Sie sind auf Seite 1von 16

JOHANN fRJEDRICH HERBART


AUSGEW ÃHLTE
SCHRIFTEN
ZUR
PADAGOGIK

"
AUSGEWÄHLT, EINGELEITET UND ERLÄUTERT
VON FRANZ HOFMANN
UNTER MITARBEIT VON BERTHOLD EBERT

*•
VOLK UND WISSEN VOLKSEIGENER VERLAG · BERLIN
1976
INHALTSVERZEICHNIS

Vorbemerkung •...•. , .•..•.•••..•••••••.••..••••••. ~. . • . • • • 7

Einleitung • • • • • • • • • • • ••••••• • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • ••• • • • • •• 9

1. Zeit - Mensch - Werk ·.••.....••. ....•.•.•..•. 12


2. Philosophie vom ,,pädagogischen Standpunkt'' •••••• · ••••.•••. , ••· 24
.i 3. Herbares Beitrag zur Entwicklung der pädagogischen Wissenscha£t 29
4. Dynamik und Erstarrung eines Systems •.••••••••••• ~ ••·•••.• j9
; 5. Die wichtigsten Lebensdaten Johann Friedrich Herbares •••.•.•• 62
I
. , 6. Vorbemerkungen zur Textauswahl •••••• , , ••••.•..• .-••••••• 63

Amgewãhlte Schriften \'\So,/


Allgemeine Pädagogik aus dem Zweck der Erziehung abgeleitet •.• 67 -)
I ( ·1 g !I~)
Umr iß paäda gogisc. her V or 1esungen ••.•• ••••••••••••••••••••••• 22s _
1
I. !
! • h t an H eren von Ste1ger
V.ìerter B enc. ' L ,,f \'J•••••••••
•. l''l·'í · •••••••••• ~7S
Vorlesung über Pädagogik (1802) •••••••••••••••••.•••••••• .- , ~85
Über den Standpunkt der Beurteilung der: Pestalozziscben
Unterrichtsmethode •• {;]i .O.U:)••••••••• , , •••• , •• , •• , • , • • •• , , , • , ~93
. huag unter o··ff en tlite her M'1twtr
Ober E rz1e · k ung .~.'i t.¡r,¡¢ Ì
•••••• , .·•• . ••• • 401
Pädagogische Aphorismen .....•.•...•.••...... , ...•.. ~ ..• , . • 411
Anmerkungen •••••••••.••.•••.••••.•••••.•.••..•• : ••• , • • • 42 7
II
¡
I
1
¡
I
I
' \ •


---- '
,}
I
---~~~~~~~~~~~~--~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ ..

·•j •

'

VORLESUNG ÜBER PÄDAGOGIK (1802)


r'

An der Spitze dieser Vorlesungen erwarten Sie, m. H., vielleicht vor al­
·. 1 lem anderen die Definition meines ßegenstandes, erwarten sodann eine
Lobrede, eine Geschichte, einen Überblick desselbe~ ,<1$~,111 fo, f ·.
Erst nach dem ersten Versuch, Wesentliches und Zufälliges zu 'scheiden,
kann die Definition ein bedeutender Ausdruck des Resultats dieser ganzen
(
Überlegung werden. ~er das Abzuscheidende nicht im Auge hat, dem
zeigt die Definition nicht, was, noch· auch wie richtig sie ausgeschlossen
habe. Sie ist 'alsdann mehr Überraschung, als Unterstützung des eignen
Denkeris. Statt der Definition werde ich aus dem rohen Gedanken, an den
uns schon das bloße Wort Erziehung erinnert, die Hauptmerkmale soweit
herausheben, als nötig ist, um die Fäden der ferneren Untersuchung anzu-
.~ knüpfen. f I :o e:.¡ 0 .·
• '. ,~ Ebensowenig eine Lob'í'.ede I Eine solche Krone möchte das bescheidene
. .. [~ Haupt meiner Wissenschaft mehr drücken, als verherrlichen.
i J:.
: f:;:.: Mit Lobreden mag man den Vortrag solcher· Wissenschaften eröffnen,
:-'¡ die in ihren Lehrsätzen völlig bestimmt dastehen, und deren wohltätige
•¡ ¡·

¡ Wirkung sich in der allgemeinen Erfahrung unzweideutig bewährt hat; die


schon ihr männliches Alter erreicht haben. Die· Kunst der Jugendbildung
., ist selbst noch eine jugendliche Kunst; sie versucht, sie übt ihre Kräfte, sie
ì
• .. hofft dereinst etwas Vortreffliches zu leisten, aber· sie bekennt gern, daß
ihre bisherigen Versuche sie mehr über das, was zu vermeiden, als. über
f
.• das, was zu tuo sei, belehrt haben; daß sie bisher noch auf jedem ihrer
' Schritte die Übermacht des Zufalls fürchtet, den sie lieber flieht als be­
kämpft; und daß sie in ihren allgemeinen Grundsätzen noch die Aussprüche
und Einsprüche der Philosophie zwar erwartet, aber ohne zu wissen, ob sie,
,
wenigstens vorläufig, dadurch mehr belehrt, als· gestört wird. - Lobreden
\: können bei einer solchen Wisseoschaft weniger ihren wirklichen Leistungen,
als den Hoffnungen gelten, die mao für die Zukunft sich von ihr macht.
Aber eben diese Hoffnungen sind es, deren Grund oder Ungrund erst das
Ganze dieser Vorträge ins Licht setzen soll. In dem Máße, wie ich Ihnen
î 383
\\ .,
\
<,
VORLESUNG OBER PÄDAGOGIK VO~LESU~G UBE.R PADAGOGIK

die Idee der großen Kunst mehr entwickeln, und die Ausführbarkeit dieser machen; womöglich aus .dem gegenwârtigen.Zeitalter selbst, sofern es durch
Idee bestimmter nachweisen kann, wird die Achtung, welche Sie gewiß der Autoritäten die _Vernunft blenden möchte, herauszutreten, und sich gerade
Pädagogik schon mitbringen, mehr zum Vertrauen und vielleicht zur Ver­ mitten vor dem reinen Ideal auf der einen,. und den vorhandenen Mitteln
ehrung sich erhöhen. der Ausführung auf der anderen Seite, hinzustellen, um das Beste, was mög­
Ebensowenig Geschichte! - Was enthält die Geschichte einer Wissen­ lich ist, wenigstens nicht gleich in dem Plane zu verfehlen. Nur um die vor­
schaft? Ohne ~_'!'eif~) Versuche, die man ans~ellt¡,_ um zur Wissenschaft handenen Mittel, -und unter ihnen gerade diejenigen, welche die Pädagogik
selbst zu~i-aan~~J''Wêr 1.vw_-m1i den Wert c8fes~¥ ~ersuche zu fiîl2if!i&in, sich für ihren Gebrauch schon zubereitet hat, kennenzulernen; um die
und, wo darin Rückgang ~td~r~Fortgang sei, zu bemerken? Ohnef.Zweiíel Abwege, a~f wel~he das heutige Zeitalter leicht verleitet, und vor de~en
derjenige, der den besten und kürzesten Weg, welchen diese Versuche zu eben darum die heutige Pädagogik am lautesten warnt, sicherer zu vermei­
ihrem Ziele nehmen konnten, üqe.1;sie~t. Daher ist die Geschichte einer den;.-. um sich in einer Sache der Erfahrung, wie die Erziehung. ist, durch
.. • í v,~.fc;. ev,v.. •
Kunst gewöhnlich erst dann' f erstanèl ich und interessant, wenn man der die nächsten, und eben . darum augenscheinllchseen Erfahrungen zu orien­
Hauptideen mächtig ist, nach denen die mannigfaltigen Versuche, von de­ tieren: da~ bedarf es der aufmerksamsten Hinsìcht auf das Gegenwärtige;
nen die Geschichte erzählt, beurteilt werden können; wenn man bei- un· darum auch habe ich Sie aufgefordert, sich in Ihre eigne Juge~dzeit zu ver·
i:!.
richtigen Maßregeln die richtigen Absichten herauszufinden und zu schät­ setzen: dazu schlage ich Ihnen jetzt noch zweitens, statt aller andern Lek·
zen, wenn man demjenigen, was Übertreibung und Schwäche verfehlten, türe, das Studium .eines sehr berühmten. . und verbreiteten, vielleicht Ihnen .
das rechte Maß nachzuweisen, wenn man das Wahre, das Wichtige, vom allen längst bekannten Werks vor; ich meine Niemeyers .Grundsätze der
Unbedeutenden, Irrigen und Gefährlichen gehörig zu trennen versteht. Erziehung.Ì Der- gelehrte und viel erfahrene Verfasser hat hier die. Summe
. J.,__ _.,.-1§~~-~der Geschichte der Pädagogik £e1&fffi1J),wir es aber gar sehr., daß der heutigen Pädagogik so deutlich, als konzentriert dargestellt, und, sich
b'(Y\ V<.l Sie sidi den [eß.~nr,äf~!?f:11 Zustand dies~r Kunst hinreichend deutlich vor dadurch besonders· um diejenigen hoch verdient .gemacht, die zum prakti­
0cfmpfehle
Augen stellen. 't>'izu ich Ihnen zwei Mittel. Erstlich wolle jeder schen Gebrauch das sicherste und bewährteste zu kennen verlangen, wovon
in seine eigne Jugend zurückblicken, und, sowohl wie er selbst erzogen ist, jeder. kühnere Versuch ausgehen und wohin er .bei jeder An,varidlung yon
~ -~ als wie er andere hat erzogen werden sehen, ins Gedächtn_is.(~,rückruf en. Zweifel und Ungewiß4eit sich wie in eine feste Burg zurückziehen · mµß.
-~ 'J,
~~ Dabei werden es freilich wohl nicht viele von Ihnen ganz ~ëbìiêiden, ene- ¡ Als eine splche wünsche ich, daß sie auch bei- meinem Vortrage sich d~es.ç
- V" t·' r ~.,. r.t
~ } weder mit Vorliebe oder mit Gérîngsdiátzung an Ihre Lehrer und Erzieher Schrift stets im Hintergrunde denken mögen .. Weit entfernt,. meinen Sä.tzen
"·~ ~ '\:!
zu denken. Ihre Jugend ist schwerlich schon weit genug hinter Ihnen, um Sie I
I
I. eine Autorität beizumessen,.· die sich jener irgeqd gegenil;bçrstellén .düi:fte,­
"" t', der unbefangenen Betrachtung mächtig zu machen, durch welche sich der­ bitte ich Sie vielmehr, mir allenthalben, wo ich mich von Niemeyer e.[Jtfer:­
~ \)
~ .,. einst dieser Teil Ihrer Geschichte io belehrende Erfahrung für Sie verwan­ nen -we.rde, mit mlßtrauisch-~charfer Prüfung ~ören. Hätten wit di~~n
·
·~
l,.
deln soll. Besonders wenn man wesentlicher Fehler inne zu werden glaubt, ! fe sten· .Boden nicht, dann möchte ich es weit weniger wagen, Ih.Q.en: ·.ßO
-'" \) ~
~~
li) ' unter denen man gelitten habe, durch die man mehr oder minder unver­ I. manches vorzutragen, wofür ich außer dem Räsonnement höçh.~tens meine
~ '
-..::~ ~li besserlich verborgen, oder doch- unwiderbringlich verspätet worden sei, i' eigne Erfahrung würde anführen können; und sehr vieles w~rc;l~ _ ich. eben
~~~ dann ist es .schwer, nicht unbillig, nicht undankbar zu vergessen: Wieviel daru_m nur sehr kurz berühren, w~il es mir . in. j~ne.r. Schrift. so .yç,lls~ndig

~
der damalige allgemeine Geist der Zeit verschuldet, wie sehr sich die I und .vortrefflich abgehandelt . scheint, daß dem angehenden. }>ädagogen. - ·j~de
. ! genossene Erziehung vielleicht über denselben erhoben, mit wie manchen weit.ere Auseinandersetzung dadurch. überfl~~~Jg _.wird. . _. :, . _ . : ;:
I Hindernissen sie gekämpft habe; - wieviel übler man sich ohne sie befun­ Auch keinen Überblick I Oder würden, ~_ie _:mich verstehen) ,wenn ich -
den haben würde. Aber freilich gehört dies nicht eigentlich zum Gegen­ von eine!lL.:Qnterricht, der zugleich Erzi~hung sei, - yoµ einer·allge,meinen
stande unserer Betrachtung. Hier gilt es, Fehler als Fehler anzuerkennen, Einteilung d~;--Meihõëië-dies~s-Uñtërricli·ti··rp;_~i.~thi#sch~~~-~;d --~~aÌyti~ ..
. - ...... ,- ...... _ _..- ... ··-··· ·-··· ---.J'-··-·······-----··
gleichviel wie gut sie sich aus den Umständen erklären mögen; hier gilt es, ._!ç~,_-=-:.v~der--ästh.etisclië~:.J:;~a~~t~!lu_Qg._cl~_·Welt, .,als _d~ll) .. Ideal der
von dem Einfluß der Gewohnheit, zufolge welcher ein Vater seinen Sohn, j. hier-sëliöíi
· Erziehung, "'·,e·-····
···---.:.--···· .. : .. -..
..rëëïën-~ollte?
·, .. ··-··-·····-
Ungern.habe.
~···: ..
ich in:meiñëä?tlïesëií
--·--···-..-·"·-··--·--··· .. ······- ·--· _
·die·.
so wie ihn sein Vater, nun wieder zu behandeln· Hebt, sich ganz frei zu ¥.~Jh~i;natik.
. . und
'
Poe~ie für die Haupt!g_ij{t~t_çle.s
: -··---
..lJ.n.~~rû.çqt~ erklärt;- . u.n. d

384
l •1 {u 2679J 38j
I
I.
/
t
1,
-e,~-.:.,
'•J'

..::.1

VORLESUNG OBER PADAGÓGIK VORLESUNG Ü'BER PÄDAGOGIK

kaum wage ich es, Ihnen hier soviel von meiner Ansièht der gesamten liche, gründlich untersuchte Theorie einzulassen; sie lieben es weit mehr,
pädagogischen Aufgabe zu verraten, daß ich die Bildung der Phantasie und das Gewicht ihrer Erfahrungen und Beobachtungen gegen jene geltend zu
des Charakters für die Extreme halte, zwischen denen sie eingeschlossen r: machen. Dagegen ist denn a-ber auch schon bis zur Ermüdung oft und weit-
liegt. - Paradoxien tun wenig fiir die rechte Stimmung, in welche für eine I läufig bewiesen, auseinandergesetzt und wiederholt, daß · bfoße Praxis
vorliegende Untersuchung das Gemüt sich versetzen muß. eigentlich nur Sèhlendrian, und eine höchst beschränkte, nichts entschei-
Mehr hoffe ich dazu beizutragen, indem ich jetzt über die Art, wie ich dende Erfahrung gebe; daß erst die Theorie lehren müsse, wie man durch
meinen Gegenstand in diesen Vorlesungen zu behandeln denke, mich Versuch und Beobachtung sich bei der Natur zu erkundigen habe, wenn
[hnen vorläufig erkläre. . <i:> man ihr bestim·mte Antworten entlooken wolle: Dies gilt denn auch im
....,~.)
...,.
1 _ 1 · r Unterscheiden Sie zuvõrderst die Pädagogik, als Wissenschaft, von der -.: ~::· ., vollsten Maße von der päda:gogischen Praxis. Die Tätigkeit des Erziehers
'-,)
1' ....
.1t Kunst der Erziehung. Was ist der Inhalt einer Wissenschaft? Eine, Zusam- -~ 1:; geht hier unaufhörlich fort, auch wider · seinen Willen wirkt er gtit oder

• 1 ~ ·,, menordnung von Lehrsätzen, die ein Gedankenganzes ausmachen die wo- 3.' ··;-:· Gtl schlecht, oder er versäumt zum wenigsten, was er hätte wirkèn können; -
-vU11' ~· möglich aus· einander, als. Folgen aus Grundsätzen, und als Grundsätze ~·,_,.;::,,· und ebenso unaufhörlich kehrt d.ie Rückwirkung, kehrt der Erfolg seines
f aus Prinzipien hervorgehen. . \: ô u ~ t ~'}. \ Handelns zu ihm wieder, - aber ohne ihm zu zeigen, was geschehen '.\Yäre,
~-c... ·-~
, Was ist eirie K~~st? .,\~ù~ 1 ' ,J.... ~ <s wenn er anders gehandelt, welchen Erfolg er gehabt hätte, wenn er .weiser . .-~
Î Eine Summe von ..ferJigkeMQ1.die sich vereinigen müssen, um einen ge- { -:S
. ..... und kräftiger verfahren wäre, wenn er pädagogische Mittel, deren. Mög- ··~~
~- lichkeit ihm vielleicht nur nicht träumte, in seiner Gewalt gehabt hätte. -..:."/-
1~ issen Zweck hervorzubringen. Die Wissenschaft also erfordert Ableitung t -"'.:- ...(
)~ ,~ on _!,ehrsä.tz~ aus ihren Gründen, - philoso?hisches J?enk~n; - die..Kunst ~ ~ ~ Von ·allem diesem weiß seine Erfahrung nichts; er erfährt nur sich, nu ~ fi.
~
·-~~ ,'- ~ erfordert stete_s Handeln, nur den Resultaten Jener gemaß; sie darf wahrend . <e::" sein Verhältnis zu den Menschen, nur das Mißlingen seiner Pläne, ohn · ·--~
'-'? '} ~ der Ausübung sich in keine Spekulation verlieren; der Augenblick ruft ihre '11 Aufdeckung der Grundfehler, nur das Gelingen seiner Methode, ohne Ver ~ ~
Befugnisse fordern ihren Widerstand herbei. gleichuÓg ,mit den vielleicht weit rascheren und schöneren Fortschritten bes "-'l, "
~ -.~' ~'~ Hilfe, tausend widrige .
l e-~ ~ Unterscheiden Sie weiter die Kunst des ausgelernten Erziehers von der serer Methoden. So kann es geschehen, daß ein grauer Schulmann noch· à . . . ~ , ,-,,
~ ¥ ] einzelnen Ausübung dieser Kunst. Zu jener gehört, daß man jedes Naturell Ende seiner Tage, ja daß eine ganze Generation, und Reihen v'òn Generä ~ ~
\ \ ~ ~ und Alter zu behandeln wisse; diese kann gelingen durch Zufall, durch tionen von Lehrern, die immer in gleichen, oder in wenig abweicbendè ~:; ;i
~ ,;~. , Sy.mpathie, durch Elternliebe. Geleisen neben- und hintereinander fortgehn, - nichts von dem ahnten -..~ ¡
~"') ~~ ~ Welcher von diesen drei Kreisen ist der Kreis unsrer Betrachtungen? was ein junger Anfänger in der ersten Stunde dui:ch einen· glü~kliché · -~ ~
1 ~ ··~ -·~ Offenbar fehlt die Gelegenheit der wirklichen Ausübung, und noch mehr Wurf, durch ein richtig berechnetes Experiment sogleich und: in volle :;:- :§=
" ~ G die Gelegenheit zu so mannigfaltigen Übungen und Versuchen, durch Bestimmtheit erfährt. Ja_~_!ann nicht.1!..~~-so__!c.9~~;g,__ sondern _das bçgih ::-. .._¿_
welche die. Kunst allein gelernt werden könnte. Unsre Sphäre ist die der sich zuverlässig. Jede Nation hat ihren Nationalkreis, und. noch weit be
Wissenschaft. Nun bitte ich Sie das Verhältnis zwischen Theorie und Praxis stim:mter jedes Zeitalter seinen Zeitkreis,· worin der Pädagoge. so. gut wie
zu bedenken. jedes andere Individuum mit allen seinen Ideen, Erfiodungén;·.Versuchen
· Die · Theorie, in ihrer Allgemeinheit, erstreckt sich über eine Weite, von und daraus hervorgehenden Erfahrungen eingeschlossen ist . .:Andere. Zei-
welcher jeder einzelne in seiner Ausü·bung nur einen unendlichen kleinen ten erfahren etwas anderes, weil sie etwas anderes tun; · und ..es · bleibt
Teil berührt; sie übergeht wieder, in ihrer Unbestimmtheit, welche unmittel- eine ewige Wahrheit, daß jede Erfahrungssphäre ohne ein Prinzip a priori
l .. bar aus der Allgemeinheit folgt, alles das Detail, alle die individuellen nicht nur von absoluter Vollständigkeit nie reden· dürfe; sondem auch nie
¡
Umstände, in welchen der Praktiker sieb jedesmal befinden wird, und alle nur ungefähr den Grad ihrer Annäherung an diese. Vollständigkeit ange-
die individuellen Maßregeln, Überlegungen, Anstrengungen, durch die er ben könne. Daher, wer ohne Philosophie an die Erziehung geht,· sich so
·I jenen· Umständen entsprechen muß. In der Schule der Wissenschaft wird leicht einbildet, weitgreifende Reformen geinacht zu haben, indem er ein
daher für die Praxis immer zugleich zu viel und zu wenig gelernt; und eben wenig an der Manier verbesserte. Nirgends ist philosophische Umsicht
I
I daher pflegen alle Praktiker in ihren Künsten sich sehr ungern auf eigent» durch allgemeine Ideen so nötig, als hier, wo dás· tägliche Treiben und die
I

386 ;87

·,
..... -·--- .. ·---·· , .. ·-· .. --·· --··"·-·"-·-· =· ,,,1~
·'·,.·
;,;

I
'VORLESUNG OBER PADAGOGIK
VORLESUNG UBER PADAGOGIK
sich so· vielfach einprägende individuelle Erfahrung so mächtig- den Ge·
sichtskreis in die Enge zieht. . !i dem wir selbst anders· oder anders gestimmt sind; auf diese unsere Stirn­
· Nun schiebt sich aber bei jedem noch so guten Theoretiker, .wenn er seine mung sollen und können wir durch Überlegung wirken; von der Richtig­
Theorie ausübt, und nur mit den vorkommenden Fällen nicht etwa in. pe­ i keit und dem Gewicht dieser Überlegung, von dem 'Interesse und der mo­
dantischer Langsamkeit wie ein Schüler mit seinen Rechenexempeln verfährt, I ralische~ Willigkeit, womit wir· uns ihr .hingeben, hängt es ab, ob und wie
-. zwischen die Theorie und die Praxis· ganz .unwillkürlích ein Mittelglied i
~ .
sie 'unsere Stimmung vor Antrètung des Erziehungsgeschäfts, und. folglich
ein, ein gewisser Takt nämlich, eine schnelle Beurteilung und Entschei­ I ob· und wie sie unsere Empfindungsweise während der Ausübung dieses
dung, die nicht, wie der Schlendrian, · ewig gleichförmig verfährt, aber Geschäfts, 'und mit dieser endlich jenen Takt ordnen und beberrs~~/t\.-:,p.:(:J.ïi1')S
auch nicht, wie eine vollkommen durchgeführte Theorie wenigstens sollte, werde, auf dem der Erfolg oder Nichterfolg unsrer pädagogischen Bemü
sich rühmen darf, bei 'strenger Konsequenz und io völliger Besonnenheit bongen beruht. Mit anderen Worten: durch Überlegung, durch Nachdenken
an die Regel, zugleich. die wahre Forderung des individuellen· Falles ganz Nachforschung, durch Wissenschaft soll der Erzieher vorbereiten - nich
und gerade zu treffen. Eben weil zu solcher Besonnenheit; zu vollkom­ sowohl seine künftigen· Handlungen in einzelnen Fällen, als vielmehr sic.
meher Anwendung der wissenschaftlichen Lehrsätze, ein übermenschliches selbst; sein Gemüt, seinen Kopf und· seio Herz, zum· richtigen Aufnehmen,
Wesen erfordert werden würde: entsteht unvermeidlich in· dem Men­ Auffassen, Empfinden und Beurteilen der Erscheinungen, die· seiner war . .~
schen, wie er. ist, aus jeder fortgesetzten Übung eine Handlungsweise, ten, und der Lage, in die =~e.rat~n. .w.iJ:d...-.Ké!.tJ~l' sich jm_yoraus in :w_eite _ ·~i --b
welche zunächst von seinem Gefühl, und nur entfernt von seiner Über­ Pläne verloren, so werden die Umstände seiner spotten; aber hat er sich '- ,. ~~
zeugung abhängt; worin er mehr der inneren Bewegung Luft macht, mehr mit Grundsätzen gerüstet, so werden Ihm seine Erfahrungen deutlich sein, ~~~·:.. . --~
ausdrückt, wie von außen auf ihn gewirkt sei, mehr seinen Gemütszustand, ¡. und ihn jedesmal belehren, was jedesmal zu tun sei. Weiß er das Bedeu- ·-~ _J ~
als. das Resultat seines Denkens zutage legt. ,,Aber welcher Erzieher", tend: vom Gleich~ltigeo. nicht ~ untersc~eiden, so wird er· das Nötige ---~~ ~
werden sie sagen, ,,der so 'von seiner . Laune abhängt, ·Sich. so der Lust versaumen, und beim Unnützen sich abarbeiten. Verwechselt er Mangel an .;... j I()

oder Unlust, die ihm seine Zöglinge machen, überläßt!" - Aber welcher I Bildung mit Geistesschwäche, Roheit mît Bösártigkeit, so werden ihn seine --:::, ~... ~
!
Erzieher, frage ich Sie· rückwärts, der seine Zöglinge lobte und tadelte. wie ' Zöglinge täglich durch wunderlic.he Rätsel blenden·und schrecken. Kennt er £::) _.J-
ein Buch; der räsonierte und kalkulierte, während die Knaben eine Torheit hingegen die wesentlichen Punkte, die Angeln seines;Geschäfts, kennt er.die ~ t ~
nach der anderen begehen, der·· dem· Ungestüm dieser oft sehr kräftigen Grun1züge guter und böser Anlage in den jugendlichen Gemütern, .so wird i e ~l
Naturen· keine Energie eines raschen männlichen Willens entgegenzusetzen er sich und den Seinigen alle' die Freiheit zu gestatten wissen, welche zut ... , ·~
, hätte? .: Frage und Gegenfrage mögen sich .hier aufwiegen; ich kehre. zu Heiterkeit nötig ist, ohne darum . Pflichten zu versäumen,. ohne die Zucht ç -;¿-¡;
Î
meiner Bemerkung zurück, daß unvermeidlich der Takt in die Stellen ein­ zu lösen, ohne der Torheit und dem Laster offne Bahn zu machen. X.] ;;
trete, welche die · Theorie leer ließ, und so der unmittelbare Regent der Es gibt alsci - das ist mein Schluß - es gibt eine. Vorbereitung: auf die ~ '$ ;::,
Praxis werde. Glücklich. ohne Zweifel, wenn dieser Regent .zugleich ein K~nst du~ch die Wissenschaft; eine Vorbereitung des Verstandes und dés ~Ì::. '-.>~
wahrhaft gehorsamer.Diener der Theorie ist, deren Richtigkeit wir hier vor­ Herze.ns ·vor
. Antretung des Geschäfts, ·Vermöge welcher die Erfahrung; die .~ ~
aussetzen. Die große Frage nun, an der es hängt, ob jemand ein guter oder wir nur in der Betrelbuog des Geschäfts selbst· erlangen können, allèrei:st '.:.' •. l :
schlechter · Erzieher sein werde; ist einzig diese: Wie sich jener Talét bei belehrend für uns wird. Im Handeln nur lernt man die Kunst, erlangt man i..w ~X ~.
ihm ausbilde? Ob getreu oder, ungetreu den Gesetzen, welche. die Wissen..; Takt, Fertigkeit, Gewandtheit, Geschicklichkeit; aber selbst im Handeln *" ~ -··:~·- ·.-
schaft in ihrer weiten Allgemeinheit ausspricht? . lernt· die: Kunst ·nûr der, welcher vorher im Denken die Wissenschaft ge- õ s:.' . j .
· Lassen Sie . uns ein wenig weiter nachsinnen, auf welche . wirkenden lernt, sie sich zu. eigell gèmacht, sich durch sie gestimmt, - und die künfti- -; -~- ~::. 2
'
Ursachen, auf welche. Einflüsse es denn ankomme, wie sich jener. Takt in gen Eindrücke, welcliè die. Erfahrung. auf ihn machen ·sollte, vor,bestimmt f ·-~ ·.; .,
uns festsetzen werde? . - Er· bildet . sich erst während der Praxis; er bildee _h:at.te. · · · • · · :....--:_ · · · ·· · ·· · ~ ~ ~,.~ -·· ··
sich durch die Einwirkung dessen," was wir in diese~ Praxis erfahren, auf Man muß daher von· dcr·.Yorhereitung keineswegs .erwarten, daß man aus.
unsér .Gefühl; diese Einwirkung wird anders und anders ausfallen; je nach- ihten Händen als· uófehlbarer Meister der Kunst hervorgehen werde .. Man
muß nicht einmal die speziellen Anweisungen des Verfahrens von ihr v.er-
388
389
/~·
'(
VOR LES UNG OBER PÃDAGOGII<;
VORLESUNG OBER PÄDAGOGIK
langen. Man muß sich Erfindun·gsgabe genug zutrauen, um das einzelne,
was jeden Augenblick zu tun sein wird, im Augen.blick selbst treffen zu nis zwischen Erzieher und Zögling ewig ein gezwungenes, widernatürliches,
können; Von den Fehlern selbst, die man machen wird, muß man »eleh~ die bildende Kraft selbst aufreroendes Verhältnis; die Jugend bekommt nur
ln~lruc0-Ò. rung erwarten; und man darf dies bei der Pädagogik viel eher, als bei tau- Aufseher, nicht wahre Erzieher. Unsere Wissenschaft muß· uns eine Kunst
,~ send anderen Geschäften, weil hier gewöhnlich jede einzelne Handlung , lehr en, welche vor allem den. Erzieher selbst in hohem Grade fortbildet,
~ des Erziehers für sich allein unbedeutend ist, und es unendlich mehr auf ~. und welche überdas mit solcher Intension und Konzentration, mit solcher
...'. ? 11
t das Ganze des Verfahrens ankommt: Man muß. es seinem Gedächtnis Gewißheit und Genauigkeit handelt, daß sie nicht jeden Augeobliok nach­
... ~~ \..~~
,, nicht einmal anmuten, die unzähligen Kleinigkeiten, welche zu beobachten .1. zuhelfen nötig bat, daß sie den größten Teil der Zufälle verachten, und
3~ sein werden, beständig bei sich zu tragen. wichtige Eingriffe des Schicksals ailenfalls für ihr Werk benutzen kann,
è( ~ t Aber -dagegen muß rnan sich ganz anfüllen von denjenigen Beeracheon- Denn das Schicksal, die Umstände, die. miterziehende Welt, worüber die
"tJ ~· ~- gen, welche die Würde, die Wichtigkeit, die Haupthilfsmittel der Erziehung Pädagogen so laut zu klagen pflegen, wirken nicht allemal, und fast nie in
·.., " !~ _,.bettçffçn~ Stets schwebe d~m Erzie.!!_er das Bild einer reinen jugcndliclien , aller Rücksicht ungünstig. Die Erziehung selbst, hat sie erst einen gewissen
· 'ò i.i:: Seele vor, die sich ·unter dem Einfluß cines mäßigen ßlüçkei und zarter . \o<J.Y' Grad von Macht gewonnen, kann jene Einwirkungen sehr oft nach ihrem
• , 1'\» .. \'.. r <-\;t• Õ1, . · Zweoke richten. Welt und Natur tun im Ganzen schon viel mehr für den
Liebe, unter mancher Anregung des Geistes un'l¥Mîlnèhen ..Au forderu~g~.~ ~º \,
zum künftigen Handeln, unausgesetzt und mit immer beschleunigtem Fort· Zögling, als im Durchschnitt die Erziehung zu tun sich rühmen darf.
schritt kräftig entwickelt. Er überlasse sich nur anfangs seiner Phantasie, Für diese erste Stunde, m. H., werde ich Ihnen nun genug· beschrieben
um dies Bild mit allem, was reizen kann, zu schmücken; aber er rufe dann haben, was die Wissenschaft wolle,· die ich zu lehren wünsche, Wie weit
die Kritik der strengsten Überlegung herbei, damit sie ihm zeige, was an ich vom Ziel bleibe, kann nur derjenige messen, der es erreicht. Sie dem-
seinem Bilde willkürliche Dichtung, Traum ohne Grund, ohne Zusam­ selben aber näher zu führen, als Sie ohnedas gekommen wären, dies wäre
menhang und Haltung, - was im Gegenteil Forderung dcc Vernunft, we­ das Verdienst, was ich mir er.werben möchte.
sentliche Eigenschaft des Ideals gewesen sei. Hat er nun den Knaben sich Nur über die eigne Beschaffenheit meiner Wissenschaft habe ich noch ç:; '
f gedacht, nicht sowohl den er erziehen möchte, sondern der einer trefflichen etwas hinzu.zu£ ügeo, um daraus meine Vorschläge abzuleiten, wie Sie dieses -~ "
V.LJ.d4Lr.g_l\'J.thl£'..,Erziehung wahrhaft würdig wäre: dann füge er dem Knaben in Gedanken Kollegium am zweckmäßigste.à benutzen können. ,~-:: ~
¡,.¡,,,,, . _¡ den Lehrer hinzu, - wieder nicht sowohl den Begleiter auf jedem Schritte, Sie sehen aus dem vorigen: mein Versuch wird dahin gehen, in Ihnen ~~,.o
.ç6t.-0 (w,,~<1 wie Rousseau2 tat, nicht den Hüter, den angefesselten Sklaven, dem der eine gewisse pädagogische Sinnesart zu enrwickeln, und zu beleben, welche ~-~~
I
e)~ c.ort1<'1°· Knabe, und der dem Knaben wechselwelse die Freiheit raubt: - sondern das Resultat gewisser Ideen und Überzeugungen über die Natur und die ~ _.<:::; f
den.JV£!.S£ª-..!:.eh~ef_y9n fer~_e, der durch tief dringende Worte und durch kräf- Bildsamkeit des Menschen sein muß. Diese Ideen werde ich erzeu en ich -~· vÌ <X
tiges Benehmen zu rechter Zeit sich seines Zöglings zu versichern weiß, und werde sie rechtfertigen, ich werde sie so verbinden, so konstruieren, so ver­
ihn nun der eignen Entwickelung in der Mitte des Spiels und des Streits schmelzen müssen, daß daraus jene Sinnesart hervorgehe, und daß diese in
mit den..gM~llen, dem eignen Aufstreben zum Tun und zur Ehre der Män­ der Folge den beschriebenen pädagogischen Takt hervorbriJ!gèn könne.
ner, dem ~1gnen Abscheu vor den Beispielen des Lasters, wodurch die Aber Ideen er-zeugen, rechtfertigen und konstruieren, ist ein philosophisches
Welt uns, wie wir selbst wollen, verführt odér warnt, - getrost überlassen Geschäft, und zwar von der edelsten, aber auch von der schwierigsten Art;
darf. Diesen Lenker von ferne, und diese seine Worte und sein Benehmen desto schwieriger hier, well ich die rein philosophische Grundlage, auf
Jassen Sie uns suchen zu ergründen und zu erraten. Denn íse es nicht mög­ welche ich bauen sollte, hauptsächlich Psychologie und Moral, nicht voraus-
lich. daß so viel Zeit, wie der Freund der Jugend ihr gerne widmet, zur setzen kann. Wie ich es anfangen ·werde, Ihnen die Resultate meiner Speku-
Erziehung hinreiche, so ist Erziehung selbst nicht möglich. Deno soll ei: lation faßlich zu machen, ohne die Spekulation selbst darzulegen, das kann
ihr alle seine Stunden, soll er ihr alle seine besten Jahre ganz hingeben, ich Ihnen nicht näher beschreiben, als so: ich werde mich an Ihre Menschen~
wie man ibn, so oft anmutet, oder soll er ihr auch nur den besten Teil kenntnis, und besonders an Ihre Selbstbeobachtung wenden; darin müssen
davon opfern, so muß er sich selbse vernachlässigen, so wird das Verhält- sich die Resultate einer richtigen Spekulation vorfinden, wenngleich nur
dunkel, roh, und unbestimmt. Besonders aber bitte .ich Sie, Geduld zu '-
390

V J91
. .;
• ,i

VORLESUNG ÜBER ·PADAGOGIK

haben, wenn sich meine Hauptideen nur langsam aus ihren Elementen zu­
sammensetzen werden, wenn· ich durch allerlei Gesträuch, was im· Wege
steht; mich erst durcharbeiten muß. Alles wird doch auf die am Ende her­ .
vorgehende . Klarheit ùnd Sicherheit, auf die Energie, . auf den Nachdruck
ankommen, womit sich in Ihnen selbst die Resultate· festsetzen und wirksam
beweisen. In dieser Rücksicht wird freilich auch davon sehr viel abhängen,
wie mächtig Sie sich 'derjenigen Wissenschaften und Übungen· finden, in ·OBER DEN.STANDPUNKT DER BEURTEILUNG
welchen wir die ·wichtigsten Hilfsmittel der Erziehung 'erkennen werden. DER PESTALOZZISCHEN UNTERRICHTSMETHODEi
Dahin zähle ich vorzüglich griechische Literatur und Mathematik.
Bei jedem Vortrage, ·der sich dem philosophischen nähert, ist die gewöhn­
liche Sitte des Nachschreibens nachteilig. Denn das richtige Verstehen und Eine Gastvorlesung gehalten im Museum zu Bremen I 804
völlige· Einsehen eles Vorgetragenen gleich im ersten Augenblick, ist· ·hier
durchaus Hauptsache, Wer von Ihnen daher die Absicht hätte, meine' Vor­ Ein Durchflug, wie mein jetziger durch Bremen, gibt zwar nicht die
lesungen zusarnmenhängend zu besuchen, dem würde ich raten, nur das Zeit, um einen· öffentlichen Vortrag regelmäßig auszuarbeiten. Aber. es. ist
nachzuschreiben, was ich besonders zu diesem Zwecke langsam und wieder­ mir eine freundschaftliche Aufforderung entgegengekommen, der ich um so
holt aussprechen werde. Hiermit denke ich gleich morgen anzufangen. lieber entsprochen habe, da ich schon vor einigen Jahren Gelegenheit hatte,
Außerdem finden mich diejenigen Herren, die· etwa Lust zu weiterem die Nachsicht des hier versammelten verehrlichen Publikums an mir selbst
Gespräch über das Vorgetragene haben möchten, sonnabends von 1/2 5 bis zu erfahren.
6 Uhr in meiner Wohnung beim Herrn Pf. Fritsch zu Hause. Nicht bloß eine Vorlesung überhaupt ist von mir verlangt worden; man
Noch habe ich anzuzeigen, daß wegen einer Kollision mit Herrn Dr .. hat mir· auch das Thema aufgegeben. Ich soll von der Pestalozzischen
Winkelmann .ich künftig nicht donnerstags und freitags, sondern mittwochs Unterrichtsmethode sprechen. Ober diesen Gegenstand ist nun schon so viel
und freitags um diese Stunde lesen werde. gesprochen und gehört, das Publikum ist durch leeres Posaunen zu so hohen
Erwartungen gespannt, und durch die trockenen Elementarbücher so leicht
abgeschreckt, - ich selbst habe schon bei so vielen Gelegenheiten mündlich
und schriftlich mich darüber erklärt, daß ·CS wenigstens für mich wohl end­
lieh Zeit sein möchte, von dieser Sache zu schweigen. Indes, da ich mich
doch : einmal dahin gebracht sehe, Sie mit rhapsodisch hingeworfenen
Gedanken unterhalten zu müssen, so läßt sich denn auch das Vielbespro­
chene wohl zum Anknüpfungspunkt benutzen, von wo eine. freie Ideen­
assoziation ausgehen mag, die vielleicht ein gutes Glück auf interessante
Punkte hintreiben wird, denn solcher liegt hier gewiß eine Menge in der
Nähe.
Es ist der Pestalozzischen Sache selbst nicht gut, wenn man den Blick
gar zu starr auf sie allein hinheftet. Sie hängt in dem Kopfe des Erfinders
mit allerlei Begriffen und Bestrebungen zusammen, die er nie deutlich aus- ,
spricht. Männer, die ein gar zu spätes Alter erwarten, ehe sie ihre Wirksam­
' keit beginnen, haben gewöhnlich das Schicksal, daß sie sich aus. der Menge
ihrer angehäuften Ideen und Absichten nicht mehr herausfinden können.
!·.
Der nun vei:ewigte Kant hätte gewiß . die lästige Weitschweifigkeit seiner.

39i ' 393

I
~.;
¿~·.:.·
,
·~ ..,·..
:···

STANDPUNKT DBR BEURTEILUNG DER. PBSTALOZZISCHBN


UNTERRICHTSMETHODE STANDPUNKT DER. BEURTEILUNG DER PBSTALOZZISCHEN
r.
I·, . UNTERRICHTSMETHODE
Schriften vermieden, wenn er zu einer Zeit hervorgetreten wäre, wo seine ¡:.
Untersuchungen ihm selbst noch neuer waren, wo cr leichter jede einzeln I 'gesucht hebenl >- Das Beste und ZweckmäßigsteI Hier Hegt der Stein des
dachte, wo er noch nicht soviel Terminologie dazu erfunden hatte. Das '
Anstoßes r Das eben fragt sich, ob Pestalozzis Formeln besser und zweck-
Bedürfnis alles mit Namen und Kunstworten zu bezeichnen, wird erst dann mäßiger seien, als die freundliche, bunte Unterhaltung, die man nur ebenso

lebhaft, wann die Masse dessen, was vorliegt, zu groß wird, um das ein­ ' glücklich in die Schulen eingeführt zu haben sich freute -. Das eben fragt sich,
zelne an seiner eignen Gestalt deutlich zu erkennen und zu unterscheiden. ob es besser sei, die Kinder monatelang den menschlichen Körper beschrei­
- Bei Pestalozzi kommt noch hinzu, daß es ihm zu sehr ao wissenschaft­ ben zu lassen, den sie unaufhörlich mit sich tragen, als. ihnen die nützlichen
lichen Hilfsmitteln-fehlte, und vielleicht noch mehr an der nötigen Kalt­ und angenehmen geographischen Kenntnisse beizubringen, wodurch· sie
blütigkeit, uni das wissenschaftliche Handwerkszeug zu .gebrauchen, die Begriffe von der Welt, von ihrer Größe und Schönheit bekommen, u. s. w.
gelehrten Spezereien gehörig zu kochen und zu mischen, und ordentliche Hier, meine hochzuv. Hrn., muß ich vor allen Dingen aufs lebhafteste gegen
Rezepte zu schreiben, wie wir andern ihm seine Kunst nachmachen sollen. die Stellung der Frage protestieren. Dies Oh und Oder ist keineswegs meine
Freilich mußte er sich denn doch endlich dazu .verstehen, uns wenigstens Art, die Sache zu betrachten. Eins muß das andere nicht ausschließen; das
: ist der Hauptsatz, auf den ich dringe. Indessen, damit ich nicht ernsthaft
einiges von seiner Methode in bestimmten Schulformeln darzustellen, wenn • ro
I

1.11, er· je auf Verbreíeung dieser· Methode hoffte. Das aber ist nun auch mit werde, will ich mir, als einem Reisenden, die Erlaubnis ausbitten, eine
solcher Steifheit geschehn, daß man den, ehemals so beliebten, und wegen kleine Reise von hier in ein anderes Gebiet zu machen, - in ein Gebiet,
seiner schönen, lebendigen, anziehenden Schreibart so gepriesenen Pesta­ mit welchem die Erziehungskunst ganz nahe zusarnmenzugrenzen das Glück
lozzi, den Verfasser von Lienhard und Gertrud, in einen Schulpedanten, oder das Unglück hat, wie Sie wollen; - ich meine das Gebiet der Philoso­
in einen gemeinen Rechenmeister verwandelt glaubt, der sich darin gefällt, r phie.
ein dickes Buch mit dem Einmaleins zu füllen! Auch hier dringt sich mir Lassen Sie uns zuvõrderst einen Blick werfen auf das Mannigfaltige, was
• t ¡1
wieder die Vergleichung mit einem sehr berühmten Philosophen auf. Fichte, sich in dem Gemüt eines erwachsenen Menschen beisammen findet. Es
·.11¡ der durch einige anonyme Schriften sich so viele feurige Anhänger und besteht aus Kenntnissen und Einbildungen, aus Entschließungen und Zwei­
• ebenso feurige Gegner erworben hatte, die nur darin übereinkamen, die feln, aus guten, schlimmen, stärkeren, schwächeren, bewußten und unbe­
. ,;¡
Kraft und . Klarheit seiner Sprache erstaunenswürdig zu finden, - dieser wußten Gesinnungen und Neigungen. Es.- ist anders zusammengesetzt . bei
.... i
' nämliche Fichte erschien als der ärgste, dunkelste Scholastiker, sobald er dem gebildeten, anders bei dem ungebildeten Marine; anders beim Deut-
.,J seine Wissenschaftslehre verfaßte. Sonderbar in der Tat, daß gerade die schen, als ,beim Franzosen, Engländer, beim Türken, Neger und Samojeden.
. rn lebendigsten Menschen den allertrockensten Ton annehmen, wenn es ihnen Wie es zusammengesetzt sei, das bestimmt die Individualität des Men­
recht darum zu tun ist, sich rein auszusprechen. Goethe sagt einmal: Wer schen. Die Erziehung will daran bauen, und bessern, sie weiß nur nicht
das Tiefste gedacht, liebt das Lebendigste! Man sieht, daß dies auch umge­ recht, wie sie es angreifen solle, und wieviel sie sich zutrauen dürfe. - Nun
kehrt gilt; daß das höchste Leben sich io das tiefste Denken hinabzustürzen, frage ich: Trägt der Mensch das Prinzip seiner Bildung in sich selbst; so wie
eine eigne Neigung und Fähigkeit hat. Wenn nun das, was aus dem Leben in dem Keim die ganze Gestalt der Pflanze vorbereitet liegt? Oder ent­
kommt, wieder zum Leben führt, so möchten die trockenen Methoden wohl steht die Konstruktion seiner Individualität erst im Verlauf des Lebens?
! Das letzte wäre ungefähr so, als ob, unter gehörigen Umständen eine
. nur ein dunkler Durchgang sein, vom Lichte zum Lichte. So möchte die
Gewalt, womit jene Männer ihre eigne Kraft bändigten, der Zwang, den Flechte während ihres Wachsens sich zum Moose vervollkommnete, das
sie ihrer Phantasie antaten, vielleicht ganz wohltätig auch auf junge Leute Moos allmählich zum Grase, das Gras zur Staude, die Staude zumFrucht­
und Knaben wirken, wenn man sie einer ähnlichen Anstrengung aussetzte I baum werden könnte, oder auch umgekehrt; wobei man annehmen müßte,
Darauf beruht ja am Ende die ganze Erziehung, daß der biegsame Knabe, daß keine von diesen Organisationen etwas in sich Geschlossenes wäre, son­
daß das zarte Kind sich schon früh die geistigen und körperlichen Bewe­ dern daß äußere Zufälle ebenso auf den ganzen inneren Bau des Gewächses
gungen geläufig machen, die wir aus allen Versuchen und Bemühungen der wirkten, und ihn veränderten, wie in der Tat die Kunst des Gärtners man­
Männer seit vielen Jahrhunderten als .das Beste und Zweckmäßigste heraus- l. che Blumen verändert, die gefüllt werden, da sie doch von Natur einfach
i waren, u. s. w. Die Gartenkunst wäre bei jener Annahme eine viel größere
•..,1
I ~94
395

~IÍ:t . ',•, --·


{1":
: \/
r-,
.....
·,i:i' -t-•
~-,·..
..~:1::
"·~- .,. .
·~,; ,•
.:. .-· ,~,.
I 1··
~ ¡t
i. • i~(
STANDPUNKT· D'E.R BBURTE.ILUNGDER PESTALOZZ:ISCHEN ~\··~., · STANDPUNKT DER· BEURTEILUNG D'ER·. PES.TALOZZISCHEN
~ UNTERRICHTSMETHOOE :~· U·NTBRRICHTSMETHOD-E .
}
-e •' aller· Raùpen von einerlei Gattung: Diese .. Tiere haben zwar -freie Bewe­
unse.. wie sie jetzt ist, von ihr würden wir die regelmäßigen und schönen ¡(:
~ '-· \·,, .
.... I'~ ~stàlten
. der Gewächse.
. fordern; und weil die Gärtner denn doch Men- gung, aber der innere· Reiz, der sie allenthalben hin begleitet, läßt ihnen
".::» ) \\ i
"-...;- ·-$~) dien . wären, so würden 'sie · ohne Zweifel auch manche Schuld · der Ver- kein~ Ruhe, sie: müssen das Werk ihrer ·Natur erfüllen. Sie 4aben Triebe.
I "-.. -<;,
.......~ . \) achlãssigung
. oder' gar· . des Verderbnisses auf sich · laden, die man ihnen nur· weil sie 'vom Reize getrieben werden;· sie handeln immer. a"4s demselben
\"' - -, icht _ s o leicht verzeihen würde," weil ein so sinnliches Ding, wie eine Triebe, siè handeln z,veckmäßi'g und konsequent,. nur. weil .d~r. Reiz im.mer
;r ..J
(;:..~ flanze,: jede angenommene Mißgestalt gleich 'allen Augen. verrät. Man l
¡
derselbe bleibt, oder sich doch nur nach einer Naturregel.ia ihnen. pe:rio-:­
:
ct rird~ abet dann 'auch, je 'nach dem Geschmack der Menschen, andere Blu- disch ·verändert. Noch viel konsequenter wirkt in sich selbst die Pflanze; -
!S 'i men und · Bäume in Deutschland, andere io· Frankreich, und andere· in aber viel· inkonsequenter handelt der ,Mensch. Er hat .Vernunft;' sµttt des
~ ,. England finden, und jede Nation würde sorgfältig auf -den Zuschnitt ihrer Instinkts. Das heißt, ihn t'reibt kein anderer Mechanismus, als. d~r, welc.ber ,~.
1

""-. ~ Bäume halten; gerade so sorgfältig wie jetzt die Väter ihre Söhne, und gute sich: aus den Vorsgellungep,erzeugt, die er. empfing, .die er .vernahm.. . ~ f.
~ ~ · Patrioten· den jungen Anwuchs · ihrer Landsleute nach ihrer Idee oder . gar Diese_~selbst sind Kräfte,. ·die sich untereinander hemmen .t ·,.
und die ·sich wieder einander. hèlfen, · sie sind Mächte, die $ich heben un f.
t,~ ~,·~
~ I nach ihrem Bildè zu ziehen suchen; :.... Nachdem ich· mich verständlich· gC-:
~ ·Ê m~cht zu ~ab~n hoff~: geh~. ich. zu· meiner' Fra.ge zurüc~. · Ist der ~ens~h ein stürzen, sich drängen und befreien; ùnd sie geraten eben d4rch di~$~i"'i' ~: ~
---~--~Q!çJies .P•!!g, ~~-~ ·_s_C:.!r~ künftige Gestalt mit auf die ·Welt bringt, oder Streit in· alle die ·mannigfaltigen Zustände, welche .wir; mit eine~ viel z £ ,.~\-'\
nicht? In Rücksicht 'auf seinen Körper ist er es ·ohne Zweifel¡ aber danach _ ~1Jg~m~i4~P..,.. Yi~t z.11. _!i_gf?.~§!!µtP1!~R· Narnen,_.WUt~ ..µ~_niJ,en•. .W.~_§_Jj~gtnich ~ ·:::.__1_~_{.
fragen wir. nicht. · Die· Rede· ist : vom Geiste~ vom Charakter, von. dem alles in diesem· Ausdruck Wille I · Neigung,- Begierde, Furcht, Mut, Wahl
Interesse, von . der ganzen Sinnesart. . Hier kommt uns nun ein Haufen. von ~
· L~une, ~ntschluß,. Ü,~e~le~ng, - guter ~Hle, d_er nicht .weiß, .w~s gut _ist) /.li :'.;
Meinungen entgegen. Die Natur gibt das Temperamene, sagen die- einen: boser W11le, ·d_er s1ch embildet, gut zu-·se1n, - ·ero andermal Erns1cpt ohn4,'-) ... '-'! .,
der Mensch ist von Natur gut,' -sagen die andern; aber durch die Erbsünde Eò.tschlùß, Entschluß ohne· Stärke, Absehe~ vor dem Verbrechen, das in ~ ·~ · \ · r ~>
!
ist er böse geboren, fügen die dritten hinzu. 'Er wird alles durch Erziehung, nämlichen··Augenblick wissentlich vollzogen wird,· - und was der Phäno- -~ t1.,.., . .'.;' -~
meinr ein vierter; er macht· und· -setzt und bestimmt .sich selbst, rufen die nìene mehr sind, die in ihret wunderbaren Mischung .. _und Vereinzelung, ~-~ ;: t
neuesten Syseeme, und vergessen dabei, daß sie selbst art anderen Orten die ihrer unauf hqrlíchen kontinuierlichen· Veränderung und neuen Gestaltung,~ -~ ~-~ Q
ganze sinnlicheExistenz (sowohl für den inneren als äußeren Sinn), für ein alle Abteilung der Philo'sophen zwischen · Verstand und Willen, und zwi-
reines Produkt der· Nanrrnorwendlgkele. erklärt haben und erklären muß­ schen Vernunft: und Willkür; und zwischen. dem Triebe und _der .Freiheit,
ten. Mit den letzteren ist am leichtesten fertig zu 'werden. Ihre intelligible jeden Aùgenblick beschämen ·und vernichten .. Die Bedeutung der letztge-
Welt haben diese Philosophen· selbst jeder Einwirkung verschlossen; es wäre nannten ·Worte hat noch nie genau erklärt, bestimmt, begrenzt werden kön-.
zu wünschen, daß sie auch keine Wirkting da' herauskommen ließen, damit nen; es liegen darin nur ungefähre Bezeichnungen schwankender Stellungen
unsere Sinnenwelt, d. h. alles was wir nur irgend in · unserem Bewußtsein I
einer Maschine, die sich im -Verlauf der Zeit immer. anders .und. . anders.
entdecken können, ganz ungestört seinen Gang gehen könnte .. Man würde i bau~ und demgeniäß immer ·anders . und anders· wirkt und strebt. Vergess.e
' man nu~ nie, daß diese Maschine gartz.und ·gar-aus Vorstellungen erbaut ist~
alsdann dem sinnlichen Menschen :zurechnen, was der sinnliche Mensch
getan hat; und man würde das, was er tun soll, von der Erziehung und von Daher strebt sie auch ilur, wirklich vorzustellen, . sie. erreicht auch nichts
den gesellschaftlichen Einrichtungen fordern, · die- doch am Ende in. dér anderés, mit a~ler inneren und äußeren Geschäftigkeit und Wirks~mkeit, ·ªls 1 { \~ ~­
~ Macht der Menschen stehen, 'da hingegen. mit der intelligiblen . Welt gar neue Vorstellungen.: ' ·· · · . . . Q ~ ß
¡
I, · Was· ~ch hier vom· Menschen sage, das würde·. jeden Augenblick :j<;der ,~\ \.r\
!J nichts anzufangen ist. Lassen wir nun 'diesen reinen Traum, der von der
Psychologie· für ein· -Hlrngespinst; von der Moral für einen Mißverstand, Mensch ·voh sich selbst -sagen, ·wenn nur der kleine .böse Umstanq nicht ::. ~' ',~
· · 1, u
und von der Metàphysik · für eine absolute Unmöglichkeit erklärt werden ·wäre~··.daß das Vorstellen· nicht ·sich· selbst, -sondern ·seine. Gege1,1$t~nde vor-:- ,~ \'1 '::1
muß. Wenden wir uns: an . die Erfahrung» denn zu langem Räsonieren ist stellt; so· wie· das· Auge nicht sich selbst- sieht, sondern die .Oiog~· um: sich ~ \~ ·:~
hierdie Zeit nicht. Wir finden· beim Tier- Instinkte, .beim niedrigeren Tier hëruni. Sähe aber einmal -das Auge- sein 'eignes Seh_en, ·dann ,würde ~uch ') ,.~ ~
gar Kunsttriebe; darum gleicht -sích ·das Leben· aller Bienen, und das· Leben ebensogut dér ·Mensth es unmittelbar wahrnehmen ºkönnen in sich,: daß er ~~:-- ~: · ,~
\. . ~ ~ ~

396 . '! 397


I .
. .... _
i: .
. . . . ....

;i

STANDPUNKT DER BEURTEILUNG DER PESTALOZZISCHEN STANDPUNKT DER BEURTEILUNG DER PESTALOZZISCHEN
UNTERRICHTSMETHODE UNTERRICHTSMETHODE

nur Vorstellungen wolle, und nur Vorstellungen wisse, oder genauer, daß ,• . stige abgehalten V:'erden, daß Regen und Wärme, der Boden und die
sein Wissen nur ein vollendetes, und sein Wollen nur ein gehemmtes, sich Atmosphäre für jede Art von Pflanze wohl geeignet seì. Der Mensch. hinge.,.
wieder aufanbeiteodes Vorstellen ist; - dies Wahrnehmen und jenes Sehen gen, der kein bestimmtes Klima fordert, sondern in jedem. fortkommt, der,
wird sich dann ereignen, wann die Weser aufwärts fließt, wann die Löwen wie man will, zum wilden Tier, oder zur personifizierten Vernunft ,verdeo
mit den Schafen spielen, wann man von Liliput und Brobdígnac die Länge kann, der unaufhörlich geformt wird von den Umständen: - dieser bedarf
\I der Kunst, welche ihn erbaue, ihn konstruiere, damit er die rechte Form
und Breite genau bestimmen wird.
Ich habe wohl lange genug philosophiert, wenigstens für eine Gelegen- bekomme. Das aber ist die rechte Form, welche in der Folge, ,venn er sich
heit, die keine Gelegenheit ist zum Beweisen, sondern nur zum Behaupten; selbst begreift, ihm wohlgefallen kann; ,venn er von anderen betrachtet wird,
~
. - sehen wir uns einmal wieder um nach der Erziehung! Diese wird natür­ ihm ihre Zustimmung erwirbt; und ,venn er mit ihnen ein geselliges Ganzes
,,
'•I
lich, wenn nur meine Behauptungen wahr sind, den Menschen mit Vor­ n1achen soll, es ihm möglich macht, sich genau und wirksam jenen anzu­
.', stellungen zu ernähren suchen; ja sie würde ihn ganz daraus zusammenset-
'-' schließen .
.'\
...··
..'··• zen wollen, wenn die Natur nicht das meiste schon darüber verfügt hätte, Gesetzt nun, die Kunst oder der Zufall, gleichviel welches von beiden, -
:~ was denn der Mensch vorstellen solle? wenn sie nicht am Ende die Gegen- habe wirklich angefangen und fahre fort, zu tun, ,vas die Natur nicht tut, -
~ stände hergeben müßte, so wie sie vor allem zuerst das vorstellende Wesen -·· gesetzt, der Mensch sei in einem Zustand halber Bildung, und noch halb
·~ .selbse hergeben mußte. Indessen die Natur ist gütig, sie ist freigebig und offen er Bildsamkeit, - in diesem Mittelzustande ist offenbar der Mensch
'··~~ . ¡·nachgiebig zugleich; und dies ist es, was einem Pestalozzi und Basedow2 ··-:- der Pflanze schon näher. Es ist nun schon etwas in ihm da, was auf be­
.( .i. Arbeit schafft. Wieviel Tiere und Pflanzen das Meer und die Erde ernäh- 'c., j stimmte Weise sich weiter entwickeln wird, wenn man es nicht hindert; was
~ i
~·~ :~ íren, soviel Bilder häuft man um das Kind; wieviel Unfug und Torheit der ··.. auf bestimmte Weise allem neu hinzukommenden hilft oder widerstrebt.
~- .:~~ lübermut und der Wahn je verübt, fleißige Griffel aufgezeichnet oder er- (~~'.. Umgekehrt muß nun auch das Neuhínzukommende sich danach richten,
'•
'~ t !dichtet, und büßende Mönche abgeschrieben haben, soviel Erzählungen -v, daß es jenem schon Vorhandenen helfe, daß es dessen weiteres Gedeihen h..,1.ft,·::,.~
~ ~ [liegen bereit, um die Neugier der Kinder zu stillen, um den Ungestüm des ~: befördere; wenn anders ein solches ~deihentzu wilQschen_ist. Die ·Kunst, f< ,!-':•:v.~i(u
..¡¡ ':Ì jKnaben zu reizen, Der Erziehungsmittel, womit wir schalten und walten ; eine schon angefangene Erziehung fortzusetzen, wird daher der Garten-
.,1 i können, gibt es eine solche Fülle, daß eben die Menge uns in Verlegenheit · , ' kunst immer ähnlicher; die Gaben dieser Kunst verwandeln sich immer
~ ..:~ :setzt. Der Eindrücke, womit die natürliche und die kultivierte Welt das -c, mehr in ,bloße Darbietungen, die Behandlung wird im·mermehr ein milder
3 .. '> .Kind umströmen, sind so viele, daß die Kunst fast mehr im Abhalten als <, Anhauch; das eigentliche Geben und Entziehen dagegen vermindert sich.
~ :~ [im Anbringen zu bestehn scheint. Läßt man hier den Zufall gewähren, so ·:· Dem Kinde ·konnte man ein bestimmtes Interesse einpflanzen; das Inter-
-.,""- '~ \macht er aus jedem Individuum ein besonderes Wesen, ja an einem und ::, esse eines Jünglings kann man nur pflegen. Das Kind glaubt, ,vas man ihm
....
.\ • \, sa:gt, es denkt, was es gehört hat, es tut, was es gesehen hat; ihm baut man
e .i demselben Kinde baut und zerstört er abwechselnd, er setzt das Individuum .,
··,;;, ~ [mie sich selbst, und Menschen untereinander in Streit. Er würde dies nicht , ::' '• eine Welt durch Bilder und Erzählungen. Hingegen dem· Jüngling kann
j¡. ""'-' vermögen, wenn in der menschlichen Natur eine feste Anlage wäre, wie in ·.. , man 'nur die Welt, in welcher er lebt, erweitern oder verengern; in ihr baut
~ t der Pflanze, oder wie in allen tierischen Körpern. Bine solche Anlage wür- ·::; ) cr sich eine Hütte, und verschmäht den Palast, den man wider seinen Sinn
•.

i Î Iden die Umstände zwar begünstigen und aufhalten, aber nie mit Wider- I.:·: ihm anderswo errichtete.
~ ~ ~sprüchen bezeichnen können, wie jene, die sich im Menschen und in der - ..?: Wenn dies bekannte Wahrheiten sind= so möchte ich wohl fragen, warum
-·-:· .. ¡- .G~e.s.~lls.clwt.ßn.d.Ç. g,_.6,b.~t~-eQ_Çll,..W~il.. m~n..smH,Çh~.. Ki;,~ft bloß das ausarbei- ,_,·:,'.!, man den Geist der Pestalozzischen Methode für ein R~ts~1-.M~ufl4- w..~rum b.r.;:~¿'ff'1
· f.c<<~.':. ... -,... tet..-was .. sie, empfing, kommt es so sehr darauf an, was man ihr gibt, Eben ] ', ¡ man über ihre Würdigung, und über die rechte Stelle, wohin sie gehört,
darum ist es recht eigentlich ein Geben und Entziehen, was die Erziehung · \;, noch zweifelhaft ist? Ich will nicht hoffen, daß jemand so sehr im Irrtum
als ihr Amt ansehen muß. Es ist keineswegs bloße Aufsicht und W~rtung, ~· sei, zu glauben: die :bekannte Beschreibung des menschlichen Körpers, die
wie unsere Gärtnerei, die nur Pflanzen besorgt. Bei den letzteren kommt ,-:-.:. waagerechten Linien und die Paraphrase des Einmaleins - dies wären die
es freilich. bloß darauf an, daß günstige Umstände herbeigeführt, ungün- l~i... . Hauptangeln dieser Methode. In Rücksicht der Gegenstände des Unter-
•!

~98 399
STANDPU·NKT DE.R B"BUR 'l'EILUNG DER PESTALOZZISCHEN
UNTERRICHTSMETHODE

richts ist bei ihr an keine pedantische Beschränkung zu denken, das. ganze
Feld· der sinnlichen Wahrnehmung, sowohl der möglichen als der wirk­
llchen, liegt ihr offen, und sie wird sieb darin immer weiter und freier
bewegen•. Aber ihr wahrer Vorzug besteht darin, daß sie kühner und eifri­
ger, als jede .frühere Methode, die Pflicht ergriff, den Geist des Kindes zu
bauen, eine · bestimmte und bell angeschaute Erfahrung darin zu konstruie­
. ..
ren, - . nicht zu tun, als hätte der Knabe schon eine Erfahrung, sondern zü. ÜBER .ERZIEHUNG,UNTER ÖFFENTLICHER MITWIRKUNG
sorgen, daß er eine bekomme; nicht mit ihm zu plaudern, als wäre in ihm,
wie in Erwachsenen, schon ein Bedürfnis der Mitteilung. und Verarbeitung
des Empfangenen, sondern Ihm zu allererst das zu geben, was dann wei­ Einladend und scheinbar groß ist der Gedanke, die Jugend einer Nation
terhin verarbeitet und besprochen werden kann und soll. Die Pestalozzi­ in größeren Massen unter einer gemeinschaftlichen Disziplin heranwachsen
sehe Methode ist daher keineswegs geeignet, · irgendeine andere Methode zu lassen. 'Frühzeitig verbrüdert, durch gemeinsame Bildung gleich· ge­
zu. verdrängen; sondern jeder anderen Methode vorzuarbeiten. Sie nimmt stimmt.. werden sie in den· bürgerlichen Vereinen die echte gesellige Stim­
sich des frühesten·Alters an, das irgend taugt, Unterricht zu empfangen; sie mung mitbringen. Der Staat· wird- in· der Schule keimen: Verbesserung der
behandelt es mit dem Ernst und der Einfachheit, die dahin gehört, wo man Schule ist die. Verbesserung der Erziehung und der Völker.
noch· .die erste Materie, den rohesten Stoff herbeischaffen muß. Begnügen So haben Männer gesehen, die mit ebensoviel Gemüt, als Geist, ein. lan­
aber· kann. man sich mit ihr ebensowenig, als man den menschlichen Geist ges Leben der. steten. Aufmerksamkeit auf die Bedürfnisse· der Nationen
.
wie eine tote Tafel · ansehen darf, auf welcher die . Buchstaben so . stehen-
. gewidmet hattenTn diesem Punkte begegnen sich Alte und.Neue, Xeno­
blieben, wie man sie hingeschrieben hatte.. Die unterhaltende Methode, phon und Plutarch, einstimmig mit Fichte und Pestalozzi, rühmen uns Ge­
welche sich hauptsächlich vom Basedow herschreibt, hat das eigne und in setzgebungen, deren Grundlage eine öffentliche Erziehung ausmachte.
ihrer Art sehr vorzügliche, daß sie sich der natürlichen Bewegung des kind­ Ich· wage es, darüber meine Meinung vorzutragen. Ich hoffe dies .ohne
lichen .Geistes anzuschmiegen sucht. Sie muß daher der Pestalozzischen Unbescheidenheit zu können. Man traut mir zu, so darf ich· glauben, daß
unmittelbar da nachfolgen, wo jene fertig war; beide Methoden müssen in weder die Gefühle, noch die Gründe mir fremd sind, von denen jene Mei­
ihrem Gebrauch aufeinander berechnet werden, Hier ist die Lücke, die bis nung getragen wird; was ich aus genauerer Ansicht der Pädagogik, in ihrem
jetzt noch unausgefülle ist. Sie wird sich aber füllen, wenn man Geduld mannigfaltigen Detail, darüber zu sagen habe,· dies wird .vielleiche einen
hat. Bremen ist so glücklich, Männer zu . besitzen, von denen man hoffen passenden Stoff darbieten, um die Auf.merksamkeit zu benutzen, womit
kann, sie werden durch ein schönes und seltenes Zusammenwirken das erste diese Versammlung mich· heute zu beehren versprochen hat;
Beispiel aufstellen von einer solchen Vielseitigkeit der Unterrichtsmethode, ..Treten wir noch nicht gleich in die. Pädagogik híaeìnr-lassen Sie uns,
wie die so sehr verschiedenen Perioden des menschlìchen Alters dieselben nachgiebig gegen die fremde Meinung; gleich jenen Männern, zuerst vom
in der Tat erfordern .. Staate aus àuf die Schule hinunterschauen, wohlwissend -zwar, daß dies
i
'i
keineswegs die rechte Art ist, das Bedürfnis und die Möglichkeit der Erzie­
hung .zu erforschen. Denn niemals. lernt derjenige eine Sache recht kennen,
I~ der damit anfängt, sie als· Mittel zuetwas anderem zubetrachtenjund eben­
,-1 · sowenig verstehen diejenigen sich auf Erziehung, die, nachdem sie lange
vorher mit staatskünstlerischen Theorien und frommen Wünschen sich·
.. li I getragen hatten, und endlich aus Verzweiflung die Pädagogik - nicht etwa
I
zu Hilfe ruf en, - nein I eine. neue Pädagogik erfinden wollen, so wie sie sein
müßte, und müßte sein . können;- um für jene politischen "Theorien einen
Strebepfeiler abzugeben. Aus Nachgiebigkeit aber begebe ich für einen

2jll [21 16 79]


4«> 4or
-~~~~-
.·,_Jf{:
.~;'
......
ií .
r' ;·
~·.::.
\:'
~· .
¡
~·¡.'
¡.:
OBER ERZIEHUNG UNTER OPFENTLICHBR. MITWIRKUNG
¡ ÜBER ERZIEHUNG UNTER ÖFFENTLICHER MITWIRKUNG
j,

Augenblick mich selbst auf diesen verkehrten Weg; ich suche also mit an­ 'η. Es mögen demnach die Freunde .der Volksbildung' mir ja .nichr zürnen,.
dern eine Pädagogik im Dienste des Staats; versteht sich für den Staat, wenn ich behaupte; der Weg •von der .Politik in die ·:P&dagogik· sei ein
wie er sein sollte, nicht wie etwa ein wirklicher Staat mag beschaffen· sein. verkehrte; Weg. Au£ diesem Wege kann nichts anderes gefunden werden,
Soll nun diese Art von Betrachtungen angestellt werden, so ist Platon der als eine. immer
' . . feinere und . genauere Untersuchung dessen, was jede,; we-
allererste, welchen zu nennen sich gebührt. Platon, der Ideenlehrèr, hat der Ieisten können und worauf eben. deshalb seine -. besondere Bildung
seine Idee vom Staate. so hoch gestellt, daß vieles zwar übrigbleibt hinzu­ solle. geriçhtee. werden •. Der Staat ist· zwar eins, · aber eine Einheit . der
zufügen und zu berichtigen, niemandem aber es möglich ist; seinen. Grund­ Zusammenwirkung möglichst . verschiedener Elemente. Und· so würde·. er
gedanken zu überfliegen. - Gleichwohl fängt dieser begeisterte Mann höchst zwar. Schulen nötig · haben, aber sehr · mancherlei .verschiedene Schulen;
besonnenerweise damit an, umständlich von der Teilung der Arbeiten im auf eben diesen Schulen aber ebenso viele verschiedene Verbrüderungen,
Staate zu. -reden,. von· den verschiedenen Gewerbe.il; voo der Verschieden· einen ..
.. . ebenso . mannigfaltigen Stil der Schulfreundschaften;
. also eine ver-
heit der. Lebensarteó, . die · dadurch notwendig werde, ja von . der Ver;. frühte Trennung der Kinderwelt durch die Trennungen im Staate, eine: vor­
schiedenheit der Ausbildung, die zu diesen verschiedenen Lebensarten eilige Bezeichnung von. Gegensätzen unter Menschen. und Menschen, statt
gehöre. Hiermit verbindet er die Betrachtung der verschiedenen Naturanla­ der gewünschten Verein,igung und Gleichförmlgkeie. Die Folge dieser Tren·
gen; nach seiner Vorschrift soll jeder diejenige Bildung. erhalten, wofür ·seine · nungen'.. .kann keine.. andre sein, als daß. die Heranwachsenden, die sich ab-
Anlage paßt. Vernachlässigung· dieser · Vorschrift . ist nach. ihm . die. furcht­ gesondert. fühlen "º~- den Andersgebildeeen, nun ihr Erlerntes zu Markte
barste, ja die einzig furchtbare Ursache alles politischen·Unheils.1 Er··rechnet bringen, um es so teuer als möglich ·zu verkaufen, gegen den. Gewinn, den
'
nur auf eine geringe Zahl der. glücklichen Naturen, die. einer feineren Bil~ sie aus der Täti~ke~~, der .anderen zu ziehen hoffen. So läuft .die vom Staate
dung - derMu·sik;wie.er sich ausdrückt, - fähig sein werden. Und noch·v_iel aus geordnete Erziehung am Ende dem Staate selbst zuwider; während die
geringer denkt er sich die Zahl derer, welche man· in die wàhre Weisheit, rechte Erziehung, ·die sich um den Staat nicht bekümmert, die gar nicht von
..
die zugleich Metaphysik, Mathematik und Regierungsweisheit ist, werde I politischen Interessen begeistert ist, gar nicht. einen für .die anderen, sondern
-einweihen können. Von Volksbildung ist in der ganzen Platonischen Repu­ jeden. nur für sich selbst ·bilden will;' eben· darum dem Staate aufs beste vor­
blik gar keine Rede, aber ein großer Teil des Werks ist der Erziehung dei: arbeitet, . .
. . weil sie die ohnehin verschiedenen
. Individualitäten insoweit
Ausgewählten gewidmet; welche für die Gewei,be zu gut sind,. und deneri gleichförmig bildet, daß sie sich in den Jahren der Reife einander anschlie­
dagegen der Staat soll anvertraut werden. · · ßen können.
Dies gänzliche Schweigen von der· Bildung des VoNcs ist unleugbar ein Weit milder in jeder Hinsicht. fällt also. das Resultat aus, wenn wir die
Fehler, .der wahrscheinlich nicht vollends so groß wäre, hätte Platon mehr, Pädagogik, wie sich's ohnehin gebührt, auf ihre eignen Füße .stellen¡ wenn
als die großen Hauptzüge des Gemäldes kräftig entwerfen wollen; denn die wir sie ansehen als die Wohltäterin der einzelnen, deren jeder 'ihrer Hilfe
Auszeichnung mangelt allenthalben.· Aber das Hinweisen auf· die Teilung bedarf, um das zu werden, was er einmal wünschen wird, geworden zu sein.
der Lebensarten, und der Schluß von da auf die Verschiedenheit der Erzie­ Alsdann aber verschwinden uns sogleich. die Schulen; es -verschwindet .die
hung ist ganz wesentlich •. und unvermeidlich, sobald jemand· mit voller Be­ frühzeitige Zusammenhäufung der Kinder; denn jedes Individuum bedarf.
sonnenheit von der Politik herkommend,- in die Pädagogik hineingeht. Nicht · der. Erziehung für. sich, und darum kann die Erziehung nicht wie in einer
bloß in dèn wirklichen Staaten, sondern recht eigentlich in ·der Idee des Fabrik . . arbeiten;. sie muß [eden einzelnen vornehmen. Oder, wenn gleich-
.
Staats, wie· er sein sollte, kommt es darauf an, sich das richtige Zusammen~ wohl _die Schulen bleiben, so· bleiben sie als· das, was sie sind, 'nãmlich als
wirkén vieler und verschiedener zu der Verwaltung und Kultur deutlich zu Nothilfen, . weil es· so ·viele Zöglinge .gibt, und so wenige Erzieher. Bleibt
<lenken. Wer dies verfehlte, der müsse wohl.in die Rousscauschen Träume nun aber auch das Übel, daß nicht einmal diese wenigen Erzieher. zugleich
versunken seio, die nicht ·etwa deshalb Träume sind, weil sie sich nicht aus­ Schullehrer sind, daß vielmehr die Schullehrer bloß nach Kennenìssen und
£ühren lassen, sondern deshalb, weil sie nicht ausgeführt werden sollen und nach derjenigen Art von Lehrgeschicklichkeit geschätzt und ausgesucht wer­
dürfen. Denn Rousseaus Freiheit und Gleichheit ist gleiche Willkür.aller; den, die das einzelne mitteilt, ohne sich um seine pädagogische Zusammen­
Platons Ungleichheit ist Unterordnung aller unter Vernunft und Pflicht.i wirkung mit dem Übrigen zu bekümmern, - alsda~n freilich sind die Schu-

402 403
·.'
. :¡
f1 .
::i, .• -
OBER ER.ZIEHUNG UNTER ÖFFENTLICHER MITWIRKUNG ÜBER ERZIEHUNG UNTER ÖFFENTLICHER MITWIRKUNG

len nicht einmal Noehilfen; sondern sie treten in völligen Gegensatz gegen und Regen mögen wir ihnen wohl bewirken. Und so wie wir für alle Künst­
die Erziehung; ·und sinken eben dadurch· völlig zur alltäglichen Gemeinheit ler sorgen, also auch würden wir gern für den Erziehungskünstler sorgen,
herab. - . erschiene uns einer, der von echter Begeisterung deutliche Proben in voll-

Sollen wir nun, um solchem Übel· zu wehren, um die Pädagogik ganz in endeten Werken vorzeigen könnte."
ihre Rechte einzusetzen, vielleicht jenenverkehrten Gang wieder umkehren? Redeten so die Staatsmänner, so würden sie gerade an den Hauptpunkt
Sollen wir 'von derPâdagogik in die Politik hinübergehen, sollen wir alle erinnern, von dem das Heil der Erziehung abhängt. Daran, daß die Kunst
zur guten Erziehung gehörigen Hilfsmittel von den Staatsmännern fordern? des Erziehens einen Künstler fordert, nicht einen Staatsmann, nicht einen
Die nächste Antwort, 'die wir erhalten würden, läßt sich voraussehen. Der Gelehrten, nicht einmal das Gefühl eines Vaters. Widerspenstig gegen diese
Staat sorgt zuerst für die jetzige Generation der Erwachsenen; er sorgt für Forderung ist zwar nicht der Staat, nicht die Wissenschaft, nicht das Fami­
sich selbst, er hat genug Arbeit, genug Aúfwand ·nötig, um nur ganz Staat lienband; aber widerspenstig stemmt sich dagegen die Einbildung derjeni­
zu sein. Will die Pädagogik kein Gesetz von der Politik annehmen, so läßt gen Menschen, die da meinen Erzieher zu sein, weil sie Väter sind oder
sich · noch weniger die 'Politik der Pädagogik unterordnen. Sollte der Staat Mütter, Pädagogik zu verstehen, weil sie Gelehrte sind, der Pädagogik
vorn-Notwendigen noch etwas übrig behalten, so will er dies übrige der gebieten zu können, weil sie Staatsmänner sind I Diesem verderblichen
Erziehung wohl als· milde Gabe spenden. - Eine Antwort, gegen die sich Wahn, was soll man ihm entgegensetzen? Was, wenn es nicht hinreicht, zu

selbst von selten der Idee des Staats nicht viel 'einwenden läßt. Denn diese erinnern an die genaue Kenntnis der menschlichen Natur, nicht in ihrer
I Idee weiß nicht einmal- davon, daß die Menschen nur allmählich heran­ gewöhnlichen Beschränktheit und Verdorbenheit; sondern in ihrer ursprüng­
! wachsen, 'daß sie der Erziehung bedürfen, um vernünftige Menschen zu lichen, unendlichen Bildsamkeit? An die Durchforschung aller Verhältnisse
!

werden; die· Idee des Staats setzt vorhandene und fertige Vernunftwesen des mannigfaltigen Wissens zu den verschiedenen Interessen des Menschen?
l voraus; diesen bezeichnet sie die rechte Art ihrer Gesellung; sie ist darin An die Beurteilung der höchst verschiedenartigen und vielfältigen Bedin­
¡ genau und streng; sie macht es den Menschen gar nicht leicht, sondern gungen, unter denen die Charakterbildung steht? Denn so vielfältig und so
[ nimmt alle Kräfte in Anspruch schon dazu, damit der wahre und vollkom­ versteckt sind diese Bedingungen, daß sie eben deshalb den Schein veran­
mene Staat entstehe und beharre. - Die Staatsmänner aber würden viel­ lassen, als wäre ein inneres oder ein äußeres übersinnliches, Freiheit oder
I
! leicht noch mehr antworten als nur jenes; und dieses Mehr mit ebenso Gnadenwahl, was, eingreifend in die Sinnenwelt, die Erscheinung der
gutem Grunde, als das erstere. ,,Wollt ihr denn uns", könnten sie sagen. Tugend oder der Bosheit vor unsere Augen stelle. Alles dieses muß dem
,,uns, die wir alles einzelne unter allgemeine Regeln beugen, uns, die wir Erzieher geläufig sein, und damit muß er noch den feinsten Beobachtungs­
den vorgeschriebenen Formen die Herrschaft sichern, die wir eine Form geist, die engste Anschließung an das Individuum verbinden. Wer wird
höchstens darum verlassen, um eine neue Form an deren Stelle zu setzen; dieses fordern oder erwarten von dem Vater, weil er Vater ist? von den
die wir keine Selbständigkeit anerkennen, als nur in dem Ganzen, und in Gelehrten, von den Staatsmännern, insofern sie Gelehrte sind und Staats­
jedem Teile· nur· einen Ausdruck des Ganzen, oder ein Mittel zum Ganzen männer?
erblicken; - uns wollt ihr den weichsten aller Stoffe, das menschliche Kind, Eigne Talente, eigne Gelegenheiten, eigne Übungen und einen eignen
zur . Ausbildung empfehlen? zur langsamén, durch kaum unterscheidbare Platz in der menschlichen Gesellschaft braucht der Erziehungskünstler.
Stufen fortgehenden, durch die zarteste Liebe allein, und durch den fein­ Seiner aber bedürfen so viele Menschen, als es Väter gibt, und Mütter, die
sten Kunstsinn, möglichen Ausbildung? Wir dachten doch, ihr hättet einen ihre Kinder lieben, und als es Waisen gibt, die weder Vater noch Mutter
klareren Begriff von einer Kunst, und von einer künstlerischen Sorgfalt? haben. Möchte man nun dieses anerkennen I Möchte man, statt des
Wollt ihr · nicht etwa. auch uns fürs Gedeihen der Musik und der Plastik schädlichen Selbstvertrauens, lieber behaupten, es habe noch keiner unter
und· der Dichtkunst verantwortlich machen? Wie freilich manche getan den Menschen Pädagogik, diese tiefe Wissenschaft, Erziehungskunst, diese
haben, vergessend, daß der Künstler geboren wird, _und daß die Gunst ihm schwere und nie auszulernende Kunst, wirklich verstanden. Durch eine sol­
zwar nötig, aber zugleich gefährlich wird. Eine zu helle und zu warme che Behauptung würde sich gereizt fühlen, wer von der Pãdagogik etwas,
Sonne vertragen die Musen nicht wohl , ein leichtes Obdach gegen Frost und ein wenig mehr als die anderen, zu verstehen meint, gereizt und getrie-

404 .i6 (11 26 791


405
=~:.:::.

OBÉR ER·Z.IEHUNG. UNT·ER 0FF£NT'l,ì'CHER 1'1IT\VIRKUNG UBER .Eli°ZIBHUNG. ùNTER ÖFFENTLI,CHER MITWIRKUNG

ben zu dem Versuche, dies wenige allmählich so weit auszudehnen, bis sich die sich nur in großen Institutionen gefallen, und lieber viele, als ausgebil­
leidliche und nicht unkenntliche, praktische Resultate dadurch hervorbrin­ dete· Zöglinge um sich sehen wollen. Zwar auch diesen gebührt Unterstüt­
gen Iießen. zung, sie können leidlich gute, wenn schon rohe Arbeit fertigen, und bei der
Hätte rnan aber die Erziehung als Kunst, und als Kunst in dem höchsten Größe des Bedürfnisses muß man die Menge der Leistungen als Empfeh­
Sinne des Worts, hätte man die Pädagogik als Wissenschaft einmal wirk­ lung gelten lassen. Aber der Preis gehört nicht ihnen; sondern vielmehr
lich begriffen, und· anerkannt: dann ergebe sich sogleich, was dafür der solchen, welche, ganz im kleinen anfangend, nur mit ihren Kräften ihre
Staat zu tun habe. Der Staat, der die künstlerische Kraft nicht schaffen Sphäre ausdehnen wollen.
kann, der kann sie gleichwohl in eine angemessene Wir,kungssphäre setzen. Seine eigentliche Schule macht der Erzieher als Hauslehrer, für einen,''
Diese Wirkungssphäre braucht nicht· sehr groß zu sein. Wäre sie das, so oder zwei Zöglinge von beinahe gleichem Alter. Wer pädagogischen Künst­
würde die darin wirkende Kraft anderen ähnlichen 'Kräften den Raum be­ lerberuf hat, dem muß es in dem kleinen dunkeln Raume, in welchem er
engen, ja sie selbst würde sich in vergeblichen Versuchen, den allzuweiten vielleicht anfangs sich eingeschlossen fühlt, bald so hell und so weit wer­
Raum ausfüllen, erschöpfen und verderben. Für manche Erzieher, die, ohne den, daß er darin die ganze Pädagogik findet, mit allen ihren Rücksichten
Sinn für die Grenzen eines Kunstwerks, ins Große wirken, ohne Kennt­ und Bedingungen, welchem Genüge zu leisten eine wahrhaft unermeßliche
nis des bürgerlichen Vereins, Nationen umschaffen wollten, für diese ist hie Arbeit ist. Sei er noch so gelehrt, der Kreis seines Wissens muß ihm ver­
und da· zu viel getan worden. So war es der Fall bei Basedow und seinem schwinden gegen all das Wissen, worunter er zu wählen haben sollte; um
f.I
übergroßen philanthropischen Plane. Dagegen hat man für Pestalozzi so für seinen Zögling das angemessenste auszuheben. Sei er stark und biegsam¡
ziemlich in dem rechten Maße gesorgt, indem man ihm ein Institut möglich zugleich; dennoch muß ihm die Stärke und die Biegsamkeit, die er nötigi
machte, worin er für seine Person nicht nur, sondern auch für seine Gehil­ hätte, um die verschiedenen Stimmungen seines Anvertrauten vollkommen!
I· fen, Spielraum fand. Bei größerer Begünstigung möchte wohl über die Lust, zu beherrschen und zu schonen, idealisch erscheinen. Das Haus mit allen
!
'
.i die Wirkung ins Große zu treiben, der Künstlersinn noch mehr zurückge­ seinen ·Verhältnissen und Umgebungen, muß ihm unendlich schätzbar wer­
" treten sein,' als es ohnehin schon geschehen ist. - Arbeit und Brot, und den
i\
den, so fern er hilfreich mitwirkt, und was an der Mitwirkung fehlt, das
ril nötigen Apparat, das braucht jeder Künstler, das braucht auch der Erzieher, _!P._Jiß er vermissen, um e_sj,.efJ:,eiwünschen .?:J.:L1Çt.t1-~I!,.~·-···... -·..----------·- ..··· 1 -e••
j¡ ohne Überfluß an Genuß und Ehre. Das brauchen aber auch alle die, in
,I . So beginnt die Bildung des echten Erziehers; und von hier aus würde si .
li welchen der künstlerische Trieb sich regt; so wie der Staat sie alle ge­ in gerader Richtung fortlaufen, ja in der Tat bei so vielen ta~ntvollenl
braucht; denn es kann nicht mehr Erziehung im Staate geben, als erziehende jungen Männern, die sich unter den Hauslehrern befunden haben, und noc
I Geisteskraft vorhanden ist, und an dieser haben wir noch lange nicht genug, befinden mögen, fortgelaufen sein, - wäre nur auf diesem Wege ein Ziel
viel weniger mehr als genug.· zu sehen, welches den Eifer spornen, welches auch nur einer mäßigen An-
Wird aber gefrage nach den Kennzeichen und Proben dieser künstleri­ strengung wert scheinen könnte. .
schen Kraft, so liegt allerdings die erste aller Proben in der Begeisterung Aber was wird aus unseren Hauslehrern? Welche Aussicht ist ihnen offen?
und Anstrengung, womit jemand arbeitet, in Vergessenheit seiner selbst und Welche Hoffnung, - nicht etwa auf ein Auskommen, auf eine anständige
des zu erwartenden Lohns. Dann aber fragt sich's auch nach der künstle­ gesellschaftliche Existenz, denn daran fehlt es nicht, - sondern welche
li rischen Selbstbeherrschung, die, wenn das Allzukleine mit Recht verschmäht Hoffnung eines pädagogischen Wirkungskreises, worin sie die vorgeübte
I

!i war, doch auch das Allzugroße sich zu versagen wisse. Wir suchen die Kunst und Kraft des Erziehers nun ferner und schöner gebrauchen könnten?
I
...,t¡ Sollen sie Schulmänner werden? Aber die Schule erweitert nicht, sie ver­
höchsten Meister in der Plastik nicht unter denen, die kleine Figürchen in
11

·1
Alabaster schnitzen; wir würden aber auch das nicht als Probe der Meister­ engt vielmehr die pädagogische Tätigkeit; sie versagt die Anschließung an
schaft ansehen, wenn jemand einen nicht zu übersehenden Koloß zu ferti­ individuen; denn die Schüler erscheinen massenweise in gewissen Stunden;
11

gen unternehme. So · verstößt Rousseau gegen den pädagogischen Takt, sie versagt den Gebrauch mannigfaltiger Kenntnisse, denn der Lektionsplan
indem er einen Mann darstellt, der zwanzig Jahre der Bildung des einzigen schreibt dem einzelnen Lehrer ein paar Fächer vor, worin er zu unterrichten
Emil aufopfert; aber auch diejenigen machen ihren feineren Sinn verdächtig, bat.~.sie macht die feine~ Führung un~)ic!!i_denn.sie ..e!_fordert Wachs~m:., ......

406 407
~I

~I
i

OBER ERZIEHUNG UNTER ÖFFENTLICHER .MITWIRKUNG OBER ERZIEHUNG UNTER .ÖFFENTLICHER MITWIRKUNG

¡
keie und Strenge gegen so viele, die auf allen Fall in Ordnung gehalten • bei langwierigen, wenn schon nicht mit plötzlicher Gefahr verbundenen
I
• Krankheiten, der Besuch des Arztes zu sein pflegt, so würde ein solcher
werden müssen.
D~rum nun g~~~-~-ï~;·
weiÏ fürdie Meister in der pädagogischen Kunst kein .I Erzieher das Haus besuchen, worin er Arbeit fände. Wie der Arzt Rezepte
Platz vorhanden ist, hält es schwer, daß diese Meisterschaft entstehe. Es ist verschreibt, so würde der Erzieher Beschäftigung und Studien anordnen;
zwar nicht zu leugnen, daß ein hoher Grad von Energie vieler Künstler wie der Arzt das Ausgehen verbietet oder verlangt, wie er Reisen in ein
endlich solche Plätze zu verschaffen pflegt; - doch nur wenn sie eine Um­ andres Klima vorschreibt, so würde der Erzieher den Umgang mit solchen
gebung finden, die ihre Wege zu schätzen weiß. Es ist ferner nicht zu leug­ und solchen Gespielen bestimmen, und die engeren oder weiteren Grenzen
nen, daß. die Schulämter einen viel besseren Spielraum, als bisher gewöhn­ der nötigen Aufsicht angeben.
lich, für pädagogisches Wirken darbieten könnten, wenn die ganze Schul­ Mehrere Familien könnten sich vereinigen, einem solchen Erzieher den
einrichtung darauf hinarbeitete, und wenn das Publikum der Schule sie größten Teil seiner Einnahmen zu sichern, ohne ihn darum ganz an sich zu
gehörig unterstützte. Aber dies alles setzt einen allgemein verbreiteten binden. Noch besser würde der Erzieher selbst die Familien verbinden, die
pädagogischen Geist schon voraus, der nicht eher entstehen wird, als bis samt ihren Kindern für eine gemeinsame Besorgung der Jugendbildung sich
die Kunst in ihrem wahren Glanze, das heißt, in ihren Werken hervortritt, paßten. Bei weitem nicht alles würde der Erzieher selbst lehren; er würde

und eben dazu suchen wir die Bedingungen. Gesprächsstunden halten und die schriftlichen Übungen leiten, von den
Ich habe oft, und seit Jahren darüber nachgedacht. was für ein Stand­ I
I
Wissenschaften aber das meiste den öffentlichen Schulen überlassen, indem
' er nur bestimmte, welche Schulstunden seine Anvertrauten zu besuchen
punkt das sein müßte, auf den ein geübter, ausgebildeter Erzieher nach
überstandenen Lehrjahren sich sollte stellen können, um ganz seiner Kunst
¡ hätten. Die Schulen würden alsdann Verzicht darauf tun, an einen streng
I
zu leben. Was für ein Standpunkt, den zu erringen die jungen Hauslehrer, • zusammenhängenden Lehrkursus jeden ihrer Schüler zu binden; dieses i,;t
die selbst noch in der Vorschule sind, sich beeifern könnten. Was für eine I zwar jetzt eine notwendige Maßregel, aber sie ist es gerade nur deshalb,
Lage, in welcher die feine Behandlung der Individuen nicht durch große weil es an jenen Erziehern fehlt, und weil die unvorbereiteten und ausge­
Haufen von Knaben erdrückt, die Benutzung eines mannigfaltigen Wissens I wählten Subjekte, welche alle die Schule aufnehmen muß, nur unter dieser
nicht durch vorgeschriebene Lehrpläne beschränkt, aber die Vielwisserei, Bedingung einigermaßen gleichförmig fortschreiten können. Wie weit voll­
welche man den Hauslehrern anzumuten pflegt, erlassen, um für gründ­ kommener aber würden die einzelnen Studien auf der Schule getrieben
liches Studium einzelner Fächer, durch gelehrte Kenner dieser Fächer werden, wenn die Schüler, von jenen Erziehern ausgesucht, vorbereitet,
gehörig gesorgt würde. Was für ein mittleres Verhältnis zwischen dem des unterstützt würden. Wieviel reiner würde sich nun die gründliche Gelehr­
Hauslehrers, der, unbemerkt vom Staat, nur dem Hause gehört, und dem samkeit in einzelnen Fächern, die man von den Schulmännern mit Recht
des Schulmannes, der allzu entfernt von den Familien, und allzu bestimmt verlangt, abscheiden von der pädagogischen Gewandtheit und Umsicht,
verantwortlich gegen den Staat, über der öffentlichen Persönlichkeit die welche die erste Tugend der Erzieher ausmachen müßte. Endlich welcher
Freiheit des Künstlerlebens eingebüßt hat. Grad der pädagogischen Ausbildung würde in der ganzen Kommune ver­
Zwischen dem Staat und dem Hause stehen die Städte, die kleinen Kom­ breitet werden, wenn die gewünschte Wechselwirkung zwischen Familien
munen, die sich unmittelbar aus den Familien zusammensetzen, und die, und Erzieher statt fände; wieviel würden alle Eltern lernen, und wieviel
zusammengenommen, wieder den Körper des Staates ausmachen. An diese sorgfältiger ihren Pflichten nachkommen.
habe ich mich in Gedanken gewendet. Ungefähr wie in einer Kommune die So als Kommunalangelegenheit betrieben, würde die Erziehung zugleich
Ärzte leben, die man in Häuser ruft, weil man die Not kennt, der sie öffentlich und häuslich sein, und die vielbesprochenen Vorteile der einen
Hilfe verheißen, so würden in den Städten auch Erzieher gefunden wer­ und der anderen Art vereinigen. In den größten Städten müßte diese Ein­
den, die man allenfalls in die Häuser zu kommen einlüde, wofern man richtung beginnen; in den kleineren könnte sie fortgehen; auf das Land aber
die Not einer falsch gerichteten jugendlichen Fortbildung besser zu beurtei­ und zu dem Volke herab müßte sich nicht sowohl die Einrichtung als der
len wüßte. Nur nicht so desultorisch- würde das Geschäft dieser Erzieher dadurch aufgeregte pädagogische Geist verbreiten. Wir brauchen ihm dazu
sein, wie das der Ärzte; etwas regelmäßiger und stetiger, - oder etwa so wie die Wege nicht vorzuzeichnen; er würde sie von selbst finden.

408 409

______________ , -·