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Eine Anzeige und ihre Geschichte

»Wenn mir einer auch nur 10 000 Euro bieten würde«, sagt er, »stiegen mir Tränen der Rührung in die Augen.« Bei der Suche nach einem Nachfolger hat sich Theis an die Kassenärztliche Vereinigung Rheinland-Pfalz gewandt, doch dort habe man nur »stumm abgewinkt«. Bei der Landarzt- börse, wo Ärzte aus ganz Deutschland ihre Praxis offerieren können, hieß es, er müsse damit rechnen, »zwischen zehn Jahre und ewig« zu warten, bis sich ein Interessent melde. Günter Theis hat Assistenzärzte in seiner Praxis ausgebil- det mit der Aussicht, dass einer vielleicht in seine Fußstapfen treten wird. Keiner will. Er verhandelte mit einem Kranken- haus in der Nähe, seine Praxis sollte Partner der Klinik wer- den; als Außenstelle eines medizinischen Versorgungszen- trums wäre sie attraktiver. Theis hatte ein Gespräch mit der Verwaltung des Krankenhauses, dann brach der Kontakt ab. Im deutschen Gesundheitssystem gehört Theis zu einer aussterbenden Art. Noch nie gab es mehr Ärzte als heute, aber in zwölf Jahren werden wohl gut 10500 Hausärzte fehlen. Theis sagt: »Ich erkenne beim Nachwuchs eine Geringschät- zung des Generalisten gegenüber dem Spezialisten.« Jeder wolle am liebsten Chirurg werden, weil Chirurgen als Halbgötter gälten, dabei sei der Hausarzt, das meint Theis, der wahre Wunderheiler: Psychotherapeut, Orthopäde und Internist in einer Person. Ein echter Hausarzt habe auch keinen Feierabend, wenn er nach Hause gehe, sagt Theis, »und das verträgt sich nicht mit der Work-Life- Balance der jungen Leute von heute«. Der Nachwuchs macht es sich für Theis zu bequem. Er ist sich sicher, die jungen Ärzte wollten geregelte Ar- beitszeiten, ein festes Gehalt, wollten sich keine Gedanken machen um das Medikamentenbudget, die Behand- lungspauschale, das Kassenhonorar. »In der Klinik sagt der Chef dem jun- gen Arzt, was er zu tun und zu lassen hat«, so gefalle es den Neuen. Ein Hausarzt wie Theis müsse sich trauen, Verantwortung zu überneh- men. Er müsse mit Regressforderun- gen rechnen und sich möglicherweise vor dem Sozialrichter verantworten. »Den bürokratischen Kram will sich kaum noch einer antun«, sagt Theis. Schuld an alldem habe die Politik,

denkt er. Mit Ausnahme von Hermann Gröhe seien alle Gesundheitsminister, die er erlebt habe, »eine Katastrophe«

gewesen. Theis wünscht sich einen Me- diziner als Minister, also einen richtigen Arzt, keinen »Keller- professor« wie Karl Lauterbach oder einen halb ausgebildeten Augenarzt wie Philipp Rösler, sondern einen, der die Probleme

der Hausärzte kenne. Er sagt, er sei mit seinem Lebenswerk zufrieden, sei dankbar für die »ungeheure Breite an Erfah- rung«, die er gemacht habe, aber wenn er noch mal anfangen könnte, würde er an die Universität gehen, als Forscher. Bisher hat sich genau ein Mensch auf die Anzeige gemeldet, ein Investor aus Görlitz. Aber das ist auch schon wieder acht Wochen her. »Eigentlich bin ich ja Optimist, aber ich denke nicht, dass ich von dem je wieder was höre«, sagt Theis. Die Homepage seiner Praxis hat er schon abgeschaltet. Den Schreibtisch soll sein Sohn bekommen. Das restliche In- ventar, die Schränke, die Liegen und das Schulskelett, will er auf dem Flohmarkt verkaufen. Einige Patienten haben Theis gefragt, ob sie eines der Gemälde haben könnten, die an den Wänden hängen, bald, wenn er geht. Maik Großekathöfer

Schleuderware

Warum ein Arzt aus Pirmasens seine Praxis verschenken will

s war Anfang des Jahres, als Dr. med. Günter Theis klar wurde, dass auch er »nur ein biologisches System«

ist und besser in den Ruhestand treten sollte. Im Sep- tember wird er 70, vor fünf Jahren hatte er einen schweren Unfall, und im Winter geriet sein Herz aus dem Takt, Theis hatte Vorhofflimmern. »Zwölf Stunden im Stuhl sitzen und arbeiten, das kriege ich noch hin«, sagt er. »Aber im Notfall an die Tür rennen, weil ich jemanden reanimieren muss – da wird’s eng.« In 66 953 Pirmasens, Volksgartenstraße 23, macht Doktor Theis deshalb zum 31. Dezember Schluss. Für seine Praxis sucht er nun einen Nachfolger.

Im April hat Theis seine Praxis bundesweit inseriert, er hat eine Anzeige aufgegeben im »Ärzteblatt Thüringen«, im Jour- nal der Ärztekammer von Berlin, von Hessen, Sachsen-An- halt, Mecklenburg-Vorpommern, dem Saarland. Die Anzeigen haben ihn ei- nen mittleren vierstelligen Betrag ge- kostet. Der Text lautet: »Praxis zu ver- schenken! Tadelloser Umsatz! Kein Nacht- oder Notdienst!«. Er nennt eine E-Mail-Adresse, an die ihm Interessen- ten schreiben sollen: deindok@web.de. Günter Theis, ein Mann mit Brille und Dreitagebart, ist ein klassischer Hausarzt, er therapiert Reizhusten, Er- kältungen und Magen-Darm-Infekte. Die Leute kommen zu ihm »mit ihren Wehwehchen und privaten Problem- chen«, sagt er. Seine Patienten, mit de- nen er sich gern im pfälzischen Dialekt unterhält, seien »wie eine zweite Fa- milie« für ihn. Seine Praxis liegt in ei- ner ehemaligen Polizeistation, Baujahr 1913, Stuckdecken, drei Behandlungs- zimmer, gut 250 Quadratmeter, vier Arzthelferinnen, Sprechzeiten: Mo. bis

Fr. von 8 bis 11.30 und 15 bis 18 Uhr,

außer mittwochnachmittags. Auf seinem Schreibtisch stehen Fotos der beiden Enkel. Er hatte Medizin in Homburg studiert, war Stabsarzt bei der Bundeswehr gewesen und hatte neun Jahre lang in einer Klinik gearbeitet, bevor er sich den Traum von der Selbstständigkeit erfüllte: Rund 150000 Mark Ablöse zahlte Theis an seinen Vorgänger, als er sich 1981 in Pirmasens niederließ. Schon da- mals hatte er den Plan, mit dem Weiterverkauf der Praxis spä- ter einmal die Rente aufzubessern. Ein todsicheres Ding, dach- te Theis. Er konnte sich nicht vorstellen, dass seine Praxis mal zur Schleuderware werden würde. Die Geräte und Möbel, die er anbietet, sind nicht viel wert, in der Beziehung gebe es in der Praxis »einen Investitions- stau«, sagt Theis. Er hat aber, und das ist entscheidend, eine

Patientenkartei mit mehr als 1200 Namen. Einige Familien behandelt er in vierter Generation. Eigentlich seien 100 000 Euro ein angemessener Preis für seine Praxis, findet Theis, aber die Hoffnung auf so eine Summe hat er längst begraben.

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findet Theis, aber die Hoffnung auf so eine Summe hat er längst begraben. E Theis Aus

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findet Theis, aber die Hoffnung auf so eine Summe hat er längst begraben. E Theis Aus

Aus dem »Ärzteblatt Thüringen«

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