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Wir machen mit.

Der Nationale Integrationsplan


Neue Wege – Neue Chancen

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Der Nationale Integrationsplan

Neue Wege – Neue Chancen

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Inhalt
Vorwort von Bundeskanzlerin Angela Merkel 7

Einleitung von Staatsministerin Maria Böhmer 9

1. Erklärung des Bundes zum Nationalen Integrationsplan 12

2. Beitrag der Länder zum Nationalen Integrationsplan 22

3. Beitrag der Bundesvereinigung der kommunalen Spitzenverbände 31

4. Ergebnisse der Arbeitsgruppen 35

Einleitung 35

4.1. Themenfeld 1:

„Integrationskurse verbessern“ 37

1. Bestandsaufnahme 37

2. Zielbestimmungen 39

3. Vereinbarungen von Maßnahmen und Selbstverpflichtungen 43

Mitglieder 45

4.2. Themenfeld 2:

„Von Anfang an deutsche Sprache fördern“ 47

1. Unterstützung von Sprachentwicklung und Spracherwerb durch die Eltern 48

2. Sprachförderung in Kindertageseinrichtungen und in Kindertagespflege 52

3. Durchgängige sprachliche Bildung im Übergang Kindergarten – Schule 55

Mitglieder 58

4.3. Themenfeld 3:

„Gute Bildung und Ausbildung sichern, Arbeitsmarktchancen erhöhen“ 61

Auftrag 61

Ergebnisse 62

1. Integration und Bildung 62

2. Integration und Ausbildung 70

3. Integration und Arbeitsmarkt 77

Mitglieder 84

4.4. Themenfeld 4:

„Lebenssituation von Frauen und Mädchen verbessern, Gleichberechtigung verwirklichen“ 87

1. Themenschwerpunkt: Integration durch Recht 88

2. Themenschwerpunkt: Partizipation 94

3. Themenschwerpunkt: Gesundheit, Sexualaufklärung, Altenhilfe 99

Mitglieder der Unterarbeitsgruppe 1 106

Mitglieder der Unterarbeitsgruppe 2 107

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4.5. Themenfeld 5:

„Integration vor Ort unterstützen“ 109

Vorbemerkungen 109

1. Themenschwerpunkt 1: Kommunale Gesamtkonzepte 110

2. Themenschwerpunkt 2: Wohnen und Wohnumfeld im Quartier 112

3. Themenschwerpunkt 3: Schule und Bildung im Quartier 116

4. Themenschwerpunkt 4: Lokale Ökonomie 118

5. Themenschwerpunkt 5: Indikatoren, Monitoring, Evaluierung 121

Mitglieder 124

4.6. Themenfeld 6:

„Kultur und Integration“ 127

1. Themenschwerpunkt: Kulturelle Bildung 128

2. Themenschwerpunkt: Kulturinstitutionen 132

3. Themenschwerpunkt: Integration als Querschnittsthema der

Kulturpolitik und Kulturverwaltung 134

Mitglieder 137

4.7. Themenfeld 7:

„Integration durch Sport – Potenziale nutzen, Angebote ausbauen, Vernetzung erweitern“ 139

1. Strukturelle und personelle Voraussetzungen für die Nutzung des Sports

als „Integrationsmotor“ 139

Anlage 1 147

Anlage 2 148

Mitglieder 154

4.8. Themenfeld 8:

„Medien – Vielfalt nutzen“ 157

1. Themenfeld: Medien und Integration 157

Mitglieder 170

4.9. Themenfeld 9:

„Integration durch bürgerschaftliches Engagement und gleichberechtigte Teilhabe stärken“ 173

1. Bestandsaufnahme 173

2. Zielbestimmungen 174

3. Maßnahmen zur Umsetzung und gegenseitige freiwillige Selbstverpflichtungen 174

4. Standards für Integrationsprojekte 180

5. Evaluation 180

Mitglieder 181

4.10. Themenfeld 10:

„Wissenschaft – weltoffen“ 183

1. Der Auftrag 183

2. Empfehlungen 184

3. Die Attraktivität und Internationalität des Studien- und Wissenschaftsstandortes

Deutschland stärken
185
4. Integration voranbringen: Potenziale von Bildungsinländern und zugewanderten

Hochqualifizierten besser erschließen und fördern


192
5. Migrations- und Integrationsforschung stärken: Faktoren gelingender Integration

untersuchen, Datenbasis verbessern 196

Mitglieder 199

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Vorwort

Vorwort von Bundeskanzlerin


Angela Merkel

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

Deutschland ist ein weltoffenes Land. Hier leben rund Integration ist eine Schlüsselaufgabe unserer Zeit, die
15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund. auch durch den demografischen Wandel immer mehr
Die meisten von ihnen haben längst ihren Platz in an Bedeutung gewinnt. Deshalb hat die Bundesre­
unserer Gesellschaft gefunden. Dennoch wissen wir gierung dieses Thema zu einem Schwerpunkt ihrer
aber auch um deutliche Integrationsdefizite bei einer Arbeit gemacht. Mit dem Nationalen Integrationsplan
leider noch zu großen Zahl von Menschen. Dazu zäh­ wollen wir in Zusammenarbeit mit allen staatlichen
len nicht zuletzt mangelhafte deutsche Sprachkennt­ Ebenen und im Dialog mit engagierten Persönlich­
nisse und Schwächen in Bildung und Ausbildung. Das keiten und Verbänden die Integration in unserem
sind Defizite, die in einer relativ hohen Arbeitslosig­ Land Schritt für Schritt verbessern.
keit und sogar in gesellschaftlicher Abschottung zum
Ausdruck kommen. Unsere Gesellschaft wird reicher und menschlicher
durch Toleranz und Offenheit in unserem Zusam­
Integration gelingt nicht automatisch, sie kann auch menleben. Integration geht daher uns alle an – die
nicht einfach „von oben“ verordnet werden. Nur mit Menschen aus Zuwandererfamilien genauso wie die
einem umfassenden systematischen Ansatz in der Bürgerinnen und Bürger, die schon lange hier leben.
Integrationspolitik kann es gelingen, die Fähigkeiten Integration kann nur miteinander gelingen. Es liegt
und Potenziale der Menschen aus Zuwandererfami­ an uns, das gemeinsame Haus Deutschland als liebens­
lien gezielt zu fördern – Potenziale, die wichtig für den und lebenswerte Heimat verstehen und erfahren zu
gesellschaftlichen Zusammenhalt und die wirtschaft­ können.
liche Zukunft unseres Landes sind.

Es gilt, ein gemeinsames Verständnis von Integration


zu entwickeln. Selbstverständlich gehört dazu die
Anerkennung der Rechtsordnung Deutschlands und
der grundgesetzlich geschützten Werte. Wer dau­ Angela Merkel
erhaft bei uns leben und vielfältige Chancen ergrei­ Bundeskanzlerin
fen will, die sich in unserem Land bieten, kommt
nicht umhin, die deutsche Sprache hinreichend zu
beherrschen.

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Vorwort

Einleitung von Staatsministerin

Maria Böhmer

Fünf Jahrzehnte sind seit der ersten Anwerbung Im vergangenen Jahr hat die Bundeskanzlerin zum
ausländischer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ersten Integrationsgipfel eingeladen. Was im Juli
vergangen. Sie kamen als „Gastarbeiter und Gastar­ 2006 als Zusammenkunft im Bundeskanzleramt
beiterinnen“, erst allein, dann mit ihren Familien. Sie begann, hat in den vergangenen Monaten eine leb­
wollten und sollten auf Zeit bleiben, dann entschieden hafte Entwicklung in unserer Gesellschaft ausgelöst.
sich viele von ihnen für ein Leben in Deutschland. Deutschland ist auch integrationspolitisch in einer
Viele haben so eine neue Heimat in unserem Land Aufbruchstimmung. Im Kreis von Migrantinnen und
gefunden. Viele sind aber auch Fremde geblieben, sie Migranten, von Vertretern und Vertreterinnen der
empfanden ihr Leben in Deutschland dann oft als Bundesregierung, der Länder und Kommunen, der
Jahre unerfüllter Hoffnungen und Lebenschancen. Kultur, des Sports, der Wissenschaft, der Medien und
des bürgerschaftlichen Bereichs, der Kirchen und
In den späteren Jahrzehnten veränderte sich die Sozialpartner haben wir uns damals darauf verstän­
Zuwanderung. Nun kamen Menschen aus anderen digt, gemeinsam einen Nationalen Integrationsplan
Gründen nach Deutschland – und konnten häufig zu erarbeiten.
auch bleiben. Mit den politischen Veränderungen in
Mittel- und Osteuropa kamen viele Deutsche in das Ganz bewusst wollten wir dabei neue Wege gehen,
Land ihrer Vorfahren zurück. orientiert an zwei Leitlinien:

Fünfzehn Millionen Menschen aus 200 verschiedenen 1. Integration muss gelebt werden. Sie lässt sich nicht
Staaten leben heute in unserem Land. Unsere Gesell­ verordnen, weder der Minderheit noch der Mehr­
schaft hat sich auch durch das Zusammenleben mit heit der Menschen in unserem Land. Miteinander
ihnen kulturell, wirtschaftlich und politisch stark entsteht, wenn Menschen sich willkommen und
verändert. Dieser Prozess ist nicht neu: Deutschland heimisch fühlen, wenn sie teilhaben an unserer
hat als europäisch gewachsene Kulturnation stets Gesellschaft, im Beruf wie im Privaten, und wenn
vielfältige Einflüsse von außen aufgenommen, die sie Anerkennung für ihre Leistungen erfahren.
wir heute ganz selbstverständlich als Teil unseres Und zum Miteinander gehört, dass sich Menschen
Landes und seiner Kultur betrachten. Dennoch hat es gegenseitig mit Respekt begegnen.
lange gedauert, bis diese Entwicklung als das verstan­
den wurde, was sie ist: Eine Wirklichkeit, die viele Erste Leitlinie unserer Integrationspolitik ist
Chancen eröffnet, aber auch die Gefahr gesellschaft­ deshalb: Direkt und vertrauensvoll mit den Menschen
licher Spannungen birgt. Eine Wirklichkeit, die eine aus Zuwandererfamilien zusammenarbeiten und die
zukunftsweisende und nachhaltige Integrationspoli­ gemeinsame Zukunft gestalten.
tik erfordert.

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2. Bund, Länder und Kommunen sichern wichtige der Erklärung der Ministerpräsidenten vom 14. Juni
Voraussetzungen für das Gelingen von Integration. 2007 liegt nunmehr auch ein von allen Ländern getra­
Der Staat garantiert Sicherheit, gewährleistet den gener Beitrag zum Nationalen Integrationsplan vor.
Zugang zu Bildung und fördert die Eingliederung
in den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt. Allein kann In Kapitel 3 formulieren die Kommunalen Spitzenver­
der Staat die gesamtgesellschaftliche Aufgabe bände ihren Beitrag zu den Handlungsfeldern der
Integration aber nicht erfüllen. Dies gelingt nur, Integration. Die Spitzenverbände wollen damit ihre
indem jede und jeder – zugewandert oder einhei­ Mitglieder unterstützen, Integrationsbemühungen
misch – praktisch und konkret Verantwortung fortzuführen und auszubauen.
übernimmt: im Beruf und im Sport, in der Kultur,
den Medien, der Wissenschaft und der Nachbar­ Entsprechend dem Kabinettbeschluss der Bundesre­
schaft im Stadtteil. Nur so kann auf Dauer ein Klima gierung vom 12. Juli 2006 wurden Arbeitsgruppen zu
entstehen, das Migrantinnen und Migranten ermu­ zehn Themenfeldern der Integrationspolitik einge­
tigt, sich ganz selbstverständlich als Teil unserer richtet mit Vertretern der Migrantinnen und Mig­
Gesellschaft zu verstehen. ranten, des Bundes, der Länder, der Kommunen und
vielen nichtstaatlichen Akteuren – jede ein kleiner
Die zweite Leitlinie unserer Integrationspolitik lautet Themengipfel der Integration. Sie haben ab Oktober
daher: Von jeder und jedem Selbstverpflichtungen in 2006 getagt und Ende März 2007 ihre Ergebnisse
seinem und ihrem Verantwortungsbereich einfordern, vorgelegt. Ihre Berichte zeigen die vielen gemein­
denn alle können etwas zum Gelingen von Integration samen Überzeugungen, aber auch die intensiven
in Deutschland beitragen. und konstruktiven Diskussionen über richtige Ziele
und geeignete Wege. Der Bund hat diese Arbeits­
Getragen vom Sachverstand und Engagement aller gruppen jeweils moderiert; er hat sich aber auch –
Mitwirkenden liegt jetzt der Nationale Integrations­ wie andere Beteiligte – mit Selbstverpflichtungen
plan vor, eine Strategie in neuer Form. So facetten­ eingebracht. Das Ergebnis: Fast 170 Seiten mit Analy­
reich das Thema ist, so verschieden sind die jeweiligen sen und konkreten Maßnahmen, facettenreich und
Kapitel. aus unterschiedlichen Perspektiven formuliert. Die
Arbeitsgruppenberichte werden im Kapitel 4 vollstän­
In Kapitel 1 definiert die Bundesregierung ihre integra­ dig wiedergegeben – ein Zeichen des Respekts und
tionspolitischen Grundsätze und hebt die zentralen des Danks gerade auch an die mitwirkenden Migran­
Maßnahmen in ihrem Zuständigkeitsbereich hervor. tinnen und Migranten.
Viele weitere Maßnahmen des Bundes enthalten die
Berichte zu den einzelnen Themenbereichen.

Kapitel 2 dokumentiert die gemeinsame Position der


Länder. Ihre föderale Zuständigkeit für Bildung und
Sprachförderung, Kultur und Medien weist den sech­
zehn Ländern entscheidende Verantwortung zu. Mit

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Die zehn Themenfelder der sechs Arbeitsgruppen Es waren zwölf lebhafte, bewegende Monate, in denen
waren: ich als Integrationsbeauftragte der Bundesregierung
die Arbeiten am Nationalen Integrationsplan gesteu­
1. Integrationskurse verbessern ert und koordiniert habe. Bestätigt hat sich in dieser
Zeit: Integrationspolitik ist niemals nur technisch und
2. Frühkindliche Bildung: Von Anfang an deutsche niemals nur abstrakt. Sie erfordert einen nüchternen
Sprache fördern Umgang mit den Realitäten und darf Defizite nicht
tabuisieren. Vor allem aber darf sie niemals das Wich­
3. Gute Bildung und Ausbildung sichern, tigste vergessen: Es geht um einzelne Menschen, jede
Arbeitsmarktchancen erhöhen und jeder mit eigenen Bedürfnissen, eigenen Ansich­
ten, eigenem Willen, eigener Motivation und Seelen­
4. Lebenssituation von Frauen und Mädchen lage. Wer einmal erkannt und verstanden hat, dass
verbessern, Gleichberechtigung verwirklichen alle Menschen, die dauerhaft in Deutschland leben,
eine gemeinsame Zukunft haben werden, der kennt
5. Integration vor Ort unterstützen auch das politische Ziel: Dass diese Zukunft gut wird.

6. Integration durch bürgerschaftliches Die positive Resonanz aus allen Teilen Deutschlands
Engagement und gleichberechtigte Teilhabe zur Arbeit am Nationalen Integrationsplan zeigt:
stärken Diese Einsicht ist angekommen. Wir sind bereit, Neues
anzustoßen und gemeinsam auf den Weg zu bringen.
7. Kulturelle Pluralität leben – interkulturelle
Kompetenz stärken Mein besonderer Dank gilt allen, die in den Arbeits­
gruppen mitgewirkt haben – insbesondere den
8. Integration durch Sport – Potenziale nutzen, Migrantinnen und Migranten – für ihre Expertise,
Angebote ausbauen, Vernetzung erweitern ihr Engagement, besonders aber für ihre Bereitschaft,
konkret zur Umsetzung des Nationalen Integrations­
9. Medien – Vielfalt nutzen plans beizutragen. Dank gilt auch den Teilnehmer­
innen und Teilnehmern des Jugendintegrations­
10. Wissenschaft – weltoffen forums mit der Bundeskanzlerin im Mai 2007 für
ihren Blick in die Zukunft.
In den Arbeitsgruppen konnten nicht alle Organi­
sationen, Institutionen und Verbände ihre Beiträge Ein herzlicher Dank allen Beteiligten für die sehr gute,
rechtzeitig abstimmen und einbringen. Selbstver­ zielorientierte Zusammenarbeit.
pflichtungen, die uns ergänzend übermittelt worden
sind, finden sich mit einem entsprechenden Hinweis
versehen jeweils in den Berichten der Arbeitsgruppen.
Maria Böhmer
Beauftragte der Bundesregierung für Migration,
Flüchtlinge und Integration
Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin

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Erklärung des Bundes zum
Nationalen Integrationsplan

1. Zuwanderung und Integration 2. Eine Aufgabe von nationaler


sind Teil unserer Geschichte Bedeutung
Unser Land blickt auf eine lange und prägende Bund, Länder und Kommunen haben vielfältige
Migrationstradition mit zahlreichen Beispielen Anstrengungen zur Integrationsförderung unternom­
erfolgreicher Integration zurück. Mit dem Ende des men. Gleichwohl haben Integrationsprobleme in den
Zweiten Weltkriegs wurden Millionen deutscher zurückliegenden Jahren teilweise zugenommen. Die
Flüchtlinge und Vertriebener in unsere Gesellschaft Abhängigkeit des Bildungserfolges von sozialer Her­
integriert. Später fanden über vier Millionen Deutsche kunft und Migrationshintergrund in Deutschland ist
als Aussiedlerinnen und Aussiedler Aufnahme. Fünf im internationalen Vergleich besonders ausgeprägt.
Jahrzehnte sind seit der ersten Anwerbung auslän­ Zudem gelingt es hier offensichtlich weniger gut als
discher Arbeitskräfte vergangen. Ihnen folgten seither in anderen Staaten, Schülerinnen und Schüler mit
Millionen Menschen, die als Arbeitnehmerinnen, Migrationshintergrund systematisch und konsequent
Arbeitnehmer und Familienangehörige oder aus beim Erwerb der Landessprache zu unterstützen.
humanitären Gründen in unser Land kamen, aufge­ Gerade in Teilen der zweiten und dritten Generation
nommen wurden und häufig hier geblieben sind. Die­ der Zugewanderten besteht erheblicher nachholender
sen historischen Erfahrungsschatz werden wir sehr Integrationsbedarf.
viel stärker als bisher für einen positiven und pragma­
tischen Umgang mit Zuwanderung und Integration Teile der zugewanderten Bevölkerungsgruppen
nutzen. beherrschen nur ungenügend Deutsch, sie schneiden
in Bildung und Ausbildung schwächer ab und sind
Heute leben in Deutschland rund fünfzehn Millionen häufiger arbeitslos. Zudem akzeptieren einige die
Menschen, die einen Migrationshintergrund haben. Grundregeln unseres Zusammenlebens nicht; dies gilt
Dies ist fast ein Fünftel der Bevölkerung in unserem auch hinsichtlich der Rechte von Frauen. Wir müssen
Land. Bei den unter 25-jährigen ist es sogar mehr als verhindern, dass fehlende Perspektiven und man­
ein Viertel. Mehr als die Hälfte der Menschen mit gelnde Akzeptanz, die eine große Zahl jugendlicher
Migrationshintergrund besitzt die deutsche Staats­ Zugewanderter verspüren, in gesellschaftspolitische
angehörigkeit. Viele sind in Deutschland geboren. Sackgassen führen. Eine „verlorene Generation“ darf
nicht entstehen. Für die Zukunft aller Menschen in
Sehr viele Migrantinnen und Migranten haben längst unserem Land wird es von entscheidender Bedeutung
ihren Platz in unserer Gesellschaft gefunden. Sie sind sein, dass alle bereit und willens sind, diese Schwierig­
erfolgreich und tragen mit ihren Fähigkeiten und Leis­ keiten zu beheben. Sonst droht aus einem Miteinander
tungen zum Wohlstand und zur gesellschaftlichen ein Nebeneinander zu werden.
und kulturellen Vielfalt des Landes bei. Zu Recht
verdienen sie dafür Anerkennung und Respekt. Integration ist daher eine Aufgabe von nationaler
Bedeutung. Grundlage ist neben unseren Wertvorstel­
Angesichts des demografischen Wandels und des lungen und unserem kulturellen Selbstverständnis
wachsenden weltweiten Wettbewerbs um die besten unsere freiheitliche und demokratische Ordnung,
Köpfe müssen wir auch zukünftig Zuwanderung wie sie sich aus der deutschen und europäischen
gezielt für die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Geschichte entwickelt hat und im Grundgesetz ihre
Interessen Deutschlands nutzen. Auch dafür ist eine verfassungsrechtliche Ausprägung findet.
nachhaltige Integrationspolitik dringend erforderlich.

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Integration kann nicht verordnet werden. Sie erfor­ Organisationen von Migrantinnen und Migranten
dert Anstrengungen von allen, vom Staat, der Gesell­ bilden Brücken zwischen Frauen und Männern,
schaft, die aus Menschen mit und ohne Migrations­ Kindern und Familien mit Migrationshintergrund
hintergrund besteht. Maßgebend ist zum einen die und der einheimischen Bevölkerung. Sie können als
Bereitschaft der Zuwandernden, sich auf ein Leben in Kulturmittler den Migrantinnen und Migranten die
unserer Gesellschaft einzulassen, unser Grundgesetz Notwendigkeit eigener Integrationsbemühungen
und unsere gesamte Rechtsordnung vorbehaltlos zu nahe bringen. Das gilt beispielsweise für den Spra­
akzeptieren und insbesondere durch das Erlernen der cherwerb, das zivilgesellschaftliche Engagement, den
deutschen Sprache ein sichtbares Zeichen der Zuge­ frühen Besuch von Kinderbetreuungseinrichtungen
hörigkeit zu Deutschland zu setzen. Dies erfordert und die Elternbeteiligung. Sie können der einhei­
Eigeninitiative, Fleiß und Eigenverantwortung. Auf mischen Gesellschaft und der Politik die Probleme,
Seiten der Aufnahmegesellschaft benötigen wir dafür denen sich Migrantinnen und Migranten ausgesetzt
Akzeptanz, Toleranz, zivilgesellschaftliches Engage­ sehen, vermitteln. Es ist der richtige Weg, wenn Bund,
ment und die Bereitschaft, Menschen, die rechtmäßig Länder, Kommunen und der nichtstaatliche Bereich
bei uns leben, ehrlich willkommen zu heißen. Von Migrantinnen, Migranten und ihre Organisationen
allen Beteiligten werden Veränderungs- und Verant­ stärker in Planung und Gestaltung von Integrations­
wortungsbereitschaft gefordert. maßnahmen einbeziehen.

Erfolgreiche Integrationspolitik weckt und nutzt


3. Auf neuen Wegen zu einer Potenziale.
besseren Integration
Erfolgreiche Integrationspolitik setzt auf die vielfäl­
Damit Menschen aus unterschiedlichen Kulturen auf tigen Fähigkeiten, die Leistungen und das Engage­
Dauer friedlich zusammenleben, sind große Anstren­ ment der Migrantinnen und Migranten. Sie vermeidet
gungen erforderlich. Der Bund geht dabei neue Wege Klischees und sieht Probleme als Herausforderungen
einer aktivierenden und nachhaltigen Integrations­ und Chance zur weiteren Entwicklung von Politik und
politik, die die Potenziale der Zugewanderten erkennt Gesellschaft. Ob Migrantinnen und Migranten ihre
und stärkt und nicht allein auf Defizite fokussiert. Kompetenzen zur Geltung bringen können, hängt
Diejenigen Migrantinnen und Migranten, die sich auch von den sozialen Bedingungen und Barrieren ab,
einer Integration dauerhaft verweigern, müssen auch auf die sie treffen.
mit Sanktionen rechnen. Unsere Integrationspolitik
setzt insbesondere auf ein modernes Zuwanderungs­ Um die Potenziale von Kindern und Jugendlichen
recht und den institutionalisierten Dialog mit Mig­ mit Migrationshintergrund zu erschließen, brauchen
rantinnen und Migranten gerade auch im Rahmen diese die Chance auf bestmögliche Bildung. Gezielte
des Nationalen Integrationsplans und der Deutschen Sprachförderung im Kindergarten und in der Schule
Islamkonferenz. verbessert von Anfang an die Aussicht auf Schulerfolg,
Ausbildung, einen erfolgreichen Berufseinstieg und
Mit ihrem Positionspapier „Gutes Zusammenleben – damit auf soziale Anerkennung. Um diesen Prozess
klare Regeln“ vom 12. Juli 2006 hat die Bundesregie­ zu unterstützen, muss der Anteil der Beschäftigten
rung eine Plattform für den integrationspolitischen mit Migrationshintergrund in allen Bereichen der
Dialog im Rahmen des Nationalen Integrationsplans öffentlichen Verwaltung und Dienstleistungen erhöht
geschaffen. Auf dieser Grundlage bestimmt sie fol­ werden, z. B. in Kindertagesstätten und Schulen, in
gende Leitlinien ihrer Integrationspolitik: den Behörden, sei es bei der Familien- und Jugendhilfe
oder bei der Polizei.
Erfolgreiche Integrationspolitik heißt Dialog und
enge Zusammenarbeit. Erfolgreiche Integrationspolitik sieht die Schlüssel­
rolle von Frauen mit Migrationshintergrund.
Der Nationale Integrationsplan ist das Ergebnis einer
engen und konstruktiven Zusammenarbeit mit Mig­ Es sind gerade die Frauen, die in Beruf und Familie,
rantinnen und Migranten. Unser Prinzip war und ist: aber auch mit ihrem sozialen, gesellschaftlichen und
Wir sprechen mit Migrantinnen und Migranten, nicht politischen Engagement die Integration der nächsten
über sie. Beim Integrationsgipfel, in den Arbeitsgrup­ Generation entscheidend prägen.
pen und den vielen begleitenden Veranstaltungen
des Forums Integration waren und sind Migrantinnen Deshalb müssen wir die Potenziale von Frauen und
und Migranten als aktive Partnerinnen und Partner Mädchen stärken. Ihre Möglichkeiten zur sozialen,
beteiligt. gesellschaftlichen und politischen Teilhabe müssen
verbessert werden. Dies sollte so früh wie möglich
auch in Schule und Ausbildung beginnen.

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Integrationspolitische Maßnahmen müssen gezielt Weise Konzepte und Leitlinien für die Integration vor
auf die spezifischen Bedürfnisse von Frauen und Ort entwickelt. Einzelmaßnahmen müssen allerdings
Mädchen mit Migrationshintergrund zugeschnitten noch besser aufeinander abgestimmt werden, und die
werden. Dies gilt auch für bislang oftmals weniger mannigfaltigen Aktivitäten müssen zielgenauer wer­
beachtete Bereiche wie zum Beispiel Gesundheitsprä­ den. Der Nationale Integrationsplan steht für eine sol­
vention, Sexualaufklärung und Altenhilfe. che umfassende Bündelung in der Integrationspolitik.

So wird zugleich die Gleichberechtigung der Alle staatlichen Ebenen wie auch die anderen Träger
Geschlechter, die im Grundgesetz an zentraler Stelle von Integrationsmaßnahmen bejahen die Notwendig­
verankert ist, gestärkt und im Alltag verwirklicht. keit, Integrationsmaßnahmen noch deutlich besser
aufeinander abzustimmen und zu vernetzen. So müs­
Häusliche Gewalt, einschließlich spezifischer Formen sen Verbundprojekte zwischen Trägern von Kultur-,
von Gewalt wie etwa Genitalverstümmelung und Erziehungs- und Bildungseinrichtungen, Kinder- und
Zwangsverheiratung, betreffen Frauen und Mädchen Jugendhilfe, Sprachkursen, Arbeitsmarktmaßnahmen
mit Migrationshintergrund vielfach in besonderer vor Ort in den Kreisen, Städten und Gemeinden geför­
Weise. Stärkere Prävention und verbesserter Schutz dert und ausgebaut werden.
sind unerlässlich.
Als Querschnittsaufgabe ist Integration auf staatlicher
Erfolgreiche Integrationspolitik baut auf eine Seite immer eine Mehrebenenpolitik: Der Bund hat
aktive Bürgergesellschaft. die Initiative zur Erarbeitung des Nationalen Inte­
grationsplans ergriffen. Dabei war es ein besonderes
Integration ist nicht allein Aufgabe des Staates. Sie Anliegen, Länder und Kommunen eng einzubinden.
erfordert eine aktive Bürgergesellschaft, in der mög­ Sie sind unter anderem für die Schlüsselthemen schu­
lichst viele Menschen Verantwortung übernehmen lische Bildung und frühkindliche (Sprach-) Förderung
und Eigeninitiative entwickeln. Deshalb war an der in Kindertageseinrichtungen, Kulturpolitik und die
Erarbeitung des Nationalen Integrationsplans ein konkreten Integrationsleistungen vor Ort zuständig.
breites Spektrum der Gesellschaft beteiligt: Migran­
tinnen und Migranten, die Sozialpartner, die Wirt­ Der Bund wird die im Handlungsfeld Sprachförderung
schaft, die Kirchen und Religionsgemeinschaften, bereits durchgeführte Feststellung der bestehenden
die Wohlfahrtsverbände, Sportorganisationen, die Integrationsangebote von Bund, Ländern, Kommu­
Medien, die Kultur, die Stiftungen, bundesweit tätige nen und privaten Tägern im Rahmen des bundes­
Verbände und Vereine und Vertreter der Wissen­ weiten Integrationsprogramms nach § 45 AufenthG
schaft. Neben wichtigen Funktionsträgern haben auch in anderen Handlungsfeldern fortsetzen und
auch Einzelperspersönlichkeiten ihre Kenntnisse und Empfehlungen zur Weiterentwicklung der Integra­
Erfahrungen eingebracht. tionsangebote vorlegen. Bei der Arbeit am Integrati­
onsprogramm werden die Vorgaben des Nationalen
Erfolgreiche Integrationspolitik gewinnt Kraft aus Integrationsplans umgesetzt.
der Verantwortung und dem Engagement aller
Beteiligten. Erfolgreiche Integrationspolitik muss zielgerichtet
erfolgen.
Nachhaltig, wirksam und konkret wird der Nationale
Integrationsplan, weil sich alle Akteure und Akteu­ Unsere Gesellschaft braucht eine zielgerichtete
rinnen mit eigenen Beiträgen beteiligen. Verbind­ Integrationspolitik im Sinne der Chancengleichheit.
lichkeit erlangt er durch die rund 400 Selbstver­ Dadurch wird sichergestellt, dass Förderprogramme,
pflichtungen, die alle Mitwirkenden in und für ihren Angebote und Infrastrukturen systematisch ausge­
Zuständigkeitsbereich eingegangen sind (vgl. für die richtet werden, um Migrantinnen und Migranten zu
Länder Kapitel 2, für die Kommunalen Spitzenver­ erreichen. Es braucht Gesamtkonzepte, die sich vom
bände Kapitel 3, die Selbstverpflichtungen des nicht­ Kindergarten bis in die Erwachsenenarbeit erstrecken
staatlichen Bereichs und die vollständigen Selbstver­ und bei denen alle an einem Strang ziehen.
pflichtungen des Bundes enthält Kapitel 4).
Migrantinnen und Migranten in Deutschland bilden
Erfolgreiche Integrationspolitik ist keine homogene Gruppe. Deshalb sind Förderkon­
Querschnittsaufgabe auf allen Ebenen. zepte gezielt an den Einzelnen, ihren Fähigkeiten, Fer­
tigkeiten und ihrem Integrationsbedarf auszurichten.
Bund, Länder und Kommunen verpflichten sich zu Erfolgreiche Integrationspolitik setzt gerade dort, wo
einer aktivierenden und nachhaltigen Integrations­ es um Teilhabe geht, auf leicht zugängliche Informa­
politik. Schon jetzt befassen sich sämtliche Ressorts tions- und Beratungsangebote.
der Bundesregierung jeweils auch mit intergrations­
politischen Themenstellungen. Darüber hinaus haben
die Länder und zahlreiche Kommunen in vielfältiger

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Erfolgreiche Integrationspolitik orientiert sich an 4. Maßnahmen des Bundes
Fakten.
Im Rahmen seiner Zuständigkeiten leistet
Deshalb müssen Forschung, Statistik und unser der Bund folgende Beiträge zum Nationalen
Wissen um die Rahmenbedingungen gelingender Integrationsplan:
Integration deutlich verbessert werden. Mehr als die
Hälfte der Menschen mit Migrationshintergrund hat Integration durch Bildung
einen deutschen Pass. Daher muss neben der Unter­
scheidung nach Staatsangehörigkeit auch der Migra­ Bildung ist der entscheidende Schlüssel zur sozialen,
tionshintergrund als Kriterium für die Planung und kulturellen und wirtschaftlichen Integration. Hier
Überprüfung von Integrationspolitik herangezogen liegt eine Herausforderung, die die Zukunft unseres
werden. Landes bestimmt und die öffentlich an Ergebnissen
statt an Zuständigkeitsdebatten gemessen wird. Dabei
Erfolgreiche Integrationspolitik muss sich an sind die Länder für die Bildung und Bund und Länder
klaren Indikatoren messen lassen. gemeinsam für die Feststellung der Leistungsfähig­
keit des Bildungswesens im internationalen Vegleich
Diese müssen fortentwickelt und zur Grundlage einer zuständig. Unser Land braucht das Potenzial der
regelmäßigen Berichterstattung und Evaluation Kinder und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien.
werden. Ihr Bildungserfolg ist eine Investition in die Zukunft
unseres Landes, denn die Menschen, die in Deutsch­
Erfolgreiche Integrationspolitik gelingt auf land leben, sind unsere wichtigste Ressource.
sicherer finanzieller Grundlage.
Das Erlernen der deutschen Sprache und der sichere
Im Finanzplanungszeitraum wird die Bundesregie­ Umgang mit ihr ist eine der wichtigsten Vorausset­
rung einen Betrag von rund 750 Millionen € p. a. für zungen für den schulischen und beruflichen Erfolg
unmittelbare Integrationsförderung bzw. für Maß­ und damit für gesellschaftliche Integration. Eine indi­
nahmen mit primärer Zweckbestimmung Integrati­ viduelle Sprachförderung soll in Zusammenarbeit mit
onsförderung in Einzelplänen der Bundesressorts zur den Eltern erfolgen. Sie muss im frühen Kindesalter in
Verfügung stellen. den Kinderbetreuungseinrichtungen beginnen und
durch die gesamte Bildungslaufbahn hinweg gewähr­
Daneben wird der Bund auch weiterhin eine große leistet werden.
Zahl mittelbar integrationsfördernder Maßnahmen
finanzieren. Insbesondere ihre allgemeinen Förder­ Das erfordert ein Bildungssystem, das Chancen
programme in der Familien-, Bildungs- und Arbeits­ eröffnet, Potenziale entwickelt und Bildungserfolge
marktspolitik – wie z. B. die finanzielle Unterstützung nicht von sozialer Herkunft abhängig macht. Alle
der Länder bei der Einrichtung von Ganztagsschulen Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen sollen ihre
durch das Investitionsprogramm „Zukunft Bildung Potenziale entfalten können. Sie sollen gleichwertige
und Betreuung“, die finanzielle Unterstützung Bildungschancen haben und gesellschaftlich, kultu­
beim Tagesbetreuungsausbaugesetz und der Betreu­ rell und wirtschaftlich teilhaben. Dazu wird der Bund
ungsangebote für Kinder unter drei Jahren sowie im Rahmen seiner Kompetenzen die Länder in ihren
Arbeitsförderungsmaßnahmen, kommen gerade Bemühungen um die Verbesserung der Bildungser­
auch Menschen aus Zuwandererfamilien zugute. Die folge von Migrantinnen und Migranten unterstützen,
Bundesregierung wird die vorhandenen Förderpro­ unter anderem durch folgende Maßnahmen:
gramme überprüfen und gegebenenfalls so aus­
richten, dass sie ihren Nutzen in der Zielgruppe der ■ Um Kindertageseinrichtungen als Orte der Integra­
Migrantinnen und Migranten noch besser erreichen. tion und der Sprachförderung so früh wie möglich
nutzen zu können, ist ein bedarfsgerechtes und
Weiteres Vorgehen qualitätsorientiertes Angebot in ganz Deutschland
erforderlich. Der Bund strebt gemeinsam mit Län­
Bis Ende 2008 wird die Bundesregierung eine Zwischen­ dern und Kommunen den entsprechenden Ausbau
bilanz zur Umsetzung des Nationalen Integrations­ der Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren
plans ziehen. Das Forum Integration der Bundesregie­ auf eine Versorgungsquote von durchschnittlich
rung wird weitergeführt. 35 Prozent bis zum Jahr 2013 an. Der Bund wird
sich an den Ausbaukosten maßgeblich beteiligen.
Dieser Ausbau zielt auch auf Kinder mit Migrations­
hintergrund und wird positive Effekte für die frühe
Sprachförderung haben. Der Bund unterstützt die
Länder bei der Einrichtung von Ganztagsschulen
durch das Investitionsprogramm „Zukunft Bil­
dung und Betreuung“ mit einem Gesamtvolumen

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von 4 Mrd. € bis zum Jahr 2009. Ganztagsschulen dass mehr Jugendliche mit Migrationshintergrund
tragen insbesondere auch zur Verbesserung von bessere Schul- und Studienabschlüsse machen.
Bildungschancen und Bildungserfolg von Kindern
und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien bei. Integration durch Sprache – Die Integrationskurse
des Bundes
■ Der Bund spricht sich dafür aus, Haushaltsmittel,
die aufgrund der demografischen Entwicklung und Sprache ist Voraussetzung von Integration. Integra­
des Rückgangs der Bildungsteilnehmerinnen und tion kann nur gelingen, wenn Zugewanderte mit den
-teilnehmer frei werden, für die Verbesserung der Lebensverhältnissen in Deutschland so weit vertraut
Bildung zu nutzen. gemacht werden, dass sie ohne Hilfe und Vermitt­
lung Dritter in allen Angelegenheiten des täglichen
■ Der Bund wird ein Konzept zur allgemeinen Lebens selbständig handeln können. Zu diesem
Sprachförderung in Tageseinrichtungen entwi­ Zweck führt der Bund mit den seit dem 1. Januar 2005
ckeln, das gerade auch für Kinder mit Migrations­ gesetzlich eingeführten Integrationskursen erstmals
hintergrund eine erfolgreiche Förderung beim einheitliche Sprach- und Orientierungskurse für
Erlernen der deutschen Sprache gewährleistet. Zuwanderer durch. Sie sind vom Umfang her gesehen
die größte integrationspolitische Einzelmaßnahme
■ Um die durchgängige, individuelle Sprachförde­ des Bundes. Gleichzeitig wurde ein bundesweites
rung von der Kindertageseinrichtung bis in die System der zielgerichteten individuellen Begleitung
Berufsbildung zu ermöglichen, fördert der Bund des Integrationsprozesses aufgebaut. Die Nachfrage
die Forschung zu Verfahren der Sprachstandsfest­ nach den Kursen ist hoch. Innerhalb der ersten zwei
stellung. Sie sollen die Entwicklung von individu­ Jahre haben knapp 250.000 Personen einen Integra­
ellen Förderplänen für Schülerinnen und Schüler tionskurs besucht, mehr als die Hälfte davon leben
sowie von Fortbildungskonzepten für die Leh­ schon länger in Deutschland. Eine im Dezember
renden im Bereich Sprachförderung ermöglichen. 2006 vorgelegte Evaluation der Integrationskurse hat
zugleich Vorschläge zur qualitativen Verbesserung
■ Gemeinsam mit zehn Bundesländern unterstützt der Integrationskurse entwickelt. Mit der Evaluation
der Bund die Entwicklung einer Gesamtkonzeption der Kurse ist das Sprachniveau B1 des Gemeinsamen
sprachlicher Bildung und Förderung von Kindern Europäischen Referenzrahmens für Sprachen als Min­
und Jugendlichen mit Migrationshintergrund destvoraussetzung für einen erfolgreichen weiteren
durch das Programm FörMig. Integrationsprozess bestätigt worden. Ziel muss sein,
dass weit mehr Teilnehmerinnen und Teilnehmer als
■ Zur Verringerung der Zahl von Schulabbrüchen bisher dieses Niveau erreichen.
führt der Bund ein Modellprogramm „Schulverwei­
gerung – Die 2. Chance“ mit lokalen Projektpart­ Eine wesentliche Voraussetzung, um die Wirksam­
nerinnen und -partnern durch, das sich vor allem keit der Kurse zu erhöhen, ist daher die stärkere
auf Schülerinnen und Schüler an Hauptschulen Ausrichtung der Integrationskurse auf den Erfolg
konzentriert. Ziel ist, Schulverweigerinnen und der Teilnehmenden. Um möglichst allen den erfolg­
-verweigerer wieder in die Schulen zu integrieren reichen Abschluss zu ermöglichen, werden die
und ihre Chancen auf einen Schulabschluss zu Stundenkontingente bedarfsgerecht ausgeweitet und
verbessern. das Kursangebot qualitativ verbessert. Hierzu gehört
auch eine qualifizierte Kinderbetreuung im Rahmen
Der Bund unterstützt die Länder in der Bildungsfor­ der Integrationskurse, insbesondere bei Eltern- und
schung und bei der Entwicklung von Konzepten und Frauenintegrationskursen.
Instrumenten, u. a. zu Fragen der Integrationsver­
besserung (z. B. der Sprachstandsfeststellung und der ■ Der Bund verpflichtet sich dazu, das Angebot an
interkulturellen Bildung). Ergebnisse internationaler Integrationskursen zeitnah und flächendeckend
Vergleichsstudien und regelmäßig von Bund und Län­ auszubauen. Insbesondere wird er prüfen, inwie­
dern unterstützte nationale Bildungsberichte liefern weit die Handlungsansätze zur Steigerung des
Daten, auf deren Basis Fortschritte in der Integration Kurserfolgs, zur Qualifikation der Lehrkräfte, zur
von Jugendlichen mit Migrationshintergrund im Optimierung des Kursmanagements, eines zielfüh­
Bildungssystem beurteilt werden können. Für den renden Finanzierungssystems und zur Nachhaltig­
langfristigen Erfolg Deutschlands als Wissensgesell­ keit der Integrationskurse in das Sprachkurssystem
schaft ist es unverzichtbar, die Potenziale von jungen überführt werden können.
Migrantinnen und Migranten, die das deutsche
Schulsystem durchlaufen haben (Bildungsinländer) ■ Der Bund verpflichtet sich entsprechend der
verstärkt zu erschließen und aktiv dazu beizutragen, Konzeption der migrationsspezifischen Beratungs­
dienste, auf eine stärkere Kooperation zwischen
Migrationserstberatung bzw. Jugendmigrations­
diensten und Sprachkursträgern hinzuwirken.

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■ Der Bund plant, die Wirksamkeit und Nachhaltig­ ■ sich in seinem eigenen Zuständigkeitsbereich der
keit der Integrationskurse auf repräsentativer Basis öffentlichen Verwaltungen und Betriebe für eine
zu messen. Erhöhung der Zahl von Auszubildenden mit Migra­
tionshintergrund einsetzen,
Integration in Ausbildung und Erwerbsleben
■ die Förderung ausländischer Auszubildender mit
Der Bund legt in seiner Arbeitsmarktpolitik einen Berufsausbildungsbeihilfe und BAföG ausweiten,
besonderen Schwerpunkt auf integrationsfördernde insbesondere für Jugendliche mit Aufenthaltsrecht
Maßnahmen. und Bleibeperspektive,

Bildung und Ausbildung sind zentrale Faktoren für ■ jungen Frauen mit Migrationshintergrund, denen
die gesellschaftliche Integration von Migrantinnen Vorbilder bei der beruflichen Orientierung oft
und Migranten. Sie entscheiden mit über gleichbe­ fehlen, beispielsweise mit dem Projekt „network.21“
rechtigte Teilhabe am politischen, kulturellen und ein Mentoringprogramm zur individuellen Arbeits­
wirtschaftlichen Leben und somit auch über Beschäf­ markt- und Berufsorientierung anbieten.
tigungschancen und die Höhe des Einkommens. Um
den Zugang junger Menschen mit Migrationshinter­ Über den Erfolg in wesentlichen Bereichen der
grund zu Ausbildung und Beruf zu verbessern, wird Integration wird auf dem Arbeitsmarkt entschieden.
der Bund seine Aktivitäten weiter bündeln. Er setzt Integration gelingt am besten dort, wo Menschen aus
sich dafür ein, das Berufswahlspektrum zu erweitern, Zuwandererfamilien aktiv im Erwerbsleben stehen.
öffentliche Unterstützungsangebote passgenau ein­ Wirtschaft und Verwaltung werden künftig vermehrt
zusetzen und zielgruppenorientiert weiter zu entwi­ auf Personen mit Migrationshintergrund und gezielt
ckeln. Er forciert insbesondere Maßnahmen, die die auf Personal mit spezifischen sprachlichen und
Zahl der Ausbildungsmöglichkeiten für Jugendliche interkulturellen Kenntnissen angewiesen sein. Eine
mit Migrationshintergrund erhöhen. Hierzu wird der deutliche Verbesserung der Arbeitsmarktintegration
Bund unter anderem ist daher sowohl aus sozial- und gesellschaftspoli­
tischen als auch aus volkswirtschaftlichen Gründen
■ gemeinsam mit den Partnern des Ausbildungs­ dringend geboten. Die Beschäftigungschancen von
paktes das Engagement zur beruflichen Inte­ Migrantinnen und Migranten müssen verbessert,
gration von bildungs- und ausbildungswilligen arbeitsmarktpolitische Maßnahmen und Angebote
jungen Menschen mit Migrationshintergrund zur Beratung, Information und Kommunikation an
intensivieren, ihre Bedürfnisse angepasst und ihre betriebliche Inte­
gration gezielt gefördert werden.
■ mit dem „Sonderprogramm des Bundes zur Ein­
stiegsqualifizierung Jugendlicher (EQJ-Programm)“ ■ Das Beratungs- und Informationsnetzwerk „Inte­
die Bemühungen der Partner im Ausbildungspakt gration durch Qualifizierung“ (IQ) entwickelt im
flankieren und das erfolgreiche Programm auf Auftrag der Bundesregierung und in Zusammenar­
40.000 Plätze aufstocken und verlängern. Gerade beit mit der Bundesagentur für Arbeit und nicht­
für junge Menschen mit Migrationshintergrund staatlichen Trägern neue Strategien zur Verbesse­
hat sich EQJ als Brücke in Ausbildung erwiesen. rung der Arbeitsmarktsituation von Migrantinnen
und Migranten, Aussiedlerinnen und Aussiedler
■ die Initiative „Aktiv für Ausbildungsplätze“ sowie anerkannten Flüchtlingen. Nach Abschluss
gemeinsam mit dem Deutschen Industrie- und der laufenden Evaluierung wird der Bund prü­
Handelskammertag (DIHK) und deutsch-auslän­ fen, inwieweit erfolgreiche Handlungsansätze
dischen Unternehmerverbänden durchführen und Instrumente in das Regelsystem der aktiven
mit dem Ziel, bis zum Jahr 2010 bis zu 10.000 neue arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen überführt
Ausbildungsplätze in Unternehmen mit Inhabe­ und verstetigt werden können.
rinnen und Inhabern ausländischer Herkunft zu
gewinnen, ■ Der Bund wird sich weiterhin für die Ausbildung,
Integration und Förderung von Bewerbern aus
■ mit dem Ausbildungsstrukturprogramm allen Bevölkerungsgruppen einsetzen, um umfas­
JOBSTARTER, einschließlich der „Koordinierungs­ sende Chancengleichheit zu gewährleisten.
stelle Ausbildung in ausländischen Unternehmen“
(KAUSA), einen Beitrag zur Unterstützung der ■ Der Bund ist sich seiner Rolle als Arbeitgeber
regionalen Ausbildungsangebote und zur Verbes­ bewusst. Er wird im Rahmen seiner Möglichkeiten
serung der Ausbildungssituation zu leisten, von der auch den Anteil des Personals mit Migrationshin­
besonders Jugendliche mit Migrationshintergrund tergrund nach Eignung, Leistung und Befähigung
profitieren, erhöhen. Er strebt an, dass dabei sprachliche und
interkulturelle Kompetenzen angemessen berück­
sichtigt werden.

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■ Der Bund unterstützt die Initiative der deutschen ■ Der Bund wird die Förderung von Maßnahmen zur
Wirtschaft „Diversity als Chance – Die Charta Qualifizierung zugewanderter Akademikerinnen
der Vielfalt der Unternehmen in Deutschland“. Er und Akademiker für den Arbeitsmarkt fortführen
wird dazu eine Kampagne und Wettbewerbsreihe und zielgruppenspezifisch weiterentwickeln.
„Vielfalt am Arbeitsplatz/Vielfalt als Beschäfti­
gungsressource“ durchführen, die darauf zielt, die Frauen und Mädchen
Arbeitsmarkt- und Ausbildungsintegration von
Migrantinnen und Migranten und ihre Berück­ Fast die Hälfte der in Deutschland lebenden Men­
sichtigung in der betrieblichen und öffentlichen schen mit Migrationshintergrund sind Frauen und
Einstellungs- und Personalpolitik zu verbessern. Mädchen. Daher muss die Integrationspolitik beson­
ders auch die Frauen als Adressatinnen im Blick haben.
■ Der Bund wird mit der Umsetzung des ESF-Bundes­ Sie sind zugleich auch zentrale Stützen und Motoren
programms für die Förderperiode 2007 bis 2013 ein für eine aktive Integrationspolitik. Migrantinnen
besonderes Augenmerk auf migrationspolitische kommt in ihrer Rolle als Mütter eine Schlüsselstel­
Aspekte richten und den Nationalen Integrations­ lung für die Integration der nächsten Generation zu.
plan durch eine Reihe zusätzlicher Maßnamen Viele Mädchen mit Migrationshintergrund erbringen
unterstützen. gute Leistungen in der Schule und beherrschen die
deutsche Sprache. Trotzdem fehlt ihnen oftmals die
■ Die berufsbezogene Förderung der deutschen Spra­ Möglichkeit, ihre Potenziale nutzbringend einzuset­
che im Rahmen des ESF-Programms wird ab Mitte zen. Der Bund wird seine Bemühungen fortsetzen,
2007 ausgeweitet. Sie soll die Integrationskurse des die Potenziale der Migrantinnen in ihren vielfältigen
Bundes arbeitsmarktbezogen ergänzen und steht Lebensentwürfen zu stärken und die Frauen und Mäd­
künftig allen Personen mit Migrationshintergrund chen in ihren Möglichkeiten zur gesellschaftlichen
zur Verfügung. und politischen Teilhabe zu unterstützen.

Integration in der Wissenschaft ■ Wesentliche Beiträge zur Integration von Frauen


sind die Ausweitung der Stundenkontingente für
Das deutsche Wissenschaftssystem – Hochschulen die Integrationskurse für Eltern und Frauen, die
und Forschungsorganisationen – steht in vielen Berei­ Verpflichtung der Kursträger zum Nachweis einer
chen für gelingende Integration. Wissenschaft lebt qualifizierten Kinderbetreuung, die Verbesserung
von Weltoffenheit und kooperativem Wettbewerb. In der Förderung ausländischer Auszubildender und
Deutschland sind die mehr als 180.000 ausländischen Studierender durch Berufausbildungsbeihilfe und
Studierenden und hochqualifizierten Wissenschaftle­ BAföG sowie die Prüfung von Erleichterungen bei
rinnen und Wissenschaftler willkommen. der Berufsausübung wie etwa im Falle der Ertei­
lung der Approbation.
■ Der Bund unterstützt die Integration in der Wis­
senschaft, damit weltweit die Besten gewonnen ■ Der Bund wird den Dialog mit Migrantinnen und
werden und Deutschland als Studienstandort und Programme zur Stärkung der Migrantinnen und
als Land der Ideen international gut positioniert ist. ihrer Partizipation in Staat und Gesellschaft fort­
setzen sowie deren Organisationen künftig stärker
■ Der Bund setzt auf die verstärkte Förderung in die Planung und Durchführung von Vorhaben
begabter und hochbegabter Bildungsinlände­ einbeziehen.
rinnen und -inländer und Ausländerinnen und Aus­
länder im Studium und in der Wissenschaft – vor Zwangsverheiratungen zerstören Lebensperspektiven
allem durch Erweiterung der migrantenspezi­ und verletzen die Betroffenen auf schwerwiegende
fischen Fördermöglichkeiten in der Ausbildungs­ Weise in ihren Menschenrechten. Der Bund wird
und Begabtenförderung. fortfahren, Zwangsverheiratungen zu bekämpfen
und den Betroffenen zu helfen. Dazu sind vor allem
■ Der Bund unterstützt die Migrations- und eine verbesserte Information und Aufklärung über
Integrationsforschung. Menschen- und Frauenrechte und über Zwangsverhei­
ratung notwendig sowie sichere Zufluchtsorte.
■ Der Bund begrüßt das Engagement der Länder,
vor Ort zur Verbesserung des Studienerfolges ■ Der Bund wird im Rahmen seiner Zuständigkeiten
ausländischer Studierender und zu deren besserer mit einer Online-Beratung für Betroffene und pro­
Auswahl, Betreuung, Studienverlaufskontrolle fessionell Helfende ein niedrigschwelliges Bera­
und Beratung an Hochschulen beizutragen: er tungsangebot als Modellprojekt erproben.
unterstützt diese Aktivitäten im Rahmen von
Mittlerorganisationen.

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■ Der Bund wird zeitnah die empirische Erkenntnis­ ■ Der integrierte sozialräumliche Ansatz des Pro­
lage zu Umfang und Ausmaß von Zwangsverheira­ gramms „Soziale Stadt“ erfordert die fachübergrei­
tung verbessern fende Bündelung von Fachpolitiken und Maßnah­
men. Das Zusammenwirken der Beteiligten erfolgt
■ Der Bund wird seinen Beitrag leisten, um zur auch auf Bundesebene durch Programmkoordi­
Sicherung von Zufluchtstätten in erforderlicher nation und einen breiten Informationstransfer
Zahl, zu einer verlässlichen Vernetzung zwischen über bestehende Handlungsmöglichkeiten und
den Beratungsstellen in Bund und Ländern und zur Förderungen.
gesicherten Finanzierung der Hilfen zu kommen.
■ Darüber hinaus führt der Bund das Programm
Integration vor Ort „Beschäftigung, Bildung und Teilhabe vor Ort“ in
den Programmgebieten der Sozialen Stadt durch,
Integration findet vor Ort statt. Das unmittelbare in das Mittel des Europäischen Sozialfonds einflie­
Wohnumfeld hat eine zentrale Funktion im Integra­ ßen. Dadurch wird die gezielte sozialräumliche
tionsprozess. Es ist Lebensmittelpunkt und Kontakt­ Bündelung mit Maßnahmen der Beschäftigungs-
feld für die Zugewanderten und die einheimische und Qualifizierungsförderung verstärkt. Es ist
Bevölkerung. Für das soziale Zusammenleben und die beabsichtigt, dieses Programm für die Förderperi­
Chancen der Integration sind daher die Lebensbedin­ ode 2007 bis 2013 mit einem höheren Finanzvolu­
gungen vor Ort, die Gestaltung des Wohnumfeldes men weiterzuentwickeln.
und die öffentlichen und privaten Infrastrukturange­
bote wichtige Rahmenbedingungen. ■ Monitoring und Evaluation werden im Programm
„Soziale Stadt“ auch im Hinblick auf Integrations­
Der Bund würdigt ausdrücklich die Integrationsleis­ maßnahmen als feste Bestandteile des förderfä­
tungen der Kommunen. Sie haben Integration als higen Stadtteilentwicklungskonzepts verankert.
wichtige Zukunftsaufgabe erkannt und vielfach früh­ Der Erfahrungsaustausch u. a. über die Transfer­
zeitig kommunale Handlungskonzepte entwickelt. stelle des Programms „Soziale Stadt“ wird verstärkt.
Der Beitrag der kommunalen Spitzenverbände zum
Nationalen Integrationsplan zeigt, dass die Städte, ■ Im Modellprogramm „Migration/Integration und
Kreise und Gemeinden ihren Gestaltungsauftrag Stadtteilpolitik“ des Experimentellen Wohnungs-
wahrnehmen und bereit sind, ihr großes Potenzial zur und Städtebaus der Bundesregierung werden
Integration von Menschen aus Zuwandererfamilien weiterführende städtebauliche Strategien und
einzusetzen. Es besteht Einigkeit, dass Integration ein Handlungsansätze zur Förderung der Integration
Anliegen der gesamten Kommune ist und fachüber­ von Migrantinnen und Migranten in der Praxis
greifende Gesamtkonzepte notwendig sind. begleitet und erprobt.

Besonderer Handlungsbedarf besteht in benachteilig­ Kulturelle Integration


ten Stadtteilen, in denen häufig auch viele Zugewan­
derte leben. Zentrales Handlungsinstrument für die Kultur ist eine wesentliche Grundlage unseres Zusam­
Verbesserung der Wohn- und Lebensbedingungen menlebens und verbindet Menschen unterschied­
in solchen Wohnquartieren ist das Bund-Länder-Pro­ licher Herkunft. Die Gestaltung der Zuwanderungs­
gramm „Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbe­ gesellschaft ist auch eine kulturelle Herausforderung.
darf – Soziale Stadt“. Die Förderung der bundesweit Dabei ist der angemessene Umgang mit kultureller
450 Stadtteile in fast 300 Gemeinden kombiniert Vielfalt eine notwendige und von vielen noch zu
bauliche Investitionen mit ergänzenden Maßnahmen erlernende Kompetenz. Der Bund intensiviert seine
zur Verbesserung der sozialen Lebenslagen der Quar­ Aktivitäten zur kulturellen Integration von Zugewan­
tiersbewohnerinnen und -bewohner. derten und legt einen Schwerpunkt auf die kulturelle
Bildung. Zur Unterstützung der kulturellen Integra­
■ Der Bund stellt für Maßnahmen im Programm tion wird der Bund unter anderem
„Soziale Stadt“ jährlich Finanzhilfen zur Verfügung.
Er finanziert ein Drittel des Programmvolumens, ■ eine interministerielle Arbeitsgruppe „Kultur und
Länder und Kommunen zusammen die weiteren Integration“ einsetzen, um das Thema als ressortü­
zwei Drittel. Mit diesem Programm wird auch die bergreifende Schwerpunktaufgabe zu behandeln.
Integration von Migrantinnen und Migranten
unterstützt. Dabei können aus Mitteln des Pro­ ■ den Gedanken der Integration in seine Förder­
gramms in Modellvorhaben zusätzliche Maßnah­ grundsätze aufnehmen und diesen Zielen, wo er
men zur sozialen Integration gefördert werden. Die selbst Träger von kulturellen Projekten ist, Rech­
Förderung soll fortgeführt und insgesamt auf dem nung tragen.
derzeitigen Niveau verstetigt werden.

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■ beim International Council of Museums (ICOM) die Integration durch Medien
Gründung einer Arbeitsgemeinschaft „Museum –
Migration – Kultur – Integration“ anregen. Medien prägen die öffentliche Wahrnehmung von
Zugewanderten und wirken meinungsbildend in der
■ im Rahmen der halbjährlich stattfindenden Frage der Integration. Ihnen kommt deshalb eine
Deutsch-Französischen Ministerräte und im besondere Verantwortung zu. Die öffentlichen und
Rahmen des „Europäischen Jahrs für den interkul­ privaten Medien haben weitreichende Maßnahmen
turellen Dialog 2008“ den Erfahrungsaustausch zur gesellschaftlichen Integration von Migrantinnen
und die Regierungskooperation mit Frankreich und Migranten ergriffen. Dafür gebührt ihnen aus­
und Großbritannien zu kulturpolitischen Maß­ drücklich Dank. Eingedenk der Unabhängigkeit der
nahmen der Integration und kulturellen Bildung Berichterstattung und Programmgestaltung sowie
intensivieren. der medienpolitischen Zuständigkeit der Länder
unterstützt der Bund die Medien in ihrem integrati­
Integration durch Sport onspolitischen Beitrag, unter anderem durch folgende
Maßnahmen.
Sport trägt in großem Maße dazu bei, dass sich Men­
schen unterschiedlicher Herkunft freundschaftlich ■ Der Bund unterstützt die Entwicklung integra­
und fair begegnen. Sport wirkt als Integrationsmotor. tiver und innovativer Programmformate für das
Fernsehen im Rahmen von Ideenwerkstätten mit
Die Sportvereine und -verbände leisten bereits seit Produzentinnen und Produzenten, Programmpla­
vielen Jahren ganz selbstverständlich einen großen nerinnen und -entwicklern. Er kooperiert hierzu
Beitrag zur Integration von Zugewanderten. Der mit dem Grimme-Institut, der Civis-Medienstif­
Bund würdigt und unterstützt das große Engage­ tung, der Deutschen Welle und der Bundesinitia­
ment des Sports zur Integration von Menschen aus tive Integration und Fernsehen.
Zuwandererfamilien.
■ Der Bund prüft im Rahmen der Ernst-Reuter-Ini­
Sportangebote für Zugewanderte müssen für Zuge­ tiative des Auswärtigen Amtes die Förderung der
wanderte sozial, kulturell, sprachlich und örtlich Zusammenarbeit deutscher und türkischer Medien,
erreichbar und attraktiv sein. Zielgruppengerechte etwa in Form von Workshops oder einer deutsch­
Angebote spielen vor allem für Mädchen und Frauen türkischen Fernsehkonferenz von hochrangigen
aus Zuwandererfamilien eine wichtige Rolle. Offene Programmverantwortlichen.
Angebote vor Ort bieten neben den Vereinen einen
guten Einstieg. Integration durch bürgerschaftliches Engagement

■ Der Bund finanziert seit 1989 das Programm Integration ist ohne die vielfältigen Aktivitäten der
„Integration durch Sport“. Durch das Programm Zivilgesellschaft nicht möglich. Bürgerschaftliches
konnten in den vergangenen 18 Jahren zahlreiche Engagement schafft sozialen Zusammenhalt und
Erkenntnisse über die Integrationspotenziale des wirkt als erfolgreicher Katalysator für Integration. Die
Sports gewonnen werden. Der Bund will auf diesen konkrete Erfahrung, gleichberechtigt teilzuhaben
Erfahrungen aufbauen und die Wirksamkeit des und Gesellschaft mitgestalten zu können, ist identitäts­
Programms „Integration durch Sport“ in Zukunft stiftend und stärkt die eigene Handlungskompetenz.
noch erhöhen. Er wird hierzu eine umfassende Das Engagement von Menschen aus Zuwandererfa­
wissenschaftliche Evaluierung des Programms milien in Vereinen, Verbänden, Organisationen und
durchführen. Institutionen der Aufnahmegesellschaft sowie in Mig­
rantinnen- und Migrantenorganisationen bereichert
■ Daneben besteht eine große Anzahl anderer Inte­ unsere vielfältiger werdende Gesellschaft.
grationsprojekte im Sport. Um den Erfahrungsaus­
tausch zwischen den unterschiedlichen Program­ Engagement braucht aber auch Anerkennung und
men zu erhöhen und die Vernetzung der Projekte gezielte Förderung. Der Bund wird hierzu seine Politik
zu fördern, wird der Bund eine Informationsplatt­ stärker auf die Förderung gleichberechtigter Teilhabe
form zur Dokumentierung der verschiedenen über­ von Migrantinnen und Migranten sowie von deren
regionalen und regionalen Angebote einrichten. Organisationen ausrichten.

■ Der Bund unterstützt die Anstrengungen des orga­ ■ Er wird eine angemessene Mitwirkung von Migran­
nisierten Sports zur interkulturellen Öffnung durch tinnen und Migranten bzw. entsprechender Orga­
seine Öffentlichkeitskampagne „Forum Integration. nisationen gewährleisten, und zwar im Rahmen
Wir machen mit.“ von Bundesprogrammen, vom Bund geförderten
Infrastruktur- und Netzwerkprojekten, von Aus­
schreibungen sowie bei der Besetzung von Beiräten
und Fachgremien.

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■ Er wird die stärkere interkulturelle Öffnung und
Vernetzung zu einem Förderkriterium für Infra­
strukturprojekte gestalten bzw. in Förderverein­
barungen verankern. Institutionell geförderte
Einrichtungen sollen angehalten werden, ihre
Personalentwicklungskonzepte und Projektmaß­
nahmen für die gleichberechtigte Beteiligung von
Migrantinnen und Migranten zu öffnen.

■ Gleichberechtigte Teilhabe zu gewährleisten ist ein


Prozess, der vor allem die Unterstützung und Qua­
lifizierung von Migrantenorganisationen erfordert.
Der Bund wird fachliche Hilfe für Migrantenorga­
nisationen als Träger von Projekten anbieten und
hierfür die Bildung von Netzwerken von Migran­
tenorganisationen unterstützen.

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Beitrag der Länder zum
Nationalen Integrationsplan

Gemeinsam für mehr Integration Bund, Länder und Kommunen tragen in der Integra­
tionspolitik gemeinsam Verantwortung. Weder der
Im Bewusstsein um die hohe Bedeutung von Integra­ Bund noch die Länder oder Kommunen allein können
tion für den Zusammenhalt und die Zukunftsfähigkeit eine erfolgreiche Integrationspolitik gewährleisten.
unserer Gesellschaft legen die Länder ihren gemein­ Nur die Kooperation von Bund, Ländern, Kommunen
samen Beitrag zum Nationalen Integrationsplan vor. und Zivilgesellschaft sowie die Vernetzung der Ange­
Die Länder haben in den zurückliegenden Jahren bote bieten Gewähr für eine effektive, praxisnahe und
integrationspolitische Gesamtkonzepte und Leitlinien bürgerorientierte Integrationspolitik.
beschlossen, die ihre vielfältigen Einzelmaßnahmen
bündeln und aufeinander abstimmen. Sie haben Die Länder stellen sich ihrer Verantwortung für das
dabei auch Diskussionsprozesse auf Landes- und kom­ Gelingen von Integration in der Zusammenarbeit mit
munaler Ebene angestoßen und gestaltet, an denen dem Bund, den Kommunen und der Zivilgesellschaft.
Zuwanderinnen und Zuwanderer sowie gesellschaft­ In allen Ländern wird Integrationspolitik als zentrale
liche Gruppen und Organisationen beteiligt waren gesellschaftliche Zukunftsaufgabe für die Bundesre­
und sind. publik Deutschland verstanden.

Die Länder danken der Bundeskanzlerin für die Initi­ Integration findet vor Ort statt. In den Gemeinden,
ative zum Nationalen Integrationsplan. Mit der Einla­ Städten und Stadtteilen entscheidet sich, ob die
dung zum Integrationsgipfel am 14. Juli 2006 ist ein Integration von Menschen mit Zuwanderungsge­
von allen staatlichen Ebenen und der Zivilgesellschaft schichte gelingt. Hier werden Chancen und Probleme
geführter Diskussionsprozess eingeleitet worden, den sichtbar. In den Kommunen liegt die Basis für ein
es in dieser Breite und Intensität bisher in Deutschland friedliches und gleichberechtigtes Miteinander aller
nicht gegeben hat. am Gemeinwesen Beteiligten. Die Länder würdigen
die vielfältigen Leistungen, die die Kommunen bereits
Dieser Dialog hat zu einer verbesserten Verständi­ erbracht haben und werden deren Weiterentwicklung
gung über die Ziele und zentralen Inhalte der Integra­ gemeinsam mit ihnen gestalten. Der Beitrag der Bun­
tionspolitik geführt. Dabei spielen die Einbeziehung desvereinigung der kommunalen Spitzenverbände
der Zugewanderten und ihrer Organisationen in die zum Nationalen Integrationsplan zeigt, dass die Kom­
Arbeit der Arbeitsgruppen und deren aktive Beteili­ munen sich ihrer Verantwortung bewusst und bereit
gung eine wesentliche Rolle. Ihr Engagement hat in sind, ihre Gestaltungspotentiale zur Integration von
besonderer Weise die Arbeit am Nationalen Integrati­ Menschen mit Migrationshintergrund auch weiterhin
onsplan geprägt. einzusetzen. Die Länder erwarten, dass der Beitrag
der Bundesvereinigung der kommunalen Spitzenver­
Die Länder sprechen allen Teilnehmerinnen und bände Bestandteil des Nationalen Integrationsplans
Teilnehmern der Arbeitsgruppen ihren Dank und ihre wird.
Anerkennung für die geleistete Arbeit aus. Die Länder
werden die Abschlussberichte der Arbeitsgruppen Übereinstimmend sind die Länder der Auffassung,
für die weitere Gestaltung ihrer Integrationspolitik dass Integrationspolitik konsequent als Querschnitts­
nutzen und den eingeschlagenen Weg des Dialogs aufgabe verstanden und entsprechend organisiert
aktiv fortsetzen. und koordiniert werden muss. Integrationspolitik ist
mehr als die Summe fachpolitischer Maßnahmebün­
del. Integration betrifft alle Bereiche der Landespoli­
tik und muss in allen Ressorts wahrgenommen wer­

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den. Die Länder haben in den zurückliegenden Jahren sem Positionspapier finden diese Begriffe synonym
auf die gewachsene Bedeutung der Integration mit Verwendung.
der Anpassung ihrer Verwaltungsstrukturen reagiert.
Die Länder halten neben der engen Zusammenarbeit
Die Länder bekennen sich einvernehmlich zu einem mit dem Bund und der Zivilgesellschaft die Verste­
umfassenden Verständnis von Integrationspolitik. tigung des Dialogs zwischen den Ländern für unab­
Sie werden sich weiterhin der Aufgabe stellen, die dingbar. Sie verfolgen damit das Ziel, die jeweiligen
bestehenden vielfältigen Einzelmaßnahmen zur Erfahrungen mit guter wie mit misslingender Praxis
Integrationsförderung besser aufeinander abzustim­ auszutauschen und dort, wo es sinnvoll und möglich
men, in schlüssige Gesamtkonzepte einzubetten und ist, gemeinsame Strategien zu entwickeln.
Verantwortlichkeiten klar festzulegen. Dabei gilt für
die Länder das Prinzip „Einheit im Ziel – Vielfalt der Deshalb verpflichten sich die Länder, nach der
Wege“. gemeinsamen Arbeit am Nationalen Integrationsplan
ihre Zusammenarbeit weiter auszubauen und einen
In den 16 Ländern gibt es im Hinblick auf die Zuwan­ regelmäßigen Austausch über Programme und Maß­
derung und die sich daraus ergebenden Anforde­ nahmen der Integrationspolitik im Sinne von „guter
rungen an die Integration unterschiedliche politische, Praxis“ sicherzustellen.
soziale und infrastrukturelle Gegebenheiten, aus
denen sich eine Vielfalt von integrationspolitischen Die für Integration zuständigen Ministerinnen und
Ansätzen entwickelt hat. Minister/Senatorinnen und Senatoren der Länder
werden im Zuge der Umsetzung des Nationalen
Integrationspolitik beinhaltet zwei große unter­ Integrationsplans und zur Erörterung aktueller
schiedliche Aufgabenkomplexe. Die eine große integrationspolitischer Fragen auch künftig zusam­
Aufgabe, der sich alle Länder stellen, liegt darin, in menkommen. Sie beauftragen die Länder Nordrhein-
Deutschland Weltoffenheit, Toleranz und ein fried­ Westfalen und Schleswig-Holstein, im 1. Quartal 2008
liches Miteinander zu festigen. Die andere liegt vor zu einer entsprechenden Zusammenkunft einzuladen,
allem für die westdeutschen Länder in der nach­ in der neben der Vorstellung guter Praxis aus den
holenden Integration. Hier lebt die überwiegende 16 Ländern auch Form und Verfahren der zukünftigen
Mehrheit der Menschen mit Migrationshintergrund, Zusammenarbeit besprochen werden.
darunter viele Familien aus bildungsfernen Schich­
ten der früheren „Gastarbeiter“-Anwerbeländer. Für Die Verantwortung für Integration ist in den Ländern
deren Zukunftschancen, die ihrer Kinder und damit unterschiedlich ressortiert. Unabhängig davon beste­
unseres Landes sind erhebliche Anstrengungen vor hen in Bezug auf die administrative Organisation der
allem in der Bildungs-, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik Integrationspolitik zwischen den Ländern Parallelen.
erforderlich. In vielen Ländern sind koordinierende Gremien (Kabi­
nettsausschuss, Staatssekretärsausschuss, Interminis­
Zwischen den Ländern bestehen Unterschiede terielle Arbeitsgruppe Integration) gebildet worden,
sowohl im Hinblick auf die Größe der zugewanderten die die bessere Verzahnung und Steuerung der Aktivi­
Bevölkerung und ihre Zusammensetzung als auch täten der betroffenen Ressorts sicherstellen sollen.
im Hinblick auf die vorhandene integrationspoli­
tische Infrastruktur und die integrationspolitischen Über die interministerielle Vernetzung hinaus sind
Maßnahmen. Diese Spannbreite und Vielfalt ist ein in mehreren Ländern unterschiedlich zusammen­
Ergebnis und eine Stärke des föderalen Aufbaus der gesetzte Beiräte tätig, die unter Beteiligung der
Bundesrepublik Deutschland. Gleichwohl haben sich Landesregierungen Vertreterinnen und Vertreter
die Länder auf gemeinsame Eckpunkte der Integra­ der Zivilgesellschaft – unter anderem aus Wirtschaft,
tionspolitik geeinigt und hierzu am 7. Juli 2006 eine Gewerkschaften, Wissenschaft, Freier Wohlfahrts­
Entschließung im Bundesrat gefasst. Unterschiede pflege, Kirchen und Religionsgemeinschaften, Mig­
bestehen auch hinsichtlich der Begrifflichkeiten, die rantenselbstorganisationen etc. – in einen strukturier­
in den Ländern Verwendung finden. Alle Länder ten Dialogprozess einbinden.
setzen sich dafür ein, dass die vielschichtige Zuwan­
derungswirklichkeit auch sprachlich abgebildet wird Darüber hinaus sind in einigen Ländern Beauftragte
und man nicht mehr alleine auf die Unterscheidung für Integration, Ausländer und Aussiedler tätig. Zum
zwischen Ausländern und Deutschen zurückgreift. Teil werden die auf Landesebene gebildeten Dachor­
Die Länder sind bestrebt, eine Bezeichnung zu finden, ganisationen der kommunalen Ausländer- oder Inte­
die sowohl den Aspekt der Herkunft als auch den grationsbeiräte finanziell unterstützt, zum Teil sollen
der Zugehörigkeit beinhaltet. Je nach Land wird mit die existierenden Partizipationsmöglichkeiten für
den Begriffen „Zuwanderinnen/Zuwanderer“, „Men­ Zuwanderinnen und Zuwanderer in Ausländer- oder
schen mit Migrationshintergrund“ oder „Menschen Integrationsbeiräten weiterentwickelt werden, um
mit Zuwanderungsgeschichte“ gearbeitet. In die­ Beteiligung zu fördern und eine bessere Einbindung
in die kommunalen Strukturen zu erreichen.

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Eine Feststellung der und Empfehlungen für die Die Länder legen übereinstimmend einen beson­
Weiterentwicklung der vielen durchgeführten inte­ deren Schwerpunkt auf Bildung und den frühzei­
grationspolitischen Programme und Maßnahmen tigen Erwerb der deutschen Sprache bereits im
werden im Rahmen des bundesweiten Integrations­ Elementarbereich.
programms nach § 45 Aufenthaltsgesetz erarbeitet, in
dem die Länder aktiv mitarbeiten. Die Länder werden integrative Sprachförderkonzepte
inhaltlich weiterentwickeln. Dazu gehört auch eine
Integration ist nach Überzeugung der Länder kein möglichst frühzeitige Feststellung des Sprachstandes
einseitiger Prozess der Anpassung, sondern setzt die für alle Kinder.
Bereitschaft zum ehrlichen Dialog auf Seiten der
Zuwanderinnen und Zuwanderer und der aufneh­ Gerade in den letzten Jahren ist in allen Ländern
menden Gesellschaft voraus. Die Länder verstehen das Bewusstsein der Öffentlichkeit für die integrati­
unter Integration weit mehr als ein freundliches onspolitischen Herausforderungen gewachsen, die
Nebeneinander von Menschen. Integration setzt eine mit der Entwicklung hin zu religiöser Vielfalt in der
Kultur des gegenseitigen Respekts voraus. Bevölkerung verbunden sind. Die Länder sind sich
der besonderen Verantwortung bewusst, die in ihrer
Dabei gilt der Grundsatz des Förderns und Forderns. Kulturhoheit gründet. Sie streben daher einen struk­
Dies bedeutet, dass sich Zugewanderte und ihre turierten und kontinuierlichen Dialog insbesondere
Familien mit ihren Fähigkeiten und Potenzialen für mit Organisationen der Muslime an.
ihre Teilhabe einsetzen und dazu Integrationsange­
bote annehmen. Sie erhalten ihrerseits Solidarität Die Länder leisten unter hohem finanziellem Einsatz
und Unterstützung der Aufnahmegesellschaft, wenn erhebliche Anstrengungen und bieten viele allge­
sie sich aus eigener Kraft nicht ausreichend helfen meine und spezifische Integrationshilfen an. Nach
können. übereinstimmender Auffassung der Länder ist die
vorhandene Infrastruktur leistungsstark und trägt
Die Länder sehen die größten Hemmnisse für gelin­ maßgeblich zur Verbesserung der Integration der
gende Integration in den fehlenden Kenntnissen der Menschen mit Zuwanderungsgeschichte bei.
deutschen Sprache, einer sozialräumlichen Segrega­
tion und im Rückzug in eigenethnische Strukturen. Im Folgenden legen die Länder ihre gemeinsamen
Die Folgen sind Schwierigkeiten in der Schule, bei der Positionen zu den wesentlichen Handlungsfeldern
Ausbildung, hohe Arbeitslosigkeit sowie ein Erstarken der Integrationspolitik für den Nationalen Integra­
integrationsfeindlicher, zum Teil religiös motivierter tionsplan vor. Umfang und Zeitpunkt der Realisie­
Strömungen. rung der hier genannten politischen Absichten und
Maßnahmen stehen unter dem Vorbehalt der von
Die Länder stimmen darin überein, dass Integra­ den Landesparlamenten zur Verfügung gestellten
tionspolitik nicht nur eine staatliche Aufgabe ist, Haushaltsmittel.
sondern auf die aktive Mitarbeit der Organisationen
der Zivilgesellschaft ebenso angewiesen ist wie auf
die individuelle Bereitschaft zur Integration bei den Integration vor Ort
Zugewanderten.
Integration entscheidet sich vor Ort! Begegnungen
Die Länder erwarten von allen Menschen in diesem von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund
Land ein klares Bekenntnis zum Grundgesetz und finden in Nachbarschaften in den Städten und
den Verfassungen der Länder sowie die Akzeptanz Gemeinden, Stadtvierteln und Quartieren statt. In
der in unserem Land geltenden Grundrechte und den Kommunen zeigt sich, ob Integration gelingt
Grundwerte, insbesondere Demokratie, Rechtsstaat, oder misslingt. Erfolge der Integration – aber auch
die Wahrung der Menschenwürde, Selbstbestimmung Probleme – sind hier am deutlichsten spürbar. Inte­
und die Gleichberechtigung von Frau und Mann. gration muss daher am Wohnort, in den örtlichen
Verwaltungen, am Arbeitsplatz, in den Schulen, in
Integration kann nur dann gelingen, wenn sich auch den Kindertagesstätten und unter Mitwirkung der
die staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen Zuwanderinnen und Zuwanderer gestaltet werden.
den Zugewanderten öffnen und der Zuwanderungs­
realität Rechnung tragen. Die Länder streben deshalb Sozialräumliche Entwicklung
die interkulturelle Öffnung ihrer Verwaltung an,
zu der sowohl Qualifizierungsmaßnahmen für alle Die Länder würdigen ausdrücklich die Kommunen
öffentlich Bediensteten als auch Bemühungen zur als zentrale integrationspolitische Akteure. Kreis­
Erhöhung des Anteils von Menschen mit Migrations­ freie Städte, Kreise und Gemeinden stellen sich mit
hintergrund gehören (siehe auch S. 27 „Länder als großem personellem und finanziellem Engagement
Arbeitgeber“). der Aufgabe der Integration. Dabei stellen die Län­

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der fest, dass sich die Integrationserfordernisse in Frühzeitige Förderung in der Kindertagesstätte
den verschiedenen Kommunen je nach gegebener setzt ein quantitativ und qualitativ bedarfsgerechtes
Sozialstruktur sowie der Zahl und Zusammensetzung Betreuungsangebot voraus. Mit Blick auf die Sprach­
der zugewanderten Bevölkerung sehr unterschiedlich förderung streben die Länder an, das Thema sprach­
darstellen. Für das Gelingen der Integration ist die liche Bildung als Querschnittsaufgabe im Rahmen der
Bewältigung der Probleme sozialräumlicher Konzent­ dort geleisteten Bildungsarbeit in die Konzepte der
ration zugewanderter Menschen entscheidend. Beson­ Kindertagesstätten zu implementieren.
ders wichtig für die sozialräumliche Entwicklung
sind die Programme der Europäischen Union, des Gemeinsame oder eng aufeinander abgestimmte
Bundes und der Länder zur integrierten Stadtentwick­ Bildungs- und Erziehungspläne für Kindertagesstät­
lung. Hier werden die Länder darauf hinwirken, dass ten und Grundschulen sind in allen Ländern bereits
die verbesserten Fördermöglichkeiten noch stärker erarbeitet oder in der Erarbeitung. Die enge Abstim­
als bisher für Maßnahmen der Integration genutzt mung zwischen den Fördermöglichkeiten der Kin­
werden. dertagesstätte und den Erwartungen beim Eintritt in
die Grundschule hat in den letzten Jahren erheblich
zugenommen. Verfahren zur Sprachstandsfeststel­
Integration durch Bildung lung oder Beobachtungen zum Sprachstand vor der
Einschulung und eine sich anschließende Förderung
Bildung ist die wichtigste Ressource für gelingende im Bedarfsfall werden zwischenzeitlich in allen Län­
Integration. Zum Kernbereich des staatlichen Erzie­ dern durchgeführt bzw. sind in Planung. Die Länder
hungs- und Bildungsauftrags gehört es, für alle streben zusätzliche Fördermaßnahmen für Einrich­
Heranwachsenden das Recht auf allgemeine und tungen an, die ganz überwiegend oder zu einem
berufliche Bildung zu sichern, die freie Entfaltung hohen Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund
der Persönlichkeit zu fördern und die Kinder und besucht werden, um eine wirksame kompensatorische
Jugendlichen individuell und umfassend auf das Sprachförderung zu ermöglichen.
gesellschaftliche und berufliche Leben vorzubereiten.
Es besteht Einigkeit zwischen den Ländern, dass die Die Länder streben an, den Erfolg dieser Maßnahmen
Einlösung dieses Verfassungsauftrages gerade auch kontinuierlich zu prüfen und in einen Informati­
gegenüber Schülerinnen und Schülern mit Migrati­ onsaustausch auf der Grundlage länderbezogener
onshintergrund gewährleistet werden muss. Auf der Berichte im Rahmen der nationalen Berichterstattung
Grundlage der bisherigen Beschlüsse der Jugend- und einzutreten mit dem Ziel, Erkenntnisse über Beispiele
der Kultusministerkonferenz vertreten die Länder die guter Praxis zu gewinnen. Zur Umsetzung der sprach­
nachfolgenden Positionen. lichen Fördermaßnahmen ist eine Qualifizierung der
Erzieherinnen und Erzieher unerlässlich. Die Länder
Frühzeitige Förderung in Kindertagesstätten prüfen gegenwärtig unterschiedliche Maßnahmen,
dieses Qualifizierungsgebot umzusetzen. Sie ver­
Die Länder haben sich bereits auf einen gemein­ pflichten sich, ihre jeweiligen Entscheidungen in den
samen Rahmen zur Ausformung und Umsetzung des regelmäßigen Informationsaustausch aufzunehmen.
Bildungsauftrages der Kindertageseinrichtungen im
Elementarbereich verständigt. Dieser wird durch die Sprachförderung/Mehrsprachigkeit in den Schulen
in allen Ländern vorliegenden Bildungs- und Orientie­
rungspläne auf Landesebene konkretisiert, ausgefüllt Über die herausragende Bedeutung der deutschen
und erweitert. Innerhalb dieses gemeinsamen Rah­ Sprache als Unterrichts- und Verkehrssprache besteht
mens gehen die Länder eigene, den jeweiligen Situati­ Einigkeit. Es besteht ebenfalls Einigkeit darüber,
onen angemessene Wege der Ausdifferenzierung und allen Kindern, die Defizite in der deutschen Sprache
Umsetzung. Im Vordergrund der Umsetzungsbemü­ aufweisen, die Förderung zukommen zu lassen, die
hungen im Elementarbereich steht die Vermittlung ihnen eine gleichberechtigte Teilnahme an Unterricht
grundlegender Kompetenzen und die Entwicklung und Bildung ermöglicht. Die Länder verstehen dies
und Stärkung persönlicher Ressourcen. als Aufgabe aller Lehrerinnen und Lehrer und aller
Fächer. Sie streben an, in ihrem jeweiligen Zuständig­
Sprachliche Bildung gehört wesentlich zur Erfüllung keitsbereich dafür Sorge zu tragen, dass sprachunter­
des Bildungsauftrages der Kindertageseinrichtungen. stützende Maßnahmen in allen Schulformen und auf
Sprachförderung setzt daher ganzheitlich und an den allen Schulstufen durchgeführt werden, wenn ent­
individuellen Bedürfnissen des Kindes an. Sie muss in sprechender Bedarf besteht. Gleichzeitig verpflichten
die Auseinandersetzung des Kindes mit seiner Umwelt sie sich, in den kommenden fünf Jahren die notwen­
eingebunden sein, wenn sie erfolgreich sein will. Sie digen Fortbildungsmaßnahmen anzubieten, die es
muss daher möglichst früh und regelmäßig beginnen allen Lehrkräften ermöglichen, ihren Sprachbildungs­
sowie systematisch aufgebaut sein. auftrag im Unterricht wahrzunehmen. Neben dem

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Erwerb der deutschen Sprache erkennen die Länder und der schulischen Arbeit, zum Beispiel in Schulpro­
die Bedeutung der Mehrsprachigkeit für alle Kinder grammen, finden.
und Jugendlichen an. Dies schließt die Herkunfts­
oder Familiensprachen der Kinder und Jugendlichen Verbesserung des Schulerfolgs und der
mit Migrationshintergrund ein. Es sind geeignete Durchlässigkeit des Schulsystems
Maßnahmen zu identifizieren, die das Prinzip der
Mehrsprachigkeit im Schulalltag angemessen veran­ Unabhängig von den Unterschieden zwischen den
kern. Die Länder verpflichten sich, auf der Grundlage Ländern ist die Anzahl der Wiederholer, der Schul­
der nationalen Bildungsberichterstattung in einen abbrecher und der Schulabgänger ohne Abschluss
kontinuierlichen Meinungsaustausch zur Förderung an deutschen Schulen insgesamt zu hoch. Davon
der Mehrsprachigkeit einzutreten. besonders betroffen sind Kinder und Jugendliche mit
Migrationshintergrund und innerhalb dieser Gruppe
Elternarbeit wiederum die Jungen und jungen Männer. Die Länder
sind sich seit den ersten Ergebnissen der PISA-Studie
Die Länder schätzen die Bedeutung der Elternarbeit dieser Situation sehr bewusst und haben gemeinsame
zur Unterstützung integrativer Arbeit in der Schule prioritäre Handlungsfelder entwickelt, um diesem
hoch ein. Sie sind daran interessiert, dass gerade die Zustand abzuhelfen. Kurzfristige Erfolge sind an die­
Arbeit mit Eltern, die eine Zuwanderungsgeschichte ser Stelle nicht zu erwarten, da hier auch eine mentale
aufweisen, verstärkt wird. Die Länder streben eine Umstellung von einer nur leistungsbezogenen auf
gemeinsame Erklärung zur Elternarbeit vor allem eine auch den individuellen Förder- und Stützaspekt
mit Migrantenverbänden an. Die Länder prüfen die stärker berücksichtigende Schulkultur greifen muss.
Möglichkeit des Einsatzes und der Qualifizierung
ehrenamtlicher mehrsprachiger Elternbegleiterinnen Die Länder werden die eingeleiteten Maßnahmen
und Elternbegleiter als sprachliche und kulturelle zur Verbesserung der Erfolgsquoten in ihren Schulen
Brücke zwischen Familien mit Migrationshintergrund, kontinuierlich auf ihre Wirksamkeit hin überprüfen
Kindertagesstätten und anderen Institutionen. Sie und darüber im Rahmen der nationalen Bildungsbe­
setzen sich für die Einführung systematischer und richterstattung regelmäßig berichten. Sie verfolgen
zielgerichteter Elternansprache und -information ein, gemeinsam das Ziel, innerhalb der kommenden fünf
die die Themen frühe Förderung, frühzeitiger Kinder­ Jahre die Abbrecher- und Wiederholerquoten deutlich
tagesstättenbesuch und Sprachentwicklung umfassen. zu senken und die Angleichung der Quoten von Kin­
dern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund an
Ganztagsschulen den Gesamtdurchschnitt aller Schülerinnen und Schü­
ler zu erreichen. Einzelne Länder werden dazu Ziel­
Ganztagsschulen ermöglichen mehr Zeit für Lernen, vereinbarungen mit ihren Schulen schließen, andere
Bildung und Erziehung. In der Ganztagsschule liegt werden andere Maßnahmen erproben. Über die Wirk­
insbesondere für Kinder aus sozial benachteilig­ samkeit dieser Maßnahmen tauschen sich die Länder
ten oder bildungsfernen Elternhäusern eine große regelmäßig aus. Gleichzeitig ist es gemeinsames Ziel
Chance, sprachliche, kulturelle und soziale Defizite aller, die Durchlässigkeit der bestehenden Schulsys­
aufzuarbeiten. Die Länder legen in regelmäßigen teme aktiv zu fördern. Auch hier werden künftig die
Abständen einen statistischen Bericht über die Ent­ Übergangsquoten von Kindern und Jugendlichen mit
wicklung der allgemein bildenden Schulen in Ganz­ Migrationshintergrund systematisch erfasst werden
tagsform vor. mit dem Ziel, ihre Zahlen an die des Durchschnittes
aller anderen Kinder und Jugendlichen anzugleichen.
Die Länder werden das von der Bundesregierung
finanziell unterstützte Ganztagsschulprogramm im Schule als Ort der Integrationsförderung
beschlossenen Umfang bis zum Jahre 2009 fortsetzen
und den Anteil der Schulen mit ganztägigen Angebo­ Kindertagesstätten, Schulen und Hochschulen sind
ten kontinuierlich erhöhen. Darüber hinaus ver­ die Orte, an denen Integration am erfolgreichsten
pflichten sie sich, über das Ganztagesangebot regel­ praktiziert wird. Dennoch vollzieht sich Integration
mäßig im Rahmen der Bildungsberichterstattung zu nicht automatisch. Sie erfordert ein hohes Maß an
berichten. Bereitschaft, Zeit, Anstrengungsbereitschaft und
Offenheit von allen Seiten. Die Länder sind sich
Kooperation bewusst, dass Schulen mit einem hohen Anteil an Kin­
dern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund
Die Länder sprechen sich zur verbesserten Förderung auch einen höheren Aufwand betreiben müssen, um
der Kinder für die Kooperation von Kindertagesstät­ Integrationsarbeit im erforderlichen Umfang leisten
ten und Schulen aus. Diese Zusammenarbeit soll Auf­ zu können. Es besteht deshalb Einigkeit, dass für diese
nahme in die Konzepte der Jugendhilfeeinrichtungen Schulen auch spezifische Mittel bereitgestellt werden,
sei es durch Senkung der Frequenzen, Erhöhung des

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Lehrpersonals oder Unterstützung der Lehrkräfte Erschließung wissenschaftlichen Nachwuchses
durch sozialpädagogische Fachkräfte der Jugendhilfe.
Diese Schulen benötigen besonders qualifiziertes Deutschland steht im Wettbewerb um die „besten
Personal. Dem kann zum einen durch Kräfte, die über Köpfe“. Zur Sicherung und Weiterentwicklung des
besondere interkulturelle Kompetenzen verfügen Ideenstandortes Deutschland sowie angesichts des
(z. B. Integrationslotsen), zum anderen durch eine demografischen Wandels müssen die Potentiale der
Erhöhung des Anteils von Lehrkräften, Erzieherinnen hier aufgewachsenen Menschen mit Migrationshin­
und Erziehern oder Sozialarbeiterinnen und Sozi­ tergrund und der zugewanderten Hochqualifizierten
alarbeitern mit Migrationshintergrund Rechnung noch besser erschlossen und gefördert werden. Dabei
getragen werden, sowie auch durch eine konsequente gilt es, das große Potential der Begabungen besser
Fortbildung. Module zum Erwerb interkultureller auszuschöpfen; Bildungsinländer sollen noch stärker
Kompetenzen sind in den neuen Standards für die für den Erwerb der Hochschulreife und zur Aufnahme
Ausbildung der Lehrkräfte bereits festgeschrieben. Die eines Studiums motiviert werden.
Länder werden die dort beschriebenen Maßnahmen
zügig umsetzen. Die Länder halten es außerdem für erforderlich, dass
Studierende aus dem Ausland so unterstützt wer­
Berufliche Bildung und berufsbildende Schulen den, dass ihre Erfolgsquoten verbessert werden. Dies
betrifft sowohl Unterstützung beim Erlernen der
Jugendliche mit Migrationshintergrund haben große deutschen Sprache und bei der Pflege der deutschen
Schwierigkeiten beim Übergang in das duale Ausbil­ Sprachpraxis als auch Unterstützung durch Beratungs-,
dungssystem. Berufsorientierung in der allgemein Betreuungs- und Coachingprogramme.
bildenden Schule hat hier insbesondere die Aufgabe,
starren, gender-bedingten Berufswahlentschei­ Kulturelle Bildung
dungen zukunftsorientierte Alternativen entge­
genzusetzen. In den berufsbildenden Schulen ist in Kulturelle Bildung unterstützt den Integrationspro­
besonderer Weise für die Ausbildung der Fach- und zess. Die Länder begreifen es als besondere Chance,
Berufssprache Sorge zu tragen. Die Länder schenken in der Zeit einer immer offeneren Weltgesellschaft
diesem Aspekt der berufsbezogenen Sprachförderung im eigenen Land verschiedene Kulturen erleben zu
besondere Aufmerksamkeit. Sie werden den Umfang können. Die Offenheit für die jeweiligen kulturellen
und die Wirksamkeit der bisher durchgeführten Maß­ Leistungen dient dem wechselseitigen Verständnis
nahmen ebenso überprüfen wie die Qualifizierung und Respekt. Dieser Gedanke muss in allen Feldern
des Personals hinsichtlich der besonderen Heraus­ kultureller Bildung Eingang finden. Die Länder
forderungen in Klassen mit einem hohen Anteil an werden dies insbesondere in den Konzepten der
Jugendlichen mit Migrationshintergrund. staatlichen Bildungs- und Erziehungseinrichtungen
berücksichtigen.
Die Länder sind sich bewusst, dass auch berufsbil­
dende Schulen mit einem hohen Anteil Jugendlicher
mit Migrationshintergrund Unterstützung benötigen, Integration in das Erwerbsleben
um Integrationsarbeit im erforderlichen Umfang
leisten zu können. Es besteht Einigkeit, dass auch für Für die gesellschaftliche Integration ist Erwerbstätig­
diese Schulen spezifische Mittel bereitgestellt werden, keit von zentraler Bedeutung. Obwohl es sich bei der
sei es durch Senkung der Frequenzen, Erhöhung des Arbeitsmarktpolitik überwiegend um eine Bundes­
Anteils von Lehrkräften mit Migrationshintergrund zuständigkeit handelt, leisten die Länder hierzu auf
oder die Unterstützung der Lehrkräfte durch Schulso­ vielfältige Weise ihren Beitrag.
zialarbeit oder durch Kräfte mit besonderen interkul­
turellen Kompetenzen, wie z. B. Integrationslotsen. Arbeitsmarktprogramme
Sprachfördermaßnahmen werden auch in den beruf­
lichen Schulen angeboten, wenn der Bedarf besteht. Eine personen- und unternehmensorientierte Beschäf­
Die Mehrsprachigkeit der Jugendlichen gewinnt in tigungsförderung und Qualifizierung der Menschen
der Phase der Ausbildung eine besondere Bedeutung. mit Migrationshintergrund hat zum Ziel, eine
Sie soll, wo immer dies möglich ist, berufsbezogen effektive und passgenaue Vermittlung in den Ausbil­
weiterentwickelt werden und zu einer Stärkung der dungs- und Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Die Länder
Auszubildenden in ihren künftigen Arbeitsbereichen begrüßen die Möglichkeiten, die der Europäische
führen. Sozialfonds zur beruflichen Integration eröffnet. Die
Länder unterstützen die Integration in den Arbeits­
markt im Rahmen ihrer Möglichkeiten insbesondere
durch landesspezifische Arbeitsmarktprogramme.

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Länder als Arbeitgeber Integrationskurse

Die Länder sind sich auch ihrer Rolle als Arbeitgeber Die Länder tragen im Rahmen ihrer Zuständigkeiten
bewusst. Sie wirken im Rahmen ihrer Möglichkeiten und Möglichkeiten zur Steigerung des Erfolgs der
darauf hin, den Anteil des Personals mit Migrations­ Integrationskurse bei. Sie unterstützen den Erfolg
hintergrund unter Berücksichtigung von Eignung, der Integrationskurse dadurch, dass sie auf eine
Befähigung und Leistung zu erhöhen. Sie streben an, verbesserte Zusammenarbeit von Ausländerbehörden,
dass dabei Sprach- und interkulturelle Kompetenzen Arbeitsgemeinschaften/Optionskommunen, Integra­
angemessen berücksichtigt werden. tionskursträgern, den Regionalkoordinatoren des
Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge und der
Ausbildungschancen migrationsspezifischen Beratungsdienste hinwirken.

Die Länder haben sich im „Nationalen Pakt für Frühzeitige Teilnahme an Integrationskursen
Ausbildung und Fachkräftenachwuchs“ verpflichtet,
für ein verbessertes Übergangsmanagement von der Ihr erklärtes Ziel ist es, integrationsbedürftige
Schule in den Beruf einzutreten, Ausbildungsreife und Zugewanderte frühzeitig an die Integrationskurse
Berufsorientierung in der allgemein bildenden Schule heranzuführen. In die Netzwerkbildung sollen auch
angemessen vorzubereiten und hierbei insbesondere Kindertagesstätten, Schulen, Einrichtungen der
die Jugendlichen mit Migrationshintergrund bei ihrer Jugendhilfe und Einrichtungen im Sozialraum (Woh­
Suche nach einem Ausbildungsplatz zu unterstützen. nungsunternehmen) eingebunden werden, damit
Dazu gehört der verstärkte Einbezug der Praxis in auch „Altzugewanderte“ einen besseren Zugang zu
den Schulalltag und die Einrichtung von Praxis- bzw. Integrationskursen bekommen.
Kooperationsklassen zur frühzeitigen Förderung leis­
tungsschwacher Schülerinnen und Schüler. Nachhaltigkeit der Integrationskurse

Zur Qualifizierung und Vermittlung von Jugendlichen Die Länder teilen die Auffassung, dass integrations­
in Praktika, Ausbildung und Arbeitsmarkt werden kursergänzende Maßnahmen für die Nachhaltigkeit
Netzwerke und Kooperationen zwischen Verwaltung, der Sprachförderung und insbesondere die Einbin­
Schulen, Jugendeinrichtungen, örtlichen Gewer­ dung in den Arbeitsmarkt notwendig sind. Sie tragen
betreibenden, Arbeitsagenturen, Arbeitsgemein­ im Rahmen ihrer Möglichkeiten zum Erfolg derartiger
schaften/Optionskommunen und anderen Akteuren als Verbund- und Begleitprojekte bezeichneten Maß­
(z. B. Migrantenselbstorganisationen, Unternehmens­ nahmen bei.
verbände von Zugewanderten und Medien) initiiert
und unterstützt.
Frauen und Mädchen
Anerkennung ausländischer Abschlüsse
Rechte stärken
Die Länder halten es für erforderlich, dass die von
den Zugewanderten im Ausland erworbenen Schul-, Die Länder würdigen den Einsatz der vielen zugewan­
Bildungs- und Berufsabschlüsse volkswirtschaftlich derten Frauen für die Integration in Familie, Beruf,
besser genutzt werden. Dies kann ggf. auch Teila­ Nachbarschaft und Gesellschaft. Sie erkennen die
nerkennungen und gezielte Nachqualifizierungen Leistungen an, die insbesondere die Mädchen mit
einschließen. Migrationshintergrund in Schule, Ausbildung und
Beruf erbringen. Die Länder sehen die Chancen, die
Existenzgründungs- und Ausbildungspotentiale darin für die Mädchen selbst und die Gesellschaft
liegen. Sie sehen deshalb ihre Aufgabe darin, Rechte
Die Länder sehen bei den Menschen mit Migrations­ und Chancen der Mädchen und Frauen auf volle
hintergrund große Potentiale zur Selbständigkeit gleichberechtigte Partizipation nachhaltig zu stärken.
und betrieblicher Existenzgründung. Sie wollen ihre Die Länder unterstützen das Selbstbestimmungsrecht
Informations- und Beratungsangebote – dort wo das der Mädchen und Frauen. Sie stärken sie darin, ihre
bislang noch nicht geschehen ist – stärker auf diese Potentiale auszuschöpfen.
Zielgruppe ausrichten. Die Länder werden dafür
werben, dass verstärkt Betriebe von Inhaberinnen Rechte schützen
und Inhabern mit Zuwanderungsgeschichte für die
Ausbildung gewonnen werden. Sofern Mädchen und Frauen in der Entfaltung
ihrer Rechte und Potentiale, insbesondere auf freie
Berufs- und Partnerwahl gehindert werden, sehen
sich die Länder in der Verantwortung für geeignete
Maßnahmen der Prävention, Krisenintervention und
Unterstützung.

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Gesundheit Vor allem gemeinsames bürgerschaftliches Engage­
ment von Menschen mit und ohne Migrationshinter­
Die Gesundheit steht im Mittelpunkt des persönlichen grund fördert die gegenseitige Akzeptanz und den
Interesses jedes Menschen. Das Gesundheitssystem gesellschaftlichen Zusammenhalt. Bürgerschaftliches
steht für alle Bevölkerungsgruppen unabhängig von Engagement beruht auf freiwilliger Selbstverpflich­
ihrer Herkunft offen. Dennoch nutzen bildungsferne tung, öffentlicher Verantwortungsübernahme und
und sozial schwächere Menschen mit Migrationshin­ Vernetzung. Es wirkt identitätsstiftend und stärkt die
tergrund die Angebote der Gesundheitsvorsorge und individuelle Handlungskompetenz.
der Gesundheitsversorgung weniger als andere.
Die Länder sind sich einig, dass das freiwillige Engage­
Interkulturelle Öffnung ment von und für Zugewanderte aller Altersgruppen
in klassischen Vereinen, Verbänden, Kirchen und
Die Länder setzen sich dafür ein, die Teilhabe von Religionsgemeinschaften sowie in den Migrantenselb­
Menschen mit Migrationshintergrund am Gesund­ storganisationen in erheblichem Maße zur sozialen
heitssystem auch durch dessen interkulturelle Öff­ Stabilität beiträgt. Gemeinsames bürgerschaftliches
nung zu verbessern. Insbesondere sollen der Zugang Engagement von Menschen mit und ohne Migrations­
zu gesundheitlichen Angeboten, das Gesundheits­ hintergrund ermöglicht es zugleich der Aufnahmege­
wissen und die Gesundheitskompetenzen verbessert sellschaft mit zunehmender Vielfalt umzugehen und
werden. Die Länder werden Projekte und Initiativen Veränderungen zu bewältigen.
zum Abbau von Zugangsbarrieren unterstützen und
mit Kooperationspartnern zielgruppenspezifische Kultur der Anerkennung
Angebote weiter entwickeln und umsetzen.
Die Länder fördern eine Kultur der Anerkennung.
Dies gilt auch im Hinblick auf Angebote für zugewan­ Dies kann durch die Würdigung des herausragenden
derte Menschen mit Behinderungen. Engagements Einzelner ebenso erfolgen wie durch
die Auszeichnung gelungener Integrationsprojekte.
Weiterhin achten die Länder darauf, dass der Sachver­
Ältere Menschen mit Zuwanderungsgeschichte stand engagierter Bürger auf dem Gebiet der Integra­
tion durch die Berufung in geeignete Gremien, wie
Zugangsbarrieren abbauen zum Beispiel Landesintegrationsbeiräte oder Kommis­
sionen, einbezogen ist.
Die Anzahl und der Bevölkerungsanteil älterer Men­
schen mit Migrationshintergrund werden in Zukunft Die Länder halten eine Öffnung zum interkulturellen
deutlich steigen. Gleichzeitig finden viele von ihnen Dialog bei Vereinen, Verbänden, Kirchen, Religions­
keinen Zugang zu Angeboten für Seniorinnen und gemeinschaften und Migrantenselbstorganisationen
Senioren, zu Pflegediensten und -einrichtungen, für notwendig.
obwohl die Angebote auch ihnen offen stehen.

Die Länder werden ihre Anstrengungen fortsetzen, Integration durch Sport


den Zugang älterer Menschen mit Migrationshin­
tergrund zu diesen Angeboten zu verbessern, zum Die Länder sind sich einig darin, dass dem Sport eine
Beispiel durch gezielte Information oder durch Förde­ herausragende Integrationskraft zukommt. Sie heben
rung kultursensibler Arbeitsweisen in der Seniorenar­ in ihren Integrationskonzepten und -leitlinien die
beit und der Pflege. Bedeutung des Sports nachdrücklich hervor. Sport
vermittelt Teamgeist, Fairness und Akzeptanz. Er hilft,
Vorurteile abzubauen und schafft Brücken zwischen
Integration durch bürgerschaftliches Menschen unterschiedlicher sozialer und kultureller
Engagement und gleichberechtigte Teilhabe Herkunft. Sportliche Leistungen vermitteln soziale
Anerkennung und vielfältige Erfolgserlebnisse. Die
Der soziale Zusammenhalt moderner Gesellschaften Sportförderung ist besonders geeignet, einen wirk­
kann durch wirtschaftliches Handeln auf Märkten samen Beitrag zur Bekämpfung von Gewalt und
einerseits sowie durch das Handeln von Politik und Rechtsextremismus zu leisten.
staatlicher Verwaltung andererseits allein nicht
gewährleistet werden. Sozialer Zusammenhalt Sportförderung
braucht die breit gefächerten Formen des bürger­
schaftlichen Engagements. Die Arbeit der vielen Die Länder finanzieren insbesondere für den Breiten­
zivilgesellschaftlichen Gruppen und Organisationen sport den Bau, die Sanierung und Modernisierung von
prägt in besonderer Weise das soziale Gefüge in den Sportstätten. Darüber hinaus unterstützen die Länder
Ländern und Kommunen. Sie schafft die Vorausset­ den Sport weiterhin in vielfältiger Weise, zum Beispiel
zung für gelingende Integration. durch Beteiligung bei der Förderung des Programms

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„Integration durch Sport“. Die vorhandenen Struk­ Integrationsmonitoring
turen der Integrationsförderung können von einer
besseren Vernetzung mit den Sportvereinen erheblich Datenqualität
profitieren. Diese Vernetzung wollen die Länder stär­
ker vorantreiben. Integration benötigt Indikatoren, die eine Beobach­
tung und Beschreibung von Zuwanderungs- und Inte­
grationsprozessen sowie die Beurteilung der Wirk­
Medien samkeit von Fördermaßnahmen ermöglichen. Die in
den vorhandenen Statistiken übliche Differenzierung
Die Medien tragen eine hohe Verantwortung für den
in Deutsche und Ausländer ist für die Erfassung des
gesellschaftlichen Integrationsprozess. Sie wirken
Standes der Integration nur noch eingeschränkt
meinungsbildend auch für die Wahrnehmung von
aussagekräftig. Seit 2005 stehen mit dem Mikrozensus
Zuwanderung und Integration. Sie bieten den gesell­ erweiterte Möglichkeiten der statistischen Bestands­
schaftlichen Gruppen eine Plattform und können
aufnahme zur Verfügung. Dadurch wird es möglich,
Vorurteile bestätigen, aber auch aufklärend wirken.
neben der Staatsangehörigkeit auch den Migrati­
onshintergrund zu erfassen. Die Länder streben an,
Programmangebote und Strukturen diese neue Datenqualität (dort wo sie valide Aussagen
erwarten) in ihre Integrationssteuerung einfließen zu
Die Länder sind der Auffassung, dass den Medien, ins­ lassen. Die Länder werden dem Thema Integrations­
besondere den öffentlich-rechtlichen Medien, mehr monitoring im Rahmen der Entwicklung des bundes­
denn je eine zentrale Querschnittsaufgabe bei der weiten Integrationsprogramms verstärkte Aufmerk­
Integration zukommt. Die Ministerpräsidenten haben samkeit widmen.
deshalb ARD und ZDF im Oktober 2006 gebeten, bis
Juni 2007 Vorschläge zu erarbeiten, wie Programman­
gebote und -strukturen weiterentwickelt und umge­ Schlussbemerkung
setzt werden können, um einen zusätzlichen Beitrag
für die Integration zu leisten. Die Länder werden diese Integration ist für den Zusammenhalt und die
Vorschläge nach Vorlage auf Umsetzung prüfen. Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft von zentraler
Bedeutung. Die Länder zeigen mit ihrem Beitrag
zum Nationalen Integrationsplan, dass sie sich dieser
Herausforderung in großer Geschlossenheit und mit
hohem Einsatz stellen.

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Beitrag der Bundesvereinigung der
kommunalen Spitzenverbände

Vorbemerkung Selbstverpflichtung der Bundesvereinigung der


kommunalen Spitzenverbände
Die Bundesvereinigung der kommunalen Spitzen­
verbände begrüßt den mit dem Nationalen Integra­ Für eine Fortsetzung und Verstärkung kommunaler
tionsgipfel begonnenen Dialog und ist bereit, einen Integrationsprozesse verpflichtet sich die Bundesver­
Beitrag zu einer weiteren Verbesserung der Integra­ einigung der kommunalen Spitzenverbände
tion von Menschen mit Migrationshintergrund und
zum Abbau noch bestehender Integrationsdefiziten ■ der Mitgliedschaft Anregungen und Informationen
zu leisten. z. B. durch Erfahrungsaustausch und Best-Practice
zu liefern und damit
Städte, Kreise und Gemeinden sind sich ihrer großen
Verantwortung bei der Integration bewusst. Sie sind ■ deren Integrationsbemühungen zu begleiten,
aufgefordert und bereit, ihre Gestaltungspotentiale
zur Integration von Menschen mit Migrationshin­ ■ die Mitgliedschaft mit Empfehlungen zu
tergrund auch weiterhin einzusetzen. In einigen unterstützen,
Kommunen verfügen annähernd 30 Prozent der
Bevölkerung über einen Migrationshintergrund. ■ und als Sprachrohr kommunale Änderungsbedarfe
Diese Entwicklung wird sich – auch angesichts der gegenüber Bund und Ländern vorzubringen,
demographischen Entwicklung – in den nächsten
Jahrzehnten fortsetzen und gibt Anlass, Integrations­ um so gemeinsam einen Beitrag für die Nachhaltig­
bemühungen fortzuführen und weiter zu optimieren. keit der Integrationsbemühungen zu leisten.

Gelungene Integration setzt nicht nur eine integra­


tionswillige Aufnahmegesellschaft voraus, sondern 1. Integration als kommunale
auch die Bereitschaft der Menschen mit Migrations­ Querschnittsaufgabe
hintergrund zur Integration.
Die Bundesvereinigung der kommunalen Spitzen­
Mit dem Integrationsgipfel ist es gelungen, dem Inte­ verbände empfiehlt ihrem Mitgliedsbereich/ihren
grationsthema auch auf Bundesebene den notwen­ Mitgliedsverbänden
digen Stellenwert zu verleihen. Schon seit etlichen Jah­
ren gehen die Kommunen die Aufgabe der Integration ■ der Integration eine hohe kommunalpolitische
an und haben einen wichtigen Beitrag für Integration Bedeutung beizumessen,
und den gesellschaftlichen Frieden geleistet. Zahl­
reiche gute Beispiele zeugen in vielfältiger Weise von ■ Integration als ressortübergreifende Aufgabe in
gelungenen Integrationsmaßnahmen vor Ort. Diese der Kommunalverwaltung zu verankern und ihrer
Vielfalt ist ein Beleg für das Potential der kommu­ Bedeutung entsprechend anzusiedeln,
nalen Selbstverwaltung, die es auch für die Zukunft zu
erhalten gilt. ■ kommunale Gesamtstrategien, die den jeweiligen
örtlichen Bedürfnissen angepasst sind, zu entwi­
ckeln und fortzuschreiben.

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2. Unterstützung lokaler Netzwerke 5. Sprache und Bildung

Die Bundesvereinigung der kommunalen Spitzen­ Die Bundesvereinigung der kommunalen Spitzen­
verbände empfiehlt ihrem Mitgliedsbereich/ihren verbände empfiehlt ihrem Mitgliedsbereich/ihren
Mitgliedsverbänden Mitgliedsverbänden

■ sich für eine stärkere Vernetzung der gesellschaft­ ■ als Lotsen Zuwanderer bei der Wahrnehmung von
lichen, politischen und wirtschaftlichen Akteure Bildungsangeboten des Bundes und der Länder
einzusetzen und erforderlichenfalls Vernetzungen (z. B. durch Information über entsprechende
zu initiieren, Angebote) zu unterstützen und zu den Angeboten
hinzuführen,
■ dabei im Rahmen ihrer Möglichkeiten als zen­
traler Akteur zur Koordinierung und Abstimmung ■ durch kommunale Maßnahmen das Bildungsange­
der verschiedenen Integrationsbemühungen bot zu ergänzen und
aufzutreten.
■ diese Angebote mit denen des Bundes und der Län­
der zu vernetzen.
3. Interkulturelle Öffnung der Verwaltung

Die Bundesvereinigung der kommunalen Spitzen­ 6. Berufliche Integration


verbände empfiehlt ihrem Mitgliedsbereich/ihren
Mitgliedsverbänden Die Bundesvereinigung der kommunalen Spitzen­
verbände empfiehlt ihrem Mitgliedsbereich/ihren
■ den Anteil von Menschen mit Migrationshinter­ Mitgliedsverbänden
grund in den Verwaltungen zu erhöhen,
■ als Träger von Aufgaben nach dem SGB II die beruf­
■ Mitarbeiter in der Weise fortzubilden, dass dem liche Integration von Menschen mit Migrationshin­
Ziel der Kundenfreundlichkeit und dem Bedarf tergrund mit ihren flankierenden Maßnahmen zu
an interkultureller Kompetenz in der Verwaltung unterstützen,
noch wirkungsvoller Rechnung getragen werden
kann. ■ auch in ihrer Rolle als Arbeitgeber einen unmit­
telbaren Beitrag zur beruflichen Integration zu
leisten.
4. Gesellschaftliche Integration durch
Partizipation und bürgerschaftliches
Engagement 7. Sozialräumliche Integration

Die Bundesvereinigung der kommunalen Spitzen­ Die Bundesvereinigung der kommunalen Spitzen­
verbände empfiehlt ihrem Mitgliedsbereich/ihren verbände empfiehlt ihrem Mitgliedsbereich/ihren
Mitgliedsverbänden Mitgliedsverbänden

■ bürgerschaftliches Engagement von, für und mit ■ in Sozialräumen mit Integrationsdefiziten durch
Migranten zu unterstützen und zu fördern, Quartiersmanagement und Netzwerkbildung das
Zusammenleben zwischen den Bevölkerungsgrup­
■ Menschen mit Migrationshintergrund stärker an pen zu fördern,
den Entscheidungs- und Gestaltungsprozessen in
den unterschiedlichsten Bereichen des sozialen ■ mit niedrigschwelligen sozialen und kulturellen
und politischen Lebens zu beteiligen, Angeboten die Lebensqualität im und die Identifi­
kation mit dem Quartier zu stärken,
■ und dabei auch für die Einbeziehung der weib­
lichen Migrationsbevölkerung einzutreten, ■ von Förderinstrumenten zur Stärkung benach­
teiligter Quartiere wie z. B. das Bund-Länder-Pro­
■ die Kompetenzen der Zuwanderer als Multi­ gramm „Soziale Stadt“ und die Programme des
plikatoren und Konfliktmoderatoren stärker Europäischen Sozialfonds (ESF) stärker Gebrauch zu
einzubeziehen. machen.

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8. Förderung lokaler ethnischer Ökonomie 10. Information und Evaluation

Die Bundesvereinigung der kommunalen Spitzen­ Die Bundesvereinigung der kommunalen Spitzen­
verbände empfiehlt ihrem Mitgliedsbereich/ihren verbände empfiehlt ihrem Mitgliedsbereich/ihren
Mitgliedsverbänden Mitgliedsverbänden

■ im Rahmen kommunaler Wirtschaftsförderungs­ ■ über die vor Ort verfügbaren Integrationsangebote


konzepte der zunehmenden Bedeutung der eth­ in geeigneter Weise zu informieren,
nischen Ökonomie Rechnung zu tragen,
■ im Interesse der Effektivität der lokalen Integrati­
■ in der Bevölkerung und der Verwaltung das onspolitik und eines wirkungsvollen Ressourcen­
Bewusstsein für das Potential der ethnischen einsatzes ihre Integrationsbemühungen zu doku­
Ökonomie zu wecken und für den kommunalen mentieren, zu evaluieren und ggfls. zu optimieren.
Wirtschaftsstandort zu nutzen.
Angesichts der sehr unterschiedlichen
Gegebenheiten vor Ort in den mehr als 12.000
9. Stärkung des Engagements gegen deutschen Kommunen können die Empfehlungen
Fremdenfeindlichkeit der Bundesvereinigung der kommunalen
Spitzenverbände nur den Rahmen bilden, der
Die Bundesvereinigung der kommunalen Spitzen­ an die örtlichen Verhältnisse – insbesondere
verbände empfiehlt ihrem Mitgliedsbereich/ihren unter Berücksichtigung der Haushaltslage der
Mitgliedsverbänden jeweiligen Kommune – angepasst werden muss.

■ auch weiterhin energisch extremistische und


fremdenfeindliche Bestrebungen zu bekämpfen
und Fremdenfeindlichkeit in allen Ausprägungen
entgegenzutreten,

■ örtliche Netzwerke gegen Extremismus und für


Toleranz zu unterstützen.

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Ergebnisse der Arbeitsgruppen – Einleitung

Zur Erarbeitung des Nationalen Integrationsplans hat Der Bund hat seine Eigenbeiträge in den Arbeitsgrup­
die Bundesregierung sechs Arbeitsgruppen – jeweils penberichten formuliert und fasst die Schwerpunkte
durch ein Bundesministerium koordiniert – zu zehn seiner Maßnahmen in der Erklärung des Bundes zum
Themenfeldern eingesetzt. Hier waren alle Beteilig­ Nationalen Integrationsplan, verabschiedet im Bun­
ten, ausdrücklich einschließlich der Migranten und deskabinett am 11. Juli 2007, zusammen (Kapitel 1).
Migrantinnen, gleichberechtigt eingebunden. Denn
es ging darum, gemeinsam einen Prozess in Gang Die 16 Länder haben die Ergebnisse der Arbeitsgrup­
zu setzen hin zu besserer Integration. In intensiven pen ausgewertet und zur Grundlage ihres gemein­
Beratungen haben die Arbeitsgruppen Bestandsauf­ samen Beitrags zum Nationalen Integrationsplan
nahmen, Zielbestimmungen und integrationsför­ gemacht, der am 14. Juni 2007 von der Ministerpräsi­
dernde Maßnahmen formuliert und jeweils in einem dentenkonferenz verabschiedet wurde. In diesen Bei­
Abschlussbericht zusammengefasst. 376 Vertreter­ trag sind überdies über die Arbeit der Arbeitsgruppen
innen und Vertreter aus Staat und Gesellschaft haben hinaus Selbstverpflichtungen der Länder eingeflossen,
sachkundig und engagiert mitgewirkt, darunter in die sich auf deren integrationspolitische Zusammen­
jeder Arbeitsgruppe auch Migrantinnen und Mig­ arbeit und die Strukturen der Integrationspolitik
ranten ebenso wie Angehörige der Länder, der Kom­ beziehen (Kapitel 2).
munen und wichtiger gesellschaftlicher Gruppen.
Die Kommunalen Spitzenverbände haben die in den
Die Bundesregierung hat von Anfang an besonde­ Arbeitsgruppenberichten enthaltenen Anregungen
ren Wert auf verbindliche Zusagen aller Beteiligten und Empfehlungen in ihrer Erklärung zum Natio­
gelegt. Dieses Ziel wurde teilweise in den Arbeitsgrup­ nalen Integrationsplan berücksichtigt (Kapitel 3).
pen, teilweise in nachgelagerten Verfahren erreicht.
Die Berichte dokumentieren neben zahlreichen Diese Darstellung der staatlichen Maßnahmen in
Handlungsempfehlungen und Projektideen der getrennten Kapiteln entspricht der grundgesetz­
Arbeitsgruppen authentisch rund 400 sehr konkrete lichen Kompetenzverteilung zwischen Bund und
Selbstverpflichtungen vor allem von Akteuren der Ländern. Der Nationale Integrationsplan setzt dieser
Zivilgesellschaft, die unmittelbar im Rahmen der Aufgabenverteilung entsprechend auf eine noch
Arbeitsgruppen abgegeben wurden. Naturgemäß bessere Vernetzung von Bund, Ländern und Kommu­
haben die in den Arbeitsgruppenberichten darge­ nen im Interesse einer erfolgreichen Integration der
stellten Selbstverpflichtungen unterschiedliche dauerhaft in Deutschland lebenden Menschen aus
Reichweite und Bedeutung. Jede einzelne ist von Zuwandererfamilien.
Belang und als konkreter Beitrag zur Integration sehr
willkommen. Daher werden die Texte nachfolgend
unverändert wiedergegeben.

In den Berichten der Arbeitsgruppen ist zwischen


Handlungsempfehlungen und bindenden Selbstver­
pflichtungen unterschieden.

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Themenfeld 1:

„Integrationskurse verbessern“

4.1.
1. Bestandsaufnahme Mit den Integrationskursen wurden bei gleichzei­
tiger Zusammenführung der Zielgruppen und der
Förderprogramme zum ersten Mal auch Standards
1.1. Einordnung der Integrationskurse in die hinsichtlich der fachlichen und administrativen Aus­
Integrationspolitik in Deutschland gestaltung der Kursangebote festgeschrieben. Dazu
gehörten zum einen die Zulassung von Kursträgern
Mit dem am 1. Januar 2005 in Kraft getretenen Zuwan­ nach klar bestimmten Qualitätskriterien, vor allem
derungsgesetz wurden erstmalig staatliche Integra­ aber auch die Einführung sprachdidaktischer Vorga­
tionsangebote für Zuwanderer (Ausländer, Spätaus­ ben zur einheitlichen inhaltlichen Ausgestaltung der
siedler, Unionsbürger) einheitlich gesetzlich geregelt. Kurse. Dabei wurden erstmals auch Zwischen- und
Das Kernstück der Anstrengungen zur Förderung Abschlusslernziele festgelegt sowie zur Optimierung
der Integration bilden seitdem die Integrationskurse. und Überprüfung der Zielerreichung standardisierte
Sie stellen ein Grundangebot zur Integration dar Einstufungs-, Zwischen- und Abschlusstests, die sich
für rechtmäßig auf Dauer im Bundesgebiet lebende an europäischen Standards orientierten, in die Kur­
Ausländer. Ziel des Integrationskurses ist es, Zuge­ spraxis eingeführt.
wanderte mit den Lebensverhältnissen in Deutsch­
land so weit vertraut zu machen, dass sie ohne Hilfe Darüber hinaus sieht das Konzept für die Integrations­
und Vermittlung Dritter in allen Angelegenheiten kurse eine Differenzierung der Teilnehmenden nach
des täglichen Lebens selbständig handeln können. ihren Lernvoraussetzungen und Lernbedürfnissen,
Der Integrationskurs umfasst daher einen 600-stün­ ein Anforderungsprofil an die Qualifikation von im
digen Sprachkurs – bestehend aus einem Basis- und Integrationskurs tätigen Lehrkräften und ein Angebot
Aufbausprachkurs gleicher Länge – zur Vermittlung zur Qualifizierung des pädagogischen Personals vor.
ausreichender deutscher Sprachkenntnisse, welche
mit einer Sprachkompetenz entsprechend dem Niveau Dieser Prozess, der eine völlig neue Qualität in der
B1 des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens Sprachförderung etablierte, wurde begleitet durch
für Sprachen (GER) festgelegt wurden, und einem den gleichzeitigen Aufbau eines Systems der Hilfe,
30-stündigen Orientierungskurs. Dieser dient der Ver­ Beratung und Kontrolle, das im flächendeckenden
mittlung von Grundkenntnissen der Rechtsordnung, Einsatz von Regionalkoordinatoren des Bundesamtes
der Kultur und der Geschichte Deutschlands. für Migration und Flüchtlinge (im Folgenden Bun­
desamt) seinen Ausdruck fand und von Anbeginn
auf Seiten der Kursträger von großer Zustimmung
getragen wurde.

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4.1. 1.2. Die bisher erreichten Ergebnisse in Zahlen

Flächendeckung durch hohe Trägerdichte ca. 1.800 zugelassene Träger

Hoher Grad der Teilnehmererreichung 360.000 ausgestellte Teilnahmeberechtigungen,


rund 250.000 Teilnehmer in 16.850 Kursen

Hoher Anteil von Frauen 65 Prozent der Teilnehmenden sind Frauen

Erreichung des Kursziels ca. 45 Prozent der Kursabsolventen bestanden die


Abschlussprüfung Zertifikat Deutsch (B1)

Zugelassene Lehrkräfte nach § 15 Abs. 1 IntV ca. 4.240 Lehrkräfte ohne weiteren Qualifizierungsbedarf

Zugelassene Lehrkräfte nach § 15 Satz 3 IntV ca. 7.700 Lehrkräfte mit Ausnahmegenehmigung

Bisher qualifizierte Lehrkräfte ca. 1.000


(davon 500 kurz vor Beendigung)

Akkreditierung von Einrichtungen zur Lehrerqualifizierung 8 akkreditierte Einrichtungen, 8 im Akkreditierungsverfahren

1.3. Bewertung der Ergebnisse 1.4. Ergebnisse der Evaluation der


Integrationskurse
Nach dem Gesetz über den Aufenthalt, die Erwerbs­
tätigkeit und die Integration von Ausländern (Auf­ Gleichwohl verweist der Evaluationsbericht auch auf
enthaltsgesetz – AufenthG) hat die Bundesregierung noch nicht optimal gestaltete Verfahrensabläufe und
dem Deutschen Bundestag zum 1. Juli 2007 einen markiert Verbesserungsbedarf.
Erfahrungsbericht zur Durchführung und Finanzie­
rung der Integrationskurse vorzulegen. Als Grund­ Das Gutachten von Rambøll Management fasst die
lage dafür hatte das Bundesministerium des Innern Möglichkeiten zur Optimierung des Systems in sieben
(BMI) die Evaluation der Integrationskurse nach dem Handlungsfeldern zusammen:
Zuwanderungsgesetz sowie ein Gutachten zu mög­
lichen Verbesserungspotenzialen ausgeschrieben, das
seit Dezember 2006 vorliegt und unter der Adresse Handlungsfeld 1 „Erfolgskontrolle und Steuerung
www.bmi.bund.de/EvaluierungIntegrationskurse der der Integrationskurse“:
Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde (Evalua­ Rambøll Management rät, verpflichtende Abschluss­
tion und Gutachten von Rambøll Management). Der tests einzuführen sowie ein zielführendes Control­
Abschlussbericht der Evaluation zeigt, dass sich das lingsystem einzurichten.
Integrationskurssystem etabliert und in weiten Teilen
Deutschlands bewährt hat. Es bietet allen Zuwande­ Handlungsfeld 2 „Verbesserung des Kurserfolgs“:
rern eine systematische und qualitativ hochwertige Rambøll Management empfiehlt u. a., durch eine
Förderung, die nicht nur einen Beitrag zur sprach­ Flexibilisierung der Stundenkontingente die Zielerrei­
lichen, sondern insgesamt auch einen wichtigen chung des Sprachniveaus B1 zu verbessern sowie den
Beitrag zur sozialen Integration zu leisten verspricht. Qualitätswettbewerb unter den Trägern zu stärken.

Es kann festgestellt werden, dass die Umsetzung der Handlungsfeld 3 „Aufwertung des
Integrationskurse in die Praxis seit 2005 zu einer Orientierungskurses“:
deutlichen qualitativen Verbesserung der deutschen Zur Aufwertung des Orientierungskurses wird die
Integrationspolitik geführt hat (Rambøll Manage­ Entwicklung eines Curriculums, eines standar­
ment, Evaluationsbericht 2007, S. i), zu deren zentra­ disierten Tests und die Schulung von Lehrkräften
len Instrument die Integrationskurse seitdem gewor­ vorgeschlagen.
den sind.
Handlungsfeld 4 „Kursdurchführung“:
Im Vergleich der Integrationsbemühungen der Die Sicherstellung eines flächendeckenden und
europäischen Länder nimmt Deutschland mit dem bedarfsgerechten Kursangebots ist bezüglich der Flä­
System der Integrationskurse einen vorderen Platz ein, chendeckung erfüllt. Laut Gutachten kann durch eine
sowohl hinsichtlich der Anzahl der geförderten Stun­ Optimierung des Zugangs bestimmter Zielgruppen
den pro Teilnehmer als auch mit dem Sprachlernziel und eine Erleichterung der Teilnahme die Bedarfsge­
auf dem Niveau B1 des GER. rechtigkeit gesteigert werden.

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Handlungsfeld 5 „Nachhaltigkeit“:
4.1.

auf Seiten der Kursträger als auch des Bundesamtes


Rambøll Management empfiehlt, die Nachhaltigkeit einher. Einige Verfahren sind aus Sicht von Rambøll
u. a. durch eine verbesserte Verzahnung mit der Management für die Umsetzung nicht notwendig.
Arbeitsmarktförderung, eine gezielte Einbettung in Darüber hinaus wird die Entwicklung von Online-
kommunale Integrationsstrategien sowie durch eine Lösungen angeregt.
verbesserte Kooperation mit den Migrationsbera­
tungsdiensten weiter zu steigern. Handlungsfeld 7 „Finanzierungsmodalitäten“:
Rambøll Management empfiehlt in diesem Zusam­
Handlungsfeld 6 „Reduzierung des
menhang die Einführung eines Gutscheinsystems,
Verwaltungsaufwands“:
welches den administrativen Aufwand verringert
Die Umsetzung der Integrationskurse geht mit einem und durch eine stärkere Erfolgsorientierung positive
nicht unerheblichen Verwaltungsaufwand sowohl Anreize für die Qualität der Kurse schafft.

2. Zielbestimmungen Bewertung von Lehrplänen, Lehr- und Lernmitteln


und der Inhalte der Tests, zur Entwicklung von Ver­
Eine Vielzahl von Handlungsempfehlungen zur
fahren der Qualitätskontrolle sowie zur Fortentwick­
Verbesserung der weiteren Ausgestaltung der Inte­ lung des Integrationskurskonzepts“ eingerichtet.
grationskurse betreffen das Aufenthaltsgesetz, die

„Verordnung über die Durchführung von Integrations­


kursen für Ausländer und Spätaussiedler“ (Integrati­ 2.1. Steigerung des Kurserfolges
onskursverordnung – IntV) bzw. den Bundeshaushalt.
Der Gesetzentwurf zur Umsetzung aufenthalts- und Das zentrale Ziel der Integrationskurse, Zugewan­
asylrechtlicher Richtlinien der Europäischen Union derten ausreichende deutsche Sprachkenntnisse zu
(RichtlinienumsetzungsG) beinhaltet die stärkere vermitteln, wird zurzeit von nur etwa der Hälfte aller
Erfolgsorientierung bei der Bestimmung des Kurs­ Kursabsolventen erreicht. Das vorgesehene Niveau B1
ziels, die direkte Verpflichtungsmöglichkeit durch wird im GER als erste Stufe der selbständigen Sprach­
die Träger der Grundsicherung für Arbeitsuchende verwendung ausgewiesen. Um den Anforderungen
nach dem SGB II, die Möglichkeit der Teilnahme einer Integration zu genügen, die auf Chancengleich­
von deutschen Staatsangehörigen mit besonderem heit und Teilhabe basiert, stellt das Sprachniveau B1
Integrationsbedarf sowie eine Konkretisierung der damit eine zwingende Mindestvoraussetzung für die
Sanktionsmöglichkeiten. weitere Integration dar.

Die haushaltsmäßige Ausgestaltung der Integrations­ Ziel der weiteren Arbeit muss es sein, die Quote der
kurse ist dem Haushaltsverfahren vorbehalten. Zielerreichung des Niveaus B1 wesentlich zu steigern.
Allerdings ist für Zugewanderte selbst durch Sprach­
Es ist Ziel dieses Berichts, eine Optimierung der Inte­ kompetenz in der Verkehrssprache allein noch nicht
grationskurse durch die im Weiteren aufgeführten die grundsätzliche Voraussetzung gegeben, in „allen
Vorschläge zu erreichen. Dabei stellt die folgende Auf­ Angelegenheiten des täglichen Lebens selbständig
listung keine abschließende Aufzählung dar, sondern handeln“ zu können. Dem Orientierungskurs, der
konzentriert sich auf Aufgabenschwerpunkte. Grundkenntnisse der deutschen Geschichte, der
Rechtsordnung und Kultur vermitteln soll, kommt
Prüfstein aller Verbesserungen muss jedoch in jedem daher eine hohe Bedeutung zu, die jedoch noch nicht
Fall das Aufrechterhalten bzw. gegebenenfalls der durchgängig zum Tragen kommt.
Ausbau eines zeitnahen und flächendeckenden Ange­
bots an Integrationskursen sein. Der Integrationskurs Einführung verpflichtender Tests
soll bundesweit Maßstäbe für die Integration setzen ■ Der Einstufungstest soll auf Grund seiner Bedeu­
und möglichst viele Migrantinnen und Migranten tung für die Einordnung des Teilnehmers in das
erreichen. richtige Modul des Integrationskurses noch diffe­
renzierter gestaltet und durchgängig zur zutref­
Um die sich daran anschließenden Schlussfolge­ fenden Einstufung aller Teilnehmer eingesetzt
rungen zugleich wissenschaftlich zu fundieren und werden. Dazu muss der Test einerseits mit einer
dabei praktikabel zu gestalten, wird der Bund bei hohen Treffsicherheit den Sprachstand feststellen
seinem weiteren Vorgehen auf die Bewertungskom­ und anderseits auch eine Prognose zum Lernweg
mission als bewährtes und zuverlässiges Beratungs­ ermöglichen. Bei der Einstufung soll eine Emp­
und Arbeitsinstrument zurückgreifen. Die Bewer­ fehlung abgegeben werden, ob eine Teilnahme
tungskommission wurde entsprechend § 21 IntV „zur an einem Jugendintegrationskurs oder an einem
Frauenkurs erfolgen soll.

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4.1.
■ Zum Erhalt und zur Steigerung der Lernmotivation
der Teilnehmenden und auch, um ein detailliertes
➤ Die Eltern- und Frauenkurse sollen ein zusätz­
liches Modul von 300 Stunden umfassen, um
Bild über den Grad der Zielerreichung der Inte­ in besonderem Maße familien- und frauenspe­
grationskurse zu erhalten, soll der Abschlusstest zifische Themen aufgreifen und auf Bildungs­
verpflichtend für alle Teilnehmer durchgeführt fragen eingehen können. Zur Sicherung der
werden. Dabei soll eine skalierte Sprachprüfung Teilnahme müssen Kursträger, die Eltern- und
auf den Niveaustufen A2 bis B1 nach dem GER zum Frauenkurse anbieten möchten, eine qualifi­
Einsatz kommen. zierte Kinderbetreuung nachweisen.

■ Bis zum Vorliegen des skalierten Sprachtests bzw. ➤ Für Teilnehmende, die nicht oder nicht aus­
bis zu seinem flächendeckenden Einsatz im Jahr reichend lesen und schreiben können, soll ein
2009 soll für das Jahr 2008 durch die Bewertungs­ Alphabetisierungskurs von 300 Unterrichtsstun­
kommission eine Regelung entwickelt werden, den dem Integrationskurs vorgeschaltet werden
die möglichst auch eine Bestätigung des Niveaus (Sonderkurs).
A2 zulässt. Da das Niveau A2 nicht anhand des
Punktenachweises der Zertifikatsprüfung Deutsch ➤ Für Teilnehmende, die das Ziel B1 schneller als
nachgewiesen werden kann, soll übergangsweise in 600 Unterrichtsstunden erreichen können,
eine Regelung in Form des Einsatzes einer A2 Prü­ soll ein entsprechendes Konzept vorgehalten
fung gefunden werden. werden (Sonderkurs-Intensivsprachkurs). Für die
Teilnahme an einem Intensivsprachkurs sind
Flexibilisierung der Stundenkontingente und entsprechende Anreize zu schaffen.
Begrenzung der Teilnehmerzahlen
Zur Steigerung des Kurserfolges, hier vornehmlich
der Erreichung des Sprachlernziels B1, sollen bedarfs­ Nachqualifizierung der Lehrkräfte
spezifische und flexible Stundenkontingente bis zu Qualität der Lehre setzt eine Förderung der Lehrkräfte
einer maximalen Höhe von 900 Unterrichtsstunden voraus. Diese umfasst sowohl die Sicherung der fach­
vorgesehen werden. Eine Begrenzung auf eine ver­ lichen Qualität als auch das Bemühen um angemes­
tretbare Teilnehmerzahl unter 25 Teilnehmern wird sene Honorare. Lehrkräfte, die gegenwärtig noch auf
angestrebt. Basis einer Ausnahmegenehmigung arbeiten (§ 15
Abs. 3 IntV), sollen daher beschleunigt nachqualifi­
■ Allgemeiner Integrationskurs (Grundangebot) ziert werden können, damit die Zeit der Übergangs­
Für Teilnehmende, die ordnungsgemäß am Inte­ regelung verkürzt und schon vor dem Jahr 2010 Kurse
grationskurs teilgenommen haben, das Lernziel B1 ausnahmslos mit entsprechend qualifizierten Lehr­
aber nachweislich in 600 Stunden nicht erreichen, kräften durchgeführt werden können.
soll ein zusätzliches Stundenkontingent von bis zu
300 Stunden vorgehalten werden. Es ist dabei unabdingbar, dass Lehrkräfte in Inte­
grationskursen selbst über sprachliche Fähigkeiten
■ Integrationskurse für spezielle Zielgruppen und Son­ verfügen, die dem einwandfreien Gebrauch der deut­
derkurse schen Sprache in Wort und Schrift entsprechen. Dafür
Integrationskurse für spezielle Zielgruppen (§ 13 haben die Kursträger bei der Auswahl der Lehrkräfte
IntV) und Sonderkurse sollen dem spezifischen Sorge zu tragen. Bei begründetem Zweifel soll der
Förderungsbedarf der jeweiligen Zielgruppe Rech­ zuständige Regionalkoordinator den Nachweis dieser
nung tragen. Dabei ist der Umfang der Förderung Fähigkeiten verlangen können (mindestens Sprachni­
innerhalb der einzelnen Zielgruppen noch geson­ veau C1).
dert festzulegen.
Aufwertung des Orientierungskurses
Der Orientierungskurs vermittelt Grundkenntnisse zu
➤ Der Jugendintegrationskurs soll ein zusätzliches Rechtsordnung, Kultur und Geschichte Deutschlands,
Modul von 300 Stunden umfassen, das dazu wodurch ihm eine hohe Bedeutung für den Integrati­
dient, gezielt auf die Aufnahme von Ausbildung, onserfolg insgesamt, insbesondere aber auch für die
Studium oder Berufstätigkeit vorzubereiten. Entscheidung über die Erteilung der Niederlassungs­
Träger, die solche Kurse anbieten, sollen Berufs­ erlaubnis zukommt. Darüber hinaus ist ein ausgewo­
praktika und nach dem Kurs Ausbildungsplätze genes Verhältnis zwischen Wissensvermittlung und
oder weitere Qualifizierungsmaßnahmen Bezug zur Lebenswelt und sozialen Verantwortung
anbieten oder dahin vermitteln können. Dies der Migrantinnen und Migranten herzustellen. Um
soll in Abstimmung bzw. Zusammenarbeit mit diesem Anspruch gerecht zu werden, sollen zeitnah
den Agenturen für Arbeit und den Trägern der ein einheitliches Curriculum, ein standardisierter
Grundsicherung für Arbeitsuchende erfolgen. Abschlusstest sowie ein bedarfsgerechtes Angebot zur

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Lehrkräftequalifizierung erarbeitet und in die Praxis
eingeführt werden. Eine Ausweitung des Stunden­
4.1.

trägern eingeführt werden. Eine Möglichkeit wäre in


diesem Zusammenhang, die Zulassung entweder an
umfangs für den Orientierungskurs soll angestrebt die Trägerzulassung des jeweiligen Bundeslandes oder
werden. an das Vorhandensein eines anerkannten Qualitäts­
sicherungssystems zu knüpfen. Eine Neuregelung
Begleitung der Integrationskurse muss allerdings sicherstellen, dass es auch weiterhin
Mit der Einführung der Integrationskurse ist die für kleine Träger attraktiv bleibt, eine Zulassung zu
bisherige, in den Kursen des Sprachverbandes Deutsch erwerben und somit die Trägervielfalt erhalten bleibt.
und in den Kursen nach dem ehemaligen Garan­ Eine abschließende Empfehlung soll durch die Bewer­
tiefonds für den Schul- und Berufsbildungsbereich als tungskommission erarbeitet werden.
integraler Bestandteil enthaltene, sozialpädagogische
Begleitung durch den Kursträger entfallen. § 45 Satz 1 Weitere Kriterien, die bei einer Trägerzulassung
AufenthG regelt, dass der Integrationskurs insbeson­ zu berücksichtigen sind, wären die Festsetzung
dere durch ein migrationsspezifisches Beratungsan­ eines angemessenen Honorars für die eingesetzten
gebot ergänzt werden kann (bzw. künftig ergänzt Lehrkräfte, die Vernetzung des Integrationskurses
werden soll). mit Bildungsangeboten in den Bereichen Beruf und
Gesellschaft, die Zusammenarbeit mit Agenturen für
Die Mehrzahl der Kursträger arbeitet mit der Migra­ Arbeit, den Trägern der Grundsicherung für Arbeitsu­
tionserstberatung (MEB) und/oder den Jugendmigra­ chende, MEB und JMD, die Vernetzung mit anderen
tionsdiensten (JMD) zusammen. Wie der Abschluss­ Trägern vor Ort, die Vernetzung mit anderen Kurs­
bericht und das Gutachten von Rambøll Management trägern zur Reduzierung unnötiger Wartezeiten für
jedoch aufzeigen, ist die sozialpädagogische Beglei­ angemeldete Teilnehmer sowie die Einhaltung einer
tung der Teilnehmenden der Integrationskurse durch vorgegebenen maximalen Teilnehmerzahl in den
die MEB und JMD noch nicht vollständig und flächen­ Integrationskursen.
deckend eingerichtet und erfolgt vielfach noch durch
die Lehrkräfte der Integrationskurse. Zum Instrumentarium der Qualitätssicherung gehört
auch, dass bei Regelverstößen die Zulassung widerru­
Ziel einer verbesserten Zusammenarbeit muss es fen werden kann.
künftig sein, die sozialpädagogische Begleitung ver­
stärkt auf die Beratungsdienste zu verlagern. Auf der Als eine konkrete Qualitätsoffensive des Bundes
Grundlage von Kooperationsvereinbarungen sollen sollen die Regionalkoordinatoren des Bundesamtes
eine verstärkte Präsenz der Berater in den Kursen zur Erfüllung dieser Aufgaben noch besser fachlich
und Sprechzeiten für Berater in den Räumlichkeiten weitergebildet werden. Es wird eine zügige Qualifizie­
der Kursträger erreicht werden. Dies wird zu einer rung empfohlen.
erheblichen Entlastung der Lehrkräfte der Integrati­
onskurse führen, und die Übernahme der sozialpäda­ Qualitätswettbewerb unter den Trägern
gogischen Begleitung durch das geschulte Beratungs­ Die Qualität der einzelnen Kursträger soll erfasst und
personal von MEB und JMD wird zur Steigerung der auch für Außenstehende erkennbar sein. Dazu soll
Beratungsqualität beitragen. ein Qualitätswettbewerb etabliert werden, der durch
stärkere Vor-Ort-Kontrollen der Kurse durch die Regi­
Da die Kursträger indes den konkreten Kontakt zu den onalkoordinatoren, die Möglichkeit von Sanktionen
Teilnehmern haben, sollen auch künftig Kursträger sowie durch eine Befristung der Trägerzulassung auf
über sozialpädagogische Kompetenzen verfügen. Mit drei Jahre bestimmt ist. Kursträger, die mehr als ein
einer besseren Ausstattung der Kurse geht das Ziel Jahr keinen Integrationskurs durchgeführt haben,
einher, dass sich hier die Leistungen der Kursträger sollen ihre Zulassung verlieren. Weiterhin sollen wich­
nicht grundsätzlich verschlechtern dürfen. tige qualitätsbestimmende Merkmale, wie maximale
Teilnehmerzahlen, die Erreichung des Kursziels B1,
die Vernetzung und Zusammenarbeit mit anderen
2.2. Optimierung des Kursmanagements Trägern vor Ort und die Nähe zum Arbeitsmarkt eine
stärkere Berücksichtigung beim Trägerwettbewerb
Verstärktes Controlling und Qualitätssicherung finden.
Das Controlling der Integrationskurse soll durch
verbesserte Zugriffsmöglichkeiten des Bundesamtes Verwaltungsaufwand begrenzen
optimiert werden. Unter Beachtung der Belange des Datenschutzes ist zu
prüfen, ob ein entsprechender Datenaustausch zwi­
Neben einem konsequenten Controlling zur Steue­ schen allen Akteuren möglich ist, um noch schneller
rung der Prozesse und deren qualitativer Bewertbar­ auf Ausländer mit Integrationsbedarf aufmerksam
keit soll als weiteres Qualitätssicherungsinstrument machen zu können. Der Verwaltungsaufwand soll
der Integrationskurse eine stärker an definierten durch elektronische Datenübermittlung vereinfacht
Qualitätskriterien ausgerichtete Zulassung von Kurs­ und grundsätzlich reduziert werden. Die Meldewege

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4.1.
sollen zentral über das Bundesamt an die Ausländer­
behörden laufen; dies betrifft vor allem Meldungen
Rambøll Management als nicht ausreichend bewertet.
Vor allem die Höhe der Lehrkräftehonorare sei seit
über Fehlzeiten und Abbrüche von Teilnehmern. Einführung der Integrationskurse erheblich zurück­
Weiterhin soll angestrebt werden, Pflichten, die gegangen. Daher soll die Festlegung neuer Stunden­
unnötigen Verwaltungsaufwand verursachen, strikt sätze dem Qualitätsgedanken entsprechend gestaltet
einzudämmen. Ein möglicher Weg dazu wäre die werden.
Abschaffung der Eigenbeitragsrückerstattung bei
Fehlzeiten. Weiterhin sollte das Erfassen von Fehl­ Sonderbedarfe, wie besondere Ansprüche an die
zeiten und Kursabbrüchen neu organisiert werden. Organisation, die maximale Teilnehmerzahl und die
Qualifizierung einer Lehrkraft, sind bei der Finanzie­
Im Hinblick auf die Umsetzung der gesetzlichen rung der Kurse (z. B. Alphabetisierungs-, Jugend- und
Neuregelungen ist zu prüfen, welche alternativen Intensivkurse sowie Frauenkurse mit Kinderbetreu­
Verfahren eine spürbare Entlastung für die beteilig­ ung) entsprechend zu berücksichtigen.
ten Akteure (Bundesamt, Kursträger) bringen. Als
geeignetes Vorgehen wird die Methode des Planspiels Finanzierungsverfahren
empfohlen. Neben einer ausreichenden Finanzierung soll ein
effizientes und transparentes Finanzierungsverfahren
Zugang zu den Integrationskursen etabliert werden, das einen möglichst minimalen
Die Berechtigung von Migrantinnen und Migranten Verwaltungsaufwand benötigt und gleichzeitig eine
zur Teilnahme an Integrationskursen ist im AufenthG, gute Planungsgrundlage für die Kursträger darstellt.
im Bundesvertriebenengesetz und in der IntV unter­ Hierfür sind verschiedene Verfahren denkbar: die
schiedlich geregelt. Diese Unterschiedlichkeit soll Kreditfinanzierung, die regionale Ausschreibung von
möglichst durch eine einheitliche Frist, bis wann der Kursen durch das Bundesamt, das Gutscheinsystem
Teilnehmende den Kurs abgeschlossen haben muss, mit flexiblen Stundenkontingenten sowie das Verfah­
ersetzt werden. ren per personenbezogener Berechtigungskarte, die
sowohl für die Teilnehmerregistrierung als auch für
Kinderbetreuung verstärken die Abrechnung und für die Personenkontrolle bei
Die Sicherstellung kursbegleitender Kinderbetreuung den Prüfungen eingesetzt werden kann. Vorrangig
ist eine wesentliche Voraussetzung, um insbesondere soll es dabei darum gehen, das gegenwärtige Abrech­
Müttern die Kursteilnahme zu ermöglichen und um nungssystem zu optimieren.
Kursabbrüche zu vermeiden. Die qualifizierte Kinder­
betreuung im Rahmen der Integrationskurse, ins­ Obgleich sich Rambøll Management in seinem
besondere der Eltern- und Frauenintegrationskurse, Gutachten für das Gutscheinsystem ausgesprochen
soll durch den Einsatz von Fachkräften auch einen hat, ist unter Berücksichtigung aller Stellungnahmen
Beitrag zur sozialen Integration der Kinder leisten. Bei zum Gutachten nochmals zu prüfen, welches System
Teilzeitkursen sollen weiterhin flexible Lösungen auch den größten Nutzen bringt. Diese Analyse soll zeitnah
ohne Fachpersonal ermöglicht werden. abgeschlossen werden.

Zur verstärkten Wahrnehmung der Integrations­


angebote bzw. der flankierenden Kinderbetreuung 2.4. Nachhaltigkeit der Integrationskurse
sollen Kindertageseinrichtungen, Einrichtungen der fördern
Jugendhilfe, Kursträger, MEB und JMD sowie Regio­
nalkoordinatoren des Bundesamtes stärker zusam­ Integration in den Arbeitsmarkt durch
menarbeiten, wobei auch auf die örtliche Infrastruk­ Verbundprojekte
tur zurückgegriffen werden soll. Um den mit dem Integrationskurs begonnenen Inte­
grationsprozess zu vertiefen, sollen weiterführende
Maßnahmen systematisch an den Integrationskurs
2.3. Zielführendes Finanzierungssystem anschließen und dabei vor allem die Integration in
den Arbeitsmarkt fördern (Verbundprojekte). Die
Ausreichende Finanzierung neu aufzunehmenden Kriterien bei der Trägerzulas­
Die Höhe der Förderung eines Teilnehmers pro Stunde sung sollten daher bereits berücksichtigen, inwie­
(Stundensatz) ist die zentrale Frage eines zielführen­ fern Träger die Vernetzung des Integrationskurses
den Finanzierungssystems, von dem in hohem Maße mit Bildungsangeboten in den Bereichen Beruf und
auch die Unterrichtsqualität abhängt. Dabei soll der Gesellschaft und die Zusammenarbeit mit den Agen­
Zusammenhang zwischen dem Anforderungsprofil turen für Arbeit und Trägern der Grundsicherung
an das pädagogische Personal und den gezahlten für Arbeitsuchende ausüben (vgl. auch Punkt 2.2.
Mindesthonoraren sowie der Leistungsmotivation Stärkeres Controlling durch das Bundesamt). Ziel der
der Lehrkräfte berücksichtigt werden. Der Stun­ Maßnahmen soll sein, durch Verbundprojekte und
densatz von 2,05 € wurde durch die Evaluation von Vernetzung die Anbindung der Integrationskurse an

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die Berufsausbildung und Arbeitsmarktförderung zu
stärken und die Zusammenarbeit mit den Agenturen
Migrationserstberatung (MEB) und Jugend­
4.1.

migrationsdienst (JMD) als Grundpfeiler der


für Arbeit sowie den Trägern der Grundsicherung für Integration stärker einbeziehen
Arbeitsuchende zu intensivieren. Neben dem Integrationskurs stellen die neu gestaltete
MEB und der JMD Grundpfeiler der neuen Integrati­
Diese Zielsetzung gilt insbesondere für Jugendinte­ onspolitik des Bundes dar. Zusammen bilden sie das
grationskurse, um die Zielgruppe der Jugendlichen integrationspolitische Grundangebot, bestehend
mit Migrationshintergrund möglichst rasch in den aus Sprachförderung und zielgerichteter individu­
Arbeitsmarkt zu integrieren. Daher sollen Jugend­ eller Begleitung des Integrationsprozesses. Um das
integrationskurse vornehmlich an Praktika zur Potenzial dieses Grundangebotes der Integration voll
Berufseingliederung gebunden werden. auszuschöpfen, ist eine ständige Abstimmung und
Zusammenarbeit vor Ort unerlässlich. Dazu sollte die
Netzwerkarbeit vor Ort Kooperation zwischen MEB bzw. JMD und den Kursträ­
Der Integrationskurs als Kernangebot der Integration gern intensiviert werden und einen systematischen
soll fest in das Integrationsprogramm und die allge­ und konzeptionellen Charakter tragen.
meinen Integrationsanstrengungen vor Ort verankert
werden. Dazu bedarf es einer verstärkten Netzwerk­ Messung des nachhaltigen Integrationserfolgs
arbeit aller am Prozess beteiligten Akteure. Das Ziel des Integrationskurses ist es, den Grundstein
einer erfolgreichen Integration aller Teilnehmer in
Bei den vermehrten Anstrengungen zur stärkeren die deutsche Gesellschaft zu legen. Dazu wird ein
Kooperation und Vernetzung vor Ort sollen die Regi­ Grundangebot zum Spracherwerb und zum Erwerb
onalkoordinatoren des Bundesamtes aufgrund ihrer von Wissen und Kenntnissen aus den Bereichen
Position eine zentrale Rolle spielen. Die Gesamtkoor­ Rechtsordnung, Geschichte und Kultur bereitgestellt
dination der Integrationsförderung sollte auf kommu­ und der Erfolg dieses Angebotes mit einem Abschluss­
naler Ebene geleistet werden. Gute Beispiele in vielen test überprüft. Um die Qualität der Integrationskurse
Kommunen und Gemeinden, wie z. B. in der Stadt langfristig optimieren zu können, soll neben der
Stuttgart, sollen verallgemeinert werden. konsequenten Überprüfung des Kursziels mit dem
Abschlusstest verpflichtend für alle Teilnehmer aber
auch der nachhaltige Erfolg des Kurses in der Lebens­
welt der Teilnehmer gemessen werden. Dazu ist beim
Bundesamt geplant, die Wirksamkeit und Nachhaltig­
keit der Integrationskurse auf repräsentativer Basis zu
erforschen (Integrationspanel).

3. Vereinbarungen von Maßnahmen Die Länder, Kommunen und der Sachverstand der
und Selbstverpflichtungen Kursträger und Experten werden über die Bewer­
tungskommission mit einbezogen.

3.1. Maßnahmen und Selbstverpflichtungen ■ Der Bund verpflichtet sich zur Aufrechterhaltung
des Bundes bzw. zum Ausbau eines zeitnahen und flächende­
ckenden Angebots an Integrationskursen. Insbe­
In § 43 Abs. 3 Satz 3 AufenthG ist ausgeführt, dass „der sondere wird er prüfen, inwieweit die Handlungs­
Integrationskurs vom Bundesamt für Migration und empfehlungen zur Steigerung des Kurserfolgs, zur
Flüchtlinge koordiniert und durchgeführt“ wird und Qualifikation der Lehrkräfte, zur Optimierung des
es sich dazu privater und öffentlicher Träger bedie­ Kursmanagements, zur Umsetzung eines zielfüh­
nen kann. Weiterhin heißt es in § 43 Abs. 4 AufenthG, renden Finanzierungssystems und zur Nachhaltig­
dass die Bundesregierung ermächtigt wird, „nähere keit der Integrationskurse in das Integrationskurs­
Einzelheiten des Integrationskurses … durch eine system überführt werden können.
Rechtsverordnung … zu regeln.“
■ Die kostenrelevanten Vorschläge werden im Hin­
Damit liegt für die Integrationskurse sowohl die blick auf die Finanzierbarkeit im Rahmen des Haus­
finanzielle Zuständigkeit beim Bund als auch die haltsaufstellungsverfahrens 2008 thematisiert.
Zuständigkeit bzw. die Ermächtigung, die näheren
Einzelheiten auszuführen. Insofern ist es Aufgabe ■ Die Bewertungskommission, die gemäß § 21 IntV
des Bundes, die unter Punkt 2 ausgewiesenen Emp­ eingerichtet worden ist, soll den Prozess der Verbes­
fehlungen auf ihre Umsetzbarkeit zu prüfen und serung und der weiteren Ausgestaltung der Inte­
umzusetzen. grationskurse fachlich und praxisnah begleiten.

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4.1.
■ Der Bund verpflichtet sich entsprechend der
■ Die Umsetzung der Integrationskurse gelingt
besonders gut, wenn die Kommunen hierbei eine
Konzeption der migrationsspezifischen Beratungs­ aktive Rolle übernehmen. Daher sollte nach Mög­
dienste, auf eine stärkere Kooperation zwischen lichkeit eine Vor-Ort-Steuerung der Integrationsför­
MEB bzw. JMD und Integrationskursträgern derung von den Kommunen geleistet werden.
hinzuwirken.

■ Der Bund plant, die Wirksamkeit und Nachhaltig­ 3.3. Vorschläge für Maßnahmen und Selbst­
keit der Integrationskurse auf repräsentativer Basis verpflichtungen der nichtstaatlichen
zu messen. Institutionen und Organisationen

■ Die nichtstaatlichen Institutionen und Organisa­


3.2. Vorschläge für Maßnahmen und tionen regen an, dass sich alle Kursträger an einem
Selbstverpflichtungen der Länder und Qualitätswettbewerb beteiligen und empfehlen,
Kommunen eine Kampagne zur Mobilisierung und Motivie­
rung von Menschen mit Migrationshintergrund zu
■ Einhellig sprechen sich die Länder dafür aus, im starten, die schon lange in Deutschland leben, aber
Rahmen ihrer Zuständigkeiten und Möglichkeiten noch nicht über ausreichende Deutschkenntnisse
zur Steigerung des Erfolgs der Integrationskurse verfügen.
beizutragen.
■ Die Mitgliedsverbände der Bundesarbeitsgemein­
■ Die Arbeitsgruppe regt an, dass die Ausländer­ schaft der Freien Wohlfahrtspflege (BAGFW) stellen
behörden die ihnen durch das Aufenthaltsgesetz ein nachhaltiges Angebot an Integrationskursen
übertragenen Aufgaben zur Integrationsförderung zur Verfügung.
stärker als bisher wahrnehmen.
■ Die Mitgliedsverbände der BAGFW werden die
■ Die Länder unterstützen die Wirksamkeit der Inte­ Integrationskursteilnehmer unterstützend mit
grationskurse dadurch, dass sie auf eine verbesserte Beratung und sozialpädagogischen Angeboten
Zusammenarbeit von Ausländerbehörden, Arbeits­ begleiten.
gemeinschaften bzw. zugelassenen Trägern im
Bereich der Grundsicherung für Arbeitsuchende, ■ Die Mitgliedsverbände der BAGFW sichern eine
den Regionalkoordinatoren des Bundesamtes, der enge Kooperation mit den Integrationskursträgern
MEB und JMD hinwirken (Netzwerkbildung). Ihr und den Diensten der Migrationserstberatung
erklärtes Ziel ist es, integrationsbedürftige Zuwan­ sowie der Jugendmigrationsdienste zu, um den
derer frühzeitig an die Integrationskurse heranzu­ Zugang der Integrationskursteilnehmer zu den
führen bzw. sie bei ihrer Integration zu begleiten. Angeboten der Migrationserstberatung (MEB) und
den Jugendmigrationsdiensten (JMD) und die Bera­
■ Die Arbeitsgruppe regt an, in die Netzwerkbildung tung der Teilnehmer zu gewährleisten.
auch die Zusammenarbeit mit Kindertagesstät­
ten, Schulen, Einrichtungen der Jugendhilfe und ■ Die Mitgliedsverbände der BAGFW werden neben
Einrichtungen im Sozialraum (Wohnungsunter­ den Integrationskursen und der Beratung alle
nehmen) aufzunehmen bzw. zu verstärken, um die Maßnahmen mit dem Ziel fördern, den Teilneh­
verpflichtenden Stellen schneller auf Altzuwande­ menden die Aneignung der deutschen Sprache zu
rer mit erhöhtem Integrationsbedarf aufmerksam erleichtern, damit sie diese Kenntnisse in der Praxis
zu machen. Gleichzeitig kann erreicht werden, anzuwenden in der Lage sind.
Teilnehmern mehr Sprachpraxis zu ermöglichen.
■ Die Mitgliedsverbände der BAGFW als Träger von
■ Die Länder teilen die Auffassung, dass integrati­ Integrationskursen bieten an, die Kurse sowie das
onskursergänzende Maßnahmen für die Nach­ gesamte Angebot an Integrationsmaßnahmen auf
haltigkeit der Sprachförderung und insbesondere der Grundlage des umfassenden Verständnisses
die Einbindung in den Arbeitsmarkt notwendig von Integration, wie es in den „Gemeinsamen
sind. Sie unterstützen derartige als Verbund- und Grundprinzipien“ der EU für die Politik der Inte­
Begleitprojekte bezeichnete Maßnahmen und set­ gration von Zuwanderern von 2004 niedergelegt
zen hierfür im Rahmen ihrer Möglichkeiten eigene ist, nachhaltig fortzuentwickeln.
Mittel oder Mittel des Europäischen Sozialfonds ein.

■ Auch die Kommunen sprechen sich dafür aus, im


Interesse der Nachhaltigkeit der Integrationskurse
diese auch weiterhin mit einem auf die Bedürfnisse
der Migranten abgestimmten flankierenden Kurs­
angebot zu unterstützen.

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4.1.
Mitglieder
Name Institution
Altmaier, Peter, MdB Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium des Innern
Attarbashi, Fateme
Aykut, Martha Landeshauptstadt Stuttgart
Barkowski, Prof. Dr. Hans Friedrich-Schiller-Universität Jena
Becker, Dr. Alois Katholisches Büro Akademie Klausenhof
Budweg, Klaus-Jürgen Bundesministerium der Finanzen
Dicke, Veronika Innenministerium des Landes Schleswig Holstein
Dickel, Dr. Doris Arbeitstab der Beauftragten der Bundesregierung für Migration,
Flüchtlinge und Integration
Dieckmann, Christa Innenministerium des Landes Sachsen-Anhalt
Ehlich, Prof. Dr. Konrad Ludwig-Maximilians-Universität
Gleichmann, Gerhard VDP Bundesverband Deutscher Privatschulen
Grindel, Reinhard, MdB Deutscher Bundestag
Hauschild, Dr. Christoph Bundesministerium des Innern (Koordination)
Heinz von, Angelika Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Hempel, Amadeus Interkulturelle Bildung Hamburg e. V. (IBH)
Holzmann¸ Irina Vertreterin Spätaussiedler
Huber, Helmut Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen
John, Prof. Barbara Senatsschulverwaltung Berlin
Kiefer, Franz Bundeszentrale für politische Bildung
Kockmann, Jürgen Leiter der Steinfurt Arbeitsförderung Kommunal (STARK)
Lehnguth, Dr. Gerold Bundesministerium des Innern
Mohammad, Beate Begegnungs- und Fortbildungszentrum für muslimische Frauen
Mohn, Ulrich Deutscher Städte- und Gemeindebund
Ooyen van, Monika Bundesministerium für Bildung und Forschung
Ritgen, Dr. Klaus Deutscher Landkreistag
Ruckteschell, Dr. Katharina von Goethe-Institut e. V.
Schindler, Erwin Bundesamt für Migrantion und Flüchtlinge
Schlüter, Dr. Bernd Mitglied des Vorstandes Diakonisches Werk der EKD – Vertreter der BAGFW
Schmidt, Dr. Matthias Bundeskanzleramt
Schröder, Jürgen Bundesministerium für Arbeit und Soziales
Veit, Rüdiger, MdB Deutscher Bundestag
Bartels, Mareike Deutscher Städtetag
Zehnder, Dr. Erich Verband der Volkshochschulen von Rheinland-Pfalz

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Themenfeld 2:

„Von Anfang an deutsche Sprache

4.2.
fördern“

Rund ein Fünftel aller in Deutschland lebenden Die integrationspolitischen Erwartungen und Forde­
Menschen sowie jedes dritte Kind unter sechs Jah­ rungen richten sich daher vor allem auf eine kontinu­
ren haben einen Migrationshintergrund. In vielen ierliche und systematische Förderung der deutschen
städtischen Ballungsgebieten der westlichen Bun­ Sprache. Die sprachliche Bildung ist eine durchgän­
desländer gilt dies bereits für mehr als 40 Prozent gige gemeinsame Aufgabe der an der Erziehung und
der Kinder und Jugendlichen. Zwei Drittel der Kinder Bildung beteiligten Personen und Institutionen. Sie
und Jugendlichen mit Migrationshintergrund sind in beginnt in der Familie und wird ergänzt und fort­
Deutschland geboren. geführt in Tageseinrichtungen für Kinder und den
nachfolgenden Bildungsinstitutionen. Die Eltern sind
Viele Kinder und Jugendlichen mit Migrationshinter­ in allen Phasen der sprachlichen Bildung wichtig
grund sind erfolgreich in Schule, Ausbildung, Beruf und in ihrer elterlichen Verantwortung von Anfang
und Gesellschaft und in Deutschland gut integriert. an gefordert. Die Mehrsprachigkeit der Kinder ist im
Viel zu viele aber haben hierbei Schwierigkeiten. Prozess sprachlicher Bildung als Chance zu verstehen
Ein wesentlicher Grund dafür liegt in nicht ausrei­ und zu nutzen.
chenden Kenntnissen der deutschen Sprache, Sprach­
kompetenz ist eine der wichtigsten Voraussetzungen Ziel aller Maßnahmen ist die Verbesserung der
für den schulischen und beruflichen Erfolg und für Integration und der Bildungschancen von Kindern
die gesellschaftliche Integration. mit Migrationshintergrund – insbesondere durch die
Unterstützung und Förderung der Sprachentwicklung
Sprachentwicklung ist ein wesentlicher Teil der von Anfang an und durch ausreichende Gelegen­
Persönlichkeitsentwicklung, Sprachförderung ein heit, so früh wie möglich gute Deutschkenntnisse zu
zentraler Bereich der frühen Bildung. Sprachförde­ erwerben.
rung legt wichtige Grundlagen für Chancengleichheit
insbesondere mit Blick auf den Übergang von der Bund, Länder, Kommunen und nichtstaatliche Orga­
Kindertageseinrichtung in die Grundschule. Die Pisa- nisationen und Institutionen sind gleichermaßen
Studie und der OECD-Bericht zur Politik der frühkind­ gefordert, Verantwortung für die Verbesserung der
lichen Betreuung, Bildung und Erziehung in Deutsch­ Bildungschancen und der Integration von Kindern mit
land unterstreichen die Bedeutung der sprachlichen Migrationshintergrund zu übernehmen und dabei
Fähigkeiten für den kindlichen Bildungs- und Ent­ den Blick insbesondere auf die frühe Sprachförderung
wicklungsprozess. Kinder mit Migrationshintergrund zu richten. Dieser Prozess muss von allen Beteiligten
haben oft wenig Gelegenheit, bereits in den ersten in gemeinsamer Verantwortung gestaltet werden.
Lebensjahren Deutschkenntnisse zu erwerben.

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4.2.
In der frühesten Phase des Erstspracherwerbs eines
Kindes spielen die unmittelbaren Bezugspersonen,
positive Effekt der natürlichen Aneignung der deut­
schen Sprache erheblich gesteigert werden.
vor allem die Eltern, eine entscheidende Rolle für die
Sprachentwicklung des Kindes. Durch eine sprach­ Das letzte Kindergartenjahr bereitet als Brückenjahr
anregende und intensive Interaktion mit dem Kind auf die Schule vor und bietet insbesondere für Kinder
unterstützen sie die natürliche Sprachentwicklung mit Zuwanderungsgeschichte/Migrationshintergrund
des Kindes und helfen ihm so, sich die Sprache als die Chance rechtzeitig vor der Einschulung ihre
menschliches Kommunikationsmittel anzueignen. Kenntnisse in der deutschen Sprache zu vertiefen. Der
Der gute Erwerb der Muttersprache – der Sprache, die Übergang vom Kindergarten in die Grundschule muss
von den Eltern und Bezugspersonen mit dem Kind daher so gestaltet sein, dass für die Kinder eine konti­
gesprochen wird – ist eine wesentliche Voraussetzung nuierliche und nachhaltige Förderung gewährleistet
für die Entwicklung von Sprachkompetenz, auch für ist und ihr schulischer Erfolg gute Voraussetzungen
den Erwerb der Sprache des Aufnahmelandes, hier erfährt.
also des Deutschen. Kinder können auch problem­
los von Anfang an mit mehr als einer Erstsprache Auch die Kindertagespflege hat die Aufgabe der Bil­
aufwachsen, wenn ihnen ausreichender sprachlicher dung, Erziehung und Betreuung von Kindern. Deshalb
Input geboten wird. können auch Tagesmütter bei der frühen Sprachför­
derung eine wichtige Rolle übernehmen, jedenfalls
Es ist wichtig und sinnvoll, Strukturen zu schaffen, unter der Voraussetzung, dass sie selbst die deutsche
die für Kinder, die zuhause nicht deutsch sprechen, Sprache gut beherrschen.
bereits im Kleinkindalter eine intensive Begegnung
mit der deutschen Sprache ermöglichen. Die frühe
Begegnung und Kommunikation mit deutschen Kin­ Vor diesem Hintergrund ergeben sich entlang der
dern und Erwachsenen ist für die Entwicklung eines Biographie eines Kindes drei Handlungsfelder früher
späteren kompetenten Umgangs mit der deutschen sprachlicher Bildung bzw. Sprachförderung, die von
Sprache sehr bedeutsam. besonderer Bedeutung sind:

Tageseinrichtungen für Kinder stellen einen sehr 1. Unterstützung von Sprachentwicklung und Sprach­
guten Rahmen für solche Begegnungen dar, ihr erwerb durch die Eltern
früher Besuch bietet daher besondere Chancen. Durch
gezielte Maßnahmen in Kindertageseinrichtungen – 2. Sprachförderung in Kindertageseinrichtungen
frühe systematische und verlässliche Sprachförde­
rung, Unterstützung der Sprachentwicklung durch 3. Durchgängige sprachliche Bildung im Übergang
qualifizierte Erzieherinnen und Erzieher – kann der Kindergarten – Grundschule

1. Unterstützung von Sprach­ Die Mehrzahl der Eltern mit Migrationshintergrund


entwicklung und Spracherwerb ist am Bildungserfolg ihrer Kinder interessiert, sie
nehmen ihre Verantwortung für ihr Kind aktiv
durch die Eltern wahr. Wie gut ein Kind gefördert wird, ist jedoch
von der Handlungs- und Erziehungskompetenz der
Spracherwerb beginnt bereits unmittelbar nach der Eltern abhängig, die von ihrem sozialen Status und
Geburt. Kinder lernen in der Regel die Grundstruktu­ vom Bildungsbewusstsein erheblich beeinflusst
ren der in ihrer Familie gesprochenen Sprache „bei­ wird. Dabei wissen Eltern oftmals zu wenig über den
läufig“, d. h. durch implizite unbewusste Prozesse. Sie Spracherwerb. So ist ihnen häufig nicht bekannt, dass
erwerben so die Grundlagen für das spätere explizite es beispielsweise bei mehrsprachig aufwachsenden
Lernen weiterer Sprachen. Kindern in bestimmten Entwicklungsphasen zu
Sprachmischungen kommen kann, die für die weitere
Eltern sind in der frühkindlichen Phase eines Kindes Entwicklung gänzlich unproblematisch und durchaus
in der Regel die wichtigsten Bezugspersonen für entwicklungsgerecht sind. Auch wissen sie oft nicht,
ihre Kinder und spielen eine zentrale Rolle für deren wie sie ihre Kinder bei der Sprachentwicklung zielge­
sprachliche, kognitive, emotionale und soziale Ent­ richtet unterstützen können. Auch deutsche Eltern
wicklung. Für die Sprachentwicklung ist entscheidend, verfügen – ebenso wie Eltern mit Migrationshinter­
dass Eltern in den ersten Jahren viel und variations­ grund – oft nicht über ein sicheres Verständnis ihrer
reich mit ihren Kindern sprechen, und zwar in der Rolle beim Spracherwerb der Kinder.
Sprache, über die sie selbst geläufig verfügen.

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Für Migranteneltern wird die Erziehung und Beglei­
tung ihrer Kinder oftmals erschwert durch eigene Ver­
4.2.

Aktionsprogramm „Frühe Hilfen für Eltern und


ständigungsprobleme im sozialen Umfeld und damit Kinder und soziale Frühwarnsysteme“:
verbundene Verunsicherung und Informationsdefizite Ziel des Aktionsprogramms ist, Kinder vor allem
bezüglich des hiesigen Bildungssystems, der Bedeu­ durch die Stärkung der Erziehungskompetenz ihrer
tung eines frühen Besuchs einer Kindertageseinrich­ Eltern wirksam vor Gefährdungen zu schützen. Durch
tung und guter Deutschkenntnisse für den Schulerfolg. eine bessere Verzahnung von Leistungen der Gesund­
Häufig herrschen auch kulturell bedingt andere heitshilfe und der Kinder- und Jugendhilfe sollen
Vorstellungen über die Erziehungs- und Bildungsauf­ Risiken für die kindliche Entwicklung und Defizite
gaben von Eltern, von Kindertageseinrichtungen und bei der Förderung durch die Eltern frühzeitig erkannt
Schulen. Unterstützungs- und Orientierungsangebote und die erforderlichen Hilfen rechtzeitig eingeleitet
erreichen Eltern von Kindern unter drei Jahren und werden. Das Programm soll zur gesunden physischen
von Kindern, die keine Kindertageseinrichtung besu­ und psychischen Entwicklung von Kindern bis zu drei
chen, oftmals nicht im gewünschten Maße. Jahren und zur sozialen Integration ihrer Familien
beitragen. Es sichert somit eine wichtige Basis für
Ein guter Spracherwerb und eine kontinuierliche Spra­ den erfolgreichen Spracherwerb auch der Kinder mit
chentwicklung von Anfang an in der Familie ist daher Migrationshintergrund.
ein wichtiges Ziel. Die erzieherische Kompetenz der
Eltern muss durch ihre intensive Ansprache unter­ Stärkere Implementierung des Themas
stützt werden. Angebote zur Elternbildung für eine Integration und Sprachförderung von Kindern mit
verbesserte Wahrnehmung und Förderung des Ent­ Migrationshintergrund in der Initiative Lokale
wicklungspotenzials ihrer Kinder müssen von Anfang Bündnisse für Familien:
an zur Verfügung stehen. Dazu müssen vielfältige Die von der Bundesregierung Anfang 2004 gestartete
Strukturen erhalten und geschaffen werden, unter Bundesinitiative Lokale Bündnisse für Familien will
anderem in der Familienbildung, in der Kindertages­ Akteure in den Kommunen anregen, sich aus Politik,
betreuung und im Gesundheitswesen. Für Kinderärz­ Verwaltung, Unternehmen, Kammern, Gewerk­
tinnen und -ärzte sowie für therapeutische Fachkräfte schaften, Kirchen, Verbänden und Institutionen
bedarf es einer spezifischen Qualifikation zur Dia­ Verbündete zu suchen, um gemeinsam durch kon­
gnostik bei mehrsprachigen Kindern. Sie müssen befä­ krete Projekte auf der lokalen Ebene die Lebens- und
higt sein, Eltern Handlungsempfehlungen zur Ent­ Arbeitsbedingungen für Familien zu verbessern. Die
wicklung von kindlicher Mehrsprachigkeit zu geben, Infrastruktur der Lokalen Bündnisse soll stärker als
die den Erkenntnissen der Spracherwerbsforschung bisher genutzt werden, um Eltern mit Migrationshin­
entsprechen. Bezüglich der Kindertagesbetreuung tergrund zu erreichen, die frühe Förderung der deut­
bedarf es eines quantitativen und qualitativen Aus­ schen Sprache als Thema zu etablieren und für einen
baus, so dass die Eltern optimal unterstützt und die frühzeitigen Besuch von Kindertageseinrichtungen
Kinder entwicklungsgerecht gefördert werden. zu werben. Von den bisher bundesweit existierenden
rund 370 Bündnissen weist bisher nur ein kleinerer
Teil Integration als wichtiges Handlungsfeld aus. Bis
1.1. Selbstverpflichtungen der
Ende 2007 soll die Zahl der Lokalen Bündnisse auf 455
Bundesregierung
ausgeweitet werden und das Thema Integration in
den Bündnissen an Bedeutung gewinnen. Geplant ist,
ESF-Programm für sozial benachteiligte Familien dass der regelmäßig erscheinende Newsletter und die
mit und ohne Migrationshintergrund zur Förde­ Website der Bündnisinitiative Handlungsfelder zum
rung und Integration benachteiligter Kinder: Thema Integration wie z. B. die Sprachförderung von
Als Beispiel für entsprechende Programme kann Kindern mit Migrationshintergrund oder ihrer Eltern
„Opstapje“ stehen. „Opstapje“ ist ein Hausbesuchspro­ stärker aufgreifen.
gramm und zielt auf die frühe Förderung von Kindern
aus sozial benachteiligten Familien – auch Migranten­ Implementierung des Themas Integration und
familien – durch die Stärkung der Elternkompetenzen. Sprachförderung von Kindern mit Migrations­
Der niederschwellige und aufsuchende Charakter des hintergrund als Handlungsschwerpunkt im
Programms sind die Schlüsselfaktoren für die Erreich­ Aktionsprogramm Mehrgenerationenhäuser:
barkeit der Familien und die Kontinuität der Pro­ Mehrgenerationenhäuser als aktive und aktivierende
grammteilnahme. Im Rahmen des Programms soll die Zentren neuer Art für Personen aller Altersstufen wol­
Elternkompetenz zur Wahrnehmung und Förderung len das Potential der familiären Netzwerke bewahren,
des Entwicklungspotentials ihrer Kinder gestärkt, stärken und in einer modernen Form unterstützen.
auf die Bedeutung einer guten Sprachentwicklung Mehrgenerationenhäuser verstehen sich als Informa­
hingewiesen und für den Besuch von Kindertagesein­ tions- und Dienstleistungsplattform für alle Genera­
richtungen geworben werden. Das Programm soll ab tionen und stellen Angebote für Kinder und Eltern
2008 beginnen. bereit. Die Mehrgenerationenhäuser sollen stärker
(Status: beantragt) als bisher genutzt werden, Eltern mit Migrationshin­

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4.2.
tergrund zu erreichen, zur Stärkung der Elternkom­
1.2. Vorschläge für Selbstverpflichtungen der
Länder und der Kommunen
petenzen beizutragen und für einen frühen Besuch
von Kindertageseinrichtungen zu werben. Sie werden In den Ländern und Kommunen sind in den letzten
selbst Angebote zum Erwerb der deutschen Sprache Jahren bereits viele Maßnahmen ergriffen worden,
für Kinder und Eltern mit Migrationshintergrund im um das Angebot zur Unterstützung von Familien aus­
Stadtteil anbieten. Bis Ende 2007 soll in jedem Land­ zubauen und zu verbessern.
kreis und in jeder kreisfreien Stadt mindestens ein
Mehrgenerationenhaus gefördert werden. Bis Ende Mit Blick auf die Sprachförderung verpflichten sich
2008 sollen 25 Prozent der Häuser den Programm­ die Länder und die Kommunen:
schwerpunkt Integration definiert haben.
■ den Schwerpunkt Sprachförderung für Kinder
Qualifizierung der Kinderbetreuung im Rahmen mit Migrationshintergrund in die Integrati­
der Integrationskurse des Bundes: onskonzepte der Länder und Kommunen zu
Die qualifizierte Kinderbetreuung im Rahmen der implementieren;
Integrationskurse, insbesondere der Eltern- und
Frauenintegrationskurse, soll durch den Einsatz von ■ die Möglichkeit des Einsatzes und der Qualifizie­
qualifizierten Fachkräften auch einen Beitrag zur rung ehrenamtlicher mehrsprachiger Elternbeglei­
sozialen Integration der Kinder leisten. Damit wird terinnen und Elternbegleiter als sprachliche und
die Betreuungszeit nützlich und anregend gestaltet kulturelle Brücke zwischen Migrantenfamilien,
und der Spracherwerb der Kinder unterstützt und Kindertageseinrichtungen und anderen Instituti­
erleichtert werden. Zur verstärkten Wahrnehmung onen zu unterstützen. Die Schaffung fester Anlauf­
der Integrationskursangebote bzw. der flankierenden stellen für die ehrenamtlichen mehrsprachigen
Kinderbetreuung sollen Kindertageseinrichtungen, Elternbegleiterinnen und Elternbegleiter innerhalb
Einrichtungen der Jugendhilfe und Ausländerbehör­ der bestehenden Strukturen wird angestrebt.
den stärker zusammenarbeiten. Der Bund wird auch
in Zukunft Mittel für die Kinderbetreuung im Rah­ ■ sich für die Stärkung bzw. die Einführung sys­
men der Integrationskurse zur Verfügung stellen. tematischer und zielgerichteter – auch mutter­
sprachlicher – Elternansprache und -information
Implementierung des Themas Integration von Geburt an einzusetzen, die die Themen frühe
und Sprachförderung von Kindern mit Förderung und Sprachentwicklung umfassen;
Migrationshintergrund in ein bundesweites
Projekt „Lesestart – von Anfang an!“ ■ niedrigschwellige Angebote für Kinder und ihre
Das von der Bundesregierung kofinanzierte Modell­ Familien zu unterstützen; die den gezielten und
projekt „Lesestart – von Anfang an!“, das derzeit im intensiven Kontakt mit der deutschen Sprache
Freistaat Sachsen durchgeführt und wissenschaftlich ermöglichen. Dabei soll die institutionalisierte
begleitet wird, soll nach erfolgreicher Durchführung Kooperation zur Entwicklung von Handlungskon­
bundesweit in enger Zusammenarbeit mit den Län­ zepten gefördert werden, und zwar die Koopera­
dern implementiert werden, wobei es auch insbeson­ tion von Kindertageseinrichtungen, Grundschulen,
dere einen Schwerpunkt auf Kinder und Familien der örtlichen Jugendhilfeplanung, der Familien­
mit Migrationshintergrund legen wird. Die Leseso­ bildung und -hilfe, den Migrantenorganisationen
zialisation in der Familie entscheidet über die per­ und anderen verantwortlichen Akteuren vor Ort,
sönlichen Lesebiographien heranwachsender Kinder. die die unterschiedlichen örtlichen Bedingungen
Nur in einem Drittel aller Haushalte mit Kindern im berücksichtigen,
klassischen „Vorlesealter“ wird heute vorgelesen. Im
Umkehrschluss heißt dies: dass zwei Drittel aller Fami­ ■ Maßnahmen zur Unterstützung eines frühen
lien auf eine elementare Frühförderung ihrer Kinder Besuchs von Kindertageseinrichtungen zu fördern;
verzichten. Ausgehend von der Annahme, dass eine
intensiv betriebene Leseförderung in der im Eltern­ ■ die Migrantenorganisationen in die Arbeitsgemein­
haus gesprochenen Sprache dazu führt, niedrige Bil­ schaften nach § 78 SGB VIII einzubeziehen.
dungsstände auszugleichen, soll das o.g. Projekt einen
Beitrag für den erfolgreichen Spracherwerb auch der
Kinder mit Migrationshintergrund leisten.

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1.3. Selbstverpflichtungen der nichtstaatlichen
4.2.

thematisch an den Entwicklungsphasen eines


Institutionen und Organisationen Kindes und beschäftigen sich auch mit Sprachent­
wicklung und Sprachförderung. Der Vertrieb der
■ Die freien Träger der Wohlfahrtspflege Elternbriefe erfolgt bundesweit. Der Vertrieb der
Elternbriefe soll erweitert und systematisiert wer­
➤ richten die Arbeit und Konzepte in ihren Einrich­ den. Zusätzlich sollen für weitere Migrantengrup­
tungen stärker und durchgängig auf die The­ pen mehrsprachige Elternbriefe zum Thema Sprach­
men Sprachentwicklung und Sprachförderung entwicklung und Sprachförderung erstellt werden.
unter Berücksichtigung von Mehrsprachigkeit,
Deutsch als Zweitsprache und interkulturelle ■ Die Türkische Gemeinde in Deutschland (TGD)
Pädagogik aus; führt u. a. in Zusammenarbeit mit der Förderation
der Türkischen Elternvereine in Deutschland eine
➤ verpflichten sich, die Themen Sprachentwick­ Bildungsoffensive für Eltern türkischer Herkunft
lung und Spracherwerb und die Rolle und durch. Ziel der Kampagne, in deren Rahmen es
Aufgabe der Eltern verstärkt in den Beratungsge­ auch eine Medieninitiative und ehrenamtliche
sprächen der Migrationsdienste (Migrationserst­ Bildungsbotschafter geben wird, ist die Motivie­
beratung, Migrationsdienste, Integrationsagen­ rung, Qualifizierung und Aktivierung dieser Eltern,
tur, Jugendmigrationsdienste) zu thematisieren, damit sie sich stärker für die Bildung ihrer Kinder
einsetzen und sich in den Bildungseinrichtungen
➤ sagen zu, in ihren niedrigschwelligen Gruppen­ aktiv beteiligen. Das Thema Sprachförderung wird
angeboten für Frauen und junge Familien einen dabei eine wichtige Rolle spielen. Die Bildungs­
Schwerpunkt auf die Rolle und Aufgabe der offensive richtet sich sowohl an Eltern von Schul­
Eltern beim kindlichen Spracherwerb zu legen, kindern und soll auf Eltern von Kindern unter sechs
Jahren ausgeweitet werden.
➤ sichern zu, dass im Rahmen der Interkulturellen
Öffnung der sozialen Dienstleistungen auch die ■ Italienische Migrantenvereine unterstützen Kinder
familienbildenden und -unterstützenden Dienst­ und Jugendliche durch ergänzenden muttersprach­
leistungen der Freien Träger für die Zielgruppe lichen Unterricht und durch allgemeine Förder­
der Migranteneltern weiterentwickelt werden; angebote. Ein Teil dieser Förderung richtet sich
hierzu beziehen die Freien Träger familienun­ an Kinder in Kindertageseinrichtungen, in denen
terstützende Maßnahmen wie beispielsweise frühe Sprachförderung geleistet wird. Die Zusam­
HIPPY, Opstapje, Griffbereit und Rucksack, sowie menarbeit mit Eltern wird mit dem Ziel gefördert,
„Mama lernt Deutsch“ ein. Eltern über die Bedeutung eines frühen Besuchs
einer Kindertageseinrichtung und zu anderen
■ Die Migrantenorganisationen nutzen ihre Netz­ Bildungseinrichtungen zu informieren.
werke vor Ort stärker und zielgerichteter zur Eltern­
information über die Sprachentwicklungsbedarfe ■ Die RAA (Regionalen Arbeitsstellen zur Förderung
der Kinder und zur Stärkung der Elternkompetenz. von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfa­
Sie tun dies im Verbund mit staatlichen und nicht­ milien) in Nordrhein-Westfalen stellen in Koope­
staatlichen Partnern. ration mit und unterstützt durch die Freudenberg-
Stiftung in Weinheim bundesweit methodische
■ Die örtlichen Netzwerke, Verbände und Instituti­ Anleitung, mehrsprachige Materialien und
onen beziehen Migrantenfamilien gezielt ein und Hinweise zur fachlichen Schulung zur Umsetzung
unterstützen die alltäglichen Sprachkontakte von des Konzeptes „Griffbereit“ (zweisprachige Eltern­
Kindern mit und ohne Migrationshintergrund, Kind-Gruppen für Eltern mit ihren 1- bis 3-jährigen
z. B. in Stadtteilvereinen, Sportvereinen, musi­ Kindern zur Verfügung, angebunden beispiels­
kalischen Förderangeboten und bei kulturellen weise an eine Kindertageseinrichtung oder eine
Begegnungen. Familienbildungsstätte).

■ Kinderärzte, sozialpädiatrische Zentren und Logo­ Der Bund der Spanischen Elternvereine in der
pädinnen und Logopäden beraten Migrantenfami­ Bundesrepublik Deutschland hat nach Abschluss
lien regelmäßig und kontinuierlich zur kindlichen der Arbeiten an diesem Bericht folgende
Sprachentwicklung, Mehrsprachigkeit und Deutsch Selbstverpflichtungen nachträglich eingebracht:
als Zweitsprache. Ihre Verbandsorganisationen
setzen sich in den übergeordneten Gremien für die ■ Der Bund der Spanischen Elternvereine in der Bun­
Elternberatung und Elternpartizipation ein. desrepublik Deutschland verpflichtet sich, auch in
den kommenden Jahren Fortbildungsprogramme
■ Die türkisch-deutschen Elternbriefe (ANE) des für Migranteneltern im Bereich Sprachförderung
Arbeitskreises Neue Erziehung e. V. orientieren sich durchzuführen.

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4.2.
2. Sprachförderung in Kindertages­
einrichtungen und in Kinder­
Angesichts der wachsenden Zahl von Kindern mit Mig­
rationshintergrund stehen die Kindertageseinrich­
tungen als Bildungs- und Erziehungseinrichtungen,
tagespflege aber auch die Kindertagespflege, vor einer großen
Herausforderung. Kindertageseinrichtungen sind
Kinder können sich jederzeit – von Anbeginn ihres zentrale Orte für die frühkindliche Sprachförderung.
Lebens an oder auf der Basis einer Erstsprache – eine Dabei ist zu beachten, dass die Rahmenbedingungen
zweite oder dritte Sprache aneignen. Bereits vor dem in den Kindertageseinrichtungen, insbesondere die
dritten Lebensjahr können sich Kinder unterschied­ Gruppengröße, der Erzieher- Kind-Schlüssel, ein hoher
lichster Erstsprachen die Grundlagen einer zweiten Geräuschpegel und ungünstige sprachliche Gruppen­
Sprache erschließen. Dies gelingt bei Kindern, die zusammensetzungen, eine angemessene Förderung
ihren primären Spracherwerb mit einer anderen Spra­ von Kindern mit besonderem Förderbedarf erschwe­
che als Deutsch begonnen haben, insbesondere dann ren. Auch die Ausbildung der Fachkräfte trägt der The­
in der Regel sehr gut, wenn der implizite Spracher­ matik nicht überall ausreichend Rechnung.
werb der frühkindlichen Phase durch das explizite
Lernen möglichst früh ab dem Eintritt in eine Kinder­ Gelingende Ansprache und die Zusammenarbeit mit
tageseinrichtung aktiv unterstützt wird. den Eltern mit Migrationshintergrund ist nicht in
allen Kindertageseinrichtungen Selbstverständlich­
Frühe Sprachförderung ist dann erfolgreich, wenn keit. Maßnahmen zur Stärkung der Elternkompetenz,
die Zusammenhänge des Spracherwerbs mit den die Einbeziehung der Eltern in den Sprachförder­
kognitiven, emotionalen und sozialen Entwicklungs­ prozess und verlässliche institutionenübergreifende
prozessen der Kinder berücksichtigt werden und die Kooperationsstrukturen aller an der Bildung und
unterschiedlichen Förderelemente einem integrierten Erziehung von Kindern beteiligten Akteure fehlen
Sprachförderkonzept folgen. Dabei ergänzen sich situ­ vielfach.
ative Sprachförderangebote und strukturierte, syste­
matisch aufgebaute, kontinuierliche Förderkonzepte. Die aktuelle Situation stellt hohe Anforderungen an
die Erzieherinnen und Erzieher in den Einrichtungen.
Eine pädagogische, auf den Erkenntnisse der Spra­ Die Notwendigkeit einer umfassenden sprachlichen
cherwerbsforschung basierende Sprachdiagnostik, die Bildung und von Erziehungs- und Bildungspartner­
die valide Einschätzung des Sprachstandes ermöglicht schaften mit den Eltern, die geprägt sind von einer
und mit Blick auf die Entwicklungsprozesse und die Wertschätzung der Kompetenzen der Kinder und
Mehrsprachigkeit des Kindes angewendet, interpre­ Eltern sowie der kulturellen Vielfalt als Ressource,
tiert und dokumentiert wird, erlaubt die Feststellung ist nicht allen Erzieherinnen und Erziehern bewusst.
des individuellen konkreten Förderbedarfs. Mehrspra­ Die Fachkräfte sind Sprachvorbild für die Kinder und
chigkeit, vorhandene Sprach- und Kommunikations­ Hauptakteure bei der Zusammenarbeit mit Eltern.
fähigkeiten und unterschiedliche kulturelle Erfah­ Ihre Kenntnisse über Sprachentwicklung, die Zielspra­
rungen in der Familie prägen die Sprachentwicklung che Deutsch, sprachliche Regelsysteme und über die
von Kindern mit Migrationshintergrund und sind Zusammenhänge von Sprache, Kognition und sozialer
zugleich die Basis für weiteres Lernen. Kompetenz sind zentrale Voraussetzungen für eine
professionelle Sprachförderung.
Im Bundesdurchschnitt besucht die Hälfte der Drei-
und Vierjährigen aus Familien mit Migrationshinter­ In vielen Ländern werden Überlegungen angestellt
grund den Kindergarten, bei den Vier- und Fünfjäh­ oder sind bereits in die Tat umgesetzt, die deutsche
rigen sind es etwas über achtzig Prozent. Wie bei Sprache bei Kindern mit Migrationshintergrund
deutschen Familien besuchen Migrantenkinder von gezielter zu fördern. Da die Maßnahmen jedoch in der
Eltern aus bildungsfernen Milieus seltener Betreu­ Regel erst vor wenigen Jahren in die Wege geleitet
ungseinrichtungen. In vielen Tageseinrichtungen für wurden, liegen Erkenntnisse über die Effektivität der
Kinder in einigen städtischen Ballungsgebieten bilden Maßnahmen bisher kaum vor.
Kinder mit Zuwanderungsgeschichte die größte
Gruppe, wobei die individuellen Situationen der Kin­ Gute Deutschkenntnisse aller Kinder zu Schulbeginn
der je nach Nationalität, kulturellem Hintergrund und sind eines der herausragenden Ziele früher Sprachför­
sprachlicher Situation in den Familien sehr vielfältig derung in Kindertageseinrichtungen. Zwingend erfor­
sind. Wenn Kinder nicht ausreichende Gelegenheit derlich ist hierbei die Verfügbarkeit eines ausreichend
haben, Deutsch zu hören und sich auf Deutsch zu großen Angebots an Betreuungsplätzen und die
artikulieren, kann kein Spracherwerb stattfinden. Die Sicherstellung eines ausreichenden Sprachangebots.
gute Entwicklung von Deutschkenntnissen gelingt Benötigt werden gute verlässliche Instrumente zur
unter diesen Umständen also nicht „von alleine“, nur pädagogischen Sprachdiagnostik, Beobachtungs- und
eine aktive Förderung bringt die anzustrebenden Dokumentationsverfahren des sprachlichen Verhal­
Fortschritte. tens von Kindern als Grundlage der Förderung sowie
Maßnahmen zur Sprach- und Entwicklungsförderung

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in Kindertageseinrichtungen und in der Kindertages­
pflege. Dies bedeutet zugleich eine entsprechende
4.2.

Bund in enger Zusammenarbeit mit den Ländern


Schwerpunktsetzung in der Aus-, Fort- und Weiter­ ein Projekt zur Entwicklung eines pädagogischen
bildung des pädagogischen Personals. Gute pädago­ Förderkonzepts für unter Dreijährige durchführen,
gische Diagnose- und Sprachförderkompetenz der das auch von Tagespflegepersonen angewendet
Fachkräfte muss unabdingbar gewährleistet sein. Die werden kann. Sprachliche Entwicklung und die
Elternkompetenz und Elterninitiative im Hinblick auf Entwicklung interkultureller Kompetenz sind
die Wahrnehmung der Potenziale und die Förderung Querschnittsthemen des Konzeptes. Das Projekt ist
ihrer Kinder muss gestärkt werden. Ein früher Besuch in Vorbereitung.
einer Kindertageseinrichtung als Chance gerade
auch für Kinder mit Migrationshintergrund muss Weiterentwicklung des Projekts „Sprachliche

unterstützt werden. Die interkulturelle Öffnung der Förderung in der Kindertageseinrichtung“:

Einrichtungen ist zu gewährleisten. ■ Das Projekt „Sprachliche Förderung in der Kinder­


tageseinrichtung“ richtet sich an alle Kinder im
Um Kindertageseinrichtungen als Orte der Integra­ Kindergartenalter. Ziel ist die Entwicklung von
tion und der Sprachförderung so früh wie möglich didaktischen Materialien, die die systematische
nutzen zu können, bedarf es vor allem eines bedarfs­ Verknüpfung von Sprache und Bildungsangeboten
gerechten institutionellen Angebots in ganz Deutsch­ zum Inhalt haben. Dieses Konzept wird gezielt um
land. Ungedeckter Bedarf besteht in den alten Bundes­ Möglichkeiten erweitert, die sprachliche Förde­
ländern insbesondere für Kinder im Alter unter drei rung von mehrsprachigen Kindern förderlich
Jahren. Dieses Defizit betrifft auch Ballungsgebiete zu gestalten. Speziell zu diesem Zweck stellt die
mit einem hohen Anteil von Familien mit Migrati­ Bundesregierung für das bereits laufende Projekt,
onshintergrund. Der von der Bundesregierung und dessen Ergebnis im Juli 2008 erwartet werden, Mit­
den Ländern avisierte bedarfsgerechte und qualitäts­ tel zur Verfügung.
orientierte Ausbau der Betreuungsplätze für Kinder
unter drei Jahren auf ca. 35 Prozent Versorgungsquote Weiterentwicklung des Curriculums
bis zum Jahr 2013 als gemeinsame Anstrengung von „Qualifizierung in der Kindertagespflege“:
Bund, Ländern und Gemeinden ist ein wesentlicher ■ Das Curriculum „Qualifi zierung in der Kinder­
Baustein einer am Wohl des Kindes orientierten tagespflege“ soll erweitert werden um den Aspekt
Kinder- und Jugendpolitik, die auch für Kinder mit der sprachlichen Förderung von kleinen Kindern,
Migrationshintergrund erhebliche positive Effekte in gerade auch solcher mit Migrationshintergrund.
Bezug auf frühe Sprachförderung erzielen wird. Auch Das Curriculum wird den wesentlichen Orientie­
die Kindertagespflege soll dazu wesentlich beitragen. rungsrahmen für ein ESF-Programm zur Quali­
fizierung von Tagespflegepersonen bilden, das
Ende 2007 beginnt und das die Bundesregierung
2.1. Selbstverpflichtungen der unterstützen wird.
Bundesregierung
Medieninitiative zur Sprachförderung für Kinder
Quantitativer und qualitativer Ausbau der im Kindergartenalter:
Betreuung von Kindern unter drei Jahren: ■ In Zusammenarbeit des Bundes und einer Fern­
■ Der Bund strebt ein bedarfsgerechtes und quali­ sehanstalt sollen innovative Fernsehsendungen
tätsorientiertes Angebot für die Kinder unter drei für Kinder mit Migrationshintergrund entstehen.
Jahren an, das es bisher nur in den neuen Bundes­ Begleitend dazu werden Materialien für Eltern und
ländern gibt. Ziel ist es, bis 2013 eine Versorgungs­ Angebote der Fortbildung für Erzieherinnen und
quote von ca. 35 Prozent zu erreichen. Dadurch Erzieher entwickelt.
ergeben sich auch für Kinder mit Migrationshin­
tergrund neue Fördermöglichkeiten, auch bei der Unterstützung von Programmen zur Evaluation

sprachlichen Bildung. Der angestrebte Ausbau ist von Sprachförderung von Kindern mit

nur zu erreichen in gemeinsamer Anstrengung von Migrationshintergrund

Bund, Ländern und Gemeinden. ■ Der Bund wird gemeinsam mit den Bundeslän­
dern Forschungsvorhaben wie beispielsweise das
Entwicklung eines pädagogischen Förderkonzepts Programm FörMig unterstützen, die Erkenntnisse
für Tageseinrichtungen für Kinder unter drei über die Effektivität der in den Bundesländern
Jahren: ergriffenen Maßnahmen zur Sprachförderung von
■ Die Betreuung für Kinder unter drei Jahren wird Migranten erbringen können.
derzeit deutlich ausgebaut. Um eine qualifizierte
und professionelle Arbeit der in den Tageseinrich­
tungen tätigen Personen zu unterstützen, wird der

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4.2.
2.2. Vorschläge für Selbstverpflichtungen der
Länder und der Kommunen
beitragen, beispielsweise durch Verfahren externer
Evaluation oder standardisierter Sprachstandserfass­
ungs- und Beobachtungsverfahren; hier geht es ins­
In dem 2004 von der Jugendministerkonferenz (JMK) besondere um sog. Sprachkompetenztests, die für
und der Kultusministerkonferenz (KMK) beschlos­ alle Kinder spätestens ein Jahr vor der Einschulung
senen gemeinsamen Rahmen der Länder für die frühe bzw. im Alter von vier Jahren verbindlich sein sollen;
Bildung in Kindertageseinrichtungen haben sich die
Länder über die Ausformung und Umsetzung des ■ den Kindertageseinrichtungen Rahmenbedin­
Bildungsauftrags der Kindertageseinrichtungen im gungen zu ermöglichen (bspw. Kleinere Gruppen,
Elementarbereich verständigt. Dieser Rahmen wird sprachlich gut durchmischte Kindergruppen,
durch die in allen Ländern vorliegenden Bildungs­ interkulturelle Öffnung, mehr Personal bei hohem
pläne auf Landesebene konkretisiert, ausgefüllt und Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund), die
erweitert. Innerhalb des gemeinsamen Rahmens für eine individuelle altersgerechte Sprachförde­
gehen die Länder eigene, den jeweiligen Situationen rung von Kindern förderlich sind;
angemessene Wege der Ausdifferenzierung und
Umsetzung. Im Vordergrund der Umsetzungsbemü­ ■ die Aus-, Fort- und Weiterbildung von Erziehe­
hungen im Elementarbereich steht die Vermittlung rinnen und Erziehern in den Bereichen „Kenntnisse
grundlegender Kompetenzen und die Entwicklung über den Zweitsprachenerwerb“, „pädagogische
und Stärkung persönlicher Ressourcen. Sprachstandsdiagnostik und pädagogische Sprach­
förderkompetenz“ zeitnah zu verbessern und
Sprachliche Bildung gehört wesentlich zur Erfüllung flächendeckend anzubieten;
des Bildungsauftrags der Kindertageseinrichtungen.
Sprachförderung setzt daher ganzheitlich und an den ■ die Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern in
individuellen Bedürfnissen des Kindes an. Sie muss in einem modularisierten System zu verbessern, das
die Auseinandersetzung des Kindes mit seiner Umwelt praxisgerecht ist; im Rahmen der europäischen
eingebunden sein, wenn sie erfolgreich sein will. Harmonisierung ist – zunächst für Leitungs­
Sprachförderung zielt auf Nachhaltigkeit. Sie muss kräfte – eine Ausbildung auf dem Bachelor-Niveau
daher möglichst früh und regelmäßig beginnen und anzustreben;
systematisch aufgebaut sein. Es gilt aber auch: Für
Sprachförderung ist es nie zu spät. ■ landesspezifische Rahmenpläne für die Bildung im
Kindergarten auf Kinder unter drei Jahren auszu­
Mit Blick auf die Sprachförderung verpflichten sich weiten und im Hinblick auf Sprachentwicklung
die Länder und Kommunen: und Sprachförderung zu konkretisieren;

■ zu einem bedarfsgerechten und qualitätsorien­ ■ zusätzliche Fördermaßnahmen für Einrichtungen,


tierten Ausbau der Betreuungsplätze für Kinder die ganz überwiegend oder zu einem hohen Anteil
unter drei Jahren; von Kindern mit Migrationshintergrund besucht
werden, um eine wirksame kompensatorische
■ das Thema sprachliche Bildung als Querschnitts­ Sprachförderung zu ermöglichen.
aufgabe in die Konzepte der Kindertageseinrich­
tungen im Rahmen der dort geleisteten Bildungsar­
beit zu implementieren; 2.3. Selbstverpflichtungen der Institutionen
und Organisationen
■ zur flächendeckenden Einführung verbindlicher
pädagogischer, wissenschaftlich begleiteter ■ Die Verbände der Freien Wohlfahrtspflege
Verfahren zur Sprachstandserfassung und Doku­
mentation, die eine kontinuierliche Beobachtung ➤ sagen zu, die Aufgabe der sprachlichen Bildung
der Kinder und konkrete Förderempfehlungen für alle Kinder in den Konzepten der Kinder­
für jedes einzelne Kind erlauben; dabei muss die tageseinrichtungen weiter zu entwickeln und
Situation mehrsprachiger Kinder Berücksichtigung hinsichtlich der Spracherwerbsprozesse von
finden; Migrantenkindern weiter zu konkretisieren;

■ die flächendeckende Verbreitung von Förderange­ ➤ sichern zu, dass die Sprachförderung als
boten, die an den Ergebnissen der Sprachstandser­ Bildungsauftrag in die jeweiligen Qualitätskon­
fassungen ansetzen und hierauf aufbauen; zepte der Träger eingebunden wird,

■ die Entwicklung und Anwendung von Instru­ ➤ legen Wert auf eine entsprechende Qualifi­
menten zu unterstützen, den verantwortlichen zierung der Erzieherinnen und Erzieher und
Akteuren vergleichende Maßstäbe ermöglichen werden – soweit möglich – Erzieherinnen und
und auf diese Weise zur Qualitätsverbesserung Erzieher mit Migrationshintergrund einstellen,

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➤ verstärken ihre Anstrengungen, Fachkräfte mit ■
4.2.

Deutsche Stiftungen spielen in der Förderung von


Migrationshintergrund für die Ausbildung zu Kindern und Familien mit Migrationshintergrund
gewinnen, soweit sie Ausbildungsstätten für eine wichtige Rolle. Mit innovativen und modell­
Erzieherinnen und Erzieher unterhalten, haften operativen Projekten sowie der Finan­
zierung beispielgebender Programme können
➤ bemühen sich darum, dass in ihren Kinderta­ Stiftungen im politischen und fachlichen Prozess
gesstätten Kinder mit Migrationshintergrund wichtige Anregungen für Neuerungen geben.
entsprechend ihren Bedarfen berücksichtigt
werden, ■ Die RAA (Regionale Arbeitsstellen zur Förderung
von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfa­
➤ sichern zu, den Prozess der Interkulturellen Öff­ milien) in Nordrhein-Westfalen stellen in Koope­
nung auch in ihren Kindertageseinrichtungen ration mit und unterstützt durch die Freudenberg
umzusetzen. Stiftung in Weinheim bundesweit methodische
Anleitung, mehrsprachige Materialien und Hin­
■ Die freien Träger von Kindertageseinrichtungen weise zur fachlichen Schulung zur Umsetzung des
beteiligen sich aktiv und befördernd an Kooperati­ Konzeptes Rucksack Kita zur Verfügung, ein Eltern­
onen zwischen allen an der Erziehung und Bildung bildungs- und Sprachförderprogramm für vier- bis
der Kinder beteiligten Akteure. Die Einbindung von sechsjährige Kinder, das angebunden an eine Kin­
Muttersprachlern in die Arbeit der Einrichtungen dertageseinrichtung die Arbeit mit Familien mit
ist in vielen Fällen sinnvoll. So können z. B. zentrale der Sprachförderung in der Bildungseinrichtung
Anliegen der Erzieherinnen und Erzieher besser in vernetzt.
den kulturellen Kontext der Familien mit Zuwande­
rungsgeschichte übermittelt werden. ■ Die Türkisch-Deutsche Gesundheitsstiftung e. V.
hat es sich zum Ziel gesetzt, Kinder und Eltern
■ Die Migrantenorganisationen befördern den Pro­ mit Migrationshintergrund besonders im Bereich
zess der Integration, indem sie eine positive Einstel­ Frühpädagogik und Grundschule zu fördern. Sie
lung gegenüber der Notwendigkeit eines möglichst engagiert sich durch verschiedene Projekte im
frühen Deutscherwerbs bei den von ihnen vertre­ Bereich der Förderung von Kindern und Eltern
tenden Bevölkerungsgruppen fördern, auf einen mit Migrationshintergrund und plant gemeinsam
frühzeitigen Besuch einer Kindertageseinrichtung mit Partnern die Weiterführung und Ausweitung
hinwirken und Konzepte zur elterlichen Bildung des Sprachförderprojektes frühstart. Geplant sind
unterstützen und empfehlen. außerdem neue Projekte im Bereich der Gewalt-
und Suchtprävention, besonders für Kinder im Kin­
■ Migrantenorganisationen wirken aktiv als Brücken dergarten- und Grundschulalter und deren ltern,
zwischen Familien und Institutionen. bei denen migrationsspezifische Aspekte und der
Bereich der Sprachförderung zum Tragen kommen.

3. Durchgängige sprachliche Der Übergang vom Kindergarten in die Grundschule


Bildung im Übergang ist eine Schlüsselsituation für alle Kinder, in der sie
in einem kurzen Zeitraum verdichtete Entwicklungs­
Kindergarten – Schule anforderungen zu bewältigen haben. Da Sprachent­
wicklung und Sprachförderung zentral bedeutsam
Die individuellen Entwicklungs- und Lernprozesse für die Chancengerechtigkeit in der Schule sind, muss
eines Kindes, auch bei der sprachlichen Bildung, der Kindergarten seine Sprachfördermöglichkeiten
werden in Kindergarten und Schule entsprechend den voll ausschöpfen und schulische Sprachförderung am
jeweiligen Bildungs und Erziehungszielen unter­ individuellen Entwicklungsstand des Kindes ansetzen.
stützt und gefördert. Kindergarten, Schule und Eltern Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen und Grund­
tragen gemeinsam die Verantwortung, um für Kinder schulen sind oft nicht genügend qualifiziert zur Erfas­
eine weitestgehende Kontinuität ihrer Entwicklungs­ sung individueller sprachlicher Entwicklungsstände
und Lernprozesse zu gewährleisten. Ihre verbindliche von Kindern und zur sachgerechten abgestimmten
Zusammenarbeit „auf gleicher Augenhöhe“ ist daher Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Sprachförderung.
unerlässlich. Tatsächlich bestehen in der Praxis hier Sie benötigen verlässliche Kommunikations- und
noch erhebliche Reibungsverluste und Optimie­ Dokumentationsformen zur wirksamen Zusammen­
rungsmöglichkeiten, die insbesondere für Kinder aus arbeit. Sprachförderung ist eine Querschnittsaufgabe
Familien mit Migrationshintergrund Risiken entste­ in Kindertageseinrichtung und Schule. Die Qualifizie­
hen lassen. rung des Personals muss darauf zielen, dass die Fach­

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4.2.
kräfte sich gegenseitig sachgerecht über die Sprach­
kenntnisse und -defizite der Kinder informieren und Bildungshäuser für die Altersgruppe der Drei- bis
zusammenarbeiten. Zehnjährigen zur inhaltlichen Verzahnung von
Kindergarten und Grundschule in enger Absprache
Der Kindertageseinrichtung kommt im Hinblick auf mit den Ländern vorgesehen.
die Sprachförderung neben dem Elternhaus und in
Ergänzung der elterlichen Erziehung eine wichtige Forschungsvorhaben zur Sprachstandsfeststellung
schulvorbereitende Aufgabe zu. Es sind alle Mög­ ■ Die Bundesregierung fördert auf der Grundlage
lichkeiten zu nutzen, den Übergang im Sinne eines eines Referenzrahmens zur altersspezifischen
ganzheitlichen Bildungsangebots zu gestalten, das Sprachaneignung sowohl Forschungsvorhaben zur
ab dem fünfte Lebensjahr beitragsfrei sein sollte. Die Weiterentwicklung bestehender Sprachstandsfest­
Sicherung der Qualität von Bildung, Erziehung und stellungsverfahren als auch die Neuentwicklung
Betreuung ist dabei von entscheidender Bedeutung. von Sprachstandsfeststellungsverfahren einschließ­
lich individueller Förderpläne für Schülerinnen
Die gemeinsame Gestaltung des Übergangs durch und Schüler sowie Fortbildungskonzepte für die
Kindergarten, Schule und Eltern beinhaltet die Lehrenden, um durchgängige, individuelle Sprach­
Abstimmung über ein gemeinsames pädagogisches förderung von der Kindertageseinrichtung bis in
Verständnis, zu Methoden und Sprachförderkon­ die Berufsbildung als Grundlage zu ermöglichen.
zepten ebenso wie die Zusammenarbeit mit den
Eltern. Die gemeinsame Gestaltung gewährleistet die Bildung-Beratung-Erziehung
individuelle Sprachförderung eines Kindes im Sinne ■ Mit dem Aufbau des Internetportals BIBER fördert
einer kontinuierlichen Bildungsbiographie. Kinder­ die Bundesregierung bis 2010 medienbasierte Qua­
garten und Grundschule müssen die Motivation und lifizierungsangebote für pädagogisches Personal
Offenheit eines Kindes für seine weitere sprachliche von Kindertageseinrichtungen und Grundschu­
Entwicklung als gemeinsame Aufgabe sichern. len, u. a. um Fach- und Beratungskompetenzen
beim Einsatz neuer Medien zur Unterstützung von
Ziel ist zu erreichen, dass die Förderung der Grund­ Sprach- und Leseförderungsprozessen zu vermit­
schule am individuelle Entwicklungsstand des einzel­ teln. BIBER unterstützt Kindertageeinrichtungen
nen Kindes anknüpft. Die Brückenfunktion des letzten und Schulen durch eine virtuelle Arbeitsplattform
Kindergartenjahres ins Schulsystem muss gestärkt bundesweit dabei, sich miteinander zu vernetzen
und die Übergänge müssen optimiert werden. Dabei und miteinander zu kooperieren. Ziel ist es, den
muss insbesondere der Sprachförderbedarf von Kin­ Erfahrungsaustausch zur pädagogischen Praxis
dern mit Migrationshintergrund im Blick bleiben. Die insbesondere zwischen Erzieherinnen/Erziehern
verbindliche und kontinuierliche Zusammenarbeit und Lehrkräften, aber auch den Eltern zu fördern
von Kindergarten, Grundschule und Eltern als Erzie­ und damit zur Entwicklung und Festigung eines
hungs- und Bildungspartner ist unerlässlich und soll neuen Bildungsverständnisses für den Elementar­
fester Bestandteil von Regelungen und Programmen bereich und die Primarstufe zu leisten.
sein. Die Kooperations- und Vernetzungstrukturen
der örtlichen schulischen und außerschulischen Ins­ Programm „Lernende Regionen – Förderung von
titutionen und Akteure sind im Sinne einer kontinu­ Netzwerken“/Lernwelt Essen im Essener Konsens/
ierlichen Sprachförderung im Übergang Kindergar­ KinderLernwelt – Kita und Grundschule machen
ten – Grundschule auf eine verlässliche Basis zu stellen. Kinder stark – Gemeinsame Bildungsverantwor­
tung für drei- bis zehnjährige Kinder entwickeln
und verstetigen:
3.1. Selbstverpflichtung der Bundesregierung ■ Das Programm verfolgt die frühzeitig einsetzende
und passgenaue Sprachförderung für Kinder mit
Zusammenarbeit/Lebenslanges Lernen Migrationshintergrund und deutsche Kinder, um
■ Erfolgreiches Lernen der Kinder bedingt erfolg­ bestmögliche Voraussetzungen für den Wechsel
reichen Spracherwerb und setzt voraus, dass in die Schule zu schaffen. Durch Kommunikation
diejenigen, die letztlich die Verantwortung für und Kooperation mit den Grundschulen soll die
die Gestaltung von Bildungsprozessen überneh­ früh begonnene Förderung fortgeführt werden,
men – die Eltern, Erzieherinnen und Erzieher und so dass die Kinder in den Förderangeboten keinen
Lehrkräfte – noch intensiver als bisher zusam­ Bruch erleben. Durch regelmäßige Entwicklungs­
menarbeiten. Die Herausforderung besteht darin, gespräche werden die Eltern über die Förderung
hierfür die geeigneten Rahmenbedingungen zu ihrer Kinder informiert und einbezogen. Das Pro­
schaffen. Die Bundesregierung beabsichtigt daher gramm richtet sich an bereits länger in Deutsch­
die Einrichtung eines Forschungsschwerpunkts land lebende und einheimische Kinder und stellt
„Bildung in der frühen Kindheit“. In diesem Rahmen im Rahmen der Förderung „Lernende Regionen“
ist die Konzept- und Instrumentenentwicklung für Fördermittel bereit.

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3.2. Vorschläge für Selbstverpflichtungen der

Länder und der Kommunen


4.2.

Maßnahmen zur gemeinsamen Fortbildungen von


Erzieherinnen und Erziehern und Grundschulleh­
rerinnen und Grundschullehrern – mit dem Blick
Mit dem Beschluss der Jugendministerkonferenz (JMK) auf die Sprachförderung der Kinder in Kindertages­
und der Kultusministerkonferenz (KMK) von 2004 einrichtungen und auf eine kontinuierliche Gestal­
„Stärkung und Weiterentwicklung des Gesamtzusam­ tung des Übergangs Kindergarten – Grundschule
menhangs von Bildung, Erziehung und Betreuung“ umzusetzen;
haben sich die Länder über die Zusammenarbeit
von Schule und Jugendhilfe geeinigt. Mit Blick auf ■ Erzieherinnen und Erzieher sowie Grundschul­
die Sprachförderung verpflichten sich Länder und lehrerinnen und Grundschullehrer im Hinblick
Kommunen: auf ihre gemeinsamen Aufgaben im Bereich der
Sprachförderung unter Berücksichtigung von
■ die Motivation der Eltern mit Migrationshinter­ „Deutsch als Zweitsprache“ und Mehrsprachigkeit
grund, ihr Kind eine Kindertageseinrichtung besu­ gemeinsam fortzubilden.
chen zu lassen, zu stärken, den Übergang zwischen
den beiden Bildungseinrichtungen Kindergarten
und Grundschule zu verbessern und so dazu bei­ 3.3. Selbstverpflichtungen der Institutionen
zutragen, dass frühkindliche Bildung„auf gleiche und Organisationen
Augenhöhe“ mit der Grundschule erfolgt; im Sinne
eines solchen übergreifenden Bildungsprozesses ■ Die Verbände der Freien Wohlfahrtspflege imple­
kann die Beitragsfreiheit ab dem fünftem Lebens­ mentieren ebenso wie die Grundschulen die plan­
jahr förderlich sein; volle und abgestimmte Gestaltung des Übergangs
Kindergarten – Grundschule in ihren Sprachför­
■ bei Sprachstandserfassungsverfahren, sofern
derkonzepten und pädagogisch-methodischen
diese bei der Einschulung eingesetzt werden,
Ansätzen.
auf den Verfahren der Kindertageseinrichtung

aufzubauen;
■ Die Verbände der Freien Wohlfahrtspflege sichern
ebenso wie die Grundschulen die verbindliche
■ wissenschaftlich abgesicherte Materialien zur Kooperation zwischen Kindergarten, Grundschule,
Dokumentation der Sprachentwicklung einzuset­ Horten, Eltern, außerschulischen Angeboten und
zen, die die Kinder unter Berücksichtigung des anderen beteiligten Akteuren zu.
Datenschutzes biographisch von einer Bildungsein­
richtung in die nächste begleiten; ■ Migrantenorganisationen informieren die Eltern
zu Fragen des Übergangs Kindertageseinrich­
■ sich für die strukturierte und verbindliche Koope­ tung – Grundschule und der schulvorbereitenden
ration von Kindertageseinrichtungen, Grundschu­ Aufgabe des letzten Kindergartenjahres. Sie moti­
len und Horten einzusetzen. Die verbindliche und vieren Eltern mit Migrationshintergrund zur part­
strukturierte Kooperation von Kindertageseinrich­ nerschaftlichen Elternmitarbeit und unterstützen
tungen und Schulen soll Aufnahme in die Konzepte Eltern aktiv bei der Gestaltung des Übergangs.
der Jugendhilfeeinrichtungen und der schulischen
Arbeit, z. B. in Schulprogrammen, finden;

■ die erforderlichen finanziellen Mittel für das päda­


gogische Personal zur Verfügung zu stellen, damit
diese ihre besonderen Aufgaben im Übergang von
der Kindertagesseinrichtung zur Grundschule
erfüllen können; die Kommunen stellen sicher, dass
die Vorgaben umgesetzt werden;

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4.2.

Mitglieder
Koordination: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Berin Alpbek Föderation Türkischer Elternvereine Deutschland

Monika Baumgarten Pestalozzi Froebel Haus, Fachschule für Sozialpädagogik Berlin

Dr. Doris Bollinger Senator für Arbeit, Frauen, Gesundheit, Jugend und Soziales Bremen

Bernt-Michael Breuksch Ministerium für Generationen, Familie, Frauen und Integration des Landes Nordrhein-
Westfalen

Rainer Brückers Bundesverband der Arbeiterwohlfahrt e. V.

Silvia Burrini Caritaswerk Ludwigshafen

Wolfgang Dichans Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Kirsten Dick Bundesamt für Migration und Flüchtlinge

Dr. Christof Eichert Gemeinnützige Hertie-Stiftung

Dr. Hans Eirich Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen

Dr. Havva Engin Pädagogische Hochschule Karlsruhe

Prof. Dr. Lilian Fried Institut für Sozialpädagogik, Erwachsenenbildung und Pädagogik der frühen Kindheit

Dr. Edgardis Garlin Zentrum für kindliche Mehrsprachigkeit e. V.

Friedlinde Hasenkrug Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland

Gundel Hessemer Arbeitskreis Neue Erziehung e. V.

Dr. Hans Rudolf Leu Deutsches Jugendinstitut

Prof. Dr. Gudula List Heilpädagogische Fakultät der Universität zu Köln

Uwe Lübking Deutscher Städte- und Gemeindebund

Dr. Michael Maier-Borst Arbeitsstab der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und
Integration

Gabriele Meier-Darimont Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Heike Pape Deutscher Städtetag

Maria Ringler Verein binationaler Familien und Partnerschaften e. V.

Mehtap Sanli Projekt Frühstart „Deutsch und interkulturelle Erziehung im Kindergarten“

Katharina Schäfer-Olejnik Bundesministerium des Innern

Antje Scharsich Bundesministerium für Bildung und Forschung

Thomas Schmidt Bundeskanzleramt

Dr. Guiseppe Scigliano Comitato degli Italiani all’Estero, Hannover

Dr. Monika Springer-Geldmacher Hauptstelle Regionale Arbeitsstelle zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus
Zuwandererfamilien Nordrhein-Westfalen

Marie-Luise Tigges Caritasverband für das Erzbistum Paderborn e. V.

Prof. Dr. Rosemarie Tracy Universität Mannheim

Ilse Wehrmann Landesverband Evangelischer Tageseinrichtungen für Kinder

Eva Maria Welskop-Deffaa Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Manfred Willhöft Deutscher Landkreistag

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4.2.

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Themenfeld 3:

„Gute Bildung und Ausbildung

4.3.
sichern, Arbeitsmarktchancen

erhöhen“

Auftrag große Bandbreite des gesellschaftlichen, wirtschaft­


lichen, kulturellen und wissenschaftlichen Lebens
Die Integration von Zuwanderern ist eine der großen vertreten. Die gesellschaftspolitische Zielsetzung der
politischen und gesellschaftlichen Herausforde­ Verbesserung der Integration von Migrantinnen und
rungen in Deutschland. Mit dem Integrationsgipfel Migranten und ihren Familien, die der Erarbeitung
vom 14. Juli 2006, an dem Migrantinnen und Mig­ eines Nationalen Integrationsplans zugrunde liegt,
ranten sowie Vertreter aller politischen Ebenen und kann nur erfolgreich verfolgt werden, wenn alle hier­
gesellschaftlichen Gruppen teilgenommen haben, für relevanten Akteure einbezogen und dazu gewon­
setzte die Bundesregierung den Auftakt zu einem nen werden. Dies sind
fortlaufenden Dialog, als dessen Abschluss ein Natio­
naler Integrationsplan mit klaren Zielen, konkreten ■ die Menschen mit Migrationshintergrund selbst
Maßnahmen und Selbstverpflichtungen als Grund­ und ihre Familien,
lage einer nachhaltigen Integrationspolitik erarbeitet
werden soll. ■ die Organisationen der Bildung, Wissenschaft
und Ausbildung, die Träger der dualen Ausbildung
Zur Vorbereitung des Nationalen Integrationsplans sowie die Unternehmen,
wurde im September 2006 unter Leitung des Bundes­
ministers für Arbeit und Soziales die Arbeitsgruppe ■ Politik und Staat, die durch Recht, die Bereitstel­
„Gute Bildung und Ausbildung sichern, Arbeitsmarkt­ lung von Geld und das Auflegen von Programmen
chancen erhöhen“ (Themenfeld 3) eingerichtet, die auf verschiedenen Ebenen die Bedingungen der
den Auftrag erhielt, konkrete Vorschläge zur Ver­ Integration verbessern können, und
besserung der Bedingungen für Integration auf den
Handlungsfeldern Bildung, Ausbildung und Arbeits­ ■ die zivilgesellschaftlichen Organisationen der Mig­
markt auszuarbeiten. Damit behandelte die Arbeits­ ranten, freien Träger, Gewerkschaften und Unter­
gruppe einen der Schlüsselbereiche für das Gelingen nehmerverbände etc., die durch ihr unterstüt­
sozialer Integration von Menschen mit Migrationshin­ zendes Hineinwirken in die Gemeinschaften der
tergrund und ihrer Familien. Migrantinnen und Migranten ebenso wie in Schule,
Ausbildung und Arbeit Prozesse der Integration
Im Zeitraum von September 2006 bis März 2007
und die Überwindung von Barrieren zu befördern
fanden sechs Sitzungen der Arbeitsgruppe statt. Der
vermögen.
Arbeitsgruppe gehörten 45 Mitglieder an, die eine

61

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4.3.
Die Zusammensetzung der Arbeitsgruppe und ihre
Agenda entsprachen diesen Ausgangsüberlegungen.
Die Bereiche Bildung, Ausbildung und Arbeit sind
systematisch analysiert worden. Nach einer Bestands­
aufnahme des Ist-Zustandes der Integration wurden
Die Beratungen der Arbeitsgruppe erfolgten in Problembereiche identifiziert, Zielsetzungen benannt
außerordentlich konstruktiver und kooperativer und erforderliche Veränderungen und Maßnahmen
Atmosphäre und waren von der gemeinsamen Zielset­ zusammengestellt. Es war nur aufgrund der großen
zung aller Mitglieder geprägt: Menschen mit Migra­ Disziplin der Teilnehmenden möglich, das anspruchs­
tionshintergrund sind mit allen Kräften in Bildung, volle Programmpensum der Arbeitsgruppe in dem
Ausbildung und Arbeitsmarkt zu integrieren, keinem eng gesetzten Zeitrahmen tatsächlich zu bewältigen.
Kind und Jugendlichen dürfen wegen seines aufent­
haltsrechtlichen Status Bildungschancen verweigert Hiermit legt die Arbeitsgruppe ihren Abschlussbe­
werden. Eine umfassende Integrationspolitik bedarf richt vor. Er enthält eine Vielzahl konzeptioneller
auch eines entsprechenden rechtlich-organisato­ Handlungsvorschläge und selbstverpflichtender
rischen Rahmens, ausländer- und sozialrechtliche Maßnahmen der jeweiligen Akteure zur Verbesserung
Hürden, die die Realisierung von Maßnahmen des der Integrationsbedingungen in den Kernbereichen
Nationalen Integrationsplans erschweren oder verhin­ Bildung, Ausbildung und Arbeitsmarkt. Der Bericht
dern, werden zu überprüfen sein. Die ökonomischen wurde in großem Einvernehmen aller Mitglieder der
und kulturellen Potenziale von Zuwanderung sowie Arbeitsgruppe am 23. März 2007 verabschiedet.
die differenzierten Kompetenzen und Leistungen der
Migrantinnen und Migranten sind anzuerkennen. Parallel zum Abschlussbericht dokumentiert die
Arbeitsgruppe die einzelnen schriftlichen Diskussi­
onsbeiträge der Teilnehmerinnen und Teilnehmer in
einem gesonderten Band.

Ergebnisse von Förderkursen für Deutsch und von außerunter­


richtlichen Integrationsmaßnahmen bis zum Ausbau
von Ganztagsschulen mit erweiterten Förderangebo­
1. Integration und Bildung ten. Im Rahmen des Investitionsprogramms „Zukunft
Bildung und Betreuung“ stellt der Bund den Ländern
im Zeitraum 2003 bis 2009 insgesamt vier Milliarden
1.1. Bestandsaufnahme Euro für den Auf- und Ausbau von Ganztagsschulen
zur Verfügung. Im Zusammenhang mit dem 2005 in
Für die soziale Integration von Migrantinnen und Kraft getretenen Tagesbetreuungs-Ausbaugesetz hat
Migranten haben die Bereiche Bildung und Erziehung, der Bund den Kommunen Spielräume von jährlich
Ausbildung und Arbeit sowie Familie eine wesentliche 1,5 Milliarden. Euro für die Schaffung von 230.000
Bedeutung. Das Gelingen oder Misslingen der Integra­ qualifizierten Betreuungsplätzen für Kinder unter
tion in diesen Kernbereichen beeinflusst die Integra­ drei Jahren zusätzlich eröffnet.
tionschancen von Menschen mit Migrationshinter­
grund insgesamt und damit ihre Lebenschancen. Gleichwohl ist die Abhängigkeit des Bildungserfolges
von sozialer Herkunft und Migrationshintergrund in
Der Nationale Bildungsbericht 2006 hat dargelegt, Deutschland im internationalen Vergleich besonders
dass mehr als ein Viertel der Kinder und Jugendlichen ausgeprägt. Zudem gelingt es hier offensichtlich
im bildungsrelevanten Alter bis 25 Jahre in Deutsch­ weniger gut als in anderen Staaten, Schülerinnen
land über einen Zuwanderungshintergrund verfügt und Schüler mit Migrationshintergrund systematisch
(27,2 Prozent). In der Altersgruppe der unter sechs­ und konsequent beim Erwerb der Verkehrssprache zu
jährigen beträgt der Anteil fast ein Drittel. Die große unterstützen. Untersuchungen zeigen auf, dass die
Heterogenität dieses Personenkreises nach Status und Beherrschung der deutschen Sprache vorrangig ist
Zeitpunkt der Zuwanderung sowie nach ethnischer für den Schulerfolg und alle weitere darauf aufbau­
Zugehörigkeit und räumlicher Konzentration bedeu­ ende Teilhabe im beruflichen und gesellschaftlichen
tet eine große Herausforderung für die Integration Bereich.
dieser Gruppe von etwa sechs Millionen Kindern und
Jugendlichen in das Bildungssystem. Im Elementarbereich hat sich die Nutzung von Kin­
dertageseinrichtungen bei Kindern mit Migrations­
Bund, Länder und Kommunen haben vielfältige hintergrund in der Altersgruppe der über vierährigen
Anstrengungen zur Integrationsförderung unternom­ weitgehend dem Anteil deutscher Kinder angeglichen.
men: von sprachlicher Frühförderung in Kindertages­ In den jüngeren Altersgruppen bestehen hingegen
stätten, Ausbau der Sprachdiagnostik, Einrichtung noch deutliche Unterschiede und nur ein Fünftel

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der zweijährigen Kinder mit Migrationshintergrund
besucht eine Kindertageseinrichtung. Insbesondere besonders groß.
4.3.

ist dieser Anteil mit 20 Prozent eines Altersjahrgangs

bei Kindern mit Migrationshintergrund verbessert


aber der möglichst frühzeitige Einbezug in die Förde­ Auf der Ebene des Unterrichts und der gezielten
rung durch Kindertageseinrichtungen ihre späteren Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Mig­
Bildungschancen wesentlich. rationshintergrund liegen bislang kaum gesicherte
wissenschaftliche Erkenntnisse darüber vor, welche
Bereits am Ende der Primarstufe ist ein erheblicher Maßnahmen besonders wirksam sind. Zusätzlicher
Leistungsrückstand bei Schülerinnen und Schülern Forschungsbedarf besteht hier zur Wirksamkeit
mit Migrationshintergrund gegenüber ihren Mitschü­ unterschiedlicher Sprachförderungskonzepte sowie
lerinnen und Mitschülern zu erkennen, der im inter­ zum Transfer erfolgreicher Ansätze der Integrations­
nationalen Vergleich besonders ausgeprägt ist. Eine förderung in den Schulalltag und zur Frage, wie die
frühzeitige Aufteilung auf Schulformen erschwert interkulturellen Kompetenzen von Jugendlichen mit
im weiteren Verlauf eine Integration und die Erfolgs­ Migrationshintergrund als positive Elemente in die
chancen von Kindern aus sozial benachteiligten und Unterrichtsgestaltung eingebracht werden können.
zugewanderten Familien. Kindern mit Migrationshin­ Dies schließt eine Weiterentwicklung der Curricula
tergrund wird in der Grundschule signifikant seltener mit ein. Zudem besteht erheblicher Qualifizierungs­
eine Übergangsempfehlung zum Besuch von Real­ bedarf in der Aus- und Weiterbildung aller Lehrkräfte
schulen und Gymnasien mit auf den Weg gegeben. Sie und des anderen pädagogischen Personals, um eine
erhalten in der Grundschule bei gleichen Leistungen systematische und konsequente Vermittlung der Spra­
im Durchschnitt etwas schlechtere Noten. In der che in Wort und Schrift sowie eine Sprachförderung
Sekundarstufe I lässt sich keine Benachteiligung bei über die gesamte Schuldauer hinweg und auch im
der Leistungsbewertung feststellen. Fachunterricht zu gewährleisten.

Die Bildungsbeteiligung der Schülerinnen und Auf Seiten der betroffenen Schülerinnen und Schüler
Schüler aus zugewanderten Familien ist in der und ihrer Eltern stellen eine oftmals überdurch­
Sekundarstufe I deutlich ungünstiger als jener ohne schnittlich hohe Lernmotivation und vergleichsweise
Migrationsbiografie. So besuchten im Jahr 2000 von positive Einstellung zur Schule wichtige Anknüp­
den 15-Jährigen ohne Migrationshintergrund knapp fungspunkte für alle Versuche zur Verbesserung der
17 Prozent eine Hauptschule und etwa 33 Prozent ein Bildungssituation der Kinder und Jugendlichen und
Gymnasium, während in derselben Altersgruppe mit zur Überwindung von sozialen und innerfamiliären
Zuwanderungshintergrund 32 Prozent in der Haupt­ Bildungsbarrieren dar. Auch in ihrer Mehrsprachig­
schule und 25 Prozent im Gymnasium waren. Für keit liegt ein hohes Potenzial.
Kinder mit Migrationshintergrund liegt eine entschei­
dende Hürde für den Übergang in die Sekundarstufe
I in der Beherrschung der deutschen Sprache: Bei 1.2. Zielbestimmungen
gleicher Leseleistung reduziert sich die Benachtei­
ligung dieser Gruppe erheblich. Gleichwohl besteht Entsprechend dieser Ausgangslage werden im Natio­
eine Ungleichheit der Chancen. nalen Integrationsplan Maßnahmen vereinbart, die
sich auf folgenden Zielebenen bewegen:
Schulen mit hohem Migrationsanteil arbeiten häufig
in einem sozialen Umfeld, das durch eine relative Deutschland braucht ein Bildungssystem, das
Isolation und Ausgrenzung sozialer und ethnischer Chancen eröffnet, Potenziale entfaltet und
Gruppen geprägt ist. Dauerhafte Segregation hat Bildungserfolge nicht von sozialer Herkunft
Einfluss auf das Lernverhalten und die Lernleistung. abhängig macht
Es gibt Hinweise auf ein beträchtliches Ausmaß der Bildung in der allgemein bildenden Schule muss das
Segregation: So zeigt PISA 2000, dass bundesweit etwa nötige Rüstzeug für eine sich anschließende beruf­
jede fünfte Hauptschule unter sehr problematischen liche Ausbildung (betrieblich, schulisch, akademisch)
Bedingungen arbeitet. Jeder vierte Jugendliche mit vermitteln. Dazu gehören insbesondere die Kultur­
Migrationshintergrund besucht in der Sekundarstufe techniken (Lesen, Schreiben, Rechnen), soziale Kom­
I eine Schule, in der Schülerinnen und Schüler mit petenzen und eine fundierte Berufsorientierung.
Migrationshintergrund die Mehrheit stellen.
Zum Kernbereich des staatlichen Erziehungs- und Bil­
Segregation wirkt sich auch auf Schulabschlüsse dungsauftrags gehört es, für alle Heranwachsenden in
aus. Der Leistungsrückstand von Jugendlichen mit Deutschland das Recht auf allgemeine und berufliche
Migrationshintergrund gegen Ende der Schulpflicht Bildung zu sichern, die freie Entfaltung der Persön­
ist in kaum einem PISA-Teilnehmerstaat so groß wie in lichkeit der Schülerinnen und Schüler zu fördern und
Deutschland. Insgesamt verlassen doppelt so viele aus­ die Kinder und Jugendlichen in Orientierung an dem
ländische Schülerinnen und Schüler die Schule ohne Ziel der Chancengleichheit auf das gesellschaftliche
Abschluss wie deutsche. Bei den ausländischen Jungen und berufliche Leben vorzubereiten. Die Einlösung

63

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4.3.
dieses Verfassungsauftrages muss gerade auch gegen­
über Schülerinnen und Schülern in benachteiligten
Vorrangig ist, die hohe Lernmotivation der Schüle­
rinnen und Schüler mit Migrationshintergrund zu
Lebenszusammenhängen gewährleistet werden. nutzen, die Misserfolgsquote deutlich zu senken und
den Anteil von Kindern und Jugendlichen mit Migra­
Die Vermittlung von Bildung als entscheidendem tionshintergrund an weiterführenden Bildungsgän­
Schlüssel für eine gelingende Integration muss nach­ gen zu erhöhen. Maßnahmen zur Überwindung der
haltig über ausreichende Ressourcen verfügen kön­ Koppelung von sozialer Herkunft und Bildungserfolg
nen, um den gewachsenen Bildungsanforderungen werden insbesondere die Bildungssituation von Mig­
zu entsprechen. Die mittel- und langfristig aufgrund rantinnen und Migranten verbessern. Es geht darum,
der demografischen Entwicklung und der damit ver­ eine frühzeitige Auslese möglichst zu vermeiden,
bunden rückläufigen Schülerzahlen frei werdenden längeres gemeinsames Lernen zu ermöglichen und
Mittel sind für die Verbesserung der schulischen und die Durchlässigkeit innerhalb des Bildungssystems
beruflichen Bildung zu nutzen. aktiv zu steigern.

Bildung ist die wichtigste Ressource in Deutschland. Schulen verbessern – Benachteiligungen und
Daher müssen konsequent die vorhandenen Poten­ Segregation aktiv begegnen
ziale und Fähigkeiten aller Individuen genutzt und Der Entwicklung von Schulsituationen, in denen
verbessert werden. Die noch immer bestehende Segregation und verschiedene Aspekte der Benach­
Koppelung der Bildungschancen und -verläufe mit teiligung kumulieren, muss entschlossen entge­
Merkmalen sozialer, sprachlicher und ethnischer gengewirkt werden. Besonders problematisch sind
Herkunft muss durch ein konsequent auf individuelle Hauptschulen mit sehr geringen Übergangsquoten,
Förderung gerichtetes Bildungssystem überwunden in denen die Schülerschaft oft in mehrfacher Weise
werden. benachteiligt ist. Sofern sich diese belastenden Rah­
menbedingungen kurzfristig nicht verändern lassen,
Bildung muss im frühen Kindesalter beginnen, um benötigen die betroffenen Schulen in erheblichem
die Integrationschancen wirkungsvoll zu verbessern. Ausmaß zusätzliche Ressourcen und Unterstützung.
Im Sinne einer systematischen und frühzeitigen Das lokale Bildungsmanagement der Kommunen
Förderung gilt es, Kindertagesstätten als besonderen sowie dauerhafte Begleit- und Unterstützungssysteme
Lernort weiterzuentwickeln und die Abstimmung mit können hier zur Qualitätsverbesserung beitragen.
dem allgemeinen Bildungswesen zu intensivieren,
ohne den spezifischen sozialpädagogischen Anspruch Eine frühe individuelle Förderung sowie der deutliche
zu vernachlässigen. Zur Erhöhung der Quote des Krip­ Ausbau von Ganztagsschulangeboten mit hoher päd­
pen- und Kindertagesstättenbesuches von Kindern agogischer Qualität schaffen neue Möglichkeiten der
mit Migrationshintergrund insbesondere im Alter bis gezielten Förderung und schulischer Angebote zur
zu vier Jahren sind der quantitative und qualitative Verbesserung der Bildungs- und Integrationserfolge.
Ausbau entsprechender vorschulischer Bildungs- und In der Ganztagsschule liegen insbesondere für Kinder
Betreuungsangebote erforderlich. Die Verpflichtung aus sozial benachteiligten oder bildungsfernen Eltern­
zum Besuch vorschulischer Einrichtungen mit der häusern große Chancen, Defizite zu überwinden und
Vollendung des dritten Lebensjahrs ist grundsätzlich sprachliche, kulturelle und soziale Fähigkeiten zu
anzustreben. entwickeln.

Sprachsicherheit im Deutschen ist die entscheidende Eine bessere schulische Vorbereitung auf die Arbeits­
Voraussetzung für schulischen und vielfach auch welt durch Einbeziehung arbeitsweltbezogener
beruflichen Erfolg. Die kontinuierliche, systematische Inhalte ab der achten Klasse ist unverzichtbar. Zur
und explizite Förderung der deutschen Sprache in Umsetzung beitragen können Kooperationen mit
Wort und Schrift muss daher unabdingbar über die Betrieben und Unternehmen und mit den Gewerk­
gesamte Schullaufbahn hinweg und auch im Fachun­ schaften. Zur Verbesserung der Berufsorientierung
terricht gewährleistet werden. Erforderlich hierfür ist und Beratung ist zudem eine stärkere Einbeziehung
die sprachdidaktische Qualifizierung und Weiterbil­ von Organisationen und Institutionen der Zivilgesell­
dung der Lehrkräfte aller Schulstufen und Fächer als schaft in den Schulablauf von erheblicher Bedeutung.
vordringliche Aufgabe. In den kommunalen Netzwerken für Bildung, Integra­
tion und berufliche Perspektiven müssen die Schulen
Mehrsprachigkeit unter Einschluss der Herkunfts­ zentrale Akteure sein.
sprache stellt daneben ein wichtiges Potenzial für das
Individuum und die Gesellschaft insgesamt dar, das Potenziale der Jugendlichen fördern – Eltern­
es zu fördern gilt. Es sind geeignete Maßnahmen zu beteiligung verbessern und Eigenverantwortung
erproben, wie der Mehrsprachigkeit im Schulalltag stärken
angemessen Rechnung getragen werden kann, bei­ Die Förderung der Kinder und Jugendlichen mit Mig­
spielsweise durch bilinguale Schulformen. rationshintergrund schließt an ihre kulturellen und
sprachlichen Erfahrungen an. Künftig wird es darauf

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ankommen, noch mehr an ihre Stärken und Potenzi­
ale, z. B. ihre hohe Lernmotivation und ihre Fähigkeit,
4.3.

gabe der Förderung von Kindern und Jugendlichen in


sprachlich und kulturell heterogenen Gruppen muss
Sprachen zu lernen, anzuknüpfen. Die institutionelle systematisch erfolgen und integraler Bestandteil der
Förderung der Kinder ist zu verstetigen. Ausbildung sein. Insbesondere kommt es darauf an,
die Aus- und Fortbildung zu den Bereichen Förder­
Besonders hohe Bedeutung zur Unterstützung inte­ diagnostik, Sprachförderung, individuelle Förderung
grativer Arbeit in der Schule kommt der Zusammen­ und Beurteilung von Fähigkeiten und Leistungen zu
arbeit mit den Eltern zu. Gerade die Kooperation mit intensivieren und interkulturelle Kompetenz als Basis­
Eltern, die einen Migrationshintergrund aufweisen, kompetenz des pädagogischen Personals zu sichern.
gilt es durch bessere Bildungsmöglichkeiten und Wie erfolgreich Kinder mit Migrationshintergrund
aktive Einbeziehung in die schulischen Abläufe zu ver­ sind, hängt nicht nur von ihren Sprachkenntnissen
stärken. Die notwendige Eigenverantwortung kann ab. Über ihren Bildungserfolg entscheiden auch die
dadurch gestärkt, und Rückzugstendenzen entgegen­ Anerkennung ihrer besonderen Bidungsvorausset­
gewirkt werden. zungen und das Vertrauen der Lehrerinnen und
Lehrer in die Fähigkeiten dieser Schülerinnen und
Viele Eltern mit Migrationshintergrund sind bereit, Schüler. Entscheidend für den Bildungserfolg ist auch
in erheblichem Maße in die Bildung ihrer Kinder zu der Abbau von stigmatisierenden Vorurteilen und
investieren. Diese Bereitschaft sollte verstärkt genutzt Diskriminierungen.
und, wo sie nicht vorhanden ist, gefördert werden,
um sie als Partnerinnen und Partner für Bildung und
Erziehung zu gewinnen und zu qualifizieren. Ent­ 1.3. Vereinbarung von Maßnahmen und
sprechende Informations-, Beratungs- und Bildungs­ Selbstverpflichtungen
angebote sollten verstärkt werden, beispielsweise
auch ergänzt um Sprachkursangebote der Schulen Zur Verfolgung dieser vereinbarten Ziele verpflich­
für Eltern. Darüber hinaus gilt es, Migrantenorgani­ ten sich die nachfolgend genannten Akteure der
sationen stärker als Dialogpartnerinnen, Brückenbau­ Arbeitsgruppe „Gute Bildung und Ausbildung sichern,
erinnen oder Bildungspaten auch zur Überwindung Arbeitsmarktchancen erhöhen“, im Rahmen ihrer
familiärer Bildungsbarrieren zu beteiligen. jeweiligen Verantwortung folgende Maßnahmen als
erste Schritte anzugehen bzw. zu unterstützen:
Unterricht verbessern – Bildungsforschung
intensivieren
Kontinuierliche Sprachförderung für Kinder und Maßnahmen und Selbstverpflichtungen der
Jugendliche mit Migrationshintergrund sollte in der Bundesregierung (bzw. in der Regelungs­
Kindertagesstätte beginnen und über die gesamte zuständigkeit des Bundes)
Schullaufbahn angeboten werden. Die Förderung
der deutschen Sprache muss systematisch auch im ■ Um allen Kindern, Jugendlichen und Erwachse­
Fachunterricht stattfinden und setzt eine adäquate nen die Möglichkeit zu geben, ihre Potenziale zu
Qualifizierung der Lehrkräfte durch entsprechende entwickeln, ihnen gleichwertige Bildungschancen
Angebote in der Aus- und Weiterbildung voraus. und umfassende gesellschaftliche und kulturelle
Bereits angewandte Maßnahmen der Sprachför­ Teilhabe zu sichern, den künftigen Fachkräftebe­
derung sollten systematisch auf ihre Wirksamkeit darf decken zu können und international konkur­
geprüft und erfolgreiche Ansätze wissenschaftlich renzfähig zu bleiben, spricht sich die Bundesregie­
weiterentwickelt, verbreitet und umgesetzt werden. rung dafür aus, Haushaltsmittel, die aufgrund der
demografischen Entwicklung und des Rückgangs
Um Fragen der Förderung des Bildungserfolgs von der Bildungsteilnehmerinnen und -teilnehmer
Menschen mit Migrationshintergrund stärker als frei werden, für die Verbesserung der Bildung zu
bisher an gesicherten Erkenntnissen erfolgreicher nutzen.
Integration orientieren zu können, ist zusätzliche und
flankierende Forschung notwendig, beispielsweise im ■ Die Bundesregierung unterstützt die Einrichtung
Bereich des (Schrift-) Spracherwerbs und der interkul­ von Ganztagsschulen auch als wirksame Maß­
turellen Bildung. nahme zur Integration und wird das Investitions­
programm „Zukunft Bildung und Betreuung“ zur
Darüber hinaus ist bei der Personalrekrutierung finanziellen Unterstützung des kontinuierlichen
durch geeignete Maßnahmen der Werbung und Ein­ Ausbaus bis zum Jahre 2009 im vereinbarten
stellung darauf hinzuwirken, dass deutlich mehr Per­ Umfang fortsetzen.
sonen mit Migrationshintergrund für pädagogische
Berufe gewonnen, qualifiziert und eingestellt werden. ■ Zur Verringerung der Zahl von Schulabbrüchen
führt die Bundesregierung ein Modellprogramm
Die Qualifizierung von pädagogischem Personal in „Schulverweigerung – Die 2. Chance“ mit ESF-Förde­
Kindertageseinrichtungen und Schulen für die Auf­

65

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4.3.
rung und lokalen Projektpartnerinnen und -part­
verpflichtet sich, den Erfolg dieser Maßnahmen
kontinuierlich zu prüfen und einen regelmäßigen
nern durch, das sich vor allem auf Schülerinnen Informationsaustausch über Erkenntnisse und
und Schüler an Hauptschulen konzentriert, um best practice einzuleiten. Für die Umsetzung der
dauerhafte Verweigerinnen und Verweigerer wie­ sprachlichen Fördermaßnahmen prüfen die Länder
der in die Schulen zu integrieren und ihre Chancen gegenwärtig Maßnahmen zur Qualifizierung der
auf einen Schulabschluss zu verbessern. Erzieherinnen und Erzieher. Sie verpflichten sich,
ihre Entscheidungen in den regelmäßigen Informa­
■ Die Bundesregierung wird im außerschulischen tionsaustausch aufzunehmen.
Bereich bei „Schulen ans Netz“ ein Portal „LIFT –
Lernen, Integrieren, Fördern, Trainieren“ unter­ ■ Es besteht Einigkeit darüber, allen Kindern, die
stützen, das für Jugendliche Angebote zur Entwick­ Defizite in der deutschen Sprache aufweisen, die
lung von Medien- und Selbstlernkompetenzen, zur Förderung zukommen zu lassen, die ihnen eine
Sprachförderung und zur interkulturellen Bildung gleichberechtigte Teilnahme an Unterricht und
bereitstellt. Ziel ist die Förderung von Basiskom­ Bildung ermöglicht. Diese Aufgabe betrifft die
petenzen, die für die Beschäftigungsfähigkeit und Lehrerinnen und Lehrer aller Fächer. Die Kultus­
die Integration von Jugendlichen grundlegende ministerinnen und -minister verpflichten sich,
Bedeutung haben. Zielgruppe sind insbesondere dass sprachunterstützende Maßnahmen in allen
Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Schulformen und auf allen Schulstufen durch­
geführt werden, wenn entsprechender Bedarf
■ Im Rahmen der Gestaltung der neuen Gemein­ besteht. Gleichzeitig verpflichten sie sich, in den
schaftsaufgabe von Bund und Ländern gemäß kommenden fünf Jahren die notwendigen Aus­
Artikel 91 b Abs. 2 GG unterstützt die Bundesregie­ bildungs- und Fortbildungsmaßnahmen vorzuse­
rung die Länder in den Bereichen Konzept- und hen, die es zukünftig allen Lehrkräften ermögli­
Instrumentenentwicklung und Bildungsforschung cht, ihren Sprachbildungsauftrag im Unterricht
u. a. zu Fragen der Integrationsverbesserung und wahrzunehmen.
interkulturellen Bildung.
■ Neben dem Erwerb der deutschen Sprache aner­
■ Im Rahmen der Bildungsberichterstattung wird kennt die Kultusministerkonferenz die Bedeu­
über Fortschritte in der Integration von Jugend­ tung der Mehrsprachigkeit für alle Kinder und
lichen mit Migrationshintergrund im Bildungssys­ Jugendlichen. Dies schließt die Herkunfts- oder
tem regelmäßig Bericht erstattet. Familiensprachen der Kinder und Jugendlichen
mit Migrationshintergrund ein. Es sind geeignete
Maßnahmen zu identifizieren, die das Prinzip
Maßnahmen und Selbstverpflichtungen der der Mehrsprachigkeit im Schulalltag angemessen
Länder und Kommunen (bzw. in der Regelungs­ verankern. Die Länder werden nach Abschluss
zuständigkeit von Ländern und Kommunen) der laufenden Evaluierung des Modellprogramms
„Förderung von Kindern und Jugendlichen mit
Länder: Migrationshintergrund (FörMig)“ prüfen, inwieweit
■ Bildung als hohes gesellschaftliches Gut und ent­ erfolgreiche Handlungsansätze und Instrumente
scheidender Schlüssel für eine gelingende Inte­ in das Regelsystem überführt werden können. Die
gration muss über ausreichende finanzielle Mittel Kultusministerkonferenz verpflichtet sich, auf der
verfügen können, um den gewachsenen Bildungs­ Grundlage der nationalen Bildungsberichterstat­
anforderungen zu entsprechen. Die Kultusminis­ tung in einen kontinuierlichen Meinungsaustausch
terinnen und -minister werden sich in den Haus­ zur Förderung der Mehrsprachigkeit einzutreten.
haltsberatungen ihrer Länder nachdrücklich dafür
einsetzen, die demografiebedingt frei werdenden ■ Die Kultusministerkonferenz ist daran interessiert,
Mittel im Schwerpunkt für die Verbesserung von dass die Zusammenarbeit mit Eltern, die einen Mig­
Bildung zu nutzen. rationshintergrund aufweisen, verstärkt wird. Zur
Unterstützung dieser Zusammenarbeit werden sich
■ Die Kultusministerkonferenz unterstützt jede die Ministerinnen und Minister in ihrer Zuständig­
Anstrengung, die zu einem quantitativen und keit für eine Verstetigung der Elternkurse einset­
qualitativen Ausbau der Betreuungsangebote in zen und sich gemeinsam mit den Migrantenver­
Kindertagesstätten führt. Eng aufeinander abge­ bänden um finanzielle und personelle Grundlagen
stimmte Bildungs- und Erziehungspläne für Kitas für entsprechende Elterninitiativen bemühen. Die
und Grundschulen sind in allen Ländern erstellt Kultusministerkonferenz strebt eine gemeinsame
oder in Erarbeitung. Sprachtests vor der Einschu­ Erklärung mit Migrantenverbänden zur Zusam­
lung mit anschließender Förderung im Bedarfsfall menarbeit mit den Eltern an.
werden zwischenzeitlich in allen Bundesländern
durchgeführt. Die Kultusministerkonferenz

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■ Die Kultusministerinnen und -minister werden
das von der Bundesregierung finanziell unter­

4.3.

Die Kultusministerinnen und -minister sind sich


bewusst, dass Schulen mit einem hohen Anteil an
stützte Ganztagsschulprogramm im beschlossenen Kindern und Jugendlichen mit Migrationshinter-
Umfang bis zum Jahre 2009 fortsetzen und den grund auch einen höheren Aufwand betreiben
Anteil der Ganztagsschulen kontinuierlich erhöhen. müssen, um Integrationsarbeit im erforderlichen
Die Kultusministerkonferenz legt in regelmäßigen Umfang leisten zu können. Es besteht Einigkeit,
Abständen einen statistischen Bericht über die dass für diese Schulen auch spezifische Mittel
Entwicklung der allgemein bildenden Schulen in bereitgestellt werden, sei es durch Senkung der
Ganztagsform vor. Daraus geht hervor, dass der Frequenzen, Erhöhung des Lehrpersonals oder
Anteil der Schulen in Ganztagsform in allen Schul- Unterstützung der Lehrkräfte durch Schulso­
arten zugenommen hat, insbesondere aber im zialarbeit. Diese Schulen benötigen besonders
Bereich der Grundschule. Darüber hinaus verpflich­ qualifiziertes pädagogisches Personal. Dies wird
ten sich die Ministerinnen und Minister, über den zum einen durch eine erhöhte Einstellung von
erwünschten pädagogischen Erfolg der ganztä- Lehrkräften, Erzieherinnen und Erziehern oder
gigen Angebote regelmäßig zu berichten. Sozialarbeitern und Sozialarbeiterinnen mit Migra­
tionshintergrund angestrebt, zum anderen durch
■ Unabhängig von den Unterschieden zwischen eine konsequente Fortbildung. Module zum Erwerb
den Bundesländern ist die Anzahl der Wiederho­ interkultureller Kompetenzen sind in den neuen
ler, der Schulabbrecher und der Schulabgänger Standards für die Ausbildung der Lehrkräfte bereits
ohne Abschluss an deutschen Schulen insgesamt festgeschrieben. Die Kultusministerkonferenz wird
zu hoch. Davon besonders betroffen sind Kinder sich dafür einsetzen, dass die dort beschriebenen
und Jugendliche mit Migrationshintergrund und Maßnahmen zügig umgesetzt werden.
innerhalb dieser Gruppe wiederum die Jungen
und jungen Männer. Die Kultusministerkonferenz Kommunen:
ist sich seit den ersten Ergebnissen der PISA-Studie Die kommunalen Spitzenverbände befinden sich der-
dieser Situation sehr bewusst und hat gemeinsame zeit noch im intensiven Austausch mit ihren Mitglie­
prioritäre Handlungsfelder entwickelt, um diesem dern und werden ihren Beitrag im weiteren Verfahren
Zustand abzuhelfen. Kurzfristige Erfolge sind an darstellen.
dieser Stelle nicht zu erwarten, da hier auch eine
mentale Umstellung von einer nur leistungsbezo- Entsprechend der Beratungen in der Arbeitsgruppe
genen auf eine auch den individuellen Förder- und wären u. a. folgende Aspekte zu berücksichtigen:
Stützaspekt stärker berücksichtigende Schulkultur
greifen muss. ■ quantitativer und qualitativer Ausbau der Kinder­
ganztagsbetreuung – frühe Förderung für Kinder
■ Die Kultusministerinnen und -minister haben sich
darauf verständigt, die eingeleiteten Maßnahmen ■ Kommunales Schulmanagement/Vermeidung von
zur Verringerung der Misserfolgsquoten in ihren Segregation
Schulen kontinuierlich auf deren Wirksamkeit hin
zu überprüfen und darüber regelmäßig zu berich- ■ Ausbau Ganztagsschulen
ten. Sie verfolgen gemeinsam das Ziel, innerhalb
der kommenden fünf Jahre die Abbrecher- und ■ Ausbau Jugendsozialarbeit
Wiederholerquoten deutlich zu senken und die
Angleichung der Quoten von Kindern und Jugend- ■ Kommunale Netzwerke für Bildung, Integration
lichen mit Migrationshintergrund an den Gesamt- und berufliche Perspektiven
durchschnitt aller Schülerinnen und Schüler zu
erreichen. Einzelne Länder werden dazu Zielver­
einbarungen mit ihren Schulen schließen, andere Maßnahmen und Selbstverpflichtungen
werden andere Maßnahmen erproben. Über die der nichtstaatlichen Institutionen und
Wirksamkeit dieser Maßnahmen werden die Organisationen
Länder sich regelmäßig austauschen. Gleichzeitig
ist es gemeinsames Ziel aller Kultusminister und Organisationen von Menschen mit
Kultusministerinnen, die Durchlässigkeit der beste- Migrationshintergrund:
henden Schulsysteme aktiv zu fördern. Auch hier ■ Migrantenorganisationen und Elternverbände
werden künftig die Übergangsquoten von Kindern beteiligen sich intensiv daran, Bildung und Qua­
und Jugendlichen mit Migrationshintergrund sys­ lifizierung einen höheren Stellenwert zu geben
tematisch erfasst werden mit dem Ziel, ihre Zahlen und die Bildungsorientierung in Migrantenfami­
an die des Durchschnittes aller anderen Jugend­ lien zu stärken. Ziel ist es, ein bewusstes und gut
lichen anzugleichen.

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4.3.
informiertes Begleiten der Jugendlichen durch ihre Bedarf. Künftig soll zudem angeboten werden,
Eltern zu erreichen, um Kindern und Jugendlichen diese Förder- und Sprachangebote in Kooperation
die volle berufliche Integration in Deutschland zu mit Ganztagsschulen mit einem hohen Anteil an
ermöglichen. italienischen Kindern (mind. zwölf) auch interes­
sierten deutschen und anderssprachigen Kindern
■ Die Organisationen von Migrantinnen und Mig­ als zusätzliches Angebot zu eröffnen. Als neues
ranten sind bereit, durch entsprechende Vertrau- Instrument wird von italienischer Seite das Konzept
enspersonen vor Ort aktiv Verantwortung als des „Tandemunterrichtes“ an Schulen erprobungs-
Dialogpartnerinnen oder Bildungspaten zu über­ weise gefördert, wobei ein Teil des Regelunterrichts
nehmen und als Vermittlerinnen zu wirken. der Klassenlehrer und Klassenlehrerinnen von
muttersprachlichen Lehrkräften auf italienisch
■ Die Türkische Gemeinde in Deutschland führt begleitet wird.
eine breit angelegte Bildungskampagne mit dem
Ziel durch, die Beteiligung türkischstämmiger Wirtschaft:
Eltern- und Schülervertreter und -vertreterinnen ■ Die Wirtschaft setzt sich kurzfristig für ein obliga­
in den Schulen deutlich zu steigern, den Anteil von torisches, beitragsfreies Vorschuljahr mit Sprach-
Schulabgängerinnen und Schulabgängern ohne förderung in Kindertagesstätten ein, mittel- und
Abschluss zu halbieren und die Zahl türkischstäm­ langfristig für einen obligatorischen Kindertages­
miger Schüler und Schülerinnen mit Mittlerem stättenbesuch ab drei Jahren. Einzelne Unterneh-
Abschluss und mit Abitur deutlich zu verbessern. men und Verbände fördern heute bereits entspre­
chende gute Praxisbeispiele.
■ Im Rahmen dieser Kampagne für mehr Teilhabe
und Bildungserfolg innerhalb der türkischstäm- ■ Das bundesweite SCHULEWIRTSCHAFT-Netzwerk,
migen Bevölkerung soll das Bildungsbewusstsein das im Rahmen von 450 regionalen Arbeitskreisen
durch Kooperation mit türkischsprachigen Medien Schulen und Betriebe zusammen bringt, vermit­
vermehrt werden, Eltern-Akademien in allen telt jeder interessierten Schule einen Partner-
Bundesländern gegründet und 100 Bildungsbot­ betrieb. Ziel ist insbesondere eine verbesserte
schafterinnen und -botschafter der Türkischen Ausbildungsreife, vor allem Berufsorientierung,
Gemeinde in Deutschland als Multiplikatorinnen von Schülerinnen und Schülern auch mit Migra­
und Vermittler in den Bundesländern ernannt und tionshintergrund. Organisiert werden u. a. Schü­
qualifiziert werden. ler- und Lehrerpraktika, Betriebserkundungen,
gemeinsame Projekte. Die Wirtschaft setzt sich
■ Der Bund Spanischer Elternvereine stellt seine für ein breites Angebot an Praxisklassen ein, die
Erfahrungen und Arbeitsmethoden in der För­ leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler
derung von Mehrsprachigkeit und Schulerfolg individuell fördern und durch Betriebspraktika an
von Migrantenkindern auch Migrantinnen und eine Ausbildung heranführen.
Migranten aus anderen Ländern und ihren Organi­
sationen zur Verfügung. Die Deutsch-Hellenische ■ Betriebe informieren gezielt auch Schülerinnen
Wirtschaftsvereinigung engagiert sich ebenfalls und Schüler und Eltern mit Migrationshintergrund
für die Pflege und Förderung der bi- und multilin­ durch Veranstaltungen und Betriebserkundungen
gualen Erziehung in Deutschland. über betriebliche Ausbildungsmöglichkeiten und
Ausbildungsvoraussetzungen. Betriebe stellen Men-
■ Das CGIL-Bildungswerk e. V. wird die Erfahrungen torinnen und Mentoren – gerade auch solche mit
seiner erfolgreichen schulischen Integrationsarbeit Migrationshintergrund als direkte Vorbilder – zur
durch das Projekt „JUMINA – Junge Migranten in Verfügung, die Schülerinnen und Schüler informie-
Ausbildung“ zur weiteren Realisierung anderen ren und im Unterricht auftreten.
Schulämtern und Kommunen zur Verfügung stel­
len. Die Einrichtung einer Koordinationsstelle ist Gewerkschaften:
fester Projektbestandteil, um Schulen, Schulämter, ■ Der DGB und die Gewerkschaften setzen sich für
kommunale Einrichtungen, Betriebe, Kammern, interkulturelle Bildung sowie für eine verstärkte
Arbeitsagenturen, Migrantenorganisationen, Schü- Toleranz- und Menschenrechtsbildung in allen
lerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund Bildungseinrichtungen ein. Damit können Vor-
und deren Eltern zu vernetzen. urteile abgebaut, Sensibilität gegenüber Minder­
heiten geschaffen und Integrationsmöglichkeiten
■ Der italienische Staat fördert über seine Konsulate verbessert werden. Gemeinsam mit Jugendverbän­
und Migrantenvereine Kinder und Jugendliche
durch ergänzenden muttersprachlichen Unterricht
und allgemeine Förderkurse nach Lernstand und

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den führen sie, über die in einigen Bundesländern Stiftungen:
4.3.

bestehenden Netzwerke für Demokratie und Cour­ ■ Die Stiftung Mercator führt gemeinsam mit einer
rage, Projektschultage und Fortbildungsveranstal­ Reihe von Partnerinnen und Partnern bundes­
tungen für Lehrkräfte durch. weit ein Projekt „Förderunterricht für Kinder
und Jugendliche mit Migrationshintergrund“ an
■ Der DGB und die Gewerkschaften setzen sich für 35 Standorten durch, das sich sowohl an Schüle­
die Einbeziehung arbeitsweltbezogener Inhalte in rinnen und Schüler der Sekundarstufe I + II, wie
den Unterricht ein. Sie fördern Kooperationen zwi­ auch an Lehramtsstudierende und Förderlehrkräfte
schen Schule und Arbeitswelt. Sie werden sich mit richtet. Projektziele sind sowohl die sprachliche
ihren Kompetenzen in die – von der Arbeitsgruppe und fachliche Förderung junger Migrantinnen und
vorgeschlagenen – kommunalen Netzwerke für Migranten als auch die sprachdidaktische Aus­
Bildung, Integration und berufliche Perspektiven bildung des künftigen Lehrpersonals. Der für die
einbringen. Migrantenjugendlichen kostenfreie individuelle
Förderunterricht umfasst zwei bis vier Stunden pro
■ Der DGB und die Gewerkschaften teilen die Woche und kombiniert sprachliche mit fachlichen
Auffassung der Arbeitsgruppe, allen Kindern und Lerninhalten. Die Stiftung Mercator stellt für dieses
Jugendlichen – unabhängig vom aufenthalts­ Projekt 10 Millionen Euro zur Verfügung.
rechtlichen Status – einen uneingeschränkten
Zugang zu Bildungseinrichtungen zu gewähren. ■ Wirtschaftsnahe Stiftungen fördern gezielt auch
Sie setzen sich dafür ein, dass Beschäftigte in den Schülerinnen und Schüler mit Migrationshinter­
Bildungseinrichtungen nicht verpflichtet werden grund, insbesondere hinsichtlich ihrer Sprach­
dürfen, den Aufenthaltsstatus abzufragen oder kompetenzen. Der Deutsche Arbeitgeberpreis für
diesen an die Ausländerbehörden weiter zu leiten Bildung prämiert jedes Jahr Schulen, Hochschulen,
und die Aufnahme in die Bildungseinrichtung zu Berufsschulen und Betriebe mit besonders heraus­
verweigern. ragenden Bildungsleistungen und macht diese als
gute Beispiele bekannt. 2006 lag der Schwerpunkt
■ Der DGB und die Gewerkschaften setzen sich für bei der Förderung internationaler Kompetenzen.
ein ganzheitliches Bildungskonzept ein, von der
frühkindlichen Förderung bis hin zur Weiterbil­ Träger der Jugendsozialarbeit:
dung für ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeit­ ■ Die Träger der Jugendsozialarbeit streben die
nehmer. Sie entwickeln dazu Konzepte und führen Erhöhung des Anteils an Mitarbeiterinnen und
Kampagnen (z. B. Offensive Bildung der IG BCE) Mitarbeitern mit Migrationshintergrund auch in
durch. der Schulsozialarbeit an, um gemeinsam mit den
Lehrenden die individuelle und soziale Entwick­
■ Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft lung der Jugendlichen mit Migrationshintergrund
(GEW) unterstützt die integrationspolitischen in allen Maßnahmen besser fördern zu können. In
Themen und Zielsetzungen auch in ihren Publika­ Modellprojekten an zwölf Standorten untersuchen
tionen und wird auf eine rasche und umfassende die Jugendmigrationsdienste, welche Zugangs­
Weiterbildung der Lehrkräfte und sozialpäda­ wege und Methoden die Eltern besser in die
gogischen Fachkräfte und der Erzieherinnen Schullaufbahn der Jugendlichen einbinden können.
und Erzieher im Hinblick auf interkulturelle und
sprachliche Kompetenzen dringen. Sie setzt sich Freie Wohlfahrtspflege:
dafür ein, dass Lehrkräfte, die diesen Unterricht ■ Die Mitgliedsverbände der Bundesarbeitsgemein­
erteilen, vergütungsrechtlich nicht schlechter schaft der Freien Wohlfahrtspflege BAGFW setzen
gestellt werden und damit wegen ihrer oder der sich für eine möglichst frühzeitige Förderung aller
Nationalität ihrer Schülerinnen und Schüler nicht Kinder mit Migrationshintergrund ein. Dabei geht
diskriminiert werden dürfen. es nicht allein um die Förderung der Sprachkompe­
tenz. Die Mitgliedsverbände der BAGFW setzen sich
■ Die GEW wird Multiplikatorinnen und Multiplika­ für einen quantitativen und qualitativen Ausbau
toren für bundesweite Fortbildungsprogramme zu der Angebote für Bildung, Erziehung und Betreu­
interkulturellen Themen ausbilden und weiterhin ung für Kinder ab dem zweiten Lebensjahr ein.
über ihre Stiftung Vorhaben der Migrationsfor­
schung unterstützen, entsprechende Erkenntnisse ■ Die Mitgliedsverbände der BAGFW engagieren
über ihre Publikationen verbreiten und sich dafür sich im Rahmen ihrer Jugendsozialarbeit – in den
einsetzen, dass sie Eingang in die Aus-, Fort- und Jugendmigrationsdiensten, in der Schulsozialarbeit
Weiterbildung für pädagogische Berufe finden. und in ihren Maßnahmen des betreuten Wohnens –

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4.3.
sowie ihren Patenschaftsprojekten beim Übergang
oder berufsvorbereitenden Maßnahme. Die Zahl
der Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Angeboten
junger Migrantinnen und Migranten von Schule zu des Übergangssystems, die zu keinem anerkannten
Ausbildung/Beruf. Berufsabschluss führen, ist im letzten Jahrzehnt um
44 Prozent auf knapp eine halbe Million gestiegen.
■ Die Mitgliedsverbände der BAGFW sagen zu, dass Ausländische Jugendliche sind im Übergangssystem
die Jugendberufshilfe und die Jugendsozialarbeit stark überrepräsentiert. Angesichts der in den alten
der Verbände die Bildungsanstrengungen von Bundesländern noch bis zum Jahr 2011 steigenden
jugendlichen Migranten weiter begleiten und Schulentlasszahlen – und des Bestandes an Jugend­
unterstützen werden. lichen, deren Ausbildungsplatzsuche in den Vorjahren
erfolglos war – ist eine Entspannung dieser Situation
■ Um informelle Bildungsprozesse bei Jugendlichen am Ausbildungsmarkt kurzfristig nicht zu erwarten.
mit Migrationshintergrund zu stärken und ihre
soziale Teilhabe zu unterstützen, werden sich Die Situation für ausländische Jugendliche am Ausbil­
die Mitgliedsverbände der BAGFW verstärkt dungsmarkt hat sich in den zurück liegenden Jahren
bemühen, diese Jugendlichen in die Jugendver­ zusehends verschärft: Im Jahr 2005 hatten nur noch
bandsarbeit und die Tätigkeit von Jugendinitiativen 67.600 Auszubildende eine nicht-deutsche Staatsan­
einzubeziehen. gehörigkeit, 1994 waren es noch 126.000. Zwar war im
gleichen Zeitraum auch die Zahl der ausländischen
Jugendlichen rückläufig, mit 16,3 Prozent in den
ausbildungsrelevanten Jahrgängen war der Rückgang
aber deutlich geringer. Ihr Anteil an den Auszubil­
2. Integration und Ausbildung denden halbierte sich innerhalb von elf Jahren von
9,8 Prozent im Jahr 1994 auf 5,3 Prozent im Jahr 2005
(alte Länder). Fanden im Jahr 1994 noch 34 Prozent der
2.1. Bestandsaufnahme Jugendlichen mit ausländischer Staatsangehörigkeit
in den ausbildungsrelevanten Altersjahrgängen einen
Die berufliche Ausbildung hat eine sozial wie öko­ Ausbildungsplatz im dualen System, so waren es im
nomisch wichtige Schlüsselstellung zwischen all­ Jahr 2005 nur noch 23,7 Prozent. Die Ausbildungsbe­
gemeinem Bildungssystem und dem Arbeitsmarkt. teiligung von deutschen Jugendlichen lag im selben
Berufliche Ausbildung ist wesentliche Basis für eine Jahr bei 57,5 Prozent. Besorgniserregend ist die Tatsa­
erfolgreiche Integration in Erwerbstätigkeit und für che, dass 41 Prozent der Altersgruppe der 25- bis unter
die wirtschaftliche Nutzung aller Potenziale von Men­ 35-Jährigen in der Bevölkerung mit Migrationshinter­
schen mit Migrationshintergrund. grund keinen beruflichen Bildungsabschluss haben
(Personen ohne Migrationshintergrund 15 Prozent).
Für Schulabgängerinnen und Schulabgänger mit Mig­ Dieser Nachteil für die berufliche Integration fordert
rationshintergrund ergeben sich an dieser Schwelle die Politik zur Bündelung strategischer Gegenmaß­
zwei Problemkreise, die das Gelingen ihrer Integra­ nahmen auf.
tion erschweren: Zum einen wirken die im Kapitel
Integration und Bildung beschriebenen Mängel so, In der Ausbildungsförderung hat sich in den zurück­
dass ihre Ausgangsposition für einen Übergang in liegenden Jahrzehnten ein komplexes System unter­
Ausbildung deutlich schlechter ist als die der Jugend­ schiedlicher öffentlich finanzierter Hilfen zum Über­
lichen ohne Migrationshintergrund. Zum anderen gang in Berufsausbildung entwickelt, das häufig nur
verschärft der seit Jahren anhaltende Angebotsman­ noch für Expertinnen und Experten zu überschauen
gel am Ausbildungsmarkt den Wettbewerb unter den ist. Während das Segment berufsvorbereitender Bil­
Bewerberinnen und Bewerbern. In der Folge vergrö­ dungsmaßnahmen vor Kurzem übersichtlicher gestal­
ßert sich der Nachteil geringerer formaler Schulab­ tet und von Verzögerungen und inhaltlichen Über­
schlüsse, es wirken aber auch mögliche Vorbehalte bei lappungen befreit wurde, hat die angespannte Lage
der Einstellungsentscheidung stärker als in einer aus­ am Ausbildungsstellenmarkt zusätzliche Maßnah­
geglichenen Marktsituation. So weisen verschiedene mearten an der Übergangsschwelle zwischen Schule
Untersuchungen darauf hin, dass Jugendliche mit und Ausbildung entstehen lassen. Hier ist dringend
Migrationshintergrund trotz gleicher Schulabschlüsse eine auf Straffung gerichtete Gesamtkonzeption des
oder Leistungen in Mathematik geringere Chancen Systems der Übergangshilfen geboten, die Reibungs­
haben eine Ausbildungsstelle zu bekommen. Je höher verluste beim Einsatz der Maßnahmen vermeidet, die
der Schulabschluss, desto größer ist die Differenz bei Transparenz erhöht und langfristig auf die Einglie­
den Chancen. derung der beruflichen Integrationsförderung in das
Gesamtsystem von Bildung und Ausbildung gerichtet
Bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund mündet ist. Gerade betriebliche Angebote überzeugen durch
jeder zweite mit Hauptschulabschluss und jeder vierte ihre praxisnahe und bedarfsgerechte Ausgestaltung
mit Realschulabschluss zunächst in einer schulischen beim Übergang in Ausbildung oder Beschäftigung.

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Insbesondere betriebliche Einstiegsqualifizierungen
belegen dies mit überdurchschnittlich hohen Über­
4.3.

Internationalisierung der Märkte die Anforderungen


an die Betriebe ändern und daher die Einstellung von
gangsquoten in Ausbildung (auch bei den Jugend­ mehr Personal mit interkultureller Kompetenz und
lichen mit Migrationshintergrund) und einer Steige­ Mehrsprachigkeit auch Chancen eröffnet. Daher ist
rung der Ausbildungsleistung bei den teilnehmenden es erforderlich, Qualifizierungen zur interkulturellen
Betrieben. Solche Angebote müssen daher gestärkt Kompetenz in den entsprechenden Berufsausbildungs­
werden. und Weiterbildungsregelungen vorzusehen.

Auch Maßnahmen, die frühzeitig bereits in der Schule Ein zweiter Ansatzpunkt ergibt sich dort, wo poten­
ansetzen, haben sich als erfolgreich für den Übergang zielle Ausbildungsbetriebe aus Unsicherheit von der
von der Schule in Ausbildung erwiesen. Hierzu gehö­ Einstellung von Auszubildenden mit Migrations­
ren z. B. die Modelle der Praxis- bzw. Kooperationsklas­ hintergrund absehen. Betriebliche Rekrutierungs­
sen, die durch eine individuelle Förderung leistungs­ strategien und Auswahlverfahren berücksichtigen
schwacher Schülerinnen und Schüler und betriebliche noch zu wenig die Ressourcen der Jugendlichen mit
Praktikumsphasen einen Schulabschluss sicherstellen Migrationshintergrund. Hier ist die Kompetenz des
und die Aussichten auf einen Ausbildungsplatz deut­ Ausbildungspersonals im Umgang mit diesem Per­
lich verbessern. sonenkreis zu stärken. Dafür sollen insbesondere die
öffentlichen Angebote zur Stabilisierung betrieblicher
Ausbildungsverhältnisse und zur Absicherung des
2.2. Zielbestimmungen Ausbildungserfolges intensiver genutzt werden.

Entsprechend dieser Ausgangslage werden im Natio­ Horizonte der Berufswahl und der Ausbildungs­
nalen Integrationsplan Maßnahmen vereinbart, die beteiligung von Jugendlichen mit Migrations­
sich auf folgenden Zielebenen bewegen: hintergrund erweitern
Schulisch erworbene Zertifikate können an der
Zahl der Ausbildungsmöglichkeiten für Schwelle zur Ausbildung nur noch hilfsweise nachge­
Bewerberinnen und Bewerber mit Migrations­ bessert werden, insbesondere dann, wenn ein forma­
hintergrund erhöhen ler Schulabschluss ganz fehlt. Auf Seiten der Ausbil­
Das Fehlen von Ausbildungsstellen hat bereits zu dungsbewerberinnen und -bewerber ergeben sich
zahlreichen Anstrengungen und einigen Erfolgen bei Einschränkungen aber auch jenseits ihrer schulischen
der Erhöhung des Ausbildungsplatzangebotes geführt. Abgangszeugnisse. Es ist wichtig, ihren Blickwinkel
Alle Maßnahmen zur Erhöhung des Gesamtangebotes für das Berufswahlspektrum zu erweitern und damit
verbessern auch die Chancen von Jugendlichen mit die frühzeitige Orientierung auf eine eigenständige
Migrationshintergrund, weil eine Verminderung des Berufs- und Erwerbsbiographie zu richten, insbeson­
Konkurrenzdrucks die oben beschriebenen Nachteile dere bei jungen Frauen mit Migrationshintergrund.
tendenziell in ihrer Wirkung abschwächt. Alle Maß­ Wesentliche Ansätze für diese Zielbestimmung
nahmen zur Erhöhung des Gesamtangebotes müssen ergeben sich im Zusammenwirken von Schule, Berufs­
unverändert und wenn möglich verstärkt auch in den beratung, Migrationsberatung und Elternhaus. Eine
kommenden Jahren fortgesetzt werden. Die Erfah­ intensive und den Adressatenkreis bewusst und früh­
rungen aus dem Ausbildungspakt werden berücksich­ zeitig ansprechende Berufsorientierung bereitet den
tigt. Möglichkeiten zur Ausweitung des Angebotes an Boden für ermutigende und den Horizont erweiternde
Ausbildungsstellen für Bewerberinnen und Bewerber Beratungsgespräche.
mit Migrationshintergrund ergeben sich aus zwei
Handlungsansätzen: Die aktive Beteiligung der Eltern bei der Erschließung
einer möglichst breiten Berufswahlpalette kann
Zum einen gilt es, Ausbildungsbetriebe, die noch nicht insbesondere in Familien mit Migrationshintergrund
oder in zu geringem Maße Ausbildungschancen für positive Wirkung entfalten. Hier gilt es, unter Einbe­
junge Menschen mit Migrationshintergrund eröffnen, ziehung der ethnischen Medien und Kommunikati­
für eine Ausweitung ihres Angebotes zu gewinnen. onswege, die geeigneten Formen der Kommunikation
Hier sind auch Unternehmerinnen und Unternehmer und Information über das komplexe Ausbildungssys­
mit eigenem Migrationshintergrund anzusprechen, tem in Deutschland zu finden und Selbstvertrauen zu
die bisher nicht ausbilden, aber auch – insbesondere vermitteln, um der häufig vorhandenen Skepsis über
größere – Unternehmen, die nur einen geringen die eigenen Möglichkeiten zur beruflichen Integra­
Anteil von Auszubildenden mit Migrationshinter­ tion entgegen zu wirken. Hierfür ist auch die Kompe­
grund eingestellt haben. tenz der Maßnahmeträger im Umgang mit jugend­
lichen Migrantinnen und Migranten zu stärken und
Zum andern besteht im Öffentlichen Dienst diesbe­ die Zusammenarbeit mit Migrantenorganisationen
züglich Nachholbedarf. Für alle privaten und öffent­ zu optimieren. Bei der Entwicklung neuer und der
lichen Ausbildungsbetriebe gilt, dass sich durch die Fortentwicklung bestehender Berufsbilder sind die
zunehmende Vielfalt der Bevölkerung und die weitere Kompetenzen von Menschen mit Migrationshinter­
grund als Potenziale mit einzubeziehen.

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4.3.
Öffentliche Übergangshilfen passgenau einsetzen
und zielgruppenorientiert weiter entwickeln verbänden eine Initiative „Aktiv für Ausbildungs-
Die öffentlich finanzierten Maßnahmen der Aus­ plätze“ durch. Ziel ist es, bis zum Jahr 2010 bis zu
bildungsförderung müssen sowohl für Jugendliche 10.000 neue Ausbildungsplätze in Unternehmen
und ihre Eltern als auch für die ausbildenden und an mit Inhaberinnen und Inhabern ausländischer
Ausbildung interessierten Betriebe transparent sein. Herkunft zu gewinnen. Als Initialzündung finden
Sie müssen die Vermittlung zwischen beiden Seiten bis Frühjahr 2007 in acht Großstädten Regionalkon­
unterstützen, insbesondere dort, wo es gilt, vorhan­ ferenzen statt.
dene Schwächen auf der Seite der Bewerberinnen und
Bewerber zu kompensieren und Unsicherheiten über ■ Die Bundesregierung fördert in ihrem neuen ESF-
die Erfolgsaussichten auf der Seite der Ausbildungs­ geförderten Programm „Jobstarter“ die Gewinnung
betriebe abzubauen. Hierfür ist konsequent auch die zusätzlicher betrieblicher Ausbildungsplätze sowie
Kompetenz der Maßnahmeträger zum Umgang mit die Verbesserung der regionalen Ausbildungsstruk­
jugendlichen Migrantinnen und Migranten zu stärken turen. Dabei werden besonders kleine und mittlere
und die Zusammenarbeit mit Migrantenorganisati- Unternehmen einbezogen. Die Gewinnung von
onen zu intensivieren. Deutschland muss die Poten- Unternehmen mit Inhaberinnen und Inhabern
ziale aller Jugendlichen nutzen und alle verfügbaren ausländischer Herkunft, die bisher wenig oder gar
Mittel zu diesem Zweck effektiv und effizient einset­ nicht ausbilden, wird mit der „Koordinierungs­
zen. Erforderlich sind mehr flankierende Unterstüt­ stelle Ausbildung in Ausländischen Unternehmen“
zungsangebote für betriebliche Berufsvorbereitung (KAUSA) als eigener Programmbereich in das neue
und Ausbildung, um betriebliche Qualifizierungsan- Förderprogramm integriert. Der Etat für dieses
gebote für leistungsschwächere Jugendliche verstärkt Programm wird noch einmal aufgestockt.
generieren zu können. Auch müssen frühzeitig För­
derinstrumente eingesetzt werden, um Schulabbruch ■ Die Bundesregierung wird öffentlichkeitswirksame
zu verhindern und die Übergangschancen in Ausbil- Gemeinschaftsveranstaltungen mit Menschen mit
dung zu verbessern. Die flächendeckende Einführung Migrationshintergrund (Betriebsinhaberinnen
von Praxis- bzw. Kooperationsklassen zur Förderung und Betriebsinhabern, Jugendlichen, Eltern,
leistungsschwacher Schüler ist zu prüfen. Vertreterinnen und Vertretern von Migranten­
gruppen) zur Erhöhung des Angebotes betrieb­
licher Ausbildungsplätze in Migrantenbetrieben
2.3. Vereinbarung von Maßnahmen und und für Jugendliche mit Migrationshintergrund
Selbstverpflichtungen durchführen. Durch entsprechende Begleitung
und Publikation in den Medien, die bevorzugt von
Zur Verfolgung dieser vereinbarten Ziele verpflich- Migrantinnen und Migranten genutzt werden, soll
ten sich die nachfolgend genannten Akteure der ein entsprechender Multiplikationseffekt erzielt
Arbeitsgruppe „Gute Bildung und Ausbildung sichern, werden.
Arbeitsmarktchancen erhöhen“, im Rahmen ihrer
jeweiligen Verantwortung folgende Maßnahmen als ■ Die Bundesregierung wird sich in ihrem Rege­
erste Schritte anzugehen bzw. zu unterstützen: lungszuständigkeitsbereich (Bundesressorts und
nachgeordnete Behörden) für eine systematische
Maßnahmen und Selbstverpflichtungen der Erhöhung der Zahl von Auszubildenden mit Migra-
Bundesregierung (bzw. in der Regelungs­ tionshintergrund einsetzen und den Gesamtanteil
zuständigkeit des Bundes) und der Bundesagentur der Ausbildungsplätze an den sozialversicherungs­
für Arbeit (BA) pflichtig Beschäftigten des Bundes auf 7 Prozent
festschreiben.
Bundesregierung:
■ Die Bundesregierung wird sich gemeinsam mit der ■ Die Bundesregierung plant zwei Aktivitäten in
Wirtschaft im „Nationalen Pakt für Ausbildung der Nachfolge ihrer Förderpolitik zur beruflichen
und Fachkräftenachwuchs“ schwerpunktmäßig Qualifizierung für Zielgruppen mit besonderem
für die Verbesserung der Ausbildungsplatzsitu- Förderbedarf (BQF-Programm). Dabei werden
ation von Jugendlichen einsetzen. Von den von zwei Schwerpunkte mit besonderem migrati­
der Wirtschaft zugesagten 60.000 neuen Ausbil­ onsspezifischen Gewicht gesetzt: Zum einen die
dungsplätzen sowie 40.000 Plätzen im Rahmen Verbesserung des Übergangs von der Schule in die
des Sonderprogramms zur Einstiegsqualifizierung Ausbildung durch die Kooperation aller Akteure im
sollen Jugendliche mit Migrationshintergrund in regionalen Kontext und die Abstimmung entspre­
besonderem Maße profitieren. chender Maßnahmen. Zum anderen die Nachquali­
fizierung junger un- und angelernter Erwachsener.
■ Die Bundesregierung führt gemeinsam mit dem
Deutschen Industrie- und Handelskammertag
(DIHK) und deutsch-ausländischen Unternehmer­

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■ Der ESF-geförderte regionale Modellansatz „Beruf­ ■
4.3.

Die Bundesregierung wird die Förderung aus­


liche Qualifizierungsnetzwerke für Migrantinnen ländischer Auszubildender mit Berufsausbil­
und Migranten (BQN)“ ist mit dem Schwerpunkt dungsbeihilfe und BAföG ausweiten, insbeson­
eines gezielten und frühen Übergangsmanage­ dere für Jugendliche mit Aufenthaltsrecht und
ments Schule – Beruf auf weitere Regionen zu Bleibeperspektive.
übertragen.
■ Im Zusammenhang mit einer Ausweitung von
■ Die Bundesregierung stockt das erfolgreiche Berufsorientierungsmaßnahmen sollen Mento-
Sonderprogramm zur Einstiegsqualifizierung, das rinnen und Mentoren Jugendliche bereits ab der
gemessen am Gesamtanteil in der Bevölkerung achte Klasse der Hauptschule bis zur Verfestigung
überdurchschnittlich von Jugendlichen mit Migra­ einer Ausbildungsaufnahme bedarfsgerecht
tionshintergrund genutzt wird, auf 40.000 Plätze begleiten.
auf und stellt die Förderung dieser Zahl auch für
die kommenden drei Jahre sicher. ■ Für junge Frauen mit Migrationshintergrund,
denen Vorbilder bei der beruflichen Orientierung
■ Das ESF-Modellprogramm „Kompetenzagenturen“ oft fehlen, bietet das Projekt „network.21“ ein Men­
wendet sich an Jugendliche, die besonders gra­ toringprogramm zur individuellen Arbeitsmarkt­
vierende Probleme haben, nach der Schule einen und Karriereorientierung an. Dabei sollen unter
beruflichen Anschluss zu finden und vom beste­ anderem die interkulturellen Kompetenzen als
henden System der Hilfsangebote nicht erreicht spezifische Ressource für die Eingliederung in den
werden. Case Manager organisieren ein für die Arbeitsmarkt genutzt werden.
individuelle Lebenssituation der oder des Jugend­
lichen „maßgeschneidertes“ Angebot von Hilfen ■ 2007 und 2008 wird an zwölf Standorten ausbil­
aus unterschiedlichen Bereichen. Die im Jahr 2006 dungsorientierte Zusammenarbeit mit Eltern als
ausgewählten Kompetenzagenturen werden 2007 besonderer, neuer Baustein im Jugendmigrations­
auf insgesamt 200 ausgeweitet. dienst erprobt. Zielsetzung des Modellvorhabens
ist es, Erkenntnisse darüber zu gewinnen, wie über
■ Die Bundesregierung fördert im Rahmen eines die bisher geleistete Zusammenarbeit mit Eltern
ESF-geförderten Programms „Lernende Regio­ hinaus eine „ausbildungsorientierte Elternarbeit“
nen – Förderung von Netzwerken“ den Auf- und die Erziehungskompetenz der Eltern wirkungsvoll
Ausbau bildungsbereichs- und trägerübergreifen­ unterstützt und damit die schulische und beruf-
der Netzwerke auf regionaler Ebene, insbesondere liche Integration der Kinder und Jugendlichen
zur Verbesserung des Übergangs von der Schule in gefördert werden.
Ausbildung und Beruf sowie zur gezielten Förde­
rung von Migrantinnen und Migranten. ■ Im Rahmen des jährlichen Berufsbildungsbe­
richts wird über Fortschritte in der Integration
■ Die Bundesregierung wird die Festschreibung von von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in
Qualifikationen interkultureller Kompetenz in Ausbildung regelmäßig Bericht erstattet. Maßnah-
Regelungen der Erstausbildung und Weiterbildung men der Partner im „Nationalen Pakt für Ausbil­
anstreben. dung und Fachkräftenachwuchs in Deutschland
2007 – 2010“ werden im Rahmen der Bilanzierung
■ Die Bundesregierung, die Wirtschaft und die BA durch die Agenturen für Arbeit und die Kammern
prüfen die Aufnahme binationaler Programme in in ihrer Umsetzung beobachtet.
das Arbeitsförderungsrecht.
Bundesagentur für Arbeit:
■ Die Bundesregierung wird die Aufnahme orga­ ■ Anhand von Leistungsbeschreibungen ausgewähl­
nisatorischer Unterstützung betrieblicher Ausbil­ ter ausbildungsmarktpolitischer Instrumente wird
dungsvorbereitung und Ausbildung zugunsten von die Bundesagentur für Arbeit mit dem Netzwerk
benachteiligten Jugendlichen in das Arbeitsförde­ „Integration durch Qualifizierung“ spezifische Qua­
rungsrecht vorschlagen. litätsanforderungen an Maßnahmen für Menschen
mit Migrationshintergrund diskutieren. Dabei wird
■ Die Bundesregierung legt ein aus ESF-Mitteln auch die Frage der Qualitätssicherung erörtert.
gefördertes dreijähriges Programm „Passgenaue Parallel dazu wird auch der Erfahrungshinter-
Vermittlung Auszubildender an ausbildungswil­ grund der Gemeinschaftsinitiative EQUAL genutzt.
lige kleine und mittlere Unternehmen“ auf. Damit Zur Abrundung der Entwicklungsarbeit werden
sollen auch die Ausbildungsbereitschaft von Fachleute aus Agenturen mit hohen regionalen
Betriebsinhaberinnen und Betriebsinhabern und Migrationsanteilen beitragen.
die Ausbildungsstellenchancen von Jugendlichen
mit Migrationshintergrund erhöht werden.

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4.3.
■ Die BA intensiviert die Zusammenarbeit im
(KMK) hat sich darauf verständigt, diesem Aspekt
der berufsbezogenen Sprachförderung besondere
Netzwerk mit den Migrantenorganisationen, den Aufmerksamkeit zu schenken. Sie wird den Umfang
Jugendmigrationsdiensten (JMD), den Migrations­ und die Wirksamkeit der bisher durchgeführten
erstberatungen (MEB), dem Netzwerk IQ, den Maßnahmen ebenso überprüfen wie die Qualifi­
Regionalkoordinatoren (ReKos) des Bundesamts zierung des Personals hinsichtlich der besonderen
für Migration und Flüchtlinge (BAMF) sowie den Herausforderungen in Klassen mit einem hohen
Jugendämtern und den kommunalen Angeboten. Anteil an Jugendlichen mit Migrationshintergrund.

■ Die BA wirkt darauf hin, dass die Geschäfts­ ■ Die Kultusministerinnen und -minister sind sich
führungen der ARGEN/Agenturen für Arbeit in bewusst, dass auch berufsbildende Schulen mit
getrennter Trägerschaft den Zuweisungsprozess einem hohen Anteil an Kindern und Jugendlichen
zum Integrationskurs nachhaltig verfolgen und mit Migrationshintergrund Unterstützung benö­
ergänzende Sprachförderung mit Komponenten tigen, um Integrationsarbeit im erforderlichen
wie praxisbezogenem Unterricht oder berufsorien- Umfang leisten zu können. Es besteht Einigkeit,
tiertem Praktikum als Bestandteil verbinden. dass auch für diese Schulen spezifische Mittel
bereitgestellt werden, sei es durch Senkung der Fre-
■ Die BA wird die außerbetriebliche Ausbildung quenzen, Erhöhung des Lehrpersonals oder Unter-
Benachteiligter auf mindestens gleicher Höhe wie stützung der Lehrkräfte durch Schulsozialarbeit.
2006 fortsetzen und berufsvorbereitende Bildungs- Diese Schulen benötigen besonders qualifiziertes
maßnahmen auf hohem Niveau fortführen. pädagogisches Personal. Dies wird zum einen
durch eine erhöhte Einstellung von Lehrkräften
■ Die BA wird im Herbst 2007 zur weiteren Ent­ oder Sozialarbeitern und Sozialarbeiterinnen mit
lastung des Ausbildungsmarktes und zur Ver- Migrationshintergrund angestrebt, zum anderen
besserung der Situation von Jugendlichen mit durch eine konsequente Fortbildung.
Migrationshintergrund einmalig zusätzlich zur
ursprünglichen Planung 7.500 außerbetriebliche ■ Sprachfördermaßnahmen werden auch in den
Ausbildungsplätze für diesen Personenkreis bis beruflichen Schulen angeboten, wenn der Bedarf
zum Ende der Ausbildung finanzieren. besteht. Gleichzeitig gilt analog zu den allgemein
bildenden Schulen der Sprachbildungsauftrag für
■ Die BA wird ausbildungsbegleitende Hilfen auswei­ die Lehrkräfte aller Fächer und ebenso die Ver­
ten, insbesondere auch zugunsten Jugendlicher mit pflichtung der Kultusministerinnen und -minis-
Migrationshintergrund. ter, die entsprechenden Fortbildungsangebote
bereitzustellen. Die Erfahrungen des Modellpro-
■ Die BA wird bei Bedarf die betriebliche Einstiegs­ gramms FÖRMIG zur Sprachförderung am Über­
qualifizierung im Falle von lernbeeinträchtigten gang von der Schule in den Beruf werden dabei
und sozial benachteiligten Jugendlichen mit sozial­ berücksichtigt.
pädagogischer Begleitung flankieren.
■ Die Mehrsprachigkeit der Jugendlichen gewinnt in
■ Die BA verstärkt ihr Angebot an Informationsma­ der Phase der Ausbildung eine besondere Bedeu­
terial in den Herkunftssprachen und macht dies tung. Sie soll, wo immer dies möglich ist, berufs­
über Multiplikatorinnen und Multiplikatoren in der bezogen weiterentwickelt werden und zu einer
Migrationsberatung bekannt. Stärkung der Auszubildenden in ihren künftigen
Arbeitsbereichen führen.
■ Die BA wird bei vorliegender Kofinanzierung zur
Verbesserung der Berufsorientierung und Ausbil­ ■ Die Kultusministerkonferenz hat sich im „Natio­
dungsreife von Schulabgängerinnen und Schulab­ nalen Pakt für Ausbildung und Fachkräftenach­
gängern die frühzeitige und verstärkte Berufsorien­ wuchs“ verpflichtet, für ein verbessertes Über­
tierung ausweiten. gangsmanagement von der Schule in den Beruf
einzutreten, Ausbildungsreife und Berufsorientie­
rung in der allgemein bildenden Schule angemes-
Maßnahmen und Selbstverpflichtungen der sen vorzubereiten und hierbei insbesondere die
Länder und Kommunen (bzw. in der Regelungs- Jugendlichen mit Migrationshintergrund bei ihrer
zuständigkeit von Ländern und Kommunen) Suche nach einem Ausbildungsplatz zu unter­
stützen. Dazu gehört der verstärkte Einbezug der
Länder: Praxis in den Schulalltag und die Einrichtung von
■ In den Beruflichen Schulen ist in besonderer Weise Praxis- bzw. Kooperationsklassen zur frühzeitigen
für die Ausbildung der Fach- und Berufssprache Förderung leistungsschwacher Schülerinnen und
Sorge zu tragen. Die Kultusministerkonferenz Schüler.

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Entsprechend der Beratungen in der Arbeitsgruppe
wäre zudem folgender Aspekt zu berücksichtigen:
4.3.

betriebliche Ausbildung anzustreben. Dabei


sollen Jugendliche mit Migrationshintergrund
■ Länder als Arbeitgeber: Erhöhung der Zahl von in besonderem Maße profitieren.
Auszubildenden mit Migrationshintergrund
■ Die Industrie- und Handelskammern bieten eine
Kommunen: spezielle Ausbildungsberatung für ausländische
Die kommunalen Spitzenverbände befinden sich der- Unternehmen und führen Ausbildungsinformati­
zeit noch im intensiven Austausch mit ihren Mitglie­ onsveranstaltungen für ausländische Jugendliche
dern und werden ihren Beitrag im weiteren Verfahren durch.
darstellen.
■ Die Handwerkskammern schulen ihre Ausbil-
Entsprechend der Beratungen in der Arbeitsgruppe dungsberater zur gezielten/bedarfsorientierten
wäre u. a. folgender Aspekt zu berücksichtigen: Beratung von Unternehmern und Jugendlichen mit
Migrationshintergrund.
■ Kommunen als Arbeitgeberinnen: Erhöhung
der Zahl von Auszubildenden mit Migrations­ ■ Die Industrie- und Handelskammern sowie die
hintergrund Handwerkskammern bewerben die neuen Möglich­
keiten des Berufsbildungsgesetzes (BBiG) für eine
Teil-Absolvierung der Ausbildung im Ausland und
Maßnahmen und Selbstverpflichtungen unterstützen die Unternehmen bei entsprechenden
der nichtstaatlichen Institutionen und Fragestellungen.
Organisationen
■ Die Industrie- und Handelskammern nutzen
Organisationen von Menschen mit die Möglichkeiten des neuen EU-Berufsbil-
Migrationshintergrund: dungsprogramms zur Durchführung von
■ Die Deutsch-Hellenische Wirtschaftsvereinigung Verbundausbildungen.
(DHW) motiviert durch eine gezielte Presse- und
Öffentlichkeitsarbeit griechische Unterneh­ ■ Die Arbeitgeberverbände setzen sich für die
merinnen und Unternehmer zur Ausbildungsbetei­ verstärkte Nutzung betrieblicher Maßnahmen
ligung. Über die Aktivitäten und Erfahrungen des zur Berufsvorbereitung und von Maßnahmen zur
Jobstarter-Projektes NEOXEKINIMA wird gleich- Einstiegsqualifizierung Jugendlicher (EQJ) ein, an
zeitig die Ausbildungsbeteiligung griechischer denen bereits überdurchschnittlich Jugendliche
Unternehmen erhöht. Die DHW wird sich bei mit Migrationshintergrund teilnehmen.
erfolgreicher Durchführung dieses Projektes für
die Nachhaltigkeit und den Transfer bundesweit ■ Die BDA wirbt bei Betrieben für die verstärkte
einsetzen. Berücksichtigung der Fähigkeiten von Migran­
tinnen und Migranten, z. B. ihrer interkulturellen
■ Gemeinsames Ziel all dieser Akteure ist die För­ Kompetenzen und der oft vorhandenen Mehrspra­
derung besserer schulischer Leistungen und eine chigkeit, bei der Auswahl künftiger Auszubildender.
anschließend höhere Beteiligung der Jugendlichen
mit Migrationshintergrund an der beruflichen ■ Die BDA wirbt bei Betrieben für die verstärkte
Ausbildung. Nutzung flankierender Förderangebote (Sprach­
förderung, sozialpädagogische Begleitung, Stütz-
Wirtschaft: unterricht) und von Mentorinnen und Mentoren
■ Die Wirtschaft setzt sich das im „Nationalen Pakt in der Berufsvorbereitung und Ausbildung junger
für Ausbildung und Fachkräftenachwuchs in Menschen mit Migrationshintergrund.
Deutschland 2007 – 2010“ vereinbarte Ziel, wäh­
rend der Dauer dieses Paktes ■ Die BDA wirbt bei Betrieben für die verstärkte
Nutzung von „Tandems“ aus Auszubildenden mit
➤ im Durchschnitt pro Jahr 60.000 neue Ausbil­ Migrationshintergrund, die Unterstützungsbedarf
dungsplätze einzuwerben, haben, und leistungsstarken Auszubildenden. Dies
befördert auch die Vermittlung interkultureller
➤ jährlich 30.000 neue Ausbildungsbetriebe einzu­ Kompetenzen.
werben und
■ Die BDA wirbt dafür, dass Betriebe gezielt Zusatz­
➤ jährlich 40.000 Plätze für betrieblich durchge­ qualifizierungen anbieten, insbesondere berufsbe­
führte Einstiegsqualifizierungen bereitzustellen zogenen Sprachunterricht, Auslandspraktika oder
und eine weiterhin hohe Übernahmequote in grenzüberschreitende Ausbildung, um die inter­

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4.3.
kulturellen Kompetenzen von Auszubildenden zu Das Programm wird in den kommenden Jahren
fördern. Die Zusatzqualifikationen werden doku­ fortgesetzt werden.
mentiert. Es wird geprüft, ob auch ausländische
Abschlüsse und Zertifikate erworben werden ■ Mit Unterstützung der Betriebsräte werden Initia­
können. tiven einzelner Großbetriebe (Automobilindustrie,
FRAPORT) fortgesetzt, um Jugendlichen ohne
■ Die Vertretungen der Arbeitgeber- und der Arbeit- Schulabschluss einen Einstieg ins Berufsleben zu
nehmerseite unterstützen im Verwaltungsrat der ermöglichen.
BA alle Vorhaben in Beratung, Vermittlung und
Förderung, die auf eine stärkere Integration von ■ Der DGB und die Gewerkschaften setzen sich für
Menschen mit Migrationshintergrund in den eine Verbesserung der Qualität der Maßnahmen
Ausbildungsmarkt zielen. Einbezogen werden der Berufsvorbereitung ein. Der DGB unterstützt
auch die gemeinsam in den Verwaltungsrat der BA die erfolgreiche Arbeit der „Beruflichen Qualifizie­
eingebrachten Vorschläge zur Neuausrichtung der rungsnetzwerke für Migrantinnen und Migranten
Förderpraxis der BA und die Aufnahme binatio­ (BQN)“ und strebt eine Übertragung des Modellan­
naler Ausbildung für Migrantinnen und Migranten satzes auf weitere Regionen an.
in das Arbeitsförderungsrecht.
■ Der DGB und die Gewerkschaften wollen dazu
Gewerkschaften: beitragen, dass Diskriminierung und strukturelle
■ Der DGB und die Gewerkschaften setzen sich Benachteiligung bei der Auswahl von Jugendlichen
für ein ausreichendes Angebot an qualifizierten unterbleiben. Sie unterstützen die Betriebs- und
Ausbildungsstellen ein, das sich an den Schul- Personalräte darin, Diskriminierungen bei der
abgängerzahlen orientiert und die Altbewerber Einstellung von Jugendlichen entgegen zu wirken
mit einbezieht. Zur Umsetzung haben sie mit den und z. B. betriebliche Vereinbarungen zur Gleich-
Arbeitgeberverbänden der Bauwirtschaft eine behandlung abzuschließen. Das DGB-Bildungswerk,
Umlagefinanzierung auf tarifvertraglicher Ebene die IG Metall, Verdi und die IG BCE führen hierzu
eingeführt. Weitere Tarifvereinbarungen zur Erhö- Seminare und Beratungen zur Sensibilisierung von
hung der Ausbildungskapazitäten bestehen bei- Personalverantwortlichen sowie von Betriebs- und
spielsweise im Einzelhandel und in der Eisen- und Personalräten durch.
Stahlindustrie. Mit dem Tarifabschluss für die Che­
mische Industrie kann der 2003 abgeschlossene ■ Der DGB und die Gewerkschaften setzen sich dafür
Tarifvertrag „Zukunft durch Ausbildung“ bis 2010 ein, dass ausländische Jugendliche unabhängig
fortgesetzt und die Zahl der Ausbildungsplätze für von ihrem Aufenthaltsstatus einen gleichrangigen
2007 und 2008 weiter erhöht werden. Zugang zum Berufsbildungssystem erhalten. Dazu
beraten und informieren sie Personalverantwort­
■ Über betriebliche Kooperationen und Verein­ liche sowie Betriebs- und Personalräte über die
barungen der Tarifvertragsparteien wirken die rechtlichen Rahmenbedingungen zur Aufnahme
Gewerkschaften daran mit, dass Jugendliche mit einer Ausbildung im Dualen System.
schlechten Startchancen eine qualifizierte Ausbil­
dung absolvieren können. Anders als die Maßnah­ ■ Der DGB und die Gewerkschaften treten im Rah­
men im Rahmen des Ausbildungspakts zielen die men der Selbstverwaltung der Bundesagentur für
von den Gewerkschaften unterstützten Programme Arbeit dafür ein, dass zusätzliche Ausbildungs­
auf Jugendliche ohne Schulabschluss. Beispielhaft plätze, gerade für Jugendliche mit Migrations­
ist das von IG Metall und Südwestmetall gemein­ hintergrund, geschaffen werden. Darüber hinaus
sam getragene Projekt PIA (Projekt zur Integration setzen sie sich dafür ein, dass die rechtlichen
in den ersten Arbeitsmarkt), mit dem lernschwä- Rahmenbedingungen zur Teilnahme verbessert,
cheren Jugendlichen und Jugendlichen aus sozial und ausbildungsbegleitende Hilfen verstärkt in
schwierigen Verhältnissen eine Ausbildung im Anspruch genommen werden.
gewerblich-technischen Beruf ermöglicht wird,
flankiert durch eine intensive sozialpädagogische ■ Der DGB und die Gewerkschaften wollen erreichen,
Begleitung. dass junge Erwachsene, die bislang keine Ausbil­
dung absolvieren konnten, eine „zweite Chance“
■ In der chemischen Industrie haben die Sozialpart­ zum Abschluss einer vollqualifizierenden Ausbil­
ner ein tarifvertragliches Förder- und Integrati­ dung erhalten.
onsprogramm „Start in den Beruf“ vereinbart, das
Jugendliche an eine betriebliche Ausbildung heran­
führt. Bisher konnten 80 Prozent der Jugendlichen
in eine Berufsausbildung übernommen werden.

76

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■ Die GEW wirbt dafür, dass das Ausbildungsangebot ■
4.3.

Die Mitgliedsverbände der BAGFW streben an,


auch durch voll qualifizierende Ausbildungsgänge Jugendliche mit Migrationshintergrund für die
in beruflichen Schulen verbessert wird und berufs­ Besetzung ihrer Ausbildungsplätze in ihren sozi­
schulische Ausbildungszeiten in einer Ausbildung alen Diensten und Einrichtungen und Fachschulen
im dualen System anerkannt werden. zu motivieren und überprüfen ihre Einstellungspo­
litik, damit mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
Träger der Jugendsozialarbeit: mit Migrationshintergrund berücksichtigt werden.
■ Die Träger der Jungendsozialarbeit verstärken ihre
Kooperation mit Migrantenorganisationen. Die ■ Die Mitgliedsverbände der BAGFW engagieren sich
Jugendmigrationsdienste initiieren und begleiten verstärkt in Netzwerken zur Förderung der beruf­
die interkulturelle Öffnung der Träger. lichen Integration Jugendlicher mit Migrationshin­
tergrund. Dabei wird Wert darauf gelegt, Migran­
■ Die Träger der Jugendsozialarbeit streben die tenorganisationen in die Arbeit dieser Netzwerke
Erhöhung des Anteils an Mitarbeiterinnen und mit einzubeziehen.
Mitarbeitern mit Migrationshintergrund und die
Berücksichtigung der Jugendlichen mit Migrations­ ■ Die Mitgliedsverbände der BAGFW engagieren sich
hintergrund in allen Maßnahmen an. durch entsprechende Angebote bei der Qualifizie­
rung von Migrantinnen und Migranten, insbeson­
Freie Wohlfahrtspflege: dere beim berufsbezogenen Spracherwerb (Equal,
■ Die Mitgliedsverbände der Bundesarbeitsgemein­ ESF-BA-Programm).
schaft der Freien Wohlfahrtspflege BAGFW setzen
sich für Chancengleichheit und für den Abbau aus­ ■ Die Mitgliedsverbände der BAGFW setzen sich
grenzender Mechanismen sowie von Vorbehalten dafür ein, dass Menschen mit Migrationshinter­
ein. Sie tragen zum Abbau von Fehlvorstellungen grund, die in ihren Diensten und Einrichtungen
bei jungen Menschen mit Migrationshintergrund Arbeitsgelegenheiten nach SGB II innehaben, auch
bei. in ihrer sprachlichen Qualifizierung gefördert
werden.

3. Integration und Arbeitsmarkt weise ungünstige Startpositionen am Arbeitsmarkt


erlangt haben, wie in den beiden vorhergehenden
Kapiteln zu Bildung und Ausbildung bereits dargelegt
3.1. Bestandsaufnahme wurde.

Über wesentliche Bereiche der Integration wird auf Die Datenlage zur Analyse der Situation von Men­
dem Arbeitsmarkt entschieden. Die Erfahrung zeigt, schen mit Migrationshintergrund auf dem Arbeits­
dass Integration am besten dort gelingt, wo Menschen markt ist noch nicht ausreichend. Dies betrifft die
mit Migrationshintergrund aktiv im Erwerbsleben Erfassung von Daten zum Erwerbsverhalten und zur
stehen. Berufliche Tätigkeit und Stellung sowie die Arbeitslosigkeit, aber auch die Daten zur Beteiligung
die Höhe des Erwerbseinkommens hängen stark an arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen und ihren
voneinander ab und entscheiden über die Möglichkeit Erfolgen. Häufig muss auf das Merkmal nichtdeut­
einer eigenständigen Lebensplanung. Die Perspektive scher Staatsangehörigkeit zurückgegriffen werden,
auf eine stabile Berufs- und Erwerbsbiographie, die mit dem die Gesamtgruppe der Menschen mit Mig­
Wertschätzung im familiären und gesellschaftlichen rationshintergrund aber weder ausreichend erfasst
Umfeld und die Einbeziehung in betriebliche Abläufe noch differenziert werden kann.
und kollegiale Teams sind weitere wesentliche Inte­
grationsfaktoren, die mit dem ausgeübten Beruf eng In den vergangenen fünfzehn Jahren hat sich die
verbunden sind. In der Geschichte der arbeitsmarkt­ Beschäftigungssituation von Menschen mit Migra­
orientierten Zuwanderung ist diese Integration in tionshintergrund deutlich verschlechtert. So ist die
Arbeit und Gesellschaft millionenfach gelungen. Men­ Erwerbsbeteiligung der Menschen mit ausländischer
schen mit Migrationshintergrund haben dennoch Staatsangehörigkeit gesunken und ihre Arbeitslosen­
häufig höhere Zugangshürden zu überwinden. Sei es, quote ist etwa doppelt so hoch wie die der Deutschen.
dass sie als Zugewanderte in Tätigkeiten mit geringe­ Ausländische Beschäftigte sind vom Strukturwandel
ren formalen Qualifikationsanforderungen beschäf­ sehr viel stärker betroffen als deutsche: Sie sind stark
tigt sind, sei es, dass sie als Kinder aus Familien mit vertreten in Branchen und Berufen, in denen Arbeits­
Zuwanderungsgeschichte auf ihrem Weg durch das plätze abgebaut werden und finden sich seltener im
Bildungs- und Ausbildungssystem in Deutschland teil­ öffentlichen Dienst. In wachsenden Zweigen des

77

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4.3.
Dienstleistungssektors sind sie häufiger auf Einfachar­
beitsplätzen tätig. Die Probleme auf dem Arbeitsmarkt
Die Beschäftigungschancen von Menschen mit
Migrationshintergrund verbessern
verdichten sich insbesondere bei Älteren, Frauen und Das Qualifikationsprofil von Menschen mit Migrati­
Jugendlichen mit Migrationshintergrund. onshintergrund kann aus unterschiedlichen Gründen
ihre Beschäftigungschancen beeinträchtigen. Ihnen
Eine Hauptursache für diese Situation liegt in den können nichtformale und formale Qualifikationen
durchschnittlich geringeren Bildungs- und Ausbil­ fehlen, die sowohl ihre Allgemeinbildung als auch
dungsabschlüssen, insbesondere im deutlich erhöhten ihre berufliche Ausbildung betreffen. Diese Probleme
Anteil von Personen ohne abgeschlossene Berufsaus­ müssen im Kern in den dem Arbeitsmarkt vorge­
bildung. Demgegenüber stehen wachsende Qualifi­ lagerten Bereichen von Bildung und Ausbildung
kationsanforderungen bei der Neueinstellung von angegangen werden. Im Bereich des Arbeitsmarktes
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern. Die beruf­ liegt die Verantwortung für Angebote der beruflichen
liche Integration von Personen mit Migrationshinter­ Weiterbildung.
grund bezeichnet ein besonders dringliches Problem.
Die bisher geringere Beteiligung von Menschen mit Bei betrieblichen und bei öffentlich finanzierten Maß­
Migrationshintergrund an Maßnahmen der beruf­ nahmen zur Weiterbildung soll darauf hingewirkt
lichen Weiterbildung weist daher umso mehr auf werden, dass die bisher unzureichende Förderung von
bestehenden Handlungsbedarf hin. Menschen mit Migrationshintergrund deutlich gestei­
gert wird, insbesondere bei Angeboten für gering
Angesichts der Befunde zur Arbeitsmarktsituation Qualifizierte. Weiterbildung soll das Qualifikations­
auch qualifizierter Menschen mit Migrationshinter­ profil der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer an
grund ist jedoch kaum fraglich, dass Bildungsdefizite die sich verändernde Nachfrage anpassen und erhält
hierfür als einzige Erklärung nicht ausreichen. Vor somit wachsende Bedeutung angesichts längerer
dem Hintergrund der anhaltend hohen Unterbeschäf­ Lebensarbeitszeiten und des steigenden Innovations­
tigung spielen nicht nur die persönlichen Vorausset­ tempos in vielen Wirtschaftszweigen. Für Erwerbstä­
zungen, sondern möglicherweise auch gesellschaft­ tige und Arbeitsuchende mit Migrationshintergrund
liche Wahrnehmungen eine Rolle im Auswahlprozess ist der Ausbau deutscher Sprachkenntnisse von fun­
und müssen bei der Gestaltung integrationspoli­ damentaler Bedeutung. Aber auch bei der fachlichen
tischer Maßnahmen mit berücksichtigt werden. Weiterbildung ist zu überprüfen, ob die Methoden der
Vermittlung den besonderen Voraussetzungen und
Eine deutliche Verbesserung der Arbeitsmarktin­ Bedürfnissen dieser Zielgruppe entsprechen.
tegration von Menschen mit Migrationshintergrund
ist sowohl aus sozial- und gesellschaftspolitischen als Jungen Erwachsenen mit Migrationshintergrund,
auch aus volkswirtschaftlichen Gründen dringend die ohne Berufsabschluss erwerbstätig sind, soll eine
geboten. Wirtschaft und Verwaltung werden künftig zweite Chance zur modularen und berufsbeglei­
in vermehrtem Umfang auf Personen mit Migrati­ tenden Nachqualifizierung eröffnet werden.
onshintergrund angewiesen sein. Bei der Nachfrage
nach Arbeitskräften zeichnet sich punktuell bereits Ausgangspunkt für eine passgenaue Förderung
ein Mangel an geeigneten Fachkräften ab, und zur beruflichen Integration ist die Erstellung eines
immer mehr Unternehmen benötigen Fachkräfte mit individuellen Bewerberprofils unter Einbeziehung
länderspezifischen sprachlichen und interkulturellen des besonderen kulturellen und sprachlichen Kapitals
Kenntnissen. Dasselbe gilt für den öffentlichen Dienst. der oder des Arbeitssuchenden mit Migrationshinter­
Die demografische Entwicklung und die Internatio­ grund. Unabhängig von ihrer formalen Anerkennung
nalisierung der Märkte werden diesen Bedarf weiter als Berufsabschlüsse sollen formelle und informelle
anwachsen lassen; er wird sich allein durch eine Kenntnisse und Fähigkeiten berücksichtigt werden,
gesteuerte Zuwanderungspolitik nicht lösen lassen. um in Bewerbungsverfahren die Potenziale von
Auch deshalb ist die Erhöhung und bessere Nutzung Migrantinnen und Migranten transparent zu machen.
des heimischen Erwerbspersonenpotenzials erforder­ Aufbauend auf dieser Kompetenzanalyse sollen hier
lich, das die in Deutschland lebenden Personen mit zudem Beratungsangebote, Angebote zur Nachquali­
Migrationshintergrund einschließt. fizierung und zur Prüfungsvorbereitung den Prozess
der formalen Anerkennung unterstützen.

3.2. Zielbestimmungen Angebote zur Beratung, Information und


Kommunikation an die Bedürfnisse von Menschen
Entsprechend dieser Ausgangslage werden im Natio­ mit Migrationshintergrund anpassen
nalen Integrationsplan Maßnahmen vereinbart, die Angebote zur intensiven Beratung und Information
sich auf folgenden Zielebenen bewegen: müssen für Menschen besonders zugeschnitten sein,
die sich in Deutschland und seinem gewachsenen Sys­
tem von Bildung, Ausbildung und Arbeitsmarkt neu
zurechtfinden müssen. Das betrifft sowohl jene, die

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selbst neu eingereist sind, als auch deren in Deutsch­
land geborene Nachkommen, da in diesen Familien
4.3.

Die jüngsten Bemühungen der Bundesagentur für


Arbeit und der Träger der Grundsicherung für Arbeit­
das Wissen über Berufe und Wege der Aus- und suchende um eine individuellere Betreuung bieten
Weiterbildung nicht in gleichem Maße präsent sein eine gute Grundlage für die spezifische Unterstützung
kann wie in Familien, die schon seit vielen Genera­ von Arbeitsuchenden mit Migrationshintergrund. Das
tionen unterschiedliche Modelle der Erwerbsarbeit Instrument des individuellen Fallmanagements ist auf
in Deutschland selbst erlebt oder in ihren sozialen seine Effektivität bei Ratsuchenden mit Migrations­
Netzwerken kennengelernt haben. hintergrund zu überprüfen und gegebenenfalls anzu­
passen. Die Befunde zur unzureichenden Beteiligung
Die Angebote der Politik, der öffentlichen Verwaltung von Menschen mit Migrationshintergrund insbeson­
und der Wirtschaft zur Information und Beratung dere an Maßnahmen zur Qualifizierung erfordern
sind um spezifische Elemente zu erweitern, die die eine effektivere Steuerung der Geschäftsprozesse und
besonderen Bedürfnisse von Menschen mit Migra­ des Instrumenteneinsatzes. Die öffentliche Arbeits­
tionshintergrund berücksichtigen. Dort wo modell­ förderung muss die Bemühungen der Erwerbstätigen
hafte Ansätze vorhanden sind, ist nach einer Effek­ mit Migrationshintergrund und der Arbeitgeberinnen
tivitätskontrolle die Möglichkeit einer nachhaltigen und Arbeitgeber in Wirtschaft und Verwaltung wirk­
Verstetigung zu prüfen. Beim Einsatz von Medien ist sam unterstützen.
sicherzustellen, dass Menschen mit Migrationshin­
tergrund auch erreicht werden und Zugang zu den Die Datenlage zur Situationsanalyse und zur
Informationen haben. Auch durch mehrsprachige Politikberatung verbessern
Publikationen und Anzeigen werden die Menschen Das statistische Merkmal „nichtdeutsche Staatsan­
mit Migrationshintergrund direkt informiert und gehörigkeit“ erfasst nicht die gesamte Gruppe der
aufgeklärt. Menschen mit Migrationshintergrund, insbesondere
nicht die Spätaussiedler. Die Datenlage zum Erwerbs­
Die betriebliche Integration von verhalten und zur Arbeitslosigkeit aller Menschen mit
Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen mit Migrationshintergrund, aber auch die Daten zu ihrer
Migrationshintergrund gezielt fördern Beteiligung an arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen
Wirtschaft und Verwaltung haben ein hohes Interesse und zu den Erfolgen dieser Maßnahmen muss verbes­
daran, die Potenziale von Menschen mit Migrations­ sert werden; hierfür ist es notwendig, den Migrations­
hintergrund zu nutzen. Deshalb wird angestrebt, die hintergrund so differenziert wie möglich zu erfassen.
Instrumente der Personalgewinnung und Personal­
entwicklung so einzusetzen und weiterzuentwickeln,
dass die Integration auch in den Betrieben und 3.3. Vereinbarung von Maßnahmen und
Verwaltungen verbessert wird und Chancen, die sich Selbstverpflichtungen
aus Belegschaften mit unterschiedlichen Erfahrungen
und kulturellen Profilen ergeben, wirklich genutzt Zur Verfolgung dieser vereinbarten Ziele verpflich­
werden können. Die Vielfalt der Mitarbeiterinnen und ten sich die nachfolgend genannten Akteure der
Mitarbeiter mit ihren unterschiedlichen Fähigkeiten Arbeitsgruppe „Gute Bildung und Ausbildung sichern,
und Talenten eröffnet Chancen für innovative und Arbeitsmarktchancen erhöhen“, im Rahmen ihrer
kreative Lösungen, wie sie zum Beispiel die „Charta jeweiligen Verantwortung folgende Maßnahmen als
der Vielfalt“ definiert. Im Sinne von Diversity Manage­ erste Schritte anzugehen bzw. zu unterstützen:
ment gehört hierzu das Ziel, mehr Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter mit Migrationshintergrund zu gewin­
nen und sie in ihrem beruflichen Fortkommen gezielt Maßnahmen und Selbstverpflichtungen
zu fördern. Insbesondere passgenaue Angebote der der Bundesregierung (bzw. in der
Weiterbildung auf allen Qualifikationsebenen sind Regelungszuständigkeit des Bundes) und der
hierfür zu entwickeln. Auch das betriebliche Bildungs­ Bundesagentur für Arbeit (BA)
personal muss für diese Anforderungen sensibilisiert
und vorbereitet werden. Betriebliche Vereinbarungen Bundesregierung:
sowie die Medien und Prozesse der internen Kommu­ ■ Das Beratungs- und Informationsnetzwerk „Inte­
nikation sollen diese Arbeit gezielt unterstützen. gration durch Qualifizierung“ (IQ) entwickelt im
Auftrag der Bundesregierung und in Zusammenar­
Arbeitsmarktpolitische Maßnahmen beit mit der Bundesagentur für Arbeit und nicht­
an die Bedürfnisse von Menschen mit staatlichen Trägern neue Strategien zur Verbes­
Migrationshintergrund anpassen serung der Arbeitsmarktsituation von Migranten,
Angesichts der genannten Befunde zu den besonderen Aussiedlern und anerkannten Flüchtlingen. Nach
Schwierigkeiten von Menschen mit Migrationshin­ Abschluss der laufenden Evaluierung wird die
tergrund bei ihrer Integration in den Arbeitsmarkt Bundesregierung prüfen, inwieweit erfolgreiche
kommt den öffentlich finanzierten Maßnahmen Handlungsansätze und Instrumente in das Regel­
der Arbeitsmarktpolitik besondere Bedeutung zu.

79

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4.3.
system der aktiven arbeitsmarktpolitischen Maß­ ■ Die Bundesregierung evaluiert die Auswirkungen
nahmen überführt bzw. in ihrer Angebotsstruktur des Sozialgesetzbuchs II auf die Lage erwerbs­
ergänzend zu Maßnahmen der Träger der Grund­ fähiger Menschen mit Migrationshintergrund.
sicherung und der Agenturen für Arbeit verstetigt Konsequenzen und Effekte der SGB II-Regelungen
werden können. sollen im Hinblick auf Erwerbstätigkeit, Beschäf­
tigungs- und Ausbildungsfähigkeit sowie soziale
■ Die Bundesregierung unterstützt die Unterneh- Stabilisierung für Personen mit Migrationshin­
mensinitiative „Diversity als Chance – Die Charta tergrund im Rahmen eines Forschungsvorhabens
der Vielfalt der Unternehmen in Deutschland“. Mit untersucht werden.
der Charta-Unterschrift verpflichten sich die Unter­
zeichnenden, die Vielfalt der Gesellschaft auch in ■ Die ethnische Ökonomie hat eine nicht zu unter­
ihrer Beschäftigtenstruktur abzubilden. Damit schätzende arbeitsmarktpolitische Bedeutung. Die
übernehmen private Unternehmen und öffentliche Bundesregierung konzentriert ihre ESF-geförder-
Einrichtungen auch im eigenen Interesse eine ten Coaching-Angebote in diesem Bereich künftig
besondere soziale Verantwortung. bei der KfW, die mit regionalen Anlaufstellen für
Existenzgründerinnen und -gründer zusammen­
■ Die Bundesregierung wird die Verbreitung der arbeitet. Spezifische Gründungsberatungen für
Charta der Vielfalt in den Bereichen Großunter- Personen mit Migrationshintergrund haben sich
nehmen, kleine und mittlere Unternehmen und bewährt und werden verstärkt in diese Angebote
öffentliche Einrichtungen aktiv begleiten und in einbezogen.
den Jahren 2007 und 2008 eine ESF-finanzierte
Kampagne und Wettbewerbsreihe „Vielfalt am ■ Personen mit Migrationshintergrund leben viel­
Arbeitsplatz/Vielfalt als Beschäftigungsressource“ fach konzentriert in städtischen Problemgebieten.
durchführen. Diese zielt darauf, die Arbeitsmarkt­ Zur Ankurbelung der lokalen Ökonomie fördert der
und Ausbildungsintegration von Migrantinnen ESF im Rahmen des Bundesprogramms „Soziale
und Migranten und ihre Berücksichtigung in der Stadt“ beschäftigungsorientierte Projekte.
betrieblichen und öffentlichen Einstellungs- und
Personalpolitik zu verbessern. Das Bundesminis­ ■ Der Bund ist sich seiner Rolle als Arbeitgeber
terium für Arbeit und Soziales, die Bundesagentur bewusst. Er wird im Rahmen seiner Möglichkeiten
für Arbeit und das Bundesamt für Migration und auch den Anteil des Personals mit Migrationshin-
Flüchtlinge haben sich bereits mit ihrem Beitritt tergrund nach Eignung, Leistung und Befähigung
zur Charta verpflichtet, Vielfalt anzuerkennen und erhöhen. Er strebt an, dass dabei sprachliche und
wertzuschätzen sowie ein Arbeitsumfeld zu schaf­ interkulturelle Kompetenzen angemessen berück­
fen, das frei von Vorurteilen ist. sichtigt werden.

■ Die Bundesregierung wird mit der Umsetzung Bundesamt für Migration und Flüchtlinge:
des ESF-Bundesprogramms für die Förderperiode ■ Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge
2007 bis 2013 den Nationalen Integrationsplan (BAMF) wird ein Konzept zur beruflichen Integra­
durch eine Reihe zusätzlicher Maßnamen beson­ tion zugewanderter Akademikerinnen und Akade­
ders unterstützen. miker zu den Schwerpunktthemen Anerkennungs­
verfahren von Bildungs- und Berufsabschlüssen
■ Die berufsbezogene Förderung der deutschen Spra­ (u. a. in Zusammenarbeit mit der Kultusminister­
che im Rahmen des ESF-Programms wird ab Mitte konferenz) sowie zur fachlichen und sprachlichen
2007 ausgeweitet. Sie soll die Integrationskurse Nachqualifizierung erarbeiten.
des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge
(BAMF) ergänzen und steht künftig allen Personen ■ Darüber hinaus wird das BAMF ein zielgruppenspe­
mit Migrationshintergrund zur Verfügung. Die zifisches Konzept zur beruflichen Eingliederung
Bundesagentur für Arbeit wirkt darauf hin, dass zugewanderter Ärztinnen und Ärzte aus den Nach-
die Geschäftsführungen der ARGEN/Agenturen für folgestaaten der ehemaligen Sowjetunion erstellen
Arbeit in getrennter Trägerschaft den Zuweisungs­ und ggf. die Handlungsvorschläge modellhaft
prozess zum Integrationskurs nachhaltig verfolgen erproben und in die Regelangebote der Integrati­
und ergänzende Sprachförderung mit Komponen­ onsförderung überführen.
ten zur Berufsorientierung und zur Weiterbildung
implementieren. ■ Das BAMF wirkt über seine Regionalkoordinatoren
und die Strukturen der bundesgeförderten Migrati­
■ Ein Schwerpunkt im geplanten XENOS-Nachfol­ onserstberatung aktiv darauf hin, dass alle beteilig­
geprogramm wird sich gezielt an Menschen mit ten Institutionen/Organisationen in der jeweiligen
Migrationshintergrund richten (ab 2008). Region dauerhaft für eine Koordinierung und

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Kooperation im Bereich der Integrationsförderung
4.3.

Maßnahmen und Selbstverpflichtungen der


gewonnen und in ein Netzwerk eingebunden wer­ Länder und Kommunen (bzw. in der Regelungs­
den. Die Migrationserstberatung wird in diesem zuständigkeit von Ländern und Kommunen)
Zusammenhang auch aktiv dazu beitragen, eine
kontinuierliche, systematische Zusammenarbeit Länder:
mit den Agenturen für Arbeit/ARGEN/Optionskom­ Bislang liegen hierzu noch keine Selbstverpflich­
munen zu erreichen. tungen der Länder vor. Entsprechend der Beratungen
in der Arbeitsgruppe wären folgende Aspekte zu
Bundesagentur für Arbeit: berücksichtigen:
■ Die Bundesagentur für Arbeit richtet eine bundes­
weite Informationsplattform (BA-MediaNet) ein, in ■ Länder als Arbeitgeber: Einstellungspraxis im
der die erfolgreichsten Praxisbeispiele modellhaft Öffentlichen Dienst überprüfen – gezielte Personal­
allen Dienststellen der BA zur Verfügung gestellt rekrutierung innerhalb der Personengruppe mit
werden. Die Angebote vor Ort sind damit transpa­ Migrationshintergrund, um geänderten Anforde­
rent und machen es den Agenturen für Arbeit und rungen an die Erbringung öffentlicher Dienstleis­
Arbeitsgemeinschaften leichter zu entscheiden, ob tungen und dem Fachkräftebedarf angesichts der
die vorhandenen Angebote genutzt werden. demografischen Entwicklung zu entsprechen.

■ Die BA wird den Personenkreis mit Migrations­ Kommunen:


hintergrund bei der Förderung nach dem Pro­ Die kommunalen Spitzenverbände befinden sich der­
gramm „Weiterbildung gering Qualifizierter und zeit noch im intensiven Austausch mit ihren Mitglie­
Älterer in Unternehmen“ (WeGebAU) besonders dern und werden ihren Beitrag im weiteren Verfahren
berücksichtigen. darstellen.

■ Die BA verstärkt ihr Angebot an Informationsma­ Entsprechend der Beratungen in der Arbeitsgruppe
terial in den Herkunftssprachen und macht dies wären u. a. folgende Aspekte zu berücksichtigen:
über Multiplikatorinnen und Multiplikatoren in der
Migrationsberatung bekannt. Das Angebot wird ■ Kommunen als Arbeitgeberinnen: Einstellungspra­
auch den Trägern der Grundsicherung für Arbeitsu­ xis im Öffentlichen Dienst überprüfen – gezielte
chende zur Verfügung gestellt. Personalrekrutierung innerhalb der Personen­
gruppe mit Migrationshintergrund, um geän­
■ Die BA setzt das Prinzip der Chancengleichheit im derten Anforderungen an die Erbringung öffent­
Rahmen ihrer Personalpolitik bei der Rekrutierung licher Dienstleistungen und dem Fachkräftebedarf
und Qualifizierung des Personals um. Die indivi­ angesichts der demografischen Entwicklung zu
duellen, vielfältigen Kompetenzen und Potenziale entsprechen.
bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der BA
(z. B. Fremdsprachen, besondere Berufserfahrung, ■ Kommunale Wirtschaftsförderung und Existenz­
interkulturelle Fähigkeiten) werden im Rahmen gründungsberatung für Migrantinnen und Mig­
der Personalentwicklung identifiziert, gefördert ranten aufeinander abstimmen.
und gezielt eingesetzt. Konzepte hierzu werden
durch die Personalabteilung und die Hochschule
der BA vorbereitet.

■ Die BA wird im Jahr 2007 in mehreren Medienkoo­


perationen das Thema „Integration von Menschen
mit Migrationshintergrund“ thematisieren.

■ Die BA wird Eingliederungsbilanzen vorlegen, die


eine verbesserte Analyse im Hinblick auf die Inte­
gration von Menschen mit Migrationshintergrund
auf dem Arbeitsmarkt und in der Arbeitsmarktpoli­
tik ermöglichen.

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4.3.
Maßnahmen und Selbstverpflichtungen spezifischen Kompetenzen von Migrantinnen und
der nichtstaatlichen Institutionen und Migranten und deren Potenziale stärker in die
Organisationen betrieblichen Abläufe einzubeziehen.

Organisationen von Menschen mit ■ In der „Vereinbarung zwischen der Bundesregie-


Migrationshintergrund: rung und den Spitzenverbänden der deutschen
■ Die Deutsch-Hellenische Wirtschaftsvereinigung Wirtschaft zur Förderung der Chancengleichheit
(DHW) plant für das Jahr 2007 eine „IG-Interes­ von Frauen und Männern in der Privatwirtschaft“
sengemeinschaft für Ausbildung und Qualifizie­ haben die Spitzenverbände der deutschen Wirt­
rung“ in den Regionen Köln und Düsseldorf. Diese schaft zugesagt, ihren Mitgliedern betriebliche Maß-
Gemeinschaft hat das Ziel, griechische Unterneh­ nahmen zur Verbesserung der Chancengleichheit
merinnen und Unternehmer in allen Belangen der von Frauen und Männern sowie zur Familienfreund-
Unternehmensführung zu unterstützen. Die „IG“ lichkeit zu empfehlen. Dies schließt die Förderung
ist eine Lobbygemeinschaft für griechische Unter­ von Frauen mit Migrationshintergrund ein.
nehmen und steht in Kooperationen mit Wirt­
schaftspartnerinnen und -partnern der Regionen, ■ Die Industrie- und Handelskammern sowie die
den deutschen und griechischen Behörden sowie Handwerkskammern beraten Erwachsene mit
der griechischen und deutschen Presse. Migrationshintergrund, die einen Berufsabschluss
nachholen wollen und bieten bei Bedarf Informati-
■ Das CGIL-Bildungswerk e. V. wird die binationalen onsmaterialien in ausländischer Sprache an.
und bilingualen Qualifizierungsmaßnahmen für
Arbeitslose mit Migrationshintergrund in Zusam­ ■ Die Industrie- und Handelskammern bewerben
menarbeit mit deutschen Bildungseinrichtungen verstärkt ihre Fortbildungs- und Prüfungsangebote,
auf weitere Bundesländer erweitern (z. B. Import/ die Migrantengruppen für eine Verbesserung ihrer
Export-Assistent Deutschland/Italien und Deutsch- Beschäftigungsfähigkeit auf dem Arbeitsmarkt nut­
land/Türkei). In diesen Projekten arbeitet Fachper­ zen können, wie z. B. der IHK-Fremdsprachenkor­
sonal mit eigener Migrationserfahrung zusammen respondent oder die Gaststättenunterrichtungen.
mit deutschem Fachpersonal an einer positiven
Entwicklung der vorhandenen Humanressourcen ■ Die Handwerkskammern bieten integrative Fort­
von Menschen mit Migrationshintergrund zur bildungsprüfungsangebote zur Verbesserung der
Überwindung der Arbeitslosigkeit. Beschäftigungsfähigkeit auf dem Arbeitsmarkt
auch für Personen mit Migrationshintergrund an.
Wirtschaft:
■ Die Industrie- und Handelskammern entwickeln ■ Die Industrie- und Handelskammern werden
ihre Leistungen zur Anerkennung von im Ausland stärker noch als zuvor das IHK-Serviceangebot für
erworbenen Qualifizierungen fort. Dazu gehören Gründerinnen und Gründer mit Migrationshinter­
vor allem die gutachterlichen Stellungnahmen zu grund bewerben, und auch speziell zugeschnittene
ausländischen Zeugnissen. Services anbieten, z. B. Veranstaltungen in tür­
kischer Sprache. Sie leisten interessierten Unterneh-
■ Die Industrie- und Handelskammern sowie die merinnen und Unternehmern Unterstützung im
Handwerkskammern werben bei den Unterneh- Hinblick auf außenwirtschaftliche Fragestellungen.
men für die Chancen, die sich durch die Einstellung
von Erwerbspersonen mit Migrationshintergrund ■ Die Handwerkskammern beraten im Rahmen ihres
ergeben, insbesondere auch durch die Kenntnis Angebots Personen mit Migrationshintergrund, die
von ausländischen Märkten und Kulturen und der ein Unternehmen gründen wollen und bieten in
entsprechend relevanten Sprachkenntnisse, und Zusammenarbeit mit KAUSA Informationsmaterial
geben Hilfestellung und Informationen bei der Ein- in den Sprachen der Herkunftsländer an.
stellung und Beschäftigung ausländischer Arbeit­
nehmerinnen und Arbeitnehmer. ■ Die BDA unterstützt im Verwaltungsrat der Bun­
desagentur für Arbeit zielgerichtete, nach Wirkung
■ Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitge­ und Wirtschaftlichkeit gesteuerte Vorhaben zur
berverbände (BDA) setzt sich bei ihren Mitgliedern Beratung, Vermittlung und Förderung, die auf eine
dafür ein, dass die Initiative zur Förderung von stärkere Integration von Menschen mit Migrations-
Vielfalt in den Unternehmen „Charta der Vielfalt“ hintergrund in den Arbeitsmarkt zielen.
Eingang in die Praxis der Betriebe findet, um den
personalwirtschaftlichen Ansatz des Diversity
Management stärker zu etablieren und so die

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Gewerkschaften: ■
4.3.

Die vom DGB unterstützten EQUAL-Projekte haben


■ Der DGB und die Gewerkschaften fördern die deutlich gemacht, dass eine nachhaltige Arbeits-
Partizipation von Migrantinnen und Migranten in marktintegration von Flüchtlingen und geduldeten
Betrieben und Verwaltungen und unterstützen die Drittstaatsangehörigen möglich ist, sofern die
Beschäftigten, unabhängig von Nationalität und aufenthaltsrechtlichen Hindernisse abgebaut wer-
Herkunft, bei der Durchsetzung ihrer Interessen. den. DGB und die Gewerkschaften setzen sich dazu
Erfolgreiche Maßnahmen (z. B. Ausländerförder­ für eine umfassende Bleiberechtsregelung ein, die
programm der IG Metall, Erstellung von Wahlun­ unabhängig von der Sicherung des Lebensunter­
terlagen zur Betriebsratswahl in den wichtigsten halts einen sicheren Aufenthalt und einen gleich-
Sprachen) zur Vertretung der ausländischen rangigen Zugang zum Arbeitsmarkt gewährt.
Beschäftigten in den Betriebsräten werden fortge­
setzt. Gewerkschaften bieten Seminare zur Aus- Freie Wohlfahrtspflege:
und Fortbildung von Betriebs- und Personalräten ■ Mit ihren migrationsspezifischen Beratungs- und
an, in denen die Integration ausländischer Beschäf- Qualifizierungsangeboten unterstützen die Mit­
tigter und deren Gleichstellung integraler Bestand­ gliedsverbände der Bundesarbeitsgemeinschaft
teil ist sowie Seminare, die sich spezifisch mit der der Freien Wohlfahrtspflege BAGFW die berufliche
betrieblichen Migrationsarbeit auseinander setzen. Orientierung, Qualifizierung, Ausbildungs- bzw.
Migrantinnen und Migranten sind zudem mit Arbeitsplatzsuche von Menschen mit Migrations­
eigenen Strukturen in die gewerkschaftliche Arbeit hintergrund. So haben Jugendliche im Rahmen der
integriert; es bestehen Ausschüsse auf den verschie- Berufsbildungswerke die Möglichkeit eine qualifi­
denen Ebenen sowie ein umfangreiches Bildungs­ zierte Ausbildung zu erhalten.
und Beratungsangebot der Gewerkschaften.
■ Die Mitgliedsverbände der BAGFW setzen sich für
■ Der DGB und die Gewerkschaften setzen sich für die weitere interkulturelle Öffnung ihrer Dienste
die Schaffung von Chancengleichheit und Gleich- und Einrichtungen ein. Sie berücksichtigen dies bei
behandlung, als wesentliche Voraussetzungen für ihrer Personalpolitik und unterstützen diesen Pro-
die Integration von Beschäftigten mit Migrations­ zess durch Fortbildungen. Migranten können sich
hintergrund, ein. Dazu fördern die Gewerkschaften darauf verlassen, dass sie in unseren Einrichtungen
den Abschluss von Betriebsvereinbarungen zur die sozialen Dienstleistungen erhalten, die für sie
Gleichbehandlung und zum Schutz vor Diskrimi­ richtig und wichtig sind.
nierung. Im Rahmen der Umsetzung des Allgemei­
nen Gleichbehandlungsgesetzes werden sie die
Betriebs- und Personalräte bei der Überprüfung
von Einstellungsverfahren und Personalentschei­
dungen unterstützen.

■ Eine hohe Qualifikation der Beschäftigten ist eine


wichtige Grundlage zur Sicherung der Beschäf­
tigung und verringert das Risiko arbeitslos zu
werden. Daher haben die Gewerkschaften in den
vergangenen Jahren Tarifverträge bzw. Vereinba­
rungen zur Weiterbildung abgeschlossen. Wegen
der bislang niedrigen Beteiligung von Gering­
qualifizierten und Migrantinnen und Migranten
setzen sich die Gewerkschaften für den Ausbau der
Maßnahmen für diesen Personenkreis ein.

■ Der DGB und die Gewerkschaften engagieren sich


im Rahmen der Selbstverwaltung der Bundesa­
gentur für Arbeit dafür, dass gering qualifizierte
Migrantinnen und Migranten verstärkt auch in
die Qualifizierungsmaßnahmen der Bundesagen­
tur für Arbeit einbezogen werden. Bislang wenig
berücksichtigte Kompetenzen und Erfahrungen
von Migrantinnen und Migranten sollen in den
Eingliederungsprozessen stärker berücksichtigt
werden.

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4.3.

Mitglieder
Leitung

Franz Müntefering, MdB Bundesminister für Arbeit und Soziales

Heinrich Tiemann Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales

Verbände/Institutionen

Heinrich Alt Mitglied des Vorstandes der Bundesagentur für Arbeit

Irina Bernstein Bundesverband der Deutsch-Russischen Unternehmer in Deutschland e. V.

Ludwig Georg Braun Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages


Dr. Günter Lambertz (Vertretung)

Annelie Buntenbach Mitglied des geschäftsführenden Bundesvorstands des Deutschen


Gewerkschaftsbundes

Phedon Codjambopoulo Vizepräsident der Deutsch-Hellenischen Wirtschaftsvereinigung e. V.


Christina Alexoglou-Patelkos (Vertretung)

Marianne Demmer stellvertretende Vorsitzende des Hauptvorstandes der Gewerkschaft Erziehung


und Wissenschaft

Ilse Falk stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion

Wolfgang Fehl Zentralstelle für die Weiterbildung im Handwerk, Netzwerk „Integration durch
Qualifizierung“

Dr. Reinhard Göhner Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen


Peter Clever (Vertretung) Arbeitgeberverbände

Barbara Graf Bundesarbeitsgemeinschaft Jugendsozialarbeit, Fachbereich Migration

Dr. Hans-Carsten Hansen BASF AG. Leiter des Kompetenzzentrums Human Resources
Dr. Linda von dem Bussche (Vertretung)

Hildburg Kagerer Schulleiterin der Ferdinand-Freiligrath-Oberschule Berlin-Kreuzberg

Cüneyt Kandemir Verband Türkischer Unternehmer u. Industrieller in Europa e. V. ATIAD/Prof. Recep


Keskin

Otto Kentzler Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks


Prof. Dr. Friedrich Esser (Vertretung)

Annabel von Klenck Geschäftsführerin der Stiftung Mercator

Burhan Kocaslan Sieger der Berliner Landesbestenehrung in IHK-Berufen

Kenan Kolat Bundesvorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland e. V.

Phuong Kollath Verein „Dièn Hóng“ Gemeinsam unter einem Dach, Rostock

Franco Marincola Vorsitzender des CGIL-Bildungswerkes e. V.

Dr. Peter Neher Präsident des Deutschen Caritasverbandes, Präsident der


Roberto Alborino (Vertretung) Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege

Wolfgang Rhode Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall

Vicente Riesgo Alonso Bund der Spanischen Elternvereine

Kemal Şahin Präsident der Türkisch-Deutschen Industrie- und Handelskammer

Michael Vassiliadis Mitglied des Geschäftsführenden Hauptvorstandes der IG Bergbau, Chemie,


Energie

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4.3.

Wissenschaft

Prof. Dr. Michael Bommes Universität Osnabrück, Direktor des Instituts für Migrationsforschung und
interkulturelle Studien IMIS

Prof. Dr. Ingrid Gogolin Universität Hamburg, Institut für international und interkulturell vergleichende
Erziehungswissenschaft

Prof. Dr. Klaus Klemm Universität Duisburg-Essen, Leiter der Arbeitsgruppe Bildungsforschung/
Bildungsplanung

Prof. Petra Stanat Ph.D., Universität Erlangen-Nürnberg, Empirische Unterrichtsforschung, Leiterin


des Zentralinstituts für Lehr-Lernforschung

Länder

Prof. Dr. Ulrich Goll Justizminister und Integrationsbeauftragter der Landesregierung Baden-
Christian Storr (Vertretung) Württemberg

Günter Piening Beauftragter des Senats für Integration und Migration des Senats Berlin

Maria Weber Beauftragte der Landesregierung für Migration und Integration im Ministerium für
Arbeit, Soziales, Gesundheit, Familie und Frauen des Landes Rheinland-Pfalz

Gabriele Weber Sächsisches Staatsministerium für Kultus

Ute Erdsiek-Rave Präsidentin der Kultusministerkonferenz (bis 31. Dezember 2006)


Dr. Angelika Hüfner (Vertretung)

Prof. Dr. E. Jürgen Zöllner Präsident der Kultusministerkonferenz (ab 1. Januar 2007)

Kommunen

Klaus Hebborn Deutscher Städtetag


Bettina Heinrich (Vertretung)

Uwe Lübking Deutscher Städte- und Gemeindebund

Dr. Irene Vorholz Deutscher Landkreistag

Beratend beteiligt

Heinz Ackermann Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie

Dr. Dagmar Beer-Kern Arbeitsstab der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und
Integration

Dr. Christoph Hauschild Bundesministerium des Innern

Elmar Hönekopp Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung

Prof. Dr. Eckhard Klieme Direktor des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung DIPF

Präsident Manfred Kremer Präsident des Bundesinstitutes für Berufsbildung BiBB


Bent Paulsen (Vertretung)

Peter Munk Bundesministerium für Bildung und Forschung

Dr. Karsten Roesler Bundesamt für Migration und Flüchtlinge

Sabine Schulte-Beckhausen Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Die Arbeitsgruppe wurde unterstützt von Dieter Hanz, Karl-Heinz Kohn und Cornelia Petrowsky aus der Projektgruppe Soziale
Sicherheit und Migration des BMAS unter Mitwirkung der Abteilungen I, II, V und VI des Bundesministeriums für Arbeit und
Soziales.

Jörg Trautner BMAS, Redaktion

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Themenfeld 4:

„Lebenssituation von Frauen


4.4.
und Mädchen verbessern,
Gleichberechtigung verwirklichen“

Von den derzeit 15,3 Millioen in Deutschland leben­ munalen Spitzenverbände, von Verbänden der juris­
den Menschen mit Migrationshintergrund sind fast tischen Berufe, gesetzlichen Krankenversicherungen
die Hälfte Mädchen und Frauen. Viele von ihnen sind und Wohlfahrtsverbänden, von Dachverbänden und
gut integriert, viele – gerade Frauen und Mädchen aus anderen Organisationen der Migrantinnen und Mig­
der zweiten und dritten Migrationsgeneration – orien­ ranten, Beratungsstellen für Migrantinnen und Mig­
tieren sich mehr an modernen, partnerschaftlichen ranten sowie Expertinnen und Experten mit und ohne
Rollenleitbildern als an tradierten, patriarchalisch Migrationshintergrund. Außerdem waren Landesjus­
geprägten. Viele von ihnen tragen elterliche Verant­ tizverwaltungen für die Justizministerkonferenz und
wortung; oftmals sind gerade sie es, die die Integra­ das jeweilige Vorsitzland der Konferenz der Gleichstel­
tion der nächsten Generation prägen. lungs- und Frauenministerinnen, -minister, -senato­
rinnen, -senatoren der Länder einbezogen.
Die Potenziale der Migrantinnen sollten genutzt wer­
den. Ohne angemessene Berücksichtigung der Rolle Aus der Vielzahl der im Rahmen des Arbeitsauftrages
von Frauen und Mädchen im Integrationsprozess, möglichen Themenstellungen konnten in der zur Ver­
ihrer besonderen Probleme und ihrer spezifischen fügung stehenden Zeit nur einige exemplarisch auf­
Bedürfnisse kann Integration nicht gelingen. Allen gegriffen werden. Auf der Grundlage eines Tableaus
Arbeitsgruppen, die gemeinsam auf diesen Natio­ von Fragestellungen, die für Migrantinnen gerade
nalen Integrationsplan hin arbeiteten, oblag es, die heute von besonderer Bedeutung sind, haben sich im
Belange der Migrantinnen im Rahmen ihres jewei­ Zuge der Beratungen die im Folgenden dargestellten
ligen Handlungsauftrages mit zu beleuchten. Ergän­ thematischen Schwerpunkte ergeben. Die Arbeits­
zend hatte die Arbeitsgruppe 4 den Auftrag, weitere gruppe hat dabei bewusst auch solche Themenfelder
Aspekte des Themenfeldes „Lebenssituation von behandelt, die bisher andernorts noch nicht breiter
Frauen und Mädchen verbessern, Gleichberechtigung diskutiert worden sind und erst nach Fortführung der
verwirklichen“ zu erörtern. begonnenen Aufarbeitung in ein breites Bündel von
Maßnahmen münden können.
Die Arbeitsgruppe 4 wurde vom Bundesministerium
für Justiz koordiniert und in Zusammenarbeit mit Insbesondere von Seiten der Migrantinnen und
dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen Migranten in der Arbeitsgruppe 4, aber auch der
und Jugend durchgeführt. Teilgenommen haben beteiligten Beratungsstellen und Verbände wird
neben Vertreterinnen und Vertretern weiterer Bun­ Handlungsbedarf weit über das der Gruppe gesteckte
desressorts und des Bundesamts für Migration und Themenfeld hinaus geltend gemacht. Migrantinnen
Flüchtlinge Abgeordnete des Deutschen Bundestages, sehen sich in allen Bereichen des täglichen Lebens
Vertreterinnen und Vertreter der Länder und der kom­ mit Vorurteilen konfrontiert, die ihnen gleichbe­

87

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4.4.
rechtigte Teilhabe am gemeinschaftlichen Leben in
Deutschland und den gleichberechtigten Zugang
Viele der Teilnehmenden äußerten den Wunsch, den
begonnenen konstruktiven Gesprächsprozess nach
etwa zu Bildung, Beruf und Gesundheits- und sozialen Abschluss der Arbeitsgruppe 4 fortzuführen.
Regeldiensten durch die Verflechtung von Benach­
teiligungen aufgrund des Geschlechts, der Herkunft
sowie eventuell der Religion erschweren. Tatsächliche
Gleichstellung muss noch verwirklicht, Antidiskrimi­ Unterarbeitsgruppe 1
nierungsregelungen müssen durchgesetzt werden. In ‚Integration durch Recht;
allen Lebensbereichen besteht Bedarf zur Verbesse­
rung der Information der Migrantinnen, aber auch Partizipation‘
der Information über sie, ihre besondere Rolle im
Integrationsprozess und ihre spezifischen Bedürfnisse Grundlage der Unterarbeitsgruppe 1 war eine
und Probleme. Der Ausbildung und konsequenten Annäherung an die integrativen Möglichkeiten der
Umsetzung von Kultursensibilität kommt in allen deutschen Rechtsordnung und die Mitwirkung der
Bereichen besondere Bedeutung zu. Migrantinnen an der Gestaltung der Gesellschaft
durch das Recht. Unter dem Oberthema ‚Integration
Das weitgehende Ausklammern ausländerrechtlicher durch Recht‘ wurden bestimmte Themen zur Diskus­
Fragestellungen aus den Arbeiten am Nationalen sion gestellt und insbesondere die Frage nach Inte­
Integrationsplan wurde in der Arbeitsgruppe 4 von grationshemmnissen in Teilbereichen des deutschen
vielen bedauert und aus den Reihen der nichtstaatli­ Zivil- und Strafrechts und möglichen Handlungsopti­
chen Teilnehmenden wiederholt kritisiert. Aus ihrer onen zu ihrer Überwindung aufgeworfen. Im Bereich
Sicht wären insbesondere vertiefte Erörterungen der ‚Partizipation‘ wurden die Möglichkeiten zur
und Bewertungen der im Rahmen der Arbeiten am Verbesserung der Teilhabe der Migrantinnen an den
‚Richtlinienumsetzungsgesetz‘ diskutierten Ände­ gesellschaftlichen und politischen Prozessen disku­
rungen des Ausländerrechts wünschenswert gewesen. tiert, die ihrerseits Normen und Werte maßgeblich
Einige merkten an, ein nationales Integrationskon­ mitgestalten.
zept müsse auch und gerade die Migrantinnen und
Migranten in den Blick nehmen, die nur geduldet und
gar illegal in Deutschland aufhältig seien.

1. Themenschwerpunkt: einer breiteren Öffentlichkeit bewusst gemacht, dass


Integration durch Recht Migrantinnen innerhalb des gesamtgesellschaft­
lichen Problems innerfamiliärer Gewalt gegen Frauen
Schutz vor Gewalt im persönlichen Umfeld, spezifischen und besonders massiven Formen von
Zwangsverheiratung, Information und Beratung Gewalt und Zwang ausgesetzt sind. Diese stehen im
Als Schwerpunkt der Arbeit haben sich aus dem der Widerspruch zu unserer Rechtsordnung. Wirksam
Gruppe zugrunde liegenden Thementableau die The­ werden können allerdings nur Gesetze, die bekannt
menfelder Schutz vor Gewalt im persönlichen Umfeld sind und durchgesetzt werden können. Grundvoraus­
im Allgemeinen und vor Zwangsverheiratung im setzung dafür ist die Information der Migrantinnen
Besonderen herausgebildet; weitere Themen vertieft über ihre rechtlichen Möglichkeiten und bestehende
zu erörtern war in der Kürze der Zeit nicht möglich. Beratungs- und Hilfsangebote.
Die Teilnehmenden hoffen jedoch, einen Impuls
geben zu können für vergleichbar offene und kons­ Häusliche Gewalt einschließlich spezifischer Formen
truktive Diskussionen über Möglichkeiten zur Verstär­ von Gewalt (wie etwa Genitalverstümmelung) und
kung der Integrationsleistung des geltenden Rechts Zwangsverheiratung betreffen Migrantinnen viel­
auch außerhalb des Nationalen Integrationsplans. fach in besonderer Weise. Besonders betroffen sind
die Frauen und Mädchen, die noch am Anfang des
Integrationsprozesses stehen, daneben aber auch und
1.1 Bestandsaufnahme gerade Migrantinnen, deren Lebenseinstellung und
Lebensweise nicht mehr den von Kultur und Sitten
In den vergangenen Jahren ist unter unterschied­ der ehemaligen Heimat der Eltern geprägten Erwar­
lichen Aspekten darüber diskutiert worden, ob die tungen in Familie und sozialem Umfeld entsprechen.
geltende Rechtslage der spezifischen Situation von Opfer sind auch Männer, deren Familien die Zwangs­
Migrantinnen in unserer Gesellschaft und ihren verheiratung als erzieherische Maßnahme einsetzen
besonderen Problemen ausreichend Rechnung trägt. wollen. Betroffen sind außerdem Lesben und Schwule,
Ausgangspunkt war häufig die Medienberichter­ bei denen Eltern mit der Zwangsverheiratung eine
stattung über tragische Fälle von Gewalt. Sie haben heterosexuelle Lebensweise durchsetzen wollen.

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Zum Schutz von Migrantinnen vor häuslicher Gewalt
und Zwangsverheiratung kann das Aufenthaltsrecht
4.4.

Religion – und deshalb konkret auch mit dem Islam –


in Verbindung gebracht. Zwangsverheiratung kommt
beitragen. In diesem Zusammenhang wurden die aber keineswegs nur in muslimischen Familien vor.
Voraussetzungen eines eigenständigen Aufenthalts­
rechts nachziehender Ehefrauen, das Erlöschen der Auf Bundesebene liegt in Bezug auf den Aspekt
Aufenthaltserlaubnis grundsätzlich sechs Monate „Gewalt gegen Migrantinnen“ bislang nur eine einzige
nach Verlassen der Bundesrepublik Deutschland und Studie mit quantitativen Ansätzen vor. Auch der
die Forderungen nach einem Recht auf Wiederkehr Zweite Periodische Sicherheitsbericht der Bundesre­
thematisiert. Von einigen wurde auf die mit einem gierung vom November 2006 mahnt – im Zusammen­
unsicheren Aufenthaltsstatus verbundene besondere hang mit der Problematik eines etwaigen erhöhten
Gefährdungslage für Frauen und ihren Wunsch nach Opferrisikos der ausländischen Bevölkerung – weitere
einer reellen und möglichst dauerhaften Bleibepers­ Forschung an. Es deutet einiges darauf hin, dass Tür­
pektive aufmerksam gemacht. In Stellungnahmen kinnen eine relativ hohe Viktimisierungsgefährdung
von Nichtregierungsorganisationen wurden die im im Bereich körperlicher und sexueller Gewalt vor­
Rahmen der Arbeiten am ‚Richtlinienumsetzungs­ rangig durch den Partner aufweisen. Eine insgesamt
gesetz‘ diskutierten Maßnahmen wie der Ausschluss noch höhere Gewaltbetroffenheit weisen Flüchtlings­
des Ehegattennachzugs für Zwangsverheiratete sowie frauen auf. Frauen mit unsicherem Aufenthaltsstatus
zusätzliche Voraussetzungen für den Ehegatten­ scheinen zusätzlich von psychischer und struktureller
nachzug wie ein Mindestalter und der Nachweis von Gewalt betroffen zu sein. Die bisherigen Befunde
Sprachkenntnissen kritisch hinterfragt. Eine vertiefte signalisierten einen speziellen Unterstützungs- und
Diskussion der aufenthaltsrechtlichen Aspekte, die Hilfebedarf.
aus Sicht vieler Teilnehmender hätte zielführend sein
können, erfolgte mit Blick auf das insoweit fehlende Auch über das Ausmaß von Zwangsverheiratungen
Mandat der Gruppe nicht. sind deutschlandweit keine gesicherten Daten verfüg­
bar. Eine Verbesserung der empirischen Grundlage
Zwangsverheiratung ist bereits nach geltendem wäre für die effiziente Bekämpfung der Zwangsver­
Recht eine Straftat. Seit 2005 ist die Zwangsverhei­ heiratung einschließlich der Bedarfsermittlung für
ratung ausdrücklich als besonders schwerer Fall der Beratungsangebote und Schutzeinrichtungen auf
Nötigung (Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu kommunaler und Landesebene hilfreich und könnte
fünf Jahren) erfasst. Die Sinnhaftigkeit eines neuen, zudem einer verzerrten öffentlichen Wahrnehmung
eigenen Straftatbestandes Zwangsverheiratung ist, entgegenwirken, wonach Zwangsverheiratung aus­
insbesondere zwischen den Migrantinnen, kontrovers schließlich ein Problem des Islam und eine Vielzahl
diskutiert worden. Die Befürworter beziehen sich auf der muslimischen Frauen zwangsverheiratet seien.
eine erwartete Signal- und Sensibilisierungswirkung
insbesondere auch in Bezug auf Behörden und Justiz. Unverzichtbar sind Information und Aufklärung.
Die Gegner und Skeptiker verweisen auf das Stigma­ Neben staatlich initiierten oder unterstützten Infor­
tisierungspotenzial einer einseitig auf das Strafrecht mationskampagnen muss Aufklärung durch die Orga­
fixierten Diskussion, auf die Gefahr, dass dadurch die nisationen der Migrantinnen und Migranten selbst
ausländerrechtliche Seite des Problems aus dem Blick erfolgen. Insbesondere Männer mit Migrationshinter­
zu geraten drohe und auf Umgehungsmöglichkeiten. grund sind auf diese Weise besser erreichbar als allein
Zunächst einmal müsse die Wirkung der letzten mit behördlicher oder staatlicher Aufklärung. Nur
Strafrechtsänderung (Anzeigeverhalten von Opfern, wenn auch die spezifische Situation und die Probleme
Anzahl und Ergebnisse von Strafverfahren) ausge­ zugewanderter Männer und Jungen berücksichtigt
wertet werden. Es besteht Einigkeit in dem Befund, werden, kann es zu einer nachhaltigen Verbesserung
dass ein eigener Straftatbestand die tatsächlichen der Situation von Migrantinnen und einem Abbau von
Probleme der Betroffenen nicht lösen und die erfor­ Gewalt kommen.
derlichen Präventions- und Kriseninterventionsmaß­
nahmen nicht ersetzen kann. Problematisch sind das Fehlen von geeigneten Schutz­
einrichtungen in verschiedenen Bundesländern
Es wurden Befürchtungen geäußert, dass die öffent­ für gewaltbetroffene Migrantinnen mit erhöhtem
liche Debatte über Zwangsverheiratungen der Schutzbedarf, für die die Betreuungs- und Sicherheits­
Integration insbesondere der Migrantinnen und Mig­ standards der Frauenhäuser nicht ausreichen, der
ranten mit muslimischem Hintergrund geradezu ent­ Mangel an überregionalen Zufluchtsstätten sowie die
gegenwirke, weil sie vor dem Hintergrund erheblicher Finanzierung bereits bestehender Einrichtungen. Für
Informationsdefizite in der Mehrheitsgesellschaft zu junge Männer fehlen solche Angebote bisher gänzlich.
einem „Generalverdacht“ gegen Ehen zwischen Mus­ Die verbreitete Pro-Kopf-Finanzierung (über ein­
limen (Kriminalitätsverdacht) geführt habe. Einigkeit zelfallbezogene Tagessätze) führt wegen der häufig
bestand darin, dass gerade in diesem Feld Präzision zeitraubenden Antragsverfahren, der oft ungeklärten
erforderlich ist: Traditionell patriarchalische Famili­ örtlichen und sachlichen Zuständigkeit der Behörden
enstrukturen werden zwar lebensweltlich häufig mit und bei jungen Volljährigen, die nicht aufgenommen

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4.4.
werden können, sofern das Jugendamt eine Kostentra­
gung abgelehnt hat, zu Problemen. Für die Betreuung
Frauenspezifische Angebote für Migrantinnen bereits
im Zeitpunkt der Zuwanderung könnten sicherstellen,
von Kindern und Jugendlichen erweist es sich als dass zielgruppenorientiert unmittelbar, etwa über
problematisch, dass fast alle Hilfen von der Beantra­ die Rechte der Frauen, informiert wird. Auch müssen
gung durch die Eltern abhängig sind. Einzelfallbezo­ präventive Einrichtungen, wie beispielsweise Mäd­
gene Finanzierung und ggf. Residenzpflicht führen chentreffs erhalten bzw. geschaffen und eine konse­
bei Migrantinnen mit unsicherem oder fehlendem quente Sozialarbeit im Sinne einer niedrigschwelligen
Aufenthaltsstatus zu besonderen Schwierigkeiten. präventiven und offenen Jugendarbeit gewährleistet
werden. Aus dem Kreis der Teilnehmenden wurde
eine stärkere Wahrnehmung von Integrationsaufga­
1.2 Zielbestimmungen ben durch die Ausländerbehörden angeregt.

Ziel ist es, die Migrantinnen über ihre grundlegenden Wenn Migrantinnen bereits Opfer geworden sind,
Rechte gerade auch in ihrem häuslichen Umfeld zu müssen sie Rahmenbedingungen vorfinden, die effizi­
informieren und sie durch geeignete Beratungs- und enten Schutz gewähren.
Unterstützungsangebote in die Lage zu versetzen, von
ihrem Selbstbestimmungsrecht tatsächlich Gebrauch Wirkungsvoller Schutz setzt auch voraus, dass alle pro­
zu machen. Die Erkenntnis, dass bestimmte Rege­ fessionell mit solchen Sachverhalten befassten Stellen
lungen und Normen, denen sie in ihrem familiären insbesondere bei Behörden, Polizei und Justiz sich der
Umfeld unterworfen sind, mit Grundvorstellung der besonderen Sicherheits- und Problemlagen bewusst
Rechtsordnung des Landes, in dem sie leben, nicht ver­ sind und diese bei ihren Maßnahmen berücksichtigen
einbar sind, ist wesentliche Voraussetzung dafür, sich können. Im Kontext der gebotenen Fortbildung und
aus Zwängen und Gewaltbeziehungen zu lösen und Sensibilisierung unter anderem von Richtern und
etwa das Recht auf freie Partnerwahl durchzusetzen. Staatsanwälten soll auf regionale Angebote der Län­
Durch geeignete präventive Maßnahmen muss der der besonderes Augenmerk gelegt werden.
Gewalt im persönlichen Umfeld und Zwangsverheira­
tungen entgegengewirkt werden. Opfer häuslicher Gewalt und von Zwangsverheiratung,
die Aufnahme in einer Schutzeinrichtung gefunden
Erforderlich sind verbesserte empirische Erkennt­ haben und versteckt („legal unsichtbar gemacht“)
nisse, die nicht nur Aufschluss über den quantitativen werden müssen, sind zu ihrem effektiven Schutz
Umfang des Problems erbringen können, sondern besonders darauf angewiesen, dass der Datenschutz
auch darüber, welche Bevölkerungsgruppen aus (etwa bei Krankenkassen, Arbeits- und Einwohner­
welchen Gründen davon betroffen sind. Angeführt meldeämtern) auch und gerade im Verhältnis zu
werden hier immer wieder etwa die sozialen Verhält­ ihrer Familie strikt beachtet wird. Generell sind beim
nisse, ein religiöses Verständnis, patriarchalische Vollzug bestehender Gesetze ausreichende Kenntnisse
Familienstrukturen, der Rekurs auf archaische Famili­ und angemessener Umgang mit den besonderen
envorstellungen in Folge der Unsicherheit der Migra­ Problemen der Migrantinnen bei den unmittelbar
tionssituation und die Zugehörigkeit zu einer kleinen involvierten Berufsgruppen erforderlich. Im Rahmen
religiösen oder ethnischen Minderheit. von Polizeieinsätzen bei häuslicher Gewalt ist etwa
der Einsatz neutraler Dolmetscherinnen und Dolmet­
Daneben bedarf es der Information der (potenziellen) scher sachgerecht. In diesen Fällen ist es nicht immer
Opfer und der Täter (u. a. zur Entwicklung von sinnvoll, den Mann aus der Wohnung zu weisen, son­
Unrechtsbewusstsein) und einer verstärkten Öffent­ dern im Einzelfall erfolgversprechender, das Opfer in
lichkeitsarbeit etwa durch Informationskampagnen. einem Frauenhaus unterzubringen.
Bei einer umfassend angelegten Aufklärungskam­
pagne sollte die einseitige Konzentration auf das Schließlich brauchen Opfer von Gewalt und Zwangs­
Thema Zwangsverheiratung sowie stigmatisierende verheiratung sichere Zufluchtsorte. Eine überregio­
Zuschreibungen vermieden und das Selbstbestim­ nale Organisation von Kriseneinrichtungen ist – im
mungsrecht der Frauen sowie deren Recht auf freie Hinblick darauf, dass Frauen häufig gerade außerhalb
Partnerwahl in den Mittelpunkt gestellt werden. des Ortes der Geschehnisse versteckt werden müssen –
zu empfehlen. Anstelle einer Tagessatzfinanzierung
Des Weiteren ist eine quantitative und qualitative sollte jedenfalls eine bestimmte Anzahl von Frauen­
Verbesserung des Beratungsangebotes insbeson­ häusern und sonstigen geeigneten Zufluchtsstätten
dere im Bereich niedrigschwelliger Angebote sowie für von häuslicher Gewalt und Zwangsverheiratung
aufsuchender Beratungsstrategien mit Sprachmittle­ Betroffene durch eine generelle institutionelle För­
rinnen und -mittlern erforderlich. Neben der interkul­ derung gesichert werden. Wünschenswert ist dabei
turellen Öffnung der Regelberatungsangebote und eine bundesländerübergreifende Kooperation und
der Kooperation von Frauenhilfeeinrichtungen mit Finanzierung. Die Entscheidung über Aufnahme und
Migrationsberatungsstellen und Regeldiensten sind Aufenthaltsdauer in einer Schutzeinrichtung sollte
spezielle kultursensible Beratungsangebote nötig. vom konkreten Schutz- und Unterstützungsbedarf

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und nicht von der Kassenlage der Finanzierungsträger
abhängen. Von den Möglichkeiten des SGB VIII sollte
4.4.

Hilfen aufklärt. Er ist ein niedrigschwelliges


zielführend Gebrauch gemacht werden. Informationsinstrument und soll praktische Hilfen
und Anleitungen geben, was bei einer konkreten
Hilfreich wären die interkulturelle Öffnung vorhan­ Bedrohung getan werden kann.
dener Strukturen, die bessere Zusammenarbeit und
Vernetzung aller Akteure sowie die zusätzliche Bereit­ ■ Sensibilisierung der Beraterinnen und Berater der
stellung von Fördermitteln. Migrationserstberatung und der Frauenkursleite­
rinnen für die Themen Zwangsverheiratung und
Gewalt im persönlichen Umfeld: Das Bundesamt
1.3 Maßnahmen und Selbstverpflichtungen für Migration und Flüchtlinge wird prüfen, wie
Beraterinnen und Berater der Migrationserstbera­
Es wurden die folgenden Maßnahmen und Selbstver­ tung und Kursleiterinnen der niederschwelligen
pflichtungen zum Themenfeld eingebracht: Frauenkurse durch Thematisierung in den Fortbil­
dungsveranstaltungen und Vernetzung mit den
Maßnahmen und Selbstverpflichtungen der entsprechenden Stellen in die Lage versetzt werden
Bundesregierung (bzw. in der Regelungs­ können, Ratsuchende zu den Themen Zwangsver­
zuständigkeit des Bundes) heiratung und Gewalt im persönlichen Umfeld
an entsprechend qualifizierte Beratungsstellen
■ Unter Federführung des Bundesministeriums für weiterzuvermitteln.
Familie, Senioren, Frauen und Jugend wird der Beginn: 3. Quartal 2007
‚2. Aktionsplan der Bundesregierung zur Bekämp­
fung von Gewalt gegen Frauen‘ erarbeitet, der ■ Die Beauftragte der Bundesregierung für Migra­
einen Schwerpunkt auf die Bekämpfung von tion, Flüchtlinge und Integration wird prüfen, in
Gewalt gegen Frauen und Mädchen mit Migra­ welcher Weise die Bundesregierung durch ihre
tionshintergrund legt. In diesem Rahmen sollen Öffentlichkeitsarbeit im Rahmen einer Imagekam­
Maßnahmen gegen Zwangsverheiratungen auf­ pagne zu einem Abbau von Stereotypen und Vorur­
genommen werden. Der Sicherung der Datenlage teilen gegenüber Migrantinnen in der Mehrheits­
zum Thema Gewalt gegen Migrantinnen insgesamt gesellschaft beitragen kann. Eine entsprechende
wird u. a. zentrale Bedeutung beigemessen. Imagekampagne wäre unter Einbeziehung der
Verbände der Migrantinnen zu entwickeln.
■ Um die Datenlage und die bisher fehlende wissen­ Beginn: 3. Quartal 2007
schaftliche Aufarbeitung des Themas zu verbessern,
wird im Auftrag des Bundesministeriums für Fami­ ■ Zur Unterstützung der Akteurinnen und Akteure auf
lie, Senioren, Frauen und Jugend eine Studie zu einer allen staatlichen und nichtstaatlichen Ebenen, die
bundesweiten Evaluierung von Praxisarbeit im Bereich sich mit der Integration von Migrantinnen und Mig­
Zwangsverheiratung bis Mai 2007 erstellt. ranten befassen, wird die Beauftragte der Bundesre­
Zudem wird bis Ende Mai 2007 in Zusammenarbeit gierung für Migration, Flüchtlinge und Integration
mit dem Deutschen Institut für Menschenrechte die Einrichtung einer Webseite ‚Integration‘ initiieren
ein Reader zum Thema Zwangsverheiratung entste­ und unterstützen, auf der über vorhandene Maßnah­
hen. In dem Reader sollen Zwischenergebnisse men und Best-Practice-Beispiele aus allen Feldern
aus der Praxisevaluation präsentiert werden und der Integrationspolitik informiert wird.
Beiträge von Autoren und Autorinnen, die schon Zeitschiene: ab 3. Quartal 2007
im Themenbereich Zwangsverheiratung gearbeitet
haben, aufgenommen werden. In diesen Beiträgen
soll auf Phänomene und Ursachen der Zwangsver­ Vorschläge für Maßnahmen und Selbstverpflich­
heiratung, Aspekte der Genderdimension, recht­ tungen der Länder und Kommunen (bzw. in
liche Rahmenbedingungen und auf Präventions­ der Regelungszuständigkeit von Ländern und
und Interventionsmöglichkeiten eingegangen Kommunen)
werden.
Aus diesen Arbeiten heraus sollen die Definitionen Der integrationspolitische Beitrag der Länder zum
und Fragestellungen für eine größere qualitative Nationalen Integrationsplan wird noch erarbeitet. Die
und quantitative Studie entwickelt werden. Kommunalen Spitzenverbände befinden sich derzeit
noch im intensiven Austausch mit ihren Mitgliedern
■ Mit Förderung des Bundesministeriums für Familie, und werden ihren Beitrag im weiteren Verfahren
Senioren, Frauen und Jugend wird noch im Jahre darstellen.
2007 ein Nothilfe-Flyer entwickelt, der Migran­
tinnen, die von Zwangsverheiratung bedroht oder ■ Vorgeschlagen wurde die Erörterung einer bundeslän­
betroffen sind, über ihre Rechte und verfügbare derübergreifenden Kooperation und gemeinsamen
Finanzierung von geeigneten Zufluchtsstätten/

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4.4.
Schutzeinrichtungen für von häuslicher Gewalt/
Zwangsverheiratung betroffene bzw. bedrohte durchzuführen, die Migrantinnen über ihre Rechte
und andere stark gefährdete Migrantinnen mit aufklärt. Dazu sollen in den regionalen Gruppen
erhöhtem Schutzbedarf, für die die Betreuungs- des Verbands Informationsveranstaltungen in
und Sicherheitsstandards der Frauenhäuser nicht türkischer und/oder deutscher Sprache stattfinden.
ausreichen. Ziel soll sein, mangelnde Kenntnisse über recht­
liche Möglichkeiten und Ansprüche durch ziel­
■ Im Rahmen einer Maßnahme zu möglichen Proble­ gruppenorientierte Informationsveranstaltungen
men bei der Anwendung des SGB VIII bei der Unter­ zu beheben.
stützung von von Zwangsverheiratung Betroffenen Zeitschiene: 2008 bis 2009
und Bedrohten soll in einer Arbeitsgemeinschaft
festgestellt werden, ob und welche Defizite beste­ ■ „ihre Freiheit – seine Ehre.“ ist ein Aktionsbündnis der
hen und wie diese behoben werden können. Die Migrantenselbstorganisationen in NRW und des
Arbeitsgruppe soll ggf. Empfehlungen für die kom­ Ministeriums für Generationen, Familie, Frauen
munale Ebene formulieren. An der Arbeitsgruppe und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen,
nehmen eine Vertreterin oder ein Vertreter des das sich gegen Gewalt im Namen der Ehre einsetzt.
Deutschen Städtetages, des Bundesministeriums Im Mittelpunkt der Kampagne steht eine Postkar­
für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und von tenaktion, die gemeinsam von den Migrantenselb­
Papatya – Kriseneinrichtung für junge Migran­ storganisationen und dem Integrationsministe­
tinnen in Berlin teil. Es ist möglich, den Teilnehmer­ riums entwickelt wurde. Der Bundesverband der
und Teilnehmerinnenkreis noch zu erweitern. Die Migrantinnen in Deutschland e. V. ist dem Aktions­
Mitwirkung einer Vertreterin/eines Vertreters der bündnis angeschlossen und wird sich an Aktionen
Länder ist wünschenswert. im Rahmen der Kampagne weiterhin beteiligen.

■ Der Zentralrat der Muslime in Deutschland e. V. wird


Maßnahmen und Selbstverpflichtungen zweisprachige Informationsblätter/Info-Mails für die
der nichtstaatlichen Institutionen und angeschlossenen Moscheegemeinden zu den The­
Organisationen men Zwangsverheiratung und häusliche Gewalt
erstellen, wobei hier jeweils zwei Bereiche abge­
■ Das Deutsche Institut für Menschenrechte bietet auf deckt werden, und zwar
Anfrage in Zusammenarbeit mit Experten/innen a) der rechtliche Rahmen in der Bundesrepublik
zielgruppenspezifische Workshops zum Thema und die existierenden Beratungs- und Unterstüt­
Zwangsverheiratung als Menschenrechtsthema an. zungsmöglichkeiten, Informationen über Ver­
Die Workshops bauen auf den Erfahrungen zweier anstaltungen (Vorträge, Diskussionsgruppen) zu
bereits durchgeführter Veranstaltungen auf. Die diesen Themen.
Angebote richten sich an Berufsgruppen, die mit b) die Aussagen, die die Religion zu diesem Thema
von Zwangsverheiratung und anderen Formen trifft (Verbot der Zwangsehe, Forderung von part­
innerfamiliärer Gewalt Betroffenen und Bedrohten nerschaftlichem Verhalten in der Ehe, Aushalten
in Kontakt kommen. von Ungerechtigkeit ohne selbst ungerecht zu wer­
den, Umgang mit Älteren Unterstützung, Verant­
➤ Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und wortlichkeit vor Gott bzgl. der eigenen Gesundheit).
Ausländerbehörden Es wird angeregt, diese Themen innerhalb der
Freitagspredigten zu thematisieren.
➤ Schule, Jugend- und Sozialämter
■ Der Zentralrat der Muslime in Deutschland e. V. wird
➤ Justiz und Polizei das Gespräch mit Behörden und Justiz suchen
und die Möglichkeiten prüfen, Informationen über
Zeitschiene: fortlaufend die Aussagen der Religion zu rechtlich relevanten
Themen bzw. Themen, die für Behörden und
■ TERRES DES FEMMES e. V. wird voraussichtlich ab Justiz von besonderem Interesse sind, an diese
August 2008 Weiterbildungsangebote zu frauen­ heranzutragen.1)
spezifischen Teilaspekten von Integration und Frauen-/
Menschenrechten in Kooperation mit verschiedenen ■ Papatya – Kriseneinrichtung für junge Migrantinnen
Bildungsträgern und dem Deutschen Institut für in Berlin wird sich weiterhin als Stimme und Lobby
Menschenrechte vorhalten. für die von ihr betreute Gruppe von Mädchen und

■ Der Bundesverband der Migrantinnen in Deutschland 1 Die Möglichkeiten eines solchen Dialogs werden auch
Gegenstand der Beratungen im Rahmen der Deutschen Islam­
e. V. plant, eine breit angelegte Informationskam­
konferenz sein, die auf Einladung von Bundesinnenminister
pagne „Frauen haben Rechte“ zu entwickeln und Dr. Wolfgang Schäuble seit September 2006 tagt.

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jungen Frauen, die von familiärer Gewalt betroffen
4.4.

Hilfeangebote bei häuslicher Gewalt immer noch


sind, einsetzen. Sie wird insbesondere auch in der zu wenig verbreitet ist, sollen Frauenhäusern
Praxis gewonnene Erkenntnisse über Zugangs­ verschiedene, in unterschiedlichen Kontexten
hürden ins Hilfesystem und durch Institutionen einsetzbare Informationsmaterialien an die Hand
veränderbare Probleme bei der Entwicklung einer gegeben werden. So werden sich Materialien z. B.
selbstbestimmten Lebensperspektive in die Fachöf­ an Betroffene, an das soziale Umfeld und an Koope­
fentlichkeit bringen. Hierzu wird Papatya an einer rationspartnerInnen richten. In der äußeren und
Arbeitsgruppe zur Entwicklung von Handlungs­ sprachlichen Gestaltung sollen diese Materialien
richtlinien für Behörden teilnehmen (s.o.). die Schutz- und Hilfeangebote des Frauenhauses
auch Frauen nahe bringen, die dazu bisher keinen
■ Papatya – Kriseneinrichtung für junge Migrantinnen Zugang hatten. Um auch und gerade Migrantinnen
wird alles Nötige dafür unternehmen, dass die seit zu erreichen, sollen zumindest die Basisinformati­
drei Jahren erprobte interkulturelle Onlineberatung onen in verschiedene Sprachen übersetzt werden.
für gewaltbetroffene junge Migrantinnen weiter­
hin erhalten bleiben kann und verpflichtet sich ■ „Prävention von häuslicher Gewalt“ ist Querschnitts­
deshalb, sich um die Weiterfinanzierung der dazu aufgabe. Das Begegungs- und Fortbildungszentrum
nötigen Personalstellenanteile zu bemühen. muslimischer Frauen e. V. in Köln – BFmF e. V. – wird
Kosten: ca. 50.000 Euro pro Jahr im Rahmen der Kurse, Beratungen und sonstiger
Veranstaltungen an seiner Einrichtung die Gewalt­
■ Papatya – Kriseneinrichtung für junge Migrantinnen problematik thematisieren und das BFmF e. V. mit
wird außerdem bestehende europaweite Kontakte seinen kultursensiblen Beratungsangeboten als
zum Schutz junger Migrantinnen pflegen und Anlaufstelle für Migrantinnen in Not bekannt
erweitern und die Erfahrungen und Erkenntnisse machen.
aus anderen europäischen Einwanderungsländern
immer wieder auch in die deutsche Fachdebatte ■ Darüber hinaus wird das Begegnungs- und Fortbil­
einbringen. dungszentrum muslimischer Frauen e. V. – im Rah­
men seiner Möglichkeiten – Polizeidienststellen
■ Papatya – Kriseneinrichtung für junge Migrantinnen und sozialen Einrichtungen seine Unterstützung
verpflichtet sich überdies zur bundesweiten Koopera­ als Kulturmittlerin in Fällen häuslicher Gewalt
tion und Vernetzung mit anderen Organisationen im bereitstellen. Im Falle einer finanziellen Förde­
Anti-Gewalt-Bereich. rung könnte BFmF e. V. diese Hilfestellung, welche
immer häufiger von staatlichen Stellen angefragt
■ Frauenhauskoordinierung e. V., Frankfurt/Main, wird wird, besser gewährleisten.
im Rahmen der fortlaufenden Aktivitäten und Maß­
nahmen der Lebenslage von Migrantinnen weiterhin ■ Über türkische Medien, wie Privatsender (Türk­
besondere Aufmerksamkeit widmen. Migrantinnen­ show, Samanyslu TV, TGRT, Kanal Avrupa, ATV),
spezifische Aspekte werden sowohl im Rahmen von Rundfunk, Printmedien und das Internet wird das
Informationsmaterialien und Stellungnahmen als Begegnungs- und Fortbildungszentrum muslimischer
auch im Rahmen von Fachtagungen und Veranstal­ Frauen e. V. versuchen, eine größere Zahl türkischer
tungen berücksichtigt. Migrantenfamilien in Deutschland für das Problem
der häuslichen Gewalt zu sensibilisieren. Bei ent­
■ In der Reihe der von der Frauenhauskoordinierung sprechender Finanzierung bestünde die Möglich­
e. V. herausgegebenen „Rechtsinformationen für keit, die Sender für eine kontinuierliche Aufklärungs­
Frauen in Frauenhäusern mit Anspruch auf ALG II arbeit mittels türkischer Medien zu gewinnen und
nach dem SGB II“ wird sich die nächste Ausgabe auf eine bessere Information türkischer Migrantinnen
die besonderen Probleme und Leistungsansprüche in Deutschland sicherzustellen. Die Einrichtung
von Migrantinnen beziehen. Sie wird im Herbst eines Beratungstelefons, dessen Nummer während
2007 fertiggestellt. der Sendungen eingeblendet bliebe, könnte eine
solche regelmäßige Aufklärungsarbeit ergänzen.
■ Frauenhauskoordinierung e. V. wird das vorliegende
„Rechtsinfo: Migrantinnen – Aufenthaltsrecht in ■ Das Begegungs- und Fortbildungszentrum musli­
Härtefällen nach § 19 AuslG“ von 1999, eine Arbeits­ mischer Frauen e. V. wird seine Aufklärungsarbeit in
hilfe für Frauenhausmitarbeiterinnen, im Jahre Moscheegemeinden ausbauen. Es wird seine Kon­
2008 vollständig überarbeitet neu auflegen. takte zu Moscheegemeinden intensivieren, um
dort Veranstaltungen zum Thema Gewalt anzu­
■ Frauenhauskoordinierung e. V. plant außerdem für bieten und unsere Einrichtung als Anlaufstelle für
2008/09 ein „Medienpaket Frauenhäuser“. Ange­ Fragen zu familieninternen Konflikten und Gewalt
sichts der Tatsache, dass Wissen über Schutz- und vorzustellen. Die Aufklärung von potenziellen

93

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4.4.
Opfern und Tätern in muslimischen Kreisen soll Gewalt betroffene oder bedrohte Frauen qualifi­
im Rahmen einer solchen Kooperation ermöglicht ziert unterstützen können.
werden. Einerseits soll ein Unrechtsbewusstsein bei
Männern entwickelt und geschärft werden. Ande­ ➤ sind Träger zahlreicher Schutzeinrichtungen
rerseits werden Frauen über ihre Rechte und über für von Gewalt betroffene Frauen (Frauenhäuser
Möglichkeiten und Anlaufstellen informiert. etc.), die auch von Migrantinnen in Anspruch
genommen werden. Die Verbände der BAGFW
■ Die Muslimische Akademie in Deutschland bereitet werden die Vernetzung und verstärkte Koopera­
derzeit Module für Imamfortbildungen vor. Im tion dieser Einrichtungen mit Migrationsdiensten
Rahmen der Fortbildungen für Seelsorgerinnen und fördern, um betroffenen Frauen mit Hilfe geeig­
Seelsorger sowie weitere Multiplikatorinnen und neter Maßnahmen (z. B. Familienberatung, Medi­
Multiplikatoren islamischer Gemeinden verpflichtet ation, Konfliktprävention, Sprachkursen) Wege
sich die Akademie, Maßnahmen zur Sensibilisierung aus dem gewaltgeprägten Umfeld zu eröffnen.
und Schulung zu den Themen familiäre Konflikte und
häusliche Gewalt zu entwickeln. ■ Der Deutsche Juristinnenbund (djb) hat nach
Zeitrahmen: ab Herbst 2007 Abschluss der Arbeiten an diesem Bericht folgende
Selbstverpflichtungen nachträglich eingebracht:
■ Die Mitgliedsverbände der Bundesarbeitsgemeinschaft
der Freien Wohlfahrtspflege e. V. – BAGFW ➤ Die Mitglieder der Fachkommissionen des Deut­
schen Juristinnenbundes (djb), insbesondere
➤ werden sich verstärkt um die Aufklärung von die Mitglieder der Kommission Gewalt gegen
Migrantinnen über familienrechtliche, sozial- und Frauen und Kinder, übernehmen gegen Erstat­
aufenthaltsrechtliche Fragen incl. ihrer recht­ tung der Aufwendungen Fortbildungsaufgaben
lichen Möglichkeiten bei Konflikten bemühen im Rahmen regionaler und überregionaler
und für eine entsprechende Qualifizierung ihrer Informationsveranstaltungen für insbesondere
Mitarbeitenden sorgen. von Gewalt betroffene Migrantinnen und deren
Kinder und/oder die in diesem Zusammenhang
➤ setzen sich dafür ein, dass das Grundrecht auf in Migrantenverbänden tätigen Professionellen
Ehe und Familie auch für hier lebende Migran­ im Rahmen von deren Fortbildung.
tinnen zur Anwendung kommt. Sie unterstützen Zeitdauer: zunächst drei Jahre
Migrantinnen dabei, in Deutschland mit ihrer Kosten: ca. 20.000 Euro pro Jahr je nach
Familie zusammen leben zu können und werden Anforderungshäufigkeit
gesetzliche Regelungen daraufhin überprüfen,
inwieweit diese dem Recht auf Familienleben ➤ Mitglieder des Deutschen Juristinnenbundes
entgegenstehen. übernehmen einjährige Patenschaften und Tuto­
renaufgaben für Berufskolleginnen, die Frauen
➤ streben an, ihre Unterstützungs- und Beratung­ mit Migrationshintergrund aus dem Bereich
sangebote für von Gewalt bedrohten oder betrof­ Justiz, Anwaltschaft und Wirtschaftswissen­
fenen Migrantinnen auszubauen. Sie halten eine schaften sind oder sich in Ausbildung zu diesen
Verbesserung der aufenthalts- und sozialrecht­ Bereichen befinden. Für die Dauer der Paten­
lichen Stellung der von Gewalt betroffenen/oder schaft wird für diese Kolleginnen der Beitrag zur
von Zwangsheirat betroffenen oder bedrohten Mitgliedschaft im djb nicht erhoben.
Frauen für dringend geboten. Sie werden ihre Zeitdauer: drei Jahre
Migrationsdienste und ihre anderen Beratungs­ Kosten: ca. 10.000 Euro pro Jahr
dienste weiter qualifizieren, damit diese von

2. Themenschwerpunkt: zipation von Migrantinnen in Wirtschaft, Politik und


Partizipation Gesellschaft umfassend im Rahmen des Integrations­
plans aufgegriffen werden. Es handelt sich hierbei um
ein Thema, dessen Umsetzung ein Mosaik aus vielen
2.1 Bestandsaufnahme einzelnen Themen und Projekten darstellt und mit
einer Bewusstseinsbildung der Bevölkerung einher­
Die doppelte Herausforderung, die Lebenssituation gehen muss. Hierzu gehört neben einer Verbesserung
von Frauen und Mädchen mit Migrationshintergrund des Zugangs von Migrantinnen zu Ausbildung und
zu verbessern und Gleichberechtigung im Kontext Beruf auch die Organisation und Vernetzung von
von Migration und Integration zu verwirklichen, lässt Migrantinnen und ihren Interessenvertretungen.
sich nur bewältigen, wenn die gleichberechtigte Parti- Zwischen den oft gegensätzlichen Erwartungen der

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eigenen Familie, der eigenen community und den
Erwartungen der deutschen Aufnahmegesellschaft
2.2 Zielbestimmungen
4.4.

an Art und Umfang der gesellschaftlichen Partizi­ Ziel aller zu initiierenden Maßnahmen muss die
pation müssen die Migrantinnen Wege suchen, bei Verbesserung der gesellschaftlichen und politischen
denen vielfältige Unterstützung gerade auch durch Partizipation von Migrantinnen sein. Hierzu bedarf es
Frauenorganisationen besonders wichtig erscheint. einer Vielzahl von politischen und gesellschaftlichen
Maßnahmen.
Migrantinnen kommen aus sehr verschiedenen
und z. T. anders strukturierten Gesellschaften nach So beeinflussen sich Partizipation und Bildung gegen­
Deutschland – als junge Mädchen im Rahmen des seitig. Solide Sprachkenntnisse, staatsbürgerliche
Familiennachzugs, als junge Frauen, um hier zu Bildung und ein aus eigener Erwerbstätigkeit erwach­
studieren, zu arbeiten oder um einen in Deutsch­ senes Selbstbewusstsein sind unabdingbar für eine
land lebenden Mann zu heiraten. Einige Frauen sind gleichberechtigte Teilhabe von Migrantinnen und die
unfreiwillig oder unter falschen Voraussetzungen Vertretung ihrer eigenen Interessen.
nach Deutschland gekommen. Andere werden – z. B.
aufgrund ihrer Hautfarbe – im Alltag jederzeit als Nachholender Bildung – d. h. sowohl Schulabschlüsse
Migrantinnen wahrgenommen, bei wieder anderen als auch Ausbildung – kommt daher für den Integra­
bleibt der Migrationshintergrund unsichtbar. Manche tionsprozess eine herausragende Bedeutung zu. Sie
Frauen kommen mit der Perspektive nach Deutsch­ muss entsprechend den Bedarfen Betroffener konzi­
land, auf Dauer hier zu leben, andere nur mit einer piert und ermöglicht werden. Zugleich müssen bei
begrenzten Perspektive. Diese Vielfalt mit all ihren der Berufsausbildung die besonderen Kompetenzen
Potenzialen wahrzunehmen, ist eine besondere und Ressourcen von Migrantinnen wertschätzend an
Herausforderung und Aufgabe für alle auf gelingende Arbeitgeber vermittelt werden.
Integration zielenden Maßnahmen und Aktionen.
Migrantinnen selbst können am besten Auskunft
Neben der Notwendigkeit einer emotionalen Öffnung geben, wo sie Handlungsbedarfe und -defizite im
sowohl der Aufnahmegesellschaft wie auch der Mig­ Hinblick auf ihre gesellschaftliche und politische
rantinnen und Migranten zum gegenseitigen besse­ Teilhabe sehen. Daher ist es wichtig, sie und ihre
ren Verständnis und zur Akzeptanz und Toleranz in Selbstorganisationen stärker als bisher in den Inte­
einer multiethnischen Gesellschaft, gibt es Bereiche, grationsprozess einzubeziehen. Mentorinnen aus
in denen eine gezielte Förderung von Projekten oder etablierten deutschen Frauenorganisationen könnten
Einrichtungen die Partizipation der Migrantinnen hier möglicherweise hilfreich sein. Angebote und
verbessern kann. Sozialisationsbedingte und struk­ Maßnahmen müssen gemeinsam mit ihnen und nicht
turelle Benachteiligungen können dabei durchaus für sie konzipiert werden. Maßnahmen, die die beson­
erfolgreich ausgeglichen werden. Migrantinnen, die deren Potenziale und Ressourcen von Migrantinnen
durch Beratung und Bildung aktiv unterstützt werden, aufgreifen, bedürfen der besonderen Unterstützung.
sind in der Lage, sich selbstbewusst gegen Diskri­
minierung sowohl von innerfamiliärer als auch von Die interkulturelle Öffnung von Regeldiensten ist ein
gesellschaftlicher Seite durchzusetzen. besonderes Anliegen der Arbeitsgruppenteilnehmer
und -teilnehmerinnen, da der Eindruck besteht, dass
Wenig Aufmerksamkeit hat bisher die prekäre Lebens­ diese die Migrantinnen und Migranten nicht hin­
situation alleinerziehender Migrantinnen gefunden. reichend erreichen und wenig Kenntnis von deren
Sie haben sich zum Teil aus Lebenslagen befreit, die Lebenssituation haben. Das hier bestehende erheb­
von Gewalt und Unterdrückung geprägt waren, und liche Defizit muss gemeinsam aufgearbeitet werden.
müssen häufig ohne familiäre Unterstützung und
unterstützende Netzwerke ihre Kinder erziehen.
2.3. Maßnahmen und Selbstverpflichtungen
Die Integration der Migrantinnen wird nicht zuletzt
beeinflusst durch die Erwartungen und Haltungen Es wurden die folgenden Maßnahmen und Selbstver­
ihrer Väter, Männer und Brüder. Bei Maßnahmen zur pflichtungen zum Themenfeld eingebracht:
Verbesserung der Partizipation von Migrantinnen ist
daher eine Veränderung des Rollenverständnisses 2.3.1. Maßnahmen und Selbstverpflichtungen
und -verhaltens der Männer in vielen Fällen Vorausset­ der Bundesregierung (bzw. in der
zung gelingender Integration und Partizipation der Regelungszuständigkeit des Bundes)
Migrantinnen.
■ Die Bundesregierung wird das 2005 begonnene
Dialogforum mit muslimischen Frauen fortsetzen.
Im Rahmen dieser Informations- und Kontaktge­
spräche, die das Bundesministerium für Familie,

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4.4.
Senioren, Frauen und Jugend in Kooperation mit mit Migrationshintergrund wie Mehrsprachigkeit,
der Beauftragten der Bundesregierung für Migra­ Auseinandersetzung mit zwei Kulturen, Flexibilität,
tion, Flüchtlinge und Integration und der Musli­ Empathie etc. in ihrer Mehrdimensionalität und
mischen Akademie in Deutschland e. V. durchführt, Vielschichtigkeit als Potenzial und Ressource wahr­
geht es schwerpunktmäßig darum, zunehmen, als Wachstums- und Veränderungs­
impuls für die eigene Praxis wertzuschätzen und
➤ die gleichstellungspolitische Arbeit aller Beteili­ in Anerkennung dieser kulturellen Vielfalt neue
gten darzustellen und sichtbar zu machen, Handlungsoptionen zu entwickeln.
Sich selbst steuernde Lern- und Arbeitsgruppen
➤ die gesellschaftliche Teilhabe von Musliminnen mit Akteurinnen und Akteuren aus den Bereichen
in der Gesellschaft zu verbessern, Wirtschaft/Beratung/Selbstorganisation sollen
durch modellhafte Kooperationen vor Ort und in
➤ bildungs- und familienpolitische relevante Fra­ der gemeinsamen Ausgestaltung eines Projekts mit
gestellungen zu diskutieren, regionalem Bezug qualifizierte Arbeits- und Ausbil­
dungsplätze für junge Frauen mit Migrationshin­
➤ den Forschungsstand zu Musliminnen in tergrund erschließen und bereitstellen. Das Projekt
Deutschland zu analysieren und auf diesem startete in den Standorten Köln und Dresden.
Hintergrund Zeitschiene: Oktober 2006 bis März 2008

➤ die Verständigung über gleichstellungspoli­ ■ Das Modellprojekt ‚Transkulturelles und interreli­


tische Themen von Frauen mit unterschied­ giöses Lernhaus der Frauen‘ fördert die Vernetzung
lichem religiösen und kulturellen Hintergrund und den Austausch von Frauen verschiedener
zu erleichtern. kultureller und religiöser Herkunft und bietet ein
zweijähriges Qualifizierungsprogramm an. An
■ Der Übergang von Schule/Studium in den Beruf den Standorten Frankfurt, Köln und Berlin werden
ist für junge Frauen mit Migrationshintergrund Frauen mit und ohne Migrationshintergrund zur
oft in besonderer Weise belastend. Weil Vorbilder Kulturmittlerin qualifiziert.
sowohl in der Familie als auch im engeren sozialen Das Lernhaus der Frauen geht von der Annahme
Umfeld oft fehlen, stehen sie oft unter besonderem aus, dass Frauen in Integrationsprozessen eine zen­
Rechtfertigungsdruck. Vor diesem Hintergrund trale Bedeutung zukommt. Dabei wird die Unter­
wird im Rahmen des Projekts ‚Network.21 – Leben schiedlichkeit von Religionen, Weltanschauungen
und Arbeiten in der transkulturellen Gesellschaft‘ und Lebensentwürfen zum Ausgangspunkt eines
jungen Frauen (Oberstufenschülerinnen/Studen­ gemeinsamen Lernprozesses. Das ‚Transkulturelle
tinnen) ein Mentoring-Programm als unterstüt­ und interreligiöse Lernhaus der Frauen‘ richtet sich
zendes Netzwerk für die eigene Arbeitsmarkt- und an Frauen, die ehrenamtlich tätig sind, sich enga­
Karriereorientierung angeboten. Es ermöglicht die gieren möchten oder eine berufliche Perspektive
Auseinandersetzung z. B. mit den Geschlechterrol­ suchen. Es stützt sich auf die spezifischen Fähig­
len der eigenen und der neuen Kultur und zielt auf keiten von Frauen unterschiedlicher kultureller
die Förderung politischen Bewusstseins und die und religiöser Herkunft und verschiedener Wert­
Bereitschaft zum bürgerschaftlichen Engagement. orientierungen. Das bei erfolgreichem Abschluss
Durch die Einbindung einer männlichen Kontroll­ vorgesehene Zertifikat orientiert sich an der Sys­
gruppe eröffnen sich zudem neue Möglichkeiten in tematik des Europäischen Qualifikationsrahmens
der Ansprache und Beteiligung junger Migranten, und den Empfehlungen des Europäischen Parla­
die in anderer Weise als Frauen oft an eigene kultu­ ments und des Rates zu Schlüsselkompetenzen für
relle Muster und Sichtweisen gebunden sind. lebenslanges Lernen. Die Teilnehmerinnen sollen
Zeitschiene: September 2006 bis Oktober 2009 die erworbenen Qualifikationen und ihr Wissen
sowohl als Multiplikatorinnen in den zivilgesell­
■ Im Zuge der Globalisierung eines sich zwischen den schaftlichen Prozess einbringen als auch für sich
Regionen verschärfenden Wettbewerbs um Inves­ selber einsetzen, indem sie sich zusätzliche Chan­
titionen, Arbeit und Arbeitskräfte kommen die cen auch in beruflichen Bereichen erschließen.
bislang weitgehend ungenutzten Potenziale von Zeitschiene: Oktober 2006 bis März 2008
Frauen und Männern mit Migrationshintergrund
mehr und mehr in den Mittelpunkt des Interesses. ■ Im Rahmen der Deutsch-französischen Tagung: Der
Ziel des Modellprojekts Kulturelle Vielfalt als Impuls Wandel von Rollenverständnissen im Integrations­
für Entwicklung und Wachstum ist es, die an den prozess in Schloss Genshagen soll der Migrations­
exemplarischen Lern- und Arbeitsprozessen betei­ prozess aus der Gender-Perspektive in den Blick
ligten Personen und Institutionen und die interkul­ genommen werden. Während Frauen, insbeson­
turellen Basiskompetenzen junger Frauen/Männer dere der zweiten und dritten Migrationsgeneration,

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sich vielfach an den Rollenleitbildern deutscher
4.4.

dung, Arbeit und Ausbildung – gehört zu den


Frauen orientieren, d. h. für sich durchaus eine zentralen Herausforderungen gesellschaftspoli­
qualifizierte Berufsausbildung und eine Verein­ tischer Bemühungen. Der von der Bundesregie­
barkeit von Familie und Beruf wünschen, scheinen rung einberufene Integrationsgipfel sowie ihre
die Männer mit Migrationshintergrund sich eher anschließenden Bemühungen (Nationaler Integra­
an den tradierten Rollenleitbildern der Herkunfts­ tionsplan, Integrationskonzept, Integrationsforum)
länder zu orientieren. Diese Ungleichzeitigkeiten unterstreichen die Wichtigkeit eines sachlichen
im Integrationsprozess, also das „Tempo der und gemeinsamen Angehens zur Verbesserung der
Geschlechter“ sollen auf der Tagung untersucht Lebenssituation der hier lebenden Migrantinnen
werden. und Migranten. Der Bundesverband der Migran­
Zeitschiene: 9. bis 10. November 2007 tinnen in Deutschland e. V. möchte im Zuge dieser
Entwicklungen türkeistämmige Migrantinnen
■ Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge wird an diese aktuellen Prozesse heranführen und
prüfen, wie die Partizipation von Migrantinnenorga­ insbesondere in Debatten einbeziehen, die sich
nisationen an der Projektförderung im Bereich Inte­ mit der Thematik Integration und Geschlechterge­
gration gestärkt werden kann. Ggf. sollen vermehrt rechtigkeit auseinandersetzen. Die Tagung „Chan­
Angebote gefördert werden, die Migrantinnenor­ cengleichheit und Migrantinnen – Perspektiven und
ganisationen bei der Kompetenzentwicklung in Handlungskonzepte für die Integration von Frauen in
den Bereichen Projektplanung, -beantragung und Deutschland und Europa“ möchte daher dazu die­
-durchführung unterstützen.
nen, den geschlechterperspektivischen Fokus in die
Zeitschiene: Beginn 3. Quartal 2007
Integrationsdebatte zu verstärken und hervorzuhe­
ben, indem Migrantinnen selbst als Akteure in den
■ Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge wird Vordergrund erscheinen. Die inhaltlichen Ergeb­
Migrantinnenorganisationen in die Entwicklung nisse der Tagung werden in Form einer Dokumen­
des bundesweiten Integrationsprogramms einbezie­ tationsbuches festgehalten.
hen sowie die speziellen Lebenslagen von Migran­ Zeitschiene: 01. Juni 2007 bis 03. Juni 2007
tinnen in allen Handlungsfeldern des Integrations­ Kosten: 48.000 Euro
programms berücksichtigen.
Zeitschiene: Beginn 3. Quartal 2007 ■ Der Bundesverband der Migrantinnen in Deutschland
e. V. plant die Durchführung einer Maßnahme
„Integration durch Kultur“ zur Förderung der Inte­
Maßnahmen und Selbstverpflichtungen der gration von Migrantinnen durch Kultur. Ziel der
Länder und Kommunen (bzw. in der Regelungs­ Maßnahme soll sein, die kulturelle und soziale Inte­
zuständigkeit von Ländern und Kommunen) gration von Migrantinnen durch entsprechende
Maßnahmen und Angebote zu unterstützen. Die
Der integrationspolitische Beitrag der Länder zum Maßnahme soll Städterundfahrten, Informations­
Nationalen Integrationsplan wird noch erarbeitet. Die veranstaltungen zur Kultur der Aufnahmegesell­
Kommunalen Spitzenverbände befinden sich derzeit schaft, Workshops, Theater- und Museenbesuche,
noch im intensiven Austausch mit ihren Mitgliedern Gesprächskreise und andere Formen der interkul­
und werden ihren Beitrag im weiteren Verfahren turellen Begegnung umfassen.
darstellen. Im Vordergrund sollen dabei stehen:

➤ Der Abbau von kulturellen Vorbehalten


Maßnahmen und Selbstverpflichtungen der nicht­
staatlichen Institutionen und Organisationen ➤ Die wechselseitige Akzeptanzsteigerung von
Einheimischen und Migrantinnen
■ Der Deutsche Frauenrat wird verstärkt die Auf­
nahme in den bzw. die Mitarbeit von Migrantinnen­ ➤ Die Förderung und Stärkung des sozialen und
organisationen im Deutschen Frauenrat prüfen. kulturellen Engagements von Migrantinnen
Zeitschiene: Oktober 2007 bis Dezember 2008
➤ Das Kennenlernen und Verstehen der Kultur der
■ In seinen Stellungnahmen z. B. zu Vorhaben der Aufnahmegesellschaft
Bundesregierung wird der Deutsche Frauenrat
verstärkt den Aspekt der Frauen mit Migrationshin­ ➤ Die Förderung und Stärkung des Gemeinschafts­
tergrund berücksichtigen. gefühls von Migrantinnen

■ Der gleichberechtigte Zugang von Migrantinnen Zeitschiene: Ende 2007 bis 2010

und Migranten zu allen Bereichen des Lebens – Bil­ Kosten: Nicht bezifferbar

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4.4.
■ Der Bundesverband der Migrantinnen in Deutschland deren Möglichkeiten zur Teilhabe an der Gesell­
e. V. wird seine Tätigkeit zur Förderung der Integra­ schaft mit einbeziehen.
tion und damit der Verbesserung der Lebenssituation
von Frauen unterschiedlicher Herkunft fortsetzen ■ Die Muslimische Akademie in Deutschland ist
und ausbauen. Die Verbandstätigkeit umfasst gemeinsam mit der Integrationsbeauftragten und
Informations-, Beratungs- und Weiterbildungsmaß­ dem Bundesministerium für Familie, Senioren,
nahmen sowie Angebote zur Stärkung der poli­ Frauen und Jugend Initiatorin eines ‚Dialogforums
tischen, sozialen und kulturellen Partizipation von mit Vertreterinnen muslimischer Fraueninitiativen
Migrantinnen. und Frauenbeauftragten der islamischen Dachver­
bände und überregionaler Zusammenschlüsse von
■ Das Begegnungs- und Fortbildungszentrum musli­ Muslimen in Deutschland‘. Ziel dieser Arbeit ist
mischer Frauen e. V. – BFmF e. V. – in Köln wird sich in es, die frauenspezifische Arbeit der Islamischen
den Arbeitskreisen, Foren und Veranstaltungen, an Verbände zu professionalisieren und sichtbar zu
denen es teilnimmt, darum bemühen, als Media­ machen sowie ein Forum zu schaffen, in dem die
toren, die Sichtweisen und Interessen von Migran­ Vernetzung sowohl in der Frauenarbeit engagierter
tinnen zu vermitteln und einzubringen und damit Musliminnen untereinander als auch mit auf Parti­
auch zu einer Kultursensibilität in verschiedenen zipation abzielenden Initiativen und Institutionen
Bereichen beizutragen. Auf der anderen Seite der Zivilgesellschaft zu fördern. Bestehende musli­
wird BFmF e. V. aus seinem Pool an qualifizierten mische Beratungsinitiativen für Frauen beklagen
Fachfrauen mit Migrationshintergrund Mitar­ bisher fehlende Kontakte zu anderen bestehenden
beiterinnen auch als Mentorinnen einsetzen, mit Nothilfe- und Beratungseinrichtungen, z. B. der
dem Ziel, Migrantinnen in ihrer persönlichen und öffentlichen Wohlfahrtspflege. Davon ausgehend
beruflichen Entwicklung zu fördern. verpflichtet sich die Muslimische Akademie in
Deutschland die Vernetzung muslimischer Frauenin­
■ Der Zentralrat der Muslime in Deutschland e. V. wird itiativen mit bestehenden Nothilfe- und Beratungsein­
in seinen Stellungnahmen zu Gesetzesvorhaben richtungen für Frauen zu fördern.
der Bundesregierung insbesondere die Situation Zeitrahmen: ab Herbst 2007
der Kopftuch tragenden Mädchen und Frauen
sowie die Auswirkungen der Gesetzesvorhaben auf

Unterarbeitsgruppe 2 wieder muss daher von politischen und gesellschaft­


‚Stärkung der Migrantinnen in lichen Akteurinnen und Akteuren auf die Vielfalt
der Frauen und Männer, Mädchen und Jungen mit
Familie und sozialem Umfeld, Migrationshintergrund hingewiesen werden. Es muss
Sexualaufklärung, Gesundheit und sich aber auch die Form der Ansprache von Migran­
Altenhilfe‘ tinnen verändern, denn häufig schwingt hierin wenig
Empathie mit. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer
Die Vielfalt der Frauen und Mädchen mit Migrations­ wiesen nachdrücklich auf die Bedeutung hin, zu ver­
hintergrund, ihre unterschiedlichen Lebenslagen mitteln, dass Migrantinnen der zweiten und dritten
wie auch die Pluralität ihrer Lebensentwürfe wird in Migrationsgeneration häufig nicht nur Deutsche
der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen. So wenig sind, weil sie möglicherweise in Deutschland geboren
wie bisher die Vielfalt der Migrationshintergründe sind und einen deutschen Pass haben, sie fühlen sich
von Frauen in den Blick genommen wurden, so wenig auch als Deutsche. Ein selbstverständlicher, selbstbe­
Beachtung hat die Kategorie Geschlecht gefunden. wusster Umgang miteinander, der frei ist von jeder
Dies hat zur Konsequenz, dass das Thema ‚Migran­ Art der Diskriminierung, ist daher für ein gleichbe­
tinnen‘ häufig defizitär besetzt ist, die Ressourcen rechtigtes Zusammenleben in unserer Gesellschaft
und Potenziale, die Migrantinnen für die Gesellschaft unverzichtbar.
bergen, nicht erkannt und nicht aktiviert werden.
Einem realistischen und zeitgemäßen Bild der Frauen
Diese Unkenntnis und die dadurch bedingt häufig feh­ und Mädchen mit Migrationshintergrund entspre­
lende Kommunikation mit Betroffenen führen dazu, chen die Ergebnisse wissenschaftlicher Untersu­
dass Maßnahmen, die für Migrantinnen konzipiert chungen. Offensichtlich werden diese Untersuchungs­
sind, ins Leere gehen. Sie sind häufig nicht passgenau ergebnisse nicht nur in der Aufnahmegesellschaft
und erreichen daher die Zielgruppe nicht. Immer nicht wahrgenommen, sondern auch die Migranten­

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Communities antizipieren eher traditionelle Einstel­
lungen und gelegentlich auch ein defizitäres Bild von
4.4.

dass grundsätzlich gleiche Nutzungsrechte wie auch


-möglichkeiten noch keine gleiche Nutzungseffektivi­
Migrantinnen. Daher muss sich Integrationspolitik an tät garantieren.
der Vielfalt der Lebensrealitäten von Migrantinnen
orientieren und einer Stereotypisierung des Bildes von Zu wenig Bedeutung beigemessen wird nach Auf­
Migrantinnen in der Gesellschaft entgegenwirken. fassung Betroffener der Art und der Komplexität
der Sprache, in der Inhalte vermittelt werden. So
behindern informationsbedingte, kulturelle und
3. Themenschwerpunkt: kommunikative Barrieren die Nutzung präventiver
Gesundheit, Sexualaufklärung, und gesundheitsförderlicher Angebote und Möglich­
keiten. Immens wichtig ist hier die Verwendung einer
Altenhilfe angemessenen Sprache.

Gleiches gilt für die erforderliche Kultursensibilität.


3.1. Bestandsaufnahme Sie ist außerordentlich wichtig als Qualitätskriterium
der in Deutschland insgesamt sehr umfangreich
Gesundheit und Sexualaufklärung sind Bereiche, die bestehenden Beratungsangebote ebenso als Bestand­
das Leben von Migrantinnen in besonderer Weise teil der Aus- und Fortbildung von Ärzten, Ärztinnen
berühren, ihnen kommt eine besondere Schlüssel­ und Pflegekräften. Nur in wenigen Bereichen sind die
funktion und Verantwortung im Hinblick auf ihre entsprechenden Voraussetzungen heute in der Weise
eigene Gesundheit und die ihrer Familien zu. Die geschaffen, dass Frauen mit Migrationshintergrund,
Berichte Betroffener aber auch von Trägern von Inte­ hier insbesondere Frauen mit afrikanischem Migrati­
grationsmaßnahmen zeigen, dass sie in Integrations­ onshintergrund, auf eine kultur- und geschlechterge­
maßnahmen speziell für Frauen außerordentlich gern rechte Ansprache vertrauen können.
angenommen werden. Dies geschieht vor dem Hinter­
grund, dass Frauen mit Migrationshintergrund über­ Die Approbation in den Heilberufen ist grundsätzlich
wiegend bestrebt sind, auch beim Arztbesuch oder bei an die deutsche Staatsangehörigkeit geknüpft. Darü­
Krankenhausaufenthalten von Familienmitgliedern ber hinaus ist die Approbation an gleichgestellte Per­
unabhängig Entscheidungen treffen zu können. Aller­ sonen (Angehörige der EU- und EWR-Staaten) zu ertei­
dings zeigt die Praxis, dass diese Themen schwierig zu len, während Drittstaatsangehörige z. B. erst nach
vermitteln sind, wenn sie in geschlechtergemischten einer beruflichen Integrationszeit eine Approbation
Gruppen behandelt werden. Dies gilt besonders für erhalten. Mit Blick auf die interkulturelle Öffnung des
Maßnahmen der Sexualaufklärung und Familien­ Gesundheitswesens und der Altenhilfe, insbesondere
planung. Generell ist der Umgang mit Themen wie im Hinblick auf die in Deutschland aufgewachsenen
Sexualität, Liebe und Verhütung aufgrund kultureller und ausgebildeten Migrantinnen und Migranten wird
Barrieren erschwert. So ist Sexualität in den meisten geprüft, ob ein erleichterter Zugang zur Approbation
Migrantinnengruppen kein offenes Thema in der erforderlich ist.
Familie, besonders im Verhältnis zur Mutter und zu
älteren Verwandten ist es tabu. Für passgenaue Beratungsangebote bedarf es einer
genauen Kenntnis der Zielgruppe. Hier zeigt die Pra­
Die Integration von Migrantinnen und Migranten in xis, dass Angebote, die von Migrantinnenselbstorga­
das derzeitige präventive Regelangebot der Gesetz­ nisationen erbracht werden oder in Kooperation mit
lichen Krankenversicherung ist – ebenso wie bei ihnen erarbeitet und durchgeführt werden, erfolg­
anderen Bevölkerungsgruppen in sozial ähnlichen reich arbeiten.
Lagen – derzeit oft noch defizitär. Dies gilt z. B. beson­
ders im Hinblick auf Präventionsmaßnahmen. Trotz Das Thema Integration älterer Migrantinnen wurde
grundsätzlicher Zugangsoffenheit zum Angebot der insbesondere diskutiert unter dem Blickwinkel der
GKV-Vorsorgeleistungen für alle (dies trifft u. a. nicht interkulturellen Öffnung bestehender Angebote
für Asylbewerberinnen und –bewerber zu) sind Mig­ der Altenhilfe und dem Schaffen von Einrichtungen
rantinnen z. B. bei der Inanspruchnahme zahnmedi­ für bestimmte Zielgruppen von Migrantinnen und
zinischer Präventivmaßnahmen deutlich unterreprä­ Migranten.
sentiert, während zugleich das gesundheitliche Risiko
mit abnehmendem Sozialstatus steigt. Auch Vorsor­ Die Lebenssituation älterer Migrantinnen ist nicht nur
geuntersuchungen in der Schwangerschaft werden in Deutschland sondern weltweit prekär. Sie ist prekär,
seltener und auch später in Anspruch genommen, weil drei Diskriminierungstatbestände zusammen­
während die kindliche Morbidität nach der Geburt kommen: Geschlecht, Alter und Ethnie. Daher ist es
höher ist als bei deutschen Müttern. Diese Beispiele wichtig, ihre Lebenslage besonders aufmerksam zu
sind Indikatoren für Hindernisse im Hinblick auf die betrachten.
Effektivität von Präventionsangeboten und zeigen,

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4.4.
Anders als über Jahrzehnte von Politik und Gesell­
schaft angenommen wurde, ist die Rückkehr ins
3.2. Zielbestimmungen

Herkunftsland für die meisten älteren Migrantinnen Im Bereich der Gesundheitsangebote, der psychoso­
keine ernst zu nehmende Alternative mehr. Das Gros zialen Beratung, Sexualaufklärung und Familienpla­
der Befragten wird den Lebensabend in Deutschland nung ist eine gezielte Verbesserung der Angebote für
verbringen. Dies gilt auch für die Alterspendlerinnen. Migrantinnen sicher zu stellen. Ihre zielgruppenge­
Die wesentlichen Gründe für einen dauerhaften rechte und kultursensible Ansprache ist als Qualitäts­
Verbleib sind die in Deutschland lebenden Kinder und standard ausdrücklich zu verankern und transparent
Enkelkinder, eine bessere medizinische Versorgung zu machen. Für die interkulturelle Öffnung des
als im Herkunftsland, sowie eine Absicherung der Gesundheitswesens und der Altenhilfe sollte über­
Lebensrisiken durch das soziale System. prüft werden, ob dauerhaft in Deutschland lebenden
Ausländern und Ausländerinnen, zumindest jedoch
Hinzu kommen Gründe z. B. des subjektiven Wohlbe­ Ausländern und Ausländerinnen mit einer Niederlas­
findens aber auch der größeren Selbstbestimmung. sungserlaubnis, Erleichterungen bei der Approbati­
onserteilung zu gewähren sind.
Mit dem Memorandum für eine kultursensible
Altenhilfe, das gemeinsam mit der Beauftragten der Vorhandene Potenziale zu fördern und Problemstruk­
Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und turen zu reduzieren, muss ein übergeordnetes Ziel
Integration und allen Verbänden der Freien Wohl­ migrations- bzw. integrationssensibler Präventions­
fahrtspflege erarbeitet und als Selbstverpflichtung arbeit sein, denn: die – häufig gut gemeinte – Unter­
von über 160 Verbänden unterzeichnet wurde, erfolgt stellung einer Gleichheit beim Zugang zu und bei
ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Die der Nutzung von Präventions- und gesundheitlichen
besondere Bedarfe älterer Migrantinnen müssen hier Versorgungsangeboten verhindert eine Analyse
besonders berücksichtigt werden. wie eine Änderung der Verhältnisse und fördert die
Chancenungleichheit.
Als besonders problematisch erweist sich das Thema
Demenz und Migration. Migrantinnen haben oft Gesundheitsförderung für Menschen mit Migrati­
falsche Informationen zum Krankheitsbild Demenz, onshintergrund kann und sollte neben übergeord­
es ist eher ein Tabuthema. Hier fehlen entsprechende neten Ansätzen in Politik und Lebensraumgestaltung
kultursensible Informations- und Beratungsangebote die Ziele Integration bzw. interkulturelle Öffnung,
insbesondere für die pflegenden Angehörigen. Auch ganzheitliche Ressourcenförderung zur Selbstbestim­
die Begutachtung von pflegebedürftigen an Demenz mung über die eigene Gesundheit und die Prävention
erkrankten Migranten und Migrantinnen ist aufgrund spezifischer Risikofaktoren spezieller Risikogruppen
der fehlenden und im Krankheitsverlauf degene­ beinhalten. Ein Schlüssel zum nachhaltigen Erfolg
rierenden Sprachkompetenzen problematisch. Die von Maßnahmen zur Gesundheitsförderung von
derzeitigen Begutachtungsverfahren sind zum Teil für Frauen und Männern mit Migrationshintergrund ist
die Begutachtung von Migrantinnen und Migranten deren Beteiligung.
ungeeignet.
Zur Verbesserung der gesundheitlichen Versorgung
Die Lebenssituation von Migrantinnen ist durch von Migrantinnen bedarf es
Niedrigeinkommen und relative Altersarmut gekenn­
zeichnet. Generell ist zu konstatieren, dass die älteren ■ bedarfsorientierter Angebote
Migrantinnen keineswegs dem Klischee der ‚hilfs­
bedürftigen Alten‘ entsprechen. Sie gewähren meist ■ einer Interkulturellen Regelversorgung
mehr Unterstützung als sie im Austausch von ihren
Kindern bekommen. ■ eine Interdisziplinäre Vernetzung

Da die Migrantinnen der ersten Zuwanderergenera­ ■ der Erschließung adäquater Zugangswege


tion vielfach jetzt erst ins Rentenalter kommen, wer­
den ihre Lebenssituation und ihre Bedarfe erst suk­ ■ der Sicherung der Datenbasis.
zessiv wahrgenommen. Daher sind häufig bestehende
Angebote häufig nicht geschlechterdifferenziert. Es Die Anstrengungen der Integrationspolitik müssen
gibt zudem wenig Forschung zu ihrer Lebenssituation die Bedarfe älterer Migranten, insbesondere älterer
und auch wenig zielgruppenspezifische Sport- und Migrantinnen ernst nehmen – nicht zuletzt, weil die
Freizeitangebote. Insgesamt bedürfen ihre Anliegen Großelterngeneration im familiären Kontext den
im Altenhilfesystem intensiver Berücksichtigung. Integrationsprozess der Enkelgeneration positiv

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unterstützen kann, aber auch weil ihre in Deutsch­
land erbrachte Lebensleistung in einer Lebensphase ■
4.4.

Der 2001 von der Bundeszentrale für gesund­


größerer Hilfsbedürftigkeit adäquat anerkannt wer­ heitliche Aufklärung initiierte „Bundesweite
den sollte. Kooperationsverbund ‚Gesundheitsförderung bei
sozial Benachteiligten‘“, in dem unter anderem die
Hier neue Impulse zu setzen ist eine große Chance des Spitzenverbände der Krankenkassen, Bundesverei-
Integrationsgipfelnachfolgeprozesses. nigung und Landesvereinigungen für Gesundheit,
Wohlfahrtsverbände, Ärzteorganisationen und
Länder vertreten sind, wird fortgeführt. Das zen­
3.3. Maßnahmen und Selbstverpflichtungen trale Ziel ist die Stärkung und Verbreitung guter
Praxis in Maßnahmen der Prävention und Gesund-
Es wurden die folgenden Maßnahmen und Selbstver­ heitsförderung für sozial Benachteiligte. Dabei
pflichtungen zum Themenfeld eingebracht: sind besondere Maßnahmen für Migrantinnen ein
Bestandteil. Über die „Plattform zur Beseitigung sozi­
aler Ungleichheit“ werden durch eine umfangreiche
Maßnahmen und Selbstverpflichtungen Projektdatenbank mit vorbildlichen Projekten
der Bundesregierung (bzw. in der und Informationen zum jährlich stattfindenden
Regelungszuständigkeit des Bundes) Kongress „Armut und Gesundheit“ Termine, Mate­
rialien und Forschungsergebnisse rund um die
■ Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Gesundheitsförderung für soziale Benachteiligte
Frauen und Jugend hat das Projekt ‚Geschlecht und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Migration Sonderauswertung des Mikrozensus 2005‘
initiiert und führt es durch. Ziel des Vorhabens ■ Die Online-Datenbank „Frauengesundheit und
ist es, die soziodemographische und sozio-öko- Gesundheitsförderung“ der Bundeszentrale für
nomische Situation von Frauen und Männern mit gesundheitliche Aufklärung, die ein Wegweiser zu
Migrationshintergrund in Deutschland darzustel- Informationsquellen im Bereich Frauengesundheit
len. Nach einer Änderung des Mikrozensusgesetzes ist, greift das Thema Migration und Gesundheit
erfasste der Mikrozensus 2005 erstmals den Migra­ unter verschiedenen Aspekten auf.
tionshintergrund von Frauen und Männern. Da zu
diesem Personenkreis nur sehr wenig geschlech­ ■ Im Rahmen der Gesundheitsberichterstattung des
terdifferenziertes Datenmaterial vorliegt, soll eine Bundes erstellt das Robert-Koch-Institut (RKI) im
Sonderauswertung Daten über die Lebenssituation Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit
von Migrantinnen in Deutschland ergeben. Sie soll ein Sonderheft zum Thema „Migration und Gesund-
im Dezember 2007 vorliegen. heit“. Im Mittelpunkt des Berichtes stehen beson­
dere gesundheitliche Belastungen von Migran-
■ Das Projekt ‚Lebenswelten von Migranten‘ des Bun­ tinnen und Migranten. Er berücksichtigt aber u. a.
desministeriums für Familie, Senioren, Frauen und auch die demographische Entwicklung sowie die
Jugend zielt darauf ab, eine genauere Kenntnis der soziale Lage von Migrantinnen und Migranten in
Lebensplanungen und -wünsche von Migranten Deutschland. Der Bericht wird auf geschlechts- und
und Migrantinnen zu gewinnen. Ziel der Unter­ altersspezifische Fragestellungen eingehen.
suchung ist die Identifikation von Milieus und Zeitschiene: Veröffentlichung II/2007
Typisierung eines Milieus, das bei Bedarf zu Unter­
suchungen/Befragungen herangezogen werden ■ Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklä­
kann. Darüber hinaus werden unterschiedliche rung wird die Bedarfe der Migrantinnen in den von
Lebenswelten und Subkulturen von Migranten und ihr bereitgestellten Sexualaufklärungs- und Famili-
Migrantinnen ermittelt und untersucht. Aus gleich­ enberatungsangeboten stärker berücksichtigen. Die
stellungspolitischer Sicht interessiert besonders, Kooperation mit den Interessenvertretungen der
welche Rollenleitbilder bei Migranten und Migran- Migrantinnen und Migranten zur Verbesserung der
tinnen vorherrschen. Die Sonderauswertung soll im Kultursensibilität von Aufklärungsmaterialien wird
Juli 2007 vorliegen. fortgesetzt.

■ Der Informationsdienst „Migration und öffentliche ■ Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge
Gesundheit“ der Bundeszentrale für gesundheit- wird nach Möglichkeit zu einer geschlechtsspezi­
liche Aufklärung wird fortgeführt. Eingehende fischen und kultursensiblen Gesundheitsaufklärung
Beiträge werden kontinuierlich ins Internet gestellt im Rahmen der bundeseinheitlichen Integrations­
sowie zur Zeit vierteljährlich als Printausgabe ver­ kurse, des Integrationsprogramms und der Migrati­
sandt. Die Beiträge gehen auch auf die Belange von onserstberatung des Bundesamtes für Migration
Migrantinnen ein. und Flüchtlinge beitragen. Dazu wird z. B. in den

101

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4.4.
Konzepten für den Frauenintegrationskurs und den Maßnahmen und Selbstverpflichtungen
Elternintegrationskurs der verstärkte Einsatz von der nichtstaatlichen Institutionen und
Exkursionen, die im Rahmen des § 11 Abs. 4 Integra­ Organisationen
tionskursverordnung durchgeführt werden, sowie
von Expertenbesuchen im Unterricht vorgesehen. ■ Der Arbeitskreis Migration und öffentliche Gesundheit,
Auch wird dem Thema der Gesundheitsvorsorge im der von der Beauftragten der Bundesregierung für
Jugendintegrationskurs mehr Gewicht verliehen. Migration, Flüchtlinge und Integration koordiniert
Zeitschiene: Beginn 3. Quartal 2007 wird, setzt seine erfolgreiche Arbeit fort und ver­
pflichtet sich unter besonderer Berücksichtigung
■ Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge wird der Belange von Migrantinnen,
im Rahmen der Projektförderung bei Themen der
Gesundheits- und Sexualaufklärung verstärkt auch ➤ Maßnahmen zur gesundheitlichen Prävention
frauenspezifische Angebote berücksichtigen. (Information, Sexualaufklärung, Kinder- u. Frau­
engesundheit) zu entwickeln und zu stärken,
■ Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge wird
die 2006 begonnene Öffnung der niedrigschwelligen ➤ die interkulturelle Kompetenz im Sinne von
Frauenkurse auch für Migrantinnenorganisationen diversitiy management in ambulanter und stati­
als Träger weiterführen.
onärer Versorgung zu fördern,
Zeitschiene: Beginn 3. Quartal 2007

➤ die Aus- und Weiterbildung in kultursensibler


■ Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge wird Pflege und Altenhilfe voranzutreiben und kultur­
im Rahmen der Projektförderung wie bisher Pro­ spezifische Angebote zu unterstützen und
jekte im Bereich der Zusammenarbeit und Vernetzung
mit der Altenhilfe fördern und dabei verstärkt auch ➤ eine qualifizierte Gesundheitsberichterstattung,
frauenspezifische Angebote berücksichtigen. die alle Bevölkerungsgruppen in Deutschland
Zeitschiene: Beginn 3. Quartal 2007 abbildet, voranzutreiben.

■ Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge führt ■ Es wird ein gemeinsames, trägerübergreifendes
das Projekt ‚Erfolgsbiographien von Migrantinnen‘ Fortbildungsangebot von AWO Bundesverband/Paritä­
durch. Ziel ist es, die Bedingungen festzustellen, tischer Wohlfahrtsverband – Gesamtverband/Verein
die eine erfolgreiche Integration fördern. Dazu für Internationale Jugendarbeit VIJ/Internationaler
werden die Daten der Repräsentativbefragung aus­ Bund IB für die Kursleiterinnen und Kursbegleite­
gewählter Migrantengruppen des Bundesamtes für rinnen in „Seminarmaßnahmen zur Integration
Migration und Flüchtlinge analysiert, um Erfolgs­ ausländischer Frauen – Frauenkurse“ entwickelt
biographien von Migrantinnen festzustellen. Dies und erprobt. Das Angebot besteht aus regionalen
soll auch als Vorarbeit dienen, um Merkmale zu Tagesveranstaltungen, die von allen im Programm
identifizieren, die für einen erfolgreichen Integra­ Beschäftigten trägerübergreifend genutzt werden
tionsverlauf typisch sind. In einem zweiten Projekt­ können.
schritt sollen anhand einer qualitativen Befragung Zeitschiene: 2007
ausgewählter erfolgreicher Migrantinnen deren
typische biographische Wege und die Bedin­ ■ Die Türkisch Deutsche Gesundheitsstiftung wird alle
gungen, die dies ermöglicht haben, eruiert werden. Institutionen und Organisationen in ihrer migran­
Diese sollen zur Feststellung von Best-Practice-Bei­ tensensiblen Arbeit bei der Diskussion, Planung und
spielen für die Integrationsförderung dienen. Durchführung von Projekten mit Sachverstand und
Zeitschiene: 2008 im Rahmen der zur Verfügung stehenden Möglich­
keiten bestmöglich unterstützen.

Maßnahmen und Selbstverpflichtungen der ■ Die Türkisch Deutsche Gesundheitsstiftung verpflich­


Länder und Kommunen (bzw. in der Regelungs­ tet sich außerdem, alle Bemühungen, das Predi­
zuständigkeit von Ländern und Kommunen) ger-Projekt bundesweit bekannt zu machen und
bundesweit zum Einsatz zu bringen, im Rahmen
Der integrationspolitische Beitrag der Länder zum der ihr zur Verfügung stehenden Möglichkeiten
Nationalen Integrationsplan wird noch erarbeitet. Die bestmöglich zu unterstützen. Im Rahmen des Pre­
Kommunalen Spitzenverbände befinden sich derzeit diger-Projekts werden Personen, in diesem Fall die
noch im intensiven Austausch mit ihren Mitgliedern Prediger, die in den Communities Autoritäten sind,
und werden ihren Beitrag im weiteren Verfahren zu Gesundheitsthemen geschult; sie transportieren
darstellen. ihr Wissen sodann in die Bevölkerung.

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■ Der Zentralrat der Muslime in Deutschland e. V. wird
4.4.

sondere auch im präventiven Bereich – zu besei­


zweisprachige Informationsblätter/Info-Mails für tigen und bei der Ausgestaltung der Angebote
die angeschlossenen Moscheegemeinden zu den die spezifischen Bedürfnisse von Migrantinnen
Themen stärker zu berücksichtigen.

➤ Situation muslimischer Frauen mit Kopftuch ➤ setzen sich für eine verstärkte Zusammenarbeit
mit Migrantenorganisationen ein. Dies kann dazu
➤ Situation älterer Migrantinnen und Migranten beitragen, das Migrantinnen über bestehende
Beratungsangebote besser informiert sind und
➤ Sexualität und Gesundheitsfürsorge Zugangsbarrieren abgebaut werden, es kann
aber auch dazu beitragen, dass diese Angebote
erstellen, wobei hier jeweils zwei Bereiche abge­ sich noch stärker an den Interessen und Bedürf­
deckt werden, und zwar nissen von Migrantinnen ausrichten.

a) der rechtliche Rahmen in der Bundesrepublik ➤ setzen sich ein für einen Ausbau der niedrig-
und die existierenden Beratungs- und Unterstütz­ schwelligen Angebote für Migrantinnen. Hierzu
ungsmöglichkeiten, Informationen über Veranstal­ gehören neben den bundesgeförderten Frauen­
tungen (Vorträge, Diskussionsgruppen) zu diesen kursen zahlreiche Einzelmaßnehmen vor Ort,
Themen, die auf die Bedürfnisse einzelner Migrantinnen
zugeschnitten sind.
b) die Aussagen, die die Religion zu diesem Thema
trifft (Verbot der Zwangsehe, Forderung von part­ ➤ haben das Memorandum für eine kultursensible
nerschaftlichem Verhalten in der Ehe, Aushalten Altenhilfe gemeinsam mit der Beauftragten der
von Ungerechtigkeit ohne selbst ungerecht zu wer­ Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und
den, Umgang mit Älteren, Unterstützung, Verant- Integration und anderen Organisationen der
wortlichkeit vor Gott bzgl. der eigenen Gesundheit). Altenhilfe (KDA – Kuratorium Deutsche Alters­
hilfe) und Migrationsarbeit als gemeinsame
Es wird angeregt, diese Themen innerhalb der Frei- Arbeitsgrundlage erarbeitet und als Selbstver­
tagspredigten zu thematisieren. pflichtung unterzeichnet. Die Verbänden der
BAGFW verpflichten sich, das Memorandum
■ Der Zentralrat der Muslime in Deutschland e. V. wird in Diensten und Einrichtungen der Altenhilfe
zweisprachige Informationsblätter/Info-Mails bzgl. sowie in der Fachöffentlichkeit weiter bekannt
gesellschaftspolitisch relevanter Themen für die zu machen und als Arbeitsgrundlage in der
angeschlossenen Moscheegemeinden erstellen Altenpflege, der sozialen Altenarbeit und Betreu­
(über die Ergebnisse wissenschaftlicher Untersu­ ung von älteren Migranten und Mgrantinnen
chungen über Migranten und darüber, wie man in stärker zu verankern.
der Gesellschaft existierenden Stereotypen entge­
genwirken kann – z. B. über persönliche Kontakte, ➤ sind Träger von Diensten und Einrichtungen
Moschee-Projekte, politisches Engagement usw.). der Altenpflege und Altenarbeit sowie Träger von
Migrationsdiensten. Die Verbänden der BAGFW
■ Der Zentralrat der Muslime in Deutschland e. V. sichern zu, die interkulturelle Öffnung in ihren
arbeitet aktiv an von der Bundesregierung initiier­ ambulanten und stationären Dienste und
ten Projekten, die dem Abbau von Stereotypen und Einrichtungen, Beratungsangeboten, Einrich-
Vorurteilen dienen (z. B. einer Imagekampagne) mit. tungen des Betreuten Wohnens, Begegnungs-
Die Ergebnisse werden in die Mitgliedsgemeinden stätten und in der offenen Seniorenarbeit weiter
getragen. voran zu treiben und dabei insbesondere die
Bedürfnisse von Migrantinnen zu berücksichti­
■ Die Mitgliedsverbände der Bundesarbeitsgemeinschaft gen. Hierbei sollen die Migrationsdienste sowie
der Freien Wohlfahrtspflege e. V. – BAGFW Migrantenselbstorganisationen einbezogen
werden.
➤ sichern zu, den Prozess der interkulturellen
Öffnung in ihren Einrichtungen und Diensten ➤ sind Träger von Aus-, Fort- und Weiterbildung für
umzusetzen. Sie berücksichtigen dies bei ihrer pflegerische Berufe bzw. von Altenpflegeschulen.
Organisationsentwicklung und Personalpolitik Um den Bedarf an qualifizierten Mitarbeitenden
und unterstützen diesen Prozess durch Fort­ mit interkulturellen Handlungskompetenzen
bildungen. Ziel dabei ist es, für Migrantinnen und Migrationshintergrund im Prozess der
Zugangsbarrieren bei der Inanspruchnahme interkulturellen Öffnung zu decken, werden
etwa von Gesundheitsdienstleistungen – insbe­ die Mitgliedsverbände der BAGFW dafür sorgen,

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4.4.
dass insbesondere junge Migranten und Migran­ ein Gesundheitsmobil für bundesweite Beratung,
tinnen für pflegerische Berufe gewonnen wer- Gesundheitsförderung, -recht und -prävention der
den, und dass die Angebote der Aus-, Fort- und Migrantinnen, die von Genitalverstümmlung
Weiterbildung entsprechend der Zielgruppe bedroht oder betroffen sind. Die mobile Beratung
gestaltet werden. und Aufklärung soll ein gesundheitsorientiertes
Beratungs- und Informationsangebot auch über die
➤ werden sich verstärkt darum bemühen, dass Rechte und Pflichten der Betroffenen sein für die
der Beitrag von Migrantinnen im Integrationspro­ schwarzafrikanischen Communities in Deutsch­
zess stärker wahrgenommen wird. Im Rahmen land in Kooperation mit den Gesundheitsämtern,
ihrer Öffentlichkeitsarbeit werden sie dazu dem Bundesverband afrikanischer Menschen in
beitragen, dass die Leistungen und Potenziale von Deutschland, anderen afrikanischen Nichtregie-
Migrantinnen insbesondere auch in der öffent­ rungsorganisationen und Beratungsstellen sowie
lichen Wahrnehmung angemessener gewürdigt den Jugendämtern, Schulen, Sportverbände, Kom­
werden. munen, Ländern und Bund.
Zeitschiene: 2007 bis 2009
■ Maisha e. V. afrikanische Frauen in Deutschland e. V. Kosten: 200.000 Euro
leistet bundesweite Aufklärung und Prävention
zum Thema Genitalverstümmelung. Geplant ist

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4.4.

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4.4. Gesamtkoordination: Bundesministerium der Justiz
Mitglieder der Unterarbeitsgruppe 1
Koordination: Bundesministerium der Justiz

Christiane Abel Senatsverwaltung für Justiz Berlin – JuMiKo

Nele Allenberg Evangelische Kirche in Deutschland

Veronika Arendt-Rojahn Deutscher Anwaltverein

Seyran Ates Juristin, Autorin

Anja Bell Hessisches Ministerium der Justiz – JuMiKo

Dr. Heiner Bielefeldt Deutsches Institut für Menschenrechte

Eva-Maria Bordt Frauenhauskoordinierung e. V.

Katharina Breitkreutz Bundesministerium des Innern

Sidar Demirdögen Bundesverband der Migrantinnen in Deutschland e. V.

Sabine Drees Deutscher Städtetag

Dagmar Freudenberg Deutscher Juristinnenbund

Sonka Gerdes Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Karin Goldmann Deutscher Richterbund

Angelika Graf, MdB Deutscher Bundestag

Ute Granold, MdB Deutscher Bundestag

Andreas Hauk Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Familien des Landes Brandenburg

Birgit Hufeld Bundesministerium der Justiz

Dr. Angela Icken Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Vera Jungewelter Bundesministerium der Justiz

Regina Kalthegener Terre des Femmes/Rechtsanwältin

Ursula Krickl Deutscher Städte- und Gemeindebund

Hamideh Mohagheghi Muslimisches Frauennetzwerk HUDA

Behshid Najafi Agisra e.V. Köln, Beratungsstelle für Migrantinnen und Flüchtlingsfrauen

Rafet Öztürk DITIB Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e. V.

Cornelia Pust Bundesamt für Migration und Flüchtlinge

Renate Heike Rampf Lesben- und Schwulenverband (LSVD) in Deutschland e. V.

Dr. Klaus Ritgen Deutscher Landkreistag

Sybille Röseler Arbeitsstab der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und
Integration

Regine Rosner IN VIA – Deutscher Verband

Bosiljka Schedlich Südost Europa Kultur e. V.

Prof. Dr. Angelika Katholische Fachhochschule Nordrhein-Westfalen


Schmidt-Koddenberg

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4.4.
Mitglieder der Unterarbeitsgruppe 2
Koordination: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Celal Altun Generalsekretär der Türkischen Gemeinde zu Berlin e. V.

Maristella Angioni Internationales Zentrum Stolzestraße des Caritasverbandes für die Stadt Köln

Hayrettin Aydin Muslimische Akademie in Deutschland e. V.

Dragica Baric-Büdel Arbeiterwohlfahrt Bundesverband

Stéphanie Berrut pro familia Beratungsstelle Bonn

Stephan Blümel Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

Tatjana Böhm Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Familie des Landes Brandenburg

Gabriele Boos-Niazy Zentralrat der Muslime in Deutschland e. V.

Gisela Chudziak Konferenz der Gleichstellungs- und Frauenministerinnen, -minister, -senatorinnen,


-senatoren der Länder

Angelika Diggins-Rösner Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Sabine Drees Deutscher Städtetag

Rosa Emich Landsmannschaft der Russen aus Deutschland

Dr. Justina Engelbrecht Bundesärztekammer, Arbeitsgemeinschaft der deutschen Ärztekammern

Anke Erath Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

Christel Griepenburg Internationaler Bund

Dr. Sonja Haug Bundesamt für Migration und Flüchtlinge

Dr. Angela Icken Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Vera Jungewelter Bundesministerium der Justiz

Prof. Dr. Yasemin Karakasoglu Universität Bremen, Lehrstuhl für interkulturelle Pädagogik, Fachbereich 12

Dr. Haydar Karatepe Türkisch Deutsche Gesundheitsstiftung

Heinz Knoche Deutsches Rotes Kreuz – Generalsekretariat; Leiter des Teams „Migration und Integration“

Ursula Krickl Deutscher Städte- und Gemeindebund

Harald Löhlein Paritätischer Wohlfahrtsverband – Gesamtverband e. V.

Aras Marouf Ministerium für Frauen, Arbeit, Gesundheit und Soziales des Saarlandes

Elke Metz Bundesministerium für Gesundheit

Sigrid Pettrup BKK Bundesverband

Dr. Susanne Plück Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Brunhilde Raiser Deutscher Frauenrat

Dr. Klaus Ritgen Deutscher Landkreistag

Sybille Röseler Arbeitsstab der Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration

Ulrike Szegeda Bundesministerium des Innern

Dr. Irene Vorholz Deutscher Landkreistag

Virginia Wangare-Greiner Maisha e. V. Selbsthilfegruppe afrikanischer Frauen in Deutschland

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Themenfeld 5:

„Integration vor Ort unterstützen“

4.5.
Vorbemerkungen Die Zahlen über den jeweiligen Ausländeranteil
spiegeln jedoch nicht den Anteil von Mitbürgern mit
Im Themenfeld ‚Integration vor Ort unterstützen‘ Migrationshintergrund wider, für die es keine offizi­
stehen die sozialräumliche Dimension des Zusam­ ellen Statistiken gibt. Werden die Zahlen der Einbür­
menlebens von Zuwanderern und Einheimischen gerungen, Mehrfachstaatsbürgerschaften und zuge­
sowie Fragen der Organisation kommunaler Integra­ wanderten Spätaussiedler aus anderen Datenquellen
tionspolitik im Mittelpunkt. In den Kommunen und eingerechnet, steigt der Anteil auf fast 20 Prozent oder
in den Wohnquartieren sind die Auswirkungen der 15 Millionen. Menschen mit Migrationshintergrund
Zuwanderung am deutlichsten spürbar. Für Verlauf (Mikrozensus 2005). In den Großstädten der alten
und Erfolg von Integrationsprozessen hat – neben Bundesländer erreicht ihr Bevölkerungsanteil z. T.
den Faktoren Arbeit und Bildung – das unmittelbare über 30 Prozent. In einzelnen Stadtteilen liegt er noch
Wohn- und Lebensumfeld zentrale Bedeutung. deutlich höher, z. B. im Berliner Quartier Soldiner
Straße bei 41,5 Prozent und in Duisburg-Marxloh bei
Die räumliche Verteilung der Zuwanderer in Deutsch­ über 50 Prozent. Noch höher ist der Zuwandereran­
land ist nach Bundesländern und Regionen, aber auch teil unter den Kindern und Jugendlichen: In sieben
in Städten unterschiedlich: Ausländische Zuwanderer Stuttgarter Schulbezirken beträgt er bei den Kindern
sind ungleich auf Ost- und Westdeutschland verteilt: im Alter von drei bis unter sechs Jahren zwischen 66,7
Der Anteil von Ausländern beträgt in den neuen Län­ und 84,1 Prozent; in diesen Schuleinzugsbereichen
dern (einschl. Berlin) rund fünf Prozent, in den alten werden also mehr als zwei Drittel aller Erstklässler
Ländern hingegen zehn Prozent. Diese Disproportio­ Migrantenkinder sein. In einigen Schulen z. B. in Ber­
nalität setzt sich kleinräumig fort: Ausländer konzent­ lin-Neukölln sind bereits über 80 Prozent der Schüler
rieren sich im Westen auf die großen Agglomerati­ nicht-deutscher Herkunft.
onsräume, das Ruhrgebiet und die Rheinschiene, das
Rhein-Main-Gebiet sowie den Großraum Stuttgart und Auch im ländlichen Raum gibt es Städte und Gemein­
den Raum München; in Westdeutschland beträgt der den – auch Dörfer – mit hohem Zuwandereranteil.
Ausländeranteil in dieser Raumkategorie 12,3 Prozent, Vor allem haben sich viele Spätaussiedler (mit über
in Ostdeutschland 7,4 Prozent. In den westdeutschen drei Millionen eine besonders große Zuwanderer­
Großstädten leben Ausländer bereits seit den 1980er gruppe) in ländlichen Regionen angesiedelt. Ein
Jahren mehrheitlich in innerstädtischen Quartieren. Beispiel ist die Gemeinde Belm als Stadtrandgemeinde
Auch im Osten konzentrieren sich die Ausländer in von Osnabrück. Dort stieg im Zeitraum von 1990 bis
den Kernstädten. 1995 die Bevölkerung durch Zuwanderung von 11.150
auf 14.359 deutlich an. Der Zuwandereranteil beträgt

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4.5.
über 20 Prozent, in den Großwohnanlagen von Belm
über 70 Prozent. Als Deutsche werden Spätaussiedler
Rolle: Die Abwehrhaltung gegenüber „Fremden“ ist
häufig dort größer, wo es wenige Zuwanderer und
in der Statistik nicht gesondert aufgeführt, obwohl daher wenig Kontakte gibt. Umgekehrt wächst die
viele von ihnen – wie andere Zuwanderer – mit der Bereitschaft zur Integration dort, wo Erfahrungen
Sprache und Kultur ihrer neuen Heimat wenig ver­ im Miteinander verschiedener Bevölkerungsgruppen
traut sind. bestehen.

Ob Integration gelingt oder ob im Zusammenleben Vor diesem Hintergrund hat die Arbeitsgruppe die
von Zuwanderern und einheimischer Bevölkerung nachfolgenden Themenschwerpunkte behandelt und
Probleme entstehen, hängt von vielen Faktoren ab. Empfehlungen/Zielbestimmungen für Maßnahmen/
Dabei spielt auch die subjektive Einstellung eine Selbstverpflichtungen/Prüfaufträge vorgeschlagen.

1. Themenschwerpunkt 1: Teilhabechancen aller Bevölkerungsgruppen an der


Kommunale Gesamtkonzepte Entscheidungsfindung und der Umsetzung der verein­
barten Handlungsstrategien ab.

1.1. Bestandsaufnahme Die unterschiedlichen Anforderungen an die Inte­


gration von Zuwanderern, z. B. im ländlichen Bereich
Zuwanderung und deren Folgen wirken sich beson­ oder in städtischen Ballungsgebieten, erfordern diffe­
ders in den Kommunen und in den Wohnquartieren renzierte Reaktionsweisen auf örtlicher Ebene. Kom­
aus. Erfolge der Integration – aber auch Probleme – munale Gesamtkonzepte sind nicht nur für Großstädte
sind hier am deutlichsten spürbar. Die Integration von sinnvoll und erforderlich, sondern auch für kleinere
Zuwanderern hat zentrale Bedeutung für den sozialen Gemeinden mit hohen Zuwanderungsraten.
Zusammenhalt auf örtlicher Ebene.

Bundes- und landespolitische Entscheidungen sowie 1.2. Zielbestimmungen


gesetzliche Regelungen setzen den Rahmen für die
kommunale Politik und beeinflussen das Leben und ■ „Integration mit allen und für alle“: Integration
die Integrationsmöglichkeiten der Migrantinnen muss ein gesamtkommunales Anliegen sein und
und Migranten. Viele Städte, Kreise und Gemeinden als gemeinschaftliches Konzept entwickelt wer­
stellen sich den Herausforderungen der Integration den, das alle kommunalen Handlungsfelder und
von Zuwanderern bereits mit großem Engagement. alle Akteure einbezieht und vernetzt. Vorausset­
Integrationsarbeit ist insbesondere in den Kommu­ zung ist ein grundlegender kommunalpolitischer
nen erfolgreich, die Migrantinnen und Migranten Konsens in der Verwaltung und in den politischen
mit ihren unterschiedlichen Potenzialen vor allem Entscheidungsgremien.
als einen Gewinn und eine Chance für das gesamte
Gemeinwesen sehen. Gerade vor dem Hintergrund des ■ Integrationskonzepte und Integrationsstrategien
demographischen Wandels und des absehbaren Man­ sollen den zugewanderten Bürgerinnen und Bür­
gels an gut ausgebildeten Facharbeitskräften muss gern die gleichberechtigte Teilhabe am sozialen,
es gelingen, die Potenziale von jungen Menschen mit ökonomischen und gesellschaftlichen Leben
Migrationshintergrund zu fördern, zu entwickeln und ermöglichen und durch das Anstreben von Chan­
zu nutzen. Gelungene Integration ist auch als Wirt­ cengleichheit – bei Anerkennung und Förderung
schaftsfaktor unverzichtbar. der kulturellen Vielfalt – den sozialen Zusammen­
halt stärken („alle haben die gleichen Rechte und
War die Integration von Zuwanderern in früheren Pflichten“). Dazu sind Offenheit und Entgegen­
Jahren primär ein Schwerpunkt einzelner Fachpo­ kommen beider Seiten – der Zuwanderer wie der
litiken, insbesondere der Arbeitsmarkt-, Sozial- und Aufnahmegesellschaft – erforderlich.
Ordnungspolitik, so wird inzwischen zunehmend die
Notwendigkeit fachübergreifender Gesamtkonzepte ■ „Integration als Querschnittsaufgabe“: Integrati­
erkannt. Die Wechselwirkungen demographischer, onsaufgaben sind fachübergreifend und dürfen
ökonomischer und sozialer Entwicklungen erfordern daher nicht einzelnen Fachressorts oder Beauftrag­
auch auf kommunaler Ebene integrierte Strategien ten überlassen bleiben. Sie sind in allen relevanten
mit einer Bündelung von Maßnahmen über Ressort­ Handlungsfeldern umzusetzen, insbesondere in
grenzen hinweg. Dabei hängen sozialer Frieden und den Bereichen Bildung und Sprache, soziale Infra­
bürgerschaftliches Miteinander in hohem Maße von struktur, Beschäftigung, Beteiligung und Beratung.
einem breiten kommunalpolitischen Konsens und den Dabei haben alle Maßnahmen, Projekte, Förde­

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rungen und Beteiligungen der Gleichberechtigung
von Frauen und Männern gerecht zu werden.

4.5.

Kommunalpolitik und Verwaltung entwickeln – in


einem partizipativen Verfahren unter Einschluss
der Migrantinnen und Migranten sowie der ein­
■ „Integration als Chefsache“: Integrationsaufgaben heimischen Bevölkerung – ein Leitbild sowie einen
sind als Querschnittsaufgabe bei der Verwaltungs­ umfassenden Zielkatalog für Integrationspolitik
spitze zu verankern und ressortübergreifend zu unter Beteiligung aller relevanten Akteure und las­
koordinieren. sen das Kommunalparlament hierüber beschließen.
So gewährleisten sie eine klare politische Verbind-
■ Integrationsmaßnahmen müssen nachhaltig und lichkeit und Verantwortung.
dauerhaft sein, kurzfristige „Strohfeuerprojekte“
sind zu vermeiden. Es muss ein breites Angebot an ■ Integration wird als gesamtkommunale und
Maßnahmen geben, erfolgreiche Projekte sind in ressortübergreifende Aufgabe in der Kommunal-
die Regelstrukturen zu überführen („qualifizierte politik verankert und zwar unter Mitwirkung der
Regelversorgung“). politischen Gremien und der Verwaltung (Positio­
nierung der Gemeinde und der Kommunalverwal-
■ Durch interkulturelle Öffnung der Verwaltung und tung, unter Einbezug von Migrantenvertretungen);
der Institutionen – durch Einstellung von Migran­ die Koordinierung durch eine zentrale Stelle wird
tinnen und Migranten und interkulturelle Fortbil­ sichergestellt.
dung für alle – sowie den Abbau von Zugangsbarri­
eren sollen alle Bevölkerungsgruppen angemessen ■ Kommunalpolitisch legitimierte Gesamtkonzepte
vertreten sein und bei der Durchsetzung ihrer enthalten kurz-, mittel- und langfristige Ziel-
Belange kompetent unterstützt werden. setzungen – in Abhängigkeit von den örtlichen
Gegebenheiten und den sozialräumlichen Anfor-
■ Zur Überprüfung der Zielerreichung ist eine derungen – sowie ein strategisches Konzept zur
Erfolgskontrolle erforderlich (siehe Themen- Umsetzung mit entsprechender Ressourcenaus­
schwerpunkt 5). stattung. Integrationsorientierte Maßnahmen
werden in allen relevanten Handlungsfeldern
durchgeführt.
1.3. Empfehlungen für Maßnahmen (geplante
und zugesagte)/Selbstverpflichtungen/ ■ Integrationskonzepte sollten eine Situationsana-
Prüfaufträge lyse/Bestandsaufnahme, die Bestimmung und Defi­
nition von Integrationszielen und Leitlinien, die
der Bundesregierung (bzw. in der dafür erforderlichen Instrumente sowie Maßnah-
Regelungszuständigkeit des Bundes) men zur Erfolgskontrolle enthalten. Die Aufstellung
von kommunalen Integrationskonzepten soll einer
■ Im Rahmen des Experimentellen Wohnungs- und koordinierten Bestandsaufnahme vor Ort dienen
Städtebaus des Bundesministeriums für Verkehr, und damit einen Überblick über den Stand der
Bau und Stadtentwicklung sollen Modellvorhaben eigenen Integrationspolitik ermöglichen. Konzepte,
zu kommunalen Integrationskonzepten durchge- Strategien und Maßnahmen berücksichtigen die
führt werden. lokalen Gegebenheiten.

■ auf Nachhaltigkeit angelegte Förderung von Inno­ ■ Das bürgerschaftliche Engagement hat große
vations-, Modell und Impulsprojekten (zielgruppen- Bedeutung für die Integration von Zuwanderern.
und problemorientiert). Es wird unterstützt mit dem Ziel einer verstärkten
Beteiligung der Vertreter der Migrantinnen und
der Länder und Kommunen (bzw. in der Regelungs- Migranten und der einheimischen Bevölkerung an
zuständigkeit von Ländern und Kommunen) der Entwicklung und Durchführung von Maßnah­
men und Integrationskonzepten.
■ Die Länder stellen für ihre Regelungszuständigkeit
Leitbilder für die Integration von Migrantinnen ■ Alle relevanten Akteure (Verwaltung, Politik, Mig­
und Migranten auf und fördern Innovations-, ranten etc.) werden in die kommunale Netzwerk-
Modell- und Impulsprojekte mit dem Ziel, durch arbeit eingebunden; eine Vernetzung erfolgt z. B.
begleitende Unterstützung von Organisations­ durch Anlaufstellen bei den Trägern, Beratungs­
entwicklungsprozessen Angebote, Strukturen stellen, Integrationskonferenzen.
und Prozesse zur Aufnahme von Neuzuwande­
rern – und zur Integration von hier lebenden ■ Die Erhöhung des Migrantenanteils stärkt die inter-
Zugewanderten – in den Kommunen und durch die kulturelle Kompetenz der Verwaltung. Zugleich
Kommunen zu verbessern, sie durch Innovationen unterstützen Kommunalpolitik und Verwaltung
nachhaltig effizienter und effektiver zu machen. als Arbeitgeber direkt die Integration der Zuwande­
rer in den Arbeitsmarkt und setzen ein Zeichen für

111

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4.5.
die lokale Wirtschaft und ein positives Signal für
die Integrationsbereitschaft der Migrantinnen und ➤ Die Verbände der BAGFW arbeiten darauf hin,
Migranten. durch interkulturelle Öffnung der Einrich­
tungen und Dienste in ihrer Trägerschaft, Ange­
■ Durch interkulturelle Schulung des Personals bote konsequent auf die Bedarfe von Migran­
werden Zugangsbarrieren für Migrantinnen und tinnen und Migranten auszurichten.
Migranten in der Verwaltung und bei der Inan­
spruchnahme von Dienstleistungen und Angebo­ ➤ Die Verbände der BAGFW unterstützen die
ten abgebaut. Integration vor Ort durch ihre gemeinwesenori­
entierten Ansätze und Maßnahmen.
der nichtstaatlichen Institutionen und
Organisationen sowie der Privatwirtschaft ➤ Die Verbände der BAGFW tragen aktiv dazu bei,
die Öffentlichkeit für die spezifischen Probleme
■ Bereitschaft der Bevölkerung vor Ort, sich für die der Migrantinnen und Migranten zu sensibilisie­
spezifischen Probleme von Zuwanderern zu sensibi­ ren und kulturelle Vielfalt als Bereicherung zu
lisieren und kulturelle Vielfalt zu akzeptieren. vermitteln.

■ Beteiligung der Privatwirtschaft, von Migrantenor­ ➤ Die Verbände der BAGFW stellen der kommu­
ganisationen, Religionsgemeinschaften, Vereinen, nalen Verwaltung sowie anderen Institutionen
Wohlfahrtsverbänden, Migrantinnen und Migran­ und Organisationen ihre Erfahrung bei der
ten und der einheimischen Bevölkerung an der Gestaltung von Prozessen der interkulturellen
Entwicklung und Durchführung von Integrations­ Öffnung zur Verfügung. Die Verbände der
konzepten und Integrationsmaßnahmen. BAGFW verpflichten sich zur aktiven Mitarbeit
an kommunalen Integrationskonzepten und
■ Unternehmen, Vereine, Verbände und andere beteiligen sich aktiv an der Entwicklung kom­
Institutionen stellen vermehrt Migrantinnen und munaler Integrationsleitbilder.
Migranten ein und qualifizieren ihre Leistungen
und Angebote durch interkulturelle Schulung ihres
Personals. Die Nachhaltigkeit von Integrationsmaßnahmen
wird insbesondere durch Institutionalisierung
Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohl­ und Verstetigung von geförderten Integrations­
fahrtspflege (BAGFW) hat nach Abschluss der Arbeiten projekten sichergestellt; Maßnahmen, die
an diesem Bericht unter anderem folgende Selbstver­ sich in Projekten bewährt haben, werden in
pflichtungen nachträglich eingebracht: die Regelstrukturen überführt. Eine vertikale
Vernetzung und Verzahnung zwischen den
➤ Die Verbände der BAGFW beteiligen sich aktiv Beteiligten der verschiedenen Ebenen ist
an einer stärkeren Zusammenarbeit und Vernet­ anzustreben.
zung der verschiedenen Akteuere vor Ort durch
Koordination und Mitwirkung an Netzwerken,
Runden Tischen und kommunalen Gremien.

2. Themenschwerpunkt 2: Wohnen Rahmenbedingungen für das soziale Zusammenleben


und Wohnumfeld im Quartier und die Chancen der Integration vor Ort.

Leitbild für die Stadtteil- und Quartiersentwicklung

2.1. Bestandsaufnahme ist die Schaffung und Sicherung sozial und ethnisch

gemischter Quartiere. In der Realität der Städte und

Das Wohnumfeld hat eine zentrale Funktion im Gemeinden gibt es allerdings auch sozialräumliche

Integrationsprozess. Es ist Lebensmittelpunkt und Segregation, die sich vielerorts nur begrenzt beein­
wichtiges Kontaktfeld für die Zuwanderer und die flussen und verändern lassen wird; insoweit muss

einheimische Bevölkerung. Vor allem Kinder und „Integration trotz Segregation“ erfolgen. Sozialräum­
Jugendliche sowie die nicht erwerbstätigen Erwachse­ liche Segregation ist durch ethnische und soziale
nen verbringen einen großen Teil ihrer Zeit im Wohn­ Faktoren bedingt. So sind Migrantinnen und Mig­
quartier. Die Gestaltung des Wohnumfeldes und ranten mit geringem Einkommen auf Wohnungen
des öffentlichen Raumes sowie die öffentlichen und des unteren Preissegments angewiesen, die sich in
privaten Infrastrukturangebote sind daher wichtige bestimmten Quartieren – etwa innerstädtischen Alt­

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baugebieten und Sozialwohnungen stark verdichteter
Großsiedlungen der 1960er und 1970er Jahre – kon­
4.5.

Konzentration von Armutsbevölkerung und zuge­


wanderter Bevölkerung ist entgegenzuwirken.
zentrieren. Zugleich besteht bei einem Teil der Zuwan­
derer der Wunsch, in einer vertrauten ethnischen ■ Benachteiligte Quartiere mit Defiziten im bau­
Umgebung zu leben, um bestehende Netzwerke und lichen Bestand und in der infrastrukturellen
Hilfestellungen der bereits seit längerem dort leben­ Ausstattung müssen durch gezielte Maßnahmen
den Migrantinnen und Migranten nutzen zu können. zur Verbesserung der Wohn- und Wohnumfeld­
Diese freiwillige Segregation kann dazu führen, den bedingungen stabilisiert und attraktiver gemacht
Beginn des Integrationsprozesses zu erleichtern und werden, auch um sozioökonomisch besser gestellte
Konflikte zwischen unterschiedlichen Kulturen und Bewohner im Quartier zu halten und Bürger aus
Lebensstilen zu verhindern. Sofern Abschottungs­ anderen Stadtteilen zum Umzug in das Quartier zu
tendenzen gegenüber der Aufnahmegesellschaft motivieren. Die Aufwertung von Quartieren darf
bestehen, die die Entwicklung von Parallelstrukturen allerdings nicht zu sozialer Verdrängung führen.
mit einer Verfestigung von Verhaltensweisen aus den
Herkunftsländern – etwa im Hinblick auf die Rolle ■ Das Sicherheitsempfinden im Wohnquartier ist
von Frauen und Mädchen – zur Folge haben und so die ein bedeutender Faktor im Zusammenleben. Seine
Integration erschweren, sind sie abzulehnen. Beeinträchtigung kann bei den Quartiersbewoh­
nern Ängste wecken, die auf „Fremde“ projiziert
Besonderer Handlungsbedarf besteht in den Stadt­ werden und integrationshemmend wirken. Die
teilen, in denen sich sozioökonomische Benachteili­ Sicherheit im Quartier ist daher zu erhöhen und
gungen wie Arbeitslosigkeit, niedriges Einkommen, das Sicherheitsgefühl der Bewohner zu stärken.
geringer Bildungsstand – z. B. fehlende Schul- und
Bildungsabschlüsse von Jugendlichen – und damit ■ Integration erfordert gleichberechtigte Teilhabe
geringe Chancen vieler Quartiersbewohner am aller Bürger. Wichtige Voraussetzung für wirksame
Arbeitsmarkt mit Problemen des Zusammenlebens Maßnahmen der Quartiersentwicklung und ihre
verschiedener Bevölkerungsgruppen überlagern. dauerhafte Verstetigung ist das Zusammenwirken
Dem gesellschaftlichen und ökonomischen Struktur­ aller Beteiligten, um die finanziellen und perso­
wandel folgen Leerstände von Wohn- und Geschäfts­ nellen Potenziale im Quartier für gemeinsame
räumen, bauliche Mängel und Vandalismusschäden. Ziele zu aktivieren und zu bündeln. Die Maßnah­
Negative Entwicklungstendenzen werden durch den men sind unter Beteiligung der Quartiersbewohner
Wegzug besser situierter und integrierter Bewohner und entsprechend ihren Bedürfnissen zu planen
verstärkt. Ein schlechtes Erscheinungsbild des Wohn­ und umzusetzen.
umfeldes führt zu einem negativen Image nach innen
und außen. Dies erschwert die Entwicklung einer per­ ■ Nachbarschaftliche Kontakte, gemeinschaftliche
sönlichen Verortung und Identifikation der Bewohner Aktivitäten und Initiativen sind Voraussetzungen
mit ihrem Wohn- und Lebensumfeld und damit die für die Schaffung und dauerhafte Stabilisierung
Integration vor Ort. von sozialen Netzen als Grundlage für eine positive
Stadtteilentwicklung und das Gemeinschaftsge­
fühl der Bürger. Zuwanderer und einheimische
2.2. Zielbestimmungen Bevölkerung sind in gleicher Weise zu nachbar­
schaftlichem Miteinander und bürgerschaftlichem
■ Die Integration von Zuwanderern muss bei der Engagement gefordert.
Erarbeitung, Fortschreibung und Umsetzung von
Stadt- und Stadtteilentwicklungskonzepten einen
hohen Stellenwert haben. 2.3. Empfehlungen für Maßnahmen (geplante
und zugesagte)/Selbstverpflichtungen/
■ Integrierte fachübergreifende Handlungskonzepte Prüfaufträge
verlangen das Zusammenwirken aller Akteure. Die
Partizipation der Migrantinnen und Migranten im der Bundesregierung (bzw. in der
Prozess der Stadtgestaltung und des Stadtumbaus Regelungszuständigkeit des Bundes)
muss intensiviert werden, um eine Identifikation
mit der Gemeinde und dem Wohnumfeld zu errei­ ■ Ein wichtiges Handlungsinstrument ist das Pro­
chen und die Übernahme von Verantwortung zu gramm „Stadtteile mit besonderem Entwicklungs­
fördern. bedarf – Soziale Stadt“, in dem bundesweit bereits
450 Quartiere in fast 300 Gemeinden gefördert
■ Am Leitbild einer sozialen und ethnischen werden. In einem integrierten Handlungsansatz
Mischung der Bewohner im Quartier ist festzuhal­ werden Maßnahmen verschiedener Politikfelder,
ten; einer Abschottung zwischen verschiedenen vor allem der Wohnungs-, Wirtschafts-, Infrastruk­
Bevölkerungsgruppen und einer sozialräumlichen tur-, Arbeitsmarkt-, Bildungs- und Sozialpolitik,

113

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4.5.
zusammengeführt und auf örtlicher Ebene gebün­
delt. Dieser Prozess wird durch ein aktives Quar­
Freizeitanlagen für Kinder und Jugendliche, die
auch Räume zur eigenen Gestaltung bieten,
tiersmanagement koordiniert und begleitet.
Die Bundesfinanzhilfen für das Programm sollen ➤ die Bereitstellung von Räumlichkeiten für
fortgeführt und auf dem derzeitigen Niveau vers­ gemeinsame Aktivitäten und Veranstaltungen,
tetigt werden. Die Bündelung mit anderen Fachpo­ um zusätzliche Orte der Begegnung zu schaf­
litiken und den Programmen anderer Ressorts soll fen; interkulturelle Begegnungsstätten mit
auch auf Bundesebene verstärkt werden. Betreuungs- und Beratungsangebot sollen als
multifunktionale Versammlungs- und Begeg­
der Länder und Kommunen (bzw. in der Regelungs­ nungsräume in Stadtteilhäusern, Bürgerhäusern
zuständigkeit von Ländern und Kommunen) oder Stadtteilschulen mit Bildungs- und Freizeit­
angeboten allen Quartiersbewohnern – genera­
■ Zur integrierten Entwicklung der Stadtteile als tionen- und ethnienübergreifend – zur Nutzung
gemischte Wohn-, Wirtschafts- und Lebensbe­ offen stehen; dabei sollen gesonderte Veranstal­
reiche werden fachübergreifende Handlungskon­ tungen für einzelne Personengruppen, etwa
zepte unter Zusammenwirken aller Akteure – bei spezielle Kursangebote für Frauen und Mädchen,
gleichberechtigter Teilhabe von Migrantinnen und ermöglicht werden,
Migranten – aufgestellt und umgesetzt.
➤ eine ausreichende und dauerhafte Personalaus­
■ In benachteiligten Stadtquartieren werden die stattung für qualifizierte Bildungs- und Freizeit­
Handlungsmöglichkeiten des Programms „Sozi­ angebote im Quartier.
ale Stadt“ für die Integration von Zuwanderern
genutzt. Ein aktives und aktivierendes Quartiers­ ■ Sicherheit und Sicherheitsgefühl werden durch
management unterstützt die Integrationsprozesse. bauliche Maßnahmen, etwa die Verbesserung der
Zur Komplementierung der Bundesmittel werden Beleuchtung und die Beseitigung von Sichthinder­
Mittel der EU, Länder und Gemeinden eingesetzt. nissen sowie die bauliche Abgrenzung des priva­
ten, halböffentlichen und öffentlichen Raumes
■ Für eine angemessene Wohnraumversorgung aller erhöht; dem dient auch eine deutlichere Präsenz
Bürger werden kommunale Wohnraumversor­ von Polizei, Streetworkern oder Sozialarbeitern im
gungskonzepte entwickelt. Auf dieser Grundlage Quartier und die Einrichtung von Präventionsräten
und in Kooperation von Kommunen und Woh­ als örtliche Ansprechpartner („Stadtteilläufer“).
nungswirtschaft kann eine Belegungssteuerung Dabei ist eine Stigmatisierung einzelner ethnischer
erfolgen; Voraussetzung dafür ist die Verfügbarkeit Gruppen zu vermeiden.
von kommunalen Wohnungsbeständen und Sozi­
alwohnraum mit Belegungsrechten. Belegungs­ ■ Migrantinnen und Migranten sollen verstärkt in
strategien zur sozialen und ethnischen Mischung politische Gremien (z. B. Ortsbeiräte) aufgenommen
dürfen aber nicht zu Diskriminierungen ethnischer werden.
Gruppen führen.
■ Die Motivation zu bürgerschaftlichem Engage­
■ Eine Aufwertung der Quartiere zur Steigerung der ment und für Ehrenämter wird gestärkt, z. B. durch
Wohnqualität erfolgt durch besondere öffentliche Anerkennung.

➤ die Schaffung und Sicherung von – preisgüns­ ■ Zur Verbesserung des Images der Quartiere nach
tigem wie höherwertigem – bedarfsgerechtem innen und außen findet eine gezielte Öffentlich­
Wohnraum, keitsarbeit statt.

➤ die Verbesserung der baulichen und sozialen


Infrastruktur,
der nichtstaatlichen Institutionen und
➤ die Bereitstellung von Grünflächen und Freiräu­ Organisationen sowie der Privatwirtschaft
men im Wohnumfeld, um die Möglichkeiten zur
Freizeitgestaltung für alle Generationen und zur ■ Vor Ort tätige Vereine (z. B. Sportvereine, Kleingar­
Begegnung und Kommunikation in der Nach­ tenvereine, Freiwillige Feuerwehr) unterstützen
barschaft zu erweitern, das soziale Zusammenleben im Quartier durch
die gemeinsamen Aktivitäten von einheimischer
➤ die Bereitstellung von Flächen für Kleingärten Bevölkerung und Zuwanderern. Ihre Beiträge sind
durch die Kommune, vor allem

➤ Angebote an wohnortnahen Spiel- und Sport­


stätten sowie alters- und geschlechtsgerechte

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➤ die Bereitstellung von wohnortnahen Spiel- und ➤
4.5.

Verbesserung der Sicherheit und Stärkung des


Sportstätten, Kleingärten und anderen Freiräu­ Sicherheitsgefühls der Bewohner, z. B. durch den
men zur Freizeitgestaltung, Einsatz von Conciergen/Hausbetreuern,

➤ die Bereitstellung von Versammlungs- und ➤ Erweiterung der Möglichkeiten zum Erwerb von
Begegnungsräumen und anderen Räumlich­ Genossenschaftsanteilen und von Wohneigen­
keiten z. B. für Bildungs- und Freizeitangebote tum durch die Bewohner, um deren Interesse
und für Veranstaltungen der Quartiersbewohner, an der Qualität der Wohnungsbestände und des
Wohnumfeldes zu stärken. Medien, Verbände,
➤ die Organisation gemeinsamer Aktivitäten im Vereine und Privatwirtschaft tragen durch
Verein und im Quartier. gezielte Öffentlichkeitsarbeit (Darstellung der
Potenziale des Quartiers z. B. in Restaurantfüh­
■ Migrantenorganisationen und -vereine über­ rern oder Kunstführern) zur Verbesserung des
nehmen darüber hinaus eine wichtige Funktion
Quartiersimage nach innen und außen bei.
als Ansprechpartner und Moderatoren in der

Quartiersarbeit. Gleiches gilt für die Kirchen und


■ Alle Organisationen sollten zur interkulturellen
Religionsgemeinschaften.
Öffnung bereit sein und vermehrt Personen mit
unterschiedlichem ethnischem Hintergrund als
■ Kirchengemeinden sowie deutsche und aus­ Mitglieder aufnehmen und in höhere Funktionen
ländische Kulturvereine, die Infrastruktur (z. B. berufen.
Räumlichkeiten) für die Migrantenarbeit anbieten
können, sollen dabei unterstützt werden, ihre Inte­ Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohl­
grationsarbeit zusammen mit den kommunalen fahrtspflege (BAGFW) hat nach Abschluss der Arbeiten
Stellen zu planen und durchzuführen. an diesem Bericht folgende Selbstverpflichtungen
nachträglich eingebracht:
■ Maßnahmen zur Aufwertung des Wohnumfelds
und zur Verbesserung der Identifikation der ➤ Die Verbände der BAGFW fungieren mit ihrer
Bewohner mit dem Wohnquartier, aber z. B. auch sozialräumlichen (Projekt-)Arbeit und durch
zur Betreuung von Kindern und Jugendlichen in Patenschaftsprojekte als Ansprechpartner und
der Freizeit, brauchen die Unterstützung enga­ Moderatoren in der Quartiersarbeit.
gierter Bürgerinnen und Bürger im Rahmen
ehrenamtlicher Tätigkeiten, Partnerschaften und ➤ Die Verbände der BAGFW setzen sich durch ihre
Patenschaften, die die Arbeit professioneller Kräfte Dienste und Einrichtungen für Chancengleich­
ergänzen. heit und für den Abbau ausgrenzender Struktu­
ren vor Ort ein.
■ „Integrationslotsen“ wirken als Vermittler und Mul­
tiplikatoren, auch im Bereich der Konfliktlösung ➤ Die Verbände der BAGFW sichern zu, dass ihre
und der Konfliktprävention; viele Nachbarschafts­ Migrationsdienste als Ansprechpartner für Mig­
konflikte können durch Mediation gelöst werden. rantinnen und Migranten und Institutionen zur
Hier kommt insbesondere auch den Migrantinnen Verfügung stehen. Die Verbände organisieren
und Migranten eine wichtige Rolle zu. Dabei müs­ notwendige Aushandlungsprozesse (Mediation)
sen die Potenziale von Frauen verstärkt einbezo­ grundsätzlich auf gleicher Augenhöhe.
gen werden, die vielfach den Zusammenhalt von
Familienverbänden stabilisieren und wesentlich ➤ Die Verbände der BAGFW streben eine sozi­
die Erziehung der Kinder beeinflussen (z. B. Projekt alräumliche Vernetzung ihrer Dienste und
„Stadtteilmütter“). Maßnahmen an und sorgen im Rahmen ihrer
interkulturellen Öffnung für bedarfsgerechte
■ Die Wohnungswirtschaft unterstützt die Integra­ Angebote für Migrantinnen und Migranten.
tion von Zuwanderern durch Maßnahmen zur
Dies gilt für das gesamte Spektrum sozialer
Dienstleistungen, die von den Verbänden vor Ort
➤ Instandhaltung und Modernisierung der
betrieben und organisiert werden.
Wohnungsbestände,

➤ Die Verbände der BAGFW sichern ihre Beteili­


➤ Gestaltung der Freiräume einschließlich der gung an der Entwicklung zivilgesellschaftlicher
Grün- und Freiflächen sowie Bereitstellung von Strukturen vor Ort zu. Dabei werden sie verstärkt
Gärten für die Bewohner, das bürgerschaftliche Engagement von und für
Migranten unterstützen.
➤ Bereitstellung von Gemeinschaftsräumen,

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4.5.
3. Themenschwerpunkt 3:
Schule und Bildung im Quartier
■ Erforderlich sind sowohl eine individuelle Förde­
rung der Schüler als auch ein verstärkter Einbezug
der Eltern und eine verbesserte Elternbildung.

3.1. Bestandsaufnahme ■ Schulen und Kindergärten müssen sich vom Lehr­


zum Lebensort entwickeln und Beziehungen zum
Bildung ist ein wesentliches Kriterium für die Inte­ Umfeld, d. h. zum Stadtteil und seinen Institutionen
gration von Zuwanderern. In Stadtteilen mit einem und Einrichtungen, herstellen.
hohen Anteil von Haushalten mit niedrigem Sozialsta­
tus, meist auch mit hohem Zuwandereranteil, liegen ■ Durch Öffnung von Schulen und Kindertagesstät­
die Schul- und Bildungserfolge von Kindern und ten zum Quartier („Stadtteilschulen“ und „Stadtteil-
Jugendlichen zumeist unter dem gesamtstädtischen Kitas“) entstehen neue Bildungsorte, die zugleich
Durchschnitt. Die Ursachen sind – neben sozialen Pro­ als Orte der Freizeitgestaltung und als interkul­
blemlagen – häufig mangelnde Sprachkompetenzen, turelle Begegnungsstätten Integration fördern
unzureichende häusliche Versorgungsstrukturen können.
und fehlende Unterstützung in schulischen Belan­
gen seitens des Elternhauses. Geringe Bildung aber ■ Im Quartier sollten alle Schulformen vertreten
bedeutet Benachteiligung hinsichtlich sozialer und sein, Schulschließungen soweit möglich vermieden
kultureller Integration sowie der späteren Berufs- und werden.
Beschäftigungschancen. Geringe Bildungserfolge und
unzureichende Schulangebote führen dazu, dass sozio­ ■ Die interkulturelle Orientierung von Schulen und
ökonomisch besser gestellte Familien aus solchen anderen Bildungseinrichtungen ist zu verbessern.
Stadtteilen auch deshalb wegziehen, weil sie ihren Sie sollen Respekt vor allen Herkunftsländern und
Kindern bessere schulische und berufliche Perspek­ Kulturen vermitteln. Dies erfordert die verstärkte
tiven ermöglichen wollen. Die Folge ist ein weiterer Einstellung von Migrantinnen und Migranten
Anstieg des Anteils von Kindern aus sozial schwachen sowie die interkulturelle Schulung der Mitarbeite­
Familien und des Migrantenanteils in Kindergärten rinnen und Mitarbeiter.
und Schulen der benachteiligten Stadtquartiere.
■ Auch die Träger der Weiterbildung, wie z. B. Volks­
Der soziale Nahraum hat für das Aufwachsen von hochschulen, können einen wichtigen Beitrag zur
Kindern und Jugendlichen große Bedeutung. Die Verstärkung der Bildungsangebote im Stadtteil
Attraktivität von Stadtteilen für eine sozial gemischte leisten.
Bevölkerung hängt somit auch eng mit guten Bil­
dungschancen vor Ort zusammen. So fällt neben den ■ Eine vertikale Vernetzung zwischen Land und
Kindergärten den Schulen eine wesentliche Integra­ Kommunen ist zur Verbesserung des Schulerfolgs
tionsaufgabe zu. Gerade die Qualität der Bildungsein­ von Migrantinnen und Migranten zu optimieren.
richtungen im Quartier entscheidet darüber, welche
sozialen Aufstiegs- und Teilhabechancen sich den
Kindern und Jugendlichen des Stadtteils künftig eröff­ 3.3. Empfehlungen für Maßnahmen (geplante
nen. Neben anderen lokalen Dauereinrichtungen und und zugesagte)/Selbstverpflichtungen/
Regelstrukturen der öffentlichen und privaten Träger Prüfaufträge
bieten vor allem die Schulen potenzielle Kommunika­
tionsschienen für den interkulturellen Dialog. Besser der Bundesregierung (bzw. in der
als andere Einrichtungen können sie Kinder und Regelungszuständigkeit des Bundes)
Jugendliche sowie deren Eltern zudem unabhängig
von der ethnischen oder sozialen Zugehörigkeit und ■ Das Programm „Stadtteile mit besonderem Ent­
von der religiösen oder konfessionellen Orientierung wicklungsbedarf – Soziale Stadt“ schließt auch
der Familien erreichen. Maßnahmen im Bereich von Schule und Bildung im
Quartier ein. Neben baulich-investiven Maßnah­
men in Bildungseinrichtungen können ergänzend
3.2. Zielbestimmungen beispielsweise auch Prozesse der interkulturellen
Moderation in Schulen mit hohem Migrantenanteil
■ Bildungsangebote müssen in benachteiligten Stadt­ bei interkulturellen Konflikten unterstützt werden.
quartieren gezielt verbessert werden, bereits begin­ Das Quartiersmanagement hat dabei eine wichtige
nend mit frühkindlicher Förderung, insbesondere Funktion.
im Kindergarten und in der Vorschule. Dies betrifft Die Bundesfinanzhilfen für das Programm sollen
die materielle und personelle Ausstattung wie auch fortgeführt und auf dem derzeitigen Niveau verste­
die Unterrichtsqualität. tigt werden. Die seit 2006 bestehende Möglichkeit,

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die Mittel im Rahmen von Modellvorhaben u. a.
4.5.

Nachbarschaft und durch gezielten Einsatz von


Moderatoren, insbesondere auch Migrantinnen
auch für Maßnahmen der Jugend- und Bildungs­ und Migranten, überwunden werden. Wohnungs­
politik (etwa zur Verbesserung von Schul- und Bil­ nahe und zielgruppenspezifische Beratungsange­
dungsabschlüssen oder zur Betreuung von Jugend­ bote (z. B. schulbegleitende Hilfen, mobile Sozialar­
lichen in der Freizeit) einzusetzen, soll erweitert beit) werden ausgebaut.
werden, auch um eine verstärkte Bündelung mit
anderen Fachpolitiken zu erreichen. ■ Schulen und Kindertagesstätten öffnen sich ver­
stärkt in den Stadtteil: Sie stellen ihre Infrastruktur
■ Der Bund plant mit den Ländern und Kommunen zur Verfügung und werden – auch in Zusammenar­
einen Investitionspakt, durch den u. a. Schulen und beit mit anderen Akteuren im Quartier, z. B. Jugend­
Kindertagesstätten in städtischen Problemlagen zu einrichtungen oder Sportvereinen – zum räum­
Stadtteilschulen und Quartierskindergärten umge­ lichen Kristallisationspunkt für angebots- und
baut werden können. einrichtungsübergreifende Begegnungsstätten. Sie
sollten über ihre Rolle als Bildungseinrichtungen
der Länder und Kommunen (bzw. in der Regelungs­ hinaus umfassender in örtliche Integrationskon­
zuständigkeit von Ländern und Kommunen) zepte eingebunden und zu „Stadtteilschulen“ und
„Stadtteil-Kitas“ entwickelt werden, um die Funk­
■ In benachteiligten Stadtquartieren werden die tion von sozialen Einrichtungen im Quartier über­
Handlungsmöglichkeiten des Programms „Soziale nehmen zu können (z. B. als Familienzentren).
Stadt“, insbesondere auch die erweiterten Förder­
möglichkeiten im Rahmen von Modellvorhaben, ■ Eine solche Öffnung der Schulen bedeutet aber
für die Integration von Zuwanderern genutzt. Zur auch eine Erweiterung des Aufgaben- und Kom­
Komplementierung der Bundesmittel werden Mit­ petenzprofils der Schule, der Schulleitung und der
tel der EU, Länder und Gemeinden eingesetzt. Lehrerschaft, für die entsprechende Ressourcen
wie Zeit, strategische Beratung und finanzielle
■ Die materielle und personelle Ausstattung von Bil­ Mittel erforderlich sind.
dungseinrichtungen mit einem überdurchschnitt­
lichen Anteil an Kindern und Jugendlichen aus ■ Die Partnerschaft zwischen Schule und Quartiers­
Zuwandererfamilien wird gezielt verbessert. management wird intensiviert: Die Schule hat für
das Quartiersmanagement als Kooperationspartner
■ Eine ausreichende Sprachförderung wird für u. a. die wichtige Funktion eines Multiplikators (z. B.
alle Kinder – mit oder ohne Migrationshinter­ bei der Gewinnung von Eltern, Bewohnerinnen
grund – bereits ab dem Kindergarten sicher gestellt. und Bewohnern, Schülerinnen und Schülern,
Bei ausreichender Nachfrage wird das Erlernen der bei der Unterstützung von nachbarschaftlichen
Muttersprachen als 2. Fremdsprache angeboten. Projekten und Aktionen, in der Teilnahme und
Mehrsprachige Schulangebote und interkulturelle Entwicklung der Stadtteilkultur). Das Quartiersma­
Schulen werden unterstützt. nagement kann die Schulen bei ihrer Zusammenar­
beit im Stadtteil und somit bei ihren Bemühungen
■ Es werden Gesamtkonzepte für ganztägige Bildung zur Öffnung hin zum Stadtteil unterstützen, u. a.
(Ganztagsschulen/Nachmittagsangebote) entwi­ bei der Einbeziehung außerschulischer Lernorte,
ckelt, die sowohl die Unterstützung in schulischen der Nutzung außerschulischer Experten und
Belangen (z. B. durch gezielten Förderunterricht Kompetenzen, der Entwicklung von Projekten mit
und Hausaufgabenhilfe) als auch Angebote der Kooperationspartnern im Stadtteil (Ämtern, sozi­
Freizeitgestaltung umfassen. alen sowie Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen,
Betrieben und anderen Institutionen).
■ Eine individuelle Förderung von Kindern erfolgt
auch durch ehrenamtliche Helfer (z. B. Lesepaten ■ Die interkulturelle Kompetenz und damit die
in der Grundschule, fächerbezogene Lernhilfen z. B. Unterrichtsqualität in Schulen mit hohem Mig­
durch Studenten in der Sekundarstufe, Mentoren rantenanteil wird durch eine größere Zahl von
beim Übergang von der Schule in den Beruf). Migrantinnen und Migranten in der Lehrerschaft
sowie eine verstärkte Fortbildung und interkultu­
■ Eine verstärkte Elternbildung erfolgt u. a. durch relle Schulung von Erziehern und Lehrern verbes­
Sprachförderkonzepte (z. B. Sprachkurse wie sert. Die interkulturelle Qualitätsentwicklung wird
„Mama lernt Deutsch“) und die Ausweitung niedrig­ im Schulprofil und in den Curricula institutionell
schwelliger Elternarbeit (z. B. Elterncafés). Durch verankert.
Beratung werden Informationen über Hand­
lungsmöglichkeiten und berufliche Perspektiven ■ Zur Umsetzung dieser Ziele sind vorhandene finan­
vermittelt. Bildungsferne von Eltern kann durch zielle und personelle Ressourcen gezielt zu bündeln
Angebote der Familien- und Elternbildung in der und zu nutzen. Dazu bedarf es einer noch stärkeren

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4.5.
Vernetzung der unterschiedlichen Politikfelder, die
Kinder und Familien betreffen, insbesondere der ■ Alle Quartiersbewohner sind zu ehrenamtlichen
Sozialpolitik, Familienpolitik, Bildungspolitik und Engagement (z. B. als Lesepaten) gefordert.
Integrationspolitik.
Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohl­
■ Die sozialräumliche Situation und die Entwicklung fahrtspflege (BAGFW) hat nach Abschluss der Arbeiten
der Bildungserfolge in den einzelnen Stadtteilen an diesem Bericht folgende Selbstverpflichtungen
werden Gegenstand einer Bildungsberichterstat­ nachträglich eingebracht:
tung und Evaluation in den Gemeinden.
➤ Die Verbände der BAGFW engagieren sich für
der nichtstaatlichen Institutionen und die Bildung und Bildungschancen von Kindern
Organisationen sowie der Privatwirtschaft mit Migrationshintergrund durch Förderung
in Kindertagesstätten und mit ihren anderen
■ Migrantinnen und Migranten und ihre Organisa­ familienunterstützenden Programmen.
tionen, auch die Kirchen und Religionsgemein­
schaften, übernehmen Multiplikatorfunktionen ➤ Die Verbände der BAGFW arbeiten in ihren Ein­
und unterstützen die Zusammenarbeit von richtungen und Diensten darauf hin, das eine
Bildungseinrichtungen, Kindern und Jugendlichen gute Sprachförderung und die Unterstützung
und ihren Eltern im Quartier. Sie wirken als „Inte­ von Mehrsprachigkeit für alle Kinder bereits im
grationslotsen“ und Moderatoren und vermitteln Vorschulalter sichergestellt wird.
die Bedeutung von Bildung für die Zukunftschan­
cen der Kinder. ➤ Die Verbände der BAGFW fördern die inter­
kulturelle Kompetenz ihrer Mitarbeiter und
■ Migrantenorganisationen und Religionsgemein­ die interkulturelle Öffnung ihrer Dienste und
schaften bieten Sprachunterricht in den jeweiligen Einrichtungen.
Muttersprachen an.
➤ Die Verbände der BAGFW sichern zu, dass sich
■ Migrantinnen und Migranten wirken vermehrt in ihre Migrationsdienste aktiv an der Begleitung
den Elternvertretungen mit. von Bildungswegen von Neuzuwanderern
beteiligen.

4. Themenschwerpunkt 4: zungs- und Nischenökonomie“ zur lokalen Versor­


Lokale Ökonomie gung bei; sie leisten auch einen spürbaren Beitrag zur
Beschäftigung und sozialen Integration im Quartier.
2003 wurden ca. 280.000 ausländische Selbststän­
4.1. Bestandsaufnahme dige in Deutschland gezählt, insgesamt waren über
eine Million Menschen in ausländischen Unterneh­
Der Begriff „lokale Ökonomie“ umschreibt die auf men tätig. Läden und handwerkliche Kleinbetriebe
die Entwicklung einer Kommune oder eines Stadt­ sind Informationsbörsen; der Kontakt zu der – auch
teils bezogenen wirtschaftlichen Aktivitäten. Ihnen deutschen – Kundschaft sorgt für interkulturelle
kommt eine wachsende Bedeutung zu. Arbeitslosig­ Begegnung. Die Potenziale von Migrantenbetrieben
keit und Qualifikationsdefizite, der Rückgang lokaler liegen vor allem in der Stärkung der lokalen Gewerbe-
Wirtschafts- und Versorgungsstrukturen sowie ein und Nahversorgungsstruktur, der Schaffung von
schrumpfendes Angebot an wohnortnahen Ausbil­ Arbeits- und Ausbildungsplätzen, der Erweiterung des
dungs- und Arbeitsplätzen zählen zu den größten örtlichen Versorgungsangebots sowie der Nutzung
Problemen in benachteiligten Stadtquartieren. Folgen andernfalls leerstehender Gewerberäume. Es beste­
hoher Arbeitslosigkeit in diesen Gebieten sind Ein­ hen aber auch Probleme: Die hohe Bereitschaft von
kommens- und Kaufkraftverluste der Quartiersbevöl­ Zuwanderern zur Selbstständigkeit resultiert zum Teil
kerung, die ihrerseits die wirtschaftliche Entwicklung aus der Arbeitslosigkeit. Viele Kleinstbetriebe werden
der Betriebe und Unternehmen im Stadtteil gefähr­ nur durch hohen persönlichen und familiären Einsatz
den. Dies wirkt sich wiederum negativ auf die Attrak­ bei niedrigen Einkünften erhalten. Es fehlt ihnen oft
tivität des Quartiers aus und verstärkt einen sozialen an Eigenkapitalausstattung, unabhängiger Beratung,
Abwärtstrend. Perspektiven für die wirtschaftliche Weiterent­
wicklung, Fortbildung und Ausbildungsbefähigung.
Die lokalen Wirtschaftsstrukturen sind daher ein Aufgrund dieser Probleme kommt es bei Kleinunter­
wichtiges Potenzial für eine Stabilisierung und nehmen von Zuwanderern zu hoher Fluktuation und
Aufwertung des Quartiers. Insbesondere ethnische häufigen Insolvenzen.
Unternehmen tragen häufig nicht nur als „Ergän­

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4.2 Zielbestimmungen
4.5.

4.3. Empfehlungen für Maßnahmen (geplante


und zugesagte)/Selbstverpflichtungen/
■ Wirtschaftsförderung ist verstärkt sozialräum­ Prüfaufträge
lich auszurichten, indem etwa in benachteiligten
Stadtteilen die lokalen Geschäfts- und Gewerbe­ der Bundesregierung (bzw. in der
strukturen – einschließlich der ethnischen Ökono­ Regelungszuständigkeit des Bundes)
mie – gefördert und stabilisiert werden. Lokale/eth­
nische Ökonomie ist auch ein relevanter Faktor für ■ Die „Lokale Ökonomie“ ist eines der Handlungs­
die örtliche Wirtschaft und daher eine wichtige felder im Bund-Länder-Programm „Stadtteile mit
Aufgabe der Wirtschaftsförderung. besonderem Entwicklungsbedarf – Soziale Stadt“.
Wichtige Programmziele liegen darin, im Rahmen
■ Zur Schaffung zusätzlicher Arbeits- und Erwerbs­ integrierter quartiersbezogener Handlungskon­
möglichkeiten im Quartier sind Existenzgrün­ zepte örtliche Unternehmen zu sichern und zu
dungen zu unterstützen und bestehende Betriebe stärken, Existenzgründungen zu fördern, das Ange­
zu stabilisieren. Dazu gehören auch eine bessere bot lokaler Arbeits-, Beschäftigungs- und Ausbil­
Risikoabsicherung, Hilfestellungen bei der Erstel­ dungsmöglichkeiten auszubauen, Arbeitssuchende
lung eines tragfähigen Businessplans und die zu qualifizieren und deren Zugangschancen zum
Bereitstellung von Kleinkrediten für örtliche Arbeitsmarkt zu verbessern sowie entsprechende
Kleinbetriebe. Beratungs- und Vermittlungsleistungen auch im
Bereich der Ausbildung anzubieten. Dabei geht es
■ Maßnahmen der Beschäftigungspolitik, der Bil­ um eine qualitativ neue Wirtschaftsförderung, die
dungs- und Ausbildungsförderung und der beruf­ Dienstleistungen und Angebote räumlich diffe­
lichen Qualifizierung sind den lokalen Anforde­ renziert anbietet und an den Bedürfnissen vor Ort
rungen entsprechend einzusetzen. ausrichtet. Das Programm soll daher fortgeführt
und auf dem derzeitigen Niveau verstetigt werden.
■ Zur Förderung von Ausbildungsbereitschaft und
der Ausbildungserlaubnis kleiner Unternehmen ■ Die Bündelung mit Beschäftigungs- und Qualifi­
im Quartier sind spezielle (auch zielgruppenspe­ zierungsprogrammen soll verstärkt werden, u. a.
zifische) Beratungsangebote und Unterstützungs­ durch zusätzlichen Einsatz von Mitteln des Europä­
maßnahmen erforderlich. Bewährt haben sich ischen Sozialfonds in der neuen EU-Strukturfonds­
Ausbildungsverbünde und externes Ausbildungs­ periode 2007 bis 2013 (in der auslaufenden Peri­
management sowie das Modell des Ausbildungs­ ode erfolgt bereits eine Bündelung u. a. mit dem
paten, in dem erfahrene Ausbilder Betriebsinhabe­ Programm des BMFSFJ „Lokales Kapital für soziale
rinnen und -inhabern mit Migrationshintergrund Zwecke – LOS“ und dem Sonderprogramm des
beim Einstieg in die Erstausbildung beratend und BMVBS „Beschäftigung, Bildung und Teilhabe vor
unterstützend zur Seite stehen. Ort“ in den Programmgebieten der Sozialen Stadt).

■ Alle Wirtschaftsakteure sind in die Quartiersent­ ■ Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) wird die
wicklung einzubeziehen, beispielsweise durch Vergabe von Kleinkrediten zur Förderung lokaler
Zusammenarbeit der örtlichen Unternehmen sowie Unternehmer und Existenzgründer und die Risiko­
der Agentur für Arbeit und der Kammern mit Schu­ absicherung von kleinen Unternehmen (auch mit
len und Jugendeinrichtungen im Quartier. Inhaberinnen und Inhabern mit Migrationshinter­
grund) verstärken.
■ Betriebe der „sozialen Ökonomie“ sollten gezielt
gestärkt werden; dies sind Betriebe, die vor allem der Länder und Kommunen (bzw. in der Regelungs­
lokal nachgefragte Dienstleistungen anbieten, die zuständigkeit von Ländern und Kommunen)
über den Markt und die öffentliche Hand nicht
bereitgestellt werden können (z. B. hauswirtschaft­ ■ In benachteiligten Stadtquartieren werden die
liche Dienstleistungsagenturen, Schulküchen, Handlungsmöglichkeiten des Programms „Soziale
Stadtteil- und Kulturcafés). Sie können die soziale Stadt“, insbesondere auch die erweiterten Förder­
und kulturelle Infrastruktur sowie das Angebot an möglichkeiten im Rahmen von Modellvorhaben,
Waren und an personen-, haushalts- und gemein­ für die Integration von Zuwanderern genutzt. Zur
wesenbezogenen Dienstleistungen im Gebiet Komplementierung der Bundesmittel werden Mit­
ergänzen. Auch sie können ein wichtiger Faktor im tel der EU, der Länder und Gemeinden eingesetzt.
lokalen Ausbildungs- und Arbeitsplatzangebot sein.
■ Eine verstärkte Förderung der lokalen Ökonomie
■ Zur erfolgreichen Umsetzung lokalökonomischer erfolgt durch die Bereitstellung von Finanzmitteln
Ansätze sind quartiersbezogene Entwicklungskon­ und personellen Ressourcen (auch von interkul­
zepte in gesamtkommunale und regionale Wirt­ turell geschultem Personal) zur Unterstützung
schaftsstrategien einzubetten. örtlicher Unternehmen, die Förderung von

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4.5.
Neugründungen vor Ort, bedarfsgerechte Bera­
tungsangebote (auch bei Existenzgründungen und
■ Öffentlichkeitsarbeit dient der Imageverbesserung
des Quartiers als Wirtschaftsstandort.
der Beantragung von Fördermitteln, Vermittlung
von Informationen (auch in anderen Sprachen), ■ Durch Aufbau einer Datenbank zur lokalen und
die Unterstützung der Netzwerkbildung in der ethnischen Ökonomie im Stadtteil werden die
lokalen Unternehmerschaft unter Einbeziehung Informationsgrundlagen verbessert.
wirtschaftsrelevanter Einrichtungen (Wirtschafts­
förderung, Industrie- und Handelskammern und ■ Die Förderung der ethnischen Ökonomie wird in
Handwerkskammern, Arbeitsamt) und die Über­ die kommunale Integrationspolitik eingebunden.
nahme von Kreditbürgschaften. Es erfolgt eine Abstimmung von Handlungsansät­
zen und ein Erfahrungsaustausch zwischen den
■ Ergänzende Maßnahmen sind die zielgruppen­ relevanten kommunalen Verwaltungseinheiten,
spezifische Qualifizierung von Migrantinnen und Kammern und Verbänden.
Migranten, insbesondere ethnischen Existenzgrün­
derinnen und -gründern, gezielte Information über der nichtstaatlichen Institutionen und
Beratungs- und Fortbildungsangebote. Organisationen sowie der Privatwirtschaft

■ Eine personen- und unternehmensorientierte ■ Kreditinstitute und Stiftungen: Gewährung von


Beschäftigungsförderung und Qualifizierung der Kleinkrediten an lokale Betriebe; Sensibilisierung
Migrantinnen und Migranten hat zum Ziel, eine der Mitarbeiter für die Potenziale der ethnischen
effektive und passgenaue Vermittlung in den Ökonomie.
Arbeitsmarkt zu ermöglichen.
■ Ausbildungsangebote durch die (ausländischen
■ Die interkulturelle Kompetenz und damit die und deutschen) Unternehmen im Quartier.
Beratungsqualität in der kommunalen Wirtschafts­
förderung, den Arbeitsagenturen und den Arbeits­ ■ lokale Unternehmerschaft: Beteiligung an Netz­
gemeinschaften zur Wahrnehmung der Aufgaben werken und Kooperationen.
nach dem SGB II (ARGEN) wird verbessert.
■ Wohnungsunternehmen: Bereitstellung von
■ Eine Unterstützung der lokalen Ökonomie erfolgt Gewerberäumen zu günstigen Konditionen,
im Hinblick auf die Schaffung von Ausbildungsplät­ z. B. gezielt für Unternehmensgründer.
zen auch durch Beratung und Qualifi zierung von
Unternehmern zur Erhöhung der Ausbildungsbe­ ■ Kammern: bedarfsgerechte, kultursensible Bera­
reitschaft sowie die Initiierung und Unterstützung tungsangebote (z. B. Existenzgründungsseminare,
des Aufbaus lokaler Ausbildungsverbünde kleiner Beratung bei der Beantragung von Fördergeldern,
Unternehmen und den Aufbau von externem Fortbildungsangebote).
Ausbildungsmanagement.
■ Integration ist ein wechselseitiger Prozess, d. h. die
■ Lokale Netzwerke und Kooperationen, in denen Integrationsbereitschaft der Zuwanderer und die
sich vor Ort ansässige Unternehmen zusammen- Integrationsunterstützung der Aufnahmegesell­
schließen (Unternehmerstammtisch, Werbege­ schaft bedingen sich gegenseitig. So ist es auch
meinschaften etc.), werden unterstützt. erforderlich, dass Migrantinnen und Migranten
bereit sind, Ausbildungs- und Qualifizierungsan­
■ Zur Qualifizierung und Vermittlung von Jugend­ gebote anzunehmen und sich an Integrationsmaß­
lichen in Praktika, Ausbildung und Arbeitsmarkt nahmen zu beteiligen.
werden Netzwerke und Kooperationen zwischen
Verwaltung, Schulen, Jugendeinrichtungen,
örtlichen Gewerbetreibenden, Arbeitsagenturen,
ARGEN und anderen Akteuren (z. B. Migrantenselb­
storganisationen, ausländischen Unternehmens­
verbänden und Migrantenmedien) initiiert und
unterstützt.

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5. Themenschwerpunkt 5:
Indikatoren, Monitoring,
5.2. Zielbestimmungen
4.5.

■ Im Rahmen von Integrationskonzepten sollte in


Evaluierung den Kommunen ein System zur laufenden Beob­
achtung (Monitoring) entwickelt und verstetigt
werden: Gegenstand von Monitoringsystemen ist
5.1. Bestandsaufnahme die Messung des Standes der Integration durch
Angleichung der Chancen resp. der Lebensverhält­
Integration ist ein individueller und subjektiver nisse in definierten Sektoren (z. B. Bildung, Arbeit,
Prozess, der sich häufig über mehrere Generationen Wohnen) zwischen Aufnahmegesellschaft und
vollzieht. Gleichwohl lassen sich Erfolge kommunaler Zuwanderern.
Integrationspolitik feststellen und bewerten. Für ein
Integrationsmanagement sind Kriterien oberhalb ■ Das Monitoring erfolgt mit Hilfe von einheitlich
der subjektiven Ebene erforderlich, anhand derer definierten statistischen Kennzahlen, die über den
der Grad der Integration von Zuwanderern in einer Stand der Integration in die jeweilige Aufnahme-
Gesellschaft gemessen werden kann. Evaluierung und bzw. Stadtgesellschaft Auskunft geben. Darüber
Monitoring sind wichtige Instrumente des Qualitäts­ hinaus kann das Monitoring zur Messung der
managements und der Politiksteuerung. Mit ihnen Erreichung integrationspolitischer Ziele, zur Quali­
können beispielsweise Transparenz und Öffentlichkeit tätsverbesserung bestehender und neuer Integrati­
über die komplexen Wirkungszusammenhänge und onsmaßnahmen sowie für einen effizienten Einsatz
über Kosten und Nutzen von Integrationsmaßnahmen von Ressourcen genutzt werden.
hergestellt werden. Sie tragen zu einer Qualifizierung
von Strategien, Konzepten und Projekten bei, da in ■ Daten zur Gruppe der Menschen mit Migrations­
Evaluationsprozessen erkannte Fehlentwicklungen hintergrund sind flächendeckend zu erheben und
zu Umsteuerungen genutzt werden können. Gegen­ bereit zu stellen. Die Indikatoren sind so auszuwäh­
über den eher anlass- und maßnahmenorientierten len, dass die Datengrundlage mit vertretbarem
Vorgehensweisen früherer Jahre kann die Quer­ zusätzlichem Aufwand hergestellt werden kann.
schnittsaufgabe Integration durch regelmäßige
Evaluierung und Fortschreibung von Konzepten und ■ Am Beginn einer strategischen Ausrichtung von
Maßnahmen, besonders mit Blick auf die Vielzahl Integrationsarbeit steht die Analyse der Ausgangs­
beteiligter Akteure und eine um Effektivität bemühte lage bzw. der historischen Entwicklung. Diese
Ausrichtung, besser bewältigt werden. Deshalb sollten sollte unter Verwendung derselben Indikatoren
Monitoring und Evaluierung als ein integraler und oder Kennzahlen erhoben werden, die auch für die
aktiver Bestandteil von Integrationskonzepten etab­ Formulierung von Zielen bedeutsam sind.
liert werden.
■ Bei der Auswertung erhobener Daten sind Stig­
Die Steuerung der Integrationsarbeit benötigt über matisierungen zu vermeiden; z. B. sind soziale
die Indikatoren und Kennzahlen hinaus qualifizierte Problemlagen nicht zwangsläufig als migranten­
Daten. In der Kommunalstatistik und der amtlichen spezifisch zu betrachten. Zudem ist ein Migrations­
Statistik wurde vor 2005 nur zwischen Deutschen und hintergrund nicht per se ein Merkmal, das einen
Ausländern unterschieden. Eine alleinige Unterschei­ Bedarf an Unterstützungsleistungen signalisiert.
dung nach der Staatsangehörigkeit wird der zuneh­ Zuwandererquoten sind daher nur in Verbindung
menden Heterogenität der Personen mit bzw. ohne mit anderen Indikatoren (z. B. Bildungserfolge)
deutsche Staatsangehörigkeit aber nicht gerecht. aussagefähig.
So sind viele Deutsche im Ausland geboren und als
(Spät-)Aussiedler nach Deutschland zugewandert.
Eine zunehmende Anzahl von Personen wurde im
Ausland geboren und hat das Recht auf Einbürgerung
in Anspruch genommen. Auf der anderen Seite leben
viele Menschen als Ausländer in Deutschland, die hier
geboren wurden und keine eigenen Migrationserfah­
rungen haben. Erst mit dem Mikrozensus 2005 erhebt
das Statistische Bundesamt Daten zu Personen mit
Migrationshintergrund; dazu zählen Ausländer, Zuge­
wanderte, Eingebürgerte und deren Nachkommen.

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4.5.
5.3. Empfehlungen für Maßnahmen (geplante
und zugesagte)/Selbstverpflichtungen/
➤ zur Erfassung von kulturellen, ökonomischen
und sozialen Potenzialen von Migrantinnen und
Prüfaufträge Migranten.

der Bundesregierung (bzw. in der ■ Die Ermittlung qualifizierter Daten und Kenn­
Regelungszuständigkeit des Bundes) zahlen erfolgt durch

■ Erhebung von Daten zur Gruppe der Menschen mit ➤ Erhebung von Daten zur Gruppe der Menschen
Migrationshintergrund (Zensus 2010). mit Migrationshintergrund insbesondere durch
Einwohnermeldeämter,
■ Im Rahmen des Programms „Soziale Stadt“ sollen
Monitoring und Evaluation als feste Bestandteile ➤ Weiterentwicklung der Statistiken hinsichtlich
des förderfähigen Stadtteilentwicklungskonzepts der sozialräumlichen Erhebungen (auch in klei­
auch im Hinblick auf Integrationsmaßnahmen nen kreisangehörigen Gemeinden) über Men­
verankert werden. Der Erfahrungsaustausch – u. a. schen mit Migrationshintergrund entsprechend
über die Transferstelle – über Monitoring und Eva­ dem Mikrozensus 2005,
luation wird verstärkt.
➤ Erweiterung von Datengrundlagen durch
der Länder und Kommunen (bzw. in der Regelungs­ kommunale Bürgerumfragen, in denen der
zuständigkeit von Ländern und Kommunen Migrationshintergrund der Befragten erhoben
wird; ferner können zusätzliche quantitative
■ Auf Basis eines gesamtstädtischen statistischen Daten erfasst werden, die für die Ausrichtung
Informationssystems, mit dem Aussagen zur der Integrationspolitik bedeutsame Erkennt­
Entwicklung in Gebieten, zum Vergleich von Ent­ nisse liefern (z. B. Zufriedenheit mit der eigenen
wicklungen in verschiedenen Gebieten und zum Situation, der Wohnsituation, der Lage auf dem
Vergleich einzelner Gebiete mit der Gesamtkom­ Arbeitsmarkt, Einschätzung des sozialen Klimas
mune getroffen werden können, wird ein kontinu­ in der Kommune, soziale Kontakte zwischen
ierliches Berichtswesen aufgebaut. Aufnahmegesellschaft und Migrantengruppen,
Akzeptanz von kommunaler Integrationspolitik
■ Im Rahmen des gesamtstädtischen Monitoring und ihrer Umsetzung).
unterziehen die Kommunalpolitik und die Verwal­
tung die Wirkung der eingeschlagenen Integrati­ ■ Es werden Fortbildungsangebote im Bereich Evalu­
onsstrategie und der jeweiligen Maßnahmen einer ierung/Monitoring auf kommunaler Ebene bereit
laufenden Untersuchung auf Erfolg und Misserfolg gestellt.
(z. B. bei Programmen zur Steigerung der Sprach­
kompetenz von Aussiedlern). der nichtstaatlichen Institutionen und
Organisationen sowie der Privatwirtschaft
■ Controlling unterstützt das Integrationsmanage­
ment durch kontinuierliches Zusammenstellen ■ Fortbildungsangebote im Bereich Evaluierung/
aktueller Informationen über Bedarfe, Leistungen, Monitoring durch wissenschaftliche Institute,
Wirkungen und Ressourceneinsatz. Verbände

■ Es werden Indikatoren als Hilfsmittel zur Beschrei­ ■ Bereitstellung von Daten durch verschiedene Insti­
bung einer sozialen Realität auf einer objektiven tutionen, z. B. die Kammern
Ebene ermittelt
Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohl­
➤ zur Messbarkeit von gesellschaftspolitischen Zie­ fahrtspflege (BAGFW) hat nach Abschluss der Arbeiten
len (wie z. B. soziale Sicherheit, Chancengleich­ an diesem Bericht folgende Selbstverpflichtung nach­
heit, Wohlfahrt, Nachhaltigkeit, Integration) als träglich eingebracht:
(qualitative) Hilfsmittel zur Beschreibung der
(sozialen) Realität (z. B. Schulabschlussquoten ➤ Die Verbände der BAGFW nehmen am Monito­
unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen), ring teil, um die Zielerreichung der Integration
zu überprüfen.

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4.5.

123

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4.5.

Mitglieder
Koordination: Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung

Angelika Baestlein Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung

Benjamin Bloch Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e. V.

Detlef Bröker Bundesamt für Migration und Flüchtlinge

Ergun Can Netzwerk türkeistämmiger MandatsträgerInnen

Hubert Deittert, MdB Deutscher Bundestag

Jean Claude Diallo Evangelischer Regionalverband Frankfurt am Main

Izabela Ebertowska Polnischer Sozialrat e. V.

Dr. Christian Lieberknecht Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen e. V.

Erzbischof Feofan Galinskij Russisch Orthodoxe Kirche in Deutschland

Thomas Hartmann Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung

Dr. Christoph Hauschild Bundesministerium des Innern

Erhard Heintze Senat für Arbeit, Frauen, Gesundheit, Jugend und Soziales Bremen

Angelika von Heinz Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Manfred Hugo Landrat Landkreis Osnabrück

Dr. Andreas Kapphan Arbeitsstab der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und
Integration

Tayfun Keltek Landesarbeitsgemeinschaft der kommunalen Migrantenvertretungen Nordrhein-


Westfalen

Kristin Keßler Wirtschaftsministerium des Landes Baden-Württemberg

Dr. Walter Kindermann Sozialministerium des Landes Hessen

Roxana Kolenda Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung

Gesine Kort-Weiher Deutscher Städtetag

Christine Krieg Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung

Christoph Kulenkampff Schader-Stiftung

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4.5.

Michael Löher Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e. V.

Dr. Engelbert Lütke Daldrup Staatssekretär im Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung

Erzpriester Apostolos Malamoussis Griechisch-Orthodoxe Metropolie von Deutschland

Ulrich Mohn Deutscher Städte- und Gemeindebund

Nurten Özcelik Integrationsrat der Stadt Herne

Rafet Öztürk Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e. V.

Gari Pavkovic Integrationsbeauftragter der Stadt Stuttgart

Dr. Franz-Georg Rips Deutscher Mieterbund

Dr. Klaus Ritgen Deutscher Landkreistag

Dr. Peter Runkel Bundesministerium für Verkehr, Bau und St