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Konflikte und Konfliktschlichtung

in Bosnien-Herzegowina
Hrsg. von Agilolf Keßelring

Stadtansicht Sarajevo, 2014

Konfliktgeschichte im 20. Jahrhundert
Adriaeinsatz und Luftbrücke Sarajevo
Der Bosnienkrieg: Wendemarke für die Bundeswehr
Vom NATO-Einsatz zum EU-»nation-building«

Ergänzungshefte
»Wegweiser zur Geschichte«
Konflikte und Konflikt­ Vorwort
schlichtung in Bosnien-
Herzegowina

W
eitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit traten im
Im Auftrag des Zentrums September 2012 die letzten zwei Soldaten des deutschen
für Militärgeschichte und Einsatzkontingentes GECONEUFOR ihre Heimreise
von Sarajevo nach Deutschland an. Mit dem Einholen der
Sozialwissenschaften der
Bundesdienstflagge in Sarajevo endete die deutsche Beteiligung
Bundeswehr am Militäreinsatz in Bosnien-Herzegowina.
herausgegeben von 100 Jahre, nachdem am 28.  Juni 1914 die Ermordung des österrei-
chischen Thronfolgers Franz Ferdinand in Sarajevo zum Auslöser
Agilolf Keßelring für den Ersten Weltkrieg wurde, blicken wir hier nochmals auf die
Konflikte des 20. Jahrhunderts in und um Bosnien zurück. Einen
Schwerpunkt bilden die kriegerischen Auseinandersetzungen der
© 2014
1990er Jahre sowie die internationalen Bemühungen, den Krieg
Zentrum für Militärgeschichte und So-
zu beenden und den Frieden dauerhaft in einem neuen Staat
zialwissenschaften der Bundeswehr
Bosnien-Herzegowina zu verankern. Diese Geschichte ebenso
Zeppelinstraße 127/128
14471 Potsdam
verständlich wie nach wissenschaftlichen Standards kritisch zu
www.zmsbw.de erzählen und den Konflikt von unterschiedlichen Seiten her zu
beleuchten, ist Ziel des vorliegenden Ergänzungsheftes zur Reihe
Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk »Wegweiser zur Geschichte«. Das digitale »Ergänzungsheft« ak-
sowie einzelne Teile sind urheber- tualisiert und vertieft einen Band zu Bosnien-Herzegowina, mit
rechtlich geschützt. Jede Verwertung dem das damalige Militärgeschichtliche Forschungsamt (MGFA)
in anderen als den gesetzlich zuge- 2005 das Projekt der »Wegweiser« begann. Bereits 2007 erschien
lassenen Fällen ist ohne vorherige die zweite, stark überarbeitete Auflage des Bosnien-Buches.
schriftliche Zustimmung des ZMSBw Bis heute gibt es Probleme, in Bosnien-Herzegowina einen
nicht zulässig. funktionierenden Staat zu schaffen, mit dem sich alle dort leben-
den Bevölkerungsgruppen identifizieren. Um dies zu begreifen,
Redaktion: Bernhard Chiari ist das Verständnis der hier behandelten Auseinandersetzungen
Projektkoordination, Lektorat, unverzichtbar. Darüber hinaus sollte der Einsatz von über
Bildrechte: Michael Thomae 50 000 Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr nicht aus
Layout: Maurice Woynoski dem kollektiven Gedächtnis verschwinden, die zwischen 1992
Satz: Carola Klinke und 2012 in verschiedenen Missionen unter höchst unterschied-
Karten: Daniela Heinicke lichen Rahmenbedingungen zu Land, zur See und in der Luft
dem Frieden in Bosnien-Herzegowina gedient haben. 19 dieser
Soldaten ließen im Verlauf der IFOR, SFOR und EUFOR Althea
ihr Leben.
Autorinnen und Autoren: Das Ergänzungsheft besteht aus neun Beiträgen. Die ersten
Generalmajor a.D. Hans-Werner vier Aufsätze behandeln chronologisch die (Konflikt-)Geschichte
Ahrens, Billerbeck Bosnien-Herzegowinas von dessen Herauslösung aus dem
Dr. Bernhard Chiari, ZMSBw, Habsburgerreich nach 1914 bis zum Ende des Bosnienkrieges
Potsdam 1995. Die folgenden vier Beiträge beschäftigen sich mit dem
Dr. Konrad Clewing, Institut für Einsatz der Bundeswehr in Bosnien-Herzegowina. Der abschlie-
Ost- und Südosteuropaforschung, ßende Text bietet Anhaltspunkte für eine allgemeine Typologie
Regensburg sowie Erklärungsversuche der Konflikte auf dem Gebiet des frü-
Dr. Sabina Ferhadbegović, Imre- heren Jugoslawiens. Dem neuen Format der »Ergänzungshefte«
Kertész-Kolleg, Jena wünsche ich viel Erfolg und danke den Autoren sowie dem
Prof. Dr. Aleksandar Jakir, Universität Herausgeber Dr. Agilolf Keßelring.
Split
Dr. Agilolf Keßelring, Universität
Helsinki/Philipps-Universität Marburg
Dr. Hans-Hubertus Mack
Fregattenkapitän Dr. Rüdiger Schiel,
Oberst und Kommandeur
ZMSBw, Potsdam
Oberstleutnant Dr. Rudolf Schlaffer, des Zentrums für Militärgeschichte und
ZMSBw, Potsdam Sozialwissenschaften der Bundeswehr
Inhalt
Sabina Ferhadbegović
Bosnien-Herzegowina und Jugoslawien 4 Sarajevo, quo vadis?
1914 bis 1941

picture alliance/ZB
Konrad Clewing
Deutsch-italienische Besatzung und 8
Bürgerkrieg

Aleksandar Jakir
Bosnien im zweiten (sozialistischen) 12 Der Friedensvertrag von Dayton beendete 1995
den Krieg in Bosnien und machte Sarajevo mit
Jugoslawien heute etwa 290 000 Einwohnern zur Hauptstadt
des unabhängigen Staates Bosnien-Herzegowina.
Dieser hat fast 19 Jahre nach dem Abkommen al-
lerdings immer noch mit gravierenden Problemen
Agilolf Keßelring zu kämpfen. Anfang 2014 offenbarten dies De-
Der Bosnienkrieg 14 monstrationen und schwere Ausschreitungen. In
Sarajevo und an anderen Orten machten Stadt-
und Landbewohner, Arbeiter, Angestellte, Aka­
demiker, Studenten und Intellektuelle ihrer Wut
über die schleppende Entwicklung Bosnien-Herze-
gowinas Luft und zwangen die Chefs mehrerer
Rüdiger Schiel Regionalverwaltungen zum Rücktritt.
Der Adriaeinsatz der Deutschen Marine 16 Zum Auslöser der Proteste wurden die fehlge-
schlagene Rettung mehrerer Großbetriebe sowie
gravierende Fehler bei deren Abwicklung, doch
ist die Unzufriedenheit grundlegender Natur. Als
Ergebnis von Privatisierungen verloren in den ver-
gangenen Jahren Hunderttausende ihre Arbeit.
Hans-Werner Ahrens Viele von ihnen kommen nicht einmal in den Ge-
Luftbrückeneinsatz für Sarajevo 20 nuss einer Pensionsregelung. Während die Wirt-
schaft stagniert, leidet das Land unter einer kom-
plizierten und aufwändigen Verwaltungsstruktur.
Neben gesamtstaatlichen Organen, in denen die
wichtigsten Bevölkerungsgruppen der bosnischen
Serben, bosnischen Kroaten und Bosniaken reprä-
Agilolf Keßelring sentiert sind, müssen die aufgeblähten Verwaltun-
Vom NATO-Kampfeinsatz zum 22 gen zweier mit weitreichenden Rechten ausgestat-
teten Landeshälften – der Republika Srpska und
»nation building« der EU der bosnisch-kroatischen Föderation mit einer Viel-
zahl teurer Kantone – finanziert werden.
Viele Einwohner identifizieren sich eher mit der
eigenen Ethnie oder mit den »Mutterländern«
Rudolf J. Schlaffer
Kroatien und Serbien als mit dem in Dayton fest-
Der Krieg in Bosnien als Wendemarke 24 geschriebenen Gesamtstaat, der bis heute unter
für die Bundeswehr Aufsicht des »Hohen Repräsentanten« der Verein-
ten Nationen steht und trotzdem für Korruption,
Stillstand und Wirtschaftsmisere verantwortlich
gemacht wird. Der frühere Premierminister und
Agilolf Keßelring aktuelle Präsident der Republika Srpska, Milorad
Dodik, bezeichnete Bosnien-Herzegowina im Fe-
Zum Wesen der Konflikte im ehemaligen 28 bruar 2014 in einem Interview als »Illusion« und
Jugoslawien »nicht nachhaltige Gesellschaft« ohne internen
Konsens. Ob und wie das Land nach den Protesten
des »bosnischen Frühlings« seine inneren Probleme
lösen, die europäische Integration Kroatiens und
die jüngste Annäherung Serbiens an die EU nach-
vollziehen kann, erscheint unklar.
Lesetipps 31
 Bernhard Chiari
1914 bis 1941
INTERFOTO/Mary Evans/Grenville Collins Postcard Collection

Jugoslawien dominierten: die nationa-


le Frage und die Armut. Beide Proble-
me verdichteten sich in Bosnien-Her-
zegowina mit seiner multiethnischen
Bevölkerungsstruktur und seiner un-
gelösten Agrarfrage.
Nach der offiziellen Ideologie lebte
im »Königreich der Serben, Kroaten
und Slowenen«, wie der erste jugosla-
wische Staat bis 1929 hieß, eine »drei­
namige« Nation. Diese Konstruktion
suggerierte nationale Einheit, wo kei-
ne vorhanden war. Bereits seit dem
19. Jahrhundert entwickelten sich in
Südosteuropa unterschiedliche natio-
nale Bewegungen, die jeweils eigene
Vorstellungen davon hatten, welche
Territorien ihren Nationen gehören
sollten. Bosnien-Herzegowina schuf
aufgrund seiner Bevölkerungsstruktur
schon zu dieser Zeit Probleme zwi-
 Vielvölkerregion Bosnien-Herzegowina: In den 1920er Jahren machte
schen den serbischen und kroatischen
der muslimische Teil der Bevölkerung knapp ein Drittel aus (auf dem Bild
Marktszene in Sarajevo mit einer Moschee im Hintergrund).
Nationalideologen. 1921 lebten in
Bosnien-Herzegowina – bezogen auf
ihre religiöse Zugehörigkeit – 43 %
serbisch-orthodoxe Menschen, 31 %

Bosnien-Herzegowina und Muslime und 22 % Katholiken. Da re-


ligiöse und konfessionelle Grenzen
die nationalen Identitäten überlager-

Jugoslawien 1914 bis 1941 ten, fürchteten serbische und kroati-


sche Nationalisten außerhalb seiner
Grenzen, Bosnien-Herzegowina kön-

A
ne sich ihrem jeweils festgelegten ima-
us Liebe zu ihrem Volk ver- ehemals österreichisch-ungarischer ginären Nationalterritorium entzie-
schworen sich die Mitglieder Provinzen schnell einig, mit dem Kö- hen. Schon wegen seiner geografischen
von »Mlada Bosna« (Junges nigreich Serbien einen gemeinsamen Lage zwischen Serbien und Kroatien
Bosnien) und wurden zu Attentätern. Staat bilden zu wollen. Ein solcher und seiner Bevölkerungsstruktur kam
Sie konnten nicht wissen, dass Gavrilo Neuanfang gestaltete sich jedoch dem Land also eine symbolisch stark
Princips Mord am Prinzregenten keineswegs einfach: Die überstürz- aufgeladene Funktion zu.
Franz Ferdinand und seiner Gattin te Staatsgründung, unterschiedliche
Sophie vom 28. Juni 1914 die Julikrise Vereinigungskonzepte, die prekäre
und als deren Folge einen Weltkrieg außenpolitische Lage und die domi- Nationale Identitäten und
provozieren würde. Sie konnten nante Rolle der Serben erschwerten politische Parteien
nicht wissen, dass am Ende dieses maß­geblich den Neubeginn. Sie be-
Weltkrieges, mit dem die ihnen so ver- einträchtigten auch nachhaltig die Die nationale und territoriale Zuge-
hasste Habsburgermonarchie zusam- politischen Beziehungen der jugo- hörigkeit Bosnien-Herzegowinas be-
menbrach, ein jugoslawischer Staat slawischen Völker untereinander. herrscht seit dem 19. Jahrhundert die
entstehen würde. Darüber, ob sie ih- Serbien schöpfte sein übersteigertes politische Agenda. Und so rangen die
rem Land, Bosnien-Herzegowina, und Selbstbewusstsein gegenüber den an- nationalen Ideologen in Belgrad und
ihrem Volk durch das Attentat einen deren jugoslawischen Provinzen aus Zagreb auch zwischen den Weltkrie-
Dienst erwiesen haben, wird bis heute der Tatsache, dass seine Soldaten den gen um die Dominanz in diesen Ge-
kontrovers gestritten. »Großen Krieg« gewonnen hatten und bieten. Dieses Ringen manifestierte
den Frieden in den westlichen Gebie- sich in einem unerbittlichen Macht-
ten sicherten. Die serbischen Solda- kampf darüber, ob der Staat zentralis-
»Dreinamige Nation« 1918 ten überquerten ihre Landesgrenze tisch oder föderalistisch eingerichtet
um Freiheit zu verbreiten, wurden werden sollte. Die Kämpfe verhin-
Klar ist hingegen, dass sich nach dem in Kroatien jedoch selten als Befreier derten eine staatliche Konsolidierung
Untergang Österreich-Ungarns die wahrgenommen. Aus kroatischer Per- und gefährdeten die politische Stabili-
»dreinamige Nation« der Serben, Kro- spektive untergrub das unabhängige tät des Landes. Bei den ersten Wahlen
aten und Slowenen zum ersten Mal Jugoslawien systematisch kroatische im Jahr 1920 traten in Bosnien-Herze-
unter dem Dach eines gemeinsamen staatsrechtliche Traditionen und zer- gowina zehn Parteien an. Die meisten
Staatsgebildes zusammenfand. Poli- gliederte Kroatien. Schnell wurden Wähler gaben ihre Stimmen ihren je-
tische Vertreter Bosnien-Herzegowi­ zwei Probleme sichtbar, die in der Fol- weiligen nationalen Vertretungen. Die
nas waren sich mit Vertretern anderer ge das politische Geschehen im ersten Muslime votierten fast geschlossen für

4 Bosnien-Herzegowina
die Jugoslawische Muslimische Orga- Jugoslawien 1919 − 1921
nisation (JMO, Jugoslavenska, Musli-
manska Organizacija). Die bosnischen Donau
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Serben verteilten ihre Stimmen zwi- ÖSTERREICH BUDAPEST


schen der Radikalen Partei und dem
UNGARN
Bauernbund (Savez težaka), während Klagenfurt
die bosnischen Kroaten die Kroatische Prekmurje
1920
Volkspartei (Hrvatska pučka stranka)
Slowenien Drau
und die Kroatische Bauernpartei 1918 Marosc
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(Hrvatska težačka stranka) unterstütz- Ljubljana
Zagreb
Triest
ten. Zwei Parteien versuchten ihre Vo j v o d i n a
RUMÄNIEN
Wähler auf einer unitaristisch-jugos- - Slawonien 1919
atien 1918
lawischen Ebene zu versammeln: die Fiume Kro
1920 - 24 freie Stadt
Demokratische Partei, für die 3,8 % J Save
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der Wähler stimmten, und die Kom- 8–
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munisten, die 4 % erreichten. Die nig O
BELGRAD

nationalen Parteien versammelten Zara (Zadar) Bosnien
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somit über 90 % aller Wähler hinter lm 1918 er
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sich. 63 Abgeordnete aus bosnischen 19 a
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Wahlkreisen gingen nach Belgrad in Split
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die Verfassunggebende Versamm- d

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BULGARIEN
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lung. Schon die ersten Debatten in der

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Hauptstadt zeigten, wie unversöhn- ri 1918
lich die jugoslawischen Nationen hin- at Dubrovnik
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sichtlich der inneren Einrichtung ihres es Skopje
Staates waren. Während die serbisch M
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dominierten Parteien für einen zent- r

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ralistischen Einheitsstaat plädierten,

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TIRANA
sprachen sich kroatische und slowe-
nische Abgeordnete für eine Föderati- ITALIEN
Thessaloniki
on aus. Das Resultat, die gemeinsame ALBANIEN
Verfassung, war ein Minimalkonsens,
der vom kleinkarierten Feilschen um
eine vorteilhafte Ausgangsposition
im Gemeinwesen geprägt wurde. Die
Verkündigung der Verfassung am GRIECHENLAND
28. Juni 1921 begründete den ersten Staatsgrenzen 1919
jugoslawischen Staat als eine konsti-
Provinzgrenzen
tutionelle Monarchie. Die Zentralisten
hatten sich dank der Unterstützung von Jugoslawien beansprucht

bosnischer Muslime durchgesetzt. vor 1919 bulgarisch


Das Königreich war als ein zentralis-
tischer Einheitsstaat mit 33 Distrikten 0 100 200 km
organisiert. Die historischen Provin-
zen sollten dafür aufgelöst werden. © ZMSBw
Die JMO zwängte der Regierung aber 05950-07
den »türkischen Paragraphen« (Arti-
kel 135 der Verfassung) auf, der Bos- Bauernpartei von Stjepan Radić sche Konflikt zwischen Föderalisten
nien-Herzegowina zusicherte, dass es zwei Parteien Einfluss unter bosni- und Zentralisten wurde zusehends
innerhalb seiner historischen Grenzen schen Serben und Kroaten, die aus auf die Fremdartigkeit zwischen Ost
in Distrikte unterteilt wurde. Verwal- Belgrad bzw. Zagreb organisiert und und West, zwischen Europa und
tungstechnisch bedeutete dieser Arti- geführt wurden. Als einzige bos- dem Orient reduziert. Plötzlich sah
kel freilich alles andere als Autonomie nisch-regional orientierte Partei agier- sich die politische und öffentliche
für Bosnien: Vielmehr unternahm die te die JMO, die aber ihrerseits in ers- Diskussion vom Bild des gebilde-
Regierung aus Belgrad alles, um die ter Linie die Interessen bosnischer ten, kulturell erhabenen Kroaten be-
aus der Habsburgerzeit überlieferten Muslime vertrat. Der überschwäng- herrscht, der dem bäuerlichen, vom
autonomen Organe aufzulösen, was lichen Begeisterung der Bevölkerung Orientalismus und der Despotie ge-
ihr 1925 auch gelang. über die Befreiung folgte somit rasch prägten Serben gegenüberstand.
Die Vereinheitlichungsbestrebun­ das Gefühl, beim Aufbau des neuen Das Bild ließ sich jedoch auch um-
gen aus Belgrad provozierten in Bos­ Staates zu kurz gekommen zu sein. kehren: Das Serbentum wurde mit
nien-Herzegowina eine Polarisierung Die Medien schürten diese Stimmung Heldentum, Charakterstärke, Treue
der Bevölkerung entlang nationa- noch und schrieben vorurteilsbeladen und Demokratie belegt, während den
ler Linien. Zudem gewannen mit über die Anhänger des jeweils gegne- Kroaten diese Eigenschaften abge-
den Radikalen und der Kroatischen rischen politischen Lagers. Der politi- sprochen wurden, da sie als fremd-

Bosnien-Herzegowina 5
1914 bis 1941

Agrarische Gesellschafts­
Nation und Religion strukturen
Die Ausdrücke Bosnier, Bosniake und Muslim wurden und werden wi- Im Bosnien-Herzegowina der Zwi­
dersprüchlich oder missverständlich gebraucht. Die österreichisch-unga- schen­kriegszeit war die Be­völ­ke­rung
rische Verwaltung etwa verwendete den Begriff »Bosniaken« für alle überwiegend von der Land­wirtschaft
Einwohner Bosniens. Als »Bosnier« (Bosanac/Bosanka und bosanski) abhängig. Noch 1931 lebten fast 85 %
wird heute ein Einwohner Bosniens oder Staatsbürger Bosnien-Herze- aller Be­wohner vom Agrarsektor. Ihre
gowinas bezeichnet. Das Wort bezieht sich auf die geografische Her- Nah­r ungs­v er­s or­g ung war dürftig
kunft. »Bosniaken« (Bošnjak/Bošnjakinja) bezeichnet diejenige Ethnie und klima- bzw. wet­ter­abhängig; die
(Volksgruppe), die ab 1968 als jugoslawische Nation der »bosnischen Produktions­bedingungen waren mehr
Muslime« (Musliman, mit großem »M«) anerkannt war. Ab 1993 wird in als beschwerlich. Oft breiteten sich
Bosnien-Herzegowina offiziell die Bezeichnung bosniakisch (bošnjački) Seuchen aus; Obst und Gemüse gingen
für Institutionen der bosnischen Muslime verwendet. Die Bezeichnung bei Dürre oder zu viel Regen zugrun-
»muslimisch« (muslimanski), also mit »kleinem m«, bezieht sich hinge- de. Keine Dämme schützten die Fel­der
gen auf die Religionszugehörigkeit. vor Überschwemmungen, keine Ma-
Unter muslimischen Bosniaken, orthodoxen Serben und katholischen schinen erleichterten den Menschen
Kroaten wurzelt die Identität von religiöser und nationaler Zugehörig- die Feldarbeit. Selbst Eisen­pflüge, wie
keit in der historischen Rolle der serbisch-orthodoxen und katholischen sie in Europa bereits im Hoch­mit­tel­
Kirchen sowie der islamischen Gemeinschaft als Bewahrer kultureller alter weit verbreitet waren, wurden in
Eigenständigkeit und als Träger der nationalen Verselbständigungsbe- Bosnien selten verwendet. Der bosni-
strebungen. Unter der osmanischen Herrschaft (14.‑ 19. Jahrhundert) sche Bauer bearbeitete das Land über-
waren die christlichen Kirchen außerdem die wichtigsten Mittler zwi- wiegend mit einem selbstgefertigten
schen der Zentralmacht und der orthodoxen bzw. katholischen Bevölke- hölzernen Pflug oder mit der Hacke.
rung. Die nationalen Ideologien des 19. Jahrhunderts in Südosteuropa Dabei stand die Selbst­versorgung der
schrieben die Rolle der Religion dann als eines der wichtigsten Defini- Produzenten im Vordergrund. Ihre
tionsmerkmale der nationalen Zugehörigkeit fort. Die Bildung von Na- gesamte Energie wendeten sie für das
tionalstaaten ging auf dem Balkan mit der Einrichtung unabhängiger tägliche Über­leben auf und sie kämpf-
kirchlicher Institutionen einher, die sich als Staatskirchen behaupten ten oft mit einer Vielzahl von unüber-
konnten. Im serbisch dominierten ersten jugoslawischen Königreich windbaren Schwierigkeiten: kargen
(1918‑1941) folgte daraus eine privilegierte Stellung der serbisch-ortho- Böden, chronischen Krankheiten und
doxen Kirche, wenn auch die Orthodoxie offiziell nicht den Status einer Isolation durch fehlende Straßen. Die
Staatsreligion hatte. traditionelle, primitive Wirtschafts-
Die traditionelle Verbindung zwischen nationaler und religiöser Zuge- weise sowie kleine und zerstückelte
hörigkeit hat häufig zu der Frage geführt, inwieweit die Religion eine Be­wirt­schaftungsflächen hatten nied-
der Mitursachen für die Konflikte der 1990er Jahre war. Historiker sind rige Erträge zur Folge. Pro Hektar wa-
sich weitestgehend einig, dass der Konflikt nicht religiös motiviert war. ren die Erträge in Bosnien halb so groß
Indes führte die Überlappung zwischen den religiösen und nationalen wie in Kroatien oder Slowenien und
Identitäten zu einer Instrumentalisierung der Religion durch weltliche sogar viermal niedriger als in der au-
nationalistische Gruppen. tonomen Provinz Vojvodina. Zudem
verschärfte die Bodenreform die sozia-
le Situation zahlreicher bosnisch-mus-
limischer Grundherren.
bestimmt galten. Diese wechselseitige liges Amt antraten, und sie verließen Die Verbesserung der allgemei-
Ausgrenzung beflügelte die jeweiligen es, wenn die Partei das Wohlwollen nen gesundheitlichen, sozialen und
nationalen Bewegungen, der Stabilität des Königs verlor. Diese Praxis führ- (land-)wirtschaftlichen Lage sowie der
des gemeinsamen Staates hingegen te dazu, dass sich Beamte in erster Bildungssituation erforderte eine ge-
schadete sie. Wann immer die Parteien Linie als Diener ihrer Partei verstan- zielte Aktion und hätte Investitionen
in entscheidende Regierungsposition den, und weniger als Staatsdiener in Milliardenhöhe verlangt. Die neue
gelangten, versuchten sie ihren Ein­ mit dem Auftrag, im Interesse der Regierung reagierte jedoch eher un-
fluss in der Bevölkerung zu verankern Gemeinschaft zu handeln. Bei einem geschickt auf die Bedürfnisse ih-
und bemächtigten sich des Ver­wal­ derartigen Amtsverständnis konnten rer Bürger, belastete sie mit hohen
tungsapparates, um ihre An­hän­ger­ Seilschaften, Protektion, Korruption Steuern, erwartete von ihnen zusätz-
schaft zu entlohnen. Selbst in den und Abhängigkeiten entstehen, aber liches Geld durch Staatsanleihen und
Gemeinden wurden statt der Bürger­ kein gefestigter, stabiler Staat mit ei- ver­o rdnete Fronarbeit. Nachrichten
meister Kommissare eingesetzt, die ner funktionstüchtigen, professionel- über grassierende Korruption und
im Sinne der Regierung alle Geschäfte len Beamtenschaft. Die Sorge um das schlechte Erfahrungen mit Politikern,
leiteten. Nach Regierungswechseln Volk blieb schlichtweg auf der Strecke. des Weiteren Verschuldung, Natur­
rotierten die Amtsinhaber selbst in Der jugoslawische Staat konnte die katastrophen und die staatliche Ver­
der tiefsten Provinz, in den Kreisen, drängenden sozialen Probleme seiner nachlässigung ließen die Bevöl­kerung
Bezirken und Bezirksexposituren, Bürger nicht lösen. Die Bürokratie ver- zunehmend resignieren. Die hohe
je nach Parteizugehörigkeit. Ihren waltete die Armut und unternahm we- Geburtenrate vergrößerte und vererb-
Status verdankten die Funktionäre der nig, um strukturelle Verbesserungen te die Armut. Die durch Hunger be-
Partei, zu deren Gunsten sie ihr jewei- durchzusetzen. sonders bedrohten Gebiete wurden

6 Bosnien-Herzegowina
picture-alliance/IMAGNO/Austrian Archives
zwar mit Maislieferungen versorgt, ihnen einen alternativen Zugang zur
was aber in Anbetracht der vielschich- Macht eröffnete.
tigen Notlagen lediglich das pure
Überleben der Betroffenen sicherte.
1921 zeigte sich, dass fast 1,3 Mil­ Königsdiktatur, Teilung und
lionen Menschen (82 %) in Bosnien- Nationalisierung
Herzegowina weder schreiben noch
lesen konnten. In Deutschland etwa Diese Entwicklung wurde prompt
galt das Analphabetentum bereits 1912 unterbrochen, als sich König Alek-
als beseitigt. Der Analphabetismus sandar I. im Januar 1929 zu einer bra-
unter Frauen war besonders hoch: chialen Lösung der parlamentarischen
Während 27 % aller Männer lese- Krise entschloss, in die das Land nach
und schreibkundig waren, gehör- dem Attentat eines serbisch-nationa-
ten 91 % aller bosnischen Frauen zu listischen Abgeordneten auf fünf kro-
den Analphabetinnen. In Bosnien- atische Delegierte im Belgrader Parla-
Herzegowina fehlte es an Schulen, auf ment geschlittert war. Aleksandar rief
den Dörfern an Wasser und sanitären die Diktatur aus. Bosnien-Herzego-
Einrichtungen. Dort, wo Schulen vor- wina verlor seinen besonderen Status
handen waren, waren sie häufig schwer und wurde in vier »Banschaften« auf-
zu erreichen. Es war also nicht einfach, geteilt, die alle historisch gewachsenen
die Kinder überhaupt in die Schule Grenzen und ethnischen Verhältnisse
zu schicken, geschweige denn sie alle ignorierten. Die derart aufgezwunge-
dort unterzubringen. Die Einführung ne Integration bewirkte das Gegenteil  Aleksandar I., König von Jugos­
der verfassungsrechtlich zugesicher- dessen, was sie bezwecken wollte: Sie lawien ab 1921, ermordet 1934 in
ten Selbstverwaltung der Distrikte verschärfte die nationale Problematik Marseille. Aufnahme ca. 1925.
verbesserte diese Lage ein wenig. So und den Konflikt zwischen Serben
konnte die Distriktselbstverwaltung und Kroaten in Bosnien-Herzegowina. die Grenzen nationaler Einflusszonen
über die Maßnahmen zur Förderung Der Mord an König Aleksandar I. als vorläufig galten, verschlechter-
der Landwirtschaft, die Investitionen im Oktober 1934 beschleunigte die te das Abkommen die nationalen
in den Schulbau, eine verbesserte me- Staatskrise, sodass sich Prinzregent Beziehungen in Jugoslawien, statt sie
dizinische Versorgung und über den Paul von Jugoslawien und die ser- zu stabilisieren. Das nationalistische
Ausbau der Infrastruktur der struk- bischen Politiker genötigt sahen, Ringen um Bosnien-Herzegowina
turellen Schwäche des gemeinsa- Gespräche mit kroatischen Führern verstärkte die Gegensätze zwischen
men Staates entgegen wirken. Sie aufzunehmen. Die Lösung der »kro- bos­n ischen Muslimen, bosnischen
gab der Bevölkerung Gelegenheit zur atischen Frage« durch das Cvetković- Serben und bosnischen Kroaten. Wäh­
Verbesserung ihrer eigenen Lebens­ Maček-Abkommen und die Errichtung rend die Muslime für eine Wieder­
verhältnisse. Auch vergrößerte sie einer Banschaft Kroatien bedeutete, herstellung der bosnisch-herzego-
die Möglichkeiten der (politischen) dass Bosnien-Herzegowina territori- winischen Autonomie kämpften,
Mitbestimmung und stärkte gleichzei- al zwischen Kroatien und Serbien auf- orientierten sich die bosnischen
tig die regionalen Parteien, indem sie geteilt wurde. Aber besonders weil Serben nach Belgrad und forderten ei-
nen Anschluss Bosniens an Serbien.
interfoto_rm

Bosnische Kroaten wollten ihrer-


seits die Banschaft Kroatien auf das
gesamte bosnisch-herzegowinische
Territorium ausgedehnt sehen. Diese
verengte nationalistische Politik führte
dazu, dass die bosnisch-herzegowini-
schen politischen Eliten die Interessen
ihres Landes vernachlässigten und ver-
kannten, dass Bosnien-Herzegowina
nur als gemeinsamer Staat aller sei-
ner Nationen existieren konnte. Im
Endergebnis verstärkte ihr Wirken das
Misstrauen und die Gegensätze in der
Bevölkerung. So fand sich Bosnien-
Herzegowina während des Zweiten
Weltkrieges in einem Albtraum wie-
der, in dem jeder gegen jeden kämpfte.

 Sabina Ferhadbegović

 Prinzregent Paul mit seinem Neffen, König Peter II. von Jugoslawien, der
nach der Ermordung Aleksandars I. inthronisiert wurde, Mitte 1930er Jahre.

Bosnien-Herzegowina 7
1942 bis 1945
picture-alliance/akg-images

Deutsch-italienische Besatzung
und Bürgerkrieg
 Am 5. Mai 1943 besuchte Reichsführer SS Heinrich Himmler den kroatischen Führer (Poglavnik) Ante Pavelić. Der in
der Herzegowina geborene Gründer der faschistischen Ustascha-Bewegung wurde 1934 (infolge der Ermordung des
jugoslawischen Königs Aleksandar) und 1945 (wegen des Genozids an Serben, Juden und Muslimen) in Abwesenheit
zum Tode verurteilt.

D
er von Italien, Ungarn und deutschen Kampfverbände erst ge- (Antifašističko vijeće narodnog oslo-
Bulgarien militärisch unter- gen Kriegsende, zum Beispiel Mostar bodjenja Jugoslavije, AVNOJ) in zwei
stützte deutsche Angriff auf im Februar und Sarajevo am 6. April bosnischen Städten statt: in Bihać
Jugoslawien im Zweiten Weltkrieg be- 1945. Örtlichen Widerstand hat es dort (26./27. November 1942) und in Jajce
gann am 6.  April 1941 mit einem schwe- aber bereits ab Mai/Juni 1941 gege- (29./30. November 1943). Angesichts
ren Bombardement der Stadt Bel­grad. ben: zunächst seitens der serbischen der militärischen Lage wurden man-
Der Angriff verlief zunächst ganz nach bäuerlichen Bevölkerung, die sich ge- che Gebiete vor allem im westli-
dem Muster der vorherigen »Blitz­ gen die Verfolgung durch die kroati- chen Bosnien, die bis 1943 im italie-
kriege«: Nach vielerorts nur schwa- schen Ustasche, aber auch gegen die nischen Besatzungsgebiet lagen, auch
chem Widerstand musste die jugosla­ Besatzungsmächte wehrte. Ab Juli/ nach dem Ausscheiden Italiens als
wi­sche Armee schon am 17. April August 1941 waren Teile des Landes Verbündeter Deutschlands nur spo-
1941 kapitulieren. Unmittelbar darauf Kampfgebiet oder sie gerieten un- radisch oder gar nicht von deutschen
begann die Wehrmacht eine umfas- ter die Verwaltung kommunistisch Einheiten kontrolliert. Andererseits
sende Rückführung von Truppen aus geführter Partisanen. Nur wenige wurde in den Nürnberger Kriegs­
dem Balkan, die für den anstehenden Verkehrsachsen wurden durchgän- ver­b recherprozessen im Verfahren
Angriff auf die Sowjetunion benötigt gig von deutschen und italieni- gegen die »Südostgeneräle« der
wurden. schen Einheiten gehalten, so etwa die Deutschen Wehrmacht festgehal-
Im deutsch beherrschten Teil des Straßen- und Eisenbahnverbindung ten, dass, trotz der örtlich errich-
neu errichteten Unabhängigen Staates Mostar–Sarajevo–Doboj. teten Verwaltungsstrukturen der
Kroatien (USK, kroat. Nezavisna Von Ende 1941 bis Kriegsende Partisanen, im juristischen Sinne
Država Hrvatska, NDH) blieb vorerst lag das Schwergewicht der von den ganz Jugoslawien als von den
nur eine deutsche Division zurück. Partisanen kontrollierten jugosla- Achsenmächten »besetzt« anzuse-
Der Krieg schien dort zu Ende zu sein. wischen Gebiete in Bosnien-Herze­ hen sei. Denn bis zum Rückzug vom
In Wirklichkeit aber nahm der Zweite go­w ina. Nicht von ungefähr fan- Balkan ab Herbst 1944 hätten die
Weltkrieg für die Region erst seinen den die Gründungssitzung und »Deutschen zu jeder gewünschten
Anfang. Dies galt ganz besonders für die wichtige zweite Versammlung Zeit die physische Beherrschung je-
Bosnien-Herzegowina, das zum am des als Dachorganisation ange- des Teiles des Landes antreten«
meisten umkämpften Landesteil wer- legten Antifaschistischen Rates können. Es gilt in der Tat auch für
den sollte. Manche Städte räumten die der Volksbefreiung Jugoslawiens Bosnien-Herzegowina, dass die ört-

8 Bosnien-Herzegowina
liche Bevölkerung sich bis zum deut- billigt. Für das starke italienische Staates stand faktisch der »Poglavnik«
schen Rückzug nie sicher sein konn- Interesse gab es mehrere Gründe. Zum (Führer) Ante Pavelić. Auch das nati-
te, nicht doch Opfer von deutschen Beispiel hatte die extremistische und onalsozialistische Deutschland war
Militäraktionen zu werden. terroristische Ustascha-Bewegung un- von Beginn an militärisch wie poli-
Die Kriegssituation insgesamt lässt ter ihrem Führer Ante Pavelić über ein tisch stark in der Region präsent. Die
sich aber nicht auf das Verhältnis von Jahrzehnt lang im italienischen Exil deutschen Ziele im jugoslawischen
Besatzungsmacht und Bevölkerung re- überdauert. Außerdem beanspruch- Raum lagen in der Ausbeutung des
duzieren. So stellte bereits eine zeit- te Italien innerhalb der »Achse« den Wirtschaftspotenzials für die deut-
genössische deutsche Analyse fest, Mittelmeerraum als Einflussgebiet schen Kriegserfordernisse, in der
dass innerhalb des einen Krieges noch und erhielt dafür zumindest grund- Kontrolle der Verkehrslinie Zagreb-
eine Unzahl von anderen Kriegen sätzlich die Zustimmung Hitlers. Belgrad und in der Eindämmung
gleich­zeitig stattfand. Tatsächlich Aber auch in historischer Perspektive des italienischen Bündnispartners.
kämpf­ t en Partisanen und mitun- war die Region entlang der östli- Das Ergebnis war die Errichtung ei-
ter auch serbische Tschetniks gegen chen Adria für expansive italienische nes deutschen und eines italieni-
die Besatzungstruppen, daneben be- Konzeptionen bedeutsamer als für schen Besatzungsgebiets, dessen
kriegten sich die beiden ersteren un- deutsche. Trennlinie mitten durch den USK
tereinander und die Tschetniks stan- Der neue USK wurde nun als von Nordwesten nach Südosten ver-
den im Kampf gegen die kroatische Königreich unter einem italienischen lief. Etwas mehr als die Hälfte der
und bosniakische Bevölkerung. Die Herzog eingerichtet, der allerdings bosnisch-herzegowinischen Ge­biete
Politik des USK sah einen Genozid an trotz der formalen Annahme der Krone (mit Sarajevo und Banja Luka) lag im
der serbischen Bevölkerung vor; im nie irgendwelche entsprechenden Bereich der deutschen Be­s at­z ungs­
Weiteren kollaborierten auf taktischer Funktionen ausübte. An der Spitze des macht. Dort waren neben deutschen
Ebene die Tschetniks vor allem mit ungar.
(Bratislava)
den italienischen, aber auch mit deut- Jugoslawien
1938im Zweiten Weltkrieg
ungar.
schen Truppen gegen die Partisanen.
Neben dem Guerilla-Krieg gegen die Don a u ß
ei Debrecen
Besatzungsmächte gab es also noch ei- DEUTSCHES Th
Budapest 30.8.1940 ungar.
nen Bürgerkrieg. REICH
Klausenburg
(Cluj)
Klagenfurt UNGARN
Ungar.
Deutsch-italienische Verw.

Interessenabgrenzung 1941 dt. Drau


Fünfkirchen Marosch
Zagreb (Pécs)
Laibach
Schon am 10. April 1941, kurz vor dem (Ljubljana) 1941 ungar.
RUMÄNIEN
Einmarsch der deutschen Truppen 1941 ital.
Neusatz West-
in Zagreb, war dort der Unabhängi- Fiume J dt. Machtbereich
(Novi Sad) banat
U Save
ge Staat Kroatien unter dem Regime G
Deutsche
Zivilverw.
der Ustascha ausgerufen worden.
O
Seine von Deutschland und Italien Zone 3
Belgrad
S
festgelegten Grenzen stellten in zwei KROATIEN
Punkten ultranationale kroatische An- 1941– 43 ital.
1941– 44
Sarajevo
L
Serbien
sprüche zufrieden: Ostsyrmien (bis annektiert Zone 2 A Deutsch besetzt
unmittelbar vor die Tore Belgrads Split Nisch
W
reichend) und das ganze Gebiet von Zone 1
Mo

(Niš)
Monte-
rav

Bosnien-Herzegowina wurden dem


BULGARIEN
I
negro
a

Ustascha-Staat zugeschlagen. Hin- Ad Dubrovnik 1941 ital. bes. 1941 E


sichtlich Bosnien-Herzegowina hatte ri
at
Protektorat alban.
Prishtina
Italien in den entscheidenden Tagen is
ch
1941– 43
ital.
N
des April 1941 das letzte Wort. es Dr Skopje
M in
Das Mussolini-Regime versprach ee
Va

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sich von dieser Zuteilung eine beru- 1941 bulgar.
r
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higende Wirkung auf die Kroaten, da Tirana


Unzufriedenheit darüber befürchtet ITALIEN
wurde, dass Italien selbst weite Teile ALBANIEN Thessaloniki
der östlichen Adriaküste annektierte, ital. kontrolliert
darunter vor allem die dalmatinische
Küstenregion inklusive der Stadt Split.
Das westliche bosnische und herze- Demarkationslinie zwischen
italienisch und deutsch
gowinische Gebiet lag in unmittelba- besetzten Gebieten GRIECHENLAND
rer Nähe zu diesen »neuitalienischen« Grenze zwischen den 1941– 44 dt. besetzt
Territorien. Darüber hinaus sollte aus italienischen Besatzungs-
zonen
der Sicht Roms der USK ein italieni- 0 100 200 km
scher Satellitenstaat sein. Dieses Ziel © ZMSBw
wurde formal auch von Berlin ge- 05790-06

Bosnien-Herzegowina 9
1942 bis 1945

picture-alliance/akg-images
Überlegung schritt man von deutscher
Seite nicht gegen die Verfolgungs- und
Vernichtungspolitik des Ustascha-
Regimes ein. Etwas anders sah die
Besatzungspolitik der Italiener aus: In
ihrem Einflussgebiet gab es, nicht sel-
ten aus machtpolitischen Motiven he-
raus, eine Kooperation mit Tschetnik-
Verbänden gegen die Ustascha.
De facto vollzogen sich im deut-
schen Machtbereich des USK und da-
mit auch in Bosnien-Herzegowina
zwei Genozide, nämlich an Juden
und Roma, in deutsch-kroatischer
Zusammenarbeit und gleichsam im
deutschen Auftrag. Ein dritter, der
an den Serben, geschah unter deut-
scher Duldung und zumindest teil-
weise unterstützt von den deutschen
Behörden. Das Konzentrationslager
Jasenovac (Kroatien) ist als schreckli-
ches Symbol für diese Vernichtung bis
heute im kollektiven Bewusstsein ver-
haftet.

Kriegführung und deutsche


 Partisanenführer Josip Broz, genannt »Tito«, bei der Inspektion einer Brigade
Kriegsverbrechen
im November 1942.
Die deutschen Verbände hatten in Bos-
Streitkräften auch die diversen neu mit dem Beauftragten verpflichtet. Im nien-Herzegowina mit den Partisanen
aufgestellten kroatischen Verbände Kampfeinsatz gegen alle Kräfte der und den Tschetniks zwei unterschied-
stationiert. Unruhe und des Widerstandes werden liche Widerstandsbewegungen vor
die Organe der kroatischen Gendar- sich, die wie in allen übrigen Fragen
merie dem Beauftragten unterstellt. auch hinsichtlich der Kriegführung
Verantwortlichkeiten der Besat- Die Wiederherstellung und Aufrecht- gegen die Besatzer entgegengesetzte
zungsorgane und des USK erhaltung der öffentlichen Ordnung Konzeptionen verfolgten. Die Tschet-
und Sicherheit geht allen übrigen po- niks waren fast immer nur auf ser-
Angesichts dieser Verhältnisse war die lizeilichen Aufgaben voraus. Auch alle bische nationale Interessen bedacht.
vermeintliche Souveränität des USK anderen Behörden, Ämter und öffent- Kampfhandlungen gegen die Besatzer
von vornherein sehr eingeschränkt. lichen Organe sind auf Verlangen des wichen sie weitestgehend aus und
Mit zunehmender Intensität des Gue- Beauftragten oder seiner Organe zur suchten Wege für eine Koexistenz.
rilla-Krieges wurde die Rücksichtnah- Mitwirkung und Auskunftserteilung Der Grund hierfür lag einerseits in
me auf die Organe des großkroati- verpflichtet.« der Strategie, bis zum erhofften Sieg
schen Staates seitens der italienischen Andererseits gab es vor allem an- der Westmächte die eigenen Kräfte
und deutschen Truppen immer gerin- fangs Spielräume für ein eigenständi- zu schonen und für den folgenden
ger. Eine Übereinkunft zwischen dem ges Handeln der Ustascha-Organe. In Machtkampf mit den Partisanen best-
Deutschen Bevollmächtigten General diesem Zusammenhang ist vor allem möglich gerüstet zu bleiben. Anderer-
Edmund Glaise von Horstenau und die Genozid-Politik gegenüber der gro- seits waren die Tschetniks bestrebt,
Ante Pavelić vom 24. April 1943 zeigte ßen serbischen Bevölkerungsgruppe keinen Anlass für Repressalien der
dies auf be­sondere Weise. Die »Über- zu nennen und ebenso deren mobili- Besatzer gegen die serbische Bevölke-
einkunft« bestimmte die Einrichtung sierende Wirkung auf den serbisch-na- rung zu bieten. Solche Überlegungen
einer aus »reichsdeutschen, kroati- tionalen (Tschetniks) wie auch auf gab es aufseiten der Partisanen kaum.
schen und volksdeutschen Kräften« den Partisanen-Widerstand. Der sys- Für sie als klassische Guerilla-Forma-
aufgestellten deutschen Polizeiorga- tematische Terror gegen die serbische tion zählte die Provokation von Besat-
nisation unter dem Kommando des Bevölkerung fand bei Hitler ausdrück- zerterror gegen die Bevölkerung sogar
Beauftragten des Reichsführers SS liche Zustimmung. Allerdings erkann- zum strategischen Konzept aktiver
für Kroatien. Weiter hieß es dort: »In ten manche deutsche Offiziere vor Kriegführung und zur Mobilisierung
den dem Beauftragten gestellten Auf- Ort, dass ein solches Vorgehen letzt- der Bevölkerung für die Sache der Par-
gaben, insbesondere zur Wiederher- lich die Besatzungsmächte selbst be- tisanen. Zwar galten phasenweise die
stellung und Aufrechterhaltung der drohte, da sich durch die Aktionen der Tschetniks als Hauptgegner, aber die
öffentlichen Ordnung und Sicherheit, Ustascha immer mehr Menschen in ih- militärische Stoßrichtung zielte immer
ist die kroatische Polizei und Gendar- rer Not den Widerstandsgruppen an- mindestens auch gegen die Truppen
merie zur engsten Zusammenarbeit schlossen. Trotz dieser militärischen beider Besatzungsmächte.

10 Bosnien-Herzegowina
Deutsche Lageberichte und Zeugen­ hinterfragen. Aus deutscher Sicht sah tische Geiseln sank in der Folge die
aus­s agen nach dem Krieg belegen, man sich hier durch das damals gül- Bereitschaft von deren Angehörigen
dass sich die örtlichen Truppenteile tige Kriegsvölkerrecht gedeckt, wel- und Bekannten, weiter an der Seite
von der Situation des im Guerilla- ches tatsächlich gegenüber irregu- der Deutschen zu kämpfen. Dies
Kampf in die Zivilbevölkerung eintau- lären Kampfverbänden brutalste galt für die muslimischen Verbände
chenden und damit schwer fassbaren Maßnahmen rechtfertigen half. ebenso wie für die kroatische Armee
Feindes ebenso häufig überfordert sa- Eindeutig völkerrechtswidrig und (Heimwehr) und für weite Teile der
hen wie von der Komplexität der be- als Terrormaßnahmen einzustu- Ustascha-Verbände, bald auch für
schriebenen Situation insgesamt. Für fen sind hingegen die sogenannten die bosniakischen Angehörigen der
viele örtliche Entscheidungen galt die Sühnemaßnahmen, die zunächst in ei- Waffen-SS: Die erst 1943 aufgestell-
Sicherung des Überlebens der eigenen nem für Serbien erlassenen Befehl die te Division »Handschar« befand sich
Truppe als einzig ausschlaggebend. Ermordung von 100 Geiseln für ei- durch Desertion bereits im Oktober
Die antislawisch und rassistisch be- nen deutschen Gefallenen und 50 für 1944 im Zustand der Auflösung.
gründete Völkermordabsicht spiel- einen deutschen Verwundeten vorsa- Was die Zuordnung deutscher Be­
te gegenüber den drei Hauptgruppen hen, ab September 1943 dann 50 bzw. satzungs­verbrechen auf Wehr­macht,
der Bevölkerung eine geringere Rolle 25 – dies dann ausdrücklich auch im SS, Sicherheitsdienst (SD), Polizei
als im Krieg gegen die Sowjetunion. Bereich des USK. Zum Vergleich sei und Sonderverbände betrifft, so ist
Dennoch hatte der zunehmend die hier die italienische Praxis angeführt: einigermaßen gesichert, dass die
ganze Bevölkerung betreffende Besat­ Erst zur Jahreswende 1942/43 gestat- Entgrenzung der Gewalt gegen die
zer­terror auch in Bosnien-Herze­go­ teten einzelne Kommandeure die Bevölkerung durch die Präsenz von
wina und insgesamt im jugoslawi- Erschießung gefangener Partisanen. Waffen-SS und Kosakenverbänden
schen Raum System. So wurde der Eine frühere Anordnung Mussolinis auf dem bosnischen Kriegsschauplatz
in deutschen Dokumenten beschrie- zur »Sühne« durch Geiselerschießung ab 1943 zugenommen hat. Die bis
bene »Balkanmensch« dadurch ent- im November 1941 kam nur örtlich 1943 mehr an »Regeln« gebunde-
menschlicht, dass man ihm eine be- zur Anwendung. Erwähnung verdient ne Gewalt der Wehrmachtverbände
sondere Tendenz zu Grausamkeit und auch die in Mussolinis Anweisung ge- war aber wie dargelegt vielfach nicht
Bestialität im Kriege ebenso anhefte- nannte Quote: 20 »Sühnetötungen« für minder völkerrechtswidrig, denn die-
te wie eine Haltung, der ein einzelnes einen getöteten, zwei für einen verletz- se Regeln schlossen etwa die Tötung
Menschenleben nichts gelte. ten Italiener. von Frauen und Kindern ausdrück-
Mit Blick auf den »Kampf mit Verhältnismäßig rasch traten die lich mit ein. Zeitzeugen erinnern sich
äußers­ter Härte« selbst gegenüber Aus­wirkungen von »Sühnemaßnah­ zwar an die deutsche Wehrmacht als
der Zivil­bevölkerung war eine solche men« ans Licht. Die willkürliche Aus­ – im Vergleich zu anderen Verbänden
Sicht­weise der Gewissensberuhigung wahl von Opfern, die oft in keiner­lei – weniger bedrohlich. Dies ist aber
unter den Besatzungstruppen zweifel­ Beziehung zum Anlass der »Sühne­ so zu verstehen, dass das Verhalten
los sehr dienlich. Während deutsche maßnahme« standen, und die horren- der Wehrmachtangehörigen außer im
Soldaten einerseits die Strategie und de »Quote« trieben dem Widerstand Umfeld von »Sühnemaßnahmen« bes-
Praxis der Partisanen verurteilten, in immer neue Anhänger zu. Dennoch ser berechenbar war. Als »Sühne­maß­
der Regel keine Gefangenen zu ma- wurde im September 1943 nicht das nahme« deklarierte man im Übrigen
chen, praktizierten sie selbst bis Mitte Verfahren grundsätzlich geändert, auch die zahlreichen Verschleppungen
1944 die Erschießung von »gefange- sondern lediglich die Quote gesenkt. zur Zwangsarbeit ins Deutsche Reich
nen Banditen« als befehlskonform, Durch die Verhängung der »Sühne« oder in Lager in der Region. Letzteres
meist ohne das eigene Verhalten zu auch über muslimische oder kroa- wurde insbesondere bei einer militä-
rischen Großoperation von deutschen
und Ustascha-Verbänden im Raum
Ustascha und Tschetnik Kozara nördlich von Banja Luka im
Sommer 1942 praktiziert. Hier wa-
ren am Ende ca. 43 000 Menschen
Das Wort »Ustascha« (kroat.: ustaša, Plural: ustaše) bezeichnet ursprüng- umgekommen, davon geschätz-
lich einen Aufständischen. Nach Proklamierung der Königsdiktatur in te knapp 10 000 Kombattanten und
Jugoslawien im Januar 1929 bildeten kroatische Extremisten im Exil die mehr als 33 000 Zivilisten, von denen
»Aufständische Kroatische Freiheitsbewegung«, die mit terroristischen etwa 25 000 nach ihrer Verschleppung
Mitteln für einen (groß-)kroatischen Staat kämpfte und im April 1941 in in Lagern starben. Insgesamt hat-
Kroatien und Bosnien-Herzegowina an die Macht kam. te die Bevölkerung von Bosnien-
Der Begriff »Tschetnik« (serb.: č etnik, Plural: č etnici) ist abgelei- Herzegowina vermutlich etwa 316 000
tet aus »četa« (Schar, Truppe) und bezeichnet seit dem ausgehenden Kriegstote zu beklagen, davon je
19. Jahrhundert die Mitglieder paramilitärischer Gruppen, die in den 70 000 Partisanen und Gegner der
unter Fremdherrschaft stehenden Gebieten für die »nationale Befrei- Partisanen sowie ungefähr 174 000 zi-
ung« kämpften. Die Tschetniks spielten auch in den Balkankriegen von vile Opfer (davon 85 000 Lagertote).
1912/13 und im Ersten Weltkrieg eine wichtige Rolle. In der Zwischen- Wie viele von deutscher Hand getötet
kriegszeit organisierten sie sich in Veteranenverbänden. Im Zweiten worden sind, wird sich vermutlich nie
Weltkrieg wurden die Tschetniks als Widerstandsbewegung gegen die exakt bestimmen lassen.
Deutschen wiederbelebt. Durch ihre zunehmende Feindschaft zu den
Tito-Partisanen kam es zur lokalen Kooperation mit den Besatzern.  Konrad Clewing

Bosnien-Herzegowina 11
1945 bis 1992

picture-alliance/dpa
Bosnien im zweiten (sozia-
listischen) Jugoslawien
listische Vielvölkerstaat verankerte Wirtschaftsform, von Soziologen in der
in der Verfassung von 1974 schließ- Realität als »Managersozialismus« be-
lich weitestgehende Autonomierechte schrieben, stand unter Kontrolle der
für alle Nationen und Nationalitäten. Kommunistischen Partei.
Diese Entwicklung war bereits in den Die Zuwachsraten des Bruttoinlands­
Gründungsdokumenten des sozialisti- produkts waren zunächst beeindru-
schen »Neuen Jugoslawien« angelegt. ckend. Vom flächendeckenden Aus­
Freilich handelte es sich um eine demo- bau des Bildungssystems und der
kratisch nicht legitimierte Verfassung, Infrastruktur profitierte auch Bosnien-
deren praktisches Gewicht durch die Herzegowina erheblich. Dabei las-
unangefochtene Machtstellung Titos sen sich jedoch zwei Phasen der
noch relativiert wurde. Nachkriegsentwicklung unterschei-
den. In den ersten zwanzig Jahren
nach dem Zweiten Weltkrieg do-
Strategisches Zentrum minierte eine zentral von Belgrad
Jugoslawiens aus geplante und durchgeführte
Politik. Sie suchte insbesondere die
 Vereidigung Titos zum ersten ju- Die geografische Lage, die natur- Ressourcen Bosnien-Herzegowinas
goslawischen Staatspräsidenten, räumlichen Voraussetzungen und für den Aufbau der Schwerindustrie,
Januar 1953. die Zusammensetzung der Bevöl- im Bergbau, bei der Erzeugung von
kerung bestimmten maßgeblich die Elektrizität durch Was­ser­kraft sowie

I
politische und ökonomische Stellung in der Holz­industrie auszunutzen. Wo
m zweiten föderativen und sozialis- Bosnien-Herzegowinas im sozialisti- es opportun erschien, waren repressi-
tischen Jugoslawien unter Führung schen Jugoslawien. Die Erfahrungen ve Maßnahmen gegen »Volksfeinde«,
des charismatischen Kommunisten des Partisanenkrieges und die nach einschließlich der Kirchen und
Josip Broz Tito wurde versucht, aus dem Bruch mit der Sowjetunion unter Konfessionsgemeinschaften, an der
den Fehlern der ersten missglückten Stalin 1948 wahrgenommene äußere Tagesordnung.
Staatsgründung zu lernen. Ausdruck Bedrohung führten dazu, dass Bosni- Mit dem Abtreten des serbischen
dessen war der Verzicht darauf, mit en als strategisches Zentrum Jugosla- Geheimdienstchefs Aleksandar
Gewalt die verschiedenen Völker zu wiens galt. Schließlich konnte von hier Ranković 1966 auf Bundesebene
einem Volk einen zu wollen. Die bos- die Verteidigung gegen jegliche äuße- und von Djuro Pucar »Stari« (einem
nischen Muslime wurden von Anfang re Aggression am besten organisiert Serben aus Bosansko Grahovo), der
an als ein den anderen Nationalitäten werden. Dies bedeutete, dass wesent- die Bosnische Kommunistische Partei
gegenüber gleichberechtigter Partner liche Industriezweige einschließlich seit 1945 kontrolliert hatte, kam es zu
angesprochen. Doch es sollte bis großer Teile der Rüstungsindustrie be- einem Generationenwechsel. Tito ge-
1968 dauern, bis die Partei die bosni- wusst in dieser Republik angesiedelt genüber loyale, aber trotz aller an
schen Muslime auch als eigenständi- wurden. Das durch Vorkommen von den Tag gelegten ideologisch-kom-
ge Nation anerkannte. Zuvor blieben Bodenschätzen begünstigte Bosnien munistischen Festigkeit weitaus fle-
sie lediglich als »ethnische Gruppe« stellte die Basis der angestrebten In- xiblere Funktionäre wie Džemal
definiert, deren Angehörige sich in dustrialisierung dar. Bijedić, Branko Mikulić oder Hamdija
den verschiedenen Volkszählungen Der Aufbau des sozialistischen Pozderac kamen an die Macht. Damit
1948, 1953 und 1961 als »Muslim Gesamtjugoslawiens wich deutlich vollzog sich ein spürbarer Wandel in
unentschie­ den«, »Jugoslawe unent- vom sowjetischen Modell der Kollek­ Bosnien-Herzegowina, der zu einem
schieden« oder »Muslim im ethni- tivierung ab. Er war durch eine Boden­ Aufschwung auf vielen Gebieten führ-
schen Sinn« be­zeichnen konnten. Erst reform gekennzeichnet, die Klein­ te. Sowohl Kroaten als auch Muslime
ab der Volks­zählung von 1971 hatten bauern ihr Land als Eigentum beließ. erhielten mehr Spielraum in der
die Be­trof­fenen die Möglichkeit, sich Die Staatsführung etablierte einen Politik. Manche Autoren bezeichnen
als »Muslim im nationalen Sinn« zu Selbstverwaltungssozialismus, in diese Phase gar als »Wiedergeburt«
deklarieren. dem, zumindest der Theorie nach, die Bosniens und weisen insbesondere
Auf dem 8. Kongress des Bundes unmittelbaren Produzenten in den auf die enormen Aufbauleistungen im
der Kommunisten Jugoslawiens Betrieben durch Arbeiterräte selbst Bereich der Infrastruktur hin. So wur-
(BdKJ) im Jahr 1964 sprach sich Tito ihre Direktoren wählen und kon- den bis Ende der 1960er Jahre etwa
auch offen gegen die Vorstellung aus, trollieren sollten. Schließlich ent- 3000 Straßenkilometer asphaltiert.
dass es möglich oder wünschens- wickelte sich eine weltweit wohl Das staatliche Schulwesen wurde aus-
wert sei, ein einheitliches jugoslawi- einzigartige Form selbstverwalteter »so- gebaut; Städte und Gemeinden entwi-
sches Volk zu schaffen. Der sozia- zialistischer Marktwirtschaft«. Diese ckelten sich.

12 Bosnien-Herzegowina
Wirtschaft in Bosnien-Herzegowina
K R O AT I E N
Velika Bosanski Brod
Brüderlichkeit und Einheit? Kladuša
Bosanska Dibica Sava

Prijedor Previc Odžak


Im Rückblick wird deutlich, dass Bosanska Ornarska Gradačac
die Integrationskräfte innerhalb des Bihać Krupa Banja Luka Brčko
Doboj
zweiten jugoslawischen Staates stetig

SER B I EN
Sanski Bijeljina
schwächer wurden. Das nach 1945 auf Most

a
Partei, Polizei und Armee beruhende Kotor Varoš

in
Maglaj Tuzla

Dr
kommunistische Herrschaftssystem Mrkonjić Zvornik
geriet in den 1970er Jahren unter immer Grad
Jajce
stärkeren Reformdruck. Die »nationale Titov
Drvar
Travnik
Zenica
Kladanj
Vlasenica
Šipovo
Frage« überschattete alle anderen Ge-
gensätze innerhalb Jugoslawiens und Bugojno
Vareš Srebrenica

auch innerhalb der Kommunistischen Žepa


Partei. Im Zuge der Zuspitzung der na- Gornji SARAJEVO
tionalen Auseinandersetzungen Ende Vakuf
Tarčin Pale Višegrad
Livno
der 1960er Jahre war deutlich gewor- KR O AT I E N
den, dass auch die Kommunisten die Jablanica Goražde

nationale Frage nicht zufriedenstellend Foča

hatten lösen können. Split


Mostar
Es ist keineswegs zu bestreiten, dass
das nationale Problem nach 1945 zu- Nevesinje Avtovak
nächst in den Hintergrund getreten
war. Das lag einerseits an der mul- Stolac

tiethnischen Partisanenbewegung, an- Opuzen


Neum
dererseits an dem siegreichen Kampf M O N T E N E G RO
gegen die Invasoren, der psycho-
logisch wichtigen Siegesstimmung Trebinje
bei den Kommunisten nach dem Dubrovnik
»Volksbefreiungskrieg« sowie am Kotor
Podgorica
Terror gegen alle wirklichen oder ver-
meintlichen Systemgegner. Integrativ
Industrie Bodenschätze
wirkte auch der bald einsetzende au-
ßenpolitische Druck vonseiten der chem. Industrie Bauxit Wald
Sowjetunion nach dem Bruch Titos mit
Erdölraffinerie Blei, Zinn extensive
Stalin im Jahr 1948. Die Konzeption Landwirtschaft
der »Brüderlichkeit und Einheit« der Leichtindustrie Braunkohle
Tourismus
Völker Jugoslawiens konnte jedoch Nahrungsmittelindustrie Eisenerz
die wachsenden Probleme nicht dau-
erhaft überdecken. Schwerindustrie Kupfer

Tito selbst trat allen Bestrebungen Textilindustrie Steinsalz


ent­gegen, aufgrund des Übergewichts
der Serben eine offene Majori­sie­rungs­ Verhüttung 0 25 50 75 km
© ZMSBw
07080-01
politik zu etablieren. Gleich­zeitig wur-
de mit repressiven Mitteln versucht,
»Separatismus und Nationalismus« Kommunistischen Partei hätten füh- ten. Doch die allgegenwärtige Krise
zu unterdrücken. Die Dominanz einer ren können, scheiterten. Die Kluft zwi- der 1980er Jahre war innerhalb des
Nation sollte verhindert werden, so- schen den Republiken, zwischen Nord Systems nicht mehr lösbar. Dies berei-
wohl auf gesamtjugoslawischer Ebene und Süd vertiefte sich immer mehr. tete nationalistischen Demagogen den
wie auch innerhalb der Teilrepublik Der Kollaps des Sozialismus führ- Boden und mobilisierte Ressentiments
Bosnien-Herzegowina. Lange Zeit te letztlich zum Zerfall des sozialisti- gegen andere Völker. In den im
schien es so, als ob damit die Zau­ schen jugoslawischen Staates. Herbst 1990 in der Teilrepublik abge-
ber­formel für die Existenz eines ge- Nach dem Tod der Integrationsfigur haltenen freien Wahlen gewannen neu
meinsamen jugoslawischen Staates Tito dominierten in der jugoslawi- gebildete nationale Parteien der drei
wie auch Bosnien-Herzegowinas ge- schen Gesellschaft bald exklusiv-nati- Volksgruppen Bosnien-Herzegowinas
funden worden wäre. Mit der ökono- onale Argumentationen, freilich ver- die Oberhand. Ihre Rhetorik erinnerte
mischen Krise seit den 1970er Jahren brämt mit sozialistischer Rhetorik. in vielerlei Hinsicht an die politischen
wurden jedoch die existenzgefährden- Insbesondere in der bosnisch-herzego- Auseinandersetzungen im von bitte-
den Spannungen, denen dieses unde- winischen Teilrepublik versuchten die ren Nationalitätengegensätzen über-
mokratische Vielvölkerstaatsgebilde herrschenden Kommunisten bis zum schatteten ersten Jugoslawien – wie
ausgesetzt war, immer offensicht- Schluss, die nationalen Rivalitäten sich zeigen sollte, mit sehr ähnlichen
licher. Alle Wirtschaftsreformen, unter Kontrolle zu behalten. Sie setz- Folgen. Die Zeit der Brüderlichkeit
die stets dort endeten, wo sie zu ei- ten auf Proporzlösungen, die alle und Einigkeit war endgültig vorbei.
ner Gefährdung des Systems und Nationen im Rahmen des sozialisti-
des politischen Machtmonopols der schen Systems zufrieden stellen soll-  Aleksandar Jakir

Bosnien-Herzegowina 13
1992 bis 1995
picture-alliance/dpa/dpaweb

 Potocari: Gedenkstätte und zugleich letzte Ruhestätte für Opfer des Massakers von Srebrenica 1995, bei dem ca. 8000
Bosniaken ermordet wurden.

Der Bosnienkrieg
N
ach der kroatischen Unab­ gepanzerte Kampffahrzeuge, 1000 gaden« gegliedert – die JVA mit der
hängig­keitserklärung riefen Geschütze und 450 Flugzeuge. Bis Offensive von Westslawonien in den
national orientierte kroatische 1988 stellte darüber hinaus jede der »15. Waffenstillstand«.
Serben ein autonomes Gebiet und spä- jugoslawischen Teilrepubliken zum
ter eine unabhängige Serbenrepublik in Zweck der Heimatverteidigung eine
Kroatien, die Republika Srpska Krajina bodenständige eigene Milizarmee, Verwandte Kriege: Krajina und
(RSK), aus. Während die Staaten der die Territoriale Organisation (TO). Bosnien-Herzegowina
Europäischen Gemeinschaft noch Diese sollte im Kriegsfall die mo-
um eine gemeinsame Position in der bilen Operationen der JVA sichern. Der Krieg zwischen Serben und Kro-
Unabhängigkeitsfrage rangen, gelang In Friedenszeiten unterstanden die aten verlagerte sich daraufhin, auch
es serbischen bewaffneten Verbänden Verbände der TO nach der Verfassung aufgrund der regional befriedenden
bis Ende 1991, etwa ein Drittel der ehe- von 1974 dem jeweiligen Präsidenten Wirkung des Einsatzes der UNPRO-
maligen jugoslawischen Teilrepublik der Teilrepublik. In Kroatien wur- FOR (Croatia)-Truppen nach UN-Re-
für die RSK zu erobern. de die dortige TO in der Phase der solution 743, in das ostwärts gelegene
Diese erste Phase des kroatisch-ser- Unabhängigkeitserklärung zwischen Bosnien-Herzegowina. Die Verbin-
bischen Krieges, kroatischerseits »Hei­ März und Juli 1991 aufgelöst; ihre zu- dungen zwischen dem kroatischen
mat­krieg« genannt, dauerte bis An­fang verlässigen Kräfte wurden in einer Heimatkrieg um die Krajina und
1992 und endete in einem Waf­fen­ Nationalgarde, der Zbor narodne gar- dem Bosnienkrieg sind vielfältig und
stillstand. Rund 220 000 Kroa­ten wa- de (ZNG), organisiert. sowohl politischer als auch militäri-
ren aus den nun serbischen Gebieten Den kroatischen Generalstab eta- scher Natur: Bosnien-Herzegowina
Ostslawoniens und der Krajina ver- blierte die kroatische Regierung erst spielte aus national serbischer Sicht
trieben worden. In der Presse war im Verlauf der Kampfhandlungen ge- bereits aufgrund rund 31 Prozent ser-
wiederholt der Begriff »ethni­sche gen die JVA. Die kroatische Armee bischer Bevölkerung (1991 gegenüber
Säuberung« zu lesen. (Hrvatska vojska, HV) erreichte im ca. 45 Prozent Bosniaken und etwa
Die Jugoslawische Volksarmee (JVA) Sep­t ember 1991 eine Stärke von 17 Prozent Kroaten) eine bedeutende
war 1990 eine Wehrpflichtarmee mit etwa 200 000 Mann. Im Januar 1992 Rolle.
etwa 180 000 Berufssoldaten. Sie ver- zwang die Hrvatska vojska – inzwi- Die Nachschublinien der JVA für
fügte über rund 1800 Panzer, 3700 schen mit 230 000 Mann in 65 »Bri­ den Kriegsschauplatz Krajina führ-

14 Bosnien-Herzegowina
ten durch Bosnien-Herzegowina. Ver­ Soldaten und 700 bis 800 Panzern, In Ostbosnien wurden angesichts
kehrsknotenpunkten wie Prijedor, 4000 Geschützen, rund 100 Flugzeu- der überlegenen Waffen der ser-
Banja Luka, Tuzla, Zvornik oder Brčko gen und 50 Hubschraubern über die bisch-jugoslawischen Kriegspartei
kam daher eine große Bedeutung zu. größte bewaffnete Macht in Bosnien. rasch die Städte Višegrad und Zvornik
Dies war in Verbindung mit dem an- Zeitgleich übernahm Präsident Izet- eingenommen. Foča hielt sich einige
hand ethnischer Linien definierten begović die bosnisch-herzegowinische Wochen, Goražde, Srebrenica, Cerska
Konflikt die Grundlage dafür, dass Territoriale Organisation (TORBiH). und Žepa wurden, wie auch Sarajevo,
diese Gebiete im Krieg nicht nur um- Von den 109 lokalen Einheiten der eingeschlossen und belagert. Ende
kämpft, sondern auch »ethnisch ge- TORBiH bekannten sich 73 zu einem 1992 waren etwa 70 Prozent der ehe-
säubert« wurden. unabhängigen Bosnien. Aus den etwa maligen jugoslawischen Teilrepublik
Seit den Wahlen von 1990 war die 75 000 Mann der TORBiH und der bos- Bosnien-Herzegowina unter ser-
Parteienlandschaft in Bosnien-Herze­ niakischen Freiwilligenformation der bischer Kontrolle, die Städte hin-
gowina entlang ethnischer Linien ge- Patriotska liga mit etwa 35 000 Mann gegen präsentierten sich weitest-
gliedert. Der Krieg in Kroatien radi- formte er die regulären Streitkräfte gehend als kroatisch-bosniakisch
kalisierte aber auch die bosniakische, seines nun auch von den EG-Mit- kontrolliert. Allerdings war aufgrund
serbische und kroatische Bevölkerung gliedstaaten anerkannten Staates, die der Überlegenheit der inzwischen in
der Teilrepublik. Als im Oktober 1991 Armija Republike Bosne i Hercegovi- Voijska Jugoslavije (VJ) umbenann-
die JVA, die sich angesichts des na- ne (ARBiH). Dieser »Armee« fehlte es ten JVA an Luftwaffe, Heeresfliegern
tional aufgeladenen Krieges in ei- jedoch vor allem an schweren Waffen, und Artillerie abzusehen, dass ohne
ner tiefen personellen Krise befand, wodurch sie mehr einer leichten Jäger- Eingreifen von außen auch diese
in Tuzla und Banja Luka Reservisten miliz entsprach als einer vollwertigen Städte mittelfristig fallen würden.
und Wehrpflichtige einzog, rief der Streitmacht. Die militärische Lage wurde durch
bosnische Präsident Alija Izetbegović Als dritte (kroatische) Partei im das Ausweiten des UNPROFOR-
die Bürger Bosnien-Herzegowinas Bosnienkrieg etablierte sich zeitgleich Mandats auf Bosnien-Herzegowina
zum Boykott auf. Vier Tage spä- die Hrvatsko vijeće odbrane (HVO) im Juni 1992 »eingefroren«. Die
ter fiel im bosnisch-herzegowini- des im November 1991 gegründe- Luftbrücke für Sarajevo verhin-
schen Parlament der Beschluss, ein ten kroatischen »Marionettenstaates« derte den Fall der bosnischen
Referendum über die Unabhängigkeit Herzeg-Bosna (HZ). Streitigkeiten um Hauptstadt. Die NATO-Operation
der Teilrepublik durchzuführen, wor- die Dominanz kroatischer oder bos- »Deny Flight« ab April 1993 nahm
auf die serbischen Parlamentarier um niakischer Truppen über die jeweils der VJ ihre Luftüberlegenheit. Die
Radovan Karadjić die Versammlung anderen überdauerten den gesam- zeitgleiche Etablierung von »UN-
verließen. ten Krieg. Teilweise kämpften auch safe-areas« in den belagerten Städten
Im Dezember 1991 wurde in Bosnien- Kroaten gegen Bosniaken. wurde wenig später durch NATO-
Herzegowina nach dem Muster des Die Kriegsparteien des Bosnien­ Luftschläge (Close Air Support) zu de-
Kampfes in Kroatien die Republika krieges waren aufgrund ihres nied- ren Verteidigung ergänzt. Die west-
Srpska gegründet, deren Gebiet eine rigen Organisationsgrades und ihrer liche Friedensdiplomatie und das
Landverbindung zwischen dem serbi- beschränkten Mobilität kaum zu raum- UNPROFOR-Konzept – auch in seiner
schen Mutterland und der Republika greifenden Operationen befähigt. Das verschärften Form mit Luftschlägen
Srpska Krajina schuf. Das 9. (Knin) durchschnittene Gelände und die aus der NATO – scheiterten letztlich auf
Korps der JVA zog sich zwar verein- der Territorialen Organi­sation kom- tragische Weise daran, dass die re-
barungsgemäß aus der Krajina zu- mende Tradition der Heimat­v er­ alen Machtverhältnisse in Bosnien-
rück, überließ aber dem »Präsidenten« teidigung begünstigten zusätzlich Herzegowina nur akzeptiert oder mit
der Republika Srpska Krajina, Milan das Phänomen, dass die Kämpfe in militärischer Gewalt verändert wer-
Babić, seine schweren Waffen. Es erster Linie um Verbindungslinien, den konnten.
wurde unter seinem Stabschef Ratko Knotenpunkte und Städte geführt Im April 1995 fielen nach serbi-
Mladić in der bosnischen Krajina so- wurden. Andererseits galt jeder schen Offensiven die Städte Bihać
wie in Tuzla, Derventa und Brčko sta- Angehörige der jeweils verfeinde- und Orašje, im Juli dann Žepa und
tioniert. Damit wurden nicht nur der ten Ethnie als potenzieller Feind. So Srebrenica, das wegen der dort ver-
Konflikt, sondern auch die Truppen brachen die Kämpfe an verschiede- übten Kriegsverbrechen traurige Be­
nach Bosnien-Herzegowina verlagert. nen Stellen fast zeitgleich aus: nahe kanntheit erlangte. Erst die kroati-
Das Unabhängigkeitsreferendum im der bosnisch-kroatischen Grenze um sche Offensive auf Westslawonien
Frühjahr bestätigte die tiefe Spaltung Bihać, zwischen JVA, ARBiH und (»Blitz«) im Mai und die militärische
der bosnischen Gesellschaft. Während HVO um die Hauptstadt Sarajevo Zerschlagung der Republika Srpska
sich die bosniakische und die kroati- und zwischen HVO und JVA um Krajina (»Sturm«) veränderten die
sche Bevölkerung mehrheitlich für die Mostar. Etwa zeitgleich im April Machtverhältnisse und damit die stra-
staatliche Unabhängigkeit ausspra- 1992 griff die JVA in einer zusam- tegische Lage so, dass sich alle drei
chen, boykottierte die breite Masse der menhängenden Operation ostbos- Konfliktparteien Vorteile von einem
Serben die Abstimmung. nische Grenzstädte wie Zvornik, Friedensschluss versprachen. Etwa
Višegrad oder Bratunac an. Serbische 200 000 Serben flohen bzw. wurden
Truppen versuchten einen Korridor vertrieben. Der Bosnienkrieg ende-
Ein »neuer Krieg«? zwischen den »Hauptstädten« Banja te dort, wo er begonnen hatte: in der
Luka (Republika Srpska) und Knin Krajina.
Im April 1992 verfügte die bosnische (Republika Srpska Krajina) zu schaf-
Republika Srpska mit über 90 000 fen.  Agilolf Keßelring

Bosnien-Herzegowina 15
1992 bis 1996
picture-alliance/dpa

 Fregatte Niedersachsen beim Embargo-Einsatz in der Adria 1992, Bild aus dem Bordhubschrauber.

Der Adriaeinsatz der Deutschen Marine

A
m 25. September 1991 beschloss beide Entscheidungen mitgetragen. Naval Force Mediterranean (STANAV­
der Sicherheitsrat der Ver­ Nun sollte sich das gerade souverän FORMED) der NATO eingebracht. Da-
einten Nationen mit Reso­lution gewordene Land militärisch in einem mit begann für die Deutsche Marine
Nr. 713 gegen alle Staaten Ex-Jugo­ Teil der Welt engagieren, in dem im eine Operation, die bezüglich Intensi-

la­
wiens ein Waffenembargo. Diese Zweiten Weltkrieg die Wehrmacht als tät und Dauer den bis dahin üblichen
Maß­nahme wurde mit Resolu­tion 757 Okkupations- und Besatzungsmacht Rahmen weit überschritt. Erstmals
um ein Handels­ embargo gegen die gestanden hatte. Beinahe verzugslos seit dem Zweiten Weltkrieg sahen sich
neu erstandene Föderative Republik nach den Entscheidungen begannen die deutschen Seestreitkräfte einem
Jugoslawien (Serbien und Montenegro) die Operationen »Maritime Monitor« kampffähigen und durchaus auch
ergänzt. Mit der Um­set­zung der bei- der NATO und »Sharp Vigilance« der kampfwilligen Gegner gegenüber.
den Sicher­heits­rats­beschlüsse wurden WEU in der Adria, mit dem Ziel, ein Schnell stellte sich heraus, dass allei-
NATO und Westeuropäische Union maritimes Lagebild zu erstellen und so ne die Überwachung des Seeverkehrs
(WEU) beauftragt, die sich im Juli 1992 die Durchsetzung des Waffen- und des die Kriegsparteien nicht beeindrucken
dafür entschieden, in einer koordi- Handelsembargos zu unterstützen. konnte. Deshalb wurde bereits am 16.
nierten Aktion die Adria als einzigen Deutschland war von Anfang an mit November 1992 die Anwendung mili-
seeseitigen Zugang zum Kriegsgebiet einem eigenen militärischen Beitrag tärischer Gewalt bei der Durchsetzung
zu überwachen. an beiden Operationen beteiligt. Für des Auftrages durch die Resolution 787
»Sharp Vigilance« wurden Seefernauf- des UN-Sicherheitsrates autorisiert.
klärer (Maritime patrol aircraft, MPA) Bei diesem Eskalationsschritt moch-
Einsatz und Wandel der des Marinefliegergeschwaders 3 »Graf te die deutsche Seite nun nicht mehr
Sicherheitsarchitektur Zeppelin« bereitgestellt, die von Sar- mitgehen. Für die Einheiten der
dinien aus operierten. Für »Maritime Deutschen Marine blieb es aus po-
Deutschland, das Mitglied sowohl der Monitor« wurde das deutsche Schiff in litischen Gründen bei dem alten
NATO als auch der WEU war, hatte der kurz zuvor aufgestellten Standing Auftrag. Sie sollten weiterhin über-

16 Bosnien-Herzegowina
wachen und melden. Dies änder- 1995 bis September 1996 ein Marine brachte »Sharp Guard« neue
te sich erst mit der Entscheidung deutscher Flottillenadmiral die Erfahrungen und neue Fähigkeiten.
des Bundesverfassungsgerichts vom STANAVFORMED führte. Erstmals in Deutschland erlebte die ersten Schritte
12. Juli 1994, welche die Rechts­grund­ der Geschichte der Bundeswehr kom- hin zu einer Außen- und Sicherheits-
lagen der Einsätze klärte. Nun konn- mandierte ein deutscher Offizier alli- politik, in der die Bundeswehr als le-
ten auch die deutschen Schiffe diesel- ierte Schiffe in einem Einsatz. gitimes Mittel der Machtprojektion
ben Mittel wie alle anderen Teilnehmer Der von der Deutschen Marine zu angesehen wurde. Für die Marine und
nutzen, um das Embargo durchzuset- »Sharp Guard« geleistet Beitrag konnte ihre Angehörigen wurden die Anfor-
zen. sich sehen lassen. Er entsprach quanti- derungen deutlich, die eine über gro-
Nachdem sich relativ rasch her­ tativ dem der Mittelmeeranrainer und ße Distanz und lange Zeit geführte
aus­gestellt hatte, dass zwei parallel bewegte sich nahe dem der klassischen Operation mit sich brachte. Um diese
laufende Operationen, die zwar ko- Seemächte USA und Großbritannien. Anforderungen erfüllen zu können,
ordiniert, aber getrennt geführt wur- Die Gesamtbilanz von »Sharp Guard« musste die Marine neue Fähigkeiten
den, zu viele Lücken für Embargo­ für die Jahre 1992 bis 1996 nimmt entwickeln, wozu unter anderem die
durchbrüche ließen, wurden die sich zahlenmäßig beeindruckend Boardingeinsätze zählen.
Bemühungen der NATO und der aus: 74 332 Schiffe wurden abgefragt,
WEU ab Mitte Juni 1993 unter dem 5975 Schiffe kontrolliert und 1416
Namen »Sharp Guard« zusammen- zur näheren Untersuchung umgelei- Das Embargo als Mittel der
geführt. Für das Gesamtunternehmen tet. Deutsche Seefernaufklärer flogen Befriedungspolitik?
spielte sich langsam eine funktionie- 695 Einsätze. Während des gesam-
rende Routine ein. Es wurden zwei ten Zeitraums der Operation konnten Für die Länder, gegen die die See­
Überwachungsgebiete – Montenegro von der Adria aus keine erfolgreichen blockade durchgeführt wurde, hatte
und Otranto – eingerichtet, perma- Embargodurchbrüche festgestellt wer- diese zumindest den Effekt, dass ih-
nent besetzt mit je einer Gruppe von den. Sechs Versuche wurden erkannt nen der effektivste Transportweg, der
Kriegsschiffen. Eine dritte Gruppe und vereitelt. über See, verwehrt wurde. Dennoch
von Schiffen befand sich auf Transit, stellt sich die Frage, ob das Embargo
im Hafen oder bei Übungen. Die – das mit »Sharp Guard« durchgesetzt
Rotation der Schiffe zwischen den drei »Sharp Guard« – Verbindungs- werden sollte – die von der UNO ge-
Gruppen ermöglichte die notwendi- kitt für die NATO in Umbruchs- setzten politischen Ziele erreicht hat.
gen Ruhe- und Trainingsphasen. Unter zeiten? Glaubt man einem UN-eigenen
Zuhilfenahme von MPAs, AWACS, Bericht, fällt die Bilanz wenig schmei-
Bordhubschraubern und alliierten chelhaft aus. Der weiterhin während
U-Booten gelang es, den Seeverkehr in Für die beiden multinationalen Sicher- des Embargos existierende Waffen­
der Adria mehr oder weniger lücken- heitsorganisationen NATO und WEU, schmuggel reichte von Kleinst­
los zu beobachten. Zum Auftrag ge- die im Auftrag der UNO »Sharp Gu- aktionen bis hin zu großen Opera­
hörte es, Handelsschiffe zu entdecken, ard« durchgeführt hatten, war dies tionen, in die auch Regierungen
zu identifizieren, zu klassifizieren und der erste bündnisgemeinsame Kri- involviert waren. Das Waffenembargo
ihre Reise zu überwachen. Entstanden seneinsatz gewesen. »Sharp Guard« dämmte den Waffenzufluss an die
weitere Verdachtsmomente, wurden zeigte für die NATO, dass die Fähig-
die Schiffe durchsucht und ggf. zur keit der Bündnispartner zur Zusam-
picture-alliance/dpa

weiteren Kontrolle in einen italieni- menarbeit auf See auch nach den po-
schen Hafen umgeleitet. litischen Umwälzungen von 1989/90
Die Deutsche Marine setzte in einen wichtigen Beitrag zur Durch-
dieser Phase einen großen Teil ih- setzung der gemeinsamen Interessen
rer Einsatzmittel ein. Zu jeder Zeit leisten konnte. Ohne die eingefahre-
sollten drei MPAs und bis zu zwei nen Strukturen des Bündnisses wäre
Zerstörer bzw. Fregatten in der Adria eine vergleichbare Operation nur un-
operieren. Das in die zuständigen ter erheblich höherem Aufwand mög-
Stäbe von NATO und WEU entsand- lich gewesen. Kurz: 40 Jahre üben im
te Personal führte die Einsätze, un- NATO-Rahmen zahlten sich nun aus.
terstützte bei der Organisation und »Sharp Guard« hatte aber auch Aus-
Durchführung der Logistik und ver- wirkungen auf die einzelnen Partner-
trat nicht zuletzt vor Ort die deut- staaten, wie der vergleichende Blick
schen Interessen. Im Einsatzgebiet be- auf Kanada und Deutschland zeigt.
sonders begehrt waren Tankschiffe, Kanada konnte durch kraftvolles und  Der damalige Flottillenadmiral
um die eingesetzten Einheiten in See qualitativ hochwertiges Engagement Frank Ropers (auf dem Bild als
zu versorgen. Darüber hinaus wur- in der Embargooperation sein leicht Kapitän zur See) übernahm am
den U-Boote entsandt, die u.a. als lädiertes Ansahen im Bündnis wie- 7. September 1995 das Kommando
Übungspartner für die Schiffe dien- der herstellen. Dieses hatte unter der über die NATO Standing Force
ten, um die während der Operation überraschenden und einseitig getrof- Mediterranean (STANAVFORMED).
brachliegenden Fähigkeiten zu üben, fenen Entscheidung Ottawas gelitten, Er kommandierte die Operation
so etwa die U-Boot-Jagd. Gekrönt nach 1990 die kanadischen Truppen »Sharp Guard« und somit als erster
wurde das Marineengagement, als aus Mitteleuropa ersatzlos abzu- Bundeswehroffizier alliierte Schiffe
mit Frank Ropers von September ziehen. Für Deutschland und seine in einem Einsatz.

Bosnien-Herzegowina 17
1992 bis 1996

Der Vertrag von Dayton mit der Abkommen von Dayton 1995
komplizierten Bezeichnung »The
K R O AT I E N
General Framework Agreement for
Peace in Bosnia and Herzegovina« Velika
Kladuša
Bosanska
Sava
Bosanski Brod
Bosanski Dibica
vom 14. Dezember 1995 bildet die Novi
Previc Odžak
Grundlage für den heutigen Staat Prijedor
Kozarac

Bosnien-Herzegowina. Er beinhaltet

J U G O S L AW I E N
Bihać
Banja Luka
Gradačac
Brčko 2
die gegenseitige Anerkennung der Doboj Bijeljina
Sanski Most
Staaten Bosnien-Herzegowina, Kroa- Kotor Varoš
tien und Jugoslawien untereinander

a
in
Dr
Maglaj Tuzla
und die Respektierung der in den Mrkonjić Grad
elf Anhängen (engl. annexes) gere- 3 Zvornik
Jajce
gelten Einzelbestimmungen, wie die Titov Drvar Šipovo Travnik
Kladanj

Etablierung der Teilstaaten Republi- BOSNIEN-HERZEGOWINA Srebrenica


ka Srpska (RS) und Federacija Bosne Bugojno
i Hercegovine (Föderation). Letztere Visoko 4
Žepa
wurde wiederum in Kantone aufge- K R O AT I E N 1
Gornji Vakuf SARAJEVO
teilt, in der jeweils Kroaten oder Bos- Livno Tarčin Pale
Višegrad

niaken die Bevölkerungsmehrheit Goražde


bildeten. Die Konfliktparteien waren Jablanica
durch eine Teilstaatgrenze oder Frie- Split Foča 5

N
er
densplanlinie (Inter-Entity Boundary

et
va
Mostar
Line, IEBL) getrennt. Nevesinje
Annex 1 A regelt die militärischen
Medjugorje
Aspekte des Friedens: den Waffen- Avtovak
stillstand, die Demobilisierung bzw. Opuzen
Stolac
den Rückzug der Kriegsparteien, Neum J U G O S L AW I E N
die Ablösung der United Nations
Protection Force (UNPROFOR) durch Trebinje
den Einsatz der Implementation
Force (IFOR) und den Austausch von Grenzziehung laut Dayton-Abkommen Dubrovnik
Kriegsgefangenen. Annex 3 befasst (Federacija Bosne i Hercegovine bzw.
Republika Srpska) Kotor
sich mit der Demokratisierung, der zum Zeitpunkt des Waffenstillstandes unter
Podgorica
Durchführung und Überwachung Kontrolle der muslimisch-kroatischen Föderation
von Wahlen durch die OSZE, Annex 4 serbisch kontrollierte Gebiete zum Zeitpunkt
enthält die Verfassung des neuen des Waffenstillstandes

Staates Bosnien-Herzegowina. Einen 1 ungeteilte Hauptstadt Sarajevo

zentralen Punkt des Abkommens Posavina-Korridor, eine internationale Schieds-


2 kommission legt seine Größe fest
stellt die Flüchtlings- und Vertrie-
benenrückkehr (Annex 7) als Auf- 3 Die Serben erhalten die im Sommer 1995
verlorenen Gebiete Mrkonjić Grad und Šipovo zurück
gabe des United Nations High Com-
Die ehemaligen Schutzzonen Srebrenica und Žepa 0 25 50 75 km
missioner for Human Rights (UNHCR) 4 bleiben bei den bosnischen Serben
dar. Das Office of the High Represen- Ein Korridor verbindet die Föderation mit ihrer
5
tative (OHR) regelt die zivile Imple- Stadt Goražde

mentierung des Vertrags (Annex 10). © ZMSBw


Quelle: UNCHR. 05953-06
Annex 11 etabliert internationale
Polizeikräfte als International Police
Task Force (IPTF). an, darunter auch das International wurde im Jahr 2002 das Board of
Seit der Übernahme der interna- Criminal Tribunal for the Former Yu- Principals etabliert. Hier treffen sich
tionalen Verantwortung durch die goslavia (ICTY). wöchentlich die Vertreter der fol-
EU im Jahr 2005 übernahm die Eu- Exekutivorgan des PIC ist das genden in Bosnien-Herzegowina mit
ropean Union Force (EUFOR) die Steering Board, bestehend aus Ver- Aufgaben betrauten Organisationen
Rolle der IFOR bzw. seit Dezember tretern der Staaten Deutschland, zur Koordination: OHR, EUFOR,
1996 der Stabilization Force (SFOR). Frankreich, Großbritannien, Italien, NATO Headquarters Sarajevo, OSZE,
Die European Union Police Mission Japan, Kanada, Russland, USA so- UNHCR, EUPM und Europäische
(EUPM) löste die IPTF ab. Im Dezem- wie der Präsidentschaft der EU, der Kommission. So sind die Wege zur
ber 1995 wurde in London eine Pea- Europäischen Kommission und der Entscheidungsfindung komplex und
ce Implementation Conference ab- Organisation der Islamischen Konfe- für die Betroffenen häufig undurch-
gehalten. Diese führte zur Gründung renz, repräsentiert durch die Türkei. sichtig. Die Presse bezieht sich meist
des Peace Implementation Council Der Hohe Repräsentant konferiert nur zusammenfassend auf »die in-
(PIC). Dem Rat gehören 55 Staaten wöchentlich mit dem Steering Board ternationale Staatengemeinschaft«
und internationale Organisationen auf Botschafterebene. Außerdem oder das OHR.

18 Bosnien-Herzegowina
Bundeswehr/Modes
Gemischte Bilanz

»Sharp Guard« als maritime Operati-


on mit deutscher Beteiligung lässt sich
nicht auf die Unterbindung des See-
verkehrs von und nach der Föderati-
ven Republik Jugoslawien reduzieren.
Die Operation hatte die Bereitschaft
der Staaten Europas bekundet, notfalls
auch militärisch in Krisen einzugreifen.
Die Form des maritimen Verbandes
nach Vorbild der Standing Naval Force
Atlantic (STANAVFORLANT) erwies
sich als durchsetzungsstark, aber auch
flexibel genug, um ein breites Spekt-
 Bei den Operationen »Sharp Vigilance« und »Sharp Guard« setzte die rum von Beiträgen zuzulassen. Jedem
Bundeswehr Seefernaufklärer (MPA) des Typs »Breguet Atlantic« ein. Teilnehmer an »Sharp Guard« wurde
die Gelegenheit gegeben, im Rahmen
kriegführenden Mächte nur in ge- als »Kollateralschaden« hat das mitunter recht beschränkter rechtli-
ringem Maß ein. Durch verdeckte Wirtschaftsembargo aber langfristig cher und politischer Möglichkeit als
Operationen oder den Schwarzmarkt die lokalen kriminellen Netzwerke Partner zu agieren. Deutschland und
konnten alle am Krieg beteiligten und die Korruption dramatisch ge- seine Marine profitierten besonders
Seiten Waffen und Ausrüstung erwer- stärkt und die mit dem Zerfall des ju- davon. Damit trug »Sharp Guard« in
ben. Manchmal handelten selbst die goslawischen Binnenmarktes begon- herausragender Weise dazu bei, die
Kriegsgegner miteinander, um sich nene Talfahrt in Serbien beschleunigt. Relevanz der NATO für alle ihre Part-
mit Waffen, Munition oder Bannwaren Für Serbien erwuchs daraus die ner nach dem Ende des Kalten Krieges
zu versorgen. Die Gründe dafür wa- schwerste Wirtschaftskrise seiner Ge­ zu erhalten. Der Einsatz im Mittelmeer
ren vielfältig: Trotz aller Bemühungen schichte. Nach zwei Jahren Embargo war zu seiner Zeit das wichtigste mari-
waren die Überwachung und Durch­ war das serbische Brutto­ i n­
l ands­ time Unternehmen der Allianz. Abge-
setzung des Embargos insgesamt zu produkt pro Kopf von 3000 auf 700 sehen von den Minensuchverbänden
schwach. Alle Kriegsparteien bau- US-Dollar gefallen. Trotz der laufen- waren daran alle Einsatzverbände der
ten alternative Versorgungsnetzwerke den Embargodurchbrüche war Mitte NATO beteiligt. »Sharp Guard« als
auf und umgingen dadurch die blo- 1993 die gesamte serbische Wirtschaft bündnisübergreifendes Unternehmen
ckierten Handelswege. Schließlich beeinträchtigt. Nachdem die Ein- und bildete auch eine wichtige Brücke,
waren viele Staaten aus unterschied- Ausfuhr schon um mehr als 50 Prozent über die Frankreich erste Schritte tun
lichen Gründen bereit, das Embargo geschrumpft waren, kamen sie nach konnte, sich der militärischen Integra-
im eigenen Interesse zu unterlaufen dem Stopp des Transits völlig zum tion des Nordatlantischen Bündnisses
oder es zu schwächen. Es gibt ernst- Erliegen. Die Industriekapazität war wieder anzunähern.
zunehmende Hinweise, dass dabei is- Ende 1993 nur noch zu 25 Prozent aus- Die Embargooperation zeigte aber
lamische Staaten für die muslimi­schen gelastet. Es folgten Arbeitslosigkeit ebenso, dass die NATO auch nach
Bosniaken tätig wurden. Insbesondere und Hyperinflation. Letztere erreich- der Epochenwende nur so gut sein
der Iran, aber auch die Türkei und te im Dezember 1993 den Spitzenwert konnte, wie es ihre Mitgliedsstaaten
Saudi Arabien werden in diesem von ca. 1 000 000 Prozent pro Monat. zuließen. Dies wurde insbesonde-
Zusammenhang immer wieder ge- Durch die auf einander folgenden re durch die Entscheidung der USA
nannt. Es darf darüber hinaus be- Wäh­r ungs­r eformen wurden wei- Ende 1994 deutlich, das Embargo
gründet angenommen werden, dass te Teile des Volkes enteignet und nur noch selektiv umzusetzen und
auf dem Kriegsschauplatz neben is- Armut machte sich breit. Ende 1993 Schiffe mit Waffen und Gerät für die
lamischen Staaten auch Mächte wie lebten 90 Prozent der Menschen in bosnische Regierung nicht mehr auf-
Russland, die USA oder Südafrika als Serbien und Montenegro unterhalb zuhalten bzw. den Durchbruch an
Lieferanten auftraten. Es kam zu erns- der Armutsgrenze. Die politischen die anderen Teilnehmerstaaten des
ten Spannungen innerhalb der UNO, und militärischen Ziele des Embargos Embargos zu melden. Aus Sicht der
der Bündnisse und Organisationen, die konnten dagegen nicht so schnell er- Deutschen Marine schließlich war die
das Embargo durchsetzen sollten. Die reicht werden: Es gab kein schnelles Operation »Sharp Guard« der Lernort,
Durchbrüche per Flugzeug wurden öf- Ende des Krieges. Präsident Slobodan an dem sich große Teile der deutschen
fentlich untersucht. Konsequenzen da- Milosević wurde durch den wirt- Seestreitkräfte an die neu erwachsen-
raus sind nicht bekannt geworden. schaftlichen Niedergang zunächst so- den militärischen Herausforderungen
Langfristig hatte das Wirt­s chafts­ gar gestärkt. Er lenkte bekanntlich des 21. Jahrhunderts – Einsatze über
embargo gegen die Föderative Re­ erst im August 1994 ein, indem er mit lange Zeit und große Distanzen durch-
publik Jugoslawien laut UNO ei- der Politik der Republika Srpska in haltefähig ausführen zu können –
nen Effekt: Seine Auswirkungen Bosnien-Herzegowina brach. Damit Schritt für Schritt anpassen konnten.
auf die Wirtschaft Serbiens wa- wirkte das Embargo erst langfristig,
ren wahrscheinlich der wichtigs- und es wurde auch nur ein Teilziel er-  Rüdiger Schiel
te Grund für Belgrad, den Dayton- reicht. Das Schmuggeln der Waffen
Vertrag zu akzeptieren. Gleichsam und vor allem der Krieg gingen weiter.

Bosnien-Herzegowina 19
1992 bis 1996
Bundeswehr/Dahmen

 Als Kampfzonentransporter in
deutsch-französischer Kooperation
gebaut und seit 1968 in die
Luftwaffe eingeführt, erhiel-
ten erst nach Beginn der
Luftbrücke ab 1992 einige Transall
C‑160 die überlebenswichtige
Selbstschutzausstattung. Diese er-
möglicht auch den Ausschuss von
Täuschkörpern (Flares, hier im Bild)
zur Ablenkung von Boden-Luft-
Raketen.

Luftbrückeneinsatz für Sarajevo

E
ine deutsche militärische Be­ es klug war, den Begriff »Krieg« aus deutschen Transall überlegen war.
teiligung beim Einmarsch der politischen und rechtlichen Gründen Für den Luftumschlag und die Be­
von den Vereinigten Staaten an- zu umgehen, sei dahingestellt. Bei treuung der Besatzungen und Flug­
geführten Koalition in den Irak 1991 den im scharfen Einsatz auch unter zeuge richtete die Luftwaffe jeweils
kam aus politischen und verfassungs­ Beschuss stehenden Besatzungen stieß einen Lufttransportstützpunkt (LTP)
rechtlichen Gründen nicht infrage. In dies jedenfalls auf Unverständnis, zu- ein, den man in enger internationaler
der internationalen humanitären Luft­ mal die Versicherungsgesellschaften Zusammenarbeit betrieb.
brücke nach Sarajevo sah die Bundes­ auf die Kriegsklausel hinwiesen und
regierung eine günstige Gelegen­heit, mögliche Zahlungen im Todesfall ver-
sich im Bündnis wieder als solida- weigerten. Neues Szenario, neue Konzepte
rischer Partner zu präsentieren. Nach der Übernahme des Zivil­flug­
Der Einsatz deutscher Transport­ hafens Sarajevo durch kana­di­sche und Erst nach dem Beschuss von Flugzeu-
flieger im Rahmen der Luftbrücke französische UNPROFOR-Truppen gen und anderen Zwischenfällen und
und die Flüge zum Abwerfen von Ende Juni 1992 und der Zusicherung auf Druck der Medien sowie den Ini-
Hilfsgütern über Ost-Bosnien (OSBO) aller Bürgerkriegsparteien, gegen die tiativen einzelner Abgeordneter schuf
stellten für alle Beteiligten eine Zäsur Flugzeuge keine militärische Gewalt man schrittweise und in gemeinsa-
dar. Erstmals waren seit dem Bestehen anzuwenden, startete die Luftbrücke mer Anstrengung der politischen Lei-
der Bundeswehr Hilfsflüge in ein offiziell am 3. Juli 1992 vom kroati- tung, der militärischen Führung, der
Kriegsgebiet unter latenter Bedrohung schen Flughafen Zagreb-Pleso aus. Rüstungsindustrie, der militärischen
gefordert, doch war darauf weder Vom 4. Juli an nahmen auch deut- Dienststellen und Verbände sowie mit
das Personal vorbereitet noch stand sche Besatzungen mit der zweimoto- Hilfe befreundeter Staaten die notwen-
die entsprechende Ausrüstung zur rigen Transall C-160 am Einsatz teil. digen Rahmenbedingungen für die
Verfügung. Auch fehlten anfangs eine Von Zagreb aus versorgten sie bis Operation. Der Abschuss einer italieni-
eindeutige Rechtslage und angepass- zur Verlegung nach Falconara/Italien schen Transportmaschine im Septem-
te Regelungen zur Versorgung bei im März 1993 gemeinsam mit den ber 1992 machte mit aller Härte deut-
Verwundung oder Tod im Einsatz – Transportern der USA, Frankreichs, lich, dass nun endlich alle noch offenen
ein schwerwiegendes Versäumnis. Großbritanniens, Kanadas und (zeit- und laufenden Maßnahmen für einen
Hinzu kam, dass die Bundesregierung weilig) aus 15 anderen Nationen bis nachhaltig verantwortbaren Einsatz
die Bezeichnung »Kriegsgebiet« un- Anfang Januar 1996 die notleidende, zu ergreifen bzw. alsbald abzuschlie-
bedingt vermeiden wollte und lie- von Transporten auf dem Landweg ßen seien. Die bis dahin unbekannte
ber von einem »Krisengebiet« sprach, nahezu abgeschnittene Bevölkerung. Selbstschutzausrüstung der Transall,
während die Luftwaffenführung die Die anderen Luftwaffen flogen zu- bestehend aus einem Radar-Warnemp-
Einsätze zunächst realitätsfern als meist mit der viermotorigen Hercules fänger (RWR), »Chaff« (Stanniolstrei-
»Friedensflugbetrieb unter besonderen C-130, die vor allem durch höhere fen), »Flares« (Hitzetäuschkörper) und
Einsatzbedingungen« bezeichnete. Ob Zuladung und Geschwindigkeit der dem »Missile Approach Warner« (Ra-

20 Bosnien-Herzegowina
Anflugwege Luftbrücke Sarajevo und Air Drop »Ostbosnien« Luftbrücke teilnehmenden Nationen
von/nach
traf sich ab Dezember 1992 die High
Frankfurt a.M. UNGARN Level Working Group (HLWG).
ca. 810 km SLOWENIEN
ZAGREB
Lufttransport-
stützpunkt
1992–1993
K R O AT I E N Hilfsgüter für die »safe areas«

Im Februar 1993 startete US-Präsi-


BOSNIEN-

J U G O S L AW I E N
dent Bill Clinton eine Initiative zur
Versorgung der bosnischen Enkla-
ven im Bürgerkriegsgebiet durch Ab-
I TA L I E N würfe von Hilfsgütern aus der Luft.
Bereits Ende des Monats flogen die
FALCONARA
Ancona SARAJEVO ersten US-Hercules C-130 von der
Lufttransport- SPLIT
HERZEGOWINA Rhein-Main-Airbase Frankfurt ihre
stützpunkt Nachteinsätze über Ostbosnien. Nach
1993–1996
einigem Zaudern entschied die Bun-
desregierung, sich mit zeitweilig bis
Flugroute Luftbrücke
Adriatisches zu drei Transall an den Abwürfen zu
Flugroute Air Drop ALB.
(vereinfacht) Meer beteiligen, gemeinsam mit der franzö-
Quelle: LTKdo.
© ZMSBw sischen Luftwaffe.
06673-04
Vom Stützpunkt in Frankfurt aus
flogen bis zum 19. August 1994 die mit
keten-Anflugwarngerät), musste man unter Befehl der NATO im Einsatzfall Hilfsgütern beladenen Transporter
unter hohem Zeitdruck entwickeln – hierzu gehörten aber nicht die in Formation ihre Einsätze und war-
und anpassen, beschaffen und im Rah- vom Lufttransportkommando der fen in zwei verschiedenen Verfahren
men eines zeitlich parallel zum Einsatz Luftwaffe geführten Lufttransport­ die von der Bevölkerung dringend be-
laufenden Truppenversuches integrie- verbände LTG 61, 62, 63 und das Hub­ nötigten Waren ab. Hierbei kam zu-
ren. Zugleich kam es darauf an, Tech- schraubertransportgeschwader 64 – nächst das Container Delivery System
niker und Besatzungen zunächst für war eine nationale Führungsfähigkeit (CDS) mit ca. 750 kg schweren, durch
den Einsatz einzuweisen und später auf ministerieller Ebene 1992 noch einen Bremsfallschirm stabilisier-
nachhaltig zu schulen. nicht gegeben. Mit Beginn der Luft­ ten Paletten über einer vorher festge-
Die Flüge unter Bedrohung, vor al- brücke mussten vorhandene Ressour­ legten Abwurfzone zur Anwendung.
lem nach dem Beschuss der deutschen cen im Bundesministerium der Ver­ Später folgte das Tri-Wall Aerial
Transall 50+54 am 6. Februar 1993 teidigung (BMVg) im Rahmen von Delivery System (TRIADS). Es er-
mit der schweren Verwundung des Umgliederungen gebündelt und möglichte, eine Vielzahl von klei-
Ladungsmeisters, stellten neben der Kompetenzen neu geregelt werden. nen Pappkartons mit einzelnen US-
physischen Belastung der nahe­zu im Letztendlich ging es darum, den für Verpflegungsrationen im freien Fall
Dauereinsatz stehenden Besatzungen den Einsatz der Bundeswehr ver- direkt über den Ortschaften abzuset-
eine neue psychische Herausforderung antwortlichen Minister als Inhaber zen, durch das geringe Gewicht der
dar – auch für die betroffenen der Befehls- und Kommandogewalt einzelnen Päckchen ohne Gefahr für
Familien. Eine Initiative des Lufttrans­ zeitgerecht zu informieren und zu Leib und Leben der Bevölkerung.
portgeschwaders (LTG) 62 vom Herbst be­raten sowie rasch lagegerechte
1993 führte mit Unter­stützung der Ent­scheidungen für den Einsatz her­­
Flugpsychologie und Flugmedizin bei­z uführen. Verschiedene Zwi­ Meilenstein für die deutschen
zur Entwicklung und Anwendung ei- schen­lösungen und internes Kom­ Transportflieger
nes bis dahin fehlenden Konzeptes petenz­gerangel überwand man erst
zur psychologischen Betreuung für durch die Aufstellung des Füh­rungs­­ Die erfolgreiche Teilnahme der deut-
Fliegendes Personal im und nach zentrums der Bundeswehr (FüZBw) schen Transportflieger an den huma-
dem Einsatz. Informationsabende für am 1. Januar 1995. nitären, aber dennoch gefährlichen
Angehörige stillten deren Bedarf nach Die Zufuhr und Zuteilung der Einsätzen in der bislang längsten Luft-
ungeschönter Darstellung der Einsätze Hilfsgüter für Bosnien und der Einsatz bücke der Luftfahrt förderte das inter-
und ihrer Gefahren sowie der zu er- der Luftfahrzeuge bedurften der in- nationale Ansehen Deutschlands. Die
wartenden sozialen Unterstützung des ternationalen Abstimmung, auch un- Mission eröffnete für nachfolgende
Dienstherren bis hin zum Todesfall. ter Einbeziehung der Bürgerkriegs- Auslandseinsätze neue politische und
Sowohl am Heimatplatz als auch parteien. Hierfür richteten die UN militärische Handlungsräume. Die da-
in den Einsatzorten wirkte sich die Ende Juni 1992, also schon vor Beginn maligen Klarstellungen zur Rechtmä-
Anwesenheit und Seelsorge der der Luftbrücke, über den UNHCR (UN ßigkeit des Einsatzes und Anpassun-
Militärgeistlichen hilfreich aus, nicht High Commissioner for Refugees) die gen der Regelungen zur Versorgung
zuletzt durch deren gelegentliche Air Operations Cell Geneva (AOCG) in schufen die Grundlagen für eine heute
Teilnahme am Flugdienst auf der Luft­ Genf ein, in der auch ein Stabsoffizier selbstverständliche Praxis.
brücke. der Luftwaffe mitwirkte. Für einsatz-
Aufgrund der alleinigen Unter­ bezogene Abstimmungen auf mi-  Hans-Werner Ahrens
stellung deutscher Kampfverbände nisterieller Ebene unter den an der

Bosnien-Herzegowina 21
1992 bis 2012

Vom NATO-Kampfeinsatz zum


»nation building« der EU
ten auf den zunehmenden Exodus von
picture-alliance/dpa

Bosniaken mit der Sicherheitsratsre-


solution 816. Diese erklärte die einge-
schlossenen Städte Bihać, Goražde, Sa-
rajevo, Srebrenica, Tuzla und Žepa zu
»safe areas« (Schutzzonen).

NATO-Operation »Deny Flight«

Die NATO wurde autorisiert, in einer


No Flight Zone (NFZ) ein Flugverbot
auch gewaltsam durchzusetzen. Am
12. April 1993 begann die Operati-
on »Deny Flight«. Sie richtete sich in
erster Linie gegen die serbische Luft-
waffe und Heeresflieger. Zu diesem
Zeitpunkt besaßen die serbischen
Streitkräfte eindeutig die Luftüberle-
genheit über Bosnien-Herzegowina
und bestimmten das Kampfgeschehen.
Erst nachdem die U.S. Air Force sechs
 Britische Soldaten des 19th Regiment Royal Artillery mit einer »105 mm Light Maschinen vom Typ Galeb/Jastreb
Gun« im Feuerkampf gegen serbische Stellungen am Berg Igman am Rande beim Abwerfen von Bomben über
Sarajevos, 31. August 1995. Novi Travnik aufgeklärt und vier ab-
geschossen hatte, respektierten die Ar-

D
mee Jugoslawiens (Vojska Jugoslavije,
ie Reaktionen der Staaten­ ni­
sation (NATO) und Europäi­ scher VJ) bzw. die Streitkräfte der Republika
meinschaft auf den Bosni­
ge­ Gemeinschaft (EG), später Europäi­ Srpska (Vojska Repulike Sprske, VRS)
schen Krieg der Jahre 1992 sche Union (EU). die Flugverbotszone weitestgehend.
bis 1995 sind – wie auch der Krieg Seit Herbst 1992 beteiligten sich auch
selbst – nur vor dem Hintergrund des deutsche Besatzungsmitglieder der
Zusammenbruchs der Sowjet­ union Militärische Schwäche der fliegenden Luftraumaufklärung und
und des kommunistischen Macht­ bosniakischen Kriegspartei Einsatzleitzentrale AWACS (Airborne
bereichs erklärbar, der die Staaten­ Early Warning and Control System)
ordnung in geradezu revolutionärer Die Lage in Bosnien-Herzegowina an der kontinuierlichen Beobachtung
Weise verändert hat. Für die USA entwickelte sich entsprechend der mi- des Konfliktgebietes. Im Rahmen der
stellte sich die Frage, ob sie mit dem litärischen Kräfteverhältnisse vor Ort. Aufklärungsflüge über Bosnien-Her-
Ende des Kalten Krieges die mili- Ende des Jahres 1992 beherrschten die zegowina kamen mehr als 160 Solda-
tärische Verantwortung für Europa Serben 70 Prozent des Territoriums ten der Luftwaffe zum Einsatz und bei
nun den Europäern rückübertra- von Bosnien-Herzegowina, während »Deny Flight« 484 deutsche Soldaten
gen sollten, damit diese Probleme sich die größeren Städte nach wie vor – die deutschen Besatzungsanteile der
auf dem eigenen Kontinent selbst lö- unter kroatischer oder bosniakischer AWACS mitgerechnet (zum deutschen
sen und die USA sich dem pazifi­ Kontrolle befanden. Der »Vance- Marineeinsatz siehe den Beitrag von Rü-
schen Bereich zuwenden könnten. Owen-Plan« sah damals vor, Bosni- diger Schiel, S. 16‑ 19; zum Einsatz der
An­gesichts der historisch-kulturellen en-Herzegowina in zehn jeweils durch deutschen Transportflieger den Beitrag
und machtpolitischen Bindungen eine Führungsnation (Serben, Kroaten, von Hans-Werner Ahrens, S. 20 f.).
Russ­ lands zu Restjugoslawien, fak- Bosniaken) beherrschte Provinzen auf-
tisch Serbien-Montenegro, kam es in zuteilen. Kompetenzstreitigkeiten zwi-
Bos­nien-Herzegowina zu einem neu- schen bosnischen Kroaten und Bosnia- Operation »Deliberate Force«
en Interessengegensatz zwischen ken führten zum sogenannten »Krieg und die Rapid Reaction Force
NATO und Russland. Auf institu­tio­ im Krieg«. Nunmehr im Kampf mit
neller Ebene zeigte sich die unüber­ serbischen und kroatischen Gegnern, Nach dem serbischen Angriff auf die
sichtliche internationale Situa­tion in mussten bosniakische Einheiten im Stadt Žepa und der fortdauernden
sich überschneidenden Kompe­ ten­ April 1993 bei Cerska, Kamenica und Belagerung Sarajevos beschloss die
zen zwischen Vereinten Nationen Srebrenica schwere Verluste hinneh- NATO – auf Anfrage der Vereinten
(UN), Nordatlantischer Ver­trags­orga­ men. Die Vereinten Nationen reagier- Nationen – Luftschläge gegen solche

22 Bosnien-Herzegowina
Ziele durchzuführen, die die Sicher- Während des serbischen Angriffes von der UN für ein Jahr autorisier-
heit der UN-Schutzzonen bedroh- auf Srebrenica unterblieben die te Soldaten der Implementation Force
ten. Zur effektiven Durchsetzung des Luftangriffe der NATO, da die VRS (IFOR). Die Bundeswehr stellte 2600
Schutzzonenkonzeptes beschloss der drohte, im Falle eines Lufteinsatzes 30 Männer und Frauen im deutschen
Nordatlantikrat im April 1994, dass ein zuvor gefangen genommene nieder- Kontingent (German Contingent
Umkreis von 20 Kilometern als »mili- ländische UNPROFOR-Soldaten zu er- Implementation Force, GECONIFOR;
tary exclusion zones« auszuweisen schießen. Widersprüchliche Verfahren, zu IFOR und SFOR siehe den Beitrag
und notfalls mit militärischen Mitteln Kommunikationsprobleme und unter- von Rudolf Schlaffer, S. 24 ‑ 27). Am
zu sichern sei. Nach der serbischen schiedliche Interpretationen der Lage 12. Dezember 1996 autorisierte die
Offensive gegen Goražde erklärte die zwischen UN und NATO taten ihr UN-Sicherheitsratsresolution 1088 die
NATO erstmals solch eine Zone. Übriges. Als die »safe area« Srebrenica Ablösung der IFOR durch eine stark
Obwohl im UN-Sicherheitsrat China am 11. Juli 1995 fiel und sich ein reduzierte Stabilization Force (SFOR).
und Russland eine von den NATO- Massaker an etwa 8000 in der Stadt ver- Ihre Stärke lag bei 32 000 Soldaten.
Staaten geforderte entsprechende bliebenen Männern und Jungen ereig- Die Operation lief unter abgestuf-
UN-Resolution verhinderten, einig- nete, zeigte sich angesichts einer nati- ter Reduzierung der Truppenstärke
ten sich NATO und UN im Oktober onalistischen, fanatischen Kriegslogik (2000: 24 000 Soldaten; 2004: 7000
1994 über die Durchführung geziel- die Ohnmacht des hochkomplexen Soldaten) bis Dezember 2004. Der
ter Luftschläge. Spätestens jetzt be- diplomatischen Systems. Die serbi- Anteil der Bundeswehr-Soldaten stieg
fand sich die NATO im Kampfeinsatz. sche Taktik, UNPROFOR-Soldaten als dabei an; Deutschland stellte zeitweise
NATO-Luftangriffe verhinder- Geiseln zu nehmen und damit den bis zu 3300 Heeressoldaten, von denen
te vor Ort allerdings immer wie- Einsatz der NATO-Luftwaffen zu ver- etwa 2400 in Bosnien-Herzegowina –
der der Missbrauch gefangener hindern, wiederholte sich nur wenige zumeist in Rajlovac bei Sarajevo – sta-
UN-Angehöriger als »menschliche Tage später in Žepa. tioniert waren.
Schutz­schilde«. Vielen Beobachtern Als am 28. August massivem serbi-
galt UNPROFOR (United Nations schem Artilleriebeschuss in Sarajevo
Protection Force) zu diesem Zeitpunkt 38 Menschen zum Opfer fielen und EUFOR Althea
als gescheiterte Operation. Die Bundes­ sich die schrecklichen Ereignisse von
regierung beschloss am 20. Dezember Srebrenica und Žepa nun auch in Mit EUFOR Althea übernahm die EU
1994, der NATO ein deutsches der belagerten Hauptstadt zu wie- im Dezember 2004 den Bosnien-Ein-
Kontingent von 2000 Soldaten sowie derholen drohten, beschloss die satz von der NATO. EUFOR unter-
bis zu 14 Tornados für eine eventuel- NATO eigenmächtig den Einsatz von schied sich vom letzten SFOR-Kontin-
le Evakuierung der UNPROFOR zur Luftstreitkräften gegen serbische mi- gent nicht nur durch seine reduzierte
Verfügung zu stellen. Ende Mai 1995 litärische Ziele um Sarajevo sowie in Stärke von 6300 Soldaten, sondern
hielt die VRS 300 UN-Angehörige als Tuzla und Pale (Operation »Deliberate auch durch ein Anwachsen der zivi-
Geiseln fest. Der Generalstabschef Force«). Französische und britische len und polizeilichen Komponente. Bis
der VRS, Ratko Mladić, drohte mit Heereskontingente der RRF standen 2007 gliederte sich EUFOR Althea in
deren Ermordung im Falle einer Ende August 1995 im Kampfeinsatz in drei multinationale »Task Forces« mit
Fortführung der NATO-Luftschläge. Goražde und Sarajevo. Seit 7. August jeweils 1000 bis 1400 Soldaten in Tuzla,
Die Europäische Union und die NATO 1995 flogen auch die ersten von ins- Banja Luka und Mostar. Hinzu kamen
reagierten im Juni 1995 endlich mit der gesamt 14 deutschen ECR-Tornados etwa 500 Militärpolizisten in einer In-
Aufstellung der Rapid Reaction Force (Electronic Combat Reconnaissance) tegrated Police Unit (IPU) in Sarajevo
(RRF) zum Schutz der UNPROFOR. ihre Aufklärungsmissionen. sowie 2000 in Liaison and Observation
Die Bundeswehr plante hierzu 1720 Nach dem Friedensabkommen von Teams (LOT) eingesetzte Beobachter,
Soldaten aller drei Teilstreitkräfte ein. Dayton schickte die NATO 60 000 die – untergebracht in angemieteten
Wohnhäusern – im ganzen Land prä-
picture-alliance/DoD

sent waren. Die Bundeswehr stellte in


dieser Struktur etwa 900 Soldaten. Ab
Februar 2007 gliederte sich EUFOR
Althea um. Die Truppenstärke war
inzwischen auf etwa 2000 Soldaten
reduziert worden. Die multinationa-
len Task Forces wurden aufgelöst und
durch ein einziges Bataillon im Camp
Butmir in Sarajevo ersetzt. Das deut-
sche Kontingent wurde auf etwa 130
Soldaten reduziert. Bis zum Ende des
deutschen militärischen Engagements
im September 2012 war der Einsatz
durch Aufbauhilfe und eine »schwere«
Polizeikomponente geprägt.

 Agilolf Keßelring
 Operation »Deny Flight«: US-Luftüberlegenheitsjäger des Typs F-15 Eagle
mit Luft-Luft-Lenkwaffe AIM-9 Sidewinder auf dem Luftstützpunkt Aviano
(Italien), April 1993.

Bosnien-Herzegowina 23
Bosnien als Wendemarke

Der Krieg in Bosnien als Wendemarke


für die Bundeswehr
picture-alliance/dpa

 GECONSFOR 1997‑2004: Heeresflieger mit Transporthubschrauber CH-53 über einem Vorort von Sarajevo,
August 2002.

I
m Jahr 1876 urteilte der deutsche Der jugoslawische Zerfallsprozess Bundeswehr hatte ein nicht unerheb-
Reichskanzler Otto von Bismarck verlief parallel zu zwei weiteren ein- licher Teil der Bevölkerung mit den
über den damaligen Konflikt auf schneidenden Herausforderungen deutschen Streitkräften immer noch
dem Balkan: »Ich habe gesagt: ich für die Bundesrepublik seit 1989: keinen Frieden geschlossen. Daher
werde zu irgend welcher aktiven die Vereinigung der beiden deut- entschied die damalige politische
Betheiligung Deutschlands an diesen schen Staaten und die Auflösung des Leitung und militärische Führung, die
Dingen nicht rathen, so lange ich in Warschauer Paktes. Die außenpoliti- Bevölkerung schrittweise an »Out-of-
dem Ganzen für Deutschland kein schen Veränderungen in Ost- und in area-Einsätze« zu gewöhnen.
Interesse sehe, welches auch nur – Südosteuropa wirkten sich auch auf
entschuldigen Sie die Derbheit des die innenpolitischen Verhältnisse aus.
Ausdrucks – die gesunden Knochen Die wenig interessierte Gesellschaft Von der »alten« zu einer
eines einzigen pommerschen Muske­ der Bundesrepublik musste sich außer »neuen« Bundeswehr
tiers werth wäre. Ich habe ausdrü- mit der Frage von Landesverteidigung,
cken wollen, dass wir mit dem Blute Wehrwillen und Wehrmotivation Bis 1989/90 bestand mehrfach die Ge-
unserer Landsleute und unserer zusätzlich mit Interventions- und fahr eines konventionellen wie auch
Soldaten sparsamer sein müssten, als Stabilisierungsmissionen beschäfti- atomaren Krieges. Das Streben nach
es für eine willkürliche Politik ein- gen. Dabei schienen weniger die fun- dem militärischen Gleichgewicht barg
zusetzen, zu der uns kein Interesse damental geänderten politischen und nahezu zwangsläufig immer auch
zwingt.« Mehr als 100 Jahre später militärischen Grundlagen sowie ihre das Risiko der eigenen Vernichtung.
sah ein anderer deutscher Staat, die Folgen die Öffentlichkeit zu bewe- Gewaltsame regionale Konflikte oder
Bundesrepublik Deutschland, auf- gen. Vielmehr wurden in der sicher- Stellvertreterkriege wurden in Afrika
grund des Zerfalls der Sozialistischen heitspolitischen Diskussion die ver- oder Asien, aber nicht mehr in Europa
Föderativen Republik Jugoslawien gangenheitspolitischen und ethischen geführt. Die Bundesrepublik und die
sehr wohl seine Interessen auf dem Implikationen hervorgehoben. Auch DDR arrangierten sich in einer Koexis-
Balkan berührt. nach über 35 Jahren Existenz der tenz. Mit dem Ende dieser Ära und

24 Bosnien-Herzegowina
Bundeswehr/LTG 62
der Vereinigung der beiden deutschen die Ausnahme. Bis zum Endes des
Staaten änderte sich auch die Situation Jahres zeigte sich dann aber immer
der Bundesrepublik in fast sämtlichen mehr, dass im Rahmen der Bündnis­
Politikfeldern und Lebensbereichen. solidarität nun auch von Deutsch­land
Auch eine uneingeschränkte Über- ein robuster militärischer Beitrag er-
nahme der Verantwortung aus der wartet würde, während Überlegungen
Vergangenheit war damit verbunden. zur »historischen Belastung« der
Die »Kohl-Doktrin« beinhaltete, kei- Bundes­republik in den Hintergrund
nen Einsatz deutscher Streitkräfte in traten.
solchen Ländern vorzusehen, in denen Die politische Situation wurde von
NS-Organisationen und Wehrmacht vier Akteuren bestimmt: Zum ei-
gewütet hatten. Diese an der unseligen nen von den Vereinten Nationen, die
deutschen Vergangenheit orientierte sich bisher in der Rolle der Friedens­
Politik sollte vor allem den europä- wahrung und der Erhaltung des
ischen Nachbarn und auch der rest- Status quo sahen. Zum anderen von  Sarajevo, Stadtteil Dobrinja: In
lichen Welt demonstrieren, dass sich der EU/WEU, die eine europäisch be- dem von bosnischen Kämpfern ge-
Deutschland seiner Verantwortung stimmte Lösung für Jugoslawien an- haltenen Stadtteil tobten beson-
bewusst war und kein unnötiges Miss- strebte. Beide Organisationen üb- ders schwere Kämpfe.
trauen durch neue militärische Kraft- ten jedoch keinen unmittelbaren
demonstrationen erzeugen wollte. Ein­fluss auf das Kriegsgeschehen herigen, vorwiegend europäischen
Zu Beginn des Jugoslawienkrieges aus. Eine Kontaktgruppe, beste- Trup­pen­steller nicht alleine aufbrin-
versuchten die Vereinten Nationen hend aus den USA, Russland, gen. Ein entscheidender Beitrag wur-
und die Europäische Union/West­euro­ Deutsch­land, Großbritannien, Frank­ de deshalb von den USA erwar-
päische Union (EU/WEU) mit einer reich und Italien, fungierte drit- tet, eine feste Zusage lag freilich nur
Blauhelmmission, der United Nations tens als Kon­sul­ta­tionsgremium, und für den Fall der Implementierung ei-
Protection Force (UNPROFOR), und schließ­lich übernahm die NATO als nes Friedensplanes vor. Die USA be-
einem Embargo, den Konflikt ein- vierter Akteur die Durchsetzung mili­ trachteten Jugoslawien als ein zu-
zudämmen. Bis 1994 be­teiligte sich täri­scher Maßnahmen, um eine Rück­ vorderst europäisches Problem, und
die Bundeswehr an der Luft­brücke kehr der Kriegsparteien an den Ver­ mehrere europäische Nationen leis-
nach Sarajevo und an der Embargo­ hand­l ungstisch und die An­n ah­m e teten bereits einen sichtbaren, in eini-
kontrolle. Beide Operationen fanden des Friedensplanes zu erzwingen. gen Fällen substanziellen Beitrag im
aber noch ohne Bodentruppen der Deutsch­land war Mitglied in allen Rahmen der UNPROFOR. Damit war
Bundeswehr statt. Im August 1994 Gremien und an allen Ent­schei­dungs­ vorhersehbar, dass nicht nur europäi-
ging man immer noch von einem kon- pro­zessen beteiligt. scher, sondern auch starker amerika-
zeptionellen Beitrag Deutschlands Bei der bereits 1994 zugesagten nischer Druck mit dem Ziel eines akti-
bei der Erarbeitung von möglichen Im­p le­m entierung eines Friedens­ ven deutschen militärischen Beitrags,
UN-Resolutionen aus. Weitergehende planes sahen die NATO-Über­ l e­ einschließlich Bodentruppen, ausge-
Forderungen nach einem militäri- gungen ein Minimum von 50 000 Sol­ übt werden würde.
schen und finanziellen Engagement daten vor. Die dazu erforderlichen Nachdem die Kriegsparteien im
seitens der Bündnispartner bildeten Kräfte konnten und wollten die bis- Sommer/Herbst 1995 an den Ver­hand­
lungstisch in Dayton gezwungen wor-
picture-alliance/dpa

den waren, beteiligte sich Deutsch­land


an der im Dezember 1995 anlaufenden
Peace Implementation Force (IFOR)
der NATO für Bosnien-Herzegowina.
Militärisch gesehen hatten es die
NATO-Truppen mit einem starken
Gegner zu tun. Im Februar 1995 stan-
den sich auf dem Gebiet des ehemali-
gen Jugoslawien fast 230 000 bewaff-
nete Serben, 100 000 Kroaten, 75 000
Muslime und ca. 5000 Kämpfer des
bosnischen »Warlords« Fikret Abdić
gegenüber. Soldaten der regulären
Landstreitkräfte und irregulären pa-
ramilitärischen Einheiten bekämpften
sich, auch in wechselnden Koalitionen,
um möglichst große Gebietsteile
für die jeweils eigene Ethnie hal-
ten oder erobern zu können. Allein
in Bosnien-Herzegowina operierten
175 000 Mann, darunter auch frem-
 Deutsche IFOR-Soldaten überqueren eine Behelfsbrücke über die Neretva de Truppen wie beispielsweise ca. 100
nördlich von Mostar, 8. April 1996. bis 200 Mudjaheddin. Nach dem

Bosnien-Herzegowina 25
Bosnien als Wendemarke

Friedensschluss von Dayton soll­ten ge- sollten die in Bosnien eingesetzten erforderlich. Die militärische Führung
rade sie Probleme bei der Rückführung Truppen der verbündeten Staaten un- der Gesamtoperation blieb beim
in ihre Heimatländer bereiten. terstützt werden. Dies schloss zeit- SACEUR, die politische Weisung und
Die Zahl und auch der Ausbildungs­ lich begrenzte Einsätze in Bosnien ein. Kontrolle erfolgten unter Einbindung
stand der Kämpfer bedeuteten in Mehr als 200 deutsche Soldaten wur- des russischen Kontingents durch den
der Anfangsphase ein erhebliches den in die alliierten Hauptquartiere NATO-Rat.
Gefahrenpotenzial für die NATO- in Kroatien und Bosnien abgestellt.
Truppen. Die vorhandene Kräfte­ Das Marinekontingent führte die
konzentration machte die größ- Operation »Sharp Guard« der See- Die NATO-Operationspläne und
te Landoperation notwendig, die die und Seeluftstreitkräfte der NATO die Rolle der Bundeswehr
NATO bis dahin in ihrer Geschichte und der WEU aus dem Jahr 1993 wei-
geführt hatte. Den Oberbefehl hat- ter fort (hierzu ausführlich der Beitrag Die Operationspläne des SACEUR
te der Supreme Allied Commander von Rüdiger Schiel auf S. 16‑19). Den für IFOR und SFOR mussten in einem
Europe (SACEUR) inne, dem die je- Operationsplan, den Verlegebefehl komplexen Abstimmungsprozedere
weiligen Kontingente aus den NATO- und die Rules Of Engagement (ROE) mit den jeweiligen Mitgliedern erstellt
Mitgliedsstaaten und den verbün- für die Hauptkräfte billigte der NATO- und gebilligt werden. Bei der Prüfung
deten Ländern des Partnership for Rat am 16. Dezember 1995. Der der Operationspläne im Bundesminis-
Peace (PfP)-Programms zugeordnet Sicherheitsrat der UN verabschiedete terium der Verteidigung orientierte
waren, freilich mit den jeweiligen na- am Tag zuvor die Resolution Nr. 1031, man sich an vier Grundprinzipien:
tionalen Restriktionen im Hinblick der Friedensvertrag von Dayton wur- 1. Die Operationen wurden als
auf Einsatzräume oder strategische de am 21. November paraphiert und grund­legende Unterstützungsleistung
und operative Reservekräfte. Die kurz danach am 14. Dezember in Paris zur Gesamtimplementierung des
IFOR wurde nach einem Jahr von der unterzeichnet. Friedensabkommens betrachtet.
Stabilisation Force (SFOR) abgelöst. Der Deutsche Bundestag stimmte be- 2. Es mussten klare Unterstellungs-
Im Oktober 1995 begannen die reits am 6. Dezember 1995 dem IFOR- und Befehlsregelungen enthalten
Planungen für einen deutschen Bei­ Einsatz in Bosnien-Herzegowina zu, sein, die den deutschen Interessen als
trag zur Absicherung des Friedens­ sodass der SACEUR autorisiert wur- Truppensteller entsprachen.
vertrages für Bosnien-Herzegowina. de, den Action Order (ACTORD) für 3. Das Operationskonzept muss-
In der Operation »Joint Endeavour« die Hauptkräfte und die ROE heraus- te in seinen politischen Vorgaben als
gingen die bereits in Trogir und Split zugeben. »Transfer of Authority« von »living document« entwicklungsfähig
stationierten Teile des Feldlazaretts, UNPROFOR auf IFOR war für den bleiben und eine ständige politische
das Einsatzgeschwader 1 der Luft­ 20. Dezember 1995 vorgesehen. Von Einflussnahme garantieren.
waffe im italienischen Piacenza der Erarbeitung bis zur Umsetzung ei- 4. Ein flexibles Operationskonzept
und das Lufttransportgeschwader nes solchen Operationsplanes und der ermöglichte ein der jeweiligen Lage
der Luft­waffe mit einem deutschen Verlegung von Truppen war ein kom- angepasstes Verhalten.
Heeres­a nteil im IFOR-Kontingent plexer Ablauf von Genehmigungs- Der Operationsplan »Joint Guard«
auf. Einsatzgebiet für das deutsche und Abstimmungsverfahren innerhalb (SFOR), der auf »Joint Endeavor«
Heereskontingent (GECONIFOR) der NATO, der Kontaktgruppe und (IFOR) folgte, gliederte sich im Haupt­
mit einer Gesamtstärke von 2600 der PfP-assoziierten Staaten parallel zu teil in vier Abschnitte. Im Kernstück
Soldaten war Kroatien, von dort den Friedensvertragsverhandlungen des militärischen Befehles definierte
SACEUR verschiedene Phasen mit ein-
picture-alliance/dpa/Martin Athenstädt

zelnen Aktivitäten:
Phase I (Transition): Verlegung SFOR
und Rückverlegung IFOR, Reser­
venbildung auf allen Ebenen, Um­
gliederung der Kräfte im Einsatzraum,
zunehmende Luftüber­wachung und
Aufklärung zur Kompen­sation der
Truppen­reduzierung im Operations­
gebiet. Diese Phase endete mit der
abgeschlossenen Verlegung und der
Bereitschaft von SFOR, die zugewie-
senen Aufträge und Aufgaben durch-
zuführen, sowie der abgeschlossenen

 Bundesverteidigungsminister
Volker Rühe am 13. Dezember
1996 im Bonner Bundestag mit
Generälen seines Stabes. Der
Bundestag billigte im Verlauf der
Debatte mit breiter Mehrheit die
deutsche Beteiligung an SFOR,
der Friedenstruppe für Bosnien-
Herzegowina.

26 Bosnien-Herzegowina
Aufstellung strategischer und opera-

picture-alliance/dpa
tiver Reserven außerhalb bzw. inner-
halb von Bosnien-Herzegowina.
Phase II (Stabilisation): Ziel war es
hier, sichere Rahmenbedingungen
herzustellen, damit die politischen
und zivilen Verantwortlichen agie-
ren konnten. Die Hauptaufgabe der
Stabilisierungstruppe bestand dar-
in, Präsenz zu zeigen und unmiss­
verständlich militärische Handlungs­
fähigkeit zu demonstrieren. Es sollte
sichergestellt werden, dass die Flücht­
linge in ihre Wohnorte zurückkehren
konnten. Neben dem Aufbau natio-
naler Institutionen wurden auch die
Kommunalwahl unterstützt sowie die
militärischen Rüstungen der ehemali-
gen Konfliktparteien überwacht.
 Kampfmittelräumer der Bundeswehr im Rahmen des EUFOR-Einsatzes
Phase III (Deterrence): Die militäri-
(2005) bei der Sprengung von eingesammelten Minen und Handgranaten
schen Operationen und Unter­stüt­ im Feldlager Rajlovac. Der Transportpanzer Fuchs trägt in Rot die Aufschrift
zungs­leistungen für zivile Or­ga­ni­sa­ EOD (Explosive Ordnance Disposal).
tionen wurden weiter reduziert. Es
ver­blieben lediglich Risiko- und Ab­ die den zivilen Kräften zugerech- nem Beistandsbündnis im Kalten
schreckungskräfte in Bosnien-Herze­ net wurden. Dies galt selbst für »hu- Krieg zu einer Interventionsallianz,
gowina, und große Teile der SFOR manitäres Minenräumen«, das al- von Ausbildungs- und Defensivstreit-
wurden in die Heimat zurückverlegt. lein in der Verantwortung der zivilen kräften zu einer internationalen Ein-
Strategische, operative und taktische Organisationen und Unternehmen greif- und Stabilisierungstruppe. Die
Reserven garantierten eine schnelle lag. Der militärische Auftrag laute- Bundeswehr schaffte den Sprung von
und unmittelbare Reaktionsfähigkeit. te, ein sicheres Umfeld für die Arbeit der »kollektiven Verteidigung« zur
Beispielsweise wurden die Armed der zivilen Organisationen zu schaf- »kollektiven Sicherheit«. Ihr blieb im
Mobile Forces (Land) (AMF [L]), je- fen. In einem Sachstandsbericht über gewandelten internationalen Um-
doch ohne die deutschen Anteile, für die Implementierungsmaßnahmen feld auch nichts anderes übrig, da
die strategische Reserve der NATO im Juni 1997 hieß es ernüchternd: nur die Wahl zwischen »out of area
vorgesehen. Diese Phase sollte spätes- »Die militärische Implementierung or out of business« bestand. Rasch
tens nach 18 Monaten enden. des Dayton-Abkommen[s] verläuft zeigte sich, dass moderne Streitkräf-
Phase IV (Mission Completion): SFOR weiterhin problemlos und bietet die te im Rahmen von multinationalen
sollte innerhalb von vier Wochen das Voraussetzung für eine umfassende Militäreinsätzen genauso wie inter-
Operationsgebiet mit allen Kräften Verwirklichung der zivilen Aspekte nationale Organisationen zur Präven-
unter der Kontrolle des Commander des Vertrages. Die Implementierung tion (Konfliktvorsorge), Intervention
Stabilisation Force (COMSFOR) ver- dieser zivilen Aspekte von Dayton (Konfliktbewäl­tigung) und auch Post-
lassen haben und die Transfer of tritt jedoch im Wesentlichen auf der vention (Konfliktnachsorge: Stabilisie-
Autorisation (TOA) vollzogen sein. Stelle.« Mit den zivilen Stabilisierungs- rung, Wiederaufbau) fähig sein müs-
Die Operationsplanung zu IFOR und Aufbauleistungen wurde ein sen. Doch bereits Napoleon Bonaparte
und SFOR ging insoweit auf, als eine zentrales Problem benannt. Der prägte den Spruch: »Krieg ist leichter
Truppenreduzierung vorgenommen Hohe Repräsentant für Bosnien und angefangen als beendet.«
werden konnte. Gerade in der SFOR- Herzegowina, die zahlreichen zivi- Für die Bundeswehr war Bosnien-
Operation konnten mit den schnell len Stellen und Hilfsorganisationen Herzegowina der Beginn einer vi-
verfügbaren strategischen Reserven erfüllten ihre Aufgaben nicht zeit- talen Veränderung. Der Balkan war
der Gesamt­streitkräfteansatz und da- gerecht. Immer wieder forderten sie der Experimentier-, Profilierungs-
mit die finanziellen wie auch sozialen die NATO-geführten Streitkräfte für und Erfahrungsraum, um die bisher
Kosten in den Entsendeländern redu- Unterstützungsleistungen an. hauptsächlich in Deutschland und
ziert werden. Dies hätte mittelfristig auf NATO-Territorium operierenden
eine spürbare Entlastung für die nati- Verteidigungsstreitkräfte auf »Out-
onalen Truppensteller bedeutet, wäre NATO und Bundeswehr of-area-Einsätze« einzustellen und sie
nicht das Kosovo-Problem auf der hierfür zu transformieren. Nicht nur in
politischen Tagesordnung der Jahre Das außen- und innenpolitische Ko- der NATO mussten neue strategische,
1998/99 erschienen. ordinatensystem für die Bundesrepu- operative und taktische Konzepte ent-
Die Beteiligung von IFOR- oder blik Deutschland, die NATO und die wickelt werden, sondern auch in der
SFOR-Truppenverbänden am Wieder­ Bundeswehr veränderten sich mit dem Bundeswehr war diese Anpassung
aufbau war weder national noch im bosnischen Bürgerkrieg fundamental: oder Modernisierung unumgänglich
NATO-Rahmen vorgesehen, viel- von der postheroischen Gesellschaft geworden.
mehr durfte die Friedenstruppe nicht der alten Bonner zur neo-heroischen
mit Aufgaben überlastet werden, der neuen Berliner Republik, von ei-  Rudolf J. Schlaffer

Bosnien-Herzegowina 27
Zum Wesen der Konflikte

picture-alliance/dpa
 Muslimische Flüchtlinge
(Bosniaken) aus der Gegend um
Bihać in einem Flüchtlingslager
in der kroatischen Grenzstadt
Velika Kladuša bei einem Besuch
der UN-Sonderbeauftragten für
Menschenrechte, der finnischen
Politikerin Elisabeth Rehn, im
Februar 1996.

Zum Wesen der Konflikte im


ehemaligen Jugoslawien

E
ine sorgfältige historische Ana­ Ter­ri­
torium streiten. Beides war in der­heitspositionen oder wurden gar
lyse des Bosnienkrieges und Bosnien-Herzegowina spätestens mit marginalisiert, vertrieben oder ermor-
des diesem zugrunde liegen- dem Zerfall Jugoslawiens gegeben. det.
den Konfliktes unter Einbeziehung Ein identitäts-territorialer Konflikt trat Dieses Phänomen ist weder speziell
moderner sozialwissenschaftlicher dort seit 100 Jahren auf. Mit der Zer­ bosnisch oder »balkanisch« sondern
Theorien zeigt verschiedene struk- stö­rung der Habsburger und Osma­ wird als »anhaltende Rivalitäten« (en-
turelle Ursachen. Daneben steu- ni­schen Vielvölkerreiche entstand ein during rivalries) in unterschiedlichen
erten bestimmte politische Akteure national und ethnisch definierter Staat Regionen der Welt beobachtet. Dabei
aber auch zielgerichtet auf gewaltsa- »Jugoslawien«. zeigen quantitative Untersuchungen,
me »Lösungen« zu. Als andauerndes dass »anhaltende Rivalitäten« keines-
Kernproblem in Bosnien-Herzego­ wegs gleichsam «automatisch« zu be-
wina ist dabei zuvorderst der in der Gewaltsame Lösungsversuche waffneten Konflikten führen. Einige
Disziplin der wissenschaftlichen Wissenschaftler haben sogar gute
Kriegs­ studien so bezeichnete identi- Seine Komplexität erhält der iden- Argumente für die These, dass diese
täts-territoriale Konflikt zu nennen. titäts-territoriale Konflikt auf dem Rivalitäten gewissermaßen zyklisch
Wesentliches Merkmal dieses Modells Gebiet der heutigen Republik Bos- verlaufen und – vorausgesetzt, dass
ist, dass die kollektive Identität ei- nien-Herzegowina dadurch, dass er sie sich nicht in ihrer kritischen Phase
ner sozialen Gruppe – sei sie eth- bereits wiederholte Male im Lauf der zu Kriegen entladen – mit der Zeit
nisch, national, religiös oder anders Geschichte durch gewaltsame Mit- wieder abebben.
bestimmt – nicht mit der territoria- tel wie Krieg, Mord und Vertreibung Ein Blick auf vergangene identi-
len Ordnungsrealität, also etwa den endgültig zu »lösen« versucht worden täts-territoriale Konflikte in ande-
Grenzen eines Staates, übereinstimmt. ist. Dies geschah jeweils unter unter- ren Gebieten zeigt, dass diese in der
Dies kann dadurch bedingt sein, dass schiedlichen Vorzeichen durch die je- Geschichte auf verschiedene Weise
ein Teil einer sozialen (beispielsweise weils mächtigste soziale Gruppe. Wer »gelöst« worden sind: 1. durch Um­
ethnisch definierten) Gruppe sich au- diese soziale Gruppe zu einem histo- siedeln (friedlich oder mittels Ge­
ßerhalb des von Gruppenmitgliedern rischen Zeitpunkt gerade stellte hing walt) sozialer Gruppen bestimm-
gleicher Identität bestimmten Terri­ nicht zuletzt mit den territorialen Ver- ter Identität in der Form, dass deren
to­riums befindet. Eine andere Mög­ hältnissen und der politischen Ord- Sied­lungs­gebiet mit der (neuen) ter-
lich­keit ist, dass zwei oder mehr nung zusam­men. Wiederholt gerieten ritorialen Ordnung in Einklang ge-
Gruppen mit unterschiedlichen Iden­ politisch dominante soziale Gruppen bracht wurde, bis hin zu »ethnischen
ti­
täten sich um ein und dasselbe durch neue Grenzziehungen in Min­ Säuberungen« und Völkermord;

28 Bosnien-Herzegowina
2. durch Grenzziehung, also Ver­ä n­ tation auf diejenige des politischen zu den größten Erfolgen dieses Ver­
derung des Territoriums entspre- Streites verlagert. trags­k ompromisses. Die in regel-
chend den bestehenden Be­v öl­k e­ Das Abkommen von Dayton brach- mäßigen Abständen von radikalen
rungsstrukturen (gewaltsam durch te Frieden im Sinne von Beendigung Nationalisten propagierte theoreti-
kriegerische Annexion oder demo- der bewaffneten Auseinandersetzung sche Option Ȁnderung der territoria-
kratisch legitimiert etwa mittels und erzwang die Bereitschaft seitens len Verhältnisse« ist aus Gründen der
Volksabstimmung); 3. durch eine der Konfliktparteien, den Konflikt po- Menschlichkeit und aus Gründen der
Umdeutung der Identität der in ei- litisch beizulegen. Nach vier Jahren Realisierungspraxis zu verwerfen.
nem bestimmten Raum wohnenden menschlichen Leidens durch einen
Bevölkerung. brutalen Krieg und angesichts kon-
Auf dem Gebiet des heuti- kurrierender Großmachtinteressen Konflikte in Südosteuropa
gen Bosnien-Herzegowina gab es auf dem Balkan ist dies sicherlich eine
seit dem Aufkommen nationalisti­ beachtenswerte Leistung. Der Vertrag Der identitäts-territoriale Konflikt in
scher Bewegungen im 19. Jahr­ von Dayton orientierte sich allerdings Bosnien-Herzegowina endet weder
hun­d ert Realisierungsversuche am faktischen und durch Kampf er- an den Grenzen der Republik noch an
aller drei genannten Optionen: Ver­ worbenen territorialen Besitz der denen des historischen Staates Jugosla­
treibungen und Flucht­b ewegungen Konfliktparteien. Im Krieg erfolgte ter- wien. Er ist Teil einer kroatischen sowie
als Begleit­ e rscheinung »nationa- ritoriale Umverteilungen (Eroberung), einer serbischen Problematik. Diese
ler Befreiungskriege« gegen die Vertreibung und Mord (»ethni- nationalen Fragen gehen auf die »eth-
Osmanen, die Gräuel der Balkankriege sche Säuberungen«) machten es von nischen Flickenteppiche« zurück, die
und des Ersten Weltkrieges, Kon­zen­ vornherein schwierig, das verbrief- das Osmanische Reich und der Habs-
trationslager im Zweiten Weltkrieg te Recht der Vorkriegsbevölkerung burger Vielvölkerstaat hinterließen
oder zuletzt die »ethnischen Säube­ auf Flüchtlingsrückkehr auch in der und sind entsprechend hochkomplex:
rungen« der 1990er Jahre. Praxis durchzusetzen. Serben leben auch außerhalb Serbiens
Physische Verfolgung und Ver­ Die noch heute anzutreffenden in der seitens Serbien und Russland
treibung bis hin zur versuchten identitäts-territorialen Konflikte um bis heute nicht anerkannten Republik
Ausrottung trafen verschiedene na- Bosnien-Herzegowina sind in ihrer Kosovo (vor allem im umstrittenen
tional definierte Gruppen eben- Gestalt einzigartig und höchst kom- Kosovska Mitrovica/Mitrovicë).
so wie Ethnien, Religionen oder plex. Charakteristisch ist zum einen, Das serbische Staatsterritorium selbst
politische Zuordnungen (beispiels- dass es drei statt der üblichen zwei ist in seiner heutigen Ausdehnung
weise Juden, Muslime, Monarchisten, Konfliktparteien gibt. Zum ande- keineswegs frei von eigenen identi-
Kommunisten, Faschisten). Auch ren sind zwei Identitäten (bosnische täts-territorialen Konflikten. Während
Umdeutungen von Identitäten lassen Serben und bosnische Kroaten) eng mit die in der Vojvodina ansässige star-
sich in der bosnischen Geschichte fin- denjenigen der Mehrheitsbevölkerung ke ungarische Minorität inzwischen
den; so etwa die Umdeutung der mus- der benachbarten Staaten (Kroatien ihre Autonomierechte zurückerhalten
limischen Bevölkerung in Kroaten und Serbien) verbunden. hat, ist es um die Minderheitenrechte
oder in Serben »mit falscher Religion«, Die bei oberflächlicher Betrachtung der Muslime (Bosniaken und Türken)
die Konstruktion einer gesamtjugos- nahe liegende Vereinigung der bosni- im Sancak sowie die der Albaner im
lawischen »Nation« oder die abstrak- schen Serben und Kroaten mit Gruppen Preševotal nach wie vor schlecht be-
te Idee einer nationenübergreifen- gleicher Identität im jeweiligen stellt. Die Problematik innerer und äu-
den Brüderlichkeit unter Sozialisten. »Mutterstaat« – etwa durch Änderung ßerer Identität des serbischen Staates
Das moralische und wirtschaftliche der territorialen Ordnung – wider- wird in ihrer Komplexität noch da-
Scheitern dieser letzten Utopie wird spricht dem Prinzip der Unteilbarkeit durch gesteigert, dass der Streit um
nicht selten für die Rückkehr des bis ehemaliger Jugoslawischer Republiken das Kosovo einen Kernbereich der seit
dahin mittels innerstaatlicher Gewalt (»Badinter-Prinzip«) und würde fak- 1912 aktuellen »albanischen Frage« be-
unterdrückten Nationalismus in den tisch das Ende des völkerrechtlich aner- trifft. Mit ähnlichen Argumenten wie
1990er Jahren verantwortlich ge- kannten Staates Bosnien-Herzegowina im Vertrag von Dayton – unter den ra-
macht. bedeuten. Darüber hinaus wäre eine dikalen Verfechtern einer »großalbani-
ethnisch-territoriale Entflechtung der schen Lösung« ist die Parole von der
Volksgruppen Bosnien-Herzegowinas »Bosnisierung« des Kosovo ein gän-
Dayton vs. territoriale speziell auf dem Gebiet der Föderation giger Kampfbegriff – hat die inter-
»Lösungen« zwischen Bosniaken und Kroaten ohne nationale Gemeinschaft im Rahmen
erneute leidvolle Umsiedlungen nicht der Konfliktschlichtung eine albani-
Alle historischen Versuche, die iden- möglich. sche »Wiedervereinigung« zwischen
titäts-territorialen Konflikte in Bosni- Keine Friedensregelung soll – hierin Kosovo und Albanien kategorisch aus-
en-Herzegowina durch innerstaatli- besteht im Westen Übereinstimmung – geschlossen. Gleichsam als Bedingung
che oder zwischenstaatliche Gewalt zu zu Lasten der größten Opfergruppe des für die staatliche Unabhängigkeit
lösen, sind letztlich gescheitert. Auch vergangenen Krieges, der Bosniaken, wurde dies auch in der Verfassung
das Ende des Bosnischen Krieges von gehen. Bei aller berechtigten Kritik der Republik Kosovo festgeschrieben.
1995 – durch Androhung und Anwen- an der »unfertigen« Konstruktion Albanische Nationalisten wiederum
dung militärischer Gewalt von außen von Dayton zählt doch der Bruch mit kritisieren die »Utopie eines multieth-
– hat diese Konflikte keineswegs be- der men­s chen­verachtenden Praxis nischen Staates« sowie »internationale
seitigt. Sie wurden aber immerhin von des »Be­völ­ke­rungs­austausches« zur Bevormundung« und »eingeschränk-
der Ebene der militärischen Konfron- »Lösung nationaler Fragen« mit Recht te Souveränität«. In Griechenland

Bosnien-Herzegowina 29
Zum Wesen der Konflikte

Ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung Jugoslawiens 1985

ÖSTERREICH Staatsgrenze
Föderative Grenzen
Maribor
UNGARN Grenzen autonome Republiken
Grenzen der Ethnien (Gemeinde-
Kranj Varaz grenzenbasis)
Ljubljana
Subotica 0 50 100 150 km
SLOWENIEN
Zagreb
Osijek
Pakrac Vo j v o d i n a
Sisak
Karlovac Ost- RUMÄNIEN
Rijeka Nova Gradiška Vinkovci Zrenjanin
Krajina Vukovar
Slav. Brod slawonien Novisad
K R O AT I E N
Pula Banja Luka
Bihać Brčko
Kr

Belgrad
aj

BOSNIEN-
in

Tuzla
a

Zadar HERZEGOWINA Srebrenica


Kragujevac
Slowenen Knin
60-90% SERBIEN
Sarajevo
>90%
Split Goražde
Kroaten
Mostar

BULGARIEN
35-60% Niš
60-90%
>90% Albaner
MONTE-
35-60%
Bosniaken NEGRO Priština
60-90%
35-60% Nikšić
>90% Kosovo
60-90% Dubrovnik Kotor Titograd
>90% Makedonier
35-60%
Serben
60-90%
35-60% Adriatisches Skopje
>90%
60-90%
Meer
>90% Ungarn MAKEDONIEN
60-90%
Montenegriner
35-60%
>90% ALBANIEN
60-90% Bulgaren Bitola
>90% >90% © ZMSBw
05794-02

schließlich birgt allein das Ansprechen Streitig­keiten um Grenzverläufe kön- zwischenstaatlicher Streitigkeiten er-
einer »albanischen Frage« enorme po- nen durch das Öffnen der Grenzen folgen bis hin zur Aussöhnung und
litische Sprengkraft. und den Zugang zu Kultur- und Grenzöffnung, belohnt durch schritt-
Serbien, Mazedonien und Bosnien- Wirtschaftsräumen entschärft werden. weise Integration. Das komplexe Ge-
Herzegowina sind ihrem Zuschnitt samtproblem muss die Integration
nach ehemalige jugoslawische Südosteuropas als Ganzes lösen, was
Teilrepubliken. Daher schützt das be- Europa: Schwierige, aber in der EU Bedenken gegenüber wirt-
reits erwähnte Badinter-Prinzip ihre einzige Lösung schaftlich schwachen Neumitgliedern
Territorien. Das Festhalten an den in- auf den Plan ruft. Auf Dauer erweisen
neren Gebietseinheiten des aufgelös- Die einzige friedliche und zumindest sich Kriege und Konflikte jedoch stets
ten jugoslawischen Staates ist zwar mittelfristig praktikable Möglichkeit auch finanziell als teurere Option im
an sich anachronistisch, hatte aber als der Konfliktminimierung bietet sich Vergleich zu einer Integration selbst
Mittel gegen eine weitere unberechen- auf dem Gebiet der Identität der Be- ökonomisch schwächerer Länder in
bare »Balkanisierung« Jugoslawiens völkerung (theoretische Option Nr. 3). die Union – von der menschlichen
durchaus seine Berechtigung. In den Es stellt sich also die Frage, ob es auf Dimension ganz zu schweigen. Die
Fällen des Kosovos und Montenegros dem Balkan jenseits der nationalen friedenserhaltende und politisch sta-
wurde dieses pragmatische Prinzip Identitäten noch eine weitere verbin- bilisierende politische Vision eines
allerdings weit ausgelegt bzw. ge- dende Identität geben kann. Der ein- vereinigten Europas ist keineswegs
brochen. Doch in Bezug auf die heu- zige für alle am Konflikt Beteiligten eine Utopie, sondern in anderen Teilen
tigen Staatsgrenzen und ehemali- akzeptable Überbau scheint die Euro- Europas bereits Bestandteil einer etwa
gen Teilrepublikgrenzen erscheint päische Union (EU) zu sein. Eine Auf- sechzigjährigen Erfolgsgeschichte.
nicht mehr deren Verlauf, sondern nahme rivalisierender Staaten in die
ihre Un­durch­lässigkeit entscheidend: EU kann nur nach erfolgter Beilegung  Agilolf Keßelring

30 Bosnien-Herzegowina
Lesetipps Service

Zur vertiefenden Lektüre werden folgende Titel empfohlen (in deutscher Sprache). Der Fokus liegt neben
Überblicksdarstellungen auf der Konfliktgeschichte des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts. Außerdem sind einige
belletristische Verarbeitungen der bosnischen Geschichte enthalten.

Hans-Werner Ahrens, Die Luftbrücke nach Sarajevo 1992 Sabina Ferhadbegović, Brigitte Weiffen (Hrsg.), Bürgerkrie-
bis 1996. Die Transportflieger der Luftwaffe und der Jugo- ge erzählen. Zum Verlauf unziviler Konflikte, Konstanz
slawienkrieg, Freiburg i.Br. u.a. 2012 (= Neueste Militärge- 2011
schichte. Einsatz konkret, 1)
Magarditsch Hatschikjan, Stefan Troebst (Hrsg.), Südosteu-
Ivo Andrić, Die Brücke über die Drina. Roman, München ropa. Ein Handbuch. Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Kul-
2013 tur, München 1999
Katrin Boeckh, Von den Balkankriegen zum Ersten Welt- Edgar Hösch, Geschichte der Balkanländer von der Früh-
krieg. Kleinstaatenpolitik und ethnische Selbstbestimmung zeit bis zur Gegenwart, 4. Aufl., München 2000
auf dem Balkan, München 1996 (= Südosteuropäische Ar-
beiten, 97) Edgar Hösch, Karl Nehring, Holm Sundhaussen (Hrsg.),
Lexikon zur Geschichte Südosteuropas, Wien 2004
Ulf Brunnbauer (Hrsg.), Schnittstellen. Gesellschaft, Nati-
on, Konflikt und Erinnerung in Südosteuropa. Festschrift Aleksandar Jakir, Heiner Timmermann (Hrsg.), Europas
für Holm Sundhaussen zum 65. Geburtstag, München 2007 Tragik. Ex-Jugoslawien zwischen Hoffnung und Resignati-
(= Südosteuropäische Arbeiten, 133) on, Münster 2003 (= Dokumente und Schriften der Europä-
ischen Akademie Otzenhausen, 106)
Marie-Janine Calic, Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahr-
hundert, München 2010 (= Europäische Geschichte im Miljenko Jergović, Freelander. Roman, Frankfurt a.M. 2010
20. Jahrhundert) Dževad Karahasan, Der nächtliche Rat. Roman, Frank-
Marie-Janine Calic, Krieg und Frieden in Bosnien-Hercego- furt a.M. 2006
vina, erw. Neuausg., Frankfurt a.M. 1996 Agilolf Keßelring (Hrsg.), Wegweiser zur Geschichte: Bos-
Bernhard Chiari, Gerhard P. Groß (Hrsg.), Am Rande Euro- nien-Herzegowina, 2., durchges. und erw. Aufl. Im Auftrag
pas. Der Balkan – Raum und Bevölkerung als Wirkungsfel- des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes, Paderborn
der militärischer Gewalt. Im Auftrag des Militärgeschicht- u.a. 2007
lichen Forschungsamtes, München 2009 (= Beiträge zur Noel Malcolm, Geschichte Bosniens, Frankfurt a.M. 1996
Militärgeschichte, 68)
Dunja Melčić (Hrsg.), Der Jugoslawien-Krieg. Handbuch zu
Bernhard Chiari (Hrsg.), Auftrag Auslandseinsatz. Neues- Vorgeschichte, Verlauf und Konsequenzen, 2. aktualis. und
te Militärgeschichte an der Schnittstelle von Geschichts- erw. Auflage, Wiesbaden 2007
wissenschaft, Politik, Öffentlichkeit und Streitkräften. Im
Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes, Frei- Armina Omerika, Islam in Bosnien-Herzegowina und die
burg i.Br u.a. 2012 (= Neueste Militärgeschichte. Analysen Netzwerke der Jungmuslime (1918‑1991), Wiesbaden 2012
und Studien, 1) (= Balkanologische Veröffentlichungen des Osteuropa-Ins-
tituts an der Freien Universität Berlin, 54)
Bernhard Chiari, Magnus Pahl (Hrsg.), Wegweiser zur Ge-
schichte: Auslandseinsätze der Bundeswehr. Im Auftrag Sabrina P. Ramet, Die drei Jugoslawien. Eine Geschichte
des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes, Paderborn der Staatsbildungen und ihrer Probleme, München 2011
u.a. 2010 (= Südosteuropäische Arbeiten, 136)
Bernhard Chiari, Agilolf Keßelring (Hrsg.), Wegweiser zur Erich Reiter, Predrag Jureković (Hrsg.), Bosnien und Her-
Geschichte: Kosovo, 3., durchges. und erw. Aufl. Im Auftrag zegowina. Europas Balkanpolitik auf dem Prüfstand, Ba-
des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes, Paderborn den-Baden 2006
u.a. 2008
Klaus Schmider, Partisanenkrieg in Jugoslawien 1941‑1944,
Konrad Clewing, Oliver Jens Schmitt (Hrsg.), Geschichte Hamburg u.a. 2002
Südosteuropas. Vom frühen Mittelalter bis zur Gegenwart,
Regensburg 2011 Saša Stanišić, Wie der Soldat das Grammofon repariert. Ro-
man, München 2008
Dittmar Dahlmann, Milan Kosanović (Hrsg.), Sozialisti-
sches Jugoslawien. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Holm Sundhaussen, Experiment Jugoslawien. Von der
Vorträge der Michael-Zikić-Stiftung 2001‑2005, Bonn 2005 Staatsgründung bis zum Staatszerfall, Mannheim [u.a.]
1993
Džaja, Srečko M., Die politische Realität des Jugoslawis-
mus (1918–1991). Mit besonderer Berücksichtigung Bosni- Holm Sundhaussen, Jugoslawien und seine Nachfolgestaa-
en-Herzegowinas, München 2002 ten 1943‑2011. Eine ungewöhnliche Geschichte des Ge-
wöhnlichen, Wien 2012
Vedran Džihić, Ethnopolitik in Bosnien-Herzegowina:
Staat und Gesellschaft in der Krise, Baden-Baden 2009 Philipp Ther, Holm Sundhaussen (Hrsg.), Nationalitä-
(= Southeast European integration perspectives, 2) tenkonflikte im 20. Jahrhundert. Ursachen von inter-ethni-
scher Gewalt, Wiesbaden 2001 (= Forschungen zur osteuro-
Sabina Ferhadbegović, Prekäre Integration. Serbisches päischen Geschichte, 59)
Staatsmodell und regionale Selbstverwaltung in Sarajevo
und Zagreb 1918‑1929, München 2008 (= Südosteuropäi- Juli Zeh, Die Stille ist ein Geräusch. Eine Fahrt durch Bosni-
sche Arbeiten, 134) en, München 2003

Bosnien-Herzegowina 31
Wegweiser zur Geschichte: Bosnien-Herzegowina
Im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes hrsg. von Agilolf Keßelring,
2., durchges. und erw. Auflage, Paderborn [u.a.]: Schöningh 2007, 216 S., 13,90 Euro
ISBN 978-3-506-76428-7

Wegweiser zur Geschichte: Kosovo


Im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes hrsg. von Bernhard Chiari und
Agilolf Keßelring, 3., durchges. und erw. Aufl., Paderborn [u.a.]: Schöningh 2008, 276 S.,
15,90 Euro
ISBN 978-3-506-75665-7

Am Rande Europas?
Der Balkan – Raum und Bevölkerung als Wirkungsfelder militärischer Gewalt.
Im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes hrsg. von Bernhard Chiari und
Gerhard P. Groß, München: Oldenbourg 2009 (= Beiträge zur Militärgeschichte, 68),
436 S., 34,80 Euro
ISBN 978-3-486-59154-5

Auftrag Auslandeinsatz
Neueste Militärgeschichte an der Schnittstelle von Geschichtswissenschaft, Politik,
Öffentlichkeit und Streitkräften. Im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes
hrsg. von Bernhard Chiari, Freiburg i.Br. [u.a.]: Rombach 2012 (= Neueste Militärgeschichte.
Analysen und Studien, 1), 480 S., 48,00 Euro
ISBN 978-3-7930-9694-8
www.zmsbw.de

Hans-Werner Ahrens, Die Luftbrücke nach Sarajevo 1992 bis 1996


Die Transportflieger der Luftwaffe und der Jugoslawienkrieg, Freiburg i.Br. [u.a.]:
Rombach 2012 (= Neueste Militärgeschichte. Einsatz konkret, 1), 320 S., 34,00 Euro
ISBN 978-3-7930-9695-5