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SZ.de Zeitung Magazin

05. MAI 2018 • AUS HEFT 18/2018 • LEBEN UND GESELLSCHAFT

Die Traum​stadt
Täuschend alte Fassaden, makellose Beleuchtung und 1,5
Millionen Menschen, die sich wie Hauptfiguren benehmen
– unserem Autor ist klar geworden, was München in
Wahrheit ist: eine perfekte Inszenierung.

Vo n F l o r i a n Z i n n e c ke r Fo t o s : C l a u d i a K l e i n
Viele berühmte Bauten in München könnten ebensogut aus Pappmaché sein. Kein
Wunder, dass einige von ihnen von Theaterbaumeistern entworfen wurden – etwa
das Hofbräuhaus.

S TA R T S E I T E KO LU M N E N HEFTE S P I E L E / R ÄT SAENLZ E I G E

Als ich verstand, dass München keine Stadt ist, sondern eine Bühne,
auf der die Stadt sich selbst spielt, war ich im Theater. Ich saß im
Parkett der Münchner Kammerspiele, um mich herum saßen
Menschen, die alle aussahen wie dafür gecastet, das Publikum
darzustellen. Alle waren sehr frisch geduscht, sehr gut angezogen,
sehr schön. Auf der Bühne spielten sie Ludwig II. von Lu​chino
Visconti, die Bühnenversion des berühmten Films. Über den König, in
dessen Kopf die Musik immer ein bisschen zu laut war und der mit
seinem Königreich nichts anderes anzufangen wusste, als es als
Fundament seiner Fantasiewelt zu verwenden: Seine Schlösser ließ er
sich von Theatermalern planen, zum Nachdenken zog er sich ins
Nationaltheater zurück und träumte sich dort in Wagner-Opern
hinein, Schloss Neuschwanstein sieht aus wie aus einer solchen Oper
herausgefallen.

Drei Stunden dauerte das Stück, am Ende trat der König von der
Bühne, ließ sich im Foyer von der Garderobiere in den Mantel helfen
und ging, begleitet von seinem Leibarzt Doktor Gudden und einer
Kamera, hinaus in den Regen, lief die Maximilianstraße entlang, über
den dunklen Max-Joseph-Platz, vorbei an der Residenz, durch eine
Stadt, die wirkte wie für diesen Moment hingestellt, jedes Haus hatte
die genau richtige Größe, alle Fassaden standen im genau richtigen
Winkel zueinander, es passiert ja leicht, dass eine Stadt, wenn sie so in
Szene gesetzt wird, nicht mehr aussieht wie sie selbst, für
Filmaufnahmen werden manchmal ganze Straßenzüge im Studio
nachgebaut, hier war das nicht nötig, besser wäre es ohnehin nicht zu
machen gewesen. Irgendwann schlug der Regen in Schnee um, es war
klar, dass das jetzt keine Live-Bilder mehr sein konnten, denn es war
Juli, aber das störte nicht, die Zuschauer waren wie gebannt von den
Bildern, die auf die Bühnenrückwand projiziert waren: Zwei Männer in
stattlichen altmodischen Mänteln, einer spielte König Ludwig, der
andere seinen Arzt, und München, wie immer, spielte sich selbst.

Mich überraschte das nicht. Ich hatte es geahnt, und es gab eine ganze
Reihe von Momenten, großen und kleinen, die das bestätigen. Die
großen erklären sich von selbst: all die Meisterfeiern, die
Oktoberfestbieranstiche, die Karussellfahrten auf der Auer Dult in der
goldenen Herbstsonne – das ist so groß und farbsatt und perfekt
inszeniert, dass man es fast nicht aushält, im Fernsehen würde man
wegschalten. Der Effekt, der die großen Momente ein bisschen zu groß
wirken lässt, lässt aber auch die kleinen Momente wachsen.

Die Abende am Isar-Ufer. Die Nachmittage auf einem Balkon über den
Dächern von Schwabing. Die Lauf​runden durch den Park von Schloss
Nymphenburg, im Morgennebel, zwischen Hasen und Rehen, mitten in
der Stadt. Die Fahrten in der zum Bersten vollen Tram. Der Abend
unter der ​Brücke vor dem Maximilianeum, als es so sehr regnete, dass
man die Hand vor Augen nicht mehr sah.

Ein halbes Jahr nach dem Abend im Theater zog ich zum ersten Mal
nach München, nur für ein paar Monate. Ich kam im September an, bis
weit in den November hinein regnete es kein einziges Mal, die Stadt
drehte die Farb​regler hoch und tauchte alles von früh bis spät in
gleißendes Rampenlicht, um mir vorzuführen: Da, München. Schau’s
dir genau an, das kriegst du nur hier.

Die meisten anderen Städte sind eine Ansammlung von Infrastruktur,


Anlagen zur sachgemäßen Verrichtung des Lebens zwischen
Blumenrabatten, Kindergarten, Schule, Arbeit, Freizeit, schnell noch
vor Ladenschluss einkaufen, sonntags ein Eis in der Fußgängerzone.
Aber natürlich ist München nicht die einzige Stadt, mit der etwas
nicht stimmt. Wiesbaden beispielsweise fühlt sich an, als würde man
in einem Roman von Thomas Mann herumlaufen. Alles sehr plüschig,
sehr zurechtgemacht, jede Straße ein neuer Nebensatz. Salzburg fühlt
sich an wie aus einem Felsbrocken gehauen. Rom ist eine Stadt mit
Antike-Erlebnispark im Zentrum, Paris ein übergroßes Miniatur-
Wunderland. New York besteht für mich nur aus Filmbildern, allein
deshalb, weil ich es in Filmen tausendmal häufiger gesehen habe als in
Wirklichkeit. Berlin sieht aus, als wäre in einem großbürgerlichen
Wohnzimmer eine gewaltige Lego-Kiste ausgekippt worden, alles ist
auf eine sehr anregende Art durch​einander. Und Hamburg ist
wahrscheinlich mit dem Schiff angekommen, Viertel für Viertel, in
großen Containern: Eppendorf kam aus Paris, Eimsbüttel aus New
York, St. Pauli teils aus einer südenglischen Hafenstadt, teils aus
einem Industriegebiet im Rheinland. Und München steht da wie eine
Bühne, eine gut ausgeleuchtete Kulisse, von der man immer nur die
Vorderseite sieht.

Betrachtet man die Einzelteile, aus denen München besteht, lässt es sich schwer
glauben, dass sie wirklich eine funktionierende Stadt ergeben.

So funktionieren Kulissen. Man weiß, dass es Kulissen sind, man sieht


es manchmal sogar: die Schweißnähte, die aufgemalte Räumlichkeit.
Jede Kulisse ist nur so gut, wie sie sein muss, damit sie für das ein
paar Meter entfernte Publikum über die Dauer der Vorstellung ihren
Zweck erfüllt – nicht als Wirklichkeitsersatz, darum geht es nicht,
sondern als Andeutung einer Realität, die dann in den Köpfen der
Zuschauer stattfindet. So gut wie nie steht auf der Bühne eine ganze
Welt nachgebaut, es reichen ein Baum und ein bisschen Licht,
vielleicht noch Vogelzwitschern und ein Specht, damit in den Köpfen
der Zuschauer ein Wald entsteht. Selbst den Baum und das Licht
bräuchte es nicht unbedingt, sondern nur diese besondere Spannung –
und Entspannung – im Schauspielerkörper, der durch den imaginären
Wald läuft, man muss sein Gesicht sehen, die Art, wie er atmet und
sich streckt, und weiß schon: Ah! Wald!

Oft genug geht es auch nicht um konkrete Räume, sondern um


Gefühlswelten, getriggert durch Licht und Raum, es reichen ein paar
Steine oder Bretter, und man hat zwei Stunden lang Angst, und wenn
man sie von der anderen Seite beleuchtet und die Schauspieler anders
gucken, schlägt die Angst in Hoffnung um. Dann geht man nach Hause
oder in eine Bar, voller Gefühl, vielleicht aufgewühlt für Tage, und
schuld sind nur die paar Steine und das Licht und die Luft dazwischen,
und der Rest lag schon vorher im Kopf und im Herzen herum, und man
hat’s nur nicht gesehen.

Die meisten der Gebäude, an die man denkt, wenn man an München
denkt, sind tatsächlich von einem Theater​baumeister entworfen: Max
Littmann, Architekt der Kammerspiele und des Prinzregententheaters,
reformierte den Bühnenbau. Er entwarf die Gründerzeithäuser am
Isarquai, auf die man schaut, wenn man beim Volksbad auf den
Isarkieseln sitzt. Den Domhof in der Kaufingerstraße, direkt neben der
Frauen​kirche: ein Haus, dem man nur im Erdgeschoss ansah, dass es
da etwas zu kaufen gab. Die oberen Etagen tun, als wären sie ein
Wohnhaus, keineswegs aus Geldgründen gebaut. Den Oberpollinger
gleich neben dem Stachus, ein Riesenklotz, mit Giebeln getarnt, damit
die Innenstadt aussieht wie organisch gewachsen, eher zufällig so
entstanden. Littmann baute zudem das Hofbräuhaus, den
weltberühmten Bier​palast, eines der ersten Häuser Münchens aus
Eisenbeton, das aber – mit voller Absicht – aussieht, als stünde es
schon immer da, ein Wirtshaus aus der Zeit, als München noch ein
Dorf war. Das Haus sah schon bei der Einweihung älter aus als alle
Hofbräuhäuser, die vorher dort gestanden hatten. Littmann baute
auch die anderen Häuser am Platzl. Um die Jahrhundertwende
errichtet, sieht der Platz aus wie ein mittelalterlicher Marktplatz mit
verschiedenen Fassaden und Raumfluchten.

Das Neue Rathaus am Marienplatz hat Littmann nicht gebaut, aber das
ist eigentlich die beste Kulisse: ein Verwaltungsgebäude, Ende des 19.
Jahrhunderts gebaut mit dem festen Willen, es aussehen zu lassen, als
stünde es schon seit dem 13. Jahrhundert dort.

Aber wohnt man eine Weile in München, erkennt man erst, wie filigran
die Oberfläche gearbeitet ist. Ich hatte zum Beispiel noch nie so
perfekten Schnee gesehen wie an diesem einen Dezember-Abend, an
dem ich aus meiner Wohnung auf die Straße trat. Der Schein der
Straßenlaternen war perfekt, in den umliegenden Häusern waren ein
paar Fens​ter erleuchtet, nicht so viele, dass es unwirklich gewirkt
hätte, aber genug, um die Straße nicht verlassen aussehen zu lassen.
Auf dem Boden lag ein Zentimeter Schnee. Das konnte nicht alles
zufällig so passiert sein. Dann fuhr ein Auto in perfekter
Geschwindigkeit an mir vorbei. Ich klappte den Kragen hoch und lief
zur Straßenbahn. Wenn ich aus dem Straßenbahnfenster ge​sehen
hätte, wie aus einer dunklen Ecke ein paar Bühnenarbeiter kommen,
den weißen Fleece, den ich für Schnee gehalten haben könnte,
einrollen und die Scheinwerfer ausschalten, die das kalte, genau
abgezirkelte und trotzdem weiche Licht machen: Es hätte mich nicht
gewundert.

Jeder spielt in dieser Stadt sich


selbst, jeder benimmt sich, als wäre
er die Figur, um die sich alles dreht.

Oder der Abend im Spätsommer, ich radelte zu einer Verabredung am


anderen Ende der Stadt, ich trug ein weißes Hemd und gute Schuhe
und in der rechten Hand weiße Lilien, ich saß aufrecht, als hätte ich
Zuschauer, der Himmel glühte, das Hemd klebte, denn ich glühte auch,
ich war zu schnell gefahren, jetzt stand ich mit meinen Lilien unter
den gelben Straßenlaternen in der Brienner Straße an der Ampel und
fühlte mich, als spielte ich mich selbst. Als wäre ich die Hauptfigur in
der Bühnenadaption meines eigenen Romans, mein eigenes Klischee.
Aber nicht nur ich spielte mich selbst. Der Umstand, dass München
wie eine Bühne funktioniert, wirkt sich notwendigerweise auf die
Bewohner aus. Jeder hier spielt sich selbst, jeder benimmt sich, als
hätte er immerzu Zuschauer, als wäre er die Figur, um die sich alles
dreht.

Es ist genau der Wesenszug, der von Außenstehenden als Arroganz


missverstanden wird, als Protz, übersteigertes oberbayerisches
Selbstbewusstein. In Wahrheit ist es nur die Begleiterscheinung, wenn
man jeden Tag auf der Bühne steht. Jeder Münchner ist sich bewusst,
es geht vor allem um ihn, München hat 1,5 Millionen Hauptfiguren,
und wahrscheinlich wirkt die Stadt deshalb so voll und üppig: weil sie
ein Nebeneinander von 1,5 Millionen Handlungssträngen ist.

»Das ist ja das Verwirrende an der Stadt«, heißt es im Film München –


Geheimnisse einer Stadt von Dominik Graf und Michael Althen: »Dass
all die Filme gleichzeitig ablaufen und aber jeder sich für den
Hauptfilm hält.«

Und so kommt es, dass München immer noch eine weitere Dimension
zu haben scheint, eine, die – wie bei Kulissen üblich – nur Illusion ist,
aber das reicht ja: München löst ein Gefühl aus, eine tiefe Sehnsucht,
die einen auch immer überfällt, wenn man im Theater sitzt und nach
ein paar Szenen vergessen hat, dass die Leute auf der Bühne nur
spielen. Die Sehnsucht nach dem richtigen, echten, vollen Leben, in
das man endlich hineinspringen will. Es mit beiden Händen festhalten
und nicht mehr loslassen und einfach nicht satt werden daran.

Wie in jedem guten Theater ist es fast unmöglich, einen Blick auf die
Hinterbühne zu werfen. Jedem, der München sieht, ist klar, dass es sie
gibt, dass irgendeiner an den Seilen ziehen muss, dass es irgendwo
auch Müll gibt und unaufgeräumte Ecken. »Das nehmen alle dieser
Stadt ja immer übel, dass sie nur dieses Lächeln aus Stuck und Glas,
das Grinsen der Fassaden und ihre südlichen Sonnenreflexe zeigen
und den Rest verbergen will«, heißt es in Geheimnisse einer Stadt. »Als
seien die Geschichten, welche die Hinterhöfe und Lichtschächte zu
erzählen haben, auch nur einen Deut wahrer als die Fassaden. Als
würde die Vorderseite zeigen, wie eine Stadt gerne gesehen werden
will, und nur die Rückseite, wie sie wirklich ist. Womöglich liegt das
Geheimnis aber in den Fassaden selbst. Darin findet sich auch viel
Illusion und Enttäuschung eingegipst, viel untergegangene Utopie,
der ganze Großstadtwahn und der ganze Kleinstadtgeist.«

Ich hatte damit, dass München nicht echt sein könnte, aber ohnehin
immer gerechnet, schon als ich klein war: Ich hatte, wohl drei oder
vier Jahre alt, nicht verstanden, warum die Fahrten in den Urlaub ans
Meer oder in die Berge so lange dauern müssen, wo andere Fahrten
doch viel kürzer sind. In einem lichten Moment ahnte ich dann die
Erklärung: Was, wenn ich mich hier gerade gar nicht bewege –
sondern das Auto nur ein Bewegungssimulator ist? Die Fenster sind
keine Fenster, sondern Bildschirme, um mich herum wird eine neue
Welt gebaut. Und sicher, es dauert lange, Berge zu bauen. Es dauert
noch länger, das ganze Meerwasser ins Bassin einzulassen. Und noch
länger, New York zu bauen, allein die ganzen Lichter, die Abertausend
Birnchen, deswegen fliegt man fast einen Tag.
Wenn mal was nicht fertig wird: zack, ein bisschen Nebel, schon kann
man sich die Türme, die Hochhäuser, die Panoramen sparen. So
erklärte sich auch, weshalb Wolkenkratzer einander ähneln, warum
der Meereshorizont immer mehr oder weniger gleich aussieht, warum
auch Fußgängerzonen austauschbar sind, In​dustriegebiete und die
Treppenhäuser in Nachkriegswohnblöcken. Es gibt halt nicht
unbegrenzt viele Kulissen. Irgendwann vergaß ich die Theorie. Dann​‐
zog ich nach München, und sie fiel mir wieder ein.

Man muss nur an einem Nachmittag durch Schwabing laufen und sich
über die irrsinnig hohe Zahl der Lampen​geschäfte wundern, um zu
merken, dass etwas nicht stimmen kann. Sicher falsch
zusammengesetzt. Wahrscheinlich musste es beim Aufbauen wieder
mal schnell gehen.

Florian Zinnecker

hat auch einen kulinarischen Beleg für seine These von München als Bühne. In großen
deutschsprachigen Theatern und Opernhäusern gibt es in den Pausen als einzige
Nahrung für hungrige Zuschauer: Laugenbrezen. Und die bekommt man in München an
allen Ecken.

AUS HEFT 18/2018 • LEBEN UND GESELLSCHAFT • MÜNCHEN • T H E AT E R • INSZENIERUNG • B AY E R N •

S TA D T

Empfehlungstext
ABSCHIEDSKOLUMNE

Verfluchtes, geliebtes München


Im Netz wird gerade ein Artikel gefeiert, in dem ein Münchner
wütend über seine öde Stadt klagt. Die sei zu teuer, zu spießig, zu
leblos. Damit hat er recht. Und irrt sich trotzdem. Eine Widerrede.

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