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VL: Kants Kritik der „reinen Vernunft“ | Prof. Dr.

Christoph Asmuth

ESSAY | KANT. METAPHYSIK ALS NATURANLAGE


Z U Z E I T E N K A N T S Kant lebte im Zeitalter der Aufklärung; zu dessen Signatur gehörten die
sozialen und politischen Gehalte der Französischen Revolution, der Pietismus mit seinem Gewicht auf
„Gemüt und Herz, auf Frömmigkeit und inneren Frieden“ [BAUMGARTNER, 2006, 15], das
Heraufkommen der Naturwissenschaften, sowie das Denken der Philosophie der Neuzeit, die „seit der
Gegenstellung von Descartes zu Bacon eine Geschichte der Auseinandersetzung zwischen Empirismus und
Rationalismus, Erfahrungsphilosophie und Metaphysik, naturwissenschaftlichem Denken und
philosophischer Spekulation“ [ebd.] war. Der Diskurs zwischen dem Empirismus und dem Rationalismus
war maßgeblich für die „philosophische Entwicklung seit der Neubegründung der Philosophie durch
Descartes“ [ebd., 16]. Der Rationalismus lässt sich durch den Grundsatz bestimmen, demzufolge das Wesen
der Dinge nicht durch den sinnlichen Erfahrungszugang erfassbar ist, sondern „allein durch die klare und
deutliche Erkenntnis vermittels der aus der menschlichen Vernunft selber entsprungenen Begriffe“ [ebd.]
erschlossen werden kann; der Empirismus hingegen sagt, dass unsere Erkenntnis in der Sinnlichkeit gründet,
sie eröffnet mit den Sinnen und verbleibt im Sinnlichen, so dass die Vernunft die passive Funktion eines
verarbeitenden Rezeptivitätsvermögens hinsichtlich der Vorstellungs- und Begriffsinhalte, „die aus der
sinnlichen Wahrnehmung [...] stammen und [...] von dort her zugeliefert werden“ [ebd., 17], aufgetragen
bekommt. Dort also, wo der Empirismus die Sinnlichkeit als erste Erkenntnisquelle sieht, verneint der
Rationalismus die Sinnlichkeit als gebendes Prinzip; denn letztere ist für den rationalistischen Standpunkt
„nicht die Quelle der Erkenntnis, sondern die in sie eingetauchte Vernunft, die wir mit Hilfe der
philosophischen Reflexion erkennen und herausarbeiten können“ [ebd.].

Es wurde der Versuch einer provisorisch-eklektizistischen Vermittlung des Gegensatzes durch Wolff und
die auf ihn folgende „populäre Aufklärungsphilosophie in Deutschland“ [ebd.] unternommen, allerdings
auf Kosten „philosophischer Einheit und innerer Stringenz“ [ebd.]. Kants Anspruch hingegen lag darin, die
Einseitigkeit beider Ansätze zu erweisen und dabei über jene herauszugehen und eine neue Theorie der
menschlichen Erkenntnis zu erarbeiten und gleichzeitig den Möglichkeitsraum von Metaphysik neu zu
kartieren; Kants Methode ist „zum einen Kritik der falschen Ansprüche und zum anderen Vermittlung des
in diesen Positionen anzutreffenden Wahren“ [ebd., 18]:

Die Kritik der reinen Vernunft macht darauf aufmerksam und weist nach, daß Sinnlichkeit ohne Verstand
blind, Verstand ohne Sinnlichkeit leer bleiben müßte. [...] In dieser Vermittlung von Sinnlichkeit und
Vernunft und in dem Nachweis ihres Zusammenhanges im systematischen Aufbau unseres Wissens liegt
sowohl das Kernproblem der Kritik der reinen Vernunft wie die Leistung, die Kant in diesem Werk erbracht
hat. [ebd., 18 f.]

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LIEBE ZUR METAPHYSIK Zu Beginn seiner akademischen Laufbahn widmet sich Kant

zum einen den elementaren Fragen der Physik, zum anderen gilt sein Interesse der „Metaphysik im Ganzen,
der cosmologia, psychologia und theologia rationalis“ [FORSCHNER, 2010, 34]. Doch im Laufe seiner Studien
sucht Kant eine große Unsicherheit heim, was den epistemischen Status metaphysischer Aussagen betrifft,
die auf den Ursprung des Weltganzen, das Wesen der menschlichen Seele und das Dasein und Wesen Gottes
zielen.

Dabei erkennt Kant, dass sein Interesse für metaphysische Fragen nicht nur ihm eigen ist, sondern aus einem
metaphysischen Bedürfnis des Menschen als eines sinnlichen Vernunftwesens entspringt und auf eine
anthropologische Veranlagung zurückzuführen ist:

Denn die menschliche Vernunft geht unaufhaltsam, ohne daß bloße Eitelkeit des Vielwissens sie dazu bewegt,
durch eigenes Bedürfnis getrieben bis zu solchen Fragen fort, die durch keinen Erfahrungsgebrauch der
Vernunft und daher entlehnte Prinzipien beantwortet werden können, und so ist wirklich in allen Menschen,
so bald Vernunft sich in ihnen bis zur Spekulation erweitert, irgend eine Metaphysik zu aller Zeit gewesen,
und wird auch immer darin bleiben. [KANT, 1982, 60 / B 21]

Kants Vorhaben, die Metaphysik wissenschaftlich zu fundieren, steht im Spannungsverhältnis zwischen dem
metaphysischen Bedürfnis des Menschen und den erfahrungsabhängigen Erkenntnismöglichkeiten der
menschlichen Vernunft; die zwischen beiden Polen vermittelnde Kritik der reinen Vernunft widmet sich
deshalb

der Klärung und Beantwortung der Frage, wie, in welcher Reichweite, in welchem Behauptungsmodus, durch
welche Vernunftlegitimation, Metaphysik als Wissenschaft, aber auch Metaphysik als allgemein menschliche
Kultur einer Naturanlage möglich ist [FORSCHNER, 2010, 34].

Die beiden Einleitungen zu Kants Kritik der reinen Vernunft stehen in einem komplementären Verhältnis
zueinander: In der Einleitung A macht Kant uns mit der Idee und Einteilung seiner
Transzendentalphilosophie bekannt, die Einleitung B führt hingegen in das wissenschaftliche Vorhaben der
Kritik der reinen Vernunft ein. Unter dem Begriff Transzendentalphilosophie fasst Kant in beiden
Einleitungen das System der reinen Vernunft und der ihr zugrundeliegenden Prinzipien; genannte
Transzendentalphilosophie wird in der Kritik vorbereitet, insofern ihre Idee dort vollständig entwickelt wird.
Das von Kant in Aussicht gestellte „transzendentalphilosophische System sowohl der spekulativen als auch
der praktischen Weltweisheit“ [ebd., 36] in Aussicht gestellt, dieses jedoch nur in Teilen zu konstruieren
vermocht: veröffentlicht wurden zu Lebzeiten die Metaphysik der Sitten, die Metaphysik der Natur und die
Metaphysischen Anfangsgründe sowie eine naturphilosophische Grundlegungsschrift. Während Kants
Beschreibung von Natur und Mensch mit nichtreinen synthetischen Urteilen a priori zu tun hat und diese
in Sätze münden lässt, „die einen Geltungsanspruch erheben, der nicht empirisch begründbar ist“ [ebd.,
37], sind die Begriffe in Kants Transzendentalphilosophie erfahrungsarm; letztere besteht lediglich aus

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analytischen und reinen synthetischen Urteilen a priori. „Transzendentalphilosophie klärt also das gesamte
Vermögen und die gesamten Leistungen unserer Vernunft“ [ebd., 40] im Hinblick auf das apriorische
begriffliche Denken des Menschen von Gegenständen überhaupt.

METAPHYSISCHER KRIEG Kant entwickelt seine Philosophie, die er als

Transzendentalphilosophie bezeichnet, als eine philosophische Grundwissenschaft in bezug auf die Vernunft
als Erkenntnisvermögen: Es ist „eine Wissenschaft von der Struktur des reinen apriorischen theoretischen
und praktischen Wirklichkeitsbezugs unserer Vernunft!“ [ebd., 38]. Die Dringlichkeit seines Vorhabens
ergibt sich aus der aporetischen Lage der Metaphysik: der menschlichen Vernunft drängen sich
unabweisbare Fragen wie die nach Seele, Welt und Gott auf, die sich letztlich nicht beantworten lassen; die,
die Unendlichkeit an Erfahrungsgehalten ordnende und zu einem Ganzen strukturierende, Vernunft gelangt
notwendigerweise an einen Punkt letzter Grundsätze, die sich nicht weiter begründen lassen. Weil diese
letzte Schicht des Denkens jenseits (meta) aller Naturerfahrung (physis) zu liegen scheint, trägt ihre
Erforschung den Namen Metaphysik. Gerade die Erfahrungsunabhängigkeit der Metaphysik verhindert die
Überprüfbarkeit des metaphysischen Denkens, so dass die Metaphysik „zum Kampfplatz prinzipiell endloser
Streitigkeiten“ [HÖFFE, 2000, 45] werden lässt.

Die darin angelegte Anarchie, die dem Streit zwischen dogmatischen, skeptischen und empiristischen
Standpunkten folgt, verhindert schließlich, dass die und in sich legitimen, weil aus der menschlichen
Wesensverfassung entspringenden, genuin metaphysischen Fragen im Rahmen einer Philosophie
aufgeworfen werden, die sich als wissenschaftlich versteht. Die Notwendigkeit einer Vermittlung ergibt sich
für Kant aus dem Umstand, dass die einzelnen Positionen unbewusst Gebrauch von metaphysischen
Behauptungen machen, um ihren Standpunkt zu sichern, und den Streit der Metaphysik stets aufs Neue
aufflammen lassen; Kant unternimmt den bis dahin einzigartigen Weg Versuch, einen Gerichtshof für die
Vernunft einzurichten, „der die Möglichkeiten einer reinen Vernunfterkenntnis unparteiisch prüft, die
legitimen Ansprüche sichert, die grundlosen Anmaßungen jedoch zurückweist“ [ebd., 48].

SELBSTKRITIK UND SELBSTERKENNTNIS Die Untersuchung der

erfahrungsjenseitigen Erkenntnismöglichkeiten der Vernunft hat durch diese selbst zu erfolgen, ist die
Vernunft in dieser tiefsten Schicht des Denkens völlig auf sich selbst zurückgeworfen. Mit dieser, auf sich
selbst zielenden Kritik der reinen Vernunft soll die Frage nach der Existenzmöglichkeit und dem Anspruch
einer, sich als Wissenschaft verstehenden Metaphysik der reinen theoretischen Vernunft entschieden
werden; für Kant ergibt sich die Beschränkung des Vermögens der reinen theoretischen Vernunft und dessen
apriorische Erkenntnisse auf das Feld der Erfahrung, während die letzten Fragen der speziellen Metaphysik
in den Erkenntnisbereich der reinen praktischen Vernunft überführt werden. In Kants eigenen Worten:

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Diese Untersuchung, die wir eigentlich nicht Doktrin, sondern nur transzendentale Kritik nennen können,
weil sie nicht die Erweiterung der Erkenntnisse selbst, sondern nur die Berichtigung derselben zur Absicht
hat, und den Probierstein des Werts oder Unwerts aller Erkenntnisse a priori abgeben soll, ist das, womit wir
uns jetzt beschäftigen. Eine solche Kritik ist demnach eine Vorbereitung, wo möglich, zu einem Organon,
und wenn dieses nicht gelingen sollte, wenigstens zu einem Kanon derselben, nach welchem allenfalls dereinst
das vollständige System der Philosophie der reinen Vernunft, es mag nun in Erweiterung oder bloßer
Begrenzung ihrer Erkenntnis bestehen, so wohl analytisch als synthetisch dargestellt werden könnte. [KANT,
1982, 63 / B 26 / A 12]

Kants Selbstkritik der reinen theoretischen Vernunft umfasst zum einen das Denken des reinen Verstandes,
zu dessen Kategorien das reine Anschauungsvermögen, die reine Einbildungskraft und das reine
Verstandesvermögen gehören, und zum anderen das Denken der reinen Vernunft im engen Sinn und ihren
Ideen des Unbedingten. Der Rahmen des apriorischen Erkenntnisvermögens der theoretischen Vernunft
soll ermittelt werden: begründet darüber entschieden werden soll, was wir wissen können und inwieweit der
Umfang der apriorischen Erkenntnisse im Verhältnis zu deren Grenzen steht. Da das reine
Verstandesdenken mit der reinen Anschauung von Raum und Zeit vermittelt ist, umfasst das Themenfeld
der Kritik auch das reine Anschauungsvermögen und die reinen Anschauungsformen, die sich in die
transzendentale Ästhetik einfügen, während sich die Analyse des reinen Verstandes- und Vernunftdenken im
Rahmen der transzendentalen Logik vollzieht. Die Selbstkritik der reinen Vernunft versteht sich als
Vorbereitung für eine Metaphysik, die auf den erarbeiteten Begriffen gründen soll; die Kritik ist demnach
selbst schon Teil dieser noch zu konstruierenden Metaphysik, weil sie als „Untersuchung alles durch die
reine spekulative Vernunft a priori Erkennbaren“ [VON HERMANN, 2010, 27] selbst metaphysischen
Charakter hat:

Die Transzendental-Philosophie ist die Idee einer Wissenschaft, wozu die Kritik der reinen Vernunft den
ganzen Plan architektonisch, d. i. aus Prinzipien, entwerfen soll, mit völliger Gewährleistung der
Vollständigkeit und Sicherheit aller Stücke, die dieses Gebäude ausmachen. Sie ist das System aller Prinzipien
der reinen Vernunft. Daß diese Kritik nicht schon selbst Transzendental-Philosophie heißt, beruhet lediglich
darauf, daß sie, um ein vollständiges System zu sein, auch eine ausführliche Analysis der ganzen menschlichen
Erkenntnis a priori enthalten müßte. [KANT, 1982, 64 / B 27, 28 / A 14]

REVOLUTION DER DENKUNGSART Für Kant ist die apriorische, durch

theoretische Vernunfterkenntnis bestimmte Gewinnung eines Gegenstandes konstitutiv für die Entwicklung
der Mathematik und Physik zu autonomen Wissenschaften; wolle Metaphysik Wissenschaft werden, müsse
sie den gleichen Weg einschlagen [vgl. VON HERMANN, 2010, 28 f.]. Diese Revolution der Denkungsart
vollzog sich zuerst in der reinen Naturwissenschaft, als begriffen wurde, dass die Vernunft nur das in der
Natur erkennt, was sie selbst in sie hineinlegt. Kant unterscheidet zwischen analytischen synthetischen
Urteilen [vgl. FORSCHNER, 2010, 41 f.]; erstere resultieren aus der sich rein gedanklich vollziehenden
Zergliederung von Begriffen, über die wir schon verfügen und sind damit Urteile von nur aufklärender,

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erläuternder Art, so dass such sagen lässt, „daß analytisch all jene Sätze sind, über deren Wahrheit allein im
Rekurs auf die Regeln der Logik und Semantik einer Sprache entschieden werden kann“ [ebd., 42] – „Und
als synthetisch wären all jene Sätze zu bezeichnen, bei denen dies nicht möglich ist.“ [ebd.] Das zu lösende
Grundproblem liegt für Kant in der Frage, wie synthetische Urteile a priori möglich sind.

Kant bricht dabei mit der metaphysischen Auffassung, dass unsere Erkenntnisse bereits ontologisch in den
Gegenständen vorliegen und sich somit nach ihnen richten, und setzt jener die Auffassung entgegen, dass
unsere gegenständliche Erkenntnis aus der spekulativen Vernunft resultiere und unsere
Erkenntnisgegenstände erst hervorbringe: „Nur so ist für Kant völlig einsichtig, wie wir apriorische
Erkenntnisse von den Gegenständen haben können, bevor diese uns gegeben werden.“ [VON HERMANN,
2010, 29] Kant verdeutlicht die Revolution der Denkungsart in der Metaphysik und deren apriorische
Erkenntnisse an den beiden Fällen apriorischer Vorstellung: zum einen an der reinen Anschauung von Raum
und Zeit, zum anderen an den reinen Verstandesbegriffen.

Die dogmatische Metaphysik wird von der ontologischen These geleitet, dass unsere Vorstellungen von
Raum und Zeit mit der Raum- und Zeitbestimmtheit der, von Innerräumlichkeit und Innerzeitlichkeit
bestimmten, Gegenstände korrespondieren. Dieser dogmatisch-ontologische Ansatz gestattet es jedoch
nicht, die Raum- und Zeitbestimmtheit der uns gegebenen Gegenstände apriorisch zu erkennen. Dieser
Erkenntnis bedarf die einer „Umänderung der Denkungsart“ [ebd., 30].

Kant macht die gleiche Gedankenbewegung anhand der reinen Verstandesbegriffe, den Kategorien,
deutlich: In der dogmatischen Metaphysik sind die Kategorien als apriorische Begriffe insofern von den
Gegenständen her bestimmt, als letztere an sich schon kategorial bestimmt sind. Auch hier gelingt keine
Einsicht in die Erkenntnis der apriorischen Begriffsstrukturen von den Gegenständen vor ihrem
Gegebensein; auch hier besteht die Nötigung veränderten Denkungsart, „wonach sich die Objekte der Sinne
nach den reinen Verstandesbegriffen dergestalt richten, daß sie ihre kategorialen Strukturen allererst aus
diesen reinen Verstandesbegriffen empfangen“ [ebd., 30].

Da die Veränderung der Denkungsart die Möglichkeit der apriorischen Erkenntnis von den Gegenständen
der Erfahrung vor ihrem Gegebensein zu erklären vermag, wir von den Gegenständen also nur apriorisch
erkennen, was die spekulative Vernunft in sie legt, habe Metaphysik, als metaphysica generalis,
wissenschaftlichen Status erreicht. Daraus ergibt sich, dass die spekulative Vernunft, die die Dinge lediglich
in ihrem Für-uns-sein erkennt, nie über unsere Erfahrungsgrenzen hinauskommt, was das Anliegen der, die
rationale Psychologie, rationale Kosmologie und rationale Theologie umfassenden, metaphysica specialis
verunmöglicht. Denn letztere greift auf den „Vernunftbegriff des Unbedingten“ [ebd., 31] zurück, der das

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Unbedingte in den Dingen an sich setzt, zu denen Seele, Welt und Gott gehören, und die Erfahrungsgrenzen
notwendigerweise übertritt und demzufolge von der spekulativen Vernunft auch nicht erkannt werden kann.

Nimmt man Gegenstände der Erfahrung nicht als Dinge an sich, sondern als Erscheinungen, die sich nach
unserer Vorstellungsart „der reinen Anschauung und des reinen Verstandesdenkens richten“ [ebd., 31],
entfällt für das Unbedingte der Widerspruch; es wird dann nicht mehr im Modus der Dinge, sofern wir sie
kennen und sie uns gegeben werden, angesprochen, sondern im Modus der Dinge, sofern sie uns unbekannt
sind, adressiert. Auf diese Weise verschafft die reine spekulative Vernunft dem Übersinnlichen und An-sich-
seienden einen Platz, der „nunmehr widerspruchslos […] durch die Postulate der praktischen Vernunft
ausgefüllt werden“ [ebd., 31] kann, zu denen die Freiheit des Willens, die Unsterblichkeit der Seele und das
Dasein Gottes gehören.

WISSEN UND MORAL Vernunft und Kritik zielen bei Kant aufs Moralische ab: Die

Vergemeinschaftung allen Wissens, die „epistemische Weltrepublik“ [HÖFFE, 2011, 29], dient letztlich der
„moralischen Weltrepublik“ [ebd.]. Der moralische Hauptzweck wird von der Kritik auf indirekte Weise,
durch die Widerlegung entgegenstehender Irrtümer, erreicht; gleichzeitig wird damit der Gegensatz von
Platonischer Einheitsphilosophie und Aristotelischer Trennung zweier Hemisphären überwunden.
Demokratisch – „diskursiv und zugleich nichtmonologisch“ [HÖFFE, 1996, 399] – ist Kants Kritik, da „hier
kein individuelles Sonderwissen zählt, sondern allein die Vernunft, über die [...] jeder verfügt, übt im Prozeß
um die theoretische Vernunft jeder sowohl das Amt des Anklägers als auch das des Verteidigers, nicht zuletzt
das des Richters aus“ [ebd.].

Da die Fragen der Natur der Vernunft entspringen, besitzt die Philosophie eine anthropologisch-
existenzielle Bedeutung. Die existenzielle Bedeutung der Philosophie hat negativen Charakter: die der
Vernunft immanenten Widersprüche beschwören einen endlosen Streit herauf und stellen die Möglichkeit
einer eigenständigen Philosophie in Zweifel. Die Kritik setzt bei den vernunftimmanenten Widersprüchen
an und versucht den philosophischen Streit zu schlichten; die Streitschlichtung vollzieht sich durch eine
Kritik der Vernunft an der Vernunft, indem „die Vernunft über sich selbst zu Gericht sitzt“ [HÖFFE, 2011,
37].

Kants fundamentale Philosophie baut auf den Naturwissenschaften auf und macht jene objektive Erfahrung,
die die Naturwissenschaften leisten, zu ihrem Gegenstand. Die Philosophie beweist ihre Autonomie, indem
sie die objektive Erfahrung mit Hilfe erfahrungsfreier, apriorischer Elemente rechtfertigt und begründet; die
Metaphysik soll „zur Wissenschaft mit subjektiv gewissen und objektiv notwendigen Erkenntnissen werden“
[ebd., 42]. Diese Objektivität verdankt sich dem erkennenden Subjekt im Sinne der vorempirischen
Elemente aller theoretischen Subjektivität; Kant bricht mit der erkenntnistheoretischen Tradition: „die

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Sinnlichkeit wird aufgewertet und der Zugang zu den Dingen an sich versperrt“ [ebd., 52]. Bedingung für
eine autonome Philosophie ist ein synthetisches Apriori; diese Erkenntnisart teilt sie mit anderen
anerkannten Wissenschaften wie der Mathematik und Physik. Das synthetische Apriori der Philosophie hat
transzendentalen Charakter, es ist ein Apriori zweiter Stufe. Kants Kritik ist demokratisch und auf die
epistemische Verständigung zielend; Ziel ist ein erkenntnistheoretisch bedingter Frieden:

Die Bausteine der transzendentalen Elementarlehre benennen jene Bedingungen, die eine gemeinsame Welt
möglich machen, und zwar nicht irgendeine, sondern die im strengsten, im objektiven Sinn gemeinsame
Welt. Zugleich ermöglichen sie den auf diese Welt bezogenen Konsens – als Bedingungen der Möglichkeit
von Konsens und in keinem anderen Sinn – die ‚Einstimmung freier Bürger‘. [HÖFFE, 1996, 405]

LITERATURVERZEICHNIS
BAUMGARTNER, HANS MICHAEL: Kants „Kritik der reinen Vernunft“. Anleitung zur Lektüre, Freiburg /
München: Alber, 2006.

FISCHER (Hg.), NORBERT: Kants Grundlegung einer kritischen Metaphysik. Einführung in die 'Kritik der
reinen Vernunft', Hamburg: Meiner, 2010.

FORSCHNER, MAXIMILIAN: Homo naturaliter metaphysicus. Zu Kants 'Einleitung' in die 'Kritik der reinen
Vernunft', in: FISCHER (Hg.), NORBERT: Kants Grundlegung einer kritischen Metaphysik.
Einführung in die 'Kritik der reinen Vernunft', Hamburg: Meiner, 2010. 33-48.

HÖFFE, OTFRIED: Eine republikanische Vernunft. Zur Kritik des Sloipsismus-Vorwurfs, in: SCHÖNRICH
(Hg.), GERHARD; KATO (Hg.), YASUSHI: Kant in der Diskussion der Moderne, Frankfurt am
Main: Suhrkamp, 1996.

HÖFFE, OTFRIED: Kants Kritik der reinen Vernunft. Die Grundlegung der modernen Philosophie,
München: Beck, 2011.

HÖFFE, OTFRIED: Immanuel Kant, München: Beck, 2000.

KANT, IMMANUEL: Kritik der reinen Vernunft 1, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1982.

SCHÖNRICH (Hg.), GERHARD; KATO (Hg.), YASUSHI: Kant in der Diskussion der Moderne, Frankfurt am
Main: Suhrkamp, 1996.

VON HERRMANN, FRIEDRICH-WILHELM: Kants 'Vorreden' zur 'Kritik der reinen Vernunft' als
Wegweisung zu einer neuen Wesensbestimmung der Metaphysik, in: FISCHER (Hg.), NORBERT:
Kants Grundlegung einer kritischen Metaphysik. Einführung in die 'Kritik der reinen Vernunft',
Hamburg: Meiner, 2010. 23-32.

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