sitzt, so argumentierte er, weiß niemand, daß
man überhaupt da ist. Erst durch die Bewegung ver-
rät man seine Position. Seiner Meinung nach soll
man auch unter Beschuß so lange still sitzen bleiben,
bis man weiß, aus welcher Richtung gefeuert wird.
Das ist in der Praxis schwierig, aber es muß wohl
richtig sein, denn Bob Capa lebt immer noch. Aber
der erste Instinkt ist immer, sich zu bewegen und den
Platz, an dem man sich gerade befindet, zu verlassen.
Aber ein Licht im Rücken zu haben ist am schlimm-
sten. Es scheint einem in den Rücken zu brennen,
und man malt sich aus, welch wunderbares Ziel man
für jemanden in der Dunkelheit abgibt, wenn man
selber vor einer Lichtquelle steht und nach vorne
noch einen großen Schatten wirft.
Wahrscheinlich gibt es auf der ganzen Welt nichts so
Dehnbares wie das eigene Zeitgefühl. Man kann nicht
wissen, wie lange diese dreiundvierzig Fallschirmjä-
ger brauchten, um an Land zu kommen. Es kann eine
halbe Stunde gewesen sein, und es können drei Stun-
den gewesen sein. Für die drei Männer auf dem Kai
waren es drei Tage. Wahrscheinlich dauerte es etwa
fünfundvierzig Minuten. Die dunkle feindliche Insel
und das dunkle Wasser boten nichts Behagliches.
Aber nach einer schier unendlichen Zeit hörte man
ein heimliches leises Brummen von Motoren. Dann

304
tauchte aus der Dunkelheit ein kleines Licht auf. Das
Boot bat um Anweisungen. Einer der Offiziere auf
dem Kai legte sich auf den Bauch, lehnte sich über
das Steingeländer und gab Signale mit seiner Ta-
schenlampe, so daß man es von der Insel aus nicht
sehen konnte. Und dann ließ er seine Taschenlampe
in Intervallen aufblitzen, um dem Boot die Richtung
anzugeben.
Es tauchte abrupt aus der Dunkelheit auf: Aus der
pechschwarzen Dunkelheit glitt es geräuschlos heran
und stieß sanft gegen den Kai. Und es war eins dieser
Boote, dessen Name die Marine streichen wird, wenn
ich ihn hier angebe. Aber wichtig war, daß sich drei-
undvierzig Fallschirmjäger an Bord befanden. Sie
schienen über die Seite des Bootes zu fließen; sie wa-
ren sehr still. Ihr Hauptmann ging augenblicklich an
die Arbeit. Er schickte Vorposten aus, bevor er auch
nur eine Minute an Land war, und sie schlichen sich
den Hügel hinauf, um die Zugänge zum Hafen zu
bewachen. Einige gingen in die Stadt und besetzten,
mit Gewehren und Handgranaten bewaffnet, die Dä-
cher der Gebäude. Andere zogen zum Strand hinun-
ter, um den Zugang von See her zu bewachen. In der
Zwischenzeit war ein kleiner Landesteg an den Kai
gelegt worden, und der Nachschub wurde in der
Dunkelheit an Land gebracht.
Mitten in dieser Arbeit konnte man das Brummen
eines Flugzeuges hören. Der Hauptmann der Fall-
schirmjäger gab einen kurzen Befehl, und die Män-
ner gingen in Deckung. Das Flugzeug brummte über

305
sie hinweg, und als es in einiger Entfernung von der
Küste war, trat der Zerstörer wieder in Aktion. Er
feuerte in seiner ganzen Blüte wie bei einem traditio-
nellen Feuerwerk zum vierten Juli. Seine Leuchtge-
schosse sprühten wie ein Springbrunnen. Und dann
wurde es an Bord wieder dunkel, und das Flugzeug
war verschwunden.
Das Entladen ging weiter, bis ein Stapel von Gü-
tern auf dem Kai lag, Rationen in Kisten und Muni-
tionskisten und Maschinengewehre und die leichten
Schlafsäcke der Fallschirmjäger. Sie brachten keine
Luxusartikel mit. Das tun sie nie. Ihr Hauptinteresse
gilt der Verpflegung und der Munition. Sonst kom-
men sie mit sehr wenig aus. Aber nach Ventotene
brachten sie auch Wasser mit, in diesen Behältern
mit Griffen, die für Wasser und auch für Benzin ver-
wendet werden. Denn auf Ventotene gibt es kein
Wasser. Zu anderen Zeiten kamen immer Wasser-
schiffe vom Festland herüber. Das einzige Wasser am
Ort wird während der Regenmonate in Zisternen ge-
sammelt.
Als der Nachschub an Land war, versammelten
sich die drei Fallschirmjägeroffiziere und die Marine-
offiziere in einem kleinen Steingebäude am Hafen.
Auf dem Boden stand eine elektrische Lampe, und
die Türen und Fenster waren geschlossen, so daß
kein Licht nach draußen fallen konnte. Die Gesichter
wurden von unten beleuchtet, und es waren ange-
spannte Gesichter, und die Kinnmuskeln waren ver-
krampft. Wieder wurden die Kisten herausgeholt.

306
»Ich werde meine Männer in der Dunkelheit nicht
auf eine feindliche Übermacht hetzen«, sagte der
Hauptmann der Fallschirmjäger. »Jerry wird mittler-
weile in den Gräben sitzen. Ich werde bis zum Mor-
gen keinen Angriff starten. Wir haben nur halb so
viele Leute und keine Artillerie.«
Ein Offizier sagte: »Vielleicht … vielleicht können
wir sie überreden. Holen wir doch ein paar der Ita-
liener herein und sehen wir mal, was wir tun können.
Jerry weiß nicht, wie viele Männer oder wie viele
Schiffe wir haben. Denken wir mal ein bißchen dar-
über nach. Es wäre vielleicht doch möglich, sie zu
überreden.«
»Wie?« fragte der Hauptmann.
»Nun, würden Sie mich morgen früh mit einer
weißen Flagge raufgehen lassen?«
»Die knallen Sie ab.«
»Lassen Sie es mich trotzdem versuchen?«
»Nun …«
»Könnte uns eine Menge Schwierigkeiten erspa-
ren … Sir …«
»Wir können es uns nicht leisten, Offiziere zu ver-
lieren.«
»Sie werden mich nicht verlieren. Sagen Sie ja.«
Der Hauptmann sah ihn lange Zeit an, und dann
lächelte er dünn, und sein Kopf senkte sich fast un-
merklich.

307
10. Dezember 1943
Der Leutnant ging langsam den Hügel hinauf auf die
deutschen Stellungen zu. Er trug eine weiße Flagge
über dem Kopf, und diese weiße Flagge war ein Bade-
tuch. Als er so ging, dachte er, was für ein Narr er
doch sei. Er hatte wirklich seinen Kopf riskiert. Ge-
stern abend, als er um das Privileg gekämpft hatte,
hier heraufzugehen und Jerry durch Tricks zur Kapi-
tulation zu bewegen, hatte er nicht gewußt, daß es so
sein würde. Er hatte nicht gewußt, wie einsam und
gefährdet er sein würde. Vierzig Fallschirmjäger ge-
gen siebenundachtzig Deutsche, aber Jerry wußte das
nicht. Der Leutnant hoffte auch, Jerry wisse nicht,
daß sein Mut ihn verlassen hatte. Seine Schritte klan-
gen laut auf dem Pfad. Es war früh am Morgen, und
die Sonne war noch nicht aufgegangen. Er hoffte, sie
würden seine weiße Flagge sehen. Vielleicht sah man
sie bei diesem Licht nicht. Er hielt sich beim Hinauf-
klettern so viel wie möglich in offenem Gelände.
Er wußte, daß die vierzig Fallschirmjäger hinter
ihm herkrochen und sich den Hügel hinaufarbeite-
ten, sich in Deckung hielten und in Position gingen,
damit sie, falls irgend etwas schiefgehen sollte, sofort
angreifen konnten, weil dann noch die Chance be-
stand, Jerry zu überraschen. Er wußte, der Feldste-
cher des Hauptmanns würde auf die deutschen Posi-
tionen gerichtet sein und darauf warten, daß etwas
passierte.
»Wenn sie auf Sie schießen, werfen Sie sich hin
und bleiben still liegen«, hatte der Hauptmann ge-

308
sagt. »Wir werden versuchen, Sie zu decken und her-
auszuholen.«
Der Leutnant wußte, daß er, wenn er getroffen
würde und nicht tot wäre, den Schuß noch hören
würde, nachdem er getroffen wäre. Sollte er aber in
den Kopf getroffen werden, würde er nichts hören
oder fühlen. Er hoffte, wenn es schon geschehen soll-
te, daß es dann auf diese Art wäre. Seine Füße er-
schienen ihm sehr schwer und unbeholfen. Er blickte
vor sich hin und sah die kleinen Steine auf dem Weg
und wünschte, er könne sich hinknien, um festzustel-
len, welche Steine es sind. Er hatte das unbedingte
Bedürfnis, auf die Knie und aus der Schußlinie zu
gehen. Seine Brust prickelte, als ob er sich darauf
vorbereitete, die Kugel zu empfangen. Und sein Hals
war so zugeschnürt wie damals, als er versucht hatte,
im College eine Rede zu halten.
Schritt für Schritt ging er näher heran, aber kein
Anzeichen von Jerry. Der Leutnant wollte sich um-
drehen, um zu sehen, ob einer der Fallschirmjäger in
Sicht sei, aber er wußte, die Deutschen würden ihn
mit ihren Feldstechern beobachten, und sie waren
nahe genug, um sogar seinen Gesichtsausdruck zu
sehen.
Schließlich geschah es, schnell und natürlich. Er
ging an einem Haufen Felsbrocken vorbei, als ihm
eine tiefe Stimme einen Befehl zurief. Da waren drei
Deutsche, jung aussehende Männer, und sie richteten
ihre Gewehre auf seinen Bauch. Er blieb stehen und
starrte sie an, und sie starrten zurück. Er fragte sich,

309
ob seine Augen wohl auch so groß wären wie ihre. Sie
hielten inne, und dann rief eine heisere Stimme von
oben herunter. Die Jerrys standen auf und warfen
schnell einen Blick den Hügel hinunter, bevor sie zu
ihm traten. Und dann marschierten die vier weiter.
Das alles schien dem Leutnant ein wenig dumm; klei-
ne Jungs, die eine Allee hochmarschierten, um Con-
nors Holzschuppen anzugreifen. Und das Badetuch
an einem Stock schien auch dumm. Er dachte: »Nun,
wie dem auch sei, wenn sie mich abknallen, werden
unsere Jungs diese drei kriegen.« In seiner Phantasie
konnte er behelmte Amerikaner sehen, die die kleine
Prozession durch die Zielfernrohre ihrer Gewehre
beobachten.
Vor sich sah er ein kleines weißes Steingebäude,
aber Jerry war zu clever, um sich in diesem Haus auf-
zuhalten. Hinter dem Gebäude begann ein Graben
und führte zu einem Loch, das fast wie ein Bomben-
trichter aussah.
Drei Offiziere standen ihm in dem Loch gegen-
über. Sie trugen graublaue Uniformen und die schö-
nen hohen Schirmmützen der Luftwaffe mit Sil-
beradler und Hakenkreuz. Sie waren Elektroingeni-
eure, Bodendienstpersonal der deutschen Luftwaffe.
Sie sahen ihn an, ohne zu sprechen, und sein Hals
war so zugeschnürt, daß er einen Augenblick lang
selbst nichts sagen konnte. Das einzige, woran er
denken konnte, war ein grüner Spieltisch; Jerry hatte
drei Zweier offen liegen und der Leutnant zwei Drei-
er. Er wußte, daß sie nichts mehr hatten, aber sie

310
wußten nicht, was er noch in der Hand hatte. Er
hoffte nur, daß sie es wirklich nicht wußten, denn al-
les, was er hatte, waren diese beiden Dreier.
Der Oberleutnant sah ihn genau an und sagte
nichts.
»Sprechen Sie Englisch?« fragte der Leutnant.
»Ja.«
Der Leutnant holte tief Atem und brachte die Rede
heraus, die er auswendig gelernt hatte. »Empfehlun-
gen meines Oberst, Sir. Ich habe Befehl, Ihre Überga-
be zu fordern. Nach zwanzig Minuten werden die
Kreuzer näher kommen und das Feuer eröffnen,
wenn aufgrund der Kapitulation nichts anderes be-
fohlen wird.« Er bemerkte, wie die Augen des Ober-
leutnants unwillkürlich zur See hingingen. Der Leut-
nant vergaß seine Höflichkeit, wie er es geplant hatte.
»Wo liegt denn der Sinn?« sagte er. »Wir würden Sie
nur alle töten. Wir haben sechshundert Mann an
Land, und die Kreuzer brennen darauf, auf Sie zu
feuern. Wo ist denn der Sinn? Sie töten ein paar von
uns, und wir töten Sie alle. Warum werfen Sie nicht
einfach Ihre Waffen weg und ergeben sich?«
Der Oberleutnant starrte ihm in die Augen. Mit
diesem Pokerface-Blick. Der Blick schätzte ab: Passe
oder spiele, passe oder spiele. Die Pause dauerte Jahr-
hunderte, und dann fragte der Oberleutnant schließ-
lich: »Welche Behandlung haben wir zu erwarten?«
»Kriegsgefangene gemäß der Haager Konvention.«
Der Leutnant versuchte verzweifelt, ein undurch-
dringliches Gesicht zu machen. Wieder gab es eine

311
lange Pause. Der Deutsche holte tief Atem, und sein
Atem pfiff durch die Nase.
»Es ist nicht unehrenhaft, sich einer Übermacht zu
ergeben«, sagte er.

13. Dezember 1943


Als der Leutnant mit seinem Badetuch als weißer
Flagge zu den Deutschen hinaufstieg, beobachtete ihn
der Hauptmann der Fallschirmjäger durch einen
Spalt zwischen zwei Gebäuden hindurch. Die Män-
ner, die sich versteckt hinter ihm befanden, sahen,
wie der Leutnant angerufen wurde, und sahen ihn
dann hinter dem weißen Steingebäude wieder. In
diesen Augenblicken atmeten die beobachtenden
Männer kaum. Sie warteten nur auf den Knall eines
Gewehrschusses, der bedeuten würde, der Plan, die
Deutschen mit einem Trick zur Kapitulation zu be-
wegen, wäre fehlgeschlagen. Die Zeit ging unendlich
langsam vorbei. In Wirklichkeit dauerte es nur etwa
fünfzehn Minuten. Dann tauchte der Leutnant wie-
der auf, und dieses Mal wurde er von drei deutschen
Offizieren begleitet.
Die Beobachter sahen ihn zu einer freien Stelle auf
dem Weg hinuntergehen, anhalten und auf den Bo-
den zeigen. Dann zogen sich zwei der Offiziere wie-
der hinter das weiße Gebäude zurück. Aber nach ei-
nem Augenblick tauchten sie wieder auf und hinter
ihnen die deutschen Soldaten. Sie kamen den Weg
herunter und legten an der Stelle, auf die der Leut-
nant gedeutet hatte, ihre Waffen ab: ihre Gewehre

312
und Maschinengewehre und sogar ihre Pistolen. Der
Hauptmann, der versteckt hinter Steinen lag, zählte
mit. Er kontrollierte die gesamten siebenundachtzig
Mann, die man dort vermutete. Er sagte zu seinem
Leutnant: »Bei Gott, er hat die Sache geschaukelt!«
Und jetzt formierte sich ein kleiner Festzug. Als die
Deutschen den Weg herunterkamen, tauchten ame-
rikanische Fallschirmjäger aus dem Wald auf, bis die
Deutschen von einer Ehrengarde von etwa dreißig
Männern umgeben waren. Die ganze Gruppe stieg
den Hügel hinunter und marschierte in die kleine
weiße Stadt, die so hoch über dem Hafen von Vento-
tene lag.
Da Ventotene seit Hunderten von Jahren eine ita-
lienische Gefängnisinsel war, hatte man genug Platz,
um die Gefangenen unterzubringen. Die oberste Eta-
ge eines Gebäudes, das man das Rathaus nennen
könnte, war ein großes, geräumiges Gefängnis mit
vier oder fünf großen Zellen. Die Schlange mar-
schierte die Treppe des Rathauses bis zur dritten Eta-
ge hinauf, und dann wurden die Deutschen in drei
Gruppen aufgeteilt. Jede Gruppe wurde in eine der
drei Zellen gesteckt, während die vierte Zelle für die
Offiziere reserviert blieb. Zehn Wachen mit Maschi-
nenpistolen wurden vor die Zellentüren gestellt, und
die Eroberung war vorbei.
Der Leutnant, der die weiße Flagge getragen hatte,
setzte sich ein bißchen wackelig auf die Treppe des
Rathauses. Der Hauptmann setzte sich neben ihn.
»Irgendwelche Probleme?« fragte der Hauptmann.

313
»Nein. Es war zu leicht. Ich kann es noch gar nicht
glauben.« Er zündete sich eine Zigarette an, und das
Zittern seiner Hand ließ das Streichholz fast wieder
verlöschen.
»Hervorragende Arbeit«, sagte der Hauptmann.
»Aber was sollen wir jetzt mit ihnen machen?«
»Werden die Schiffe nicht heute abend zurück sein?«
»Ich hoffe ja, aber nehmen wir an, sie sind nicht
zurück. Wir können niemanden schlafen lassen, bis
wir diese Jungs nicht losgeworden sind.«
Ein Soldat trat zu ihnen. »Diese Jerry-Offiziere
schlagen Krach«, sagte er. »Sie wollen den komman-
dierenden Offizier sprechen, Sir.«
Der Hauptmann stand auf. »Kommen Sie besser
mit mir«, sagte er zu dem Leutnant. »Was haben Sie
ihnen gesagt, wie viele Männer wir haben?«
»Sechshundert«, sagte der Leutnant, »und ich habe
vergessen, wie viele Kreuzer vor der Küste.«
Der Hauptmann lachte. »Ich habe einmal von ei-
nem Offizier gehört, der fünfzehn Männer so lange
um ein Haus hat marschieren lassen, bis sie wie eine
Armee aussahen. Vielleicht sollten wir das besser
auch mit unseren vierzig machen.«
An der Tür der Offizierszelle nahm der Haupt-
mann seine Pistole heraus und gab sie einer der Wa-
chen. »Lassen Sie die Tür offen und behalten Sie uns
die ganze Zeit im Auge. Wenn sie eine verdächtige
Bewegung machen, erschießen Sie sie!«
»Ja, Sir«, sagte die Wache, und er schloß die
schwere Tür auf und öffnete sie.

314
Die deutschen Offiziere standen an dem vergitter-
ten Fenster und blickten auf die verlassenen Straßen
der kleinen Stadt. Sie konnten zwei einsame Wach-
posten vor dem Gebäude sehen. Der deutsche Ober-
leutnant wandte sich um, als der Hauptmann eintrat.
»Ich will sofort den Oberst sprechen«, sagte er.
Der Hauptmann schluckte. »Hm … der Oberst?
Nun, er hat im Augenblick keine Zeit.«
Der Deutsche starrte einen langen Moment in die
Augen des Hauptmannes. Schließlich sagte er: »Sie
sind der kommandierende Offizier, nicht wahr?«
»Ja, das stimmt«, sagte der Hauptmann.
»Wie viele Männer haben Sie?«
»Wir beantworten keine Fragen«, sagte der Haupt-
mann steif.
Das Gesicht des Deutschen war hart und ent-
täuscht. Er sagte: »Ich glaube nicht, daß Sie sechs-
hundert Mann haben. Ich glaube, Sie haben nur ein
paar mehr als dreißig.«
Der Hauptmann nickte ernst. Er sagte: »Wir haben
das Gebäude vermint. Wenn es irgendwelche Schwie-
rigkeiten gibt – auch nur die geringsten Schwierigkei-
ten –, blasen wir euch alle in die Hölle.« Er drehte
sich um, um die Zelle zu verlassen. »Sie werden bald
an Bord eines Schiffes gehen«, sagte er über die
Schulter.
Als sie die Treppe hinuntergingen, fragte der Leut-
nant: »Haben Sie das Gebäude wirklich vermint?«
Der Hauptmann grinste ihn an. »Haben wir wirk-
lich sechshundert Männer?« fragte er. Und dann sag-

315
te er: »Gott, ich hoffe, der Zerstörer kommt heute
abend und holt diese Jungs ab. Bis dahin wird keiner
von uns auch nur ein bißchen schlafen können.«

316