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2017 "Aufbruch und Abwicklung": Kein Problem mit Denkverboten ­ Politik ­ Tagesspiegel

"Aufbruch und Abwicklung": Kein Problem mit
Denkverboten
WOLFGANG TEMPLIN

Wenn der Berliner Philosoph Guntolf Herzberg wieder einen Band mit Studien
zum Innenleben der Philosophie in der DDR vorlegt, kann er einen großen Teil
eigener Erfahrungen dazu beisteuern. Herzberg, Jahrgang 1940, studierte in
der ersten Hälfte der 60er Jahre an der Humboldt­Universität Philosophie ­
seine Kommilitonen waren unter anderen Wolf Biermann und Jurek Becker. Er
wurde in den 70er Jahren wegen "illegaler Zirkeltätigkeit" und
"antimarxistischen Auffassungen" aus der SED ausgeschlossen und erhielt
Berufs­ und Publikationsverbot. Die Ausreise nach West­Berlin 1985 ließ ihn
den zermürbenden Kampf um Geistesfreiheit in einem Staat aufgeben, der nur
Denkverbote produzieren konnte.

Auf der Grundlage dieser Biografie könnte man in der Rückschau eine
unbarmherzige Generalabrechnung mit der ideologischen Königsdisziplin des
SED­Staates erwarten. Guntolf Herzbergs Anspruch ist aber ein anderer.
Bereits in einem ersten Band, der 1996 zum Thema erschien "Abhängigkeit
und Verstrickung", spürt er den individuellen Entwicklungen und Schicksalen
von DDR­Philosophen nach, die sich auslieferten oder widerstanden. Herzberg
beschreibt die Mechanismen von Strafe und Belohnung, die institutionellen
Grundlagen und Strukturen der Ideologieproduktion. Neben wenigen
westdeutschen "Außenseitern" und einigen jüngeren DDR­Philosophen ist er
der einzige Autor, der im Gegenüber von Verdammungsurteilen und den
zahlreichen Rechtfertigungs­ und Entlastungsschriften betroffener DDR­
Ideologen, Distanz und Differenzierung zugleich einfordert.

Von diesem Antrieb ist auch der neue Studienband geprägt. Ein Beitrag lässt
den "Aufbruch" der DDR­Philosophie in den späten vierziger und den fünfziger
Jahren anhand der Vorträge und Aufsätze Ernst Blochs sichtbar werden und
geht der Frage nach, wie der sprachgewaltige Denker im Korsett der
stalinistischen Doktrin überhaupt existieren konnte.

Herzberg verwandelt sich in einen Zeithistoriker, wenn er aus Beständen der
GauckBehörde und des Parteiarchivs der DDR, die Verfolgung und Verurteilung
einer Gruppe von Philosophen an der Berliner Humboldt­Universität 1957/58
rekonstruiert. Wenn die selbst doktrinär geprägten Abweichler, deren
Verbrechen darin bestand, nach dem 20. Parteitag der KPdSU im kleinsten
Gruppenkreis personelle Veränderungen in der SED und mehr
Diskussionsfreiheit zu fordern, vor ihrer Verhaftung durch die Parteiinstanzen
wandern, werden Orgien an Selbsterniedrigung und ­verleugnung sichtbar. Es
folgen langjährige Zuchthausurteile wegen Staatsverrates, spätere
Begnadigungen und für Altkommunisten wie Herbert Crüger, die
"philosophische" Fortexistenz als reuiger Sünder und abschreckendes Beispiel
für den akademischen Nachwuchs.

Auf dieser Unterlage bauten sich Karrieren, wie die des Blochschülers,
Philosophiehistorikers, Professors und späteren Institutsdirektors Manfred Buhr
auf, dem Herzberg ein eindringliches Personenporträt widmet. Buhrs Rolle und
Profil als allzeit willfähriger Exekutor jäh wechselnder Parteilinien und ­

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1.1.2017 "Aufbruch und Abwicklung": Kein Problem mit Denkverboten ­ Politik ­ Tagesspiegel

beschlüsse, als langjähriger Zuträger der Staatssicherheit und einflussreicher
Wissenschaftsmanager der DDR ­ sein Institut war als "Sibirien der
Philosophie" berüchtigt ­ hinderte westliche Kollegen noch weit nach 1989 nicht
daran, ihn zu hofieren und Persilscheine auszustellen. Auch diesem trüben
Kapitel deutsch­deutscher Wissenschafts­ und Intellektuellengeschichte stellt
sich Herzberg unverdrossen.

In Studien, die dem Ende der DDR­Philosophie und ihrem weiteren Schicksal,
ihrer "Abwicklung" gewidmet sind, wird ein Kapitel Vereinigungsgeschichte
erneut beleuchtet. Während sich die Auseinandersetzung um die Rolle der
"marxistisch­leninistischen Geschichtswissenschaft" in der DDR schnell
entzündete und heftig geführt wurde, während eine Minderheit jüngerer
Historiker offensiv die Auseinandersetzung mit ihren ideologisch belasteten
Lehrern und Professoren aufnahm und den unabhängigen Historikerverband
ins Leben rief, rührte sich für die gleichermaßen "marxistisch­leninistische"
Philosophie viel weniger. Das Gros der DDR­Philosophen duckte sich in den
Gräben der Selbstverteidigung, schob die Schuld auf die Vorgaben der
gesellschaftswissenschaftlichen Führungskader und beklagte den westlichen
Kolonisierungswillen. Einzelne ostdeutsche Stimmen, die zum verantwortlichen
Umgang mit der eigenen Mitbeteiligung und der willfährigen Unterstützung
ideologischer Exzesse aufriefen, gingen unter.

Spiegelbildlich richtete sich das Bemühen der bundesdeutschen
Philosophenkollegen nicht darauf, die wenigen Kräfte der Erneuerung zu
stärken, sondern das Terrain an zu besetzenden Lehrstühlen abzustecken und
aufzuteilen. Der westdeutsche Anteil an Marxismusrenaissance und
ausufernder Marx­Exegese, sowie die intensive akademische Kontaktpflege zu
den DDR­Kollegen zwischen den 60er und den 80er Jahren, wurden peinlichst
ausgeblendet. Auch diesen Verstrickungen geht Herzberg unbeirrt und in aller
Freundlichkeit nach.

Er zeigt dabei auch die Kluft zwischen dem akademischen Philosophiebetrieb
in der DDR und in Teilen Osteuropas auf. Während in Polen, Ungarn und
Tschechien, zahlreiche Philosophen und theoretische Köpfe ­ mit oder ohne
marxistisches Gepäck in ihrer Biografie ­ die lebensbestimmende Konsequenz
zogen, sich früher oder später dem System offen widersetzten und Teil der
Opposition wurden, blieb diese Entschiedenheit in der DDR die absolute
Ausnahme.

Vielleicht ist Herzberg zu optimistisch, wenn er überdauernswerten
emanzipatorischen Gehalten aus der Erbmasse marxistischen Philosophierens
nachspürt und vielleicht ist seine Art, in Distanz und Kritik dennoch
Gerechtigkeit walten zu lassen, dem einen oder anderen Leser zu
ausgleichend. Weitere Fragen zu provozieren, weitere Untersuchungen
anzustoßen und die Diskussion wachzuhalten ob sich in der Zerrgestalt der
DDR Philosophie­Ideologie, Marx nun wiederfinden ließ oder nicht, ist auf jeden
Fall ein Verdienst des Buches.

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