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Jg. 2/ Nr.

4 Februar 1998

Symptomatisches aus Politik, Kultur und Wirtschaft


SFR 6.– DM 6.60 ÖS 53.– Monatsschrift auf Grundlage der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners

Jean Monnet – «Vater eines vereinten Europas»

Was steckt hinter dem heutigen Fusionsfieber?

Ist die Europäische Union 1998 besser als 1992?

Beispielhafte Diffamierung R. Steiners


Inhalt Impressum

«Die Mitte Europas ist ein Mysterienraum. Er verlangt von DER EUROPÄER
Symptomatisches aus Politik, Kultur und Wirtschaft
der Menschheit, daß sie sich dementsprechend verhalte. Monatsschrift auf Grundlage der Geisteswissenschaft
Rudolf Steiners
Der Weg der Kulturperiode, in welcher wir leben, führt Jg. 2 / Nr. 4 Februar 1998
vom Westen kommend, nach dem Osten sich wendend, Bezugspreise:
über diesen Raum. Da muß sich Altes metamorphosieren. Einzelheft: SFR 6.– / DM 6.60 / ÖS 53.– (zzgl. Porto)
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Was steckt hinter dem heutigen Fusionsfieber? Redaktionelle Mitarbeit:


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Ist die Europäische Union 1998 besser als 1992? 15 Leserbriefe werden nach Möglichkeit ungekürzt
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Elena Zuccoli, Ton- und Lauteurythmie 17 Nicht gezeichnete Artikel stammen vom Redakteur.

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ISSN 1420–8296
Leserbriefe 20

2
Jean Monnet

Jean Monnet –
«Vater eines vereinten Europas»
1. Teil

Der folgende Aufsatz, dessen Schluß in der nächsten Nummer Heimatland Frankreich zunehmend angefeindet, war
folgen wird, wirft ein bedeutsames Licht auf einen der «Väter» Monnet so von 1950 bis weit in die 60er Jahre hinein
des vereinigten Europa. Er zeigt, wie stark die Vereinigung das eigentliche intellektuelle und politische Zentrum
Europas von amerikanischen Vorstellungen geprägt ist. Und der europäischen Einigungsbemühungen. 1976 wurde
er zeigt, daß die Notwendigkeit, im Sinne der Idee der Drei- er von den damaligen Regierungschefs der EG-Länder
gliederung des sozialen Organismus R. Steiners ein wirklich zum ersten und bis heute einzigen Ehrenbürger der Eu-
europäisches Europa aufzubauen, weiterhin bestehen bleibt. ropäischen Gemeinschaft proklamiert. In Veröffentli-
chungen wird Monnet zunehmend mit der Formel
Die Redaktion «Vater eines vereinten Europas» bedacht. Und als die
Europäische Gemeinschaft in den 80er Jahren erneut
eine Zentral- und Symbolperson fand, Jacques Delors,
Einleitung der 1985 zum Kommissionspräsidenten ernannt wurde,
da hing in Delors’ Amtszimmer ein einziges Porträt:

D
« as epochale Werk der Einigung Europas braucht sei-
ne Zeit. Daß wir das hohe Ziel erkannt haben, daß
wir uns ihm bewußt nähern, das verdanken wir zu ei-
dasjenige Jean Monnets.
All das kann Grund genug sein, um zu hoffen, durch
einen Blick auf Leben und Wirken dieses Mannes auch
nem wichtigen Teil dem großen Franzosen und zugleich zu einer besseren Beurteilung seines Werkes zu gelan-
großen Europäer, Jean Monnet, der die entscheidenden gen: der europäischen Einigung. Von Hilfe ist dabei eine
Anstöße gegeben hat.»1 Hehre Worte, die von keinem Biographie Monnets, die 1994 von seinem ehemaligen
Geringeren stammen als Helmut Schmidt, dem deut- Mitarbeiter François Duchêne (trotz des Namens ein
schen Bundeskanzler der Jahre 1974-82. Jean Monnet Engländer) veröffentlicht wurde. Obwohl im Urteil oh-
(1888-1979), dem in ihnen gehuldigt wird, ist unter den ne innere Distanz, bietet sie doch so reichhaltiges Mate-
prägenden politischen Figuren dieses Jahrhunderts eine rial, daß man sich mit ihrer Hilfe auch einen unab-
der unbekanntesten. Monnet war es, von dem in den hängigen Eindruck von Monnets politischer Karriere
50er Jahren die ersten Initiativen zur europäischen Eini- verschaffen kann.2
gung ausgingen. Von ihm stammte der Plan zur Schaf-
fung einer übernationalen Behörde, die die Stahlindu-
strien Westeuropas verwalten und kontrollieren sollte,
der 1950 unter dem Namen des französischen Außen-
ministers Schuman bekannt wurde. Das neue Gebilde,
die «Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl»
(EGKS) war der entscheidende erste Keim der heutigen
Europäischen Union. Es war von vornherein als voller
Staat angelegt: mit einer Exekutivbehörde, einem Parla-
ment und einem Gerichtshof. Von 1953 bis 1955 wurde
Monnet zum ersten Präsidenten und Ziehvater dieser
Behörde. Von Monnet stammte auch der Plan, mit dem
Anfang der 50er Jahre eine gemeinsame europäische Ar-
mee geschaffen werden sollte – ein Plan, der allerdings
1954 im französischen Parlament abgelehnt wurde.
Zwischen 1955 und 1957 stand Monnet im Zentrum je-
ner Verhandlungen, in denen mit der Europäischen
Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und der Atomenergie-
gemeinschaft (EURATOM) weitere Gemeinschaftsgebil-
de konzipiert wurden. Obwohl bloßer Privatmann, der
Öffentlichkeit weitgehend unbekannt und in seinem
Jean Monnet und Robert Schuman

3
Jean Monnet

1. Zwischen Wirtschaft und Politik Vorläuferorganisation der heutigen UNO.4 Ab 1923


kümmert er sich einige Jahre um die ererbte Familien-
Monnet stammt aus dem französischen Südwesten, firma in Cognac. 1926 wird er zum Vizepräsidenten der
aus dem kleinen Ort Cognac, der auch dem Getränk den neueröffneten Europa-Abteilung der New Yorker Invest-
Namen gegeben hat. Die Region war im 16. und 17. mentbank Blair & Co. Die Bank spielt eine wichtige Rol-
Jahrhundert eine Hochburg der französischen Pro- le bei der Plazierung amerikanischer Gelder, die im Eu-
testanten, der Hugenotten, damit ein Untergrund, auf ropa der 20er Jahre einen kurzzeitigen Schein-Boom
dem seit dem 18. Jahrhundert die Freimaurerei beson- auslösen. Als mit Ausbruch der Weltwirtschaftskrise
ders festen Fuß fassen konnte. 1929 das amerikanische Geld sich wieder aus Europa
Monnets Vater hatte eine Firma aufgebaut, in der zurückzieht, verlagern sich auch Monnets Aktivitäten
Cognac hergestellt und vertrieben wurde. Obgleich kei- stärker in die USA. Bei einem Bankenzusammenbruch
ne der ganz großen, waren ihre Verbindungen doch verliert er dort ein Vermögen, wird aber von Freunden
weltweit, besonders eng nach England und Amerika. finanziell aufgefangen, «über die gewöhnlichen Ver-
Jean verließ bereits mit 16 Jahren die Schule und wuchs pflichtungen der Freundschaft hinaus»5.
in diese Familienfirma hinein. Er hatte keine Geduld
mit Büchern und drängte ins handelnde Leben. Eines «Eine Mischung von Gangster und Verschwörer»?
der Kennzeichen seines Lebens war eine außerordent-
liche Leidenschaft für die Arbeit und ein Fehlen von In den 30er Jahren erscheint Monnet als jemand, der
geistigen Interessen und Freundschaften jenseits der von jenem Kreis von New Yorker Bankiers und Rechts-
Arbeit. Bei Geschäftspartnern in der Londoner City anwälten, die im 20. Jahrhundert den Aufstieg der USA
machte er eine einjährige Lehre. Wenig scheint hier zur Weltmacht bestimmt haben, gewissermaßen koop-
zunächst auf die Karriere vorauszuweisen, die folgen tiert wurde. Zu seinen engen Bekannten zählen einige
sollte. Charakteristischerweise bleibt dann auch der der zentralen Gestalten der amerikanischen Außenpoli-
erste, wichtigste Schritt seiner öffentlichen Laufbahn in tik in den folgenden Jahrzehnten: so Dean Acheson
einem Dunkel, das offenbar nicht mehr ganz aufzu- (amerikanischer Außenminister von 1949-53), John
hellen ist. Im 1. Weltkrieg beschäftigt sich Monnet mit McCloy (1947-49 Präsident der Weltbank, 1949-52 ame-
der Koordinierung der englischen und französischen rikanischer Hochkommissar in der Bundesrepublik) und
Kriegswirtschaften. Dafür wird er 1917, im Alter von John Foster Dulles (amerikanischer Außenminister von
nur 29 Jahren, zum Chef einer Behörde mit weitgehen- 1953-59), der engste und älteste Freund Monnets in den
den Vollmachten ernannt. Für einen Mann seines Alters USA.
und eines bis dahin gänzlichen Mangels an öffentlicher Trotzdem wirken Monnets Aktivitäten in dieser Zeit
Karriere eine zweifellos sehr ungewöhnliche, geradezu eher ziellos. Man kann den Eindruck gewinnen von je-
unglaubliche Ernennung. Monnet selbst will sie in sei- mandem, der darum kämpft, dem großen Versprechen
nen Memoiren in kecken Sätzen mit seiner jugendli- gerecht zu werden, das in seiner frühen Karriere enthal-
chen Forschheit erklären. Nach den Forschungen seines ten schien und mit seinen erfolgreicheren amerikani-
Biographen wird aber wahrscheinlich, daß britische schen Freunden mitzuhalten. Einige Jahre ist er in Chi-
Protektion und Förderung hier eine wesentliche Rolle na tätig und organisiert Anleihen für die dortige
gespielt haben dürften.3 Falls das so sein sollte, so haben Regierung. Auf Vermittlung von John Foster Dulles
wir Monnet hier erstmals in jener doppelten Position, gründet er in New York eine Investmentbank: Monnet,
in der er später herausragende Bedeutung erhalten soll- Murnane & Co., die sich – ähnlich wie Dulles – in Ge-
te: als einen Erfinder und Lenker von Institutionen schäftsbeziehungen mit dem Deutschland Hitlers her-
einer übernationalen Zusammenarbeit und als ein Zen- vortut.6 1934 heiratet Monnet seine um fast zwanzig
trum angelsächsischer Einflußnahme auf dem Konti- Jahre jüngere Frau Silvia.7 Die Heirat zeigt auf eine cha-
nent. rakteristische Weise den Spannungsbogen, in dem sich
1919, nach dem Ende des 1. Weltkrieges, findet man dieses Leben abgespielt hat: geschlossen wird sie 1934
Monnet in der französischen Delegation der Friedens- in Moskau, dem damaligen Symbolort einer technisch-
konferenz von Versailles. Hier beginnt die Geschichte futuristischen Zukunftsplanung der Menschheit. Wohl
seiner Freundschaften mit Amerikanern, die sein späte- um 1975 – Monnet war immerhin Mitte 80 – folgte
res Leben bestimmen sollte. Von 1919-1923 ist Monnet noch die kirchlich-katholische Trauung, ausgerechnet
als stellvertretender Generalsekretär beim Völkerbund im Wallfahrtsort Lourdes, dem katholischen Disney-
in Genf beschäftigt, der – in Versailles gegründeten – land.8

4
Jean Monnet

Es seien hier einige Beschreibungen eingerückt, die zu seiner Auflösung 1975 wohl das wichtigste Zentrum,
ein Schlaglicht darauf werfen können, wie Monnet zu von dem aus jenes Unternehmen vorangetrieben wur-
dieser Zeit auf Außenstehende gewirkt hat: In China, de, dem sich Monnet verschrieben hatte: der europäi-
Mitte der 30er Jahre, wird er von einem amerikanischen sche Einheitsstaat.13 Monnet selbst verfaßte in seinen
Banker als «sehr nahe einem reinen Abenteurer» be- letzten Lebensjahren noch seine Memoiren und ver-
schrieben, der bei seinen Geschäften nur den eigenen starb schließlich 1979 im Alter von 90 Jahren.
Vorteil im Auge habe.9 Die Schriftstellerin Ann Morrow
Lindbergh erlebte ihn folgendermaßen: «Er ist immer
mysteriös, auf eine ruhige und sehr unscheinbare Art. 2. Monnet und die USA
Immer kommen Telefonanrufe, er muß nach England
oder Amerika in irgend etwas furchtbar Wichtigem, aber Monnets Beziehungen in die angelsächsischen Län-
niemand hat die geringste Idee, was er eigentlich tut.»10 der und insbesondere in die USA sind so eng gewesen,
Und einem britischen Diplomaten erschien er um 1940 daß sie für manche Beobachter Rätsel aufgeworfen ha-
sogar als eine «Mischung von Gangster und Verschwö- ben. Sein amerikanisches Adreßbuch soll schon in den
rer».11 – Erstaunliche Momentaufnahmen für jeman- 30er Jahren besser als selbst jenes von Churchill gewe-
den, der sich anschickt, zum Schöpfer eines vereinten sen sein. Und seine Initiativen in den 50er Jahren, aus
Europa zu werden. denen die Europäische Gemeinschaft entstand, sind aus
Ab 1938 wechselt Monnet wieder in jene Rolle, die er einem Zusammenspiel mit amerikanischen Stellen her-
schon im 1. Weltkrieg eingenommen hatte: er beschäf- vorgegangen, das enger und vertrauensvoller war als das
tigt sich mit den alliierten Vorbereitungen für den dro- mit den eigentlich beteiligten europäischen Regierun-
henden Krieg. Nach der Eroberung Frankreichs durch gen. Alle Verhandlungen, die in den 50er Jahren zum
die Deutschen 1940 wird er vom englischen Premier- Aufbau der europäischen Institutionen führten, wurden
minister Churchill nach Washington geschickt, um in außergewöhnlichem Maße von den USA aus beglei-
Rüstungseinkäufe zu tätigen. Dort wird er praktisch in tet, bis hin zum Druck auf die beteiligten europäischen
die Regierung übernommen und eine der entscheiden- Regierungen. Monnets eigener Zugang in die oberen
den Figuren dabei, «die Maschine in Gang zu bringen, Etagen der amerikanischen Regierung soll bis in die
die den Krieg gewinnen sollte»12, d.h. die amerikanische 60er Jahre besser gewesen sein, als der irgendeines an-
Industrie auf Rüstungsproduktion umzustellen. Seine deren europäischen Nachkriegspolitikers. Und noch das
Kriegskarriere in der amerikanischen Administration «Aktionskomitee», das er 1955 gegründet hatte, wurde
war für einen Ausländer wohl einmalig. 1943 wird er weitgehend aus den USA finanziert: von der Ford-Foun-
vom amerikanischen Präsidenten Roosevelt nach Algier dation, deren Leiter damals sein Freund McCloy war.
geschickt, um dort an der Konstitution einer französi- Bei diesem Sachverhalt ist es bemerkenswert und
schen Exilregierung mitzuwirken. Von 1943-1950 ist geradezu verdächtig, mit welcher Hartnäckigkeit die
Monnet in verschiedenen Funktionen für französische Geschichtswissenschaft dieses enge Verhältnis in dem
Regierungen tätig. Unentbehrlich ist er vor allem wegen Sinne deutet, daß Monnet die USA für die Durchsetzung
seiner überlegenen Möglichkeiten, amerikanische Hilfs- seiner eigenen, «europäischen» Ziele benutzt hätte.
gelder für das befreite, industriell darniederliegende Das Umgekehrte wird nur selten in Erwägung gezogen.
Frankreich zu erhalten. Will man diese Fragen beurteilen, ist es sinnvoll, sich
1950 schließlich, im Alter von schon über 60 Jahren, einiges aus der Geschichte der europäischen Einigung
wird Monnet mit jenen Initiativen, die anfangs erwähnt nach dem Kriege vor Augen zu führen.
wurden, zum «Vater» der europäischen Vereinigung.
Nach seinem Ausscheiden bei der «Gemeinschaft für Die Geburt Europas aus dem Geiste Amerikas
Kohle und Stahl» gründet er 1955 das «Aktionskomitee
für die Vereinigten Staaten von Europa», in dem er Ver- Diese Geschichte 14 beginnt im Jahre 1946 mit einer
treter der wichtigsten Parteien, Gewerkschaften und Rede Churchills in Zürich. Churchill – vom späteren
Unternehmerverbände der Mitgliedstaaten zusammen- amerikanischen Außenminister Acheson angesehen als
bringt. Ein wesentlicher Zweck dieser Gründung war es, eine Art Papst einer anglo-amerikanischen Religion –
auch die europäische Linke, sozialdemokratische Partei- plädierte damals für eine europäische Einigung unter
en und Gewerkschaften, auf die europäische Vereini- Ausschluß Großbritanniens. Im Zentrum müsse die
gung zu verpflichten. Das «Aktionskomitee» blieb der deutsch-französische Aussöhnung stehen. Die Rede läu-
Öffentlichkeit zwar weitgehend verborgen, war aber bis tete die Gründung oder Reaktivierung aller möglichen

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Jean Monnet

öffentlichen Initiativen ein, die sich für die europäische und sie nur von außen unterstützen.20 Die Suche nach
Einigung einsetzten, Initiativen, die häufig von Geldern einem solchen Rahmen wurde drängender mit der
aus den USA, nicht zuletzt vom Geheimdienst CIA, mit- Gründung der Bundesrepublik im September 1949 und
finanziert wurden. Damit wurde eine ohnehin vorhan- dem Beginn der Verhandlungen um eine Ablösung der
dene öffentliche Stimmung in Westeuropa gelenkt und Besatzungsherrschaft. Auf einer Konferenz der west-
verstärkt. lichen Außenminister ebenfalls im September 1949
Der Schuman-Plan selbst griff auf Grundideen machte der amerikanische Außenminister Acheson sei-
zurück, die es wenigstens seit den 20er Jahren gegeben nem französischen Kollegen Schuman deutlich, daß bis
hatte.15 Um zukünftige Kriege in Europa zu verhindern, zur nächsten Konferenz im Mai 1950 eine französi-
wollte man die kriegswichtigen Industrien – und das sche Initiative für einen konstruktiven Umgang mit
waren damals besonders Kohle und Stahl – irgend- Deutschland erwartet werde.
einer zwischenstaatlichen Kontrolle unterstellen. Sol- In diese Situation hinein, kurz vor Ablauf der Frist,
che Ideen spielten dann wiederum eine Rolle, als man präsentierte im April 1950 Monnet dem verzweifelten
in den USA begann, sich mit den Planungen für die Schuman seinen Plan. Frankreich stand scheinbar vor
Nachkriegszeit zu beschäftigen und ein vereintes Euro- der Wahl, entweder den Wiederaufstieg eines deutschen
pa ins Auge faßte, das nicht unter deutscher Führung Nationalstaates mit eigener Schwerindustrie zu akzep-
stehen sollte.16 Monnet selbst begann derartige Ideen tieren oder auf eigene Souveränitätsrechte zugunsten
seit seiner Rückkehr in die Alte Welt 1943 zu verbreiten. einer internationalen, überstaatlichen Behörde zu ver-
Manches spricht dafür, daß er seit 1944 nur noch auf zichten, aber Deutschland dadurch mitkontrollieren
den richtigen Zeitpunkt gewartet hat, um einen Plan zu können. Diese Wahl wurde ihm von Monnet und
vorzustellen. den Amerikanern recht drastisch vor Augen geführt
Einen ersten Versuch, Strukturen eines europäischen und die Zwangslage wurde dann seit Mitte 1950 noch
Staates aufzubauen, unternahmen die USA mit dem durch den Koreakrieg verstärkt. Es war diese Zwangs-
Marshall-Plan 1947. Seine Verteilung sollte von einer lage, unter der sich eine französische Regierung dazu
Stelle übernommen werden, die man zum Keim eines bereit fand, die Pläne Monnets unter eigenem Namen
vereinten Europa mit Einschluß Großbritanniens ma- vorzutragen.
chen wollte: der OEEC in Paris unter der Leitung von Führt man sich all das vor Augen, dann bekommt
Averell Harriman.17 Das scheiterte 1948/49 am Wider- es etwas Phantastisch-Unsinniges, daran zu glauben,
stand der Briten, die nicht bereit waren, die für sie daß der einzelne Privatmann Monnet hier die Eliten
vorgesehene Führungsrolle in diesem Europa zu über- der USA für seine eigenen Zwecke mobilisiert hätte.
nehmen.18 Im Juli 1949 wurde dann John McCloy Dabei kann es nicht darum gehen, Monnets Fähigkeiten
amerikanischer Hochkommissar in Deutschland, da- zu bestreiten: außerordentliche Hartnäckigkeit (man
mals eine Art Kolonialgouverneur. Er löste General Clay bescheinigte ihm die Sturheit eines französischen Bau-
ab, der Deutschland so schnell wie möglich hatte in die ern); eine Überredungskunst, in der manche Gesprächs-
Unabhängigkeit entlassen wollen, um den amerikani- partner etwas Unheimliches empfunden haben; ein
schen Steuerzahler zu entlasten. Nach McCloys Amts- gutes Verständnis der wirklichen Machtverhältnisse
antritt sprach Harriman gegenüber Monnet davon, daß und Entscheidungsprozesse; sogar eine Art institutio-
jetzt die Schlüsselfiguren der US-Politik in Position ge- nelle Phantasie. Monnet war wohl ein sehr fähiger
gangen seien: McCloy in Bonn, er selbst in Paris in der olitischer Abenteurer auf der Suche nach einer Aufgabe,
OEEC und die Botschafter Bruce und Douglas in Paris die seinen Ehrgeiz befriedigen konnte. Diese Aufgabe
und London.19 Die entscheidende Phase der amerikani- hat er in der von seinen amerikanischen Freunden
schen Nachkriegspolitik konnte beginnen: der Aufbau gewünschten europäischen Einigung gefunden, als
eines europäischen Staates und die Vertäuung eines um- Werkzeug einer langfristig angelegten Politik, zu deren
gestalteten Deutschlands an den Westen. Zielen eben offenbar auch der europäische Einheits-
In bezug auf Deutschland hatte ein Papier des ameri- staat gehört.
kanischen Außenministeriums im Februar 1949 festge- Wenn dann ein so kluger Mensch wie Henry Kissin-
legt, daß die Besatzungsherrschaft nur aufgelöst werden ger schreibt, Monnet habe die führenden Staatsmänner
sollte, wenn «ein angemessener Rahmen einer allgemei- Amerikas hypnotisiert, um sie die Welt durch seine
nen europäischen Union, in die Deutschland absorbiert Brille sehen zu lassen 21, so wird man das wohl als eine
werden kann», existiere. Die Initiative für einen solchen bewußte Irreführung zu nehmen haben – eine Irre-
Rahmen solle man aber den Europäern selbst überlassen führung, die eben verschleiern soll, daß die europäische

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Jean Monnet

Einigung an ihrem Ursprung und noch immer eigent- Ein Politiker ohne Macht?
lich ein amerikanisches Projekt ist.
Das wirkliche Verhältnis zwischen Monnet und den Für die amerikanische Politik ist es ebenso wichtig ge-
Amerikanern kann man vielleicht schlaglichtartig mit wesen, daß diese von ihr gewünschte europäische Verei-
einem Zitat aus einem Brief McCloys erhellen. Als sich nigung freiwillig und aus eigener Initiative hervorge-
im 2. Weltkrieg einmal Unmut zusammenbraute, daß gangen ist, wie es gewöhnlich wichtig für sie ist, in
ein Franzose in so wichtiger Stellung in einer amerika- einem Krieg die anderen dazu zu bringen, die Rolle des
nischen Regierung mitarbeitete, nahm McCloy Stellung Angreifers und des Schuldigen zu übernehmen. Es ist
zugunsten Monnets: «Was seine nationalen Loyalitäten jene raffiniert-unscheinbare, indirekte Art der Herr-
angeht, so sind sie unwichtig, wie auch immer sie sein schaftsausübung, wie man sie auch vom Aufbau des
mögen. Ich weiß, daß man sich für die Hauptsache auf römischen Reiches kennt, das sich ja durch lauter Ver-
seine Loyalität verlassen kann.» 22 (Hervorhebung vom teidigungskriege und Defensivbündnisse vergrößerte.
Verf.) Monnet, der als Franzose amerikanische Impulse nach
Während Monnet in den USA von führenden Kreisen Europa getragen hat, ist ein ideales Instrument dieser
gestützt wurde, war er ohne eigentliche Machtbasis in Herrschaftsausübung gewesen. Er war dafür um so ge-
Europa. Seine Position in Frankreich nach dem 2. Welt- eigneter, je eigenständiger er gehandelt hat, das heißt
krieg beruhte auf seinen Verbindungen nach Amerika, je mehr er jene Ideen aus sich selbst heraus produzierte,
nicht umgekehrt. Charakteristischerweise ist seine Stel- für die man gewissermaßen den Rahmen geschaffen
lung später gerade in Frankreich am schwierigsten ge- hatte, die zwingend scheinen konnten in einer entspre-
worden. Seit Mitte der 50er Jahre wollten ihn französi- chend vorpräparierten Situation. Wie wichtig die Frei-
sche Regierungen aus den europäischen Angelegen- willigkeit oder zumindest ihr Schein für die amerikani-
heiten verbannen, und das ist ein Grund dafür gewesen, sche Politik war, geht nochmals hervor aus einem
warum er dann mehr aus dem Hintergrund gearbeitet Bericht McCloys an das amerikanische Außenministe-
hat. Zu seinem großen Gegenspieler wurde schließlich rium. Die Briten hatten dem deutschen Bundeskanzler
de Gaulle, der 1958 in Frankreich an die Macht kam. Adenauer für die Verhandlungen mit Monnet einen
Sein Konzept von einem «Europa der Vaterländer» war alliierten Aufpasser beigeben wollen. McCloy, der sich
ein Gegenentwurf zu Monnets supranationalem Gebil- seiner Sache sicher war, verhinderte das: «Bedenkt man
de. De Gaulle, der ganz in nationalen Kategorien dach- die Größe der Verpflichtungen, die Deutschland mit
te, wird aus seinen letzten Jahren sogar folgendermaßen dem Schuman-Plan-Vertrag eingehen wird, so ist es ent-
zitiert: «Jean Monnet ist kein Franzose, der durch irgend scheidend, daß niemand in Zukunft wird behaupten
etwas an die Amerikaner gebunden ist; er ist ein großer können, daß sie nicht frei eingegangen wurden.»26
Amerikaner.» 23 Darum ging es, nicht darum, daß irgend jemand das
Wenn die Amerikaner selbst ihr Hinarbeiten auf eine Netz verstehen sollte, das man hier gesponnen hatte.
europäische Einigung begründeten, so behaupteten sie Nach all dem sei noch einmal Helmut Schmidt zi-
anfangs, sie sei notwendig für die Abwehr des Kommu- tiert: «Er war nie Regierungschef oder auch nur Mini-
nismus. Auffällig ist aber, daß es mit McCloy, Harriman ster. Seine wichtigsten Initiativen unternahm er ohne
und Acheson einige derjenigen Personen waren, die be- amtlichen Auftrag. Sein einziger Auftraggeber war sein
reits seit 1944 auf den Bruch mit der Sowjetunion be- Gewissen, war sein Sinn für das politisch Notwendige
wußt hinarbeiteten, die zu Inspiratoren des europäi- und Heilsame, war sein hochentwickeltes, weit über
schen Einigungsprozesses wurden. Das Gesamtszenario den nationalen Horizont hinausreichendes Verantwor-
dieser Jahre legt unabweisbar nahe, daß hier eine Grup- tungsgefühl als Weltbürger. Monnet ist der seltene –
pe von Menschen den Kalten Krieg mit forciert und man ist fast versucht zu sagen, der einmalige – Fall eines
dann als Hintergrund für andere Pläne benutzt hat. Mit Politikers, der ohne die wichtigste Ingredienz der Poli-
der Überbetonung der sowjetischen Gefahr entstand tik, der ohne Macht auskam.»27 Man kann eine solche
jene politisch-psychologische Situation, in der die Äußerung vielleicht rührend gutgläubig finden, aber es
Europäer bereit waren, sich unter dem Schild der USA liegt auch eine Realitätsblindheit in ihr, die etwas Er-
zusammenzuschließen, um damit die Westfesselung schreckendes hat, wenn man sich klarmacht, daß sie
Deutschlands abzusichern. 24 Monnet selbst umriß die von einem damals amtierenden Bundeskanzler stammt.
Psychologie dieser Situation in seinen Erinnerungen so: In Wirklichkeit ist Monnet keineswegs ohne Macht aus-
«Die Menschen fassen große Entscheidungen nur dann, gekommen. Die Macht, die ihn gestützt hat, ist die
wenn eine Gefahr vor der Tür steht.» 25 denkbar größte gewesen, die amerikanische Außenpoli-

7
Jean Monnet

darin noch ein entferntes Echo an diese Berührung mit-


schwingt. S. Monnet, Erinnerungen, S. 108-115. Letztlich war
es Monnet, der dafür verantwortlich war, daß die Dreigliede-
rungskonzeption nicht zur Anwendung kam. Die von seinem
Team ausgearbeitete Lösung war eine Teilung des Gebietes im
Sinne des Einheitsstaatsprinzips.
5 So die ominöse Formulierung bei Duchêne, S. 50. Zu diesen
Freunden gehörten u.a. der spätere amerikanische Außenmi-
nister John Foster Dulles und John McCloy.
6 In seinen Erinnerungen schreibt Monnet über seine Aktivitäten
mit Murnane: «In New York befaßte ich mich zusammen mit
Murnane mit verschiedenen Unternehmungen, an die ich
mich nur noch schwach erinnere.» (S. Monnet, Erinnerungen,
S. 145). Besser hätte es ein deutscher General, der für Hitler in
den Krieg zog, nach 1945 auch nicht formulieren können.
7 Monnets Frau mußte erst noch geschieden werden. Der Schei-
dungsanwalt war John McCloy.
Robert Schuman und Jean Monnet
8 Duchêne, S. 56.
9 Duchêne, S. 58.
tik, sowie all die Gruppen, die nach dem 2. Weltkrieg an 10 Zitiert nach Monnet and the Americans, S. 31.
der Schaffung jenes Gebildes gearbeitet haben, das man 11 Ebda. S. 34.
heute als den «Westen» bezeichnet. Diese Macht ist al- 12 Monnet, Erinnerungen, S. 197.
lerdings sehr subtil und fast ungreifbar vorgegangen, 13 Zu den deutschen Mitgliedern im Komitee gehörten beispiels-
weise die Bundeskanzler Kiesinger von der CDU (1966-69),
weit mehr mit Überredung, Suggestion, dem blitzarti-
Brandt (1969-74) und Schmidt (1974-82) von der SPD.
gen Stiften von Verwirrung und Bluffs, als mit offenem 14 Zum folgenden: Thomas Meyer, Ludwig Polzer-Hoditz, Basel
anhaltendem Druck. Der britische Botschafter in Paris, 1994, S. 481ff.
der die Vorgänge als Zuschauer beobachtete, sprach 15 Ein gutes Buch zur Vorgeschichte des Schuman-Planes und
der europäischen Einigung ist John Gillingham, Coal, Steel
beim Schuman-Plan von einer Schock-Taktik, die zum
and the Rebirth of Europe 1945-55. Cambridge 1991. Die fol-
Erfolg geführt hätte.28 Die Opfer einer solchen Art von genden Absätze stützen sich im wesentlichen auf Gillinghams
Politik spüren eigentlich nur, daß etwas passiert ist, daß Darstellung.
sich die Grundlagen ihrer Existenz verschoben haben, 16 z.B. hat JF Dulles 1942 ein Projekt vorgestellt, s.: Monnet and
the Americans, S. 110.
aber sie verstehen nie ganz wie und warum.
17 Vgl. zu dieser bedeutenden Gestalt in der amerikanischen
Außenpolitik des 20. Jahrhunderts: Amnon Reuveni, Im Na-
Andreas Bracher, Hamburg men der Neuen Weltordnung, Dornach 1994.
18 Das kann man als den Beginn jener unglücklichen Rolle
zwischen den USA und Europa ansehen, die Großbritannien
bis heute spielt. Die amerikanische Politik hatte – entgegen
Churchills Maximen – von Beginn an darauf hingearbeitet,
Großbritannien in die europäische Gemeinschaft hineinzu-
lotsen.
1 Siehe Jean Monnet, Erinnerungen eines Europäers. Mit einem 19 Gillingham, S. 172.
Vorwort von Helmut Schmidt. München 1980, S. 14f. 20 Zitiert nach Gillingham, S. 166.
2 François Duchêne, Jean Monnet. The First Statesman of Interde- 21 Nach Monnet and the Americans, S. 71.
pendence. New York/ London 1994. Eigentlich ist die Bezeich- 22 Ebda. S. 174.
nung Biographie nicht ganz gerechtfertigt. Das Buch ist eine 23 Duchêne, S. 383
detaillierte Untersuchung von Monnets öffentlichen Aktivi- 24 Dieser Zusammenhang wirft auch eine neue Beleuchtung dar-
täten, kümmert sich aber kaum um seine inneren Antriebs- auf, daß am Ursprung des Korea-Krieges, der im Juni 1950 be-
kräfte und Wendepunkte. Andere wesentliche Quellen dieses gann, einige Äußerungen Achesons liegen, die die Nordkorea-
Artikels sind Monnets Erinnerungen (s. Anm. 1) und Clifford ner geradezu zu einem Angriff einzuladen schienen. Man hat
P. Hackett (Hg.): Monnet and the Americans. The father of a das im Nachhinein als Mißverständnis und Versehen erklärt.
united Europe and his U.S. supporters. Jean Monnet Council Tatsächlich aber hat man den Korea-Krieg von Beginn an als
Washington DC 1995. Folie benutzt, vor der eine weitestgehende europäische Eini-
3 Duchêne, S. 33-36. gung für notwendig erklärt wurde. Das gelang allerdings
4 In dieser Funktion bearbeitete Monnet u.a. die Frage des Sta- nicht ganz im gewünschten Ausmaß, das eigentlich schon da-
tus von Oberschlesien, das zwischen Deutschland und Polen mals zu «Vereinigten Staaten von Europa» hätte führen sol-
umstritten war. Dafür verfaßte Rudolf Steiner seinerzeit einen len.
Aufruf im Sinne der Dreigliederung. Wenigstens hier also 25 Monnet, Erinnerungen, S. 533.
müßte Monnet mit der Dreigliederung in Berührung gekom- 26 Monnet and the Americans, S. 183.
men sein, und liest man die entsprechenden Seiten in seinen 27 Jean Monnet, Erinnerungen eines Europäers, S. 7.
Memoiren, so kann man sogar den Eindruck gewinnen, daß 28 Duchêne, S. 201.

8
Ein Grundgesetz der Wirtschaft

Was steckt hinter dem heutigen Fusionsfieber?


Hinweis auf ein Grundgesetz des Wirtschaftslebens

Der folgende Artikel ist ein Auszug aus dem 22. Rundbrief ne. Es war eigentlich ein ungeheurer Gutsbesitz, dessen
Otto Graf Lerchenfelds (1868 – 1938) zum Nationalökono- soziale Struktur so war, daß «das Wirtschaftliche gewis-
mischen Kurs von Rudolf Steiner (GA 346). Lerchenfeld stellte sermaßen zugrunde lag, daß sich (unabhängig davon)
1917 die Parzivalfrage, die R. Steiner die Idee der Dreigliede- ein Verwaltungsapparat aufbaute nach den Anschauun-
rung des sozialen Organismus entwickeln ließ. Seine zwischen gen des damaligen Rechts» und «daß sich hineinstellte
1929 und 1932 entstandenen Rundbriefe für Freunde und In- ein für die damalige Zeit außerordentlich freies Geistes-
teressierte wollten zu einem vertieften Verständnis dieser Idee, leben». Wir können uns die Volkswirtschaft in ihren
besonders der in ihr enthaltenen neuartigen Impulse für das primitiven Formen ja immer nur als eine Art ländlicher
Wirtschaftsleben, beitragen. Privatwirtschaft vorstellen, und wir haben es in jenen
Rudolf Steiner macht im Nationalökonomischen Kurs auf Zeiten durchaus mit solchen primitiven Zuständen zu
ein Grundgesetz des Wirtschaftslebens aufmerksam, das auch tun.
als treibende Kraft im Hintergrund des heute weltweit graßie- Bei Besprechung dieser Dinge im Nationalökonomi-
renden Fusionsfiebers von Wirtschafts- und Bankgiganten schen Kurs finden wir den vielleicht überraschenden
gesehen werden kann. Es ist das Gesetz des «Herunterkom- Hinweis, daß die große Unfreiheit des Geisteslebens erst
mens» (siehe unten) relativ kleiner Wirtschaftseinheiten, die im neunzehnten Jahrhundert unter dem Einfluß des Li-
zu ihrer Weiterexistenz der Fusion mit anderen Gebilden ähn- beralismus heraufgekommen ist, als deren Gipfel dann
licher Art schreiten müssen. Aus dem von Steiner unseres Wis- im zwanzigsten Jahrhundert die Zustände in der Sowjet-
sens erstmals ausgesprochenen Gesetz sowie aus Lerchenfelds republik bezeichnet werden, d.h. dem System, das alles
Ausführungen dazu ergibt sich mit Notwendigkeit die Frage: Individuelle, alle Freiheit, alles Menschliche und Göttli-
Was muß getan werden, wenn innerhalb einer wirklich reali- che ausgeschaltet und an die Stelle den reinen Staatsbe-
sierten Weltwirtschaft die Möglichkeit von Binnen-Fusionen griff setzt.
einmal erschöpft sein wird? Wie kann die Weltwirtschaft auch Privatwirtschaft, Volkswirtschaft, Staatswirtschaft,
dann davor bewahrt werden, «herunterzugehen»? Was hat Weltwirtschaft – so ist die Reihenfolge der Entwicklung
an die Stelle der bis dahin gebräuchlichen Fusionen zu treten? im Wirtschaftsleben. Dabei müssen wir uns klar sein,
Wir werden in der nächsten Nummer eine tastende Antwort daß Staatswirtschaft nur eine andere Form, eine straffe-
Lerchenfelds auf diese entscheidende Frage bringen. re Zusammenfassung der Volkswirtschaft darstellt, bei
der die Führung mehr oder weniger beim Staate liegt.
Die Redaktion Theoretisch gesehen stehen wir heute in der Zeit der
vom Staate geleiteten Volkswirtschaft. Der Staat hat in
der neueren Zeit – man kann sagen, vor allem seit der
Regierung von Ludwig XIV. von Frankreich – immer
mehr die Tendenz gehabt, aufzusaugen, in seinen

W enn wir die Geschichte vom Standpunkte der


Entwicklung aus betrachten, das heißt, wenn wir
in ihr die geistigen Strömungen verfolgen, die dem Fort-
Machtbereich zu bringen, was ehedem Privatwirtschaft,
resp. Volkswirtschaft war. Praktisch gesehen ist es aller-
dings in Europa nicht ganz so. Denn wir müssen sagen,
schritt der Menschheit zugrunde liegen, dann finden daß im heutigen Zustand, wie er tatsächlich ist, auf der
wir stets das, was als Ideal da steht, auf einer früheren einen Seite die beiden primitiven Zustände, also Privat-
Stufe mehr oder weniger verwirklicht infolge eines und Volkswirtschaft durchaus noch enthalten und
gleichgerichteten Impulses älterer Zeit. Im Nationalöko- wirksam sind, daß jedoch auf der anderen Seite schon
nomischen Kurs gibt Rudolf Steiner eine kurze Skizzie- der Übergang in den folgenden Zustand, in die Welt-
rung vom Reiche der Merowinger. Diese Dynastie be- wirtschaft eingesetzt hat. Es ist einleuchtend, daß in der
herrschte erst das Reich der Salischen (West-)Franken, Entwicklung jeder fortgeschrittene Zustand den frühe-
in der Folge das ganze Frankreich, bis ihr Majordomus ren Zustand, oder besser gesagt, die früheren Zustände,
(Hausmeier) Pipin von Heristal die Herrschaft an sich also «das Primitive noch als Einschluß hat». Und eben-
riß und das Karolingerreich begründete. Dieses Mero- so einleuchtend ist es, daß nach relativ kurzer Zeit sich
wingerreich war kein Reich, kein Staat im heutigen Sin- schon die Zeichen bemerkbar machen, die in ihrem

9
Ein Grundgesetz der Wirtschaft

weiteren Verfolg die Verhältnisse zu einer neuen Form, einem gewissen Grade auch, als im allgemeinen der Zu-
zu einem neuen Zustande drängen. sammenschluß zur Volkswirtschaft längst vollzogen
Solang die Wirtschaft – sagen wir – in der Hauptsache war, ja bis in unsere Zeit der Staatswirtschaft herein.
als Volkswirtschaft angesehen werden konnte, können Hätte der Staat nicht die Führung an sich gerissen, wäre
wir in ihr deutlich das Hereinspielen der Privatwirt- nicht «hinübergeströmt, hinübergekollert dasjenige,
schaft sehen. Denn Volkswirtschaft ist ja nichts anderes was die einzelnen Privatwirtschaften hatten, in die
als ein engerer Zusammenschluß von Privatwirtschaf- Staatswirtschaft», dann würde noch jetzt die Führung
ten um irgendwelcher Vorteile willen. Ähnliche Motive wie ehedem bei der mächtigsten Privatwirtschaft liegen.
finden wir dann beim Übergang zur Staatswirtschaft Es ist schwer, sich das vorzustellen, aber der Ausdruck
wieder. Selbst sie trägt in sich noch die Elemente der «hinüberkollern» kann uns einen Fingerzeig geben über
beiden anderen Zustände. Die Vorteile, die der Wirt- die diesbezügliche Anschauung Rudolf Steiners.
schaft bei diesen Übergängen zugute kommen, liegen Und wie beim Übergang der Privat- zur Volkswirt-
hauptsächlich auf dem Gebiete des Warenaustausches, schaft der mächtigste Wirtschaftsbetrieb zu einer domi-
also des Handels; «jede (Privatwirtschaft) gewinnt etwas nierenden Stellung gelangen muß, so muß auch beim
dabei». So ist es bei allen diesen Übergängen, denn sie Übergang von der Volkswirtschaft, die aber jetzt unter
haben ihren Grund eben in diesem Vorteil, resp. einen der Leitung des Staates steht, zur Weltwirtschaft die ge-
ihrer Hauptgründe. Dem steht keineswegs entgegen, waltigste Macht auf dem Wirtschaftsgebiet die führende
was wir im neuen Zustand etwa an Schädlichem, Nega- Stellung einnehmen, und das ist England: «Es ist unter
tivem wahrnehmen. Es ist das ein ähnlicher Vorgang, dem Einflusse des Weltverkehrs England die führende
wie wir ihn bei Besprechung des Überganges von der Wirtschaftsmacht geworden». (Es sei dahingestellt, wie
Tausch- zur Geldwirtschaft besprochen haben. Auch da weit inzwischen diese Führung an Amerika übergegan-
bleibt das Prinzip des Tausches bestehen, nur daß der gen ist!)
Tausch eben in der Geldwirtschaft zwischen Ware und Dieser Ablauf der wirtschaftlichen Entwicklung sollte
Geld, statt zwischen Ware und Ware stattfindet. In der in unserem Bewußtsein zu einer aufeinanderfolgen-
Privatwirtschaft steht jeder Betrieb für sich. Schließen den Bilderreihe werden; denn nur so können wir ihn
sich so und so viele Privatwirtschaften zusammen, dann recht verstehen. Und wir brauchen sein Verständnis,
entsteht naturgemäß «eine Art von Führung», ein wenn wir auf der anderen Seite verstehen wollen, wie
führendes Zentrum, das im allgemeinen bei der mäch- in diesen Ablauf der Dreigliederungsimpuls eingreifen
tigsten Privatwirtschaft liegen wird. Diese Führung ist will.
vor allem das, was sich in die neuen Zustände hinein- Und dennoch müssen wir auch hier, wie so oft auf ei-
entwickelt und was in seiner Überspannung schließlich, ne andere Seite des Gesagten hinweisen, es gewisser-
wenigstens zum großen Teil, auch die gegenwärtigen maßen korrigieren, um diese Bilder in uns der Wirklich-
unmöglichen Zustände im Wirtschaftsleben hervorge- keit entsprechend zu gestalten. Wir haben gehört, daß
rufen hat. Privatwirtschaften dadurch, daß sie sich zur Volkswirt-
Und hier ist einer der Punkte, wo die Dreigliederung schaft zusammenschließen, gewisse Vorteile haben.
des sozialen Organismus einsetzt, wo durch die Über- Diese Vorteile sind auch durchaus der innere Grund des
spannung, von der wir eben gesprochen haben, der Zusammenschlusses und sind volkswirtschaftlich unbe-
Schaden den Nutzen allzuweit überwiegt, den Nutzen, dingt real. Und dennoch ist es meist nicht die Erwar-
wegen dessen die Entwicklung in der angegebenen tung solcher Vorteile, welche die Privatwirtschafter ver-
Richtung weitergeschritten ist. Vom Zeitpunkt, in dem anlaßt, ihre Selbständigkeit aufzugeben, einfach weil sie
sich im wesentlichen die Volkswirtschaft herausgebildet sich dieser Vorteile gar nicht bewußt werden. Wessen sie
hat, haben wir schon früher gesprochen. Es ist im allge- sich bewußt werden, ist vielmehr lediglich die Furcht
meinen der Zeitpunkt, in welchem die neuere Volks- vor Schaden. Diesen wollen sie vermeiden, das Herun-
wirtschaftslehre heraufkommt. Es ist also kein Wunder, tergehen ihrer Wirtschaft wollen sie verhindern. Denn
wenn die damaligen Träger dieser Wissenschaft, wie z.B. mit der Zeit gehen alle Organismen über «in ein immer
Ricardo, Adam Smith (diese sind im Nationalökonomi- schwächeres und schwächeres Leben. Das ist einfach all-
schen Kurs in diesem Zusammenhang genannt), gerade gemeines Weltgesetz, auch für das Wirtschaftsleben. Ein
von diesem Zusammenschluß der privaten Wirtschaf- Wirtschaftsleben, das keine Aufbesserung erfährt, geht her-
ten ausgehen, daß «ihre Anschauung bestanden hat in unter.» [ GA 346, 3. August 1922 ]. Nur insofern kein
diesem Zusammenwirken von Privatwirtschaften». Und Schaden eben Vorteil bedeutet, kommt er in diesem Fal-
dieses privatwirtschaftliche Denken ist geblieben bis zu le dem Menschen zum Bewußtsein. Des tatsächlichen

10
Erinnerungen an Polzer-Hoditz

Vorteiles, der durchaus auch vorhanden ist, dessen wird menschluß in Frage kommen, stets auf dem Austausch
er sich meist nicht bewußt. der Produkte beruhen. Denken wir nun weiter, dann
Jede Wirtschaftsart geht im Laufe der Zeit «herunter» kommen wir an einen Punkt, wo das Zusammen-
entsprechend einem Weltgesetz, wie Rudolf Steiner uns schließen nicht mehr weiter geht; denn was sollen wir
lehrt, und sucht sich durch den Zusammenschluß zu sa- tun, wenn nach dem genannten Weltgesetz die Welt-
nieren. Sie verliert auf der einen Seite an Selbständigkeit wirtschaft «heruntergeht»? Mit wem soll sie sich zu-
und somit an innerem Wert, aber dieser Verlust wird auf sammenschließen, mit wem einen vorteilhafteren Aus-
der anderen Seite durch die Verbindung mit anderen tausch ihrer Produkte vornehmen? Hier muß das
reichlich ausgeglichen durch unleugbare wirtschaftli- bisherige System versagen, und es werden wohl andere
che Vorteile. Das ist so beim Übergang von der Privat- Wege gesucht werden müssen, um das «Heruntergehen»
zur Volkswirtschaft und in ähnlicher Art beim Übergang auszugleichen.
der letzteren zur Weltwirtschaft. Hier müssen wir uns
daran erinnern, daß die Vorteile, die bei jedem Zusam- Otto Graf Lerchenfeld, Köfering, Juli 1931

Erinnerungen an Ludwig Polzer-Hoditz und


Otto Graf Lerchenfeld
Aus: Menny Nita-Schwarz-Lerchenfeld, «Erinnerungen – Erfahrungen», München 1997

Menny Nita-Schwarz-Lerchenfeld ist die jüngere Tochter deren Perspektiven, mit neuen Dimensionen. Heute,
Otto Graf Lerchenfelds. Während ihre um zehn Jahre ältere am 23. November, sitze ich endlich hier, in Heviz, vor
Schwester Sophie (gest. 1955) eine bekannte Eurythmistin meiner Maschine. Ein Ort, der für mich geliebter Boden
wurde, wollte die musikalisch außerordentlich begabte Menny geworden ist. Kaltes Novemberwetter. Unten am Bala-
ursprünglich die Pianistenlaufbahn einschlagen und wurde ton ziehen die Nebel. Alles in graue Nässe getaucht. Ich
später Malerin. Beide Schwestern waren tief befreundet mit fange hier und heute an – beim Mittagessen: Zwei liebe
Ludwig Graf Polzer-Hoditz. Von der Freundschaft Menny oberösterreichische Frauen an meinem Tisch. Wir kom-
Lerchenfelds mit Graf Polzer zeugt ein aufschlußreicher men ins Gespräch. Die üblichen Fragen. Eine Überra-
Briefwechsel. (Siehe Th. Meyer, Ludwig Polzer-Hoditz – Ein schung, sie stammen aus Guttau im Waldviertel, sie
Europäer, Basel 1994.) kennen Tannbach und die Familie Polzer. Es trifft mich,
Das autobiographische Buch Erinnerungen – Erfahrungen wie ist das möglich? Aus der Vielzahl der Menschen aus-
kann direkt bei der Autorin (Speyrerstr. 3, D– 80804 Mün- gerechnet mit diesen beiden an einem Tisch zu sitzen
chen) zum Preis von DM 30.– (inkl. Porto) bestellt werden. und über Ludwig Polzer zu sprechen. Es ist mir wie ein
Menny Nita-Schwarz-Lerchenfeld lebt heute in München und Zeichen seiner Nähe.
auf dem väterlichen Gut Köfering bei Regensburg. Aber dazu muß ich einiges nachholen. Kaum ein Jahr
ist vergangen, rief mich ein Verleger aus Basel an, er sei
Die Redaktion im Begriff ein Buch über Ludwig Polzer zu schreiben
und bäte mich, ihm meine Erinnerungen, Briefe, Bilder
zu überlassen. Um mit mir alles durchzusprechen, wür-
de er mich gerne in München besuchen. Natürlich sag-

W arum ich so viele Hemmschuhe überwinden


mußte, um mich endlich zum Schreiben aufzu-
raffen, weiß ich nicht. Lange Zeit lebte in mir der
te ich zu und erwartete seinen Besuch. Diesen Besuch
versuche ich nun in seiner geheimnisvollen Eindring-
lichkeit zu schildern.
Wunsch, Vor- und Rückschau meines Lebens zu halten. Es läutet. Vor mir steht ein Mann in dunkler Klei-
Eines Jahrhundertlebens, das mir vergönnt war. Ist es dung. Die Erscheinung hatte etwas Zeitloses, beein-
doch so, als würde mir durch diese Besinnung das Leben druckend in ihrer Perfektion. Alles war in schwarz. Da-
ein zweites Mal geschenkt. Dieses Mal aber mit ganz an- zukommend noch eine ziemlich große schwarze

11
Erinnerungen an Polzer-Hoditz

Aktenmappe oder eher ein Koffer, den er auf der linken Zugang. Der Zeitgeist war für ihn Realität. Der Kampf
Seite trug. Die Antennen meiner Seele reagierten mit ei- gegen oder mit ihm war das eigentliche Problem aller
ner solchen Heftigkeit, daß es mich selber wunderte. Ich geschichtlichen Tragödien. (Denken wir an das Urbild
war betroffen. Wie ein Blitz durchfuhr es mich: Ein aller Tragödien, die Orestie, Mykene, Klytämnestra,
Fremder kommt zu Mozart und bestellt ein Requiem... Urbilder ausweglosen Wahnsinns.) Mein Vater sagte im-
ja so war es gewesen... jetzt ist er da. Heute wie damals. mer: Das Böse schafft viel Unheil und Verderben auf der
Das ist eine Botschaft, die man vernimmt. Ein Lichtzei- Welt, aber mindestens soviel Unheil geschieht aus dem
chen. Ich suche nun in den alten Briefen, die ich erhielt. Festhalten an erstarrten Traditionen, an vermeintlich
In den alten Bildern. Eine Wunderwelt tut sich mir auf. Positivem. Was einmal positiv war, von dem ist nicht
Goldene Liebesbriefe treffen mich, es ist mir, als würden gesagt, daß es noch heute positiv sei. Die Mißachtung
sie mich erst heute erreichen, wären erst für mein Heu- des Zeitgeistes ist ein schwerer Irrtum, ein Nicht-Wollen
te an mich geschrieben. Es ist wie ein Erwachen aus oder Nicht-Können zur Wandlung in die neue Zeit hin-
einem tiefen Vergessen, aus einem tiefen Schlaf. Dieses ein. An dem kranken die alten Herrscherhäuser, an dem
völlige Vergessen kann ich mir kaum erklären. Es muß- krankt die Kirche, alte Familien mit ihrem überlebten
te wohl so sein. Ich mußte vergessen, um frei in das Standesbewußtsein. In dieser brutalen Auseinanderset-
Leben einsteigen zu können. Diese Freiheit zu bekom- zung der Mächte steht Erzherzog Rudolf als einsamer
men, die uns in der Waldorfschule gezeigt wurde. Kämpfer, unvorbereitet, ungeschult, als Verlierer seiner
Seine Fracht, die er mir bot, war zu schwer für mich. Position und seines Lebens. Verzweiflungsvoll suchte er
Ich fühlte sie als Last, als Fessel..., und das Leben rief Anschluß an das Heute durchzusetzen, aber einer so er-
mich woanders hin. starrten und feindlichen Opposition gegenüber, wie es
Ich schreibe und schreibe. Plötzlich überfällt mich die damaligen Kreise um Kaiser Franz-Josef darstellten,
tiefe Traurigkeit. Ich habe Sehnsucht nach Musik. Es ist war er machtlos und hilflos. Das ist die eigentliche
schon 9 Uhr. Schnell laufe ich hinüber zu der nächsten Tragödie von Mayerling.
Csardas. Die Zigeuner spielen. Ich schleiche mich in ei- Das außerordentlich fundierte Geschichtswissen von
ne Ecke und höre. Das zog mich wieder so ganz in Lud- Polzer zeigt überall und sehr gezielt geistige Zusammen-
wig Polzers Bann. Wie hätte er es genossen, säße er jetzt hänge auf. Wiederholungen der Geschichte oder deren
hier neben mir. Es war seine Welt. Die alte österreichi- Fortführung. Die dahinter stehenden geistigen Kräfte
sche Donaumonarchie mit all ihrem geheimnisvollen waren für ihn ablesbar, sichtbare Zeichen. Geschult an
Zauber, mit dem schon östlichen Flair, dem irrealen so- dem esoterischen Lehrgut Rudolf Steiners, konnte er
zialen Gefüge der Völker. Ich erinnere mich an gemein- darin lesen. Die Wiedergeburt geschichtlicher Persön-
same Spaziergänge durch das alte Wien. In seinen Er- lichkeiten stand im Mittelpunkt seiner Forschung. Das
zählungen konnte er die Zeit des Kaiserreiches lebendig war neues geschichtliches Gedankengut. Und nur so
erstehen lassen. Die Schicksale der Habsburger gingen Geschichte zu treiben, hat ihn interessiert. Während ich
ihm persönlich nahe. Die Tragödie von Mayerling war diese Zeilen schreibe, trifft mich die Nachricht: Wind-
für ihn nicht Geschichte, sondern hautnahes Ergriffen- sorcastle in England brennt lichterloh und zwei Wo-
sein, schmerzvollstes Mitleben. Geschichte wird nur chen später ein Großbrand in der Hofburg zu Wien. Das
sinnvoll in der Projektion auf die Gegenwart. Und das sind eindringliche geistige Botschaften, heute wie da-
Gefühl, daran teilzuhaben, das konnte er meisterhaft mals – niemand versteht sie.
vermitteln. Wir streiften oft durch die Hofburg. Er lieb- Wie kam nun Ludwig Polzer-Hoditz in mein Leben?
te das alte Gemäuer, und überall wußte er irgendeine Da muß ich in frühe Zeit zurückgehen. Mein Vater, un-
Anekdote oder die Biographien der Staatsmänner dieses gefähr im gleichen Alter wie er, brachte ihn eines Tages
gewaltigen Reiches aus Gottesgnadentum. Alle seine Er- auf unser Köferinger Schloß. Ich war Kind, kann mich
zählungen waren von einer euphorischen Begeisterung aber noch gut erinnern, daß ich mich in seiner Nähe
durchdrungen. Ich hatte immer den Eindruck, er identi- sehr wohl fühlte. Er erzählte spannende Geschichten
fiziere sich völlig mit der Vergangenheit, mit ihren Per- aus anderen Ländern. Seine Art zu sprechen, die Gesti-
sönlichkeiten. Er trug Schuld und Verantwortung in un- kulation seiner Hände ist mir noch heute sehr gegen-
sere Zeit herein. Unter seinen Worten entstand etwas wärtig. Diese seine Hände hatten eine unglaubliche
wie Teilhaben an einem geistigen Geschehen. Die irdi- Ausdruckskraft, sie machten sich selbständig, fast wie
schen Auswirkungen sind nur das letzte Glied einer gei- Pflanzengebilde, die aus den Manschetten hervorwuch-
stigen Auseinandersetzung, die auf einer anderen Ebene sen. Durch die Tatsache, daß er sich sehr rasch in meine
stattfindet. Zu diesen anderen Ebenen aber hatte er ältere Schwester verliebte, wurde er für mich noch an-

12
Erinnerungen an Polzer-Hoditz

ziehender und interessanter. Nun verging aber eine lan- Bahnkörpers auch als Schwellen, und über diese Schwel-
ge Zeit, ich glaube, es waren 10 Jahre, bis wir uns wieder len fuhren wir in steigendem Tempo in die Nacht hin-
begegneten. Warum dieser lange Zeitraum verstreichen ein. Es war mir bange. Vom Jetzt in das Nächste, in das
mußte, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls war ich damals unheimlich Unbekannte. Da packte mich die Angst.
schon von zu Hause fort, in der Waldorfschule in Stutt- Aber wie gut, daß er da war. Wie gut, daß mich der
gart. Da dort ein reges anthroposophisches Leben statt- Schlaf bald umfing.
fand, war auch Polzer viel da und besuchte mich öfter. Jetzt, beim Schreiben dieser Zeilen, kommt mir man-
Ich war nun kein Kind mehr, sondern ein äußerst neu- ches in den Sinn. Jetzt, im nachhinein, erkenne ich:
gieriger und interessierter Teenager. Mir gefiel es, daß so In dem Erlebten lag eine weise Führung, sicher für
ein weiser Mann auf alle meine Fragen einging, mir sei- uns beide nicht bewußt, doch unverkennbar. Unter
ne Projekte und Absichten kundtat; kurzum mich be- seiner Leitung schritt ich in mein neues Leben. Polzer
handelte, als wäre ich schon seinesgleichen und ein und ich trennten uns in München. Die Weichen waren
vollwertiger Gesprächspartner. gestellt.
Wir waren nun schon längst auf sehr vertrautem Am nächsten Abend, es war hohe Faschingszeit in
Fuße – ich erzählte ihm von meinen Nöten in der Schu- München, erhielt ich eine Karte zu dem berühmten
le, meinen Problemen, meinen Liebesabenteuern; was Fest der Gaukler im Löwenbräukeller. Meine Schwägerin
ich werden solle – Schauspielerin, Abitur machen, Mu- und ein paar Freunde nahmen mich mit. An mein
sik studieren – überall fand er einen Rat. Kostüm kann ich mich nicht mehr erinnern; wir hat-
Es war nun gerade vor den Ferien, als er mich zu einer ten aber eine sehr lustige Vorbereitung beim Anprobie-
Aufführung des Tristan in die Oper einlud. Wir wollten ren der verschiedenen Utensilien: Mützen, Jacken,
ein exquisites Essen im Hotel Marquart, wo er auch Tücher, Drapierungen der verschiedensten Zusammen-
wohnte, einnehmen, dann in die Oper, natürlich auf setzungen. Es ging sehr ausgelassen zu. So schlüpfte
hervorragenden Plätzen, und dann mit dem Nachtzug ich unmerklich, ehe ich mich versah, in eine neue Welt
nach München fahren. Das war schon etwas! Ein Hauch hinein; in die Münchener Boheme. Ich wurde buch-
des Lebens, ein Hauch der großen weiten Welt! Ich war stäblich hineinverwandelt, Kostüm und Maske taten
sehr aufgeregt. Ich fühlte etwas Neues, wie einen Auf- das ihrige.
bruch, in mir. Heute, nach so langer Zeit, ist es mir noch
völlig gegenwärtig. Es wurde für mich ein Gradmesser
von Qualität für alle kommenden Lebensabschnitte. Ich
kann nicht behaupten, daß ich an diesem Abend einen
großen Genuß hatte. Mein physisches Gehör war über-
fordert, der Inhalt der Oper maßlos ergreifend. Ihr
Inhalt verwirrte mich derart, daß ich im Grunde mehr
litt, als daß ich einen Genuß hatte. Polzer merkte es
sofort, daß ich sehr verwirrt war, und bemühte sich
rührend, mich wieder einigermaßen ins Gleichgewicht
zu bringen. Er machte mich auf die Zusammenhänge
aufmerksam; die großen Zusammenhänge der Weltlite-
ratur mit ihrem einzig großen Thema: Einweihungsze-
remonien der Völker. Der Genius Richard Wagner ergriff
diese Mythologie und übertrug sie in die Gegenwart.
Die ungeheure Wirkung, die von seinen Werken aus-
ging, wird verständlich. Ein so sensibler Mann wie Kö-
nig Ludwig II. unterlag hoffnungslos seinem Bann.
Nun kam die Nacht: der Bahnhof, ein so krasser
Wechsel auf das eben Erlebte. Die Eile, die Hektik der
Menschen, die Geräusche, ein Donnern, ein Schnau-
ben, abfahrende Züge. Endlich im eigenen Liegewagen.
Der beruhigende gleichmäßige Rhythmus des fahren-
den Zuges. Woher kommt das Wort Schwellenangst? Ei-
genartigerweise bezeichnet man den Unterbau des
Menny Nita-Schwarz-Lerchenfeld

13
Erinnerungen an Lerchenfeld

«Ich muß (...) oft an den dritten Act in ‹Tristan› gewiesen zu denken, zu erinnern, mich zu sorgen und
denken ...» Möglichkeiten zu erwägen. – So viel Inhalt bekam ich durch
Dich, u. Freude ist wieder eingezogen u. so vergehen die
Aus einem Brief von Ludwig Polzer-Hoditz an Menny Lerchenfeld Tage leichter u. trotz der Einsamkeit so schnell. – Ich hoffe,
vom 10. November 1938 Du hast keinen Katarrh bekommen, schreibe bald, wie es
geht u. was am 9ten herauskam für Dich. In der Natur ist es
In der Jugend nahm ich gerne Gedanken älterer Menschen jetzt so still u. grau, die Bäume verlieren doch schon stark
auf, horchte hin u. war recht schweigsam, jetzt habe ich das ihre Blätter, die heuer so lange standhielten, nur die Eichen
Bedürfnis mitzuteilen, weiterzugeben das Erfahrene u. durch trotzen noch u. stehen noch glutrot da. Die Schafe auf der
das Leben Gelernte. Das Alter liebt ja auch die Einsamkeit Weide geben der Landschaft einen friedlichen Charakter. Es
gar nicht. Wenn ich auch weiß, daß viele Menschen an fehlt leider der Flöte blasende Hirte. Ich muß da oft an den
mich denken und mir dankbar sind, so leide ich doch sehr dritten Act in Tristan denken, an das ruhige Flötenmotiv,
von dem Alleinsein. Ich sagte Dir doch, daß eigentlich nie- welches in die leidenschaftliche Unruhe des verwundeten,
mand Zeit hat für mich, das bringen ja auch die Umstände wartenden Tristan beruhigend wirkt. Ein herrlicher Act u.
mit sich, weil die wenigen Menschen hier so viel zu tun wie dann alle Härten der Burg von der Liebe in Trümmer ge-
haben, um das Notwendigste zu tun. Und da meine Augen schlagen werden. Und diese Liebe ist ja eine solche, die über
auch schwach geworden sind, bin ich viele Stunden an- den Tod hinaus erst ganz wirklich wird. –

dem Rechnung getragen werden, alles umgeschrieben –


D ie Nachrichten über meines Vaters Gesundheitszu-
stand werden immer beängstigender. Er ist nun
nach Salzburg gefahren, um sich einer Operation zu un-
nämlich von dem, wie angenommen war, bürgerlichen
Gesetz, wieder in das noch nicht abgetragene F. Er hat-
terziehen. Anfänglich schien es gutartig, im Laufe der te viel zu leiden, und es fiel ihm schwer, über diese ma-
Operation wurde die Situation immer bedrängender, so teriellen Dinge zu entscheiden. Es mußte sein. Er ahnte
daß meine Mutter beschloß, nach Salzburg zu fahren, wohl, daß nach seinem Tode sein ganzes Lebenswerk
um dort alles abzuwarten. Nach diesem strahlenden zerstört sein werde. Und wie recht er hatte. Die Erbaus-
glücklichen Sommer kommt nun das schwere Ende die- einandersetzungen waren kaum beendet, wurde schon
ses Jahres. Wie schon einmal, beim Tod meines Bruders, wieder Kunstdünger auf die Felder gestreut, als ob
prallt höchst unbeschwerte Freude und Lust auf die Ge- nichts gewesen wäre. Er war ein Vorläufer seiner Zeit,
genseite mit einer solchen unbarmherzigen Vehemenz und heute hat die Gegenwart ihn eingeholt. Was könn-
aufeinander, daß es einen schier zerriß. Ein tapferes Le- te heute sein, was könnte Köfering in den biologischen
ben ging zu Ende. Zeit seines Lebens stand er im Kampf Bemühungen für eine Rolle spielen, wären die Arbeiten
für den Geist. Er schrieb mir einmal in ein Buch: «Sei für den Boden nicht unterbrochen, sondern weiterge-
treu dem Geist, den Er dich weist, wie er es war». Er führt worden. Darin liegt eine große Tragik. Ihr können
starb wie ein alttestamentarischer Patriarch. Seine Kin- wir uns alle nicht entziehen. Hätten wir uns mehr
der und Hausleute versammelten sich immer dichter gekümmert, nicht soviel geredet, sondern wären wir zu
um dieses Krankenbett. In letzter Minute mußte er mit den zuständigen Behörden gegangen, es wäre vielleicht
Hilfe des Sekretärs und eines Advokaten das gesamte noch etwas zu retten gewesen. Aber das unbarmherzige
Testament umschreiben. Die Aufhebung des Fideikom- Schicksal nahm seinen Lauf. Sehr bald zog die ganze Fa-
mis konnte mein Vater nicht mehr erwarten. So mußte milie von Köfering nach St. Johann, und damit war das

14
Europäische Union

oben beschriebene paradiesische Leben nicht zu Ende, in Siegesflammenlicht erglühend – mich mein ver-
aber doch ziemlich beschnitten: es kamen Möbel aus heißener Tempel grüßt.
Köfering, es wurde alles neu installiert und unsere lieb- (Wladimir Solovieff)
gewordene Boheme ausgeblasen.
Vermächtnis

Jeder Tote lebt in jedem von uns sein eigenes Leben


Für meinen Vater
weiter. Um dieses Leben aber zu vernehmen, dazu müs-
Im Morgengrauen schreite ich geheimnisvollen wun- sen wir bereit sein: Oft sind es eigene Gedanken, die
derbaren Ufern zu. Die Morgenröte kämpft noch mit sich formen im Anschluß an Erinnerungsbilder, die
dem letzten Schein der Sterne. Es schweben Träume vorüberziehen – oder bei gelesenen Sätzen ist es manch-
noch im Raume und erfaßt von Traumgebilden neigt mal, als spräche der Tote selbst – so deutlich und nah
sich zu unbekannten Göttern betend meine Seele. Kalt fühlt man die Schwingung seines Wesens. Oft wenn ich
und klar ist nun der Tag – wie einstmals schon. So dem Rauschen der Bäume im Winde zuhöre, dann
schreit ich einsam hin in ferne fremde Lande. Der Nebel streift mich sein Geist... Machen wir uns bereit für seine
weicht, und klar erkennt das Auge, wie schwer zur Höh Winke, entwickeln wir in uns die Organe, seine Stimme
hinan der Weg und wie so weit. So weit noch alles, was zu vernehmen, dann wird er uns führen und unsere
als Ziel die Seele träumt. Doch bis zur mitternächtgen Richtung im Leben tief bestimmen. Denn wem könnte
Stunde will ich mutig hin zu den heißersehnten Ufern man sich mit mehr Liebe und größerer Zuversicht an-
wandern, wo auf dem Bergesgipfel unter neuen Sternen vertrauen?

Ist die Europäische Union 1998 besser als 1992?


ihrem Nachteil verändert hat, ist kaum zu glauben. Die
B eim Ordnen von Korrespondenzen ist der Schrei-
bende auf sein Demissionsschreiben vom 4. März
1992, adressiert an den Zentralsekretär der damaligen
Europa-Union Schweiz war einmal ein Forum, wo in ei-
ner echt liberalen Atmosphäre europäische Gedan-
Europa-Union Schweiz, gestoßen. Es ist vielleicht nicht kengänge – auch sehr kritische – ohne Ansehen der Per-
überflüssig, auf die Gründe zurückzukehren, die mich son ausgetauscht werden konnten. Es gab damals noch
damals, nach 37 Jahren aktiver Mitgliedschaft in der ge- eine Kultur der demokratischen Auseinandersetzung
nannten Organisation, bewogen, das Präsidium der Sek- und die Achtung vor dem Andersdenkenden. Heute hat
tion Basel und die Mitgliedschaft bei der Europa-Union sich diese Vereinigung zu einer Disziplinierungsorgani-
Schweiz aufzugeben. sation gemausert, die vor keiner Hexenjagd zurück-
«EG (Europäische Gemeinschaft) ist eben nicht Euro- schreckt. Dies kann ich nicht akzeptieren.
pa; wir haben schon früh unsere Anstrengungen auf die Die Europa-Union Schweiz gleicht einer ideologi-
Errichtung einer echten, demokratisch aufgebauten eu- schen Festung, deren Insassen sich fast ausschließlich
ropäischen Föderation gerichtet, ganz im Gegensatz of- auf ein Ziel verschworen haben: dem Schweizer Volk
fenbar zur gegenwärtigen Politik der Europa-Union vorzugaukeln, es würde ihm im EWR/EG besser gehen.
Schweiz, die à tout prix ein merkantiles, dem big bus- Noch besser? lautet meine Frage. Seit 1986 erwarte ich
iness gehorchendes Europa durchdrücken will. Daß par- vom Zentralpräsidenten der Europa-Union Schweiz
lamentarische und urdemokratische Rechte des Bürgers Antworten auf meine zahlreichen Briefe, mit denen ich
mißachtet und Umwelt und Natur einer beispiellosen, ihm in all diesen Jahren meine Besorgnis darüber unter-
unverantwortlichen Belastung ausgesetzt werden, spielt breitete, daß insbesondere der EWR, aber auch die EG
offensichtlich keine Rolle, denn der Rubel muß rollen! nichts oder fast nichts für den Bürger übrig hätten.
Wie sich die Europa-Union Schweiz (heute heißt sie Eu- Denn, wie ist sonst zu erklären, daß sich der EG-Mini-
ropäische Bewegung Schweiz) in den letzten Jahren zu sterrat – noch zuletzt in Maastricht! – stets weigerte,

15
Europäische Union

dem ohnmächtigen Europa-Parlament mehr Kompe- – die Fortschreibung gegen jede Vernunft und Verant-
tenzen zu erteilen. Also dem Organ, das in der norma- wortung der nuklearen Energiepolitik, nachdem für
len staatlichen Organisation zuoberst ist und u.a. die jedermann ersichtlich ist, mit welchen Unfall- und
äußerst wichtige Funktion auszuüben hat, die Exekutive Altlasten aus Ost und West wir dauernd konfrontiert
im Namen des Volkes zu kontrollieren. Aber wir wissen sein werden
es ja, daß die gegenwärtige Organisation der EG nach – die systematische Torpedierung der Promotion von
Macht – statt nach konstitutionellen Kriterien aufge- regenerierbaren Energien, die langfristig allein in der
baut ist... und auch demnach handelt, völlig ohne ir- Lage sein werden, die Welt vor dem Treibhauseffekt
gendwelche Kontrolle! So geht es natürlich nicht. und anderen existentiellen Bedrohungen zu schützen
– die an Wahn grenzende Absicht der EG, den öffentli-
Sie verurteilen die Sektion Basel, weil sie dem Prinzip chen, aber insbesondere den Bahnverkehr, zu dere-
gehorchte, sämtliche Aspekte – auch die kritischen – zur gulieren, damit noch mehr Verkehr auf die Straße
Sprache zu bringen. Daraus muß ich folgern, daß Sie verlagert wird
sich zu einem durchgreifenden PR-Verein gemausert ha- – den beispiellosen Frevel an Natur und Umwelt, ver-
ben, der die Anliegen und Aspirationen des Bürgers in ursacht durch die Expansionitis des internationalen
dieser Schicksalsfrage total mißachtet und nach dem big business
Slogan «Wirtschaft über alles», auch wenn alles andere
kaputt ginge, operiert. Wenn dieses Vorgehen das der und dies lediglich, damit ein Kilo Kalbfleisch aus der
heutigen Europa-Union Schweiz ist, dann muß ich in Tierfabrik einen Franken (!) und ein neuer Videorecor-
aller Form feststellen, daß diese Organisation ihre ur- der fünfzig Franken billiger werden, damit das big bu-
sprüngliche Zielsetzung (Art. 2 der Statuten, Hauptziel: siness den fälligen Lernprozeß aus der Wachstumsphilo-
Förderung des politischen, wirtschaftlichen und kultu- sophie noch ein paar Jahre hinausschieben kann...»
rellen Zusammenwirkens der europäischen Staaten und Wenn wir uns hier und heute die Frage stellen, ob die
Völker zur Errichtung einer Europäischen Föderation) Europäische Union besser dasteht als die EG 1992, dann
für ein Linsengericht verraten hat! Wohlweislich lautet die bittere Antwort: Nein. Noch schlimmer: in
schweigt die Zentrale der Europa-Union Schweiz über Brüssel werden keine Anstalten getroffen, um den seit
Jahren begangenen Irrweg zu verlassen. Daß diese «eu-
– den drastischen Abbau der demokratischen Rechte ropäische» Konstruktion trotz allen gegenteiligen Pro-
des Bürgers (oder ist es eine Entmündigung?) klamationen mehr Macht auf den Bürger ausüben statt
– die horrenden Kosten des EWR/EG-Anschlußes ihm mehr Demokratie und Freiheit geben will, ist eine
– die zunehmende Arbeitslosigkeit nach EWR-An- traurige Feststellung. Haben wir Europäer nun die Ge-
schluß (der EG-freundliche Cecchini-Bericht spricht meinschaft, die wir verdienen?
sogar von zusätzlichen 250 000 – 500 000 Arbeits-
losen nach dem 1.1.1993!) Jacques Dreyer, Aesch

16
Von einem fernen Stern

Elena Zuccoli, Ton- und Lauteurythmie


Buchbesprechung*

Jetzt ist das Buch von Elena Zuccoli – auf welches man schon Speziell die junge Generation kann einen Einblick erhalten in
mit Spannung gewartet hat – endlich da! Schon der äußere, die Besonderheit eines Schicksals, mit Rudolf Steiner als Mei-
ästhetische Eindruck (ein in rotes Leinen mit goldenem «Sie- ster und Mensch gelebt zu haben. Auch diese Stimmung teilt
gel» gebundenes Buch) stimmt einen freudig, feierlich. sich einem beim Lesen des Buches existentiell mit.
Gleich beim Lesen des ersten Kapitels wird man in die einzig- Die hingebungsvolle Arbeit Marie Steiners, welche alle Ge-
artigen und einmaligen Anfänge der Eurythmie versetzt, und burtsvorgänge in der eurythmischen Arbeit mitgetragen und
die heilig nüchterne Stimmung, in der die Arbeit stattgefun- geleitet hat, läßt uns Elena Zuccoli schauen, und durch ihre ei-
den haben muß, weht einen an. Durch die Art und Weise, wie genen Begegnungen schildert sie die ganze Persönlichkeits-
Elena Zuccoli diese Anfänge darstellt, entsteht im Leser eine kraft dieses Menschen. – So auch, wie eng die Entwicklung der
Klarheit, ein Gegründetsein, eine Geisteslichtheit den Grund- Eurythmie verbunden ist mit dem Bau des ersten Goethea-
elementen gegenüber, die ihn ganz neu an das sogenannte num. Etwas, was vielleicht gar nicht mehr im Bewußtsein ist.
«Alte» herangehen läßt. Legt man das Buch aus der Hand, so sagt man nicht «Danke,
Man liest ein Kapitel nach dem anderen, und ... hört über- das war’s», sondern man möchte gleich wieder von vorne an-
haupt nicht wieder auf zu staunen... worüber? Nicht nur, daß fangen und die vielen spirituellen Einsichten weiter erüben.
neue erweiternde Aspekte aufgezeigt werden, sondern vor al- Die Ehrfurchtskräfte der großen Aufgabe der Eurythmie ge-
lem, daß wir teilhaben können an der unendlichen Vertie- genüber und die Begeisterungsfähigkeit übertragen sich – hof-
fung, die als reife Frucht eines 94jährigen Menschen, der sein fentlich – auf alle tätigen Leser dieses Buches.
Leben lang Eurythmie und Anthroposophie gelebt hat, uns Für die, welche Elena Zuccoli gekannt haben, steht ihre Indi-
übergeben wird. Jeder Satz ist in voller Klarheit und bescheide- vidualität lebendig da... die geniale, scheue, mutige, begei-
ner Geistesgröße gesetzt. Nichts ist aus dem Kopf geschrieben sternde Künstlerin. Auch für diejenigen, die sie nicht mehr er-
und dazugedacht, sondern das, was Rudolf Steiner als Keim ge- lebt haben, wird dieses Buch eine Schatztruhe sein können.
geben hat, ist durch den Willen erübt und von da aus ins Be-
wußtsein gehoben worden. Dadurch wirkt dieses Buch auf die Carina Schmid, Hamburg
Befeuerung des eigenen Willens. Steh auf und tu!
Das ganze Buch ist in größter Strenge an die Ur-Elemente ge- * Elena Zuccoli, Ton- und Lauteurythmie
bunden, auf der anderen Seite vermittelt es die größte Freiheit, Verlag Walter Keller, Dornach
die der Künstler in seiner Kunst haben kann. Originalität und ISBN 3-906633-47-0
Phantasie werden sichtbar. SFr. 39.– / DM 44.–

Von einem fernen Stern betrachtet


E in Blick in eure Seelenlandschaft zeigt vermehrt, wie stark sie Munde. Doch gleichzeitig sucht ihr im «Ernstfall» Unter-
überschwemmt ist von den schlimmsten Kräften wilder Emo- schlupf im Schoß von Stämmen, Völkern, Religionen, Rassen,
tionen. Ich meine Emotionen, die aus der Gebundenheit an Sprachfamilien oder Gruppenideologien. Warum verkriecht
Rasse, Volk, Geschlecht entspringen. O diese abgrundtief-sora- ihr euch in Gruppenhaftigkeit, wenn ihr euch selber finden
tische Gebundenheit! Können Erdenaugen denn nicht sehen, wollt?
daß die Lösung dieser schrecklichen Gebundenheit, daß die Das wahre Ich kann für sich selber stehen. Diese Wahrheit
Stillung dieser hochgepeitschten Seelenstürme in eurer Welt wird von allen, die nach Macht gelüsten, tief gehaßt. Die
schon längst errungen worden ist! Machtbestreber wollen keine Iche, sondern Marionetten. Des-
Da wird fast weltweit vorgegeben und fast weltweit tief ge- halb suchen sie seit eh und je die Menschen davon abzulen-
glaubt, es gäbe einen Kampf der «Zivilisationen», Religionen, ken, daß sie Iche werden können. Und peitschen Sekundär-
Völker oder Rassen. Nichts als pure Maya! Von unserer Sphäre probleme in den ersten Rang: Rasse, Volk, Geschlecht sind
aus betrachtet: nichts als kosmisch-lächerlich – wenn nicht Hülle für den Kern des Ich. Um der Iche willen gibt es Rasse,
das «Lächerliche» fast die ganze Menschheit zu Verleumdung, Volk, Geschlecht, nicht umgekehrt.
Lüge, Mord antriebe. Das ist in eurer Sphäre das Problem: Die Menschheit will die
Ob einer Jude oder Afrikaner ist, Chinese oder Katholik – was Ich-Werdung umgehen. Die einen, weil es sie am Herrschen
gilt’s, wenn er darüber nicht vergessen hat, ein Mensch zu wer- über Seelen hindern wird, die andern, weil sie ganz befallen
den? Es scheint zur Zeit ein internationaler Sport zu sein, gera- sind von Iches-Furcht.
de dieses ein für alle Male zu vergessen! Jeden Tag ein neuer Das wahre Ich kann für sich selber stehen ... Selbständig zu
Weltrekord im gründlichsten Vergessen eures Menschen-Iches. stehen ist die große Frage – nicht Rasse, Religion und Volk.
Denn Mensch zu werden heißt ein Ich zu werden. Und Ich Wie freuen wir uns hier, wenn da und dort einmal ein Mensch
zu werden, heißt die Urteilskraft gebrauchen lernen. beschließt, ein Ich zu werden!
Zwar führt ihr dieses Wörtchen «ich» fast jederzeit im Mars

17
Symptomatika

Symptomatika
Vor 100 Jahren: den Versuch, das Rätsel des Judentums von anthroposophi-
«J’accuse ...!» und der Fall Dreyfus schen Gesichtspunkten aus zu beleuchten. So kam der erste
und bis heute letzte umfassende Versuch einer solchen Deu-
Am 13. Januar 1898 veröffentlichte Emile Zola in der Zeit- tung zustande. Das Studium dieses Werkes setzt naturgemäß
schrift L’Aurore seinen berühmten Aufruf «J’accuse ...!», einen eine gewisse Bekanntschaft oder zumindest eine seriöse Inter-
offenen Brief an den Präsidenten der Republik. Dieser Brief essiertheit an der Geisteswissenschaft von Steiner voraus. Oh-
leitete die Revision des Dreyfus-Prozesses ein. Alfred Dreyfus, ne diese Voraussetzung kann es leicht mißverstanden werden,
elsässischer Offizier jüdischer Abstammung, war 1894 der vor allem aufgrund von manchen Wortprägungen, die seit
Spionage bezichtigt und zu lebenslänglicher Haft auf der Teu- dem Holocaust da und dort anders «gehört» und empfunden
felsinsel verurteilt worden. Es stellte sich dank des Eingreifens werden mögen. Gewisse Mißverständnisse auf seiten einiger
von Zola öffentlich heraus, daß ein Justizirrtum vorlag und durchaus wohlwollender, seriöser Leser legen es nahe, einer
Dreyfus das Opfer einer politisch-militärischen Intrige gewor- weiteren Auflage vielleicht ein entsprechendes «warnendes»
den war (vgl. R. Steiners Aufsatz « Zolas Schwur und die Wahr- Vorwort voranzustellen. Um es jedoch gleich vorwegzuneh-
heit über Dreyfus», GA 31, S. 230f.), wo auf den bedeutsamen men: Ein seriöses Studium von Thiebens Werk war jedoch
politischen Hintergrund der Affäre verwiesen wird). nachweislich nicht der Anlaß der zur Rede stehenden Debatte,
Der Farcen-Prozeß gegen Dreyfus vor dem Eingreifen von Emi- wie im folgenden gezeigt wird.
le Zola war von einer Welle des Antisemitismus geprägt und Die «Aktion Kinder des Holocaust» hat in der ersten Phase
getragen worden. Das Miterleben dieses für das Land der Men- ihrer sieben Jahre nach Erscheinen des Thieben-Werkes aus
schenrechte erschreckenden Massenphänomens veranlaßte heiterem Himmel gestarteten Kampagne den Perseus Verlag
Theodor Herzl zu seiner Schrift Der Judenstaat (1896) und führ- weder jemals direkt angeschrieben noch um ein klären-
te mittelbar zur Entstehung des Zionismus als einer politisch des Gespräch gebeten, sondern ausschließlich hinter dessen
ausschlaggebenden Kraft. Noch vor der Revision des Prozesses Rücken agiert. Einziger zunächst gegen das Werk konkret
fand 1897 der erste Zionistenkongreß in Basel statt. vorgebrachter Einwand: Im Nachwort aus meiner Feder würde
das Wort «Judenfrage» verwendet. Weitere «Begründungen»
wuchsen dann im Laufe der Kampagne gewissermaßen nach
Bedarf zu.
Jüdisches Opfer des Nazi-Terrors des Antisemitismus Wie unseriös und dilettantisch die Recherchen der genannten
beschuldigt Organisation waren, zeigen folgende zwei Beispiele. In einem
Chronik und Hintergründe einer aufgebauschten Debatte Schreiben an die Basler Buchhandlung Pegasus, welche sie zu-
erst ins Visier faßte, wird das angeblich so üble Werk einem
Exakt hundert Jahre nach Emile Zolas mutigem Eingreifen für Verfasser namens Klaus Thieben zugeschrieben. In einem wei-
Recht und Wahrheit kommt es in der Schweizer Rheinstadt zu teren Schreiben drohte die Organisation mit einer Strafanzei-
einer Art von Wiederholung der französischen Diffamierungs- ge, die u. a. auch den Autor treffen soll. Ludwig Thieben starb
Affäre, en miniature und mit etwas anderen Vorzeichen: Das jedoch im Jahre 1947. Das steht bereits im Klappentext des Bu-
vor sieben Jahren im Perseus Verlag neuaufgelegte Werk des ches. Toten den Prozeß gemacht hat man, soviel ich weiß,
jüdischen Anthroposophen Ludwig Thieben Das Rätsel des nicht einmal im Dritten Reich ...
Judentums (1. Auflage 1931) wurde im Dezember vergangenen In der Phase der ersten Attacken durch die genannte Organisa-
Jahres plötzlich als «antisemitisches» Werk «entlarvt» und tion erhielt der Verlag am 10. Dezember 1997 unerwarteter-
samt Autor, Verleger, Verlag und der beides inspirierenden An- weise ein zweiseitiges Gutachten des Buches, in dem folgendes
throposophie R. Steiners in der Basler Presse öffentlich diffa- zu lesen steht: «Zwar bin ich der Meinung, daß das Rätsel des
miert. Es wurde verlangt, das Werk aus dem Buchhandel nachchristlichen Judentums in wesentlichen Aspekten un-
zurückzuziehen und behauptet, es verletze die in der Schweiz gelöst bleibt und daß da und dort Widerspruch gegen die The-
geltende Antirassismus-Strafnorm. Und es wurde und wird mit sen von Ludwig Thieben anzumelden ist. Antisemitisch oder
Strafanzeigen gedroht. Der bis dato nicht zurückgenommene rassistisch ist das Buch jedoch nicht.» Und speziell über das
Antisemitismus-Vorwurf wurde ursprünglich von einer sich Nachwort heißt es in dem Schreiben: «Dieses Kapitel ist aus ei-
«Aktion Kinder des Holocaust» nennenden, in einem Vorort ner grundsätzlich wohlwollenden, positiven Einstellung dem
Basels domizilierten Organisation erhoben. Judentum gegenüber geschrieben.» Dieses Gutachten stammt
Ludwig Thieben (1891 – 1947) stammte aus einer Wiener jüdi- aus der Feder des gegenwärtigen Präsidenten der Zionistischen Ver-
schen Familie. Er wurde Jurist, lernte im Ersten Weltkrieg in si- einigung Basel, David Schweizer.
birischer Gefangenschaft die Anthroposophie kennen und Damit war und ist für den Verlag die Angelegenheit im Prinzip
tauchte im Zweiten Weltkrieg als Flüchtling vor dem Nazi-Ter- erledigt. Denn es handelt sich nicht darum, ob nicht da oder
ror wie viele andere Menschen jüdischer Abstammung in dort Einwände gegen Thiebens Thesen möglich sind, sondern
Holland unter, wo er sich in Zeist versteckte. um die Absurdität eines Antisemitismus-Vorwurfes gegenüber
Thieben schrieb 1930 sein Buch über das Judentum aus sor- diesem jüdischen Opfer des Nazi-Terrors und dessen Verleger.
genvollem Miterleben der antisemitischen und rassistischen Doch nun folgt der zweite Akt: Die lokalen Medien nehmen
Flutwelle, die sich nahte und über deren vernichtenden Cha- sich der Sache an. Die Jüdische Rundschau titelt am 18. Dezem-
rakter er sich keinen Illusionen hingab. Er unternahm dabei ber dreist: «Antisemitisches Buch [sic!] bleibt im Verkauf», die

18
Symptomatika

Basler Zeitung am 23. Dezember interesse-heischend: «Antise- throposophie seit Steiner» – mit Verlaub: Wie sah die Anthro-
mitismus-Debatte um neu [sic!] aufgelegtes Buch». Die Jüdische posophie vor Steiner aus? – «inhärenten Problem der Tradierung
Rundschau stützt sich auf namhafte Gutachten – alle von antijüdischer Klischees und Interpretationsschablonen» zu tun.
nichtjüdischer Seite verfaßt. Der prominenteste ihrer Gutach- Von Stegemann nicht genannte Hauptquelle: Die Zeitschrift
ter heißt Professor Ekkehard Stegemann. Stegemann ist evan- Babylon – Beiträge zur jüdischen Gegenwart (Heft 16/17, 1996),
gelischer Theologe und Ordinarius am Theologischen Seminar darin ein tendenziöser Artikel von Julia Iwersen, in welchem
der Universität Basel. Er gehörte zu den Mitorganisatoren der Herr Professor Stegemann «rumstudiert» haben wird.
letztjährigen Herzl-Feier, die hundert Jahre nach dem ersten Zur Ehre der mancherorts noch waltenden Vernunft und der
Zionistenkongreß in der Rheinstadt abgehalten wurde. bereits genannten und anderer Presseorgane sei hinzugefügt:
In einem Fernseh-Interview (Telebasel, 22. Dez. 97) gab Stege- Es gab auch andere Stimmen zu der aufgebauschten Heißen-
mann vorweg Einblick in die Art und Weise, wie er zu seinen Luft-Debatte: Die Jüdische Rundschau veröffentlichte auch ei-
«gutachterischen» Schlüssen kommt. Er teilte mit: «Ich habe nen Leserbrief des oben genannten David Schweizer sowie
also in dem Buch lange rumstudiert und habe zum Beispiel fol- einen von mir selbst; beide Repliken allerdings gekürzt, mei-
genden Satz gefunden ...». Professor Stegemann ist also der ne in einem Punkt verfälscht. Das Israelitische Wochenblatt
Auffassung, in einer so wichti- fragte am 9. Januar 1998, ob
gen Angelegenheit genüge es, die «Aktion» [Kinder des Holo-
«rumzustudieren», um zu ver- caust] die Sache um das wie-
antwortbaren Feststellungen deraufgelegte Buch aufge-
zu gelangen. Es wäre reine bauscht» habe und gibt in
Zeitverschwendung, in bezug diskreter Form ein klares Ja zur
auf Stegemanns Kritik an Thie- Antwort. In der Basler Zeitung
ben bei einer derart offen- erschienen am 31. Dezember
kundig pseudowissenschaftli- 1997 mehrere Leserbriefe mit
chen Methodik auch auf bemerkenswerten Fragestel-
Inhaltliches näher einzuge- lungen. Unter dem Titel «He-
hen. Oder soll sich ein ver- xenjagd» macht Andreas Flörs-
nünftiger Mensch dafür inter- heimer auf Grundsätzliches in
essieren, daß Stegemann der Sache aufmerksam, wenn
Thiebens Text als «abwegige er schreibt: « (...) Umso mehr
und widerwärtig antisemiti- erstaunt, daß sich die BaZ nun
Ludwig Thieben Das Rätsel des Judentums
sche Seite der Steinerschen dieses Falles angenommen hat
Anthroposophie» bezeichnet? Interessant ist höchstens, daß er und damit die höchst fragwürdige Vorgehensweise von Althof
die Thieben-Debatte stracks dazu benutzt, der Anthroposophie [Hauptrepräsentant der «Aktion»] gutheißt. Ich möchte hier
– nicht etwa einzelnen verirrten Anthroposophen, die es zwei- einmal die Frage aufwerfen, ob ein solches Verhalten der Me-
fellos auch gegeben hat und noch heute geben mag – etwas zu dien nicht eher geeignet ist, einer in ihrer Tendenz rassisti-
unterstellen, was durch jedes auch nur minimale, aber seriöse schen Hetze gegen alle vermeintlich Andersdenkenden Vor-
Studium der Geisteswissenschaft Steiners widerlegt werden schub zu leisten? Wo kommen wir denn hin, wenn jeder, der
kann. Für jeden vernünftigen Menschen ist es sonnenklar, daß mit dem Antirassismusparagraphen auch nur schon einmal
Stegemann mit solchen Verbalinjurien nichts über die von droht, gleich in der Zeitung sein Forum bekommt? Indem die
ihm nicht einmal gestreifte Sache sagt, einiges aber über seine BaZ Althof erst die öffentliche Plattform für seine Attacken lie-
ganz persönliche Antipathie, sich mit dieser Sache einmal fert (...) wird so etwas wie eine Hexenjagd entfacht, die sich
ernsthaft auseinanderzusetzen. Daß Herr Professor Stegemann heute noch gegen den Verleger Meyer richten mag und die
kein ernsthaftes Interesse für die Geisteswissenschaft von Stei- vielleicht schon morgen jeden X-Beliebigen treffen kann. Ich
ner aufbringen kann, darf ihm niemand übelnehmen. Wenn halte das für eine sehr bedenkliche Entwicklung.»
er aber glaubt, aufgrund einer objektiven Ignoranz auf diesem In der Tat: Wenn sich derlei Dinge in der Schweiz fortsetzen,
Felde weittragende Äußerungen machen zu dürfen, dann ver- dann zieht auch in der immerhin noch relativ freiheitlichen
läßt er seinen theologischen «Leisten» und verwechselt offen- Eidgenossenschaft allmählich jene Geistesluft ein, von der die
bar seinen akademischen Titel mit genereller Sachkompetenz. Vernünftigen dieses Planeten mit Entschiedenheit gehofft
Doch Sachkompetenz scheint auch in der Jüdischen Rundschau hatten, daß sie mit dem Ende des Dritten Reiches ebenfalls
nicht durchwegs ein Kriterium für die Veröffentlichung von verflogen sei. Und diese Luft wäre ähnlich schlimm wie die der
Kolumnen zu sein: Am 15. Januar 1998 erhielt Professor Stege- Schweiz bis zu einem gewissen Grade aufgenötigte wirtschaft-
mann noch einmal Gelegenheit, sein erstaunlich gründliches liche Zusammenarbeit mit dem Reiche Hitlers.
Nichtwissen über die Anthroposophie von R. Steiner öffent- Woraus also entstand so viel des Lärms um beinah’ Nichts?
lich zur Schau zu stellen. Er unterstellt erneut Thieben Dinge, Zwei Antworten haben wir mittelbar bereits gegeben. 1. Aus
die er nirgends sagt, zeiht das bedeutende Werk Karl Heyers der Agitationsbedürftigkeit einer auf einer gewissen politi-
Wesen und Wollen das Nationalsozialismus implicite des Anti- schen Welle der Gegenwart schwimmenden Organisation, die
semitismus und läßt seine emphatische Ignoranz in die ge- laut ihrem fehlerhaften Briefkopf u.a. «allen Menschen offen-
gen die Anthroposophie selbst gerichtete Behauptung gipfeln, steht, die Kinder Überlebender der Naziverfolgung, Kinder
man habe es beim Antisemitismus mit einem auch «der An- Überlebender aus dem antifaschsitischen [sic!] Widerstand

19
Leserbriefe

(...) sind» und die sich (wenigstens im vorliegenden Falle) durch derlei Dinge nicht versauen lassen.» Das ist gewiß eine
hauptsächlich nach den Emotionen ihres Repräsentanten extreme Reaktion. In weniger extremer Form dürfte sie jedoch
richtet und keineswegs nach Tatsachen. 2. Aus dem allgemein zur Zeit noch recht verbreitet sein.
verbreiteten bequemen Bedürfnis, der Anthroposophie R. Stei- Es sei mir im Zusammenhang mit meiner verlegerischen Tätig-
ners aus dem Weg zu gehen und sie stracks zu diffamieren, keit an dieser Stelle eine ganz persönliche Bemerkung ge-
sobald sich eine passende, ja sogar, sobald sich, wie in diesem stattet: Aus der inneren Arbeit während der Herausgabe des
Falle, eine außerordentlich unpassende Gelegenheit dazu Buches von Ludwig Thieben, insbesondere während der Nie-
bietet. Durch die Diffamierung nimmt das ängstliche Ihr- derschrift des besonders übel angegriffenen Nachwortes zu
aus-dem-Wege-Gehen-Wollen das beruhigende Mäntelchen diesem Buch, ergab sich mir die Veranlassung, auf das Werk
einer Tugend an – denn welcher vernünftige Mensch kann von Barbro Karlén aufmerksam zu werden. Es führt eine inne-
sich heute auf eine «antisemitische» Weltanschauung einlas- re direkte Linie von der Publikation von Thiebens Werk zur
sen? Ein wenig «rumstudieren» wird genügen, um zu wissen, Veröffentlichung der Werke von Barbro Karlén. Es berührte
was von ihr zu halten ist ... mich daher von allem Anfang an als außerordentlich merk-
Und doch: Es scheint noch anderes hinter dem Wolfsgeheul zu würdig, daß im Augenblick, wo das mutigste und in gewissem
stecken, das von einem Tag zum andern gegen Ludwig Thie- Sinne wichtigste der Werke dieser Autorin in die Welt tritt, auf
bens Buch losbrach. das Werk von Thieben losgeschlagen wird.
Im Leserbrief von A. Flörsheimer wurde auch eine weitere Fra- Sollte mit der aufgebauschten Thieben-Debatte also tatsäch-
ge gestellt: «Geht es hier wirklich nur um dieses Buch oder soll lich versucht werden, von der jüngsten und bei weitem «pro-
mit diesen Attacken (...) womöglich der Versuch unternom- vokativeren» Verlagsveröffentlichung, dem autobiographi-
men werden, von einer anderen, neueren Publikation des Per- schen Buch «... Und die Wölfe heulten» von Barbro Karlén,
seus Verlages abzulenken?» abzulenken, wohl nicht in vollbewußter Weise?
In der Tat: Der Perseus Verlag hat merkwürdigerweise kurz vor Warum «provokativer»? Weil es eines mutigen Erkenntnis-
dem Ausbruch der Attacken ein Buch veröffentlicht, das sehr Schritts bedarf, wenn man übergehen will vom Trauern um ei-
viel mit dem Judentum und sehr viel mit dem Holocaust zu ne für Millionen stellvertretende Gestalt wie Anne Frank zum
tun hat, allerdings in gänzlich anderem Sinne, als jene es für konkreten Interesse an einem Menschen, der wieder stellver-
wünschenswert erachten werden, die sich in der Pose der mo- tretend für Millionen Zeugnis ablegt für das, was alle Tode un-
ralischen oder finanziellen Schuld-Verwalter allzu selbstzufrie- beschadet übersteht, der in eigener Person ein Zeuge wird
den installierten und ihres Amtes, wenn es ginge, wohl in alle für die große Welttatsache von Reinkarnation und Karma.
Ewigkeiten walten würden. Da treten plötzlich Menschen auf, Daß eine solche, allerdings höchst zeitgemäße Erkenntnis-
die den Holocaust im letzten Leben selbst erlitten haben, die herausforderung zunächst auch Emotionen wecken kann
sich wieder mitten unter uns befinden und die sich an die von Angst und Haß, ist sehr verständlich. Je besser dies ver-
Schreckenszeit erinnern: das gibt Konflikte mit der altgewohn- standen wird, umso weniger braucht man solchen Emotionen
ten Art, des Holocausts, der Toten überhaupt, in würdig-ern- zu verfallen. Und man wird sie nicht für «Argumente» halten.
ster Weise zu gedenken. Ein Stuttgarter Rabbiner hat vor einem Diejenigen, die heute in der «Thieben-Sache» lauthals öffent-
Jahr im Zusammenhang mit den von Rabbi Gershom veröf- liche Diskussionen fordern, sollten sich erst über solche
fentlichten Reinkarnationsberichten (siehe Der Europäer, Jg. 1, Emotionen klar zu werden suchen.
Nr. 8) von ehemaligen Holocaustopfern die Bemerkung ge-
macht: «Wir werden uns das Gedenken an den Holocaust Thomas Meyer

Leserbriefe
«Weiteres über Sorat» rung aus GA 184: Sorat sei ein Wesen «ah- verkürzten Form gesprochen hat, später
Zu: Walter Heijder, «Bernard Lievegoed und rimanischer Natur» – eine Formulierung, sogar nur noch unter Vermeidung aller
das Jahr 1998» wie es sie bei Rudolf Steiner öfter als «Ver- konkreten Hinweise, hat Jelle van der
Jahrgang 2, Nr. 2/3 kürzung» gibt. Eine ähnliche Verkürzung Meulen versucht, in seinem leider vorerst
ist es, wenn Steiner, wie er es oft tut, Chri- nur in Holland erschienenen Buch: Der
Heijders Aufsatz fordert zu einigen Ergän- stus als die Gleichgewichtslage zwischen Aufruf Bernard Lievegoeds zu erklären, in
zungen und Richtigstellungen auf, die ich Luzifer und Ahriman darstellt: Christus ist dem er die persönlichen Gefährdungen
Ihren Lesern und mir selbst nicht versa- natürlich kein «Hypomochlion», sondern Steiners und der anthroposophischen Be-
gen möchte, da er zu einer allmählichen ein Wesen (und was für eines!). Man wegung durch Hitler schildert. Es setzt
Klärung wichtig werdender anthroposo- könnte, um das Waagebild zu vervoll- sich leider bei unseren anthroposophi-
phischer Begriffe und Vorstellungen bei- kommnen, den Waagebalken durch eine schen Freunden nur sehr langsam die Er-
tragen kann. Senkrechte ergänzen, dann hat man an kenntnis durch, daß seit der Hitlerzeit ein
Um gleich das wichtigste zu nennen: Es den Seiten Luzifer und Ahriman, unten gewaltiger Einbruch der asurischen Wesen
trifft zweifellos zu, daß sich bei Lievegoed Sorat und oben Christus: Das kosmische unter der Leitung Sorats in die Menschen-
keine deutliche Unterscheidung zwischen Kreuz, das wir alle zu tragen haben, ob wir Kultur und die Menschen-Seelen stattge-
Ahriman und Sorat findet. Lievegoed be- es wollen oder nicht. funden hat: In der physischen Sphäre
zieht sich offenbar auf Steiners Formulie- Warum Steiner von Sorat fast nur in der durch die Entdeckung der Atomkern-Spal-

20
Leserbriefe

tung, im seelischen Bereich durch die Nein, das hat Lievegoed in der Tat nicht so sich durch Gegenangriffe zu verteidigen,
schleichende Akzeptanz sado-masochisti- exakt dargestellt. Aber er hat nach seiner statt sich dem schmerzlichen Prozeß der
scher Praktiken, im spirituellen Bereich Art anstelle dessen etwas Heilsames getan: Selbsterkenntnis zu stellen.
durch eine «Verkleisterung» der höheren Er hat auf den Manichäismus hingewiesen Die Reaktionen in der Schweiz auf die
Erkenntnisorgane, durch die sich der An- als auf jene esoterische Strömung, die al- derzeitige Kritik wegen ihrer Rolle im
tichrist als Christus tarnt, oder gar ganz lein stark genug ist, ein Gegengewicht ge- 2. Weltkrieg stellen noch allzu oft ein
ungetarnt als allmächtiger Gott: Satan. gen Sorats Aktivitäten zu bilden. Daß gera- solches Ausweichen, ein solches Verteidi-
Denn auch gerade ungetarnt strahlt er je- de sein Hinweis auf den Manichäismus gen durch Gegenangriffe dar. Da ist
ne magische Faszination aus, die die irra- unter uns Anthroposophen kaum verstan- im oben erwähnten Artikel von einer ang-
tionale Basis der «Satanssekten» ist. Und den, geschweige denn akzeptiert wird, lo-amerikanischen Kampagne die Rede,
so, wie Hitlers Konzentrationslager es sei- zeigt, wie weit sich die anthroposophische welche einzig das Ziel habe, «die Schweiz
nerzeit waren, sind die Massaker heutiger Gesellschaft inzwischen schon von der Er- als Modell eines von machtpolitischen
Bürgerkriege sowie die modernen Satans- kenntnis zeitgenössischer Notwendigkei- Einflüssen unabhängigen Rechtsstaates
sekten die jetzigen «Schulen des Sorat», in ten und spiritueller Realität entfernt hat. – vernünftiger Größe, in welchem der ein-
denen gelehrt wird, «in ein Lebewesen zu So könnte natürlich auch noch die Bezie- zelne in wirksamster Weise am öffentli-
stechen oder zu schneiden mit der Ab- hung des Manes zu Mani, zur Rosenkreu- chen Geschehen mitbestimmend teilha-
sicht, in dem Schmerze desselben Seligkeit tzerströmung und zu Rudolf Steiner selbst ben kann, aus der Welt zu schaffen»
zu fühlen». Mehr konnte Rudolf Steiner hinterfragt werden, die Lievegoed nur an- (DER EUROPÄER, Nr. 11, S. 8). Oder man
1908 im Apokalypse-Zyklus in Nürnberg deuten kann, aber es kam Lievegoed eben glaubt, einen Angriff auf die Neutralität
(GA 104) nicht sagen – man bedenke, vor nicht darauf an, fertige Lösungen und Er- der Schweiz durch jene Kreise zu erken-
hochkultiviertem, meist älterem und klärungen zu bieten, die erfahrungsgemäß nen, welche in der Neutralität der Schweiz
weiblichem Publikum, das sonst in Ohn- doch nur Theorien bleiben, sondern seine ein Hindernis für deren Beitritt in die
macht gefallen wäre – von okkulteren Leser zu esoterischer Eigenaktivität anzu- UNO, die NATO und die EU sehen
Gründen abgesehen. Wir aber sind heut- regen. (DER EUROPÄER, Nr. 11, S. 11). In Wirk-
zutage durch unsere Medien schon reich- Zum Schluß noch eine Frage: Warum der lichkeit ist nirgends zu erkennen, daß sich
lich abgebrüht, und so darf man vielleicht nur mühsam gebremste gehässige Ton ge- hinter der berechtigten Forderung an die
auch darauf aufmerksam machen, eine genüber Lievegoed in Heijders Aufsatz? Schweiz, sich ihrer allzu lange verdräng-
wie wirksame Einstiegsfähigkeit die Sexua- Warum ein im Text richtiggestellter Lap- ten Geschichte und Verantwortung zu
lität für Sorat ist: Welch ein gradliniger sus, der nicht Lievegoed anzutasten ist, als stellen, solche verschwörerischen Absich-
Weg von Luzifers beschwingenden Erotik- Aufhänger im Untertitel?? – Auch Heijder ten verbergen. Es ist wenig hilfreich, wenn
Flirts zu Ahrimans machtbewußten sexu- unterlaufen Fehler, z.B. ist der Zyklus: «Die man auf diese Weise irrationale Ängste
ellen Leistungsspielen bis hin zur Liebes- Polarität von Dauer und Entwicklung ...» und Phobien gegen andere Nationen und
maschine – Cybersex usw. – und dann – nicht GA 186, sondern GA 184 – wodurch Menschengruppen schürt. Dadurch eröff-
wenn stärkere und immer stärkere Reize allerdings die Welt nicht untergeht. Aber: net man nur dem Ahrimanischen ein
wünschenswert erscheinen, zu sado-maso- Auch Lievegoeds Verdienste werden durch Wirkungsfeld. Damit soll nicht in Abrede
chistischen Aktivitäten bis hin zu der diesen Aufsatz von Heijder nicht unter- gestellt werden, daß es im anglo-amerika-
letztmöglichen Steigerung, dem Lust- gehen. nischen Raum (wie auch anderswo) ein
mord. Wer aber kann hier entscheiden, okkultes Machtstreben gibt. Dies darf aber
wie Luzifers, wie Ahrimans, wie Sorats Wolfgang Garvelmann, Gaienhofen-Horn nicht in einem unzutreffenden Zusam-
Wirksamkeit sich abgrenzt? Sie gehen menhang als argumentatorische Waffe
eben ineinander über – und wer versucht, eingesetzt werden.
das Leben zu beobachten, wie Lievegoed Gegenangriffsmöglichkeiten bieten sich
es tat, gibt schriftgelehrten Kritikern na- «Selbsterkenntnis» auch in Form von Kritik am Staat Israels,
turgemäß einen ständigen Anlaß zu Kor- Zu «Die Schweiz im Fokus der Kritik – Anmer- die soweit gehen kann, daß man dem jü-
rekturen. kung zum Eizenstat-Bericht» dischen Volk das Selbstbestimmungsrecht
Um aber diesen gleich noch ein Thema Jahrgang 1, Nr. 11 (September 1997) im Rahmen eines eigenen Staates ab-
anzubieten: Aus Rudolf Steiners Gesamt- spricht (vgl. DER EUROPÄER, Nr. 11, S.
werk – und aus heutiger esoterischer For- Um in der Selbsterkenntnis weiter zu kom- 21), wobei man nicht bemerkt, daß man
schung – scheint ein Unterschied auch men, muß uns manchmal das Schicksal sich in einen Widerspruch begibt, wenn
der «Asuras» und Sorats zu bestehen. äußere Anstöße geben. Dabei sind es man gleichzeitig das Selbstbestimmungs-
Während die asurischen Wesenheiten als nicht immer die angenehmen Begeben- recht des Schweizervolkes und die staatli-
Geschöpfe des Alten Saturn schon früh ei- heiten, die uns anregen, uns mit jenen che Unabhängigkeit der Schweiz vertei-
ne abartige Eigenentwicklung suchten, Dingen zu beschäftigen, die wir als unsere digt. Und es gibt noch ein weiteres
stammt Sorat aus «anderen Weltperioden» Schattenseiten verdrängen oder die eine typisches Beispiel, wie wir Schweizer (und
und ist «tief befriedigt», wenn er auf ähn- noch unerkannte schicksalsmäßige Aufga- nicht nur wir) uns der Auseinanderset-
lich gestimmte Wesen trifft (GA 104). So be darstellen. Der geisteswissenschaftlich zung mit der unangenehmen Vergangen-
sammelt er sein Gefolge und wird dann als Kundige weiß, daß ihm Gegnerschaften heit unbewußt zu entziehen versuchen:
Herr der Grausamkeit und der Ich-Perver- erwachsen, weil ihm die Chance geboten Oftmals fordern wir von den Überleben-
sion bzw. als der Schmarotzer an der Wel- werden soll, etwas für ihn Wichtiges zu den des Holocausts, sie möchten doch ver-
ten-Ich-Substanz zum Inspirator unserer lernen. In einem solchen Fall ist es wich- zeihen. Aber wir fordern das Verzeihen
zukünftigen zivilisatorischen Fehlentwick- tig, das Augenmerk auf sich selber zu len- nicht deshalb, weil wir dem Verzeihenden
lungen. ken und der Versuchung nicht zu erliegen, wünschen, daß ihm die spirituelle Kraft

21
Leserbriefe

des Verzeihens zuteil werde, sondern des- mus zu leiden haben, sollten auf unsere schon mehrmals im gleichen Sinne ge-
halb, weil wir uns für Fehler nicht ent- Solidarität zählen können. braucht wurde.
schuldigen wollen, weil wir dem eigenen Der Schweiz könnte die Aufgabe zukom- Als Mahnwort nimmt Mario Betti das Zi-
Schamgefühl ausweichen wollen. Auch da men, der Welt beispielhaft voranzugehen tat: «Man kann für Christi Gegenbild / am
ist oft ein falsches Motiv im Spiel. mit einer neuen Moralität im Geschäfts- besten Menschen fangen, / wenn Christi
Was aber muß (darf) die Schweiz lernen? verhalten international tätiger Konzerne, Namen man dem Bilde gibt.» Damit der
Sie wird aufgefordert, denjenigen gegenü- namentlich solcher, die das Geldgeschäft interessierte Leser dies schneller finden
ber Mitgefühl zu zeigen, die Unsägliches betreiben. Sie ist wie kein anderes Land kann, sei hier erwähnt: es steht ziemlich
gelitten haben durch eine Tötungsmaschi- dazu prädestiniert, aufgrund ihrer hoch- am Ende des 7. Bildes von «Die Prüfung
nerie, in die die Schweiz – wenn auch gradigen Professionalität, ihrer internatio- der Seele».
weitgehend ohne Schuld – verstrickt war. nalen Wirtschaftsbeziehungen und der be- Es wäre sicher gut, man würde sich die
Dieses unschuldig Schuldig-Geworden- sonderen Gabe ihrer Menschen, sich mit Mühe machen, das Umfeld dieser Worte
Sein erfordert eine karmische Ausgleichs- großem kämpferischem Mut für ein rich- genauer anzuschauen. Wir stehen schließ-
tat in Form eines ehrlich bekundeten Mit- tig befundenes Ideal einzusetzen. lich alle in Seelenprüfungen. Es stellt sich
gefühls mit den Opfern des Holocausts zuerst heraus, daß nicht genau zitiert wur-
und einer großzügigen finanziellen Geste David Schweizer, Basel de. Es lautet richtig:
als Tatbeweis für dieses Mitgefühl. Dazu
war die Schweiz bisher zufolge eines un- Man kann für Christi Gegenbild
genügenden moralischen Bewußtseins am besten Menschenherzen fangen,
freiwillig nicht bereit, so daß äußerer «Mutige Beiträge» wenn Christi Namen man dem Bilde gibt.
Druck notwendig wurde. Da man in der Zu Jahrgang 1, Nr. 9/10 (Juli/August 1997)
Schweiz zu Beginn der Kritik nicht er- und Jahrgang 2, Nr. 2/3 (Dezember 1997/ Wenn man die Stelle kennt, weiß man
kannt hat, daß es um diese moralischen Januar 1998) auch, wem R. Steiner die Worte in den
Fragen geht, und andere, unlautere Moti- Mund legt. Kennt man sie nicht, sollte
ve vermutete, wie sie oben dargestellt wur- Im Artikel über Bernard Lievegoed (EU- man unbedingt nachlesen; es ist Luzifer,
den, reagierte man falsch und erweckte ROPÄER vom Dezember 1997 / Januar der diese Verwirrworte spricht. Wichtig für
dadurch den Eindruck, daß man mitleid- 1998, Seite 31) ist die Situation beschrie- die Erkenntnis der besprochenen Thema-
los, geldgierig und selbstgerecht sei. Durch ben, in der auch ich mich derzeit zu befin- tik erscheint mir in diesem Zusammen-
zahlreiche unbesonnene Äußerungen von den scheine: «... daß die Wirkungen Luzi- hang auch, was R. Steiner kurz vorher Be-
Politikern und Bankenvertretern eskalierte fers, Ahrimans und Michaels um das Jahr nedictus sprechen läßt:
der Konflikt, wobei zugegebenermaßen 2000 so durcheinandergehen werden, daß
auch die gegnerische Seite zu wenig auf niemand mehr ohne weiteres einen Un- Nur wenn zum Friedenswerk sich einen will
die psychologische Situation der Schweiz terschied erkennen wird. (...) Das Gute das Ziel, dem unsere Brüder dienen,
Rücksicht nahm und in ihrer Kritik zum wird nicht ohne weiteres als solches er- mit jenem, dem die Ketzer folgen,
Teil unfair und unmäßig war. Eine beson- kennbar sein, und das Böse nicht als das kann Heil dem Erdenwerden blühen.
ders symptomatische Äußerung war die Böse. In dieser Situation wird die Mensch-
Bemerkung des schweizerischen Bundes- heit zusehen müssen, wie sie das Nadelöhr So, wie das obige Wort schon mehrmals zi-
präsidenten, wonach Auschwitz nicht in findet.» tiert wurde, zeigte sich mir deutlich, daß
der Schweiz gelegen habe. Sie besagte Bei dieser Gelegenheit möchte ich dem man diesem Verwirrwort, wie ich es nen-
nämlich, daß die Schweiz mit dem Un- EUROPÄER Dank sagen für hervorragen- nen würde, erlegen ist. Und deshalb ist al-
recht, das sich außerhalb ihrer Grenzen de, mutige Beiträge, die anthroposophi- les andere auch schief.
abspielt, nichts zu tun hat und sie dies sches Denken, Fühlen und Wollen im Lange fühle ich schon die Aufgabe in mir,
nichts angeht, und zwar auch dann nicht, rechten Sinn zum Ausdruck bringen. meine Gedanken und Prüfungsergebnisse
wenn sie indirekt von diesem Unrecht in Bezug zu den von Mario Betti angereg-
profitiert hat. Diese Haltung setzte sich Doris Houben, Dillingen-Hausen ten Themen niederzuschreiben. Vielleicht
auch nach dem 2. Weltkrieg fort, indem reicht dieser Anstoß nun.
Schweizer Banken ohne jegliches Scham- Für heute soviel.
gefühl die Milliardensummen verwalte-
ten, welche ausländische Despoten ihren «Verwirrworte» Paula Pfriem, Ulm
eigenen, zum größten Teil im Elend leben- Zu «Okkulte Fragen der Gegenwart»
den Völkern entzogen hatten. Auch hier Jahrgang 2, Nr. 2/3 (Dezember 1997 /
galt die Meinung, mit diesem Unrecht ha- Januar 1998)
be man nichts zu tun. Bereits vor einigen «Problematisch»
Jahren hat hier durch innen- und außen- Über das Thema als solches und die Anre- Zur Buchbesprechung «Das Schwarze Reich»
politischen Druck in Ansätzen ein Um- gung zum Weiterdenken habe ich mich Jahrgang 2, Nr. 2/3
denken begonnen. Aber es muß noch sehr gefreut. Allerdings erscheinen mir
mehr geschehen. viele Aussagen von Mario Betti sehr irre- Das im EUROPÄER Nr. 2/3 (Dezember 97/
Wir müssen lernen, daß die Menschheit führend. Ich selbst würde die Nahtodeser- Januar 98) besprochene Buch von Carmin
und die Menschlichkeit nicht an der fahrungen völlig anders interpretieren. ist sehr problematisch. Leider hat dies der
Schweizergrenze aufhört. Jene Menschen, Doch will ich nur auf eines aufmerksam Rezensent kaum bemerkt, da er schreibt:
die unter den Auswirkungen des überall machen, weil das folgende Zitat von R. «Man wird eher ein charakteristisches
sich auslebenden wirtschaftlichen Egois- Steiner im Laufe der letzten Jahrzehnte Manko des heutigen Geisteslebens darin

22
Leserbriefe

erblicken können, daß derartige Dinge des Buches zwar verdeckt, aber deshalb ge- stützten, ist ebenfalls frei erfunden.
[Hintergründe der Zeitgeschichte] meist rade nachhaltig bestimmen. Von den vie- Beide Behauptungen sind in den 30er
nur in Publikationen zu finden sind, deren len Beispielen im Schwarzen Reich nennen Jahren von den Nazis erfunden worden.
Seriosität in mancher Hinsicht zweifelhaft wir eines: Bessere Orientierung zu diesen Fragen
ist. Zu den besseren dieser Bücher gehört Carmin schreibt: «Es war das Jahr [1917], kann man in folgenden Büchern finden:
sicherlich Das Schwarze Reich.» in dem Lenin durch die Mithilfe des 1. Ge- – Ron Chernow, Die Warburgs
Wenn ich auf die Probleme dieses Buches neralquartiermeisters der deutschen Ar- – Antony C. Sutton, Wall Street and the
ausführlich eingehen sollte, wären dafür mee, Ludendorff, und des Chefs des deut- Bolshevik Revolution.
gewiß einige Seiten nötig. Denn – und dies schen Geheimdienstes, [Max] Warburg, Im Buch von Antony Sutton wird die
gehört eben zur Charakteristik solcher per Eisenbahn aus der Schweiz in die russi- Nazi-These über die Beteiligung der jü-
zweifelhaften Publikationen – das Buch sche Revolution verschickt wurde. Der dischen Bankiers an der russischen Revo-
ist so geschrieben, daß der Leser mit meh- Chef des deutschen Geheimdienstes in- lution am deutlichsten widerlegt.
reren tausend Tatsachenbehauptungen dessen war ein Bruder des damals zu den Mit solchen Büchern wie Das Schwarze
überflutet wird, die er keinesfalls – auch einflußreichsten amerikanischen Finanz- Reich sollte man viel vorsichtiger umge-
wenn er noch so fleißig wäre – überschau- kreisen gehörenden Bankiers (...) Paul hen, als es der Rezensent tut. Dies erfor-
en kann. So wird von Anfang an eine Si- Warburg.» (Seite 57) dert Zeit und Nerven. Die Alternative ist
tuation geschaffen, die garantiert, daß Was hiermit behauptet wird, ist unwahr, im besten Fall jedoch, sich mit lügneri-
man die Dinge nicht wirklich selbständig denn: schen Behauptungen schlimmster Art die
beurteilen kann. Seele zu beschmutzen.
Und wozu dient das? Um in diese un- 1. Max Warburg war niemals Chef des
durchschaubare Suppe auch solche Be- deutschen Geheimdienstes und hat Amnon Reuveni, Dornach
hauptungen einzubringen, die direkt aus niemals eine ähnliche Stellung gehabt.
dem Repertoire der Nazipropaganda stam- 2. Die Schlußfolgerung Carmins, daß
men. Diese Behauptungen werden aber «einflußreiche jüdisch-amerikanische
so plaziert, daß sie die Gedankenrichtung Finanzkreise» die Bolschewisten unter-

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