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Clifford Goldstein

Amerika
in der Prophetie

Advent-Verlag Lüneburg
1995

Achtung!
Die CD-ROM-Ausgabe dieses Buches
darf weder als Datei noch als Druckerzeugnis
kopiert und verbreitet werden.

(V. 200020)

1
2
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Titel der englischen Originalausgabe: Day of the Dragon
© 1993 by Pacific Press Publishing Association, Boise, Idaho (USA)
Übersetzung: Ursula Kaija
Redaktionelle Bearbeitung: Friedhelm Klingeberg
Theologische Fachberatung: Bruno Ulrich
Einbandgestaltung: Studio A Design GmbH, Hamburg
Titelfoto: Studio A Design GmbH
Satz: EDP

2. Auflage 1996

© 1995 Advent-Verlag GmbH, Lüner Rennbahn 16, D-21339 Lüneburg


Gesamtherstellung: Grindeldruck GmbH, D-20144 Hamburg
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.
Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgeset-
zes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt
insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen
und die Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Alle Rechte vorbehalten - Printed in Germany
ISBN 3-8150-1254-6

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AMERIKA IN DER PROPHETIE

Inhalt

1. „Der große Kampf" ein überholtes Buch? ............................... 7

2. Eine neue Weltordnung............................................................. 12

3. Das neue Rom............................................................................ 23

4. Im Kampf um die Macht........................................................... 34

5. Die heilige Allianz...................................................................... 49

6. Die Neue Christliche Rechte - eine Wiedergeburt?............. 57

7. Der Unsinn der Neuen Rechten.............................................. 78

8. H. R. 2797 ................................................................................... 96

9. Der Schwindel mit den Sterbeerlebnissen............................ 116

10. Satans erfolgreichste Täuschung............................................ 129

11. Trends........................................................................................ 137

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AMERIKA IN DER PROPHETIE

Kapitel 1

„Der große Kampf"


- ein überholtes Buch?

In Dutzende von Sprachen übersetzt, in Millionenauflagen gedruckt


und überall - sowohl in den Luxus-Apartments von Manhattan als
auch in den Strohhütten Afrikas - gelesen, beschreibt „Der große
Kampf zwischen Licht und Finsternis" (abgekürzt „Der große
Kampf") von Ellen G. White in Kurzfassung Auftrag und Botschaft
der Adventgemeinde wie kein anderes Buch außer der Bibel.
Doch heute empfinden einige Leser manche Aussagen dieses
Buches als peinlich. Nehmen wir beispielsweise folgende zwei Zitate
unter die Lupe:

Das Wort Gottes hat vor der herannahenden Gefahr ge-


warnt; bleibt diese Warnung unbeachtet, so wird die protes-
tantische Welt erfahren, was Roms Absichten wirklich sind;
doch dann wird es zu spät sein, den Schlingen zu entrinnen.
Rom nimmt im stillen an Macht zu. Seine Lehren üben auf
Parlamente, auf Kirchen und auf die Herzen der Menschen
ihren Einfluß aus. Es türmt seine hohen und gewaltigen
Bauwerke auf, in deren geheimen Verliesen sich die frühe-
1
ren Verfolgungen wiederholen werden.

1
E. G. White, „Der große Kampf zwischen Licht und Finsternis" (nachfolgend
abgekürzt „Der große Kampf"), Hamburg 1982, S. 582.

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AMERIKA IN DER PROPHETIE

Die römische Kirche ist weitblickend in ihren Plänen und


in der Art ihres Wirkens. Sie bedient sich jeder List, um ih-
ren Einfluß auszudehnen und ihre Macht zu mehren. Sie be-
reitet sich auf einen grimmigen und entschlossenen Kampf
vor, um die Herrschaft der Welt wiederzugewinnen, die Ver-
folgung wieder einzuführen und alles zu vernichten, was der
Protestantismus geschaffen hat.1

Wer glaubt heute noch an so etwas? Diese Worte hören sich so


an, als stammten sie von einem fanatischen Fundamentalisten des
19. Jahrhunderts. Mit wenigen Ausnahmen vertreten doch nur ultra-
rechte protestantische Randgruppen diese Auffassung. Worte wie
„Romanisten", „Papisten" und „Papismus" sind längst ausgestorben.
Heute nimmt sogar der Ku Klux Klan, der teilweise auf Anti-
Katholizismus beruhte, Katholiken als Mitglieder auf. Wieso geben
dann die Adventisten ein Buch wie „Der große Kampf" heraus?
Die Katholiken bilden die gröte Gruppe der Senatoren und
Abgeordneten des Parlaments der Vereinigten Staaten, 2 sie werden
in jedem Bereich der amerikanischen Gesellschaft akzeptiert, der
Papst wird sogar als Ehrengast im Weißen Haus empfangen - wie
können die Adventisten in Anbetracht dieser Tatsachen ein Buch
verbreiten, in dem es heißt: „jeder Grundsatz des Papsttums, der in
vergangenen Jahrhunderten Geltung hatte, ist auch heute noch gül-
tig. Die in finstersten Zeiten erlassenen Verordnungen und Lehren
werden noch immer aufrechterhalten ... Sein Geist ist jetzt nicht
weniger grausam und despotisch als zu der Zeit, da es die menschli-
che Freiheit niederwarf und die Heiligen des Allerhöchsten er-
schlug" 3?
Soll man für ein Buch werben, in dem der Papst als der „Mensch
der Sünde" bezeichnet wird, 4 während der Präsident der Vereinigten
Staaten von Johannes Paul II. als dem „heiligen Vater" spricht? Es

1
E. G. White, a.a.O., S. 566.567.
2
„Katholiken führen bei der Mitgliederzählung im 102. Kongreß in „Church
and State", Januar-Ausgabe 1991, S. 14.
3
E. G. White, a.a.O., S. 571.
4
ebd., S. 572.

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AMERIKA IN DER PROPHETIE

sind die Katholiken, die den Kampf gegen die Abtreibung anführen
und sich weigern, in ihren Krankenhäusern Abtreibungen durchzu-
führen. Wie können dann die Adventisten (deren Ruf in dieser Be-
ziehung nicht makellos ist) im Buch „Der große Kampf" warnen:
„Durch den Anspruch der Kirche auf das Recht zur Sündenverge-
bung fühlt sich der Katholik berechtigt, zu sündigen, und die Ein-
richtung der Beichte, ohne die sie keine Vergebung gewährt, führt
dahin, dem Bösen Spielraum zu geben" 1?
Stellen wir uns vor, im Fernsehen würde der Beitrag „Was glau-
ben die Siebenten-Tags-Adventisten?" laufen. Der Reporter würde
folgendes Zitat vorlesen: „Wenn wir die entschlossene Grausamkeit
Satans verstehen wollen, die sich über Jahrhunderte hindurch ge-
zeigt hat, nicht bei denen, die niemals von Gott gehört haben, son-
dern genau im Herzen der Christenheit, dann müssen wir nur die
Geschichte der römischen Kirche betrachten" 2 - und dann würde
die Kamera eine Aufnahme von Mutter Teresa einblenden und
zeigen, wie sie ein Heim für AIDS-Kranke in New York eröffnet!
Zu einer Zeit, da Johannes Paul II. - einer der am meisten geach-
teten Männer der Welt - gesagt hat, daß „keine menschliche Autori-
tät das Recht hat, in das Gewissen eines Menschen einzugreifen"
und daß „eine ernsthafte Bedrohung von der Intoleranz ausgeht, die
sich in der Verweigerung der Gewissensfreiheit zeigt" 3, verkaufen die
Adventisten millionenfach ein Buch, das vor „dem Vordringen die-
ses so sehr gefährlichen Feindes der bürgerlichen und religiösen
Freiheit" 4 warnt!
Wenn „Der große Kampf" in der Öffentlichkeit zitiert wird - be-
sonders wenn dabei einzelne Aussagen aus ihrem Zusammenhang
gerissen werden -, wirken die Adventisten wie Frömmler oder Nar-
ren. Wir haben immer von einer Sichtung gesprochen. Die meisten
denken dabei an theologische Auseinandersetzungen oder an Ver-
folgung. Statt dessen wird es wohl eher so sein, daß sich viele Ad-

1
E. G. White, a.a.O., S. 568.
2
E. G. White, „The Great Controversy", Mountain View 1950, S. 570.
3
Papst Johannes Paul II. anlälich der Feier zum Weltfriedenstag am 1. Januar
1991.
4
E. G. White, „Der große Kampf", S. 567.

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AMERIKA IN DER PROPHETIE

ventisten der Botschaft ihrer Gemeinde schämen werden. Worum


geht es? Warum erscheinen die Aussagen im Buch „Der große
Kampf" so überholt, wirklichkeitsfremd und so weit entfernt vom
modernen Denken?
Ganz einfach: Weil sie alle eingetroffen sind!
Würde die Mehrheit der Protestanten die katholische Kirche
immer noch mit den gleichen Augen wie damals betrachten, als
Ellen White dieses Buch schrieb, dann wären die Aussagen in „Der
große Kampf" falsch. Seine Voraussagen hätten sich längst als Irr-
tum erwiesen. Weil aber fast niemand mehr solche Ansichten ver-
tritt, hat es sich als richtig erwiesen. Daß manche Adventisten Ellen
Whites Worte heute als „peinlich", „blindgläubig" oder „altmodisch"
empfinden, bringt ihre Aussagen keineswegs in Mißkredit, sondern
unterstreicht vielmehr deren Gültigkeit. Die aufgezeichneten Ten-
denzen, die dieses Buch so fremd erscheinen lassen, bestätigen in
Wirklichkeit jede einzelne Seite!
Tatsächlich ist „Der große Kampf" heute nützlicher, wichtiger
und bedeutender als vor mehr als hundert Jahren, als Schwester
White dieses Buch schrieb. Obwohl einige versuchten, es als Ellen
Whites „endzeitliche Zukunftsschau ihrer Zeit" 1 abzutun, haben die
politischen und religiösen Bewegungen der letzten Jahre in seinen
Blättern wieder ein Feuer entfacht - ein Feuer, das heller leuchten
wird als zu irgend einer Zeit, seit A. T. Jones die Einführung des
Sonntagsgesetzes im amerikanischen Kongreß bekämpfte.
Wer sich eingehend mit den Zeichen der Zeit befaßt, wird er-
kennen, welch unglaubliche Bedeutung das Buch „Der große
Kampf" gewonnen hat. Der Zusammenbruch des Kommunismus,
der Aufstieg des Papsttums, die „Neue Rechte"-Bewegung der 90er
Jahre in den USA, die konservative Orientierung des amerikani-
schen Obersten Gerichtshofes, die Masken des modernen Spiritis-
mus, die politische Verschmelzung von Katholiken und Protestanten
- dies alles sind Teile eines Puzzles, das letztlich genau das propheti-
sche Bild ergibt, vor dem in „Der große Kampf" gewarnt wird.

1
Z. B. Jonathan Butler, „The World of E. G. White and the End of the World" in
„Spectrum", August-Ausgabe 1979, S. 12.

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AMERIKA IN DER PROPHETIE

Aber in welcher Weise spiegeln sich in diesen Strömungen die


Aussagen des Buches „Der große Kampf" wider? Was bedeuten
diese Erscheinungen? Wie passen sie in unser prophetisches „Dreh-
buch"? Wie können wir die aktuellen Ereignisse sicher deuten, ohne
die Fehler zu wiederholen, die in der Vergangenheit die Adventisten
in Verlegenheit gebracht haben? Und was sagen uns diese Ereignisse
über die Nähe des zweiten Kommens Jesu?
Obwohl viele Adventisten ausreichend Gelegenheit hatten, sich
auf die letzte Auseinandersetzung vorzubereiten, werden sie sich von
der kommenden Verunsicherung um das Buch „Der große Kampf"
anstecken lassen. Für jene, die „die Liebe zur Wahrheit" haben (2.
Thessalonicher 2,10), gilt: Was die Ungläubigen hinaustreibt, zieht
die Gläubigen noch enger zu dem Einen, dessen Geist Ellen White
inspirierte, dieses Buch zu schreiben.
„Der große Kampf" wird zweifellos einen Sturm der Verfolgung
gegen die Siebenten-Tags-Adventisten entfesseln. Warum? Weil der
Drache gegen jene kämpft, die unter anderem „das Zeugnis Jesu"
haben (Offenbarung 12,17). Und die weltweiten Strömungen bestäti-
gen jeden Tag deutlicher, daß dieses „Zeugnis" tatsächlich „der
Geist der Weissagung" ist (Offenbarung 19,10).

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AMERIKA IN DER PROPHETIE

Kapitel 2

Eine neue Weltordnung

Nach einer unbeschreiblichen Erfahrung der Wiedergeburt 1 schloß


ich mich im Frühjahr 1980 der Adventgemeinde an. Ich hatte alles
akzeptiert - die biblische Lehre vom Zustand der Toten, das Gott-
sein Christi, das zweite Kommen Jesu, den Sabbat, das Untersu-
chungsgericht - und so gehörte ich vom ersten Tag an zum „harten
Kern" der Adventisten.
Was mich besonders reizte, war die Prophetie, und es war mir so-
fort klar, wie sich das adventistische prophetische Drehbuch entfalten
könnte. Im Jahr 1979, während der neu eingesetzte Papst Johannes
Paul II. auf seiner historischen Amerikareise war 2, kam ich zum
ersten Mal mit Offenbarung 13 und 14 in Berührung, und ich er-
kannte sofort, wie sich die Trends auf die Erfüllung der dritten En-
gelsbotschaft zubewegten.
Ich kann mich jedoch daran erinnern, daß ich schon als Neube-
kehrter im Blick auf einen speziellen Aspekt unserer prophetischen
Botschaft große Zweifel hatte.
Was ist mit der Sowjetunion?
Wie könnte sich unsere prophetische Botschaft jemals erfüllen,
solange die Welt noch mit den Gewehren, Panzern, Stacheldraht-
zäunen und Mauern der militanten atheistischen Sowjetunion kon-
frontiert war? Wie könnten die Vereinigten Staaten und noch weni-

1
Siehe Clifford Goldstein, „Best Seller", Pacific Press, Boise, Idaho, 1990.
2
Clifford Goldstein, „The Saving of America", Pacific Press, Boise, Idaho, 1988,
S. 7f.

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AMERIKA IN DER PROPHETIE

ger die katholische Kirche jemals die Art von internationaler Macht
ausüben, wie sie in der Offenbarung geschildert und im „Großen
Kampf" beschrieben wird, solange die Sowjetunion - eine höchst
streitsüchtige Supermacht, die den Vereinigten Staaten und dem
Vatikan unerbittlich feindselig gegenüberstand - aggressiv blieb? Ein
riesiges imperialistisches Reich mit 290 Millionen Menschen, be-
waffnet mit genügend strategischen und taktischen Atomwaffen, um
die ganze Welt hundertfach zu verbrennen, würde nicht einfach
über Nacht verschwinden. Der Kommunismus schien so fest ver-
wurzelt wie eh und je.
Etwa gleichzeitig mit dem Papstbesuch zogen sowjetische Trup-
pen mit Panzern im benachbarten Afghanistan ein, um ein Mario-
nettenregime zu unterstützen. Alles, was Präsident Jimmy Carter
daraufhin tat, war, Stabhochspringer und andere Athleten nicht zu
den Olympischen Spielen nach Moskau zu schicken.
Etwas später, als ein polnischer Elektriker namens Lech Walesa
einen Streik in einer Schiffswerft in Danzig anführte, eilte der neue
polnische Führer General Wojciech Jaruzelski in den Kreml, wo ihn
seine sowjetischen Auftraggeber davon in Kenntnis setzten, daß sie
diesen Streik mit ihren Truppen niederschlagen würden, wenn er es
nicht mit seinen täte.
Ohne Zweifel halfen die Aufstände in Ungarn (1956) und in der
Tschechoslowakei (1968) der Erinnerung des polnischen Generals
nach. Seine sowjetischen Kameraden waren bekannt dafür, bei ihren
europäischen Alliierten einzumarschieren, wenn sie sich ihren An-
ordnungen widersetzten. Jaruzelski kehrte nach Hause zurück, Wale-
sa wurde verhaftet, die „Solidarität" wurde zerschlagen, und die
Oberen in Moskau waren beschwichtigt.
In der Zwischenzeit war aus Saigon Ho Chi Minh Stadt gewor-
den, und die Roten Khmer übernahmen die Herrschaft in Kambod-
scha. Haile Selassies Regierung in Äthiopien wurde durch Marxisten
ersetzt, und in Nicaragua kamen die sozialistischen Sandinisten an
die Macht. Der Südjemen hatte eine marxistische Regierung, und
Fidel Castro machte den Yankees im Norden eine lange Nase und
sandte kubanische Truppen, um eine marxistische Regierung in
Angola zu unterstützen.

13
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Kurz, während der meisten Zeit der achtziger Jahre schien die
adventistische Vorstellung von den Vereinigten Staaten, die der Welt
das Malzeichen des Tieres aufzwingen, bestenfalls weit entfernt -
schlimmstenfalls völlig ausgeschlossen.
Aber dann nahm die Geschichte einen völlig anderen Verlauf.
Ob es, wie der Japaner Fukuyama sagte, „das Ende der Geschichte"
war, darüber kann man streiten, aber daß es das Ende jener Ge-
schichte war, deren Ausgang jedermann voraussehen zu können
meinte, stand außer Frage.
Nach allgemeiner Erkenntnis mußte man davon ausgehen, daß
Ost und West schließlich in einen atomaren Konflikt geraten wür-
den, der mit Atomwaffen ausgetragen würde und letztlich zu unserer
Selbstvernichtung führen mußte. Keine unwahrscheinliche Szene,
wenn man die Fakten bedenkt. Allerdings: Gemä der Bibel wird
das Ende der Welt nicht durch einen nuklearen Ost-West-Konflikt
herbeigeführt. Früher oder später mußte sich etwas ändern - und
genau so kam es auch.
Es begann mit einem Todesfall. Leonid Breschnew - der Gene-
ralsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, der Mann,
dem zugeschrieben wurde, daß er die Sowjetunion aus einer militä-
rischen Unterlegenheit in ein militärisches Gleichgewicht (vielleicht
sogar eine Überlegenheit) mit den Vereinigten Staaten gebracht
hatte - starb.
Sein Nachfolger wurde Juri Andropow, der, obwohl Gerüchte
besagten, er sei insgeheim ein geheimer Liberaler, eine dunkle, un-
durchsichtige Figur war. (Die meisten Menschen im Westen wußten
nicht einmal, daß er verheiratet war, bis sie Fotos von seiner Frau
sahen, die an seinem Grab weinte.) Er wurde ersetzt durch Konstan-
tin Tschernenko, einem senilen Achtzigjährigen, der schon wenige
Monate später starb.
Dann erschien ein neues Gesicht, ein (für den Westen) unbe-
kannter Landwirtschaftsminister, jung genug, um keinen Spickzettel
zu brauchen, wenn er etwas Komplizierteres als „Guten Tag" und
„Auf Wiedersehen" sagen wollte. Das Gesicht mit dem charakteristi-
schen Muttermal gehörte zu Michail Gorbatschow. Gerade wie Gott
einst König Cyrus, „einen der wirklich erleuchteten Herrscher des

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AMERIKA IN DER PROPHETIE

Altertums" 1 benutzt hatte, um seine prophetischen Absichten in


jener Zeit zu erfüllen, so benutzte er nun Gorbatschow, um seine
Pläne in unserer Zeit auszuführen.
Natürlich war „Gorby" kein James Madison oder Thomas Jeffer-
son. Er war ein Pragmatiker, der ein wirtschaftliches System geerbt
hatte, welches die Sowjetunion rapide in die weltgröte Bananenre-
publik verwandelte - in der es allerdings kaum Bananen gab!
Im Jahr 1976 verbrachte ich auf einer Reise durch die Sowjetuni-
on nach Japan einen Abend in Chabarowsk, einer Stadt mit etwa
500.000 Einwohnern südlich des östlichen Sibirien. Am frühen
Nachmittag ging ich durch die Straßen und suchte etwas zu essen.
Es gab keine Restaurants, Lebensmittelgeschäfte, Pizzerien oder
Steakhäuser - nicht einmal eine Imbißbude.
In jeder amerikanischen Stadt mit 50.000 und noch eher mit
500.000 Einwohnern wäre mein Problem gewesen, ein Restaurant
auszuwählen, nicht aber, eines zu finden. Schließlich ging ich in eine
Bäckerei und schnappte einen altbackenen Kanten Brot von einem
splittrigen Holzregal. Die Frau an der Kasse benutzte ein Rechen-
brett, um das Wechselgeld auszurechnen, und hatte nicht einmal
eine Tüte, um das Brot einzupacken. Auf dem ganzen Weg nach
Yokohama fischte ich noch Krümel aus meiner Jackentasche.
Offensichtlich mußte Gorbatschow große Veränderungen zuwege
bringen. So geschah es, und bald schon fanden Wörter wie „Perest-
roika" und „Glasnost" Eingang in unsere Muttersprache. (Sie schei-
nen schon wieder überholt zu sein, was zeigt, wie schnell sich die
Dinge verändert haben.) Die alte Weltordnung löste sich schneller
auf als irgend jemand, selbst Gorbatschow, erwarten konnte.
Eine Begebenheit vor einigen Jahren kennzeichnet den Zeitpunkt,
an dem sich die Dinge zusammenzufügen begannen. Obwohl so
gewichtige und weitreichende Ereignisse, wie wir sie in der Sowjet-
union und in Osteuropa miterlebten, eine prophetische Bedeutung
haben mußten, wußte ich doch nicht, welche das sein könnte. Aber
am Morgen des 2. Dezember 1989 nahm ich die „Washington Post"
in die Hand und sah die Überschrift auf der ersten Seite: „Treffen

1
John Bright, „Geschichte Israels", Patmos-Verlag, Düsseldorf, 1966, S. 375.

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AMERIKA IN DER PROPHETIE

zwischen Gorbatschow und dem Papst, Einigkeit über diplomatische


Beziehungen."1
Auf der einen Seite war der Präsident der Sowjetunion, der jetzt
im Vatikan dem Oberhaupt der katholischen Kirche begegnete, das
er „den moralischen Führer der Welt" nannte. Auf der anderen Seite
stand der Papst, der dieses Treffen als „ein Zeichen der Zeit" be-
zeichnete, „die langsam reif geworden sei, ein verheißungsvolles
Zeichen"? Es war in der Tat ein Zeichen der Zeit ...
In der jesuitischen Wochenzeitung „America" schrieb Francis X.
Murphy:
„Sollten Papst Pius XII. und der sowjetische Diktator Joseph Sta-
lin von ihrem günstigen Aussichtspunkt jenseits der Sterne auf die
gegenwärtigen Ereignisse in der Welt herabschauen [beachte, daß er
Pius XII. und Stalin am gleichen Ort wähnt!], dann wären sie mehr
als verwundert zu sehen, wie der derzeitige sowjetische Präsident das
Oberhaupt der römischen Kirche mit ,Eure Heiligkeit' begrüt und
erklärt, der Papst sei der wichtigste religiöse Führer der Welt ... Ihr
Händedruck in der päpstlichen Bibliothek im Vatikan am Freitag,
dem 1. Dezember 1989, von Fernsehkameras für die sofortige welt-
weite Verbreitung in Szene gesetzt, wird sicherlich als ein Ereignis in
die Geschichte eingehen, das eine entscheidende Kehrtwendung
bedeutet."2
Und obwohl der rasante Gang der Ereignisse sogar die Früchte
dieser außerordentlichen Begegnung inzwischen für null und nichtig
erklärt hat, war das Treffen zu jener Zeit ein Symbol für die prophe-
tisch vorausgesagte Entwicklungen. Ich schrieb im „Adventist Re-
view": „Wenn die gegenwärtigen Strömungen in diesem Tempo
anhalten, werden wir Zeugen einer radikalen Umstrukturierung der
Weltordnung sein. Die Richtung, in der sie sich bewegt, scheint die
Bühne frei zu machen für die letzten Ereignisse der biblischen
Prophetie."3

1
„The Washington Post" vom 2.12.1989, 1A.
2
Francis X. Murphy, C. SS. R., „Aggiornamento to Perestroika: Vatican Ostpoli-
tik" in „America" vom 19.5.1990, S. 494.
3
Clifford Goldstein, „Catholics, Communists, and Adventists" in „Adventist-
Review" vom 18.1.1990, S. 5.

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AMERIKA IN DER PROPHETIE

Wie sich herausstellen sollte, setzten sich die Tendenzen tatsäch-


lich fort, aber nicht „in diesem Tempo". Sie bewegten sich schneller
und schneller, bis dieses riesige imperialistische Reich mit seinen 290
Millionen Bewohnern samt Panzern und Fahrzeugen verschwunden
war, und das fast über Nacht.
Sobald die östliche Supermacht zusammengebrochen war, änder-
ten sich die Beziehungen zwischen Amerika und der früheren Sow-
jetunion, zwischen Europa und der früheren Sowjetunion und auch
zwischen Amerika und Europa. Alles änderte sich - militärisch,
politisch, diplomatisch - und wir traten ein in diese graue, nebulöse
Zone, genannt „die neue Weltordnung".
Dieser Begriff wurde von Präsident George Bush verbreitet,
nachdem Saddam Hussein Kuwait in die 19. Provinz des Irak ver-
wandelt hatte. Am 30. Oktober 1990 erklärte der Präsident, daß die
Vereinten Nationen dazu beitragen können, „einen neuen Tag ...
eine neue Weltordnung" herbeizuführen. Im November erklärte er
in Prag, daß die Golfkrise eine historische Gelegenheit sei, „für alle
Völker eine neue Weltordnung" zu schmieden. In seiner Ansprache
„zur Lage der Nation" erwähnte er die „schon lange zugesagte neue
Weltordnung". Und als er in Georgia zu den Angehörigen der
Truppen im Golf sprach, erklärte er, daß „es weder im Persischen
Golf Raum gibt für ungesetzliche Aggression, noch in dieser neuen
Weltordnung, die wir schaffen wollen".
Den Ausdruck selbst hatte es schon gegeben, lange bevor der
Präsident ihn zu einem Schlagwort der 90er Jahre gemacht hatte.
(Ich selbst hatte über eine „radikale Umstrukturierung der Weltord-
nung", d. h. eine neue Weltordnung, in einem Artikel für den „Ad-
ventist Review" geschrieben, Monate bevor der Präsident den Aus-
druck berühmt machte.) Jeder, von David Rockefeller bis Adolf
Hitler, hat diesen oder einen ähnlichen Ausdruck benutzt. Auf der
Rückseite jeder Dollarnote, unter dem Freimaurerzeichen - der
Pyramide und dem alles sehenden Auge -, stehen die lateinischen
Worte „Novus Ordo Seclorum" [sic.!], die mit „neue Weltordnung"
übersetzt werden können.
Eigentlich sind neue Weltordnungen nichts Neues. Sie sind im-
mer wieder aufgetaucht. Der Aufstieg und Fall jedes gröeren Welt-

17
AMERIKA IN DER PROPHETIE

reiches, vom persischen Reich bis zum britischen und jedem dazwi-
schen, hat eine neue Weltordnung eingeleitet. Warum also nicht
auch der Zusammenbruch der Sowjetunion? Die Welt ist nicht un-
beweglich und beständig geblieben, seit Ur, die Stadt Ibbi-Sins, von
den Elamiten verwüstet wurde, 500 Jahre bevor Mose die Kinder
Israel aus Ägypten führte. Das politische Gefüge der Welt ist niemals
gleich geblieben. Bis heute ist die Hälfte der Länder der Erde jünger
als vierzig Jahre.
„Eine Landkarte von Europa aus dem 19. Jahrhundert zu be-
trachten", sagt ein Artikel in der Zeitschrift „Atlantic", „heißt, die
unbekümmerte Unbeständigkeit der Geschichte zu erkennen, mit
den verschwendeten Preußen, Böhmen und kleinen Stadtstaaten,
ihren vergangenen habsburgischen, zaristischen und osmanischen
Reichen. Es wäre unvernünftig zu meinen, daß eine Landkarte aus
dem 21. Jahrhundert nicht noch gröere Überraschungen aufzuwei-
sen hätte."1
„Was auch immer nach dem Kalten Krieg kam", schrieb Fred
Barnes in „The New Republic", „das war die neue Weltordnung".2
Für George Bush bedeutete die neue Weltordnung die verschwom-
mene Vorstellung einer umfassenden Sicherheit unter dem Schutz
der Vereinten Nationen. Bevor Michail Gorbatschow selbst seine
Stellung verlor, sah er die neue Weltordnung als einen Platz, wo eine
durch Demokratie und „Perestroika" erneuerte Sowjetunion eine
positive und wohlhabende Rolle in der Bruderschaft der Völker
spielen würde. Auch Papst Johannes Paul II hat seine eigenen Vor-
stellungen von einer neuen Weltordnung (siehe Kapitel 4).
Als Bush diesen Begriff zum ersten Mal benutzte, betrachtete er
ihn wahrscheinlich nur als einen netten Ausdruck, wie „Lichtpunkte"
oder „von den Lippen ablesen". Obwohl seine Regierung im Jahr
1991 damit aufhörte, den Ausdruck zu verwenden, entwickelte er
eine Eigendynamik, besonders bei den Extremen des linken und
rechten Flügels, die mehr Spekulationen über diese beiden Wörter

1
David Lawday, „My Country: Right ... or What?" in „Atlantic Monthly" 7/1991,
S. 22.
2
Fred Barnes, „Brave New Gimmick" in „The New Republic" vom 25.2.1991, S. 15.

18
AMERIKA IN DER PROPHETIE

angestellt haben als über Henry Kissinger (das Tier?) oder Gorbat-
schows Muttermal (das Malzeichen des Tieres?).
Eustace Mullins, ein rechtsextremer Verschwörungstheoretiker,
warnt davor, daß Bushs Idee der neuen Weltordnung Teil eines
Planes sei, ersonnen von dem „Schwarzen Adel", der aus der briti-
schen Königsfamilie, den Rothschilds und den Rockefellers bestehe
und das Ziel einer einheitlichen Welt verfolge.
Die marxistische Publikation „Revolutionäre Arbeiter" bezeichne-
te diesen Ausdruck als das unheilvolle Schlüsselwort für den ka-
pitalistischen, spießbürgerlich-westlichen Imperialismus, der die nach-
sowjetische Welt ausnutzen und die Arbeiter überall ausbeuten wol-
le. Eine Schlagzeile hieß: „Die neue Weltordnung und der Absturz
der Pan Am 103". In dem Artikel warnte die Zeitung, die Vereinig-
ten Staaten hätten Libyen das Bombenattentat als Vorwand unterge-
schoben, um das Land bombardieren zu können.
Der Herausgeber des „Southern National Newsletter", einer Ver-
öffentlichung in Tennessee, die die Wiederherstellung der Konföde-
ration vertritt, warnt davor, daß die neue Weltordnung nichts ande-
res sei als eine weitere „Landaneignung durch die Yankees".
Sogar der Prediger und christliche Geschäftsmann Pat Robertson
veröffentlichte ein Buch von 268 Seiten, das er genau den Punkt
treffend „Die neue Weltordnung" nannte. „Ich bin gleichermaßen
davon überzeugt", schrieb er, „daß der Ausdruck ,neue Weltord-
nung' während der letzten 200 Jahre das entscheidende Schlüssel-
wort jener gewesen ist, die den christlichen Glauben und das, was
Papst Pius XI. ,die christliche Sozial-Ordnung' nannte, zerstören
wollten. Sie wollen sie durch eine weltweite sozialistische Diktatur,
die vom Okkulten inspiriert ist, ersetzen."1
Was auch immer die neue Weltordnung sein soll, der Ausdruck
schlug in der Tat auch bei vielen Adventisten eine bestimmte Saite
an. Und das sollte er auch, denn schließlich wird irgendeine Art von
neuer Weltordnung eingesetzt werden müssen, damit sich die Pro-
phetie so erfüllen kann, wie es nach unserer Überzeugung dem bib-
lischen Konzept entspricht.

1
Pat Robertson, „The New World Order", Word, Dallas, 1991.

19
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Da der Sabbat in der ganzen Christenheit besonders um-


kämpft ist und Staat und Kirche sich vereinigt haben, die
Beachtung des Sonntags zu erzwingen, wird die hartnäckige
Weigerung einer kleinen Minderheit, der volkstümlichen
Forderung nachzukommen, sie zum Ziel allgemeinen Flu-
ches machen. Es wird hervorgehoben werden, daß die we-
nigen, die sich einer Verordnung der Kirche und den Ver-
fügungen des Staates widersetzen, nicht geduldet werden
sollten; daß es besser sei, diese leiden zu lassen, als daß gan-
ze Nationen in Verwirrung und Gesetzlosigkeit gestürzt wür-
den ...
Diese Beweisführung wird als entscheidend angesehen
werden, und schließlich wird wider alle, die den Sabbat des
vierten Gebotes heiligen, ein Erlaß ergehen, worin sie als der
härtesten Strafen würdig hingestellt werden und man dem
Volke die Freiheit gibt, sie nach einer gewissen Zeit umzu-
bringen.1

Wenn sich Amerika, das Land der religiösen Freiheit, mit


dem Papsttum zusammenschließt, um dem Gewissen Zwang
anzutun und Menschen dazu zu zwingen, den falschen Ru-
hetag zu halten, werden alle Völker der Erde diesem Bei-
spiel folgen.2

Offensichtlich müssen sich die Umstände ändern, damit diese


Vorhersagen erfüllt werden können. Die biblische Warnung, „es
macht, daß sie allesamt, die Kleinen und Großen, die Reichen und
Armen, die Freien und Sklaven, sich ein Zeichen machen an ihre
rechte Hand oder an ihre Stirn" (Offenbarung 13,16), hätte nach
unserem Verständnis noch vor einigen Jahren nicht wahr werden
können. Ellen Whites Warnung dagegen, daß „die letzten Ereignisse
schnell eintreffen werden", 3 sollten eine ganze neue Bedeutung er-
halten, denn jüngste Begebenheiten haben bewiesen, daß radikale
Veränderungen schneller geschehen können, als es sich irgend je-

1
E. G. White, „Der große Kampf", S. 616.
2
E. G. White, „Testimonies to the Church" Bd. 6, Pacific Press, Mountain View,
Calif., 1948, S. 18.
3
ebd., Bd. 9, S. 11.

20
AMERIKA IN DER PROPHETIE

mand vorstellen konnte. Es ist auch kein Zufall, daß der Zusam-
menbruch des sowjetischen Reiches genau in unser prophetisches
Drehbuch paßt. Wir hätten wissen sollen, daß es so kommen würde.
In jenem Artikel im „Adventist Review" schrieb ich: „Wenn mir
letztes Jahr jemand erzählt hätte, daß es innerhalb eines Jahres eine
Regierung der ,Solidarität' in Polen geben, daß die Berliner Mauer
fallen würde, daß die Kommunisten in der Tschechoslowakei, in
Ungarn, Ostdeutschland und Bulgarien die Macht verlieren und die
Sowjets diese Reformen sogar fördern würden - hätte ich geglaubt,
ich sei rückfällig geworden, aus der Gemeinde ausgetreten und ge-
rade dabei, Marihuana zu rauchen!"1
Wenn man mir weiter gesagt hätte, daß es mit dem Kommunis-
mus zwei Jahre später vorbei wäre, nicht nur in Osteuropa, sondern
selbst im Kreml; daß die Sowjetunion nicht mehr sowjetisch wäre
und noch weniger eine Union; daß all die Republiken sich abspalten
und unabhängige Staaten sein würden; und daß die sowjetische
kommunistische Zentralregierung verschwinden würde - dann hätte
ich glatt angenommen, nicht nur Marihuana zu rauchen, sondern
auf einem LSD-Trip zu sein!
Im Jahr 1980 hatte ich Momente starker Zweifel in bezug auf die
prophetische Botschaft. Die Sowjetunion schien wie ein großer
brauner Bär über die Seiten der Offenbarung zu trampeln und un-
sere Interpretationen von Kapitel 13 und 14 zu vernichten. Während
solcher Augenblicke wies mich der Herr jedoch auf das Buch Daniel
hin, besonders auf die Kapitel 2 und 7. Unvermittelt breiteten sich
Bilder von Zehen aus Eisen und Ton, geflügelten Panthern und
sprechenden Hörnern wie ein Videofilm in meiner Vorstellung aus.
Die Botschaft war deutlich: Der Herr herrscht wirklich über die Völ-
ker. Wenn Gott so mächtig war, daß er den Aufstieg und Fall des
heidnischen römischen Reiches Jahrhunderte im voraus vorhersagen
konnte, dann konnte er mit dem sowjetischen Reich auch fertigwer-
den.
Also streckte ich meine Hände im Glauben aus und ergriff die
„feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an

1
Clifford Goldstein, „Catholics, Communists, and Adventists", S. 5.

21
AMERIKA IN DER PROPHETIE

dem, was man nicht sieht" (Hebräer 11,1). Ich sprach ein Gebet und
ging voran, mit unbeantworteten Fragen, aber auch mit einem festen
Vertrauen auf Gott. Zehn Jahre später, als sich unerwartete, welter-
schütternde Ereignisse vor meinen Augen entfalteten, wurden die
meisten jener Fragen beantwortet, und mein Vertrauen wurde reich-
lich belohnt.

22
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Kapitel 3

Das neue Rom

Als sich der Rauch, Sand und Staub der „Operation Wüstensturm"
gelegt hatten, traten die Vereinigten Staaten nicht nur als Sieger über
den Irak hervor, sondern sie übernahmen auch die Führung in der
Welt. Noch wenige Jahre zuvor hatten Experten Amerikas Verfall
beklagt; nun sprachen sie von den Vereinigten Staaten als dem vor-
herrschenden militärischen und politischen Schwergewicht der Welt.
„Die einzig verbliebene Supermacht der Welt", formulierte das
„Time"-Magazin, 1 und die meisten Kommentatoren nahmen diese
Formulierung auf. Amerika ist nicht nur die Supermacht, sondern es
gibt nach Ansicht des Kolumnisten Charles Krauthammer „in der
nahen Zukunft keine Aussicht auf irgendeine Macht, die mit den
Vereinigten Staaten wetteifern könnte".2
Yassir Arafat, der Chef der palästinensischen Befreiungsorganisa-
tion PLO nannte Washington, D.C., „das neue Rom", 3 als er über
Amerikas neue Rolle als einzige Supermacht der Welt sprach. Das
neue Rom! Warum? Weil das alte Rom zu seiner Zeit die unbestrit-
tene Supermacht war und die Vereinigten Staaten jetzt diese Position
eingenommen haben.
Arafats Worte beschwören natürlich die adventistische Auslegung
der Prophetie förmlich herauf. In Daniel 7 träumte der Prophet von
vier Winden. Die „wühlten das große Meer auf" (Daniel 7,2), aus

1
„Time" vom 29.7.1991, S. 13.
2
Charles Krauthammer, „The Lonely Superpower" in „The New Republic" vom
29.7.1991, S. 23.
3
„Newsweek" vom 12.8.1991, S. 33.

23
AMERIKA IN DER PROPHETIE

dem vier Tiere kamen. Das erste war „wie ein Löwe und hatte Flü-
gel wie ein Adler", das zweite war „gleich einem Bären" (Vers 4),
das dritte war „wie ein Panther" (Vers 6), und das vierte war
„furchtbar und schrecklich und sehr stark", und es hatte „zehn Hör-
ner" (Vers 7).
Aus diesem vierten Tier brach ein weiteres, starkes kleines Horn
hervor mit „Augen wie Menschenaugen" und einem „Maul, das
redete große Dinge" (Vers 8). Dieses kleine Horn kämpfte „gegen
die Heiligen, und es behielt den Sieg über sie" (Vers 21). Es heißt
über das kleine Horn: „Es wird den Höchsten lästern und die Heili-
gen ... werden in seine Hand gegeben eine Zeit und zwei Zeiten und
eine halbe Zeit." (Vers 25)
Daniel legte mehr Nachdruck auf das kleine Horn, und er nann-
te uns mehr Einzelheiten darüber, als über jedes andere Tier in
dieser Prophezeiung - ein wichtiger Punkt, wenn man bedenkt, daß
auch die anderen Tiere große Weltreiche darstellten: Babylon (Lö-
we), Medo-Persien (Bär), Griechenland (Panther), viertes Tier
(Rom). Warum räumt die Prophetie dem kleinen Horn einen so
breiten Raum ein? Der Grund dafür kann nur darin bestehen, daß
es eine wichtige Rolle in der Welt spielen sollte, die den vorherge-
henden Reichen gleichgestellt oder sogar überlegen ist. Das kleine
Horn ist das päpstliche Rom. Jede andere Auslegung ergibt keinen
Sinn.
In Offenbarung 13 werden die Bilder von Daniel 7 wiederholt,
und damit besteht eine Verbindung zwischen den beiden Kapiteln.
„Und ich sah ein Tier aus dem Meer steigen, das hatte zehn Hörner
und sieben Häupter." (Offenbarung 13,1) Hier tauchen schon drei
Bilder aus Daniel 7 auf: das Meer, das aufsteigende Tier, die zehn
Hörner.
„Und das Tier, das ich sah, war gleich einem Panther und seine
Füe wie Bärenfüe und sein Rachen wie ein Löwenrachen." (Vers
2) Wieder haben wir hier Bilder aus Daniel 7 - Panther, Löwe und
Bär.
Das Tier in der Offenbarung hatte ein Maul, „zu reden große
Dinge und Lästerungen, und ihm wurde Macht gegeben, es zu tun
zweiundvierzig Monate lang" (Vers 5). „Und ihm wurde Macht ge-

24
AMERIKA IN DER PROPHETIE

geben, zu kämpfen mit den Heiligen und sie zu überwinden." (Vers


7) Das Maul, welches große Dinge und Lästerungen ausspricht, der
Krieg mit den Heiligen und der Sieg über sie - all das sind Bilder
aus Daniel 7. Sogar die „zweiundvierzig Monate" sind eine andere
Art, die „eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit" von Daniel
7 auszudrücken.1
Das aus den vier Tieren Daniels zusammengesetzte Tier in Of-
fenbarung 13 ist offensichtlich die gleiche Macht, die in Daniel 7
hervorgehoben wird - das päpstliche Rom.
In Offenbarung 13 folgt jedoch auf Rom eine andere Macht:
„Und ich sah ein zweites Tier aufsteigen aus der Erde; das hatte zwei
Hörner wie ein Lamm und redete wie ein Drache." (Vers 11) Ob-
wohl dieses Volk ursprünglich sanfte, lammähnliche Eigenschaften
besitzt, spricht es „wie ein Drache". Die Adventisten haben es im-
mer als die Vereinigten Staaten identifiziert, die schließlich zu einer
unterdrückenden, verfolgenden Macht werden, welche „alle Macht
des ersten Tieres vor seinen Augen" ausübt. Wer ist dieses „erste
Tier vor seinen Augen"? Rom. Und Amerika ist heute - „das neue
Rom"?
Was den plötzlichen Aufstieg Amerikas so faszinierend macht, ist
die Tatsache, daß noch vor wenigen Jahren Bangemacher Amerikas
Untergang beklagten. „Johnny kann nicht lesen, Johnny kann nicht
schreiben, Johnny kann nicht kämpfen" lautete die Warnung. Japa-
nische und deutsche Kinder waren klüger, besser erzogen und bes-
ser ausgebildet als ihre amerikanischen Altersgenossen, und deshalb
ging es mit dem Volk bergab.
Der Autor Paul Kennedy hielt die Empfindungen der Wirtschaft-
ler, Historiker und politischen Wissenschaftler fest in der Warnung:
„Rom fiel, Babylon fiel, und Scarsdale wird auch noch an die Reihe
kommen."2
Besorgt über den Verfall Amerikas, besonders im wirtschaftli-
chen Bereich, schrieb Paul Mead 1990 in „Harper's": „Ich stelle mir

1
Vgl. auch Offenbarung 12,6.14.
2
Paul Kennedy, „The (Relative) Decline of America" in „Atlantic Monthly"
8/1987, S. 33.

25
AMERIKA IN DER PROPHETIE

eine Welt vor, die aus drei rivalisierenden Blöcken besteht: einer, der
in den westeuropäischen Staaten begründet ist; einer, der von Japan
beherrscht wird; und dem amerikanischen Block, dem schwächsten
und geplagtesten."1
1987 schrieb James Chase im „Atlantic Monthly", Amerika sei
nicht bereit, „die Struktur von Bündnissen in einer Weise zu verän-
dern, die aufrichtig die reduzierte Rolle eines erwachsenen Amerika
in der Welt reflektiert." 2 In einem etwas gewöhnlicheren Jargon frag-
te John McLaughlin schon vor Jahren: „Geht Amerika vor die Hun-
de?"3
Heute haben nicht zuletzt die Nachwirkungen des Golfkrieges
die Botschaft vom Untergang Amerikas eindeutig als Märchen ent-
larvt. Die Vereinigten Staaten haben zweifellos ihren wirtschaftlichen
Vorsprung verloren, obwohl Japan selbst sich in einer Rezessionsspi-
rale befindet und Deutschland durch die enormen Kosten der Wie-
dervereinigung angeschlagen ist. Doch auch dies hielt Amerika nicht
davon ab, den Bund gegen Saddam anzuführen, während unsere
reichen „Rivalen" durch den Krieg wie gelähmt waren. Die Deut-
sche Mark und der Japanische Yen haben sich nicht automatisch in
eine geopolitische Macht verwandelt. Welche wirtschaftlichen Prob-
leme Amerika auch hat, es hat eine Führungsrolle angenommen -
nicht nur für die Länder des Westens, sondern für fast die gesamte
Welt.
„Vor der Golfkrise", schrieb Krauthammer, „beklagten Amerikas
Untergangspropheten den Sturz der Nation von ihrem Thron an der
Spitze der Welt im Jahr 1950 - ein entscheidendes Datum für sie. Im
Jahr 1950 traten die Vereinigten Staaten in einen Krieg mit Nordko-
rea ein. Er dauerte drei Jahre, kostete 54.000 Amerikanern das Le-
ben und endete mit einem Unentschieden. Einundvierzig Jahre spä-
ter zogen die Vereinigten Staaten in den Krieg gegen den Irak, ein
Land von vergleichbarer Gröe. Er dauerte sechs Wochen, kostete
143 Amerikaner das Leben und endete mit einer Vernichtung des

1
Paul Mead, „On the Road to Ruin" in „Harper's" 3/1990, S. 61.
2
James Chase, „Ike Was Right" in „Atlantic Monthly" 8/1987, S. 40.
3
John McLaughlin, „Is America Going to the Gods?" in „National Review" vom
31.7.1987, S. 22.

26
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Feindes. Wenn das Römische Reich in diesem Tempo untergegan-


gen wäre, würde man jetzt noch Lateinisch lesen."1
Natürlich hatten die Koreaner (und die Nordvietnamesen) die
ganze kommunistische Welt hinter sich und der Irak nicht. Aber das
ist genau der Punkt. Hätte Saddam die Unterstützung der Sowjets
gehabt, wäre die Geschichte anders ausgegangen. Die Vereinigten
Staaten hätten keinen Dritten Weltkrieg mit Moskau riskiert, nur um
den Emir von Kuwait wieder auf seinen Thron zu setzen.
Welche andere Nation könnte sich nun, da der frühere Haupt-
gegner der USA nicht mehr existiert, den Vereinigten Staaten entge-
genstellen? Keine, und deshalb nannte ein Korrespondent des Nati-
onal Public Radio George Bush den „Präsidenten der Welt".
Als eine von Marxisten angeführte Koalition ein Satelliten-
Regime in Äthiopien stürzte - wen riefen beide Seiten als Vermittler
an? Die Vereinigten Staaten. Als Boris Jelzin sein Amt aufnahm -
wem stattete er seinen ersten Besuch ab? Den Vereinigten Staaten.
Als die baltischen Länder mit ihrer Ablösung begannen - aus wel-
cher Verfassung zitierten sie? Aus der Verfassung der Vereinigten
Staaten. Als Bangladesch von Stürmen und Überschwemmungen
verwüstet war - wer wurde um Hilfe und Unterstützung gebeten?
Die Vereinigten Staaten. Und als Saddam in Kuwait einmarschierte
- wessen Streitkräfte führten die Befreiungskämpfe an? Die der Ver-
einigten Staaten.
Diese Trends zeigten sich schon vor dem Golfkrieg, denn eigent-
lich war es nicht erst dieser Krieg, der Amerika zum neuen Anfüh-
rer der Welt machte. Er zeigte nur auf, daß Amerika nach dem
Zusammenbruch des sowjetischen und osteuropäischen Kommu-
nismus die führende Macht geworden war.
Wir haben also heute, so schreibt Krauthammer, „eine höchst
ungewöhnliche Struktur in der Welt, mit einer einzigen Macht, den
Vereinigten Staaten, an der Spitze des internationalen Systems". 2
Gemä der biblischen Prophetie wird die Erde sich in einer höchst

1
Krauthammer, a.a.O., S. 24.
2
ebd. S. 23.

27
AMERIKA IN DER PROPHETIE

ungewöhnlichen Situation befinden, wenn die Vereinigten Staaten


die Welt zwingen werden, „das Bild des Tieres anzubeten".
Der einzigartige Status der Vereinigten Staaten als Supermacht
„an der Spitze des internationalen Systems" paßt genau in das ad-
ventistische Drehbuch über die letzten Tage der Weltgeschichte. Als
unsere Pioniere das lammähnliche Tier in Offenbarung 13,11 als die
Vereinigten Staaten identifizierten, sagten sie vor allem voraus, daß
sich die USA zur vorherrschenden politischen und militärischen
Macht entwickeln würden. Wie könnte es sonst der Welt „das
Malzeichen des Tieres" aufzwingen?
Die adventistische Deutung war aus zwei Gründen bemerkens-
wert. Erstens wurde sie vorgebracht, als andere Ausleger Amerikas
Rolle sehr positiv sahen. In „White Jacket" (1850) schrieb Herman
Melville: „Wir Amerikaner sind das besondere, auserwählte Volk -
das Israel unserer Zeit; wir tragen die Lade der Freiheit in der Welt
... Gott hat für unser Volk große Dinge vorherbestimmt, und die
Menschheit erwartet sie von uns; und Großes fühlen wir in uns."1
Joshua Strong erklärte (1886), daß Gott in den Vereinigten Staaten
„die angelsächsische Rasse auf ihren Auftrag vorbereitet".2
Zweitens entwickelten die Adventisten ihre Auslegung zu einer
Zeit, als die Vereinigten Staaten in keiner Weise eine vorherrschende
Weltmacht waren.
J. N. Andrews war der erste Adventist, der im Jahr 1851 das pro-
testantische Amerika in gedruckter Form als die Macht identifizierte,
die durch das zweite Tier dargestellt wird. In „Gedanken über Of-
fenbarung 13 und 14" 3 beschreibt Andrews das Tier mit den zwei
Hörnern in Offenbarung 13,11 als „unser eigenes Land", die Verei-
nigten Staaten.
Im Jahr 1884 schrieb Ellen White: „Das Bild des Tieres steht für
eine weitere religiöse Körperschaft, bekleidet mit einer ähnlichen
Macht. Die Entstehung dieses Bildes ist das Werk jenes Tieres, des-

1
Zitiert in Paul Boyer, „When Time Shall Be No More", Harvard University
Press, Cambridge, 1992, S. 228.
2
Zitiert in ebd., S. 229.
3
J. N. Andrews, „Thoughts on Revelation 13 and 14" in „Second Advent Review
and Sabbath Herald" vom 19.5.1851.

28
AMERIKA IN DER PROPHETIE

sen friedlicher Aufstieg und sanfte Erklärungen es so deutlich zu


einem Symbol der Vereinigten Staaten machen."1
Im Jahr 1888 schrieb sie in „Der große Kampf" noch deutlicher:

Welches Volk der Neuen Welt begann sich im Jahre 1798


zu Macht und Gröe zu entwickeln und die Aufmerksamkeit
der Welt auf sich zu ziehen? Die Anwendung des Sinnbildes
bedarf keiner Erörterung. Nur eine Nation entspricht den
Angaben der Weissagung, die unverkennbar auf die Verei-
nigten Staaten von Amerika weist.2

Wenn diese Auslegung, nach der Amerika der ganzen Welt das
Malzeichen des Tieres aufzwingt, schon vor nur zehn Jahren un-
glaublich erschien, wie mag sie dann erst in der Mitte des 19. Jahr-
hunderts gewirkt haben, als die Großmächte noch alle in der Alten
Welt zu Hause waren - Preußen, Frankreich, Österreich-Ungarn und
England?
Im Jahr 1851, als Andrews zum ersten Mal seine Erklärung des
Tieres mit den zwei Hörnern veröffentlichte, hatte Amerika eine
Armee für Friedenszeiten von etwa 20.000 Mann, nur ein Zehntel
der Soldaten, die im Kampf bei Waterloo teilnahmen. Im Jahr 1814
(weniger als 40 Jahre vor der Veröffentlichung des Andrews-Artikels)
verbrannten die Briten Washington, D. C. Im Jahr 1867 vernichteten
Sitting Bulls tapfere Krieger General Custers 7. U. S. Kavallerie-Regi-
ment. Das heißt, sechzehn Jahre nach Andrews' und nur acht Jahre
vor Ellen Whites Vorhersage (veröffentlicht 1884) kämpfte Amerika
noch gegen Indianer, und das nicht immer erfolgreich. Und dies
sollte das Volk sein, das die Welt zwingen würde, dem Tier ein Bild
anzufertigen?
Natürlich erwarteten die Pioniere einschließlich Ellen White, daß
diese Ereignisse noch zu ihren Lebzeiten eintreffen würden, und
tatsächlich hätte Christus damals wiederkommen können. Der Punkt
ist nur der, daß im 19. Jahrhundert die Erfüllung dieser Prophezei-
ungen nicht so wahrscheinlich erschien wie heute.

1
Ellen G. White, „The Spirit of Prophecy" Bd. 4, Pacific Press, Oakland, S. 278.
2
Ellen G. White, „Der große Kampf", a.a.O., S. 440.

29
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Erst nach dem Ersten Weltkrieg wurden die Vereinigten Staaten


zu einer internationalen Macht, mit der man rechnen mußte. Den-
noch hatten die USA sogar noch 1933, als Hitler der „Führer" wur-
de, eine Armee, die kleiner war als die spanische, die türkische und
sogar die polnische.
Nachdem Amerika siegreich aus dem Zweiten Weltkrieg hervor-
gegangen war, genoß es uneingeschränkte Vorherrschaft, aber nicht
lange, denn die Sowjetunion forderte die USA bald auf allen Gebie-
ten einschließlich der Raumfahrt heraus. Ältere Amerikaner erin-
nern sich noch an den „Sputnik" und an die daraus folgende Panik,
weil die Russen Satelliten über unseren Köpfen kreisen ließen, wäh-
rend, wie Tom Wolfe in „The Right Stuff" schrieb, amerikanische
„Raketen immer explodierten".1
Sobald die Sowjetunion eine den Vereinigten Staaten ebenbürti-
ge Supermacht war, war es schwer zu erkennen, wie Amerika jemals
seine prophetische Rolle erfüllen könnte. Wenn die Vereinigten
Staaten wegen der Sowjets nicht in der Lage waren, Fidel Castro aus
Kuba hinauszudrängen, wie konnten sie dann jemals der Welt das
Malzeichen des Tieres aufzwingen?
Heute ist die Sowjetunion von der Bildfläche verschwunden und
mit ihr das gröte Hindernis in bezug auf die Erfüllung adventisti-
scher Eschatologie.
Jim Hoagland schrieb in der „Washington Post": „Amerika wird
jetzt alle wichtigen globalen Ereignisse bestimmen."2
Im Jahr 1992 sagte Präsident George Bush: „Ich möchte, daß wir
immer die unangefochtene Führungsmacht der Welt bleiben." 3 Oh-
ne Zweifel wünscht sich Präsident Bill Clinton genau dasselbe.
Im selben Jahr sickerte ein geheimes Dokument über einen Ver-
teidigungsplan an die „New York Times" durch, lanciert von „einem
Beamten, der glaubt, diese Debatte über eine Strategie nach dem
Kalten Krieg sollte in der Öffentlichkeit geführt werden". 4 Das 60

1
Tom Wolfe, „The Right Stuff", Bantam, New York, 1984, S. 201.
2
„Washington Post" vom 29.8.1991.
3
Zitiert in „Atlantic Monthly" 8/1992, S. 22.
4
„Baltimore Sun" vom 8.3.1992, S. 13A

30
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Seiten umfassende Dokument, das später freigegeben wurde, war


eine verwaltungsinterne Studie über Amerikas militärische Stellung
innerhalb der neuen Weltordnung. Der Kern des Dokumentes be-
sagte, daß die Vereinigten Staaten beabsichtigen, auch in Zukunft
die einzige Supermacht der Welt bleiben zu wollen, nachdem sie es
heute faktisch sind.
„Unser oberstes Ziel besteht darin," so hieß es, „das Auftauchen
eines neuen Rivalen zu verhindern - entweder auf dem Territorium
der früheren Sowjetunion oder sonst irgendwo -, der eine ähnliche
Bedrohung darstellen könnte wie seinerzeit die Sowjetunion. Dies ...
erfordert, daß wir irgendeine feindliche Macht daran zu hindern
suchen, ein Gebiet zu beherrschen, dessen Ressourcen ausreichen
würden, eine Weltmacht zu schaffen."
Dieses Dokument besagte auch, daß die „Vereinigten Staaten die
notwendigen Führungsqualitäten zeigen müssen, um eine neue
Ordnung einzusetzen und zu bewahren, die die Aussicht beinhaltet,
potentielle Rivalen davon überzeugen zu können, daß sie keine
gröere Rolle anstreben oder eine aggressivere Stellung einnehmen
müssen, um ihre rechtmäigen Interessen zu schützen ... Schließlich
müssen wir alle Mittel aufrechterhalten, die nötig sind, um potentiel-
le Rivalen davon abzuhalten, nach einer gröeren regionalen oder
globalen Rolle zu streben".
Nachdem es veröffentlicht war, löste dieses Dokument in den
USA und im Ausland einen Sturm der Entrüstung aus. Besonders
gereizt reagierten Japan und Deutschland, zwei Verbündete der
Vereinigten Staaten, die zum Kreis jener Mächte gezählt worden
waren, die davor abgeschreckt werden müten, „nach einer gröe-
ren regionalen oder globalen Rolle zu streben".
Wegen der scharfen Kritik wurde das Dokument revidiert. Die
neue Version, die im Mai 1992 der „Washington Post" zugeschickt
wurde, betonte die Notwendigkeit, daß „gleichgesinnte Nationen" in
einem „gemeinsamen Vorgehen zusammenarbeiten, um Drohungen
abzuwenden". Allerdings besagte auch diese Fassung, daß den Ver-
einigten Staaten „die Fähigkeiten aufrechterhalten müsse, ausgewähl-
te Sicherheitsprobleme anzusprechen, die unsere eigenen Interessen
bedrohen".

31
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Obwohl die spezifischen Hinweise auf die Abschreckung von


möglichen Rivalen aus dem revidierten Dokument herausgenom-
men wurden, hieß es in der „Washington Post": „Ein höherer Beam-
ter sagte, daß die Militärs beim Lesen dieses Dokumentes weiterhin
die ,klaren Botschaften' des Abschnitts über Japan und Rußland
wahrnehmen werden, jedoch ,ohne den Staub aufzuwirbeln' wie bei
dem früheren Entwurf." 1 Die „Washington Post" sagte auch, daß
viele vorgenommenen Streichungen immer noch gültig seien, aber
nicht aufgeschrieben würden, weil „es offenbar unmöglich ist, dieses
Dokument unter uns zu behalten", wie ein Beamter es ausdrückte.
Die Logik des Pentagons macht Sinn, wie unbeliebt sie auch sein
mag. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren Japan und Deutschland
am Boden zerstört. Die Sowjetunion, obwohl siegreich, verlor 20
Millionen Menschen und war den Vereinigten Staaten nicht gewach-
sen. Nur die USA besaßen Atomwaffen, und nur sie allein gingen
aus dem Krieg in wirtschaftlich und militärisch guter Lage hervor.
Dann wurde auch die Sowjetunion zu einer militärischen Super-
macht, den Vereinigten Staaten ebenbürtig. Das Ergebnis war ein
vierzigjähriges Patt, das Amerika Trillionen von Dollars und Zehn-
tausende von Leben kostete, zwei Kriege auslöste (Korea, Vietnam)
und eine atomare Bedrohung durch die kubanische Raketen herbei-
führte.
Die nordamerikanischen Staatsmänner wären töricht, so etwas
noch einmal geschehen zu lassen. Es ist mehr als wahrscheinlich,
daß sie es nicht zulassen werden.
„Wenn die neue Weltordnung irgendeine Bedeutung hat",
schrieb Krauthammer, „dann die einer Durchsetzung der amerikani-
schen Interessen und Werte in der Welt."2
Die USA haben natürlich Werte, die durchaus bewahrenswert
sind - „lammähnliche Eigenschaften" wie Demokratie und religiöse
Freiheit. Unglücklicherweise wird diese Nation jedoch gemä der
biblischen Prophetie wie ein Drache reden (siehe Offenbarung
13,11), und sie wird veranlassen, „daß die Erde und die darauf woh-

1
„Washington Post" vom 24.5.1992, S. A23.
2
Krauthammer, a.a.O., S. 26.

32
AMERIKA IN DER PROPHETIE

nen das erste Tier anbeten, dessen tödliche Wunde heil geworden
war" (Vers 12).
Nachdem die USA keine Rivalen mehr haben und der Kalte
Krieg gezeigt hat, warum sie keine Konkurrenten mehr zulassen
sollten, ist diese Nation heute mehr als jemals zuvor in der Lage,
diese Rolle auszufüllen und schließlich zu einer Nation zu werden,
welche veranlaßt, „daß alle, die das Bild des Tieres nicht anbeteten,
getötet würden" (Offenbarung 13,15).
Es stimmt. Die USA werden nicht umsonst „das neue Rom" ge-
nannt.

33
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Kapitel 4

Im Kampf um die Macht

Während der meisten Zeit des zwanzigsten Jahrhunderts befand sich


das Papsttum in einer traurigen Lage. Gefangen zwischen den über-
wältigenden Ideologien des marxistischen Ostens und des kapitalisti-
schen Westens, war der Vatikan allenfalls ein unbedeutender Mit-
spieler im weltpolitischen „Clinch" der Supermächte. Er versuchte
sich einzumischen, wo und wann er konnte, und übte seinen Einfluß
hier und dort aus, aber in einer Welt, wo SAC-Bomber, Marschflug-
körper und MIGs den Himmel beherrschten, konnte der Papst nur
wenig ausrichten. Joseph Stalin beschrieb die relative Ohnmacht des
Papsttums am treffendsten, als er spottete: „Wie viele Divisionen hat
der Papst?"
Keine, und deshalb konnte man sich bis vor kurzem nur schwer
vorstellen, wie der Vatikan jemals seine Endzeitrolle spielen könnte.
Erst im Jahr 1929 erhielt zum Beispiel das Papsttum seine Herrschaft
über das kleine Gebiet von 0,44 Quadratkilometern zurück, das die
Vatikanstadt umfaßt, und das auch erst, nachdem Pius XI. den Late-
ranvertrag unterzeichnet hatte, in dem das faschistische Regime
Benito Mussolinis anerkannt wurde. Dies alles hört sich kaum nach
der großen Macht an, die in der Offenbarung und im Buch „Der
große Kampf" beschrieben wird!
Nach dem Zweiten Weltkrieg teilte sich die Welt in zwei feindli-
che Lager auf. Eins davon war dem Katholizismus gegenüber un-
verhohlen feindlich eingestellt. Der Papst konnte nichts tun, als halb
Europa vom Kommunismus verschlungen wurde. Wo blieb seine
Macht, als in früher treuen katholischen Ländern die Kirchenglieder

34
AMERIKA IN DER PROPHETIE

verfolgt, die Kirchen geschlossen und die Priester ins Gefängnis


geworfen und sogar getötet wurden? Der Mann, der behauptete, der
Stellvertreter Christi auf Erden zu sein, durfte nicht einmal alle Län-
der seines Heimatkontinents besuchen.
Jenseits des Atlantik wurde das protestantische Amerika, jahrelang
völlig antikatholisch eingestellt, zu einer riesigen politischen, wirt-
schaftlichen und militärischen Macht. Der Antikatholizismus war in
der amerikanischen Seele so tief verwurzelt, daß er sich sogar in der
1
Unabhängigkeitserklärung widerspiegelt. Erst im Jahr 1966, als Papst
Paul VI. vor den Vereinten Nationen sprach, besuchte ihn Präsident
Lyndon B. Johnson in seinem Hotel. Wäre der „Nachfolger" des
Petrus ins Weiße Haus gekommen, hätte es einen Aufstand gegeben.
Auch dies hört sich kaum nach der Weltmacht an, die in der Offen-
barung geschildert wird.
In der Zwischenzeit standen sich die Vereinigten Staaten und die
Sowjetunion im Kalten Krieg gegenüber, jede Nation mit einer An-
häufung atomarer und konventioneller Waffen, während Rom hilflos
zusehen mußte.
Aber dann lagen der europäische und der sowjetische Kommu-
nismus am Boden, und Papst Johannes Paul II. galt mehr als irgend
ein anderer als der Mann, der dies bewirkt hatte. „Der Papst, nicht
Gorbatschow, löste die Veränderungen in Europa aus", lautete eine
Überschrift in der „Jerusalem Post". 2 Das „Time"-Magazin berichte-
te, daß „der Papst aus Polen, Johannes Paul II., mehr als die meisten
dazu beigetragen habe, dem Kommunismus das Grab zu schau-
feln".3
In der „Baltimore Sun" schrieb William Pfaff, daß „die Befreiung
der Ostblockländer von Anfang an ein Thema des Pontifikats Karol
Wojtylas war, nachdem er 1978 zum Papst gewählt worden war.
Seine Reisen nach Polen und in andere kommunistischen Länder
und die Reaktionen, die diese hervorriefen, waren wichtige Fakto-
ren, um die Legitimitätsansprüche der kommunistischen Regierun-

1
Siehe William Lee Miller, „The First Liberty", Alfred A. Knopf, New York,
1986, S. 281.282.
2
„Jerusalem Post" vom 21.4.1990, S. 2.
3
„Time" vom 13.5.1991.

35
AMERIKA IN DER PROPHETIE

gen zu entkräften". 1 Sogar Gorbatschow gab zu: „Alles, was in Ost-


europa in diesen letzten paar Jahren geschehen ist, wäre ohne die
Existenz dieses Papstes nicht möglich gewesen."2
Angesichts dieser vermeintlichen Verdienste ist es kein Wunder,
daß das Papsttum heute solch eine mächtige Position in der Welt
einnimmt. Und nirgendwo wird der plötzliche Aufstieg des Papst-
tums deutlicher dargestellt als in Malachi Martins Buch „The Keys of
This Blood", das 1990 veröffentlicht wurde.
Bereits auf den ersten Seiten stellt Malachi Martin fest, daß Jo-
hannes Paul II. das Papsttum in einem Umfang in die Arena der
internationalen Politik eingeführt hat, wie dies seit dem finsteren
Mittelalter nicht mehr der Fall war.
„Es war", schrieb Martin, „das erste herausragende Merkmal der
Karriere Johannes' Pauls als Papst, daß er die Zwangsjacke päpst-
licher Untätigkeit in bezug auf Weltangelegenheiten abgeworfen
hatte." 3 Er schrieb auch, dieser Papst habe „bekanntgegeben, daß er
beabsichtige, wieder die internationale Rolle zu übernehmen und
erfolgreich auszuüben, die seit jeher der Tradition Roms entsprach,
bis hin zu der Vollmacht, von der die Katholiken behaupten, sie sei
Petrus und jedem seiner Nachfolger von Christus verliehen wor-
den."4
Schon zu Anfang des Pontifikats Johannes' Pauls II. sahen Kom-
mentatoren diesen Kurs voraus. Im Jahr 1979 schrieb der katholi-
sche Kolumnist George Will, daß „im letzten Viertel dieses verweltli-
chenden Jahrhunderts der interessanteste Mann der Welt an einem
Altar arbeitet. Heute verbindet man Macht mit nüchternen Män-
nern, die große Staaten regieren, von denen jeder einzelne jenen
Poeten um seine Macht beneiden muß, dessen ,Staat' ein Nachbar-
ort von Rom ist". 5 Im Jahr 1980 hieß es im „Atlantic", daß Johannes

1
„Baltimore Sun" vom 20.1.1992, S. 7A.
2
„Pope Was Vital to Fall of Communism, Says Gorbatschow" in „Newsnet Item"
18:391 vom 2.3.1992, Reuters News Service.
3
Malachi Martin, „The Keys of This Blood" (Die Schlüssel dieses Blutes), Simon
and Schuster, New York, 1990, S. 23.
4
ebd., S. 22.
5
„Newsweek" vom 15.10.1979, S. 4.

36
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Paul „ohne Zweifel den Vatikan wieder in den Mittelpunkt der in-
ternationalen Bühne gerückt hat".1
Nach Ansicht von Malachi Martin sieht sich der Papst selbst
nicht nur als ein Führer unter anderen in der Welt, sondern als der
eine, der aufgrund seiner Stellung die vorrangige religiöse und poli-
tische Autorität darstellen sollte. „Diese Autorität", schrieb Martin,
„diese Stärke, wird symbolisiert durch die Schlüssel des Petrus, ge-
waschen im Blut des Gott-Menschen Jesus Christus. Johannes Paul
ist und wird der einzige Besitzer der ,Schlüssel dieses Blutes' an je-
2
nem Tag sein."
An welchem Tag? An dem Tag, an dem Johannes Paul II. die
politische Vorherrschaft übernehmen wird, von der er glaubt, daß
seine Stellung ihn dazu ermächtigt. „Denn letztendlich", schrieb
Martin, „behauptet Johannes Paul II. mit dem Anspruch der Stell-
vertretung Christi, die oberste Gerichtsinstanz über die gesamte
Staatengemeinschaft zu sein."3
Nach Martins Meinung ist der zentrale Punkt der neuen Welt-
ordnung nach der Vorstellung Johannes Pauls II., daß weder der
unterdrückende Marxismus mit seiner gottlosen Ideologie noch der
materialistische Kapitalismus mit seinen finanziellen Ungerechtigkei-
ten akzeptabel sei, sondern daß beide verschwinden müten. „Das
Schwierigste an diesen beiden Modellen für die neue Weltordnung
ist für Papst Johannes", schrieb Martin, „daß keines von ihnen in
den moralischen Gesetzen verwurzelt ist, die von Gott durch die
Lehren Christi offenbart wurden, so wie sie die Kirche Christi lehrt
[d. h. die römisch-katholische Kirche]."4
In seiner ersten Sozial-Enzyklika („Centesimus Annus") nach
dem Zusammenbruch des osteuropäischen Kommunismus be-
schrieb der Papst die Probleme der beiden Systeme: „Die histori-
sche Erfahrung des Westens zeigt, daß, selbst wenn die marxistische
Analyse und ihre Grundlagen der Entfremdung falsch sind, dennoch
Entfremdung - und der Verlust des echten Lebenssinns - auch in

1
„Atlantic Monthly" 5/1980, S. 43.
2
Malachi Martin, a.a.O., S. 639.
3
ebd., S. 375.
4
ebd., S. 19.

37
AMERIKA IN DER PROPHETIE

den westlichen Gesellschaften eine Tatsache ist. Deutlich wird dies


in der konsumorientierten Haltung, die Menschen mehr in einem
Netz falscher und oberflächlicher Befriedigung gefangen hält, statt
ihnen echte und konkrete Hilfe bei der Entwicklung ihrer eigenen
Persönlichkeit zu bieten."1
Er betonte auch die Notwendigkeit neuer Sonntagsgesetze. „Man
kann sich fragen, ob die bestehenden Gesetze und die Praxis der
industrialisierten Gesellschaften heutzutage die Ausübung dieses
Grundrechtes auf Sonntagsruhe wirkungsvoll sichern."2
Das Schreiben von Enzykliken macht natürlich niemanden zu ei-
ner Weltmacht. Heute jedoch, nach dem Ende des europäischen
und sowjetischen Kommunismus und angesichts der gegenwärtigen
Unbeständigkeit der internationalen Finanzen sowie des sittlichen
Verfalls des Westens, geht die Welt - verbunden durch ein mächti-
ges Kommunikationsnetz - in eine Richtung, die einer international
so geachteten Person wie Johannes Paul II. (oder einem Nachfolger)
genau die beispiellose politische Autorität gewähren könnte, die er
mit aller Macht seines Amtes anstrebt.
Letztendlich muß sich nach Offenbarung 13,1-3 etwas in dieser
Art ereignen. Das Tier aus Offenbarung 13, das Papsttum, erhielt
eine Wunde: „Und ich sah eines seiner Häupter, als wäre es tödlich
verwundet." (Offenbarung 13,3) Diese Wunde ist jedoch nicht dau-
erhaft: „Und seine tödliche Wunde wurde heil. Und die ganze Erde
wunderte sich über das Tier." (Vers 3)
Martin schrieb: „Mehr als 1500 Jahre lang hatte Rom seine Hand
so stark wie möglich über jedes Dorf oder jede Stadt auf der ganzen
weiten Welt gehalten ... Im großen und ganzen, von einigen Aus-
nahmen abgesehen, entsprach dies römischer Auffassung, bis dem
Papsttum durch stärkere politische Mächte zweihundert Jahre Untä-
tigkeit aufgezwungen wurden."3
Zweihundert Jahre Untätigkeit, aufgezwungen durch politische Groß-
mächte?

1
„Centesimus Annus", Origins: CNS Documentary Service vom 16.5.1991, S. 16.
2
ebd., S. 6.
3
Malachi Martin, a.a.O., S. 22.

38
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Vor zweihundert Jahren, das war um 1790. Die Adventisten ha-


ben die tödliche Wunde, die Rom zugefügt wurde (siehe Offenba-
rung 13,3) - am Ende von „eine Zeit und zwei Zeiten und eine hal-
be Zeit" in Daniel 7,25 (siehe auch Offenbarung 12,6 und 13,5) - auf
das Jahr 1798 datiert, als der französische General Berthier den Papst
gefangennahm.
Ellen White warnte in „Der große Kampf": „Die römische Kirche
ist weitblickend in ihren Plänen und in der Art ihres Wirkens. Sie
bedient sich jeder List, um ihren Einfluß auszudehnen und ihre
Macht zu mehren. Sie bereitet sich auf einen grimmigen und ent-
schlossenen Kampf vor, um die Herrschaft der Welt wiederzugewin-
nen ..." 1 Dieser Papst, sagt Martin, befindet sich in einem Kampf
darum, wer „die zweifache Macht der Autorität und Kontrolle über
jeden einzelnen von uns und über uns alle als Gesellschaft inneha-
ben und ausüben wird; über die gesamten sechs Milliarden Men-
schen, die die Erde gemä den Erwartungen der Demographen im
frühen dritten Jahrtausend bewohnen werden".2
Ellen Whites Worte, „es gehört zu seinem [Roms] diplomatischen
Geschick, immer den Charakter anzunehmen, der am besten seinen
Absichten dient," 3 gewinnen eine interessante Dimension, wenn sie
der folgenden Aussage von Martin gegenübergestellt werden: „Jo-
hannes Paul genoß eine gewisse unschätzbare Immunität in den
mißtrauischen und neugierigen Augen der Welt. Jenes weiße Ge-
wand, sein Käppchen, der Fischerring an seinem Zeigefinger, das
Schauspiel der päpstlichen Liturgie, die Begleitumstände des päpstli-
chen Lebens, all dies bringt es mit sich, daß sowohl weltliche Führer
von Rang und Namen als auch die meisten Beobachter und Kom-
mentatoren ihn fast ausschließlich als religiösen Führer betrachte-
ten."4
„Sie [die römische Kirche] hat sich wohl in christliche Gewänder
gehüllt", 5 warnte Ellen White. Martin sagt: „Johannes Pauls uner-

1
Ellen G. White, „Der große Kampf", S. 566.
2
Malachi Martin, a.a.O., S. 15.
3
Ellen G. White, „Der große Kampf", S. 572.
4
Malachi Martin, a.a.O., S. 23.
5
Ellen G. White, „Der große Kampf", S. 571.

39
AMERIKA IN DER PROPHETIE

schütterliche Gewißheit - die von seinem katholischen Glauben und


seiner persönlichen Ernennung zum einzigen Stellvertreter Gottes
unter den Menschen herrührt - ist, daß jede menschliche Anstren-
gung versagen muß, die letztlich nicht auf die moralischen und reli-
giösen Lehren Christi gegründet ist."1
Rom strebt „nach Wiederherstellung seiner Macht", sagte Ellen
White, „um seine verlorene Oberhoheit wiederzugewinnen ... Rom
nimmt im stillen an Macht zu. Seine Lehren üben auf Parlamente,
auf Kirchen und auf die Herzen der Menschen ihren Einfluß aus ...
Heimlich und unverdächtig stärkt es seine Kräfte, um seine Endziele
zu fördern ..." 2 Martin schreibt, daß Johannes Paul plante, „seinem
Pontifikat ein internationales Profil zu verleihen, sich als Papst unter
den weltlichen Führern und Völkern zu bewegen und dabei eine
Position als besonderer Führer unter Führern zu beanspruchen,
denn aus diesem Wettkampf will er als Sieger hervorgehen".3
„Die römische Kirche hat ihre Ansprüche auf die Oberherrschaft
nicht aufgegeben", 4 sagte Ellen White. Martin schrieb: „Johannes
Paul II., der beansprucht, Christi Stellvertreter zu sein, erhebt glei-
chermaßen den Anspruch, die oberste Gerichtsinstanz für die Staa-
tengemeinschaft dieser Erde zu sein."5
„Erstaunlich in ihrer Geschicklichkeit ist die römische Kirche. Sie
spürt geradezu, was kommen wird. Sie wartet ruhig auf ihre Stun-
de", 6 sagte Ellen White. Martin schrieb: „Er ist ein Papst, der wartet.
Dies ist das Wesen seines Handelns."7
„Viele von denen, die der römisch-katholischen Kirche nicht
wohlwollend gegenüberstehen, fürchten nichts von deren Mach-
teinfluß", 8 sagte Ellen White. Martin schrieb: „Niemand, ob als Ein-
zelperson oder als Gemeinschaft, hat ihm offiziell das Recht einge-

1
Malachi Martin, a.a.O., S. 345.
2
Ellen G. White, „Der große Kampf", S. 581.582.
3
Malachi Martin, a.a.O., S. 480.
4
Ellen G. White, „Der große Kampf", S. 449.
5
Malachi Martin, a.a.O., S. 375.
6
Ellen G. White, „Der große Kampf", S. 580.
7
Malachi Martin, a.a.O., S. 639.
8
Ellen G. White, „Der große Kampf", S. 572.

40
AMERIKA IN DER PROPHETIE

räumt, als religiöse Autorität und moralischer Wächter der Nationen


zu handeln und zu sprechen. Er selbst hat sich dieses Gewand ange-
legt, und niemand von Rang macht es ihm streitig."1
Was dem Buch „The Keys of This Blood" eine besondere Aussa-
gekraft verleiht, ist die Tatsache, daß der Autor nicht irgend ein
fanatischer Siebenten-Tags-Adventist ist, der ein Datum für die Wie-
derkunft festsetzt, von einem nahe bevorstehenden Sonntagsgesetz
überzeugt ist und versucht, aktuelle Ereignisse in unser prophetisches
Drehbuch zu zwängen.
Malachi Martin ist ein frommer Katholik (er widmete sein Buch
dem „Unbefleckten Herzen" Marias), ein ehemaliger Jesuit, der
seine Kirche liebt und über ihre Zukunft besorgt ist. Sein frommer
Katholizismus verleiht dem Buch jedoch eine leichte „Tendenz"
zugunsten des Papstes und der römischen Kirche, und der Leser
muß sich über die Zuverlässigkeit jeder Einzelheit in einem 698-
Seiten-Buch über aktuelle Ereignisse wundern, das ohne Verweise
und Fußnoten auskommt.
Wie dem auch sei, wichtig ist die Hauptaussage von „The Keys
of This Blood" - geschrieben von jemandem, dem sehr wahrschein-
lich die drei Engelsbotschaften nicht bekannt sind -, daß nämlich
Papst Johannes Paul II. in einen internationalen Kampf um die poli-
tische Vorherrschaft verwickelt ist; daß er glaubt, zu dieser Vorherr-
schaft berechtigt zu sein und daß er bisher in diesem Kampf unver-
gleichlichen Erfolg gehabt hat.
Auch andere haben diese Strömungen bemerkt, obwohl sie nicht
unsere Erkenntnisse teilen. Dave Hunt ist ein bekannter evangelika-
ler Autor, 2 der an die geheime Entrückung, an Harmagedon als
wirkliche Schlacht im Mittleren Osten und an die Hauptrolle des
jüdischen Volkes in der biblischen Prophetie glaubt. In einem seiner
letzten Bücher kommt Hunt jedoch zu einigen „adventistischen"
Schlußfolgerungen.
Während die meisten Christen so gut wie jeden als den Anti-
christen betrachtet haben, angefangen von Henry Kissinger über

1
Malachi Martin, a.a.O., S. 639.
2
Er hat u. a. „Die Verführung der Christenheit" (CLV) und eine wirkungsvolle
Studie über die Mormonen („The God Makers") geschrieben.

41
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Gorbatschow bis zu irgend einem „syrischen Juden", schrieb Hunt


in „Global Peace and the Rise of the Antichrist": „Und hier verdich-
tet sich das Komplott. Wenn der Antichrist tatsächlich vorgibt, Chris-
tus zu sein, dann müssen seine Nachfolger Christen sein." 1 Und er
wird noch deutlicher: „In der Tat, mit ,Christentum' meinen sowohl
Gorbatschow als auch der Papst den römischen Katholizismus. Dies ist
nun einmal die offizielle Weltreligion des Römischen Reiches - ge-
nau die Religion, die jenen Status in der Vorbereitung auf den Anti-
christen wiedergewinnen muß ... Die Kirche und das ,Christentum'
des alten Rom erleben eine Auferstehung vor unseren Augen, ver-
sehen mit dem Segen sowohl der Führer der Weltreligionen als auch
der führenden Protestanten."2
Manchmal hört sich Hunt wie „Der große Kampf" an: „Daher ist
die Macht, die Rom über seine Untertanen ausübt, bei weitem grö-
ßer als die irgendeiner weltlichen Regierung über ihre Bürger. Wenn
die Zeit gekommen ist zu wählen, wem man die Treue halten will,
dann gibt es für den Katholiken wenig Zweifel über das Ergebnis,
welcher Staatsangehörigkeit er auch sein mag." 3 In „Der große
Kampf" schrieb Ellen White: „Welcher Nationalität oder Regierungs-
form sie [Katholiken] auch angehören mögen, sie müssen die Auto-
rität der Kirche über alles schätzen. Selbst wenn sie dem Staat den
Treueid leisten, steht doch darüber das Gelübde des Gehorsams
gegen Rom, das sie jedes Versprechens entbindet, das die Interessen
Roms beeinträchtigen könnte."4
Nach Ansicht von Hunt hat Rom auch seine Lehren nicht geän-
dert: „Die ketzerischen Lehren von der Erlösung, die die Reformati-
on hervorriefen, wurden nicht verändert, und der religiöse Einfluß
der Kirche wurde sogar noch stärker." 5 Ellen White schrieb: „Der
Katholizismus als Religionssystem stimmt heute nicht mehr als zu

1
Dave Hunt, „Global Peace and the Rise of the AntiChrist" [dt.: „Globaler Friede
und Aufstieg des Antichristen", Fliss-Verlag], Harvest House, Eugene, Oregon,
1990, S. 8 (Unterstreichung von Hunt).
2
ebd., S. 105.
3
ebd., S. 116.
4
Ellen G. White, „Der große Kampf", S. 581.
5
Dave Hunt, a.a.O., S. 139.

42
AMERIKA IN DER PROPHETIE

irgendeiner früheren Zeit seiner Geschichte mit dem Evangelium


Christi überein."1
Hunt beklagt auch die Tatsache, daß die Protestanten der katho-
lischen Religion gegenüber so offen sind: „Der schreckliche Betrug
wird nur noch überzeugender und zerstörender durch protestanti-
sche Führer, die nahelegen, daß die römisch-katholische Kirche das
biblische Evangelium verkündet. Zum Beispiel vermittelt der Gast-
geber einer bekannten christlichen Fernsehshow (der an der Spitze
des gröten christlichen Fernsehnetzes der Welt steht) seinen Zu-
schauern häufig den falschen Eindruck, daß sich die römisch-
katholische Lehre nicht von den Lehren der Protestanten unter-
scheidet.
In einer Sendung, in der er drei katholische Kirchenführer inter-
viewte, erklärte er, der Unterschied zwischen den protestantischen
und katholischen Lehren sei nur im Verständnis bestimmter Begriffe
begründet." 2 Ellen White sagte: Es „herrscht eine wachsende Gleich-
gültigkeit gegenüber den Lehren, die die protestantischen Kirchen
von der päpstlichen Hierarchie trennen. Es setzt sich immer mehr
die Ansicht durch, daß wir in den wichtigsten Punkten nicht so weit
auseinandergehen, wie vermutet wurde ..."3
Hunt schrieb: „Die Tatsache, daß der Katholizismus das über-
nimmt, was vorher dem Kommunismus gehört hat, ist kaum ein
Grund zum Jubeln; es ist ein strategischer und notwendiger Schach-
zug. Das Römische Reich kann nicht wieder aufleben, ohne daß der
Katholizismus seine vorherrschende Rolle wieder erlangt." 4 Dann
fährt er in einer Sprache fort, die das Buch „Der große Kampf"
harmlos erscheinen lät: „Der Kommunismus war eigentlich nicht
der schlimmste Feind des Christentums. Diese Auszeichnung gehört
der ,Hure von Babylon', die behauptet, ,christlich' zu sein, jedoch
bei weitem mehr Seelen zur Hölle geschickt hat als der Marxismus,
mit dem sie viel gemeinsam hat. Ironischerweise ist die römisch-

1
Ellen G. White, „Der große Kampf", S. 566.
2
Dave Hunt, a.a.O., S. 145 (Unterstreichung von Goldstein).
3
Ellen G. White, „Der große Kampf", S. 564.
4
Dave Hunt, a.a.O., S. 135.

43
AMERIKA IN DER PROPHETIE

katholische Kirche eben so totalitär, wie es der Kommunismus


schon immer war."1
Vor dem Putsch im August 1991 in Moskau schrieb Hunt: „Wie
auch die Zukunft des Kommunismus aussehen mag, die Welt ist
nicht dazu bestimmt, unter die Herrschaft eines marxistischen Dikta-
tors zu kommen, sondern unter die des Antichristen. Nicht der A-
theismus wird triumphieren, sondern eine falsche Religion. Und die
römisch-katholische Kirche wird eine Schlüsselrolle dabei spielen,
dies zustande zu bringen und damit das Schicksal der Menschheit
besiegeln."2
In Polen zum Beispiel, wo die Kommunisten jetzt zerschlagen
sind, baut die Kirche ihre Herrschaft wieder auf. Das „Time"-
Magazin schrieb, daß die Kirche in Polen „allgegenwärtig und, nach
Ansicht einiger Leute, tatsächlich allmächtig" ist. In dem Artikel hieß
es auch, daß die neue Macht Roms „viele Polen mit einem unguten
Gefühl hinsichtlich der Frage erfüllt, ob ihr Land eines Tages viel-
leicht in einen Kirchenstaat umgewandelt werden wird, in dem nach
den Befehlen von Papst Johannes Paul II. regiert wird".3
„Roms Einfluß in jenen Ländern, die einst seine Herrschaft an-
erkannten, ist noch längst nicht abgetan," schrieb Ellen White.4
In Osteuropa haben die Adventisten schon einen Vorgeschmack
auf das Leben unter Johannes Pauls II. neuer Weltordnung erhalten.
Als Anfang 1992 der Evangelist Tony Mavrakos eine Evangelisati-
onsreihe in Kosice, Tschechoslowakei, abhielt, sagten die örtlichen
katholischen Priester den Leuten, sie sollten den Versammlungen
fernbleiben, die im „Weißen Haus" stattfanden, dem ehemaligen
regionalen Hauptquartier der kommunistischen Partei.
Als die ersten Ermahnungen ohne Wirkung blieben, veröffent-
lichte der örtliche Bischof einen Erlaß, in dem Mavrakos namentlich
genannt wurde und der davor warnte, daß alle Katholiken, die bei
den Versammlungen angetroffen würden, mit ihrer Exkommunizie-
rung rechnen müten. Es wurden sogar Zeitungsinserate gegen ihn

1
ebd.
2
ebd., S. 146.
3
„Time" vom 20.5.1991, S. 40.
4
Ellen G. White, „Der große Kampf", S. 579.

44
AMERIKA IN DER PROPHETIE

veröffentlicht. Wie Mavrakos berichtete, sagte der örtliche Vereini-


gungsvorsteher, die Bischöfe hätten vom Papst persönlich einen Brief
erhalten, in dem dieser die Leute strengstens vor dem Besuch der
Versammlungen warnte.
Vor über einem Jahrhundert beschrieb Ellen White in „Der gro-
ße Kampf" genau die heutigen Strömungen: „Die Geschichte legt
Zeugnis ab von seinen [des Papsttums] schlauen und hartnäckigen
Anstrengungen, sich in die Angelegenheiten der Völker einzuschlei-
chen." 1 1990 schrieb der katholische Historiker Francis X. Murphy:
„Davon überzeugt, daß die Kirche sowohl politische als auch religiöse
Probleme zur Sprache bringen muß, hat Johannes Paul über 45
Reisen nach Übersee unternommen und den Kontakt mit so vielen
Regierungen und Völkern wie nur möglich aufrecht erhalten. Dabei
hat er betont, daß der Heilige Stuhl keinem Land oder Volk der
Welt feindlich gesonnen ist."2
Ellen White schrieb: „Die römisch-katholische Kirche bietet heute
der Welt ein äußeres Bild der Sauberkeit, indem sie über ihren Be-
richt schrecklicher Grausamkeit einen Mantel von Entschuldigungen
breitet." 3 Am 1. Januar 1991, dem Weltfriedenstag, verkündete der
Papst eine Botschaft über die religiöse Freiheit, die sich noch besser
anhörte als Thomas Jefferson: „Es ist wichtig," so sagte er, „daß das
Recht jedes einzelnen, seine religiösen Überzeugungen öffentlich
und in allen Bereichen des Privatlebens zum Ausdruck zu bringen,
gesichert sein muß, wenn Menschen in Frieden zusammenleben
sollen ... Keine menschliche Autorität hat das Recht, sich in die
Gewissensentscheidungen eines Menschen einzumischen ... Die
Wahrheit beeindruckt nur durch die Macht ihrer eigenen Wahrheit
..."
Über Verfolgungen sagte er: „Was religiöse Intoleranz betrifft, so
kann nicht geleugnet werden, daß es trotz der eindringlichen Unter-
weisung der katholischen Kirche, wonach niemand zum Glauben
gezwungen werden soll, während der vergangenen Jahrhunderte
Konflikte zwischen Christen und Mitgliedern anderer Religionen

1
ebd., S. 581.
2
Francis X. Murphy, a.a.O., S. 496.
3
Ellen G. White, „Der große Kampf", S. 571.

45
AMERIKA IN DER PROPHETIE

gegeben hat. Dies wurde formell vom Zweiten Vatikanischen Konzil


zugegeben, in dem es hieß: ,Im Leben des Volkes Gottes, das seinen
Weg durch die Wechselfälle der menschlichen Geschichte gegangen
ist, sind zeitweise Handlungsweisen aufgetreten, die weniger mit der
Art und Weise des Evangeliums übereinstimmten'."1
Bei seinem ersten Besuch in der Tschechoslowakei rief der Papst
zur Schaffung „einer gemeinsamen europäischen Heimat vom Atlan-
tik bis zum Ural," auf und äußerte seine Zuversicht, daß Europa
„jene menschlichen und christlichen Werte vollständig wieder ein-
setzen wird, die seine Geschichte so ruhmreich gemacht und es in
die Lage versetzt haben, einen erfreulichen Einfluß auch auf andere
Länder der Erde auszuüben."2
Ende 1991 versammelte er zum ersten Mal in der Geschichte alle
römisch-katholischen Bischöfe von Ost- und Westeuropa in einem
Versuch, seine Vision zu erfüllen - „die Neu-Christianisierung der
westlichen Länder". 3 Während eines vier Tage dauernden Symposi-
ums in Rom sagte der Papst, eine Wiederentdeckung der „christ-
lichen Wurzeln" sei „der Schlüssel zu einem vereinten Europa."4
Natürlich meint er mit „christlichen Werten" die römisch-katho-
lischen christlichen Werte; mit „christlichen Wurzeln" meint er die
römisch-katholischen Wurzeln und mit „Neu-Christianisierung" die
Wiedereinsetzung der katholischen Vorherrschaft.
Vor einiger Zeit erschien in einer italienischen Zeitung ein Artikel
über die Tätigkeiten des KGB in Italien während des Kalten Krie-
ges. Der ehemalige KGB-General Boris Solomatin, der von 1976 bis
1982 die Arbeit des KGB in Italien überwachte, sagte: „Der Vatikan
ist eine echte Supermacht, die man im Auge behalten muß."5

1
Botschaft des Papstes Johannes Paul II. zur Feier des Welt-Friedenstages
(1. Januar 1991).
2
„John Paul Announces Historic Synod of All European Bishops" in „Religious
News Service" vom 23.4.1990, S. 4.
3
„Baltimore Sun" vom 20.1.1992, S. 7A.
4
„Pope: Christians' Roots Are Key to United Europe" in „Religious News Ser-
vice" vom 5.11.1991, S. 8.
5
„National and International Religion Report" vom 23.3.1992.

46
AMERIKA IN DER PROPHETIE

„Diese Welt," sagte Johannes Paul II. zu den Tschechen, „muß


erobert werden."1
Sie wird es, auch wenn nicht alle mitspielen. Malachi Martin
schrieb in „The Keys of This Blood", daß bestimmte Religionen
„einen tiefverwurzelten Widerstand hegen bis hin zur gepflegten
Feindschaft gegen alles, was Johannes Paul als Kirchenmann und
Geopolitiker mit weltweitem Einfluß darstellt". Unter ihnen, so
schrieb er, sind auch die „Siebenten-Tags-Adventisten".2
Martin macht über diese Widerstandsgruppen eine interessante
Aussage: „Johannes Paul betrachtet sie mit einer gewissen Besorgnis.
Aber er weiß, daß ihre Zukunft nach dem jetzigen Stand der Dinge
nur in eine von zwei Richtungen gehen wird. Entweder werden sie
in ihren historischen Nischen steckenbleiben und an ihren Traditio-
nen festhalten, oder sie werden sich entscheiden, eine Art von Ver-
schmelzung mit den verschiedenen Strömungen zu akzeptieren, die
ihren Ansichten nahestehen. Manche haben schon ihre diesbezügli-
che Bereitschaft angezeigt. Darüber hinaus muß jede zufriedenstel-
lende Befreiung von ihren Überzeugungen auf historische Ereignisse
von weltweiter Bedeutung in der nahen Zukunft warten."3
Martin erwähnt nicht, woran bei diesen Ereignissen von weltwei-
ter Bedeutung zu denken ist, noch wie es denen gehen wird, die
darauf bestehen, „in ihren historischen Nischen steckenzubleiben"
(dem Sabbat als Ruhetag?). Er braucht es auch gar nicht. Wir wissen
es schon.
Ellen White schrieb in „Der große Kampf": „Da der Sabbat in
der ganzen Christenheit besonders umkämpft ist und Staat und
Kirche sich vereinigt haben, die Beachtung des Sonntags zu erwir-
ken, wird die hartnäckige Weigerung einer kleinen Minderheit [„ste-
ckengeblieben in ihren historischen Nischen"], der volkstümlichen
Forderung nachzukommen, sie zum Ziel allgemeinen Fluches ma-
chen. Es wird hervorgehoben werden, daß die wenigen, die sich
einer Verordnung der Kirche und den Verfügungen des Staates

1
„Washington Post" vom 23.4.1990, S. A19.
2
Malachi Martin, a.a.O., S. 286.
3
ebd., S. 288.

47
AMERIKA IN DER PROPHETIE

widersetzen, nicht geduldet werden sollten; daß es besser sei, diese


leiden zu lassen, als daß ganze Nationen in Verwirrung und Gesetz-
losigkeit gestürzt würden."1
Martin schrieb: „Es ist für Rom immer ein wichtiger Brauch ge-
wesen, Entscheidungen auf der Grundlage zu treffen, daß das Gut
der Weltgemeinschaft Vorrang haben muß gegenüber allen örtlichen
Vorrechten. Internationale Politik könnte zugunsten bestimmter
Gruppen oder Völker auf Kosten anderer betrieben und gesteuert
werden."2
Was könnte dies „auf Kosten anderer" bedeuten?
„Und es wurde ihm Macht gegeben, Geist zu verleihen dem Bild
des Tieres, damit das Bild des Tieres reden und machen könne, daß
alle, die das Bild des Tieres nicht anbeteten, getötet würden." (Of-
fenbarung 13,15)
Offensichtlich wird der Papst (wer auch immer es sein mag) zu
gegebener Zeit über alle „Divisionen" verfügen, die er braucht.

1
Ellen G. White, „Der große Kampf", S. 616.
2
Malachi Martin, a.a.O., S. 22 (Kursiv hinzugefügt).

48
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Kapitel 5

Die heilige Allianz

Der Untertitel des Buches „The Keys of This Blood", das 1990 veröf-
fentlicht wurde, lautet: „Der Kampf um die Weltherrschaft zwischen
Papst Johannes Paul II., Michail Gorbatschow und dem kapitalisti-
schen Westen". Seit seinem Erscheinen ist die Konkurrenz um ein
Drittel geschrumpft, da Gorbatschow die Herrschaft über sein eige-
nes Land nicht behalten konnte und noch weniger über die ganze
Welt. Nach Malachi Martins Drehbuch (das anscheinend auf der
Weltbühne gespielt wird), bleiben nur noch zwei Bewerber um die
Weltherrschaft übrig: der kapitalistische Westen (angeführt von den
Vereinigten Staaten) und Johannes Paul II. (der Führer des Katholi-
zismus) - die beiden Mächte aus der Offenbarung und dem Buch
„Der große Kampf", die am Ende die Welt wirklich beherrschen
werden!
Obwohl Martin Rom und die Vereinigten Staaten im Wettkampf
um die Weltherrschaft darstellt, zeigte das „Time"-Magazin sie be-
reits bei der Zusammenarbeit, was im Einklang mit der Prophetie
schließlich auch der Fall sein wird. Auf der Titelseite der Zeitschrift
war ein Bild von Papst Johannes Paul II. und Ronald Reagan zu
sehen, und die Überschrift hieß: „Heilige Allianz: Wie Reagan und
der Papst sich verschwörten, um Polens Solidaritätsbewegung zu
helfen und den Untergang des Kommunismus zu beschleunigen."
Der Kern des Artikels besagt, daß von 1982 bis zum Zusammen-
bruch des polnischen Kommunismus die Vereinigten Staaten und
der Vatikan unter der Führung von Papst Johannes Paul II. und
Ronald Reagan in einer heimlichen Operation zusammenarbeiteten,

49
AMERIKA IN DER PROPHETIE

um Polen vom Kommunismus zu befreien und den Griff der Sow-


jetunion über Osteuropa zu lockern.
„Dies war eines der geheimsten Bündnisse aller Zeiten", sagte Ri-
chard Allen, Reagans erster nationaler Sicherheitsberater, der zu
dem Team gehörte, das mit dem Papst zusammenarbeitete.1
Obwohl der Artikel sich primär mit Politik beschäftigte, zeigte er
indirekt auch einen anderen Aspekt der Prophetie auf: den Zusam-
menschluß von Protestanten und Katholiken. Ohne die Verringe-
rung der Feindseligkeiten, die zu einer beispiellosen Atmosphäre der
Freundschaft und Zusammenarbeit zwischen Katholiken und Protes-
tanten geführt hat, hätte diese „Heilige Allianz" wahrscheinlich nie
geschlossen werden können. Der Artikel im „Time"-Magazin symbo-
lisiert daher nicht nur das politische Bündnis zwischen den Vereinig-
ten Staaten und dem Vatikan, sondern auch die wachsende Wieder-
annäherung zwischen Protestanten und Katholiken.
„Die Protestanten stehen gegenwärtig der römisch-katholischen
Kirche wohlwollender gegenüber als in den früheren Jahren,"
schrieb Ellen White in „Der große Kampf".2
„Jüngste Einstellungen gegenüber den Katholiken," schrieb der
Chefherausgeber von „Christianity Today", „sind behutsam tolerant
geworden."3
Mehr als nur tolerant. Trotz der Unterschiede in der Theologie
haben sich Katholiken und Protestanten in den vergangenen Jahr-
zehnten zusammengetan, wo sie nur konnten, besonders im Blick
auf soziale Angelegenheiten.
„Wenn der Katholizismus in Zukunft noch katholischer wird,"
schrieb David Wells in der Zeitschrift „Eternity", „und das erwarte
ich unter dem jetzigen Papst, dann werden die theologischen Unter-
schiede deutlicher werden, aber unser Bündnis mit den Katholiken
gegen die säkulare Kultur kann noch tiefer werden. Ich für meinen
Teil bin bereit für diesen Handel."4

1
„Time" vom 24.2.1992, S. 28.
2
Ellen G. White, „Der große Kampf", S. 564.
3
Kenneth Kantzer, „Church on the Move" in „Christianity Today" vom
7.11.1986, S. 16.
4
David Wells, „Catholicism at the Crossroads" in „Eternity", 9/1987, S. 14.

50
AMERIKA IN DER PROPHETIE

In der Einleitung zu „Evangelical Catholics", geschrieben von


dem katholischen Laien Keith Fournier, sagte Chuck Colson: „Es ist
höchste Zeit, daß wir alle, die wir Christen sind, zusammenkommen,
ungeachtet der Unterschiede unserer Konfessionen und Traditionen,
und gemeinsame Sache machen, um christliche Werte in unserer
Gesellschaft wieder zum Tragen zu bringen. Wenn Barbaren an
unsere Mauern klopfen, dann ist keine Zeit für kleinlichen Zank im
Lager." 1 Anscheinend ist für Colson alles, was Katholiken und Pro-
testanten trennt, „kleinlicher Zank".
Auch Pat Robertson unterstützt die Verbindung mit den Katholi-
ken über Angelegenheiten allgemeinen Interesses. „Ich bin der fes-
ten Überzeugung", sagte Robertson, „daß sich Evangelikale und
Katholiken in Amerika, wenn sie zusammenarbeiten, um viele Initia-
tiven in unserer Gesellschaft zugunsten der Familie kümmern kön-
nen, und wir können ein wirksames Gegengewicht zu einigen dieser
radikalen linken Initiativen sein."2
In dem bereits zitierten Leitartikel von „Christianity Today" fuhr
Kenneth Kantzer fort: „Schließlich können wir [Katholiken und
Evangelikale] in jenen politischen und sozialen Angelegenheiten
zusammenarbeiten, wo wir so eng übereinstimmen ... Unsere ge-
meinsamen Anstrengungen auf diesen Gebieten werden viel dazu
beitragen, die Welt zum Guten zu beeinflussen ... Trotz grundlegen-
der Unterschiede können wir unser gemeinsames jüdisch-christliches
Wertesystem dazu nutzen, mit Gewalt eine moralische Führung
durchzusetzen, die die Sache der Gerechtigkeit und des Friedens
durch die Schaffung einer stabilen Gesellschaft in unserem Land
und in der ganzen Welt fördert."3
William Bentley Ball, ein bekannter Verfassungsrechtler und ka-
tholischer Laie, schrieb in „Christianity Today" einen Artikel mit
dem Titel: „Warum können wir nicht zusammenarbeiten?". Darin
betont er, daß konservative Katholiken und Evangelikale viele Leh-
ren gemeinsam haben: die Gottheit Christi, die Jungfrauengeburt,
den Heiligen Geist, die Unfehlbarkeit der Bibel, die Existenz Satans

1
Keith Fournier, „Evangelical Catholics", Thomas Nelson, Nashville, 1990, S. IV.
2
Zitiert in „Church and State", 8/1988, S. 15.
3
Kantzer, a.a.O., S. 17.

51
AMERIKA IN DER PROPHETIE

und die Erlösung des Menschen durch Christus. Er hätte ebenso die
Heiligkeit des Sonntags und die unsterbliche Seele hinzufügen kön-
nen. „Aus diesen gemeinsamen Glaubenspunkten," so erklärte er,
„gewinnen viele Katholiken und viele Evangelikale klare Positionen
über Probleme um Gesetz und staatliche Ordnung."1
Ellen White schrieb: „Es setzt sich immer mehr die Ansicht
durch, daß wir in den wichtigsten Punkten nicht so weit auseinan-
dergehen, wie vermutet wurde."2
Eine katholische Zeitschrift schrieb: „In den letzten Jahren haben
evangelische und katholische Gruppen ihre Kräfte auf jeder Ebene
sozialer Aktivitäten vereint - von Basis-Protesten bis hin zur Durch-
setzung von Gesetzen im Kongreß, um Änderungen in der öffentli-
chen Ordnung zu bewirken - und sie haben bei einer Vielfalt von
gemeinsamen Interessen die Oberhand behalten."3
Ein Beispiel des politischen Bündnisses zwischen Katholiken und
Protestanten ereignete sich im April 1992, als Führer der römisch-
katholischen Kirche und der Südlichen Baptisten - der zwei gröten
religiösen Gruppen in den Vereinigten Staaten, die sich von ihrer
Geschichte her nicht freundlich gesinnt waren - beim Supreme
Court eine gemeinsame Eingabe machten, in der sie „ein gründli-
ches verfassungsrechtliches Überdenken" der Abtreibungsgesetzge-
bung in den Vereinigten Staaten forderten.4
Abgesehen von solchen gemeinsamen politischen und sozialen
Vorstößen hat sich noch eine andere Möglichkeit der Aussöhnung
zwischen Protestanten und Katholiken ergeben: Katholiken werden
als Evangelikale betrachtet.
„Wenn Sie sich, so wie ich, eher zu den Protestanten der refor-
mierten Tradition zählen," schrieb Colson in Keith Fourniers Buch,
„dann werden Sie vielleicht überrascht sein, sich bei Keiths Gedan-
ken mehr zu Hause zu fühlen als bei den Ansichten vieler Ihrer

1
William Bentley Ball, „Why Can't We Work Together?" in „Christianity Today"
vom 16.7.1990, S. 23.
2
Ellen G. White, „Der große Kampf", S. 564.
3
Glenn Ellen Duncan, „Catholic Twin Circle", zitiert in „Church and State",
3/1989, S. 17.
4
„Religious News Service" vom 6.4.1992, S. 5.

52
AMERIKA IN DER PROPHETIE

protestantischen Brüder und Schwestern. Und wenn Sie ein ortho-


doxer Katholik sind, finden Sie vielleicht heraus, daß Sie eigentlich
zum evangelikalen Lager gehören."1
Obwohl bei der Auffassung von den „evangelikalen Katholiken"
viele Faktoren eine Rolle spielen, hat dabei doch die unter den Ka-
tholiken aufsprießende charismatische Bewegung einen entschei-
denden Einfluß. In den letzten Jahrzehnten hat der Zustrom von
weltweit 60 Millionen Katholiken zur Charismatischen Bewegung
mehr dazu beigetragen, die Schranken niederzureißen, als jedes
andere Ereignis seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Wen küm-
mert es, daß sie den Rosenkranz beten, ihre Sünden den Priestern
beichten und glauben, daß der Papst unfehlbar ist - wenn sie in
„Zungen" reden und andere „Gaben" bekunden, dann muß Jesus in
ihrem Leben wirken. Sie haben die „Taufe mit dem Heiligen Geist",
und das allein zählt.
„Die Lehren protestantischer und katholischer Charismatiker ü-
ber das christliche Leben sind in ihren Absichten und Zielen voll-
kommen identisch," schrieb der Herausgeber von „Christianity To-
day", J. I. Packer. „Ist dies nicht bedeutungsvoll für die Zukunft der
Christenheit?"2
Es ist nicht schwer zu erkennen, wie die Charismatische Bewe-
gung die Brücke zwischen den Konfessionen schlagen kann. Die
Charismatiker neigten schon immer dazu, die geistlichen Gaben auf
Kosten der Lehre hervorzuheben. Eine typisch charismatische Kir-
che könnte sich aus Christen mit den verschiedensten Auffassungen
über die Tausend Jahre zusammensetzen: ob sie vor oder nach der
Wiederkunft oder überhaupt nicht stattfindet.
Abgesehen von einigen Grundlehren wie der Gottheit Christi, der
Existenz des Teufels und der Lehre vom Heiligen Geist (all dies glau-
ben auch Katholiken) können sich Charismatiker über fast jede ande-
re Lehre uneinig sein. Das Wichtigste ist, „geisterfüllt" zu sein. Dies
überwindet alle Unterschiede in der Lehre, sogar zu den Katholiken.

1
Keith Fournier, a.a.O., S. VI.
2
J. I. Packer, „Rome's Persistent Renewal" in „Christianity Today" vom
22.6.1992, S. 19.

53
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Die katholische charismatische Bewegung scheint auch durchaus


keine vorübergehende Erscheinung zu sein. Im Juni 1992 versam-
melten sich 17.000 katholische Charismatiker in Pittsburgh, um den
25. Jahrestag ihrer Bewegung zu feiern. 1 Katholische Charismatiker
sind mit dem vollen Segen des Vatikans von Papst Johannes Paul II.
anerkannt worden. Das Internationale Büro der Charismatischen
Erneuerungsbewegung hat seinen Sitz im Vatikan.
Charismatische Konferenzen, die in der ganzen Welt abgehalten
werden, werden von zahllosen Katholiken besucht, die behaupten,
ihre charismatischen Gaben hätten „ihre Erfahrungen mit dem Ro-
2
senkranz und der Messe und ihre Hingabe an Maria vertieft". Pries-
ter, Nonnen und Mönche erheben ihre Hände, sprechen in „Zun-
gen" und geben „Prophezeiungen" von sich. Bei einer charismati-
schen Versammlung 1987 in New Orleans waren die Hälfte der
Teilnehmer Katholiken, darunter auch viele der Redner. Der cha-
rismatische Führer Vison Synan nannte diese Konferenzen „die ein-
zige gröere Versammlung ihrer Art in der Welt, wo Protestanten
3
und Katholiken zusammenkommen".
„Es gab eine Zeit, da die Protestanten hohen Wert auf die Gewis-
sensfreiheit legten, die so teuer erkauft worden war," schrieb Ellen
White in „Der große Kampf". „Sie lehrten ihre Kinder, das Papst-
tum zu verabscheuen, und waren der Auffassung, daß es der Un-
treue gegen Gott gleichkäme, nach Übereinstimmung mit Rom zu
streben. Wie weit weicht die Gesinnung davon ab, die sich heute
kundtut."4
Billy Graham sagte einmal: „Ich habe in der katholischen Kirche
viele Menschen gefunden, sowohl Geistliche als auch Laien, von
denen ich glaube, daß sie wiedergeborene Christen sind. Sie mögen
andere theologische Ansichten als ich haben, aber ich glaube, daß
sie zum Leib Christi gehören. Deshalb betrachte ich sie als meine
Brüder und Schwestern in Christus."5
1
„Religious News Service" vom 12.6.1992, S. 7.
2
„Christianity Today" vom 21.11.1986, S. 26.
3
„Religious News Service" vom 22.7.1987, S. 22.
4
Ellen G. White, „Der große Kampf", S. 564.
5
„Time" vom 28.5.1990, S. 13.

54
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Ellen White schrieb, daß „es auch echte Christen in der römisch-
1
katholischen Gemeinschaft" gibt, aber sie sagt, „viele werden sich
2
noch zu seinem [Gottes] Volk bekennen," nachdem sie die Wahrheit
angenommen haben. Aber das ist nicht das, was Billy Graham meinte.
Viele Katholiken betrachten sich als echte Evangelikale. Keith
Fournier schrieb: „Ich bin ,evangelikal', weil es mich drängt, die gute
Nachricht von Jesus Christus zu verkünden. Wie ich schon früher
sagte, darf das Wort ,evangelikal' nicht nur für eine kleine Gruppe
von Christen reserviert bleiben. Es sollte vielmehr das stolze Eigen-
3
schaftswort aller Christen sein."
Ellen Whites Warnung in „Der große Kampf", daß Katholiken
und Protestanten ihre Feindschaft begraben und sich einander an-
nähern würden, ist Wirklichkeit geworden. Sie sagte niemals, daß
ihre Lehren vollkommen übereinstimmen müten; sie schrieb nur,
daß sie sich in den Punkten zusammenschließen würden, in denen
sie sich einig sind, und genau dies geschieht heute.
Schließlich werden sie sich zusammentun, um in einer gemeinsa-
men Anstrengung das Sonntagsgesetz durchzudrücken. In der Zwi-
schenzeit arbeiten sie zusammen, wann und wo immer sie können.
Jahrelang konnte man lesen: „Anglikaner rufen nach Einheit unter dem
5 6
4
Papst" ; „Lutheraner bitten den Papst um gemeinsames Abend-
mahl" ; „Neue Anzeichen von Wiedervereinigung" ; „Katholische
7
und lutherische Bischöfe halten gemeinsamen Gottesdienst ab."
Was diese Ereignisse im Licht des Buches „Der große Kampf" so
erstaunlich macht, ist die Tatsache, daß sich die grundlegende rö-
misch-katholische Lehre nicht geändert hat. Rom hat weder auf die
Messe, die Ohrenbeichte, die Marienverehrung (die sich sogar noch
vertieft hat), die unbefleckte Empfängnis, Marias Himmelfahrt, das
Fegefeuer, die päpstliche Unfehlbarkeit, die päpstliche Vorherrschaft
die „Der
1
Ellenauf
noch G. White, große
Lehre Kampf",
von der S. katholischen
566. Kirche als der allein ver-
2
ebd.
3
Keith Fournier, a.a.O., S. 49.
4
Dallas „Times Herald" vom 1.10.1989.
5
„Religious News Service" vom 29.10.1992, S. 1.
6
„Time" vom 17.3.1986.
7
„Religious News Service" vom 24.4.1992.

55
AMERIKA IN DER PROPHETIE

bindlichen Auslegerin der Heiligen Schrift verzichtet. Rom hat all


diese (unbiblischen) Lehren nicht einmal abgeschwächt.
Vor hundert Jahren schrieb Ellen White: „Der Katholizismus ...
stimmt heute nicht mehr als zu irgendeiner früheren Zeit seiner Ge-
schichte mit dem Evangelium Christi überein."1
Zahlreiche Versammlungen zum Thema „Gerechtigkeit aus
Glauben", der Lehre also, die die Kirche seinerzeit gespalten hat,
sind schon gemeinsam von katholischen und protestantischen Theo-
logen abgehalten worden. Gelegentlich veröffentlicht man darüber
auch formale Übereinstimmungserklärungen. Doch dabei handelt es
sich meistens um Debatten über die Bedeutung von Wörtern (wir
Adventisten streiten uns auch über die gleichen Dinge), wobei sich
die katholische Auffassung in keiner Weise ändert.
Die katholische Kirche bleibt das, was sie Jahrhunderte lang ge-
wesen ist: eine Sakramental-Kirche. D. h., für sie ist Erlösung nur durch
ihre hierarchisch-sakramentale Vermittlung möglich. Man muß be-
stimmte Dinge tun, um gerechtfertigt zu werden. Anlälich des
Zweiten Vatikanischen Konzils, als sich die katholische Kirche „ff-
nete", verglich das Konzil die katholische Kirche mit dem mensch-
gewordenen Erlöser. Es hieß, die Kirche sei eingesetzt worden „als
ein weltweites Sakrament der Erlösung".
Und dies ist die Kirche, die viele Protestanten als evangelikal akzep-
tieren? „Wohl hat sich manches geändert," schrieb Ellen White in
„Der große Kampf", „aber nicht das Papsttum."2
Johannes Paul II. ist trotz all seiner Reden über die Einheit des
Leibes Christi ein konservativer Dogmatiker, der wenig Neigung zu
Kompromissen zeigt. Offensichtlich braucht er das auch nicht, denn
die Protestanten scheinen Rom so zu akzeptieren, wie es nun einmal
ist. Und gemä der Prophetie werden sie den Katholizismus denn
auch so bekommen: Wie er denn nun einmal ist.

1
Ellen G. White, „Der große Kampf", S. 566.
2
ebd., S. 572.

56
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Kapitel 6

Die Neue Christliche Rechte


- eine Wiedergeburt?

Auf den ersten Blick schien es zu schön um wahr zu sein. Jerry Fal-
well, einst die Geißel der Liberalen, Feministinnen, Humanisten,
Homosexuellen, Bolschewiken, Demokraten und Atheisten, war
fleißig damit beschäftigt, die evangelikalen Forderungen der Liberty
Universität etwas herunterzuschrauben, um sich 60 Millionen Dollar
an Steuergeldern für seine in finanziellen Schwierigkeiten steckende
1
Schule zu sichern.
Organisationen der Neuen Christlichen Rechten wie das „Natio-
nal Christian Action Council", „Moral Majority" und das „Freedom
Council", jede davon gegründet, „um Amerika zu retten", konnten
sich selbst nicht helfen. Alle waren zusammen mit ihren Zeitschriften
wie „Fundamentalist Journal" und „Conservative Digest" den Bach
hinuntergegangen.
Jimmy Bakkers Schwäche für Geld und Jimmy Swaggarts
Schwäche für Frauen trugen mehr dazu bei, die finanziellen Zuwen-
dungen für den politischen Moloch der Neuen Rechten zu verrin-
gern, als die amerikanische Wählerschaft zum Untergang der Präsi-
dentschaftskampagne Pat Robertsons im Jahr 1988. Und heute, nach
zwölf Jahren Reagan und Bush, scheint die Neue Rechte, einst als
2
„das Mittelstück der konservativen Bewegung" bezeichnet, in der
politischen Bedeutungslosigkeit versunken zu sein.
1
Pamela Maize Harris, „Did Jerry Falwell Sell Out the Store for
Tax-Free
2 Bonds?". Siehe „Liberty" 8-9/1991, S. 2-7.
Sidney Blumenthal, „The Righteous Empire" in „The New Republic" vom
22.10.1984, S. 18.

57
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Äußerliche Erscheinungen können jedoch täuschen. Tatsächlich


ist die Neue Christliche Rechte bei weitem nicht ausgestorben. Sie
ist heute mehr in der amerikanischen Politik verwurzelt als jemals
zuvor.
„Die Evangelikale Rechte ist zurückgekehrt," schrieb Thomas
Atwood, Herausgeber des „Policy Review", „besser organisiert für
Staats- und Lokalpolitik, weniger abhängig von Personen, die im
Rampenlicht stehen, und effektiver, weil sie durch Organisationen
auf einer breiten Basis wirkt, die nicht ausdrücklich mit Evangelika-
lismus in Verbindung gebracht werden."1
„In den achtziger Jahren", sagt der Politikwissenschaftler Matthew
Moen, „veränderte die Neue Rechte den öffentlichen Dialog und
die Debatten im Kongreß. In den neunziger Jahren dringt sie heim-
lich in die Machtstrukturen ein, um auf Wegen Einfluß zu erlangen,
die ihr vorher verwehrt waren. Und in mancher Beziehung ist sie mit
dieser neuen Strategie zum Teil stärker als jemals zuvor."2
Eine neue Strategie wurde gebraucht. Trotz des Wucherns eines
Buchstabensalats von Organisationen der Neuen Rechten, 3 die fast
über Nacht entstanden, trotz massiver Kampagnen zum Erwerb von
Kapital und intensiver Interessenvertretung in Washington, D. C.,
konnte die Neue Rechte während der ganzen achtziger und frühen
neunziger Jahre keines ihrer Hauptanliegen in der Gesetzgebung
zum Erfolg führen, außer vielleicht die Niederschlagung des Zusatz-
artikels zum Gleichstellungsrecht. Ihren Führern gelang es zwar, den
Zusatzartikel zum Schulgebet bis zum Senat zu bringen (keine gerin-
ge Leistung), aber sie waren nicht in der Lage, dies oder sonst ir-
gend etwas Wesentliches in einen Sieg zu verwandeln.
Obwohl die Neue Rechte Ronald Reagan unterstützte, der viele
ihrer Plattheiten mit Überzeugung vorbrachte (sie liebte zum Bei-
spiel seine Rede über das „Reich des Bösen" 1983 in Orlando) und

1
Thomas Atwood, „Through a Glass Darkly" in „Policy Review", Herbst 1990,
S. 44.
2
Zitiert in Clifford Goldstein, „The New Christian Right: Born Again?" in „Shab-
bat Shalom", April-Juni 1991, S. 4.
3
NICPAC, ACTV, NCAC, CLEAR-TV, CV, CWA, CSFC, FCPAC, CMA,
NCAP, EF, AFC, NPCF

58
AMERIKA IN DER PROPHETIE

der Bewegung Legitimität verlieh, so verfolgte Reagan doch nicht


die politische Agenda der Neuen Rechten mit dem erwarteten heili-
gen Eifer. Er unterschrieb keine Verfassungsänderung, die die Ab-
treibung verbot; er gab kein Gesetz heraus, das das Gebet in staatli-
chen Schulen vorschrieb; er beschnitt nicht die Rechte der Homo-
sexuellen und ging selbst kaum zur Kirche. Sein Nachfolger, der
blaublütige Episkopale George Bush, der ebenfalls einige derselben
Plattheiten wiederholte (obwohl nicht ganz so überzeugend wie Re-
agan), tat sogar noch weniger. Und nun sehen sie sich einem Präsi-
denten Clinton gegenüber.
Tom Roberts schrieb: „Einige, die zur Religiösen Rechten gehö-
ren, stellen fest, daß die Evangelikalen wenig Belohnung für ihre
Anstrengungen bei den Wahlen erhalten haben, außer daß deutlich
mehr konservative Richter ernannt wurden, auch am Obersten Ge-
1
richtshof."
Am 24. April 1990 standen zum Beispiel Vertreter der Homose-
xuellen- und Lesben-Aktivisten auf Einladung des Weißen Hauses
im „Ovalen Office" des Präsidenten, um den Gesetzesentwurf zur
2
„chtung von Haßverbrechen" zu unterzeichnen. Mehr als ein
Jahrzehnt, nachdem die Neue Rechte versprochen hatte, Amerika
mehr Moral zu bringen, holte George Bush statt dessen Homosexu-
elle ins Weiße Haus. Offensichtlich hatte alles, was die Neue Christ-
liche Rechte in den achtziger Jahren plante, keinen Erfolg.
Und wenn man ihre Strategien betrachtet, ist das auch kein
Wunder. Wie rechtschaffen manche ihrer Anliegen auch waren, ihre
Methoden waren es oft nicht, und dies brachte ihr eine schlechte
Presse in den Abendnachrichten ein. „Christian Voice" veröffentlich-
te seine berüchtigte „Candidate's Biblical Scorecard", auf der alle
Kirchenmitarbeiter verzeichnet waren, die es versäumt hatten, zu
allem - von einem Haushaltgesetz bis zu den nicaraguanischen
3
„Freiheitskämpfern" - eine „pro-biblische Stimme" abzugeben. Und
1
Tom Roberts, „Religion in Politics: a lower profile in '92" in „Religious News
Service" vom 14.2.1992, S. 3.
2
R. Evans und R. Novak, „Bush and the Gay Lobby" in „Washington Post" vom
25.5.1990.
3
„Candidate's Biblical Scorecard", Biblical News Service - Christian Voice (Costa
Mesa, Calif., 1986).

59
AMERIKA IN DER PROPHETIE

auch hysterische Veröffentlichungen zu Finanzfragen, wie jener Brief,


in dem davor gewarnt wurde, daß Spenden an diese Organisation
„wohl den Unterschied ausmachen könnten zwischen einem überle-
benden Amerika und einem von Gottes Zorn vernichteten Amerika
- vielleicht durch nukleares Feuer und Schwefel," 1 hörten sich in der
Presse nicht gut an.
Der Kommentar der Senatorin von Alaska, Edna DeVries, daß al-
le Nichtchristen „das Land verlassen sollten", die „Gebets-Hitliste"2
des Moral-Majority-Führers Greg Dixon in Indiana oder die Aussage
des Baptistenpastors W. A. Criswell, daß „diese Vorstellung von der
Trennung von Kirche und Staat ein Produkt der Einbildung einiger
Ungläubiger" sei, 3 stieß viele Amerikaner ab, die immer noch einen
gesunden Argwohn gegenüber der Vermischung von Religion und
Politik hegen. Als Pat Robertson, die schillerndste Figur der Neuen
Rechten, George Bush öffentlich beschuldigte, Jimmy Swaggarts
sexuelle Übertretungen ans Tageslicht gebracht zu haben, um Ro-
bertsons Präsidentschaftskampagne in Mißkredit zu bringen, wurde
offensichtlich, daß die Neue Christliche Rechte selbst eine gründli-
che Erneuerung in ihrer Politik und Werbestrategie brauchte.
„Evangelikale müssen die politische Verfahrensweise studieren,"
sagte Robert Dugan, Direktor des Washingtoner Büros der „National
Association of Evangelicals" (NAE). „Sie müssen zu gröerer Abge-
klärtheit gelangen, verbunden mit Integrität und Wissen."4
Und genau das tun sie. Bibelschwinger frisch vom Maisfeld, die
Höllenfeuer und Schwefel gegen Gesetzgeber speien, die keine „auf
die Bibel gegründeten" Gesetze erlassen, werden nach und nach
durch politisch gewitztere Konservative ersetzt, die im Hintergrund
wirken, um die gleichen Ziele zu verfolgen, aber ohne Höllenfeuer
und Verdammnis. „Ein neuer Kader ist jetzt angetreten," sagt Moen,

1
Letter from Robert Grant's „Christian Voice", 1986.
2
William Bole, „Battle escalates over proper place of religion in politics" in „Reli-
gious News Service" vom 1.8.1986, S. 1.
3
Zitiert in Jim Buie, „Praise the Lord and Pass the Ammunition" in „Church and
State", 10/1984.
4
Zitiert in David Aikman, „Washington Scorecard" in „Christianity Today" vom
21.10.1989, S. 23.

60
AMERIKA IN DER PROPHETIE

„der die Intelligenz und die Schlauheit besitzt, die vorher gefehlt
haben."
Die Neue Rechte hat auch ihre Rhetorik gemildert. Jimmy
Swaggarts Warnung an seine politischen Gegner: „Ihr habt euch
nicht gegen die tölpelhaften Fundamentalisten gestellt. Ihr habt euch
gegen Gott gestellt!" 1 wird jetzt durch eine gehobenere und weniger
sektiererische Methode ersetzt.
Statt z. B. den Streit um die Abtreibung einen Kampf zu nennen,
der verhindert, daß „dieser nationale Holocaust den vollen Zorn des
allmächtigen Gottes über dieses sündenbeladene, frevelhafte Volk
bringt", handelt es sich jetzt um eine Debatte über „die Rechte des
Ungeborenen"; das Schulgebet firmiert heute unter „Chancen-
gleichheit" für religiöse Werte; und aus der Forderung nach Steuer-
geldern für Privatschulen ist die „freie Wahl" der religiösen Erzie-
hung geworden.
Nicht mehr so oft, wenigstens nicht öffentlich, bezeichnen sie An-
sichten, die den ihren entgegenstehen, als „vom Teufel". Man spricht
in der Öffentlichkeit nicht mehr so oft von Homosexuellen als von
„Perversen und Sodomisten". Aktivisten werden angewiesen, Reden
wie „Gott berief mich, euch im Namen des Herrn Jesus Christus zu
warnen, daß eure politische Position gegen sein heiliges Wort ist" zu
vermeiden.
Trotzdem machen einige Aktivisten der Neuen Rechten zuweilen
auch heute noch Fehler. Im Jahr 1992 sandte Jay Grimstead, der
Vorsitzende des Senders „Neue Rechte in Kalifornien" einen Brief
an William B. Allen, einen Professor der politischen Wissenschaft,
der gegen Bill Dannemeyer, den Liebling der Konservativen, als
Kandidat für den US-Senat antrat.
Grimstead schrieb: „Wir fordern Sie im Namen Jesu Christi, des
Königs des Universums, auf, sofort von dem törichten Versuch, den
Senatorensitz zu erringen, zurückzutreten und öffentlich bekanntzu-
geben, daß Sie sich mit Ihrem Ansehen und Ihrer Kampagne hinter
Dannemeyer stellen und seine Bemühungen um den Sieg unterstüt-
zen". Grimstead warnte: Wenn Allen sich nicht von seinem „törich-

1
The Jimmy Swaggart Television Program, 5.1.1986.

61
AMERIKA IN DER PROPHETIE

ten Pfad" zurückzöge, dann hätte diese „politische Abtreibung, die


nur den Mächten der Finsternis dienen könne", nicht nur politische
Konsequenzen, sondern vielleicht auch himmlische. „Wir vermuten",
so prophezeite er, „daß Gott selbst sich bemühen wird, Sie zu strafen
und diese ihre Bestrebung zu verurteilen, wie auch immer er es für
richtig hält. Und jeder, der einmal von unserem himmlischen Vater
bestraft worden ist, kann Ihnen bestätigen: Er kann sehr gewaltsam
mit uns umgehen."1
Obwohl Grimstead behauptete, es sei ein „Roh-Entwurf" gewe-
sen und er habe später eine revidierte Fassung ohne diese Drohun-
gen abgeschickt, zeigt dieser Brief doch, daß sich die Neue Rechte
trotz der äußerlichen politischen Kehrtwendung im Kern nicht ge-
ändert hat.
Abgesehen davon, daß die Neue Rechte die schwülstigen Aus-
drücke über den Zorn Gottes durch eine annehmbarere Aus-
drucksweise (mit Ausnahmen) ersetzt hat, hat sie auch ihre gesamte
Taktik überarbeitet. Weil sie erkannt hat, daß sie im Kongreß oder
im Weißen Haus zumindest heute noch nicht gewinnen kann, hat
die Neue Christliche Rechte eine landesweite Kampagne gestartet,
um sich heimlich in die lokale Politik, aber auch in die Politik der
Kreise und der einzelnen Bundesstaaten einzumischen.
„Das kommende Jahrzehnt bietet die gröten Möglichkeiten für
Aktivitäten an der Basis", sagt James Muffett, Direktor des Komitees
für Freiheit in Michigan. „Für uns ist die Zeit gekommen, unsere
Augen vom Weißen Haus abzuwenden und uns auf Otto Normal-
verbraucher zu konzentrieren."2
Indem die Neue Christliche Rechte hauptsächlich durch die Re-
publikanische Partei arbeitet, gelingt es ihr, im ganzen Land ihre
Leute in die Verwaltungen zu setzen, angefangen von Schulaus-
schüssen bis hin zu den Parlamenten. „Konservative evangelikale
Christen leiten die Republikanische Partei oder helfen dabei in
mindestens einem halben Dutzend der amerikanischen Staaten mit,"

1
Zitiert in „Harper's" vom 24.5.1992, S. 24.
2
„Christian Coalition Expands Across the USA: Christian Activism on the Rise"
in „Christians' America", Official Newsletter of the Christian Coalition. Spring
1990.

62
AMERIKA IN DER PROPHETIE

schrieb der politische Analytiker Rob Gurwitt, und sie „treten an


und erringen Sitze in Stadt- und Gemeinderäten sowie Schulaus-
schüssen von Oregon bis Georgia." „Sie haben", so sagte er, „eine
Gruppe von erfahrenen politischen Strategen herangebildet, die
heute bei Wahlkämpfen und in Organisationen von Kandidaten der
großen Parteien und politischen Gruppen in Erscheinung treten. Die
Christliche Rechte ist kein politisches Unschuldslamm mehr. Ihre
Führer haben gelernt, wie man nach Macht strebt." 1 Und sie dringen
heute in Bereiche vor, wo es viel wahrscheinlicher ist, daß sie diese
Macht auch erringen.
„Wir haben versucht, Washington anzugreifen," sagte Robert
Reed, Direktor der Christlichen Koalition Pat Robertsons, „als wir
uns auf die Bundesstaaten hätten konzentrieren sollen. Die wirkliche
Schlacht, die für Christen von Bedeutung ist, findet in der Nachbar-
schaft, in Schulausschüssen, Stadtverwaltungen und Landesparla-
menten statt."2
Das Schlüsselwort dieser neuen Strategie ist Koalition. Statt einige
hochkonzentrierte Machtstrukturen in einem einzigen Gebiet zu
vereinigen, breiten sich kleine unabhängige Gruppen über ganz
Amerika aus und arbeiten auf die gleichen Ziele hin. „In den neun-
ziger Jahren", sagte Tim LaHaye, Präsident von Family Life Seminar
und Führer der Neuen Rechten, „wird sich die Religiöse Rechte aus
einer Vielzahl von unabhängigen, örtlich geförderten und finanzier-
ten Organisationen zusammensetzen, die ein gemeinsames Ziel ha-
ben, aber individuell arbeiten."3
Diese „Guerilla-Methode" hat deutliche Vorteile gegenüber der
„konventionellen Kriegsführung". Vor allem braucht man weit weni-
ger politischen Verstand, um mit einem Schulausschuß in Podunk,
Arkansas, fertigzuwerden, als mit dem Senat in Washington. Deshalb
werden auch die weniger gebildeten Mitstreiter in der Lage sein,

1
Rob Gurwitt, „The Christian Right Has Gained Political Power. Now What
Does It Do?" in „Governing", 10/1989, S. 52.
2
Zitiert in „The Christian Coalition: Ganging Up on the First Amendment" in
„Church and State", 4/1990, S. 12.
3
Kim Lawton, „Whatever Happened to the Religious Right?" in „Christianity
Today" vom 15.12.1989, S. 44.

63
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Einfluß auf Stellen auszuüben, die sie vorher nicht erreichen konn-
ten. Die meisten Amerikaner wissen nicht viel über Lokalpolitik; sie
beschäftigen sich nicht damit, und die meisten kümmert sie nicht
einmal - eine mangelnde Anteilnahme, die der Neuen Rechten zum
Vorteil dient.
Die Wahlbeteiligung ist gewöhnlich auch sehr niedrig, eine weite-
re Gelegenheit für die Neue Rechte, ihren Einfluß zur Geltung zu
bringen. „Es gibt keinen Zweifel darüber," schrieb Robert Dugan
von der NAE, „daß evangelikale Christen den Kulturkampf einzig
und allein mit dem Gewicht ihrer Stimmen gewinnen können."1
Ferner ist es sehr unwahrscheinlich, daß unabhängige Organisa-
tionen, die an der Basis arbeiten, mit dieser unaufdringlichen Me-
thode so sehr die Aufmerksamkeit feindlicher Medien auf sich zie-
hen, wie es die Scharen von Predigern in Washington taten, die
lauthals Bibelverse zitierten und erklärten: „Wir werden die Sache
für Jesus übernehmen! Halleluja!" Der wohl gröte Vorteil dieser am
Fußvolk und der örtlich orientierten Vorgehensweise ist die Tatsa-
che, daß zahlreiche unabhängige Gruppen, die über das ganze Land
verteilt sind, viel schwieriger zu entdecken sind als wenige, aber
deutlich wahrnehmbare Vertretungen in Washington. „Es wird
schwierig sein," warnt Joe Conn von der Organisation „Amerikaner
vereinigt für die Trennung von Kirche und Staat", „die Aktivitäten
so vieler kleiner Organisationen zu überwachen."
Die jüngste Ortspolitik in Kalifornien zeigt deutlich die Wirkung
dieser „Basis-Politik". In den ersten Jahren dieses Jahrzehnts errang
die Neue Rechte die Mehrheit sowohl in der Hälfte des republikani-
schen Zentralkomitees der Kreise als auch dem des Bundesstaates.
Im Kreis San Diego gewannen im November 1990 sechzig Aktive
der Neuen Rechten Sitze in Schulausschüssen, Wasserausschüssen
und im Stadtrat. Manche waren „Geheimkandidaten". Konservative
Evangelikale, die von Pat Robertsons Wahlkampf übriggeblieben
sind, verbleiben nicht nur in Positionen der Republikanischen Partei
des Bundesstaates, sondern streben darin auch die Führung an.

1
Robert Dugan, „Winning the New Civil War", Multnomah, Portland, Oregon,
1991, S. 189.

64
AMERIKA IN DER PROPHETIE

„Nach den Wahlen 1988," schrieb Frederick Clarkson, „ber-


nahm Robertsons Mitarbeiterstab die California Republican As-
sembly (CRA), eine Einrichtung der konservativen Republikaner.
Die CRA plante zusammen mit den Young Americans for Freedom,
den College Republicans und einer Gruppe von rechtsorientierten
Beamten ... die Übernahme der republikanischen Kreiskomitees und
schließlich des Parteipräsidiums des Landes."1
Pat Robertsons „Christian Coalition" (CC) verbreitet, anders als
die ausgestorbene Moral Majority, das politische „Evangelium" der
Neuen Rechten auf lokaler Ebene, wo sie „christliche Werte fördern
will durch ein Netz von Staatsbeamten und Ortsgruppen." 2 Ange-
fangen mit einer Adressenliste von 1,8 Millionen Namen, die von
Robertsons erfolglosem Präsidentschaftswahlkampf übriggeblieben
waren, behauptete die Organisation zum Zeitpunkt der Abfassung
dieses Buches, 250.000 Mitglieder in vierzig Staaten zu haben und
laut Angabe der Literatur des CC steigen diese Zahlen.
„Wenn die Reaktion, die wir landesweit feststellen, dafür ein
Hinweis ist," schrieb der nationale Leiter des CC, Guy Rodgers,
„dann sind Christen überall der Meinung, daß es Zeit ist für solch
hohe Qualität [politischer Macht], denn die Botschaft verbreitet sich
wie ein Präriefeuer ... Zu Tausenden nehmen Christen es nun ernst
mit ihrem Einfluß in der politischen Arena."3
Nach ihrer Werbeliteratur plant die Christian Coalition, sowohl
christliche Anliegen vor Stadt- und Gemeinderäte, Landesparla-
mente und den Kongreß zu bringen, als auch christliche Führer „für
effektive soziale und politische Tätigkeiten" auszubilden. In einer
Anzeige heißt es: „Jetzt können sich Christen hinter einer Basis-
Bewegung zusammenschließen, die den Status quo verändern wird."
Eine andere wirbt für ein zweitägiges Christian Coalition-
Führungsseminar: „Ob du es glaubst oder nicht, möglicherweise will
der Herr sogar, daß du dich um ein Amt bewirbst." In einer ande-

1
Fred Clarkson, „California Dreamin'" in „Church and State", 10/1991, S. 5.
2
Aus einem Werbeprospekt, herausgegeben von der Christian Coalition, Chesa-
peake, Virginia.
3
Guy Rodgers, „New Wave of Christian Activists on the Scene" in „Christian
American", 3-4/1992, S. 23.

65
AMERIKA IN DER PROPHETIE

ren steht: „Als Basis-Vereinigung von Evangelikalen, Pro-Familia-


Katholiken und ihren Verbündeten sind wir entschlossen, der Plün-
derung unseres jüdisch-christlichen Erbes ein Ende zu machen."
Manche ihrer Anzeigen, besonders in der weltlichen Presse,
wenden sich an den Verstand und deuten auf die gemäigtere Hal-
tung der Neuen Rechten und Pat Robertsons politische Reifung hin.
Am 20. Juni 1990 erschien eine einseitige Anzeige der Christian
Coalition in der „Washington Post" (die heute 44.350 U. S. Dollar
kostet), adressiert an den „Kongreß der Vereinigten Staaten". In
Form eines von Robertson geschriebenen Briefes warnte die Anzei-
ge den Kongreß vor der Bewilligung von Steuergeldern für „Kunst",
die viele Amerikaner anstöig finden.
Die Anzeige endete: „Es mag in Ihrem Bezirk mehr Homosexu-
elle und Kinderschänder geben als Katholiken und Baptisten. Sie
mögen feststellen, daß die arbeitende Bevölkerung in Ihrem Bezirk
ihr Geld dazu verwendet sehen möchte, ihre Söhne zur Homosexua-
lität anzuleiten. Sie mögen finden, daß die Katholiken in Ihrem
Bezirk wünschen, daß ihre Steuergelder für Bilder von einem in
Urin getauchten Papst ausgegeben wird.
Aber vielleicht auch nicht. Es gibt einen einzigen Weg, dies he-
rauszufinden: Stimmen Sie für die NEA-Bewilligung wie Pat Willi-
ams, John Frohnmayer und die Homosexuellen- und Lesben-
Aktionsgruppen, die es wollen. Und machen Sie mich glücklich."
Unterschrift: „Pat Robertson."
Robertson warnte nicht vor „dem Zorn eines wütenden Gottes",
der über jene Heiden kommen wird, die dafür stimmten, Kunst von
„unerlösten Sodomiten und Perversen" zu fördern. Er redete auch
nicht über „den Untergang unserer jüdisch-christlichen Zivilisation"
oder über einen „politischen Heiligen Krieg zwischen den Mächten
der Finsternis und des Lichtes". Das alles war typisch für die
schwülstige Neue Rechte der achtziger Jahre. Statt dessen wirkt die
Anzeige wie eine eindringliche vernünftige Bitte, fähig, viele gewis-
senhafte Amerikaner anzusprechen, ob religiös oder nicht, die sich
nicht mit dem Gedanken anfreunden konnten, 175 Millionen Dollar
für verschiedene „Kunst"-Projekte auszugeben, darunter, um Robert-

66
AMERIKA IN DER PROPHETIE

son zu zitieren, „das Bild eines Mannes, der in den Mund eines
anderen uriniert".
Die moralische Agenda der Neuen Rechten im Jahr 1990 unter-
scheidet sich nicht sehr von der des Jahres 1980. Diesmal jedoch -
da sie einen weltlicheren Ton anschlägt und ihre Auffassungen nicht
mehr auf eine Zorn-Gottes-Theologie, sondern auf einfache Moral
und gesunden Menschenverstand gründet - kann sich die Bewe-
gung der Unterstützung vieler Amerikaner sicher sein, die zwar nicht
notwendigerweise mit ihren religiösen Ansichten übereinstimmen,
jedoch mit ihren politischen Anliegen sympathisieren. Man braucht
kein einmal-gerettet-immer-gerettet-in-Zungen-redender-vor-der-
Trübsal-entrückter Bibelfundamentalist zu sein, um nicht zu wollen,
daß Steuergelder zur Unterstützung von Robert Mapplethorpes
Homo-Erotik ausgegeben werden.
Zweifellos ist der moralisch hohe Standard, den die Neue Rechte
in vielen Angelegenheiten deutlich gemacht hat, ihr gröter Aktiv-
posten. Sogar die meisten Leute, die für die freie Entscheidung sind,
mögen keine Abtreibung, sondern sehen sie nur als die beste von
schlechten Möglichkeiten an. Und welcher verantwortungsbewußte
Bürger, weltlich oder religiös, ist nicht angeekelt von den Verbre-
chen, den Drogen und dem moralischen Verfall in unseren Städten?
Wer ist nicht besorgt über die amerikanischen Schulen, die Jugend,
die Moral und die Kultur? Wenigstens unternimmt die Neue Rechte
einen ernsthaften Versuch, diese moralischen Probleme in Angriff
zu nehmen, und schon diese Anstrengung allein wird ihr Anhänger
und Macht einbringen.
So lange die Neue Christliche Rechte gegen unser moralisches
Elend nicht nur Einspruch erhebt - was jeder tut, von Jesse Jackson
bis David Duke - sondern mit ganzer Kraft daran arbeitet, es zu
lindern, wird sie immer mächtiger werden.
„Die Strategie gegen die amerikanische radikale Linke", schrieb
Pat Robertson in einem Brief an die Mitglieder seines Clubs der 700,
„sollte die gleiche sein wie die, die General Douglas MacArthur
gegen die Japaner im Pazifik anwandte ... ihre Festungen umgehen,
sie dann umzingeln, sie isolieren, sie bombardieren und dann die
Anführer in einem Mann-gegen-Mann-Kampf aus ihren Schutzbun-

67
AMERIKA IN DER PROPHETIE

kern treiben. Die Schlacht um Iwo Jima war nicht angenehm, aber
unsere Truppen haben sie gewonnen. Die Schlacht um die Seele
Amerikas wird auch nicht angenehm sein, aber wir werden sie ge-
winnen!"1
Offensichtlich hat Robertson seit seines 1988 fehlgeschlagenen
Wahlkampfes mehr getan als Beten. Obwohl die Neue Rechte es
vermieden hat, ihre bekanntesten Führer wie Falwell einzusetzen,
wie sie es in den achtziger Jahren noch getan hat, hat Robertson
diese Aufgabe übernommen. Neben seinem Club der 700, seiner
juristischen Fakultät, seinen politischen Organisationen und seinen
blühenden Geschäftsunternehmen gelingt es Robertson, beinahe
jedes Jahr ein neues Buch unter seinem Namen zu veröffentlichen.
Sein Buch „The New World Order" (1991) 2, welches sogar die
Bestsellerliste der „New York Times" stürmte, warnt vor einer ge-
heimen Verschwörung, in die Illuminaten, der Rat für Ausländische
Beziehungen, die Trilaterale Kommission und die Vereinten Natio-
nen verwickelt seien, die alle versuchten, „den christlichen Glauben
zu zerstören" und „ihn durch eine vom Okkultismus inspirierte sozi-
alistische Weltdiktatur zu ersetzen", die aus „Trunkenbolden, Dro-
genhändlern, Kommunisten, Atheisten, Satansverehrern des New
Age, weltlichen Humanisten, grausamen Diktatoren, habgierigen
Geldwechslern, revolutionären Mördern, Ehebrechern und Homo-
sexuellen" 3 bestehen würde.
Einen Abschnitt widmet er auch den Zehn Geboten. „Die Uto-
pisten haben über die Weltordnung geredet", schrieb er. „Ohne es
näher auszuführen: die Zehn Gebote prägen die einzige Ordnung,
die den Weltfrieden bringen wird." 4 Dann faßt er jedes Gebot kurz
zusammen. Beim vierten klagt er, daß es keine religiösen Sonntags-
gesetze mehr gibt, sondern nur solche, die „offensichtlich einen deut-
lich weltlichen Zweck haben." Er schrieb auch: „Nur wenn den Leu-
ten erlaubt wird (durch Sonntagsgesetze?), von ihrer Arbeit auszuru-

1
„Pat Robertson's Perspective", 4-5/1992, S. 4.
2
Die neue Weltordnung.
3
Pat Robertson, „The New World Order", Word Publishing, Dallas, 1991,
S. 227.
4
ebd., S. 233.

68
AMERIKA IN DER PROPHETIE

hen, über Gott nachzudenken, seine Wege zu bedenken und von


einer besseren Welt zu träumen, kann es Fortschritt und echte
menschliche Besserung geben."1
Das Buch ist allerdings auch nicht ohne Heuchelei. Robertson
beklagt, daß amerikanische Tabakfirmen Tabak in die ganze Welt
exportieren, während „wir in Amerika über die Gefahren des Ta-
baks informiert werden, den Lungenkrebs und das Lungenemphy-
sem". 2 Gleichzeitig prahlt er damit, daß die Christliche Koalition
Jesse Helms - eine der mächtigsten Stimmen der Tabakindustrie in
Washington - vor einer Wahlniederlage bewahrt habe!
In seinem Buch stellt sich Robertson als eine Autorität der Welt-
geschichte und der Geschichte der Vereinigten Staaten dar, der
internationalen Finanzen und des Bankwesens, der internationalen
Beziehungen, der Politik, der Rechtsprechung und der Wirtschaft.
„The New World Order" war auch gespickt mit Hinweisen auf
Robertsons zahlreiche Erfolge als „Rundfunksprecher, Autor und
langjähriger Beobachter und Teilhaber am politischen Geschehen."
Er schrieb: „In Guatemala-Stadt verteilte ich persönlich Hilfsgüter an
etwa achttausend Leute ... In meiner 1987 gehaltenen Rede an den
Rat für Ausländische Beziehungen ... In einer Hauptrede an die
Nationalversammlung der Republikanischen Partei in New Orleans
erwähnte ich ... Ich diente in der Ersten Marinedivision in Korea
unter dem Oberkommando von General Douglas MacArthur ...
Nach der Wahl sprach ich mit dem zukünftigen Präsidenten Carter
... Als ehemaliger Präsidentschaftskandidat der Republikanischen
Partei ... Als ich mich mit dem damaligen Premierminister von Israel
traf ..."
Obwohl Robertson es nicht öffentlich gesagt hat, hofft er wahr-
scheinlich auf einen zweiten Versuch als Präsidentschaftskandidat,
vielleicht 1996 - und seine beeindruckende Vergangenheit, die so
deutlich in „The New World Order" beschrieben wird, widerlegt
vermutlich jeden Vorwurf, daß er dafür nicht geeignet sei.

1
ebd., S. 236.
2
ebd., S. 20.

69
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Eine andere mächtige Figur der Neuen Rechten der neunziger


Jahre ist Dr. James Dobson. Unter Christen - einschließlich Adven-
tisten - hoch angesehen, vertritt Dr. Dobson solche soliden christli-
chen Prinzipien bezüglich Familie und Kindererziehung, daß er sich
wie Ellen White anhört. Seine Zeitschrift „Focus on the Family"
erreicht jeden Monat 1,9 Millionen Heime (einschließlich meines
eigenen); sein erstes Buch über Erziehung, „Dare to Discipline",1
wurde bis heute zwei Millionen Mal verkauft. Sein erster privat ge-
drehter Film über Kindererziehung erreichte 60 Millionen Zuschau-
er, und sein Radioprogramm „Focus on the Family" wird täglich
von einer Million Zuhörern über 1.350 Radiosender empfangen. Für
Leute, die konservative christliche Werte in ihren Heimen und ihren
Familien schätzen, ist Dr. Dobson verdientermaßen ein Held.
Er ist tatsächlich so beliebt, daß man ihn drängte, sich um ein
Amt zu bewerben, was er rundweg abgelehnt hat. Er sagte: „Vor
achtzehn Jahren sprach ich über die Familie im Zusammenhang mit
der Gesellschaft, und das ist heute die Grenze meiner öffentlichen
Rolle."
Obwohl Dr. Dobson sich um kein Amt bewerben mag, ist er ü-
beraus politisch geworden. Durch das „Family Research Council",2
das die politischen Interessen seiner landesweiten Organisation „Fo-
cus on the Family" vertritt, ist Dobson in die Politik der Neuen
Rechten eingebunden. Unter der Leitung des ehemaligen innenpoli-
tischen Beraters der Reagan-Ära, Gary Bauer, ist das „Family Re-
search Council" von zwei auf siebzehn Mitarbeiter angewachsen und
hat in fast zwanzig Staaten Zweigstellen gebildet. Im Gegensatz zu
vielen der Organisationen der Neuen Rechten aus den neunziger
Jahren hat das „Family Research Council" sein Zentrum in Washing-
ton, D. C., wo es „danach strebt, ein Verständnis für die Pro-
Familien-Anliegen sowohl in den gesetzgebenden als auch in den
ausführenden Zweigen der Bundesregierung zu fördern ... Vom
Weißen Haus bis zum Kapitol arbeiten unsere Interessenvertreter

1
„Unsere Kinder sind unmöglich", Trobisch-Verlag.
2
Rat für Familienforschung.

70
AMERIKA IN DER PROPHETIE

daran, daß die Bedürfnisse und Werte der Familie bekannt sind und
respektiert werden."1
Doch obwohl sich das „Family Research Council" auf Washing-
ton konzentriert, wirbt Dr. Dobson für lokale und regionale Verbin-
dungen im ganzen Land. Eine Schlagzeile im „Religious News Ser-
vice Report" lautete: „Die Dobson-Organisation unterstützt die Bil-
dung von Pro-Familien-Verbindungen." 2 Dr. Dobsons eigene Litera-
tur sagt aus, daß „viele der hauptsächlich familienbezogenen öffent-
lichen Auseinandersetzungen auf Bundes- oder Ortsebene gewonnen
oder verloren werden. Deshalb ist es wichtig, daß die verschiedenen
Aktivgruppen, die sich in jedem Bundesstaat für die traditionellen
Werte einsetzen, zusammenarbeiten, um ihre Ziele zu erreichen.
In diesem Sinn hat sich "Focus on the Family" aktiv daran betei-
ligt, diesen Gruppen zu helfen, ihre Bemühungen durch die Bildung
staatenweiter Pro-Familien-Verbindungen zu koordinieren. In etwa
der Hälfte der US-Staaten hat schon eine dieser Verbindungen ihre
Tätigkeit aufgenommen: das Ziel ist es, in allen 50 Staaten Pro-
Familie-Verbindungen zu bilden."3
Wie die meisten anderen Organisationen der Neuen Rechten ar-
beitet auch Dobson in aller Stille. Der Sprecher von „Focus on the
Family", Michael Jameson, sagt, Dr. Dobson „möchte keine genaue
Beobachtung durch die Medien". 4 Dobson hat auch seine Anhänger
gebeten, „ihre Mitgliedschaft in dieser Organisation und sogar deren
Existenz geheimzuhalten".5
„Dobson ist auf leisen Sohlen in die Politik gegangen", hieß es in
einem Persönlichkeitsprofil der „Washington Post", „ohne die Pres-
sekonferenzen und den Pomp seiner Vorgänger wie Pastor Jerry
Falwell. Dies zeigt den Reifungsprozeß eines gewissen Teils der E-

1
Aus einer undatierten Werbebroschüre, herausgegeben vom „Family Research
Council".
2
„Dobson Organization Aiding the Formation of Pro-Family Coalitions" in „Reli-
gious News Service" vom 24.2.1989, S. 2.
3
ebd., S. 35.
4
ebd., S. 2.
5
ebd., S. 15.

71
AMERIKA IN DER PROPHETIE

vangelikalen in der großen Politik, besonders in der Republikani-


schen Partei."1
Während die Arbeit seiner Organisation in aller Stille und ge-
wöhnlich hinter den Kulissen stattfindet, hat Dr. Dobson selbst einen
weitreichenden öffentlichen Einfluß. „Er steht seinen Anhängern
und Gläubigen täglich in praktisch jedem Rundfunkprogramm in
den Vereinigten Staaten zur Verfügung", sagte der Aktivist und libe-
rale Jurist Barry Lynn. „Dadurch ist er in der überaus vorteilhaften
Lage, dem Kongreß Botschaften über bestimmte Themen zu über-
mitteln. Er kann tatsächlich Säcke von Briefen an den Kongreß sen-
den, einfach dadurch, daß er in seiner täglichen Radiosendung über
einen Aspekt eines geplanten Gesetzes spricht."2
Dobsons Einfluß resultiert jedoch mehr aus der Vernunft seiner
Standpunkte als aus seinem Zugang zu den Medien, der im Ver-
gleich zu den Möglichkeiten seiner Gegner äußerst begrenzt ist.
Während z. B. Magic Johnson (dessen Zugang zu den Medien Dr.
Dobsons Einfluß weit in den Schatten stellt) für „sicheren Sex" wirbt,
betont Dobson gemeinsam mit der Neuen Rechten ohne Kompro-
misse den Verzicht auf jeglichen Sex, ob sicher oder nicht, vor der
Ehe, vor allem, da Kondome keinen absoluten Schutz garantieren
können.
Laut Dr. Dobson hob neulich nicht einer von 800 Sexualfor-
schern während einer Konferenz die Hand, als sie gefragt wurden,
wer von ihnen sich beim Verkehr mit einer HIV-infizierten Person
auf den Schutz eines Kondoms verlassen würde. „Und doch", fuhr
Dr. Dobson fort, „sind sie bereit, unseren Kindern zu sagen, daß
,sicherer Sex' möglich ist und daß sie ohne ernste Folgen schlafen
3
können, mit wem sie wollen."
Wer kann solche Logik akzeptieren? Wer möchte seine Kinder
solchen Gefahren aussetzen? Und welche Organisation mit beträcht-
lichem Einfluß vertritt sexuelle Enthaltsamkeit vor der Ehe außer
der Neuen Rechten?
1
„Washington Post" vom 8.8.1990, S. C3.
2
In „An Interview With the ACLU's Barry Lynn" in „Church and State", 7-8/1991,
S. 11.
3
„Focus on the Family" Newsletter vom 13.2.1992.

72
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Leider hat die Neue Rechte neben ihrem hohen moralischen


Standard in diesem und anderen Punkten bezüglich der Freiheit des
einzelnen und der Religionsfreiheit einen gefährlich niedrigen Weg
eingeschlagen. Das adventistische Drehbuch über die letzten Ereig-
nisse, ausgeführt in „Der große Kampf", kann nur gespielt werden,
wenn diese Nation die Grundsätze der Trennung von Kirche und
Staat aufgibt, die in dem Ersten Zusatzartikel zur Verfassung der
Vereinigten Staaten enthalten sind - Grundsätze, die die Neue
Rechte öffentlich bekämpft!
Ein Brief von Pat Robertsons „American Center for Law and
Justice" (ACLJ) 1 verdeutlicht die Verachtung der Neuen Rechten
gegenüber diesem Schutzwall der Trennung von Kirche und Staat.
Er trägt die Überschrift: „Reißt diese Mauer nieder!" 2 Der Autor,
Keith Fournier (von der Organisation „Evangelical Catholic"), der
heute Geschäftsführer von Robertsons ACLJ ist, verglich die Berliner
Mauer mit diesem Schutzwall der Vereinigten Staaten.
„Doch es gibt eine Mauer", erklärt er, „die irrtümlicherweise in
unserem eigenen geliebten Land errichtet worden ist. Ihre Wirkung
auf die religiöse Freiheit hat vielleicht sogar einen noch gröeren
zerstörerischen Effekt gehabt. Es ist die sogenannte Trennung von
Kirche und Staat." Fournier warnt dann, daß diese Mauer als eine
„Keule gegen die freie Ausübung der Religion und der religiösen
Rede" benutzt worden sei, so daß Christen vielleicht sogar „in den
Straßen von Moskau" heute mehr religiöse Freiheit vorfinden als in
den Vereinigten Staaten.
Aus diesem Grund - und nicht wegen ihrer Warnung vor „siche-
rem Sex" oder ihrem Kreuzzug gegen die Abtreibung oder den
Verkauf des „Playboy" - stellt die Neue Rechte eine Bedrohung dar.
Die Verfolgung, die in „Der große Kampf" beschrieben wird, wird
nicht von militanten Homosexuellen, weltlichen Humanisten, Atheis-
ten oder Marxisten, sondern von bekennenden Christen ausgelöst.
Ellen White schrieb: „Man wird erklären, daß die Menschen durch
die Mißachtung der Sonntagsfeier Gott beleidigen, daß diese Sünde

1
Amerikanische Zentrale für Gesetz und Gerechtigkeit.
2
Keith Fournier, „Tear Down This Wall!" in „Law & Justice", Winter 1992, S. 1.

73
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Katastrophen herbeigeführt habe, die nicht aufhören werden, bis


man die Heiligung des Sonntags mit Strenge durchsetzt ..."1
Atheisten, weltliche Humanisten und Liberale werden nicht sa-
gen, daß die Übertreter des Sonntagsgesetzes „Gott beleidigen".
Aber konservative Christen wie die Anhänger der Neuen Rechten -
jene, die schon jetzt Amerikas Probleme auf dessen Übertretung der
Gesetze Gottes schieben - werden es tun. Man braucht nur den
Ausdruck „Mißachtung der Sonntagsfeier" im obigen Zitat durch die
Begriffe „Abtreibung", „Pornographie" oder „weltlichen Humanis-
mus" ersetzen, schon hat man die heutige Ausdrucksweise der Neu-
en Rechten.
„Es geht ums Überleben", schrieb Jerry Falwell. „Wenn uns die
Bibel und die menschliche Geschichte überhaupt etwas lehren, dann
ist es die Tatsache, daß keine Gesellschaft, die göttliche Grundsätze
2
übertritt, lange bestehen kann." „Prediger, die die Verbindlichkeit
des göttlichen Gesetzes leugnen", schrieb Ellen White, „werden von
der Kanzel herunter zu der Verpflichtung aufrufen, den zivilen Be-
3
hörden, als von Gott eingesetzt, Gehorsam zu leisten." Dieses Leug-
nen betrifft nicht die offene Ablehnung des göttlichen Gesetzes an
sich, sondern die massive Ablehnung des wahren Ruhetages - trotz
all ihrer Reden von Treue gegenüber Gottes Gesetz.
„Denn wenn jemand das ganze Gesetz hält und sündigt gegen
ein einziges Gebot, der ist am ganzen Gesetz schuldig" (Jakobus
2,10) - doch alle Führer der Neuen Rechten lehnen den siebten Tag
der Woche als Ruhetag zugunsten des Sonntags ab - eines Tages,
auf dem nach der Bibel weder Heiligkeit noch Segen ruht. Die meis-
ten von ihnen haben sicherlich die Sabbatlehre kennengelernt. Ob-
wohl einige sich denen anschließen werden, „die da halten die Ge-
bote Gottes" (Offenbarung 14,12), werden die meisten sie doch wei-
terhin verachten. Während die Neue Rechte politische Macht ge-
winnt, erfüllt sich die Warnung Ellen Whites vor der Verfolgung
durch Christen, die für ihre Zwecke die Macht des Staates benutzen.

1
Ellen G. White, „Der große Kampf", S. 591 (rev.).
2
Jerry Falwell, „Listen America!", Bantam Books, New York, 1980, Vorwort.
3
Ellen G. White, „Der große Kampf", S. 593.

74
AMERIKA IN DER PROPHETIE

„Wenn die protestantischen Kirchen die deutlichen, schriftgemä-


ßen Beweise zur Verteidigung des Gesetzes Gottes verwerfen, wer-
den sie danach verlangen, alle die zum Schweigen zu bringen, deren
Glauben sie mit der Bibel nicht umstürzen können. Obwohl sie die
Augen den Tatsachen gegenüber verschließen, schlagen sie dennoch
ein Verfahren ein, das zur Verfolgung derer führen wird, die sich aus
Gewissensgründen weigern, dem nachzukommen, was die übrige
christliche Welt tut, und sie erkennen ihrerseits die Ansprüche des
päpstlichen Sonntags an."1
Auch Nichtadventisten sehen das so. Die Präsidentin der „Ameri-
can Civil Liberties Union" (ACLU) 2, Ira Glasser, warnt vor denen,
die „Amerika nach ihrem Bild schaffen wollen - ein Amerika, das
von religiösen Werten beherrscht wird, die vom Staat vorgeschrie-
ben werden".3
Auch wenn die ACLU den meisten Adventisten zuwider sein
mag, so beschreibt Frau Glasser doch die Zukunft wirklich völlig
zutreffend, sogar prophetisch, denn „ein Amerika, das von religiösen
Werten beherrscht wird, die vom Staat vorgeschrieben werden", ist
genau das, wovor „Der große Kampf" warnt. „Wenn sich die füh-
renden Kirchen der Vereinigten Staaten in den Lehrpunkten, die sie
gemeinsam haben, vereinigen und den Staat dahin beeinflussen,
daß er ihre Verordnungen durchsetzt und ihre Institutionen [z. B. Schulen,
Heime] unterstützt, wird das protestantische Amerika ein Bild von der
römischen Priesterherrschaft errichtet haben, und die Verhängung
von Strafen über Andersgläubige wird die unausbleibliche Folge
sein."4
Obwohl die Neue Rechte noch nicht genug Macht hat, diese Art
von Verfolgung heute schon in Gang zu setzen, geht sie doch in
diese Richtung. Diese Tendenz war bereits anlälich der nationalen
Parteiversammlung der Republikaner im Jahr 1992 deutlich zu er-
kennen, die zeitweise, so hieß es in einem Zeitungsbericht, „den

1
ebd. (rev.)
2
Vereinigung für bürgerliche Freiheit in Amerika (USA).
3
Undatierter ACLU-Brief.
4
Ellen G. White, „Der große Kampf", S. 445 (rev., Betonung hinzugefügt).

75
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Anschein einer religiösen Erweckungsversammlung hatte." 1 Die


Betonung, die die Republikaner - wenn auch kurzzeitig - auf famili-
äre Werte legten, ist auf den Einfluß von konservativen Evangelika-
len in der Partei zurückzuführen.
Der Reporter der „Washington Post", E. J. Dionne, schrieb: „Par-
tisanen der Christlichen Rechten" zeigten nicht nur organisatorisch
ihre Muskeln und übten nicht nur eine Macht aus, die ihre rein
rechnerische Anzahl bei weitem übertraf, sondern sie sahen auch,
daß Bush als Schwerpunkt seines Wahlkampfes im Herbst eines
ihrer Lieblingsthemen aufgriff: ,traditionelle Familienwerte'."2
Nach „The Wall Street Journal" schätzte ein Beobachter, daß die
evangelikalen Konservativen in Houston „40 Prozent der Delegier-
ten" ausmachten. 3 Einer der Aktivisten der Neuen Rechten, Martin
Mawyer, sagte: „Wenn ich es nicht besser wüte, dann würde ich
annehmen, daß das Parteiprogramm [der Republikanischen Partei]
von der Religiösen Rechten geschrieben worden sei."
Einige Wochen nach dem Parteitag der Republikaner hielt die
„Christliche Koalition" in Virginia Beach ihre „Zweite Konferenz auf
der Siegerstraße" ab. Am letzten Abend der dreitägigen Sitzung, bei
der es um Pläne und Strategien ging und George Bush als Redner
eingeladen war, rief Pat Robertson den jubelnden Delegierten zu:
Wie auch immer die Wahl 1992 ausgeht - „Wir werden 1993 zu-
rückkommen. Wir werden 1994 zurückkommen. Wir werden 1995
zurückkommen. Wir werden 1996 zurückkommen. Wir werden 1997
zurückkommen. Wir werden 1998 zurückkommen. Wir werden 1999
zurückkommen. Wir werden zurückkommen, bis wir alles gewonnen
haben!"
Tatsächlich fragten sich die Führer der Neuen Rechten selbst vor
Clintons Erdrutschsieg, ob es nicht zu ihrem Vorteil diente, wenn
die Demokraten den Kampf um das Weiße Haus gewinnen würden.
Falls sich nämlich herausstellen sollte, daß Clinton ein zweiter Jimmy
Carter oder noch schlimmer ist, könnte die Neue Rechte 1996 Ra-
che nehmen, wie sie es 1980 mit Ronald Reagan getan hat, der sein

1
„National and International Religious Report" vom 24.8.1992, S. 1.
2
„Washington Post" vom 21.8.1992, S. A28.
3
„Wall Street Journal" vom 20.8.1992, S. A10.

76
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Amt durch einen massiven Schlag gegen Carter gewonnen hatte.


Die Neue Rechte sieht schon jetzt die Schuld für die jüngsten Ver-
luste der Republikaner in Bushs Weigerung, sich an ihre Agenda zu
halten. Sobald die Wahl 1992 beendet war (eigentlich schon vorher),
hatte die Neue Rechte ihren Blick auf 1996 gerichtet. Wie Robertson
sagte, wird das konservative christliche Programm „zurückkommen".
Wir werden es erleben.
In einem gewissen Sinne ist der Name „Die Neue Christliche
Rechte" übrigens eine falsche Bezeichnung: Sie ist weder „neu" (sie
begann in den siebziger Jahren), noch sehr „christlich" (ihre Takti-
ken waren schon immer kaum christlich zu nennen), noch wirklich
„recht" (sie vertreten gefährliche Ansichten über die Trennung von
Kirche und Staat).
Neu ist nur die Methode. Wie David Duke, der seine Ku-Klux-
Klan-Kapuze gegen einen dreiteiligen Anzug eintauschte und einen
Sitz im Parlament des Staates Louisiana gewann, so beherrschen
auch die Evangelikalen das Spiel. Unter anderem verstehen sie jetzt,
daß öffentliche Drohungen mit dem Zorn Gottes gegen jene, die für
Wohlfahrtsgelder an die Armen sind oder die sich gegen Steuergel-
der für Privatschulen wehren, im Amerika des 20. Jahrhunderts
einfach nicht mehr ankommen. Sie sind klüger, raffinierter und takt-
voller, als sie es in den achtziger Jahren waren - und deshalb gefähr-
licher. Diese neue, leise Strategie zeigt, daß die Neue Christliche
Rechte, weit von ihrem Untergang entfernt, im negativsten Sinn
dieses Wortes „wiedergeboren" wurde.

77
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Kapitel 7

Der Unsinn
der Neuen Rechten

Ein beliebtes Thema unter den Führern der Neuen Rechten ist die
Forderung, daß unsere Nation zu der guten alten Zeit zurückkehren
muß, als noch Frömmigkeit herrschte.
„Wenn wir wieder lernen, daß eine rechtschaffene Regierung von
einem rechtschaffenen Volk kam, das das Königreich Christi aufrich-
ten wollte", schrieb Dr. James Kennedy, „dann wird es möglich sein,
die gottlosen Gesetze unserer Generation umzukehren."1
Franky Schaeffer schrieb: „Wir müssen die Schönheit und die
Fülle an Liebe einer christlichen Nation wiederherstellen, die uns
einst ausgezeichnet hat."2
„Ich lade euch ein", schrieb Pat Robertson, „euch einer Armee
von christlichen Patrioten anzuschließen, die daran arbeiten, Ameri-
ka wieder für Gott zu gewinnen."3
Tim LaHaye sagte: „Ich weise darauf hin, daß diese Nation 150
Jahre lang auf biblische Grundsätze gebaut war, die die Freiheit, den
allgemeinen Anstand und die häusliche Ruhe sicherten." 4 „Es ist
schockierend zu erkennen", schrieb Robert Dugan, „wie weit unsere

1
Vorwort zu Catherine Millard, „The Rewriting of America's History",: Horizon
House, Camp Hill, Penn., 1991.
2
Franky Schaeffer, „A Time for Anger: The Myth of Neutrality", Crossway,
Westchester, Ill., 1982, S. 78.
3
Christian Coalition-Werbebrief von Pat Robertson vom 1.1.1992.
4
Tim LaHaye, „Faith of Our Founding Fathers", Wolgemuth & Hyatt, Brent-
wood, Tenn., 1987, S. 190.

78
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Nation von ihrer früheren Achtung vor dem von Gott gegebenen
Recht auf Leben abgewichen ist."1
Originalton Jerry Falwell: „Gott segnete dieses Volk, weil es in
seinen Anfängen bemüht war, Gott zu ehren und die Bibel, das
unfehlbare Wort des lebendigen Gottes. Jeder, der sorgfältig die
amerikanische Geschichte studiert, stellt fest, daß unsere große Nati-
on von frommen Männern auf göttliche Prinzipien gegründet wurde,
damit sie eine christliche Nation sei."2
Man fragt sich allerdings, worin diese „göttlichen Prinzipien" ei-
gentlich bestanden. Fand man sie in der Ausrottung und Hinschlach-
tung Tausender und Abertausender amerikanischer Ureinwohner
durch ein „rechtschaffenes Volk, das das Königreich Christi aufrich-
ten wollte"? Waren sie wirksam bei der Versklavung von Millionen
von Schwarzafrikanern, auf deren Schweiß und Blut diese „christli-
che Nation" errichtet wurde? Fand man sie während der Frühzeit in
der Verfolgung religiös Andersdenkender, als Amerika „bemüht
war, Gott und die Bibel zu ehren"? Oder wurden sie etwa am besten
erkannt am Schicksal der Millionen von Kindern, die gezwungen
wurden, bis zu sechzehn Stunden am Tag in heißen Fabriken zu
arbeiten, wo sie manchmal in Maschinen fielen, die ihnen die
Gliedmaßen wegrissen oder sie gar töteten?
Die bedeutungsvollste Aussage über Amerikas glorreiche christli-
che Vergangenheit - als es „auf biblische Grundsätze gebaut war,
die die Freiheit, den allgemeinen Anstand und die häusliche Ruhe
sicherten" - stammt von jemandem, der die Wirklichkeit dieser
Grundsätze am eigenen Leibe erlebte, dem ehemaligen Sklaven
Frederick Douglass:

Was bedeutet für den amerikanischen Sklaven euer 4. Ju-


li? Ich antworte: Ein Tag, der ihm mehr als alle anderen Ta-
ge im Jahr die ungeheuerliche Ungerechtigkeit und Grau-
samkeit zeigt, deren Opfer er ständig ist. Für ihn ist eure Fei-
er ein Schwindel ... eure Gebete und Loblieder, eure Predig-

1
Robert Dugan, „Winning the New Civil War", Multnomah, Portland, Ore.,
1991, S. 175.
2
Jerry Falwell, „Listen, America!", Bantam, New York, 1980, S. 25.

79
AMERIKA IN DER PROPHETIE

ten und Erntedankfeste mit all euren religiösen Paraden und


Feierlichkeiten sind für ihn nur Schwulst, Betrug, Täuschung,
Gottlosigkeit und Heuchelei - ein dünner Schleier, um Ver-
brechen zuzudecken, die sonst einem Volk von Barbaren
Schande bereiten würden. Es gibt kein Volk auf der Erde,
das grausamerer Praktiken schuldig ist als das Volk der Ver-
einigten Staaten ...
Ihr könnt dem Sturm der britischen Artillerie eure nackte
Brust zeigen, um eine Teesteuer von drei Pfennigen abzu-
wenden, und gleichzeitig einem der schwarzen Arbeiter eu-
res Landes den letzten, schwerverdienten Pfennig aus den
Händen reißen. Ihr gebt vor zu glauben, daß Gott „aus ei-
nem Menschen das ganze Menschengeschlecht gemacht
[hat], damit sie auf dem ganzen Erdboden wohnen" (Apos-
telgeschichte 17,26), und daß er allen Menschen befohlen
hat, wo sie auch sind, einander zu lieben; und doch seid ihr
dafür bekannt, daß ihr alle Menschen haßt (und ihr seid
stolz auf euren Haß), deren Hautfarbe nicht wie eure ist ...
Die Existenz der Sklaverei in diesem Land brandmarkt eure
republikanische Gesinnung als Schwindel, eure Mensch-
lichkeit als niedrigen Vorwand und eure Christlichkeit als
Lüge.1

Eine andere Autorin beschreibt die Meinung unseres Herrn zur


Sklaverei mit den Worten: „Menschliches Elend wird von Ort zu Ort
gebracht, gekauft und verkauft. Engel haben alles aufgezeichnet, es
steht im Buch geschrieben. Die Tränen der frommen Leibeigenen,
seien es Väter, Mütter, Kinder, Brüder oder Schwestern, sind alle im
Himmel aufbewahrt. Gott wird seinen Unwillen nur noch kurze Zeit
zurückhalten. Sein Zorn brennt in ihm gegen diese Nation und be-
sonders gegen die Religionsgemeinschaften, die diesen schrecklichen
Handel gutgeheißen und sich selbst daran beteiligt haben."2
Und heute, so schlimm Abtreibung, Pornographie und Fernse-
hen auch sind (und sie sind schlimm), sollen wir etwa glauben, daß

1
Frederick Douglass/Benjamin Quarles (Hg.), Prentice Tall, Englewood Cliffs, N.
J., 1968, S. 46-48.
2
E. G. White, „Frühe Schriften von Ellen G. White", Wegweiser-Verlag, Wien,
1993, S. 262.

80
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Gott - trotz Sklaverei, Unterdrückung und glattem Mord, die die


Anfänge dieses Volkes kennzeichneten - Amerika damals segnete
und erst heute die Schale seines Zorns ausgießt wegen Telefonsex
und Murphy Browns unehelichen Kindes?
Keine Frage, die moralischen Werte des einzelnen Amerikaners
sind gesunken, aber dies zeigt eher das Versagen der Pastoren als
das der Politiker auf. Die Lösung besteht nicht darin, wiedergebore-
ne Christen in Ämter einzusetzen, sondern wiedergeborene Christen
in unseren Heimen und Gemeinden zu haben, wo der Charakter
unseres Volkes geformt wird. Der Versuch der Neuen Rechten, Erlö-
sung durch Gesetzgebung herbeizuführen, offenbart keine Wieder-
belebung, sondern eher die Abwesenheit christlicher Frömmigkeit in
unserem Volk.
„Wir als Christen", schrieb der konservative christliche Führer
John Whitehead, „tragen die Hauptverantwortung für das, was ge-
schehen ist, denn ein bedeutender Faktor der Entwicklung war der
schwindende Einfluß des Christentums, so daß sich humanistisches
Gedankengut ausbreiten und schließlich die Herrschaft übernehmen
konnte."1
Meinungsumfragen zeigen, daß die amerikanische Christenheit
trotz der großen Anzahl nomineller Kirchenmitglieder eher ein Ab-
bild von Jimmy Swaggart als von Jesus Christus ist. Kirchenmitglied-
schaft, sagt George Gallup, „scheint keinen großen Einfluß darauf zu
haben, wie wir unser Leben führen". Noch erschreckender ist: Seine
Umfragen zeigen, daß Kirchenchristen in diesem Land „genau so
bereit sind, sich unmoralisch zu verhalten, wie die nicht kirchlich
Orientierten".2
Wenn Ellen White vor hundert Jahren in „Der große Kampf"
schreiben konnte: „Die Trennungslinie zwischen den bekennenden
Christen und den Gottlosen ist gegenwärtig kaum erkennbar" 3 - was
würde sie erst über unsere Zeit sagen?

1
John Whitehead, „The Second American Revolution", David C. Cooke Publish-
ing, Elgin, Ill., 1982, S. 19.
2
„Most Christians Don't Know or Act Their Faith, Gallup Says" in „Religious
News Service" vom 10.5.1990, S. 10.
3
Ellen G. White, „Der große Kampf", S. 589.

81
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Jesus hat nicht die Christen im Stich gelassen; sie haben ihn ver-
lassen, und was sie durch ihre unfähigen Prediger und Lehrer nicht
erreichen können, das wollen sie durch staatliche Gesetzgebung
bewirken.
„Als die Kirche am Anfang dadurch verderbt wurde, daß sie von
der Einfachheit des Evangeliums abwich und heidnische Gebräuche
und Gewohnheiten annahm", schrieb Ellen White in „Der große
Kampf", „verlor sie den Geist und die Kraft Gottes. Um die Gewis-
sen der Menschen zu beherrschen, suchte sie den Beistand der
Staatsgewalt. Die Folge war das Papsttum, eine Kirchenmacht, wel-
che die Staatsgewalt beherrschte und sie zur Förderung ihrer eige-
nen Absichten, vornehmlich zur Bestrafung der Ketzerei, einsetzte.
Damit die Vereinigten Staaten dem Tier ein Bild machen können,
muß die religiöse Macht den Staat so beherrschen, daß dieser auch
von
1
der Kirche zur Durchführung ihrer eigenen Absichten eingesetzt wird" -
genau das ist es, was die Neue Rechte zu tun versucht.
„Die Christen müssen nun versuchen, dieses Land zurückzuge-
winnen, einen Wahlbezirk nach dem anderen, einen Kreis nach dem
anderen, einen Staat nach dem anderen", sagt Robert Reed von der
„Christian Coalition". „Ich glaube aufrichtig daran, daß wir noch zu
meinen Lebzeiten ein Land sehen, das wieder von Christen regiert
wird."2
Aber wann wurde dieses Land jemals von Christen regiert? Fast
alle Präsidenten bekannten sich zu irgendeinem Glauben, aber dies
machte sie kaum zu Christen. Manche waren Säufer, Ehebrecher,
und einer sogar ein Unitarier. Richard Nixon behauptete, ein Christ
zu sein - während er illegal Bomben auf Kambodscha werfen ließ,
seine politischen Gegner ausspionierte und gleichzeitig versicherte:
„Ich bin kein Gauner" (obwohl er in Wirklichkeit einer war). Wievie-
le unserer Präsidenten waren wiedergeboren in dem ursprünglichen,
lebenverändernden Sinn, den Jesus selbst gelehrt hat?
Der einzige wirklich Gläubige im Weißen Haus seit Jahrzehnten,
Jimmy Carter, wurde hinausgeworfen (mit Hilfe der Neuen Rechten)
1
ebd., S. 443 (Betonung hinzugefügt).
2
„Robertson's New Coalition Growing in Money and Membership" in „Religious
News Service" vom 15.5.1989, S. 1.

82
AMERIKA IN DER PROPHETIE

und durch einen Mann ersetzt, der kaum in die Kirche ging und
dessen Frau einem Astrologen erlaubte, teilweise seine Reiserouten
zu planen. Und trotz der von der Neuen Rechten betriebenen Revi-
sion der Geschichte, mit der versucht wird, sie nachträglich zu E-
vangelikalen zu machen, waren nur wenige der Gründerväter jene
wirkliche Christen, von denen Robert Reed phantasiert.
In seinen frühesten Tagen, lange vor der offiziellen Trennung
von Kirche und Staat, hatte Amerika mehr Nichtchristen als jedes
andere christliche Land. Der baptistische Erzieher und Kirchenfüh-
rer Dr. William Keucher schrieb: „In Georgia standen zur Zeit der
zweiten verfassunggebenden Versammlung weniger als 500 Leute in
den Kirchenbüchern. Eine Missionsgesellschaft in Europa schrieb im
gleichen Artikel über die missionarischen Bedürfnisse und Möglich-
keiten in North Carolina und den dringenden Bedarf an Missiona-
1
ren in Indien und China."
Wie der Historiker Robert Handy in seinem Buch „A Christian
America" schreibt, schien die Situation zu Beginn des achtzehnten
Jahrhunderts „nicht günstig für die Kirchen Amerikas zu sein ...
Wahrscheinlich waren im Jahr 1800 weniger als zehn Prozent der
Bevölkerung der Vereinigten Staaten Kirchenmitglieder." Und ob-
wohl viele Leute, die nicht in den Kirchenverzeichnissen standen,
sich mit kirchlichen Angelegenheiten beschäftigten, „waren die Aus-
2
sichten nicht sehr vielversprechend".
Im Gegensatz dazu besuchen heute mehr als 40 Prozent der
Amerikaner jede Woche einen Gottesdienst (in Großbritannien nur
14 Prozent, in Frankreich 12 Prozent). Jede Woche gehen mehr A-
merikaner in die Kirche als zu allen sportlichen Ereignissen zusam-
men. Neunzig Prozent der Amerikaner glauben an die Existenz
Gottes. Und über 90 Prozent beten manchmal während der Woche.3

1
William F. Keucher, „Myths: They Must Be Confronted Before They Distort the
Realities of Today" in „Liberty", 7-8/1992, S. 7.
2
Robert Handy, „A Christian America", Oxford University Press, New York,
1981, S. 27.28.
3
George Gallup und Jim Castelli, „The People's Religion", MacMillan, New
York, 1989, S. 33.48. Zitiert in Gary Wills, „Under God: Religion and American
Politics", Simon & Schuster, New York, 1990, S. 16.

83
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Gary Wills schrieb: „Technologie, Verstädterung und sozialer


Aufstieg, Allgemeinbildung, hoher Lebensstandard - all dies, so
meinte man, würde an der Religion zehren, wie ein Bad in ver-
schiedenen Säuren. Aber all dies ist über Amerika gekommen und
hat sich in anderen Bereichen entweder als Auslöser oder Katalysa-
tor gezeigt, aber wenig Kraft bewiesen, die Religion zu verringern
oder zu zersetzen. Die Zahlen sind erstaunlich. Eine Umfrage nach
der anderen bestätigt sie." 1 Tatsächlich bekennen sich heute viel-
leicht mehr Amerikaner zum Glauben als während unserer „christli-
chen" Vergangenheit.
„Wir glauben, ein sorgfältiges Studium der historischen Tatsachen
zeigt, daß das junge Amerika es nicht verdient, als auf einzigartige
Weise, ausgeprägt oder auch sogar als vorwiegend christlich betrach-
tet zu werden, wenn wir mit dem Wort christlich den Zustand einer
Gesellschaft meinen, die die Ideale der Bibel widerspiegelt", schrie-
ben drei Evangelikale in einem Buch, das den Mythos vom christli-
chen Amerika zerstört. „Es gibt kein verlorenes goldenes Zeitalter,
zu dem die amerikanischen Christen zurückkehren könnten."2
Trotzdem ist für Robertson, LaHaye und Kennedy Amerikas
„christliche" Vergangenheit ein Teil ihres Entwurfes für dessen
„christliche" Zukunft. Deshalb müssen wir zur Frömmigkeit zurück-
kehren, christliche Werte wiederherstellen und die biblischen Grund-
sätze in der Regierung wieder aufrichten, wenn wir nicht Gottes
Strafgericht ins Auge sehen wollen. Man könnte allerdings auf den
Gedanken kommen, daß ein gerechter Gott eher ein Volk richten
wird, das seine geborenen Kinder ermordet, als eines, das seine
ungeborenen Kinder tötet, und daß wir der göttlichen Entrüstung,
die nach Jahrhunderten der Sklaverei nicht zugeschlagen hat, kaum
wegen einiger Jahrzehnte „Playboy" werden gegenübertreten müs-
sen.
Der Mythos von der christlichen Vergangenheit Amerikas ist nur
eine der zahlreichen Geschichtsklitterungen der Neuen Rechten.

1
ebd.
2
Mark Noll, Nathan Hatch, George Marsden, „The Search for Christian Amer-
ica", Helmers and Howard, Colorado Springs, 1989, S. 16.

84
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Eine andere ist die Vorstellung, die Gründerväter seien strenggläu-


bige Christen gewesen.
„Die überwältigende Mehrheit der Gründerväter dieser Nation
wurde im christlichen Glauben erzogen und war gläubig", schrieb
Tim LaHaye. 1 Er folgert daraus, gerade weil sie Christen waren,
hätte die Verfassung ihrer Meinung nach nicht religionsfeindlich
orientiert sein können.
LaHaye und andere behaupten nämlich, die strikte Trennungs-
philosophie (der Gedanke, daß die Regierung der Religion gegen-
über neutral bleiben und sie nicht unterstützen solle) habe das Do-
kument anti-religiös gemacht. Jedoch seien die Gründerväter, gerade
weil sie Christen waren, kompromißbereit gewesen, argumentiert
LaHaye, und hätten daher der Regierung gestattet, die Religion zu
unterstützen, solange sie nicht eine Kirche den anderen gegenüber
bevorzugte.
Dr. Stan Hastey, ein Experte für Fragen zu Staat und Kirche, sag-
te dazu: „Das Argument des angeblichen Glaubens der Gründer
wird im allgemeinen von denen angeführt, die den Staat entweder
zur finanziellen Unterstützung oder Förderung der Religion benut-
zen wollen."2
Die Ironie bei dieser Darstellungsweise besteht jedoch darin, daß
die Neue Rechte durch die Betonung der vermeintlichen Christlich-
keit jener ersten Führer ihr Argument für die staatliche Unterstüt-
zung der Religion wieder schwächt. Die Gründerväter - jene, die
angeblich „den christlichen Glauben angenommen hatten" - waren
glühende Verfechter dessen, was James Madison „die totale Tren-
nung der Kirche vom Staat" nannte.3
Deshalb: Je heiliger, frömmer und christlicher die Neue Rechte
die Gründerväter macht, desto schwächer wird ihr Argument; wa-
rum sonst hätten jene gläubigen Gründer der Nation den Stand-
punkt der Trennung von Kirche und Staat vertreten, von dem die
Neue Rechte lehrt, er sei ein Feind der Religion?

1
Tim LaHaye, „Faith of Our Founding Fathers", S. XI.
2
Zitiert in Clifford Goldstein, „Faith of Our Fathers" in „Liberty", 1-2/1989, S. 11.
3
Brief von James Madison an Robert Walsh, 2.3.1819. Zitiert in Rovert S. Alley,
„James Madison on Religious Liberty", Prometheus, Buffalo, 1985, S. 81.

85
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Nur wenige werden die Bedeutung von George Washington,


Benjamin Franklin, Thomas Jefferson und James Madison in Frage
stellen. Diese vier Männer - „der Vater unseres Landes", drei Präsi-
denten und der Autor des Ersten Zusatzartikels zur Verfassung -
haben die Beziehung zwischen Staat und Kirche in der Frühzeit
unserer Nation in besonderer Weise geprägt. Sie werden allgemein
auch von denen zitiert, die vom Staat sowohl eine finanzielle als
auch eine moralische Unterstützung der Religion erwarten, also
genau die Art von Unterstützung, die gemä dem Buch „Der große
Kampf" schließlich zum Sonntagsgesetz führen wird.
Geschichten über die Frömmigkeit George Washingtons sind mit
der amerikanischen Tradition so verwoben wie die „Stars and Stri-
pes" in der glorreichen Vergangenheit. In seinem Buch „America's
Date With Destiny" 1 widmet Pat Robertson dem christlichen Glau-
ben Washingtons ein ganzes Kapitel. Er sagt, Washington sei ein
Geist gewesen, „dessen Glaube an Gott und Ehrfurcht vor Gottes
Wort die tragenden Säulen seiner öffentlichen Politik waren".2
Tim LaHaye betont in seinem Buch „Faith of Our Founding
Fathers" 3 Washingtons Gebetsleben, sein gründliches Bibelstudium
und seine christliche Hingabe. „Daß Präsident George Washington
innig an Jesus Christus glaubte und ihn als seinen Herrn und Erlöser
annahm", schrieb LaHaye, „kann leicht festgestellt werden, wenn
man sein persönliches Gebetbuch liest."4
John Eidsmoe, ein Rechtshistoriker und Religionsprofessor,
kommentiert Washingtons Gebete in einem Buch mit dem Titel
„Christianity and the Constitution": „Dies ist die Einstellung eines
rechtgläubigen Christen."5
Ben Franklin, den Eidsmoe als einen „sogenannten Deisten" 6 be-
zeichnet (obwohl Franklin sich selbst einen „berzeugten Deisten"

1
Amerikas [USA] Verabredung mit seiner Bestimmung.
2
Pat Robertson, „America's Date With Destiny", Thomas Nelson, New York,
1986, S. 115.
3
Der Glaube unserer Gründerväter.
4
Tim LaHaye, „Faith of Our Founding Fathers", S. 110.
5
John Eidsmoe, „Christianity and the Constitution" (Das Christentum und die
Verfassung), Baker Book House, Grand Rapids, Mich., 1987, S. 131.
6
ebd., S. 208.

86
AMERIKA IN DER PROPHETIE

nannte), wird ebenfalls im hellsten Licht des Glaubens dargestellt.


Eidsmoe ordnet ihn als einen „weltlichen Puritaner" 1 ein. Indem er
die Geschichten von Franklins Liebschaften mit den Kurtisanen des
französischen Hofes herunterspielte, schrieb Eidsmoe, es gebe „nicht
die Spur eines Beweises, daß Franklin Affären mit französischen
Frauen gehabt habe".2
LaHaye schrieb: „Franklin hatte einen eindeutigen Glauben an
einen souveränen und persönlichen Gott, vertraute auf Bibelstudium
und Gebet und war den traditionellen und moralischen Werten der
3
Kirchen seiner Zeit eng verbunden". Obwohl LaHaye zugibt, daß
kein Beweis dafür existiert, daß Franklin jemals Christ wurde, sagt
er: „Er hatte gröten Respekt vor dem Christentum und war ihm
4
gegenüber niemals feindlich gesinnt".
Thomas Jefferson lät sich natürlich schwieriger „umtaufen".
Obwohl LaHaye ihn als einen „Winkel-Unitarier abtut, der nichts mit
der Gründung unserer Nation zu tun hat", sieht Eidsmoe Jefferson
als einen religiösen Mann, der kein echter Deist war - das heißt, er
glaubte nicht, daß Gott sich von den Angelegenheiten der Men-
schen zurückgezogen habe. Nachdem er Jeffersons Ausführungen
über die Erleuchtung der Menschen durch Gott, seine Führung in
ihren Versammlungen und seinen Segen zitiert hat, schreibt Eids-
moe: „Dies sind nicht die Worte eines Deisten. Kein Deist würde
von der Unterwerfung Gott gegenüber so sprechen, wie Jefferson es
5
tat."
Eidsmoe betont, daß Jefferson die Bibel sorgfältig in Englisch,
Französisch, Latein und Griechisch las und glaubte, daß Gott nicht
nur das Universum geschaffen habe, sondern sich auch in menschli-
che Angelegenheiten einschalte. „Jefferson bezeichnete sich wahr-
scheinlich vor 1790 selbst nicht als Christ", schreibt Eidsmoe, aber
später soll er gesagt haben: „Ich bin ein echter Christ, das heißt, ein
Anhänger der Lehren Jesu."6
1
ebd., S. 191.
2
ebd., S. 207.
3
LaHaye, a.a.O., S. 116.
4
ebd., S. 115.
5
John Eidsmoe, a.a.O., S. 228.
6
ebd., S. 240.

87
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Auch James Madison wird als Christ dargestellt. LaHaye schreibt


über ihn: „Weil er ein Mann war, der am Anfang nicht an die Öf-
fentlichkeit trat und nicht glaubte, daß die Regierung ein Schauplatz
religiöser Diskussionen sein sollte, ist sein junges Leben der beste
1
Beweis für seinen christlichen Glauben." Eidsmoe zitiert aus Quel-
len über Madison, um den christlichen Einfluß in seinem Leben
und seiner politischen Anschauung zu belegen. Er sagt sogar, daß
2
Madisons berühmtes Werk „Memorial and Remonstrance" „weit
davon entfernt, eine antichristliche Aussage zu sein, möglicherweise
3
einer öffentlichen Erklärung, daß er Christ sei, am nächsten kam".
Eidsmoe schreibt auch, daß „nichts in Madisons Leben oder Werken
darauf hinweist, daß er vom Christentum enttäuscht wurde, die
Grundlehren des christlichen Glaubens ablehnte oder sein Interesse
4
an der Religion verlor".
Es geht nun nicht darum, ob LaHayes, Eidsmoes oder Robert-
sons Behauptungen bezüglich der Gründerväter zutreffen oder
nicht. Der Punkt ist, daß die Neue Rechte diese Aussagen dazu
benutzt, die Förderung religiöser Einrichtungen und Werte einzu-
fordern, auch wenn die Verwandlung der Gründerväter in Chris-
ten die diesbezügliche Position der Neuen Rechten in Wirklichkeit
untergräbt.
Wenn George Washington solch ein frommer Christ gewesen wä-
re, dann hätte er das Christentum sicherlich nicht so angefeindet.
Doch im Jahr 1789 protestierten einige presbyterianische Geistliche
bei Washington dagegen, daß die Verfassung zu weltlich sei und daß
ihr jede ausdrückliche Anerkennung „des einzigen wahren Gottes
und Jesu Christi, den er gesandt hat" 5 fehle. Washington lehnte ihre
Klage ab und erklärte ruhig: „Der Pfad wahrer Frömmigkeit ist so
einfach, daß er kaum politische Wegweisung erfordert."6
1
Tim LaHaye, a.a.O., S. 129.
2
Erinnerung und Protest.
3
John Eidsmoe, a.a.O., S. 107.
4
ebd., S. 100.
5
Zitiert in Edwin S. Gaustad, „Faith of Our Fathers", Harper and Row, San
Francisco, 1987, S. 78.
6
ebd.

88
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Dieser „rechtgläubige Christ" sagte den Geistlichen, was strenge


Vertreter der Trennung von Kirche und Staat schon jahrelang gesagt
hatten: daß es nicht Sache der Regierung ist, die Religion zu för-
dern. In jenen wenigen, einfachen Worten zeigte Washington ein
Verständnis des Grundprinzips der religiösen Freiheit: daß Kirche
und Staat getrennt sein müssen und daß die Religion keine „politi-
sche Wegweisung" nötig hat - eine Ansicht, die die Neue Rechte
heftig ablehnt. Dieser Mann, von dem LaHaye sagte, er würde sich
„vollkommen mit dem [heutigen] evangelikalen Christentum identi-
fizieren", 1 brachte sogar einen Friedensvertrag mit Tripolis zustande,
in dem es hieß: „Die Vereinigten Staaten von Amerika sind in kei-
ner Weise auf die christliche Religion gegründet."
Heute werden jene, die an den von Washington vertretenen
Grundsätzen festhalten, als weltliche Humanisten, Ungläubige, A-
theisten und Kommunisten verdammt. In welche dieser Kategorien
sollen wir George Washington, LaHayes „frommen Christusgläubi-
gen" einordnen?
Und wie steht es mit Benjamin Franklin? Dieser Mann, den La-
Haye einen „starken Anwalt der religiösen Freiheit" nannte, machte
die oft zitierte Aussage: „Wenn eine Religion gut ist, dann, denke
ich, wird sie selbst für sich sorgen; und wenn sie nicht selbst für sich
sorgt, und Gott kümmert sich nicht um sie, so daß ihre Anhänger
gezwungen sind, die weltlichen Mächte zu Hilfe zu rufen, dann ist
das für mich ein Zeichen, daß sie schlecht ist."
Jene, die vom Staat vorgeschriebene Gebete und Bibelstudien in
staatlichen Schulen fordern, die Steuergelder zur Finanzierung ihrer
religiösen Programme verlangen, die nach religiösen Symbolen an
öffentlichen Plätzen und Gebäuden rufen und auf der Einführung
von Sonntagsgesetzen bestehen, nannte Franklin „Anhänger", die
sich „gezwungen sehen, nach der Hilfe weltlicher Mächte zu rufen".
Franklin verstand das Prinzip, das der Trennung von Kirche und Staat
zugrunde liegt: daß eine Religion keine Unterstützung des Staates
benötigen sollte, außer, wie Franklin schrieb, es ist eine „schlechte".

1
Tim LaHaye, S. 113.

89
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Nach Ansicht von Eidsmoe billigte sogar Thomas Jefferson „den


positiven Einfluß des Christentums auf die Gesellschaft im ganzen".
Wenn das so war, warum lehnte er dann im ersten Jahr seiner Präsi-
dentschaft die Bitte einer Baptistengruppe in Danbury, Connecticut,
ab, einen Fastentag festzusetzen, damit die Nation schneller die
Wunden heilen konnte, die sie in einem heftigen Wahlkampf davon-
getragen hatte? War das nicht ein feindlicher Akt gegenüber dem
Christentum? Schlimmer noch: In jenem Brief benutzte Jefferson
sogar das ketzerische Bild einer Trennmauer zwischen Kirche und
Staat, einen Ausdruck, der der Neuen Rechten so verhaßt ist wie
den Katholiken des 16. Jahrhunderts das sola scriptura 1.
Jefferson, der nicht nur gegen jede Art von allgemeiner Steuer
für die Religion war (er nannte dies „sündhaft und tyrannisch"),
sondern auch dagegen, daß jemand sogar für seinen eigenen Glau-
ben Steuern zahlen sollte, bemerkte, „jemandem diesen oder jenen
Lehrer seiner eigenen religiösen Überzeugung aufzuzwingen" heiße,
„ihn der angenehmen Freiheit zu berauben, seine Beiträge dem
besonderen Pastor" 2 zukommen zu lassen, den er gewählt hat. Jeffer-
son war ein unerbittlicher Vertreter der Trennung von Kirche und
Staat, der die Ansicht vertrat, daß die Religion die Unterstützung
des Staates grundsätzlich nicht benötigen sollte. „Nur der Irrtum", so
schrieb er, „braucht die Hilfe des Staates. Die Wahrheit kann für
sich selbst stehen."3
Wer heute ähnliche Ansichten vertritt, wird als „anti-christlich"
oder „anti-göttlich" gebrandmarkt. Doch diese Einstellungen wurden
von einem Mann vertreten, der nach den Worten von Eidsmoe „den
Wert des Christentums für die Nation und den einzelnen verstand;
[der] zur Kirche ging, verschiedene Kirchen unterstützte und ein
frommes Leben führte".4
James Madison, der (nach LaHayes Worten) den „christlichen
Glauben" besaß, war nicht nur gegen Steuerfreiheit für Kirchen

1
Allein die Schrift (als Grundlage des Glaubens).
2
„A Bill for Establishing Religious Freedom", 1777.
3
Thomas Jefferson, „Notes on the State of Virginia", hg. von William Peden,
Norton, New York, 1982, S. 160.
4
John Eidsmoe, a.a.O., S. 245.

90
AMERIKA IN DER PROPHETIE

(sogar die strengsten Vertreter der Trennung gehen heute nicht so


weit), er widersetzte sich sogar der Ernennung von Seelsorgern für
den Kongreß und das Militär. Er nannte eine Pastorenstelle im
Kongreß „sowohl eine eindeutige Verletzung der Gleichberechtigung
als auch der verfassungsrechtlichen Grundsätze".
Dieser Mann, der den Ersten Zusatzartikel zur Verfassung
schrieb, erhob auch Einspruch gegen eine Gesetzesvorlage, die den
Baptisten Land zugesprochen hätte. Er sagte, dies „sei ein Präze-
denzfall für die Zuteilung von Mitteln der Vereinigten Staaten für
den Gebrauch und die Unterstützung religiöser Gemeinschaften". 1
Und obwohl Eidsmoe Madisons „Memorial and Remonstrance"
eine Aussage nennt, die „einer öffentlichen Erklärung, daß Madison
Christ sei, am nächsten kam", so war es in Wirklichkeit doch das
Anliegen dieses Dokumentes, die Zuteilung von Steuergeldern an
Kirchen zu verbieten!
Offensichtlich herrscht hinsichtlich der Annäherungstheorie der
Neuen Rechten einige Unstimmigkeit. Wer gegen Steuergelder für
religiöse Erziehung ist (der gleiche Grundsatz, den Madison veran-
laßte, „Memorial and Remonstrance" zu schreiben), oder gegen
Gesetze, die religiöse Handlungen verordnen (vgl. Jeffersons Weige-
rung, Fastentage einzusetzen), oder gegen das Anbringen von religi-
ösen Symbolen an staatlichen Plätzen oder Gebäuden (vgl. Washing-
tons Antwort an die presbyterianischen Geistlichen) - wird heute
von der Neuen Rechten angegriffen und beschuldigt, dem Christen-
tum feindlich gegenüberzustehen.
Aber wie steht es nun mit denen, die diese Nation geformt haben,
Männer, die, mit wenigen Ausnahmen, die gleichen strengen Tren-
nungsgrundsätze verfolgt haben wie jene, die man heute als „anti-christ-
lich" anprangert? (Unter Druck verkündete Madison zögernd „absolut
freiwillige" und „lediglich empfohlene" Tage des Fastens und Betens.)
Um konsequent zu sein, sollte die Neue Rechte Jefferson, Madison,
Washington und Franklin nicht als religiöse Männer bezeichnen, son-
dern - in ihrem Sprachgebrauch - als eine „Brut von liberalen, anti-
christlichen, weltlichen und humanistischen Bolschewiken" - was sie

1
Zitiert in Edwin S. Gaustad, a.a.O., S. 51.

91
AMERIKA IN DER PROPHETIE

natürlich nicht tut. Statt dessen wird sie weiterhin die Lüge über die
religiösen Überzeugungen der Gründerväter verbreiten, um damit die
Lüge ihrer Strategie der Annäherung zu unterstützen, und Millionen
von Amerikanern werden weiterhin beiden Glauben schenken.
Die Neue Rechte benutzt jedoch noch eine weitere Masche, um
die Geschichte Amerikas umzuschreiben und damit ihre politischen
Ziele zu verfolgen. Es handelt sich um die Gründungsklausel des
Ersten Zusatzartikels zur Verfassung, die besagt: „Der Kongreß soll
kein Gesetz bezüglich der Gründung einer Religion erlassen ..."
Obwohl die Bedeutung dieser Aussagen völlig klar zu sein scheint,
sagen die Neue Rechte und andere, dies bedeute nur, daß der Kon-
greß keine Religion der anderen vorziehen, aber durchaus alle Reli-
gionen gleichwertig unterstützen dürfe.
„Es gibt viele Urteile des Obersten Gerichtshofes", schrieb Keith
Fournier, „die ausdrücklich bestätigen, daß die Regierung Religion
in Amerika nicht nur tolerieren, sondern auch positiv unterstützen
muß." 1 Der höchste Richter des Obersten Gerichtshofes der Verei-
nigten Staaten, William H. Rehnquist, stimmt dem zu. Er sagt daß
die Gründungsklausel lediglich „die Gründung einer Staatsreligion
und das Bevorzugen einzelner religiöser Sekten und Konfessionen
untersagte". Aber sie verbot der Regierung nicht, so meint er, „die
Religion auf unparteiische Weise finanziell zu unterstützen".2
Wer hat nun recht? Da James Madison die Gründungsklausel
schrieb, sollte er wissen, was sie bedeutete - und glücklicherweise
hinterließ er ein Dokument, das seine Ansicht über dieses Thema
erkennen lät. Auch, weil „Virginia den logischen Grund und den
vorläufigen Entwurf für den Ersten Zusatzartikel zur Verfassung und
seine spätere Auslegung lieferte", 3 kann uns seine Geschichte heute
helfen, die Bedeutung der Aussagen über die Religion zu verstehen.
Nach dem Revolutionskrieg waren die Staatsführer in Virginia
besorgt über den Verfall der moralischen Zustände und über „die

1
Keith Fournier, „Tear Down This Wall!" in „Law & Justice", Winter 1992, S. 4.
2
Zitiert in Leonard Levy, „The Establishment Clause", MacMillan, New York,
1986, S. XII.
3
Thomas Buckley, „Church and State in Revolutionary Virginia, 1776-1787",
University of Virginia Press, Richmond, 1977, S. IV.

92
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Unzucht, die Bosheit und die Verbrechen", die sich rasch ausbreite-
ten. Um diesen Tendenzen entgegenzuwirken, schrieb Patrick Hen-
ry, der beliebteste Politiker in Virginia, einen Gesetzentwurf für die
Allgemeine Steuerveranlagung zugunsten der Religion. Jeder Steu-
erzahler konnte selbst bestimmen, welcher Kirche sein Geld zu-
kommen sollte, und wenn er keine besondere Konfession wählte,
sollte das Geld in den Bau von Kirchenschulen fließen.
Der Gesetzentwurf, eingebracht im Jahr 1784, war besonders „als
Zuschuß und Unterhalt für mehrere Geistliche und Lehrer des Evan-
geliums" gedacht, „die verschiedenen Überzeugungen und Konfessionen
angehören", und für die Instandhaltung ihrer Kirchen. Im Fall der
Quäker und „Mennoniten", die keine Geistlichkeit unterhielten, sollte
das Geld in einen allgemeinen Fonds fließen, „der ihre besondere
Art des Gottesdienstes fördern" sollte. Kurz, Henrys Allgemeine
Steuerveranlagung war eine frühe Version dessen, was nach Ansicht
der Vertreter der staatlichen Unterstützung der Kirchen im 20. Jahr-
hundert der Erste Zusatzartikel zur Verfassung zulät: gleichberech-
tigte und unparteiische staatliche Unterstützung aller Religionen.
James Madison schoß mit scharfer Munition dagegen. Zuerst ge-
lang es ihm, Patrick Henry aus dem Parlament zu drängen, wo er
durch seine feurigen und mächtigen Reden Unterstützung für die
Allgemeine Steuerveranlagung gefunden hatte, und ihn auf den
Stuhl des Gouverneurs zu setzen, wo er den Streit nicht mehr beein-
flussen konnte. Dann zögerte Madison die Abstimmung hinaus, was
ihm selbst Zeit gab, Kräfte dagegen zu sammeln und sein berühmtes
„Memorial and Remonstrance" zu schreiben.
„Wir erheben Einwände gegen diesen Gesetzentwurf", schrieb er
in der letzten Zeile des ersten Abschnittes, und dann begann er
jeden der nächsten fünfzehn Abschnitte mit einem „Weil" und führte
detailliert die Gründe für seinen Widerstand gegen die Allgemeine
Steuerveranlagung an. „Weil", sagte er, dieser Gesetzesentwurf „ei-
nen gefährlichen Mißbrauch von Macht" darstellt, der die meisten
Grundfreiheiten bedroht. „Weil", sagte er, fünfzehn Jahrhunderte
„kirchliche Vorherrschaft" Aberglaube, Scheinheiligkeit und Verfol-
gung hervorgebracht hatten, und dieser Gesetzesentwurf das gleiche
erreichen könnte. „Wer sieht nicht", warnte er, „daß die gleiche

93
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Autorität, die das Christentum zur einzig maßgeblichen Religion


erklären kann, vielleicht mit der gleichen Mühelosigkeit irgendeiner
christlichen Gemeinschaft zu einer solchen Vorrangstellung verhel-
fen kann? Weil die Einrichtung, die der Gesetzesentwurf vorschlägt,
zur Unterstützung der christlichen Religion nicht erforderlich ist. Zu
sagen, daß dies doch so sei, ist ein Widerspruch zur christlichen
Religion selbst, denn jede ihrer Aussagen leugnet eine Abhängigkeit
von den Mächten dieser Welt."
Madison war über dieses „erste Experiment mit unseren Freihei-
ten" so beunruhigt, daß er es mit der spanischen Inquisition ver-
glich! „So weit es in der gegenwärtigen Form von der Inquisition
entfernt sein mag, unterscheidet es sich davon doch nur minimal.
Das eine ist der erste Schritt, das andere der letzte auf dem Weg der
Intoleranz."
Dies waren die Auffassung des Mannes, der sieben Jahre später
die Gründungsklausel schrieb. Wie ist es dann möglich, daß Leute
diese Klausel trotzdem so auslegen, als ob staatliche Finanzhilfe für
die Religion erlaubt sei?
Der Vergleich zwischen dem kleinen Gesetzesentwurf des armen
Henry, der nur ein paar Dollar aus Steuergeldern für „verschiedene
Überzeugungen und Konfessionen" loseisen wollte, und der Inquisi-
tion scheint zwar ein wenig weit hergeholt zu sein, doch die Rede-
weise und die Inbrunst Madisons zeigen, daß er den wichtigsten
Grundsatz religiöser Freiheit verstanden hat: Die Regierung muß
daran gehindert werden, Religion entweder zu behindern oder zu
fördern. „Es gibt nicht den Schatten eines Rechtes", schrieb er an
anderer Stelle, „das der Regierung gestattet, sich in religiöse Fragen
1
einzumischen."
Der Verfassungsrechtler Leonard Levy schrieb: „Es ist deshalb
unvernünftig, sogar albern, zu glauben, daß ein ausdrückliches Ver-
bot von Macht - ,der Kongreß soll kein Gesetz hinsichtlich der Ein-
setzung einer Religion erlassen' - die Macht verleiht oder schafft, die
es vorher nicht gegeben hat, um die Religion durch finanzielle Bei-
2
hilfe für alle Gruppen zu unterstützen."
1
Zitiert in Robert S. Alley, „James Madison on Religious Liberty", Prometheus
Books, Buffalo, 1985, S. 71.
2
Leonard Levy, 84.

94
AMERIKA IN DER PROPHETIE

In einem 1988 erschienenen Buch bewies Joel Hunter als Vertreter


der Neuen Rechten ein seltenes Einfühlungsvermögen für die Prob-
lemlage: „Institutionelle Erlasse sind keineswegs ohne Gewalt. Wie
bereits erwähnt, stellt die Macht der Regierung und ihrer verschiede-
nen Einrichtungen immer auch eine Gewalt dar ... Und alle Aktivitä-
ten, die von staatlichen Institutionen ausgeführt werden, können nicht
umhin, die Gewalt auszudrücken, die mit staatlichen Einrichtungen
verbunden ist. Etwas anderes zu glauben, ist erstaunlich naiv."1
Offensichtlich sind die meisten Vertreter der Neuen Rechten ent-
weder „erstaunlich naiv", oder die möglichen Konsequenzen ihrer
Bemühungen, die Trennmauer zwischen Kirche und Staat niederzu-
reißen, sind ihnen herzlich gleichgültig. Oder noch erschreckender:
Sie wissen, was die Zerstörung dieser Mauer zur Folge haben kann -
und genau dies ist es, was sie wollen.
„Das ,Bild des Tieres', schrieb Ellen White in dem Buch „Der
große Kampf", „stellt jene Form des abgefallenen Protestantismus
dar, die sich entwickeln wird, wenn die protestantischen Kirchen zur
Erzwingung ihrer Lehrsätze die Hilfe des Staates suchen werden." 2 Ge-
nau darum geht es der Neuen Rechten bei ihrem Angriff auf die
Trennung von Kirche und Staat.
Obwohl sie bisher noch keinen Erfolg gehabt hat, wird es ihr (o-
der einer ähnlichen Gruppe) am Ende doch gelingen. Wir brauchen
auch keine Prophetie, um dies kommen zu sehen. Wir brauchen nur
auf die Gerichtshöfe zu blicken. Warum? Weil es die Gerichtshöfe
sind, die gemä unserem Drehbuch, wie es in der Offenbarung und
im Buch „Der Große Kampf" steht, ihre Einstellung zum Ersten
Zusatzartikel zur Verfassung ändern werden. Wie das nächste Kapi-
tel zeigt, tun sie es bereits.

1
Joel Hunter, „Prayer, Politics and Power", Tyndale House, Wheaton, Ill. 1988,
S. 37.
2
Ellen G. White, „Der große Kampf", S. 445f (Betonung hinzugefügt).

95
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Kapitel 8

H. R. 2797

Vom Hauptbahnhof kommend, erreichte ich den nördlichen Ein-


gang von Capitol Hill. An den Kontrollposten schauten Polizisten
mit Spiegeln an langen silbernen Griffen unter die Fahrzeuge; ande-
re in grauen Overalls führten Schäferhunde, die an jedem Auto
schnüffelten, bevor die Polizei es durchfahren ließ. Auf jeder Seite
des Kontrollpostens standen badewannengroße, zementierte Blu-
menkästen, die als Barrieren gegen Lastwagen-Terroristen dienten.
Ich ging zusammen mit Dutzenden von anderen Leuten zwischen
den blühenden Barrieren hindurch. Sie alle strömten auf den Platz,
der sich in der Länge von etwa drei Fußballfeldern vor dem Kapitol
ausdehnte, das in der Maisonne glitzerte wie ein antikes Phantasie-
gebilde aus dem Mittelmeerraum. Soldaten mit nacktem, braunge-
branntem Oberkörper und in engen grünen Shorts joggten zwischen
Männern und Frauen in Anzügen und Kostümen. Eine Menge von
Menschen, alle mit Namensschildern am Revers, sammelte sich auf
den Stufen des Kapitols, um fotografiert zu werden. Ein rot-weißer
Lastwagen parkte am Lieferanteneingang, und die Polizei bat die
Leute höflich, sich auf den Bürgersteig zu begeben.
Durch einen Eingang auf der Südseite des Kapitols betrat ich das
Rayburn Building. Nachdem ich einen Metalldetektor passiert hatte,
ging ich durch die weißen Marmorgänge, nahm einen Aufzug zum
zweiten Stock und kam schließlich zum Raum 2237, wo das Komi-
tee für Zivil- und Verfassungsrecht, ein Unterausschuß des
Rechtsausschusses des Parlaments, gerade mit seiner Sitzung begann.
Dort traf ich auch andere Adventisten, Vertreter der Abteilung „Re-

96
AMERIKA IN DER PROPHETIE

ligiöse Freiheit", die anwesend waren, um den Gesetzesentwurf zu


unterstützen, der an jenem Maimorgen vor diesem Unterausschuß
debattiert wurde: H. R. 2797 - auch bekannt als „Das Gesetz zur
Wiederherstellung der Religiösen Freiheit von 1991".
Was sollte per Gesetz wiederhergestellt werden?
Den meisten Leuten war nicht bewußt, daß die religiöse Freiheit
wiederhergestellt werden mußte. Trotzdem war die Bezeichnung
angemessen, und die Geschichte hinter der Abkürzung H. R. 2797
offenbart nicht nur, wie zerbrechlich unsere Freiheiten sind, sondern
auch, wie schnell das Drehbuch aus „Der große Kampf" über den
Niedergang der religiösen Freiheit in den Vereinigten Staaten Wirk-
lichkeit werden könnte.
Wie in den meisten Fällen, die die Religionsfreiheit betreffen, ging
es auch bei diesem Drama um eine religiöse Minderheit - Leute, die
unkonventionelle religiöse Praktiken pflegen, deren Anzahl aber zu
unbedeutend ist, um bei Wahlen den notwendigen Druck ausüben
zu können und diese Praktiken zu schützen. - Wie die Adventisten.
Dieser Fall konzentrierte sich auf Alfred Smith, 70, ein Klamath-
Indianer und Mitglied der Native American Church. In den siebzi-
ger Jahren begann dieser ehemalige Alkoholiker, als Ratgeber für
die Wiedereingliederung von Drogenabhängigen in Oregon zu ar-
beiten. Als er von jener Organisation gegen Alkohol- und Drogen-
mißbrauch angestellt wurde, unterzeichnete er einen Standardver-
trag, der die Klausel enthielt, daß er keinen Alkohol oder illegale
Drogen konsumieren würde.
Etwa zur gleichen Zeit begann Smith, die alten Bräuche der Ein-
geborenen Amerikas zu erforschen, wie den Sonnentanz der Sioux
und andere Zeremonien, die Teil seiner „spirituellen Suche" waren.
Dies schloß auch den Genuß von Peyote (Mescalin) ein, eine Hand-
lung der Anbetung und Gemeinschaft, die für die Ureinwohner der
USA mit einer jahrhundertealten Tradition verbunden ist. Vierund-
zwanzig Staaten haben deshalb Indianern, die im Rahmen von reli-
giösen Zeremonien Peyote genießen, von den Drogengesetzen aus-
genommen. Obwohl Oregon zu dem Zeitpunkt, als Smith seinen
Vertrag unterschrieb, den rituellen Genuß von Peyote noch nicht
erlaubte (heute ist es anders), glaubte Smith, daß dies der Fall sei.

97
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Es war jedoch nicht so, und die Organisation entließ ihn. Als er
und ein anderer Indianer, Galen Black, der aus dem gleichen
Grund entlassen worden war, Arbeitslosengeld beantragten, wies das
Arbeitsministerium von Oregon ihren Anspruch mit der Begrün-
dung zurück, die zwei Männer hätten ihre Arbeitsstelle wegen „mit
der Arbeit verbundene Fehlverhalten" verloren. Smith und Black
reichten Klage gegen diesen Bescheid ein. Sie argumentierten, daß
der Staat von der Verfassung her ihren Anspruch nicht abweisen
könne, da ihr Genuß von Peyote religiös begründet sei.
Ein Berufungsgericht in Oregon hob die Bescheide des Arbeits-
ministeriums auf, und vier Jahre, nachdem Smith und Black ihre
Arbeit verloren hatten, verfügte der Oberste Gerichtshof von Ore-
gon, daß die Klausel der freien Religionsausübung aus dem Ersten
Zusatzartikel zur Verfassung den zeremoniellen Genuß von Peyote
schütze. Staatsbeamte wandten sich daraufhin mit dieser Verfügung
an den Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten, der sich,
nachdem er den Fall einmal nach Oregon zurückgesandt hatte,
schließlich bereit erklärte, die Sache „Arbeitsministerium gegen
Smith" anzuhören.
Als 1990 die 6:3-Abstimmung gegen Smith verkündet wurde,
protestierten die verschiedensten Gruppen des politischen und reli-
giösen Spektrums gegen diese Entscheidung - vom konservativen
Christian-Rutherford-Institut bis zur „American Civil Liberties Uni-
on", 1 vom „American Muslim Council" 2 bis zum „National Council
of Jewish Women", 3 von der „Home School Legal Defense Associa-
tion" 4 bis zu „People for the American Way".5
Der Nationale Kirchenrat sprach von einer „Entscheidung mit ka-
tastrophalen Folgen". 6 Der „American Jewish Congress" bezeichnete

1
Vereinigung für bürgerliche Freiheit in Amerika (USA).
2
Rat Amerikanischer Muslime.
3
Nationalrat Jüdischer Frauen.
4
Vereinigung zur Verteidigung des Schulunterrichtes im Elternhaus.
5
Menschen für den Amerikanischen Lebensstil.
6
Zitiert in Mitchell Tyner, „Is Religious Liberty a ,Luxury' We Can No Longer
Afford?" (Ist religiöse Freiheit ein ,Luxus', den wir uns nicht länger leisten kön-
nen?) in „Liberty", 9-10/1990, S. 5.

98
AMERIKA IN DER PROPHETIE

sie als „verheerend für die Rechte der freien Religionsausübung aller
Amerikaner, besonders jener, die einer religiösen Minderheit ange-
hören". 1 Der Abgeordnete Stephen J. Solarz sagte: „Mit einem Fe-
derstrich entfernte der Oberste Gerichtshof sozusagen die religiöse
Freiheit - unsere erste Freiheit - aus der Verfassung."2
Forest Montgomery von der „National Association of Evangeli-
cals" sagte, die Entscheidung habe „die Klausel der freien Religions-
ausübung aus dem Ersten Zusatzartikel zur Verfassung gelöscht". 3
Auch David L. Miller, Herausgeber von „The Lutheran", 4 beklagte
die Entscheidung. Er sagte: „Der gröte Verlierer ist vielleicht die
amerikanische Gesellschaft. Die Seele der Nation steht auf dem
Spiel." 5 Sogar die Beisitzerin Sandra Day O'Connor, die dem Urteil
im Fall Smith zustimmte, sagte, die Urteilsbegründung des Gerichtes
sei mit der Grundverpflichtung unserer Nation gegenüber dem indi-
viduellen Recht auf Freiheit nicht vereinbar" und verunglimpfe „den
ursprünglichen Sinn und Zweck der Verfassung".
Und all das wegen einer Verfügung des Obersten Gerichtshofes,
die einem Indianer das Arbeitslosengeld verweigerte, der wegen des
Genusses von Peyote entlassen worden war?
Nicht ganz. Die Sache, um die es eigentlich ging, war nicht die
Entscheidung, die möglicherweise schlecht war, sondern die Ansicht
der Mehrheit, niedergeschrieben von Richter Antonin Scalia, die
unbestreitbar schlecht war. Scalia entzog den Schutz der religiösen
Freiheit den Gerichten und legte ihn in die Hände von Wählern
und Gesetzgebern - nicht unbedingt der sicherste Ort, besonders für
den Glauben religiöser Minderheiten.
„Wir stehen nun vor den düsteren Aussichten von Volksentschei-
den", sagte der Abgeordnete Solarz, „die bestimmen, welche religiö-

1
ebd.
2
Darrell Turner, „Religious groups press to overturn decision curtailing freedoms"
(Religiöse Gruppen versuchen, Entscheidungen zu kippen, die die Religionsfrei-
heit einschränken) in „Religious News Service" vom 2.7.1992, S. 8.
3
Zitiert von Ruth Marcus in „Reigns on Religious Freedom?" (Grenzen der
Religionsfreiheit) in der „Washington Post" vom 9.3.1991.
4
„Der Lutheraner".
5
David Miller, „Religious Freedom Is Under Fire" (Die Religiöse Freiheit unter
Beschuß) in „The Lutheran" vom 17.7.1991, S. 8.

99
AMERIKA IN DER PROPHETIE

sen Praktiken geschützt werden und welche nicht. Religion ist von
nun an der Tagespolitik von Interessengruppen unterworfen, die
viele unserer Entscheidungen beeinflußt. Sie wird das Thema von
Postkarten-Kampagnen sein, von 30-Sekunden-Werbespots, von wis-
senschaftlichen Umfragen und gesetzgeberischem Kuhhandel." 1
Mit dem Urteil im Fall Smith hat sich Amerika weit von der Zeit
entfernt, als der Oberste Gerichtshof anerkannte, daß der Zweck der
ersten zehn Zusatzartikel der Verfassung darin bestand, „bestimmte
Angelegenheiten den Wechselfällen der politischen Ausein-
andersetzung" zu entziehen, „um sie jenseits der Reichweite von
Mehrheiten und Regierungsbeamten zu plazieren".
Vor dem Fall Smith urteilte das Oberste Gericht, daß bestimmte
Rechte, einschließlich jenem des Rechtes auf freien Gottesdienst,
„nicht einer Abstimmung ausgeliefert werden" oder „vom Ergebnis
einer Präsidentschaftswahl" abhängig sein dürfen. 2 Jetzt kann, wie
Richter Scalia im Fall Smith zugab, „wohl gesagt werden, daß es
jenen religiösen Praktiken, die nicht weit verbreitet sind, einen relati-
ven Nachteil einbringen wird [wenn man die Toleranz gegenüber
bestimmten religiösen Praktiken dem politischen Prozeß überlät]".3
Welche Folgen hatte der Fall Smith?
Die große Frage bezüglich des Paragraphen über die freie Reli-
gionsausübung ist: In welchem Umfang schützt die Verfassung die
freie Ausübung der Religion? Vor Jahren stellte der Oberste Ge-
richtshof fest: „Der Absatz über die freie Religionsausübung beinhal-
tet zwei Begriffe - Freiheit des Glaubens und Freiheit des Handelns.
Der erste ist absolut, aber es liegt in der Natur der Dinge, daß es der
zweite nicht sein kann."4

1
„Testimony of Congressman Stephen J. Solarz Concerning the Religious Free-
dom Restoration Act Before the House Subcommittee on Civil and Constitutio-
nal Rights" (Stellungnahme des Kongreßmitgliedes Stephen J. Solarz betreffs der
Gesetzesvorlage zur Wiederherstellung der Religiösen Freiheit vor dem Unte-
rausschuß für zivile und konstitutionelle Rechte im Kongreß) vom 14.5.1992.
2
West Virginia State Board of Education gegen Barnette (Erziehungsministerium
von West Virginia gegen B.) (1943).
3
Arbeitsministerium gegen Smith (1992).
4
Cantwell gegen den Staat Connecticut (1946).

100
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Warum nicht? Weil nicht alles, was unter der Rubrik „Religion"
firmiert, vom Ersten Zusatzartikel zur Verfassung geschützt werden
sollte. Angenommen, es entsteht ein Kult, der der alten kanaaniti-
schen Praxis des Kinderopfers oder der hinduistischen Praxis des
Sati huldigt (dem Verbrennen einer Witwe mit der Leiche ihres
Mannes auf Beerdigungs-Scheiterhaufen). Kein Gericht unseres Lan-
des würde solche Dinge erlauben, egal wie fest verwurzelt solch eine
religiöse Tradition sein mag oder wie fest man daran glaubt.
Obwohl zum Beispiel Polygamie ein wesentlicher Bestandteil
der Religion der Mormonen ist, erlauben die Gerichte diese Praxis
nicht, denn „der Staat hat absolut das Recht, Polygamie und alle
anderen offenen Verstöße gegen die aufgeklärte Denkweise der
Menschheit zu verbieten, ungeachtet des Vorwandes religiöser
Überzeugungen, denen zufolge sie vertreten oder ausgeübt wer-
den".1
Sollten jedoch alle religiösen Praktiken, die im Widerspruch zur
„aufgeklärten Denkweise der Menschheit" stehen, geächtet werden,
oder besteht der eigentliche Zweck des Absatzes über die freie Reli-
gionsausübung nicht vielmehr darin, Praktiken von religiösen Min-
derheiten vor dem Zugriff der Mehrheit zu schützen? Sollte der
Oberste Gerichtshof dennoch einen Unterschied machen zwischen
Sati und dem rituellen Genuß von Peyote? Wo und wie sollten die
Gerichte die Grenze ziehen?
In den vierziger Jahren sah der Oberste Gerichtshof die religiöse
Freiheit als ein „Grundrecht" an - vorrangig und kostbar -, das um-
fassenden Schutz erforderte, mehr als zum Beispiel die Vertragsfrei-
heit oder die wirtschaftliche Freiheit. Die Regierung mußte mit einer
strengen Prüfung durch die Gerichte rechnen, wenn sie jemandem
eine Ausnahmegenehmigung verweigerte, dessen religiöse Überzeu-
gungen mit einem Gesetz in Konflikt standen.
Ein Fall im Jahr 1963, in dem es um den adventistischen Sabbat
ging, lät die strikte Verfahrensweise deutlich werden. In einer Situa-
tion ähnlich der von Smith verlor die Siebenten-Tags-Adventistin

1
„The Late Corporation of the Church of Jesus Christ of Latter Day Saints versus
United States" (Die frühere Körperschaft der Kirche Jesu Christi der Heiligen
der Letzten Tage gegen die Vereinigten Staaten) (1890).

101
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Adele Sherbert ihre Arbeitsstelle, weil sie es ablehnte, am Sabbat zu


arbeiten, als ihre Firma in South Carolina von der Fünf-Tage-Woche
auf die Sechs-Tage-Woche umstellte. Da man ihre Ablehnung als
Fehlverhalten ansah, wurde ihr das Arbeitslosengeld verweigert (ob-
wohl South Carolina gleichzeitig Leuten Arbeitslosengeld gewährte,
die entlassen wurden, weil sie nicht am Sonntag arbeiten wollten).
Der Fall ging bis zum Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staa-
ten, der zu ihren Gunsten entschied. Im Mehrheitsbeschluß, ge-
schrieben von Richter William Brennan, urteilte der Gerichtshof,
daß eine Person nicht dazu gezwungen werden dürfe, zwischen der
Treue zu aufrichtigen Glaubensüberzeugungen und dem Empfang
allgemein erhältlicher staatlicher Unterstützungen wie Arbeitslosen-
geld entscheiden zu müssen.
Er prägte auch den Begriff vom „zwingenden staatlichen Interesse",
der bedeutet, daß der Staat deutlich machen muß, warum eine be-
stimmte religiöse Praxis zum Wohl der Allgemeinheit verboten wer-
den sollte. Dieser Gedanke wurde sogar noch vor dem Fall Sherbert
gegen Verner (wie bei den Fällen, wo es um Polygamie bei den
Mormonen ging) angewandt, der hinsichtlich des Grundrechts der
freien Religionsausübung als Grundsatzentscheidung betrachtet wer-
den kann.
Das Prinzip des „zwingenden staatlichen Interesses" erwies sich
deshalb als guter (obwohl nicht perfekter) Schutz der religiösen Frei-
heit, weil die Beweislast auf der Regierung ruhte. Sie mußte begrün-
den, warum ein Grundrecht wie die freie Religionsausübung nicht
gewährt werden sollte.
Der Rechtswissenschaftler Douglas Laycock stellt fest: „Die Verfas-
sung besagt nicht, daß die Regierung die freie Religionsausübung aus
zwingenden Gründen verbieten darf. Vielmehr sagt sie deutlich, daß
es ,kein Gesetz' geben soll, das die freie Ausübung verbietet. Die darin
enthaltene Ausnahme gilt für Fälle absoluter Notwendigkeit, und nur
sie können als Begründung für derartige Ausnahmen gelten."1

1
„Summary of Statement of Douglas Laycock Before the House Subcommittee
on Civil and Constitutional Rights" (Zusammenfassung der Erklärung von D. L.
vor dem Unterausschuß für zivile und konstitutionelle Rechte im Kongreß vom
13. und 14.5.1992.

102
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Der Gerichtshof urteilte, daß „nur die schlimmsten Mißbräuche,


die die höchsten Interessen in Gefahr brächten, ein Grund für er-
laubte Einschränkungen sind", 1 und daß „nur solche höchsten Inte-
ressen und jene, denen nicht anderweitig entsprochen werden kann,
legitime Ansprüche zur freien Religionsausübung überlagern kön-
nen".2
Im Idealfall würden also die Gerichte zugunsten jener urteilen,
die gesetzliche Ausnahmeregelungen erwirken wollten, es sei denn,
der Staat konnte im Rahmen dieser sehr strengen Prüfung begrün-
den, warum eine bestimmte religiöse Praxis untersagt werden sollte.
Die Vorgehensweise war jedoch nicht vollkommen (wie konnte
der Gerichtshof zum Beispiel definieren, was „zwingend" oder ein
„höchstes Interesse" war?), und religiöse Minderheiten gewannen
auch nicht immer, besonders nicht in den letzten Jahren. Der Ge-
richtshof hat Gründe gefunden, bestimmte religiöse Praktiken zu
diskriminieren. Aber die Prüfung war prinzipiell dazu bestimmt, das
Grundrecht der Religionsfreiheit vor staatlichen Eingriffen zu schüt-
zen.
Dann kam der Fall Smith, und dieser Schutz verschwand über
Nacht. Richter Scalia, dem sich der Oberste Richter Rehnquist so-
wie die Richter White, Stevens und Kennedy anschlossen
(O'Connor stimmte mit der Mehrheit, weigerte sich aber, den
Beschluß zu unterschreiben), entschied, daß das Prinzip der überaus
strengen Prüfung in den meisten Fällen, wo es um die freie Religi-
onsausübung geht, kein angemessener Maßstab sei.
Die Regierung sollte nun kein zwingendes staatliches Interesse
mehr nachweisen müssen, um ein Gesetz zu begründen, das in eine
religiöse Praxis eingreift. Statt dessen sollte es im Falle eines Geset-
zes, das sich nicht gegen eine spezielle Glaubensrichtung wendet,
sondern allgemeine Gültigkeit besitzt, kein verfassungsgemäes
Recht auf Ausnahmen geben. Es wäre danach zum Beispiel gegen
die Verfassung, ein Sonntagsgesetz zu erlassen, das sich speziell ge-
gen die Siebenten-Tags-Adventisten richtet. Es wäre nun aber mög-

1
Sherbert gegen Verner (1963).
2
Der Staat Wisconsin gegen Yoder (1972).

103
AMERIKA IN DER PROPHETIE

lich, ein Sonntagsgesetz zu erlassen, das für alle Bürger gilt, ein-
schließlich der Adventisten. Wollte man dieses Gesetz ändern oder
eine Ausnahme erwirken, müte man sich an das Parlament des
betreffenden Staates wenden. Hätte man dort keinen Erfolg, wäre
das eben schlicht und einfach Pech.
Scalia schrieb, und vier andere Richter stimmten dem zu: „Die
über hundertjährige Geschichte unserer Rechtsprechung zugunsten
der freien Religionsausübung" hat deutlich gemacht, daß die Verfas-
sung „keine Einzelperson von der Verpflichtung entbindet, ein
,gültiges und neutrales Gesetz von allgemeiner Anwendbarkeit' zu
befolgen", auch wenn das Gesetz vielleicht „zufällig" eine religiöse
Handlungsweise beeinträchtigt.1
Für Scalia würde die Anwendung des Grundsatzes, zwingende
staatliche Interessen nachweisen zu müssen, „in allen Gremien und
auf alle Handlungen, die angeblich auf religiösen Vorschriften basie-
ren ... die Tür öffnen für vom Verfassungsrecht geforderte religiöse
Ausnahmen jeder nur denkbaren Art - von der Wehrpflicht ... bis
zur Steuerzahlung" und „Gesetzen bezüglich der Grausamkeit ge-
genüber Tieren ...". Eine derartige Verfahrensweise würde, so erklär-
te er, zur „Anarchie" auffordern.2
Doch die über hundertjährige Geschichte der Rechtsprechung
zugunsten der freien Religionsausübung zeigt, daß die Verfassung
sehr wohl darauf abzielt, einzelne von der Verpflichtung zu entbin-
den, ein Gesetz zu befolgen, das ihr religiöses Leben beeinträchtigt.
Dies ist der eigentliche Sinn und Zweck des Schutzes der freien Re-
ligionsausübung.
Der Ausdruck, daß der Kongreß „kein Gesetz" erlassen soll, das
die freie Ausübung von Religion verbietet, bezieht sich nicht not-
wendigerweise nur auf Gesetze, die speziell religiöse Belange berüh-
ren, (und von denen sogar Scalia sagt, daß sie verfassungswidrig
sind), sondern auch auf Gesetze „allgemeiner Anwendbarkeit", die
religiöse Handlungen „zufällig" verbieten würden. Kein Wunder,
daß Richter Blackmun in seiner abweichenden Stellungnahme den

1
Arbeitsministerium gegen Smith (1992).
2
ebd.

104
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Vorwurf erhob, der Mehrheitsbeschluß stelle „die Präzedenzfälle des


Gerichtshofes falsch dar" und bewirke „eine völlige Verkehrung
geltenden Rechtes hinsichtlich der Religionsklausel in unserer Ver-
fassung".
Abgesehen davon geht Scalias Argument, der generelle Nach-
weis zwingender staatlicher Interessen fordere zur „Anarchie" auf,
an der Wirklichkeit vorbei. Selbst nach jahrzehntelanger Anwen-
dung dieses Prinzips - wo herrscht heute Anarchie? Und seine
Warnung, daß damit eine religiös begründete Befreiung von Steu-
ern notwendig würde, ignoriert einen früheren Rechtsstreit. Darin
urteilte das Gericht - ein zwingendes staatliches Interesse anfüh-
rend - gegen jene, die aus religiösen Gründen keine Steuern zah-
len wollten!
Scalia zitiert auch den Fall „Minversville gegen Gobitis". Das Ur-
teil des Obersten Gerichtshofes aus dem Jahre 1940 verlangte von
Kindern von Zeugen Jehovas, trotz ihrer religiösen Einwände gegen
diese Praxis, die US-amerikanische Flagge zu ehren. Dieser Fall, der
im Umgang des Obersten Gerichtshofes mit religiösen Angelegen-
heiten als Tiefpunkt angesehen wird, hatte eine landesweite Welle
der Gewalt gegenüber den Zeugen Jehovas zur Folge.
Der Verfassungsrechtler Leo Pfeffer schrieb: „In den zwei Jahren
nach dem Gobitis-Urteil gab es ununterbrochen Berichte von Ge-
walt und Verfolgung gegenüber den Zeugen. Fast ohne Ausnahme
waren die Flagge und das Grüen der Flagge die Ursachen." 1 Scalia
versäumte allerdings zu erwähnen, daß der Oberste Gerichtshof
genau drei Jahre später das Urteil im Fall Gobitis sowie die entspre-
chende Beweisführung verwarf. Wer den Fall Gobitis anführt, um
dadurch die Einschränkungen der Religionsfreiheit zu rechtfertigen,
könnte genau so gut Joseph Stalin zitieren, um die wirtschaftlichen
Vorteile des Kommunismus zu preisen.
Kein Wunder, daß Dean Kelly, Berater für Religionsfreiheit im
Nationalen Kirchenrat sagte: „Mit dem Urteil im Fall Smith machte
der Gerichtshof praktisch eine der ersten Garantien der Verfassung

1
Leo Pfeffer, „God, Caesar, and the Constitution" (Gott, Caesar und die Verfas-
sung), Beacon Press, Boston, 1975, S. 144.

105
AMERIKA IN DER PROPHETIE

zunichte, den Paragraphen über die freie Religionsausübung". 1 Nach


dem Smith-Urteil steht die Welt allen Glaubensrichtungen potentiell
feindlich gegenüber.
Ein Bundesberufungsgericht versagte der Heilsarmee den religiös
begründeten Anspruch, von einem Gesetz in bezug auf die Besteue-
rung von Pensionen entbunden zu werden. 2 Ein anderes berief sich
auf die Smith-Entscheidung und verbot einer Kirche in New York
ein Gebäude abzureißen und es durch ein Bürohaus zu ersetzen, um
Geld für die Finanzierung ihrer Arbeit einzunehmen. 3 Und ein wei-
teres Gericht wies die Forderung eines Häftlings ab, das Verbot von
Rosenkränzen und Skapulieren4 aufzuheben. 5 In all diesen Fällen
berief man sich auf das Urteil gegen Smith.
Wenn Smith das maßgebliche Urteil in bezug auf die freie Reli-
gionsausübung bleibt, ist es nicht schwer zu verstehen, wie sich dies
auch auf Adventisten auswirken könnte. Was wäre als „gültiges und
neutrales Gesetz allgemeiner Anwendung" besser geeignet als ein
Sonntagsgesetz?
Obwohl die Gesetzgebung bezüglich des Sonntags, wie sie in
dem Buch „Der große Kampf" beschrieben wird, religiös motiviert
ist (was auf alle Sonntagsgesetze zutrifft), könnte ein solches Gesetz
unter dem Mantel der Wirtschaft, der Moral oder „familiärer Werte"
erlassen werden. Tatsächlich urteilte der Oberste Gerichtshof in den
frühen sechziger Jahren in einer Reihe von Fällen, daß Sonntagsge-

1
„Testimony on the Religious Freedom Restoration Act presented by Dean
Kelly, counselor on religious liberty to the National Council of Churches, to the
subcommittee on Civil and Constitutional Rights of the Committee on the Judi-
ciary of the House of Representatives" (Stellungnahme zur Gesetzesvorlage über
die Wiederherstellung der Religiösen Freiheit von D. K., Berater beim Nationa-
len Rat der Kirchen in Sachen Religiöse Freiheit, vor dem Unterausschuß für
zivile und konstitutionelle Rechte des Rechtsausschusses des Parlaments) vom
13.5.1992.
2
„Salvation Army gegen Department of Community Affairs" (Heilsarmee gegen
die Abteilung für komunale Angelegenheiten).
3
„St. Bartholomäus-Kirche gegen die Stadt New York".
4
Bekleidungsstücke mancher Mönchsorden aus zwei auf den Schultern verbun-
denen Tuchstreifen, die auf Brust und Rücken getragen werden.
5
„Friend gegen Kolodzieczak".

106
AMERIKA IN DER PROPHETIE

setze zwar ursprünglich einen religiösen Zweck verfolgten, heute


aber weltlich und deshalb verfassungsgemä seien. Wie auch immer
die Sonntagsgesetzgebung erfolgen wird - wenn der Fall Smith zur
Begründung herangezogen würde, gäbe es für Adventisten keinerlei
Schutz.
Natürlich könnte sich das Endzeitszenario des „Großen Kampfes"
nur unter der Voraussetzung einer Neuinterpretation der Verfassung
entfalten, die weit radikaler wäre als selbst das Smith-Urteil.
Um der Regierung der Vereinigten Staaten die Verfolgung von
Sabbathaltern unter dem Vorwand zu ermöglichen, daß deren Akti-
vitäten „das Mißfallen des Himmels herausgefordert" hätten und
daß nur durch deren Bestrafung dieses Volk „die göttliche Gnade
und zeitliches Wohlergehen" 1 wiedererlangen könne, müte der
Erste Zusatzartikel bis zur Bedeutungslosigkeit abgeschwächt wer-
den. Dies ist noch nicht geschehen. Trotzdem schrieb Ellen White,
daß „unser Land jeden Grundsatz seiner Verfassung verwerfen
wird", 2 und das Smith-Urteil ist ohne jeden Zweifel ein Schritt in
diese Richtung.
Weil das Smith-Urteil solch eine schlechte Entscheidung war, leg-
te der Abgeordnete Stephen Solarz dem Repräsentantenhaus im
Juni 1991 unter H. R. 2797 einen „Gesetzentwurf zum Schutz der
freien Religionsausübung" vor, auch bekannt als „Gesetz zur Wie-
derherstellung der Religiösen Freiheit".
Der Kern von H. R. 2797 besteht in der Forderung, „die Über-
prüfung angeblich ,zwingender' staatlicher Interessen wieder einzu-
führen, wie sie im Fall Sherbert gegen Verner dargelegt worden
war". Der Gesetzentwurf besagt: „Die Regierung darf die Religions-
ausübung einer Person nur dann einschränken, wenn sie nachweist,
daß die Anwendung dieser Einschränkung (1) notwendig ist, um ein
zwingendes staatliches Interesse zu fördern, und (2) das am wenigs-
ten einschränkende Mittel ist, um jenes zwingende staatliche Interes-
se zu fördern".3

1
Ellen G. White, „Der große Kampf", S. 591.
2
Ellen G. White, „Testimonies to the Church", Bd. 5, S. 451.
3
H. R. 2797: To protect the free exercise of religion (Um die freie Religion-
sausübung zu schützen), 102nd Congress, 1st Session, 26 June 1991.

107
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Mit anderen Worten: Wenn dies als Gesetz verabschiedet würde,


wäre der Oberste Gerichtshof dazu verpflichtet, die Überprüfung
angeblich zwingender staatlicher Interessen auf alle juristischen Fälle
anzuwenden, bei denen das Recht der freien Religionsausübung auf
dem Spiel steht.
Unglücklicherweise standen H. R. 2797 viele Hindernisse im
Wege (Solarz' Wahlniederlage im September 1992 beschleunigte den
Lauf der Dinge auch nicht gerade). Die zwei Tage langen Anhörun-
gen im Rechtsausschuß im Mai 1992 waren ein Versuch, den Geset-
zesentwurf auf den Weg zu bringen. Auch die Vertreter zweier Or-
ganisationen, die sich sonst gegenseitig an die Kehle gehen, nämlich
Andrew Dugan von der „Association of Evangelicals" (NAE) 1 und
Nadine Strossen von der „American Civil Liberties Union" (ACLU) 2,
sprachen sich für diesen Gesetzentwurf aus.
„Wenn der Kongreß nichts unternimmt, um die Religionsfreiheit
zu schützen", sagte Nadine Strossen, „wird das Urteil des Gerichts-
hofes im Fall Smith eine verheerende Wirkung auf die freie Religi-
onsausübung überall in unserem Land haben. Wir drängen auf
schnelles und positives Handeln bezüglich H. R. 2797."3
Dugan sagte: „Wir begrüen diesen Zweiparteien-Gesetzentwurf,
vorgelegt von dem Abgeordneten Stephen Solarz, der nun von
mehr als 175 Mitgliedern des Hauses unterstützt wird. H. R. 2797
würde helfen, das Gleichgewicht wiederherzustellen, das die Regie-
rung früher davon abhielt, die Religionsfreiheit rücksichtslos zu ü-
berrennen. Der Kongreß muß das Urteil im Fall Smith verwerfen
und die Überprüfung zwingender staatlicher Interessen wieder ein-

1
Vereinigung evangelischer Christen.
2
Union für die bürgerliche Freiheit in (US-)Amerika.
3
Statement of Nadine Strossen, president, and Robert S. Peck. legislative counsel,
American Civil Liberties Union on H. R. 2797, The Religious Freedom Restora-
tion Act regarding protection of religious liberty before the U. S. House Judicia-
ry Committee Subcommittee on Civil and Constitutional Rights (Stellungnahme
von N. S., Vorsitzende, und R. S. P., juristischer Berater, von der Union für
bürgerliche Freiheit in Amerika zu H. R. 2797, Gesetzentwurf zur Wiederherstel-
lung der Religiösen Freiheit zum Schutz derselben vor dem Unterausschuß für
zivile und konstitutionelle Rechte des Rechtsausschusses des US-Kongresses), 13
May 1992.

108
AMERIKA IN DER PROPHETIE

führen, die Herz und Seele der Rechtsprechung bezüglich der freien
Religionsausübung ist".1
Doch H. R. 2797 stieß auf Widerstand, besonders unter den Ka-
tholiken, die befürchteten, daß der Gesetzentwurf als Schlupfloch für
die Abtreibung dienen könnte, besonders wenn das Urteil im Fall
„Roe gegen Wade" vom Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staa-
ten verworfen würde (was jedoch nicht geschah). Mark Chopko,
Berater der United States Catholic Conference, 2 gab vor dem Unte-
rausschuß zu Protokoll, es sei die Absicht von H. R. 2797, „religiös
begründete Forderungen nach Abtreibung einzubeziehen".3
Zusammen mit anderen unterstützte Chopko eine alternative
Version, genannt H. R. 4040, die besagt: „Nichts in diesem Geset-
zesentwurf darf so ausgelegt werden, daß irgendeine Person da-
durch zu einer Handlung bevollmächtigt wird, die ... jede Begren-
zung oder Einschränkung von Abtreibungen, des Zugangs zu Ab-
treibungsmöglichkeiten oder der Finanzierung von Abtreibungen
in Frage stellt."4
Die Verfechter des Gesetzes zur Wiederherstellung der Religiö-
sen Freiheit befürchteten, daß die Problematik der Abtreibung den
Gesetzentwurf abwürgen würde, oder daß die geänderte Version
niemals durchgebracht und das ganze Projekt dadurch zunichte
gemacht würde. Und genau dies geschah auch. Am 5. Oktober 1992
war H. R. 2797 im Senat „gestorben". Der Gesetzentwurf wird aber

1
Statement of Robert P. Dugan, Jr., director, Office of Public Affairs, National
Association of Evangelicals on H. R. 2797, the Religious Freedom Restoration
Act, before the Subcommittee on Civil and Constitutional Rights of the House
Committee on the Judiciary, 13 May 1992 (Stellungnahme von R. P. D., Leiter
des Büros für öffentliche Angelegenheiten der nationalen Vereinigung evan-
gelischer Christen zu H. R. 2797 an gleicher Stelle).
2
Katholische Vereinigung in den Vereinigten Staaten.
3
Testimony of Mark E. Chopko, general counsel on behalf of the United States
Catholic Conference before the Subcommittee on Civil and Constitutional
Rights of the Judicary Committee of the United States House of Representatives
on H. R. 2797, the Religious Freedom Restoration Act of 1991, 13 May
1992
(Stellungnahme von M. E. C., allgemeiner Berater der katholischen Vereinigung
4
in den Vereinigten Staaten an gleicher Stelle).
H. R. 4040, 102nd Congress, 1st session. Ohne Datum.

109
AMERIKA IN DER PROPHETIE

im 103. Kongreß wieder vorgelegt werden. Jetzt, unter Clinton, hat


er eine weit bessere Chance verabschiedet zu werden.
Der katholische Widerstand gegen H. R. 2797 bringt eine interes-
sante Dimension in die Debatte. Obwohl die Entscheidung im Fall
Smith die freie Religionsausübung aller Konfessionen und Religio-
nen gefährdet, sind doch die religiösen Minderheiten am meisten
bedroht. Eine Kirche mit vielen Mitgliedern, wie die katholische
Kirche, kann Wahlen genügend stark beeinflussen, so daß wahr-
scheinlich keine gesetzgebende Körperschaft ein Gesetz erlassen
würde, welches das Recht der freien Religionsausübung ihrer An-
hänger erheblich einschränken würde.
Die Native American Church, 1 die Amischen 2 oder die Sieben-
ten-Tags-Adventisten verfügen nicht über derartige Möglichkeiten.
Und obwohl die katholische Kirche ihren Widerspruch gegen H. R.
2797 mit der darin enthaltenen Möglichkeit der Abtreibung begrün-
dete, könnte sie doch tiefer liegende Motive für die Verwerfung von
H. R. 2797 haben. Trotz geringfügigerer Nachteile auch für Katholi-
ken könnte sich der Fall Smith, auf lange Sicht gesehen, zu Roms
Vorteil auswirken.
Obwohl der Fall Smith direkt die freie Religionsausübung be-
trifft, steht er doch als Symbol für eine viel entscheidendere Angele-
genheit: Welche Art von Regierung haben wir? Ist unser Land eine
Demokratie, in der die Mehrheit herrscht und Entscheidungen über
Rechte und Freiheit den Wählern überlassen werden? Oder sind wir
eine verfassungsrechtliche Republik, in der die Regierung ihre
Macht nicht nur auf Wählerstimmen gründet, sondern auch, wie der
Harvard-Gelehrte Stephen Macedo schrieb, auf „ihre Über-
einstimmung mit bestimmten Grundsätzen der Gerechtigkeit und
,unveräußerlichen Rechten', die als ,natürlich' oder moralisch hö-
herwertiger betrachtet wurden als der Wille der Mehrheit" 3?
Der Fall Smith - der ein Grundrecht wie die freie Religionsaus-
übung der Entscheidung der Masse überlät - ist ein Hinweis dar-

1
Die Amerikanische Kirche der Indianer.
2
Ein Zweig der Mennoniten.
3
Stephen Macedo, „The New Right v. the Constitution" (Die Neue Rechte gegen
die Verfassung), Cato Institute, Washington, D. C., 1987, S. 22.

110
AMERIKA IN DER PROPHETIE

auf, daß sich der Oberste Gerichtshof hin zur Mehrheitsdemokratie


bewegt.
In „Der große Kampf" schrieb Ellen White: „Selbst im freien
Amerika werden Beamte und Gesetzgeber dem Verlangen des Volkes
nach einem Gesetz, das die Sonntagsfeier erzwingt, nachgeben, nur
um sich die öffentliche Gunst zu sichern. Die Gewissensfreiheit, die so
große Opfer gekostet hat, wird nicht länger geachtet werden."1
Diese Worte deuten ebenfalls auf eine Mehrheitsdemokratie hin.
Unsere religiösen Grundrechte, die sicherlich „einen höheren mora-
lischen Wert als der Wille der Mehrheit" haben sollten, werden sich
jener Mehrheit auf jeden Fall beugen müssen.
Diese Gefahr ist nicht weit hergeholt. In der allgemein bekannten
Auseinandersetzung um die Berufung Robert Borks in den Obers-
ten Gerichtshof ging es um diesen grundlegenden Punkt. Bork selbst
schrieb: „Der Streit um meine Ernennung war schlicht und einfach
eine weitere Schlacht in diesem langen Kampf um die Kontrolle
unserer Gesetzeskultur."2
Bork repräsentiert die Mehrheitsdemokraten, jene, die mehr
Macht in den Händen der Wähler statt der Gerichte sehen wollen.
Für Bork existiert ein Recht nicht, und die Gerichte sollten es auch
nicht einführen, es sei denn, es wird eindeutig in der Verfassung
formuliert und gemä der ursprünglichen Absichten seiner Verfasser
interpretiert. Er schrieb: „[Wo] die Verfassung schweigt, sollten wir
über diese Angelegenheiten entscheiden, statt darüber zu streiten."3
Diese Ansicht mag vernünftig klingen, doch ihre Verwirklichung
würde unsere Freiheiten radikal einschränken. Wie sehr die Ameri-
kaner die Verfassung auch verehren mögen - sie ist immerhin be-
reits über 200 Jahre alt. Amerika ist heute eine grundlegend kom-
plexere Nation als damals, als die Verfassung von den paar Dutzend
Männern konzipiert wurde, die auf Pferden oder in Kutschen in
Philadelphia ankamen.

1
Ellen G. White, „Der große Kampf", S. 593 (Betonung hinzugefügt).
2
Robert Bork, „The Tempting of America" (Die Versuchung Amerikas), Simon
& Schuster, New York, 1990, S. 2.
3
ebd., S. 256.

111
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Es ist schlicht und einfach zuviel verlangt, ein 200 Jahre altes Do-
kument so zu interpretieren, wie es die Gründerväter in einem Volk
von weniger als vier Millionen Menschen taten, und dabei an-
zunehmen, daß diese Auslegung allen Bedürfnissen, Herausforde-
rungen und Problemen eines Volkes gerecht wird, das 200 Jahre
später existiert und eine sechzig mal gröere Bevölkerung umfaßt.
Die Verfassung kann heute nicht einfach so angewandt werden, wie
es die Gründerväter taten, weil sie nicht mit unseren Problemen zu
tun hatten.
Der politische Satiriker P. J. O'Rourke schrieb: „Die Verfassung
ist ein durchweg geradliniges Werk, ziemlich kurz und bündig -
einundzwanzig Seiten lang (in der Großdruckversion) - und enthält
eine vollständige Bedienungsanleitung für ein Volk von 250 Millio-
nen Menschen. Das Handbuch für einen Toyota Camry, in dem nur
1
fünf Leute Platz haben, ist viermal so lang."
Welche Probleme auftreten, wenn man ein Dokument, das um
1780 geschrieben wurde, auf Menschen anwendet, die in den späten
neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts leben, zeigt sich an folgendem
Beispiel.
Im US-Staat Connecticut gab es eine veraltete Vorschrift, die die
Geburtenkontrolle verbot. Rechtsgelehrte der Universität Yale klagten
dagegen, und in dem Fall „Griswold gegen Connecticut" verwarf
der Oberste Gerichtshof dieses Gesetz als verfassungswidrigen Ein-
griff in das „Recht auf Privatsphäre". Richter Douglas begründete
den Mehrheitsbeschluß: „Sollten wir etwa der Polizei erlauben, den
heiligen Bereich ehelicher Schlafgemächer nach verräterischen An-
2
zeichen für die Benutzung von Verhütungsmitteln zu durchsuchen?"
Doch wie logisch Douglas' Einstellung auch klingen mag, ein
kleines Problem bleibt: An keiner Stelle beschäftigt sich die Verfas-
sung mit dem Recht auf Privatsphäre, ganz zu schweigen vom Recht
auf die Benutzung von Verhütungsmitteln. Bork argumentierte des-
halb, daß es für keines von beiden ein verfassungsmäiges Recht
gibt und daß das Gesetz, das er selbst für schlecht hielt, außer Kraft
1
P. J. O'Rourke, „Parliament of Whores" (Ein Parlament von Huren), Vintage
Books, New York, 1991, S. 11.
2
„Griswold v. Connecticut" (1965).

112
AMERIKA IN DER PROPHETIE

gesetzt werden sollte - aber durch die staatliche Gesetzgebung und


nicht durch die Gerichte. „Da es in der Verfassung keine Gesetze
über Höchstarbeitszeiten, Mindestlöhne, Verhütungsmittel oder Ab-
treibung gibt", schrieb Bork, „hätte der Gerichtshof dies einfach nur
feststellen und die gesetzliche Entscheidung denjenigen überlassen
sollen, die dafür zuständig sind."1
Jedoch ist Borks Begründung das beste Argument gegen seine
eigene Schlußfolgerung. Gerade weil die Verfassung nichts Genaues
sagt, brauchen wir eine ausführlichere Darlegung, um die heutigen
Besonderheiten abzudecken. Die Rechte, Freiheiten und Gesetze
unserer modernen Gesellschaft müssen über die wörtliche Bedeu-
tung eines Dokumentes hinausgehen, das unmöglich auf heutige
Angelegenheiten eingehen konnte. Was wußten z. B. Benjamin
Franklin, George Washington und die anderen Verfassungsväter
über die Auflösung von Fluglinien, über Schulbusse oder das An-
zapfen von Telefonleitungen?
Ganz abgesehen davon: „Welche anderen Rechte, die in der Ur-
kunde selbst nicht erwähnt werden, sind verfassungsmäig ge-
schützt? Haben verheiratete Paare das verfassungsmäige Recht auf
sexuelle Beziehungen? Wie steht es mit unverheirateten Paaren?
Und was ist mit unverheirateten Paaren gleichen Geschlechts? Zu all
diesen Verhaltensweisen liegt in der Verfassung keine Stellungnahme
vor. Bedeutet dies aber, daß diese Rechte nicht existieren, es sei
denn erst nach einem Volksentscheid?
Was die Entscheidung im Fall Smith so erschreckend macht, ist
die Tatsache, daß sie ein Recht, welches in der Verfassung erwähnt
wird - die freie Religionsausübung - der Gnade oder Ungnade der
Gesetzgebung ausliefert. Wenn der Oberste Gerichtshof so mit
Rechten verfahren kann, die in den ersten zehn Zusatzartikeln zur
Verfassung erwähnt werden, was könnte er dann erst mit jenen tun,
die dort nicht einmal erwähnt werden?
Deutlich ist jedoch, daß das Smith-Urteil dahin tendiert, die
Rechtsprechung durch die Gerichtshöfe mit dem Ziel einzuschrän-
ken, mehr Macht in die Hände der Bundesstaaten und der lokalen
Behörden zu legen.

1
Robert Bork, a.a.O., S. 225

113
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Diese Tendenz ist um so bedeutsamer, da die Neue Rechte ge-


rade in den Behörden der Bundesstaaten, Kreise und Kommunen
ihren Einfluß zu stärken sucht. Dies ist ihr Ziel für die neunziger
Jahre. Obwohl der Oberste Gerichtshof 1992 im Abtreibungsfall von
Pennsylvania das Urteil „Roe gegen Wade" nicht verwarf, gewährte
er den einzelnen Bundesstaaten doch gleichzeitig gröere Ein-
schränkungsmöglichkeiten, was die Neue Rechte noch mehr an-
spornen wird, die Macht auf bundesstaatlicher Ebene zu ergreifen,
um die Abtreibungen so weit wie möglich zu begrenzen. Und es ist
so gut wie sicher, daß die Neue Rechte, wenn sie erst einmal die
Macht hat, nicht beim Thema Abtreibung halt machen wird.
„Weil der Oberste Gerichtshof dazu übergegangen ist, immer öf-
ter Verfahren an die Bundesstaaten zurückzuverweisen", warnt Mat-
thew Moen, „könnte der Versuch der Neuen Christlichen Rechten,
auf dieser Ebene mehr Einfluß zu gewinnen, gröte Bedeutung
haben. Wir werden vielleicht davon überrascht sein, was sie in den
neunziger Jahren tun wird."1
Wichtig am Smith-Urteil ist vor allem die Tatsache, daß es auf-
zeigt, wie zerbrechlich unsere Rechte eigentlich sind. Wir neigen
gewöhnlich zu der Meinung, daß die Verfassung unsere religiösen
Freiheiten deutlich und in allen Einzelheiten verkündet. Doch das ist
nicht der Fall. Die Grundlage dieser Garantien für ein Volk von 250
Millionen Menschen und Hunderte von Glaubensgemeinschaften
besteht aus nur sechzehn Worten: „Der Kongreß soll kein Gesetz
bezüglich der Einführung von Religion erlassen oder deren freie
Ausübung untersagen" - zwei sehr weite Formulierungen.
Derek Davis schrieb: „Kein angesehener Experte für die Bezie-
hungen zwischen Kirche und Staat ist heute so kühn, mit uneinge-
schränkter Überzeugung die genaue Bedeutung der Religionsklausel
zum Zeitpunkt ihrer Niederschrift zu erklären." 2 Es gibt wenig Über-
einstimmung darüber, was jene sechzehn Worte genau besagen, wie

1
Zitiert in Clifford Goldstein, „The New Christian Right: Born Again?" (Die
Neue Christliche Rechte - eine Wiedergeburt?) in „Shabbat Shalom", 4-6/1991,
S. 6.
2
Derek Davis, „Original Intent" (Ursprüngliche Absicht), Prometheus Books,
Buffalo, 1991, S. XVI.

114
AMERIKA IN DER PROPHETIE

man sie richtig auslegt, auf wen sie anzuwenden sind, oder auch nur
darüber, wie sie anzuwenden sind. Dem Schutz, den sie geboten
haben, wurde nur durch ihre Deutung an den Gerichtshöfen Fleisch
und Blut gegeben. Aber, wie der Fall Smith bewiesen hat, können
die Gerichte sehr schnell das „Fleisch" von den „Knochen" dieser
Erklärungen „abnagen".
Was der Fall „Lee gegen Wiseman" (in dem es 1992 um ein Ge-
setz über Gebete in staatlichen Schulen ging) ebenfalls aufzeigte, war
die Tatsache, daß diese Nation genau eine Stimme - eine Stimme! -
davon entfernt war, den ersten zehn jener sechzehn Worte genau
das anzutun, was der Fall Smith den letzten sechs antat - nämlich,
sie beinahe zu zerstören.
Zweifellos wird der derzeitige Präsident Bill Clinton Richter an
die Gerichtshöfe berufen, denen der Schutz unserer Freiheitsrechte
ein Anliegen ist. Gleichzeitig gehen jedoch gerade diejenigen Richter
bald in Pension, die ein besonderes Gespür für die Bedeutung der
religiösen Freiheit entwickelt haben. Deshalb wird sogar unter Clin-
ton die Zusammensetzung des Obersten Gerichtshofs für die Tren-
nung von Kirche und Staat weiterhin eine große Gefahr bedeuten.
Nachdem Ellen White auf den Schutz des Ersten Zusatzartikels
der Verfassung der Vereinigten Staaten hingewiesen hatte, schrieb
sie in „Der große Kampf": „Nur durch offenkundige Verletzung
dieser Schutzmauer nationaler Freiheit kann irgendein religiöser
Zwang durch die Staatsbehörden ausgeübt werden."1
Mit dem Fall Smith haben wir gerade solch eine offenkundige
Verletzung „dieser Maßnahmen zum Schutz der Freiheit der Nation"
erlebt.
Weitere werden folgen.

1
Ellen G. White, „Der große Kampf", S. 443.

115
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Kapitel 9

Der Schwindel
mit den Sterbeerlebnissen

Ich war schon überall gewesen, von Lappland bis zum Japanischen
Meer, aber meine seltsamste Reise ging gerade bis zum nächsten
Häuserblock. Nicht, daß es dort irgend etwas besonders Aufregen-
des gegeben hätte. Das nicht. Merkwürdig war auch nicht, wohin ich
ging, sondern wie ich dort hinkam: Ich flog, und zwar genau durch
die Zimmerdecke!
Ich hatte mich auf meinem Bett im Studentenwohnheim von
Gainesville, Florida ausgestreckt, um ein Nickerchen zu machen.
Bald nachdem ich meine Augen geschlossen hatte, fühlte ich ein
eigenartiges Prickeln in meinen Zehen, das rasch meinen Körper
hinaufkroch, bis es sich in meinem Kopf festsetzte.
Es schien, als flöge ich durch einen surrenden Windkanal, gefüllt
mit einem grauen, knisternden Nebel, ähnlich den atmosphärischen
Störungen auf einem leeren Fernsehkanal. Ich fühlte, wie ich meinen
Körper verließ, durch die Decke schoß und im gleichen Augenblick
von Nebel umgeben außerhalb des zweigeschossigen Appartements
zweier Freunde schwebte, die einen Block weiter wohnten. Zu ver-
stört, um zu schreien, riß ich mich zusammen, setzte mich auf und
starrte mein Zimmer an.
Diese Erfahrung fesselte mich.
Am nächsten Tag traf ich in einem Reformhaus Siebenten-Tags-
Adventisten, die mir sagten, daß ich vom Teufel getäuscht worden
sei. Was ich über diese Erfahrung dächte, sei falsch. Nichts aber, was
sie sagten, konnte mich davon abhalten zu glauben, in jenem Erleb-

116
AMERIKA IN DER PROPHETIE

nis habe meine Seele meinen Körper verlassen. Glücklicherweise


erlebte ich schon zwei Tage später eine dramatische Bekehrung zu
Jesus Christus, und jene okkulten Erlebnisse wiederholten sich nie
mehr.
Anfang 1992 erschien in der Zeitschrift „Life" ein Bericht mit
dem Titel „Visionen vom Leben nach dem Tod: Das letzte Geheim-
nis". Er berichtete von Menschen, die gestorben und wieder ins
Leben zurückgekehrt waren. Erstaunlicherweise entsprachen die
Beschreibungen ihrer Sterbeerlebnisse genau dem, was mit mir ge-
schehen war - abgesehen davon, daß ich mich nicht im Angesicht
des Todes befunden hatte.
„Ich war in einer Art Tunnel, einer wolkenähnlichen, grau schil-
lernden Hülle, durch die ich hindurchsehen konnte", sagte eine
Frau, die ein Sterbeerlebnis gehabt hatte. „Ich fühlte Wind an mei-
nen Ohren, aber ich hatte keine Ohren. Ich war dort, aber mein
Körper war nicht da." 1 Ich kenne dieses Gefühl, auch wenn ich nicht
zu „sterben" brauchte, um das gleiche Erlebnis zu haben.
Der Artikel in „Life" besagte: „Die allgemeine Meinung über
Sterbeerlebnisse gründet sich hauptsächlich auf eine Betrachtungs-
weise der menschlichen Existenz, die sich während der letzten tau-
send Jahre kaum geändert hat: den Glauben, daß der Körper von
einer Seele, einem Geist oder einem Gedanken bewohnt wird, der
unser Bewußtsein lenkt und beim Tod den Körper wieder verlät."2
In Wirklichkeit jedoch sind Sterbeerlebnisse - und auch meine Er-
fahrung (eine sogenannte „Astralreise") - ausnahmslos dämonische
Halluzinationen und Täuschungen, Manifestationen der sechstau-
send Jahre alten Lüge Satans: „Ihr werdet keineswegs des Todes
sterben" (1. Mose 3,1) im zwanzigsten Jahrhundert.
Ellen White warnte: „Die Lehre vom Bewußtsein des Menschen
im Tode, insbesondere die Überzeugung, daß die Geister der Ver-
storbenen zurückkehren, um den Lebenden zu dienen, hat dem
modernen Spiritismus den Weg bereitet."3

1
Verlyn Klinkenborg, „At the Edge of Eternity" (Am Rande der Ewigkeit) in
„Life", 3/1992, S. 65.
2
ebd., S. 73.
3
Ellen G. White, „Der große Kampf", S. 553.

117
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Ihre Warnung vor dem Spiritismus ist so eindringlich wie die vor
dem Sonntagsgesetz, denn der Spiritismus wird bei Satans letztem
Betrug eine zentrale Rolle spielen.
„Mit Ausnahme derer, die durch die Macht Gottes im Glauben
an sein Wort bewahrt bleiben", sagte sie, „wird die ganze Welt die-
sem Blendwerk in die Arme getrieben werden."1
Die Welt ist bereit. Rund um den Globus, in fast jeder Kultur,
jeder Glaubensüberzeugung und jedem Land werden Menschen auf
die große Lüge vorbereitet. Zweiundvierzig Prozent der Amerikaner
glauben zum Beispiel, daß sie bereits Kontakt mit Toten gehabt
haben. Zweiundvierzig Prozent! Wenn so viele schon glauben, daß sie
Verbindung mit Toten hatten, wie viel mehr müssen dann wenigs-
tens glauben, daß die Toten weiterleben?
Im Jahr 1988 erschien in der Zeitschrift „Esquire", die sich nor-
malerweise nur solch beschaulichen Themen wie den besten Sushi-
Restaurants in Manhattan oder Ivana Trumps Amouren widmet, ein
Artikel des Bestseller-Autors Michael Crichton, in dem er das Zu-
sammentreffen mit seinem verstorbenen Vater auf der Astralreise
schilderte.
„Es war nicht leicht mit meinem Vater. Jetzt erschien er, während
ich ungeschützt war, in einem veränderten Bewußtseinszustand. Ich
fragte mich, was er tun würde, was geschehen würde. Mein Vater
sah aus wie früher, nur durchsichtig und neblig, wie alles andere an
diesem Ort ... Plötzlich umarmte er mich. Im Augenblick der Um-
armung sah und spürte ich alles, was in meiner Beziehung zu mei-
nem Vater geschehen war, alle Gefühle, die ich hatte, und warum
ich ihn mißverstanden hatte, all die Liebe, die uns wirklich verbun-
den hatte, und all die Verwirrung und Mißverständnisse, die sie
zugeschüttet hatten ... Eine Wunde, die mich jahrelang gequält hatte,
war geheilt."2
Captain Tommy Clack, der in einem Feuergefecht in Vietnam
verletzt worden war, erzählte, wie er seinen Körper verließ: „Um
mich herum waren Leute, mit denen ich gedient hatte und die ge-

1
ebd., S. 563.
2
Michael Crichton, „Travels With My Karma" (Reisen mit meinem Karma) in
„Esquire", 5/1988, S. 98.

118
AMERIKA IN DER PROPHETIE

storben waren. Sie bewegten sich von mir weg, es gab keine Kom-
munikation mit Worten. Sie hatten keine körperliche Gestalt, aber
ich wußte, es waren Dallas, Ralph und Terry, und sie kannten
mich."1
„Er [Satan] hat die Macht, den Menschen die Erscheinung ihrer
abgeschiedenen Freunde vor Augen zu führen", schrieb Ellen White
in „Der große Kampf". „Die Nachahmung ist vollkommen; das be-
kannte Aussehen, die Worte, die Stimme werden mit unglaublicher
2
Deutlichkeit wiedergegeben."
In „Family Circle" schilderte eine Frau ihr Sterbeerlebnis folgen-
dermaßen: „Ich bemerkte, daß ein blauer Nebel meinen Körper
3
umgab, und ich schwebte vom Operationstisch."
Reader's Digest beschrieb das typische Phänomen: „In vielen Fäl-
len wird von verschiedenen akustischen Empfindungen berichtet ...
ein wirklich durchdringendes summendes Geräusch ... Gleichzeitig
haben die Menschen oft das Gefühl, rasch durch eine Art dunklen
Raum gezogen zu werden. Ich habe gehört, daß er als eine Höhle,
ein Brunnen, ein geschlossener Raum, ein Tunnel geschildert wird
... Nach Durchqueren dieses Tunnels wird eine sterbende Person
vielleicht feststellen, daß sie von einem Punkt außerhalb auf ihren
eigenen Körper hinuntersieht ... Worte und Sätze, die in diesem
Zusammenhang von verschiedenen Personen gebraucht wurden,
beschreiben einen Nebel, eine Wolke, einen Dunst, ein Energiemus-
4
ter."
Diese Beschreibungen ähneln auch meinem okkulten Erlebnis:
ein lautes summendes Geräusch, die Bewegung durch einen Tunnel,
das Gefühl, sich außerhalb des Körpers zu befinden, ein Nebel -
obwohl ich nicht zu sterben und nicht einmal dem Tod nahe sein
brauchte, um all dies zu erleben. Das einzige, was fehlte, war eine
Begegnung mit den „Toten". Kein Zweifel, hätten meine Erfahrun-
gen weitergeführt, wäre auch dies geschehen.
1
Verlyn Klinkenborg, a.a.O., S. 71.
2
Ellen G. White, „Der große Kampf", S. 554.
3
Charles Panati, „Is There Really Life After Death?" (Gibt es wirklich Leben
nach dem Tod?) in „Family Circle", 11/1976, S. 78.
4
Ralph Moody, Jr., „Life After Life" (Leben nach dem Leben) in „Reader's
Digest" vom 1.1.1977, S. 194-215.

119
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Bei meiner Suche nach der Wahrheit wurde ich anfällig für den
Okkultismus, 1 und der Teufel, der meine Sehnsucht nach spirituellen
Erfahrungen sah, sandte mir einige, aber von der falschen Sorte.
Hätte ich mich nicht zu Jesus bekehrt, wäre ich nicht wenige Tage
nach jenem Erlebnis wirklich wiedergeboren worden, dann hätte ich
mich im Netz des Teufels verfangen.
Ich hätte damit keineswegs alleingestanden. Sterbeerlebnisse sind
inzwischen fast eine Selbstverständlichkeit geworden. Auf der gan-
zen Welt erforschen Ärzte, Psychologen, Soziologen, Biologen und
Philosophen derartige Erfahrungen. Es gibt ein „Journal für Sterbe-
erlebnisse" und eine „Internationale Gesellschaft für Grenzerfah-
rungsstudien". Meinungsforscher schätzen, daß „acht Millionen A-
merikaner Sterbeerlebnisse hatten".2
Obwohl ähnliche Phänomene schon weit früher im „Tibeta-
nischen Buch der Toten" berichtet worden waren, wurden Sterbeer-
lebnisse frühestens Mitte der siebziger Jahre - mit dem Buch „Life
After Life" des Psychiaters Raymond Moody, jun. - für Millionen
von Amerikanern zum Thema. Das Buch, 1976 veröffentlicht, be-
richtet von Moodys Interviews mit etwa fünfzig Personen, die ge-
storben und wieder ins Leben zurückgekehrt waren. „Life After
Life" wurde über sieben Millionen Mal verkauft und hat eine In-
dustrie ins Leben gerufen, die seit damals ständig gewachsen ist.
Jahre bevor ich Adventist wurde, las ich „Life After Life" im Col-
lege. Obwohl mich der Gedanke störte, daß diese Menschen nicht
wirklich tot gewesen waren, empfand ich ein überwältigendes Gefühl
des Wohlseins, des Trostes und der Gewißheit, daß das Leben nicht
mit dem letzten Herzschlag zu Ende war.
Hier schien es, wenn auch keinen Beweis, so doch mindestens
einen starken Hinweis dafür zu geben, daß wir nicht nur nach unse-
rem Tod weiterleben - daß also unsere kurze, bedeutungslose Exis-
tenz nicht alles ist -, sondern daß wir auch keine wiedergeborenen
Christen sein müssen, um ins Jenseits zu kommen. Die meisten Be-
fragten waren nicht übermäig religiös und noch weniger fromme

1
Siehe Clifford Goldstein, „Best Seller", Pacific Press, Boise, Idaho, 1990.
2
Verlyn Klinkenborg, a.a.O., S. 66.

120
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Christen, und doch trafen sie „Gott", oder eine mächtige, liebevolle
Erscheinung, die in einer freundlichen und liebevollen Art zu ihnen
sprach, bevor sie auf den Erdboden zurückgesandt wurden.
Ellen White sagt über den Spiritismus: „Man spricht von der
Liebe als der Haupteigenschaft Gottes, erniedrigt sie aber zu einer
schwachen Gefühlsseligkeit, die wenig Unterschied macht zwischen
dem Guten und dem Bösen. Gottes Gerechtigkeit, seine Verdam-
mung der Sünde, die Forderungen seines heiligen Gesetzes werden
nicht beachtet."1
Eine biblische Grundlehre besagt: „Sie [die Menschen] sind alle-
samt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben
sollten." (Römer 3,23) Jesus Christus ist unsere einzige Hoffnung auf
Erlösung: „Und in keinem andern ist das Heil, auch ist kein andrer
Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den wir
sollen selig werden." (Apostelgeschichte 4,12) Doch nur wenige keh-
ren von ihrem Sterbeerlebnis mit der Überzeugung zurück, daß sie
Sünder sind und das Versöhnungsblut Christi benötigen. Der Apos-
tel Johannes schrieb: „Denn das ist die Liebe zu Gott, daß wir seine
Gebote halten." (1. Johannes 5,3)
Wenn das so ist, warum kehren dann jene, die Sterbeerlebnisse
hatten, nicht mit der Aufforderung ins Leben zurück, Gottes Gesetz
zu gehorchen? Warum warnen die „Toten" nicht vor dem kommen-
den Gericht, das in der Bibel beschrieben wird? Viele der „Toten",
mit denen Verbindung aufgenommen wurde, waren niemals Chri-
sten gewesen, und jene, die berichten, sie hätten die Toten getroffen,
werden infolge dieser Begegnungen höchst selten zu überzeugten
Christen.
„Statt dessen", hieß es in einem Artikel in „Christianity Today",
„werden sie mißtrauisch gegen religiöses ,Sektierertum' ... Die Be-
kehrung der modernen ,Seher' erfolgt nicht zu einer ernsten Fröm-
migkeit, sondern zu einer Spiritualität, deren Betonung auf Freude
und Gelächter liegt."2

1
Ellen G. White, „Der große Kampf", S. 560.
2
Rodney Clapp, „Rumors of Heaven" (Gerüchte vom Himmel) in „Christianity
Today" vom 7.10.1988, S. 19.

121
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Allein diese Tatsachen sollten Christen warnen, daß hier etwas


nicht koscher ist. Wenn jedoch eine Studie des Princeton Religion
Research Centers berichtet, daß „eine erstaunlich hohe Anzahl" von
Christen sich mit den Glaubensinhalten von New Age identifiziert,
dann ist es nicht verwunderlich, daß sich auch Kirchenmitglieder
von Sterbeerlebnissen täuschen lassen.
Die Princeton-Studie, der eine Befragung von 2.045 Erwachsenen
zugrunde lag, besagt, daß „die Trennungslinie zwischen etabliertem
religiösen Glauben und Leben sowie dem Aberglauben dünn und
unbestimmt sein kann". 1 Ein wichtiger Glaubenspunkt des New Age,
den die Mehrheit der Christen akzeptiert, sei jener vom „Leben
nach dem Tod".
„Viele von ihnen haben den Himmel gesehen, und manche durf-
ten einen Blick in die Hölle werfen ...", schrieb Pat Robertson über
Menschen, die Sterbeerlebnisse hatten. „Für jeden von ihnen hatte
dieses Erlebnis eine Veränderung des Lebens zur Folge, und dies ist
ein einheitliches Zeugnis dafür, daß es ein Leben nach dem Tod
gibt."2
Obwohl Robertson zugibt, daß diese Geschichten ein Leben
nach dem Tod nicht beweisen, behauptet er, „sie stützen die bibli-
schen Aussagen, daß das Leben über das Grab hinaus fortdauert".3
Auf der gleichen Seite sagt Robertson, daß die Bibel vor dem Um-
gang mit den Toten warnt, und doch ist dies genau der Vorgang,
um den es bei den Sterbeerlebnissen oft genug geht.
Der Autor und Geistliche Dr. James Kennedy benutzte Raymond
Moodys Dokumentation über Sterbeerlebnisse als evangelistisches
Mittel.
„Du hast in der Vergangenheit gesagt: ,Nun ja, wenn jemand
dorthin geht und wieder zurückkommt, dann will ich darauf hören.'
Nun, mein Freund, fang an zu hören, denn jemand ist dort gewesen
und zurückgekommen, und nicht einfach irgend jemand, sondern
vierhundert oder fünfhundert verschiedene Jemands ... Jeder dieser

1
Zitiert in „Religious News Service" vom 31.12.1991, S. 3.
2
Pat Robertson, „Pat Robertson Answers" (Pat Robertson antwortet), Thomas
Nelson, Nashvill, 1984, S. 36.
3
ebd.

122
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Menschen berichtete, daß er - gewöhnlich in einiger Entfernung -


eine Person gesehen habe, die er als eine religiöse ,Figur' be-
schrieb. Dies traf sogar auf Atheisten zu. Die Bibel sagt, es gibt
jemanden, mit dem wir es zu tun haben, und dieser Jemand ist
Jesus Christus."1
Kennedy erwähnte jedoch nicht, daß diese „religiöse Figur" nie-
manden von seiner Sünde, seinem Bedürfnis nach Reue und der
Notwendigkeit von Christi zugerechneter Gerechtigkeit als seiner
einzigen Hoffnung auf ewiges Leben überzeugte. Statt dessen glau-
ben die meisten Leute nach ihren Sterbeerlebnissen, daß sie das
ewige Leben schon haben.
In manchen Fällen haben Sterbeerlebnisse auch eine „christ-
lichere" Note. Der Evangelist Kenneth Hagin schrieb: „Am 21. April
1933, Samstagabend, 19.30 Uhr hörte mein Herz auf zu schlagen,
und der geistige Mensch, der in meinem Körper lebt, verließ mei-
nen Leib ... Tief unter mir konnte ich Lichter flackern sehen an den
Wänden der Höhlen der Verdammten. Sie kamen von den Feuern
der Hölle." 2 Andere reden davon, daß sie Jesus oder Engel getroffen
hätten. In manchen Fällen kommen Skeptiker mit gröerer Offen-
heit für geistliche Dinge zurück, oder Christen kehren in ihrem
Glauben gefestigter ins Leben zurück, aber solche Beispiele bewei-
sen noch lange nicht, daß diese Sterbeerlebnisse von Gott stammen.
„Wohl verändert der Spiritismus jetzt seine Form", schrieb Ellen
White in „Der große Kampf", „verbirgt einige seiner verwerflicheren
Züge und hängt sich ein christliches Mäntelchen um."3
Ein Artikel in „Christianity Today" ging an das Thema Sterbeer-
lebnisse etwas vorsichtiger heran als Kennedy oder Robertson. Dort
hieß es: „Wenn Moodys Sterbeerlebnis als eine Offenbarung von
Leben nach dem Tod verstanden werden soll, dann ist es in einigen
wesentlichen Punkten nicht das, was das Christentum traditionell

1
James Kennedy, „Evangelism Explosion", Tyndale House, Wheaton, Ill., 1983,
S. 102f.
2
Zitiert in Floyd C. McElveen, „The Beautiful Side of Death" (Die schöne Seite
des Todes), G. T. M., Grand Rapids, o. J., S. 87.
3
Ellen G. White, „Der große Kampf", S. 559.

123
AMERIKA IN DER PROPHETIE

gelehrt hat." 1 Während der Apostel Paulus den Tod als den „letzten
Feind" betrachtete, betonte der Autor beispielsweise, daß „im Ge-
gensatz dazu der Seher in einem Sterbeerlebnis im Tod einen ausge-
sprochenen Freund entdeckt".² Obwohl Sterbeerlebnisse „grund-
sätzlich nichts über ein Leben nach dem Tod ,beweisen', so vermit-
teln sie bestenfalls wenn auch zweifelhafte, bruchstückhafte und
verzerrte Eindrücke von einer anderen Welt".2
Die Zwiespältigkeit von „Christianity Today" zeigt, wie gefährlich
Sterbeerlebnisse sogar für erwachsene, vorsichtige Christen sein
können, die das Wesen des Menschen und des Todes nicht verste-
hen.
In dem Buch „Immortality: The Other Side of Death", das 1992
veröffentlicht wurde, benutzen zwei Christen Sterbeerlebnisse, um
ihren Lesern „entdecken zu helfen, was uns auf der anderen Seite
des Todes erwartet". Obwohl sie zugeben, daß in Sterbeerlebnissen
„manchmal okkulte Elemente vorhanden sind", tun sie diese Fälle
3
als reine „Nachahmungen" ab, die „echte voraussetzen". Dann füh-
ren sie verschiedene Beispiele von Sterbeerlebnissen aus der Bibel
an, einschließlich der Vision des Stephanus „vor seinem Tod" und
des Gleichnisses vom „armen Lazarus", da seine „Erfahrung nach
dem Tod Ähnlichkeiten mit einigen der Sterbeerlebnisse aufweist,
4
die wir besprochen haben".
In den letzten Jahren haben Christen eine Flut von Büchern ge-
schrieben, in denen vor New Age gewarnt wird. Doch wie viele
Bücher und Artikel auch von Autoren wie Constance Cumbey,
Dave Hunt, F. LaGard Smith und anderen gegen Shirley MacLaine,
Channeling 5 und harmonische Annäherung geschrieben werden
mögen, solange diese Christen die Wahrheit über den Zustand der
1
Rodney Clapp, a.a.O., S. 17.
2
ebd., S. 21.
3
Gary Habermans and J. P. Moreland, „Immortality: The Other Side of Death"
(Unsterblichkeit: Die andere Seite des Todes), Thomas Nelson, Nashville, 1992,
S. 92.
4
ebd., S. 93.
5
„Kanalisieren", d. h. aufgrund medialer Fähigkeit Botschaften aus dem trans-
zendenten Bereich (z. B. Verstorbene) empfangen und übermitteln können
(„New Age Wörterbuch", Herder-Verlag, S. 30).

124
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Toten nicht kennen, sind auch sie alle anfällig für die Täuschungen
des Spiritismus.
In einem Artikel gegen New Age in „Christianity Today" schrieb
Brooks Alexander vom „Spiritual Counterfeits Project", 1 ein vorherr-
schendes Thema bei New Age sei die „Urlüge", daß „es keinen Tod
gibt". 2 Welche Ironie, denn wenn Brooks Alexander die traditionelle
christliche Vorstellung vom Zustand der Toten vertritt (und das tut
er sicherlich), dann glaubt er trotz seines Angriffes gegen diese „Ur-
lüge" selbst daran.
Nach der Veröffentlichung einer Ausgabe des „Liberty Alert", in
der ich Sterbeerlebnisse als eine „dämonische Halluzination" 3 be-
zeichnete, erhielt ich einen energischen Brief von einem adventisti-
schen Pastor, der mich wegen solch einer pauschalen Aussage zur
Rede stellte. Zuerst dachte ich: Vielleicht habe ich wirklich zu stark
formuliert, doch während ich ihm antwortete, wurde meine Über-
zeugung immer sicherer.
Erstens: Alle diese Personen denken, daß ihr Geist oder ihre Seele
ihren Körper verlät, eine Anschauung, die der wichtigen biblischen
Lehre über die Natur des Menschen als Ganzheit widerspricht. Zwei-
tens: Viele haben die „Toten" getroffen, die wie körperlose Geister
umherschweben, ein Phänomen, das ebenfalls unbiblisch ist.
Drittens: Kaum jemand kehrt im Bewußtsein der Notwendigkeit
der Reue, der Bekehrung und des Glaubens an Jesus Christus als
persönlichen Erlöser zurück. Die wenigen Ausnahmen sind eine
verschwindende Minderheit gegen die Tausende oder sogar Millio-
nen, die in dem Glauben zurückkehren, sie hätten schon das ewige
Leben. Und schließlich täuschen Sterbeerlebnisse Millionen in der
ganzen Welt vor, daß man „keineswegs des Todes stirbt".
Wenn das nicht dämonisch ist, was ist es sonst? In einem Artikel
in „Psychology Today" erklärt der Psychologe und Experte Ronald

1
Projekt Geistliche Fälschungen.
2
Brooks Alexander, „Theology From the Twilight Zone" (Theologie aus der
Zwielichtzone) in „Christianity Today" vom 18.9.1987, S. 25.
3
Clifford Goldstein, „Near-Death Deceptions" (Täuschungen bei Sterbeerlebnis-
sen) in „Liberty Alert", 6-7/1992, S. 1.

125
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Siegel Sterbeerlebnisse „als Halluzinationen, die auf gespeicherte


Bilder im Gehirn zurückzuführen sind". 1 Nach sorgfältiger Darle-
gung der physiologischen Faktoren, die dabei wahrscheinlich eine
Rolle spielen, schreibt er, daß „all diese Phänomene eine starke
Ähnlichkeit zu Halluzinationen aufweisen, die durch Drogen oder
andere Bedingungen hervorgerufen werden".2
Welche physiologischen Faktoren auch immer dabei eine Rolle
spielen mögen: Sterbeerlebnisse werden vom Teufel erfolgreich
manipuliert, wenn nicht gar direkt verursacht, um Millionen zu dem
Glauben zu verleiten, sie seien nicht wirklich tot, nachdem sie ge-
storben sind.
Natürlich existieren neben diesen Sterbeerlebnissen noch die äl-
teren „traditionelleren" Formen des Spiritismus. Vor einigen Jahren
veröffentlichte Dr. Raymond Moody Interviews mit Leuten, die
behaupteten, von Elvis Presley nach dessen Tod im Jahr 1977 be-
sucht worden zu sein. Hilda Weaver, Psychologin in einer Klinik, die
sich niemals zuvor für das Übersinnliche interessiert hatte, berichtet
von ihrer Begegnung:

Ich saß eines Abends in meinem Büro und schrieb einen


Artikel für eine Fachzeitschrift. Als ich aufsah, saß mir Elvis
in dem bequemen braunen Stuhl gegenüber, auf dem ge-
wöhnlich meine Patienten sitzen ... Ich konnte erkennen, daß
er dachte, es ginge mir nicht gut. Dies war erstaunlich, denn
zu jener Zeit dachte ich, ich sei ganz oben: eine praktizie-
rende Psychologin, sehr effektiv, sehr klug ... Er begann mit
mir zu sprechen, Gedanken auszutauschen. Er sagte: „Bist du
mit deinem Leben zufrieden, Missy?" ... Dann redeten wir
eine Weile. Vieles betraf sehr persönliche Dinge, die ich
noch keinem anderen mitteilen möchte ... Instinktiv beugte
ich meinen Kopf und legte meine Hände zusammen wie im
Gebet. Als ich wieder aufblickte, war er fort. Und ich habe
ihn niemals wieder gesehen. Hin und wieder spiele ich seine
Platten und lausche.3

1
Ronald Siegel, „Accounting for ,Afterlife' Experiences" (Erklärung der Sterbeer-
lebnisse) in „Psychology Today", 1/1981, S. 75.
2
ebd., S. 70.
3
Zitiert in „Harper's", 8/1988, S. 34.

126
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Ellen White sagte in „Der große Kampf": „Viele werden Geis-


tern der Teufel gegenübergestellt, die in Gestalt lieber Verwandter
oder Freunde erscheinen und die gefährlichsten Irrlehren verkün-
den."1
Mehr und mehr werden Katholiken in der ganzen Welt von der
Täuschung angeblicher Marienerscheinungen fasziniert. „Time"
schrieb: „Weltweit findet derzeit unter den einfachen Gläubigen eine
Wiederbelebung des Glaubens an die Jungfrau statt. Millionen Ver-
ehrer strömen zu ihren Altären, viele von ihnen junge Menschen.
Noch bemerkenswerter ist die Anzahl angeblicher Marienerschei-
nungen in den letzten Jahren, von Jugoslawien bis Colorado."2
Zur gleichen Zeit werden die Protestanten von Sterbeerlebnissen
und anderen übernatürlichen Phänomenen mit „christlicher" Note
zum Narren gehalten. Ein Rundschreiben von „Mary Stewart Relfe,
B.A., M.B.A., Ph.D.," berichtet von dem Erlebnis eines Missionsarz-
tes in Südamerika, der länger als fünf Tage in den Himmel entrückt
wurde, wo er „mit großen Seelengewinnern sprach, einschließlich
Kathryn Kuhlman, Amy McPherson und Smith Wigglesworth".3
Weitere Millionen werden durch die unterschiedlichsten Erschei-
nungen des New Age - Astralreisen, Channeling und Sterbeerleb-
nissen - in ein falsches Gefühl von Sicherheit und ewigem Leben
versetzt.
Ungläubige, Protestanten, Katholiken, Juden, Moslems, Buddhis-
ten, Hindus - weil sie alle den Zustand der Toten falsch verstehen,
ist keiner von ihnen vor den letzten Täuschungen Satans geschützt.
Von Billy Graham bis zum Dalai Lama, von den Mullahs im Iran
bis zu den katholischen Priestern in Südamerika, sind alle für Satans
schlausten, wirkungsvollsten und umfassendsten Betrug empfänglich:
„Ihr werdet keineswegs des Todes sterben."
Ellen White schrieb in „Der große Kampf": „Lange hat sich Sa-
tan auf seine letzte Anstrengung, die Täuschung der Welt, vorberei-

1
Ellen G. White, „Der große Kampf", S. 561.
2
„Time" vom 30.12.1991, S. 62.
3
Mary Stewart Relfe, „Read About the Man Who Spent 5½ Days in Heaven"
(Lies über den Mann, der 5½ Tage im Himmel weilte) in „Relfe's Report" Nr.
55, 8/1984, S. 2.

127
AMERIKA IN DER PROPHETIE

tet ... Nach und nach hat er die Vorbereitungen für sein Meisterstück
des Betrugs in der Entwicklung des Spiritismus getroffen. Er hat sein
Ziel noch nicht völlig erreicht, seine Bemühungen werden aber in
der allerletzten Zeit von Erfolg gekrönt sein."1
Diese Worte schrieb sie vor mehr als 100 Jahren. Seitdem hat der
Einfluß des Spiritismus deutlich zugenommen. Fast die ganze Welt
wird davon in der einen oder anderen Form getäuscht. Kein Wun-
der, daß Ellen White in „Der große Kampf" so viel Zeit darauf ver-
wendet, davor zu warnen. Möglicherweise hat der Teufel mit seinen
jüngsten spiritistischen Aktivitäten „die Vollendung seiner Absich-
ten" schon erreicht.
Wenn nicht, dann ist er nahe daran.

1
Ellen G. White, „Der große Kampf", S. 563.

128
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Kapitel 10

Satans
erfolgreichste Täuschung

Trotz unbestreitbarer Parallelen zwischen weltweiten politischen und


religiösen Entwicklungen und den Vorhersagen in „Der große
Kampf" bleiben zahlreiche, selbst schwierige Fragen. Eine der
schwierigsten betrifft den Sabbat.
Ellen White schrieb, daß der Sabbat „der große Prüfstein der
Treue" sein wird. „Während die Feier des falschen Ruhetags gemä
den Landesgesetzen und im Gegensatz zum vierten Gebot, ein offe-
nes Treuebekenntnis gegenüber einer Macht sein wird, die Gott
feindlich gegenübersteht, ist das Halten des wahren Sabbats im Ge-
horsam Gottes Gesetz gegenüber ein Beweis der Treue zum Schöp-
fer."1
Nun ist es eine Sache, sich dies in den Vereinigten Staaten oder
anderen westlichen Ländern vorzustellen, aber wie steht es mit mos-
lemischen, hinduistischen und buddhistischen Ländern, denen der
Sonntag etwa so heilig ist wie der aztekische Gott Quetzalcoatl der
Anglikanischen Hochkirche in Canterbury? Wie können die fahnen-
verbrennenden Fanatiker im Iran, die ihre Kinder zur höheren Ehre
Allahs über Minenfelder marschieren ließen, oder die orthodoxen
Juden in Jerusalem, die Autos mit Steinen bewerfen, wenn sie am
Sabbat durch ihre Stadtviertel fahren, oder Milliarden von anderen
Nicht-Christen jemals davon überzeugt werden, den Sonntag zu
heiligen?

1
Ellen G. White, „Der große Kampf", S. 606 (rev.).

129
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Wir wissen es nicht. Dennoch lehren die Bibel und der Geist der
Weissagung, daß dies eine weltweite Problematik sein wird, und daß
jeder einzelne sie gut genug verstehen wird, um eine bewußte Wahl
zwischen der Treue zu Gottes Gesetz und der Treue zum menschli-
chen Gesetz treffen zu können.
Ellen White schrieb dazu: „Niemand aber wird den Zorn Gottes
erleiden, ehe nicht die Wahrheit vor der Tür seines Herzens und
Gewissens Einlaß begehrt hat und verworfen worden ist." 1 Auf wel-
che Weise alle Völker in die letzten Ereignisse verwickelt werden, ist
uns nicht offenbart worden. Die folgenden Ausführungen beschrei-
ben deshalb nur, wie sich das Endzeitszenario entwickeln könnte.
In den letzten Tagen seines irdischen Dienstes warnte Jesus vor
Menschen, die sich fälschlicherweise als Christus ausgeben. „Wenn
dann jemand zu euch sagen wird: Siehe, hier ist der Christus! oder
da!, so sollt ihr's nicht glauben. Denn es werden falsche Christusse
und falsche Propheten aufstehen und große Zeichen und Wunder
tun, so daß sie, wenn es möglich wäre, auch die Auserwählten
verführten." (Matthäus 24,23.24)
Ellen White schreibt in „Der große Kampf", daß Satan selbst als
der vollkommene falsche Christus erscheinen wird. „Als krönende
Tat in dem großen Drama der Täuschung wird sich Satan als Chris-
tus ausgeben ... In verschiedenen Teilen der Erde wird Satan unter
den Menschen als ein majestätisches Wesen von blendendem Glanz
entsprechend der Beschreibung des Sohnes Gottes in der Offenba-
rung des Johannes erscheinen (Offenbarung 1,13-15). Die Herrlich-
keit, die ihn umgibt, wird von nichts übertroffen, was sterbliche Au-
gen je gesehen haben."2
Dieser Betrug könnte Christen verführen, doch wie steht es mit den
Moslems in der Sahara, den Juden in Galiläa oder den Buddhisten im
Himalaya? Inwiefern könnte Satans „krönende Tat" sie betreffen?
Eine mögliche Antwort liegt in den Endzeitvorstellungen dieser
anderen Glaubensüberzeugungen. Wir Christen sind nicht die einzi-
gen, die einen Erlöser erwarten. Juden, Buddhisten, Hindus und

1
ebd.
2
ebd., S. 624f (rev.).

130
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Moslems - sie alle warten auf die Ankunft eines übernatürlichen


Wesens, eines zukünftigen Retters, der sich nach einer Zeit des Um-
sturzes erheben und der Welt Frieden und Glück bringen wird. Es
ist diese allumfassende Hoffnung auf einen endzeitlich - göttlichen
Erlöser, die den Rest der Welt für Satans perfekteste Täuschung
empfänglich machen könnte.
Nehmen wir zum Beispiel die Juden. „Alle Propheten prophezei-
ten nur für messianische Zeiten", sagt der Talmud. Der große jüdi-
sche Philosoph Moses ben Maimonides (1135-1204) lehrte, daß die
Ankunft des Messias eine grundlegende jüdische Glaubenslehre ist,
und im zwölften seiner dreizehn Artikel des Glaubens sagt er: „Ich
glaube fest an das Kommen des Messias; und wenn er auch zögern
mag, so hoffe ich doch täglich auf sein Kommen."
Trotz großer Verwirrung über die Ankunft des Messias glaubten
viele - und tun es auch heute noch -, daß er während einer Zeit gro-
ßer Trübsal kommen würde, „Messianische Wehen" genannt, um sein
Volk zu retten und in ein tausendjähriges Friedensreich zu bringen.
Bar Kochba, Abu Isa (Isaak ben Jakob), David Alroy, Salomo
Molcho, Abraham Abulafia, Isaak Luria, Sabbatai Zwi, Jakob Frank
und andere gaben messianische Erklärungen ab - und durch die
Jahrhunderte haben Tausende daran geglaubt, oft mit katastropha-
len Folgen.
Sogar heute pulsiert ein fiebriger Messianismus unter manchen
orthodoxen Juden. Viele glaubten, daß sich der Lubawitcher Rabbi
in Brooklyn, Menachem Schnerrson, als Messias offenbaren würde.
Vor einigen Jahren versuchten Fanatiker, den Felsendom in Jerusalem
zu sprengen. Ihre Absicht war es, die Araber in Wut zu bringen, die
sich dann so furchtbar an Israel rächen würden, daß „der Messias
kommen würde, um sein Volk vor der Vernichtung zu bewahren."
Die Moslems glauben inzwischen nicht nur an einen göttlichen
„Wiederhersteller des Glaubens", sondern viele verbinden damit den
Gedanken an den wiedergekommenen Jesus. Auch der Koran be-
zieht sich auf das zweite Kommen Christi (VI, 159).
In der islamischen Tradition als der Mahdi bekannt, der zwölfte
in einer Linie von Imamen, wird der „Richtig Geführte" ein tausend-
jähriges Reich des Friedens und der Gerechtigkeit einleiten, nach-

131
AMERIKA IN DER PROPHETIE

dem er die Herrschaft des „Antichristen" beendet hat. Gemä einer


islamischen Tradition wird der Antichrist die ganze Welt verwüsten
und nur Mekka und Medina in Frieden lassen, da diese heiligen
Städte von Engelheeren bewacht werden. Schließlich wird Christus
auf die Erde herabsteigen und den „Mensch-Teufel" in einer großen
Schlacht vernichten.
Obwohl alle orthodoxen Moslems an die Wiederkehr eines gött-
lichen „Wiederherstellers" glauben, sind sie sich über die genaue Art
und Weise der Wiederkunft nicht einig, eine Situation, die falschen
Mahdis in der Vergangenheit Tür und Tor geöffnet hat. Unter ihnen
war Muhammad Ahmad, der Mahdi des Sudan, der sich im Jahr
1881 gegen die ägyptische Verwaltung auflehnte und nach einigen
aufsehenerregenden Siegen einen theokratischen Staat gründete, der
bis 1898 existierte. Dann eroberten ihn die Briten.
Auch Mirza Ghulam Ahmad, der behauptete, der Mahdi zu sein,
gewann um 1800 eine Anhängerschaft. Ali Mohammed von Shiraz
erklärte: „Ich bin, ich bin der Verheißene ... Ich bin der, dessen
Name ihr tausend Jahre lang angerufen habt, bei dessen Nennung
ihr euch erhoben habt, dessen Ankunft ihr herbeigesehnt habt." Er
wurde von einem Erschießungskommando hingerichtet. Die von
ihm gegründete Glaubensgemeinschaft existiert heute unter dem
Namen „Baha'i".
Nach hinduistischem Glauben wird der Gott Vishnu Mensch,
wenn immer das Übel überhand nimmt. Die wichtigste Menschwer-
dung wird jedoch die Gestalt des Kalki sein, der auf einem weißen
Streitroß und mit einem flammenden Schwert in den Wolken er-
scheinen wird. Er wird alle Übeltäter in einer apokalyptischen
Schlacht vernichten und damit eine tausendjährige Herrschaft des
Friedens auf der Erde einleiten.
Diese Erwartung ist der christlichen Messiashoffnung so ähnlich,
daß vor Jahren ein Missionar in Indien eine Schrift verfaßte, in der
er aufzeigte, daß der wahre Erlöser und König der Gerechtigkeit
schon in der Person Jesus Christus gekommen ist. Vom hinduisti-
schen Standpunkt aus schien diese Darlegung so eindrucksvoll, daß
in der Stadt Rampore Hunderte von Menschen Christus als eine
Menschwerdung Vishnus akzeptierten.

132
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Nach Ansicht einiger buddhistischer Sekten sind zahlreiche Bod-


hisattvas 1 als Inkarnationen Buddhas auf der Erde erschienen, um
den Menschen Weisheit zu verleihen. Manche Sekten erwarten, daß
ein zukünftiger Erlöser, der letzte Buddha mit Namen Maitreya,
„Sohn der Liebe", vom Himmel kommen und großen geistlichen
Segen bringen wird.
Obwohl es im Buddhismus wenig Anreiz für einen Möchtegern-
Messias gibt, erschien 1910 in den Straßen von Tokio ein Journalist
und behauptete, der Messias-Buddha zu sein. Er erklärte, er sei „die
Erfüllung aller Prophezeiungen seit Beginn der Welt". Doch er und
seine kleine Bewegung gerieten schließlich in Vergessenheit.
Seit Jesus gesagt hat „Siehe, ich komme bald", haben Christen
seine Wiederkunft erwartet. Doch obwohl die Bibel, besonders das
Neue Testament, von Wiederkunftstexten nur so wimmelt, sind sich
Christen nicht darüber einig, wann er kommen wird, wohin er kom-
men wird, wie er kommen wird und was er tun wird, wenn er da ist.
Diese Wiederkunftshoffnung, gepaart mit der Verwirrung über
diesbezügliche Einzelheiten, hat zahllose falsche Christusse hervor-
gebracht. Im Jahr 1534 ernannte sich der radikale Wiedertäufer Jan
von Leiden zum Messias-König und übernahm die Herrschaft in der
Stadt Münster in Westfalen. James Nayler, ein englischer Quäkerfüh-
rer aus dem 17. Jahrhundert, hatte ebenfalls eine große Anhänger-
schaft, die glaubte, er sei der Messias.
In Rußland begannen messianische Bewegungen unter verschie-
denen falschen Messiassen, einschließlich der berüchtigten Skopzen-
Sekte um 1700, deren Führer verlangte, daß seine männlichen Nach-
folger sich kastrieren ließen. In China stiftete ein selbsternannter
Messias, Hung Hsiu-Ch'üan, eine Rebellion an, die zwischen 1850
und 1864 zwanzig Millionen Menschenleben kostete. In Amerika
behauptete William E. Riker, er sei der Heilige Geist, und gründete
in den vierziger Jahren dieses Jahrhunderts Holy City in Kalifornien
- sein Neues Jerusalem.
Auch heute gibt es viele falsche Christusse. Sun Myung Moons
messianische Ansprüche haben die Aufmerksamkeit der Öffentlich-

1
Erleuchtete.

133
AMERIKA IN DER PROPHETIE

keit auf sich gezogen. Jesus Christ Lightning Amen, ein Einsiedler
mittleren Alters, der irgendwo in der Wüste von Arizona leben soll,
ist weniger bekannt, hat aber ebenfalls eine Anhängerschaft.
Alle großen Religionen der Welt weisen mindestens zwei wichti-
ge Ähnlichkeiten auf, die bei Satans großer Täuschung eine Rolle
spielen könnten: Alle erwarten die Ankunft eines göttlichen Retters
und den Beginn eines Zeitalters des Friedens, und alle sind in sich
selbst uneins über die Natur seines Erscheinens.
In „Der große Kampf" beschreibt Ellen White die Verwirrung
vor der Wiederkunft. Sie zitiert Offenbarung 12,12: „Weh aber der
Erde und dem Meer! Denn der Teufel kommt zu euch hinab und
hat einen großen Zorn und weiß, daß er wenig Zeit hat." Sie be-
zieht diesen Vers auf die letzte Zeit: „Schrecklich sind die Ereignis-
se, die diesen Ausruf der himmlischen Stimme veranlassen. Der
Zorn Satans nimmt zu, je weniger er Zeit hat. Seine Täuschungen
und Zerstörungen erreichen ihren Höhepunkt in der trübseligen
Zeit."1
Historisch gesehen verstärkte sich messianischer Eifer in den ver-
schiedenen Glaubensrichtungen immer in Krisenzeiten, weil die
Menschen ihre einzige Hoffnung in einem göttlichen Erlöser sahen.
Man stelle sich die messianischen Erwartungen von Hindus, Juden,
Moslems, Christen und sogar Buddhisten vor, wenn sie sich einer
„Zeit so großer Trübsal" gegenübersehen, „wie sie nie gewesen ist,
seitdem es Menschen gibt, bis zu jener Zeit" (Daniel 12,1), zumal die
meisten die Ankunft des Messias ohnehin während einer Zeit der
Trübsal erwarten.
Dann, inmitten dieses großen Aufruhrs, wird Satan „in verschie-
denen Teilen der Erde" in unübertrefflicher Herrlichkeit erscheinen.
Er kommt als ein „majestätisches Wesen von blendendem Glanz" in
die islamische Welt, so wie der Mahdi erwartet wird. Die Moslems
verneigen sich auf ihren Gebetsteppichen vor dem „Richtig Geführ-
ten", der die tausend Jahre des Friedens einleiten wird.
In einer Herrlichkeit, die alles übertrifft, „was sterbliche Augen je
gesehen haben", erscheint er bei den Hindus, die ihn als Kalki se-

1
ebd. S. 624.

134
AMERIKA IN DER PROPHETIE

hen, die endgültige und höchste Inkarnation Vishnus. Die Juden


frohlocken; ihr langersehnter Mashiach ist endlich gekommen, nicht
als ein bescheidener Diener, sondern als ein mächtiger, übernatürli-
cher König, der die „Messianischen Wehen" beenden wird.
Die Buddhisten sehen Maitreya, der gekommen ist, die Mensch-
heit mit Segen zu überschütten. Wie Ellen White schrieb, werden
die Christen bei seinem Erscheinen rufen: „Christus ist gekommen!
Christus ist gekommen!" 1 Die Anhänger des New Age schließlich
betrachten ihn als alle diese göttlichen Personen in einem!
Alle diese Gruppen - von vornherein verwirrt über die Art und
Weise der Wiederkunft - sind in der Vergangenheit von Scharlata-
nen getäuscht worden, die viel weniger Verführungsmacht besaßen
als der Teufel. Wenn heute Tausende glauben können, daß der
überführte Steuerhinterzieher Sun Myung Moon der wiedergekom-
mene Christus ist, was wird dann erst geschehen, wenn Satan selbst
in unübertrefflicher Herrlichkeit diese Behauptung aufstellt?
In der Gestalt Christi äußert Satan tiefe Wahrheiten, heilt die
Kranken und vollbringt andere Wunder. In der moslemischen Welt
zitiert er den Koran, und vor den Christen „bringt er einige dersel-
ben gnadenreichen himmlischen Wahrheiten vor, die der Heiland
einst aussprach". 2 Weil dann die Welt solch eine furchtbare Zeit der
Not leidet, sagt er den Nichtchristen, sie sollten alle einen gemein-
samen Tag haben, um Gott anzubeten und damit der Qual ein En-
de zu bereiten helfen - den Sonntag. In dieser „starken, beinahe
überwältigenden Täuschung" wendet er sich auch an die christliche
Welt mit der Behauptung, „daß er den Sabbat in den Sonntag ver-
ändert habe."3
Und die Milliarden von Menschen - die verzweifelt ein Ende der
Kriege, der Erdbeben, der Hungersnöte, der Seuchen und der Ge-
walt herbeisehnen - gehorchen den Worten ihres langerwarteten
Erlösers und beachten den falschen Ruhetag, womit sie das Malzei-
chen des Tieres annehmen.

1
ebd. S. 625.
2
ebd.
3
ebd.

135
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Eine Spekulation? Natürlich. Aber kann es wirklich ein Zufall


sein, daß alle großen Religionen der Welt darauf warten, daß eine
göttliche Person ein Zeitalter des Friedens einleitet? Wird Satan die-
sen grandiosen Schwindel inszenieren, indem er die verzerrten Er-
wartungen der Menschheit scheinbar erfüllt?
Offensichtlich scheint er die Welt jetzt darauf vorzubereiten. Vor
einigen Jahren gaben verschiedene New-Age-Gruppen Hunderttau-
sende von Dollar für eine Anzeige in den wichtigsten Zeitungen der
Welt aus, in der es hieß, daß der Messias der Juden, der Mahdi der
Moslems, der Christus der Christen, der Maitreya der Buddhisten
und der Krishna der Hindus alles Namen für den Einen seien, und
daß dieser Eine der Welt Frieden bringen werde. Im Oktober 1986
brachte der Papst 150 religiöse Führer aus einem Dutzend Glau-
bensrichtungen zusammen - vom Erzbischof von Canterbury bis
zum Dalai Lama -, um für den Weltfrieden zu beten.
Doch der Friede ist nicht gekommen, und er wird auch nicht
kommen. Und während die Erde einer Zeit der Trübsal entgegen-
geht, wie sie niemals zuvor gewesen ist, werden Milliarden Maitreya,
Kalki, den Messias, den Mahdi oder Jesus anflehen zu kommen.
Dann wird Satan mit seiner gröten Lüge auftreten und den Gläu-
bigen jeder Religion als der Friedensbringer erscheinen, auf den sie
so lange gewartet haben, mit Worten der Liebe auf seinen Lippen -
Worten, die jeden täuschen.
Oder fast jeden.
Ellen White schrieb: „Nur die, welche eifrig in der Bibel ge-
forscht und die Liebe zur Wahrheit angenommen haben, werden
vor der gewaltigen Täuschung, die die Welt gefangennimmt, ge-
schützt sein."1

1
ebd., S. 626.

136
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Kapitel 11

Trends

Letztes Jahr besuchte mich ein Adventist in meinem Büro bei der
Generalkonferenz. Er sagte: „Die Botschaft des Großen Kampfes
war für Ellen Whites Zeit wichtig, aber für unsere Zeit ist sie über-
holt."
Überholt? Wenn er gesagt hätte, daß einiges Material, die Spra-
che oder manche Quellenangaben heute nicht mehr aktuell seien,
könnte ich dem zustimmen. Würde Ellen White das Buch „Der
große Kampf" heute schreiben, würde sie Pat Robertson und Erzbi-
schof Runcie zitieren, nicht aber Charles Beecher. Sie würde andere
Worte benutzen als Romanisten, Papisten und Papisterei, die heute
altmodisch klingen. Sie würde eher über Astralprojektionen, Sterbe-
erlebnisse und Channeling sprechen als über Spiritismus im allge-
meinen. Ja, in diesem Sinn könnte man das Buch als überholt be-
trachten - aber kann man tatsächlich sagen, daß sein Grundanliegen
unsere Zeit nicht mehr betrifft?
Über die Jahre haben Adventisten als Deutung der Prophetie
zahlreiche falsche Vorhersagen gemacht, und diese Fehler haben die
Einstellung mancher unserer Eschatologie gegenüber verhärtet. Es
wurde uns versichert, die Türkei werde im Rahmen der letzten Er-
eignisse eine Hauptrolle spielen; der erste Weltkrieg sei der Anfang
vom Ende; der zweite Weltkrieg sei Harmagedon; die „Könige des
Ostens" aus der Offenbarung seien die japanische Armee; die Juden
würden nie mehr eine Heimat in Palästina haben, Präsident John F.
Kennedy werde das Sonntagsgesetz einführen und kein Mensch
werde je den Mond betreten.

137
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Das Problem war: Wir waren zu eindeutig, auch dort, wo die


Prophetie es nicht ist. Das Buch „Der große Kampf" zum Beispiel
beschäftigt sich mit dem Zeitraum zwischen Christi Tod und der
neuen Erde, und das auf weniger als 700 Seiten (die Offenbarung
schafft das auf 17 Seiten). Ein ausgebildeter Historiker könnte der
Reformation auf diesem Raum keine Gerechtigkeit widerfahren
lassen, noch weniger der gesamten christlichen Epoche. „Der große
Kampf" ist keine detaillierte Geschichte des Christentums. Statt des-
sen behandelt das Buch die „Prinzipien" bzw. „Grundsätze" 1 hinter
der Auseinandersetzung zwischen Christus und Satan. Es geht nicht
um Einzelheiten.
Deshalb sollten einzelne besondere Weltereignisse an sich nie-
mals zum Mittelpunkt der Prophetie erklärt werden, sondern wir
sollten sie als ein Teil der gröeren prophetischen Entwicklung ein-
ordnen. Es ist gefährlich, sich dogmatisch an besonderen politischen
Ereignissen wie der Präsidentschaft von John F. Kennedy festzubei-
ßen. Nicht Kennedy als Person oder als Präsident war wichtig, son-
dern was seine Präsidentschaft über den zunehmenden katholischen
Einfluß in Amerika deutlich machte. Darüber hinaus hatte seine
Präsidentschaft keinerlei prophetische Bedeutung.
In den vorhergehenden Kapiteln habe ich zu zeigen versucht,
daß die großen Strömungen unserer Zeit genau mit dem überein-
stimmen, was in „Der große Kampf" beschrieben wird. Die Einzel-
heiten sind nur insoweit bedeutsam, wie sie in das große Bild pas-
sen. Einzelne Ereignisse an sich sollten deshalb nie im Mittelpunkt
unserer Aufmerksamkeit stehen.
Im Zusammenhang mit Kirchen, die sich auf gemeinsame Lehr-
punkte einigen, um die Sonntagsheiligung zu erzwingen, zitiert Ellen
White in „Der große Kampf" zum Beispiel einen Auszug aus einer
Predigt, die der Protestantenführer Charles Beecher 1846 gehalten
hat. Er sagte darin: „Und was sehen wir gerade vor uns? Ein zweites
allgemeines Konzil! eine kirchliche Weltvereinigung! eine evangeli-
sche Allianz und ein allumfassendes Glaubensbekenntnis!"2

1
ebd., S. 14.
2
ebd., S. 445.

138
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Es stand jedoch kein weltweites Glaubensbekenntnis oder ein e-


vangelisches Bündnis bevor. Heute sind seine Worte überholt, un-
wichtig, unbedeutend. Aber die Tendenz, von der sie sprachen, ist
bedeutsam - auch wenn der Zusammenschluß der Kirchen weder zu
jener Zeit noch auf die Weise geschah, die Beecher erwartete.
Was z. B. an dem Buch „The Keys of This Blood" wichtig ist, ist
nicht das Buch selbst, nicht einmal seine Einzelheiten, sondern die
Richtung, die es beschreibt. Sogar Papst Johannes Paul II. selbst ist
nicht entscheidend. Er ist über siebzig Jahre alt, und seine Gesund-
heit lät nach Attentat und Operationen zu wünschen übrig. Sein
Pontifikat kann schon bald zu Ende sein. Wichtig ist deshalb nicht so
sehr seine Person, sondern die Richtung, in die er seine Kirche be-
wegt hat, und ihr wachsendes internationales Ansehen.
Reagan und der Papst, die in einer geheimen Operation die Ge-
werkschaft „Solidarität" in Polen unterstützten, wurden auf den Sei-
ten der Offenbarung nicht beschrieben - wohl aber die Richtung,
die ihre Aktionen zum Ausdruck brachten.
In den achtziger Jahren paßte Jerry Falwells Bewegung „Mora-
lische Mehrheit" perfekt in die Prophetie. Heute ist sie Geschichte.
Die „Moralische Mehrheit" als Organisation an sich war nicht pro-
phetisch - wohl aber die Richtung, die sie einschlug. In den neunzi-
ger Jahren haben wir Pat Robertson und die „Christliche Koalition".
In fünf Jahren könnte die „Christliche Koalition" den gleichen Weg
gehen wie die „Moralische Mehrheit" und von der Bildfläche ver-
schwinden. Es ist vielmehr die Tendenz, die zählt.
Betrachten wir den Zusammenbruch des Kommunismus, den
Aufstieg des Papsttums als mächtige geopolitische Gröe, die Ver-
einigten Staaten als die einzige Supermacht der Welt, den blühen-
den Spiritismus, die Neue Rechte, die Einigkeit zwischen Katholi-
ken und Protestanten. Jede dieser Entwicklungen wäre für sich
allein betrachtet schon bedeutend genug, aber die Tatsache, daß
das alles gleichzeitig geschieht, erweist nicht nur das Buch „Der
große Kampf" als absolut glaubwürdig, sondern letztlich die ge-
samte Adventbotschaft.
Natürlich kann die Prophetie mißbraucht werden, und auch des-
halb haben sich viele Adventisten geirrt. Jesus beschrieb den Zweck

139
AMERIKA IN DER PROPHETIE

der Prophetie mit den Worten: „Und jetzt habe ich's euch gesagt,
ehe es geschieht, damit ihr glaubt, wenn es nun geschehen wird."
(Johannes 14,29) Die Prophetie soll uns nicht zu Wahrsagern ma-
chen, die kühn die Zukunft voraussagen. Vielmehr soll sie unseren
Glauben stärken, wenn die Prophezeiungen eintreffen. Und wenn
die prophetischen Entwicklungen der vergangenen Jahre unserem
Glauben keine Kraft gegeben haben - dann wird uns kaum etwas
anderes noch stärken können.
Trotzdem gehen innerhalb der Adventgemeinde die Angriffe ge-
gen das Schrifttum Ellen G. Whites weiter. Manche reiten auf dem
Thema „Plagiat" herum. Andere behaupten, das „Evangelium" neu
entdeckt zu haben, und interpretieren es auf eine falsche Weise, die
die Erklärung des Untersuchungsgerichts in „Der große Kampf"
widerlegt. Sie singen und tanzen immer noch nach der gleichen
müden alten Melodie. Was sie brauchen, ist eine neue Musik.
Diese „neue Musik" ist geschrieben worden, von jenen, die -
während sie ihre große Bewunderung für den Großen Kampf zum
Ausdruck bringen - all seine „Fehler" aufzeigen und ihre eigenen
Zeitpläne, „Lösungen" und Neuinterpretationen anbieten, die in
Wirklichkeit nur den Glauben an die ganze Botschaft untergraben.
Keine Frage, Satan haßt das Buch „Der große Kampf", und er
benutzt die Extremisten aller Richtungen, um unseren Glauben an
die darin enthaltene Botschaft zu schwächen. Warum? Nicht einfach
nur deshalb, weil dieses Buch seine Pläne entlarvt, sondern weil jede
seiner Seiten vom ersten bis zum letzten Kapitel das erlösende Op-
fer Jesu bezeugt.
Im Mittelpunkt aller Schilderungen seiner Berichte über die
Frühkirche, die Finsternis des Papsttums, die Reformation, die
Millerbewegung, den letzten Kampf, das Millennium und in der
Beschreibung der Ewigkeit, die uns „reichere und immer herrlichere
Offenbarungen Gottes und Christi bringen" wird, 1 stehen immer das
Kreuz von Golgatha und die Erlösung, die Jesus für jeden Menschen
vollbracht hat, der sie annimmt.

1
ebd., S. 677.

140
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Tatsächlich ist der wichtigste Inhalt des Buches „Der große


Kampf" nicht seine prophetische, sondern seine geistliche Botschaft.
Mehr noch als eine Warnung vor kommender Verfolgung, Sonn-
tagsgesetzen und dem Ende der Welt ist es eine moderne Offenba-
rung der Liebe Christi zu uns und seiner Bemühungen, uns zu ret-
ten. Die bloße Existenz dieses Buches ist ein unwiderlegbares Zeug-
nis für Gottes Liebe und eine kraftvolle Offenbarung Jesu Christi.
Ellen White schrieb: „Wir können nicht ermessen, wieviel wir
Christus für den Frieden und Schutz schuldig sind, deren wir uns
erfreuen. Es ist die mäigende Kraft Gottes, die verhindert, daß die
Menschen völlig unter die Herrschaft Satans geraten."1
„Die Engel hatten die Herrlichkeit gesehen, die der Sohn Gottes
mit dem Vater teilte, ehe die Welt war, und sie hatten mit lebhaftem
Anteil seinem Erscheinen auf Erden als dem freudevollsten Ereignis
für alle Völker entgegengesehen ... Christus hatte sich erniedrigt,
menschliche Natur anzunehmen; er trug unendlich viel Leid, als er
sein Leben als Opfer für die Sünde darbringen sollte."2
„Wir dürfen zu Jesus kommen, uns von ihm reinigen lassen und
ohne Scham oder Gewissensbisse vor dem Gesetz bestehen."3
„Während Jesus für diese Menschen Fürbitte einlegt, beschuldigt
Satan sie vor Gott als Übertreter ... Jesus entschuldigt ihre Sünden
nicht, verweist aber auf ihre Reue und ihren Glauben und bittet für
sie um Vergebung; er hält seine verwundeten Hände vor dem Vater
und den heiligen Engeln empor und ruft aus: ,Ich kenne sie bei
Namen, ich habe sie in meine Hände gezeichnet'."4
„Unser mächtiger Heiland lädt uns ein, uns ihm anzuschließen,
unsere Schwäche mit seiner Kraft, unsere Unwissenheit mit seiner
Weisheit, unsere Unwürdigkeit mit seinem Verdienst zu verbinden.
Gottes Vorsehung ist die Schule, in der wir die Sanftmut und Demut
Jesu lernen sollen."5

1
ebd., S. 35.
2
ebd., S. 316f.
3
ebd., S. 477.
4
ebd., S. 483f.
5
ebd., S. 623f.

141
AMERIKA IN DER PROPHETIE

„Nur ein Erinnerungszeichen [an die Sünde] bleibt bestehen: Un-


ser Heiland wird stets die Male seiner Kreuzigung tragen. An seinem
verwundeten Haupt, seinen Händen und Füen zeigen sich die
einzigen Spuren des grausamen Werkes, das die Sünde gewirkt
hat."1
„Die Erlösten werden in alle Ewigkeit über die Kreuzestat Jesu
nachsinnen und davon singen. In dem verherrlichten Christus wer-
den sie den gekreuzigten Christus sehen. Nie werden sie vergessen,
daß der, dessen Macht in dem unendlichen Bereich des Himmels-
gewölbes die unzähligen Welten schuf und erhielt, der Geliebte
Gottes, die Majestät des Himmels, der, den Cherubim und glänzen-
de Seraphim freudig anbeteten, sich erniedrigte, um den gefallenen
Menschen zu erheben; daß er die Schuld und Schande der Sünde
erduldet hat, daß er ertrug, wie sich das Antlitz seines Vaters vor
ihm verbarg, bis das Weh über eine verlorene Welt sein Herz brach
und sein Leben am Kreuz von Golgatha verlöschte. s
Wenn die Scharen der Erretteten auf ihren Erlöser sehen und die
ewige Herrlichkeit des Vaters auf seinem Angesicht erblicken, wenn
sie seinen Thron schauen, der von Ewigkeit zu Ewigkeit gegründet
ist, und wissen, daß sein Reich kein Ende nehmen soll, brechen sie
in den begeisterten Gesang aus: ,Würdig, würdig ist das Lamm, das
erwürgt wurde und uns mit Gott versöhnt hat durch sein köstliches
Blut!'2
Durch die Berichte über die Märtyrer, die Christus so sehr lieb-
ten, daß sie für ihren Erlöser Kerker, Folter und Scheiterhaufen er-
trugen, offenbart uns „Der große Kampf" die Armseligkeit unserer
eigenen Beziehung zu Jesus. Jene Glaubenshelden konnten das, was
sie taten, nur aus Liebe zu Christus vollbringen. Auch wir brauchen
diese Liebe. „Der große Kampf" kann uns zu Jesus führen und unter
dem Einfluß des Heiligen Geistes in uns eine Liebe zu Jesus entfa-
chen, die selbst angesichts heftigen und unerbittlichen Widerstandes
nicht zerbricht.

1
ebd., S. 672f.
2
ebd., S. 650f.

142
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Wer unter Gebet das Buch „Der große Kampf" liest, wird zu
dem Buch geführt, das dahinter steht: zur Bibel - und wer sich auf
die Bibel verlät, wird sich von den Täuschungen, denen die Welt
erliegt, nicht in die Irre führen lassen. „Das Nachgebildete wird dem
Echten so genau gleichen", schrieb Ellen White über Satans letzten
Betrug, „daß es unmöglich sein wird, beide zu unterscheiden, außer
durch die Heilige Schrift."1
Und schließlich: „Der große Kampf" schreit die Nähe der Wie-
derkunft Christi geradezu heraus. Gewiß, wir haben all das schon
vorher gehört. Die Wiederkunft Jesu steht schon seit 100 Jahren
nahe bevor. Doch niemals zuvor haben die Weltereignisse so genau
zusammengepaßt wie heute. Es gab immer wichtige Aspekte, die
nicht „stimmten": die Sowjetunion, der US-amerikanische Anti-
Katholizismus, der sich ausbreitende Kommunismus, der starke
Schutz des Ersten Zusatzartikels über die Trennung von Kirche und
Staat in den USA - und vieles mehr. Nichts davon ist heute noch
ein Hindernis.
Wir kennen weder Tag noch Stunde. Das sollen wir auch nicht.
Ellen White verurteilt all jene, die für alles ein Datum festsetzen,
vom Spätregen bis zum Ende der Gnadenzeit und dem Erlaß der
Sonntagsgesetze. Sie warnt: „All unsere Brüder und Schwestern
sollen sich in acht nehmen vor jedem, der einen Zeitpunkt festsetzen
will, an dem der Herr sein Wort erfüllt bezüglich seiner Wiederkunft
oder bezüglich jeder anderen besonderen Zusage."2
Wir mögen keine Daten kennen, aber wir sollten in der Lage
sein, die Zeichen der Zeit zu erkennen. Und wer die Geschichte der
Siebenten-Tags-Adventisten ernst nimmt, muß davon begeistert sein,
was sie verkündigen. Jesus kommt, um uns heimzuholen, und wir
haben heute mehr Hinweise auf die Erfüllung dieser Zusage als
jemals zuvor. Wir müssen nur daran glauben, seinem Wort vertrau-
en und gehorchen, als ob unser ewiges Schicksal davon abhinge -
denn genau so ist es. Wir sind der Wiederkunft zu nahe, um uns
jetzt abzuwenden.

1
ebd., S. 594.
2
Ellen G. White, „Testimonies to Ministers", Pacific Press, 1962, S. 55 (Hervorhe-
bung C. Goldstein).

143
AMERIKA IN DER PROPHETIE

Als Adventisten haben wir allen Grund, der Gabe der Prophetie
zu vertrauen. Die Angriffe gegen das Buch „Der große Kampf", die
Gleichgültigkeit, die wachsende Skepsis ihm gegenüber - auch dies
sind Trends, vor denen wir im voraus gewarnt worden sind und
deren Auftreten unseren Glauben stärken sollte. Durch die Erklä-
rung der Bibel mit Hilfe ihrer prophetischen Gabe hat Ellen White
den besonderen Wert dieser Gabe mehr als deutlich gemacht, und
nirgendwo wird dieser besondere Wert deutlicher als in dem Buch
„Der große Kampf".
Trotzdem müssen wir auf der Hut sein: „Der große Kampf" wird
mit Sicherheit noch viel Haß und Verärgerung auslösen. Wir werden
vor der Welt wie Narren, Idioten und Possenreißer dastehen - we-
gen dieses Buches, das alle aufstacheln wird, die die darin enthalte-
nen Wahrheiten ablehnen. Das bewirkt es ja auch bei Adventisten,
die jene Wahrheiten selbst heute schon abweisen. So wird es wohl
auch bleiben.
Tatsächlich gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder werden wir
uns bedingungslos dem Heiligen Geist übergeben, und „Der große
Kampf" wird uns noch enger in die Arme Christi treiben, oder wir
weisen den Geist Gottes zurück und werden in die Fänge dessen
gelockt, der auf Golgatha Christi Blut vergossen hat und auch uns
endgültig vernichten will.
„Und der Drache wurde zornig über die Frau und ging hin, zu
kämpfen gegen die übrigen von ihrem Geschlecht, die Gottes Gebo-
te halten und haben das Zeugnis Jesu ... Das Zeugnis Jesu aber ist der
Geist der Weissagung." (Offenbarung 12,17.19,10)1

1
Hervorhebung von C. Goldstein.

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