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Philologus 145 2001 1 108-120

MANUEL BAUMBACH

D I C H T E R W E T T S T R E I T ALS L I E B E S W E R B U N G I N V E R G I L S 5. E K L O G E

Bei der 5. Ekloge Vergils scheint es sich auf den ersten Blick um einen freundschaft-
lichen Wechselgesang zweier Hirten zu handeln, der von Bezeugungen gegenseitiger
Hochachtung eingerahmt wird: Die Hirten Menalcas und Mopsus treffen sich und
tragen - nach kurzem Gespräch und Ortswahl für ihren Gesang (Verse 1-19) - ein-
ander Lieder vor. Der jüngere Hirt, Mopsus, besingt den Tod des Daphnis und seine
Auswirkungen auf die bukolische Welt ( 2 0 - 4 4 ) und erntet dafür das Lob des älteren
Menalcas (45-52). Dessen Lied thematisiert im Anschluß die Apotheose des Daphnis
(56-80) und wird von Mopsus überschwenglich gelobt (81-84). Als Zeichen gegen-
seitigen Dankes und der Hochachtung voreinander tauschen die Hirten zum Ab-
schluß Geschenke aus (85-90).
Hinter dieser scheinbaren Harmonie verbirgt sich jedoch eine komplexe Komposi-
tion aus Elementen des Hirtenwettstreits, des freundschaftlichen Wechselgesanges
und des Einzelliedes, die mit den Themen ,Liebe' und ,bukolische Dichtung' in Ver-
bindung stehen. Ein entscheidendes Moment dabei ist das Zusammenwirken von
Dichtung (in den beiden Liedern) und der Reflexion über Dichtung (in den Dialog-
partien), das in den Eklogen einzigartig ist 1 : Es kommt zu einem poetologischen
Diskurs über die Bukolik 2 , der auf dem Hintergrund von zwei traditionell bukoli-
schen Themen, Dichterwettstreit 3 und Liebeswerbung, stattfindet. Erst das Zusam-
menspiel dieser drei Elemente bietet - wie gezeigt werden soll - einen Schlüssel zum
Verständnis der Ekloge 4 .

1 Vgl. auch E.W. Leach, Vergil's Eclogues; Landscapes of Experience, London 1974,195.
2 Dieser Aspekt wird besonders betont von G. Rohde (Vergils fünfte Ecloge als Höhepunkt und Abschluß
der frühen Eclogen, in: ders., Studien und Interpretationen zur antiken Literatur, Religion und Geschichte,
hg. v. I. Rohde u. B. Kytzler, Berlin 1963, 117-139) und E. A. Schmidt (Poetische Reflexion. Vergils Bukolik,
München 1972,186-238).
3 Vgl. besonders G. Lee, A Reading of Virgils Fifth Eclogue, in: PCPS 203,1977,62-70.
4 Die hier vorgeschlagene Interpretation möchte die zahlreichen Deutungen der Ekloge um den Aspekt
der Liebeswerbung erweitern; auf die in der Forschung untersuchten politischen, autobiographischen, religiö-
sen und rezeptionsgeschichtlichen Fragestellungen in Zusammenhang mit der häufig vertretenen allegori-
schen Deutung der Hirten (Daphnis - Caesar bzw. Flaccus, Menalcas - Vergil) kann dabei nicht eingegangen
werden; Bezüge zwischen der Ekloge und Theokrits Idyllen werden an einzelnen Punkten gestreift. (Einen
Forschungsüberblick zur 5. Ekloge bis 1977 gibt W. W. Briggs, A Bibliography of Virgil's ,Eclogues'
(1827-1977), in: ANRW II, 31.2, 1267-1357; zur neueren Literatur vgl. die jährliche „Vergilian Bibliography"
von A. G. McKay in: Vergilius, ab Bd. 23,1977).

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Philologus 145 (2001) 1 109

1. Ein falsch verstandenes Kompliment

Ein Mittel, den Leser der Ekloge für die Komplexität ihrer Themen zu sensibilisie-
ren, ist das Spiel mit seiner Erwartungshaltung. Werden beispielsweise zwei Hirten
vorgestellt, die sich im Wettstreit miteinander in ihrer Kunst messen wollen (wie in
Ekloge III), dann steht zu erwarten, daß ein Schiedsrichter bestimmt wird, nach
wechselseitigem Gesang und Flötenspiel Verlierer bzw. Gewinner feststehen und die
festgesetzten Wettkampfpreise verteilt werden 5 . Die Konventionen bukolischer
Dichtung machen das Gespräch zwischen den Hirten untereinander und so das
,Gespräch' zwischen Werk und Leser möglich; eine Szene wirkt schon nach ein paar
Versen vertraut, und ihr Ablauf erscheint, wie vielfach bèi der 5. Ekloge beobachtet,
absehbar: „Sogleich der Eingang betont die Friedfertigkeit und Einigkeit der beiden
Hirten. [...] Hier wird es keinen Streit geben, und auch ein Wettsingen ist nicht zu
erwarten" 6 .
Einigkeit, Harmonie, freundschaftlicher Wechselgesang - in der Tat scheint die
Ekloge sich auf den ersten Blick auf diesem Hintergrund zu entwickeln: Zwei Hirten
treffen sich und suchen einen geeigneten Ort, um dort zu musizieren 7 . Dabei weist
der ältere, Menalcas, gleich zu Beginn der Unterhaltung auf einen wesentlichen
Unterschied zwischen ihnen hin: boni.../ tu calamos inflare levis, ego dicere versus
(1-2). Beide Hirten sind in ihren Bereichen ausgewiesen boni\ Mopsus im Flötenspiel,
Menalcas im Singen bzw. Verfassen von Versen. Diese Unterscheidung dient nicht
allein der Charakterisierung der beiden Hirten, sondern führt in die Thematik und
Problematik der Ekloge ein: Musik und Gesang sind zwei wesentliche Bestandteile
des bukolischen Liedes. Der Eröffnungsvers impliziert, daß ein ,Idealhirte' in beidem,
Flötenspiel und Gesang, der die Dichtkunst miteinbezieht, bonus ist. Laut Menalcas'
Aussage, der Mopsus zunächst nicht widerspricht, hat keiner von beiden diesen
Zustand erreicht, sondern erst gemeinsam bilden sie den,Idealhirten'.
Es entsteht die Erwartungshaltung, daß wir im Folgenden ein Hirtenlied erleben,
zu dem jeder von beiden seinen Teil beisteuert und auf dessen Qualität die Ein-
leitungsverse sozusagen als Qualitätsbeweis und Programm für die ganze Ekloge hin-
weisen. Auch Menalcas' Vorschlag, sich an dem Ort ihres Zusammentreffens (hic [3])
niederzulassen, deutet auf ein gemeinsames freundschaftliches Musizieren in der
gewohnten idyllisch-bukolischen Landschaft hin: Ulmen bieten einen für die Eklo-

5 Vgl. zu den Konventionen des Wettgesangs R. Merkelbach, ΒΟΥΚΟΛΙΑΣΤΑΙ (Der Wettgesang der
Hirten), in: R M 99,1956, 97-133.
6 Schmidt (wie Anm. 2) 191. Vgl. auch Fr. Klingner, Virgil; Bucolica, Geórgica, Aeneis, Zürich/Stuttgart
1967, 90f. und F. della Corte, Le Bucoliche di Virgilio, Genova 1985, 83: „il dialogo procede fin dalla prima
battuta su un tono di grande gentilezza e cordialità, quella che i latini chiamavano urbanitas."
7 Vgl. auch Schmidt (wie Anm. 2) 190f.: „Die ersten drei Verse oder eigentlich schon die beiden ersten
Worte ziehen den Leser in die Mitte der bukolischen Welt. Das Grundfaktum der Bukolik, das Singen, wird
mit der Selbstverständlichkeit der Konvention, der diskussionslosen Einigkeit zweier Partner in bestimmten
Grundgegebenheiten, und in der eine Konvention voraussetzenden abkürzenden Sprache angesprochen."

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110 M. BAUMBACH, Dichterwettstreit als Liebeswerbung in Vergils 5. Ekloge

gen typischen Ort zum Musizieren, der jedem Hirten als geeignet erscheinen muß.
Der Leser darf sich entspannen: Der Ablauf der Ekloge ist offensichtlich, der einzig
noch ungeklärte Punkt, das Thema der Lieder, wird ihm in Kürze präsentiert werden,
und er wird ,Zuschauer' einer ganz normalen Episode ,Hirtenleben' in variierender
Wiederholung.
Dennoch wird diese Erwartung enttäuscht: Obwohl Mopsus genau weiß, daß er als
Jüngerer dem Vorschlag des Alteren eigentlich zu folgen hat {Tu maior; tibi me est
aequum parere, Menalca [4]), macht er einen Gegenvorschlag: Gegen den Schatten
der Ulmen am windigen Ort setzt er antrum (6), bedeutungsvoll unterstrichen durch
die Assonanz antro ... aspice ... antrum (6). Der ruhige, freundschaftliche Rahmen
der Ekloge wird mit dieser Reaktion durch ein für den Wettgesang typisches Merkmal
durchbrochen: Vorschlag und Gegenvorschlag, Rede und Gegenrede. Schlägt die
Stimmung damit um? Zwar wäre es verfrüht, an dieser Stelle bereits von einem sich
anbahnenden Wettstreit sprechen zu wollen, - die Diskussion um den richtigen Ort
ist sogar wichtig, denn je nachdem, was für ein Thema besungen wird (wir wissen es
noch nicht), kann ein Wechsel des Ortes nötig werden 8 - aber Mopsus' Bruch der
Konvention erstaunt.
Menalcas scheint von dem Gegenvorschlag zunächst unberührt und macht seinem
Gegenüber ein Kompliment: Montibus in nostris solus tibi certat Amyntas. (8). Mop-
sus ist so gut, daß es unter den übrigen Hirten nur noch einen ernstzunehmenden
Rivalen in seinem Metier, dem Flötenspiel 9 , gibt, nämlich Amyntas. Scheint der
Dialog damit in die Phase des Austausches von Höflichkeiten überzugehen und so die
ursprüngliche Erwartung auf einen freundschaftlichen Wechselgesang zu erfüllen,
erweist sich auch das als trügerisch: Anstatt Freude über dieses Kompliment zu
zeigen, reagiert Mopsus unerwartet: Quid, si idem certet Phoebum superare canendo ?
(9). Ihn scheint weder Freundschaft noch Achtung mit Amyntas zu verbinden, da er
diesen mit bitterer Ironie verspottet und ihn als so arrogant darstellt, daß er sich gar
mit Phoebus messen zu können glaubt 10 .
Menalcas geht zunächst wieder nicht auf Mopsus ein, sondern besänftigt ihn mit
der Aufforderung, als erster zu singen: Incipe, Mopse, prior (10). Dabei hält er gleich-
zeitig in Ubereinstimmung mit der von ihm beabsichtigten Ortswahl drei klassische
bukolische Themenvorschläge 11 bereit: ... si quos aut Phyllidis ignis / aut Alconis
habes laudes aut iurgia Codri (10-11). Mit der wiederholten Aufforderung incipe

8 Vgl. auch Schmidt (wie Anm. 2) 193 f.


9 Menalcas greift mit dieser Aussage sein Eingangskompliment wieder auf, wo er Mopsus als bonus im
Flötenspiel charakterisiert hatte.
10 Gleichzeitig handelt es sich bei dieser Aussage um einen impliziten Vergleich des Mopsus mit Apoll, auf
dessen Stufe er sich stellen möchte. Versteht man seine Worte weiter als Anspielung auf den musikalischen
Wettstreit des Marsyas mit Apoll, dann will Mopsus neben der Arroganz des Amyntas auch dessen zu erwar-
tendes Scheitern bei einem solchen Wettstreit ankündigen.
11 Vgl. Schmidt (wie Anm. 2) 198.

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Philologus 145 (2001) 1 111

(12) verleiht er seinem Anliegen Nachdruck, endlich den Gesang zu beginnen, zumal
auch die Rahmenbedingungen gut sind: Tityrus hütet die Schafe12.
Dennoch ,wird auch dieser Vorschlag durch immo (13) sogleich zurückgewiesen.
Mopsus schwebt etwas anderes vor, und er stellt den ,altmodischen' Liedern, die
Menalcas singen will, etwas Neues, Größeres entgegen: experiar (15). Worum es sich
dabei handelt, bleibt weiterhin im dunkeln, die Außergewöhnlichkeit seines Liedes
wird von Mopsus jedoch dadurch unterstrichen, daß er es aufgeschrieben hat 13 . Dies
ist einmalig für die Bukolik. Mopsus will andeuten, daß das Lied besonders gut
komponiert ist, und er es für so gut hält, daß es der Nachwelt schriftlich hinterlassen
werden muß und nicht verlorengehen darf. Gleichzeitig kann die Tatsache, daß er das
Lied aufschrieb, als Hinweis darauf gewertet werden, daß Mopsus, was das Kompo-
nieren eines Liedes angeht, nicht so geübt ist wie andere. Man rufe sich Menalcas'
Aussage, daß Mopsus ein guter Flötenspieler sei (2), ins Gedächtnis; vom Singen,
genauer vom dicere versus (2), hat er nicht gesprochen. Für Mopsus ist jedoch gerade
das ein Anliegen, er will sich als Sänger und Dichter etablieren. Dabei enthält seine
Aussage et modulans alterna notavi (14) auch einen Hinweis auf die Art und Weise,
wie er sein Ziel erreichen will, da der Gebrauch von alterna auf ein auf Wettstreit
angelegtes Lied hindeutet 14 . So erstaunt es nicht, daß er erneut auf Amyntas verweist,
den er als Mitstreiter haben will: tu deinde iubeto ut certet Amyntas (15).
Mopsus' Intention wird nun deutlich: Im Gegensatz zu seinem Gesprächspartner
lag ihm von Anfang an wenig daran, freundschaftlichen Wechselgesang zu üben.
Er hat - so muß seine Aussage aus Vers 9 gewertet werden - das Kompliment des
Menalcas absichtlich falsch verstanden, um Gelegenheit zu bekommen, gegen seinen
Rivalen Amyntas einen Wettstreit zu führen, und zwar nicht, um zu klären, wer von
beiden der bessere Flötenspieler ist, sondern um sich durch eine gute Leistung im
Singen, canendo, von seinem Konkurrenten abzuheben. Dafür spricht auch die Tat-
sache, daß er unbedingt sein gut komponiertes Lied singen will. Bei diesem Vorhaben
hat Mopsus dem Menalcas die Rolle des Schiedsrichters zugedacht, in dessen Eigen-
schaft als Experte auf dem Gebiet des Gesangs (canendo)^ 5 .
Damit ist der Ausgangspunkt für einen klassisch bukolischen Hirtenwettstreit
markiert: Der Streitpunkt ist genannt {canendo), der Konkurrent Amyntas ist heraus-
gefordert und der Schiedsrichter bestimmt. Mopsus ist bereit, als erster zu singen, und
man erwartet das Eintreffen des Herausgeforderten. Die Ablehnung von Menalcas'

12
Tityrus als Hüter der Herde erscheint auch in ecl. 9,23-25.
13
13-14: Immo haec, in viridi nuper quae cortice fagi / carmina descripsi et modulans alterna notavi /
experiar...
14
Vgl. ecl. 3 und 7, wo die alterna als terminus technicus für Hirtenwettstreit gebraucht sind: alternis
dicetis; amant alterna Camenae (3, 59); alternis igitur contendere versibus ambo / coepere, alternos Musae
meminissevolebant (7,18/19).
15
Vers 15:... tu deinde iubeto ut certet Amyntas. Vgl. dazu: H. Wieland, iubeto (zu Verg. Ecl. 5,15), in:
M H 23,1966,212-215.

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112 M . BAUMBACH, D i c h t e r w e t t s t r e i t als L i e b e s w e r b u n g in Vergils 5. E k l o g e

Orts- und Themenvorschlägen durch Mopsus sowie seine Umdeutung des Kompli-
ments waren gezielte Vorbereitungen auf einen lange geplanten Hirtenwettstreit,
dessen Rahmenbedingungen Mopsus selbst vorgeben möchte 16 .
Wer aber ist dieser Amyntas, und warum will Mopsus mit ihm in einen Wettstreit
treten? Bei dem Herausgeforderten handelt es sich um den aus der dritten Ekloge
bekannten Geliebten des Menalcas 17 . Mopsus' aggressive, auf Wettstreit angelegte
Haltung der Dialogpartie und sein Bestreben, mit eben diesem einen Wettstreit zu
führen, erklärt sich, so die These dieses Aufsatzes, aus seinem Wunsch, Amyntas in
der Liebe des Menalcas zu ersetzen. Um das zu erreichen, muß er besser singen als
sein Nebenbuhler, an dessen Kunst er gemessen wird: Ein Liebeswettstreit um die
Gunst des Menalcas kündigt sich an.
Dabei spielt die Dichtung eine entscheidende Rolle: Mopsus muß sich als Dichter
und bukolischer Sänger etablieren. Deshalb hat er so großen Wert auf die Lied-
komposition gelegt, durch die seine Ausgangslage in dem von ihm geplanten Wett-
streit günstig ist. Amyntas als Spezialist im Flötenspiel, wie er von Menalcas vor-
gestellt wurde, dürfte kein so ausgefeiltes Lied vorbereitet haben, so daß er einen
Wettstreit zwangsläufig verlieren müßte. Mopsus wäre seinen Rivalen los, da er
insgesamt im Flötenspiel und im Gesang das bessere bukolische Lied präsentieren
könnte. Nicht ungeschickt hat er deshalb das Kompliment des Menalcas umgedeutet 18
und Amyntas den Anspruch, ein guter Sänger zu sein, unterstellt.
Das erwartete Szenario eines friedlichen Wechselgesanges ist in das Gegenteil ver-
kehrt 19 : Die Intention bei dem zu erwartenden Gesang ist nicht mehr die Freude am
gemeinsamen Musizieren, sondern Liebeswerbung; die Spielregeln des Musizierens
scheinen nicht länger von Konsens geprägt, sondern von den Konventionen des
anstehenden Hirtenwettstreites, und der Inhalt des Gesangs weicht von den abge-
lehnten traditionellen Themen des Menalcas ab.
Als Ergebnis aus den Einleitungsversen der Ekloge läßt sich festhalten, daß Vergil
durch Menalcas' konventionelle Themen- und Ortsvorschläge und das Kompliment
an Mopsus gewissermaßen Fährten gelegt hat, auf denen man sich der Ekloge nähern
kann, gleichzeitig jedoch durch das Ablehnen der Vorschläge bzw. des Kompliments
durch Mopsus diese in eine Sackgasse führen läßt. Dadurch soll der Leser sensibili-
siert werden, die Ekloge anders zu lesen, auf konventionelle Deutungsmuster und
Erwartungen zu verzichten, sich auf etwas Neues und für die Bukolik Unerwartetes
einzustellen und einzulassen - so wie es Menalcas tut, der die veränderte Situation

16 D a g e g e n R o h d e (wie A n m . 2), der M o p s u s als den passiven der beiden H i r t e n darstellt: „ D a s E n t s c h e i -


dende aber ist, dass sich in d e m G e s p r ä c h des M o p s u s u n d M e n a l c a s allmählich etwas enthüllt. M o p s u s w i r d
auf U m w e g e n z u m Singen u n d zur W a h l eines b e s t i m m t e n T h e m a s g e b r a c h t . " ( 1 3 2 ) .
17 E c l . 3 , 8 3 . Z u r engen V e r b i n d u n g der E k l o g e n 3 und 5 siehe u n t e n ( K a p . 3: D i c h t e r l i e b e ) .
18 Montibus in nostris solus tibi certat Amyntas. (8).
19 D a g e g e n ζ . B . K l i n g n e r (wie A n m . 6). 90: „ I n diesem äußerst h u m a n e n G e s p r ä c h d e r b e i d e n H i r t e n gibt
es also kein G e z ä n k , das erst allmählich in Wettgesang überginge, w i e im dritten S t ü c k , n o c h eine H e r a u s -
f o r d e r u n g z u m W e t t k a m p f wie im s i e b e n t e n . "

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Philologus 145 (2001) 1 113

erkennt: Indem er von vornherein Mopsus für den Überlegenen erklärt 20 , läßt er
Amyntas aus dem Spiel. Will er ihn vor einer drohenden Niederlage bewahren oder
geht er auf das Liebeswerben des Mopsus ein? Mit Spannung erwartet man das von
Mopsus komponierte Lied, dessen Eindruck auf Menalcas über Erfolg oder Miß-
erfolg der Liebeswerbung und seiner Dichtkunst gleichermaßen entscheidet.

2. Lied- und Wortwechsel

Mopsus' Lied ist von der Thematik her düster und traurig: Daphnis ist tot 2 1 . Uber
Art und Umstände des Todes erfahren wir nichts Genaues. Der Aspekt des Eroti-
schen, der nach den traditionellen Versionen mit dem Tod des Daphnis in Verbindung
stand, wird bewußt ausgeblendet 22 , da Mopsus die Aufmerksamkeit nicht auf das
Spektakel des sterbenden Hirten, sondern auf die Situation nach dessen Tod richtet.
Mit Daphnis' Tod endet das Goldene Zeitalter, die Götter verlassen die Erde, unter
ihnen Apoll als Patron der Hirten und der Musik. Die Erde wird unfruchtbar, und die
Mühen der Bauern sind vergeblich.
Das Lied schließt mit einer direkten Anrede und Aufforderung an die Hirten, die
mandata des Daphnis auszuführen (41). Ein Grabhügel soll errichtet und Daphnis'
Schönheit, sein Beruf und sein Ruhm (ad sidera notus) inschriftlich festgehalten
werden. Mopsus besingt die Vergangenheit, die Beerdigung einer Bukolik, die mit
dem Tod ihres Hauptvertreters zugrunde gegangen ist.
Mit diesem Lied will sich Mopsus als Daphnisnachfolger präsentieren. Er ist es, der
die Hirten sozusagen im Auftrag des Daphnis an die Errichtung des Grabhügels und
die Ausführung der mandata erinnert. Mopsus mußte kommen, um den letzten
Willen des Verstorbenen auszuführen, und es bedurfte wiederum eines Mopsus, dem
Idol ein gebührendes επικήδειο ν zu dichten und zu singen. Sein Lied will das aufge-
tragene Denkmal sein und zugleich Mopsus' Ruhm als Hirte und Sänger begründen.
Daher ist eine Absicht der Schriftlichkeit des Liedes die dauerhafte Festschreibung
dieses musikalischen Denkmals. Mit dem Anspruch, sich an Daphnis zu orientieren,
sieht sich Mopsus dabei als dessen berechtigter Nachfolger, als neue Leitfigur der
Hirtenwelt, und sein Lied bekommt mit dem Daphnis-Bezug eine Art Gütesiegel.
Mopsus' kunstreich komponierter Teil seiner Liebeswerbung ist vorgetragen. Die
Wirkung des Liedes ist durchschlagend: Menalcas versteigt sich zu einem Kompli-

20 18: iudicio nostro tantum tibi cedit Amyntas.


21 extinctum... Daphnin (20).
22 Nach Theokrit (1. Idyll) starb Daphnis dahinschmachtend an unglücklicher Liebe. Laut Stesichorus

strafte ihn die Nymphe Echenais mit Blindheit, weil er ihr die Treue gebrochen hatte. Trotz der thematischen
und formalen Nähe zu Theokrit verkehrt sich die Aussage des Mopsus-Liedes mit dem Wegfall des erotischen
Aspekts ins Gegenteil (vgl. Klingner [wie Anm. 6] 92 f.). Neben der an seine Stelle tretenden Konzentration
auf die Dichtkunst des Daphnis und seine mandata erklärt sich die Ausklammerung des an Liebe zugrunde
gehenden Daphnis durch die Intention des Mopsus, eine Liebeswerbung vorzutragen: Eine neue Liebe läßt
sich nur schwer mit einem Verweis auf den düsteren Aspekt der Liebe begründen.

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114 M. BAUMBACH, Dichterwettstreit als Liebeswerbung in Vergils 5. Ekloge

ment, das in divine poeta (45) gipfelt. Mopsus' Unsterblichkeit ist gesichert, nicht nur
im Flötenspiel, sondern auch im Gesang hat er den Meister erreicht: nec calamis solum
aequiperas, sed voce magistrum (48). Mit voce lobt Menalcas an dieser Stelle weniger
die Sangeskraft des jüngeren Hirten - ein solches Lob, das sich nur auf den Klang
seiner Stimme bezöge, würde auch für Mopsus, der den Ehrgeiz hatte, als Sänger und
Dichter anerkannt zu werden, kein besonderes sein - , sondern er variiert damit den
Ausdruck dicere versus (2) und spricht Mopsus genau das zu, was er ihm vorher noch
nicht zugetraut hatte, nämlich die Fähigkeit zu dichten. Menalcas vollzieht damit eine
Art Dichterweihe an dem von Daphnis geliebten Mopsus 23 : Er nennt ihn fortunate
puer (49) und weist ihm den Platz direkt nach seinem Meister zu 24 . Damit hat Mopsus
eines seiner Ziele, auch als Dichter bonus zu sein, erreicht. Mit magistrum wird wahr-
scheinlich auf Daphnis angespielt25, wodurch der direkte Bezug zum Lied gegeben
wäre 26 .
Menalcas' Anerkennung des jüngeren Hirten ist zugleich als Reflexion über Dich-
tung generell zu lesen, die Vergil an zentraler Stelle der Ekloge einbaut: Mopsus' Lied
geht bei Komposition und Themenwahl neue Wege, so daß man sogar von einer
Erneuerung der Kunst sprechen kann: Wie einem Ermüdeten bringt sie Menalcas und
der durch ihn verkörperten bukolischen Dichtung etwas Ersehntes, lange Entbehrtes
{Tale tuum carmen nobis ... / quale sopor fessis in gramine, quale per aestum / dulcis
aquae saliente sitim restinguere rivo [45ff.]). Durch die Verse, wie durch einen
sprudelnden Bach, werden der Zuhörer wie die bukolische Dichtung mit neuem
Leben erfüllt und erquickt. Menalcas' Urteil über diese neue Dichtung hat Gewicht;
ruft man sich in Erinnerung, daß ihm ursprünglich die Rolle des Schiedsrichters bei
dem geplanten Wettkampf zugedacht war, also die Beurteilung von Mopsus' Dich-
tung, so verliert seine Stimme trotz seiner mittlerweile veränderten Rolle in der
Ekloge keineswegs an Bedeutung: Die ältere Dichtung behält ihre Berechtigung:
amavit nos quoque Daphnis (52). Auch Menalcas wird von Daphnis geliebt, d. h. von
der Muse ,Daphnis' inspiriert 27 . Sein Lied, zu Beginn der Ekloge über die Orts- und
Themenvorschläge des Sängers als traditionell angekündigt, wird auch nach dem
Erklingen der neuen Dichtung gesungen und steht dieser im Rang nicht nach, im
Gegenteil: Der Diskurs und das Lob der neuen Dichtung ergibt sich auf dem Hinter-

23 Vgl. Rohde (wie Anm. 2) 129.


24 ...tu nunc eris alter ab ilio (49). Ob der Vers die Sukzession nach dem Tod eines Hirten ausdrückt (wie
Clausen [wie Anm. 26] 166, annimmt) oder die Abstufung im Rang, ist für die Tragweite des Kompliments
unerheblich, da es sich bei magistrum um Daphnis handelt.
25 Lees Ansatz (wie Anm. 3) 62, daß mit magister Stimichon gemeint ist, halte ich für unwahrscheinlich.

26 Vgl. auch W. Clausen, A Commentary on Virgil Eclogues, Oxford 1994,151, Anm. 1, und Schmidt (wie

Anm. 2) 188 f.
27 Die Stelle orientiert sich an Theokrit, Idyll 7,90-95, wo Simichidas im Vergleich mit seinem Gesprächs-

partner Lykidas darauf verweist, daß auch ihm vieles von den Nymphen gelehrt wurde, was impliziert, daß sie
ihn - wie bei Vergil Daphnis den Menalcas - lieben und seine Inspiration zur bukolischen Dichtung sind:
(92 f.) Νύμφαι κήμέ δίδαξαν άν' ώρεα βουκολέοντα έσθλά... (vgl. auch Α. S. F. Gow, Theocritus II: Commen-
tary, Cambridge 1965,155 zur Stelle).

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Philologus 145 (2001) 1 115

grund der (noch nicht vorgestellten, aber allen Beteiligten bekannten) 28 Dichtung des
Menalcas. Sie ist der Maßstab der Beurteilung, und erst mit ihrem Vortrag erlangt die
Würdigung des Mopsus-Liedes ihre endgültige Berechtigung.
Diese Uberleitung zum Menalcas-Lied hat jedoch nicht nur die poetologische
Funktion, einen Vergleich der beiden Dichtungsarten zu ermöglichen, sondern
Menalcas' Anspruch amavit nos quoque Daphnis schärft den Blick für das Gemein-
same der beiden Hirten. Beide werden als Dichter von Daphnis geliebt und sind
durch den dichterischen Eros mit ihm verbunden.29 Bleibt es bei dieser dichterischen
Dreiecksbeziehung, oder äußert sich in ihr schon die Antwort auf die vorgetragene
Liebeswerbung des Mopsus, die ja gerade mittels der Dichtkunst wirken sollte?
Zunächst erwidert Mopsus das Lob des Menalcas und preist das zu erwartende
Lied des älteren Hirten: An quicquam nobis tali sit muñere maius? (53). Es stellt sich
heraus, daß dieses Lied, in dem Daphnis zu den Sternen gehoben wird, Mopsus schon
lange - zumindest was den Inhalt betrifft - bekannt ist: iam pridem Stimichon lauda-
vit carmina nobis (55). Diese Aussage gewinnt mit dem Vortrag des Liedes eine ent-
scheidende Bedeutung, die sowohl über Mopsus' Komposition als auch über Menal-
cas' Reaktion auf die Liebeswerbung des jungen Hirten Aufschluß gibt.
Menalcas bleibt bei dem von Mopsus geforderten Thema Daphnis: Daphninque
tuum tollemus ad astra (51) 30 . Wie Mopsus das Thema seines Liedes aus dem Tod des
Daphnis und dessen mandata gewonnen zu haben scheint, gibt die Natur Menalcas
die Legitimation, den Anstoß bzw. sogar den Auftrag für sein Lied: ipsae iam carmina
rupes / ipsa sonant arbusta: deus, deus Ule, Menalca! (63/64). Als thematisches Gegen-
stück zu Mopsus besingt Menalcas die Apotheose des Daphnis, voluptas (58) wird
zum zentralen Begriff seines Liedes: Es wird getanzt, kultische Feste werden gefeiert,
und das neue, goldene Zeitalter beansprucht dauerhaften Charakter: haec tibi semper
erunt(74).
Menalcas' Lied gibt der Ekloge eine neue Wendung, indem es nicht nur thematisch,
sondern auch formal einen Bezug zu Mopsus' Lied herstellt, der zu einem Vergleich
herausfordert:
Zunächst fällt auf, daß die Lieder gleich lang sind, jeweils 25 Verse umfassen und
parallel aufgebaut sind; dabei ergibt sich eine inhaltliche Unterteilung in jeweils fünf
Versblöcke (im folgenden als Strophen bezeichnet):

28 Mopsus kennt das Menalcas-Lied zumindest vom Hörensagen: iam pridem Stimichon laudavit carmina
nobis (55).
29 Vgl. Schmidt (wie Anm. 2) 189.: „... der im Text bezeugte Eros soll recht verstanden werden als der

Eros eines Dichters, als der Eros eines Lehrers zu seinem Schüler, als ,Zeugung im Schönen'."
30 Eine Caesar-Allegorie bei Daphnis sehe ich mit Rohde (wie Anm. 2) 121 f. und Clausen (wie Anm. 26)

152 nicht. Für eine allegorische Deutung der Ekloge finden sich ohnehin nur sehr spärliche Hinweise (vgl.
auch R. Coleman, Vergil. Eclogues, Cambridge 1977,173 f.).

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116 M. BAUMBACH, Dichterwettstreit als Liebeswerbung in Vergils 5. Ekloge

Mopsus Menalcas
Strophe Versanzahl (Verse) Versanzahl (Verse)
1 4 20-23 4 56-59
2 5 24-28 5 60-64
3 5,5 29-34a 7 65-71
4 5,5 34b-39 4 72-75
5 5 40-44 5 76-80

Dieser parallele Aufbau spiegelt die schon angedeuteten inhaltlichen Entsprechun-


gen wider. Einige kurze Beobachtungen sollen dies unterstreichen.
In der ersten Strophe weisen beide Lieder jeweils fünf Worte im ersten und sieben
Worte im zweiten Vers auf, wobei das erste Wort in beiden Liedern das Thema angibt
(Mopsus: extinctum - Menalcas: Candidus).
In beiden Strophen gilt es, eine weite Sperrung zu überwinden, bis man weiß, wer
tot bzw. vergöttlicht ist. Daphnis steht jeweils an letzter Position im Vers, bei Menal-
cas allerdings im zweiten Vers der Strophe. In den Versen drei und vier wird die Folge
des Todes beschrieben: Bei Mopsus ist es die Trauer der Mutter, bei Menalcas die
Freude der Natur, der Hirten, Pans und der Nymphen. Der a-Assonanz bei Mopsus
entspricht die p-Alliteration bei Menalcas.
In den ersten Versen der jeweils zweiten Strophe wird eine Abweichung von der
Normalität geschildert: Mopsus' Hirten tränken die Tiere nicht mehr, die Tiere ihrer-
seits verweigern die Nahrung. Bei Menalcas hingegen sind es die Naturgesetze, die
nicht mehr gelten: Wolf und Mensch jagen nicht mehr. Was bei dem einen aus Trauer
passiert, geschieht bei dem anderen aus Freude, beide Male um Daphnis' willen.
Der zweite Teil der Strophe schildert jeweils, wie die Natur akustisch reagiert. Bei
Mopsus ist sie Trägerin der globalen Trauer, bei Menalcas Künderin der Freude. Die
Landschaftsszenerie ist in beiden Fällen eine Gebirgslandschaft, die von Wäldern
überzogen ist.
In der dritten Strophe erzählt Mopsus, wie Daphnis als Kulturstifter auftrat und
die Hirten in der Ausübung des Bacchuskultes unterwies. Bei Menalcas sind es die
Hirten, die einen neuen Kult einführen, den Daphniskult. Sie setzen das von Daphnis
Gelernte zur Errichtung von dessen eigenem Kult um.
Die vierte Strophe dient den beiden Sängern zur Vertiefung ihres jeweiligen
Grundthemas. Menalcas malt das Bild des fröhlichen Opferfestes weiter aus, während
Mopsus zum eigentlichen Thema seines Gedichtes zurückkehrt, der Trauer um
Daphnis. Die Götter verlassen die Erde, es entsteht eine Notzeit, die im krassen Ge-
gensatz zur fast ewigen Freude in der vierten Menalcas-Strophe steht.
Beide Abschlußstrophen enthalten eine Zusammenfassung. Bei Mopsus verlassen
wir die Hirtenwelt mit Blick auf die Grabinschrift des Daphnis, die eine Epoche
beendet, während Menalcas das ewige Opfer an Daphnis beschreibt und den nun
erreichten fortdauernden Zustand der Natur. Der Zusammenhang ist erneut deutlich:
Was bei Mopsus endlich sein muß, da Daphnis tot ist, wird bei Menalcas unendlich,
da Daphnis zum Gott wurde.

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Philologus 145 (2001) 1 117

Mit der Gegenüberstellung und der Parallelität der Gedichte weist Vergil auf deren
enge Beziehung hin. Die Gedichte sind aufeinander abgestimmt, sozusagen aufeinan-
der hin gedichtet, wie es durch den Ubergang vom Mopsus- zum Menalcas-Lied ganz
deutlich wird. Zwei Erklärungsmodelle sind möglich:
a) Menalcas hat sein Gedicht im Anschluß an das Mopsus-Gedicht auf dieses
spontan formal abgestimmt.
b) Mopsus' Lied ist als Gegendichtung zu dem ihm schon lange bekannten Menal-
cas-Gedicht entstanden, das letzterer in unveränderter Form vorträgt.
Beide Interpretationen werden durch den Text ermöglicht und unterstützen die
These der Liebeswerbung. Für beide Interpretationsansätze gilt dabei, daß zumindest
inhaltlich das Menalcas-Lied vor dem Mopsus-Lied entstanden und letzterem be-
kannt war 31 .

a) Menalcas' Lied als Weiterführung des Mopsus-Liedes


Mopsus' Liebeswerbung um Menalcas war, wie gezeigt, als Hirtenwettstreit zwi-
schen ihm und dem Nebenbuhler Amyntas, dem Geliebten des Menalcas, gedacht, für
den er ein lange ausgefeiltes und für die bukolische Welt ungewöhnliches Gedicht (er
hat es schriftlich niedergelegt) komponierte. Bei seinem intendierten Wettstreit mit
Amyntas setzte er nicht nur auf diese Komposition, sondern orientierte sich inhaltlich
an Menalcas, zu dessen Apotheose des Daphnis er ein Gegenstück schreiben und die-
sem damit als umworbenem zukünftigen Geliebten ein Kompliment machen wollte.
Menalcas' Lob im Zwischenteil ist ehrliche Anerkennung, die dadurch unterstrichen
wird, daß er im Anschluß an Mopsus seine Daphnis-Apotheose in einer Form vor-
trägt, die sich als Weiterführung des Mopsus-Liedes verstehen läßt. Daß er sich dabei
als der Meister im Dichten erweist, der spontan sein Lied formal auf das des Vor-
sängers abstimmen kann, tut dem Kompliment für Mopsus keinen Abbruch. Die
beiden einzelnen Lieder über Daphnis werden so gemeinsam zu einer großen
Hommage an Daphnis. Menalcas' Ablehnung eines Hirtenwettstreites zwischen
Mopsus und Amyntas läßt sich als Eröffnung und Bereitschaft für ein neues Liebes-
verhältnis verstehen. Damit hatte er die Möglichkeit, den frei gewordenen Platz eines
Wettkampfgegners einzunehmen und aus dem Wettstreit einen harmonischen Wechsel-
gesang zu machen, der in einem neuen Liebesverhältnis enden würde. Sein Eingehen
auf Form und Thema ist somit gleichzeitig ein Eingehen auf die Liebeswerbung des
Mopsus. Die indirekte Gleichsetzung von Mopsus mit dem magister Daphnis aus
dem Zwischendialog erfährt insofern eine Verstärkung, als Menalcas durch die Apo-
theose des Daphnis gleichzeitig Mopsus, den neuen Daphnis, zu den Sternen heben
würde.

31 Vers 55: iampridem Stimichon laudavit carmina nobis.

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118 M . BAUMBACH, Dichterwettstreit als Liebeswerbung in Vergils 5. E k l o g e

b) Menalcas' Lied als Vorlage für Mopsus

Bei dieser Deutung würde Vergil in der Ekloge zwei Lieder vorführen, das Original
und seine Kontrafaktur.32 Mopsus' erst „vor kurzem" (nuper 13) geschriebenes Lied
hat das des Menalcas zur Vorlage und imitiert es. Dabei muß Mopsus' Aussage aus
Vers 55 (iam pridem Stimichon laudavit carmina nobis) als Hinweis auf eine sehr
genaue Kenntnis des Liedes gewertet werden, die es ihm ermöglichte, sein eigenes
Lied gezielt formal und inhaltlich auf die Vorlage abzustimmen.33 Mopsus stellt sich
als Verehrer des Menalcas und seiner Dichtkunst dar, die für ihn vorbildlich ist. Er hat
sich bei seinen ersten Gehversuchen in der Dichtkunst Menalcas als Vorbild, als Muse
gewählt und über ihn die höchste Dichterweihe empfangen. Mopsus' beste Empfeh-
lung an Menalcas ist seine bewußt enge Annäherung an Menalcas über dessen Kunst.
Indem Menalcas das Original vorträgt, tritt diese Abhängigkeit der Lieder zutage
und wird sozusagen von seiner Seite bestätigt und angenommen. Er singt sein be-
kanntes, vielleicht sein bestes Lied, das den jungen Hirten inspiriert hat. Von der
Chronologie her müßte Menalcas als erster singen, ohne dessen Lied das thematisch
frühere des Mopsus nicht möglich gewesen wäre. Gedanklich steht Menalcas vor
Mopsus, in der Ekloge folgt er auf ihn. Der Leser soll dies erkennen und die richtige
Reihenfolge wiederherstellen, die der Lieder und der Hirten: Wir finden so Mopsus
eigentlich weniger von Daphnis als vielmehr von Menalcas inspiriert, dessen Lieder in
der Hirtenwelt bekannt sind (55). Dadurch wird das Band Menalcas - Mopsus auf der
dichterischen Ebene enger, und indem Menalcas das Original als Antwort singt, darf
es als positive Antwort auch auf die dichterische Liebeswerbung des Mopsus gewertet
werden.
Bei beiden möglichen Lesarten des Menalcas-Liedes bleibt festzuhalten, daß es
Mopsus' Liebeswerbung positiv beantwortet, sei es durch das Eingehen und Weiter-
führen der von Mopsus vorgegebenen Form, sei es durch die Anerkennung und An-
nahme seines Liedes durch den Vortrag des Originals. Durch die Gegenüberstellung
der Lieder erkennt der Leser die Interaktion der beiden Hirten, die über ihre Dich-
tung und die beiderseitige Liebe von und zu Daphnis zu einem neuen, eigenen Liebes-
verhältnis finden, das sich in der Ubergabe der Geschenke am Schluß der Ekloge zeigt.

3. Dichterliebe

Der für die Hirtendichtung typische Austausch von Geschenken liefert den letzten
Beweis für das neue Liebesverhältnis: Während Mopsus noch überlegt, was er Menal-
cas als adäquates Geschenk für sein Lied, das er mit einer Priamel lobt, geben kann,
ergreift Menalcas die Gelegenheit, als erster ein Geschenk, eine cicuta, zu machen, mit

32 Vgl. dazu L e e (wie A n m . 3) 65 f.


33 Vgl. auch Clausen (wie A n m . 26) 152: „Mopsus already k n e w Menalcas' song and modelled his own
after it."

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der er den Verweis auf zwei seiner eigenen Lieder, die er damit gesungen hat, verbin-
det (85 ff.):
Hac te nos fragili donabimus ante cicuta.
Haec nos ,formosum Cory don ardebat Alexin
haec eadem docuit ,cuium ρ ecus? An Meliboei?'

Die cicuta ist trotz ihrer Einfachheit eine Flöte von besonderer Bedeutung für
Menalcas und als Geschenk auch für Mopsus. Sie hat Menalcas in einem Wettstreit -
cuium pecus? An Meliboei? zitiert Ekloge 3 - gute Dienste geleistet, in dem er seinen
έρώμενος verteidigte. Auch Mopsus nun soll mit der cicuta lernen, sich im Hirten-
wettstreit zu üben und die Liebe zu Menalcas zu verteidigen34.
Mit dieser cicuta hatte Menalcas noch von Amyntas gesungen: Indem er sie weg-
gibt, gibt er das Liebesverhältnis mit Amyntas aus der Hand und legt es symbolisch in
die Hände des Nachfolgers 35 . Weiterhin überträgt der Verweis auf die Eklogen 3 und
besonders 2 36, in denen Homoerotik ein explizit behandeltes Thema ist 37 , dieses
implizit auf die fünfte Ekloge 38 .
Mopsus läßt beim Schenken dem Menalcas den Vortritt. Sein Zweifel, was er dem
Alteren schenken soll, ist in dem Wunsch begründet, anhand des Geschenkes zu
erfahren, ob seine Liebeswerbung erfolgreich war. Erst nach Erhalt der cicuta ent-
schließt er sich zu seinem eigenen, bedeutungsvollen Geschenk. An dieser Stelle sei
noch einmal auf Mopsus' Reaktion auf Menalcas' Ankündigung seines Liedes hin-
gewiesen, das er mit den Worten An quicquam nobis tali sit muñere mams? (53) kom-
mentierte. Schon vor dem Sachgeschenk hat Menalcas dem Mopsus ein anderes
gemacht, ein munus, oder, wie Putnam kommentiert: „a lover's gift from poet to
poet." 39
Mopsus gibt einen Hirtenstab 40 , um den ihn ein anderer, Antigenes, oft bat: non
tulit Antigenes, et erat tum dignus amari (89). Das Attribut formosum, mit dem
Mopsus den Stab beschreibt, greift das Menalcas-Zitat aus der Ekloge 2 wieder auf,
wo es erotische Konnotation besaß 41 . Mopsus überträgt damit sein Liebesverhältnis

34 Vgl. Lee (wie Anm. 3) 67: „With this present to Mopsus Menalcas is saying in effect: My dear boy, you

have imitated my Daphnis song very well, but if you want to become as good as I am, then you must go back
to the beginning and start again, retracing the steps of my own progress as an artist."
35 Zur Weitergabe der Flöte als Liebesgeschenk vergleiche auch ecl. 2,36 ff.

36 formosum Cory don ardebat Alexin (86) zitiert ecl. 2,1.


37 Vgl. E. A. Schmidt, Bukolische Leidenschaft oder Über antike Hirtenpoesie, Frankfurt 1987,142 ff.
38 Für die enge inhaltliche Verbindung der drei Eklogen spricht auch ihre Entstehungszeit als Block (vgl.

E.A. Schmidt, Zur Chronologie der Eklogen Vergils, Heidelberg 1974,23; 29).
39 M. C. J. Putnam, Virgil's Pastoral Art, Princeton 1970,182.

40 Der Hirtenstab als Geschenk ist auch mit Blick auf Hesiods Theogonie (30) zu sehen, wo er Zeichen der
Dichterweihe wird; auch Menalcas wird in diesem Sinn von Mopsus geehrt. Vgl. dazu Rohde (wie Anm. 2),
der die Geschenkübergabe des Stabes an Menalcas mit einer Dichterweihe Vergils durch Theokrit gleich-
setzen will (134 ff.).
41 Vgl. auch J. van Sickle, The Design of Virgil's Bucolics, Rom 1978,142: „Mopsus, the younger and more

aggressive, with his Hesiodic and vativ associations, gives a staff worthy to be a love gift."

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120 M. BAUMBACH, Dichterwettstreit als Liebeswerbung in Vergils 5. Ekloge

auf Menalcas, der nun würdig ist, den Stab zu tragen, den Antigenes als Liebes-
geschenk vergebens wünschte. Wie die Flöte des Menalcas ist auch dieses Geschenk
durch die Konnotation mit einer alten Liebe zu einem Liebesgeschenk geworden.
Beide haben sich für die neue Beziehung aus einer alten gelöst: Menalcas von Amyn-
tas und Mopsus von Antigenes.
Mit diesem neuen Liebesverhältnis schafft Vergil die Vereinigung der zwei konkur-
rierenden Konzepte von Dichtung, die er in dieser Ekloge in Gestalt der beiden
Hirten aufeinandertreffen läßt: Der junge Dichter hat mit Hilfe der Schriftlichkeit ein
Gedicht geschaffen, das dem des ,mündlichen' Dichters Menalcas ebenbürtig ist;
beide finden Anerkennung, verfolgen sie doch mit unterschiedlichen Mitteln das
gleiche Ziel: bukolische Dichtung.
So findet in den Dialogpartien eine in den Eklogen einzigartige Auseinander-
setzung der Hirten mit ihren Werken und ein Diskurs über Dichtung statt, wobei die
Komplimente über die Kunst des anderen zu Liebeskomplimenten werden und die
gemeinsame Liebe zur Dichtung 42 die Liebe der beiden zueinander widerspiegelt.

Abstract

Two shepherds meet, choose a topic and start singing. What in the beginning seems
to form the basis of a typical friendly singer-contest turns out to be Mopsus'
sophisticated declaration of love to the elder Menalcas, which is used by Vergil for
poetic reflections on the making and the power of verse. Setting aside two equally
structured poems the 5th eclogue not only presents two different approaches to the
same topic (Daphnis) but also contrasts two concepts of poetry, oral and written, and
opens a discussion about inspiration and imitation. The reader is invited to detect the
interrelationship between the two poems and to become the judge of the singing (i.e.
love) contest.

Universität Heidelberg
Seminar für Klassische Philologie

D-69117 H e i d e l b e r g

42 Zu diesem Aspekt besonders G. Stroppini, A m o u r et dualité dans les Bucoliques de Virgile, Paris 1993,
143-161.

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