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Morphologie und Syntax (BA)

Morphologie und Syntax (BA)


Morphologie I

PD Dr. Ralf Vogel

Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft


Universität Bielefeld
Ralf.Vogel@Uni-Bielefeld.de

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Morphologie und Syntax (BA)

Gliederung

1 Einführung

2 Morphologie – Wortstruktur

3 Morphemtypen

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Morphologie und Syntax (BA)
Einführung

Morphologie + Syntax

• Morphologie und Syntax beschäftigen sich mit der Struktur von Wörter,
Phrasen und Sätzen, und den Kombinationsmechanismen, mittels derer
wir sie formen.
• Sprachliche Ausdrücke sind zusammengesetzt, wobei wir mehrere
Ebenen der Analyse unterscheiden:
• Ein Text besteht aus Sätzen,
• Ein Satz besteht aus Phrasen (und Wörtern),
• Eine Phrase besteht aus Wörtern,
• Ein Wort besteht aus Morphemen,
• Ein Morphem besteht aus Phonemen

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Morphologie und Syntax (BA)
Einführung

Morphologie + Syntax
• Ein Text:
Das Radio nervte. Die Moderatoren begannen zu singen.
• Ein Satz:
Die Moderatoren begannen zu singen
Nominal-Phrase Verb Verb-Phrase
• Eine Phrase:
Die Moderatoren
Artikel Nomen
• Ein Wort:
Moderator -en
Stamm Suffix
• Ein Morphem:
-en
/@n/

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Morphologie und Syntax (BA)
Einführung

Morphologie + Syntax
• Die Arbeitsteilung zwischen den linguistischen Teildisziplinen:

Kombinatorik von . . . ling. Teiltheorie


Texten: Textlinguistik
Dialogen: Dialogtheorie/Konversationsanalyse
Sätzen: Syntax
Phrasen: Syntax
Wörtern: Morphologie
Morphemen: Phonologie

• Syntax, Morphologie und Phonologie sind im engeren Sinne


grammatische Teildisziplinen:
• Sie beschreiben Wohlgeformtheitsbedingungen für Ausdrücke.
• Texte können zwar unterschiedlich gut und verständlich sein, aber
die Beurteilungskriterien dafür bilden keine Grammatik in diesem
engen Sinne.
• Für Dialoge gilt Ähnliches. Aber ihr Bezug zur Grammatik ist
möglicherweise enger. 5 / 35
Morphologie und Syntax (BA)
Einführung

Morphologie + Syntax

• Für jede dieser linguistischen Ebenen gelten eigene


Kombinationsregeln.
• Eine Ausnahme sind Phrasen und Sätze: Beide sind aus Wörtern und
Phrasen zusammengesetzt.

(1) a. Peters Fahrt nach Leipzig (Nominalphrase)


b. Peter fuhr nach Leipzig (Satz)

• Nicht wenige Linguisten nehmen auch an, dass die


Kombinationsmechanismen von Morphologie und Syntax eng verwandt
sind.
• Auf jeden Fall stehen beide in enger Wechselwirkung, wie wir noch
sehen werden.

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Morphologie und Syntax (BA)
Einführung

Morphologie + Syntax

• Die Kombinationsregeln für Wörter, Phrasen und Sätze sind


Gegenstand dieser Vorlesung.
• Eine Sprache besitzt Systeme von Kombinationsregeln für Morpheme
(Phonologie), Wörter (Morphologie), sowie Phrasen und Sätze (Syntax).
• Eine Grammatik ist eine Theorie über die Gestalt dieser
kombinatorischen Systeme.
• Unter einer etwas abstrakteren und formaleren Sicht, kann man eine
Sprache wie folgt auffassen:
• Eine Sprache S besteht aus einem Lexikon und einem System von
Kombinationsregeln.

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Einführung

Morphologie + Syntax

• Ein Beispiel – die Sprache S mit dem Lexikon L:


L = {A, B, C, D}
(d.h.: Das Lexikon enthält die „Wörter“ A,B,C,D)
∀x ∈ L : x ∈ S
(d.h.: Für alle Elemente von L – also A,B,C,D – gilt, dass sie
wohlgeformte Ausdrücke der Sprache S sind)
Eine Kombinationsregel: x ◦ y = xy
∀x, y ∈ L : x ◦ y ∈ S
(d.h.: Wenn x und y aus L stammen, dann ist die Sequenz „xy“
ebenfalls ein wohlgeformter Ausdruck der Sprache S, also AA,
AB, AC, AD, BA . . . )

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Morphologie und Syntax (BA)
Einführung

Morphologie + Syntax

• In der Phonologie ist das Lexikon die Menge der Phoneme einer
Sprache, also etwa für das Deutsche @,b,p,l,m, aber nicht bspw. A,ì,B,ò.
• Die phonologische Grammatik des Deutschen wird z.B. herleiten, dass
„Punkt“ (/puNkt/) ein im Deutschen mögliches Wort ist, nicht aber
„Tknup“ (/tkNup/).
• Das morphologische Lexikon enthält Morpheme, also Wortstämme wie
„Moderator“, „Hund“, „lauf“, sowie Flexionsmorpheme wie „-en“ für den
Plural bei manchen Nomen („Moderator-en“) oder den Infinitiv von
Verben („lauf-en“).
• Die morphologische Grammatik des Deutschen leitet bspw. her, dass
„Moderator-s“ (wie in „Die Stimme des Moderators“) ein Wort des
Deutschen ist, nicht aber „s-Moderator“.

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Morphologie und Syntax (BA)
Einführung

Morphologie + Syntax

• Die syntaktische Grammatik des Deutschen sollte bspw. folgende


Kontraste herleiten (ein ‘*’ signalisiert Ungrammatikalität):

(2) a. Das alte Auto


b. *alte Auto das

(3) a. Morgen regnet es bestimmt.


b. *regnet bestimmt morgen es

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Einführung

Morphologie + Syntax

• Für die Herleitung solcher Kombinationsregeln spielt die Kategorisierung


der kombinierbaren Elemente des Lexikons eine wichtige Rolle.
• Phoneme werden bspw. in Vokale und Konsonanten aufgeteilt.
• Morpheme werden in Stämme und Affixe (Präfixe, Infixe, Suffixe)
sortiert.
• Wörter werden nach Wortklassen unterschieden (Nomen, Verb,
Adjektiv . . . ).
• Phrasen werden unterteilt bspw. in Nominalphrasen, Verb-Phrasen
usw.
• Zu den Sätzen zählen Hauptsätze, Nebensätze, infinitivische
Nebensätze, Fragesätze, Befehlssätze etc.

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Einführung

Morphologie + Syntax

• Wenn wir eine Grammatik für eine linguistische Ebene einer Sprache
entwerfen, dann befassen wir uns also im Wesentlichen mit zwei
Dingen:
1 Was ist das Lexikon und wie ist es strukturiert?
2 Was sind die Kombinationsmöglichkeiten für die Elemente des
Lexikons?
• Grammatiker beschäftigen sich darüber hinaus noch mit der Frage, was
die beste, eleganteste, einfachste, allgemeingültigste Weise ist, eine
Grammatik zu formulieren.
• Dieser letzte Punkt ist der Hintergrund dafür, dass sich unterschiedliche
„Schulen“ herausgebildet haben.
• Dazu kommt, dass Grammatiken verschiedenen Zwecken dienen
können. Eine Schulbuchgrammatik ist anders aufgebaut als eine
Grammatik zur computerlinguistischen Implementierung.

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Morphologie und Syntax (BA)
Einführung

Morphologie + Syntax

• Wenn eine Grammatik herausarbeiten soll, was alle Sprachen


gemeinsam haben, dann wird man ihre Regeln so formulieren, dass sie
auf alle Sprachen anwendbar sind, also bei ihrer Formulierung die
Unterschiede zwischen Sprachen berücksichtigen.
• Wer nur eine einzelne Sprache betrachtet, muss darauf keine Rücksicht
nehmen und kann eine Beschreibungsweise wählen, die ideal für diese
eine Sprache ist, aber ansonsten unbrauchbar.
• Wir werden im Laufe der Vorlesung verschiedene Sichtweisen
kennenlernen, die mit sehr unterschiedlichen „Philosophien“ dann auch
zu sehr unterschiedlichen Formulierungsweisen für grammatische
Regelsysteme gelangen.
• Unser Hauptaugenmerk soll aber auf den sprachlichen Phänomenen
selbst liegen.

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Morphologie – Wortstruktur

Was ist ein Wort?

(4) Maria hat das Buch gepockelt.

• Wenn Sie einen Satz wie den obigen lesen, dann werden Sie ein
Wörterbuch zu Rate ziehen, um das Ihnen unbekannte Wort „gepockelt“
nachzuschlagen.
• Sie werden dann aber nicht unter „gepockelt“ suchen, sondern unter
„pockeln“.
• Die Formen „gepockelt, pockeln, pockelte, pockelt, pockelnd . . . “ sind
bloß verschiedene Realisierungen desselben abstrakter zu fassenden
Wortes.
• Ein solches, abstraktes Wort nennen wir Lexem.
• Wir schreiben Lexeme in Großbuchstaben: POCKELN

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Morphologie und Syntax (BA)
Morphologie – Wortstruktur

Was ist ein Wort?

• Vom Lexem unterscheiden wir die Wortform oder auch Flexionsform.


• „gepockelt, pockeln, pockelte, pockelt, pockelnd . . . “ sind verschiedene
Wortformen des Lexems POCKELN.

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Morphologie – Wortstruktur

Was ist ein Wort?

• Wörter werden aber auch im Hinlick auf ihre grammatischen Merkmale


und Funktionen hin klassifiziert. Eine Wortform kann für verschiedene
grammatische Wörter stehen:

(5) a. Maria spielt im Garten. 3. Person Singular


b. Ihr spielt auch im Garten. 2. Person Plural

• Eine Wortform kann aber auch zu zwei verschiedenen Lexemen


gehören:

(6) a. Spiele bitte im Garten! Verb


b. Solche Spiele mag ich nicht. Nomen

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Morphologie und Syntax (BA)
Morphologie – Wortstruktur

Was ist ein Wort?

• Die drei Verwendungen des Begriffes „Wort“ werden in der folgenden


Tebelle noch einmal veranschaulicht:

Lexem Grammatisches Wort Wortform


SPIELnomen Nominativ Plural spiele
SPIELverb 1.Pers. Sing. Präsens spiele
SPIELverb Imperativ Singular spiele
SPIELnomen Dativ Plural spielen
SPIELverb Infinitiv spielen
SPIELverb 3. Pers. Plural Präsens spielen

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Morphologie und Syntax (BA)
Morphologie – Wortstruktur

Das Morphem: die kleinsten bedeutungstragenden


Einheiten

• Wörter haben Struktur.


• Sie sind oft keine unteilbaren atomaren Einheiten, sondern aus
kleineren Bausteinen zusammengesetzt – und hier sind nicht Phoneme
gemeint.
• Natürlich gibt es morphologisch einfache Wortformen wie „weil, Auto,
das, ich, Schnee“.
• Aber andere Wortformen sind zusammengesetzt, wie z.b. „Autos“, das
aus den Bestandteilen Auto und -s zusammengesetzt ist, und zwei
verschiedene grammatische Wörter zu dem Lexem AUTO realisiert
(Genitiv Singular, „des Autos“, und Plural „die/der/den Autos“).

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Morphologie und Syntax (BA)
Morphologie – Wortstruktur

Das Morphem

• Mit der Variation zwischen „Auto“ und „Autos“ (hier als Plural
verstanden) geht ein Bedeutungsunterschied einher:
• „Auto“ steht für ein einzelnes Auto.
• „Autos“ steht für eine größere Menge von Autos.
• Der Begriff Morphem bezeichnet die kleinsten, unteilbaren Einheiten,
denen eine bedeutungsunterscheidende oder grammatische Funktion
zugesprochen werden kann.
• Hier haben wir zwei Morpheme:
• Auto für das Lexem AUTO mit der entsprechenden Bedeutung.
• -s für die Plural-Interpretation.

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Morphologie – Wortstruktur

Das Morphem – woran erkennt man es?

• Das Morphem „Auto“ besteht aus vier Phonemen: /aUto:/.


• Bedeutung hat aber nur die Wortform als Ganze, nicht die einzelnen
Phoneme a,U,t,o:.
• Wann wissen wir, ob eine Lautsequenz ein Morphem ist oder nicht?
• In dem Wort „unbesiegt“ steht „un-“ für ‘nicht’. Die Bedeutung des
Wortes, „nicht besiegt“, ist aus den Bedeutungen von „un-“ und
„-besiegt“ zusammengesetzt.
• In dem Wort „unter“ trägt die erste Silbe „un-“ keine Bedeutung,
genauso wenig wie „-ter“. Also ist „unter“ ein Morphem, nicht aber
Teile dieses Wortes.
• Das Morphem „un-“ taucht auch in anderen Wörtern auf:
ungenügend, unpräzise, unsicher, ungeschlagen . . .

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Morphologie – Wortstruktur

Das Morphem – woran erkennt man es?

• Produktivität in der Verwendung ist aber keine notwendige Bedingung,


um einem Affix wie „un-“ Morphemstatus zuzuerkennen.
• Ein Beispiel für ein unproduktives Affix ist „-icht“ in „Kehricht, Dickicht“.
• Oder aus dem Englischen: „-dom“ in martyrdom, kingdom, chiefdom.
• Das englische Wort „bishopric“ bedeutet „Diözese“.
• Es wurde postuliert, dass „-ric“ hier ein Morphem ist, das nur in diesem
einen englischen Wort vorkommt.

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Morphologie und Syntax (BA)
Morphologie – Wortstruktur

Das Morphem – woran erkennt man es?

• Manchmal lässt sich morphologische Struktur nur historisch


rekonstruieren:
• „Transfer, Konferenz, präferieren“ beinhalten die Sequenz „-fer-“.
Die Wörter stammen aus dem lateinischen, und -fer- kommt von
„ferre“, was soviel bedeutet wie ‘tragen, bringen’.
• Ob diese Herkunft und die dadurch rekonstruierbare Komplexität
allerdings für heutige Sprecher des Deutschen eine Rolle spielt,
lässt sich sehr bezweifeln.
• Auf jeden Fall ist die ursprüngliche Bedeutung von „-fer-“ nicht
mehr präsent.
• Für die morphologische Analyse ist es ratsam, nicht nur das Kriterium
des Bedeutungsbeitrags zu verwenden.

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Morphologie und Syntax (BA)
Morphologie – Wortstruktur

Das Morphem – woran erkennt man es?

• Ob das Präfix „un-“ in dem Wort „Unfall“ einen besonderen Beitrag zur
Bedeutung des Wortes leistet, ist zumindest bezweifelbar.
• Trotzdem wird man eine morphologische Analyse präferieren, nach der
das Wort aus den beiden Morphemen „un-“ und „-fall“ besteht, die ja
auch in anderen Wörtern erscheinen („Unsinn, Abfall etc.“).
• Man verwendet deshalb eine weiter gefasste Definition für den Begriff
des Morphems:
Morphem Das Morphem ist die kleinste Differenz in der Gestalt eines
Wortes, die mit der kleinsten Differenz in der Wort- oder
Satzbedeutung oder der grammatischen Struktur korreliert.

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Morphologie und Syntax (BA)
Morphologie – Wortstruktur

Morphe, Morpheme und Allomorphe

Morph Ein Morph ist die lautliche Form, die ein Morphem in einer
Sprache repräsentiert, ein wiederholt auftretendes Phonem
oder eine Sequenz von Phonemen.

• In dem Wort „unbesiegbar“ identifizieren wir vier Morphe:


un-, -be-, -sieg-, -bar.

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Morphologie und Syntax (BA)
Morphologie – Wortstruktur

Morphe, Morpheme und Allomorphe – Ein Beispiel

• Im Englischen wird die verbale Flexionsmarkierung für die einfache


Vergangenheit durch drei verschiedene Morphe vorgenommen:
1 /Id/, wenn das Verb in /t/ oder /d/ endet:
/bendId/, ‘bendid’; /peIntId/, ‘painted’
2 /d/, wenn das Verb mit einem stimmhaften Laut endet (außer /d/):
/kli:nd/, ‘cleaned’; /weId/, ‘weighed’
3 /t/, wenn das Wort in einem stimmlosen Konsonanten endet
(außer /t/):
/pA:kt/, ‘parked’; /mIst/, ‘missed’

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Morphologie und Syntax (BA)
Morphologie – Wortstruktur

Morphe, Morpheme und Allomorphe

• Wenn verschiedene Morphe für dasselbe Morphem stehen, dann


bezeichnet man sie als Allomorphe.
• Die drei Morphe (/Id/,/d/,t/) sind Allomorphe des Englischen Morphems
für die einfache Vergangenheit.
• Ähnlich wie das Lexem ist also auch das Morphem eine abstraktere
Kategorie. Lexeme können durch verschiedene Wortformen realisiert
sein, und Morpheme durch verschiedene Morphe.
• Ob Allomorphie vorliegt, erkennen wir an der komplementären
Verteilung der beteiligten Morphe:
• Von den drei Morphen für die englische einfache
Vergangenheitsform erscheint immer jeweils nur eines an einem
Verb, und dies in einer vorhersagbaren Weise.

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Morphologie und Syntax (BA)
Morphologie – Wortstruktur

Morphe, Morpheme und Allomorphe

• Allomorphische Variation ist häufig phonologisch gesteuert. Wie im


Folgenden Beispiel, erneut aus dem Englischen:

Das englische Präfix ‘in-’:

/im-/ /in-/ /iN-/


impossible intolerable incomplete
impatient indecent incompatible
immovable inactive ingratitude

• Wir haben es hier mit einer regressiven Nasalassimilation zu tun:


• Der Nasal des Präfixes „in-“ richtet sich in seinem Artikulationsort nach
einem nachfolgenden Konsonanten.

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Morphologie und Syntax (BA)
Morphologie – Wortstruktur

Morphe, Morpheme und Allomorphe

• Allomorphie kann auch grammatisch gesteuert sein.


• Ein Beispiel ist der Wortstamm „spring“ des Lexems SPRINGEN,
das die Formen „sprang“ (in ‘ich sprang’) und „sprung“ (in ‘ich bin
ge-sprung-en’) annehmen kann.
• Hier wird die Wortform des Lexems durch die grammatischen
Merkmale des Verbs bestimmt (Vergangenheitsform bzw. Partizip).
• Ein weiterer Fall von Allomorphie ist die Suppletion, die lexikalisch
bedingte Ersetzung einer Form durch eine andere phonologisch nicht
verwandte Form:
• Englisch: ox-oxen (*oxes), ‘Ochsen’; go-went (*goed), ‘ging’
• Deutsch: gut-besser (*gut-er); sein-bist (*sei-st)
• Solche Ersetzungs-Formen sind im Lexikon abgespeichert. Sie
blockieren die Anwendung der üblichen Flexionsregeln.

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Morphemtypen

Morphemtypen – Wurzeln
• Wir unterscheiden zunächst einmal Wurzeln (Stämme) und Affixe.
• Eine Wurzel ist der nicht reduzierbare Kern eines Wortes, ohne dass
noch etwas daran angehängt ist.
• Ein Beispiel ist das Wort „Bau“:
Der Bau
Der An-bau
Der Aus-bau
Das Bau-en
Der Bau-er
• Manchmal, wie in „Der Bau“, kann ein Wort auch bloß aus einer Wurzel
bestehen.
• Wurzeln, die für sich alleine stehen können, sind freie Morpheme.
• Weitere Beispiele sind „auf, süß, klein, Hund, sehr . . . “.
• Dies sind auch Beispiele von lexikalischen Morphemen, Adjektive,
Präpositionen, Adverbien, Nomen, Verben.
• Sie tragen die semantische Hauptlast eines Satzes.
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Morphologie und Syntax (BA)
Morphemtypen

Morphemtypen – Wurzeln

• Eine weitere Klasse von freien Morphemen sind Funktionswörter.


• Beispiele für Funktionswörter sind
Artikel: der, die, das ein, eine
Demonstrativa: dieser, diese, dieses
Pronomina: er, sie, es ich, du, wir, ihr
sein, ihr wer, was, welche, welcher. . .
Konjunktionen: und, aber, oder, obwohl
etc.
• Der semantische Beitrag dieser Wortarten ist dabei unterschiedlich:
Pronomen tragen vermutlich weniger zur Bedeutung bei als bestimmte
Konjunktionen wie ‘obwohl‘.

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Morphemtypen

Morphemtypen – Wurzeln

• Manche Wurzeln treten als gebundene Morpheme auf.


• Ein gutes Beispiel sind lateinisch-stämmige Wörter, deren
morphologische Komplexität uns erhalten geblieben ist, wie die Wurzel
„-fer“ in
• konferieren, präferieren, transferieren.
• Eisenberg (1998/2004) verzichtet auf den Begriff ‘Wurzel’ und
verwendet den begriff ‘Stamm’ stattdessen.

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Morphemtypen

Morphemtypen – Wurzeln

• Katamba/Stonham (1993/2006) unterscheiden Wurzeln, Stämme und


Basen wie folgt:
• Wurzeln sind Wortkerne wie oben beschrieben.
• Stämme sind die unflektierten Wörter, So ist beispielsweise ‘Haus’
der Stamm, der sowohl der Genitiv-Flexion (‘Hauses’), als auch der
Pluralflexion (‘Häuser’) zugrundeliegt.
• Eine Basis ist der Ausgangspunkt für eine beliebige
morphologische Erweiterung oder Veränderung, nicht nur Flexion,
sondern auch bspw. Derivation, z.B. die Transformation in eine
andere Wortart: ‘Haus’ → ‘be-haus-en.
• Da nicht nur Wurzeln, sondern auch komplexe Wörter flektiert und
deriviert werden können, ist es zunächst einmal sinnvoll, diese Fälle
auseinanderzuhalten.
• Deshalb übernehmen wir hier die Begrifflichkeit von Katamba/Stonham
(1993/2006).

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Morphologie und Syntax (BA)
Morphemtypen

Morphemtypen – Affixe

• Wir unterscheiden Präfixe, Infixe und Suffixe.


• Ein Präfix steht vor einer Wurzel, einem Stamm oder einer Basis:
un-sicher versichern bestimmen Vorsicht Ex-Frau Co-Trainer . . .
• Ein Suffix wird an eine Wurzel, einen Stamm oder eine Basis
drangehängt:
richtig fälschlich bauchig spielte spielend Bauer Beamtin Verhältnis
Heiterkeit . . .
• Ein Infix erscheint innerhalb eines Wortes.
• Dies ist relativ selten in europäischen Sprachen, aber nicht so selten in
den Sprachen der Welt.
• Ein Beispiel ist die amerikanische Sprache Nuuchahnulth, wo die
Infigierung eines ‘t’ den Plural markiert:
t’an’aa – ‘Kind’ t’atn’a – ‘Kinder’

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Morphologie und Syntax (BA)
Morphemtypen

Morphemtypen

• Eisenberg (1998/2004) gibt noch die Kategorie der Konfixe an.


• Dies sind bspw. die beiden Bestandteile von „Bio-loge“. Konfixe können
miteinander kombiniert werden, andere Affixe werden nur mit
Wortformen kombiniert, die für ein Lexem stehen.
• Wie man an Ausdrücken wie „Bio-Brot“ sieht, geht dies auch mit
Konfixen.
• Die Unterscheidung zwischen Wurzel, Stamm und Basis ist wichtig, da
ein Wort ja oft mehr als ein Affix haben kann.
• Da Affixe aber nicht beliebig an Wörter angehängt werden können, ist
häufig eine vorherige Affigierung die Voraussetzung für die nächste.

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Morphologie und Syntax (BA)
Morphemtypen

Übungsaufgabe 1

• Analysieren Sie das Wort ‘unbedingte’ in dem Ausdruck „unbedingte


Unterstützung“!
• Welche Morpheme sind hier miteinander kombiniert.
• Welcher Art sind diese Morpheme?
• Was ist die Funktion dieser Morpheme?
• Überlegen Sie, welche kombinatorischen Beschränkungen es für
diese Morpheme gibt.
• In welcher Reihenfolge wurden die Morpheme miteinander
kombiniert?

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