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© F. Enke Verlag Stuttgart Zeitschrift für Soziologie, Jg. 13, Heft 2, April 1984, S.

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Aspekte der Medien-Theorie:


Welche Funktion haben die Medien in Handlungssystemen?
Stefan Jensen
Badstraße 64, D-1000 Berlin 65

Z u s a m m e n f a s s u n g : Die „Interaktionsmedien“ sind Zusatzenrichtungen zur Sprache. Sie haben zwei Funktio­
nen: Erstens dienen sie als (positive oder negative) Sanktionen im Interaktionsablauf - als Mittel, die man einsetzt, um
seine Absichten durchzusetzen. Das beste Beispiel für ein solches Medium ist Geld. Seine Offerte stellt einen positiven
Anreiz dar. Macht dagegen ist ein Beispiel dafür, wie man - über die Drohung mit einer unangenehmen Alternative -
negative Sanktionen einsetzen kann. Die zweite Funktion der Medien ist vielleicht noch wichtiger: Es geht um den
raum-zeitlichen Transfer von Kulturmustern. Der berühmte „genetische Code“ liefert ein Beispiel dafür, was gemeint
ist (obwohl der biologische Mechanismus selbst natürlich kein Medium ist). Sanktion und Transfer als Kernfunktion
der Medien bilden daher den Schwerpunkt des Aufsatzes. Am Ende stehen einige kritische Bemerkungen zur Frage
der Brauchbarkeit des Medienkonzeptes. Man kann erwarten, daß sich nur ein Teil der Medien als brauchbar erweisen
wird - die übrigen wird man vergessen können.

1. Zusammenfassung dafür entweder eine „Vorlage“ oder aber einen


Um das Ergebnis vorwegzunehmen, sei - statt Satz von Regeln geben, die diesen sich immer
einer Einleitung - vorab in eine kurze Formel wiederholenden Aufbau steuern. Ein besonderes
gefaßt, was eigentlich erst das Ergebnis des Auf­ Beispiel für eine solche „Vorlage“ bietet der „ge­
satzes werden soll: netische Code“ der Biologie (und auf dieses Bei­
spiel wird der Text ausführlich zurückgreifen); an
• Medien sind Zusatzeinrichtungen zur Sprache. dieser Stelle sei nur vermerkt, daß Medien eben
Sie dienen, erstens, dazu, in der Interaktion Resul­ diese Funktion erfüllen - sie ermöglichen es, die
tate zu erzielen, nämlich Absichten, Hoffnungen, kulturellen Musterbildungen in Zeit und Raum so
Pläne, Wünsche und Ziele dort durchzusetzen, wo zu übertragen, daß immer wieder Handlungszu­
man eine Kooperation der anderen nicht ohne sammenhänge mit innerer Kontinuität der Sinn­
weiteres erwarten kann. Ein Standardbeispiel für strukturen aufgebaut werden können.
ein solches Medium ist Geld - ein universell e r ­
setzbares Mittel, für sich genommen völlig wertlos,
mit dem sich Wünsche erfüllen lassen; freilich nur 2. Medienkonzept und Systemtheorie
auf dem (vorausgesetzten!) Hintergrund von
Märkten, Wirtschaftsinstitutionen und gesell­ Beginnen wir mit der wichtigsten Frage: „ Was
schaftlicher Ordnung. Solche Hintergrundstruktu­ sind eigentlich Medien?“ - oder, anders gefragt,
ren werden bei allen Medien vorausgesetzt. Die „Wovon handelt dieser Aufsatz?“ Diese Frage zu
Steuerung von Tausch- oder anderen Interaktions­ beantworten, ist gar nicht leicht. Man könnte mit
prozessen auf dem Hintergrund einer umfassenden einer Aufzählung der prominenteren Medien -
Ordnung spezifischer (etwa: ökonomischer, reli­ Geld, Macht, Einfluß . . . - beginnen und darauf
giöser, wissenschaftlicher oder sonstiger) Art ist hoffen, daß der Leser anhand dieser (ihm vertrau­
der erste relevante Funktionskomplex der Medien. ten?) Zusammenhänge auf das zugrundeliegende
• Der zweite Funktionskomplex ist womöglich Paradigma stößt. Aber, wie die Erfahrung lehrt,
wichtiger: nämlich der raum/zeitliche Transfer der scheint man damit eher Mißverständnisse zu erzeu­
kulturellen Musterbildungen. Damit ist folgendes gen, denn wenngleich man (zumindest in einem
gemeint: Handlungssysteme müssen ständig neu ungefähren Sinne) weiß, was Geld, Macht und
aufgebaut werden. Anders als physische Systeme, Einfluß sind, so bleibt doch unklar, wieso diese
die von ihren konkreten, materiell-energetischen vertrauten Erscheinungen nunmehr Medien sein
Eigenschaften getragen werden, erfordern Hand­ und wie sie funktionieren sollen. Die bloße nomi­
lungssysteme ständig weiterführende Aktionen- nelle Gleichsetzung, auch wenn sie beispielhaft
„Anschlüsse“ . Wenn aber ein System ständig wie­ gedacht ist, hilft nicht weiter.
der neu aufgebaut werden muß und zugleich seine Dieser Aufsatz wird daher nicht versuchen zu er­
Identität dabei erhalten bleiben soll, so muß es klären, „was die Medien eigentlich sind“, sondern
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mit der Frage nach ihrer Wirkungsweise, nach matischen Gründen - die wichtigste Frage die nach
ihren Funktionen in Handlungssystemen, begin­ der „Beherrschung“ der Systeme: „Wie läßt sich
nen. Dies erfordert freilich einige Vorbemerkun­ das Verhalten eines Systems nach unseren Wün­
gen zum Begriff des „Systems“. schen steuern?“ (Kybernetisches Kontrollpro-
blem.)
2.1 Systeme Um dieses Problem lösen zu können, bedarf es
Was sind Systeme? Eine der meistzitierten Defi­ offensichtlich bestimmter technischer Fähigkeiten,
nitionen von Hall/Fagen (1956:18) lautet: sy­ die auf einer physikalischen Grundlage beruhen.
stem is a set of objects together with relationships Diese Überlegung gilt für alle physischen Systeme
between the objects and between their attributes.“ - also alle Systeme, die sich auf empirische Zusam­
Aus dem Kontext der Arbeit der beiden Autoren menhänge mit einer materiell-energetischen Struk­
(für die Bell-Laboratories in New York) sowie den tur (sowie zugeordneten informationeilen Kompo­
nenten) beziehen.
Beispielen, die sie verwenden, wird klar, daß sie
dabei (implizit) an physische Zusammenhänge Keineswegs alle empirischen Systeme sind jedoch
denken - also an materiell-energetische Gebilde zugleich rein physische (physikalische) Systeme;
mit zugeordneten informationeilen Eigenschaften. ein Tennismatch oder ein Schachspiel, beispiels­
Die allgemeine Systemtheorie selbst berücksichtigt weise, ist ein empirischer, in Bild und Ton aufzei­
noch abstraktere Überlegungen - sie umfaßt auch chenbarer Ablauf mit einer Fülle von physischen,
Zusammenhänge, die überhaupt keine physischen aber eben keineswegs nur physischen Effekten. In
Merkmale mehr aufweisen, sie ist die Theorie der derselben Weise würde eine rein physikalische
organisierten Komplexität schlechthin. Aber die Deutung einer Oper den gemeinten Zusammen­
Fälle, in denen man vollkommen unabhängig von hang mißverständlich rekonstruieren. Hier liegen
materiell-energetischen Erwägungen theoretisie- Systeme vor, die zwar auch physische Aspekte
ren kann, sind sehr beschränkt. Die empirischen aufweisen (die für den Zusammenhang von unab­
Wissenschaften jedenfalls können nicht so Vorge­ dingbarer, in sehr einschneidender Weise determi­
hen; sie müssen die Realitätsbedingungen in Gestalt nierender Bedeutung sind und keineswegs als „ge­
physischer —das heißt: materiell-energetischer und geben“ vorausgesetzt oder gar als „soziologisch
informationeller Faktoren —mit in die Konstruk­ irrelevant“ beiseite geschoben werden können),
tion der Systeme einbeziehen. welche nun aber überlagert werden von einer „hö­
heren“ (d. h. ihrer kybernetischen Wirksamkeit
Der aus pragmatischen Gründen wichtigste Effekt,
nach stärkeren) Schicht sinnhafter Faktoren. Dar­
der mit diesen physischen Eigenschaften, den kon­
aus resultieren Handlungssysteme. In derartigen
ditionalen Faktoren, verbunden ist, liegt im Begriff
Handlungssystemen überlagern und durchdringen
des „Systemverhaltens“. Alle physischen Systeme
sich mithin materielle, energetische und informa­
weisen (aus naturgesetzlich zwingenden Gründen)
tionelle Komponenten mit einer neuen, zusätzli­
ein bestimmtes Verhalten auf; das heißt: in ihnen
chen Klasse von Systemelementen - mit Sinnkom­
(und in ihrer Verknüpfung mit anderen Systemen)
ponenten.
laufen Prozesse ab, die von den Struktur- und
Prozeßeigenschaften der Materie (aus denen sie Interpretiert man also die gesamte Lebenswelt des
sich konstituieren) bestimmt sind. Diese Abläufe, Menschen - die „human condition“ oder „conditio
von denen uns immer nur ein Teil zugänglich ist humana“ - als eine Fülle von Systemen, so wie dies
(Ornstein 1976), interpretieren wir unter selekti­ Parsons getan hat (Parsons 1978), so zeigt sich, daß
ven Gesichtspunkten, das heißt, in einer Auswahl, sich hier zahlreiche Systeme verschiedener Schich­
die von zahlreichen - teils gewollten, teils zufällig ten überlagern. Parsons hat mit vier Schichten der
ins Spiel kommenden, teils reflektierten, teils dem Systembildung gearbeitet, die eine konditionell­
aktiven Bewußtsein entzogenen - Interessen, er­ kybernetische Hierarchie bilden. Die Systeme wer­
kenntnisleitenden Vorstellungen, ideologischen den dabei so geordnet, daß an der Basis (der
und sonstigen Aspekten des menschlichen Han­ untersten Schicht) die materiell-energetisch stärk­
delns bestimmt ist, als „Verhalten“ eines Systems. sten, kybernetisch zugleich aber schwächsten Sy­
steme angesiedelt sind. Je höher man steigt, desto
stärker wird der kybernetische oder kontrolltheo-
2.2 System verhalten und Handlungssysteme retische Aspekt, desto schwächer werden zugleich
Von allen Fragen, die mit dem „Verhalten“ der die materiell-energetischen Faktoren in ihrer Wir­
Systeme Zusammenhängen, ist - wieder aus prag­ Unauthenticated
kung auf das Systemverhalten.
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Um ein ganz einfaches Beispiel zu wählen: Im Wenn man nun, auf der Basis dieser einleitenden
System „Pferd/Reiter“ ist das (Systemteil) „Pferd“ Überlegungen, zum Problem der Medien übergeht
das energetisch stärkere, kybernetisch aber schwä­ („was ist die Funktion der Medien?“), so muß man
chere Element - und umgekehrt: der Reiter zwar sich demnach zuerst klarmachen, daß Medien eine
energetisch schwächer, dafür aber kybernetisch Teilstruktur im Funktionskomplex der Handlungs­
stärker, denn er bestimmt das Verhalten des Sy­ systeme sind. Handlungssysteme steuern das Ver­
stems insgesamt (das hofft er jedenfalls - bei Mei­ halten von Menschen - also von physischen Orga­
nungsverschiedenheiten wird es Unfälle geben). nismen. Im Verhalten von Menschen überlagern
Diese Idee läßt sich auf große und komplexe Sy­ sich einerseits physische (materiell-energetische)
stemzusammenhänge übertragen (leider hier aber Komponenten und andererseits telische (sinnhaf­
aus Platzmangel nicht ausführen). Man kann auf te) Komponenten. Die Vermittlung dieser beiden
Parsons verweisen, der - wie angedeutet - mit vier Komponenten erfolgt im Handlungssystem - oder
Schichten von Systembildungen arbeitet, wobei die anders formuliert: das Entstehen, der Aufbau der
unterste Schicht die physikalischen Systeme (des Handlungssysteme ist eine Folge dieses Zusam­
gesamten Kosmos) bilden, die zweite Schicht durch mentreffens von physischen und telischen Kompo­
die biologischen oder „lebenden“ Systeme gebildet nenten, die zu Systemen organisiert werden müs­
wird (und dazu gehört auch „der Mensch“ als sen, damit „der Mensch“ (im anthropologischen
biologisches Lebewesen, als Organismus - nicht Sinne) das Problem des Überlebens bewältigen
jedoch als soziales Wesen, als „Aktor“!), die dritte kann. Systembildung ist ein anthropologisches
Schicht durch die Handlungssysteme (d. h. die „fundamental“ menschlichen Überlebens in der
normativen Schemata, die das soziale Verhalten Welt (vgl. ausführlich Jensen 1983).
kontrollieren oder regeln) konstitutiert wird und Welche Stellung haben dabei die Medien? Diesem
die vierte Schicht durch die „telischen“ Systembil­ Problem können wir uns nunmehr im einzelnen
dungen, bei denen es um die Konstitution von Sinn zuwenden.
als telischem (d. h. das Sein von einem vorgegebe­
nen Ziel her definierenden) Prinzip geht (zu
schwierig, um hier mehr als diese Andeutung zu
geben; vgl. Parsons 1978). 3. „Biete Geld - Suche Liebe“: Zur
Diese Trennung der Systemschichten und der Sy­ Chrematistik der gesellschaftlichen
stembildungen ist rein analytisch - sie besteht nicht Tauschprozesse
in der Wirklichkeit, sondern in unseren Köpfen; in
der Wirklichkeit überlagern und durchdringen sich Es hängen nicht nur Geld und Liebe zusammen,
all diese Aspekte vielfältig. Je mehr Systembildun­ sondern es scheint Geld mit allem Möglichen in
gen wir zulassen, desto mehr Eigenschaften oder geradezu perverser Weise zusammenzuhängen:
Dimensionen müssen wir berücksichtigen. Hand­ Wer Geld hat, hat auch sonst alles, bis auf die
lungssysteme sind also nicht etwa eine abgrenzbare Dinge, die - wie man in den verschiedenen Fassun­
Klasse von „Systemen für sich“, die wir irgendwo gen dieses Bonmots zu sagen pflegt - ihren Wert,
in dieser sauberen Abgrenzung (wie Schäfchen auf aber keinen Preis haben; aber welche Dinge dies
einer umzäunten Weide) vorfinden könnten, son­ nun genau und im einzelnen sind, läßt sich gar
dern Handlungssysteme sind (analytisch ausglie- nicht so leicht beantworten.
derbare) Funktionskomplexe in unserer (alles um­ Jedoch ist nicht nur Geld auf diese durchdringende
fassenden) Lebenswelt. Es sind, nochmals anders Weise zugleich knapp und dennoch allgegenwär­
formuliert, kybernetisch Kontrollkomponenten in tig: Ähnliches, wenngleich in anderer Fassung,
der Hierarchie der Systeme, die von physikali­ ließe sich auch von der Macht, dem Einfluß und
schen bis zu telischen Systemen reicht. Handlungs­ von noch einigen Determinanten menschlicher
systeme sind kybernetisch stärker als die physi­ Ungleichheit sagen. Wer über derartige Mittel ver­
schen (anorganischen und organischen) Systeme, fügt, kann über erhebliche Ressourcen komman­
aber schwächer als die telischen Faktoren - und dieren; wem diese Mittel versagt oder nur in klei­
umgekehrt: sie sind energetisch stärker als die neren Einheiten zugeteilt sind, der bleibt ein Ha­
telischen Faktoren, aber materiell-energetisch benichts, eine gesellschaftliche Non-Entity. Ohne
schwächer als die physischen Systeme. (Dabei darf diese Mittel ist man von den gesellschaftlichen
man jedoch nicht vergessen, daß sich in der Wirk­ Tauschprozessen, von den Märkten, die die Welt
lichkeit all diese Systemaspekte durchdringen; bedeuten, ausgeschlossen: von den ökonomischen
„Handlungssysteme für sich alleine“ gibt es nicht!) Gütermärkten; von Unauthenticated
den Märkten der Macht, auf
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denen die „power-mongers'' schicksalsträchtig um 3.1 Ein Beispiel


Positionen feilschen; von den Einfluß-Märkten der Es sei ein Beispiel eingeführt; um jeden Fehltritt
Meinungsmacher; von den rituellen Magie-Märk­ dabei zu vermeiden, soll eine Formulierung aus
ten der kulturellen Treuhänder und, last not least, dem „Mann ohne Eigenschaften“ (Musil 1952:30)
von den tagtäglichen Interaktionsmärkten der indi­ verwendet werden: „Zwei Wochen später war sie
viduellen Tauschprozesse. Wie gehen diese vor bereits seit vierzehn Tagen seine Geliebte.“
sich?
Ein Mann (Ulrich), der eine junge Dame aus guten
Die alltägliche Interaktion und Kommunikation Verhältnissen (Bonadea) so schnell zu seiner Ge­
macht von zwei Elementen Gebrauch: von kodifi­ liebten machen kann, muß offenbar seine Absich­
zierten Botschaften und von physischen Aktionen. ten in der Interaktion besonders geschickt formu­
Diese beiden Komponenten vermischen und über­ lieren und durchsetzen können. Reicht Sprache
lagern sich vielfach, sie durchdringen sich und dazu aus oder bedarf es gewisser verstärkender
bilden eine auf den ersten Blick untrennbare Ein­ Effekte? Versuchen wir eine medientheoretische
heit, Bei genauerer Betrachtung erkennt man eine Analyse, bringen wir Geld, Macht, Einfluß und
Differenzierung in zwei gegenläufige Ströme: ei­ Wertbindungen mit ins Spiel.
nen realen und einen symbolischen Strom, wobei
der symbolische Strom die Führung (die „lead- 3.1.1
f unction") übernimmt, weil es sich mit Symbolen Die erste Möglichkeit, eine Handlungsofferte me­
leichter arbeiten läßt als mit realen Größen (Stan­ dial zu verstärken, bietet die Formel: „Suche Liebe
dardbeispiel: Geld). - biete Geld!“ Zu anrüchig, um zu gefallen? Allge­
meiner und unverfänglicher gefaßt, müßte man
Die alltäglichen inter-individuellen Tauschprozes­ formulieren, daß hier Zuneigung auf der Grundla­
se vollziehen sich mit Hilfe dieser beiden Ströme - ge liebevoller Aufmerksamkeiten, also auf einer
dem realen und dem symbolischen Strom. Jeder rational kalkulierten Basis, erstrebt wird; noch all­
einzelne ist in der Lage, in der Interaktion be­ gemeiner: daß die (zu den eigenen Wünschen pas­
stimmte Ziele zu erreichen: indem er zu anderen sende) Motivation des Partners durch „induce­
nett ist oder brutal; ihnen hilft, um selbst Hilfe zu ments", Anreize, geweckt werden soll. Gewiß kein
erhalten; indem er mit anderen plaudert, um Ver­ seltener, aber wohl nicht der von Musil gemeinte
bindungen anzuknüpfen oder aufrechtzuerhalten - Fall - jedenfalls nicht im Verhältnis zwischen Ul­
kurzum, indem er eine bestimmte Position im Le­ rich und Bonadea.
ben einnimmt, von der aus er agiert, um das zu
Verweilen wir dennoch bei diesem Fall: Das uni­
erhalten, was er möchte, und dafür zu geben, was
verselle Medium für „inducements" ist Geld. Geld
er hat oder kann.
seinerseits ist „alles, was die Geldfunktion erfüllt“
Diese Formulierung ist zwar einleuchtend, aber zu - Banknoten, Kreditkarten, Glasperlen, Zigaret­
allgemein, um konkret zu bestimmen, was und wie ten, Schmuck, Vieh . . . unmöglich, hier auch nur
getauscht und wie in der Interaktion ein Resultat im entferntesten alles aufzuzählen, „was die Geld­
erzielt werden soll. Die Ausgangslage kulminiert funktion erfüllt“. Und Geld selbst, auch wenn man
ziemlich schnell darin, daß zwar jeder eine be­ es als bloße funktionale Größe auffasst, als Ver­
stimmte Vorstellung davon hat, was er für sich mittler in ökonomischen Tauschprozessen, ist nur
selbst gerne möchte, aber zugleich kaum jemand ein (wenngleich wohl das prominenteste) Element
dem anderen zubilligen will, was jener gerne hätte, der Mediengruppe, die auf einer rational kalkulier­
wenn das, was der andere möchte, zugleich die ten Basis Interaktionen steuert. Die Betonung
eigenen Wünsche vereitelt und den eigenen Anteil liegt auf dem Aspekt der „rationalen Kalkulation“.
am erhofften Glück schmälert - selbst wenn „das Überall, wo ein solcher Aspekt in die Beurteilung
Glück“ vermutlich gar keine Null-Summen-Quali- und Bewertung der Interaktionsprozesse, ihrer Zie­
tät hat (d. h. das eigene Glück gar nicht auf Kosten le und Ergebnisse eindringt, überall dort kommen
der anderen geht). Die Frage ist also: Wie lassen Medien zum Zuge, die - wie vor allem Geld - genau
sich die Absichten, Hoffnungen, Motive, Wünsche bemessene Anreize bieten, um bestimmte (quantifi­
und Ziele, die jeder einzelne hat, zur Basis eines zierbare) Ziele in der Interaktion zu erreichen.
gemeinsamen Handelns in der Gemeinschaft ma­
chen - oder, anders gefragt, „Wie läßt sich errei­ 3.1.2
chen, daß ein anderer meine Vorstellungen (als Man kann, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen,
Grundlage gemeinsamen Handelns) übernimmt?“ Unauthenticated
Geld oder andere Belohnungen anbieten. Aber es
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gibt auch andere Möglichkeiten, sich in der Inter­ tionszugehörigkeit, Vereinsgemeinschaft, Ge­
aktion mit seinen Wünschen durchzusetzen. Um schäftsverhältnissen, politischer Parteienzugehö­
eine solche weitere Möglichkeit zu formulieren, rigkeit, juristischer, medizinischer oder sonstiger
wollen wir noch ein Zitat borgen - die Erlkönig- professioneller Klientelschaft oder welchen bezie­
Formel: „Und bist Du nicht willig, so brauch ich hungsstiftenden Verhältnissen auch immer be­
Gewalt!“ Unerfreulich, aber ebenfalls universeller ruhen.
Natur.
Gewalt als solche ist natürlich kein Medium. Der 3.1.4
Medienaspekt liegt in der Kapazität, mit einer Dies müßte die Basis der Beziehungen sein, die
bösen Alternative, beispielsweise mit physischer Musil andeuten will. Aber ehe wir uns darauf
Gewalt, drohen zu können. Der Drohende würde festlegen, wollen wir noch die vierte Möglichkeit
jedoch die Drohung nur ungern realisieren - was durchspielen. Es handelt sich um den Versuch, den
er wirklich will, ist, den anderen mittels der Dro­ eigenen Willen durch den Appell an bestimmte
hung seinem Willen gefügig machen. Dies ist in Werte oder Prinzipien durchzusetzen, von denen
verschiedenen Situationen möglich; gesellschaftli­ man unterstellt, daß der andere sie für gültig hält -
che Bedeutung hat jedoch vor allem der Fall er­ ja, mehr noch: daß er sie als Teil seiner Persönlich­
langt, der auf der Entstehung der Organisations­ keit internalisiert hat. Da die Internalisierung von
hierarchie beruht - auf Über-/Unterordnungsver- Werten ein unausweichlich mit der Sozialisation
hältnissen, in denen Anordnungen, Befehle, Kom­ einhergehender Prozeß, noch stärker: eines ihrer
mandos usw. zirkulieren und ihre Befolgungen immanenten und konstitutiven Elemente ist, liegt
durch Sanktionen abgesichert werden können. hier eine Struktur von großer potentieller Stabili­
Hier ist eine Mediengruppe angesiedelt, die eine tät, die sich gut über eine Gruppe werthafter Me­
politisch-administrative Basis hat und der Tatsache dien manipulieren läßt: die „Wertbindungen“ oder
der Organisiertheit sozialer Beziehungen ent­ „value-commitments“.1
springt. „Macht“ ist das prominenteste Element
Man könnte also an eine Partnerin appellieren,
dieser Gruppe; aber ebenso wie „Geld“ ist auch
sich zur Geliebten machen zu lassen, indem man
„Macht“ eher eine Funktion im System als eine
auf bestimmte Werte verwiese - etwa den Wert der
greifbare (physische) Einheit (auch wenn es nicht
an scharfsinnigen Versuchen fehlt, beispielsweise
über die Wählerstimmen oder die Stimmzettel eine
den Geldscheinen oder -münzen äquivalente quan­ 1 „ Value-commitments“ ließen sich als „Wertbindungen“
tifizierbare Größe operabel zu definieren: dies ist übersetzen - falls sich darunter jemand etwas vorstellen
erzwungen und hilft dem Medienkonzept nicht könnte. Diese „Wertbindungen“ stellen eine Kapazität
weiter, weil der Vergleich an Äußerlichkeiten hän­ oder Ressource dar, im selben Sinne wie Geld, Macht
genbleibt). So verbreitet diese Struktur der Macht und Einfluß. Man kann sie also „einnehmen“ und
auch ist - die Basis, auf der man eine Geliebte „ausgeben“ und so weiter. Ein Beispiel: Durch das
Studium der Medizin verpflichtet man sich (innerlich
gewinnen kann, ist sie, zumindest bei Musil, nicht. und gesellschaftlich normiert) auf bestimmte Werte -
die Förderung der Gesundheit als Wert, die Erhaltung
3.1.3 von Leben, die hippokratischen Prinzipien und so fort.
Man geht also „Wertbindungen“ ein. Folglich kann
Betrachten wir eine dritte Möglichkeit - positive man in seinem Verhalten diese Werte auch einsetzen
Affekte als erwiderte Zuneigung: „Lieben, weil (oder anders formuliert: sich für diese Werte einsetzen)
man geliebt wird“ - Beispiel eines autokatalyti­ und sie gegenüber der Gesellschaft in entsprechenden
schen Systems mit selbsterzeugten Strukturen. Wo Situationen geltend machen, um bestimmte Ziele zu
läge hier das Medium? Das Medium ist sozialaffek­ erreichen, um die Situation in einer bestimmten Weise
tiver Natur und entsteht in der Reziprozität sozia­ zu strukturieren. So, wie man Geld ausgibt, um etwas
ler Beziehungen. Man übernimmt die Selektionen für den Konsum oder die weitere Produktion zu errei­
eines anderen, weil man sich ihm verbunden fühlt chen (und damit ökonomische Ziele zu erreichen), so
kann man auch „Wertbindungen“ sozusagen „ausge­
und weil man damit die Chance hat, die eigenen
ben“ oder „investieren“, um Abläufe in der Interaktion
Selektionen in dem Kreis durchzusetzen, in dem zu steuern. „Wertbindungen“ stellen also tatsächlich
man auch die Selektionen der anderen akzeptiert. Ressourcen dar, die in Bildungsprozessen erworben
Die ganze Welt der sogenannten „Beziehungen“ werden müssen. Für weitere Einzelheiten vgl. Parsons
eröffnet sich hier, gleich, ob sie auf der Grundlage über „Value-Commitments“, deutsch in Jensen 1980,
von Familie, Ehe, Freundschaft, Liebe, Korpora­ sowie Jensen/Naumann 1980.
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Liebe. Niklas Luhmann hat die Genese der passen­ sind. Die Fähigkeit, die Umstände einer Situation
den semantischen Formeln aus der französischen ideologisch so zu manipulieren, sie so darzustellen,
Korrespondenz des 18. Jahrhunderts über „pas­ sie so zu rekonstruieren, daß sie - auf der Basis
sion“ und „amour“ so aufschlußreich rekonstru­ bestimmter Werte - ein konformes Handeln un­
iert, daß jede weitere Bemerkung dazu unterblei­ umgänglich machen, diese Fähigkeit ist eine Me­
ben kann (Luhmann 1982). Freilich fehlt aber noch dienkapazität, die im System verteilt ist und zirku­
der Aufschluß über die Medienkomponente.2 liert, nämlich die Fähigkeit, value-commitments
Man kann sich unter Umständen zur Liebe ver­ einzusetzen und über sie gesellschaftliche Abläufe
pflichtet fühlen, weil die Umstände so beschaffen zu steuern.
Allgemein gefaßt bedeutet das, daß der Aufbau
von Handlungssituationen - nach einem bestimm­
2 In einem bislang nicht veröffentlichten, mir nur in einer ten Muster und so, daß in diesem Aufbau ganz
Fotokopie zugänglichen Aufsatz über „The Structure bestimmte Aspekte zum Tragen kommen und sich
of Sexual Action“, für dessen (bisheriges, nur vorläufi­ folglich die Interakteure in einer ganz bestimmten
ges oder etwa schon endgültiges?) Nichterscheinen üb­ Weise (etwa: religiös-fromm) verhalten - auf dem
rigens die Herausgeber der „Kölner Zeitschrift . . .“ Einsatz von Medien beruht.
die (schwere) Verantwortung tragen, hat Treugott
Pfarrsohn eine Reihe von derartigen Medien-Fällen,
teils auf der Basis von Bemerkungen Ben-Bellahs, teils
der methodologischen Vorarbeiten Max Webers über 3.2
die Bestimmungsgründe von Legitimitätsansprüchen Betrachtet man unter diesem Aspekt vierer Me­
systematisiert. Pfarrsohn formuliert dabei, unter Bezug
auf Max Weber, den ersten medialen Bestimmungs­
dien noch einmal das kleine Beispiel („man meets
grund durch Rückgriff auf die Tradition und spricht woman“), dann hat es zwar möglicherweise einen
daher bezüglich der Ansprüche auf sexuelle Interaktion gewissen Reiz, so etwas in termini von Medien
von dem „traditional saturday-night sucker“, der sich durchzuspielen, aber es fehlt doch völlig der weite­
beim Vorbringen seiner sexuellen Wünsche auf die re soziologische Rahmen, der die geschilderte Mi­
Geltung des immer Gewesenen beruft. ni-Situation („falling in love“) mit der Theorie zu
Der zweite Legitimitätsanspruch ist affektueller Natur. einer größeren Einheit faßt. Um beim Bilde eines
Dazu zitiert Pfarrsohn (angebliche?) Äußerungen Ben- Bildes zu bleiben: Bislang sehen wir nur zwei (in
Bellahs, die hier nur Verwirrung stiften würden und Strichen angedeutete) Figuren im Vordergrund ei­
daher ausgelassen sind; Interessenten sollten sich viel­ nes Bildes, das im übrigen weiß, ohne Hinter­
leicht direkt an die „Kölner Zeitschrift . . .“ wenden. grund, ist. Dieser Hintergrund ist im ersten Falle
Im dritten von Pfarrsohn systematisierten Fall beziehen der rational kalkulierten Medien der Markt und
sich die Legitimitätsansprüche auf die Geltung des als dessen Hintergrund wiederum die Wirtschaft insge­
absolut gültig Erschlossenen, also auf den wertrationa­
len Glauben an die Berechtigung eines sexuellen Ver­ samt, im zweiten Fall der politisch-administrativen
langens. Pfarrsohn trifft damit genau das, was auch mir Medien die Welt der Organisationen bis hin zum
bei dem Beispiel im Text vorschwebt. umfassenden politischen System mit ihren Autori-
Schließlich zitiert Pfarrsohn als letzte Möglichkeit für täts- und Herrschaftsstrukturen, im dritten Fall der
die Anwendung der Weberschen Systematik auf das sozial-affektiven Medien das gesamte gesellschaft­
Medienproblem die Möglichkeit, „Commitments auf liche Schichtungssystem mit seinen komplizierten
positive Satzung, an deren Legalität geglaubt wird, zu Verästelungen der Reputations- und Prestigestruk­
gründen. In diesem Fall werden sexuelle Beziehungen turen und schließlich im vierten Fall der wert­
nach dem Muster von Vertragsverhandlungen ange­ haften Medien die Fülle der kulturellen Institutio­
bahnt. . . . Ein Beispiel für die Konstruktion sexueller nen - das System der „kulturellen Treuhänder“.
Beziehungen auf der Basis von positiver Satzung lega­
ler Verhältnisse bietet das bürokratische Modell der Alles zusammengenommen ist das nichts weniger
Ehe. Allerdings wird das Bürokratiemodell gegenwär­ als das System der Gesellschaft. Und damit sind
tig von den Feministinnen heftig angegriffen . . . Die wir wieder an dem Punkt angelangt, den wir schon
Verweigerung des weiblichen Körpers für die Zwecke
einmal erreicht hatten - beim ersten Male aller­
sexueller Befriedigung des Mannes stellt jedoch nur
eine Form der Zurückweisung der alten patriarchali­ dings unter methodologischen Gesichtspunkten,
schen Oktroyierungsmuster einer Legitimität bean­ diesmal unter soziologischen Aspekten: dem Ver­
spruchenden Herrschaftsform von (männlichen) Men­ weis auf das System. Nehmen wir noch einen drit­
schen über (weibliche) Menschen dar, die in Webers ten Anlauf - nunmehr aus der Sicht von Verhalten
Systematik schon berücksichtigt ist“ (T. Pfarrsohn 1982). und Sprache. Unauthenticated
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Stefan Jensen: Aspekte der Medien-Theorie 151

4. Interdependenz-Unterbrechungen: doch einer Überlegung wert, die sich auf die Kon­
Verhalten, Handeln und Sprache zeption von „Verhalten“ bezieht.
Ausgangspunkt für die Konzeption des „Han­
delns“ bildet (paradoxerweise) der Begriff des 4.1 Verhalten und Handeln
„Verhaltens“. Verhalten wird durch Programme „Verhalten“ ist zunächst nichts anderes als die
gesteuert. Von allen dynamischen Systemen wer­ Aufnahme und Verarbeitung von inputs sowie die
den Inputs aufgenommen, im System verarbeitet Produktion von outputs in Abhängigkeit von den
und zu outputs umgewandelt. Einwirkungen der Umwelt auf ein und der Anlage
Soweit es sich um lebende Systeme handelt, beruht der internen Operatorstrukturen in einem System.
das Programm, das diese input!output-interchanges Dies schließt eine Informationsübertragung in ei­
und vor allem die internen Verarbeitungsprozesse nem System oder zwischen Systemen ein. Zwar
steuert, auf einer Reihe von biochemischen Me­ können diese Übertragungen in einfachen Syste­
chanismen, die im Laufe der Evolution - spezifisch men auf rein physische Ströme beschränkt sein
für die einzelnen Arten - entstanden sind und im (mechanische, physikalische, chemische, bioche­
Wege der Vererbung übertragen werden. Dies gilt mische, neuronale Reize usw.); bei komplexen
zunächst auch für den Menschen. Beim Menschen und höher entwickelten Systemen stellt diese Men­
kommt es jedoch zu einer evolutionären „Interde­ ge der zirkulierenden physischen Ereignisse (Si­
pendenz-Unterbrechung“, die sein Verhalten von gnale) in der Regel nur noch die Trägerschicht für
einer starr fixierten Erbmotorik freisetzt. Der nicht-physische Ereignisse symbolischer Art dar,
Mensch kann und muß die Programme für sein also für Informationen.
Verhalten selbst aufbauen - die biologischen Me­ Und damit sind wir am entscheidenden Punkt:
chanismen fungieren nur noch als ein Satz kondi­ Denn es ließe sich zwar die Informationsaufnah­
tionaler Rahmenbedingungen. me, -Verarbeitung, -Speicherung und -Umsetzung
Der Aufbau der spezifisch menschlichen Verhal­ im menschlichen Organismus, die über das neuro­
tensprogramme erfolgt in der Auseinandersetzung nale (Sub-)System erfolgt, systemtechnisch noch
jedes einzelnen Individuums mit den anderen Indi­ vollkommen analog zur Übertrag von Signalen in
viduen seiner Umwelt sowie allen anderen Objek­ Maschinen (oder anderen Systemen der ersten
ten der Situation. Das angeborene elementare bio­ Schicht) behandeln und beschreiben, das Verhal­
logische Verhaltensprogramm, das im Grunde nur ten zwischen Menschen jedoch, das in sinnhaften
ein Potential sowie eine minimale Motorik bereit­ Kommunikations- und Interaktionsprozessen be­
stellt, differenziert sich dabei in zwei Klassen: ein steht, nicht mehr! Das Verhalten zwischen Men­
Programm für körperliche Abläufe (physisch-ener­ schen (anders als das Verhalten in Menschen, d. h.
getische Verhaltenssteuerung) einerseits sowie ein die biologischen Abläufe in Menschen als Systeme
zweites Programm für symbolische Ereignisse (in­ der zweiten Schicht) läßt sich in einer technischen
formationeile Steuerung). Beide Möglichkeiten Beschreibung nicht (auch nur annähernd) vollstän­
sind auch schon bei Tieren angelegt, bleiben dort dig rekonstruieren - dazu ist ein qualitativer
aber undifferenziert. Beim Menschen resultieren Sprung auf eine neue Ebene der Systemtheorie
aus dieser Differenzierung zwei fundamentale Ver­ notwendig.
haltensprogramme, die sich zwar vielfältig überla­
Dieser Sprung hängt mit dem hier schon zuvor
gern, überschneiden und durchdringen, aber ande­
eingeführten Hierarchie-Schema zusammen - mit
rerseits frei gegeneinander variierbar sind - näm­
dem Übergang von der zweiten zur dritten Schicht
lich Interaktion und Kommunikation. Diese beiden
der Systembildungen, also dem Übergang von der
Prozesse führen zum Aufbau der komplexen, welt­
Schicht der „lebenden Systeme“ (organisch-biolo­
umspannenden und evolutionär unvergleichlichen
gische Systeme) zur Schicht der „action-worldu -
Systeme des Erlebens und Handelns.
den Handlungssystemen. Man könnte auch umge­
Der Aufbau von Handlungssystemen (von „Syste­ kehrt formulieren: Die Tatsache, daß wir über der
men des Erlebens und Handelns“, zur Begrifflich- Schicht der „lebenden Systeme“ eine nächsthöhere
keit vgl. Luhmann 1981: 67ff) beruht auf den Ver­ Schicht konzipieren müssen, liegt darin begründet,
haltensprozessen zwischen Menschen. Es sind daß sich über das bloße Verhalten von Systemen,
Menschen, die diese Systeme des Erlebens und über den bloßen Signalaustausch, eine evolutionär
Handelns durch ihr Verhalten, in ihrem Verhalten, höherentwickelte Schicht von empirisch beobacht­
aufbauen. Das scheint so selbstverständlich und ist baren ProzeßabläufenUnauthenticated
entfaltet: hermeneutische
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152 Zeitschrift für Soziologie, Jg. 13, Heft 2, April 1984, S. 145-164

Kommunikation und Interaktion oder anders: eines in der Botschaft verschlüsselten „gemeinten
menschliches Handeln. Sinnes“ erweist sich als die zentrale Kategorie, die
Dabei soll unter „Interaktion“ verstanden werden, das Konzept der Kommunikation aus dem Fluß
daß Menschen in einer konkreten Situation mitein­ der bloßen technischen Informationsübertragung
ander in einen raum/zeitlich bestimmbaren, kon­ auf eine neue, höhere Ebene hebt.
kreten Kontakt treten, bei dem materielle und Dingen und Ereignissen einen Sinn zuzuweisen,
energetische Eigenschaften der physischen Ding­ bedeutet noch nicht, zugleich symbolisch über sie
welt, einschließlich der organisch-körperlichen kommunizieren zu können. Die symbolische Bele­
Anlagen der Beteiligten, eine bestimmende Rolle gung der Lebenswelt ist ein weiterer, späterer
spielen. (Beispiele dafür wären: die archaische ge­ Schritt. Aber wenn er einmal erfolgt ist, wenn
meinsame Jagd oder Flurbestellung, der Kampf, einmal ein semantisches Symbolsystem zur Verfü­
das Spiel, gemeinsame Mahlzeiten, (sexuelle) Lie­ gung steht, dann übernimmt dieses Symbolsystem,
be, gemeinsame Arbeit, religiöse Zeremonien infolge seiner größeren Beweglichkeit, seiner Los­
usw.) Das entscheidende Merkmal der Interaktion gelöstheit von den konditionalen Bedingungen der
ist der physische Verhaltensaspekt, also der Um­ physischen Realität, die Führung im Prozeß der
stand, daß materiell-energetische Veränderungen Konstitution von Sinn. Die gesamte Realität wird
(nicht nur mit dem Tun oder Lassen verbunden, symbolisch gedeutet und jeder Prozeß, jedes Er­
sondern als Handlungsziele) ausdrücklich gewollt eignis als Nachricht interpretiert, die etwas über
sind. Das bedeutet nicht, daß nicht auch hier infor­ die (tiefere) Bedeutung dieser Welt mitteilen soll.
mationelle und - vor allem - symbolische Elemen­ Mit anderen Worten: Der Mensch kann prinzipiell
te eine äußerst bedeutsame Rolle spielten; es be­ jedes Ereignis dieser Welt als Informationsgröße
deutet vielmehr, daß eine symbolische Manipula­ (Nachricht, Orakel usw.) auffassen und semantisch
tion allein nicht ausreichen würde, um das ge­ interpretieren: „Gott gibt uns ein Zeichen!“ (Lern
wünschte Ziel zu erreichen. (Man kann nicht, 1981; I-Ching 1956)
wenn man nicht verhungern will, nur immer sym­ Durch die Differenzierung des Verhaltens - genau­
bolisch essen. . .) er: zunächst durch das Aufbrechen der starren
Demgegenüber soll unter „Kommunikation“ die Erbmotorik mit ihren genetisch fixierten Program­
Verwendung von (überwiegend) semantischen men und dann die folgende evolutionäre Entfal­
Symbolsystemen verstanden werden. Man muß tung selbständiger Programme, die auf Lernpro­
daran erinnern, daß es Kommunikation ohne eine zessen und kultureller Tradierung beruhen, und
physische Basis (Trägerschicht) nicht gibt; jede schließlich dann die Differenzierung dieser evolu­
Übertragung von Informationen beruht notwendi­ tionären Programmkomplexe in zwei, sich wohl
gerweise auf der Manipulation physischer Gege­ durchdringende, analytisch aber unabhängige
benheiten. Die elementare Form solcher Übertra­ Funktionskreise der Interaktion und Kommunika­
gungen liegt darin, daß gewisse Ereignisse auf ein tion - entstehen zwei gegeneinander variierbare -
Bezugssystem als Schlüsselreize wirken, die eine gegenläufige - Programmströme, wobei der sym­
bestimmte Reaktion auslösen. . . bolische Strom als Medium fungiert, der im kyber­
Für menschliche Kommunikation wird dieser gan­ netischen Sinne die Steuerung des zweiten, physi­
ze Komplex der Signalübertragung erst dann be­ schen Stroms übernimmt - welcher seinerseits als
deutsam, wenn die Signalereignisse „entschlüsselt“ Satz konditionaler Bedingungen zu interpretieren
oder „interpretiert“ werden müssen. Reiz-Reak- ist.
tions-Schemen stellen eine physische Verknüpfung In anthropologischen und sozialpsychologischen
von Kausaleffekten in der Kette „Vorgänger/Nach- Studien ist oft die These vertreten worden, daß die
folger“ von Ereignissen dar. Kommunikative Sche­ evolutionäre Steigerung der menschlichen Hand­
men sind anders organisiert, nämlich nach der lungsprogramme auf der Fähigkeit zum „Probe­
Folge: „Signal - Interpretation - Verhalten“. Eine handeln“ in Gestalt sprachlich vorweggenomme­
Antwort auf das Signal muß nicht zwingend erfol­ ner Aktionen, auf der Fähigkeit der symbolischen
gen; es gibt hier den Begriff des „Auslösers“ nicht Manipulation der Realität, beruhe: Der spontane
mehr, sondern Signale müssen empfangen und in Zusammenhang von Reiz und sofort folgender,
ihrer Bedeutung ausgelegt werden. Das Signal konditionierter Reaktion wird durchbrochen, in­
wird zur Botschaft (message) - einer Nachricht, die dem der interpretative, gedanklich-reflexive Vor­
von jemandem an jemanden gerichtet ist und einen entwurf der Handlung dazwischentritt (Schütz
bestimmten, gemeinten Inhalt hat. Die Vorstellung 1974: 79; Gehlen 1961:Unauthenticated
50ff und 1964: llff sowie
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Stefan Jensen: Aspekte der Medien-Theorie 153

25ff). Im Zusammenhang einer Theorie der Me­ einer erbmotorisch und genetisch fixierten Reak­
dien läßt sich dieser Gedanke so formulieren: Die tion haben.
symbolischen Programmkomponenten - der sym­
bolische Strom - übernimmt die lead-function“ in 4.2 Bedeutung und Kultur
der Bestimmung des Verhaltens; das semantische
„Bedeutung“ ist das entscheidende Schlüsselwort.
Symbolsystem (die Sprache) wird zum Medium,
Die gesamte Lebenswelt des Menschen ist voller
das die physischen Abläufe steuert.
kultureller Bedeutungselemente, voller Kultur­
Besonders deutlich wird diese „lead-function“ symbolik, die sich über biologische Mechanismen
strukturalistischer Symbolsysteme gegenüber den nicht mehr entschlüsseln und transferieren läßt.
physischen Vollzügen im Bereich der Technologie: Damit entsteht das Problem, wie sich eine solche
Zeichnungen, Pläne, Entwürfe, Skizzen aller Art, symbolgeladene Bedeutungswelt überhaupt in Zeit
Baubeschreibungen, Pausen und sonstige schriftli­ und Raum erhalten und übertragen läßt - allge­
che Unterlagen bilden nicht nur stets die Grundla­ mein: Wie ist der Transfer von Kultur möglich?
ge aller Konstruktionen, sondern übernehmen Zunächst zum Begriff der Kultur - Kultur ist, in
auch bei der Ausführung die Steuerung. Natürlich aller Kürze, ein System normativer Musterbildun­
wirkt die physische Konstruktion in ihrem Werden gen, und diese sind (oder bilden) die Struktur von
und aus ihren Abläufen heraus immer wieder kor­ Handlungssystemen (Parsons 1970: 44). Man kann
rigierend, verbessernd, auf die Entwürfe zurück diese Aussage so interpretieren, daß es sich hier
(feed-back) - aber dieser feed-back wird seinerseits um einen Code handelt. Ein Code besteht aus
zunächst symbolisch verarbeitet, in Begriffen - einer Menge von definierten Elementen, aus de­
d. h. semantisch - interpretiert und in seiner nen sich (nach festgelegten Regeln) die zulässigen
Struktur erfaßt. Muster (Nachrichten) bilden lassen. Im Falle der
Derartige strukturalistische Symbolsysteme, die in Kultur sind die einzelnen Musterbildungen „Bot­
Handlungszusammenhängen die „lead-function1' schaften“, die eine Antwort auf die Frage geben:
gegenüber den physischen Abläufen übernehmen „ Wie sollen wir unser Erleben und Handeln ge­
und dabei zugleich mit ihnen in einem über feed­ stalten?“
back Prozesse gesteuerten Wechselwirkungszu­ Die Aufgabe aller Kulturschöpfer und aller kultu­
sammenhang stehen, bilden die Grundlage für die rellen Treuhänder ist es, ein Schema zu entwerfen,
Entwicklung von Medien. Auf dieser Basis können in dem alle Phänomene, die das Leben des Men­
sich Medien als selektive Verstärkungs- und Trans­ schen bestimmen, auf einen bestimmten Sinn hin
fermechanismen herausbilden.3 ausgelegt sind, in dem sie ihre Bedeutung finden,
in dem sie entschlüsselbar werden. Dieser Sinn
Medien sind also Einrichtungen zusätzlich zu Sym­ (oder das zugrundeliegende Schema) muß dann
bolsystemen, insbesondere zur Sprache. Es sind erhalten und transferiert werden - dies ist die
Mechanismen, die sich in der Kommunikation zwi­ allgemeinste Funktion der Medien überhaupt.
schen Menschen herausbilden und dabei eine
bestimmte Funktion haben. Auf diese Funktion
werden wir noch kommen. Zunächst ist wichtig, 4.3 Sprache und Medien
völlige Klarheit darüber zu gewinnen, an welcher Es ist auf den ersten Blick ersichtlich, daß die
Stelle der Handlungssysteme die Medien entste­ entscheidende Rolle dabei die Sprache spielt.
hen: nämlich in der Kommunikation. Kommunika­ Sprache ist ein Fluß, der all unsere Traditionen
tion muß nicht notwendigerweise und nicht voll­ und Überlieferungen aus der Vergangenheit in die
ständig über eine Sprache erfolgen. Entscheidend Gegenwart und weiter in die Zukunft trägt. Wo
ist die Verwendung von Symbolen. Die Fähigkeit, dieser Strom versiegt, endet die Kultur. Aber
mit Symbolen zu operieren, beruht ihrerseits dar­ Sprache allein genügt nicht. Sprache ist ein Fluß,
auf, Objekten und Ereignissen eine Bedeutung, der vieles trägt: Wahrheit oder Lüge; Informatio­
einen Sinn beilegen zu können, den diese Dinge nen oder Märchen; Wissenschaft oder Dichtung
nicht schon aufgrund ihrer Qualität als „Auslöser“ . . . alles läßt sich in Worte fassen und der Sprache
anvertrauen. Wer sich (nur) auf Worte, auf Spra­
che verläßt, riskiert Enttäuschungen.
3 Vgl. die Abweichung der Formulierung gegenüber der In dem Maße, in dem sich die Sprache, in dem sich
meines Buches (Jensen 1983: 52), die ich hiermit aus­ semantische Formeln und die symbolische Bele­
drücklich korrigiere! gung der LebensweltUnauthenticated
gegenüber dem bloßen kör­
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perlichen Tun und Lassen verselbständigen und de Aspekte hängen miteinander zusammen. Erläu­
sich dann diese beiden Ströme - symbolische Kom­ tern wir nochmals kurz, was gemeint ist: Der erste
munikation und physische Interaktion - evolutio­ Aspekt liegt in der Frage: „Wie können kulturelle
när entfalten, sich differenzierend verselbständi­ Schöpfungen (beispielsweise ein Religionssystem)
gen und gegeneinander variabel werden, wird das über Generationen erhalten und ausgebreitet wer­
Verhalten von seiner ursprünglichen erbmotori­ den, ohne ihre ursprüngliche Bedeutung und ihren
schen, biogenetischen Fixierung gelöst und zuneh­ eigentlichen zentralen Sinngehalt zu verlieren?“
mend freier gestaltbar - und die Gestaltung wird Dazu bedarf es besonderer Regeln und besonderer
ihrerseits über die Sprache gelenkt und von ihr Rollen, der Kodifikation der entscheidenden For­
kontrolliert. Alles Erleben und Handeln wird „se­ meln und - vor allem - besonderer Mechanismen,
mantisch überlagert“. In zunehmendem Maße flie­ die das System davor schützen, daß „nur mit Wor­
ßen über die Sprache sozio-kulturelle Normierun­ ten gespielt wird“. Damit gelangen wir aber bereits
gen in die Gestaltung des Erlebens und Handelns zum zweiten Aspekt: der Sanktionierung von
ein, die kontingent - also historisch aus den Zufäl­ Kommunikation und Interaktion - es muß nämlich
ligkeiten der Situation geboren - sind. Damit ent­ durch diese besonderen Mechanismen garantiert
steht das Problem, diese kontingenten Interak­ werden, daß aus der Verwendung bestimmter For­
tionsformen zu stabilisieren, denn wenn sie auch meln („hiermit gelobe ich feierlich . . .“) auch
„nicht-notwendig“, also historisch zufällig, kontin­ tatsächlich eine festgelegte Konsequenz folgt und
gent, entstanden sind, so sind sie doch zugleich die das Aussprechen dieser Formel nicht nur ein be­
Bausteine unserer Lebenswelt, die geschützt und quemer Weg ist, von anderen „etwas“ für „nichts“
erhalten werden müssen. zu erhalten.
Der Aufbau dieser Komponenten wird mit der Wir sehen daran, daß Medien und Sprache zwar
Zeit durch die Überlagerungen der Sinnreferenzen eng Zusammenhängen, aber keineswegs identisch
zunehmend komplizierter und stützt sich sowohl sind. Medien sind gesellschaftliche Zusatzeinrich­
auf vergangene Leistungen und Beiträge als auch tungen zur Kommunikation und Interaktion und
auf Erwartungen zukünftiger Entwicklungen, so liegen damit selbst auf einer anderen Ebene.
daß alle Ereignisse ständig re-interpretiert werden
müssen. All dies vollzieht sich innerhalb der Spra­ Betrachten wir wieder Beispiele: In Gesellschafts­
che, und so muß das Problem der Einarbeitung romanen, die die Zarenzeit in Rußland beschrei­
von Sprache, von multifunktionaler Semantik und ben, findet sich gelegentlich die Formel: „Rußland
Symbolik in die Interaktion gelöst werden, wenn ist groß und der Zar ist weit“, was ausdrücken soll,
eine Gesellschaft nicht auf der elementarsten Ebe­ daß Herrschaftsansprüche mit der geographischen
ne von Tauschhandeln und anderen „Zug-um- Entfernung von ihrem Zentrum allmählich aufwei­
Zug“-Geschäften verharren will, sondern das Ver­ chen und ungewiß werden. Man muß also ein
trauen in kunstvollere Lebensgestaltung institutio­ Herrschaftssystem durch irgendein „Medium“
nalisiert werden soll. Diese Aufgabe erfüllen die über Zeit und Raum hinweg ausbreiten und erhal­
Medien, und umgekehrt: Wo es Mechanismen ten können. Dieses Medium ist Macht. Es könnte
gibt, die diese Aufgabe erfüllen, wollen wir von scheinen, als würde Herrschaft nicht durch ein
Medien sprechen, die nämlich als Zusatzeinrich­ Medium (Macht) transferiert, sondern - wie doch
tungen zu einer kommunikativ gesteuerten Inter­ jeder weiß - „auf den Spitzen der Bayonette“
aktion sicherstellen, daß das, was man sagt, eine getragen, also durch Militär und Polizei. Aber so
Verpflichtung zu einem bestimmten Handeln im­ zu denken, wäre ein Irrtum, weil man in diesem
pliziert, und umgekehrt: daß eine bestimmte Inter­ Fall nur die „Realien“ des Handelns vor Augen
aktion mit bestimmten kommunikativ oder symbo­ hätte, nicht aber die entscheidendere symbolische
lisch festgelegten Regeln konform bleibt. Struktur. Gewiß, um Herrschaft zu errichten und
zu erhalten, muß man sich auf „reale Macht“, das
heißt: technische und physische Machtmittel, Mili­
5. Zur Theorie der Medien: Sanktionierte tär- und Polizeikräfte usw., stützen können, und
Kommunikation/Interaktion doch weiß andererseits jeder schon aus der eigenen
Schulzeit, daß ein Überordnungs-/Unterordnungs-
Wir haben bislang zwei Aspekte der Funktion von Verhältnis zwischen Stärkeren und Schwächeren
Medien herausgearbeitet: den raum-zeitlichen nicht darauf beruht, daß der Stärkere unablässig
Transfer kultureller Sinngehalte und die Sanktio­ den Schwächeren drischt, sondern daß dazu eine
nierung von Kommunikation und Interaktion. Bei­ Lektion der Stärke Unauthenticated
genügt, die dann freilich an­
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schließend durch Symbole präsent gehalten oder in des kulturellen Transfers (den Transferaspekt).
Erinnerung gebracht werden muß. Die Symbolik Wenden wir uns beiden Punkten nacheinander zu!
solcher auf einer Drohung beruhenden Verhältnis­
se bezeichnen wir als Macht (vgl. Parsons in Jensen
5.1 Der Sanktionsaspekt von Medien
1980; Luhmann 1975).
Medien entstehen im Verlauf von Kommunikation
Stellen wir uns für einen Moment zwei extreme und Interaktion erst dann, wenn die intendierten
Situationen vor: Jemand ist in einem anderen Lan­ Inhalte speziell abgesichert und garantiert werden
de plötzlich in der prekären Lage, zwar Geld sei­ müssen. Nicht jede Mitteilung, nicht alle Themen,
ner eigenen Währung, aber kein „einheimisches“ nicht alle Ziele der Interaktion müssen aufwendig
Geld in seinen Taschen zu finden. Sein Geld be­ abgesichert werden. In den meisten Fällen verblei­
deutet hier nichts. Es kauft nichts, es ist Papier. ben Kommunikation und Interaktion im Rahmen
Geld, so zeigt sich hier, ist in sich („intrinsisch“) der persönlichen Beliebigkeit - alle Wünsche und
wertlos; es ist ein Symbol, das „für etwas anderes alle Interaktionen, die auf diesen Wünschen auf­
steht“ - nämlich Kaufkraft symbolisiert, aber nur bauen, verlaufen sich in den Zufälligkeiten der
im Rahmen einer bestimmten Wirtschafts- (und Situationen und gleichen sich darin aus. Demge­
Geld-) Ordnung. Zweiter Fall: Jemand, gewohnt genüber gibt es die zwar selteneren, aber gewichti­
in einem großen Betrieb Anordnungen zu geben, geren Fälle, in denen es auf die Ziele der Interak­
findet sich plötzlich in einer Situation, in der man tion und folglich den Ablauf der Interaktionen
seinen Status nicht kennt, seine Worte nicht ernst (und damit zugleich auf die Formulierungen in der
nimmt und über seine Versuche, etwas zu organi­ Kommunikation) sehr genau ankommt: beispiels­
sieren, nur lacht. Hier zeigt sich wieder, daß die weise beim Abschluß von Verträgen und bei son­
Fähigkeit, anderen befehlen zu können, allgemein stigen Rechtsgeschäften, bei offiziellen Mitteilun­
nicht auf einer realen Basis (physischer Überlegen­ gen, Verlautbarungen von Machthabern, betriebli­
heit, Gewalt) beruht, sondern auf einem Organisa­ chen Anordnungen, magischen Ritualen, wissen­
tionszusammenhang, in dem Entscheidungsbefug­ schaftlichen Theorien, technischen Maßgaben,
nisse verteilt sind, also auf sozialsystemischen usw. Die hier erforderliche Absicherung der Ein­
Strukturen (vgl. Popitz 1968). heit des Sinns, die gewährleisten soll, daß eine
Partei nichts Falsches formuliert und die andere
An diesen Beispielen kann man erkennen, daß nichts mißversteht, erfolgt einerseits durch die
Sprache allein nicht ausreicht, um Selektionen zu Standardisierung der Symbolik und der Semantik
übertragen - denn warum soll ein anderer, dem ich (Geld-Code), andererseits durch die Vorschrift,
meine Ideen mitteile, sich auf diese Vorstellungen daß eine solche, zum Medium erklärte Formel mit
einlassen? Es kann ebensoviel zufällige Gründe ihrer gesamten Symbolik und Semantik nur „in
geben, daß er etwas anderes will, wie es zufällige einem ernsthaften Sinne“ verwendet werden darf
Gründe für ihn geben kann, mir zu folgen. Auf und ihre Verwendung daher Folgen nach sich
dieser Basis der Zufälle können jedoch Kultur- zieht. Verträgen, beispielsweise, kann man sich
und Sozialsysteme, kann allgemein die Lebenswelt nicht entziehen mit der Begründung, man hätte sie
nicht überleben. Man muß die evolutionären Er­ „nur zum Spaß“ geschlossen. Geld kann man nicht
rungenschaften von Sinnsystemen absichern - so­ zurückfordern mit der Begründung, man hätte sei­
wohl im Raum (auch wenn „der Zar weit ist“) als nen Wert nicht gekannt. Frivole Wendungen in
auch in der Zeit (über die Generationen). Medien, sakralen Bereichen können als Lästerung ausge­
so wurde gesagt, sind Zusatzeinrichtungen zur legt werden. Nicht legitimierte Anordnungen kön­
Sprache, die bestimmte funktionale Bedingungen nen einen Fall der Amtsanmaßung darstellen.
verstärken und absichern sollen. Sprache selbst ist Leichtfertige Versprechen können, falls sie ernst­
allgemein ein Mechanismus zur Übertragung von genommen wurden, zu großen Belastungen führen
Information (obwohl man immer bedenken sollte, . . . usw. Mit anderen Worten: Die Verwendung
daß Sprache „ein Fluß ist, der vieles trägt“), und so der Medien zieht Sanktionen nach sich, denen man
sind Medien selektiv wirksame Verstärkungsme­ nicht entgehen kann, und daher stellen Medien
chanismen . . . es sind Schleusen und Gattern im unter diesem Sanktionsaspekt nichts anderes dar,
Strom der Sprache, die diesen Strom regulieren. als ein Druckmittel, um in der Interaktion Ziele zu
Diese Regulierung hat zwei Schwerpunkte: zum erreichen.
einen die Absicherung von Kommunikation (den Eine der Folgen dieses Sanktionsaspektes ist es,
Sanktionsaspekt), zum anderen die Absicherung daß die Medien in der Unauthenticated
Gesellschaft ungleich, näm-
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lieh in der Form von Privilegen, verteilt sind: Die rechten, Märkten, allgemeiner Wirtschaftsord­
meisten Menschen haben wenig, einige mehr und nung und so weiter, in deren Rahmen sich das
wenige erhebliche Verfügungspotentiale dieser ökonomische Handeln abspielt.
Art. Zum Teil sind bestimmte Semantiken im Me­ In der Folgezeit erwies sich, daß sich die Vorstel­
dienbereich überhaupt nur Inhabern bestimmter lungen, die mit der Konzeption eines solchen Me­
Status-Positionen (mit nachgewiesenen Qualifika­ diums „Geld“ verknüpft waren, generalisieren lie­
tionen im Rahmen einer Amtshierarchie usw.) zu­ ßen. Dabei wurde Parsons zunehmend klarer, daß
gänglich oder können nur in bestimmten (privile­ das allgemeine Paradigma nicht in der Ökonomie
gierten oder sakralen) Situationen verwendet wer­ zu finden war, sondern dieser ökonomische Fall
den (sanktionierte Kommunikation, wie beispiels­ nur ein (besonders gut entwickeltes) Beispiel eines
weise in den „professions“ oder im religiösen Be­ viel allgemeineren strukturellen Paradigmas sein
reich). Zu einem erheblichen Teil werden die Me­ müßte. Parsons vermutete, daß dieses Paradigma
dien auch der privaten Verfügbarkeit entzogen in der Linguistik angesiedelt sein könnte, und er
und ausschließlich vom Staat verwaltet. begann daher, die Medientheorie als einen Son­
derfall der Linguistik zu behandeln. In dieser Pha­
se wurden Medien als „Sondersprachen“ interpre­
5.2 Der Transferaspekt tiert.
Der zweite Punkt liegt in der Frage: Wie werden Es gibt jedoch noch einen dritten Zusammenhang,
die Kulturmuster, also sozusagen die „genetischen der für die Interpretation der Medien von größter
Anlagen der Handlungssysteme“ übertragen? Eine Bedeutung ist - das biologische Paradigma, genau­
Möglichkeit, solche Übertragungsmechanismen zu er: den genetischen Code.
studieren, bietet der genetische Code. Dabei müs­
sen bestimmte vitale Informationen verschlüsselt
und übertragen werden. Betrachten wir nochmals
den Ausgangspunkt. Die Grundidee der Medien 6. Der genetische Code
ist, daß es in der evolutionären Entfaltung von Der genetische Code dient der Verschlüsselung
Handlungssystemen zu einer Differenzierung zwi­ der Erbinformationen in den Chromosomen des
schen Interaktion und Kommunikation kommt, Zellkerns. Der gesamte Aufbau des Organismus
bei der zwei gegensinnige Ströme entstehen. Der aller Lebewesen und die Steuerung aller Lebens­
semantische oder symbolische Strom übernimmt prozesse (deren Abläufe beim Menschen durch
dabei die Steuerungsfunktion (im kybernetischen zusätzliche Kontrollmechanismen geregelt wer­
Sinne), während der zweite Strom der physischen den) beruht auf Zellprozessen, die durch diesen
Manipulation der Welt dient. genetischen Code programmiert werden.
Die Entstehung der Medien ist eine Folge dieser Die Natur verwendet für diese Verschlüsselung als
Differenzierung. Es gibt einige Zusammenhänge, materielle Basis eine besondere chemische Verbin­
in denen Kommunikation (und Interaktion) nicht dung, nach internationaler Übereinkunft als DNA
beliebig, sondern verschärften Bedingungen unter­ (Des-oxi-ribo-nuklein-Säure) bezeichnet, die ein
worfen ist. Beispiele dafür sind die Wirtschaft, die Riesenmolekül bildet, das aus Untereinheiten zu­
Wissenschaften, Rechtssysteme und Religionen. sammengesetzt ist. Diese Untereinheiten bestehen
Sollen hier Resultate erzielt werden, so müssen die (neben den stützenden Phosphorverbindungen
historisch herausgebildeten Regeln beachtet wer­ und Zuckermolekülen) aus den Nucleobasen. Die­
den - und um die Befolgung dieser Regeln sowie se Basen sind chemische Substanzen (Adenin, Cy­
die Rekonstruktion des Sinns derartiger (Kommu- tosin, Guanin und Thymin), von denen sich je zwei
nikations- und Interaktions-) Kontexte geht es bei zu einem Basenpaar verbinden. Basenpaare dieser
den Medien. Art formen die langen Stränge der DNA und
Die ersten Hinweise auf „Medien“ finden sich bei bilden die bekannten Doppelhelix (eine chemische
Talcott Parsons Anfang der 50er Jahre - und zwar „Strickleiter“), die innerhalb des Zellkerns, von
in der Diskussion des ökonomischen Paradigmas Eiweißmolekülen (Histonen) und insgesamt von
(Parsons/Smelser 1956). Hier erwies sich Geld als einer Membrane umschlossen, liegt. In diesem
das entscheidende Medium, das die Transaktionen Aufbau der DNA ist der Bauplan verschlüsselt,
zwischen den Wirtschaftssubjekten steuert. Ent­ der die Prozesse der Eiweißsynthese in den Zellen
scheidend ist dabei die Vorstellung einer normati­ steuert. Der Ort, an dem sich diese Synthese voll­
ven Hintergrundstruktur in Gestalt von Eigentums­ Unauthenticated
zieht, liegt außerhalb des Zellkerns - es handelt
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Stefan Jensen: Aspekte der Medien-Theorie 157

sich um das „endoplasmatische Retikulum“, an ren, ist noch ungeklärt. Angesichts der ungeheu­
dem „Ribosome“ haften, und hier erfolgt der Zu­ ren Vielzahl von Genen steht lediglich fest, daß
sammenbau der Eiweißmoleküle. während der meisten Zeit keine Aktivität (Abruf
Man muß sich also zunächst klar vor Augen füh­ von Informationen) stattfindet: Nicht alle Enzyme
ren, daß die Verschlüsselung der relevanten Infor­ müssen ständig neu hergestellt werden. Man
mationen im Zell kern in langen DNA-Abschnitten nimmt daher an, daß die DNA in der Regel vor
in Form vieler Tausende von Genen vorliegt (ein Zugriffen geschützt ist - durch sogenannte „Re­
Gen ist selbst eine Polypeptidkette), während die pressoren“ (Histone, Kernproteine), die durch be­
Enzymsynthese außerhalb des Kerns erfolgt. Zwei sondere Regulationsmechanismen (eventuell
Fragen sind also zu beantworten: 1. Wie ist die durch Hormone) kontrolliert werden. Sobald je­
Information im Zellkern verschlüsselt und 2. wie doch die relevante Information aus der DNA be­
gelangt sie an den Ort der „Produktion“? nötigt wird, muß der entsprechende Gen-Ab­
schnitt freigegeben und „transkribiert“ (de-co-
diert) werden. Dies geschieht folgendermaßen:
Zu L Die Verschlüsselung erfolgt durch den Auf­
bau der Gene in Gestalt von hunderten bis tausen­ Der DNA-Doppelstrang reißt an der Stelle, an der
den „Sprossen“ der DNA-„Leiter“. Diese Leiter sich die relevante Information befindet, ab, so daß
besteht aus zwei Strängen, und jeder Strang ist aus sich die Basenpaare trennen. Stellt man sich die
einer langen Folge von Nucleobasen (das heißt den DNA als Strickleiter vor, bei der die Sprossen stets
oben bezeichneten chemischen Substanzen A, C, zwei Nucleobasen zu einem Paar verbinden, so
G, T) gebildet. Diese chemischen Substanzen bil­ wird am Punkt der relevanten Information ein
den ihrerseits - und zwar immer in der Folge von Strang durchtrennt und eine Vielzahl von Sprossen
drei Einheiten, die als „Triplett“ bezeichnet wer­ durchschnitten, so daß ein „freier Strang“ aus Ba­
den - die „Codierung“ einer Aminosäure (und sen entsteht. An diesem freien Strangende werden
diese sind wiederum die Elemente der Proteine - (aus einem entsprechenden „Pool“ im Zellkern)
das Grundmaterial aller organischen Prozesse). Je­ neue Basen angelagert (und zwar nach einem
der Strang der DNA ist also eine (äußerst lange) streng bestimmten Schema), so daß ein neuer
Folge von „Tripletts“ oder „Codierungen“ von Strang entsteht, der zwar informationell dem ur­
Aminosäuren und damit letztlich von Proteinen. sprünglichen Modell entspricht, aber chemisch ge­
Man muß dabei beachten, daß diese „Tripletts“ wisse Abweichungen aufweist (andere Zuckermo­
nicht die Aminosäuren (und damit der Ansatz für leküle als Träger, eine andere chemische Substanz
die Proteine) selbst sind, sondern nur chemisch - Thymin wird durch Uracil ersetzt). Am wichtig­
kodierte Anweisungen für den Aufbau von Amino­ sten ist die Tatsache, daß dieser neue Halbstrang
säuren (daher auch als „Codone“ bezeichnet). Die losgelöst von der DNA in der Zellflüssigkeit
eigentliche Codierung besteht also in der Ver­ schwimmen kann. Er trägt die Bezeichnung
schlüsselung von Aminosäuresequenzen in den „m-RNA“ (messenger Ribo-nuklein-Säure). Diese
Triplett-(Codon-)Sequenzen! Bildung einer m-RNA aus der ursprünglichen
„Aus vier verschiedenen Basen können 64 ver­ DNA wird als „Transkription“ bezeichnet.
schiedene Tripletts zusammengestellt werden. Entscheidend ist nun, daß diese Boten-RNA in der
Diese Zahl reicht völlig aus, um die 20 regelmäßig Lage ist, den Zellkern durch Poren in der Zell­
vorkommenden Aminosäuren zu kennzeichnen; membran zu verlassen, um an den Ort der Pro­
zur Determinierung mancher Aminosäuren stehen teinsynthese zu gelangen.
sogar vier verschiedene Tripletts zur Verfügung. „An bestimmten Stellen dieses Membransystems
Aminosäuren . . . sind zum Beispiel das durch das befinden sich kugelförmige Proteinkörper (soge­
Triplett ATG kodierte Tryphtophan; Methionon nannte Ribosomen), an denen die m-RNA vorbei­
wird durch TGG gekennzeichnet, und TTC oder zieht. Es bedarf nun weiterer Substanzen, damit an
TTT bedeuten beide die Aminosäure „Phenyl-ala- den Ribosomen des endoplasmatischen Reticu­
lin“. Außerdem gibt es Tripletts, deren Aufgabe es lums gemäß der Aufeinanderfolge der m-RNA-
ist, den Anfang (GTG = Start) oder das Ende Tripletts (der Codons) eine Sequenz von Amino­
(TAA) einer sinnvollen Sequenz zu kennzeich­ säuren synthetisiert werden kann. Es existieren
nen.“ (Bösel 1981: 15) dafür „Schleppermoleküle“, die an ihrem „Vor­
derende“ ein Basentriplett tragen und am anderen
Zu 2. Welche Vorgänge zum Abruf und damit zur Ende die (dem Code entsprechende) zugehörige
Aktivierung des „operativen Mechanismus“ füh­ Unauthenticated
Aminosäure herbeischleppen. Die Schleppermole­
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158 Zeitschrift für Soziologie, Jg. 13, Heft 2, April 1984, S. 145-164

küle heißen „t-RNA (trans/er-Ribo-nuklein-Säu- Prämisse, daß menschliches Erleben und Handeln
re). t-RNA-Moleküle sind imstande, mit ihrem systembildend ist. Dabei richtet sich die Vorstel­
„Vorderende“ die ihnen entsprechenden Tripletts lung einer - im Erleben und Handeln angelegten,
der m-RNA zu erkennen; sie ordnen sich nach der dort wirkenden - kulturellen Komponente auf all
durch die m-RNA vorgegebene Triplett-Reihen­ diejenigen Elemente, die sich auf die Kodifizie-
folge am Ribisom an und können auf diese Weise rung von Sinnkomponenten beziehen (Parsons/
entsprechende Aminosäuren in der richtigen Ab­ Platt 1973: 8).
folge aneinanderhängen. Diesen Vorgang nennt Der Begriff des „Kultursystems“ muß also verstan­
man ,Translation4“. (Bösel 1981: 16f) den werden als ein Konzept, das die gesamten
Sinn-Inhalte oder Sinnkomponenten menschlichen
Erlebens und Handelns umfassen soll. Der „kultu­
7. Der kulturelle Code relle Code“ dient demzufolge zur Verschlüsselung
Die entscheidenden Merkmale des biologischen aller sinnhaften Informationen, auf denen Erleben
Paradigmas liegen - um es zu wiederholen - darin, und Handeln beruht. Die Verschlüsselung der In­
daß zunächst in den Genen alle Informationen formationen erfolgt bei den Handlungssystemen
verschlüsselt sind, die der Organismus für die überwiegend auf der Ebene von Sprache - also
Steuerung der Zellaktivitäten zur Verfügung hat. semantisch (es gibt jedoch auch andere, nicht­
Die effektive Umsetzung dieser Informationen er­ semantische Symbolisierungen!), und dies ist die
folgt durch Steuerungsprozesse im Zellkern (die Parallele zur biologischen Verschlüsselung in der
noch nicht vollständig erforscht sind). Die Folge DNA (der Molekularbildung). Die Medientheorie
einer Aktivierung im Zellkern besteht darin, daß kommt - wie schon im biologischen Modell - erst
der relevante Informationsteil aus der DNA durch mit der operativen Phase zum Tragen, nämlich mit
den Aufbau eines entsprechenden RNA-Moleküls der Entschlüsselung und Übertragung selektiver
kopiert und auf den Weg gebracht wird. Die so Informationen.
abgesandte Information wirkt an einer anderen Im biologischen Modell geschieht dies durch die
Stelle der Zelle als Auslöser für energetische Pro­ Anlage von besonderen materiell-energetischen
zesse der Eiweißsynthese. Prozessen, die im einzelnen angedeutet wurden
Parsons scheint nun der Auffassung zuzuneigen, (Aufbau von m-RNA- und t-RNA-Molekülen;
daß die Steuerung menschlichen Erlebens und Auslösung der Eiweiß-Synthese). In den Hand­
Handelns nach einem strukturell gleichartigen Pa­ lungssystemen vollzieht sich ein entsprechender
radigma erklärt werden könne. Dies geschieht in Prozeß durch die Aufprägung einer besonderen
der Konzeption der Medien. Dabei muß der Be­ Kommunikationsstruktur: relevante Informationen
griff „Kultur“ so definiert werden, daß er der werden in semantischer Form aus dem bestehen­
Vorstellung des „genetischen Pools“ entspricht den Sinnzusammenhang entnommen und nach be­
(Parsons/Platt 1973: 16) - der Begriff der „Kultur44 stimmten Regeln (gemäß einem bestimmten Code)
wird sozusagen durch den des „kulturellen Erbes“, dazu verwendet, Handlungszusammenhänge im­
des „ererbten Kulturguts“, ersetzt. Es ist nicht mer erneut aufzubauen.
völlig klar, welcher Begriff dem biologischen Kon­ Es geht also darum, Erlebens- und Handlungszu­
zept der „Gene“ entsprechen soll; Parsons verwen­ sammenhänge immer erneut aufbauen zu können,
det beispielsweise den Ausdruck „culture traits“; ohne aber - und das ist nun entscheidend - dabei
ebenso könnte man den Begriff der „culture pat­ immer wieder in alte Fehler zurückzufallen, schon
terns“ zugrunde legen. Insgesamt erscheint jedoch durchgespielte Lösungen erneut von Anbeginn zu
klar, daß die Gesamtheit dieser „traits“ oder „pat­ durchlaufen, auf ausgetretenen Pfaden in alte Gru­
terns“ mit dem Konzept der „cultural systems“ ben zu fallen oder seine Zeit für die Suche nach
bezeichnet wird, das dem gesamten „Gen-System“ einem Ziel zu verschwenden, das von einem ande­
(Genom) entspricht. ren schon längst gefunden wurde. Kultursysteme
Inhaltlich handelt es sich bei der Konzeption der stellen evolutionär unwahrscheinliche, risikoreiche
„culture systems“ um eine analytisch ausdifferen­ und entropisch höchst gefährdete Lösungen von
zierte Komponente des menschlichen Erleben und Sinnproblemen dar, und wie alle Lösungen, die
Handeln. Dieses Erleben und Handeln vollzieht von einer Gruppe von interagierenden Aktoren zu
sich nicht in diskreten Akten, sondern in höchst einem bestimmten Zeitpunkt in einer bestimmten
komplexen, systembildenden Zusammenhängen - Situation gefunden werden, wären sie im nächsten
es ist für Parsons sozusagen eine anthropologische Augenblick verloren,Unauthenticated
wenn es nicht gelänge, sie
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Stefan Jensen: Aspekte der Medien-Theorie 159

auf irgendeine Weise zu erhalten und über Zeit digerweise eine Medienstruktur entfalten - und
und Raum zu tragen. Dazu müssen die entschei­ dies ist auch innerhalb des religiösen Komplexes
denden Komponenten des Problems, seiner Lö­ geschehen, dessen zentralen Kern die Religionsge­
sung und der Konstitutionsbedingungen als Infor­ meinschaft und das Glaubenssystem bilden.
mation rekonstruierbar sein.
In einem solchen Erlebens- und Handlungszusam­
Man könnte meinen, dazu genüge die Sprache. menhang etablieren sich besondere Rituale, be­
Aber Sprache dient vielem. Worte alleine genügen sondere Formen der Interaktion und besondere
für dieses Problem nicht. Der Aufbau und die Formen der Kommunikation. Solchen besonde­
Erhaltung von Handlungssystemen braucht beson­ ren, geschützten und soziokulturell in ihrer Bedeu­
dere Absicherungen. Der Grund dafür ist, daß tung garantierten Formen stellen den Typus der
Interaktion und Kommunikation - physisches und „sanktionierten Kommunikation/Interaktion“ dar.
symbolisches Handeln - beim Aufbau der Lebens­ Sie dienen dem Aufbau von Handlungszusammen­
welt Zusammenwirken müssen, und daher muß es hängen mit einem besonderen, festgehaltenen
irgendwelche Mechanismen geben, die an die Ver­ Sinn.
wendung von bestimmten Symbolen bestimmte
Diese sanktionierte Kommunikation/Interaktion
reale Folgen knüpfen, und umgekehrt müssen ent­
beruht auf der Verknüpfung semantischer (allge­
scheidende physische Abläufe (wegen ihrer beson­
mein: symbolischer) Formeln einerseits mit dem
deren - kausalen oder teleologischen - Vorausset­
sozialen Status in der Gruppe andererseits. Dies
zungen, Wirkungen und Folgen) mit eindeutigen
bedeutet, daß gewisse Probleme und gewisse For­
Symbolen belegt sein. Solche Mechanismen sind
meln nur von bestimmten Rollenträgern themati­
die Medien.
siert werden dürfen und/oder daß derjenige, der
Medien haben allgemein die Funktion, zwischen sich in diese Zusammenhänge begibt, diese For­
der physischen und der symbolischen Struktur des meln verwendet, diese Themen aufgreift, es „ernst
Erlebens und Handelns zu vermitteln. Menschen meint“ und bereit ist, die sich ergebenden Konse­
sprechen - aber dies sind (vielleicht) nur Worte. quenzen zu tragen. Diskutieren wir dafür zwei
Menschen tun etwas - aber das ist (vielleicht) nur Beispiele: Wissenschaft und Religion. Beide Be­
ein physischer Ablauf, dessen Sinn unklar und reiche sind mediengesteuert.
dessen Bedeutung nicht rekonstruierbar ist. Beides
muß miteinander verknüpft, in ein System ge­ Die eigentliche Verschlüsselung der kulturellen In­
bracht werden, das im Raum/Zeit-Kontinuum so­ formationen erfolgt überwiegend semantisch (mit
wohl eine physische Struktur als auch einen (re­ Ausnahme vieler Bereiche der Kunst) - also im
konstruierbaren) soziokulturellen Sinn hat: durch Aufbau von Sprachstrukturen. Die Entwicklung
die Medien. der Medien, die ihrer Gestalt nach zumeist Zusatz­
einrichtungen zur Sprache (oder zu anderen Sym­
Kulturelle Medien (die in der kybernetischen Hier­ bolsystemen) sind, setzt voraus, daß sich in den
archie von steuernden Faktoren und physischen Bereichen, in denen sie auftreten, eine „normative
Konditionen am höchsten rangieren) leisten diese Hintergrundstruktur“ entfaltet, auf der dann die
Aufgabe im Hinblick auf die Kultursysteme. Be­ besondere sanktionierte Kommunikation und
trachten wir (als Beispiele für Teile der Kultur) Interaktion entsteht. Dies ist am Fall der Wissen­
etwa Religionen: Diese sind besondere Sinnsyste­ schaft und der Religion ganz deutlich zu sehen:
me, die das Erleben und Handeln des Menschen
bezüglich einer Reihe von transzendentalen Fra­ Der Begriff der „Wahrheit“ ist ursprünglich reli­
gen regeln - hinsichtlich der Frage nach dem Sinn giöser Natur und bezieht sich auf Offenbarungen.
unseres Geborenwerdens und unseres Sterbens, Hierbei tritt jedoch nun das Problem auf, „echte“
nach dem Sinn unseres Lebens, unserer geschicht­ Offenbarungen von „unechten“ (nicht-sakralen)
lichen Herkunft und Aufgabe, der Frage nach dem Botschaften oder Eingebungen zu unterscheiden.
Sinn des Leidens, des Bösen und der Sünde in Dazu muß eine Menge von Prüfungs- und Konsi­
einer Welt, die (angeblich) von einem Gott (oder stenzregeln entwickelt werden - also ein methodo­
vielen Göttern) geschaffen wurde . . . usw. In logischer Kanon. Dasselbe Problem stellt sich der
einem solchen transzendentalen Konstitutions­ Wissenschaft: Wie läßt sich „echte“ Erkenntnis,
system stecken außerordentliche Probleme, und die „wirklich wahr ist“, von „unechten“ Einsich­
ihre semantische Kodifikation kann auf die Dauer ten, welche auf Irrtümern beruht (die nichtsdesto­
nur von einer besonderen Kaste geleistet werden. weniger psychologisch und soziologisch äußerst
Auf einem solchen Hintergrund muß sich notwen­ Unauthenticated
plausibel sein können), unterscheiden?
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160 Zeitschrift für Soziologie, Jg. 13, Heft 2, April 1984, S. 145-164

Wie man weiß, trifft man dabei stets auf dasselbe „ungerechtfertigten Hingabe an das Falsche“ zu
Grundproblem, das seinen Ursprung in der seman­ trennen - da auch hier beide Formen dieselbe
tischen Verschlüsselung aller kulturellen Informa­ Gestalt zu haben scheinen. Die Grenze ist also
tionen hat: Da wissenschaftliche Aussagen immer nicht zwischen „Glauben“ und „Unglauben“ zu
nur mit anderen Aussagen (niemals direkt mit der ziehen, sondern zwischen Unterschieden in den
Realität) zu vergleichen sind, kann man niemals zu Glaubensinhalten und deren unterschiedlichen
einer Auszeichnung irgendwelcher „grundlegen­ Symbolisierungen, die strukturell gerade nicht un­
den“ Aussagen kommen (es sei denn - durch Be­ terscheidbar sind.
schluß, also willkürlich). Es gibt keine Wahrheit in Auch hier gibt es einen „intrinsisch wertvollen“
Gestalt eines „wahren Satzes“ (oder eines Systems Glauben (gegenüber einer anderen, wertlosen
wahrer Sätze), sondern es gibt nur eine „intrinsisch Form) als solchen nicht. Es gibt keine „wahre
wertlose Wahrheit“ in Gestalt des Mediums, näm­ Symbolisierung“ des Glaubens. Jede derartige
lich im Rahmen der Methodologie der Überprü- Symbolisierung kann auf einem falschen Glauben,
fung. auf Häresie, auf Vermessenheit, auf Verblendung
„Wahrheit“ ist eine Code-Struktur. Der Code wird beruhen. Die Wahrheit des Glaubens ist verbor­
durch die Methodologie der wissenschaftlichen gen, sie kann nicht in irgendeiner Symbolisierung
Überprüfung von Behauptungen definiert. Den manifest erscheinen - und so bleibt jede Symboli­
„normativen Hintergrund“ bilden die Institutionen sierung nur ein Gleichnis, das nicht intrinsisch die
der Wissenschaft. In diesem Rahmen müssen wir „Sache selbst“ sein kann, sondern nur ihre - in sich
die Funktion und Wirkung des Mediums be­ wertlose! - Repräsentation im Handlungssystem.
trachten. Dennoch gilt auch hier das gleiche wie im Fall der
Parallel zur Funktion des genetischen Codes neh­ Wissenschaft: Die Verwendung des Codes regelt,
men wir also an, daß die relevanten Informationen wie aus dem bestehenden Glaubenssystem in der
in semantischer Verschlüsselung vorliegen - bei­ tagtäglichen Interaktion ständig neue (das heißt: in
spielsweise in Gestalt eines wissenschaftlichen Fortsetzung des Bestehenden anschließende und
Aussagensystems innerhalb einer Theorie. Der sich damit neu konstituierende) Formen religiöser
Wahrheitscode steuert nun die Bildung weiterer Symbolisierungen (semantischer und nicht-seman­
Aussagen auf der Grundlage der Theorie, die den tischer Art) entwickelt werden dürfen, die dann als
Ausgangspunkt bildet. Dabei gibt es eine Vielzahl kulturelle, konstitutive, Komponenten des Erle­
von steuernden strukturellen Komponenten, auf bens und Handelns zur Verfügung stehen.
die hier nicht im einzelnen einzugehen ist; das
Ergebnis ist jedenfalls die Erzeugung weiterer se­
mantischer Sinnkomponenten, die zugleich kultu­
relle Komponenten des allgemeinen Handlungssy­ 8. Technischer Anhang, Übersicht und
stems sind. Bewertung
Auch im religiösen Bereich kann man zunächst In diesem Aufsatz ging es um die Frage: „Was ist
davon ausgehen, daß die relevanten kulturellen die Funktion von Medien?“ - nicht um die Frage:
Informationen semantisch verschlüsselt vorliegen - „Was sind eigentlich Medien?“ Vermutlich ist es
in Gestalt von (überlieferten) religiösen Offenba­ aber gerade diese Frage, die den Leser am meisten
rungen und deren Kanonisierungen. Anders als im beschäftigt, sobald er sich einmal den Medien zu­
Fall von Wissenschaft handelt es sich hier jedoch wendet.
nicht um eine Verschlüsselung von kognitiven Ele­ Die Frage „Was sind eigentlich Medien?“ läßt sich
menten, sondern um konstitutive Symbolik, deren leider nur sehr schwer und sehr umständlich beant­
Inhalte Glauben verlangen. Es ist dieser Glaube, worten - nicht, weil die Antwort so schwierig,
der durch einen entsprechenden Code bestimmten sondern weil sie so umfangreich ist: Die Antwort
Regeln unterworfen wird. Dabei muß man die ist eine umfassende Theorie, die unglücklicherwei­
Parallele zum Problem der „Wahrheit“ in folgen­ se nur angefangen, aber niemals fertiggestellt wur­
der Weise konstruieren: de. Dies hängt mit dem Tod Parsons’ und dem
Im Fall der Wissenschaft besteht das Problem dar­ Mangel an Theoretikern zusammen, die diese
in, Erkenntnisse von Irrtümern zu trennen, die Theorie fortführen könnten - wie dies nach dem
beide in derselben semantischen Gestalt auftreten. Tode eines großen Gelehrten immer der Fall zu
Im Fall der Religion besteht das Problem darin, sein pflegt. Es ist ganz klar, daß unter diesen
„echten“ (gerechtfertigten!) Glauben von einer Umständen die Frage Unauthenticated
danach, „was eigentlich die
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Stefan Jensen: Aspekte der Medien-Theorie 161

Medien sind“, an dieser Stelle nicht beantwortet Die Handlungssysteme (auf der Nullebene) lassen
werden kann. Und doch ist es verlockend, am sich ihrerseits erneut in eine Hierarchie von funk­
Ende dieses Beitrags zur Medienkonzeption we­ tionalen Subsystemen auf der folgenden ersten
nigstens einen Überblick zu geben, der eine Orien­ Referenzebene zerlegen - dem Kultursystem,
tierung über die Gesamtlage der Theorie ver­ dem Sozialsystem, dem Psychischen System und
schafft. schließlich dem Behavioralen System. Diese Sub­
Bei dem Versuch, eine solche Übersicht zu erstel­ systeme lassen sich dann weiter auf der nächsten,
len, soll von zwei methodologischen Hilfsmitteln zweiten Referenzebene differenzieren, auf der ins­
Gebrauch gemacht werden: erstens von der (schon gesamt vier mal vier Systembildungen möglich sind
zu Anfang eingeführten) Hierarchie-Konzeption . . . und so fort. Hier sei eine Teildarstellung ange-
(„Systeme bilden Hierarchien entlang der energe­ boten (Schema 2).
tisch-kybernetischen Achse“) und zweitens von
dem Konzept der Referenz-Ebene. Dieses Konzept
ist äußerst hilfreich, um die verschiedenen Ebenen
der Differenzierung von Systemen auseinanderhal­
ten zu können. Als Ausgangspunkt dafür wählen
wir die Ebene, auf der Parsons die „human condi­
tion“, also die Lebenswelt des Menschen insge­
samt, in Gestalt von vier Systemen rekonstruiert;
dies sei die „Nullebene der Referenz“. Differen­
ziert man die Systeme dieser ersten Ebene, so
gelangt man auf die folgende „erste Referenz-Ebe­
ne“ und so fort. . . Erste Referenzebene Zweite Referenzebene
Gemäß Parsons’ Vorstellung läßt sich die gesamte
Schema 2 Die vier Systeme auf der ersten Referenz­
Lebenswelt des Menschen in Form von Systemen ebene sowie rechts anschließend die zweite Referenz­
rekonstruieren. Diese Systeme bilden dabei eine ebene mit den ausdifferenzierten Subsystemen des So­
Hierarchie von vier Schichten, die wir alle der zialsystems.
„Nullebene der Referenz“ zurechnen. Die unterste
Schicht umfaßt alle Systembildungen, die auf einer
rein physikalischen Basis Zustandekommen. Die Damit stellt sich zunächst die Frage: Wohin - auf
nächsthöhere, zweite Schicht umfaßt die lebenden welche Ebene der Systembildung - gehören die
Systeme; die dann folgende dritte Schicht umfaßt Medien? Eine Abgrenzung ist auf den ersten Blick
die Handlungssysteme und schließlich die vierte, erkennbar: Als Teil der „action world“ gehören die
höchste Schicht die (von Parsons so genannten) Medien in die Handlungssysteme. Aber nach die­
„telischen“ Systeme (Schema 1). ser - leichten - Antwort wird es zunehmend
schwieriger, sich die Dinge zurechtzulegen.
(1) Ein erstes Problem ergibt sich aus der Frage,
ob es gegenüber den anderen Systemebenen - den
„telischen“ Systemen „nach oben“ und den „leben­
den“ Systemen „nach unten“ - vermittelnde Me­
dien gibt? Möglicherweise könnte - im Verhältnis
zum „telischen“ System - Sprache generell als Me­
dium fungieren. Sprache - oder die Fähigkeit,
symbolische Sinnstrukturen zu verwenden - wäre
dann das generelle „master-medium“, aus dem alle
anderen Medien geboren werden (so auch Par­
Nullebene der Referenz Erste Referenzebene sons; vgl. Parsons 1978).
Gegenüber den „tieferliegenden“ (kybernetisch
Schema 1 Die vier basalen Systeme, aus denen sich
die Lebenswelt (in ihrer Rekonstruktion in Form von schwächeren, energetisch stärkeren) Systemen
Systemen) auf der Nullebene der Referenz aufbaut. Da­ müßte es dagegen Medienstrukturen geben, die
neben rechts ist die erste Referenzebene angegeben, auf auf der Handlungsebene symbolisch, auf der Ebe­
der sich (in diesem Fall) eine Darstellung der ausdifferen­ ne der biologischen (oder lebenden) Systeme aber
zierten Subsysteme des Handlungssystems befindet. bereits physisch operieren: vitalistische oder tele-
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162 Zeitschrift für Soziologie, Jg. 13, Heft 2, April 1984, S. 145-164

onymische Konzepte sowie Raum/Zeit-Vorstellun- (5) Die verbleibenden beiden Parallelsysteme auf
gen böten sich an; aber tatsächlich sind diese Fra­ der zweiten Referenzebene (die psychischen und
gen noch völlig offen. . . die behavioralen Systeme) sind zwar - rein formal
(2) Wesentlich besser ausgearbeitet ist dagegen - ebenfalls in jeweils vier Subsysteme differenzier­
die Medientheorie auf der Ebene der Handlungs­ bar (und von Parsons teilweise effektiv differen­
systeme (der ersten Referenzebene). Hier hat Par­ ziert worden), aber Medienkonzepte dafür liegen
sons selbst vier fundamentale Medien konzipiert - nicht vor. Ehrlicherweise muß man hinzusetzen,
nämlich „definition o f situation“ für das Kultursy­ daß dafür vermutlich auch niemals Medien entste­
stem; „affect“ für das Sozialsystem; „performance- hen werden, weil niemand diese Arbeit auf sich
capacity“ für das Psychische System und „intelli­ nehmen wird. . .
gence“ für das Behaviorale System. Dies kann man Mithin läßt sich die auf Seite 163 ab gedruckte
nachlesen und nachvollziehen - und folglich damit Übersicht geben.
(zu) arbeiten4 (beginnen).
(3) Noch besser ausgearbeitet sind die Medien­ 8.1 Bewertung
konzepte auf der folgenden zweiten Referenzebene Betrachtet man, was zum Konzept der Medien an
für den Bereich der Sozialsysteme: Hier hat Par­ Theorieentwürfen und Ausarbeitungen vorliegt, so
sons für drei Medien ausführliche Darstellungen gelangt man zu folgendem Schluß:
vorgelegt, die die Medientheorie im Grunde auch
Gut ausgearbeitet und in ihrer theoretischen
erst begründen und tragen - nämlich die Aufsätze
Brauchbarkeit unbestritten sind die „sozialaffekti­
über „Macht“ als Medium für die politischen Syste­
ven“ Medien - Geld, Macht, Einfluß und (in Gren­
me; über „Einfluß“ für die kommunalen Systeme
zen) Wertbindungen. Diese Medien stellen ihrer
(societal systems) und über „value-commitments“
Funktion nach zugleich diejenigen Medien dar, mit
(übersetzt als „Wertbindungen“) für die kulturel­
denen „in der Interaktion etwas erreicht wird“, die
len Treuhandsysteme (Parsons in Jensen 1980).
also - anders formuliert - die Funktion einer Sank­
Als viertes Medium - übrigens im Grunde das tion haben (sanktionierte Interaktion/Kommunika-
einzige, bei dem man den Mediencharakter tat­ tion; vgl. Abschnitt 5 in diesem Text).
sächlich ohne Einschränkung erkennt - gilt das
Eine zweite gut ausgearbeitete und in ihrer theore­
ökonomische („rational kalkulierte“) Medium par
tischen Brauchbarkeit zu akzeptierende Medien­
excellence - Geld. Die Medientheorie, so muß man
gruppe stellen die vier Medien auf der ersten Refe­
einräumen, verdankt ihr Dasein und ihre gesamte
renzebene dar - definition of situation, affect, per­
Begrifflichkeit weitestgehend diesem einen Fall.
formance-capacity und intelligence. Damit hat Par­
Merkwürdigerweise fehlt gerade dazu die ausführ­
sons ausführlich gearbeitet und uns auf diese Wei­
liche Darstellung, wie dieses Medium im einzelnen
se hervorragende Beispiele für den Umgang mit
zu interpretieren ist.
dem Medienkonzept geliefert (Parsons/Platt 1973).
(4) Die anderen Handlungssubsysteme auf der
Schließlich finden sich, zumindest für Teile der
zweiten Referenzebene sind dagegen ohne ausgear­
Mediengruppen auf der zweiten Referenzebene,
beitete Medienkonzepte geblieben. Ansätze fin­
nämlich für das Kultursystem, ebenfalls brauchba­
den sich - wie hier im Text diskutiert - bislang für
re Ansätze - für „Glaube“ und „Wahrheit“, also
den Bereich der Kultur (also dem Parallelsystem
für Medien, die ihrer Funktion nach dem kulturel­
zum Sozialsystem): „Glaube“ als Medium im Be­
len Transfer dienen. Diese Funktion erfüllen auch
reich der konstitutiven Symbolik (der Religionen);
die anderen beiden Medien dieses Systemzusam­
„Recht“ als Medium im Bereich der moralisch-
menhanges - „Recht“ und „Bildung“, für die je­
evaluativen Systembildungen; „Bildung“ im Be­
doch keine Ausarbeitungen vorliegen.
reich der expressiven Symbolisierungen und
schließlich „Wahrheit“ als Medium im Bereich der Auf der Basis dieser Übersicht läßt sich folgende
kognitiven Symbolisierungen (im Wissenschaftssy­ Prognose erstellen: Das Konzept der Medien läßt
stem). sich, auch wenn es von Parsons in einem ganz
umfassenden Sinne entworfen und geplant wurde,
in seiner theoretischen Brauchbarkeit nur auf Teil­
zusammenhänge der Systemtheorie beziehen,
4 Gemeint sind hier folgende Aufsätze und Bücher: nämlich im wesentlichen auf die Sozial- und Kul­
Loubser et al. 1976; Parsons/Platt 1973; Parsons 1975 tursysteme auf der zweiten Referenzebene sowie
(deutsch in Jensen 1980); Jensen/Naumann 1980. Unauthenticated auf der ersten
auf das allgemeine Handlungssystem
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Stefan Jensen: Aspekte der Medien-Theorie 163

Übersicht Ebenen, Systeme, Medien


Ebene Systeme Medien
Nullebene Telische Systeme „ transcendental ordering“
= Systeme der conditio Handlungssysteme „symbolic meaning “ oder „Sprache“
humana Lebende Systeme „teleonomic capacity“
Physikalische Systeme „empirical ordering“ Raum/Zeit-Konzepte
Erste Referenzebene Kultursysteme „definition of situation“
= Handlungssysteme Sozialsysteme „affect“
differenziert in Psychosysteme „performance capacity“
Behaviorale Systeme „intelligence“
Zweite Referenzebene kSysteme mit konstitutiver Symbolik
= umfaßt insgesamt (Religionen) Glaube
16 Systeme; kSysteme der moralisch-evaluativen
davon weisen nur die Symbolik Recht
acht ersten (d. h. die kSysteme der expressiven Symbolik Bildung
Subsysteme der kSysteme der kognitiven Symbolik
Kultur- und Sozial­ (Wissenschaft) Wahrheit
systeme) Medien auf
kulturelles Treuhandsystem Wertbindungen
Kultur-
Sozial- kommunale Systeme Einfluß
Psycho- Politische Systeme Macht
Behaviorale Systeme
differenziert in: ökonomische Systeme Geld
pSysteme ?
(keine Ausarbeitung)
bSysteme ?
(keine Ausarbeitung)
Anmerkung: die Schreibweise „sSystem“, /System“ usw. soll andeuten, daß es sich jeweils um „Sozialsysteme“
oder „Kultursysteme“ usw. handeln soll. Die Formel „(keine Ausarbeitung)“ bedeutet nicht, daß in Parsons’ Arbeiten
eine solche Differenzierung nicht vorgenommen worden wäre; sie bedeutet, daß diese Ausarbeitungen für den
Zusammenhang der Medientheorie keine Bedeutung erlangt haben.

Referenzebene. Dieselbe Aussage läßt sich auch Schule“ gäbe. Beides ist nicht der Fall. Parsons
durch die Umschreibung der Funktionen gewin­ lebt nicht mehr, und seine Nachfolger bilden keine
nen: Das Medienkonzept ist voraussichtlich nur „Schule“, sondern sind verstreut und ohne beson­
dort wirklich brauchbar, wo die Medien folgende dere Förderung.
Funktionen erfüllen - den Transfer von Sinnstruk­ Das Werk Parsons wird als eine gigantische Gei­
turen (im Kulturbereich) und die Sanktionierung stesruine, in dem die Diadochen noch eine Weile
von Interaktion/Kommunikation ( Bereich der So­ verzagt herumstöbern, am Wege der Wissenschaft
zialsysteme) sowie in der Verknüpfung dieser bei­ Zurückbleiben, wie schon so viele „große Systeme“
den Funktionen auf der Ebene des allgemeinen zuvor. Dies ist das unausweichliche Schicksal aller
Handlungssystems. In allen anderen Fällen wird großen Systemdenker - sie sind die Ruinenbau­
das Medienkonzept zu „exotisch“ und kann damit meister der Wissenschaftsgeschichte. Bewundern
nur noch marginales Interesse beanspruchen. . . wir also den Plan, aber nehmen wir uns zugleich
Die Situation wäre anders zu beurteilen, wenn pragmatisch das, was an konstruktiven Materialien
Parsons selbst noch lebte und an diesem Konzepte brauchbar erscheint - in diesem Fall: den Teil der
arbeitete oder wenn es eine akzeptierte „Parsons- Medien, mit dem es sich sinnvoll arbeiten läßt.
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164 Zeitschrift für Soziologie, Jg. 13, Heft 2, April 1984, S. 145-164

Literatur Luhmann, N., 1982: Liebe als Passion. Zur Codierung


von Intimitäten. Frankfurt: Suhrkamp.
Bösel, R., 1981: Physiologische Psychologie. Berlin/New Musil, R., 1952: Der Mann ohne Eigenschaften. Ham­
York: De Gruyter. burg: Rowohlt.
Gehlen, A., 1961: Anthropologische Forschung. Rein­ Ornstein, R., 1976: Die Psychologie des Bewußtseins.
beck: Rowohlt. Frankfurt: Fischer.
Gehlen, A., 1964: Urmensch und Spätkultur. Frankfurt Parsons, T., 1970: Some problems of general theory in
und Bonn: Athenäum. sociology. In: McKinney, J. C./Tiryakian, E. A.
Hall, A. D./Fagen, R. E., 1956: Definition of System. (Hrsg.), Theoretical Sociology. New York: Meredith.
General Systems 1: 18-28. Parsons, T., 1975: Social structure and the symbolic
Jensen, S. (Hrsg.), 1980: Talcott Parsons - Zur Theorie media of interchange. In: Blau, P. M. (Hrsg.), Ap­
der sozialen Interaktionsmedien. Opladen: Westdeut­ proaches to the Study of Social Structure. London:
scher Verlag. Free Press. (Deutsch in: Jensen 1980).
Jensen, S., 1983: Systemtheorie. Stuttgart: Kohlhammer. Parsons, T., 1978: A paradigm of the human condition.
Jensen, S./Naumann, J., 1980: Commitments - Medien­ In: Parsons, T. (Hrsg.), Action Theory and the Human
komponenten einer ökonomischen Kulturtheorie? Condition. New York/London: Free Press.
Zeitschrift für Soziologie 9: 79-99 Parsons, T./Smelser, N. J., 1956: Economy and Society.
I-Ching - Das Buch der Wandlungen, 1956: Düsseldorf/ London: Routledge and Kegan Paul.
Köln: Eugen-Diederichs-Verlag. Parsons, T./Platt, G. M., 1973: The American Universi­
Lem, S., 1981: Die Stimme des Herrn. Frankfurt: Insel. ty. Cambridge: Harvard University Press.
Loubser, J., J./Baum, R. C./Effrat, A./Lidz, V. M. Pfarrsohn, T., 1982: The structure of sexual action. Un-
(Hrsg.), 1976: Explorations in General Theory in So­ veröff. Ms.
cial Science. Essays in Honor of Talcott Parsons. 2 Popitz, H., 1968: Prozesse der Machtbildung. Tübingen:
Bde. New York/London: Free Press. Mohr.
Luhmann, N., 1975: Macht. Stuttgart: Enke. Schütz, A., 1974: Der sinnhafte Aufbau der sozialen
Luhmann, N., 1981: Soziologische Aufklärung. Bd. 3. Welt. Frankfurt: Suhrkamp.
Opladen: Westdeutscher Verlag.

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