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ERIC-EMMANUEL SCHMITT

Milarepa
ERZÄHLUNG

AUS DEM FRANZÖSISCHEN


VON INES KOEBEL
AMMANN VERLAG
Die Originalausgabe ist 1997 unter dem Titel
»Milarepa« bei Éditions Albin Michel, Paris, erschienen.

Erste Auflage
Im 25. Jahr des Ammann Verlags
(C) 2006 by Ammann Verlag & Co. Zürich
Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten
www.ammann.ch
(C) 1997 by Albin Michel, S.A. Paris
Scan by Bahzell 03/2007
Satz: Gaby Michel, Hamburg
Druck und Bindung: Clausen & Bosse, Leck
ISBN 13: 978-3-250-60099-2
ISBN 10: 3-250-60099-7
Milarepa
A lles begann mit einem Traum.
Hohe Berge … ein Gebäude oben
auf dem Fels, ein roter Bau, von einem
gedämpften Rot, einem Sonnenunter-
gangsrot; weiter unten Hundekadaver, die
in einem Schwarm Fliegen verwesten …
Der Wind beugte mich nieder. Im Traum
stand ich auf meinen beiden Füßen, aber
ich kam mir sehr groß vor, größer als ich
tatsächlich bin, ich ragte über mich hinaus
– ein schmaler Körper –, papieren wie ein
Schmetterlingsflügel. Mein Körper und
doch nicht mein Körper. Unbändiger Haß
pulsierte in meinem Blut und trieb mich
dazu, auf allen Wegen nach einem Mann
zu suchen, ich wollte ihn mit meinem

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Stock erschlagen; der Haß war so stark,
daß er schließlich wie eine schwarze bro-
delnde Milch überkochte und ich davon
erwachte.
Ich fand mich allein wieder, nur mit
mir, zwischen meinen Laken, in meinem
Zimmer in Montmartre, unter dem Him-
mel von Paris.
Der Traum belustigte mich.
Doch er ließ mir keine Ruhe, kam wie-
der.
Woher kommen die Träume?
Und warum verfolgte mich gerade die-
ser?
Nacht für Nacht wurde ich auf langen,
steinigen Wegen von diesen Rachegelü-
sten verfolgt. Und immer diese Hundeka-
daver, und dieser Stock in meiner Hand,
der nach dem Mann gierte, den er nieder-
strecken sollte.

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Irgendwann wurde mir die Sache un-
heimlich. Im allgemeinen kommen die
Träume und gehen wieder. Dieser Traum
aber setzte sich in mir fest! Ich begann in
zwei Welten zu leben, beide so konkret
wie beständig: hier, in Paris, die Tagwelt,
in der ich mich an den gleichen Möbeln
stieß, an den gleichen Menschen, in der
gleichen Stadt; und dort – aber wo dort? –
die steinerne Welt hoher Berge, in der ich
einen Mann töten wollte. Wenn die
Träume im Wachen wiederkommen, wie
soll man da nicht glauben, daß man zwei
Leben lebt? Was für eine Tür hatte sich
mir im Schlaf aufgetan?
Es dauerte zwei Jahre, bis sich mir die
Antwort im Antlitz einer Frau offenbarte.
Einer Frau, ungreifbar wie der Rauch ih-
rer Zigarette; sie saß hinten in dem Cafe,
in dem ich frühstückte, allein an einem

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Tisch, den Blick verloren in den Rauch-
spiralen, die sie einhüllten. Ich biß in
mein Croissant und sah sie unverwandt
an, ohne Hintergedanken, einfach so, sie
gehörte zu diesen Wesen, die man be-
trachtet, ohne recht zu wissen, was sie für
einen so anziehend macht.
Die Frau stand auf und setzte sich mir
gegenüber. Sie nahm mir das Croissant
aus der Hand und aß es zu Ende. Und
zwar mit einer solchen Selbstverständ-
lichkeit, daß ich es geschehen ließ. Dann
sah sie mir in die Augen:
»Du bist Swastika«, sagte sie. »Du bist
der Onkel, du bist der Mann, durch den
alles geschah, der Stein, über den man am
Anfang des Weges stolpert.«
»Das glaube ich nicht«, sagte ich
schlicht. »Ich bin Simon.«
»Nein«, sagte sie.

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»Doch, ich bin Simon, und das seit
achtunddreißig Jahren.«
»Nichts weißt du«, sagte sie entschie-
den. »Du heißt Swastika. Du irrst seit
Jahrhunderten durch das Gebirge deiner
Träume und versuchst deine Seele zu rei-
nigen. Du möchtest dich vom Haß befrei-
en. Doch das wird dir nur gelingen, wenn
du die Geschichte des Mannes erzählst,
den du bekämpft hast, die Geschichte von
Milarepa, dem größten aller Einsiedler.
Wenn du sie hunderttausend Mal erzählt
hast, wirst du endlich dem Samsara-Sein
entkommen, dem ewigen Kreislauf der
Wiedergeburt.«
Sie ging an ihren Tisch, setzte sich und
zog sich hinter eine wabernde bläuliche
Wand aus Rauch zurück. Sie sagte erneut:
»Hunderttausend Mal, hörst du, hun-
derttausend Mal …«

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Natürlich dachte ich, daß irgend etwas
nicht mit ihr stimmte, doch die beiden
Namen merkte ich mir: Swastika und Mi-
larepa, der Onkel und der Neffe, und so
beschloß ich, herauszufinden, wer sie wa-
ren. In einer Bibliothek stieß ich auf die
Gesänge Milarepas, des ehrwürdigen und
allmächtigen Yogi. Und ich reiste nach
Tibet. Ich wollte hoch aufs Dach der
Welt. Ich las die Gedichte, die Milarepa
seinen Schülern hinterlassen hatte. Und
ich verstand im Alter von achtunddreißig
Jahren, daß ich tatsächlich Swastika hieß
und diesen Namen seit neun Jahrhunder-
ten trug.
Meine Träume haben es mir verraten:
Ich war Hund gewesen, Ameise, Nagetier,
Raupe, Chamäleon und Schmeißfliege.
Mensch allerdings bislang zu selten, als
daß ich mich durch Erzählen hätte befrei-

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en können. Meine Seele war nicht optimal
gewandert. Ich war zu oft Ratte oder
Maus; zu oft tot in einer Falle oder im
Maul einer Katze. In diesem Körper jetzt
mußte ich den Rückstand aufholen. Heute
abend dürfte ich mich meinen Berech-
nungen und denen meiner Träume zufolge
dem hunderttausendsten Mal nähern …
Dem neunundneunzigtausendneunhundert-
neunundneunzigsten? Dem hunderttau-
sendsten?
Wie zum Teufel soll man bei solchen
Zahlen noch den genauen Überblick be-
halten …

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M eine Geschichte beginnt in Tibet,
im zentralen nördlichen Hochland.
Ich war Hirte. Eines Tages drangen Dä-
monen in die Leiber meiner Ziegen und
Yaks ein; die Tiere schwitzten vor Fieber,
schwankten und wankten; ihrer Säfte ent-
leert, verendeten sie innerhalb weniger
Tage. Diese Seuche war mein Ruin.
Ich schulterte ein paar Bündel und be-
gab mich mit meiner Frau und meinen
Söhnen zu meinem Vetter nach Kyagnatsa.
Mein Vetter empfing uns überaus freund-
lich. In seinem Haus wuchs der kleine Mi-
larepa heran, der uns entgegenlief, um uns
zu begrüßen.

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Ich erinnere mich noch an sein Lächeln,
als er uns die Tür aufhielt.
Das Kind Milarepa war bestürzt, als es
von unserem Unglück erfuhr, es bedauerte
uns, es umarmte uns und wollte meinen
Söhnen all seine Spielsachen schenken.
Und als es herausfand, daß meiner Frau
und mir nur je ein Kleidungsstück geblie-
ben war, ein einziges Kleidungsstück, das
wir erst, wenn es wieder wärmer wurde,
würden waschen können, weinte es. Im
Handumdrehen sah ich mich von einem
wie aus Laus und Lumpen bestehenden
Mitleid bedeckt. Seine Gutherzigkeit war
demütigend für mich. Sein Schluchzen
machte mir bewußt, daß ich nichts mehr
besaß. Ich glaube, an diesem Abend, die-
sem tränenreichen Abend wußte ich, daß
ich Milarepa auf ewig hassen würde.
Ich arbeitete hart. Geld verdiente sich

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leicht in dieser Gegend. In wenigen Jah-
ren brachte ich es zu einem stattlichen
Vermögen.
Milarepa war sechs, als er seinen Vater
verlor. Mein Vetter hatte ihn mir in sei-
nem Testament ebenso anvertraut wie
seine jüngere Schwester und seine Mutter.
Ihr Besitz, Yaks, Pferde, Schafe, Kühe,
Ziegen, Esel, das dreieckige Feld und die
Parzellen sowie der gesamte Inhalt des
Speichers, Gold, Silber, Kupfer, Eisen,
Türkise, Seidenstoffe und Getreidevorrat,
alles wurde mir zugesprochen, bis Mila-
repa im Alter war, Haus und Hof selbst zu
bestellen.
Vor dem erkalteten Körper meines Vet-
ters und inmitten der weinenden Seinen
beschloß ich, daß der kleine Milarepa nie
mehr so lächeln sollte, wie er es mir ge-
genüber gewagt hatte, er sollte nie mehr

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in Tränen der Anteilnahme zerfließen, all-
zu milden Tränen, den Tränen eines Rei-
chen, der sich erbarmte.
Ich jagte ihn aus dem großen Haus und
zwang ihn, seine Schwester und seine
Mutter zur Arbeit.
Innerhalb weniger Jahre verkümmerte
Milarepas Mutter zu einer gebrochenen,
zahnlosen Greisin mit grauem strohigem
Haar. Milarepas Schwester verrichtete
niedere Dienste für andere. Er selbst war
blaß und mager geworden; sein vormals
goldgelocktes Haar war übersät mit Läu-
sen und Nissen. Und dennoch wuchs er zu
einem schönen jungen Mann heran. Er
wartete darauf, daß mein Besitz in den
seinen überging, er beugte den Nacken
nicht, er vertraute auf die Gerechtigkeit,
nannte mich Onkel und schimpfte mich
nicht einmal einen Dieb. Ich haßte ihn.

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Als er zwanzig wurde und sein Erbe
einforderte, begriff er, daß ich es ihm
niemals überlassen würde. Er beschimpfte
mich lange und begann zu trinken. Man
las ihn des öfteren im Morgengrauen im
Rinnstein auf. Er wurde wieder zu einem
Jedermann. Ging endlich in die Knie.
Er verließ unser Land. Verschwand.
Mein Rachedurst war gestillt. Ich mußte
nur noch darauf warten, daß Milarepas
Schwester ein für allemal die Beine breit
machte, was sie bereits hin und wieder tat,
wenn die Almosen zu knapp ausfielen.

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M eine Söhne heirateten. Mein Haus
füllte sich mit schwangeren und
fröhlichen Schwiegertöchtern. Mein Ver-
mögen wuchs wie ihre Bäuche. Und
selbst der Frühling schien uns grüner und
länger. Für meine Frau war es das Glück
schlechthin.
Es geschah an dem Tag, an dem ich
meinen letzten Sohn verheiratete. Fünf-
unddreißig Gäste feierten bereits im gro-
ßen Saal. Ich ging mit meiner Frau nach
draußen, um Mägden und Knechten letzte
Anweisungen zu erteilen. Hatten wir gut
daran getan? Eine aufgeregte Magd stürz-

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te uns aus den Stallungen entgegen.
»Herr«, rief sie, »die Pferde sind fort!«
Ich ging eilig nachsehen. Kein Pferd
weit und breit. Statt dessen wimmelte es
vor Skorpionen, Spinnen, Kröten, Schlan-
gen und Kaulquappen. Das sah mir nach
Schwarzer Magie aus!
Ich mußte meine Gäste schnellstens be-
nachrichtigen. Doch es war bereits zu spät.
Die erhitzten Hengste waren mit den
rossigen Stuten in den Festsaal gestürmt,
besprangen sie dort mit infernalischem
Gewieher, Schweiß auf den Schenkeln
und Schaum vor den Mäulern; und die
Hufe all dieser sich aufbäumenden,
schnaubenden, tobenden Pferde schlugen
unablässig gegen Wände und Pfosten. Es
dauerte nicht lang, und das Haus fiel in
sich zusammen, die Balken brachen, das
Dach stürzte ein, und über dem Krachen

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der Knochen und den verhallenden
Schreien der Brunft und der Verzweiflung
erhob sich eine riesige Staubwolke.
Stille folgte, frostige, feierliche Stille,
die Stille großer Gletscher im eisigen
Herz des Winters.
Fünfunddreißig Männer und Frauen.
Darunter meine Söhne und Schwieger-
töchter. Alle tot. Meine Frau und ich hat-
ten nicht einmal mehr die Kraft, zu
schreien oder zu klagen. Warum waren
nicht auch wir tot?
Da erschien Weiße Zierde und tanzte
vor Glück auf den Trümmern.
»Milarepa, mein Sohn, ich danke dir!
Du hast uns gerächt. Danke, daß du in
diesen langen Jahren gelernt hast, dir das
Übersinnliche dienstbar zu machen. Ich
bereue nicht, dir all meine verborgenen
Schätze überlassen zu haben. So hast du

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die höchste aller Künste erlernt. Mein
Sohn, ich danke dir!«
Ich stand auf, wollte sie töten. Doch die
Dorfbewohner traten dazwischen.
»Rühr sie nicht an, er wird sich sonst
rächen.«
Jeder hatte bei dem von Milarepa aus
der Ferne befohlenen Gemetzel einen An-
gehörigen verloren. Jeden Morgen erbot
sich jemand, Milarepas Mutter zu ermor-
den.
Jeden Morgen wurde es schwieriger,
den Aufgebrachten davon abzuhalten. Bis
dann Weiße Zierde beschloß, einen angeb-
lich aus der Feder ihres Sohnes stammen-
den Brief in Umlauf zu bringen, aber ich
bin sicher, sie hatte ihn selbst verfaßt.
»Liebe Mutter«, hieß es in dem Brief,
»wenn Ihnen die Leute hier weiter sol-
chen Haß entgegenbringen, dann lassen

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Sie mir deren Namen und die ihrer Ange-
hörigen schriftlich zukommen. Mittels
Magie werde ich ihnen so leicht den Ga-
raus machen, als schnipste ich einen Brot-
krumen in die Luft, und sie bis ins neunte
Glied vernichten.«
Die Dorfbewohner forderten mich auf,
Milarepas Mutter das dreieckige Stück
Land zurückzugeben, und waren seither
darauf bedacht, ihr freundlich zu begeg-
nen oder sie zu meiden.

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T rotz meines Alters erwarb ich von
neuem Vermögen. Gewiß, ich hatte
kein Kind mehr, dem ich es nach meinem
Tod hätte vererben können, doch daran
verschwendete ich keinen Gedanken, ich
war viel zu sehr damit beschäftigt, wie-
derzuerlangen, was ich verloren hatte.
Der Sommer war prachtvoll. Selbst die
Alten konnten sich nicht daran erinnern,
jemals eine so vielversprechende Ernte
erlebt zu haben. Wir wollten gerade mit
dem Schnitt beginnen, als plötzlich eine
kleine Wolke herbeifegte, winzig, kaum

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größer als ein Sperling.
Und dann erschien Milarepa, stieg auf
den Fels, der das Tal überragte, und stieß
Verwünschungen aus:
»Krepieren sollst du, Swastika, du
Schlange, Swastika, du Gift, beiß dir in
die eigene Zunge und erstick an deiner
Galle. Schwill an! Platze! Nach oben hin!
Der Länge nach! Krötengeifer, Libellen-
spucke, Eiterpustel, ausgeschwitzte Pisse!
Scheiße bist du, selbstgeschissene Schei-
ße, ein menschliches Stück Scheiße, ein
arschgesichtiges Stück Scheiße, keimfrei,
ohne Fliege, ohne Wurm, unnütze Scheiße,
eine Scheiße, auf die ich scheiße!«
Er nannte die Dämonen seine Zeugen,
rief sämtliche Heiligen an, erzählte von
den Mißhandlungen, die er durch mich
hatte erleiden müssen, und begann blutige
Tränen zu weinen.

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Da ballten sich mit einem Mal dicke
Wolken über dem Tal zusammen, unvor-
stellbar dicke schwarze Wolken. Milarepa
heulte laut auf, und aus den Wolken pras-
selte es, als wären sie durch seinen Schrei
geborsten, in Massen. Hagel schlug zur
Erde. Von den Bergen schossen Sturzbä-
che herab, und ein regengepeitschter
Sturm riß fort, was die Fluten nicht mit-
nahmen. Ernte, Menschen und Häuser fie-
len der Vernichtung anheim. Nur einigen
wenigen Dorfbewohnern, darunter meiner
Frau und mir, gelang es, sich in die Höh-
len zu flüchten.

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V or einigen Tagen war ich wieder in
meinem Frühstückscafe – und be-
trachtete die ungreifbare Frau …
(Hier spricht Simon und nicht etwa
Swastika. Simon, neunhundert Jahre spä-
ter. Inzwischen habe ich mich daran ge-
wohnt, mehrere Personen zu sein, Simon
und Swastika, so wie ich mich auch daran
gewöhnt habe, zwei Leben zu leben, das
mit dem kleinen schwarzen Kaffee auf
dem Marmortisch vor mir und das des
Raums, in den mich meine Träume füh-
ren. Jetzt sage ich »ich« für mehrere
»ichs«, das macht es mir leichter. Als ich

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nur ich war, fühlte ich mich schwer, un-
beweglich, angekettet, zu mir selbst ver-
urteilt wie zum Kerker.)
… ich betrachtete also die ungreifbare
Frau, während ich einem alten Studien-
freund die Geschichte von Milarepa er-
zählte, einem alten Freund, den ich, so-
weit ich mich erinnere, immer schon als
alt empfunden hatte, selbst als er zwanzig
gewesen war. Er fragte mich zwischen
zwei Zügen aus seiner Pfeife skeptisch:
»Glaubst du etwa an Magie?«
Die Frage schien für ihn so unabdingbar
zu sein wie ein Hüftbecken und zwei Bei-
ne fürs Gehen. Ich war darüber dermaßen
erstaunt, daß ich nicht gleich antwortete.
Er fuhr fort:
»Also, Unwetter und Hagel kann ich
mir durchaus vorstellen. Aber daß ein
Mensch und seine Beschwörungsformeln

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so etwas auslösen können, glaube ich
nicht. Ich kann mir vorstellen, daß dein
Haus einstürzt und deine Pferde wild wer-
den, aber daß ein Magier bei einem sol-
chen Unglück seine Hand mit im Spiel
hat, glaube ich nicht. Was denkst du?«
»Ich? Wer, ich?«
»Ja, du Simon. Ich meine dich!«
»Aber ich denke nicht, ich erzähle.«
Ehrlich gesagt, wußte ich nicht recht,
ob meine Antwort idiotisch oder tiefsin-
nig war. Je älter ich übrigens werde, um
so fließender wird die Grenze zwischen
äußerster Dummheit und großer Klugheit.
Ebenso verhält es sich mit Traum und
Wirklichkeit.
Mein Freund kniff die Augen zusam-
men und ließ meinen Satz lange in seiner
Pfeife schmoren.
Dann nahm er ein Streichholz und riß

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es an. Es flammte auf. Er hielt es dicht
vor mich hin.
»Ich, ich glaube einzig an die Wissen-
schaft. Mit der Physik und der Chemie
läßt sich alles erklären. Also sag mir, wo-
her diese Flamme kommt?«
Er wollte mich provozieren, das lag auf
der Hand.
Ich griff nach dem Streichholz und blies
die Flamme aus.
»So, wenn du mir jetzt sagst, wohin die
Flamme gegangen ist, sage ich dir, woher
sie gekommen ist.«

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D ie Wunden der Erde vernarben
schneller als die der Menschen. Die
Jahre vergingen. Ich hatte mein Land
wieder bestellt, meinen Hof wieder auf-
gebaut, mein Vermögen wieder vermehrt,
aber meine Söhne blieben tot. Sobald sich
ein freier Tag bot, nahm ich meinen Stock
und machte mich in den Bergen auf die
Suche nach Milarepa, um ihn zu töten.
Und so sollte ich vom besten Mannesalter
an bis zum Grau meiner alten Tage Mila-
repa unaufhörlich hassen. Bis dann …
Doch noch sind wir nicht soweit. Ich
muß Milarepas Geschichte der Reihe nach

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erzählen, sonst könnte sie dieses Mal nicht
mit meiner Schuld verrechnet werden.
Am Tag nach dem bösen Zauber hatte
Milarepa keine Ruhe gefunden. Nachts
floh ihn der Schlaf, und die Bilder kamen
zurück, ja, sie kamen zurück, die vor
Schmerz schreienden Gesichter, die fle-
henden Hände, die in den wirbelnden Flu-
ten nach ihren Kindern greifenden Mütter,
sie suchten ihn heim, das Wasser, das
gurgelnd in die Lungen drang, die be-
klemmenden Gedanken der letzten Au-
genblicke des Vergehens… Milarepa be-
griff, daß er seine Macht nur in den
Dienst des Bösen gestellt hatte, und Mila-
repa war entsetzt.
Ihn verlangte nach Frieden wie einen
Durstigen nach Wasser. Er beschloß nach
Tschro-ua-lung zu gehen und den Großen
Marpa, den Übersetzer, aufzusuchen; es

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hieß, er sei der einzige, der ihm helfen
könne. Als Milarepa das Tal der Birken
durchquerte, überlegte er, wieviel Zeit er
benötigt hatte, sich die Zauberformeln des
Bösen anzueignen, es waren zwei Jahre
gewesen; und er sagte sich, daß er in etwa
dem gleichen Zeitraum zweifellos auch
die Zauberformeln des Glücks erlernen
könnte. Er war annähernd glücklich, als er
durch die Pforte des Großen Lama trat.
Marpa erwartete ihn bereits, denn in der
vorausgegangenen Nacht hatte ihm ein
Traum Milarepas Besuch angekündigt
und ihn erkennen lassen, daß beide, Mila-
repa und er, seit mehreren Leben in Ver-
bindung standen. Mit schmalen Augen
sah er dem Ankömmling entgegen.
»Edler Lama, Großer Marpa. Ich habe
Schreckliches getan.«
»Wenn du Schreckliches getan hast,

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dann klage dich nicht vor mir an. Nicht
mich hast du beleidigt mit deinen Verge-
hen.«
»Ich biete Euch meinen Körper, mein
Wort und mein Herz; und bitte Euch um
Nahrung, Kleidung und Unterweisung.
Bitte zeigt mir den Weg, der in einem
einzigen Leben zur höchsten Vollkom-
menheit führt.«
Marpa schnipste einen Fussel von sei-
nem Gewand, als ärgerte ihn etwas. Dann
senkte er die Lider und sagte:
»Ich nehme das Geschenk deines Kör-
pers an, deines Wortes und deines Her-
zens. Doch werde ich dir weder Nahrung
noch Kleidung geben, wenn ich dich un-
terweise. Entweder gebe ich dir Nahrung
und Kleidung, und du suchst dir Unter-
weisung durch einen anderen, oder aber
ich unterweise dich, und du suchst an-

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derswo Nahrung und Kleidung. Das eine
oder das andere, also wähle!«
»Ich wähle die Unterweisung durch
Euch.«
Marpa begann, sich ausgiebig den Ell-
bogen zu kratzen. Milarepa rief begeistert:
»Ich werde mir meine Nahrung und
meine Kleidung überall im Tal erbetteln.«
»So sei es«, sprach Marpa, als er seinen
blutigen Ellbogen sah. »Nun geh schon,
und vergiß dein Zauberbuch nicht, dein
Geruch macht die Götter husten.«
Der Empfang durch den Großen Lama
war eisig gewesen. Seine Frau zeigte sich
weit gastfreundlicher und bot Milarepa
eine Schale Suppe an und einen Platz, um
sich auszustrecken.
Gleich am nächsten Tag begann er, Tal
auf, Tal ab zu betteln.
Es dauerte einige Zeit, ehe Marpa sei-

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nen jungen Zögling aufsuchte und nach
seinen Schandtaten befragte. Milarepa er-
zählte, wie er Rache genommen und Ha-
gel und Zerstörung herbeigezaubert hatte.
»Ausgezeichnet«, sagte daraufhin Mar-
pa, »du wirst deine Zauberkräfte auch für
mich einsetzen. Klettere auf diese Anhöhe
und schicke Hagel über die Landstriche
Yabrog und Ling. Und richte anschlie-
ßend ein kleines Blutbad unter den Berg-
bauern an, die den Paß von Lhobrag be-
setzt halten.«
Nach getaner Arbeit warf sich Milarepa
Marpa zu Füßen und verlangte nach der
Bodhi-Formel, um so die Glückseligkeit
zu erreichen.
Marpa lief rot an und begann, wie einer,
der spuckt, zu sprechen:
»Wie? Etwa als Gegenleistung für dei-
ne schändlichen Taten? Du möchtest die

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Zauberformel des Guten für die Aus-
übung des Bösen? Du hast wahrlich kei-
nen Funken Würde! Du verdienst nicht
einmal, daß ich mich deiner annehme
oder auch nur das Wort an dich richte!
Geh jetzt und gib denen in Yabrog und
Ling ihre Ernten zurück, und anschlie-
ßend kuriere die Bergbauern. Vorher will
ich dich hier nicht sehen.«
Milarepa begriff, daß er Buße tun muß-
te. Er bemühte sich, seine Schandtaten
wiedergutzumachen, kehrte zurück und
kniete vor Marpa nieder.
»Großer Lama, ich bereue. Seid mein
Lehrmeister.«
Marpa rieb sich den Nacken. Sobald er
Milarepa sah, konnte er nicht umhin, sich
zu kratzen.
»Später, später … ich halte dich noch
nicht für reif genug. Das Böse ist leichter

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getan als das Gute. Im Handumdrehen.
Das Böse kostet keine Mühe, aber es haf-
tet einem an wie Leim, man wird es nicht
so schnell wieder los …«
»Großer Lama, ich flehe Euch an.«
»Errichte mir einen runden Turm!«
»Wie bitte?«
»Ich benötige einen runden Turm. Er-
richte mir einen runden Turm.«
Und so begann Milarepa, die abendli-
chen Stunden zum Erbetteln seines Un-
terhalts nutzend, Steine zu sammeln, zu
behauen und Fundamente auszuheben, er
entwarf, baute und setzte Stein auf Stein …
Arme und Rücken bluteten unter der An-
strengung, aber der Turm wuchs. Kurz vor
dessen Vollendung suchte ihn Marpa auf.
»Was tust du da?«
»Ich baue den runden Turm für Euch,
großer Lama, er ist nahezu fertig.«

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»Bist du von Sinnen? Ich habe dich nie
um einen runden Turm gebeten! Reiße ihn
auf der Stelle nieder. Und bringe Steine
und Erde zurück an ihren Platz!«
»Aber Edler, Großer …«
»Ich habe gesprochen!«
Und Milarepa befolgte Marpas Befehl.
Als er alles niedergerissen, die Steine und
die Erde wieder an ihren angestammten
Platz gebracht hatte, warf er sich Marpa
zu Füßen.
»Großer Lama, ich bereue. Seid mein
Lehrmeister.«
»Baue mir einen halbmondförmigen
Turm.«
Ohne Widerworte machte sich Milarepa
an die Arbeit. Dieses Mal wußte er zu-
mindest, wo er Erde und Steine finden
konnte. Und so begann Milarepa, die
abendlichen Stunden zum Erbetteln seines

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Unterhalts nutzend, Steine zu sammeln,
zu behauen und Fundamente auszuheben,
er entwarf, baute und setzte Stein auf
Stein … Arme und Rücken bluteten unter
der Anstrengung, aber der Turm wuchs.
Kurz vor dessen Vollendung suchte ihn
Marpa auf.
»Was tust du da?«
»Ich baue Euren halbmondförmigen
Turm, Großer Lama, so wie Ihr es mir
aufgetragen habt.«
»Ich, ich soll etwas derart Absurdes
verlangt haben? Reiße dieses Geschwür
auf der Stelle nieder. Und bringe Steine
und Erde zurück an ihren Platz.«
»Aber … Edler, Großer …«
»Ich habe gesprochen!«
Milarepa war nach Weinen zumute,
doch statt dessen begannen seine von den
Granitblöcken geschundenen Hände und

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Schultern zu bluten. Und wieder befolgte
er Marpas Befehl, brachte Erde und Stei-
ne zurück an ihren Platz.
Eines Morgens betrat Marpa seine Zelle
und sah ihn freundlich lächelnd an.
»Ich habe nachgedacht, Milarepa. Er-
richte mir einen dreieckigen Turm.«
»Wollt Ihr das wirklich, Großer Lama?«
Der Große Lama begann sich erneut zu
kratzen, als hätte er es bei Milarepa mit
einem Floh oder einer Bremse zu tun, et-
was ebenso Belanglosem wie Unerträgli-
chem.
»Pflege ich etwa unsinniges Zeug da-
herzureden?«
Und Milarepa begann, die abendlichen
Stunden zum Erbetteln seines Unterhalts
nutzend, Steine zu sammeln, zu behauen
und Fundamente auszuheben, er entwarf,
baute und setzte Stein auf Stein … Arme

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und Rücken bluteten unter der Anstren-
gung, aber der Turm wuchs. Sein Körper
war zu einer einzigen Wunde geworden.
Hin und wieder kam, wenn es dunkel
wurde, heimlich die Frau des Lama,
brachte ihm Salben für seine Wunden und
eine Schale Suppe.
Als Milarepa den dreieckigen Turm fer-
tiggestellt hatte, ging er zu dem Großen
Lama, um ihm dies voller Freude mitzu-
teilen.
»Großer Lama, ich habe den dreiecki-
gen Turm vollendet. Seid mein Lehrmei-
ster.«
»Was bildest du dir ein! Reiße dieses
unnütze Bauwerk nieder! Und bringe
Steine und Erde zurück an ihren Platz!«
»Aber … Edler, Großer …«
»Ich habe gesprochen!«
Der Große Lama hob nicht einmal seine

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violetten Augenlider, um Milarepa anzu-
sehen.
»Du ermüdest mich, Milarepa, wenn du
wüßtest, wie sehr du mich ermüdest …
Begreifst du denn gar nichts?«
»Nein, Großer Lama, ich begreife
nichts. Ich sehe nur, daß Ihr bereit wäret,
wem auch immer zu helfen und selbst
dem räudigsten, verflohtesten streunenden
Hund die Formel der Glückseligkeit zu
geben, nur mir nicht.«
Bei dem Wort »verfloht« begann sich
der Große Lama erneut zu kratzen.
»Bist du betrunken?«
Er schlug die Augen auf und betrachtete
Milarepa. Und sofort verstärkte die rechte
Hand ihr Kratzen auf dem linken Ober-
schenkel.
»Ich habe Mitleid mit dir. Baue mir ei-
nen weißen neunstöckigen Turm mit Zin-

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ne. Diesmal wirst du ihn nicht niederrei-
ßen müssen. Sobald er steht, lehre ich
dich die geheime Formel.«
Und Milarepa begann, die abendlichen
Stunden zum Erbetteln seines Unterhalts
nutzend, Steine zu sammeln, zu behauen
und Fundamente auszuheben, er entwarf,
baute und setzte Stein auf Stein … Arme
und Rücken bluteten unter der Anstren-
gung, aber der Turm wuchs. Dieses Mal
klang das Ansinnen des Lama in seinen
Ohren vielversprechender als die vorheri-
gen.
Als er schließlich nach mehreren Mona-
ten den weißen neunstöckigen Turm mit
Zinne errichtet hatte, kam er, den Lohn
für seine Mühen einzufordern.
Der Lama stürzte sich auf ihn, riß ihm
das Haar aus, ohrfeigte ihn und stieß ihn
gegen die Wand. Noch ehe Milarepa sich

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zur Wehr setzen konnte, fand er sich übel
zugerichtet und blutüberströmt auf dem
Boden wieder, über sich einen Mann, der
auf das geringste Lebenszeichen in seinen
Augen lauerte, um ihn erneut zu traktie-
ren.
»Du bist ein erbärmlicher Dummkopf,
Milarepa, der größte Schwachkopf, der je
zu diesem Kloster hinaufgestiegen ist.
Begreifst du denn gar nichts? Glaubst du
wirklich, daß sich alles mit der stumpf-
sinnigen Kraft deiner Muskeln erkaufen
läßt? Glaubst du wirklich, daß ein Turm,
gleich ob rund, halbmondförmig, vierek-
kig, achteckig oder neunstöckig, dir den
Weg zur Weisheit ebnen kann? Du bist
unbelehrbarer als jeder Esel!«
Sprach’s und begann ihn voller Zorn
erneut zu schlagen. Die Mönche mußten
eingreifen, um Milarepa vor den Schlägen

45
des Großen Lama in Sicherheit zu brin-
gen.
In der Nacht kam Marpas Frau, ihn zu
pflegen.
»Seltsam«, sagte sie. »Warum verwei-
gert er dir die Formel, dir als einzigem?
Ich kann es mir nicht erklären. Er sagt mir
doch immer, er liebt dich wie einen Sohn
… Vielleicht möchte er, daß du ihm Ge-
schenke machst wie jeder andere? Ich
werde dir etwas aus meinem Bestand ge-
ben. Einen Ballen Butter, einen kleinen
Kupferkessel und vor allem diesen Türkis,
man sagt, er sei sehr wertvoll.«
Als Milarepa am nächsten Tag seine in
Seide eingeschlagenen Geschenke über-
reichte, jagte ihn der Lama mit Fußtritten
davon.
»All diese Dinge wurden mir bereits
geschenkt! Ich möchte nicht, daß du mich

46
mit dem, was mir gehört, bezahlst! Wenn
du mir etwas geben willst, mußt du es
selbst erworben haben.«
»Großer Marpa, ich werde gehen. Statt
mich zu lehren, habt Ihr mich nur be-
schimpft, geschlagen und gänzlich meiner
Kräfte beraubt.«
»Wohin willst du? Als du hierherkamst,
hast du mir da nicht sogleich deinen Kör-
per, dein Wort und dein Herz geschenkt?
Du gehörst mir. Wenn ich wollte, könnte
ich Körper, Wort und Herz in hundert
Stücke hacken. Durch deinen Schwur bist
du mein.«
Also blieb Milarepa. Und er sagte sich,
daß er in diesem Leben niemals Buddha-
schaft würde erlangen können.

47
D ieser Teil der Geschichte gefällt mir
besonders, besser gesagt, Swastika
gefällt er besonders. Mir aber ebenfalls.
Nichts ist deprimierender als diese Schuf-
te, die den Glauben wechseln wie ein
Hemd und im Guten wie im Bösen gleich
erfolgreich sind. Mich jedenfalls depri-
mieren diese Heiligkeitsathleten.
Übrigens – ich sage übrigens, dabei hat
das eine nichts mit dem anderen zu tun –,
die ungreifbare Frau war eines Tages ver-
schwunden. Vielleicht hatte sie sich zu-
sammen mit ihrer Rauchwolke in nichts
aufgelöst… Ich war nicht wirklich betrübt

48
deshalb, nein, aber als der Kellner be-
hauptete, diese ungreifbare-in-ihren-
Zigarettenrauch-verlorene-Frau auf der
Bank hinten im Cafe hätte es nie gegeben,
wurde ich wütend! Ich reagierte ungehal-
ten, ich hatte immer gedacht, Erinne-
rungsvermögen und Beobachtungsgabe
verstünden sich von selbst für einen guten
Kellner. Was meinen alten Freund mit
seiner skeptischen Pfeife betraf, so be-
hauptete der natürlich ebenfalls, besagte
Frau hätte es nie gegeben.
»Das hast du dir eingebildet! Natürlich
hast du dir das eingebildet!«
»Möglich«, antwortete ich. »Aber im
Unterschied zu dir sehe ich, was ich mir
einbilde.«

49
S ich seiner Ohnmacht bewußt, dachte
Milarepa in der Abgeschiedenheit
seiner Klause:
»Als ich Böses tat, hatte ich Nahrung
und Geschenke anzubieten. Jetzt, da ich
mich einem frommen Leben hingegeben
habe, verfüge ich über nichts mehr. Besä-
ße ich nur halb soviel Gold wie damals,
als ich den Weg des Bösen beschritt,
könnte ich eingeweiht werden und die ge-
heime Lehre empfangen. Dem Armen ist
die Religion versagt.«
Milarepa hatte den Glauben an die Ver-
sprechungen des Lama verloren und be-

50
schloß, seinem Leben nun ein Ende zu set-
zen. Er bereitete sich eine Schale mit Gift.
»Da ich in diesem Fleisch, dem Fleisch
Milarepas, niemals in den Besitz der Leh-
re gelangen werde, da ich nur einen Feh-
ler nach dem anderen begehe, werde ich
mich töten. Wer weiß, vielleicht werde
ich im Jenseits in einem der Religion
würdigen Körper wiedergeboren!«
Da schritt die Frau des Lama ein.
»Sieh dich vor, Milarepa. Du kannst
keinen größeren Fehler begehen, als dei-
nen eigenen Lebensfaden zu durchtren-
nen. Mit einem solchen Karma schaffst du
es nie und endest als Floh oder Schmeiß-
fliege.«
Als der Lama erfuhr, daß der verzagte
Milarepa zwar nicht wagte, seinem Da-
sein ein Ende zu setzen, doch auch nicht
mehr leben wollte, lächelte er und befahl,

51
man möge ihn zu ihm bringen. Als er Mi-
larepa vor sich sah, verzog er zum ersten
Mal weder das Gesicht, noch kratzte er
sich, sondern sagte mit sanfter Stimme:
»Bisher hat alles seine Richtigkeit ge-
habt. Es hat so kommen müssen. Keinen
von uns trifft Tadel. Ich habe den Magier,
der du warst, nur auf die Probe stellen
wollen, um dich von deinen Sünden rein-
zuwaschen. Es fiel mir nicht immer leicht,
so hart zu sein; hätte ich dem Mitleid
nachgegeben wie meine Frau, wärest du
zwar in den Genuß aufrichtiger, aber
fruchtloser Nachsicht gekommen; doch
verhilft Mitleid niemandem zu einem bes-
seren Menschsein. Jeder Turm, den du er-
richtet hast, war ein großer Glaubensakt.
Du hast nie gefehlt. Ich nehme dich jetzt
auf als mein Schüler und lasse dir meine
Lehre zuteil werden. Wir werden uns in

52
die Meditation versenken und in den Ge-
nuß der Glückseligkeit gelangen.«
Er schor mir das Haar. Endlich hatte ich
das Recht auf einen kahlen Schädel und
einen runden Kopf, der Ausdruck für Ein-
fachheit und Entsagung.
»Milarepa, dein wahrer Name wurde
mir von meinem Meister Naropa verkün-
det, in dem Traum, der deiner Ankunft
vorausging.«
Er nannte mich Mila, der Strahlende
Diamant. Er nahm mir das Gelübde des
Noviziats ab und trug mir auf, mich unab-
hängig von meinem eigenen Leid zu ver-
pflichten, anderen zu helfen und später,
nach meinem Tod, so oft wieder auf die
Erde zurückzukehren, wie die Erfüllung
meiner Aufgabe es erforderte. Er wollte
einen richtigen Bodhisattwa aus mir ma-
chen.

53
O Pardon, ich fürchte, ich habe soeben
»ich« gesagt…
Hab ich doch, oder? »Ich, Milarepa«,
oder?
Meines Erachtens schon.
Seltsamerweise passiert es mir immer
wieder, daß ich beim Erzählen irgend-
wann »ich« statt Milarepa sage. »Ich, Mi-
larepa …« Nicht zu glauben! Ob man will
oder nicht, plötzlich ist man mitten drin in
der Geschichte, die man erzählt. Durch
dieses ständige Hinundherreisen zwischen
Simon und Swastika, und Swastika und
Milarepa, kommen mir meine Namen ab-

54
handen, das, was mich ausweist, ich ver-
lege sozusagen dieses Gepäckstück mit
Gewohnheiten und Reflexen, das man
»Ich« nennt. So reise ich leichter.
Aber ist das überhaupt von Bedeutung?
Nun, falls es mir noch einmal passieren
sollte, stellen Sie die Sache selbst richtig.

55
D er Große Lama Marpa sorgte für
die notwendige Nahrung und gelei-
tete Milarepa zu der ehemaligen Tiger-
höhle an der südlichen Felswand. Er füllte
eine Altarlampe mit Öl, entzündete sie
und stellte sie auf das Haupt seines Schü-
lers.
»Meditiere Tag und Nacht, verharre
still. Bewegst du dich, löschst du das
Licht und sitzt im Dunkeln.«
»Mir bleibt immer noch das Tages-
licht.«
»Nichts bleibt dir, denn ich mauere die
Öffnung zu.«

56
Und Marpa verschloß die Höhle eigen-
händig mit Ziegeln und Mörtel.

So meditierte ich Tag und Nacht; ich be-


wegte mich nicht; ich zählte die Stunden
nicht mehr und nicht die Wochen, mein
Geist versank in Meditation, die Zeit war
aufgehoben. Ich entdeckte, daß ich nicht
allein war, als ich allein war; meine Ein-
samkeit bevölkerte sich mit Dämonen, mit
Erinnerungen, mit Wünschen und Gelü-
sten; sie bedrängten mich von allen Sei-
ten; wie gern hätte ich mich bewegt, wäre
aufgestanden, fortgegangen, vor mir selbst
geflohen; ich war ein König in beständi-
gem Kampf gegen Unruhen und Aufruhr;
ein schwacher, gefährdeter König.
Manchmal kam Friede über mich, eine
stille Morgendämmerung in meiner Nacht.
Plötzlich drang die Stimme meines ge-

57
liebten Lama von außen zu mir.
»Reiß die Mauer ein, mein Sohn.
Komm heraus aus deiner Abgeschieden-
heit, komm und ruhe dich aus an meiner
Seite. Elf Monate hast du hier verbracht,
ohne dein Meditationskissen erkalten zu
lassen.«
Ich erhob mich mit Mühe und begann
die Ziegel herauszubrechen. Dann aber
hielt ich inne: Was, wenn der Lama seine
Meinung doch wieder änderte?
»Ich warte, mein Sohn, ich warte«, sag-
te Marpa nochmals.
»Kommst du nicht?« murmelte seine
Frau.
Ich riß die Mauer ein und kehrte zurück
in die wärmende Sonne. Der Große Lama
schien glücklich, mich wiederzusehen.
»Nun, was habe ich dich gelehrt, in die-
sen elf Monaten?«

58
Ja, was hatte er mich gelehrt? Welche
Erkenntnisse hatte ich in diesen elf Mona-
ten aus den Lehren des abwesenden Gro-
ßen Lama gezogen?
Ich hatte begriffen, daß Formeln herun-
terzubeten sinnlos ist, nur wer sich stets
bemüht, erntet Lohn. Ich hatte begriffen,
daß das Gute mehr Willenskraft verlangt
als das Böse. Und ich hatte auch begrif-
fen, daß mein Körper ein unsicheres
Schiff ist, befrachte ich es mit schlechten
Taten, sinkt es; leichtere ich es mit
Gleichmut, Großmut und Selbstlosigkeit,
bringt es mich in einen sicheren Hafen.
Und ich hatte endlich begriffen, daß ich
zuvor kein Mensch gewesen war, sondern
schlicht ein spärlich behaarter, sprechen-
der Zweibeiner; am Ende des Weges er-
schien das Menschsein. Es war weit ent-
fernt. Ein Ziel. Würde es mir je gelingen,

59
Mensch zu werden? Ich setzte meine
Lehrzeit bei Marpa fort.
Eines Nachts aber trug mich ein Traum
zurück in das Land meiner Kindheit.
Beim Erwachen war mein Kissen naß vor
Tränen und die Sehnsucht nach meiner
Mutter, meiner Schwester und meinem
Elternhaus übermächtig. Ich teilte dem
Großen Lama mit, daß ich zurückmüßte
nach Kyagnatsa.
Und zum ersten Mal sah ich Marpa
weinen:
»Wenn du fortgehst, Mila, werde ich
dich nie wiedersehen.«
»Aber nein, ehrwürdiger Lama, ich
möchte meiner Mutter nur einen Besuch
abstatten und kehre anschließend zurück
ins Kloster.«
»Du weißt, daß du nicht wiederkommen
wirst. Bleibe noch einige Tage, damit ich

60
dich in meine letzten Geheimnisse ein-
weihen kann. Dann magst du gehen und
dein Schicksal sich erfüllen.«
Und so unterwies mich der Große Lama
ein letztes Mal.
Ich glaubte ihn verstanden zu haben,
doch mein weiteres Leben zeigte mir, daß
ich nur den Laut seiner Worte verstanden
hatte, nicht aber die Worte selbst; nur
mein Gedächtnis hatte sie aufgenommen,
nicht aber mein Leib und nicht meine
Seele.
Als der Tag des Abschieds gekommen
war, ließ Marpa auf dem Klosterhof, um-
ringt von seinen Schülern, die Formen in
Erscheinung treten: das diamantene Glöck-
chen, das kostbare Rad, die Lotusblüte,
das Schwert und die sieben Regenbogen
… Und ich erkannte, daß der Lama das
Wesen eines Buddha, eines Erleuchteten,

61
erreicht hatte. Unermeßliche Freude er-
füllte mich.
»Komm heute abend und schlafe in
meiner Nähe«, sagte Marpa.
Und so verbrachte ich die Nacht in der
Nähe meines Meisters.
Am nächsten Morgen kam seine Frau
herein und klagte und weinte. Marpa ging
sie hart an, als verstünde er ihre Tränen
nicht.
»Milarepa verläßt uns, doch das ist kein
Grund zum Weinen. Weinen müßte man
vielmehr bei dem Gedanken, daß alle Ge-
schöpfe Buddhas werden könnten, in ihrer
Unwissenheit aber im Schmerz und ohne
Ideal zugrunde gehen. Ja, darüber kannst
du weinen, ununterbrochen, Tag und
Nacht.«
»Ich ertrage es nicht, unseren Sohn an
das Leben zu verlieren.«

62
Und sie schluchzte erneut bitterlich auf.
Da begann auch ich zu schlucken. Selbst
der Lama bekam feuchte Augen, lächelte
aber wie von Freude durchdrungen.
»Sei zu deinen künftigen Schülern nicht
so hart, wie ich es zu dir war. Niemand
würde verkraften, was du ertragen hast.«
Das waren seine letzten Worte. Und
wie die Tradition es verlangt, beugte ich,
bevor ich ihn verließ, meinen Kopf zu
Boden und entfernte mich.

63
I ch wanderte viele Wochen lang und
erbettelte meine Nahrung, ehe ich das
Tal von Kyagnatsa erreichte. Vom Paß
aus sah ich unten mein Haus mit den vier
Säulen und acht Pfeilern, rissig wie die
Ohren eines alten Esels; Regen tropfte ins
Innere; mein dreieckiges Feld war übersät
mit Unkraut.
Ich wäre zu gern hinuntergestürmt.
Doch mein Herz pochte zu heftig. Ich
fürchtete, Freude oder Trauer könnten es
sprengen. Ich wartete.
Als die Sonne rot wurde, entschied ich
mich hinabzusteigen.

64
Ich trat ins Haus.
Erde und Regen hatten die Heiligen
Bücher beschmutzt. Die Vögel hatten ih-
ren Kot darauf hinterlassen und die Ratten
sich dann eingenistet. Ich näherte mich
der Feuerstelle. In der mit Erde vermisch-
ten Asche wuchsen Pflanzen und rankten
sich empor; daneben ein Häufchen Kno-
chen, verblichenes, brüchiges Gebein. Ich
begriff, daß es … die sterblichen Überre-
ste meiner Mutter waren.
Beim Gedanken an sie wurde mir
schwarz vor Augen.

65
Z u sehnlich hatte ich ein Wiedersehen
mit meiner Mutter herbeigewünscht.
Dieses Verlangen hatte mich wochenlang
beherrscht. »Ein Geist, der sich zu be-
scheiden und sein Sehnen nach Begeg-
nung zu zügeln vermag, ein solcher Geist
wäre ein Meister.« Diese Worte des Lama
kamen mir wieder in den Sinn. Zur rech-
ten Zeit.
»Nichts ist von Dauer, nichts ist wirk-
lich.« Und was war um mich herum?
Trümmer. Und Gebein. Was einmal war,
war nicht mehr. Ich war der Sohn meiner
Mutter, und war es nicht mehr. Dieses

66
Haus war meines, und war es nicht mehr.
Mensch und Fels sind so flüchtig wie
Wind und Wolken. Die Begegnung zwi-
schen meiner Mutter und mir war ein
Trugbild gewesen. Unsere Trennung
ebenfalls.
Ich versenkte mich in Meditation und
sah klar und deutlich, daß mein Vater und
meine Mutter erlöst waren vom Leid der
Seelenwanderung.
Sieben Tage vergingen, ehe ich aus
meiner Versenkung erwachte. Ich schul-
terte die Heiligen Bücher. Sammelte das
Gebein meiner Mutter in mein Gewand
und machte mich auf den Weg. Kaum
stand ich auf den Beinen, drückte mich
erneut der Kummer nieder, beschwerte
mich so, daß ich schwankte. Ich begriff,
daß ich weit entfernt war von Buddha.
Ich hing zu sehr an den Dingen.

67
Ich hatte noch nicht entsagt.
Ich mußte mich von nun an in die Ein-
öde zurückziehen.

68
M ilarepa brach auf in eine Höhle, in
der er meditieren wollte. Das war
zu der Zeit, als ich ihn wiederfand. Ich
spreche von mir, Swastika, Milarepas
Onkel.
Ich war gerade dabei nachzusehen, ob
mit unseren Hirten und unserem Weide-
land alles in Ordnung war. Ich saß im Zelt
über meinen Abrechnungen, als das
struppige Haupt eines Bettlers zwischen
den Planen erschien.
»Ich bitte um eine milde Gabe für einen
Eremiten. Ich werde für Euch beten.«
Ich erkannte ihn augenblicklich.

69
»Du verkommenes Subjekt, mach, daß
du fortkommst! Wie kannst du es wagen,
dich hier blicken zu lassen, nach all dem
Unheil, das du angerichtet hast?«
Milarepa begann sich zu verteidigen,
behauptete, wir, sein Onkel und seine
Tante, hätten ihn seines Besitzes beraubt
und somit zum Bösen verleitet. Ich jagte
ihn mit Stockschlägen davon und hetzte
die Hunde hinterher.
Ich eilte ins Dorf, um meiner Frau von
dem Vorfall zu berichten. Kaum hatte ich
geendet, hörten wir Milarepa an unser Tor
klopfen.
»Rühr dich nicht«, sagte ich zu meiner
Frau, »ich werde mich seiner endgültig
entledigen.«
Ich griff nach Pfeil und Bogen und ging
hinunter. Ich ließ das große Tor öffnen
und legte auf ihn an.

70
»Onkel, ich wollte Euch im Tausch ge-
gen ein wenig Mehl und Gewürz das Nut-
zungsrecht an meinem Feld überlassen.«
Gemurmel erhob sich: Alle hielten das
Angebot meines Neffen für edel und ge-
recht, alle fanden, daß ich darauf eingehen
sollte. Doch ich ertrug es nicht, daß man
mich bevormundete. Ich platzte förmlich
vor Wut. Ich schäumte. Mein Herz raste.

71
A n meine letzten Monate, meine letz-
ten Monate im Körper Swastikas,
erinnere ich mich kaum. Ich war schwer
krank und nicht in der Lage, mich auf den
Beinen zu halten; ich war, wie die ande-
ren taktvoll sagten, stark geschwächt …
Hätten sie damit nur recht gehabt! Ge-
schwächt … Zwei Dinge nämlich waren
in mir nicht schwächer geworden: der
Haß auf Milarepa und die Angst vor dem
Tod.
Milarepa hatte sich in eine Höhle aus
weißem Fels zurückgezogen, weitab von
jeder bewohnten Gegend. Auf einer klei-

72
nen harten Matte gab er sich, die Beine
mit einer Meditationsschnur zusammen-
gebunden, der Versenkung hin und er-
nährte sich ausschließlich von Nesseln.
Sein Körper magerte zu einem Skelett ab
und nahm die Farbe der Nesseln an; selbst
seine Körperbehaarung schimmerte grün,
er sah aus wie ein Leichnam. Ein alter,
löchriger Fetzen Stoff bedeckte als einzi-
ges Kleidungsstück seine Lenden; er war
derartig geschrumpft, daß man ihn den
Baumwollmann nannte. Seine Abgeschie-
denheit trug ihm den Ruf eines großen
heiligen Eremiten ein. Die Schüler dräng-
ten zu ihm. Alles, was ich über ihn hörte,
schmerzte mich mehr als hunderttausend
Lanzenstiche.
Die mir verbleibenden Tage oder Näch-
te – ich konnte sie kaum noch unterschei-
den – waren getrübt von der Furcht vor

73
dem Tod. In Wirklichkeit aber fürchtete
ich weniger den Tod als vielmehr den
Verlust all dessen, was ich ein Leben lang
angehäuft hatte: meine Türkise, mein Ge-
schirr, meine Seidenstoffe, meinen Satin,
mein Gold, mein Korn, meine Ländereien,
mein kleines Tschang-Glas. All dies ging
in fremde Hände über, untaugliche, unfä-
hige, verhaßte Hände, in Hände, die es
nicht verdient hatten. Der Tod war Raub.
Nachts schreckte ich des öfteren im Bett
auf und schrie: »Haltet den Dieb! Haltet
den Dieb!« Alle glaubten, ich meinte Mi-
larepa, aber meine Hilfeschreie galten
dem Tod, dem Tod, diesem maskierten
Räuber, der schon seit langem eingedrun-
gen war in das Haus meines Lebens und
dort hinterhältig auf seine Stunde wartete,
um mich in aller Ruhe und seiner sicher
zu überfallen und auszuplündern. Ohne

74
daß ich ihn hätte sehen können, stand er
an meinem Bett, verhöhnte mich, ließ
mich in meinem Schweiß schmoren, riß
mich in Schmerz und Pein, zwischen Er-
wachen und Schlaflosigkeit, genüßlich,
unaufhaltsam, er wußte, daß ihm alles zu-
fallen würde, unerbittlich, mein Körper,
meine Zeit, meine Kleider, meine Reich-
tümer. Haltet den Dieb!
Je mehr ich den Tod fürchtete, um so
stärker haßte ich Milarepa. Beide Ansin-
nen vereinigten sich. Der Baumwollmann
hatte es verstanden, sich von all dem zu
lösen, woran ich mich verzweifelt klam-
merte. In den Augen der Reichen war er
ohne Zweifel eine erbärmliche Gestalt,
häßlich in den Augen junger Mädchen
und schwach in den Augen der Starken,
ich aber wußte, daß er, mit seinen unter
wächserner Haut hervorstehenden Kno-

75
chen, die Glückseligkeit gefunden hatte,
er, der Baumwollmann, der an nichts
hing, nicht einmal an dem Fetzen Stoff,
der sein Geschlecht hätte verbergen kön-
nen – denn es hieß, er liefe vollkommen
nackt umher. Nackt und grün …

76
N ackt und grün … eine Grabesge-
stank. Und dennoch wußte ich, daß
der wahre Lebende Milarepa war und der
wahre Tote ich sein würde.
Keine Gabe ist grausamer als ein klarer
Verstand, der zu Haß wird. Während mei-
ner letzten Stunden auf der Erde Tibets,
auf meinem Schmerzenslager, ereilte mich
doch noch die Weisheit. Und zwar in Ge-
stalt desjenigen, den ich haßte, den ich
mein Leben lang verbittert bekämpft hatte.
Ich erinnere mich noch an meinen letz-
ten Seufzer: kein leises Bedauern, nein,
ein gewaltiger Ausbruch von Haß.

77
S wastika, der Onkel, stirbt. Seit Jahr-
hunderten irrt er von Körper zu Kör-
per und hat sich schließlich und endlich in
mir, Simon, niedergelassen, indem er ei-
nes Nachts an die Tür meiner Träume
klopfte. Nun, wenn ich schließlich und
endlich sage, dann, weil ich hoffe, daß
ich, Simon-Swastika, mich dem hundert-
tausendsten Mal nähere … Denn meinen
Berechnungen nach … nun gut, wir wer-
den sehen.
Was aber Swastika, der Onkel, nie er-
fahren hat, ist, daß die Tante, kaum war
der Körper ihres Mannes erkaltet, einen

78
Yak mit Proviant belud und sich zum
weißen Felsen begab, dem Aufenthaltsort
ihres Neffen.
Milarepa meditierte dort gemeinsam
mit seiner Schwester, die ihn nach einem
Dasein als Prostituierte endlich wiederge-
funden hatte. Seine Tante wagte es nicht,
die Brücke zum Eingang der Höhle zu
überqueren.
»Milarepa, ich fühle mich schuldig.
Dein Onkel ist unter furchtbaren Qualen
gestorben. Ich habe begriffen, daß wir un-
ser Leben lang den falschen Weg be-
schritten haben. Kannst du mir helfen,
Milarepa; Ich glaube, ich brauche dich.«
Milarepas Schwester erhob sich und be-
schimpfte die Tante. Sie ging dabei weit
in die Vergangenheit zurück und erklärte,
daß die Ursache für all das Unglück ihrer
Familie Onkel und Tante seien.

79
»Welches Unglück?« fragte Milarepa.
»Ich bin glücklich wie nie zuvor. Ich habe
gelernt, aus mir herauszutreten, die Leere
der Dinge zu fühlen und für das Schicksal
aller lebenden Geschöpfe zu beten.«
»Milarepa«, entgegnete die Schwester,
»ihretwegen sind wir getrennt worden,
ihretwegen ist Mutter gestorben, ihretwe-
gen haben wir unser Leben lang betteln
müssen.«
»Ich sehe nichts Erniedrigendes im Bet-
teln.«
»Milarepa«, flehte die Tante, »ich bitte
dich um Vergebung.«
»Komm über die Brücke!«
»Nein, ich will nicht«, rief die Schwe-
ster. »Sie soll nach Hause zurück!«
»Nun komm schon, hör nicht auf meine
Schwester.«
»Ich werde die Tante nicht aufnehmen!«

80
»Kleine Schwester, wer von niederen
Begierden und Rachegefühlen beherrscht
ist, kann nichts für andere tun. Und auch
nichts von Nutzen für sich selbst. Es ist,
als würde ein Mensch, der von einem
Strom mitgerissen wird, vorgeben, die
anderen zu retten. Komm nur, Tante, wir
erwarten dich.«
»Danke, Neffe.«
»Ich bin nicht dein Neffe. Ich war es,
bin es aber nicht mehr. Der kleine Milare-
pa ist fern, er gehört der Vergangenheit
an, einer Vergangenheit aus Fleisch und
Blut, mit der ich nichts mehr zu tun habe.
Nicht mehr Blutsbande binden mich;
meine Familie, das ist jetzt die Mensch-
heit.«
Und ich unterwies die Tante in den Ge-
setzen von Ursache und Wirkung. Sie be-
kehrte sich innerlich wie äußerlich, sie

81
wurde Eremitin, fand ihr Seelenheil in der
Ausübung der Religion und in der Medi-
tation über die heiligen Formeln.
Ich machte Fortschritte.
Tagsüber veränderte ich meinen Körper
nach Belieben, folgte den unzähligen Er-
scheinungsformen, die mir meine Phanta-
sie eingab, ich flog durch den Raum.
Nachts, in meinen Träumen, konnte ich
das Universum noch besser erkunden, be-
suchte alle Felsen, alle Wälder und Fir-
mamente, nahm das Erscheinungsbild von
Tieren, Pflanzen oder Minerahen an,
wechselte vom Wasser zur Flamme und
von der Wolke zur Spitzmaus.
Aber noch zweifelte ich am Gelingen.
Ich wollte, wie Marpa es mir vorhergesagt
hatte, nach Tschu-bar-la. Und so verließ
ich den weißen Felsen und nahm das Ge-
fäß zum Kochen der Nesseln mit. Aber

82
geschwächt durch die Entbehrungen, glitt
mein von Unrat verschmutzter Fuß auf
der Schwelle aus, und ich stürzte zu Bo-
den. Der Henkel des Gefäßes brach. Das
Gefäß rollte den Abhang hinab. Ich eilte
ihm nach, um es aufzuhalten. Es zer-
schellte an einem Stein. Aus den Scher-
ben löste sich ein grüner Klumpen in der
Form des Gefäßes: der Bodensatz der
Nesseln.
Lange betrachtete ich das grünliche
Häufchen. Ich hatte ein Gefäß und hatte
keines mehr. Übrig geblieben von ihm
war nur die Form vergorener Kräuter.
Nichts in dieser Welt ist von Dauer, alles
unterliegt dem Vergänglichen.
Ich begann zu schluchzen. Ich hatte ge-
glaubt, ich hätte allen Ballast abgeworfen,
aber nein, dieses Gefäß, dieses armselige
Gefäß war zu meinem Reichtum gewor-

83
den; dieses Gefäß, das zum Gegenstand
meiner Begierde geworden war, be-
herrschte mich, und selbst in dem Augen-
blick, in dem es zerbrach, hatte es noch
immer Macht über mich. Es hatte sich
meiner Gefühle bemächtigt. Es gehörte
mir, aber ich gehörte ihm weit mehr.
Jetzt, wo ich dieses irdene Gefäß zer-
brochen hatte, was sollte ich da noch mit
dem Gefäß aus Nesseln anfangen?
Ich stieg darüber hinweg.

84
M ontmartre ist schön heute abend.
Paris ist eine Kulisse. Tibet eine
andere. Der Wind sollte die Leinwände
dieser Kulissen häufiger bewegen, damit
der Atem des Nichts sie in Schwingung
versetzt. Hinter dieser Szenerie pocht die
Leere. Könnte man nur den Hintergrund,
das Dunkel dieser ins Unendliche rei-
chenden Kulissen erfassen … Nichts hat
mehr Gewicht, wenn man weiß, daß alles
nur Trug ist.
Das Nichts …
Ausgehend von diesem Nichts, unterwies
Milarepa die Menschen in der Weisheit.

85
»Über das Lächerliche des menschli-
chen Seins nachdenken, unser tiefes Elend
erkennen, Gleichmut üben und Mitleid
empfinden. Mitleid hebt den Unterschied
zwischen dem Selbst und den anderen
auf; Mitleid macht großmütig. Und wer
großmütig ist, wird mich finden. Und wer
mich gefunden hat, erlangt die Buddha-
schaft.«
Die Jahre vergingen. Milarepa sprach
nicht mehr, er sang.
»Man muß dem Ich einen Maulkorb an-
legen. Entsagung zeitigt große Wirkung.«
Milarepa sang und sang, hörte nicht
mehr auf zu singen. Er verfaßte hundert-
tausend Gesänge.
»Ich glaube, ich habe alles vergessen.
In der hohen Abgeschiedenheit meiner
Höhlen habe ich die niedere Welt der
Sinne und die Meinungen meiner Brüder

86
und Nachbarn vergessen. Mein Wissen
vergessend, habe ich die Trugbilder des
Unwissens vergessen. Und nur Lieder der
Liebe singend, habe ich alle Feindselig-
keiten vergessen. Mich in Sanftmut
übend, habe ich den Unterschied zwi-
schen mir und den anderen vergessen.«
Und an Rechung-Pa, seinen Lieblings-
schüler gewandt, sagte er:
»Ich werde alt, Rechung, dieser Körper
hier wird brüchig. Bald werde ich dir die
Male meiner bevorstehenden Wanderung
zeigen, ich werde dir die Male von Alter
und Krankheit zeigen.«
Und so geschah es. Milarepa wurde
zum Greis. Er war jetzt bereit zu sterben,
so wie eine reife Frucht bereit ist zu fal-
len.
Eines Tages beschloß er, es zu tun.
Man fand ihn kalt vor, reglos. Man hielt

87
ihn für tot. Seine Schüler schichteten ei-
nen Scheiterhaufen auf, legten ihn darauf
und wollten ihn anzünden. Aber das Feuer
wollte nicht brennen. Sie versuchten es
zehn, zwanzig Mal, das Holz widerstand
wie Wasser.
Denn Milarepas Lieblingsschüler, sein
geistiger Sohn, mußte bei der Zeremonie
zugegen sein.
Als Rechung kam, lächelte Milarepa
und umarmte ihn.
»Ich wollte, daß du mich sterben siehst.
Ich konnte nicht gehen, ohne sicher zu
sein, daß meine Saat aufgegangen ist.«
Und nun wandte er sich an alle seine
Schüler.
»Hat man die höchste Stufe der Wahr-
heit erreicht, gibt es kein Meditieren
mehr, keinen Gegenstand der Meditation,
keine endgültige Weisheit, keine Buddha-

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schaft. Es gibt kein Nirwana, all dies sind
nur Worte, Redensarten.«
Sprach’s und verharrte reglos.

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U nd so wies im Alter von vierund-
achtzig Jahren, am vierzehnten Tag
des letzten Monats im Winter des Holz-
Hasen, im Zeichen des achten Mondes,
bei Sonnenaufgang, im Jahr Eintausend-
einhundertfünfzehn unserer Zeitrechnung,
Meister Mila, der Strahlende Diamant, der
Lächelnde Vajra, die Male des Todes auf.

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V on der Leere ausgehen. In der Leere
enden.
Ist es das hunderttausendste Mal heute
abend?
Ist es das letzte Mal, daß Swastika vom
Schicksal des Neffen erzählt, dessen Bru-
der er nicht sein konnte?
Meine Ungeduld, die Geschichte zu be-
enden, läßt von Mal zu Mal merklich nach.
Von Mal zu Mal wird die Angst größer.
Ist es wirklich das letzte Mal?
Ist heute etwa mein Tag?
Es heißt, ich werde es erst wissen, wenn
es endgültig dunkelt.

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DUNKEL

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