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17.

Oktober 2008 08:15 Uhr

Wenn der Körper rebelliert

Elektrosensibilität: Warum ein Augsburger


im Wald lebt
Ulrich Weiner lebt seit mehr als fünf Jahren in einem Wohnanhänger in einem Wald bei
Kempten. Nicht etwa weil er mit der Menschheit nichts zu tun haben will, sondern weil
er an hochgradiger Elektrosensibilität leidet. Die Strahlungen in der Stadt lassen seinen
Körper rebellieren. Von Anna Fessler Von Anna Fessler

Ulrich Weiner muss wegen seiner hochgradigen Elektrosensibilität im Wald leben.

Von Anna Fessler

Kempten
Ein paar dünne Sträßchen voller Schlaglöcher, am Rand ein paar zerfallene Häuser und
irgendwann nur noch ein zugewachsener Feldweg. Dann geht es in den Wald. Nach einigen
Hundert Metern taucht plötzlich hinter einer alten Scheune ein Wohnwagen auf. Abgestellt in
einer Kurve, befestigt mit ein paar Steinen.

Es ist nicht einfach, Ulrich Weiner zu finden. Seit mehr als fünf Jahren ist der nur einige
Quadratmeter große Anhänger mitten im Nirgendwo sein Zuhause. Doch nicht, weil der 31-
Jährige von der Zivilisation die Nase voll hat und sich allein in der Natur zurückziehen will.

Nein, Weiner leidet an hochgradiger Elektrosensibilität, so die Diagnose der Uniklinik


Freiburg. Das heißt, wenn immer er Strahlungen ausgesetzt ist, sei es Mobilfunk oder
Ähnliches, rebelliert sein Körper. "Ich bekomme Kopfschmerzen, Sehstörungen,
Herzrhythmusstörungen, Durchfall und muss erbrechen", zählt der Mann auf. Deshalb zieht er
sich an Orte zurück, die im sogenannten Funkloch liegen. Einer seiner Plätze ist das Kreuzthal
bei Kempten. Hier lebt er - und kämpft gegen Mobilfunk.

Dabei hat seine Geschichte eigentlich ganz anders angefangen. Denn schon von klein auf
faszinierte ihn jegliche Art von Technik, vor allem die Funkerei. Als kleiner Bub waren ihm
die Steckdosen in der Kirche wichtiger als die Taufe seines Bruders.

Mit zwölf Jahren montierte er sich an sein Fahrrad ein Funkgerät in der Größe eines
Schuhkartons. In seiner Nachbarschaft war er nur als Funk-Uli bekannt. Nach der Schule
absolvierte Weiner eine Ausbildung zum Kommunikationstechniker mit Fachrichtung
Funktechnik. Danach machte sich der gebürtige Augsburger selbstständig. Mit 20 Jahren
leitete er eine eigene Firma mit 20 Mitarbeitern. Eine Erfolgsgeschichte: Weiner ist viel
unterwegs, berät Kunden, arbeitet hart. Sein Beruf macht ihm Spaß. Doch dann plötzlich
bricht der damals 25-Jährige zusammen. Rasende Kopfschmerzen, Sehstörungen,
Herzrhythmusstörungen.

Eine Odyssee von Arztbesuchen beginnt. Doch zuerst kann keiner ihm helfen. Weiner fängt
an, sich zu informieren, spricht mit einer Vielzahl von Experten und sucht selbst nach den
Ursachen. "Irgendwann habe ich gemerkt, dass es da einen Zusammenhang gibt. Denn wann
immer ich mich in sogenannten Funklöchern aufhielt, ging es mir relativ schnell wieder gut",
erinnert er sich. Immer öfter zieht er sich an solche Orte zurück. "Zuerst habe ich gedacht, ich
bilde mir das alles ein", erzählt er. Doch immer wieder bricht er zusammen. "Die Ärzte
fanden nichts, ich war körperlich gesund", sagt er. Weiner hält es nicht mehr in seiner
Wohnung in Augsburg aus und flüchtet in spärlich besiedelte Gebiete. Wie in das Kreuzthal,
in die Berge bei Bad Tölz oder in den Schwarzwald.

Eigentlich war die Flucht in die Wälder als Zwischenlösung gedacht, doch seit dem sind mehr
als fünf Jahre vergangen und noch immer lebt Ulrich Weiner im Wohnwagen zwischen
Bäumen und Sträuchern. Und er hat sich gut organisiert. Seinen Lebensunterhalt finanziert er
aus Rücklagen. In seiner Zeit als Unternehmer habe er gut verdient, so Weiner. "Außerdem
bringen mir oft die Menschen, die mich besuchen, mit, was ich zum Leben brauche", und viel
sei das ja nicht. Etwas zu essen, Gas für seine Camping-Heizung. Er ist in ein gut
funktionierendes soziales Netz eingebunden. "Klar denken oder sagen manche, der ist doch
verrückt. Aber das macht mir nichts", sagt Weiner selbstbewusst. Das kommt vor allem vor,
wenn er im Strahlenanzug in der Öffentlichkeit auftritt. Den hat er sich zugelegt, wenn er
doch ab und zu den Wald verlässt. Dann hält er Vorträge in Schulen oder vor Ärzten. Er
fordert unter anderem, dass Wohnhäuser frei von Strahlungen sein sollten. Außerdem
unterstützt er Bürgerinitiativen, die sich beispielsweise gegen den Bau von Mobilfunkmasten
engagieren. Seine Tage sind voller Arbeit, auch wenn er sie in Abgeschiedenheit verbringt.
Am PC - der mit Solarstrom läuft - beantwortet er Emails, bereitet Vorträge vor, kämpft. Im
Wohnwagen mitten im Wald.

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