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Didaktik der Mathematik der Sekundarstufe II

2. Die reellen Zahlen

A. Filler

Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Mathematik

Sommersemester 2015

Internetseite zur Vorlesung:


http://didaktik.mathematik.hu-berlin.de/index.php?article_id=331
oder über: http://www.mathematik.hu-berlin.de/˜filler/

A. Filler Didaktik der Mathematik der Sekundarstufe II, Teil 2: Reelle Zahlen Folie 1 / 17
Didaktik der Mathematik der Sekundarstufe II

Die reellen Zahlen


Historische Bemerkungen

Mathematische „Hintergründe“
Charakterisierungen der Vollständigkeit der reellen Zahlen
Möglichkeiten der Konstruktion der reellen Zahlen
(Unendliche) Dezimalzahlen

Reelle Zahlen in der Sekundarstufe I

Zugänge zu reellen (insbesondere irrationalen) Zahlen


Intervallschachtelungen
Geometrische Zugänge

Ohne reelle Zahlen keine Analysis

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Historische Bemerkungen zur Entdeckung irrationaler Zahlen
Irrationale Zahlen wurden zunächst als inkommensurable Strecken
(Strecken ohne gemeinsames „Maß“, d. h. mit einem irrationalen
Längenverhältnis) entdeckt.
I Pentagramm: Wahrzeichen der Pythagoreer


d 5+1
=
a 2

I Hippasos von Metapont (6.-5. Jh. v. Chr.): Verhältnis von Diago-


nalen- und Seitenlänge im regelmäßigen Fünfeck ist irrational.
I „Grundlagenkrise“ des pythagoreischen Weltbildes oder
Geheimnisverrat? („Strafe der Götter“: Hippasos ertrank im Meer.)
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Charakterisierungen der Vollständigkeit der reellen Zahlen
Die „Lückenlosigkeit“ der reellen Zahlen kann durch sehr verschiedene (aber äquivalente)
Vollständigkeitsaxiome beschrieben werden (siehe auch die Vorlesung „Algebra/Zahlentheorie“)

Axiom von der oberen Grenze


Jede nicht leere, nach oben beschränkte Teilmenge von R besitzt eine
obere Grenze (kleinste obere Schranke).
Dedekindsches Schnittaxiom
Jeder Dedekindsche Schnitt wird durch ein Element von R erzeugt.
Dedekindscher Schnitt: Zerlegung von R in 2 disjunkte Teilmengen A und B
mit a < b für alle a ∈ A und b ∈ B

Intervallschachtelungsaxiom
Zu jeder Intervallschachtelung ([ai ; bi ])i∈N , gibt es genau ein c ∈ R mit
ai ≤ c ≤ bi für alle i ∈ N.
Cauchy’sches Konvergenzprinzip
Jede Cauchy-Folge konvergiert in R
Zusammenhang Monotonie / Beschränktheit / Konvergenz
Jede monotone beschränkte Folge konvergiert.
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Möglichkeiten der Konstruktion der reellen Zahlen
Die meisten der angegebenen Charakterisierungen der Vollständigkeit
von R zeigen Wege auf, R aus Q zu konstruieren.
I R als die Menge von Klassen aller rationalen Intervallschachtelun-
gen. Zwei Intervallschachtelungen [an , bn ] und [An , Bn ] gehören
derselben Klasse an, wenn an ≤ Bm und An ≤ bm für alle n, m ∈ N.
I Konstruktion der reellen Zahlen als Äquivalenzklassen von
Cauchy-Folgen. Zwei Cauchy-Folgen gehören derselben Klasse
an, wenn ihre Differenzfolge eine Nullfolge ist.1

Für den Unterricht:


I Weg über Intervallschachtelungen (ohne Klassenbildung)
I Weg über Cauchy-Folgen als „Hintergrundidee“
(Dezimalzahlen lassen sich als Cauchy-Folgen interpretieren)
1
Siehe K RAMER ; VON P IPPICH: Von den natürlichen Zahlen zu den Quaternionen. Springer,
2013, S. 119ff. sowie H ENN: Elementare Geometrie und Algebra, Vieweg, 2003, S. 182 ff.
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Unendliche Dezimalzahlen
Dezimalzahl:
d = ± n + q1 ·10−1 + q2 ·10−2 + q3 ·10−3 + q4 ·10−4 + q5 ·10−5 + . . .


bzw. ∞
! n ∈ N,2 qk ∈ N, 0 ≤ qk ≤ 9 für k = 1 . . . ∞
X
d =± n+ qk ·10−k
k=1
Einer Dezimalzahl lässt sich stets eine Zahlenfolge zuordnen:
i
!
X
−k
(di )i=1...∞ mit di = ± n + qk ·10
k=1
I (di ) ist eine Cauchyfolge.
I Dezimalzahlen lassen sich also Cauchyfolgen zuordnen, diese
wiederum repräsentieren reelle Zahlen.
→ surjektive Abbildung von der Menge der Dezimalzahlen in die
Menge der reellen Zahlen (Klassen von Cauchyfolgen).
I Warum nur surjektiv und nicht bijektiv?
2
Es sind hier die natürlichen Zahlen einschließlich der Null gemeint.
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Unendliche Dezimalzahlen
IWarum nur surjektiv und nicht bijektiv?

X ∞
X
−k
0, 9 = 0 + 9·10 = 0 + qk ·10−k mit qk = 9 für k = 1 . . . ∞
k=1 k=1
und

X ∞
X
1=1+ 0·10−k = 1 + qk ·10−k mit qk = 0 für k = 1 . . . ∞
k=1 k=1
sind wegen der ungleichen Koeffizienten verschiedene Dezimalzahlen.
Aber: Die Differenzfolge der beiden zugehörigen Cauchyfolgen
i
X i
X
−k
0
(di )i=1...∞ und (di )i=1...∞ mit di = 0 + 9·10 0
und di = 1 + 0·10−k
k=1 k=1
ist eine Nullfolge (für jedes  > 0 existiert ein i0 mit di0 − di00 < ).
I Es besteht eine Bijektion zwischen der Menge der echten Dezi-
malzahlen (für die nicht ab einem bestimmten Index k0 alle Koef-
fizienten qk gleich neun sind) und der Menge der reellen Zahlen.
Zur ausführlicheren Wiederholung siehe z. B. K RAMER (2008) bzw. K RAMER ; VON P IPPICH (2013).
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Reelle Zahlen in der Sekundarstufe I

In den Rahmenlehrplänen der Sekundarstufe II werden die reellen


Zahlen nicht explizit erwähnt; gleichwohl ist die Vollständigkeit der
reellen Zahlen eine unverzichtbare Grundlage der Analysis.

Aus dem Berliner Rahmenlehrplan (Leitidee Zahl, Klasse 9/10)

Die folgenden Kompetenzen zum Argumentieren und Kommunizieren


und zur Leitidee Zahl bilden den Schwerpunkt dieses Moduls:
I Erläutern der Eigenschaften irrationaler Zahlen
I Begründen der Notwendigkeit der Zahlbereichserweiterung
I Verwenden von reellen Zahlen zur Lösung von Problemen und zur
Darstellung mathematischer Sachverhalte

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Reelle Zahlen in der Sekundarstufe I
Aus dem Berliner Rahmenlehrplan (Leitidee Zahl, Klasse 9/10)
Schülertätigkeiten:
* I unterscheiden rationale und irrationale Zahlen,

I beschreiben die Menge der reellen Zahlen,


I bestimmen Quadratwurzeln näherungsweise mit dem

Taschenrechner und runden situationsangemessen,


I ...

** I begründen die Notwendigkeit, den Zahlbereich um die irrationalen


Zahlen zu erweitern,
I stellen abbrechende und einfache periodische Dezimalzahlen als
Brüche dar,
I konstruieren einige Quadratwurzeln geometrisch auch auf der
Zahlengeraden,
I beschreiben Quadratwurzeln an Beispielen durch ein
Näherungsverfahren (Intervallschachtelung),
I ...
*** I beweisen die Irrationalität einer Quadratwurzel (indirekter Beweis),
I beschreiben die Zahl pi durch ein Näherungsverfahren.
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Zugänge zu irrationalen Zahlen

Meist (fast immer) werden irrationale Zahlen im Zusammenhang mit


Wurzeln
√ eingeführt. Folgende Problemstellungen können in Klasse 9
auf 2 führen:
I Bestimme die Zahl(en), deren Quadrat 2 ist.
I Bestimme zu einem gegebenen Quadrat die Seitenlänge eines
Quadrats mit doppeltem Flächeninhalt.
I Wie lang ist eine Diagonale eines Quadrats der Seitenlänge 1?

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Intervallschachtelungen

Bestimmung eines Näherungswertes für 2 über Intervallschachtelung
(Es wird die Monotonie der quadr. Fkt. für positive Argumente vorausgesetzt.)

I 2 ist größer als 1 und kleiner als 2, denn 12 < 2 und 22 > 2.

I Bildung der Intervallmitte – liegt
√ 2 zwischen 1 und 1, 5 oder
zwischen 1, 5 und 2 (oder ist 2 = 1, 5)?

I 1, 52 > 2, also liegt 2 zwischen 1 und 1, 5.
I Bildung der Intervallmitte: 1, 25 ... und weiter ...
Anfangswert Endwert Mittelwert Mittelwert2 Mittelwert2 > 2?
1 2 1,5 2,25 ja
1 1,5 1,25 1,5625 nein
1,25 1,5 1,375 1,890625 nein
1,375 1,5 1,4375 2,06640625 ja

I Sinnvoll: Computernutzung (Tabellenkalkulation)


→ „Gefühl“ für unendliche Fortsetzbarkeit des Verfahrens
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Intervallschachtelungen


Bestimmung eines Näherungswertes für 2 über Intervallschachtelung
I Auch wenn das Verfahren der Intervallschachtelung über sehr
viele Schritte geführt wird, ist noch nicht gesichert, dass es nicht
doch irgendwann abbricht.

I Noch weniger ist gesichert, dass 2 kein endlicher oder
periodischer Dezimalbruch ist.
√ √
I Beweis der Irrationalität von 2 ist nötig (d. h. 2 lässt sich nicht
m
durch mit m, n ∈ N darstellen).
n

Intervallschachtelungen sind bedeutsam für Begründungen / Beweise


in der Analysis.

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Intervallschachtelungen

Näherungsweise Bestimmung von 3 mittels „Intervallzehntelung“

Aus: Fokus 4 (Mathematik 8 B/W), Cornelsen, 2007.


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Geometrische Zugänge zu den reellen Zahlen

Der Zahlenteufel (Hans Magnus Enzensberger)

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Geometrische Zugänge zu den reellen Zahlen

I Die rationalen Zahlen liegen auf der Zahlengerade zwar dicht.


I Dennoch bleiben „Löcher“.

0 1 2

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Geometrische Zugänge zu den reellen Zahlen
Inkommensurabilität von Seiten- und Diagonalenlänge im Quadrat
Verfahren der „Wechselwegnahme“
Wechselwegnahme: übliche Methode, um das gemeinsame Maß zweier Strecken zu finden: man
beginnt mit zwei Strecken a und b mit a > b, geht dann über zu b und a − b und so weiter, bis
irgendwann einmal die kleinere Strecke in der größeren ganzzahlig enthalten ist.

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Ohne reelle Zahlen keine Analysis
oder: keine „richtige“ Analysis auf Q
Vollständigkeit der reellen Zahlen: unverzichtbare Voraussetzung für
fundamentale Sätze der Analysis und damit für die Rechtfertigung
nahezu aller in der Schulanalysis (u. a. bei Kurvendiskussionen)
auftretenden Schlüsse.
Nullstellensatz von Bolzano (Spezialfall des Zwischenwertsatzes):
Wechselt eine in einem abgeschlossenen Intervall I stetige Funktion
dort ihr Vorzeichen, so hat sie in I wenigstens eine Nullstelle.
In Q gilt dieser Satz nicht.
Gegenbeispiel: I = [1; 2], f (x) = x2 − 2.
Monotoniekriterium:
Eine auf einem Intervall I differenzierbare Funktion mit überall auf I
positiver Ableitung ist dort überall streng monoton wachsend.
In Q gilt auch dieser Satz nicht.
1
Gegenbeispiel: I = [1; 2], f (x) = .
2 − x2
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