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Die keltische Haarhauben Joannes Richter

Kurzfassung
In Juni 2018 startete ich eine genauere Analyse des Zöpfen-Skulptur mit den drei Gesichtern 1, den
ich an der Außenwand der Michaelskirche in Forchtenberg gefunden hatte.
Auf dem Plan stand ein Besuch an das Landesmuseum in Stuttgart, wo sich eine zweite Skulptur
mit Zöpfen befindet, die man bereits vor 1698 in Wildberg gefunden hatte 2. Diese Skulptur ist
ausgestattet mit etwa 6 mehr als 1m langen Zöpfen, die auf dem Rücken angedeutet werden.
Außerdem befindet sich im Museum auch den 2,3m hohen Stele von Holzgerlingen3 mit einem
Kopfputz, den man 1838 in Holzgerlingen bei Böblingen gefunden hatte. Die Bedeutung dieses
Kopfputzes wird in der Literatur4 als unbekannt ausgewiesen.
Wenn man diese Skulpturen nebeneinander stellt kann man sich vorstellen, dass die 6 Zöpfen
zusammengerollt in den Kopfputz passen. In der nachfolgenden Reihe werden die Stele von
Holzgerlingen, die Wildbergskulptur und die Zöpfen-Skulptur mit den drei Gesichtern aus
Forchtenberg miteinander verglichen.
Ist es gerechtfertigt der Kopfputz dieser drei abgebildeten Personen als Haarhauben zu betrachten?
Im nachfolgenden Manuskript habe ich die vorhandene Information zu dieser These gebündelt
dokumentiert.

3: Zöpfen-Skulptur mit den drei


Gesichtern an der Michaelskirche in
Forchtenberg (eigenes Foto)

2 Steinfigur von Wildberg (Robert Knorr)


1 Holzgerlingen (1922)

1 The 3-faced sculpture at Michael's Church in Forchtenberg


2 Die Steinfigur von Wildberg (Heidelberger OJS-Journals): Mit Bemerkungen über altkeltische Bildhauerei und
Götterdarstellung. Robert Knorr in "Germania: Anzeiger der Römisch-Germanischen Kommission des Deutschen
Archäologischen Instituts". Bd. 6, Nr. 1 (1922)
3 Stele von Holzgerlingen — Keltische Statue mit Janus-Kopf - Provenance/Rights: Landesmuseum Württemberg,
Stuttgart [CC BY-SA]
4 Seite 121 auf „Teutates und Konsorten“ – Reise zu den Kelten in Südwestdeutschland – Johannes Lehmann (2006)
Die Skulptur mit den 3 Gesichtern an der Michaelskirche (Forchtenberg)
Die Skulptur mit den 3 Gesichtern an der Michaelskirche (Forchtenberg) beschreibt nur die
Gesichtspartie.
In der linken Abbildung werden die Zöpfe als Flechtwerk dargestellt, das nach unter in den
Hintergrund verschwindet. Eine Gesamtlänge der Zöpfen kann man aus der Skulptur nicht ablesen.
In der rechter Abbildung habe ich mit einem graphischen Editor die Zöpfen- und Augenstruktur
ausgearbeitet.
Die Farbgebung der schwarzen Kopfbedeckung konnte nicht genauer untersucht werden. Es ist
denkbar, dass die schwarze Flächen mit Farbe akzentuiert worden sind.

5: Zöpfen-Skulptur mit den drei Gesichtern 4 Zöpfen-Skulptur mit den drei Gesichtern an
an der Michaelskirche in Forchtenberg der Michaelskirche in Forchtenberg
(eigenes Foto) (eigenes Foto, editiert)
Die Wildbergskulptur
Die Wildbergskulptur wurde vor 1698 in Wildberg an der Nagold gefunden und befindet sich zur
Zeit im Landesmuseum in Stuttgart. Im Internet konnten folgende zwei Detailbeschreibungen
gefunden werden:
In Wildberg wurde das sehr alte 7′ 11″ hohe Steinbild eines, vermuthlich christlichen
Priesters mit langem Barte, Zopf, Priestergurt gefunden, (aufgestellt im K. Museum zu
Stuttgart, abgebildet bei Sattler, Gesch. bis 1260 Taf. 1 Fig. 2 und sonst). 1/4 Stunde
westlich von Alt-Nuifra kommen einige Grabhügel vor, von denen einer geöffnet wurde; er
enthielt einfache Bronceringe, Bruchstücke eines Leibrings und Perlen von Thon, Gagat etc.
5

Diese Figur stand bis 1698 in Wildberg auf einer Gartenmauer, kam dann in das frühere
„Lusthaus Stuttgart“ nach Stuttgart und war später im Lapidarium bzw. Magazin der
mittelalterlichen und neueren Steindenkmäler des Altertümermuseums Stuttgart aufgestellt.
Die Wildberger Figur galt lange als aus der Völkerwanderungszeit oder dem frühesten
Mittelalter stammend und wurde z. B. als Arbeit noch nicht bekehrter Alemannen
angesehen.
Die Dübellöcher und der Einschnitt auf der Rückseite werden erst im 16. oder 17.
Jahrhundert zur Befestigung der Figur entstanden sein; die sorgfältige Behandlung aller
Seiten spricht für ursprüngliche freie Aufstellung des Denkmals6.
Auffällig ist die große Mundöffnung, die entweder durch nachträglicher Änderung oder durch
Abbruch einer Zunge verursacht wurde. Das schwarze Loch ist relativ grob eingetrieben und
abnormal groß.
Der Bereich zwischen dem Augenpaar und Mund ist geschwärzt und deutet auf ein in den Mund
eingestecktes Hilfsmittel, dass nach der Ausgrabung dieses Kultobjekts als Kerzenhalterung oder
Öllampe gedient haben kann.

7 Steinfigur von Wildberg


Landesmuseum Württemberg, Stuttgart
[CC BY-SA]
6 Steinfigur von Wildberg
Landesmuseum Württemberg, Stuttgart [CC BY-SA]

5 Beschreibung des Oberamts Nagold: Kapitel A 7 (Wikisource): Eh. Aufgestellt im Königlichen Museum zu
Stuttgart, abgebildet bei Sattler, Gesch. bis 1260 Taf. 1 Fig. 2 und sonst) - Die Beschreibung des Oberamts Nagold
erschien 1862
6 Die Steinfigur von Wildberg (Heidelberger OJS-Journals): Mit Bemerkungen über altkeltische Bildhauerei und
Götterdarstellung. Robert Knorr in "Germania: Anzeiger der Römisch-Germanischen Kommission des Deutschen
Archäologischen Instituts". Bd. 6, Nr. 1 (1922)
Vergleich der Wildbergskulptur mit dem „Villiger Lällistein"
Der Bezug zum Zungenabbruch stammt von Vergleich mit dem „Villiger Lällistein", der in drei
Web-Dokumenten detaillierter beschrieben wird:
▪ Die Steinfigur von Wildberg. - Heidelberger OJS-Journals
▪ Die Anfänge des Mittelalters - e-periodica
▪ Full text of "Helios und Keraunos oder Gott und Geist zugleich Versuch ...
Ein Vergleich mit anderen Skulpturen wie der „Villiger Lällistein" wird beschrieben von Paul
Sarasin, der in seiner Beschreibung der 3-Gesichterskultur 7 erwähnt, dass im links abgebildeten
Gesicht die Zunge ausgestreckt und in den beiden übrigen Gesichtern die Zunge abgebrochen ist.
Nachfolgende Abbildungen und Beschreibung stammen aus "Helios und Keraunos oder Gott und
Geist...“ von Paul Sarasin (1924):

8 Gesicht mit ausgestreckter Zunge 9 Zwei Gesichter ohne Zunge


Foto von Paul Sarasin Foto von Paul Sarasin

Eine genaue Analogie zu dieser auf drei Flächen eines Würfels verteilten Trias sehe ich
in einer Säule, die zu Reims aufgefunden und von Bertrand beschrieben und abgebildet
wurde (5, 12). An dieser ist der würfelförmige Säulenkopf ganz entsprechend bearbeitet
wie unsere würfelförmig«* Ampel, und es ist noch dabei der Umstand auffällig, worauf
auch der genannte Autor aufmerksam macht, dass die Haar- und Barttracht eine
sorgfältige Behandlung erkennen lässt, die Kopfhaare sind gekräuselt, Schnurr- und
Kinnbart gestutzt.

Besonders merkwürdig ist nun an der Trias unserer Ampel noch der weitere Umstand,
dass jedes der drei Gesichter die Zunge herausstreckt, am einen, wo sie wohl erhalten
geblieben ist (Figur 56 c), nach links oben, bei den andern ist sie abgebrochen. Der
Finder benannte darum das Objekt als den „Villiger Lällistein", weil er dadurch an die
sogenannten „Lällikönige" erinnert wurde, wie einer ja das Tor an der alten Basier
7 Seite 172 in "Helios und Keraunos oder Gott und Geist zugleich Versuch einer Erklärung der Trias in der
vergleichenden Religionsgeschichte." Versuch Einer Erklärung Der Trias In Der Vergleichenden Religionsgeschichte
, Von Paul Sarasin (1924). Verlag Der Wagner'schen Universitäts-Buch Handlung Innsbruck
Rheinbrücke geziert hat (s. o. Seite 117), und als solcher ist er auch im Jahresberichte
der Gesellschaft pro Viudonissa 1920/21 bezeichnet, unter Beigabe einer Abbildung
(55).

Zunächst ist schon wegen dieser Eigentümlichkeit bei dieser Trias nicht etwa an
christlichen Einfluss zu denken, der Stein muss vielmehr aus der vorchristlichen Zeit
stammen, ganz abgesehen von den anderen namhaft gemachten keltischen Analogien.

In diesem Hervorblecken der Zunge erkenne ich aber, wie schon beim Gorgoneion
ausgeführt und speziell auch hei der Wejopattisdyas, das Symbol des Blitzes und sehe
also in dieser keltisch-helvetischen Trias den Geist des Haupt- und ursprünglichen
Sonnengottes in Gestalt eines männlichen, und zwar triadischen Gorgoneions. Dass
ferner dieser triadische Blitzgott gerade an einer Ampel angebracht ist, hat seine
besondere Bedeutung in der Verwandtschaft des Blitzes mit der Flamme. Vielleicht
diente das merkwürdige Objekt als Ampel eines Tempels.

Hier ist aber doch noch ein Einwand zu erheben, der besprochen werden muss. In der
Iconographie chretienue von Didron (25, 545) fiel mir die Darstellung des Satans als
Triuität nach einer französischen Miniatur des 15. Jahrhunderts lebhaft auf, deren drei
Gesichter die Zunge hervorstrecken, gerade so, wie auf der soeben beschriebenen
Ampel. Ich kopiere hier das Bild zum Vergleich (Figur 62),

Es könnte sich nun darauf die Behauptung stützen, dass die beschriebene Ampel doch
ein christliches Werk sei und dass es die Trias des Teufels darstelle. Aber dem ist zu
entgegnen, dass in einem christlichen Hause schwerlich die Hauptlampe mit einer Trias
des Teufels verziert worden wäre, was ja den Besitzer geradezu in den gefährlichen
Verdacht der Verehrung des Satans gesetzt hätte; viel wahrscheinlicher aber erscheint
mir die Annahme, dass ein Stück wie unsere keltische Ampel oder irgend ein anderes
keltisches Relief, welches die Trias des Blitzgottes mit hervorbleckenden Zungen
darstellte und das, weil es heidnisch war, als teuflisch galt, dem Maler jener Miniatur zu
Händen gekommen ist und ihm zum Vorbilde für seine Darstellung gedient hat; und das
Vorkommen der heidnischen und also teuflischen Trias konnte überhaupt nur den
Gedanken an eine Dreifaltigkeit des Satans rechtfertigen, welche zu glauben und
darzustellen ja sonst blasphemisch gewesen wäre.

Germanisch-nordische Göttertriaden, die aber nicht mehr zur Einheit verschmolzen


erscheinen, bilden auch Odin, Hönir, Loki; Odin, Wili, We; Wodan, Thor, Frieco (46,
397; 412; 598). Wodan reitet auf einem dreibeinigen Schimmel, auch dies ein auf
verborgene Trias deu- tendes Symbol (140, 187).
Die Stele von Holzgerlingen
Die Stele von Holzgerlingen wurde 1838 gefunden und wird als Keltische Statue mit Janus-Kopf
beschrieben.
Ursprünglich war nur auf der linken Gesichtshälfte ein einziger überstehender Flügel vorhanden.
Die zweite Hälfte wurde nachträglich rekonstruiert.
In 1996 hatten die Archäologen auch im hessischen Glauberg ein Fürstengrab entdeckt, in dem die
Fürstenskulptur einen noch besser erhaltenen Kopfputz aufweist.
Die Bedeutung dieses Kopfputzes wird in der Literatur8 als unbekannt ausgewiesen.

Die Pfalzfelder Stele


Auf der Pfalzfelder Stele sind die Kopfputzelemente umfangreicher abgebildet als in der Skulptur
von Holzgerlingen. Die Kopfputzelemente erreichen in etwa jeweils das Kopfvolumen, was für
etwa 1m langes Haar notwendig sein könnte.
Der Ansatz für den Kopfschmuck wird in der Pfalzfelder Stele an oder oberhalb der Ohren
angesetzt, wo sich üblicherweise auch der Haaransatz für die Zöpfe befindet.
Die Zöpfe werden (ggf. von einer Metalldrahtgeflecht mit Stirnband unterstützt) in einer Stoffhülle
verpackt getragen. Ein geeigneter Stirnband ist auf der nachfolgenden Abbildung der Pfalzfelder
Stele sichtbar. In der schlichteren Skulptur von Holzgerlingen fehlt dieses Stirnband.

Der Keltenfürst von Glauberg


Bei den Skulpturen von Glauberg und Pfalzfeld ist der Kopfputz etwas unsymmetrisch gestaltet. In
der Stele von Holzgerlingen wurde eine Hälfte nachträglich ergänzt. Diese Asymmetrie deutet auf
eine ungleiche Ausdehnung der Materialien, die sich in den beiden Kopfputzhälften befinden.

10: Pfalzfelder Stele 11: Holzgerlingen 12: Keltenfürst v. Glauberg


fotografiert von HOWI und lizenziert Landesmuseum Württemberg, Stuttgart (gemeinfrei, von einer Briefmarke)
mit CC BY-SA 4.0 [ Lizenz: CC BY-SA]

8 Seite 121 auf „Teutates und Konsorten“ – Reise zu den Kelten in Südwestdeutschland – Johannes Lehmann (2006)
Vergleich der Holzgerlinger, Wildberger und Forchtenberger Skulpturen
Die Zöpfe der Zöpfen-Skulptur mit den drei Gesichtern an der Michaelskirche in Forchtenberg sind
nicht vollständig ausgearbeitet, werden aber recht voluminös dargestellt.
Im Vergleich werden nun die drei Köpfe nochmals nebeneinander platziert um zu prüfen ob die
Zöpfe zusammengerollt in den Kopfputz passen.
Als Beispiel dieser Zusammengerollten Zöpfen füge ich ein Bild aus Meersburg bei:

13: Foto von Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848) auf der Burg Meersburg in Meersburg

Sicherlich hängt es von Haarvolumen ab, das bei den Kelten mit Hilfsmitteln beeinflusst wurde.
Poseidonios,der griechische Historiker beschreibt die Haarbehandlung der Kelten wie folgt:
„Ihr Haar ist nicht nur von Natur blond, sondern sie verstärken die eigentümliche Farbe
mit künstlicher Behandlung. Sie reiben die Haare ständig mit Kalkwasser ein und
streichen sie von der Stirn nach oben gegen den Scheitel und die Nackensehnen, sodass
sie im Aussehen Satyrn und Panen gleichen. Das Haar wird nämlich dick durch diese
Behandlung und unterscheidet sich nicht mehr von einer Pferdemähne9.

9 Seite 28 auf „Teutates und Konsorten“ – Reise zu den Kelten in Südwestdeutschland – Johannes Lehmann (2006)
Ergebnis
Eventuell reicht die künstlich Festigkeit der Haarstruktur mit oder ohne speziellen Unterstützung
einer Drahtkonstruktion zur Umhüllung des Kopfputzes der Holzgerlinger und Glauberger
Skulpturen.
Der Steinfigur von Wildberg und die Zöpfen-Skulptur mit den drei Gesichtern an der
Michaelskirche in Forchtenberg bilden dann die Ausgangsbasis für die Deutung der
Kopfschmuckaufbauten in den Skulpturen von Holzgerlingen, Glauberg und Pfalzfeld.

14: Holzgerlingen 16 Steinfigur von Wildberg 15: Zöpfen-Skulptur mit den drei
Landesmuseum Landesmuseum Württemberg, Gesichtern an der Michaelskirche in
Württemberg, Stuttgart Stuttgart [CC BY-SA] Forchtenberg
[CC BY-SA] (Eigenes Foto)
Inhaltsverzeichnis
Kurzfassung.....................................................................................................................................1
Die Skulptur mit den 3 Gesichtern an der Michaelskirche (Forchtenberg).....................................2
Die Wildbergskulptur.......................................................................................................................3
Vergleich der Wildbergskulptur mit dem „Villiger Lällistein"...................................................4
Die Stele von Holzgerlingen............................................................................................................6
Die Pfalzfelder Stele........................................................................................................................6
Der Keltenfürst von Glauberg..........................................................................................................6
Vergleich der Holzgerlinger, Wildberger und Forchtenberger Skulpturen .....................................7
Ergebnis...........................................................................................................................................8