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2018 Apotheker: «Viele Arzneien halten länger als angegeben» | NZZ am Sonntag

Apotheker: «Viele Arzneien halten länger


als angegeben»
Das Haltbarkeitsdatum ist abgelaufen ist, die Tabletten sehen
aber gut aus. Muss man sie wegwerfen? Der Apotheker Lorenz
Schmid erklärt, bei welchen Medikamenten Vorsicht geboten
ist.

von  Felicitas Witte / 23.3.2018

Interview

«Herr und Frau Schweizer horten zu viele Medikamente und verlieren den
Überblick.» (Bild: Getty Images)

NZZ am Sonntag: 2012 fanden Forscher aus Kalifornien eine


alte Kiste mit Medikamenten. Originalverpackt, aber seit
Jahrzehnten abgelaufen. Sie testeten die Arzneien und waren
überrascht: 12 der 14 Medikamente waren nach 28 Jahren
noch genauso wirksam wie zur Zeit der Herstellung, 8 von 14
sogar noch nach 40 Jahren. Kann man Medikamente auch
über das Verfallsdatum hinaus nehmen?

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30.3.2018 Apotheker: «Viele Arzneien halten länger als angegeben» | NZZ am Sonntag

Lorenz Schmid: Viele Arzneien halten länger als angegeben.


Das Gesetz verlangt vom Hersteller, ein Verfallsdatum
festzulegen, meist sind das drei Jahre. Zu dem Zeitpunkt muss
das Medikament noch mindestens 90 Prozent des Wirksto s
enthalten. Sind es weniger, wirkt es nicht mehr so gut oder gar
nicht. Der Wirksto kann aber auch zerfallen, und giftige
Abbauprodukte können Nebenwirkungen erzeugen.

Bei welchen Medikamenten ist man auf der sicheren Seite?


Das kann man nicht pauschal sagen. Paracetamol hält
ziemlich lange. So waren in der Studie der Forscher aus den
USA von 250 mg Paracetamol nach Jahrzehnten im Schnitt
noch 249,2 mg enthalten. Das hätte noch gut gewirkt. Von 200
mg Aspirin waren allerdings nur noch 2,28 mg übrig - die
darin enthaltene Acetyl-Salicylsäure wurde zu Essigsäure
abgebaut. Die Forscher hätten mit dem alten Aspirin ihre
Kopfschmerzen wohl nicht lindern können, aber ihnen wäre
vielleicht übel geworden von der Essigsäure. Riecht ein
abgelaufenes Medikament anders oder hat es sich verfärbt,
sollte man besser die Finger davon lassen. Filmtabletten, die
korrekt gelagert werden, halten länger als Brausetabletten
oder Granulate.

Lorenz Schmid

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30.3.2018 Apotheker: «Viele Arzneien halten länger als angegeben» | NZZ am Sonntag

Lorenz Schmid ist promovierter Pharmakologe, Präsident des


Kantonalen Apothekerverbands und Apotheker in Zürich.

Was heisst korrekt lagern?


Nicht im feuchten Milieu, nicht über 25 Grad, nicht der Sonne
ausgesetzt. Am besten in einem Schrank im Flur. Die optimale
Lagerung hilft aber meist nichts bei üssigen Präparaten.

Was passiert mit denen?


Sie können mit Bakterien besiedelt werden. Keime im
Hustensaft schaden weniger, weil man den runterschluckt. Bei
Tropfen für Augen oder Nase können sich Bindehaut,
Hornhaut oder Nasenschleimhäute in zieren. Bei den
klassischen Augen- und Nasentropfen aspiriert man oft nach
dem Einträufeln etwas Sekret aus Auge oder Nase, das mit
Bakterien besiedelt ist. Beim nächsten Benutzen werden die

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30.3.2018 Apotheker: «Viele Arzneien halten länger als angegeben» | NZZ am Sonntag

dann weitergegeben. Besser sind daher Sprays mit einem


Aufsatz, den man reinigen kann, oder für die Augen Einzel-
Dosen.

Was ist mit abgelaufenen Antibiotika?


Da wäre ich vorsichtiger. Wie stabil die sind, weiss nur ein
Pharmazeut. Ist in einer Kopfschmerztablette nicht mehr
genügend Wirksto , hat man immer noch Kopfschmerzen.
Wirkt aber ein Antibiotikum nicht mehr, entwickelt sich
vielleicht ein Harnwegsinfekt zu einer
Nierenbeckenentzündung weiter. Bei bakteriellen oder viralen
Infektionen, bei chronischen Krankheiten oder auch bei Krebs
würde ich keine abgelaufenen Medikamente verwenden. Dazu
kommt nämlich noch, dass man den Therapiee ekt nicht
merkt. Ob ein Krebsmedikament die Krebszellen tötet, ein
Cholesterinsenker das Cholesterin senkt oder ein
Blutdruckmittel den Blutdruck - das spürt man nicht.

Soll man abgelaufene Medikamente in den Hausmüll


werfen?
Nein, lieber zur Apotheke bringen. Die weiss, welche
Medikamente gesondert entsorgt werden müssen, zum
Beispiel Antibiotika oder Hormone.

«Wirkt ein Antibiotikum nicht mehr,


entwickelt sich vielleicht ein
Harnwegsinfekt zu einer
Nierenbeckenentzündung weiter.»

Amerikanische Forscher untersuchten letztes Jahr noch


sogenannte Pens, also Adrenalin-Spritzen gegen
allergischen Schock. 24 von 40 abgelaufenen Geräten
enthielten noch mindestens 90 Prozent Adrenalin - also
genug, um zu wirken. Muss man die Pens wie empfohlen
jedes Jahr austauschen?

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Ich würde das auf jeden Fall tun - ich kann ja nicht wissen, ob
mein Adrenalin-Pen zu den 16 gehört, die nicht mehr
genügend Adrenalin enthalten. Im Notfall ist allerdings ein
abgelaufener Pen immer noch besser als keiner.

Im Shelf Life Extension Program untersucht die


Amerikanische Arzneimittelbehörde FDA, ob
Haltbarkeitsdaten verlängert werden können. Dank diesem
Program wurden Verfallsdaten im Schnitt um fünfeinhalb
Jahre nach hinten verschoben. Damit wurde auch eine
Menge Geld gespart, denn man musste die alten
Medikamente nicht ersetzen. Sind die Haltbarkeitsdaten zu
kurz?
Bei manchen Medikamenten könnte man sie durchaus
verlängern, zum Beispiel bei Paracetamol auf 5 bis 7 Jahre. Die
Haltbarkeitsdauer ist aber nicht das Problem, sondern dass
Herr und Frau Schweizer zu viele Medikamente horten und
den Überblick verlieren. Zum Beispiel bei Gelenkschmerzen:
Sie hätten im Medikamentenschrank zwar ein Schmerzmittel,
das sie einmal gegen Zahnschmerzen bekommen haben. Sie
wissen aber nicht, dass das auch gegen Gelenkschmerzen
hilft. Also kaufen sie ein neues. Davon pro tieren zwar wir
Apotheker, aber hier könnte man viel sparen.

Wie das?
Indem man Ordnung in seine Hausapotheke bringt, sich
immer die kleinste Packung geben lässt und notiert, wogegen
das Medikament wirkt. Zudem lohnt es sich, in der Apotheke
nachzufragen, ob eine Arznei, die man schon zu Hause hat,
helfen könnte. Ich schreibe meinen Kunden immer einfache
Botschaften auf die Packungen, etwa «Wirkt gegen trockenen
Reizhusten, abends 1 Kapsel einnehmen. Zusätzlich tagsüber
mit Schleimlöser kombinieren.» Bagatellkrankheiten sind gar
nicht so einfach zu behandeln, wie man immer denkt. Im
Zweifel gilt halt immer noch der alte Spruch: Fragen Sie Ihren
Arzt oder Apotheker.

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