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Interview / Islam 237

Stein auf dem anderen. Wohl aber werden Bürgern, einer Zivilgesellschaft, die nicht
Perspektiven zeitgemäßer Religiosität religionslos oder glaubensfrei ist, aber in
sichtbar. der die Zugehörigkeit nicht anhand von
Zum Schluss noch eine persönliche An- Glaubens- oder anderen politisch unerheb-
merkung: Die Kirche hat sich von mir dis- lichen Merkmalen wie Überzeugung, Sexua-
tanziert und mir öffentlich ihr Misstrauen lität, Rasse usw. bestimmt wird, ist und
erklärt (Entzug der kirchlichen Lehrbefug- bleibt eine große menschliche Errungen-
nis), ohne dafür auch nur annähernd seri- schaft, die immer wieder neu verteidigt und
öse Gründe geltend machen zu können. Ich verbessert werden muss. In einer nach den
bin nicht gewillt, eine solche Institution Prinzipien von „Freiheit, Gleichheit, Soli-
weiterhin ideell oder auch nur finanziell zu darität“ lebenden Gesellschaft ist Religion
unterstützen. Ich habe sie daher verlassen dem öffentlichen Interesse deutlich unter-
und bin seither konfessionsfrei. stellt. Hinzu kommt die Feststellung, dass
Menschen autonom, aus sich selber, zu
moralischen Beschlüssen fähig sind; hier-
*** für ist Offenbarung nicht nötig, und sie be-
stimmt auch nicht, was „gut‘ und „böse“
ist. Dies hängt dann auch natürlich mit der
Robert M. Kerr westlichen Herausbildung eines Unter-
scheidungsvermögens zwischen histori-
Der Islam und der Westen scher und Offenbarungswahrheit zusam-
men.
Also sind nicht das etwaige Wesen von Ko-
Einige Gedanken ran und Islam entscheidend, wohl aber de-
_______________________________________ ren Stellung in der Gesellschaft. Islam und
Muslime, spezifisch in der arabischen Welt,
haben nur wenig Erfahrung mit religiöser
Ein Beobachter der jüngsten Zeitgeschichte und politischer Gewaltentrennung, auch
kann nur feststellen, dass das Auftreten nicht mit Staatsgebilden, in denen Muslime
des Islams im Westen, wie die jüngsten Ge- nicht die politische Macht innenhaben bzw.
schehnisse in Frankreich deutlich zeigen, nicht die Mehrheit bilden – im Gegensatz
bestenfalls sehr heikel ist. Im Nachrichten- etwa zum Judentum, in dem diese Unter-
geschäft werden, oft polemisch, allerlei, scheidung eigentlich schon in den Zeiten
zum Teil völlig gegensätzliche Meinungen der mesopotamischen Großreiche ausgebil-
aller möglichen „Experten“ verbreitet: Der det wurde und in dem dann später die ha-
Islam sei eigentlich keine Religion, sondern lakhische Regel Dina d'malkhuta dina „das
eher eine Gewaltideologie, bzw. Islam be- Gesetz des Landes ist das Gesetz“ formu-
deute eigentlich Frieden und die Auswüch- liert wurde, also: die Landesgesetzgebung
se seien nicht dem Glauben selber anzu- hat den Vorrang (und eigentlich auch die
rechnen; der Koran sei mit Hitlers „Mein Präferenz) vor dem mosaischen Gesetz.
Kampf“ zu vergleichen (nebenher bemerkt, Aber auch das Gesetz selbst wurde kontex-
die arabische Übersetzung ‫ ك فاحي‬ist ein tualisiert; bekannt ist die Erzählung um
Dauerbestseller) bzw. ein Buch der Liebe Rabbi Eleazar ben Hyrkanos („Siehe, du
und Toleranz. Ob Wahrheit in der einen o- sagst zur Schrift: Sei still, bis ich dich aus-
der anderen Meinung zu finden wäre oder lege!“ [Sifra, Tazria Negaim 13,2, W. 68b]),
gar, im Sinne eines schlechten Kompromis- der das Gesetz als Menschenwerk ansieht,
ses, irgendwo in der Mitte liege, ist eigent- das vom Rabbiner ausgelegt wird wie das
lich, zumindest was den Westen angeht, ir- deutsche Grundgesetz vom Verfassungsge-
relevant. richt – im Gegensatz zum faktisch kanoni-
schen Hadith. Aber auch im Christentum
Der Kern des problematischen Verhältnis-
hat die Kirche, zugegeben oft widerwillig,
ses liegt in der spezifischen Rolle von gött-
gelernt, weltliche Macht zu akzeptieren, so
licher Offenbarung und Religion in westli-
z.B. beim Westfälischen Frieden. Denker
chen Gesellschaften begründet. Die lange,
wie Spinoza, Kant und Nietzsche haben ih-
öfters schmerzvolle Evolution zu säkula-
ren Stempel längst auf die Theologie ge-
ren, pluriformen Gesellschaften mit aktiven
imprimatur, Heft 4, 2015
Islam 238

setzt, z.B. waren Albert Schweitzer und Verpflichtung, solche Exilanten (muhaji-
Karl Barth große Leser des Letztgenannten. run) zurückzunehmen – egal welchen Pass
Kirche und Synagoge sind längst in und sie besitzen: Staatsbürgerschaft ist eigent-
nicht über der Gesellschaft zuhause, auch lich viel mehr eine Frage der Einstellung
wenn mancher dies immer noch nicht als ein Dokument. Freiheit ist, wenn man
wahrhaben will. eine Wahl hat – diese steht einem jedem of-
fen: bleiben oder gehen.Jeder soll nach
Im hier Geschilderten liegt das Problem des
seiner Façon selig werden.
Islams im Westen, nicht in Scheinursachen
wie Kolonialismus oder Unterdrückung.
Wenn der Islam als gleichberechtigter
Partner in unseren Gesellschaften leben ***
will, muss er seinen untergeordneten Platz
im bürgerlichen Gesellschaftsleben akzep-
tieren und passende Manieren finden, das Karl-Heinz Ohlig
ihm Fremde zu akzeptieren. Wenn dies ei-
nem Muslim nicht annehmbar ist, bietet
der Islam selber einen Ausweg im sog. Dār Ein Akt der Selbstbefreiung
al-Hedschra, “ Haus des Exils“: ein Ort, zu
dem jeder Gläubiger umziehen sollte, um Zu: Hamed Abdel-Samad, Mo-
am Kampf gegen die Ungläubigen teilneh-
men zu können (vgl. R.E. Brünow, Die hamed. Eine Abrechnung, Droe-
Charidschiten, Leiden, 1884, S. 28; C. mer-Verlag: München 2015, 240
Snouck Hurgronje , Twee populaire dwalin-
gen verbeterd, in Verpreide geschriften deel Seiten
1, Bonn, 1923, S.304-305). Dies läge m.E.
jetzt im realexistierenden Kalifat des sog. _______________________________________
„Islamischen Staates“ (ad-daula al-
islāmiyya) vor. Hamed Abdel-Samad, geboren 1972 in
Das heißt: es stimmt nicht, dass die liberale Kairo, ist der Sohn eines ägyptischen
Gesellschaftsordnung keinen Platz für ihre Imams und war in jungen Jahren Mitglied
orthodox islamischen Verweigerer hat. der Muslimbruderschaft. In Europa wurde
Vielmehr gilt: Wer aus islamischer Über- er zum Islamkritiker.
zeugung die pluriforme, säkulare Gesell- Vor allem stört ihn die zentrale Rolle, die
schaftsordnung ablehnt, hat hier aus eige- im Islam – und auch früher für ihn selbst –
ner Überzeugung nichts zu suchen. Es der Gestalt des Propheten Mohamed zu-
muss keine Rede sein von völkischer Leit- kommt. In seiner Einleitung schreibt er:
kultur, nur von konsequenter Handlung – „Viele Muslime sind noch heute Gefangene
die Islamisierung westlicher Gesellschaften der mysteriösen Figur Mohamed, die im 7.
von innen bzw. der Versuch, sie islamge- Jahrhundert gelebt hat. Aber auch der his-
recht umzubilden, ist eigentlich ganz und torische Mohamed ist ein Gefangener – der
gar unislamisch, die liberalen Gesellschaf- übertriebenen Verehrung und des An-
ten können von ihrem Wesen her nicht spruchs der Muslime an seine Unantast-
zum Dār al-Islam gehören. barkeit. Die Omnipräsenz des Propheten in
Es ist daher unwahr, dass der Westen den Bildung und Politik, die Überbetonung der
Islam „nicht kann“. Aber will der Islam im religiösen Komponente in vielen islami-
Westen eine Zukunft haben, wird er lernen schen Gesellschaften verhindert die Ent-
müssen, sich konform zu seinen Regeln zu stehung alternativer Identitätsquellen. Al-
benehmen – gewaltlos Politik betreiben, Be- les geht auf ihn zurück, er schwebt über al-
leidigungen hinnehmen, den Staat Israel lem und bestimmt den Alltag von muslimi-
(kritisch) sowie anders Geartete tolerieren. schen Bürgern, Politikern und Theologen
Der liberale Staat muss lernen, seine Ver- ...“ (S.9) „Die Maßstäbe, die er gesetzt hat,
weigerer gehen zu lassen, um ihr Heil zu haben bis heute Einfluss auf die politische
suchen, wo sie dies meinen finden zu kön- Situation in mehreren islamischen Staaten
nen. Es besteht jedoch keine moralische und auf deren Gesetzgebung. Sie be-

imprimatur, Heft 4, 2015