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Werkausgabe edition suhrkamp

Bertolt Brecht Gesammelte Werke in 20 Bänden


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Bertolt Brecht 0 :.:: :���

Gesamrrielte Werke

Band 17

Suhrkamp Verlag
Herausgegeben vom Suhrk amp Verlag
Schriften zum Theater 3
in Zusammenarbeit mit Elisabeth Hauptmann

Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen r9r8-r956

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Gesammelte Werke©CopyrightSuhrkamp Verlag,


Fran�furt am Main 1967.
1. bis 50. Tausend. Alle Rechte vorbehalten.·
Schrifien zum Theater:
©CopyrightSuhrbmp Verlag,
Frankfurt am Main 1963, 1964.

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Redaktion: Wcrner Hecht Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen
1918 bis 1956
Bemerkungen zur Herausgabe der Stiicke

Bei Durchsicht meiner ersten Stücke

Von meinen ersten Stücken ist die Komödie >>Trommeln in


der Nacht« das zwieschlächtigste. Die Auflehnung gegen eine
zu verwerfende literarische Konvention führte hier beinahe
zur Verwerfung einer großen sozialen Auflehnung. Die > >nor­
male«, das heißt konventionelle Führung der Fabel hätte
dem aus dem Krieg kehrenden Soldaten, der sich der Revo­
lution anschließt, weil sein Mädchen sich anderweitig verlobt
An Hand der theoretischen Stellungnahme zu unseren praktisdlen Ar­ hat, entweder das Mädchen zurückgegeben oder endgültig
beiten soll versucht werden, aus denselben Theoretisch es zu entwickcl tl­ verweigert, in beiden Fällen jedoch den Soldaten in der Re­
(Das b zum tt)
volution belassen. In »Trommeln in der Nacht<< bekommt
Die Zeichnungen des George Grosz und die Stücke des Brecht wurden nidlt:
der Soldat Kragler sein Mädchen zurück, wenn auch >>beschä­
als die Darstellungen einer bösen Welt, sondern als die Werke böser :Metl­ digt<<, und kehrt der Revolution den Rücken. Dies erscheint
schen angesehen. Ihre Werke wurden zersetzend genannt, da sie die all g e­ geradezu die schäbigste aller möglichen Y.o·uianten, zumal da
meine Zersetzung der Moral und der alten Institutione n zeigten. Der Atl­ auch noch eine Zustimmung des Stückschreibers geahnt wer­
streicher verjagte beide mit vielen anderen. Da er zugleich die Juden und den kann.
Marxisten verjagte, entstand das Scherzwort, er hasse die einen wegen
ihrer falschen Nase, die andern, weil sie ihre rid1tige Nase rümpften. Dei\ Ich sehe heute, daß mich mein Widerspruchsgeist - ich unter­
Brecht bürgerte er aus wegen der niedrigen Gesinn�ng, die er in ein e!T\ drücke den Wunsch, hier das Wort > >jugendlicher<< einzu­
Gedicht gezeigt habe, das den Soldaten des Weltkrieg es beleidigte. D�S: schalten, da ich hoffe, ihn auch heute noch ungeschmälert zur
Gedicht hatte erzählt, wie die Generäle, um ihren Raubk rieg weiterführe!\ Verfügung zu haben - dicht an die Grenze des Absurden her­
zu können, selbst die schon Gefallenen wieder ausgruben und nod1 einrn�l angeführt hat.
an die Fronten schickten. Brecht übersetzte die »niedrige Gesinnung« ifll.
Steckbrief des Anstreichers in die »Gesinnung der Niedrigen«. Er war nidlt
Die Oh-Mensd1-Dramatik dieser Zeit mit ihren unrealisti­
der Meinung, daß seine Gedichte und Stücke nur eine de r mannigfaltigen schen Scheinlösungen stieß den Studenten der Naturwissen­
Auffassungen der Wirklichkeit enthielten, die man haben konnte, je n adl­ schaften ab. Hier wurde ein höchst unwahrsd1einliches und
dem man ein böser oder braver Mann war, sondern er hielt sie für die eio­ bestimmt uneffektives Kollektiv >>guter<< Menschen konstru­
zig richtige. Unter der richtigen verstand er diejenig e Auffa ssun g, di�
iert, das dem Krieg, diesem komplizierten, tief in der Gesell­
allein vor dem Zuschadenkommen sd1ützen konnte, Den Genuß an seineJl
Stücken erblickte er darin, daß er den Fäusten der Zuscl1auer eine n eue
schaftsform verwurzelten Phänomen, hauptsächlich durch mo­
Braud1barkeit verlieh, bei der Arbeit und anderswo. ralische Verfemung ein ewiges Ende bereiten sollte! Ich wußte
nahezu nichts Genaues über die russische Revolution, aber
schon meine bescheidenen Erfahrungen als Sanitätssoldat im

I·'''.!.!
A nmerkungen zu Stücken und Aufführungen 947
946 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen

Winter I9I 8 ließen mich ahnen, daß eine ganz andere, eine genseite. Ich gab dem Schankwirt Glubb einen Neffen, einen
neue Kampfkraft von säkularem Ausmaß den Schauplatz be­ jungen Arbeiter, der in den Novembertagen als Revolutionär
treten hatte: das revolutionäre Proletariat. gefallen ist. In diesem Arbeiter, freilich nur skizzenhaft sicht­
Anscheinend reichten meine Erkenntnisse nicht dazu aus, den bar, jedoch durch die Skrupel des Schankwirts immerhin
vollen Ernst der proletarischen Erhebung des Winters I 9 I 8/ I 9,. sich verdichtend, gewann der Soldat Kragler eine Art Ge­
sondern nur dazu, den Unernst der Beteiligung m eines genpart.
randalierenden >>Helden« an der Erhebung zu realisieren. Es muß dem Leser oder Zuschauer dann zugemutet werden,
Die Initiatoren des Kampfes waren die Proleten; er war der ohne l-Iilfe geeigneter Verfremdungen von der Sympathie
Nutznießer. Sie benötigten keinen Vedust, um sich zu empö­ gegenüber dem Helden der Komödie zur Antipathie hin­
ren; er konnte entschädigt werden. Sie waren bereit, seine überzuwechseln.
Sache mitzubesorgen; er gab die ihre preis. Sie waren die
tragischen Gestalten; er war die komische. Dies hatte mir,. Das Stück >>Baal« mag denen, die nicht gelernt haben, dialek­
wie die Lektüre des Stücks ergab, durchaus vor Augen ge­ tisch zu denken, allerhand Schwierigkeiten bereiten. Sie wer­
standen, aber es war mir nicht gelungen, den Zuschauer die den darin kaum etwas anderes als die Verherrlichun g nackter
Revolution anders sehen zu lassen, als der >>Held<< Krag ler Id1sucht erblicken. Jedoch setzt sich hier ein >>I ci:« g.egen �ie
sie sah, und er sah sie als etwas Romantisches. Die Technik Zumutungen und Entmutig ungen einer Welt, d1e mcht eme
· der Verfremdung stand mir noch nicht zur Verfügung. ausnutzbare' sondern nur eine ausheutbare Produktivität an­
Bei der Lektüre der Akte drei, vier und fünf von >>Trom­ erkennt. Es ist nicht zu sagen, wie Baal sich zu einer 'Yer­
meln in der Nacht« befiel mich eine solche Unzufriedenheit:, wertung seiner Talente stellen würde: er wehrt sich gegen Ihre
daß ich erwog, dieses Stück zu unterdrüd�en. Nur die Über­ Verwurstung. Die Lebensku nst Baals teilt das Geschick all.er
.
legung, daß die Literatur der Geschichte angehört und d i ese andern Künste im Kapital ismus : sie wird befehdet. Er ISt I

nicht gefälscht werden darf, sowie das Gefühl, daß meioe asozial, aber in einer asozialen Gesellschaft. .
· ·

jetzigen Ansichten und Fähigkeiten weniger wert wären ohoe Zwanzig Jahre nach der Niederschrift des >>Baal<< bewegte
die Kenntnis meiner früheren - vorausgesetzt, da hat cioe mich ein Stoff (für eine Oper), der wieder mit dem Grund­
Besserung stattgefunden -, hinderten mich, den kleinen Schei­ gedanken des >>Baal<< zu tun hatte. Es gibt eine chinesische
terhaufen zu errichten. Auch ist Unterdrückung nicht genug, Figur, meist fingerlang, aus Holz geschnitzt und zu Tau­
Falsches muß korrigiert werden. senden auf den Markt geworfen, darstellend den kleinen dik­
Allzuviel konnte ich freilich nicht tun, die Figur des Soldatet":t ken Gott des Glücks, der sim wohlig streckt. Dieser Gott
Kragler, des Kleinbürgers, durfte ich nicht antasten. Auch die sollte, von Osten kommend, nach einem großen Krieg in die
relative Billigung seiner Haltung mußte ihm erhalten bJei.._ zerstörten Städte einziehen und die Menschen dazu, bewegen
ben. Haben doch auch die Proleten immer noch mehr Ver­ wollen, für ihr persönliches Glück und Wohlbefinden zu
ständnis für den Kleinbürger, der seine Interessen verteidigl:

�·
kämpfen. Er sammelt Jünger verschiedener Art und zieht sich
- und seien es die kümmerlichsten, und sei es, er vertei digl: die Verfolgung der Behörden auf den Hals, als einige von
'diese gegen sie -, als für den, der aus Romantik oder scha o­ ihnen zu lehren anfangen, die B auern müßten Boden bekom­
denhalber mitmacht. Ich verstärkte jedoch vorsichtig die Ge-. men, die Arbeiter die Fabriken übernehmen, die Arbeiter-

/
94 8 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen
Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 9 49
und Bauernkinder die Schulen erobern. Er wird verhaftet und
eben historischer Bedeutung, eine Geschichte immer anderer,
zum Tod verurteilt. Und nun probieren die Henker i hre
neuer Verhaltungsarten, die da und dort auf dem Planeten ge­
Künste an dem kleinen Glücksgott aus. Aber die Gifl:e, die
sichtet werden konnten.
man ihm reicht, schmecken ihm nur, der Kopf, den man ihm
abhaut, wächst sofort nach, am Galgen vollführt er einen mit
; An meinem Stück sollte diese pure Lust am Kampf gesimtet
werden. Sdwn beim Entwurf merkte ich, daß es eigentümlich
seiner Lustigkeit ansteckenden Tanz und so weiter und s o
schwierig war, einen sinnvollen Kampf, das heißt nach meinen
weiter. Es ist unmöglich, das Gliicksverlangen der Menschen
damaligen Ansichten, einen Kampf, der etwas bewies, herbei­
ganz zu töten. zuführen und aufrechtzuerhalten. Mehr und mehr wurde es
Die erste und letzte Szene des Stückes »Baal<< wurden für ein Stück über die Schwierigkeit, einen soldien Kampf her­
diese Ausgabe wieder so hergestellt, wie sie in der ersten Nie­ beizuführen. Die Hauptpersonen trafen diese und jene Maß­
derschrift: waren. Sonst lasse id1 das Stück , wie es ist , da mi r nahme, um zu Griff zu kommen. Sie wählten die Familie des
.
die Kraft: fehlt, es zu verändern. Ich gebe zu (und warne) : einen Kämpfers zum Kampf platz, seinen Arbeitsplatz und
dem Stück fehlt Weisheit. so weiter und so weiter. Auch der Besitz des andern Kämpfers
wurde >>eingesetZt<< (und damit bewegte ich mich, ohne es .zu
Wenn auch nicht sehr deutlich, so erinnere ich mich doch an wissen, sehr nahe an dem wirklich en Kampf, der vor Sich
das Schreiben des Stückes >>Im Dickicht der Städte<<, jeden­ ging und den ich nur idealisierte, am Klassenkampf). Am
fa�ls erinnere ich mich an Wünsche und Vorstellungen, d ie Ende entpuppte sich tatsächlich der Kampf den Kämpfern
mich erfüllten. Eine gewisse Rolle spielte, daß ich >>Die Räu­ als pures Schattenboxen ' ; sie konnten auch als Feinde nic�t
ber<< auf dem Theater gesehen hatte, und zwar in einer jen er zusammenkomme n. Dämmerhaft zeichnet sich eine Erkenntms
schlechten Aufführungen, die durch ihre .i\rmlimkeit die gro ­ ab: daß die Kampfeslust im Spätkapitalismus nur noch eine
ßen Linien eines guten Stücks hervortreten lassen, so daß d ie wilde Verzerrung der Lust am Wettkampf ist. Die Dialektik
guten Wünsche des Dichters dadurm zutage treten, daß sie des Stücks ist rein idealistischer Art. '',
nicht erfüllt werden. In diesem Stück wird um bürgerliches Zugleich gab es damals einige anscheinend rein formale Wün­
Erbe mit teilweise unbürgerlid!en Mitteln ein äußerster, wi l­ sche. - Ich hatte in Berlin am damalig en Staatstheater am
dester, zerreißender Kampf geführt. Jis war die Wildheit, d i e Gendarmenmarkt Jeßners Inszenie rung von >>Üthello << mit
mich an diesem Kampf interessierte, und da in diesen Jahren Kortner und Hofer gesehen, und ein technisches Element hatte
(nach 1920) der Sport, besonders der Boxsport mir Spaß mich beeindruckt, die Art der Beleuchtung. Durch gekreuzte
bereitete, als eine der »großen mythischen Vergnügungen d e r Scheinwerfer hatte Jeßner ein eigentümlich zerstäubtes Licht
Riesenstädte von jenseits des großen Teiches<<, sollte in m ei­ auf der Bühne erzeugt, das die Figuren mächtig hervortreten
nem neuen Stück ein >>Kampf an sich«, ein Kampf ohn e ao­ ließ : Sie bewegten sid1 im Licht wie die Figuren Rembrandts.
dere Ursache als den Spaß am Kampf, mit keinem anderen - Weitere Eindrücke kamen hinzu : die Lektüre von Rim­
Ziel als der Festlegung des >>besseren Mannes<< ausge fochten bauds >>Sommer in der Hölle<< und J. Jensens Chikagoroman
werden,,Hinzufügen muß ich, daß mir damals eine me r�­ >>Das Rad<< . Ferner die Lektüre einer Briefsamml ung, deren
würdige historische Vorstellung vorschwebte, eine Mens ch­ I Boxer trainieren, indem sie ohne Partner, das heißt mit einem nur vor­

heitsgeschichte in Vorgängen massenhafter Art von bestim mter, gestellten Partner kämpfen.
950 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 95 I

Titel ich �ergessen habe; die Briefe hatten einen kalten, end­ Mit der Bearbeitung von Marlowes »Leben Eduard des
gültigen Ton, fast den eines Testaments. - Die Einflüsse d er Zweiten von England<<, die ich mit Lion Feuchtwanger zu­
Augsburger Vorstadt müssen wohl auch erwähnt werden . Ich. sammen unternahm, weil ich an den Münchener Kammer­
besuchte häufig den alljährlichen Herbstplärrer, einen S ch au­ spielen eine Inszenierung zu machen hatte, kann ich heute
budenjahrmarkt auf dem »kleinen ExerzierplatZ<< mit der nicht mehr viel anfangen. Wir wollten eine Aufführung er­
Musik vieler Karusselle und Panoramen, die krude Bilder möglichen, die mit der Shakespearetradition der deu.tschen
zeigten wie >>Die Erschießung des Anarchisten Fcrrcr 2: \.:t Bühnen brechen sollte, jenem gipsig monumentalen Sul, der
Madrid<< oder >>Ncro betrachtet den Brand Roms<< oder >>Die den Spießbürgern so teuer ist. Ich lasse �ie ohne j.ede .And:­
Bayrischen Löwen crstürmen die Düppeler Schanzen << oder rung in Drude gehen. Die �rzählu�gswe�sc der ehsab� tham­
>>Flucht Karls des Kühnen nach der Schlacht bei Mur ten"'�­ .
schen Stüdceschrcibcr und dte Anfange .
emer neuen Buhnen­
Ich erinnere mich an das Pferd Karls des Ki.ihnen. Es hatt:e sprache mögen den Leser interessieren.
1

enorme, erschrockene Augen, als fühle es die Schrecken der


historischen Situation. - Ich schrieb das Stück größtentei ls im_ An die Lektüre des Lustspiels »Mann ist Mann<< ma.chte �d1
Freien, im Gehen. Vorbei an meinem väterlichen Haus f ühdrt:e mich mit besonderen Befürchtungen. Auch hier hatte tch wt:­
eine Kastanienallee entlang dem alten Stadtgrabcn; auf er der einen sozial negativen Helden, der nicht �hne Sympatlne
anderen Seite lief der Wall mit Resten der einstigen S tadt:­ behandelt war. Das Problem des Stückes tst das falsches­,
mauer. Schwäne schwammen in dem teichartigen Wasser. Di e
Kastanien warfen ihr gelbes Laub ab. Das Papier, auf das i c:h. schlechte Kollektiv (der >>Bande<<) und seine Verführun�
schrieb, war dünnes Schreibmaschinenpapier, viermal gefaltet: .. krafl:, jenes Kollektiv, das in diesen Jahren Hitler und se�ne
daß es in mein ledernes Notatbuch paßte. Ich stellte Wor t:­ Geldgeber rekrutierten, das unbestimmte Verlang�n der Klem­
mischungen zusammen wie scharfe Getränke, ganze Szenel"\ bürger nach dem geschichtlich reifen, echten soztalen Kollek­
in sinnlich empfindbaren Wörtern bestimmter Stofflichkeit: tiv der Arbeiter ausbeutend. Es lagen zwei Fassungen vor,
und Farbe. Kirschkern, Revolver, Hosentasche, Papiergott::: die 1928 in der Berliner Volksbühne und die I 93I am �er­
Mischungen von der Art. - Selbstverständlich arbeitete i� liner Staatstheater gespielte. Wiederherzustellen, fand tJ:,
gleichzeitig an der Fabel, an den Charakteren, an m einet"\ war die erste Fassung, in der Galy Gay die Bergfestung Str
Meinungen über menschliches Verhalten und seine Wirksa!Tl.­ EI Dchowr erobert. Ich hatte I 9 3 I das Stüdc nach dem großen
keit, und vielleicht habe ich das Formale ein wenig übertri�­ Montageakt enden lassen, da ich. ke�ne Mögli�keit sah, dem
ben, aber ich wollte darlegen, was für ein komplexes Geschäfl::: Wachstum des Helden im Kollektiv emen negauven Charakter
solch ein Schreiben ist und wie das eine in das andere eingehl:., zu verleihen. So hatte ich lieber auf die Beschreibung des
wie die Formung aus dem Stofflichen kommt und auf d<:\.� Wachstums verzichtet.
Stoffliche zurückschlägt. Früher und später habe ich auf an-. Bei einer gut verfremdenden Darstellung ist aber dieses Wach�-
dere Weise und nach anderen Gesichtspunkten gearb eitet:,. tum ins Verbrecherische durchaus zeigbar. Ich versuchte, ste
und die Stücke waren dann auch einfacher und materialisti.._ durch ein paar Einfügungen in die letzte Szene zu erleichtern.
scher, aber auch bei ihrer Formung ging viel eben Formales i ll
den Stoff ein. I Siehe »Über reimlose Lyrik mit unregelmäßigen Rhythmen« [in »Schrif­

ten zur Literatur und Kunst•, S. 395 ff.].

3,). c .1, ,&


Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 953
952 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen
sich bei der großen Umwälzung, die wir erleben, nicht nur um
Man könnte angesichts der Thematik und Fragestellung die­ den Austausch einer Lage mit einer anderen, sondern das
ser ersten Stücke sagen : Wozu darauf zuri.ickkommen? Warum neue Zeitalter ist ein Zeitalter der Umwälzungen schlechthin.
nicht da reinen Tisch machen? Warum nicht von heute reden? In unerhörtem Maße wird der Mensch seine Umwelt ändern
Aber der den großen Sprung machen will, muß einige Schritte und zugleich die Form des Zusammenlebens der Menschen.
zuri.ickgehen. Das Heute geht gespeist durch das Gestern in Fragmentarisch
das Morgen. Die Geschichte macht vielleicht einen reinen
Tisch, aber sie scheut den leeren.
Alle fünf Stücke zusammen, vier davon Polemiken, eines eine
Kopie, gierige Reminiszenz an eine gli.icklichere dramatische
Ara, zeigen ohne Bedauern, wie die große Sintflut über die
bi.irgerliche Welt hereinbricht. Erst ist da noch Land, aber schon
mit Lachen, die zu Tümpeln und Sunden werden; dann ist
nur noch das schwarze Wasser weithin, mit Inseln, die schnell
zerbröckeln.
März 1 954

An die Sowjetleser

Der Stückeschreiber, dessen Stücke Sie hier vorgelegt bekom­


men, lebte sozusagen in zwei Zeitaltern, dem des Kapitalis­
mus und dem des Sozialismus, während einer gigantischen
Umwandlung der ganzen Menschheit. Er legte sich ernstlich
die Frage vor, ob seine Stücke, spielend zumeist im Kapitalis­
mus, den neuen Lesern noch etwas geben könnten. Sie wer­
den vielleicht zur Lösung der unmittelbaren, drängenden
Alltagsprobleme nichts oder wenig beitragen können? Das
ist seine Befürchtung. Aber seine Hoffnung ist, daß die Pro­
bleme des Alltags vielleicht besser angegangen werden kön­
nen, wenn sie mit den Problemen des Jahrhunderts verknüpft
betrachtet werden können. Und die großen Probleme stehen
wohl im hellsten Licht zur Zeit der größten Kämpfe, der
großen Revolutionen. Im Kampf mit den alten gewinnen die
neuen Ideen ihre schärfsten Formulierungen. Und es handelt

Anmer kungen zu tücken und Aufführungen 95 5

wie sie sid1 zurechtfindet in der Welt des zwanzigsten Jahr­


hunderts. Baal, der relative Mensd1, Baal, das passive Genie,
das Phänomen Baal von seinem ersten Auftauchen unter ge­
sitteten Menschen bis zu seinem entsetzlichen Ende, mit sei­
ter Wille nem ungeheuerlichen Verbraum von Damen der besten Ge­
sellsmaft, in seinem Umgang mit den Mensmen. Das eit. Leben
s Theaterstück behandelt die gewöhnliche Geschich t:e dieser Ersmeinung war von sensationeller Unsit tlimk Sie
Mann es' der in et·ner Branntwemsc . h enke emen. Hymnus e stark gemi ldert .
en Sommer sin g't, oh ne d'1e Zusehauer ausgesucht zu ha- wurde durd1 die Bearbeitung für die Bühn n als Ly­
. Die Vorstellung beginnt mit Baal s erste m Auft auche
emsc hh. eßlich der Fo1 gen des S ommers, des Branntweins .
riker unter gesitteten Mensmen im Jahre 1904. Alsn Auft akt
_1
JCS Gesanges Der M ann ·1st k em · b esonders moderner sehen Sie Baal plastism von allen Seite n und höre aus sei­
��· Baal I�t v�n d�r Natur nicht benachteiligt. Er en t:­
. ·

oral vom
;er Zett d�e dwses Stück aufführen wird. Erinnert;
;· u der pet: hchen
nem eigenen Munde, wie er seinen bekannten »Ch
großen Baal<< vorzutragen pflegte, und zwa r unte r Beglei­
Schädel des Sokrates und des Ver- tung durd1 sein von ihm selbst erfu nden es Orig inal -Blem­
Den Schausp�teler n, d'Ie f··ur E•xtreme schwärmen ' wo s;e
nltteI:.a. ß .�gk ett· nicht auskommen: Baal ist weder eine saiten-Banjo.

,".
. besonders tragische Natur. E 1 9 26
. ders omtsche noch eme r •
en Ernst aller Tiere Was das Stück b etn' fft, so h at se1.n
·

·. sser n�eh schar fem Nachdenken eine Tendenz darin en t:-


. , daß es möglich Das Urbild Baals
. Es Wtll bewetsen ist, zu seiner Portion
>� men : wenn man bezahlen will. Und wenn man nic:b en eines
Die dramatisme Biographie »Baal<< behandelt das LebJose
r
l en Wtll. Wenn man eben nur bezahlt
d' . noch die · Das Stu··ck l.st:t: '
· • •
Man nes, der wirklim gelebt hat. Es war ein gewisser
f K.,
Ie G es eh'
tchte emer vieler Episoden, sondern seine Person,
. L
mes ebens. Es hieß ursprünglich : >>Baal frißt' ßaal
. .
von dem mir Leute erzählten, die sim sowohl an erreg te, nom
! ! Baal verklärt sich!! !«
·
als aum an das Aufsehen, das er seinerzeit
deutlid1 erinnern konnten. K. war das ledige Kinddweeiner lme
Wasmfrau. Er geriet früh in üblen Ruf. Ohne irgen
Bild ung zu besitzen, soll er imstande gewesen sein,te Ge­t selbs
pruch
wirklim gebildete Leute durm erstaunlim informierer habe
spräme für sim einzunehmen. Mein Freund sagte mir, men
,
�ser dramatischen Biographie von Bertolt Brecht sehe� durm die unvergleimlime Art, sim zu bewegen (im Neh wei­
ts Lebe n des Mannes B aa1 , w1e· es SI'eh abgespielt hat ltn,

einer Zigarette, beim Simsetzen auf einen Stuhl undenso einen
lg dte. ses Jahrhunderts. Sie sehen die Abnormität B�ai ter), auf eine Reihe von vornehmlim jüngeren Leut en. Je­
,
solmen Eindrud:: gemacht, daß sie seine Art namahmt ndel
:tergänzung siehe Anmerkungen.]
dom sank er durm seinen unbedenklimen Lebenswa d etwa s
imm er tiefer, besonders weil er, <;>hne übrigens irgen
956 Anmerkungen zu Stück
en un,d Aufführungen
zu ��ternehmen, jede ihm gebotene Geleg Zu »Trommeln in der Nacht<<
ausnutz:e. Verschiedene dunkle Fälle zum Beisp enhei t schamlos
,
mord emes jungen Mädchens, wurden auf seiniel der Selbst­
setzt. Er war gelernter Monteur arbeitete aber Konto ge­
sens niemals. Als der Boden fü ; ihn A. bren unseres Wis­ Zu den »Tromm eln«
zo� er mit einem heruntergekommenen in nend wurde,
Medi ziner
Welt herum, kam aber dann wieder, etwa im Jahr ziemlich Es liegt mir daran, die geheimen Reize des Stückes auszu­
A. zurück. Dort kam bei einer Messerste e 91 x, nach I
stellen. In der Hauptsad1e ist es ein Mann, der ein Omelett
SchankWlrts. diCrei in einer verspeist, mit viel zuviel Lärm, einem nach Kräfl:en haar­
u,a fl: am Lauterlech dieser Freund ums Leben
-L
ziemlich sicher durch K. selbst. Er verschwand jede sträubenden Lärmh ein kleines Omelett. Es ist die Rede von
auf, h'm f1uehtarug· nfalls dar� einem Mann, das eißt dem Appetit eines Mannes, der nicht
aus A. und soll im Schwarzwald elend ver- überaus wählerisch ist. Was an ihm auf den Brettern auffällt,
storben sein.
]anuar 1926 ist, daß er im Leben (einer bekanntlid1 unvollkommenen Imi­
tation der Bretter) durchaus nicht auffiele. Er ist der Mob.
Er hat, man muß es gestehen, er hat keinen Sin.n für �as
.
Tragische, für die reine Linie , er ist ohne jedes Pf11chtgefuhl,
er tut nicht was man von ihm erwarten muß, er nimmt nl'ffit
den Aufsch�ung ins Höhere, der ihm so leimt gemacht wird,
darin ist er pervers. Sein Fall verschlimmert sich . dadurch,
was seine endgültige Beurteilung betrifft, daß er mffi� ohne
Sinn für eure Romantik ist, er weiß genau, daß er enttausffit,
und er hat niffit so viel in siffi, daß er siffi mit Manneswürde
und einigem Anstand aus der Affäre zieht, sondern man
sieht, unwillkürlich die Nase rümpfend, wie er siffi mit faden­
scheinigen Ausreden durchzuschwindeln suffit, siffi klägliffi
windet und dann dumm losbrüllt, so viel liegt ihm daran, daß
ihr einseht, daß aud1 er recht hat. Aber ihr seht es doch so­
wieso ein, das heißt, es ist euffi gleichgültig. Und ich, trotz
meiner unausstehlichen Banalität, bin ja doffi euer lieber
Freund, der euffi serviert, was er eben hat, und der euffi mit
den Augen zuzwinkert und genau dasselbe denkt wie ihr,
nämlich ganz wenig, zum Beispiel daß es gut ist, daß der
Mensch nicht gut ist. Und wenn wir die Sache so betrad1ten
(und wir können das dod1: wie schön ist es doch, wenn wir
einig sind, ein einig Volk von Brüdern, und es ist doch das
958 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 959

Wichtigste, daß es schön ist}, dann wollen wir das nicht so ins versmieden. So war also auch die Dauer ihres Kämpfens ver- I
Gewicht fallen lassen, daß ich euch den Kerl nicht geliefert smieden, und viele bramen den Kampf ab oder stellten sid1
habe und mit seiner Verklärung nicht ernst machen wollte, sogar auf die Gegenseite, wenn sie selber ,,fertig<< waren. In
weil ich nicht mit so viel Sinn für das Höhere begabt bin wie meiner Abneigung gegen die Ideologen, die uns vorlogen, die
ihr und der Kerl mir ans Herz gewachsen ist. Aber wenn ihr Mensmen seien bereit, für Ideen, die mit ihren Interessen
gerecht abwägt, könnt ihr Billette zur Ve rklärung überall nichts zu tun haben, ja ihnen widersprechen können, zu ster­
kaufen, es gibt doch Abonnements auf Heldenleichen, wovon ben , ging ich zu weit: Ich spendete dem Monteur meines Stük­
leben die richtigen Theater sonst? Und schließlich ist das Stück kes zuviel Beifall und feierte ihn, da er sich der Verführung
doch sonst recht romantisch! des für ihn gegenstandlosen Ideals entzog, als Realisten. Auf
diese Weise verlor im jene anderen Revolutio�äre a�s den
Augen die für Interessen kämpfl:en, die zwar Ihre eigenen,
Meine Arbeiten für das Theater lebendi gen, genauen und vernünftigen, aber dabei ungleich
Kurz nach der Revolution des Jahres I 9 I 8 tiefer ' allgemeiner und bedeutender waren. Im untersmlug
schrieb ich die durm meine demonstrative Antel'I nah me f"ur den kleinen Rea- ·

Komödie ,.Trommeln in der Nach t«. Sie beschrieb .'


die Rück­ Iisten Kragler den meuternden Kleinbürgersoldaten, memen
kehr eines deutschen Soldaten, der andere, neue, '
ungünstigere vorhandenen viel ernsteren Respekt vor jenen, deren Kampf
,
Verhältnisse vorfand, als er, in den Krieg ziehe
hatte, sich eine Zeitlang den revolutionären
nd, verlassen �
der Kleinbiir er zu Erpressungen bei seiner eigenen oder der
Volksmassen ihn an der Ausbeutung für gewöhnlim beteiligenden Klasse
anschließt, sie aber dann verläßt, als er seine alten _
.
Aufstiegsmöglichkeiten wieder erhält. Ich besch
Rechte und mißbraumte und nam gelungener Ausnutzung vernet, v�r
Haltungen von Leuten, die ich beobachtet hatte
rieb hier die den proletaris men Revolutionären. Zu meiner Entsmuld�­
, und zitierte gung kann im vielleicht anführen, daß mich die Haltun ? mei­
ihre Aussprüche, und meine eigene Haltu ng war
bei der Beob­ ner schreibenden Zeitgenossen und ihrer Zuschauer, die das
achtung der Haltungen und dem Sammeln der Aussp
rüd1e ·
Theater beherrschten deshalb so auf re1zte, we1' l s1e '
· selber Iau-
eine gewisse Neugier, bei der Niederschrift aber '
eine Art ·
ter Klembürge · 1'h rem 1'd ea I'ISt'schen
r waren un d mit I Gewäsch
triumphierendes Rechthaben, denn die wie ich und zu gleiche
r an dem Betrug der Kragler teilnahmen, so als Provokatoren
Zeit schrieben, weigerten sich, die wirklichen, allgemein
beob­ auftraten, von » allgemeinen<<, »menschlichen<<, »idealen<< 1� ­
achtbaren Vorgänge zu Notiz zu nehmen, und behandelten
die Revolution als eine rein geistige, ethische Erhebung der teressen faselten, während auch sie keinen Augenblick ? ereit
waren, den p roletarischen Revolutionären, die den eigent­
Menschen. Sie begrüßten, daß ,.der Mensch« sich gegen »das
Unrecht« erhob und für »die Idee« starb. Daß welme starben , lidJCn Kampf kämpfl:en, das zu geben, was sie brauchten :
gehörte zu den Interessen der Stückeschreiber, aber nicht so die völlige Umänderung der Besitzverhältnisse und von a� ­
lem, was dazu gehörte. Ebenso wie dieser Kragler lehnten sie
sehr zu den Interessen derer, die wirklich starben , währen d
ab, für jene zu sterben, die doch für sie und ih n sterben soll­
sie für höchst lebendige, genaue und vernünftige Interess en
ten sie waren nur noch unverschämter als Kragler und ver­
kämpften. Sie kämpfte n und riskierten den Tod so lange, wie
hei:n lichten dessen wirkliches Verhalten. Gegenüber dieser un­
ihre Interessen es verlangten, und ihre Interess en waren sehr
verschämten die verschämtere Gemeinheit lobend, vergaß ich,
9 60 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen
Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 96r
auch diese gehörig als Gemeinheit zu bezeichnen. Gleichwohl
konnte man an diesem Stück sehr gut sehen, woran die deut­ das Ihnen »den Pinsel in die Hand drückt<<, Wäre es aber
sche Revolution verlorenging: nicht nur an einem Verrat der doch das Unrecht, das Sie nicht sehen können, dann wären
Führer, sondern auch an der Interessenverschiedenheit der Sie konterrevolutionär, und ich würde Sie erschießen und
revoltierenden Volksmassen (der Verrat setzte erst da ein wo Ihnen ein Denkmal setzen. Ich glaube nicht, Grosz, daß Sie
diese Interessenverschiedenheit weggelogen wurde, dami/jene eines Tages aus unbezwinglichem Mitleid mit einem Ausge­
Massen, deren Interessen überhaupt nidlt befriedigt werden beuteten oder aus Zorn gegen einen ausbeutenden Mann eine
s�llten, mitkämpften). Und die eigentliche große Lehre für unbezwingliche Lust verspürten, mit einer Feder etwas dies
die proletarische Politik hätte darin bestehen müssen daß Betreffendes auf Papier zu zeichnen. Ich denke mir, daß
man die Kragler belehrt hätte, daß diese Interessenve:schie­ Zeichnen eine Unterhaltung für Sie war und die Physiogno­
denheit eine sehr kurzlebige, seichte und unwichtige war: ihre mien von Leuten Gelegenheiten dazu. Ich stelle mir vor, wie
Erpressung hielt nicht sehr lange vor. Daß die proletarische Sie eines Tages eine heftige und unwiderstehliche Liebe zu einer
Politik diese realistische Auffassung nicht hatte, ist einer der bestimmten typischen Visage in sich entdeckten als einer fa­
Hauptg :ünde dafür, daß die Kraglers zehn Jahre später ihre belhaften Gelegenheit für Sie, Ihrer Unterhaltung zu frönen.
RevolutiOn ohne und gegen das Proletariat machten. Es war die > > Visage der herrschenden Klasse<<, Ich unterschätze
nicht die Lust am Protest, die Sie gereizt haben mag, gerade
jene Leute, die sich als Elite der Menschheit vorkamen und
Vorwort zu» Trommeln in der Nacht« die darauf angewiesen waren, Elite zu sein, da nur einer
Elite solche Sruweinereien erlaubt sein können, als faktisrue ·

Sruweine darzustellen. Es war im protestantisruen Sinn keine


r Gespräch mit George Grosz Wahrheit herauszubringen, wenn man etwa einen proletari­
�as, was die Bourgeoisie gegen den Proletarier geltend macht, sruen Typus auf seine elementare Form brarute. Der Prole­
ISt sein schlechter Teint. Ich denke, das, was Sie zum Feind tarier hatte keinen Grund, anders sein zu wollen, als er ist.
des B ?urge?is �em�cht hat, George Grosz, ist seine Physio­ In der ungeheuren Anstrengung, die ihm seine bloße Existenz
gnomie. Es ISt Ziemlich bekannt, daß zwischen dem Proletariat kostete, nahm er einfaru von selber seine wahrhaftigste
und der Bourgeoisie gegenwärtig Krieg herrscht. Dieser Krieg Grundform an. Hier war keinerlei Luxus mögliru. Jeder
beruht allerdings nicht auf einem Unterschied der Geschmäk­ Bourgeoistyp marute Gesruäfte, indem er besser erschien, als
k�r, wenn man die gegenseitigen Argumente gelten läßt, aber er war, aber der Proletarier marut auf keinen Fall Gesruäfte.
die Argumente sind trügerisch und tatsächlich ohne Beweis­ Die Stellung der Kunst ist in unseren Tagen die Ihre : der
'
kraft, und vor allem: sie werden nie und nimmer berücksich­ Typus, den Sie als Objekt lieben, kann Ihnen nicht gefallen als
tigt. Es geschieht Unrecht von seiten der Bourgeoisie, aber es Publikum. Ihre politische Feindsruaft gegen die Bourgeoisie
geschieht überall Unrecht. Sie, George Grosz, und ich sind kommt nicht daher, weil Sie Proletarier, sondern weil Sie
gegen Unrecht (wie alle Welt). Aber wir hätten weniger da­ Künstler sind. Ihre politisrue Stellung (die ich, wie Sie sehen,
gegen, wenn vom Proletariat aus Unrecht getan werden anders als Sie, als sekundär betrarute) ist Ihre Stellung zum
könnte. Ich will damit sagen: Das Unred1t kann es nicht sein, Publikum (nirut Ihre Stellung zu Ihrem Objekt). Diesen Pro­
zeß habe ich keineswegs so ertragsreich wie Sie, aber nicht
9 62 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 9 63

weniger ernsthaft durchgemacht. Ich verweise dabei auf eines besser sei, nach rechts oder nach links zu versinken. Und die
meiner Stücke, das gerade Ihren politischen Gesinnungsge­ Besatzung kritisierte die Musik, die in der Verwirrung ihr
nossen sehr mißfiel: die kleine Komödie »Trommeln in der »Näher, mein Gott, zu dir<< immer weittrspielte und dabei
Nacht<<, den Gott meinte, der mit den stärkeren Bataillonen ist. Ich
muß, um nicht in schrecklicher Weise mißverstanden zu wer­
den, darauf aufmerksam machen, daß das Bild für den
2 Der Erfolg von >> Trommeln in der Nacht«
Untergang des Theaters vielleicht deswegen schlecht gewählt
bei der Bourgeoisie ist, weil das Theater viel teurer war wie ein alter Dampfer
Dieses Stück wurde auf etwa fünfzig bourgeoisen Bühnen und viel weniger wert und die mit ihm Sinkenden keines­
aufgeführt. Der Erfolg war groß und bewies lediglich, daß wegs etwas verloren, ganz im Gegenteil. übrigens fand so­
ich an die falsche Adresse geraten war. Ich war mit dem Er­ wohl Publikum als Künstlerschaft nach kurzer Selbstbetrach­
folg absolut unzufrieden. Den Grund hierzu konnte ich nicht tung, daß das Theater unbedingt untergehen müßte, und die
sofort feststellen. Ich hatte lediglich ein schlechtes Gefühl. Ich Theater bezahlten diese Verzweiflungsschreie mit ihren Ein­
hatte die unklare Vorstellung; daß die Leute, die mir stür­ nahmen aus den Theaterinseraten.
misch die Hände zu schütteln wünschten, gerade das Pack Ich habe immer behauptet, ein Mann zu sein, der vermittels
war, das ich hatte auf den Kopf hauen wollen, vielleicht nicht einiger Getränke und Zigarren sich in den Stand setzen kann,
in diesem Stück, aber überhaupt. Mir war wie einem Mann, eine literarische Arbeit anzufertigen, die er nach klarer Über­
der auf Leute, die ihm nicht gefallen, aus einer Kanone ge­ legung für wünschenswert hielte. Die Sache ist nur, daß ich
schossen hat, und nun kommen eben diese Leute und lassen nicht weiß, was herauskommt, wenn ich es so mache, wie ich
ihn hochleben: Er hat aus Versehen mit Brotlaiben geschossen. es kann. Natürlich spreche ich jetzt nicht von ästhetischen
Als ich dann versuchte, mich aus den Zeitungen zu orien­ Resultaten. Die »Trommeln in der Nacht« sind ein vorzüg­
tieren, fand ich, daß der größte Teil des Erfolges in den wüten­ liches Beispiel menschlicher Willensschwäche. Ich habe sie an­
den Angriffen der künstlerisch reaktionären Presse bestand. gefertigt, um Geld zu verdienen. Aber wiewohl ich damit
Es gab also auch noch Leute, die das Brot kritisierten! wirklich und verblüffenderweise Geld verdient habe, würde
Das Ganze war eine ästhetische Angelegenheit, von der ich ich lügen mit der Behauptung, ich hätte mit meiner Mühe Er­
nichts verstand. In einer anderen Zeit hätte ich übrigens da­ folg gehabt. Es war einigen Leuten gelungen, mir dafür Geld
von vielleicht sogar etwas verstanden, aber gerade jetzt zu geben, aber mir war es gelungen, ein politisches Stück zu
spielte die Asthetik, während New York ausgebaut und schreiben.
Moskau zerstört wurde und dies eine Angelegenheit der gan­
zen Welt zu werden schien, nicht die geringste Rolle. Das bour­ 3 Die Liebesgeschichte
geoise Theater, gleichfalls unfähig, die ältesten wie die neue­
sten Stücke aufzuführen, hielt seine Fortexistenz lediglich für Da ich bei der Stoffwahl meines Stückes von finanziellen Spe­
eine Frage der Stile. Das untergehende 1heater beschäftigte kulationen bestimmt wurde, ist es von gewissem öffentlichen
sich wie ein untergehender Dampfer mit der vielleicht sehr Interesse, daß mir eine Liebesgeschichte unbedingt nötig
schwierigen, aber doch im Grund gleichgültigen Frage, ob es schien. Das Verfassen dieses Stückes war ein geschäftliches
9 64 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen
Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 96 5

Unternehmen von wirklichem Ernst, und gerade dadurch wurde


Beischlaf fragen darf. Aber heute ist jedenfalls die Verführungs­
ich instand gesetzt, die Bedürfnisse des zahlenden Publikums
kraft ordinärer Wörter, den Beischlaf und seine Organe betref­
zu erfassen. (An Erlebnissen war also in dem Stück die Hab­
fend deutlich konstatierbar. Der Genuß an zotigen Wörtern
gier und das Schreiben.) Ich war also bereit, die Liebesge­
schichte zu liefern, aber natürlich interessierte mich daran

hän t sehr ab von ihrer verbürgten Schmutzigkeit. Ja, zeit­
_
weise hängt der Genuß am Beischlaf sogar von semer v�r­
hauptsächlich die Besitzfrage. Der Typus Kragler, der mir der
biirgten Schmutzigkeit ab. Dieses romantische Ele.ment ISt
heldische Typ der Zeit schien, erlaubte sonst auch nichts. Er
es das wirkt wenn die Balicke sich an der schmutzigen Un­
wünschte, ein bestimmtes Weib zu haben, und hatte seelisch,
w� rdigkeit des Kragler angeilt. Die Bourgeoisie wird es als
Triumph des Ideellen betrachten. Ich denke überhaupt, �aß
wenn er sie nicht bekam, lediglich die Möglichke it eines Man­
nes, der etwa ein Haus nicht bekommt, das er besaß oder zu
diese Liebesgeschichte ihres Charmes nicht einmal durch diese
besitzen wünscht. Auf die Gründe seines Begehrens glaubte
trüben Erwägungen einbüßen wird.l'l
ich nicht eingehen zu müssen. Tatsächlich gestaltete ich das
Weib nicht besonders wünschenswert. Sie verfügt über eine ge­
wisse Alltagssinnlichkeit, welche deshalb, weil sie sich ohne 4 r 9 r8: Die Revolution der Kraglers
weitere Umstände, im Grund ohne auf das Objekt, den Part­
ner, angewiesen zu sein, befriedigt, nicht stark genannt wer­ Als das Stück Erfolg hatte, war es der Erfolg de: Liebes-
.
den darf. Der ganze Trieb bleibt dürftig und gewohnheits­ gesch1chte und der Verwend ung von T rom mein . hmter der .
mäßig. Er schadet weder dir noch mir. Das ist nicht jene fast Szene. (Wobei ich gern zugeben will, daß auch eme ge":Isse
.
revolutionä re kräftige Forderung nach körperlicher Befriedi- .. !'1eh e Fns ehe und eme
person 1 h emmung.slose Vorhebe
· !'eh
· Ziem
,
gung, die davon ausgeht, daß das Weib den Beischlaf eben dafür, die Sachen poetisch aufzuziehen, für m1� spra�en.)
braucht und den Mann nehmen muß, wo es ihn findet. Der Die Revolution die als Milieu dienen mußte, mteressierte
Mann ist für diese Anna Balicke kein Gebrauch s gegenstand, mich nicht meh :, als der Vesuv einen Mann interessi� rt, d �r
sondern ein billiger Luxusartikel. Das Gebiet der Erotik ist darauf seinen Suppentopf stellen will. übrigens erschien �ur
in der bürgerlichen Gesellschaft erschöpft. Die Literatur kon­ mein Suppentopf im Vergleich zum Vesuv sehr umfangreich.
statiert es daran, daß der Sexus keine Assoziationen mehr Ich konnte wirklich nichts dafür, daß am End doch so etwas
bildet)'l Die tragische Möglichkeit einer Liebesbeziehung be­
steht heute darin, daß das Paar kein Zimmer auftreibt. Es ist 1 Wirklidte sexuelle Genüsse werden außerdem vielleicht nur noch aus
· ·
leider schwierig [herauszufinden], ob heutige Zustände nicht den Geschlednskrankheiten geholt. Das 1st em Absatzgeb 'Jet f"ur G e fühle
.
'

auch gestrige waren, da man seinen Vater nicht nach seinem auf dem nodt einiges Leben herrsdn. Eine dieser Geschlechtsk rankheiten
ist die Schwangerschaft. Murk, durch die Gleichgültigkeit des Weibes -
eine wahrhaft biblische Seud1e die sehr verbreitet ist - ohne Anker­
1 Noch das stärkste erotische Leben herrsdtt vielleicht in der Tat in jener
primitiven Literatur, (die man in der Form bekannt wirksamer Wörter

grund, steckt sie einfach mit ein m Kind an. Er handelt mo �alisch.: er ver­
bessert durd1 die Besetzung ihres verkümmerten Gemüts seme Wirtschaft­
vorfindet und) die das Volk mit naiver Artistik anwendet. Was anders
sollte es zu bedeuten haben, wenn das Volk die Anwendung ordinärer

liche Lage. Aber die Moral ist dazu gemacht, Rechenfehler zu verhin ern.
Und das Weib handelt unmoralisch. Sie verspricht sich mehr von Jener
Wörter vor Frauen ablehnt, als daß man eben der Wirkung soldter Wör­
schmutzigen sexuellen Atmosphäre : einem Zusammenliegen mit Kragler
ter starkes Vertrauen sdtenken darf?
in sd1wangerem Zustand.
.966 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 96 7

wie ein Abbild der ersten deutschen Revolution herauskam bedanken. Denn es bestand kein Zweifel, daß dies ein Held
und vor allem ein Abbild dieses Revolutionärs. war. Aber sie könnten heute nicht mehr leugnen, daß es ein
Diese Revolution folgte einem Krieg, der durch den Nerven­ eminent politisches Stück. ist. Ein Ansdtauungsmaterial wie
zusammenbruch der Diplomaten zustande gekommen und nicht leidtt eines. Sie hatten hier vor sich jenen fatalen Typus
durch den der Militärs beendigt worden war. Die Bourgeoi­ des Sozialdemokraten, und sie hatten ihn in seiner heldischen
sie hatte diesen Krieg außerordentlich kraftvoll geführt. Auch Form. Er war sdtwer zu erkennen als Bourgeois, auf der
sind Kriege schon aus dümmeren Beweggründen geführt wor­ Bühne und im Leben. Die Revolution, gar nicht leugbar, war
den als dem, die Kohlen- und Erzgebiete von Briey zu steh­ verloren. Dieser Typ hatte sie gemacht. Das Wichtigste, was
len. Der berühmte Dolchstoß des Proletariats in den Rücken es gab, war, diesen Typ erkennen zu lernen. Er hatte sie ge­
der Armee, von dem die Legende noch lang in den Köp­ macht, und hier war er. Hier in einer alltäglich'romantischen
fen der Faschisten und Kommunisten fortspukte, hätte, Liebesgeschichte ohne besondere Tiefe war dieser Sozialde­
wäre er erfolgt, in eine Gegend getroffen, wo die Armee mokrat, dieser falsche Proletarier, dieser fatale Revolutionär,
längst nicht mehr stand: Sie war geschlagen, auf dem der die Revolution sabotierte, den Lenin heftiger bekämpfte
Rückzug. Die Kraglers tauchten erst jetzt auf. Sie mach­ als die offenen Bourgeois und der selbst ihm so schwer zu
ten eine Revolution, weil das Land, das sie teilweise vier erfassen war, daß es vor der russischen Revolution kaum ge­
Jahre nicht mehr gesehen hatten, sich verändert hatte. Die lungen war, ihn den Massen kenntlich zu machen, um sie zu
Kraglers waren strenge Konservative. Da jener Teil der warnen. Dies war also dieser Kragler, dieser Revolutionär,
Bourgeois�e, der wußte, daß er Bourgeoisie war, plötzlich aus den das Mitleid wieder zu Besitztum brachte, der jammerte
allen Regierungsstellen geflohen war, kam jener Teil, der es und krakeelte und heimging, als er hatte, was ihm gefehlt
ni�t v:ußt� (nämlich die Sozialdemokratie), in die Verlegen­ hatte. Nun, den Proletariern wurde das Stück nicht gezeigt.
.
heit, d1ese Kmter besetzen zu müssen. Sie waren ebensolche
Revolutionäre, wie Bergleute in einem wankenden Schacht
Bergwerksingenieure sind. Die Schwierigkeiten der Kragler Der Boden der Tatsachen
bestanden darin, Bourgeois zu werden. Sie wurden allge­
mein für Revolutionäre gehalten, und auch auf der Bühne Tatsächlich ist für Kragler die Revolution ohne den roman­
machte ich die Erfahrung, daß Kragler sehr revolutionär tischen Mond nicht denkbar. Ein kindlicher Mensch, unfähig
wirkte. Vor allem wirkte er als Proletarier. Das Militär war zu leiden, brüllt er los bei der ersten Entdeckung eines Schmer­
natiirlich proletarisiert worden. Sein Teint hatte sich ver­ zes in sich. Seine Revolution ist wirklich die eines schwer­
schlechtert. Die Fabriken glichen immer Kasernen, auch ihre gereizten Mannes, der, weil seine Frau die Türe verriegelt,
Wirkung war eine ähnliche, wie man sieht. Die wirklichen das gemeinsame Mobiliar zertrümmert. Der rote Mond ist
Revolutionäre konnten eine Zeitlang das Stii::k bedauern, in­ ein beinahe unentbehrliches Requisit der Revolutionen, und ein
dem sie den Kragler für einen Proletarier hielten und sie sehr gefährliches. Von nichts unterscheidet sich eine Revolu­
Grund hatten, sich für solche Proletarier als Helden zu be­ tion mehr als von einem Volksauflauf. Eine Revolution ist
danken. Sie konnten auch dagegen sein, weil sie den Kragler eine Organisation, in der Leidemdtaft steckt. Mit dem Typ
für einen Bourgeois hielten und sich für solch einen Helden Kragler verschwindet der rote Mond aus der Revolution; er
9 68 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen

zertrümmert ihn, als er ihn nicht mehr braucht, auch be­


Zu »Im Dickicht der Städte«
schimpft er ihn sofort. Die Bourgeois aber kennt er. Er ruft '
ihnen zu, sie sollten nicht so romantisch glotzen; denn er
weiß : In ihrer erregten Anteilnahme an seinem Geschick wer­
den sie in einem Rausch der Großmut sein, auf Leben ver­
zichten und ihn in den Tod ziehen sehen wollen.
Eine Feststellung

Eine Figur meines Dramas »Dickicht<< zitiert an einigen Stel­


len Verse von Rimbaud und Verlaine. Im Buch sind diese Stel­
len durch Anführungszeichen als Zitate kenntlich gemacht.
Die Bühne besitzt ansd1einend keine Tcdmik, Anfi.ihrungs­
zeichen auszudrüdcen. Besäße sie eine, so wi.irde sie eine große
Anzahl anderer beliebter Werke für Philologen vielleicht
schmackhafter, für das Publikum aber ziemlich unleidlich ma­
chen. Die Leute, die sich in dieser Zeit mit der Herstellung
von Dramen beschäftigen, haben, fürchte id1, weder jetzt nod1
die nächsten zehn Jahre, angesichts der Sd1wierigkeit ihres
Gewerbes, Zeit, über derlei in aller Ruhe nachzudenken. In­
teressenten aus Philologenkreisen müssen also ersud1t wer­
den, in etwa elf Jahren wieder anzurufen. (Jetzt schon kann
' ihnen freilid1 verraten werden, daß das Drama, wenn es
;!;!
-
lruberhaupt
=
schreiten sollte' in J"edem Fall mit Gelassenheit i.iber
; "f�die Leichen der Philologen schreiten wird.)
2 :t!4. November 1 9 2 4
) -"'
I• (J
:�.r.:
'� .1�
� [� Für das Programmheft zur Heidelberger Aufführung
'l

Der Besud1 des Stückes >>Im Dickicht der Städte<< hat sich
bereits als so schwierig herausgestellt, daß nur die mutigsten
Theater sich daran wagten. Tatsäd1lich ist eine völlige Ableh­
nung des Stückes durm das Publikum nichts Unbegreifliches.
Dieses Stück beruht auf einigen Voraussetzungen, was schon
ärgerlich ist und was also die übliche Produktion vermeidet.
970 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 97 1

Nachfolgende Informationen über diese Voraussetzungen wer­ einen Kampf verwickeln könnte, der ihre wirtschaftliche Si­
den da nur wenig oder gar nicht helfen. tuation sowie sie selbst bis zur Unkenntlichkeit verändert.
Hier wird Sport als Passion einfach den für das Theater schon
zur Verfügung stehenden Passionen angereiht. Wahrscheinlich
2
wird diese Passion erst durcil ihre durch mindestens fünf
Die Handlungsweise der Menschen unserer Zeit, die, wenn Jahrzehnte fortgesetzte Übung auf mindestens zwei Konti­
auch unvollständig, in manchem Zeitungsbericht zum Aus­ nenten gefühlsmäßig zu jenen großen und tragischen Passio­
druck kommt, ist durch alte (oft der Literatur entlehnte) Mo­ nen gerechnet werden, die Katastrophen sowie Triumphe
tive nicht mehr erklärbar. Die Polizeiberichte häufen sich, wo von Ausmaß zur Folge haben können. Zur Verdeutlichu ng:
das >>Motiv<< des Täters fehlt. So dürfen Sie nicht erstaunt Es gibt heute Katastrophen, deren Motiy- >>Sport<< ist, der
sein, wenn in den neueren Dramen gewisse Menschentypen als solcher aber nicht erkannt werden kann. Außer dieser
in gewissen Situationen anders handeln, als Sie erwartet ha­ fortgesetzten Übung wird es noch notwendig sein, daß andere
ben, und auch nicht, wenn ihre Mutmaßungen über die Mo­ (weniger reine) Kampfm otive versdlwinden, die heute noch
tive einer bestimmten Handlungsweise sich als falsch erwei­ überwiegen, zum Beispiel Besitzgie r nach Frauen, Produk­
sen. In dieser Welt und in dieser Dramatik findet sich der tionsmitteln, Ausbeutungsobjekten, kurz: Motive, die eben
Philosoph besser zurecht als der Psychologe. verschwinden können, da sie einfacil wegorganisiert werden
können.
3

Das Bürgertum wird auch auf dem Theater, nachdem es hun­


5
dert Jahre damit vertrödelt hat, Kämpfe zwischen Männern Ungewohnt sind wohl auch die Kampfzonen, die in diesem
lediglich um Frauen zu veranstalten, für Kämpfe um wich­ Stück Anwendung finden. Als Kampfzonen werden nämlich
tigere Dinge nur mehr wenig Zeit haben, bevor es sich ge­ gewisse Vorstellungskomplexe verwendet wie zum Beispiel
nötigt sehen wird, sich auch im Theater ausschließlich dem diejenigen, welche ein junger Mann von der Art des George
wichtigsten aller zeitgemäßen Kämpfe, dem Klassenkampf, Garga von der Familie, von der Ehe oder von seiner Ehre
zu widmen. Einen so idealen Kampf, wie man ihn in dem hat. Diese Vorstellungskomplexe benutzt sein Gegner, um ihn
Stück >>Im Dickicht der Städte<< sehen kann, wird man vor­ zu schädigen. Außerdem erzeugt der eine Kämpfer im andern
erst nur im Theater, in der Wirklichkeit erst in fünfzig Jahren gewisse Gedanken, die ihn zerstören müssen, er sd1ießt Ge­
haben können. danken in seinen Kopf wie Brandpfeile. Ich kann Ihnen diese
Kampfesweise nicht verständl!dler machen.
4
6
. Sie sehen, ich weiß, daß id1 heute nod1 den einfachen Grund­
"'gedanken des Stückes >>Im Dickicht der Städte<< zu verteidi­ Meine Wahl amerikanischen Milieus entspringt nicht, wie oft
gen habe. Nämlich den, daß purer Sport zwei Männer in gemeint wurde, einem Hang zur Romantik. Im hätte eben-
97 2 Anmerkungen zu Stüd,en und Aufführungen

sogut Berlin wählen können, aber das Publikum hätte dann Zu » Mann ist Mann«
nicht gesagt: >>Der Mensch handelt eigenartig, auffällig, be­
merkenswert<<, sondern nur: >>Ein Berliner, der so handelt,
ist eine Ausnahmeerscheinung<<, Durch einen Hintergrund
(eben den amerikanischen), der meinen Typen von Natur ent­ Für Zeitungen
sprach, so daß er sie nicht preisgab, sondern sie deckte, glaubte
ich das Augenmerk am leichtesten auf die eigenartige Hand­ Verhängnisvoller Spaß dreicr Soldaten des Worchesterregi­
lungsweise zeitgemäßer großer Menschentypen lenken zu ments, Standort Kankerdan Ostindien I Verbred1en oder
können. In deutschem Milieu wären diese Typen romantisch: Spaß? I Der Hafenarbeiter J. Galgei hält sich für einen Sol­
Sie hätten sich bloß in einem Gegensatz zu ihrer Umgebung daten namcns Jerome Jip
befunden, statt im Gegensatz zu einem romantischen Publi­
kum. Praktisch gesprochen, würde es mir ausreichen, wenn die Saipong. Ganz Vorderindien spricht über den unglaublid1en
Theater Amerika als gewöhnliche Photographie auf den Pro­ Fall des Hafenpad�ers J. Galgei.1 Vier Soldaten aus Kanker­
spekt würfen und sich damit begnügten, das Asiatenturn des dan, die nach Saipong abkommandiert waren, mußten bei
Shlink durch einen schlichten gelben Anstrich anzudeuten, einem noch unaufgeklärten Verbrechen, das sie begangen ha­
und ihm im übrigen erlaubten, sich zu benehmen wie ein ben wollen, um Whisky ztt bekommen (!!!), einen der Ihren
Asiate, nämlich wie ein Europäer. Damit würde schon ein zurüddassen. Um ihr Verbrechen zu verheimlichen, das durch
großes Geheimnis aus dem Stück ferngchalten. das Fehlen des vierten Mannes aufgekommen wäre, benutzten
sie die Person des Pa�ers J. Galgei. Sie veranlaßten diesen
:
der anfänglich lediglich aus Mitleid darauf einging, bei zwe1
Appellen den vermißten vierten Mann, der Jerome Jip hieß,
zu spielen. Als er sich dann aber mit dem Hinweis auf seine
Familie weigerte, noch die restlichen zwei Tage bis zum Ab­
marsch weiter den Gefälligen zu spielen, machten sie ihn zum
Hauptactor einer geradezu leinwandgerechten Komödie. Sie
überließen ihm nämlich im Komplott mit einer Kantinenwir­
tin zweifelhaftester Natur einen angeblichen Elefanten der
englischen Armee völlig umsonst zum beliebigen Weiterver­
kauf. Bei dem maßlosen Verbraud1 von Whisky dieser Tage
bemerkte Galgei niffit die wahre Beschaffenheit dieses gefähr­
lichen Geschenkes, eines sehr natürlich auftretenden Elefanten,
I In Saipong herrschte in diesen Wochen ein großes Tohuwabohu von

Soldaten, Provianthyänen und dem im Gefolge von mobilen Armeetei­


len unausbleiblichen Gesindel durch die dreitägige Zusammenstellung der
afghanisd1en Division.
974 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen
Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 975
der aus nichts anderem bestand als aus einigen Zeltbahnen und
geschwommen. Unsere Freunde waren junge Burschen, die
seinen Gönnern, den drei Soldaten selbst. Wegen dieses »Dieb­
Platinteile aus Heerestelefonen verschoben oder die Broschü­
stahls<< verhafteten sie ihn dann am ,,Tatort<< und erschossen
ren von Lenin verschlangen, aber unser Publikum waren jene
ihn standrechtlich unter den drei Sykomoren von Saipong. Den
Väter die wir in unseren Stücken auf der Bühne umbringen
dumpf und hilflos Mittrottenden, der lange vor der natürlich
ließe�. Ich erinnere mich, mit welch unechtem Aplomb wir
nur scheinbaren Erschießungohnmächtig wurde, weckten siemit
empfangen wurden. Dies war nicht das etwas neugierige I � ­
dem Ansinnen, er habe einem eben Erschossenen namens Gal­
teresse, mit dem man Nachfolger im Geschäft, sondern diC
gei die Leichenrede zu halten. Alles dies und noch vieles andere
lärmende Betriebsamkeit, mit der man Konkurrenz empfängt.
machte der nun schon sehr Verwirrte ohne nennenswerten
Das, was man mit naivem Arger abtat, waren die paar Id� en,
Widerstand mit. Auch der Tag darauf brachte dem Packer, der
die man aus den verzerrenden Aufführungen der wemgen
von nun an seiner eigenen Person mißtrau te, eigentümliche
Stücke herauslas oder herausschmedcte und denen man doch
Ahnungen. Die Soldaten trieben ihr grausam es Spiel unter
leicht ungeheure Ketten von a lterprobten Ideologien hätte
Verwendung eines Passes bis zum Höhepunkt. Galgeis Verhal­
entgegensetzen können. Und das, was man uns fragt� , war:
ten gegen seine Frau, die ihn endlich als Soldat en aufstöberte, .
Wie ist eure Asthetik? Sie war nicht besonders 1mpomerend.
bewies, daß er zu diesem Zeitpunkt über seine Identit ät be­
Man sah beste�falls Kraft aber keineswegs klare Formen.
Noch dazu entstand auf de� für unsere unbedenklichen Stü�e
reits im unklaren war. Als ihm die »humo rbegab ten<< Solda­
ten auch noch in der Führung des Namens Jip Schwie rigkeiten
nicht eingerichteten Bühnen jedesmal eine furchtb� re, de� n-
zu machen anfingen, stürzte er sich mit solche r Wuch auf die­ .
t mierende Unordnung d1e anstatt den B""h u nen d1e Bezelch-
sen Namen, daß sogar das nunmehrige Auftauchen des wirkli­ .
nung >>Schw1mmansta1' ten«, uns d"1e B eze1"eh nung ,,chaotiker«
.
chen Jip ihn nicht mehr davon abbringen konnte. Dieser gan­
eintrug. Bei genauerem Zusehen waren unsere Fo�men (d� e
ze Vorfall sowie der Fall des Sergeanten P., der sich zu
man, wofern man nur den Theatern fernblieb und s1ch an dle
gleicher Zeit aus Wut darüber, daß er seiner geschlechtlichen
Bücher hielt und sie ohne allzuviel Erinnerungen an altge­
Hemmungslosigkeit wegen nicht Herr seiner selbst war, selber
wohnte Dramenaufführungen las, ja immerhin ahnen konnte)
mit eigener Hand kastrierte, beweist den oberflä chlichen Fir­
nicht besonders neu. Wir hatten viel zuviel Lust zum Theater,
nis des Individualismus in unserer Zeit.
um nicht seine bekannten Wirkungen zu lieben, und glaubten
stark an unsere Inhalte. Einige von uns rechneten mit einem
epischen, fast alle mit einem naiven Theater, und überhaupt
Der ästhetische Standpunkt alle wurden wir in einem krampfigen, unechten, auf Bluff
gestellten Stil aufgeführt, der nur unter ungeheurer Anspan­
Aus einer Vorrede zu »Mann ist Mann« nung aller Schauspieler und Zuschauer erreicht werden konnte
und der jeden vernünftigen und humorvollen Menschen für
Es muß um das Jahr 1 9 20 herum gewesen sein, daß wir zu­ Lebenszeit aus dem Theater der jungen Generation scheuchte.
erst von uns reden machten. Wir kamen auf einer großen, Nun, der ästhetische Standpunkt, von dem man uns beur­
aber nicht sehr sympathischen Welle von Anarchie, Heeres­ teilte, war nicht der, für den wir gearbeitet hatten. Wir hat­
gutschiebung, Relativitätstheorie und Amerikanismus daher- ten unserer Meinung nach genügend Gefühl, um Humor zu
976 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 977

vertragen, und genügend Ursprünglichkeit, um die Vernunft das Triumphgefühl der Menschheit. Denn, wichtiger als sie,
zu lieben. Wir sahen ein Theater, in dem man ruhig sitzen bildet sich jetzt, eben jetzt, ein neuer Typus von Mensch her­
konnte, die Bilder des Lebens zu betrachten, seine Ansichten aus, und das gesamte Interesse der Welt ist auf seine Entwick­
und Erfahrungen auszutauschen und die neuen Menschenty­ lung gerichtet. Die Kanonen, welche vorhanden sind, und die
pen zu empfangen, die eine in starken Obergängen begriffene Kanonen, welche noch gemacht werden, sind gegen ihn ein­
Welt jeden Tag gebar. Hätte man uns so gespielt, nämlich ange­ gestellt oder für ihn. Die Häuser, welche da sind und die
nehm, dann wäre wohl auch vom ästhetischen Standpunkt gebaut werden, sind gebaut; ihn zu unterdrücken oder ihn zu
aus irgend etwas herausgekommen, und besonders einige von beherbergen. Alle lebendigen Werke, die in dieser Zeit ge­
uns hätte man ganz gut genießen können. schaffen oder für diese Zeit verwendet werden, versuchen
ihn zu entmutigen oder ihm Mut einzuflößen. Und Werke,
die nichts mit ihm zu tun haben, sind nicht lebendig und haben
Vorrede zu >>Mann ist Mann« mit nichts etwas zu tun. Dieser neue Typus Mensch wird nicht
so sein, wie ihn der alte Typus Mensch sich gedacht hat. I ch
Sehen Sie, unsere Stücke enthalten einen Teil der neuen Dinge, glaube: Er wird s i ch nicht durch die Maschinen verän�e:n las­
die schon lange vor dem Weltkrieg in die Welt gekommen sen sondern er wird die Maschin en verände rn, und wie Immer
sind. Das bedeutet aber auch, daß sie einen großen Teil alter, er ;ussehen wird vor allem wird er wie ein Mensch aussehen.
gewohnter Dinge nicht mehr enthalten. Warum enthalten sie Ich will jetzt n ;ch kurz auf das Lustspiel >>M�nn is� M�nn<<
diese alten Dinge nicht mehr, die einmal anerkannt und rich­ zu sprechen kommen und erklären, wozu ich diese Emle!tung
tig waren? Das, glaube ich, kann ich Ihnen genau sagen. Sie über den neuen Typ Mensch gebraucht habe. Den_n natür ch ��
enthalten diese alten Dinge nicht mehr, weil jene Leute, für werden nicht etwa alle diese Probleme in gerade diesem Stuck
die diese Dinge wichtig waren, heute im Niedergehen begrif­ vorkommen und geklärt werden. Sie werden ganz w�anders
fen sind. In Zeiten aber, wo eine breite Schicht Menschen geklärt werden. Aber ich dachte mir, daß allerhand m dem
niedergeht, werden ihre Lebensäußerungen schwächer und Stück >>Mann ist Mann<<, besonders das, was die Hauptfigur,
schwächer, ihre Vorstellungskraft erlahmt, ihre Appetite jener Pad(er Galy Gay tut oder nicht tut, Sie vielleicht �tl­
schwinden hin, ihre ganze Geschichte bietet nichts Merkwür­ .
nächst befremden wird, und da ist es besser, Sie stellen SICh
diges mehr, nicht einmal für sie selber. Was immer eine solche vor Sie hören nicht einen alten Bekannten von Ihnen reden
niedergehende Schicht tut, läßt keinen Schluß mehr zu auf ode� sich selber wie das bisher fast immer der Fall war im
das Tun der Menschen. Für die Kunst bedeutet das nun, daß Theater, sonder� eine neue Art von Typus, vielleicht eben einen
solche Menschen keinerlei Kunst mehr machen und keinerlei Vorfahren dieses neuen Typus Mensch, von dem ich gespro­
Kunst mehr aufnehmen können. chen habe. Es ist vielleicht interessant, wenn Sie ihn von die­
Diese Menschenschicht hat ihre große Epoche gehabt. Sie hat sem Standpunkt aus direkt beobachten, um möglichst genau
ihre Monumente errichtet, die geblieben sind, aber auch diese herauszubringen, wie er sich zu den Dingen verhält. Sie wer­
übriggebliebenen Monumente können nicht mehr begeistern. den sehdn, daß er unter anderm ein großer Lügner ist und ein
Die großen Gebäude der Stadt New York und die großen unverbesserlicher Opportunist, er kann sich allem anpassen,
Erfindungen der Elektrizität allein vermehren noch nicht fast ohne Sd1wierigkeiten. Er ist anscheinend sehr vieles zu
9 78 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 9 79

ertragen gewohnt. Er kann sich sogar nur sehr selten eine eigeoe ferne sind, und die Männer darin schlecht gekleidet sind und
Meinung gestatten. Wenn man ihm zum Beispiel, wie Sie h ören starrend vom Unrat ihres niederen Lebens, das mir ferne ist.
werden, einen durch und durch unechten Elefanten zum Wei ­ Ich aber liebe Stücke, in welchen anmutige oder rührende Dinge
terverkaufen anbietet, so wird er sich hüten, über diesen Ele­ geschehen und gutgekleidete, saubere Menschen handeln.
fanten irgendeine eigene Meinung zu verraten, wenn er hört, - Was hilf!: es dir, wenn anmutige oder rührende Dinge und
daß ein Käufer da ist. Ich denke auch, Sie sind gewohnt, einen gutgekleidete, saubere Menschen um dich sind - und es trifft
Menschen, der nicht nein sagen kann, als einen Schwächling zu dich ein glühendes Stück Eisen und löscht dich aus von der
betrachten, aber dieser Galy Gay ist gar kein Schwächlin g, Welt und dem Leben?
im Gegenteil, er ist der Stärkste. Er ist allerdings erst der - Der Witz dieses Stüd(es macht mid1 nicht lachen und sein
Stärkste, nachdem er aufgehört hat, eine Privatperson zu sein, Ernst nicht weinen. Ich aber liebe Stücke, in welchen die Ra'­
er wird erst in der Masse stark. Und wenn er zum Beispiel keten des Witzes prasseln oder ein trauriges Geschehen mein
zum Schluß eine ganze Bergfes tung erobert, so ist das nur des­ Herz zum Mitleid bewegt. Denn das Leben ist schwer, und ich
halb, weil er damit ansd1einend den unbedingten Willen einer will für kurze Zeit seine Bürde nicht fühlen.
großen Menschenm asse ausführt, die durch eben diesen Eng­ - Was hilf!: es dir, wenn du dich an den Raketen des Witzes
paß will, den diese Bergfestung verstopf!:. Sie werden sid1er freust oder dein Herz zum Mitleid bewegt wird für ein trau­
auch sagen, daß es eher bedauernswert sei, wenn einem Men­ riges Geschehen - und es trifft dich ein glühendes Stück Eisen
schen so mitgespielt und er einfach gezwungen wird, sein kost­ und löscht dich aus von der Welt und dem Leben?
bares Ich aufzugeben, sozusagen das einzige, was er besitzt, - Ich liebe die Stücke, in welchen die Rede ist von den Reizen
aber das ist es nicht. Es ist eine lustige Sache. Denn dieser Galy der Natur: vom Glanz der Frühlinge und vom Sausen des
Gay nimmt eben keinen Schaden, sondern er gewinnt. Und Windes in den Sommerbäumen, vom fahlen Himmel im April
ein Mensch, der eine solche Haltung einnimmt, muß gewin­ und von der späten Blume des Herbstes.
nen. Aber vielleicht gelangen Sie zu einer ganz anderen An­ - Was hilf!: dir der Glanz der Frühlinge und das Sausen des
sicht. Wogegen ich am wenigsten etwas einzuwenden habe. Windes in den Sommerbäumen, was der fahle Himmel im April
April 1927 und die späte B lume des Herbstes - wenn ein glühendes Stück
Eisen dich triffi und auslöscht von der Welt und dem Leben?
- Ich habe Vergnügen an schönen Frauen und liebe die Lust,
Dialog zu Bert Brechts »Mann ist Mann« die ihr Anblick schafft, wenn sie in den Stücken lachen und
sich bewegen und die Männer locken und von ihnen genom­
- Wo kommst du her, daß du so voll Mißmut bist und gräm­ men werden. Denn dann fühle im, daß ich ein Mann bin und
licher Laune? kräftig im Geschlecht.
- Ich komme von dem Stück »Mann ist Mann« des Bert Brecht, - Was hilf!: es dir, daß der Anblick der Frauen dir Lust smafft,
und id1 sage, daß es ein schlechtes Stück ist und dieser Abend wenn sie lamen und die Männer locken und genommen wer­
ein verlorener. den und du fühlst, daß du ein Mann bist und kräftig im Ge­
- Warum aber sagst du das? smlecht - wenn ein glühendes Stück Eisen dim trifft und dim
'
- Weil dieses Stück von häßlichen Dingen handelt, die mir auslösfit aus der Welt und dem Leben?
9 80 Anmerkungen zu Stücken und Aufführunge n Anmerkungen zu Stücken u n d Aufführungen 98 I
- Ich aber verschmähe das Quälende und Herabziehende und sd1ienen vermittels Stelzen und Drahtbügeln als besonders
fühle mich erhoben von dem Edlen, das in den Stücken der große und besonders breite Ungeheuer. Sie trugen Teilmasken
Meister lebt, ich liebe das Hohe und Bildende, das mich das und Riesenhände. Auch der P adcer Galy Gay verwandelte
Walten eines Gottes ahnen läßt und das Dasein einer gerechten sich ganz zuletzt in ein solches Ungeheuer.
Macht. Die vier Verwandlungen wurden deutlid1 voneinander abge­
- Was hilft es dir, wenn das Edle dich erhebt und du das Wal­ setzt (Verwandlung des Soldaten Jeraia� Jip in ein�n. ?ott;
.
\
ten eines Gottes ahnst und das Dasein einer gerechten Macht ­ Verwandlung des Sergeanten Fairchilei 111 emen Z1v1hsten; \
und ein glühendes Stüdc Eisen triffi dich und löscht did1 aus
Verwandlung der Kantine in einen leeren Platz; Verwandlung 1
von der Welt und dem Leben? des Packers Galy Gay in einen Soldaten). •

- Warum wiederholst du immer die gleichen Worte auf alles,


Sämtliche Sti.idce der Dekorationen hatten den Charakter von
was ich sage von den schönen und erhebenden Dingen in den
Requisiten . Während der Verwandlu ng des Galy Gay .zeig:en
Stücken der Meister? im Hintergru nd zwei Tafeln - große Eisenrahm en m1t Lem­
- Weil dich wie jenen Mann in dem Stüd\: des Bert Brecht es
wand bespannt - die Bilder des unverwandelten und des ver­
fassen kann und auslöschen dein Selbst und deinen Namen und
wandelten Galy Gay. Vor der letzteren Tafel liegt G.aly .Gay,
dein Haus und dein Weib und deine Erinne rung, dein Lachen
wenn er nach der Erschießu ng wieder erwacht. Proleknonen
und dein Mitleid, deine Lust am Weib und dein Erheben zum
gaben die einzelnen Nummer n des Verwand lungsaktes an. Die
Gott - weil dich wie jenen Mann es einreihen kann in die
Bi.i hne w ar so gebaut, daß der Schaupla tz durch Wegnahme 1
Reihe der hunderttausend, zwischen Mann und Mann, zwi­ · ··1t·1g anderes Ausse-
weniger Stüd\:e der Dek orauonen · vo
em
schen Kochgeschirr und Kochgeschirr, wie es Million en Män­
hen erhielt.
ner eingereiht hat in der Vergangenheit und Million en Män­
Das >>Lied vom Fluß der D inge<<, während dieser Verwand:
ner einreihen wird in der Zukunft - weil dich wie jenen Mann
lung von der Besitzer in der Kantine rezitiert, war _von . drel
ein glühendes Stück Eisen treffen kann und auslösch en aus der
Tätigkeiten begleitet. Erstens das Segclraffe n : . m1: emem
Welt und dem Leben ! ! !
Stod\: an dessen Ende ein eiserner Haken befesugt 1st, rafft
die K�ntinenbesitzerin, während sie rezitierend zum Publikum
- aufschreiend Oh, jetzt erkenne ich, daß es ein gutes Stüdc ist
gewendet an der Rampe entlanggeht , die zwe� Son�1ensegel �u­
und seine Lehre eine beherzigenswerte.
sammen. Zweitens das Segelwaschen : vor emer Öffnung 1m
Bühnenboden kniend senkt sie die schmutzigen Leinenstücke
Anmerkungen zum Lustspiel »Mann ist Mann« in die Öffnung, sch �enkt sie wie in Wasser und zieht reine
Stüffie hoch. Drittens das Segclfalten: quer über die gan:e
1 Zur Regie Bühne falten die Kantinenbesitzerin und der Soldat Una
Shelley die Segel, die sie senkrecht halten.
Bei der Berliner Aufführun gr des Lustspiels »Mann ist Die Verwandlung des Sergeanten Fairchild in einen Zivilisten
Mann<<, eines Stüffies vom Parabel-Typus, wurden ungewöhn ­
(Nr. 4a) wurde durch Fallen der Gardine vor- und nachher
liche Mittel angewendet. Die Soldaten und der Sergeant er­
deutlich als Einlage bezeichnet. Der Inspizient des 1heaters
I Im Staatstheater 1 9 3 1 .
trat mit dem Textbuch vor und verlas während des ganzen
98 2 Anmerkungen z u Stücken u n d Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 98 3

Vorgangs ZwischentiteL Zu Begin n : »Als Einlage: Übermut der Begabung des Schauspielcrs waren, die sein Spiel für
und Abbau einer großen Persönlichkeit.<< Nach dem Satz: einige so enttäuschend mad1tcn : Wer bei dtrr Aufführung an
. . . Ja, denn es ist ein Zivilist, der da kommt . . . : >>Einer Pri­ ihm etwa »die Kraft des tragenden SchauspielerS<< oder »die
vatangelegenheit wegen suchte der Sergeant Faird1ild während Fähigkeit, klar auf Sinn zu sprechen« vermißte, der hätte bei
des Aufbruchs der Armee die Witwe Begbick auf.« Nach dem den ersten Proben die Fähigkeit dazu leicht feststellen kön­
Satz: . . . Halt das Maul, Zivilist! . . . : »Sdimcrzlich e Erfah­ nen. Wenn diese bisherigen Kennzeichen eines großen, befähig­
rungen belehrten ihn nicht. In der Kleidung eines Zivilisten ten Schauspielers bei der Aufführung zurücktraten, um, mei­
versuchte er, seinen großen Soldatennam en der Witwe gegen­ ner Meinung nad1, anderen Kennzeichen, nämlich denen einer
über auszuspielen.« Nach dem Satz : . . . Sie sollten es wirklich ncucn Schauspielkunst, zu weichen, so war dies das beabsich­
für mich tun . . . : »Um die Witwe zu gewinnen, zeigte er ohne tigte Ergebnis der Probenarbeit, und diese also, nichts anderes,
Überlegung seine Schicßkünst c.« Nad1 dem Satz: . . . Welche steht zur Beurteilung und ist der Grund der Meinungsver­
Frau unter sieben würde einen wilden und blutigen Mann schiedenheiten.
nicht lieben . . . : »Ein berühmter Vorgang wurde seiner Um eine ganz bestimmte Frage, nämlich die, wieweit gewisse
Schreckenswirkung beraubt.« Nad1: . . . daß aus militärischen allgemein als gültig angesehene Maßstäbe durch eine Umwäl­
Gründen die Kantine eingepackt werden muß . . . : »Ausdrück­ zung in der Funktion des 1hcatcrs aus ihrer die Beurteilung
lich an seine Pflichten erinnert, bestand der Sergeant auf sei­ des Schauspielcrs beherrschenden Stellung gedrängt wcrden
nen Wünschen.<< Nach: . . . damit es nimt die Kompanie .
können, möglichst zu vereinfachen, wollen wir uns auf die
demoralisiert . . . : »So büßte er durm ein unverstä ndliches zwei der obengenannten Haupteinw�i.ndc gegen den � chau­
Beharren auf seinen Privatangelegenheiten einen großen Na­ ,
spicler Lorre beschränken: seine Art, nicht auf klaren Smn zu
men ein, den er durm lange Dienste erworben hatte.<< sprechen, und daß er nur Episoden gespielt habe.
19JI Es ist anzunehmen, daß der Einwand gegen die Art des Spre­
chens weniger gegen den ersten Teil des Stückes erfolgt als ge­
2 Zur Frage der Maßstäbe bei der Beurteilung
gen den zweiten mit seinen großen Sprechparticn. Es sind dies :
der Schauspielkunst die Argumente gegen das Urteil bei der Verkündung tbsel­
ben, die Reklamationen an der Mauer vor der Erschießung
Unter denen, die der als episch angekündigten Aufführung und der Identitätsmonolog auf der Sargkiste vor dem Be"
· des Stückes >>Mann ist Mann« im Staatstheater mit Interesse gräbnis. Im ersten Teil war die Art des Sprechens als ganz nach
,
folgten, herrschte ein Konflikt der Meinungen über die Lei­ dem Gestischen aufgelöst nicht allzusehr aufgefallen ; hier, bei
stung des Schauspielers Lorre, der die Hauptrolle spielte. Die den langen, zusammenfassenden Reden trat sie - es war ein
einen fanden seine Art zu spielen von den neucren Gesichts­ und dieselbe Art - als dem Sinn nicht förderlich, als monoton
punkten aus betrachtet besonders ridnig, ja beispielgebend, in Erscheinung. Hatte es der Sprechart im ersten Teil nicht
die anderen verwarfen sie ganz und gar. Id1 selbst gehöre zu gesmadet, daß ihr das Gestische herausarbeitender Charakter
der ersten Gruppe. Um der Frage den prinzipiellen Rang, der nicht ohne weiteres erkannt wurde (als Wirkung verspürt
ihr zukommt, zu erhalten, möchte ich als Augenzeuge aller wurde), so bradite dieses Nichterkennen dieselbe Sprechart im
Proben zuerst versichern, daß es keineswegs bloße Mängel in zweiten Teil vollkommen um ihre Wirkung. Denn hier war
984 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 98 5

wieder über den Einzelsinn der Sätze hinaus ein ganz bestimm­ artig sein, was erst gesucht und gefunden werden muß. Den­
ter Grundgestus herausgearbeitet, der zu seiner Wahrnehmbar­ noch muß das epische� Theater aus tiefliegenden Ursachen auf
keit zwar des Sinns der einzelnen Sätze nicht ganz entraten einer sold1en Umstellung der Maßstäbe bestehen. Es hängt mit
konnte, aber doch eben dieses Sinns nur mehr als Mittel zum der gesellschaftlichen Umfunktionierung des Theaters zusam­
Zweck bedurfte. Der Inhalt der Partien bestand aus Wider­ men, daß der Zuscha uer hier nicht in dem gewohnten Maß
sprüchen, und der Schauspieler mußte versuchen, den Zu­ bearbeitet werden kann. Sein Interesse soll nicht im Theater
schauer nicht etwa durch Identifizierung mit den einzelnen erzeugt, sondern dorthin mitgebracht und dann befriedigt
Sätzen selber in Widersprüche zu verwickeln, sondern ihn dar­ werden. (So sind auch die Anschauungen über das ,. Tempo«
auszuhalten. Es mußte eine möglichst objektive Ausstellung für das epische Theater zu revidieren. Denkprozesse brauchen
eines widerspruchsvollen inneren Vorgangs als ein Ganzes zum Beispie l ein ganz anderes Tempo als Gefühlsprozesse
sein. So wurden bestimmte Sätze als besonders aufschlußreich und vertragen nicht ohne weiteres dieselbe zusätzliche Be-
sozusagen »am besten Platz ausgestellt«, also laut gerufen, und schleunigung.) . .
ihre Auswahl war eine beinahe intellektuelle Leistung (selbst­ Ein sehr interessantes Experiment, ein kleiner F1lm, den w1r
verständlich kommt auch eine solche aus einem künstlerischen von der Vorstellung aufnahmen, indem wir mit Unterbre­
film­
Prozeß). Dies war der Fall mit den Sätzen >> Ich verlange, daß chungen die haupt sächlichen Drehpunkte der Handlung
sche herau s­
alles aufhört! « und >>Gestern abend regnete es doch!« . Die ten, so daß also in großer Verkürzung das Gesti
Sätze (Aussprüche) wurden also nicht dem Zuschauer nahe­ kommt, bestät igt überraschend gut, wie treffend Lorre ger �� �
gebracht, sondern entfernt, der Zuschauer wurde nicht ge­ unhör bare n) Sat­
in diesen langen Sprechpartien den allen (ja
nun
führt, sondern seinen Entdeckungen überlasse n. Die >>Argu­ zen zugrunde liegenden mimischen Sinn wiedergibt. Was .
mente gegen das Urteil« waren, wie im Gedicht, durch daß das episch e
den andern Einwand betriff t: es ist möglich,
Zäsuren in einzelne Strophen geteilt, damit der Charakter des zu Indiv i duum
Theater mit seiner ganz anderen Einstellung � .
Nacheinander-Vorbringens verschiedener Argumente entste­ den Begriff des ,.das Stück tragenden Schauspielers« emfach
hen konnte, wobei die Tatsache, daß die einzelnen Argu mente auflöst. Das Stück wird von ihm nicht mehr im alten Sinn
keineswegs logische Fortführungen darstellen, eingeschätzt >>getragen<<. Eine gewisse Fähigkeit, die Hauptrolle einheitlich
und sogar gerade verwertet wurde. Auch sollte der Eindruck und ununterb rochen innerlich zu evolvieren, die den Schau­
entstehen, als läse hier ein Mann lediglich eine zu einem an­ spieler alter Art auszeichnete, hat hier nicht mehr dieselb e
dem Zeitpunkt verfaßte Verteidigungsschrift vor, ohne sie im Bedeutung. Dennoch muß der epische Schauspieler vielleicht
Augenblick ihrem Sinn nach zu verstehen. Und dieser Ein­ einen noch längeren Atem haben als der alte Protagonist, denn
druck entstand auch bei den Zuschauern, die derlei Wahrneh­ er muß imstande sein, seinen Typus trotz oder besser ver­
mungen zu machen verstehen. Jedoch ist zuzugeben, daß die mittels der Brechungen und Sprünge als einen einheitlichen
wahrhaft große Art, in der der Schauspieler Lorre diese >>In­ vorzuführen. Da alles auf die Entwicklung, den Fluß an­
ventur<< veranstaltete, beim erstmaligen Sehen einfad1 über­ kommt, müssen die einzelnen Phasen deutlich eingesehen wer­
sehen werden konnte. Dies mag befremdlich erscheinen. Denn den können, also getrennt sein, jedoch darf dies nicht mecha­
im allgemeinen wird mit Recht gerade die Kunst, gesehen zu nisch erfolgen. Es gilt hier, ganz neue Gesetzlichkeiten der
werden, als entscheidend betrachtet, und hier soll etwas groß- Schauspielkunst zu konstituieren (gegen den Fluß spielen, sich
98 6 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stiicken und Aufführungen 98 7

durch die Mitspieler charakterisieren lassen und so weiter). schauer, der anderes gewohnt ist, nicht so ohne weiteres ein­
Wenn Lorre in einem ganz bestimmten Augenblick sein Gesicht leuchtend. Wie viele Zuschauer vermögen sich so weit von
weiß schminkt {anstatt sein Spiel mehr und mehr »Von innen >>Spannungsverlangen<< frei zu machen, daß sie bemerken, wie
her« durch Todesfurcht beeinflussen zu lassen), so mag ihn etwa ein unterschiedliches Verhalten in ähnlicher Situation
das vielleimt zunächst als Episodisten crsmeinen lassen, es ist vom Schauspieler dieser neuen Art ausgenutzt wird, wenn er
aber etwas ganz anderes. Er verhilft zumindest der Drama­ zum Zwecke des Umgekleidetwerdens mit einer bestimmten
turgie zu einiger Auffälligkeit. Aber es ist natürlichnoch mehr. Geste an die Wand gebeten wird, die ihn später dann auch
Die Entwicklung der Figur ist sehr sorgfältig in vier Phasen zum Zwedce des Erschossenwerdens dorthin bittet? Hier wird
eingeteilt, wozu vier Masken verwendet werden (das Packer­ vom Zuschauer eine Haltung verlangt, die etwa dem verglei­
gesicht - bis in den Prozeß hinein; das »natürliche« Gesicht chenden Umblättern des Buchlesers entspricht. Der Schauspie­
- bis zum Erwachen nam der Erschießung; das »Unbeschrie­ ler des episd1en 1heaters benötigt eine ganz andere Dkonomie
bene Blatt« - bis zur Aufmontierung nam der Leimenrede; als der dramatische. (übrigens würde aud1 der Schaus? ieler
am Ende: das Soldatengesimt). Um von der Art der Arbeit Chaplin in manchem mehr den Ansprüchen des epischen
einen Begriff zu geben: es bestanden Meinungsverschiedenhei­ Theaters entsprechen als denen des dramatischen!)
ten darüber, in welcher (der zweiten oder der dritten) Phase Es ist möglich, daß das epische 1heater mehr als anderes Thea­
das Gesicht weiß geschminkt werden soll. Lorre entschied sim ter Kredit a priori benötigt, um zur vollen Geltung zu kom­
nam langer Überlegung für die dritte, da es »die der größten men, und dieser Frage ist einiges Augenmerk zuzuwen?en.
Entscheidung und der größten Anstrengung« sei. Er zog es Vielleicht müssen die Vorgänge, die der epische Schauspieler
vor, .von Todes- und Lebensfurcht die letztere als die tiefere darstellt, schon bekannt sein. Dann wären geschichtliche Vor­
zu bezeichnen. gänge zunächst am geeignetsten. Vielleid1t ist es sogar gu:,
. .
Das Bestreben des epischen Schauspielers, bestimmte Vorgänge wenn der Schauspieler mit anderen Schauspielern m der glei­
unter Menschen auffällig zu machen (als Milieu Menschen zu chen Rolle verglid1en werden kann. Wäre all dies un� noch
setzen), mag ebenfalls zu dem Irrtum verleiten, er sei ein einiges andere nötig, um dem episd1en Theater zur Wirkung
kurzatmiger Episodist, wenn man nicht berücksichtigt, wie er zu verhelfen, so müßte es eben organisiert werden.
alle Einzelvorgänge miteinander verknüpft und in den Gesamt­ 8. März 193 1
fluß seiner Darstellung eingehen läßt. Im Gegensatz zum dra­
matischen Schauspieler, der von Anfang an seine Figur hat
3 Zur Frage der Konkretisierung
und sie dann lediglich den Unbilden der Welt und der Tra­
gödie aussetzt, läßt der epische Schauspieler seine Figur vor Die Parabel >>Mann ist Mann<< kann ohne große Mühe kon­
den Augen des Zuschauers entstehen durch die Art, wie sie sim kretisiert werden. Die Verwandlung des Kleinbiirgers Galy
. Gay in eine >>mensd1liche Kampfmaschine<< kann statt in ln­
benimmt. »Die Art, sim engagieren zu lassen<<, »die Art, einen
Elefanten zu verkaufen<<, »die Art, den Prozeß zu führen«, dien in Deutschland spielen. Die Sammlung der Armee zu
ergeben aber nicht etwa eine ,einzige unwandelbare Figur, Kilkoa kann in den Parteitag der NSDAP zu Nürnberg ver­
sondern eine sim ständig änderiJde und in der »Art, sim zu wandelt werden. Die Stelle des Elefanten Billy Humph kann
ändern<< immer deutlicher werdende Figur. Dies ist dem Zu- ein gestohlenes, nunmehr der SA gehörendes Privatauto
9 88 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen

einnehmen . Der Einbruch kann statt in den Tempel des Herrn Zu »Die Dreigroschenoper«
Wang in den Laden eines jüdischen Trödlers erfolgen. Jip
würde dann als arischer Geschäftst eilhaber von dem Krämer
angestellt. Das Verbot sid1tbarer Beschädig ung jüdischer Ge­ über »Die Dreigroschenoper«
schäfte wäre mit der Anwesen heit englischer Journalis ten zu
begründen.
19]6
»Die Dreigroschenoper«, in England durch zwei Jahrhunderte
unter dem Titel " 1he Beggar's Opera<< in allen englischen 'Tilea­
tern gespielt, führt in das Milieu von den Verbrechervorstäd­
ten Londons, Soho und Whitechapel, die vor zweihundert
Jahren so wie heute die Zufluchtsstätte der ärmsten und nicht
immer durd1sichtigsten Sd1ichten der Londoner Bevölkerung
waren.
Herr Jonathan Peachum schlägt aus dem Elend auf seine ori­
ginelle Weise Kapital, indem er gesunde Menschen künstlid1 zu
Krüppeln herausstaffiert und sie betteln schickt, um aus dem
Mitleid der wohlhabenden Stände seinen Profit zu ziehen. Er
tut das keineswegs aus angeborener Schlechtigkeit. »Ich befinde
mich auf der Welt in Notwehr<< , das ist sein Grundsatz, der ihn
in allen seinen Handlungen zur schärfsten Entschiedenh eit
zwingt. Er hat in der Londoner Verbrecherwelt nur einen
ernsthaften Gegner, und das ist der junge, von den Dämchen
vergötterte Gentleman Macheath. Dieser hat Peachums Toch­
ter Polly entführt und auf eine ganz groteske Weise in einem
Pferdestall geheiratet. Als Peachum von der Heirat seiner
Tochter erfährt - die ihn nicht so sehr aus moralischen Grün­
den schmerzt wie aus sozialen -, beginnt er einen Krieg auf
Tod und Leben mit Macheath und seiner Gaunerplatte, dessen
Hin und Her den Inhalt der >>Dreigroschenoper<< bildet. Aber
schließlich wird Macheath in des Wortes wirkliebster Bedeu­
tung vom Galgen herab gerettet, und in einem großen,
etwas parodistischen Opernschluß geht die ganze Affäre gut
aus .
»'TilC Beggar's Opera<< wurde im Jahre 1 72 8 zum erstenmal
990 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 99 1

im Lincoln's Inn Theatre aufgeführt. Der Titel bedeutet nicht Anmerkungen zur »Dreigroschenoper«
etwa, wie manche deutsche Übersetzer geglaubt haben : >>Die
Bettleroper«, das heißt eine Oper, in der eben Bettler vorkom­
men, sondern: >>Des Bettlers Oper<<, das heißt eine Oper für 1 Das Lesen von Dramen
Bettler. >>The Beggar' s Opera«, auf Anregung des großen Jo­ Es besteht kein Grund, das Motto des John Gay für seine
nathan Swifl: verfaßt, war eine Händel-Travestie und hatte, >>Beggar's Opera<< : >>Nos haec novimus esse nihil<< für »Die
wie berichtet wird, den großartigen Erfolg, daß Händels Dreigrochenoper<< zu ändern. Was ihren Abdruck betrifft: Er
Theater ruiniert wurde. Da uns heute ein so großer Anlaß bringt kaum mehr als das Soufflierbuch eines den Theatern
zur Parodie wie die Händelsehe Oper fehlt, wurde jede Ab­ völlig überlieferten Stüd(es, wendet sich also eher an den Fach­
sicht zu parodieren aufgegeben : Die Musik ist vollständig neu mann als an den Genießer. Wobei zu sagen ist, daß eine Um­
komponiert. Nicht fehlen uns Heutigen die soziologischen An­ wandlung von möglichst vielen Zuschauern oder Lesern in
lässe von >>The Beggar's Opera<< : Wie vor zweihundert Jah­ Fachleute durchaus anzustreben ist - sie ist auch im Gange.
ren haben wir eine Gesellschaftsordnung, in der so ziemlich alle >>Die Dreigroschenoper<< befaßt sich mit den bürgerlichen Vor­
Schichten der Bevölkerung, allerdings auf die allerverschie­ stellungen nicht nur als Inhalt, indem sie diese �a �stel!t, son­
denste Weise, moralische Grundsätze berücksichtigen, indem sie dern auch durch die Art, wie sie sie darstellt. Ste 1st eme Art
nicht in Moral, sondern natürlich von Moral leben. Formal Referat über das was der Zuschauer im Theater vom Leben
stellt >>Die Dreigroschenoper<< den Urtypus einer Oper dar : zu sehen wünsch:. Da er jedoch gleichzeitig auch einiges si�ht,
Sie enthält die Elemente der Oper u n d die Elemente des was er nicht zu sehen wünscht da er also seine Wunsche mcht
Dramas. nur ausgeführt sondern auch kritisiert sieht (er sieht sich nicht
9 · Januar 1929 als Subjekt, so�dern als Objekt), ist er prinzipi ell imstande,
dem Theater eine neue Funktion zu erteilen. Da aber das Thea­
2 [Antwort auf eine RundfrageJ ter selber seiner Umfunktionierung Widerstand entgegen­
setzt, ist es gut, wenn der Zuschauer Dramen, die nicht nur
Ich verstehe nichts vom Operettengew erbe; und man sollte den Zweck verfolgen, auf dem Theater aufgeführt zu werden,
keine Kunst in dasselbe investieren.
sondern auch den, es zu verändern, selbst liest: aus Mißtrauen
Was >>Die Dreigroschenoper<< betrifft, so ist sie - wenn nichts
gegen das Theater. Wir haben heute das absolute Primat des
anderes - eher ein Versuch, der völligen Verblödung der Oper
Theaters über die dramatische Literatur. Das Primat des Thea­
entgegenzuwirken. Die Oper scheint mir bei weitem dümmer,
terapparates ist das Primat der Produktionsmittel. Der Thea­
wirklichkeitsfremder und in der Gesinnung niedriger als die
terapparat widersteht seinem Umbau für andere Zwecke da­
Operette.
durch daß er, mit dem Drama zusammentreffend, dieses sofort
Februar 1929
verändert, so daß es in ihm keineswegs ein Fremdkörper bleibt
- außer an Punkten, wo es sich selber erledigt. Die Notwen­
digkeit, die neue Dramatik richtig zu spielen - wichtiger für
das Theater als für die Dramatik -, wird dadurch abge­
schwächt, daß das Theater alles spielen kann : es »theatert«
99 2 Anmerkungen zu Stücken m,d Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 99 3

alles >>ein«. Selbstverständlich hat dies Primat wirtschaftliche hen<< zu wollen. Sehr rasch hätte man so ein Theater voll von
Gründe. Fachleuten, wie man Sporthallen voll von Fachleuten hat. Un­
möglidi, daß sold1en Leuten die Schauspieler jene elenden paar
Pfund Mimik vorzusetzen wagten, die sie heute in ein paar
2 Titel und Tafeln Proben ohne jedes Nacl1denken »irgendwic<< zurechtmachen !
Die Tafeln, auf welche die Titel der Szenen projiziert werden, Niemals würde ihnen ihr Stoff in sold1 rohem Zustand, so
sind ein primitiver Anlauf zur Ltterarisienmg des Theaters. unverarbeitet abgenommen. Der Schauspieler müßte jene Vor­
Diese Literarisierung des Theaters muß, wie überhaupt die Li­ gänge, die durd1 die Titel schon angezeigt, also ihrer stofflichen
terarisierung aller öffentlidJCn Angelegenheiten, in größtem Sensation schon beraubt sind, ganz anders auffällig machen.
Ausmaß weiterentwickelt werden. Leider steht zu fürd1ten, daß Titel und Raucherlaubnis dom
Die Literarisierung bedeutet das Durchsetzen des »Gestalte­ nimt ganz genügen, um das Publikum zu einer ergiebigeren
ten<< mit »Formuliertem<<, gibt dem Theater die Möglichkeit, Benutzung des TI1caters zu bringen.
den Anschluß an andere Institute für geistige Tatigkeit herzu­
stellen, bleibt aber einseitig, solange sich nicht aud1 das Publi­
3 Die Hauptpersonen
kum an ihr beteiligt und durch sie »oben<< eindringt.
Gegen die Titel ist vom Standpunkt der Schuldramatik aus Der Charakter des Jonathan Peachum darf nimt auf die ge­
geltend zu machen, daß der Stückeschreiber alles zu Sagende in wöhnlime Formel »Geizhals<< gebracht werden. Er hält nimts
der Handlung unterzubringen habe, daß die Dichtung aus sid1 von Geld. Ihm, der alles bezweifelt, was Hoffnung erwecken
heraus alles ausdrücken müsse. Dies entspricht einer Haltung könnte, crsmeint auch das Geld als ein ganz unzulänglimes
des Zuschauers, in der er nicht über die Sache denkt, sondern VerteidigungsmitteL Er ist zweifellos ein Schurke, und zwar
aus der Sache heraus. Aber diese Manier, alles einer Idee un­ ein Schurke im Sinn älteren Theaters. Sein Verbremen besteht
terzuordnen, die Sucht, den Zuschauer in eine einlinige Dyna­ in seinem Weltbild. Dieses Weltbild ist in seiner Smeußlimkeit
mik hineinzuhetzen, wo er nicht nach rechts und l inks, nad1 würdig, neben die Leistungen irgendeines anderen der großen
unten und oben smauen kann, ist vom Standpunkt der neue- Verbremer gestellt zu werden, und dom folgt er nur dem
ren Dramatik aus abzulehnen. Aud1 in die Dramatik ist die »Zug der Zeit<<, wenn er Elend als Ware betramtet. Praktism
Fußnote und das vergleichende Blättern einzufüh ren. gespromen : Peamum wird etwa das Geld, das er Film in der
Das komplexe Sehen muß geübt werden. Allerdings ist dann erst�n Szene abnimmt, durchaus nimt in einer Kassette ver-
beinahe wimtiger als das Imflußdenken das Überdenfluß­ (
smheßen, sondern es einfam in die Hosentasme stecken : Er
denken. Außerdem erzwingen und ermöglichen die Tafeln vom kann weder durm dieses Geld nom durm anderes gerettet
Schauspieler einen neuen Stil. Dieser Stil ist der epische Stil. werden. Es ist Gewissenhaftigkeit von ihm und beweist seine
Beim Ablesen der Tafelprojektionen nimmt der Zuschauer die allgemeine Hoffnungslosigkeit, daß er es nimt einfam weg­
Haltung des Rauchend-Beobachtens ein. Durch eine solche wirft, er kann nid1t das Geringste wegwerfen. über eine Mil­
Haltung erzwingt er ohne weiteres ein besseres und anständi­ lion Smilling würde er nimt anders denken. Nam seiner Mei­
geres Spiel, denn es ist aussidnslos, einen rauchenden Mann, der nung reimt weder sein Geld (auch nimt alles Geld der Welt) nom
also hinlänglich mit sich selbst beschäftigt ist, »in den Bann zie- sein Kopf aus (und auch alle Köpfe der Welt reimen nimt aus).
99 4 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkun gen zu Stücken und Aufführu ngen 995

Dies ist auch der Grund, weshalb er nidtt arbeitet, sondern umsprim t, dieser obenerwähnten Rational isierung. Er sieht
mit einem Hut auf dem Kopf und die Hände in den Hosen­ streng darauf, daß sämtlidi C kühnen oder zuminde st Smrek­
taschen durch sein Geschäft läuft, lediglidt kontrollierend, daß ken einflöße nden Taten seiner Untergebenen ihm selber zu­
nichts wegkommt. Kein wirklim Geängstigter arbeitet. Es ist gesmrieben werden , und duldet so wenig wie ein Homsmul­
l nicht kleinlich von ihm, wenn er die Bibel auf seinem Pult an professor, daß seine Assistenten eine Arbeit selbst zeimne� .
eine Kette schließt aus Furmt, sie könne gestohlen werden. Er Frauen gegenü ber wirkt er weniger als der smöne Mann, wett
betrachtet seinen Schwiegersohn niemals, vor er ihn an den mehr als der gutsitu ierte Mann. Englische Orig_i nal.z�����un­
Galgen gebradtt hat, da kein persönlimer Wert irgendeiner gen zur >>Begga r's Opera « zeigen eine� et.wa vterztgp�ng�n
Art denkbar wäre, der ihn zu einer anderen Haltung gegen­ untersetzten, aber stämmigen Mann tmt emem Kopf wte em
über einem Mann verlocken könnte, der ihm seine Todtter Rettim smon etwas kahl, n icht ohne Würde. Er ist durmaus
wegnimmt. Die sonstigen Verbremen des Mackie Messer sind gesetzt hat überhaupt keinen Humor, un� seine �?li�ität
:
ihm nur insofern interessant, als sie ihm eine Handhabe für sprim t sich schon dadurch aus, daß er sem geschafthmes
seine Erledigung bieten. Was seine Todlter betrifft, so ist s ie Augenmerk, mehr noch alS auf die Beraubung. Fremder·' auf
die Ausbeu tung seiner Angestellten rimtet. Mtt den �utern
wie die Bibel: nichts als eine Hilfsquelle. Dies wirkt w eniger ·
abstoßend als ersmütternd, wenn man jenen Grad der Ver­ der öffentlichen Ordn ung steht er sim, selbst wenn dtes �O­
zweiflung erwägt, bei dem von den Dingen der Welt nur meh r sten verursacht, gut, und dies nicht nur aus Grün den set �er
jener kleinste Teil verwendbar wird, der einen Untergehen­ eigen en Sicherheit - sein praktismer Sinn sagt ihm, da � s �me
den retten könnte. sm:ft mmgs t
eigene Sicherheit und die Sidterheit dieser Gesell
Die Darstellerin der Polly Peachum tut gut, die vorstehende verkniipft sind. Eine Maßnahme gegen die ? ffenth me <?. rd­
nung, wie sie Peach um zum Beisp iel der Polizei androht, wur�
Charakteristik des Herrn Peachum zu studieren : sie ist seine e
Tochter. Herrn Macheath tiefsten Abscheu erreg en. Sein Ver� ehr mtt
Der Räuber Macheath ist vom Smauspieler darzustellen als den Damen von Turn bridge beda rf seine r e.igenen A� stcht nach
b��gerliche Ersmeinung. Die Vorliebe des Bürgertums für Räu­ simerl ich einer Entsch uldigu ng, jedom retmt zu dteser En:-
ber erklärt sich aus dem Irrtum: ein Räuber sei kein Bürger. . a s aus. D en rem
smuld igung die besond ere Art semes Gesch"ft
Dieser Irrtum hat als Vater einen anderen Irrtum: ein Bürger �
gesmäftlichen Verkehr hat er gclegentlim zu Z ':'ecken . e.r Er­
sei kein Räuber. So ist also kein Untersmied? Dom: ein Räu­ heiterung ausgenützt, wozu er als Junggeselle m gemaßtg�em
ber ist manmmal kein Feigling. Die Assoziation "friedfertig,, , Umfa nge beremti gt ist; was jedoch diese intime Seite betnfft,
die dem Bürger auf dem Theater anhaftet, wird wieder herge­ so schätzt er seine regelmäßigen und mit pedantismer Pünkt­
stellt durch die Abneigung des Gesmäftsmanns Macheath ge­ lichkeit eingehalt enen Besuche in einem bestimmt en T�rn­
gen Blutvergießen, wo es nicht - zur Führung des Gesdtäftes ­ bridger Kaffeehaus hauptsämlim, weil sie Gewo�nhe� ten
unbedingt nötig ist. Die Einsmränkung des Blutvergießens sind, die zu pflegen und mehren beinahe das Hauptziel semes
·
auf ein Minimum, seine Rationalisierung ist Gesmäftsprinzip: eben bürgerlimen Lebens darstellt. '

Im Notfall legt Herr Macheath Beweise außerordendimer Jedenfalls darf der Darsteller des Macheath dieses AufsudJen
Fed!tkunst ab. Er weiß, was er seinem Rufe sdmldig ist: eine eines öffentlid!e n Hauses unter keinen Umständen als Aus­
gewisse Romantik dient, wenn gesorgt wird, daß sie sim her- gangspunk t seiner Charakteri sierung wählen. Es ist einer der
996 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 997

nicht seltenen, dennoch unverständlichen Fälle bUrgerlicher tet das gehobene Reden eine Steigerung des nUchternen Redens
Dämonie. und das Singen eine solche des gehobenen Redens. Keinesfalls
Seinen eigentlichen geschlechtlichen Bedarf deckt Macheath also stellt sich, wo Worte infolge des Obermaßes der Gefiihle
natUrlieh am liebsten, wo er damit gewisse Annehmlichkeiten fehlen, der Gesang ein. Der Schauspieler muß nicht nur sin­
häuslicher Art vereinen kann, also bei Frauen, die nicht ganz gen, sondern auch einen Singenden zeigen. Er versucht nicht so
unvermögend sind. In seiner Ehe sieht er eine Sicherung seines sehr, den GefUhlsinhalt seines Liedes hervorzuholen (darf man
Geschäfl:es. VorUbergehende Abwesenheit von der Hauptstadt eine Speise andern anbieten, die man selbst schon gegessen
macht sein Beruf, so wenig er sie schätzen mag, unvermeid­ hat?), sondern er zeigt Gesten, welche sozusagen die Sitten und
bar, und seine Angestellten sind sehr unzuverlässig. In seine Gebräuche des Körpers sind. Zu diesem Zwecke benUtzt er
Zukunfl: blickend, sieht er sich keineswegs am Galgen, sondern beim Einstudieren am besten nicht die Worte des Textes, son­
an einem ruhigen und ihm gehörenden Fischwasser. dern landläufige, profane Redensarten, die ähnliches ausdrUk­
Der Polizeipräsident Brown ist eine sehr moderne Erschei­ ken, aber in der schnoddrigen Sprache des Alltags. Was die
nung. Er birgt in sich zwei Persönlichkeiten : als Privatmann Melodie betrifft, so folgt er ihr nicht blindlings : es gibt ein
ist er ganz anders als als Beamter. Und dies ist nicht ein Zwie­ Gegen-die-Musik-Sprechen, welches große Wirkungen haben
spalt, trotz dem er lebt, sondern einer, durch den er lebt. Und kann, die von einer hartnäckigen, von Musik und Rhythmus
mit ihm lebt die ganze Gesellschafl: durch diesen seinen Zwie­ unabhängigen und unbestechlichen NUchternheit ausgehen.
spalt. Als Privatmann wUrde er sich niemals zu dem hergeben, MUndet er in die Melodie ein, so muß dies ein Ereignis sein; 1

was er als Beamter fUr seine Pflicht hält. Als Privatmann zu dessen Betonung kann der Schauspieler seinen eigenen Ge­
könnte (und mUßte) er keiner Fliege ein Haar krUmmen . . . nuß an der Melodie deutlich verraten. Gut für den Schau­
Seine Liebe zu Macheath ist also durchaus echt, gewisse ge­ spieler ist es, wenn die Musiker während seines Vortrags sicht­
'schäfl:l iche Vorteile, die ihr entspringen, können diese Liebe bar sind, und gut, wenn ihm erlaubt wird, zu seinem Vortrag
nicht verdächtigen: das Leben beschmutzt eben alles . . . sichtbar Vorbereitungen zu treffen (indem er etwa einen Stuhl
zurechtri.ickt oder sich eigens schminkt und so fort). Besonders
beim Lied ist es wichtig, daß >>der Zeigende gezeigt wird«.
4 Winke fUr Schauspieler '

6 Warum zwei Verhafl:ungen des Macheath und nicht eine?


5 über das Singen der Songs
Diese erste Gefängnisszene ist, aus dem Gesichtswinkel der
Indem er singt, vollzieht der Schauspieler einen Punktions­ deutschen Pseudoklassik betrachtet, ein Umweg, nach unserer
wechseL Nichts ist abscheulicher, als wenn der Schauspieler sich Ansicht ein Beispiel primitiver epischer Form. Sie ist nämlich
den Anschein gibt, als merke er nicht, daß er eben den Boden ein Umweg, wenn man wie diese rein dynamische Dramatik,
der nUchternen Rede verlassen hat und bereits singe. Die drei der Idee das Primat zuerteilend, den Zuschauer ein immer
Ebenen : nUchternes Reden, gehobenes Reden und Singen, mUs­ bestimmteres Ziel wUnschen macht - was hier der Tod des Hel­
sen stets voneinander getrennt bleiben, und keinesfalls bcdeu­ den wäre -, sozusagen eine immer größere Nachfrage nach dem
t [Sid1c »Stücke•.] Angebot schafft und, schon um eine starke Gefühlsbeteiligung
99 8 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 999

des Zuschauers zu ermöglichen - Gefühle trauen sich nur auf mel die Anordnung der Materie. Hierin lebt ein Etwas jenes
völlig gesicherte Terrains heraus, vertragen keinerlei Enttäu­ Baconsehen Materialismus, und aud1 das Individuum selber
schung -, eine Zwangsläufigkeit in gcr;�.der Linie braucht. Die hat noch Fleisch und Bein und widerstrebt der Formel. über­
epische Dramatik, materialistisch eingestellt, an Gefühlsinve­ all aber, wo es Materialismus gibt, entstehen epische Formen
stierungen ihres Zuschaucrs wenig interessiert, kennt eigent­ in der Dramatik, im Komischen, das immer materialistischer,
lich kein Ziel, sondern nur ein Ende und kennt eine andere »niedriger« eingestellt ist, am meisten und öfl:estcn. Heute, wo
Zwangsläufigkeit - in der der Lauf nicht nur in gerader Linie, das menschliche Wesen als >>das Ensemble aller gesellschafl:li­
sondern auch in Kurven, ja sogar in Sprüngen erfolgen kann. chen Verhältnisse « aufgefaßt werden muß, ist die epische
Die dynamische, ideell gerichtete, das Individuum behan­ Form die einzige, die jene Prozesse fassen kann, welche einer
delnde Dramatik war, als sie ihren Weg begann (bei den Elisa­ Dramatik als Stoff eines umfassende n Weltbildes dienen. Auch
bethanern), in allen für sie entscheidenden Punkten radikaler der Mensch, und zwar der fleischliche Mensch, ist nur mehr
als 200 Jahre später bei der deutschen Pseudoklassik, welche aus den Prozessen, in denen er und durch die er steht, erfaß­
die Dynamik der Darstellung mit der Dynamik des Darzu­ bar. Die neue Dramatik muß methodologisch den ,.Versuch« in
stellenden verwechselt und sein Individuum schon >>geordnet« ihrer Form unterbringen. Sie muß die Zusammenhänge nach
hat. (Die heutigen Nachfahren der Nachfahren sind schon allen Seiten benützen dürfen, sie braucht Statik und hat eine
nicht mehr zu treffen : die Dynamik der Darstellung hat sich Spannung, die unter ihren Einzelte ilen herrscht und diese ge­
i �zwischcn in die empirisch gewonnene schlaue Anordnung genseitig >>lädt«, (Diese Form ist also alles andere eher als eine
rcvuehafl:e Aneinanderreihung.)
�mes Haufens von Effekten verwandelt, und das Individuum,
In voller Auflösung begriffen, wird immer noch aus sich her­
aus, aber nur mehr zu Rollen vervollständigt - während der 7 Warum muß der reitende Bote reiten?
spätbürgerliche Roman wenigstens die Psychologie ausgear­
beitet hat, wie er glaubt, um das Individuum analysieren zu >>Die Dreigroschcnoper<< gibt eine Darstellung der bürgerli­
können -, als ob nicht das Individuum schon lang einfach aus­ chen Gesellschafl: (und nicht nur ,. lumpenproletarischer Ele­
einandergefallen wäre.) Aber diese große Dramatik war we­ mente<<), Diese bürgerliche Gesellschafl: hat ihrerseits eine bür­
niger radikal in der Ausmerzung der Materie. Die Konstruk­ gerliche Weltordnung produziert, also eine ganz bestimmte
tion beseitigte hier nicht die Abwcidmngcn der Individuen von Weltanschauung, ohne die sie nicht ohne weiteres auskommt.
ihrem gradlinigen Lauf, welche >>durch das Leben<< verursacht Das Auftauchen des reitenden Boten des Königs ist, wo das
werden (hier spielen allerorten noch Beziehungen n �ch außen Bürgertum seine Welt dargestellt sieht, ganz unumgänglich.
herein, zu anderen >>nicht vorkommenden ;, Angelegenheiten , Herr Pcachum bemüht, wenn er das schlechte Gewissen der
der Ausstich des Spatens ist ein viel größerer), sondern sie Gesellschafl: finanziell au�nützt, nichts anderes. Theaterprakti­
verwendet diese Abweichungen als Motoren der Dynamik. ker mögen nachdenken, warum nichts dümmer ist, als das
Bis in das Individuelle hinein schlägt diese Irriticrung, in ihm Pferd des reitenden Boten zu unterschlagen - wie dies beinahe
wird · sie überwunden. Die ganze Wucht dieser Dramatik sämtliche modernistischen Regisseure der >>Dreigroschenoper<<
kommt von dem Aufsammeln der Widerstände. Nod1 be­ gemacht haben. Bei der Darstellung eines Justizmordes müßte ·

stimmt eben nicht der Wunsch nach einer billigen ideellen For- doch, damit der Rolle des 1hcaters in der bürgerlichen Gesell-
1000 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen roor

schafl: Genüge getan wird, der Journalist, der die Unsdmld des Karussellampen aufgehängt, weldiC währcnd der Songs brann­
Ermordeten enthüllt, zweifellos von einem Sd1wan gezogen ten. Der Vorhang war mit Figuren bemalt, mit zwei überle­
in den Gcridmsaal einziehen. Sicht man denn nicht, wie takt­ bensgroßen Bcttlergestaltcn, die auf den Titel »Die Drei­
los es ist, das Publikum dazu zu verführen, über sich selbst zu grosdlenoper<< zeigten. Ganz vorn, rechts und links, standen
lachen, indem man das Auftauchen des reitenden Boten der Tafeln mit gemalten Bettlerfiguren.
Heiterkeit preisgibt? Ohne das Auftauchen eines in i rgend­
einer Form reitenden Boten würde die bürgcrlidte Literatur
Peadmms Bettlergarderobe
zu einer bloßen Darstellung von Zuständen herabsinken. Der
reitende Bote garantiert ein wirklich ungestörtes Genießen Peadmms Bettlergarderobe muß so ausgestattet werden, daß
selbst an sich unhaltbarer Zustände und ist also eine conditio dieser eigentümliche Laden dem Zuschauer verständlich wird.
sine qua non für eine Literatur, deren conditio sinc qua non die Die Pariser Aufführung hatte im Hintergrund zwei Schau­
Folgcnlosigkcit ist. fenster, in denen Schaufensterpuppen mit Bettlerrequisiten
\ Selbstverständlich ist das dritte Finale mit vollkommenem standen. An einer Holzstellage im Laden hingen, mit wei­
Ernst und absoluter Würde zu spielen. ßen Nummern und Täfelchen versehen, Modellkleidungs­
19)1 stücke und spezielle Kopfbedeckungen. Auf einer kleinen,
flachen Staffelei standen einzelne zerlumpte Sdmhe, ebenfalls
numeriert wie Modelle, die man sonst in Museen unter Vitri­
Aufbau der »Dreigroschenoper«-Bühne nen sieht. Das Moskaucr Kammertheater zeigte, wie normale
Leute, die Klienten des Herrn Peachum, die Boxen betraten
1 Eine Bühne für "Die Dreigroschcnoper« ist um so besser auf­ und als schreckliche Wracks sie wieder verließen.
gebaut, je größer der Unterschied zwischen ihrem Aussehen
beim Spiel und ihrem Aussehen beim Song ist. Die Berliner Etwa 1937
Aufführung ( 1 92 8 ) stellte in den Hintergrund eine große
Jahrmarktsorgel, in die auf Stufen die Jazzband eingebaut
war und deren bunte Lampen aufglühten, wenn das Orchester Ein alter Hut
arbeitete. Rechts und links von der Orgel waren zwei riesige
Leinwandtafeln in roten Samtrahmen aufgestellt, auf welche Bei den Pariser Proben meiner >>Dreigroschenopcr« fiel mir
die NehersdiCn Bilder projiziert wurden. Während der Songs von Anfang an ein junger Sd1auspicler auf, der den Filch
standen auf ihnen groß die Song-'Iitel, und aus dem Schnür- spielte, einen verkommenen Halbwüchsigen, der den Beruf
. boden gingen Lampen nieder. Um Patina mit Neuheit, Prunk eines qualifizierten Bettlers ergreifen möchte. Er begriff schnel­
mit Schäbigkeit zu mischen, war dementsprcd1end der Vor­ ler als die meisten andern, wie man probieren muß, nämlich
hang ein kleiner, nicht zu sauberer Nessclfctzen, an Blech­ behutsam, beim Sprechen sich selber zuhörend und der Beob­
schnüren auf- und zugezogen. Die Pariser Aufführung ( 1 9 3 7) achtung der Zuschauer menschliche Züge vorbereitend, die man
verlegte Prunk und Patina nach v o rn . Auf einer roten Samt­ selber am Menschen beobachtet hat. Ich war nicht erstaunt, als
draperie mit ;�oldcncn Framen vta t ':n ·; citlidt und oben große er sich eines Vormittags ungebeten mit einigen Hauptdarstcl-
r oc2 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu StUcken und Aufführun gen 1 003

lern in einem der großen Kostümhäuser einfand, er sagte war festgestellt, die Debatte darüber war geschlossen, die Kra­
höflich, er wolle sich einen Hut für seine Rolle aussuchen. Wäh­ watte war noch da, das war ebenfalls festgestellt, wie konnte
rend ich der Hauptdarstellerin half, Kostüme zusammenzu­ da der Hut aussehen? Ich sah ihn die Augen schließen, ihn ·

stellen, was einige Stunden in Anspruch nahm, beobachtete ich wie in einen Stehschlaf verfallen. Er nahm noch einmal alle
· ihn aus den Augenwinkeln bei seiner Hutsuche. Er hatte eini­ Stadien des Niedergangs durch, eines nach dem anderen. Und
ges Personal des Kostümhauses in Arbeit gesetzt und stand die Augen wieder öffnend, anscheinend ohne Erleuchtung,
bald vor einem großen Haufen von Kopfbededmngen; nach setzte er mechanisd1 den Hut auf den Kopf, als ließe er sich
etwa einer Stunde hatte er zwei Hüte aus dem Haufen aus­ so ausprobieren, rein empirisd1, und dann fiel sein Blick wie­
gesondert und ging nun daran, seine endgültige Wahl zu tref­ der auf den anderen Hut, der beiseite lag. Seine Hand griff
fen. Sie kostete ihn eine weitere Stunde. Ich werde nie den nach ihm, und so stand er lange, den einen Hut auf dem Kopf,
Ausdruck von Qual vergessen, der auf seinem verhungerten den andern in der Hand, der Künstler, zerrissen von Zwei­
und ausdrucksvollen Gesicht lag. Er konnte sich einfach nicht feln, verzweifelt grabend in seinen Erfahrungen, gequält von
entscheiden. Zögernd nahm er den einen Hut auf und be­ der beinahe nicht stillbaren Begierde, den einzigen Weg zu fin­
trachtete ihn mit der Miene eines Mannes, der sein letztes, lange den, wie er seine Figur darstellen konnte, in vier Bühnenminu­
aufgespartes Geld in eine verzweifelte Spekulation steckt, von ten alle Schicksale und Eigenschaften seiner Figur, ein Stüd(
der es kein Zurück mehr gibt. Zögernd legte er ihn zurück, kei­ Leben. Als ich wieder nach ihm sah, setzte er den Hut, den er
neswegs wie etwas, was man nie mehr aufnehmen wird. Na­ aufhatte, mit einer entschlossenen Bewegung ab, drehte sich
türlich, der Hut war nicht vollkommen, aber vielleicht war er brüsk auf den Absätzen um und ging zum Fenster. Abwesend
der beste der vorhandenen. Andererseits, wenn er der beste schaute er auf die Straße hinab, und erst nach einiger Zeit
war, so war er jedenfalls nicht vollkommen. Und er griff nach blickte er wieder, diesmal lässig, fast gelangweilt, nach den Hü­
dem andern, das Auge noch auf dem, den er weglegte. Dieser ten. Er mbsterte sie aus der Entfernung, kalt, mit einem Mi­
andere hatte anscheinend auch Vorzüge, nur, sie lagen auf an­ nimum an Interesse. Dann, nicht ohne zuvor noch einmal
derem Gebiete als die Schwächen des einen. Das wohl machte durchs Fenster gesd1aut zu haben, ging er schlendernd wieder
die Wahl so überaus schwierig. Da gab es Nuancen der Verkom­ auf die Hüte zu, griff einen von ihnen heraus und warf ihn auf
menheit, unsichtbar dem fahrlässigen Auge; da war der eine den Tisch, damit man ihn einpacke. Am nächsten Probentag
Hut vielleicht einmal neu teuer gewesen, aber nun noch elen­ zeigte er mir eine alte Zahnbürste, die aus seiner oberen Jak­
der als der andere. War Filchs Hut einmal teuer gewesen oder kentasche herauslugte und die zum Ausdrud( brachte, daß
wenigstens teurer als eben dieser andere? Wie sehr mochte er Filch unter den Bri.i ckenbögen die allerunentbehrlichsten Re­
verkommen sein? Hatte Filch ihn geschont bei seinem Abstieg, quisiten der Zivilisation nicht aufgab. Diese Zahnbürste be­
war er in der Lage gewesen, ihn zu schonen? Oder war es gar wies mir, daß er mit dem besten Hut, den er auftreiben konnte,
ein Hut, den er überhaupt nicht getragen hatte in seiner gu­ keineswegs zufrieden war.
ten Zeit? Wie lange lag diese gute Zeit zurück? Wie lange dau­ Dies, dad1te ich beglückt, ist ein Schauspieler des wissenschaft­
erte ein Hut? Der Kragen war weg, das war festgestellt in lichen Zeitalters.
einer schlaflosen Nacht, schmutzige Kragen sind schlimmer als 1 9] 7
gar keine (großer Gott, stimmt das wirklich?), immerhin, es
�·l
Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 100 5

Ztt »Aufstieg tmd Fall der Stadt Mahagonny « der auf ihre Arbeit keinen Einfluß hat, sondern ihr nur Ein- '
''
I
fluß verschafft. Diese bei Musikern, Schriftstellern und Kriti-
Anmerkungen zur Oper » Aufstieg kern herrschende Unklarheit über ihre Situation hat unge­
und Fall der Stadt Mahagonny« heure Folgen, die viel zuwenig beachtet werden. Denn in der
Meinung, sie seien im Besitz eines Apparates, der in Wirklich-
keit sie besitzt, verteidigen sie einen Apparat, über den sie keine
r Oper - aber Neuerungen ! Kontrolle mehr haben, der nicht mehr, wie sie noch glauben,
Seit einiger Zeit ist man auf eine Erneuerung der Oper aus. Mittel für die Produzenten ist, sondern Mittel gegen die Pro­
Die Oper soll, ohne daß ihr kulinarischer Charakter geändert duzenten wurde, also gegen ihre eigene Produktion (wo näm-
wird, inhaltlich aktualisiert und der Form nach technifiziert lich dieselbe eigene, neue, dem Apparat nicht gemäße oder
werden. Da die Oper ihrem Publikum gerade durch ihre Rück­ ihm entgegengesetzte Tendenzen verfolgt). Ihre Produktion
ständigkeit teuer ist, müßte man auf den Zustrom neuer Schich­ gewinnt Licferantencha rakter. Es entsteht ein Wertbegriff, der
ten mit neuen Appetiten bedacht sein, und man ist es auch: die Verwertung zur Grundlage hat. Und dies ergibt allgemein 1
man will demokratisieren, natürlich ohne daß der Charakter den Usus, jedes Kunstwerk auf seine Eignung für den Appa- ·,

der Demokratie geändert wird, welcher darin besteht, daß rat, niemals aber den Apparat auf seine Eignung für das '
dem >>Volk« neue Rechte, aber nicht die Möglichkeit, sie wahr­ Kunstwerk hin zu i.i berpri_ifen. Es wird gesagt: dies oder das
zunehmen, gegeben werden. Letzten Endes ist es dem Kellner Werk sei gut; und es wird gemeint, aber nicht gesagt: gut fi.ir
gleich, wem serviert wird, es muß nur serviert werden ! Es den Apparat. Dieser Apparat aber ist durch die bestehende
werden also - von den Fortgeschrit tensten - Neuerungen ver­ Gesellschaft bestimmt und nimmt nur auf, was ihn in dieser
langt oder verteidigt, die zur Erneuerung der Oper führen Gesellschaft hält. Jede Neuerung, welche die gesellschaftliche
sollen - eine prinzipielle Diskussion der Oper (ihrer Punk­ Funktion dieses Apparates, nämlich Abendunterhaltu ng, nicht
tion !) wird nicht verlangt und würde wohl nicht verteidigt. bedrohte, könnte diskutiert werden. Nicht diskutiert werden
Diese Bescheidenheit in den Forderungen der Fortgeschritten­ können solche Neuerungen, die auf seinen Funktionswechsel
sten hat wirtschafiliche Gründe, die ihnen selbst teilweise unbe­ drängten, die den Apparat also anders in die Gesellschaft stel-
kannt sind. Die großen Apparate, wie Oper, Schaubühne, len, etwa ihn den Lehranstalten oder den großen Publikations­
i Presse und so weiter, setzen ihre Auffassung sozusagen inko­ organen anschließen wollten. Die Gesellschaft nimmt durch den
gnito durch. Während sie schon längst die Kopfarbeit (hier Apparat auf, was sie braucht, um sich selbst zu reprodu zieren.
Musik, Dichtung, Kritik und so weiter) noch mitverdienender Durchgehen kann also auch nur eine ,, Neuerung<<, welche zur Er­
- ökonomisch betrachtet also mitherrschender, gesellschaftlich neuerung, nicht aber Veränderung der bestehenden Gesellschaft
betrachtet schon proletaroidcr - Kopfarbeiter nur mehr zur führt - ob nun diese Gesellschaftsform gut oder schlecht ist.
Speisung ihrer Publikumsorganisat ionen verwerten, diese Ar­ Die Fortgeschrittensten denken nicht d�r�n, den App�rat zu
beit also nach ihrer Art bewerten und in ihre Bahnen lenken, ändern, weil sie glauben, einen Apparat in der Hand zu ha­
besteht bei den Kopfarbeitern selber immer noch die Fiktion, ben, der serviert, was sie frei erfinden, der sich also mit jedem
es handele sich bei dem ganzen Betrieb lediglich um die Aus­ ihrer Gedanken von selber verändert. Aber sie erfinden nicht
wertun g ihrer Kopfarbeit, also u m e i n e n scl\ undiircn Vor,;ang, frei : der Apparat erfüllt mit ihnen oder ohne sie seine Funktion,

L
r oo6 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 1 00 7

die Theater spielen jeden Abend, die Zeitungen erschei­ Sie nähert sich selber jedem Gegenstand in genießerischer Hal­
nen x-mal am Tag; und sie nehmen auf, was sie brauchen; tung. Sie »erlebt<< und sie dient als >>Erlebnis<<.
und sie brauchen einfach ein bestimmtes Quantum Stoff.' Warum ist >>Mahagonny<< eine Oper? Die Grundhaltung ist die
Man könnte annehmen, daß die Aufdeckung dieses Sachver­ der Oper, nämlich kulinarisch. Nähert >>Mahagonny« sich dem
haltes (der unentrinnbaren Abhängigkeit der Kunstschaffen­ Gegenstand in genießerischer Haltung? Es nähert sich. Ist
den vom Apparat) seiner Verurteilung gleichkäme. Er wird »Mahagonny« ein Erlebnis? Es ist ein Erlebnis. Denn: >>Ma­
so schamhaft verborgen ! hagonny« ist ein Spaß.
An sich aber ist die Einschränkung der freien Erfindung des Die Oper » Mahagonny.: wird dem Unvemiinfligen derKunst­
einzelnen ein fortschrittlicher Prozeß. Der einzelne wird mehr gattrmg Oper bewußt gerecht. Dieses Unvernünftige der Oper
und mehr in große, die Welt verändernde Vorgänge einbezo- liegt darin, daß hier rationale Elemente benutzt werden, Plastik
. gen. Er kann nicht mehr sich lediglich »ausdrücken<<. Er wird und Realität angestrebt, aber zugleich alles durch die Musik
angehalten und instand gesetzt, allgemeine Aufgaben zu lösen. wieder aufgehoben wird. Ein sterbender Mann ist real. Wenn
Der Fehler ist nur, daß die Apparate heute noch nicht die der er zugleich singt, ist die Sphäre der Unvernunft erreidlt. (Sänge
Allgemeinheit sind, daß die Produktionsmittel nicht den Pro­ der Hörer bei seinem Anblick, wäre das nicht der Fall.)
duzierenden gehören und daß so die Arbeit Warencharakter Je undeutlicher, irrealer die Realität durch die Musik wird -
bekommt und den allgemeinen Gesetzen einer W.·ue unterliegt. es entsteht ja ein Drittes, sehr Komplexes, an sich wieder
Kunst ist Ware - ohne Produktionsmittel (Apparate) nicht ganz Reales, von dem ganz reale Wirkungen ausgehen können,
herzustellen! Eine Oper kann man nur flir die Oper machen. das aber eben von seinem Gegenstand, von der benutzten
(Nicht etwa kann man eine Oper ausdenken wie ein Böck­ Realität, völlig entfernt ist -, desto genußvoller wird der
linsches Seetier und dieses Phänomen dann, nach Ergreifung Gesamtvorgang : der Grad des Genusses hängt direkt vom
der Macht, in den Aquarien ausstellen ; noch lächerlicher wäre Grad der Irrealität ab.
es: es in unseren guten alten Zoo einschmuggeln zu wollen!) Mit dem Begriff Oper - es sollte nicht an ihm gerüttelt wer­
Selbst wenn man die Oper als solche (ihre Funktion!) zur Dis­ den - sollte für >>Mahagonny« alles Weitere gegeben sein. Also
kussion stellen wollte, müßte man eine Oper machen. sollte etwas Unvernünftiges, Unwirkliches und Unernstes, an
die rechte Stelle gesetzt, sich selbst aufheben in doppelter Be­
deutung.' Das Unvernünftige, das hier auftritt, ist nur dem
2 Oper - Ort gemäß, an dem es auftritt.
Die Oper, die wir haben, ist die kulinarische Oper. Sie war 1 Die enge Grenze hindert nicht, etwas Direktes, Lehrhaftes hineinzu­
ein Genußmittel, lange bevor sie eine Ware war. Sie dient dem bringen und alles vom G estischen aus anzuordnen, Das Auge, welches alles
Genuß, auch wo sie Bildung verlangt oder vermittelt, denn auf das GestisdJC bringt, ist die Moral. Also Sittenschilderung. Aber
subjektive.
sie verlangt oder vermittelt dann eben Geschmacksbildung.
Jetzt trinken wir noch eins
r Die Produzenten aber sind völlig auf den Apparat angewiesen, wirt­ Dann gehen wir noch nicht nach Hause
schafllidt und gesellschaftlid1, er monopolisiert ihre Wirkung, und zuneh­ Dann trinken wir noch eins
mend nehmen die Produkte der Sd1riftsteller, Komponisten und Kritiker Dann mad1en wir mal eine Pause.
Rohstoffcharakter an : das Fertigprodukt stellt der Apparat her, Was hier singt, das sind subjektive Moralisten. Sie beschreiben sich selbst!
1 008 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 1 00 9

Eine solche Haltung ist schlechtweg genießerisch. Theater. Folgendes Schema zeigt einige Gewichtsversmiebun­
Was den Inhalt dieser Oper betrifft - ihr Inhalt ist der Genuß. gen vom dramatischen zum epismen Theater.'
Spaß also nicht nur als Form, sondern auch als Gegenstand.
Das Vergnügen sollte wenigstens Gegenstand der Untersuchung
sein, wenn schon die Untersuchung Gegenstand des Vergnügens Dramatische Form des Epische Form des Theaters
sein sollte. Es tritt hier in seiner gegenwärtigen historisd1en Theaters
Gestalt auf: als Ware.'
Es soll nid1t geleugnet werden, daß dieser Inhalt zunächst Die Bühne »verkörpert sie erzählt ihn
provokatorisch wirken muß. Wenn zum Beispiel im dreizehnten einen Vorgang
Abschnitt der Vielfraß sich zu Tode frifh, so tut er dies, weil
Hunger herrscht. Obgleich wir nicht einmal andeuten, daß verwickelt den Zuschauer 111 macht ihn zum Betrachter,
andere hungern, während dieser fraß, war die Wirkung den­ eine Aktion und aber
noch provozierend. Denn wenn nicht jeder am Pressen stirbt,
der zu fressen hat, so gibt es doch viele, die am Hunger ster­ verbraucht seine Aktivität weckt seine Aktivität
ben, weil er am Pressen stirbt. Sein Genuß provoziert, weil
er so vieles enth;i!v In ähnlichen Zusammenhängen wirkt ermöglicht ihm Gefühle erzwingt von ihm Entschei-
·

heute Oper als Genußmittel überhaupt provokatorisch. Frei­ dungen


lich nicht auf ihre paar Zuhörer. Im Provokatorisd1en sehen
wir die Realität wiederhergestellt. »Mahagonny<< mag nicht vermittelt ihm Erlebnisse vermittelt ihm Kenntnisse
sehr schmackhaft sein, es mag sogar (aus schlechtem Gewissen) (
seinen Ehrgeiz darein setzen, es nicht zu sein - es ist durm der Zuschauer wird in eine er wird ihr gegeni.ibergesetzt
und durm kulinarisch. Handlung hineinversetzt
>>Mahagonny• ist nimts anderes als eine Oper.
es wird mit Suggestion es wird mit Argumenten
gearbeitet gearbeitet
3 - aber Neuerungen!
Die Oper war auf den tedmismen Standard des modernen die Empfindungen bis zu Erkenntnissen
Theaters zu bringen. Das moderne Theater ist das episme werden konserviert getrieben
1 Ware ist hier aud1 die Romantik. Sie tritt lediglich als Inhalt a u f, nid1t
als Form. der Mensch wird als bekannt der Mens ch ist Gq;enstand
2 »Ein würdiger Herr mit gesottenem Antlitz hatte einen Schlüsselbund vorausgesetzt der Untersuchung
gezogen und kämpfte durchdringend gegen das episd1e Theater. Seine Frau
verließ ihn nicht in der Stunde der En tsd1ei d ung. Die Dame hatte zwei ' Dieses SdlC!na 1.eigt n i ch t absolute Gcgcnscitzc , sondern lediglich /\kzcnt­
Finger i n den Mund gesteckt, d i e Augen zugekniffen, die Backen aufge­ vcrschicbungcn.· So kann innerhalb eines Mittcilungsvorg;ln g� d :\<; f�C­
blasen. Sie überpfiff den Kasse-Sd1lüssel.<< fühlsm:ißig Sugges t i v e oder <hs rein r a t io n l Oberred ende L•:v<wLUgt
a
(A. Polgar über die Uraufführung der Oper »Mahago n n y « in Leipzig.) werden.
xoxo Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen xox x

der unveränderliche Mensch der veränderliche und verän­ Solche Magie ist natürlich zu bekämpfen. Alles, was Hypnoti­
dernde Mensch sierversuche darstellen soll, unwürdige Räusche erzeugen muß,
benebelt, muß aufgegeben werden.
Spannung auf den Ausgang Spannung auf den Gang
Musik, \\7ort und Bild mußten mehr Selbständigkeit erhalten.
eine Szene für die andere jede Szene für sich
a) Musik
die Geschehnisse verlaufen in Kurven Für die Musik ergab sich folgende Gewichtsverschiebung:
linear
Dramatische Oper Epische Oper
natura non facit saltus facit saltus
D ie Musik serviert Die Musik vermittelt
die Welt, wie sie ist die Welt, wie sie wird
Musik den Text steigernd den Text auslegend
was der Mensch soll was der Mensch muß
Musik den Text behauptend den Text voraussetzend
seine Triebe seine Beweggründe
Musik illustrierend Stellung nehmend
das Denken bestimmt das das gesellschaftliche Sein
Sein bestimmt das Denken Musik die psychische das Verhalten gebend
Situation malend
Der Einbruch der Methoden des epischen Theaters in die Oper
führt hauptsächlich zu einer radikalen Trermrmg der Ele­ D ie Musik ist der wichtigste Beitrag zum 1hema.'
mente. Der große Primatkampf zwischen Wort, Musik und
Darstellung (wobei immer die Frage gestellt wird, wer wessen b) Text
Anlaß sein soll - die Musik der Anlaß des Bühnenvorgangs, Aus dem Spaß war etwas Lehrhaftes, Direktes herauszu­
oder der Bühnenvorgang der Anlaß der Musik und so weiter) arbeiten, damit er nicht bloß unvernünftig war. Es ergab sich
kann einfach beigelegt werden durch die radikale Trennung die Form der Sittenschilderung. Die Sittenschilderer sind die
der Elemente. Solange »Gesamtkunstwerk<< bedeutet, daß das handelnden Personen. DerTexthatte nicht sentimental oder mo­
Gesamte ein Aufwaschen ist, solange also Künste »ver­ ralisch zu sein, sondern Sentimentalität und Moral zu zeigen.
schmelzt<< werden sollen, müssen die einzelnen Elemente alle
I Die große Menge der Handwerker in den Opernorchestern ermöglicht
gleichermaßen degradiert werden, indem jedes nur Stichwort­ nur assoziierende Musik (eine Tonflut ergibt die andere) ; also ist Verklei­
bringer für das andere sein kann. Der Schmelzprozeß erfaßt nerung des Orchesterapparates auf allerhöd1stens 30 Spezialisten nötig.
den Zuschauer, der ebenfalls eingeschmolzen wird und einen Der Sänger wird zum Referenten, dessen Privatgefühle Privatsad1e blei­
passiven (leidenden) Teil des Gesamtkunstwerks darstellt. ben müssen.
ror2 Anmerkungen z u Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen ror3

Ebenso wichtig wie das gesprochene Wort wurde (in den Titeln) Dadurch, daß, technisch betrachtet, der >>Inhalt« z u einem
das geschriebene. Beim Lesen gewinnt das Publikum wohl am selbständigen Bestandteil geworden ist, zu dem Text, Musik
ehesten die bequemste Haltung dem Werk gegenüber.1 und Bild >>sich verhalten«, durch die Aufgabe der Illusion zu­
gunsten der Diskutierbarkeit und dadurch, daß der Zuschauer,
c) Bild statt erleben zu dürfen, sozusagen abstimmen, statt sich hin­
Die Ausstellung selbständiger Bildwerke innerhalb einer einversetzen, sich auseinandersetzen soll, ist eine Umwandlung
Theateraufführung stellt ein Novum dar. Die Neherschen Pro­ angebahnt, die über Formales weit hinausgeht und die eigent­
jektionen nehmen Stellung zu den Vorgängen auf der Bühne, liche, die gesellschaftliche Funktion des Theaters überhaupt zu
derart, daß der wirkliche Vielfraß vor dem gezeidmeten Viel­ erfassen beginnt.
fraß sitzt. Die Szene wiederholt gleichermaßen von sich aus Die alte Oper schließt die Diskussion des Inhaltlichen ab­
im Fluß, was im Bild steckt. Die Projektionen Nehers sind solut aus. Geschähe es etwa, daß der Zuschauer bei der Dar­
ebenso ein selbständiger Bestandteil der Oper wie Weills Musik stellung irgendwelcher Zustände zu diesen Zuständen Stellung
und der Text. Sie bilden ihr AnschauungsmateriaL nähme, hätte die alte Oper ihre Schlacht verloren, der Zu­
Diese Neuerungen setzen nati.irlich auch eine neue Haltung des schauer wäre >> drausgekommen<<. Die alte Oper enthielt natür-
Publikums voraus, das in den Opernhäusern verkehrt. lich auch Elemente, die nicht rein kulinarisch waren - man
muß die Epoche ihres Aufstiegs von der ihres Abstiegs unter-
scheiden -, >>Zauberflöte<<, >>Figaro<<, >>Fidelio<< enthielten weit-
4 Die folgen der Neuerungen : Beschädigung der Oper?
anschauliche, aktivistische Elemente. Jedoch war das Welt­
Zweifellos werden gewisse Wünsche des Publikums, die von der anschauliche, etwa das Wagners, stets so kulinarisch bedingt,
alten Oper ohne weiteres befriedigt wurden, von der neuen daß der Sinn dieser Opern sozusagen ein absterbender war
nicht mehr berücksichtigt. Wie ist die Haltung des Publikums und dann in den Genuß einging. War der eigentliche >>Sinn'' ab­
in der Oper, und kann sie sich ändern? gestorben, hatte die Oper keineswegs nun keinen Sinn mehr,
Herausstürzend aus dem Untergrundbahnhof, begierig, Wachs sondern eben einen anderen, nämlich den als Oper. Der Inhalt
zu werden in den I-länden der Magier, hasten erwachsene, war in der Oper abgelegt. Die heutigen Wagnerianer begnügen
im Daseinskampf erprobte und unerbittliche Männer an die sich mit der Erinnerung, daß die ursprünglichen Wagnerianer
Theaterkassen. Mit dem Hut geben sie in der Garderobe ihr einen Sinn festgestellt und also gewußt h�itten. Bei den von
gewohntes Benehmen, ihre Haltung »im Leben<< ab; die Gar­ Wagner abhängig Produzierenden wird sogar die Haltung
derobe verlassend, nehmen sie ihre Plätze mit der Haltung von des Weltanschauenden noch stur beibehalten. Eine Weltanschau­
Königen ein. Soll man ihnen dies übelnehmcn? Man brauchte, ung, die, zu sonst nichts mehr nütze, nur noch als Genuß­
um dies lächerlich zu finden, nicht die königliche Haltung der mittel verschleudert wird ! (»Elektra«, >>]onny spielt auf<< .)
käsehändlerischen vorzuziehen. Die Haltung dieser Leute in Eine ganze, reich entwickelte Technik, die diese Haltung er­
der Oper ist ihrer unwürdig. Ist es möglich, daß sie sie ändern? möglicht hat, wird beibehalten: in der Haltung des Weltan­
Kann man sie veranlassen, ihre Zigarrer1 herauszuziehen? schauenden geht der Spießer durch seinen beschaulichen All­
1 Ober die Bedeutung der »Titel< siehe » A nmerkungen zur >Dreigro­ tag. Nur von hier aus, vom absterbenden Sinn aus (also
schenoper«< [Seite 992 f. ] . wohlve rstanden : di ese r Sinn !wnntc ab sterben ) , werden d i e
Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen IoI 5
1014 Anmerku ngen zu Stücken und Aufführungen
Man fragt sidt: Warum dieser Marsch auf der Stelle? Warum die­
fortgesetzten Neuerungen verstä dlich, die die Oper h im­
n � ses zähe Festhalten am Genießerischen, an der B erausdtung?
suchen - als verzwei felte Versu , dieser Kunst hinterher emen
che Warum dieses geringe Interesse für die eigenen Angelegenheiten
Sinn zu verlei hen, einen >>neu e
en<< Sinn, wobei dann am E nd außerhalb dereigenen vierWände? Warum keine Diskussion?
das Musikalische selber dieser wa d e r .
Sinn wird ; wo also et Antwort: Es ist von einer Diskussion nichts zu erwarten. Eme
Ablau f der musikal ischen Formen als Ablauf einen S in n be
­ Diskussion der heutigen Gesellsdiafl:sform, ja sogar eine
koi_Ti mt und gewisse Propo rtionen, Verschiebungen un � so
Weiter aus einem Mittel glückl soldie nur ihrer unwichtigsten Bestandteile, würde sofort und
ich ein Zweck geworden stnd · unhemmbar zu einer absoluten Bedrohung dieser Gesellsdiafls­
Forts chritte, welche die folge
von nichts sind und nichts zu r form überhaupt führen.
Folge haben, welche nicht aus ,
neuen Bedi.irfnissen kommen Wir haben gesehen, daß die Oper als Abendunterhaltung ver­
sondern nur mit neuen Reizen
alte Bedürf nisse b efriedi g ,en
kauft wird, wodurch alle Versud1e, sie zu ändern, ganz be­
also eine rein konservierende Aufga
be haben. Man nimmt neue stimmte Grenzen finden. Wir sehen : diese Unterhaltung muß
stoffliche Elemente herein, die
>>an dieser Stelle<< noch n icht eine feierlidie und den Illusionen gewidmete sein. Warum?
bekannt sind, da sie, als >>diese Stelle<< eingen men wu rde,
au� an anderer noch nicht bekann gewese
om In der jetzigen Gesellsdiafl: ist die alte Oper sozusa?en n �dit
t n wa ren. (Loko­ >>wegzuden ken<<, Ihre Illusionen haben gesellschaftl ich wtdi­
motl ven, Maschi nenhallen, Aroplan
. e, Badezimm er und so tige Funktionen. Der Rausdi ist unentbehrlid1; nidits kann an
Wette r dienen als Ablenkung. Die
Bes�eren verne i nen den I n­ · der
halt überhaupt und tragen ihn seine Stelle gesetzt werden. Nirgends, wenn lll· Ch t 111
ischer Sprache vo r o der
I

in latein
vielmehr weg.) Das sind Portsd Oper, hat der Mensdi die Gelegenh e1t, em Menseh zu .. en ·1
· · bleib
1ritte welch e nur anzeigen,
�aß e�was zurliekgeblieben ist. Sie we :den gemacht, ohn daß Seine sämtlichen Verstandes funktionen sind längst zuruckge­
stdt dte Gesamtfunktion ä ndert, � . sdiraubt auf soldie des angstvollen Mißtrauens, der Übervor-
oder vielm ehr: n ur da mit dJe
sidt nidtt ändert. Und die Gebrauch teilung des anderen, der selbstischen Beredinung. .
smusik? . .
In dem gleidten Augenblick als man das konzertante, also Die alte Oper gibt es nidit nur deshalb noch, we1l SI� al: 1St,
nackteste l'art pour l'art erreicht hatte (es wurde als R eakti�n sondern hauptsächlidi deshalb, weil der Zustand, dem � Je �1ent,
auf das emotionelle Moment der impress ionistischen M u sJk nodi immer der alte ist. Er ist es nicht ganz. Und dann hegen
erreicht), tauchte sozusagen schaumgeboren der Begriff d er sd1ritte dar, wenn man einen grunds:itzlid1en Funktionswechsel dieser
Gebrauchsmusik auf, worin die Musik sozusag en von dem Laien Institutionen durchführen wiH. Dann sind sie quantitative Verbesserun­
Gebraudt machte. Der Laie wurde so gebraudit, wie eine Frau gen, Entledigungen, Reinigungsprozcsse, die von dem stattgefundenen
>>gebraudtt<< wird. Neuerung über Neuerun g: der hörmi.i �e oder stattzufindenden Funktionswechsel aus erst ihren Sinn bekommen.

Hörer wurde spiclfreudig. Der Kampf gegen die Hörfaulheit



Wirklid1er Fonsd1ritt ist nicht Fortgeschrittenscin, sondern Fortsd1re ten.
Wirklicher Fortschritt ist, was Fortschreiten ermöglid1t oder erzwmgt.
sdtlug direkt um in den Kampf für den Hörfleiß und dann Und zwar in breiter Front die angeschlossenen Kategorien mitbewcgend.
in den Spiclfleiß. Der Cellist des Orchesters, ein mehrfacher Wirklicher Fortschritt hat als Ursache die Unhaltbarkeit eines wirklichen
Familienvater, spielte nicht mehr aus Weltanschauung, sondern Zustandes und als Folge seine Veränderung.
.
aus Freude. Der Kuliaari smus war gerettet! ' I »Das Leben, wie es uns auferlegt ist, ist zu sd1wer für uns, es brmgt uns
.

zuviel Schmerzen, Enttäuschungen, unlösbare Aufgaben. Um es zu ertra­


I Neuerungen solcher A r t sind z u kritisieren, solange s i e lediglich der �
gen, können wir Linderungsmittel ni(ht entbehren. Solcher Mittel gi t es
Erneuerung überfäHig gewordcncr Institutionen dienen. Sie steHen Fort- vieHeicht dreierlei: mäd1tigc Ablenkungen, die uns unser Elend genng-
ror6 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen

die Aussichten der neuen Oper. Heute ist schon die Frage zu Zu »Die heilige johanna der Schlachthöfe«
stellen, ob nicht die Oper bereits in einem Zustand ist, in dem
weitere Neuerungen nicht mehr zur Erneuerung dieser Gat­
tung, sondern schon zu ihrer Zerstörung führen.' Erklärung des Sinns der
Mag »Mahagonny<< so kulinarisch sein wie immer - eben so »Heiligen Johanna der Schlachthöfe«
kulinarisch, wie es sich für eine Oper schickt -, so hat es dod1
In Zeiten, wo für sehr große Massen des Volkes das herr­
schon eine gesellschaftsändernde Funktion; es stellt eben das
schende gesellschaftliche System, das Arbeit und Broterwerb
KulinarisdJC zur Diskussion, es greift die Gesellschaft an, die
regelt, unerträgliche Härten verursacht, kann es nicht wunder­
solche Opern benötigt; sozusagen sitzt es nod1 prächtig auf
nehmen, wenn diese Massen (selber oder durch den Mund
dem alten Ast, aber es sägt ihn wenigstens schon (zerstreut
derer, die für sie sprechen) die großen geistigen Systeme über­
oder aus schlechtem Gewissen) ein wenig an . . . Und das
prüfen, welche die Lebenshaltung in moralischer und religiöser
haben mit ihrem Singen die Neuerungen getan.
Hinsicht zu gestalten suchen. Für die Institutionen, die diese
Wirkliche Neuerungen greifen die Basis an.
Systeme vertreten, wie die Kirchen, Schulen und so weiter,
stellt sich das so dar: Riesige Teile der Arbeiterschafl:, unzu­
5 Für Neuerungen - gegen Erneuerung! frieden mit dem herrschenden gesellsd1aftlichen System, er­
Die Oper »Mahagonny<< wurde 1 9 28!29 geschrieben. In klären diese Institutionen für organisatorisch und geistig ver­
den anschließenden Arbeiten wurden Versuche unternommen, knüpft und verbündet mit der gesellschaftlichen Ordnung,
das Lehrhafte auf Kosten des Kulinarischen immer stärker zu die für sie keine Lebensmöglichkeit mehr schafft, und wenden
beto� cn. Also aus dem Genußmittel den Lehrgegenstand zu sich von bestimmten religiösen und moralischen Gedanken­
entwickeln und gewisse Institute aus Vergnügungsstätten in gängen ab.
Publikationsorgane umzubauen.
19JO und 1938 Bredn. Suhrkamp.
Ist »Die heilige Johanna der Schlachthöfe«
schät � en laosen, Ersatzbefriedigungen, die es verringern, Rauschstolfe, die ein realistisches Werk?
uns fur dasselbe unempfindlid1 machen. Irgend etwas dieser Art ist uner-
Lißlich Die Ers·ltzbefr't ed'tgungcn, · d'lC KUllSt S l· C b'ICtCt, $111
WIC · d gegen d 'IC Leute, die sich über den Unterschied zwischen Realismus und
. .:

. •
Realnat I l lusiOnen, darum nich t minder psychisd1 wirksam , dank der Materialismus nicht klar sind, werden dieses Werk kaum für
Rolle, die die Phantasie im Seelenleben behauptet hat.• (f'reu d , Das
ein realistisches halten. Es ist sogar fraglich, ob sie es als ein
Unbehagen in der Kultur, Seite 22.) »Diese Ibusdunittel tragen unter
Umsünden die Schuld daran, daß große Energiebetrige, die zur Verbes­
materialistisches Werk bezeichnen würden.
serung des menschlichen Loses verwendet werden könnten ' nutzlos ver- Schon das Formale wi.irde sie wohl t�iuschen.
lorengc·hen.« (Ebendaselbst, Seite 28.) Außer den stofflichen Komplexen sind nämlich auch noch
I In der Oper »Mahagonny« sind dies jene Neuerungen, d i e es dem gewisse historische Darstellungsweisen der Stoffelemente
Theater ermöglichen, Sittensd1ilderun��en zu bringen (den Warencharakter
ausgestellt, so daß das Werk unter anderm auch zu einer
des Ver��ni.i t:c n ;; sowie den des sich Vcrgniigcndcn a u fzud<!tken), und jene,
d u n! , d i •; der Zmduucr moral isch eit.gcstellt w i rd . Untersuchung verschiedener Darstellungsweisen wird, ein
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- ------ ---- - - ·- - ...

xox 8 Anmerkungen zu Stütken und Aufführungen Anmerkungen zu Stütken und Aufführungen 1019

zweifellos verwirrender Umstand ! Die Verbundenheit einer be­ [Anmerkungen zu


stimmten Handlungsweise der Menschen mit ihrer Ausdrucks­ »Die heilige Johanna der Schlachthöfe«]
weise (die sie in der Kunst findet - siehe besonders die
Schlußszene!) mag verwirren, aber auf diese Weise werden Das Stück ist entstanden aus dem Stück >>Happy End<< von
bestimmte Darstellungsweisen zerstört, indem ihre soziale Elisabeth Hauptmann unter der Mitarbeit von Borchardt,
Funktion gezeigt wird, und das ist realistisch gehandelt! Burri und Hauptmann. Es wurden klassische Vorbilder und
Nun ist aber schon Stilisierung selber ein Moment, das un­ Stilelemente verwendet: die Darstellung bestimmter Vorgänge
realistisch wirkt, besonders, wenn die Jetztzeit stilisiert er­ erhielt die ihr historisch zugeordnete Form. So sollen nicht
scheint. (Altere Dichtungen wirken auch, wenn sie starke Sti­ nur die Vorgänge, sondern auch die Art ihrer literarisch-thea­
lisierung enthalten, oft noch realistisch.) Die Vorgänge spielen tralischen Bewältigung ausgestellt werden.
sich in der Natur tatsächlich erkennbar anders ab erkennbar
anders, weil sie nicht nur mit den unmerklichen Ve� kürzungen
d : r üblichen perspektivischen Zeichnung dargestellt werden.
Em Moment der Mannigfaltigkeit fehlt in der Stilisierung, »Die heilige Johanna der Schlachthöfe<< ist ein Stück nicht- ·

d�s in der Realität da ist. Es ist entfernt, weil Vieldeutigkeit aristotelischer Dramatik. Diese Dramatik erfordert eine ganz
mcht geduldet werden soll, aber Vieldeutigkeit ist ebenfalls ein bestimmte Einstellung ihres Zuschauers. Er muß imstande sein,
Moment der Realität! in einer ganz bestimmten erlernbaren Haltung die Vorgänge
Tatsächlich ergibt Stilisieren ohne Dialektik keine realistischen auf der Bühne zu verfolgen, sie in ihrem allseitigen Zusam­
Werke. Ein gewisses leichtfertiges Abstrahieren ist nicht Sache menhang und totalen Verlauf zu begreifen. Und zwar zum
eines Realisten. Dennoch abstrahiert er. Die Formel »Ver­ Zwecke einer gründlid1en Revision seines eigenen -yerhalte� s.
.
wand!ung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg<<, Er darf sich nidlt spontan mit bestimmten Figuren Identifizie­
der d1e Formel » Imperialistischer Krieg als eine Erscheinung ren, um dann lediglich an ihrem Erleben teilzunehmen. Er geht
des Bürgerkriegs<< zugrunde liegt, ist eine Stilisierung. Erst also nicht aus von ihrem intuitiv erfaßten »Wesen«, sondern
ihre nähere Konkretisierung zeigt den Realisten, ihre Verknüp­ aus ihren Außerungen und Handlungen setzt er die Gesamt­
fung mit der Praxis, der eigenen und fremden, ist Realismus. prozesse zusammen.
Untersuchungen über die Wirksamkeit etwa des Verhaltens des (Zu dieser Einstellung verhilft ihm nicht unter allen Umstän­
Johanna-Mauler-Typus in unserer Zeit sind zweifellos Unter­ den suggestiv das Kunstwerk; es kann auch nötig sein, daß
nehmungen von Realisten auch dann, wenn das Feld, auf dem er sie auf anderem Wege, durd1 einfache Lebenserfahrung oder
sie sich auswirkt, konstruiert ist. auch durd1 Studium und so weiter, sich aneignet.)

So steht in der »Heiligen Johanna der Schlachthöfe<<, einem


Stück dieser Dramatik, nicht das »innere Wesen der Religion<<,
die Existenz Gottes, der Glaube zur Diskussion. Was zur
Anmerkungen zu Stiid,en und Aufführungen 102 1
1 020 Anmerkungen zu Stüd,cn und Aufführungen

Di�kussion steht, isfdas Verhalten des religiösen Menschen (so­ 4


weit es von außen wahrnehmbar ist), das Reden von Gott, die
Um die versd1iedentlid1 von Katholiken mit Empörung zi­
Bemühungen von Menschen, Glaube zu erzeugen. Das Ziel des
tierte, verzweifelte Warnung der Johanna Dark :
Stückes, eine tiefgreifende und zum Handeln ausreichende
[ »Darum, wer unten sagt, daß es einen Gott gibt
Erkenntnis der großen gesellschafl:lichen Prozesse unserer Zeit
Und kann sein unsichtbar und hülfe ihnen doch
zu vermitteln, würde verfehlt werden durch eine Lästerung
Den soll man mit dem Kopf auf das Pflaster schlagen
»Gottes<< oder eine Verächtlichmachung des religiösen Verhal­
Bis er verreckt ist<<]
tens. Denn wichtig ist von diesem Standpunkt aus die Auf­
zu verstehen, muß man sie genau nehmen und wird dann
s� üru �g der Folgen religiösen Verhaltens in ganz bestimmten das
sehen, daß sie keineswegs über Gott spridn , sondern i.iber
S1tuauonen unserer Zeit und eines ganz bestimmten histo­ einer
rischen, jetzt wahrnehmbaren Verhaltens. Reden von Gott, und zwar i.iber ein bestimmtes Reden in
über
bestimmten Situati on und von bestim mten Aussagen
Gott
Gott. Sie spricht nämli ch von jenen Reden, nach denen
haben
3 keinerlei Wirksamkeit in gesellschafl:licher Hinsich t zu
die Mens d1en
Das Stück bezeichnet als notwendig für die Beurteilung des braucht, an einen solche n Gott glaubend, müssen
sie inner lim
..
Verhaltens reI'lßlOSer · ·
I nsmuuonen nichts Bestim mtes durchsetzen. Es geniigt, wenn
. (wie der Sekte der Schwar- der hier an­
zen Strohhüte) das Erfassen der Giinze einer solchen Bewe­ gewisse Sensa tionen versp üren. Der Glaube,
Umw elt betriff t,
gung. Diese Bewegung wird gezeigt als eine in sich wi­ empfohlen wird , ist ein folge nlose r, was die
Joha nna ein sozia ­
dersp �uchsvolle: Zu ihr gehören untrennbar das religiöse und [ . . . ] ihn anzuempfehlen, nenn t die
Ingenmm � die Johanna Da rk) und der Apparat (Paulus Sny­ les Verbred1en.
der und d1e übrige Station). In den Streit dieser Gegensätze
d�rf sich aber der Zuschauer nicht zu sehr einmischen. Er soll


mcht etwa die Johanna anerkennen und den Apparat verwer­
en oder umgekehrt. � ei� e Kritik soll erfolgen an dem Ganzen
�r betreffenden Insntuuon, denn im gesellschafl:lichen Prozeß
tritt die in sid1 widerspruchsv olle Institution als ein Ganzes
�uf. Weder die Johanna allein noch der Apparat allein könnte
J �ne Folgen zeitigen, die in der Wirklichkeit wahrneh mbar
Sl � d. Ebenso ist auch die »andere Welt<< der Schlachthöfe eine
vndersprud1svolle Einheit, und in gewisser \'V'c ise, nämlich den
ausges�errten Arbeitern gegenüber - und hier erst erfolgt der
.
eigenthdle große kritische Hinweis auf die Unhaltbarkeit un­
serer � u�tände dur� das Stück -, bilden Johanna und Mau­
lcr, mit Ihnen ehe Schwarzen Strohhüte und die Besitzer der
eroßcH 1-'rr,dulniommittc: l, eine Einheit.
Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 1 02 3

Ztt den Lehrstiicken' teeschied macht, dann überläßt man die Politik dem Tä-
tigen und die Philosophie dem Betrachtenden, während doch
in Wirklichkeit die Politiker Philosophen und die Philosophen
Politiker sein müssen. Zwischen der wahren Philosophie und
[Über die Aufführung von Lehrstücken] der wahren Politik ist kein Unterschied. Auf diese Erkenntnis
folgt der Vorschlag des Denkenden, die jungen Leute durch
Wenn ihr ein Lehrstück aufführt, müßt ihr w1e Schüler
Theaterspielen zu erziehen, das heißt, sie zugleich zu Tätigen
spielen.
und Betrachtenden zu machen, wie es in den Vorschriften für
Durch ein betont deutliches Sprechen versucht der Schüler,
die Pädagogien vorgeschlagen ist. Die Lust am Betrachten
immer wieder die schwierige Stelle durd1gehe nd, ihren Sinn
allein ist für den Staat schädlich; ebenso aber die Lust an der
zu ermitteln oder für das Gedächtn is festzuha lten. Auch seine Tat allein. Indem die jungen Leute im Spiele Taten vollbringe� ,
Gesten sind deutlich und dienen der Verdeutlidmng. Andere die ihrer eigenen Betrachtung u nterworfen sind, werden sie
Stellen wiederum müssen schnell und beiläufi g gebracht wer­ für den Staat erzogen.\ Diese Spiele müssen so erfunden und
den wie gewisse rituelle, oft gei.i bte Handlun gen. Das sind die ·
so ausgeführt werden� daß der Staat einen Nutzen hat. über
Stellen, die jenen Passagen einer Rede entsprechen, durch die
den Wert eines Satzes oder einer Geste oder einer Handlung
gewisse Informationen gegeben werden , die für das Verständ­
entscheidet also nicht die Schönheit, sondern: ob der Staat
nis des folgenden Hauptsächlichen nötig sind. Diese Stellen,
Nutzen davon hat, wenn die Spielenden den Satz sprechen,
die ganz dem Gesamtprozeß dienen , sind als Verrich tungen zu
die Geste ausführen und sich in die Handlun g begeben. Der
bringen. Dann gibt es Teile, die Schaus pielkunst benötigen
Nutzen, den der Staat haben soll, könnte allerdings vo?
ähnlich der alten Art. So wenn typisches Verhal ten gezeigt
platten Köpfen sehr verkleinert werden, wenn sie zum Bel­
werden soll. Denn es gibt ein gewisses praktis ches Verhalten
spiel die Spielenden nur solche Handlungen vollführe� lassen
des Menschen, das ebenfalls Situati onen schaffen kann, die
würden, die ihnen sozial erscheinen. Aber gerade d1e Dar­
dann neue Haltungen nötig machen oder ermöglichen. Um
stellung des Asozialen durch den werdenden Bürger des Staa-
etwa die typischen Gesten und Redensarten eines Mannes zu
tes ist dem Staate sehr nützlich, besonders wenn sie nach ge­
zeigen, der einen andern überreden will, muß man Schau­
nauen und großartigen Mustern ausgeführt wird. Der Staat
spielkunst anwenden.
kann die asozialen Triebe der Menschen am besten dadurch
verbessern daß er sie die von der Furcht und der Unkennt­
nis komm�n, in eine� möglichst vollendeten und dem ein­
Theorie der Pädagogicn zelnen selbständig beinah unerreichbaren Form von jedem
erzwingt. Dies ist die Grundlage des Gedankens, das Theater­
Die bürgerlichen Philosophen machen einen großen Unter­ spielen in Pädagogien zu verwenden.
schied zwischen den Tätigen und den Betrachtenden. Diesen
Unterschied macht der Denkende nicht. Wenn man diesen Un-
1 [Anmerkungen zu •Die Horatier und Jie Kuriatier� siehe Seite
1 097 f.]
1 024 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 102 5

1 Zur Theorie des Lehrstücks Die Begleitmusik kann auf mechanisd1e Weise erstattet wer­
den. Andrerseits ist es für Musiker lehrreich, zu mechanismen
Das Lehrstück lehrt dadurch, daß es gespielt, nicht dadurch, Vorstellungen (im Film) die Musik zu erstellen; sie haben
daß es gesehen wird. Prinzipiell ist für das Lehrstück kein dann die Möglichkeit, innerhalb des Rahmens des für das
Zuschauer nötig, jedoch kann er natürlich verwertet werden. Spiel Benötigten Variationen eigener Erfindung zu erproben.
Es liegt dem Lehrstiick die Erwartung zugrunde, daß der
Spielende durch die Durchführung bestimmter Handlungswei­ Aum für das Spielen muß, innerhalb des Rahmens gewisser
sen, Einnahme bestimmter Haltungen, Wiedergabe bestimmter Bestimmungen, ein freies, natürliches und eigenes Auftr�ten
Reden und so weiter gesellschafi:Iid1 beeinflußt werden kann. � des Spielers angestrebt werden. Es handelt sim natürlim mmt
Die Nachahmung hochqualifizierter Muster spielt dabei cm'e um eine memanische Abrichtung und nimt um die Herstel­
große Rolle, ebenso die Kritik, die an solchen Mustern durch lung von Durchsdmittstypen, wenn aum die Herstellung
.
ein überlegtes Andersspielen ausgeübt wird. eines hohen durmsdmittlichen Niveaus angestrebt wrrd.
Es braucht sich keineswegs nur um die Wiedergabe gesellschafl:­
lich positiv zu bewertender Handlungen und Haltungen zu f�m Lehrstliek ist eine ungeheure Mannigfaltigkei� mögli
. �
n srch
handeln; auch von der (möglichst großartigen) Wiedergabe Bei der Auffü hrung des »Bade ner Lehrstücks<< hrclte ..
asozialer Handlungen und Haltungen kann erzieherisd1e Wir­ smrei ber auf der Buhn e
der Stücksmreiber und der Musik
den
kung erwartet werden. auf und griffe n dauernd ein. Der Stückschreiber wies.
und als
Asthetische Maßstäbe für die Gestaltung von Personen, die Clowns öffentlim den Platz für ihre Darbietung an,
großer
für die Schaustücke gelten, sind beim Lehrstück außer Funk­ die Meng e den Film, der tote Mensd1en zeigte , mit
Spre­
tion gesetzt. Besonders eigenzügige, einmalige Charaktere fal­ Unruhe und Unlust ansah, gab der Stüd{schreiber den:
Be­
len aus, es sei denn, die Eigenziigigkeit und Einmaligkeit wäre cher den Auftrag, am Schluß auszurufen : "Noch malig e
des
das Lehrproblem. tracht ung der mit Unlus t aufgenommenen Darst ellung
Die Form der Lehrstücke ist streng, jedoch nur, damit Teile Todes<<, und der Film wurde wiederholt. )
- (
eigener Erfindung und aktueller Art desto leichter eingefiigt
werden können. (In »Die Horatier und die Kuriatier•< etwa
kann vor jeder Schlacht ein freies Rededuell der >> Feldherrn<< Mißverständnisse über das Lehrstüd<:
stattfinden, in der »Maßnahme<< können ganze Szenen frei
eingefügt werden und so weiter.) Einige Versuche der neueren Dramat ik, die sid1 auf der Bühne
Für die Spielweise gelten Anweisungen des epischen Theaters. einer »epischen « (erzählend en) Darstellun gsweise bedient,
Das Studium des V-Effekts ist unerläßlich. einer antimetaphysischen dialektischen nichtaristotclisdien
Die geistige Beherrschung des ganzen Stücks ist unbedingt nö­ Dramati k, sind unter der Bezeichnung »Lehrstücke « in der
tig. Jedoch ist es nidn ratsam, die Belehrung darüber vor dem t..Hf entlimke it di�kutiert, mißverstanden und in ihrer äußeren
eigentlichen Spielen abzuschließen. Form sofort imitiert worden. Angesid1ts dieser niederschmet­
Prinzipiell kann der Lehreffekt auch erreicht werden, wenn ternden Erfah rung erschein t e s frat�lich, ob n icht die Bezeich­
der Spielende als Partner im Film Auftretende hat. n WJ \� » Lchr ;tiid; ., eine sehr unglück l iche und die formale
ro26 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen r o27

Unterstreichung des Lehrhaften in diesen Stücken und ihrer die für uns unbelehrbar ist und ausscheidet. Sie fassen wie
Darstellungsweise ein schwerer Fehler war. Die Schultafel wir das Lernen als Prozeß auf, und zwar als ständigen le­
kann für den Unterricht nützlich sein, ihre offizielle Einfüh­ benslänglichen Prozeß der Angleichung an die Verhältnisse.
rung in die Stätten der Vergnügungen und Erlebnisse demon­ Sie sind also nicht fertig, bevor sie gestorben sind, sie sind
strative Bedeutung haben, sie ist aber nidn die Hauptsache nicht beleidigt, wenn sie belehrt werden. Sie verstehen es
der Lehre. Zumindest ist sie ohne die Lehre nichts besonders nicht nur, sid! von den Verhältnissen belehren zu lassen, son­
Aufregendes. Es war nicht geplant, der individuellen Recht­ dern auch von Menschen, und sie wissen sogar, daß aud! die
haberei und Ansichtskrämerei der Literaten eine dramatische Verhältnisse zum großen Teil von Menschen produziert wer­
und theatralische Form zur Verfügung zu stellen. War es also den, und zwar von ebenfalls belehrbaren. Gerade diese Art
unrichtig, hier Mißverständnisse zu riskieren? Waren Miß­ der Verhältnisse sonst so schicksalhafte fetischartige Phäno­
verständnisse vermeidbar? mene, macht di � Verhältnisse ja erst handhabbar. Aber sie
Um ein neues Mißverständnis zu vermeiden : Die Frage soll wollen es auf dem Weg der Erfahrung wissen, und zwar der
nicht sein, ob es, im Interesse des Lehrens, besser gewesen sensuellen Erfahrung, auf dem Weg des Erlebnisses. Sie wollen
wäre, zu verbergen, daß gelehrt werden sollte. Viele, darunter hineingezogen werden, nicht gegenübergestellt. Ihnen ge­
»fortschrittliche<< Leute, verlangen tatsäd11ich diese Kaschie­ genüber ist es nötig, den Begriff des Lehrstücks, der erkenn­
.
rung des Lehrens, wollen auf eine unterirdisch raffiniert bar pädagogischen Dramatik, zu verteidigen. Er w1rd ver­
intrigante Art belehrt werden, hassen den erhobenen Zeige­ teidigt, indem er vertieft wird.
finger und wollen es durch die Blume wissen. Schon gesell­ Es ist also jetzt nicht mehr die Frage: Soll gelehrt werden?
s�aftlich betrachtet gilt das Doktrinäre als unfein. Die angeb­ Es ist jetzt die Frage: Wie soll gelehrt und gelernt werden?
liche Verpöntheit, eine Meinungsverschiedenheit erkennen zu
lassen in der vornehmen englischen Gesellschaft, wurde in un­
zähligen Zeitungsartikeln gepriesen. Ich würde aber meinen Anmerkung zum »Badener Lehrstück«
Freunden, die es durch die Blume (auf graziöse Art) wissen
wollen, unrecht tun, wenn ich ihre Vorschläge und Bedenken Ohne hier näher einzugehen auf die besonderen Gesetze des
nicht tiefer ansetzte. Sie versprechen sich, absehend von den Lehrstücks (dies wird in einer ausführlichen >>Theorie der
Wirkungen des gesellschaftlichen Schocks, tatsächlich einfach Pädagogien<< geschehen), müssen hier in aller Kürze die An­
mehr pädagogische Wirkung von einer ganz konkreten, im rein weisungen des Komponisten Hindemith (im Klavierauszug
Ansd1aulichen bleibenden, auf die Abstrahierung verzichten­ zum »Lehrstück<<, dem die erste, ganz unvollständige Fas­
den Lehrart. Sie fürchten, wie gesagt, nicht so sehr den gesell­ sung des Textes zugrunde liegt) als abwegig korrigiert wer­
schaftlichen Schock. Es ist verhältnismäßig leidn, ihnen zu den. Hindemith meint:
zeigen, daß dieser Schock sozial bedingt ist und nur eine Ge­ »Da das Lehrstück nur den Zweck hat, alle Anwesenden an
sellschaftsschicht charakterisiert, die unter Lernen etwas ganz der Ausführung eines Werkes zu beteiligen, und nicht als
Bestimmtes, beinahe Verächtliches versteht, die Aneignung musikalische und dichterische .Äußerung in erster Linie be­
von Bildungsbesitz, den Erwerb einer Ware und das Gelernt­ stimmte Eindrücke hervorrufen will, ist die Form des Stük­
sein als Fertig-zur-Karriere-Sein betrachtet, also eine Schid1t, kes dem jeweiligen Zwecke nach Möglichkeit anzupassen. Der
z o2 8 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen ' Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 102 9

in der Partitur angegebene Verlauf ist demnach mehr Vor­ Anmerkungen zur »Maßnahme«
schlag als Vorsdtrifl:. Auslassungen, Zusätze und Umstellungen
sind möglich. Ganze Musiknummern können wegbleiben, der
r Offener Brief an die künstlerische Leitung der Neuen Musik
Tanz kann ausfallen, die Clownszene kann gekürzt oder aus­
Berlin 19 3 0, Heinridt Burkhard, Paul Hindemith, Georg
gelassen werden. Andere Musikstücke, Szenen, T:-inze oder
Sdtüncmann
Vorlesungen können eingefügt werden, wenn es nötig ist und
die eingefügten Stücke nicht den Stil des Ganzen stören. Klei­ Sie haben es abgelehnt, die Verantwortung für die Auffüh­
nere Übungen können darin bestehen, das Examen allein oder rung unseres neuen, zwischen uns verabredeten Lehrstücks
den Anfang und das Examen auszuführen. Andere Teile vor Ihrem uns namentlidt nid1t bekannten >> Programmaus­
können ebensogut allein geübt werden. Dem die Übung Lei­ schuß<< zu übernehmen und fordern uns auf, den Text diesem
tenden und der Gemeinschaft der Ausführenden ist es über­ Aussdmß zur Zerstret:ung politischer Bedenken vorzulegen.
lassen, die für ihren Zweck passende Form zu finden.<< (Diese Kontrolle, fügen Sie hinzu, komme für alle Werke
An diesem Mißverständnis ist wohl hauptsächlich meine in Betracht.) Wir haben dies abgelehnt. Hier der Grund:
eigene Bereitwilligkeit, einen unabgeschlossenen und miß­ Wenn Sie Ihre so widnigen Veranstaltungen, in denen Sie neue
verständlichen Textteil, wie es die in Baden-Baden aufge­ Verwendungsarten der Musik zur Diskussion stellen, weiter­
führte Fassung des Lehrstticks war, zu rein experimentellen führen wollen, dann dürfen Sie sich auf keinen Fall in finan­
Zwecken auszuliefern, schuld, so daß tatsächlich der einzige zielle Abhängigkeit von Leuten oder Institutionen begeben,
Sdmlungszweck, der in Betracht kommen konnte, ein rein die Ihnen von vornherein soundso viele und vielleimt nicht
musikalisch formaler war. Aber die Baden-Badener Auffüh­ die sdtlechtesten Verwendungsarten aus ganz anderen als
rung war natürlich lediglich zur Selbstverständigung und ein­ künst!erisdten Gründen verbieten. Sowenig es Ihre ki.inst­
malig gedacht. Selbstverständlich wäre der Lehrwert einer lerische Aufgabe sein kann, etwa die Polizei zu kritisie�en
:
solchen musikalischen Ü bung an einem » besinnlichen und die so wenig rät!idt wäre es etwa, ausgeredtnet von der Pohzet
Phantasie des Übenden ansprechenden« Text viel zu gering. Ihre künstlerisdten Veranstaltungen finanzieren zu lassen: Sie
Selbst wenn man erwartete, daß der einzelne »sich in irgend­ setzen sie n�imlidt eventuell der Vorkritik der Polizei aus. Es
was dabei einordnet<< oder daß hier auf musikalischer Grund­ gibt nämlich Aufgaben der neuen Musik, welche der Staat
lage gewisse geistige formale Kongruenzen entstehen, wäre zwar nicht verbieten, aber audt nicht gerade finanzieren kann.
eine solche künstliche und seichte Harmonie doch niemals im­ Seien wir doch zufrieden, wenn der Polizeipräsident unsere
stande, den die Menschen unserer Zeit mit ganz anderer Ge­ Arbeiten nicht verbietet ' fordern wir doch nidtt audt noch
walt auseinanderzerrenden Kollektivbildungen auf b reitester das Schupoorchester an! Im übrigen sind wir ja jetzt endlich
und vitalster Basis auch nur für Minuten ein Gegengewicht auf dem Stand, den wir immer ersehnt haben : Haben wir
zu schaffen. nicht immer nach Laienkunst gerufen? Hatten wir nimt schon
19]0 lange Bedenken gegen diese großen, von hundert Bedenken
gehemmten Apparate?
Ein positiver Vorschhg:
\Vir n e h m e n diese 'Wichtip,cn Veranstalt11ngen a11s allen Ab-
1 03 0 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen
I
I
Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 1 03 I

hängigkeiten heraus und lassen sie von denen machen, für die tung des Anfangs rückwirkend einen geschäfl:sordnenden und
sie bestimmt sind und die allein eine Verwendung dafür die geschäfl:sordnende Haltung einen heroischen Charakter.
haben: von Arbeiterchörerz, Laienspielgruppen, Schülerchören Es ist jedoch denkbar, daß dies auch erreicht ist, wenn der
und Schiilerorchestem, also von solchen, die weder fiir Kunst letzte Satz »Stellt dar, wie es geschah« ohne Musik kommt.
bezahlen noch fiir Kunst bezahlt werden, sandem Kunst b) Die unterbrechenden Rezitativakte in dem Teil I (� ie Le�­
machen wollen. ren der Klassiker) haben eine disziplinierende Funktion. S1e
Sie müssen einsehen, daß in der jetzigen Situation Ihr Rück­ legen die Zeitmaße der Sprechweise fest. Sie richten sich also
tritt von der künstlerischen Leitung der Neuen Musik Berlin keineswegs nach den Sprechern.
1 9 3 0 als Protest gegen alle Zensurversuche der neuen Musik
c) Bei den Stücken >>Lob der UdSSR<< , »Lob der illegalen A :­
mehr nützen würde, als wenn Sie im Sommer 1 9 3 0 noch ein­ beit«, »Andere die Welt: sie braucht es«, »Lob der .Parte!«
mal ein Musikfest feiern. wurden der Musik Theorien überliefert. Es handelte s1ch dar­
Berlin, den I 2. Mai 1930 Bertolt brecht. Hanns Eisler. um den Chören nicht zu gestatten, »sich auszudrücken«, also
wa�en Modulationen in der Tonstärke vorsichtig. anzuwen?en
Es blieb jedoch bei der Abhaltung des Musikfestes und der und auch melodische Buntheit zu verme1· den. D 1e Ch"ore smd
Ablehnung einer Aufführung der >>Maßnahme<< >>Wegen for­ hier mit voller Stimmstä rke unter Anstrengung zu singen.
maler Minderwertigkeit des Textes<<. 1 Sie haben o ;ganisatorischen Charakter, die Theorien selber
sind nicht bloße Widerspiegelungen (»wie sie es sehen«), son-
2 Die Musik zur »Maßnahme<< dern KampfmitteL .
d) Die Musik zum Teil 2 (Die Auslöschung) stellt emen Ver-
a) Die Einleitung enthält im Text eine Situationsänderung. such dar, eine gesellschafl:liche Umfunktionierung als hero­
Die Agitatoren unterbrechen die ihnen dargebrachte Rüh­ ischen Brauch zu konstituieren. Es ist denkbar, daß so etwas
mung mit dem Antrag, über ihre Arbeit eine Untersuchung gefährlich ist, denn ohne Zweifel wirkt dadurch der Vo;gang
anzustellen. Indem die Musik, im Ganzen einen Brauch kon­ rituell das heißt entfernt von seinem jeweiligen praktischen
stituierend, die Haltung des Kontrollchors nicht verändert, Zweck. Es wird darauf hinauslaufen, ob man in sol�en
unterwirf!: sie rückwirkend auch die Rühmung des Anfangs übungen Glorifizierungen psychischer Akte oder ledig�,ch
ihrer allgemeineren Funktion, eine geschäfl:sordnende Hal­ ihre Ermöglichung sieht. Jedenfalls wird hier (nur der Le1ter
tung als eine heroische zu fixieren. Wird also der Gesamtvor­ des Parteihauses singt!) ein emotionelles Feld geschaffen. Es
gang als sich von a bis b entwickelnd vorgestellt, wobei a eine ist durchaus nötig, daß die drei ihr »ja<< bewußt außerhalb
rühmende, b eine geschäfl:sordnende Haltung bedeutet, dann der Konstruktion der Musik, also feldfrei sprechen.
erhält dadurch, daß die Musik ihre heroisierende Haltung, e) Die Musik zu Teil 5 (Was ist eigentlich ein Mensch? � ist
die aus a genommen ist, bei b beibehält, die rühmende Hai- .
die Imitation einer Musik, die die Grundhaltung des Hand­
I •Die Maßnahme• wurde am z o . Dezember 1 9 3 0 durd1 den Arbeiterchor lers widerspiegelt, des Jazz. Die Brutalität, Dummhei�, So�­
Groß-Berlin mit den Schauspielern Helene Weigel, Ernst Busch, Alexan­ veränität und Selbstverachtung dieses Typus konnte m kei­
der Granach im Großen Schauspielhaus, llerlin, und später in der Philhar­ ner anderen musikalischen Form )>gestaltet« werden. Auch
monie, Berlin, aufgeführt.
gibt es kaum eine Musik, welche so provokatorisch auf den
1 03 2 Anmerkungen z u Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 1033

jungen Genossen wirken könnte. (Dennoch ist eine Ableh­ Versuche, aus der » Maßnahme<< Rezepte für politisd1es Han­
nung des Jazz, welche nicht von einer Ablehnung seiner ge­ deln zu entnehmen, ohne Kenntnis des Abc des dialektischen
sellschafl:lidien Funktionen herkommt, ein Rückschritt.) Man Materialismus nicht unternommen werden. Für einige ethische
muß nämlich unterscheiden können zwischen dem Jazz als Begriffe, wie Gerechtigkeit, Freiheit, Menschlichkeit und so
Technikum und der widerlichen Ware, wcldJe die Vergnügungs­ weiter, die in der »Maßnahme<< vorkommen, gilt, was Lenin
industrie aus ihm machte. Die bürgerliche Musik war nicht über Sittlichkeit sagt: » Unsere Sittlichkeit leiten wir aus den
imstande, das fortschrittliche im Jazz weiterzuentwickeln, Interessen des proletarischen Klassenkampfes ab.<< (Band
nämlich das Montagemäßige, das den Musiker zum techni­ XXV, Seite 48 3.)
schen Spezialisten machte. Hier waren Möglichkeiten gezeigt,
eine neue Einheit von Freiheit des einzelnen und Diszipli­
5 Lenin über Lernen
niertheit des Gesamtkörpers zu erzielen ( Improvisieren mit
festem Ziele), das Gestische zu betonen, die Methode des »Es gibt nod1 keine Antwort auf die wichtigste, wesentlichste
Musizierens der Funktion unterzuordnen, also bei Funk­ Frage: Wie und was soll man lernen? Hier aber handelt es
tionswechsel Stilarten übergangslos zu wechseln und so sich in der Hauptsache darum, daß zugleich mit der Umge­
weiter. staltung der alten kapitalistischen Gesellsd1afl: die Unterwei­
sung, Erziehung und Bildung der neuen Generationen, die
die kommunistische Gesellschaft aufbauen werden, nicht nach
3 Sätze des Sprechers bei öffentlichen Aufführungen'
den alten Methoden betrieben werden kann.<< (Rede auf dem
dritten allrussischen Kongreß des kommunistischen Jugend­
4 Einübung der »Maßnahme << verbandes Rußlands am 2. Oktober 1 920. Band XXV, Seite
Die dramatische Vorführung muß einfach und nüchtern sein, 4 74 ·)
�esonderer Schwung und besonders >>ausdrucksvolles<< Spiel
smd überflüssig. Die Spieler miissen lediglich das jeweilige I9JI
Verhalten der vier zeigen, welches zum Verständnis und zur
Beurteilung des Falles gekannt werden muß. (Der Text der
drei Agitatoren kann aufgeteilt werden.) Jeder der vier Spie­ [Das Lehrstück »Die Maßnahme«]
ler soll die Gelegenheit haben, einmal das Verhalten des jun­
gen Genossen zu zeigen, daher soll jeder Spieler eine der vier Das Lehrstück »Die Maßnahme<< ist kein Theaterstück im üb­
Hauptszenen des jungen Genossen spielen. Die Vorführenden lichen Sinne. Es ist eine Veranstaltung von einem Massendlor
(Sänger und Spieler) haben die Aufgabe, lernend zu lehren. und vier Spielern. Den Part der Spieler haben bei unserer
Da es in Deutschland eine halbe Million Arbeitersänger gibt, heutigen Aufführung, die mehr eine Art Ausstellung sein soll,
ist die Frage, was im Singenden vorgeht, mindestens so wich­ vier Schauspieler übernommen. Aber dieser Part kann na­
tig wie die frage, was im Hörenden vorgeht. Jedoch sollten türlich auch in ganz einfacher und primitiver Weise ausge­
führt werden, und gerade das ist sein Hauptzweck
r [Siehe •Stücke•.) Der Inhalt des Lehrstücks ist kurz folgender:
1034 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 1035

Vier kommunistische Agitatoren stehen vor einem Parteige­ Diese Bezeichnung gilt nur für Stücke, die für die Darstellen­
richt, dargestellt durch den Massenchor. Sie haben in China den lehrhaft sind. Sie benötigen so kein Publikum.
kommunistisd1e Propaganda getrieben und dabei ihren jüng­ Der Stückschr eiber hat Aufführungen der >>Maßnahme<< im­
sten Genossen erschießen müssen. Um nun dem Gericht die mer wieder abgelehnt, da nur der Darsteller des Jungen Ge­
Notwendigkeit dieser Maßnahme der Ersdtießung eines Ge­ nossen daraus lernen kann, und auch er nur, wenn er auch
nossen zu beweisen, zeigen sie, wie sidt der junge Genosse einen der Agitatore n dargestel lt und im Kontrollchor mit­
in den verschiedenen politischen Situationen verhalten hat. gesungen hat.
Sie zeigen, daß der junge Genosse gefühlsmäßig ein Revolu­ 1956
tionär war, aber nicht genügend Disziplin hielt und zuwe­
nig seinen Verstand sprechen ließ, so daß er, ohne es zu wol­
len, zu einer schweren Gefahr für die Bewegung wurde. Der
Zweck des Lehrstückes ist also, politisdt unrichtiges Verhal­
ten zu zeigen und dadurch richtiges Verhalten zu lehren. Zur
Diskussion soll durdt diese Aufführung gestellt werden, ob
eine solche Veranstaltung politischen Lehrwert hat.

Fragebogen
r. Glauben Sie, daß eine solche Veranstaltung politischen
Lehrwert für den Zuschauer hat?
2. Glauben Sie, daß eine soldie Veranstaltung politischen
Lehrwert für den Ausführenden (also Spieler und Chor) hat?
J· Gegen welche in der »Maßnahme<< enthaltenen Lehrten­
deuzen haben Sie politische Einwände?
4· Glauben Sie, daß die Form unserer Veranstaltung für ihren
politischen Zweck die richtige ist? Könnten Sie uns nodt andere
Formen vorschlagen?

Anmerkung [zu den Lehrstücken]

Um Mißverständnisse zu vermeiden: Von den kleinen Stücken


sind ,.Das Badener Lehrstück vom Einverständnis<<, »Die
Ausnahme und die Regel«, »Der Jasager und der Neinsager«,
»Die Maßnahme« und »Die Horatier und die Kuriatier«
[ . . . ] Lehrstücke.
Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 1037

Zu »Die Mutter« bare, also beliebig zu verlängernde Röhren mit Leinwän­


den eingehakt werden konnten, gestattete in Berlin rasches
Anmerkungen zur »Mutter« Verwandeln. Dazwischen hingen in Rahmen verschließbare
Holztüren. In New York war die Bühne (Max Goreliks)
ähnlich, jedoch stabiler. Auf einer großen Leinwand des Hin­
tergrundes wurden Texte und Bilddokumente projiziert,
Das Stück >>Die Mutter<<, im Stil der Lehrstücke geschrieben , welche während der Szene stehenblieben, so daß diese Tafel
aber Schauspieler erfordernd, ist ein Sti.ick antimetaphysi­ ebenfalls den Charakter einer Kulisse bekam. Die Bühne
scher, materialistischer, nichtaristotelischer Dramatik. Diese zeigte also nicht nur in Andeutungen wirkliche Räume, son­
bedient sich der hingebenden Einfühlung des Zuschaucrs kei­ dern auch durch Texte und Bilddokumente die große gei­
neswegs so unbedenklich wie die aristotelische und steht auch stige Bewegung, in der die Vorgänge sich abspielten. Die Pro­
zu gewissen psychischen Wirkungen, wie etwa der Katharsis, jektionen sind keineswegs einfache mechanische Hilfsmittel
wesentlich anders. So wie sie nicht darauf ausgeht, ihren Hel­ im Sinne von Ergänzungen, keine Esclsbrüd�:en; sie nehmen
den der Welt als seinem unentrinnbaren Sd1icksal auszuliefern, keine Hilfsstellung für den Zuschauer ein, sondern Gegen­
liegt es auch nicht in ihrem Sinn, den Zuschauer einem sug­ stellung: sie vereiteln seine totale Einfühlung, unterbr�chen
gestiven Theatererlebnis auszuliefern. Bemüht, ihren Zu­ sein med1anisches Mitgehen. Sie machen die \Virkrmg mtttel­
schauer ein ganz bestimmtes praktisches, die Änderung der bar. Damit sind sie organische Teile des Kunstwerkes.
Welt bezweckendes Verhalten zu lehren, muß sie ihm schon
im Theater eine grundsätzlich andere Haltung verleihen, als
3 Projektionen '
er gewohnt ist. Nachstehend einige Maßnahmen, die bei der
Aufführung der >>Mutter<< in Berlin 1 9 3 2 und in New York
I 9 3 5 getroffen wurden.
4 Epische Darstellungsweise
Das epische Theater bedient sich denkbar einfachster, den Sinn
2 Mittelbare Wirkung der epischen Bühne der Vorgänge übersichtlich ausdrückender Gruppierungen. � ic
»Zufällige<<, >>Leben vortäuschende«, >>zwanglose« Gruppte­
Bei der ersten Aufführung der >>Mutter<< sollte die Bühne rung ist aufgegeben : Die Bühne spiegelt nid1t die >>natür­
(Caspar Nehers) keine wirkliche Ortlichkeit vortäuschen : sie liche<< Unordnung der Dinge. Das angestrebte Gegenteil na­
nahm sozusagen selber Stellung zu den Vorgängen, sie zitiertr., türlicher Unordnung ist natürliche Ordnung. Die ordnenden
erzählte, bereitete vor und erinnerte. In ihren spärlid1en An­ Gesichtspunkte sind geschichtlich-gesellschaftlicher Art. Der
deutungen von Möbeln, Türen und so weiter beschränkte sie Standpunkt, den die Regie einnehmen soll, wird nicht aus­
sich auf Gegenstände, die mitspielten, das heißt solche, ohne reichend gekennzeichnet, aber für manche erleid1tert, wenn
die die Handlung nicht oder anders verlaufen würde. Ein fe­ man ihn den eines Sittenschilderers und Historikcrs nennt.
stes System von wenig übermannshohen Eisenröhren, die in In der zweiten Szene der >> Mutter« sind etwa folgende, von
verschieden großem Abstand senkrecht auf den Bühnenboden
montiert waren und in die andere, waagerechte, verschieb- x [Siehe »Stücke<<.]
1 03 8 Anmerkungen z u Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 103 9

der Regie deutlich herauszuarbeitende, voneinander zu tren­ 1 . I n der ersten Szene sprach die Darstellerin, in einer be­

nende äußere Vorgänge enthalten: stimmten typischen Haltung in der Mitte der Bühne stehend,
r. Der junge Arbeiter Pawel Wlassow erhält zum ersten Male die Sätze so, als seien sie eigentlich in der dritten Person ver­
den Besuch revolutionärer Genossen, die in seiner Wohnung faßt, sie täuschte also nicht nur nicht vor, in Wirklichkeit· die
eine illegale Arbeit erledigen wollen. Wlassowa zu sein oder sich dafür zu halten und diese Sätze
2. Mit Kummer sieht seine Mutter ihn in der Gesellschaft in Wirklichkeit zu sagen, sondern sie verhinderte sogar, daß
revolutionärer Arbeiter. Sie versucht, sie zu verscheuchen. der Zuschauer, aus Nachlässigkeit und alter Gewohnheit, sich
3· In einem kleinen Lied erklärt die Arbeiterin Mascha Cha­ in eine bestimmte Stube versetzte und sich für den unsicht­
latowa, daß der Arbeiter, um Brot und Arbeit zu erkämpfen, baren Augenzeugen und Belauseher einer einmaligen intimen
den ganzen Staat >>von unten nach oben umkehren<< muß. Szene hielt. Vielmehr stellte sie dem Zuschauer offen die Per­
4· Eine polizeiliche Haussuchung zeigt Pclagea Wlassowa die son vor, die er nunmehr als handelnde und zu behandelnde
Gefährlichkeit der neuen Tätigkeit ihres Sohnes. einige Stunden lang sehen würde.
5 . Obgleich entsetzt über die Roheit der Polizisten, erklärt 2 . Die Versuche der Wlassow a, die Revolutio näre zu verscheu­
Pelagea Wlassowa doch, daß sie nicht den Staat, sondern chen wurden von der Darstelle rin so gezeigt, daß man bei
ihren Sohn für den Gewalttätigen hält. Sie verurteilt ihn
deswegen und mehr noch seine Verführer.

eini er Aufmerksamkeit ihre eigene Heiterkeit durchblicken
konnte. D ie Vorwürf e' die sie den Revolutionären macht,
6. Pelagea Wlassowa merkt, daß ihr Sohn zu einer gefähr­ waren eher erschrocken als hefl:ig, ihr Angebot, die Flugblätter
lichen Flugblattverteilung ausersehen ist und bietet sich, um zu verteilen, war voller Vorwurf.
3· Bei dem Eindrin gen in den Fabrikh of zeigte sie, � aß
ihn aus dieser Sache herauszuhalten, selber dazu an. es für
7· Die Revolutionäre übergeben ihr nach kurzer Beratung die die Revolut ionäre ein guter Gewinn sein würde, eme solche
Flugblätter. Sie kann sie nicht lesen. Kämpferin zu gewinnen. .
4· Ihre erste Belehrung über Ökono mie empf�ngt SI� m
.
Diese sieben Vorgänge müssen ohne Pathetisierung ebenso der
bedeutungsvoll und auffällig wie irgendwelche bekannten Haltung einer großen Realisti n. Mit einer gewtssen mcht un­
historischen Vorgänge dargestellt werden. Der Schauspieler freundlichen Energie bekämpf!: sie ihre Diskussionsgegner, und
dieses einer nichtaristotelischen D ramatik dienenden epischen zwar als Idealist en ' die die Wirklichkeit nicht wahrhaben
Theaters wird dabei alles tun müssen, um sich als zwischen wollen. Von einem Beweis verlangt sie nicht nur Wahrheit,
Beschauer und Vorgang stehend bemerkbar zu machen. Auch sondern auch Wahrscheinlichkeit.
dieses Sichbemerkbarmachen macht die Wirkung zu der an­ 5 . Die Maidemonstration wurde so gesprochen, als stünden
gestrebt mittelbaren. die Betreffenden vor Gericht, aber am Schluß deutete der
Darsteller des Smilgin den Zusammenbruch an, indem er sich
auf die Knie niederließ, und die Darstellerin der · Mutter
5 Als Beispiel: Beschreibung der ersten
Darstellung der Mutter beugte sich vor und ergriff bei ihren letzten Worten die ihm
entfallene Fahne.
Nachfolgend einiges, was die erste Darstellerin der Mutter 6. Von nun ab wurde die Mutter sehr viel freundliche r und
(Helene Weigel) durch episches Spiel zeigte: überlegener dargestellt, ausgenommen ganz zu Beginn dieser
1 040 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 104 I

Szenen, wo sie erschreckt wirkte. Das »Lob des Kommunismus« daß eine ganz passive, wenn auch plastische Haltung (des zu
wurde leicht und ruhig gesungen. Recht Verletzten) genügen müßte, den Gutsmetzger zum Be­
Die Szene, in der Pelagea Wlassowa mit anderen Arbeitern wußtsein seiner Klassenzugehöri gkeit zu bringen. Sie spielte
lesen und schreiben lernt, ist für den Darsteller eine der den kleinen und bescheidenen Tropfen, der das Gefäß zum
schwierigsten. Das Lachen der Zuschauer über einzelne Sätze überlaufen bringt. Das »Lob der Wlassowas« (Beispiel eines
darf ihn nicht davon abbringen, die Mühe des Lernens älterer einschränkend en Lobes) wurde vor der Gardine rezitiert, und
und unbeweglicher Leute zu zeigen und so den Ernst des zwar im Beisein der Wlassowa, die etwas entfernt seitlich da­
wahrhaft historischen Vorgangs zu erreichen, der Sozialisie­ beistand.
rung der Wissenschaft und geistigen Expropriation des Bür­ I O. Die Trauer der Mutter um den Sohn kann dadurch ange­
gertums durch das ausgebeutete und auf körperlid1e Arbeit deutet werden daß ihre Haare nunmehr weiß sind. Die
verwiesene Proletariat. Dieser Vorgang geht nicht >>Zwischen
den Zeilen<< vor sich, er wird direkt gesagt. Viele unserer
L
Trauer ist stari wird aber nur angedeutet. Selbstverständlich
vernichtet sie den Humor nicht. Die Beschreibu ng der Ver-
Schauspieler suchen nun, wenn in einer Szene etwas direkt f1üchtigung Gottes muß davon erfüllt sein.
gesagt wird, sofort unruhig etwas in ihr, was nicht direkt . ..

I r . Die Wirkun g der Szene hängt davo n ab, daß d!C Erschop­
fung Pclagea Wlassowas deutlich gezeigt wird. � ie hat ?roße
wäre, um dies darzustellen. Sie stürzen sich auf das »nicht
Auszudrückende« zwischen den Zeilen, das sie braucht. Da
Schwierigk eiten, klar und laut zu sprechen. Vor Jedem emzel­
dadurch aber das Ausdrückbare und Ausgedrückte zur Bana­
nen Satz schöpft sie neue Kraft in einer langen Pause. Dann
lität wird, ist dieses Verhalten schädigen d. . . bestimmt und ohne
spncht sw den S atz m1t · kl arer S umme,
· .
In der kleinen Szene » Iwan Wessowtsd1iko w erkennt seinen . . · Schu lung· D1e Dar -
Emotionen. So zeigt · s1e 1'I1re I angp"'lmge
Bruder nicht mehr« brachte die Darstellerin zum Ausdruck,
stellerin tut gut, ihr Mitleid mit der von ihr dargestellten
daß Pelagea Wlassowa an ein unveränderliche s Wesen des
Figur zu unterdrücken.
Lehrers nicht glaubt, aber auch nicht mit dem Finger auf die
I 2. Die Darstel lerin stellte sid1 hier nicht nur gegen d'Ie A r-
erzielten Veränderungen deutet.
beiter, mit denen sie sprach, sondern sie zeigte sich doch au�h
7· Pelagea Wlassowa hat unter den Augen des Feindes ihre
als eine von ihnen : mit ihnen zusammengenommen ergab sie
revolutionäre Arbeit mit dem Sohn zu erledigen, sie täuscht
das Bild des Proletari ats zur Zeit des Kriegsausbruchs. Beson­
den Gefängniswächter, indem sie ihm gegenüber das ihm vor­
ders das »]aa«, mit dem sie ihre letzte Replik in der I 2. Sze�e
schwebende rührende und folgenlose Verhalten einer Dut­
beginnt, wurde mit großer Sorgfalt gesprochen, so daß es bei­
zendmutter an den Tag legt. Sie ermöglicht ihm folgenloses
nahe zur Hauptwirk ung der Szene wurde. Bei gebeugter Hal­
tung (einer Greisin) hob die Darstellerin das I�inn nach . oben
Mitgefühl. So verwendet sie, selbst ein Beispiel ganz neuarti­
ger, eingreifender Mutterliebe, ihre Kenntnis der alten, ab­
und lächelte, das Wort langgedehnt und leise m1t Kopfsumme
gelebten familiären. Die Darstellerin zeigte, daß sich die Mut­
· aussprechend, als begriffe sie die Verführung zum Alle.s­
ter des Humors dieser Sachlage bewußt ist.
gehenlassen zugleich mit der Notwendigkeit, immerf� rt s�m
8. Auch in dieser Szene zeigte die Darstellerin, daß nicht nur
Kußerstes zu geben in der Lage, in der das Proletanat s1ch
sie selbst, sondern auch die Wlassowa die leichte Komik ihrer
befindet.
Verstellung lustig begreift. Sie zeigte deutlich die Überzeugung,
_ r3. Die Antikriegspropaganda machte die Darstellerin,
----------��--·· -·-'-"�� 11 .....,..,.
..
1 '

1 042 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen


Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 1 04 3

indem sie zunächst gebückt, abgewendet und verhüllt durch ein He sits down and starts lacing his shoes, meanwhile read­
großes Kopftuch sprach. Sie zeigte das Maulwurfsartige der ing in the book which he has placed on the table.
Arbeit. MOTHER looking at him, trottbled; then shaking her head:
Work to do! She goes back to the stove and stirs the sottp.
Immerfort aber wählte sie von allen denkbaren Zügen jene, Pavel.
deren Kenntnis eine politische Behandlung der Wlassowas im PAVEL withottt looking ttp from his book: Yes, mother.
weitesten Umfang ermöglichte (also auch ganz individuelle, MOTI-IER I'm almost ashamed to give you this soup for your
einmalige und besondere!), und solche, die den Wlassowas sel­ dinner; it's so thin. But I haven't anything to put in it,
ber ihre Arbeit ermöglichen; so also, als spiele sie vor einem Pavel: not a thing in the house. That penny an hour th�y
Kreise von Politikern - darum aber nicht weniger Schauspie­ cut you on your wages last weck: that makes such a ?lf­
lerio oder außerhalb der Kunst. ference, Pavel. I skimp and I save, but somehow I JUSt
can't make it up.
.
6 Chöre ' PAVEL absorbed in his reading, absently: That, s all nght,
mother.
7 Modell für weitere Szenen' MOTI-IER No ' it isn't all right. You work long hours; and
you work hard; you need better food. Iitrning back to the
8 Eine amerikanische Bearbeitung stove, shaking her head: Oh, it's bad, it's bad. M� o� ly
son, and I can't give him a good pail of soup for hls dm­
Um das dramatische Prinzip zu beleuchten, hier eine Bearbei­ ner! You're young, Pavel. You've got to grow. She turns
tung des Stückes, welche der amerikanische Dramatiker Pe­ towards him, bttt he is deep in his book. Why do you read
ters im Auftrage der Theatre Union in New York machte und those books all the time? You're dissatisfied now. With
welche wieder zu älteren Prinzipien zurückführte. your wages cut and the soup getting thinner you'll only
be more dissatisfied.
.
Einleitende Szene M eanwhile she has pottred the sottp into his dinner pazl
and brottght it to him, as he sits bent over the book on the
It is early morning in the kitchen and living room of Pe­ table.
lagea Vlassova. The Mother is cooking soup for her son. PAVEL Thanks.
Pavel enters from the little adjacent room, buttoning his shirt Withottt looking ttp from his book, he lifis the cover of the
collar. He carries a book in his hand. pail and smells at the sottp; then restoring the Iid, he pushes
PAVEL Good morning, mother. the pail back. .
MOTHER But, Pavel, it's only five o'clock. MOTHER Yes, I know, I know; it isn't good, Pavel. But what
PAVEL I know, Mother. I got up early this morning. I've got am I to do? What am I to do?
some work to do. Pavel doesn't answer. Short pause.
MOTI-IER I know what you're thinking. > The old woman, she's
I [Siehe •Stücke•.]
no help to me any more. She's just a nuisance. Why do I
1 044 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 1045

have to keep her and feed her and dress her out of my lt's going to be worse. '
small wages ?< Yes, yes, you'II leave onc of these days. She You can't go on this way
sits down, fretting. What am I to do, Pavcl, what am I But what's the answer?
to do? I stretch every kopek as far as it will go. I scrape
on wood and I skimp on light. I patch and I darn and In vain you work and spare yourself no cffort
I save. But it doesn't do any good, Pavel. It doesn't do To provide what can nevcr be provided
any good. I don't know what to do. To replenish what can never be replenished
Pavel still reading his book. But when the money is wanting, no work is enough.
1he Mother gets up arul starts to clean the room. She brushes It is not you who decides whcther or not
his coat, she dusts the furniture and sweeps the floor. Mean­ There shall be meat in your kitchcn.
while, a chorus of revo!utionary workers appears at both
sides of the stage and sings: Do what you will
CHORUS lt won't help you any
Work! Work harder, harder! You're in a bad way
Skimp and pinch and save! It's going to be worse.
Reckon, reckon more closcly! lt can't go on this way
But when the money is wanting But what's the answer?
Thcre's nothing you can do.
The chorus dims out. 1here is a knack an the door. Pavel
Do what you will gets up quickly. The Mother, surprised, turns and watches
It won't help you any him. A small group of revolutionary workers enters. Seve­
You're in a bad way ral of them have bulges uruier their coats.
lt's going to be worse. ANTON RYiliN Weil, here we are.
You can't go on this way PAVEL Hello, Anton ! Andrei !
But what's the answer? MASHA Zooking around: Yes, it Iooks safe here. They'll never

find us here.
Once there was a crow
ANDREr This is Masha Chalatova, Pavel. 1hey shake hands.
That could no Ionger feed its young
Pavel just joined last week. And this is I van, I van Ves­
And strugglcd helplessly against the winter storms
sovchikov. Pavel offered us his home, whcn thcre was spe­
And thcn, defeated, sat down and wept;
cial work to do.
So you are too defeated
More handshaking.
And so you weep.
IVAN There's plenty of that, all right.
Do what you will ANDREr We've got to print Ieaflets today, Pavel. That wage-cut
lt won't help you any has set the whole plant on its ear. We've been passing out
You'rc in a bad way Ieaflets the last three days.
r o46 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen I 04 7

MASHA ßut today's the day that counts. MOTHER not knowing what to say All right. All right.
ANDREI There's going to be a shop-meeting tonight to decide She goes back to the stove ands sits down an a stool.
whether we Iet them gct away with it - or strikc! MOTHER Now what am I to do? If I don't make tea for them,
ANTON So - he pulls a mimeograph out from zmder his coat he'll know I don't like them. Anton and Masha whisper
and holds it up - we brought our littlc printing plant along. to one another, as she watches them. They're whispering,
Masha pulls out several reams of paper from zmder her so I won't hear them. Humph! They must have a fine Iot
coat. They all laugh. of things that they can't talk out loud. She gets ttp and
PAVEL laughing with them: Sit down. Sit down Mother will goes with determination to the table. Pavel, what do you
make somc tea for you. . suppose the Iandlord would think, if he noticed t?at
They alt take off their coats, go to the table, set ttp their queerlooking people met here at five o'clock in the mormng
apparatzts, and prepare for work. . .
and printed things. We're behind on the rent as 1t 1s.
ANDREI handing Pavel the table-cloth he has removed: Here. PAVEL What makes you think he'll notice, mother?
, . 1'!
You'd better cover up the window, Pavel. IVAN Believe me, Mrs. Vlassova, that's what we re mam
ANTON By the way: where's your brother, Masha ? concerned about, your being behind on the rent. Maybe lt
MASHA We decided he'd better not come. Somebody seems to doesn't Iook that way, but it's the truth.
have followed him home yesterday. He thought he'd bet­ MOTHER curt: I'm not so sure about that. She returns to the
ter go straight to the factory this morning. stove and sits down again.
PAVEL Listen - they look up at him and he lowers his voice -, MASHA I don't think your mother likes us, Pavel.
talk low, will you? I'd rather she didn't hear us - with his ANDREI My mother's the same way. It's hard for her to rea­
head he points to the Mother at the stove. Shc isn't young lize that what we're doing will help her buy tea and pay
any more, you know. the rent.
They Iook at him and nod. Pause. MASHA sings to the Mother:
ANTON Weil, here's the stencil. Now, let's see . . . If you haven't any soup
Each one has a task, and they are soon busy at their work. How will you get food to eat?
A t the stove, the Mother goes slowly abottt the job of Then you must take the entire state
making tea. Now and then, slily, she tttrns about and wat­ And turn it upside down
ches them. She does not like what she sees. Until you get your soup.
MOTHER mumbling to herself That's a fine-looking crew he's That's how you'll get food to eat.
taken up with. I don't like their Iooks. They're going to
ruin him. They'll Iead him on into God only knows what If you' haven't any job
trouble. She slams the kettle down an the stove. No, sir! How are you ever going to live?
For such people I don't make any tea. She walks resolzttely Then you must take the entire state
over to the table. Pavel, I'm short on tea. You don't want And turn it upside down
weak tea, do you? Until you are your own boss.
PAVEL Sure. We don't mind weak tea, mother. Then there'l l be a job for you.
1 04 8 Anmerkungen zu Stiicken u n d Aufführungen Anmerkungen zu StUcken und Aufführungen 1 04 9

If people laugh and say you're weak Stücktypus nichtaristotelischer Dramatik, der sich der Darstel­
There isn't any time to lose lungsprinzipien eines neuartigen, nämlich epischen 1heaters
I t' s up to you to get bedient, verwertet einerseits die Technik des voilentwik­
The weak ones aii together. kelten bürgerlichen 1heaters, andererseits die der kleinen prole­
Then you'Il have a mighty strength. tarischen Spicltruppen, welche nach der Revolution in Deutsch­
Then no one wiii dare to laugh at you. land für ihre proletarischen Zwecke einen eigentümlichen und
neuartigen Stil ausarbeiteten; er ist nicht nur den Zuschauern,
There is a shrill whistle from outside. The little group stops sondern auch den Schauspielern, Regisseuren und Dramatur­
work instantly. gen unbekannt. Die Regieführung beansprucht plötzlich
IVAN Police! Kenntnisse politischer Art und Fähigkeiten künstlerischer Art,
ANDRE! Quick, the mimeog raph.
Masha goes toward tbe sofa die zur Inszenierung von Stücken von bekanntem Typus un­
whit it. No, not here. Out the window . Anton, hide the nötig sind.
Ieaflets. Sit on them. Wenn ein 1heater, so ist das proletarische 1heater in der Lage,
All this is hastily done. The Mother watches, bewildered. seinem Publikum voranzugehen, anstatt hinter ihm herzulau­
MOTHER The police? Pavel! Pavel,
what have you been doing? fen. Diesem Publikum vorangehen heißt aber nicht, es von
Why are the police coming here, Pavcl? What have you der Teilnahme an der Produktion ausschalten. Unsere 1heater
been printi ng? soilten in viel größerem Maßstab, als es geschieht, die Kon­
MASH A leading her gently
to a chair near the window: No­ troile der politisch und kulturell meistentwickelten Teile ihres
thing'� g�ing to happen. Just sit down and be quiet . Publikums über die Produktion organisieren. Eine ganze
By thls tlme, the mimeograph has been cleared away, arul Reihe von Fragen, die sich bei der Inszenierung der >> � utter «
the workers sit down. There is a mome ntary pause; then, .
. erhoben, hätten durch eine leicht zu organisierende Mrtarbert
wlthout knocking, the police break into the hause . von Arbeitern gelöst werden können. Niemals beispiel�weise
A POLICE MAN Stop where
you are ! The first person to movc hätten politisch geschulte Arbeiter dem 1heater zugestimmt,
will be shot . . . als es behauptete, es sei dem Publikum so wichtig, daß d: s
Stück nicht länger als zwei Stunden dauere, daß man dre
Diese Be� rbei �ung wurde von uns abgelehnt, jedoch gelang große (wenn auch nur sieben Minuten lange) Antikriegspro­
es uns mcht, rhre Tendenzen im Aufführungsstil zu unter­ paganda-Szene des dritten Aktes unbedingt streichen müsse.
drücken. Sie hätten sofort gesagt: Aber dann folgt auf eine Szene, in
der gezeigt wird, wie I 9 I 4 das Proletariat in überwiegender
9 Kritik der New Yorker Aufführung Mehrheit die Losungen der Bolschewiki ablehnt ( I z), unmit­
telbar, wie ein Geschenk des Himmels, das den untätig War­
(Für die Zeitschrift >>Ncw Masses<<) tenden zufäilt ( I 4), der Umschwung von I 9 I 7 ! Man muß
Die Aufführung des Sti.ickes >>Die Mutter<< durch die 1heatre doch zeigen, daß zur Herbeiführung solcher Umschwünge
Union stellt den Versuch dar, New Yorker Arbeitern ein revolutionäre Arbeit nötig ist, und man muß zeigen, wie sie
Stück von bisher unbekanntem Typus vorzustellen. Dieser gemacht werden soll. So argumentierend, hätten sie auch die
1050 Anmerkungen z u Stücken u n d Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 105 r

ästhetische Konstruktion des dritten Aktes gerettet, die durch men. ·Aus dem Zustreben des einzelnen zu seiner Partei in der
die unglückselige Streidmng der Hauptszene ruiniert wurde. Stunde der Gefahr wurde ein Roheitsakt, aus dem überallhin
Gleichzeitig verlangt und ermöglicht eine Dramatik vom Ty­ ausgesandten Ruf der Partei, auf den sich selbst die Todkran­
pus der >>Mutter« ein viel größeres Maß von Freiheit für die ken erheben, wurde das Aus-dem-Bett-Jagen einer kranken
Schwesterkünste, nämlich die Musik und die Bühnenarchitek­ alten frau. Das proletarisd1e Theater muß lernen, die ver­
tur, als das Stück anderen Typs. Wir haben uns sehr gewun­ schiedenen Kiinste, die es benötigt, zu freier Entfaltung zu.
dert über die geringen Möglichkeiten, die 'der ausgezeichnete bringen. Es muß verstehen, den künstlerischen und politischen
Bühnenbauer hatte, seine Intentionen zu verwirklichen. Er Argumenten Gehör zu geben und darf nicht dem Regisseur
wurde nicht für die Arrangements, die Stellungen der Schau­ Gelegenheit verschaffen, sich individuell >>auszudrücken<<,
spieler herangezogen, und er hatte nichts zu den Kostümen Eine wichtige frage ist die Frage der Vereinfachung. Damit
zu sagen. Die im letzten Augenblick vorgenommene Russifi­ das Verhalten der Figuren des Dramas so deutlich gezeigt wer­
zierung der Kostüme, eine politisch bedenkliche Operation, den kann, daß der Zuschauer die politische Bedeutung dieses
weil dadurch ein Bilderbucheindruck entstand und die Tatig­ Verhaltens voll erfassen kann, sind einige Vereinfachunge�
keit der revolutionären Arbeiter einen exotischen und loka­ nötig. Aber Einfachheit ist nicht Primitivität. Auf dem epr-
len Anstrich bekam, wurde ohne seine Befragung vorgenom­ sehen Theater ist es durchaus möglich, daß eine Figur sich in
men. Sogar die Beleuchtung wurde ohne ihn vorgenommen. allerkiirzester Zeit exponiert, indem sie zum Beispiel ei�fach
Seine Konstruktion zeigt offen den Lampenapparat und den _
berichtet: »Ich bin der Lehrer dieses Dorfes; ll)Cine Arbett tst /

musikalischen Apparat. Da aber die Klaviere während der sehr schwer da ich zuviel Schüler habe und so weiter.<< Aber
Musikstücke nicht beleuchtet wurden, hatte man nur den Ein­ was mögli ch ist, muß doch erst möglich gemacht w:rden. H!er
druck, es sei für sie lediglich kein Platz anderswo vorhanden ist Kunst nötig. Sprechweise und 'Gestus müssen hrer sorgfal- _
gewesen. (>> Ich habe einen Plan I ich kleb mir einen Bart I halt tig gewählt und groß geformt werden. Da das Interesse des
einen Fächer vorne dran I daß keiner ihn gewahrt.<<) Auf einer _
Zuschauers einzig auf das Verhalten der Figuren gelenkt wrrd,
desillusionierenden Bühne wurden die Beleuchtungstricks der muß, rein ästhetisch gesprochen, der jeweilige Gestus be�eu­
Illusionsbühne vorgeführt: Es gab stimmungsvolle Oktober­ tend und typisch sein. Die Regieführung muß vo� al �em hrst� ­
abendbeleuchtungen zwischen diesen ganz andere Wirkungen _
rischen B lick haben. Die kleine Szene zum Bersprel, m der dre

anstrebenden einfachen Wänden und Apparaten. Dieselbe Be­ Wlassowa ihre erste Lektion in der Ökonomie empfängt, ist
handlung erfuhr Eisler mit seiner Musik. Da die Regie Grup­ keineswegs nur ein Ereignis in ihrem eigenen Leben; es ist
pierung und Gestus der Singenden nicht für die Sache des Mu­ ein historischer Vorgang: Unter dem ungeheuren Druck des
sikers hielt, verloren einige Stücke ganz ihre.Wirkung, da ein Elends beginnen die Ausgebeuteten zu denken. Sie entdecken
falscher politischer Sinn entstand. Das Chorlied >>Die Partei die Ursachen ihres Elends. Stücke von diesem Typus sind so
ist in Gefahr<< beschädigte die ganze Aufführung. Die Regie sehr interessiert an der Entwicklung des Lebens, das sie schil­
ließ, anstatt den oder die Sänger auf der Seite der Musik­ dern, als an einem prozessualen Vorgang, daß sie eigentlid1
apparatur oder hinter der Szene zu postieren, die Sänger in erst beim zweiten Besuch voll wirken können. Bestimmte Sätze
das Zimmer eindringen, wo die Mutter krank lag, und diese der Personen werden erst voll erfaßt, wenn man schon weiß,
mit heftigen Gebärden auffordern, der Partei zu Hilfe zu koin- wie diese Personen im späteren Verlauf sprechen werden. Es
1052 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Auffiihrungen 105 3

ist also nötig, den Vorgängen und den Sätzen eine Prägung zu Erzählungen proletarischer Genossen aus ihrem
verleihen, die sie dem Gedächtnis einverleibt. In der Auffüh­ Taglichen Kampf, schrieb ich es
rung der »Mutter<< in der Theatre Union wurde eine richtige Ohne allen Umschwcif, in kärglicher Sprache
Art des Sprechens in folgenden Sätzen verwendet: in der Reinlich die Worte setzend, alle Gesten
Szene, in der die Mutter krank liegt, von Frau Henry (leider Meiner Gestalt sorgsam wählend, wie man
wurde die Szene dann gekürzt) ; in der Szene der Maidemon­ Die Worte und Taten der Großen berichtet.
stration von dem Darsteller des Pawel, John Boruff, haupt­ Nach bestem Vermögen
sächlich bei der Stelle »Smilgin, worker, revolutionary, twenty Stellte ich jene alltäglich erscheinenden
years in the movement, on May First, 1 90 5 , at 1 1 o'clock in Tausendfachen Vorgänge in verachteten Wohnungen
the morning etC.<< ; von Millicent Green in der Szene der Unter den Viclzuviclen als historische Vorgänge dar
Bibelzerreißung, wenn sie als gekündigte Mieterin die Bibel Keineswegs weniger bedeutend als die berühmten
verlangt, um nachzuweisen, daß der Christ seinen Nächsten lie­ Taten der Feldherren und Staatsmänner der Lesebücher.
ben soll. Für meine Aufgabe hielt ich es, von einer großen historischen
Diese angeführten Stellen wurden richtig gesprochen, weil sie Gestalt zu berichten:
so verantwortlich wie Aussagen vor Gericht gesprochen wur­ Dem unbekannten Vorkämpfer der Menschheit.
den, die man zu Protokoll gibt, und weil der Gestus im Ge­ Zur Nacheiferung.
dächtnis bleiben kann.
Das alles sind schwierige künstlerische Aufgaben, und auch ein 2
Mißglücken oder Nurzumteilglücken am Anfang darf unsere
Theater nicht entmutigen. " Wenn wir die Organisation der So seht ihr also die proletarische Mutter den Weg gehn
künstlerischen Produktion verbessern können wenn es uns Langen gewundenen Weg ihrer Klasse, seht, wie zuerst
gelingt, unsere Vorstellung vom Theater vor der Erstarrung Ihr der Pfennig fehlt am Lohn ihres Sohnes : sie kann ihm
zu bewahren, unsere Technik auszubilden und geschmeidig zu Seine Suppe nicht schmackhaft kochen. So verwickelt sie sich
machen, kurz, zu lernen, haben wir die Möglichkeit angesichts In einen Kampf mit ihm, fürchtet, ihn zu verlieren. Dann
der unvergleichlichen Bereitschaft unseres proletarischen Pu­ Hilft sie ihm widerwillig bei seinem Kampf um den Pfennig
blikums und des unleugbar frischen Impetus unserer jungen Ständig befürchtend, ihn nun im Kampf zu verlieren. Langsam
Theater, eine wirkliche proletarische Kunst aufzubauen. Folgt sie dem Sohn in das Dickicht der Lohnkämpfe. Dabei
Lernt sie lesen. Verläßt ihre Hütte, betreut noch andere
Als den Sohn, doch in gleicher Lage Befindliche, gegen die sie
10 Brief an das Arbeitertheater Theatre Union in New York ' Einstmals kämpfte um ihren Sohn; nun kämpft sie mit ihnen.
das Stück >>Die Mutter<< betreffend So beginnen die Wände zu fallen um ihren Herd. Ihr Tisch
beherbergt
Mancher anderen Mutter Sohn. Zum Versammlungsraum
Als ich das Stück »Die Mutter« schrieb Wird die Hütte, die einmal für zwei zu klein war. Aber den
Nach dem Buch des Genossen Gorki und vielen Sohn
1 054 Anmerkungen zu Stücken u n d Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 105 5

Sieht sie nur selten. Der Kampf entführt ihn ihr. Die Münze mit den Zähnen anbeißt, ob sie auch echt ist. So
Und sie selber steht im Gedränge der Kämpfenden. Das Ge- wie die Münzen
spräch Sollten die Wenigbesitzenden, Ofl:getäuschten, unsere Zuschauer
Zwischen dem Sohn und der Mutter wird zum Zuruf Die Sätze der Spielenden prüfen können. Wenige Andeutun-
Während der Schlacht. Am Ende fällt der Sohn. Nicht mehr gen
Möglich war ihr's, ihm die Suppe zu schaffen auf dem einzigen Zeigten die Schauplätze an. Einige Tische und Stühle
Weg, den es gab. Aber nun steht sie schon Das Unentbehrlichste genügte schon. Aber die Photographien
Im dichtesten Getümmel der unaufhörlichen Der großen Gegner waren projiziert auf die Tafeln des Hin-
Riesigen Klassenschlacht. Immer noch Mutter tergrunds.
Mehr noch Mutter jetzt, vieler Gefallenen Mutter Und die A\Issprüche der sozialistischen Klassiker
Kämpfender Mutter, Ungeborener Mutter, räumt sie Umgaben, aufgemalt auf Tücher oder projiziert auf die Tafeln
Jetzt im Staatswesen auf. Gibt den Herrschenden Steine Die sorgsamen Spieler. Ihr Auftreten war natürlich.
In das erpreßte Mahl. Reinigt Waffen. Lehrt Jedoch blieb weg das Nichtsbesagende in der
Ihre vielen Söhne und Tochter die Sprache des Kampfes Wohlüberlegten Kürzung. D ie Musikstücke
Gegen den Krieg und die Ausbeutung, Mitglied einer Heeres­ Wurden leicht dargereicht, mit Anmut. Viel Lachen
macht War im Zuschauerraum. Die unversiegliche
über den ganzen Planeten, Verfolgte und Verfolgerin Gute Laune der listigen Wlassowa, geschöpft aus der Zuver-
Nichtgeduldete und Unduldsame. Geschlagene und Unerbitt­ sicht
liche. Ihrer jungen Klasse, erregte .
.
Glückliches Lache n auf den Bänke n der Arbeiter
Sie benützten eifrig die seltene Gelegenh eit .
3 ·

beizuwoh -
Ohn e drin glichste Gefa hr den üblichen Vorfällen
'
So auch führten wir das Stück auf wie einen Bericht aus großer nen, und somit
Verh a 1 ten
Zeit Die Muß e, sie zu studieren und sich das eigene
Nicht weniger golden im Licht vieler Lampen, als die Zurechtzulegen.
Königlichen Stücke früherer Zeiten aufgeführt wurden
Nicht weniger heiter und lustig, maßvoll
In den traurigen Dingen. Vor reinliche Leinwand 4
Traten die Spieler einfach mit den charakteristischen Genossen, ich sehe euch
Gesten ihrer Szenen, ihre Sätze Das kleine Stück lesend, in Verlegenheit.
Genau bringend, verbürgte Worte. Jeglichen Satzes Wirkung Die kärgliche Sprache
Wurde abgewartet und aufgedeckt. Und abgewartet wurde Scheint euch ärmlich. So wie in diesem Bericht
Bis die Menge die Sätze auf die Waagschale gelegt hatte - ha- Drücken sich, sagt ihr, die Leute nicht aus. Ich las .
ben wir doch bemerkt Eure Bearbeitung. Hier fügt ihr ein >>Guten Morgen<< em
Wie der Wenigbesitzende, Oftgetäuschte Dort ein »Hallo, mein Junge<<. Den großen Schauplatz
1 05 6 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 1 05 7

Füllt ihr mit Hausrat. Kohlgeruch Der Erwerb einiger Pfennige


Kommt vom Herd. Die Kühne wird brav, das Historische Ein unsicheres Unternehmen, das nirgends gelehrt wird.
alltäglich. Warum sollte er das Neue fürchten anstatt das Alte? Aber
Statt um Bewunderung selbst wenn
Werbt ihr um Mitgefühl mit der Mutter, die ihren Sohn ver­ Euer Zuschauer, der Arbeiter, zögerte, dann müßtet ihr
liert. Nicht hinter ihm herlaufen, sondern ihm vorangehen
Den Tod des Sohnes Rasch vorangehen, mit weiten Sd1ritten, seiner endlichen Kraft
Legt ihr schlau an den Schluß. So nur, denkt ihr, wird der Unbedingt vertrauend.
Zuschauer
Sein Interesse bewahren, bis der Vorhang fällt. Wie der Ge­
I I Ist die nid1taristotelisd1C Dramatik vom Typus der »Mut­
schäftsmann
ter« primitiv?
Geld investiert in einen Betrieb, so, meint ihr, investiert der
Zuschauer War die New Yorker Aufführun g auch in ihren Prinzipien
Gefühl in den Helden : er will es wieder herausbekommen schwankend, so blieb dod1 genügend, um sie zu einer epischen
Und zwar verdoppelt. Aber die proletarisdlCn Zuschauer zu stempeln . D ie Beschwerden der um das gewohnte >>Erleb­
Der ersten Aufführung vermißten den Sohn am Schluß nicht. nis<< gebrachten bürgerlich en Zuschauer blieben weder in Ber­
Ihr Interesse hielt an. Und nicht aus Roheit. lin noch in New York aus :
Und auch damals fragten uns etliche:
Wird der Arbeiter euch auch verstehen? Wird er verzichten Amt-Uhr-Abendblatt, Berlin, vom 1 8 . r. 1 9 3 2 ..·c.n •e
"
Auf das gewohnte Rauschgift, die Teilnahme im Geiste Brecht wendet sich an Ohr und Verstand und läßt fast ganzlt d
»• • •

Psyc.holo gie fallen, durdl deren


Grundla gen der russisc.hen Umwelt und
An fremder Empörung, an dem Aufstieg der anderen; a uf all
Darstellung Gorkis Tendenzwerk zum Kunstwerk ward · · ·"

die Illusion
Die ihn aufpeitscht für zwei Stunden und erschöpfter zurück- New York Daily Herald vom zo. 1 1 . 1 9 3 5
läßt Pudovkin worked the novcl into a gripping and masterful screen
>> • • •

Erfüllt mit vager Erinnerung und vagerer Hoffnung? tragedy. In the Brecht adaptation, how ever, the bitter narrative of a
Werdet ihr wirklich, anbietend worker's mother, who unwitting ly betrays her son and rede�ms by mar­
ehing into death with him in a strike has been incredibly d1stor�ed · · ·

Wissen und Erfahrung, ein Parkett von Staatsmännern the mother is shown taking a sort of semina r in class struggle. tacucs fr�m
haben? 1 9 0 5 to 1 9 1 7 and nearly all the color of the Gorky class1C has vams­
hed . . . <<

Genossen, die Form der neuen Stücke


Ist neu. Aber warum Deutsdie Zeitung, Berlin, vom 1 8 . r . 19)2
Für den Stil dieser Aufführung en stehen Sd1auspieler zur Vi!rfü­
>> . ·• •
Fürchten, was neu ist? Ist es schwer zu machen?
gung, die durd1 die Klarheit ihres Spiels fesseln. Freilic.h, das eigentlic.he
Aber warum fürchten , was neu ist und schwer zu machen? Sc.hauspielerisd!e, das heißt verwandelte Lcidensd1aft im erlebten Spiel
Für den Ausgebeuteten, immer Getäuschten der Bühne, wird unterdrückt, und an die Stelle tritt der Berichterstatter,
Ist auch das Leben ein ständiges Experiment der Erzähler, der unbeteiligte Zusd1auer.<<

1058 Anmerkungen z u Stücken u n d Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 1059

Westfälischer Kurier, Hamm New York Evening Journal vom 20. 1 1 . 1 9 3 5


• . . . Er (Billinger) zeigt aud1 in seinem Sd1luß, wie nach dem Untergang • · . . They underestimate, I suspect, the intelligence of their audience.
dieses von den Dämonen verführten Paares sid1 einer unter dem Zwang Their method is as naive as bla<kboard, as d1ildish as a set of nursery
der Ereignisse und angerührt von der Gnade des Christtages, einer, den building blo<ks.
die Rauhnacht aud1 in ihren Bann gezogen hat, sich zur Ehe entschließt >I am Pclagea Vlassova<, says the old woman, speaking directly to the
- es ist ein Meisterwerk Billingers, wie er das gestaltet zur Ordnung der audience, •and I am making soup for my son, a worker. The soup gets
.
Ehe, so wie sie uns geheimnisvoll vorgebildet ist im Mysterium der thinner and thinner, and he will not like it. He will grow discontented
Menschwerdung Gottes und der Heiligen Familie. Wir können stolz and get into troublc. He reads books.<
darauf sein, endlid1 wieder einmal einen katholisd1en Dramatiker an She might as weil have added the significant news that >CA T< spells
so prominenter Stelle aufgeführt zu wissen. cat . . . •
Wie arm im Gegensatz dazu ist das von der kommunistischen Gruppe
junger Schauspieler aufgeführte und von Brecht als Lehrstü<k dramati­ Man sieht, wie hartnäckig das bürgerliche Publikum auf der
sierte Schauspiel >Die Mutter< nad1 dem bekannten Roman von Maxim prompten Befriedigung ideologischer und nervenmäßiger Be­
Gorki. Die Erlebnisse einer Arbeiterfrau, die für ihren Sohn nicht mehr
satt zu essen hat, entwi<keln sich systcmatisd1 aus dem Privatleben in die
dürfnisse im Theater besteht. Kommt das Theater seiner fest­
Partei und wollen beweisen, daß auch der Platz einer Mutter dort ist, gelegten Funktion nicht oder mangelhaft nach, dann hat es
wo auch der imperialistische Krieg nach Lenins Lehre übergeleitet wird eben versagt, ist zu dürftig, ist primitiv. Wie schwierig es ist,
.
in den Bürgerkrieg.• diese starre Funktionsfixierung zu durchbrechen, zeigt ein nai­
ves Geständnis Andor Gabors in der »Linkskurve<< anläßlich
Deutsche Tageszeitung, Berlin, vom 1 8. 1. ' 93 2
einer Besprechung der Aufführung von Bechers >>Großem
Was geschieht, vor den Augen des Publikums abläufl, ist vernich­
•. · .

tend dürflig und kindlich . . . «


Plan<< durch (angebli che) Epigonen des epischen Theaters. Ga­
bor schreibt:
Daily Mirror, New York, vom 20. I I . 1 9 3 5
• . . . >Mother< i s poor stuff amateurishly presented . • Linkskurve, Bcrlin, November-Dezember 1 9 3 2
»Ging er (der Zuschaue r) a u ch m i t der Absicht hin, der Bühne, den Ver­
fassern und Darstellern zuzujube ln, so konnte er es dod1 nicht tun, weil
Der Vorwärts, Berlin, vom 1 8. r. 1 9 3 2
das Dargebote ne ihm >nur< - das ist nicht wenig - die Saiten gespannt,
• . . E s (Gorkis Roman) i s t ein herrlid1er Roman . . . Pelagea darf ster­
.
nidn aber die mit allen Nerven erwünsdne klingende Melodie hervor­
ben als anbetungswürdige Proletarierseele, obwohl die Zarengendarmen
gebradlt hat . . .•
die schimmernde Revolutionärin tödlich kränken . . . Bredit krempelt
aber den wunderbaren Gorkismus von dazumal in den Stalinismus von
1 9 3 2 um . . . Kurz, der großartige Roman, umgeformt zum Drama, wird So also gehen selbst politisch aufgeklärte Leute ins Theater!
wieder ein Roman, aber hat den psychologisd1en Sd1melz verloren.« In den ganzen weiteren Ausführungen stand keine Zeile
über die politischen Folgen der Veranstaltun g! Aber nur durch
Berliner Tageblatt vom r 8. r. 1 9 3 2 sehr starke politische oder wenigstens philosophische oder ver­
•·. . Mildernde Freundlid1keit bleibt es, zu sagen : e s sei e i n Stü<k für
haltenspraktische Interessen des Zuschauers kann das Thea­
primitive Hörer. Sondern es ist das Stü<k eines primitiven Autors.•
ter einer neuen gesellschaft lichen Funktion zugeführt werden.
Brooklyn Daily Eagle vom 20. 1 r. 1 9 3 5
Die Arbeiter, die das Stück ansahen, gingen denn auch keines­
•· . . I t should b e classed a s a n entertainment for children for i t t s a
wegs ohne Erlebnis aus der Vorstellung der >>Mutter<<. Sie
simple kindergarten for Communist tots . . .• konnten auch das Stück nicht primitiv finden.
x o6o Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen x o6 x

Welt am Abend, Berlin, vom 1 8 . 1 . 1 9 3 2 Weit entfernt davon, auch nur einen Augenblick zu glauben, es
Primitiv i s t diese Art wahrhafti g nicht. Es gab sehr viele Szenen,
•· • .
handle sich hier um eine Schilderung gewisser historischer Vor­
die gewiß Anlaß zu Aussprachen in ganzen Kursen gegeben hätten.•
kommnisse in Rußland zum Zwecke einer >>Teilnahme im
New York Post vom 20. 1 1. 1 9 3 5 Geiste<< an abenteuerlichen Begebenheiten, um eine »Heraus­
. . . The first-nighters intcrviewcd b y this reportcr camc for one o f two
• kristallisierung des ewig Menschlichen<< und so weiter, weit ent­
reasons - curiosit y or sympa thy with thc worker's strugglc. Their com­ fernt auch, die unmenschlid1en Verhältnisse, in denen sie leben,
ments, for the most part, disregardcd the unconventional methods of
ganz besondere, änderbare Verhältnisse, vergessen zu wollen,
the production and were more argurnents for the political theme than
for the play as a play . . . • waren diese Zuschauer bereit, ihre ganze Erfahrung, Intelli­
genz, Kampfbegeisterung zu mobilisieren, Schwierigkeiten
The New Leader, Ncw York, vorn JO. 1 1 . 1 9 3 5
und Aufgaben zu erkennen, Vergleiche anzustellen, Einwände
• . . . Taken o n its own terms, •Mothcr< i s thc most straightforward, most
direct and undeviating drama thc Thcatre Union has presented. It takes zu erheben, das Verhalten der Personen auf der Bühne zu kri­
several minutes to discover the plane of its presentation, and for that tisieren oder es, abstrahierend, auf ihre eigenen Situationen zu
time >Mother< seerns sentime ntal and naive. It is, for it is the dramatic transportieren, um daraus zu lernen. Sie verstanden diese Psy­
prcsentation of a lesson in terms of one woman's life, an elementary tract chologie, die eine anwendbare, politische Psychologie ist. Der
in terms of the theatre, the theme of dass consciousness stripped of all
Zuschauer wird als Abbildern von Menschen gegenüberste­
fatty complications, clean to the bone of the contention - bone and mar­
row of pounding preachment through a play. As such, >Mothcr< become s hend behandelt, deren Urbilder er in der Wirklichkeit zu
a significant document, soundly devised and curiously impressive . . . It behandeln, das heißt zu l\.ußerungen und Handlungen zu
is not, in any usual sense, a play; but it is in simplest terms a new demon­ bringen hat und nicht etwa als streng ausdeterminierte Phäno­
stration of the far-reaching p otency and value of the theatre. It is, not mene auffassen darf. Seine Aufgabe seinen Mitmenschen ge­
chronologically but in structu re and spirit and fruitful energy, the > Mo­
ther<, the phylogenitor, of all •Lehr-Stücke<, of all propaganda plays.«
geniiber besteht darin, unter die determinierenden F� ktoren
sid1 selbst einzuschalten. Bei dieser Aufgabe hat ihn dte Dra­
New York Daily Worker vom 22. 1 1 . 1 9 3 5 matik zu unterstiitzen. Die determinierenden Faktoren, wie
• . . . I t was Brecht's plan t o have a spectade representing t h e dramatic
soziales Milieu, spezielle Ereignisse und so weiter, sind also
story of present-day dass struggle which must culrninate in the victory
of the proletariat. He planned hi s play on a grandiose scalc. Scene aller als veränderlid1e darzustellen. Eine gewisse Austauschbarkeit
sccne, picture aller picture of the world conflict werc to pass before the der Vorkommnisse und Umstände muß dem Zuschauer das
eyes of the beholder . . . R e v o I u t j o n a r y t e c h n i c s: Needless to Montieren, Experimentieren und Abstrahieren gestatten und
say, such a production requires a technic of its own. It has been asserted zur Aufgabe machen. Von den Unterschieden der Individuen
that the acting must needs be abstract since social categories represent
interessieren den mit ihnen verkehrenden, auf sie angewiese­
abstractions. We do not think this is correct. The workers, capitalists
and statc officials who appear in such a play can be living human beings
nen, mit ihnen kämpfenden politischen Menschen ganz be­
men and women of flesh and blood. In other words, they can be real. It is stimmte Unterschiede (zum Beispiel solche, deren Kenntnis die
true, however, that this would be rcalism of a special kind . . . At the Führung des Klassenkampfes erleichtert). Es hat für ihn kei­
Civic Theatre the Theatre Union is presenting an exiting new play . . . nen Zweck, einen bestimmten Menschen so lange aller Beson­
It is different frorn any other play on the Amcrican stage . . . TI1e author
has boldly utilized a new technic of style, staging and music to teil a
derheiten zu entkleiden, bis er als »der<< Mensch (schlechthin)
great story . . . In the ccnter of the play is onc of the most memorable dasteht, also als nicht weiter zu veränderndes Wesen. Der
of stage characters, Pelagea Vlassova, revolutionary mother . . . « Mensch ist in seiner Eigenschaft als des Menschen (des
r o62 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen r o63

Zuschauers) Schicksal zu fassen. Die Definition muß praktikabel » allgemein Menschlichen« fiir die Dauer des Kunstgenusses
sem. ein Kollektivum. An der Herstellung dieses Kollektivums ist
Unter dem Begreifen eines Menschen verstehen wir nämlich die nichtaristotelische Dramatik vom Typus der >>Mutter«
nicht weniger als: ihm gegenüber Griffe haben. Jener »totale« nicht interessiert. Sie spaltet ihr Publikum.
Überblick über ihn, der ihn uns umreißt und der momentan
Neue Preußische Kreuzzeitung, Bcrlin, vom r 8 . r. 1 9 3 2
sein muß, genügt nicht, sondern ist nur eine Voraussetzung •· . . Es handelt sid1 um eine Mutter, die durch ihren Sohn in die Partci­
unserer eigentlichen entscheidenden Operation des Begreifens, arbeit hineingezogen und sdtlicßlich eine fleißige Biene ausdauernder
die ihn handhabt, und dazu eben jenen überblick als eine Wühlarbeit für den Kornmunismus wird. Also: Hoheslied auf den kleinen
Art Situationsplan braucht. Auch ist sold1 ein überblick über­ Mann aus der Partei, der seine Pflidtt tut. Grob, aufreizend, propagan­
distisch gemacht. Ein Pfingstfest für die Gesinnungsgenossen, wirksamer
haupt nicht zu gewinnen ohne einen solchen Plan einer Ope­
als Reden und Zeitungen. Ein Irrsinn für den Außenstehenden . . ,«
ration : Nur im Hinblick auf diese ist er zu gewinnen und
gilt er. Wir können den andern nur begreifen, wenn wir in ihn
eingreifen können. Auch uns selbst können wir nur begreifen, I3 Ist der Kommunismus exklusiv?
indem wir in uns eingreifen. Der Mensch scheint zunächst als Deutsche Allgemeine Zeitung, Bcrlin, vom 17. r . 1 9 3 2
ein von Menschen benutzbares und Menschen benutzendes »• • •Brecht h a t in dieser Bearbeitung, einer dramatischen Bearbeitung
Wesen nicht zu Ende definiert. Aber zumindest ist es . für jene des Romans >Die Mutter< von Maxim Gorki, wieder einmal ein Lehr­
Bewegung, die die mißbräuchli che Benutzung des Menschen stück geschrieben, Unterweisung für primitive Zuhörer zu richtigem, das
durch den Menschen zu bekämpfen hat, die kommunistische, heißt kommunistischem Verhalten in allen Lebenslagen. Als Theater und
als Literatur ist das schrecklich : als politische Propaganda etwas, was man
praktisch, ihn so zu definieren. Er wird, so definiert, über beachten sollte . . .•

seine Traktabilität hinaus in seiner Totalität erscheinen - so •. . . Thema des Stückes ist das politische Verhalten, sein Zweck die Er­
unerwartet dies geschehen mag. ziehung der Hörer dazu. Auf diesen Zweck wird so zielbewußt mit allen
Mitteln hingearbeitet, daß in diese Aufführung, die sicher wieder a.uch
durch die Saalbühnen des Ostens und Nordens geschleppt werden wtrd,
I2 >>Unmittelbare«, überbrückende Wirku ng die Politiker viel mehr hineingehören als unsereiner . .
. •

•. . • Man kommt sich vor dieser Geschichte mit der Mutter, die trotz
Die herrschende Asthetik verlangt vom Kunstwerk, indem ihres Widerstrebens von ihrem Sohn und seinen Freunden kommunistisch
sie eine unmittelbare Wirkung verlangt, auch eine alle sozia­ erzogen wird und dann ihrerseits selbst energisch kommunistische Propa­
len und sonstigen Unterschiede der Individuen überbrückende gandaarbeit leistet, durchaus deplaciert vor. Die Verfasser haben keine
dichterischen, sondern rein politische Ziele im Auge . . . «
Wirkung. Eine solche die Klassengegensätze überbrückende
Wirkung wird von Dramen der aristotelisdJCn Dramatik auch Gcrmania, Berlin, vom 1 9 . r. 1 9 3 2
heute noch erzielt, obwohl die Klassenunterschiede den Indi­ », • •um endlich einmal denen entgegnen zu können, die Brecht als ästhe­
viduen immer mehr bewußt werden. Sie wird auch erzielt, tisches Phänomen nehmen - nur deshalb, weil er angeblich einen neucn
Theaterstil erfunden hat.«
wenn die Klassengegensätze der Gegenstand dieser Dramen •Hinter ihm aber steht ja gar nicht sein Individualwille. Nicht seine
sind, und sogar, wenn in ihnen für die eine oder andere Klasse Formabsicht. Hinter ihm steh t - das bewies der Abend im Komödienhaus ! ­
Stellung genommen wird. In jedem Fall entsteht im Zu­ die ganze kommunistische Ideologie. Sie steht hinter Brecht als einem
schauerraum auf der Basis des allen Zuhörern gemeinsamen Bühnenschriftsteller, der sich langsam durchentwickelt hat zu einem der
ro64 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen xo65

literarischen Interpreten des Bolschewismus in Deutschland. Damit ist er Kommunismus die ganze Welt. Der Kommunismus ist keine
nicht mehr ästhetisd1 zu werten, sondern politisch.• Spielart unter Spielarten. Radikal auf die Abschaffung des Pri­
Königsherger Allgemeine Zeitung vom 23. 1. 1 9 3 2 vateigentums an Produktionsmitteln ausgehend, steht er allen
•. . . M i t Dichtung hat diese Geschichte von der Mutter, d i e trotz ihres Richtungen, die sid1 durch was immer unterscheiden, aber in
Widerstrebens von ihrem Sohn und seinen freunden kommunistisch er­ der Beibehaltung des Privateigentums einig sind, als einer ein­
zogen wird und dann ihrerseits selbst energisdlC kommunistische Propa­ zigen Richtung gegenüber. Er erhebt den Anspruch, die direkte
ganda-Arbeit leistet, nichts zu tun. Es ist ein reines Zweckstück, sehr
und einzige Fortführung der großen abendländischen Philo­
geschickt mit den Mitteln gemacht, die Brecht sich aus seinen Prinzipien
des epischen Theaters abgeleitet hat.•
sophie zu sein, als solche Fortführung eine radikale Umfunk­
tionierung dieser Philosophie, wie er die einzige praktische
Deutsche Allgemeine Zeitung, Berlin, vom 1 7. 1 . 1 9 3 2 Fortführung der abendländischen (kapitalistischen) Entwid(­
»• • •Theatralisch i s t dies alles belanglos, politisch i s t e s mit seinem Ein­
lung und als solche zugleich die radikale Umfunktionierung
hämmern: nur Gewalt tut es, j edes Mittel ist redn, dod1 widnig , , ,<<
• . . Ober das theatralische Drum und Dran ist, weil das Mittel nicht
·
der entwickelten Wirtschaft ist. Wir können und müssen dar­
Zweck ist, wenig zu sagen . , .« auf hinweisen, daß unsere Aussagen keine beschränkt subjek­
Germania, Berlin, vom r 9. 1 . 1 9 3 2
tiven, sondern objektive und allgemein-verbindliche sind. Wir
?
•D as anze ist eine eindeutige, klipp u n d klare Heroisierun g eines revo·
.
sprechen nicht für uns als ein kleiner Teil, sondern für die
lutw� aren :rauentyp us, herausgeführt aus der bürgerlid1en in die klas· gesamte Menschheit als der Teil, der die Interessen der ge­
. pfensche, proleta
senkam rische Welt.• samten Menschheit (nicht eines Teiles) vertritt. Niemand hat
Deutsch e Allgem eine Zeitung , Berlin, vom r7. 1. 1 9 3 2 das Red1t, daraus, daß wir kämpfen, den Schluß zu ziehen,
Gerade weil die geistige Wirkung dieser Lehrstück e s o lähmend und
». • • wir seien nicht objektiv. Wer immer heute, um einen scheinbar
ertötend ist, soll man die politisch e nicht untersch objektiven Eindrud( hervorzurufen, einen Eindruck, als
ätzen . . .•

», • •Denn hier ist die Propaganda zugleidt praktische Anweisung zum kämpfte er nicht, hervorruft, der wird bei genauerer Betrach­
Verhalten - und das ist das Entsch eidend e.<<
tung auf einem hoffnungslos subjektiven, die Interessen eines
Neue Leipziger Zeitung winzigen Teiles der Menschheit vertretenden Standpunkt er­
Es gibt nur ein unbürgerliches Element in der Welt das ist der un­
"· · ·
tappt werden können. Er wird, objektiv betrachtet, die In­
gebundene Geist. Audt >Die Mutter< von Bredn atmet � ie alle theatra­ teressen der gesamten Menschheit durch sein Eintreten für die
lisch propagandistische n Darstellungen einer organisiert en Revolution
eine kleinbürgerlid1c solide Hausb ackenh eit.«
Beibehaltung der kapitalistischen Besitz- und Produktionsver­
(H. Kesten)
hältnisse verraten. Der scheinbar objektive »linke<< bürger­
Viele, beinahe alle bürgerlichen Beurteiler der >>Mutter<< sagten liche Skeptiker erkennt nicht oder will nicht erkennen lassen,
uns so, 'diese Aufführung sei eine Sache der Kommunisten daß er in diesem großen Kampfe mitkämpft; indem er die
allein. Von solch einer Sache sprachen sie wie etwa von einer permanente, aber durd1 den Usus langer Zeit dem Bewußtsein
Sache der Kaninchenzüchter oder Schachspieler, die also recht entrückte Ausübung der Gewalt durch eine kleine Schid1t nicht
wenige Menschen angeht und vor allem nicht beurteilt wer­ Kampf nennt. Es ist notwendig, dieser besitzenden Schicht,
den kann von Leuten, die von Kaninchen oder Schachspielen einer entarteten, schmutzigen, objektiv und subjektiv un­
nichts verstehen. Aber wenn schon nicht die ganze Welt den mcnschlidlCn Clique, sämtlid1e »Güter idealer Art« aus den
Kommunismus für ihre Sache hält, so ist doch die Sad1e des I-länden zu schlagen, gleichgültig, was eine ausgebeutete, am
x o66 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 1067

Produzieren gehinderte, sich gegen das Verkommen wehrende Den bürgerlichen Beurteilern scheinen solche Werke bestimmte
Mensd1heit mit diesen Gütern weiterhin anzufangen wünscht. Interessen nicht genug allgemeiner Natur vorauszusetzen,
Zuerst muß unter allen Umständen diese Schicht jeden An­ statt solche allgemeint;r Natur zu wedcen, aber die Interes­
spruchs auf menschliches Ansehen verlustig gesprochen sen, die hier wenigstens als schlummernd vorausgesetzt wer­
werden. Was immer weiterhin » Freiheit<<, »Gerechtigkeit«, den, sind in Wahrheit von ganz besonders allgemeiner Art und
»Menschlichkeit«, »Bildung«, >>Produktivität« , »Kühnheit«, gerade danun den Interessen der bürgerlichen Beurteiler ent­
»Zuverlässigkeit« bedeuten sollen - bevor diese Begriffe nicht gegengesetzt. Jene Gruppen von Kopfarbeitern, die durch ihre
von allem gereinigt sind, was ihnen von ihrem Funktionieren existentielle Verknüpftheit mit den Besitzern der Produktions­
in der bürgerlichen Gesellschaft anhaftet, werden sie nicht mehr mittel geistig festgelegt sind, haben nicht mit der Sache des
gebraucht werden dürfen. Unsere Gegner sind die Gegner der Kommunismus, sondern mit der Sache der Welt nichts mehr zu
Menschheit. Sie haben nicht >>recht« von ihrem Standpunkt tun. Sid1 von den Kommunisten als von einseitigen, festgeleg­
aus : das Unrecht besteht in ihrem Standpunkt. Sie müssen ten, unfreien Geistern trennend, trennen sie sich nur von der
vielleicht so sein, wie sie sind, aber sie müssen nicht sein. Es Sad1e der Menschheit und vereinigen sie sich nur mit der al­
ist verständlich, daß siesich verteidigen, aber sie verteidigen den lerdings allseitigen, allerdings ungebundenen, allerdings freien
Raub und die Vorrechte, und verstehen darfhiernicht verzeihen Ausbeutung. Eine große Menge von Kopfarbeitern ha? en
heißen. Der dem Menschen ein Wolf ist, ist kein Mensch, son­ durchaus das Gefühl, daß die Welt (ihre Welt) von Unstim­
dern ein Wolf. >>Güte« bedeutet heute, wo die nackte Notwehr migkeiten befallen ist, aber sie verhalten sich nicht dem� n:­
riesiger Massen zum Endkampf um die Kommandohöhe wird, sprechend. Wenn man jene ausscheidet, die sich einfach getstlg
die Vernichtung derer, die Güte unmöglich machen. eine Welt konstruieren, welche an sich unstimmig ist (gerade
durd1 ihre Unstimmigkeit existiert), hat man es mi t Men­
Germania, Berlin, vom 19. 1 . 1 9 3 2 .
»Die >Mutter< i s t also jetzt d i e Entwiddung eines Menschen a u s der
schen zu tun die der Unstimmigkeit mehr oder wemger be­
Sphäre des Privat-Humanen ins Allgemein-Politische im marxistischen wußt, sich d �nno�h so verhalten, als wäre die Welt stimmig.
Sinne. Sie liebt ihren Sohn, einen Arbeiter, Sohn eines Arbeiters . Der In das Denken solcher Menschen greift also die Welt nur man­
Konflikt setzt ein bei der Koped<:e, die an der fetten Suppe fehlt. Er hört gelhaft ein; es kann nicht überraschen, wenn ihr Denken dann
auf bei der roten Fahne, die die alte Frau an der Spitze der Partei in nicht in die Welt eingreift. Dies bedeutet aber, daß sie dem Den­
Demonstrationen bis in die 1 9 1 7er Revolution trägt, und in den neuen
Sowjetstaat. Daß sie dabei alle Übungen kommunistisch er Schulung vom ken dann überhaupt kein Eingreifen zumuten : So entsteht
Zettelverteilen übers ABC-Lernen zum Bauernunterr icht bis zur >glor­ der »Reine Geist« der fi.i r sich existiert, mehr oder weniger
reichen< Lenin-Revolte durchmacht, daß sie lernt, zuerst unpersönlich, behindert durch die »äußeren« Umstände. Die durch das
dann unhuman, dann sogar betrügerisch (im Interesse der Partei natürlich), Stück »Die Mutter« angeregten Auseinandersetzungen mit
dann agitatorisch, erst mit ehrlichen, dann sogar mit lügnerischen Mitteln
einer Arbeiterin gehören für diese Leute nicht zu den geisti­
zu arbeiten für die Partei, indem sie während des Krieges zuerst so tut,
als ob sie tapfer mit Kupfer abgäbe, dann mit .bourgeoisen< Argumen­
gen. Sie schicken die Politiker. So wie sie selber nichts mit der
ten die andern listig zum Heimgehen verführt, um endlich Farbe zu be­ Praxis, haben jene nichts mit Geist zu tun. Was braucht der
kennen; daß sie für die >Überleitung des imperialistischen Krieges in den Kopf zu wissen, was die Hand tui:, die ihm die Taschen füllt!
Bürgerkrieg< (Lenin) ist, daß sie dann selbst teilnimmt an dieser > Oberlei­ Diese Leute sind gegen die Politik. Das bedeutet praktisch,
tung< und an seinem Sieg - das ist der Lehrstoff dieses Stückes .«
daß sie für die Politik sin.d, die mit ihnen gemacht wird. Ihr
r o68 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen ro69

Verhalten, selbst in ihrem Beruf, ist ein durchaus politi­ Einer der Haupteinwände der bürgerlichen Kritik gegen die
sches. Außerhalb der Politik seinen Wohnsitz aufschlagen, nichtaristotelische Dramatik vom Typus der >>Mutter« stützt
ist nicht dasselbe, wie außerhalb der Politik angesiedelt sich auf eine ebenfalls rein bürgerliche Trennung der Begriffe
werden; und außer der Politik stehen ist nicht über der Politik »unterhaltsam<< und » lehrreich« . Danach ist die »Mutter« viel­
stehen. leicht lehrreich (wenn auch nur, wie auseinandergesetzt wird,
Manche von ihnen meinen, sie könnten in einem unvollkom­ für einen kleinen Teil der möglichen Zuschauer), aber be­
menen Staatswesen vollkommen sein, ohne das Staatswesen stimmt nicht unterhaltend (nicht einmal für diesen kleinen
zu vervollkommnen. Dabei ist es das Wesen unseres Staates, Teil). Dieser Trennung nachzugehen, ist nicht ohne Reiz. Es
keinen vollkommenen oder sich vervollkommnenden Men­ mag überraschen, daß hier eine Degradierung des Lernens
schen zu brauchen. überall sehen wir Anstalten, in denen schlechthin beabsichtigt ist, indem es nicht als Genuß vorge­
Krüppel benötigt werden, Einarmige oder Einbeinige oder stellt wird. In Wirklichkeit wird natürlich der Genuß, indem
solche ohne Beine. Die Geschäfte der Verwaltung können am er so sorgfältig von jedem Lehrwert entleert wird, degra­
besten von Dummköpfen bewältigt werden. Unsere Schutz­ diert. Aber man braucht sich nur umzusehen, welche Funk­
leute müssen, um ihr Amt auszuüben, Raufbolde und unsere tion das Lernen in der bürgerlichen Gesellschaftsordnung hat.
Richter Blinde sein. Die forscher Taubstumme oder zumin­ Es funktioniert als Einkauf von materiell verwertbaren
dest Stumme. Und die Verlage der Bücher und Zeitungen rech­ Kenntnissen. Dieser Einkauf hat stattzufinden , bevor das In­
nen, um nicht pleite zu gehen, nur mit Analphabeten. Nicht dividuum in den Produktionsprozeß eintritt. Seine Sphäre ist
im Finden und Aussprechen der Wahrheit zeigt sich das was also die Unreife. Zugeben, daß ich etwas, was zu meinem Fach
Klugheit genannt wird, sondern im Finden der Unwahrheit gehört, noch nicht kann, also mich beim Lernen ertappen lassen,
und der größeren oder geringeren feinheit des Verschweigens. ist gleichbedeutend mit eingestehen, daß ich nicht konkurrenz­
Einige vermissen große Werke und schieben es dem Mangel fähig bin und keinen Kredit beanspruchen darf. Die Erinne­
an großen Begabungen zu. Aber kein Homer und kein Shake­ rung an die schreckliche Qual, unter der die bürgerliche Ju­
speare könnte in Verse bringen, was sie hören wollen. Und gend ihr »Wissen<< eingetrichtert bekommt, hält den zu seiner
die, die die großen Werke vermissen, können ohne sie ganz » Unterhaltung« ins Theater Gekommenen ab, sich wieder be­
gut leben und könnten es vielleicht nicht mit ihnen. handeln zu lassen wie einer, » der auf der Schulbank sitzt<<. Die
Haltung des Lernenden ist diffamiert.
Wie ja auch der Nützlid1e und der Sinn für das Nützliche der
14 Abneigung gegen das Lernen und
öffentlichen Verachtung anheimgefallen ist, seit die Menschen
Verachtung des Nützlichen
sich selbst nur mehr durch Gemeinheiten nützen, indem der
New York Sun vom 20. r x . 1 9 3 5 Nutzen nur mehr aus der Ausnutzung des Mitmenschen ge­
The point is, o f course, that Pelagea Vlassova, the Mother, started
», • •
zogen werden kann.
out by believing in God, the Tsar and private property, and was gra­
dually convcrted, chiefly by precept. It was all explaincd to her very
Nützlich ist der Ausnutzbare, Rechtlose. Bevor er sich nütz­
carefully, and aA:cr she undcrstood shc cxplaincd it all very carefully lich macht, muß ihm der Brotkorb höher gehängt werden.
to othcrs. Then shc, and all the othcrs, stood up and cxplained it, still Aber auch der ihn ausnützt, bezieht nicht mehr daraus seine
very slowly and carcfully, to the audicnce .
. .« Achtung, sondern nur mehr aus dem, was ihm der gezogene
1 070 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 1 07 1

( � nd im Dunkeln gezogene) Nutzen an Aufwand an Mate­ vorkamen. Das Stück selber, eine Nachdichtung des Gorki­
nellem und Geistigem ermöglicht. Aus dem feudalen Zeit­ smen Romans >>Die Mutter<< , ist im Stil der Lehrstücke ge­
alter her wirkt noch die Geste, mit der die feudale Person, in smrieben und war ein Stück antimetaphysischer, materialisti­
Form von Vorrechten schon gesichert, vorgab, weder sich smer, nidnaristotelismer Dramatik, also von einem sehr
selbst nod1 anderen nützen zu müssen ; aus der Zeit der Nie­ hodiCntwickelten Typus, dramatism betramtet. Zu seiner
d �rk �mpfung der Kleinbürgerwelt die Verachtung des sich Herausarbeitung haben sehr komplizierte Erwägungen und
n � tzl � ch Machenden von seiten des ihn iiberflügelnden, andere langjährige Theaterexperimente geführt. Die Gedankengänge,
nutzhch machenden Kapitalisten, und schon meldet sich die die zu nid1taristotclismer Dramatik führten, waren beeinflußt
große Störung in den ideologischen Systemen durd1 das her­ von den Gedankengängen einiger Wissensmaften, wie der neu­
unter- und herauf�om mende Proletariat in der Verweisung eren Psymologie, der empirismen Philosophie der Physiker
der Nutzungsakte 111 dte . Sphäre des im Dunkeln zu verüben­ und so weiter, und es ist kein Zufall, daß gerade dieser Typus
den VerbrediCns. Zugleich aber wächst im Proletariat der neue der Dramatik auf dem Gebiet der Politik von jener Bewegung
unbefangene und mächtige Sinn für das Nützliche, der keine eingesetzt wurde, die die höchstentwickclte, am weitesten fort­
�k �u:cl erze� ge � kann, da er eben auf die Ausrottung der­ geschrittene politisd1e Bewegung unserer Zeit darstellt, der
Jentgen Verhaltmsse ausgeht, die den Nutzen aus der Schädi­ marxistisdl-proletarismen Bewegung. Die Aufführung der
gung holen. »Mutter<< wurde von großen proletarisdlCn Organisationen
herausgebramt. Sie verfolgte den Zweck, ihre Zusmauer
1932 und 1936 gewisse Formen des politischen Kampfes zu lehren. Sie
wandte sim hauptsämlid1 an Frauen. Etwa I 5 ooo Berliner
Arbeiterfrauen wohnten der Aufführung des Stüd,es bei, das
[Das Stück »Die Mutter«] Methoden des illegalen revolutionären Kampfes demon­
striert.
?as St �ck »Die Mutter<< wurde im Januar des Jahres I 93 2
Um die Gesänge und Lieder zu verstehen, muß man wissen,
m B �rlm aufgeführt. Die Aufführung war i n mehrfacher
. welcher Art die Szenen waren, die sie enthielten.
Hmstcht bed �utungsvoll. Zusammen mit hochqualifizierten er­
Der Chor »Bürste den Rod,, bürste ihn zweimal<< wurde von
sten Schausp�elern des bürgerlichen Theaters spielten Mitglie­
. revolutionären Arbeitern einer proletarischen Mutter zuge­
der proletanseher Agttproptruppen. Der szenische Rahmen
sungen. In mehreren Szenen wurde gezeigt, daß (um I 906 in
war von großer Einfachheit, stellte aber zugleich mit seinem
Verzicht auf jede Illusion - es gab weder ridnige Zimmer noch Rußland) der Kampf um die Suppe nimt in der Küme ge­
führt werden kann. Große politisme Anstrengungen sind nö­
Straßen, nur einfache Leinwandwände, auf denen Texte und
tig, damit der Arbeiter zu seinem Essen, zu Kleidung und
Zitate standen - große Anforderungen an das Denken des
Publikums. Alles Russische war in Kostüm und Dekoration Obdam kommt. Ob Fleisch in der Küme, Brot in der Schub­
lade ist, das hängt davon ab, wer die Mamt im Staat in Hän­
vermieden. Die einzelnen Szenen wirkten wie Gleichnisse. Was
vorgezeigt wurde, konnte in vielen Ländern vorgehen, über­ den hat. Gewisse Erfahrungen beweisen den russischen Revo­
lutionären, daß diese Mamt der Arbeiter selber haben muß,
all, wo Zustände und Bewegungen wie die eben geschilderten
1 072 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu StUcken und Aufführungen 1 073

und zwar die volle, uneingeschränkte Macht, und daß diese mehr helfen, wenn die Unterdrückten zusammenstehen und
nur durch große Kämpfe ökonomischer und politischer Art ihren Kampf richtig führen.
errungen werden kann. Eine der folgenden Szenen zeigt den Anbruch schlimmer Zei­
Das Lied >>Lob des Marxismus<< ist die Antwort auf die Frage ten in Rußland. Die Arbeiter werden mit allen Mitteln unter­
eines Arbeiters an die Mutter, ob die Marxisten Verbrecher drückt. Mit vielen anderen wird auch der Sohn dieser Mutter
sind. Die alte Frau erwidert, dafS der Marxismus lehrt, daß umgebracht. In dem Gedicht >>Tod eines Revolutionärs<< be­
Ausbeutung und Unterdrückung in RufSland durch nichts an­ richten Genossen der Müttdden Tod ihres Sohnes.
deres als einzig durch die Vergesellschaftung der Fabriken und Die Mutter kämpft weiter. Sie hat anfänglich nur für ihren
des Großgrundbesitzes abgewehrt werden können. Sohn gekämpft. Um ihm eine anständige Suppe auf den Tisch
Der Kampf für den Marxismus aber erfordert ein großes Ler­ setzen zu können, ist sie der Partei beigetreten. Längst aber
nen. Das Lied >>Lob des LernenS<< fordert den Arbeiter auf, hat sich ihr Kampf fi.i r den Sohn in einen Kampf für alle A :­
seine Kenntnisse zu verbessern und sich in jeder Weise geistig beiter verwandelt, einen größeren und schwereren Kampf. SlC
auszubilden, um die Führung übernehmen zu können. Beson­ hat eingesehen, daß ihm, dem einzelnen, nur geholfen werde�
ders in Zeiten großer Unterdrückung, meint die Mutter, sei kann, indem allen seinesgleichen geholfen wird, indem alle se� ­
dies von allergrößter Wichtigkeit. nesgleichen sich selber helfen. Deshalb kämpft die � utter wet­
Die Bemühung um die geistige Ausbildung des Arbei!ers, um ter wenn ihr Sohn in diesem Kampf schon gefallen tst.
klare Kenntnis seiner Lage erfordert in Zeiten großer Unter­ In �inem Gedicht »Lob der dritten Sache<< schilderte die Mut­
drückung hartnäckige und kühne Kämpfe. Diese sind Sache ter noch einmal, wie sehr sie und ihr Sohn sich durch den ge­
der Revolutionäre. In einer bestimmten Szene spricht die Mut­ meinsamen Kampf um die proletarische Sache n� heg�komm:n
ter das >>Lob des Revolutionärs<< aus, das Lob ihres Sohnes. waren , und wie gut trotz aller Schwierigkeiten dte Zett war, 111
Unzufriedenheit mit seiner schlechten Suppe und seinem gan­ der sie gemeinsam mit ihm für diese gute Sache gekämpft hat.
zen unfreien, gedrückten Leben haben ihn zum Revolutionär In dem Chor >>Lob der Wlassowas<< werden alle guten prole­
gemacht, und in dem Kampf um die Suppe, um die nackte Not­ tarischen Kämpfer und Kämpferinne� gerü� mt als die u �be­
durft des Lebens hat er den vornehmsten und notwendigsten . .
kannten Soldaten der Revolution. Dtese Kampfer bemuhen
und sittlich höchsten aller Kämpfe erkannt. Von dem Gelin­ sich unablässig, ihre Klassengenossen vor allen Teil- und
gen dieses Kampfes ist die Zukunft der Menschheit abhängig. . .
Scheinlösungen zu warnen und ihnen zu bewetsen, d� ß : lC
Der Kampf ist die einzige Hoffnung des Menschengeschlechtes. von keiner anderen als ihrer eigenen Herrschaft etwas fur . st0
Nichts gefährdet diese Zukunft mehr als die Gleichgültigkeit zu erwarten haben. Trotz aller Unterdrückung erklären ste
der Ausgebeuteten gegen ihre Leiden. Deshalb erinnert der jedermann, daß sich bei einem Wechsel de� Regi1:1es so lange
Revolutionär die Unterdrückten unaufhörlich und bei jeder nichts für den Arbeiter geändert hat, als dte Betnebe und der
Gelegenheit an ihre schreckliche Lage, sorgend, daß sie sich ganze Staat nicht in ihrer Hand sind. In z eiten, wo ihre U� ­
nicht etwa daran gewöhnen, und ruft sie zum Kampf auf. .
terdri.ickcr zu Kriegen hetzen, beharren ste darauf, daß dte
Der Sohn erklärt in einem Lied, das mit den Worten >>Sie ha­ arbeitenden Menschen der ganzen Welt keinerlei Grund zu
ben Gesetzbücher und Verordnungen<< beginnt, daß alle schein­ Kriegen gegeneinander haben können, aber jeden Grund zu
bar so starken Einrichtungen der Unterdrüdcer diesen nichts Kriegen gegen ihre Unterdrücker im eigenen Lande. Dabei
Anmerkungen zu Stülken und Aufführungen 1 075
1 074 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen

bleiben sie auch, wenn ein großer Teil ihrer eigenen Klassen­ Tausenden, und ein Gedicht über die Dialektik des Weltgesme­
genossen das gesunde Urteil verloren haben und den Verspre­ hens drückt die Erfahrung ihres tapferen Lebens aus : daß es
chungen und falschen Darstellungen jener zu glauben anfan­ nämlim nur an den Unterdrückten liegt, wenn die Unter­
gen, die durch Kriege wirklid1 etwas zu gewinnen haben. ln drückung bleibt, und daß der nicht aufzuhalten ist, der seine
s ?lchen Zeiten sind sie unbeliebt und verfolgt auch bei ihren Lage erkannt hat. Das Stück >>Die Mutter<<, aufgeführt am
eigenen Klassengenossen. Aber sie scheuen diese Unbeliebtheit Todestag der großen proletarischen Revolutionärin Rosa Lu­
und dieses Nichtverstandenwerden nicht, und zwar im Ver­ xemburg, ist mit seinen Gesängen und Chören den für die
trauen darauf, daß ihre Vorhersage sich schließlich als richtig proletarische Sache kämpfenden Arbeitern Deutschlands und
und ihre Vorschläge für die ihresgleichen sid1 als die besten insbesondere den kämpfenden Fraucn gewidmet.
herausstellen werden. Diese unbekannten Soldaten der Revo­
lution sind niemals zum Verstummen zu bringen. Werden ihre
kleinen Einheiten aufgelöst, so bilden sie sim neu, so daß es, Eine kleine Bemerkung
so�an �e es überhaupt noch Lebende gibt, auch eine Kampfein­
heit gibt. Nimmt man ihnen ihre Druckmaschinen so schrei­ Sie fragen mich, wie ich mich zu der in einem bestimmten Teil
ben sie mit der Hand ihre Aufrufe, in denen di� Wahrheit der bürgerlichen Presse geäußerten Behauptung, das Stück
s�eht. �ird der Druck in einer Gegend zu groß, so weichen
>>Die Mutter« sei >>primitiv<<, stelle. Die Rezensenten fiigten
wie gewöhnlich der Kritik ihre Inhaltsangaben des Stiickes bei.
Sie schembar zurück, aber in Wirklichkeit verändern sie nur
�ie �rt ihrer Tatigkeit, keinen Augenblick deren Ziel. Kurz, Wenn man diese Inhaltsangaben liest, hat man tatsächlich den
Eindruck, es handle sich hier um eine ganz und gar simple
Sie SI�d ebenso unbezwingbar, wie sie unscheinbar sind, und
Angelegenheit, die jedes geistigen Aufschwungs entbehrt, etwa
auf d1e Dauer müssen sie siegen, wie das unaufhörliche Was­
eine Art dramatischer Neuruppiner Bilderbogen. Was ist dazu
ser �er Bäche de� Felsen unterhöhlt, der ihm im Wege steht.
zu sagen? Das Stiick wurde bis jetzt schon von Tausenden von
In emer Szene Wird dargestellt, wie die Mutter beim Ausbruch
Arbeitern gesehen, und die Äußerungen, die uns zu Ohren
des Krieges in den Arbeitervierteln agitiert und dabei nieder­
kommen, zeigen, daß die teilweise sehr komplizierten geisti­
geschl�gen wird. Schwerkrank darniederliegend, erfährt sie,
gen Fragestellungen des Stiickes von den Arbeitern ohne jede
daß diC Abgeordneten der Bolschewiki verhaftet sind und die
Schwierigkeit beherrscht werden. Dahingegen wiirde jeder von
Partei mit allen Mitteln vernimtet werden soll. I n dem Ge­
ihnen jede dieser biirgerlichen Inhaltsangaben fiir erstaunlich
sang >>Die Partei ist in Gefahr« richtet die Partei einen drin­
primitiv erklären. Da von den Aufführungen einige vor fast
genden Appell an alle Kämpfer, sie bis aufs äußerste zu ver­
nur bürgerlichem, andere (die meisten) vor nur proletarischem
teidigen. Die Kranke erhebt sim von ihrem Krankenlager und
Publikum stattfanden, konnten wir den Unterschied zwischen
läuft in die Zelle.
dem Reagieren der beiden Arten von Zuschauern genau beob­
Der Smluß des Stückes zeigt die großen Demonstrationszüge
achten. Er ist ungeheuer. Während die Arbeiter auf die feinsten
der Petersburger Arbeiter, die durch ihre Riesenstreiks die
Wendungen der Dialoge sofort reagierten und die kom­
Gewaltherrsmaft des Zaren niederringen und den mörderi­
pliziertesten Voraussetzungen ohne weiteres mitmachten, be­
schen Krieg beenden. Eine rote Fahne tragend, marsmiert die
griff das biirgerliche Publikum nur miihsam den Gang der
alte Kämpferin für die Sache der Arbeiter in diesem Zug der
1 07 6 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 1 0 77

Handlung und überhaupt nicht das Wesentliche. Der Arbeiter proletarische Theater an, sich im Hinblidc auf seine gesell­
(besonders lebhafl reagierten die proletarischen Frauen) stieß schaftliche Funktion politisch und artistism zu qualifizieren.
sich keinen Augenblick daran, daß die jeweiligen Situationen In der ersten Phase wurde gezeigt, daß es Klassenkampf gibt,
in der kürzestmöglichen und trockensten Weise angedeutet in der zweiten wird gezeigt, wie er geführt werden soll. In
wurden, und konzentrierte sich sogleich auf das Wesentliche: der ersten Phase (um nur noch einen Punkt zu erwähnen)
das jeweilige Verhalten der Menschen den Situationen gegen­ wird gezeigt, daß auch der Proletarier ein Mensd1 ist, in der
über, der Arbeiter reagierte also von vornherein politisch. zweiten, inwiefern dieser Mensch ein proletarischer ist; das
Der Westen saß mit gelangweiltem Lächeln, dessen Dummheit heißt, technisd1 gesprochen : Die Charakterisierung der Perso­
geradezu komisch wirkte, da und vermißte die gewohnte ge­ nen erfolgt nam soziologischen, nid1t mehr nach biologischen
fi.ihlvolle Ausschmückung und Buntfärbung der Situationen. Gesichtspunkten. Gleichzeitig beginnt in dieser Phase das pro­
Er hielt sich an das grob Stoffliche. Wer ist also primitiv und letarisdle Theater über sid1 selber nachzudenken. Es überprüft
wer nicht? seine Mittel und nimmt den Kampf auf gegen die gewerbs­
mäßige Fabrikation von Illusionen und Rauschzuständen des
bürgerlichen Theaters, welche diese artistischen Mittel be­
[Ober die amerikanische Auffiihrung der stimmt.
»Mutter« r 9 3 5]
3
Das amerikanische proletarische Theater muß, u� diesen
Es besteht kein Zweifel darüber, daß die Theatre Union, nach­ .
Schritt machen zu können, unbedingt seine Produknonswe1se
dem sie den Mut hatte, das Stück aufzuführen, nicht den glei­ verändern. Seine Hauptaufgabe besteht zur Zeit offenbar da: ­
chen Mut aufbrachte, alle jene einschneidenden .A.nderungen .
in, eine produktive Kontrolle seiner Produknon durch d1e
in ihrer Produktionsweise vorzunehmen, die nötig waren, es Arbeiter und ihre Institutionen zu organisieren.
zur Wirkung zu bringen.

2 Das Proletariat braucht neue Ausdrucksformen


Das proletarische 111eater benutzt, wo es sich in den über­ Die Herstellung und Darstellung von neuen Bühnenwerken ,
kommenen Verkauf von Abendunterhaltung durch das bürger­ verlangt große politische Kenntnisse, artistisches Können, Mut
liche Theater einschaltet, zunächst meist ganz bürgerliche (Bereitschaft, dem Publikum nicht hinterherzulaufen, sondern
Mittel, um zu wirken. Allerdings hat sein Naturalismus eine .
voranzugehen), Bereitwilligkeit zum Lernen, Verzicht auf
revolutionäre Seite, da gescllschaflliche Zustände gezeigt wer­ Routine und Angst vor der Konvention und vor allem Fleiß.
den, die zu verdedcen eine Hauptaufgabe der bürgerlichen Der Versum der Theatre Union, das Stüdc »Die Mutter<<
Theater ist. Auch erschallt ein Ruf zum Kampf, der beweist, aufzuführen, bewies, daß dieses Theater, das zweifellos Ver­
daß Kämpfer da sind. Erst in einer zweiten Phase fängt das dienste um das politische Theater aufzuweisen hat, diese
1 07 8 Anmerkungen zu Stücken und Aufflihrungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 1 079

Eigenschaften oder zumindest einen großen Teil dieser Eigen­ sang »Lob des SozialismuS<< gemacht und den Aussprum der
schaften nicht oder noch nicht zur Verfügung stellen konnte. Mutter in der Antikriegsszen e »Im bin eine Bolsmewikin<< in
Dies soll kurz an [einigen] Beispielen auf dramaturgischem allen Aufführunge n, in denen diese Szene gezeigt wurde, in
und theatralischem Gebiet gezeigt werden. »Im bin eine Revolutionärin<< verwandelt.
Außerdem wurden am letzten Tage gegen alle Verabredungen
[ . . . ] In einer Szene, in der die Mutter die Nachricht von die Kostüme der Arbeiter russifiziert, und dies mit der klaren,
der Erschießung ihres Sohnes erhält, weist sie den religiösen aum vom Theater oft betonten Erkenntnis, daß dadurm die
Trost kleinbiirgerlicher Nachbarinnen zurück. Obgleich als revolutio näre Sache zu einer spezifism russismen, exotismen
Mutter zutiefst betroffen, nimmt sie sofort den Kampf gegen gemafit wi.irde.
den Aberglauben (im allgemeinen) und die Diffamierung der Durm eine dilettantisme, die Anweisungen des Komponisten
ermordeten Revolutionäre auf. Durch das Streichen einer kur­ außer amt lassende Verwertung der Musik durm die Regie
zen, aber entscheidenden Stelle ernsthafter antireligiöser Pro­ entstand ebenfalls eine Schädi gung der politismen Wirku ng
paganda bekommt der Charakter der Mutter einen Zug von des Stüd(es.
Unempfindlich keit und Unmenschlichkeit, und die Szene wird Bei der Auffü hrung der Szene »Die Partei ist in Gefah: « etwa
s
zu einer rein komischen und dadurch menschlid1 rohen. stellt das eigent lime Musik stück den Aufruf der Partei an d �
In der nächsten Szene liegt die Mutter schwerkrank danieder. Musik stüd( muß also di­
revolutionäre Prolet ariat dar. Dieses
er
Der Tod ihres Sohnes hat ihre Gesundheit gebromen. Da rekt zum Publ ikum oder unsim tbar durm einen Lautsprem
kommt der Ausbruch des Krieges, der die Partei versmärften Gesan ges erheb t sim die 1
·
gebramt werde n. Währ end des .
Repressalien ausliefert. Die Mutter beschließt, trotz ihrer Ruf der Parte i wie VIele
kran ke alte Wlassowa und folgt dem
Theatre
Schwäche die Parteiarbeit wiederau fzunehmen. Der Satz andere Revolu tionäre. In der falschen Darstellung der
,, Wenn der Zar mobilisiert, müssen wir Arbeiter aum mo­ Union dringt eine Gruppe von Arbe itern in das Kran �en­
bilisieren «, womit sie diesen Entsmluß begründet, ist gestri­ befie hlt ihr in einem schre ien­
zimmer der Wlassowa ein und
chen. zur Arbe it zu gehen . Das ist
den und befeh lenden Tonf all,
Die nämste Szene zeigt, wie die Mutter vergeblich versumt, diese bedeu tet einen enorm en
eine u nmen smlime Haltu ng, und
den eingesmi.ichterten Arbeitern die bolschewisti schen Losun­ Musik er es sim zur Aufga be ge­
politi smen Fehler. Hätte der
gen zu vermitteln. Diese Losungen sind gestrichen. mam t, gleim sam ein Zwiegespräm zwismen den Vertretern

Die nächstfolgende Szene, die Hauptszene des dritten Aktes, der Partei und einer kranken alten Parteigenossin zu komp
n
ist ganz gestrichen. Es ist eine Szene, in der die Mutter beim nieren , so hätte er eine ganz andere Art der Kompositi�
ik
Betreiben von Antikriegspropagand a gezeigt wird. Auf die schreiben mi.issen , die sim in Tonfa ll, Rhythmus, Melod .
Szene, in der die Arbeiter die Losungen der Bolschewiki zu ­ weit hätte unterscheiden müsse n von der Art, in der es emen
n
ri.ickweisen, folgt unmittelbar die Schlußszene, in der die Ar­ Aufru f der Partei in einer gefähr limen Situat ion zu mame
beiter unter der Fi.ihrung der Bolschewiki 1 9 1 7 demon­ hatte.
strieren. Ein anderes Beispie l: Den zweiten Akt besmli eßt ein Musik­
Mit dem Hinweis auf politische Untragbarkeit hatte das stü� »Lob der Wlassowas<<, das eine öffentlime Ehrun g einer
Theater aus dem Gesang »Lob des Kommunismus<< einen Ge- Genoss in für ihre revolut ionäre Arbeit ermöglimt. Dieses
Anmerku ngen zu StUcken und Aufführungen ro8 r
r o8o Anmerkungen zu StUcken und Aufführungen

Musikstück muß völlig getrennt von der vorhergegangenen Darstellung einer sd10n klassisch gewordenen Epoche. In der
Szene direkt zum Publikum gesprochen werden. Der in die­ Form beruht das Werk, wie übrigens nur sehr wenige neuere
sen Dingen noch völlig unerfahrene junge Regisseur ließ dieses Werke, auf der Bau- und Ausdrudtsweise des nationalen deut­
Stück in der Szenerie, die eine Ki.idlC darstellt, von den schen Theaters (von Goethes »GÖtZ<< bis zu Büchners >> Woy­
Schauspielern, die noch eben vorher Streikbrecher dargestellt zecb ). Auf dem englischen Theater findet man diese Bauweise
hatten, der Darstellerin der Mutter selbst ins Gesicht brüllen. bei Shakespeare und seinen Zeitgenossen, auf dem russischen
Dadurch wurde die ganze Art der Musik, die eine kalte, bei Ostrowski. Selbst die eingestreuten musikalischen Partien
des
scharfe und komplizierte ist, unwirksam gemacht und hatte sind in der Klass ik schon vorgezeichnet (im zweiten Teil
Insze nie­
zur Folge, daß der Zuhörer völlig verständnislos und kopf­ >> Faust<<, im >>Egm ont<< und so weiter). Daß in der
meines
schüttelnd sich dieses wilde Herumschreien in der Küche be­ nmg eine schöne Bildh afl:igkeit angestrebt wurde, tut
Abbr ud1, im Ge­
trachtet. Erachtens dem Realismus des Werks keinen
1\.hnliche Fehler lassen sich aber an fast allen Stellen dieser genteil.
Aufführungen nachweisen. 1951
Im Interesse des proletarischen Theaters, der Zehntausende
von Arbeitern, die das Stück noch sehen werden muß unbe­
dingt gefordert [werden ] , daß ohne jeden Verz�rg der volle [Keine Berü hrun g mit der Wirklichkeit]
· derh ergestellt wird und die Anweisungen
Text des S tu"cks Wie
die Kunstkri­
des Komponisten, die Verwertung der Musikstücke betreffend Damit die Kunst kritisiert werden kann, muß
'
iker sind so darauf
streng befolgt werden. tik krit isiert werden. Man che unserer Krit
ellen, daß sie jede
E twa 1 935 ;:ms, allg emeine und drohende Sätze aufzust
Angesichts der Auf­
Berührung mit der Wirklichkeit verlieren.
Kritiker den Satz
führung der »Mu tter « in Berlin stellte ein
Ironie nicht. Nicht
»Die Mutter« auf, das Pro letaria t liebe und verstehe die
e Iron ie. Mit eine m
etwa : eine bestimmte Iron ie, nein , kein
enkung die Werke der
Fede rzug versinken für ewig in der Vers
D nte, Gogol. D �e
Das Berliner Ensemble hat mein Stück >>Die Mutter<< (das
' .
u' bngens zwar frei. nach Motiven aus Gorkis Roman geschrie- Aristophanes, Cervantes, Shakespeare, � .
. . en 111 Zeitungen, die
ben ISt, a I so k eme B earb eitung
· des klassischen Romans dar- schönen sowjetischen Karikawren werd
ehen veröffentlicht.
stellt, dennoch aber von Gorki autorisiert wurde) neu einstu­ für Proletariat gedrud't sind , nur aus Vers
allem käm pferischen
diert, weil wir unsern Werktätigen, unserm Kleinbürgertum Lenins und Stalins Reden müssen von
iker mit diesem Satz
und unsern Intellektuellen die Sowjetunion liebenswert ma­ Hum or gereinigt werden. Käme der Krit
erleben, was für
chen wollten. Dieser Wirkung können sich auch wie viele vor die Berliner Arbeiter, würde er schnell
1\.ußerungen bezeugen, sehr wenige Zuschauer ent�iehen. Das ein Talen t sie für Ironie haben..
Werk wurde 1 93 2 mehr oder weniger im Stil der Agitprop 19JI
aufgeführt, obwohl es eigentlich einfach ein historisches Stück
ist. Als letzteres wurde es jetzt au fgefi.ihrt, als dichterische
Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen roS3

Ztt »Die Rundköpfe und die Spitzköpfe« Herr de Guzman ist verhaftet worden, weil er Tschiche ist.<<
Der Auftritt der andern Pächter fiel aus.)
Beschre ibung der Kopen hagene r Uraufführung
3 Aufbau der Rollen (induktive Methode)
r Allgemeines
Der Rollenaufbau erfolgte nacl1 gesellsclJaftlichen Gesichts­
Die Kopenhagener Urauffiihrung fand unter der Leitung v0n punkten. Die von den Scl1auspielern gezeigten Verhaltungswei­
Per Knutzon am 4 November 1 9 36 im 11JCater >>Riddersale11« sen hatten durcl1sichtige Motivierungen aus dem historisch-ge�
·
statt. Im Theater kann geraucht und gegessen werden; es U!U· seilschaftliehen Bereich. Nicht das »ewig Menschliche<< sollte in
faßt 220 Plätze. Die Bühne ist 7 m breit, 8 m tief, IO rn Erscl1einung treten, nicht was angeblich alle Menschen zu aller
hoch. Zeit tun, sondern das, was in unserer Zeit, zum Unterschied
zu andern Zeiten, Menscl1en bestimmter gesellschaftlicher
2 Besonderheiten der Parabelform SmiclJten, zum Untersmied zu andern Sclliclnen, tun. Die
Scl1auspieler, gewohnt, sich hauptsächlich der Einfühlung des
Das Stück, der Parabeltypus einer nichtaristotelischen Dra­ Zuscl1auers zu versichern, und deshalb sich seiner nächstlie­
matik, erforderte von Bühnenbau und Spielweise einen weit­ genden Emotionen bedienend, fassen fast immer ganze Satz­
gehend en Verzicht auf Illusionswirkungen. Die Vorbereitlll1- folgen zusammen und geben ihnen einen einzigen Ausdruck.
_
ge�, d1e getroffen waren, das Gleichnis zur Wirkung zu Bei einer Dramatik wie der vorliegenden ist es jedom uner­
bnngen mußten eingesehen werden können. Das Spiel mußte läßlim, Satz für Satz auf seinen gesellschaftlichen Gestus zu
;
es ?em Zuschauer ermöglichen und nahelegen, zu abstrahieren. prüfen. Die Einheitlicl1keit der Figuren wird keineswegs zer­
Bei der Rede des Missena (am Schluß) wurde an Drähten vom stört durch eine genaue Wiedergabe ihres widersprümlimen
Schniirboden ein großes Kanonenrohr über den Eßtisch her­ Verhaltens; nur in ihrer Entwicldung werden sie wirklim le­
untergelassen. Der Pächter Callas kam (in r o ) ins Gefängnis bendig. Die Nanna Callas zum Beispiel gibt (in 6) deutlim zu
durch den ganzen Zuschauerraum, seine Geschichte noch ein­ erkennen, daß sie den Fall ihres Vaters für aussidltSlos hält,
mal de� Zuschauern erzählend. Kleine Anderungen mit Pa­ dennoch kämpft sie (in 7 ) mit all ihrem Charme gegenüber
rabelWirkung waren, daß den Zivilprozeß (in 7) Missena selbst dem Richter wie eine Tigerin um die Gäule. Sie mamt Frau
f �hrte anstatt des Richters und daß (in 3 ) die Rede des Iberin Cornamontis gegenüber (in 8 ) kein Hehl aus ihrer Meinung,
die Pächterfamilien trennte. (Die Stimme von hinten fuhr daß ihr Vater ein Esel ist, aber sie ist gleim darauf gerührt und
nach den Worten »das Ruder ergriffen hat<< fort mit >>und für dankbar, wenn sie ihm Lebewohl sagt. Die Figur des führen­
uns das Wichtigste, daß unser Pachtherr bereits verhaftet ist<<. den Huas wurde durm eine präzise Durcharbeitung jedes ein­
Nach dem Satz : »Die Zeiten des Elends, Kinder, haben ein zelnen Satzes, ein induktives Vorgehen von Satz zu Satz, zu
Ende« kommt die Rede, während der sich die Familien tren­ einer Hauptfigur. In einem einzigen Ausruf »Heil Iberin!<<
nen, und danach geht es weiter mit dem Satz der Frau Callas : bracl1te er in der Szene, wo sich Iberin (in 4) unter die Menge
»Leider sind die Nachrichten für Sie nicht so gut. Angelo Ibe­ begibt (»Ihr aber seht, wie smwer es ist . . . <<), seine Gläubig­
rin ist ans Ruder gekommen, und ihr seid Tschichen. Auch keit zum Ausdruck. Und in wenigen Sätzen machte er es (in 6)
Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen ro85
ro84 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen
ihm docl1 die Sympathie zu erhalten, die dem betrogenen
fühlbar, daß sein Haß gegen den Pachtherrn und sein Ver­
Päcl1ter zukommt; immer blieben verächtlicher, die ihn er­
ständnis für den Pächter aus ein und derselben Quelle stam­
ledigten, und im Augenblick, wo er gescl1lagen wird (in 7), teilt
men. Der bürgerliche Zuschauer würde vermutlich auch bei
er wieder das Schicksal seiner Klasse, obwohl sie mehr durch ihn
dem größten Reidnum gcsellschafl:lich wichtiger Aussagen die
als durch ihre Feinde zu Fall kommt, und gewinnt so von dem
Charakteristik der Figuren für primitiv erklären, da dieselben
Zorn und der Verzweiflung, die ihre Niederlage auslösen muß.
nicht die konventionellen Emotionen auslösen · ohne diffe­
renzierte Arbeit des Schauspielcrs tut er dies ab�r mit Recht.
Der Vizekönig, durch Sprechweise und Kleidung als Paclit­
hcrr gekennzeichnet, läßt sich nicht ohne Koketterie (in I )
Die Aufgabe des Schauspielcrs ist nod1 dadurd1 erschwert, daß
von seinem Ratgeber als unerfahren in gcschäfl:licl1en und un­
er mehr als nur eine Aufgabe hat. So erfordert die Rolle der
interessiert in wirtschafl:lichcn Dingen behandeln ; er bevor­
Na� na Callas nicht nur, daß die Sdiauspiclcrin, wenn Nanna
zugt eine unparteiische Zuschaucrhaltung. Nacl1dcm er seine
a �! em oder unter ihrcsgleiclJCn ist, ein vern i.infl:igcs und unge­
Entscl1eidung betreffend Iberin beim Billardspiel getroffen hat
kunstcltcs Wesen, sonst aber das professionelle Gehabe der Pro­
(pach dem Satz : »Sag schon : Iberin« fegt er die rest!icl1en Zei­
stituierten zeigt; sondern die Scl1auspielerin muß auch noch,
. tungen vom Arbeitstisch und beginnt, Billard zu spielen), geht
sozusagen �� Auftrag des Stückeschreibers, bestimmte Erläu­
terungen direkt an den Zuschauer richten ( I I ) . Auch die
er ab ins Parkett und kehrt aud1 (in I I ) von dort zurück, und
er könnte die ganz e Vorführung des Iberincxpcrimentes vom
S �cllungnahme zum Ganzen wirf!: aber Licht auf die Figur.
Parkett aus beobachten. Er könnte in diesem Falle (nach dem
SIC muß von der Figur aus erfolgen.
Der Pächter Callas wurde als ein abgearbeiteter Mann dar­ achten Bild) eine kleine Anspracl1e vom Parkett aus halten :
g�stellt, der (in 3) seinen Abfall in großer Verlegenhei t voll­
. Wohl scl10n vergessen hier in meiner Stadt
Zieht. DIC dummen Sätze seiner Frau, die sowohl di.immcr als
auch verräterischer ist als er, hört er mit Unwillen. Erst als der Beginn e id1 an Rücld<ehr jetzt zu denken
P � chter Lopez seine (des Callas) Sonderlage nicht verstehen Ich darf schon hoffen, sie wird unbemerkt sein.
. Dies Läuten da beweist, ich hab gesiegt.
:V dl, . "':1rd er etwas ungeduldiger . Sein Unverständnis den
Ideahsus0en P� rasen des Iberin gegenüber (in 4) macht ihn Noch trct ich nich t hervor, doch weiß ich: Bald
kalt.
sympathisch, scm Zögern, auf die Ehre seiner Tocl1ter einzu­ Sitz wied er ich zu Tisch , sons t wird das Esse n
Die trübe Zeit ist, denk ich, nun verb rach t
gehen, hat gut: Gründe, später (in 6), wenn er die Gäule zu
e die letzte Nacht.
haben glaubt, Ist er durchaus bereit, die Ehre seiner Tochter Und der neue Mond hält den alten im Arm
zu verteidigen. Jedocl1 zeigt er schon hier in der ersten Gc­
Jedenfalls wäre es für den Darsteller gut, sich während der
richtsszcne deutlich den entscheidenden Mangel an realistischer
Proben in den Zuschauerraum zu setzen und zu den Vorgän­
Denkweise, die ihn einen Rechtsspruch dem Kampf mit der
. gen als Vizekönig Stellung zu nehmen. Um dem Vizekönig
Waffe vorziehen läßt. Dabei weiß er, wieviel er dem Kampf
. in dem letzten Bild, wo er sich als Meister der Verwischung
der Sid1el zu verdanken hat; in seinem betrunkenen Toast
zeigt, die volle Überlegenheit des deus ex machina zu neh­
auf Lopez (in 6) zeigt sich das . So vollständig der Darsteller
men, wurde er als Alkoholiker dargestellt.
aber diesen Pächter, seines verräterischen Opportunismus we­
gen, der Mißbilligung, ja der Verachtung preisgab, wußte er
Angelo Iberin wurde mit keiner äußeren Hit!erähnlichkcit
ro86 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 1087

ausgestattet. Schon die Tatsache, daß er in gewisser Weise ein staltung, welche die Gefühle des Zuschaucrs außer acht läßt.
sehr idealisiertes Abbild eines Rassepropheten ist (was für die Sie muß aber den Emotionen des Zuschauers kritisch gegen­
Parabel ausreicht), verbot dies auch dort, wo es die Polizei überstehen, genau wie seinen Vorstellungen. Emotionen, In­
nicht verboten hätte. Jedoch wurden einige Gesten, teilweise stinkte, Triebe werden meist als tieferliegend, ewiger, von
nach photographischem Material, verwendet. So sind die bei­ der Gesellschaft weniger beeinflußbar hingestellt als Vorstel­
den Verbeugungen vor dem Vizekönig (in I und I I ) ohne Ein­ lungen, sie sind es jedoch keineswegs. Die Emotionen sind we­
sicht in solches Material kaum zu bringen. Das Weinen des Ibe­ der allen Menschen gemein, noch unveränderbar, die In­
rin, der (in n ) ein großes Taschentuch herauszog, als ihm die stinkte weder unfehlbar, noch unabhängig vom Verstand, die
Rückkehr des Vizekönigs angezeigt wurde, ersd1ien vielen als Triebe weder unbeherrschbar, noch unerzeugbar und so wei-
allzu naive Darstellung, es ist jedoch ein d1arakteristisdter . ter. Vor allem aber muß der Schauspieler berücksichtigen, daß
und verbürgter Zug solcher Figuren, ebenso die demagogisdte k ein wertvolles Gefühl geschwächt wird, wenn es ins klare
Verwertung der Erschöpfung nach den großen Reden. Iberins und kritische Bewußtsein gehoben wird. Das Nach-und-Nach,
Behandlung des Mikrophons (in 7) erlangte sogleich eine ge­ mit dem sich die Figur entfaltet, immer mehr Verbindungen
wisse Berühmtheit, der Schauspieler zeigte die beinahe eroti­ mit andern Figuren eingehend, in immer neuen Lagen sich
sche Beziehung des Iberin zu diesem Instrument. bestätigend oder entwickelnd, erzwingt beim Zuhörer eine
Die Kellnerin Nanna Callas wurde als ein Typus gezeidtnet, reiche, mitunter komplizierte Gefühlskurve, ein Ineinander­
der infolge doppelter Ausbeutung (als Kellnerin und Prosti­ übergehen und selbst einen Kampf der Gefühle.
tuierte) eine noch unentwickeltere politische Haltung als ihr
Vater, der Pächter, zeigt. Ihre Einstellung ist nur scheinbar rea­
5 Verfremdung
listischer; sie ist in der Tat hoffnungslos. Die Darstellerin
brachte das besonders deutlich in der »Ballade vom Wasser­ Bestimmte Vorgänge des Stückes sollten - durch Inschriften,
rad« zum Ausdruck, aber auch sonst an vielen Stellen. Geräusch- oder Musikkulissen und die Spielweise der Schau­
spieler - als in sich geschlossene Szenen aus dem Bezirk des
Alltäglichen, Selbstverständlichen, Erwarteten gehoben (ver­
4 Einflußnahme auf den Zuschauer (bei induktivem
fremdet) werden. Solche Vorgänge sind:
Rollenaufbau)
Ein weitgehender Verzicht auf die Einfühlung des Zuschauers im ersten Bild
bedeutet nicht den Verzicht auf seine Beeinflussung. Die Dar­ aus der Zeitung erfährt der Vizekönig von Jahoo, daß sein
stellung des Verhaltens der Menschen vom gesellschaftlichen Land bankrott ist;
Standpunkt aus soll ja gerade das gesellschaftliche Verhalten der Vizekön ig erfährt bei einer Partie Billard, daß nach dem
des Zuschauers eingreifend beeinflussen. Solche Eingriffe lö­ Rassepropheten Iberin nicht er und die andern Pachtherren
sen unvermeidlich gefühlsmäßige Wirkungen aus; sie sind be­ am Elend der Pächter schuld sind, sondern Menschen mit
absichtigt und müssen kontroll iert werden. Eine Gestaltung, Spitzköpfen ;
die auf Einfühlung mehr oder weniger verzichtet, braucht kei­ der Vizekönig empfängt und beschaut sich den Rassepropheten
neswegs eine »gefühllose<< Gestaltung zu sein oder eine Ge- Ibcrin ;
1088 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen xo8 9

im zweiten Bild dern als Spitzkopf, und nicht wegen Pachtwucher, sondern
die Kleinbürger erfahren aus der Zeitung, daß sie einen neuen wegen Rasseschändung;
Herrscher haben ; rundköpfige Pachtherren geben ihren spitzköpfigen Klassen­
die Bordellwirtin Cornamontis, welche als erste die Ibcrin­ genossen den Iberinbanden preis;
fahne hißt, kündigt an, daß sie in Zukunft keine Tschichin
mehr in ihrem Etablissement beschäftigen wird; im fiinfien Bild
die Konkurrenzkämpfe des Kleinhandels gehen über in Po­ der Anwalt zweifelt, ob die Pachten groß genug sind, daß die
grome; Pachtherrnschwester ihren Lieblingswunsch, ins Kloster zu
ein spitzköpfiger Lebensmittelhändler wird bedroht, weil er gehen, erfüllen kann;
die Iberinfahne nicht hißt; aber als er sie hißt, wird er ver­ das Kloster San Barabas zeigt sich bereit, die Güter des Spitz­
haftet; kopfs de Guzman in Obhut zu nehmen, verweigert aber
Nanna Callas weiß für die Schwester ihres Pachtherrn einen seiner Schwester das Obdach;
anderen Ausweg als das Keuschheitsgelübde des Klosters;
Nanna Callas denunziert ihren Pachtherrn und einstigen Lieb­ im sechsten Bild
haber den Huas als Spitzkopf; der Pächter Callas deutet einen Ausspruch des Iberin über
die Unwichti gkeit des Besitzes so, daß er die Gäule nehmen
im dritten Bild darf, die er zum Ackern benötigt; .
Iberins Botschaft, die die Rundköpfe zum Kampf gegen die Callas im verme intlichen Besitz der Gäule, weist das Ansm­
Spit�köpfe aufruft, trennt zwei Pächter, die gemeinsam ge­ nen d:r Famil ie de Guzman, die Ehre seiner Tochter preiszu-
g:n 1hre Pachtherren kämp fen wollten ; geben, zurück; .
d1e Frau des Pächters Lopez nimmt das Gewehr auf, das der Nanna beklag t sich darüber, daß sie durch d1e Ehrung des
Pächter Calla s wegstellt; Iberin ihre Kundschaft verloren hat;
der Pächter Callas verweigert der spitzköpfi gen Familie des Pachtherren von Iberin soldaten geprügelt, werden von einem
Pächters Lopez das Obda ch; hohen Bea�ten darüber belehrt, daß man seinen Leibwäch­
ter bezahlen muß ;
im vierten Bild
die Huas würfeln um die Ringe des gefangenen Pachther rn; im siebenten Bild
Volk und Richter streiten, ob der Pachtherr oder die Kellnerin Iberin macht es vom Ausgang des Bürgerkriegs abhängig, ob
auf die Anklagebank soll; er dem Pächter die Pferde des Tschichen zusprechen will oder
Iberin weist den Richter an, nicht nach den Akten, sondern nicht;
nach den Meldungen vom Stand des Bürgerkriegs sein Urteil die Oberin des Klosters, das die Gäule des Spitzkopfs ein­
zu fällen; klagt, zeigt dem Callas, daß auch ihr Kopf rund ist;
der Pächter Callas klagt seinen Pachtherrn nicht der Verfüh­ der Pächter Parr gibt als Grund dafür, daß er sich die Gäule
rung seiner Tochter, sondern des Pachtwuchers an; genommen hat, an, daß er sie zum Ackern braucht. Der Päch­
Iberin verurteilt Herrn de Guzman nicht als Pachtherrn, son- ter Callas beschimpft ihn deswegen;
1 090 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen z u Stücken und Aufführungen 1091

der Pächter Callas, dem die Gäule abgesprodten sind, will nun großer Krieg gegen ein Nachbarvolk mit eckigen Köpfen be­
zur Sichel gehen. Er erfährt, daß sie besiegt ist; vorstehe;
der Pädtter Callas weist die Suppe des Vizekönigs angesidtts
im achten Bild der Exekution der Sichelleute zurück;
der Pächter Callas, außerstande, seine Tochter zu ernähren, am Galgen des Vizekönigs hängen und an seinem 1isdt spei­
liefert sie ins Bordell zurück; sen Rund- und Spitzköpfe.
der Pächter Callas erkennt, daß Iberin mit der Sichel auch ihn
besiegt hat; Beispiele von Verfremdung in der Koperzhagener Aufführung
der Pachtherr de Guzman verlangt von seiner Schwester, daß Nanna Callas, ihr Auftrittslied (in z ) singend, trat unter die
sie sich seinem Kerkermeister hingibt; seine Anwälte verste­ Straßenembleme des Kleinhandels (siehe: BUhnenbau und
hen seinen Kleinmut nicht; Masken), eine Ware unter Waren, und winkte vor der dr� t­
.
Nanna Callas erklärt sich als an dem Todesurteil über den ten Strophe den Zusdtauern mit medtanisdtem, soglerch wre­
Pachtherrn ihres Vaters nicht interessiert; der abfallendem Prostituiertenlädtein zu.
Vor dem fiinften Bild trat aus dem Nehervorhang eine junge
im neunten Bild Nonne mit einem Grammophonapparat und setzte sidt auf
das Pachtfräulein erfährt, daß auch sie geeignet ist, sich zu eine kleine Treppe. Die Orgelmusik der Platte begleitete den
prostituieren; das einzige, was gegen ihre Hingabe spridtt, ist .
ersten, frommen Teil des Bildes (bis zu dem Satz: >>Was bn� gt
ihre Wohl haben heit; das Fräulein mit?«). Danach stand die Nonne auf und gmg
Nanna Callas ist gegen Bezahlun g bereit, sidt zu prostituie­ mit dem Grammophon zurück.
ren, um den Padttherrn zu retten der zum Tode verurteil t Das adtte Bild (Gasse der Altstadt) enthält in dem Treffen
/worden ist, weil e r sie prostituiert h �t ; der Gesdtwister de Guzman die Nadtbildung einer Szene des
elisabet hanischen Theaters, nämlidt die Unterredung des Cla�­
im zehnten Bild dio mit der Isabell a in Shakespeares >>Maß fiir Maß«. D1e
im Angesidtt des Todes streiten Padttherr und Pächter noch
Szene muß mit vollem Ernst in dem gehobenen und leiden­
um die Padtt;
sdtaftlidten Stil des elisabethanisdten Theaters gespiel t wer­
der rundköpfige Pächter Callas geht gegen Padtterlaß das Ri­
den. Die Kopenhagener Urauff ührung verfremdete diesen Stil
siko ein, sidt für seinen spitzköpfigen Padttherrn hängen zu
dadurdt daß sie in dieser Szene es regnen ließ und alle Auf­
lassen; tretende� mit Regensdtirmen ausstattete. Damit war die .ge­
hobene Spielwe ise artistisdt verfremdet. Jedodt war nodt mdtt
im elften Bild erreicht, daß der Zusdtauer, der auf das Unzeitgemäße sol­
Iberin, um sidt an der Madtt zu halten, erklärt sidt bereit,
dten Verhaltens hingewiesen war, auch noch merkte, daß die
seine Lehre von Rund- und Spitzkopf zu kassieren ;
gehobene Ausdrucksweise verknüpft ist mit den individue llen
der Vizekönig zeigt Herrn Iberin, welche Fisdte sidt in seinem
Problemen der Oberklasse. Dies könnte erreidtt werden zum
Netz fingen;
B eispiel dadurdt, daß sidt der Inspektor und der Hua, die
der Vizekönig erklärt, daß er den Pädtter braudtt, weil ein den Gefangenen führten, besonders gleidtgültig oder sogar

I
_,
1 09 2 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 1 09 3

belustigt, vieHeicht aber auch bewundernd zu dem Vorgang tualienläden; sechs Ladenembleme zur Andeutung kleiner Ge­
verhielten. schäfte, an Drähten hängend (nach Gorelik) : eine goldene
Zu den Aussteilungen historischer Szenen formen gehört auch Bäckerbrezel, ein silberner Zylinderhut, eine schwarze Zigarre,
das neunte Bild im Kaffeehaus der Frau Cornamontis, wel­ ein goldenes Barbierbecken, ein roter Kinderstiefel, ein roter
ches Elemente des französischen Konversationssti.ickes im aus­ Handschuh - diese Embleme des Kleinhandels wurden her­
gehenden I 8 . Jahrhundert enthält. In diesem Bild war die untergelassen, wenn Nanna zu ihrem Auftrittslied darunter
Isabel Ia voiiständig weiß geschminkt. trat; Fahnen mit dem Kopf des Iberin;

drittes Bild
6 Bühnenbau und Masken
ein großer Ziehbrunnen aus rohen Holzbalken; eine Stroh­
Die Grunddekoration bestand aus vier clfenbeinfarbenen, ho­ matte, aufgehängt;
rizontal leicht gebogenen Schirmen, die in jeweils verschiede­
ner Anordnung aufgesteilt werden konnten. Die Lampen wur­ viertes Bild
den , soweit sie beweglich waren, gezeigt. Die zwei Klaviere der Stuhl des Vizekönigs für den Richter, auf einem kleinen
waren , wenn sie arbeiteten, beleuchtet; ihr Mechanismus war Holzbalkon seitlich außerhalb der Bühne; Leuchtschrift, wan­
offengelegt. Die Verwandlung erfolgte hinter einem kleinen dernd auf der Rückmauer der Bühne über den Schirmen; eine
Nehervorhang, der einige Einsicht gewährte, jedoch Zwi­ rohe Holztreppe; eine alte Bank für die Angeklagten; eine
schenspiele ermöglichte. beschädigte Statue der Justitia ;
Die Dekoration wurde wiihrend der Probenarbeit aufge­
baut und ergänzt. Es wurden verwendet: fiinfles Bild
ein Kirchenstuhl für die Oberin; ein gemaltes Kirchenfenster
erstes Bild auf Eisenfüßen, unten zu öffnen; zwei Holzstühle; ein Tre­
ein kleiner Stuhl für den Vizekönig ; ein mit Zeitungen be­ sorschrank mit einem Heiligenbild;
deckter Biiiardtisch ; eine Landkart e auf einem Holzständer ;
eine zerbrochene Lampe mit nur einer brennende n Birne; ein sechstes Bild
Hutständer für Hut und Stock des Vizckönigs ; ein Türstock ein Türstock mit einer kleinen Holztreppe; ein Tisch; sechs
mit Tür, darauf ein kleines Emblem, eine Hyäne mit einem Sti.ihle; die rote Laterne; ausgesägte schwarze Buchstaben
Zepter; ein Holzstuhl für den vor der Tür wartenden Iberin; »Cafe Paradiso << ; eine Kerze; auf einem der Schirme die
Silhouette zweier Pferde;
zweites Bild
zwei rohe hölzerne Fensterrahmen für Caiiamassi und siebentes Bild
Nanna ; ein Schild »Zum Tabakladen Palmosa<< ; eine rote eine I-Iolztreppe, darauf ein blauer Teppich ; eine Lüster­
Laterne mit der Inschrift >> Cafe Paradiso « ; ein Strohstuhl krone; die Statue der Justitia, repariert, am Schluß des
für Frau Cornamontis; ein Türstock zum Cafe; zwei ge­ »Liedes von der belebenden Wirkung des Geldes<< vermittels
malte, zwei Meter große vierstöckige Häuser mit kleinen Vik- Zügen herabgelassen anstelle der beschädigten Statue, die
1 094 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 1 09 5

hochgezogen wurde; eine kleine Tafel »Kloster San Barabas D ie Kostüme der Frauen waren farbig und nicht an bestimmte
contra Pächter Callas. Streitobjekt 2 Pferde« ; der Stuhl für Moden gebunden; die Pächter trugen schwarze Hosen, Lei­
den Richter; eine neue geschnitzte Anklagebank; in halber nenhemden und Holzschuhe; die reichen Pachtherren Derby­
Höhe hängend zwei Pferde aus Sperrholz, die bei der Urteils­ kleidung; Missena Uniform; die Kleinbürger gewöhnliche
sprechung hochgehen konnten; Anzüge.

achtes Bild
7 über die Geräusche
beschmutzte Fahnen, sonst wie zweites Bild;
Neuerdings stellt die Schallplattenindustrie den Bühnen Ori­
neuntes Bild ginalgeräusche auf Scl1allplatten zur Verfügung. Sie führen zu
Ttirstock mit rotem Fransenvorhang als Füllung; ein Tablett einer beträclltlichen Verstärkung der Illusion des Zuschauers,
mit einem Wasserglas; ein Holzstuhl, ein altes Recamier­ sich nicht im Theater zu befinden. Sie werden von den Büh­
sofa; eine grüne künstliche Topfpalme, von Nanna als Para­ nen begierig aufgenommen, so daß man jetzt in Shakespeares
vent verwendet; eine rote Ampel über dem Sofa; ein Besu­ »Romeo und Julia<< echten Volkslärm hören kann. Unsres
cher, das Lokal verlassend, das Isabella betreten will ; Wissens geschah die erste Verwertung von Scllallplatten durch
Piscator. Er verwertete das neue Mittel vollkommen riclltig.
zehntes Bild Bei der Aufführung des Stückes >>Rasputin<< wurde eine
großer Holzrahmen mit Seilen bespannt, schwarz gestrichen Scllallplatte mit der Stimme Lenins vorgeführt. Die Auf­
als Gefängnisgitter, vorn an der Rampe; zwei Holzhocker für führung wurde dadurcll unterbrocllen. In einer anderen
de Guzman und Callas dicht hinter dem Gitter; kleines Po­ Aufführung wurde eine neue Errungenschaft der Tecllnik, die
dest mit Hockern für die umseilten Pächter; Lichtanlage, daß drahtlose Übermittlung der Herzgeräusclle eines Kranken,
der Pächter Callas durch dtn Zuschauerraum kommen kann, vorgeführt. Gleicllzeitig zeigte ein Film die Kontraktion des
wenn er seinen Monolog spricht; drei Galgen hinter einem Herzens. I m Stück spielte die Tatsaclle, daß man für einen
Schirm; Kranken auf einem Schiff oder an einem entlegenen Platz
Anweisungen von Spezialisten erhalten kann, keine Rolle. Es
elfles Bild wurde lediglich gezeigt, wie sehr die Kommunikation der
drei Galgen hinter einem Schirm ; schwarze Tafel außerhalb Menscllheit durch die Technik erleichtert wurde, daß aber der
der Bühne »Exekution an r Pachtherrn und 2oo Pächtern« ; ge­ Ausnutzung dieses Faktums die gegenwärtigen gesellschaftli­
deckter Tisch mit goldenen Stühlchen; Sperrholzsil houetten von chen Zustände entgegenstehen.
Soldaten, sichtbar, wenn der Vizekönig auftritt; großes Kano­ In einem Stüclt von Parabeltypus dürfen Geräusclle nur an­
nenrohr an einem Drahtheruntergehend über dem Tisch, gerich­ gewendet werden, wenn sie Parabelfunktion haben, und nicllt
tet auf den Zuschauerraum, wenn Missena vom Frieden spricht. zur Herstellung von Stimmung, Atmosphäre und Illusion.
Die Köpfe waren etwa 20 cm hoch. Die Masken zeigten starke Der Marschtritt der ausziehenden Iberintruppen (in 2) kann
Verunstaltungen der Nasen, Ohren, Haare, Kinne. Die Huas von der Scllallplatte kommen. Ebenso die Siegesglodten (in
hatten übergroße Hände und Füße. 7 und 8) und die Armesünderglocke (in I I ). Nicllt von der
1 096 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen

Schallplatte zum Beispiel sollte kommen ein Geräusch des Ztt »Die Horatier und die Kuriatier«
Ziehbrunnens, an dem die Pächter (in 3 ) arbeiten. Künstlicher
Volkslärm kann das Auftreten Iberins (in 4) begleiten; auch Anweisung für die Spieler
die Reaktion der Volksmassen außerhalb des Gerichtshofes
(in 4) auf die Forderungen des Pächters und die Entscheidungen
des Statthalters und der Volkslärm beim Eintreffen der Sieges­
nachricht (in 7) kann künstlich sein. Die Heerführer stellen zugleich ihre Heere dar. Nach einer
Es ist richtig, die Schallplatte ebenso wie das Orchester sicht­ Gepflogenheit des chinesischen Theaters können die Heeres­
bar zu p lazieren. Wenn jedoch eine solche Maßnahme das Pu­ teile durch kleine Fahnen angedeutet werden, welche die Heer­
blikum allzusehr schockieren würde oder zu großes Amüse­ führer auf einer Holzleiste im Genick tragen. Sie ragt über
ment erregte, unterließe man sie l ieber. die Schultern heraus. Die Bewegungen der Spieler müssen lang­
sam sein und aus dem Gefühl des Tragens der Schulterleisten
und einer gewissen Breite erfolgen. Die Spieler deuten die
Vernichtung ihrer Heeresteile dadurch an, daß sie mit großer
Geste eine Anzahl der Fahnen aus der Leiste ziehen und weg­
werfen.

Die Landschaft ist auf den Bühnenboden fixiert. Die Spieler


sehen so wie die Zuschauer den Fluß oder das Tal aufgezeich­
net. Auf ansteigendem Bühnenboden kann man eine Boden­
dekoration aufbauen, das ganze Schlachtfeld, kniehohe Wäl­
der, Hügel und so weiter. Diese Dekoration darf aber nicht
verspielt (zum Beispiel nicht farbig) sein, sie soll sein wie auf
alten Landkarten. Im Kapitel >>Die sieben Lanzenverwertun­
gen<< können die Hindernisse (Felsspalte, Schneewehe und so
weiter) auf kleinen Tafeln am nackten Spielgerüst bezeichnet
werden .

Auch die Positionen der Schritte sollten fixiert sein; die


Spieler treten gewissermaßen in Fußtapfen. Das ist nötig, weil
die Zeit gemessen werden muß. In der ersten Schlacht ist der
---�-----�- ,, -- ·--··�-

1 09 8 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen

Sonnenträger die Uhr. In der zweiten Schlacht ist während Zu » Furcht und Elend des Dritten Reiches« '
der >>sieben Lanzenverwertungen<< der Kuriatier die Uhr. Die
Vorgänge werden so langsam wie unter der Zeitlupe dar­
gestellt. Anmerkung zu
» Furcht und Elend des Dritten Reiches«
4
Bei dem Stück »Furcht und Elend des Dritten Reiches<< ist die
In der Schlacht der Bogenschützen sind Pfeile nicht not­ Versuchung für den Schauspieler, eine Spielweise anzuwenden,
wendig. die für Stücke aristotelischer Dramatik am Platz ist, größer
als bei andern Stücken dieser Sammlung. Damit das Stück
5 sogleich unter den ungünstigen Umständen des Exils aufge­
führt werden konnte, ist es so verfaßt, daß es von winzigen
Um das Schneetreiben anzudeuten, werden ein paar Hände Spieltruppen (den bestehenden Arbeitertruppen) und teil­
Papierschnitzel über den Lanzenträger gestreut. weise (in der oder jenen Auswahl der Einzelszenen) gespielt
werden kann. Die Arbeitertruppen sind sowohl außerstande
6 als auch unwillig, die Einfühlung des Zuschauers �erbeizu­
zwingen; die wenigen zur Verfügung stehenden Arnsten be­
Was das Sprechen der Verse betrifft: Die Stimme setzt mit jeder herrschen die epische Spielweise, ausgebildet in den �h�atra­
Verszeile neu ein. Jedoch darf das Rezitieren nicht abgehackt lischen Versuchen des letzten Jahrzehnts vor dem faschtsuschen
wirken. Regime. Die Spielart der Arbeitertruppen und dieser A�tisten
.
verträgt sich ausgezeichnet. Die Theoretiker, die letzthm dte
7 Technik der Montage als reines Formprinzip behandelten, b: ­
gegnen hier der Montage als einer praktischen Angelegenheit,
Man kann ohne Musik auskommen und nur Trommeln be­ was ihre Spekulationen auf einen realen Boden zurückführen
nützen. Die Trommeln werden nach einiger Zeit monoton mag.
wirken, jedoch nur kurze Zeit lang.

Die Titel sollen projiziert oder auf Transparente aufgemalt


werden.

I [Weitere Anmerkungen siehe »Stücke•.]


Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen I IoI

Zu »Die Gewehre der Frau Carrar« auf Einfühlung zuließen. Der Unterschied bestand jedoch
darin, daß die Weigcl damit nid1t so uninteressant wurde wie
die Andreasen.
Im Gegensatz zur Andreasen ermöglichte und erzwang die
Anmerkung Weigel durch jede Haltung und durd1 jeden Satz eine Stellung­
nahme des Publikums (so daß ich, unter dem Publikum sit­
D �s kleine Stück wurde im ersten Jahre des spanischen Bürger­ zend, immer wieder A.ußerungen des Mißfallens an dem Ver­
kneges für eine deutsche Truppe in Paris geschrieben. Es ist halten de r für Neutralität sprechenden Fischerfrau hörte),
aristotelische (Einfühlungs-) Dramatik. Die Nachteile dieser indem sie selber ständig Stellung nahm. Bei der Spielweise
Technik können bis zu einem gewissen Grade ausgeglichen der Andreasen folgte das Publikum folgsam den Vorgängen.
werden, wenn man das Stüdc zusammen mit einem Doku­ Die Meinung der Fischerfrau (»Man muß neutral sein«) schien
durch Milieu u nd durch das, was man über ihre Vorgeschid1te
�entenfilm, der die Vorgänge in Spanien zeigt, oder irgend­
emer propagandistischen Veranstaltung aufführt. hörte, vollständig erklärt und natürlid1, sie konnte sozusagen
gar nicht anders sein. Die A.nderung ihrer Meinung durch ein
bestimmtes Erlebnis (das Umkommen ihres von ihr aus dem
Unterschiede der Spielweise Kampf herausgehaltenen Sohnes in einem Kampf, der durch
Neutrali tät nicht aus der Welt geschafft war) leuchtete dann
genau ebenso ein. Man folgte einem Sti.ick Naturgeschichte,
Weigel und Andreasen als Frau Carrar
dem man in jeder Phase die Naturgesetzlichkeit zubilligte.
Der Vergleich des Spiels der Weigel und der Andreasen in der Selbst die Widerspri.id1lid1keiten im einzelnen des Verhal­
deutschen und dänischen Aufführung der >>Gewehre der Frau tens der Figur wurde n nicht klar: die Neutralität der Fischer­
Carra� « ergibt wertvolle Aufschlüsse über einige Prinzipien frau ist im Spiel der Weigel keine vollständige, hundertprozen­
�es.eprschen 1heaters. Die Weigel ist eine hochqualifizierte Ar­ tige; sie war nicht immer für Neutralität, sie ist es auch jetzt
usun und Kommunistin, die Andreasen eine Laienspielerirr nicht ganz, ihr Gefall en an der Haltu ng ihrer Söhne, die
und Kommunistin. Die Aufführungen glichen sich in allen kämpferischen Züge, ihr Mißfal len an der Haltun g des Padre,
Stellungen und fanden in derselben Dekoration statt. kompr omißlerische Zi.ige und so weiter. Die Figur, welche die
Die Talentfrage braucht nicht gestellt zu werden da die uns Andreasen darstellte, war weit passiver als die der Weigel ;
int�ressierenden Unterschiede des Spiels auch bei annähernd es geschah mehr mit ihr als durch sie. Auch die Kämpferin,
gletch großem Talent konstatiert werden wi.irden. zu der die Figur sich am Schluß verwandelte, war nimt eine
Das von allen bezeugte »eindrucksvollere« Spiel der Weigel Kämpfe rirr besonderer und widersprumsvoller Art (eine
kann auf andere Ursachen als größeres Talent zurückgefi.ihrt Kämpferirr für Gewaltl osigkeit) im Spiel der Andreas en. Bei
werden. der Weigel verwand elte sich eine Kämpferirr für Neutrali tät in
Beid e Schauspielerinnen folgten insoweit epischen Prinzipien, eine Kämpferin fi.ir Abschaffung der Kämpfe.
. Das Spiel der Andreasen machte also die Handlung nicht
als ste selber auf Einfi.ihlung in die darzustellende Figur weit­
gehend verzichteten und so auch einen Verzicht des Publikums genug interessant, so daß man bei ihr vermißte, was man bei
r roz Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen

der Weigel nicht vermißte, nämlich die Möglichkeit, sich in die Z1t » Leben des Galilei«
Figur einzufühlen und wenigstens ihre Emotionen stark und
nachhaltig mitzuerleben. Man vermißte tatsächlich die An­ Anmerkungen
wendung hypnotischer Kräfte, die man sonst im Theater zu
spüren bekommt. Ihr großartiger Verzicht darauf, solche Mit­ 1 Vorwort
tel anzuwenden, herrührend aus einem natürlichen Scham­
gefühl und einer schönen Auffassung von Würde wurde bei­ Es ist bekannt, wie vorteilhaft die Überzeugung, an der

na � zu einen: Nachteil. Für eine solche Art, die Vorgänge als
.
Schwelle einer neuen Zeit zu stehen, die Menschen beeinflussen
kann. Ihre Umgebung erscheint ihnen da als noch ganz un­
na�urhche Widerspruchslos zu spielen, schien eine andere
Spielw�ise, nämlich die suggestive des alten Theaters nötig, fertig, erfreulichster Verbesserungen fähig, voll von ungeahn­
wenn mcht allzuviel an Interesse verlorengehen sollte. ten und geahnten Möglichkeiten, als fügsamer Rohstoff in
Es ergibt sich, daß die Andreasen, der es an Übung und ihrer Hand. Sie selbst kommen sich vor wie am Morgen, aus­
Technik für die Spielweise des alten wie des neuen Theaters noch geruht, kräftig, erfindungsreich. Bisheriger Glaube wird als
fehlt, zwei Möglichkeiten, sich zu entwickeln hat· Sie kann Aberglaube behandelt, was gestern noch als selbstverständlich
die eine oder die andere Technik erwerben. Sie m� ß lernen, erschien, wird neuem Studium unterworfen. Wir sind be­
entwede� suggestiv zu spielen, Einfühlung zu praktizieren und herrscht worden, sagen die Menschen, aber nun werden wir
zu erzwmgen, stärkere Emotionen zu mobilisier en oder ihre herrschen.
S�e_llungnahm� der darzustellenden Figur gegenübe r zu prä­ Keine andere Zeile eines Liedes begeisterte die Arbeiter um die
ZiSieren und eme solche vom Publiku m zu erzwing en. Will sie Jahrhundertwende stärker als die Zeile »Mit uns zieht die
das letztere' so muß Sie,
· was sie
· Jetzt neue Zeit « ; die Alten und Jungen marschierten unter ihr, die
· mehr oder minder dumpf
..
fuhlt, z_u Erkenntnissen ausgestalten und Wege finden, diese Er­ Armsten und Ausgemergeltsten und die sich schon etwas von
kenntm�se zu Erkenntnissen des Publiku ms zu machen. Sie der Zivilisation erkämpft hatten ; sie schienen sich alle jung.
Unter dem Anstreicher wurde die unerhörte Verführungskraft
�uß Wissen, was sie macht, und zeigen, daß sie es weiß.
s:e muß, we�n sie eine Proletarieriu spielt, nicht nur eben dieser Worte ebenfalls erprobt, auch er verhieß eine neue Zeit.
eme solche sem, sondern zeigen, wodurch sich eine Proleta­ Die Worte zeigten da ihre Vagheit und Leere. Ihre Unbestimmt­
ri_erin von einer Bürgerin oder Kleinbürgerin unterscheidet. heit, die nun von den Verführern der Massen ausgenutzt
. wurde, hatte lange die Stärke ausgemacht. Die neue Zeit, das
Sie muß die Besonderheiten einer Proletarierin bewußt und
besonders darstellen. war etwas und ist etwas, was alles betrifft, nichts unverändert
läßt, aber doch eben ihren Charakter erst entfalten wird,
etwas, in dem alle Phantasie Raum hat, was durch allzu be­
stimmte Aussagen nur eingeschränkt werden kann. Geliebt
wird das Anfangsgcfühl, die Pioniersituation, begeisternd
wirkt die Haltung des Beginners. Geliebt wird das Glücks­
gefühl derer, die eine neue Maschine ölen, bevor sie ihre Kraft
zeigen soll, derer, die in eine alte Landkarte einen weißen
I I 04 Anmerkungen zu Stü<ken und Aufführungen
, Anmerkungen zu Stü<ken und Aufführungen I Io5

Fleck ausfüllen, derer, die den Grund eines neuen Hauses aus­
das Alte oder Uralte auf eine neue Art durchgesetzt wird.
heben, ihres Hauses.
Das wirklich Neue aber wird, da heute abgesetzt, als das Ge­
Dieses Gefühl kennt der Forscher, der eine Entdeckung
strige erklärt, zu einer flüchtigen Mode heruntergemacht, d�­
macht, die alles verändern, der Redner, der eine Rede
ren Zeit vo �bei ist. Das Neue ist zum Beispiel die Art, w1e
vorbereitet, die eine neue Situation schaffen wird. Furcht­
Kriege geführt werden, und alt soll sein eine Art �er �irt­
bar die Enttäuschung, wenn die Menschen erkennen oder
schaft, angedeutet, noch niemals ausgeführt, welcheKnegeuber­
zu erkennen glauben, daß sie einer Illusion zum Opfer
flüssig machen will. Auf eine neue Art wir� die Gesellschafts­
gefallen sind, daß das Alte stärker ist als das Neue, daß die .
ordnung in Klassen befestigt, und alt soll sem, d1e Klassen be­
>>Tatsachen<< gegen sie und nicht für sie sind, daß ihre Zeit, die .
seitigen zu wollen. Die Hoffnungen derMenschen werden mcht
neue, noch nicht gekommen ist. Es ist dann nicht nur so
etwa entmutigt in solchen Zeiten. Jedoch wer�en sie umgelenkt.
schlecht wie vorher, sondern viel schlechter; denn sie haben
Man hat gehofft, da würde einmal Br� t se1� zu essen. Nun
allerhand geopfert für ihre Pläne, was ihnen jetzt fehlt, sie
darf man hoffen, da würden einmal Steme sem zu essen.
haben sich vorgewagt und werden jetzt überfallen, das Alte
rächt sich an ihnen. Der Forscher oder Entdecker, ein unbe­
Inmitten der schnell wachsenden Finsternis über einer. fiebern-
kannter, aber auch unverfolgter Mann, bevor er seine Ent­ ·
den Welt' umgeben von blungen laten und nicht wemger blu-
.,..
deckung veröffentlicht hat, ist nun, wo sie widerlegt oder
tigen Gedanken, der zunehmenden Barbare1,· d'1e unhemmbar .
diffamiert ist, ein Schwindler und Scharlatan, ach, allzusehr . . .
m den vielleicht gro" ß ten un d fureh tb arsten Krieg aller Ze1ten
bekannt, der Unterdrüdne und Ausgebeutete nun, nachdem ·

zu führen scheint, ist es schwer, eine Ha1 tung emz��eh �en�


sein Aufstand niedergeschlagen wurde, ein Aufrührer, der be­ e
die sich für Leute an der Schwelle einer neuen und gluckhcheh
sonderer Unterdrückung und Bestrafung unterzogen wird. daß es Na t
Zeit schicken mag. Deutet nicht alles. dara� f hin,
Der Anstrengung folgt die Erschöpfung, der vielleicht über­ t? Soll an a l s o
wird ' und nichts, daß eine neue Ze1t begmn �
triebenen Hoffnung die vielleicht übertriebene Hoffnungs­ . . '
nicht eme Haltung emnehmen, d'1e SI'eh f'ur Leute sch1ckt' d 1e
losigkeit. Die nicht in Stumpfheit und Teilnahmslosigkeit zu­
der Nacht entgegengehen? .
rückfallen, fallen in Schlimmeres; die die Aktivität für ihre · Gerede· "Neue Zeit<<? Ist nicht .selbst d1eser
'\was · das f"ur em
vr. 1st .
Ideale nicht eingebüßt haben, verwenden sie nun gegen die­
Ausdruck veraltet ? Wo es uns entgegengerufen w � rd, Wird e.s
selben! Kein Reaktionär ist unerbittlicher als der gescheiterte . Barbarei,
aus he1seren Ke hl en gebru" llt Es ist eben jetzt die
·
.
Neuerer, kein Elefant ein grausamerer Feind der wilden Ele­ t. Sie sagt von sich, · hoff e,
sie
die sich als die neue Zeit gebärde
fanten als der gezähmte Elefant.
xooo Jahre zu dauern.
Und doch mögen diese Enttäuschten immer noch in einer
Soll man sich also an die alte Zeit halten? Soll man von dem
neuen Zeit, Zeit des großen Umsturzes, leben. Sie wissen nur
versunkenen Atlantis reden?
nichts von neuen Zeiten.
Liege ich schon auf meinem Nachtlager und denke, an den
Morgen denkend, an den, der ve:ga� gen �st, um nicht an den
In diesen Zeiten wird der Begriff des Neuen selber verfälscht. . .
zu denken, der kommt? Beschäftige 1ch m1ch darum m1t Jener
Das Alte und Uralte, neuerdings auf den Plan tretend, pro­
Epoche der B lüte der Künste und Wissenschaften vor 300 Jah�
klamiert sich als neu, oder es wird als neu verkündet, wenn ren? Ich hoffe nicht.
Anmerkun gen zu Stücken und Aufführungen I I07
I I o6 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen

Die Bilder vom Morgen und von der Nacht sind irreführend. Schon dem Wort »Der Gelehrte<< hafl:et etwas Lächerliches
Die glücklichen Zeiten kommen nicht, wie der Morgen nach an; es hat etwas vom »Abgerichteten<<, etwas Passives.
durchschlafencr Nacht kommt. Im Bayerisch en sprachen die Leute vom >>Nürnberger Trich­
1 9]9 ter<<, mit dem geistig schwächlichen Personen mehr oder
minder zwangsweise übergroße Quantitäten von Wissen
eingeflößt wurde, eine Art von Gehirnklistier. Sie wurden
2 Ungeschminktes Bild einer neuen Zeit
nicht weiser davon. Auch wenn einer »die Gescheitheit
(Vorrede zur amerikanischen Fassung) mit dem Löffel gefressen<< hatte, wurde das als ein un­
/ Als ich in den ersten Jahren des Exils in Dänemark das natürlicher Vorgang betrachtet. Die »Gebildeten« - und auch
1 Stück »Leben des Galilei« schrieb, halfen mir bei der Rekon­ diesem Wort hafl:et diese fatale Passivität an - sprachen von
struktion des ptolemäischen Weltbilds Assistenten Niels Bohrs einer Rache der »Ungebildeten<<, einem eingeborenen Haß
g
arb�itend �n dem Problem der Zertrümm erung des Atoms: gegen den »Gei st<<, und die Verachtung hatte tatsächlich häufi
in den Vor­
�eme Absicht . war unter anderem, das ungeschminkte Bild eine Beim ischung von Gehässigkeit; im Dorf und
lich emp­
emer neuen Zelt zu geben - ein anstrengendes Unternehmen, städten wurd e der »Gei st<< als fremd und sogar feind
. man diese
da Jeder�ann nngsum.
überzeugt war, daß unserer eigenen funden. Aber selbst in den »besseren Ständen<< fand
und sie war eine
a lles zu emer neuen Zeit fehlte. Nichts an diesem Aspekt hatte Verachtung. Es gab die ,,Gelehrtenwelt<<, leere ,
. impo tent e, blut
s1ch geändert' als ich' Jahre danaeh , d aran gmg, .
zusam men andere Wel t. Der »Gelehrte<< war eine
. t sehr lebe nsfä hig.
mit Charles Laughton e'me amen'k amseh e Fassung des Stuckes
· .. verschrobene Figur, »ein gebildet<< und nich
�erz�stell�n. J?as »atomarische Zeitalter« machte sein Debüt 1 94 6
m Hiros�Ima m d�r Mitte unserer Arbeit. Von heute auf mor­
gen las sich dJC .
Biographie des Begründers der neuen Physik 3 [ Hintergrund der amerikanischen Aufführung]
ander�. Der infernalische Effekt der Großen Bombe stellte den
Zeit und das
Konflikt des Galilei mit der Obngk e1t·
·
· semer
z . .
e1t m em . neues, Man muß wis sen, unsere Aufführung fiel in die
. militärisch ver­
seh..arferes Licht Wir hatten nur wemge
·
..
.Anderunge n zu machen, Land, wo eben die Atombombe hergestellt und
in ein dichtes
. . . :
keme emzig e m der Struktur Schon 1m . 0
.
ngma. I war d'1e wertet worden war und nun die Atomphysik
urfs wird jedem,
Geheimnis gehüllt wur de. Der Tag des Abw
·
.
!'-Ir· ehe als weltlich e Obrigkeit dargestellt, ihre Ideologie als sein . Der
Im Grunde aus��uschbar mit mancher anderen. Von Anfang der ihn in den Staaten erlebt hat, schwer vergeßtich
Opfer ge­
an war als Schlusselpunkt der riesigen Figur des Galilei des­ japanische Krie g war es, der die Staaten wirklich
en von der
sen Vorstellung von einer volksverbundenen Wissenschaft: be­ kostet hatte. Die Transporte der Truppen ging
ten und die
nutzt. Für Jahrhun derte und ganz über Europa erwies ihm Westküste aus, und dorthin kehrten die Verwunde
die erste n Blät­
. . .
das Volk m der Galde1-Legende die Ehre, nicht an seinen Wi­ Opfer der asiatischen Krankheiten zurück. Als
, daß dies
derruf zu glauben, als es schon lange die Wissenschaftler termeldungen Los Angeles erreichten, wußte man
der Söhn e
ai s einseitige, unpraktische und eunuchenhafte Käuze ver­ das Ende des gefürchteten Krieges, die Rückkehr
sich zu
Iachte. und Brüd er bedeutete. Aber die große Stadt erhob
us-
einer erstaunlichen Trauer. Der Stückschreiber hörte Autob
r ro8 Anmerkungen z u Stücken u n d Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Auffiihrungen I 1 09

schaffner und Verkäuferinnen in den Obstmärkten nur Schrek­ malige große Stellung in der Gesellschaft, kamen nie mehr in
ken äußern. Es war der Sieg, aber es war die Schmach einer solche Nähe zum Volk.
Niederlage. Dann kam die Geheimhaltung der gigantisd1en Galileis Vcrbred1en kann als die »Erbsünde<< der modernen
Energiequelle durch die Militärs und Politiker, welche die Naturwissensd1aften betrad1tet werden. Aus der neuen Astro­
Intellektuellen aufregte. Die Freiheit der Forschung, das Aus­ nomie, die eine neue Klasse, das Bürgertum, zutiefst inter- ·

tauschen der Entdeckungen, die internationale Gemeinsdlafl: essierte da sie den revolutionären sozialen Strömungen der
der Forscher war stillgelegt von Behörden, denen stärkstens Zeit V;rsdmb leistete, mad1te er eine scharf begrenzte Spezial­
mißtraut wurde. Große Physiker verließen fluchtartig den wissensdlaft, die sich freilich gerade durd1 ihre »Reinheit<<, �as
Dienst ihrer kriegerischen Regierung; einer der namhaftesten heißt ihre Indifferenz zu der Produktionsweise, verhältms­
nahm eine Lehrstelle an, die ihn zwang, seine Arbeitszeit auf mäßig ungestört entwickeln konnte.
das Lehren der elementarsten Anfangsgründe zu versd1wen­ Die Atombombe ist sowohl als technisches als auch soziales
den, nur um nicht unter dieser Behörde arbeiten zu müssen. Phänomen das klassische Endprodukt seiner wissenschaft­
Es war schimpflich geworden, etwas zu entdecken. lichen Leistung und seines sozialen Versagens.
194 7
Der »Held<< des Werks ist so nicht Galilei, sondern das Volk,
wie Walter Benjam in gesagt hat. Es ist etwas zu � nap� au�­
4 Preis oder Verdammung des Galilei? gedrüd�:t, wie mir scheint . Ich hoffe, das Werk Z�Igt, w�e die
Gesellschaft von ihren Indivi duen erpreßt, was SIC von Ih�en
braucht. Der Forschungstrieb, ein soziales Phänome�, mc�
Es wäre eine große Schwäche des Werkes, wenn die Physiker t
recht hätten, die mir - im Ton der Billigung - sagten, Galileis un sm b, di­
weniger lustvo ll oder diktatorisd1 wie der Zeu� � �
Widerruf seiner Lehre sei trotz einiger >>Schwankungen<< als
rigiert Galile i auf das so gefährliche Gebiet, treibt Ihn 111 den
vernünftig dargestellt mit der Begründung, dieser Widerruf . · semen· h efl:'1gen W"unsehen nach an-
pemvollen Konfh'k t mit
habe ihm ermöglicht, seine wissenschaftlichen Arbeiten fortzu­
deren Vergnügungen. Er erhebt das Fernroh r zu de� Ge­
führen und der Nachwelt zu überliefern. In Wirklichkeit hat
stirnen und liefert sid1 der Folter aus. Am Ende b �tr�Ibt � r
Galilei die Astronomie und die Physik bereichert, indem er · ' chemhch mit
·
seme Wissens ehan • em
11 wie • Laster, h e1'mlich, wahrs
diese Wissenschaften zugleich eines Großteils ihrer gesellschaft­ · ' ·
· l1ts emer solchen ' Lage kann man
Gewissen sb 1ssen. A nges1c
lichen Bedeutung beraubte. Mit ihrer Diskreditierung der nur zu loben oder
kaum darauf erpicht sein, Galile i entweder
Bibel und der Kirche standen sie eine Zeitlang auf der Barri­
nur zu verdammen.
kade für allen Fortschritt. Es ist wahr, der Umschwung voll­
1 94 7
zog sich trotzdem in den folgenden Jahrhunderten, und sie
waren daran beteiligt, aber es war eben ein Umschwung an­
statt einer Revolution, der Skandal artete sozusagen in einen 5 »Leben des Galilei<< ist keine Tragödie
Disput aus, unter Fachleuten. Die Kirche und mit ihr die ge­ Es wird sich so für die 1heater die Frage erheben, ob sie »Leben
samte Reaktion konnte einen geordneten RüdQug vollziehen des Galilei<< als eine Tragödie oder als ein optimistisd1es St_i.i ck
und ihre Macht mehr oder weniger behaupten. Was diese aufführen sollen. Sollen sie sich, was den Grundton betnfft,
Wissenschaften selber betrifft, erklommen sie nie mehr die da- an die »Begrüßung der neucn Zeit<< durch Galilei in der ersten
I I IO Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen IIII

Szene oder an gewisse Partien der vierzehnten Szene halten? mission wie die Inquisition ihn zweifellos zutage gefördert.
Nach den herrschenden Regeln des Stückebaus muß der Schluß Und es entspricht ebenfalls der historischen Wahrheit, daß der
eines Stückes schwerer gewogen werden. Aber das Stück ist größte Astronom des päpstlichen römischen Kollegs, Christo­
nicht nach diesen Regeln gebaut. Das Stück zeigt den Anbruch pher Clavius, Galileis Entdeckungen bestätigte (sed1ste Szene).
einer neuen Zeit und versucht, einige Vorurteile über den An­ Ebenso stimmt es, daß unter seinen Schi.ilern Geistliche waren
bruch einer neuen Zeit zu revidieren. (achte, neunte und dreizehnte Szene).
I9J9 Die weltlichen Interessen hoher Würdenträger satirisch aufs
Korn zu nehmen, scheint mir billig (es wäre in der siebenten
6 Darstellung der Kirche Szene möglich). Aber die beiläufige Art, in der diese hohen
Beamten den Forscher behandeln, soll hier nur zeigen, daß
Es ist für die Theater wichtig, zu wissen, daß dieses Stück einen sie auf Grund ihrer bisherigen Erfahrungen mit einer schnel­
großen Teil seiner Wirkung verlieren muß, wenn seine Auf­ len Willfährigkeit aud1 Galileis rechnen zu können glauben.
führung hauptsächlich gegen die katholische Kirche gerichtet Sie täuschen sich nicht.
ist. An unsere bürgerlichen Politiker denkend, 11_1 üßte man die
Von den auftretenden Personen tragen viele das Kleid der .
gcist!imcn (und wissensd1aftlimen) Interessen d1eser damaligen
Kirche. Schauspieler, welche sie deshalb gehässig darstellen Politiker ri.i hmen.
wollten, täten unrecht. Andrerseits hat natürlich auch die Das Stück verzichtet denn auch darauf, die von der neueren
Kirche kein Recht, die menschlichen Schwächen ihrer Mitglie­ Geschichtswissenschaft unter Führung des deutsmen Gelehrten
der überschminkt zu bekommen. Sie hat allzuoft diese Emil Wohlwill festgestellten Fälschungen in dem Protokoll
Schwächen ermutigt und ihre Aufdeckung unterdrückt. Aber von I 6 I 6 durch die Inquisitionsbehörde von I 6 3 3 zu berück­
es handelt sich auch nicht darum in diesem Stüd� daß der simtigen. Der Urteilsspruch von I 6 3 3 wurde zweifellos durch
Kirche zugerufen werden soll: »Hände weg von d;r Wissen­ sie juristism ermöglimt. Wer den oben skizzierten Stan�pu�kt
schaft!« Die moderne Wissenschaft ist eine legitime Tochter versteht, wird begreifen, daß es dem Verfasser auf d!Cse JU­
der Kirche, sie hat sich emanzipiert und gegen ihre Mutter ristische Seite des Prozesses nimt ankam.
gewandt. Es besteht kein Zweifel darüber, daß Urban der Amte dem
In dem vorliegenden Stück fungiert die Kirche, auch wo sie Galilei gegenüber persönlim verärgert war �md in gehässig­
der freien Forschung entgegentritt, einfach als Obrigkeit. ster Weise die Aktion gegen ihn zu semer. e1genen Same ge­
Da die Wissenschaft ein Zweig der Theologie war, ist sie geist­ mamt hat. Das Stüd<> geht daran vorüber.
liche Obrigkeit, letzte wissenschaftliche Instanz. Aber sie ist Wer den Standpunkt des Verfassers versteht, wi� d begreifen ,
auch weltliche Obrigkeit, letzte politische Instanz. Das Stück daß diese Haltung keine Verbeugung vor der K1rme des I 7.
zeigt den vorläufigen Sieg der Obrigkeit, nicht den der Geist­ oder gar des 20. Jahrhunderts bedeutet.
lichkeit. Es entspricht der historischen Wahrheit, wenn der .
Die Behandlung der Kirme als Obrigkeit verhilft der Kmhe
Galilei des Stückes sich niemals direkt gegen die Kirche wen­ in dem theatralismen Prozeß, den das Sti.ick der Verfolgung
det. Es gibt keinen Satz Galileis in dieser Richtung. Hätte es der Verfemter der freien Forschung mamt, allerdings ZU keinem
einen gegeben, so hätte eine so gründliche Untersuchungskom- Freisprum. Es wäre nur hörnst bedenklim, gerade heute eine
Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen I II3
I I I2 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen

Angelegenheit wie die des Kampfes Galileis um die Freiheit der Natur gehorchen, um ihr zu befehlen, nicht umsonst
der Forschung zu einer religiösen zu stempeln. Dadurch würde schrieb. Seine Zeitgenossen gehorchten seiner Natur, indem
d�s Augen� er� in unglücklichster Weise von heutigen reaktio­ sie ihm Geld zusteckten, und so konnten sie ihm, dem obersten
naren Obngkeaen ganz und gar unkirchlicher Art abgelenkt. Richter, so viel befehlen, daß das Parlament ihn am Ende ein­
1939
sperren mußte. Macauly, der Puritaner, trennte Bacon, den
Politiker, den er mißbilligte, von Bacon, dem Wissenschaft­
ler, den er bewunderte. Sollen wir das mit den deutschen Ärz­
[Entwürfe für ein Vorw ort ten der Nazizeit auch tun?
zu >>Leben des Gali lei«]
Unter anderem fördert der Krieg die Wissenschaften. Welch eine
! Das »Leben des Galile i<< wurd e in jenen finste Gelegenheit! Sie mad1t Entdecker, nicht nur Diebe. Die höhere
ren letzten Mo-
• naten de� Jahres 1 9 3 8 geschr ieben , als viele den Vorm Verantwortung (die der Höheren) ersetzt die niedere (die für
arsd1
des Faschismus für unaufhaltsam und den endg ültige die Niedern). Der Gehorsam entbindet die Willkür. Alles ist
n Zusam-
menbruch der westlichen z·lVI·1 Isatton · · in Ordnung mit der Unordnung. Die Arzte, die das gelbe
· f··ur gekom men h1elten .
.
; �
In der Tat stand die große Epoche vor dem Absch luß, die der Fieber bekämpften, mußten noch an sich selber experimen­
: It de Aufs0wung der Naturwissenschaften und die neue n tieren; die faschistischen Arzte bekamen Material geliefert.
unsre er Mus ik und des Thea ters gebr Die Gerechtigkeit m ischte sich auch da ein: Sie brauchten nur
��?: : .
mer barb arischen und »geschichtslose
.
acht hatt e. Die Erw ar-
n<< Epoche war
>>Verbrecher«, das heißt Andersdenkende, zu vereisen. Für die
a e allge�em. �ur wenige sahen die neuen Kräfte sich Enteisungsexperimente vermittels » animalismer« Wärme be­
bilden und spurten die Vaa . kamen sie Prostituierte, Weiber, die sim gegen das Gebot der
� lität der neue n Idee n. Selb st die Be­
de tung der B eg i �e >>alt« und >>neu
<< war verdunkelt. Die Keuschheit vergangen hatten. Diese hatten dem Laster ge­
Le rc� der sozia _ h:sttsch dient, nun durften sie der Wissenschaft dienen. übrigens stellte
. en Klas siker hatt en den Reiz des Ncuen
emgebu"ßt und sdue _ nen eine es sich heraus, daß heißes Wasser mehr belebt als ein Frauen­
r abgelebten Zeit anzu gehö ren.

�e Bourgeoisie isoliert im Be�ußtsein des Wissenschaftlers die


körper, es kann mehr tun für das Vaterland, an seinem klei­
nen Platz. (Im Krieg müssen wir nie die Ethik vergessen.)
lssenschaft, s�ell � sie als auta rke Insel hin, Fortschritte ringsum. Im Anfang des Jahrhunderts waren die
. . . um sie prak tisch
mit zhre r Polm k, zhrer Wirtscha . Politiker des niederen Volks gezwungen, als ihre Universitäten
.. .

' ft, z"h rer Id co I og1c ver f1ceh ten
zu konne n. D as Z1el des Forseh crs 1st >>reme
·

· « Forschung, das
die Gefängnisse anzusehen. Nun wurden die Gefängnisse
�rodu�t der Forschung ISt .
weni ger rein. Die Form el E = mcl Universitäten fi.ir die Wärter (und A.rzte). Natürlich wäre,
ISt ewig gedacht, an nichts gebunden So k""onnen auch wenn der Staat nicht in der Lage gewesen wäre, inner­
.
· an dere dIe"
Bmdun � en vornehmen : die Stadt Hiro shima ist plötz halb der ethischen Grenzen zu bleiben, mit den Experimenten
lich sehr
kurzlebi? geworden. Die Wissenschaftler nehmen für alles in Ordnung gewesen, nämlich >>vom wissenschaftlimen
sich in An­
spruch die Unverantwortlichkeit der Masch inen. Standpunkt aus «. Trotzdem hat die bürgerliche Welt immer
noch einiges Red1t, empört zu sein. Auch wenn es sich nur
Den�en wir zurück an den Erzvater der experimentellen Na­ um Grade handelt, handelt es sich um Grade. In dem Prozcß
turwissenschaften, Francis Bacon, der seinen Satz, man solle gegen die Generäle von Mackensen und Mältzer in Rom,
-----
-- ·�<_-;c ,�.

I I I4 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen III5

behandelnd die Erschießung von Geiseln, gab der englische von allen, wie sehr. Seine Proteste, deren wir nicht wenige
Vertreter der Anklage, ein Colonel Halse, zu, daß >> reprisal gehört haben, wenden sich nicht nur gegen die Anschläge auf
killingS<< im Krieg nicht ungesetzlich seien, wenn die Opfer seine Wissenschaft, die aufgehalten, sterilisiert, mißleitet wer­
vom Schauplatz des Vorfalls genommen werden, die Hinrich­ den soll, sondern auch gegen die Bedrohung der Welt durch
tungen nicht zu zahlreich sind und wenn ein Versuch gemacht sein Wissen und gegen die eigene Bedrohung.
wird, die Personen ausfindig zu machen, die für die Vorfälle
verantwortlich waren. Die deutschen Generäle taten jedoch Eben nun hatten die Deutschen eines dieser Erlebnisse, die
des Schlechten zuviel. Sie nahmen je zehn Italiener fiir jeden nur sehr schwer in verwertbare Erkenntnisse umzusetzen sind.
getöteten deutschen Soldaten (übrigens nicht zwanzig, wie Die Führung des Staates war einem unwissenden Menschen
Hitler verlangt hatte) und machten alles zu schnell ab, in un­ zugefallen, der zusammen mit einer Bande gewalttätiger und
gefähr 24 Stunden. Die italienische Polizei lieferte einige Ita­ »ungebildeter<< Politiker einen ungeheuren Krieg anzettelte
liener zuviel, aus Versehen, und aus Versehen erschossen die und das Land vollständig ruinierte. Kurz vor der Katastrophe
Deutschen sie mit, sich zu sehr auf die Italiener verlassend. und für eine geraume Zeit nach ihr wurde die Schuld dies�n
/ Aber auch hier hatte man die Gefängnisse um Geiseln ge­ Leuten aufgebürdet. Sie hatten eine beinahe totale Mobtl­
.
plündert, und Sträflinge oder Verdächtige, die auf ihren Pro­ machung der Intelligenz durchgeführt, das hetßt all� Fach­
zeß warteten, genommen und die Lücken mit Juden aufge­ gebiete mit geschulten Kräften versehen, und w enn SI� a�ch
.
füllt. Eine gewisse Menschlichkeit kam so nicht nur in dem hier und da tölpelhaft eingriffen, ist es doch mcht moghch,
numerischen Irrtum zur Entfaltung. Trotzdem wurden hier dieses tölpelhafte Eingreifen allein fiir die Katastrophe v��­
Grenzen überschritten, und die Überschreitung wurde ge­ antwortlich zu machen. Nidlt einmal die politische und mt h­
ahndet. .
tärische Strategie scheint schlechthin falsch gewesen zu setn,
.
Immerhin kann in dieser Zeit der tiefsten Verlumptheit der und die Tapferkeit des Heeres und der Zivilbevölkerung 1St
Bourgeoisie gezeigt werden, daß die Lumpen aus dem gleichen unbezweifelbar Am Ende siegte · die übermacht der Feinde
Stoff sind, wie die einst sauberen Gewänder waren. an Mensd1en m�d Technik, ins Spiel gebracht durch eine Reihe
So bekommen die Wissenschafl:ler endlich, was sie brauchen : schwer vorauszusagender Vorkommnisse.
die Staatsmittel, die Planung im Großen, das Kommando über
die Industrie; so kommt ihr Goldenes Zeitalter. Und ihre Viele' welche die Unzulänglichkeiten des Kapitalismus sehen
große Produktion beginnt als eine Produktion von Zerstö­ oder zumindest ahnen sind bereit, sie zu dulden der persön­
rungsmitteln, ihre Planung führt zur äußersten Anarchie, denn lichen Freiheit wege�, die er ihnen zu bieten scheint S�e
:
sie bewaffnen den Staat gegen andere Staaten. Die Verachtung, glauben an diese Freiheit hauptsächlich deswege� , wetl ste
vom Volk dem weltfremden Professor gezollt, kehrt sich in kaum je Gebrauch von ihr machen. Unter der Httlerfu�tel
nackte Furcht, jetzt, wo er die Welt so sehr bedroht. Und im .
sahen sie diese Freiheit allerdings mehr oder mmder kaSSiert;
Augenblick, wo er als der absolute Spezialist sich vom Volk sie war vergleichbar einem kleinen Kapital auf der Sparkasse,
ganz und gar getrennt hat, sieht er sich, entsetzt, wieder als das in normalen Zeiten jederzeit greifbar, freilich besser nicht
einen vom Volk, denn die Bedrohung gilt auch ihm selber; er anzugreifen war, jetzt sozusagen eingefroren, das heißt zw� r
hat zu fürchten für sein eigenes Leben, und er weiß am besten nicht mehr greifbar, aber doch noch vorhanden war. Ste
Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen I I I7
I I I6 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen

�etrachteten die Hit!erzeit als anormal; es handelte sich da für Vorwort [zu: Aufbau einer Rolle]
sre um Auswüchse des Kapitalismus oder gar um eine anti­
Mit der Beschreibung des Laughtonschen Galileo Galilei ver­
kapitalistische Be�egung. Um das letztere zu glat:ben,
sucht der Stüdcschreiber nicht so sehr, einem der flüchtigen
mußte man allerdmgs die Definition benutzen welche die
Kunstwerke, wie sie die Schauspieler machen, ein wenig mehr
Nationalsozialisten dem Kapitalismus gaben t; nd was die
Dauer zu geben, als vielmehr die Mühe zu preisen, welche ein
Theorie der Auswüchse betrifft, hatte man im:n erhin im Ka­
großer Schauspieler auf solch ein flüchtiges Kunstwerk zu ver­
pitalismus ein System vor sich, das Auswüchse hervorbrachte
. wenden imstande ist. Sie ist nicht mehr üblich. Es ist nicht nur
die sicherlich nicht von den Intellektuellen verhindert ode;
die kurze Probenzeit unserer hoffnungslos kommerzialisierten
zum Verschw!nden gebracht werden konnten. In jedem Fall
Theater, die an den geistlosen und schablonenhaften Porträts
k? nnte nur dre Katastrophe die Freiheit wiederherstellen. Als
schuld ist - die meisten Sd1auspicler könnten mit mehr Zeit
eire Katastrophe eintrat, stellte sie, nicht einmal sie, die
. gar nid1t viel anfangen. Es ist auch nicht nur, daß die reprä­
Frerheit nicht wieder her.
sentativen Einzelpersö nlichkeiten mit reichen Zügen und gro­
�nter den s? mannigfachen Beschreibungen des Elends, das ßen Konturen in diesem Jahrhundert recht selten geworden
m dem enthrtlerten Deutschl and herrschte war 'auch d're des sind - man könnte dann die Sorgfalt auf die Porträtierung
der >>Kleine n<< verwenden. Verlorengegangen scheint vor al­

· ·
gersngen E1 e� ds. » W.1s sie brauchen, worauf sie warten, ist eine
Botschafh , hreß es. >>Haben sie nicht eine gehabt? « sagte ich. lem die Kenntn is und Schätzung dessen, was man einen thea­
. tralischen Gedanken nennen kann: das, was Garridc gemacht

>>Sreh das Elend•< , hieß es ' >>und da' l'st ke'n 1 e F"l
•u uung.<<
• •
>> aben sre mcht genug Führung gehabt? « sagte ich und wies hat, wenn er als Harnle t dem Geist des Vaters begegnete; die
au das El�nd. " Aber sie brauchen eine Aussicht <<, hieß es. Sore!, wenn sie als Phädra wußte, daß sie sterben würde;
. .
" Smd sre mcht dreser .
Aussichten satt?« sagte ich. » Ich höre, Bassermann, wenn er als Philipp den Posa angehö rt hatte. Es
.

sre �� ten lang genug von der Aussicht, daß sie ihren Führer handelte sich dabei um Erfindungen. Diese theatralisd1en Ge­
danke n waren für den Zusd1auer isolierbar und abzuheben,
loswurden oder daß er ihnen die Welt zum A usrau ben vor
.
dre F"ßu e 1 egte. << jedoch schlossen sie sich auch zusammen zu einer ganzen rei-
chen Textur.
�be� die � eit, wo man am schwersten ohne Wissen auskommt, Einzel ne Einblicke in die Natur der Menschen, Ausblicke
rst dre Zert, wo es am schwersten zu beschaff . . auf ihr besonderes Zusammenleben wurden bewerkstelligt
, en rst. Es rst d er
·

Zt� stand des untersten Elends, wo es scheint, daß man ohne durch wohlersonnene Veranstaltungen der Schauspieler.
Wrssen auskommt. Nichts mehr ist kalkulierba r, d1' e Maß s t"b Mehr noch als bei den philosophischen Systemen wird es
a e
bei den Kunstwerken verborgen, wie sie gemacht werden. Die

·
· d m tverbrannt, die nahen Ziele verdecken die fernen; da
sm � Hersteller tun viel, den Anschein zu erwecken, dag alles ein­
entscherdet das Glück .
fach stattfindet, sozusagen von sich selber, als bilde sich in
einem reinen Spiegel, der untätig ist, ein Abbild. Es ist dies
natürlich eine Täuschung, und man scheint zu vermuten, daß
sie, geglüdct, den Genuß des Besd1auers steigert, aber dies ist
III8 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken u n d Aufführungen I I I9

nicht der Fall. Der Zuschauer, jedenfalls der bewanderte, ge­ er dachte, dies könnte etwas werden, was er eine Kontribution
nießt in der Kunst das Kunstmachen, das aktive Element des nannte. Und so groß war seine Begierde, Dinge zu zeigen, wie
Schaffens. In der Kunst sehen wir die Natur selbst als eine sie wirklich sind, daß er bei all seiner Gleichgültigkeit, ja
Künstlerin an. Furchtsamkeit in allem Politischen an nicht wenigen Stellen
Die folgende Beschreibung befaßt sich mit dieser Seite mit des Stücks beträchtliche Verschärfungen verlangte oder gar
dem Prozeß der Herstellung, weniger mit dem Produkt. Es vorschlug, lediglich weil diese Stellen ihm » irgendwie schwach<<
ist also mehr von den Konzepten die Rede, welche der Künst­ vorkamen, worunter er eben verstand, daß sie den Dingen,
ler von der Wirklichkeit hat und iibermittelt, als von einem wie sie sind, nicht gerecht wurden.
Temperament, mehr von den Beobachtungen, die in seine Ge­ Wir trafen uns zur Arbeit für gewöhnlich in L.s großem Haus
staltungen eingehen und aus ihnen geholt werden können, ab · über dem Pazifischen Ozean, da die Kataloge der Synonyme
von seiner Vitalität. Damit vernachlässigen wir manches, was zu schwer zum Herumschleppen waren. Er gebrauchte diese
uns an der Leistung Laughtons an »Unnachahmlichem« ent­ Folianten viel und mit unermüdlicher Geduld und fischte dazu
zückte, stoßen aber dafür vor zu dem, das erlernbar ist. Denn noch Texte der verschiedensten Literaturen heraus, um diesen
die Talente können wir nicht machen, wohl aber können wir oder jenen Gestus oder eine besondere Sprachform zu studie­
ihnen Aufgaben stellen. ren, den Ksop, die Bibel, Moliere, den Shakespeare. Er ver­
anstaltete Vorlesungen Shakespearischer Werke in meinem
Es braucht hier nicht untersucht zu werden, wie die Künstler Haus für die er sich etwa zwei Wochen lang vorbereitete. So las
vergangeuer Zeiten ihr Publikum überraschten. Gefragt, war­ er de� »Sturm« und »King L ear«, nur für mid1 und ein bis
um er Theater spiele, antwortete L.: »Weil die Leute nicht wis­ zwei zufällig eingetroffene Gäste. Wir diskutierten danach
sen, wie sie sind, ich aber glaube, es ihnen zeigen zu können.« nur kurz das Einschlägige, etwa eine »Arie« oder einen glück­
Seine Mitarbeit an der Umformung des Stücks zeigte, daß er lichen Szenenbeginn. Dies waren Übungen, und er verfolgte
auch no� allerhand verbreitungssüchtige Meinungen darüber sie mitunter in mannigfache Richtungen, sie seine� übng en
.
hatte, wie da� Zusammenleben der Leute sich wirklich abspielt, .
. Werk einverleibend. Hatte er am Radio zu lesen, heß er sich
was dabei d1e bewegenden Momente sind, worauf man da von mir die ihm etwas fremden synkopischen Rhythmen
achten m�ß Dem Stüd�schreiber scheint L.s Standpunkt der Whitmanscher Gedichte mit Fäusten auf dem Tisch vortrom­
. :
emes realistischen Künstlers unserer Zeit. Während es nämlich meln und einmal mietete er ein Studio, und wir brachten ein
in verhältnismäßig stationären (>>ruhigen<<) Zeitläuften den halb �s Dutzend Spielarten der Schöpfungsgeschichte auf Pla�­
Künstlern vielleicht möglich ist, mit ihrem Publikum ganz eins ten indem er in der Ich-Form einen afrikanischen Pflanzer die
zu sein und die allgemeinen Vorstellungen treulich zu »ver­ Ge �chichte seiner Weltschöpfung den Negern erzählte oder
körpern<<, müssen sie in diesen Zeiten gewaltigster Umwäl-. sie von einem englischen Butler seiner Lordschaft zuschreiben
zungen ganz besondere Anstalten treffen, zur Wirklichkeit ließ. Wir benötigten solche ausgebreiteten Studien, da er kein
vorzustoßen. Unsere Gesellschaft gibt nicht selbst preis, was Wort Deutsch sprach und wir uns über den Gestus von Repli­
sie bewegt. Man kann sogar sagen, daß sie nur existiert durch ken in der Weise einigen mußten, daß ich alles in schlechtem
das Geheimnis, in das sie sich hüllt. Am »Leben des Galilei« Englisch oder sogar in Deutsch vorspielte, und er es sodann
zog L. außer einigem Formalen auch das rein Stoffliche an; auf immer verschiedene Art in richtigem Englisch nachspielte,
I I zo An m erkun ge n zu S tücken u nd Au ffü hrungen
Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen r IzI
bis ich sagen konnte: Das ist es. Das Result�t schrieb er Satz
nicht immer mrfbrachte. W.'ls wir machten, war ein Text, die
für Satz handschriftlich nieder. Einige Sätze, viele, trug er
Aufführung 'var alles. Unmöglich, ihn zur übersetzun� von
tagelang mit sich herum, sie immerfort ändernd. Die Methode
Partien zu verführen, auf die der Stückschreiber für eire ge­
des Vor- und Nachspielens hatte einen unschätzba ren Vorzug
plante Auffülmmg verziclnete, die er aber für das Buch retten
darin, daß psychologische Diskussione n nahezu gänzlidt ver­
wollte! Das Wiclnige war der 1heaterabend, der Text hatte
mieden wurden. Selbst die Grundgesten, wie Galileis Art, zu
ihn lediglich ZU ermöglichen; in der Aufführung fand der v: r­
beobachten, seine showmans hip (Schaustellert um) oder seine
schleiß des Textes statt, er ging in ihr auf wie das Pulver rm
Genußsucht, wurden plastisch etabliert durdl die Vorführung.
Feuerwerk ! \Viewohl L. 1heater in einem London gemacht
In allem handelte es sich uns zunächst lediglich um die klein­
sten Bruchstü�ke, die Sätze, ja die Ausrufe - jeder für sich hatte, das dem 1heater gegenüber recht gleichgi.i ltig geworden
genommen, jeder die leichteste, eben angebrachte form erhei­ war, war noch das alte elisabethanische London in ihm, dem
schend, soundso viel verratend, soundso viel verbergend oder 'fl1eater eine Leidenschaft war, und zwar eine so große, �aß es
offenlassend. Die tieferen Eingriffe in die Strukt ur ganzer unsterbliche Kunstwerke gierig und unscl1llldig emfaclt
Szenen oder des Werkes selbst wu rden gemacht, der Erzäh­ als >>Texte<< v erscl1lingen durfte. In der Tat waren � iese Kuns�­
lung des Stoffes vorwärtszuhel fen und ziemlich allgemeine werke, welche das Jahrhundert i.iberdauerten, wre Improvr-
.
satronen .
f"ur cmen a II es gc I ten den Attger1b l'rclr' gemadtt. Schon
Peststellungen über das Verhalten der Leute dem großen Phy­
. .
dre Drucklegung rnteressrerte · nur noc11 wenig und erfolgte
siker gegenüber zur Geltung zu bringe n. Diese Zuri.ickhaltung . .
wohl nur um den Zus cl1auern, a I so denen, ' crr e bet dem ergen
t-
dagegen, im Psychischen herum zukra men, bewa hrte
während der ganzen langen Daue r unserer Zusammena
sich L. liehen Er�ignis - nämlich der Aufführun g - anwesend ? ewe-
rbeit, .

sen waren, em Souvemr ·


· an das u . . 'en zu übenmtteln.
vergnug
auch als er nach einer rohen Fertigstellu ng ,
.
des Stückes dasselbe
hier und dort vorlas, um Reaktionen zu bekom Und das 1heater war wo11 1 darm auC11 so Potent zu dteser ..
men, und noch �L j' ,vr 1 assungen un d Hmz . ufugungen
in den Bühnenproben. Zeit, daß der Text durw c re weg

Der mißlidte Umstand, daß der eine Übersetzer kein Deuts auf den Proben kaum gelitten haben muß.
dt
und der andere nur wenig Englisch wußt e, erzwa ng, wie man
sieht, von Anfang an ein 1heaterspielen als Meth Wir pflegten in L . s kleinem Bibliothekszimm � r zu arbeiten,
ode der .
Übersetzung. Wir waren gezwungen, zu mach und am Vormrttag. Ab er L . 1(am m ·rr oft schon rm Garten ent-
en, was sprach­ über den feuchten Rasen
Iim besser bewanderte Übersetzer ja ebenf alls machen sollte · LI
gegen, 111 1 cm d un d Liose
1 barfuß

n: •

Gesten übersetzen. Die Sprache ist nämli ch da theatr laufend, und wies mir gewisse Neuerungen 111 der Bep f1 � n-
alisch, '
wo sie vornehmlim das Verhalten der Sprechenden zueina n­ zung, denn der Garten b ese11a"ft rgte , r'h n ständig und barg vrcle

. .
· "
!·messen uncj Probl eme. D re, LI' .
1 er: t er i<e'r t t111d clre schonen Maße
der ausdrückt. (Bei den »Arien<< zogen wir, wie geschildert,
noch den Gestus des Stückschreibers hinzu, indem wir die dieser Gartenwelt gingen auf eine angenehme Weise in unse �c
Schreiber der Bibel oder den Shakes peare beim Singen beob­ Arbeit ein. Für eine beträchtliche Zeitspanne sammelten wrr
achteten.) alles in unsere Arbeit. Sprachen wir über Gartcnbaukun st, so
L. zeigte in auffälligster und mitunt er brutaler Weise eine ·
schwerften ·
· ergcnt
wrr I'rc11 nur ab von ·rrg'e ncleiner Szene des
Gleichg ültigkei t gegen das >>Buch<<, die der Stückschreiber >>Galilei << · suchten wir in einem New Yorker Museum tech­
nische z:ichnungen des Leonardo flir die Projektionen der
Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen I 123
I I 22 Anmerkungen zu Stücken u n d Aufführungen
Tiefblau hinein durch den Ludovico Marsili, und dieses Tief­
Hintergründe in der >>Galilei<<-Auffü hrun g, so schweiften wi r blau blieb auch, abgesondert, in der zweiten Szene mit den
ab zu der Graphik des Hokusai. L., konnte ich ben:erk�n, er' Großbürgern in. ihren schwärzlichgrünen, aus Filz und Leder
laubte dem Stoff nur, ihn zu streifen. Die Pakete mtt Buchen'! gemachten Röcken. Der gesellschaftliche Aufstieg des Galilei
oder Photokopien aus Büchern, die er immerfort b.estellte, wurde auch in den Farben sichtbar. Das Silber und Perlgrau
machten ihn nicht zum Bücherwurm. Er suchte beharrhch nach der vierten (Hof-)Szene leitete über in ein Notturno in Braun
dem Außeren: nicht nach der Physik, sondern nach der Ver' und Schwarz (Verspottung des Galilei durch die Mönche des
haltensweise der Physiker. Es galt, ein Stück Theater aufzu' Collegium Romanum) zu der achten, dem Ball der Kardinäle
bauen, etwas Leidttes, .i'\ußerliches. Als das Material sich mit den phantastischen delikaten Einzelmasken (Damen und
häufte, griff L. eifrig nach der Idee, einen guten Zeichner mit Herren) zwischen den Kardinälen in Karmesin. Dies war ein
der Herstellung amüsanter Skizzen von der Art zu beauft ra' Ausbruch der Farbe, aber ihre Entfesselung kam noch, und
gen, wie sie Caspar Neher zu machen pfl egte, um die Anato'
zwar in der neunten ' der Fastnachts-Szene. Wie die Kardinäle
mie der Handlung bloßzulegen. »Bevor man andere amüsiert, und der Adel hatte auch das niedere Volk sein Maskenfest.
muß man sich selber amüsieren<<, sagte er.
Da freilich konnte keine Mühe gespart werden ! L. hörte Danach kommt der Abstieg in die stumpfen und grauen Far­
nicht eher von den delikaten Szenenskizzen Caspar Nehers , ben. D ie Schwierigkeit eines solchen Schemas besteht natürlich
die den Schauspielern gestatten, sich nach den Kompositioneil darin, daß die Kostüme mit ihren Trägern durch mehrere
eines großen Künstl ers zu gruppieren und sich mit ebenso Szenen wandern ; sie müssen immer passen und die neuen Sze-
wahrhafti gen als erlesenen Gesten zu versehen, als er schoi1 nen farbig mit aufbauen. .
einem ausgezeichneten Zeichner der Walt Disney Studios dei'l Wir besetzten die Rollen hauptsächlich mit jungen Schauspie­
Auftrag gab, solche Skizzen zu entwerfen. Sie fielen etwas lern. D ie Reden boten einige Probleme. Die amerikanische
boshaft aus; L. verwendete sie, aber vorsi chtig. Bühne vermeidet Reden, außer in den fürchterlichen Shake­
Welche Mühe L. an das Kostüm wandte, nicht nur an seines, speare-Aufführungen und vielleicht wegen dieser. Red�n �e­
an das aller Spieler! Und welche Zeit nahm uns die Besetzung deuten ihr einfach einen Stillstand der Handlung, und ste smd
der zahlreichen Rollen ! es auch, so wie sie gebracht werden. L. arbeitete gewissenhaft
Zuerst hatten wir die Kostümbücher und auch alte Bildwer ke und meisterlich mit den jungen Schauspielern, und der Stück­
nach Kostümen zu durchsuchen, die nicht das an sich hatten , schreiber bewunderte wie frei er sie dabei ließ, wie er, alles
was unsere Zeit als aufgeputzt empfindet. Wir atmeten auf, Laughtonsche vermeidend, lediglich die Strukturen lehrte.
als wir auf einem kleinen Tafelwerk des r 6. Jahrhun derts Dem oder jenem Schauspieler, der allzu leicht der Laughton­
lange Hosen fanden. Dann hatten wir die Stände voneina nde r schen Persönlichkeit unterlag, las er aus dem Shakespeare vor,
zu scheiden. Der älte re Breughel leistete uns da gute Dienste. den eigentlichen Text überhaupt nicht probierend - keinem las
Am Ende hatten wi r das Farbenschema auszuarb eiten. Jede er den Text selber vor. übrigens wurden alle Schauspieler ge­
Szene mußte einen G rundton haben - die erste zum Beispiel beten, auf keinen Fall ihre Eignung für die Rolle dadurch
einen zarten matinalen mit Weiß, Gelb und Grau. Aber die zu zeigen, daß sie sofort etwas »Eindrucksvolles<< hinlegten.
Gesamtheit der Szenen mußte dann ihre Entwick lung haben Wir einigten uns über folgendes:
in der Farbe. In der ersten Szene kam etwa ein distingui ertes r. Die Bühnendekorationen sollen nicht so sein, daß das
I I24 Anmerkungen z u Stücken und Aufführungen
Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen II25

Publikum glaubt, sich in einer Stube des mittelalterlichen


tenden Bewegungen der Figuren muß vermieden werden. Die
Italiens oder im Vatikan zu befinden. Das Publikum soll zur
Regie darf keinen Augenblick vergessen, daß viele der ':_o:­
Überzeugung gebracht werden, es befinde sich in einem Theater.
2. Der Hintergrund soll mehr zeigen als die unmittelbare Um­ gänge und Reden schwer zu verstehen sind, so daß es notlg
gebung Galileis; er soll in phantasie voller und artistisch reiz­ ist den Grundsinn des Vorganges schon in den Stellungen aus­
voller Art die historische Umgebung zeigen. Er soll dabei zudrücken. Das Publikum muß sicher sein, daß ein Gang, ein
.
Hintergrund bleiben. (Das letztere wird erreicht, wenn die Aufstehen eine Geste Bedeutung hat und Aufmerksamkelt
Dekoration zum Beispiel nid1t selber durdt Farbigk eit bril­ verdient. D ie Gruppierungen und Bewegungen müssen jedoch
liert, sondern den Kostümen der Schauspieler hilft, wenn sie absolut natürlich und realistisd1 bleiben.
die Plastik der Figuren verstärkt, indem sie selber flächenartig 6. Bei der Besetzung der kirchlid1en Würdenträger muß beson­
bleibt - auch wenn sie Plastisches enthält und so weiter. ) ders realistisch verfahren werden. Es ist keine Karikatur �er
3 · Möbel und Requisiten sollen realistis
Kirche beabsichtigt, jedoch darf die raffinierte Ausdruckswet� e
ch sein (Tiiren gehören
dazu) und vor allem sozial-historische Reize enthalt en. Die und »Bildung<< der Kirchenfürsten des 1 7. Jahrhunderts dte
Kostüme müssen individ ualisier t sein und die Merkm ale des Regie nicht dazu verführen, durchgeistigte Typen �uszus�che� .
Getragenseins aufweisen. Die sozialen Unterschiede sind zu Die Kirche stellt in diesem Stück hauptsächlich dte Obngkett
unterstreichen, da wir sie in sehr alten Moden nicht leicht er­ dar; typenmäßig sollen die kirchlichen Würdenträger unsern
kennen können. Die Farben der Kostüme sind aufein Bankiers und Senatoren gleichen.
ander 7· Die Darstellung des Galilei sollte nicht darauf ausgehe�,
abzustimmen. . .
4 · Die Gruppierungen der Personen ein sympath1Sleren des s1· ch em u en und Mitgehen des
· f""hl Pubh-
müssen die Qual ität hi­ . .
storischer Gemälde haben (nicht, dami kums zu etablieren; vielmehr sollte dem Pubhku� e�ne meh r
staunende, kritische und abwägende Haltung ermogh�t wer-
t das Historische als
ästhetischer Reiz herauskommt; die Anw
eisun g gälte für zeit­ · Ph .anom
. en w1e etwa
genössische Stücke ebenso). Die Regie den. Er sollte dargestellt werden a I s em
erreicht das, indem sie · ·
"t-
für die Vorgänge historische Titel ersin Richard III., wobei die emouone 11e zummmung des Publ .
nt. (Beis piel: Für die
erste Szen e etwa die folgenden kums durch die Vitalitä t dieser fremden Erschein ung erretcht
: Der Physiker Galilei
erklärt seinem spiiteren Mitarbeiter And rea Sarti wird.
die neue Ko­ · · h eta-
u rung stc
8. Je tiefer der historische Ernst emer Au ff"h
pernikanische Theorie und sagt eine große gesch
Bedeutung der Astronomie voraus. - Um seine Lebe
ichtliche bliert, desto ausgiebiger kann Humor zur ? el.tung k�mmen;
.
�:.
n nsunter­
halt zu verdienen, unterrichtet der große Gali reich großzügiger das Arrangement ist, desto mtllner konnen dt
lei e Schil­ Szenen gespielt werden.
ler. - Galilei, der um Mittel fiir die Fortfiihrrm seiner
Studien ersucht hat, wird von den Universitiitsbehörden
g [9 · An und für sich kann »Leben des Ga� ilei<< ohn: größere
.
Umstellung des zeitgenössischen TI1eatersuls �ufg: fuhrt
angehalten, profitable Instrumente zu erfinden. - Galilei wer­
leonstruiert nach Angaben eines Reisenden sein erstes Fern­ den, etwa als ein historischer "Schinken<< mtt emer großen
rohr.) Rolle. Eine konventionelle Aufführung (die übrigens den Auf­
.
5 . Die Vorgänge müssen in Ruhe und in führenden keineswegs als konventionell � um � ewußts:m zu
großem Entwu rf aus­ . ..
geführt werden. Ständiger Stellungswechsel mit wenig bedeu- kommen brauchte ' um so weniger, wenn s1e ongmelle Emfalle
aufwiese) müßte jedoch die eigentliche Kraft des Stückes
I 12.6 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen

beträchtlich schwächen, ohne dem Publikum >>einen leichteren


Zugang zu eröffnen«, Die hauptsächlichsten Wirkungen des
Stückes würden verfehlt, wenn das Theater nicht eine ad­
äquate Umstellung vornimmt. Die Antwort >>Das geht hier
nicht« ist der Autor gewohnt; er bekam sie auch zu Hause. [Bemerkungen zu einzelnen Szenen]
Die meisten Regisseure verhalten sich solchen Stüd�:en gegen­ Das Sinnliche in Galilei
über, wie ein Pferdekutscher zur Zeit seiner Erfindung dem
Auto gegenüber sich verhalten hätte, wenn er, lediglich das Galilei ist natürlich kein Falstaff: als überzeugter Materialist
Gefährt übernehmend, die praktischen Anweisungen dagegen besteht er auf physischen Freuden. Bei der Arbeit würde er
mißachtend, vor den neuen Wagen Pferde gespannt hätte, mehr zwar nicht trinken ; wichtig ist, daß er auf sinnliche Weise
arbeite t. Es bereitet ihm Genuß, seine Instrumente mit Ele­
natürlich als vor eine Kutsche, da der neue Wagen schwerer
ganz zu handhaben. Ein großer Teil seiner Sinnlichkeit ist
war. Solch ein Kutscher würde ebenfalls, aufmerksam ge­
macht auf den Motor, geantwortet haben : >>Das geht hier gei� tiger Natur. Da gibt es das »schöne Experiment<< , die
nicht. « ] ' kletne theatralische Darbietung, zu der er jede Lektion gestal­
tet; die häufig rohe Art, wie er einen Menschen mit der Wahr­
heit konfrontiert; dann gibt es in seinen Reden Stellen (in
Die Aufführung fand i n einem kleinen Theaterehen in Beverly
. I , 7, I 3), wo er gute Wörter auswählt und sie abschmeckt wie
Htlls statt, und L.s Hauptsorge war die Hitze, die gerade
Gewürze. (Das hat nichts zu tun mit dem >>Gesang<< des
herrschte. Er verlangte, daß Lastwagen mit Eisblödl:en um das
Schauspielers, der vielleicht mit Genuß seine Arien hinlegt,
Theater angefahren und Ventilatoren in Bewegung gesetzt
aber den Genuß der Person, die er darstellt, nicht zeigt.)
wurden, »damit die Zuschauer denken konnten<<.

194 7
Über die Rolle des Galilei

Die Fremdheit, Neuartigkeit, Auffälligkeit dieser neuen Fi­


gur in der Geschichte wird dadurch zustande gebracht, daß
er selber, Galilei, auf seine Umwelt von I 6oo wie ein Frem­
der bliffit. Er studiert diese Welt: sie ist merkwürdig, veraltet,
sie ist der Erklärung bedürftig. Er studiert: in I Ludovico Mar­
sili und Priuli; in 2 die Art, wie die Senatoren durch das Fern­
rohr schauen (Wann kann ich eines dieser Dinger kaufen?) ; in
3 Sagredo (der Prinz ist ein Kind von neun Jahren); in 4
die Hofgelehrten; in 5 die Mönche; in 7 den jungen Mönch ;
in 8 Federzoni und Ludovico; in [ I r ] (eine Sekunde
I [Dieser Text wurde von Brecht später für die •Anmerkungen• ange- lang) Virginia; in [ r 3 ] seine Schüler, in [ r 4] Andrea und
fügt.] . Virginia.
I 128 Anmerkungen z u Stücken und Aufführungen
Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen I 129

[Zur ersten Szene] [Zur elften Szene]


In der ersten Szene entwickelt Galilci Gedanken über eine
neue Zeit. Im alten Theater ermöglichte der Stückschreiber Konnte Galilei anders handeln?
dem Schauspieler die realistische Darstellung von Monologen Die Szene gibt hinreichende Gründe für Galileis Zögern, aus
dadurch, daß er ihm dafür bestimmte Handlungen oder eine Florenz zu fliehen und sich in den Schutz der oberitalienischen
bestimmte Situation, die die Handlung ermöglichte, gab. Selbst Städte zu stellen. Trotzdem mag das Publikum sich ausmalen,
ein großer Schauspieler ist nicht in der Lage, das Verfahren des daß er sich dem Eisengießer Matti anvertraute, und auch hier­
ncucn Stückschreibcrs zu erkennen. Er wird nach vier Sät­ für so manche Tendenzen im Charakter und in der Situation
zen, bei denen ihm der Rücken gerieben wird, ungeduldig Galileis ausfinden. Der Darsteller Laughton zeigte, daß Gali­
und verlangt andere Tätigkeiten, etwa Schuhcanzichcn. Er lei bei seinem Gespräch mit dem Eisengießer unter großer se:­
setzt die ncucn Gedanken nicht in Beziehung zu dem Wohl­ lischer Erregung steht. Er spielte einen Moment der En�sche!­
befinden, das der Gelehrte empfindet. Galilci müßte auf­ dung, und sie ist falsch. (Kenner der Dialektik werden m der
hören zu denken, wenn Andrca ihm nicht mehr den Ri.ickcn folgenden Szene >>Der Papst<< eine weitere Aufhellung der
reibt.
Möglichkeiten Galileis finden, wenn der Inquisitor verlangt,
Die Abhängigkeit der Produktion für die Gesellschaft von dem daß Galilei zur Abschwörung seiner Theorie gezwungen werde,
Wohlbefinden des einzelnen, das ihm die Gesellschaft bietet, ist weil die italienischen Secstädte seine astronomischen Karten
für das Stück von außerordentlicher Wichtigkeit. Sieht das benötigten, die auf ihr beruhen und die man ihnen nicht ver­
Publikum das nicht, so wird der Umfall Galileis rein idea­ weigern könne!)
listisch. Wenn die Gesellschaft ihm nicht Wohlbehagen ermög­ Es darf hier eben nicht objektivistisch verfahren werden. '
licht, warum soll er sie nicht verraten? Obwohl er »an sich
nicht schlecht sein darf,,.
Ausgerechnet den kleinen Andrea unterrichtet Galilei über
[Zur vierzehnten Szene]
seine revolutionierenden und revolutionären Gedanken. Hier
zeigt sich eine ganz neue - der kapitalistischen Entmensch­
lichung der >> Ware Arbeitskraft,, entgegengesetzte- Verhaltens­ Galilei nach dem Widerruf
weise: die Lust am Produzieren und das Vermitteln von Wissen Das Verbrechen hat ihn zum Verbrecher gemacht. Er gefällt
an jeden, der wissen will. Galilei überfordert seinen Schüler sich in Gedanken an die Größe seines Verbrechens. Er wehrt
dafür sogar.
Gleich darauf bricht er die Unterrichtung des Interessierten
sich gegen die unverschämten Zumutunge1� der �uß�n elt a n
. _

ihre Genies. Was hat Andrca getan gegen d1e lnqmsmon. Gah­
ab, um einen Desinteressierten zu unterrichten, der zahlen lei wirft seinen Intellekt in die Lösung der klerikalen Pro­
kann. Seine Begründung an Andrea ist die gröbste, aber die bleme, übersehen bei den Holzköpfen. Sein Intellekt funk-
für Andrea verständliche.

' Der Objektivist läufl, wenn er die Notwendigkeit einer ge ebenen Reihe
von Tatsachen beweist, stets Gefahr, auf den Standpunkt emes Apologe­
ten dieser Tatsachen zu geraten. (Lcnin)
I I 30 Anmerkungen z u Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen II3I

tioniert routinemäßig, als leere Kraft. Seinen Wissensdurst um das beendete Manuskript der »Discorsi<<. Andrea ist ent­
empfindet er als den Ausschlag, der ihn juckt. Wissenschaftliche setzt. Niemand in der Gelehrtenwelt wagte nom auf dieses
Betätigung ist ihm ein Laster, lebensgefährlich, jedoch unent­ Buch zu warten. Jetzt liegt es vor - nur um von der Inqui­
behrlich. Er haßt die Menschheit fanatisch. Andreas Bereit­ sition vernid1tet zu werden! Galilei zieht sim in eine luzi­
willigkeit, sein Verdammungsurteil zu revidieren angesid1ts des ferisme Selbstzerstörungspose zuriidc, gibt jedom plötzlich zu,
Buchs, ist Korruption. Galilei wirft ihm, wie einem ausgehun­ er habe heimlim eine Kopie des Bums angefertigt - »hinter
gerten und lahmen Wolf einen Brod,en, die logische wissen­ dem eigenen Rücken<<, Es ist in einem Globus versteilit. Andrea
schaftliche Analyse des Galilei-Phänomens hin. Dahinter stedn hält die »Discorsi<< in den I-länden. Er erkennt an, daß das
noch die Ablehnung der moralischen Zumutungen einer Buch verlorengegeben werden muß, da jeder Versum einer
Menschheit, die nidns tut, die Tödlichkeit dieser Zumutungen Veröffentlimung Galilei aufs äußerste gefährden muß; es kann
und dieser Moral aufzuheben. nimt ohne seine Mithilfe ins Ausland gebracht worden sein.
Galilei bestätigt dies, jedom in einem sehr zweideutigen Satz.
Galilei hat für eine geraume Zeit mit der Kirche laboriert, Es wird klar, daß seine l\ngstlimkeit mehr und mehr über­
wenn sein Lieblingsschüler Andrea ihn überraschend besucht. kommen wird von seinem Wunsm, die »Discorsi<< veröffentlimt
Der Bestich schreilit ihn auf. Er kann es nicht lassen, Infor­ zu wissen. Er selbst ist es, der dem Andrea nahelegt, das Buffi
mation über die allgemeine Lage der Wissensd1aften ein­ »ZU stehlen<<, Der Dieb würde die Verantwortung zu smultern
zuholen. Er bekommt von Andrea, der eine feindselige und haben.
kalte Haltung einnimmt, lediglich bestätigt, was er weiß: Andrea verbirgt die »Discorsi<< in seinem Wams.
Sein Widerruf hat die Wissenschaften nahezu zum Stillstand Das Buch auf seinem Weg in die öffentlimkeit wissend, verän­
gebracht. dert Galilei nom einmal seine Haltung. Er smlägt vor, dem
Wenn Andrea sim nach dem kurzen und pausenreichen Ge­ Buch solle eine Einleitung beigegeben werden, die das Rene­
spräm verabsmieden will - er beabsichtigt, nam Holland zu gatentum des Autors aufs smärfste verurteile. Andrea weigert
reisen -, hält Galilei ihn zurück, zugleich jedom ihn besdllll­ sim leidenschaftlim, solm einen Wunsch weiterzugeben. Er weist
digend, mit der Absimt gekommen zu sein, seinen teuer er­ darauf hin, daß nunmehr alles verändert sei, Galilei habe sich
kauften Seelenfrieden zu stören. Er erwähnt, daß er sowieso durm seinen Widerruf die Möglichkeit versmafft, das allbe­
>>Rückfälle« erleide, das heißt tatsächlich wieder in Forschungs­ deutende Werk zu vollenden. Die landläufigen Vorstellungen
arbeiten zurückgeglitten sei. Er beklagt dies, da es den Rest von Helden, ethismen Formeln und so weiter wären zu än­
von Komfort bedroht, den die Kirche, die er »sehr geduldig<< dern. Nur die Kontribution zur Wissensmaft entsmeide und so
nennt, ihm gestattet. Die kirchlichen Behörden tun alles, ihn weiter.
aus Ungelegenheiten zu halten; seine Manuskripte werden Galilei hört sim Andreas Rede, die ihm eine goldene Brüilie
einbehalten. Andreas Feindseligkeit beginnt zu schmelzen an­ zurüili in die Amtung der Wissensmaftler baut, zunächstschwei­
gesimts des offenbaren Elends einer solchen Existenz. Der gend an, widerspricht aber dann mit smneidendem Hohn, An­
größte Physiker der Zeit pflügt Wasser. Die mildere Stimmung drea eines verlumpten Widerrufs aller wissenschaftlicher
weimt, wenn Galilei, der bisher nur von »kleineren Ar­ Prinzipien beschuldigend. Beginnend mit einer Verurteilung
beiten<< gesprochen hat, damit herauskommt, es handle sim »smlemten Denkens«, gleichsam nur um brillant zu demon-
r I 32 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen I r 33

strieren, wie ein wissenschaftlich Geschulter einen Fall wie den Andrea Sani. Der StUckschreiber wi.inschte nicht das letzte
seinen zu analysieren habe, beweist er Andrea, daß das wert­ Wort zu haben.
vollste Werk niemals den Schaden aufwiegen kann, der durch Galilei markiert den Standard der italienischen Intellektuellen
einen Verrat an der Menschheit entstehen muß. im ersten Drittel des 1 7 . Jahrhunderts, die von der Feudalität
besiegt wurden. Die nördlichen Länder Holland und England
entwickelten die Produktivkräfte weiter in der sogenannten
Darstellung des Galilei in der [vierzehnten] Szene » Industriellen Revolution<<. Galilci ist in gewissem Sinn ihr
technischer Schöpfer und sozialer Verräter.
Der dem und jenem bekannte Umstand, daß der Verfasser ein
Gegner der Kirche ist, könnte ein Theater veranlassen, der
Aufführung des Stückes eine hauptsächlich antiklerikale Ten­ .. [List und Verbrechen]
denz zu verleihen. Die Kirche ist in diesem Stück aber vor­
nehmlich als weltliche Obrigkeit behandelt. Die spezifische In der ersten Fassung des Sti.icks war die letzte Szene anders.
kirchliche Ideologie ist von der Seite aus gesehen, wo sie als Galilei hatte in großer Heimlichkeit die >>Discorsi<< geschrie­
eine Stütze praktischer Herrschaft erscheint. Der alte Kardinal ben. Er veranlaßt anläßlich eines Besuchs seinen Lieblings­
(in der vierten Szene) kann mit wenigen Änderungen in einen schi.iler Andrea, das Buch i.iber die Grenze ins Ausland zu
Tory oder einen Demokraten des Staates Louisiana verwan­ schmuggeln. Sein Widerruf hatte ihm die Möglichkeit ver­
delt werden. Galileis Illusion über den »Wissenschaftler im schafft, ein entscheidendes Werk zu schaffen. Er war weise
Stuhl St. Peters<< fände mehr als eine Entsprechung in der Zeit­ gewesen.
geschichte, die wenig mit der Kirche zu tun hätte. Galilei In der kaliforniseben Fassung [ . . . ] bricht Galilei die Lo­
kehrt (in der dreizehnten Szene) nicht »in den Schoß der beshymnen seines Schi.ilcrs ab und beweist ihm, daß der Wi­
Kirche<< zurück. - er hat sich, wie bekannt, niemals daraus derruf ein Verbrechen war und durch das Werk, so wichtig es
entfernt. Er versucht lediglich seinen Frieden mit den Herr­ sein mochte, nicht aufgewogen .
schenden zu machen. Seine Verkommenheit zeigt sich in seiner Wenn es jemanden interessieren sollte: Dies ist auch das Urteil
sozialen Haltung; er erkauft sich seinen Komfort (selbst seine des Sti.ickschreibers.
wissenschaftliche Betätigung ist nun zu einem Komfort herab­
gesunken) mit Handlangerdiensten, so seinen Intellekt scham­
los prostituierend. (Seine Verwertung klerikaler Zitate ist dem­
entsprechend rein blasphemisch.) Seine Selbstanalyse darf unter
keinen Umständen von dem Darsteller dazu mißbraucht wer­
den, mit Hilfe von Selbstvorwi.irfen den Helden dem Pu­
blikum sympathisch zu machen. Sie zeigt einfach sein Gehirn
unzerstört - gerichtet auf welches Feld immer. Andrea Sartis
Schlußbemerkung gibt keineswegs die Ansicht des Stück­
schreibcrs über Galilci wieder, sondern nur seine Ansicht über
Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen II35

Zu » Mutter Courage und ihre Kinder« bekommen kann. Danach kann er dies oder das immer noch
verändern, wie es ihm aus diesem oder jenem Grund rätlich er­
Anmerkungen zur Aufführung 1 9 49 scheinen mag. Bevor ein sehr hoher Stand lebendigen und
geistreichen Kopierens - und Herstellens - von Modellen er­
Modelle reicht ist, sollte man nid1t zu vieles kopieren. Die Maske des
Kochs, die Kleidung der Courage und derlei muß man nid1t
Wenn in unsern Ruinenstädten nach dem großen Krieg das nachahmen. Man muß das Modell nicht zu sehr pressen.
Leben weitergeht, so ist es ein anderes Leben, das Leben ande­
rer oder wenigstens anders zusammengesetzter Gruppen und Die Bilder und die Beschreibungen einer Aufführung ergeben
gehemmt und geleitet von der neuen Umgebung, an der neu noch nicht genug. Wenn man liest, daß eine Figur nach einem
die Zerstörtheit ist. Wo die großen Schutthaufen liegen, liegen Satz da- oder dorthin geht, weiß man nicht eben viel, selbst
auch die wertvollen Unterbauten, die Kanalisation und das wenn der Tonfall des Satzes, die Art des Ganges und eine gute
Gas- und Elektrizitätsnetz. Selbst das unversehrte große Ge­ Begründung gegeben werden kann - was sehr schwer ist. Die
bäude ist durch das Halbzerstörte und das Geröll, zwischen zur Nachahmung bereiten Menschen sind andere � ls die des
denen es steht, in Mitleidenschaft gezogen und unter Umstän­ Musters· es wäre mit ihnen nid1t entstanden. Alle, d1e den Titel
den ein Hindernis der Planung. Provisorisches muß geb�l!!_ Künstle ; verdienen, sind Einmalige, stellen das Allgemeine in
l"�rde11, u11<! die Gefahr besteht, es bleibt. Die Kunst spiegelt
. einer besonderen Weise dar. Sie können weder völlig nachgeahmt
all dies wid�r; De�k w�isen sind Teil der Lebensweisen. Was das werden noch völlig nachahmen. Auch ist es nicht so wichtig,
Theater betrifft, werfen wir in den Bruch hinein die Mod�Üe.
daß Künstler Kunst nachahmen, als daß sie Leben nacha� men.
Sie w�rden sogleich heftig bekkmpfl: von den V e�fedltern-des • I --

Modelle zu benutzen ist so eine eigene Kunst; soundso v1el da­


Alten, der Routine, die als Erfahru ng, und der Konvention,
von ist zu erlernen. Weder die Absicht, die Vorlage genau zu tref­
die als freies Schöpferturn auftritt. Und sie werden gefährdet
fen ' noch die Absicht sie schnell zu verlassen, ist das richtige.
von den übernehmern, die nicht gelernt haben, sie zu hand­
Bei dem Studium d �s Folgenden, einer Anzahl von Erörte­
haben. Gedacht als Erleichterungen, sind sie nicht leicht zu
rungen und Erfindungen beim Proben eines Stücks, soll�� m�n
handhaben. Sie sind auch nicht gemacht, das Denken zu er­
angesichts gewisser Lösungen von Problemen hauptsachlich
sparen, sondern es anzuregen; .�icht gemacht, das künstlerische
der Probleme ansichtig werden.
Schaffen zu ersetzen, sondern es zu erzwingen.
Zunächst muß man sich ja auch nur vorstellen, die im Buch Musik
gegebenen Aufschlüsse über bestimmte Ereignisse, hier die
Die Musik Paul Dessaus zur Courage ist nicht hauptsächlich
Abenteuer und Verluste der Mutter Courag e, seien noch etwas
eingängig; wie beim Bühnenbau war aud1 bei ihr dem Publi­
vervollständigt worden; man habe auch noch in Erfahrung
kum etwas zu tun übriggclassen: das Ohr hatte die Stimmen
gebracht, daß die Frau neben ihrer stummen Tochter gesessen
und die Weise zu vereinigen. Die Kunst ist kein Schlaraffen­
sei, als man ihren toten Sohn vor $ie brachte und so weiter -
land. Um zum Musikalischen umzuschalten, der Musik das
Aufschlüsse, die etwa ein Maler durch Befragung von Augen­
Wort zu erteilen, ließen wir jedesmal, wenn ein Lied kam,
zeugen für seine Komposition eines historischen Vorgangs das nicht unmittelbar aus der Handlung herauskam oder, aus
1 r 36 Anmerkungen z u Stücken u n d Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen I I 37

ihr herausgekommen, deutlich außen blieb, vom Schnürboden bestehend aus großen Schirmen, die Materialien der Kriegs­
ein Musikemblem herunter, bestehend aus Trompete, Trom­ lager des siebzehnten Jahrhunderts: Zeltleinwand, mit Strik­
mel, Fahnentuch und Lampenbällen, welche aufleuchteten . ken zusammengehaltene Holzbalken und so weiter. Baulich­
Ein zartes und leichtes Ding, schön anzuschauen, auch keiten, wie Pfarrhof und Bauernhaus, wurden plastisch
wenn es in der neunten Szene zerschlissen und zerstört war. hereingestellt, realistisch nach Bauart und Baumaterial, aber in
Es erschien einigen als bloße Spielerei und als ein unrealisti­ künstlerischer Andeutung stets nur so viel davon, wie dem
sches Element. Aber einerseits sollte man gegen das Spieleri­ Spiel dienlich war. Auf dem Rundhorizont standen farbige
sche, solange es nicht alles überwuchert, nicht allzu streng auf Projektionen, und für die Fahrten wurde die Drehscheibe be­
dem Theater verfahren, andrerseits war es insofern nicht ein­ nutzt. - Wir veränderten Größe und Stellung der Schirme und
fach unrealistisch, als es die Musik aus der realen Handlung benutzten sie nur in den Lagerszenen, so daß diese von den
heraushob; es diente uns dazu, den Wechsel zu einer andern Landstraßenszenen getrennt waren. Die Baulichkeiten (2, 4,
ästhetischen Ebene, der musikalischen, sichtbar zu machen, 5, 9, r o,I I) gestaltete der Berliner Bühnenbauer frei, das
so daß nicht der falsche Eindruck entstand, die Lieder »wüch­ Prinzip beibehaltend. Auf Hintergrundprojektionen, wie in
s�n a�rs der. Handlung herauS<<, sondern der richtige Eindruck, Zürich, verzichteten wir und hängten die Ländernamen in
Sie seien Emlagen. Die dagegen sind, sind einfach gegen das großen schwarzen Buchstaben über die Szenen. Wir verwen­
Sprunghafte, » Unorganische<<, Montierte, hauptsächlich weil sie deten gleichmäßiges ungefärbtes Licht und so viel davon, wie
gegen di� Ze:reißung der Illusion sind. Sie müßten nicht gegen die Apparate hergaben. Dadurch beseitigten wir den Rest von
»Atmosphäre<<, welche die Vorgänge leicht romantisch macht.
�usikst�.� cke das St�ck eing�,batsondern
das �us kzei0en protestieren gegen die Art, wie die
111 t� sind, eben als Einlagen. Beinahe alles übrige behielten wir, ofl: bis ins kleinste (Hack­
i e Musiker waren Sichtbar emer Loge neben der Bühne
111
block, Feuerstelle und so weiter), und besonders die vorzügli­
untergebracht - we IcI1e position
• · · I'h re Darbietungen
· zu kleinen chen Stellungen des Planwagens, und das letztere bedeutet
Konzerten machte, selbständigen Beiträgen an passenden Stel­ viel, denn damit war schon viel von der Gruppierung und
���1 des Stücks. Die Loge hatte Verbindung mit der Hinter­ dem Ablauf der Vorgänge von vornherein festgelegt.
buhne, so daß gelegentlich, für Signale oder wenn in der Man verliert erstaunlich wenig mit dem Verzicht auf die
Handlung selbst Musik vorkam, einige Musiker nach hinten völlige Freiheit der »schöpferischen Gestaltung<<, Irgendwo,
gehen konnten. mit irgend etwas muß man doch auf jeden Fall anfangen;
Wir bega� nen mi.t der Ouvertüre, welche etwas dürfl:ig, da warum sollte es nicht etwas schon einmal Durchdachtes sein?
nur von vier Musikern gemacht, aber nicht unfeierlich auf die Seine Freiheit gewinnt man dann schon durch den Wider­
Wirren der Kriegszeit vorbereitete. spruch, der sich allenthalben in einem meldet und regt.
Bühnenbau Illusionäre Elemente?
Wir benutzten für die hier beschriebene Berliner Aufführung Die völlig leere Bühne mit dem Rundhorizont (im Vorspiel,
am Deutschen Theater das bertihmte Modell, das Teo Otto in in der siebenten und in der letzten Szene) erzeugt zweifellos
den Kriegsjahren für das Züricher Schauspielhaus entwo rfen die Illusion flacher Landschafl: mit Himmel. Dagegen ist des­
hatte . Das Modell verwendete für einen stehenden Rahmen, halb nichts zu sagen, weil eine poetische Regung im Gemüt , des
Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen I I 39
I I 38 Anmerkungen zu Stücken und Aufführtingen
Der Stein beginnt zu reden
Zuschaucrs vonnöten ist, damit diese Illusion zustan de kommt ·
Sie ist eben leicht genug hergestellt, daß die Schau spieler du rch Wenn die stumme Kattrin auf dem Scheunendach zu trommeln
ihr bloßes Spiel am Anfang eine freie Landschaft daraus ma� anfängt, um die Stadt Halle zu wecken, ist schon lange eine
chen können, sich darbietend dem Unternehmung sgeist der �roße. Veränderung mit ihr vorgegangen. Die lebhafte freund­
kleinen Marketenderfamilie, und am Ende der erschöp ften hche JUnge Person, die wir im Couragewagen in den Krieg
Glücksjägerirr eine nicht auszumessende Wüsten ei. Und jeden� h �ben fahren sehen, ist eine gesd1lagene Kreatur geworden,
falls ist immer zu hoffen, daß sich mit diesem stofflichen Ein� mcht ohne Bosheit. Sie ist auch äußerlich sehr verändert nicht
druck der formale vermischt, daß der Zuschauer teilnehmen s? sehr im Gesicht, dessen Kindlid1keit lediglich etwas infan­
darf an dem ersten Nichts, aus dem alles entsteht, indem e r tiles angenommen hat, aber im ganzen Körper, der unförmig
zunächst nur die schiere Bühne erblickt die leere, die sich be�
völkern wird. Auf ihr, der tabula rasa: haben die Schauspie�
und schwer geworden ist. Sie kniet mit den betenden Bauers­
�eute� vorn an der Rampe, etwas hinter der Bauersfrau , als
!er, weiß er, in wochenlanger Arbeit, dies und jenes erp r�� 1hr d1e über die Sdmlter weg zuwirft, die kleinen Kinder ihres
bend, die Vorgänge der Chronik kennengelernt, indem sie Sie Sd1wagers seien auch in der bedrohten Stadt. Es geht nichts
darstellten, und sie dargestellt, indem sie sie beurteilten. Nun Ü e
geht es los, der Wagen der Courage rollt auf die Bühnenf1äd1 e. � r in ihrem Gesicht, das seit langem, ein b ndgeworden r .
.�:':piegel,
t die Fähigkeit verloren hat, irgend etwas deutlich zu
:- Gibt � s im Großen ein sd1önes Ungefähr, so gibt es das snorichg� zeigen. Sie kriecht lediglid1 rückwärts, bis sie aus der Nih-�,,
1m Kiemen. Wichtig für realistische Darstellu ng ist das der Betenden ist, dann läuft sie lautlos zum Wagen und holt
f�ltig ausgearbeitete Detail in Kostüm und Requ isit, denn die Trommel, die dort hängt, wie zum Verkauf ausgeboten.
h1er kann die Phantasie des Zuschauers nichts hinzufügen . D ie
Arbeits- und Eßgeräte müssen liebevollst ausgefü hrt s ein . Es ist die Trommel, die ihre Mutter vor Jahren unter den
Auch dürfen die Kostüme natürlich nicht wie von einem neugekauften Waren fand, welche sie gegen die marodierenden
Trachtenfest sein, sondern müssen individuelle Merkmale tra­ Landsknechte so hartnäckig verteidigt hatte, daß sie die ent-'
gen sowie die der Klassen. Sie sind länger oder kürzer getra­ stellende Wunde über dem Auge erhielt. Die Stumme bindet
gen, aus billigerem oder teuerem Stoff ' besser oder schlechter sie los, hängt sie sich auf den Rücken, schleicht zur Scheune,
instand gehalten und so weiter. stopft sich die langen Röcke hoch und klettert aufs Dach.
Die Kostüme der Courage-Aufführung stammten von Palm . Die Menschen schweigen, der Stein hat beschlossen zu reden.
(Die Schauspielerirr zeigt die Eile der Retterin' aber auch' wie
s1e. a IIes als eine Arbeit macht, durchaus praktisch. Viele wür-
:was ei �e Aufführung von >>Mutter Courage und den unten an der Leiter das Hochziehen der langen Röcke
1hre Kmder<< hauptsächlich zeigen soll vor dem Publikum verbergen, vergessend, daß sie nicht nur
, [)aßAie grl)ßen Geschäfte in den Kriegen nicht von den klei­ die Schauspielerin, sondern auch die Stumme beim Klettern
n :n . Leuten gemacht W(!rden. Daß. der Krieg,_ der eire Forl: hindern würden.)
.
_fuhrung der Geschäfte mit andern Mitteln ist, die menschli­ Auf dem Dach (die Schauspielerin behielt beim Klettern das
�en Tugenden tödlich macht, auchJür.ihre .Besitzer DaßJür__
•.
Täpp!sche ihres erstmaligen Kletterns fest) sieht sie hinüber,
d�e Bekämpfung des Krieges k�in Or.fer zu groß ist. wo dte schlafende Stadt angenommen ist und fängt unverzüg-
r I40 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen r I4I

lieh mit dem Trommeln an. Sie hält in beiden Händen Schlegel Stumme schaut, über die Sdm!ter, auf ihn herunter. Sie nimmt
und schlägt im Zweitakt, mit dem Akzent wie im Wort »Ge­ den Wettkampf im Lärmen auf, er geht eine Weile. Dann winkt
walt<<. Die Bauersleute schrecken aus dem Gebet hoch der Bauer der Fähnrid1 wütend ab. Das alles hilf!: nicht. Er läufl: zum
läuft hin, behindert durch sein Rheuma, die Stumm� zieht lin­ Bauernhaus, nad1 einem Scheit, die Trommelnde zu räuchern
kisch die Leiter hoch zu sich aufs Dach und trommelt weiter. wie einen Sd1inken. Die Bäuerin läßt ihr mechanisches Beten
(Von nun an teilt die Schauspielerin ihre Aufmerksamkeit und wirf!: sich vor die Hausti.i r: »Das nutzt nix, Herr Haupt­
qualvoll zwischen der Stadt, die sehr lang braucht, zu er­ mann, wenn sie in der Stadt hier Feuer sehen, wissen sie alles.«
wachen, und den Leuten auf dem Hof, die sie bedrohen.) Ftwas Außerordentliches geschieht. Die Stumme auf dem .
Unten der Bauer sucht gebückt nach Steinen, die Trommelnde Dach hat die Bäuerin gehört und lad1t jetzt herunter, sie hä11gt
zu bewerfen ; die Bäuerin beschimpf!: sie und fleht sie an, auf­ ihr Gesid1t nach vorne und lacht.
zuhören (>>Hast du kein Mitleid, hast gar kein Herz?<<). Die (z\Vei Szenen zuvor hat die Schauspielerin Kattrin ebenfalls
�rommelnde Y[irfl: einen kühlen ßlick herunter auf die Kngst­ lachen lassen. Sie hat vor ihrem Fluchtversuch, noch einmal
hche_!!_ll!l_ d wendet sich wieder der Stadt zu, die immer noch auf ihr bösartiges Arrangement des Rocks der Mutter mit der
nicht zu erwachen scheint. (Qie mit vielen Mitleid haben, Hose des Kochs blidcend, das unheimliche Lachen gezeigt,
!!.ü.Ef�n �ei�es haben mi� den y,renigen :) _· ·· ·
-· - · ·
·· · · ··
- - die Hand vor dem Mund. Das Lachen nun löscht jenes Lachen
Dte Landsknechte kommen zurückgehu fc�. Der Fähnrich be­ aus.)
droht die Bauersleute mit dem blanken Säbel. Sie sind wieder Der Fähnrich geht in die Lufl:. Er sd1idct einen Landskned1t
aufs Knie gesunken, wie zuvor vor ihrem Gott. Die Lands­ nach einer Kugelbüchse. Auch der Bäuerin ist etwas eingefal­
�nechte bieten der Fremden einen Vergleich an. Annehmend, len. >>Ich hab's<<, schreit sie, verräterisch auf den Planwagen
ste mache den Lärm, weil sie für ihre Mutter in der Stadt zeigend, >>Wenn wir den Wagen zusammenhauen, hört sie auf;
fürchtet, versprechen sie ihr, diese zu schonen. Die Trom­ sie haben nix als den Wagen.« Mit Fußtritten zwingt ein
melnde scheint nicht zu verstehen oder dem rufenden Lands­ Landskn echt den Bauernso hn, mit einer Planke auf den Wagen
knecht nicht zu glauben . Der Fähnrich tritt vor. Er wirf!: sich einzuhau en. Die Stumme schaut verzweifelt hin, __sie . stößt
in die Brust, er bürgt ihr mit seinem Offiziersehrenwort. Die jetzt jämmer liche Laute aus. Und sie trommelt weiter. (Und
Stumme hebt die Schlegel höher als je zuvor, nach einer win­ d�e Schauspielerin weiß, nähme die Stumme ihr Trommeln
zigen Pause, anzeigend, daß sie gehört und daß sie bedacht auch nur einen Augenblidc zu früh wieder auf, wäre die
hat. Lauter als zuvor trommel t sie weiter. (Die Schauspielerin Wahrheit beschädig t. Die Bäuerin hat recht, der Wagen ist alles,
benutzt den kleinen Vorgang zu einer Demonst ration der wieviel wurde ihm schon geopfert!)
Stummen : sie hält nichts von den Ehrenwörtern der Schläch­ Die Trommelnde beginnt nun schon müde zu werden, Trom­
.Eez:.) meln ist auch eine Arbeit; man sieht, wie schwer es ihr wird,
Der Fähnrich rast. Die Stumme macht ihn madig vor seinen die Arme mit den Schlegeln zu heben. Der Zweitakt verwirrt
Leuten. Er weiß, sie grinsen jetzt, wenn er nicht hinsieht. Aber sich. Sie schaut gieriger und angstvoller nach der Stadt hin,
der Bauer rennt freiwillig nach einer Axt und hadct auf einen vorgebeugt, mit offenem Mund, was ihr etwas Idiotisches ·

Holzblock zum Ansd1irren von Ochsen ein, den Lärm der gibt. Sie beginnt zu zweifeln, daß sie in der Stadt je gehört
Trommel zu übertönen durch einen >> friedlichen Lärm<<. Die wird. (Die Schauspielerin hat allen ihren Bewegungen bis-
I I42 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen I I43

her etwas Linkisches verliehen. Man soll erkennen: Bereit zu heutigen Theaterfreunde eine breitere Aussprache über Ihre
helfen ist die Hilfloseste. Nun gerät sie ganz in Verwirrung.) Dramaturgie notwendig � -- Si� h�be� - Ihr� » M�tt�� C��: ·-·­
Die Verzweifelnde erlebt noch eine Versuchung, aufzuhören. ra-ge<< gewiß nicht zufällig eine >>Chronik,, genannt, zweifel­
Der Bauernsohn wirft plötzlich die Planke weg und schreit: los eine Form Ihres »epischen Theaters<<, Wollen Sie also mit
>>Schlag weiter, sonst sind alle hin!<<, und der Landsknecht diesem bewußten Chronikenstil nochmals betonen, ·daß es
schlägt mit dem Spieß auf ihn ein. Er wird ihn totschlagen. Ihnen in erster Linie darauf ankommt, die Tatsachen, die
Die Stumme wird von einem trockenen Schluchzen überwäl­ nackten Tatsachen, zu den Zuschauern sprechen zu lassen?
tigt, sie macht unschlüssige, fahrige Bewegungen mit den Wobei (im Sinne des Aristoteles) auch geschichtlich mögliche
Trommelschlegeln, bevor sieweitertrommelt. Der Landsknecht Tatsachen zu verstehen sind. Gr()b gesagt: objektivierendes
__

kommt zurück mit der Kugelbüchse. Er stellt sie auf die Gabel, .The.ater gegen psychologisierendes Theat�r, _ selbst um den
er zielt aufs Dach. (>>Zum allerletzten Mal, hör auf mit Preis, daß die Tatsachen den Menschen oft nicht verändern._
Schlagen!<< ) Die Stumme beugt sich vor, sie hält ein mit ;�
DE � Die Chronik ,;Mutt�; Cou�ag� und ihre Kin­
OLT DRECI- T

Trommeln, sie schaut in den Biichsenlauf. In der größten Not der<< - die Bezeichnung Chronik entspricht gattungsmäßig
drücktjhr_w�ißes � infantiles
� Gesicht- noch einmal
;- · etwas aus: etwa der Bezeichnung History in der elisabethanischen Dra­
...fl1r3t!· Dann hebt sie �it �i ��; � ;i"J;�ig�; ��d ��gl�id;: ;�:
.. matik - stellt natürlich keinen Versuch dar, irgend jemand
schöpften Bewegung die Arme mit den Schlegeln und schlägt, von irgend etwas durch die Ausstellung nackter Tatsachen
laut schluchzend, weiter. Der Landsknecht gibt Feuer, die zu überzeugen. Tatsachen lassen sich sehr selten in nacktem
Kugel erreicht sie, als sie eben beide Arme hoch erhoben Zustand überraschen, und sie würden auch nur wenige ver­
). hat. Sie sinkt vornüber. Einen Schlag schlägt sie noch, der führen - wie Sie mit Recht sagen. Nötig ist freilich, daß
zweite, letzte, kommt zustande, weil der andere Arm nieder­ Chroniken Tatsächliches enthalten, das heißt realistisch sind.
sinkt. Einen Augenblick herrscht Stille, in die der Fähnrich Auch die Einteilung »objektivierendes Theater gegen psy­
hinein sagt: >>Schluß is mit'n Lärm.<< Dann lösen die Kanonen chologisierendes Theater<< hilft uns nicht wirklich weiter, da
der Stadt, sie hört sie nicht mehr, die Trommelschläge ab. Die man ja auch objektivie rendes psychologisierendes Theater
Stadt hat sie gehört. (Die Schauspielerin hat, eine heroische machen kann, indem man eben vornehmlich psychologisches
Haltung zeigend, die besondere Art gezeigt, wie sie bei ihrer »Material<< zum Hauptgegenstand künstlerischer Darstel­
Figur zustande kommt: durch eine Tapferkeit, welche die lung macht und dabei Objektivität anstrebt. Was die vorlie­
Furcht überwindet.) gende Chronik betriffi, glaube ich nicht, daß sie den Zuschauer
im Zustand der Objektivität (das heißt leidenschafts­
loser Abwägung des »Dafür<< und »Dagegen<<) läßt. Dagegen
Formprobleme des Theaters aus neuem Inhalt glaube oder, sagen wir, hoffe ich, sie macht . ihn kritisch.
PRIEDRICH woLF p�r Theater appelF_e�� _i_ll. ��e_r I:��i-�-�-� ���
FRIEDRICH WOLF Wir beide marschieren seit langem in der Welt Erkenntnisvermögen des Zuschauers. Sie wollen zuerst
des Theaters von verschiedenen dramaturgischen Standorten das klare Erkennen der Zus�m�en hänge gegebener und
·

auf_ c!_a_s___gl�_i<:h_e}�i�CC;eräde ai:tfG��;.;d des großen und ver­ möglicher Situationen (gesellschaftlicher Verhältnisse) in
dienten Erfolges Ihrer >>Mutter Courage<< wäre für unsre Ihren Zuschauern wecken und somit in Ihren Zuschauern
I I44 Anmerkungen zu Stücken und Auffi.i hrungen
Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen I 145
richtige Schlüsse und Entschließungen herbeiführen. Lehnen der Charaktere? Wie sind im >>Hamlet<<, im »Üthello«, in
Sie es ab, sich in gleicher Weise an das Gefühl, die Emo� i?n -.:: »Kabale und Liebe« die dramatischen Spannungselemente
das Gcrechtigkcitsgefühl, den Freiheitsdrang, den >>IJCt!Igen
(Exposition - Schi.irzung des Knotens, Peripetie - i.ibcr­
Zorn<< gegen die Unterdrücker - unmittelbar �u wcnd�n? raschende Lösung) in einer fast Detektivhandlung von
Ich frage mit Absicht sehr einfach. In diesem Smne, . lcdt �­ Ihrer Dramaturgie aus zu werten?
lich zur Klärung: Halten Sie eine historische Chromk wtc DERTOLT BRECHT Wie Spannung und Überraschung bei dieser
den >>Götz von Bcrlichingen« (dessen Charakter ebenfalls Art 1heater hergestellt werden, ist in Ki.irze nicht zu er­
kaum eine Entwicklung, \'V'a ndlung, »Katharsis<< durch­ klären. Das alte Schema >>Exposition - Schi.irzung des Kno­
macht, der aber primär sich an das emotionale Erlc�nis tens - i.iberraschende Lösung<< ist ja schon in Historien wie
wendet) fi.ir den heutigen Zuschauer fi.ir wenig fördcrhch? >>König Johann<< oder >>Götz von Berlichingen<< außer
Glauben Sie, daß die I-Iitlcrzeit mit der Lawine verfälschter acht gelassen. Eine Wandlung und Entwicklt�ng d_er.�h�r� �- - __

Emotionen derart desavouiert hat, daß diese heute für uns tcre findet natUrlieh statt, wenn auch nicht immer eme >>lll �
·�
von vornherein verdächtig sind? : ere Wandlung<< oder eine >>Entwicklung bis zur Erke� ntnis<<
n EinaLT BRECHT Es ist nicht der Fall - wiewohl es mitunter - das wäre oft unrealistisd1, und es scheint mir fi.ir eme ma­
vorgebracht wt;�d e -, daß episches 1heater, das übrigens - t�rialistische Darstellung nö � ig, das Bewußtsein der Pe:so­
wie ebenfalls mitunter vorgebracht - nicht etwa einfach nen vom sozialen Sein bestimmen zu lassen und es mcht
undramatisches 1heatcr ist, den Kampfruf >>hie Vernunft - -d;
hie Emotion« (Gefühl) erschallen läßt. Es verzichtet in keine: amaturgisch zu manipulieren. . .
;; Gerade in Ihrer >>Courage<< - bei der Ste met­
Weise auf Emotionen. Schon gar nicht auf das Gcredttig­ _
,k .gdUhl
r �IEDRICH WOLF

nes Erachtens den epischen Stil äußerst konsequent dur�h­


eits , den Freiheitsdrang und den gerechten Zorn: es
verzichtet so wenig darauf, g�ß es �ich sogar nicht auf il1r: fi.ihren - bewies die Haltung der Zuschauer, daß die emotiO­
Vorhandensein verläßt, sondern sie zu verstärken oder zu nalen Handlungsmomente Höhepunkte der Aufführung
•.sd;.�ffen su�h �. Die >>kritische Haltung<<, in die es sein Pu­ wurden (Trommelsignal der stummen Kattrin, wie i.iberhaupt
blikum zu bringen trachtet, kann ihm nicht leidenschaft­ diese ganze Szene, der Tod des ältesten Sohnes, die Mutter­
lich genug sein. szene mit >>Verflucht sei der Krieg!<<). Und nun kommt vom
FRIEDRICH WOLF Sie erklären in Ihren projizierten Zwismcn­ Inhalt her, der ja aud1 bei Ihnen die Form dies.er w:mder.bar
texten vor den einzelnen Szenen (»Dreigroschenopcr<<, gestalteten Auffi.ihrung zu bestimmen .hat, .met �e etgent!I.:he
»Courage<<) die Handlung dem Zuschauer bereits voraus. Frage: Mi.ißte diese Mutter Courage (htstonsch tst, was m�g­
Sie verzimtcn also bewußt aufdie »dramatischen« Eie� lich ist), müßte sie, nachdem sie erkannt hat, daß. der Kneg
sich nicht bezahlt macht, nachdem sie nicht bloß thre Habe,
-mente der >>Spannung<<,
- der >>Überraschung:' · Auch so ver­ sondern aud1 ihre Kinder verlor, mi.ißte sie am Schluß nicht
zichten Sie. auf das �motionale Erlebnis. Wi.insmen Sie um
jeden Preis zuerst das Erkenntnisvermögen des Zuschaucrs eine ganz andere sein wie am Anfang des Sti.ickes? G �ade
zu erregen? Gibt es hier in diesem Sinne eine bewußte Folge fi.ir unsre heutigen deutswen Zuschauer, die sich bis 5 Mmu­
im Theater: Erkenntnis ohne spannende Handlung, ohne ten nach r 2 stets damit herausredeten: Was kon nte man schon
Spieler und Gegenspieler, ohne \'V'andlung und Entwicklung machen? Krieg ist Krieg! Befehl ist Befehl! Man zieht den
Karren weiter. - Lieber Brecht, hier beginnt fi.ir mich (grade
x 1 46 An merkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen I 147

bei der großartigen Aufführung und Schauspielerführung, Er war nicht überzeugt, daß die Menschen »_an und f�r sich<<
dieser verführerisch guten Aufführung) auch in Ihrem Sinne aus dem Unglück, das sie seiner Ansicht. r1:1<:1J. !>�t�!!ff.�n
eine Kernfrage. Denn da wir beide mit den Mitteln der mußte, etwas lernen würden. Lieber Friedeich Wolf, ge_rade_
Bühne die Menschen weiterbringen - verändern wollen, ist Sie werden bestätigen, daß der Stückeschreiber da Realist
die Wandlung des Menschen auf der Bühne und im Bewußt­ ·war. Wenn jedoch die Courage weiter nichts lernt - das
sein des Zuschauers ja das Endziel. Nun können Sie sagen : Publikum kann, meiner Ansicht nach, dennoch etwas lernen,
I � stelle die Verhältnisse mit meiner Kunst so objektiv zwin­ sie betrachtend.
gend dar, wie das Leben ist, und zwinge damit die Zuschauer Ich stimme Ihnen darin absolut zu, daß die Frage, was für
selbst, sich für Gut oder Böse zu entscheiden. Sie (Wolf) Kunstmittel gewählt werden müssen, nur die Frage sein darf,
legen bereits auf der Biihne den Finger auf die Wunde, Sie wie wir Stückeschreiber unser Publikum sozial akt�v��r.��--- ,
verlegen die Entscheidung auf die Bühne, und diese Me­ (in Schwung bringen) �önnen. A.T!e ���-d��kf;�;�;.;: Kunst­
thode ist zu schmerzhaft, verträgt der Zuschauer heute nicht. mittel, die dazu verhelfen, sollten wir, ob alte oder neue, zu
Sie als Homöopath in der Heilkunst handeln auf der Biihne diesem Zweck erproben.
als Chirurg; ich gehe den umgekehrten Weg, der Zuschauer 1949
merkt seine Behandlung gar nicht und schluckt so die Medi­
zin. Richtig. Und doch wünschte id1 sehr, Sie möchten Ihre
ausgezeichnete >>Heilige Johanna der Schladlthöfe<< in gleich
[Das Unglück allein ist ein schlechter Lehrer]
vollendeter Inszenierung uns zeigen - und Sie sollten die
Meute heulen hören! Aber es ist natürlich sinnlos, an einem
Im Zuschauerraum hing der säuerliche Geruch schlecht gesäu­
Kunstwerk herumdoktern zu wollen. Meine Fragen dienen
berter Kleider; er tat der Feierlichkeit der Stimmung keinen
inmitten einer babylonischen Verwirrung auf dem Theater
Abbruch. Wer gekommen war, war aus Ruinen gekommen und
lediglich unserm gemeinsamen Ziel: Wie kann unsre deutsche
ging zurück in Ruinen. So viel Licht wie auf der Bühne gab
Biihne unserm Volk das zeigen, was not tut? Konkret:
es auf keinem Platz und in keinem Haus.
Wie können wir es aus seinem Fatalismus aktivieren gegen
Der alte, weise Bühnenmeister aus der Reinhardtzeit hatte
einen neuen Krieg? Und_dq _hämjch mir...4ie_,>�Co_urage<<
mich wie einen König empfangen, aber es war eine bittere Er­
noch wirksamer - gedacht, wenn ihre Worte >>Verflucht sei der fahrung, allen hier gemeinsam, die der Aufführung zu harter
-
J(ri�gl:< ;�� S�l�ß (;.i � bei der Kattrin) bei der Mutter
Realistik verhalf. Die Schneiderinnen der Werkstätten verstan­
einen sichtbaren J:Iandlungsausdruck, eine Konsequenz die­
den, daß die Kostüme zu Beginn des Spiels reicher sein mußten
�EA:�_<:!l!l�nis"g::-y<?nne._n hätte. (Übrigens grade auch im als am Ende. Die Bühnenarbeiter wußten, wie die Blache über
_
3 ojährigen Krieg rotteten sich die Bauern gegen die Solda­
dem Couragewagen sein mußte: weiß und neu zu Beginn,
teska zusammen und setzten sich zur Wehr.)
dann schmutzig und geflickt, dann wieder einmal etwas sau­
BERTOLT BRECHT In dem vorliegenden Stück ist, wie Sie rich­ berer, aber nie mehr wirklich weiß und am Ende ein Lumpen.
tig sagen, dargestellt, daß die Courage aus den sie betreffen­
Die Weigel spielte die Courage hart und zornig; das heißt, nicht
den Katastrophen nichts lernt. Das Stück ist 1 93 8 geschrie­
ihre Courage war zornig, sondern sie, die Darstellerin. . Sie
ben, als der Stückeschreiber einen großen Krieg voraussah :
�eigte eine Händlerin, kräftig und verschlagen, die eins ums
I 148 Anmerkungen z u Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen I 149

andere ihrer Kinder an den Krieg verliert und doch 1mmer ist, nämlich nach einem Krieg. Schrecklicherweise droht ein
weiter an den Gewinn aus dem Krieg glaubt. neuer Krieg. Niemand spricht davon, jeder weiß davon. Die
Davon, daß die Courage nichts lernt aus ihrem Elend, daß große Menge ist nicht für Krieg. Aber es gibt so viele Müh- ·

sie nicht wenigstens am Schluß begreif!, war viel die Rede. sale. Könnten sie nicht durch einen Krieg beseitigt werden?
Wenige begriffen, daß gerade dies die bitterste und verhängnis­ Hat man nicht doch ganz gut verdient im letzten, jedenfalls
�ollste Lehre des Stücks war.
D er Erfolg des Stiicks, das heißt der Eindruck, den das Stück bis knapp vor dem Ende? Gibt es nicht doch auch gliickliche
Kriege?
machte, war zweifellos groß. Leute zeigten auf der Straße auf Ich möchte gern wissen, wie viele der Zuschauer von »Mutter
die Wcigcl und sagten : »Die Courage!<< Aber ich glaube nicht �C::ourage und ihre Kinder<< die Warnung des Stücks heute
und glaubte damals nicht, daß Berlin - und alle andern verstehen.
-· ·
Städte, die das Stück sahen - das Stück begriffen. Sie waren 1 954
alle überzeugt, sie hätten gelernt aus dem Krieg; sie verstan­
den nicht, daß die Courage aus ihrem Krieg nichts gelernt
haben sollte, nach der Meinung des Stiickschreibers. Sie sahen Gespräch mit einem jungen Zuschauer
nicht, was der Stückschreiber meinte: daß die Menschen aus
dem Krieg nichts lernen. . . haben gesagt, das Stu" "ck ist 'am End nicht
Ermge
Das Unglück allein ist ein schlechter Lehrer. Seine Schüler
ZUSCHAUER
. . .
lernen Hunger und Durst, aber ni-cht eben häu fi g W.t!uheits­ ganz nch ng, wer. 1 es d amrt· au fh'"ort, daß die Markerendenn
.
hunger und Wissensdurst. Die Leiden machen den Kranken
..

..trotz des UnglücScks, das sie getroffen hat, mchts gelernt hat.
�i cht zum Heilkundigen. Weder der
Blick aus der Ferne noch
STUCKESCHREIBER
. . h au um d"!Ch , da · d genug Leute denen
Sll1 '

der aus der Nähe machen den Augenzeugen schon zum Ex­ d er K neg U ng1 u. ck geb racht hat · Wie viele von ihnen haben.
perten. etwas gelernt? Ich meine: selber gelernt, ohne Hl"lfe, Wie
Pie Zuschauer des Jahres 949 und der folgenden Jahre
r
das die Courage müßte. . . . ,

sahen nicht die.Yerbreche11 de r Courage, ihr Mitmachen, ihr ZUSCHAUER Du meinst' du willst einfach d1e Wahrheit zeigen.
STÜCKESCHREIBER Ja, der Dre"ß" · ··h nge
1 1gp · K neg· · t e iner der
IS
.Am-Kriegsgeschäfl:-mitverdienen -Wollen; sie sahen nur ihren ·
Miß�rfolg, ihre Leiden. Und so .sahen sie den Hitlerkr ieg an, ersten Riesenkriege, die der Kaplta · 1 1smus u··ber Eu ropa ge- .
.a11 dem sie mitgemacht hatten : Es war ein schlechter Krieg bracht hat. Und im Kapitalismus ist es ungeheuer schw!e-
gey.resen, und jetzt litten sie. Kurz, es war so, wie der Stück­ rig für den einzelnen, daß d er K neg · mc· h t no··t·1g . '"st . denn
'

schreiber ihnen prophezeit hatte. Der Krieg würde ihnen nicht im Kapitalismus ist er nötig, nämlich für den Kapitalismus.
nur Leiden bringen, sondern auch die Unfähigkeit, daraus zu Dieses Wirtschaftssystem beruht auf dem Kampf aller gege.n
lernen. alle, der Großen gegen die Großen, der Großen gegen die
»Mutter Courage und ihre Kinder« läufl: jetzt im sed1sten Kleinen, der Kleinen gegen die Kleinen. Man müß�e also
Jahr. Es ist bestimmt eine glänzende Aufführung, große schon erkennen, daß der Kapitalismus ein Unglück 1st, um
Künstler spielen darin. Etwas hat sich geändert, kein Zweifel. zu erkennen, daß der unglückbringende Krieg schlecht, das
Das Stück ist heute kein Stück mehr, das zu spät gekommen heißt unnötig ist.
I I50 Anmerkungen z u Stücken und Aufführungen

[Die Courage lernt nichts]


Zu » Die Verurteilung des Lukullus«
In den Bauernkriegen, dem größten Unglück der deutschen
Geschichte, war, was das Soziale betrifft, der Reformation
der Reißzahn gezogen worden. übrig blieben die Geschäfte [Anmerkungen zur Oper
und der Zynismus. ,Pie Courage - dies sei gesagt, der thea­ »Das Verhör des Lukullus«]
tralischen Darstellung zu helfen - erkennt zusammen mit
ihren Freunden und Gästen und nahezu jedermann das rein In der Oper >>Das Verhör des Lukullus<< ist die Handlung -
merkantile Wesen des Kriegs: �-as ist gerade, was sie anzieht. die Verurteilung des Eroberungskriegs durch die Nachwelt ­
Sie glaubt an den Krieg bis zuletzt. Es geht ihr nicht einmal in die Unterwelt gelegt. Dies ist ein Kunstgriff, den die Klas­
auf, daß man eine große Schere haben muß, um am Krieg sik häufig anwendet (Prolog im Himmel im >>Faust<< I Klas­
seinen Schnitt zu machen. Die Zuschauer bei Katastrophen sische Walpurgisnacht im >>Faust<< I >>Orpheus und Eurydike<<
erwarten ja zu Unrecht, daß die Betroffenen daraus lernen von G ludc und so weiter und so weiter). Es handelt sich bei
werden. Solang die Masse das Objekt der Politik ist, kann diesem Kunstgriff keineswegs nur darum, daß eine Idee ver­
sie, was mit ihr geschieht, nicht als einen Versuch, sondern nur hüllt und dadurch eingeschmuggelt werden kann - natürlich
als ein Schicksal ansehen; sie lernt so wenig aus der Kata­ ist zum Beispiel heute im Westen ein solches Werk nicht auf·
strophe wie das Versuchskarnickel über Biologie lernt. Dem führbar, wenn MacArthur vor dem Gericht steht -, sondern
Stückschreiber obliegt es_ nicht, die Courage am Ende sehend die Kunst erwartet sich etwas davon, daß der Zuschauer die
zu machen - si� sieht _einiges, gegen die Mitte des Stückes zu, Aktualität selber entdecken darf und sie so um so heftiger
am Ende der sechsten Szene, und � erii� r� -dan � di� Sicht und tiefer empfindet. überhaupt wird ja der Kunstgerruß
. _wi.eder -, ihm kommt es darauf a� , daß der Zuschauer sieht. (und der Genuß, den die Kunst an Erkenntnissen und Im·
pulsen verschafft) dadurch gesteigert, daß das Publikum sel­
ber zum geistigen Produzieren, Entdecken, Erfahren gebracht
[Für die Aufführung in Gött ingen 1 9 5 6] wird.

Es wird jetzt, wo das deutsche Wirtschaftswun der und die


Politik der Stärke in so drohender Weise Arm in Arm auf­ Wir spielen die Oper >>Das Verhör des Lukullus<< von Paul
treten, besonders wichtig, die Courage als Händlerin zu spie­ Dessau. Der Oper liegt ein Hörspiel zugrunde, das von
len, die im Krieg ihren Schnitt mad1en möchte. Ihr Händler­ Bertolt Brecht 1 9 39 geschrieben wurde, zu einer Zeit also, als
Jum hält _ sie für.Mut!ertull}, aber es zerstör�� a�;c' Ki�der
.. . . ...... .... . . .. . . .. . ... . . . . .. " . . . ....... .. - ' . ·'·
die Raub- und Eroberungskriege begannen, die im zweiten
eme�_na
. .. . eh .def11 an4eren.
. . . . . .. .
Weltkrieg Höhepunkt und Ende fanden. Es handelt sich um ein
;o. Juli 195 6 Gericht über den römischen Feldherrn Lukullus, der im letz­
ten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung mit seinen Legio­
nen in Asien einfiel und dem römischen Imperium mehrere
große Reiche unterwarf.
I I52 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen I I53

[Notiz] Kampagne tragen konnte, die von größter Wid1tigkeit ist,


da sie die unbestreitbare Kluft zwischen den Künsten und
Die Oper »Die Verurteilung des LukulluS<< beruht auf einem ihrem neuen Publikum schließen soll. Der Parabelcharakter -
Hörspiel. Sollten die Opernhäuser sie aufnehmen, gelangten de�_Textes erschwerte das Verständnis, �;;�J die M�;si k berÜdZ; ::
dorthin wohl zum ersten Male Erfahrungen der Massenarbeit -��chtigte nicht genug den augenblicklichen Stand der 111usi- _

des modernen Radios. ka��chen Bildung des großen- Publikums und entfernte
- sich
Dessau. Brecht. von d�r klassischen Li;1ie. Außerdem überwogen musikalisch
-�fi� Teile, in denen die Beschreibung des Aggressors eine dü­
stere und heftige Musik ergab. Brecht und Dessau erklärten
Die Diskussion über sid1 willig, Zusätze im Geist der Diskussion zu machen und
»Die Verurteilung des Lukullus« das Werk wieder vorzulegen. Als in einer zweiten Diskus­
sion im gleichen Rahmen die neuen Texte vorgelegt wurden
Die Oper war bereits angenommen, als die Kampagne gegen und auch der Komponist gewisse Knderungen in Aussid1t
_<!�g_f()�ll?.alismus eröffnet wurde. Im Ministerium fü � Volks:­ stellte, wurde beschlossen, das Werk zur Aufführung zu brin­
bildung wurd�n B�d�nken laut. E� wurde den Autoren nahe­ gen und der öffentlichen Kritik zu unterbreiten.
gelegt, die Oper zurückzuziehen. Diese waren jedoch nur
bereit, auf den Vertrag zu verzichten, und nicht, die Oper zu­
rückzuziehen, da sie die Oper nicht für formalistisch hielten. Dessaus Lukullus-Musik
Die �orgebrachten Argumente überzeugten sie nicht, die von
�ustker� vorgebrachten schienen ihnen sogar selbst formali­
stisch. Ste betonten die Wichtigkeit des Inhalts, nämlich der
V�rdam:nung des Raubkriegs . Und sie schlugen vor, die Die Musik ist unvergleichlich einfacher als die etwa Richard
Emstud terung der Oper, die schon begonnen hatte, so weit Straußens. Ein unvoreingenommenes Publikum kann sie
genießen, besonders aber eines, das gekommen ist, zu ge­
( f�: tz�tsetzen,. daß eine geschlossene Aufführ ung zur Selbstver­ nießen.
standtgung emes verantwortlichen Publikums und der Künst­
l �r veranstaltet werden könnte. Der Vorschl ag wurde akzep­
tiert, und es wurden sehr große Mittel eingesetzt, diese 2
.
S �lbstverst..andtgung zu ermöglichen. Bei der Aufführung Die Musik hat überhaupt nichts mit Formalismus zu tun.
wtrkte der Inhalt sehr stark auf das Publikum ein ' schon weil Sie dient vorbildlich dem Inhalt, ist klar, melodienreich, frisch.
er der friedlichen, den Raubkrieg verdammenden Politik der Wir sehen Gespenster, wenn wir überall Formalismus sehen.
DDR entsprach. Jedoch gab es auch starke Bedenken, und in
einer dreistü � digen Diskussion zwischen führenden Mitglie­ 3
dern der Regterung unter dem Vorsitz des Staatspräsidenten
und den Autoren ergab sich, daß das Werk in der vorliegen­ Dessau hat ganz neue Ausdrucksformen gefunden, die unsere
den Gestalt eine gewisse Verwirrung in die eben begonnene Komponisten studieren sollten. Er versteht es, Arien aus
I I54 Anmerkungen z u Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen II55

einem Text zu formen, der bisher nur Rezitative hergab. Seine dadurch begegnet werden, daß der Lehrer die Aufforde­
Musik vermag die Gefühle der Menschen auszudrücken. rung zu Eroberungen an die Kinder richtet, welche ihrerseits
dann nur wiederholen. (LEHRER Sextus erobert den Pontus. -
SCHÜLER Den Pontus. - Und so weiter.)
[Konstruktive Kritik]

Wir müssen unsere Musikfachleute dahin beeinflussen, daß 2


sie kameradschaftliche Kritik üben. Kameradschaftlichkeit be­ Frage: Wie kommt es heraus, daß nur der Angriffskrieg, nicht
deutet nicht einen »herzlichen<< Ton, der übrigens immer nur aber d�r Verteidigungskrieg verurteilt wir�?
gönnerhaft wird, sondern konstruktive Kritik, bedeutet Vor­ J{ndemng: In das Verhör des Königs und der Königin wird
schläge, bedeutet konkrete Mitarbeit, bedeutet also letzthin eine neue Szene eingefügt. Der König des überfallenen Lan­
Fleiß. des wird von den Schöffen gefragt, wie es ihm gelang, die
Es ist ein großes Unglück unserer Geschichte, daß wir den Prüfung der Nachwelt zu bestehen. Er gibt den Aufruf wie­
Aufbau des Neuen leisten müssen, ohne die Niederreißung des der, in dem er zur unerschrockenen Verteidigung der Heimat
J\:�ten. geleistet zu haben. Das hab�;; , i�dem sie den Faschis- aufrief. (Dieser Aufruf ist positiv und anfeuernd ge�alten: )
mus besiegten, die Sowjetrussen für uns getan. Wahrscheinlich Zur Ehrung der Verteidiger ihrer Heimat erheben s1ch d1e
�eshalb sehen wir jetzt den Aufbau so undialektisch an. Und Schöffen von ihren Stühlen.
daß wir ihn so ansehen, hat �ieder den Nachteil, daß wir
dem täglichen Kampf gegen das Alte, den wir doch zu leisten
haben, keinen genügenden Ausdruck verleihen. Wir suchen 3
ständig das »Harmonische<<, das >>An-und-für-sich-Schöne<< Frage: Wie kann herauskommen, daß es nicht in erster Linie
zu gestalten, anstatt realistisch den Kampf für die Harmonie die Feldherrn sind, welche die Kriege veranlassen, _son- .
und die Schönheit. d�r� . . .? ..
�d�;u�g: Lukullus behauptet, er sei auf Befehl Roms zur
Eroberung Asiens geschritten. Ein Schöffe untersucht: Wer ist
.A.nderungen des »Lukullus«-Textes Rom? Er stellt fest, daß ihn nicht die Maurer, Bäcker; We­
ber, Bauern, sondern die Silberfirmen, Sklavenhändler und
I
Banken nach Asien schickten.
Frage: Kann die Szene der Kinder im Mausoleum so miß­
verstanden werden, als_�i�_lf_'YiLS.C:.S�eld�!}eh��mg� . 4

lfndemng: Obgleich es aus dem Zusammenhang hervorgeht, Frage: Kann über die Verurteilung des Angriffskriegs hinaus
daß hier ein Held geehrt wird, der im Nachfolgenden, vor noch gesagt werden, was man gegen ihn tun kann?
dem Gericht der Nachwelt, deswegen verurteilt, weil er ein lfndemng: Gegen Schluß zu wird ein Gesang der in Asien
Kriegsverbrecher war, kann dem unmittelbaren Mißverstehen gefallenen Legionäre des Lukullus eingefügt, in dem diese
· - - ·-·--

I I 56 Anmerkungen z u Stücken und Aufführungen

sich selbst beschuldigen, daß sie sich haben mißbrauchen las­ Zu »Der gute Mensch von Sezuan<<
sen, und beklagen, daß sie nicht Lukullus den Dienst ver­
weigerten und den überfallenen geholfen haben ' ihr Land zu
verteidigen.
Zeitungsbericht

Aus der Provinz Sezuan wird eine merkwürdige Geschichte


Der TiteL�.2J!2tatt >>Das Verhör des Lukullus« heißen : »Die berichtet. Ein Tabakfabrikant der Hauptstadt, Herr Lao Go,
Verurteilung des Luku!lltS", und als Gattungsbegriff soll es stand vor Gericht unter der Anklage, seine Cousine, ein Fräu­
an statt Oper heißen : >>Ein musikalisches Schauspiel.<< •
lein Li Gung, ermordet zu haben. Dieses Fräulein Li Gung
erfreute sich, wie die Zeugenvernehmungen ergaben, bei dem
niedrigen Volk der Vorstädte des Rufs eines »guten Men­
schen<< . Sie brachte es sogar zu dem romantischen Titel »der
Engel der Vorstädte<<. Ursprünglich ein einfaches Straßen­
mädchen, kam sie, angeblich durch ein Geschenk der Götter,
in den Besitz eines kleinen Kapitals. Sie kaufte sich einen
Tabakladen, den sie aber auf eine so selbstlose Art führte, daß
er schon nach wenigen Tagen vor dem Ruin stand. Sie fütterte
in dem i.ibervölkerten und sehr armen Viertel eine Reihe von
Leuten mit durch und zeigte sich sogar ganz außerstande,
einer neunköpfigen Familie, die sie kaum kannte, in ihrem
winzigen Laden das Asyl zu verweigern. Kurz vor der Ka­
tastrophe erschien jedoch ein junger Mann, stellte sich den
mannigfachen Schmarotzern als Vetter des Fräulein Li Gung
vor und brachte die verworrenen Geschäfte durch scharfes
Zugreifen halbwegs wieder in Ordnung. Ein bestimmter Vor­
fall beleuchtet sein Vorgehen. Die Familie schickte einen Halb­
wüchsigen aus, um Mi lchflaschen von den Türschwellen der
Nachbarn zu stehlen. Der Vetter erhob keinerlei Einspruch,
rief jedoch dann einen Polizisten in den Laden und unterhielt
sich so lange mit ihm, bis der Junge mit der gestohlenen
Milch zurückkehrte. Die Gäste wurden sogleich auf die Wache
gebracht, und Fräulein Li Gung war sie los. Das Fräulein
r [B recht kam sp:itcr m i t Paul Dessau übcrcin, die Bezeich n u n g Oper
selbst hielt sich, während der Vetter das Geschäft rettete,
beizubehalten.] abseits.
II58 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen I I 59

Als sie wieder zurückkam und der Vetter, Herr Lao Go, sich hier. Wie es scheint, hatte er freilich nicht mit Yü Schans Macht
entfernt hatte, nahm sie ihre Mildtätigkeit nur noch in sehr über seine Cousine gerechnet. Es gelang dem Flieger jeden­
vermindertem Umfang wieder auf. Sie trat jedoch dafür in falls, sich ihres vollen Vertrauens zu versichern und sie zu einer
intime Beziehungen zu einem stellungslosen Postflieger, einem Liebesheirat mit ihm zu bewegen. Die Heirat lieferte den
gewissen Yü Schan, den sie, wie man im Viertel sich zuraunte, Vorstädten allerhand Gesprächsstoff, denn sie kam nie zu­
vor einem Selbstmordversuch bewahrt hatte. Ihr Wunsch, stande. Die kleinen Tabakhändler nämlich, die von dem Plan
ihm durch ein Darlehen zu einer Stellung als Postflieger in des Herrn Lao Go, Li Gungs von ihnen allen gemeinsam über
Peking zu verhelfen, scheiterte- allerdings, da ihr Laden doch W:'lsser gehaltenen Laden an den Tabakkönig auszuliefern,
nicht die Goldgrube war, als die solche kleinen Geschäfl:e ge­ Wind bekommen hatten, erreichten bei Li Gung ohrie große
meinhin vom Publikum angesehen werden. Die von wenigen Mühe, daß sie diese Absicht durchkreuzte. Hier versagte die
humanitären Rücksichten behinderten Methoden des soge­ Macht ihres Liebhabers völlig. Herr Lao Go, den er rufen
nannten »Tabakkönigs von Sezuan<<, Herrn Feh Pungs, be­ ließ, damit er seine Cousine >>Zur Vernunfl: bringe<<, erschien
drohten auch ihren Laden. Als in ihrer unmittelbaren Nähe nicht, und Li Gung bekannte sich tief betroffen durch Yü
einer der Kettenläden des Herrn Feh Pung eröffnet wurde, Schans Vorgehen und machte ihm gegenüber kein Hehl daraus,
in dem man den Tabak zu halbem Preis kaufl:e, rief sie auf daß ihr Vetter ihn für einen Mitgifl:jäger und schlechten Men­
allgemeinen Rat ihren Vetter wieder zu Hilfe. Dieser wußte schen halte, worauf die ganze Hochzeit aufflog. Wäre das
tatsächlich . . .
' Viertel nicht so im Bann seines >>Engels der Vorstädte<< ge­
standen, hätte es wohl zu diesem Zeitpunkt und vielleicht
Schon bei seinem ersten Besuch hatte er ihnen verheimlicht, schon früher den erstaunlichen Tatbestand, der all dem zu-.
daß der Laden am allerersten Tag von Feh Pung verwarnt grunde lag, durchschauen müssen : Herr Lao Go war niemand
worden war; nur so war er in ihren Verein zur gegenseitigen anders als Fräulein Li Gung selbst. Als tüchtiger >>Vetter<< er­
Unterstützung aufgenommen worden. Nun nahm er ihren möglichte sie durch nid1t immer unbedenkliche Manipulatio­
Tabak an, der ihn instand setzen sollte, auszuhalten, verhan­ nen die guten Taten, die ihr so viel Bewunderung eintrugen.
delte aber gleichzeitig mit Feh Pung und veranlaßte den Ta­ Dieser Tatbestand blieb jedod1 in Sezuan noch lange ver­
bakkönig zu einem Sonderangebot für den Laden auf Kosten borgen. Die Tab akhändler kamen leider nicht mehr in den
der anderen. Jedoch zögerte er, den Wunsch seiner Cousine Genuß von Li Gungs Selbstaufopferung. Die wenige Zeit,
zu erfüllen, ihrem Liebhaber Yü Schan die gewünschte Stel­ die sie sirn für ihren Heiratsversuch genommen hatte, hatte
lung zu kaufen, was ihm durch den Verkauf des Ladens mög­ genügt, Zweifel an ihrer Loyalität aufkommen zu lassen. Die
lich gewesen wäre. Dieser Yü Schan ließ ihm gegenüber an­ Tabakhändler hatten, einander selbst unterbietend, ihre Läden
_
schemend allzu unverblümt seine Spekulation auf Li Gungs narn dem schönen Refrain >>Den letzten beißen die Hunde<<
Geld durchblicken. Anstatt Yü Schan entgegenzukommen, dem Tabakkönig ausgeliefert. Li Gung aber mußte einem alten
arrangierte der tüchtige Herr Vetter eine Vernunfl:heirat Fräu­ Freund gegenüber, dem W:'lsserverkäufer Sun, das Geständnis
lein Li Gungs mit dem wohlhabenden Herrn Kau, einem Bar- machen, daß sie sich schwanger fiihle. Die Not war groß.
Ihr Laden stand nunmehr vor dem endgiiltigen Ruin. Zum
r [Typoskript an dieser Stelle unvollständig.] dritten- und, wie es sich erwies, letztenmal tauchte der Vetter
Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen I I6 I
I I Go Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen

auf. Er hatte die Aufgabe, den Tabakladen für das er­ ten in Sezuan einen guten Menschen und die ihm auch meh­
wartete Kind zu retten, dem nunmehr alle Liebe des Mäd­ rere Male im Traum erschienen seien, um sich nach den Taten
chens galt. Er zeigte keinerlei Bedenken, was die Wahl der des guten Menschen zu erkundigen. In den Richtern, vor
Mittel anging. Die Bewunderung des Barbiers für seine denen das Geheimnis am Ende entschleiert wird, will er diese
>>Cousine« und zugleich das Vertrauen vieler kleiner Leute Götter wiedererkannt haben.
in den »Engel der Vorstädte<< finanziell ausschlachtend, rich­ Man kann annehmen, daß diese Götter, wer immer sie ge­
tete er [eine] Schwitzbude übelster Sorte ein, in der die alten wesen sein mögen, j edenfalls mit einigem Erstaunen festge­
Schützlinge und Kollegen für Hungerlöhne Tabak verarbei­ stellt haben werden, wie man es in Sezuan anstellt, ein guter
teten. Auch Yü Schan, den Vater des Kindes, sp annte er für Mensch zu sein.
das rasch aufblühende Geschäft ein. Li Gung hatte vor ihrem
dritten Verschwinden seiner Mutter für ihn eine Stellung ver­
sprochen, in der er sich »durch ehrliche Arbeit bessern
konnte<<, Unter Herrn Lao Gos harter Hand wurde er An­
treiber in der neuen Fabrik. Als Angestellten finden wir ihn
ständig in Herrn Lao Gos Nähe. Dieser Verkehr wurde Herrn
Lao Go denn auch schließlich zum Verhängnis. Gelegentliche
kleine Geschenke privater Art brachten Yi.i Schan zu dem
Verdacht, Herr Lao Go halte seine Cousine in einem Gelaß
hinter dem Laden gefangen. Er begann Erpressungsversuche,
auf die der Tabakhändler natürlich nicht einging. Am Ende
holte der Enttäuschte die Polizei, und in dem Gelaß wurden
sämtlich: Kleidungsstücke und Habseligkeiten der verschwun­
denen L1 Gung entdeckt. Der Mordankla ge kann Herr Lao
Go nur durch ein rückhaltloses Geständnis des wahren Tat­
bestands, seiner Identität mit Fräulein Li Gung, begegnen.
Lao Go verwandelt sich vor dem erstaunten Gerichtshof zu­
rück in Li Gung: Die Geißel der Vorstädte und der Engel der
Vorstädte waren ein und dieselbe Person. Die Schlechtigkei t
war eine Kehrseite der Güte, gute 1aten waren nur zu er­
möglichen durch schlechte Taten - ein erschütterndes Zeugnis
für den unglücklichen Zustand dieser Welt.
Eine poetische Beleuchtung erfährt der Vorfall, der in Sezuan
sehr belacht wird, durch die Behauptungen eines \'V'asserver­
käufers, Li Gungs Anfangskapital sei ihr tatsächlich von drei
Göttern überreicht worden, die ihm gesagt hätten, sie such-
Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen I I 63

Ztt » Herr Ptmtila ttnd sein Knecht Matti« heißt die Monotonität zusammen mit der Fabel, denn die
neuen Stüdce haben keine Fabel, kaum einen »roten Faden<< ,
Die Darstellung benötigt durmaus Artistik - Dilettanten
können das nimt spielen -, jedom ist es die Artistik des
Anmerkungen zum Volksstück Kabaretts.
Es smeint aussimtslos, das alte Volksstück wieder beleben zu
Das Volkssti.ick ist für gewöhnlid1 krudes und ansprumsloses wollen. Es ist nimt nur völlig versumpft, sondern hat, was
Theater, und die gelehrte Ksthetik sd1weigt es tot oder be­ bedenklimer ist, niemals eine wirklime Blüte erlebt. Andrer­
handelt es herablassend. Im letzteren Fall wünsmt sie es sich seits ist es der literarismen Revue nimt gelungen, >>volkstüm­
nimt anders, als es ist, so wie gewisse Regimes sim ihr Volk lim zu werden«. Sie ist zu sehr billige Delikatesse. Jedom
wünsmen: krud und ansprumslos. Da gibt es derbe Späße, zeigt sie, daß hier Bedürfnisse vorliegen, aum wenn sie diese
gemisd1t mit Rührseligkeiten, da ist hanebümene Moral und nimt befriedigen kann. Tatsämlim kann ein Bedürfnis nam
billige Sexualität. Die Bösen werden bestraft, und die Guten naivem, aber nimt primitivem, poetismem, aber nimt ro­
werden geheiratet, die Fleißigen mamen eine Erbsmaft, und mantismem, wirklimkeitsnahem, aber nimt tagespolitismem
die Faulen haben das Namsehen. Die Temnik der Volks­ Theater angenommen werden. Wie könnte so ein neues Volks­
stüd�smreiber ist ziemlim international und ändert sim bei­ stück aussehen?
nahe nie. Um in den Stücken zu spielen, muß man nur un­ In bezug auf die Fabel gibt die literarisme Revue einige wert­
natürlim spremen können und sim auf der Bühne in smlimter volle Winke. Wie erwähnt, verzimtet sie auf die einheit!ime
Eitelkeit benehmen. Es genügt eine tümtige Portion der ge­ und durmgehende Fabel und bringt »Nummern<<, das hei�t
fürmteten Routiniertheit des Dilettantismus. lose miteinander verknüpfte Sketme. In dieser Form leben d1e
· Die Großstädte sind mit der Zeit gegangen, als sie vom »Streime und Abenteuer<< der alten Volksepen wieder auf,
Volksstück zur Revue übergingen. Die Revue verhält sich freilim smwer erkennbar. Die Sketme sind nimt fabulierend
zum Volksstück wie der Scillager zum Volkslied, wenn man gehalten, sie enthalten wenig Epismes, so wie die Lowsmen
berücksimtigt, daß das Volksstück niemals so edel war wie Karikaturen im Vergleim zu den Hogarthsmen wenig Epismes
das Volkslied. In neuerer Zeit ist die Revueform literarisiert enthalten. Sie sind spiritualistismer, mehr auf eine einzige
worden. Der Deutsme Wangenheim, der Diine Abell, der Pointe gestellt. J:??-s neue_ Volksstück könnte_die _Folge _yer)lält�" ­
Amerikaner Blitzstein und der Engländer Auden haben in­ ,o.ismäßig selbständiger. Begebnisse der . . literarismen Revue
teressante Stücke in Revueform gesduieben, Stüd�e, die we­ _!!ltnehmen, müßte jedom mehr episme Substanz bieten_ und
der krud nom ansprumslos sind. Dies<! Stücke haben einiges realistismer sein.
von der Poesie, freilim absolut nimts von der Naivität des A�m was die Poesie betrifft, gibt die literarisme Revue Fin­
alten Volksstücks. Sie vermeiden seine konventionellen Situa­ gerzeige. Besonders in den Stücken, die Auden zusammen mit
tionen und smematismen Figuren, übertreffen es jedom, ge­ Isherwood gesmrieben hat, gibt es Partien von großer poe­
nauer besehen, an Romantik. Ihre Situationen sind grotesk, tismer Smönheit. Er verwendet morisme Elemente und erle­
und Figuren gibt es im Grund überhaupt nimt, kaum Rol­ sene Lyrik. Aum die Begebenheiten sind teilweise sublim. Je­
len. Die monotone Fabel ist zum alten Eisen geworfen, das dom ist alles mehr oder weniger symbolism, er führt sogar
I I 64 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stiicken und Auffiihrungen I I 65

die · Allegorie wieder ein. Wenn man etwa den Aristophancs vor er du rch den Naturalismus abgelöst wurde. Und vom
zum Vergleich heranzieht - was Auden erlauben wird -, er­ Naturalismus der großen Epoche lebt in ihm nur noch das
kennt man den betont subjektiven Charakter dieser Lyrik Zufällige, Ungestaltete, Phantasielose, das er auch in seiner
und dieses Symbolismus, und das neue Volksstück dürfte den besten Zeit an sich hatte. So ist es also nötig, neue Wege zu
Lyrismus hier studieren, aber m i.i ßte mehr Objektivität bie­ suchen. In welcher Richtung? Die Vereinigung der beiden
ten. Die Poesie sollte vielleicht mehr in den Situationen lie­ Spielweisen, der romantisch-klassizistischen und der natura­
gen als im Ausdruck der Figuren, die auf die Situationen listischen zu einem romantisch-naturalistischen Cocktail war
reagieren. eine Synthese der Schw�iche. Zwei taumelnde Rivalen hielten
Von der größten Bedeutung ist es, einen Stil der Darstellung sich aneinander, um nicht vollends umzufallen. Die Mischung
zu finden, der zugleich artistisch und natürlich ist. Das bietet geschah beinahe unbewußt, durch gegenseitiges Nachgeben,
angesichts der babylonischen Verwirrung der Stile, die auf stillschweigendes Au fgeben von Prinzipien, kurz durch Kor­
der europäischen Bühne herrscht, eine sehr große Schwierig­ ruption. An und für sich aber wäre die Synthese, bewußt und
keit. Man kann auf der zeitgenössischen Bühne im Grund mit kraftvol l vollzogen, die Lösung. Der Gegensatz zwischen
zwei Darstellungsstilen rechnen, die jedoch ziemlich vermischt Kunst und Natu r kann dann fruchtbar gemacht werden, wenn
auftreten. Der »gehobene« Darstcllungssti l, der fi.ir große er im Kunstwerk zwar zur Einheit gebracht, aber nicht ausge­
dichterische Werke ausgebildet worden ist und den man zum tilgt wird. Wir sahen eine Kunst, die sich ihre eigene Natur
Beispiel noch fi.i r die Ibsenschen Jugenddramen verwenden schuf, eine eigene Welt, eben die der Kunst, eine Welt, die mit
kann, steht noch immer zur Verfügung, wenngleich in etwas der wirklichen Welt nur noch sehr wenig zu schaffen hatte
ramponiertem Zustand. Er wurde durch die zweite vorhan­ und zu schaffen haben wollte, und wir sahen eine Kunst, die
dene Spielweise, die naturalistische, eher ergänzt als ersetzt; sich lediglich darin erschöpfte, die wirkliche Welt zu kopi :­
die beiden Spielweisen existieren nebeneinander weiter wie ren, und dabei ihre Phantasie nahezu völlig einbiißte. W1r
Segelschiff und Dampfschiff. Der gehobene Stil war fri.iher brauchen eine Kunst, die die Natur meistert, wir brauchen
durchaus den nichtrealistischen Stücken reserviert, und die die künstlerisch gestaltete Wirklichkeit und die natürliche
realistischen Sti.icke behalfen sich im Grund » ohne Stik Sti­ Kunst.
lisiertes Theater bedeutete dasselbe wie gehobenes Theater. Das kulturelle Niveau eines Theaters wird unter andenri
In der ersten, stärksten Zeit des Natu ralismus kopierte man durch den Grad bestimmt, in welchem es den Gegensatz zwi­
die Wirklichkeit so komplett, daß jedes stilistische Element schen »edlem« (gehobenem, stilisierendem) und realistischem
als unnatürlich empfunden worden wäre. Als der Naturalis­ (»der Wi rklichkeit abgelauschtem«) Spiel zu überwinden ver­
mus schwächer wurde, schloß er viel fache Kompromisse, und mag. Das realistische Spiel hat, wie oft angenommen wird,
heute hat man es auch in realistischen Stücken mit einer eigen ­ >> Von Natur« etwas >> Unedles,, , so wie das >> edle« Spiel etwas
tümlichen Mischung von Saloppheit und Deklamatio n zu Unrealistisches hat. Gemeint damit wird : Fischweiber sind
tun. Mit diesem Cocktail ist überhaupt nichts anzufangen. nicht edel, und wenn man sie wirklichkeitsgetreu darstellt,
Von der gehobenen Spielweise lebt in ihm nur noch die Un­ kann nichts Edles herauskommen. Bei einer realistischen Dar­
natur und Künstlichkeit, der Schematismus und die Ge­ stellung verbleiben sogar Königinnen, wie man fürchtet, nicht
spreiztheit, zu deren Tiefen der gehobene Stil herabsank, be- edel. Hier wimmeln die Denkfehler. faktum ist, daß der
I I 66 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen I I 67

Schauspieler, wenn er Grobheit, Gemeinheit und Häßlichkeit rarische Gattung anerkannt. Die Ballade und die elisabetha­
darzustellen hat, ob nun bei Fischweibern oder bei Königin­ nische Historie sind literarisrue Gattungen, aber auch die
nen, keineswegs ohne Feinheit, Billigkeitssinn und Gefühl Moritat, aus der die erstere, und das Schauerstüd� der Biergär­
für das Schöne auskommen kann. Das wirklich kultivierte ten, aus dem die letztere sich entwickelte, beide erheischten
Theater wird seinen Realismus nicht mit der Preisgabe der >>Stil«, ob man sie als literarisch anerkennen will oder nicht.
künstlerischen Schönheit erkaufen müssen. Die Realität mag Es ist freiliru schwerer, Erlesenheit auch dort zu erkennen,
unschön sein, das verbannt sie durchaus nicht von einer Stil­ wo die Auslese aus einem neuen Material erfolgt, das bisher
bühne. Gerade ihre Unschönheit kann der Hauptgegenstand nur mit gröbster Indifferenz behandelt wurde. Um Beispiele
der Darstellung sein - niedere menschliche Eigenschafl:en wie aus dem >>Puntila« anzuführen : der Leser und, was wichtiger
Habsucht, Prahlerei, Dummheit, Unwissenheit, Streitsucht in ist, der Sd1auspieler wird geneigt sein, über solche Partien
der Komödie, das entmenschte soziale Milieu im ernsten wie etwa das kleine Zwiegespräch des Riruters und des Advo­
Drama. Schönfärberei ist selber etwas unbedingt Unedles, katen in der serusten Szene (über den finnischen Sommer)
Wahrheitsliebe etwas unbedingt Edles. Die Kunst vermag das hinwegzulesen, da eine volkstümliche Sprechweise angewandt
Häßliche des Häßlichen in schöner Weise, das Unedle des ist. Der Schauspieler wird die Partie jedoch nid1t zur Wir­
Unedlen in edler Weise darzustellen, denn die Künstler kön­ kung bringen können, wenn er sie nid1t wie ein Prosagedi�t
nen ja auch das Ungraziöse in graziöser, das Schwache in behandelt, denn sie ist eines. Es spielt hier natürlich keme
krafl:voller Weise darstellen. Die Gegenstände der Komödie, Rolle, ob es ein gutes oder srulechtes Gedirut ist, das soll der
die das »gemeine Leben« schildert, entziehen sich durchaus Leser oder Sd1auspieler entscheiden dürfen, eine Roll� spie�t
nicht der Veredelung. Das Theater hat die delikate Farbe, die nur, daß es als Gedirut behandelt werden muß, das hetßt mtt
angenehme und bedeutende Gruppierung, die originelle Ge­ Distinktion, >>auf goldenem Teller gereicht<<, Mattis Lobge­
stik, kurz den Stil zur Verfügung, es hat Humor, Phantasie sang auf den Strömling im neunten Bild ist dafür vielleicht
und Weisheit, um das Häßliche zu meistern. Davon zu spre­ ein noch besseres Beispiel. Im naturalistischen Stück müßten
chen ist notwendig, da unsere Theater nicht ohne weiteres mehrere Situationen des >>Puntila<< unbedingt als grob er­
geneigt sind, für Stücke, die Inhalte und Formen des Volks­ scheinen ' und es ist sirocr ' . daß der Sruauspieler, de� et\\':� _
_
. ... . ... �--· --· - - �-· · -·--
stücks aufweisen, so etwas Hohes wie Stil aufzuwenden. Sie -
- -. · ·- · -- ···--·

die Stelle, wo M;tti -;;� d :E.;a �i r{e kompromittierende Szene


würden allenfalls der Forderung nach gereinigtem Stil nach­ :i't�fführen (viertes Bild), wie eine Stelle aus einem Schwank.
kommen, wenn sie es mit einer Gattung zu tun bekämen, die spielte, jede Wirkung verfehlen müßte. _Gerade eine solche
sich schon äußerlich sehr sidnbar vom naturalistischen Pro­ �
Szene verlangt erute Artistik, und so verlangen es die Pro­
blemstück entfernt hielte, etwa dem Versstück. Sie würden ben, denen Matti im amten Bild seine Verlobte unterwirf!:.
dem Versstüd� eine andere Stellung zum >>Problem<< und eine Auch hier soll nicht ein Vergleim auf qualitativer Basis her­
andere Behandlung des Psychologischen vielleicht unaufge­ ausgefordert werden, wenn an die Kästmenszene aus dem
fordert zubilligen. Ein Stück in Prosa, noch dazu in populä­ ,,Kaufmann von Venedig« erinnert wird - diese Szene kann
rer Prosa, mit ziemlid1 unproblematischer Psychologie und tief unter der Shakespearismen stehen, und es wird doru
überhaupt wenig >>Problem« hat es da schwerer. Die ganze nottg sein, um zu ihrer vollen Wirkung zu gelangen, eine
Gattung des Volksstücks wird ja, wie erwähnt, nicht als lite- Spielwei5e zu finden, die der angenähert ist, die das
r r 68 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen n 69

Versstück verlangt. Ohne Z weife! ist es schwer, bei einem Stück, stehen können. Mit den obigen Ausführungen ist nicht mehr
das in Prosa geschrieben ist und >>gewöhnliche<< Menschen beabsichtigt als ein Hinweis darauf, daß auch flir das neue
zeigt, nicht von Primitivität, sondern von künstlerischer Ein­ Volksstück der Ruf nach einer neuen realistischen Kunst er­
fachheit zu sprechen. Die Ausweisung der vier Frauen aus hoben werden muß. Das Volksstück ist eine lange verachtete
Kurgela (im siebenten Bild) ist aber kein primitiver, sondern und dem D ilettantismus oder der Routine überlassene Gat­
ein einfacher Vorgang, und er muß genau wie das ganze tung. Es ist an der Zeit, ihr das hohe Ziel zu stecken, zu dem
dritte Bild (die fahrt nach dem gesetzlichen Schnaps und den ihre Benennung diese Gattung eigentlich von vornherein ver­
Bräuten) poetisch gespielt werden, das heißt, die Schönheit pflidnet.
des Vorgangs (noch einmal : ob sie nun groß oder klein ist) 1940

muß im Bi.ihnenbild, in der Bewegung, im sprachlichen Aus­


druck zur Geltung komme11. Auch die Figuren mi.issen mit
einer gewissen Größe dargestellt werden, aud1 hier wird der Notizen über die Züricher Erstaufführung
Schauspieler einige Schwierigkeit haben, wenn er nur natura­
listisch zu spielen gelernt hat oder nicht sieht, daß hier na­
turalistisches Spiel nicht ausreicht. Er wird sich leichter tun,
wenn er sich bewußt ist, d;dS er eine nationale Figur zu kre­ Anstelle des üblichen Vorhangs, der die Szenen trennt, indem
ieren hat und dazu all seine Menschenkenn tnis, Kühnheit und er sie abschneidet wie ein Fallbeil, wieder die haibhohe, leicht­
Feinfühligkei t benötigt. Zuletzt noch eines: der »Puntila« ist flatternde Leinengardine, auf welche die Szenentitel proji­
�lies andere als ein Tendenzstück. Die Rolle· des Puntila da�f ziert werden. Während der Verwandlungen hatte die Gardine
_also keinen Augen�Iick und i� k�incm Z�g ihres natUrliehen etwas Licht, damit sie lebte, und die Zuschauer wurden der
. · ­
· - ; arm es ent kl CI"d ct w_cr
Ch geschäftigen Vorkehrungen mehr oder weniger gewahr, welche
.
. . d ep; es Wird
· besonder e Kunst nötig
sem d 1c Bctrunkenhcitsszenen poetisch und zart, mit so viel für sie auf der Bühne getroffen wurden. Besonders sahen sie
: .
Vananon wie möglich, und die Nüchter nheitsszenen so un­ die oberen Teile der größeren W:'lndstücke, wenn sie herein­
grotcsk und unbrutal wie möglich zu bringen . Praktisch ge­ bewegt wurden, und sie sahen Sonnenscheibe und Mondsichel
sprochen : man muß versuchen, den »Puntila « in einem Stil herunterkommen, an Schnüren und, da noch unbeleuchtet,
aufzuführen, der Elemente der alten commedi a dell'arte und als metallen erkenntlich; auch sahen sie den Austausch der
Eleme nte des realist ischen SittenstUcks enthä lt. diversen Wölkchen.
Es mag unadäquat erscheinen, für ein einzelnes kleines
Volksstück so weitgehende Erörterungen anzustellen, so große
2
Schatten heraufzubeschwören und am Ende sogar eine völlig
neue Kunst der theatralischen Darstellung zu fordern. Jedoch Die Embleme der Sonne, des Monds und der Wölkchen, glei­
muß diese neue Kunst sowieso gefordert werden ; sie ist nö­ chend den Aushängeschildern der Wirtshäuser und Läden,
tig fiir unser ganzes Repertoire, ganz unentbehrbar für die hingen vor der hohen und breiten \'\fand aus Birkenrinde, die
Darstellung der großen Meisterwerke vergangener Epochen den Hintergrund der Puntilabühne bildete. Je nachdem es
und muß ausgebildet werden, damit neue Meisterwerke ent- sich um Tag, Dämmerung oder Nacht handelte, war die
I I70 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen I I7I
Birkenwand stark, schwach oder gar nicht beleuchtet, während
6
das Spielfeld stets voll beleuchtet war. Das Atmosphärische
war so im Hintergrund etabliert und von der übrigen Dar­ Den permanenten Rahmen bildete, wie erwähnt, eine große
stellung getrennt. Wand aus Birkenrinde tief im Hintergrunde und an beiden
Seiten vorne dünne Goldstabstrukturen. Die Szenenbauten
bestanden aus einzelnen Elementen, die erste Szene zum Bei­
3
spiel aus zweien : r. einem Holzpaneel mit Tisch, Stühlen,
;Es wurde keinerlei gefärbtes Licht verwendet. Wo im�er die Tischtuch mit Rotweinflaschen, einem Dutzend leerer Fla­
, Beleuchtungsanlage leistungsfähig genug ist, sollte das Licht so schen, auf dem Boden gruppiert und 2. einer Topfpalme .
, gleichmäßig sein wie in unseren Varietes, wenn akrobatische (Luxusclement). Elemente wie die der sechsten Szene, Ein­
Künste gezeigt werden. Sd1arfes SdJCinwerferlicht lösd1te die gang in das Gutshaus und Hoftor, können bei den Proben
Gesichter aus. Dunkelheiten, selbst wenn nur relative, schä­ platzmäßig fixiert werden. Ein anderes Luxuselement (nicht
digen die Repliken, die aus ihnen kommen; es wird empfoh­ mitspielend) war eine kitschige Gipsfigur in der zweiten
len, vermittels photographischer Aufnahmen festzustellen, Szene; das geschlachtete Schwein in der fünften, aufgehängt
was an Beleuchtung das Publikum anstrengen würde. an einem Gerüst aus karmesinroten Holzbalken und einer
Messingstange, war kein Luxuselement, da es die Vorberei­
4 tung zum Verlobungsessen erzählte, auch in der nächsten Szene
über den Hof getragen wurde. Auf die Schönheit und Leich­
Für Farbe und Kontraste kann der Bühnenbauer sorgen, ohne tigkeit der Elemente und die Anmut ihrer Gruppierung
gefärbtes Licht zu Hilfe zu nehmen. Das Farbenschema für wurde Wert gelegt. Dabei hatten sie realistisch zu sein. Das
den »Puntila<< enthielt blau, grau und weiß für die Bühne, Auto in der dritten Szene bestand nur aus einem abgeschnit­
schwarz, blau, grau und weiß für die Kosti.ime. Die letzteren tenen Vorderteil, war aber aus echten Bestandteilen gebaut.
waren im übrigen streng realistisch gehalten, mit besonderer
Berücksichtigung des Details (Handtaschen der Frauen aus
Kurgela; die Gutsarbeiter arbeiten am Sonntag barfuß, in 7
So�ntagshosen, Hemden und Westen und so weiter). Die Abgenutztheit der Bühnenelemente und der Kleider und
Requisiten ist nicht nur ein realistisches Moment; sie befreit
auch die Bühne von dem Anschein des unerprobten Neuen.
5
/ Die Arbeitsvorgänge müssen gut ausgestaltet werden. (Eine
k indlich gewamsene Schauspielerin konnte das Stubenmäd­ 8
chen Fina zu einer eindrücklimen Figur machen, indem sie Jeder Blick auf die Bühne muß, nach Sinn und Raumauftei­
das bis spät in die Nacht mit Wäsche Arbeiten ( 6), Butter lung und Farbe, ein sehenswertes Bild fangen können.
Schleppen (7) und das ersmöpfl:e Einschlafen am Verlobungs­
tisch des Herrn Puntila (9) zeigte.)
Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen I r 73
1 1 72 Anmerkungen zu Stücken und Aufführunge n
I2
9 Mögliche Kürzungen'
pan­
Es gibt im Deutschen kein e igentliches Fachwo rt fu. . r d as ' ß t 1 94 8
b ei ;
tomimischc, das die englische Bühne busincss (Gcsc�ä fl! a
und wir schieben es meist verlegen und halbh erz ig Cl� · ic �
Wort >>Kiste«, das bei uns dafü r t><>cbraucht wird , zei g ' tt Prologe, Gesang zwischen den Szenen und Szenentitel
Vcrachtung, die dafi.ir besteht. Jedoch sind »Kisten« I·I all pk-- Unser neues Publikum, das sich ein neues Leben aufbaut und
bestandtcilc erzählerischen 1h caters. (Prmtila wan del t t �O , die Geschehnisse auf der Bühne nicht mehr einfach hinnimmt
. 'e m el
kc nen l· ufl,cs auf der Aq ua v i tflut ( r ). Prm tr·ta I·Jcu e rt
Waldarbeitcr, weil ihm sein A uge gefiillt (4 ) . Die Fr attC rl ��:� ( »So ist es und so bleibt es wohl <<), sondern kräftig mitredet,
will die Stellungnahme des Stückschreibers nicht erraten
K urg ela sehen Butter, Fleis ch tm d Bier ins I-lcm s ihr es ßrc:rh müssen. Prologe, Gesang zwischen den Szenen während der
trgams ·
gc J.Jen ( 7 ) unc! so wc1tcr.) · 1 Cl· wurc1 c n .. üir
hc
· Der �
Umbauten und gelegentlich Szenentitel, welche auf die Gar­
voll ausgespielt. Hier hil ft der Grundsatz »Eines nach d ern dine projiziert werden, stellen einen direkten Kontakt mit
. . !{no-
.
an dern«, d er b Cl einer
.
Dramati' 1{ d er Expo sitiOn , tI c·r dem Publikum her. Ein kleiner Prolog in Versen wurde von
r
tenschürzung und des Kulminationspunktes imm erfort au ß e
Regine Lutz, der Darstellerin des Kuhmädchens, mit einem
Kurs gesetzt werden muß. Strohblumenstrauß in der Hand gesprochen. In der Zi.iricher
Auffi.ihrung gab es Szenentitel wie »Herr Puntila findet
IO einen Menschen<<, >>Skandal auf Puntila<<, >>Der Bund der
E ntsc11CI' dencI ·1st c!'1e Ausformung des Klas senan tagon ·iSInu s B räute des Herrn Puntila<< , »Finnische Erzählungen<<, Pro­
zwischen Puntila und Matti. Die Rolle des Matti m u ß s o loge sind dem klassischen Theater bekannt, Szenentitel nur
besetzt werden, daß eine echte Balance zustande kom mt, d as dem klassischen Abenteuerroman. Sie versetzen im Theater 1
heißt, daß die geistige Überlegenhei t bei ihm liegt. Der D a r- das Publikum in leichte Spannung und veranlassen es, etwas
t stcller des Puntila muß sich hüten, in den Trunkenheit ssz en en ganz Bestimmtes in der folgenden Szene zu suchen. In der
\ das Publikum du rch Vitali tät oder Charme so m i tzurei ß e n , Aufführung des Berliner Ensembles wurde anstelle der Sze­
' daß ihm nicht mehr di e Freiheit bleibt, ihn zu kritisi ere n. nentitel das Puntilalicd gesungen. Annemarie Hase, die Dar­
stellerin der Köchin, trat mit den Utensilien ihrer jeweiligen
Hausarbeit vor die Gardine, so daß man den Fortgang des
II
großen Verlobungsfestes auf Puntila verfolgen konnte. Sie
Zu den edelsten Figuren des Stückes gehören die vier Frauen sang, begleitet von zwei Musikern, die mit Gitarre und Zieh­
aus Kurgcla. Es wäre völlig falsch, sie komisch darzustellen; harmonika gegenüber vor die Gardine getreten waren. Das
sie sind humorvoll. Auch müssen sie schon deshalb anziehend Lied kommentierte die Vorgänge auf Puntila von der Küche
sein, damit ihr Hinauswurf keiner andern Ursache als ihrem aus und, indem es sie sozusagen berühmt machte, gab es den
niederen Stand zugeschrieben werden kann. �-q:eich�T!. des Pu11ti!a einen lokalhistorischen Charakter.
1 [Siehe »Stücke«.]
I

Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen r I75


I I 74 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen

Kämpfer? Die Ungeduld ist liebenswert, aber es ist falsch,


Die Betrunkenheit des Puntila -­
�h,r !}�cl,l_zl!geben� Daß es neben den Kunstwerke·� ;- ci;;�-;;;:-
organisieren muß, noch Kunstwerke gibt, die man erbt, ist
Der Darsteller des Puntila findet sein Hauptproblem in der
kein Argument, solange man nicht die Nützlichkeit der letz­
Darstellung der Trunkenheit, welche neun Zehntel der Rolle
teren nachweisen kann, selbst nicht, wenn das Organisieren
ausmacht. Es müßte abstoßend und widerwärtig wirken,
Zeit nimmt. Warum kann >>Herr Puntila und sein Knecht
wenn er die konventionelle Trunkenheitswalze der Bühne
Matti<< noch als aktuell angesehen werden? Weil -man nicht
einlegte, das heißt einen Zustand der Vergiftung zeigte, der
n r aus dem Kampf lernt, sondern auch au; de� G�;chicht�­
alle seelischen und körperlichen Vorgänge verwischte und . \l -
entwertete. Stecke! stellte die· besondere puntilaische Trun­
�r.. Kämpfe� Weil die Ablager��g�� überwunde�e� Ep�ch��- '
k�nheit dar, nämlich diejenige, durch die der Gutsbesitzer in den Seelen der Menschen noch lange liegenbleiben. Weil
seme Menschenähnlichkeit erringt. Weit entfernt, die üblichen im Kampf der Klassen der Sieg auf einem Kampfplatz aus­
genutzt werden �uß zun: Sieg auf einen: and::n und die 1
Defekte der Sprache und der körperlichen Bewegung zu zei­ . .
ge�, zeigte er eine Sprache von fast musikalischer Beschwingt­ Lagen vor dem SlCg .ahnliehe Zuge .. aufwe1sen konnen. We1l i
das Leben der von ihren Unterdrückern Befreiten eine Z�i t�"':.
h elt und gelöste, fast tänzerische Bewegungen. Die Inspira­
.
tlOn fand freilich ihre Hindernisse in den Gliedmaßen die J.�!:lg schwer sein mag wie das aller Pioniter e; de�njTe �_;b_�ll� ..
für di� überirdi�ch geplanten Bewegungen zu schwer w'aren das System der Unterdrücker gegen ein neues auszuwechseln�-�
und m�t ausre1chten. Flügel, wenn auch leicht beschädigte, Diese und andere Argumente können für die Aktualität von
t:uge� 1hn auf den Hatelmaberg. Jedweder Gestus des Un­ Stüd(en wie » Herr Puntila und sein Knecht Matti<< vorge­
tiers m der Trunkenheit, der Demut, des Zorns über ein bracht werden.
Unrecht, der Großzügigkeit im Geben und Nehmen der Ka­
mera?schafl:lichkeit und so weiter erfuhr eine genießerische
Ausbildung. Puntila entsagte seinen Besitztümern wie der
Buddha, verstieß seine Tochter in biblischer Weise, lud die
Frauen von Kurgela zu Gaste wie ein homerischer König.

Is� ein Stück wie »Herr Puntila und


sem Knecht Matti« nach der Vertreibung der
Gutsbesitzer bei uns noch aktuell?

Es gibt eine .liebenswerte Unge_du_l�!. die auf dem Theater je­


.
weils nur den letzten Stand der Dinge in der Wirklichkeit
.
gestaltet haben wlll. Warum sich bei einem Gutsbesitzer auf­
halten? Sind die Gutsbesitze r nicht vertrieben? Warum einen
Proleten wie Matti zeigen? Gibt es nicht jetzt sd10n aktive
Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen I I77
Zu »Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui« spukt. Aber die Aufforderung an die Satire, sich hier nicht
einzumengen, wo es sich um ernste Dinge handelt, ist damit
Anmerkungen noch nicht als unsittlid1 abgelehnt. Sie interessiert sich gerade
für ernste Dinge.
I Vorspruch Die großen politischen Verbrecher müssen durchaus preisge­
geben werden, und vorzüglich der Lächerlichkeit. Denn sie
»Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui<<, I 9 4 I i n Finnland siild vor allem keine großen politischen Verbrecher, sondern
geschrieben, ist ein Versuch, der kapitalistischen Welt den Auf­ die Verüber großer politischer Verbrechen, was etwas ganz
stieg Hitlers dadurch zu erklären, daß er i n ein ihr vertrautes anderes ist.
Milieu versetzt wurde. Die Verssprache macht das Heldentum Kein� .An gst vor der platten Wahrheit, wenn sie nur wahr
der Figuren meßbar. ist! Sowenig das Mißlingen seiner Unternehmungen Hitler
zu einem Dummkopf stempelt, so wenig stempelt ihn der
2 Bemerkungen 1
Umfang dieser Unternehmungen zu einem großen Mann. Die
her�sChe�de � Klassen i m modernen Staat bedienen sich bei
Man hört heute ganz allgemein, es sei unstatthaft und aus­ ihren Unternehm ungen meistens recht durchschnittlich er Leute.
si���s_!_�s,_die gr�0en politischen Verbrecher, lebendig oder tot, Nicht einmal auf dem höchst wichtigen Gebiet der öko­
der Lächerliclikcit preisgeben zu wollen. Selbst das gemeine nomischen Ausbeutung ist besondere Begabung vonnöten. J?er
Volk, hört man, sei da empfind lich, nicht nur, weil es in die
Milliardentrust der IG-Farben verwendet überdurchschmtt­
Verbrechen verwick elt wurde, sondern weil die Obrigge blie-
liche Intelligenz nur, indem e r sie ausbeutet; die Ausbeuter
l': benen in den Ruinen nicht über derlei lachen könnten. Auch
selber, eine Handvoll Leute, die meistens durch Geburt
solle man nicht offene Türen einrenn en, da es deren in Ruinen
zu ihrer Macht kamen, bringen kollektiv etwas � chlau­
zu viele gäbe; die Lektion sei gelernt worden , wozu sie jetzt
heit u n d Brutalität auf, werden aber durch die Unbtldung,
den Unglück lichen noch einreibe n? Sei aber die Lektion nicht
und würden selbst durch die etwaige Gutmütigkeit einzelner
gelernt, sei es gefährlich, ein Volk zl.im Gelächt er über einen
unter ihnen, nicht geschäftlich geschädigt. Die politischen ��­
Machthaber aufzufordern, das es ihm gegenü ber sozusagen
schäfte lassen sie durch Leute besorgen, die oft noch erhebhCh
hat an Ernst fehlen lassen und so weiter und so weiter.
dümmer als sie selber sind. Hitler konnte da dem Brüning,
Es ist verhält nismäß ig leicht, mit der Aufforderung fertig
dieser dem Stresemann wohl das faule Wasser reichen, und
zu werden, die Kunst müsse mit der B rutalitä t behutsa m
auf militärischem Gebiet war wohl der Lakeitel dem Binden­
umgehen , das schwächliche Pflänzchen der Erkennt nis liebe­
burg ebenbürtig. Einen militärischen Spezialisten wie Luden­
voll begießen , denen, die gezeigt haben, was eine Harke ist, dorff, der Schlachten wegen seiner politischen Unreife verlor,
nunmehr zu zeigen, was eine Gießkan ne ist und so weiter. darf man sich ebensowenig als intellektuellen Giganten vor­
Man kann auch gegen einen Begriff >>Volk« angehen, der et­ stellen wie einen Schnellrechner im Varien!. Solche Leute er­
was » Höheres« meint als die Bevölker ung, und zeigen, wie wecken den Anschein von Größe durch den Umfang der Un­
da die berüchtigte >>Volksgemeinschaft<< der Henker und Op­ ternehmungen. Dabei müssen sie gerade durch diesen Umfang
fer, der Unternehmer und Unternom menen, in den Köpfen nicht besonders tüchtig sein, denn er bedeutet doch nur, daß
I I78 Anmerkungen z u Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen I I 79

eben ein riesiger Haufe von intelligenten Leuten aufgeboten 3 Notizen


wurde, so daß die Krisen und Kriege zu Ausstellungen der Kus<he: •· . . im gleid1en Augenblidt aber, wo >Ui< dur<h die Projektionen
Intelligenz der Gesamtbevölkerung werden. auf eine ganz bestimmte Phase der deuts<hen Ges<hi<hte eindeutig bezogen
·Dazu kommt, daß das Verbremen selbst häufig Bewunderung wird . . . , ist hier zu fragen: wo ist das Volk?�
�u�lÖsi:. Die Kleinbürger meiner Heimatstadt hii ri:� 'i�-cie' •ßredlt hat ges<hricben (über Eislers >Faustus<) : Wir müssen unbedingt
a� ders als mit Andamt und Begeisterung von einem Mas­ ausgehen von der Wahrheit des Satzes: >Eine Konzeption, der die deuts<he
·
Ges<hidnc nid!tS als Misere ist und in · der--däs-'Völk als s<höpferische
senmörder namens Kneisel spred1en, so daß im seinen Namen Potenz fehlt, ist ni<ht wahr.< «
bis auf den heutigen Tag behalten habe. Es wurde nimt ein- . � Ver� ißt wird >irgend etwas<, das >die s<höpferis<he Potenz des Volkes<
mal für nötig gehalten, ihm die bekannten Freundlimkei­ repräsentiert . . . War es nur ein Kampf der Gangster und Händler unter­
ten zu armen, alten Müttermen anzudimten; seine Morde einander? War Dirnitroff (die Potenz, die wir hier der Einfa<hheit halber
genügten. so nennen) ein Händler?«

Die Gesmimtsauffassung der Kleinbürger (und der Proleten , Der »Ui<< ist ein Parabelstück, gesmrieben mit der Absimt,
solang sie keine andere haben) ist größtenteils romantism. den üblimen gefahrvollen Respekt vor den großen Totern zu
Der erste Napoleon besmäfl:igte die arme Phantasie dieser zerstören. Der Kreis ist absimtlim eng gezogen: er besmränkt
Deutsmen natürlim nimt durm den Code Napoleon, son­ sich atif die Ebene von Staat, Industriellen, Junkern und
dern durm die Millionen seiner Opfer. Die Blutflecken stehen Kleinbürgern. Das reimt aus, die vorgehabte Absimt durm­
diesen Eroberern gut zu Gesimt, wie Smönheitsfledcen. Wenn zuführen. D as Stüdc will keinen allgemeinen, gründlimen Auf­
in der mit Remt »Deutsme Rundsmau<< genannten Zeitsmrifl: riß der historismen Lage der dreißiger Jahre geben. Es fehlt
ein gewisser Doktor Pemel im Jahre 1 946 über den Dsmingis­ das Proletariat, und es kann nimt in weiterem Maße berück­
Khan smrieb, »der Preis für die Pax Mongolica waren 20 simtigt werden, denn ein jedes Mehr in diesem Gefüge wäre
zerstörte Reime und der Tod von vielen Dutzenden Millionen ein Zuviel und würde ablenken von der diffizilen Problem­
Mensmen «, so wird der »blutbefleckte Eroberer, der Zer­ stellung. (Wie auf das Proletariat näher eingehen und nimt
störer aller Werte, über dem man den Herrsmer nimt verges­ auf die Arbeitslosigkeit; wie darauf und dann nimt auf die
sen darf, der bewies, daß er kein destruktiver Kopf war«, Arbeitsbesmaffung und auf die Parteien sowie deren Versa­
smon dadurm groß, weil er im Umgang mit Mensmen eben gen? Eines würde das andere mit sim ziehen, heraus käme ein
nimt kleinlicJ: war. Dieser Respekt vor den Totern muß zerstört gigantismes Werk, das den gewollten Zweck nimt erfüllt.)
werden. Die Alltagslogik darf sim nimt einsmümtern lassen, Die projizierten Sd1rifl:en - nam K. ein Grund, in dem Stück
wenn sie sim in die Jahrhunderte begibt; was uns für die ZU
einen allgemeinen Aufriß sumen - smeinen mir den Zug
kleinen Verhältnisse gilt, dem müssen wir in den großen Gel­ des Aussmnitthafl:en, Panoptikumhafl:en nur zu verstärken.
tung versmaffen . .Q�r_!.-_!.l�p_ im kleinen darf nimt, wenn ihm Die Industriellen smeinen von der. Krise alle gleimermaßen
dieHerrsmenden gestatten, einLump i m g�oßen �� werden;eiiie betroffen, anstatt daß die Schwi�� ren ersmlagen.werden von
Sonderstellung nimt nur in der Lu� p ��ei so'�d��� a�Ch i;; tin':..-. den Stärkeren. (Aber vielleimt ist das au m ein Punkt, der zu
serer Geschichtsbetramtung bekommen. Und im allgemeinen -�· weit Ins Detail führen würde und auf den die Parabel verzim­
gilt wohl der Satz, daß die Tragödie die Leiden der Mensmen ten kann.) Der Verteidiger (neuntes Bild, Speimerbrandpro­
häufiger auf die leimte Amsel nimmt als die Komödie. zeß) sollte vielleimt nom einmal untersumt werden. In der
I I So Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen

jetzigen Form scheint er lediglich eine Art >>Berufsehre<< zu Zu »Die Gesichte der Sirnone Machard«
verteidigen, wenn er protestiert. Ob er nun so gemeint ist oder
nicht : das Publikum wird ihn natürlich als Dimitroff zu neh­
men versuchen.
Was die Erscheinung von Röhms Geist betrifft, hat Kusche Die Visionen der Simonc Machard
meiner Meinung nach recht. ( >>So wie der Text jetzt ist, erhält
ein fetter, versoffener Nazi Märtyrerzüge. « ) [ . . . ] Die kleine Sirnone Machard ist angestellt in der Hostellerie
Das Stück, geschrieben I 94 I , wurde als Auffiihrung von I 94 I des Städtchens Saint-Martin in Mittelfrankreich. Sie ist dort
gesehen. [ . . . ] als Aushilfe und hat vor allem an der Tankstelle der Hostel­
lerie zu tun, die Hostellerie betreibt auch ein Fuhrunter­
4 Hinweis für die Aufführung' nehmen. Wir sind im Juni I 9 40, die Nazis haben Paris einge­
nommen, Ströme von Flüchtlingen ergießen sich über
1 [Siehe »Stücke •.] Mittelfrankreich und ziehen durch Saint-Martin.
Sirnone hat selber einen Bruder an der Front, einen Siebzehn­
jährigen, den sie s ehr liebt und der in diesen Tagen bestimmt
im Feuer ist. Hier aber, im Dorf und in der Hostellerie, muß
sie erleben, daß selbst jetzt, während der großen nationalen
Katastrophe, jeder, ob hoch oder niedrig, nur an sich denkt.
Sie liest in dieser Zeit ein Buch, das sie von ihrer Lehrerin er­
halten hat, ein Buch, das die Geschichte der Jungfrau von Or­
leans enthält, der größten französischen Patriotin all.er
Zeiten.
Erregt durch die Ereignisse rings um sie, träumt sie in den
fieberhaften Nächten, wo die Deutschen schon bis zur Loire
vorgedrungen sind, sie selbst sei die Heilige Johanna. Ein En­
gel erscheint ihr auf dem Dach der Garage und verkiindet ihr,
sie sei zur Rettung Frankreichs ausersehen. Er trägt die Züge
ihres Bruders Andre, des Soldaten. In ihrem Traum mischen
sich ihr die Wirklichkeit des kleinen Hotels und die Legende
ihres Buches. Der Patron des kleinen Hotels ist plötzlich ein
Connetable am königlichen Hof, das Personal der Hostelle­
rie, die Chauffeure und der alte Nachtwächter haben Rüstun­
gen an und sind ein Fähnlein von Kriegsknechten, das sie dem
König zufiihrt, und in dem König selber erkennt sie den
schwachen Bürgermeister des Ortes.
I I82 Anmerkungen zu Stücken u n d Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen I I 83

Von nun an erlebt Sirnone in ihrer Hostel!erie im Kleinen das kommt kein neues Heer zuerteilt, obwohl Paris noch immer
schreckliche und erhebende Schicksal der Heiligen Johanna, in Feindeshand ist. Der Bürgermeister-König und der Patron­
und in ihren Träumen wird sie immer wieder die Heilige Connctable mad1en sie zwar zur Adligen, aber sie nehmen ihr
selber. das Schwert ab. Der Engel erscheint von neuem auf dem Ga­
In ihrem Traum erhält sie von dem Engel eine unsichtbare ragendach, und sie muß ihm eingestehen, daß sie entlassen ist.
Trommel. Er verkündet ihr, Frankreichs Erde sei ihre Trom­ Der Engel ermahnt sie streng, auf ihrem Weg weiterzugehen
mel, und in der Not werde diese Trommel, Frankreichs Erde, und zum Beispiel das Benzin nid1t in die Hände der Deut­
dröhnen und so das Volk Frankreichs zum Widerstand gegen schen fallen zu lassen, da sonst ihre mörderischen Tanks im­
seine Feinde aufrufen. Als die große Volksführerin geht sie mer weiter rollen können.
denn auch in ihrem Traum zum König, hat vertrauliche Un­ Wenige Tage darauf rücken die Deutschen in Saint-Martin ein.
terredungen mit dem Bürgermeister-König, ermahnt ihn, nicht Der Patron ist geflüchtet. Seine Mutter und der alte Capitain
immerzu mit seinen Adligen, dem Patron-Conm!table und Beleire, ein Weinbergbesitzer, ein Anhänger Lavals, wollen sich
den andern Honoratioren von Saint-Martin Karten zu spielen, um jeden Preis mit den siegreichen Deutsd1en verständigen.
sondern statt dessen für die Ernährung und Ausrüstung des Als Beweis ihres Willens zur Kollaboration melden sie dem
Volkes zu sorgen. Das Volk wieder fordert sie auf, mit Hin­ deutschen Kommandanten das in der Ziegelei versteckte Ben­
gabe zu kämpfen. So kann sie schließlich König, Volk und Adel zin. Aber die Ziegelei brennt bereits, als die Deutschen hin­
einigen, und den König-Bürgermeister in Reims krönen. kommen. Sirnone hat sie angezündet.
In der Wirklichkeit der Hostellerie holt sie den Maire herbei, D ie glüddich begonnene Zusammenarbeit zwischen den Deut­
als der Patron und die Chauffeure beim Herannahen der schen und den Franzosen ist durd1 diesen Sabotageakt emp­
Deutschen einfad1 fliehen wollen, und erreicht, daß die Ho­ findlich gestört. Man sucht den Brandstifter.
stellerie ihre Eßvorräte der Gemeinde überläßt, statt sie ins In einem unheimlichen Traum erlebt Sirnone jetzt wieder die
Hinterland zu transportieren, und daß die Chauffeure mit heroische Johanna der Legende, wie sie von den Eigenen im
den Lastwägen die Flüchtlinge abtransportieren, weil die fran­ Stich gelassen wird; denn am Hof haben die Königsmutter
zösischen Truppen auf den verstopften Straßen nicht operie­ Isabeau und der verräterische Herzog von Burgund die Ober­
ren können. (Der Patron läßt das Kind gewähren, weil er da­ hand gewonnen und bemühen sich um einen Verhandlungs­
durch wenigstens die Hostellerie vor Plünderung bewahrt, frieden mit dem Feind. Die Königsmutter sieht genau aus wie
.
� nd dte Chauffeure helfen ihr aus Mitleid, weil sie Angst um die Mutter des Patrons, und der Herzog von Burgund wie der
1hren Bruder an der Front hat.) Connetable. Allein die wache Simone kann diesen Traum
Als sie aber auch noch verlangt, daß die heimlichen Benzin­ nicht glauben. Und wie die Chauffeure und der mittlerweile
vorräte der Hostellerie vernichtet werden, damit sie nicht dem zurückgekehrte Patron, dem sie leid tut, sie wegbringen wol­
Feind in die Hände fallen, ist sie zu weit gegangen, und die len, weigert sie sich, zu fliehen. Wie soll ihr Bruder sie wieder­
Mutter des Hoteliers entläßt sie. finden, wenn er zurückkehrt? Und so wird sie den Deutschen
In der folgenden Nacht träumt sie jenes Kapitel aus ihrem angezeigt und verhaftet.
Buch, wo aud1 die Jungfrau nach ihren ersten Siegen auf die In einem letzten Gesicht träumt Simone, daß sie als Johanna
ersten Schwierigkeiten in den eigenen Reihen stößt. Sie be- von den Feinden, die sie gefangengenommen haben, einem
I I 84 Anmerkungen z u Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen I I 85

geistlid1en Gericht übergeben wird, das darüber urteilen soll, tung. Hat ihr nid!t der Engel ihrer Träume verkündet, Frank­
ob die Stimmen, die sie gehört hat und die sie zum Wider­ reims Erde sei ihre unsid!tbare Trommel, und mit ihrem
stand gegen den Feind aufgefordert haben, von Gott oder vom Dröhnen würden Frankreims Söhne zur Verteidigung dieser
Teufel kommen. Zu ihrem tragischen Entsetzen erkennt sie, Erde herbeieilen? Jetzt dröhnt die französische Erde. Der
daß die hohen Richter, die befinden, daß nur der Teufel aus Engel, ihr Bruder Andre, schickt ihr die Flieger.
ihr geredet hat, und sie zum Scheiterhaufen verurteilen, lau­
ter Bekannte sind, der Bürgermeister, der Capitain, der Pa­ NB : Durd1 das Stück geht die zarte Gesd!id!te der Bezie­
tron - und die Mutter des Patrons amtet als die Anklägerin. hung der kleinen Sirnone zu einem verwundeten Soldaten,
Am Morgen nach dem letzten Traum, den sie im Gefängnis dem Freund ihres Bruders.
träumt, wird Sirnone von den Deu tschen den Franzosen zu­
rückgegeben. Ihre Freunde unter dem Personal der Hostellerie
machen ihr Hoffnungen. Sie glauben, eine Untersuchung der [Die Träume der Sirnone Machard]
Brandstiftung durm eine französische Behörde werde bestimmt
ihre patriotisd!en Motive zutage fördern. Aber die groß­ Die Träume, in denen Sirnone die Legende der Heiligen Jo­
mütige Haltung der Deutsd1en hat ihre Gründe. Es scheint hanna wiedererlebt, können einem Publikum, das die Legende
den Deutswen nicht wünschenswert, daß ein Sabotageakt be­ nid!t kennt, dadurch verständlim gemad!t werden, daß man
gangen worden ist, der das Beispiel zu ähnlichen Taten geben in großen Projektionen einzelne Seiten aus dem Buffi zeigt,
könnte. Auch würde die Ersd!ießung eines K indes die Kolla­ vielleimt mit Holzsd!nitten.
boration gefährden, die sie dringend braud!en. Sie haben sid! Für den ersten Traum : »Von einem Engel berufen, Frank­
also mit ihren französischen Freunden verständigt, die Same reim zu retten, einigt Johanna die Franzosen, indem sie in
auf ein anderes Gelei se zu sd!ieb en. der Stadt Reims Kar! VII. zum König krönt.<<
Sirnone muß erleben, daß der Patron und seine Mutter ihre Für den zweiten Traum: » Nam glänzenden Siegen wird Jo­
J?ie�sthe�ren, gegen sie aussagen und daß der Bürgerm�ister hanna in den Adelsstand erhoben. Sie hat aber starke Feinde
s1e 1m Snd! läßt. Mit dumpfem Erstaunen nimmt sie wahr, am Hof, welche einen Verständigungsfrieden wi.insd!en.<<
daß ei� französisches Gerid!t befindet , ihrer Tat lägen keine Für den dritten Traum: >>Durm Verrat in Feindeshand ge­
.
patnotls d!en Motive zugrun de, sondern sie habe den Brand fallen, wird Johanna einem geistlid!en Gerid1t überliefert, das
nur gestiftet aus persönlichen G ründen, weil sie sid1 boshafl: für sie zum Tod verurteilt.<<
ihre Entlassun g habe rächen wollen. Sie wird in eine Korrek­
tionsanstalt überführt.
Das Volk läßt sich allerdings n id1t täuschen. Wie der Patron
in die Hostclleri e zurückkommt, findet er, daß sein Personal
weggegangen ist. Und wie Sirnone nam dem Urteil wegge­
führt wird, erbebt Saint-Martin unter Bombenein smlägen.
Englisd!e Flieger führen den Kampf weiter.
Für Sirnone haben diese Detonationen eine besondere Bedeu-
Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen I I 87

Zu »Schweyk im zweiten Weltkrieg<< Baloun, der e s bei seinem anormalen Appetit besonders schwer
hat in diesen Zeiten der Rationierung durd1 die Nazis, fällt
allerdings sdmell in seine düstere Grundstimmung zuri.ick. In
den deutschen Feldküchen sollen, wie er aus zuverlässiger
[Die Fabel] Quelle erfahren hat, immer noch beträd1tliche Fleischrationen
ausgegeben werden. Wie lange noch wird er, Baloun, der Ver­
Der brave Soldat Schweyk, der bereits den Ersten Weltkrieg lockung, einfach sid1 zu der deutschen Armee zu melden, wi­
überlebt hat, ist noch am Leben, und unsere Geschichte zeigt derstehen können? Die Kopecka und Schweyk sind sehr be­
seine erfolgreichen Bemühungen, auch den Zweiten Weltkrieg sorgt seinetwegen. Eine Seele in Not ! Schweyk, der große
zu überleben. Natürlich sind die Pläne und Ideen der neuen Realist, schlägt vor, Baloun einen Schwur ablegen zu lassen,
Herrscher noch größer und totaler als die der alten, und so daß er niemals mit den Deutschen sid1 einlassen wird, komme,
· hat es der kleine Mann heute noch schwerer, halbwegs am Le­ was wolle. Baloun gibt zu bedenken, daß er jetzt seit einem hal­
ben zu bleiben. ben Jahr keine richtige Mahlzeit mehr bekommen hat. Für eine
Das Stück beginnt mit einem wirkliche Mahlzeit wäre er, meint er, zu allem bereit. Frau Ko­
Vorspiel in den höheren Regionen, pecka glaubt, da etwas tun zu können. Sie ist eine feurige
Patriotin, und der Gedanke an Baloun in der deutschen Armee
worin ein überlebensgroßer Hitler mit einer überlebensgroßen ist ihr unerträglid1. Als ihr Verehrer, der junge Fleischersohn
Stimme zu seinem überlebensgroßen Polizeichef Himmler Prohazka , kommt stellt sie ihm in einem zarten Gespräch die
ü�er die mutmaßliche Treue, Zuverlässigkeit, Opferfreude, zeitenalte Frage der Kleopatra: »Wenn's wirklich Liebe ist,
Hmgabe, Begeisterung, geopolitische Orientiertheit und so dann sag, wieviel?« Sie wünsmt zu wissen, ob seine Liebe zum
weiter und so weiter des »kleinen Mannes« in Europa spricht. Beispiel zur Herbeischaffung von zwei Pfund Geselchtem f� r
Er benötigt diese Tugenden des kleinen Mannes' da er beschlos­ den hungrigen Baloun groß genug wäre. Er könnte es aus set­
sen hat, die Welt zu erobern. Sein Polizeichef versichert ihm, nem väterlichen Laden nehmen, jedoch sind die Strafen der
daß der kleine Mann in Europa dieselbe Liebe für ihn fühlt Nazis für Schleichhandel ungeheuer. Dennoch verspricht der
wie der kleine Mann in Deutschland. Dafür sorgt die Gestapo. junge Prohazka, der zum erstenmal den Weg zum Herzen der
Der Führer hat nichts zu befürchten und kann unbesorgt an jungen Witwe offen sieht, in einem Wirbelsturm der Gefühle,
die Welteroberung gehen. das Geselchte beizubringen. Inzwischen hat der » Kelch<< sich ge­
füllt, und Schweyk hat begonnen, seine Ansichten über das
Münchener Attentat auf Hitler bekanntzugeben. Er stürzt sich
kühn und unschuldig in ein lebensgefährliches politisches Ge­
Ein Attentat auf Hitler hat stattgefunden. Freudige Zustim­ spräch mit dem allen Stammgästen bekannten Gestapoagen­
mung im Wirtshaus »Zum Kelch« in Prag, wo der brave ten Brettschneider, inspiriert durch die Meldungen des Nazi­
Hundehändler Josef Schweyk mit seinem Freund Baloun radios. Sein klassisches Geblödel täuscht den Gestapomann
beim Vormittagsschoppen sitzen und mit der jungen Witwe nicht. Kurzerhand verhaftet Herr Brettschneider den erstaun­
Anna Kopecka, der Wirtin des >>Kelchs«, politisieren. Der dicke ten, aber bereitwilligen Schweyk.
r r88 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 1 189

selchte nicht sehen darf. Um diesen loszuwerden, läßt Frau


2
Kopecka sich herbei, ihm die Hand zu lesen. Es stellt sich her­
Im Gestapohauptquartier in der Petschekbank ruft Schweyk, aus, daß er große Heldentaten begehen wird und ausersehen
von Herrn Brettschneider vorgeführt, laut aus, die rechte ist, am Ende den Heldentod zu erleiden. Deprimiert und de­
Hand ausgestreckt: » Lang lebe unser Pi.i hrer Adolf Hitler. moralisiert wankt der SS-Mann hinaus, und Baloun stürzt sich
Diesen Krieg gewinnen wir!<< und wird wegen notorischer auf die Notenmappe, die er schon lange sehnsüchtig umkreist
Blödheit entlassen. hat. Die Mappe ist leer. Der j unge Prohazka legt das jämmer­
Da der vernehmende Scharführer der SS, Ludwig Bullinger, liche Geständnis ab, daß er nicht gewagt hat, das Geselchte zu
hört, daß Schweyk Hundehändler ist, fragt er ihn nach einem entwenden, weil ihm die Verhaftung Schweyks, die er mitange­
Rassehund aus, den er in der Salmgasse gesehen hat. »Melde sehen hat, einen großen Schrecken vor der Gestapo eingeflößt
gehorsamst, daß ich das Vieh beruflich kenn<< , sagt Schweyk hat. Zornerfüilt weist die Kopecka ihn mit biblischer Geste
fröhlich u m!, verbreitet sich über Rassenfragen. Der Spitz ist von sich, da er die Probe als Mann und als Tscheche nicht be­
der Augapfel des Ministerialrats Vojta und unverkäuflich. standen hat. Als aber nach seinem bekümmerten Abgang der
Schweyk und der SS-Führer beraten, wie man den Ministerial­ bitter enttäuschte D icke sich eine abfällige Bemerkung über
rat verhaften und als Staatsfeind enteignen kann, aber er stellt ihren Liebhaber erlaubt, belehrt sie ihn wütend, daß für alles
sich als »kein Jud<< und als Quisling heraus. So bekommt nur die Nazis verantwortlich sind. So wendet sich Balouns
Schweyk den ehrenvollen Auftrag, den Rassespitz zu stehlen Zorn gegen die Bedrücker seiner einst so schönen Heimat, und
und sich so als guter Kollaborationist zu zeigen. wenn der Gestapoagent Herr Brettschneider eintritt, stimmt
Baloun das heimtückische Lied vom schwarzen Rettich an,
3 der » raus<< soll, >> Zerstickelt und eingesalzen << werden muß,
. » bis er schwitzt<< welches Lied Herrn Brettschneider ver­
I � Triumph zurückkehrend in den » Kelch<<, findet Schweyk dächtig vorkom �t, aber keine Gelegenheit zum Eingreifen
eme gespannte Situation vor. Der dicke Baloun wartet, wie auf gibt.
K?hlen sitzend , auf seine Mahlz eit, bereit, beim ersten An­
blick des Geselchten alJe Absichten abzuschwören, jemals in Erstes Schweyk-Pinale:
I-Iitlers Heer einzutreten. Wiewo hl es schon zehn nach zwölf Zwischenspiel in den höheren Regionen
ist, ist der junge Prohazka noch nicht erschien en. Schweyk hat
aus dem Gestap oquartie r freundl icherwe ise den SS-Mann Der gewaltige Hitler, der bei seiner Welteroberung auf Hin­
Müller 2 mitgenom men und ihm versprochen, daß ihm die dernisse gestoßen ist, braucht mehr Flugzeuge, Tanks und Ka­
Witwe Kopecka aus der H and seine Zukunft voraussagen nonen und erkundigt sich bei dem gewaltigen Göring, ob der
wird. Die Wirtin weigert sich jedoch zunächst, weil sie kleine Mann in Europa für ihn arbeiten wird. Dieser versichert
schlechte Erfahrunge n mit Prophezeien gemacht hat. Endlich ihm, daß der kleine Mann in Europa genau so für ihn arbei­
taucht der junge Prohazka auf, aber die Anwesenden sehen ten wird wie der kleine Mann in Deutschland. Dafür sorgt die
seine Notenmappe - er studiert Musik auf der Akademie - Gestapo. Der Führer hat nichts zu befürchten 'und kann un­
mit großer Besorgnis, weil der SS-Mann natürlich das Ge- besorgt seine Welteroberung fortsetzen.
I I90 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen I I9I

den Sruweyk ihr in Pflege gegeben hat, beginnt zum Mittel­


4
punkt einer horupolitisruen Affäre zu werden und muß ihr
Der Schweyksche Anschlag auf den Spitz des deutschfreund­ aus dem Haus. Die gleirugeschaltete Presse stellt fest, daß es
lichen Ministerialrats Vojta findet in den Moldauanlagen statt. siru bei dem Versruwinden des Hundes um einen Racheakt der
Dort nämlich pflegt das Dienstmädchen des Vojta zusammen Bevölkerung an einem deutsrufreundliruen Beamten handle.
mit ihrer Freundin Paula den Rassespitz abendlich äußerln Sruweyk versprirut, den Hund abzuholen. Er ist nur halb bei
zu führen. Schweyk und Baloun nähern sich der Bank, auf der Same, da der Zustand Balouns ihm Sorgen macht. Der
der die Mädchen sitzen, unter der Vorspiegelung erotischer Ab­ Wachsoldat hat sein Essen bekommen, Gulasch! Baloun, am
sichten. Schweyk warnt ehrlich die Mädchen, daß der SS­ ganzen Körper zitternd, ist srunuppernd dem Kessel gefolgt,
Führer Bullinger den Spitz wegen seiner reinen Rasse an sich der vorbeigetragen wird. Jetzt erkundigt er siru, die beschwö­
bringen und seiner Frau Gemahlin nach Köln schicken will, wie renden Blicke seiner Freunde nur wenig bearutend, bei dem
Schweyk aus erster Quelle weiß. Worauf er sich >>wegen eines Soldaten aufgeregt, ob es im Heeresdienst immer solche Por­
Rendezvous im Metropol<< entfernt. Baloun schäkert mit den tionen gebe und so weiter und so weiter. Der Soldat ißt sein
Mädchen, und von der Lieblichkeit der majestätisch fließen­ Gulasru tief in Gedanken, zwisruen den einzelnen Bissen im­
den Moldan gepackt, stimmen sie ein Volkslied an. Wenn das merfort lautlos die Lippen bewegend. Er hat den Auftrag er­
Lied zu Ende ist, ist der Hund weg. Schweyk hat ihn ver­ halten, siru die Nummer 4268 eines Waggons mit Erntema­
räterisch während des Gesangs an sid1 gelockt. Die Mädchen sruinen für Niederbayern zu merken, was ihm sruwerfällt.
stürzen zur Polizeistation, und der mit dem Spitz zurückge­ Sruweyk, hilfsbereit wie immer, bemüht siru, ihm ein mnemo­
kehrte Schweyk beginnt eben seinem Freund zu erklären daß terunisrues System zu lehren, das er von einem Stammgast im
sie �en Hu�d dem SS-Führer erst geben dürfen, wen� der »Kelffi,,, der Rerunungsrat beim Wasserfiskus ist, gehört h�t.
Preis depomert ist, als ein finster aussehendes Individuum auf Wenn Schweyk mit seinen Darlegungen zu Ende ist, hat s1ch
der Bildfläche erscheint. Dem Hundefänger Schweyk ist ein das arme Gehirn des Wachsoldaten so verwickelt, daß er, end­
Menschenfänger gefolgt: Das Individuum weist sich als Be­ liru nam dem Waggon befragt, hilflos einen x-beliebigen Wag­
amter der Naziarbeitsbeschaffung aus, der den Auftrag hat, gon bezeirunet. Sruweyk befürrutet, daß nun vielleimt nach
h eruml�ngernde Personen in den » freiwilligen Arbeitsdienst«
. Bayern ein Waggon mit Masruinengewehren geh.t, der naru
emzughedern. Schweyk und Baloun, bekümmert des Spitzes Stalingrad soll. »Aber<<, tröstet er Baloun und d1e Kopecka
wegen, werden zur Registrierung abgeführt. philosophisru, »vielleim t meruten sie bis dahin in Stalingrad
niruts nötiger braudien als Erntemasruinen,und in Bayern wie-
.
derum sruon Masruinen gewehre, wer kann s WISSen. ? ((
5
Mittags� ause auf dem Prager Güte rbah
nhof . Schweyk und
Balou n, Jetzt Waggonschieber im Dien ste 6
Hitle rs warten, be­
wacht von einem bis an die Zähne bewaffneten �utsche Samstag abend im »Keim«. Tanz. Ein düsterer Baloun
d n Sol­
daten, a� f ihre !<-ohlsuppe aus dem »Kelm <<, Witw Kopec sruwingt das Tanzbein mit dem Dienstmädruen des Ministe­
. e ka
bnngt d1e Ernallgeschirre heute selber. Der gestohlene Spitz, rialrats Vojta, die mit ihrer Freundin gekommen ist. Die
I I9l Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen I I93

Mädchen stehen immer noch in Polizeivernehmung wegen des Triumphierend enthüllt Bullinger den Inhalt des Packerls:
Spitzes. Sie haben es aber gestern dem Herrn Brettschneider Fleisch! Der >>Kelch<< ist eine Niederlassung des schwarzen
gesteckt, wo der Spitz ist : bei dem SS-Führer Bullingcr, viel­ Markts! Schweyk sieht sich so gezwungen, zu gestehen, daß das
leicht schon in Köln. Baloun macht Andeutungen, daß dies Packer! er hingelegt hat. Er will es von einem Herrn mit
sein letzter Abend im >>Kelch« sein dürfte: er ist es satt, hung­ schwarzem Bart >>ZUm Aufheben« bekommen haben. Alle An­
rig zu sein. - übrigens zeigt sich, daß das geräuschvolle wesenden beteuern, den Herrn beobachtet zu haben, und Herr
Tanzvergnügen einem höheren Zweck dient; es sol l den Lon­ Brettschneider, der seine Hand für den >>Kelch« ins Feuer ge­
doner Sender übertönen, den die Kopecka abhört und an die legt hat, hält es für durchaus möglich, daß der Übeltäter die
Gäste weitergibt. Dann kommt Schweyk, freudig, ein Packer! SS auf I oo Meter erkannt und darum weggelaufen ist. Bul­
unterm Arm : Gulaschfleisch für Baloun. Der Dicke kann es linger besteht aber auf der Festnahme Schweyks, und die Herren
kaum fassen, herzerschütternde Umarmung der Freunde. verlassen mit ihm den »Kelch<<, der SS-Fiihrer, das Packer!
Schweyk sieht sich allerdings durch Balouns überschwenglich­ unterm Arm, prophezeiend, daß er den Hund noch finden
keit veranlaßt, die Witwe Kopecka diskret darum zu ersu­ wird. - Der junge Prohazka hat den ganzen Abend verachtet
chen, für das Gulasch reichlich Paprika zu nehmen, es sei nur von Frau Kopecka in der Ecke gesessen. Schuldbewußt schleicht
Roßfleisch. Unter dem prüfenden Blick der Wirtin gesteht er er sich hinaus, gefolgt von dem eisigen Blick der Witwe. Ba­
sogar, daß es der Spitz des Herrn Vojta ist. Ein Polizeiauto loun bricht in Tränen aus. Durch seine Schwäche hat er die
fährt vor. SS-Führer Bullinger mit SS-Männern betritt den Liebenden auseinander und den Freund in Lebensgefahr ge­
» Kelch<<, Razzia nach dem Spitz des Herrn Vojta. Von Bul­ bracht. Die Wirtin des >>Kelchs« tröstet ihn. In einem großen
. Lied sagt sie voraus, daß ebenso wie der Moldaufluß allen
hnger nach dem Hund gefragt, gibt Schweyk blauäugig an, er
. .
habe 1hn mcht. >>Hat der Herr SS-Führer denn nicht in der Unrat hinwegschwemme, auch die Heimatliebe ihres unter­
Press� gelesen, daß er gestohlen ist? « Bullingers Geduld reißt. drückten Volkes die B rutalität der Eroberer wegschwemmen
. wird.
E � brullt, daß der >>Kelch,, der Quell aller subversiven tsche­
chischen Subversivität ist und ausgeräuchert werden muß. Der
Hund muß auch hier sein. Die SS beginnt mit der Haussu­ Zweites Schweyk-Finale:
chung, da erscheint Herr Brettschneider. Herr B rettschneider Zwisd1enspiel in den höheren Regionen
der sich seit langem in der Rolle des Beschützers - wir sind
i m P �otektorat - der hübschen Witwe Kopecka gefällt, tritt Der besorgte Hitler, der in den russischen Winter geraten ist,
�nerg1sch dem schäumenden Bullinger entgegen und bittet ihn braucht mehr Soldaten. Er erkundigt sich bei dem besorgten
ms Gestapohauptquartier, da er nicht uninteressante Infor­ Goebbels, ob der kleine Mann in Europa für ihn kämpfen
mation über den Verbleib des entschwundenen Hundes erhal­ wird. Dieser versichert ihm, daß der kleine Mann in Europa
ten �at. Frau Kopeckas Gasthaus ist einwandfrei, dafür legt genau so für ihn kämpfen wird wie der kleine Mann in
.
er d1e Hand ms Feuer. Leider wird in diesem Augenblick die Deutschland. Dafür sorgt die Gestapo.
Aufmerksamkeit der Herren auf ein Paket gelenkt, das auf
einem der Tische liegt. Der unglückselige Baloun hat sich nicht
zurückhalten können, an Schweyks Präsent herumzufingern.
I I 94 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen z u Stücken und Aufführungen I I95

7 8'
Die Uneinigkeit des Krokodils Bullinger und des Tigers Brett­ Wochen sind vergangen. 1ief in den winterlichen Ebenen des
sclmeider sowie der Schrei Hitlers nach neuen Soldaten hat russischen Reiches marschiert der brave Hitlersoldat Schweyk,
den braven Schweyk aus den Gestapokellern in das Muste­ um seinen Truppenteil in der Gegend von Stalingrad zu er- ·
rungslokal des deutschen Heeres gebracht. Dort trifft Schweyk reichen, der mit andern Teilen des Naziheeres den furchtbaren
unter andern auch den Ministerialrat Vojta, der an die Front Ansturm der Roten Armee aufhalten soll. Durch eines seiner
muß, weil ihm ein Spitz gestohlen worden ist. Alle Insassen zahlreichen Mißgeschicke hat er den Anschluß an sein Marsch­
unterhalten sich darüber, was für schreckliche Krankheiten sie bataillon verloren. Er marschiert aber unbekümmert um geo­
dem untersuchenden Arzt angeben werden. Schweyk besonders graphisffie Vorurteile und in seiner gewöhnliffien heiter-zuver­
füh!t�sein altes Rheuma wiederkommen, da er keine Zeit hat, siffitliffien Gemütsverfassung dem gesteckten Ziel entgegen,
für den Hitler nach Rußland zu reisen, denn >>in Prag is ni:x: vermummt in einem großen Haufen von Kleidungsstücken,
erledigt<<. Er hat gehört, daß vor der Kaserne der junge Pro­ der Kälte wegen. Ein halbverwehter Wegweiser sagt, daß
hazka steht, um ihm noch eine wichtige Mitteilung zu machen, Stalingrad 1 00 Meilen entfernt ist.
und fürchtet das Schlimmste. Glücklicherweise gelingt es dem In rosigem Licht taucht auf diesem Marsffi naffi Stalingrad
Prohazka, durch einen bestechlichen SS-Mann eine Nachricht immer wieder der Gasthof zum »Kelch<< vor unserm braven
für Schweyk einzuschmuggeln, und es ist eine freudige. Der Schweyk auf. Er stellt sich vor, wie der junge Prohazka sein
Bewerber um die Gunst der »Kelch<<-Wirtin schreibt, daß er Verspreffien hält. Die Liebe zur »Kelffi<<-Wirtin hat in diesem
durch den Opfermut und das schreckliche Los des Schweyk er­ Menschen die Oberhand gewonnen über seine Angst vor der
schüttert worden ist und jetzt »das Gewünschte<< besorgen Gestapo, und er überreicht der freudig überraschten Kopecka
wird. Schweyk glaubt, daß er nach diesem imstand sein zwei Pfund Geselchtes für Schweyks unglücklichen Freund
wird, sich den Angelegenheiten Hitlers in Rußland, die nicht Baloun.
zum besten stehen sollen, mit unbeschwertem Kopfe zu wid­ Tapfer gegen die eisigen Steppenwinde ankämpfend, stellt der
men. - Von außen kommt der berüchtigte Horst-Wessel­ unermüdliche und von den besten Absiffiten beseelte Schweyk
Marsch der Nazis. Ein Bataillon wird nach dem Osten verla­ die unheimliche Tatsache fest, daß er seinem Bestimmungsort
den. Die Insassen stimmen ihre eigene Version der Nazihymne nicht näher kommt. Die Wegweiser zeigen, je länger er mar­
an, in der »der Metzger ruft,, und »das Kalb marschiert<<, und schiert, desto größere Entfernungen von Stalingrad, wo Hit­
ein Unteroffizier kommt herein und lobt sie irrtümlicherweise, ler ihn so sehr benötigt. 1 000 Meilen entfernt wird die Anna
daß sie so freudig mitsingen, und teilt ihnen mit, Kopecka jetzt womöglich das »Lied vom Kelffi<< singen, dem
daß sie schon alle gesund genug sein werden, ins Heer einzu­ heimischen, dem gastlichen. Die langerwartete Mahlzeit für den
treten, und also genommen sind. Sie kommen zu versd1iedenen Fresser Baloun wird zum Hoffizeitssffimaus der »Kclch<<­
Truppenteilen, damit sie keine Schweinereien begehen, und Wirtin und des jungen Prohazka geworden sein.
Schweyk verabschiedet sicl1 gerührt vom Ministerialrat Vojta, Sffiweyk marschiert. Das Schneetreiben der unendliffien öst-
um in den Bitierkrieg zu ziehen.
I Die Bühne ist zweigeteilt.
r 196 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen

Iichen Steppe, in der es immer ungefähr gleich weit bis Stalin­ Zu »Der kaukasische Kreidekreis«
grad ist, verhüllt die Sonne der Tage und den Mond der
Nächte, für den braven Soldaten Schweyk, der ausgezogen ist, [Die Geschichte vom kaukasischen Kreidekreis]
dem großen Hit!er beizustehen.
Für die Betrachter der Kulisiewicz'schen Zeichnungen erzählt
Epilog
Zwei Kolchosdörfer im Kaukasus hatten nach dem Hitlerkrieg
Tief in den östlichen Steppen ist es auch, wo der brave Soldat einen Streit um ein Tal. Sie b rachten ihn vor die Partei. Das
Schweyk seinem Führer Hitler persönlich begegnet. Ihre Un­ eine Dorf züchtete Schafe und war vor den Hit!erbanditen
terredung im Schneetreiben ist kurz und wird durch den Sturm nach Süden weggezogen. Jetzt wollte es zuri.ickkehren. Aber
beinahe verschluckt. Der Inhalt der historischen Unterredung das andere Dorf, das Obst anbaute und nicht hatte wegziehen
ist, daß Hit!er Schweyk nach dem Weg zurück fragt. können, hatte in den finsteren Zeiten ein Bewässerungsprojekt
ausgedacht und wollte dafür das Tal fi.ir sich haben. Es gab da
Mai 1943 Gesetze, jedoch wollten die Dörfer sich gi.it!ich einigen. Am
Abend der großen Diskussionen spielte der Obstbaukolchos
seinen Gästen, den Delegierten der Schafzi.ichter, ein Spiel aus
alten Zeiten vor.
Durch einen Aufstand der Fürsten wurde einmal der Groß­
fi.irst gestürzt und aus dem Lande gejagt. Alle seine Gouver­
neure fielen an diesem Ostersonntag und verloren ihr Leben,
darunter der Gouverneur Georgi Abaschwili in der Stadt
Nukha. Seine Frau packte ihre schönen Kleider zusammen,
bis sie plötzlich sah, daß die Altstadt brannte, und sie mit
dem Adjutanten davonlief. Ihr Kind Michel, den Erben, ließ
sie zuri.ick. Er lag auf dem vierten Hof, und die Dienstboten
fanden ihn, als sie aus dem Palast flohen. Sie wollten ihn un­
gern aufnehmen, denn die neuen Herren würden jeden um­
bringen, der mit ihm gesehen wi.irde. So halsten sie ihn der
Einfältigsten von ihnen auf, der Magd Grusehe Vachnadze
aus der Palastki.iche. Auch sie zögerte lange.

Als sie nun stand zwischen Tür und Tor, hörte sie
Oder vermeinte zu hören ein leises Rufen : das Kind
Rief ihr, wimmerte nicht, sondern rief ganz verständig
1 19 8 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen I I 99

So jedenfalls war's ihr. »Frau<<, sagte es, >>hilf mir.<< Gletscherbach im Hochgebirge nahm die Hilflose den Hilf­
Und es fuhr fort, wimmerte nicht, sondern sprach ganz ver- losen an Kindes Statt. Sie sang:
ständig:
»Wisse, Frau, wer einen Hilferuf nicht hört Da dich keiner nehmen will
Sondern vorbeigeht, verstörten Ohrs: nie mehr Muß nun ich dich nehmen.
Wird der hören den leisen Ruf des Liebsten, noch Mußt dich, da kein andrer war
Im Morgengrauen die Amsel oder den wohligen Schwarzer Tag in magern Jahr
Seufzer der erschöpften Weinpflücker beim Angelus.« Halt mit mir bequemen.
Dies hörend ging sie zurück, das Kind Weil ich dich zu lang gesd1leppt
Noch einmal anzusehen. Nur für ein paar Augenblicke Und mit wunden Füßen
Bei ihm zu bleiben, nur bis wer andrer käme - Weil die Milch so teuer war
Die Mutter vielleicht oder irgendwer - Wurdest du mir lieb.
Nur bevor sie wegging, denn die Gefahr war zu groß, die (Wollt dich nicht mehr missen.)
Stadt erfüllt Werf dein feines Hemdlein weg
Von Brand und Jammer. Wickle dich in Lumpen
Schreddich ist die Verführung zur Güte! Wasd1e dich und taufe did1
Lange saß sie bei dem Kinde Mit dem Gletscherwasser.
Bis der Abend kam, bis die Nacht kam (Mußt es überstehen.)
Bis die Frühdämmrung kam. Zu lange saß sie.
Zu lange sah sie Und als sie den Gletschersteg überschritt, der zu den Dörfern
Das stille Atmen, die kleinen Fäuste am östlichen Abhang führt, sang sie im Schneetreiben:
Bis die Verführung zu stark wurde gegen Morgen zu
Und sie aufstand, sich bückte und seufzend das Kind nahm Dein Vater ist ein Räuber
Und es wegtrug. Deine Mutter ist eine Hur
Wie eine Beute nahm sie es an sich Und vor dir wird sich verbeugen
Wie eine Diebin schlich sie sich weg. Der ehrlichste Mann.
Der Sohn des Tigers
Sie machte sich auf den Weg in die nördlichen Gebirge, wo ihr Wird die kleinen Pferde füttern
Bruder in einen Bauernhof eingeheiratet hatte. Sie wanderte Das Kind der Schlange
mehrereTage lang. Das Kind war schwer zu schleppen, und die Bringt Milch zu den Müttern.
Milch war teuer, und so beschloß sie, es in einem Bauernhof
auszusetzen. Aber sie wurde von Panzerreitern überrascht, die Das Haus des Bruders lag in einem lieblichen Tal, aber die
hinter dem Kind her waren, und mußte einen von ihnen sogar Bäuerin nahm Grusme nicht freundlich auf, und der Bruder
niederschlagen, mit einem Holzscheit, als er sich über das Kind war feige. Man bramte sie in der Geschirrkammer unter, die
bückte. Sie konnte also Michel nicht loswerden, und an einem ·kalt war. Das Kind bezeimnete sie als ihr eigenes, sie habe es
1 200 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 1 20 1

von einem Soldaten, der im Krieg sei. Im Frühjahr sagte ihr Auf den ersten trat ich, den zweiten ließ ich, den dritten
, der Bruder, sie müsse nun vom Hof. Er habe ihr einen Mann durchbohrte der Hauptmann.
verschafft, einen kleinen Bauern, der im Sterben liege. Durch Mein einer Bruder starb an einem Eisen, mein andrer Bruder
die Heirat könne sie einen Unterschlupf für zwei Jahre bekom­ starb an einem Rauch.
men und einen Stempel für Michel als Kind des Bauern. Da Feuer schlugen sie aus meinem Nad(en, meine Hände gefroren
die Grusehe mit einem Soldaten verlobt war und ihn nidlt vor in den Handschuhen, meine Zehen in den
den zwei Jahren aus dem Krieg zurüd;erwartete, nahm sie Strümpfen.
das Angebot Michels wegen an. Aber der Krieg war früher Gegessen hab ich Espenknospen, getrunken hab id1 Ahorn­
zu Ende, und da stellte es sich heraus, daß der Bauer sich nur brühe, geschlafen hab id1 auf Steinen, im Wasser.
krank gestellt hatte, um nicht in den Krieg zu müssen, und
Grusehe hatte auf einmal einen Ehemann, den sie nicht wollte. Der Soldat ging weg, in Zorn.
Und nach dem Krieg kam Sirnon Chachawa, ihr Verlobter,
Und nach dem Krieg kam die Frau des geköpften Gouver­
der Soldat, als sie beim Linnenwaschen war, und er mußte
neurs, Natella Abaschwili, und fahndete nach ihrem Söhnchen
erfahren; sie war verheiratet, mit Kind. Und wie konnte sie
Michel, dem Erben. Panzerreiter holten ihn. In Nukha kam
ihn einweihen, ohne Michel zu verraten, den Sohn des Geköpf­
ten? Hört, was sie dachte, nicht sagte: es zum Prozeß um das Kind. Der Richter zu dieser Zeit war
der Armeleuterichter Azdak, der durch die Wirren auf den
Als du kämpftest in der Schlach t, Soldat Richterstuhl gelangt war und von dem es Lieder gab, in denen
Der blutigen Schlacht, der bitteren Schlacht es hieß :
Traf ein Kind ich, das hilflos war
Hatt' es abzutun nicht das Herz. Als die großen Feuer brannten
Kümmern mußte ich mich um das was verkommen wär Und in Blut die Städte standen
' Aus der Tiefe krochen Spinn und Kakerlak
u en mußte ich mich nach den Brotkr umen am Boden
B''ck
Zerreißen mußte ich mich für das, was nicht mein war Vor dem Schloßtor stand ein Sd1lächter
Das Fremde. Am Altar ein Gottverächter
Einer muß der Helfer sein Und es saß im Rock des Richters der Azdak.
Denn sein Wasser braucht der klein e Baum .
Es verläu ft das Kälbchen sich, wenn der Hirte sd1läft Als die Obern sich zerstritten
Und der Schrei bleibt ungehört. War'n die Untern froh, sie litten
Nicht mehr gar so viel Gibher und Abgezwad(.
Aber wie sollte der Soldat verstehen, wo alles verschwiegen Auf Grusiniens bunten Straßen
wurde? Hört, was er dachte, nicht sagte: Gut versehn mit falschen Maßen
Zog der Armcleuterichter, der Azdak.
Die Schlacht fing an im Morgengraun, wurde blutig am Mittag.
Der erste fiel vor mir, der zweite fiel hinter mir ' der dritte Und er nahm es von den Reichen
neben mir. Und er gab es seinesgleichen
1 200 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 1201

von einem Soldaten der im Krieg sei. Im Frühjahr sagte ihr Auf den ersten trat ich, den zweiten ließ ich, den dritten
'der Bruder sie müs:e nun vom Hof. Er habe ihr einen Mann durchbohrte der Hauptmann.
verschafft, �inen kleinen Bauern, der im Sterben liege. Durch Mein einer Bruder starb an einem Eisen, mein andrer Bruder
die Heirat könne sie einen Unterschlupf für zwei Jahre bekom­ starb an einem Rauch.
men und einen Stempel für Michel als Kind des Bau� rn. Da Feuer schlugen sie aus meinem Nacken, meine Hände gefroren
.
die Grusehe mit einem Soldaten verlobt war und Jim mcht vor in den Handsdmhen, meine Zehen in den
den zwei Jahren aus dem Krieg zurückerwartete, nahm sie Strümpfen.
das Angebot Michels wegen an. Aber der Krieg war früher Gegessen hab ich Espenknospen, getrunken hab ich Ahorn­
zu Ende, und da stellte es sich heraus, daß der Bauer sich nur brühe, geschlafen hab ich auf Steinen, im Wasser.
krank gestellt hatte, um nicht in den Krieg zu müssen, und
Grusehe hatte auf einmal einen Ehemann, den sie nicht wollte. Der Soldat ging weg, in Zorn.
Und nach dem Krieg kam Sirnon Chachawa, ihr Verlobter,
der Soldat, als sie beim Linnenwaschen war, und er mußte Und nach dem Krieg kam die Frau des geköpften Gouver­
erfahren, sie war verheiratet, mit Kind. Und wie konnte sie neurs, Natella Abaschwili, und fahndete nad1 ihrem Söhnchen
ihn einweihen, ohne Michel zu verraten, den Sohn des Geköpf­ Michel, dem Erben. Panzerreiter holten ihn. In Nukha kam
ten? Hört, was sie dachte, nidtt sagte: es zum Prozeß um das Kind. Der Richter zu dieser Zeit war
der Armeleuterichter Azdak, der durch die Wirren auf den
Als du kämpftest in der Schlacht, Soldat Richterstuhl gelangt war und von dem es Lieder gab, in denen
Der blutigen Schlacht, der bitteren Schlacht es hieß :
Traf ein Kind ich, das hilflos war
Hatt' es abzutun nicht das Herz. Als die großen Feuer brannten
Kümmern mußte ich mich um das, was verkommen wär Und in Blut die Städte standen
Bücken mußte ich mich nach den Brotkrumen am Boden Aus der Tiefe krochen Spinn und Kakerlak
Zerreißen mußte ich mich für das was nicht mein war Vor dem Schloßtor stand ein Schlächter
Das Fremde. ' Am Altar ein Gottverächter
Eine r muß der Helfer sein Und es saß im Rock des Richters der Azdak.
Denn sein Wasser braucht der kleine Baum .
Es verläuft das Kälbchen sich, wenn der Hirte schläft Als die Obern sich zerstritten
Und der Schre i bleib t ungehört. War' n die Untern froh, sie litten
Nicht mehr gar so viel Gibher und Abgezwack.
Aber wie sollte der Soldat verstehen, wo alles verschwiegen Auf Grusiniens bunten Straßen
wurde? Hört, was er dachte, nicht sagte: Gut versehn mit falschen Maßen
Zog der Armeleuterichter, der Azdak.
Die Schlacht fing an im Morgengraun, wurde blutig am Mittag.
Der erste fiel vor mir, der zweite fiel hinter mir, der dritte Und er nahm es von den Reichen
neben mir. Und er gab es seinesgleichen
1 202 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 1 203

Und sein Zeichen war die Zäh r aus Siegellack. Ginge es in goldnen Schuhn
Und beschirmet von Gelichter Träte es mir auf die Schwachen
Zog der gute schlechte Richter Und es müßte Böses tun
Mütterchen Grusiniens, der Azdak. Und könnte mir lachen.

Und so brach er die Gesetze Ach, zum Tragen, spät und frühe
Wie ein Brot, daß es sie letze Ist zu schwer ein Herz aus Stein
Bracht das Volk ans Ufer auf des Rechtes Wrack. Denn es macht zu große Mühe
Und die Niedren und Gemeinen Mächtig tun und böse sein.
Hatten endlich, endlich einen
Den die leere Hand bestochen, den Azdak. Wird es müssen den Hunger fürchten
Siebenhundertzwanzig Tage Aber die Hungrigen nicht.
Maß er mit gefälschter W:'l age Wird es müssen die Finsternis fürchten
Ihre Klage, und er sprach wie Pack zu Pack. Aber nicht das Licht.
Auf dem Richterstuhl, den Balken
Über sich von einem Galgen Da sagte der Azdak: »Ich glaub, ich versteh dich, Frau<< und
Teilte sein gezinktes Recht aus der Azdak. ordnete an, daß auf den Boden vor ihm ein Kreis mit Kreide
gezeichnet würde, damit er erkennen könne, wer die wahre
Sicher war, daß er das Gesetzbuch nicht verstand, und so wur­ Mutter des Kindes war. Er hieß die beiden Frauen an den
den seine Urteilssprüche ofl: gerecht. Als N atella Abaschwili mit Kreis treten und das Kind in den Kreis stellen. Sie mußten
ihren Anwälten und Grusehe Vachnadze (ohne Anwalt) vor das Kind bei der Hand fassen und ziehen, und »die richtige
ihn kamen, verhörte er die Grusehe sehr streng, bis er wußte, Mutter wird die Krafl: haben, das Kind aus dem Kreis zu sich
daß sie sich das Kind fälschlich zuschrieb . Er beschimpfte sie zu ziehen<<, sagte der Azdak. Die beiden Frauen zogen, aber
als Schwindlerin, aber sie sagte: »Ich hab's aufgezogen nach Grusehe hatte Sorge um Michel und ließ ihn los, und die Gou­
bestem Wissen und Gewissen, ihm immer was zum Essen ge­ verneursfrau zog ihn an sich und lachte laut. Aber der Azdak
funden. Es hat meistens ein Dach überm Kopf gehabt, und ich sagte: »Der Gerichtshof hat festgestellt, wer die wahre Mut­
hab allerlei Ungemach auf mich genommen seinetwegen, mir ter ist. Grusche, nimm dein Kind und bring's weg . . . Und du,
auch Ausgaben gemacht. Ich hab nicht auf meine Bequeml ich­ Natella Abaschwili, verschwind, bevor ich dich wegen Betrug
keit geschaut. Das Kind hab ich angehalten zur Freundlich keit verurteil. Die Güter fallen an die Stadt, damit ein Garten
gegen jedermann und von Anfang an zur Arbeit, so gut es ge­ für die Kinder draus gemacht wird, sie brauchen ihn, und
konnt hat, es ist noch klein.« Da winkte der Azdak sie zu sich ich bestimm, daß er nach mir >Der Garten des Azdak< heißt.<<
und sagte zu ihr: »Ich glaub dir nicht, daß es dein Kind
ist, aber wenn es deines wär, Frau, würdest du da nicht wol­ Am Tage nach der Aufführung des Spiels einigten sich die bei­
len, es soll reich sein? . . . Willst du's nicht reich haben? << Sie den Kolchosdörfer dahin, daß das schöne Projekt der Obst­
antwortete ihm in einem Lied: baumpflanzer ausgeführt werden sollte, denn:
--------- · . �---·
--

1 204 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 1205

Es soll gehören, was da ist, denen, die für es gut sind, also
2 [Keine Parabel]
Die Kinder den Mütterlichen, damit sie gedeihen
Die Wagen den guten Fahrern, damit gut gefahren wird Die Kreidekreisprobe des alten chinesischen Romans und
Und das Tal den Bewässerern, damit es Frucht bringt. Stüd�:es sowie ihr biblisches Gegenstück, Salomons Smwert­
probe, bleiben als Proben des Mutterturns ( durd1 Ausfindung
der Mütterlichkeit) wertvoll, selbst wenn das Mutterturn an­
[Anmerkungen zum »Kaukasischen Kreidckreis«] statt biologisch nunmehr sozial bestimmt werden soll. Der
>>Kaukasisclle Kreidekreis<< ist keine Parabel. Das Vorspiel
r Die Spannung
könnte darüber einen Irrtum erzeugen, da äußerlim tatsäch­
Das Stück ist im elften Jahr des Exils in Amerika gesd1rieben, lich die ganze Fabel zur Klärung des Streitfalls wegen des Be­
und es dankt manches in seiner Komtruktion dem Abscheu sitzes des Tals erzählt wird. Genauer besehen aber enthüllt sim
vor der kommerzialisierten Dramatik des Broadway; jedoch die Fabel als eine wirklid1e Erzählung, die in sich selbst nichts
nimmt es auch gewisse Elemente des älteren amerikanischen beweist, lediglich eine bestimmte Art von Weisheit zeigt, eine
Theaters auf, das in der Burleske und der Show exzelliert hat. Haltung, die für den aktuellen Streitfall beispielhaft sein kann,
Die Spannung in diesen phantasievollen Darbietungen, an die und dann ist das Vorspiel als ein Hintergrund erkennbar, der
Filme des ausgezeichneten Chaplin erinnernd, war noch nicht der Praktikabilität dieser Weisheit sowie auch ihrer Entste­
lediglich gerichtet auf den Fortgang der Handlung, außer in hung einen historischen Platz anweist. Das 1l1eater darf also
einer viel roheren und größeren Weise als jetzt - sie betraf nicht die Technik benutzen , die es für die Stücke vom Parabel-
mehr das »Wie«. Wo heute >>ein Nichts amüsant vorgebracht typus ausgebildet hat.
wird<<, handelt es sich um die fiebrischen Bemühungen einer
sdmell gealterten Hure, durch grazienlose Tricks den Moment
3 Realismus und Stilisier un g
hinauszuschieben oder zu eliminieren, wo sie ihre zu oft ope­
rierte und sehr scllmerzhafte Vagina dem Kunden auszuliefern Die Sd1auspieler, Spielleiter und Bühnenbauer gewinnen ih: e
.
hätte. Die Freude am Erzählen wird erstickt durch die Furcht Stilisierungen für gewöhnlich auf Kosten des Reahs� us. Sie
vor der Wirkungslosigkeit. Die Entfesselung der Freude am schaffen Stil, indem sie >> den<< Bauern, »die<< Hochzeit, >>das<<
Erzählen bedeutet nicht Zügellosigkeit fi.i r sie. Das Detail Schlachtfeld schaffen; das heißt indem sie das Einmalige, Be­
wird von großer Wichtigkeit sein, aber das bedeutet, daß aum sondere, Widersprumsvolle, Zufällige entfernen und ausge­
die Ökonomie wichtig wird. Die Phantasie kann auch dazu leierte oder ausleierbare Muster herstellen, die meist nicht
verwendet werden, knapp zu sein. Es handelt sich [darum], bewältigte Realität, sondern Abzeichnungen von Zeichnungen
bei einer Sache zu bleiben, die reim ist. Die größte Feindin des sind, leidlt herstellbar, da in diesen Stilelemente schon vor­
echten Spiels ist die Spielerei; Umschweife kennzeichnen den handen sind. Diese Stilisten haben nicllt selbst Stil und suchen
schlechten Erzähler, Behaglimkeit nur verächtliche Selbst­ nicht den Stil der Realität zu erfassen, sondern ahmen Stili­
gefälligkeit. Die direkte Aussage ist eines der wichtigsten der sierungsmethoden nach. Es ist klar, daß alle Kunst ver­
epischen KunstmitteL [ . . . ] scllönert (was nicht heißt beschönigt). Sie verschönert schon,
Fragmentarisch weil sie die Realität dem Gcnuß zuführen muß. Aber diese
1 206 Anmerkungen zu Stüd•en und Aufführungen Anmerkungen zu Stüd.en und Aufführungen 1 207

Verschönerungen, Formulierungen, Stilisierungen dürfen nicht größeren Vorgang, das, was man von diesem gerade hier vor
Fälschungen und Entleerungen sein. Die Darstellerinnen der diesem Tor sieht. Es ist der ganze Vorgang, und das Tor ist
Grusehe sollten die Schönheit der Breughelschen >>Tollen das Tor. (Auch ist der Palast in seiner Größe nicht räumlich
Grete<< studieren. darzustellen!) Was wir zu tun haben ist: die Statisten durch
gute Schauspieler ersetzen. Ein guter Schauspieler ist gleich
4 Der Hintergrund und der Vordergrund ein�m Bataillon Statisten. Das heißt, er ist mehr.

Es gibt im Englischen einen amerikanischen Ausdruck »sucker<<,


der genau sagt, was die Grusehe ist, wenn sie das Kind 7 [Der Schauplatz des Stückes]
übernimmt. Der Österreichische Ausdrude >>die Wurzen<< be­ Der Schauplatz des Stückes sollte sehr einfach sein; die ver­
zeichnet etwas A.hnliches, im Hochdeutschen würde man zu schiedenen Hintergründe können mit einem Projektionsver­
sagen haben »der Dumme<< (in dem Zusammenhang >>man hat fahren angedeutet werden, jedoch müssen die Projektionen
einen Dummen gefunden<<). Ihr mütterlicher Instinkt liefert künstlerischen Wert haben. Die Schauspieler der kleineren Rol­
die Grusehe den Verfolgungen und Mühen aus, die sie beinahe len können jeweils mehrere Rollen zugleich spielen. Die fünf
umbringen. Vom Azdak verlangt sie nichts als die Erlaubnis, Musiker sitzen mit dem Sänger auf der Bühne u� d spielen mit. \

weiter zu produzieren, das heißt >>draufzuzahlen<<. Sie liebt


nun das Kind; ihren Anspruch leitet sie ab von ihrer Bereit­
schaft und Fähigkeit zur Produktivität. Sie ist kein >>sucker<< 8 über eine >>Kreidekreis<<-Musik
mehr nach diesem Prozeß. Im Gegensatz zu den paar Liedern,diepersönlichenAusdruck�a­
ben können, sollte die Erzählermusik lediglich eine kalteSchon­
5 Rat für die Besetzung des Azdak heit haben, dabei nicht zu schwierig sein. Es scheint mir mögli�,
aus einer gewissen Monotonie besondere Wirkung .zu hol7� ; J e­
Es muß ein Schauspieler sein, der einen völlig lauteren Mann dar­ doch sollte die G rundmusi k für die fünf Akte deuthch vameren.
stellen kann. Der Azdak ist ein völlig lauterer Mann, ein ent­ Der Eröffnungsgesang des ersten Aktes sollte etwas Barba­
täuschter Revolutionär, dereinen verlumptenMenschen spielt, so risches haben, und der unterliegende Rhythmus sollte den
wie beim Shakespeare die Weisen Narren spielen. Anders wird Aufmarsch der Gouverneu rsfamilie urtd der die Menge zurück­
dem Urteil mit dem Kreidekreis alle Gültigkeit entzogen. peitschenden Soldaten vorbereiten und begleiten. Der Panto­
mimengesang am Aktende sollte kalt sein und dem Mädchen
6 Palastrevolution Grusehe ein Gegenspielen ermöglichen.
Für den zweiten Akt (Flucht in die nördlichen Gebirge)
Die kurzen verhaltenen Kommandos, die hinten im Palast bräuchte das Theater eine treibende Musik, die den sehr epi­
gegeben werden (in Abständen, davon leisere, um die Größe schenAkt zusammenhält; sie sollte aber dünn und delikat sein.
des Palastes anzudeuten), miissen, nachdem sie den probieren­ Der dritte Akt hat die Musik der Schneeschmelze (poetisch)
den Schauspielern geholfen haben, wieder abgestellt werden. und in der Hauptszene den Kontrast der Trauer- und Hoch­
Was vorgeht auf der Bühne soll kein Ausschnitt sein aus einem zeitsmusiken. Das Lied in der Szene am Fluß hat die Melodie
1208 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 1 209

des Liedes im ersten Akt (Grusche verspricht dem Soldaten, tung ihrer eigenen Destruktion. Dies ist so unter den Bedin­
auf ihn zu warten). gungen des Krieges, des bestehenden Rechts, ihrer Vereinsa­
Der vierte Akt müßte die treibende verlumpte Azdakballade mung und Armut. Rechtlich ist die Retterio die Diebin. Ihre
(die übrigens besser piano wäre) zweimal unterbrechen mit Armut gefährdet das Kind und wird durch das Kind größer.
den zwei Gesängen des Azdak (die unbedingt leicht singbar Für das Kind bräuchte sie einen Mann, aber sie muß fürchten,
sein müssen, denn man muß den Azdak mit dem stärksten einen zu verlieren wegen des Kindes. Und so weiter.
Schauspieler besetzen, nicht mit dem besten Sänger). Im let�ten Die Grusehe verwandelt sich langsam, unter Opfern und durch
(dem Gerichts-)Akt wäre eine gute Tanzmusik am Schluß nötig. Opfer, in eine Mutter für das Kind, und am Ende, nach all
den Verlusten, die sie riskiert oder erlitten hat, fürchtet sie als
größten Verlust den des Kindes selbst. Der Azdak macht die
Betreffs Tempo in der »Kreidekreis«-Aufführung Rettung des Kindes durch seinen Schiedsspruch endgültig. Er
vermag ihr das Kind zuzusprechen, da zwischen ihrem Inter­
Um für das Pariser Gastspiel die Aufführung in Höchstform esse und dem des Kindes kein Unterschied mehr besteht.
zu bringen, sind Striche im Text gemacht und ist das Tempo Der Azdak ist der Enttäuschte, der nicht zum Enttäuscher wird.
beschleunigt worden. über die Beschleunigung des Tempos
möchte ich einiges 1heoretisches sagen.
2 Andere Widersprüche
Es wäre künstlerisch nicht verantwortbar, einfach eine mecha­
nische, gleichmäßige, totale Beschleunigung durchzuführen. Be­ Die Bittsteller werfen sich vor den Gouverneur, wenn er zur
stimmte Szenen und bestimmte Figuren vertragen weniger Ostermette geht. Von den Panzerreitern zurückgepeitscht,
Beschleunigung des Spiels als andere. Von solchen Szenen kämpfen sie untereinander wild um einen Platz vorne.
möchte ich die Szene nennen, in der der Azdak zu Schauwa Der Bauer, der seine Milch der Grusehe teuer verkauft, hilft
v?m Ende der guten Zeit spricht, von den Figuren die Grusche, ihr danach freundlich, das Kind aufheben. Er ist nicht geizig,
. er ist arm.
dte m der Turbulenz um sie her eine ganz bestimmte Ge­
ruhsamkeit zeigen muß. Die Baumeister verbeugen sich untertänigst vor dem Adju­
Die Tempobeschleunigung dient ja nicht nur der Kürzung, tanten des Gouverneurs, aber einer ist dabei, der den beiden
sondern mehr noch der Belebung der Aufführung. Die Mehr­ andern die Verbeugungen erst abschauen muß. Sie sind nicht
zahl der Szenen und Figuren gewinnt durch das Tempo. Speichellecker von Natur, sie brauchen den Auftrag.
Der feige Bruder Grusches nimmt die Schwester mit Wider7
streben auf, aber er ist zornig auf seine Frau, die Kulakin,
[Widersprüche im »Kaukasischen Krcidckreis«] weil er von ihr abhängt.
Der feige Bruder ist kleinlaut gegen seine Frau, die Kulakin,
aber zu der Bäuerin, mit der er den Heiratsvertrag macht, ist
I Hauptsächliche Widersprüche
er herrisch.
Je mehr die Grusehe das Leben des Kindes fördert, desto mehr Der mütterliche Instinkt der Bäuerin, die das Findelkind ge­
bedroht sie ihr eigenes; ihre Produktivität wirkt in der Rich- gen den Willen ihres Mannes bei sid1 aufnimmt, ist begrenzt
1 2 ro Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen

und bedingt: sie verrät es gegenüber der Polizei. (Auch der Ztt »Die Antigone des Sophokles«
Mutterinstinkt der Grusche, so viel größer, so sehr groß, ist
begrenzt und bedingt: sie will das Kind in Sicherheit bringen
und es dann weggeben.)
Grusche, die Magd, ist gegen den Krieg, weil er ihr den ge­
liebten Mann entreißt; sie rät ihm, sich in der Mitte zu halten,
um zu überleben. Aber auf der Flud1t in die Gebirge singt sie Der totale materielle und geistige Zusammenbruch hat zwei­
das Lied vom Volkshelden Sosso Robakidse, der Iran eroberte fellos in unserem unglücklichen und Unglück schaffenden Land
- um sich Mut zu machen. einen vagen Durst nach N euem erzeugt und, was die Kunst
anbetrifft, wird sie, dem Vernehmen nach, hie und da ermutigt,
Neues zu versuchen. Da freilich große Verwirrung darüber zu
[Kollektiv selbständiger Künste] bestehen sd!eint, was alt und was neu ist, auch Furcht vor
der Rückkehr des Alten sich mit Furcht vor der Einkehr des
Wir erwarten im Sozialismus, zusammen mit einer höheren Neuen mischt, und überdies die Besiegten vielerorts a�gewie­
Bedeutung der Künste für die breiten Massen, auch eine neue sen werden, den Nazismus lediglich geistig und seehsch zu
Annäherung der Künste unter sich. Es handelt sich dabei nidJt überwinden, werden die Künstler gut tun, nicht blindlings
darum, daß das Drama >>sich der Musik« bedienen soll oder die .
auf die Beteuerung zu vertrauen, daß Neues willkommen ser.
Oper des Textes oder daß Drama und Oper durch ein bes­ Jedoch kann die Kunst sich nur orientieren, indem sie f� rt­
seres Bühnenbild gewinnen sollen. Sondern in ein und der­ schreitet und sie muß es tun mit den fortschrittlichen Terlen
selben Aufführung soll es drei Behandlungen des Themas ge­ der Bev�lkerung und nicht etwa von ihnen weg; mit ihnen
ben, durch die Dichtung, durch die Musik, durch das Bild. So muß sie aus dem Zustand des Wartens auf Behandlung zum
entsteht ein Kollektiv selbständiger Künste. Handeln kommen und in dem allgemeinen Verfall an irgend­
Eine andere schöne Verbindung zwischen Künsten scheint der einem Ort beginnen. Sie wird es keineswegs leicht haben,
graphische Zyklus Kulisiewiczs über die Aufführung des wieder zu ihren Mitteln zu kommen und sie durch neue zu
»Kaukasischen KreidekreiseS<< durch das Berliner Ensemble ergänzen. Der schnelle Verfall der Kunstmittel unt� r der:n
einzuleiten. Naziregime ging anscheinend nahezu unmerklich vor srch. J?. re
Kulisiewiczs herrliche Blätter nehmen einige Anregung aus .
Beschädigung an den 1heatergebäuden ist heute wert auffal­
einer lheateraufführun g, aber sie verwandeln das Gesehene tiger als die an der Spielweise. Dies hängt dami: zusamme� ,
wie jede künstlerische Darstellung es macht, sie verwandeln es .
daß die erstere beim Zusammenbruch des Nazrregrmes, dre
in kühner und sogar selbstherrlicher Weise, und so entsteht ein letztere aber bei seinem Aufbau erfolgte. So wird tatsächlich
Werk, das nicht nur die Gestalten und Situationen des »Kau­ jetzt nod! von der »glänzenden<< Ted!nik der Göringthe:ter
kasischen Kreidekreises« volkstümlich macht, sondern zugleich gesprochen, als wäre solch eine Technik übernehmbar, glerch­
auch ein bedeutender Meilenstein auf dem Weg der Graphik in giiltig, auf was da ihr Glanz nun gefallen war. Eine Technik,
den Sozialismus ist. die der Verhüllung der gesellschaftlichen Kausalität diente,
Febmar 1956 kann nicht zu ihrer Aufdeckung verwendet werden. Und es
1212 An merkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführu ngen 1213

ist Zeit für ein 1hcater der Neugierigen ! Die bürgerliche Ge­ stands, die uns a m bedeutendsten ersd1einen müssen. Ihr
sellschaft, die anarchisch produziert, wird nur in der Kata­ Gedicht konnte hier nicht geschrieben werden, und dies ist um
strophe ihrer Bewegungsgesetze gewahr: erst der einstürzende so bedauerlicher, als heute so wenig geschieht, sie in Erinne­
Dachfirst enthüllt, wie Marx sagt, ihr auf den Kopf krachend, rung, und so viel, sie in Vergessenheit zu bringen. Daß von
das Gesetz der Schwerkraft. Aber das Unglück allein ist ein ihnen auch hier nimt die Rede ist, wird nicht jedem ohne wei­
schlechter Lehrer. Seine Schüler lernen Hunger und Durst, teres klar sein, und nur der, dem es klar ist, wird das Maß von
aber nicht eben häufig Wahrheitshunger und Wissensdurst. Die Fremdheit aufbringen, das nötig ist, soll das Sehenswerte
Leiden machen den Kranken nicht zum Heilkundigen; weder dieses Antigonestückes, nämlim die Rolle der Gewaltanwen­
der lllick aus der Nähe noch der aus der ferne machen den Au­ dung bei dem Zerfall der Staatsspitze, mit Gewinn gesehen
genzeugen schon zum Experten. Wenn das 1heater imstande ist, werden. Aud1 das Vorspiel konnte da nicht mehr tun, als einen
die Wirklid1keit zu zeigen, muß es auch noch imstande sein, ihre Aktualitätspunkt zu setzen und das subjektive Problem zu
Betrachtung zum Genuß zu mad1en. Wie nun ein sold1es TI1eater skizzieren. Das Antigonedrama rollt dann objektiv, auf der
machen? Es ist schlimm an Ruinen, daß das Haus weg ist, aber fremden Ebene der Herrschenden, das Gesamtgeschehen auf.
der Platz ist auch nicht mehr da. Und die Baupläne, sd1eint es, Diese Möglichkeit, eine Staatsaktion von Ausmaß zu objek­
gehen niemals verloren. So läßt der Aufbau die Lasterhöhlen tiver Darstellung zu bringen, war jedoch gerade durch den
und Krankheitsherde wiedererstehen. Fieberhaftes Leben gibt (andererseits fatalen) Umstand gegeben, daß das alte Stück
sich als besonders starkes Leben aus: niemand tritt so kräftig durch seine historisch e Entrüd,theit nicht zu einer Identifi­
auf wie die Rückenmärkler, die das Gefühl in den Fußsohlen zierung mit der Hauptgest alt einlud. Auch seine formalen
verloren haben. Und dabei ist es doch das Schwierige bei der Elemente epischer Art kamen hier zu Hilfe und bildeten fü r
K�nst, daß sie ihre Geschäfte, und seien es die aussichtslosesten, sich selbst Interessantes für unser 1heater.
mrt vollkommener Leichtigkeit betreiben muß. Die hellenische Dramaturgie versucht durd1 gewisse Verfrem­
So mag es gerade in der Zeit des Wiederaufbaus nicht eben dungen, besonders durch die Einschnitte für die Chöre, et� as
leicht sein, fortschrittliche Kunst zu machen. Dies sollte uns von der Freiheit der Kalkulation zu retten, die Schiller mcht
anfeuern. weiß, wie sicherzustellen.' I m übrigen handelt es sich in

1 »Die dramatische Handlung bewegt sich vor mir, um die episd1e be­
2
wege ich mich selbst und sie scheint gleid1sam stille zu stehen. Nach
meinem Bedünken l iegt viel in diesem Unterschied. Bewegt sich die
Für das vorliegende theatralisd1e Unternehmen wurde das
Begebenheit vor mir, so bin ich streng an die sinnliche Gegenwart gefess:lt,
Antigonedrama ausgewählt, weil es stofflich eine gewisse meine Phantasie verliert alle Freiheit, es entsteht und erhält sich eme
Aktualität erlangen konnte und formal interessante Aufgaben fortwährende Unruhe in mir id1 muß immer beim Objekte bleiben, alles
stellte. Was das stofflid1 Politische betrifft, stellten sich die Zurücksehen, alles Nachden ken ist mir versagt, weil ich einer fremden
Analogien zur Gegenwart, die nad1 der Durchrationalisierung Gewalt folge. Beweg ich mich um die Begebenheit, die mir nicht entlaufen
kann, so kann ich einen ungleichen Schritt halten, ich kann nach meinem
überraschend kräftig geworden waren, freilid1 als eher nach­
subjektiven Bedürfnis mich länger oder kürzer verweilen, kann Rück­
teilig heraus : die große figur des Widerstands im antiken schritte mad1en oder Vorgriffe tun und so fort.«
Drama repräsentiert nid1t die Kämpfer des deutschen Wider- Briefwechsel mit Goethe. 26. 12. 1 797
1 2 14 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 1215

keiner Weise darum, etwa durd1 das Antigonedrama oder für Vorbilder zu vergessen, nun haben sie gelernt, alles a n ihren
dasselbe den >>Geist der Antike zu besmwören<<, philologische Rollen selbst, ganz aus dem, was das Selbst ausmacht, zu kre­
Interessen konnten nimt bedient werden. Selbst wenn man ieren. Wo bleibt, werden sie fragen, bei Modellbenutzung das
sim verpflimtet fühlte, für ein Werk wie die >>Antigone<< etwas Schöpferische? Die Antwort ist, daß die moderne Arbeits­
zu tun, könnten wir das nur so tun, indem wir es etwas für teilung auf vielen wichtigen Gebieten das Schöpferische um­
uns tun lassen. geformt hat. Der Schöpfungsakt ist ein kollektiver Schöpfungs­
prozeß geworden, ein Kontinuum dialektischer Art, so daß
die isolierte ursprünglime Erfindung an Bedeutung verloren
3
hat. Der anfänglichen Erfindung eines Modells braucht wirk­
Da es sim weniger darum handelte, daß sid1 eine neue Dra­ lich nicht allzuviel Gewicht beigelegt zu werden, bringt doch
maturgie, mehr darum, daß sim eine neue Spielweise an einem der Schauspieler, der es benutzt, sogleich sein Persönliches
antiken Stück versume, kann die neue Bearbeitung nimt in hinein. Es steht ihm frei, Abänderungen des Modells zu er­
der üblimen Weise den Theatern zur freien Gestaltung fiber­ finden, solche nämlich, die das Wirklichkeitsabbild, das er zu
geben werden. Es wurde ein verpflimtendes Aufführungsmo­ geben hat, wahrheitsgetreuer und aufschlußreicher oder ar­
dell hergestellt, das aus einer Sammlung von Photographien tistisch befriedigender machen. Die choreographischen Figuren
nebst erklärenden Anweisungen ersimtl im ist. (Stellungen, Bewegungen, Gruppierungen und so weiter) '
Ein solmes Modell steht und fällt natürlim mit seiner Nam­ können sowohl knechtisch als auch souverän behandelt wer­
ahmbarkeit und Variabilitä t. Das Ganze oder gewisse Teile den; souverän allerdings nur dadurch, daß die Wirklichkeit
mögen bei der Wiedergabe nimts Lebendiges hervorrufen; das frei einströmt. Die Abänderungen, richtig vorgenommen,
Ganze oder solme Teile wären dann aufzugeb en. Ein Modell haben selber modellhaften Charakter, der Lernende verwan-
kann nimt auf Tonfällen beruhen deren Reiz durm besondere delt sich in den Lehrer, das Modell ändert sich. I
Stimmen, auf Gesten und Gänge� , deren Smönh eit durm be­ Denn das Modell ist wahrhaft ig nicht aufgestel l t, die Auf­
sondere körperlime Eigensmaften entsteh t: derlei hat nimt führungsweise zu fixieren, ganz im Gegente il! Auf der Ent­
Modellwert, es ist sozusagen beispiel los und nimt beispiel­ wickJun g liegt das größte Gewimt, die Änderungen sollen
haft. Damit etwas mit Gewinn namgea hmt werden kann, muß provoziert und wahrneh mbar gemacht werden, an die Stelle
es Vorgernamt sein. Die aktuale Leistung bei der Benutzung der sporadischen und anarchischen Schöpfungsakte sollen
von Modellen kann dann eine Mismun g von Beispielhaftem Schöpfungsprozesse mit schritt- oder sprunghaften Änderun­
gen treten.1 Das Modell, in einundeinhalb Dutzend Proben
·
und Beispiellosem· sein.
Der Vorsmlag, ein Modell zu benutzen , enthält eine klare
Herausforderung an die Künstler einer Zeit, die nur dem r Für Gruppieru ng und Maskierun g wurden übrigens Nehersdte Skizzen

>> Ursprünglimen «, ,, Un vergleimlimen <<, "Niedagewesenen « verwendet, so daß die Modellbauer selber sozusagen sdton nadt Vorlage
applaudiert und die das >>Einmalig e« fordert. Sie mögen arbeiteten.
z Der erste Versudt, Modelle episdten Theaters zu benutzen, wurde
von
durmaus erkennen, daß ein Modell keine Smablone ist, aber
R. Berlau in Kopenhagen unternommen. Sie benutzte für »Die Mutter«
in ihrer Arbeitsweise dom nimts finden, was ihnen hülfe, Mo­ und »Die Gewehre der Frau Carrar« mit der Volkssdtauspielerin Dagmar
delle ZU benutzen. Es fällt ihnen smwer genug, jung ihre Andreasen Photographien früherer Aufführungen. Die Wlassowa der
12I6 Anmerkungen zu Stück en und Aufführungen A nmerkungen zu Stücken und Aufführungen I2 I7
I

am Stadttheater in Chur hergestellt, ist von vornherein als wie immer es restauriert sein mag, beizuwohnen eingeladen
unfertig zu betrachten ; gerade daß seine Mängel nach Ver­ wird.
besserungen schreien, sollte die Theater einladen, es zu be­ Es gab eine erste und eine zweite Konzeption der Bühne. In
nutzen. der ersten bildeten die Bänke der Schauspieler sozusagen den
Ort des alten Gedichts. Der Schirm hinter ihnen bestand aus
ochsenblutfarbenen Blachen, die an Segel und Zelte erinnerten,
4 Die Nehersche Antigonebühne und die Pfähle mit den Pferdekopfskeletten standen dazwi­
Vor einer Halbrunde von Schirmen, beklebt mit geröteten schen. Das Spielfeld sollte lediglich greii beleuchtet und durch
Binsen, stehen lange Bänke, auf denen die Schauspieler ihr niedrige PähndiCn markiert werden. Die säkularisierte Pas- ·

Stichwort abwarten können. In der Mitte lassen die Schirme sung wäre so vom alten Gedicht sichtbar getrennt gewesen. Die
eine Lücke, in der die sichtbar bediente Sd!allplattenappara­ Konzeption erregte uns dann mehr und mehr Unbehagen, bis
tur steht und durch welche die Schauspieler, wenn mit ihrer wir entschlossen die erneuerte Handlung ebenfails zwischen
RoJle fertig, abgehen können. Das Spielfeld wird durch vier die barbarischen Kriegskultpfähle legten.
Pfähle gebildet, von denen die Skelette von Pferdeschädeln In einer dritten Konzeption könnte man, bei Wcglassung des
hängen. Im Vordergrund steht auf der linken Seite das Geräte­ Vorspiels, statt der Schirme hinter den Bänken eine Tafel mit
brett mit den Bacchusstabmasken, dem kupfernen Lorbeer­ der Darstellung einer modernen Trümmerstadt aufstellen .
�ranz des Kreon, der Hirseschale und dem Weinkrug für An­
ngone und dem Hocker für Tiresias. Später wird Kreons
Schlachtschwert von einem der Alten hier aufgehängt. Auf Die Kostüme und Requisiten
­
d_er rechten Seite steht das Gerüst mit der Eisenplat te, die von Die Kostüme der Männer waren aus unhernalter Sacklein
emem der Alten zu dem Chorlied >>Geist der Freude der du eid ert. Kreon s
' wand , die der Fraue n aus Baum wolle geschn
von d�n _Wa�sern << mit der Faust angesch lagen wird. Für das sätze . Anti gone s
und Hämons Kostü me hatte n rote Lederein
Vors�Ie! Ist eme geweißte Wand an Drähte n herabge lassen. Sie und Ismenes waren grau. .
Auf die Requ isiten wurd e besondere Sorgfalt verwen �et:
hat eme Tur. und Sie
einen Wandsch rank. Vor ihr stehen ein Küchen­
ge­
tisch und zwei Stühle, und rechts vorn liegt ein Sack. über der wurden bei guten Hand werke rn in Arbeit gegeben: D1es
Wand wird zu Beginn eine Tafel mit Ort- und Zeitang abe schah nicht um sie dem Publi kum oder den Schau spiele rn echt
herabgelasse� . Es gibt keinen Vorha ng. erscheinen �u lassen, sondern lediglich, um dem Publikum und
_ Schausp ieler sitzen
D1e deshalb offen auf der Bühne und neh­ den Schaus pielern schöne Gegenstände auszuliefern.
�en erst beim Betreten des (sehr hell erleuchteten) Spielfelds
d1e ausgemachten Haltungen der Figuren an damit das Pu­
blikum sich nicht auf den Schauplatz der H ;ndlung versetzt
glauben kann, sondern der Ablieferu ng eines antiken Gedichts, Was den Darst ellungss til betrifft, sind wir mit dem Aristoteles

An reasen und ihre Carrar untersdtieden sich völlig von den Figuren der eins in der Meinung, daß das Herzstück der Tragödie die Fa­
We1gel. Der Versuch gereichte sowohl ihr als der Weigel' die etwas ver- bel ist, wenn wir auch uneins sind, zu welchem Zweck sie
änderbar Nadtahmbares geschaffen hatte, zur Ehre. vorgetragen werden soll. Die Fabel soll nicht ein bloßer
I2I8 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen I2I9

Ausgangspunkt für allerhand Ausflüge in die Seelenkunde oder kommt dann den Charakter der näheren Ausführung, und die
anderswohin sein, sondern sie soll alles enthalten, und alles restlose Verwandlung des Schauspielers in die Figur wird ver­
soll für sie getan werden, so daß, wenn sie erzählt ist, alles ge­ hindert: der Schauspieler zeigt.
schehen ist. Gruppierung und Bewegung der Figuren müssen die Aum die Masken, zu denen erheblich mehr Smminke verwen­
Fabel erzählen, welche eine Verknüpfung von Begebenheiten det wurde, als es üblich ist, sollten etwas erzählen: zum Bei­
ist, und der Schauspieler hat keine andere Aufgabe. Die Sti­ spiel bei den Alten die Verwüstungen, welche die Gewohnheit
lisierung, welche sein Spiel zur Kunst mamt, darf dabei die zu herrsmen in den Gesichtern anrichtet und so weiter. Wie
Natürlichkeit nicht austilgen, sondern hat sie im Gegenteil die Bilder zeigen, kam dies nicht ganz heraus.
zu steigern. Aufdringliches Temperament und Sprechen, Das Tempo der Aufführung war sehr rasch.
dessen Deutlichkeit auffällt, sind von übel. Die Stilisierung
bedeutet die große Herausarbeitung des Natürlimen, und ihr
Zweck ist es, dem Publikum als einem Teil der Gesellschaft 7
das für die Gesellsmaft Wi<htige an der Fabel aufzuzeigen. So Das Studium des vorliegenden Modells ist übrigens einiger­
darf die sogenannte »Welt des Dichters<< nimt als eine abge­ maßen dadurch ersmwert, daß es viel Ungewolltes und Vor­
schlossene, autoritäre, >>in si<h logische<< behandelt werden: läufiges enthält, das man als solches herausfinden u� d aus­
sondern es muß das, was von der wirklimen Welt darinnen ent­ scheiden können muß. Dazu gehört der ganze Bez1rk des
halten ist, zur Wirkung gebracht werden. Das ,,Wort des Dich­ Mimischen, in dem sim die Schauspieler, mit Ausnahme der
ters« ist nicht heiliger, als es wahr ist, das Theater ist nicht Weigel, sozusagen selbst forthelfen. In diesem Bezirk hat man
die Dienerin des Dichters, sondern der Gesellschaft. es mit dem beinahe unentwirrbaren Stilgemisch unserer Pe­
riode des Ausverkaufs zu tun welme die Stücke aller Zeiten
6 und Länder ausstellt und für �ie die allerverschiedensten Stile
ausdenkt, ohne einen eigenen zu haben. Natürlich mißlin�en
Um die Darstellung der Fabel unterzuordnen, wurden den
dann diese Bestrebungen, und in ein und derselben Auffuh­
Schauspielern beim Probieren Brückenverse gegeben, welche
rung stößt man auf das sonore Pathos, das den Aischylos, und
sie in die Haltung von Erzählern brachten. Bevor die Dar­
die Bizarrerie, die den Gozzi unerträglich machen würden;
stellerin der Antigone zum erstenmal die Spielfeldgrenze über­
und ganz offensichtlich spielen die Schauspieler zu ganz ver­
schritt, sagte sie (und hörte in späteren Proben den Inspizien­
schiedenen Zwecken. Dieser Übelstand beeinträchtigt auch
ten sagen) : .
Aber Antigone ging, des Ödipus Kind, mit dem Kruge
naturgemäß den eigentlichen Bezirk des Modells, den de: Ha!­
Staub aufsammeln, damit Polyneikes' Leib zu bede<ken tungen und Gruppierungen. Im großen und ganze� �st d1e
Den der erzürnte Tyrann vor die Vögel und Hunde geworfen. Gruppierung am sorgfältigsten gemacht. Sparsamkeit m d� r
Die Darstellerin der Ismene sagte, bevor sie auftrat: Hin- und Herbewegung der Gruppen und Figuren sollte d1e
Und Ismene, die Sd1wester, betraf sie beim Sammeln des Staubes. Bedeutung dieser Bewegungen sicherstellen. Die einzelnen Kon­
Vor Vers r sagte die Darstellerin der Antigone: stellationen, selbst die Abstände, haben dramaturgischen Sinn,
Bitter beklagte Antigone da der Brüder Verhängnis.
und in gewissen Augenblicken ist es einer Handbewegung ei� es
· Und so fort. Die so eingeleitete Rede oder Verrichtung be- Darstellcrs möglich, die Situation zu verändern. Auch w1rd
r 220 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen

versucht, die Erfindungen der Spielleitung und der Schauspie­ Ztt »Der Hofmeister« von Lenz
ler als theatralische Gedanken sichtbar werden zu lassen -
sind doch hier alle Maßstäbe verlorengegangen, so daß nie­
mand mehr das Große vom Kleinen unterscheiden kann. In
diesem wie in dem übrigen sollte das Studium der Abbildun­ Stückwahl
gen und Anmerkungen hauptsächlich auf das Beginnerische
und Unterscheidliehe geridnet werden, das sich in dem ver­ Nicht nur, um das deutsche Theater zu bestücken, dessen klas­
wirrten und allzu vollen Bereich des zu Ende Gehenden, Ferti­ siscl1es Repertoire in diesen Zeiten der Umwälzung erschrek­
gen und Allgemeinen unseres Kunstmachens etablieren muß. kend zusammenschrumpft, sondern auch, um den Weg zum
Wie man überdies das ganze Experiment nicht für unwichtig Shakespeare zu bahnen, ohne den ein nationales Theater
halten sollte, wenn man es nicht für gut ausgeführt hält, so kaum zustande kommen kann, schien es rätlich, zu den An­
sollte man es sich auch nicht durch die Befürchtung verleiden fängen der Klassik zurückzugehen, dahin, wo sie noch
lassen, es könnte ein Aufgeben aller bisherigen Praxis bedeu­ realistisch und zugleich poetisch ist. Bei Stücken wie dem
ten. Theater ist einfältig, wenn es nicht vielfältig ist. Und die Lenzsehen >>Hofmeister << nämlich können wir ausfinden, wie
Tanzkunst erreicht manchen Höhepunkt, wenn aus der Reihe wir den Shakespeare aufführen können, haben wir doch hier
getanzt wird. Man braucht die Arbeit an Modellen auch nicht seinen ersten Niederschlag in Deutschland vor uns. Noch �at
mit mehr Ernst zu betreiben, als zu jedem Spiel nötig ist. Ja, die Idee nicht das Stoffliche vergewaltigt; es entfaltet steh
sie mögen ruhig als etwas dem » Wohltemperierten Klavier« üppig nach a llen Seiten, in natürlicher Unordnung. Das Publi­
Verwandtes betrachtet werden. kum befindet sich noch in der großen Diskussion; der Stück­
schreiber gibt und provoziert Ideen, gibt uns nicht das Ganze
Brecht. Neher.
als Verkörperung von Ideen. So werden wir gezwungen (oder
instand gesetzt), die Vorgänge zwischen seinen Personen zu
spielen und die A.ußerungen davon abzusetzen - wir brauchen
sie nicht zu unseren eigenen zu machen. Auf diese Weise sind
die Personen auch nicht entweder ernst oder komisch, sondern
bald ernst, bald komisch. Der Hofmeister selbst erntet unser
Mitgefühl, da er sehr unterdrückt wird, und unsere Veram­
tung, da er sich so sehr unterdriicken läßt.

Anmerkungen zu »Der Hofmeister«

Probenergebnisse
Bei der Aufführung des »Hofmeisters<< durm das Berliner En­
semble bestand das Regiekollegium aus Bremt, Neher, Monk
· --
�-� ------==- · --- =
--
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I 222 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 1 2 23

und Besson. Nehers Vorgangsskizzen dienten als Vorlagen


r Der Scharrfuß
für das Arrangement, und die Vorschläge aus dem Kollegium
wie die aus der Schauspielerschaft wurden im allgemeinen aus­ Die Szene ist auf die Straße, vor das Gartentürehen des Ge­
probiert, übrigens meistens auf Zuruf vom Zuschauerraum heimen Rates gelegt. Sie zeigt Läuffer sozusagen auf dem
aus - auch bei den zartesten Szenen. Das Ausprobieren er­ Strich. Er paßt den Major ab, wenn dieser wie alltäglich den
sparte die üblichen psychologischen Diskussionen, der Zuruf Geheimen Rat nach dem Frühschoppen heimgeleitet. Die Brü­
erschwerte die ebenso übliche Bildung einer >>schöpferischen der bleiben im Gespräch einige Schritte vor dem Gartentürehen
Atmosphäre<<, bei der das Bewußtsein zu kurz kommt. Ge­ stehen und setzen sich erst wieder in Bewegung, wenn der sich
probt wurde neun Wochen, mindestens fünf Stunden täglich. nähernde Läuffer, Überraschung über das Treffen vorspielend,
Von der Aufführung wurden unter der Leitung von R. Berlau schon von weitem den ersten langsamen und sorgfältigen
Photos und Beschreibungen für ein Modellbuch angefertigt, Scharrfuß ausführt. Sie gehen an ihm ohne Gruß vorbei,
dem auch die folgenden Auszüge entnommen sind. nichtsdestoweniger er, ebenfalls im Gehen, zwei weitere ha­
stige Scharrfüße setzt. Nachdem er ihre Kälte mit einem bösen
Prolog Blick über die Schulter quittiert hat, vollführt er, rückgewen­
det zu den Bri.idern und in ihrem Rücken, noch einen vierten
Der Prolog vor dem Vorhang wurde zu den feinen Tönen einer Scharrfuß, dabei allerdings eine Verwünschung murmelnd.
Spieldose gesprochen. Da der Prologsprecher die ganze histo­ (Daß er die Verwünschung während eines Scharrfußes und
rische Spezies Hofmeister vertritt, wurde ihm etwas von der nicht danach ausstoßen muß, entdeckten wir nicht vor der
Mechanik von Glockenspielfiguren verliehen; die Bewegungen fünften Probe - so entgeht einem zu Beginn selbst das Wich­
des Kopfes und der Gliedmaßen waren ruckhaft, das Sprechen tigste und Offensichtlichste!) Die Brüder sprechen hierauf über
war abgezirkelt. Der Eindruck war kein niedlicher, sondern ein Läuffer in der beiläufigsten Weise, während der Geheime Rat
unheimlicher, schon durch das zynische Grinsen bei den Zei­ einen Schlüssel unter vielen auswählt und das Türehen auf­
len >>Der Adel hat mich gut trainiert« und durch das zy­ sperrt. Mit einem lachenden >>Dazu mag er ausreichen<< und
nisch diskrete Hand-neben-den-Mund-Halten bei >>das Abc einem Klaps auf die Schulter läßt er den Major in den Garten
der Teutschen Misere<<. Obgleich auch etwas die Kinnlade ein, wo dieser stehenbleibt, eine Pflanze an der Mauer betrach­
schnappte und die Komplimente in zwei Rucken vollführt tend. Das schwache Interesse an dem Farnkraut verdrängt
wurden, wie üblich bei einer mechanischen Figur, war das beim Major völlig das an Läuffer; die Herkunft desselben be­
Ganze zunächst nicht besonders durchgeführt, verblieb bei der ri.ihrt ihn tiefer als die des künftigen Erziehers seiner Kinder.
Andeutung und bewahrte die Lebendigkeit des Schauspielers. Die Szene wird nicht laufen, wenn der Geheime Rat seine
Jedoch arbeitete dieser für die späteren Aufführungen das Frage »Übrigens, weißt du denn . . ,<< nicht plötzlich doch be­
Puppenhafte weiter aus, und die Meisterschaft respektierend, sorgt fragt, oder der Major darauf nicht mit einem großen
ließen wir es gut sein. oberflächlichen Achselzud(en antwortet.
r 224 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 1225

2 Abschied der Liebenden grinsend, die Flosse zum neuerlichen Kusse gereicht hat, ist
Läuffer so im Taumel seines Erfolgs, daß sein Fauxpas einfadt
Der Geheime Rat, der >>Wohlfeiles nicht mag<<, da er einen grö­ passieren muß. Er tritt vor, zwisdten die Majorin am Spinette
ßeren Beutel als sein Bruder hat, begnügt sid1 nicht mit einem und den Grafen am Kanapee, und ruft jenem seine Kri­
Hofmeister für seinen Sohn Fritz, sondern schielet den auf tik des Tänzers zu. (Die Szene lief übrigens nidtt, bevor Läuf­
die Universität nach Halle - wodurch er freilich für sein fer sein >>Sich-auf-das-Parkett-W:1gen« nidtt in einem deutli­
Gustchen das Feld einem Hofmeister räumen muß. Die Ab­ chen Gang ausgeführt hatte. Er mußte nadt vorn, in die Mitte
schiedsszene hat zärtlich zu zeigen, wie der junge von Berg sein treten, die Worte genügten keineswegs.) Die Herrschaften er­
Bäschen, das mit ihm in den Pavillon möchte, sich vom Leibe starren, die Lorgnons ridtten sicl1 tödlicl1 auf ihn. :r:� stammelt
und an die Lektüre des Klopstocl{ hält, bis ihn eben die Lek­ eine Entsdtuldigung, auf dem Komischen Theater habe man
tÜre mit ununterdrüffibaren Gefühlen erfüllt und er sie unter den Mann ausgepfiffen, und wird nun endgültig aus dem
dem Eid aufs Bett wirft: ein Umweg über die Literatur! Sein Zimmer geschickt. Dennocl1 kehrt er, in seiner Angst, in der
olympischer Vater trennt die Liebenden wieder, so daß sie am Tür nocl1 einmal um, als er von sicl1 reden hört, dem Fang­
Ende, geschieden im Namen der Vernunft, wieder in der Di­ stoß offen. Nadt seinem Abgang eine Pause. Die Majorin
stanz des Beginns stehen. Er wird weggehen, ihrer würdig zu segelt auf das Kanapee zu, der Graf erhebt sidt, madlt eine
werden, und durch sein Weggehen machen, daß sie seiner un­ Gegenbewegung an ihr vorbei - sie lädtein krampfhaft, eman­ .
würdig wird. der entgegengehend, lassen dann das Lädtein völlig fallen und
nehmen es wieder hastig auf, sidt einander wieder zukehren?·
3 Engagement eines Hofmeisters Der Graf in Gedanken bei dem Skandal, dessen Report m
\
andern Häusern er sdton vorbereitet, kneift medtanisd1 der
Die Lage ist zubereitet : die Todtter des Hauses ist in sinn­ Magd, die ihm die Schokolade serviert, in die Baffie, be�or
liche Verfassung gebracht, gesteigert durch den Abschied des er der Tasse an den Henkel kneift. Der Sdtlußsatz der MaJO­
Geliebten, der ihn ihr entzieht. Die Familie ist verletzlich, der rin enthält die Antwort auf die Frage, warum Läuffer nidtt
Hofmeister kann angestellt werden. Der arme Teufel kämpft wieder entlassen wird: er ist billig.
um sein Leben, wenn er der Majorin die paar Menuettschritte
vorführt: er betrachtet seine Füße zumindest so scharf, wie
diese sie betrachtet. Troffinet er sielt sdton den Sdtweiß von 4 Körbe in Insterburg
der Stirn (>>Mein Sohn braudtt vorderhand keinen anderen Wir wenden uns nun Läuffer zu, dem im Hause auf seinen
Tanzmeister «), verlangt sie nodt einen Pas mehr. Leopold, der Platz Verwiesenen; wir zeigen, daß seine Stellung ihn audt
Sohn, um dessen Erziehung er sich bewirbt, fängt inzwischen hindert außerhalb des Hauses auf die Weide zu gehen. Die
Fliegen an der Wand: er hat schon vielen Engagements beige­ Szene kann zur Not audt weggelassen werden, obwohl sie die
wohnt! Mit einem Wonnegrun zen quittiert Läuffer das Me­ Situation LäufTcrs in einer guten äußerlichen Art ansdtaulidt
nuett der Majorin, herbeigeeilt, ihr umzublätter n. Folgt In­ madtt. Sie ist nidm ohne artistische Finesse (spezielle Sdtlitt­
sterburger Französisdt. Wenn die Majorin, nach dem Verweis schuhkünstc Eiuffcrs, ein reizvolles, dod1 einfaches Bühnen­
wegen des unfranzösischen Handkusses, ihm doch noch, gn�idig bild und so weiter). Wir zeigten Läuffer nodt sehr behindert
r 226 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen ri27

durch die pflichtmäßige Fürsorge für einen täppischen Leopold, er den Angriff nur unternommen hat, weil er Leopold aus
der gleich zu Beginn zu Fall kommt und von Läuffer an einen dem Zimmer haben wollte! Er geht dann eine Zeitlang um
Laternenpfahl parkiert wird, wenn die Jungfern gelaufen den heißen Brei herum, und sein Gefühl, daß er einen tak�
kommen. Nach seinem verfehlten Anschlußversuch rückwärts tischen Fehler gemacht, als er über das Gehalt herumstritt,
weglaufend, zeigte Läuffer zähnebleckend jene Wildheit, die scheint so stark, daß er Läuffers Bitte um ein Pferd gnädig in
er am Schluß gegen sich selbst anwenden wird. Gleich dar­ Betracht zu nehmen verspricht. Läuffer ist überwältigt. Er hat
auf verfällt er völlig der Lächerlichkeit: sein Schüler, sobald er die Geldschneiderei und das Aufhalsen neuer Arbeit mit Bit­
ihn zurück hat, richtet sich an ihm tollpatschig auf und bringt terkeit über sich ergehen lassen und die Bitte mit völliger Hoff­
ihn zu Fall. nungslosigkeit gestellt. Nun übernimmt er sich mit Verbeu­
gungen und eilt beschwingt, seine Zeichnungen vorzuweisen.
5 Eine neue Schülerin De'r Major betrachtet nur die erste und schiebt die zweite
schon weg. Unter der Tür ermahnt er Läuffer, seine Tochter
Nun können wir Läuffer den Köder zuwerfen, wir haben ihn zart anzufassen.
isoliert nach innen und außen; den Ausgehungerten und
Knappgehaltenen werden wir mit der Speise einsperren und
6 Philosophie und Physiologie
wir werden sie schmackhafl: machen und fällig. Er muß von
s�inem >>Glück<< nicht gleich erfahren, geben wir es ihm als Sehen wir uns noch einmal nach dem fernen Liebhaber der
eme zusätzliche Ausbeutung, Mehrarbeit. Zunächst bauen wir neuen Schülerin um, fahren wir Halle heran auf unserer Dreh­
noch ein wenig an der Grundlage, verstärken wir den Ein­ bi.ihne! Hier, auf der Universität, ist es, wo die jungen Leute
druck der Langenweile und Animosität! In einer kleinen Pan­ ihre Erfahrungen sammeln, auf dem geistigen wie auf de�
tomime kann die Behandlung des Verh�iltnisses Läuffers zu körperlichen Gebiet. Wir sehen unsern Fritz von Berg ZWi­
seinem Schüler Leopold fortgesetzt werden : Langeweile und schen himmlischem und irdischem Liebhaber, zwischen Pätus
Animosität. Der Anblick seines Schülers bringt Läuffer zum und Bollwerk. Pätus fürchtet seinen Professor nicht, wohl
Gähnen; es steckt Leopold an. Dann fehlt an der Schultafel aber seine Hauswirtin; Bollwerk zähmt die Hauswirtin und
die Kreide, Leopold hat sie und stößt sie mit dem Fuß vor rät Unterwerfung unter den Professor. Fritz entscheidet sich
Läuffer hin. Der quittiert mit ohnmächtigem Haß und fängt für die Philosophie, geht aber doch mit Bollwerk, Mädchen
an, aus dem Buch das Wort agricola abzuschreiben; er ist so zu sehen. Fritz muß als der beobachtende Gast gespielt
schlecht vorbereitet, daß er nach den ersten zwei Silben ins werden.
Buch schauen muß. Der Major ist schlecht gelaunt, weil er von
dem Kerl einen Dienst braucht, für den er nicht bezahlen
7 Katechismusstunde
kann. Sein Versuch, den Sohn zu erziehen, scheitert kläglich.
Er stürzt sich auf ihn, wie Zietens Husaren sich auf die Öster­ Die Tochter des Hauses ist dem Spiel mit dem Feuer nicht
reicher stürzten, und er wiederholt die Attacke in stummer abgeneigt, und wir haben gesorgt, daß sie leichtes Spiel hat.
Verzweiflung, nachdem die erste keine befriedigend aufrechte So müssen wir Läuffer nicht erst verliebt machen; er ist
Haltung Leopolds ergeben hat. Am Ende kommt heraus, daß verfallen vom Beginn an (>>Man liebt, weil man schlafen
1228 Anmerkungen z u StUcken u n d Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 1 2 29

will<<). Um so steifer finden wir ihn, zugleich einen neuen, hält einen kindischen Vorwurf.) Es beginnt der Streit wegen
privaten Läuffer, einen Hecht im Karpfenteich, freilich einen der Zeichenstunde. Ihre kaltschnäuzige Versicherung, sie habe
Hecht, der sein eigener Dompteur ist. Dennoch: die Szene gibt keine Zeit gehabt, verlangt von ihm äußerste Beherrschung.
die Gelegenheit, die soziale Überlegenheit Gustchcns zu Er macht unruhig gequälte Schritte hin und her, dreht sidl
demonstrieren. Sie mischt alle Mittel ihres Körpers mit all wie auf dem Eislaufplatz spindelförmig, bleibt jäh stehen,
denen ihres Rangs, ihn zum Tanzen zu bringen. Wenn die Sze­ den Tatzenstock am Rücken zwischen den Ellbogen ver­
ne beginnt, blickt der Lehrer auf eine lächelnde Schülerin, und krampft, als fessele er sich selbst. Sie betrachtet ihn wie 'ein
der Fortgang der Gesd1ichte macht, daß wir glauben, sie sehe interessantes Insekt, ist einmal beinahe gerührt; sie geht zu
überhaupt so dem Unterricht Läuffers entgegen. Er verfehlt ihm und entsdluldigt sich, daß sie ihn aussetzte. Er verpaßt
nicht, sie niederzustarren. Betroffen fängt sie an, das Glau­ den Augenblick und schaut störrisch weg. Sie ist sogleim wie­
bensbekenntnis aufzusagen. » Ich glaube, daß mich Gott ge­ der die Brotgeberin in persona und imitiert die Mama (>>Es
schaffen hat.« Sie bleibt stecken, und Läuffer setzt sid1 in Be­ war mir wahrhaftig unmöglich«) , ihn auf seinen Platz v� r­
wegung auf sie zu, mit lauten, abgemessenen, bedachten weisend. Aber erst wenn sie ihm in einem Ton, der keme
Schritten, welche die Dauer ihrer Pause abzumessen scheinen. Sidlerheit zuläßt, sagt, Zeichnen sei das einzige, wa� sie mit
Während er sie umschreitet, höhnisch auf sie niederblickend, Lust tue, fährt er endgültig aus der Haut. Sie ersdlnckt .�hr­
setzt sie, wie in Terror, noch einmal mit dem Satz an und lich über die Wildhei t seines Ausbruchs. Ist er weggesturzt,
bleibt, den Mann hinter sich, noch einmal stecken. Dann aber streckt sie sich wohlig: er ist ein Plebejer mit der Kraft der
blickt sie plötzlich lächelnd zu ihm auf und wiederholt die Plebejer.
letzten zwei Worte »geschaffen hat«, indem sie den Ton in
Stärke und Höhe von »hat« auf » gesd1affen « verlegt, also in
graziös schamlosem Triumph des Weibchens . Von diesem 8 Ein Königreich für ein Pferd!
Augenbl ick an erweist sich sein Vormarsd1 als Fehler, der zur · · he r. ·
1•mger der Gesell-
Gesucht: ein Ausweg. Der gelJJetensc .
Niederlage führte. Sein Examen verwandelt sich rapid in ihr sdlaft deutet auf das Bordell . Aber der unglü ckhdle Bren­
Examen ; nicht mehr er hilfl: ihr, sondern sie hilft ihm mit nende kann zu dem einzig erlaubten kühlend en Guß nur
Wörtern aus. (Sie macht sich offen lustig über die magisterliehe kommen, wenn der Patron ihm die Schöpfke lle reicht. Läuf­
Pedanterie seiner Aussprache, indem sie, wie er in »Leibs,,, fer, verlassen , nur mit einem Versprechen bewaffn et, also un-
ihrerseits in »Leben<< das Genetiv-s vom übrigen Worte . Vater, der
bewaffnet, muß einen Fürsprecher wählen, sem en
trennt ; im Arger wird er überformal mit »leiblich - und - sich an einen Fürsprecher wenden muß, den Bruder des
täglich<<, und sie setzt sich mit ihrem »versorget<< so ein, als Patrons.
wundere sie sich' über eine so leichte und platte Frage, um Die achte Szene ist in den Ziergarten des Geheimen Rats ver­
dann ihr >>Wider - alle Fährlichkeit - beschirmt und - vor legt, den wir (von außen) aus der ersten Szene kennen. Der
allem Übel« mit dem Kopf auf der Seite so vorzubringen, als Geheime Rat, in Hemdsärm eln, bukolischer Gärtnerschürze
sei er es, der den Zusammenhan g verloren habe und der und breitrandi gem Strohhut, geht, nadldem er die Bitte des
freundlic.hen Hilfe bedürfe. Sein >>bewahret<< ist hoffnungs­ Pastors abgeschlagen , in die Kniebeuge, einen Buchsbau � zu
los und sein >>Ühn all mein Verdienst und Würdigkeit« ent- beschneiden. Zwisd!en den beiden älteren Herren entwickelt
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r 2 30 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen z u Stücken und Aufführungen I 23 I

sich, zum Schaden Läuffers, der mit seiner praktischen Bitte bürgerlicher Kreise, welche nicht nur die Revolution anderer
nicht zu Worte kommt, ein ideologischer Streit, vom Pastor Völker, sondern auch ihr eigenes Privatleben nur >>im Geiste
mit Cholerik, vom Geheimen Rat mit der provozierenden erleben«.
Selbstbeherrschung des Weltmanns geführt. Auch dieser hat
einmal den Klassenblick (>> Interessant, wie diese Sorte von
Details
Leuten sich aufführt!«), wenn der Pastor die Worte »und
Seelenhirt<< hinausbrüllt, vergeblich versuchend, die Autori­ Der Obergang zu Pätus' großem Ausbruch (von »Ich bins
tät der Kirche zur Geltung zu bringen. Wenn Läuffer aus­ manchmal fast miid« zu »Bollwerk, Bollwerk«) sollte abrupt, .
bricht, fällt ihm sein Vater in die Arme, besorgt um die ganz und gar plötzlich sein.
Würde des Sohnes. Der bringt seine Bitte um Vermittlung so Fritz von Berg hat eine freiere Haltung in dieser Szene, auch
ringend mit seinem Vater vor. Die Anwesenheit des Vaters trägt er bereits ein Schillerhemd. Wenn er nach seinem Aus­
hindert ihn, dem Geheimen Rat reinen Wein einzuschenken, spruch >>Hab ich mich doch auch entwiclcelt in eurem Halle«
er sieht sich gezwungen, das Ziel seiner geplanten Reisen zu mit der Faust auf den Tisch schlägt, tut er es im Gefühl,
verleugnen. Der Geheime Rat nennt es brutal. Läuffer, ge­ nunmehr >>ein Kerl<< zu sein. Mit einer freiheitlichen Geste
schlagen, folgt dem erregten Vater zur Gartentür, wendet sich gibt er den Willen kund, mit seinem Mädchen nicht zu schla­
jedoch noch einmal um, starrt schnaufend auf den Geheimen fen. Es ist der Moment seiner Selbstentmannung, und sie hat
Rat und warnt ihn dunkel, es könnte etwas Schröcldiches denselben heroischen Akzent, den die des armen Läuffer ha­
geschehen. Dann gehen Vater und Sohn eilig ab, der Garten­ ben wird.
mauer entlang, zornig gestikulierend. Der Geheime Rat hat Eine gute Geste Fritzens: Bei >>Auch ich bin verpflichtet« hat
nur einen Satz lauter gesagt: >>Ihn sticht wohl der Hafer.« er im großen idealen Stil die Hand auf dem Herzen. Sie
Sorglich knipst er hie und da einen übermäßigen Sprößling wandert nach unten, zu·r Westentasche, ein ganz klein wenig
des Buchsbaums mit der großen Schere ab. zögernd : >>Verfüge über meine Börse.<<
Pätus zahlt die zwanzig Dukaten Münze für Münze auf den
9 Die verschenkten Ferien Tisch, dem Vorgang eine symbolische Bedeutung verleihend.

Während sich zu Insterburg sein Gustchen einem geschlechts­


x o Es kam, wie es kommen mußte
hungrigen Hofmeister ausgesetzt sieht, dem jeder Ausweg
genommen ist, hat Fritz von Berg im fernen Halle ein Erleb­ In dem Lenzsehen Original sitzt Läuffer am Bette. Uns schien
nis, das ihn hindert, ihr zu Hilfe zu eilen, andrerseits ihn es des Fortgangs der Geschichte wegen vorteilhafter, ihn am
aber auch geistig irrstand setzt, ihren Fall am Ende zu ver­ Bette mit Gustchen zu zeigen. Es soll das Nächste sein, was
stehen und zu verzeihen. Er opfert sein Feriengeld für Jung­ man sieht, wenn man gesehen hat, wie ihm das Pferd für
fer Rehhaar, welche angeblich im Gedanken an den Studen­ Ausflüge nach Königsberg verweigert wurde. Dies ist zunächst
ten Pätus mit dem Studenten Bollwerk schlief. Zu zeigen wäre die Lösung eines Problems; dann erst kommen die Scl1atten
hier, in einer leichten und komischen Art, die eigentümliche kommender Schwierigkeiten und die Skrupel. Die Szene ist
Form der Selbstentmannung der deutschen Intellektuellen für den Darsteller des Läuffer schwierig. Er 'darf nirgends
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1232 Anmerkungen z u Stücken u n d Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 1233

grob werden, lediglich mit seinen Gedanken woanders sein. rr D i e Entdeckung


Dazu ist er körperlich entspannt, gesättigt; jedoch vergällen
dem armen Teufel die Gedanken an die möglichen schlim­ Die Gesangswut der Frau von Berg zeigt, daß die schönen
men Folgen den endlichen Sinnengenuß. Sein gelegentlicher Gefühle sich mit häßlichen durchaus vertragen - liebte doch
Zynismus (etwa in dem Satz über seine Überfütterung, in auch der Gestapometzger Heydrich seinen Bach. Häßlich sollte
dem er des Geheimen Rats >>Ihn sticht wohl der Hafer<< be­ den Vortrag weniger die Stimme als die rücksichtslose Energie
stätigt) hat etwas Hilfloses. Er ist aufgestanden und hat sich machen. Wenn die Majorin, das Largo spielend, den Major
vom Tisch Gustchens Morgenschokolade geholt. Wieder zum beschimpft, so tut sie dies, weil er von der Arbeit kommt; er
Bettrand zurückgekehrt, vertieft sich sein finsteres Grübeln. wiederum sieht die Musik als die Quelle der Liederlichkeit
Die Kluft zwischen den beiden wird mit der Minute breiter. an und fegt mit dem Krückstock die Noten vom Spinett. Die
Es kommt schnell heraus, daß beide sich lediglich benutzt wütende Wehklage der Majorin über die Schmach, die der
haben. W.'ls Gustchen angeht, so ist in der neunten Szene das Familie angetan, ist gewürzt durd1 das Wissen des Zuschauers
Thema »Liebe in Stellvertretung« ja schon vorbereitet wor­ über die Familie, in der die Mutter der Tochter den Freier
d �n. Sie i st zunächst entspannt, rekelt sich wohlig und spricht wegfischt, jedoch muß das genügen, was Komik betrifft. Die
. Rollen der Majorin und des Majors mi.issen vital besetzt wer­
leichtfertig und faul, aber wie von einer andern Welt her­
über. Sie holt sich seine Hand energisch, wie man ein Requi­ den; Europa hat durch zweihundert Jahre die abscheulime
. Vitalität ihrer Klasse kennengelernt.
Sit holt, legt sie vor sich auf den Bettrand und meditiert
darüber, sie in der Luft streichelnd, als könne schon die Berüh­
�ung ihre Illusion, es sei Fritzens, zerstören. Jedoch unter­ r2 Läuffer findet ein Asyl
hegt dem oberflächlichen Ton der ersten Sätze die sexuelle
Be�riedigtheit, und wenn sie sich mit ihrem Fritz gewidmeten Läuffers schwarze Vorahnungen haben sim erfi.i llt. Wir sehen
Juha-�onolog an Läuffer heranmacht, ist es zugleich aus Be­ ihn, gejagt wie ein Verbrecher, in einer Dorfsmule Asyl su­
unruhigung darüber, daß er sich entziehen könnte, indem chen. Hier, in der Gosse wird sich alles noch einmal wieder­
er nachdenkt. Der Aufbruch Läuffers ist hastig und würdelos holen, die Untcrdrücku � g, die Entladung seiner Potenz, die
und das nicht nur von ihm. Mit dem Vorwurf, er sei zu lang Verfolgung: nur wird der Verfolger dann er selber sein. Das
gebliebe� , :eicht sie ihm seine Weste aus dem Bett, die Zeugin Asyl wird sich in eine Rattenfalle kehren. Das Mißtrauen des
der Vereimgung. In der Szene hat Gustchen einen rührenden Schulmeistcrs Wenzeslaus geht in die Erkenntnis über, daß
Moment: wenn sie auf sein etwas mürrisches » Ich bin nicht er in dem Verfolgten, für ein Asyl zu allem Bereiten, einen
Romeo, ich bin Läuffer, wenns beliebt« sich aufrichtet, ihn billigen Sklaven gefunden hat. Er hat ihn rasch am Tisch
vorgebeugt anstarrt, als sehe sie einen fremden Mann in über den Schulheften und kann selber in seinem Lehnstuhl
ihrem Bet� , zurückfällt und schluchzt. Aber das Tragische, Feierabend machen. Der Gehetzte muß essen, arbeiten, rau­
so es heremkommt, muß doch bei Läuffer liegen : Sie darf chen, selbstgefällige Moralpauken anhören, alles gleichzeitig,
ihm immerhin die Stellvertrctcrin der anonymen Natur, er und er tut alles, mit kriecherischer Speimelleckerei. Das Aus­
muß ihr Stellvertreter eines ganz bestimmten Mannes, Frit­ beuterturn ist dabei so naiv und so eingehüllt in Moral, daß
zcns, sein. Läuffcr noch ein Jahr später den Schulmeister als seinen
·----·-·-------... -

1 2 34 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 1235

Wohltäter bezeichnet - was der Schauspieler herausbringen auch den Schal, sorglich gefaltet, hinzulegen und mit zurück­
muß. Es ist wohl nötig, seine üblen Eigenschaften, einen ab­ gewandtem Antlitz in das Wasser steigt, aber das ist schließ­
scheulichen Humor, einen Freiheitsdurst, der mit Bier und lich nur, weil sie weiß, es kann bei gutem Willen alles geord­
Fusel gestillt werden kann, seine Pedanterie, gepaart mit net und gerichtet werden in ihren Kreisen. Komischer ist der
einem Höhenflug niedriger Gedanken und so weiter, mit so­ Graf, der, sein Freierturn vergessen habend, mitgekommen
viel halbwegs Menschlichem zu vermischen, als zur Hand ist, Eindrücke für seine chronique scandaleuse zu sammeln,
liegt. Immerhin muß das Bild, zu dessen Ebenbild er die und 4er Geheime Rat, der sich, außerstande Hand anzule­
Kinder erzieht, Schrecken erwecken. gen, damit begnügt, majestätisch die Rettungsaktion zu >>or­
Bei dem Einbruch der feudalen Meute empfiehlt es sich, den ganisieren<< und Betrad1tungen allgemeiner und schicklicher
angeschossenen Läuffer möglichst lange unbetreut liegenzu­ Art anzustellen. Des Majors Tone sind vollkommen ernst,
lassen : über dem verblutenden Korpus wird über das Unrecht sowohl sein wildes Fluchen auf die Bediensteten, die ihm die
geschimpft, das er erlitten und zugefügt hat. Der Major läuft Stange nid1t sdmell genug reichen, als auch der Sermon mit
in die Kammer, nach seiner Tochter zu suchen, und fährt seiner Tochter. Ihr gestatteten wir am Schluß, in denArmen des
dann fort, auf und ab zu marschieren durch solche Aktion gerührten Vaters, ein kleines vergnügtesWippen der Füßchen.
die Suche nach ihr fortsetzend. Der Geheime Rat zeigt nichts
als Furcht vor Skandal. Die zwölfte Szene ist, dramaturgisch
14 Die Selbstentmannung
genommen, eine Schaukelszene wenn man unter der Schaukel
ein Brett versteht, das über ei�en Balken gelegt ist. Der Hof­ Es ist nötig, den ganzen vierten Akt, einen der delikatesten
meister b�tritt in dieser Szene das Brett in tiefster Bedrängnis, der dramatischen Literatur, aus dem Ganzen deutlich her­
und er W1rd emporlaufen, bis das Brett, durch sein Gewicht auszuheben und sein Poetisches zu betonen, so daß der Zu­
zum Kippen gebracht, ihn in der tiefsten Tiefe landen wird. schauer imstande ist, die Selbstverstümmelung aus der sexuel­
len Sphäre in die allgemeinere geistige zu übertragen. Wir
r3 Gustchen am Teich änderten für diesen Akt die Beleuchtungsart; die Projek­
tionen, welche sonst die Örtlichkeit angaben, weglassend, ge­
Während wir Läuffer einem unordentlichen Geschick über­ wannen wir zugleich einen sehr finsteren und ungewohnten
lassen, das noch einiges für ihn im A.rmel hat, sehen wir seine Hintergrund, jedoch beließen wir die krasse Belichtung der
B �otgeber ihre Angelegenheiten wieder in Ordnung bringen. Szene ansonsten. Außerdem umrahmten wir die drei Szenen
D1e Rettungsszene am Teich kann etwas Komik vertragen - mit Musik, dem türkischen Marsch Mozarts, auf Cembalo,
sind doch beim Unglück Bedienstete zur Hand! Jedoch, ob­ Tschinelle und pfeifende Piccoloflöten gesetzt. Im übrigen
schon wir wissen, daß bei genügend Wohlstand die Tragik waren wir besonders bedacht, im Spiel das realistische Mo­
keine gesicherte Existenz hat, wäre es doch falsch, Gustchen ment zu betonen. Ist doch der Vorgang, unübertragen, ganz
und dem Major allen Ernst zu nehmen. Freilich muß gezeigt für sich stehend, also nicht mehr bedeutend als die Zwangs­
werden, wie Gustchen auf die Retter wartet, bevor sie in den lage eines armen Teufels, sich für ein Geschlechtsleben oder
Teich watet, wie sie die Schuhe auszieht, um den Kommen­ ein Berufsleben zu entscheiden, genug charakteristisch für
den eine Spur herzurichten, ja, noch einmal umkehrt, ihnen diese Gesellschaftsordnung.
1 236 Anmerkungen z u Stücken u n d Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 1237

nunmehr eine fast hörbare Stille zu erzeugen. Umgestürzte


1 4a Möbel, verstreute Kleidungsstücke wiesen auf die Wildheit
Die Szene zeigt Läuffer in einem Albtraum. Wieder erhebt des Vorgegangenen. Am Sd1luß der Szene wurde zum ersten­
sich sein Geschlecht gegen ihn. So muß das Arrangement wohl mal am Rundhorizont der Sdmecfall sid1tbar, der durch den
Wiederholungen aus der siebenten Szene aufweisen, der Ka­ ganzen fünften Akt ging. Eine sold1e oder ähnliche Mischung
techismusstunde. Das Sich-heran-Pirsd1en an das Opfer, den realistischer und poetischer Elemente scheint uns hier durch­
Versuch, hinter es zu kommen. Die Flucht zum Fenster. Den aus nötig. Für die Darsteller schwierig ist der atemlose
taumelnden Gang von dort zur W.'lnd, als wehe ein unsicht­ sdmelle Obergang von Läuffers bangem Geständnis, er habe
barer Sturm ein ßlatt ins Verderben. Die Tatze, die er sich sid1 kastriert, zu dem Lobgesang des Schulmeisters. Dem
gibt. Publikum ist da wenig Zeit gelassen, den Unglücklichen zu
Hier noch einige Details : Wenn Lise mit dem Topf Kaffee bedauern, wenn es schon wieder eingeladen wird, ihn zu ver­
zurückkommt, klopft, hält Läuffer eben den Federkiel erho­ achten. Kaum hat die Verfolgung bei dem armen Hofmeister
ben, eine Korrektur anzubringen. Mit dem so erhobenen Fe­ ihr Ziel erreicht, als sich auch noch der Stückeschreiber auf
derkiel geht er schlafwandlerisch zur Tür, öffnet, nimmt Lise ihn stürzt! Der schnelle Übergang, nötig für den Fortgang
den Topf ab, schiebt sie weg, schließt die Tür, kehrt zuriick der Komödie, weil nur so das individuelle, medizinische Mo­
zum Tisch, stellt den Topf ab, und dann setzt er den Kiel ment vernichtet werden kann, wird gelingen, wenn der Dar­
zur Korrektur an. Lise, am Ende der Szene von ihrem Paten steller des Sdmlmeisters seine Erschütterung voll ausspielt,
hinausgezogen, macht sich von ihm frei, geht mit abgewand­ auch den natürlichen Schrecken, darauf das »Sprech Er nidit
tem Gesid1t zum Tisch zuriick und holt ihr Lämpchen. weiter, das hätt Er nidit gebraucht« nodi mit diesem Sdirek­
ken färbt und das >>Da ist Er ja ein zweiter Origenes<< im
Ton einer Entdeckung bringt.
Eine Anderung der Szene sd1lug der Sdiweizer StUckeschrei­
Liiuffer stand bei seinem Monolog vor der schwarzen Off­ ber Frisd! vor : zu beginnen mit »Das hätt Er nicht ge­
nu ? g des offenen Fensters. Im Monolog überwog das speku­ braucht<<, den Zuschauer in ahnungsvoller Ungewißheit über
lative Moment, jedoch kam der Satz >>vor dem, was sie das Geschehene zu lassen, das so großes Lob erheischt, und
geschaffen<< einem Ausbruch gleich und bei >>Soll id1 mirs aus­ erst bei der Verlesung des Briefes hinter »durch meinen gewiß
reißen, das Aug, das mich ärgert<< schien der Entschluß ge­ sd1weren Entschluß,, einzufügen »mich zu kastrieren<< .
boren zu werden. Am Sd1luß, in dem Abreißen des Rockes, Jedenfalls ist e s nötig, daß der Darsteller des Schulmeisters,
wurde die Wildheit sichtbar, welche die Konterrevolution wie der Schauspieler Maurer es tat, so realistisch wie möglich
immer zeigt. bleibt. Er sprach »Wie, es gereut Ihn?<< mit der milden Un­
gläubigkeit eines, der einen Helden im Augenblick einer
Schwäche sieht und ihn lächelnd in Ordnung bringt. Aber am
I 4C Ende der Szene übertat er den herzlid! aufmunternden, opti­
Für diese Szene schufen wir völlige Stille der Nachtsturm
� mistischen Ton ein wenig, als sei auch er, privatim, nicht ganz
der vorausgegangenen Szenen diente nur dieser Möglichkeit, frei von schwachen Zweifeln.
r 23 8 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen A nmerkungen zu Stücken und Aufführungen 1 239

I 5 Ende einer italienischen Reise I 7 Lise bekommt Läuffer


Wir haben nun alles für den Schluß bereit. Das Außer­ Zuletzt der schwierigste der Schlüsse; der für Läuffer. Die
gewöhnliche wird als solches erkannt und das Gewöhnliche Szene ist auf den Sonntagmorgen gelegt und hat viel Fest­
tritt in seine >>Rechte<< . Die Opfer sind gebracht; was übrig­ liches. Lise legt ein blühweißes Tischtuch auf, und die zwei
geblieben, kann unter die Haube gebracht werden. Männer beschäftigen sid1 mit einem würdigen Thema, der
Da nunmehr alles offen sein kann, verwandeln wir die Bühne Predigt. Läuffer sitzt und spricht mit neuer Autorität, auch
in diesem letzten Akt, ohne die Gardine zu schließen, gegen der dazu gehörigen falschen Bescheidenheit. Jedoch ist seine
einen Himmel, immer noch erfüllt von sanftem Sdmeefall. Kraft von ihm genommen. Den Vorwurf des Schulmeisters,
Der Philosoph, einen bescheidenen kleinen Bauch klopfend, daß sich der alte Adam in ihm anscheinend immer noch rege,
berichtet verschmitzt von seinem Verrat: das erste Paar ist nimmt er bloß unlustig auf, Lises Bereitschaft, ihn zu ehe­

'
gebildet. Fritz von Berg ist noch unruhig. Mit weiten Schrit­ lichen, ohne besonderes Erstaunen.
ten den Raum durchmessend, beschreibt er eine Italienreise,
deren künstlerische Erlebnisse mehr und mehr durch anstei­
gende Besorgnis um sein Gustchen zu Hause getrübt werden. über das Poetische und Artistische
Wenn Pätus den Brief von zu Hause verliest, den Fritz nicht
\
zu öffnen wagte, sinkt er ohnmäch tig neben dem Ofen zu Für einige Zeit wird über das Poetische in den Stücken und
Boden. Pätus läuft nach kaltem Wasser. Zurück in seinem das Artistisch e bei ihrer Aufführung zu reden sein, nachdem ,
Lehnstuhl, gibt er seine >>realisti sche<< Meinun g über die Weiber dies in der jüngsten Vergangenheit nicht besonders .dringend
zum besten. Die eintretende Karolin e Pätus weiß kein Unglück, schien. Es schien nicht dringend, ja abseits führend, mcht etwa,
'das nicht durch eine schöne Tasse Kaffee in Vergessenheit ge­ weil das poetische Element genügend entwickelt und wah�­
bracht werden könnte. Fritz verläßt taumelnd en Schrittes die genommen gewesen wäre, sondern weil in seinem Namen mtt
Ruine eines Freundes, um zum Grab der Geliebten zu eilen. der Wirklichkeit Schindluder getrieben wurde, glaubte man
doch, dort Poesie zu finden, wo die Wirklichkeit zu kurz
I 6 Verlob ung bei Schneefall gekommen war. Die Lüge trat als Erfindung auf, die Un­
genauigkeit als Großzügigke it, die Unterwürfigkeit unter eine
Die Eröffnung der zweiten Schlußszene zerstreut geschv1ind herrschende Form als Kennerin der Form und so weiter. Es
die Befürchtungen, welche das Publikum am Ende der ersten war notwendig, die Abbildungen der Wirklichkeit in der
zusammen mit Fritz von Berg gehegt haben mag. Das von Kunst auf ihre Wirklichkeitstreue hin zu prüfen und die
Bergsehe Haus ist tragödiensicher. Nur zu einer einzigen Absichten zu untersuchen, welche die Künstler mit der Wirk­
Konfrontierung mit den störenden Geschehnissen des Stücks lichkeit hatten. So kam es, daß wir von einer Wahrheit als
kommt es: wenn der junge Liebhaber, nachdem er geistig die unterschieden von Poesie zu sprechen hatten. Neuerdings
Untreue der Geliebten sd10n verwunden hat, an die Wiege untersuchen wir Kunstwerke oft überhaupt nicht mehr nach
'geführt wird und das Resultat in Fleisch und Blut sieht. Er ihrer poetischen (künstlerischen) Seite hin und begnügen uns
zögert einige Sekunden. auch schon mit Werken, die keinerlei poetischen Reiz mehr
r 240 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen I 24 I

haben, sowie Aufführungen, die keinerlei artistischen Reiz


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mehr haben. Werke und Aufführungen solcher Art mögen
nun ihre Wirkungen haben, aber es können kaum tiefe sein, D ie Wahrnehm ung, daß Menschen unter der Wirkung der
auch nicht in politischer Richtung. Es ist nämlich eine Eigen­ Poesie zusammengebracht werden, ist selber poetisch. Die
tümlichkeit der theatralischen Mittel, daß sie Erkenntnisse Verfiihrun g, die von der Lcktiire eines Liebesgedichts ausgeht,
und Impulse in Form von Genüssen vermitteln; die Tiefe wird in Dantcs >>Inferno<< im fiinfl:cn Gesang meisterhaft be­
der Erkenntnis und des Impulses entspricht der Tiefe des schrieben. Etwas von dieser Poesie, leicht verfremdet durch
Genusses. sdlwachc Komik, sollte das Klopstocklesen der Liebenden ha­
Im Nachfolgenden sind einige artistische Momente in der ben. Ein anderes Moment ist die Korrespondenz der Stellun g
Aufführung des >>Hofmeisters<< vcrzcidmct, welche mit poeti­ des Liebespaares zu Beginn der Szene mit der am Ende: sie
schen Momenten des Stücks zusammengehen. Daß die letzteren stehen bcide Male im Profil, im gleicilen artigen Abstan d, nur
mit sozialen Momenten zusammengehen, soll hier vermerkt daß der strenge Vater am Ende dazwischen sitzt; er hat
sein, jedoch niemanden davon abhalten, bei den poetischen den Abstand wiederhergestellt. Man kann fragen, ob denn
und artistischen etwas zu verweilen. derlei Subtilitäten dem Publikum auffallen , jedoch ist diese
Frage unwiirdig. Subtil ist auch, daß die Aufmerksamkei t
des Zuschaucrs auf Gustchcns Bett gelenkt wird, wenn der
junge Liebhaber sie dorthin fiihrt, sie ihre Treue schwören
Die vier Scharrfüße, welche Läuffcr vollfiihrt, den ersten zu lassen - wir werden sie mit dem Hofmeister drin liegen
beim Ansidnigwerdcn des Briidcrpaars, die beiden hastigen sehen. Beim ersten Sehen des Stiicks mag lediglich die Wir­
Zwillingsscharrfüße beim Voriibcrgchcn, den letzten im Rük­ kung entstehen, daß nur der Gedanke an mögliche Untre�e
kcn der Brüder, gewürzt durch die Verwünschung, sind, die Annäherung an das Bett bringt, aber die spätere, dle
exakt exekutiert, eine artistische Prozedur, die Läuffcrs Un­ zehnte Szene, wird eine erhöhte Wirkung haben, und beim
tcrwiirfigkcit, tänzerische Ausbildung und Verhungertheit, zweiten Sehen des Stiicks wird auch die friiherc an Bedeutung
nicht zu vergessen etwas Ungelenkes bei ihm in Maß und gewinnen - und man muß immer mit dem zweiten Sehen
Rhythmus bringen. Poetisch ist es, die Szene vor die Garten­ rechnen.
tür der geheimrätlichen Stadtwohnung zu verlegen, wodurch
man den Zuschauer anregt, den Friihschoppcn der Brüder,
ihre festbegründeten Gewohnheiten und ihren Wohlstand ge­ 3
wahr zu werden. Derlei wäre beim Shakespeare vielleicht ein In dieser Szene hatten wir eine Lichtwirkung, die man poe­
Zuviel, ist es aber nicht bei dem intimen, kleinmalenden Sit­ tisch nennen kann. Im allgemeinen arbeiten wir nid1t mit
tenstUck des Lenz. Dabei geht das Bühnenbild nid1t auf Il­ Lichtwirkungen, sondern benutzen volles Licht. Jedoch ge­
lusion aus; schon die Hintergrundprojektion eines kolorier­ statteten diesmal die Projektionen die volle Benutzung der
ten Stahlstichs im Geschmack der Zeit - ebenfalls etwas Beleuchtungsanlage nicht und eine eigentümliche Wahrneh­
Poetisches - wirkt der Illusion entgegen. mung brachte uns dazu, die Wände hinten besonders schwach
zu beleuchten . Der Darsteller des Lcopold machte das
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1 24 2 Anmerkungen z u Stücken u n d Aufführungen A nmerkungen zu Stücken und Aufführungen 1 24 3

Fliegenfangen so gut und komisch, daß die Aufmerksamkeit für


das gleichzeitige Examen Läuffers dadurch leiden mußte. Wir
hatten nicht das Herz, dem jugendlichen Darsteller Mäßi­ E s ist ein poetisches Moment, daß Läuffer, dem in seiner
gung aufzuerlegen, so mußten wir wenigstens das Licht ein­ Isoliertheit Gustchen als Schülerin aufgehalst wird, zunächst
ziehen. Ein poetischer Gewinn daraus war es dann, daß im für den zusätzlichen Unterricht die Erlaubnis einhandelt, ein
weiteren Verlauf der Szene nur die Standespersonen (Majorin P ferd für »Studienreisen« nach Königsberg benutzen zu
und Graf) ganz plastisch heraustraten, Leopold und die Magd dürfen. Dieser Handel zeigt seine erste, unschuldige Einstel­
lediglich den Hintergrund bildeten und Läuffer nur bei sei­ lung zu Gustchen, zugleich aber auch seine Hungerlage.
nem faux pas ins volle Licht kam und darauf wieder ins
Halbdunkel zurückgestoßen wurde. - Ein artistisches Mo­
6
ment, die kleine Pantomime des Stellungswechsels (Majorin,
Graf, Magd) nach dem Hinauswurf des Hofmeisters, wo­ D ie D arstellung des freiheitlichen Zugs, herrschend in den
durch das Untersichsein der Standespersonen arrangiert Universitätsstädten der Zeit, darf nicht darunter leiden, daß
wurde, ist in den Notizen' beschrieben. Natürlich war auch die Freiheit als eine recht begrenzte gezeigt wird. Selbst die
das Examen Läuffers, der mit Angsts�hweiß auf der Stirn Zotenreißerei Bollwerks hat eher den Charakter des >>Sich­
Grazie zeigen muß, sorgfältig als eine artistische >>Nummer« grenzenlos�Erdreustens«. Es darf da nicht nur der Scheffel,
ausgeführt. es muß auch das Licht gezeigt werden. Die Kostüme, mit dem
Schwarz der Hosen und dem Leinenweiß der Hemden, waren
4 besonders schön, und die Bewegungen und Gänge hatten
Schwung und Größe. Jedoch war nicht die Darstellung der Stu­
Die vierte Szene zeigt Läuffer in seiner Isoliertheit, die ihm denten romantisch, sondern es war ihre Romantik dargestellt.
ein normales Liebesleben unmöglich macht. Er ist der >>Hahn
im Korb<<, der als »Hecht im Karpfenteich<< behandelt wird.
Er zeigt groß seine Künste, die waghalsig sten Sprünge voll­ 7
führend. (Natürlich darf Läuffer dabei keinesfalls als eitel Die Flamme der sechsten Szene schlug mit dem einstigen Stu­
gezeigt werden ! Er ist viel zu sehr damit beschäftigt, auf die denten Läuffer noch in die siebente hinein. Läuffer hat sich
Mädchen zu wirken, als daß er es sich gestatten könnte, sich freilich bis zu seinem Ausbruch eisern in der Hand. Sein
an seiner Wirkung selbst zu berauschen.) Die Plumpheit seines Schicksal steht fest, wenn das Publikum die neue Schülerin
Zöglings, den er auf dem Hals hat bringt ihn zu Fall und lächelnd dasitzen sieht. Seine Spindelbewegung, mit der er

dies vervollständigt seinen Mißerf;lg, an dem er völli un­ sich einmal fängt, von Gustchen mit einem »So tiefsinnig wa­
schuldig ist. - Für die Mädchenschar wurde eigens eine junge ren Sie ja noch nie<< quittiert, erinnert an die Eislauffiguren
Schauspielerin hinzuengagiert, welche kichern konnte. In der der vierten Szene. Sie ist eine poetische Erfindung von Rang.
Tat zeigte dieses Kichern alleine schon die sexuelle Geweckt­ So auch die Verwendung des Schulmeisterlineals, wenn er sich
heit und Gehemmtheit der Mädchen. daran wie an einem Kreuzbalken fixiert, es in die Achsel­
1 [Siehe S. 1 2 2 4 f.] höhlen klemmend, und wenn er sich selbst Tatzen gibt, sich
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r 2 44 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 1 24 5

fü r die sexuelle Gier bestrafen d. In der vierzehnten Szene öffnender Gardine herangefahren, um die Einbeziehung der
wi rd das Tatzengeben dem Zu schauer ankündigen, daß sich Geschehnisse im >> fernen Halle« sichtbar zu machen.
sein Geschlecht wieder gegen ihn erhoben hat!

IO
8
Es ist eine poetische Frage, w a s i n der Erzählung auf was fol­
Während er die Süßigkei t und Notwendigkeit der Freiheit gen soll. Wir diskutierten darüber, ob die zweite Halleszene
lobt, stutzt der Geheime R at seine Buchsbäume. - Die Dispu­ zwischen der Katechismusstunde und dem Pferdebittgang ge­
tation zwischen Pastor un d Geheimem Rat, geistige Prinzipien spielt werden soll oder zwischen dem Pferdebittgang und der
betreffend, so hindernd dem Anliegen Läuffers, verwandelt Liebesszene. Wir entschieden tms für das Letztere - und an­
sid1 in eine erregte Dispu tation zwischen dem nunmehr aller­ dere mögen anders entscheiden. Es ist schön, wenn nach der
lei ahnenden Pastor und sein e m Sohn; man sieht sie gestiku­ Verweigerung des Pferdes Läuffer unmittelbar im Bette ?ust­
lierend hinter der Gartenmauer abgehen. - Und aus dem chens gesehen wird. Aber es ist auch gut, wenn der L!Cbes­
stürmischen Verlangen Läu ffers ( dem verzweifel ten >>Ein Kö ­ szene die zweite Halleszene mit der Stellung des Problems
nigreich für ein Pferd ! « ) schließt das Publikum auf die Gefahr, (Liebe in Stellvertretung) unmittelbar vorangeht.
in der Läuffers Schülerin schwebt. (Der Geheime 'lbt indes­ Die Szene muß genug von einer echten Liebesszene haben,
sen ahnt nicht, daß er mit seiner streng moralischen Stellung­ obwohl in ihr nur der Durst Gustchens nach Fritz und der
nahme die Anverlobte seines Sohnes an den Hofmeister aus­
Durst Läuffers, der auch in Königsberg gestillt werden könnt�,
liefert.)
gestil lt werden. Die Vereinigung hat Nähe hervorgebradlt; d�e
Distanzen kommen von der Verschiedenheit der gesellschafl:h­
9 chen Stellung des Paares.

Auch die zweite Halleszen e bedarf eines gewissen Feuers, das


freilich nicht als das der Schauspieler, sondern als das der Fi­ I r

guren spürbar werden sollte. Der Gefühlsübe rschwang der Wir halten uns wieder im Reich der schönen Gefühle auf, wenn
>>Erlebnisse im Geiste«, diese katalaunischen Schlach ten, de­ die Katastrophe hereinplatzt. Die Werbung der Majori� um
ren Gefallene in den Lüften weiterkämpfen, muß komisch wir­ den Grafen Wcrmuth, diese geplante Annäherung auf Flugein
ken, aber die Verzweiflung des Pätus und der Opferwille von des Gesanges, ist ein groteskes Gegenstück zur Klopstodd� k­
Bergs dürfen nidn (etwa durch Übertreibung) unecht wirken. ti.ire der zweiten Szene. Die poetischen Entsprechungen smd
Noch darf das Paar Bollwerk-Rehhaar, etwa weil Bollwerk Tolstois >> Kreutzersonate<< und Dantes >>Inferno«-Gesang.
den Pätus betrogen hat und Jungfer Rehhaar in ihrer Be­ Das poetische Element wird vernichtet, wenn die Karika­
drängnis kokettiert, der Sympathie beraubt werden. Die tur dem Vortrag der Majorin alle Anmut nimmt. Eine ar­
Sd1wierigkeiten junger Leute haben durd1 das Moment der tistische Leistung, welche eine poetische Wirkung beabsid1tigt,
Hilflosigkeit etwas Rührendes. ist das Spielen des Largos durch die Majorin während ihres
Die beiden Halleszenen wurden auf der Drehbühne bei sich Geziinks mit dem Major. Ein ästhetischer und zugleich sozial-
/

r 246 Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 1 247

kritischer Reiz ist es, wenn der Darsteller des Majors dem Zu Beginn der Szene freilich, für einige Augenblicke, hat zu
Ausbruch des entrüsteten Vaters etwas Untiefes verleiht, den gelten, was über die Schwierigkeiten junger Leute gesagt
flachen Ausdruck gesellschaftlicher Konvention. Man muß wurde.
ahnen, er bleibt erfolglos. Den Hintergrund der Szene bildet
die schwärmerische Anbetcmg des Grafen durch die Magd. I4

Man hat auf der ziemlich nadnen Bretterbühne die Stimmung


1.2 einer schred(ens haften Station des Kalvarienberges . Das sanfte
Einige Effekte vorausgenommen : daß es dem Schulmeister ge­ Hin und Her des verwirrte n Kindes, der Kelch, der nicht vor­
lingt, den ersten Ansturm der feudalen Bande einzig und al­ übergehen will. Die Pferdeded{e über der Smulter Läuffers,
lein durch die Mad1t des Geistes zurückzuschlagen, bevor die die Kälte des Raumes andeutend, welme das Verlangen ansta­
nackte Gewalt hereinbricht und der Schuß fällt; wie das an­ fficlt, das sie nid1t töten kann. Der Lehrer gibt sich wiede r
fängliche Mißtrauen des Schulmeisters, einem Missetäter ge­ Tatzen. Dann wird der Verführte zum Vergewaltiger. - Der
genüberzustehen, sich in Vertrauen auf einen Knecht verwan­ Vergewaltiger wird zum Rächer. Der Monolog ist noffi äuß:r­
delt, brauchbar, weil er eine Missetat verübt hat so daß er ste Auflehnung, die Tat, in die er mündet, ist ein blindes Nie­
-
ein Asyl braucht; wie Läuffer die Beschwe rde daß man ihm derwerfen jeder Auflehn ung, die Tat, alle Taten zu enden:
sein Opfer aufzwang, an sein nächstes Opfer ri�tet. Scl1wä ffie und ihre Seh g­
Der graue Morge n bringt völlig e
Es ist wohl auch erlaubt, daß der Zuschau er mit einigem Ver­ preisung.
gn� gen des Baus dieser Schaukelszene gewahr wird, die beide
Te1le des Stücks verbindet. Läuffer, ausgestoß en aus der feu­
dalen Welt, flüchtet in die kleinbür gerliche. Er wechselt den Zwischenspiel
Tyrannen, das Examen wiederholt sim und ebenso der Fehl­ Das offene Kreisen der Drehbühne, welffies die diversen
tritt - h �t er dort eine Meinung über Kunst geäußert, wirft
. Sffiauplätze heranträgt, um den bisherigen Stand �er Din?e
er hJCr d1e Frage nach dem Lohn auf. Sein Beruf wird noch festzuhalten und durm ein Jahr hin weiterzuentWickeln, ISt
niedriger sein, seine Berufung bedeutend ehrenhafter. ein Kunstgriff, der es ermöglid1t, auch die drei Schlüss: des
Sti.id(s zusammenzufassen, indem dann die Bühne w1eder
kreist, diesmal mit voll ausgespielten Szenen.
I3

Das verworrene Geläut der Sturmglocken vom Dorf herüber


I5
zeigt d �m Zuschauer an, daß die Suchaktion schon begonnen
hat. W1r erfahren schnell, daß sie Erfolg haben wird. - Wäh­ Der Philosoph ist nicht auf dem Parnaß, sondern am wärmen­
rend nach dem Mädchen gefischt wird, ergehen sich Geheimer den Ofen angelangt; für ihn der dünne Rotwein, nicht der
Rat und Graf in tiefsinnigen Reflexionen. Der Geheime Rat Sffiierlingstrank. Aber dies spielt siffi freilich auf dem Markt
legt sich einen Trost zurecht für den Todesfall; der Graf, der der Dutzendware ab, die persönlich im Tragischen nichts ver­
nicht schwimmen kann, wäscht sich die Hände in Unschuld. - loren hat - der Anblick wird um so betrüblicher. Pätus'
I 248 Anmerkungen z u Stücken u n d Aufführungen Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 1 249

Traumwelt mag komisch sein, seine Erkenntnis der Wirklich­ an Hans im Glüd,, Und es kann mehr getan werden, die Be­
keit ist jämmerlich. Es ist dabei so fraglich wie gleichgültig, ruhigung herbeizuführen. Man soll das ganze Bild schön ma­
ob er die Peitsche vergessen wird, wenn er zu des Rektors chen. Das Schwarz der Kleidung der Männer wie Lises und
Tochter geht; nicht vergißt er, den Kant zu verstecken. - das Weiß des Tischtuchs erwirkte den Anschein der Reinheit,
Fritzcns leise Enttäuschung, eingebettet in seine andcrn Sor­ und die Gruppierung am Tisch war in der Aufführung dem
gen, ist ein springender Punkt dieser Rolle. Ein weiteres poe­ Auge wohlgefällig.
tisches Moment ist es, daß die Erzählung vom Abbruch der
italienischen Reise, der klassischen Bildungsaktion der Zeit,
ihren Fluchtcharakter enthüllt. - Und Anblick wie Rede Karo­ Das aufsässige Menuett
lincns sollten den Gedanken nahelcgen, daß es besser sein mag,
von einer Jungfer Rehhaar betrogen, als von einer Karoline Die Majorin von Berg unterzieht den Kandidaten Läuffer
geheiratet zu werden. einer Prüfung auf seine Eignung als Hofmeister ihres Sohnes
Lcopold. Die Majorin sitzt am Spinett, Lcopold fängt im Hin­
x6 tergrund an der Täfelung F liegen, Läuffer links vorn an der
Rampe stehend, quittiert die schnell heruntergeleierten For­
Die Eröffnung dieser Szene, die kleine Familie nfeier mit der derungen, welche die Majorin anscheinend schon an eine Le­
kurzen Rede des Geheim en Rats über den Schnee, fällt leicht gion von Hofmeistern gerichtet hat, mit gierigen Bücklinge� .
der Gcneigthcit zum Opfer, den drei Schluß
szen en (drei Er behauptet etwas heiser, daß er "über fünf<< Tanzlehrer 1?
Schl üssen) ein lebhaftes Auskehrtempo zu verlei hen. Man ver­ seinem Leben gehabt hat. D ie Majorin verlangt ein Kompli­
löre damit ein poetisches Momen t. Hier wird die Schönh eit ment aus der Menuette. Sie beginnt sofort auf die zar�en
(Reinhe it) des Sehnces gepriesen , der am Ende der vierzeh nten Tasten einzuschlagen. Läuffcr ist nid1t bereit, einen Augenbl�ck.
Szene, im Morge ngraue n nach dem Entma nnu ngsakt des Hof­ scheint es, er könne überhaupt nicht tanzen, aber dann Wlrd
meister s, eine grausig e Bedeutung hatte. folgeri chtig schließt klar, es ist die Verwirrung, er benötigt nur einige Sekunde� ,
sich die Verhöh nung des Selbstverstüm mlers -mit dem gewal seine Gedanken zu sammeln. In sehr gerader Haltung, dlC
­
tigen Gelächter über seinen Bittbrie f an. - Die Erziihl ung der Fäuste in die Hiifl:en gestützt, vollführt er einige vo�lendete
Magd und die Rede fritz von Bergs sind als Bravou rstücke Schritte an der Rampe entlang, die Beine sehr hoch hebend
zu bringen ; beide Personen geben sich begeist e rt der wohl­ und den Raum, der ihm für die choreographische Figur zur
gelitt enen Innig keit hin. Verfügung steht, sorglid1 einteilend. Sein Kopf erscheint etwas
verdreht, auf die Schulter geschraubt. Er geht wie zwischen
17
Eiern, jedoch hat seine Schulterhaltung etwas Herausfordern­
des, er schreitet sozusagen wie ein gebändigter Tiger, mit einer
Der kleine Bauch des Entmann ten ist natürl ich eine poetische wilden Grazie. In Rampenmitte vollzieht er eine Wendung
Lizenz. Zusammen mit den roten Bäck chen ist es eine Ram­ und arrangiert, der Majorin zugewendet, ein Kompliment von
ponierun g der Figur nach dem Behiibigen hin. Dazu hat man einem Umfang der Planung, als habe er dafür ein ganzes
den Miirchenton in den Antworten de� <•uten Lise ' erinnernd Ballett zur Verfügung. Die Majorin scheint befriedigt. (»Nun,
t>
Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen I 25 I
1 2 50 Anmerkungen z u Stücken u n d Aufführungen

das wird sdwn gehen. « ) Der junge Herr, vor dessen Augen des »Reviso r«, des >>Candi de<< zeigen, darauf, dem Typus,
das Examen veranstaltet wird, wendet sich gelangweilt wie­ den sie verspottet, einen exemplarischen Typus entgegenzu­
der dem Fliegenfang zu. Läuffer zieht sein Tasd1entuch und stellen; in dem Hohlsp iegel, den sie aufstellt, um das zu Be­
trocknet sich die Stirn vom Angstschweiß : wie er annimmt, kämpfende übertr eibend herauszuarbeiten, würden positive
überm Berg. Aber die Majorin zeigt nod1 Durst nad1 Angst­ Typen nicht der Verzer rung entgehen. Im »Hofmeis,ter � ist
schweiß . >>Auch einen Pas, wenn's beliebt ! << Mit verzerrtem das Positive der bittere Zorn auf einen menschenunwürdigen
Gesicht, man sieht es, da Gaugier das Gesicht zurückdreht, Zustand unberechtigter Privile gien und smiefer Denkweisen.
vollzieht Läuffer auch noch einen Pas. Danach steht er aller­
dings in völliger Erschöpfung. Die Majorin jedoch, angeregt,
spielt ihm gnädig ein Menuett vor, das Spinett sozusagen die
Faust fühlen lassend. Läuffer, nach kurzer Selbstüberwin­
dung, geht mit weiten federnden Schritten, sich unaufhörlich
den Schweiß vom Gesicht wischend, zum Spinett hinter, wo
er einen tiefen, tierischen Laut des Entzückens ausstößt und
sich gierig über die fleischige Hand der Majorin beugt. Die
s�e? e erhält ihre Bedeutung durch Gauglers Kunst, die auf­
.

saSS!ge, brutale Vitalität des niedriggeborenen Läuffers in den


Schnürstiefel der feudalen Etikette geschnürt aufzuzeigen.
Der Keim der Tragikomödie ist nun angedeutet.

Ist >>Der Hofmeister« ein >>negatives Stück« ?

Von einigen ist gegen die Aufführung oder Bearbeitung des


>> Hofmeister« eingewendet worden, es sei ein negatives Stück.
Das Berliner Ensemble vertrat die Meinung, daß das Stück,
enthaltend drei Ponr:its von Schulmeistern (Geheimer Rat,
Wenzeslaus, Läuffer) und drei von Studenten, die Sdmlmeistcr
werden wollen (von Berg, Pätus, Bollwerk), aus der Zeit, wo
das deutsche Biirgertum sein Unterridnssystem errichtete, ein
anregendes satirisd1es Bild dieses· Teils der deutswen Misere
gibt. Die Aufführung konnte durchaus als ein Beitrag zu der
großen Erziehungsreform gelten, die eben jetzt in der Repu­
blik durmgeführt wird. Die Satire verzidnet im al lgemeinen,
wie es Werke von der Art des >>Tartuffe<< , des >> Don Quiclwte<< ,
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Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen r253

Ztt » Coriolan« von Shakespeare was den Helden betrifft, ist die Gesellschaft an einem andern
Aspekt interessiert, der sie unmittelbar angeht, nämlich dem
Glauben des Helden an seine Unersetzlichkeit. Diesem Glau­
ben kann sie sich nicht beugen, ohne den Untergang zu ris­
Die Kunst, Shakespeare zu lesen kieren. Das setzt sie in unabdingbaren Gegensatz zu diesem
Helden, und die Art des Spiels muß ihr das gestatten, ja muß
Ich kann mir vorstellen, daß viele, wenn sie hören, daß es das erzwingen.
eine Kunst sei, Shakespeare zu lesen, ärgerlich werden. Soll
da etwa eine Schranke aufgebaut werden ? Soll es heißen: Weg
da, ihr, erdreistet euch nicht, euch diesem Genius zu nähern! Anmerkungen
Gibt es da einen Tempel der Kunst, in den man nur hinein­
Nur das Studium der Einheit der \Vtderspriiche gestattet es
darf, wenn man die Schuhe auszieht? Muß man erst dicke
etwa, die erste Szene des » Coriolan<< richtig zu arrangieren,
Bücher wälzen, Unterrichtsstunden nehmen, eine Prüfung ab­
und sie ist die Grundlage des ganzen Sti.id<s ! Wie anders soll
legen? Wie kann es schwierig sein, Theaterstücke zu lesen, die
der Spielleiter darau f kommen, den Unterschied zwischen dem
zu den schönsten der Weltliteratur gehören ?
falschen ideologischen Versuch des Menenius Agrippa, eine
Ich meine es natürlich nicht so. Aber wenn mir jemand sagt:
Einheit aus Patriziern und Plebejern herzustellen und �er
:'Um Shakespeare zu lesen, braucht es gar nichts<<, so kann wirklichen Herstellung dieser Einheit durch den Krieg deuthdr
Ich nur sagen : »Probier es ! << zu machen?

Das Vergnügen am Helden Ich glaube nicht, daß die neue Fragestellung Shakespeare
davon abgehalten hätte, einen »Coriolan<< zu schreiben.
�:s das ,"cr�nügen am Helden und das Tragische betrifft, Ich glaube, er hätte ungefähr in der Weise, wie wir es taten,
ImJSSen Wir die bloße Einfühlung in den Helden Mareins hin­ dem Geist der Zeit Redmung getragen, vermutlich mit weni­
ter uns bri gen, um zu einem reicheren Vergnügen zu gelan­ ger Überzeugung, aber mit mehr Talent.
. �.
gen ; Wir mussen zumindest imstand sein, außer der Tragödie
.
des Conolan auch die Tragödie Roms, insbesondere der
Plebs zu »erleben<<, Fragen [zum ersten Auftritt]
Es ist nicht nötig - und bei dem Genie des Shakespeare nicht
möglich -, die » Tragödie des Stolzes<< außer acht zu lassen Wie zeigt man das Auftreten der Plebejer als bedrohlich?
oder auch nur abzustumpfen. Es mag dabei bleiben, daß es Sie mögen in Lumpen gehen, aber müssen sie deshalb lumpig
sich für den Coriolan lohnt, seinen Stolz so maßlos auszule­ gehen? Ihre Bewaffnung ist vermutlich improvisiert, jedoch
ben, daß Tod und Untergang da nicht » ins Gewicht fallen<<, können sie gute Improvisatoren sein. Sie sind es, die aud1 die
Aber schließlich bezahlt die Gesellschaft, bezahlt Rom mit ; es Waffen des Heers herstellen ! Sie können Bajonette verfertigt
kommt ebenfalls in die Nähe des Untergangs dadurch. Und haben, Schtichtcrmesser auf eichenen Besenstielen, Hiebwaffen
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1 254 Anmerkungen z u Stücken und Aufführungen

aus Herdzangen und so weiter und so weiter. Hier kann Erfin­ Zu » Der Prozeß der ]eanne d'Arc zu Rotten 1 4J 1 <<
dung Respekt hervorrufen. (Die Fabel verlangt, daß sie den
von Anna Seghers
Krieg des Coriolan und den Krieg gegen Coriolan werden
gewinnen müssen.)
Ist der Erste Bürger der inzwischen vom Senat zum Tribunen Dialektische Momente in Bearbeitung und Auffüh­
ernannte Sicinus? rung von » Prozeß der J eanne d' Are zu Rouen I 4 3 I «
Er könnte seine Ernennung aus dem Mund des Marcius er­
fahren . . . (B) Interessengemeinschaft von Besatzungsmacht und kollabo­
rierendem Klerus: Johanna zu vernichten. Interessengegensatz:
W'ie zeigt man die Agrippa-Rede als wirkrmgslos-wirklmgs­ die Engländer wünschen Johanna als Aufrührerin, die Kle­
voll? riker, sie als Ketzerin zu vernichten.
Unbemerkt von Agrippa könnte Coriolanus mit seinen Be­
waffneten schon gegen den Schluß der Rede zu auftreten. Die (A) Wenn Johanna die Verjagung der Engländer fordert,
Plebejer würden dann, die Bewaffneten sehend, Zeichen von senken die geistlichen Richter betreten die Köpfe. Sie wissen,
Unschlüssigkeit zeigen. Die plötzliche Aggressivität des was sie tun.
Agrippa am Ende würde verstehbar wenn auch er nun den
Marci us erblickte. '
(A) In der zweiten Szene (Eröffnung des Prozesses) kä� p �en
Wze ist das Verhciltnis Marcius - Senat? die Kleriker alle gegen Johanna, aber sie kämpfen auch mttem­
Die Patrizier schmeicheln dem Marcius ( •• Was Ihr vorausgesagt, ander, wer die Ehre haben soll, den Kampf zu gewinnen. Sie
geschah: Die Volsker sind im Anmarsch<< ). Marcius unter­ schneiden einander das Wort ab; einer liest im Protokoll ver­
drückt seinen Unmut über das Zugeständ nis des Tribunats, achtungsvoll, wenn der andere das Verhör führt; Manchon,
eifrig, ein Kommando im Krieg zu bekommen. M arcius wird der auf seinen Sessel zuri.ickgejagt wurde, weil er durch eine
allerdings unter die Führung des Cominius gestellt, und er törichte frage Johanna das Stichwort für einen Angriff ge­
scheint die