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Technische Universität Dresden

Regionalwissenschaften Lateinamerika / Hispanoamerika oder Brasilien

Urbanisierung in Brasilien
im Kontext der Land-Stadt Migration

Seminararbeit zur Veranstaltung

„Die besondere Rolle Brasiliens in Lateinamerika


in Geschichte und Gegenwart- Wirtschaft, Kultur und Politik“

Abgabetermin:
30.09.2006

Eingereicht von Sebastian Ebert


Matrikel- Nr.: 3040805
Geboren am: 10.07.1981

Betreuer:
Scheila Beatriz da Silva-Hofmann
Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Definition ........................................................................................... 2

2. Migration - Städtesystem - Entwicklung ................................................................. 3

3. Determinanten der Land-Stadt Migration .............................................................. 7

4. Die Ballungsräume...................................................................................................... 10

4.1. São Paulo – die Stadt der sympathischen Aggressivität ............................. 10

4.2. Rio de Janeiro- eine Schönheit mit Narben ..................................................... 13

5. Zusammenfassung ......................................................................................................... 15

6. Quellen............................................................................................................................... 16

1
1. Einleitung und Definition zu Urbanisierung und Migration

Die letzten 30 Jahre waren für die strukturelle Entwicklung Brasiliens von entscheidender
Bedeutung. Dem anhaltenden, wirtschaftlich bedingten Trend anderen Länder Latein-
amerikas folgend, entwickelte sich das einstige Agrarland innerhalb dieser kurzen Zeit zu
einer urbanen, industrialisierten Gesellschaft. Im Jahr 2003 lebten 83,3%1 Prozent der
brasilianischen Bevölkerung in Städten, die mehr und mehr unter den immensen Infra-
strukturproblemen, Unterbeschäftigung und Armut leiden müssen. Dennoch ist es nicht
zuletzt dieser strengen Polarisierung zu verdanken, dass sich Brasilien heute an der
Schwelle zur Industrienation befindet.

Um die Tendenz dieser Abhandlung ausdrücklich zu akzentuieren, soll zunächst einlei-


tend der Begriff der Urbanisierung klar definiert werden

Im Deutschen wird zunächst zwischen räumlicher und gesellschaftlicher Perspektive un-


terschieden. Für erstere findet die Literatur den Begriff Verstädterung, einer „Vermeh-
rung, Ausdehnung oder Vergrößerung von Städten nach Zahl, Fläche oder Einwohnern,
sowohl absolut als auch im Verhältnis zur ländlichen Bevölkerung bzw. zu den nicht-
städtischen Siedlungen“.2 Die zweite Perspektive definiert den Begriff Urbanisierung
lediglich im gesellschaftlichen Kontext, als eine „Ausbreitung und Verstärkung städti-
scher Lebens-, Wirtschafts- und Verhaltensweisen“ definiert.

In der internationalen Nomenklatur werden beide Begriffe vereint verwandt, da die zweite
Definition ohnehin Eigenschaften der Verstädterung einschließt. Somit sollen diese be-
grifflichen Unterschiede auch hier ausgeblendet und unter dem Hauptbegriff Urbanisie-
rung subsumiert werden3.
Die der Definition Urbanisierung innewohnende These des Eigenwachstums von Städten
(natürliches Wachstum) soll eine untergeordnete Rolle spielen.

Ferner ist der Prozess der Urbanisierung eng im Zusammenhang mit dem Terminus der
Migration (Wanderung) zu betrachten, und folglich um dessen Wesen4 zu erweitern.
Gemäß der fachlichen Spezifizierung von Migration nach Steffen Kroehnert 5, soll Urba-
nisierung nachfolgend als Konsequenz der Migration, im Speziellen der so genannten

1
http://de.wikipedia.org/wiki/Brasilien#Demographische_Struktur_und_Entwicklung
2
Jürgen Bähr/ Günter Mertins „Die lateinamerikanische Großstadt“, Seite 6
3
Jürgen Bähr/ Günter Mertins „Die lateinamerikanische Großstadt“, Seite 6
4
Migration: auf Dauer angelegte, bzw. dauerhaft werdende räumliche Veränderung des Lebensmittel-
punktes einer oder mehrerer Personen
5
Vgl. http://www.berlin-institut.org/pages/buehne/buehne_migr_kroehnert_einfuehrung.html
„Migration- eine Einführung” -Typisierungen von Migration

2
Land-Stadt Migration (Landflucht, Binnenwanderung) erörtert werden, da diese Art der
Migration dem Begriffsverständnis der Urbanisierung in Schwellenländern wie Brasilien
am dienlichsten ist.

Auf einer grundsätzlichen sozial-geographischen Bestandsaufnahme aufbauend, möchte


ich mich weiters mit Determinanten für Migration und Urbanisierung, besonders der Rolle
der Industrialisierung beschäftigen, und somit Mechanismen, Wirkweisen und Folgen
dieses Phänomens ergründen. Ferner sollen entsprechend der herausragenden wirt-
schaftlichen und sozialen Bedeutung im Lande, die Städte Rio de Janeiro und São Paulo
im Südosten Brasiliens vorgestellt werden, und das Thema mit existierenden Problemen
zusammengeführt bzw. um weitere Fragestellung ergänzt werden.

2. Migration - Städtesystem - Entwicklung

Die derzeit rund 188 Mio. Einwohner Brasiliens leben auf einer Fläche, die mit ca. 8,5
Mio. km² beinahe so groß ist wie Europa. Im Gegensatz zu spanischen Kolonialstädten,
die aus Gründen der „Zentrumsidentität- und kontinuität“6 oft kontinentale Standorte be-
vorzugten, liegen nahezu alle bedeutenden brasilianischen Gründerstädte entlang der
Atlantikküste. Eine historische Tatsache, deren Ursachen sich hauptsächlich in verkehrs-
und handelsrelevanter Argumentation finden lassen und auch in jüngster Vergangenheit
wieder eine enorm wichtige Rolle für die wirtschaftsräumliche Entwicklung Brasiliens
spielten. Zu dem waren die kolonialen Städte ohnehin nicht als Wirtschafts- und Dienst-
leistungszentren für das agrarische Hinterland ausgelegt, sondern sollten vielmehr als
Kontroll- und Herrschaftsinstitutionen über die indigene Bevölkerung bzw. Verbindungs-
möglichkeiten ins Mutterland fungieren.7

Abb.1 Verändert nach: G. Mertins, in: GR 34, 1982,


Länderbericht Brasilien 1994 und http:/ibge.gov.br

6
Jürgen Bähr/ Günter Mertins „Die lateinamerikanische Großstadt“ S. 10
7
vgl. Diercke Erdkunde 12/13, Braunschweig 2001 Koloniale Raumstruktur

3
Die damit einhergehende Entfremdung zwischen Stadt und Land vertiefte sich über die
Jahrhunderte und begründet die noch heute vorherrschende Rolle der Stadt im gesell-
schaftlichen Bild Brasiliens. Wie in Abb.1 erkennbar nahm der Anteil der Landbevölke-
rung seit 1940 drastisch ab.8 So veränderte sich das Gesellschaftsbild durch die räumli-
che Verlagerung der Bevölkerung von 1945 (60%) bis 1998 (25%) drastisch.

Der steigende Verstädterungsgrad9 in Kombination mit einer hohen Wachstumsge-


schwindigkeit des Anteils der Stadtbevölkerung an der Gesamtbevölkerung10 sind neben
dem Metropolisierungsgrad11 aufschlussreiche und charakteristische Indikatoren zur Be-
urteilung der Urbanisierung in Brasilien, das sich aufgrund der Signifikanz dieser Para-
meter in demographischen Erhebungen zu den meist verstädterten Ländern Lateiname-
rikas entwickelt hat, hinter Chile, Argentinien und Uruguay.
Intensiviert wurde dieser demographische Wandel seit den 60iger Jahren als die fort-
schreitende Industrialisierung insbesondere die Ballungsräumen Südostbrasiliens São
Paulo und Rio de Janeiro in Anziehungspunkte für umfangreiche Binnenwanderung
wandelte. Geographisch wird Brasilien in 5 Hauptregionen (Norden, Nordosten, Südos-
ten, Süden, Mittelwesten) unterteilt, anhand man um die Interdependenzen der Binnen-
wanderungen gut darstellen kann. (Vgl. Abb.2)

Abb.2 Binnenwanderung in Brasilien zwischen 1940 und 1980


verändert nach M. de Amorim de Coelho, Geografia do Brasil, São Paulo, 1987

8
Quelle: Geographische Rundschau, nachfolgend GR abgekürzt.
9
Der relative Anteil der Stadtbevölkerung an der Gesamtbevölkerung entspricht dem „demograph-
ischen Zustand“ vgl. Jürgen Bähr/ Günter Mertins „Die lateinamerikanische Großstadt“ S. 21
10
entspricht dem „demographischen Prozess“
vgl. Jürgen Bähr/ Günter Mertins „Die lateinamerikanische Großstadt“ S. 21
11
Anteil der Metropolen an der Gesamtzahl der Städte
Metropole: Einwohnerzahl > 500.000 Einwohner

4
In den 70iger Jahren verloren z.B. die nordöstlichen Bundesstaaten ca. 5,6 Mio. Einwoh-
ner an andere Bundesstaaten, während gleichzeitig der Staat São Paulo einen Zuzug
von knapp 4,6 Mio. Binnenmigranten zu verzeichnen hatte. Summiert man die Wande-
rungssalden des Nordostens über den Zeitraum von 1940-1980, so ergibt sich lt. Abb.2
eine Differenz von über 12,5 Mio. Migranten die den NO Brasiliens verlassen haben. Alle
anderen Regionen weisen einen positiven Wanderungssaldo auf. Meist waren die
Migranten aus den ländlichen Gebieten des NO etappenweise in Richtung Südosten12
gewandert, um vor den unwirtlichen Lebensumständen des kargen Sertão, der immer
wieder von lang anhaltender Dürre heimgesucht wird, zu flüchten.
Mitte der 70iger Jahre verminderte sich jedoch der Zustrom auf die Regionen (Abb.3)
São Paulo und Rio de Janeiro, andere Gebiete und Metropolen entlang der Atlantikküs-
te, aber auch bisher wenig erschlossene Regionen im Binnenland waren ebenfalls inte-
ressant geworden, vor allem der Norden und der Mittelwesten verzeichneten extrem ho-
he Zuwachsraten.

Abb.3 Verändert nach: R. Wehrhahn, in: GR 11, 1998

Dort wuchsen Städte wie Manaus, Goiânia, Campo Grande und die heutige Hauptstadt
Brasìlia mit weit höheren Beträgen als SP oder RdJ. Auch im Nordosten, vormals ge-
kennzeichnet durch hohe Abwanderungsraten gen Südostbrasilien, sind seit den 70iger
und 80iger Jahren stärkere Metropolisierungstendenzen messbar. Hauptballungsgebiete
liegen um die drittgrößte Stadt Brasiliens, Salvador da Bahia, sowie nördlicher, Maceio,
Recife, Natal und Fortaleza.
Im Vergleich mit dem Südosten liegt der Metropolisierungsgrad hier jedoch weit zurück.
Der Anteil von nur 21,5% (Abb.4) urbanen Gebieten kann den sich verstärkenden Ge-
gensatz zwischen dem traditionell geprägten Landesinneren und der fortschreitenden
Modernisierung der Metropolen nicht verschleiern. Zwar setzt sich der von Bähr (1994)
belegte Trend der Verlagerung der Migration ins Landesinnere und in den Norden be-

12
Später auch in andere Ballungsgebiete im Norden Brasiliens und ins Landesinnere bzw. in den
Großraum Salvador da Bahia

5
wiesenermaßen fort (Brasilia, Fortaleza), jedoch kommt diesen Wirtschaftsregionen im
Vergleich mit dem Polygon rund um São Paulo insgesamt weiterhin wenig Bedeutung
zu. Auch die zu geringen Zuwachszahlen (verglichen mit den Spitzenjahren für São Pau-
lo und Rio de Janeiro in den 60igern), verbieten den Schluss einer Trendwende, den
Geowissenschaftler unter dem Begriff der „polarization reversal“ auf nationalere Ebene
formulieren, also der Herausbildung anderer wirtschaftlich bzw. gesellschaftlich interes-
santer Regionen, die die Richtung der Migrationsbewegungen verändern können.

Abb.4 Verstädterung und Städtenetz Brasilien 1996


R. Wehrhahn: Urbanisierung und Stadtentwicklung in Brasilien

Quasi unverrückbar und mit der höchsten Bevölkerungsdichte hervorstechend (siehe


Abb.4), ist nach wie vor das Dreiecksgebiet São Paulo, Rio de Janeiro und Belo Horizon-
te, das heute mit insgesamt ca. 43% der Gesamtbevölkerung demographisches weil ö-
konomisches Rückrad Brasiliens ist, und auch bleiben wird, denn gleichwohl andere Re-
gionen als Destination für Migrationsbewegungen an Bedeutung gewonnen haben (siehe
Abb.4 Curitiba), sind in SP und RdJ sämtliche infrastrukturellen Voraussetzungen in Ver-
kehr, Kommunikation und Forschung für lateinamerikanischen Verhältnisse herausra-
gend und somit Katalysator, weiterhin Investoren aus sämtlichen Bereichen der Industrie
zu locken. Allein São Paulo beherbergt in seinem Einzugsgebiet weit über 1000 deut-
sche Firmen, die weltweit stärkste Konzentration. Der Herausbildung dieser beiden Me-
gastädte und seiner dominanten Bedeutung gilt es deswegen in Abschnitt 4 „Ballungs-
räume“ besondere Aufmerksamkeit zu widmen.
Seit Mitte der 80iger Jahre wachsen die Metropolen Brasiliens bedeutend langsamer
(siehe Abb.3). Ebenso löst das Eigenwachstum (natürliches Wachstum) als Residuum
der ehemals hohen Migrationszahlen und der nunmehr vorhandenen jungen Bevölke-

6
rung, das Wachstum durch Zuwanderung ab. Zudem sind in Agglomerationen wie Rio de
Janeiro und São Paulo seit den letzten Jahren Tendenzen eines polarization reversal auf
regionaler Ebene erkennbar, d.h. die Peripherien der Mega- Cities, deutlich kleinere Sub-
regionen im Umkreis der Metropolitanregionen13, verzeichnen hohe Wanderungsgewinne
und entlasten die Kernregionen. Von einer gesamtstaatlichen Dekonzentration ist jedoch
nicht zu sprechen.

3. Determinanten der Land-Stadt Migration im Kontext der Industrialisierung

Wie Eingangs bereits erwähnt, soll sich diese Arbeit im Wesentlichen nur damit beschäf-
tigen, Urbanisierung im Kontext der Land-Stadt Migration zu analysieren. Hierfür ist es
zunächst notwendig ein komplexes Gewirr von so genannten Push- und Pull Faktoren,
den Motiven für Land-Stadt Migration zu entwirren. Diese Faktoren repräsentieren zum
einen Kräfte, die die Bevölkerung von Land abstoßen (to push) und weiters zur Stadt
hinziehen (to pull). Rein intuitiv erkennt man bereits im Vorfeld, dass sich die Faktoren
aus grundständigen, menschlichen Bedürfnissen14 zusammensetzen müssen, die in eu-
ropäischer Geschichte letztmalig zur Jahrhundertwende, der Hochphase des Industriali-
sierungszeitalters, ähnliche Züge annahmen.
Die nachfolgende Nennung repräsentiert die wichtigsten Vertreter beider Faktoren15 für
das Thema Landflucht in Brasilien, soll in der Anwendung jedoch als Verschachtelung
verstanden werden, deren Gewichtung im Einzelnen empirisch noch unerforscht bleibt.
Pushfaktoren Pullfaktoren
Demografische Faktoren: Wirtschaftliche Erwartungen:
-Überalterung -Arbeitsplätze, Bildungsplätze
Ökologische Faktoren: Verbesserte(r) Konsum/Versorgung, Hoffnung
-Ungünstige natürliche Standortbedingungen Soziale Erwartungen:
Gesellschaftliche Faktoren: -Höherer Lebensstandard
-Vernachlässigung durch die Politik -Modernität der städtischen Lebensweise, vorgespielt durch
Wirtschaftliche Faktoren: Massenmedien
-Niedrige Einkommen, Arbeitslosigkeit, Unterbeschäftigung
-Niedrige Erträge
-Subsistenzlandwirtschaft
Mangelhafte Infrastruktur:
-Mängel in der Gesundheitsversorgung
-Unzureichende Bildungs- und
Ausbildungsangebote

13
Zentrum + umliegend Subzentren einer Stadt
14
Vgl. Maslow´s Pyramid of Needs
http://psychology.about.com
/od/theoriesofpersonality/a/
hierarchyneeds.htm
15
Abb.5 Vgl. OS-Geographie,
3. Welt - Eine Welt, München 1999 Abb.5

7
Viele dieser Faktoren als Initiale des demographischen Transformationsprozesses, fin-
den ihren Ursprung im Einsetzen der Industrialisierung seit 1930.
In den Jahren zuvor prägte der Anbau und Absatz von Kaffee, Kautschuk (bis 1910)16,
Baumwolle und Zuckerrohr die Wirtschaft agrarisch. Somit konnte Brasilien zwar alle
Importe finanzieren und parallel im Inland eine weiterverarbeitende Industrie aufbauen
(Landmaschinen, Jütesäcken), war zugleich aber nachteilig an den Außenhandel gebun-
den und anfällig gegenüber Preisänderungen der Importgüter. Infolge der Weltwirt-
schaftskrise von 1929 und dem Rückgang der Exporterlöse landwirtschaftlicher Produk-
te, war eine neue Wirtschaftspolitik notwendig, denn durch die gleichzeitige Abwertung
der brasilianischen Währung stiegen die Importpreise und die Inlandspreise sanken. Pa-
radoxerweise war es genau diese Abhängigkeit vom Außenhandel die letztendlich die
notwendigen Impulse freisetzte und die Epoche der so genannten „investitionssubstituie-
renden Industrialisierung17“ einleitete. Während dieser Phase verstärkte sich, bedingt
durch das wirtschaftliche Auseinanderdriften der Regionen und den dadurch unerfüllt
bleibenden, existenziellen Ansprüchen der Landbevölkerung, gleichsam der Prozess der
Land- Stadt Migration. Die Ursachen für diese unterschiedlichen Entwicklungen sind
zahlreich, jedoch liegt es am nächsten, das Industrialisierungsprozesse allgemein nur in
infrastrukturell gut erschlossenen Gebieten Erfolg finden. Diese kolonialen Zentren,
Städte in Küstenregionen bzw. Subzentren im Landesinneren18, die bereits durch den
Handel mit Rohstoffen vor der Industrialisierung erschlossen wurden, bildeten nunmehr
die notwendige und wichtige Infrastrukturgrundlage zur Durchsetzung der neuen Wirt-
schaftspolitik. Da mehr und mehr landwirtschaftliche Gebiete vernachlässigt wurden, war
die Landbevölkerung folglich gezwungen dem Broterwerb nachzureisen (push), was zu
der bereits mehrmals beschriebenen einseitigen Migrantenorientierung auf wenige litora-
le19 Zentren Brasiliens führte. Erschwerend kam hinzu, dass einige Gebiete extremen
Unwirtlichkeiten ausgesetzt waren. Betrachtet man zum Beispiel den Nordosten Brasi-
lien, so erkennt man schnell dessen klimatische Problemzonen. Nur ein geringer Teil
dieses Gebiets ist überhaupt landwirtschaftlich nutzbar, da Dürrezeiten von 7-9 Monaten
im Zentrum des Nordostens keine Seltenheit sind. Somit fehlt mit der unzureichenden
Bewirtschaftungsmöglichkeit die existenzielle Ernährungsgrundlage für die Landbevölke-
rung. Im Zuge der Globalisierung wurden zudem die Schwerpunkte auf Exportprodukte

16
durch Plantagen auf Ceylon und im Kongo wurde der Preis gedrückt und beendeten den Kau-
tschukboom der Städten Manaus und Belem.
17
http://tiss.zdv.uni-tuebingen.de/webroot/sp/spsba01_S99_1/paper3.htm
Importsubstituierende Industrialisierung: Verlagerung der privaten Investitionen von Agrarsektor auf
den Industriesektor
18
ehemalige Abbaugebiete für Rohstoffe
19
litoral = küstennah

8
(cashcrops)20 wie Rinder und Zuckerrohr gelegt (100% Steigerung seit 1968) und somit
das Ernährungsmittelpotenzial durch Subsistenzfrüchte21 (Foodcrops wie Maniok, Reis,
Bohnen) für die wachsende Landbevölkerung erheblich geschwächt. Die resultierende
Verarmung der Kleinbesitzer war ebenfalls ein treibender Faktor für die Bevölkerung
wegzuziehen. Auch die ungleiche Besitzgrößenverteilung und das Konzentrationsgefälle
von Großgrundbesitz von Ost nach West, das die sich immer zu Lasten der Landbevöl-
kerung des Nordostens auswirkte, führten zur Entvölkerung. Weitere Folgen für die
Landbevölkerung lassen sich sehr gut mit einem Kreisschluss darstellen.

Schlechte rurale
Verschärfung Infrastruktur in
Disparitäten und Verkehr, Kommunikation,
Landflucht Bildung,
Manpower

Wirtschaftspol.Schwerpunkt : Wirtschaftspol.Schwerpunkt :
Industrialisierung der Industrialisierung der
städtischen Regionen städtischen Regionen

fehlende
wirtschaftl. Keine überregionale
Attraktivität Strukturveränderung
und Modernisierung

Schwächung des
Investitionspotentials Soziale und ökonomische
Ländlicher Regionen Disparität zwischen Stadt
und Land

Überalterung Landflucht,
selektive
Migration

Abb.6 erstellt in Anlehnung an


www.gymnasium-borghorst.de/mi_no_bra/index.htm
„Migration im Nordosten Brasiliens“

Diese Kreisgrafik reflektiert das Dilemma, welches zu dem heutigen quantitativen Miss-
verhältnis zwischen Land und Stadt führte und die gesellschaftlicher Verteilung nachhal-
tig beeinflusste, denn seit 1955 war der Agrarstaat Brasilien endgültig beerdigt.

Abb.7 Abb.8
Abb.7/8 nach http://www.berlin-institut.org/pages/fs/fs_grafiken.html Abfolge von Migrationsformen

20
Vgl. http://www.gymnasium-borghorst.de/mi_no_bra/index.htm
21
Zum Eigenverzehr angebaute Früchte

9
Die fortschreitende Wirtschaftspolitik der importsubstituierenden Industrialisierung, die in
der 2. Phase Kubitscheks (1955-1960) wahnwitziger Proklamation, 50 Jahre Rückstand
in 5 Jahren aufzuholen, unterworfen wurde22 und im milagre brasileiro (1968-1973), dem
brasilianischen Wirtschaftswunder zu Zeiten der Militärdiktatur kulminierte, vermochte an
diesem urbanen Gesellschaftsbild nichts ändern. Immer mehr Leute strömten hoffnungs-
voll in die Städte. Zwar sinken seit Mitte der 80iger die Zuwanderungszahlen (Abb.7/8),
jedoch wachsen die Metropolen nun aus Eigenkraft weiter und der Verstädterungsgrad
steigt übermäßig, während Migration mehr und mehr innerhalb der Metropolitanregionen
(Stadt-Stadt Migration) stattfindet.

Brasilien gilt heute als eines der meist industrialisierten Länder Lateinamerikas, an der
Schwelle zur Industrienation, das sich seit 1990, nach der Verschuldungkrise, stolz dem
Weltmark öffnet und dort eine enorm wichtige Rolle für Lateinamerika verteidigt.

Getrieben und gleichzeitig gezogen von diesen einschneidenden Bewegungen der Jahre
1930 bis 1990 waren es hauptsächlich wirtschaftliche bzw. existenzielle Gründe, die eine
Entvölkerung des ländlichen Raums provozierten und somit die Land-Stadt Migration
begründeten.

4. Die Ballungsräume
4.1. São Paulo – die Stadt der sympathischen Aggressivität
Fliegt man nachts über Berlin, so ist das funkelnde Ereignis binnen weniger Minuten vor-
über. Anders fühlt es sich an, wenn man das Großgebiet São Paulo überfliegt. Schier
endlos treibt man über ein Meer aus Lichtern und dunklen Gräben. Allein der Flughafen
liegt weit über 50 km außerhalb des Zentrums und auf dem Weg dahin (rush hour ca.
2h), durchquert man ein scheinbar niemals endendes Gewirr aus Häuserschluchten und
Straßen. Die Stadt, in der mehr Menschen leben als in Baden-Württemberg und deren
Agglomeration mit 38 Munizipien23, das s.g. „Grande São Paulo“, Heimat für insgesamt
mehr als 19 Mio. Menschen ist, darf sich wirtschaftliches Rückrad eines ganzen Landes
nennen. Brasilien unterscheidet sich - wie Ecuador - von den übrigen lateinamerikani-
schen Ländern dadurch, dass nicht die Hauptstadt bzw. der Regierungssitz (wie in Boli-
vien) die Rolle der alles überragenden Metropole einnimmt, sondern wirtschaftshistorisch
bedingt, die kolonialen Handelszentren. Seit der Stadtgründung von 1711 war São Paulo
bis 1870 relativ unbedeutend. Gepeitscht durch die hohe Kaffeenachfrage Europas hat-
ten findige Stadtplaner jedoch binnen weniger Jahre das gesamte Umland infrastrukturell
erschlossen und Wege und Einbahnlinien hin zu den Hochebenen zwischen den Rio
22
Jörg Sancho Pernas „Die importsubstituierende Industrialisierung in Brasilien seit der Ära Vargas“
23
Staatbezirke

10
Paraná-Zuflüssen gebaut. Somit war der Grundstein für eine goldene Entwicklung ge-
legt, denn die Erlöse durch den Kaffeeexport erhöhten die Kapitalrücklagen, welche wie-
derum zum Vorantreiben der einsetzenden Industrialisierung um die Jahrhundertwende
diente. Nach der Weltwirtschaftskrise, die Brasilien aufgrund des Wirtschaftsprotektio-
nismus rettete, sollte jedoch die Konsumgüterindustrie die Entwicklung im Großraum SP
beschleunigen. Im Jahr 1934 wurde SP Millionenstadt und verdoppelte sich nochmals in
den nächsten 20 Jahren. Die günstige Wirtschaftspolitik der 50er Jahre24 spülte zahlreich
ausländische Investitionen an, eine Entwicklung, die die zunehmend verarmende Land-
bevölkerung nutzte und millionenstark Richtung Sao Paulo auswanderte. Vor allem aus
dem Sertão und in späteren Phasen aus den überfüllten Küstenstädten des Nordens
gelangten die arbeitssuchenden Migranten über Paraná, einem riesigen Kaffeeanbauge-
biet im Südosten Brasiliens, in die Metropole, in der Ende 1970 bereits mehr als 8 Mio.
Menschen leben sollten.
Seit den 80iger Jahren übersteigt das natürliche Wachstum die migrationsbedingten
Wanderungsgewinne, jedoch lässt sich gleichermaßen ein „polarization reversal“ erken-
nen. Parallel zum natürlichen Wachstum verstärkt sich der Trend zur Abwanderung in
anliegende Munizipien SP25 wie Abb. 9 darlegt.

Einwohner Einwohner Einwohner Anteil Anteil Anteil


(Mio.) (Mio.) (Mio.) (%) (%) (%)
Subregion

1970 1980 1991 1970 1980 1991


Zentrum1 6,21 8,97 10,21 76,3 71,2 66,1
Nordwesten 0,11 0,30 0,49 1,4 2,4 3,2
Westen 0,07 0,15 0,29 0,9 1,2 1,9
Südwesten 0,10 0,29 0,47 1,3 2,3 3,0
Südosten 0,99 1,65 2,05 12,1 13,1 13,3
Osten 0,31 0,52 0,82 3,8 4,1 5,3
Nordosten 0,26 0,58 0,86 3,2 4,6 5,6
Norden 0,08 0,13 0,25 1,0 1,0 1,6
Grande São Paulo 8,14 12,59 15,44 100,0 100,0 100,0
1
Abb.9 Munizipien São Paulo und Osasco nach IGBE: Censos Demográficos 1970-1991; EMPLASA 1995

Jedoch relativiert sich die These des „polarization reversal“, da Wissenschaftler das
Grande São Paulo bereits gedanklich auf den Complexo Metropolitano Expandido, CME
erweitern, der dann auch die Technologiezentren São José dos Campos und die Indust-
riegebiete um Cubatão einschließen wird und eine Makro-Metropole mit 300km Durch-
messern definiert.

24
Siehe Abschnitt 3.
25
Siehe Abb.9: im Osten (Paraiba-Tal mit São José dos Campos und Taubaté) oder Norden (Jundiaí,
Metropolitanregion von Campinas)

11
Die Einwohnerdichte SPs mit Spitzenwerten von 12000 EW/km² sorgt für massive inner-
städtische Probleme. Nur ca. 35% des Wohnraums sind genehmigt erstellt, der Rest sie-
delt irgendwie in den überfüllten Peripherien, den „favelas“, die erstmal sich in den star-
ken Zuwandererphasen um 1940 gründeten. Im Jahr 1994 lebte schon jeder 5. paulistas
in cortios (Arbeiterwohnungen) oder favelas (Arbeiterwohnungen). Die Duldung der ille-
galen Besetzungen förderte diese Lebensform, die trotz der schwierigen Bedingungen
einem Leben auf dem Land vorgezogen wird. Zwar waren die brasilianischen Behörden
versucht dem Wohnungsdefizit Herr zu werden, doch auch einfache, billige Bauten staat-
licher Wohnungsbaugesellschaften im Umland konnten das Verhältnis zwischen Zurei-
senden und vorhandener Wohnungszahl nicht lindern. Heute sind über die Hälfte der
Wohnformen in SP durch Eigenarbeit entstanden.
Neben beengtem Wohnraum leiden die Paulistas zudem unter erheblicher Umweltver-
schmutzung, verursacht durch das innerstädtische Wachstum, der Industriedichte und
das hohe Verkehrsaufkommen. Einflüsse deren Hinterlassenschaften wie Müll, Abgase
und Abwasser kaum beherrschbar sind. Zwar sind die infrastrukturellen Maßnahmen für
Ver- und Entsorgung im Zentrum allgemein besser, jedoch wird dieser Vorteil durch
mindere Luft- und Wasserqualität relativiert. Insgesamt nur 7,5% (!) des Abwassers SP
werden geklärt, für die über 17000 t Hausmüll täglich gibt es in den umliegenden Regio-
nen über 350 illegale Mülldeponien. Die Beckenlage SP begünstigt Inversionswetterla-
gen, die die Luftzirkulation verhindert. Somit ist es kaum möglich, dass sich die durch
Abgase verseuchte Luft neutralisiert (verursacht durch 15 Mio. Fahrzeuge). Wer in SP
lebt benötig Zeit. Durchschnittlich 2,5 Stunden pro Tag dauert der Weg zur Arbeit.

Die Rolle SP als Global City und das sich damit verstärkende Öffnen der „sozialen Sche-
re“ bei gleichzeitigem Versuch der Armen, an diesem Reichtum zu partizipieren, führte in
den letzten Jahren zu einer „Militarisierung des Alltags“, einer gefährlichen Kombination
aus Ohnmacht, Wut und Eigenjustiz, deren Opfer häufig jene sind, die sich aus bloßer
Existenzsicherung der vermeintlich rettenden Hand der Kriminalität hingeben. Die Eska-
lation dieser Konflikte zwischen den Bevölkerungsschichten wird nicht zuletzt durch die
Präsenz des Drogenhandels massiv angeheizt. »Der Staat zerfällt, Verbrecher haben
nichts zu verlieren« titelte die ZEIT im Mai 2006, als die bisher schwersten Ausschrei-
tungen in der Geschichte Brasiliens Sao Paulo und die Welt erschütterten. Dies jedoch
ist der bröckelnde Kern einer nach außen hin vor Kraft strotzenden Stadt, es sind erste
Anzeichen von Dekadenz, ohne jemals den Höhepunkt erreicht zu haben26. Die niedri-
gen Mindestlöhne für Polizisten (700 Reais) öffnen der Korruption alle Türen. Mafiabosse
26
Der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss über Lateinamerikanische Großstädte

12
regieren die Straßen, verteilen Waffen, stecken Gebiete ab, führen Drogenkriege gegen
andere Banden. Der Staat ist machtlos und brasilianische Gefängnisse sind hoffnungslos
überfüllt. Die Statistik lässt einen erschaudern. In Brasilien wird alle 15 Minuten ein
Mensch erschossen, jährlich Sterben bis zu 39.000 durch Schusswaffen. Die Mordrate
ist eine der höchsten der Welt. Doch die paulistas lieben ihr Land und sind stolz auf ihre
Stadt. Kaum einer möchte in einer anderen Region Brasiliens leben. São Paulo muss sie
also sein, die Liebe auf den 2. Blick. Ihre Schönheit verbirgt sich hinter den Fassaden
schmutziger Straßen und grauer Hochhäuser. Als Kultur- und Handelsmetropole, als
Melting Pot, als New York Lateinamerikas ist diese Stadt jedoch immer einen Besuch
wert.

4.2. Rio de Janeiro- eine Schönheit mit Narben

Sich in Rio de Janeiro zu verlieben ist nicht schwer. In der Guanabara-Bucht, zwischen
den anmutigen Granitbergen, vom stürmischen Atlantik bedrängt aber durch puderweiße
Strände geschützt, liegt sie da, scheinbar friedlich, von Stefan Zweig zurecht als die
schönste Stadt der Welt27 beschrieben. In der „cidade maravilhosa“ wie sie im brasiliani-
schen Volksmund genannt wird, vereint sich Vieles, unfassbare Schönheit und abgrund-
tiefe Traurigkeit, Elend, Gewalt, die Hässlichkeit des Seins. Kaum ein anderer Ort ver-
deutlicht so eindringlich die Gegensätzlichkeiten dieses Landes. Von den Hügeln herun-
ter wachsen die favelas bis Steinwurfweite hinein in die Hoheitsgebiete der Reichen, wie
der Stadtteil Ipanema eindrucksvoll zeigt. Die erbärmlichsten Wellblechbehausungen, die
kaum Unterschlupf gewähren, liegen in der Nachbarschaft von luxuriösen Villen und
märchenhaften Anwesen, die Ihresgleichen in anderen Städten suchen. Straßenstände
und Auslagen kleiner Händler, wie es sie überall auf der Welt in armen Ländern gibt, be-
finden sich in direkter Nachbarschaft zu weitläufigen Einkaufzentren, die genau so auch
in New York oder London stehen könnten. Dort gibt es die besten Hotels, Appartements
derer, die in der 2. oder 3. Strandreihe leben und sich zu den besseren Cariocas zählen
dürfen, jene mit Universitätsabschlüssen, die Banker, die Bonzen. Die Preise sind dem
westlichen Niveau angeglichen und die Stadtverwaltung steckt Millionen von Reais in
den Schutz der Zonen Copacabana und Ipanema, den touristischen Vorzeigestränden
RdJ. Unter den wachsamen Augen der Christo Statue beleuchten nachts riesige
Scheinwerfer diese Strände, Videokameras und Soforteinsatz Kommandos der policia
militar sollen die Strände rein halten und vor den Straßenjungen der favelas schützen.
Jedoch lässt sich dieser Teil der Stadt nicht abriegeln. Liest man zwischen den Zeilen,
so erkennt man schnell, dass Ipanema, Copacabana, der Zuckerhut und der Corcovado

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Stefan Zweig „Brasilien- ein Land der Zukunft“

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nur Postkartenidyll sind und sich die Wirklichkeit an anderen Orten abspielt. Nachts,
wenn der Verkehr der Avenida Atlantica in Copacabana abebbt, bietet das Dunkel der
Seitengassen Kriminellen den notwendigen Schutz um Drogen, Waffen oder Frauen zu
verkaufen. Unwissende hellhäutige Touristen, die zahlreich in den Hotels der Copaca-
bana untergebracht sind, sollten sich in der größten Diskothek der Gegend, dem HELP,
nicht über die rege Zuneigung der weiblichen Gesellschaft wundern, denn viele junge
Mädchen aus den umliegenden Armenviertel versuchen dort, einen Ausländer kennen zu
lernen und so eventuell der Armut zu entfliehen. Das Wort favela bedeutet „Hügel auf
dem die Armen Leben“ und stammt ursprünglich aus Rio de Janeiro. In der brasiliani-
schen Gegenwart sind favelas vollkommen normal und längst nicht jede der Hütten ist
erbärmlich. Oftmals gibt es einfach keine erschwinglichen Wohnungen im Centro und so
bleibt vielen Arbeitern des Tertiärsektors (Dienstleistungen) nur diese Wohnform. Die
Assoziationen der Ausländer von favelas sind Gewalt, Armut, Drogen, Elend, Abhängig-
keit. Tatsächlich gibt es diese Probleme, es gibt den Teufelskreis aus Arbeiten und Bet-
teln, ohne Bildung und Schule, es gibt sie, die allein erziehenden Mütter deren Söhne
Halt suchend in Banden landen und als „Soldaten“28 operieren. Aber obgleich diese Orte
von menschlicher Armut und ihren Folgen geprägt werden, tragen sie gleichermaßen
zum Wirtschaftsleben und der Integration der Zuwanderer bei (Entlastung der Behörden,
Infrastrukturschaffung). Letzten Endes funktionieren favelas als ein enges soziales Ge-
flecht, das sich nur den gesellschaftlichen Gegebenheiten anpasst. Solidaritätsbekun-
dungen untereinander sind zahlreich, alte Menschen fühlen sich nicht allein, innerhalb
eines Viertels ist man sicher. Viele Maßnahmen dort, sind durch private Initiative ent-
standen oder werden durch Gelder aus den Drogengeschäften finanziert. Paradoxerwei-
se wird die Institutionalisierung der Armenviertel durch das Drogengeld der Reichen vo-
rangetrieben, denn in den reicheren Viertel gehören Drogen zum guten Ton. Dass es
auch anders geht, beweist das älteste Armenviertel Rios, die größte favela Lateinameri-
kas „Rocinha“, deren Aufstieg bereits an der Ernennung zum Stadtteil zu erkennen ist.
Aus eigener Kraft wurden hier 2500 Geschäfte etabliert und das Viertel für Touristen ge-
öffnet. Jedoch bleibt Rocinha Ausnahme, andere favelas sind weiterhin im Griff der Dro-
gendealer und werden von Bandenkämpfen beherrscht, die den Zugang verhindern oder
nur gewaltsam ermöglichen (Polizei). Jede Nacht hört man die Schüsse aus diesen Vier-
teln. Durch die Präsenz der „Serra de Carioca“ wird RdJ geographisch in 2 Zonen geteilt,
die gleichzeitig die Grenze zwischen arm und reich darstellt. Die Zona Sul (Ipanema,
Leblon, Copacabana) präsentiert sich als Aushängeschild infrastrukturell besonders er-

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Hierarchie der Drogenbanden, unterster Rang, die als Boten und Bewacher oder in Kämpfen ver-
heizt werden

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schlossen, insbesondere ist es verkehrs- und sicherheitstechnisch kaum mit der vier mal
größeren „Zona Norte“ zu vergleichen, die sich bei einem Ausblick vom Zuckerhut mo-
lochartig dampfend vom farbigen Süden mit den Traumstränden abhebt. Dort lebt die
Mittelschicht, die Armen, dort gibt es die gefährlichsten Viertel, keine Polizei, keine
Standstreifen, keine Kanalisation, keinen Tourismus, keine Beleuchtung. Nur riesige In-
dustriegebiete, Fluglärm, Verschmutzungen und Umweltbelastungen.
Und trotz der Widersprüche, dem eigenartigen Gefühl nachts durch die Straßen von La-
pa zu gehen, der ständigen Konfrontation mit Armut, Neid, Aggression, Kriminalität, die-
se Stadt nimmt seinen Besucher gefangen durch ihre blanke Schönheit. Man sitzt auf
dem Arpoador, den Atlantik im Rücken, den Blick nach links schweifend über Ipanema
Beach wo Surfer die Wellen bezwingen, dann nach rechts in Richtung Copacabana, dem
Strand der glitzernden Körpern, die Sonne scheint, der Wind weht und vor dem Betrach-
ter liegt diese Stadt, die sich die morros herunterschlängelt in all ihrer Widersprüchlich-
keit, man zwinkert hoch zu Christo Rendendor und fühlt es, dieses brasilianische Le-
bensgefühl, die Seele der Leichtigkeit, das, was Stefan Zweig mit folgenden Worten so
wunderbar beschreibt:

„Etwas Weiches liegt in der Luft, das einen weniger kämpferisch, vielleicht auch weniger energisch
sein lässt. Immer ist man hier der Empfangende in Schauen und Genießen, und unbewusst kommt
einem von dieser Landschaft eine geheimnisvolle Tröstung wie immer von dem Schönen und Einmali-
gen auf Erden zu. …immer ist diese Stadt zauberhaft. Je länger man sie kennt, um so mehr liebt man
sie, und doch, je länger man sie kennt, um so weniger kann man sie beschreiben.“

5. Zusammenfassung
Als eine verstädterte Gesellschaft mit großen wirtschaftlichen Erfolgen, kommt Brasilien
insbesondere in Hinblick auf seine Führungsrolle und Vorbildfunktion in Lateinamerika
gegenwärtig und zukünftig eine extrem wichtige Rolle zu.
Um diesen Status weiterhin zu halten und auszubauen, gilt es für die Regierung, die
Probleme im Kontext der Urbanisierung durch entsprechende sozialpolitische Maßnah-
men alsbald in den Griff zu bekommen. Ein weiteres Auseinanderdriften der Gesellschaft
wird perspektivisch Staat und Wirtschaft lähmen und das hohe Potential dieses Landes
erheblich einschränken. Dies heißt gleichsam, sich kritisch mit der Funktion als aufstre-
bender Industriestandort und den Konsequenzen in sozialer, ökonomischer sowie ökolo-
gischer Hinsicht auseinanderzusetzen, und sich auf eine ressourcenschonende Wirt-
schaftspolitik zu einigen, deren Aufgabe es sein sollte, die Schönheit dieses Landes un-
ter Schutz zu stellen, und die mannigfaltige Kultur vor dem Raubbau und den negativen
Begleiterscheinungen der Globalisierung zu bewahren.

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6. Quellen

Internet
http://www.berlin-institut.org/pages/fs/fs1.html
„Online Handbuch zum Thema Bevölkerung“
www.interhabit.com/rio_de_janeiro/map_169.htm
http://www.zeit.de/http://www.dwds.de/cgi-bin/zeit/search.py?fr=cb-gwpze&ei=ISO-8859-
1&p=&q=sao+paulo&x=0&y=0&sserv=on
www.brasilportal.ch
www.brasilien.de
www.wikipedia.de
www.berlin-institut.org
www.brasilieninitiative.de
www.invent.org
www.auswaertiges-amt.de
http://www.gymnasium-borghorst.de/mi_no_bra/index.htm
„Migration im Nordosten Brasiliens“
http://psychology.about.com/od/theoriesofpersonality/a/hierarchyneeds.htm

Bücher, Zeitschriften, Paper


Bähr, J. und G. Mertins:
„Die lateinamerikanische Großstadt. Verstädterungsprozesse und Stadtstrukturen“

GEO 06/2004: Steigenberger: „Rio de Janeiro - Die mörderische Schönheit“

Informationen zur politischen Bildung (Heft 226) Peter Waldmann / Detlef Nolte
„Bevölkerungsentwicklung und Verstädterung“

Jörg Sancho Pernas


„Die importsubstituierende Industrialisierung in Brasilien seit der Ära Vargas“

Gerd Kohlhepp
„Sao Paulo: Größter industrieller Ballungsraum Lateinamerikas“

Dr. Ursula Prutsch Institut für Geschichte der Universität Wien


„Brasilien 1889 - 1985 Von der Ersten Republik bis zum Ende der Militärdiktatur“

Steffen Kroehnert „Migration - Eine Einführung“

Stefan Zweig „Brasilien- ein Land der Zukunft“

OS-Geographie, „3. Welt - Eine Welt“ München 1999

R. Wehrhahn: „Urbanisierung und Stadtentwicklung in Brasilien“

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