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Basilius d. Gr.

Mahnwort an die Jugend über den


nützlichen Gebrauch der heidnischen
Literatur (Ad adolescentes)
Generiert von der elektronischen BKV
von Gregor Emmenegger / Konrad Holzbauer
Text ohne Gewähr

Text aus: Des heiligen Kirchenlehrers Basilius des Grossen ausgewählte


Schriften / aus dem Griechischen übers. (Des heiligen Kirchenlehrers Basilius
des Grossen ausgewählte Schriften Bd. 2; Bibliothek der Kirchenväter, 1.
Reihe, Band 47) Kempten; München : J. Kösel : F. Pustet, 1925.Mist!Mist!Mist!
Mist!Mist!Mist!Mist!

Vorwort

1. Allgemeine Einleitung (Dr. Anton Stegmann)

Mahnwort an die Jugend über den nützlichen Gebrauch der


heidnischen Literatur (Ad adolescentes)

I. Kapitel
II. Kapitel
III. Kapitel
IV. Kapitel
V. Kapitel
VI. Kapitel
VII. Kapitel
VIII. Kapitel

1
Vorwort
1. Allgemeine Einleitung1
Dr. Anton Stegmann

A. Das Leben des hl. Basilius

1.

<s 9>2 Basilius der Große lebte und wirkte in einer Zeit (329-379), da der
Schwerpunkt nicht bloß des politischen Geschehens, sondern namentlich der
kirchlichen Geschichte im Orient lag, nicht im Okzident, in einer Zeit, da der
Sieg des Christentums und der Kirche, der 313 eingesetzt hat, sich
vervollständigen und ausreifen sollte, da das große Konzil von Nizäa (325)
den Fundamentallehren des Christentums den offiziellen Ausdruck gegeben
hatte, aber seine Gegner noch keineswegs zum Schweigen gebracht waren,
zu einer Zeit, da Rom einen immer mehr untergeordneten Rang einer
Provinzialstadt einnahm und dem allmählichen Zerfall entgegenging.
Jedenfalls lag der Brennpunkt kirchlicher und religiöser Interessen für eine
Zeitlang mehr im Osten als im Westen. Begreiflich, wenn daher gerade im
Osten der Kirche große Männer erstanden, die nicht bloß eine kirchenpolitisch
bedeutsame Rolle spielten, sondern darüber hinaus fast weltgeschichtliche
Größen wurden. Die zwei größten sind zweifellos der hl. Athanasius von
Alexandrien, die „Säule der Kirche3" und der Orthodoxie im <s 10>Orient im
gewaltigen Kampfe gegen den Arianismus, und eben der hl. Basilius, Bischof
von Cäsarea, die ideale Verkörperung und der treueste Hüter des kirchlich-
religiösen Lebens4 und der Schirmherr des nizänischen Glaubens in
Kleinasien. Mitten im Meere äußerer Kämpfe und innerer Gärungen blieb er
der Fels, an dem Häresie und selbst brutale kaiserliche Gewalt scheiterten,
Schiffbrüchige aber oder Gefährdete landen konnten5. So wirksam griff er in
die Zeitverhältnisse ein und bestimmte namentlich die innere Gestaltung der
orientalischen Kirche mit, daß man ihn sehr frühe und mit noch mehr Erfolg

1Aus: Des heiligen Kirchenlehrers Basilius des Grossen ausgewählte Schriften / aus dem Griechischen übers. (Des heiligen Kirchenlehrers
Basilius des Grossen ausgewählte Schriften Bd 1; Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 46) Kempten; München : J. Kösel : F. Pustet, 1925.
2Die Quellen für die Biographie des Heiligen fließen in seinen eigenen Schriften, besonders in seinen zahlreichen Briefen mit den überall
verstreuten biographischen Notizen, sodann in „Reden" seines Freundes Gregor von Nazianz (or. IX. X. XI. XY11I: Migne, Patr. Graec.
XXXV), zumal in dessen ausführlicher Gedächtnisrede vom Jahre 381 oder 382 (or. XLIII in Migne, P., XXXVI, 493-606), auch in dessen
Gedicht „de vita sua” (Migne, P. G. XXXVII, 1029-1166). Weitere Züge zu seinem Lebensbilde danken wir Gregor von Nyssa, der gleichfalls
eine „Lobrede" hielt auf den älteren Bruder (or. in Bas., Migne P. G. XLVI, 787-818) und eine Lebensbeschreibung seiner ältesten Schwester
schrieb in der ,,vita S. Macrinae" (Migne, P. G. XLVI, 959-1000), u. Ephräm bzw. Pseudo-Ephräm dem Syrer (Assemani, Opp. S. Ephr. graece et
latine II, Romae 1748, 289 -296).
3Gregor v. Nazianz in or. XXI c. 26.
4Hierzu vgl. besonders die lehrreiche Studie von J. Wittig, Leben, Lebensweisheit und Lebenskunde des hl. Metrpoliten Basilius d. Gr. v.
Cäsarea. Freiburg 1920.
5vgl. Bas. ep. 203 c. 1.
2
als den alexandrinischen Patriarchen mit dem Beinamen eines „Großen"
beehrte6.
Basilius stammte aus einer angesehenen, wohlbegüterten Familie des
kappadozischen Cäsarea7, die auch über die Zeit grausamer
Christenverfolgung ein ansehnliches Vermögen und weitausgedehnte
Besitzungen im Pontus sich hinübergerettet hatte. Der Christenhaß eines
Maximinus Daza8 hatte nämlich den Großvater mit dessen Gattin Makrina in
die pontischen Wälder vertrieben und sie dort sieben Jahre lang (etwa 306-
313) in der Verbannung festgehalten9. Von den Kindern dieses Elternpaares
sind uns nur zwei Namen überkommen. Gregor und Basilius. Ersterer wurde
Bischof irgendeiner Stadt von Kappadozien. Letzterer wurde ein weithin
gerühmter Rechtsanwalt und Lehrer der Rhetorik, und nicht weniger
leuchtete er „für den ganzen Pontus10" als rechtschaffener und religiöser
Charakter, war „Wegweiser zur Tugend11". Seine Gemahlin Emmelia, aus
Kappadozien gebürtig, war die früh verwaiste Tochter eines Märtyrers, eine
liebreizende und feingebildete Frau12, deren Frömmigkeit so tief war, wie
vorbildlich ihre tätige Nächstenliebe13. Dieser Ehe entsproßten zehn Kinder,
fünf Knaben und fünf Mädchen. Ein Knabe scheint in zartester Kindheit
gestorben zu sein14. Das älteste der Geschwister war Makrina, nach der
Großmutter so benannt, die eine mütterlich besorgte Schwester und ein
Vorbild des asketischen Lebens wurde. Während ein Bruder des Basilius,
Naukratius mit Namen, als Eremit im Alter von ca. 27 Jahren starb 15,
gelangten seine beiden jüngeren Brüder Gregor und Petrus, denen der ältere
Bruder „Vater und Lehrer" wurde16, später zur bischöflichen Würde, ersterer
zu Nyssa, letzterer, allerdings erst nach dem Tode des Basilius, zu Sebaste (in
Armenien).
Basilius selbst ward als drittes Kind der gesegneten Ehe geboren im Jahre
329 oder 330 und genoß <s 12> von frühester Kindheit an die sorgsamste
Geistespflege und Herzensbildung. „Die ersten Jahre seines Lebens stehen
unter der Obhut des großen Vaters ... und nehmen den besten, reinsten
Verlauf. Unter dessen erzieherischem Einflüsse gedeiht des Wunderkindes
Leben und Wissen in schönster Harmonie." So beglückwünscht der

6Vgl. Gregor v. Nazianz. or. 43 c. 1. 16; ep. 53; Gregor von Nyssa, or. in Basil (Migne, P. G. XLVI, 800, 813) und contra Eunomium I (MPG.
XLV, 272. 273).
7In ep. 74 nennt er Cäsarea seine „Heimatstadt” und in ep. 76 und 97 Kappadozien seine „Heimat”.
8Als Cäsar des Galerius hat er letzteren an blindwütiger Grausamkeit noch überboten, bis er am 30. April 313 von Licinius bei Adrianopel
entscheidend geschlagen wurde
9Gregor von Nazians, or. 43 c. 6
10Der Vater Basilius hatte seinen ständigen Wohnsitz zu Neocäsarea in Pontus.
11Or. 43 c. 12
12vgl. Gregor v. Nyssa, vita Macrinae
13Or. 43, c. 9
14Gregor v. Nyssa, vita Makrinae. Die sterbende Emmelia redet von „zehn Kindern”, denen sie das Leben gegeben, während an anderer Stelle
derselben Biographie nur von der Muttersorge für „vier Söhne und fünf Töchter” die Rede ist.
15Gregor v. Nyssa in der vita Macrinae
16Gregor v. Nyssa, ep. 13 (Migne, P. G. XLVI, 1040)
3
Nazianzener17 Vater und Kind. Hört man aber Basilius selbst18, so scheint noch
stärker auf das kindliche Gemüt die „selige Mutter" eingewirkt zu haben und
am stärksten die Großmutter, die h l. Makrina. In der ländlichen Stille der
Pontischen Berge, unweit der Stadt Neocäsarea, besaß die Familie ein
Landhaus19. Hier, wo Basilius die Jahre seiner Kindheit verbrachte, kannte die
Großmutter kein größeres Ziel und Glück, als das Enkelkind zu einem Heiligen
heranzubilden. Eine glaubenstreue Schülerin des großen Bischofs von
Neocäsarea, Gregors des Wundertäters, „hatte sie dessen Lehre in treuem
Gedächtnis bewahrt und stets beobachtet", um sie jetzt unverfälscht und
wirksam „dem noch Unmündigen" beizubringen 20. Noch wirksamer mag
solche Unterweisung geworden sein durch Mitteilung eigener Erlebnisse aus
den Tagen der Verfolgungszeit und durch die Schilderung heroischer
Glaubenskämpfe und Märtyrergestalten. Kein Wunder, daß bei solcher
Erziehung schon im Kinde sich die Ansätze zu sinnigem Ernste, zu
Glaubensinnigkeit, zur Gottes- und Nächstenliebe und zu heldenmütiger
Weltverachtung zeigten, daß „die künftige Schönheit seines Tugendwandels
im Umrisse jetzt schon zu erkennen war21".
Von seinem Vater in die Anfangsgründe der Profanwissenschaft (und wohl
auch in die Rhetorik) eingeführt, von einer Heiligen zur Frömmigkeit erzogen,
„kurz, zur künftigen Vollkommenheit durch den ersten <s 13> Unterricht
angeleitet22, sollte Basilius seine weitere geistige Ausbildung wie auch seine
sittlich-religiöse Erstarkung und Reife erlangen in den Städten Cäsarea,
Konstantinopel und Athen.
Zu Cäsarea in Kappadozien, der „Metropole der Wissenschaften 23, hörte
Basilius einige Semester einleitende Vorlesungen über die Rhetorik. Sie war
ihm nicht Selbstzweck, nur Mittel zum Zwecke theologischer Ertüchtigung 24.
Ungewöhnlich groß und vielseitig war sein Wissen, mit dem er alle seine
Studiengenossen überragte; doch nicht weniger angestaunt von Lehrern und
Schülern war seine Charakterfestigkeit. Die ihn näher kannten, gewahrten in
ihm schon in dieser Zeit den starken Zug zur Askese25. Starken Eindruck muß
auf ihn gemacht haben der Erzbischof der Stadt, Dianius, zu dem er mit
kindlicher Verehrung und Bewunderung aufblickte26. Zu Cäsarea war es auch,
wo er mit dem nachmaligen Metropoliten von Sebaste, mit Eustathius27, und

17Or. 43 c. 12
18Ep. 204 c. 6; ep. 210 c. 1; ep. 223 c. 3
19Im Dor Annesi (oder in dessen Nähe) am Irisflusse, woselbst Emmelia, die Mutter, später zu Ehren der 40 Märtyrer von Sebaste eine Kapelle
erbaute, in die sie deren Reliquien übertragen ließ.
20Ep. 223 c. 3
21Or. 43 c. 12
22Or. 43 c. 12
23Or. 43 c. 13. Gregor v. N. nennt sie auch seiner „Studien Führerin und Lehrerin”.
24ebd.
25Ebd. Äußert Gregor: „Sein Studium war die Betrachtung, die Losschälung von der Welt und die Vereinigung mit Gott, indem er das Irdische
gegen das Himmlische, das Unbeständige und Vergängliche gegen das Beständige und Bleibende eintauschte.”
26Ep. 51 c. 1
27Ep. 244 c. 1
4
mit einem gewissen Hesychius28 engere Fühlung nahm, und wo er erstmals
seinen intimen Freund Gregor (von Nazianz) kennen lernte 29.
Von Cäsarea begab er sich nach Byzanz, der Hauptstadt des Orients, damals
berühmt durch seine tüchtigen Philosophen und Lehrer der Rhetorik. Deren
angesehenster war der Sophist Libanius, den Basilius zweifellos gehört hat.
Sein Aufenthalt zu Konstantinopel währte nur kurz. - „Von da führten ihn Gott
und die schöne Unersättlichkeit nach Bildung in das Eldorado der
Wissenschaft, nach Athen30." Übrigens <s 14> gehörte es auch damals noch
wie vordem in der großen klassischen Zeit zum guten Ton unter den
Gebildeten, die Universität Athen besucht zu haben31. Mochte auch
Alexandrien als Handels- und Bildungsstätte Athen überflügelt haben,
mochten im Laufe der Zeit Cäsarea, Antiochien und andere Städte
wetteifernd aufgestanden sein, Athen war immer noch die Hochburg der
alten Philosophenschulen, der Akademiker und Peripatetiker, die Heimstätte
der Rhetorik, „die goldene Stadt und Spenderin von so viel Gutem und
Schönem32", die im Abendrote entschwundener Herrlichkeit und mit der Fülle
ihrer gewaltigen Erinnerungen einen noch erhöhten Reiz ausübte und ihre
Anziehungskraft behielt.

2.

Es war etwa im Jahre 350 oder 351, als Basilius - also schon über 20 Jahre alt
- die Musenstadt betrat. Gregor von Nazianz war etwas früher eingetroffen 33
und hatte einen würdigen Empfang für den neuen Studiengenossen, dessen
„gesetztes Wesen und Reife er kannte", vorbereitet34. Athen, das jetzt fast
nur mehr als Universitätsstadt eine Rolle spielte, war stark beherrscht vom
studentischen Verbindungswesen, das ähnliche Manieren und noch stärkere
Auswüchse zeigte wie etwa das heutige35. Die Korporationen und
Landsmannschaften, streng voneinander abgesondert und jeweils um
bestimmte Professoren gruppiert, leisteten sich in der Kunst des Keilens das
Menschenmögliche36 Jeder neue Ankömmling hatte einer Verbindung
beizutreten und der peinlichen Prozedur der damals üblichen „Rezeption" sich
zu unterziehen37. Nur bei Basilius wurde <s 15> - sicher auf Verwenden des

28Ep. 64
29Or. 43 c. 14
30Ebd. C. 14
31Vgl. Eggersdorfer F. X., Die großen Kirchenväter des 4. Jahrhunderts auf den heidnischen Hochschulen ihrer Zeit, in theol.-prakt.
Monatsschrift XIII, 1903, S. 335 ff.
32Or. 43 c. 14
33Or. 43 c. 15
34Or. 43 c. 16
35vgl. Eggersdorfer a.a.O. S. 337 ff
36Or. 43 c. 15: „Man belagerte im voraus Städte, Wege, Häfen, Berghöhen, Täler, selbst abseits gelegene Stellen, jeden Zugang von Attika, ja
von ganz Griechenland.”
37Gregor schildert (or. 43 c. 16) anschaulich die studentischen Bräuche.
5
Nazianzeners hin - eine respektvolle Ausnahme gemacht38. Damit war der
Grund gelegt für die beiderseitige Freundschaft; da entzündete sich der
Funke ihrer liebenden Herzensgemeinschaft39. Bald bekam Gregor
Gelegenheit zu neuen Freundschaftsdiensten, um damit die gegenseitigen
Bande der Liebe zu festigen. Anläßlich einer öffentlichen Disputation mit der
Landsmannschaft der „verschmitzten und unaufrichtigen" Armenier, die
letztere inszeniert hatten, um den ob seiner Redekunst berühmten und
beneideten Basilius niederzuringen, ergriff er für seinen Freund Partei und
verhalf ihm zum Siege. „Das war der zweite Zunder unserer Freundschaft,
nicht mehr bloß ein Funke, sondern schon eine helle und starke Flamme40." —
Trotz Fortschritt und auch äußerer Erfolge konnte aber Basilius in Athen sich
nicht zurechtfinden und froh werden. Eine „Armseligkeit" blieb ihm die
Musenstadt. Wieder war es Gregor, der ihn tröstete und ermutigte und so ihn
„noch enger an sich kettete41". „Wie wir dann im Laufe der Zeit uns
gegenseitig den Wunsch und das Verlangen nach askitischem Leben
gestanden, da waren wir uns einander alles; wir wohnten und lebten
zusammen und waren ein Herz und eine Seele; wir hatten nur das Eine im
Auge, in uns gegenseitig dies Verlangen zu mehren und zu festigen42." „Wir
waren eine Seele in zwei Leibern43" mit der Aufgabe, die Tugend und das
Wissen zu mehren und zu fördern. „Dabei waren wir einander Regel und
Richtschnur. - In den Studien bevorzugten wir nicht die angenehmsten,
sondern die besten Wissenszweige44." „Zwei Wege nur waren uns bekannt:
der eine, der bessere und vorzüglichere, der zu unseren Gotteshäusern führte
und zu unseren Priestern, der andere, weniger wichtige, der Weg zu den
heidnischen <s 16> Lehrern. Das Übrige überließen wir gern denen, die
daran Gefallen finden, die Feste, Theater, Versammlungen, Schmausereien ...
Unser Stolz und Reichtum war, Christen zu sein und zu heißen45." So hat
Gregor selbst den schönen Freundschaftsbund mit seinen idealen
Beweggründen und Zielen geschildert und verewigt.
Das „edle Paar", wie die beiden Kappadozier im Munde der Professoren und
Studenten hießen46, blieb jedoch nicht allein; sie suchten und fanden
gleichgesinnte Kommilitonen. „Nicht die Ausgelassenen, sondern die
Sittsamen wurden unsere Bundesbrüder, nicht die Kampfhähne, sondern die
Friedfertigen und die, deren Freundschaft wahrhaft förderlich ist. Wir wußten
ja wohl, daß man leichter die Schlechtigkeit erbt als die Tugend mitteilt47." ,,...
Und so bildete sich um uns ein ansehnlicher Kreis Gleichgesinnter - mit

38Or. 43 c. 16 (Schluß)
39Or. 43 c. 17
40ebd.
41Or. 43 c. 18
42Or. 43 c. 19
43Or. 43 c. 20
44ebd.
45Or. 43 c. 21
46Or. 43 c. 22: ξυνωϱὶς οὐκ ἀνώνυμος
47Or. 43 c. 20
6
Basilius als dem Führer48." Gregor erzählt hier vom Entstehen und Bestehen
einer ersten „katholischen Studentenverbindung49 die nicht nur bei
Professoren und der übrigen Studentenwelt zu Ansehen kam, sondern in ganz
Griechenland und darüber hinaus50. „Alle, die Athen kannten, kannten auch
unsere Lehrer, und alle, die von unseren Lehrern hörten und redeten, hörten
und sprachen auch von uns51)."
Nach einem etwa acht- bis zehnsemestrigen Studium der Rhetorik, der
Philosophie - als berühmteste Sophisten von damals hörte er Himerios und
Prohaeresios52 -, Astronomie, Geometrie, Grammatik, Dialektik, Geschichte
und auch der Medizin nahm er etwa im Jahre 355 oder 356 Abschied von
Athen, wobei die Anteilnahme eine fast allgemeine war. Besonders
schmerzlich berührte das Scheiden Gregor, den zurückbleibenden Freund; er
tröstete sich aber mit der Hoffnung baldigen Wiedersehens53. <s 17> Noch
nach Jahrzehnten dachte er in stillem Heimweh zurück an diese schönen
Jugendjahre und pries das selige Freundschaftsleben 54 auf der Hochschule in
den Versen:
„Oh, die Gespräche! O du gastlich Haus der Freundschaft, lieb' Athen!
Oh, das göttlich schöne Leben! Fern der Heimat doch ein Heim55!"
Die Heimreise führte Basilius über Konstantinopel56 nach Cäsarea57 und
Neocäsarea, bzw. auf das Landgut in Pontus, wo die Mutter - die Großmutter
war bereits gestorben, und sein Vater war ihr ins Grab gefolgt - mit ihrer
ältesten Tochter Makrina (der Jüngeren) und dem jüngsten Sohne Petrus
lebte58. Doch bald scheint er in Cäsarea auf den Wunsch seiner Freunde, die
sich wohl von den Fortschritten des Basilius überzeugen wollten, einige
Proben seiner Beredsamkeit abgelegt zu haben59. Jedenfalls wollte die Stadt
Cäsarea - vielleicht infolge seines ersten Auftretens - ihn zurückhalten als
„zweiten Gründer und Beschützer der Stadt60." Man kann daran denken, daß
die Cäsareenser den hervorragenden Redner und Sohn ihrer Stadt gerne in
der ehemaligen Stellung des verstorbenen Vaters gesehen hätten61. Doch
sagte ihm solche Tätigkeit nicht zu62. Auch ein ehrenvollstes und
48Or. 43 c. 22
49vgl. Eggersdorfer a.a.O. S. 340
50Or. 43 c. 22
51ebd.
52Sozomenos, histor. Eccl. VI, 16
53Or. 43 c. 24
54Einmal (or. 43 c. 14) sagt Gregor, ihre gegenseitige Freundschaft würde zutreffender als ein „Zusammenatmen und Zusammengewachsensein"
bezeichnet.
55Carmen 64 (Migne, Pat. Graec. XXXVIII p. 74):
Ὦ λόγοι, ὦ ξένος ϕὶλὶας δόμος, ὦ ϕίλλ̓ λ̓Αϑῆναι,
Ὦ ϑείοω βιότου, τηλόϑι συνϑεσίαι.
56Bas. Ep. 1
57ebd.
58Gregor v. Nyssa, vita Macrinae
59Gregor v. Nyssa, or. 43 c. 25
60ebd.
61 Rufin, hist. eccl. IX, 9. Vgl. Kirch K., Helden des Christentums, I. 2. Basilius S. 83.
62vgl. Gregor, or. 43 c. 25
7
vorteilhaftestes <s 18> Anerbieten des Magistrates von Neocäsarea, die
Unterweisung der Jugend zu übernehmen, schlug er aus63.

3.

Immer lebhafter empfand er das Ungenügen der Welt - nicht ohne Einwirken
seiner frommen Schwester Makrina64 -, immer stärker wurde in ihm der
Entschluß, Gott und seinem Dienst sich ganz zu weihen und seinen zu
weltlichen Beruf mit einem Leben mönchischer Entsagung und Askese zu
vertauschen. Den Seelenzustand, in dem er sich jetzt befand, schildert er
selbst in einem Briefe (ep. 223 c. 2) in fast rührender Bescheidenheit:
„Nachdem ich viele Zeit auf Torheit verwendet und fast meine ganze Jugend
mit eitler Arbeit vergeudet hatte, indem ich mich auf die Erlernung der vor
Gott eitlen Wissenschaft und Weisheit verlegte, da erwachte ich endlich wie
aus einem tiefen Schlafe. Voll Staunen richtete ich da meinen Blick auf das
wunderbare Licht der Wahrheit des Evangeliums. Ich erkannte das Unnütze
der Weisheit der Großen dieser Welt, die zu Staub werden. Ich beweinte
meine elende Vergangenheit und wünschte mir eine Anleitung und
Einführung in das wirklich religiöse Leben. Vor allem lag mir daran, mein
Leben zu bessern, das durch den langen Umgang mit schlechten Menschen
verderbt worden65. Ich las nun das Evangelium und fand darin als trefflichstes
Mittel zur Vervollkommnung angegeben den Verkauf der Güter, das Mitteilen
an dürftige Brüder, aller unnötigen Sorgen für das irdische Leben sich zu
entschlagen und von keinem leidenschaftlichen Hang zu den zeitlichen
Dingen sich einnehmen zu lassen. So nahm ich mir denn vor, einen Bruder zu
suchen, der diesen Lebensweg gewählt hatte, um mit ihm den kurzen Strom
<s 19> des Lebens hinabzufahren." Solche Gewissenserforschung war fast
skrupulös, die Reue vollkommen, und mit dem Vorsatze machte er vollen
Ernst.
Nachdem er von Dianius, dem Bischöfe von Cäsarea, etwa im Jahre 357 die
Taufe empfangen hatte, besuchte er die Klöster des Orients und Ägyptens,
um die berühmtesten Mönche und deren Lebensregeln kennen zu lernen und
um nach dem besten Vorbilde seine eigene Zukunft zu gestalten. „Und ich
fand auch", schreibt er im Briefe an Eustathius von Sebaste (ep. 223 c. 2),
„wirklich viele in Alexandrien und im übrigen Ägypten, andere in Palästina,
Cölesyrien und Mesopotamien, bewunderte ihre Abtötung in Speise und
Trank, ihre Ausdauer in der Arbeit, ihr anhaltendes Beten, ... bewunderte ihre
erhabene Gesinnung und die Freiheit ihres Herzens ... Ich pries das Leben
dieser Männer selig, die in der Tat ‘das Todesleiden Jesu an ihrem Leibe
herumtrugen’, und ich verlangte darnach, soweit erreichbar, diese Männer

63Bas. Ep. 210 c. 2


64Ein zu hohes Selbstbewußtsein, einen gewissen "Wissensdünkel hatte Basilius von der Hochschule heimgebracht; Makrina wußte ihn zu
ernüchtern und zu heilen (Gregor v. Nyssa, vita Macrinae).
65Basilius verurteilt sich hier zu scharf. Nach dem Vorausgegangenen könnte man im Ernste höchstens gelten lassen, daß er durch weltlich
Gesinnte etwas selbstgefällig und äußerlich geworden war.

8
nachzuahmen." Seine Erkrankung in Alexandrien 66 mag diesen Vorsatz noch
gefestigt haben. Jedenfalls verzichtete er jetzt auf sein Vermögen zugunsten
der Armen und ließ sich in einer romantischen Einsamkeit am Irisflusse
unfern Neocäsarea67 nieder. Ganz in der Nähe, nur auf dem jenseitigen Ufer
des Flusses, auf dem einstigen Familiengute in oder bei dem Dorfe Annesi (s.
o.) hatte die fromme Schwester Makrina für gottgeweihte Jungfrauen eine
klösterliche Kolonie gegründet, in der auch Emmelia, die Mutter, den Rest
ihres Lebens verbrachte. So konnte er hier an stiller, trauter Stätte neben
seiner eigentlichen Aufgabe der Läuterung und Selbstheiligung durch
Geistessammlung, durch Betrachtung und erbauliche Lektüre der Hl. <s 20>
Schrift, durch Gebet68 und Feldarbeit69 einen regen Gedankenaustausch mit
Mutter und Schwester pflegen70.
Doch bald belebte sich die Einsamkeit. Hatten doch schon vorher auch in
Kleinarmenien, Paphlagonien und Pontus die Einöden namentlich durch die
Werbetätigkeit Eustathius', des Bischofs von .Sebaste, des eigentlichen
Begründers des Mönchtums, in genannten Provinzen, starken Zuzug
erhalten71. Aber während Eustathius das Anachoretentum begünstigte, neben
dem einsamen Leben das gemeinsame kaum aufkommen ließ, führte den
Basilius der Gedanke an den Strom des gemeinsamen Lebens über das
Anachoretentum hinaus zum Zönobitentum. Nicht als ob er den Wert der
Einsamkeit verkannt hätte - er trug ihr auch Rechnung in der Einrichtung
seiner Klöster -, sondern weil er auch die Gefahren und Schatten der einseitig
beschaulichen Lebensweise fürchtete, suchte er das asketisch beschauliche
Ideal mit dem sozialwerktätigen Leben zu verbinden. Gregor von Nazianz 72 ist
Zeuge für diese Auffassung und Praxis des Heiligen: „Da das einsame und
gemeinsame Leben in der Regel sich widerstreiten und keines bloß Licht oder
bloß Schatten hat, vielmehr ersteres mehr Ruhe und Friede verbürgt und
inniger mit Gott verbindet, aber den Dünkel nährt und der Tugend keine
Probe stellt, letzteres dagegen werktätig und nützlicher ist, aber nicht frei von
Stürmen, so hat Basilius beide Lebensarten miteinander ausgeglichen und
verbunden: Er gründete Mönchswohnungen und Einsiedeleien, aber nicht fern
von den Gemeinschaftshäusern, schied und trennte sie auch nicht
voneinander wie durch eine Mauer, sondern brachte sie in innige Beziehung
zueinander, damit das beschauliche Leben nicht jeglicher Gemeinschaft bar
und das praktische nicht ohne Beschaulichkeit sei." So sammelte denn
Basilius Gleichgesinnte aus Pontus und Kappadozien um sich, <s 21> und
bald stand an Stelle der Einsiedelei am Irisflusse ein Klösterchen, „ein
Gegenstück zu dem kleinen Frauenstift, das von Annesi freundlich

66Bas. ep. 1
67Vgl. die stimmungsvolle Schilderung dieser Örtlichkeit im Briefe des Basilius an Gregor (ep. 14 c. 2). Im gleichen Briefe (c. 2) lehnte Basilius
eine Einladung des Freundes, statt am Irisflusse in ‘Tiborina’ bei Nazianz seinen Aufenthalt zu nehmen, ab. da er, der Naturfreund, von der
unwirtlichen Gegend, dieser „Heimat von Wölfen und Bären", dieser „Kloake der Welt", nichts wissen wollte.
68vgl. Basilius in ep. 2 c. 2 ff
69Gregor v. Naz. in ep. 4 und 5
70Ep. 223 c. 5
71Sozomenos, hist. eccl. 4,12
72Or. 43 c. 62
9
herübergrüßte 73࠽. Bald - wohl im Jahre 358 - fand sich auch Gregor von
Nazianz ein; die Einladung des Freundes in die „reizend schöne࠽ Einsamkeit
hatte ihn gerufen.
Über das asketisch strenge wie glückselige Leben dieser klösterlichen Kolonie
geben spätere Briefe Gregors Aufschluß. „Ich muß mich nur wundern über
dein Pontus", schrieb er scherzhaft an Basilius, „und den pontischen Nebel,
über diese Stätte, zum Exil wie geschaffen, mit den dräuenden Felsen zu
Haupte'', über diesen Winkel am Ende der Welt, dies Mausloch, das man mit
glänzenden Namen wie ‘Kloster’ und ‘Schule’ beehrt, mit seinem Kranz von
Bergen, von denen ihr mehr eingeschlossen als bekränzt werdet, mit seinem
bißchen Luft und Sonne, die ihr nur wie durch ein Kamin bekommt. Loben
muß ich mir den schmalen, gewundenen Zugang - man weiß nicht, führt er in
ein Königreich oder in den Hades, deinetwegen natürlich in ein Königreich - ...
und den Fluß, der bei Tag und Nacht stört, der manchmal so schmutziges
Wasser führt, daß es nicht trinkbar ist" (ep. 4). „Und kommt man ins Innere:
eine Hütte ohne Dach, ohne Türe, ein Herd ohne Feuer, ohne Rauch, feuchte
Lehmwände; dazu eine hungrige Küche. Ich muß immer denken an das Brot,
das einem die Zähne ausbricht, an den sogenannten Brei, in dem sie wie im
Leime stecken bleiben. Wäre nicht deine Mutter, wirklich eine ‘Armenmutter’,
möglichst rasch hilfreich eingesprungen, wir wären längst nicht mehr am
Leben. ... Und soll ich schweigen vom armseligen Garten, bar jeglichen
Gemüses, den wir doch so reichlich gedüngt haben, und schließlich von dem
Wagen, den wir gezogen, ich, der Gärtner, und Du, der feine Herr, gezogen
mit unserem Hals und unseren Händen, die noch die Spuren von der
einstiger. Arbeit tragen, nur um das Terrain zu ebnen" (ep. 5). ,,... Doch im
Ernste: Wer bringt mir jene schönen Tage wieder, an denen ich die
Entbehrungen an Deiner Seite als Lust <s 22> empfand? Wer gönnt mir
wieder jenen Psalmengesang, jene Nachtwachen, die Erhebungen der Seele
zu Gott im Gebete, jenes geistliche und vergeistigte Leben? Wer ersetzt mir
die Herzensgemeinschaft mit den gottseligen Brüdern? Wer gibt mir den
Ansporn zum Tugendleben, das wir mit geschriebenen Normen und Regeln
sichergestellt haben? Wer gibt mir wieder den Eifer zum Studium der Hl.
Schrift und jene leichte Offenbarung unter der Leitung des Hl. Geistes? ...
Und, um auch das weniger Wichtige und Vollkommene zu erwähnen, unsere
gewöhnliche Tagesarbeit: Holz tragen, Bausteine herbeikarren, Bäume
pflanzen, die Saaten begießen ! Wer läßt mich jene goldene Platane
wiedersehen, unter der ... der Mönch selig ausruhte, die ich gepflanzt, dies
Lebenszeichen unserer gemeinsamen Arbeit?" (ep. 6).
Außer den schriftlichen Satzungen für das Leben der Mönche, die laut
Obigem Basilius im Verein mit Gregor in dieser klösterlichen
Abgeschlossenheit ausgearbeitet hat, liegt auch in der Blumenlese aus den
Werken des Origenes, in der „Philokalia", ein Denkmal der
gemeinschaftlichen Studien der beiden Freunde vor74.

73vgl. Kirch K. a.a.O. S. 94


74vgl. Sokrates, hist. eccl. 4, 24, und Gregor v. Naz., ep. 115
10
Was Basilius als Mönch und später als Bischof für das Mönchtum praktisch
geleistet und geschrieben, hat ihn in der Mönchsgeschichte des Orients
unsterblich gemacht. Bis zur Stunde waren und sind die Basilianer der eine
große Orden des Orients.

4.

Das „verborgene" Leben des Basilius mag von 358 bis 362 gedauert haben.
Doch blieb er auch in dieser Zeit nicht ohne Anteilnahme am
kirchenpolitischen Leben. Schon vor seiner Retraite von Dianius zum Lektor
bestellt und kurze Zeit wenigstens in diesem niederen Kirchenamte tätig 75,
war er Ende 359 oder zu Beginn des Jahres 360 schon Diakon, als er an den
dogmatischen Streitverhandlungen zu Konstantinopel teilnahm oder
wenigstens als stummer Zuhörer den Debatten zwischen den Homoiusianern
und den Anomöern beiwohnte. Die Vertreter der ersten Partei, Basilius von
Ankyra und Eustathius von Sebaste, scheinen ihn, der unentwegt <s 23> und
ganz auf dem Boden des Nicänums stand, auch zu wenig befriedigt zu haben,
um aktiv in die Debatte zu deren Gunsten einzugreifen76. Jedenfalls brach er
die Gemeinschaft mit Dianius, seinem Heimatbischof, als dieser in taktischer
Nachgiebigkeit die Kompromißformel von Rimini - Nice (359), bzw.
Konstantinopel (360), in der der Terminus ὁμοούσιος; fallen gelassen worden
war, unterzeichnete. Der Bruch dauerte, bis Dianius, von tödlicher Krankheit
befallen, den Basilius an sein Sterbebett rief, sein Bedauern über die
gegebene Unterschrift aussprach und versicherte, „nur in Einfalt des Herzens
beigestimmt zu haben und in Wirklichkeit nichts anderes zu denken und zu
glauben, als was die Väter zu Nicäa dogmatisiert hätten77".
Nach dem Tode des Dianius (362) wählten die Nachbarbischöfe unter dem
Drucke der Volksstimmung einen Senator von Cäsarea zum Bischof, namens
Eusebius. Hatte Eusebius sich auch glaubensstark bewährt in der
Verfolgungszeit, zeichnete er sich auch aus durch seine Religiosität 78, er war
doch noch Laie - ohne theologische Bildung und ohne kirchliche Erfahrung.
Deshalb sah er sich nach einer Kraft um, die ihn in der Verwaltung seiner
Diözese unterstützte. Er bestimmte Basilius, sich zum Priester weihen zu
lassen und nach Cäsarea überzusiedeln.

5.

Damit war der Heilige für die öffentliche, amtliche Kirchentätigkeit gewonnen.
In dieser seiner neuen Stellung scheint er sehr bald Julian, dem Apostaten.
entgegengetreten zu sein. Basilius hatte den Heimtücker schon auf der
Hochschule zu Athen kennen gelernt. Jetzt sollte besonders das katholisch-
75Gregor v. Naz. or. 43 c. 27
76Eunomius legte diese Zurückhaltung als Feigheit aus (in Gregor v. Nyssa c. Eunomium 1; Migne, Pat, Graec. 45, 273 sqq)
77Basilius, ep. 51 c. 2
78Or. 43 c. 28
11
treue Kappadozien den Groll des Christenhassers fühlen, zumal Cäsarea, dem
er Zerstörung androhte, falls nicht ein ungeheuerlicher Geldtribut ihn
zufriedenstellen sollte79. Aber Basilius hat ihm ebenso entschieden wie würdig
entgegnet80. Die <s 24>Drohungen konnte der Apostat nicht mehr wahr
machen, da er zuvor Krone und Leben verlor (363).
Indes sollte Basilius noch nicht dauernd an der Seite des Bischofs Eusebius
bleiben. Sein apostolisches Leben und Wirken, sein Verwaltungstalent, sein
theologisches Wissen und seine Beredsamkeit verschafften ihm wohl
allgemeine Hochachtung, zogen ihm aber die Mißgunst des eifersüchtig
gewordenen Bischofs zu. In der Stadt bildeten sich Parteien, solche für den
Bischof und solche für seinen Ratgeber, so daß schließlich ein Schisma zu
befürchten war81. Doch Basilius „wollte keine Opposition machen, noch wollte
er den Leib der Kirche zerreißen lassen, die ohnehin schon durch die
Häretiker in bedrohter Lage war82”. Auf Anraten Gregors von Nazianz
flüchtete er in den Pontus und übernahm wieder die Leitung seiner Klöster83.
Aber nicht lange dauerte diese Abwesenheit. Eine verschlimmerte
kirchenpolitische Lage erforderte seine schleunige Rückkehr.

6.

Kaiser Valens, Julians Nachfolger (364-375), war ein eingefleischter Arianen


und schlaue Ratgeber legten ihm nahe, den inneren Zwist der Kappadozier
mit ihrem kirchlichen Oberhaupt auszunützen und in Cäsarea einen
Arianerbischof zu inthronisieren84. Cäsarea und ganz Kappadozien sollte
arianisch werden. Gregor von Nazianz wandte sich zur Beschwörung der
Gefahr sofort an Basilius. Dieser söhnte sich nun mit Eusebius aus, „nahm
sich mit Eifer der gefährdeten Wahrheit an, und opferte und weihte sich der
Kirche85". Begeistert scharte sich das Volk um den Vorkämpfer des hl.
Glaubens, so daß Valens den Mut verlor, die streitbaren Kappadozier noch
weiter zu reizen. Geschlagen und gedemütigt verließ der Kaiser mit seinem
Gefolge (Ende 365) Cäsarea86. - Seitdem war Basilius für den Erzbischof von
Cäsarea der „unentbehrliche Ratgeber, der gewandte Beistand, Interpret der
hl. Schriften, der Dolmetscher seiner Pflichten, der Stab seines Alters, die <s
25> Stütze seines Glaubens, der treueste seiner Hausgenossen, der
brauchbarste der Fremden87". „Trotz seiner niederen hierarchischen Stellung
hatte er die Leitung der Kirche in der Hand ... Der Bischof regierte die

79Basilius ep. 40
80Basililus ep. 41
81Or. 43 c. 28
82Or. 43 c. 29
83ebd.
84vgl. Or. 43 c. 31 und 32
85ebd. C. 31
86ebd. c. 33
87Or. 43 c. 33
12
Gläubigen, Basilius aber leitete das Oberhaupt88." An der Seite des Bischofs
entfaltete nun Basilius eine pastorelle und administrative Tätigkeit, die
Gregor nicht genug zu rühmen weiß: Freimütig trat er bei den Beamten und
Statthaltern für die Rechte der Kirche und die Anliegen des Volkes ein,
vermittelte als unparteiischer Schiedsrichter zwischen den streitenden
Parteien, half aus seelischer und leiblicher Not, organisierte die Pflege der
Armen, Kranken und Fremden, nahm sich der Mädchen an, arbeitete an der
inneren und äußeren Ausgestaltung des Mönchtums, drang auf die Reform
des Klerus und eine Regelung des liturgischen Gottesdienstes89. Als
besondere Großtat des Heiligen rühmte Gregor die Linderung der furchtbaren
Hungersnot, von der Cäsarea und Umgebung im Jahre 367-368 heimgesucht
wurden. Nicht bloß opferte er zum Aufkauf von Lebensmitteln sein eigenes
Restvermögen, das er nach dem Tode seiner Mutter geerbt, nicht bloß fand er
Trostworte für die Leidenden und erschütternde Donnerworte für die
hartherzigen Wucherer90, und „öffnete so die Vorratskammern der Reichen",
sondern persönlich, mit der Schürze um die Hüften, bediente er auf dem
Marktplatze die abgemagerten, bleichen Gestalten, Männer und Frauen,
Kinder und Greise. Seele aller Armenfürsorge blieb ihm aber „die Sorge für
die Seele der Armen91".
Um die Mitte des Jahres 370 starb Eusebius, und Basilius ward auf den
bischöflichen Stuhl erhoben - „nicht ohne Mühe, nicht ohne Neid und Kampf
seitens der kaiserlichen Beamtenschaft und eines mit dieser <s 26>
verbündeten Magistrates 92࠽. Der mehr als neunzig Jahre alte Bischof Gregor
von Nazianz (der Ältere), der Vater des Basilius befreundeten Gregor, hatte
durch persönliche Beteiligung an der Wahl den Entscheid gebracht und
erteilte ihm auch die Weihe93).
Basilius, erst vierzigjährig, aber infolge übertriebener Askese doch körperlich
sehr geschwächt, stand nunmehr vor noch größeren Aufgaben. Eine
Erzdiözese galt es selbständig zu verwalten, die mit ihren fünfzig
Suffraganbistümern auf elf Provinzen sich verteilte und halb Kleinasien
umspannte.
Zunächst ging sein Bestreben dahin, die durch seine Wahl veranlagten
Streitigkeiten in der Stadt beizulegen und die früheren Gegner durch Milde
und würdigen Ernst zu versöhnen und zu gewinnen94. Charakteristisch für ihn,
daß er auf die persönliche Umgebung seines Freundes Gregor verzichtete,
um ja nicht Anlaß zu neuer Unzufriedenheit zu geben95.
Einen härteren Kampf hatte er aber zu bestehet gegen Valens, den brutalen,
kaiserlichen Schirmherrn der Arianer, der in seinem mit Katholikenhaß
88ebd.
89ebd. c. 34
90Or. 43 c. 34-36
91Damals hielt er seine berühmt gewordenen Homilien über „Die Habsucht''. „An die Reichen࠽. „Zur Zeit der Hungersnot und Dürre”, „Wider
die Wucherer࠽.
92Or. 43 c. 37
93ebd.
94Gregor v. Naz. or. 43 c. 40
95ebd. c. 39
13
erfüllten Herzen ob der früher (s. o.) erlittenen Niederlage noch einen
persönlichen Groll gegen Basilius trug96. Als dieser Wüterich Ende 371 oder
Anfang 372 wiederum Cäsarea nahte, „dieser noch unerschütterten und
unverletzten Mutter der Kirchen97", da zitterten alle Nichtarianer vor dem
„hagelgeschwängerten und verderbendräuenden Gewölk, das jede Kirche
vernichtete, auf die es niederfiel98. Wußte man doch, wie dieser Tyrann mit
Verbannung, Güterkonfiskation und mit gräßlichsten Martern - in
Konstantinopel hatte er achtzig katholische Priester auf ein Schiff bringen und
auf offener See verbrennen lassen - gegen die Treugläubigen vorging 99. Aber
<s 27> Basilius begegnete zuerst einer vorausgeschickten Abordnung von
arianischen Bischöfen und Offizieren, dann dem Präfekten Modestus und
schließlich dem Kaiser selbst mit solcher Unerschrockenheit und
Überlegenheit, daß er seinen Gegnern Achtung und Bewunderung abnötigte
und Valens gegen ihn nicht vorzugehen wagte100. Auch die Kirche von
Kappadozien war damit der größten Gefahr entronnen. „Diese Begegnung",
schreibt Gregor, „nahm wie eine Woge den größten Teil der Bedrängnis
hinweg, die uns damals drückte101." Wohl gelang es hintendrein der
arianischen Hofpartei, Valens zur Unterzeichnung eines Verbannungsdekretes
für Basilius zu bereden. Aber der Verbannungsbefehl kam nicht zur
Ausführung - angeblich, weil Valens dem Heiligen die Genesung seines
todkranken Kindes dankte102. Auch dem Präfekten Modestus selbst scheint er
ein Wohltäter geworden zu sein und diesen zu einer freundlicheren Stellung
ihm und seiner Kirche gegenüber veranlaßt zu haben103. So hatte Basilius
eine große Gefahr beschworen, wobei er aber nicht mehr bedeutet haben
wollte als der „gemeine Dünensand am Meere, den der Wille des
Allmächtigen als Damm dem wilden Rasen des sturmgepeitschten Ozeans
entgegengeworfen hat104".
Nicht gleich erfolgreich verlief der Kampf des Basilius um seine kirchlichen
Rechte. Um die verhaßten Kappadozier steuerlich schärfer erfassen zu
können und anderseits den Einfluß des Metropoliten von Cäsarea zu brechen,
hatte Valens schon 371 die Reichsprovinz Kappadozien, die mit der
Kirchenprovinz zusammenfiel, in zwei Hälften geteilt. Tyana wurde
Provinzhauptstadt des neuen Kappadozien. Der dortige Bischof Anthimus
vermochte nun mit Hilfe der Regierung ganz gegen den Willen des Basilius
seine Residenz zur kirchlichen Metropole zu erheben und die Diözesen des
neuen Gebietes seinem Sitze anzugliedern. Die Ausscheidung bzw. <s 28>
Lostrennung des neuen Metropolitanverbandes hatte viele Mißlichkeiten und
Brutalitäten im Gefolge: „Der neue Metropolit verhinderte das Abhalten von
96vgl. Or. 43 c. 44
97ebd. c. 47
98Or. 43 c. 30 und 46
99ebd.
100Or. 43 cc. 49-52
101ebd. c. 53
102Or. 43 c. 54
103ebd. c. 55
104Bas. ep. 203 c. 1
14
Synoden, eignete sich die Einkünfte an; die Verhältnisse der Kirche
verschlimmerten sich105." - Basilius suchte nun „den Zwist zu einem Gewinn
für die Kirche zu gestalten": Er schuf in seiner Provinz eine Reihe neuer
Bistümer, die er mit verlässigen Männern und bewährten Kampfgenossen
besetzte106. Auch den Gregor von Nazianz betraute er mit einem Bistum - mit
der Residenz im unansehnlichen Sasima; Gregor hat ihm diesen
„Freundschaftsdienst" allerdings bös verübelt und lange Zeit nachgetragen107.

7.

Neben der Sicherung der Kirche gegen den Arianismus und einer strafferen
Organisation des orthodoxen Kleinasien war es Basilius zu tun um die
Wiederherstellung besserer Beziehungen zwischen dem Orient und Okzident.
„Soweit ich die Lage übersehe," schreibt er in einem Briefe an Athanasius
(ep. 66 c. 1), „gibt es für uns nur eine Rettung: Einigung mit den
abendländischen Bischöfen." Nur einmütiges Vorgehen der abendländischen
und morgenländischen Bischöfe könnte all den häresiefördernden
Zwistigkeiten der orientalischen Kirche ein Ende machen. Athanasius sollte
die Vermittlung übernehmen108. Das Haupthindernis für die ersehnte Einigung
der Gesamtkirche war das sogenannte „Antiochenische" Schisma. Basilius
warb eifrig für Meletius; Papst Damasus aber wollte und konnte eben
Paulinus, den Gegenbischof, nicht fallen lassen. Daher blieben die
diesbezüglichen langen Verhandlungen mit dem Abendlande ergebnislos.
So zeigte sich Basilius in der äußeren wie in der inneren Kirchenpolitik als der
wahre Kirchenfürst mit ebensoviel Umsicht wie Energie. Nicht weniger
bekümmert war er als Bischof und Seelsorger für die geistigen und leiblichen
Interessen seines Klerus und seiner Gläubigen.
<s 29> Als Hüter der Disziplin stellte er Mißstände und Mißbräuche im Leben
des Klerus ab, verbot den Suffraganen die Erteilung der Weihen um Geld
unter Androhung der Exkommunikation109, forderte gewissenhafte Prüfung
der Weihekandidaten110, drang auf tadellosen Wandel der Priester und auf
Entfernung verdachterweckenden weiblichen Hauspersonals111. Eine
Erneuerung bzw. Reform der kirchlichen Allgemeindisziplin bedeuteten die
drei „kanonischen" Briefe an Amphilochius (ep. 188, 199, 217). - Unermüdlich
tätig als „Prediger von Gottes Gnaden" wurde er der Lehrer und Tröster seiner
Diözesanen. Und wo sein mündliches Wort nicht hindrang, da mußten
unzählige Briefe seine Anteilnahme am Wohl und Wehe der Gesamtheit wie
Einzelner bezeugen. Bald rät er darin Welt- und Ordensleuten zu Mittel und
Wegen der Vervollkommnung, so einer Patrizierin Cäsaria zum häufigen
105Or. 43 c. 58
106ebd. C. 59
107ebd. und Gregor v. Naz. Carmen 2, 1, 11 v. 386 sqq.
108Bas. ep. 66. 67. 69
109Bas. Ep. 53
110Ep. 54
111Ep. 55
15
Kommunionempfang (ep. 93), bald tröstet er Gemeinden, die der Hirten
beraubt sind, tröstet von irdischem Verluste oder Leid betroffene
Privatpersonen, kondoliert trauernd Hinterbliebenen. Bald schreibt er
Empfehlungsbriefe zugunsten von Armen und Geprüften, von Verwandten
und Bekannten, die Basilius' Hilfsbereitschaft ins schönste Licht stellen. Bald
schreibt er Gruß-Billete an Freunde mit Mahnungen und Erinnerungen
herzlichster Liebe und persönlichster Fürsorge112. Immer fanden die
Schwachen und Bedrückten in ihrem Bischof den entschiedensten Anwalt
ihres Rechtes gegenüber weltlicher Ungerechtigkeit und Beamtenwillkür113.
Der schon als Priester ein „Vater der Armen" gewesen, krönte seine
Armenfürsorge mit der Gründung der sogenannten Basilias, einem großen
und nahe der Bischofsstadt angelegten Versorgungshaus, in dem die
Kranken, Armen, Fremden, Greise und Arbeitsunfähigen Aufnahme und Pflege
fanden114. Das Hospital <s 30> wuchs sich in kurzem aus zu einer förmlichen
„Stadt der Karitas".
Basilius erstellte in dieser „Neustadt" neben einer herrlichen Kathedrale ein
bescheidenes Haus für den Bischof, weitere Wohnungen für die Priester,
Ärzte, Krankenwärter, Pilgerhospize, Genesungsheime, Stallungen, Scheunen
und Werkstätten, in denen auch das Kunsthandwerk zu seinem Rechte kam.
Denn bei der Anlage dieser „Basilias" hat nicht bloß das praktische Bedürfnis
entschieden, sondern auch das künstlerische Empfinden mitgesprochen 115.
Doch Armenhospize erstanden auf Veranlassung des sozialen Bischofs auch
auf dem Lande bzw. in den kleineren Städten und unterstanden der Obhut
und Aufsicht des jeweiligen Landbischofs116.
Neun Jahre währte der segensreiche Episkopat des „großen" Basilius. Wohl
blieben ihm manche heißersehnte Erfolge versagt. Aber gerade noch in den
letzten Monaten seines Lebens sah er für die orientalische Kirche die
Wendung zum Besseren kommen. Der Tod des Valens im August 378 führte
die Entspannung der Lage herbei: Die Regierung des Theodosius bedeutete
die kirchliche Freiheit. Von den Katholiken Konstantinopels wurde Gregor von
Nazianz - nicht ohne Mitwirkung des Basilius - sogar auf den Bischofsstuhl der
Kaiserstadt berufen. Es war des todkranken Freundes letzte
(kirchenpolitische) Handlung und Freude. Am 1. Januar 379 starb er117. - Groß
und allgemein war die Trauer über seinen Hingang, rührend die Teilnahme der
ganzen Bevölkerung an der feierlichen Bestattung des hl. Bischofs 118.
Fast unmittelbar nach seinem Tode feierte man den Jahrestag, den 1. Januar,
als Festtag des Heiligen, wie heute noch im Orient. Der Gedächtnistag in der
römisch-katholischen Kirche ist der 14. Juni119.

112Darüber eingehender in der Spezialeinleitung zu den Briefen.


113vgl. Greg. or. 43 c. 63 sq.
114Or. 43 c. 63 und Sozomenos, hist. eccl. VI, 34
115Bas. ep. 94
116Bas. ep. 142.143
117vgl. Loofs Fr., Eustathius von Sebaste, Halle 1898, S. 49
118Gregor in or. 43 c. 80
119Zur Biographie des hl. Basilius: Fr. Baert, De sancto Basilio M.: Acta SS. Jnnii II, Antverp. 1698; Tillemont, Mémoires pour servir à
l'histoire ecclésiastique IX Paris 1714; Maran Pr., Vita S. Basilii M. (in MPG XXIX, V— CLXXVII); Klose W., Ein Beitrag zur

16
B. Schriften des hl. Basilius

Literarisches Schaffen

<s 31>So sehr Basilius ein Mann der kirchlichen Praxis war und gerade
darin seine Größe liegt, sein literarisches Schaffen hat seinen Ruhm nicht
beeinträchtigt, nur erhöht. Gregor v. Nazianz bezeugt die Hochachtung seiner
Zeitgenossen vor den Schriften des Basilius, die Vorliebe für diese Lektüre bei
Gebildeten und Ungebildeten, bei Christen und Nichtchristen120, preist in den
höchsten Tönen deren Einfluß auf sein eigenes Denken, Streben und Leben121.
Um seiner Schriften willen steht er in der Reihe der vier „großen
ökumenischen Lehrer" der griechischen Kirche122.
Äußerer Bezeugung zufolge123 hat Basilius dogmatische, asketische,
liturgische Schriften sowie eine große Zahl von Predigten und Briefen verfaßt.
Eine wesentliche Einbuße hat diese literarische Hinterlassenschaft im Laufe
der Jahrhunderte nicht erlitten. Wohl <s 32> aber wurde des großen Basilius
Name Etikette für manches nicht ihm gehörige Gut124.
Die beste Ausgabe seiner Schriften danken wir den Mauriner-Benediktinern
J.Garnier († 1725) und Pr. Maran († 1762), die in Paris 1721-1730 dreibändig
erschien. Eine verbesserte und etwas bereicherte dritte Auflage dieser
Ausgabe bietet Migne, Patrol. Graec t. XXIX-XXXII. Paris 1857. - Von den
früheren Übersetzungen verdienen neben der lateinischen der Mauriner
Erwähnung die beiden Köselschen-Kempten: Die erste umfaßt „Sämtliche
Schriften des hl. Basilius d. Gr." (in: Sämtliche Werke der Kirchenväter, aus
dem Urtexte ins Deutsche übers., Bd. 19-26. Kempten 1838-1842), die zweite
(in der „Kirchenväter-Bibliothek") enthält in drei Bänden „Ausgewählte
Schriften des hl. Basilius", übersetzt von V. Gröne (Kempten 1875-1881). -
Eine englische Übersetzung der Schrift „über den Hl. Geist", der
Hexaemeron-Homilien und der Briefe mit trefflicher Einführung und
wertvollen Erklärungen gab Bl. Jackson in „A select Library of Nicene and
Post-Nicene Fathers of the Christian Church, Ser. 2, vol. 8. New-York 1895. -
Weiteres s. O. Bardenhewer, Geschichte der altkirchlichen Literatur III (1912)
S. 136 f.

Kirchengeschichte: Basilius d. Gr. nach seinem Leben und seiner Lehre, Stralsund 1835; Böhringer Fr., Die Kirche Christi und ihre Zeugen ... Bd.
7. Die drei Kappadozier 1. Basilius v. Casarea. Stuttgart 1875; besonders Allard P., St. Basile [Les Saints] Paris 1903; Morison E. F., St. Basil and
his Rule, London 1913; Clarke W. K. L.. St. Basil the Great, Cambridge 1913; Kirch K., Basilius in den „Helden des Christentums" I, 2,
Paderborn 1919, S. 73-131 (eine populär-wissenschaftliche, übersichtlich und fesselnd geschriebene Biographie); Wittig J., Leben, Lebensweisheit
und Lebenskunde des hl. Metropoliten Basilius d. Gr. v. Cäsarea, in der „Ehrengabe deutscher Wissenschaft", hsg. v. Fr. Fessler, Freiburg i.B.
1920 (S. 617-638).
120Or. 43 c. 66
121ebd. c. 67
122Vgl. Nilles N., in der Zeitschrift für kath. Theologie XVIII (1894), S. 735 ff., Chr. Baur, S. Jean Chrysostome, Louvain 1907, p. 26 sq.
123Gregor v. Naz. or. 48 c. 67; Hieronymus, de vir. illustribus 116; Rufin, hist. eccL 11, 9; Photius, Bibliotheca cod. 137. 141-144. 191.
124In jüngster Zeit wurde noch von Robert Melcher in einer Studie „der 8. Brief des hl. Basilius, ein Werk des Evagrius Pontikus" (Münster
1923) der fragwürdige Brief mit ausreichenden Gründen Basilius abgesprochen. Schuld verspäteter Einsichtnahme in die erwärmte Studie
gelangte der „8. Brief" trotzdem wieder in die neue Ausgabe.

17
Die Schriften des Basilius werden am besten und übersichtlichsten nach
ihrem Inhalte geordnet und zusammengestellt.

1. Dogmatische Schriften.

Das dogmatische Erstlingswerk des hl. Basilius war eine Streitschrift gegen
Eunomius, den Schüler des Antiocheners Aetius, der den ursprünglichen
Arianismus bzw. Anhomöismus neu zu beleben versuchte. Eine ca. 361
veröffentlichte Schrift des Eunomius, genannt „apologia", zwang den Heiligen
zu einer ihm selbst unerwünschten Polemik125 und Widerlegung der
eunomianischen Spitzfindigkeiten und Irrlehren, und er schrieb ca. 363 bis
364 die Gegenschrift „adversus Eunomium" in drei Büchern (Migne, Patr.
Graec. XXIX, 497-670). Das erste der drei Bücher widerlegt die These, der
Sohn, weil gezeugt, sei ein Geschöpf, da nur Gott ungezeugt sei, die These
also, daß in der Agennesie das Wesen Gottes begründet und in ihr auch
adäquat erkennbar sei. Die Agennesie im Sinne des Ungezeugtsein
charakterisiere nur die Person des Vaters, die Agennesie im Sinne von
Ungewordensein sei ein Attribut des göttlichen Wesens126. - Das zweite
Buch verteidigt die Homousie. des Sohnes. Der Sohn bleibe auch als
„Gezeugter" der „Ungewordene". Der Sohn empfange sein Wesen von
Ewigkeit her vom Vater, und deshalb sei er eines Wesens (ὁμοούσιος) mit
dem Vater. - Das dritte Buch verteidigt die Homousie des Hl. Geistes127.
Eine zweite dogmatische Schrift aus der Feder des Basilius stammt aus dem
Jahre 375, betitelt: De Spiritu Sancto (Migne. PG. XXXII, 67-218)128. Darüber
die Spezialeinleitung!
Literatur zur Theologie des hl. Basilius:
Nager F., Die Trinitätslehre des hl. Basilius d. Gr, Paderborn 1912.
Maier J., Die Eucharistielehre der drei großen Kappadozier (Diss.). Freiburg
1915.
Scholl E., Die Lehre des hl. Basilius von der Gnade. Freiburg 1881.

2. Asketische Schriften.

<s 34> Unter der Aufschrift „Ascetica” ((̓Ασκητικά) ist eine Sammlung von
Schriften überliefert (Migne, PG. XXXVI, 619-1428), aus der drei größere
Stücke hervorragen. Die Moralvorschriften (Moralia, ἠϑικά), eine Anleitung
zum christlichen Leben in achtzig Sittenvorschriften, eingeführt durch zwei
Vorreden „über das Gericht Gottes” - ein Mahnung zur Buße - und „über den
Glauben” - eine Unterweisung über die Dreieinigkeit -, und zwei Mönchs -

125Adv. Eunomium I, c. 1
126Vgl. Stiegele P., Der Agennesiebegriff in der griechischen Theologie des 4. Jahrhunderts. Freiburg 1913. S. 77 ff.
127Die angehängten Bücher IV und V sind kein Basiliusgut (vgl. Funk, Kirchengeschichtl. Abhandlungen und Untersuchungen 11 [1899], S.
291 ff., und III [1907], S. 31 ff.).
128Diese beiden Werke haben später dem Verfasser den Ehrentitel eines „Himmelsdolmetsch" eingetragen - erstmals bei Pseudo-Amphilochius
(Vita S. Basilii. in: Fr. Combefis, SS. Patrum Amphilochii etc. 168)

18
oder Klosterregeln. Die fünfundfünfzig „ausführlichen Regeln࠽ enthalten die
Grundlage des Ordenlebens, die dreihundertunddreizehn „kurzgefaßten
Regeln࠽ enthalten Bestimmungen über Einzelheiten, beide in Form von
Fragen und Antworten129. Beide Ordensregeln sind „nicht sowohl Verfassungs-
und Verwaltungsentwürfe, als vielmehr Katechismen der Tugend- und
Pflichtenlehre130. - An der Spitze des Ganzen stehen drei Ansprachen oder
Predigten „über das asketische Leben” im allgemeinen, vor der längeren
Regel zwei „asketische Predigten" über das Mönchsleben, und als Abschluß
folgen die „Strafen" für Mönche und Nonnen, die sich irgendwie verfehlt
haben, sowie „asketische Konstitutionen'', d.h. ausführliche Vorschriften und
Ratschläge für die Mönche.
Die kleineren Stücke standen in dem Photius (Bibl. Cod. 191) vorgelegenen
Exemplar noch nicht, sind also später eingefügt worden und dürften kaum
echt sein. Dagegen ist an der Echtheit der drei größeren Stücke nicht zu
zweifeln; für sie bürgen glaubwürdige Stimmen des Altertums131. Wird uns
doch schon von Gregor von Nazianz bezeugt132, daß Basilius im Vereine mit
seinem Freunde ca. 358-359 in der Einöde am Iris „schriftliche Regeln und
Satzungen" für die Mönche ausgearbeitet hat. Daß Basilius bei der
Niederschrift seiner <s 35> Mönchsregeln viel von Eustathius. dem großen
Bahnbrecher für das Anachoretentum. übernahm, ist begreiflich.
Schon oben wurde die Bedeutung des Basilius für das orientalische
Mönchtum gewürdigt. Gerade mit seinen „Regeln" wurde er Vater des
Zönobitentums.
Literatur: Kranich A., Die Asketik in ihrer dogmatischen Grundlage bei
Basilius d. Gr. Paderborn 1896. - Holl K., Enthusiasmus und Bußgewalt beim
griechischen Mönchtum. Leipzig 1898. - Büttner G.. Beiträge zur Ethik des
Basilius (Progr.). Landshut 1913.

3. Liturgie.

Gregor von Nazianz schreibt von „Gebetsverordnungen" (εὐχῶν διατάξεις)


seines Freundes Basilius133. Gemeint ist wohl sicher die im wesentlichen
heute noch erhaltene Basilius-Liturgie (Migne, PG. XXXI, 1629-1656). Sie
deckt sich zwar dem Wortlaute nach nicht mit der heute noch in der
griechisch-katholischen Kirche des Orients - an zehn Festtagen des Jahres -
gebräuchlichen „Basilius-Liturgie". Beide Liturgieformen haben eben im Laufe
der Zeit Änderungen erfahren.
Neuere Ausgaben des griechischen Textes der Basilius-Liturgie:
a) Daniel H. A., Codex liturgicus ecclesiae orientalis. Lipsiae 1853, 421-438.
b) Engdahl R., Beiträge zur Kenntnis der byzant. Liturgie. Berlin 1908.

129Beide Regeln wurden durch Rufin in eine verschmolzen und in lateinischer Übersetzung dem Abendlande vermittelt, wo sie dann von
Benedikt benützt wurden.
130Bardenhewer a.a.O. S. 141
131Bardenhewer a.a.O. 141f
132Gregor v. Nazianz ep. 6; or. 43, cc. 34. 62
133Or. 43 c. 34
19
c) Orlov J., Die Liturgie des hl. Basilius, Petersburg 1909.
Übersetzungen:
a) Storf R., Die griechischen Liturgien der Heiligen Jakobus, Markus, Basilius
und Chrysostomus. Kempten 1877 (Bibl. d. Kirchenväter).
b) Robertson J., The divine Liturgies of Chrysostom and Basil. London 1894.
c) Charon C, Les saintes et divines Liturgies de nos saints Pères J.
Chrysostome, Basile le Grand et Grégoire le Grand. Beyrouth 1904.
<s 36> Literatur: Probst F., Liturgie des vierten Jahrhunderts und deren
Reform. Münster 1893. (S. 124-156, 377-412.) - Maltzew A. P., Die göttlichen
Liturgien unserer Väter Chrysostomos, Basilios und Gregorios. Auflage 1912.

4. Homiletische Schriften und Briefe

Zu den homiletischen Schriften und den Briefen des Basilius siehe die
jeweilige Spezialeinleitung134.
Ausführlichere Angaben über Ausgaben und Literatur zu Basilius-Schriften
siehe bei Bardenhewer, Geschichte der altkirchlichen Literatur. Freiburg 1912.
S. 136-162.

134Nachzutragen zur „Brief"-Literatur ist ein Artikel (in The Journal of theol. studies vol. 21-23) von Bessières H.: La tradition manuscrite de la
correspondance de St. Basile.

20
Basilius d. Gr.
Mahnwort an die Jugend über den nützlichen
Gebrauch der heidnischen Literatur (Ad
adolescentes)

I. Kapitel

So vieles bestimmt mich, meine Jünglinge135 , euch zu raten, was ich für das
Beste halte, und was nach meiner Überzeugung euch nützen wird, wenn ihr
darauf eingeht. Ich stehe ja in einem Alter, habe schon so viele Kämpfe
durchgemacht und habe wahrhaftig genug die in allweg erzieherische Gunst
und Mißgunst des Lebens erfahren, daß ich mich jetzt in den menschlichen
Dingen auskenne und denen, die eben in das Leben eintreten, den sichersten
Weg weisen kann. Zudem komme ich dank unserer natürlichen
Zusammengehörigkeit unmittelbar nach euren Eltern, so daß ich auch
persönlich, kaum weniger Wohlwollen für euch habe als eure Väter136 . Ich
glaube aber auch, mich in euch nicht zu täuschen, wenn ich annehme, daß
ihr jetzt nicht nach euren Eltern verlangt, wo ihr mich vor euch seht. Wenn ihr
nun meine Worte freudig aufnehmt, so werdet ihr zur zweiten Klasse der bei
Hesiod Belobten gehören; wenn aber nicht, so möchte ich euch nichts
Unangenehmes sagen, wohl aber sollt ihr selbst euch der bekannten Verse
erinnern, in denen er sagt: "Der Beste ist der, der von sich aus weiß, was er
zu tun hat; trefflich auch der der von andern sich belehren läßt; wer aber zum
einen nicht taugt und nicht zum andern, der ist unnütz zu allem137 ."

II. Kapitel

Wundert euch nicht, wenn ich behaupte, ich hätte für euch, die ihr doch
täglich eure Lehrer besucht und mit den berühmtesten Männern des
Altertums durch deren literarische Hinterlassenschaft in Fühlung steht, noch
etwas Eigenes und besonders Wertvolles zu sagen. Eben das, was ich euch
jetzt anraten will, ist [der Rat], ihr mögt doch nicht diesen Männern ein für
allemal gleichsam Steuer und Segel eures Geistes anheimgeben und ihnen
dahin folgen, wohin sie euch führen, vielmehr euch darüber klar werden, was
neben dem Nützlichen, das ihr aus ihnen schöpft, bei ihnen auch zu

135παῖδες, eigentlich "Knaben", "die", wie es hernach heißt, "eben in das Leben [d. h. in die Welt] eintreten", nachdem sie zuvor zu Hause
beaufsichtigt waren.
136Die Ansprache galt also den Basilius nahestehenden jungen. Leuten [wohl einem kleineren Kreise], denen er auch im weitern Verlaufe des
Lebens ratend zur Seite bleiben will. [Vgl. c. 8, Schluß.]
137Die Verse bei Hesiod [Opera et dies] von 293—297 lauten wörtlich:
ουὗτος μὲν πανάριστος ὅς αὐτὸς πάντα νοήσῃ
φρασσάμενος τά κ'ἒπειτα καὶ ἐς τέλος ᾒσιν ἀμείνω.
ἐσθλὸς δ'αὖ κὰκεῖνος ὂς εὖ εἰπόντι πίθηται
ὅς δέ κε μήτ αὐτὸς νοὲῃ μήτ᾿ ἄλλου ἀκούων.
ἐν θεμῷ βάλληται ὁ δ`αὖτ᾿ ἀχρήϊος ἀνήρ.

21
übergeben, habt. Was das ist, und wie wir es erkennen, das will ich nun eben
an der Hand jener Schriftsteller zeigen.

Meine Jünglinge, wir halten dies irdische Menschenleben überhaupt für


keinen Gewinn, wähnen und nennen durchaus kein Gut, was nur eine
diesseitige Seligkeit bringt. Ahnenglanz, Körperstärke, Schönheit, Größe,
allseitige Ehrung, selbst die Königswürde, kurz alles, was man menschlich
groß nennen möchte, halten wir nicht einmal für begehrenswert, geschweige
denn, daß wir ihre Besitzer anstaunen; wir gehen in unseren Hoffnungen
weiter und tun alles zur Erlangung eines andern Lebens. Was uns nach dieser
Richtung hin förderlich ist, das muß man unseres Erachtens lieben und mit
aller Kraft anstreben, aber als wertlos beiseite lassen, was nicht auf jenes
Leben abzielt.

Was es um dieses Leben ist, wo und wie wir es zubringen werden, darüber zu
sprechen ginge über mein augenblickliches Vorhaben hinaus und erforderte
auch größere Zuhörer, als ihr seid138 . Nur soviel will ich sagen, und damit
dürfte ich euch genug angedeutet haben, daß alle Glückseligkeit aller
Menschen, von ihrer Erschaffung an zusammengezählt und
zusammengenommen, nicht einmal dem kleinsten Teile jener Güter
vergleichbar ist, daß vielmehr alle Güter hienieden zusammen an Wert noch
mehr hinter dem kleinsten jenseitigen Gute zurückstehen, als Traum und
Schatten hinter der Wahrheit. Ja, um mich eines besseren Vergleiches zu
bedienen: So hoch die Seele über allen Fähigkeiten des Körpers steht, so groß
ist der Unterschied zwischen dem jenseitigen und diesseitigen Leben.

Zu jenem Leben weisen nun den Weg die heiligen Schriften mit ihren
geheimnisvollen Lehren. Solange wir aber wegen des [jugendlichen] Alters139
nicht imstande sind, die Tiefe ihres Sinnes140 zu erlauschen, üben wir
zunächst unser geistiges Auge an anderen Schriften, die ersteren nicht ganz
fremd, sondern gleichsam als deren Schatten und Spiegel gegenüberstehen,
und machen es so denen nach, die auf den Kampf sich einüben; haben
nämlich solche in Hand- und Fußbewegungen sich gut trainiert, dann haben
sie beim Kampfe den Nutzen von diesen Übungen. Nun haben auch wir einen
Kampf zu kämpfen, und zwar den schwersten aller Kämpfe; dessen müssen
wir uns bewußt sein. Für diesen haben wir uns zu wappnen und darum alles
zu tun und nach Kräften uns zu mühen, müssen mit Dichtern,
Geschichtschreibern, Rednern, kurz mit allen Menschen uns abgeben, die uns
irgendwie zur Förderung des Seelenheils von Nutzen sein können. Wie die
Färber erst sorgfältig vorbereiten, was sie einmal färben wollen, z.B. die Farbe
beschaffen, die sie brauchen, sei es Purpur, sei es eine andere Farbe, so
müssen auch wir, soll uns der Ruhm der Tugend unauslöschlich verbleiben,
zuvor dieser Profanliteratur uns widmen; erst dann können wir den heiligen
und geheimnisvollen Lehren aufhorchen. Erst müssen wir uns daran
138Vgl. oben S. 446, Anm. 1
139Vgl. oben S. 447. Anm. 1
140Vgl. 1Kor 2,10.
22
gewöhnen, die Sonne im Wasser zu sehen, ehe wir unseren Blick auf das
Licht selbst heften.

Besteht nun zwischen den beiderseitigen Lehren141 eine Verwandtschaft, so


wird ihre Kenntnis uns von Nutzen sein, wenn nicht, dann macht eine
vergleichsweise Zusammenstellung uns auf den Unterschied aufmerksam
und dient nicht wenig zur Befestigung des Besseren. Wie könnte man denn
wohl die heidnische und christliche Lehre in ihrem Verhältnisse zueinander
bildlich darstellen? Etwa mit einem Baume, dessen eigentlicher Wert darin
liegt, daß er zu seiner Zeit Früchte trägt, der aber doch auch seinen Schmuck
hat und Blätter treibt, die die Zweige umrauschen. So verlangt auch die Seele
vornehmlich eine Frucht in der Wahrheit 142 ; aber es steht ihr auch das
Gewand fremder Weisheit nicht übel an, wie denn auch Blätter der Frucht
Schatten und ein liebliches Aussehen verschaffen. — So soll denn auch
Moses, der Hochberühmte, der dank seiner Weisheit in aller Welt den größten
Namen hat, seinen Verstand in der Wissenschaft der Ägypter geschult haben
und so zur Erkenntnis dessen gekommen sein, "der da ist143 ,". Ähnlich soll
auch später der weise Daniel in Babylon die Weisheit der Chaldäer erlernt
und erst dann mit den göttlichen Lehren sich abgegeben haben144 .

Doch jetzt sind der Worte genug darüber, daß solches Studium der profanen
Wissenschaft nicht wertlos ist; inwieweit aber ihr euch damit beschäftigen
sollt, davon soll im Folgenden die Rede sein.

Fürs erste dürft ihr nicht allem, was die Dichter sagen, um damit zu beginnen
— es gibt ja ihrer so manche und verschiedene —, und allen der Reihe nach145
eure Aufmerksamkeit schenken. Aber wenn sie von Handlungen und Reden
guter Männer erzählen, so sollt ihr sie lieben und nach Kräften nachzuahmen
versuchen. Kommen sie auf schlechte Menschen zu sprechen, so müßt ihr
euch in Acht nehmen und eure Ohren verschließen, genau so, wie es
Odysseus bei den Sirenengesängen gemacht haben soll146 . Denn die
Angewöhnung an schlechte Reden ist leicht der Weg zu schlechten Taten.
Deshalb müssen wir mit aller Sorgfalt uns davor hüten, nicht durch das
Wohlgefallen an den Worten unvermerkt etwas Schlechtes in unsere Seele
aufzunehmen, wie die, welche mit dem Honig das Gift einnehmen. Wir dürfen
die Dichter auch nicht loben, wenn sie schmähen und spotten, Verliebte oder
Trunkene schildern, auch nicht, wenn sie die Glückseligkeit nach einer
luxuriösen Tafel und ausgelassenen Liedern bemessen. — Am wenigsten aber
dürfen wir auf sie hören, wenn sie von ihrer Vielheit147 und Uneinigkeit
erzählen. Denn bei ihnen steht Bruder gegen Bruder auf, Vater gegen Kinder,
141D.h. der Hl. Schrift und der Profanliteratur.
142Vgl. Joh 8,32; 2Kor 4,2.
143Vgl. Exod 3,14. — "θεωσία τοῦ ὂντος" könnte wohl auch bedeuten: "Erkenntnis des Wahren"
144Vgl. Dan. c. 1.
145D.h.: Man darf nicht alle Dichter ausnahmslos lesen.
146Vgl. Homer, Odyssee XII, 89 ff.
147Vielleicht schwebte Basilius hier die Theogenie Hesiods vor Augen.
23
und die Kinder führen wiederum einen unversöhnlichen Krieg gegen die
Eltern. Ehebrüche, Buhlereien und öffentliche Umarmungen der Götter,
besonders die ihres Oberhauptes, des höchsten Zeus, wie sie ihn nennen, die
man ohne Erröten nicht einmal von Tieren aussagen könnte, wollen wir den
Schauspielern überlassen.

III. Kapitel

Dasselbe läßt sich freilich auch von den Geschichtschreibern sagen,


besonders wenn sie den Hörern zum Gefallen und zum Vergnügen
Geschichten erzählen. Auch die Fertigkeit der Rhetoren im Lügen wollen wir
nicht nachahmen. Weder in den Gerichtshöfen noch bei anderweitiger
Betätigung steht uns die Lüge an, uns, die wir doch den wahren und rechten
Lebensweg eingeschlagen haben, und denen durch ein Gesetz geboten ist148 ,
nicht zu prozessieren. Dagegen wollen wir gern von ihnen lernen, soweit sie
die Tugend lobten oder das Laster rügten. Denn wie die meisten Geschöpfe
von den Blumen nur etwas haben, insoweit sie an deren Duft oder Farbe sich
ergötzen, die Bienen aber auch Honig aus ihnen zu gewinnen wissen, so
werden auch die, die nicht bloß nach dem Angenehmen und Ergötzlichen
solcher Schriften haschen, daraus auch einigen Gewinn für ihre Seele
erzielen. Ja, ganz nach dem Vorbilde der Bienen müßt ihr mit jenen Schriften
umgehen. Diese fliegen ja nicht allen Blumen unterschiedslos zu, noch wollen
sie die, die sie besuchen, ganz wegtragen, vielmehr nehmen sie nur soviel
mit, als sie verarbeiten können, und lassen das Andere gern zurück. Wollen
wir klug sein, dann eignen wir auch aus jenen Schriften nur das uns Passende
und der Wahrheit Verwandte uns an, übergehen aber das andere. Und wie wir
beim Pflücken der Rose die Dornen vermeiden, so werden wir auch bei einer
nutzbringenden Benützung solcher Schriften vor dem Schädlichen auf der
Hut sein. Wir müssen also gleich von vorneherein jede Wissenschaft ins Auge
fassen und auf den Zweck einstellen oder, wie das dorische Sprichwort sagt,
"den Stein nach der Schnur richten149 ".

Da wir ja durch die Tugend zu jenem unserem Leben gelangen müssen150 , auf
diese aber von den Dichtern oft und oft auch von den Geschichtschreibern,
noch weit öfter aber von den Philosophen151 ein Loblied gesungen wird, so
müssen wir besonders solchen Schriften und Partien unsere Aufmerksamkeit
schenken. Denn es ist ein großer Gewinn, wenn schon das jugendliche Herz
mit der Tugend sich vertraut macht und an sie sich gewöhnt, da derlei Lehren
bei der Empfänglichkeit des Gemütes sich tief einprägen und gewöhnlich
unauslöschlich bleiben. Oder was mag denn wohl Hesiod mit den
nachfolgenden, allgemein gesungenen Versen anders beabsichtigt haben als
die Jugend zur Tugend zu begeistern? "Rauh ist anfangs der Weg und
148Vgl. 1Kor 6,7.
149Vgl. auch Gregor von Nazianz ep. 139, Chrysostomus hom. 83 zu 1Kor — Homer, Odyssee V, 245.
150Oder: "Zu unserem Lebenskampfe uns rüsten müssen."
151Vgl. Plato, Phaed. 75 C; Euripides, Iph. Aul. 707; Sophokles, Oed. Col. 109; Elektra 45.
24
beschwerlich, kostet unendlich viel Schweiß und Mühe, und steil ist der Pfad,
der zur Tugend führt. Nicht jedermanns Sache ist es, ihn zu betreten, weil er
so steil ist, und wer ihn betreten, erreicht nicht leicht die Spitze. Wer aber
einmal oben, darf schauen, daß er eben ist und schön, leicht und gangbar
und angenehmer als der andere, der zum Laster führt, das man — wie
derselbe Dichter gesagt — nebenan haufenweise haben kann152 ." Wohl aus
keinem andern Grunde, will mich dünken, hat er das gesagt, als um uns zur
Tugend zu begeistern und alle aufzufordern, gut zu sein, und das bis ans
Ende, d.h. nicht zu erliegen und zu ermüden in der Arbeit, bis man am Ziele
ist. — Haben auch noch andere in ähnlicher Weise die Tugend gepriesen, so
wollen wir auch deren Worten gerne lauschen, da sie mit uns dasselbe Ziel
verfolgen.

IV. Kapitel

Wie ich mir von einem Manne, der fähig ist, in den Geist des Dichters
einzudringen153 , sagen ließ, ist die ganze Dichtung Homers ein Hymnus auf
die Tugend154 , und alles, was nicht nebensächlich, diene diesem Zwecke,
nicht zuletzt die Partie, wo er den Führer der Kephallener nackt aus dem
Schiffbruche gerettet werden, allein zunächst die Königstochter vor dem
einsam Erschienenen Ehrfurcht überkommen und auf den, der nackt sich
zeigte, entfernt keine Makel kommen läßt, da ihn statt der Kleider die Tugend
schmückte155 . Dann läßt er ihn auch bei den übrigen Phäaken in ein solches
Ansehen kommen, daß sie von der Schwelgerei, der sie frönten,
abstanden156 , alle auf ihn und sein Beispiel achteten, und es damals keinen
Phäaken gab, der lieber etwas anderes hätte sein mögen als Odysseus, und
zwar der aus dem Schiffbruche gerettete. Mit dieser Schilderung — so
erklärte mein Interpret des dichterischen Genius — wollte Homer nur laut
verkünden: "Ihr Menschen müßt euch um die Tugend bemühen, die selbst mit
dem Schiffbrüchigen aus dem Meere schwimmt und den nackt ans Land
Gespülten ehrwürdiger macht als die glücklichen Phäaken." — Und so verhält
es sich in der Tat. Denn die anderweitigen Güter gehören ihren Besitzern
nicht mehr als dem nächsten Besten und fallen wie im Würfelspiele bald
diesem, bald jenem zu. Einzig und allein von den Gütern ist es die Tugend,
die nicht geraubt werden kann; sie verbleibt dem Lebenden wie dem Toten.
Daher scheint mir auch Solon zu den Reichen gesagt zu haben:
"Doch nicht werden wir je ihnen für Güter und Geld
Wechseln die Tugend; sie ist doch unumstößlich und dauernd,
Während der Menschen Besitz wandert bald hierhin, bald dorthin 157 ."

152Hesiod, opera et dies, v. 287 ff., worunter der viel zitierte Vers 289: τῆς δ`ὰρετῆς ίδρῶτα θεοὶ προπάροιθεν ἔθηκαν ὰθάνατοι.
153Offenbar einer der Lehrer des Basilius [in Cäsarea, Konstantinopel oder Athen].
154Vgl. Horaz, epist. I,2; Dion Chrysostomus or. 43.
155Vgl. Odyssee VI, 135 ff
156Vgl. ebd. VIII. 248—249.
157Plutarch, vita Solonis c. 3. — Die Verse finden sich auch unter den Elegien des Theognis [v. 1180]
25
Diesen Versen ähnlich lauten auch die des Theognis, in denen es heißt, "Gott"
— wen immer auch er damit meint — "lasse den Menschen die Wagschale
bald dahin, bald dorthin sich neigen, lasse sie bald reich sein, bald
darben158 ."

Und der Sophist von Chios159 hat sich irgendwo in seinen Schriften ähnlich zur
Tugend und zum Laster geäußert; auch ihm müssen wir unsere
Aufmerksamkeit schenken; denn der Mann ist nicht zu verachten. Sein
Bericht — ich entsinne mich nur des Inhaltes; denn vom Wortlaut weiß ich nur
soviel, daß er schlicht und in ungebundener Rede gesprochen — besagt etwa
folgendes: Dem jungen, etwa euch gleichaltrigen Herkules seien in der
Schwebe, welchen Weg er einschlagen solle, ob den beschwerlichen Weg zur
Tugend oder den andern, ganz leichten, zwei Frauen erschienen, nämlich die
Tugend und das Laster. Obschon sie geschwiegen, hätten sie schon in ihrem
Äußern ihre Verschiedenheit verraten. Die eine, künstlich aufgeputzt und
verschönt, sei vor Lust und Schmachtung fast vergangen und hätte in ihrem
Gefolge einen ganzen Haufen von Vergnügen gehabt, habe diese und noch
mehr angeboten, um so den Herkules an sich zu locken. Die andere sei
mager und schmucklos gewesen und ernst ihr Blick, und sie hätte ganz
anders gesprochen: sie habe nichts Leichtes und Angenehmes in Aussicht
gestellt, sondern unzählig viel Schweißtropfen und Mühen und Gefahren
allüberall zu Wasser und zu Lande; aber zum Lohne dafür würde er, wie jener
Bericht lautet, ein Gott werden. Ihr nun sei Herkules bis zu seinem Tode
gefolgt.

Ja, fast alle, die ob ihrer Weisheit gerühmt werden, haben mehr oder weniger,
je nach Vermögen, in ihren Schriften der Tugend das Lob gesungen; ihnen
muß man gehorchen und ihre Worte im Leben zu verwirklichen suchen. Wer
die Weisheit, die bei den andern nur in Worten sich äußert, in die Tat umsetzt,
"der allein ist weise und verständig, indes die andern gleich Schatten
entfliehen160 ". Es kommt mir so etwas vor, wie wenn ein Maler etwas
Wunderbares, z.B. die Schönheit eines Menschen malte, wobei er selbst in
Wahrheit dem nahe käme, den er im Bilde darstellte. Vor aller Welt die
Tugend mit glänzenden Worten loben und ein langes Gerede darüber
machen, für sich aber das Ergötzliche der Enthaltsamkeit und den Eigennutz
der Gerechtigkeit vorziehen, das gleicht meines Erachtens dem Gebahren der
Schauspieler auf der Bühne, die oft als Könige und Regenten auftreten, und
doch weder Könige noch Regenten sind, ja vielleicht nicht einmal volle Freie
sind. Sodann würde ein Musiker schwerlich es aushalten, wenn seine Lyra
verstimmt wäre, oder ein Chorführer, wenn sein Chor nicht ganz harmonisch
sänge161 . So wird jeder mit sich in Widerspruch kommen, der sein Leben
158Die Verse [Eleg. 157—158] lauten: "Ζεὺς γάρ τοι τὸ τάλαντον ἐπισσέπει ἄλλοτε ἄλλως, ἄλλοτε μέν πλουτεῖν, ἄλλοτε μηδὲν ἔχειν."
159Prodikus, Zeitgenosse des Sokrates u. Xenophon, Schüler des Protagoras, gab sich vornehmlich mit der Jugenderziehung ab. Sein berühmtes
σύγγραμμα περὶ τοῦ 'Ηρακλέους war ein Teil seines größeren Werkes, das den Titel ὧραι führte. — Basilius scheint, wie aus der Zitierung des
Prodikus und seiner Sohrift ersichtlich, hier die Erzählung Xenophons, Memorabilia, II, 1.21 vor Augen gehabt zu haben [wie ähnlich schon
Cicero, de officiis 1, 82].
160Odyssee X, 495.
161Basilius mag hier an die Stelle in Piatons Gorgias 482 B gedacht haben, in der ganz ähnliche Gedanken zu lesen sind.
26
nicht mit seinen Worten in Übereinstimmung bringt, sondern mit Euripides
sagt: "Die Zunge hat geschworen, das Herz aber weiß von keinem Schwur162
", und der darauf ausgeht, lieber gut zu scheinen, als gut zu sein. Das ist aber
der Gipfel der Ungerechtigkeit, wenn man hier Plato folgen muß: Gerecht zu
scheinen, ohne es zu sein163 .

So wollen wir also die Schriften, die die Grundlagen des Schönen lehren,
benützen. Es sind uns aber auch vorbildliche Handlungen der Alten entweder
in mündlicher Überlieferung erhalten oder in den Schriften von Dichtern und
Geschichtschreibern niedergelegt, und auch den Nutzen hieraus dürfen wir
nicht außer acht lassen. Ein Beispiel164 nach. Es schmähte den Perikles
irgendein Marktschreier, ohne daß dieser darauf achtete. Ja, einen ganzen
Tag lang überhäufte das Lästermaul den Perikles schonungslos mit seinen
Schmähungen; er aber kümmerte sich nicht um ihn. Als es dann bereits
Abend und dunkel geworden war und jener immer noch nicht gehen wollte,
ließ ihn Perikles mit einem Licht [nach Hause] geleiten, um sich so recht in
der Schule der Weisheit zu üben165 . — Wieder ein anderer war über Euklid
von Megara aufgebracht, hatte ihm den Tod angedroht und geschworen. Er
seinerseits aber schwur, er werde ihn gewiß versöhnen und seinen Feind
beschwichtigen166 . Wie wertvoll und wichtig, die Erinnerung an solche
Vorbilder wachzurufen, sooft ein Mann vom Zorne erfaßt wird! Dagegen muß
man auf der Hut sein vor der Tragödie, die einfach sagt: "Gegen Feinde
bewaffnet Zorn die Hand167 ." Vielmehr ist es das Beste, überhaupt nicht in
Zorn zu geraten. Ist das nicht das leichteste, dann wollen wir ihn wenigstens
mit unserer Vernunft zügeln und ihn nicht weiter austoben lassen.

V. Kapitel

Doch laßt uns die Rede wieder auf die Beispiele der vorbildlichen Handlungen
zurückbringen! Jemand schlug dem Sokrates, des Sophroniskus Sohn,
rücksichtslos direkt ins Gesicht. Dieser wehrte ihm nicht, sondern ließ dem
Zorntrunkenen freie Hand, so daß sein Antlitz unter den Schlägen bereits
aufgeschwollen und von Beulen unterlaufen war. Als dann jener zu schlagen
aufhörte, soll Sokrates lediglich den Namen des Täters auf seine Stirn wie auf
eine Bildsäule geschrieben und so sich gerächt haben168 .

162Hippol. 612.
163Plato, de republ. II, 861 a: ἑσχάτη γὰρ ἀδικία δοκεῖν δίκαιον εἶναι μὴ ὄντα. Vgl. Gorgias 527 B.
164Mit kleinen Abänderungen erzählt hier Basilius eine Erzählung des Plutarch über Perikles [c. 5]
165Wörtlich genau: P. begleitete ihn nach Hause, "um sich seine Übung in der Weisheit nicht beeinträchtigen zu lassen".
166Plutarch, de fraterno amore VIL 907, und de ira cohibenda VII, 812. Euklid aus Megara war ein Schüler des Sokrates und der Stifter der sog.
Megarensischen Schule.
167Vgl. Euripides, Rhesus 84. Der Vers lautet: "ἁπλοῦς ἐπ ἐχθροῖς μῦθος ὁπλίζειν χέρα."
168Plutarch, de liberis educandis VI, 38. Im griechischen Texte heißt es "Ὁ δεῖντα ἐποίει." Mit dieser Formel pflegten die antiken Künstler und
Handwerker ihre Arbeiten zu signieren.

27
Da diese Handlungen mit unseren Lehren fast übereinstimmen, so bezeichne
ich solche Männer als sehr nachahmenswert. Das Verhalten des Sokrates
entspricht doch jenem Gebote: Dem, der uns auf die rechte Wange schlägt,
soll man auch die andere darbieten und entfernt sich nicht rächen169 . Das
Beispiel des Perikles und Euklid entspricht jenem Gebote, gegen die Verfolger
geduldig zu sein und ihren Zorn gelassen zu ertragen, den Feinden Gutes zu
wünschen und ihnen nicht zu fluchen170 . Wer nun hierin vorgebildet ist171 ,
der wird jene Gebote nicht mehr als undurchführbar verwerfen. — Auch an
das Verhalten des Alexander will ich erinnern, der die gefangenen Töchter des
Darius, denen man eine ganz wunderbare Schönheit nachrühmte, nicht
einmal zu sehen verlangte; er hielt es für schmählich, von Frauen sich
besiegen zu lassen, nachdem er Männer zu Gefangenen gemacht hatte172 .
Dies Verhalten entspricht doch ganz genau dem Worte: Wer ein Weib ansieht
mit Begierde nach ihr, ist nicht frei von Schuld173 , auch wenn er keinen
tatsächlichen Ehebruch begangen, sondern nur die Begierde in sein Herz
eingelassen hat. — Das Verhalten des Klinias aber, eines der Schüler des
Pythagoras, ist unseres Erachtens schwerlich bloß ein zufälliges
Zusammenstimmen mit unseren Lehren, sondern deren geflissentliche
Beobachtung. Was tat er denn? Er hätte mit einem Eide einer Verurteilung zu
drei Talenten entgehen können, bezahlte aber lieber, als daß er schwur,
obschon er gut hätte schwören können174 . Er scheint mir aber vom Gebote
gehört zu haben, das uns den Eidesschwur verbietet175 .

Doch wir wollen wieder zu dem zurückkehren, was ich anfangs sagte, daß wir
nämlich nicht alles ausnahmslos, sondern nur das Nützliche uns aneignen
sollen. Es wäre ja erbärmlich, wenn wir wohl die schädliche Kost von uns
wiesen, aber von den Lehren, die unsere Seele nähren, gar keine Notiz
nähmen, wenn wir einem Gießbache gleich alles, was uns in den Weg kommt,
mitfortrissen und in uns aufnähmen. Der Steuermann überläßt seinen Kahn
nicht blindlings den Winden, sondern steuert ihn den Häfen zu; der Schütze
schießt auf ein Ziel; der Schmied oder Zimmermann verfolgt bei seiner Kunst
einen Zweck. Wäre es da vernünftig, wenn wir hinter diesen Handwerksleuten
zurückblieben und uns unfähig zeigten, unseren Vorteil wahrzunehmen? Es
hat doch wahrlich nicht etwa das Handwerk nur sein Ziel, das menschliche
Leben aber keinen Zweck; und auf einen solchen muß ein jeder all sein Tun
und Reden einstellen, wenn er nicht der ganz vernunftlosen Kreatur gleichen
will. Oder wären wir nicht so recht Schiffe ohne Ballast, wenn unser Verstand
nicht am Steuerruder der Seele säße, blindlings im Leben hin- und
169Vgl. Matth. 5,39.
170Vgl. ebd. 5,40-44.
171In den Tugend-Beispielen des Altertums.
172Vgl. Plutarch, de curiosit. VIII, 71 u. Arrian, Anab. IV, 19. Basilius erzählt auch hier ungenau. Was an den zitierten Stellen von der Frau des
Darius erzählt wird, überträgt Basilius auf die Töchter. Die älteste der Dariustöchter, Aisinoe, heiratete Alexander [nach Arrian VII, 4].
173Vgl. Matth. 5,28.
174Vgl. Diogenes Laertius VIII, 22. — Den Pythagoreern war der Schwur nur gestattet, wenn sie dadurch Angehörige aus großer Gefahr retten
konnten.
175Vgl. Matth. 6,34 ff. — Basilius sieht also den Eid als etwas durchaus Verbotenes an. Die Äußerung und Vermutung, Klinias könnte von
diesem christlichen Verbot gehört haben, befremdet.

28
hergeworfen? Nein, wir müssen es machen, wie man es hält bei
gymnastischen Kämpfen, oder, wenn du willst, bei einem Preissingen, wo die
Wett- und Preisbewerber auf den Wettkampf sich einüben, wo dann keiner,
der im Ringen oder sonstigen Kämpfen sich übt, um Zither oder Flöte sich
kümmert. Polydamas wenigstens hat es nicht getan, vielmehr hemmte er vor
den olympischen Spielen den Lauf der Wagen und stärkte dadurch seine
Kraft176 . Auch jener Milo ließ sich von seinem geölten Schilde nicht
herabstoßen, sondern hielt allen Stößen stand wie mit Blei befestigte
Statuen177 . Kurz, solche Übungen waren die Vorbereitung zu ihrem Kampfe.
Hätten sie aber neugierig auf die Töne des Marsyas oder des phrygischen
Olympus178 gehorcht und Staub und Kampfplatz verlassen, hätten sie dann
wohl Siegeskränze und Ruhm erlangt? Wären sie nicht vielmehr mit ihrem
Körper dem Fluche der Lächerlichkeit verfallen? Anderseits setzte
Timotheus179 mit der Musik nicht aus, um auf den Kampfplätzen sich
herumzutummeln. Denn sonst hätte er nicht alle andern so weit in der Musik
übertroffen, er, der eine solche Virtuosität hatte, daß er mit wuchtigen und
ernsten Harmonien das Gemüt in Wallung brachte und es doch wieder, sobald
er wollte, mit lieblichen Akkorden besänftigte und beruhigte. In dieser
Virtuosität soll er einmal den Alexander, dem er die phrygische Tonart
vorspielte, veranlaßt haben, mitten im Mahle aufzustehen und zu den Waffen
zu greifen; durch den Übergang zur weicheren Tonart soll er ihn wieder zu
den Gästen zurückgeführt haben. Eine so große Macht auf dem Gebiete der
Musik sowohl wie in den gymnastischen Kämpfen verleiht die Übung und läßt
so das Ziel erreichen.

VI. Kapitel

Nachdem ich nun von den Siegeskränzen und den Kämpfern gesprochen,
muß ich noch daran erinnern, daß jene tausend und abertausend Mühen auf
sich nehmen, daß sie auf alle mögliche Weise sich stählen, bei ihren
gymnastischen Übungen viel schwitzen, in den Übungsschulen häufig
Streiche bekommen, keine leckere Kost bekommen, sondern eine solche, die
ihnen von ihren Lehrern ausgesucht wird, kurz, daß sie überhaupt so leben,
daß ihr dem Kampfe vorangehendes Leben eine stete Vorbereitung auf den
Kampf ist180 . Dann erst entkleiden sie sich zum Auftreten auf dem
Kampfplatze, nehmen alle Gefahren und Mühen auf sich, um einen Kranz von
Ölzweigen oder von Epheu oder dergleichen 181 zu erlangen und vom Herold
als Sieger ausgerufen zu werden. Und wir, denen unsagbar viele und schöne
176Dieselbe Geschichte erzählt nebst anderen Proben von dessen Stärke Pausanias in seiner "Beschreibung Griechenlands" [Buch VI, o.B].
177Milon, ein berühmter Athlet aus Kroton. Vgl. Pausanias 1. c. VI, 14; Plinius, hist. nat. VII, 20.— Basilius nennt diese zwei Beispiele auch in
seinem Briefwechsel mit Libanius [Ep. 339].
178Vgl. Plutarch, de musicis p. 654.
179Berühmter Flötenspieler aus Theben. Plutarch erzählt die folgende Geschichte von einem gewissen Antigenides [Plutarch, de virtute
Alexandri or. II, 4].
180Epiktet zählt in seinem "Enchiridion" c. 29 die Verhaltungsmaßregeln der Ring- und Faustkämpfer auf. Vgl. auch 1Kor. 9,25.
181In Olympia waren die Kränze aus Ölbaumzweigen geflochten, in Delphi verwendete man Lorbeer, auf dem Isthmus und zu Nemea Epheu
oder auch Fichtenzweige.

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Kronen winken, schlafen auf beiden Ohren, leben in voller Sorglosigkeit dahin
und wollen kaum mit einer Hand darnach greifen? Wahrlich, dann würde der
Leichtsinn im Leben sich reichlich lohnen, und jener Sardanapal182 wäre als
der Allerglücklichste zu preisen oder auch, wenn du willst, jener Margites 183 ,
von dem Homer sagt, er habe weder geackert noch gegraben noch sonst
etwas Brauchbares getan, vorausgesetzt, daß die betreffende Schrift von
Homer stammt. Indes, sollte nicht der Ausspruch des Pittakus wahrer sein,
der es als schwer bezeichnete, ein guter Mensch zu sein184 ? Denn, haben wir
uns auch wirklich viel Mühe gegeben, es will uns kaum gelingen, jener Güter
teilhaft zu werden, mit denen, wie gesagt, kein irdisches Gut vergleichbar ist.
Deshalb dürfen wir nicht leichtsinnig sein und nicht große Hoffnungen für
eine kurze Ruhe eintauschen wollen, wenn wir nicht Schimpf und Schande
ernten und Strafe gewärtigen wollen, nicht etwa hienieden vor menschlichem
Forum — ist übrigens doch auch dies für einen Vernünftigen keine Kleinigkeit
—, sondern vor dem Gerichte, mag nun dies unter der Erde oder sonstwo
sein. Mag dem, der unfreiwillig gegen seine Pflicht verstößt, von Gott
vielleicht auch Verzeihung werden, wer vorsätzlich für das Schlimme sich
entscheidet, den wird unerbittlich eine vielfache Bestrafung treffen.

Was sollen wir nun tun? mag man fragen. Was anders, als für die Seele
sorgen und uns aller anderen Sorgen entschlagen?

VII. Kapitel

Wir dürfen also nicht dem Leibe dienen, außer soweit es absolut notwendig
ist; wir müssen vielmehr für die Seele unser Bestes tun, um sie mit unserer
Philosophie aus den Banden des sinnlichen Leibes zu befreien und zugleich
den Körper den Leidenschaften gegenüber stark zu machen. Wohl muß man
dem Bauche das Notwendige zukommen lassen, aber nicht darf man ihm das
Angenehmste geben, wie die es machen, die nach Tafeldeckern und Köchen
die ganze Erde und das ganze Meer absuchen, um gleichsam einem
launischen Herrn den Tribut zu bezahlen — eine leidige Beschäftigung, bei
der es ihnen nicht besser geht als den in der Unterwelt Gefolterten, die da
sinnlos Wolle fürs Feuer krempeln185 , in einem Siebe Wasser tragen186 und in
ein durchlöchertes Faß gießen, ohne mit ihrer Arbeit an ein Ende zu kommen.
Für Haarfrisur und Kleider aber mehr tun als notwendig, sagt, Diogenes,
verrät den albernen oder schlechten Menschen. Daher muß meines Erachtens
putzsüchtig sein und heißen für ebenso schändlich gelten wie Buhlen oder
fremden Ehen nachstellen. Was liegt denn einem vernünftigen Menschen

182Ein Typus von Weichlichkeit [Dio Chrysostomus or. III].


183Ein einfältiger Mensch, Held eines komischen Epos, das Homer zugeschrieben wurde [Pseudo-Plato, AIcib. II, 147].
184Pittakus gehörte zu den "sieben Weisen", die allgemeine praktische Lebensgrundsätze in Form von Sentenzen aussprachen. Dies Wort des P.
ist zitiert von Platon in Protagoras 340 C, u. auch aufgenommen in die Sprichwörtersammlung des Sophisten Zenobios [Parömiographi graeci, ed.
von Leutsoh und Sohneidewin [Gott. 1889] p. 172].
185Sprichwörtlich gebraucht; vgl. Zenobius in Parömiogr. gr. 1. c, p. 180; auch Plato, de leg. VI, 780.
186Parömiogr. gr. 1. c. p. 481.
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daran, ob er ein kostbares Kleid trägt oder einen schlechten Rock, wenn er
nur gegen Kälte und Hitze genügend Schutz hat? Auch in anderer Beziehung
soll man sich nicht mehr beschaffen als notwendig ist, und um den Leib uns
nicht mehr zu kümmern, als es gut ist für die Seele. Es ist doch wahrlich in
den Augen eines Mannes, der wirklich diese Bezeichnung verdient, das
Gebahren eines Zierbengels und Gecken keine geringere Schande, als sonst
einer Leidenschaft niedrig frönen. Denn alle Mühen darauf verwenden, dem
Leibe es möglichst angenehm zu machen, ist doch nicht die Art eines
Mannes, der sich selber kennt und den weisen Ausspruch beherzigt, daß der
Mensch nicht das ist, was man sieht, daß vielmehr eine höhere Weisheit
vonnöten ist, mit der ein jeder aus uns sich und seine Eigenschaften erkennt.
Dies ist aber denen, die keinen geläuterten Sinn haben, noch weniger
möglich als das Aufschauen zur Sonne, wenn man triefäugig ist.

Die Reinheit der Seele aber, um es ein für allemal und euch deutlich zu
sagen, besteht in der Verachtung der sinnlichen Genüsse, in der Abkehr der
Augen von den albernen Vorstellungen der Gaukler oder von Körpern, die zur
Sinnlichkeit reizen, in der Hut vor lockerer Melodie, die durchs Gehör in die
Seele eindringen könnte. Denn aus solcher Art von Musik entstehen gern
Leidenschaften als die Ausgeburten von Sklaverei und Gemeinheit187 . Wir
wollen indes eine andere Art von Musik lieben, die besser ist und besser
macht, die auch David, der Verfasser der heiligen Lieder, gepflogen hat, um,
wie es heißt, den König von seiner Schwermut zu befreien188 . Auch soll
Pythagoras, als er unter betrunkene Zecher geriet, dem Flötenspieler, der
den Zug führte, befohlen haben, die Melodie zu ändern und ihnen die
Dorische Weise vorzuspielen189 ; und diese Melodie soll bei jenen eine solche
Ernüchterung bewirkt haben, daß sie die Kränze wegwarfen und beschämt
nach Hause gingen. Andere aber springen und toben beim Flötenspiele wie
Korybanten und Bachanten. So sehr kommt es also darauf an, ob man guter
oder schlechter Musik sein Ohr leiht! Deshalb dürft ihr eine Musik, wie sie zur
Zeit im Schwünge ist, ebensowenig aufsuchen wie sonst eine Schändlichkeit.
Daß man alles mögliche Rauchwerk dem Geruchsinne zulieb der Luft
beimischt und mit Salben sich bestreicht, das zu sagen will ich mich fast
schämen. Welch andern Grund aber wird man für das Verbot, nicht dem Tast-
und Geschmacksinne zu frönen, anführen als den, daß diese Sinne ihre
Sklaven nötigen, wie das Vieh für den Bauch und, was darunter liegt, zu
leben.

Mit einem Worte: Wer sich nicht im Schlamme sinnlicher Lust vergraben will,
der muß den Leib überhaupt verachten, bzw. darf nur insoweit an ihn sich
halten, als er, um mit Plato190 zu reden, beim Streben nach Weisheit behilflich
ist. Plato sagt damit das Gleiche wie Paulus, der da warnt, nicht für den Leib

187Über die sittliche Bedeutung der Musik äußerten sich Plato [de rep. lib. III, 401] und Aristoteles [Pol. lib. VIII, o. 7] ausführlich.
188Vgl. 1Kön. 16,14—23.
189Vgl. B. Zeller [Die Philosophie der Griechen 1, S. 274 mit Anm. 2] über die pythagoreische Musik, die als "ernst und ruhig" galt, speziell die
dorische Tonart [Aristoteles, Polit. VIII. 5], indes die ionische Tonart weichlich klang [Plato, de rep. III, 399 a].
190Plato, de republ. 498 B.
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zu sorgen zur Erregung der Lüste191 . Worin unterscheiden sich die, welche
zwar für das Wohlbefinden des Leibes sorgen, aber die Seele, deren Organ
der Leib ist, als etwas Wertloses vernachlässigen, von denen, die sich um die
Instrumente kümmern, aber auf die Kunst nichts geben, der diese dienen?
Man muß also gerade im Gegenteile den Leib züchtigen und niederhalten wie
das Ungestüm eines Tieres, und ungeordnete Regungen, die er in der Seele
weckt, mit der Geißel der Vernunft dämpfen, nicht aber der Sinnlichkeit die
Zügel schießen lassen und die Vernunft so außer acht lassen, daß sie wie ein
Fuhrmann von zügellosen, wild dahinstürmenden Rossen mitfortgerissen
wird. — Auch an Pythagoras sollen wir uns erinnern, der zu einem seiner
Schüler, den er durch Leibesübungen und reichliche Kost sehr fett werden
sah, sprach: "Willst du nicht aufhören, dir das Gefängnis noch leidiger zu
machen192 ?" Daher soll denn auch Plato in klarer Voraussicht der schädlichen
Folgen eines gemästeten Körpers absichtlich einen ungesunden Ort in Attika
für seine Akademie gewählt haben193 , um das zu große Wohlbehagen des
Körpers zu beschneiden, wie man es macht bei zu üppigem Sprossen eines
Weinstockes. Ich habe übrigens auch von Ärzten gehört, die bis zum
Äußersten getriebene Behaglichkeit sei gefährlich.

VIII. Kapitel

Ist also die übertriebene Sorge für den Leib selbst unnütz und der Seele
nachteilig, dann ist es doch heller Wahnsinn, ihm botmäßig zu sein und zu
dienen. Wären wir es aber gewohnt, ihn gering zu achten, dann würden wir
auch ein anderes irdisches Gut kaum bewundern. Was würden wir denn auf
den Reichtum geben, wenn wir die leiblichen Genüsse nicht schätzten? Ich
wenigstens sehe es nicht, es müßte denn nur ein Vergnügen sein, gleich den
Drachen in der Fabel vergrabene Schätze zu bewahren194 . Wer nun solchen
Gütern gegenüber sich frei weiß und fühlt, der wird entfernt nie etwas
Schändliches in Wort oder Tat sich erlauben. Denn alles Überflüssige und
Unnötige, sei es lydischer [Gold-] Sand195 oder das Werk goldtragender
Ameisen196 , wird er um so mehr verachten, je weniger er dessen bedarf; er
bemißt ja seinen Bedarf nach den Bedürfnissen der Natur, nicht nach dem
Vergnügen. Denn diejenigen, die über die Grenzen des Notwendigen
hinausgehen, können gleich den auf schiefer Ebene Befindlichen nirgends
festen Halt gewinnen, um das Abwärtsgleiten zu hemmen; im Gegenteile, je
mehr sie zusammenraffen, desto mehr benötigen sie eben dieses Quantum
bzw. noch mehr zur Stillung ihrer Begierde, wie Solon, des Exekestidas Sohn,
sagt:

191Röm. 13,14.
192Das hier von Pythagoras Gesagte wird sonst [Stobäus, serm. 77 p. 456] Plato in den Mund gelegt.
193Die Akademie lag eine starke Viertelstunde nördlich von Athen. Zur ungesunden Lage der Akademie vgl. Aelian, Var. hist. lib. IX, c. 10,
auch Aristophanes in den "Wolken" v. 1002 ff.
194Vgl. Herodot, hist. IV, 27.
195Vgl ebd. hist. I, 93.
196Vgl. ebd. I. c. III, 102.
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"Kein ausgesprochen Maß von Reichtum setzt sich der Mensch197 ."
Auch der Lehrer Theognis gehört hierher, der sagt:
"Nicht lieb' ich, reich zu sein, noch wünsch' ich es; doch vergönnt sei mir,
Zu leben mit Wenig, frei von jeglichem Leid198 ."

Auch an Diogenes199 bewundere ich seine Verachtung aller menschlichen


Güter zumal. Er tat ja den Ausspruch, er sei reicher als der Großkönig, weil er
zum Leben weniger bedürfe als jener. Uns aber sollte nichts genügen, wenn
wir nicht die Talente des Pythius von Mysien200 , so viel und so viel Morgen
Land und mehr Viehherden haben, als wir zählen können! Nein, ich glaube,
wir sollten uns nach dem Reichtum, der uns fehlt, nicht sehnen; und ist er
uns zur Hand, dann sollten wir nicht so fast darauf stolz sein, ihn, zu besitzen,
als vielmehr darauf, ihn recht verwerten zu können. Es ist ein treffliches Wort
des Sokrates, der einem reichen, geldstolzen Manne erklärte, er werde ihn
nicht eher bewundern, als bis er erfahren, daß er den Reichtum auch zu
gebrauchen verstehe201 . Wären Phidias und Polyklet202 , von denen der eine
den Eleern den Jupiter, der andere den Argivern die Juno fertigte, auf das
Gold und Elfenbein stolz gewesen, so hätte man sie verlacht, weil sie mit
fremdem Reichtum prahlend ihre Kunst hintangesetzt hätten, durch die doch
das Gold seinen erhöhten Reiz und Wert gewann. Glauben wir denn, weniger
beschämend zu handeln, wenn wir die menschliche Tugend nicht für einen
hinreichenden Schmuck halten?

Doch wir wollen wohl den Reichtum verachten und die sinnlichen Lüste
verschmähen, aber nach Schmeichelei und Lobhudelei haschen und die
Schlauheit und Verschlagenheit des Fuchses des Archilochus 203 zum Vorbild
nehmen? Allein es gibt nichts, was der verständige Mensch mehr fliehen
muß, als für den Ruhm zu leben und auf das zu sehen, was dem großen
Haufen gefällt, statt die gesunde Vernunft zur Führerin des Lebens zu wählen,
an deren Hand er niemals von dem als recht Erkannten abweicht, müßte er
auch allen Menschen widersprechen und um des Guten willen Schmähung
und Gefahr riskieren. Oder wie wollen wir einen anders Gesinnten von jenem
ägyptischen Sophisten204 unterscheiden, der nach Laune und Willkür Pflanze,
Tier, Feuer, Wasser und alles wurde? Denn auch er wird bald die
Gerechtigkeit loben, wo man sie hochhält, und bald das Gegenteil sagen,
wenn er merkt, daß man an der Ungerechtigkeit Gefallen findet; so machen
es ja die Schmeichler. Wie der Polyp der Farbe des Bodens unter ihm sich

197Dieser Vers steht unter Solons Gedichten, 11,71, und ähnlich unter den Gnomen des Theognis Nr. 227.
198Gnomen — Nr. 1155.
199Von Sinope und Schüler des Antisthenes. Zu dem hier von ihm Erzählten vgl. Aelian, Var. hist. lib. X c. 16; Plutarch de fort. et virtut. Alex.
or. 1, 311.
200Vgl. Herodot, hist. VII, 27.
201Vgl. Dio Chrysostomus, περὶ βασιλείας or. III, 102.
202War Phidias der Meister der attischen Schule, so war Polyklet der Führer und Höhepunkt der sikonisch-argivischen Kunst.
203A. von Paros, ein berühmter Jambendichter. Vgl. zu dieser Stelle Plato, de republ. II, 865 C.
204Gemeint ist Proteus; vgl. Homer, Odyssee VI, 361 sq.
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angleichen soll, so wird ein solcher auch seine Ansicht den Meinungen derer
anpassen, mit denen er umgeht.

Wohl können wir das noch vollkommener aus unseren Schriften 205 ersehen;
aber jetzt gilt es, an Hand der Profanschriftsteller gleichsam einen
Schattenriß der Tugend zu entwerfen. Denn diejenigen, welche aus jedem
Gebiete sorgfältig ihren Nutzen ziehen, bekommen so wie die großen Ströme
natürlich von überallher ihren Zuwachs. Denn die Weisung des Dichters,
Kleines zu Kleinem zu legen206 , bezieht sich nicht so fast auf die Vermehrung
des Silbers als auf das Wachstum in jeglicher Wissenschaft. Daher sagte denn
auch Bias207 zu seinem Sohne, als dieser nach Ägypten reisen wollte und ihn
frug, womit er ihm den größten Gefallen erweisen könnte: "Erwirb dir einen
Zehrpfennig für das Alter208 !"
Unter "Zehrpfennig" verstand er die Tugend, gab ihr aber zu enge Grenzen,
da er ihren Wert auf das menschliche Leben einschränkte. Wenn mir nämlich
jemand auch das Alter eines Tithonus209 oder Arganthonius210 oder eines
Methusalem nannte, welch letzterer ja am längsten unter uns gelebt hat und
eintausend weniger dreißig Jahre alt geworden sein soll211 , ja rechnete man
die ganz Zeit seit Erschaffung des Menschen zusammen, ich würde im
Hinblicke auf die lange und nie alternde Ewigkeit darüber wie über einen
kindlichen Einfall lachen, vermag man doch der Ewigkeit Grenze ebensowenig
mit dem Verstande zu erfassen wie ein Ende der unsterblichen Seele
anzugeben. Für diese Zeit212 den Zehrpfennig zu erwerben, möchte ich euch
gemahnt haben, und, wie das Sprichwort sagt, jeden Stein in Bewegung zu
setzen213 , durch den euch irgendein Vorteil zu seiner Erlangung erwachsen
kann. Mag das auch schwer und mühsam sein, wir dürfen deshalb nicht
zagen und zaudern, vielmehr müssen wir dessen gedenken, der die Weisung
gegeben hat, jeder müsse das beste Leben wählen und an das Beste Hand
anlegen — in der Hoffnung, die Gewohnheit mache solches Leben süß214 . Es
wäre doch erbärmlich, die gegenwärtige Stunde zu vergeuden und später
nach der verflossenen zu rufen, wann es nämlich für die Reuigen keine mehr
geben wird.
Damit habe ich euch wenigstens zum Teil gesagt, was ich für das Beste halte;
ich will euch aber das ganze Leben lang beratend zur Seite stehen215 .

205D.h. die hl. Schriften der Christen.


206Die Verse des Dichters Hesiod [opera et dies v. 361 sq.] lauten:
εἰ γάρ κεν καὶ σμικρὸν ἐπὶ σμικρῷ καταθεῖο,
καὶ θαμα τοῦτ' ἔρδοις, τάχα κεν μέγα καὶ τὸ γένοιτο.
207Einer der sog. "sieben Weisen".
208Vgl. Diogenes Laertius I, 88.
209Vgl. Horaz, lib. I. 28, 7; II. 16,30.
210Vgl. Herodot, hist. I, 163.
211Vgl. Gen. 5,25.
212Nämlich für die Ewigkeit
213Vgl. Zenobius [in Parömiogr; gr. I. c. p. 146] zur Entstehung dieses Sprichwortes.
214Eine pythagoreische Weisung. Basilius mag hier die Stelle Plutarch, de exilio VIII, 376 vorgeschwebt haben.
215S. o. S. 447, Anm. 1.
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Hoffentlich aber habt ihr von den drei Krankheitsarten, die es gibt, nicht die
unheilbare, und leidet ihr nicht an jener geistigen Krankheit, die der
physischen Erkrankung von Unrettbaren ähnlich ist. Denn diejenigen, die nur
unbedeutende Leiden haben, gehen selbst zu den Ärzten; die von schweren
Krankheiten heimgesucht sind, rufen die Ärzte zu sich; die aber an einer ganz
unheilbaren Melancholie leiden, lassen die Ärzte, auch wenn sie kommen,
nicht zu sich. Möge es euch nicht gehen wie letzteren und mögt ihr euch
nicht von denen abkehren, die richtig und vernünftig denken!

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