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Botho Strauß: Denn es dürstet das Volk


nach einem "Leitbild-Wechsel"
RONALD POHL 22 POSTINGS
24. Juni 2018, 08:11

Vor 25 Jahren erklärte der Autor in seinem Aufsatz


"Anschwellender Bocksgesang" die liberale Demokratie für
gescheitert

Als Landvermesser der Seele, der für das Theater funkelnde


Stücke voller Hintersinn schrieb, genoss Botho Strauß in der
späten Bundesrepublik höchste Reputation. Als Arzt, der der
Techniker Produkt Gesellschaft ungebeten die Krankheitsdiagnose stellt, erntete er
Management (m/w) vor allem Fassungslosigkeit und Entsetzen.
Bilanzbuchhalter
(m/w)
Als 1993 im deutschen Nachrichtenmagazin Der Spiegel Strauß'
Aufsatz Anschwellender Bocksgesang erschien, herrschten im
Nachbarland mit heute schwer vergleichbare Zu- und
Mehr Angebote Umstände. In Deutschland brannten lichterloh Asylantenheime.
Ein gewaltbereiter Neo-Nazismus gedieh vornehmlich in den
neuen Bundesländern. Nationalkonservative und Revisionisten
stellten die von ihnen konstatierte "linke" Meinungsführerschaft
mit gehässigem Nachdruck infrage. Demokratie und Aufklärung
verstanden sich im wiedervereinigten deutschen Staat
keineswegs von selbst.

Strauß aber, damals 48 Jahre alt, predigte im würdigen Mantel


des aus der Zeit gefallenen Sehers. Der bundesdeutschen
Demokratie stellte er das Zeugnis ihrer Überlebtheit aus. Dem
eigenen "Volk" beschied er hingegen mit gerümpfter Nase,
"korrodiert" zu sein. In den liberal-demokratischen
Verfahrensweisen des Interessenausgleichs erkannte er
vornehmlich Schwächezeichen.

Nichts als Heuchelei

Die öffentliche Moral? Nichts als Heuchelei. Notorisch verhöhnt


würden von Meinungsmachern und TV-Talkern alle
haltgebenden Instanzen, die Kirche, der Eros. Durch den
Aufklärerhochmut sei zudem der Sinn für alles Tragische
verloren gegangen. Botho Strauß plädierte mit aristokratischem
Stolz für die "Rechte". Gegen die Umtriebe der neuen, vulgären
Nazis nahm er diese mit ärgerlichem Nachdruck in Schutz: "Der
Rechte in solchem Sinn ist vom Neonazi so weit entfernt wie der
Fußballfreund vom Hooligan ..."

Seinen bundesdeutschen Zeitgenossen richtete der Dichter aus,


sie hätten sittlich über ihre Verhältnisse gelebt. Kein Wunder
also, dass allenthalben Gewalt geübt würde. Strauß stieß sich,
so wie später Martin Walser, an der Gedenkkultur und hielt der
Gesellschaft im Gegenzug ihre Oberflächlichkeit vor. Er selbst
sprach im Namen einer weitaus wichtigeren Instanz: der
"langen, tiefen Zeit". Diese ermöglicht den Blick in
schwindelerregende Tiefen. Sie kennt noch das Leid (viel
seltener das Glück), von den tölpelhaften Vertretern der
"öffentlichen Intelligenz" kann sie unmöglich ausgeforscht
werden.

Die Generalabrechnung

Strauß' hochmütige Verlustanzeige wurde von der deutschen


Öffentlichkeit überwiegend verärgert zur Kenntnis genommen.
SPD-Denker Peter Glotz nannte ihren Autor gar einen
"Wirrkopf".

Abseits von Geschmacksfragen erweist sich Botho Strauß'


Generalabrechnung mit dem damals "links" verorteten Zeitgeist
aber als gegenwartsnah und analysetauglich. Ein
Vierteljahrhundert nach dem Bocksgesang grundiert sein Brunft-
und Wehgeschrei die Revanchegelüste aller jener Populisten,
zu deren Agenda es erklärtermaßen gehört, mit dem liberalen
Erbe von 1968 abzurechnen.

Der "Leitbild-Wechsel", von dessen Notwendigkeit Strauß bis


heute zutiefst überzeugt ist, schließt die Abrechnung mit allen
Aspekten von Demokratie ein, die man "einbeziehend"
("inklusorisch") nennen könnte.

Vernunftgebrauch der Gutwilligen

Der bundesdeutsche "Verfassungspatriotismus" (Jürgen


Habermas) findet seine Entsprechung auf der Ebene der
Europäischen Union. Auf allen Politikebenen werden Argumente
ausgetauscht und Interessen miteinander abgeglichen. Allen
diesen Verfahren liegt die Idee zugrunde, dass die
vorauszusetzende Verständigung auf dem Vernunftgebrauch
der Gutwilligen basiert.

Doch gerade von diesem Prinzip wendet sich Botho Strauß im


Bocksgesang mit Grausen ab: "Die Schande der modernen Welt
ist nicht die Fülle ihrer Tragödien, darin unterscheidet sie sich
kaum von früheren Welten, sondern allein das unerhörte
Moderieren, das unmenschliche Abmäßigen der Tragödien in
der Vermittlung."

Der Mann kann beruhigt werden. 25 Jahre später gibt es nicht


nur im Mittelmeer "unabgemäßigte" Tragödien genug. (Ronald
Pohl, 23.6.2018)

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