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Inhaltsangabe, Gedicht-Analyse und Interpretation

Das 1774 von Goethe verfasste Gedicht „Prometheus“ handelt von dessen Zorn gegenüber den Göttern
und seinem Entschluss sich von ihnen abzuwenden und selbst „Menschen zu formen“ (vgl. V. 53). Dass
es sich bei dem lyrischen Ich um Prometheus handelt, erkennt man zum einen an der Überschrift, die
nach dem Protagonisten benannt ist. Zum anderen kann man mit Hilfe von Vorwissen, die griechische
Mythologie betreffend, am Motiv des menschenformenden lyrischen Ichs erkennen, dass es sich um den
Besagten handelt. Das lyrische ich ist von Beginn des Textes an sehr erzürnt und selbstbewusst, da es
sich den Göttern furchtlos entgegenstellt (vgl. V. 1).

Dieses Selbstbewusstsein beginnt bereits in der ersten Strophe, in welcher sich Prometheus an Zeus
wendet und ihn auffordert in dem Himmelsreich der Götter zu bleiben und sich nicht in das Geschehen
auf der Erde einzumischen.

In der zweiten Strophe kommt es zu einer Erweiterung der Adressaten. Prometheus richtet sich nun mit
seinen Worten an alle Götter. Er beschreibt sie als erbärmlich, da sie und allen voran ihr König ohne die
Opfergaben der Menschen nichts hätten.

Daraus folgt in Strophe drei, dass Prometheus beschreibt, wie er als Kind nach oben zu den Göttern
schaute, wenn er verzweifelt war. Allerdings wird spätestens in der vierten Strophe klar, dass nicht die
Götter ihm halfen, sondern er sich selbst rettete.

In der fünften Strophe fragt er kritisch, weshalb er zu den Göttern aufschauen, sie „ehren“ (V. 39) sollte,
da diese ihm nie Trost spendeten und auch nicht sie ihn zu dem gemacht haben, was er ist.

Diese etwas spöttischen Fragen reichen bis zur sechsten Strophe, in welcher Prometheus fragt: „[…]
sollte [ich] das Leben hassen“ (V. 49).

In der letzten Strophe zieht Prometheus aus dem Gesagten seine Schlüsse und „formt Menschen“ (V.
53), die seinen Vorstellungen entsprechen, die Gefühle haben und die Götter nicht ehren.

Bereits das Erscheinungsdatum lässt zu, dass das Gedicht in die Epoche des „Sturm und Drangs“
eingeordnet wird. Auf den ersten Blick könnte der Leser meinen, es handle sich bei dem Gedicht einfach
um eine Nacherzählung der griechischen Sage in Gedichtform. Während der Zeit des „Sturm und
Drangs“, die von 1770 bis 1785 andauerte, herrschte unter ihren Dichtern die Meinung, man müsse sich
gegen die Ständeordnung und die Obrigkeit wenden, da diese nicht der Natur entspricht. Eine
Deutungshypothese ist deshalb, dass das Gedicht nicht nur die Kritik an den Göttern darstellt, sondern
generell an der Obrigkeit. Außerdem lehnten sich die noch jungen Poeten der Epoche gegen die ältere
Generation, welche das Weltbild der reinen Vernunft vertraten, auf. Sie forderten, dass man sich neben
der Ratio auch von seinen Gefühlen leiten lassen sollte. Insofern könnte man vermuten, dass die Götter
die Gedanken der Aufklärung verkörpern und Prometheus die Prinzipien der „Stürmer und Dränger“.

Schon beim Betrachten des Gedichts fällt der unregelmäßige Bau der Strophen auf und auch die Reime
und Rhythmen, die viele Leser mit Gedichten in Verbindung bringen, fehlen, außer in der letzten
Strophe, im ganzen Gedicht.
Bereits das weist auf die literarische Epoche der „Sturm und Drangs“ hin, denn sich gegen die
Konventionen zu wenden, in diesem Fall, die der Lyrik, gehörte zu den Idealen der damaligen Zeit.

Da es sich um ein längeres, nahezu formfreies Gedicht handelt, lässt es zunächst den Schluss auf die
Gedichtform der Hymne zu. Betrachtet man allerdings den Inhalt von „Prometheus“, so fällt auf, dass
dieser nicht einem Lobgesang entspricht. Man könnte also eher von einer negativen Hymne sprechen
oder Anti-Hymne, da der Inhalt nicht mit der Form konformgeht. Auch hier erkennt man wieder den
Bruch mit den Konventionen.

Doch neben der Form fallen auch einige sprachliche Mittel auf, welche dem Gedanken des „Sturm und
Drangs“ entsprechen.

Der erste Vers beginnt gleich mit einem Imperativ, der sich an den Göttervater Zeus richtet. Damit wird
ausgedrückt, dass sich Prometheus auf einer Ebene mit den Göttern sieht und sich ihnen nicht
unterwirft. Im dritten Vers vergleicht Prometheus Zeus sogar mit einem Kind, was seine Respektlosigkeit
ausdrückt. Mit den Versen „Musst mir meine Erde/ Doch lassen stehen“ (V. 6f.) wird durch die
Alliteration1 betont, dass die Erde Prometheus und nicht Zeus gehört und er deshalb kein Recht hat,
dort etwas zu zerstören. Vergleichbar ist die Situation mit der im Gedicht „Der Bauer An seinen
durchlauchigten Tyrannen“ von Gottfried August Bürger. Der Bauer wendet sich an den Fürsten, die
Obrigkeit, und teilt diesem mit, dass er kein Recht hat seine Ernte zu zerstören, da der Fürst nichts dafür
getan hat. Es handelt sich hierbei also um eine Kritik an der Obrigkeit.

Gleichzeitig findet auch eine Distanzierung zwischen Prometheus und en Göttern statt. Im
Zusammenhang mit den Göttern werden oft Wörter wie „Himmel“ (V. 1) oder „Bergeshöhn“ gebracht,
was zeigt, dass diese abgegrenzt von den Menschen sind.

Die häufig auftauchenden Enjambements2, wie zwischen den Versen 15 und 19, stellen den
ungebannten Redefluss Prometheus dar. Diese zeugen von der Spontaneität des Gedichts und
unterstützen den Eindruck, dass Prometheus seine Gefühle unmittelbar widergibt. Unterstützt wird
dieses Gefühl durch die fehlenden Reime. Die Spontaneität und das echte Gefühl zu übermitteln, war
den „Stürmern und Drängern“ äußerst wichtig.

Beim Lesen des Gedichts fällt das sehr dominante Pronomen der ersten Person Singular auf. Das zeigt
auf, dass es sich vornehmlich um Prometheus dreht. Der Individualismus war ein bezeichnendes
Merkmal des „Sturm und Drangs“. Gerade, dass das Gedicht mit „ich“ endet, hebt diesen Effekt hervor.

Im Vers 35 wird das Herz personifiziert. In diesem Vers fragt Prometheus, ob nicht das Herz ihn gerettet
hat. Durch die direkte Anrede des Herzens wird die Wichtigkeit der Aussage klar. Andererseits
symbolisiert das Herz das, was den Menschen ausmacht: seine Gefühle und Charaktereigenschaften.

In der letzten Strophe beschreibt Prometheus, dass er schöpferisch tätig ist. Während des „Sturm und
Drangs“ herrschte unter den Dichtern die Meinung, dass Gott in allen Dingen der Natur steckt und somit
auch im Menschen. Es gilt als Ideal wie Gott, wie die Natur, selbst schöpferisch tätig zu sein. Prometheus
verkörpert diesen Gedanken des Genies.
Die Poeten dieser Zeit versuchen Prometheus nachzueifern, weshalb auch Neologismen3 wie
„Knabenmorgen-Blütenträume“ (V. 51 f.) in dieser Zeit häufig verwendet werden.

Zum Schluss des Gedichts findet man eine Akkumulation von Wörtern, die den Menschen ausmachen
(vgl. V. 56 ff.). Dadurch wird nochmals betont, wie wichtig die Gefühle für den Menschen sind und dass
er nicht rein rational handelt.

Insgesamt fällt auf, dass noch deutlich mehr in dem Gedicht zu deuten ist, als ausschließlich die Kritik an
der Obrigkeit oder an den rein rational denkenden Menschen. Es lässt sich feststellen, dass
„Prometheus“ sehr viele Motive des „Sturm und Drangs“ aufgreift und somit ein Kind seiner Zeit ist.