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SE: Hegels philosophisch-wissenschaftliche Betrachtung der Weltgeschichte | Prof. Dr.

Kazimir Drilo

VERNUNFT IN HEGELS GESCHICHTSDENKEN


G E S C HI C H T S PH I L O SO P H I E In dieser essayistisch angelegten Arbeit geht es mir um
die Klärung des Vernunftsbegriffs in Hegels Geschichtsdenken. Es soll herausgestellt werden, inwiefern
Hegel die Geschichte von der Vernunft her bestimmt sieht. Dabei soll explizit gemacht werden, auf welche
Weise sich die Vernunft innerhalb der Geschichte zeigt und wie sie sich erkennen lässt. Es soll gezeigt
werden, dass das Urteil, dass die Geschichte vernünftig sei, wesentlich dadurch bestimmt ist, dass das Subjekt
auf eine ganz bestimmte – philosophische – Weise auf die Vergangenheit reflektiert. Das Ethos in Hegels
philosophischer Betrachtung der Weltgeschichte lautet demnach: „Wer die Welt vernünftig ansieht, den
sieht sie auch vernünftig an, beides ist in Wechselbestimmung.“ [HEGEL, 2015, 23]

In Hegels Vorlesungen zur Geschichtsphilosophie wird die geschichtsphilosophische Frage nach dem Zweck
geschichtlichen Denkens aufgeworfen. Die Hegelsche Geschichtsphilosophie steht im Zeichen der
Aufklärung; sie beerbt letztere, indem Geschichte von Hegel als eine Fortschrittsgeschichte,
Universalgeschichte, also als eine „zielgerichtete, auf die Entwicklung von Freiheit, Vernunft und Recht
ausgerichtete Geschichte“ [OTTMANN, 2014, 275] konzipiert wird. Der Fortschritt setzt sich in Hegels
Konzeption von Geschichte unbewusst und „mit Hilfe moralisch fragwürdiger Mittel“ [ebd.] durch. Die
Verteidigung jener Fortschrittskonzeption trotz geschichtlicher Brüche, wie Kriege und Katastrophen,
gehört zu den systematischen Schwierigkeiten aufklärerischer Geschichtsphilosophie. Hegelschem
Geschichtsdenken eignet es, jene Brüche durch eine Dialektisierung des Fortschritts aufzugreifen, um seiner
Idee von einer teleologischen Fortschrittsgeschichte eine kohärente Form zu geben. Das Negative nimmt in
Hegels Geschichtsphilosophie letztlich nicht die Form von absoluten Zäsuren an, durch die der
Geschichtsverlauf seine, von Hegel zuerkannte Fortschrittlichkeit einbüßt; vielmehr werden durch jene
historischen Brüche, die sich auf den ersten Blick mit der Idee eines fortschrittlichen Geschichtsverlaufs
inkommensurabel zeigen mögen, auch gewisse historische Schwellen markiert, in denen die
Fortschrittsentwicklung ein neues Niveau erreicht.

Hegel greift in seiner Geschichtsphilosophie auf den Gedanken einer „‘List der Vernunft‘ [zurück], welche
sich der ‚welthistorischen Individuen (wie Caesar oder Alexander) und der ‚Volksgeister‘ bedient, um durch
deren Interessen und Leidenschaften den Fortschritt zu vollziehen“ [ebd., 276 f.]. In der Hegelschen
Geschichtsphilosophie ist die Frage nach dem Zweck von geschichtlicher Praxis angelegt. So erscheinen die
Individuen bei Hegel als das jener geschichtlichen Teleologie zur Verwirklichung verhelfende Substrat; das
Tun der Individuen, die das „Ziel der Geschichte und des jeweiligen Fortschritts“ [ebd., 277] nicht kennen,
verbleibt auf ihre partikularen Interessen und persönlichen Zwecke bezogen, doch gleichzeitig trägt die
soziale Praxis auf der gesellschaftlichen Ebene der Individuen dazu bei, die Teleologie aufrechtzuerhalten

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und den Fortschritt in der Geschichte voranzutreiben. Dieses Wirkungsverhältnis ist erklärungsbedürftig;
es stellt sich angesichts dieser Konzeption einer versteckten Kausalität die Frage nach dem Element, das die
Ebene individueller Leidenschaften mit der Ebene allgemeinen Fortschritts vermittelt, deren Allgemeinheit
darin besteht, im Zeichen einer Freiheit zu stehen, die letztlich allen Individuen zugutekommt. Die Existenz
einer Beziehung zwischen der teleologischen Ebene und der Individualebene in der Geschichte wird bei
Hegel demnach durch das Gegebensein von egoistischen Interessen und Leidenschaften angezeigt, was
analog auf einen Vermittlungsprozess zwischen Individuellem und Allgemeinem in der Geschichte
hindeutet. Jene Vermittlung ist gleichzeitig dasjenige, was die geschichtliche Entwicklung hin zur
Erreichung eines immer höheren Niveaus von Freiheit antreibt.

Der faktische Gang der Geschichte wird von Hegel als fortschrittliche Entwicklung identifiziert, wobei sich
jene Teleologie nicht allein durch das bewusstlose und egoistische Tun der Individuen begründen lässt, da
die Individuen die Verwirklichung des Allgemeinen, das heißt der Freiheit nicht wissentlich intendieren.
Hegel führt zur Erklärung der geschichtlichen Teleologie, die obschon der verschiedenen und auch
negativen Ereignisse in der Geschichte eine Regelmäßigkeit impliziert, eine andere Instanz an: es ist die
Absicht des Geistes oder auch die List der Vernunft, durch die Individuelles und Allgemeines vermittelt
werden. Es handelt sich beim Begriff des Geistes um einen zentralen Gedanken in Hegels Werk, dessen
Ausarbeitung im Rahmen von Hegels Philosophie der Natur und des Geistes erfolgt. Die Systematik der
Geistphilosophie gliedert sich begrifflich in subjektiven, objektiven und absoluten Geist; der subjektive Geist
nimmt eine Stellung in Hegels Bearbeitung von anthropologischen und psychologischen Fragen ein,
während der objektive Geist in den Bereichen des Rechts, der Moralität und Sittlichkeit verortet ist. Hegels
Geschichtsphilosophie ist konzeptuell an den Begriff des objektiven Geistes angebunden.

Um was also handelt es sich beim objektiven Geist, welche Funktion nimmt er in Hegels
Geschichtsphilosophie ein und wie wirkt er innerhalb der Geschichte? In diesem Zusammenhang ist
herauszustellen, dass Geschichte bei Hegel als „Rechtfertigung Gottes“ [ebd., 278] fungiert, die in Form der
Weltgeschichte zur Erkenntnis des Göttlichen auffordert. Jene Aufforderung zeigt implizit an, dass das
Göttliche nicht offen zutage tritt, sondern sich verbirgt; Geschichte lässt sich demnach als Verarbeitung,
Produktion und Reflexion des historischen Materials zusammenfassen: Verarbeitet wird das individuelle Tun
der Subjekte zum Zwecke von etwas Allgemeinem, womit Freiheit gemeint ist, produziert wird dadurch
Fortschritt und Teleologie in der Geschichte, ereignen tut sich das Göttliche erst dann wirklich, wenn
retrospektiv Einsicht in die Notwendigkeit und Vernünftigkeit der Geschichte und ihrer faktischen
Entwicklung gewonnen wird, das heißt wenn der Geschichtsprozess durch die Individuen reflektiert und als
vernünftig anerkannt wird. Die Geschichte, verstanden als die in der Zeit lebenden Individuen, gewinnt so
ein Bewusstsein ihrer selbst, indem sie sich selbst reflektiert und damit die Notwendigkeit ihrer Entwicklung

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anerkennt. Durch jene Anerkennung der geschichtlichen Notwendigkeit erlangt die Geschichte eine
Versöhnung mit sich selbst, weil das Negative in seinem faktischen Notwendigsein für die Geschichte, die
letztlich auf die Erreichung eines größtmöglichen Maßes an Freiheit zustrebt, erkannt wird.

„Aber muß man eine teleologische Geschichtsphilosophie des Fortschritts wie die Hegels eine
Vergöttlichung der Geschichte nennen?“ [ebd.] Die Individuen sind für Hegel vom Geist durchdrungen,
da letzterer „in seiner Entwicklung zu dem führt, was das vernünftige Interesse der Individuen und Völker
ist“ [ebd., 279], das heißt zu „Ordnungen, in denen Völker und Individuen ihre eigene Vernunft und ihr
eigenes Wesen wiedererkennen können“ [ebd.]. Jene Vernunft wird auf der Individualebene der Geschichte
in Form der individuellen Interessen der Menschen repräsentiert; die reflexive Erschließung der Vernunft
vollzieht sich in den individuellen Ordnungen als ein Wiedererkennen des vernünftigen Wirkens des Geistes
in der Geschichte. Jenes Wirken des Geistes ist dem intentionalen Tun und Begreifen der Individuen stets
vorweg, so dass letztere diesen nur phänomenal und in zeitlicher Latenz erfassen können; so vermag die
Geschichtsphilosophie geschichtliche Entwicklungen nur über Post-hoc-Erklärungen zu rekonstruieren, das
bedeutet durch nachträgliche Analyse der Rationalität von gesellschaftlichen Ordnungen und Institutionen,
die von der Vernunft des Geistes durchwirkt sind und jenen nach außen hin repräsentieren. Die Vernunft
lässt sich im geschichtlichen Erfahrungsraum demzufolge durch eine historische Analyse der Institutionen
erkennen, wie sie sich im Verlauf der Epochen entwickelt haben. Die Möglichkeit einer Erkenntnis der sich
geschichtlich zeigenden Vernunft des Geistes hängt für Hegel demnach von der geschichtlichen
Rekonstruktionsarbeit der Geschichtsschreibung ab; sie soll in der Beurteilung des historischen Materials
von der methodologischen Prämisse geleitet sein, dass die Geschichte sich vernünftig entwickle.

Hegels Entwicklungsgeschichte lässt sich also nur unter Voraussetzung einer synchronen strukturellen
Analyse der Lebensformen und Institutionen erzählen; deren geschichtliche Entwicklung soll unter der
Prämisse ihrer Vernünftigkeit rekonstruiert werden [vgl. STEKELER-WEITHOFER, 2005, 392]. Die Aussage,
dass die Entwicklungsgeschichte der von uns anerkannten Institutionen vernünftig sei, bleibt in ihrem Status
nicht nur eine Prämisse, sondern wird letztlich zu einem begrifflichen Urteil, das im Zuge der rationalen
Rekonstruktion jener Entwicklung gewonnen wird. Die Rekonstruktion zielt ab auf „ein Begreifen der
Rahmenbedingungen unseres eigenen, gemeinsamen Lebens, der Sittlichkeit, die implizit die Basis unseres
Selbstverständnisses ist, unserer Urteilskraft und unseres Handelns“ [ebd., 392].

In Hegels Beteuerungen, dass der Geist die Geschichte durchziehe, dass die Geschichte vernünftig verlaufe,
dass sich in ihr Gottes Wirken entfalte, drückt sich der Glauben aus, dass der Gang der Welt durch Gott
geordnet und auf das Gute hin ausgerichtet sei. Dies bedeutet für Hegel jedoch nicht, dass sich die
Geschichte nach göttlicher Vorsehung oder auf Grundlage einer anderen metaphysischen Hypostasierung
vollzieht; vielmehr kann die Geschichte lediglich mit Blick auf das bekannte Ziel im Rahmen einer

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rationalen Rekonstruktion nacherzählt werden. Das geschichtliche Substrat, die historischen Ereignisse sind
ohne den rekonstruktiven Zugriff nur ihrem Potenzial nach vernünftig – sie müssen erst als vernünftig
erkannt und anerkannt werden, was nur am Leitfaden einer rationalen Rekonstruktion geschehen kann. Die
Geschichte ist demnach nicht an sich vernünftig; sie erlangt ihre Vernünftigkeit erst in Folge der Reflexion
des Subjekts, das die Vernunft in der Geschichte erkennt und die Vernünftigkeit der Geschichte anerkennt:

Vernunft gibt es in der Geschichte, weil es selbst Gütekriterium der rationalen Rekonstruktion einer
Entwicklung der Vernunft, d. h. unserer Urteilskriterien, ist, diese Entwicklung als gemeinsame Tat von
Menschen und nicht als Folge einer unsichtbaren Hand Gottes oder einer Naturalabsicht darzustellen, welche
neben oder hinter dem Zufall der Ereignisse gewirkt hat. [ebd., 394]

Die Individuen sind demnach schon immer Teil der geschichtlichen Selbstentfaltung des Geistes, der im
Medium der Reflexion vom Subjekt als vernünftig anerkannt wird. Die Menschen sind als reflexiver Teil
des Geistes sozusagen in Gott, statt von diesem gelenkt zu werden; Geschichte, Individuum und Geist
machen ein Ganzes aus, das sich entfaltet und um die Bedingungen seiner Selbstentfaltung weiß.

Hegels Identifizierung von Gott und Vernunft dient wohl auch dazu, sich von der Vorstellung eines
Willkürgotts abzuschirmen, dessen Tun für den Menschen unergründlich bleibt. Durch die Integration
negativer historischer Phänomene in einen Strukturzusammenhang, der sich durch ein auf das Gute hin
ausgerichtetes Telos auszeichnet, wird das Negative nicht nur depotenziert, sondern auch mediatisiert. Denn
wenn es für den vernünftigen Gang der Geschichte vom Subjekt als notwendige Entwicklungsstation in der
Entfaltung des Geistes anerkannt wird, verliert jenes Negative seine Kontingenz. Auf diese Weise erscheint
das Negative weder grundlos, noch leidet die Menschheit umsonst an diesem. Das Negative fügt sich in
einen positiven, da letztlich vernünftigen prozeduralen Zusammenhang ein, der gerade deshalb als etwas
Positives von den Menschen affirmiert werden kann. Das Negative in der Geschichte verliert an Kraft, weil
es nur ein Teil eines vernünftigen Guten ist, das sich durch die Geschichte zieht. Wird dieses Ganze in seiner
Vernünftigkeit vom Subjekt erkannt, führt dies bei letzterem zu einer Versöhnung mit den negativen Teilen
dieses Ganzen, die zu seinem Bestehen beitragen und eben deshalb als notwendig und vernünftig seiend
erkannt werden können. Jene Versöhnung geschieht in der Reflexion, das bedeutet durch den Gedanken,
der die (negativen) historischen Phänomene aufzunehmen, auszuhalten und ins vernünftige Ganze
einzuordnen weiß.

Diese Aussöhnung kann nur durch die Erkenntnis des Affirmativen erreicht werden, in welchem jenes
Negative zu einem Untergeordneten und Überwundenen verschwindet, durch das Bewußtsein, teils was in
Wahrheit der Endzweck der Welt sei, teils daß derselbe in ihr verwirklicht worden sei und nicht das Böse
neben ihm sich letztlich geltend gemacht habe. [HEGEL, 2015, 28]

ZUGÄNGE ZUR GESCHICHTE Im Rahmen von Hegels Einteilung der

Geschichtsschreibung in drei Arten – die ursprüngliche, die reflektierende und die philosophische Geschichte

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– erfolgt gleichzeitig eine Kritik am unreflektierten Selbstverständnis des Geschichtsdenkens. Hegel skizziert
die historiographische Methodologie in ihren verschiedenen Ausprägungen, und unterzieht dieser einer
methodologischen Kritik.

Im Zuge der ursprünglichen Geschichtsschreibung binden die „Geschichtsschreiber [...] zusammen, was
flüchtig vorüberrauscht“ [ebd., 12]; sie nehmen bezug auf singuläre „Begebenheiten, Taten und Zustände“
[ebd.] im Rahmen kurzer Zeiträume, die zu einem stimmigen Ganzen verbunden werden.

Es sind kurze Zeiträume, individuelle Gestaltungen von Menschen und Begebenheiten, es sind die einzelnen
unreflektierten Züge, aus denen er sein Gemälde sammelt, um das Bild so bestimmt, als er es in der
Anschauung oder in anschaulichen Erzählungen vor sich hatte, vor die Vorstellung der Nachwelt zu bringen.
[ebd.].

Das Vorgehen der reflektierenden Geschichtsschreibung zeichnet sich durch das Sammeln und Verarbeiten des
„historischen Stoffes“ [ebd., 14] aus, indem lange zeitlicher Perioden unter Zuhilfenahme von hilfreichen
Verkürzungen und Abstraktionen die Form narrativer Konstruktionen annehmen, die durch die Prinzipien
bedingt sind, „die sich der Verfasser teils von dem Inhalte und Zwecke der Handlungen und Begebenheiten
selbst macht, die er beschreibt, teils von der Art, wie er die Geschichte anfertigen will“ [ebd.]. Jene
Reflexionen über die Vergangenheit erfolgen hierbei vom Standpunkt der Gegenwart aus und zum Zwecke
einer „durch die Geschichte gewinnenden moralischen Belehrung, auf welche hin dieselbe oft bearbeitet
wurde“ [ebd., 17]. Allerdings bezweifelt Hegel, dass etwas aus der Geschichte gelernt werden könne: „Jede
Zeit hat so eigentümliche Umstände, ist ein so individueller Zustand, daß in ihm aus ihm selbst entschieden
werden muß und allein entschieden werden kann“ [ebd.].

Hegels Kritik an der reflektierenden Geschichtsschreibung zielt auf den Umstand ab, dass hier nicht das
historische Material zu einer Geschichte integriert wird, vielmehr wird eine „Geschichte der Geschichte
[vorgetragen] [...] und eine Beurteilung der geschichtlichen Erzählungen und Untersuchungen ihrer
Wahrheit und Glaubwürdigkeit“ [ebd., 18]. Die reflektierende Methode stellt einzelne Teile des gesamten
historischen Materials heraus, die „in einem Verhältnis zum Ganzen einer Volksgeschichte stehen“, doch es
„kommt [...] darauf an, ob der Zusammenhang des Ganzen aufgezeigt oder bloß in äußerlichen
Verhältnissen gesucht wird“ [ebd., 19]. Nach Hegel muss das historische Material vielmehr immanent
untersucht werden, etwaige geschichtliche Zusammenhänge sollen sich vielmehr aus dem historischen
Material selbst heraus ergeben, statt letzteres zu Konstruktionen zu verarbeiten, die bereits feststehen, bevor
das Material zur Stützung ihrer Kohärenz zusammengesucht und integriert werden kann. Sind die
Gesichtspunkte der reflektierenden Geschichtsschreibung jedoch nicht nur äußerlich an ihr Material
herangetragen, sondern „wahrhafter Natur“ [ebd.], so sind diese „nicht bloß der äußere Faden, einer äußeren
Ordnung, sondern die innere leitende Seele der Begebenheiten und Taten selbst“ [ebd.]. Die Gültigkeit

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methodischer Gesichtspunkte hängt für Hegel im Wesentlichen davon ab, ob diese in Vermittlung mit dem
historischen Material gewonnen oder ob diese apriorisch erdacht und nur aufs Material appliziert werden.

Die philosophische Geschichte wiederum ist „nichts andere[s] als die denkende[] Betrachtung derselben“ [ebd.,
21]. Die einzige Prämisse jener Geschichtsschreibung besteht darin, „daß die Vernunft die Welt beherrsche,
daß es also auch in der Weltgeschichte vernünftig zugegangen sei“ [ebd., 20]. Hegel beschreibt die Vernunft
als die „Substanz wie die unendliche Macht“ [ebd., 21], sie ist „sich selbst der unendliche Stoff alles natürlichen
und geistigen Lebens wie die unendliche Form, die Betätigung dieses ihres Inhalts ist“ [ebd.]. Vernunft lässt
sich nach dieser Beschreibung als eine selbstbezügliche, reflexive, sich ausdifferenzierende Struktur
verstehen, die zum einen eine unerschöpfliche Ressource darstellt und zum anderen formgebend für die
Verarbeitung ihres aus ich selbst schöpfenden Substrats ist.

Die Vernunft ist demnach weniger ein Endzustand, als eine endlose, neue Erkenntnisse akkumulierende,
Wissensstruktur, die dabei um sich selbst, d.h. um ihre Genese und Funktionsweise weiß: Diese erinnert
sich ihren Anfangsbedingungen und führt sich selbst mit dem erworbenen Mehr an Wissen erneut in den
geschichtlichen verlaufenden Aneignungs- und Strukturierungsprozess ein, um weiteres Wissen zu
prozessieren und ein neues Erkenntnisniveau zu erreichen – diese Struktur re-initialisiert sich also zyklisch
unter den Bedingungen ihrer Selbstaktualisierung. Jenes Reflexivwerden der Vernunft, also das zirkuläre,
inkrementelle Anwachsen von Wissen im Zustand der Selbstbeobachtung über längere Zeiträume hinweg,
wird in Hegels Wissenschaft der Logik begrifflich ausgearbeitet. Die Geschichte ist für Hegel der empirische
Ort, an dem das Tätigsein der Vernunft in der Wirklichkeit eingesehen werden kann; die Geschichte dient
Hegel als das Feld, an dem sich seine Vernunftkonstruktion begrifflich und empirisch bewähren kann.

Die Vernunft verwirklicht sich nach Hegel in der Geschichte; sie prozessiert ihr historisches Material und
ist jener Verarbeitung gleichzeitig wesentliches Prinzip:

wie sie sich nur ihre eigene Voraussetzung, ihr Zweck der absolute Endzweck ist, so ist sie selbst dessen
Bestätigung und Hervorbringung aus dem Inneren in die Erscheinung nicht des natürlichen Universums,
sondern auch des geistigen – in der Weltgeschichte [ebd.].

Die Bearbeitung des geschichtlichen Materials durch die eigentliche, das bedeutet durch die philosophische
Geschichtsschreibung hat am Leitfaden jener Vernunft zu erfolgen, wobei letztere im historischen Material
zu suchen und zu erkennen sei. Hegel formuliert zwar die Annahme, dass es in der Geschichte vernünftig
zugegangen sei, doch diese Annahme muss in letzter Konsequenz durch die Geschichtsschreibung bestätigt
werden:

Es hat sich also erst aus der Betrachtung der Weltgeschichte selbst zu ergeben, daß es vernünftig in ihr
zugegangen sei, daß sie der vernünftige, notwendige Gang des Weltgeistes gewesen, des Geistes, dessen Natur
zwar immer eine und dieselbe ist, der aber in dem Weltdasein diese seine eine Natur expliziert. Dies muß,

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wie gesagt, das Ergebnis der Geschichte sein. Die Geschichte aber haben wir zu nehmen, wie sie ist; wir haben
historisch empirisch zu verfahren. [ebd., 22]

Dass die Vernunft von Hegel zum einen als analytischer Leitfaden für die historiographische Arbeit dient,
verdeutlicht sich an folgendem Zitat: „Wer die Welt vernünftig ansieht, den sieht sie auch vernünftig an,
beides ist in Wechselbestimmung“ [ebd., 23]. Zum anderen steht das Zitat in einem für das Leben
praktischen Kontext: Betrachtet man die Geschichte unter der Präsumtion ihrer Vernünftigkeit, spiegelt sie
sich einem auch als vernünftig wider. Letzteres erlaubt es den Menschen, den Gang der Geschichte als etwas
Notwendiges und gleichzeitig Gutes zu verstehen: Geschichte ergibt Sinn.

Zur Stützung seiner Vernunftkonstruktion greift Hegel auf die Vorstellung einer Theodizee zurück, wobei
Gott hier die Eigenschaften des reflexiven Subjekts zugesprochen werden. Auf diese Weise wird es Hegel
möglich, Gott und Vernunft zu identifizieren und damit Welt und Transzendenz zu versöhnen. Hegels Gott
ist ein Vernunftgott, damit also das Gegenteil eines Willkürgottes, dessen Wirken weder verstanden noch
erklärt werden kann und somit zur Quelle von Angst und Unsicherheit für den Menschen wird. Das
vernünftige Wirken des Hegelschen Gottes aber ist für den Menschen nachvollziehbar:

Vernunft materialisiert sich als Vorsehung Gottes, als „Weisheit nach unendlicher Macht, welche ihre
Zwecke, d. i. den absoluten vernünftigen Endzweck der Welt verwirklicht; die Vernunft ist das ganz frei sich
selbst bestimmende Denken“ [ebd., 25]

Geschichte lässt sich nur erklären, indem die bewussten und unbewussten Intentionen und Handlungen
menschlicher Akteure und ihrer Institutionen, das heißt Individuen, Völkern und Staaten, analysiert
werden: „Die Geschichte erklären aber heißt, die Leidenschaften des Menschen, ihr Genie, ihre wirkenden
Kräfte enthüllen, und diese Bestimmtheit der Vorsehung nennt man gewöhnlich ihren Plan“ [ebd.]. Jene
Rekonstruktion des menschlichen Handelns individueller Akteure in ihrer gegenseitigen Verstricktheit über
längere Zeiträume hinweg hat sich Hegel zufolge auf ein Allgemeines zu beziehen, das heißt es muss von der
Prämisse geleitet sein, dass sich die Vernunft in der Geschichte entfaltet und jene Entfaltung in periodischer
Weise ein höheres Niveau an Freiheit in der Weltgeschichte hervorbringt: „Wir haben vielmehr Ernst damit
zu machen, die Wege der Vorsehung, die Mittel und Erscheinungen in der Geschichte zu erkennen, und
wir haben diese auf jenes allgemeine Prinzip zu beziehen“ [ebd., 26]. Hegels philosophischer Zugang zur
Geschichte setzt voraus „daß das von der ewigen Weisheit Bezweckte wie auf dem Boden der Natur so auf
dem Boden des in der Welt wirklichen und tätigen Geistes herausgekommen ist“ [ebd., 28]. Die Vernunft
in der Geschichte zu erkennen ist die Voraussetzung dafür, sich mit letzterer – im Geiste – zu versöhnen.
Jene Versöhnung ergibt sich aus dem durch die historiographische Rekonstruktionsarbeit gewonnenen
Urteil, dass alles, was im Lauf der Geschichte passiert ist, letztlich sinnvoll gewesen sei, da es zum Zwecke
eines Zuwachses an Freiheit geschehen ist.

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G E I S T U N D W E L T GE S C H I C H T E Die Welt gilt bei Hegel als die Gesamtheit der


„physische[n] und psychische[n] Natur]“ [ebd., 29], die vom sich historisch entfaltenden Geist belebt wird;
„der Verlauf seiner Entwicklung ist das Substantielle“ [ebd.]. Jene Substanz des Geistes ist die Freiheit: Mit
dem Gang des Geistes durch die historischen Zeiten entfaltet sich die Freiheit, da

alle Eigenschaften des Geistes nur durch die Freiheit bestehen, alle nur Mittel für die Freiheit sind, alle nur
diese suchen und hervorbringen; es ist dies eine Erkenntnis der spekulativen Philosophie, daß die Freiheit das
einzige Wahrhafte des Geistes sei [ebd., 30].

Die immanente Freiheit des Geistes besteht in seinem „Bei-sich-selbst-Sein“ [ebd.], das heißt in seiner
Unabhängigkeit von etwas Äußerem und seiner Selbsterkenntnis: „Dieses Beisichselbstsein des Geistes ist
Selbstbewußtsein, das Bewußtsein von sich selbst“ [ebd.].

So also lässt sich die Weltgeschichte als Erarbeitung des Geistes von seinem Wissen, „was er an sich ist“
[ebd.], verstehen; die Weltgeschichte ist also bereits im sich entwickelnden Geist angelegt. Weil sich die
Weltgeschichte „im Bewußtsein der Freiheit“ [ebd., 32] entfaltet, sind wir laut Hegel mit der Aufgabe
betraut, jene Entwicklung in ihrer Notwendigkeit zu erkennen:

Dieser Endzweck ist das, worauf in der Weltgeschichte hingearbeitet worden, dem alle Opfer auf dem weiten
Altar der Erde und in dem Verlauf der langen Zeit gebracht worden. Dieser ist es allein, der sich durchführt
und vollbringt, das allein Ständige in dem Wandel aller Begebenheiten und Zustände sowie das wahrhaft
Wirksame in ihnen. Dieser Endzweck ist das, was Gott mit der Welt will, Gott aber ist das Vollkommenste
und kann darum nichts als sich selbst, seinen eigenen Willen wollen. [ebd., 33]

Freiheit existiert für Hegel als eine im Geist wohnende Potenz, welches sich in Form von Geschichte
materialisiert und sich als ihr Verlauf entfaltet: „Wenn die Freiheit als solche zunächst der innere Begriff ist,
so sind die Mittel dagegen ein Äußerliches, das Erscheinende, das in der Geschichte unmittelbar vor die
Augen tritt und sich darstellt.“ [ebd., 33]. Demnach versteht Hegel den Geist als etwas „Allgemeines,
Abstraktes“ [ebd., 36], also ein Potenzial, das auf seine historische Realisierung zustrebt und von den
unbewussten und bewussten Intentionen menschlicher Akteure verwirklicht wird. Die subjektiven Zwecke
und der allgemeine Endzweck sind miteinander vermittelt und treiben zusammen den Fortgang der
Geschichte an, indem das Subjektive dem Allgemeinen zu seiner Entfaltung bzw. Verwirklichung verhilft:

Es ist nur durch diese Tätigkeit, daß jener Begriff sowie die an sich seienden Bestimmungen realisiert,
verwirklicht werden, denn sie gelten nicht unmittelbar durch sich selbst. Die Tätigkeit, welche sie ins Werk
und Dasein setzt, ist des Menschen Bedürfnis, Trieb, Neigung und Leidenschaft. [ebd.]

[...] so müssen wir überhaupt sagen, daß nichts Großes in der Welt ohne Leidenschaft vollbracht worden ist.
Es sind zwei Momente, die in unseren Gegenstand eintreten; das eine ist der Zettel, das andre der Einschlag
des großen Teppichs der vor uns ausgebreiteten Weltgeschichte. Die konkrete Mitte und Vereinigung beider
ist die sittliche Freiheit im Staate. [ebd., 38]

Geschichte wird von Hegel also als Vermittlung von Individuellem und Allgemeinen konzipiert; die
konkrete Vermittlung vollzieht sich durch den Staat. Im Staat spiegelt sich die geschichtlich waltende
Vernunft wieder: die Institution des Staates ist der Endpunkt der Geschichte:

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[a]ber im Staate bedarf es vieler Veranstaltungen, Erfindungen von zweckmäßigen Einrichtungen, und zwar
von langen Kämpfen des Verstandes begleitet, bis er zum Bewußtsein bringt, was das Zweckmäßige sei, [...]
bis jene Vereinigung zustande gebracht wird [ebd., 39].

Für Hegel besteht die Aufgabe der Philosophie darin, einsichtig zu machen, „daß die wirkliche Welt ist, wie
sie sein soll, daß das wahrhaft Gute, die allgemeine göttliche Vernunft auch die Macht ist, sich selbst zu
vollbringen“ [ebd., 53]. Mehr noch, Hegel identifiziert die Vernunft und ihr Telos mit Gott: „Gott regiert
die Welt, der Inhalt seiner Regierung, die Vollführung seines Plans ist die Weltgeschichte“ [ebd.]. Diese
Identifikation läuft darauf hinaus, den Menschen mit der Welt zu versöhnen, der Entzweiung von Mensch
und Welt beizukommen, indem in der Weltgeschichte der notwendige Gang der Dinge erkannt wird:

Vor dem reinen Licht dieser göttlichen Idee, die kein bloßes Ideal ist, verschwindet der Schein, als ob die
Welt ein verrücktes, törichtes Geschehen sei. Die Philosophie will den Inhalt, die Wirklichkeit der göttlichen
Idee erkennen und die verschmähte Wirklichkeit rechtfertigen. Denn die Vernunft ist das Vernehmen des
göttlichen Werkes [ebd.].

Für Hegel materialisiert sich die Freiheit in Recht, Sittlichkeit und Staat; ihre reell stattfindende
Verwirklichung vollzieht sich also auf verschiedenen Stufen von Gesellschaft. Jene geschichtliche Progression
wird bei Hegel in folgende Elemente gegliedert:

Der subjektive Wille, die Leidenschaft ist das Betätigende, Verwirklichende; die Idee ist das Innere; der Staat
ist das vorhandene, wirklich sittliche Leben. Denn er ist die Einheit des allgemeinen, wesentlichen Wollens
und des subjektiven, und das ist die Sittlichkeit. [ebd., 56]

Die Sittlichkeit spiegelt sich in der vernünftigen Bestimmtheit ihrer Gesetze wider; Zweck jener Sittlichkeit
ist ihr Selbsterhalt: „Daß nun das Substantielle im wirklichen Tun der Menschen und in ihrer Gesinnung
gelte, vorhanden sei und sich selbst erhalte, das ist der Zweck des Staates.“ [ebd.] Da Sittlichkeit und Staat
auf jener göttlich-vernünftigen teleologischen Linie liegen, sind auch diese vernünftig; Einsicht in die, aus
der Vernünftigkeit entspringende Notwendigkeit jener Institutionen führt zur Versöhnung von objektivem
und subjektivem Willen:

Notwendig ist das Vernünftige als das Substantielle, und frei sind wir, indem wir es als Gesetz anerkennen
und ihm als Substanz unseres eigenen Wesens folgen: der objektive und der subjektive Wille sind dann
ausgesöhnt und ein und dasselbe ungetrübte Ganze. [ebd., 57]

Hegels Entfaltung der Freiheit nimmt ihren Ausgang in „Zustände[n] der Wildheit“ [ebd., 58], die sich
„mit den Leidenschaften der Roheit und Gewalttaten verknüpft [zeigen] und selbst sogleich, wenn sie auch
noch so unausgebildet sind, mit gesellschaftlichen, für die Freiheit sogenannten beschränkenden
Einrichtungen verknüpft [sind]“ [ebd.]. Für Hegel ist jener Naturzustand der „Zustand des Unrechts, der
Gewalt, des ungebändigten Naturtriebs, unmenschlicher Taten und Empfindungen“ [ebd., 59], aus dem
sich die Menschen „durch eine unendliche Vermittlung der Zucht des Wissens und des Wollens“ [ebd., 58]
zu befreien haben; dabei erwerben und gewinnen sie ihre Freiheit, indem Roheit, Trieb und Willkür durch

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Gesellschaft und Staat beschränkt werden und die Menschen die Notwendigkeit jener Beschränkung
einsehen: „Vielmehr ist solche Beschränkung schlechthin die Bedingung, aus welcher die Befreiung
hervorgeht, und Gesellschaft und Staat sind die Zustände, in welchen die Freiheit vielmehr verwirklich
wird.“ [ebd., 59] Wirklich wird der Staat erst durch die Herausbildung einer Staatsverfassung und lebendig
durch den sich daraus bildenden Antagonismus zwischen „Befehlenden und Gehorchenden“ [ebd., 62];
damit verknüpft ist die Frage, „welches die beste Verfassung sein, d. i. durch welche Einrichtung,
Organisation oder Mechanismus der Staatsgewalt der Zweck des Staates am sichersten erreicht werde“ [ebd.,
63].

Die historische Entwicklung des Staatswesens beginnt mit einem Staat, der noch „herrisch und instinktartig“
[ebd., 65] ist, doch auch hier – im rohen Herrschaftsverhältnis zwischen Herrscher und Beherrschten – zeigt
sich bereits das Wirken eines Willens, so dass „auf die Partikularität Verzicht getan wird, daß der allgemeine
Wille das Wesentliche ist“ [ebd.] und zwar als Idee des Staates, der in seiner Notwendigkeit erkannt wird.
Auf das patriarchalische Herrschaftsverhältnis im Königtum folgt ein aristokratisches und demokratisches
Verhältnis, in dem sich im Gegensatz zur rohen Allgemeinheit des Königtums „Besonderheit und Einzelheit
hervortun“; jene Entwicklung schließt mit der „Unterwerfung dieser Besonderheit unter eine Macht“ im
Rahmen der Monarchie. Diese Entwicklung verläuft notwendig, aber unbewusst; die jeweilige historische
Verfasstheit der Herrschaft ergibt sich in Abhängigkeit von ihrer Angemessenheit gegenüber dem „Geiste
des Volks“ [ebd.]. In der Abfolge staatlicher Rechtsordnungen, die synchron zum Stufengang der
Selbstverwirklichung des Geistes in Erscheinung treten, spiegelt sich die historische Wirksamkeit
verschiedener Völker und folglich eine Abfolge von Imperien, weil jeweils dasjenige Volk, das aufgrund
seiner spezifischen Rechtsordnung Verkörperung der aktuellen Entwicklungsstufe des Weltgeistes ist, den
anderen Völkern die Gesetze vorschreibt [vgl. SCHAEFFLER, 1991, 184].

Der Staat markiert das Ende jener Entwicklung, da er die „vernünftige und sich objektiv wissende und für
sich seiende Freiheit“ [HEGEL, 2015, 66] ist; das organische Ganze des Staates ist die materiale Realisierung
des menschlichen Willens und seiner Freiheit, da sich in jenem die „besonderen Gewalten [...]
unterscheiden, sich für sich vervollständigen, aber ebenso in ihrer Freiheit zu einem Zweck
zusammenarbeiten und von ihm gehalten werden“ [ebd.]. Im Staat nimmt der Geist des Volkes die Form
der Allgemeinheit an; der Volksgeist bestimmt, in Abhängigkeit von der geschichtlichen Stufe seiner
Entwicklung, das konkrete Sein des wirklichen Staates. Auf weltgeschichtlicher Ebene erscheint der
Volksgeist als eine sich historisch realisierende Gestalt des „göttlichen, absoluten Prozesses des Geistes“ [ebd.,
73], durch den sich das sittliche Leben eines Volkes bestimmt. Der Gedankengang von Hegels dialektischer
Geschichtsphilosophie lässt sich wie folgt zusammenfassen: Das Ziel der Geschichte ist die
Selbstbewusstwerdung des Geistes (sein Selbstbewusstsein), die sich über seine „Selbstexplikation zur Welt“

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SE: Hegels philosophisch-wissenschaftliche Betrachtung der Weltgeschichte | Prof. Dr. Kazimir Drilo

[SCHAEFFLER, 1991, 183] vollzieht. Die Aufgabe, das Individuelle mit dem Allgemeinen zu versöhnen, stellt
sich auf jeder Stufe dieses Weges neu, wobei es die Staaten sind, „die diese Versöhnung auf je besondere
Weise leisten“ [ebd.].

LITERATURVERZEICHNIS
HEGEL, GEORG WILHELM FRIEDRICH: Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte. Werke 12,
Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2015.

OTTMAN, HENNING: Die Weltgeschichte (§§ 341-360): in: SIEP (HG.), LUDWIG: G. W. F. Hegel:
Grundlinien der Philosophie des Rechts, Berlin: Akademie, 2014, 267-286.

SCHAEFFLER, RICHARD: Einführung in die Geschichtsphilosophie, Darmstadt: Wissenschaftliche


Buchgesellschaft, 1991.

SIEP (HG.), LUDWIG: G. W. F. Hegel: Grundlinien der Philosophie des Rechts, Berlin: Akademie, 2014.

STEKELER-WEITHOFER, PIRMIN: Philosophie des Selbstbewußtseins. Hegels System als Formanalyse von
Wissen und Autonomie, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2005.

Thomas Pawelek, 368732, BA-KulT-IS-4 | große Leistung | Hausarbeit


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