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Der Prozess

Kafka
Franz Kafka wuchs in einer Stadt und in einem Land auf, das geprägt war
von Gegensätzlichkeiten. Diese Gegensätzlichkeiten konzentrierten sich in
seiner Heimatstadt Prag und haben den Autor Kafka entscheidend geprägt.
Darüber hinaus entstand ”Der Prozess” in einer Zeit, die geprägt war von
grundlegenden Umwälzungen, die die Weltwahrnehmung einer ganzen
Generation beeinflussten. Diese Generation tritt heute im Epochenbegriff des
Expressionismus vor uns. Ein grundlegendes Gefühl des Verlustes und der
Verlorenheit drückt sich in den Werken dieser Künstler aus. Dabei waren sie
grundlegend von einem Gedanken Friedrich Nietzsches geprägt: der Schaffung
eines neuen Menschen. Was die Eckpfeiler dieser Bewegung waren und wie sie
mit Bezug auf den ”Prozess” zu beurteilen sind, wird hier erklärt.
Der Expressionismus (lat. ex premere: sich ausdrücken) ist weder durch
ein bestimmtes, fest fixiertes weltanschauliches und literarisches Programm
noch durch eine einheitliche Kunstform bestimmbar. Er ist eine Abkehr von der
wirklichkeitsnahen Darstellung des Naturalismus und von der Überhöhung des
Symbolismus. Der Fokus richtet sich auf die Darstellung der inneren
Subjektivität, verbunden mit offener Gesellschaftskritik. Er dauert von 1910 bis
1925 und umfasste dabei die Malerei, die bildende Kunst, die Architektur und
auch die Literatur. Das Wesen des Expressionismus ist aus den
gesellschaftlichen Bedingungen abzuleiten, die in dieser Zeit herrschten.
Das Werk und der Mensch Kafka üben bis heute eine ungebrochene
Faszination aus. Franz Kafka wollte, dass alle seine nicht veröffentlichten Texte
nach seinem Tod vernichtet werden. Glücklicherweise sind die Texte und somit
das besondere Werk dieses Autors erhalten geblieben.
Kafkas literarische Arbeit vermag es auch heute noch, in der
Bewusstseinslage des Menschen des 20. und des angehenden 21. Jahrhunderts
Bilder zu erzeugen. Daher entwickelte sich mit Bezug auf seine Arbeit das Wort
„kafkaesk“, das eine rätselhafte unheimliche Atmosphäre umschreibt. Es
verweist auf besondere Umstände menschlicher Existenz, wie z.B. das
Unbehaustsein und die grundlegende Verlorenheit in der Welt, die Absurdität,
Bürokratie und Entmenschlichung.

Aufbau
Da Kafka den ”Prozess” nie für eine Veröffentlichung vorgesehen hatte,
enthält der Text einige Ungereimtheiten. Max Brod erstellte nach Kafkas Tod
aus dem vorhandenen Manuskript die heutige Textfassung. Daher werden die
vollendeten Kapitel in der von Max Brod festgelegten Reihenfolge dem Leser
präsentiert. Die unvollendeten Kapitel befinden sich im Anhang, obwohl auch
Werkausgaben zur Verfügung stehen, die die Fragmente in den Hauptteil des
Buches integrieren (etwa die Suhrkamp Ausgabe von 2000).
Erwähnenswert ist die Tatsache, dass Guillermo Sánchez Trujillo annimmt, dass
Kafka Dostojewskis „Schuld und Sühne“ als Grundgerüst für seinen Text
verwendet hat. Als Beweis dafür gäbe es unzählige textliche
Übereinstimmungen. Basierend auf diesen Überlegungen, erschien 2005 eine
Ausgabe des Textes, bei der alle Fragmente in den Haupttext integriert sind.
Unabhängig davon, ob diese Vermutungen wahr sind, können die Fragmente
tatsächlich Lücken der Haupthandlung schließen.
Die Kapitelreihenfolge ist ebenfalls, abgesehen davon, nicht unumstritten.
Beispielsweise ist das Kapitel „Im Dom“ nicht fest in die Handlung der anderen
Kapitel eingebunden. Auch müssen für das Verständnis dieses Kapitels vorher
keine Figuren eingeführt werden, sodass die Positionierung alles andere als
sicher ist. Etwas anders liegt der Fall bei „Der Prügler“. Dieser Textabschnitt
kann erst nach „Erste Untersuchung“ platziert werden, da die Bestrafung der
Wächter erst nach K.s öffentlicher Rede stattfinden kann. Warum das Kapitel
aber ausgerechnet nach dem Besuch K.s im leeren Sitzungssaal einzuordnen ist,
bleibt unklar. Die Fragmente können höchstens grob in die Haupthandlung
integriert werden. „Bs. Freundin“ kann erst nach dem Gespräch mit Fräulein
Bürstner in „Gespräch mit Frau Grubach/ Dann Fräulein Bürstner“ stattfinden.
„Das Haus“ kann erst nach „Advokat / Fabrikant / Maler“ stehen, da hierfür erst
die Figur Titorellis eingeführt werden muss. Dennoch sind die unvollendeten
Kapitel insgesamt nicht ausgearbeitet genug, um hier eine sichere Reihenfolge
erarbeiten zu können.
Neben dieser äußeren Form wird der Roman aber noch durch 3 andere,
wesentliche Strukturen bestimmt: 1. Die Zirkelstruktur, 2. Die Struktur aus
Aktiv und Passiv und 3. Die Topografie der Handlung.
Die Zirkelstruktur
1. Im Zirkel der Wiederholung werden die Ereignisse genau zweimal wieder
aufgenommen. K. besucht die erste Untersuchung, um eine Woche später zur
zweiten Verhandlung zu erscheinen, die aber nicht stattfindet. Die Bestrafung
der Wächter Willem und Franz durch den Prügler wiederholt sich exakt zweimal
an zwei aufeinanderfolgenden Tagen. K. besucht Huld genau zweimal. Einmal
mit seinem Onkel und einmal, um ihn wieder zu entlassen.
Andere Unterredungen mit Huld werden nur aus K.s Erinnerung
rekonstruiert. Eine Ausnahme bildet K.s Werbung von Helferinnen, denn hier
liegt eine dreifache Wiederholung vor. Zuerst versucht er, Fräulein Bürstner als
Helferin für den Prozess zu gewinnen. Danach erbittet er von der Frau des
Gerichtsdieners Hilfe. Zum Schluss versucht er, Leni für den Prozess zu
gewinnen, was K. sogar selbst feststellt („Ich werbe Helferinnen […]“ (S.77).
Auch hier zeigt sich, dass keine Entwicklung stattfindet: Im Falle der
Verhandlungen verharrt der Prozess im Stillstand, es gibt keine weiteren
Anhörungen.
Die Wächter werden wiederholt bestraft und K. kann an beiden Tagen
nichts für sie tun. Die Werbung der Helferinnen scheitert in allen drei Fällen:
Nach dem nächtlichen Gespräch mit Frau Bürstner begegnet K. ihr nicht mehr;
die Frau des Gerichtsdieners wird vom Studenten fortgebracht und taucht nicht
mehr in der Handlung auf; Leni könnte K. zwar helfen, allerdings verbleibt diese
Möglichkeit im Konjunktiv („[…] wenn nicht etwa Leni einiges erforschen
könnte […]“ (S.120).
2. Der Zirkel des Paradoxen wird durch die Türhüterlegende
repräsentiert, die der Gefängniskaplan K. im Kapitel „Im Dom“ erzählt (siehe
dazu Parabel).
3. Der Zirkel des Grotesken ist grundlegend für den gesamten Text.
Kafka verwendet überhöhte und übersteigerte Bilder, die sowohl komisch als
auch absurd wirken. Die Überhöhung einzelner Szenen kennzeichnet den
tragikomischen Charakter der Erzählung. Die Groteske ist dabei ein adäquates
Mittel, um der Unfassbarkeit der Vorgänge gerecht zu werden.
Das Verhalten der beiden Wächter bei K.s Verhaftung ist grotesk
übertrieben. Sie essen sein Frühstück und halten K. förmlich in der Wohnung
fest. Die Bestrafung der Wächter durch den Prügler ist ebenso übertrieben wie
das seltsame Verhalten der Henker am Ende des Romans. Diese lassen K. sogar
noch den Weg auf der Straße bestimmen.
Der Zirkel des Grotesken verfolgt den Zweck, die Unglaublichkeit der
Geschehnisse zu unterstreichen und nimmt der Handlung ihr Pathos.
Die Struktur aus Aktiv und Passiv
Des Weiteren wirkt die Verlaufsstruktur des Romans strukturbildend. Es
findet ein stetiger Wechsel zwischen Aktivität und Passivität statt. Sowohl K.s
Handlungen als auch die des Gerichts schwanken zwischen diesen beiden Polen.
In Bezug auf die Kapitel 1 bis 6 kann davon gesprochen werden, dass K. die
passive Rolle übernimmt und das Gericht sich aktiv verhält. Die Rollen sind in
den Kapiteln 7 und 8 vertauscht. Hier übernimmt K. die aktive Rolle gegenüber
dem Gericht. Im Wesentlichen geht dieser Rollentausch mit der Tatsache einher,
dass K. erkennt, dass der Prozess ihn nicht mehr loslässt und vollkommen in
Besitz genommen hat („Der Gedanke an den Prozess verließ ihn nicht mehr“
(S.80). Diese Aktivität konkretisiert sich auch im Besuch bei Titorelli. K.
versucht, den Prozess selbst in die Hand zu nehmen.
Die Kapitel 9 und 10 versetzen K. wieder in die passive Rolle, denn alle
Versuche, das Gericht zu beeinflussen, scheitern. Das Gericht nimmt mit der
Hinrichtung K.s die finale aktive Rolle ein. K. verharrt in einer Mischung aus
Aktivität und Passivität. Zum einen versucht er in Kapitel 9, die
Türhüterlegende zu interpretieren (aktiv). Er erkennt aber nicht, was sie für ihn
selbst bedeutet (passiv). Zum anderen steuert er die beiden Henker beim
Spaziergang durch die Straßen (aktiv), und zwar nur, um sich am Ende einfach
töten zu lassen (passiv). So wird in der Mischform am Ende auch die
Zwiespältigkeit des Protagonisten sichtbar.
Die Topografie der Handlung
Eine andere Struktur ist auch in der Topografie der Handlung zu finden.
Bei intensiver Betrachtung wird deutlich, dass alle Orte den Lebensweg des
Protagonisten widerspiegeln. Aufgrund der Identifizierung K.s mit dem Mann
vom Lande aus der Türhüterlegende bildet das Land der Startpunkt. Darauf folgt
sein normales Leben mit seinem Beruf in der Stadt. Für den Prozess muss er in
die Vorstadt. Und für seine Hinrichtung aus der Stadt hinaus in den Steinbruch.
Daraus folgt:
Daraus lässt sich ein Lebenszyklus filtern, der auf dem Land beginnt und seinen
Höhepunkt in der Stadt findet. Danach verlagert sich die Handlung bis zum Tod
wieder hinaus aus der Stadt. Wenn man so will, können darin auch die vier
großen Lebensphasen eines jeden Menschen gesehen werden: Geburt/Kindheit,
Jugend, Erwachsenenalter, Alter/Tod (das lässt eine Anbindung an
die existenzielle Lesart des Romans zu).

Sprache und Stil


Kafkas Sprache im ”Prozess” ist wohl von seiner Anstellung als Jurist
geprägt. Er verwendet eine sehr präzise, fast emotionslose Sprache. Das führt
unter Umständen zur Distanzierung des Lesers von der Handlung zumindest auf
der sprachlichen Ebene. Die Emotionen der Figuren werden fast gar nicht
erwähnt. Auch angesichts der unklaren, teils unheimlichen Handlung wird eine
ruhige Sprache beibehalten. Der Fokus der Darstellung richtet sich auf die
äußeren Vorgänge.
Besonders eindrücklich zeigt sich dies etwa bei K.s Hinrichtung. Als er
getötet wird und nun die Gelegenheit für die Schilderung des Innenlebens des
Protagonisten wäre, werden die Handlungen fast unterkühlt erzählt: „Aber an
K.s Gurgel legten sich die Hände des einen Herrn, während der andere das
Messer ihm ins Herz stieß und zweimal dort drehte. Mit brechenden Augen sah
noch K., wie nahe vor seinem Gesicht die Herren, Wange an Wange aneinander
gelehnt, die Entscheidung beobachteten” (S.166).
Auch während seiner Verhaftung zeigt K. keine großen Emotionen.
Vielmehr versucht er, der Situation sachlich zu begegnen. Ihn hat lediglich eine
„gewisse Aufregung” erfasst. Dieser Ausdruck gestattet aber keinen tieferen
Einblick in K.s Seelenleben. Dass K. dennoch ein „zweites Gläschen“ Schnaps
trinkt, „nur aus Vorsicht für den unwahrscheinlichen Fall, dass es nötig sein
sollte“ (S.10), ist nur ein scheinbarer Bruch der emotionslosen Darstellung,
verharrt dieser Kommentar doch im Konjunktiv. Das Beispiel veranschaulicht
auch, wie Kafka erzählerische Ironie einbringt. Hier wird durch die
konjunktivische Form ein Hinweis darauf gegeben, dass zwischen K.s
Handlungen und seinem Innenleben Widersprüche bestehen.
Auch die Beschreibung der Wächter ist kennzeichnend: „’Es hilft nichts’,
sagten die Wächter, die immer, wenn K. schrie, ganz ruhig, ja fast traurig
wurden und ihn dadurch verwirrten oder gewissermaßen zur Besinnung
brachten” (S.11). Die Wächter werden in ihrer äußeren Ruhe geschildert, die
Schilderung, dass sie traurig sind, erscheint eher wie eine Interpretation ihres
Verhaltens als die wirkliche Darstellung einer Emotion. Dass K. nur
„gewissermaßen” wieder zur Besinnung kommt, wirkt wie ein Vergleich mit
einem „Normalzustand“, nicht aber wie die Darstellung des emotional
ergriffenen Protagonisten. Aus der äußeren Handlung können bestenfalls
Rückschlüsse auf das emotionale Erleben der Figuren gezogen werden.
Die gleiche Problematik besteht hinsichtlich der Rede K.s während der
ersten Untersuchung. Dort ist er offensichtlich aufgebracht über die Art der
Prozessführung. Allerdings sind keine direkten sprachlichen Signale dafür
vorhanden. K. erhebt einmal ”willkürlich seine Stimme” (S.35). Damit ist aber
nur indirekt ausgedrückt, dass er wütend ist. Als er am Ende dieser Szene den
Saal verlässt und höhnisch auf das Gericht reagiert, lacht er die Tür an (S.39).
Aus der darin auch ausgedrückten Ignoranz resultiert aber nie eine Äußerung
mit emotional aufgeladenen Worten.
Ebenso emotionslos reagiert K. während der Erniedrigung des Kaufmanns
durch Huld. Es wird nicht erzählt, ob oder wie erschüttert K. angesichts der
Situation ist. Stattdessen zieht der Protagonist den Vergleich, Block würde wie
ein Hund wirken (S.141).
Aus der präzisen Darstellung der Gestik und Mimik der Figuren resultiert
eine eher szenisch geprägte Sprache, die an Regieanweisungen in
Theaterstücken erinnert. So wird der Untersuchungsrichter zum Beispiel so
beschrieben: „Der Untersuchungsrichter kümmerte sich aber nicht darum,
sondern saß genug bequem auf seinem Sessel und griff, nachdem er dem Mann
hinter ihm ein abschließendes Wort gesagt hatte, nach einem kleinen
Anmerkungsbuch, dem einzigen Gegenstand auf seinem Tisch” (S.33). Diese
Textstelle verdeutlicht die umfassende, szenische Beschreibung, die für Kafkas
Stil charakteristisch ist. Die Gleichgültigkeit des Richters ist damit nur
andeutungsweise gekennzeichnet. Das Hauptaugenmerk richtet sich auf die
äußeren Handlungen.
An der Figur der Leni lässt sich das noch einmal demonstrieren. Der Leser
erfährt aus der Handlung, dass Leni und Huld offenbar eine sehr enge
Beziehung pflegen. Sie versucht, beim Eintreffen des Onkels und K.s den
kranken Huld zu schützen (S.69-70). Allerdings wird dort an keiner Stelle
erwähnt, welche Gefühle Leni motivieren. Wir können nur aus den Handlungen
erschließen, was in der Figur vorgeht. Als K. Huld entlassen will, ist Leni
aufgebracht, aber wir können wieder nur aus der Beschreibung ihres Körpers
Rückschlüsse auf ihre Emotionen ziehen: „Leni wollte gleich auf K. losfahren,
aber der Kaufmann kam ihr in den Weg, wofür sie ihm mit den Fäusten einen
Hieb gab. Noch mit den zu Fäusten geballten Händen lief sie dann hinter K.
[...]” her (S.132). Wie sie zu Huld steht, wird durch ihr Vorgehen angedeutet, als
sie ihm „sehr zart und vorsichtig, durch sein Haar fuhr und über seine Wange
strich” (S.138).
Angesichts extremer Ereignisse wird dennoch stets ein sachlicher Ton
beibehalten, etwa bei der Bestrafung der Wächter: „Da erhob sich der Schrei,
den Franz ausstieß, ungeteilt und unveränderlich, er schien nicht von einem
Menschen, sondern von einem gemarterten Instrument zu stammen, der ganze
Korridor tönte von ihm […]“ (S.61). Der unglaubliche Schmerz, der in die
Szene vorherrscht, wird durch einen Vergleich wiedergegeben. Durch die
Verwendung des Adjektivs „gemartert“ geschieht das auch effektiv, der Leser
kann sich also vorstellen, wie furchtbar die Gefühle sein müssen. Aber
sprachlich werden sie nicht konkret und direkt beschrieben.

Rhetorische Mittel
Der präzise Stil Kafkas bedingt auch die fehlende ausgeprägte
Verwendung rhetorischer Mittel. Vom teilweise komplexen Satzbau abgesehen,
ist ”Der Prozess” durch eine klare, schnörkellose Sprache gekennzeichnet.
Die undurchsichtige Handlung wird von Kafka durch den
stetigen Wechsel zwischen Indikativ und Konjunktiv untermalt. Daraus
resultiert auf der Seite des Lesers eine große Unsicherheit, weil somit nicht
immer klar ist, was wirklich wahr ist. Diese bezieht sich z.B. auf eine
Unterredung mit Huld: „Leider, darauf müsse er K. allerdings aufmerksam
machen, geschehe es manchmal, dass die ersten Eingaben bei Gericht gar nicht
gelesen werden.“ (S.80f.). Hier stehen sich sich Indikativ und Konjunktiv
gegenüber und es ist nicht klar, ob die Tatsache, dass die Berichte nicht
gelesen werden, nur eingeschränkt gültig ist. Die vorangestellten
Konjunktive (müsse, geschehe) relativieren dies. Es ist nicht erkennbar, welcher
Modus gilt.
Ähnlich verhält es sich mit einer Aussage Huld wenig später: „K. möge
doch nicht außer acht lassen, dass das Verfahren noch öffentlich sei, es kann,
wenn das Gericht es für nötig hält, öffentlich werden, das Gesetz aber schreibt
Öffentlichkeit nicht vor“ (S.81). Auch hier wechselt Kafka mitten im Satz vom
Konjunktiv zum Indikativ. Am Aussagegehalt ändert sich, oberflächlich
betrachtet, dadurch nichts.
Allerdings wird so sprachlich eine Ungewissheit in den Text eingewoben,
sodass der Leser nicht mehr klar zwischen Möglichkeit oder Wahrheit
entscheiden kann. Es ist hier zum Beispiel nicht klar, ob das Verfahren nun
öffentlich ist oder nicht. „Öffentlich“ ist mit dem Konjunktiv „sei“ verbunden.
Der abrupte Wechsel zum Indikativ (kann, werden) schafft die
Ununterscheidbarkeit zwischen wahr oder falsch. Es unterstützt auch das diffuse
Bild des Gerichts, denn auf der sprachlichen Ebene ist nicht eindeutig zu klären,
wie es wirklich handelt. Unterstützt wird dies im Fall der zitierten Stellen noch
durch die Tatsache, dass die Unterhaltung zwischen K. und Huld ausschließlich
aus K.s Erinnerung heraus wiedergegeben wird.
Erzählperspektive
Die Handlung im „Prozess“ setzt unvermittelt ein. Der Leser wird direkt
in die Handlung hinein geworfen, ohne dass eine Distanzierung zum Geschehen
möglich wäre, denn die Erzählperspektive lässt dies nicht zu. Es ist aber nicht
eindeutig erkennbar, wer der Erzähler ist. Es besteht lediglich eine
Perspektivierung auf K. Aber auch K. selbst erzählt nicht. Diese unmittelbare
Konfrontation mit der Handlung setzt sich im gesamten Romangeschehen fort
und im ganzen Text tritt nie ein klar identifizierbarer Erzähler auf.
Kafka verwendet eine radikale personale Erzählperspektive. Personale
Erzählperspektive bedeutet eigentlich, dass ein Erzähler einen Standpunkt in der
Handlung wählt, nur solche Dinge berichtet, die auch den anderen Figuren
zugänglich sind, und sich selbst jedes Kommentars enthält. Kafka geht aber
weiter. Er legt die Perspektive auf Josef K. fest und bindet den Leser unmittelbar
an seine Sicht. Gleichzeitig verzichtet Kafka vollständig darauf, das Geschehen
direkt aus K.s Sicht zu erzählen. Der Leser kann nur das wahrnehmen, was Josef
K. erlebt, sieht und denkt, ohne dass K. dies selbst schildern würde. Darüber
hinaus ist die gesamte Handlung um die Zentralfigur K. herum konstruiert. Es
gibt keine Szene, in der K. nicht auftritt. Dadurch ist der Leser gezwungen, sich
vollständig auf den Protagonisten einzulassen. Diese Technik, einen gesamten
Text auf nur einen Protagonisten und seine Wahrnehmung zu konzentrieren,
kann auch als einsinniges Erzählenbezeichnet werden.
Daneben wird eine Erzählperspektive verwendet, die als „pseudo-
auktorial“charakterisiert werden kann. Dies soll bedeuten, rein strukturell
handelt es sich zwar um eine auktoriale Erzählperspektive, bei detaillierter
Analyse ist es aber vollkommen ausgeschlossen, dass hier eine allwissende
Erzählinstanz spricht. Der Anfang des Romans illustriert dies sehr deutlich:
„Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses
getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet“ (S.5) - würde hier ein
auktorialer Erzähler agieren, müsste der dem Leser mitteilen können, wer K.
verleumdet hat und warum er verhaftet wurde. Diese Erklärung bleibt aber aus.
Der Leser folgt hier der Perspektive Josef K.s. Das mag paradox erscheinen,
verweist der erste Satz doch auf etwas, das K. noch gar nicht wissen kann, und
das Thema des Kapitels ist nämlich die Verhaftung. K. erfährt erst später, dass
er „ja gefangen“ (S.6) ist.
Betrachtet man die sprachlichen Feinheiten, so erkennt man, dass der Satz
eigentlich hypothetisch ist. Das Verb „hätte“ verweist auf die Möglichkeit, dass
er etwas getan haben könnte. Dieser Stil ist grundlegend für den gesamten Text,
der in der Hypothese verharrt und nie eindeutig wird, was K.s Schuld
betrifft. Kafka wechselt zwischen der Leitperspektive K.s (radikale personale
Perspektive) und dieser „pseudo-auktorialen“ Beobachtungsperspektive. Es ist
festzuhalten, dass wir uns permanent aus K.s Perspektive in der Handlung
bewegen, auch wenn an manchen Stellen der Anschein erweckt wird, dass es
einen auktorialen Erzähler geben würde.
„Der Prozess“ präsentiert so die für Kafka
typische Monoperspektive. Diese Art des Erzählens kann wie folgt
charakterisiert werden: Der Protagonist ist total in der gestalteten Welt
verankert. Er kann nicht über den erzählten Raum hinaus blicken. Außerdem
erfolgen fast keine Reflexionen über andere Figuren und deren Handlungen. Am
„Prozess“ kann man das an allen Figuren erkennen: Jeder Charakter hat eine
klare Funktion im Handlungsgefüge (abgesehen von den diffusen Strukturen des
Gerichts), aber diese Funktion ist nur an der Art und Weise erkennbar, wie die
Figur handelt und wie sie im Verhältnis zu K. in die Handlung eingebettet ist. K.
selbst stellt in dieser Hinsicht keine tiefer gehenden Überlegungen an. Aufgrund
der Tatsache, dass der Protagonist der Handlung absolut ausgesetzt ist,
entwickelt sich auch beim Leser ein Gefühl der Unausweichlichkeit.
Erzählstil
Fest daran gebunden ist ein hypothetischer Erzählstil, der vieles in der
Schwebe lässt. So unterläuft Kafka immer wieder das Vertrauen, dass wir in K.s
Perspektive haben könnten. Die Wirklichkeit, die K. wahrnimmt, wird mit
bestimmten Formulierungen in Zweifel gezogen. Der Leser kann sich über ihre
Richtigkeit nicht sicher sein. Die permanente Suche nach der Orientierung
artikuliert sich in Verben, wie „glauben“ (z.B. S.11, 14, 26, 117, 127, 137, 180),
der äußerst häufigen Verwendung von „scheinen“ (z.B. S.5, 7, 16, 20, 34, 37)
und der ständigen Verwendung von Adverbien, wie „möglicherweise“ (z.B.
S.14, 16, 124, 180), „wahrscheinlich“ (z.B. S.8, 23, 31), „offensichtlich“ (z.B. S.
16, 79) oder „offenbar“ (z.B. S. 5, 28, 44, 50). Das verdeutlicht K.s Unsicherheit
bei der Erschließung der Umwelt, die auf den Leser übergreift.
Unterstrichen wird der hypothetische Erzählstil dadurch, dass im Roman
immer wieder auf etwas verwiesen wird, das nie zur Darstellung kommt. Das
Gericht und der Prozess selbst sind zentral für den Text, werden aber eigentlich
nie wirklich präzisiert (Ausnahme: Kap. „Erste Untersuchung“). Ebenso
schleierhaft bleibt, wer die Figur K. eigentlich ist. Er ist ein „Mann ohne
Eigenschaften“, was durch den abrupten Beginn und den Schluss der Handlung
bedingt wird. Absurderweise kann K. das nie dargestellte Gericht kontrollieren,
etwa dann, wenn er selbst willkürlich eine Uhrzeit für die erste Untersuchung
festlegt (S.28) oder im Fragment zu Elsa selbst bestimmt, dass das Gericht ihm
nichts anhaben kann (S.178f.). Er reagiert auf das Gericht, hat eine Arbeit und
pflegt sporadische Kontakte zu anderen Menschen. Mehr erfährt man über die
Figur nicht.

Interpretation
Die Faszination an Kafkas ”Prozess” entspringt sicher auf der
Ungenauigkeit des Textes. Es gibt vielfältige Weisen, den Text zu verstehen.
Dabei müssen verschiedene Fragen gestellt und beantwortet werden. Was
bedeutet etwa die Verhaftung K.s für die Figur und was stellt sie in ihrem
Wesen allgemein dar? Welche Rolle spielt das Gericht und wie kann es als nie
in Erscheinung tretende Instanz verstanden werden? Die grundlegenste Frage ist
natürlich die nach K.s Schuld. Da nie offen gesagt wird, worin sie besteht,
bieten sich hier Interpretionen an, die von existenziellen, religösen über
gesellschaftskritische und politische bis hin zu biographischen Auslegungen
reichen. Auch die Stellung der Frauen muss bei einer genauen Analyse mit
einbezogen werden. Diese Fragen werden in der vorliegenden Interpretaion
ausführlich beantwortet, so dass ein breites Verstädnis dieses schwierigen
Textes entsteht.

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