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Peter Kropot&in:

und Autorität

Vertag: „Der Syndikatist", Bertin 0.34, Koperntkussit 25.


PoüzeicMrektton
Poetische Bücherei

Sonderdruck aus „Der indivMuaHstische Anarchist",


1. Jahrgang, Heft 4.

^ erische !
! Staatsbibüothek ^

Gesetz und Autorität.


(Der nachfofgende Aufsatz ist ein Teii von Kropotkins
Schrift: „Parofes d'un revofte", wefche 1885 in Paris erschien.
Benutzt ist im wesentiichen eine Uebersetzung, wefche ohne Jahr
und Namen des Uebersetzers bei O. Schreiber, London, er­
schienen ist. Mit affem Vorbehaft hinsichtfich der abweichenden
Schfußfofgerungen der kommunistischen Anarchisten, zu denen
Kropotkin sich rechnet, besteht über den hier behandeften Gegen­
stand kaum eine Meinungsverschiedenheit zwischen ihnen und
uns.)
„Wenn Unverstand im Schoße der Gesellschaft herrscht, Un­
ordnung in den Geistern, werden die Gesetze zahlreich. Die
Menschen erwarten Alles von der Gesetzgebung und jedes Gesetz
wird eine neue Ursache der Unzufriedenheit; sie sind fortwährend
bestrebt, von der Gesetzgebung das zu verlangen, was nur von
ihnen selbst, ihrer eigenen Bildung, ihrer eigenen Moralität ent­
springen kann."
Es ist nichts weniger als ein Revolutionär, nicht einmal ein
Reformer, der dies sprach, sondern ein Jurist: Daloz, Verfasser
der „Französischen Gesetzessammlung", welche unter dem Namen
„Repertoir de la Legislation" bekannt ist. Und doch drücken diese
Worte, wenn auch von einem Manne geschrieben, der selbst Ge­
setzemacher ist, vollständig den anomalen Zustand der Gesellschaft
aus.
In der bestehenden Gesellschaft werden neue Gesetze als das
Heilmittel aller Schäden betrachtet. Statt selbst zu verbessern, was
schlecht ist, wird damit begonnen, ein Gesetz zu verlangen, um
das Schlechte zu verbessern. Ist ein Weg zwischen zwei Dörfern
unfahrbar, so sagt der Landmann, es solle ein Gesetz über Land­
wege gemacht werden; hat der Feldhüter oder Gemeindebüttel,
welcher die Unterwürfigkeit derjenigen ausnützt, die vor seiner
Autorität Respekt haben, jemanden beleidigt, so fordert man ein Ge-

I
setz, das den Bütteln mehr Höflichkeit vorschreibt. Handel, Land­
wirtschaft liegen danieder: „Wir brauchen ein Schutzzollgesetz!"
rufen die Landwirte, Viehzüchter, Getreidehändler und so fort bis
zum Lumpenhändler. Alles verlangt Gesetze zum Schutze seiner
Interessen. Macht der Ausbeuter Lohnabzüge, verlängert die Ar­
beitszeit usw., sofort rufen die Abgeordneten und solche, die es
werden wollen, daß Gesetze notwendig seien, um dies zu regeln;
anstatt den Arbeitern zu sagen, daß es ein viel wirksameres Mittel
dazu gibt: den Ausbeutern das zu nehmen, womit die Arbeiter aus­
geplündert werden. — Kurz, für Alles wird ein Gesetz verlangt:
ein Gesetz über die Wege, ein Gesetz über die Moden, ein Gesetz
über die tollen Hunde, ein Gesetz gegen die Laster, Gesetze für
alle Schäden, welche die Folgen menschlicher Gleichgültigkeit und
Feigheit sind.
Wir sind alle verdorben durch die Erziehung, die, von der
Kindheit angefangen, den Geist der Rebellion in uns ertötete und
den Geist der Unterwürfigkeit unter die Autorität entwickelte. Wir
sind derart verdorben durch diese Existenz unter dem Schienen­
geleise der Gesetze, welche alles vorschreiben: unsere Geburt,
Unterricht, geistige Entwickelung, unsere Liebe und Freundschaft
u. s. f., daß wir, wenn das so fortgeht, alle Initiative, alle Gewohn­
heit, selbst zu denken und zu urteilen, vollständig verlieren werden.
Die Menschen scheinen jetzt schon gar nicht mehr zu begreifen,
daß man anders als unter der Herrschaft der Gesetze leben könne,
die von einem Parlament ausgearbeitet und von einer Handvoll
Regierern angewandt werden; und selbst dann, wenn sie sich vom
alten Joche befreit haben, ist es ihre erste Sorge, sich sofort
ein neues aufzuladen. Das Jahr 1 der Freiheit hat noch nie länger
als einen Tag gedauert, weil man sich am Tage nach der Prokla­
mation der Freiheit sofort wieder unter das Joch der Gesetze und
Autorität begab.
ln Wirklichkeit wiederholen die Regierer seit Jahrtausenden
nur immer und ewig das: „Respekt vor dem Gesetze! Gehorsam
der Autorität!" Vater und Mutter erziehen ihre Kinder in diesen
Gefühlen, die Schule befestigt dieselben, indem sie durch einige
schlau ausgewählte Brocken einer falschen Wissenschaft deren Not­
wendigkeit beweist; man macht aus dem „Gehorsam vor dem Ge­
setze" einen Kultus; sie verbindet Gott und Gesetz der Herrscher

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zu einer einigen Göttlichkeit. Die Heroen ihrer fabrizierten Ge­
schichte sind Jene, welche den Gesetzen gehorchten und sie gegen
die Rebellen schützten. — Später, wenn das Kind in das öffent­
liche Leben tritt, werden ihm durch die Gesellschaft und Literatur
täglich, mit jedem Schritt, gleich dem Wassertropfen, der Steine
höhlt, diese Vorurteile eingeprägt. Die Bücher der Geschichte, der
Politik und Oekonomie sind mit „Respekt vor dem Gesetze" voll­
gestopft. Selbst die Naturwissenschaft wird tributpflichtig gemacht,
indem man eine der Theologie und dem Autoritärismus entnom­
mene falsche Sprache einführt und so in raffinierter Weise unseren
Verstand verwirrt, immer zu dem Zwecke, den Respekt vor den Ge­
setzen in uns zu erhalten. Dasselbe geschieht durch die Zeitungen.
Es gibt kaum einen Artikel, in dem nicht der Respekt vor dem Ge­
setze propagiert wird, wenn auch auf der 2. oder 3. Seite die Blöd­
sinnigkeit der Gesetze konstatiert und gezeigt wird, wie die Ge­
setze von denen in alle Gossen und Kloaken gezerrt werden, welche
die Aufgabe haben, sie aufrecht zu erhalten. Die Servilität vor dem
Gesetze ist eine Tugend geworden und ich zweifle sehr, ob es einen
einzigen Revolutionär gibt, der in seiner Jugend nicht damit an­
gefangen hätte, der Verteidiger der Gesetze gegen deren soge­
nannten „Mißbrauch" zu sein; den Mißbrauch, welcher eine un­
vermeidliche Folge der Gesetze selber ist.
Die Kunst stimmt in den Chor der sogenannten Wissenschaft
ein. Die Heroen der Skulptur, der Malerei und Musik decken das
„Gesetz" mit ihrem Schilde; mit flammenden Augen, aufgeblasenen
Nüstern stehen sie bereit, jeden mit ihrer Lanze zu durchbohren,
der es wagt, daran zu rühren. Man baut ihm Tempel, ernennt
ihm Hohepriester, an die selbst Revolutionäre nicht zu rühren
wagen. Und wenn die Revolution einmal alle diese Institutionen
hinwegfegt, geschieht es wiederum mittels eines Gesetzes, durch
das man dieses Werk zu weihen sucht.
Die wirre Masse von Bewegungsvorschriften, welche uns die
Sklaverei, die Leibeigenschaft, die Hörigkeit, Feudalismus und
Königtum hinterlassen hat, „Gesetze" genannt, vertrat den
mythischen Opferstein, vor den man die menschlichen Opfer brachte
und den der geknechtete Mensch nicht zu berühren wagte aus
Furcht, von den Blitzen des Himmels zerschmettert zu werden.

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Besonders seit der Erhebung der Bourgeoisie zur Herrschaft
— seit der großen französischen Revoiution — wurde dieser Kul­
tus am meisten eingeführt. Unter der aiten Herrschaft sprach man
wenig von Gesetzen, wenn nicht mit Montesquieu, Rousseau, Vol­
taire, indem man sie den königlichen Launen entgegensetzte; man
war, bei Strafe gehängt oder in den Kerker geschleppt zu werden,
gehalten, die Launen des Königs und seiner Lakaien zu befolgen.
Aber während und nach der Revolution taten die an die Macht
gelangten Advokaten ihr Möglichstes, um dieses Prinzip der Ge­
setzlichkeit zu befestigen und ihre Herrschaft darauf zu errichten.
Die Bourgeoisie acceptierte dasselbe als Wappen, als einen Ret­
tungsanker, als einen Schild gegen den Stier — Volk. Die Piaffen
beeilten sich, dasselbe heilig zu sprechen, um ihre gebrechliche
Barke zu retten, welche auf den Sturmeswogen zu zerschellen
drohte. Das Volk schließlich acceptierte dasselbe gleichfalls als
einen Fortschritt gegenüber der Willkür und Gewaltherrschaft der
Vergangenheit.
Man muß sich in den Geist des 18. Jahrhunderts versetzen,
um dies zu verstehen. Das Herz muß einem geblutet haben bei
der Erzählung über die Grausamkeiten, welche die allmächtige
Aristokratie und Klerisei an den Männern und Frauen zu jener Zeit
ausübten, um den Zauber zu verstehen, welchen die Verkündung:
„Gleichheit vor dem Gesetz! Gehorsam vor dem Gesetz ohne Unter­
schied von Geburt oder Besitz!" auf das Volk, auf den Armen her­
vorzubringen vermochte. Ihn, den man bis dahin brutaler be­
handelte als das Vieh, ihn, der niemals ein Recht hatte, der niemals
Recht fand gegen die empörendsten Akte des Adels, ausgenommen,
er rächte sich durch Tötung seiner Peiniger und ließ sich selbst
hängen; er sah sich durch diese Maximen in seinen persönlichen
Rechten — wenigstens in der Theorie — als Gleicher mit dem
Seigneur anerkannt. — Welcher Art das Gesetz auch immer sein
mochte, es versprach „Herren" und „Knechte" gleich zu machen,
es proklamierte die Gleichheit vor den Richtern, ob reich, ob arm.
Heute wissen wir, daß dieses Versprechen eine Lüge war; aber in
jener Epoche war es ein Fortschritt, ein Tribut an die Wahrheit.
Deshalb stürzten sich die Retter der bedrohten Bourgeoisie, die
Robespierres, die Dantons, auf die philosophischen Schriften von
Rousseau und Voltaire und proklamierten „den Respekt vor dem

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Gesetz, wetches für Alle gleich ist". Das Volk, dessen revolutionäre
Spannkraft angesichts der immer mächtiger organisierten Bour­
geoisie mehr und mehr erschlaffte, begnügte sich mit diesem Kom­
promiß. Es beugte den Nacken unter das Joch des Gesetzes, um
Rieh aus der Gewaltherrschaft des Adels und der Pfaffen zu retten.
Seitdem hat die Bourgeoisie nicht aufgehört, diese Maximen
auszubeüten, welche mit dem Prinzip der Repräsentativ-Regierung
die ganze Philosophie des Bourgeois-Jahrhunderts resümieren. Sie
lehrt sie in der Schule, sie bildet ihre Wissenschaft und Kunst nach
denselben, sie schiebt sie überall ein, wie die fromme Engländerin
unter alle Türen und Fensterläden ihre Traktätchen schiebt. Und
sie hat so gut gearbeitet, daß wir heute die ekelhafte Erscheinung
sehen, wie selbst am Morgen des Erwachens des Widerstands­
geistes die Menschen, welche frei sein wollen, damit beginnen: daß
sie ihre Herrscher um Schutz gegen Gesetze bitten, welche die­
selben Herrscher gemacht und eingeführt haben.
Die Zeiten und Geister haben sich dennoch seit einem Jahr­
hundert verändert. Ueberall findet man Rebellen, welche den Ge­
setzen nicht mehr gehorchen wollen ohne zu wissen, woher sie
stammen, welches ihr Nutzen ist, woher die Verpflichtung, ihnen
zu gehorchen- und der sie umgebende Respekt stammen. Die
nahende Revolution ist dadurch eine „Revolution" und kein ge­
wöhnlicher Aufruhr, weil die heutigen Rebellen die gesamten
Grundlagen der bestehenden Gesellschaft unter ihre Kritik nehmen,
besonders aber den modernen Fetisch Gesetz. Sie analysieren seinen
Ursprung und finden — entweder einen Gott, die Folge der Furcht
des Wilden, stupid, falsch, niederträchtig wie die Pfaffen, welche
ihren Ursprung aus dem Uebematürlichen ableiten; oder Blut,
Unterwerfung durch Feuer und Schwert. Sie studieren seinen Cha­
rakter und finden — als besonderes Merkmal: Unbeweglichkeit.
Sie fragen wie sich das Gesetz erhält — und sie sehen die Scheuß­
lichkeiten des Byzantinismus und die Bestialitäten der Inquisition,
die Torturen des Mittelalters; die durch Peitschenhiebe zerfetzte
Menschenhaut, die Ketten, Feuerzangen und Henkerbeile im Dienste
des Gesetzes; die finsteren unterirdischen Kerker, die Schmerzen,
Tränen und Verwünschungen der Gemarterten — und heute — ?
Immer noch das Henkerbeil, der Galgen, die Gewehre, die Gefäng­
nisse. Auf der einen Seite die Vertierung der Gefangenen, herab-

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gewürdigt zu wiiden Tieren im Käfig, ihr moralisches Gefühl er­
stickt; auf der anderen Seite die Richter, aller Gefühle, welche
dem Menschen seine humane Würde geben, entblößt, wie Geister­
seher in einer Welt juristischer Hirngespinste lebend, mit Befriedi­
gung die trockene oder blutige Guillotine anwendend! Thoren, die
mit ihrer gefühllosen Schändlichkeit kaum den Abgrund der Ent­
würdigung ahnen, in den sie ihren Opfern gegenüber gefallen sind.
Dann sehen wir eine Klasse von Gesetzemachern, die Gesetze
machen, ohne zu wissen über was; heute stimmen sie über die
Reinigung einer Stadt, ohne die geringste Kenntnis von Hygiene
zu besitzen, morgen über Truppenbewaffnung, ohne auch nur ein
Gewehr zu kennen; sie machen Gesetze über Volksunterricht und
Lehrmethoden, ohne je imstande zu sein, ihren eigenen Kindern
eine vernünftige Erziehung zu geben oder irgend einen Unter­
richt zu erteilen; sie machen Gesetze jeder Art, aber nie vergessen
sie die Strafen, welche die Zerlumpten zu zahlen haben, oder die
Kerker und Galeeren für diejenigen, welche tausendmal weniger
unmoralisch oder Verbrecher sind als sie selbst — die Gesetze­
macher. Wir sehen schließlich den Gefängnisbüttel, welcher alle
menschlichen Gefühle verloren, Gensdarmen zu Bluthunden dresr
siert, den Angeber und die Spitzel, welche nur sich selbst gefallen,
die Gemeinheit zur Tugend und die Korruption zum System er­
hoben; alle Laster, alle schlechten Seiten der menschlichen Natur
begünstigt, gepflegt und belohnt, Alles für den Triumph des
Gesetzes.
Wir sehen dies, weshalb wir auch, anstatt kindisch die alte
Formel „Respekt vor dem Gesetze!" zu rufen, laut in die Welt hin­
aus den Ruf ertönen lassen: „Verachtung dem Gesetze und Allem,
was drum und dran hängt!" An Stelle der feigen Losung: „Re­
spekt vor dem Gesetze!" rufen wir: „Rebellion gegen jedes Gesetz!"
— Man möge die begangenen Schändlichkeiten mit dem Guten,
welches die Gesetze auszuüben vermochten, vergleichen und man
wird sehen, ob wir Recht haben!

II.
Das Gesetz ist ein relativ modernes Produkt; die Menschheit
bestand Jahrhunderte und Aberjahrhunderte ohne geschriebenes
Gesetz, selbst ohne an den Tempeln solche symbolisch in Stein

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graviert zu haben. Die Beziehungen der Menschen untereinander
waren zu jener Zeit nach Gewohnheiten und herkömmüchen Ge­
bräuchen geregelt, welche die dauernde Wiederholung ehrbar
machte und welche jeder in seiner Kindheit annahm, wie er sich
seine Nahrung durch Jagd, Viehzucht oder Landbau zu verschaffen
lernte. Alle menschlichen Gesellschaften haben diese primitiven
Phasen durchgemacht und noch bis heute hat ein großer Teil der
Menschheit kein geschriebenes Gesetz. Die Völkerschaften haben
Sitten, herkömmliche Gebräuche — oder herkömmliches Recht, wie
die Juristen sagen — haben gesellschaftliche Gewohnheiten und
das genügt, um die guten Beziehungen zwischen den Mitgliedern
des Dorfes, des Gaues und der Gemeinde aufrecht zu erhalten. Das
Gleiche gilt bei uns Zivilisierten: es genügt, aus den großen Städten
herauszutreten, um zu sehen, daß die gegenseitigen Beziehungen
nach allgemein angenommenen Gebräuchen geregelt sind und nicht
nach den geschriebenen Gesetzen. Der russische, italienische und
spanische Landmann, selbst ein großer Teil in Frankreich und Eng­
land haben gar keine Idee von den geschriebenen Gesetzen. Die­
selben drängen sich in ihr Leben nur, um ihre Beziehungen zum
Staate zu reglementieren, während ihre Beziehungen unter einander,
die oft sehr kompliziert sind, nach herkömmlichen Gebräuchen ge­
regelt werden; früher war dies eben bei allen Menschen der Fall.
Untersucht man die herkömmlichen Gebräuche der primitiven
Völker etwas genauer, so machen sich zwei distinktive Strömungen
bemerkbar. — Weil der Mensch nicht allein lebte, entwickelten sich
in ihm Gefühle und nützliche Gewohnheiten, die Gesellschaft zu er­
halten und seine Rasse zu vermehren. Ohne gesellschaftliche Ge­
fühle, ohne solidarische Betätigung wäre das gemeinschaftliche Zu­
sammenleben absolut unmöglich gewesen. Diese Gefühle sind nicht
aus den Gesetzen entstanden, sondern allen Gesetzen vorange­
gangen; noch weniger aus den Religionen, welche sie ausschließt,
sie sind auch allen Religionen vorausgegangen; sie finden sich bei
allen Tieren, welche in Gesellschaft leben; sie entwickeln sich von
selbst durch die Macht der Dinge, gerade wie die Gewohnheiten,
welche die Menschen als die Instinkte der Tiere zu bezeichnen
pflegen; sie entspringen einer nützlichen Fortentwickelung, not­
wendig selbst, um die Gesellschaft in ihrem Kampfe ums Dasein
zusammen zu halten, dem sie unterworfen ist. Die Wilden hören

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auf, sich gegenseitig aufzufressen, weil sie es vorteilhafter finden,
sich irgend einer Kultur hinzugeben, anstatt sich jährlich einmal
das Vergnügen des Fleischgenusses eines ihrer alten Verwandten zu
verschaffen. Im Schoße der Gauverbände, welche vollständig weder
Gesetze noch Oberhäupter kennen und von denen uns schon un­
zählige Reisende die Sitten beschrieben haben, hören die Ange­
hörigen eines Glans auf, sich bei jedem Streite mit Messern zu be­
arbeiten, weil die Gewohnheit, in Gesellschaft zu leben, schließlich
ein ganz bestimmtes Gefühl der Brüderlichkeit und Solidarität ent­
wickelt; sie wenden sich lieber an einen Dritten, um ihre Streitig­
keiten zu schlichten. Die Gastfreundschaft primitiver Völker, der
Respekt des Lebens eines Menschen, die Gefühle der Gegenseitig­
keit, die Nachsicht für die Schwachen, die Tapferkeit bis zur Selbst­
aufopferung für Andere, welche man zuerst für Kinder und Freunde
auszuüben lernte, später für die Angehörigen einer Gemeinde oder
eines Stammes — alle diese Eigenschaften entwickelten sich im
Menschen lange vor den Gesetzen, unabhängig von irgend einer
Religion wie bei allen Gesellschaftstieren; diese Gefühle und Be­
tätigungen sind die unausbleibliche Folge des gesellschaftlichen Zu­
sammenlebens, ohne eine besondere Eigentümlichkeit des Menschen
zu sein, wie die Pfaffen und die Schöpfungsapostel behaupten.
Aber neben diesen für das gesellschaftliche Leben und
die Erhaltung des Menschengeschlechtes notwendigen Gewohn­
heiten und Sitten entstehen in den Vereinigungen der Menschen
auch noch andere Wünsche, andere Leidenschaften und in deren
Folge andere Sitten und Gewohnheiten: der Wunsch, über Andere
zu herrschen, ihnen seinen Willen aufzudrän'gen; der Wunsch, sich
der Arbeitsfrüchte eines benachbarten Gaues zu bemächtigen, um
sich schließlich mit allen Genüssen zu umgeben ohne selbst zu
arbeiten, während die Sklaven das Notwendige erzeugen und ihren
Herren alle Annehmlichkeiten und Vergnügen verschaffen. — Alle
diese persönlichen selbstsüchtigen Wünsche erzeugen eine andere
Strömung von Gebräuchen und Gewohnheiten; einerseits sind es
die Charlatane, die Pfaffen, welche, nachdem sie sich selbst von der
Teufelsfurcht befreit, den Aberglauben Anderer ausbeuten und diese
Furcht zu verbreiten suchen; und andererseits die Krieger, welche
großprahlerisch ihre Stammes- oder Gemeindegenossen zum Ueber-
fall und zur Plünderung friedlicher und schwächerer Nachbarn

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aneifem, um mit Beute beladen und von Sklaven gefolgt zurückzu­
kehren. Beide vermochten Hand in Hand den primitiven Gesell­
schaften Sitten und Gewohnheiten aufzudrängen, welche ihnen von
Vorteil waren, und sie bestrebten sich, diese ihre Herrschaft zu ver­
ewigen. Die Gleichgültigkeit, Furcht und Vertrauensduselei der
Menge ausnützend und dank einer fortgesetzten Wiederholung der­
selben Akte gelang es schließlich, diese Gebräuche und Sitten
dauernd zu begründen, was dann die beste Stütze ihrer Herrschaft
bildete. Zu diesem Zwecke beuteten sie vorerst den Hang der Ge­
wohnheit aus, welcher so stark beim Menschen entwickelt ist und
bei Kindern einen so auffälligen Grad erreicht wie bei wilden Völ­
kern und Tieren. Besonders hat der abergläubische Mensch immer
Furcht, etwas Bestehendes zu verändern, und verehrt allgemein,
was alt ist. „Unsere Väter haben es so gemacht und sind damit
ausgekommen, wir haben euch ebenso erzogen und waren nicht
unglücklich dabei, also tut ein Gleiches!", sagen die Alten zu den
jungen Leuten, so oft diese etwas verändern wollen. Das Unbe­
kannte setzt sie in Schrecken; sie ziehen vor, sich an die Vergangen­
heit zu klammern, wenn auch diese Vergangenheit Elend, Unter­
drückung und Knechtschaft war. Man kann sagen: je unglücklicher
der Mensch ist, desto größer ist seine Furcht, etwas zu ändern
aus Angst, er könne noch unglücklicher werden. Ein Hoffnungs­
strahl, eine Spanne Wohlsein müssen seine Hütte erwärmen, damit
er anfängt, es besser haben zu wollen, seine alten Lebensgewohn­
heiten zu kritisieren und dieselben zu verändern. Solange dieser
Hoffnungsstrahl nicht bei ihm eingedrungen, solange er nicht von
der Vormundschaft frei ist, welche seinen Aberglauben und seine
Furcht vor dem Neuen ausnützt, solange zieht er vor, in seiner
Lage zu bleiben. — Wollen die Jungen etwas ändern, so stoßen
die Alten einen Lärmruf aus. Ein Wilder läßt sich eher töten,
ehe er die herkömmlichen Sitten seines Stammes verändern hilft;
denn von frühester Jugend wurde ihm eingeprägt, daß der geringste
Bruch der bestehenden Gebräuche Unglück für ihn und Unter­
gang des ganzen Stammes zur Folge haben würde. Und sogar
heute noch — wieviele Politiker, Oekonomisten und sogenannte
Revolutionäre handeln nicht unter den gleichen Einflüssen, indem
sie sich krampfhaft an eine verschwindende Vergangenheit klam­
mern?! Bei wievielen besteht nicht ihre größte Sorge im Suchen

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nach schon Dagewesenem?! Wieviele wütende Revolutionäre sind
nichts anderes als ganz gewöhnliche Nachäffer vergangener Revo­
lutionen?!
Dieser Hang zum Gewohnten, welcher seine Quelle im Aber­
glauben, in der Nachlässigkeit und Feigheit hat, bildete zu allen
Zeiten die Macht der Unterdrücker, ln der primitiven menschlichen
Gesellschaft wurde derselbe schlauerweise von Pfaffen und Häupt­
lingen der Krieger ausgebeutet, um die ihnen vorteilhaften Sitten
und Gebräuche zu verewigen. Solange den Häuptlingen die ge­
schickte Ausbeutung dieses konservativen Geistes genügte, um die
individuelle Freiheit zu unterdrücken, solange die Ungleichheiten
zwischen den Menschen in natürlicher Ungleichheit bestanden und
diese noch nicht durch Macht und Reichtumskonzentration verzehn-
und verhundertfacht war, solange bedurfte es nicht der Gesetze und
gewaltigen Gerichtsapparate und der sich fort und fort vermehren­
den Strafen unserer Zeit. Aber sobald sich die Gesellschaft mehr
und mehr in zwei feindliche Klassen zu spalten begann, von denen
die eine ihre Herrschaft über die andere auszuüben und diese sich
dagegen aufzulehnen suchte, begann auch der Kampf. Der Sieger
beeilte sich, diesen seinen Sieg zu einem endgültigen zu machen,
er bestrebte sich, ihn unbestreitbar, ehrbar, heilig zu machen. Das
Gesetz tritt auf den Plan, gesegnet von den Pfaffen, die Kriegs­
horden in seinem Dienste. Es trachtet, alle der herrschenden Mino­
rität vorteilhaften Gebräuche zu verewigen, und die Autorität Mili­
tär übernimmt es, dem Gesetze Gehorsam zu verschaffen. Der
Krieger findet in dieser neuen Funktion gleichzeitig ein neues Mittel,
seine Macht zu befestigen; denn er stützt sich nun nicht mehr allein
auf die rohe Gewalt, er ist ja der Beschützer des Gesetzes gewor­
den! Allein, würde das Gesetz eine Sammlung von nur dem herr­
schenden Teile vorteilhaften Sitten und Gewohnheiten sein, so würde
es von der Menge schwerlich anerkannt und befolgt werden; darum
haben die Gesetzemacher schlauerweise beide oben erwähnten Strö­
mungen vermischt: die Maximen der Moral und Solidaritätsgrund­
sätze, welche sich aus dem gemeinsamen Zusammenleben entwickelt
haben; und die Vorschriften zur Verewigung der Ungleichheit.
In raffinierter Weise sind die für das gesellschaftliche Zusammen­
leben absolut notwendigen Gebräuche mit den von der herrschen­
den Klasse aufgezwungenen Gebräuchen vermischt und für beide

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wird von der Masse der gleiche Respekt verlangt. Da heißt es im
Gesetzbuche: du sollst nicht töten!, aber schnell wird das: gib dem
Kaiser, was des Kaisers ist! hinzugefügt. Du sollst nicht stehlen,
heißt es weiter, daneben aber steht, daß der, welcher dem Staate
die Steuern zu zahlen sich weigert, gerädert, gehängt, geköpft etc.
wird.
Das ist das Gesetz! Diesen Doppelcharakter hat es bis zum
heutigen Tage bewahrt. Sein Ursprung war der Wunsch der
Herrscher, die ihnen vorteilhaften Sitten zu verewigen. Sein Cha­
rakter ist die schlaue Vermischung von der Gesellschaft nützlichen
Gebräuchen — welche aber nicht „Gesetz" zu sein brauchen, um
respektiert zu werden — mit anderen Gebräuchen, welche nur den
Beherrschern von Nutzen, der Masse jedoch verderblich sind und
nur durch die Furcht vor der Gewalt aufrecht erhalten werden.
Ebenso wenig wie das Privateigentum, welches gegründet
mittels Gewalt und Betrug und entwickelt unter dem Schutze der
Autorität, hat das Gesetz irgend einen Anspruch auf menschlichen
Respekt. Entsprungen aus Gewalt und Aberglauben, eingeführt im
.Interesse von Pfaffen, Räubern und Ausbeutern, verdient es auch,
an dem Tage, an dem das Volk seine Ketten zerbricht, vollständig
vernichtet zu werden.

III.

Wir haben gesehen, wie das Gesetz aus bestehenden Sitten und
Gewohnheiten entsprang und wie dasselbe von allem Anfang an
eine geschickte Mischung der Gesellschaft notwendiger und nütz­
licher mit den der Masse schädlichen und verderblichen Sitten und
Gewohnheiten war. Dieser Doppelcharakter entschied auch über
die weitere Entwickelung des Gesetzes bei den immer mehr ver-
polizeilichten Völkern. Während sich der im Gesetze enthaltene
Kern gesellschaftlich nützlicher Gebräuche im Laufe von Jahrhun­
derten nur sehr wenig veränderte, entwickelte sich der andere Teil
des Gesetzes zum Vorteil der herrschenden und zum Verderben
der beherrschten Klasse mit Riesenschritten. Nur mit schwerer
Mühe gelang es, den herrschenden Klassen von Zeit zu Zeit ein
Gesetz zu entreißen, welches für die Enterbten einen gewissen
Schutz darstellt oder auch nur darzustellen scheint. Aber ein solches
Gesetz beschränkt nur ein zum Vorteil der Unterdrückerklasse

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schon früher gemachtes Gesetz. — „Die besten Gesetze", sagt
Buckle, „waren jene, welche die vorhergehenden beschränkten."
Allein, welcher furchtbaren Anstrengungen hat es bedurft, welche
Ströme Blut mußten fließen, sobald es sich um die Beschränkung
von Institutionen handelte, welche die Völker in Fesseln hielten.
Um die letzten Reste der Feudalherrschaft und Leibeigenschaft
zu beseitigen, um die Macht der königlichen Kamarilla zu brechen,
brauchte Frankreich vier Jahre Revolution und zwanzig Jahre
Kriege. Um eines der geringsten der scheußlichsten Gesetze,
welche uns die Vergangenheit überliefert hat, zu beseitigen, be­
darf es jahrzehntelanger Kämpfe; und größtenteils werden die­
selben erst während revolutionärer Perioden erledigt.
Unzählige Male haben die Sozialisten den Ursprung des Kapi­
tals nachgewiesen. Sie haben gezeigt, wie dasselbe durch Krieg und
Beute, durch Sklaverei und Leibeigenschaft, durch Betrug und die
moderne Ausbeutung entstand. Sie haben nachgewiesen, wie es
durch Arbeiterblut genährt nach und nach die ganze Wtelt eroberte.
Ein Gleiches haben sie noch über Ursprung und Entwickelung
des Gesetzes zu tun. Wie stets der allgemeine Volksgeist den
Stubengelehrten vorangeht, macht er sich auch jetzt schon über
diese Entwickelungsgeschichte seine Philosophie, indem er die
wesentlichsten Merkzeichen pflanzt.
Gemacht zum Schutze der Raubbeute, des Betruges und der
Ausbeutung hat das Gesetz dieselben Phasen durchlaufen wie das
Kapital. Zwillingsgeschwister gingen sie Hand in Hand, sich von
den Leiden und dem Elend der Menschheit ernährend. Ihre Ge­
schichte ist fast in allen Ländern Europas die gleiche. Man werfe
nur einen Blick auf die Entwickelungsgeschichte der Gesetze in
Deutschland oder Frankreich und man kennt die wesentlichsten
Entwicklungsphasen der Gesetze aller Nationen Europas.
In seiner Entstehung war das Gesetz ein nationaler Pakt oder
Vertrag. Die Legionen und Völker gaben dem Vertrage ihre
Zustimmung in den Marsfeldem. Die Maiweisen der alten
Schweizergemeinden sind heute noch trotz aller Veränderungen,
welche sie durch Verschmelzung der Bourgeoiszivilisation und
Zentralisation erlitten haben, Erinnerungen jener Epoche. Aller­
dings war dieser Vertrag auch nicht immer freiwillig angenommen;
die Reichen und Mächtigen zwangen dem Volke schon zu jener

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Zeit ihren Willen auf; aber zum wenigsten begegneten sie bei ihren
gewaltsamen Ueberfallen einem Hindernis in den Volksmassen,
welche sie auch oft genug ihre Kraft fühlen ließen.
ln demselben Maße, als es einerseits den Kirchen, andererseits
den Feudalherren gelang, das Volk zu verknechten, entschwand
auch das Recht der Gesetzgebung aus den Händen des Volkes, um
auf die privilegierten Stände überzugehen. Die Kirche erweiterte
ihre Macht; von ihren angesammelten Reichtümern unterstützt,
mischte sie sich mehr und mehr in das Privatleben, um unter der
Vorspiegelung der Seelenrettung sich der Arbeitsfrüchte der Leib­
eigenen zu bemächtigen. Uebrigens erhob sie ihre Steuern von
allen Klassen, erweiterte ihre Gerichtsbarkeit, vermehrte die Delikte
und Strafen und bereicherte sich so, da alle Strafgelder in ihre
Kassen flössen, im gleichen Verhältnis, als die begangenen Ver­
gehen Zunahmen. Die Gesetzgeber haben keine Rücksicht auf die
nationalen Interessen mehr, „man möchte dieselben eher einem
fanatischen Kirchenkonzile entstammend halten", wie ein bekannter
Geschichtsschreiber des französischen Rechtes schrieb.
Gleichzeitig wie seinerseits der Feudalherr seine Macht über
die Landarbeiter und Handwerker der Städte ausdehnt, wird er
Richter und Gesetzgeber zugleich. Wenn es aus dem zehnten Jahr­
hundert noch Spuren öffentlicher Rechte gibt, so bestehen dieselben
in Verpflichtungen, Arbeitsleistungen und Abgaben der Leibeigenen
und Hörigen an ihre Herren. Die Gesetzgeber jener Zeit waren
eine Flandvoll Räuber, die sich vermehrten und organisierten, um
ein Volk zu berauben, das immer friedlicher gesinnt wurde, je mehr
es sich dem Landbau widmete. Sie beuteten die im Volke lebenden
Rechtsgefühle zu ihrem Vorteile aus, warfen sich zum Rechtsvoll­
zieher auf, machten sich selbst aus den Grundsätzen der Gerechtig­
keit eine Einnahmequelle und formulierten die Gesetze so, um ihre
Herrschaft aufrecht zu erhalten.
Später dienten diese Gesetze, gesammelt und klassifiziert, den
Gesetzgebern als Grundlage unserer modernen Gesetzbücher. Und
da spricht man noch von Respektierung der Gesetze! — Die Erb­
schaft von Junkern und Pfaffen!
Der ersten Revolution — der Revolution der Kommunen —
gelang es zum Teil, diese Gesetze abzuschaffen; denn die Charten
der freien Kommunen sind zum größten Teil nur Kompromisse

13
zwischen der Feudaiherrhchkeit, bischöflicher Gesetzgebung und
den neuen Beziehungen, weiche sich im Schoße der Gemeinden
gebildet hatten. Und doch weicher Unterschied zwischen diesen
und den heutigen Gesetzen! - Die Kommune erlaubte sich nicht,
die Bürger aus politischen Staatsgründen einzusperren oder hinzu­
richten; sie begnügte sich damit, diejenigen auszuweisen und deren
Häuser niederzureißen, welche mit den Feinden der Kommune
konspirierten. Bei dem größten Teile der sogenannten „Delikte und
Verbrechen" begnügte sie sich mit Geldstrafen. Man fand selbst
im zwölften Jahrhundert in den Kommunen diese — heute ver­
gessenen — Grundsätze so gerecht, daß die ganze Gemeinde die
Verantwortung für die Missetat eines ihrer Mitglieder übernahm.
Daher betrachtete die Gesellschaft ein „Verbrechen" vielmehr als
ein Unglück oder einen Unfall — was heute noch die Meinung des
russischen Bauern ist — und ging von dem Grundsätze aus, daß
die Schuld jeder Missetat auf die Gesellschaft selbst zurückfällt; ent­
gegen dem in der Bibel gepredigten Prinzip der persönlichen Rache.
Es bedurfte des ganzen Einflusses der byzantinischen Kirche, welche
die raffinierte Grausamkeit orientalischer Despoten in den Abend­
ländern einführte, um in die Sitten der Gallier und Germanen die
Todesstrafe sowie die schrecklichen Strafen, welche später für die
sogenannten „Verbrechen" angewandt wurden, einzuführen; eben­
so bedurfte es des ganzen Einflusses des römischen Zivilrechtes —
ein Fäulnisprodukt des römischen Kaiserreiches — um die Be­
griffe des unbegrenzten Grund- und Bodeneigentums einzuführen,
welche die kommunistischen Gewohnheiten und Einrichtungen der
primitiven Völker verdrängten.
Bekanntlich konnten sich die freien Kommunen nicht halten,
sie wurden Opfer des Königtums. Im gleichen Verhältnis wie das
Königtum an neuer Kraft gewann, fiel das Recht der Gesetzgebung
in die Hände einer Koterie von Höflingen. Ein Appell an die Nation
wird nur noch gemacht, um die vom Könige geforderten Steuern zu
sanktionieren. Parlamente, im Laufe von zwei Jahrhunderten kaum
zweimal einberufen, je nach Laune oder Kaprice des Hofes; außer­
ordentliche Rats- und Adelsversammlungen, wo die Klagen der
„Untertanen" von den Ministern kaum angehört wurden: das war
die Gesetzgebung der damaligen Zeit. Später, als alle Macht sich
in einer einzelnen Person konzentriert: „der Staat bin ich", wurden

14
in den „geheimen Räten" der Fürsten, je nach den Einfäüen eines
Ministers oder der Laune eines blödsinnigen Königs, die Edikte
fabriziert, weiche von den „Untertanen" unter Todesstrafe befoigt
werden mußten. Jeder gerichtliche Schutz ist vernichtet; die Nation
dem Könige und einer Handvoll Höflinge leibeigen; die furcht­
barsten Strafen wie Rad, Scheiterhaufen, Vierteilen, Torturen aller
Art — die Produkte kranker Mönchsphantasien und Tollhäusler,
welche sich an den Schmerzen Anderer weideten — das waren die
in jener Epoche zu Tage tretenden Fortschritte.
Der großen französischen Revolution gebührt die Ehre, die
Zerstörung dieses ungeheuerlichen Gesetzgerüstes begonnen zu
haben, welches das absolute Königtum und die Leibeigenschaft
hinterließen. Allein, nachdem die Revolution einige Teile des alten
Baues abgerissen, übergab sie die Macht der Gesetzgebung der
Bourgeoisie, welche ihrerseits sofort wieder einen neuen Bau von
Gesetzen zu errichten begann, um ihre Herrschaft über die Masse
zu befestigen und zu verewigen. Sie macht in ihren Parlamenten
ins Unabsehbare Gesetze auf Gesetze und die Papierwische sam­
meln sich mit schrecklicher Rapidität zu ganzen Bergen. Aber was
sind im Grunde alle diese Gesetze?
Der größte Teil davon hat nur den Zweck, das Privateigen­
tum zu schützen, das heißt: den aus der Ausbeutung des Menschen
durch den Menschen angeeigneten Reichtümem, dem Kapital, neue
Ausbeutungsgebiete zu eröffnen; die Sanktionierung der neuen For­
men, welche die Ausbeutung im gleichen Verhältnis annimmt, wie
sich das Kapital neuer Zweige des sozialen Lebens bemächtigt, wie
Eisenbahnen, Telegraphen, elektrisches Licht, chemische Produkte,
des Gedankenaustausches, der Presse, der Wissenschaft usw. Der
Rest der Gesetze hat im Grunde genommen den gleichen Zweck,
d. h. die Erhaltung der Regierungsmaschine,, welche dem Kapital
zur Aneignung der produzierten Reichtümer dient; Gerichte, Poli­
zei, Armee, öffentlicher Unterricht, Finanzen: alles steht im Dienste
der Gottheit Kapital! Alles hat nur den einen Zweck: den Kapi­
talisten die Ausbeutung des Arbeiters zu ermöglichen und zu er­
leichtern. Man analysiere alle seit fünfundachtzig Jahren fabri­
zierten Gesetze, und man wird nichts anderes finden. Der persön­
liche Schutz, welchen man als den wahren Zweck der Gesetze vor­
zugeben sucht, nimmt einen kaum sichtbaren Raum in den Gesetz-

15
Sammlungen ein, denn die aus Brutalität oder Leidenschaft ge­
machten Angriffe auf die Personen verschwinden in der bestehenden
Gesellschaft immer mehr und mehr. Wenn heute jemand getötet
wird, geschieht es nur um zu plündern, selten aus persönlicher
Rache. Wenn sich diese Art Verbrechen immer mehr verringert,
so haben wir dies nicht der Gesetzgebung zu danken, sondern der
menschlichen Entwickelung innerhalb der Gesellschaft, den mehr und
mehr gesellschaftlichen Gewohnheiten und nicht den gesetzlichen
Verboten. Man beseitige morgen alle zum Schutze der Personen
gemachten Gesetze, man hebe morgen jede Verfolgung wegen Ver­
brechen an der Person auf, und die Zahl der aus Rache oder Bru­
talität ausgeführten Attentate auf Personen wird sich nicht um
einen einzigen Fall vermehren.
Vielleicht will man einwenden, daß seit fünfzig Jahren eine
gute Anzahl freiheitlicher Gesetze gemacht wurden. Nun, man
analysiere dieselben und man wird finden, daß alle diese freiheit­
lichen Gesetze nichts weiter sind, als Aufhebung alter Gesetze,
welche uns die Barbarei vergangener Jahrhunderte hinterlassen.
Alle liberalen Gesetze, alle Programme der Radikalen lassen sich
in die Worte zusammenfassen: Beseitigung der Gesetze, welche der
Bourgeoisie selbst hinderlich geworden, und Rückkehr zu den freien
Kommunen des 12. Jahrhunderts, „auf alle Bürger ausgedehnt".
Die Abschaffung der Todesstrafe, Schwurgerichte für alle Ver­
brechen (im 12. Jahrhundert bestanden dieselben bereits viel libe­
raler als heute), gewählte Richter, das Recht, öffentliche Funktio­
näre in den Anklagezustand zu versetzen, Abschaffung der stehenden
Heere, Versammlungs- und Redefreiheit, freier Unterricht etc. Alles,
was man als Erfindungen des modernen Liberalismus ausgibt, ist
nichts als eine Rückkehr zu den Freiheiten, welche bereits bestan­
den, bevor Kirche und Könige die Menschheit mit ihren Krallen
umklammerten.
Schutz der Ausbeutung — direkt durch die Eigentumsgesetze
und indirekt durch die Erhaltung des Staates — darin bestehen
Materie und Geist unserer heutigen Gesetzbücher und die Befangen­
heit unserer kostspieligen Gesetzgebungsmaschinen. Es ist höchste
Zeit, uns darüber nicht mehr mit Phrasen zu täuschen, sondern
uns klar zu werden, was Gesetze eigentlich sind. Das Gesetz,
welches sich bei seiner Einführung als eine Sammlung gesellschaft-

16
lieh nützlicher Sitten und Gebräuche vorstellte, ist nichts anderes
mehr als ein Instrument, um die Ausbeutung und Herrschaft der
reichen Nichtstuer über die arbeitende Masse aufrecht zu erhalten.
Seine zivilisierende Mission ist heute nichtig; es hat nur noch eine
Mission: die Aufrechterhaltung der Ausbeutung.
Das ist es, was uns die Entwickelungsgeschichte der Gesetze
lehrt. Und da verlangt man noch, wir sollen die Gesetze respek­
tieren? — Gewiß nicht! Nicht mehr als das Kapital, das Produkt
des Raubes. Die erste Aufgabe der Revolutionäre des 19. Jahr­
hunderts wird es sein, mit sämtlichen existierenden geschriebenen
Gesetzen, gleich den Eigentumstiteln, ein Autodafe zu ver­
anstalten.

IV.
Die Millionen Gesetze, welche die Menschheit beherrschen,
lassen sich bei genauerer Analyse in drei Hauptkategorien einteilen:
Schutz des Eigentums, Schutz der Regierungen und Schutz der
Personen. Und das Resultat einer genaueren Untersuchung ist:
Nutzlosigkeit und Schädlichkeit aller Gesetze!
Es ist den Sozialisten nicht unbekannt, was der „Schutz des
Eigentums" bedeutet. Die Eigentumsgesetze sind weder für die
Individuen zum Schutze des Genusses ihrer Arbeitsfrucht noch für
den der Gesellschaft gemacht; sie sind im Gegenteil dafür gemacht,
dem Arbeiter einen Teil seines Arbeitsertrages abzurauben, um
einem anderen Teil die dem Arbeiter oder der ganzen Gesellschaft
gestohlenen Arbeitsfrüchte zu sichern. Erteilt das Gesetz z. B.
einem Herrn So und So das Eigentumsrecht auf ein Haus, so er­
teilt es ihm dieses Recht nicht etwa auf eine Hütte, die er sich selbst
gebaut, auch nicht auf ein Haus, welches er mit Hilfe einer Anzahl
Freunde baute — Niemand würde ihm in diesem Falle das Eigen­
tumsrecht streitig machen —, im Gegenteil erteilt ihm das Gesetz
dieses Recht auf ein Haus, welches nicht das Produkt seiner und
seiner Freunde Arbeit ist; einerseits weil er das Haus von Anderen
bauen ließ, denen er nicht den vollen Ertrag ihrer Arbeit bezahlte,
und andererseits, weil dieses Haus einen sozialen Wert repräsentiert,
welchen er gar nicht selbst hervorzubringen vermochte; das Gesetz
erteilt ihm Rechte auf persönlichen Besitz dessen, was Allen und

17
Niemandem im Besonderen gehört. Dasselbe Haus hat in der Mitte
Sibiriens nicht den gleichen Wert wie in einer großen Stadt; und
sein Wert stammt — wie man weiß — aus der Arbeit von unge­
fähr fünfzig Generationen, welche die Stadt gebaut, verschönert,
mit Wasser und Gas versehen, schöne Promenaden, Universitäten,
Theater, Magazine, nach allen Richtungen Eisenbahnen, Straßen
etc. gebaut haben. Mit der Zuerkennung des Eigentumsrechtes auf
ein Haus in London, Paris oder Wien an einen Herrn So und So
eignet ihm das Gesetz — ungerechterweise — einen Teil der Ar­
beitsfrucht der gesamten Menschheit zu. Aber gerade deshalb, weil
diese Aneignung eine so schreiende Ungerechtigkeit ist (und alle
anderen Eigentumsformen haben denselben Charakter), bedurfte es
eines ganzen Arsenals von Gesetzen, ganzer Armeen von Soldaten,
Polizisten und Richtern, um sie gegen die gesunden Gerechtigkeits­
gefühle der Menschheit aufrecht zu erhalten.
Nun, die Hälfte unserer Gesetze — die bürgerlichen Gesetze
aller Länder — haben keinen anderen Zweck, als das Monopol der
Aneignung zum Vorteile Einzelner gegen die gesamte übrige
Menschheit zu schützen. Dreiviertel aller Gerichtsprozesse sind
nichts als ein Streit der Monopolisten untereinander: ein Streit
zweier Gauner um die Beute. Und ein großer Teil unserer Straf­
gesetze hat den gleichen Zweck: den Arbeiter in Abhängigkeit von
seinem Herrn zu erhalten, um dem Letzteren die Ausbeutung des
Ersteren zu sichern.
Um dem Produzenten die Frucht seiner Arbeit zu sichern, gibt
es kein Gesetz. Das ist so einfach und natürlich, so fest in den
Sitten und Gewohnheiten der Menschen erhalten, daß das Gesetz
gar nicht daran gedacht hat! Die offene Räuberei mit bewaffneter
Faust ist in unserem Jahrhundert außer Mode gekommen; ebenso­
wenig sucht ein Arbeiter dem anderen die Frucht seiner Arbeit
streitig zu machen; finden unter ihnen Streitigkeiten statt, so wer­
den dieselben in der Regel geschlichtet, ohne das Gesetz in An­
spruch zu nehmen, indem sie sich an einen Dritten wenden; und
wenn jemand einen Teil seiner Arbeitsfrucht beansprucht, so ist
es der „Eigentümer", der den Löwenanteil erhebt. Die Menschheit
in ihrer Gesamtheit respektiert überall das Recht auf die Frucht der
Arbeit eines jeden Einzelnen, ohne daß hierfür spezielle Gesetze
gebraucht würden.

18
Alle diese Eigentumsgesetze, weiche zur Freude der Advokaten
dicke Folianten ausfüllen, haben also keinen anderen Zweck, als den
Schutz für die ungerechte Aneignung der Arbeitsprodukte der ge­
samten Menschheit durch einige Monopolisten; somit haben sie
keine Existenzberechtigung; und die revolutionären Sozialisten sind
fest entschlossen, dieselben am Tage der Revolution zu vernichten.
Tatsächlich können wir mit voller Gerechtigkeit mit allen Gesetzen,
welche Bezug auf das Eigentumsrecht haben, allen Rechtstiteln,
allen Archiven, kurz mit Allem, was mit diesem Institute zusammen­
hängt und bald genug in der Geschichte der Menschheit, gleich der
Sklaverei und der Leibeigenschaft, nur noch als Schandflecken be­
trachtet werden wird, ein Autodafe veranstalten.
Dasselbe, was wir in bezug auf die Eigentumsgesetze gesagt,
ist auch auf die zweite Kategorie: die Gesetze zum Schutze der
Regierungen oder sogenannte konstitutionelle Gesetze anwendbar.
Auch hier ist es wieder ein ganzes Arsenal von Gesetzen,
Dekreten, Ordonnanzen, Erlässen usw., welche zum Schutze der
Repräsentativ-Regierung — einerlei ob gewählte oder ursurpierte —
dienen und unter welchen sich die menschliche Gesellschaft windet
Wir wissen ganz gut — die Anarchisten haben es oft bei ihrer un­
ablässigen Kritik aller Regierungsformen nachgewiesen — daß es
die Aufgabe jeder Regierung (ob monarchisch, konstitutionell oder
republikanisch) ist, die Privilegien der besitzenden Klasse, Pfaff,
Adel und Bourgeoisie, mit Gewalt zu verteidigen. Ein gutes Dritte!
unserer „Grundgesetze", Gesetze über Steuern und Abgaben, Or­
ganisation der Ministerien und deren „Verantwortlichkeit", über
Armee, Kirche, Polizei etc. — deren gibt es einige Zehntausende in
jedem Lande — haben keinen anderen Zweck, als die Regierungs­
maschine zu erhalten, aufzuputzen und zu erweitern, welche dafür
die herrschende, besitzende Klasse beschützt. Man analysiere die
Gesetze, beobachte deren Anwendung von Tag zu Tag und man
wird die Wahrnehmung machen, daß auch nicht ein einziges des
Erhaltens wert sei.
Kurz, auch in bezug auf diese Gesetze kann kein Zweifel exi­
stieren. Nicht nur die Sozialisten, sondern ebenso die mehr oder
weniger revolutionär gesinnte Bourgeoisie sind sich darüber einig,
daß der beste Gebrauch von allen, die Regierungsorganisation,

19
betreffenden Gesetzen gemacht würde, wenn damit ein großes
Freudenfeuer angezündet würde.
So verbieibt aiso nur noch die dritte Kategorie der Gesetze,
welche die wichtigste darum ist, weil sich an diese die meisten Vor­
urteile knüpfen: die den Schutz der Personen, die Bestrafung und
Verhütung der „Verbrechen" betreffenden Gesetze. Tatsächlich ist
diese Kategorie die wichtigste von allen; denn die Anerkennung,
welcher sich die Gesetze überhaupt erfreuen, geschieht darum, weil
man diese Sorte Gesetze für die Sicherheit der Individuen in der
Gesellschaft als absolut unentbehrlich hält. Es sind dies jene Ge­
setze, welche sich aus den der Gesellschaft nützlichen Gewohn­
heiten und Gebräuchen entwickelt haben und welche von den Herr­
schenden zur Sanktionierung ihrer Herrschaft ausgebeutet wurden.
Die Autorität der Stammeshäuptlinge, der reichen Familien in einer
Gemeinde und des Königs stützt sich auf die Tätigkeit der Richter,
welche die Gesetze anwenden; und so oft man bis jetzt von der Not­
wendigkeit einer Regierung spricht, ist es ihre oberste Funkbon
als Richter, welche unter dieser Notwendigkeit verstanden wird. —
„Die Menschen würden sich ohne Regierung gegenseitig tot­
schlagen", kannegießert der Spießbürger. „Das Endziel jeder
Regierung ist: jedem Angeklagten zwölf Geschworene zu geben",
sagt Burke.
Allein, trotz aller Vorurteile, welche betreffs dieser Dinge herr­
schen, wird es für uns Anarchisten höchste Zeit, frei und offen zu
erklären, daß auch diese Sorte von Gesetzen ebenso unnütz und
verderblich sind, wie die vorhergehenden! —
Was vor allen Dingen die obenerwähnten „Verbrechen", die
Attentate an Personen, betrifft, so ist allgemein bekannt, daß zwei
Dritte! und oft drei Viertel aller Verbrechen aus der Absicht ent­
springen: sich der Reichtümer eines Anderen zu bemächdgen. Diese
ungeheure Kategorie von Verbrechen und Delikten verschwindet, so­
bald das Privateigentum aufgehört hat zu exisüeren.
„Aber" — wird man uns sagen — „es wird immer rohe
Menschen geben, welche bei dem geringsten Streit mit Messer­
stichen argumentieren, welche die geringste Beleidigung mit einem
Morde rächen, wenn es keine Gesetze gäbe, dies zu verhüten oder
zu bestrafen." Dies ist der ewige Refrain, welchen man uns vor-

20
singt, sobald wir der Gesellschaft das Recht der Bestrafung ab­
sprechen. Doch Eins ist darüber heute schon ganz unzweifelhaft
festgestellt, nämlich daß die Strenge der Strafen die Zahl der „Ver­
brechen" nicht verringert. Hängt oder sperrt die Mörder ein, die
Zahl der Ermordungen verringert sich nicht um eine einzige; und
umgekehrt: Schafft die Todesstrafe ab, und es gibt nicht einen
Mörder mehr! Statistiker wie Gesetzgeber wissen, daß die ver­
ringerte Strenge in den Gesetzbüchern niemals die Attentate auf
das Leben der Bürger vermehrte, ist andererseits die Ernte gut,
das Brot billig, das Wetter schön, sinkt sofort die Zahl der Morde.
Die Statistik hat bewiesen, daß die Zahl der „Verbrechen" je nach
den Lebensmittelpreisen und wenn das Wetter gut oder schlecht
steigt oder fällt. Nicht, daß alle Morde vom Hunger inspiriert
wären: durchaus nicht! Sondern weil, wenn die Lebensmittel­
preise niedrig, das Weiter schön ist, die Menschen fröhlicher sind,
sich weniger elend fühlen als gewöhnlich, sich weniger den düsteren
Leidenschaften hingeben und daher auch weniger geneigt sind,
nichtiger Dinge wegen ihresgleichen ein Messer in den Leib zu
stoßen.
Ferner ist ebenso bekannt, daß die Furcht vor Strafe noch
keinen einzigen Mörder zurückgehalten hätte. Derjenige, der seinen
Nebenmenschen aus Rache oder Misere tötet, überlegt nicht viel die
Folgen; auch dürfte es kaum einen Mörder geben, der nicht von der
Ueberzeugung ausginge, nicht gefangen zu werden. — Uebrigens
möge jeder selbst über diesen Gegenstand nachdenken, möge die
Verbrechen und Strafen, deren Motive und Folgen analysieren, und
wenn man ohne Einfluß einer vorgefaßten Meinung zu denken ver­
mag, so wird man notgedrungen zu folgender Schlußfolgerung
kommen:
Abgesehen von einer Gesellschaft, in der der Mensch eine
bessere Erziehung erhält, in der ihm die Entwickelung aller seiner
Fähigkeiten und die Möglichkeit, dieselben zu verwenden, soviel
Genüsse verschafft, welche er nicht durch einen Mord zu verlieren
riskieren wird — also ohne von der zukünftigen Gesellschaft zu
sprechen, in der heutigen Gesellschaft selbst mit allen ihren trau­
rigen Folgen des Elends, wie wir sie heute in den Pesthöhlen der
größeren Städte sehen, würde sich von dem Tage, an dem alle
Strafen für die Mörder abgeschafft würden, die Zahl der Morde

21
nicht um einen einzigen Fall vermehren; sehr wahrscheinlich ist
sogar, daß sich diese Durchschnittszahl eher noch um alle jene
Fälle verringern würde, welche auf die in den Zuchthäusern ge
züchteten „Rückfälligen" entfallen.
Man erzählt uns immer von den Wohltaten der Gesetze
und der heilbringenden Wirkung der Strafen. Aber hat man je­
mals über die „Wohltaten", welche den Gesetzen und Strafen zu­
geschrieben werden und den erniedrigenden Wirkungen, welche
diese Strafen auf die Menschheit ausüben, eine Balance zu ziehen
versucht? — Man addiere nur einmal alle die schlechten Leiden­
schaften, welche unter den Zuschauern durch die Strafen auf
offenem Markte erweckt wurden. Wer hat die grausamsten In
stinkte im Menschen gepflegt und entwickelt (Instinkte, welche den
Tieren unbekannt sind und den Menschen zur grausamsten Bestie
machen), wenn es nicht die Könige, Richter und Pfaffen waren,
welche bewaffnet mit dem „Gesetz" den Menschen die Haut in
Fetzen vom lebendigen Leibe rissen, brennendes Harz in Wunden
gossen, Glieder ausbrachen, die Knochen zerschmetterten, die
Menschen vierteilten etc. etc., um die Autorität aufrecht zu er­
halten?! — Man betrachte die Flut menschlicher Verderbtheit,
welche unter dem Vorwände, zur Entdeckung von Verbrechern be­
hilflich zu sein, durch die Angeberei in die menschliche Gesellschaft
eingeführt wurde, beschirmt von den Richtern und bezahlt mit den
klingenden Silberlingen der Regierungen! Man gehe in die Gefäng­
nisse und studiere, was aus den Menschen gemacht wird, denen
alle Freiheit entzogen ist, eingesperrt mit schon Verdorbenen, die
sich gegenseitig mit allen Lastern anstecken, wie sie heute durch
alle Mauern unserer Gefängnisse durchsickern; und, man erinnere
sich nur, daß, je mehr daran reformiert, desto verwerflicher sie
werden. Unsere modernen Muster-Strafanstalten sind tausendmal
korrumpierender, als die mittelalterlichen Turmverließe. Schließlich
erwäge man, welche geistige Verkommenheit und Korruption durch
die Idee des Gehorsams (Wesen des Gesetzes), der Züchtigung
der Autorität mit dem „Recht" zu strafen, ohne alles Gewissen zu
richten, durch die autoritäre Betätigung als Henker, Büttel und
Denunziant — kurz durch den ganzen kolossalen Apparat der Ge­
setze und Autorität in die Menschheit gebracht wurde! — Wer
alles dies in Erwägung zieht, wird gewiß mit uns übereinstimmen,
daß Gesetz und Strafe Gräuel sind, welche beseitigt werden müssen.
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Uebrigens haben solche Völker, welche weniger verbüttelt und
daher auch weniger durch autoritäre Vorurteile verdorben sind als
wir, sehr richtig erkannt, daß die sogenannten „Verbrecher" ein­
fach Unglückliche sind, daß es nicht gilt, dieselben zu peitschen,
in Ketten zu schmieden, auf den Schaffotten und in den Gefäng­
nissen zu töten, sondern daß dieselben durch brüderliche Pflege,
gleichheitliche Behandlung und einen lebendigen Verkehr mit recht-
schaSenen Leuten gebessert werden sollten. Und wir hoffen, die
nächste Revolution läßt den Ruf ertönen:
„Ins Feuer mit allen Schaffotten! Nieder mit allen Gefäng­
nissen, Richtern, Polizisten und Angebern, — das ekelhafteste Ge­
würm, welches die Erde je getragen — wir wollen Jene in brüder­
licher Liebe behandeln, welche durch böse Leidenschaften ihren
Nächsten Leides getan; vor allen Dingen aber wollen wir den
großen Verbrechern, diesen scheußlichen Produkten der Bougeoisie-
schlemmerei, die Gelegenheit nehmen, ihre verderblichen Laster in
einer neuen Form wieder aufzubauen; und wir können überzeugt
sein, daß wir nur sehr wenige „Verbrecher" in unserer Gesellschaft
zu verzeichnen haben werden. Das was das Verbrechen (d. h. den
genießenden Müßiggang) erhält, sind Gesetz und Autorität: das
Gesetz über das Privateigentum, das Gesetz über die Regierungen,
das Gesetz über Delikte und Strafen, und die Autorität, welche diese
Gesetze zu machen und anzuwenden übernimmt.
„Keine Gesetze, keine Richter mehr! Die Freiheit, die Gleich­
heit und Ausübung der Solidarität sind die einzigen wirksamen
Schutzwehren, welche wir den anti-sozialen Instinkten Einzelner
unter uns entgegenstellen können."
Kropotkin.

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