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Clemens Brentano (1778 - 1842)

1. Hörst du, wie die Brunnen rauschen,


2. Hörst du, wie die Grille zirpt?
3. Stille, stille, laß uns lauschen,
4. Selig, wer in Träumen stirbt.
5. Selig, wen die Wolken wiegen,
6. Wem der Mond ein Schlaflied singt!
7. O, wie selig kann der fliegen,
8. Dem der Traum den Flügel schwingt,
9. Daß an blauer Himmelsdecke
10. Sterne er wie Blumen pflückt:
11. Schlafe, träume, flieg, ich wecke
12. Bald Dich auf und bin beglückt.

Stilmittel: Anapher (V.1,V.2,V.4, V.5), Metapher(V.1,V.2,), Epizeugxis(V.3),


Assonanz(V.5, V.7), Vergleich (V.10),Alliteration(V.5,V.6),Klimax(V.11)

Nähe des Geliebten - Johann Wolfgang von Goethe

1. Ich denke dein, wenn mir der Sonne Schimmer


2. vom Meere strahlt;
3. Ich denke dein, wenn sich des Mondes Flimmer
4. In Quellen malt.
5. Ich sehe dich, wenn auf dem fernen Wege
6. Der Staub sich hebt;
7. In tiefer Nacht, wenn auf dem schmalen Stege
8. Der Wandrer bebt.
9. Ich höre dich, wenn dort mit dumpfem Rauschen
10. Die Welle steigt.
11. Im stillen Haine geh' ich oft zu lauschen,
12. Wenn alles schweigt.
13. Ich bin bei dir; du seist auch noch so ferne,
14. Du bist mir nah!
15. Die Sonne sinkt, bald leuchten mir die Sterne.
16. O, wärst du da!
Stilmittel: Alliteration(V.1,V.3),
Anapher(V.1,V.3,V.5,V.7,V.9),Interjektion(V.16),Hyperbol(V.8),personifikation(V.3-
V.4,V.10),Paradox(V.14),Klimax(V.11,V.12)

Nachtzauber - Joseph von Eichendorff

1. Hörst du nicht die Quellen gehen


2. Zwischen Stein und Blumen weit
3. Nach den stillen Waldesseen,
4. Wo die Marmorbilder stehen
5. In der schönen Einsamkeit?
6. Von den Bergen sacht hernieder,
7. Weckend die uralten Lieder,
8. Steigt die wunderbare Nacht,
9. Und die Gründe glänzen wieder,
10. Wie dus oft im Traum gedacht.
11. Kennst die Blume du, entsprossen
12. In dem mondbeglänzten Grund?
13. Aus der Knospe, halb erschlossen,
14. Junge Glieder blühend sprossen,
15. Weiße Arme, roter Mund,
16. Und die Nachtigallen schlagen,
17. Und rings hebt es an zu klagen,
18. Ach, vor Liebe todeswund,
19. Von versunknen schönen Tagen –
20. Komm, o komm zum stillen Grund!
Stilmittel: Personifikation(V.1), Antithese(V.2),Metapher(V.14-V.15),Anapher
(V.16,V.17),Euphemismus(V.20), Wiederholung(V.20),Alliteration(V.9,
V.19,)Klimax(V.16), Enjambement(V.3, V.4)

Untreu - August Stramm

1. Dein Lächeln weint in meiner Brust


2. Die glutverbissnen Lippen eisen
3. Im Atem wittert Laubgewelk!
4. Dein Blick versargt
5. Und
6. Hastet polternd Worte drauf.
7. Vergessen
8. Bröckeln nach die Hände!
9. Frei
10. Buhlt dein Kleidsaum
11. Schlenkrig
12. Drüber rüber!
Stilmittel:
Metapher(V.4),Neologismus(V.2,V.11),Personifikation(V.1,V.2),Enjambament(V.7,V.8)

Joseph von Eichendorff-Zwielicht

1. Dämmrung will die Flügel spreiten,


2. Schaurig rühren sich die Bäume,
3. Wolken ziehn wie schwere Träume -
4. Was will dieses Graun bedeuten?

5. Hast ein Reh du lieb vor andern,


6. Laß es nicht alleine grasen,
7. Jäger ziehn im Wald und blasen,
8. Stimmen hin und wieder wandern.

9. Hast du einen Freund hienieden,


10. Trau ihm nicht zu dieser Stunde,
11. Freundlich wohl mit Aug und Munde,
12. Sinnt er Krieg im tückschen Frieden.

13. Was heut müde gehet unter,


14. Hebt sich morgen neugeboren,
15. Manches bleibt in Nacht verloren -
16. Hüte dich, bleib wach und munter!

Stilmittel: Inversion(V.5, V.8), Ellipse(V. 5,V. 9,V. 11,V. 15)Personifikation (V.1),


Alliteration(V.8),Metapher(V.3,V.4,),Anapher(V.7, V.8),Climax(V.12), Antithese(V.13,
V.14)

Patrouille - August Stramm

1. Die Steine feinden


2. Fenster grinst Verrat
3. Äste würgen
4. Berge Sträucher blättern raschlig
5. gellen1
6. Tod.
Stilmittel: Personifikation(V.1, V.2), Assonanz(V.1), Synästhesie(V.6)

Traum - August Stramm

1. Durch die Büsche winden Sterne


2. Augen tauchen blaken sinken
3. Flüstern plätschert
4. Blüten gehren
5. Düfte spritzen
6. Schauer stürzen
7. Winde schnellen prellen schwellen
8. Tücher reißen
9. Fallen schrickt in tiefe Nacht.
Stilmittel: Alliteration(V.6-V.7), Personifikation(V.1, V.2)

An die Verstummten - Georg Trakl

1. O, der Wahnsinn der großen Stadt, da am Abend


2. An schwarzer Mauer verkrüppelte Bäume starren,
3. Aus silberner Maske der Geist des Bösen schaut;
4. Licht mit magnetischer Geißel die steinerne Nacht verdrängt.
5. O, das versunkene Läuten der Abendglocken.
6. Hure, die in eisigen Schauern ein totes Kindlein gebärt.
7. Rasend peitscht Gottes Zorn die Stirne der Besessenen,
8. Purpurne Seuche, Hunger, der grüne Augen zerbricht.
9. O, das gräßliche Lachen des Golds.
10. Aber stille blutet in dunkler Höhle stummere Menschheit,
11. Fügt aus harten Metallen das erlösende Haupt.

Stilmittel: Interjektion(V.1, V.5,V.9,), Synästhesie (V.4),Metonymie(V.8)Personifikation(V.9),


Vergleich(), Tautologie(V.10),Metapher(V.2, V.3)

Schöne Jugend - Gottfried Benn

1. Der Mund eines Mädchens, das lange im Schilf gelegen hatte


2. sah so angeknabbert aus.
3. Als man die Brust aufbrach
4. war die Speiseröhre so löcherig.
5. Schließlich, in einer Laube unter dem Zwerchfell
6. fand man ein Nest von jungen Ratten.
7. Ein kleines Schwesterchen lag tot.
8. Die anderen lebten von Leber und Niere,
9. tranken das kalte Blut und hatten
10. hier eine schöne Jugend verlebt.
11. Und schön und schnell kam auch ihr Tod:
12. Man warf sie allesamt ins Wasser.
13. Ach, wie die kleinen Schnauzen quietschen!

Stilmittel: Enjambement (V. 4-5, V. 8-9), Personifikation(V. 6-V.7, V. 9), Verdinglichung (V. 2)
Metapher (V. 4, V. 9), Interjektion(V.13),Anapher(V.8, V.9)

Sehnsucht - Joseph von Eichendorff

1. Es schienen so golden die Sterne,


2. Am Fenster ich einsam stand
3. Und hörte aus weiter Ferne
4. Ein Posthorn im stillen Land.
5. Das Herz mir im Leib entbrennte,
6. Da hab ich mir heimlich gedacht:
7. Ach, wer da mitreisen könnte
8. In der prächtigen Sommernacht!
9. Zwei junge Gesellen gingen
10. Vorüber am Bergeshang,
11. Ich hörte im Wandern sie singen
12. Die stille Gegend entlang:
13. Von schwindelnden Felsenschlüften,
14. Wo die Wälder rauschen so sacht,
15. Von Quellen, die von den Klüften
16. Sich stürzen in die Waldesnacht.
17. Sie sangen von Marmorbildern,
18. Von Gärten, die überm Gestein
19. In dämmernden Lauben verwildern,
20. Palästen im Mondenschein,
21. Wo die Mädchen am Fenster lauschen,
22. Wann der Lauten1 Klang erwacht
23. Und die Brunnen verschlafen rauschen
24. In der prächtigen Sommernacht. –
Stilmittel:Inversion(V.2),Interjektion(V.7),Metapher(V.5),Tautologie(V.6),
Enjambement(V.9, V.11,V.15,V.22,),Personifikation(V.13, V.14,V.15-
V.15),Klimax(V.20), Synekdoche(V.11-V.12), Alliteration(V.9),Antithese(V.11)

Der Abend - Joseph von Eichendorff

1. Schweigt der Menschen laute Lust:


2. Rauscht die Erde wie in Träumen
3. Wunderbar mit allen Bäumen,
4. Was dem Herzen kaum bewusst,
5. Alte Zeiten, linde Trauer,
6. Und es schweifen leise Schauer
7. Wetterleuchtend durch die Brust.
Stilmittel: Alliteration(V.1), Vergleich(V.2), Ellipse(V.5)
Ein solcher ist mein Freund

1. Ein solcher ist mein Freund

2. Ein solcher ist mein Freund,

3. Ein solcher ist mein Buhle,

4. Ein einziger, erlesener

5. Aus sämmtlicher Männer Schaar:

6. Wie ein Rabe, so schwarz sein Haar,

7. Und seine milden Augen

8. Ein Tauben-Augenpaar.

9. Sein Leib, wie Elfenbein,

10. Und wie gehau′n aus Marmor

11. Der Schenkel Prachtgebilde,

12. Wie Lüfte, die gelinde

13. Hinsäuseln über Rosen,

14. Sind seine Minnegrüße,


15. Wie des Honiges Seim an Süße

16. Die Küsse, die er beut,

17. Sein ganzes Sein und Wesen

18. Nur Glück und Seligkeit

Stilmittel: Anapher(V.1, V.2, V.3, V.17, V.18), Vergleich(V.6,V.9,V.10, V.12,


V.15),Alliteration(V.4, V.6,), Ellipse(V.9), Apharase (V.10), Tautologie(V.17,
V.18)

Weltende (1911) - Jakob van Hoddis

1. Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,


2. In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
3. Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
4. Und an den Küsten - liest man - steigt die Flut.

5. Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen


6. An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
7. Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
8. Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.
Stilmittel: Symbolik (V.1), Vergleich (V.2), Verdinglichung (V.3,8), Parenthese (V.4),
Personifikation (V.5), Enjambement (V.5-6), Aliteration (V.6,7)

Es ist alles Eitel (1637) - Andreas Gryphius


1.. Du siehst, wohin du siehst, nur eitelkeit auf erden.
2. Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein;
3. Wo ietzundt städte stehn, wird eine Wiese seyn,
4. Auf der ein schäfers kind wird spielen mit den herden;

5. Was itzundt prächtig blüth, sol bald zutreten werden;


6. Was itzt so pocht und trotzt, ist morgen asch und bein;
7. Nichts ist, das ewig sey, kein ertz, kein marmorstein.
8. Jetzt lacht das glück uns an, bald donnern die beschwerden.

9. Der hohen thaten ruhm muß wie ein traum vergehn.


10. Soll denn das spiel der zeit, der leichte mensch bestehn?
11. Ach, was ist alles diß, was wir vor köstlich achten,

12. Als schlechte nichtigkeit, als schatten, staub und Wind,


13. Als eine wiesen blum, die man nicht wieder find't!
14. Noch wil, was ewig ist, kein einig mensch betrachten.
Stilmittel: Antithesen (V.2, 3, 5, 6, 8, 9), Allegorie (V.4), Anapher (V.5-6, 12-13),
Asyndeton (V.7, 12), Synästhesie (V.8), Personifikation (V.8), Metapher (V.13)

Latrine -Günter Eich


1. Über stinkendem Graben,
2. Papier voll Blut und Urin,
3. umschwirrt von funkelnden Fliegen,
4. hocke ich in den Knien,

5. den Blick auf bewaldete Ufer,


6. Gärten, gestrandetes Boot.
7. In den Schlamm der Verwesung
8. klatscht der versteinte Kot.

9. Irr mir im Ohre schallen


10. Verse von Hölderlin.
11. In schneeiger Reinheit spiegeln
12. Wolken sich im Urin.

13. Geh aber nun und grüße


14. die schöne Garonne
15. Unter den schwankenden Füßen
16. schwimmen die Wolken davon

Stilmittel: Alliteration (V. 3,6), Enjambement (V.4-5,13-14), Onomatopoesie (V.8,9),


Vergleich (V.11), Metapher (V.16)
GOTTFRIED BENN- Nachtcafé

1. 824: Der Frauen Liebe und Leben.


2. Das Cello trinkt rasch mal. Die Flöte
3. rülpst tief drei Takte lang: das schöne Abendbrot.
4. Die Trommel liest den Kriminalroman zu Ende.

5. Grüne Zähne, Pickel im Gesicht


6. winkt einer Lidrandentzündung.

7. Fett im Haar
8. spricht zu offenem Mund mit Rachenmandel
9. Glaube Liebe Hoffnung um den Hals.

10. Junger Kropf ist Sattelnase gut.


11. Er bezahlt für sie drei Biere.

12. Bartflechte kauft Nelken,


13. Doppelkinn zu erweichen.

14. B-Moll: die 35. Sonate.


15. Zwei Augen brüllen auf:

16. Spritzt nicht das Blut von Chopin in den Saal,


17. damit das Pack drauf rumlatscht!
18. Schluß! He, Gigi! −

19. Die Tür fließt hin: Ein Weib.


20. Wüste ausgedörrt. Kanaanitisch braun.
21. Keusch. Höhlenreich. EinDuftkommtmit. Kaum Duft.

22. Es ist nur eine süße Vorwölbung der Luft


23. gegen mein Gehirn.

24. Eine Fettleibigkeit trippelt hinterher.

Stilmittel: Personifikation (V.2,15,25), Enjambement (V.2,5,7,8,23), Alliteration (V.3),


Oxymoron (V.20)
Fabrikstraße tags (1911) - Paul Zech

Nichts als Mauern. Ohne Gras und Glas

zieht die Straße den gescheckten Gurt

der Fassaden. Keine Bahnspur surrt.

Immer glänzt das Pflaster wassernass.

Streift ein Mensch dich, trifft sein Blick dich kalt

bis ins Mark; die harten Schritte haun

Feuer aus dem turmhoch steilen Zaun,

noch sein kurzer Atem wolkt geballt.

Keine Zuchthauszelle klemmt

so in Eis das Denken wie dies Gehn

zwischen Mauern, die nur sich besehn.

Trägst Du Purpur oder Büßerhemd -:

immer drückt mit riesigem Gewicht

Gottes Bannfluch: uhrenlose Schicht.

Stilmittel: Enjambement (V.1,2,5,6,9,10,13), Alliteration (V.1, V.2), Onomatopoesie


(V.3), Metapher (V.8), Symbol (V.12), Vergleich(V.10)

Nachtgesang (1911) - Jakob van Hoddis

1. Das Abendrot zerriß die blauen Himmel.


2. Blut fiel aufs Meer. Und Fieber flammten auf.
3. Die Lampen stachen durch die junge Nacht.
4. Auf Straßen und in weißen Zimmern hell.

5. Und Menschen winden sich vom Lichte wund.


6. Die Strolche schreien. Kleine Kinder schluchzen,
7. Von Wäldern träumend, ängstlich. Ein Verrückter
8. Hockt lauernd auf im Bette: Soll ich fliehen?

9. "Was sind wir aus dem Mutterleib gekrochen


10. Denn jeder möchte doch ein andrer sein.
11. Und jeder bohrt dir seine Augen ein
12. Und drängt sich schamlos ein in deinen Traum
13. Und seine Glieder sind an deinen Knochen
14. Als gäb es keinen Raum.

15. Und Menschen wollen immer noch nicht sterben


16. Und keiner wallt so einsam wie der Mond.
17. Und selbst der Mond bedeutet nur Verderben.
18. Denn seine Liebe wird mit Tod belohnt.-

19. Tief unter mir erstirbt die kranke Nacht.


20. Und grauenhaft steigt bald der Morgen auf.
21. Flugs schlägt er tot das Schwarz.
22. Was tut er wilder
23. Als Bruder gestern, den die Nacht verschlang?“

24. Trompetenstöße vom verfluchten Berge-


25. Wann sinken Land und Meer in Gott?
Stilmittel: Metapher (V.1,21), Parataxe (V.2), Enjambement (V.6,7,9,11,12,13,22),
Repetitio (V.3,4), Personifikation (V.19,23), Ellipse (V.24), Anapher(V.15,V.16, V.17),
Vergleich(V.23, V.16, V.14)

Städter - Alfred Wolfenstein

1. Dicht wie die Löcher eines Siebes stehn


2. Fenster beieinander, drängend fassen
3. Häuser sich so dicht an, dass die Straßen
4. Grau geschwollen wie Gewürgte stehn.

5. Ineinander dicht hineingehakt


6. Sitzen in den Trams die zwei Fassaden
7. Leute, ihre nahen Blicke baden
8. Ineinander, ohne Scheu befragt.
9. Unsre Wände sind so dünn wie Haut,
10. Dass ein jeder teilnimmt, wenn ich weine.
11. Unser Flüstern, Denken ... wird Gegröle ...

12. Und wie still in dick verschlossner Höhle


13. Ganz unangerührt und ungeschaut
14. Steht ein jeder fern und fühlt: alleine.
Stilmittel: Enjambement (V.1-14), Vergleich (V.1,9,12), Alliteration (V.4,13,14),
Personifikation (V.6), Metapher (V.7)