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An den
Präsidenten des Südtiroler Landtages
Herrn Dr. Ing. Roberto Bizzo
Bozen

Bozen, den 12. Februar 2018

ANFRAGE

Wird der Artikel 19 des Autonomiestatuts ausgehebelt?

Die Entwicklungen der vergangenen Jahre zeigen deutlich, dass die deutschen Bildungseinrichtungen bei italienischsprachigen Eltern
hoch im Kurs sind.
Neben vielen Kindern mit Migrationshintergrund, die die deutschsprachigen Kindergärten und Schulen besuchen, nutzen nun verstärkt
Eltern italienischer Muttersprache die Gelegenheit, um ihre Kinder an den deutschsprachigen Bildungseinrichtungen einzuschreiben.
In den Diskussionen rund um die Thematik wurde immer wieder betont, dass das Recht auf Wahlfreiheit der Eltern geschützt werden
muss. Es entspricht allerdings den Tatsachen, dass die Anzahl der deutsch- und anderssprachigen Kinder in manchen Kindergärten
und Schulen inzwischen in keinem Verhältnis mehr steht, sodass man gefühlt nicht mehr von einer deutschsprachigen
Bildungseinrichtung sprechen kann.
Es ist nun die Aufgabe der Politik, das vom Autonomiestatut festgeschriebene Recht auf die Betreuung und den Unterricht in deutscher
Muttersprache an Südtirols Bildungseinrichtungen weiterhin zum Wohle der deutschen Sprachminderheit zu sichern. Nachdem
nämlich in letzter Zeit immer öfter auf die Wahlfreiheit der Eltern verwiesen wird, wirft diese Argumentationslinie einige Fragen auf.

Daraus ergeben sich folgende Fragen an die Landesregierung verbunden mit der Bitte um schriftliche Antwort:

1. Inwiefern steht das Recht der Eltern auf die freie Wahl einer Bildungseinrichtung über dem laut dem Autonomiestatut
festgeschriebenen Recht auf muttersprachlichen Unterricht zum Schutz von Sprachminderheiten? Welches Recht ist
hierarchisch übergeordnet?
2. Wie gedenkt man zum Schutz der deutschen Minderheit auf die Uneinsichtigkeit vieler Eltern anderer Muttersprache zu
reagieren, nachdem sie kein Verständnis für den Schutz der deutschen Muttersprache aufbringen? Sind konkrete
Maßnahmen geplant, um diese Eltern im Verständnis zum Schutz der deutschen Muttersprache zu sensibilisieren?
3. In welchen deutschen Kindergärten und Schulen, unterteilt nach einzelnen Kindergartengruppen, Klassen, bzw.
Klassenzügen, ist ein Anteil von 20 und mehr Prozent an Kindern zu verzeichnen, die nicht deutscher Muttersprache sind?
(Bezogen auf die Schuljahre 2013, 2014, 2015, 2016, 2017)
4. Werden bei Kindern nicht-deutscher Muttersprache vor Schuleintritt, bzw. Besuch des Kindergartens, Sprachtests
durchgeführt, die nachweisen, dass sie dem Unterricht bzw. der Kommunikation in deutscher Muttersprache folgen können?
5. Wenn nein, warum werden solche Sprachtests zum Wohle aller Kinder nicht durchgeführt?
6. Wenn ja, welches Sprachniveau wird für welche Bildungsstufe vorausgesetzt?
7. Welche Sprachkompetenzkurse werden vom Land angeboten, um Kinder und Jugendliche, die der deutschen Sprache nicht
mächtig sind, auf den Kindergarten oder Schulalltag vorzubereiten?
8. Inwiefern werden die Eltern bei diesen Angeboten mit einbezogen, nachdem auch sie im Aufbau der Sprachkompetenz eine
wesentliche Erziehungsrolle innehaben?
9. Wie viele Schüler nicht-deutscher Muttersprache können laut Landesregierung eine deutsche Schulklasse besuchen, ohne
dass dabei der Unterricht in deutscher Muttersprache Beeinträchtigungen erfährt?
10. Wie reagiert die Landesregierung auf die Vorwürfe von italienischen Politikern, wonach italienisch-sprachige Kinder im Falle
von restriktiven Einschreibemaßnahmen an deutschen Schulen Benachteiligungen oder gar Diskriminierungen ausgesetzt
wären?

Landtagsfraktion
C4.4± L. Abg. Tamara Oberhofer
Silvius-Magnago-Platz 6
1-39100 Bozen
Tel. 0471 946 212
Fax 0471 946 301
freiheitliche@landtag-bz.org Freiheitliche Partei Südtirol
AUTONOME PROVINZ BOZEN - SÜDTIROL PROVINCIA AUTONOMA DI BOLZANO - ALTO ADIGE
Landesrat für Deutsche Bildung und Kultur und für Integration Assessore all'Istruzione e Culture tedesca e all'Integrazione

Frau Abgeordneter
Tamara Oberhofer

Bozen, 07.05.2018 tamara.oberhofer@landtag-bz.org

Zur Kenntnis: Herrn Präsidenten


Roberto Bizzo
dokumente@landtag-bz.org

Antwort auf die Landtagsanfrage Nr. 3330/2018 betreffend den Artikel 19 des Autonomiestatuts

Sehr geehrter Herr Abgeordneter,

ich schreibe Ihnen betreffend Ihre Landtagsanfrage vom 27.02.2018 (Nr. 3330/2018) und darf Ihnen als
zuständiger Landesrat wie folgt antworten.

Zu Frage 1: Inwiefern steht das Recht der Eltern auf die freie Wahl einer Bildungseinrichtung über dem laut
dem Autonomiestatut festgeschriebenen Recht auf muttersprachlichen Unterricht zum Schutz von
Sprachminderheiten? Welches Recht ist hierarchisch übergeordnet?

Es wird vorausgeschickt, dass die verfassungsrechtlich im Autonomiestatut verankerten Rechte auf „freie
Wahl einer Bilungseinrichtung" und auf muttersprachlichen Unterricht gleichrangig sind. Laut Art. 19 Absatz 3
des Autonomiestatuts erfolgt die Einschreibung eines Schülers in die Schulen der Provinz Bozen auf Grund
eines einfachen Gesuchs des Vaters oder seines Stellvertreters. Demnach hat der Vater (der
.Erziehungsverantwortliche) — unabhängig von seiner Sprache oder von der Muttersprache des Kindes — das
Recht, seine Kinder in die gebietsmäßig zuständige deutschsprachige oder italienischsprachige Schule
einzuschreiben. Das Recht der Eltern oder ihrer Stellvertreter über die Einschreibung in die Schulen der
verschiedenen Sprachgruppen zu entscheiden darf aber auf keinen Fall dazu führen, dass eine andere
Unterrichtssprache verwendet wird (vgl. Art. 8 des DPR vom 10. Februar 1983, Nr. 89).

Zu Frage 2: Wie gedenkt man zum Schutz der deutschen Minderheit auf die Uneinsichtigkeit vieler Eltern
anderer Muttersprache zu reagieren, nachdem sie kein Verständnis für den Schutz der deutschen
Muttersprache aufbringen? Sind konkrete Maßnahmen gelant, um diese Eltern im Verständnis zum Schutz
der deutschen Muttersprache zu sensibilisieren?

Es ist klarer Wille der Landesregierung den Schwerpunkt darauf zu legen, dass Verbindlichkeiten mit den
Eltern geschaffen werden. Was die Sprachstanderhebung betrifft, sind im Zuge der Einschreibungen für das
Kindergartenjahr 2018/19 im städtischen Gebiet die Familien anderer Sprachen danach gefragt worden,
welchen Beitrag sie zu Begleitung der sprachlichen Bildungsprozesse leisten können. Es hat sich gezeigt,
dass ein Großteil verschiedene Initiativen setzt. Die Familien sind auch zur Bereitschaft befragt worden,
einen Deutschkurs zu besuchen. Fast zwei Drittel der Erziehungsverantwortlichen sind dazu bereit, die
Zeiten des Kurses müssen allerdings mit den Arbeitszeiten und mit dem Bedarf der Familie vereinbar sein.

Auch in den Schulen finden im Zuge der Einschreibungen Beratungsgespräche statt, im Rahmen derer die
Schulführungskräfte deutlich machen, dass eine Begleitung von sprachlichen Bildungsprozessen wichtig ist
und auch darauf hinweisen, dass die Schule (der jeweils anderen Muttersprache) nicht als „Sprachschule" zu
verstehen ist.

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Zu Frage 3: In welchen deutschen Kindergärten und Schulen, unterteilt nach einzelnen


Kindergartengruppen, Klassen, bzw. Klassenzügen, ist ein Anteil von 20 und mehr Prozent an Kindern zu
verzeichnen, die nicht deutscher Muttersprache sind? (Bezogen auf die Schuljahre 2013, 2014, 2015, 2016,
2017)

Es muss festgehalten werden, dass die Muttersprache bei den Einschreibungen nicht systematisch erhoben
wird, es kann somit nur Auskunft über die Herkunft bzw. die Staatsbürgerschaft der Kinder gegeben werden.
Die Landesregierung arbeitet aufgrund des im Landtag genehmigten Beschlussantrages betreffend die
Erhebung der am häufigsten verwendeten Sprache an der Umsetzung bzw. ist im Gespräch mit dem
Verantwortlichen für die Privacy.

Zu Frage 4: Werden bei Kindern nicht-deutscher Muttersprache vor Schuleintritt, bzw. Besuch des
Kindergartens, Sprachtests durchgeführt, die nachweisen, dass sie dem Unterricht bzw. der Kommunikation
in deutscher Muttersprache folgen können?

Um die sprachliche Bildung der Kinder und Jugendlichen gezielt gestalten zu können, werden
Sprachstandbeobachtungen in verschiedenen Schulstufen von Lehrpersonen — oft in Verbindung mit
Fortbildung und Beratung durch das Referat Migration an der Pädagogischen Abteilung — durchgeführt.

Vor Eintritt in den Kindergarten und in die Schule werden Kompetenzen der Mädchen und Jungen nicht
erhoben. In einem inklusiven Schulsystem, in dem alle Kinder und Jugendlichen — unabhängig von ihrer
Herkunftssprache und den Kenntnissen in den Landessprachen — das Recht auf und die Pflicht zu
Schulbesuch und Bildung haben, sind keine Sprachtests zur Selektion möglich und darf das Sprachniveau
der Kinder (unabhängig von ihrer Herkunftssprache) nicht ausschlaggebend für die Einschreibung/Zulassung
sein.

Zu Frage 5: Wenn nein, warum werden solche Sprachtests zum Wohle aller Kinder nicht durchgeführt?

Die verbalen Kompetenzen der Mädchen und Jungen, die neu in den Kindergarten eintreten, sind höchst
unterschiedlich, das gilt auch für die Kinder mit Südtiroler Wurzeln. Eine erste Voraussetzung, um mit
Kindern arbeiten zu können, ist der Aufbau einer gelingenden Beziehung. Diesem Beziehungsaufbau wird
höchste Priorität eingeräumt.

Schule ist zur Differenzierung und Individualisierung verpflichtet. In welcher Form und unter Zuhilfenahme
welcher Instrumente diese Prinzipien umgesetzt werden, liegt im Ermessen und in der Verpflichtung der
autonomen Schulen.

Zu Frage 6: Wenn ja, welches Sprachniveau wird für welche Bildungsstufe vorausgesetzt?

Diese Frage wird bereits in Antwort auf die Frage 4 erörtert.

Zu Frage 7: Welche Sprachkompetenzkurse werden vom Land angeboten, um Kinder und Jugendliche, die
der deutschen Sprache nicht mächtig sind, auf den Kindergarten oder Schulalltag vorzubereiten?

Die Sprachenzentren haben im vergangenen Schuljahr 112 Kurse für 828 Schülerinnen und Schüler
während des Schuljahres und 192 Sommerkurse für 1826 Schülerinnen und Schüler für Deutsch als
Zweitsprache organisiert. Zudem fördern auch die autonomen Schulen die Sprachkompetenzen der Kinder
und Jugendlichen.

Zu Frage 8: Inwiefern werden die Eltern bei diesen Angeboten mit einbezogen, nachdem auch sie im
Aufbau der Sprachkompetenz eine wesentliche Erziehungsrolle innehaben?

Zur Vorbereitung auf den Kindergartenbesuch im Blick auf einen möglichst anschlussfähigen Übergang von
der Familie in den Kindergarten werden ab der Einschreibung im Jänner verschiedene Maßnahmen gesetzt.
Die Familien sind die wichtigsten Partner im Übergang und in der Begleitung der Kinder. Gerade im Hinblick
auf das kommende Kindergartenjahr wird im städtischen Bereich der Schwerpunkt auf Sprachkurse für
Eltern gelegt.
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Im Bereich Schule gibt es zum einen auf Landesebene Angebote, die sich an die Schülerinnen und Schüler
richten (Sprachkurse im Sommer), zum anderen bieten einige Schulen auch im Rahmen ihrer autonomen
Befugnisse und Möglichkeiten Sprachkurse für Eltern (speziell für Mütter) an oder schaffen
Begegnungspunkte zwischen den Sprachen.

Zu Frage 9: Wie viele Schüler nicht-deutscher Muttersprache können laut Landesregierung eine deutsche
Schulklasse besuchen, ohne dass dabei der Unterricht in deutscher Muttersprache Beeinträchtigungen
erfährt?

Die Tatsache, dass ein Schüler oder eine Schülerin nicht-deutscher Herkunftssprache ist, sagt nichts über
seine/ihre Kompetenz in den Landessprachen aus. Eine allgemeingültige Aussage zu irgendeinem
Prozentsatz lässt sich daher nicht treffen.

Zu Frage 10: Wie reagiert die Landesregierung auf die Vorwürfe von italienischen Politikern, wonach
italienisch-sprachige Kinder im Falle von restriktiven Einschreibemaßnahmen an deutschen Schulen
Benachteiligungen oder gar Diskriminierungen ausgesetzt wären?

Von Benachteiligungen kann nicht die Rede sein.

Mit besten Grüßen

Philipp Achammer
Landesrat
(mit digitaler Unterschrift unterzeichnet)