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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einleitung: Weltuntergang. Geschiehtstheologische


Grundlagen westlich-abendländischer Kultur

1. Glauben und Verkündung


Apokalyptik und Endzeit dringen ins kulturelle
Gedächtnis
Vom «Tag des Herrn» zum Weltuntergang
Christliche Eschatologie und der Auftritt des Antichrist. .
Die Wandlungsmacht des Untergangs

2. Aktualisierungen
Berechnungen
Frühe Exegeten
Die Endzeitbotschaft formt die Ethik
Reformforderungen aus Endzeitsorgen
Popularisierung und Warnungen
Utopie und Realisierungen

3. Ein Jahrtausend Gelehrsamkeit und


Untergangserwartung
Wie war die Botschaft vom Ende zu deuten?
Irritationen durch die Scholastik
Der Weltuntergang übersteht die Renaissance
Der Weltuntergang im Konfessionskonflikt
4. I>us Weitende im Säurebad der Aufklärung

,r>. Ahnung, Angst und Wissenschaß heute


Künstler, Dichter und Komponisten
Der Untergang geistert durch Literatur und Filme . . . .
Chaos und Angst
Die Wissenschaft hat den Weltuntergang nicht
vergessen
Visionäre Prognostik

6. Weltuntergang

Anmerkungen
Bibliographie
Personenregister
Bildnachweis
Vorwort

Der folgende Essay ist ein Symptom unserer Zeit. Er handelt von
biblischen Propheten und heutigen Tageszeitungen. Allein schon
das deutsche Wort «Weltuntergang» findet sich am 7. April 2 0 1 4
morgens gegen 10.00 Uhr über Google in 0,28 Sekunden «ungefähr»
825 000 mal, das englische «doomsday» in 0,24 Sekunden «ungefähr»
4 5 5 0 0 0 0 mal, «end of the world» in «ungefähr» 0,46 Sekunden
2 7 6 0 0 0 0 0 0 0 mal, «Armageddon» in «ungefähr» 0,24 Sekunden
9 270 000 mal. Die Zahlen ändern sich bei jedem neuen Anklicken der
Stichwörter; dazu kommen endlose Bilderreihen mit «Untergangs-
szenen». Kein Zweifel: Der «Weltuntergang» hat Konjunktur, jeden-
falls im Reden, Schreiben und Filmen, in Populär- und Subkultur. Sich
mit ihm, seinen Wurzeln und Auswüchsen zu befassen, dürfte freilich
nicht nur für den Zeithistoriker von Bedeutung sein. Apokalyptik be-
sitzt eine große, noch immer aktuelle, dem Glauben geschuldete Ver-
gangenheit. Im Blick auf sie gerät der Essay zu einer Studie über die
Kontinuität eines religiösen Deutungsmusters, zu dessen unterschied-
lichsten Spiegelungen durch die Jahrhunderte und mehr noch: zu des-
sen stimulierender, gesellschafts- und weltverändernder Kraft bis in
die Gegenwart, zum Aufweis eines kulturellen Habitus. Der zeitliche
Bogen der folgenden Studie spannt sich von biblischer Prophetie bis
zur Kosmologie von heute.
Eine Gebrauchsanleitung zum Umgang mit den apokalyptischen
Texten ist damit nicht intendiert, vielmehr eine schlichte historische
Untersuchung eines jahrtausendealten Prozesses und seiner Folgen.
Auch gesteht der Autor notgedrungen, daß er keineswegs für alle, ja,
nur für wenige der angesprochenen Epochen und Kulturen Kompe-
tenz besitzt. Er hat, was er im Folgenden vorstellt, zusammengetra-
gen, auf seine Weise geordnet und, so gut er es vermochte, interpre-
tiert. Vollständigkeit der Überlieferung ist im Folgenden gewiß nicht
zu erwarten: aber ein umfassender Überblick über die Gesamtent-
wicklung ist intendiert. Auf die in Anspruch genommenen Hilfen ver-
weisen in der Regel die Anmerkungen. Gelungene oder fehlerhafte
Interpretationen gehen freilich auf das Konto des Autors.
Den Anstoß zu der vorliegenden Arbeit gab Gregor Maria Hoff, der
mich Vorjahren, zum August 2010, zu zwei Vorlesungen für die «Hoch-
schulwochen Salzburg», die in diesem Jahr unter dem Obertitel «End-
lich! Leben und Überleben» standen, über das Thema «Endzeit und
Wissenschaft» einlud. Sie sind in verkürzter Gestalt in dem gleichnami-
gen Sammelband, Innsbruck/Wien zoio, erschienen. Sie griffen ein
Thema auf, das ich unter der Überschrift «Aufstieg aus dem Untergang.
Apokalyptisches Denken und die Entstehung der Naturwissenschaft im
Mittelalter» (2001) mit völlig anderem Schwerpunkt und anderer Per-
spektive schon einmal behandelt hatte. Der neue Versuch unterschied
sich von dieser früheren Arbeit durch eine erweiterte Fragestellung und
einen bis zur Gegenwart reichenden zeitlichen Rahmen; auch begnügte
er sich nicht wie früher mit einem Verweis auf die entstehenden Natur-
wissenschaften. Die jetzt vorgelegte, gegenüber 2010 stark überarbei-
tete und erweiterte Fassung folgt der Intention jener Skizze, hofft aber,
in ihren Urteilen und Begründungen umfassender und präziser zu sein
als vor Jahren. Ein Vortrag am 23. Oktober 2014 auf Einladung der
«Theologischen Kurse» Wien gab Gelegenheit, noch einmal über den
«Aufstieg aus dem Untergang» nachzudenken und früher übersehene
Zeugnisse zu berücksichtigen. In Zürich durfte ich auf freundliche Ein-
ladung durch Bernd Roeck am 27. Mai 2015 die Grundlinien des letzten
Kapitels (V) vortragen: Rückfragen der Zuhörer führten zu Verdeut-
lichungen und Präzisierungen.

Nur vereinzelt wird auf die Untersuchung von 2001 zurückgegrif-


fen. Vielmehr wird, ohne sie völlig aufzugeben, die mediävistische
Perspektive verlassen; das Gewicht liegt nun auf der gesamten europä-
isch-christlichen, «westlichen» Geschichte, sowohl auf der antiken
Frühgeschichte apokalyptischer Perspektiven als auch und zumal auf
Vorwort

ihren Entfaltungen und ihrer Schöpfermacht in der Neuzeit bis hin zur
Gegenwart und deren apokalyptischen Visionen, Ängsten und Impul-
sen. Dabei werden in lockerer chronologischer Ordnung dezidiert je-
weils exemplarisch Visionen, Prophetien, Redeweisen, Perspektiven
oder Fiktionen eines Weltuntergangs, ihre Internalisierung und gei-
stige Bewältigung in Glaubenswelten, Volkskultur und Wissenschaft
verfolgt. Spezialisten für Apokalyptik und Eschatologie werden auf
manches Bekannte stoßen, mögen mir verzeihen und auf den diachro-
nen Kontext achten. Trotz der vorgestellten Materialfülle darf keine
Vollständigkeit erwartet werden. Wohl aber soll die Entstehung, Ver-
festigung, Entmachtung, Neufundierung, soll die Utopien hervorbrin-
gende, kulturstiftende Wirkung, kurz die Verwandlungsfähigkeit und
Beharrungskraft einer ursprünglich religiösen, nur scheinbar über-
wundenen Drohgebärde aufgewiesen werden.
Fremdsprachige Texte wurden wiederholt zum leichteren Verständ-
nis nach deutschen Übersetzungen zitiert, auch alt-, mittel- oder
frühneuhochdeutsche Texte wurden nach mir bekannt gewordenen
Übertragungen einbezogen. Da im Folgenden nicht nur christliche
Zeitangaben Verwendung finden, werden die Jahre, wie mittlerweile
international üblich, mit «Common Era» (CE) angegeben, resp. mit
«Bevor Common Era» (BCE). AM gilt dem «annus mundi», die jüdi-
sche und mittelalterliche Zählung der Jahre nach der Weltschöpfung.
«Mcn» gilt dem Evangelium, das - nach K U N G H A R D T , Das älteste
Evangelium - dem Häretiker Marcion zur Verfügung stand.
Ich danke Frau Sin ja Gratz für ihre nie nachlassende Hilfsbereit-
schaft, meinem Mitarbeiter Janus Gudian für ständige Gesprachsbe-
reitschaft, Anregungen und Gegenlektüre des Manuskripts. Ich danke
ferner Giuseppe Cusa, der mit großer Umsicht, scharfem Blick und
wunderbarer Findigkeit Korrektur las, zahlreiche Fehler aufspürte
und das Register anfertigte. Ich danke nicht zuletzt meiner Lektorin
Alexandra Schumacher und Babette Leckebusch, denen das Buch von
Verlagsseite aus anvertraut war, und die beide mit viel Geduld, Sach-
kenntnis und Spürsinn die Wünsche des Autors erfüllten.
Weltuntergang. Geschichtstheologische Grundlagen
westlich-abendländischer Kultur

l;,r kam mir entgegen, ein Mann, mitten auf der Straße, leicht schwan-
kend, ein K.ullahivr, irgendwie außer sich, wie ein Prophet, laut ru-
leiul:... die iiblcn Krankenhäuser der Apokalypse... Soviel verstand
ich, dann war er vorbei. Es geschah am 17. März 2014, abends gegen
sechs Uhr. Niemand blieb stehen. Viele hasteten vorbei, Junge und
Alte, Krauen und Männer. Es erging ihm wie fast allen Propheten.
Niemand hörte ihm zu. Wollte er warnen? Wen? Das Volk? Die Welt?
Warum die Krankenhäuser? Warum die Apokalypse? Was hatte der
Rufer im Sinn? Eine ekstatische Chiffre für alles Elend dieser Welt, für
alles Böse? Welche Visionen plagten ihn?
Gedachte er einer «Apokalypse», einer «Enthüllung», die visionär
künftigen Untergang schaute? Oder nahm er, wie es heute viele tun,
die «Enthüllung» für die aktuelle oder schon erfolgte Realisierung des
Geschauten und Zukünftigen? In der Tat, die Sonne verfinstert sich;
Asteroiden gefährden die Erde. Terror breitet sich aus. Wellen von
Haß rollen über die Erde, unvorstellbare Grausamkeiten. Seuchen
dringen vor, die Erde bebt, das Polareis schmilzt, die Wasser steigen,
Hagel zerschlägt die Ernten, die Wüsten wachsen. War es das, was den
neuen Propheten trieb? Sah er solche Schrecken? Die Sorge um Ge-
genwart und Zukunft? Wer ist schuld am Klimawandel, der uns Un-
wetter über Unwetter, Wüsten über Wüsten beschert? Eine wachsende
Menschheit, Krieg und Hunger, Teuerung, Betrug noch und noch,
berstende Kernkraftwerke, tödliche Strahlung, die Wirrnisse der Glo-
balisierung: Alles bedroht uns. Angst macht sich breit.
Annähernd 2000 Jahre früher, vier Jahre vor Beginn des «Jüdischen
Einleitung 11

Die in der Folge von 9/11 verbreitete Antichrist-Fratze


über Manhattan.

Krieges», zog während des Laubhüttenfests ein anderer Mann von


schlichter Herkunft laut rufend durch die Straßen Jerusalems, Jesus,
der Sohn eines gewissen Ananias: Wehe über Jerusalem und den Tem-
pel, [...] wehe über das ganze Volk. Die Leute blieben stehen, hörten
ihm zu, verwunderten sich. Sieben Jahre wiederholte er seine Wehe-
Rufe. Der römische Statthalter hielt den Mann für verrückt. Doch der
größte Geschichtsschreiber seines Volkes, Flavius Josephus, hielt seine
Ekstase für alle Zeit fest. Himmelszeichen wie der Halleysche Komet
zeigten die Katastrophe an (66 CE). Da, vier Jahre nach seinem ersten
R u f , begann der Krieg gegen die Römer, und noch einmal vier Jahre
später waren Stadt und Tempel zerstört (70 CE). Die Apokalypse war
Wirklichkeit geworden, eingebrannt in das Gedächtnis von Juden und
frühen Christen. 1
12 Einleitung

Propheten damals und heute. Immerzu vorauseilende Schau von


schlimmen Übeln. Juden und Christen vertraut. Die Zeiten werden
gefährlich. So die von Gott inspirierten "Worte eines frühen Christen,
der Jerusalems Untergang zwar noch nicht vor Augen hatte, aber vom
Endgericht wußte (zTim 3,1). Mal um Mal, seit zwei Jahrtausenden
apokalyptische Warnungen. Sie verhallten seit Jesu Zeiten nicht mehr.
Wirklichkeiten scheinen ihnen zu folgen.2- Auch heutigentags. Manch
ein Augenzeuge glaubte, gestützt auf ein Foto, in den Rauch- und
Staubwolken, die von einem der einstürzenden Türme des World Trade
Centers am 1 1 . September 2001 aufstiegen (s. Farbtafel 16), dem apo-
kalyptischen Vorboten des hereinbrechenden Untergangs, dem Anti-
christ, in das satanische Angesicht zu blicken (ijoh 2,18-23). 3 Ver-
wirklichte sich die apokalyptische Chiffre? Andere bloggten besorgt:
Ist Amerika, die USA, die große Hure, das Babel der Apokalypse (Apoc
c. 17-8)? Erfüllt sich nun die Prophezeiung?4 Dies irae, dies illa, jener
Tag, an dem die Erde im Feuer enden soll? 5 Der Jüngste Tag? Müssen
wir jetzt vors Jüngste Gericht? Gibt es Rettung? Was sollen wir tun?
Das war im Jahr 2001. Man hat sich beruhigt. Ein Selbstmordatten-
tat, fehlgeleiteter Glaube, Wettlauf der Gewalt, eine optische Täu-
schung, eine Fälschung, kein Antichrist. Dann: harmlose Sonnen-
finsternis, Kometen, nur Flammenwurf, nur Sternenstrich (Gottfried
Benn), ein Spiel von Molekülen, von Klima Schwankungen, Erdtek-
tonik, kosmischen Kräften von jeher, von Viren, von Unmoral, von
Gier, dazu Massaker am Regenwald. Alles rational erklärbar; kein
Weltende in Sicht. Und dennoch: Untergangsangst, geschürt von End-
zeitpredigern; der Antichrist «ist schon in der Welt» (ijoh 4,4), die
Krankenhäuser der Apokalypse, dazu Kreuzzüge gegen das Böse, 6 Ar-
mageddon im Sinn, den Ort, an dem die Dämonen nach apokalypti-
scher Weisheit am großen Tag des allmächtigen Gottes die Könige der
ganzen Erde zur Schlacht versammeln (Apoc 1 6 , 1 4 - 6 ) , kollektiver
Selbstmord: 7 jüngst verbreitete Botschaften das alles, keine Ausgebur-
ten eines armen Irren, vielmehr alles real in heutiger Gegenwart. Die
ganze Welt ein apokalyptisches Krankenhaus.
Dem Untergang sind wir nicht entronnen. Seine Erwartung ist nicht
erledigt. Die Menschheit ist nicht von Angst befreit. Das Weltende
Einleitung 13

bleibt präsent, jedenfalls im «Westen». Religionen haben es verbreitet,


Priester es abgesegnet, Theologen es legitimiert. Es droht und wühlt
im kulturellen Gedächtnis, scheint zum Handeln zu zwingen und
führt, so steht zu befürchten, durch Angstreaktionen reale Untergänge
herauf. Jede Katastrophe aktualisiert es neu, verschmilzt es mit eige-
ner schicksalhafter Erfahrung. Erst später haben wir überhaupt be-
griffen, was passiert ist. Man hat gedacht, die Welt iväre untergegan-
gen, so katastrophal sah es aus* Worte einer Touristin aus Europa,
die eben, am 26. Dezember 2004, von der Flutkatastrophe im Indi-
schen Ozean verschont worden war. Wie eine Apokalypse sei es gewe-
sen. So wurde fünf Jahre später, im Frühjahr 2009, ein Erdbebenopfer
aus L'Aquila zitiert.9 Fast die nämlichen Worte flössen dem Geschäfts-
führer des Staatsweingutes Meersburg am Bodensee in den Sinn,
nachdem ein katastrophaler Hagelschlag die Weinernte fürs laufende
Jahr 2009 zu vernichten drohte: Das hatte schon apokalyptische
Züge.10 Im folgenden Jahr weckte ein Erdbeben in Chile dieselbe
Angst: Das ist wie der Weltuntergang, wurde ein Fernsehmoderator
zitiert. 11 Im Gebiet der orthodoxen Kirche der gleiche Zungenschlag:
Wie bei einem Weltuntergang, so wurde der Regierungschef Serbiens,
Aleksandar Vucic, nach dem Jahrhunderthochwasser in Serbien im
Mai 2 0 1 4 zitiert. Was uns widerfährt, geschieht nur einmal in tausend
Jahren, nicht hundert, sondern tausend. Bewußte oder unbewußte Er-
innerung an die tausend Jahre der Apokalypse des Johannes. Im An-
gesicht des Entsetzlichen drängten seit jeher Untergangsängste an die
Oberfläche der Gegenwarts- und Weltdeutung. 12
In die Trivialliteratur halten sie Einzug. Ein neuerer Kriminalroman
mit Sinn fürs Poetische überhöhte spielerisch die Untergangsmetapher:
Es war ein fabelhafter Sommertag [...] schon so frühmorgens [...1 ganz
luzid [...]. Gestern Abend noch halte es nach Weltuntergang ausge-
sehen, schwere tief hängende, drohend schwarze Wolkenungetüme
waren den Himmel entlang gerast und hatten es in heftigen Böen wie-
der und wieder sintflutartig regnen lassen. Wichtigste apokalyptische
Stichworte sehen sich in diese Zeilen gebannt: Weltuntergang, drohend
schwarze Ungetüme, Sintflut, die besorgte Erwartung, welche die Zei-
chen weckten, die beseligende komplementäre Erlösung: der luzide
14 Einleitung

Sommertag. Ein raffinierter Appell an das Ende zur Einstimmung auf


fingierte Morde und an deren Aufklärung wie als Erlösung. 1 '
Sechs Stimmen von vielen. Von Katastrophen provoziert, von Todes-
angst diktiert, von Untergangsvisionen heimgesucht, literarisch ver-
brämt. Derartige Schreckensrufe besitzen eine lange Vorgeschichte. So
verzeichnet das «Wunderzeichenbuch» von 1552 (s. Farbtafel 4) für
den 17. Mai diesen Jahres einen schweren Hagelschlag in Dordrecht in
Holland: am solchs grausam ivetter vnnd hagel... / das die Leut ge-
maint haben / es kumb der junngst tage.I4 Welches Vorwissen, welche
Erwartungen verbergen sich hinter derartigem Entsetzen, welche
Weltdeutung, daß sich persönliche Erfahrungen, Glück und Unglück
unter Geschäftsleuten, Touristen und Politikern, in Deutschland, in
Italien oder Amerika und Jahrhunderte früher gleichermaßen endzeit-
lich artikulieren, verstanden und im Roman aufgerufen werden kön-
nen? Verbirgt sich in der Redeweise bloß ein hilfloses Stammeln im
Angesicht des Entsetzlichen? Ein befreites Aufatmen? Oder steckt
mehr dahinter? Drängt aus den Tiefenschichten des kulturellen Ge-
dächtnisses ein Endzeitwissen nach oben, eine seit alters, von Genera-
tion zu Generation verinnerlichte Erwartung? Hier, im wissenschaft-
lich aufgeklärten «Westen»?
Sehen sich Juden, Muslime und die Anhänger nicht-biblischer Reli-
gionen in gleicher Weise mit Weltuntergangserwartungen konfrontiert?
Daoisten, Buddhisten, Hinduisten? Die (einstigen) Maya? Kennen sie
vergleichbare Untergangsängste? Oder entkommen sie ihnen in der
Freiheit ihres Glaubens, und gehört die apokalyptische Prophetie mit
ihren vorgängigen Mustern von Weltdeutung, von einmalig ewigem
Untergang, zu den besonderen geistigen Merkmalen unserer christli-
chen, westlich-abendländischen und orthodoxen Kultur? Jede Antwort
wirft ihr eigenes Licht auf sie. Ein weiter Horizont öffnet sich damit. 15
Er soll eingangs kurz ausgeleuchtet werden, um seine Entfaltung zu
verfolgen und seine Breite und Tiefe auszuloten. Was ist zu erwarten?
Eschatologisches, an die Endzeit Gemahnendes, fehlt in außereuro-
päischen Kulturen nicht völlig. Doch ist hier wie unter Christen
zwischen Apokalyptik und Eschatologie zu unterscheiden. Jene «ent-
hüllt» die Zukunft und besitzt eine lange Vergangenheit, diese, die
15 Einleitung

Eschatologie, belehrt über das Ende in seinen mannigfachen Formen.


Beide freilich können sich gleichartiger literarischer Formen, zumal
der Attitüde seherischer, visionärer Gestik und Sprache, bedienen.
Doch findet sich «Apokalypse» («Offenbarung») umgangssprachlich
wiederholt als das «Offenbarte» verstanden. Niemand aber kündigte
jenseits der christlichen Welt den Untergang für bald an. Wie also
setzten jene «Fremden», mit denen die Christen in Berührung kamen,
sich mit den Vorstellungen eines Weltendes auseinander? Erklärten sie
ein solches für definitiv?
Die Maya entwickelten - entgegen weit verbreiteter Ansicht - keine
eigenen Vorstellungen von einem Weltuntergang.16 Apokalyptische oder
eschatologische Prophezeiungen sind erst aus nach-kolumbianischer
Zeit überliefert und dürften unter dem Einfluß christlicher Mission ent-
standen sein, geweckt von den Erwartungen christlichen Glaubens/ 7
Der Koran, mit Judentum und Christentum vertraut, weiß zwar um
den Jüngsten Tag, den «Tag des Gerichts» und der Auferstehung; er
sieht die Seelen ins Paradies eingehen oder in die Hölle fahren. Diese
Eschatologie gilt mehr dem Geschick der Menschen als dem der Erde.
Apokalyptische Literatur verbreitete sich unter Muslimen. Sie han-
delte von Kriegen und Endzeitherrschern. Sünna und Schia folgten
freilich frühzeitig unterschiedlichen Traditionen. Jesus etwa gilt den
Schiiten nicht als ein herausragender endzeitlicher Heros. Für die Sun-
niten erscheint 7sa (Jesus) wieder zum Kampf mit al-daggäl (dem Ge-
genmessiah oder Teufel) kurz vor der Ankunft von al-Mahdi. Gericht
würde dann gehalten werden. Das Ende der Zeit sei erreicht. Von einem
dramatischen Weltuntergang im Feuer oder sonst einer allzerstören-
den Katastrophe allerdings, von der die christlichen Glaubensurkun-
den sprechen, schweigen die Zeugnisse des Islam. 18 Menschen können
um «die Stunde» nicht wissen; allein Allah weiß um sie (7,187; 31,34;
43,85). Einige religiös-politische muslimische Gruppen der Gegenwart
werben nicht ohne Erfolg mit dem Appell an «die großen Kriege des
Endes der Zeit», die jetzt begonnen hätten. Al-daggäl, was auf Israel
und die USA zielen kann, sei im Kommen oder schon gegenwärtig,
Isas und des Mahdi Ankunft stünden bevor. Die Kämpfer sollten sich
rüsten. Aber auch diese Kämpfe führten zu keinem Weltuntergang,
I<) r.iulcitung

sondern /iir Weltherrschaft des Islam. Denn Allah vernichtet alle


Feinde und die Maschinen ihrer Zerstörungswut. 19
Der Islam bedrohte alsbald Byzanz, er bedrohte die Christenheit (so
wie diese ihn); nach dem Fall Jerusalems drohte die Eroberung Kon-
stantinopels. Eine neue Welle eschatologischer Ängste, eine neue Flut
apokalyptischer Literatur überschwemmte die Gemeinschaft der christ-
lichen Reiche. In weiten Ausläufern drang sie in das Abendland. Vor
allem die damals, im 7. Jahrhundert, entstandene und unter dem Na-
men des Methodios laufende syrische Apokalypse verbreitete sich mit
ihren Untergangsvisionen in der byzantinisch-orthodoxen 10 und der
orientalischen Welt; sie hinterließ auch im lateinischen Westen tiefe
Spuren.2,1
Eigentümliche Untergangsszenarien verbreiteten sich in Indien und
China. Der Daoismus, der während der Han-Periode entstand (2. Jahr-
hundert BCE bis 2. Jahrhundert CE), und seine verschiedenen Rich-
tungen sahen keinen Demiurgen am Werk; Untergang lag eher fern.
Das Universum erschuf sich in beständiger Evolution selbst aus einem
ursprünglichen «Qi» und seiner Aufgliederung in Yang und Yin, dem
Himmel, dem Leichten, Luftigen, Weichen, Lichten einerseits, der
Erde, dem Schweren, Harten, Undurchsichtigen andererseits, und de-
ren ewigem Zusammenwirken in «zehntausend Verwandlungen».
Ein ewiger Untergang fügte sich kaum zu dieser Kosmologie. Lehren
für das Leben, Streben nach Harmonie, nach Gesundheit, nach Un-
sterblichkeit standen im Zentrum.
Allerdings begegneten auch im Daoismus vereinzelt messianische
oder apokalyptisch-chiliastischc Bewegungen. So entstand in der spä-
ten Han-Zeit eine Friedensbewegung, die für das Jahr 184 CE den
Beginn einer großen Friedenszeit anbrechen sah.2-* Sie war religiös
geprägt und richtete sich durchaus gegen die regierende Dynastie.
Messiasgestalten traten nun auf. Ihre Geschichte führte zu religiösen
Organisationen, Praktiken oder Bußriten, mündete aber in keinen
endgültigen Weltuntergang.
Anders in den kosmologischen Spekulationen der folgenden Shang-
quing- und in den buddhistisch beeinflußten Lingbao-Texten. Die er-
steren bieten Hinweise auf einen Weltuntergang durch ein Zerbrechen
17 Einleitung

der Harmonie von Yin und Yang/ 4 Nach 3600 Himmels- und nach
3300 Erdumläufen sei es soweit. Nach 9900 resp. 9300 Jahren aber
drehe sich einschließlich des Sternenlaufs alles wieder um; ein neues
Zeitalter kündige sich an. Rhythmische Prozesse vollziehen in dieser
Sicht das kosmische Geschehen. Ein ewiges Ende wurde nicht bedacht.
Nach den Lingbao-Texten tritt das Ende in Form von Naturkata-
strophen ein; für endgültig galten sie freilich nicht. Gewisse Unter-
gangserwartungen wurden für die Jahre 382 oder 442 CE errechnet
und weckten tatsächlich Untergangsängste. Messianismus begleitete
auch jetzt manche dieser Erwartungen. Wiederholte Wiedergeburten
und die Erwartung eines schrittweisen physischen und geistigen Auf-
stiegs zu ewigem Leben im Himmel milderten die Ängste. Menschliche
und kosmische Katastrophen wie Epidemien, Überschwemmungen,
Kriege, Hungersnot oder überhaupt Elend sollten dem Untergang
vorausgehen.-15 Dies alles freilich sind spezielle Richtungen des Daois-
mus. Wirkten hier westliche Einflüsse? Später, in der Tang-Zeit und
danach, spielte der Untergang kaum mehr eine Rolle. Umso wichtiger
wurden rhythmische Reinigungen von Mensch und Erde durch Feuer.
Allein das «Himmlische Reich des großen Friedens», das der
Anführer des Taipinga-Aufstands, Hong Xiuquan, in den Jahren
1851/1864 ausrief, trug apokalyptische Züge. Über die komplexen,
politischen, ethnischen und sozialen Gründe des Aufstands, der zumal
im südlichen Zentralchina wütete, ist hier nicht zu handeln. Hong
aber hielt sich - nach einer Vision - für den jüngeren Bruder Jesu
Christi, sein Feldherr Yang Xiuking für eine Inkarnation des Heiligen
Geistes; westliche und christliche, besonders baptistische Einflüsse lie-
gen auf der Hand. China sollte von den dämonischen Kräften befreit,
von konfuzianischem und buddhistischem Einfluß gereinigt werden. 16
Auch japanische Traditionen, die zwar die Weltentstehung thema-
tisieren konnten, kannten keinen Weltuntergang. Erst mit dem Ende
des Zweiten Weltkriegs und im ausgehenden 20. Jahrhundert zogen
vereinzelt westliche Motive in die japanische Apokalyptik oder in die
japanische Manga-Kultur ein/ 7 Aus japanischer Tradition stammen
sie nicht. Intuitive Schreckensrufe schweigen von jeglicher Art von
Weltuntergang. Es war ivie in der Hölle. So wurde ein Überlebender
18 Einleitung

nach dem überraschenden Ausbruch des Ontakesan (Präf. Nagano)


im Jahr 2014 mit einem Staubregen wie einst am Vesuv und zahl-
reichen Toten zitiert.2-8 Selbst größte Katastrophen weckten keine Un-
tergangsassoziationen. Befragte Zeugen der Atombombenabwürfe
flüchteten, um die Schrecken zu beschreiben, in unterschiedlichste Bil-
der. I bave no ivords to describe tbe scene, erklärte etwa ein Über-
lebender des Atombombenabwurfs über Hiroshima vier Jahrzehnte
nach dem Geschehen. Sprachlos, aber ohne Untergangsmetapher.
I feit tbe city of Hiroshima had disappeared all of a sudden, so eine
Überlebende. Großonkel und Großtante kamen ihr, der schwer Ver-
letzten, entgegen. Sie sah in ihnen gemäß einem japanisch-buddhi-
stischen Sprichwort eine Erscheinung Buddhas, they seem to be tbe
Buddha to me wandering in the living hell. Und eine andere: I can't
describe what it was like. [...] The ivhole town of Hiroshima was just
in a mess. Ein weiterer Zeuge: It was as if a box of matches was
suddenly been Struck by a bammer and crushed to pieces. Es fehlten
die Worte, die Bilder, die Begriffe. Erhellend auch die Metapher: Es
kam mir vor, als wäre die Sonne vom Himmel gefallen. Dann verlor
ich das Bewußtsein. So eine Überlebende der Katastrophe 70 Jahre
danach.2-9 Kein Zeuge aber nahm, um das Unsagbare zu erinnern,
seine Zuflucht zur Metapher vom Weltuntergang.
Auch der Kaiser nicht. Nachdem über Nagasaki die Plutonium-
bombe gezündet worden war und unvorstellbare Zerstörungen und
Verwüstungen erfolgt waren, erklärte der Tenno Hirohito die Kapitu-
lation Japans: Der Feind hat unlängst eine unmenschliche Waffe ein-
gesetzt und unserem unschuldigen Volk schlimme Wunden zugefügt.
Die Verwüstung hat unberechenbare Dimensionen erreicht. Den
Krieg unter diesen Umständen fortzusetzen, würde nicht nur zur völ-
ligen Vernichtung unserer Nation führen, sondern zur Zerstörung der
menschlichen Zivilisation.3° Vernichtung der menschlichen Zivilisa-
tion - das war der Gipfel an Zerstörung, just in a mess, zerschlagen
wie eine Schachtel; gewaltige Zerstörungsmacht, doch alles andere als
ein Weltuntergang.
Der Hinduismus, soweit man ihn als eine Einheit betrachten darf,
geht von einem zyklischen Vergehen und Wiedererstehen der Welt
19 Einleitung

aus. Die Bhagavadglta weiß (11,30): Wie Schmetterlinge zum Feuer,


So eilen auch zum Untergang die Menschen / in voller Hast hinein in
deine Rachen. / Du [Vishnu] leckst und züngelst rings umher ver-
schlingend / die Menschen alle mit den Flammenrachen. Und der
höchste Gott bestätigt (11,32): Ich hin die mächtige Zeit, die alle Welt
vernichtet, / Erschienen, um die Menschen fortzuräffen.*1 Aber sol-
cher Untergang ist nicht von ewiger Dauer. Nach jedem «Kalpa»,
einer Phase schier unendlicher Dauer, schläft Vishnu ein, der Ursprung
und die Auflösung der Schöpfung, die Erde verdüstert sich, die Götter
enden, allein der Ozean bleibt. Danach beginnt ein neues Weltzeitalter,
ein neuer Tag Brahmas. Ein solcher Tag dauere 4 300 000 Menschen-
jahre. Nach 100 Brahma-Jahren löst sich die Welt in die Urmaterie
auf, wonach ein neuer Zyklus beginnt.' 1 Im Buddhismus bezeichnet
das analoge «Kappa» einen Prozeß von einem Weltuntergang über
Chaos, Weltentstehung und Weltfortgang bis zum Beginn eines näch-
sten Zyklus. Zahlreiche Kosmen existieren neben- und nacheinander;
sie befinden sich in einem ständigen Prozeß des Entstehens und Ver-
gehens. Die Dauer einer einzelnen Weltphase läßt sich kaum ab-
s c h ä t z e n . E i n vollständiges Weltende ist nicht in Sicht, wohl aber die
erstrebte Befreiung der Seele aus dem ewigen Kreislauf der Wieder-
geburten durch ein Eingehen ins Nirwana.
Rund um die Erde finden sich heutigentags auch sonst Spuren
eschatologischer Vorstellungen unter indigenen Gesellschaften. Die
Korowai auf Neuguinea, zum Beispiel - eine Ethnie, der bis in jüngste
Zeit Kannibalismus nachgesagt wird - fürchteten, nachdem holländi-
sche Missionare einige Zeit unter ihnen gewirkt hatten, und als in den
1990er Jahren die Touristen ihr bislang von Weißen kaum besuchtes
Land «überschwemmten», den Untergang ihrer Welt. Denn diese
Fremden erschienen ihnen als böse Geister, die ihre von einem Demi-
urgen oder göttlichen Wesen gestiftete Ordnung bedrohten. Menschen
und Tiere würden dann ins «große Wasser» stürzen und vom dämoni-
schen Fisch Ndeive verschlungen werden. Heute freilich beklagen viele
Korowai eher den Mangel an Touristen.34
Doch bleibt zumeist ungewiß, wieweit sich derartige Eschatologien
christlichen Missionaren, wieweit sie sich eigener Kosmologie ver-
20 Einleitung

dankten. Anlaß zu apokalyptischen Vorstellungen bot immer wieder


das Leben mit seinen Bedrohungen. Epidemien, Sterilität unter Men-
schen, Tieren und Pflanzen, Finsternisse und sonstige Übel verhießen
stets über sich selbst hinausweisende Gefahren; würden sie nicht
rechtzeitig durch apotropäische Maßnahmen, Reinigungsriten und
Magie gebannt, drohte das Ende allen Lebens. 35 Dessen Erneuerung
begegnet in Endzeitmythen wiederholt, Ansätze nämlich einer zykli-
schen Eschatologie.
Vielleicht gehörte ursprünglich auch die nordische Mythologie, die
in der Völuspä mit dem Götterschicksal (Ragnarök) nach der Welt-
schöpfung auch einen - befristeten - Weltuntergang verband, zu die-
sen christlich überformten vorchristlichen Überlieferungen. 36 Bewahrt
ist sie in der Lieder-Edda (um 1270) und in der Hauksbök (um 1350),
deren beider Wortlaut nicht völlig übereinstimmt; der Geschichtsent-
wurf der Völuspä, der von der Schöpfung der Welt zu deren Unter-
gang und dem Aufgang einer neuen Welt führt, dürfte aus früherer
Zeit stammen. Doch von wann? Ungeklärt ist zudem, wo der Dichter
auftrat. Umstritten ist damit der kulturgeschichtliche Kontext seiner
Schöpfung, umstritten auch seine Intention. Unzweifelhaft formten
heidnische Traditionen die Verse; doch lassen sich christliche bezie-
hungsweise sibyllinische Motive nicht ausschließen. Auch gilt keines-
wegs als gesichert, daß allein eschatologische Momente die vorliegende
Dichtung beherrschten und nicht etwa in Gestalt einer Endzeitpro-
phetie aktuelle politische Warnungen verbreitet wurden.
Was nun wußte die Seherin? Eschatologische Tiere, der Fenriswolf
und die Mitgardschlange, werden gegen Götter, Himmel und Erde
toben. 37 Brüder werden sich bekämpfen und einander erschlagen, es
werden Schwesterkinder die Sippenbande brechen. [...] Beilalter,
Schwertalter [...] es wird kein Mann den anderen schonen (str. 45).
Die Sonne beginnt dunkel zu werden, die Erde sinkt ins Meer, es stür-
zen vom Himmel die leuchtenden Sterne, der Rauch rast wider das
Feuer, hohe Hitze lodert bis zum Himmel empor (str. 57). Doch dann:
sieht (die Seherin) zum zweiten Mal die Erde aus dem Meer aufstei-
gen, neu ergrünt: die Ströme fallen, es fliegt der Aar darüber hin, der
auf dem Berge Fische jagt (str. 59). Ungesäet werden die Äcker sprie-
21 Einleitung

ßen, alles Unheil wandelt sich in Segen (str. 6z). Das beschrieb eher die
Sintflut denn den Weltuntergang. Die Tage der Vorzeit erneuerten sich
(str. 6i). Dann kommt der mächtige zum geivaltigen Gericht, der
starke, von oben, der über alles herrscht (str. 65), und der dunkle Dra-
che, die glänzende Schlange wird versinken (str. 66). Diese letzten
Verse, die das Gericht der Erneuerung folgen lassen, erinnern durch-
aus an scholastische Positionen zum Jüngsten Gericht. 38
Wie dem nun im Einzelnen sei, als Beleg für einen genuin nordi-
schen Untergangsmythos läßt sich die Völuspä nicht in Anspruch neh-
men. Definitive Weltuntergänge wurden, wie es scheint, erst unter
christlichem Einfluß entworfen. Kannte also allein das Christentum,
aus jüdischen Wurzeln erwachsen und ohne den geringsten Anflug
eines zyklischen Denkens, in linearer Heilsgeschichte einen dauerhaf-
ten Untergang der stofflichen Welt, den allein sie immer wieder als be-
vorstehend verkündete? Wir müssen diese Frage wohl bejahen.
Über die jüdische Eschatologie in der hier fraglichen Zeit des Zwei-
ten Tempels (515 B C E - 7 0 CE), der die christliche Endzeiterwartung
Entscheidendes verdankte, wird noch zu reden sein.39 Was immer sie
prophezeite, der Weltuntergang trat dabei - von nur scheinbaren Aus-
nahmen abgesehen40 - nicht hervor. Nur soviel jetzt: Ihre Wirkungen
durchziehen alle christliche Glaubensverkündung, die ganze Religion,
die Profankultur, die Dichtung, die Literatur, die Musik der west-
lichen, christlichen Welt. Das Wissen um den Untergang, seine Erwar-
tung waren und sind hier, unter Christen, allgegenwärtig. Die zitierten
Schreckensrufe verdeutlichen es auf subtile Weise. Warum konnte das
so sein?
Die Antwort findet sich im Talmud. Dort wird der Welt von der
Schöpfung bis zum «großen Tag des Herrn» eine Dauer von sechs
oder, wenn der göttliche Weltensabbat eingerechnet wurde, sieben
Millennien zugebilligt.41 So könnte es schon für die Jahrzehnte um
Jesu Geburt gegolten haben.42- Beide Zeiten rezipierte bereits die alt-
christliche Tradition. 43 Sie ergaben sich aus der Deutung der Woche
vor dem Sabbat als Weltwoche und aus dem Psalmvers, wonach vor
Gott 1000 Jahre wie ein Tag seien (Ps 90,4). Alle Zukunft endete für
die Christen mit diesem Tag; immer bedrängender wurde dessen
22 Einleitung

Heraneilen. Bis in das T6. und 17. Jahrhundert, für manche Sekten bis
zur Gegenwart, blieb diese Frist für christliche Eschatologen wie etwa
Martin Luther maßgeblich.
Fremdes konnte durchaus in den Strom christlicher Apokalyptik
münden, in den Entwurf und die Verbreitung immer neuer Apoka-
lypsen, konnte dieses oder jenes Motiv vermitteln. Syrische, grie-
chische, armenische, 44 koptische, arabische, hebräische, persische
Prophezeiungen flössen denn auch, wie seit langem bekannt, in ihr
zusammen. Einflüsse aus dem Iran und zumal aus dem Judentum
durchziehen die Geschichte der westlichen Eschatologie und beglei-
ten deren Deutungen. Geheimnisvolle, in der Bibel genannte Völker,
Gog und Magog, sollten etwa aus ihrer Verborgenheit hervorbre-
chen, Schrecken verbreiten und das Ende der Zeiten ankündigen
(s. Farbtafel 2). 45 In der Folge wurden nahezu alle «Fremdvölker»,
die im Laufe der Jahrhunderte die den Christen oder dem «Westen»
vertraute Welt bedrohten, Araber, Skythen, Ungarn, Mongolen, Tür-
ken und andere, anfänglich mit ihnen identifiziert, das Ende ent-
sprechend nahe befürchtet. Alles Fremde dünkte die Apokalyptiker
gefährlich, im Licht der Endzeitdrohung sogar mehr als alle Frem-
denfeindlichkeit sonst.
Denn... es wird kommen der Tag des Herrn, der große nnd schreck-
liche. Die Väter sollten sich zu den Kindern, die Kinder zu den Vätern
bekehren [...], daß ich nicht komme und das Erdreich mit dem Banne
schlage (Maleachi 3,23). Sparsame Prophetenworte, doch im Donner-
hall göttlicher Drohung gesprochen, im Wissen aber zugleich der
Weltschöpfung Gottes, des Anfangs, der sich bis zu jenem Tag in
linearer Folge entfalten wird; die Zeit danach bleibt dunkel. Seit Jahr-
tausenden unvergessen, stets neu gedeutet und fortgesetzt aktualisiert.
Kein spezieller Termin war für den großen Tag bestimmt, wohl aber
sollten Boten ihm vorangehen und ihn ankündigen: Ich will meinen
Engel senden, der vor mir her den Weg bereiten soll, spricht der Herr
(3,1). Das Wort wurde immer wieder von mittelalterlichen christlichen
Eschatologen, von Päpsten und Kaisern in eschatologischem Gestus
zitiert. Dann sollte der Prophet Elia wieder erscheinen, ehe denn da
komme der große und schreckliche Tag (3,22).
23 Einleitung

Christliche Propheten verschärften den Ton: Es wird kommen der


Tag, der von der Wurzel bis zur Frucht wie ein Schmelzofen alles ver-
brennen wird. Der uralte Bann gegen die Erde wie in einer Schmiede-
esse Gottes (Maleachi 3,2-3) wurde von Christen zum Weltuntergang
in einer Feuersintflut fortgebildet. Dem Engel traten nun schreckende
Zeichen am Himmel und auf Erden zur Seite, kündigten Gericht und
Untergang an, und zwar für «bald». Gottesfurcht konnte Aufschub
gewähren und retten. Eine generationenlange, auf ein vorbestimmtes
Ende zulaufende Geschichte reflektierte dann das Mittelalter. Auch
den Christen blieb freilich der Schreckenstag trotz seiner Ankündigung
durch Jesus verborgen, Berechnungen sollten unterbleiben. Selbst der
Anfang der Schöpfung entzog sich eindeutiger Kalkulation.
Der Fortbestand der Erde sah sich an den Gottesdienst der Gläubigen
gebunden. Das Gericht über sie wurde zum Fanal des Untergangs, zum
angesagten «Vergehen von Himmel und Erde». Welch eine Kosmolo-
gie, welch eine Anthropologie! Sie stimmten auf geheime Weise zusam-
men: Der Christ sah sich verantwortlich für Menschheit und Erde, für
Gottes Schöpfung, für die gesamte Welt. Solche Lehre wirkt bis in die
Aktivitätsmuster westlicher Weltrettungsprogramme von heute. Die
Untergangsdrohung gehörte unlösbar zur Gerichtsdrohung hinzu; sie
verlieh dem Endgericht etwas Endgültiges, nicht mehr zu Überholen-
des. Nichts sollte dann korrigierbar oder revidierbar sein. Doch recht-
zeitiges Tun konnte retten oder den Untergang wenigstens verzögern.
Alles Handeln, alles Geschehen wurde an seiner Bedeutung für das
letzte Geschick von Menschheit und Erde gemessen. Eine grandiose Ge-
schichtstheologie, Willenslehre und Handlungsethik war im Entstehen.
Die Gestaltung des Kommenden blieb dabei stets in der Hand der
Menschen, auch wenn Gott das Künftige voraussah. Die Erwartung
des Jüngsten Tages und die Zeichen seines Nahens raubten weder dem
Einzelmenschen noch den Christenvölkern oder der von Menschen
bebauten Erde die Zukunft. Nur das Ende nahm die Glaubensbot-
schaft vorweg, nur dieses verkündete sie für gewiß. Das erinnert an
die heutige Kosmologie, auch wenn sich die Zeitdimensionen verscho-
ben haben. Die Kirchenväter handelten vielfach von der zu gestalten-
den Zukunft, 46 die mittelalterlichen Weltchroniken überschauten die
24 Einleitung

Jahrtausende seit der Schöpfung und konnten bis zum Ende führen.
Die Zukunft mußte nicht erst in der Neuzeit entdeckt werden. 47 Im
Gegenteil, das Wissen um Endgericht und "Weltende verlangte ein auf
sie gerichtetes Handeln, rief zu segensreichem Tun, zur Fürsorge für
Arme und Schwache, zur Stärkung der Kirche auf, ließ immer wieder
Stiftungen tätigen, sie mit reichem Vermögen ausstatten, um in aller
zeitlichen Zukunft deren Fortbestand zu sichern. Gottgefälliges Tun
hielt den Untergang auf - ein Hoffnungszeichen noch für die heutige
Gegenwart. Zukunft haftete im Übrigen jeder Leihe an, von der Land-
leihe bis zum Geldhandel und dem Zinsertrag.
Immer wieder aber gaben die Zeichen Grund, sich auf den «schreck-
lichen Tag» einzustellen. Jede scheinbare Zeichenerfüllung löste Kas-
kaden eschatologischer Spekulationen aus, intensivierte aber zugleich
das Heilshandeln. Ganze «Bücher der Vorzeichen» wurden zusam-
mengestellt und weit verbreitet. Sie verliehen den Zeichen Sinn, berei-
teten auf das Kommende, auf den «Tag des Herrn» und das Ende der
Erde vor. Es gilt noch immer: Jede Katastrophe erscheint als Zeichen
und weckt Untergangsvisionen. «Es war, als ginge die Welt unter.»
Der letzten Frist war keine Dauer bemessen; sie kannte keinen festge-
legten Verlauf. Sie blieb offen für alles Tun und Trachten der Menschen,
für Frevel, Schuld und züchtigendes Scheitern, ohne daß göttliche
Prädestination den freien Willen bändigte. Zudem war ein «Aufhal-
tendes» oder ein «Aufhaltender» (Katecbon) verkündet, der oder das
den Untergang verzögern sollte. Die Botschaft wurde mit dem zweiten
Thessalonicherbrief (zThess 6-7), wohl zu Unrecht, dem Apostel Pau-
lus zugewiesen. Mit ihm gewann aber der Untergang eine eigene Ge-
schichte. Fragen über Fragen tauchten nun auf. Sie entsprangen der
Neugier, dem unstillbaren Wissenwollen, waren weder absurd noch
paradox. Die Antworten sollten Ungewißheit und Spannung religiöser
Existenz mildern. Schon spätantike Christen in der Nachfolge Tertul-
lians identifizierten den Katecbon mit dem Imperium Romanum und
beteten für dessen Fortbestand. Spätmittelalterliche Autoren wie Johan-
nes Lichtenberger griffen die Botschaft auf und sahen im Katecbon das
erneuerte Imperium, zuletzt das Heilige Römische Reich deutscher Na-
tion. Noch im 20. Jahrhundert fand diese Deutung Widerhall.48
25 Einleitung

Was genau verkündeten jene Zeichen? Wie waren sie zu deuten?


Wann sollte der Untergang kommen? "Wann endete die Zeit? Was ist
Zeit? Sie war mit der Welt erschaffen, soviel entnahm man der bibli-
schen Genesis. Also wird sie enden, weggewischt, aufgehoben sein in
Gottes Unendlichkeit. Warum ist die Welt, Gottes Schöpfung, gefähr-
det? Warum läßt Gott das Böse zu? Adam schon und Eva empfingen
den Keim des Untergangs. Wen soll er treffen? Was wird aus uns? Läßt
sich die Gefahr bannen? Jetzt, nach dem Ende des Römischen oder
des Heiligen Römischen Reiches? Nach dem Verblassen religiöser
Überzeugungen? Wer könnte es?
Die Antworten überließ man keineswegs bloß den Sehern und Pro-
pheten. Die Erwartung des Untergangs überdauerte die Zeiten und mit
ihr der Wille zur Weltrettung. Endlose Lernprozesse folgten. Sie ver-
langten nach eigener Forschung, nach Methodik, nach Logik und Ra-
tionalität, nach vernunftgemäßer Theologie, nach Hermeneutik und
Philosophie. Auch diese genügten nicht. Die Erneuerung der Natur-
wissenschaften und eine tiefere Auseinandersetzung mit denselben als
je zuvor waren gefordert; und nicht zuletzt waren Geschichtsdeuter,
Literaten, Dichter, Musiker und Künstler gefragt, die den laikalen Eli-
ten und dem Volk Ohr und Auge öffnen konnten. Auch Politiker, die
Entscheidungen zu treffen hatten. Wenige Etappen dieses Prozesses
seien zur Übersicht und zur Legitimation des Folgenden angedeutet.
Prognostik und Apokalyptik haben einen langen Atem; ihre Spra-
che tönt durch die Jahrtausende. Der Weltuntergang bedurfte be-
lehrender Pflege; er blieb sich dabei nicht gleich. Er besitzt tatsächlich
eine Geschichte. Er konnte in den Hintergrund treten, scheinbar ver-
schwinden und blieb dennoch im Unterbewußtsein präsent. Die Grund-
züge endzeitlichen Denkens sind von vielen Generationen vorfor-
muliert, kulturell vermittelt, in kollektivem Austausch erweitert und
gefestigt, seit Kindesbeinen habituell verinnerlicht. Die Naherwartung
von Gericht und Untergang konnte auf Dauer Lebensgefühl und Han-
deln nicht unberührt lassen. Säkularisierende, sich aus den Glaubens-
horizonten entfernende Umformungen konnten hervortreten, aber sie
verdrängten die alten Verkündungen nicht völlig und schlossen ihre
Wiedergeburt nicht aus.
26 Einleitung

Die jüdische Apokalyptik verkündete einen kollektiven Heilsweg.


Sie hatte in gewisser Weise das Erbe älterer orientalischer Prognostik
angetreten. Sie drohte mit dem «schrecklichen Tag des Herrn» dem
ganzen Volk Israel, das vor dem Abfall von Gott gewarnt wurde, das
aber auch die Königsherrschaft des Messias auf Erden erwarten
durfte. Die Christen deuteten die Botschaft in ihrem Sinne neu. Sie er-
weiterten wohl unter dem Einfluß der individualisierenden Psycho-
logie, wie sie mit Erwählten und Gottlosen, mit Paradies und - erst-
mals - der Hölle in den apokryphen Henoch-Biichern (i. Jh. BCE/z. Jh.
CE) hervortrat, 49 ihre Geltung. Neben die christliche Gemeinde trat
nun die Einzelseele und traten die ganze Menschheit und die ganze
Erde als Empfänger der Heilsweisung, der Untergangsdrohung und
des Handlungsappells.
Zumal Ethik und Lebensformen waren betroffen. Die Christen er-
kannten in Jesus von Nazareth den Messias, der seine Wiederkehr zu
Herrschaft und Gericht für «bald» angekündigt hatte. Unvermutet,
wie ein Dieb (Apoc 16,15; iThess 5,2), werde er kommen. Als er
nicht kam, mußte seine Botschaft umgedeutet werden. Fortan hatte
die Heilszeit schon mit ihm begonnen. So konnte und mußte jedes er-
füllte Zeichen die Erwartung erneuern: «Die Zeit ist erfüllt, das Reich
Gottes ist gekommen» (Mc 1,15). Fortan herrschte die Zeit der Gnade.
Sie tauchte die Endzeitbotschaft in frohe Erwartung, ja, steigerte sie
tatsächlich zur Untergangsbotschaft. Die Gnade soll kommen und
diese Welt soll vergehen (TtapeXOexco), forderte eines der frühesten
Gebete der Christenheit. 50 Ein Nachfolger war «dieser Welt» nicht be-
schieden.
Die noch verbleibende Zeit bis zum «Jüngsten Tag», die Zeit der
Erwartung des Endes, sollte sich freilich nicht im bloßen Glauben an
Christus, den Herrn, erschöpfen, sondern sollte der Bewährung in der
Welt dienen, dem Tun für Christus. Er aber hatte seinen Jüngern auf-
getragen: Gehet hin in alle Welt und verkündet die frohe Botschaft
aller Kreatur (Mc 16,15); lehret alle Völker und taufet sie im Namen
des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes (Mt 28,19). Verkün-
dung des Evangeliums, Mission, war fortan Vorbereitung auf das Ge-
richt und geschah im Wissen um den herbeieilenden Untergang und
27 Einleitung

unter dem Druck seiner Endgültigkeit. Eine unermeßliche Aufgabe.


Bevor das Ende kam, mußte die frohe Botschaft aller Welt, allen Völ-
kern, der ganzen Erde, verkündet, mußte alles irdische Heilswerk
vollendet sein. So missionierten die Christen gerade, als sich die Wie-
derkehr des Herrn verzögerte, verkündeten das Evangelium weltweit
und bezogen die ganze Erde, alle Völker, Religionen und Sekten in ihre
Heils-, in ihre immer neu zu aktualisierende Erwartungs- und Unter-
gangsbotschaft ein. Ein Globalisierungseffekt von ungeheurer Dyna-
mik - im Zeichen des Endes. Es gab nur einen Vorgang von gleichartig
globaler Wirkung, wenn auch ohne Untergangsperspektive: die Ver-
breitung nämlich des Homo sapiens über die Erde.
Als sich die Wiederkehr immer weiter verzögerte, war die Geduld
der Gläubigen auf eine harte Probe gestellt. Ihr Tun verlangte erhöhte
Investitionen in das erhoffte Heil. Die Gemeinden bedurften eines
institutionellen Halts; die Kirche verfestigte sich. Die Seelen sollten
durch Heilsweisung in ein beseligendes Jenseits geführt werden. Die
Erwartung des Weltuntergangs mündete so in segensreiche Weltge-
staltung, wirkte geradezu als eine «Verweltlichung durch Eschatolo-
gie». 51
Die Christen waren nicht die Einzigen, die solche Ziele verfolgten.
Jede Seele trug den Odem Gottes in sich. Eine gleichartige Anthropolo-
gie traf auf die sich in den Jahrhunderten um die Zeitenwende ausbrei-
tende Gnosis. Sie gehörte zur kulturellen Umwelt des Christentums.
Ihre Theologie deutete die Welt dualistisch und lehrte Erlösung der
Seele aus dem Kerker der dunklen, materiellen Welt durch das Einwir-
ken eines Erlösers und ihren Aufstieg in das reine, geistige Sein des
Lichts. Sie ähnelte damit Hoffnungen früher Christen. Wechselseitiger
Einfluß gerade auch in der Eschatologie ist nicht auszuschließen; Chris-
ten beschäftigten sich jedenfalls mit der Gnosis, und im 2. Jahrhun-
dert wuchs die feindliche Ablehnung. Licht und Finsternis rangen nach
gnostischen Überzeugungen miteinander, bis das Licht einen endgül-
tigen Sieg erringen sollte. Diese universelle Eschatologie rechnete von
einem Weltanfang zu einem Weltende mit drei einander ablösenden
Weltzeitaltern der Materie, der Psyche und des Geistes, denen jeweils
Weltkatastrophen das Ende bereiteten, um einen Neubeginn zu er-
28 Einleitung

möglichen, denen zuletzt ein Ende aller Zeitlichkeit, aller Materialität


und aller Finsternis in einem - wie einige, etwa die Manichäer, glaub-
ten - anderthalb Jahrtausende währenden Weltbrand folgen sollte. 51
Spuren gnostischer Theologie könnten - es ist umstritten - Eingang
in das Johannes-Evangelium gefunden haben. 53 Im göttlichen Wort
war das Leben, und das Leben ivar das Liebt der Menseben. Und das
Liebt scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht begriffen
(Joh 1,4-5). Solche Licht-Theologie wirkte aber in jedem Falle auf die
Eschatologie und die Vorstellung vom Weltuntergang. Später, in Mit-
telalter und Neuzeit, tauchten immer wieder aus dem für häretisch er-
klärten Untergrund gnostische Gedanken auf. Jesus aber spricht: Ich
bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der ivird nicht tuandeln in
der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben (Joh 8,12).
Das war apokalyptische Verheißung: Wer Christus nachfolgt, wird
auch nach dem Jüngsten Gericht im Licht des Lebens wandeln, wer
nicht, zum Untergang in der Finsternis verdammt sein. Die Ahnung
der Finsternis wirkte als Katalysator zum Streben nach dem Licht.
Christus nachzufolgen, sollte Lebensform werden.
Christen konnten die Warnungen der biblischen Propheten auf sich
beziehen und sie durch eigene Prophetien und apokalyptische Visionen
ergänzen. Ein Beispiel solcher Adaptation bietet die hochpolitische,
bis zur Gegenwart fortwirkende Schrift der (erst spät in den neute-
stamentlichen Kanon aufgenommenen) Apokalypse des Johannes. Sie
vereinte Zeitgeschichte und Vision, beschrieb in rätselhaften Bildern
Zukünftiges, aber sann über die Zeitenfolge nicht nach. Immer wieder
wurden in den folgenden Jahrhunderten ihre Bildwelten aufgegriffen
und für die jeweilige Gegenwart aufbereitet (Farbtafel 3).
Die Zahl des Tieres, die nämlich eines Metischen Zahl ist, und die
Zahl 666 ist, die der Seher hervorhob, könnte sich gemäß der Zahlen-
werte der hebräischen oder griechischen Buchstaben des Namens
«Kaiser Nero» auf diesen römischen Princeps beziehen.54 Wie auch
immer. Die hier wiederholt genannte große Hure Babylon, mit der
sich die Könige der Erde eingelassen haben, und die das Tier aus dem
Meer reitet ( 1 3 , 1 und 17,1-3), dürfte tatsächlich, wie die Geschichts-
wissenschaft erkannt hat, das heidnische Rom und sein Imperium
29 Einleitung

Lucas Cranacb d.Ä., Die erste Posaune, Lutherbibel zu Offenb 8,7,


Wittenberg 1545: «Und der erste Engel posaunte: und es ward ein Hagel
und Feuer, mit Blut gemengt, und fiel auf die Erde.»

meinen, doch zugleich alle weltliche Macht und die irdische Fremde,
in der die Christenheit weilt. 55 Damit zielte die Apokalypse nicht nur
gegen Rom als den die Christen bedrohenden Staat, sondern zugleich
gegen die unendliche Verführungsmacht der Welt. 56 Sie bedrohte un-
ablässig und in mancherlei Verkleidung die Gläubigen. Sie aber sollte
untergehen, wie die Eröffnung des Siebten Siegels (c. 8) und die sieben
Posaunen verkündeten (zumal Apoc 18). Diese zweite Bedeutungs-
ebene Babylons wurde umso wichtiger, als das christlich gewordene
Römische Reich den heilswirksamen Katecbon repräsentierte. Die Re-
formatoren erklärten dann dieses Babylon und diese Welt zum Papst-
tum und zur Kirche.
Die Drohungen der Propheten eilten stets dem Untergang voraus.
Sie verliehen den wahrzunehmenden Zeichen ihren Sinn. Jene ein-
gangs erwähnten Schreckensrufe, die den eben überstandenen Kata-
strophen nachfolgten, verraten eine dauerhafte, latente, leicht abzu-
30 Einleitung

rufende Erwartung des Schlimmsten. Sie sind keine Besonderheit unse-


rer Gegenwart, verweisen vielmehr auf die Kontinuität des schrecken-
den Untergangswissens. Ein unbewußtes Weltbild verbirgt sich in
ihnen, das ganze Panorama der Weltgeschichte, jedem Christen durch
das Glaubensbekenntnis vertraut: eine Schöpfung aus dem Nichts, ein
Ende im Nichts, dazwischen ein von Gott gezüchtigtes Volk, eine im-
mer neu frevelnde, von Heimsuchungen, Warnungen und Drohungen
geschüttelte Menschheit, eine immer erneuerte Furcht, eine Flut von
Untergangszeichen und Zeichendeutungen, von Schuldbewußtsein
und Erlösungshoffnung, von ethischen Forderungen und Bußleistun-
gen. Mitunter auch von Trotz und Resignation. Wenige Beispiele ge-
nügen fürs erste, um Entfaltung und Wandlungen, die Spannweite, die
eigentümliche Kreativität dieses eschatologischen Bedrohungsarsenals
zu illustrieren.

Welt, ich häti dineti lön ersehen:


Siuaz du mir gist, daz nimest du mir.
Wir scheiden alle blöz von dir.
Scham dich, sol mir also geschehen.
Ich hati lip unde sele (des was gar zevil)
Gewäget tüsent stunt dur dich:
Nü bin ich alt und hast mit mir din gampelspil,
und zürn ich daz, so lachest du.
Nü lache uns eine wile noch:
Din jatnertac will schiere komen
und nimet dir sivazt uns hast benotnen,
und brennet dich dar umbe iedoch.

«Welt, ich kenne deinen Lohn: / Was du mir gibst, das nimmst du
mir. / Wir scheiden alle nackt von dir. / Schäm' dich, soll es mir auch
so ergehen. / Ich hab Leib und Seele (das war zu viel) / deinetwegen
tausendfach gewagt. / Jetzt bin ich alt, und du treibst dein Spiel mit
mir. / Zürne ich deshalb, so lachst du mich aus. / Ja, verlache uns eine
Weile noch: / Dein Jammertag kommt bald / und nimmt dir, was du
uns genommen hast, und verbrennt dich deshalb noch zuletzt.»
31 Einleitung

Pessimistische Verse. Das Leben dieser Welt ein gampelspil? Das Ziel
der Welt ein jämertac, das Jüngste Gericht, ein Ende im Feuer. Warum
bloß? Sind Schöpfung und Kosmos denn schuldig? Wirkten gnosti-
sche oder marcionitische57 Vorstellungen von einem widergöttlichen
Demiurgen nach? Konnte der Mensch dem göttlichen Demiurgen so
ins Werk pfuschen, daß durch ihn das All der Vernichtung preisgege-
ben wird? Der Dichter Walther von der Vogelweide (66,21) widersetzt
sich. Er widerruft sein Tun nicht, er trotzt den Gefahren seines un-
heiligen Wagemuts, denn er hat sich sein Lebtag lang abgemüht mit
unverzageter arebeit; er konnte nicht anders. Und nun sein Unter-
gang? Er tadelt die Welt, daß sie seiner vergeblichen Mühsal spottet:
schäm dich; er gemahnt sie deshalb an ihr eigenes Ende; er spricht von
der Endlichkeit aller Diesseitigkeit, vom Untergang der spottenden,
sündigen Welt im Feuer, von der Gleichartigkeit des Menschenlebens
und des Weltgeschicks. Das Los der Einzelseele als Maß und Muster
des gesamten Schöpfungswerkes - ein ungeheuerlicher Gedanke ...
Fragen nach dem Grund selbstbewußten, reflektierenden Lebens
provozierten wandlungsreiche Endzeiten, erkannten Schuld, forderten
das Gericht, weckten Sorge vor demselben und mit ihr das Gewissen,
kündeten von einem neuen Himmel, einer neuen Erde, beschworen
deren Kommen, erhofften bald ein tausendjähriges Friedensreich, bald
Revolution, beschrieben Utopia und hinterließen doch immer einen
Bodensatz an Untergangsangst, Auferstehungshoffnung und Rettungs-
gebet. In ihnen spiegelten sich Selbstbewußtsein und Daseinsdeutung
ihrer Zeitgenossen. Auch, als sich ein neues «Zeit»-Verständnis ausbrei-
tete, als das Modell von Schöpfung und Untergang in Frage gestellt
wurde, als die Zukunft sich mit eigenen, selbstbestimmten Lebensent-
würfen zu füllen begann, verharrte im Untergrund apokalyptisches
Untergangsdenken.
Als Wegbereiter und Vordenker christlich-prognostischen Wissens
traten viele hervor. Höchste Autoritäten finden sich unter ihnen: die
Bibel, das Neue Testament, christliche Missionare, zuletzt Naturfor-
scher und Kosmologen. Sie alle verwandten die Zeichenfülle, die den
Jüngsten Tag ankünden soll, auf ihre Weise. Die frühen Christen, in
bald froher, bald sorgenvoller Erwartung der Wiederkehr Christi und
32 Einleitung

des Endgerichts, schmückten immer weiter aus, lehrten ihre Kinder


entsprechend. Die Kirchenväter vertieften theologisch das Wissen um
die warnenden Zeichen. Die Heiligen Augustinus und Hieronymus
seien genannt oder Gregor der Große; Häretiker wie Tyconius traten
ihnen zur Seite, dazu viele andere, im n. Jahrhundert etwa der Papst
Gregor VII. Seit dem 15. Jahrhundert wuchs ihre Botschaft in bedrän-
gender Weise; sie stürzte das Endzeitwissen in Sorge vor der Nähe des
Schreckenstages und drängte tatsächlich zum Handeln. Der Maler
Sandro Botticelli, Albrecht Dürer, der Reformator Martin Luther, der
Humanist Thomas Morus, der Physiker Isaac Newton, auf ihre Weise
auch Immanuel Kant, Karl Marx, Richard Wagner und ungezählte an-
dere, gerade auch politische Strömungen, offenbaren Gedächtnisspu-
ren eschatologischen Wissens und Deutens. 58 Sie bewirkten auf Dauer
die kulturelle Prägung ihrer sozialen Umwelt.
Und immer wieder das geschichtliche Geschehen selbst. Der «Sacco
di Roma» war ein solches gesellschaftliches Schreckenszeichen. Rom
brannte. Damals, im Frühjahr und Sommer 1527, als die ausgehun-
gerte kaiserliche, plündernde Soldatesca aus deutschen und spani-
schen Landsknechten und Söldnern in der Ewigen Stadt wütete, als
ihre Massaker und Morde niemanden, weder Frauen noch Kinder,
weder Katholiken noch Protestanten schonten, keinen Kardinal, kei-
nen Priester, weder Päpstliche noch Kaiserliche, nicht einmal die eige-
nen Leute, als man auf der Straße vor lauter Leichen das Pflaster nicht
mehr sah, als auch noch die Pest zu wüten begann, damals wurde
diese grauenhafte Not von vielen als endzeitliches Geschehen erfah-
ren, als Ankündigung des Weltuntergangs.59
Endzeitdenken forderte die laikalen und kirchlichen Eliten zu jeder
Zeit auf, die Zeichen zu deuten und zu Heil oder Untergang der Welt
zu wirken. Ihr aller Werk und Leben - gut oder böse - richtete gleich-
sam über die Welt. Der Vogelweidler hat es erkannt, ein jüngerer
Dichter, Friedrich Schiller, es im Jahr 1784 mit seinen - bald berühm-
ten - Worten wiederholt: Die Weltgeschichte ist das Weltgericht. Es
findet nun - in paulinischer Tradition - täglich statt. Schillers Spruch
traf, in einen Vers gebannt und aufklärerisch anmutend, die genera-
tionentiefen Erfahrungen christlicher Ethik. Durch Lebensführung,
33 Einleitung

Tun und Sinnen näherte sich der Mensch der göttlichen Gnade oder
verdiente das Vergessenwerden. Was man von der Minute ausgeschla-
gen, /gibt keine Eioigkeit zurück.60
Viele - ein Georg Wilhelm Friedrich Hegel, ein Karl Marx, ein Ar-
thur Schopenhauer, ein Ernst Bloch und andere - haben Schillers Wort
auf ihre Weise weitergedacht. Das Ganze, vollendet in einem jeweiligen
Jetzt, erscheint nun bei Schiller als Weltgericht. Der Dichter, der über
Universalgeschichte reflektierte, wurde zu einer Art Prophet, einer Art
Weltenrichter.Jedem Verdienst ist eine Bahn zur Unsterblichkeit auf-
getan. Versagen wird angedeutet, Resignation, doch keine Verdamm-
nis. Eine Art Freispruch deutet sich an, der, den Wegen der Aufklärung
folgend, ins Gericht hineingenommen war. Von Buße handelte der
Protestant Schiller nicht; und auch mit dem Untergang vertrug sich
der Fortschritt im Gebrauch der Vernunft wenig. Der Jüngste Tag,
von Walther der Welt noch drohend ins Gedächtnis gerufen, sank, wie
es schien, ins verdunkelnde Vergessen; nur das Gericht blieb - als täg-
liches Geschehen. Doch auch dieses konnte entschwinden.
Der Schall der Posaune des Jüngsten Tags verhallt in den fernsten
Winkeln des Weltraums, und das Ende aller Zeiten läuft ab wie ein
zerrissenes Band. Der amerikanische Schriftsteller Thornton Wilder
eröffnete mit dieser Regiebemerkung eines seiner Dreiminutenstücke
(1928): Drei Ertrunkene, so der Plot, werden vom Meer herausgege-
ben, haben alles Erlebte und Erlittene abgestreift, doch wollen sie mit
aller Macht, geradezu verzweifelt ihr Selbst, ihre Identität, ihren eige-
nen, wißbegierigen Geist gerettet wissen. Umsonst. Die aller Ke?int-
lichkeit entkleideten Seelen sind wie Sternschnuppen in die Glut der
Einswerdung gestürzt. Bald gibt es im Weltraum nichts mehr außer
dem großen, niemals blinzelnden Auge, das auf eine neue Schöpfung
sinnt.61-
Wilder setzte sich immer wieder mit dem Weltuntergang auseinan-
der. Sein viel gespieltes Drama The Skin of Our Teeth (Wir sind noch
einmal davongekommen), mitten im Zweiten Weltkrieg entstanden,
läßt eine amerikanische Familie als Adam und Eva, auch als Kain auf
der Bühne der Welt agieren, Rat bei Homer, Piaton oder Aristoteles
suchen, um drei apokalyptische Katastrophen zu überstehen und im-
34 Einleitung

mer wieder neu anzufangen: Eiszeit, Sintflut und Krieg, um endlich zu


resignieren. Warum machen wir uns immer wieder etwas vor? Eines
Tages wird die Erde eh erkalten, heißt es gegen Ende des Spiels. Die
Botschaft dieser Apokalyptik läßt wenig Raum für Hoffnung. Sie
kennt nur noch Untergang, kein Gericht, keine Seligkeit, nur ein sinn-
loses Treiben bis zum Ende. Dann das Ganze noch einmal, vielleicht
wieder und wieder. Absurd.
Es zeigt sich mithin: Über drei oder vier Jahrtausende, von der
vorchristlichen Antike zu den ersten Christen, über mittelalterliche
Theologen und Dichter, über das Zeitalter der Aufklärung bis hin zu
Autoren des zo./zi.Jahrhunderts und weiter und weiter bis zu den
politischen Ideologien jüngster Gegenwart wölbt sich ein Bogen an
Endzeit- und Untergangswissen, der die gesamte abendländische, zu-
mal die christlich dominierte Geschichte und die von ihr mit geformte
Welt überspannt: von beseligender Hoffnung und Gewißheit zu Sinn-
losigkeit und Resignation. Dazwischen immer wieder Gebete der
Gläubigen und säkulare Weltrettungsbemühungen. Die Namen der
Deuter ließen sich leicht ergänzen bis hin zu Protagonisten der Pop-
kultur von heute. Bob Dylan erscheint da etwa oder Christopher Lee
mit seiner von Heavy-Metal-Rhythmen begleiteten Frage But, ifthere
is no God, no Afterlife? Only dust and darkness? Mit ihr ließ er den
großen Tag, den Tag des Gerichts, enden.63 Eine Auflösung der Erde
in kosmischem Staub. Nicht spielerisch, eher existentiell das alles.
Der Aufbruch der westlichen, aus der lateinischen Antike und der
Welt der Bibel kommenden, erst religiösen, dann säkularisierten Kul-
tur, ihre Begegnung mit der Fremde, deren Herausforderungen und
Anverwandlungen: Alles geschah auf dem Boden eines Glaubens an
ein unerbittliches Ende, an die Auferstehung der Toten zum Gericht,
an ein ewiges Leben nach dem Tod, in Erwartung von Paradies oder
Hölle, im Kontext eines gläubig und wissenschaftlich aktualisierten
Untergangsszenariums und der Botschaft vom «Katechon». Immer
aufs neue wurden dessen Anzeichen wahrgenommen, gedeutet, wie-
der verworfen, um sich den nächsten Zeichen und Erkenntnissen zu-
zuwenden. Feuersintflut, totale Auflösung, das alles vernichtende
Chaos drohten unablässig der Welt. Selbst als das Christentum den
35 Einleitung

Filter der Aufklärung durchlaufen hatte, blieb, wie sich zeigen wird,
die Untergangsperspektive und die Retterattitüde. Sie hatte sich längst
in eine säkulare Gesellschaft, in ihre Naturwissenschaften und Kos-
mologie eingenistet; und diese verzichteten auf die Untergänge nicht.
Die Endzeit verflüchtigte sich tatsächlich nicht mit der Wissen-
schaft. Der Weltuntergang findet auch für sie statt; die Prognostik
streift sich lediglich andere, eben naturwissenschaftlich und kosmo-
logisch gefärbte Kleider über. So stellen sich die alten Fragen nur auf
neue Weise, doch weiterhin mit Untergängen im Visier. Weckt die heu-
tige Wissenschaft auf diese Weise neue Endzeitängste? Das Emotions-
muster und die Denkfigur eines drohenden Weltuntergangs haben sich
ja, wie noch näher auszuführen sein wird, aller Aufklärung zum Trotz
behauptet.
Religion und Wissenschaft sind in der Tat Kinder derselben Mensch-
heit. Sie entfalten sich in vielen Formen, fördern einander, streiten mit-
einander, versöhnen sich auch. Sie fordern einander unablässig heraus.
Die ganze «westliche» Kultur formte sich nach den Bedürfnissen für
den herbeieilenden Untergang. Die Regeln der Vernunft haben sich in
Auseinandersetzung mit Eschatologie und Untergang ebenso allmäh-
lich enthüllt wie die Geheimnisse des Glaubens. Zwar herrschte in der
Spätantike schon einmal - befördert durch Skeptizismus und Epikurä-
ismus - eine gewisse Tendenz, die Religion der Vernunft zu opfern, ihre
Geheimnisse zu profanieren und zu säkularisieren. Das Christentum
aber setzte sich zur Wehr, verkündete Gewißheit und diskriminierte
mit dem heiligen Augustinus die Neugier, das bloße Wissenwollen um
seiner selbst willen,64 stellte dieser aber, der curiositcis, schon frühzei-
tig und dann vor allem mit Albertus Magnus und Thomas von Aquin
studiositas, Wissenschaft, entgegen oder doch zur Seite, um Glauben
und Vernunft zu versöhnen.65 Der Weltuntergang wurde darüber
nicht vergessen. Im Gegenteil: Sein Erforschen wurde in diesen Zwie-
spalt hineingerissen. Denn die Zweifel kehrten zurück.
Die Physik des Aristoteles und deren arabische Exegeten nährten sie
seit dem 13. Jahrhundert. Scholastische Philosophen zweifelten bald an
der Ewigkeit der Seele, am Höllenfeuer, am Jenseits, an der Endlich-
keit der Welt und ihrem Untergang. Schon die Ketzer von Orleans im
36 Einleitung

frühen i i . Jahrhundert behaupteten, Himmel und Erde seien ohne Ur-


heber des Anfangs immer gewesen. Sie schienen das Jüngste Gericht
irgendwie zu bezweifeln. Ohne Anfang mußte sich das Ende verflüch-
tigen. Auf wen sich diese Gelehrten beriefen, wurde nicht überliefert.
Eine vage Kenntnis antiker, vielleicht gnostischer, gewiß nichtchrist-
licher Gelehrsamkeit dürfte sich zu ihnen gerettet haben. 66 Wie auch
immer: Das Erlösungswerk Christi geriet mit solchen Rückgriffen und
Erneuerungen philosophisch in Gefahr. Die Wahrheit der Theologen
sah sich konfrontiert mit der Wahrheit der Philosophen. Beide Diszi-
plinen hatten die Provokationen der je anderen zu bewältigen. Gottes
Schöpfungswerk, die Exegese der Genesis, die Einheit von Makro- und
Mikrokosmos, die Prognostik, die Deutung der Endzeitzeichen in der
Natur und unter den Menschen blieben von solchen Zweifeln nicht
unberührt. 67
Radikale Zweifel forderten die Vernunft heraus. Ich setze, es gibt
keinen Gott. Beweise das Gegenteil/68 So hieß es in der Mitte des
13. Jahrhunderts. Ohne Gott aber weder Schöpfung noch Ende; ohne
sündige Seele weder Jüngstes Gericht noch Weltuntergang. Gott
mußte existieren, um die Kirche zu rechtfertigen, seine Existenz mußte
bewiesen werden, um den Glauben mit der Vernunft zu versöhnen. 69
Der Untergang mußte drohen, um die Radikalität christlicher Ethik
zu legitimieren. Im Laufe neuzeitlicher Jahrhunderte erfaßte dann -
von der Scholastik durchaus vorbereitet - eine allseitige, konsequente
Säkularisation die sich herausbildenden Naturwissenschaften, alle
Eschatologie und alle Forschung um die Zukunft der Erde mit Ein-
schluß ihres Untergangs. 70 Die Drohungen der erwarteten oder schon
angebrochenen Endzeit verstummten deshalb zu keiner Zeit, auch
heute nicht. Die Warnung vor dem Untergang war stets Vergewisse-
rung der Heilslehre.
«Weltuntergang»: das war - so lauten erste Folgerungen - die
Wahrheit über die Welt, über ihre Endlichkeit, ihre Todverfallenheit,
war aber zugleich ein Appell zur Gestaltung des Lebens, zum Ausgrei-
fen auf die Welt, zum Ringen um deren Fortbestand. Seelenlehre,
Sünde, Buße, Handeln, Jüngstes Gericht, der Untergang dieser Welt
und die Möglichkeit, ihm zu entkommen oder ihn doch zu verzögern,
37 Einleitung

bildeten tatsächlich in diesen knapp zweitausend Jahren einen ein-


zigen, wandlungsfähigen Deutungskomplex und vom Glauben gelei-
teten Handlungsinipuls. Die Unerbittlichkeit des Weltuntergangs
verlangte die Rückversicherung rechtzeitigen heilwirkenden Tuns.
Christlich-abendländische Ethik gründete darin, formulierte dement-
sprechend ihre Gebote und Gesetze und bewahrte die ständige Aktu-
alität der Untergangserwartung.
«Weltuntergang»: das war aber auch der Gegenentwurf zu Auf-
erstehung, zu Erlösung, zu Neuem Jerusalem und ewigem Heil, war
das Verworfensein in unendliche Finsternis und ewiges Höllenfeuer,
war Gefährdung der Seele und der Welt, war auf der Gegenseite für
die Gläubigen Hoffnung auf das Ende von Babylon und auf endgül-
tige Gerechtigkeit und Erlösung.
«Weltuntergang»: das war endlich der Appell zur Erkundung der
Welt, zum Aufbruch in ihre Weiten, zu weltweiter Mission, zur Erfor-
schung von Himmel und Erde, zu wissenschaftlichem Denken, zur
Planung der Zukunft. Natur wiederum verwies auf die Spiegelung des
Kosmos im Menschen, auf die korrespondierende Ordnung von Ma-
kro* und Mikrokosmos. Die längst verkündeten Zeichen des heran-
eilenden Untergangs drängten zur Eile, riefen nach größeren Anstren-
gungen; die angebrochene Endzeit verlangte mit ihren Zeichen nach
rationalem, geradezu kritischem Denken, verfeinerten Methoden,
nach Hermeneutik, nach Geschichts- und Gesellschaftswissenschaft,
nach einem immer wacheren Blick für die eigene irdische und soziale
Umwelt, nach rechter Orientierung in derselben. Selbst noch und ge-
rade auch in der Zeit der Aufklärung setzten sich Philosophen, Natur-
forscher und Enzyklopädisten mit dem Theorem des Weltuntergangs
auseinander. Sie sorgten damit für Kontinuität der Fragenbündel nach
dem Weltende bis in unsere eigene Gegenwart. In allem, selbst in der
Absage an den Glauben, spiegelten sich die Offenbarungen der christ-
lichen Erlösungslehre.
Die Projektion des Untergangs implizierte in dialektischer Perspek-
tive ein Wissen um den Anfang und ein vertiefendes Fragen nach
ihm. 71 Schon das christliche Glaubensbekenntnis, wie es im Jahr 325
vom Konzil von Nicäa festgeschrieben wurde, manifestierte diese Po-
38 Einleitung

larität, indem es mit dem allmächtigen Schöpfer des Himmels und der
Erde den Anfang, mit Christus die Heilsgeschichte und mit seiner
Wiederkehr zum Gericht den kommenden Untergang bekannte. Im-
mer wieder fragten die Gelehrten im Mittelalter: Wann hatte Gott die
Welt erschaffen? In welchem Jahr seit Erschaffung der Welt leben wir?
Man lernte, den Schöpfungsaugenblick zeitlich immer weiter hinaus-
zuschieben, ja, aufzuheben und in eine schiere Unendlichkeit zu ver-
lagern. Die Rätselfrage nach der Zeit drängte sich auf; der Kirchen-
vater Augustinus etwa hatte sich ihr zugewandt,72- und seitdem wurde
sie nicht mehr vergessen. Deren Erforschung, nicht nur die Vergan-
genheit und Zukunft der Heilsgeschichte und des Menschengeschicks,
sondern die kosmische und physikalische Realität von Zeit und deren
Bindung an den Raum, sah sich durch die Untergangsbotschaft her-
ausgefordert und durch Relativitätstheorien und Kosmologie weiter-
gedacht.
Die Apokalyptik erschöpfte sich zudem nicht in visionärem Zu-
kunftsglauben und im Wissen. Sie war seit dem frühen Christentum
stets begleitet von einem praktischen, zunehmend skeptischen, ana-
lytischen, auch von utopischem Denken, von Selbstprüfungen der
Menschen und bis in unsere eigene Gegenwart hinein von sozialen, ja,
umstürzenden, mitunter politischen Hoffnungen auf ein Leben ohne
Not und Unterdrückung, auf eine bessere, gerechtere Welt, auf eine
egalisierende Weltrevolution, auf ein Gericht, das gut und böse dauer-
haft schied, die einen mit ewiger Seligkeit belohnte, die anderen mit
ewiger Pein bestrafte dort - erwarte ich Sie vor dem Richter unser
aller! Odoardo Galotti, der Mörder seiner Tochter Emilia, zum Prin-
zen (Hettore) Gonzaga, dem eigentlich Schuldigen am eben verübten
Ehrenmord, der die Schuld freilich abwälzt auf seinen Helfer: müssen
sich auch noch Teufel in ihren (der Fürsten) Freund verstellen?7?
Machtmißbrauch des Mächtigen, Verantwortungslosigkeit in den
Masken des Begehrens.
Dieses Gericht aber, seit jeher die Hoffnung aller Verratenen und
Enttäuschten, schuf endlich Gerechtigkeit. Die Drohungen des Unter-
gangs der Erde im Feuer und der Schrecknisse der Hölle verliehen ihm
seine Unerbittlich- und ausweglose Endgültigkeit; sie lasteten seit je
39 Einleitung

auf der gestaltungsoffenen Zukunft bis zum drohenden Ende, waren


unablässige Warnung an die Versagenden, die Lauen, an die Gewalt-
täter, <Umweltsünder> und Gottlosen. Der Weltuntergang nötigte auf
Jahrhunderte und bis heute zu höchster Daseinsvorsorge, zu gottes-
fürchtigem, zu rechtschaffenem, verantwortungsbewußtem Leben.
Das Ziel war vorgezeichnet, die Wege dorthin, die jeder einzelne
und alle Völker gehen mußten, waren es nicht. Immer neue <Weg-
beschreibungen> wurden verkündet und den <Wanderern> zur Hand
gegeben. Sie enthüllten sich nicht einfach, sie mußten gelehrt, gedeu-
tet, erforscht und realisiert werden; sie irritierten, weckten immerzu
neue Fragen, verlangten Wissenschaft, Welterkundung, führten zu
Aufklärung und Zweifeln. Da sah sich jeder Mensch Schritt für Schritt
auf sich selbst verwiesen.
So wird sich zeigen: Die Endzeitpredigt, die vom Christentum ver-
breitet wurde, war alles andere als ein quietistisches Unterfangen; sie
verkündete umstürzend Neues, sollte im Sinne der (christlich gedeu-
teten) Predigt Johannes' des Täufers zum Umdenken zwingen, sollte
Reiche und Mächtige mahnen, sollte die «Armen» als Heilsträger er-
mutigen und sollte sie alle darauf verweisen, daß sie - mit oder ohne
Gott - ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen, nämlich ihrem zu-
nehmend als frei begriffenen Willen unterwerfen könnten, und daß sie
in einem Kosmos lebten, der sich demselben Schöpfer, denselben Ele-
menten und Kräften verdankte wie sie selbst. Die Untergangspredigt
verharrte dabei nicht. Sie entfaltete revolutionäre Potentiale. Schon
biblische Propheten und frühe Sibyllen kündeten davon. 74 Diese Bot-
schaft verhalf dem christlichen Endzeitglauben und seinen Derivaten
bis heute zu einer immer wieder neu aufbrechenden politischen Aktu-
alität.75 Alles aber sollte geschehen, so die alte Weissagung, bevor der
angekündigte Untergang Realität werden sollte.
Die Botschaft vom Weltuntergang führt von den frühen religiösen
Verkündungen über kirchliche, politische, gesellschaftliche, kulturelle
Umbrüche in die Welt der Religionsskepsis von heute, zu nacktem
Materialismus und Gottlosigkeit. Die «Propheten» von heute be-
schwören zwar noch immer den Weltuntergang, aber es geschieht nun
in der Sprache abgesicherter naturwissenschaftlicher, «gottloser» Er-
40 Einleitung

kenntnis, begleitet von Underground-Music in den «diabolischen»


Klängen des Heavy Metal, doch durchaus noch mit dem moralischen
Appell von einst. Für das tägliche Leben sind diese «Prophetien» be-
langlos; vor dem Hintergrund weltweiter Gefährdungen und Krisen
aber sind sie so aktuell, wie sie es seit den frühen Christen immer wa-
ren. Im Untergrund brodelt es. Ein «apokalyptisches Lebensgefühl»
hat sich breitgemacht/ 6 Seinsvergessenheit und Sinnverlust drohen; sie
richten sich so lange ein, solange trotz Untergangserwartung kein Auf-
bruch erfolgt und keine «Erinnerung an sich selbst» geweckt wird. 77

In fünf Kapiteln wollen wir uns den Herausforderungen dieser Ent-


wicklung stellen. Zunächst müssen die alt- und neutestamentlichen
Grundlagen christlicher Apokalyptik betrachtet werden, die Lehre
von der zeitlichen Befristung dieser Welt und die Vision von ihrem
Ende und ewigem Untergang (I). Sodann tritt die Umformung und
Ausgestaltung der Eschatologie in der westlich-lateinischen Christen-
heit angesichts einer zwar vorbestimmten universalen Heilsgeschichte,
aber dennoch gestaltungsoffenen und gestaltungsbedürftigen Zukunft
eines jeden Menschen und jeder Gesellschaft ins Zentrum; sie wird
sich, wie sich ergeben wird, in einem kollektiven Habitus ausprägen
und im «Westen» verfestigen (II). Endlich gilt die Aufmerksamkeit
den oder doch einigen Folgen von Eschatologie und Untergangs-
erwartung und deren Verinnerlichung für die Wissenschaften im «We-
sten» (III), die durch die Aufklärung verwandelt wurden (IV) und die
sich keineswegs bloß in Mittelalter und Früher Neuzeit zeigten, viel-
mehr noch heute wirksam und weltweit präsent sind, wenn auch in
säkularisierter und popularisierter Gestalt, wie sie sogar von Tages-
zeitungen und Wochenmagazinen verbreitet werden kann (V).
Glauben und Verkündung

Apokalyptik und Endzeit dringen ins kulturelle Gedächtnis

Wer waren wirf Wer sind wir geworden? Wo waren wir? Wohin sind
wir geworfent Wohin eilen wir? Wovon sind wir befreit? Was ist Ge-
burt? Was Wiedergeburt? Behutsam lenkte der Eingeweihte, der die
Fragen formte, die Gedanken zur Weltschöpfung (Was ist Geburt?)
und zum Weltende (Was Wiedergeburt?), zu den Grenzen, die alles
Dasein umfaßten. 1 Wer nach dem Ende fragt, hat auch den Anfang
im Sinn. Geburt: die Verbannung nämlich des im menschlichen Ich
aufleuchtenden göttlichen Lichtfunkens in die todgeweihte Welt der
Materie, in die Schöpfung eines Demiurgen, der sich dem Höchsten
widersetzt hatte; Wiedergeburt: die Chance, im Aufstieg durch einan-
der folgende Geburten wieder zum geistigen, göttlichen Urlicht ewige
Erlösung zu gelangen. Haben alle Lichtfunken das Ziel erreicht, wird
die Vernichtung der Materie und alles Bösen im Feuer folgen. So
modellierten Gnostiker in der Nachfolge des Valentinian im zweiten
Jahrhundert den Lauf der Weltgeschichte.1 Weltuntergang als Erlösung.
Antworten auf Fragenbündel wie jene gab es viele. Auch Christen
verkündeten damals über die jüdische Apokalyptik hinaus, daß der
Mensch in einer vor Zeiten erschaffenen und nach Zeiten wieder erlö-
schenden Welt lebe. Auch sie wiesen Wege durch diese befristete, Licht
und Finsternis durcheinanderwirbelnde, im Feuer endende Welt, ver-
sprachen «Erkenntnis», verbreiteten heilwirkende Lehren für Lebens-
führung und Handeln, für eine beseligende Zukunft, begründeten
Scheitern, Verwerfung und Verdammnis. Auch sie verhießen Erlösung
und forderten eine Lebenspraxis, die davor bewahren sollte, in die
endzeitliche Katastrophe hineingerissen zu werden.
42 Glauben und Verkiindjing

Selbstverständlich waren derartig geradlinige Weltdeutungen nicht.


Sie haben sich erst mit der Zeit herausgebildet. Gewiß, eine Art Welt-
untergang kannten viele, gerade auch altorientalische Kulturen; aber
sie fügten ihn - in Anlehnung an den Kreislauf des Jahres - zumeist in
zyklische Prozesse ein, in Anlehnung also an den Lauf der Sonne
durch den Zodiak oder an die analogen Planetenbewegungen.3 Der-
artige zyklisch wiederkehrende Untergänge folgten Wiederaufgängen;
sie wurden nicht als unmittelbar bevorstehend verkündet und münde-
ten in der Regel in keinen letzten, alles auflösenden Weltbrand. Die
Lebenden dürsteten nach Einblick in Kosmos, Welt und Menschen-
geschick, in ihre eigene Zukunft, in eine Zukunft, die den Menschen
übermenschlichen Mächten auszuliefern schien, nicht in Weltunter-
gangsprognosen.
Ließ sich also mit den numinosen Mächten kooperieren? Das kom-
mende Geschick der Priester und Könige, der sozialen Verbände, dro-
hende Krankheiten und Überlebenschancen enthüllen? Vorzeichen des
Todes, der Gefährdungen durch Erdbeben, Trockenheit oder Sintflu-
ten, der heraufziehenden Wetter, von allerlei Plagen und anderem Un-
heil mehr vorzeitig erfassen? Solches Wissenwollen verlangte nach
Welt- und Zeichendeutung. So befragten die Menschen ihre Ahnen
und Götter, opferten ihnen, versetzten sich in Trance, tanzten ihre
Zaubertänze und vollzogen ihre Rituale, beteten um diese oder jene
Information und Gnade. Der Blick zur Sonne oder zum nächtlichen
Himmel mit seinen wiederkehrenden und vorhersagbaren Sternbewe-
gungen mochte sie lehren, daß Zukunftserkundung möglich sei. Sand-
ten die Götter nicht eine Vielzahl anderer Vorzeichen? Und schienen
sie nicht Angebote an die Fragenden zu sein, mit den Göttern Geschik-
ke auszuhandeln?
Unergriindbares Dunkel überdeckte die Anfänge solchen Beobach-
tens und Forschens. Die systematische Erkundung des Kosmos und
seiner Zukunftsbotschaften regte sich erkennbar erst im dritten Jahr-
tausend vor unserer Zeitrechnung. Sie läßt sich in Babylonien und
Assyrien beobachten.4 Irritierende Praktiken kamen in Mode. An den
Innereien geschlachteter Opfertiere glaubte man, das Kommende ab-
lesen zu können, Auskünfte über menschliches, irdisches und kosmi-
Apokalyptik und Endzeit 43

sches Geschick zu erlangen. Tatsächlich begegnen solche rituellen


Schlachtungen in ganz unterschiedlichen Kulturen über die Erde ver-
streut, nicht nur in Mesopotamien, vielmehr auch in Ostafrika, Nord-
ost-Indien oder in Indonesien - teilweise bis heute. Was konnte eine
Schafsleber dem Beschauer über Menschen und Götterwillen offen-
baren? 5
Der Anspruch des Erkennens war hoch. Farbe, Konsistenz, Form
oder Deformation der Leber verrieten dem Eingeweihten kommendes
Geschick. Assyrische Könige konnten die Opferschau vollziehen. Kult
und Kosmos sahen sich geeint. Der strahlend reine Opferschauer, das
bin ich. Für das Verfahren zur Erlangung von Mitteilungen durch Ein-
geweidezeichen bin ich fürwahr die Schöpfergottheit selbst. So pries
einer dieser Beschauer sich selbst. Wahrsager und Gottheit verschmol-
zen geradezu in eins. Nie halte ich ein günstiges Zeichen für ein übles.
Klarer Verstand, das ist mein Wesen.... Ich, der König, kann in dem
Inneren eines einzigen Schafes <Weisungen> für den gesamten Erdkreis
erblicken.6 Anfänge - wenn man so will - von erfahrungsgesättigter,
vermutlich auf Auszählung gestützter, spezialisierter Epistemologie,
der Intention und der formalen Technik nach durchaus dem heutigen
Arzt vergleichbar, der nach Krankheitssymptomen Ausschau hält.
Noch gab es keine Weltschöpfung, keinen kosmischen Schöpfergott,
kein «Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde».
Noch die alten Römer betrieben Eingeweide- und Vogelflugschau;
Cicero, der als Konsular zugleich Augur war, vollzog gleichsam von
Staats wegen die vorgeschriebenen Rituale, ließ aber keinen Zweifel da-
ran, daß er, der Akademiker und Skeptiker, dergleichen Divination in
keiner Weise vertraue. Es gäbe keine Weissagung; was die Deuter des
Vogelflugs zu verkünden hätten, sei entweder Irrtum oder Aberglau-
ben oder Betrug; die Kompetenzen der Auguren seien nur des Staates
willen bewahrt. 7 Sosehr aber Eingeweide und Vogelflug ihren pro-
gnostischen Wert verloren, so nachhaltig gewann die Astrologie sol-
chen hinzu. Prognostik also gab es damals seit langem, seit weit über
zweitausend Jahren, aber eine für das Leben, zur Lenkung des Gemein-
wesens, nicht zur Verkündung des Weltendes. Anfang und Ende, eine
Befristung der Schöpfung, mußten erst entdeckt, erfunden werden.
44 Glauben und Verkiindjing

Ein langwieriger Prozeß kam ins Rollen; er führte durch viele Kul-
turen. Die alten Ägypter kannten keinen einheitlichen Schöpfungs-
mythos, auch keinen allmächtigen, alles erschaffenden Demiurgen. In
Heliopolis oder Memphis erzählte man unterschiedliche Mythen.
Zahlreiche Gottheiten brachten danach die Welt und ihre Erscheinun-
gen hervor. Wasser, Erde, Sonne spielten dabei je eine eigene Rolle;
nur unter Schwierigkeiten sahen sich diese Erzählungen synkretistisch
vereint. Erst spät, in nachchristlicher Zeit, als der Islam Einzug ge-
halten hatte, wurde ein spezifischer Schöpfungsmythos aufgezeich-
net; zuvor gab es nur versteckte Andeutungen ohne umfassende Dar-
stellung.8 Einen Hinweis auf die Schöpfung überlieferte etwa die Lehre
für den Pharao Merikare aus der Zeit der 10. Dynastie (vor 1800 BCE). y
Auch sah man die Welt immer wieder bedroht; sie mußte Tag für Tag
rituell erneuert werden. Da blickte man auf keinen endgültigen Welt-
untergang, auch wenn - so etwa eine Anspielung in der Lehre für Meri-
kare - die Vernichtung des gegen die Götter aufsässigen Menschen-
geschlechts (vergleichbar der Sintflut) einst geplant gewesen sei, doch
dann aus Mitleid durch den Sonnengott Re vereitelt wurde.
Der Tod und das jenseitige Gericht über die Toten, das große Tri-
bunal (Sprüche 18-20), beschäftigten die Priester in den Ländern am
Nil ausgiebiger als die Vorzeichen für das irdische Leben. 10 Jeder Tote
hatte vor Osiris und 42 Richtern ein Gericht zu überstehen: Wer bist
du? Dein Name? Wo warst du zuvor? Was hast du gesehen? Wer die
Prüfung nicht bestand, wurde von einem Monster, einer Mischung
aus Krokodil, Löwe und Nilpferd, verschlungen. 11 Die für den Ein-
gang ins Totenreich nötige Reinigung erfolgte über ein Gespräch des
Toten mit dem Türhüter in rituell vorgeschriebenen Antworten. Was
zu sprechen ist, wenn man zu dieser Halle der Vollständigen Wahrheit
gelangt. Den Verstorbenen von allen bösen Handlungen zu befreien,
die er begangen hat, das Angesicht der Götter zu schauen. Der Ver-
storbene sagt: / «Gruß dir, du größter Gott, Herr der Vollständigen
Wahrheit! / Ich bin zu dir gekommen, mein Herr, / ich bin geholt wor-
den, um deine Vollkommenheit zu schauen. /[...] Ich habe kein Un-
recht gegen Menschen begangen, / und ich habe kerne Tiere mißhan-
delt. / Ich habe nichts <Krummes> an Stelle von Recht getan. / Ich
Apokalyptik und Endzeit 45

kenne nicht, was es nicht gibt, / und ich habe nichts Böses erblickt. I...
Ich bin rein, ich bin rein, /Ich bin rein, ich bin rein!» /[...] «Wem aber
soll ich dich anmelden?» / Melde mich dem an, dessen Decke Feuer,
dessen Mauern lebendige Uräen und von dem der Fußboden seines
Hauses die Flut ist. / «Wer ist das?» / Osiris ist das. / «So ziehe denn
bin - siehe, du bist angemeldet!.»1- So heißt es im sogenannten Toten-
buch. Das Totenreich aber ist ewig. Ein Weltuntergang wurde auch
hier nicht beschworen.
Im Osten, im Lande Sumer, verehrte man zunächst zwar eine höchste
Götterdreiheit, doch keinen Demiurgen. Die Welt erwachte vielmehr
zu sich. Erst mit der Zeit übernahmen die Götter die Schöpferrolle.
Die Vorstellung eines Weltuntergangs fehlte in Akkadien indessen
nicht ganz. Denn dort wurde nicht nur ein eigener großer Schöpfungs-
mythos, der noch auf die Bibel einwirkte, kultisch inszeniert, dort ent-
stand vor allem auch die Erzählung von der Sintflut, die ebenfalls in
der Bibel ihr Echo fand; gleichsam ein Untergang auf Zeit, doch mit
Erneuerung, Drohung und Hoffnung demnach für die Lebenden. Zy-
klische Vorstellungen waren gerade hier nicht unbekannt. 13 Die Ster-
nenweisheit der Astrologie entstand in Mesopotamien. Im Zoroastris-
mus Irans begegnen (bezeugt freilich erst in mittelpersischer Zeit, nach
der arabischen Eroberung) ein weltweites Reinigungsfeuer und für die
Guten eine Art Auferstehung zu höchster Seligkeit und Unsterblich-
keit, während die Unreinen verbrennen. Doch danach wird die Welt
erneuert werden. 14
Die alten Griechen verdankten den Grundstock ihres Wissens (wie es
etwa Piaton festhielt15) Ägypten und (wie es das Alphabet so schön ver-
deutlicht) dem Vorderen Orient, Chaldäa, Babylon und Assur, teilweise
vielleicht auch dem Iran. Weltuntergänge beschäftigten sie zunächst
nicht. Vielmehr die Weltgeburt. Das Chaos gebar, so erzählte Hesiod
im S.Jahrhundert BCE in seinem Versepos Theogonia den alten My-
thos von der Weltentstehung; die Urgötter, Chaos, Gaia (Erde), Uranos
und Eros, Himmel, Berg und Meer wurden geboren, auch Tag und
Nacht entstanden. Zwar wurden die Kinder der Gaia und des Uranos,
die Titanen, von den olympischen Göttern, Zeus, einem Enkel der
Gaia, und den Seinen, bekämpft und unterworfen und dem Untergang
46 Glauben und Verkiindjing

geweiht. Doch auch dieser Titanenkampf, dessen letzte Phase Him-


mel, Erde und ihre Abgründe, dazu das Meer erbeben und vom Feuer
der Blitze kochen ließ (vv. 836-52.), verhieß keinen Weltuntergang. Er-
folg und Niedergang wurden hier thematisiert, doch kein Scheitern
des Götterwerkes.
Einer der jüngeren griechischen Dichter, Pindar, ein konservativer
Weltdeuter im 5. Jahrhundert vor unserer Zeit, schuf mit seiner achten
pythischen Ode, die vom Menschengeschick handelte, das in der
Hand der Götter lag, ein desillusionierendes Bild. Ein Daimon erhöhe
und demütige den Menschen zugleich. Keine Erlösung winke, kein
Heil. Nur kurz, nur für einen Tag, gewähre der Gott das Glück, um
alsbald zu widerrufen, was er soeben gewährt hatte: Eintagsgescböpfe.
Was ist einer? / Was ist er nicht? Eines Schattens Traum (das ist) / der
Mensch (5.Epode). Träumende Schatten die Menschen: In solcher
Tradition gab es zwar Erfolg und Mißerfolg, Aufstieg und Nieder-
gang, aber keine endzeitliche kosmische Katastrophe und keine Er-
lösung, wie sie dann Judentum, Christentum und Gnosis lehrten.
Doch das sollte sich ändern. Die Anstöße kamen wohl erneut aus
dem Orient, wie Diodor, ein Zeitgenosse Caesars, in seiner BißA.ioöiiKr|
iaxopiKi] (bihliotheke historike, II, 31,9) illustrieren mag. Voll Verwun-
derung registrierte er, daß die Chaldäer schon 473 000 Jahre vor Ale-
xander dem Großen «Beobachtungen über die Erscheinungen des Welt-
alls» angestellt hätten. 16 Für ein letztes, alles verschlingendes Weltende
blieb da keine Zeit, wohl aber für wiederkehrende Reinigungsfeuer.
Zyklische Vorstellungen dominierten fortan unter griechischen Philo-
sophen, gelenkt von göttlicher Vorsehung, Pronoia. Hesiod sah ein
goldenes, silbernes, ehernes und eisernes Zeitalter einander folgen.
Danach erschien alles offen. Heraklit (um 500 BCE) lehnte eine Welt-
schöpfung ab, sah wohl aber ein ständiges Werden und Vergehen im
Feuer (Diels fragm. 30-1).
Erst Piaton widersetzte sich. Er referierte zwar in seinem Dialog
«Timaios», der als einziger, weil auf Latein übersetzt, dem westlichen
Mittelalter zur Verfügung stehen sollte, ägyptische Priestererzählun-
gen über eine regelmäßig wiederkehrende Vernichtung dieser oder
jener Menschengruppen durch Feuer und Wasser, erfuhr auch vom
Apokalyptik und Endzeit 47

Untergang der Insel Atlantis, wollte aber von einem Weltuntergang


nichts wissen. Seine Welt, diese einzige Welt, die alle kannten, war von
einem Demiurgen erschaffen und zwar für alle Ewigkeit aus Feuer und
Erde, dazu in der Mitte aus Wasser und Luft, beseelt, ein lebendiges
Wesen, zwar dem Wandel unterworfen, doch mit ewig währender
Zeit beschenkt, ein bewegtes Abbild des Ewigen. 17
Die Stoa, die mit manchen ihrer Lehren auf das frühe Christentum
einwirken sollte, schloß sich eher dem Heraklit an; sie kannte wieder-
holte Lintergänge, ohne in ihnen eine allverbindliche Doktrin zu se-
hen. So gab es Differenzen unter den Stoikern. Chrysippos von Soloi
im 3.Jahrhundert BCE habe etwa in Anlehnung an die Planeten-
bahnen die ewige Wiederkehr des Gleichen (apokatästasis) gelehrt.
Sokrates und Piaton werden ivieder sein, und jedermann mit seinen
Freunden und Mitbürgern, er wird dasselbe leiden und dasselbe tun.
Jede Stadt und jedes Dorf und Feld wird wieder erstehen.l8 Nach je-
dem Zyklus werde ein Weltbrand (¿KTtüpcooic;) das Frühere vernichten
und den Weg zur Wiederkehr freigeben - eine schreckliche Vision für
alle, die im Elend lebten. Auch der heilige Augustinus wußte von die-
ser Narretei, schob sie allerdings Piaton unter (Civ: Dei XII, 14). Fried-
rich Nietzsche wird sie erneuern. Einen definitiven Untergang wie
dann im Christentum kannten die Stoiker freilich nicht. Poseidonios
(gest. 51 BCE) hob trotz rhythmischer Untergänge die Erhaltung
(acoTqpia) der Welt durch göttliche Fürsorge (Ttpovoia) hervor. Auch
Philo von Alexandria, hellenisierter Jude, Stoiker und Zeitgenosse
Jesu, ließ in seiner Schrift Über die Unvergänglichkeit der Welt diese
mit Aristoteles weder untergehen noch erschaffen sein, erklärte sogar
die Gattung Mensch für ewig. Boethos von Sidon (z.Jh. BCE) oder
Panaitios von Rhodos (z.Jh. BCE) lehnten die Vorstellung vom Welt-
brand generell ab oder bezweifelten sie doch. 19
Der Römer Cicero referierte, was er von Stoikern in Erfahrung ge-
bracht hatte und für die Nachwelt rettete, darunter eben die These
vom wiederkehrenden Weltbrand. Wärme und Feuer seien der Welt
immanent, seien Zeugungskraft und Zeugungsgrund, aus dem alles
Lebendige hervorgehen muß. So ist kein Untergang von Dauer. Wenn
die Welt zuletzt verbrenne, wenn das Wasser völlig verdunstet sei und
48 Glauben und Verkiindjing

nichts mehr «nähren» könne, und wenn nichts außer Feuer sei, dann
erfolge durch das Feuer, Lebensspender und Gottheit, die Erneuerung
der Welt und ersteht die gleiche Schönheit.2-0 Cicero ließ einen Skep-
tiker (einen ihm Geistverwandten) dagegenhalten: Wie könne das
Feuer ewig sein, da es doch selbst Nahrung brauche. Ob nun das ab-
schließende Urteil des Redners und Philosophen Cicero zugunsten der
Stoa (111,95) auch diese Ablehnung entkräftete, oder ob er die Ekpyro-
sis, die wiederholten Untergänge und Renovationen durch das Feuer,
doch akzeptierte, ist nicht mehr zu erkennen.
Ein Seelengericht war den antiken Griechen fremd. Ihre Vorstellung
vom Tod war ein Verblassen des Lebens; sie kannten den Fährmann
Charon, der gegen geringes Entgelt die Toten über den Fluß des Ver-
gessens, die Styx oder den Acheron, ins Reich der abgeschiedenen
Schatten, den Hades, übersetzte. Nur Piaton kannte eine Reinigung
der Seele und eine Wiedergeburt. Die griechische Prognostik indessen
galt mit Opfern bis zum Menschenopfer, mit Opferschau und seit hel-
lenistischer Zeit mit der Astrologie dem Leben und dessen Nöten.
Erst das Volk der Bibel, aus Israel und Juda vereint, von vielfältigen
Einflüssen der Umwelt geformt, von Ägypten und Assyrien, von Noma-
denvölkern Arabiens und dem fernen Iran, stieß in bislang verborgene
Bereiche des Jenseits vor. Seine Eliten entwarfen lange vor Piaton eigene
Schöpfungsberichte, wie es sie bisher nirgends gab, und eigene Zu-
kunftsvisionen. Sie griffen dazu Impulse aus der Fremde auf, ergänz-
ten sie um eine Fülle eigener historischer Erfahrungen, eigener Reli-
giosität und praktizierter Prognostik und schufen damit Neues. Viel
von Ägypten und Babylon sah sich bewahrt, vielleicht gerade auch
Momente des Totengerichts, das der Einzelseele galt. Die Schöpfung
aber forderte nun, anders als bei Piaton, als (logischen) Gegenpol ihre
von Gott bestimmte Erfüllung, ein endgültiges Ziel. Zweifel am Schöp-
fungsbericht, wie sie mit den Jahrhunderten aufkamen, machten dann
vor den Erwartungen eines irgendwie gearteten Endes nicht Halt.
Die jüdische Apokalyptik setzte tatsächlich in der Fremde, während
der Babylonischen Verbannung, mit dem sogenannten Deutero-Jesaja
(Jes 40-55) seit dem späten 6. Jahrhundert BCF. ein und empfing da-
mals maßgebliche Prägung. 11 Älter sollen «Zefanias» Ankündigung des
Apokalyptik und Endzeit 49

Gerichts und sein Wehruf über Jerusalem sein. Doch das Propheten-
buch ist kein Werk aus einem Guß, die Datierung des ganzen und ein-
zelner Verse ist umstritten (vorexilisch oder jünger). Nicht wenige
Autoren setzen die Prophetie in die Exilszeit und datieren einzelne
Stücke sogar noch später. 11 Wie auch immer, die Notzeit fremder
Herrschaft über das Volk radikalisierte die Apokalyptik. 13
Bei Zefania erklang erstmals die Sorge vor «jenem Tag», «dem Tag
des Herrn», Dies irae, dies illa (Zef 1,15), die dann im 13. Jahrhundert
in die christliche Hymnik Eingang fand. Die hier relevanten Prophe-
ten-Verse dürften freilich zu den jüngeren Textteilen zu rechnen sein: 14
in igne zeli eins (sc. Dei) devorabitur omnis terra, quia consummatio-
nem cum festinatione faciet cunctis babitantibus terram (Zef i , i 8 b - c )
und in igne enim zeli mci devorabitur omnis terra (3,8d). Im Feuer des
göttlichen Zorns wird das gantze Land verschlungen: So übersetzte
Luther und verdeutlichte damit, daß das Prophetenbuch keineswegs
die Vernichtung der Erde ankündigte, vielmehr die Gottlosen warnte,
während Gott die Seinen aus der Gewalt ihrer Feinde befreien wird:
«Fürchte dich nicht, Sion! Denn der Herr, dein Gott, ist bei dir; er
wird dich retten»; «er wird euch Lob und Ehre in allen Landen, unter
allen Völckern auff Erden geben (3,16 und 19-20). Jenes Vernich-
tungsfeuer ist - wie immer es ursprünglich intendiert gewesen sein
mochte - im Verständnis des Endredaktors Zefania «regional», als
Strafe, nicht kosmisch, als Weltuntergangsdrohung, zu deuten. Erst
Christen erkannten in den Zefania-Versen das definitive Untergangs-
feuer der Erde;1-5 mittelalterliche Exegeten, etwa Thomas von Celano
mit seinem Hymnus Dies irae, dies illa, ließen tatsächlich die Welt auf
ewig im Feuer untergehen: solvit saeclum in favilla.
Jahwe griff als Herr der Geschichte in das Leben seines Volkes ein.
Zumal die Geschichtstypologie von vier einander folgenden Reichen,
eines vorbildlichen goldenen, eines silbernen, eines ehernen und eines
tönernen, verdeutlichte dies. Sie war aus dem Zweistromland entlehnt
und sollte auf Jahrhunderte, bis weit in die christliche Neuzeit hinein,
wirksam bleiben. Sie war dem zoroastrischen Iran vertraut, findet sich
bei Hesiod und in den Prophetenbüchern der Bibel. Doch dann radi-
kalisierte der hebräische Daniel (9,27; wohl vor 164 BCE) die Lehre
50 Glauben und Verkiindjing

und verhieß Gräuel der Verwüstung, bis das Verderben, welches be-
schlossen ist, sich über die Verwüstung ergießen wird. Demütigende
Erfahrungen und Anspruch des erwählten Volkes wiesen neue Wege,
freilich nicht in den Weltuntergang, sondern zum Heil, zum Königtum
des Messias. «Die apokalyptische Belehrung über das nahe Ende der
Geschichte ist in Dan 9 nichts anderes als eine Ausdeutung der Exils-
zeit.»2-6 Zeiten, Tage, wurden verheißen (etwa Dan 12., 1 1 ) , wann es so
weit sei, Symbole, die Jenseitiges ins Diesseits holten. Sie werden noch
dem christlichen Mittelalter Anhaltspunkte zu eschatologischen Be-
rechnungen liefern.
Der jüngere aramäische Daniel (Dan 2-7) setzte gleichfalls mit dem
Exil ein. Er kannte den Traum von der zusammengesetzten Gestalt
und der Deutung als Abfolge von vier Weltreichen; vielleicht, so wird
erwogen, hatten griechische Zwischenträger sie ihm zukommen las-
sen.27 Der Prophet deutete nun für Nebukadnezar (II.), den Eroberer
Jerusalems, die Schrecken einflößende Figur aus goldenem Haupt,
silberner Brust, ehernem Bauch, eisernen Schenkeln und Füßen aus
einem brüchigen Eisen-Ton-Gemisch, die ein anrollender Stein, der
zur ganzen Welt wurde, zermalmte wie Spreu auf der Sommertenne,
die der Wind veriveht (Dan 2,35). Daniel erklärte das Gesicht zum
Vorzeichen künftiger Reiche und deren endgültigen Untergangs, dem
die ewige Königszeit Israels aber entgehen werde (Dan 2).
Ein Weltuntergang in strengem Sinn war auch das nicht. Der Stein,
der die ganze Welt bedeutete, zertrümmerte die heidnischen Weltrei-
che, nicht die Welt; er selbst wurde nicht zermalmt. In Gestalt der vier
Tiere (Dan 7) erschien die Lehre noch einmal. Beide Bilder werden das
christliche Geschichtsdenken bis tief in die Neuzeit hinein beherr-
schen. Doch mit ihm sollte sich der Sinn ändern, da in christlicher
Deutung mit dem Ende des letzten Weltreichs, des christlich geworde-
nen römischen Imperiums, das Weltende heraufzog.
Erst mit dem Daniel-Buch zog Rhetorik des Untergangs in die Ge-
schichte ein; bis heute verharrt sie - ermöglicht durch eine Befristung
der Weltzeit auf 6000 (oder 7000) Jahre - in ihr. Apokalyptische Dro-
hungen leiteten die Visionen des Neuen Jerusalems ein.28 Diese Pro-
gnosen besaßen keineswegs bloß endzeitliche Natur. Sie konnten be-
Apokalyptik und Endzeit 51

fristete Strafaktionen Gottes ankündigen (etwa Ezechiel 33,2.5-33)


oder eben Gräuel der Verwüstung (abominatio desolutionis: Dan 9,27;
1 2 , 1 1 ) verheißen. Das war, noch einmal sei es betont, keine Ankündi-
gung des Weltuntergangs, die da warnen sollte, auch wenn Christen es
später so auslegen mochten. Es war Heilsweisung für das Volk Gottes,
Strafe für seine Feinde.
Die Propheten mahnten dazu nicht nur jeden einzelnen, sondern
das gesamte Volk, um die Wege des Heils zu erneuern. Damit zog ein
bislang noch nie vernommener Ton in das Weltgeschehen ein. Vielerlei
Zeichen göttlichen Zorns, aber auch göttlichen Trostes wußten die
Seher zu benennen, Zeichen für das Kommen des Messias und jenes
Tages, jenes schrecklichen des Gerichts, der die Feinde Israels vernich-
ten, das Volk Gottes aber mit der Errichtung der Königsherrschaft des
Messias hier auf Erden erhöhen werde. Tatsächlich wurde ein uner-
meßlicher Sieg verhießen, ein Triumph Jahwes über die bislang sieg-
reichen Feinde seines besiegten Volkes. Sie wurden vernichtet, zwar
erst in grauer Zukunft, aber vernichtet, ausgelöscht.
Es wird kommen der beilige Herrseber, der das Zepter über die ganze
Erde innehaben wird in alle Eivigkeiten der dahineilenden Zeit. Und
dann (wird) unerbittlicher Zorn über die latinischen Männer (kom-
men); drei werden Rom in jammervollem Geschick zugrunde richten.
Alle Menschen werden in den eigenen Häusern umkommen, wenn
dann vom Himmel ein feuriger Gießbach herabströmt (49-54). Zu-
letzt das Gericht des großen Gottes über die Böden und Gottlosen und
das Heil für die Gottesfürchtigen im Umland um den Tempel herum:
Die allesgebärende Erde wird den Sterblichen geben die beste und un-
ermeßliche Frucht von Korn, Wein und Öl, aber vom Himmel herab
lieblichen Trank süßen Honigs (744-6). Kein Weltuntergang also, son-
dern Herrschaft des Gottesvolkes über die von den Gottlosen gerei-
nigte Erde. So sprach in vorchristlicher Zeit das Orakel der Sibylle. 19
Ganz entsprechend verkündete es noch vergleichsweise spät das
äthiopische Henoch-Buch. Seine ältesten Teile werden zwar ins 3. Jahr-
hundert BCE verwiesen, aber die hier relevanten Stücke (die «Bilder-
reden») erst in das Jahrhundert nach der Zeitwende. Sie schauten das
sa
Heil der Gerechten auf der segensreich verwandelten Erde (11,45), "
52 Glauben und Verkiindjing

hen die Vertreibung der Sünder «von der Oberfläche der Erde» (11,38),
verhießen, daß sie brennen werden «wie Stroh im Feuer» und ver-
sinken «wie Blei im Wasser» (11,48). Untergang der Erde verkündete
dieser Apokalyptiker noch immer nicht.
Freiheit und Frieden winkten nicht. Trotz der Erneuerung des Tem-
pels, trotz der hoffnungsvollen Kämpfe der Makkabäerbrüder gegen
die Seleukidenherrschaft bedrückte bald neue, römische Fremdherr-
schaft das Volk und vermochte die Tempelpriesterschaft auf Dauer kein
religiöses Deutungsmonopol durchzusetzen. So drifteten religiöse Le-
bensformen, Gebotsbeachtung und eschatologische Erwartungen aus-
einander. In den Reihen der Essener des späten z. und 1. Jahrhunderts
vor unserer Zeit und zumal jener Qumrän-Gruppe, deren Schriften
erhalten sind, finden sich wiederholt Endzeiterwartungen angespro-
chen, wenn auch kein Weltuntergang.-'0 Hier herrschte eine höhere
eschatologische Intensität als unter Pharisäern und zumal unter der
Tempelpriesterschaft, obwohl auch diesen die apokalyptische Bot-
schaft nicht fremd war. 31 Zuvor unbeachtete Auferstehungshoffnun-
gen verbreiteten sich, wie das Henoch-Buch (II,51) bezeugt. Sie be-
saßen ihre Wurzeln im zoroastrischen Glauben Irans und sollten noch
auf die Lehren des Jesus von Nazareth einwirken.32-
Die Bedrückung durch die Römer weckte neue Messias-Hoffnun-
gen. Die Erwartungen radikalisierten sich. Politische Revolutionäre
traten hervor. Sie hatten alles andere als Weltuntergang im Sinn. Mes-
sianische Königsherrschaft galt es zu errichten. Unruhen erfaßten das
Land und endeten fürs erste mit dem Jüdischen Krieg, der mit dem
Untergang Masadas und in der Selbsttötung seiner Verteidiger, ihrem
«ruhmvollen Tod» als freie Menschen, endete (74 CE). Auch Jesu Ein-
zug in Jerusalem konnte politisch gedeutet werden. 33 Dem Sanhedrin
schien Zurückhaltung angemessen zu sein. Er hielt es angesichts realer
römischer Gewaltherrschaft für wenig ratsam, ein eschatologisch-mes-
sianisches Königtum zu propagieren; Jesus, «der König der Juden»,
wurde ein Opfer dieser Haltung, obgleich damals wie wohl auch im
folgenden Jahrhundert eine scharfe Abgrenzung der Judenchristen,
zumal in Palästina, von den verschiedenen jüdischen Gruppierungen
noch kaum erfolgt war. 34
Apokalyptik und Endzeit 53

Später, nachdem der Kaiser Titus den «Zweiten Tempel» im Jahre


70 CE zerstört hatte und an seiner Stelle einen Jupitertempel errichten
ließ, nachdem im folgenden Jahrhundert der große Bar-Kokhba-Auf-
stand gegen die römische Herrschaft zusammengebrochen war, dessen
Protagonisten durchaus noch apokalyptisch-endzeitliches Messias-
königtum realisieren zu können glaubten 35 , da sah sich die Botschaft
vom Gottesreich noch weiter zurückgesetzt. Die Hoffnungen des Volkes
zwischen den Kriegen brachte etwa der im Traum schauende Autor
des vierten Buches Esra um das Jahr 100 CE zum Ausdruck, 36 als er
Zion verwüstet sab (4Esr 3,2), doch die Verheißung vernahm: Der Aon
eilt mit Macht zu Ende (4Esr 4,26), und endlich die bange Frage wagte:
Wie lange noch? Wann soll es geschehenf (4Esr 4,33). Not und Drang-
sal und andere Zeichen (4Esr 5 oder 6,18-24) für das bevorstehende
Nahen des Endes (z.B. 4Esr 5,55) wurden dem Träumer verkündet,
wie sie damals und später auch unter Christen kursierten. Da schaute
ich... meine Erde, siehe, sie war in Gefahr (4Esr 9,20). Das Ende der
Welt war gewiß (4ES1- 6.25 oder 7,33), wie es erfolgen sollte, wurde in-
dessen nicht ausgeführt. Der Tag des Gerichts aber ist das Ende dieser
Welt und der Anfang der kommenden ewigen Welt (4Esr 7,113).
Chaos und Vernichtung der Feinde des Gottesvolkes wurden nach
den beiden militärischen Katastrophen nur selten zur Sprache ge-
bracht, wenn auch nicht völlig vergessen. Die Rabbinen des 1./2. Jahr-
hunderts CE 3 7 und die Talmud-Gelehrten in Babylon und in Jerusalem
des 3. und 6. Jahrhunderts CE vertieften - vielleicht in Abgrenzung
von dem eschatologischen Erwartungsglauben der Christen - den
Endzeitglauben nicht weiter und erläuterten ihn allenfalls noch knapp.
Die «Apokalypse des Abraham», die bald nach dem Jahr 70 CE ent-
stand, endete mit einem Weltgericht, das die Erhöhung Israels und die
Demütigung und Vernichtung Ägyptens, seiner Feinde, bringen werde.
Von der Erde und ihrem Untergang war keine Rede. Die Apokalypse
des Baruch verwies immerhin auf sie, aber eher kursorisch, während
sie ausführlicher bei dem neuen Zion verweilte. 38 Soll denn das Welt-
gebäude zum Anfang wiederkehren ? Soll wohl die Welt dem Schwei-
gen des Urbeginns nochmals verfallen? [...] Soll von der menschlichen
Natur nicht mehr die Rede sein? (3,7-8). So Baruchs Klage.
54 Glauben und Verkiindjing

Im aschkenasischen und sefardischen Judentum divergierte die Ent-


wicklung. Nur die Gewißheit blieb, daß der Messias kommen werde,
wenn die Not seines Volkes am größten ist, in den Geburtswehen des
Messias (Sanhedrin 98b).39 In den Erzählungen des Midrasch ist wie-
derholt von der Geburt des Messias die Rede, doch seine Gegenwart
ist auf Jahrhunderte verborgen. 40 Er (der Messias) sagte zu mir: Heute
komme ich! Aber er ist nicht gekommen. Er (der Prophet Elia) sagte
zu mir: Dies wollte er dir damit sagen: Heute - wenn ihr auf seine
Stimme hört.4I Solche Ankunft war ein Fest der Seele. Die jüdische
Mystik der Epoche versenkte sich in den Aufstieg der reinen Seele zur
Gottesschau und in die Gefahren für die unvorbereitete Seele. 41
Immer wieder während des Mittelalters und später stiegen in der
Judenschaft der Diaspora Messias-Erwartungen auf. So etwa 700
oder 1000 Jahre nach der Zerstörung des Tempels (mithin um 768/69
und um 1068/70 CE); auch das Jahr 5000 AM nach jüdischer Kalku-
lation (1240 CE) weckte entsprechende Hoffnungen. 45 Manche glaub-
ten, den Messias durch Selbstopferung und Martyrium geradezu her-
beizwingen zu können. Wiederholt trat in den Jahrtausenden nach der
Zeitwende während schlimmer Notzeiten ein angeblicher Messias in
Erscheinung44 oder wurde sein Kommen als unmittelbar bevorstehend
angekündigt, ohne daß dieser Auftritt von drohender Untergangs-
erwartung begleitet gewesen wäre.
So geschah es vielleicht während des Ersten Kreuzzugs am Ende des
1 1 . Jahrhunderts 45 und während der Vertreibung der Juden aus Spa-
nien im Jahr 1492. Am bekanntesten ist wohl der Kabbaiist Sabbatai
Zwi aus dem kleinasiatischen Smyrna (1626-76), 4 0 der nach blutigen
Pogromen im Osten Europas, in Polen und der Ukraine, durch seinen
Propheten Nathan von Gaza unter Zuhilfenahme gnostischer Gedan-
ken in messianischer Rolle hervortrat und eine religiöse Massenbewe-
gung auslöste, «die wie ein Taumel alle Teile der Diaspora ergriff»,
soweit sie durch die Kabbala dafür eingestimmt war. 47 Nathan kann
als «der Johannes und der Paulus des neuen Messianismus in einem»
verstanden werden. Die Sabbatianer hielten die Zeit der Erlösung für
gekommen, brachen, wie es für diese prophezeit war, die religiösen
Gebote und rüsteten zum Zug nach Jerusalem.
Vom «Tag des Herrn» zum Weltlintergang 55

Zurück zur Antike: Die weltbeherrschenden Römer verzichteten


auf jede eigene Eschatologie; sie stützten sich vorzugsweise auf grie-
chische Gelehrsamkeit, besonders gerne, wie Cicero zeigt, auf die
Stoa. Ihr Geschichtsbild kannte ebensowenig wie jenes der Griechen -
zumindest auf der glanzvollen Höhe der augusteischen Epoche - ein
Jüngstes Gericht oder einen letzten, dauerhaften Weltuntergang. Ver-
gil, der Dichter ihres «Nationalepos», der Aeneis, verkündete den
stolzen Glauben: Den Römern setzte ich (es spricht Jupiter, der
höchste Gott, zu Venus, seiner geliebten Tochter und Schutzgöttin
Roms) weder ein Ende noch Fristen ihrer Taten: Herrschaft ohne
Ende gab ich ihnen - His ego nee metas rerum nec tempora pono. /
Imperium sine fine dedi (1,278-9). 48 Über ein Ende nachzusinnen, ver-
boten Kult und Stolz und Tatendurst.
Römische Auguren pflegten aber seit alters eine vorwissenschaft-
lich-mantische Astrologie, die nun mit Augustus und dem Prinzipat
nach griechischem Vorbild wissenschaftlich-astronomisch wurde; 49
noch Konstantin der Große, der Kaiser, der sich taufen ließ, wird sich
an den Sternen orientieren, um seine Ziele zu erreichen.50 Die frühen
Christen lehnten, da mit der Allmacht Gottes nicht in Übereinstim-
mung zu bringen, die Astrologie freilich ab, im griechischsprachigen
Osten weniger entschieden als im lateinischen Westen; erst seit dem
1 1 . Jahrhundert hielt sie hier neuerlichen Einzug. Dann wird sie sich
auch eschatologischen Fragen zuwenden.

Vom «Tag des Herrn» zum Weltuntergang

Jesus war ein beschnittener Jude, «ein Mann aus dem jüdischen
Volke». Das Christentum entstand als eine jüdische Sekte,51 die - inmit-
ten gesetzesgläubiger Kultpraxis, von Pharisäern, Sadduzäern, Esse-
nern, von hellenistischer Liberalität und gnostischen Lehren - am
Reichtum jüdischer Kultur und Gottesverehrung und Messiaserwar-
tung partizipierte und derselben neue Lebenswelten erschloß. 5i Seit
wann sich die Christen als Anhänger einer eigenen Religion verstan-
den, ist ungewiß und umstritten. Mit dem sogenannten Apostelkonzil
56 Glauben und Verkiindjing

(wohl 48/49) war ein erster Schritt getan." Auf Drängen des Apostels
Paulus wurde nun die Heidenmission unter Verzicht auf die Beschnei-
dung akzeptiert (Gal 2 , 1 - 1 0 ; Act 15,1-30). Die Christenverfolgungen,
die Juden verschonten, schieden zweifellos beide Gruppen. Doch in
Palästina und vielleicht im gesamten Vorderen Orient dürfte sich der
Differenzierungsprozeß länger hingezogen haben; die Entstehung der
Evangelien und die neutestamentliche Kanonbildung brachten weitere
trennende Momente zur Geltung. 54
Bis zur Stunde aber ist die Bibel das «Alte Testament» der Christen.
So waren sie auch die Erben der jüdischen Apokalyptik, die sie freilich
unter dem Einfluß ihres Glaubens von Jesus als dem Christus und un-
ter dem Eindruck der Zeitereignisse fortbildeten, ja, radikalisierten. 55
Biblische Prognostik und die Propheten boten dafür entscheidende
Weisungen und Muster, obgleich mit der Zeit, als mehr und mehr
«Heiden» sich zu Jesus Christus bekannten, immer seltener die Ge-
nese dieser Endzeitbotschaft reflektiert wurde und die Christen eigene
Wege gingen.
Die Vorgaben vermittelten in der Tat eschatologische Muster, die
für die christliche Apokalyptik wegweisend werden sollten. Gott
sprach mit seinen Geschöpfen über Zeichen: Ich will meinen Geist
ausgießen über alles Fleisch, und eure Söhne und Töchter sollen weis-
sagen; eure Altesten sollen Träume haben; und eure Jünglinge sollen
Gesichte sehen. [...] Und ich will Wunderzeichen geben am Himmel
und auf Erden: Blut, Feuer und Rauchdampf. Die Sonne soll in Fin-
sternis und der Mond in Blut verwandelt werden, ehe denn der große
und schreckliche Tag des Herrn kommt. Und es soll geschehen: Wer
den Namen des Herrn anrufen wird, der soll gerettet werden. Denn
auf dem Berge Zion und zu Jerusalem wird eine Errettung sein (Joel

Dieser Prophetenspruch, dessen Datierung zwischen der Vorexils-


zeit und der Nachexilszeit schwankt, verdeutlicht die Struktur der
Endzeitprognostik. Sieben Elemente treten hervor: i . G o t t verheißt
den «schrecklichen Tag», den Untergang und die demselben vorausge-
henden Schrecken. 2. Ein «Seher», instruiert durch Träume, Gesichte
und Imaginationen, durch Stimmen und andere Inspirationen, ver-
Vom «Tag des Herrn» zum Weltlintergang 57

kündet Gottes Willen. 3. Wunderzeichen am Himmel, auf Erden und


unter den Menschen, zumal kosmische Zeichen von Sonne, Mond,
Sternen und Kometen, gehen dem Verheißenen eine unbestimmte Zeit
voraus. 4. Dann die Drohung: «Es kommt der Tag des Herrn, der
schreckliche». 5. Dieser bringt das Gericht, erwähnt seinen Ort und
verkündet den Untergang der Gottesfeinde, der sich in christlicher
Deutung je auf Menschen, Erde und Kosmos einzeln oder auf sie ge-
meinsam bezieht. 6. Abgemildert wird die angekündigte Gefahr mit
der Verheißung einer Heilshoffnung durch die Unterwerfung unter
Gottes Gebot, durch die Vision des Neuen Jerusalems. Noch ist die
Ankunft des Messias oder gar die Epiphanie der Gottheit selbst nicht
mit dieser Untergangsvision verknüpft; das wird erst in christlicher
Zeit erfolgen. 7. Der Heilshoffnung entspricht auf der Gegenseite die
Verdammung der Verstockten und Sünder. Das Tal Josaphat, der Aus-
legung nach das Kidron-Tal östlich von Jerusalem, noch heute übersät
mit antiken Gräbern, wurde übrigens auch für die Christen der Ort
der Auferstehung und des Gerichts.
Das Grundmuster wird sich über zwei Jahrtausende halten. Immer
wieder findet es sich vollständig oder mit Einzelmotiven in der Bibel
und unter Exegeten. Jüdische Propheten und christliche Deuter stimm-
ten darin überein. Habakuk etwa sah die Götzenanbeter für immer
verworfen: Was die Völker gearbeitet haben, muß mit Feuer verbren-
nen, und daran die Leute müde geworden sind, das muß verloren sein
(2,13). Weh dem, der zum Holz spricht: Wache auf! Und zum stum-
men Stein: Stehe auf! (2,19). Der Habakuk-Interpret aus Qumrän (um
50 BCE) erklärte: «Dies betrifft alle Völker, die Steine und Holz ver-
ehren. Doch am Tag des Gerichts wird Gott alle Götzendiener und
Verdammten von der Erde tilgen».56 Der «große Tag» aber überließ
die Erde sich selbst, soweit er sie für die Geretteten nicht in einen
neuen Garten Eden verwandelte.
Oder Zefania: Des Herrn großer Tag ist nahe; er ist nahe und eilt
sehr (1,14). Dieser Tag ist ein Tag des Grimmes, ein Tag der Trübsal
und Angst, ein Tag des Wetters und Ungestüms, ein Tag der Finsternis
und des Dunkels, ein Tag der Wolken und Nebel, ein Tag der Posaune
und Drommete wider die festen Städte und hohen Schlösser (1,15-6).
58 Glauben und Verkiindjing

Dann: Siehe, es kommt der Tag, der brennen wird ivie ein Schmelz-
ofen. Da werden sie alle, die Hochmütigen und Gottlosen, Stroh sein.
Und der Tag, der kommen soll, wird sie, so spricht der Herr Zebaoth,
in Flammen setzen und weder Wurzel noch Samen verschonen. Euch
aber, die ihr meinen Namen fürchtet, ivird die Sonne der Gerechtig-
keit scheinen. So heißt es bei Maleachi (3,19-20). Brennen werden die
Feinde Gottes und seines Volkes, nicht etwa die Erde. Das wird in
christlicher Deutung bald anders. Denn für sie erfaßt der Brand diese
Erde selbst.
Von Jesus-57 indessen gibt es manches eschatologische Logion, frei-
lich keinen ihm zweifelsfrei zugewiesenen Spruch zum Weltunter-
gang, keinen explizit zum «Jüngsten Gericht»; vom «großen Tag des
Herrn» schwieg er, soweit erkennbar. 58 Darauf abhebende Äußerun-
gen in den Evangelien - Himmel und Erde werden vergehen (schon
-
Mcn *21,33) könnten oder dürften spätere Hinzufügungen sein.
Jesus predigte Wachsamkeit in der Gegenwart, im «Heute», in dem
sich Heil und Gericht erfüllten. Er sprach zumeist in Gleichnissen, im
Blick auf die Königsherrschaft Gottes oder in Seligpreisungen, und die
Seinen verstanden den apokalyptisch-eschatologischen Sinn seiner
Worte. Mit ihnen erwies er sich zugleich als Lehrer strenger, zugleich
liebender Ethik. 59
Vielleicht (es ist umstritten) bezog Jesus die Prophetie des schon von
Daniel (7) angekündigten «Menschensohnes» auf sich, der als schlich-
ter Mensch zu deuten war oder als eine pneumatische Gestalt, die mit
dem «Messias» gleichgesetzt wurde oder werden konnte und in der
Endzeit «in den Wolken» erscheinen sollte, und die auch als Welten-
richter auftreten konnte. Frühe Christen jedenfalls glaubten Derartiges
(vgl. Mc 13,26 und 14,62). 60 Doch kursierten, wie gesagt, unter-
schiedliche Deutungen. Der Messias konnte als Mensch, als Befreier
und politischer Akteur hervortreten oder als vorweltliche Gestalt oder
Macht wie etwa der Menschensohn im Henoch-Buch/ ,T Jesu eigenes
Verständnis entzieht sich der historischen Einsicht. Eine Selbstdeu-
tung Jesu als Messias kann nur durch den urchristlichen Gemeinde-
glauben erschlossen werden. Seine Göttlichkeit als zweite Person der
Trinität wurde erst spät in der Folge und Not der Parusieverzöge-
Vom «Tag des Herrn» zum Weltlintergang 59

rung 61 und unter hellenistischem Einfluß durch die Dogmatik der frü-
hen Kirche seit dem 4. Jahrhundert festgeschrieben; sie verließ endgül-
tig die frühe jüdische Tradition des «Gottessohnes» (vgl. Ps. 2,7) und
wurde keineswegs von allen christlichen Gruppierungen in der Spät-
antike akzeptiert.63
Die divergierenden Entwicklungen wirkten sich unmittelbar auf die
christliche Eschatologie und den Untergangsglauben aus. Sie drifteten
auseinander, konnten mitunter aber dennoch wechselseitig Einfluß
aufeinander nehmen. Die mittelalterlichen orthodoxen und katho-
lischen Theologen waren sich der Identität von Menschensohn und
Jesus Christus sicher. In solcher Annahme lag die Gewißheit seiner
Wiederkehr zum Gericht, zur Erlösung der Seinen, der Vernichtung
der Feinde und zum Beginn eines neuen Äons. Mit seinem Kommen
erwarteten die «rechtgläubigen» Urchristen und ihre späteren Exege-
ten in apokalyptischer Tradition den Beginn des Gerichts, den verhei-
ßenen Umsturz und Neubeginn in Seligkeit oder Verdammnis. Vom
Untergang der Welt handelten die frühesten Prophetien freilich nicht;
derselbe zog erst später in die jüdische und christliche Eschatologie
ein, während die alte apokalyptische Tradition für das Judentum in
seiner Bedeutung zurücktrat.
Der Apostel Paulus, einstmals ein Pharisäer und römischer Bür-
ger,6'4 verharrte - durch seinen Christus-Glauben geleitet - nicht ein-
fach in den überkommenen eschatologischen Traditionen seiner jüdi-
schen Umwelt, die ihm durchaus vertraut waren. Er deutete sie vom
Heilsgeschehen her neu; die Eschatologie wurde für den Apostel da-
mit zum festen Grund seiner Glaubensbotschaft. Manches scheint an
das «Ende der Zeit» in den Schriften der Qumrän-Gemeinde zu er-
innern.65 Fortan aber trennten sich die Christen von ihren jüdischen
Wurzeln. Paulus, der den Fall des Tempels nicht mehr erlebt hatte,
sprach von der baldigen Ankunft des Messias, nämlich der in Kürze
zu erwartenden Wiederkehr des Auferstandenen, von der Auferwe-
ckung der Toten und der Entrückung der Lebenden in Wolken und
vom Tag des Herrn (iThess 4,16-5,3; vgl. Rom 1 3 , 1 1 - 4 ) . Diese Bot-
schaft blieb noch frei von destruktiven Erwartungen. «Die Gestalt
( o x n ^ ) dieser Welt geht vorüber», praeterit figura huius mundi
60 Glauben und Verkiindjing

(iCor 7,31). Wie das und mit welchem Ergebnis es erfolgen sollte,
führte Paulus nicht aus. Er wußte, daß zu lins das Ende der Zeiten
gekommen ist (XOC TEA.1] TOÖV aicovcov KaTr|vxr|K£v, fines saeculonim
66
devenernnt, i C o r 10,11). Aber dessen Folgen für die Erde wurden
nicht reflektiert. Der Apostel verkündete nur die Gewißheit, daß Jesus
uns aus dem kommenden Zorn erretten wird (iThess 1,10).
Der Schock der Zerstörung der Stadt Jerusalem und des Tempels
änderte alles. Noch eben hatte der Jüdische Krieg Hoffnungen ge-
weckt; Münzen kursierten, die ein «Heiliges Jerusalem», andere, die
«Freiheit» verkündeten, noch andere, die, als im vierten Kriegsjahr
die Lage bedrohlicher wurde, «Erlösung» erhofften. 67 Doch der Feu-
erschein, die Rauch- und Staubwolken, die von den Trümmern auf-
stiegen, und die Vertreibung seiner Bewohner, trennten für immer die
biblische Vergangenheit von der Zukunft, verdüsterten auch die apo-
kalyptischen Visionen des Pseudo-Esra oder des Pseudo-Barueh, der
Evangelien, des zweiten Thessalonicher-, des zweiten Petrusbriefes
oder der frühchristlichen Apokalypsen. 68 Gewiß, der Bar-Kokhba-
Aufstand ( 1 3 2 - 3 5 CE) weckte noch einmal Hoffnungen. Die Münzen
gemahnten nun mit der Fassade des zerstörten Tempels an dessen Er-
neuerung, verkündeten «Erlösung Israels», «Freiheit für Israel», «Frei-
heit für Jerusalem». 69
Doch auch dieser Aufstand brach zusammen, und die Gemeinden
der jüdischen Diaspora pflegten fortan das Gedächtnis der Zerstörung
und versammelten sich «an dem traurigsten Tag ihres Jahres, dem
neunten Ab, dem Tag der Zerstörung des Tempels, jenem Tag, dem
düster gedächtnisvollen, der ihre Väter heimatlos gemacht und wie
Salz gestreut über die Länder der Erde», wie Stefan Zweig das Ge-
denken nach Vorgaben von Joseph Roth in seiner Novelle Der be-
grabene Leuchter umschrieb, in der imaginierten Geschichte nämlich
der Menora, die der Sieger Titus damals aus Jerusalem nach Rom
verschleppte. Juden war fürderhin - mit Ausnahme am neunten Ab -
verboten, ihre heilige Stadt zu betreten.70 Bot jener Jesus, Sohn des
Ananias, mit seinem dreifachen Wehe über den Tempel und zumal
über die Stadt und das ganze Volk den Christen das unmittelbare Vor-
bild für ihre nun einsetzenden Untergangsprophetien? 71
Vom «Tag des Herrn» zum Weltlintergang 61

Tetradrachme vom Bar-Kokhba-Aufstand 132-13 s (undatiert, doch aus dem


dritten jähr) mit der Erinnerimg an den im Jahr 70 CE zerstörten Tempel von
Jerusalem und der Verheißung seiner Wiedererrichtung. Die Vorderseite zeigt
den Tempel mit Toraschrein und der Inschrift Schim'on (Geburtsname Bar
Kokbbas), die Rückseite ein Lulavbündel (Feststrauß) und Ethrog (Zitrone); die
Inschrift verkündet die Botschaft «für die Freiheit Israels», frühere Prägungen
desselben Typs haben: »Freiheit Israels».

Deutlich tritt der Zusammenhang der Zerstörung des Tempels mit


der Untergangserwartung bei den erwähnten späten jüdischen Apoka-
lyptikern und in dem etwa im Jahr 90 und später entstandenen ersten
Evangelium (Mcn *2.1,5-6 und 20; vgl. weiter Mc 1 3 , 1 - 3 7 ; Lc 2 1 , 2 0 -
36) zu Tage. 72 In der Apostelgeschichte griff Lukas das Gotteswort
auf, das dem Propheten offenbart worden war (Joel 3 , 1 - 5 ) . Dasselbe
war keine Apokalypse, vielmehr zeitentrückte Lehre. Lukas aber (Act
2 , 1 7 - 2 1 ) veränderte ihren Charakter durch eine knappe Erweiterung:
Und es wird sein in den letzten Tagen, spricht Gott: Ich will ausgießen
etc., Kai CUTCCL ev raiq ¿axcczaig qpepaig, AeyEi ö 6eög, et erit in novissi-
niis diebus, dicit Dominus (2,17). Lukas verlieh dem Prophetenspruch
damit einen eschatologischen Sinn und verband mit diesem eine zeit-
liche Bestimmung: in den letzten Tagen, die stillschweigend die Frage
nach der Zukunft aufwirft: Wann wird das sein? Deutlich das Mat-
thäusevangelium, das ein (wohl unechtes) Jesus-Wort überliefert:
«Der Acker ist die Welt.... Die Ernte ist das Ende der Welt (auvreXeia
aicövo<;, consummatio saeculi).... Wie man das Unkraut... mit Feuer
(jtupi, igni) verbrennt, so wird es auch am Ende dieser Welt ergehen»
(Mt 13,39-40). Augustin zitierte es in seiner Civitas Dei {20,5).
62 Glauben und Verkiindjing

Die Präsentation des Schatzes mit dem goldenen Leuchter (Menora)


aus dem Tempel von Jerusalem beim Triumphzug des Kaisers Titus in Rom
nach dem Ende des Jüdischen Kriegs (Rom, Titusbogen).

Fortan erhielten in christlicher Exegese die früheren Vatizinien, wie


immer sie einstmals gemeint waren, einen spezifischen eschatologi-
schen und apokalyptischen Sinn: die Erwartung nämlich der Wieder-
kehr des Gottessohnes, zuvor den Auftritt falscher Christen, «in den
letzten Tagen» das Erscheinen des «Verführers der Welt» (KOoponXavrfq)
als Pseudosohn Gottes (so die Didache), oder zur «letzten Stunde»
(¿axötxr) &pa) der Auftritt des lügnerischen Antichrist, der «Viter und
Sohn leugnet» (so Johannes: i j o h 2 , 1 8 - 2 3 ; i j o h 4,3; 2-Joh 7). Diesen
Verführer erhöhten dann, um der ausbleibenden Parusie zu begegnen,
Irenäus von Lyon und Hippolytos von Rom zur endzeitlichen Gestalt
des Antichrist, der seine Scharen in die mörderische Endschlacht ge-
gen die wahren Gläubigen bei dem geheimnisvollen Ort Armageddon
führe (gemäß Apoc 16',12-16), 7 3 bevor das Endgericht, die jenseitige
Seligkeit der Geretteten, die Höllenstrafen für die Verdammten und
einen dramatischen Untergang der irdischen Welt im Feuer herauffüh-
Christliche Eschatologie 63

ren wird. Jetzt brachte der Tag des Herrn das Ende von Himmel und
Erde (vgl. Mc 1 3 , 3 1 ; Mt 24,35; v gl- ¿Tim 3 , 1 - 6 oder 2Petr 3,7-18).
Die Zerstörungen des Tempels und Jerusalems wurden so zum Urbild
eines endzeitlichen Untergangs im Feuer.

Christliche Eschatologie und der Auftritt des Antichrist

Jesus aus Nazareth war kein einsamer Prediger;74 er trat unter zahl-
reichen, miteinander konkurrierenden Gruppierungen und Sekten zur
Zeit des zweiten Tempels wie etwa der Täufergemeinde (von der er
sich wohl getrennt hatte), den Essenern oder der Gemeinde von Qum-
rän hervor (soweit beide nicht identisch waren). Sie alle predigten
strenge Moral und Lebensführung und verbreiteten apokalyptische
Lehren. 75 Auch Jesus begann als ein eschatologischer Wanderlehrer.76
Was genau er gelehrt hatte, wurde schon in apostolischer Zeit Gegen-
stand heftiger Kontroversen, die sich in den kanonischen Schriften, in
apokryphen Evangelien, in weiterem religiösen Schrifttum und nicht
zuletzt in Polemiken niederschlugen.
Die Zeugnisse kamen zum Teil erst im 20. Jahrhundert aus dem
Wüstensand Ägyptens ans Licht und offenbaren eine Zerklüftung der
christlichen Glaubenswelten, die bis heute nicht überwunden ist. Zu-
mal der Auferstehungsglaube forderte zu unterschiedlichen Auslegun-
gen heraus. Davon ist hier nicht zu handeln. Der reiche Strom vor-
christlicher jüdischer Apokalyptik prägte von Anfang an das sich aus
seiner jüdischen Vergangenheit emanzipierende Christentum. 77 Es
wurde eine auf das Ende, auf Gericht und Untergang hinführende und
mit dessen Verzögerung beschäftigte Religion. Politische Erwartungen
konnten sich leicht der religiösen Prophetie untermischen. Der ange-
kündigte Untergang verlieh aller Lehre das Gewicht der Endgültigkeit.
Jesu Jünger, allen voran Petrus, glaubten - jedenfalls nach der Bot-
schaft der Evangelien -, die Messias-Verheißung sei erfüllt: Du bist
Christus, der Sohn (so Mcn :;'9,2o): Die jüngeren Evangelisten ergänz-
ten: der Sohn des lebendigen Gottes! (Mt 16,16; vgl. Mc 8,29;
Lc 9,20), 78 worauf bei Matthäus die Einsetzungsworte folgen: Du bist
64 Glauben und Verkiindjing

Petrus und auf diesen Felsen will ich meine Kirche gründen. Das
Christentum wurde mit seinen Seligpreisungen (Mt 5,3-12), Warnun-
gen (Mc 13) und Weherufen (Lc 6,24-6) tatsächlich eine eschato-
logisch-endzeitliche Religion: Himmel und Erde werden vergehen.
Das hatte nach der Sicht der Evangelisten der Herr gelehrt (Mcn
es
""21,33; 1 3 , 3 1 ; Mt 24,35); sollte bald, in absehbarer, in histori-
scher Zeit erfolgen. Seine Anhänger erwarteten Christi triumphale
Wiederkehr zum Jüngsten Gericht, seinen kaisergleichen «Einzug» in
sein Reich. Auf ihn lebten sie freudig zu. Dann trennten sich endgültig
Gut und Böse, dann mochte diese Welt vergehen.
Untergangserwartungen prägten von früh an (Mcn * 2 1 , 5 - 3 6 ) und
trotz aller Verunsicherung ob der unbegreiflich verzögerten Parusie
des Herrn die christliche Spiritualität, während sie in der jüdischen
Messiaserwartung mehr oder weniger an Bedeutung verlor. Christ-
liche Paränese mahnte, auf das Ende hinzuleben. Man begann, die
Endzeit als schon mit Christi Geburt und Erlösertod eingetreten zu
begreifen. So standen nur noch Wiederkehr, Gericht und Untergang
zu erwarten, ein endloses Harren. Es verlangte von den Gläubigen,
den Versuchungen dieser Welt zu widerstehen, sie in Geduld zu ver-
kraften. Die paulinische Gegenüberstellung von «Fleisch» {eräpt) und
«Geist» (m'evpa, z. B. Rom 8,1-10) sah sich denn auch in die Theolo-
gie des Gerichts und des Untergangs hineingenommen. Nur der Geist
ist für die Ewigkeit bestimmt, die Materie geht unter und reißt den
«fleischlichen» Menschen mit sich. Anthropologie und Kosmologie
bildeten in solcher Lehre eine sich wechselseitig durchdringende Ein-
heit. Unter den Christen formten sich fortan eine Gesellschaft und
eine endzeitliche Kultur, die nun die irdische Zeit und das Leben «im
Fleisch» zu bewältigen hatten, sie mißachteten, weil sie, die den Un-
tergang ständig vor Augen hatten, ihn nicht oder allenfalls vorüber-
gehend aufhalten konnten oder es nicht wollten und dennoch per-
manent nach Rettung verlangten.
Der verinnerlichte Glaube, die Scheu vor den Geboten und Erfor-
dernissen der Religion, internalisierte die Erwartung des Untergangs,
dem das Gericht vorausgehen sollte. Früheste Fassungen des Eucha-
ristiegebets, etwa in der Didache aus der Zeit kurz vor dem Jahr
Christliche Eschatologie 65

l o o CE, kennen bereits die Bitte: «Es komme die Gnade (x&pig), es
vergehe diese Welt (KÖapog)» (c. 10,6). 79 Fast jeder erhaltene früh-
christliche Text lehrte entsprechende Glaubensgebote, gab endzeit-
liche Lebensregeln und Verhaltensanweisungen. Am «Tag des Herrn»
entschied sich dann alles. Das für bald erwartete Gericht war Endge-
richt und Individualgericht in einem. Erst das Ausbleiben der Parusie
(die sogenannte Parusieverzögerung) nötigte mit der Zeit die Theo-
logen zur Trennung beider: ein Individualgericht nach dem leiblichen
Tod, ein Weltgericht am Ende der Zeiten, ein immer weiter hinaus-
gezögertes Harren und immer aufwendigere Spekulationen. Das Le-
bensgericht aber wird immer Momente des Weltgerichts bewahren.
Der Weltuntergang bot dabei keine defätistische Aussicht; er nötigte
vielmehr zur Selbstprüfung und zu rechtem Tun; er verlieh dem Ge-
richt seinen einzigartigen Ernst. Er war der Stachel Gottes, der zur
Eile trieb. Denn die Zeit für das Heilswerk schmolz dahin.
Aber die Gläubigen wußten dennoch um Not und Schrecken, die
beiden, der Parusie und dem Gericht, vorausgingen und deren Nahen
ankündigten. So war bei aller Hoffnung stets auch Angst präsent. Jesus
selbst hatte sie nach der Lehre der Evangelisten angekündigt: Ihr iver-
det hören Kriege und Geschrei von Kriegen; sehet zu und erschrecket
nicht, f...] Es wird sich empören ein Volk wider das andere und ein
Königreich wider das andere und werden sein Pestilenz und teure Zeit
und Erdbeben hin und ivieder. Da ivird sich allererst die Not an-
heben. [...] Bald aber nach der Trübsal derselben Zeit werden Sonne
und Mond den Schein verlieren, und die Sterne werden vom Himmel
fallen, und die Kräfte der Himmel werde?i sich bewegen. Und alsdann
wird erscheinen das Zeichen des Menschensohnes am Himmel (Mcn
*2.1,8-2.8; vgl. Mc T3; Mt 24,6-8 und 29-30). Wann es soweit sein
wird, weiß allein der Vater im Himmel (Mt 24, 35-6).
In dieser literarischen Tradition stand auch der christliche Apoka-
lyptiker Johannes auf Patmos. Sieben Schalen des Zornes Gottes wur-
den über die Erde ausgegossen (Apoci6). Drohend ritt die «große
Hure», die große Stadt, die das Reich hat über die Könige auf Erden
(Apoc 17,18), mit der Fülle ihrer Herrschaft über die Welt, deren
Macht erst am Ende der Zeiten enden wird (Apoc 17-19). 8 0 Warnung
66 Glauben und Verkiindjing

Die vier apokalyptischen Reiter (Apoc 6,1-15) aus dem


Apokalypse-Zyklus Matthäus Merians d. Ä. (1630).

war geboten. Gehet aus von ihr, mein Volk, daß ihr nicht teilhaftig
werdet ihrer Sünden (Apoc 18,4). Wer würde ihr nicht verfallen, wer
ihr entkommen? Endlich das Jüngste Gericht: Und der Tod und sein
Reich wurden geworfen in den Feuersee. Das ist der zweite Tod: der
Feuersee [r) Xifjvrj tov izvpöq). Und so jemand nicht gefunden ward ge-
schrieben in dem Buch des Lebens, der ward geworfen in den Feuer-
see (Apoc 20,14-5). Befehle und Bilder, die Angst wecken konnten.
Die Parusieverzögerung erhöhte die Dringlichkeit der apokalypti-
schen Botschaft. Die Gläubigen bedurften der Heilsvergewisserung,
der Mahnung zu Geduld, der Paränese. Der frühchristliche griechi-
sche Barnabasbrief 81 handelte wiederholt vom Weltende. Jahre nach
der Schöpfung werde Gott die ganze Welt (xöc cru|ixtävxa) zu ihrem
Ende führen, nach sechs Welttagen; am siebenten Tag wird Christus
wiederkehren und die Gottlosen richten, Sonne, Mond und Sterne
«verändern» (öcAAa^si). Der achte Tag, der Weltensonntag, bringe den
Christliche Eschatologie 67

Anfang der neuen Welt (c. 15). Der Tag des Herrn ist nahe. An ihm
werde alles Böse zugrundegehen (c. 2.1). Die «Tage» wurden in ihrer
Dauer nicht spezifiziert. Der erhaltenen lateinischen Übersetzung
(Barn 1 - 1 7 ) fehlen die letzten vier Kapitel. 8i Auch der zweite Kle-
mensbrief gemahnte an das Ende in totaler Vernichtung: Der Tag des
Gerichts kommt wie ein brennender Ofen. Einige der Himmel und
die ganze Erde werden wie Blei über dem Feuer zerschmelzen
8?
(c. 16). Dem lateinischsprachigen Westen wurde dieser Text wohl
nicht bekannt.
Der zweite, durch und durch eschatologisch geprägte Petrusbrief
galt bis in die Zeiten der modernen Bibelkritik als echt. Deshalb wurde
das Lehrschreiben des (vermeintlichen) Apostelfürsten immer wie-
der - etwa an hervorragender Stelle in der Civitas Dei des heiligen
Augustin (XX,24) - herangezogen, um das Ende der Welt, ihren Un-
tergang, zu dramatisieren. So werden der Himmel, der jetzt ist, und
die Erde durch dasselbe [Gottes-] Wort aufbewahrt, daß sie zum Feuer
behalten werden auf den Tag des Gerichts und der Verdammnis der
gottlosen Menschen. Und: Es wird aber des Herrn Tag kommen ivie
ein Dieb. Dann werden die Himmel zergehen mit großem Krachen,
die Elemente aber werden vor Hitze schmelzen, und die Erde und die
Werke, die darauf sind, werden verbrennen. Und der Schrecken wird
gedacht: zu der Ankunft des Tages Gottes, an welchem die Himmel
vom Feuer zergehen und die Elemente vor Hitze zerschmelzen werden
(zPetr 3,7; 3,10 und 3,12.). Dann aber werden ein neuer Himmel und
eine neue Erde aufgehen - für die Gerechten. Das Feuer, das nach dem
50. (49.) Psalm vor Gott kommt, legte Augustin (ebd.) gleichfalls als
jenes des Jüngsten Gerichts aus. So mehrten sich die Endzeitzeugnisse
der Heiligen Schrift; aber sie beruhigten nicht. Sie konnten die Angst
steigern, die Angst nämlich, der Hure Welt zu verfallen, lenkten aber
zugleich das Sinnen der Gläubigen auf die Werke des Heils.
Mit der Parusie wurde auch der Untergang hinausgezögert. Der
zweite Thessalonicherbrief, der noch im ersten Jahrhundert unter dem
Namen des Apostels Paulus verbreitet wurde, bekundete es (zThess.
2,6-7). Da ist dunkel von einem Mysterium des Unrechts die Rede, das
einer aufhalte, bis er entfernt werde, von dem Auftritt des «Sohnes des
68 Glauben und Verkiindjing

Verderbens» (2,3). Erst Hippolyt (gest. 235) und Tertullian (gest. nach
220) deuteten, wer gemeint sei. Der Bischof von Rom nannte das
«vierte Tier» aus dem Traum des Daniel (7,7) als Katechon, mithin
das alles zermalmende Rom; nach seinem Abgang erscheint der Betrü-
ger.84 Der afrikanische Apologet des Christentums stimmte zu, änderte
aber den Sinn. Bei Hippolyt wird aufgehalten in heillosem Tun. Der
einstmals betend ersehnte Untergang8-1' wird nun betend verzögert.
Tertullian sah die Aufgabe des geheimnisvollen Verzögerers positiv:
«Wer (ist es) denn sonst außer dem Römischen Reich (.status), dessen
allmählicher Zerfall zu zehn Königen den Antichrist heraufführt». 86
«Wir Christen wissen, daß der Fortbestand des Römischen Imperiums
das schlimme, dem ganzen Erdkreis bevorstehende Ende und die dro-
henden entsetzlichen Leiden der Welt aufhält». «Wir beten für die Kai-
ser [...] für den Aufschub des Endes». 87 Dem Römischen Reich wuchs
eine soteriologische Aufgabe zu. Diese Haltung wird sich durchsetzen
und noch die Lehre von den vier Weltreichen bestimmen.88 Es galt, bis
zum Ende ja noch unendlich viel zu erledigen. Die ganze Welt mußte
die Botschaft des Auferstandenen vernommen haben, bevor das Ende
kommen sollte. Das «aufhaltende» Römische Reich samt aller seiner
Nachfolger war zum Moment christlicher Heilsgeschichte geworden;
es konnte bis in das 20. Jahrhundert so verstanden werden. 89 Zwar
drängte die Zeit, doch Verzögerung war möglich.
Christliche Mission weitete - dem Sendungsbefehl Christi gemäß
(vgl. schon Mcn *24,50; Mc 13,30) - den Adressatenkreis der erneu-
erten Prognostik in der Tat prinzipiell und im Laufe der Jahrhunderte
tatsächlich über die gesamte Menschheit aus, bezog Erde und Kosmos
mit ein und gemahnte immer wieder an deren Untergang. Die Zu-
kunftslehre griff mit der Zeit auf alles zurück, was die Zeichen am
Himmel und auf der Erde zu deuten erlaubten, auf heidnisches, jüdi-
sches, griechisches, römisches und muslimisches Wissen. Der Lebens-
sinn schien durch das zu erwartende Gericht geheimnisvoll in den Un-
tergang der Welt verflochten. Die Mächte der Finsternis, unrechte
Herrschaft, falsche Lehre, alles Böse, der sündige, erlösungsbedürftige
Mensch, alles fand im Weltende sein Ziel. Solches Dasein in Erwar-
tung des Untergangs widersprach aller antiken Seinsphilosophie. Es
Christliche Eschatologie 69

war absurd, appellierte an den Glauben. Gewann es deshalb so rasch


und so viele Anhänger? Dieser Untergang verhieß ja allein der gläubi-
gen, begnadigten Seele ewiges Leben, ein von aller Not und allen Ge-
fährdungen befreites Sein in einem hell leuchtenden, geistigen Jenseits.
Die Christen aber blieben nicht die einzigen, die damals Untergangs-
erwartungen hegten. Der "Weltuntergang hatte geradezu Konjunktur.
Dualistische Lehren, wie sie die Gnosis und der gnostisch geprägte
Manichäismus verbreiteten, machten dem frühen Christentum einige
Konkurrenz. Beide Gruppen erstrebten Erlösung durch Befreiung des
Lichts aus dem Kerker der Materie und der Finsternis, in die es der
von Gott abgefallene oder widergöttliche Demiurg mit der materiellen
Weltschöpfung eingeschlossen hatte. Auch hier traten Stoff und Geist
einander gegenüber. Diese Lehren differierten freilich untereinander,
kannten aber neben der individuellen eine universelle Eschatologie. 90
Beide trachteten nach erweiterter «Erkenntnis» (Gnosis) von Mensch,
Schöpfung, Kosmos, von Gott und den göttlichen Wesenheiten wie
des Demiurgen, der «Weisheit» (Sophia) oder des Erlösers. Sie kann-
ten Erlösung und Weltuntergang. Gerade gnostische Texte malten die-
sen Untergang dramatisch aus.
Die meisten gnostischen Schriften sind verloren, von ihren Feinden
vernichtet. Erst die Funde von Nag Hammadi in Oberägypten (NHC)
im Jahr 1945 machten größere Gruppen originaler Texte bekannt,
deren Abgrenzung zu christlichen oder anderen Lehren mitunter um-
stritten ist. Vielfach sind nur Auszüge erhalten, die ihre meist christ-
lichen Gegner, etwa Justin der Märtyrer, Irenäus von Lyon, Clemens
von Alexandrien, Hippolyt von Rom oder Tertullian, in polemischer
Absicht gewöhnlich auf Griechisch, seltener auf Lateinisch zitierten.
Immerhin zeigt die (unvollständige) Autorenliste, daß die Kenntnis der
Gnosis auch im Westen des Römischen Imperiums anzutreffen war
und zu wirken begann. Der gnostische Manichäismus hatte größeres
Glück. Er brachte neben griechischen auch sogdische, uigurische oder
arabische Berichte hervor.91 Entsprechend weit verbreiteten sich seine
Untergangslehren.
Die Lebensführung konnte divergieren. Askese und Libertinismus
standen dann einander gegenüber.91 Denn der verachtete, zum Unter-
70 Glauben und Verkiindjing

gang prädestinierte Leib konnte oder durfte sich - jedenfalls bei den
Vollkommenen - alles gönnen, jedes Vergnügen, jede Lust. Zurück-
haltung schien ihnen nicht vonnöten. Sie sagen auch, wenn sie den
Lüsten des Fleisches unmäßig dienen, daß sie, was des Fleisches ist,
dem Fleisch, ivas des Geistes ist, dem Geist wiedergeben. Sie verführ-
ten, so hieß es, Frauen, begehrten auch verheiratete Frauen, zeugten
im Inzest mit der Schwester Kinder, spotteten über die Christen, die
sich aus Gottesfurcht vor derlei hüteten. Wer in der Welt nicht ein
Weib geliebt hat, so daß er sie bezwungen hat, sei nicht aus der Wahr-
heit und werde nicht zur Wahrheit gelangen.93 Ängstliche Askese
schlug in Verachtung der Materie und alles Fleischlichen und seiner
Lüste um, die umso ausgiebiger genossen werden konnten.
Manis Lehre war strenger. Sie wurde im Westen freilich bald durch
die Kirchenväter, allen voran durch den einstigen Manichäer Augusti-
nus, entmachtet, während sie im Osten bis nach China vordrang und
erst im späten Mittelalter oder in der früheren Neuzeit erlosch.94 Die
Erfordernisse der Lebensführung waren hoch. Die Vorstellung von
wiederholten Leben und Seelenwanderung erleichterte dem Mani-
chäer allerdings ein allmähliches sich Heraufarbeiten zum Licht.
Zehn Gebote sollte der einfache Gläubige, der Hörer, der nicht zu
den Erwählten, den Heiligen zählte, dafür beherzigen: Unterlassung
von Götzenanbetung, Unterlassung der Lüge, des Geizes, der Tötung,
Unterlassung der Hurerei, des Diebstahls, der Belehrimg über die Ur-
sachen, der Zauberei und nicht auf zwei Dinge ausgerichtet sein, den
Zweifel an der Religion und der Nachlässigkeit sowie Gleichgültig-
keit im Handeln. Ferner: Wer in die Religion einzutreten wünscht, für
den ziemt es sich, seine Seele zu prüfen. Und falls er erkennt, daß sie
imstande ist, die Sinnenlust und die Habgier zu bezähmen, das Essen
von Fleisch, das Trinken von Wein und die eheliche Vereinigung zu
miterlassen, sowie es zu unterlassen, dem Wasser und dem Feuer
Schaden zuzufügen, die Zauberei und die Heucheleien zu meiden, so
trete er in die Religion ein-, andernfalls nicht.95 Kasteiung, Entsinn-
lichung des Fleisches, die Lichtfunken von der Materie erlösen: Das
war der Beitrag der Gläubigen zur Befreiung des Lichts und zum end-
gültigen Untergang der stofflichen Welt: ein menschheitsgeschichtli-
Christliche Eschatologie 71

eher Auftrag. Erweckung des eigenen Ich hieß das spirituelle Ziel. An-
dere Gnostiker dachten in die nämliche Richtung.
Gnostische Strömungen griffen, wie manche moderne Autoren für
das Johannesevangelium zeigen zu können meinten, von Anfang an -
wenn auch nicht allgemein - auf das Christentum über.96 Schon das
nichtkanonische, aber vergleichsweise frühe Thomasevangelium weist
Gnosisnähe auf. Die heterogen zusammengesetzten Thomasakten
kennen in dem sogenannten Perlenlied eine Art Erweckungsruf an den
sich seiner selbst nicht erinnernden Prinzen: Steh anf![...] Gedenke,
daß du ein Königssohn bist.97 Auch Valentin, ein Christ, könnte zu
nennen sein, auf jeden Fall seine Anhänger, die Valentinianer.98 Sie
entwickelten ein in Geist, Seele und Leib dreigegliedertes Menschen-
bild. Nur der Geist werde gerettet, während das Seelische entweder
zum Geist oder zur Materie und damit entweder zu Erlösung oder zu
Untergang neige. Der Leib aber bleibe ganz der materiellen Welt ver-
bunden und werde mit ihr zugrunde gehen (Irenaeus von Lyon, Adv.
haer. 1,5,6-6,1). Denn die Materie sei nicht fähig, gerettet zu luerden
(6,1). 99
Die gnostische Individualeschatologie wandte sich dem Schicksal
der Seele nach dem leiblichen Tod zu. Der Mensch wurde in einem
letzten Gericht an seinen Taten gemessen, seine Seele durfte entweder
nach langer Jenseitsreise in die Lichtwelt aufsteigen oder wurde ver-
dammt zu ewigem Nichtsein. Gnostiker und Manichäer erstrebten Er-
lösung durch Befreiung des Lichts aus dem Kerker der Materie und
der Finsternis, in die es der Demiurg mit der materiellen Weltschöp-
fung verbannt hatte. Gelang sie nicht, wurde ewiger Tod oder Schlim-
meres verheißen. Die Apokalypse des Adam (NHC V,5) etwa drohte
den bis zuletzt Nicht-Erleuchteten, daß unsere Seelen des Todes
sterben iverden; auch die Schrift über die Auferstehung (NHC 1,4)
handelte vom Schicksal der Seelen und gerade nicht der Welt. 100 Ein
universaler Weltuntergang wurde hier nicht reflektiert, was freilich
nicht hieß, daß die unbekannten Autoren einen solchen ausschlossen.
Gefahr aber drohte auf jeden Fall.
Manche beschrieben einander folgende, durch Katastrophen wie
die «Sintflut» getrennte Weltzeitalter, die zuletzt in linearem Geschichts-
72 Glauben und Verkiindjing

verlauf in den ewigen Untergang des Kosmos mündeten.TOT Natur-


katastrophen kündigten ihn an, ohne daß noch ein Neubeginn zu er-
warten stand. Der Himmel gerate ins Wanken, die Meere trockneten
aus, die Flüsse würden tote Wüsten, die Berge stürzten in sich zusam-
men, der Sternenhimmel gerate durcheinander. 102 Nichts bliebe mehr
von der Welt der Materie und der Finsternis. Sobald die endgültige
Scheidung von Licht und Finsternis vollzogen sei und alle Lichtteile
(in der Apokatastasis) wieder vereint seien, wird das in der Welt
verborgene Feuer hervorbrechen, sich entzünden und alle Materie
vernichten, sich selbst aber zusammen mit ihr verzehren und in das
Nichtsein eingeben, überlieferte Irenaus von Lyon als Lehre der Valen-
tin ianer. Dem Demiurgen aber sei diese Zukunft seiner Schöpfung vor
der Ankunft des Erlösers unbekannt gewesen (Adv. haer. I,7,i). t o ?
Mehrere Texte bestätigen diese Vorstellung von einer endgültigen
Feuersintflut.
Noch in der Antike als Häresie verurteilt, überdauerten gnostische
Lehren dennoch im Untergrund. Sie brachen immer wieder in den
kommenden Jahrhunderten zur Oberfläche der geistigen Kultur hin-
durch. Mystik, Spiritualismus und Schwärmertum zehrten und zehren
bis heute aus ihrem Gedankengut. Die Katharer des Hochmittelalters
scheinen entsprechende Überzeugungen geteilt zu haben. Auch mittel-
alterliches oder frühneuzeitliches Judentum kannte dergleichen. 104
Die Textfunde von Nag Hammadi, die mit einem christlichen Kloster
in Verbindung gebracht werden, haben zahlreiche gnostische und
christliche apokalyptische Texte wie das Evangelium des Thomas,
eine Apokalypse unter desselben Apostels Namen oder die koptisch-
gnostische Apokalypse des Petrus bewahrt. 105 Doch nur die zeitig ins
Lateinische und bald in einige Volkssprachen übersetzte jüngere Apo-
kalypse des Paulus fand im Westen des antiken Römischen Imperiums
Verbreitung. Die übrigen Texte wirkten dort, da zumeist Griechisch
oder Koptisch und nicht ins Lateinische übersetzt, zudem selten über-
liefert, allenfalls eingeschränkt. Sie alle schmückten sich mit den Na-
men der Apostel, ohne daß heute deren Autorschaft nachgewiesen
werden könnte, reklamierten somit Legitimität und die Wahrheit ihrer
Botschaft. Die Lichttheologie freilich fand keinen dauerhaften Rück-
Christliche Eschatologie 73

halt am Christentum - trotz des Johannesevangeliums nicht. Die


christliche Eschatologie nahm eine andere Entwicklung.
Sie alle handelten zudem mehr vom Schicksal der Seelen nach dem
Tod und vom Jüngsten Gericht als vom Weltuntergang, klammerten
diesen aber nicht aus. Sie gemahnten an die Sünden. «Wie lange wollt
ihr sündigen?» So fragte - angeblich für den Kaiser Theodosius I. am
Ende des 4. Jahrhunderts bestimmt - gleich zu Beginn die Paulus-Apo-
kalypse (c. 3). Auf den Untergang kam sie nicht zu sprechen, um so
eindringlicher aber auf die Freuden der Seligen und die Torturen der
Verworfenen. Die Offenbarung des Petrus kannte (jedenfalls in ihrer
äthiopischen Version) ein Ende im Weltbrand, die Thomas-Apoka-
lypse einen solchen vor der Auferstehung der Toten zum Gericht. Im
lateinischen Mittelalter wirkten diese Texte, soweit sie bekannt wa-
ren, wie biblische Schriften.
Die nur fragmentarisch überlieferte Offenbarung des Petrus aus
dem frühen 2. Jahrhundert, die vielleicht in Ägypten entstand, wurde
zunächst sogar als heilige Schrift anerkannt. Auch sie mahnte gegen
Ende: «Sei standhaft!» Sie ist heute nur noch in wenigen griechischen
Fragmenten und mit einem (vom Original weiter entfernten) äthio-
pischen Text erhalten. Dennoch verdeutlicht sie den frühchristlichen
Untergangsglauben: Feuerkatarakte werden losgelassen, und Dunkel
und Finsternis werden eintreten und die ganze Welt bekleiden und
einhüllen, und die Wasser werden sich verwandeln und gegeben wer-
den in feurige Kohlen, und alles in ihr (der Erde?) wird brennen, und
das Meer wird zu Feuer werden-, unter dem Himmel ein bitteres Feuer,
das nicht verlöscht, und fließt zum Gericht des Zornes. Und die Sterne
iv er den zerfließen durch Feuersflammen, als ob sie nicht geschaffen
wären, und die Festen des Himmels werden aus Mangel an Wasser
dahingehen und werden wie ungeschaffen. So verkündete der äthio-
pische Text. 106 Schrecklichste Pein harrte der Verdammten. Die christ-
liche Sexualfeindlichkeit etwa erfand schlimmste Torturen für «Hure-
rei» (c. 6-8), traditionalistische Standesethik solche für Sklaven, die
ihren Herren nicht gehorchten (c. 11). Von einer neuen Erde war nun
keine Rede, wohl aber von einem wunderschönen Himmelsgarten.
Galt das nur für Äthiopien? Wie auch immer: Der Untergang der Welt
74 Glauben und Verkiindjing

war endgültig; die Angst, in ihn hineingezogen zu werden, mußte das


Leben der Gläubigen lenken.
Wirksam wurden vor allem die Oracula Sibyllina: Finsteres Dnnkel
ivird den grenzenlosen Kosmos bedecken / Von Osten und Westen,
Süden und Norden. / Dann wird ein gewaltiger Sturm von glühendem
Feuer / Vom Himmel fließen und jeden Ort auslöschen, / Die Erde, den
großen Ozean und das leuchtende Meer, / Seen, Flüsse, Quellen und
den imbarmherzigen Hades / Und das Himmelsgewölbe. Aber die bei-
den himmlischen Lichter / Stürzen in eins zusammen zu einer wüsten
Erscheinung. / Denn alle Sterne werden vom Himmel ins Meer fallen, /
Die Menschen alle werden mit den Zähnen knirschen, / Verbrannt
von Feuerfluß, Schwefel und Wucht des Feuers. So wußte die christli-
che Sibylle (II, 194-2.04). Den Geretteten und Erlösten aber winkt
ewiger Tag: Nicht gibt es dort Bettler, noch Reiche, noch Tyrannen, /
Noch Sklaven, keiner ist groß, keiner gering, / Keine Könige, keine
Führer, allen ist alles gemeinsam (11,32.2-4). Solches Gedankengut,
derartige soziale Utopien wurden - Häresie hin oder her - in der west-
lichen Welt nicht mehr vergessen. Thomas Morus etwa wird in seiner
Utopia tatsächlich die Botschaft vom Gemeinschaftseigentum aller
Utopianer erneuern. Andere neuzeitliche Autoren werden folgen. 107
Die Hauptströmung des Christentums stimmte mit kräftiger Stimme
in den Chor der Apokalyptiker und Eschatologen ein. Schon der älteste
erhaltene christliche Text, der erste Thessalonicherbrief des Apostels
Paulus, tat es. Der nicht viel jüngere zweite Thessalonicherbrief wird
heute dem Apostel abgestritten. Er dämpfte aber nicht, wie bislang ge-
wöhnlich angenommen, die Parusie-Erwartungen des ersten, sondern
erneuerte und aktualisierte sie. 108 Seine Rede vom Katechon wurde
spätestens seit Tertullian auf jenes Römische Imperium gedeutet, das
den Untergang aufhalte. Die Endzeitbotschaft wurde mit der Zeit
überlagert von einer eigenen Pantokrator-Theologie, die den Aufer-
standenen zum Weltenherrn und zum Herrn der Geschichte erhob
und damit auch zum Herrn des Untergangs.
Die ganze Welt, das gesamte geistige Umfeld des frühen Christen-
tums und dieses selbst waren zugleich von Heilshoffnungen und Un-
tergangserwartungen erfüllt, von wiederholten Untergängen, totalen
Christliche Eschatologie 75

Untergängen, versteckten und abgelehnten Untergängen. Die Christen


vermittelten sie an die Zukunft; häretische Unterströmungen, nicht
vergessene gnostische Lehren verstärkten den Effekt. Nicht zuletzt das
Glaubensbekenntnis von Nicäa erwartete «das Leben der kommenden
Welt» {farjv rov ¡ieXAovtoq odävog, vitam venturi saeculi), erwartete
mithin den Untergang des gegenwärtigen Säkulums und den Aufgang
eines neuen. Geschichte war seither «Heilsgeschichte», die Geschichte
nämlich des menschlichen Sündenfalls, menschlicher Todesverfallen-
heit, der Erlösung durch den auferstandenen Gottessohn und damit
Rückkehr zum Anfang, war die Welt der Sünder, der Büßer und Hei-
ligen, der Erwartung des Gerichts, der Angst vor der Verdammnis, der
Hoffnung auf die Gnadenwirkung des Allmächtigen und eben Aus-
sicht auf den Weltuntergang im Feuer. Sie lief auf das Jüngste Gericht
und für die Seligen auf eine ewige Heilszeit zu, was zugleich hieß, auf
den Untergang dieser Welt und den Aufgang einer neuen jenseitigen.
Siebe, ich mache alles neu! (Apoc. 2.1,1).
Die Civitas Dei des heiligen Augustinus gab den kommenden Jahr-
hunderten für diese Geschichte den Leitfaden an die Hand; sie sparte
das Ende, den Untergang der Erde im Feuer (20,18), und die Zukunft
nicht aus. Ihr zwanzigstes Buch galt dem Jüngsten Gericht, den An-
zeichen seiner Nähe und des heranrückenden Gerichtstages in histo-
rischer Zeit, galt auch den darauf hinweisenden Zeichen. Dieselben
beschränkten sich nun nicht auf die bei dem Evangelisten Matthäus
vorgefundenen; Augustin ergänzte sie, gedachte etwa des Auftretens
des Antichrist (20,12-23), der Wiederkehr des Elias unmittelbar vor
dem Gericht (20,29), dem Hervorbrechen der bislang eingeschlos-
senen Völker Gog und Magog (20,11); entdeckt wurde nun auch die
endzeitliche Bekehrung der Juden als Zeichen des unmittelbar bevor-
stehenden Gerichts (20,29). Alle diese Zeichen (vgl. 20, 30 am Ende)
werden künftig immer wieder aufgegriffen und ausgeschrieben, um
die Nähe des Jüngsten Tages und des Weltuntergangs zu verkünden.
Jede zeitliche Gegenwart war fortan Endzeit, war bald bange, bald
zuversichtliche Annäherung an das Jüngste Gericht, an Mtispilli, wie
der endzeitliche Weltbrand in einem bairischen Gedicht aus der Zeit
Karls des Großen oder im Heliand hieß, an eine Zukunft in Hölle
76 Glauben und Verkiindjing

oder Paradies. Die Gläubigen wurden fortgesetzt daran gemahnt. Kir-


chen schmückten sich seit der Spätantike und dem frühen Mittelalter
außen oder innen mit Bildern der Apokalypse und des kommenden
Gerichts. Das Apsismosaik von SS Cosma e Damiano in Rom ver-
gegenwärtigt noch heute den «in den Wolken» zum Gericht wieder-
kehrenden Christus. Alt-Sankt-Peter in Rom zeigte - jedenfalls im
i i . Jahrhundert, vielleicht schon eine Bildschöpfung Leos des Großen
im 5. Jahrhundert - an der Ostfront oberhalb des Nartex die Anbe-
tung des apokalyptischen Lammes durch die vierundzwanzig Ältesten
vor der Eröffnung der sieben Siegel, unmittelbar vor der Zerstörung
der Erde (Apoc 4-5). 1 0 9
Die Reformmönche von Fleury radikalisierten im früheren 1 1 . Jahr-
hundert das Thema, als sich das satanische Jahrtausend zu erfüllen
schien, indem sie den Apokalypsebildern an ihrer Klosterkirche me-
trische Beischriften gaben: Die Zeit wird geschlossen, das «Zeichen
des Gerichts» leuchtet auf: Vf, terrigenis, et toto v§ simul orbi,
«Wehe, wehe den Erdgeborenen, und wehe dem ganzen Erdkreis».
Der Weltenrichter erscheint, um die Erde zu richten. 110 Seit eben die-
ser Zeit zogen die Schrecken des Gerichts bildhaft in die Kirchen ein.
Die länger und länger sich dehnende Verzögerung der einst für bald
angekündigten Wiederkehr Christi, die sogenannte Parusieverzöge-
rung, konnte diese Gerichtserwartung nicht erschüttern. In Wort und
Bild wurde sie von Generation zu Generation vergegenwärtigt und
auf diese Weise fortgesetzt erneuert. Gefordert war ein waches Aus-
schauhalten nach den die Wiederkehr ankündigenden kosmischen,
irdischen und zwischenmenschlichen Zeichen. Die Apokalyptik for-
derte damit die Ergründung der Geheimnisse der Schöpfung und der
Gesellschaft, führte mit der Zeit zu Naturforschung und Naturwis-
senschaft und sozialen Umbrüchen; aber sie ruhte auf einem Boden-
satz aus Untergangserwartung und Überlebenshoffnung.
Bis tief in die Neuzeit formte die Gerichts- und Endzeit-Botschaft
die Erwartungen der westlichen, zumal der lateinischen Christenheit.
Kein Gläubiger zweifelte an der Wahrheit dieser Botschaft; sie gab
Antwort auf alle Sinnsuche. Mit ihr mußte sich jede spätere Genera-
tion von Gläubigen auseinandersetzen. Jede tat es auf ihre Weise,
Christliche Eschatologie 77

folgte der Aufforderung zur Nächstenliebe und Friedensstiftung,


fürchtete die Gefahren des individuellen und kollektiven Untergangs,
die fromme Stiftungen oder soziale Maßnahmen bannen sollten. Die
Apokalyptik legte, wie sich noch zeigen wird, den Grund für soziale
und politische Doktrinen jenseits aller Religion, für die weltgestal-
tende Ethik; sie blieb dabei in sich selbst nicht starr.
Die Naturforschung blühte seit dem 1 2 . Jahrhundert auf und suchte,
von christlichem Glauben geweckt und lange Zeit gelenkt, Antworten
auf eben diese Fragen, die jene Zeichen zu formulieren schienen. Sie
tat es mit einem im Laufe der Jahrhunderte unter erkennbarem Ein-
fluß erst antiker heidnischer, platonischer und aristotelischer, dann
arabischer Methodologie und Theorien sich wandelnden Blick auf
Natur und Kosmos, auf Gesellschaft und menschliche Psyche. Später,
im 15. und 18. Jahrhundert, traten neuerlich Piatonismus, endlich die
Aufklärung hinzu, die abermals dem Suchen und Forschen eine neue
Richtung gaben. Erst jüngere Dogmatik verdrängte - mit dem post-
kopernikanischen Weltbild, mit der Entfristung der Endzeit und mit
neuen Naturwissenschaften konfrontiert - mehr und mehr dieses
Herzstück einstiger Verkündigung. Man lernte, die Geschichte der
Erde, der Pflanzen und Tiere, des Menschen weit über das von jüdi-
schen Schriftgelehrten und christlichen Vätern bestimmte Alter hinaus
zurückzuverfolgen. 111 Entsprechend offen wurde die Zukunft von Erde
und Kosmos.
Ursprünglich nahmen die Christen die apokalyptische Botschaft in
der Tat für bare Münze. Dies geschah in Abkehr von der vergleichs-
weise jungen, erst ein paar Jahrhunderte alten heidnisch-antiken Tradi-
tion der Geschichtsschreibung, die nach Kausalitätsbeziehungen suchte.
Statt «Ursachenforschung» betrieben die christlichen Geschichtskun-
digen und Zukunftsforscher mit Hilfe der von Christus und seinen
Aposteln offenbarten Zeichen zeitliche Verortung der Gegenwart in
der auf das Ende zueilenden «Heilsgeschichte». 112 Wie lange noch bis
zum Jüngsten Tag oder doch bis zu den gewissen Anzeichen seiner
nächsten Nähe? Was offenbarten die Zeichen?
Die Chronisten registrierten diese Zeichen und, was ihnen folgte,
was sie also verkündet hatten. Ihr Sinn enthüllte sich und gestattete
Glauben und Verkündung

Der Antichrist predigt


im Tempel. Detail des
Antichristfensters der
Marienkirche in Frankfurt/
Oder (um 136-/).

überhaupt, gegenwärtiges Geschehen auf die Zukunft und den erwar-


teten Untergang hin zu deuten. Da ging - wir befinden uns nun im frü-
hen 1 1 . Jahrhundert - «Blutregen» nieder und ließ sich nur vom Holz
abwaschen: ein endzeitliches Zeichen. König Robert der Fromme von
Frankreich verlangte von seinen Bischöfen und Gelehrten die Deu-
tung. Sie sollten die Geschichtsbücher wälzen, um zu prüfen, ob frü-
her schon Gleiches geschehen und was ihm gefolgt sei. Die Antwort
ließ erschrecken: Kriege, Seuchen, Tod sahen sich angekündigt. Auch
der Antichrist, das Ende, das Jüngste Gericht? 1 1 3 Keiner der Gelehrten
schloß es aus.
Christliche Eschatologie 79

Doch alle gemahnten: Tag und Stunde weiß niemand, auch die En-
gel im Himmel nicht, sondern allein der Vater (Mc 13,32; Mt 24,36).
Das hatte der Herr gelehrt und mit dem Exklusivwissen Gottvaters
aller Berechnungsspekulation die Legitimation entzogen. Sie unter-
blieb gleichwohl nicht. Reflexionen der Naherwartung des Endes nah-
men die unterschiedlichsten und widersprüchlichsten Formen an. Sie
konnten die Neugier diskriminieren, vor ihr warnen, sie konnten
rechnen, das Ende für bald ankündigen oder konnten dasselbe hinaus-
zögernde Kalkulationen präsentieren, welche die Gläubigen aufatmen
ließen. Immer wieder riefen sie nach kontrollierender Forschung. End-
zeitkunde steigerte in jedem Fall apokalyptische Nervosität, weckte
Sorge, mitunter Angst; sie förderte aber auch Heilshoffnung und die
Bereitschaft zu Werken der Barmherzigkeit; zahlreiche Stiftungen
folgten der Erwartung.
Die Lehre vom Antichrist hob mit der Lehre von den falschen Ge-
salbten des Markusevangeliums (Pseudochristi: 1 3 , 2 1 - 2 ) und mit dem
Antichristiis, dem betrügerischen Widerchristen, der beiden Johannes-
briefe an. Sie wurde mit den Jahrhunderten angereichert und zu einer
veritablen Biographie ausgeschmückt." 4 Geheimnisvoll hatte schon
der Apokalyptiker Johannes den «falschen Propheten» verkündet, der
alsbald mit dem Antichrist und mit Satan identifiziert wurde; er sollte
seine Truppen an den geheimen Ort Armageddon zum letzten Gefecht
gegen Gott und seine Heerscharen führen (Apoc 1 6 , 1 3 - 1 6 ) . Der Ort
war nirgends zu finden; in der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen
Exegese blieb er ungenannt. Erst später und in der jüngsten Gegen-
wart trat er als Inkunabel der Endzeitrede hervor. Auch die moderne
Filmindustrie ließ sich das Thema nicht entgehen. 115 Der apokalypti-
sche Ort ist jetzt etwa ein riesiger Meteorit, der unaufhaltsam auf die
Erde zurast und erst in letzter Minute - der Sieg über den Antichrist -
durch eine Atombombe zersprengt und harmlos gemacht werden kann.
Das ergiebigste Wissenskompendium zum Antichrist verfaßte im
10. Jahrhundert Adso, bald Abt von Montier-en-Der, in einem Pasto-
ralschreiben an die westfränkische Königin Gerberga, eine Schwester
Ottos des Großen. 116 Er hatte damit für die kommenden Jahrhunderte
ein unersetzliches Hilfsmittel geschaffen. In Babylon von einer Dirne
80 Glauben und Verkiindjing

und Satan gezeugt, wirke der Widerchrist viele Zeichen. Er werde


alles verkehren: Bäume werde er plötzlich blühen und verdorren, das
Meer sich aufwühlen und plötzlich sich beruhigen lassen, Wasserläufe
umdrehen, Tote erwecken, um die Menschen zu täuschen, mit Heim-
suchungen und schlimmsten Schrecken das Gottesvolk ängstigen und
das Ende ankündigen. Aber er komme nicht, bevor nicht der Abfall
vom Römischen Imperium vollendet sei. 1 1 7 Dann werde er in Jeru-
salem triumphieren: «Ich bin Christus.» Endlich würden die Juden be-
kehrt. Zuletzt werde der Herr Jesus oder der Erzengel Michael den
Antichrist am Ölberg töten.
Bis in den Islam trieb der Antichrist sein Unwesen. Zahlreiche
Hadithe, für gläubige Muslime auf den Propheten Mohammed selbst
zurückgehende mündliche Überlieferungen, von westlichen Islam-
Forschern erst ins S.Jahrhundert datiert, handeln von einem «Gegen-
messias», al-daggäl, von dessen Begegnungen mit Mohammed, sei-
nem künftigen Schreckensregiment von 40 Tagen oder 40 Jahren,
während der ihm die heiligen Städte Mekka und Medina verschlossen
blieben, und von seiner endzeitlichen Niederlage gegen Jesus. I l S Auch
Astrologen in den Ländern des Islam gewannen Einfluß im Abend-
land. Als beispielsweise im Jahr 1004 eine Sonnenfinsternis warnte
und dann zwei Jahre später ein Komet erschien und alsbald eine große
Konjunktion von Jupiter und Saturn im Sternbild Jungfrau folgte,
fürchteten die Astrologen in Córdoba um den Fortbestand des Kali-
fats von al-Andalus. 119 Gefahr also für die Herrscher zog herauf, aber
kein Ende der Erde drohte. Die Astrologie taugte unter Muslimen
überhaupt nicht zu seiner Ankündigung; sie schwieg dazu.
Die Endzeit wird sich ohnehin nach Mohammeds Botschaft weni-
ger dramatisch als nach den christlichen Apokalyptikern ereignen.
Die 8z. Sure des Koran Das Zerbersten, die vor dem Gericht warnt,
kennt zwar der christlichen Tradition vertraute Zeichen; aber sie gel-
ten nun weniger der Erde oder dem Kosmos als den Menschen: Wenn
zerborsten ist der Himmel, / wenn zerstreut das Sternengewimmel, /
wenn die Meere über die Ufer schwellen, / wenn die Gräber rücken
von ihren Stellen, / dann weiß die Seele, was zuvor sie dargebracht/
und ivas sie vorher nicht gemacht.12-0 Auch die 75. Sure Die Anferste-
Christliche Eschatologie 81

hang bietet eine Reihe solcher Zeichen für den Jüngsten Tag: Nein,
der Mensch will auch künftig sündigen. / Er fragt: «Wann ist er denn,
der Tag der Auferstehung?» / Doch wenn der Blick geblendet wird /
und sich der Mond verfinstert / und sich die Sonne mit dem Mond
vereint, / dann spricht der Mensch an jenem Tag: «Wohin nur flie-
hen?» / O nein! Da ist kein Zufluchtsort! [...] An jenem Tage: glän-
zende Gesichter, / die zu ihrem Herrn aufschauen / An jenem Tage:
finstere Gesichter, / man denkt, man hätte sie durchbohrt ( 7 5 , 5 - 1 1
und v. 2.2.-5).
Der Ungläubige wird verworfen: Wehe dir, o wehe! (75, 34-5). T i I
Verworfen in alle Ewigkeit, aber kein Weltuntergang im Feuer. Staub
wird bleiben: Wenn «die Eiereinbrechende» hereinbricht / - nicht zu
leugnen ist, daß sie hereinbricht -, / die das erniedrigt und erhöht. /
Wenn die Erde wird heftig erschüttert / und die Berge sind völlig zer-
schmettert, /so daß sie zu zerstreutem Staub geworden (56, 1 - 6 ) , 1 2 2
dann entscheidet sich auch das Geschick der Seelen zu Seligkeit oder
Verdammnis. Die menschliche Geschichte endet, aber die Erde wird
sich selbst überlassen. Vom Kosmos ist bei diesem Endgeschehen ohne-
hin keine Rede.
Auf Christen wirkten solcherart Übernahmen besonders irritierend.
Nicht fern lag es ihnen dann in Abwehr und scharfer Konfrontation,
Mohammed selbst zu einem Antichristen, einem der Vorläufer nämlich
des endzeitlichen Widerchrist, zu erklären. 123 Derartige Feindseligkeit
wirkte bis weit in die Neuzeit hinein und bestimmte die Vorstellungen
des Volkes. Nur eine dieser Stimmen sei erwähnt: So deutete Petrus
Venerabiiis, der einflußreiche Abt von Cluny ( 1 1 2 2 - 1 1 5 6 ) , dessen
Kloster in Spanien über muslimische Gläubige herrschte, nicht ohne
Kenntnis in seiner Summa totius heresis ac diabolice secte Sarrace-
norum (c. 13) den Islam als die Fortentwicklung der einen von Satan
gestifteten Sekte des Arius, deren letzte Ausformung der endzeitliche
Antichrist «gemäß teuflischem Plan vollenden» werde. Mohammed
stünde in der Mitte, als vom Teufel geplante Mittlerfigur zwischen bei-
den, dem Erzketzer und dem Widerchrist.12-4
82 Glauben und Verkiindjing

Die Wandlungsmacht des Untergangs

Jesus hatte die Zeichen des heraneilenden Untergangs aufgelistet


(Mt 2,4,2 ff.). Paulus hatte theologisch die Botschaft vertieft. Die Zer-
störung des Tempels fügte den Weltuntergang im Feuer hinzu. Die
Anzahl der Zeichen schwoll mit der forteilenden Zeit an; auch das
kündigte das anbrandende Ende an. Immerzu sollten die Gläubigen der
Gefahren gedenken, sich wappnen. Fortwährend erklangen die War-
nungen: Die Zeiten werden gefährlich! (2.Tim 3,1). Bleibt wachsam!
Der Tag des Herrn wird kommen ivie ein Dieb in der Nacht (2.Thess
5,2). Diese nicht endende, fortgesetzt aufgefrischte Erwartung, die
stets von Verdammungs- und Untergangsangst begleitet war und die
durch das gesamte Mittelalter und die frühe Neuzeit ertönte, die das
kommende Gericht geradezu schon gegenwärtig hielt und auch in
heutiger Gegenwart nicht fehlt, dieses immerwährende Jüngste Ge-
richt und dieser stets erwartete Untergang verfestigten sich zu einem
sozialen Habitus des christlichen Westens, senkten sich tief ins kul-
turelle Gedächtnis des christlich-lateinischen Abendlandes, wo sie
bis heute als Rede vom Weltuntergang wühlen. Mit ihr empfing jenes
Grauen vor einer Befleckung mit dem von Antichrist, Satan oder
dem widergöttlichen Demiurgen verursachten ewigen Verderben seine
Gestalt.
Kein Unwetter, keine Flut, kein Beben, kein aus den Tiefen des Mee-
res hervorquellendes Öl, das im Westen nicht apokalyptische Ängste
weckte. «Ich glaubte, die Welt ginge unter!» Wieder und wieder
drängt sich der Schreckensruf auf die Lippen. Keine Katastrophe, kein
Hagelschlag, kein Gewittersturm, die keinen «Weltuntergang» apostro-
phierten. Der Weltuntergang und seine ängstliche Erwartung sitzen
tief, jahrtausendtief, in den Glaubensschichten unserer westlichen Kul-
tur. War es angesichts jener Prophezeiungen nicht in der Tat dringlich,
genauer Bescheid zu wissen, die Zeichen zu deuten? Zumal, als der
Herr seine Wiederkunft unbegreiflich hinauszögerte, aber doch plötz-
lich, wie ein Dieb in der Nacht, kommen sollte? Die Wartenden woll-
ten wissen, welche Weltstunde schlug.
Die Wandlungsmacht des Untergangs 83

In der Tat, Jesus hatte deutbare Zeichen aufgelistet, Naturkatastro-


phen, soziale Wirren und psychische Deformationen ohne Beispiel
verhießen: Pestilenz und Erdbeben, Krieg, Gräuel der Verwüstung,
eine sich steigernde Not, Teuerung und Seelenkälte. Alles sollte aus
den Fugen geraten. Omnia permixta sunt.11* Aber, so hatte er hinzu-
gefügt, es sei noch nicht der Untergang (Lc 2.1,9: sed nondum statim
finis), verwiese nur auf sein Nahen. So lehrte der Gottessohn, als er
auf Erden wandelte. Gewißheit und Ungewißheit in einem. Dieses
«noch nicht, aber bald» mußte aufwühlen, mußte die Seelen immer
aufs neue in Unruhe und Not stürzen, sie ängstigen, zum Handeln
drängen. Es verlangte kontinuierlich nach Heilswerk, nach Werken
der Buße und Liebe, machte das Erforschen der Weltgeheimnisse
immer dringlicher, je länger die Ungewißheit währte. Schreckliches
stand zu erwarten: «Die Menschen werden einander hassen», «Die
Liebe wird in vielen erkalten» (Mt 24,10 und v. 12). Der Herr hatte
solches selbst verkündet. Das letzte war eines der Jesusworte, die Gre-
gor VII. schätzte, der Papst, der König Heinrich IV. zur Buße zwang
und auf seine Weise dessen Sinn erfüllte: die Kirche von Grund auf zu
erneuern. 1 - 6
In solchen Zeichen sprach Gott mit den Menschen. Immer aufs
neue glaubten diese, daß die Weissagungen sich erfüllten, erschraken,
taten Buße, beruhigten sich mit guten Werken und harrten des Endes.
Erst müsse das Evangelium auf der ganzen Erde verkündet sein zum
Zeugnis über die Völker, dann kommt das Ende (Mt 24,14). Doch
niemand könne wissen, wann der Weltenrichter erscheine. Deshalb
haben wir so zu leben, als stünden wir am nächster1 Tag vor seinem
Gericht. So legten die mittelalterlichen Theologen den Passus aus.12-7
Die heiligen Schriften belehrten über weitere Vorzeichen. Das Meer
und die Wasserwogen werden brausen, hieß es bei Lukas (Lc 21,25);
Satan wird entfesselt, in der Apokalypse des Johannes (20,3); die
mittelalterliche Tradition machte daraus den Antichrist.12-8 Es gilt bis
heute: Den Tsunami, Hitler, «9/11» 1 2 9 brachten eilige Deuter mit
jenen Prognostiken in Verbindung. Der Antichrist triumphiere, wie
die Wissenden lehrten, in der Maske eines gläubigen, ja, eines lieb-
reizenden Menschen, des Verführers, und nicht in der Fratze des Alp-
84 Glanben und Verkündung

traums. Es galt, die Zeichen zu erkennen, recht zu deuten, in die Ge-


heimnisse der Schöpfung und ihrer Geschichte einzudringen, um ge-
wappnet zu sein.
Die Welt war voller Zeichen und dünkte die Wissenden ob dieser
Fülle gleich einem Buch lesbar, Gottes Worte schienen sichtbar, ihre
Geheimnisse entzifferbar zu sein. Die Schreckensszenarien gehörten
von Anfang an und wesentlich zur christlichen Glaubensbotschaft
(vgl. Mc 13; Mt 24; Lc 21); sie blieben das gesamte Mittelalter und in
der frühen Neuzeit gültig. 1,0 Es wird kein Stein auf dem anderen blei-
ben. Der Herr hatte damit das letzte Kapitel im Textbuch der Heils-
geschichte überschrieben. Diese Welt war aus Nichts erschaffen; sie
hatte einen Anfang, sie wird, das war der Kern der Frohen Botschaft,
ein Ende finden, untergehen - und zwar in absehbarer, in historischer
Zeit. Da gab es nichts zu rütteln, da galt es, sich zu rüsten. Der heraus-
ragende mittelalterliche Theologe, Thomas von Aquin, verwies auf
die moralische Hilfestellung, die jene Zeichen dem Gläubigen böten,
ja, auf ihre Notwendigkeit: Sie erschienen, damit man sich ihretwegen
dem kommenden Richter unteriuerfe, daß man sich vorgewarnt durch
sie vorbereite auf das Gericht; doch ist es nicht leicht, sie zu deuten.1*1
Denke stets an den Tod und an das Jüngste Gericht, so mahnte ein
Prediger schon des 9. Jahrhunderts, Sedulius Scottus; bedenke die Be-
dingungen des menschlichen Elends: aus Erde (sc. geschaffen), auf der
Erde, wieder zu Erde; von der Erde ins Feuer, vom Feuer zum Gericht,
vom Gericht zur Hölle oder zum LebenDas Jüngste Gericht und
der mit ihm einherkommende Weltuntergang forderten vorausschau-
ende Selbstdeutung und strenge Lebensführung nach den Geboten der
Religion. Sie schlossen Predigt, Mission, Menschenliebe und rechte
Herrschaft mit ein. Die gesamte christliche Weltordnung stand unter
dem Vorzeichen ihres Untergangs. Denn nur solange die Erde bestand,
war Heilswerk noch möglich - sei es durch eigenes Tun, sei es durch
die Stiftung eines durch die Zeiten fortwährenden Gebetes für Lebende
und Tote. Der Weltuntergang bedeutete das radikale Ende aller Heils-
sorge.
Die Glaubensbotschaft wurde zum Interpretament auch der Natur-
wahrnehmung und Weltdeutung, der Lebensordnung und Historie, je-
Die Wandlungsmacht des Untergangs 85

denfalls im Christentum lateinischer oder griechischer Prägung, wurde


zur Folie aller religiösen und kirchlichen Reformen, zum Stimulus für
die gelehrte Theologie, der Zeitberechnung (Komputistik) und des
Kalenderwesens, für Geschichtskunde, Astronomie und weitere Natur-
wissenschaften. Die Zeit aber drängte. Denn «bald, bald» drohte das
Ende.I-,-, Mancherlei Zeiten waren prophezeit. Die Auseinandersetzung
mit ihnen eröffnete auf Dauer ein neues Kapitel der Welterkenntnis
und der Kosmologie.
Aktualisierungen

Berechnungen

Die Welt war endlich. Ihr waren insgesamt von der Schöpfung bis zum
Untergang 6000 oder, wenn es hoch kam, 7000 Jahre zugebilligt; so
hatten es die Christen von den jüdischen Rabbinen übernommen und
damit allen antiken, etwa stoischen Lehren eine Absage erteilt.1 Beide
Zeiten waren schon der altchristlichen Tradition vertraut. 1 Den ent-
scheidenden Psalmvers, der die Spekulationen über die Dauer der
Weltwoche auslöste, daß nämlich vor Gott 1000 Jahre wie ein Tag
seien (Ps ,90,4), zitierte zum Beispiel der (vermeintliche) Apostel Petrus
(z.Petr. 3,8). Wer aber über den Anfang der Welt und über ihre Dauer
nachzusinnen sich anschickte, hatte konsequenterweise auch ihr Ende
im Blick. So wagte man sich allen Verboten zum Trotz an Berechnun-
gen. Allein die Freuden des himmlischen Jerusalems herrschten ewig;
ewig auch brannten die Flammen der Hölle. Sie überdauerten jeden
Untergang der Erde und verliehen zumal diesem letzten ihre schauer-
liche Drohung: «Weh mir!», so klagte im Jahr 981 sterbend der Bi-
schof Dietmar von Prag. «Geraden Wegs fahr' ich zur Hölle, wo mir
die Würmer nicht sterben und das Feuer in Ewigkeit und noch länger
nicht erlöscht.» 3 Der Jüngste Tag brachte für den, der nicht vorge-
sorgt hatte, die letzte, die furchtbarste Entscheidung, jene nämlich zur
Verdammnis in Ewigkeit. Wann drohte sein Kommen? Wie viel Zeit
blieb noch zum Heils werk?
Fristen waren den heiligen Schriften zu entnehmen. Die Apokalypse
des Johannes handelte von 1000 Jahren, die den Satan im Orkus ge-
bunden sähen;4 der Prophet Daniel begründete die Überlieferung von
den vier Weltreichen und deutete auslegungsoffene Zeiten erst von
Berechnungen 87

70 Wochen, die schon für die Essener von Bedeutung waren, sodann
von 62 Wochen an (9,24-7): Dann werde der Frevel enden, dann der
Messias kommen. Christen legten die Verse auf ihre Weise aus. Etwa
Otfrid von Weißenburg (¡,3,35-6) im 9.Jahrhundert; er nannte die
Ahnen Christi seit Adam: «Vom Anfang der Welt bis zur Gottesmut-
ter Maria zähle die Generationen; es sind elfmal sieben.» Allein die
Gnosis entwickelte keine spezielle Zahlenmystik. Die heiligen Schrif-
ten boten mithin eine Vielzahl von Winken zur Berechnung der End-
zeit. Doch die Christen sollten sich gemäß Jesu Worten davor hüten.
Verbote aber wecken Neugier; das hatte schon Adam zu büßen. Die
Warnungen verführten denn auch von früh an - jeder Tabuisierung
zum Trotz - zu Zukunftsberechnungen und, da es um die Zukunft der
ganzen Welt ging, um Welterkundung. Man wand sich, verschleierte,
was man tat und nicht tun sollte, und ließ nicht ab vom Verbotenen.
Derartige Neugier mit schlechtem Gewissen herrscht - natürlich in ge-
wandelter, säkularisierter und verwissenschaftlichter Gestalt - in der
westlichen Zivilisation bis heute. Sie setzt etwa medizinischer, biolo-
gischer, genetischer Forschung Schranken, die durch die christliche
Tradition und eine von derselben geprägten Ethik errichtet wurden.
Solche Berechnungswünsche waren im Judentum des zweiten Tem-
pels vorgeformt, wie zumal die Texte aus Qumran verdeutlichen. Da
wurde etwa in der sogenannten Damaskusschrift, die wohl um das
Jahr 100 BCE entstand, das Gericht für das Jahr 70 BCE angekündigt.
Als es ausblieb, wurde nach Fehlern gesucht und korrigiert. 5 Der
Kommentar zu Habakuk beispielsweise, der um die 20 Jahre später
entstand, legte davon Zeugnis ab.6 Die Verzögerung mußte nun - nicht
anders als die christliche Parusieverzögerung - mit Gottes unerforsch-
lichem Ratschluß begründet werden. Verboten freilich war das Rech-
nen nicht. Nur wurde es in der römischen Zeit Palästinas und zumal
nach der Zerstörung des Tempels durch Titus mehr oder weniger hin-
fällig. Die Muster zur Verdrängung falscher Prognosen bleiben sich
gleich.
Das Exklusivwissen Gottvaters über den Zeitpunkt des Jüngsten
Gerichts und des Jüngsten Tags verwehrte den Christen, nach «Tag
und Stunde» des Gerichts und des Weltuntergangs zu forschen. Doch
88 Aktualisiertingen

von dem zu erwartenden Vorboten, dem großen Antichrist, der mythi-


schen Gegenfigur zum Pantokrator, hatte Jesus in diesem Zusammen-
hang nicht gesprochen. So mochte es zulässig erscheinen, seinem Auf-
treten rechnend auf die Spur zu kommen. Seine Zeichen beschrieben
die Briefe des (wie man glaubte) Apostels Johannes (i Joh 2 , 1 8 - 2 4
und 4,2-4; 2 Joh 7). Ihnen nachzuspüren, überhaupt die Vorboten
von Ende und Gericht zu erkunden, wie sie Erde und Himmel selbst
präsentierten und wie sie das Markus- und Matthäus-Evangelium
aufgelistet hatten, war nicht eigens tabuisiert; mithin schien es gedul-
det zu sein.7 Die Erzählung vom Antichrist verbreitete sich frühzeitig
und weit.8 Irenäus von Lyon sah in ihm Satan (Adv. Haereses 111,3,7,2;
III,3,I6,8), auch bei Hippolyt von Rom glich er dem Erzverführer;
beide Kirchenväter schrieben in den Jahrzehnten um 200 CE. «Falsche
Christen», Häretiker, bekehrungsunwillige Juden 9 und Muslime 10
galten später als seine für den Endkampf gesammelten Heerscharen.
Der Abt Adso von Montier-en-Der verfaßte im 10. Jahrhundert ein
Lehrschreiben für die französische Königin Gerberga, eine Schwester
Ottos des Großen, das - dem Ps.-Methodios folgend - das Endzeit-
drama schilderte und dem die lateinischen Exegeten seitdem Ver-
trauen schenkten: Es handelte geheimnisvoll von drei und einer hal-
ben Zeit. 1 1 Noch Sandro Botticelli, der große Renaissancekünstler
und Revolutionär, wird darauf anspielen (s. Farbtafel 6).
Zu spekulieren gab es viel. Zumal die 1000 Jahre der «Apoka-
lypse» fanden unterschiedliche Auslegungsweisen mit Wirkungen, die
tatsächlich christliche Gemeinden spalten konnten. Immer wieder
ging es um die Frage: Wann kommt das Ende? Chiliasmus und Mil-
lenarismus etwa wurden unterschiedliche Spielarten solcher Endzeit-
deutung. Millenarismus kalkulierte mit der Frist der 1000 Jahre seit
Christi Geburt oder Tod bis zu seiner Wiederkehr zum Gericht, dem
der Auftritt Satans oder des Antichrist vorausging. Chiliasten verstan-
den die eintausend Jahre, welche, der Apokalypse (20,1-8) folgend,
der Teufel (diabolns) gebunden im Abyssus liege, als eine tausendjäh-
rige, den Heiligen vorbehaltene irdische Zwischenzeit in Überfluß und
leiblichen Freuden, als Weltsabbat eingeschoben zwischen das Ende
des Sechsten Welttages, d.h. der irdischen Geschichte, und der allge-
Berechnungen 89

meinen Auferstehung der Toten zum Jüngsten Gericht. Der heilige


Augustinus bekämpfte diese «lächerliche Fabel», die von Montani-
sten, einer spätantiken christlichen Sekte, verbreitet wurde (vgl. Civ.
Dei 20,7.34-41). Überhaupt, der Kirchenvater warnte vor jeder Be-
rechnung, erwartete aber gleichwohl das Weltende in absehbarer, hi-
storischer Zeit, irgendwann in den kommenden Jahrhunderten. 11
Die Kirchenväter hegten freilich keinerlei Zweifel an der begrenzten
Frist für die Welt. Als Beispiel sei noch einmal auf den Bischof von
Hippo verwiesen. Heftig kritisierte er in seiner Apologie De civitate
Dei jene Autoren, die der Welt seit Adam ein höheres Alter als 6000
oder 7000 Jahre zubilligen wollten: Nichts als verlogene Täuschung,
nichtiger Wahn sei solches (vanitas, Cm Dei 1 2 , 1 1 . 6 ) . Die Zeitdimen-
sion, die der späte Augustin ins Auge faßte, bewegte sich tatsächlich
ganz im Rahmen dieser Frist, die der jüdischen Exegese verdankt
wurde (z. B. Civ. Dei 1 2 , 1 1 . 3 - 4 , ebd. 12,13.8 oder ebd. 20,7.24-5). Er-
legte diese Zeitspanne nicht symbolisch, sondern geschichtszeitlich
aus. Explizit suchte der Bischof heidnische Überlieferungen eines
höheren Weltalters durch historische Quellenkritik, nicht etwa durch
symbolische Exegese zu widerlegen; und klar verwahrte er sich gegen
eine Geschichtszeit von 15 000 Jahren. 13
Wohl aber lehnte der die Geschichte deutende Kirchenvater es ab,
die sechs- oder siebentausend Jahre nach gleichmäßig kalkulierten
Tagen von jeweils eintausend Jahren zu kalkulieren; 14 auch hatte er
früher schon seinen Briefpartner Hesychios eindringlich vor der Be-
rechnung des Weltendes gewarnt (vgl. Civ. Dei 20,4.77-80); ein der-
artiges Unterfangen käme hybrider Neugier gleich. 15 Jüngere Gelehrte
widersetzten sich dennoch Gottes Weisung und mißachteten die War-
nung des Kirchenvaters. Auch in der orthodoxen Kirche regte sich die
Bereitschaft zur Berechnung oder doch - nicht erst um die Jahrtau-
sendwende 16 - eine aktualisierte Naherwartung. Die Neugier trium-
phierte über alle Berechnungsverbote: «1000 Jahre nach Christi Paru-
sie müssen erfüllt sein, dann kommt das Ende». 17 So blieb es bis tief
in die Neuzeit. 18
Die Menschen verlangten zu wissen, zu spekulieren, zu kalkulieren;
sie warnten immer wieder, aber sie lernten zugleich, aufkommende
90 Aktualisiertingen

Ängste zu verdrängen, in den Tag hinein zu leben und nur im Ange-


sicht einer Katastrophe des Weltuntergangs zu gedenken. Die immer
nachdrücklicher sich meldende Parusieverzögerung weckte Zweifel
und rief in dieser Welt voll sozialer, politischer, geistiger Umbrüche
nach Klärungen, Vertröstungen, nach Widerrufungen, nach neuen
Deutungen und Zeitberechnungen, nicht zuletzt auch nach Hand-
lungsanweisungen. 19
Als Beispiel aus dem früheren Mittelalter mag Beda Venerabiiis
dienen, auch er ein Heiliger der Kirche. 20 Er folgte durchaus der Sechs-
Welttage-Lehre der Väter [De temporum ratione c. 66), realisierte
aber in seinen späten Jahren die Differenz zwischen der hebräischen
Bibel und der Vulgata in den jedem «Tag» zugewiesenen Jahren und
folgte der ersteren, ohne die zweite, von ihm früher einmal benutzte
zu unterdrücken (ebd. Prol.). Zugleich widersprach er jeglicher End-
zeitspekulation (wie sie offenbar zu seiner Zeit unter angelsächsischen
Gläubigen und seinen Mitmönchen verbreitet war), setzte der Erde
aber gemäß der hebräischen Bibel einen späten Beginn mit dem Schöp-
fungsjahr 3952. Jahre vor Christi Geburt, polemisierte vorsichtig ge-
gen die Weltalterkalkulation des Kirchenvaters Hieronymus und be-
stritt nun rundheraus die 6000-Jahres-Frist für die Dauer der Welt
(ebd. c. 67-8). Denn nur der «Vater» wisse, wann das Ende komme
(Mt 24,36). Bedas Schöpfungsjahr verzögerte freilich auch nach der
Rechnung des Hieronymus die Vollendung des sechsten Jahrtausends
um annähernd 1400 Jahre. Das mochte die eschatologisch aufgereg-
ten Gemüter beruhigen. Als sichere Zeichen der Näherung des Jüng-
sten Tages akzeptierte der Verehrungswürdige nur die Bekehrung der
Juden und das Auftreten des Antichrist, dessen Wirken er beschrieb
(ebd. c. 69). Das Feuer des Jüngsten Tages (gemäß 2.Petr) werde Him-
mel und Erde nicht vernichten, sondern beide hell leuchtend erneuern
(ebd. c. 70). Der siebente und achte Welttag sind der ewigen Ruhe be-
stimmt und dem Sein bei Gott. 1 1
Karl der Große war verunsichert und verlangte Gewißheit. In wel-
chem Jahr nach Christi Geburt leben wir? In welchem seit Erschaf-
fung der Welt? Der König und Kaiser ließ seine Gelehrten die Zeiten
erforschen. 11 Sie stellten im Jahr 798 verschiedene Weltalterberech-
Berechnungen 91

nungen nebeneinander. Einige deckten sich mit denen, die im Spanien


des Beatus von Liebana2-3 oder in den Gelehrtenkreisen um den Lan-
gobarden Paulus Diaconus kursierten, die beide - in hieronymiani-
scher Tradition - mit dem Jahr 800 die Auferstehung der Toten oder
doch einschneidende Änderungen erwarteten. Nicht ganz so sicher
war der Erzbischof Hildebald von Köln, der führende Komputist am
Hof des fränkischen Kaisers. Aus seinem Besitz hat sich eine Hand-
schrift mit einer Sammlung verschiedener Zeitberechnungen erhalten,
darunter auch jene des heiligen Hieronymus und des Orosius. Sie wa-
ren mithin am Herrscherhof bekannt und verwiesen mit dem Jahr 800
nach Christi Geburt auf das Ende des sechsten, des letzten Jahrtau-
sends seit Erschaffung der Welt, das Ende des sechsten Äons (die sexta
mundi aetas). Nur noch zwei Jahre Zeit? Begann dann ein siebenter,
der letzte Welttag, der Weltsabbat, mit dessen Ende Christus zum Ge-
richt wiederkommen sollte?24
Nach anderen aber, auch das findet sich in Hildebalds Handschrift,
sei das Jahr 6000 schon verstrichen und man lebe - gemäß der Sep-
tuaginta, der von hellenisierten Juden im 3./2. Jahrhundert BCE ins
Griechische übertragenen Bibel - im Jahr 6268 der Weltära. Andere
rechneten noch anders, nämlich ähnlich Beda nach der Kalkulation
der Juden. 25 Danach setze man das Jahr 809 CE in das Jahr 4761 oder
4762 nach Erschaffung der Welt, und das Jahr 6000 AM ließ noch
weit über ein Jahrtausend auf sich warten. Einer stöhnte, wer es nicht
glaube, schwitze und rechne selbst. Sichere Gewißheit besaß angesichts
so widersprüchlichen Wissens niemand, der sich eschatologischen Fra-
gen zuwandte und nur undeutliche Antworten erhielt. Um so bedrän-
gender wurden diese Fragen. Karl entschied sich für die jüdische Kal-
kulation, ohne die christliche zu verwerfen. Man konnte Genaueres
nicht wissen.
Jene Zusammenstellung der Weltalter, die Hildebald sammelte oder
die für ihn festgehalten wurde, findet sich im Kontext der Fragen über
das Ende der Welt {de fine mundi). Anfang, Dauer und Ende gehörten
zusammen; wer das eine dachte, dachte das andere mit. Freilich, der
Jüngste Tag blieb Menschen, Engeln und dem «Menschensohn» ver-
borgen; allein «der Vater» wußte um ihn. 26 Hildebalds Konvolut erin-
92 Aktualisiertingen

nerte daran. Der hier genannte «Menschensohn» wurde dabei nicht


mit Christus, sondern - in Abwehr des Adoptianismus - gemäß Mar-
kus 1 3 , 3 2 allgemein mit dem Christen als Gotteskind gleichgesetzt.
Der Antichrist aber sollte sich eine unbestimmte Zeit vor dem Jüngs-
ten Tag enthüllen und dreieinhalb Jahre wüten, bevor sein Ende käme.
Gefahr also, Gefahr, wohin man schaute.
Karl ließ eben deshalb in sorgenvollem Wissen um die Endzeit akri-
bisch die Zeiten berechnen, die Zeitrechnung und den Kalender er-
forschen, was hieß: Aufklärung über den eigenen Ort in der Heils-
geschichte suchen, auch wenn das letzte Wissen über den Jüngsten Tag
und über das Endgericht versagt bleiben mußte/ 7 Auch jüngere Ge-
lehrte während des Mittelalters rechneten, schwitzten und addierten
die Jahrhunderte seit der Schöpfung, die in der Bibel aufgelistet waren,
die Lebenszeiten eines Adam, eines Noah und der übrigen Mensch-
heitsväter. Fast keine Zählung glich einer anderen. Diese Zeitforscher
beherrschten den Computus, d.h. die Zeitrechnung, die nötig war zur
Bestimmung des jährlich wechselnden Ostertermins. Das Zählen und
Rechnen aber führte zu divergierenden Ergebnissen, etwa zu einem
Montag als dem ersten Schöpfungstag, was nicht sein konnte, da Gott
sich an einem Sonntag ans Werk gemacht hatte, wie Moses lehrte. So
genau die Jahre addiert wurden, so vollkommen die Komputistik be-
herrscht wurde, die Zeit und mit ihr die Frist, die der Welt noch ver-
gönnt war, hüllten sich ins undurchdringliche Geheimnis. Sie forder-
ten auf ewig die Gelehrten heraus.
Die Nachgeborenen besaßen auf Jahrhunderte keinen Begriff von
der Notwendigkeit historisch-kritischer Erforschung der Glaubens-
lehren und ihrer Überlieferung. Für sie gab es nur das gleichermaßen
verpflichtende Konvolut heiliger Autoritäten. Auch heute akzeptieren
viele Gläubige die Ergebnisse kritischer Bibelforschung nicht. Die Kir-
chenväter vermittelten indessen keine einheitliche Lehre von den
«letzten Zeiten», dem «Antichrist», den tausend Jahren der johannei-
schen Apokalypse, dem «Weltuntergang». Der ehrwürdige Beda fand,
wie erwähnt, viele Nachfolger. Man konnte, so wurde deutlich, seiner
Exegese folgen oder jene des Hieronymus, jene des Augustinus oder
anderer Kirchenväter bevorzugen. Gewißheit über das Ende war nicht
Berechnungen 93

zu gewinnen. Immer neue Rechnungen wurden aufgemacht, und sie


bescherten regelmäßig, sobald die Weltfrist auf 6000 Jahre begrenzt
sein sollte, untrügliche Hinweise auf das in Bälde, in wenigen hundert
Jahren oder noch rascher herbeieilende W e l t e n d e . D i e Zeit drängte
immerzu. Die Sorge, die Frist nicht zu vertun, wühlte unablässig.
Nur so viel war gewiß: Der Jüngste Tag drohte auch dem gegenwär-
tigen Zeitalter. Karls Biograph Einhard, der des Kaisers Sorgen um
Komputus und Weltalter unmittelbar miterlebt hatte, wußte darum.
Er zog sich, der gelehrte Mann, krank und alt, von einem Himmels-
brief, von satanischen Botschaften erschreckt und schlimmer noch:
von klaren Endzeitzeichen gewarnt - Haß nämlich und Neid unter
Verwandten, der Bruder gegen den Bruder, der Vater liebe den Sohn
nicht mehr (vgl. Mc 13,12.) -, Einhard zog sich also in den Schutz der
Märtyrer Marcellinus und Petrus, die er selbst aus Rom ins Franken-
reich auf seine Güter hatte überführen lassen, zurück, «auf daß mich
Elenden und Sünder jener unausweichliche Jüngste Tag (inevitabilis
atque ultima dies), der diesem Zeitalter (,aetas), in dem ich mich jetzt
befinde, folgen wird, nicht mit flüchtigen und nutzlosen Sorgen befaßt
sieht, sondern mich im Gebet, in frommer Lesung und in Meditation
göttlicher Weisung finden wird». 1 9 Die Zeichen, die sich ihm Himmel
und Hölle und der Menschen Bosheit kundzutun und zu offenbaren
schienen, rückten ihm auch das Ende der Welt wieder in nächste
Nähe. 30
Die seit Origenes und Hieronymus sich verbreitende Lehre vom
mehrfachen Schriftsinn3 T verwirrte noch weiter. Spätere Exegeten be-
mühten sich wieder und wieder um Klärung. Der mehrfache Schriftsinn
gestattete in der Tat eine flexible Handhabung der Prophezeiungen. In
dieser Sicht besaß zum Beispiel Jerusalem in den heiligen Schriften
einen vierfachen Sinn: einen historischen, nämlich die reale Stadt,
einen symbolisch-allegorischen (Jerusalem als Kirche), einen mora-
lischen (Jerusalem als Inbegriff der Wahrhaftigkeit) und einen anago-
gischen, erlösenden, seligmachenden (Neues Jerusalem als künftiger
Äon). 3 i Die eschatologischen Perspektiven blieben geheimnisvoll.
Selbst die frühen Konzile gaben keinen epistemologischen Leitfaden
zur Deutung und vorgreifenden Bewältigung der Endzeit an die Hand.
94 Aktualisiertingen

Sie waren vor allem mit christologischen Differenzen befaßt. 33 Die


diversen Formeln des Glaubensbekenntnisses verwiesen nur auf die
Wiederkehr Christi zum Gericht, auf die Auferstehung der Toten und
auf das ewige Leben der Guten oder das ewige Feuer der Bösen. Sie
legten sich nicht fest im Hinblick auf das künftige Geschick der Welt
und der Erde, deren Ende dennoch für die nahe, gleichwohl nicht vor-
hersehbare Zukunft erwartet wurde. Es blieb bedrängend, gerade weil
seine Verkündung auslegungsoffen war. Manche häretische Lehre grün-
dete hierin.
Vielfalt und Widersprüche zogen in die christliche Eschatologie ein,
die Grundlagen künftiger Sozialutopien und Revolutionen. Sie soll-
ten bis heute wirken. Wer wollte auch die Bilder der Apokalypse des
Johannes zwingend ausdeuten, die Weltwochen des Daniel? Noch in
heutiger Zeit befleißigen sich Kreationisten oder manche Evangelikaie
gleichartiger Exegesetechniken und Kalkulationen, addieren biblische
Alters- und Zeitangaben, bescheinigen etwa ein Schöpfungsdatum um
das Jahr 4000 vor unserer Zeit und billigen der Erde insgesamt ein zu
erwartendes Alter von höchstens 10 000 Jahren zu; manche verharren
auch bei der 6000-Jahres-Grenze für die Welt. Die naturwissenschaft-
lichen Erkenntnisse der letzten Jahrhunderte prallen ab von einer
Mauer aus aufklärungsresistenten Offenbarungen der Bibel und der
Weisheit der Väter. Doch auch diese, ebendiese modernen geologi-
schen, entwicklungsbiologischen, astronomischen, kosmologischen,
astrophysikalischen Forschungen und Theorien, fragen nach Anfang
und Ende, Untergängen auf der Spur, wenn auch in anderen Dimen-
sionen als jene Kreationisten, folgen mithin den hermeneutischen Vor-
gaben eschatologischen Denkens, wie sie die biblischen und früh-
christlichen Vordenker ausgeformt hatten und wie sie seit über
anderthalb Jahrtausenden diese christliche Kultur prägen.
Frühe Exegeten 95

Frühe Exegeten

Die «Gemeinde Gottes» «verharrt in Geduld, bis sich die Gerechtig-


keit zum Gericht wendet». Der heilige Augustinus wies mit diesen
wenigen Worten der Christenheit den Weg in alle irdische Zukunft.
Sie finden sich im Prolog seines großen Werkes «über die Bürgerschaft
Gottes», De civitate Dei. Dasselbe ist einer der Schlüsseltexte der
westlich-abendländischen Welt, reich überliefert, von Geistlichen und
Laien immer wieder gelesen, immer wieder verinnerlicht, wirksam
durch die Jahrhunderte. Dieser Text verteidigte die Christen, das neue
erwählte Volk Gottes, gegen die Angriffe römischer Heiden, schuld zu
sein an der Plünderung Roms durch die Goten, und gilt der letzten
Etappe der «Heilsgeschichte».
Wie die Seligkeit schmecken sollte, «wo es kein Übel mehr gibt»
(XXII,30,1), davon handelten die beiden letzten der zweiundzwanzig
Bücher der Civitas Dei. Gewiß, Himmel und Erde werden vergehen,
in einem endzeitlichen Feuer vernichtet werden. Doch dann erheben
sich ein neuer Himmel und eine neue Erde - für die Gerechten, die Er-
lösten, die Einwohner der civitas Dei, die Heiligen. 34 Sie durften in
höchster Seligkeit die Qualen der Verworfenen schauen. Deren Welt,
die Welt der meisten Menschen, und diese selbst waren dem endgül-
tigen Untergang geweiht, rettungslos dem ewigen Höllenfeuer. Das
war die Lehre, die das folgende Jahrtausend verkraften mußte. Eine
schwere Hypothek.
Der Untergangsbotschaft folgten Hinweise auf die Zukunft jener
Seligen, auf ihre Leiden im Diesseits, auf Gottesschau und Seligkeit
danach, abgestuft nach Verdienst, Ehre und Herrlichkeit (XXII,30,2).
«Dort wandeln wir und schauen wir, schauen wir und lieben wir, lieben
wir und loben wir. So wird es sein, das Ende ohne Ende» (XXII,30,5).
Christliche Ethik - tägliches Gebet, Werke der Barmherzigkeit, Buße,
die Hungernden speisen, Almosen geben und anderes (vgl. etwa X X I ,
27,2) - begleitete die Geschicke von Gottes Bürgerschaft und die
Untergangsdrohung der Gegenkräfte. Im Leben, jetzt, mußte sich ent-
scheiden, ob und wie der Untergang überstanden werden würde.
96 Aktualisiertingen

Die bedeutendste christliche literarische Schöpfung, eben des


Augustinus' De civitate Dei, beschrieb jene Vermischung von Gut
und Böse, der himmlischen und der irdischen Gemeinden, der civi-
tas caelestis oder Dei und der civitas terrcna oder Diaboli, in der
die Geschichte sich entfalten, die bis zum Ende der Zeiten dauern
und am Jüngsten Tag durch Christi Richterspruch ihr Ende finden
sollte, beschrieb also den Weg des Heils und des Verderbens. Das
Werk glich einer einzigen Aufforderung zur Entscheidung, zu gottge-
fälligem Denken und Handeln. Der heraneilende Untergang lastete
zumal auf den letzten Zeiten, auf jeder Gegenwart. So wandte sich
der Bischof von Hippo eben gerade dem Ende zu, dem Jüngsten Ge-
richt und dem vernichtenden Feuer am Ende der Zeiten. Er vertei-
digte beide gegen heidnische Kritik am christlichen Untergangsglau-
ben (vgl. Civ. Dei 20,16 und c. 30: tnundi conflagratio). Nach dem
Gericht über die Verworfenen «wird die Gestalt (figura) dieser Welt
im Feuer irdischer Flammen untergehen»; «die Eigenschaften der irdi-
schen Elemente werden ... vollständig im Feuer vergehen» (20,16).
Der neue Himmel und die neue Erde würden in wunderbarer Ver-
wandlung eine Substanz erlangen, wie sie unsterblichen Leibern zu-
komme (20,16).
Augustin entwarf eine verpflichtende Weltdeutung. Die Gewißheit
des Untergangs begründete die Notwendigkeit christlicher Ethik. Sie
begnügte sich nicht mit wenigen guten Taten; sie verlangte Ausdauer
in heilsamem Handeln und sorgte damit zugleich, durch das beglei-
tende Begründungswissen, für den Fortbestand apokalyptischer Er-
wartung. Denn das Jüngste Gericht, der Jüngste Tag und der bedroh-
liche Untergang der Erde im Feuer überzeugte Glaubensboten, die
sich anschickten, «alle Völker» zu lehren und zu taufen (vgl. Mt
28,18). Andere Kirchenväter - ein Irenäus von Lyon, ein Hieronymus,
ein Gregor der Große, ein Isidor von Sevilla und viele mehr, auch der
donatistische Häretiker Tyconius in seinem Apokalypsekommentar -
beeilten sich, diese Weltsicht zu verbreiten. Sie konnte Widerstand
wecken, aber sie versöhnte die Getauften zugleich mit der Predigt von
Barmherzigkeit und Liebe und der Verheißung eines Neuen Jerusalems
und einer neuen Erde für «bald». Nur allzu oft sollte diese Botschaft
Frühe Exegeten 97

von Gewalt und Unterdrückung begleitet sein. Die Christen taumelten


in eine apokalyptische Zeichenwelt, die ihnen höchste Autoritäten,
Gott, Christus, die Propheten, die Apostel und die Heiligen zumute-
ten. Was immer sie taten, Gericht und Untergang drohten und wirkten
fortgesetzt als Handlungslcorrektiv.
Der Dualismus zwischen heidnisch-profaner Geschichtsschreibung
und der «Heilsgeschichte» bestimmte seit Augustinus das historische
Denken im lateinischen Westen. Heilsgeschichte war Kirchengeschichte.
Denn «außerhalb der Kirche gibt es kein Heil», wie Cyprian lehrte
und die Kirche durch Jahrhunderte hindurch bis heute als Lehrsatz
kennt. Augustinus verdeutlichte: «Wer außerhalb der Kirche ist, hat
den Heiligen Geist nicht».35 Die Heilsgeschichte begann mit der Welt-
schöpfung und endete mit dem Untergang. Sie entfaltete sich - so
nach Augustins oft wiederholter Gliederung - vom Sündenfall über
vier Einschnitte und fünf Weltzeitalter: von Adam bis zur Sintflut, von
da bis zu Abraham, von ihm zu David, von diesem zur Babylonischen
Gefangenschaft und endlich zu Jesus von Nazareth. Die Zeit nach
Christus bildete das sechste Weltalter, in dem nun alle lebten, die der
Wiederkehr Christi harrten; ihm wird ein siebter Welttag folgen, «der
unser Sabbat sein wird» und dem als achter Tag der «Tag des Herrn»
folgt (Civ: Dei 2.2,30,5). Es war die Lehre des Barnabasbriefes, die der
Autor der Civitas Dei an seine Leser weitergab. 36 Das «Gehet hin in
alle Welt» wurde zu einem Appell an die Christenheit: Erforscht die
ganze Erde, macht sie euch Untertan. Alle Welt mußte noch vor dem
Ende die Heilsbotschaft empfangen haben. Jüngstes Gericht und Welt-
untergang verzögerten sich bis dahin.
Die Aufgabe war gewaltig. Augustins Deutung verwies auf keine
ferne Zukunft. 3 7 Auch zur Geschichtsschreibung raffte der Kirchen-
vater sich nicht auf. Wohl aber regte er den Paulus Orosius an, der
christlichen Heilsgeschichte - und zwar von Adam bis zur eigenen
Gegenwart des frühen fünften Jahrhunderts - die heidnische Ge-
schichte des «Unheils» gegenüberzustellen.38 Der Weltuntergang
spielte dabei keine Rolle, weil Orosius nur in die Vergangenheit
schaute; allein die grundsätzlich eschatologische Perspektive blieb mit
den Weltaltern virulent.
98 Aktualisiertingen

So überdauerte biblisch orientierte Weltgeschichte von der Chronik


des Ensebios im früheren 4. Jahrhundert - sie hatte die biblische Ge-
schichte und heidnische Kaiser- und Profangeschichte in synchro-
nischen Tafeln erfaßt; das hier relevante 2. Buch hatte Hieronymus ins
Latein übersetzt - bis hin zu Melanchthon, dem Reformator an Luthers
Seite, und bis zum Zeitalter der Aufklärung. Während dieser Jahrhun-
derte, zumal im früheren Mittelalter, sah sich das augustinische Sechs-
Aetates-Schema immer wieder angesprochen, wenn auch oftmals nur
in knappster Form. Einer der ersten, der es tat, war Isidor von Sevilla. 39
Die reifste Frucht der augustinischen Lehre schenkte im 1 2 . Jahrhun-
dert Otto von Freising mit seiner Chronica; sie benutzte das augusti-
nische Schema sogar mit Einschluß des achten Welttags, um die ge-
samte, umfangreiche Weltgeschichte bis hin zum definitiven Ende zu
strukturieren.
Die Erscheinung des Antichrist und die Bekehrung der Juden waren
für die Zeit unmittelbar vor dem Endkampf zwischen Gut und Böse an-
gekündigt. Doch blieb vieles in der Schwebe und herrschte unter den
christlichen Geschichtsschreibern keine Übereinstimmung. Die mah-
nende Ungewißheit sollte bleiben. Auch der drohende Untergang besaß
einen anagogischen Sinn. Mancherlei Inhalte schlichen sich in die Über-
lieferung ein. Der heilige Hieronymus beruhigte die von Endzeiterwar-
tung besorgten Christen mit der Lehre des Tertullian: Der Antichrist er-
scheine nicht, solange das Römische Reich fortbestehe.40 Die Botschaft
des zweiten Thessalonicherbriefes (2Thess 2,6-8) sah sich also erneut
mit dem 1. und 2. Johannes-Brief vereint und mit der Parusie-Verhei-
ßung in eine neue geschichtliche Zukunftsperspektive gerückt. Sie sollte
zweieinhalb Jahrhunderte später ihre maßgebliche Gestalt gewinnen,
indem nun neben dem Widerchrist noch ein Weltkaiser der Endzeit her-
vorträte. Es geschah im 7. Jahrhundert, als die arabische Expansion das
byzantinisch-christliche Imperium bedrohte, wohl in den ersten Herr-
schaftsjahren des Kaisers Konstans II. (641-68), und diente in den er-
sten Jahren der arabischen Expansion und schwerer Niederlagen der
Römer der psychologischen und propagandistischen Aufrüstung. 41
Damals raunte die Tiburtinische Sibylle von einem Kaiser Con-
stans, der 1 1 2 Jahre im Überfluß regieren, das Imperium wiederher-
Frühe Exegeten 99

Amiens, Kathedrale, Auferweckung der Toten und Jüngstes Gericht im


Tympanon des Hauptportales.
100 Aktualisiertingen

stellen, das Kreuz in den Idoltempeln aufrichten werde, bevor sich die
Juden bekehrten, der Antichrist sein Schreckensregiment anträte, die
Endzeitvölker Gog und Magog von den Rändern der Welt hervorbrä-
chen, und der zuletzt in Jerusalem seine Herrschaft Christus überge-
ben werde. Endlich werde der Antichrist durch den Erzengel Michael
getötet werden. Danach beginne das Drama der Erde. Sie werde naß
von Schweiß; Feuer und Schwefel fielen vom Himmel. Dann folge das
Jüngste Gericht, das die Gottlosen ins ewige Höllenfeuer weise, die
Gerechten aber in das ewige Leben. Ein neuer Himmel und eine neue
Erde entstünden. Meere gäbe es nun nicht mehr.42- Die alte Erde war
in dieser Perspektive in Schweiß, Feuer und Schwefel untergegangen.
Fortan beherrschte diese Erzählung von Endkaiser, Antichrist, Welt-
untergang und Jüngstem Gericht die christliche Eschatologie. Noch in
der Spätantike nahmen sich Buchilluminatoren des Themas an. Im
9. Jahrhundert wurden einige ihrer Bildschöpfungen kopiert und sind
bis heute erhalten.43 Die Illustrationsbereitschaft zu dem letzten Buch
des Neuen Testaments dauert fort. Auch das Jüngste Gericht sah sich
seit der Spätantike in wechselnden Interpretationen immer wieder
und immer wieder anders ins Bild gesetzt. Bald sollte jede Westwand
einer Kirche auf dieses Ende verweisen. Diese Imaginationen wurden
mit der Zeit immer dramatischer, erschreckender, der Sturz ihrer Ver-
dammten von mehr und mehr Dämonen, Teufeln und Ungeheuern be-
gleitet. Auf Jahrhunderte blieben die Schreckensszenen sichtbar, äng-
stigten und peinigten das Volk und sorgten für ihr Eindringen in die
Tiefen des kulturellen Gedächtnisses. Gleichwohl, diese Bildzeugnisse
bilden ein eigenes Thema, das hier nicht verfolgt werden kann und,
von wenigen Beispielen abgesehen, ausgeblendet bleiben muß.
Jedes der genannten apokalyptischen Motive aber konnte für das
gesamte Endzeitdrama stehen und evozierte so stillschweigend die
anderen Inhalte mit. Doch sei im Folgenden zumal auf den Untergang
und seine Ausgestaltung geachtet. Theologen, Geschichtsschreiber
oder Enzyklopädisten tradierten das Wissen. Auch außerhalb der Ge-
schichtsschreibung finden sich die Spuren des Endzeitglaubens; ein
immer dichteres Wegenetz führte zu ihm. Nur wenige Etappen seien
angedeutet.
Frühe Exegeten 101

Vermutlich im irisch geprägten Kloster Bobbio in Oberitalien las


man nach Ausweis einer erhaltenen Handschrift (Zürich, Zentral-
bibliothek, Ms Rh 140) damals, im S. Jahrhundert, eifrig endzeitlich
getönte Texte der Kirchenväter, des Hieronymus und eben auch des
Augustinus. «Es beginnt», heißt es (f. 93r), «die Predigt des heiligen
Bischofs Augustinus über den Tag des Gerichts. Geliebteste Brüder,
wie sehr ist jener Tag zu fürchten, an dem unser aller Herr und Erlö-
ser Jesus Christus mit Feuerflammen kommen wird, ... An jenem Tag
werden alle das Ende der Zeiten beklagen». Und schon zuvor (f. 56V)
verwies der Abschreiber mit einem Hieronymus-Brief auf die Tugend-
fülle gegen Ende aller Dinge (cum omnium rerum finis advenerit), auf
daß Christus ganz in allen se/.44 Die apokalyptische Saat und die Er-
lösungshoffnung ging auf und trug reiche Frucht.
Der spanische Abt Beatus von Liebana, ein Theologe des späteren
8. Jahrhunderts, der gegen den aus dem mozarabischen Christentum
andrängenden Adoptianismus, eine christologische Häresie, anschrieb
und deshalb mit Alkuin, dem gelehrten Angelsachsen am Hof Karls
des Großen, korrespondierte, war Autor eines einflußreichen, vielfach
abgeschriebenen und prachtvoll illustrierten Apokalypsekommentars
(s. Farbtafel 1). Derselbe entstand im Jahr 779 oder 789 und fand im
südlichen Frankenreich weite Verbreitung.45 Der Urheber der ältesten
erhaltenen illustrierten Handschrift (10.Jahrhundert), heute in der
Pierpont Morgan Library in New York, verwies besorgt darauf, sein
Werk vollbracht zu haben, «damit es die Wissenden mit der Ankunft
des nahenden Gerichts über die untergehende Welt schrecken möge»
{ut scientibus terreant [sc. verba mirifica] iudicii futuri adventui per-
acturi scculi).46 Das war nicht lange vor dem apokalyptisch besetzten
Jahr 1000. Noch Picasso bezog Anregungen für sein Guernica-Ge-
mälde von den prachtvollen Imaginationen der Beatus-Handschriften.
Der Kommentator rechnete in tyconianischer Tradition mit dem Jahr
800 als dem Ende des alten und dem Beginn eines neuen Äons. Der
heilige Hieronymus hatte ebenso kalkuliert.
Karl der Große kannte die Bedeutung dieses Jahres. 47 Am Weih-
nachtstag desselben, nach damaliger Jahreszählung des Jahres 801,
mithin am ersten Tag des neuen Äons, ließ der Frankenkönig sich zum
102 Aktualisiertingen

Kaiser krönen; und eben auf seine Veranlassung hin erfuhr das Ka-
lenderwesen einen ungeahnten Aufschwung. 48 Zeitforschung wurde,
wirksam bis heute, zu einem Anfang exakter Naturwissenschaft.
Doch was ist Zeit? Ein Augustinus hatte es sich gefragt, und noch die
herausragenden Gelehrten unserer Gegenwart, ein Albert Einstein
oder der Kosmologe Stephen Hawking, zerbrachen und zerbrechen
sich darüber den Kopf. 4 9 Karl freilich wollte es wissen um des Heiles
willen.
Instruiert von Alkuin, wußte der König, daß - gemäß dem Apos-
tel - die Zeiten gefährlich seien. Es ist, so lesen wir in den heiligen
Schriften, die Zeit, die vorhergesagt wurde; so betonte der Angel-
sachse. 50 Der Hinweis verdeutlicht Endzeitgedanken im Umkreis des
Karlshofes vor dem Jahr 800. Sie forderten zum Handeln auf. Auch
Theodulf, der spätere Bischof von Orléans, ein Westgote, erinnerte
den König in seiner unter Karls Namen verfaßten Auseinandersetzung
mit dem siebten Ökumenischen Konzil und mit dem byzantinischen
Bilderkult, in seinem Opus Caroli regis contra synodum (den soge-
nannten Libri Carolini), an den in Bälde zu erwartenden Untergang. 51
Als der Gote unter Benutzung des 29. Psalms (v. 6) das Weinen am
Abend und die Freude des Morgens eschatologisch auslegte, daß näm-
lich der Abend unsere Zeit, in die das Ende der Zeiten falle und den
Tag des Jüngsten Gerichts, bezeichne, der Morgen aber die Zeit der
Auferstehung und der Belohnung der Heiligen, da stimmte ihm der
König lebhaft zu: fein gesagt, eleganter. Apostel und Heilige hätten
von diesen Jüngsten Zeiten und dem Ende der Welt gesprochen und
deshalb die Schönheit der himmlischen Heimat gepriesen. Auch die-
sem Wink versagte der König seine Zustimmung nicht. Als die Pro-
phétie des Jesaias (2,2-3) für die Jüngsten Tage zur Sprache kam,
blieb Karl ebenfalls nicht stumm. 52
Alkuin drängte auf die Begründung eines «christlichen Imperiums»,
Karl entschied sich für die Erneuerung des «römischen». Warum, ist
nirgends überliefert. Doch die Entscheidung besaß eschatologische
Bedeutung, da ja seit Tertullian, dem ersten herausragenden Apolo-
geten des Christentums, dessen Überlieferung in karolingische Zeit
zurückreicht, die Christen für den Fortbestand des Imperiums und der
Frühe Exegeten 103

römischen Macht (pro omni statu imperii rebusque Romanis) beteten,


wodurch die dem ganzen Erdkreis drohende Katastrophe und das
Ende der Zeit durch den Fortbestand des römischen Imperiums hin-
ausgezögert werde (vim maximam universo orbi imminentem ipsam
clausulam saeculi acerbitates borrendas comminantem Romani im-
perii commeatur et ardari).53 Erst mit dem «Abfall» der Völker vom
Imperium, mit dessen Auflösung und Ende schlug die Stunde des An-
tichrist. Derartiger «Reichstheologie» stand eine lange, bis in das
17. Jahrhundert, ja, bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts reichende
Zukunft bevor.154 In dieser Sicht war die Erneuerung des römischen
Kaisertums ein heilsgeschichtlich notwendiger Akt. Das dürfte auch
für Karl den Großen gelten. Spuren endzeitlichen Wissens und For-
schens führen über die schon erwähnte Handschrift des Erzbischofs
Hildebald von Köln, des königlichen Kanzlers, an den Königshof.
Nicht jeder vertraute diesen Versicherungen. Die Wogen des Un-
rechts schlagen immer höher [...] gefährliche Zeiten sind heraufge-
zogen. Die Welt wird von ihrem Ende bedroht. So verkündete mit
Paulus-Zitat im späteren 10. Jahrhundert Odo, der zweite Abt von
Cluny, und ergänzte: Die Zeit des Antichrist droht. [...] Das Myste-
rium der Bosheit offenbart sich schon. [...] Nur eine kurze Weile und
die Welt geht zugrunde.55 - Höre Erde! Höre Schoß des großen Mee-
res! Höre Mensch! Und höre alles, was da lebt in der Sonne: Kommen
wird, nahe ist des Zornes Tag, der verhaßte Tag, der bittere Tag. So
begann das Totenoffizium der Mönche von Aniane (bei Montpellier)
in den Jahren vor der Jahrtausendwende. 56
Anderes kam hinzu. Augustin etwa hatte an Matthäus 24,14 erin-
nert, daß eben das Evangelium der ganzen Welt (in universo orbe) und
allen Völkern verkündet sein muß, bevor das Ende käme. Die entfern-
teste Insel, so der Kirchenvater, müsse die Heilsbotschaft vernommen
haben, bevor das Untergangsdrama beginne.57 Das beschränkte sich
keineswegs auf eine zeitliche Bestimmung; es war Forderung nach Er-
füllung des Sendungsbefehls Christi. Der Weltuntergang erforderte
Welterkundung, verlangte nach Menschen- und Seelenrettung durch
die Taufe. Diese Forderung wird bis zu Kolumbus und darüber hinaus
wirksam bleiben. Amerikas Entdeckung war ein Gebot der Weltunter-
104 Aktualisiertingen

gangserwartung. Auch später wird jeder Aufbruch, jeder Kolonia-


lismus, der von Christen seinen Ausgang nahm, von Mission oder
doch dem Willen oder Wunsch dazu begleitet sein. Die Ungewißheit
des Jüngsten Gerichts bringt doppelten Nutzen, so lehrte schon Tho-
mas von Aquin: Zum einen, iveil dieses Gericht in der eigenen Le-
bensspanne eintreten könnte, zum andern, weil man nicht nur für das
eigene Heil Sorge trüge, sondern für seine Familie, seine Stadt, sein
Königreich, für die gesamte Kirche. Man hat sich so um sie alle zu
kümmern, daß der Tag des Herrn sie bereitfindet.5* Hier meldete sie
sich abermals, die Sorge für das endzeitliche Geschick von Erde und
Menschheit, die bis zur Gegenwart anhält.
Gott aber hatte Zeichen genannt, die das Ende ankündigen sollten.
Der Kundige konnte an ihrem Eintreten ablesen, was die Weltstunde
schlug, und sich rüsten. Auch mit diesen Vorzeichen setzten sich die
christlichen Theologen und Seher in Mittelalter und früher Neuzeit
auseinander, predigten entsprechend, bereiteten die Gläubigen auf die
Gefahren des Gerichts vor, erinnerten sie aber auch an die Verheißun-
gen der Seligkeit. Die alt- und neutestamentliche Zeichenfülle diente
fortan der Gegenwartsdeutung; sie hatte damit ihren visionären Cha-
rakter abgelegt und war zur säkularen historischen, vor allem aber
moralischen, mitunter geradezu zur politischen Argumentationshilfe
geworden, zur Mahnung dringlicher Weltrettung.
Immer wieder bis zur Gegenwart wurden und werden die Zeichen
aktualisiert, immer neue Zeichenlisten in Umlauf gesetzt. Einige karo-
lingerzeitliche Verse handelten vom Auftreten Henochs und Elias',
dem Sieg Michaels über den Drachen, dem Antichrist, von der Be-
kehrung der Juden und der Heiden, von Frieden und Sicherheit. Sie
zählten also Endzeitzeichen auf. Dann komme der Richter im Glanz
seiner Majestät. Auch diese Parusie wurde vielfach ins Bild gesetzt
und damit vergegenwärtigt. Himmel und Erde, die einst der Sintflut
entstiegen waren, würden nun vom Feuer vernichtet. Nach dem Ge-
richt aber, am ewigen Sabbat, erlösche die Flamme, welche die ganze
Welt vernichtet habe. Dann werde der Schöpfer einen neuen Himmel
und eine neue Erde erschaffen, in denen ewige Unsterblichkeit regiere,
denen ewiger Vollmond und ewige Sommersonne leuchteten - für die
Frühe Exegeten 105

«Gerechten». 59 Andere Verse derselben Epoche kennen nur den Un-


tergang von Welt und Himmel im Feuer.60 Die Zeit hallte wider von
Untergangsstimmen.
In Alemannien trat damals, im Jahr 847, in einer Zeit schlimmster
Wirren im Frankenreich, eine Pseudoprophetin namens Thiota auf.
Sie sorgte in der Mainzer Diözese des Bischofs Salomon für nicht
geringe Verwirrung. Die heimischen, nämlich in Mainz entstandenen,
sogenannten Fuldaer Annalen widmeten ihr viele Worte. Die Frau ver-
kündete nichts weniger als den Tag des Weltendes und anderes mehr,
das nur Gott wisse. Es sei ihr von Gott offenbart worden: Der Jüngste
Tag komme noch in diesem Jahr. Viel Volk beiderlei Geschlechts lief
ihr von Furcht gepeinigt zu, bot ihr Geschenke und vertraute sich
ihren Gebeten an. Sogar Kleriker mißachteten die kirchlichen Dok-
trinen und folgten ihr wie einer vom Himmel gesandten Lehrmeis-
terin. Eine Mainzer Synode, die erste unter dem neuen Erzbischof
Hrabanus Maurus, überantwortete sie noch in dem gleichen Jahr der
Peitsche und überließ sie dem Wahnsinn. Der Chronist hatte nach den
überstandenen Schrecken gut spotten über das «vulgäre Volk». Doch
auch im Umfeld des bairischen Königshofs Ludwigs des Deutschen
lauschte man (nach Ausweis der Überlieferung) in der Sprache des
Volkes dem Lied vom Muspilli, dem Lied von dem großen endzeitli-
chen Weltbrand und Jüngsten Gericht.
Als hundert Jahre später die Ungarn den Westen des ottonischen
Reiches, dazu Norditalien überschwemmten, glaubten viele, in ihnen
die apokalyptischen Völker Gog und Magog zu erkennen. Jetzt ist die
letzte Zeit des Saeculums angebrochen und steht das Ende der Welt
bevor. So stöhnte ein unbekannter Mönch aus St-Germain in Auxerre
und warnte einen namentlich nicht genannten Bischof von Verdun. 61
Als der jugendliche Otto III. im Jahr 996 zum Kaiser gekrönt wurde,
kleidete man ihn in einen Mantel, der mit Bildern der gesamten Apo-
kalypse bestickt war. 6i Ein Endzeitkaiser? Auch gab wohl dieser
Augustus eine mit kostbaren Miniaturen und Kommentar versehene
Apokalypse-Handschrift in Auftrag. Sie bannte um das Jahr 1 0 0 0
nach Christi Geburt die nach dem damaligen Verständnis für eben
diese Zeit prophezeite Entfesselung Satans zugleich mit dem Auftreten
106 Aktualisiertingen

des Antichrist ins Bild 63 - ein untrügliches Zeichen für die Erwartung
des kommenden Gerichts, das man damals in Rom tatsächlich be-
schwor, als während der Prozession die Bildtafel Christi (der heute
noch erhaltenen Ikone der päpstlichen Kapelle «Sancta Sanctorum»)
durch die Stadt getragen wurde: Das Bildnis (vultus) des Herrn er-
scheint, dem der ganze Erdkreis unterworfen ist, zum Zeichen des
Gerichts (signo iudicii).64 Um diese Zeit, im 10. Jahrhundert, entstand
vermutlich eine Liste mit Zeichen der letzten fünfzehn Tage vor dem
Jüngsten Gericht und dem Weltende, der eine große Zukunft beschie-
den war. Der heilige Hieronymus galt als deren Urheber; 65 der wirk-
liche Autor ist unbekannt. Die Liste sollte Jahrhunderte nachwirken.
Biblische Quellen lassen sich ausfindig machen. Das Meer werde
die Erde überfluten, so hieß es da, Meer und Wasser würden brennen,
Blutregen werde auf die Erde niedergehen, Beben würden sie aufwüh-
len, Berg und Tal verschwinden, Wahnsinn werde die Menschen er-
greifen, die Sterne würden vom Himmel fallen, der Weltbrand werde
Himmel und Erde vernichten. Natürliche, kosmische und psychische
Phänomene, durchaus eigenen lebensnahen Erfahrungen zugänglich,
schreckten die Frommen und forderten die künftigen Gelehrten he-
raus. Besorgte Blicke richteten sich auf die Welt und die menschliche
Gesellschaft; jeder «Blutregen», jedes Beben, jeder Komet weckte aufs
neue die Frage: Ist es soweit?
Bange Erwartung erfüllte die Menschen zumal vor dem Ende des
ersten Jahrtausends christlicher Zeitrechnung und später immerzu. Be-
ruhigende, mäßigende Stimmen wurden nötig und ließen sich wieder-
holt vernehmen.66 Beter waren gefragt, Klosterreformen und strengstes
Mönchtum feierten Erfolge, fromme Werke, eine Fülle von Kirchen-
stiftungen und immer wieder Wallfahrten nach Jerusalem bezeug-
ten die Sorgen der Laien. Nahe das Ende dieser Welt, sind die Hände
dort zu waschen, wo gutes Tun die Hilfe Gottes verdient. Wenn es
heißt: <Erhebt euchb, meint das: Gebt reichlicher Almosen und tut
noch mehr gute Werke! So legte im 12.. Jahrhundert ein Exeget den
133. (134.) Psalm (v. 2) aus. 67 Die seit frühchristlicher Zeit stets gegen-
wärtige Endzeit forderte zum Handeln auf, nicht etwa zur Weltflucht.
Der Untätige wäre im Weltgericht für immer verloren.
Die Eiidzeitbotschaft formt die Ethik 107

Jene Liste mit den fünfzehn Zeichen verbreitete sich rasch, wurde
vielfach abgeschrieben, in mehrere Volkssprachen übersetzt. Bereits
der Reformmönch, römische Kardinal und Kirchenreformer Petrus
Damiani zitierte sie im n. Jahrhundert, 68 auch Herrad von Landsberg
in ihrem Hortus deliciarum, die gelehrte Äbtissin des Odilienbergs im
i x . Jahrhundert, die sie dessen Schriften entnahm.69 Sie drang damit
zu den Reformzentren und zu den Hohen Schulen vor.
Den scholastischen Theologen des 13. Jahrhunderts war sie geläufig.
Vor allem die führende biblische Geschichte der Epoche, des Petrus
Comestor Historia scholastica, die damals in keiner besseren Biblio-
thek fehlte, 70 dazu die Legenda Aurea des Jakob von Varazze (Jaco-
bus de Voragine) 71 oder die Schedeische Weltchronik sorgten bis tief
in die Neuzeit für ihre allgemeine Kenntnis. Wenn nw sich das ende
dieser werlt herzu nahen wirdt - so leitete Hartmann Schedel in sei-
ner Weltchronik von 1493 die Liste ein -, so werden sich vil wunder-
gestalte ding an allen elementen der werlt erewgen zu anzaigung vnd
verstentnus des alßdenn gegen wurtigen ends aller volcker. Nun fol-
gen die 15 Zeichen des heiligen Hieronymus, um zu enden: vnnd in
dem tal Josaphat wirdt aller metisch geurtailt werden.72- Der (angeb-
liche) Kirchenvater hatte freilich, so schon der Comestor, nicht ver-
raten, ob die 15 Tage zusammenhängend, continui futuri, oder mit
irgendwelchen Intervallen, interpolatim, zu erwarten seien.73 Die Zei-
chen konnten demnach bereits eingetreten sein oder jederzeit eintre-
ten. Gewißheit und Ungewißheit zugleich, antwortheischende Heraus-
forderung, Unruhe stiftend in jedem Fall.

Die Endzeitbotschaft formt die Ethik

Fortan, wenn sich eines der Zeichen zu erfüllen schien, wuchsen die
Endzeitängste. Bischöfe und Äbte sollten dann aufklären und wurden
um Rat gefragt, was zu tun sei. Roberts von Frankreich Sorge ange-
sichts der Meldungen über Blutregen wurden schon erwähnt: 74 Wälzt
die Chroniken, so verlangte er, prüft, was früher einem solchen Zei-
chen folgte, ratet uns. Das war Politikberatung vor 1000 Jahren und
108 Aktualisiertingen

blieb auf Jahrhunderte das Muster der Zukunftsdeutung. Geschichts-


forschung und Chronologie dienten als Aufklärungsinstrument. Ratet
uns! Werke der Frömmigkeit folgten der Zeichendeutung. Der Blick in
die Vergangenheit ist, nebenbei bemerkt, die einzige Basis für Zu-
kunftsforschung und Planung.
Immer wieder, durch alle mittelalterlichen Jahrhunderte, erklangen
dieselben Töne: Wann? Wann kommt der Antichrist? Wann das End-
gericht? Bald! Bald! So erfuhr es im früheren n. Jahrhundert ein
Mönch des Reformklosters St-Vanne bei Verdun, als er für Stunden ins
Jenseits entrückt wurde. Der Erzengel Michael geleitete ihn und stand
ihm Rede und Antwort. Der Schauende sah die Torturen einiger Übel-
täter, vor allem aber erschlossen sich ihm himmlische Geheimnisse.
Der Engel verriet ihm: Heute wurde dir offenbart: in Kürze ist das
Ende dieser Welt.75 Die Wahrheit der Vision garantierte der Abt des
Klosters, jedenfalls nach der einzigen Überlieferung.
Ein anderer Mönch, ein gelehrter englischer Komputist, wurde ge-
nauer: Von der Geburt des Herrn bis zur Ankunft des Antichrist sind
es 999 Jahre.76 Als dann im Jahr 1033 zahllose Pilger nach Jerusalem
geströmt waren, fragte sich der Geschichtsschreiber Radulfus Glaber,
was es bedeute, um gleich die Antwort hinzuzufügen: Es verkünde
nichts Anderes als die Ankunft des Antichrist, der am Ende der Zeit
kommen werde. Zu Beginn des folgenden Jahrhunderts behauptete
der Bischof Rainer von Florenz, der Antichrist sei geboren.
Die kirchliche Liturgie schwieg nicht. Sie hält manches Endzeitthema
bereit, zumal in der Totenmesse, der Missa pro defunctis. So erinnerte
sie mit dem Hymnus Dies irae, dies illa, der seit dem Konzil von Trient
(1545) bis zur Liturgiereform von 1970 im Totenoffizium gesungen
wurde, die Gläubigen an das Jüngste Gericht. Als Dichter gilt Thomas
von Celano, ein Weggefährte des heiligen Franciscus von Assisi: Dies
irae, dies illa / Solvet saeclum in favilla / Teste David cum Sibylla. II
Quantus trenior est futurus, / Quando iudex est venturus, / Cuncta
stricte discussurus. II Tuba mirum spargens sonum / Per sepulcra regio-
num / Coget omnes ante thronum. So beginnt der Hymnus. Tag des
Zornes, jener Tag / wird die Welt in glühender Asche auslöschen, wie
David und die Sibylle bezeugen. II Was für ein Zagen wird da herr-
Die Eiidzeitbotschaft formt die Ethik 109

sehen, / wenn der Richter kommen wird, I um alles streng zu unter-


suchen. II Die Posaune wird wunderhaft ertönen / durch die Gräber
weit und breit / und ivird alle Menschen vor den Richterthron zwingen.
Gewiß, die Verse gelten dem künftigen Gericht; und doch scheint
es, als stünde die Seele schon vor ihrem Richter, als tobe der Welt-
brand schon. Lacrimosa dies illao, / Qua resurget ex favilla I Iudican-
dus homo reus. / Huic ergo parce Dens. Jener Tag der Tränen, / an dem
aus der Asche aufsteht / der zu richtende Mensch, der Angeklagte. /
O Gott, sei gnädig mit ihm. Aufgefahren, die Toten, aus der Asche der
auf ewig verbrannten Erde. Immer wieder bewegte der Hymnus gläu-
bige Seelen. Über 2000 Vertonungen - darunter von Wolfgang Ama-
deus Mozart, Hector Berlioz, Giuseppe Verdi oder Krzysztof Pende-
recki - liegen vor; auch in die Filmmusik fand der Hymnus Eingang,
von Heavy oder Death Metal ganz zu schweigen. 77 Bis zur Gegenwart
bewahrt er das Muster des Weltuntergangs und der Hoffnung auf ewi-
ges Heil.
Die Gefahr durfte sich nicht verflüchtigen; Sorge und Angst sollten
das unheimliche Ziel nicht vergessen. Immer erneuerte Belehrung
über den Untergang hinderte das Vergessen. Neugier drängte sich
herzu, gottloses Wissenwollen: War es jetzt soweit? Das gesamte Mit-
telalter über fragten es sich schriftunkundige Laien und Gelehrte. Die
Zeichen schienen sich zu mehren und zu verdichten, das Weltalter
schmolz wie Schnee im Frühjahr. Die Zeit drängte. Priester und Beicht-
väter trugen die Spekulationen unters Volk.
Aufwendige lateinische und volkssprachliche Textsammlungen, oft-
mals illustriert, trugen das Endzeitwissen während des gesamten Mit-
telalters zu Lesekundigen und deren Hörern. 78 Prediger verkündeten
es den Analphabeten. Die Eschatologie hatte sich durchweg im Milieu
kirchlicher und weltlicher Führungseliten und der Wissenschaft der
Zeit etabliert; das illiterate, unwissende Volk, die Armen mochten der
Botschaft glauben und hoffen, dem Elend des Diesseits in ein heileres
Jenseits zu entkommen, die Frommen sich den Himmel erkaufen. Doch
geschaffen hatten sie alle diesen Endzeitglauben nicht. Für ihn waren
ausschließlich Theologen und gelehrte Prediger zuständig; und diese
bedienten sich der effektivsten imaginativen, intellektuellen, rhetori-
110 Aktualisiertingen

sehen, überwältigenden Mittel, derer die Zeit verfügte. Sie konnten es,
weil sie selbst daran glaubten.
Das Volk konnte bestenfalls die vernommenen Lehren als undeut-
liches Echo zurückwerfen. Kein illiterater Laie hätte das Tal Josaphat
als Ort des Endgerichts entdecken, keiner es mit dem Kidrontal vor
Jerusalem identifizieren können. Walther von der Vogelweide besang
nur das Endgericht im Heiligen Land: In diz lant hat er gesprochen /
einen angeslichen tac, / Dä diu witwe wirt gerochen / und der weise
klagen mac / und der arme den gewalt / der da wirt an ime gestalt
(i4,38). 7 y Wohl aber animierte die Predigt der Gelehrten schlichte Pil-
ger (wie der Geschichtsschreiber Otto von Freising oder die gelehrte
Glossa ordinaria zur Bibel im 1 2 . Jahrhundert bezeugten), die sich
dort kleine Steinmale errichteten, um den Ort wieder identifizieren zu
können, wenn die Posaunen sie zum Gericht riefen; 80 auch Dante er-
wartete dort, im Giosaffat, das Jüngste Gericht. 81
Endzeitwissen war Sache der Schriftkundigen, die es an die Dichter,
die Maler und das Volk weitergaben, mitunter auch Stoff für Verfüh-
rer, Agitatoren und Diktatoren. Das wird das gesamte Mittelalter
über und in der Neuzeit so bleiben. Eben deshalb machten sich die
Gelehrten auch ans Einschüchterungs- und Aufklärungswerk. Die
Gottesfriedensbewegung des 10. und 1 1 . Jahrhunderts trug endzeit-
liche Züge. Die Predigt zum Ersten Kreuzzug bediente sich, wie seit
langem bekannt, endzeitlicher Motive. 82 Die damit einhergehenden
populistischen Judenverfolgungen könnten - gemäß der Prophetie,
daß die Juden vor dem Jüngsten Gericht bekehrt sein müßten - da-
durch bedingt sein. Der Einfall der Mongolen weckte europaweit
Endzeitängste.83 Auch in Armenien, das den Eroberungsdruck durch
die Mongolen seit den 1220er Jahren und damit zwei Jahrzehnte vor
der lateinischen Welt zu spüren bekam, glaubten manche, das Ende
der Welt sei gekommen. 84
Die Gelehrten verlangten für sich selbst und - sobald sie an Univer-
sitäten lehrten - für ihre Schüler Gewißheit. Der heilige Thomas von
Aquin etwa befaßte sich ausführlich mit dem letzten Feuer der Erde,
ignis ultimae conflagrationis mundi (S.th. Suppl. q. 74). Doch dessen
Flammen vernichteten nun nicht mehr, jedenfalls nicht nur, sondern
Die Eiidzeitbotschaft formt die Ethik 111

reinigten und ließen nach der Apokalypse des Johannes c. 21 eine


neue Erde hervortreten. Die Frage, ob dieses Feuer vor oder nach dem
Jüngsten Gericht ausbreche (ebd. art.7), mündete in die doppelte Lö-
sung: Die Heiligen (sancti) haben das Feuer nicht zu fürchten; für sie
brenne es schon vor dem Gericht; für die Verworfenen (niali) aber
auch noch danach und zwar ewig. Dieses letzte Aufflammen der Welt
schied nun die neue, reine, spirituelle Erde von den ewigen Feuern des
vernichteten Sündenbabels, jenes Anteils der Welt nämlich, das zur
Erneuerung ungeeignet war (inidoneitas ad gloriae susceptionem:
art.i resp.).
Sogar die Geißlerzüge des 13. und 14. Jahrhunderts, Zeichen radika-
ler Bußgesinnung angesichts drohenden Untergangs, versammelten sich
nicht im Umfeld ungebildeten Volks, vielmehr in den Reihen des rei-
chen, bildungsnahen Stadtbürgertums. Erst moderne anachronistisch
denkende, positivistisch eingestellte Historiker des 19. und 20. Jahr-
hunderts meinten, das soziale Ambiente der Endzeiterwartung ver-
schieben zu müssen, um die mittelalterliche Wissenschaft und zumal
die gelehrten Theologen zu entlasten und dem törichten, unaufgeklär-
ten Volk die Urheberschaft apokalyptischer Ängste unterschieben zu
müssen. Das ist, als würde man heute die Umweltschützer beschul-
digen, das CO z , die Kernkraft oder den sauren Regen erfunden zu
haben.
Beispiele für apokalyptische Popularisierung lassen sich in Wort
und Bild leicht aufspüren. 85 Fast jede Westwand einer mittelalter-
lichen Kirche stellte den Gläubigen mit der Imagination des Jüngsten
Gerichts die Seligkeit der Erlösten, den Höllensturz der Verdammten
vor Augen. 86 Es waren die Begleitillustrationen zum Untergang, den
niemand im Bild festhalten konnte. Erschreckende Visionen wurden
da imaginiert. Dramatische Inszenierungen fehlten nicht, gewöhnlich
in Kirchen aufgeführt. Sie setzten im 1 2 . Jahrhundert ein. Antichrist-
und Weltgerichtsspiele stellten das Endzeitdrama - wiederholt mit
antijüdischem Tenor - vor Augen, warnten vor falschem Frieden und
falscher Sicherheit. Nur der Widerchrist würde solche verkünden. 87
Berühmt ist der Tegernseer Ludus de Antichristo («Spiel vom Anti-
christ») aus dem 12. Jahrhundert. Werk eines unbekannten Mönchs,
112 Aktualisiertingen

bietet es die älteste erhaltene Dramatisierung des Stoffes, ohne des-


halb am Anfang derartiger Inszenierungen zu stehen. Das Spiel nimmt
durch eingeschobene politische Botschaften eine Sonderstellung ein,
indem es gegen den französischen König den Anspruch des römisch-
deutschen Herrschers auf heilsrelevante Weltherrschaft hervorhebt
und auch die Könige von Konstantinopel, Jerusalem und Babylon zu
Tributzahlung verpflichtet sieht. Hier meldete sie sich wieder, jene
antike Reichstheologie. 88 Er allein, der römisch-deutsche Kaiser, weist
die Gaben des Antichrist zurück und kämpft gegen ihn. «Frieden und
Sicherheit» (pax et securitas) war da - in Anlehnung an iThess 5,3 -
das Stichwort für den Auftritt des Widerchristen. Den Untergang selbst
freilich inszenierte der Ludus nicht. Wie hätte er es auch können?
Dieses Spiel mahnte, lateinisch gesungen, liturgisch unterfüttert, ein
monastisches, klerikales Bildungspublikum, nicht den gemeinen Mann.
Andere wandten sich zur religiösen Erbauung an Laien; ihnen fehlte
gewöhnlich mit der Ausnahme des «antikaiserlichen» Züricher Des
Entekrist Vasnacht von 1353/54 jede politische Tendenz. Dessen Kai-
ser vergegenwärtigte vielleicht den gegen Schweizer Interessen agie-
renden Karl IV. und in der Maske des Antichrist den römischen Revo-
lutionär Cola di Rienzo. Die meisten dieser Spiele instruierten gleich
dem Münchener Entchrist aus demselben Jahrhundert oder dem Xan-
tener Groze spil vom uff- und Untergang des Antichrist aus dem spä-
teren 15. Jahrhundert ein volkssprachliches Publikum; auch in Frank-
furt am Main gelangte 1469 ein deutschsprachiges Antichristspiel mit
antijüdischen Untertönen zur Aufführung.
Burgund oder Italien kannten solche Spiele ebenfalls. Der burgun-
dische Jour du Jugement weist in der erhaltenen Handschrift (Mitte
14. Jahrhundert) einzigartige 89 Illustrationen auf mit Details, die der
Text verschwieg. 89 Da sah man die schwangere Mutter des Antichrist,
sah dessen Geburt, sah die Freudentaumel der Teufel über diese Nach-
richt, dann den endzeitlichen Richter Christus (f. 33V). Mit der Re-
formation kehrten - zunächst im Fastnachtsspiel, in denen der Papst
etwa als Entechristelo auftritt - zeitgeschichtliche Inhalte auf die
Bühne der Endzeit zurück. Johann Agricola dichtete 1537 eine Trage-
dia Johannes Hus, in der der Papst Johannes XXIII. die figura Anti-
Die Eiidzeitbotschaft formt die Ethik 113

christi, Hus dagegen die figura Eliae darstellte. Von protestantischer


Seite wurde in der Tat der dramatisierte Stoff wie etwa im Pam-
machius des Straubingers Thomas Naogeorg - 1538 in Wittenberg ge-
druckt und Luther gewidmet - zur Agitation genutzt. Da hetzten auf
der Bühne Christus, Petrus und Paulus gegen die römische Kirche. Un-
berührt vom Konfessionskonflikt blieb dagegen 1549 im katholischen
Luzern das Spil des jüngsten Gerichts von Zacharias Bletz. Die Büh-
nen beider Konfessionen - übrigens auch in England - öffneten sich
noch bis ins 19. Jahrhundert für dergleichen Inszenierungen.
Nicht selten, doch keineswegs ausschließlich wurde die apokalyp-
tische Botschaft in häretischen Kreisen verbreitet. Hier feierte etwa
die Theologie des Joachim von Fiore, der - im Jahr T202 gestorben -
in Kürze, für 1264, den Anbruch der Heilszeit erhoffte, ihre größten
Triumphe. Das von Papst Bonifaz VIII. ausgerufene «Jubeljahr» 1300,
das erste der Christenheit, das den Rompilgern vollen Ablaß der Sün-
den zusicherte, sollte ihnen wohl entgegenwirken. Der katalanische
Arzt und Medizinprofessor in Montpellier Arnald von Villanova, der
sich damals auf jüdische Prognostica stützte, ließ seine These von der
Ankunft des Antichristen im Jahr 1365 von den angesehensten Theo-
logen der Universität prüfen. 90 Die Enkel würden sie also erleben.
Franziskaner-Spiritualen in der Nachfolge des Joachim erhofften sich
den Anbruch des tausendjährigen Friedensreiches.91 Gerardo da
Borgo San Donnino, Petrus Johannes Olivi, die radikalen Spiritualen
Ubertinus da Casale, 91 Fra Dolcino (von Novara) 93 und die Fraticel-
len-Bewegung - heute zumal durch Umberto Ecos Roman Der Name
der Rose bekannt geworden - und andere chiliastische Prediger schür-
ten in den Jahrzehnten um 1300 das Endzeitfeuer.
Sie alle wirkten auf breitere Kreise religiöser Laienbewegungen ein,
zumal auf Beginen, und wußten - wie der Fra Dolcino -, daß jetzt die
Zeit sei, in der alle, Prälaten, Kleriker und Mönche, in der Liebe zu
Gott und den Nächsten erkaltet sind,94 daß nie gesehene Heimsuchun-
gen und alsbald, nämlich nach der Regierung von nur vier «Engel-
päpsten», der Antichrist zu erwarten sei. So prophezeite es beispiels-
weise der Liber de Flore, eine apokalyptische Schrift franziskanischer
Provenienz zu Beginn des 14. Jahrhunderts. 95 Es war ein Glaube, der
114 Aktualisiertingen

zum Handeln drängte und neue religiöse Bewegungen mit gesell-


schaftlichen Reformimpulsen hervorbrachte.
Die Vorstellung vom «Engelpapst», mit dem das Zeitalter des Heili-
gen Geistes anbreche, und der die Kirche wieder zur Armut führe, die
ursprünglich Joachim von Fiore entwickelt hatte, wirkte unter Katho-
liken bis ins späte 16. und 17. Jahrhundert, ja, in Spuren bis zu Johan-
nes Paul II. (gemäß der sie fortsetzenden Prophetie des Ps-Malachias
aus der Zeit um 1590). 96 Auch die Gegenmächte drängten sich auf.
Die Künstler steigerten die Angst vor dem drohenden Gericht, indem
sie die schlimmsten Höllenvisionen imaginierten. Die Teufel tobten
nicht nur im Inferno Dantes, sondern in fast jeder Kirche.
Es mag erstaunen, daß sich etwa zu der nämlichen Zeit der Nomi-
nalismus entfaltete, also jener erkenntnistheoretische Zugriff auf die
Dinge und Phänomene der Welt, der sich allein dem logischen Denken
unterwarf. Sein scharfsinnigster Repräsentant, der Theologe und Phi-
losoph Wilhelm von Ockham, war gewiß kein Eschatologe. Die letz-
ten Dinge entzogen sich seinem nominalistischen Zugriff. So wandte
sich keine seiner Ausführungen ihnen zu. Sie waren Gegenstand des
Glaubens, wie ihn die Heilige Schrift lehrte, und dem auch Ockham
zu folgen wünschte. Damit waren sie für den Engländer nicht wertlos.
Ja, in den Drangsalen seines eigenen Lebens konnte er auf apokalyp-
tische Schriftstellen, nämlich auf iTim 4,3-4 und Dan 13,5, verweisen
und in Analogie dazu seine eigene prekäre Situation unter dem Kir-
chenbann durch Papst Johannes XXII. deuten.97 Seine Zeit glich in
dieser Parallele jenen prophetisch umrissenen Zeiten.
Ockham verstand freilich trotz typologischer Nähe seiner eigenen
Lebenserfahrung mit den Ankündigungen der biblischen Seher seine
Not nicht als ein Zeichen des sich nähernden Jüngsten Tages; jeden-
falls bemühte er keine derartige Spekulation. Dennoch: Das soziale
und historische Erklärungsmuster, das die christliche Eschatologie be-
reithielt, und die - wie immer geartete - Erwartungshaltung, die von
ihm ihren Ausgang nahm, sahen sich auch nicht abgewertet, obgleich
sie für die theologische und philosophische Praxis in den Hintergrund
geschoben wurden. Aber sie blieben grundsätzlich auch für Ockham
präsent.
Die Eiidzeitbotschaft formt die Ethik 115

Der Venezianer Mönch Marcus, keiner der großen, aber doch ein für
Venedigs Geschichte nicht ganz unwichtiger Geschichtsschreiber, der
1292 eine Chronik begann, die er bald nach dem Jahr 1300 beendete,
zitierte die weit verbreitete, versteckt auf die römische Weihnachtslitur-
gie anspielende apokalyptische Vision Cedrus alta Libani und mahnte
mit dieser zur Wachsamkeit: Ergo vigilate fratres carissimiDie Vision
hatte sechzig Jahre zuvor den Mongoleneinfall in der astrologischen
Sprache einer großen Konjunktion eschatologisch gedeutet - Mars, so
hieß es da, wird Saturn und Jupiter überwältigen hatte Kriege, Hun-
gersnöte, Wirrnis der Reiche, danach einen Scheinfrieden und neuer-
liche Auftritte des Antichrist geweissagt. Sie konnte geradezu als apo-
kalyptisches Versatzstück dienen. Noch Luther zitierte sie mit Bedacht
in seinen Tischreden und deutete sie auf Türken und Karl V . " Die seit
der Mitte des 14. Jahrhunderts im Abendland tobende Pest schien ein-
mal mehr auf das schrecklichste die Prediger der Endzeit zu bestätigen
und intensivierte die Untergangserwartung erneut.
Der Geschichtsschreiber Johannes von Winterthur interpretierte
Erdbeben und Seuche, die im Jahr 1348 die Menschen heimsuchten,
als Zeichen eines baldigen Kommens Christi zum Jüngsten Gericht;
und selbst ein arabischer Chronist, as-Sulük, registrierte, die Christen
«fürchteten, daß dies das Ende der Welt bedeute», und illustrierte
damit zugleich, daß die Muslime eine derartige Furcht nicht plagte.
Ungewöhnliche Geißlerzüge artikulierten die Angst - als Gewalt
gegen sich selbst. 100 Gegen die Juden tobte schon vor Auftritt des
Schwarzen Todes und erst recht in dessen Gefolge abermals die Ge-
walt der Angst. Es mögen Auswüchse eines aufgehetzten Pöbels ge-
wesen sein; aber sie wurden gelenkt und angefeuert von städtischen
Obrigkeiten und einer fanatisch-besorgten Priesterschaft. Das Exil des
Papstes in Avignon seit 1308, das Große Schisma, das die lateinische
Christenheit im späten i4./frühen 15. Jahrhundert heimsuchte, galten
als warnende Vorzeichen des nahenden Gerichts. Theologen waren er-
neut gefragt. Viele riefen nach Reform. Endzeiterwartung war Hand-
lungsmotiv und längst zum sozialen Habitus geworden.
Im Bereich der orthodoxen Kirche erhoben sich ähnliche Stimmen.
Im Jahr 1373 mühte sich etwa der griechische Mönch Isaak Argyros
116 Aktualisiertingen

um eine Kalenderreform, die aber aufgegeben wurde, weil mir dem


i. September 14,91 das Ende des siebten Jahrtausends einträte und
sich für diese letzte Zeitspanne keine Korrektur des Kalenders mehr
empfehle. 101 Analoge Argumente wurden übrigens im abendländi-
schen Westen von lutherischer Seite der katholischen Kalenderreform
von 1582 entgegengehalten.102- Immer wieder auch sah man den Anti-
christ in der Welt erschienen, erwartete das Ende der Welt. Als es aus-
blieb, kam es in Rußland wiederholt zu Selbstverbrennungen und
Selbstkreuzigungen. 103
Im gesamten Abendland mehrten sich während des 14. Jahrhun-
derts die Hinweise auf Endzeitstimmung; solche Verdichtung korre-
spondierte mit der wachsenden Schriftkultur. Das folgende Säkulum
verstand, solche Ängste noch zu steigern. 104 Ganz Europa sah sich
nun und in der Folge betroffen. Jedermann wußte dank zahlreicher
Predigten, Bücher, Bilder, Spiele, die Zeichen zu deuten, nicht bloß die
Gelehrten. Ein Erdbeben etwa verhieß Schlimmstes. Nicht jeder w a r -
wie Petrarca - Erdbeben-erfahren. So glaubte denn auch mancher
Unwissende, als alles einstürzte, das Ende der Welt sei gekommen.105
Hier artikulierte sich reale Angst in der Sprache apokalyptischer Bot-
schaft - nicht anders als heute und in derselben Sprache. 106 Der Eng-
länder John Wyclif (t 1384), ein Theologieprofessor in Oxford, lehnte
zwar chiliastische Naherwartung ab, schrieb aber dennoch «Über
Christus und seinen Gegner den Antichrist» {De Christo et adversario
suo Antichristo) und lehrte darin, die Gegenwart von den Zeichen des
sich nähernden Antichrist und des Weltendes erfüllt zu sehen und da-
mit die Dringlichkeit der Kirchenreform zu erkennen: Häresie aus
apokalyptischem Geist. Mit dem Großen Schisma seit 1378 begann
für Wyclif das Zeitalter des Antichrist. 107
Soziale und antihierarchische Unruhen, wie sie in England durch
die antikirchlichen Lollarden, eine sozialreligiöse Bewegung in der
Nachfolge Wyclifs in den Jahrzehnten um 1400, hervorgerufen wur-
den, folgten seiner Predigt. 108 Hussiten und Taboriten in Böhmen, von
der Kirche gleichfalls als Häretiker verdammt und verfolgt, beriefen
sich auf ihn; gerade in der Verfolgungszeit gewannen, von Joachims
Prophezeiungen geleitet, millenaristische Erwartungen verstärkt Ein-
Die Eiidzeitbotschaft formt die Ethik 117

fluß unter ihnen. 109 Jan Hus selbst war Priester in Prag, den der Verfall
der Kirche zu Eschatologie und radikalen Reformforderungen trieb;
seine Predigt hörten viele - wiederum eschatologisch gespeiste Reform-
forderung. Die Devotio moderna, eine vom frühen Humanismus be-
rührte religiöse Reformbewegung, die sich seit dem späten 14. Jahrhun-
dert zumal, aber nicht nur in den Niederlanden verbreitete, gemahnte
der Schrecken des Jüngsten Gerichts. 109
Der weit umherziehende Volksprediger Bernardino da Siena
(gest. 1444), kein Mann der Unterschichten, schürte in Italien die
Endzeitangst, predigte dabei gegen Wucher und griff - in der vorkapi-
talistischen italienischen Stadtgesellschaft besonders wirksam - heikle
Themen wie Privateigentum und Gewinnstreben auf. 1 1 1 Illuminierte
Handschriften und Blockbücher mit Holzschnittfolgen zur «Apoka-
lypse» imaginierten endzeitliches Wissen. Anlässe zu Warnungen
mangelten nie. Die Türkengefahr des 14./15. Jahrhunderts evozierte
den Auftritt von Gog und Magog, der Untergangsboten, den «roten
Drachen» der Apokalypse (c. 12,3-4) und die Endzeit. 1 1 1 Noch im
Zeitalter der Konfessionalisierung galten die Türken als Zuchtrute der
Christenheit und Boten der Endzeit. Katholiken setzten gegen sie auf
Kreuzzugspläne, Lutheraner fanden sich zunächst mit dem drohenden
Ende ab, entwickelten dann aber eine eigene Lehre vom gerechten
Krieg, wobei die Türken ihrer apokalyptischen Zeichenhaftigkeit ent-
kleidet wurden und zu gewöhnlichen Feinden mutierten. 113 Allent-
halben mehrten sich aber zuvor die Untergangszeichen und steigerten
interpretative Vorgaben die endzeitlichen Schrecken.
Nicht also erst das 15. Jahrhundert konfrontierte die Christenheit
mit Weltuntergangserwartung, wie etwa der Historiker der Angst,
Jean Delumeau, und viele andere vor ihm und nach ihm lehrten. Sie
begleitete vielmehr die gesamte Geschichte der Kirche seit deren An-
fängen bis tief in die Neuzeit, ja, bis zur Gegenwart. Wellen gleich
schlug sie bald höher, bald weniger hoch, bald stürmischer, bald sanf-
ter durch die Seelen der Gläubigen und ließ sie handeln, Werke der
Buße verrichten, sich wie St. Franziskus freiwilliger Armut hingeben,
karitative Stiftungen tätigen, Klöster gründen, Kathedralen bauen,
Ablässe bezahlen. Stets forderte sie Theologen und andere Gelehrte
118 Aktualisiertingen

zur Deutung heraus und verlangte ein Abwiegeln aktueller Gefahr.


Jede Welle trug das Schifflein Petri zugleich ein wenig näher zu dem
Hafen der Aufklärung, zur Erklärung der Zeichen nämlich, zu Ent-
mythologisierung und geistiger Säkularisation, zur Vermessung der Zu-
kunft, zur Wissenschaft. Nur sie selbst, die Untergangsbotschaft, wurde
damit nicht beseitigt, nicht einmal in ihrem Bedrohungspotential ent-
machtet. Die apokalyptischen Zeugnisse wurden immer dichter, 114
weil auch sie sich des billigen Papiers statt des teuren Pergaments, spä-
ter des Drucks und anderer Medien bedienen konnten.
Der Dominikanermönch und Sozialrevolutionär Savonarola in Flo-
renz predigte gegen Ende des 15. Jahrhunderts, mit den Medici zer-
fallen, zunächst die Nähe des Weltendes, sodann die des Friedensrei-
ches (seiner eigenen Prägung), um zuletzt als Antichrist zu enden. 115
Die Kirche sei heruntergekommen, das Kreuz göttlichen Zorns rage in
Rom zum Himmel empor, schlimmstes Morden werde über Italien,
Florenz und Rom hereinbrechen. Ein König aus dem Norden werde
die Kirche züchtigen. Die Endzeit beflügelte soziale Erwartungen,
Reformen und Umsturzversuche. Den Aufruhr, den Savonarola ent-
fachte, büßte er auf dem Scheiterhaufen. Wenig später wird sich Ähn-
liches unter dem Einfluß der Reformation in Deutschland, etwa bei
den Wiedertäufern, wieder ereignen." 6
Sandro Botticelli aber, der Maler der Venus und Primavera, imagi-
nierte Savonarolas Lehre mit seiner einzigartigen Mystischen Geburt
Christi (s. Farbtafel 6), in der Menschen mit Engeln ringen, gestürzte,
entmachtete Teufel sich in die Abgründe der Erde verkriechen, Hirten
und Könige zugleich - mit Ölzweigen bekränzt - den eben geborenen
Erlöser anbeten und über der Krippe Engel mit den Ölzweigen ewigen
Friedens in Händen einen himmlischen Reigen aufführen: «Dieses
Bild (graphä) malte ich, Alessandro, am Ende des Jahres 1500, in den
Wirren Italiens, in der halben Zeit nach der Zeit, während der Erfül-
lung der elften des Johannes, in der zweiten Plage der Apokalypse,
während der Teufel (diabolos) für drei und ein halbes Jahr losgelassen
war. Danach wird er gefesselt werden entsprechend der zwölften und
wir werden ihn sehen wie in diesem Bild», stand auf Griechisch über
der Vision, der einzigen, die der Maler signierte." 7 Selbst den Garten
Die Eiidzeitbotschaft formt die Ethik 119

der Lüste des Hieronymus Bosch (s. Farbtafel 5), etwa zu derselben
Zeit imaginiert, hat man apokalyptisch deuten wollen als künftigen
«Garten der Liebe». 118 Erste Blockbücher, mithin vom Stock, nicht
mit beweglichen Lettern gedruckte Bücher, visualisierten das Endzeit-
wissen für das Volk und verbreiteten es unter ihm. Der von Reforma-
toren, zumal von Philipp Melanchthon zustimmend und gerne zitierte
Franziskanermönch Hiltenius (eigentlich Johann Herwick aus Ilten)
verkündete um 1500 für das Jahr 1600 den Weltuntergang. 119
Auch Hartmann Schedel mußte sich in seiner Weltchronik, zwei
Jahrzehnte vor der Reformation in Nürnberg erschienen, mit der End-
zeit auseinandersetzen; sie mündete nicht nur in das letzte, siebte Zeit-
alter, in dem der Antichrist aufträte, das zum Jüngsten Gericht und
zum Ende der Welt führe. 1 1 0 Wieder und wieder registrierte der Ge-
schichtsschreiber - der apokalyptischen Tradition verhaftet - in den
verflossenen Jahrhunderten die sich mehrenden Zeichen des Nahens
dieser Endzeit oder ihrer Gegenwart: dort ein Beben, hier eine verfins-
terte Sonne oder ein Komet, andernorts andere Zeichen. Wachsam
und beängstigend. Großes stand bevor. Doch der «Jüngste Tag» stehe
nicht gleich zu erwarten, so beeilte er sich zu beruhigen; denn die
Juden seien noch nicht bekehrt. Ihre Taufe mußte ja, der Verheißung
gemäß, dem «Jüngsten Gericht» vorausgegangen sein.
Hin und wieder erklangen noch andere Töne. Stimme verlieh ihnen
damals zum Beispiel der satirische Dichter und Schalk François Vil-
lon. Sein «kleines Testament» spielte mit dem Widerspruch von End-
zeitbotschaft und Leben. Bettelmönche, Nonnen und Beginen, Volks-
prediger also und fromme Frauen, schlugen sich da mit saftigen
Kapaunen, dicken Fladen und fetten Hennen den Wanst voll, um dann,
satt und eifernd, die 15 Zeichen der Endzeit zu verkünden und aus-
zulegen. Man ahnt, womit die Prediger, durchweg gelehrte Leute, das
Volk einschüchterten, ahnt auch, daß ihre Predigt «unten», beim
Volk, angekommen war, von ihm begierig aufgesogen wurde, daß
dieses Volk aber ob der offenkundigen Widersprüche zwischen Buß-
predigt und Bußgesinnung in Aufruhr geriet und nach Reformen rief.
Auch der Satiriker betrieb auf seine Weise Aufklärung über die Endzeit
und zugleich Agitation; er legte eben gerade seinen Finger auf die skan-
120 Aktualisiertingen

Luther und Melanchthon


als die beiden endzeit-
lichen Zeugen und
zugleich als Kämpfer
gegen den durch die
Tiara gekennzeichneten
Papst als Antichrist in
der stilisierten Peters-
kirche zu Rom gemäß
Apoc 11,1-14: Witten-
berger Bibel von 1545,
vor Offenb. 11. Der
Holzschnitt wurde wohl
von Lucas Cratiach d. Ä.
für das sog. «September-
testament» von 1521/zz
entworfen und für die
Ausgabe der gesamten
Bibel polemisch über-
arbeitet.

dalöse Diskrepanz zwischen Prediger und Predigt, auf die moralische


Verlogenheit solcher Predigt und Lebensführung und beschrieb damit
die Heuchler, die Hypokriten, die untrüglichen Boten der Endzeit.

Reformforderungen aus Endzeitsorgen

Es war eine aufgewühlte Epoche: Soziale Unruhen mehrten sich; die


Kritik an der Kirche nahm zu; Theologen, Geschichtsschreiber, Dich-
ter, auch Astrologen und Mathematiker bestätigten, vertieften, aktua-
lisierten das Endzeitwissen und mehrten die Sorgen. Fürsten, geist-
liche und weltliche Herren, das Volk in Stadt und Land, Arm und
Reich, alle dürsteten, vom Glauben geleitet, nach Gewißheit über den
Untergang und nach künftigem Heil. Auch in England tummelten sich
Endzeitpropheten. John Poll, ein Weber in Salisbury, verteidigte vor
Reformforderungen aus Endzeitsorgen 121

dem kirchlichen Gericht seinen Glauben, daß die Zeit komme, die
Welt im Feuer zu enden, daß dann Wasser sie reinigen werde am Tag
des Gerichts. 111 Schedels jüngerer Zeitgenosse Johannes Nauclerus
registrierte wie dieser in seinen vielleicht unvollendeten und posthum
erschienenen «Erläuterungen der Denkwürdigkeiten aller Zeiten und
der Chronik aller Völker» (Memorabilium omnis aetatis et omnium
gentium chronici commentarii, 1516) die sich verdichtenden Zeichen
des heraneilenden Endes, das zu berechnen freilich er mit der kirch-
lichen Tradition für unmöglich hielt.
Zumal die Reformation, wie konnte es anders sein, war ein «endzeit-
liches» Geschehen. 111 Sie erneuerte und intensivierte den apokalypti-
schen Glauben; doch Antichristlehre und die Naherwartung des
Jüngsten Gerichts hatten längst das ganze Volk erfaßt, die Theologen
ebenso wie die Leutpriester, die Herrscher wie ihre Untertanen, Uni-
versitätsgelehrte wie Naturforscher. Luther selbst, der katholische
Mönch, Wittenberger Theologieprofessor und einflußreiche Fürsten-
berater, glaubte an ein baldiges Ende. 1 1 3 Auch der Reformator kal-
kulierte mit der Frist von 6000 Jahren, ja, er verkürzte sie sogar (da
Christus den dritten Tag nur halb im Grabe lag) um eine unbestimmte
Zeit. Die Jahre 1524, 1532., 1534, schließlich das folgende Jahrhun-
dert schienen ihm zeitweise das Weltende zu bringen. 114 Dann auch
hatte er für das Jahr 1540 nach Christi Geburt das Jahr 5500 nach Er-
schaffung der Welt errechnet. 115 Die Frist bis zum Ende schmolz rasch.
Seine Anhänger übernahmen derartige Kalkulationen, die sich tatsäch-
lich aufgrund der hebräischen Bibel seit Karl dem Großen verfestigt
hatten.
Der Antichrist aber hatte sich dem Augustinereremiten im Papst-
tum enthüllt. Er trat mithin jetzt als Institution, nicht als Einzelper-
son in Erscheinung, wie ihn die Altgläubigen weiterhin deuteten. Man
hatte ihn längst erwartet; so fand der Wittenberger viele Folger. Ihr
Ernst und Ziel wurden vom Untergang diktiert. Gewalt freilich ver-
pönte der Reformator (wenn auch nicht gegen die aufständischen
Bauern), aber seine heilsrelevanten Ziele entfalteten dennoch revolu-
tionäre Macht. Der Umsturz der Kirche wurde unaufhaltsam. Das
Papsttum, die kirchliche Hierarchie, Priestertum und Zölibat, das
122 Aktualisiertingen

Mönchtum, teilweise die Sakramentenlehre, das Kirchenrecht, die


Absolutionsgewalt und anderes - durchweg wirksamste Ordnungs-
momente der Kirche - wurden durch diese Reformation in Frage ge-
stellt und beseitigt; konfessionell bestimmte Kriege ließen nicht lange
auf sich warten.
Die Wirkung mag ein Tagebucheintrag Albrecht Dürers von 1 5 z i
illustrieren, den der Künstler niederschrieb, als ein Gerücht von Lu-
thers, des frommen Mannes, Ermordung wissen wollte, der do wäre
ein nachfolger Cbristj und deß wahren christlichen glaubens[...] O
ihr christenmenschen, bittet got umb hilff, dann sein urtheil nahet und
sein gerechtigkeit wird offenbahr. Dann werden wir sehen die un-
schuldigen bliitter, die der babst, pfaffen und die münchen vergossen,
gericht und verdampf haben. Apokalypsis. Das sind die erschlagnen,
utiter dem altar gottes ligent, und schreyen umb räch, darauf die stim
gottes antwort: erbeitet die vollkommen zahl der vnscbiddigen erschla-
genen, dann will ich richten. Sobald also die apokalyptische, buch-
stäblich verstandene Zahl der 144 000 zu rettenden Gerechten, der
unschuldigen bliitter, erreicht sei, werde Christus wiederkehren, um
zu richten. Zeichnungen und Aquarelle verdeutlichen auch sonst Dü-
rers Ausschau nach Endzeitzeichen. Schon früher (1498) hatte er mit
seinen Holzschnitten zur Apokalypse des Johannes gezeigt, was be-
vorstand. Da loderten auch die Flammen des Untergangs auf der Erde,
vernichteten Stadt und Land und das Meer.
Anders Thomas Müntzer. Der «Knecht Gottes wider die Gottlosen»
schürte (in joachitischer, spiritualistischer Tradition) das Feuer der Er-
wartung und radikalisierte die Kirchenkritik. Er scheute den Aufstand
nicht. Nicht «Reformation» der Kirche, eine «neue Kirche» tat Not.
Wir dürfen nit länger schlafen.ri6 Müntzers «Fürstenpredigt», eine
Auslegung des zweiten Kapitels des Buches Daniel mit dem Traum
Nebukadnezars, geriet zu einer radikalisierenden Kampfschrift. 1 1 7 Sie
bot eine Auslegung der Endzeit. Das 1000-j ährige Friedensreich
schien nahe gerückt. Man müsse der Offenbarung Gottes täglich ge-
wärtig sein. Das gegenwärtige Reich sei jenes unterste aus dem Eisen-
und Tongemisch der Traumgestalt, das der anrollende Stein zerschla-
gen werde. Die Christenheit sei verstockt, unter dem Schein göttlichen
Reformforderungen aus Endzeitsorgen 123

Albrecbt Dürer, Die sieben Posaunenengel, die Öffnung des


siebten Siegels (Apoc 8,1-13) in den Apokalypse-Holzschnitten
Albrecht Dürers (1498).
124 Aktualisiertingen

Namens schmückten sich der Teufel und seine Diener. Die Kirche sei
baufällig geworden, geleitet von falschen Propheten. Gottlose Regen-
ten, Pfaffen und Mönche aber solle man töten. Wer sich der rechten
Offenbarung Gottes widersetze, den solle man erwürgen. Den rechten
Freunden Gottes rief der Prediger deshalb zu: «seid mutig»! Er selbst
freilich büßte seinen Mut mit dem Tod.
Müntzer hatte Kontakt zu Wiedertäufern. Sie wollten eben jetzt -
wie es einst apostolische Schriften verbreitet hatten - das Gottesreich
auf Erden, das «neue Jerusalem», die «Stadt der Heiligen» errichten.
Es wurde zu Menschenwerk. Ihr Täuferreich in Münster folgte aber
eschatologischen Mustern. Wieder erfolgte eine radikale Absage an
Kirche und weltliche Obrigkeit. Man ist sich des revolutionären und
gewaltverheißenden Vorgangs durchaus bewußt, wie Bewaffnungs-
gebote für die Heiligen, die Gemeinde Gottes, verdeutlichen. 128 Bes-
sert euch, bessert euch; denn der König von Zion wird herabkommen
und das Jerusalem wieder aufbauen, so der Ruf der geisterfüllten
Zimmermännschen.I2y Da wurde, so ein Gegner, gepredigt: Christus
solle aus dem Himmel kommen und 1000 Jahre mit ihnen auf Erden
gehen und solle mit. seinem Volk regieren und eine neue Welt aufrich-
ten.I3° Offenbar sei es, so einer der Gläubigen, daß auch Christus
noch in dieser Zeit, auf dieser Erde erscheinen wird und sein Reich
einnehmen und seine Feinde umbringen will.1*1
Wie zu Hus' und Wyclifs Zeiten nährte die Endzeiterwartung revo-
lutionäre Ziele, jene «Tendenz zum Aufruhr», jenen «Geist des Auf-
standes und der Zerstörung», der in der chiliastischen Botschaft von
jeher steckte und im Laufe der Neuzeit zum Durchbruch gelangte. 132
Gott ist aufgestanden, sich zu rächen an seinen Feinden. [...] Die
Zeit ist gerade jetzt. [...] alle Schrift und das ganze Geschehen läuft
darauf hinaus, daß gerade jetzt die Zeit da ist, bei uns schon das Vor-
bild genommen hat, tatsächlich aber in der ganzen Welt unmittelbar
bevorsteht.I33 Auch die Wiedertäufer am Oberrhein verfolgten so-
zialreligiöse Ziele. 1 - 34 Doch Weltuntergang verhieß das alles nicht,
wohl aber die Friedenszeit davor. Was nach dem anhebenden tau-
sendjährigen Friedensreich geschehen soll, wurde nicht weiter aus-
geführt.
Reformforderungen aus Endzeitsorgen 125

Andernorts kämpfte man weiterhin mit Worten. Das «Augsburger


Interim» von 1548 beispielsweise, nämlich Karls V. Gesetz zur Re-
gelung der konfessionellen Verhältnisse bis zur Klärung durch ein
allgemeines Konzil, weckte den Widerstand Magdeburger Luthera-
ner, der sich in einer Flut apokalyptischer Schriften artikulierte.135 Die
Confessio Augustana von 1530 freilich hatte zwar von der Wieder-
kunft Christi (Art. 17) gehandelt, wohlweislich aber vom Antichrist
geschwiegen. Johannes Calvin hielt sich mit Endzeitbotschaften zu-
rück; Huldrych Zwingli folgte Luthers Naherwartung ohnehin nicht.
In England aber nahm man, seit langem durch populäre Texte ein-
gestimmt, die Näherung des Gerichts wahr. John Bradford, ein Do-
zent in Cambridge, der 1555 seines Glaubens wegen auf dem Scheiter-
haufen endete, verbreitete die Botschaft, daß der Antichrist in Kürze
sein Schreckensregiment aufrichte und Christus bald zum Gericht er-
schiene. 156 John Jewel, Bischof von Salisbury, registrierte, daß nie-
mand sei, weder alt noch jung, weder literat noch illiterat, der nicht
vom Antichrist gehört hätte.T37 Die Belege ließen sich leicht vermeh-
ren und reichen - gerade unter Anglikanern - bis tief ins 17. Jahrhun-
dert hinein.1-38
Weniger die politischen Entscheidungen und Verlautbarungen als
vielmehr Predigt und Kirchenlied trugen die Endzeiterwartung und
die Nähe des Gerichts in die neugläubigen Gemeinden. 139 Nicolaus
Raimarus Ursus, Hofastrologe für den Kaiser Rudolf II. in Prag wie
nach ihm auch Johannes Kepler, verfaßte 1596 eine Chronologische /
Gewisse vnd vnwiderlegliche Beweisung / auß heiliger Göttlicher
Schrifft vnd heiligen Vcittern / daß die Welt vergehen / und der Jüngste
tag kommen iverd / innerhalb 77. Jaren: An zurechnen von disem jetz-
lauffenden Jar Christi Auf der Rückseite des Titelblattes
stand als lateinischer Vers und eingedeutscht: Zum Leser. Diß sagt die
Heilige Schrifft / nicht ich II Drumb ists gewißlieb wahr: Schick dich II
Du must bald vor Gerichte stehn II Der Jüngste tag thut einher gehn.
Vor allem Lutheraner gedachten des Endes auf Jahrzehnte noch in der
Nachfolge ihres Reformators. Als 1619 ein Komet erschien, predigte
der frühere Mathematiker in Greifswald, jetzt Pastor in Bergen auf
der Insel Rügen, Mövius Völschow: Tuba Christi. Eine christliche Pre-
126 Aktualisiertingen

digt von den letzten jtz nahestehenden, lang erwunscheten Zukunfft


und Erscheinung Christi zum Gerichte.'1^ Ein Lied begann zum Bei-
spiel: Die Welt kann nun nicht lenger stehn / Ist schwach vnd alt / sie
muß vergehti / Sie kracht an allen örtern sehr / Vnd kann die Last
nicht tragen mehr. So sang man mit Georg Rost (T6'2.5).141
Die katholische Seite schwieg nicht. Aber der Jüngste Tag und der
Weltuntergang besaßen für sie längst nicht mehr die Bedeutung wie in
den Zeiten vor der Reformation. Wieder spiegelte das Kirchenlied die
Entwicklung. 143 Der Dies-irae-Hymnus wurde immer wieder und im-
mer wieder anders ins Deutsche gewendet und fand so weite Verbrei-
tung. Eine der frühesten Übertragungen begann: AN jenem Tag, I nach
Davids sag / wird Gottes zorn sehr brinnen, / Durchs Fewers flamm /
muß alles sam / gleich wie das Wachs zerrinnen.I44 Andere Verse fehl-
ten nicht. Ihr Tenor unterschied sich deutlich von den Gesängen der
Gegenseite. «Die katholischen Lieder auf den Jüngsten Tag betonen
den Gerichtscharakter des eschatologischen Geschehens unter gleich-
zeitiger Objektivierung des Vorganges», während im lutherischen Lied
«der Jüngste Tag als Stunde der Hoffnung herbeigesehnt» wurde. 145
Im 17. Jahrhundert konnten Jahreskalender nicht nur die Jahre nach
Christi Geburt angeben, sondern auch die Jahre seit «Erschaffung der
Welt». 146 Es war somit dem Benutzer überlassen, ob er - irgendwie
kalkulierend - endzeitlichen Befürchtungen Raum geben wollte oder
nicht. Doch mit der Zeit machte sich Skepsis breit, wenn sie einstwei-
len auch nicht zu radikaler Ablehnung des Glaubens an den Jüngsten
Tag und den Weltuntergang führte. Man durchschaute aber zuneh-
mend, daß die Zeitangaben für Weltalter und Weltuntergang wider-
sprüchlich waren, daß divergierende Berechnungen kursierten und es
keine Gewißheit für die Verläßlichkeit der einen oder der anderen
gab. Elias Reusnerus etwa stellte im Jahr 1600 24 solcher Termine
zusammen. Im folgenden Jahrhundert, im Jahr 1738, trug der huge-
nottische Prediger, Mathematiker und Astronom Alphonse de Vignol-
les als Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften um die 200
divergierende Thesen für die Zeit der Weltschöpfung zusammen mit
einer Streuung zwischen knapp 7000 und knapp 3500 Jahren vor un-
serer Zeit. 1 4 7
Popularisierung und Warnungen 127

Popularisierung und Warnungen

Jahr um Jahr schreckten schon seit langem die Unheilszeichen - Feu-


ersbrünste, Überschwemmungen, Erdbeben, Donnerschläge, Miß-
geburten und dergleichen mehr -, die das lasterhafte und sündige
Volk vor strafenden Heimsuchungen warnen sollten. Sie mußten die
Gläubigen auf den tiefen Umbruch der Zeiten und das heraneilende
Ende einstimmen, sie zu Umkehr und Buße drängen. Die Literaturgat-
tung der Libri prognosticorum, der eschatologischen Zeichenbücher,
feierte ihre Erneuerung. 148 Lichtenbergers Prognosticatio erreichte
über fünfzig Auflagen. 149 Erst in Friedrich III., dann in Maximilian
sah der Astrologe des ersteren den Endkaiser. Gott verstummte nicht;
er meinte es ernst. Die Fülle der Zeichen ließ jedermann erkennen,
daß die Gegenwart in die letzte Phase des heilsgeschichtlichen Welt-
fahrplans einmündete. Die Weltstunde forderte lautstark Gehör für
die «Schrift» und legitimierte den Rückgriff auf deren eschatologische
Botschaft. Ihre Drohungen sammelten die Gläubigen. Wissenschaft-
liche Aufklärung über die Zeichen und ihre Botschaft war dennoch
nicht ausgeschlossen; ja, sie wurde dringlicher denn je. Aber sie geriet
fortan in den Sog konfessioneller Auseinandersetzungen.
Immer mehr Propagatoren der Endzeit meldeten sich. Die neuesten
Techniken wurden eingesetzt, um ihre Stimmen zu Gehör zu bringen.
Weite Verbreitung war ihnen damit gewiß. Blockbücher verbreiteten
im späteren Mittelalter das Bildwissen. 150 Bekannt sind die (hand-
schriftlichen) «Fugger-Zeitungen» und weitere «Neue Zeitungen» des
16. Jahrhunderts, die einschlägige Zeichen für eine begrenzte, aber
einflußreiche Öffentlichkeit aufbereiteten. Schon früher hatten die
Geschichtsschreiber derartiges festgehalten. Bald bedienten sich die
Eschatologen des neuen Druckmediums; dann wurde die Endzeit Stoff
für die Sensationspresse. Die Reformation, die ohne Buch- und Flug-
blattdruck gar nicht denkbar ist, erweist sich durchaus als ein ge-
eigneter Anlaß zu solcherart Populismus. Endzeit und drohender
Weltuntergang wurden zu Sensationslieferanten.
Schon die frühesten (noch handschriftlichen) Exemplare jener Zei-
128 Aktualisiertingen

tungen verbreiteten die Kunde von Endzeitzeichen und der Nähe des
Jüngsten Gerichts; sie schürten Angst und Erwartung. Die Kirchen-
lieder erklangen in einer dem Untergang geweihten Welt. Allenthalben
war es zu erkennen. 1 5 3 1 zerstörte ein Erdbeben Lissabon, vom Him-
mel regnete es Blut, und ein Walfisch wurde an Land gespült. Endzeit-
zeichen, mit denen Gott zur Menschheit sprach. Bekannt gemacht
und nachzulesen eben in den Fugger-Zeitungen und mancherlei
Druckwerken. Die Ursachen solch sensationeller Katastrophen ent-
zogen sich noch den Einsichten auch der herausragenden Gelehrten in
die Natur. Gott verleibe den Menseben dort und auch hier seine
Gnade und Barmherzigkeit. Die Ereignisse können auch wohl ein
Zeichen für das Nahen des Jüngsten Gerichts sein.1''1
1570 verwüstete eine Sturmflut Antwerpen. An vielen Zeichen, die
man täglich sieht, ist klar zu erkennen, daß der große Tag des Herrn
nicht weit sein kann. Wann hat die Welt seit der Sintflut jemals solche
Wasser gesehen? Desgleichen Erdbeben, durch die ganze Städte und
Dörfer zerstört wurden, schreckliche Sonnen- und Mondzeichen, Ko-
meten sowie andere fürchterliche Himmelsgesichte, Korn- und Blut-
regen, wie sie dieses Jahr gesehen worden sind, des weiteren Krieg und
Blutvergießen, schwere Krankheiten, Pestilenz und aridere verderben-
bringende Seuchen, zudem Mangel an Nahrungsmitteln und so hohe
Preise.151 Noch eine kurze Zeit, dann nähert sich die Stunde, und es
geht auf das Ende zu.1**
Wohin man schaute - angsterregende, das Nahen des Endes be-
stätigende Zeichen, Mahnung zur Buße, zum heilsamen Werk. 1578
erschienen vier «Neue Zeitungen», drei in Köln und eine in Zürich
und meldeten, in Babylon sei der Antichrist geboren worden; Malte-
ser würden die Nachricht verbreiten. 1592. wurde die Nachricht über
Venedig neuerlich in die Welt gesetzt. 154 Erst die Epoche der Aufklä-
rung begann, dem ein Ende zu bereiten. Sie mußte dazu ein neues
Weltbild entwerfen und dem Untergang die Zukunft rauben, vorläufig
jedenfalls. Denn das Weltende geisterte weiter durch die westliche
Welt, und der Antichrist, seine Geburt, sein Wirken spuken bis zur
Stunde in den Imaginationen vieler Zeitgenossen, etwa in Roman
Polaiiskis von der Kritik gefeiertem Film Rosemary's Baby (1968).
Popularisierung und Warnungen 129

Das Tier aus dem Meer gemäß Apoc 13,1-6 aus dem Apokalypse-Zyklus
des Züricher Kupferstechers Conrad Meyer in der Nachfolge
Matthäus Merians d. Ä. (undatiert).

Noch immer sprach Gott über die Zeichen in Natur und Gesell-
schaft mit den Menschen. Noch immer galt es, diese Zeichen zu ken-
nen und ihre Botschaften recht zu deuten. Zeichenkataloge 1 " und
Wunderzeichenbücher halfen seit langem dazu. 1 5 6 Immer mehr wur-
den in Umlauf gesetzt. Das Augsburger Wunder Zeichenbuch, eine
wunderschöne Luxushandschrift, setzte eine endlose Reihe aufregen-
der «Zeichen» ins Bild (s. Farbtafel 4). Die 1 9 2 ganzseitigen Miniatu-
ren begannen bei der biblischen Sintflut, bedachten die gesamte Welt-
geschichte bis zum Jahr 1 5 5 2 und wechselten am Ende zur Apoka-
lypse des Johannes. Sie besaßen somit heilsgeschichtliche, aber keines-
wegs stets endzeitliche Bedeutung. Der Leser und Betrachter sollte
wissen, welche Zeichen bislang erschienen sind, daß sie sich mit den
Jahren verdichteten und bedrohlicher wurden. Immer wieder fürch-
tete das Volk den jungstag. Der Zeichenleser sollte fortgesetzt an sein
Heil gemahnt werden, sollte beten. 157 Das kostbare Buch war gleich-
130 Aktualisiertingen

sam eine gemalte Spruchsammlung Gottes, um die Menschheit für das


Heil zu erwecken.
Zahlreiche lutherische Flugschriften mit einem Höhepunkt um
1590 griffen solche Zeichenkataloge auf und verbreiteten die Bot-
schaft vom bald bevorstehenden Jüngsten Tag; danach gingen die
Publikationen wieder zurück, um dann im zweiten Jahrzehnt des
neuen Jahrhunderts aufs neue anzusteigen. 158 Wir sehen auff vnd
springen, / Der Herr kommt zu Gericht, i Die Todten hört man sin-
gen, / Wie man auß Magdenburg b[e]richt.1*9 Conrad Meyer aus
Zürich, ein Schüler des Matthäus Merian, schuf einen Zyklus von
21 Radierungen zur Apokalypse mit geradezu zeitkritischen Unter-
titeln. Etwa zu Apoc 1 3 , 1 - 6 : Das Sieben-köpficht Thier verehrt wirt
von der ivält / Sie wirt bezaubert so, durch zeitlich Ehr und gält.l6°
Man sieht Papst, Kardinal, König, Kaiser und vornehmes Volk, Män-
ner und Frauen in Verehrung des Tieres, während im Hintergrund
schon die Flammen vom Himmel züngeln und das apokalyptische
Lamm die Szene beäugt.
Zum Teil recht amüsante Zeugnisse sammelte der heute wenig be-
kannte, zu seiner Zeit aber viel zitierte Job Fincel, ein protestantischer
Theologe. Er gestaltete sie und schmückte sie wohl auch ein wenig
aus, wenn er das eine oder andere Beispiel nicht ganz erfand. In drei
Büchern publizierte er, was er so vereint hatte (1556-59). Seine Exem-
pel wurden in den folgenden Jahrzehnten von den Predigern gerne zu
Rate gezogen, um die Gläubigen damit wachzurütteln und nach-
drücklich und rechtzeitig zu warnen.
Lebensnah sollte klingen, was Fincel zum Besten gab, so lebensnah
wie die Mär von den sechs Sauffern, die alle Vollsäuffer zur Busse bil-
lich locken soll: Sechs Freunde sauffen, fressen, spielen, schreien, sind
thol und thöricht bis in die dritte und vierdte stund der nacht, singen
liederliche geistliche gesenge in irem luder, trincken des teufels ge-
melde daselbst an der wand gemalet, etliche mal zu, und gauckeln
nach all irem mutwillen und wolgefallen. Am nächsten Morgen aber,
Sieh da, da ligt ir ivie die Seio in dem kot, und sind alle - tot. Aha,
registriert der Zeitgenosse von heute: Komasaufen, während der Re-
formation. Dieses schrecklich Exempel sollte billich alle Vollsäuffer
Popularisierung und Warnungen 131

zur busse reitzen [...] diweil wir sehen, das Gott über diß laster also
erzürnet ist, das er so grewliche Spectakel geschehen lesset. Derartiges
gipfelt in den Zeichen der Endzeit: Das ende rnus verbanden sein\161
Dieses «Muß» erklärt die Fülle und Zunahme der Laster und Heim-
suchungen, denen der Prediger, Sammler und Literat begegnete; und
derartige Exempel verdeutlichen, wie nah zum Leben die Endzeitpre-
digt vorgedrungen war, illustrieren aber auch die Dynamik der Refor-
mation. Die Wissenschaft entzauberte mittlerweile auch den Alkoho-
lismus und beeilte sich mit seiner Entmythologisierung; medizinische
und neurobiologische Forschungen sind ihm längst auf der Spur. So
moralisch edel aber die Geschichte dem Pfarrer Fincel in die Feder
floß, so sachte und unmerklich glitt mit ihr das Weltziel, der Weltun-
tergang in die Banalität. Kein Trunkenbold und keine Herde, denen
«so kannibalisch wohl [ist], als wie fünfhundert Säuen», wecken heute
noch himmlische Strafgerichts- und endzeitliche Untergangsängste,
gar reformatorische Impulse, es sei denn zur Entzugstherapie.
Nur zehn Jahre nach Fincel legte der lutherische Rechtsgelehrte
Johannes Wolff seine Lectiones memorabiles vor, die ebenfalls eine
Sammlung unheilvoller, himmlischer und natürlicher Zeichen boten,
um Vergangenheit und Zukunft, den Zustand von Kirche, Staat und ge-
meinem Leben zu erfassen und künftige Übel abzuwehren. Die Zeichen
wurden darin keineswegs oder keineswegs nur apokalyptisch gedeutet,
warnten durch ihre Zunahme dennoch vor dem nahenden Gericht.162-
Diese Lutheraner erwarteten nach wie vor in absehbarer Zeit das
Weltende. Der Jüngste Tag stand bald zu erwarten. Wir, die wir zum
Predigt ampt beruffen in diesen letzten vnd ergsten zeiten (müssen)
vns auch in die sach schicken, die reine Lehr des heiligen Evangelij
fleissig Leren vnd Predigen vnd Gott befehlen vnd heimstellen, wie
solchs gepredigt Wort von wenig zur Seligkeit wird aufgenommen. So
hieß es etwa bei Andreas Musculus um die Mitte des 16. Jahrhun-
derts. 163 Solche Predigt fiel auf fruchtbaren Boden; sie rief nicht zum
Defätismus auf, vielmehr zu Taten, zu Bibellesung, Buße und Gebet;
aber sie nahm das Unvermeidliche gläubig hin und stellte sich darauf
ein - und bereitete mit ihrer Zeichenfülle die Notwendigkeit der Auf-
klärung vor.
132 Aktualisiertingen

Wie dem Ende begegnen? Statt einer Antwort zeigte die Unter-
gangs- und zumal die Gerichtspredigt ihre eigentümlichste Wirkung.
Sie rief zur Buße auf, rechte Buße aber sollte durch die Gnade Gottes
den drohenden Untergang abwenden. So lehrte das alttestamentliche
Beispiel der Schonung des nach der Untergangspredigt des Propheten
Jonas bußfertigen Ninives: Da aber Gott sähe jre Werck das sie sich
bekereten von jrem bösen wege / Rewete jn des Vbels / das er geredt
hatte jnen zu tbun / vnd thets nicht (wie Luther den Vers Jon 3,10
übersetzte). So hielt die Verwirklichung des apokalyptischen Bußrufs
den Untergang auf, und so wandelte sich dieser Ruf von der Ankündi-
gung des vom Jenseits hereinbrechenden Endes zu einem solchen zur
Erhaltung dieser Welt nach der Gnade des Herrn. 164 Allmählich ließ -
ein Zeichen der Gnade? - der Endzeitdruck nach. Der Impuls aber
blieb: die Welt retten, den Untergang verzögern durch gutes Werk.

Utopie und Realisierungen

Der Protestantismus brachte viele religiöse Gruppierungen hervor


und kannte keinerlei zentralistische Einheitsregierung. Entsprechend
variationsreich zeigten sich seine Endzeitlehren und Gerichtserwar-
tungen, seine Glaubens- und Handlungsweisen. Katholische Gelehrte
indessen wie der Jesuit und Kardinal Roberto Bellarmino oder der
Kardinal Cesare Baronio bezogen bald gegen den Millenarismus
Stellung. 165 Überhaupt, die katholische Seite verzichtete fortan mehr
und mehr auf eschatologische und apokalyptische Deutungsmuster
und Spekulationen. Nur in Ausnahmefällen - etwa in der Auseinan-
dersetzung mit protestantischen Häretikern - bediente man sich ihrer
noch, vielleicht mehr ein Mittel der Agitation als lebendiger Glaube. 166
Calvinisten indessen fanden zunächst an chiliastischen Vorstellungen
Gefallen, die ein irdisches Friedensreich ohne Papst und Katholiken
erträumten. Als Friedensbringer konnte bald - so etwa für Arnos Co-
menius - Friedrich V. von der Pfalz, der «Winterkönig», bald auch
Gustav Adolf von Schweden gelten. Der Weltuntergang spielte für sol-
che Erwägungen keine oder eine vergleichsweise geringe, jedenfalls
Utopie und Realisierungen 133

sinkende Rolle. Vielleicht wurde er bloß in optimistischer Erwartung


verdrängt. Zeitgenössische Dichter ließen ihn sich nicht entgehen.
Shakespeares Prospero etwa wußte, daß alles dem Untergang geweiht
ist: The cloud-capp'd toivers, tbe gorgeons palaces, / The solernn
temples, the great globe itself, / Ye all ivhich it inherit, shall dissolve
(Tempest IV,i). Nichts hatte Bestand, auch der große Erdglobus nicht
und nichts auf ihm.
Die Stimmen der Zuversicht meldeten sich freilich nachdrücklich.
Immer ungeduldiger begehrten einige das Heil jetzt und hier auf Er-
den - ein Gericht ohne Feuersintflut und ohne Untergang, eine Heils-
zeit von tausendjähriger, gar ewiger Geltung. Eine lange Endzeit ohne
Angst schickte sich an, die Welt zu beglücken. Soziale und politische
Hoffnungen keimten auf, die nach materiellen Gütern verlangten.
Millenaristische Ideen, wie sie schon unter den tschechischen Tabo-
riten und Hussiten oder den Wiedertäufern in Münster anzutreffen
waren,"' 7 verbreiteten sich seit dem 15. und 16. Jahrhundert. 168 Sie
sehnten die 1000-jährigen Glücks- und Friedenszeit ohne Not und
Elend in materiellem Wohlstand und geistiger Fülle herbei, in welt-
lichen Freuden, wie sie der Gottessohn und seine Apostel verkündet
hatten, und wie sie vielleicht schon Hieronymus Bosch in seinem Gar-
ten der Lüste (s. Farbtafel 5) imaginierte. Immer wieder, bis weit in die
Neuzeit hinein, traten selbsternannte Propheten und Messiasgestalten
auf und verkündeten das bevorstehende Ende der Zeiten. 169 Manche
glaubten, mit der Reformation sei das Millennium bereits angebro-
chen, andere, der Antichrist müsse zuvor gewütet haben und von
Christus «mit dem Hauch seines Mundes» geschlagen worden sein,
bevor diese Glückszeit einträte, noch andere erwarteten die Bekeh-
rung der Juden. Ähnliche Überzeugungen sind noch gegenwärtig ver-
breitet. Wieder andere dachten, ohne ihre Zukunftsvisionen zu opfern,
realistischer.
Die Aufbruchsstimmung der Renaissance spiegelte sich in neu-
artigen Utopien. Thomas Morus hieß der Autor der namengebenden
Utopia (1516' und mehrere rasch folgende Neuauflagen). Sein (ironi-
scher) Entwurf einer Gesellschaft eigentums- und geldloser Gleichheit
sah sich bald gefolgt von des Tommaso Campanella, eines Dominika-
134 Aktualisiertingen

nermönchs, Sonnenstaat [La Cittä del Sole, 1602) oder des Francis
Bacons Neuatlantis (Nova Atlantis, 1638). Sie alle leisteten den Vor-
stellungen kommenden Wandels, künftiger Ordnungen und realisier-
baren Heils auf Erden kräftig Vorschub. Ihre Werke spielten mit der
Zukunft nicht ohne politische Implikationen. Erfahrungen auf diesem
Gebiet hatten sie alle gesammelt.
Morus war Lordkanzler Heinrichs VIII. gewesen, bevor er geächtet,
in den Tower geworfen und hingerichtet wurde; auch Bacon hatte
später dieses Amt inne. Campanella, der republikanische Gedanken in
Kalabrien gegen den König aus Spanien realisieren wollte, entging
knapp dem Schafott, später dem Scheiterhaufen. Die Zeit für den Um-
sturz sei günstig gewesen, so verteidigte er sich, astrologische Be-
rechnungen hätten Erfolg verhießen. Er berief sich auf die berühmte
Prognosticatio De eversione Europae («Vom Untergang Europas»)
des Antonius Arquatus vom Beginn des 16. Jahrhunderts, die - wie es
hieß - Luther, den Sacco di Roma und die Türkengefahr angekündigt
habe, 170 auch auf jene (Pseudo-)Prophetie des angeblichen Abtes Uber-
tino von Otranto über den Beginn des sechsten Zeitalters der Kirche
mit dem Jahr 1600 als Wendepunkt, das sich aus hundert mal 7 und
hundert mal 9 zusammensetze, die nach Pythagoras und Piaton Un-
glückszahlen seien.T?T
Die Bewohner des Sonnenstaates, einer Art Republik, über deren
politische Perspektiven hier nicht zu handeln ist, beherrschten tat-
sächlich die traditionelle Astrologie, betrieben sie aber im Vertrauen
auf Gott, und ohne sich dem Zwang der Sterne zu unterwerfen. Den
Ptolemäus lobten, den Kopernikus bewunderten sie; deren Kosmo-
logie aber hätten sie nicht übernommen. Sie erkennten nur einen Him-
mel an, an dem sich die Planeten eigenständig bewegten, bald näher,
bald ferner der Sonne. Ungewißheit herrsche unter ihnen, ob die
Sonne der Mittelpunkt des Kosmos sei, oder ob andere Fixsterne
gleichfalls von Planeten umkreist würden, die ihrerseits Monde be-
säßen. Sonne und Sterne hielten sie - wie die Platoniker der Renais-
sance - für geisterfüllte Wesen. Der Kosmos sei überhaupt ein unge-
heures Lebewesen, in dem die Menschen lebten wie die Würmer im
Bauch. Die Beobachtung der Sterne diene - nicht anders als in Christi
Utopie und Realisierungen 135

Verkündung - der dringlichen Kenntnis von Weitbau und Weltgeschick,


dem Wissen, ob die Welt und wann sie dann untergehe, um nicht wie
von dem Dieb in der Nacht überrascht zu werden. Nur Toren vertrau-
ten ihnen nicht. Große Konjunktionen übten Einfluß auf das zeitliche
Geschick. Tatsächlich erklärten die Konstellationen die politischen
und religiösen Wirren der eigenen Gegenwart, daß allenthalben
Frauen die Welt regierten, daß der Christenglauben in die Neue Welt
gelange, daß die Religion durch Wyclif, Hus und Luther ins Wanken
gebracht sei und anderes mehr. Die Bewohner des Sonnenstaates in-
dessen erwarteten die Fülle der Zeiten und das Ende der Welt. Sie sei
erschaffen und nicht ewig, somit endlich. Berechnungen stellten sie
nicht an.
Die Weisen des Sonnenstaates sähen aufgrund ihrer astrologischen
Kenntnisse eine neue Monarchie erstehen, die Erneuerung von Recht,
Kunst und Wissenschaft. Sie hätten die Kunst des Fliegens schon er-
funden und würden demnächst über Teleskope verfügen, die fernste,
bislang nie gesehene Sterne erreichten. Daß der Papst die Astrologie
verbiete, könnten sie nicht glauben. Tatsächlich wollte Campanella
die Einschränkung der Astrologie, die Pius IV. geboten hatte, und die
er kennt, mit seiner Hochschätzung derselben versöhnen. Der Mensch,
der Gott zu lästern vermag, sei auch frei in seinem Willen, der von kei-
nen Sternen gezwungen werden könne. Seine «Sonnenstaatler» wüß-
ten sich tatsächlich gegen ungewünschte Sternenmacht zu schützen
(Campanella widmete diesem Thema später eine kleine Abhandlung).
Hier, bei diesem ruhelosen Dominikaner aus Kalabrien, einem
Anti-Aristoteliker, der die Folter der Inquisition zu schmecken be-
kam, der jahrzehntelang in Kerkerwänden lebte, der Giordano Bru-
nos in Versen gedachte, bei dem Briefpartner des Galilei, der eine
Apologie für den Gefährdeten verfaßte, hier also kehrte sie wieder,
die schon verfemte apokalyptische Astrologie, der er später noch
«Sieben Bücher Astrologie» (Astrologicorum libri Septem) widmete.
Sie diente für Campanella der Einsicht in die Weltlenkung, der Un-
heilabwehr, vereinte sich mit Pythagoras und Piaton, mit der Her-
metik, mit dem Forschergeist freier Menschen. Moses, Osiris, Jupi-
ter, Merkur, Mohammed und Christus erschienen da als Führer der
136 Aktualisiertingen

Menschheit. So aufregend das alles klang, es führte nicht weiter und


bewahrte der Astrologie keine eschatologische Perspektive. Es war
tatsächlich deren Schwanengesang.
Fluggeräte kannte auch Bacons Nova Atlantis, dazu Unterseeboote
und allerlei neue technische Wunderwerke. Die Wissenschaften, auch
die Astronomie gediehen in diesem Land, von der Astrologie schwieg
der Utopist, ihr vertraute er nicht. Wohl verstünden seine Atlantier
sich darauf, die Vorzeichen gefährlicher Krankheiten, Seuchen, Hun-
gersnöte, Unwetter, Erdbeben, Überschwemmungen, Kometen und
andere Naturerscheinungen zu deuten, und wüßten, wie sich das Vollc
gegen sie schützen könne. Doch waren es die Erkenntnis der Naturge-
setze und die Vertiefung des Wissens durch das Experiment, die zu
solchen Leistungen befähigten. Christentum und seine Offenbarungen
waren längst zu den Atlantiern gedrungen. Aber Weissagungen domi-
nierten nicht über die Naturgesetze, deren Umsetzung in Technik und
ihrer Beherrschung durch den Menschen. Alchimie, Biologie, Zoo-
logie, Optik, Akustik und anderes würden zu diesem Zweck betrie-
ben. Eschatologische Prognostiken der überlieferten Art erübrigten
sich im Land wissenschaftlicher Experimente und zukunftsträchtiger
Technik.
Die Kunst der Prognose hatte sich damit nicht aus der Wissenschaft
verabschiedet; sie hatte sich auf ein anderes Medium verlagert und
dort ihr Wirkungsfeld bewahrt. Sie trachtete danach, genauer zu wer-
den. Daß sie es konnte, daß sie es eben jetzt, in der eigenen Gegenwart
des Gelehrten Bacon konnte, war Zeichen, am «Ende der Zeit» zu
leben. In seinem Novum Organum scientiarum begründete Bacon nicht
nur seine neuartige wissenschaftliche Methodik der Induktion durch
Beobachtung und Experiment, durch Auflösung, Zergliederung, Aus-
schließung und Zurückweisung, durch Unterscheidung; darüber hin-
aus und gleichsam im Vorbeigehen ließ er eine neue eschatologische
Zuversicht aufscheinen. Denn die Naturforschung (naturae inquisi-
tio) ist zwar Heilmittel gegen den Aberglauben, aber zugleich treueste
Magd der Religion. Religion und Glauben schlossen wissenschaftliche
Naturforschung nicht aus. Im Gegenteil: Von den letzten Zeiten der
Welt (de ultimis mundi temporibus) heißt es, da wird die Wissenschaft
Utopie und Realisierungen 137

vielfältig sein. Auch seine Atlantier kannten, wie Bacon sie explizit be-
kunden ließ, die Offenbarung des Johannes. Wann aber und wie sich
das Millennium erfülle, blieb göttliches Geheimnis. Die Wissenschaft
besaß andere Aufgaben, als sich dieser Frage zu widmen.172-
Utopien weniger der Technik als der Gesellschaft entstanden hier,
Gegenwelten zu den Untergangsszenarien christlicher Tradition.
Geleitet waren sie durch Humanismus, Astrologie und erfahrungs-
wissenschaftliche Rationalität. Bacon sprach ausdrücklich von den
Rechten und Verpflichtungen der Menschlichkeit, die in seinem Wun-
derland gälten, und Campanella sah eine universelle Menschheits-
religion. Da wurde gleichsam Säkularisation ohne Säkularität prak-
tiziert. Alle drei zitierten Autoren verachteten die Religion nicht,
wohl aber verwehrten sie religiösen Instanzen, ihre Welten zu ordnen
und zu dominieren. Die Schöpfung war Gottes, aber die wissen-
schaftliche Erkenntnis der Erde war des Menschen. Der menschliche
Verstand reichte indessen nicht hin, die künftigen Planungen Gottes
für seine Schöpfung mit den Mitteln seiner Wissenschaften zu er-
fassen. Der Weltuntergang war damit nicht bezweifelt, wohl aber als
Forschungsziel zurückgestellt. Die Vielfalt der Wissenschaften aber
verwies auf das Ende.
Große Hoffnungen waren an derlei Erwartungen geknüpft. Sie blie-
ben nicht auf «Utopisten» beschränkt; sie verlangten nach Verwirk-
lichung und realisierten sich in sozialreligiösem Sinn. Erfüllung
winkte. Eschatologisch orientierte Experimente folgten. Der drohende
Untergang entwarf seit alters als komplementäre Vision ein Neues
Jerusalem. Man suchte nun fort und fort das gelobte Land; man fand
es, schuf es, bevölkerte es. Die Taboristen in Böhmen im 15. Jahrhun-
dert, die Wiedertäufer in Münster im Zeitalter der Reformation, die
Herrenhuter, Rosenkreuzer und andere gründeten ihr «Freudenstadt»,
ihr utopisches «Cbristianopolis». Das Neue Jerusalem geriet zum
Menschenwerk. Den Weltuntergang verlor man dabei aus den Augen,
auch wenn er nicht vergessen war und nicht jedes Himmelszeichen ihn
ankündigte.
Das Volk tat es schon gar nicht. Jeder aufflammende Komet weckte
die Furcht aufs neue. So geschah es auch 1618. Da ist ein schreck-
138 Aktualisiertingen

lieber Comet-Stern mit einem sehr langen brennenden Schwanz am


Himmel erschienen und fast in ganz Europa mit sonderlichem Schreh-
ken gesehen worden [...] (mit den) Signaturen vor der Thür stehen-
den Göttlichen Zorns und Straffens. So schrieb Matthäus Merian
im Theatrum Europaeum zum Jahr 1 6 1 8 . So hat nu diese schröck-
liche Fackel der Allmächtige Gott für einen Bußprediger an die hohe
Canzel des Himmels gestellet, damit die Menschen sehen möchten /
wie er sie wegen der Siind zu straffen und seine Zorn-Ruthen über sie
ergehen zu lassen beschlossenZ7-5 Er verkündete wie auch sonst die
Kometen: Krieg / Not / Bluttvergiessen viel [...] doch keinen Weltun-
tergang.
Vor dem großen Krieg hatten, wie viele später glaubten, drei mit
seinem Ausbruch in den Jahren 1618/1619 erschienene Kometen ge-
warnt. Auch Johannes Kepler war nicht frei von Kometenfurcht. Er
widmete den drei (!) Schweifsternen des Jahres 1618/1619 e i n e eigene,
zwar astronomisch aufklärende Abhandlung, aber in deren letztem
Buch wandte er sich den astrologischen Bedeutungen der Kometen zu.
Er schrieb ihnen Trockenheit, Teuerung, Tod oder Wirren der Reli-
gion, gelegentlich auch glückliche Geburten und anderes als Begleit-
umstände oder Folgen zu, deutete sie vor allem als göttliche Warnun-
gen, daß ein jeder Mensch sich seiner Sterblichkeit bewußt sei: «Ein
Komet ist von Gott gesandt, auf daß er Bote großer Übel sei», Cometa
a Deo est exhibitus, ut esset magnorum malorum praenuncius.174
Einer der die Zeichen der Zeit zu deuten wußte, war Andreas Gry-
phius, der schlesische Dichter. Die Schrecken des Dreißigjährigen
Krieges waren ihm nicht fremd. Sie flössen in seine Sonette ein. 175 Das
letzte Gedichte beginnt mit dem Quartett: Auf todten! Auf! Die weit
verkracht in letztem brande; / Der Sternen beer vergeht; der mond ist
dunkel-rotb. / Die sonn' ohn allen schein. Auf! Ihr, die grab und
koth, / Auf! Ihr, die erd und see und höllen hielt zu pfände! Und
endet - noch ganz im Banne der alten Dialektik: hie Untergang, hie
Erlösung - mit dem Terzett: Der himmel schleußt sich auf! O Gott!
Welch frölich scheiden! / Die erden reißt entzwei! Welch weh, ivelch
schrecklich leiden / Weh, weh dem, der verdamm't! wohl dem, der
Jesum sieht!
Utopie und Realisierungen 139

Komet über Heidelberg :i6iS (1619), aus Matthäus Merian d. Ä.


«Theatrum Europaeum» 1, Frankfurt a. M. 1635, S. 119.

Religiöse Bewegungen wie der eigentümliche Chiliasmus des reform-


freudigen und weit herumgekommenen Predigers und Begründers des
Pietismus Philipp Jacob Spener im späten 17. Jahrhundert predigten
Erneuerungsprogramme für bessere Zeiten der Kirche und näherten
sich sachte einem Reich Christi auf Erden. Die Juden sollten bekehrt,
die katholische Kirche und das Papsttum (nämlich die Hure Babylon)
geschwächt werden, und zwar vor der Wiederkehr des Gottessohnes
zum Gericht. 1 7 6
Verfolgte religiöse Gemeinschaften wie die Quäker zogen nach
Amerika (I6'8I), um dort ihr «Neues Jerusalem» zu errichten. Viele
strenge Pietisten lebten auf das letzte Millennium zu. 1 7 7 Der Unter-
gang ließ sich aufhalten. Radikale Puritaner trachteten danach, die
Neue Welt nach ihrem Glauben zu gestalten. 178 Das Unterfangen
hatte Erfolg, hinterließ bis heute seine Spuren auf der One-Dollar-
Note der USA. Seine Rückseite zeigt The Great Seal, das «Große Sie-
gel» der USA: Eine Pyramide, deren Spitze ein von einer strahlenden
140 Aktualisiertingen

Gloriole umgebenes Auge darstellt, eine (an Vergils Georgien ange-


lehnte) Ikone der allsehenden Vorsehung: AN NU IT COEPTIS, Gott
stimmt dem Begonnenen zu. Worum es geht, verrät die Jahreszahl auf
der Basis der Pyramide: 1776, das Jahr der Unabhängigkeitserklärung
der USA. Und mehr noch. Seit 178z finden sich ins Siegel eingraviert
die (jetzt Vergils vierter Ekloge entlehnten) programmatischen Worte:
NOVUS ORDO SECLORUM, die neue Ordnung der Zeiten, als Beginn
der neuen amerikanischen Ära. Religiöses Sendungsbewußtsein
spricht aus diesem Siegel. In der Tat, Thomas Paine, Quäker, Aufklä-
rer, Kämpfer gegen die Sklaverei und Erfinder des Namens der United
Nations of America, hatte 1 7 7 6 verkündet: The cause of America is in
a great measure the cause of all mankind. \...} 'Tis not the concerne of
a day, a year or an age; posterity are virtually involved in the contest,
and will be more or less affected, even to the end of time, by the pro-
ceedings now.17y Die gesamte Menschheit war betroffen, bis zum Ende
der Zeiten, eine einzigartige Verwirklichung der Apokalypse des Jo-
hannes: «Siehe, ich mache alles neu!» (Apoc 11,5).
Göttliche Vorsehung (providence) segnete die USA und ließ - wirk-
sam bis heute - ein eschatologisch getöntes Sendungsbewußtsein ent-
stehen. Über das Geld und das Staatssiegel führt solche Selbstdeutung
zurück zu den Pilgrim Fathers des 17. Jahrhunderts, jenen strengen
Puritanern, die der anglikanischen Staatskirche den Rücken kehrten
und in die Wildnis zogen, um die Heerscharen Gottes gegen den Anti-
christ zu stärken. Damit nicht genug. Die Botschaft wurde neuerlich
erweitert. Seit 1957 steht auf jeder Ein-Dollar-Note IN G O D \VE T R U S T .

Das Bekenntnis begegnete schon 1864 auf dem Zwei-Cent-Stück, ein-


geprägt, um zu bekunden, man sei kein Heidenvolk. 180
Derartig beseligende Anschauungen, die unterschiedlichste Aus-
formungen annehmen konnten, beschränkten sich zumeist auf kleine
und kleinste Gruppen von Sektierern, die von der nicht aufzuhalten-
den Verwissenschaftlichung, Materialisierung und Mechanisierung
der Welt irritiert waren und die «Liebe erkaltet» sahen. Sie erweckten
zu neuem Leben. Die Welt sollte nicht Gott-los sein. Aber auch solche
Hoffnungen mußten sich bald als Opfer fortschreitender Säkulari-
sation und Entmythologisierung der Glaubensinhalte erkennen oder
Utopie und Realisierungen 141

doch von ihnen bedroht fühlen. Sie lernten denn notgedrungen, sich
anzupassen und am Erfolg zu messen, gerade auch am ökonomischen.
Einige Schwaben wanderten aus, weil sie ein neu eingeführtes Ge-
sangbuch für des Teufels hielten und sich in ihrer Religion bedrückt
fühlten. Sie zogen in den Kaukasus, wo ihnen im Jahr 1843 der Kurier
des Zaren August von Haxthausen begegnete und festhielt, was er bei
ihnen erlebte: ein kleines Häuflein wahrer nnd treuer Gläubiger, wel-
ches die Ankunft des Herrn und das Tausendjährige Reich nahe wähn-
ten. Zwei Parteien hätten sich herausgebildet: die strengere, welche
das Ende der Welt noch in diesem Herbst voraussagte, verlangte die
völlige Enthaltung in der Ehe und duldete keine Schließung einer
neuen Ehe. Die weniger strenge sah das Weltende nicht ganz so nahe
vor sich und wollte vorläufig noch die Ehe beibehalten wissen. Sie alle
wollten freilich nach Jerusalem auswandern; dort, im Tal Josaphat,
lag ja der Ort der Auferstehung und des Jüngsten Gerichts. 181 Dorthin
strebten sie.
Der Weltuntergang verlor seine Schrecken, entschwand aber nicht;
er sah sich in die Zukunft einer Kirche geschoben, die Frömmigkeit,
karitatives Handeln und hohe Sittlichkeit der Pfarrer und Gläubigen
«bessern» sollten. Dort überdauerte das "Wissen um ihn zur künftigen
Erneuerung. Die Welt sollte weiterhin untergehen. Millenniums-Er-
wartungen prägten im 19. Jahrhundert entstandene Sekten wie bei-
spielsweise Adventisten oder Baptisten. Sie beziehen ihren Glauben an
eine tausendjährige irdische Heilszeit vor der Ewigkeit aus der Offen-
barung des Johannes, die sie in eine unbestimmte Zukunft nach der
nicht genauer bestimmten Herrschaft des Antichrist erwarten, und die
durch Christi Parusie - etwa mit der großen Schlacht von Armaged-
don - beendet werde.
Auch ohne chiliastische Perspektiven verharrte der Weltuntergang
unter gläubigen Christen. Jean Paul, Sohn eines Organisten und Pa-
stors, gläubiger Christ, vernahm die Rede des toten Christus vom
Weltgebäude herab, daß kein Gott sei, und träumte einen Weltunter-
gang, zu dem Christus zwar wiederkehrte, doch nicht, um Gericht zu
halten. Da winkten weder Verdammnis noch Seligkeit. Jetzo sank eine
hohe edle Gestalt mit einein unvergänglichen Schmerz aus der Höhe
142 Aktualisiertingen

auf den Altar hernieder und alle Todten riefen: «Christus! Ist kern
Gott?» Er antwortete: «Es ist keiner.» - und die Ewigkeit lag auf dem
Chaos und zernagte es und wiederkäuete sich. Dann das Ende: Und als
ich niederfiel und ins leuchtende Weltgebäude blickte: sab ich die
emporgehobenen Ringe der Riesenschlange der Ewigkeit, die sich um
das Welten-All gelagert hatte - und die Ringe fielen nieder und sie um-
faßte das All doppelt - dann wand sie sich tausendfach um die Natur -
und quetschte die Welten aneinander - und drückte zermalmend den
unendlichen Tempel zu einer Gottesacker-Kirche zusammen - und alles
wurde eng, düster, bang - und ein unermeßlich ausgedehnter Glocken-
hammer sollte die letzte Stunde der Zeit schlagen und das Weltgebäude
zersplittern [...] Mit dem Schreckensbild erwachte der Träumer:
Meine Seele weinte vor Freude, daß sie wieder Gott anbeten konnte.
Die Furcht, nein, die Angst, daß es nicht so sei, wie die Glaubens-
wahrheiten verkündeten, hatte den Träumer entsetzt. «Jesus! haben wir
keinen Vater?» - Und er antwortete mit strömenden Thränen: «Wir
sind alle Waisen, ich und ihr, wir sind ohne Vater.» Eingeleitet wurde
die Rede mit dem Erschrecken über den giftigen Dampf, der dem Her-
zen dessen, der zum erstenmal in das atheistische Leingebäude tritt, er-
stickend entgegenzieht. Die Aufklärung hatte Zweifel gesät. Der Glaube
geriet in Bedrängnis. Er sah den Weltuntergang noch, aber keine Erlö-
sung mehr, nur Glaube und Anbetung und eine frohe vergängliche
Welt, die lebte und Töne sandte, wie von fernen Abendglocken
Katastrophen behielten ihre apokalyptischen Schrecken und ihren
Zeichen wert. Welche geheimnisvolle Macht hatte da gewütet? Warnte
Gott? Rächte er sich? Strafte er ein sündiges Volk? Warum, warum das
alles? Wirklich Gottes Wille? So fragten viele, als im Jahr 1755 Lissa-
bon gleichzeitig von Erdbeben, Feuer und Meer (einem Tsunami!) zer-
stört wurde. Solche Zerstörungsmacht der Elemente bedeutete eine
kaum zu meisternde Herausforderung für alle Religion und erst recht
für die Vordenker der Aufklärung. Nur das Vergessen konnte den
Glauben erneuern. Aber Zweifel blieben.
Auch der Dichter Heinrich von Kleist studierte eindringlich die Be-
richte aus Lissabon und auch jene über das Erdbeben von 1647 in
Chile und formte sie um zu seiner Novelle Das Erdbeben in Chili
Utopie und Realisierungen 143

Erdbeben von Lissabon 1755, anonymer Stahlstich

(1807). Es wurde eine paradoxe Parabel. Lebensangst während des


Bebens rettete dort dem Helden Jeronimo, der sich soeben das Leben
nehmen wollte, das Leben, um es sich alsbald von dem durch Prediger
fanatisch verhetzten, selbst gerade dem Tod entronnenen, von Angst
gepackten Volk rauben zu lassen. So der protestantische Dichter und
Aristokrat. Er ließ in der heimgesuchten Stadt St. Jago laut den Ruf
der Endzeit erschallen [...] wie die Mönche [...] mit dem Kruzifix in
der Hand umhergelaufen wären und geschrieen hätten: das Ende der
Welt sei da, und wie dann die Bußpredigt der Dominikaner den Gläu-
bigen ins Gewissen redete: das Weltgericht kann nicht entsetzlicher
sein [...] als [...] das gestrige Erdbeben.
Aufklärung dünkte auch das, Aufklärung freilich, die neue Ängste
schürte. War es dieser Appell an Untergang und Gericht, der Angst
und Panik erst auf den Gipfelpunkt führte und das Volk zu einem ivil-
den Haufefi machte? Eine Angst, die verzögert hervorbrach, indem sie
den zurückliegenden Schrecken einen Namen gab und sich vor der
Kirche in der mörderischen Gewalt des Meisters Pedrillo, eines Schu-
sters, gegen ein unschuldig Kind - Juan - entlud, und indem dieser
Mann, jetzt Fürst der satanischen Rotte, inmitten seiner Bluthunde
das Knäblein mit dem Namen des apokalyptischen Sehers an einem
144 Aktualisiertingen

Schutzengel, mittel-
oder südamerikanisches
Votivhild, um iSoo,
Diözesanmuseum Köln.

Kirchenpfeiler zerschmetterte? Wie beruhigend, beglückend mochten


da Votivbilder dieser Zeit auf das Gemüt der Gläubigen wirken, die
ein Kind zeigen, das voll Vertrauen zu seinem Schutzengel aufblickt,
der es sicher durch die aufgesperrten Rachen der Höllendämonen ge-
leitet und zu den Gefilden der Seligen weist.18-1
Kleist wußte, wovon er sprach. Ein Schuhmacher hatte tatsächlich
anderthalb Jahrhunderte vor dem großen Beben, von Mönchen ange-
leitet, in Lissabon den Untergang gepredigt; und Bluthunde erinnerte
an die Hunde des Herrn, wie die Dominikaner seit alters im Volks-
mund hießen, die Domini canes. Sie waren die für die Ketzerverfol-
gung zuständigen Inquisitoren und hatten zahllosen unschuldigen
Seelen den Tod gebracht. Katastrophe, Angst und Gewalt fließen in-
einander über und werden zur Herausforderung für Glauben und Ver-
nunft, für Literaten und Künstler und - für die Wissenschaft. Dieser
Erzähler aus preußischem Adel verdeutlichte mit seinem Erdbeben in
Utopie und Realisierungen 145

Chili die Dringlichkeit der Aufklärung gerade auch in den Reihen der
Protestanten. Auch sie sollten sich nicht mehr mit den Schreckensvisio-
nen des Untergangs befassen, schon gar nicht mit den Drohungen des
Gerichts.
In ihr Kirchenlied war längst ein wenig Aufklärung eingedrungen.
Jüngster Tag und Weltuntergang verbargen sich fortan hinter Schwei-
gen. Den Gläubigen war nur mehr die Auferstehung bedeutsam. Den
zeitgemäßen Ton traf Friedrich Gottlieb Klopstock, auch er ein Pro-
testant aus pietistischem Elternhaus. Er hatte schon einige Zeit vor
Kleist eine empfindsame Ode voll Zuversicht und Heilsgewißheit in
Verse gebracht: Die Auferstehung. Auferstehn, ja, aufersteht1 wirst
du, /Mein Staub, nach kurzer Ruh'. / Unsterbliches Leben / Wird, der
dich schuf, dir geben. / Halleluja! Da gab es keinen Untergang mehr,
kein Gericht, keine Verdammnis, nur Freude über ein leidfreies Ende.
Der miiden Pilger Leiden / Sind dann nicht mehr. Wo war die Hölle
geblieben? Die wüsten Torturen der Teufel? Wo der Weltuntergang
mit seinen Gräueln und Vernichtungsfeuern? Alles schien der Auf-
klärung geopfert, ihrem unendlichen Fortschrittsoptimismus.
In der turbulenten Schlußphase der Napoleonischen Kriege und mit
ihrem Ende, als die vielen Soldaten nicht mehr gebraucht wurden und
in Armut stürzten, als sich Not und Hunger allenthalben breitmach-
ten, erhoben neue Endzeitprediger ihre Stimme, fanden Gehör und
Anhängerschaft. Doch auch jetzt predigten sie nicht nur Untergangs-
furcht, sondern zugleich Heilshoffnung. Berühmt wurde Juliane von
Krüdener. 184 Sie hatte unter dem Einfluß der Herrenhuter Brüder-
gemeinde 1804 ihre Bekehrung erlebt. Napoleon erschien ihr nun als
Antichrist. Ihre apokalyptischen Botschaften erreichten die Ohren
vieler Aristokraten, zumal des Zaren Alexander I. Er und der preußi-
sche König Friedrich Wilhelm III. besuchten 1 8 1 5 ihren Salon in Paris.
Die Heilige Al Haitz des Herrschers aller Reußen mit dem König von
Preußen und dem Kaiser von Österreich Franz I., die noch in demselben
Jahr geschlossen wurde, könnte unter dem Einfluß ihrer Endzeitsorgen
zustande gekommen sein. In den Elendsjahren 1 8 1 6 / 1 8 1 7 predigte sie,
die reiche Dame, Barmherzigkeit und Fürsorge für die Armen, betrieb
Juliane im Umfeld von Basel Volksküchen und kochte wohl auch
146 Aktualisiertingen

selbst. Schon zuvor hatte sie erfolglos, doch wiederholt Anstrengun-


gen zur Errichtung endzeitlich erwartungsvoller Siedlungskolonien
unternommen. Ihre Predigt, die den Armen, dem auserwählte(n) Volk
Gottes, einen Tag der Rache verhieß, ängstigte die Reichen und die
Obrigkeiten. Da ertönte noch einmal der sozialkritische Ruf früh-
christlicher Endzeitbotschaft. Man wollte ihn nicht mehr hören und
verwies die Kriidener des Landes; sie starb verarmt auf der Krim,
zuletzt auch vom Zaren verstoßen. Die politische Restauration ver-
bannte jegliche Weltuntergangsfurcht. Die Not der Armen aber blieb;
und auf ihrem Boden brachte die schlichte Gläubigkeit des Volkes
noch immer Endzeitfurcht hervor. 185
So verbreitete sich in diesen Jahrzehnten ein widersprüchlicher End-
zeitglauben, soweit die Zeitgenossen einem solchen überhaupt noch
zu folgen bereit waren. Gustav Mahler etwa hat Klopstocks Auferste-
hungs-Ode zu dem Wunderwerk seiner zweiten Symphonie, der Auf-
erstehungssymphonie, angeregt, die mit ihrem die traditionelle Sym-
phonieform durchbrechenden fünften Satz buchstäblich ein Aufbruch
war (1888/95). Er selbst hat Klopstocks Verse dafür umgedichtet. Eine
Lebenswelt in Tönen, chaotisch anmutend, der Mensch zwischen Leben
und Tod, Gut und Böse, zwischen Gott und Dämonen hin- und herge-
rissen, jubelnd, tanzend, todverfallen, flehend, geängstigt und hoffend;
zuletzt aber voll Gewißheit: Ich bin von Gott und will ivieder zu
Gott[...] O glaube: Du wardst nicht umsonst geboren! [...] Hast nicht
umsonst gelebt, gelitten! [...] Hör auf zu beben [...] Sterben tverd' ich,
um zu leben! [...] Aufersteh'n, ja, Aufersteh'«[...] Hier ist nichts ge-
blieben von den Schrecken der Endzeit, die ein Jahrtausend peinigten
und noch wenige Jahrzehnte zuvor sich ausgebreitet hatten, nichts
von den Gefahren des Jüngsten Gerichts, den Abgründen der Hölle,
die Dante so eindringlich beschrieben hatte. Alles «Dämonische»
hatte sich der Mensch selbst bereitet; die Kreise der Hölle schufen die
Menschen einander selbst, sie lagen in ihnen, nicht in einem schre-
ckenden Jenseits. Auferstehung war Erlösung aus höllischem Aufruhr
der Seele, war Heimkehr zu Gott.
Zuvor freilich hatte Richard Wagner einen Untergang ganz anderer
Qualität auf die Bühne gebannt, der keineswegs bloß Bühnenkunst
Utopie und Realisierungen 147

blieb, sondern Wirkungen auf Zuschauer erzeugte, die besser nicht in


die Oper gegangen wären. Das Ende einer ganzen Epoche verkündete
der Dichter in Libretto und Musik, Ein schmähliches Ende der Ew'gen
(Walküre, z. Akt), ein Ende, dessen künftige Schrecken sich abzuzeich-
nen begannen, ohne daß ein seliges Jenseits erhofft wurde, und das der
Komponist zwar nicht selbst heraufführte, aber irgendwie - wohl un-
freiwillig - beschleunigte. Der ewigen Götter Ende / dämmert ewig da
auf. [...] Denn der Götter Ende I dämmert nun auf: / So - werf ich den
Brand / in Walhall's prangende Burg. So heißt es zu Beginn und am
Ende der Götterdämmerung, des dritten und letzten Tags des Bühnen-
festspiels Der Ring des Nibelungen von 1876'. Am Himmel, und damit
schließt die letzte Regieanweisung des Dichterkomponisten, bricht
zugleich von fern her eine, dem Nordlicht ähnliche, röthliche Gluth
aus, die sich immer weiter und stärker verbreitet.1*6 Das war die
Machtübernahme der Menschen gegen die dem Untergang ausgelie-
ferten Götter, gieriger Menschen, eines Hagen und Co. Es wurde Hit-
lers Lieblingsszene. Wie war es möglich geworden?
Ein Jahrtausend Gelehrsamkeit und
Untergangserwartung

Wie war die Botschaft vom Ende zu deuten?

Da saßen sie und rechneten und schwitzten. Die Daten stimmten nicht.
Wann war der Tag des Frühjahrsäquinoktiums? Die Tagundnacht-
gleiche? Man mußte es wissen, denn die Feier von Christi Auferstehung
bestimmte sich danach. Das Äquinoktium sollte am 2 1 . März eintre-
ten. So hatten es die christlichen Väter auf dem Konzil von Nicäa im
Jahr 32.5 verpflichtend gelehrt. Doch jetzt, ein halbes Jahrtausend spä-
ter, traf es nicht zu. Die heilsgeschichtlich relevante Ordnung des Fest-
kalenders drohte, in Verwirrung zu geraten. Der König war besorgt.
Die Sonne spielte nicht mit. So saßen seine Gelehrten und rechneten
und schwitzten und fanden keine Lösung. Und weiter: In welchem
Jahr nach Christi Geburt leben wir, in welchem der Weltschöpfung?
Auch das wollte Karl der Große wissen. Die christliche Heilserwartung
bedurfte präziser Orientierung in der Zeit und korrekten eschatologi-
schen Wissens. Diese gefährlichen Zeiten, in denen das Weltende, das
Jüngste Gericht und die Entscheidung über ewiges Leben und ewigen
Tod sich ankündigten, verlangten danach. Der Angelsachse Alkuin,
Abt von Tours und herausragender Gelehrter im Frankenreich, hatte
schon vor Jahren den Frankenkönig in apokalyptischem Ernst mit
dem paulinischen Wort (zTim 3,1) zu mahnen gewußt. Karl hörte auf-
merksam zu. Denn Ungewißheit über die zeitliche Ordnung der Ge-
genwart hatte sich ins Wissen eingenistet.
Ein anderer Gelehrter, Theodulf, verwies in den Libri Carolini
gleich dreimal auf das Jüngste Gericht, das herbeieilte. Dreimal be-
Wie ivar die Botschaft vom Ende zu deuten? 149

kräftigte Karl das Gesagte. 1 Es galt zu planen, zu handeln, die Zu-


kunft von Königtum, Kirche und Gläubigen ins Auge zu fassen,
Reformen zu realisieren. Dem König zerrann die Zeit. Sie war zu
ordnen. Sie war kostbar; sie war Heilszeit. Trat wirklich, wie Kir-
chenväter und Mitlebende lehrten, mit dem Jahre 800 nach Christi
Geburt das Ende des sechsten Jahrtausends seit Erschaffung der Welt
hervor? Die Nähe des Gerichts? Der Untergang? Es galt, Vorsorge zu
treffen.
Karl verlangte Klarheit. Er hatte schon im Jahr 798 seine Kalender-
spezialisten befragt. Sie bestätigten - in Übereinstimmung mit Alkuin -
das Jahr und auch (jetzt dem heiligen Beda folgend), daß Gott die
Welt an einem 18. März, einem Montag, erschaffen habe.2- Das konnte
nicht sein. Die Schöpfung begann an einem Sonntag. Andere Zweifel
tauchten auf. Das Alter der Welt ließ sich nicht sicher bestimmen, zu
weit wichen die Zählweisen der Autoritäten voneinander ab; erst im
Jahr 809 legte man sich nicht ohne Skrupel auf die Zählung der Juden
fest, ohne die ältere Rechnung zu verdammen. 3 Danach standen bis
zum Ende noch anderthalb Jahrtausende zu erwarten. Die Jahreszäh-
lung nach Christi Geburt war damals noch jung. Anscheinend hat
Karl (nach Ausweis der großen Annalen) sie in seinem Reich erst
durchgesetzt.4 Fehler schienen denkbar. Bis heute liegt Christi exaktes
Geburtsjahr im Dunkeln.
Es war der Himmel, der die Erkenntniskräfte herausforderte, der
Sonnen- und Mondlauf, die Sterne, die Zeit und der Kalender. Ihre
Ordnung galt es zu ergründen. Der Kaiser beobachtete selbst den ge-
stirnten Himmel über sich und schätzte die Astronomie, die damals
noch nicht in Astrologie mündete. Je älter Karl wurde, desto nach-
drücklicher förderte er das Kalenderwesen, die Komputistik, die
Lehre und Techniken zur Berechnung der Zeit und des christlichen
Kalenders. Äquinoktium und Weltalterrechnung irritierten noch im-
mer; Karl blieb besorgt. Solche Fürsorge um die Zeit war so heils-
relevant wie die korrekten Formeln des Glaubensbekenntnisses.
Denn, so Karls Gesandter im Jahr 810 vor Papst Leo III.: «das Ende
der Welt naht, bei dem - wie vorhergesagt - die Zeiten gefährlich
sein werden». 5
150 Ein Jahrtausend Gelehrsamkeit und Untergangserivartung

Die erste und einzige Enzyklopädie zur Komputistik entstand da-


mals, im Jahr 809, für Karls Hof. 6 Die Gelehrten entwarfen einen
Kalender,7 der dann in den folgenden Jahrhunderten immer wieder
abgeschrieben und erweitert wurde und noch in den heutigen Taschen-
kalendern seine Spuren hinterlassen hat. Er verzeichnete die Heiligen-
und Kirchenfeste, Mond- und Sonnendaten, den Durchlauf der Sonne
durch den Zodiak, Unglückstage (dies aegyptiaci), den Schalttag (bis-
sextus), den Mondsprung (mithin den Neumond) und einiges andere
mehr. Aber das Weltalter blieb ungewiß, da die Zählung der Jahre
weiterhin divergierte.
Magische Prinzipien wurden beachtet, die irgendwie vom Mond-
oder dem Sternenstand diktiert waren: Daß man im Januar nicht zur
Ader gelassen werden solle, es sei denn, man habe einen Trank gegen
offocatio/ Schnupfen eingenommen; oder daß wer bei Mondalter 1 (der
Tag nach dem Neumond) erkranke, schwer, bei Mondalter z rasch, bei
Mondalter 3 überhaupt nicht genese; bei Erkrankung zu Mondalter 8
(acht Tage nach Neumond) habe man nicht mehr lange zu leben. So gab
es eine lange Liste der Gesundheitszeiten, die einen heutigen Gärtner
an den biologisch-dynamischen Kalender mit seinen Pflanz- und Ernte-
tagen erinnern mag. Hier wurde der Boden bereitet für die Erneuerung
prognostischer Künste in der westlichen Christenheit. Solche Daten
verraten das existentielle Gewicht, das der Zeitlauf für Karl besaß.
Wie konnte die Wissenschaft, wie sie sollte, die Wahrheit enthüllen,
wenn zwischen verpflichtender Norm und erfahrener Wirklichkeit
unüberbrückbare Abgründe aufrissen? Wem war zu folgen? Der Über-
lieferung heiliger Väter oder den Erkenntnissen eigener Gelehrter? Die
Schöpfung gab ihre Geheimnisse nicht preis. Ein Dreiviertel Jahr-
tausend sollte ins Land ziehen, bis beide, Sonnenlauf und christlicher
Kalender, zweifelsfrei synchronisiert werden konnten. Technische In-
novationen mußten eintreten, astronomisches und mathematisches
Wissen war zu mehren, der ganze Kosmos mußte neu gedeutet wer-
den, um es zu ermöglichen. Der Weltuntergang aber sah sich wieder
und wieder verschoben.
Den ersten Anstoß zu der umstürzenden Erneuerung hatten unter
dem großen Karl fehlerhafte Gebete geboten, die den König verstör-
Wie ivar die Botschaft vom Ende zu deuten? 151

ten. Wie konnte Gott in verworrenem Latein gnädig gestimmt werden!


Jetzt, wo seine Gnade dringlich war! Abhilfe tat not, und der Herr-
scher verlangte, um jegliche Zweifel zu beseitigen, um heilsnotwen-
dige Gottesverehrung zu sichern, gründliche lateinische Bildung, ver-
langte Grammatik, Rhetorik und Dialektik, aber auch die Disziplinen
des sogenannten Quadriviums, der Arithmetik, Geometrie, Astro-
nomie und Musik, welch letztere mehr eine theoretische Disziplin und
eher (auch für Architekturzwecke brauchbare) Proportionenlehre war
als vokale Aufführungspraxis, und eben auch die Komputistik.
Das Programm führte im 9. und 10. Jahrhundert zur Frührezeption
jener wissenschaftlichen Methodik, die als einzige aus dem reichen
Schatz antiker, zumeist griechischer Wissenschaftslehren im lateini-
schen Westen überlebt hatte, der Logik des Aristoteles, was zunächst
hieß: der Kategorien- und Aussagenlehre des Stagiriten; hinzu trat die
Rhetorik Ciceros oder Pseudo-Ciceros. Beide Disziplinen zusammen
können als eine untereinander kooperierende Erkenntnistheorie be-
trachtet werden. Sie lehrten, Sachverhalte in den Blick zu nehmen und
mit ihnen Wirklichkeit. Damit begann der Wiederaufstieg der Wissen-
schaften; er benötigte, wie gesagt, Jahrhunderte, um nach dem Nie-
dergang seit der Spätantike wieder die alte Höhe zu erklimmen und
diese zu übersteigen.
Die Gelehrten und andere interpretierten, was sie am Himmel, in
der Welt und unter den Menschen wahrnahmen, als Zeichen der Na-
tur, als Warnungen Gottes. Aufmerksam registrierten sie dieselben,
auch wenn sie deren Bedeutung und Korrespondenzen nicht ohne
weiteres entzifferten. Eine genauere Lektüre der heiligen Schriften
wurde nötig. Im 9. Jahrhundert warnte eine Predigt unbekannter Pro-
venienz (zum Samstag vor dem 4. Advent mit Lesung iThess 2,1-8) in
starker Anlehnung an die Paulus-Exegese des Pelagius vor falschen
Lehrern (pseudodoctores) und folgte dabei dem zweiten Kapitel des
2. Thessalonicherbriefes, der von der Wiederkehr des Herrn zum Ge-
richt handelte. Er käme erst, wenn das Imperium der Römer zerstört
sei [nisi prius Romanorum imperium destruatur); zuvor müsse der
Antichrist (id est contrarius Deo und qui adversatur Christo) erschei-
nen und «die Fülle der Heiden zum Glauben» (plenitudo gentium) be-
152 Ein Jahrtausend Gelehrsamkeit und Untergangserivartung

kehrt sein. Der Prediger fordert die Gläubigen auf, freudig (leti) der
zweiten Ankunft Christi entgegenzugehen und sich beim bevorstehen-
den Weihnachtsfest mit rechten Werken darauf vorzubereiten [prae-
parare)} Die Erwartung mochte steigen.
Explizit war noch keine gegenwartsgeschichtliche Konsequenz gezo-
gen. Erst im kommenden Jahrhundert wird Adso von Montier-en-Der
in seinem Lehrbrief für die französische Königin 9 das (westliche) Fran-
kenreich und seine Könige mit dem noch fortbestehenden Römischen
Reich identifizieren, dem Untergangsglauben mithin eine realistische
Wendung geben. Doch bald wird diese Reichstheologie auf das Hei-
lige Römische Reich (Deutscher Nation) übertragen und diesem eine
eschatologische Last aufgebürdet, die es in seiner wachsenden Zerris-
senheit nicht zu tragen vermochte.
Das Wissen um den Antichrist ist weit verbreitet. Ps.-Methodios
und andere griechischsprachige Autoren kannten ihn; 10 in Armenien
wurde er gefürchtet. 11 Dort waren es rhomäische (byzantinische) Kai-
ser, hier eigene Könige (mitunter in Gemeinschaft mit dem Basileus),
denen die Rolle des letzten Kaisers zufiel. Der Gegenchrist aber wird
alle Könige der Erde unterwerfen, zuletzt auch das Römische Reich,
das (so Adso) im Franken- oder (so jüngere Autoren) im römisch-
deutschen Reich fortbestehe und zuvor den Untergang aufhalte. Diese
Reichstheologie wird bis in die Neuzeit überdauern, etwa bis zu Carl
Schmitt. Der letzte Kaiser werde zum Zeichen des Endes nach Jeru-
salem ziehen, dort am Ölberg Zepter und Krone niederlegen. Dann
erscheine der Antichrist; Henoch und Elias träten wieder auf, die Völ-
ker Israels bekehrten sich, alle würden aber vom Antichrist getötet,
bevor dann Jesus durch den «Hauch seines Mundes» oder St. Michael
«durch die Kraft unseres Herrn Jesus Christus» diesen töte. Danach
gäbe es 40 Tage Aufschub für die «Erwählten» zur Buße, überhaupt
auf unbestimmte Zeit, bevor der Herr zum Gericht erscheine. So apo-
kalyptisch das alles klang, von einem Weltuntergang stand hier nichts
zu lesen.
Noch war es nicht soweit. Gott sprach weiterhin über Zeichen in
der Natur und unter den Menschen, nicht nur aus den heiligen Schrif-
ten. Die Lektüre der Zeichen verlangte ein geduldiges Bemühen um
Wie ivar die Botschaft vom Ende zu deuten? 153

Verstehen auch der verheißenden Texte, ein genaues Hinsehen oder


Hinhören und Nachsinnen. Alle methodischen, analytischen, intel-
lektuellen Fähigkeiten, die damals verfügbar waren, sahen sich auf-
gerufen. Jede Sonnenfinsternis, jedes Nordlicht, jede Mißgeburt von
Tier oder Mensch, galt es zu prüfen, eine ungewöhnliche Gemein-
schaft dreier Wölfe, ein Heuschreckenschwarm kündigte von Tod
oder Seuche oder Schlimmerem, ließ gar das Ende befürchten. Die
sich in Zeichen manifestierenden Verbindungen zwischen Kosmos
und Einzelmensch oder menschlicher Gesellschaft, von denen die hei-
ligen Schriften handelten, galt es zu deuten. Was würde geschehen?
Ungewißheit rief nach Aufklärung und diese drang tiefer und tiefer
ein in die Eigenmächtigkeit der Natur.
Gott handelte in der Natur, so lehrte man auch im n. oder 12. Jahr-
hundert; sie zu verstehen, brachte Gottes Willen näher. Das Wissen
wuchs mit der Zeit. Fehler der Überlieferung wurden offenbar und
verlangten nach Korrektur, zumal dann, wenn es um die Ordnung der
Zeit ging. Hermann der Lahme, ein Mönch im Kloster Reichenau, mit
Astrolab und Mathematik beschäftigt, kritisierte im Jahr 1042 zutref-
fend die bislang praktizierte Mondalterlehre; Vollmond träte oftmals
schon zwei Tage früher ein, als die Berechnungen verlangten. 11 Ande-
res kam hinzu.
Die Differenz etwa zwischen kalendarischem und astronomischem
Frühjahrspunkt irritierte seit langem. Wilhelm, später Abt von Hirsau,
beließ es nicht bei Irritationen; er machte sich ans Messen. 13 Er be-
obachtete noch vor dem Jahr 1069 einen in einen Raum einfallenden
Sonnenstrahl, markierte auf einer am Boden eingezeichneten Nord-
Süd-Linie durch Striche jeweils zur Mittagszeit mit Tagesdatum die
Länge des einfallenden Sonnenstrahls und hielt die Tage fest, an denen
die Marke sowohl beim Aufstieg der Sonne als auch bei ihrem Abstieg
erreicht wurde. Das waren die Tage gleicher Länge. Die jeweilige
Mitte zwischen diesen Kalendertagen ergab das Sommersolstitium,
respektive das Wintersolstitium, das sich in analoger Weise bestim-
men ließ. Die Differenz zwischen beiden Solstitien halbiert, ergab die
Tage der beiden Äquinoktien. Wilhelm registrierte auf diese Weise
ein Nachhinken des Kalenders gegenüber dem Sonnenstand um fünf
154 Ein Jahrtausend Gelehrsamkeit und Untergangserivartung

Tage. Es traf in etwa zu; es hätten sechs Tage sein können. Verbessert
wurde gleichwohl nichts.
Derartige Forschung, überhaupt die pbysica indagatio, die Natur-
forschung, wie Wilhelm sie hieß, hielt den Mönch vom täglichen Got-
tesdienst, dem Psalmenbeten, ab. Er mußte es sich eingestehen, recht-
fertigte sich aber mit den Collationes des Johannes Cassianus, eines
der Wüstenväter im 5.Jahrhundert. 14 Der Mensch kehre nämlich
durch die Vervollkommnung seiner quadrivialen, seiner natur-
wissenschaftlichen Kenntnisse und Fähigkeiten zur ursprünglichen
Vollkommenheit Adams zurück. Naturwissenschaftliches Forschen
mit Einschluß der nötigen Neugier wurde so als menschheitliches
Erziehungs-, ja, als Heilswerk gedeutet und legitimiert. Tatsächlich
gebrauchte Wilhelm dafür den Begriff des humanus profectus, des
Fortschritts der Menschheit zum Heil. Die Zeit war freilich noch nicht
reif für gravierende Veränderungen des Althergebrachten, zumal die
Gründe für jene Abweichungen nicht durchschaut waren. Niemand
hätte damals wagen können, den Kalender zu reformieren. Die Welt
konnte nicht in Unordnung geraten sein. Die fällige Kalenderreform
ließ noch Jahrhunderte auf sich warten. Die Wege zur Wahrheit sind
selten gerade. Die Endzeiterwartung aber verlangte, ihren Windungen
zu folgen.
Neue Wissenschaften erreichten die Gelehrten des Westens. Sie er-
leichterten die Aufgaben und provozierten neue Fragen, nährten Skep-
sis und Zweifel an den überkommenen Deutungsmustern natürlicher
Vorkommnisse. Die Kontingenz, der Zufall, drängte sich als Deu-
tungsweise in die Naturerklärung, in menschliche Begebenheiten und
in die Weltgeschichte. Die Sprache der Natur, Gottes Warnung an die
Menschen, wurde vielfältiger, unlesbarer. Eine dieser neu oder wieder
entdeckten Wissenschaften war die Astrologie. 15 Die Grundlagen des
apokalyptischen Glaubens, die das antike Judentum und die christ-
lichen Väter gelegt hatten, wurden nicht aufgegeben. Zu vertraut
waren die Bahnen des seit Jahrhunderten eingeübten, etablierten Den-
kens. Die Gelehrten spitzten ihre Federn zu keiner entmythologisie-
renden Aufklärung: solche blieb späteren Jahrhunderten vorbehalten.
Sie suchten vielmehr das Überkommene durch das Neue zu rechtferti-
Irritationen durch die Scholastik 155

gen, in seiner Wahrheit zu bestätigen. Sogar an Gottesbeweise wagte


man sich/ 6 Die Weisheit der Kirchenväter sollte mit dem anbran-
denden neuen Wissen versöhnt werden. So dämpften die Frühschola-
stiker eine allzu große eschatologische Ungeduld, die das Ende in al-
lernächster Zukunft erwartete. Ganz verhindern konnten sie eine sol-
che freilich nicht. Denn keiner dieser Mahner zweifelte an der künfti-
gen historischen Realität des Verheißenen.
Unkonventionelle Erklärungsmuster der Zeichenvielfalt waren nun
gefragt. Bislang ließ sich mit Hilfe des von dem Kirchenvater Hierony-
mus gelehrten mehrfachen Schriftsinns die Apokalyptik bändigen.
Neben den historischen Sinn trat der allegorische, der moralische
(etwa die Bußforderung) und der anagogische Sinn, der die Gläubigen
auf das Jenseits verwies. Das wurde nun, seit dem i z . und 13. Jahr-
hundert insofern anders, als das Neue einbezogen werden mußte. Zu-
vor aus sprachlichen Gründen verschlossene Texte über die Natur -
Übersetzungen aus dem Griechischen und dem Arabischen - bemäch-
tigten sich der Apokalyptik und trieben zu bohrenden Fragen nach
dem Schöpfungswerk Gottes, nach der Eigenmacht der Natur, nach
der Ewigkeit menschlicher Seelen, dem freien Willen, nach Sünde,
Schuld, Buße und Erlösung und nicht zuletzt nach dem Jüngsten Ge-
richt und dem Weltuntergang.

Irritationen durch die Scholastik

Petrus Abaelard, der große Dialektiker im früheren i z . Jahrhundert,


einer der Wegbereiter der Scholastik, war sich bewußt, im letzten
Weltalter, unmittelbar vor dem Kommen des Antichrist zu leben. Er
rechnete mit dem Schlimmsten. Seine erste (verlorene) theologische
Vorlesung und Glossierung widmete er der «überaus dunklen Prophe-
tie des Ezechiel». 17 Ein Apokalyptiker wurde er dennoch nicht.
In seiner Schrift Sic et non («Ja und nein») stellte er widersprüchliche
Vätersentenzen zusammen und präsentierte dazu einleitend wegwei-
sende methodische Grundsätze zur Überprüfung der Überlieferung
und ihrer Aussagen. Die Schrift zielte gegen unkritischen Glauben an
156 Ein Jahrtausend Gelehrsamkeit und Untergangserivartung

die Autoritäten. Auch Propheten und Apostel können irren. Grund-


sätzlich ist Zweifel nötig; der methodische Zweifel wurde zu einem
Erkenntnisprinzip schlechthin: «Denn vom Zweifeln gelangen wir
zum Fragen; und fragend erfassen wir die Wahrheit». 18 Der «Frage-
weg», die via inquisitionis, wie sie im 13. Jahrhundert heißen sollte, ly
wurde in der Tat zum Aufklärungsweg der Scholastik. Damit war die
Axt an die Wurzel bloßen Glaubens gelegt. Den Frager leitete die Ver-
nunft. «Jedwede Unterscheidung von wahr und falsch unterliegt in
der Weise der Dialektik, daß sie den Ausgangspunkt jeglicher Philo-
sophie bietet», formulierte Abaelard bewußt provozierend in seiner
«Dialektik». Sie ist ihm die «Disziplin der Disziplinen; sie lehrt das
Lehren, sie lehrt das Lernen; in ihr offenbart sich die Vernunft und er-
öffnet, was sie ist und was sie intendiert. Sie weiß das Wissen». 10 Sol-
che Provokation führte in einen Häresieprozeß.
Die neu aufkommende Astrologie wurde nicht verworfen. Im Ge-
genteil, nachdrücklich verwies Abaelard auf sie. Die «Sternkundigen»
(periti astrorum) vermöchten künftige Geschehnisse in der Natur (na-
tiiralia futura) vorauszusehen: Dürre oder Regen, Hitze oder Kälte;
solches Wissen nütze auch der Heilkunde. 11 Abaelard könnte es unter
anderem Piatons Timaeus (4oc-d) verdanken. Komme die Wahrheit
auch nur Gott zu, so lasse sich doch Wahrscheinliches und dem
menschlichen Verstand Zugängliches vortragen, formulierte Abaelard
an anderer Stelle seine erkenntnistheoretische Maxime/ 2 Sie bean-
spruchte keineswegs bloß in eschatologisch-astrologischem Kontext
Geltung.
Einen dieser scholastischen Wissensstränge repräsentierte die Ge-
schichtsschreibung. Otto, Bischof von Freising und Geschichtsdenker,
hocharistokratischer Babenberger und mit den Staufern verwandt,
schuf mit seiner Chronica sive historia de duabus civitatibus das ein-
drucksvollste mittelalterliche frühscholastische Monument heilsge-
schichtlicher Weltdeutung.2-1 Er hatte in Paris studiert und war auf der
Heimreise in die Zisterze Morimond eingetreten. Beides entsprach
den modernsten Trends für Wissenschaft und Spiritualität und war
karrierefördernd. Im Jahr 1 1 3 6 wurde er zum Bischof von Freising ge-
wählt. Bald bezeugte er seine Gelehrsamkeit mit den acht Büchern sei-
Irritationen durch die Scholastik 157

ner in Anlehnung an Augustins Civitas Dei verfaßten Chronik. Sie


umspannte die Menschheitsgeschichte vom Sündenfall an als Ausein-
andersetzung der beiden «Gemeinschaften», der civitas Dei und der
civitas mundi, bis hin zum Auftreten des Antichrist, dem Jüngsten Ge-
richt, dem «künftigen Leben» und dem Ende der Welt. Erst mit dem
Gericht werden beide civitates endgültig getrennt; zuvor vollzieht sich
alles Geschehen in einer civitas permixta, in der noch ungeschiedenen
Gesellschaft der Guten und der Weltlichen. Dem Ende aber gehen
mannigfache Zeichen voraus.
Dann ertönt der Ruf pax et securitas, «Friede und Sicherheit». Er
ist das Fanal für den Anbruch des Endes. Jetzt «wird alles der schreck-
lichen Macht des Feuers ausgeliefert». Nicht nur Christen (nostri)
hätten es vorausgesagt, auch Heiden hätten wie Piaton im Timaios
erst von einer Reinigung im Wasser, dann im Feuer gesprochen; auch
Ovid oder die Sibylle hätten Entsprechendes verkündet, die bekann-
ten christlichen Prophezeiungen wie etwa der zweite Petrusbrief ohne-
hin. 14 Freilich handle es sich dabei, getreu frühscholastischer Lehre,
um keine Vernichtung, um keinen Wechsel «vom Sein zum Nicht-
sein», sondern um eine Verwandlung «aus dem jetzigen Status in ein
Anders-Sein», nämlich «in ein schöneres, ganz hervorragendes»
Sein. 15 Alsbald erheben sich die Toten zum Gericht. In ihm werden
die Angehörigen der Civitas Dei zum Leben, zum «süßen, freundli-
chen» Himmlischen Jerusalem ins Angesicht Gottes geleitet, 16 die
Angehörigen der civitas mundi mit dem Teufel und Verführer, dem
Antichrist, aber Tag und Nacht in alle Ewigkeit «in der Feuer- und
Schwefelesse» den schlimmsten Torturen unterworfen, abgestuft nach
ihren Sünden. 17 Nur leichtere Vergehen werden im Purgatorium ge-
büßt. 18 Der Weltuntergang (interitus) ist nun - schlimmer als jedes
Nichtsein - ein quälender Dauerbrand (incendium sine modo [...] sine
fine) in der Esse des teuflischen Widerchristen.
Otto war keineswegs der einzige Autor des iz. Jahrhunderts, der
das Endzeitdrama vorstellte. Gerhoch, der Propst des Prämonstra-
tenserstifts von Reichersberg, ly oder Hildegard von Bingen beschrie-
ben ähnliche Perspektiven auf das Ende der Zeiten. Der Kanoniker er-
kannte freilich im Antichrist weniger eine reale Gestalt als vielmehr
158 Ein Jahrtausend Gelehrsamkeit und Untergangserivartung

ein Symbol für den Zustand seiner gegenwärtigen Welt, während die
Nonne und Äbtissin in traditionellem Sinne den Antichrist als den wi-
derchristlichen Verführer der Endzeit deutete. Einen Weltuntergang
sah auch sie nicht im Kommen, vielmehr die Reinigung der Welt im
Feuer und die Verwandlung der Elemente in den Urzustand der Erde
und den Absturz der Verworfenen. 30
Wann drohte das alles? Der Freisinger Bischof schob die gewisse
Zukunft in eine ungewisse Zeit. Ließ sie sich nun, gestützt auf die neu-
eren Wissenschaften, genauer bestimmen? Die Astrologie schien hel-
fen zu können. Sie war, als sie rezipiert wurde, gleichbedeutend mit
Astronomie, sogar mit Mathematik. Daß sie auf Irrwege schicken
würde, war nicht abzusehen. In der Antike weithin praktiziert, wurde
sie von christlichen Kaisern aus Angst vor Magie und Zauberei ver-
boten. 31
Weltgeschichtliche Bedeutung hatten diese Künste aber schon zuvor
wenigstens einmal bewiesen. Vermutlich nämlich bildete eine große,
Unglück verheißende Konjunktion von Saturn und Jupiter im Verein
mit dem Kriegsplaneten Mars im Sternbild Steinbock jenes Siegzei-
chen, in dessen Schutz Konstantin der Große im Jahr 3 1 z seinen Geg-
ner Maxentius überwand und in der Folge zum Christentum übertrat;
selbst die Venus spielte mit. Astrologie wurde damals unter den Großen
Roms und seinen Kaisern weithin praktiziert. Indes, so viel Unglück
sie auch ankündigen konnte, vom Weltuntergang wußte sie nichts. Er
lag jenseits römischer Erwartungen. Konstantins heidnische Astrologen
dürften in der Tat vor dieser Konjunktion gewarnt und von der Schlacht
abgeraten, die Christen aber dürften sie, die Himmelszeichen neu deu-
tend, dem Kaiser im Verbund mit einigen hellen Fixsternen (wie Atair
im Adler und einigen anderen Sternen desselben Sternbilds) als himm-
lisches Staurogramm, als christliches Heilszeichen und zugleich als
Emblem Christi, gewiesen und zur Schlacht ermuntert haben. 31 «In
diesem Zeichen siege!» So geschah es. Bald wurde das Staurogramm
durch das Christogramm ersetzt oder ergänzt und war fortan das
militärische Siegzeichen der Kaiser. 33 Die Nachricht aber, daß ein be-
stimmtes Himmelszeichen, eine große Konjunktion mit dem Saturn,
mithin die Astrologie dem Christentum zum Durchbruch verholfen
«In hoc signo vinces», die Große Konjunktion des Jahres 3 1 2
als astrologisches Zeichen des Staurogramms, nach Fritz Heiland.
160 Ein Jahrtausend Gelehrsamkeit und Untergangserivartung

hatte, fand keinen Eingang in die Geschichtswerke. So siegte (vorerst)


das Verbot der Astrologie und blieb der kosmische Ursprung des Zei-
chens unbeachtet.
Das Mittelalter zögerte denn auch lange, die Astrologie wieder-
zubeleben. Noch der führende Gelehrte am Hof Karls des Großen,
Alkuin, wagte sich nur widerwillig in die «Rußküchen der mathema-
tici». Seit dem späteren n. Jahrhundert wurde es anders. Der Blick
zum Himmel verlangte im Wissen um den baldigen Untergang nach
kundiger Zeichendeutung. Nun drängte sie aus arabischer Gelehrsam-
keit in die westliche Christenheit. Sie verlangte zumal mathematische
und erweiterte Kenntnisse der Naturwissenschaften. Diese wurden
seitdem perfektioniert. So lernte man seit dem iz. Jahrhundert, Große
Konjunktionen vorauszuberechnen. Man müsse sie beachten, da sie in
der Regel Unglück prognostizierten. Galt das auch für die Endzeit? Wa-
ren auch derartige Konjunktionen Bestandteil der göttlichen Zeichen?
Im iz. Jahrhundert begannen erste Lehrbücher wie des Ptolemäus
astrologisches Hauptwerk Tetrabiblos (in der 1 1 3 6 entstandenen Über-
setzung des Plato von Tivoli) und dessen astronomisches Standard-
werk, der Almagest (in der 1 1 7 5 beendeten Übersetzung des Gerhard
von Cremona) zu kursieren. Sie vereinten sich mit dem nun zumal an
den Hohen Schulen der Ile de France intensivierten Studium der Kos-
mologie des Timaios, dieses einzigen platonischen Dialogs, der dem
des Griechischen nicht mächtigen lateinischen Westen seit dem frühen
Mittelalter zur Verfügung stand. Piatons Demiurg wurde mit dem bi-
blischen Weltschöpfer in eins gesetzt; seine «Weltseele» ließ sich mit
christlichen Anschauungen in Harmonie bringen, und daß machtvolle
intelligente Wesenheiten den Kosmos lenkten, mußte die Christen
nicht abschrecken. Die Piaton fremde Eschatologie ließ sich aus eige-
ner Tradition ohne große Schwierigkeiten ergänzen. Dazu gelangte
aus Konstantinopel die Übersetzung der aristotelischen «Physik» in
den lateinischen Westen. Sie veränderte noch einmal den Blick in die
Natur. Wie ließ sich solcherart Wissen mit den eschatologischen Ver-
heißungen vereinbaren?
Arabische Fachliteratur (wie verschiedene Schriften des Abu
Ma'shar über Horoskope oder die großen Konjunktionen) wurde nun
Irritationen durch die Scholastik 161

ins Lateinische übertragen. So schaute man mit neu erwachtem wis-


senschaftlichen Interesse zum Himmel empor, sah Makro- und Mikro-
kosmos in harmonischer Eintracht. Die Astralmedizin, die aus dem
Einfluß der Sterne auf den Körper des Menschen resultierte, ergänzte
die Säftelehre, die seinen Leib aus dem Zusammenwirken der vier Ele-
mente - Feuer, Wasser, Luft und Erde - mit den Körperflüssigkeiten
deutete. Der Arzt war zugleich Astrologe, und wiederholt verbreiteten
Ärzte die apokalyptischen Prodigien. Die Fäden der Vorzeichenkunde
wurden immer dichter. Jetzt näherte sich auch die Astrologie der Un-
tergangskunde.
Nicht-astrologische Prognostiken kamen gleichfalls in Umlauf. Der
heilige Norbert von Xanten, der Begründer des Prämonstratenser-
ordens, verbreitete im Jahr 1 1 2 4 die Botschaft, noch in seiner «Gene-
ration» werde der Antichrist sich enthüllen und die Kirche auf das
schwerste verfolgt werden. Der heilige Bernhard von Clairvaux blieb
skeptisch, fragte nach der Herkunft jenes Wissens und hielt Norberts
Antwort nicht für zwingend.34 Der Antichrist erschien denn auch nicht.
Gleichfalls im i z . Jahrhundert waren neue wissenschaftsgeschicht-
liche Entwicklungen eingeleitet, die sich einmal mehr dem Aristoteles
verdankten. Die Rezeption seiner Lógica vctus und nova, wie sein Or-
ganon im Westen fortan hieß, hatte die Schule aufnahmebereit ge-
macht für die naturwissenschaftlichen Schriften des Stagiriten. Eine
zweite Rezeptionswelle seiner Schriften kündigte sich mit der Über-
setzung seiner Physik um das Jahr 1 1 7 0 an und überrollte den Westen
im 13. Jahrhundert mit seinem gesamten Werk. Metaphysik, Psycho-
logie, Politik, Ökonomik und Meteorologie zeitigten Wirkungen, die
das Denken und den Blick auf Erde, Natur und Kosmos revolutionier-
ten. Von einem Weltuntergang, gar einem Untergang in irgendwel-
chen Katastrophen, war da nirgends die Rede. Wohl aber betrachtete
der Stagirit nicht viel anders als sein Lehrer Piaton Planeten und Sterne
als machtvolle Intelligenzen, überhaupt den ganzen Kosmos als von ih-
nen regiert. Die lateinischen Theologen und Philosophen hatten sich
damit auseinanderzusetzen.
Hinzu kam der aus dem Arabischen übersetzte Aristoteles-Kom-
mentar des Averroes, der in den Hohen Schulen geradezu zu d e m
162 Ein Jahrtausend Gelehrsamkeit und Untergangserivartung

Kommentator avancierte und dessen Einfluß auf die geistige Entwick-


lung des Abendlandes ungeachtet der minderen Qualität dieser Über-
setzung kaum überschätzt werden kann. Der in Córdoba geborene
und 1 1 9 8 in Marrakesch gestorbene Gelehrte präsentierte neue The-
sen, fremde Perspektiven, ungewohnte Antworten auf uralte Fragen.
Kein Theologe und kein Philosoph des späteren 13. Jahrhunderts ver-
mochte sich ihm zu entziehen. Jetzt drängten sich Erklärungen auf, die
sich nicht mehr, wie noch im 1 2 . Jahrhundert, mit dem Sechstagewerk
der biblischen Genesis und den Prognostiken des Neuen Testaments
begnügten. Sie eröffneten einen rationalen Zugang zu den Phänome-
nen der Welt, zu Natur und Kosmos, zum Vernunftbeweis. Es ge-
schah, und das wird oft übersehen, vor dem Hintergrund christlicher
Heilsgeschichte und Untergangsbotschaft mit ihren Ankündigungen
endzeitlichen Geschehens, wie sie damals jedem Theologen oder
Philosophen, jedem halbwegs gebildeten Gläubigen vertraut und je-
dem Christen vonnöten waren. Die Naturwissenschaft ergriff Besitz
von der Apokalyptik.
Der «Averroismus» verbreitete sich im späten 13. Jahrhundert. He-
rausragende Denker - ein Siger von Brabant oder ein Boethius von
Dakien - forderten unter dem Einfluß von Averroes und Aristoteles
zur Kritik an der traditionellen Eschatologie heraus. Es ging um Ein-
heit und Ewigkeit des Intellekts und mit ihm um die Ewigkeit der
Welt. Diese war keine arabische Erfindung. Die Idee hatte ihre Wur-
zeln in der Antike. Ein Demokrit, ein Epikur und andere vertraten sie.
Die Lehre von den Atomen, die sie entwickelt hatten, handelte von de-
ren ewiger Eigenbewegung in unendlichem Vakuum; sie bringe immer
neue Welten hervor. Das lateinische Abendland, des Griechischen un-
kundig, begann erst jetzt, davon eine Ahnung zu entwickeln. Solche
Lehren widersprachen Gottes Weltschöpfung und deren angesagtem
finalen Untergang. Aber das auf Natur und Psyche gerichtete Erkennt-
nisinteresse sah sich unermeßlich herausgefordert und machte nicht
Halt vor der Exegese der biblischen Texte. Wie einst für Karl den Gro-
ßen ging es auch jetzt um die «nackte Wahrheit», ohne Allegorie.
Die Protagonisten der neuen Lehren hatten einige jener Thesen
selbst kritisiert, die ihnen aber - aus dem Kontext gelöst - von den
Irritationen durch die Scholastik 163

Kontrolleuren theologischer Wahrheit vorgeworfen und die tatsäch-


lich in den Jahren 1270 und 1 2 7 7 durch den Bischof Etienne Tempier
von Paris verurteilt wurden. 35 Die Implikationen des Neuen waren
brandgefährlich. Kritik und Verdammung schienen bitter nötig, gerie-
ten doch zentrale christliche Dogmen in das Mahlwerk naturwissen-
schaftlichen Denkens. Thomas von Aquin mußte Averroes besiegen.
Einige dieser revolutionären Philosophen handelten von der Ewig-
keit der Welt (1277: 87, 89-90, 98), schienen damit die Schöpfung zu
bezweifeln, zumal die Schöpfung aus dem Nichts, wie sie die Bibel
lehrte (1277: 184 und 185, vgl. 192), schienen die Allmacht Gottes zu
beschränken und natürliche Prozesse und den Zufall an ihre Stelle zu
rücken (1277: z.B. 196, 197-9). Andere wiederum leugneten die
k ö r p e r l i c h e Glut des Höllenfeuers und die Qualen der Verworfe-
nen, was die kirchlichen Gnadenmittel und die geistliche Strafgewalt
zu erübrigen drohte. Sie diskreditierten den freien Willen, postulierten
stattdessen die zwingende Macht der Sterne, dazu die Vernunftunter-
worfenheit des Willens und damit dessen Abhängigkeit von außer-
voluntaristischen Zwängen. Ein Satz von geradezu tödlicher Brisanz
bezweifelte die Auferstehung der Toten zum Gericht (1277: 17).
Erschreckende Folgerungen mußte man zur Kenntnis nehmen. Man
solle nicht beten, konnte man lesen, und beichten nur zum Schein
(1277: 180 und 179). Ob nun gelehrt oder nicht, ob nur als Hypothe-
sen formuliert, um wissenschaftlichen Scharfsinn zu üben, diese Sätze
waren in die Welt gesetzt und wirkten fort. Sie wurden nicht mehr ver-
gessen. Denn sie wurden wiederholt Handschriften und Frühdrucken
des maßgeblichen spätmittelalterlichen theologischen Handbuchs, an
dem jeder Theologe bis hin zu Luther seine Fähigkeiten zu erproben
hatte, den Sentenzen des Petrus Lombardus, als Anhang beigegeben.
Die Wissenschaft machte sich auf den langen Marsch der Entmy-
thologisierung bisheriger Glaubensinhalte. Das durch die Logik kon-
trollierte Denken wurde - wie gesagt - gefährlich. Es begann, den spi-
rituellen Weltbau zu zertrümmern, in dem sich das erste christliche
Jahrtausend eingerichtet hatte.
Die christliche Religion verhindert den Wissenszinvachs, so stand
da zu lesen, schroff und skandalträchtig (Qnod lex christiana impedit
164 Ein Jahrtausend Gelehrsamkeit und Untergangserivartung

addiscere: 12,77: 175). Unmißverständlich schien das Programm einer


intellektuellen Revolution formuliert zu sein, dessen Saat in der Zu-
kunft aufgehen sollte. Die Vertreter des Neuen forderten, auch wenn
sie keine geschlossene Eschatologie entwickelten oder entwickelt zu
haben scheinen, in bislang unerhörter, kritischer Weise die Erforschung
eben jener kosmischen, natürlichen, psychischen Zeichen, die den Un-
tergang ankündigen sollten. Da schien - antiken Lehren gemäß - eine
allgemeine Feuersintflut (universale diluvium ignis) aus physikalischer
Ursache, ohne wundersames Einwirken Gottes, nur aufgrund natür-
licher Bedingungen möglich zu sein (1277: 182). Was aber war dann
Heilsgeschichte?
Der Himmel stehe nicht still, so wurde gelehrt, er bleibe ewig in Be-
wegung (1277: 186). Sein endloses Kreisen erlaubte die Wiederkehr
des Gleichen und damit kein Ziel, kein Gericht, keine Gnade. Gott be-
durfte es für solche Rotationen nicht. «Entstünde die Welt als ganze,
setzte dies ein Vakuum voraus. Denn mit Notwendigkeit geht ein O r t
dem an einem Ort E r z e u g t e n voraus. Dann hätte es vor Entstehung
der Welt einen Ort gegeben, ohne daß e t w a s an diesem Ort gewesen
wäre. Dies wäre ein Vakuum gewesen» (1277: 201). Der verurteilte
Satz galt einmal mehr der These von der Ewigkeit der Welt und be-
drohte das Schöpfungsdogma. «Das Universum kann nicht zugrunde
gehen» (1277: 203). «Die Zeit ist unendlich» (1277: 205). «Unser
Geist kann kraft seiner natürlichen Ausstattung zur Erkenntnis der
ersten Ursache gelangen» (1277: 2 1 1 ) . Diese Ursache wurde in der
Regel mit Gott und göttlicher Prädestination identifiziert. «Das klingt
übel und ist ein Irrtum, wenn man es im Sinne unmittelbarer Erkennt-
nis {de cognitione immediata) versteht», so Tempier. Denn es be-
drängte die kirchliche Gnadenvermittlung.
Die Sätze sind - aus dem Zusammenhang gerissen - eindeutig; sie
bedürfen keiner weiteren Erklärung, um ihre Bedeutung für grund-
legende Zweifel am christlichen Endzeitglauben und am definitiven
Weltuntergang hervorzuheben. Das vorläufige Scheitern dieser Aristo-
teliker lehrt aber viel über die Zählebigkeit religiös bedingter Vorur-
teile gegen die Wissenschaft und über die generationenlange Geduld,
die jede Aufklärung erfordert, ihr Fortschreiten nämlich über Thesen,
Irritationen durch die Scholastik 165

Falsifikationen und neue Thesen, über Zweifel und Scheinwahrheiten.


Die nouacula Occavii wurde eben geschliffen, das Skalpell oder Ra-
siermesser Ockhams. Der englische Scholastiker hatte das zugrun-
deliegende Prinzip zwar nicht so benannt, aber der Sache nach gefor-
dert: daß man nämlich nichts ohne eigene Begründung annehmen
dürfe, es sei denn, es sei evident, durch Erfahrung gewußt oder durch
die Autorität der Heiligen Schrift gesichert.56 Methodologisch gesehen
handelt es sich um das Sparsamkeitsgebot einer Beweisführung. Noch
war der Schriftbeweis zulässig. Doch hatte die Bibel wirklich recht?
Dante übrigens, der aus seiner Heimat Verbannte, sah Siger von
Brabant immerhin als Weisheitslehrer im Paradies. Isaac Newton wird
dann jenes Gebot zur ersten Regel zur Erforschung der Natur erklä-
ren, ohne Verweis auf die Heilige Schrift: «An Ursachen zur Erklä-
rung natürlicher Dinge nicht mehr zuzulassen, als wahr sind und zur
Erklärung jener Erscheinungen ausreichen». 57
Die Irritation christlicher Theologen konnte nicht stärker sein als
durch diese Herausforderungen der arabisch geprägten Naturwissen-
schaften. Mehr und mehr trat die mythische Einzigartigkeit, exzeptio-
nelle, nur dem Glauben zugängliche Ubernatürlichkeit jener von Jesus
verheißenen Untergangszeichen zutage, ihre Geschichts-, ja Weltferne.
Wie sollten denn, so war ja gelehrt worden, Sonnen- und Mondfin-
sternis gleichzeitig eintreten? Kritische Bibellektüre schob nicht nur
die Endzeit unermeßlich hinaus, sondern bedrohte die Vollendung der
Heilsgeschichte, kratzte an der Wahrheit des Gotteswortes. Was,
wenn kein Untergang drohte? Oder allenfalls ein ganz anderer als der
verheißene? Die Wissenschaft raubte den Zeichen der Natur, den Erd-
beben, Blutregen, Teuerungen, den mißgestalteten Kreaturen ihre
transzendente und eschatologische Zeichenhaftigkeit. 38 Es wurde al-
les natürlich, zufällig, ohne jegliche jenseitige Botschaft. Gott ver-
stummte, der bislang über solche Zeichen mit seinen Geschöpfen ge-
sprochen hatte. Bald blieb nur noch das Geschick der Einzelseele nach
dem irdischen Tod, während der von Christus und seinen Aposteln
geweissagte Untergang und jene heile Neue Welt sich verflüchtigten,
zur Redensart oder zu bloßer Diesseitigkeit verkamen. Noch war es
nicht soweit; aber der Weg in dieses Ende öffnete sich weit.
166 Ein Jahrtausend Gelehrsamkeit und Untergangserivartung

Allerlei Instrumente wurden benötigt, um den Himmel zu beobach-


ten, und im Laufe der Jahrhunderte entwickelt und eingesetzt, Astro-
lab, Jakobsstab, Räderuhr, Quadrant und andere mehr. Die größten
Gelehrten der kommenden Jahrhunderte wandten sich gerade der
Astrologie zu - ein Albertus Magnus, Roger Bacon, ein Regiomon-
tanus, ein Kopernikus, ein Tycho Brahe oder Kepler; und auch Isaac
Newton blieb nicht frei von astrologischen Implikationen seiner apo-
kalyptischen Konzepte. Selbst Thomas von Aquin durfte die Sternen-
kunde nicht völlig verwerfen. Eine langfristige Wirkung zeichnete sich
ab: Die Zukunftsdeutung aus den Zeichen des Himmels verstrickte
sich mit der Zeit immer tiefer in gottferne, ganz irdische Naturwissen-
schaft, schien sich damit aber - begrüßt oder verworfen - der Wahr-
heit der apokalytischen Offenbarungen zu nähern.
Roger Bacon etwa entwickelte unter dem Druck der Mongolenge-
fahr des 13. Jahrhunderts, die er apokalyptisch deutete, phantastische
I d e e n . E r verschmolz Erfahrung, Vernunft und Verheißung. Nur die
Erfahrung, nicht das Argument liefere Gewißheit. Diese empiristische
Maxime entwickelte er, lebende Menschen vor Augen, zu einer Art
«psychagogischer» Prognostik fort. Mathematik und Astrologie, für
ihn Erfahrungswissenschaften, spielten dabei eine herausragende
Rolle. Astrologische Daten, in starke Worte gekleidet und fest auf die
Ziele gerichtet, lenkten, so Bacon, die «Vernunftseele» von Freund
und Feind und ließen dieselben erfolgreich oder mißglückt handeln.
«Faszination» nannte Roger diese Wirkung. Sie habe mit Magie nichts
zu tun, sei angewandte Wissenschaft, ein «Werk aus Sternenkraft und
aus der Macht der Vernunftseele geformt» - wenn man so will: eine
astrologisch angehauchte Theorie der Massensuggestion. Die Mongo-
len, eben noch als die apokalyptischen Völker Gog und Magog ge-
fürchtet, beherrschten sie, so Bacon, die Lateiner müßten sie dringend
fördern, um gegen die Fremden zu bestehen.
Die Entwicklung, für die Bacon exemplarisch stehen möge, mün-
dete in einen Mathematisierungsschub der abendländischen Natur-
forschung. Die arabisch geformte Kosmologie trug seit dem 13. Jahr-
hundert überreiche Frucht. Es waren ja «Himmel und Erde», die der
Weltuntergang bedrohte. Die Eschatologie forderte somit immer ein-
Irritationen durch die Scholastik 167

dringlichere naturwissenschaftliche Untersuchungen, sei es zur Be-


stätigung astrologischer Prognosen, sei es zu deren Korrektur oder
zur Widerlegung, sei es auch zur Klärung apokalyptisch erscheinender
Zeichen oder zur Beruhigung der aufgeschreckten Gläubigen. Da bei-
spielsweise Klimakapriolen dem Einfluß der Sterne zugewiesen wur-
den, begann man im empiristischen England, Wetterdaten durch einen
längeren Zeitraum hindurch aufzuzeichnen, um die Theorie durch Er-
fahrungsdaten zu kontrollieren: Vergangenheitserkundung zur Kon-
trolle der Zukunft. Damit war ein Grund für eine künftige Meteoro-
logie gelegt. Freilich, die Meteorologie diente damals oft genug bloß
für exegetische Predigtmuster der Theologen. Wissenschaftlich ge-
tönte Prognostik und der Glaube an sie sind indessen auch heute und
nicht nur beim Wetter gefragt. Katastrophentheorien etwa und Bewäl-
tigungsstrategien bauen sich langfristig auf. Sie entstehen nicht von
heute auf morgen. Sie folgen dem langen Marsch kultureller Evolu-
tion und habitueller Prägung.
Der Antichrist drohte auch zu Beginn des 15. Jahrhunderts. Ein
Autor, der vor ihm warnte, war Edmond de Dynter, langjähriger Be-
rater des Fürsten von Brabant, Mitbegründer der Universität Louvain
und Autor einer Chronik (bis T442). Er blickte, als er sich anschickte,
über Karls des Großen Kaiserkrönung zu berichten, auf die gegen-
wärtige politische Lage des Kaisertums und geriet in große Sorge.
Alle Endzeittexte sahen sich aufgerufen, denen die Christen vertrau-
ten, der zweite Thessalonicherbrief, Daniel, Matthäus, Marcus, die
Apokalypse des Johannes, Augustinus; natürlich war auch Adsos
Brief bekannt.
Edmond warnte vor schrecklichen Heimsuchungen, erinnerte da-
ran, daß der Antichrist nicht erschiene, bevor nicht das Römische
Imperium «vollständig weggeschafft sei» [nisi prius Romanum im-
perium penitus sit ablatum), und ermahnte die Deutschen (Germani),
denen das irdische Reich übertragen und das Reich der Kirche zum
Schutz anvertraut sei, Gerechtigkeit zu pflegen und zu lieben und
ihrem König (d.h. dem Kaiser) wie einem Diener Gottes die gebüh-
rende Ehre zu erweisen. Ob daß sie doch sähen, wie sehr sie durch das
Römische Imperium erhöht und ausgezeichnet sind, daß sie die Größe
168 Ein Jahrtausend Gelehrsamkeit und Untergangserivartung

des ihnen anvertrauten Gutes erfaßten und nicht undankbar seien!


Oh daß sie doch das Ende (novissima) dieses Königs bedächten und
seine Beseitigung (sublationem) fürchteten. Beachte, daß die Deut-
schen zu den Diözesen Trier, Köln und Mainz gehören, deren Erz-
bischöfe den König zu wählen haben, gemeinsam mit dem Pfalzgra-
fen ... Germani heißen sie, weil sie von demselben Samen (germine)
sind wie die Römer-, die Trojaner nämlich,... oder weil sie von Stamm-
verwandten abstammen [de germanorum germine germanati). Wie die
Römer aber als die Älteren das Priestertum (sacerdotium) hätten, so
die Deutschen als die Jüngeren das Königtum (regnum). Aus Not
seien schließlich noch der Herzog von Sachsen, der Markgraf von
Brandenburg und der König von Böhmen zur Königswahl hinzuge-
zogen worden.
Noch einmal und besorgter die Warnung: Alle die jetzt bewirken,
daß das Imperium nicht fortbestehe, sind Vorläufer und Boten des
Antichrist. Hüten sollen sich die Deutschen und ihre Bischöfe, daß
ihnen ihrer Sünden wegen nach dem gerechten Urteil Gottes das Kai-
sertum nicht genommen wird. Hüten sollen sich die deutschen Bischöfe
und Fürsten, daß sie nicht aus weltlicher Machtgier die Rechte des
Imperiums an sich reißen und usurpieren. Dom - so steht geschrie-
ben - es kommt Zwietracht (scandala); weh aber denen, die diese
Zwietracht herbeiführen! Doch es wird geschehen. Denn solche
Herrschsucht und Besitzgier hat ihr Herz erfaßt, daß sie der Wahrheit,
die sie kennen, nicht mehr dienen und von anderen die Wahrheit nicht
hören wollen, die ihnen unbekannt ist. So wie geschrieben steht:
«Augen haben sie und sehen nicht, Ohren haben sie und hören
nicht».*0 Hatte ein halbes Jahrtausend zuvor Adso von Montier-
en-Der mit seinem Hinweis auf das Imperium bei den Franken eher zu
beruhigen gesucht, so warnte Edmond de Dynter eindringlich vor
einem heilsgeschichtlich relevanten Versagen der Deutschen.
Edmond war nur einer von vielen Gelehrten, die sich mit den Zei-
chen der Endzeit in ihrer eigenen Gegenwart auseinandersetzten. Ein
anderer war der berühmte Theologe und Philosoph Nikolaus von
Kues, zuletzt Bischof von Brixen und Kardinal. Er beschäftigte sich als
Medizinstudent in Padua (1420/23) mit Astrologie (der er später nicht
Irritationen durch die Scholastik 169

mehr vertraute), um den Weltfahrplan zu erkunden. Der beklagens-


werte Zustand der Kirche dünkte ihn ein Zeichen des nahenden En-
des, für dessen Berechnung er alsbald einen Schlüssel fand. Nikolaus
brachte dafür die Lebensjahre Christi in Analogie zur Geschichte der
Kirche - und zwar so, daß ein Lebensjahr fünfzig Jahren (ein bibli-
sches «Jubeljahr») in der Geschichte entspräche. Die Spanne der fünf-
zig Jahre gab das biblische Buch Levithicus vor, wonach alle fünfzig
Jahre ein «Jubeljahr» ausgerufen wurde, ein Jahr der Freiheit für alle
Israeliten (Lev 25,8-32). 34 Jubiläen aber nach Adam - so nun Niko-
laus - sei die Sintflut gekommen, nach ebenso vielen Jubeljahren nach
Christus, dem zweiten Adam, breche die Feuersintflut des Heiligen
Geistes über die Menschheit herein. So berechnete Nikolaus das Ende
für die Zeit um 1700/1750, hütete sich aber, genauer zu werden oder
Gewißheit für seine Berechnungen zu postulieren. In Predigt und
Schrift trug er seine Lehren vor, um durch Reform an Haupt und Glie-
dern Kirche, Fürsten und Gläubige für die letzten Jahrhunderte ihrer
Geschichte zu rüsten. 41 Es war nicht ironisch gemeint; der Kusaner
wollte nicht vertrösten; die Zeit drängte, und er meinte es ernst. Doch
wandte er sich später von der Astrologie wieder ab.
Gleichwohl, der Blick zum Himmel wartete mit weiteren Offenba-
rungen auf, die, weil sie sich nicht von selbst enthüllten, nach Wissen-
schaft riefen. Schweifsterne etwa weckten ohne Kenntnis ihrer kosmi-
schen Ursachen immerzu neue Ängste; sie kündeten stets Schreckliches
an. Roger Bacon hatte derartiges erwartet, als im Jahr 1264 ein solcher
erschien. Noch als der Halleysche Komet, der schon 1066 die Erobe-
rung Englands begleitete, und den Giotto zum Stern von Bethlehem
verklärt hatte (nach 1301), im Jahr 1 9 1 0 wiederkehrte, versetzte er
viele in Angst, während andere schon über den erwarteten Weltunter-
gang spotteten.42 Doch erst kurz vor seiner Wiederkehr im Jahr 1986
entzauberten ihn die photographischen Aufnahmen aus mehreren
Raumsonden vollends.
Astrologisches Wissen blieb über Jahrhunderte unter Arabern, dann
unter lateinischen Christen erhalten. Auch im 1$. und 16. Jahrhundert
forderten Große Konjunktionen - nun gefördert durch verbesserte
astronomische Kenntnisse - höchste Aufmerksamkeit. Johannes Lieh-
170 Ein Jahrtausend Gelehrsamkeit und Untergangserivartung

Postkarte zum Halleyschen Kometen 1910.

tenberger sah mit der Großen Konjunktion von 1484 im Sternbild


Skorpion den bösen Saturn den guten Jupiter überwinden und warnte
die Fürsten: Darumb so seid klug I auff das das Römische reich nicht
zerstöret werde. Denn wenn das heilige Römische reich wird auff-
hören / so mus als denn die weit yhr endschafft habend Luthers Ge-
burt wurde von seinem Freund Melanchthon im Vertrauen auf den
Astrologen Luca Gaurico mit dieser Konjunktion in Verbindung ge-
bracht - ob zu Recht oder zu Unrecht sei dahingestellt. Sie sollte den
neuen Propheten verkünden und glich jener des Jahres 3 1 2 ; indes, ihr
folgte tatsächlich eine böse Seuche, die, da sie die venerischen Organe
befiel, als Lustseuche galt und 1905 als Syphilis identifiziert wurde.
Luther selbst behauptete übrigens, davor geboren zu sein, im Jahr
1483.
Der Weltuntergang übersteht die Renaissance 171

Der Weltuntergang übersteht die Renaissance

Der Reformator wollte von der Sternenkunde nichts wissen, da die


Zeichen der Endzeit in der Bibel, zumal vom Evangelisten Matthäus
aufgelistet seien; von Astrologie stand da nichts zu lesen. Dennoch
vertraute auch Luthers Jahrhundert der Prognostik der Sterne. 1524
sollte - so hatte Johannes Carion vorhergesagt - eine Große Konjunk-
tion im Sternbild der Fische eine neue Sintflut ankünden, 1583/84
verhieß eine weitere für die nächste Zukunft die Erfüllung alter Pro-
phetien (wie die sogenannte Elia-Prophetie, die gleich der 6'000-Jahre-
Frist dem Talmud entnommen wurde). Und, was noch schlimmer ist
(wie ja die Gelehrten für die Jahre 1587 und '88 insbesondere auch
fürchterliche Dinge prophezeien), sind diese Feuerzeichen auch Zeu-
gen des Jüngsten Tages, weil Gott, wie er selbst gesagt hat, an demsel-
bigen die ganze Welt mit Feuer vernichten wird... Gott läßt nicht mit
sich scherzen.44 So eine Fugger-Zeitung. Es war evident: Die Welt
neigte sich dem Ende zu. Die gottgesandten Zeichen und die Sterne
verkündeten es und deren Bahnen ließen sich vorausberechnen. In
Wort und Bild, in Predigt und Presse sollte das Wissen verbreitet wer-
den und die Menschheit aufrütteln, Buße zu tun, und des Endes zu
harren.
Die Skepsis gegenüber der Tradition verschonte tatsächlich auch
die Astrologie nicht, die, weil sie die zwingende Macht der Sterne zu
postulieren schien, immer wieder als Hindernis für den der christlichen
Schuldlehre wegen unabdingbaren freien Willen angefeindet wurde.
«Ich will die natürlichen Ursachen für Phänomene aufzeigen, die man
als wundersam erachtet», schrieb Nicolaus Oresme, ein hochgelehrter
Mann und früher Geldtheoretiker im 14. Jahrhundert. Seine empiris-
tische Maxime richtete sich explizit gegen Astrologen und Divinato-
r e n , e i l t e aber seiner Zeit voraus. Der Höhepunkt des wissenschaft-
lich intendierten Astrologiekults stand erst noch bevor. Er bediente
zunächst die Kalkulationen der Endzeit, drang aber zu echter Astro-
nomie vor, etwa zur sphärischen Trigonometrie des Regiomontanus,
die half, die Ortsbestimmung der Sterne und die Bahnberechnungen
172 Ein Jahrtausend Gelehrsamkeit und Untergangserivartung

der Planeten zu verbessern, und überhaupt zur Mathematik, zu der


revolutionären Kosmologie des Kopernikus, zu den Gesetzen eines
Johannes Kepler. Die von Regiomontanus präzisierten Ephemeri-
dentafeln, die in ihrer spätmittelalterlichen Form auf den kastilischen
König Alfons den Weisen zurückgingen und das tagweise Auffinden
der Sterne erlaubten, begleiteten Christoph Kolumbus zur Fahrt über
den Atlantik.
Wie schon unter Karl dem Großen förderte die Rückbesinnung auf
antike Lehrmeister die Entwicklung. Jetzt, im späten 14. und früheren
15. Jahrhundert, schlug erneut und nun machtvoll die Stunde Piatons.
Er, dessen Werk aus Mangel an Griechischkenntnissen dem Westen so
lange fast völlig verborgen blieb, gestattete nun, der zwingenden
Macht der Sterne abhold, einen anderen Blick auf den Menschen zu
werfen, als ihn Aristoteles und seine Exegeten wahrgenommen hatten,
erlaubte, den Menschen in den Mittelpunkt der Welt zu rücken und
ihr schauend, denkend, forschend gegenüberzutreten. So in die Welt
gestellt, entdeckte dieser Mensch die Perspektive, die Subjektivität der
Weltbilder, die davon unberührte Mathematik. Mit ihrer Hilfe ent-
schlüsselte er fortan den Kosmos und erschloß sich neue Wege zur
Erwartung künftigen Weltgeschicks. Es entmachtete die bisherige Zei-
chen-Prognostik und brachte die Hinwendung zu einer rationalen,
mathematisch operierenden Prognosetechnik. Die Astrologie beglückte
auf diesem Weg die Renaissancehumanisten aufs neue. Raphael
rückte die beiden Menschheitslehrer, Piaton und Aristoteles, zu Recht
ins Zentrum seiner Schule von Athen in den Stanzen des Vatikans.
Noch eine zweite Entdeckung aus dem Griechischen sorgte im Ver-
lauf des 15. Jahrhunderts für eine neue Wendung in Philosophie und
Naturwissenschaft: ein Konvolut von Texten gnostischen, neuplato-
nischen, esoterischen Charakters zu Weltentstehung und Kosmolo-
gie, implizit auch zu Astrologie, Magie und Alchemie, die unter dem
Namen des Hermes Trismegistos in der Spätantike vereinigt waren
und ein weit in die Vorzeit hinabreichendes Alter vorgaben. 46 Jetzt
erst, im Jahr 1463, gelangte ein nahezu vollständiges Exemplar dieses
Corpus Hermeticum an den Hof Cosimo de' Medicis, der sie dem Lei-
ter seiner Akademie, dem großen Humanisten Marsilio Ficino, zu
Der Weltuntergang übersteht die Renaissance 173

übersetzen auftrug. Man hielt das Werk bis ins 17. Jahrhundert für
eine Sammlung altägyptischer Weisheitslehren, für die Urweisheit der
Menschheit überhaupt. 1 4 7 1 erschien die erste Ausgabe des Liber de
potestate et sapientia Dei; bis 1641 sollten ihr 25 weitere folgen - ein
einzigartiger Erfolg; 1507 wurde sie um drei noch ausstehende letzte
Bücher ergänzt. Eine griechische Ausgabe folgte erst 1554. Für Ficino
begann mit diesem Hermes eine Reihe von Philosophen, Priestern,
Theologen, die unter anderem über Orpheus und Pythagoras zu Piaton
führte. Endzeitlehren fanden sich hier nicht, wohl aber konnten diese
Texte das Vertrauen in die Erkenntnisfähigkeit des Menschen und
dessen Selbstbewußtsein, den freien Willen gegen die Macht der Sterne
stärken. Gott selbst schien den Menschen in die Geheimnisse seiner
Schöpfung einzuweihen.
Gewiß, der aus der Renaissance hervorgehende Humanismus trach-
tete vordringlich zur Überwindung des Niedergangs im «Mittelalter»
nach der Erneuerung des antiken Bildungsideals für alle Zukunft. 47
Eschatologisch war das nicht, eher pädagogisch; die künftigen Natur-
wissenschaften zehrten davon nur indirekt durch die Verbesserung der
Sprachkompetenz und die Zugänglichkeit antiker Schriften. Die Ver-
gangenheit erschien nun bewußt und gezielt als Lehrmeisterin der Zu-
kunft, noch ohne sich in konkreten, gar eschatologischen Zukunftsvor-
hersagen zu verlieren. Gleichwohl war die christliche Heilsgeschichte
auch für die Humanisten nicht obsolet geworden. Sie stand nur auf
einem anderen Blatt als ihr Programm der bistoria magistra vitae, und
dieses haben sie weder beschrieben noch - wie es scheint - aufgeschla-
gen, auch wenn sie gelegentlich gegen den Stachel lockten.
Die Astrologie war damit nicht diskriminiert, obgleich Humanisten
wie Ficino oder - entschiedener - Giovanni Pico della Mirandola ge-
legentlich die vulgäre Form des Horoskopwesens kritisierten und ab-
lehnten. Die Zweifel galten wohl Prognostiken etwa jenes Typs, den
der Arzt Ludowicus Lucianus im Jahr T495 für das kommende Jahr
entwarf und der Presse übergab. Eine Konjunktion von Saturn und
Mars in den Fischen eröffne das Jahr, auch die Venus spiele hinein,
mancherlei Ernteschaden sei zu erwarten, auch sonstiges Mißgeschick
und Krankheiten, viele Morde, Streitigkeiten unter Eheleuten, aber
174 Ein Jahrtausend Gelehrsamkeit und Untergangserivartung

auch eine besondere Bereitschaft von Männern und Frauen zu Völle-


rei, zu neuartigen Liebestechniken beim Koitus (luxuria, in coitu ad
amores uarios, delicias, voluptates) und weiteren Vergnügungen bei
Spiel, Tanz, Gesang und Wein.48 Seriöse Humanisten stieß derartiges
ab. Es folgte freilich eine ganze Liste mehr oder weniger allgemeiner
Prognosen für die Potentaten der Erde, angefangen bei dem Papst
Alexander über Kaiser und Könige bis hin zum Großtürken und dem
Sultan.
Ficino freilich war Sohn eines Arztes, hatte auch selbst Medizin stu-
diert, bevor er Priester wurde; er wußte, wovon er sprach. Der gefähr-
lichen, schädigenden, aber auch fördernden Macht des Saturn sah er
sich - wie übrigens seiner Meinung nach einst schon Piaton - unter-
worfen, des Saturn, des höchsten der Planeten, der den Forscher (in-
vestigantem) auch zum Höchsten geleite.4^ Aus freier Entscheidung zu
ihrem Tun gerieten dabei die Gelehrten, ja, unterstellten sie sich selbst
der Macht und dem Einfluß dieses oder eines anderen Planeten.50
Ficino schlug damit eine Versöhnungsstrategie zwischen den gegen-
sätzlichen Polen der Astrologie und dem Renaissance-Platonismus
ein, zwischen Notwendigkeit und Freiheit.
Das Zusammenwirken von Makro- und Mikrokosmos, von Kos-
mos und menschlicher Gesellschaft sah sich in neuer Weise gedeutet;
es konnte noch weiter vertieft werden mit weitreichenden Folgen.
Selbst die Religion konnte von Humanisten in diesen von Aristote-
les, Averroes, Piaton und den hermetischen Schriften, von Astrologie
aufgewühlten, von sozialen und politischen Krisen, von Erschütterun-
gen der Kirche gebeutelten Zeiten, der Macht der Sterne unterworfen
werden.
Einer der radikalsten Denker in dieser Hinsicht, Professor für Phi-
losophie in Padua, später in Bologna, war zu Beginn des 16. Jahrhun-
derts zweifellos Pietro Pomponazzi. Er bezweifelte von Aristoteles
kommend, doch über den Stagiriten hinausgehend, mit rationalen
Argumenten die Ewigkeit der Seele; sie sei stets an den vergänglichen
Körper gebunden. Es sei freilich ein Gebot kirchlicher Doktrinen und
theologischen Offenbarungswissens, an ihre Ewigkeit zu glauben.
Sublunare, mithin stoffliche und körperliche Prozesse aber unterlägen
Der Weltuntergang übersteht die Renaissance 175

astralen Einflüssen, wobei nicht klar ist, welche Haltung Pomponazzi


gegenüber dem freien Willen einnahm. Ihn philosophisch zu erwei-
sen, sei unmöglich; so blieb auch jetzt als Ausweg nur das Gebot des
Glaubens. Naturwissenschaft und Glaubensgebote traten scharf aus-
einander.
Im Kontext solcher Theorien entfaltete Pomponazzi eine originelle,
geradezu radikale Religionskritik. Er entwickelte sie in seiner Schrift
Über die Ursachen natürlicher Effekte und Magie (De naturaliurn ef-
fectmim causis siue de incantationibus), die er 1520 beendete, die aber
erst 42 Jahre nach seinem Tod in dem geistig liberalen Basel erschei-
nen konnte (1567), vielleicht aus dem Geist des «Averroismus» und
dem Gedanken an die ewige Wiederkehr des Gleichen. Kosmische Ur-
sachen ließen Religionen entstehen, aufblühen und vergehen. Das
gelte auch für die eigene christliche Religion.
Von einem Weltuntergang schwieg dieser Philosoph; seine Kreis-
lauftheorie verwehrte ihn. Doch näherte Pietro sich mit seiner Lehre,
da die Kirche Christi ja bis zum Jüngsten Tag überdauern sollte, einer
verharmlosten Endzeit, die sich der Schrecken des Jüngsten Gerichts
entledigt hatte. Weltzyklen diskreditierten den finalen Untergang.
Derartiges grenzte damals, als es zur Sprache kam, an Blasphemie. Es
durfte allenfalls auf dem Katheder zur Sprache kommen, aber niemand
durfte es zu drucken wagen. Es konnte den Tod bedeuten. Einem
Häresieprozeß entging Pomponazzi, dessen Schrift über die Unsterb-
lichkeit der Seele (zuerst 1516) 5 1 den Flammen übergeben worden war,
übrigens nur, weil er in dem Venezianer Diplomaten Pietro Bembo,
einem Humanisten, dem einstigen Geliebten der Lucrezia Borgia, dem
Vertrauten des Medici-Papstes Leo X. und des Farnese-Papstes Paul III.,
der ihn zum Kardinal erhob, einen einflußreichen Fürsprecher besaß.
Skepsis und Zweifel waren in den innersten Kreis der Kirche einge-
drungen.
176 Ein Jahrtausctid Gelehrsamkeit und Untergangserzvartung

Der Weltuntergang im Konfessionskonflikt

Die Reformation offenbarte die Fülle der im Volk und unter den Pre-
digern kursierenden Untergangserwartungen. Sie bescherte eine Flut
eschatologischer Fragen und theologischer Antworten, gegen die
keine Dämme standhielten. Die zeitgenössische Naturwissenschaft
schien mit neuen Gerätschaften, die in die Tiefe des Himmels und zu
seiner Vermessung vorzudringen erlaubten, auch das Weltende ver-
messen zu können. Die Prognostik mochte unendlich davon profitie-
ren. Die Autoren, die sich ihr ergaben, können hier nicht alle zu Wort
kommen; einige wenige Beispiele müssen genügen. Johannes Stöffler
etwa, ein Mathematiker, Astrologe und Pfarrer, der u. a. 1493 einen
Himmelsglobus und eine astronomische Uhr baute, zuletzt Professor
in Tübingen, prophezeite das Ende des Papsttums. Drohte damit zu-
gleich das Weltende?
Philipp Melanchthon vertraute dem Horoskop Luthers, das einen
neuen Propheten ankündigen sollte. Albrecht Altdorfers Alexander-
schlacht erschien als Typus des Endkampfes zwischen Christ und
Antichrist. Der Künstler hatte sich dazu bei dem Astrologen Joseph
Grünpeck Rat geholt; an der Vertreibung der Juden aus Regensburg
war er beteiligt - auch das war für ihn vielleicht eschatologisch be-
deutsam.52 Johannes Carion hatte im Jahr 152.1 eine große Wässerung
für das Jahr 1524 angekündigt; viele vertrauten ihm. Als sie aber nicht
eintrat, wurden seriöse Astrologen vorsichtiger mit Endzeitprogno-
sen, und bald unterblieben sie ganz. Luther selbst erwartete für bald
das Gericht; der Antichrist war ihm schon erschienen. Im Papsttum
hatte er ihn entdeckt. Protestantische Universitätsgelehrte und die
junge Elite der Pastoren folgten dem Wittenberger, predigten die End-
zeit und das Nahen des «Jüngsten Tags». Ihr Glaube, ihre Theologie
verlangten es.53

In der Tat, Luthers Reformation war ein endzeitliches Geschehen.


Es zeitigte eindringlichen religiösen Ernst. Melanchthon etwa ver-
harrte mit dem Talmud (Sanhedrin 97b) bei der 6000-Jahres-Grenze
für die Welt. Carion verwies auf Gottes Prophezeiung, das wir erin-
Farbtafel i: Illustration zu Beatus' von Liébana Apokalypsekommentar
«Die Dämpfe aus dem Abyssos» (Apoc 9,1-6) in der Handschrift
New York, Pierpont Morgan Library (Ms. 644, fol. 140V).
Farbtafel 4 (oben): Aus dem Augsburger Wunder Zeichenbuch (15 50/15 52)
(fol. iiyr): Ein Walfisch vor Lissabon und ein Erdbeben dort im Jahr 1531
als Zeichen der heraufziehenden Endzeit (Collection ofMickey Cartin).

Farbtafel 2 (linke Seite oben): Apokalypse-Teppich von Angers (um 1380),


Szene 66: Die Zerstörung Babylons (nach Apoc 18,2-4).
Farbtafel 3 (linke Seite unten): Luca Signorelli, Die Verdammten, aus dem
Zyklus mit Szenen des Weltgerichts, Fresko, gemalt zwischen 1499 und 1502
(Orvieto S. Maria, Cappella di S. Brizio
Farbtafel y. Hieronymus Bosch, Der Garten der Lüste (Madrid, Prado):
Vom Garten Eden über das Reich der Lüste in die Hölle unter einer
brennend zugrunde gehenden Welt.

J
Ipi

M H

Farbtafel 6: Sandro Botticelli, Mystische Geburt,


gemalt im eschatologisch gedeuteten Jahr IJOO.
Farbtafel 7: Voskopoje (Albanien), Marienkirche:
Chaos am Ende der Zeiten (Fresko des 18. Jahrhunderts).
Farbtafel 8: William Turner, Schiffbruch. Das Licht verdankt sich der
Verdunkelung durch den Ausbruch des Tambora im Jahr I S T J .
Farbtafel 9: Max Beckmann, Auferstehung
1908/1909 Staatsgalerie Stuttgart).
Farbtafel i o: Max Beckmann, Auferstehung II «Erscheinung der Toten»,
1918 (unvollendet) (Staatsgalerie Stuttgart).
Farbtafel ii: Ludwig Meidner, Apokalyptische Landschaft 191z
(Sammlung Küsters, Kecklinghausen)
Farbtafel iz: Wassili Kandinsky, Komposition VII, Das Jüngste Geriebt (1913),
Moskau Tretjakov Galerie.
Farbtafel 15 (oben): Michael van Ofen, Weltuntergang 1982 greift auf John
Martins Komposition «Der große Tag Seines Zorns» (um 1853) zurück;
Städtisches Kunstmuseum Bonn (1984), Leihgabe aus Privatbesitz.

Farbtafel 13 (linke Seite oben): Federico Correa, Dies Irae (2012).


The image is 7 by 8 feet ... oil on canvas. The work was inspired by Mozart's
requiem.» So der Künstler brieflich an den Verlag
Farbtafel 14 (linke Seite unten): Hans Poelzig, Apokalyptischer Reiter (1918 ff.)
(Goethe-Universität Frankfurt a. M.) (Foto Uwe Dettmar, Frankfurt a. M.)
Farbtafel 16: 9/11 2001: Attentat auf das World Trade Center in Manhattan.
In einem CNN-Beitrag zu 9/11 tauchte im aufsteigenden Rauch eine
Teufelsfratze auf (Foto: AP). Die Echtheit des Bildes ist umstritten,
doch auch als Fälschung symptomatisch.
Farbtafel iy: Nebel im Sternbild Krebs (Ma = NGC 1952),
die letzten Reste einer Supernova-Explosion im Jahr 1054.
Farbtafel 18 (oben): Imagination eines Meteoritenimpacts
(Focus online, 8.6.2015).
Farbtafel 19 (unten): Yellowstone National Parc: Die Analyse der Gesteins- und
Magmaschichten unter der Oberfläche des Parks mit Hilfe seismischer Wellen
durch Hsin-Hua Huang, University of Utah (2015) verdeutlicht die
Magmamassen eines künftigen Supervulkans.
Der Weltuntergang im Konfessionskonflikt 177

nert würden, wenn Christus hat kommen sollen, und wenn sich das
ende der weit nahen wird.54 Caspar Peucer, auch er Mathematiker,
Astronom und Reformator, sah das letzte halbe Jahrtausend vor der
Wiederkehr Christi angebrochen, das durch große Konfusionen der
Kirche geprägt sei.55 Andere mochten glauben, in das von dem Seher
Johannes angekündigte letzte Millennium eingetreten zu sein.
Die katholischen Gegner der Protestanten hüteten sich, eben diesen
mit gleicher Münze heimzuzahlen und sie einfach als Antichristen zu
verdammen. Sie unterschieden nun gerne den Antichristus mixtus, dies
galt den Lutheranern, vom Antichristus purus, als welchen sie den
endzeitlichen Gegner Christi bezeichneten. Doch entfernte sich das von
den heiligen Schriften und von Adso, der damals gerne zitiert wurde,
angekündigte Endzeitdrama immer weiter aus der realen Geschichte
in eine unabsehbare Zukunft. Wer, so wurde aus den Reihen des
neuen Jesuitenordens argumentiert, den Papst als Antichristen be-
zeichne, mache sich des crimen laesae maiestatis schuldig, weil er da-
mit den Augsburger Religionsfrieden verletze. Die Juridifizierung der
Weissagung raubte derselben ihre aktuelle Überzeugungsmacht. Der-
artiges machte den Protestanten durchaus zu schaffen.
Die Geschichtsschreibung damaliger Zeit offenbart die Folgen.56
Die christlich geformte Heilsgeschichte, die nach der Daniel-Exegese
über vier Weltreiche sich erstreckte, deren letztes das römische und in
seiner gegenwärtigen Gestalt das römisch-deutsche sei, wich der Pro-
fangeschichte. Nicht besser erging es der augustinischen Variante der
Heilsgeschichte, die sich über sechs Weltzeitalter bis zur Gegenwart
erstreckte und mit Jüngstem Gericht und Weltuntergang enden sollte.
Noch Melanchthon hatte mit Blick auf die Vier-Reiche-Lehre des Pro-
pheten eine Synthese der Weltgeschichte mit der Erwartung des Jüng-
sten Gerichts versucht. Sie erwies sich auf die Dauer als unmöglich.
Die Profangeschichte schob die Kirchengeschichte zur Theologie ab,
verschlang, wenn man so will, die Heilsgeschichte oder ließ diese be-
stenfalls als bloßes literaturgeschichtliches Phänomen zurück.
Jean Bodin entmachtete auch derartiges Geschichtsdenken. Solche
Auslegung stamme, so schrieb er 1566 in seiner Methodus ad facilem
historiarum cognitionem, von den Deutschen: ad sui nominis et impe-
178 Ein Jahrtausctid Gelehrsamkeit und Untergangserzvartung

rii gloriam, zu Ruhm ihres Namens und Imperiums. Absurd sei es,
daß die Deutschen die Weltmonarchie für sich in Anspruch nähmen,
absurder noch und geradezu lächerlich für alle, die eine Vorstellung
vom Erdkreis besäßen, daß sie behaupten, das Römische Imperium zu
besitzen. Kein Zehntel desselben besäßen sie; der spanische Princeps
hätte ein viel größeres und volkreicheres Reich. Viel eher könne man
es vom Türken behaupten, der Teile Asiens, Afrikas und Europas be-
herrsche. Z w a r achte er, Bodin, als guter Christ, die Verse des Daniel,
doch selbst auslegen könne er sie angesichts zahlreicher verschiedener
Interpretationen nicht. Im Verlauf der bisherigen Weltgeschichte habe
es nicht bloß vier, sondern unzählige Reiche gegeben. Die historische
Wahrheit, historiae ftdes, widerspreche dem uralten Exegetenirrtum,
inveteratus error.57
Mit solchen Überlegungen war dem Weltuntergang als einem dem
historischen Denken zugänglichen Faktum der Boden entzogen. Doch
vergessen war er nicht. N u r sollte sich menschliche Spekulation ihm
nicht zuwenden. Der exitus mundi oder der coelestium interitus stehe
zwar, so noch immer Bodin, nach dem Talmud 6000 Jahre, nach
anderer Rechnung 49 000 Jahre nach der Schöpfung an. Doch das sei
weder dem menschlichen Geist, noch der Vernunft faßlich, noch
durch göttliche Weissagung beweisbar, vielmehr erscheint es weniger
töricht als vielmehr gottlos zu sein, non minus ineptum quam impium
videturJ8
Gewiß, diese Haltung setzte sich nicht umgehend durch. Doch als
protestantische Universitäten Universalhistorie als Studienfach einführ-
ten, drang auch die Säkularisation in das Geschichtsdenken ein. Die
Spekulationsfigur des Weltuntergangs behauptete sich freilich - wenn
auch ihrer heilsgeschichtlichen Konnotation beraubt - auch jetzt, nur
ein wenig ins Abseits gedrängt, jenseits nämlich der auf Realität, auf
Herrscher und Staaten, auf Kriege und Territorien gerichteten Ge-
schichtsschreibung. Sie warf sich notfalls profane Kleider über. Die
noch immer christliche Gesellschaft beider Konfessionen glaubte ja
weiterhin an das Jüngste Gericht. Mit der Aufklärung änderte es sich
erneut; doch selbst jetzt erlosch das Untergangsdenken nicht vollends;
es nistete sich weiterhin in der Populär- und Subkultur ein.
Der Weltuntergang im Konfessionskonflikt 179

Ein Angriffsziel protestantischer Autoren richtete sich zumal gegen


die Kalenderreform des Papstes Gregor XIII. aus dem Jahr 158z. Die-
selbe verdeutlicht das Zusammenspiel von Eschatologie und Natur-
wissenschaft in geradezu exemplarischer Weise, insofern sie Luthers
Folgern verwehrte, sie, die in den katholischen Ländern umgehend ein-
geführt wurde, anzunehmen. Die Korrektur war nach Meinung alt-
gläubiger Gelehrter notwendig geworden, um die Ordnung des christ-
lichen Festkalenders mit den Bestimmungen des ersten Ökumenischen
Konzils von Nicäa und der Alten Kirche wieder in Übereinstimmung
zu bringen.
Sie konnte auf mancherlei Vorstufen zurückblicken. Erinnert sei an
das Beispiel Karls des Großen. Kurz und bündig registrierte später
Roger Bacon für das laufende Jahr 1 2 6 7 , das Osterfest werde zu einem
falschen Termin gefeiert, die Fastenzeit habe acht Tage zu spät begon-
nen, man habe Fleisch gegessen, als man es nicht durfte, man müsse
acht Tage zu lange fasten - alles nur falscher Berechnungen wegen.-59
Johannes de Muris, ein normannischer Mathematiker und Astronom,
der um 1 3 5 0 starb, sah die Sonne um 11 Tage dem Kalender enteilt,
was in etwa zutraf, wenn man zu der Zeit Jesu und Caesars zurück-
rechnete. 60 Nicolaus von Kues wollte im Jahr 1439 immerhin sieben
Tage überspringen. Doch fehlte noch immer eine gesicherte Kenntnis
der Gründe für diese Unstimmigkeiten im Kalender. Gregors XIII. Re-
form aber galt der die Zeiten übergreifenden Einheit der Kirche. Der
kalendarische Frühjahrspunkt hatte sich, weil das Jahr eben nicht
365 Tage und glatte sechs Stunden, sondern einige Minuten weniger
aufweist, im Vergleich zum astronomischen tatsächlich, wie kompli-
zierte Berechnungen zutreffend verrieten, seit dem Zeitalter Konstan-
tins des Großen und dem Jahr 3Z5 um 10 Tage verschoben.
Der Kalender nun wurde reformiert, indem der aktuelle Frühjahrs-
punkt, durch Überspringen jener 10 Kalendertage, wieder wie im Jahr
3x5 mit dem 2,1. März vereint wurde. Die päpstliche Reform orien-
tierte sich damit an einer Kirchensatzung, nicht an Tod und Aufer-
stehung Christi, die dreihundert Jahre zuvor erfolgt waren und eine
Korrektur um annähernd drei weitere Tage erfordert hätten. Die
Rückführung auf das Konzil und nicht auf Christi Auferstehung selbst
180 Ein Jahrtausctid Gelehrsamkeit und Untergangserzvartung

verübelten die «protestierenden Stände» dem Papst. Die Polemik war


heftig und währte lange; sie hakte gewöhnlich nicht an den astrono-
mischen Rechnungen ein, da diese bestenfalls unerhebliche Korrek-
turen nötig machten, vielmehr an der Feindseligkeit der «Evange-
lischen» zum Papsttum und - an den Konsequenzen für das Jüngste
Gericht. Wir können nur einige Beispiele für letzteres herausgreifen. 61
Die Grundlagen der Reform hatten Mathematiker, Astronomen
und Astrologen gelegt, deren Tätigkeit noch immer in eins gesetzt
wurde. Trotz mancherlei Ablehnung trugen beide Formen der Ster-
nenkunde Maßgebliches zur Aufklärung und zur Entzauberung der
Welt bei. Sie veränderten vom 15. zum 17. Jahrhundert die christliche
Kosmologie, wie sie über ein Jahrtausend lang verstanden worden
war, und begannen, alle Vorstellungen von R a u m und Zeit zu rela-
tivieren. Sie konnten durch ihre Berechenbarkeit und die durch diese
gewonnenen Voraussagemöglichkeiten für viele Gläubige die Unter-
gangsmentalität aktualisieren, konnten dieselbe aber auch in eine fer-
nere Z u k u n f t verweisen oder - jedenfalls mit der Zeit - gänzlich in
Frage stellen.
Das astronomische Rüstzeug, das den Papst überzeugte, lieferten
der (ohne Zweifel astrologisch geschulte) Arzt Aloisio Giglio (Lilius)
und der Jesuit Christoph Clavius aus Bamberg; das kopernikanische
Weltbild, noch immer diskriminiert, wurde nicht zu Rate gezogen. Die
Rechnungen waren kompliziert. Sonnen- und Mondlauf mußten syn-
chronisiert werden. Die Endzeit spielte dabei zunächst keine Rolle.
Doch sah sie sich alsbald - und zwar durch die Konfessionalisierung
der Christen - einbezogen. Den «protestierenden Ständen» fehlte eben
diese Endzeit, die Beachtung nämlich, was hin disen leisten gefebr-
lichen zeitten zu gewärtigen sei; 6 1 ihnen fehlte die Aussicht auf den
Jüngsten Tag und das Gericht und mit ihnen der Appell zur Sinnesän-
derung. Kaum war die Kalenderreform dekretiert und wissenschaft-
lich begründet, kaum hatte der altgläubige Kaiser Rudolf II. die fürst-
lichen Landesherren um Stellungnahme gebeten, schrieben die Protes-
tanten gegen sie an.
Kein Geringerer etwa als Lucas Osiander, Sohn des Reformators
Andreas Osiander, Komponist und württembergischer Hofprediger,
Der Weltuntergang im Konfessionskonflikt 181

griff umgehend zur Feder (1583). Es sei gewißlich der Welt Ende nicht
ferne, sondern sehr nahe herzu geruckt; der neue Kalender erübrige
sich. Der alte sei durcheinander; aber daran trage Josua Schuld (Jos
1 0 , i z f.), als er mit Gottes Hilfe Sonne und Mond stillstehen hieß. Der
Papst, der Antichrist in Rom, erwarte Christi Wiederkehr gar nicht,
wie dieser Kalender bezeuge. Derselbe sei an die Stelle der Ablaßzettel
getreten und sei ein Angriff auf die deutsche Nation. Jesus Christus
möge denn auch den Antichrist mit dem Geist seines Munds (wie er
langst angefangen) zutödten fortfahren, unnd denselben mit seiner
herrlichen Zukunft stürtzen, wie Oslanders Schlußgebet lautete, mit
dem er seine Kalenderschrift beschloß. 63
Damals wurden noch immer jene «averroistischen» Sätze in den
Ausgaben der Sentenzen des Petrus Lombardus verbreitet, zugleich
aber auch verdammt. Sie waren mit diesem Druckort im innersten
Zentrum der Theologie angekommen; die katholischen Universitäts-
theologen kannten sie. So blieben sie tatsächlich unterschwellig prä-
sent und wirkten zugleich als skeptischer Stachel im Fleisch des
Glaubens. Denn öffentlich durfte niemand wagen, sich zu ihnen zu be-
kennen und über ihre Implikationen zu reflektieren. Allenfalls aus
Übungsgründen in den geschlossenen außerordentlichen Lehrveran-
staltungen an den Universitäten konnten sie aufgeworfen werden, um
den Verstand zu schulen und sie neuerlich zu verurteilen. So kam es,
daß die radikalen Positionen - von der Ewigkeit der Welt, von der
Wiederkehr des Gleichen, vom immerzu neuen Entstehen neuer Wel-
ten - zunächst unter Protestanten wenig Wirkung zeitigten und ihre
Gelehrten vertrauensselig den Aussagen der Heiligen Schriften und
der exegetischen Tradition folgten.
Auch der Pfalzgraf Ludwig VI. (f 1583) gab ein Gutachten über
diese Kalenderreform in Auftrag. Der Heidelberger Mathematikpro-
fessor Michael Maestlin, der bald nach Tübingen überwechselte und
dort der Lehrer Johannes Keplers wurde, sollte es erstellen. 64 Maest-
lins Schrift erschien noch im Todesjahr des Kurfürsten in Heidelberg
(1583); auch später griff er wiederholt zur Feder, um gegen den neuen
Kalender zu schreiben. 65 Traw, lueg, wem. Denn es geschehe oft, das
man vielfältig betrogen werde. So eröffnete Maestlin sein Gutachten.
182 Ein Jahrtausctid Gelehrsamkeit und Untergangserzvartung

Titelblatt von Michael Maestlins Kritik der


Gregorianischen Kalenderreform, Heidelberg 15S3.

Der Papst habe die H: Schrift und Gottes wort dem gemeinen Man auß
den äugen ... hinweg gerucket / vnd es jhnen zulescn verboten. Statt-
dessen verbreite er falsche Lehre, und zu dieser gehöre auch die Kalen-
derreform, die er eben geboten habe. Vor 1 2 0 0 , 1 3 0 0 oder 1 6 0 0 Jah-
ren seien die Jahrrechnungen anders gewesen; doch das sei ein nur
gering schätzig ding. Des Papstes Änderung sei zudem in Politischen
Der Weltuntergang im Konfessionskonflikt 183

Handlungen jrrig / in Kirchen Ceremonien oder Geystlichen sachen


ärgerlich / und in Mathematischer rechnung falsch vnd vntaugent-
66
lich.
Maestlin holte weit aus. Er begann ganz generell bei der Zeitrech-
nung und ihrem allgemeinen Wert, der ein Beweis sei für die Gott-
ebenbildlichkeit des Menschen. Die Zeit, so führte er aus, sei von Gott
mit der Welt erschaffen, so daß in der Zeit alle ding jhr wesen bekom-
merz; und sie sei so weißlich geschaffen / daß wir Menschen / die ivir in
der Zeit werden / leben vnd sterben / dannoch nit wissen was die Zeit
seye. Aurelius Augustinus und Albert Einstein würden ihm zustimmen.
Doch könnten wir - so Maestlin weiter - die vnbegreiffliche Zeit...
zehlen /rechnen und... vnderscheyden.6? Von einigen herausragenden
Gelehrten sei sie schließlich in Kalendern erfaßt. Doch hätten ver-
schiedene Kulturen - Juden, Araber, Ägypter, Römer oder Christen -
eine jeweils unterschiedliche Jahresberechnung, nach Mond- und Son-
nenjahr mit verschieden langen Monaten. Seit 1 6 0 0 Jahren aber gelte
der julianische Kalender Caesars. Die registrierte Verschiebung der
Tag- und Nachtgleiche treffe ja zu. Caesar habe das Jahr mit 365 Ta-
gen und sechs Stunden gerechnet, obgleich es tatsächlich ein wenig
kürzer sei und nur 365 Tage, fünf Stunden, 49 Minuten und iz Sekun-
den daure. In 1 3 4 Jahren falle deshalb die Tagundnachtgleiche gegen-
über dem julianischen Kalender um einen ganzen Tag zurück. Erst
nach 49 0 0 1 Jahren stimme dieser Kalender wieder mit dem Frühjahrs-
punkt überein. Auch die «Goldene Zahl», über die der Mondkalender
geregelt werde, sei geringfügig ungenau, so doch der Mon ein kleyn
wenig sein lauff ehe zu ende bringt, und zwar so, daß nach 304 Jahren
der Mondkalender um einen Tag vorausgeeilt sei; schließlich verschiebe
sich drittens das Verhältnis von Neumond zur Tagundnachtgleiche,
was in 6934 julianischen Jahren einen ganzen Monat ausmache. 68

Die Kalenderfragen mögen hier auf sich beruhen, obgleich der Autor
ihnen noch viele Seiten widmete. Dieser Mathematiker Maestlin hatte
den Grund für die Kalenderreform verstanden. Der astronomisch ver-
sierte Heidelberger Professor, auf dessen Namen später der Komet des
Jahres 1580 «Moestlin» getauft wurde, anerkannte durchaus die Feh-
lerhaftigkeit des bestehenden julianischen Kalenders, korrigierte auch
184 Ein Jahrtausctid Gelehrsamkeit und Untergangserzvartung

zutreffend gewisse Schwächen der Begründung seitens der päpstlichen


Gelehrten. Er hatte ferner durchschaut, daß der Kalender um iz oder
13 Tage hätte verbessert werden müssen, um die Korrektur bis zu
Christi Tod durchzuführen. 69 Denn nicht wann, sondern daß des
Herrn Gedenken gefeiert werde, die Auferstehung, nicht das Nicäni-
sche Konzil seien entscheidend, 70 das am päpstlichen Hof für die Ver-
änderung zugrundegelegt wurde. Die Wissenschaft kam also auf ihre
Kosten. Maestlins Folgerung war gleichwohl knapp und schlicht: des
Bapts Kalender sehr baufällig.7*
Maestlin bestritt generell die Notwendigkeit einer solchen Reform,
die auf die kommenden 49 000 Jahre abhob. Niemand brauche sie,
weder der Gelehrte noch und schon gar nicht der «gemeine Mann».
Da gedenck einjeder / ob die Welt solang stehn werde.7i Die schlim-
men Zeiten, welche nun Gottes Strafgericht ankündigten, seien keines-
wegs - wie der noch postum gefeierte Mathematiker und Astrologe
der berühmten Katharina von Medici Lucas Gauricus behaupte -
durch den verschobenen Kalender verursacht; das sei aus der Bibel
nicht zu belegen. 73 Nicht irgendwelche Sünden gelte es zu bestrafen,
vielmehr vollzöge sich Gewaltigeres: Nun ist dieser Antichrist avn-
K£Ljj£VO<jgenug geoffenbaret.... Darumb kann das End der Welt nicht
ferrn sein.74 Gauricus hatte freilich nur aufgrund der Konjunktion von
1 4 8 4 große Wirren in der Kirche prognostiziert, die mit Luthers Re-
formation eingetreten seien.
Die Welt währe insgesamt ja, so Maestlin weiter, bloß annähernd
6000 Jahre, von denen - gemäß der Weissagung des Elia - nur noch
etwas über vierhundert Jahre ausstünden (auf ihre Zählung komme es
freilich nicht an). 75 Wirdt denn unser Herr Gott, die lieben Engel, und
Wir nach dem jüngsten tag in der ewigen Herrlichkeit disen Kalender
auch brauchen müssen?76 Alle Propheceyungen der Schrifft lauffen
77
aus. Da lohne der ganze im übrigen fehlerhafte A u f w a n d nicht und
sei ganz unvonnötten. Die paar Tage, um welche die Weltdauer durch
den neuen Kalender verkürzt würde, fielen da doch nicht ins Gewicht.
M a n könne alles beim Alten lassen; ansonsten sei der Schaden groß.
Den Nutzen aber der gesamten Reform würde man ja allererst vil
100. Jar nach dem Jüngsten tag haben sollen. J a , In dem gantzen
Der Weltuntergang im Konfessionskonflikt 185

Scripto diß Kalendarii Gregoriani perpetui, unrdt des jüngsten Tags


niemals mit eim ainigen Wörtlin auffs wenigst gedacht. Deshalb
möchte man schier vrsach nehmen / den Authoren sampt dem Bapst /
vnd allen denen / 50 disen Kalender billichen vnd approbiren / zu ver-
dencken / daß sie allesampt vom Jüngsten tag gar nichts halten / vnd
also weder nach Christo / noch nach der Welt Ende fragen. Ja auch
weniger daran gedencken / dann die Epicurischen Spötter.7* Das letzte
traf zweifellos zu; die nachtridentinische Kirche gab sich mit dem
Jüngsten Tag nicht sonderlich mehr ab. Zudem verweise, so Maestlin,
die päpstliche Anordnung von 1582 auf das Jahr 1584/85 und mit ihm
auf das 1 2 6 0 . Jahr nach dem großen Konzil, was ja - gemäß der in der
Prognostik längst üblichen Daniel- und Offenbarungs-Deutung - apo-
kalyptisch zu interpretieren sei: eben als offenbares Zeichen des Anti-
christen. 79 Die Reform offenbarte somit den Antichristen; und der
Jüngste Tag widersetzte sich der Wissenschaft.
Der Heidelberger Mathematiker und Astronom sah in der päpst-
lichen Kalenderreform mehr, als nur eine überflüssige kalendarische
Korrektur. Er sah in ihr den Untergang des rechten Glaubens durch
den Aufstieg aus demselben heraufziehen. Das Verdämmern des Jüng-
sten Tages raubte dem Christentum die Zukunft; ihm blieb allein die
Gegenwart der Kirche. Denn außerhalb der Kirche gibt es kein Heil.
Maestlin fürchtete nun das Ende der eschatologischen Religion. Ganz
falsch war es nicht; heutigentags vermag kaum mehr ein Christ - von
Sekten abgesehen -, Weltuntergang und Jüngstes Gericht ernst zu neh-
men, die Parusieerwartung verkümmerte zu einem Phänomen der Kir-
chengeschichte. Förderte also die Wissenschaft die Abkehr vom Jüng-
sten Tag, von der realen Wiederkehr Christi zum Gericht, von Gott?
Auch andere Protestanten erkannten in der Kalenderreform einen
Beweis für ihre Deutung des Papsttums als Antichristen. Erwähnt sei
Lambert Floridus Plieninger, der 1583 Kurtz Bedencken Von der Emen-
dation deß Jars durch Babst Gregorium den XIII. zum Druck brachte.
Der Zanck vom Osterfest sei durch den Papst Viktor, den 1 3 . Nach-
folger der Apostel, in die Kirche getragen und durch das Konzil von
Nicäa erneuert worden. Sonder vil besser gewesen wer / wie Lutherus
im Büchlin von den Conciliis vnnd Kirchen helt /. Man hette das Ge-
186 Ein Jahrtausctid Gelehrsamkeit und Untergangserzvartung

satz Mosi vom Osterfest / gantz vnd gar todt lassen sein / und bette
den tag des Leidens vnd aufferstebens nach der Sonnenlauff ge-
rechnet / vnnd auff ein gewissen tag gelegt / wie man gethan / mit
dem Christag vnd anderen unbeweglichen Festen / dann solcher ge-
stalt wer man alles gezencks vberhaben gewesen. Der Frühjahrsvoll-
mond entspräche dem Gesatz Mosi, das ist der alte Rock. Ostern am
volgenden Sontag zu feiern, das ist der Neuw Läpp anff dem alten
Rock. Das Konzil hätte dann weitere Cermonen vnd Menschen Sat-
zungen eingeführt, Durch welches alles der Antichrist in die Römi-
sche Kirch öffentlich eingeführt / vnd sie die Babylonischen Huren
worden ist.*°
Der Grund für die Kalenderkorrektur wurde auch von Plieninger
zutreffend referiert; doch hätten sich die päpstlichen «Scribenten»
besser vmb jre Seligkeyt bekümmert... vnd jhr leben bessern ivollen,
als sich um den Kalender zu kümmern. Der Christenheit sei es gleich,
ob Ostern an diesem oder jenem Tag gefeiert würde. Christi Geburt
sei ja auch nicht auf den 25. Dezember gefallen, sondern - wie die
gründliche Lektüre des Lukasevangeliums zeige - ein viertheil eines
Jars zuvor:81 Wenn aber eine Korrektur sinnvoll gewesen wäre, dann
hätte man sie biß auff die zeit Christi zurückführen sollen, wie zur
Zeit der primitiva Ecclesia, und wie es ja vergebens dem Papst nahege-
legt worden sei. Aus den Berechnungen mancher Astronomen ergebe
sich der 3. April als der fragliche Freitag des Jahres 33. 8 i Die päpstli-
che Emendation beweise aber einmal mehr, daß der Babst der grosse
Antichrist sei, da deren Einführung 1 2 6 0 Jahre nach dem nicänischen
Konzil erfolgt sei, zu der Zeit also, da die Christlich Kirch vom Dra-
chen verfolgt werden soll. Hier begegnete also wieder, nicht anders als
bei Maestlin, die Verschränkung von Apokalypse (42,13 und c. 1 1 - 2 ) ,
Daniel (c. 7) und Ezechiel (c. 4); und so offenbarte denn die Kalender-
reform von 1 5 8 2 (die Plieninger auf 1583 datierte) zugleich, daß mit
dem Konzil von Nicäa das Reich des Antichrist begonnen habe. 83 Z u -
dem sei die Berechnung falsch, da sie auf das falsche Todesjahr Christi
führe, der ja an einem Freitag gestorben sei und nicht - wie die Gre-
gorianische Reform nun anzunehmen zwinge - an einem Mittwoch. 8 -*
M a n solle also den neuen Kalender nicht übernehmen. Ohnehin stün-
Der Weltuntergang im Konfessionskonflikt 187

den große Änderungen bevor, da die sechste Welt Anno 1642 voll-
kommen außlaufft und von jetzt an biß inn das 60. oder yo.Jar / wir
znogewarten habe / Nemlich die aller leisten Enderungen / mit wel-
chen auch der Himmel vnd die Natur iren lauff / vnnd Werck dazuo
sie von Gott bestimbt vnd verordnet verrichten werden / erfüllen und
zuo end füren.*5 Hier diktierte in Erwartung des Weltuntergangs und
zur Vorbereitung auf denselben die Sorge um Seligkeyt, um Moral
und Ethik für die Christen das Urteil über den korrigierten Kalender.
Die weitere Entmachtung der Offenbarungsreligion ließ nicht lange
auf sich warten.
Andere dachten und schrieben ähnlich; auch Flugblätter schürten
die Feindseligkeiten. Die Bauern wüßten mit dem neuen Kalender
nicht, wann sie das Feld zu bestellen hätten. Die Altgläubigen bezwei-
felten das Herannahen des Endes nicht. Keine Kritik an der päpst-
lichen Reform könne diesen Untergang aufhalten. 86 Und dennoch:
Eine neue Zeit zog herauf, vielleicht in der Tat die Zeit von Maestlins
epicurischen Spöttern, der aufklärerischen Wissenschaft nämlich. Die
Mahnung zur Buße erreichte zwar ihre Adressaten; aber ihre Wirkung
zeitigte einen «katechonischen» Effekt: Sie entschärfte unbewußt die
endzeitliche Dringlichkeit der apokalyptischen Predigt, da doch strenge
und konsequente Buße das Kommen des Weltenrichters verzögern
sollte, wie biblische Muster zu verdeutlichen schienen und Prediger
lehrten. 87 So geschah es, wie sich zeigte, tatsächlich, und zwar auf un-
absehbare Zeit.
«Abirrungen menschlicher Vernunft», schalt ein moderner Gelehr-
ter, Ferdinand Kaltenbrunner, der erste Historiker der Kalenderre-
form, im Jahr 1 8 7 7 diese Reformkritiken und ihre Begründungen. 88
Er verkannte das Gewicht der alten exegetischen Tradition, die in der
lateinischen Christenheit seit den Tagen der Kirchenväter, eines Ire-
naeus, Hieronymus, Augustinus oder Gregor, herrschte, die Naher-
wartung der von Christus dem Herrn angekündigten Erfüllung der
Zeit. Die Kirche und ihre Theologen hatten sie verteidigt. Erst ihre
Kritik an der Reformkritik, ihre Polemik gegen die Polemik, erst die
fortschreitende Konfessionalisierung führte zum Wandel; und erst die
Aufklärung erschütterte den Endzeitglauben, ohne ihn vollends aufhe-
188 Ein Jahrtausctid Gelehrsamkeit und Untergangserzvartung

ben zu können. Denn Vernunft vermag gegen Gläubige wenig; allen-


falls zwingt Erfahrung zur Sinnesänderung, die ja bislang alle Ankün-
digungen des Weltendes durch das Überdauern von Welt und Mensch-
heit falsifizierte.
Das Zeitalter der Konfessionalisierung zerrte die Prognostik zwi-
schen die kirchenpolitischen Fronten. Damit geriet auch die Apoka-
lyptik in die Zentrifuge konfessioneller Konfrontation; sie sah sich in
unterschiedliche Komponenten geschieden, zur konfessionellen Waffe
geschmiedet und auf Dauer ihrer Aktualität entkleidet. Der Umstand
verdeutlicht zudem mentale Schwierigkeiten, die manche Gelehrten
mit der Astronomie hatten. Die Kalenderreform spiegelt somit nicht
nur einen herausragenden Augenblick in der Geschichte der Kalender-
berechnung, sondern vor allem einen bedeutsamen Moment in der
Geschichte des intellektuellen Habitus der europäischen Wissenseli-
ten. Galt es doch, eine wissenschaftliche Erkenntnis, welche die Welt
zu entzaubern vermochte, in folgenreiches praktisches Handeln um-
zusetzen, und illustriert die schleppende, von mancherlei Glauben und
Aberglauben gehemmte Umsetzung einer zuverlässigen Erkenntnis in
solches Handeln.
Eines freilich hatte eine derartig herausragende wissenschaftliche
Leistung wie die Kalenderreform noch immer nicht vermocht: die
Entmachtung der Astrologie. Sie gewann im Gegenteil in der Renais-
sance und den ihr folgenden Jahrzehnten noch einmal an Einfluß auf
die politischen, kirchlichen und intellektuellen Eliten des Abendlan-
des. Es war wie ein Aufbäumen vor dem drohenden Ende. Doch gab
es auch jetzt Gegner. Ein Agrippa von Nettesheim etwa hielt nichts
von ihr, bewirkte aber mit seiner Kritik keine Wende. Ein Nostrada-
mus freilich, Arzt und als solcher ein Astrologe, dessen astrologische
Gutachten freilich miserabel waren, verkündete damals (seit 1550) in
metrischen Vierzeilern Prophetien für das laufende Jahr, die er zu-
nächst in seinen Almanachen und später geschlossen herausgab und
für die nächsten sieben Jahrhunderte erweiterte. Ihre Sprache klang
geheimnisvoll, rätselhaft und dunkel; sie kursierten weit, verwirrten
viele, und bis zur Gegenwart war ihnen ein großer Erfolg beschieden.
Populistische Exegeten entlockten ihnen immer neue Hinweise auf ei-
Der Weltuntergang im Konfessionskonflikt 189

nen kurz bevorstehenden Weltuntergang, wie ihn der Autor der Vier-
zeiler selbst freilich nie explizit angekündigt hatte. 89
Ein entscheidender Unterschied im Vergleich zur spätmittelalter-
lichen Astrologie machte sich allerdings mit der Zeit bemerkbar. Sie
beschränkte sich mehr und mehr auf die Astralmedizin und auf indi-
viduelle Horoskope und verzichtete weithin auf universelle Progno-
sen. Eine Bulle Pius IV. von 1564, im Jahr nach Beendigung des Trien-
ter Konzils erlassen, verbot - wie seit je - alle magischen Praktiken
wie Geomantie, Chiromantie oder Nekromantie, dazu die Lektüre
astrologischer Anweisungen für unvorhersehbare Zufälle {de futuris
contingentibus successibus fortuitisve casibus) und für solches Ge-
schehen, das vom menschlichen Willen abhänge, gestattete aber expli-
zit Horoskope und Naturbeobachtungen (iudicia et naturales obser-
vationes), die der Seefahrt, dem Ackerbau oder der ärztlichen Kunst
zur Seite stünden. Die Endzeit war vom höchsten kirchlichen Gesetz-
geber den Spekulationen der Astrologen entwunden.
Das Verbot setzte sich mit der Zeit durch, auch außerhalb der ka-
tholischen Kirche. Niemand anderes als Goethe hat die Folgen später
in seinem wundervollen Gedicht Urivorte, orphisch festgehalten: Wie
an dem Tag, der dich der Welt verliehen, / die Sonne stand zum Gruße
der Planeten, / bist alsobald und fort und fort gediehen / nach dem
Gesetz, wonach du angetreten. II So mußt du sein, dir kannst du nicht
entfliehen / so sagten schon Sibyllen, so Propheten. / Und keine Zeit
und keine Macht zerstückelt / geprägte Form, die lebend sich ent-
wickelt. Das galt einzelnen Menschen, nicht dem Geschick von Erde
und Menschheit. Wenn weiterhin astrologische Katastrophenpro-
gnose betrieben wurde, so fehlte ihr der eschatologische Impetus. Da-
mit rückten der Weltuntergang und die denselben ankündigenden
Schrecken aus dem Blickfeld der Astrologen, die durch lange Jahr-
hunderte bis tief ins 16. Jahrhundert der Endzeit auf der Spur gewesen
waren.
Auch ohne Astrologie freilich sann die westliche Christenheit trotz
ihrer Zersplitterung in Konfessionen und auseinanderdriftende Deu-
tungshoheiten über das Eintreten des von den heiligen Schriften vor-
hergesagten Geschehens in historischer Zeit nach, gab sich also unver-
190 Ein Jahrtausctid Gelehrsamkeit und Untergangserzvartung

zagt der Apokalyptik hin. Nicht wenige protestantische oder altkirchli-


che Autoren erwarteten die leibliche Wiederkehr Christi zum Gericht,
sei es zur Reinigung der Kirche, sei es zu ihrer endgültigen Erhöhung.
Für manche Protestanten - wie etwa für Thomas Hobbes - war der
Antichrist freilich noch nicht gekommen. 90
Unter Katholiken indessen senkten die konfessionellen Kontro-
versen die Bereitschaft, eschatologische Ideen zu vertiefen - trotz
zahlreicher jetzt erscheinender Apokalypsekommentare. Sie interpre-
tierten mehr die Vergangenheit, als daß sie über die Zukunft speku-
lierten. Das Reformkonzil von Trient (1545) schenkte der Endzeit, in
der sich die Lutheraner wähnten, keine Beachtung, sieht man vom
Glaubensbekenntnis - er wird kommen, zu richten die Lebenden und
die Toten - und von der Liturgie des Totenoffiziums ab. So gingen von
diesem für die Kirche bis heute grundlegenden Konzil eher Impulse
aus, die ganz auf Endzeit und Weltuntergang verzichten konnten.
Immerhin: Das Gericht blieb und für die Gläubigen die Hoffnung,
dasselbe zu bestehen. Der sogenannte Embolismus, die Einschaltung
zwischen «Vaterunser» und Doxologie, der in der Heiligen Messe dem
Herrengebet folgt, verweist in seiner heutigen (nachtridentinischen)
Fassung auf die Wiederkehr Christi (exspectantes beatam spem et ad-
ventum Salvatoris nostri Jesu Christi). Im Traktus der tridentinischen
Totenmesse bittet der Priester: Befreie, o Herr, die Seelen aller verstor-
benen Gläubigen von jeder Fessel der Schuld... auf daß sie entrinnen
dem Rachegericht. Geblieben ist ferner - wenn heute auch der freien
Entscheidung des zelebrierenden Priesters überlassen - die alte Sequenz
des Dies irae, dies illa, / solvet saeclum in favilla / Teste David cum
Sibylla. / Quantus tremor est futurus. i Quando Judex est venturus...
Nur hier begegnet noch der Zerfall des Zeitlichen, der Welt, in glü-
hende Asche: Tag der Rache, Tag der Sünden, / Wird das Weltall sich
entzünden, / Wie Sibyll und David künden.^ Sonst gilt alles der Einzel-
seele, nicht dem Endgeschick der Erde. So wurde das Requiem immer
wieder vertont, von Orlando di Lasso und Palestrina zu Mozart, Verdi,
Benjamin Britten und bis zur jüngsten Gegenwart (s. Farbtafel 1 3 ) .
Im Verfahren vor der Glaubenskongregation gegen den Astrono-
men Paolo Antonio Foscarini, der Kopernikus' heliozentrische Theo-
Der Weltuntergang im Konfessionskonflikt 191

rie verteidigt hatte, und in dessen Umfeld auch Galileo Galilei betrof-
fen war, erging im Jahr 1 6 1 6 das berühmte Dekret gegen Kopernikus.
Dessen Theorie stimme nicht mit der katholischen Wahrheit überein. 91
Das Verdikt rettete die scholastische Kosmologie, die dem Ptolemäus
gefolgt war, nicht. Eschatologische Motive, wie sie sich nur wenige
Jahrzehnte zuvor noch unter Astrologen gehalten hatten, spielten aber
bei dieser Verurteilung keine Rolle. Das hatte Folgen; Endzeitspekula-
tionen traten bald in den Hintergrund, aber verschwanden nicht.
Ein anderer, der solcher Säkularisation die Wege wies, aber den-
noch ein Eschatologe blieb, war, wie seine nachgelassenen Schriften
zeigen, Isaac Newton, ein gläubiger Mann. Er, der geniale Physiker,
konnte sich nicht mit dem Gedanken einer Feuersintflut abfinden. Die
Bibel verbiete eine solche Annahme. Der Kosmos war ein Werk Gottes
und als solches endlich. Wie die Heilige Schrift auszulegen sei, dazu
entwarf der gelehrte Laie eigene Regeln. Immerhin, den Untergang
sah er nicht vor dem Jahr 2060 eintreten, das Jüngste Gericht aber
erwartete er bald; the time is at hand.9i Es sei ein kirchlich-soziales
Geschehen; der Antichrist habe sich ja schon in Rom niedergelassen.
Newton bediente sich heiliger Verheißung, etwa der Zahl des Tieres
666 oder der 1 2 6 0 Jahre oder Tage nach Daniel, um die Rhythmen
der Geschichte zu enthüllen. Der Herr werde hier, auf Erden, Gericht
halten, nicht jenseits im Himmel, und sein Strafgericht gelte der end-
zeitlichen Reinigung der Kirche, der dann eine irdische Heilszeit folgen
werde. Ein ganz innerweltliches Geschehen wurde prophezeit - trotz
aller drohender Schrecken. Das war - wie im Calvinismus vorberei-
tet - eine säkularisierte Heilsprognose. Sie bediente sich anderer Pro-
gnose-Techniken als die Apokalyptiker und Astrologen bisher. Aber
sie bewahrte die Botschaft des Weltuntergangs vor dem Vergessenwer-
den und dem Untergang und lenkte den Blick zur physikalischen und
überhaupt zur naturwissenschaftlichen Theoriebildung.
Das Weltende im Säurebad der Aufklärung

Hatte Gott eine Wahl, als er die Welt erschuf? Die Frage wurde Albert
Einstein zugeschrieben, ist aber bei ihm nicht nachweisbar. 1 Sie läßt
nicht nur Zweifel an der Allmacht des Weltschöpfers anklingen, son-
dern traf alle älteren Welterklärungen im Kern. Eine Antwort ist bis-
lang nicht geglückt. Wohl aber füllte die Suche nach einer solchen,
nach der Weltformel, Sack um Sack neuer Theorien. Teilchen und
Kosmos sollten zusammenstimmen, starke, schwache, elektromagne-
tische Wechselwirkungen und Gravitation, alles. Eine Antwort gibt es
bis heute nicht. Eines freilich hat man dabei auf Dauer nicht verges-
sen: die eigentümliche, einst religiös begründete Fixierung auf An-
fang, Untergang und Ewigkeit.
Wie schlicht dachten die früheren Philosophen. Piaton, Aristoteles
und in ihrem Gefolge die Humanisten der Renaissance hatten den
Himmel von Intelligenzen bevölkert und regiert gesehen. Die europä-
ische Aufklärung hatte dann zu zweifeln begonnen. Methodenkritik
setzte neuerlich ein. Disziplinen wie Astronomie, Physik, Chemie,
Geologie oder Paläontologie kamen auf und rüttelten an den Funda-
menten bisheriger Deutungen des Weltbaus. Gewiß, Gott hatte die
Welt erschaffen. Doch woraus? Feuer, Wasser, Luft und Erde, jene
mythischen Elemente, mit denen sich jahrhundertelang die «Physi-
ker» beschieden, genügten längst nicht mehr. Was war es, was die
Welt im Innersten zusammenhielt? Könnte sie noch untergehen? Wie
sollte es geschehen? Nicht nur Theologen oder Philosophen verlang-
ten fortan im Blick auf den Weltuntergang Gehör, sondern alle Na-
turwissenschaften. Dazu kam seit dem 17. Jahrhundert durch Blaise
Pascal, Pierre de Fermat, Christiaan Huygens und zuletzt Pierre-
Das Weitende im Säurebad der Au fklärung 193

Simon Laplace2- die Wahrscheinlichkeitsrechnung, die auch Zukunfts-


perspektiven in neuer Weise ins Auge zu fassen lehrte. Alle diese Dis-
ziplinen zusammen veränderten den Blick auf Anfang und Ende, de-
struierten damit aber die eschatologische Perspektive nicht.
Descartes konnte mit Hilfe der Logik die Befristung der Welt nicht
begründen; so postulierte er deren Unendlichkeit. Newton erklärte den
Weltbau, «die Kräfte der Natur», aus der «Kraft der Schwere» und
den Bewegungen der kosmischen Körper mathematisch. 3 Beide weck-
ten heftigen Widerspruch. Die Stimmen gegen den Cartesianismus
verstummten nur mit der Zeit. Eine machte Karriere und gelangte mit
dem umfangreichen Artikel Welt in Zedlers Universallexikon aus der
Mitte des 18. Jahrhunderts zu Gehör. Dieser Text, der recht schön die
Übergangszeit zwischen einer voraufklärerischen und aufklärerischen
Naturforschung spiegelt, setzte sich eindringlich mit den Fragen nach
der Schöpfung, nach deren Alter und Zukunft, nach der Ewigkeit und
Endlichkeit der Welt auseinander. 4 Dabei fügte sein Autor nicht nur
eigene, westliche Theorien seiner Darstellung ein, sondern verwies
weltoffen auf Berichte aus fremden Kulturen wie Indien, China oder
Japan, freilich als gläubiger Christ. Er ging hart mit den Zweiflern am
überlieferten theologischen Wissen um, auch mit Descartes. Er fürch-
tete nicht umsonst AtheistereiJ Er gab getreu der Kategorienlehre des
Aristoteles zu bedenken, daß die Materie was leidendes sei, nicht was
wiirckendes. So könne sie nur erschaffen sein und müsse Gott als
ihren Schöpfer haben. Das hielt der Autor für ein starkes Argument
gegen Descartes. Die geheimnisvollen Kräfte der Gravitation, der drei
physikalischen Wechselwirkungen oder das Spiel von Genetik und
Evolution waren dem Artikelschreiber noch fremd.

Diese Welt sei - so hieß es weiter - in Gottes Schöpfungsakt aus


einem Hauffen der zartesten [oder subtilsten] Teilgen oder Elemente
geschaffen. 6 Deren Kräfte würden nicht vermindert werden, sondern
es bleibet einerley Qantität. Deshalb müsse Gott wieder eingreifen
und die Welt durch ein Wunder untergehen. Der Untergang war also
fest eingeplant. Allerdings vollziehe er sich nicht in einem Augenblicke,
sondern nach und nach, durch Verwandlung der Cörper in ihre Ele-
mente. Zuletzt werden auch diese annihiliret und zernichtet. Während
194 Das Weitende im Säurebad der Au fklärung 194

dieses Prozesses werden jene Zeichen hervortreten, so die Propheten


und Apostel verkündiget haben. Der Vorgang wurde im einzelnen
tatsächlich mit physikalischem Vokabular und mit traditionellem theo-
logischem Vorwissen beschrieben. Apart ist der Vergleich des Weltun-
tergangs mit einer verzehrenden Schwindsucht. Immerhin, die Escha-
tologie begann, sich an die neuen Naturwissenschaften anzupassen.
Es blieb nicht dabei. Wenn oben auf den Berggipfeln im Fels oder
im zusammengebackenen Sand versteinerte Meerestiere - Fische, Mu-
scheln, Seesterne, nie zuvor gesehene steinerne Tiergebeine - zu finden
waren, dann mußten vor urdenklichen Zeiten die Erde sich aus dem
Meere hochgewölbt und sich Steine über Steine geschichtet haben.
Davon stand in der Bibel nichts. Da hatte aber schon ein Thomas Bur-
net, der als Theologe den finalen Untergang der Erde im Feuer noch
beachtete, über deren Entwicklungsstufen spekuliert (The Sacred The-
ory ofthe Earth, 1 6 8 1 / 1 6 9 0 ) ; und da warteten seit eben diesen Jahr-
zehnten die Geologie mit Hilfe der von dem Dänen Nicolaus Steno
begründeten Lehre von den Sedimentschichten (1669) sowie deren
Altersbestimmung durch William Smith mit Hilfe von Leitfossilien
(Stratigraphical System of Organized Fossils, 1 8 1 7 ) , endlich die Palä-
ontologie eines Georges Cuviers ( 1 7 6 9 - 1 8 3 2 ) mit unglaublichen Kor-
rekturen am Alter der Erde auf. 7 Das statische «Am Anfang schuf
Gott Himmel und Erde» löste sich auf in eine Abfolge fortgesetzter
Wandlungen; die Schöpfung wurde ein dynamischer, über Jahrtau-
sende und Jahrmillionen sich erstreckender Prozeß. Anfängliche Fehl-
urteile in den neuen Wissenschaften ließen sich nicht vermeiden; sie
boten oft Anlaß für Häme seitens der Kreationisten. Tatsächlich aber
brach das alte Weltsystem binnen weniger Jahrzehnte zusammen und
mit ihm die traditionelle Lehre vom Weltuntergang.

Neuere Naturwissenschaften destruierten die temporale Grundlage


religiöser Eschatologie vollends, die Altersbestimmung der Erde näm-
lich gemäß der 6000-Jahre-Frist des Talmud, die der heilige Augustin
und andere Kirchenväter im Wesentlichen übernommen hatten und
die noch für Francis Bacon oder den Enzyklopädisten Zedier selbst-
verständlich war, an der Newton allerdings schon Zweifel hegte. Die
Bibelkundigen hatten, so wurde mit der Zeit immer deutlicher, nicht
Das Weitende im Säurebad der Au fklärung 195

recht. Doch trugen gerade auch religiöse Gruppen zur rationalen Kri-
tik des Weltbildes bei. Die Anhänger des Sabbatianismus etwa be-
trachteten den Messianismus als unzutreffend. 8 Die westlichen Ge-
lehrten und Philosophen forcierten den Trend zu Aufklärung und
systematischer Naturforschung, zögerten einstweilen aber mit einer
völligen Destruktion der christlichen Überlieferung einer zeitlichen
Befristung der göttlichen Schöpfung.
Immanuel Kant mag es verdeutlichen. Er - vertraut mit dem in au-
ßerkirchlichen Kreisen längst etablierten kopernikanischen Weltbild
und mit Newtons Physik - entwarf eine (ursprünglich anonym heraus-
gegebene) Kosmogonie allein aus den Naturkräften, soweit er sie
kannte. 9 Sie sah die Sonne, einen flammenden Körper in einem unend-
lichen Weltraum, im Zentrum des Planetensystems und die Fixsterne
wiederum als Mittelpunkte ähnlicher Systematum, das alles in einem
weit ausgedehnten Räume. - Die Milchstraße ist der Zodiakus dieser
höheren Weltordnungen, ja, es sei mit mehr Milchstraßen in dem
grenzenlosen Felde des Weltraumes zu rechnen, nicht nur mit der
einen uns vertrauten. Und überall dieselbe Materie, unterschiedlich
dicht im Raum verteilt und zur Verklumpung neigend, und dieselben
Kräfte am Werk: der unendliche Raum der göttlichen Gegenwart, dar-
in der Vorrat zu allen möglichen Naturbildungen anzutreffen ist [...]
voll von Materie, den künftig zu bildenden Welten zum Stoffe. Als
Kant solches schrieb, waren in der Tat die ersten Spiralnebel, ellipti-
sche Gestalten, fremde Milchstraßen, gesichtet worden. Er dachte
sich die Entstehung der Planeten aus Staub und den Anziehungskräf-
ten der Materie zusammengebacken, dachte auch an weitere Planeten
jenseits des Saturn, bewohnt oder bewohnbar sie alle; er dachte an
neu entstehende Welten. Kant rechnete mit einer Reihe von Millionen
Jahren und Jahrhunderten seit der Entstehung des Kosmos. Die
Schöpfung ist nicht das Werk von einem Augenblicke. [...] Es werden
Millionen, und ganze Gebiirge von Millionen Jahrhunderten ver-
fließen, binnen ivelchen immer neue Welten und Weltordnungen nach-
einander, in den entfernten Weiten von dem Mittelpunkt der Natur,
sich bilden. - Die Unendlichkeit der künftigen Zeitfolge, womit die
Eivigkeit unerschöpflich ist, ivird alle Räume der Gegemvart Gottes
196 Das Weitende im Säurebad der Au fklärung 196

ganz und gar beleben. Die christlichen Prophezeiungen sahen sich da-
mit gerade nicht desavouiert, vielmehr in die Unendlichkeit Gottes ge-
gründet. Gottes Ewig- und Unendlichkeit aber wurden mit Zahlen
konkretisiert, gleichsam verdinglicht. Ihr zum Trotz zog Materialis-
mus auf.
Prognostiken hatten in diesem mechanischen Kosmos allen Sinn
verloren. Auch Große Konjunktionen gerieten nur mehr zum erhabe-
nen Schauspiel ohne prognostische Bedeutung für Erde und Mensch-
heit. Der Himmel schwieg über die Zukunft. Doch Naturgeschehen
unterliegt dem Prozeß von Entstehung und Vergehen; nur im Ganzen
herrsche hier, so Kant, Unendlichkeit, nicht in den einzelnen Phasen.
So rechnete der Philosoph durchaus mit einem Ende von Sonne, Pla-
neten und Erde, doch zugleich mit Neuentstehungen allenthalben.
Weltende also auch bei Kant, wenn auch anders begründet als bis-
her und zeitlich anders dimensioniert. Aber die Perspektive war die
nämliche. Es kommt eine Zeit, darin sie [die Sonne] wird erloschen
sein. Ihren Ort werden dann ewige Finsternisse einnehmen. Wann es
soweit sei? Die Frage lag nicht jenseits des Kantischen Theoriengebäu-
des. Aber er beantwortete sie mathematisch: Weil aber [...] von der
Zeitfolge der Ewigkeit der rückständige Teil allemal unendlich, und
der abgeflossene endlich ist: so ist die Sphäre der ausgebildeten Natur
allemal nur ein unendlich kleiner Teil desjenigen Inbegriffs, der den
Samen zukünftiger Welten in sieli hat, und sich aus dem rohen Zu-
stande des Chaos, in längeren oder kürzeren Perioden, auszuiuickeln
trachtet. Die Schöpfung ist niemals vollendet. Ein Anfang also, doch
kein Ende, ein Anfang allerdings in Unendlichkeit. Der Schöpfungsakt
verflüchtigte sich.
So materiell das alles gedacht war, dieser aufgeklärte, im Pietismus
aufgewachsene Denker imaginierte das Geschehen dennoch angelehnt
an uralte apokalyptische Bilder. Lasset uns, so schrieb er, der Einbil-
dungskraft [...] eine brennende Sonne [...] gleichsam von nahe vor-
stellen. Man siebet in einem Anblicke weite Feuerseen, die ihre Flam-
men gen Himmel erheben, rasende Stürme, deren Wut die Heftigkeit
der ersten verdoppelt, welche, indem sie selbige über ihre Ufer auf-
schwellend machen, bald die erhabenen Gegenden dieses Weltkörpers
Das Weitende im Säurebad der Au fklärung 197

bedecken, bald sie in ihre Grenzen zurücksinken lassen; ausgebrannte


Felsen, die aus den flammenden Schlünden ihre fürchterlichen Spitzen
herausstrecken, und deren Überschwemmung oder Entblößung von
dem ivallenden Feuerelemente das abwechselnde Erscheinen und Wer-
schwinden der Sonnenflecken verursachet; dicke Dämpfe, die das
Feuer ersticken, und die, durch die Gewalt der Winde erhoben, finstre
Wolken ausmachen, welche in feurigen Regengüssen wiederum herab-
stürzen, und als brennende Ströme von den Höhen des festen Son-
nenlandes sich in die flammende Täler ergießen, das Krachen der
Elemente, den Schutt ausgebrannter Materien, und die mit der Zer-
störung ringende Natur, ivelche, selbst mit dem abscheulichsten Zu-
stande ihrer Zerrüttungen die Schönheit der Welt und den Nutzen der
Kreaturen bewirket.
Das galt der Sonne. Doch kein Prophet, kein Apokalyptiker, kein
Malerauge hätte den Untergang der Erde eindrücklicher imaginieren
können als der Königsberger Philosoph. Auch fehlt der Blick in die
Zukunft wissenschaftlichen Fortschritts nicht. Vielleicht aber ist es
den künftigen Zeiten aufgehoben, wenigstens noch dereinst die Ge-
gendzu entdecken, wo der Mittelpunkt des Fixsternensystems, darein
unsere Sonne gehöret, befindlich ist. Mechanisch, sich selbst ordnend,
aber nicht gottlos: Die Gottheit ist in der Unendlichkeit des ganzen
Weltraumes allenthalben gleich gegenwärtig. Und: Man kommt der
Unendlichkeit der Schöpfungskraft Gottes nicht näher, wenn man den
Raum ihrer Offenbarung in einer Sphäre, mit dem Radius der Milch-
straße beschrieben, einschließet, als wenn man ihn in eine Kugel be-
schränken will, die einen Zoll im Durchmesser hat. Die Unendlichkeit
des materiereichen Raumes wurde zur Metapher der Ewigkeit Gottes.
Sein Schöpfungswerk erstreckte sich nun darauf, den Zeug zur Bil-
dung noch größerer Welten zu formen, auf die Bereitstellung also der
Materie in aller Ewigkeit, die sich zum Weltbau und ihrem fortgesetz-
ten Umbau dann selbst organisierte.
Das Gesetz des «Stirb und werde» herrsche im gesamten Kosmos.
Der Untergang eines Weltgebäudes werde ausgeglichen durch unzäh-
lig neue Zeugungen. Das eine ende im Chaos des Untergangs, neue
Bildungen träten an seine Stelle. Die Welt befände sich zwischen den
198 Das Weitende im Säurebad der Au fklärung 198

Ruinen der zerstörten Natur und dem Chaos der noch ungebildeten.
Pflanze und Tier, auch der Mensch blieben außerhalb solcher Selbst-
organisation der Materie; für sie bedurfte es eines weiteren Impulses
göttlicher Lenkung. So drohte, wenn Gott sich nicht eines anderen be-
sänne, mit dem Untergang der Erde zugleich das Ende des Menschen-
geschlechts und aller Kreatur.
Kant reflektierte über neueres physikalisches Wissen. Die Erfindung
und der Einsatz des Fernrohrs durch Galilei, die Entdeckung der Spek-
tralanalyse, der Bedeutung der Fraunhoferschen Linien oder der
Radiowellen ließen am Himmel in unvorstellbare zeitliche Tiefen und
Zeiten blicken. All das rüttelte am «biblischen» Erdalter von 6000 Jah-
ren, das vollends nach der Entdeckung der Radioaktivität durch Henri
Becquerel aufzugeben war. Sie erlaubte nach Trennung der Uran-Iso-
tope, das Alter der Gesteine neu und immer genauer zu bestimmen,
und machte die Erde tatsächlich immer älter. Nicht wenige Jahr-
tausende, sondern um die fünf Milliarden Jahre alt ist sie nun, knapp
vier Milliarden Jahre reichen die ersten Lebensspuren zurück. Der
Kosmos ist noch älter. Unendlich? Welche Art von Anfang setzte der
«big bang»?
Die Evolutionsbiologie 1 0 gestattete weitere Präzisierungen gerade
auch in der Feindatierung. Durch eine verbesserte geologische Strati-
graphie (die beispielsweise die Vorfahren der heutigen Menschheit um
annähernd dreieinhalb Millionen Jahre zurückzuverfolgen erlaubt),
durch C I 4 -Daten (d. h. durch die Zerfallsgeschwindigkeit des radio-
aktiven Kohlenstoffisotops, die um etwa 60 000 Jahre zurückführt),
durch Dendrochronologie (durch die Datierung nämlich mit Hilfe der
einander überlappenden und in die Tiefen der Vergangenheit führen-
den Jahresringe der Bäume, die mancherorts weit über i z o o o Jahre
und damit zu den Anfängen menschlicher Hochzivilisationen zurück-
reicht), kurzum durch die Erkenntnisse verschiedener moderner Wis-
senschaften wurde die Natur mehr und mehr entschlüsselt.
Die Evolutionstheorie von Charles Darwin schien die göttliche
Schöpfung vollends entbehrlich zu machen und wiederum in einen
endlos langen Prozeß zu münden. Der Mensch war kaum mehr aus
der Schöpferhand Gottes entlassen, geriet vielmehr zu einem Produkt
Das Weitende im Säurebad der Au fklärung 199

aus Genetik, Umwelt, Anpassung und Fitness. Abstruse Phantasien


von einer Heraufzüchtung des Menschen zu einer Art Übermensch, ja,
von Perfektionierung der Natur nach menschlichem Maß kamen im
19. Jahrhundert zumal in England auf, eine gottgleiche Planbarkeit
von Menschen durch Menschen. 1 1 Die göttlich verheißene Endzeit
rückte in immer weitere Ferne; zuletzt besaß sie kaum mehr eine
Bleibe im irdischen Theoriengebäude. Sollte sie fortbestehen, mußte
ihr eine neue Heimstatt errichtet werden, und zwar durch naturwis-
senschaftliche Einsicht und aus den Kräften und Bedingungen der
Erde. Es sollte tatsächlich gelingen.
Das neue Wissen von der Natur, das seit dem hohen Mittelalter ge-
wonnen war, hatte die göttlichen Zeichen für den heraneilenden
Jüngsten Tag entmachtet; es blieben aber die Prognosen der Wissen-
schaften. Die Astrologie, jahrtausendelang Wegweiser in die Zukunft
und zum Untergang, hatte bald ausgedient. Freilich nicht völlig. Ein
Kepler oder ein Newton hatten sie nicht gänzlich fallen lassen. Im Un-
tergrund verharrt sie bis heute. Bald schlug neuerlich die Stunde der
Kometen. Sie bewirkten nach den Theorien eines Aristoteles Dürre,
Erdbeben, Überschwemmungen; 1 1 sie kündigten seit den Beobachtun-
gen von Cicero und Tacitus Kriege an, 1 3 doch keinen Weltuntergang.
Bis in das 20. Jahrhundert erhielt sich in mancherlei Gestalt derartige
Kometenfurcht, obgleich «Entmythologisierung» bereits die Kosmolo-
gie erfaßte. Als i6'8o ein «Großer Komet» erschien («Kirchs Komet»,
C/1680 V i ) , heizte er die Kometenfurcht mit mancherlei Katastro-
phenprognosen an. Doch eben jetzt wies, angeregt durch den Mathe-
matiker und Astronomen Edmond Halley, Isaac Newton nach, daß
Kometen sich nicht (wie nach Aristoteles) sublunar, sondern in para-
bolischer Bahn um die Sonne bewegten. 1 4 Ein Naturschauspiel, doch
nichts Geheimnisvolles.
Bald erkannte Halley selbst am Beispiel des im Jahr 1 6 8 2 erschie-
nenen Schweifsterns dessen rhythmische Wiederkehr, berechnete des-
sen Umlaufzeit auf elliptischer Bahn und publizierte seine Ergebnisse
im Jahr 1 7 0 5 . Für 1 7 5 8 hatte er zutreffend die Wiederkehr «seines»
Kometen vorausgesagt; erlebt hat er sie nicht; er starb siebzehn Jahre
zuvor. Immerhin taufte man den Vagabunden auf seinen Namen. 1 * In-
200 Das Weitende im Säurebad der Au fklärung 200

des, was nutzt alle Wissenschaft, wenn das Volk sie nicht übernimmt?
Allmählich meldeten sich angesichts der Kometen Weltuntergangs-
ängste. Schon ein früheres Aufleuchten des Halleyschen Kometen im
Jahr 1 5 3 1 hatte Beobachter und Zeichendeuter an Jesu Prophezeihun-
gen vor dem «Ende» erinnert. Der Komet kündige - so Johann Schö-
ner auf einem zeitgenössischen Einblattdruck aus Dresden mit Ver-
weis auf die «kleinen Apokalypsen» bei Matthäus (c. 24) und Markus
(c. 13) - stets kriege und kriegsgeschrey an. 1 6 Großes stand mithin zu
befürchten. Doch 1 6 0 7 erschien ein beruhigender Einblattdruck: Der
gnedige / hochgetreive und gütige Gott / hat keine lust zum Verterben
vnd Vntergang des armen Menschlichen Geschlechtes.17
Allen Erfolgen der Wissenschaft zum Trotz befreite also das Wissen
der Gelehrten das ungelehrte Volk von der jahrhundertealten Kometen-
furcht nicht. Im Gegenteil, jetzt erst entfaltete sie ihre volle Wirkung.
So behielten auch jene kosmischen Ungeheuer lange noch, bis in das
20. Jahrhundert ihr Unglück und Untergang verheißendes Potenzial.
Noch Laplace meinte, ein Zusammenstoß eines Kometen mit der Er-
de hätte katastrophale Folgen. 1 8 Lew Nikolajewitsch Tolstoi mag als
Zeuge dienen; er hatte solches in seinem Roman Krieg und Frieden mit
Blick auf den Kometen des Jahres 1 8 1 2 festgehalten. Goethe spottete
über Drohende Zeichen (1820/22): Der Philister... meine Frau, fiircbf
ich, will auch erkranken, / Der Stern steht über meinem Haus! / Sie
thät schon seit acht Tag nicht zanken: / O weh! Das ist mir zu verfäng-
lich! - / Und andere Dinge nach Bericht! / Da ruft er seinem Nachbarn
bänglich: / Ich für cht' es kommt das jüngste Gericht. 1 8 5 7 erschien in
Frankreich ein Flugblatt mit einem dämonischen Kometen, der die
Erde zertrümmerte: Fin du monde. Ein anderes erschien am 2 1 . März
1 8 5 7 in der Illustrierten U Illustration. Journal universel: La Comete,
tableau de la fin du monde, 13 juin 1857.19 Die Liste ließe sich erwei-
tern. Ihren Höhepunkt erreichte die Weltuntergangsangst im Umfeld
des Wiedererscheinens des Kometen Halley im Jahr 1 9 1 0 . M a n hatte
schon für den Kometen 1908 III einen Aufbau aus tödlich giftigem
Cyan postuliert, was sich später als unzutreffend erwies. Für den Hal-
ley wurde Entsprechendes gemeldet und alsbald von den Zeitungen
kolportiert: tödliche Gefahr. Sie wurde ein einträgliches Geschäft. 2 0
Das Weitende im Säurebad der Au fklärung 201

Neuerdings lehrt man, daß Kometen der entstehenden Erde als Was-
serlieferanten gedient haben könnten, daß sie als Lebensspender und
nicht als Lebensvernichter in Erscheinung traten/ 1 Die Raumfahrt
entzauberte die Kometen vollends. Halley wurde durch Satelliten wie
Giotto aus der Nähe betrachtet. Im Jahr 2 0 1 4 landete eine Raum-
sonde auf dem Kometen «Tschuri» (Tschurjumow-Gerassimenko),
einem harten, aus Eis und Staub gebildeten Himmelskörper ohne ma-
gische Potenziale. Welcher Schweifstern könnte fortan noch den Welt-
untergang verkünden? Der wissenschaftliche Fortschritt eines halben
Jahrtausends hat sie entmachtet.
Als Alexander von Humboldt im Jahr 17.99 in Cumana (Venezuela)
eine Serie von Naturereignissen beobachtete, die jedes für sich und
erst recht in solcher Serie nur wenige Jahrzehnte zuvor als klare End-
zeitzeichen diagnostiziert worden wären, beobachtete er und beschrieb
er, was er sah, während das Volk auf der Straße laut schrie, detailge-
nau in dem einzigen Verlangen, die Natürlichkeit des Geschehens zu
erfassen und zu bestimmen: eine Sonnenfinsternis (28.10.), der eine
Woche später ein Erdbeben folgte (4.11.), dem elektrische Auf- und
Entladungen der Atmosphäre vorausgegangen waren. Die stärkste
Entladung [fand] um 4 Uhr 12 Minuten [statt], dann erfolgten zwei
m
Erdstöße, 15 Sekunden hintereinander, in einem Brunnen in 6 - 6 , 5
Tiefe hörte man ein Getöse wie einen starken Kanonenschuß.
Humboldt registrierte während des Bebens die Verminderung der
Neigung der Magnetnadel um mehr als einen Grad. Abermals eine
Woche später, am 1 2 . November morgens gegen halb drei Uhr, regnete
es Meteoriten vom Himmel, ein Ereignis, das bis Grönland hinauf
wahrgenommen w u r d e / 2 Die Sonne verfinsterte sich, die Erde er-
bebte, die Sterne fielen vom Himmel - und dennoch, wie immer «das
Volk» das Geschehen deuten mochte, für den Naturforscher war kein
Weltuntergang in Sicht. Die Aufklärung triumphierte.
Freilich war das nicht alles. Ein älterer Zeitgenosse, Gotthold Eph-
raim Lessing, hat in seiner Erziehung des Menschengeschlechts einen
Weg zur Vollkommenheit gewiesen. Er sah einen Anfang in Vernunft-
armut, den Gottes Eingreifen aber zur Vollendung höchster Stufen der
Aufklärung und Reinigkeit führen wird. Andere dachten damals, im
202 Das Weitende im Säurebad der Au fklärung 202

späteren 18. Jahrhundert, ähnlich. Auch Kant hatte mit seiner Idee zu
einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht die höchste
Absicht der sich der Vernunft bedienenden Natur in der Ausbildung
eines allgemeinen weltbürgerlichen Zustands, der dereinst einmal zu-
stande kommen werde, einer vollkommenen bürgerlichen Vereinigung
verkündet.
Lessing sah wie Kant in der Entfaltung des Menschengeschlechts
einen Anfang und ein Ende und dazwischen einzelne Etappen zur
Vollendung. Hier schimmerte noch immer das alte Muster der Heils-
geschichte hindurch, das nun aus den metaphysischen Höhen des
göttlichen Plans auf die Ebene natürlicher Vernunftentfaltung herab-
geführt war. N o c h griff Gott bei Lessing unmittelbar ein, lenkte, för-
derte und beschleunigte diese Entfaltung. Und Kant sah im Menschen
noch ein Geschöpf, das einzige vernünftige Geschöpf auf Erden und
sprach von der Anordnung eines weisen SchöpfersDie wiederhol-
ten kosmischen Untergänge möglicher Welten sahen sich freilich mit
der vollkommenen bürgerlichen Vereinigung Kants nicht verschränkt.
Eine Vereinigung physikalischer Kosmologie und gesellschaftlicher
Vollendung verweigerte sich dem vernunftgeleiteten Geschichtsden-
ken. Die Gebürge von Millionen von Jahrhunderten übertrafen offen-
bar unsagbar die zeitlichen Dimensionen der Entfaltung der Vernunft
und der menschlichen Geschichte. Himmel und Erde gingen getrennte
Wege. Unsicherheit mußte die Folge sein.
Goethe dramatisierte das Geschehen und zog es hinein in ein ein-
ziges Menschenleben. Seine F<3«si-Dichtung bedient sich des uralten
gnostischen Musters: Licht hier und Chaos, Nichts, Finsternis dort.
Erkenntnis als Ziel, doch der Teufel, der Geist, der stets verneint, der
sich selbst zum Demiurgen erklärt, sinnt auf Untergang. Faust beklagt
eben sein und jedes Menschenlos, von Phantasie hinaufgeführt in
lichte Höhen - Bin ich ein Gott? -, um sich umgehend im Staub zer-
treten und vernichtet zu sehen: Den Göttern gleich ich nicht! Zu tief
ist es gefühlt! / Dem Wurme gleich ich, der den Staub zerwühlt, / Den,
wie er sich im Staube nährend lebt, / Des Wandrers Tritt vernichtet
und begräbt! [...] Da lockt jene einzige Phiole, [...] Nach jenem
Durchgang hinzustreben, Um dessen engen Mund die ganze Hölle
Das Weitende im Säurebad der Anfkläricng 203

flammt, / Zu diesem Schritt sich heiter zu entschließen, / Und war es


mit Gefahr, ins Nichts dahinzufließen! Nicht hilfloses Opfer bleiben,
sondern in Manneswürde Täter sein, Täter auf dem Weg zum Unter-
gang, zur Hölle.
Doch Rettung winkt, und zwar aus dem Jenseits: Christ ist er-
stariden! / Aus der Verwesung Schoß. / Reißet von Banden / Freudig
euch los! Tätig ihn Freisenden, / Liebe Beiveisenden, Brüderlich
Speisenden, / Predigend Reisenden, / Wonne Verheißenden, / Euch ist
der Meister nah, / Euch ist er da! Die ganze Heilsgeschichte: vom
Göttergleichen herabgestürzt in den Staub und durch diesen sich wüh-
lend bis hin zum Flammenschlund der Hölle oder - sich erhebend
durch Tätig-Sein - zur Gemeinschaft mit dem Meister - die ganze
Weltgeschichte in ein exemplarisches Menschenleben, in wenige Verse
gebannt (Faust I,i Nacht). Das Muster der Heilsgeschichte ist - wenn
auch nicht ausdrücklich angesprochen - so doch stillschweigend
präsent. Sogar der Untergang fehlt nicht. Goethe mißtraute der Auf-
klärung.
Der Dichter der Klassik traf sich darin wohl mit dem romantischen
Komponisten Louis Spohr. Zwei Oratorien widmete derselbe dem
Ende: Zunächst Das Jüngste Gericht, sodann Die letzten Dinge
(1826). Das Gericht sei ihm nicht geglückt, meinte Spohr selbst. Die
letzten Dinge (nach einem Libretto von Friedrich Rochlitz unter Ver-
wendung vor allem der Apokalypse des Johannes) aber werden bis
heute aufgeführt. Die endzeitlichen Erwartungen waren somit noch
gegenwärtig, nicht schon vergessen. So spricht der Herr: «Das Ende
kömmt; von allen Winden der Erde kömmt das Ende; es kömmt auch
über dich. Ich ivill dich richten, wie du verdienet hast, und will dir ge-
ben, was dir gebühret.» Mit diesen Worten beginnt der Zweyte Theil
des Oratoriums. Klage tönt vom Thal herauf und aus den Klüften
Wehgeschrey. Es kömmt, der Tag der Schrecken kömmt.
Da aber schleicht sich zaghaft ein neuer Ton in die gläubige Zu-
versicht ein, ein Ton, der bald die Meinungen beherrschen wird: die
Rede nämlich von den Schrecken, dem Untergangstaumel des Jüng-
sten Tages. Sie (die Völker) werfen ihr Silber hinaus und achtefi ihr
Gold als Spreu; denn es errettet sie nicht am Tage des Herrn. Ihre See-
204 Das Weitende im Säurebad der Au fklärung 204

len werden nicht davon gesättigt, und ihren Gliedern macht man Ket-
ten. Die Könige stehen gebeugt; die Fürsten klagen in Trauer; des Vol-
kes Arme sinken matt herab, und seine Tränen fallen in den Staub.
Immerhin, der Untergang ist nicht vergessen, wenn auch «gebändigt».
So meldet er sich am Ende: Nicht Sonne mehr, noch Mond: Er (Gott)
ist ihr Licht, und seine Herrlichkeit umleuchtet sie. Kein Tempel steht
in Gottes Stadt: Er ist ihr Tempel, und das Lamm. Spohrs Komposi-
tion ist eher beruhigend als beängstigend, eben matt, nicht aufwüh-
lend, die Texte erstarren weithin im Herkommen, und dieses mündet
in konventionelle Zuversicht. Alle Völker der Erde werden kommen
und anbeten vor dir. Halleluja/14 Für eine solche Mischung aus Unter-
gang (Sonne und Mond sind nicht mehr) und Erlösung (Halleluja)
w a r das Publikum der Romantik empfänglich; sie traf seine Erwar-
tungen. Das Oratorium wurde während der ersten Hälfte des 19. Jahr-
hunderts häufig zur Aufführung gebracht, ein halbes Jahrhundert
später kaum noch und heute immerhin gelegentlich. Geschieht es der
Texte wegen?
Anderes aber drängte sich mittlerweile in den Vordergrund. Das
Verlangen, der Durst nach Vorauswissen der Zukunft, suchte sich
neue Quellen und bahnte sich neue Wege. Die Prognostik verstummte
nicht; sie hatte sich aber gewandelt, verzichtete auf die Schrecken.
Sozialutopisten und Revolutionäre erbten die eschatologischen Atti-
tüden und Hoffnungen der Alten Kirche, der Aufklärung und des Mit-
telalters. Sie entwarfen - irgendwie nach den Sternen greifend -
Endstadien der Gesellschaft, die mit aller Macht und Gewalt realisiert
werden sollten.
Säkularisation durch Wissenschaft bemächtigte sich trotz aller Ver-
zögerung der Eschatologie; ihr schien - fürs erste jedenfalls - der
Untergang entbehrlich. Sie gebärdete sich als Bewältigungsstrategie
sozialer Probleme. Allmachtsphantasien breiteten sich aus. M a n
glaubte, die Geschichte «machen» und die Gesellschaft formen, bald
auch gewünschte Menschen züchten zu können. Denn Endzeit rief
stets zum Handeln auf. Irgendwie wird auch die anthropologische
Utopie der Aufklärung hierher gehören, die da annahm, daß das
menschliche Geschlecht sich durch den Gebrauch der Vernunft in
Das Weitende im Säurebad der Au fklärung 205

einem steten Fortschreiten zum Besseren befände. Robespierre erklärte


1793 den Fortschritt der Vernunft zur Vorbereitung seiner Revolution
mit geradezu apokalyptischen Wendungen: die Zeit ist gekommen15 -
für viele in der Tat das Ende.
Von solchen Visionen war es nur ein kleiner Schritt zu völliger Säku-
larisation, vollständiger Entkirchlichung und Entgöttlichung der Heils-
perspektiven, ein Schritt, den Karl M a r x mit seiner Lehre einander
ablösender, zuletzt in einen betörenden Kommunismus mündender Ge-
sellschaftsformationen vollzog, der - offenbar für alle Zukunft - jeden
nach seinen Bedürfnissen beglücken sollte. Die Argumente entlehnte
M a r x der profanen Gesellschaftsgeschichte, nicht den Naturwissen-
schaften, schon gar nicht christlicher Heilsgeschichte, eher gnostischen
Utopien. Über die Christen spottete er lieber. Die heilige Familie von
T845, die er gemeinsam mit Friedrich Engels verfaßte, beschloß er denn
auch mit donnerähnlichen Aspekten des k r i tis c h en jü ngs te 11
Gerichts und verhöhnte Kritiker, die mit ihrer Kritik zweimal die
Welt vor dem Untergehen gerettet hätten, doch nur um nun selbst den
Weltuntergang zu beschließen. Kirchliche Untergangssymbole dienten
zur Bekräftigung: Dies irae, dies illa (der Hymnus des Totenoffiziums)
und jenes die Endzeit verkündende Kriege und Kriegsgeschrei des Evan-
gelisten (Mc 13,7). Eine historische Nachrede konstatierte: Nicht die
Welt, sondern die kritische Literatur-Zeitung sei untergegangenrb Es
war ein Weltuntergang als literarische Agitation.
Endzeitliches wurde dennoch hochgespült, jedenfalls in der Per-
spektive marxistischer Propheten oder ihrer russischen Gegner. Ruß-
land nämlich erfüllte zu Beginn des 20. Jahrhunderts eigentümliche
apokalyptische Erwartungen. Da schrieb Wladimir Solowjow eine
Kurze Erzählung vom Antichrist, in der zuletzt der weltbeherrschende
Gegenchrist mit seinen Anhängern in der Entscheidungsschlacht von
einem Feuersee verschlungen und Christus ein tausendjähriges Frie-
densreich errichten wird; da entwarf Serafim von Sarov eine Vision,
wonach die durch Rußland vereinten Slawen als einzige den endzeit-
lichen Verführungskünsten Satans, des Antichrist, widerstünden; da
triumphierte schließlich in der gerade im Nachkriegsdeutschland ver-
heerend wirkenden Propagandaschrift Der jüdische Antichrist und
206 Das Weitende im Säurebad der Au fklärung 206

die Protokolle der Weisen von Zion17 ein jüdischer Weltherrscher aus
dem Geschlecht Davids und plante die Errichtung des totalen Wohl-
fahrtsstaats auf Erden.2-8 Andere sahen die Dinge anders. An jenem
Tage, an dem der Westen sich mit Russland vereint, wird er [d.i.
«Russland ... der Fels»] von einem allumfassenden Weltbrand ergrif-
fen werden: alles Brennbare ivird in Flammen aufgehen, hieß es bei
Andrei Belyj 1 9 1 2 , und Alexander Blok spürte angesichts der Oktober-
revolution die Wonne des Absturzes in die Eivigkeit.19 Viele glaubten
und hofften, während Heilsverheißungen Gewalt und Unterdrückung
kaschierten.
Die Psychologie Sigmund Freuds und die jüngere Neuropsychologie
destruierten auch diese Zuversicht. Sie scheiterte am Menschen, an
seiner neuronalen Organisation, geknebelt von unkalkulierbarer Sozia-
lisation und unter den Masken des Begehrens, nicht etwa am Kapita-
lismus. Die Welt ist weder sicherer noch friedlicher geworden, weder
rationaler noch angstfreier, wohl aber menschenreicher und unüber-
schaubarer, chaotischer.
Längst hatte (eine andere Folge der Aufklärung) die Historisie-
rungswelle auch die Theologie erfaßt. Heinrich Corrodi etwa, der
erste Historiker des Chiliasmus im ausgehenden 1 8 . Jahrhundert, ver-
warf eben diesen Chiliasmus als ein System fanatischer Erwartungen
naher Freuden und Wollüste, als ein Phänomen psychischer Patholo-
gie. 30 Schon zuvor (1780) hatte er Beyträge zur Beförderung vernünf-
tigen Denkens in der Religion herauszugeben begonnen. Die bisherige
Eschatologie geriet zum Schwärmertum. Die Wiederkehr Christi ver-
sank - dem christlichen Glaubensbekenntnis zum Trotz - immer tiefer
in Desinteresse der Gläubigen und in Vergessen oder versteckte sich
bei neuzeitlichen Sekten. Säkulare Heilslehren drängten zur Herrschaft.
Das Aufkommen wissenschaftlicher Hermeneutik beschleunigte diese
Entwicklung noch weiter.
Eben hatte Spohr sein Oratorium von den letzten Dingen uraufge-
führt, da entgöttlichte eine quellenkritische Leben-Jesu-Forschung -
auf realistische Nachprüfbarkeit und konsequente Überlieferungskri-
tik gestützt - den Herrn und Erlöser. Zumal die Jesus-Monographie
des jungen David Friedrich Strauß erschütterte Theologen wie Gläu-
Das Weitende im Säurebad der Au fklärung 207

bige, löste eine Flut von Gegenschriften aus und eine Debatte, die bis
heute anhält.-' 1 Ludwig Feuerbach, der Linkshegelianer, um nur ihn zu
erwähnen, verwies auf sie, als er seine Religionskritik in Materialis-
mus münden ließ. Andere hielten es ebenso. Der Heiland erschien
nicht mehr in seiner göttlich-menschlichen Doppelnatur, war bloß
noch Mensch, der Rabbi Jesus aus Nazareth; der gekreuzigte Gott
war eine Gestalt des Glaubens. Was blieb dann von seiner Wieder-
kehr, vom Jüngsten Tag und dem Gericht? Vom Untergang? Die Me-
thoden der Geschichtswissenschaft können den religiösen Glauben als
Phänomen und Wirkfaktor der Geschichte erkennen und verfolgen,
die Glaubensinhalte aber entziehen sich jedem methodisch kontrol-
lierten wissenschaftlichen Zugriff.
Ein Weltuntergang wurde kaum mehr befürchtet; er wurde beiseite
geschoben. Auch die Theologen schwiegen zumeist von ihm. Um so
ausgiebiger drängte die Neugier zur Gegenwart hin, zur eigenen ge-
schehensreichen Umwelt, griff zu den Zeitungen, die seit dem 17. Jahr-
hundert in Mode kamen und nur hin und wieder von Zukunftszeichen
handelten, gewöhnlich aber für aufregend befundene Tagesmeldun-
gen und Neuigkeiten «aus aller Welt» zum besten boten; und man ver-
gaß zeitungslesend mit der Zeit den angedrohten Weltuntergang. 32
Bald blühte die «Eschatologie» auf, die Lehre vom Ende; auch ihr
fehlte das Moment eines realen Untergangs. 33 Der Begriff verbreitete
sich im 19. Jahrhundert zumal im Protestantismus. Er verwies auf zwei
divergierende Grundhaltungen: eine «präsentische», wonach die End-
zeit mit Jesu Wirken schon angebrochen war und es jetzt galt, die Ver-
wirklichung der Religion zu vervollkommnen, und eine «futurische»,
zumal im Pietismus verbreitete, die einen «Prozeß der zunehmenden
Vergeistigung und Sittlichwerdung der Welt», einer «Weltwerdung»
Gottes durch die «sittlich gewordenen Menschen», predigte. Sittlicher
Fortschritt verwirklichte nun die Heilsgeschichte. Der Weltuntergang
verflüchtigte sich, Vollendung und Vollkommenheit traten an seine
Stelle.

Die neueren naturwissenschaftlichen Erkenntnisse des 19. Jahrhun-


derts prägten freilich auch der Theologie ihre Spuren auf. Das Weltge-
richt und eine Zeit danach rückten in unermeßliche Ferne; die Deu-
208 Das Weitende im Säurebad der Au fklärung 208

tung der Endzeitprophetie blieb vage, selbst wenn die Endzeitzeichen


in der Gegenwart für erfüllt betrachtet wurden. Die Wiederkehr
Christi konnte nun als eine «Reihe von Akten» gedeutet oder über-
haupt nicht beachtet werden. 3 4 Wie sollte man auch anders, da das
Weltende sich verflüchtigte und theologisch oder seelsorgerlich kaum
mehr verifiziert werden konnte. Dann - fängt die Erde allmählich an
zu erkalten, die Menschheit wird müder und müder, schwächer und
schwächer, und allmählich stirbt alles Leben auf der Erde. Und dann!
Dann ist von allen Herrlichkeiten der Erde nichts weiter übriggeblie-
ben als eine große Wüste, ein großes Grab. Die Erde stürzt wieder in
die Sonne, und auf einem anderen Gestirn mag der Tanz aufs neue be-
ginnen.35 Physikalische Kosmologie triumphierte über die Theologie.
Solcherart Gedanken mochten nahegelegt sein durch die Lehre von
der Erhaltung der Energie und der Entropie («Äquivalenzwert» oder
«Verwandlungswert»), gemeinsam mit der Temperatur einer Zu-
standsgröße im thermodynamischen Gleichgewicht. 36 Sie hatte einen
neuartigen, wissenschaftlich gesicherten Zugang zum Weltuntergang
gefunden (oder glaubte es doch), die Unumkehrbarkeit nämlich ther-
modynamischer Prozesse in einem geschlossenen System. Energie-
übertragung entfaltet sich hier nur in eine Richtung, vom Wärmeren
zum Kälteren, nicht aber umgekehrt. Das Endergebnis war ein ther-
misches Gleichgewicht. Es bedeutete, auf den gesamten Kosmos (als
eines geschlossenen Systems) bezogen, das Ende aller Bewegungen,
aller Verwandlungen, aller Lebensprozesse, den Wärmetod.
Die Entmythologisierung von Bibel und Neuem Testament meldete
sich bald. Sie war nun kein schleichender Prozeß wie seit der Rezep-
tion aristotelischer Logik und Physik im frühen und hohen Mittelalter;
sie wurde wissenschaftliches Programm. Dasselbe ist untrennbar mit
dem Namen Rudolf Bultmann verbunden. 3 7 Der Wirklichkeitsgehalt
der biblischen und neutestamentlichen Texte steht mit diesem Pro-
gramm zur Diskussion. Synkretistische Züge des frühen Christentums
wurden entdeckt und für die eschatologischen Perspektiven der sich
herausformenden Weltreligion ausgewertet. Historistische Momente
mischten sich in die theologischen Interpretationen. Die Gefahr des
Werterelativismus zog herauf, wovon hier nicht zu handeln ist. Die jü-
Das Weitende im Säurebad der Au fklärung 209

dische Apokalyptik in der Spätzeit des Zweiten Tempels erschien nun


als zeitbedingter Rahmen der Endzeitpredigt des Mannes aus Naza-
reth, der Weltuntergang als mythendurchsetzter Apostel- und Ge-
meinde-Glauben, nicht mehr als zukünftige Geschichte.
In der Tat, bald fragte kaum ein Christ mehr - von wenigen Sekten-
anhängern und vielen Protestanten in den USA abgesehen - nach dem
Ende der Zeiten und seinen Schrecken. Die Wiederkehr Christi, der
Jüngste Tag, das diesem folgende Gericht - zum Mythos geworden -
verflüchtigten sich. Die endzeitliche Trennung von Gut und Böse, zu-
vor als künftiges Geschehen stets auf Erden lokalisiert, etwa ins Tal
Josaphat (vgl. Joel 3,2), das im Mittelalter und von manch einem
frommen Juden auch heute noch mit dem Kidrontal bei Jerusalem
identifiziert wurde und wird, sah sich auf unabsehbare Zeit ins Jen-
seits abgeschoben, ja, ins Vergessen abgedrängt, bestenfalls als Sym-
bol, als Chiffre für gesellschaftliche oder psychische Befindlichkeiten
bewahrt.
Der Satz des Glaubensbekenntnisses: venturus... iudicare vivos et
mortuos, was bedeutet er nun? Ohne Eschaton, ohne die Vision der
Flammen, ohne Gefahr für Leib und Seele verflüchtigt sich das einst-
mals stärkste Movens christlicher Ethik. Da pflegt der Staatsbürger
vielleicht noch, erkaltet sie nicht, private Nächstenliebe, vertraut
öffentlicher Sozialfürsorge oder überantwortet sich in transzendenz-
loser, doch in habituell endzeitlicher Perspektive den wirksamen ge-
sellschaftlichen Kräften, dem Glück oder dem Zufall, ziellosem Spaß,
wenn nicht nacktem Erfolgs- und hemmungslosem Machtstreben,
wirtschaftlicher Gier und der Strafgewalt des säkularen Staates. Doch
das war nicht alles. Denn die zugrunde liegende Erwartungshaltung
war längst internalisiert, war zum kulturellen Habitus geworden; und
dieser blieb. Irgendwo lauert damit der Weltuntergang in den Tiefen-
schichten des kollektiven Gedächtnisses und der westlichen Psyche
noch immer.
Eine eigentümliche Mischung aus wissenschaftlichen Untergangs-
dementis und gleichermaßen wissenschaftlichen Untergangsprogno-
sen breitete sich aus. Sie war Humus für die Trivialliteratur. Sie be-
mächtigte sich an Stelle der Theologie des Untergangsstoffes. Gerade
210 Das Weitende im Säurebad der Au fklärung 210

das 19. Jahrhundert, diese aufgeklärte und zugleich romantische Epo-


che, war sich nicht zu schade dafür. Das Stichwort gab der Histori-
ker Jules Michelet. Er skizzierte mit knappen Worten das Bild einer
Menschheit, die im Jahre 1 0 0 0 nach Christus besinnungslos vor
Angst ihrem Untergang entgegentaumelte. 38 Jetzt erst kam der End-
zeittaumel in volle Fahrt. Die englische Romantik schloß sich an. 35 '
Felix Dahn, Juraprofessor und in seinem Roman Ein Kampf um Rom
(1876) als grandioser Erzähler ausgewiesen, stürzte sich auf das
Thema. Morgen um die zwölfte Stund' / Heia, geht die Welt zu-
grunde Rasch noch die letzten Lebensaugenblicke genießen! So ließ
er die Zeitgenossen des Jahres 1 0 0 0 dem Untergang entgegenfiebern.
Wirklich ernst w a r das nicht gemeint. Vielmehr erhob sich der Autor
spottend über das unaufgeklärte, leichtgläubige, irregeleitete Volk
von einst. 40 Das passte zu den frivol verhöhnten Kometen: Kommt
ein Stern mit seinem Schwanz, will die Welt zertrümmern Die
falschen terreurs de Van mil haben seitdem viele Anhänger und
ebenso viele oder noch mehr Gegner gefunden; erst in der Mitte des
2.0. Jahrhunderts wurden sie wieder zurechtgerückt. 42 Alles nur Be-
trug oder Phantasie? Weder diese noch jene Position traf tatsächlich
den Sachverhalt der Jahrtausendwende. Die Wirksamkeit lebendigen
Glaubens an den real drohenden Untergang entzog sich den Roman-
tikern und den Naturalisten völlig.

Waren Apokalyptik und Eschatologie einst angetreten, um in visio-


närer Schau die Zukunft von König, Volk und Welt zu enthüllen, so
artikulierten sich nun, im Zeitalter des literarischen Naturalismus, psy-
chische Bedrängnisse, Verzweiflung und Angst, die Unsicherheiten im
Angesicht einer Welt der Technik und des Materialismus mit apoka-
lyptisch-eschatologischem Gestus. Die Literaten und Dichter schlüpf-
ten dazu in die Rolle des Sehers. Hier öffnete sich ein neues Einfallstor
für die schon überwunden geglaubte Untergangsfurcht. Die Umbrü-
che und katastrophalen Erfahrungen der Gegenwart sahen sich nun
in apokalyptischen Bildern und visionärer Sprache, als fiktionale Zu-
kunft beschrieben. 43 Es sollte bis tief ins 20. und ins frühe 2 1 . Jahr-
hundert nachwirken. 4 4 Das Wissen, die Rede, die Reflexion über den
Untergang blieben auch ohne den Glauben lebendig.
Das Weitende im Säurebad der Au fklärung 211

Jene Erkenntnisse in der Altersbestimmung von Erde und Kosmos


desavouierten zwar Z u g um Z u g alle apokalyptischen Rechenkünste;
denn mit dem Anfang verlor sich das Ende. Doch heutige Umfrage-
ergebnisse verdeutlichen aller Wissenschaft zum Trotz, daß sich die
Aufklärung mit ihrer Destruktion eschatologischer Erwartungen kei-
neswegs allgemein durchgesetzt hat. Sie bleibt - wie im Mittelalter -
die Weltanschauung kleiner, aber durch Bildung, Vermögen oder so-
ziale Netzwerke einflußreicher Eliten. Irrationalität und intellektuelle
Unmündigkeit triumphieren nach wie vor, auch ohne einen virulenten
Glauben an das Jüngste Gericht. Entgegen den wissenschaftlichen
Erkenntnissen hält sich unter «Junge-Erde-Kreationisten» die An-
nahme von der Erschaffung der Erde vor 6000, allenfalls vor 10 000 Jah-
ren. Unsere Welt ist ungefähr sechstausend Jahre alt! So verkündeten
die «Christian Assemblies International» 1987 auch auf deutsch und
änderten bis 2 0 1 5 ihre Haltung nicht. 45 Einschlägige Umfragen verrie-
ten: Gestaffelt nach Schulbildung, Konfession und regelmäßigem Kir-
chenbesuch beharrten im Jahr 2005 zwischen 20 % und 50 % der
Deutschen auf kreationistischen Annahmen. 46 Unter Briten oder US-
Amerikanern sieht es ähnlich aus. In Hessen sollte noch unlängst der
biblische Kreationismus reanimiert und in den Biologieunterricht der
Schulen gleichsam als biologische Theorie eingeführt werden. 47
Der Glaube an die Verkündungen der alten Texte macht blind gegen
die neueren und neusten Erkenntnisse. In der Tat, im Unterbewußt-
sein, in den kulturellen Prägungen der «westlichen» Zeitgenossen von
heute nisten die alten Drohungen und Deutungsmuster. Immer wieder,
in unterschiedlichster Weise und Gestalt drängen sie zum Licht, erre-
gen, verwirren, bedrohen tatsächlich die Seelen, die Psyche einzelner
und ganzer Generationen. Das 20. Jahrhundert und die gegenwärtige
Epoche sind voll davon.
Die Wissenschaft siegte nicht umfassend. Die Angst blieb. Sie arti-
kuliert sich mitunter noch immer in apokalyptischem Entsetzen, nährt
aber auch eine heimliche Lust am Untergang. 48 Angst ist genetisch be-
dingt und wird rasch und wirksam durch bedrohlich wirkende Signale
der Umwelt geweckt. Sie folgt dem Gefühl der Gefährdung, der Hilf-
losigkeit und Ohnmacht, des Nichtwissens, des Dunklen und Un-
212 Das Weitende im Säurebad der Au fklärung 212

heimlichen. Angst ist zukunftsgerichtet und bewirkt eine Vorweg-


nahme des Kommenden im Jetzt. Geräusche, Gerüche, optische Ein-
drücke, sprachliche Signale können sie wecken und lenken. Indivi-
duen und Kollektive, Erfahrung und Wissen wirken dabei zusammen.
Angst steuert die Wahrnehmungen, indem sie eingehende Informa-
tionen bewertet und selektiert. Ihr Einfallstor ist gut erforscht. Sie
entsteht in einem komplexen Funktionsverbund von Stammhirn, Z w i -
schenhirn und Neokortex. Spezifische Neurotransmitter (wie etwa
Adrenalin) sind beteiligt. Ihre anthropische Funktion ist evident.
Angst stellt eine Brandbotschaft des Hirns an unser Bewußtsein oder
Unterbewußtsein dar, an unser Handlungsvermögen, wirkt wie eine
dringende Aufforderung zur Flucht mit gleichzeitiger Bereitstellung
aller verfügbaren Fluchtpotentiale des Körpers: «Fort! Fort! Fort!» -
und wir rennen um unser Leben. Angst also ist gut erforscht, doch
überfällt sie uns immer wieder neu.
Angst kann durch Drogen so gut wie durch äußere Umstände,
durch religiöse Kulte und spezielle Inszenierungen hervorgerufen wer-
den; sie kann sich mit ihren Signalen im Unterbewußtsein einnisten,
ständig aufrufbar sein, sich vielfältig äußern und bis zur Panik stei-
gern. Der Journalist und Schauspieler Orson Welles lieferte dafür im
Jahr 1938 mit seiner Pseudoreportage einer Invasion vom M a r s (nach
H. G. Wells, War of the Worlds) eines der bekanntesten, zugleich auch
psychologisch untersuchten Beispiele. This is the end now. Smoke co-
mes out... black smoke, drifting over the city. People in the streets see
it 11010. They're running towards the East River... thousands of them,
dropping in like rats. Manch ein Hörer hielt für Realität, was nichts
weiter war als eine sprachlich und dramaturgisch raffiniert präsen-
tierte Fiktion. We listened getting more and more excited. We all felt
the world ivas coming to an end. So gestand eine Hörerin im Nach-
hinein. Everybody was terribly frightened. Some of the women almost
went crazy. The men were a little calmer. Some of the ivomen tried to
call their families. Some got down on their knees arid prayed.
Je geringer die Bildung, desto höher war der Prozentsatz derer, die
das Spiel bannte und die Angst überwältigte. Schon zuvor traumati-
sierte Hörer leisteten ihr geringeren Widerstand. Gebildete widerstan-
Das Weitende im Säurebad der Au fklärung 213

den eher: I didn't know just what it was. I couldn't malze myself be-
lieve it was the end of the world. l've always heard that when tbe
world would come to an end, it would come so fast nobody would
know - so why should God get in touch with this announcerf Psy-
chische Disposition, Bildung und Angst korrespondieren. 49 Die Er-
wartung des Weltuntergangs hat sich in der Psyche eingenistet. Selbst,
wer ihn nicht erwartete, rechnete mit ihm.
Neben der Angst wirkt die Enttäuschung. Das Ausbleiben der Paru-
sie zog in die Seele der frühen Christen ein und hat sich auf Dauer ins
kulturelle Gedächtnis des christlichen Westens eingebrannt. Der Glaube
an die Verheißung des Herrn hatte sich nicht erfüllt, der Glaube an
den Aufgang der Seligkeit, der Bestrafung der Feinde Christi. Alle Er-
klärungen konnten über die Enttäuschung nicht hinwegtrösten. Von
Generation zu Generation wurde die Erwartung erneuert; von Gene-
ration zu Generation entzündete sich die Enttäuschung neu. Keine
Aufklärung vermochte diese Enttäuschung zu überdecken, bestenfalls
in gesellschaftliche oder politische Aktionen zu verwandeln.
Solche Kontinuität bewahrte bis zur Gegenwart Untergang und
Weltende als ein seines religiösen Ursprungs beraubtes Muster von
Desillusion. Schmerzlich, unabänderlich, mitunter als persönliches
Geschick, im Schlager popularisiert: Non e stato facilc / dirti sempre
si / e giocare nella nebbia / a perderti. H Voglio il paradiso / e tu non
sai cos'e / imagina ...II La fine del mondo / un giorno arriverä / e an
segno profondo I forse resterä / cerco il tuo pianeta tra le stelle mentre
cade giü / la fine del mondo / sei giä tu / sei giä tu // [...] La fine del
mondo / sei giä tu / sei giä tu / cerco il tuo pianeta tra le stelle mentre
cade giü / e la fine del mondo /e manch i tu... So besingt im Jahr z o i z
Gianna Nannini mit ihrer heiseren Stimme ein Wandern im Nebel
unerwiderter Liebe. La fine del mondo,50 das Weltende - hier eine er-
sehnte, dort eine erkaltete Liebe.
Ein Schock, ein psychisches Desaster: das Ende der Welt, der Welt-
untergang, die eigene Katastrophe, der eigene Tod. Wie bei allen neu-
ronalen Aktivitäten bedarf es entsprechender Impulse von außen, um
sie auszulösen. Diese unterliegen - nicht nur in Panik oder in der
Liebe - in ihrer unvorhersehbaren Situativität, selbst wenn die angster-
214 Das Weitende im Säurebad der Au fklärung 214

zeugenden Signale von Naturphänomenen ausgehen und dem eigenen


Leben gelten, der bewußten oder unbewußten D e u t u n g durch kul-
turelle Kräfte. Wer das Fluchtverhalten von Elefanten oder anderen
Tieren bei der indonesischen Flutkatastrophe von 2004 rechtzeitig zu
deuten w u ß t e, entkam dem Unheil, das dem Untergang glich.
Selbstbetroffenheit ist nun beteiligt. Je höher diese ist, desto leichter
wird Untergangsangst geweckt. Ohne Betroffenheit ist die Angst
kaum zu verstehen. Eine Sonnenfinsternis, selbst eine totale, stürzt
uns Heutige nicht mehr in Panik; nicht jeder Donnerschlag ängstigt
uns noch; ein Hochgeschwindigkeitszug steigert allenfalls dann unse-
ren Adrenalinausstoß, wenn er sich verspätet und wir den Anschluß
verpassen, während noch die ersten Zugreisenden um 1 8 4 0 ob der
Geschwindigkeit von wenigen Stundenkilometern panische Angst-
zustände durchlebten. Wir fühlen uns nicht selbst betroffen. Und wer
heutigentags lässig in seinen Sessel gelehnt, sein Bier trinkend in der
Television die Bilder von Zerstörung, der Urgewalt der Naturkräfte,
ihrer schrecklichen Schönheit, von der Bestialität menschlicher Kriege
und Terrorakte aufleuchten sieht, mag allerlei empfinden, aber keine
unmittelbare Untergangsangst. Ihn bedroht die Welt nicht. Nur, was
in der Seele wühlt, vermag die Angst zu wecken.
So mag es scheinen, wenn auch nur auf den ersten, flüchtigen Blick.
Denn der Weltuntergang hatte sich als religiöse Erwartung längst ver-
flüchtigt, hat sich im Gegenzug aber eingenistet in den westlichen Denk-
stil, direkt oder indirekt, als latente Katastrophenerwartung oder als
Gegenutopie eines Neuen Jerusalems, als immer wieder verfolgte
Perspektive linearer Entwicklungsprozesse. Die Angst blieb. Künstler
erinnerten sich des Untergangs, auch der versprochenen Seligkeit.
Maler, Dichter, Komponisten bedienten sich wieder der Schrecken der
Apokalypse, um ihre Ängste und Visionen zu artikulieren, und in-
szenierten sie mit ihren Mitteln neu. Populäre Subkulturen bereiten
heutigentags dem Untergang frische Triumphe. Sogar die Wissen-
schaft wird ihn für sich wieder entdecken.
Ahnung, Angst und Wissenschaft heute

Denn der Götter Ende / dämmert nun auf: / So - werf ich den Brand /
in Walhall s prangende Burg.1 Nichts weniger als den Sturz der Götter
und den Triumph der Menschen verkündete der Komponist und Dich-
ter. Die Menschen allein waren künftig für die Welt verantwortlich.
Ihrer Leidenschaftlichkeit, ihrer Vernunft, ihrem Wahn war sie fortan
ausgeliefert, ihrer «gottlosen» Ethik. Jede Endzeit, jede Götterdäm-
merung, überhaupt dergleichen Untergang wird fortan Menschen-
werk sein. Deren Erwartung war längst zum Habitus geworden, des-
sen Glaubensgrundlagen kaum mehr bewußt wurden. Er manifestierte
sich in religiöser, sozialer oder politischer Rhetorik 1 und stützte sich
auf ein apokalyptisches Referenzsystem, das sich in knapp zwei Jahr-
tausenden in dem kommenden Untergang verfangen hatte. Es hatte in
seiner langen Geschichte fortgesetzt an Komplexität zugelegt. Der
Theologe Richard Riess diagnostizierte für die Gegenwart nicht weni-
ger als sieben apokalyptische Interpretationsmuster: ein physikalisches,
ein psychoanalytisches, gesellschaftskritisches, biblisch-theologisches,
philosophisches, psychiatrisches und ein soziologisches Muster. 3 In
historisch-genetischer Perspektive erweisen sie sich durchweg als
«westlich» und als Derivate jahrhundertelanger habitualisierender
Trends; funktional betrachtet wirken sie seit eh und je zusammen. Die
Rhetorik des Endes, die Suggestivkraft des Untergangs, des Weltbran-
des, aber rief immer wieder nach Verwirklichung, nach Zerstörung
und Gewalt und keineswegs bloß nach jenseitigem oder diesseitigem
Heil.

Dunkle Wolken zogen auch jetzt am Horizont herauf. Die Zeiten


wurden gefährlich. Der Weltuntergang war wieder in aller Munde.
216 Ahnung, Angst und Wissenschaft heute

Blutige Revolution, internationale Krisen weckten die Ängste. Dro-


hend aggressiv durchpflügten Kriegsschiffe die Meere. Der Brand war
geworfen. Die Waffen sollten sprechen. Sie sollten Macht über die
Welt verschaffen. Da stürzte die Welt aus einem Jahrhundert großer
Komponisten, Dichter und Philosophen, einer beseligenden Phase für
Forschung, Natur- und Geisteswissenschaften in die Stahlgewitter
eines Krieges (Ernst Jünger), der alle apokalyptischen Gesichte zu
übertreffen schien, in dem die Menschen sich mit Granaten, Panzern
und Giftgas, mit Unterseebooten und Flugmaschinen bekämpften, in
die Urkatastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts.4 Die Völker haßten
einander, die Liebe war erkaltet. Dieser Untergang war realer, als alle
früheren Propheten ihn verkündet hatten. Die Wetter verzogen sich
nach dem Friedensschluß nicht; sie schienen nur dann und wann Atem
zu schöpfen, um immer aufs neue und verhängnisvoller denn zuvor
über die Welt hereinzubrechen.

Künstler• Dichter und Komponisten

Dichter und Künstler um 1 9 0 0 hatten das Unheil kommen sehen. 5 Sie


ahnten, was die Zeichen verhießen, und beschleunigten mit ihren
Ahnungen seine Heraufkunft. Noch im Jahr 1908/1909 malte M a x
Beckmann eine Auferstehung (s. Farbtafel 9), die hoffnungsvoll die
Leiber der Toten aus der Tiefe, dem Dunkel der Erde zum Licht
emporsteigen sah, in das sie kniend, betend, dankend, glückselig ein-
gingen und in dem sie verschwanden, als würden sie in Licht verwan-
delt - eine großartige Imagination: gläubig, gnostisch, symbolreich
und zuversichtlich. Er selbst, der Schöpfer der Szene, steht abgewand-
ten, gesenkten Blicks gemeinsam mit seiner Frau Minna Tube und der
aufschauenden Mutter Tube, Witwe eines Militärseelsorgers, am lin-
ken Rand und doch inmitten des Spektakels, er im dunklen Straßen-
anzug, Minna in hellem, ausgeschnittenem, die Mutter in gedecktem
Festgewand, keine Zuschauer, dennoch Zeugen des ungeheuerlichsten
Geschehens, das die Menschheit ersonnen und das aller Natur und
Realität widersprach. 6
Künstler, Dichter lind Komponisten 217

Auf der gegenüberliegenden Seite, am rechten Bildrand, stehen


andere Freunde, darunter Franz Kempner, - wie unbeteiligt mit dem
Rücken zum grandiosen Geschehen. Kempner wird später im Wider-
stand gegen das Terrorregime Hitlers durch die Schergen Roland
Freislers ermordet werden. Mit ihnen allen, diesen Auferstehungs-
zeugen, war Gegenwart, was um sie geschah. Apokalypse als gemalte
Realität, als Auferstehung - wie seit der Aufklärungszeit regelmäßig -
ohne kommendes Gericht, in sinnender, verwunderter, meditativer
Freude. Noch.
Doch drohende Zeichen zogen auf. Im Jahr 1 9 1 0 erregte der Hal-
leysche Komet von Amerika bis Europa die Welt. Wohl wußten die Ge-
bildeten, daß er vor etwa 75 Jahren bereits erschienen war und auch
davor schon. Heute weiß man, daß er Wilhelms des Eroberers Zug
nach England im Jahr 1066 begleitet hatte, und daß babylonische
Astronomen ihn schon geortet hatten. Doch damals, im Jahr 1 9 0 9 / 1 9 1 0
erschreckte die neue Spektralanalyse, mit der man seinen Schweif
untersuchte, dessen Ausläufer am 20. Mai, wie der Heidelberger Ast-
ronom M a x Wolf errechnete, die Erde erfassen würden. Denn diese
Analyse ließ Blausäure und Zyankalibildung befürchten und damit
eine reale Bedrohung der Menschheit. Schutzmaßnahmen und Gebete
wurden empfohlen. 7
Als nichts geschah, durfte Alexander von Bernus, ein feinsinniger
Literat, seine Freunde mit einem heiteren Kometenfest ergötzen und
halb ernst, halb skeptisch mit einem selbstgedichteten Schattenspiel
Melaina den Untergang beschwören, den ein Gott huldreich mit dem
Siegel eines dritten Bundes von der Menschheit abwandte. Beschwingt
schritt man nach dem Spiel zum Tanz. Die Dichter Stefan George und
Karl Wolfskehl hatten - jeder auf seine Weise - ihren Spaß. 8 Die Angst
war zum Aberglauben verdünnt, zur Karikatur, zum Witz. Mit dem
mächt'gen Riesenschwanze, / Wie ihn ein Komet nur hat, / Geht der
Satan gleich aufs Ganze / und versengt die sünd'ge Saat. So überzog
geradezu lustvoll eine Postkarte den himmlischen Untergangsprophe-
ten mit ihrem Spott.5'
Sensibler waren andere, auch ohne die Kometenfurcht. Wassilij
Kandinsky zum Beispiel. Er empfand Endzeit; die Apokalypse be-
218 Ahnung, Angst und Wissenschaft heute

Der Weltuntergang am 18. Mai, Postkarte von Alfred Scholtz, 19x0.


Künstler, Dichter lind Komponisten 219

schäftigte ihn. Er malte - als Hinterglasbilder - 1 9 1 1 / 1 9 1 4 immer wie-


der die Apokalyptischen Reiter. Der Engel des Jüngsten Gerichts
(s. Farbtafel 1 2 ) trat hervor, das Jüngste Gericht selbst oder der Jüngste
Tag (als Holzschnitt und Hinterglasbild) drängten sich als Thema auf,
auch die Auferstehung oder die Große Auferstehung, imaginiert als
Aquarellstudie, Hinterglasbild oder Ölgemälde. 1 0 Während Franz
Marc im Herbst 1 9 1 4 den Krieg verherrlichte [den heilsamen wenn
auch grausamen Durchgang zu unseren Zielen),11 hatte der Russe
schon im Kontext der Balkankrise zwei Jahre zuvor notiert, die
schmutzigen Folgen (eines Krieges) werden lange ihre stinkende
Schleppe über den ganzen Erdball ziehen. Utid [...] die Berge von Lei-
chen.1- Sie gaben den Kontext seiner apokalyptischen Imaginationen.
Auch August Macke, der Schöpfer der hellen, «orphistischen», le-
bensfrohen Tunisreise (April 1 9 1 4 ) , zeichnete noch zuvor, im Jahr
1 9 1 3 , in Auseinandersetzung mit dem Kubismus, einen Weltunter-
gang. Erschrockene weibliche Gestalten, zerberstende Gebäude, zün-
gelnde Flammen, Rauchwolken, stürzende Trümmer und Menschen,
eine sich auflösende Erde beherrschten die Szene. 13 Heimgesucht von
Untergangsvisionen wurde Ludwig Meidner, dieser Prophet mit dem
Pinsel. Er malte seit 1 9 1 2 Apokalyptische Landschaft um Apokalyp-
tische Landschaft (s. Farbtafel 1 1 ) . Er sah und träumte sie, wie sie von
himmlischen Feuerstrahlen oder Erdbeben zersprengt, vernichtet wur-
den, schaute Städte, die in Trümmer sanken. Vorahnung eines schau-
dernden Jahrhunderts. Sogar in den stürmischen Tagen der russischen
Avantgarde inspirierte die «Apokalypse» zu Bildschöpfungen. Ernte
nannte Natalija Gontscharowa ein Gemälde, dem sie Apoc 1 4 , 1 6 un-
terlegte, und das sie zusätzlich als Lithographie wiederholte (1912):
Der auf der Wolke saß, schlug an mit seiner Sichel an die Erde, und
die Erde ward geerntet14
Ahnungsvoll auch die Dichter angesichts der Vorboten des großen
Krieges. Sie rührten an die Tiefenschichten der Erwartung. Weltende
hieß ein Gedicht von Else Lasker-Schüler. Weltende eines von J a k o b
van Hoddis ( 1 9 1 1 ) . 1 5 Veröffentlicht wurde das erste - im Jahr der
russischen Februarrevolution - als Schlußlied in Lasker-Schülers Ge-
dichtsammlung von 1905 Der siebente Tag.16 Es war ein Liebesgedicht
220 Ahnung, Angst und Wissenschaft heute

für ihren M a n n Herwarth Waiden und mehr als das: Mit ihm endete
Der siebente Tag - eine irritierende Reminiszenz an die Weltwoche
mit ihrem Ende in Gericht und Untergang. Bange Erwartung erfüllte
die Seele: Es ist ein Weinen in der Welt, / Als ob der liebe Gott gestor-
ben wiir, / Und der bleierne Schatten, der niederfällt / Lastet grabes-
schwer. //Komm, wir wollen uns näher verbergen... / Das Leben liegt
in aller Herzen / Wie in Särgen. // Dnl ivir wollen uns tief küssen... /
Es pocht eine Sehnsucht an die Welt / An der wir sterben müssen.
Winkte noch Auferstehung? War Gott tot? Die Liebe? Ließ sich noch
auf Begnadung hoffen? Jetzt, am Ende des siebenten Tages?
J a k o b van Hoddis demaskierte mit seinen von Ironie triefenden
Versen das saturierte Bürgerturn, das anscheinend die unbedeutend-
sten Mißgeschicke des Daseins, mit gravierenderen Unglücksfällen
des Alltags verschränkt, zu Weltereignissen aufbauschte. Dem Bürger
fliegt vom spitzen Kopf der Hut, - / In allen Lüften hallt es ivie Ge-
schrei. / Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei / Und an den Küs-
ten - liest man - steigt die Flut. II Der Sturm ist da, die wilden Meere
hupfen / An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken. / Die meisten
Menschen haben einen Schnupfen. / Die Eisenbahnen fallen von den
Brücken.
Ahnungen - In allen Lüften hallt es wie Geschrei; Der Sturm ist
da - werden aufgesogen von Banalitäten. M a n mochte an keinen Un-
tergang glauben, beschwor ihn aber aus nichtigstem Anlaß. Dann
kam der Krieg, verdüsterte alles. Tod, Untergang und Weltende zogen
herauf. Erde und Menschen bekamen es zu spüren. Menschheit vor
Feuerschlünden aufgestellt, / Ein Trommelwirbel, dunkler Krieger
Stirnen, /Schritte durch Blutnebel; schwarzes Eisen schellt, / Verzweif-
lung, Nacht in traurigen Gehirnen: / Hier Evas Schatten, Jagd und
rotes Geld. / Geivölk, das Licht durchbricht, das Abendmahl.17 [...]
Nachts schrein im Schlaf sie unter Ölbaumzweigen; / Sankt Thomas
taucht die Hand ins Wundenmal. So dichtete Georg Trakl gleich zu
Beginn. Noch milderte Hoffnung die Verzweiflung. Dann aber der Sie-
bengesang des Todes. Unheimliche Bilder stiegen auf: Bläulich däm-
mert der Frühling; unter saugenden Bäumen / Wandert ein Dunkles in
Abend und Untergang. Vorhölle waren andere Gedichte überschrie-
Künstler, Dichter lind Komponisten 221

August Macke, Weltuntergang, Zeichnung von 1913.

ben: Träumend steigen und sinken im Dunkel / Verwesende Men-


schen / Und aus schwärzlichen Toren / Treten Engel mit kalten Stirnen
hervor; / Bläue; die Todesklagen der Mütter. Endlich das Untergangs-
gesicht schlechthin (Grodek z): Alle Straßen münden in schwarze Ver-
tu esung.
Auch in England erhoben «Kriegsdichter» ihre Stimme. Der be-
kannteste wurde Wilfred Owen, noch in den letzten Tagen des Krieges
zugleich dessen Opfer. Benjamin Britten unterlegte Owens Gedicht
222 Ahnung, Angst und Wissenschaft heute

Natalija Sergejewna Gontscharoiva, Ernte (1912), zu Apoc 14,16:


«JJtid der auf der Wolke saß, schlug mit seiner Sichel an die Erde,
und die Erde ward geerntet.»

The End im Wechsel mit dem mittelalterlichen Dies irae, dies illa sei-
nem War Requiem. Owen selbst ließ kein tröstliches Totenoffizium
anklingen; für ihn war alles diesseitig, endgültig und von apokalypti-
schen Zeichen durchsetzt: After the blast of lightning from the East /
The flourish of loud clouds, the Chariot Throne; / After the Drums of
Künstler, Dichter lind Komponisten 223

Time have rolled and ceased, / And by the bronze west long retreat is
blown, / Shall life renew these bodies? Of a truth / All death will He an-
nul, all tears assuage? - / Fill the void veins of Life again ivith youth, /
And wash, ivith an immortal water, Age? So läßt der Dichter einen sei-
ner Krieger reflektieren. (Nach dem Sturm der Blitze aus dem Osten, /
dem Schall tönender Wolken, der Herrschaft des Streitwagens, / wenn
die Trommeln der Zeit gesprochen und geendet haben, / und wenn
vom bronzenen Westen zum langen Rückzug geblasen wird: / wird
dann das Leben diese Leichen erwecken? Wird es wirklich / den Tod
aufheben, alle Tränen stillen f / Die leeren Lebensadern wieder mit Ju-
gend füllen / und mit unsterblichem Wasser das Alter waschen?)
Zweifel machten sich breit. Im Tod begegneten sich die Feinde wie-
der: «Strange friend», I said, «here is no cause to mourn.» «Fremder
Freund», sprach ich, «hier ist kein Grund zum Trauern», um gleich
hinzuzufügen: «I am the enemy you killed, my friend. [...] Let us sleep
now... Ich bin der Feind, deft du getötet hast, mein Freund. [...] Laß
uns nun schlafen...» Im Tod: der Feind - mein Schicksalsgenosse,
mein Freund. Das Schlachtfeld, der Ort des Untergangs, ein Ort der
Auferstehung? Der Todesschlaf als Paradies? Die christliche Auferste-
hung und das Jüngste Gericht sind dem ganz irdischen Todesschlaf ge-
wichen, in dem kein Trauern herrscht. Die Menschen sind mit ihm der
Hölle des Krieges entronnen, gewiß, aber kein Aufstieg ins Paradies
winkt ihnen mehr.
Britten sah es nach dem Zweiten Weltkrieg (1962.) hoffnungsvoller.
Im abschließenden Agnus Dei seines War Requiem bitten die «Kna-
ben» für die Toten: Requiem aeternam dona eis, Domine, / et lux per-
petua luceat eis, und jubelt der Sopran zum Empfang der Toten in der
«heiligen Stadt Jerusalem»: Chorus Angelorum te suseipiat, / et cum
Lazaro quondam paupere aeternam habeas requiem. Der Todesschlaf
ist in selige Ruhe verwandelt. Endlich vereint sich auch der einstigen
Feinde Gruß in versöhnlichem Duett: Let us sleep now, und bestätigt
der Schlußchor, allmählich verklingend, die versöhnten Toten wie in
höhere Sphären sanft geleitend: Requiescant in pace. Amen.17
Menschheitsdämmerung. So betitelte Kurt Pinthus seine 1 9 1 9 zu-
sammengestellte Anthologie expressionistischer Dichtungen. 19 Der
224 Ahnung, Angst und Wissenschaft heute

Untergang war ferner gerückt, aber nicht vergessen. Verfinsterung,


Erde- und Blutgeschmack. / Knäuel. Gemetzel iveit... /... «Wann er-
scheinst du, ewiger Tag? / Oder hat es noch Zeit? / Wann ertönst du,
schallendes Horn, / Schrei du der Meerflut schwer? / Aus Dickicht,
Moorgrund, Grab und Dorn / Rufend die Schläfer her?» So dichtete,
die Posaunen des Jüngsten Tages mit der Kriegstrompete blasend, der
junge Johannes R. Becher zu Beginn des großen Völkermordens. 1 0
Antwort gab er damals nicht; erst viel, viel später dichtete er hoff-
nungsvoll, so eine Art Antwort: Auferstanden aus Ruinen / und der
Zukunft zugewandt, / Laß uns dir zum Guten dienen, / Deutschland,
einig Vaterland.
Versöhnlichere Töne fanden sich damals durchaus. Pinthus konnte
denn auch seinen Nachklang von 1 9 2 2 mit dem hoffnungsvoll ge-
stimmten Satz beenden: Man verhöhne sie nicht (die Dichterschar, die
glaubte Erste einer neuen Menschheitsepoche zu sein] und beschul-
dige sie nicht, daß sie nur aufrührerische Letzte gewesen seien, die
sich von der Untergangsdämmerung hinweg zum Glühen vermeint-
licher Morgendämmerung wandten, aber erlahmen mußten, bevor sie
an der Spitze ihrer Zeitgenossen gereinigt ins Licht treten konnten.-1
Tatsächlich zog noch lange kein neuer Morgen herauf. Zumal in
Deutschland bereiteten sich noch entsetzlichere Untergänge vor.
Skepsis herrschte weithin; das Ende des Krieges ließ kaum Freude
aufkommen, eher erfaßte eine Art Taumel die Leute. Die letzten Tage
der Menschheit überschrieb Karl Kraus seine Tragödie in fünf Akten
mit Vorspiel und Epilog von 1 9 1 8 / 1 9 2 1 mit jüngsten Aufführungen im
Jahr 2 0 1 4 in Salzburg und Wien, auch in Dresden und andernorts:
100 fahre nach dem Attentat von Sarajewo wird das Burgtheater zur
« Versuchsstation des Weltuntergangs», heißt es im Beizettel zur Wie-
ner A u f f ü h r u n g . 1 1 Die Tragödie bietet eine Ansammlung demaskie-
render Banalitäten angesichts der Schrecken des Krieges, bringt ent-
setzliche Szenen auf die Bühne und inszeniert unwahrscheinlichste
Gespräche zumal, aber nicht bloß der Führungseliten, etwa des Mili-
tärs. Da brüstet sich ein Hauptmann: Zwanzig Menschen, darunter
Zivilisten und Gefangene, habe ich mit eigener Hand getötet, minde-
stens hundert fünf zig habe ich erschießen lassen. Jeden Soldaten, der
Künstler, Dichter lind Komponisten 225

sich beim Angriff verspätet oder ivährend des Trommelfeuers versteckt


hat, habe ich eigenhändig niedergeknallt. Menschenliebe? Erkaltet!
Untergang pur. Routine geworden bis zur Gegenwart. Wir erinnern
uns jener weit verbreiteten Kriegsikone von 1968 aus dem Vietnam-
krieg, wonach der Polizeichef von Saigon einem gefesselten jungen
(angeblichen) Vietkong auf offener Straße in den Kopf schießt und ein
Soldat grinsend als Zeuge zusieht/ 3 Die letzten Tage schleppen sich
durch das Jahrhundert und mit noch entsetzlicheren Realitäten weiter
ins 2.1. Jahrhundert.
Hilflos schon damals die Weisheit des Volkes bei Karl Kraus: Wie
ein Phallanx ausm Weltbrand sag ich! - Nichts wird euch erretten! -
doch ivoll'n wir mehr Licht für den «Jüngsten Tag»! Makaber, verses-
sen auf den Untergang die «Reklamefahrt zur Hölle»: Ein Schlacht-
feld. Trichter und Kavernen. Spazierwege durch die noch stehenden
Drahtverhaue. Luxusautomobile treffen ein. Die Touristen zerstreuen
sich in Gruppen, photographieren sich gegenseitig in heroischen Stel-
lungen, parodieren Feuersalven, lachen und stoßen Schreie aus. Einer
hat einen Schädel gefunden, steckt ihn auf das Ende seines Spazier-
stockes und bringt ihn mit triumphierendem Gesicht. Apokalyptisch
die iveiblichen Hilfskräfte: Wir, die Wehrmacht zu entzücken, / einge-
rückte Heereshuren, / kehren nunmehr euch den Rücken / als Brigade
der Lemuren. [...] Doch wir ivachsen durch die Zeiten! / Einstens rast
ein Landsturm, brausend. / alle Menschheit zu bestreiten, / durch ein
schauderndes Jahrtausend. Die Zeit des rasenden Antichrist?
Die bildenden Künstler visualisierten die künftigen Schrecken. Der
Krieg weckte schlimmste Assoziationen, beklemmende Ängste, furcht-
bare Weltuntergangsträume. Otto Dix und viele andere bannten sie
ins Bild. Damals erneuerten sich eschatologisches Denken und apoka-
lyptische Visionen. Das Weltende, die Schrecken des Untergangs, auch
Wandlung drängten sich herzu. Sie sollten ihre Interpreten in Text und
Bild und Musik finden, in Weltdeutungen und fanatischem Zerstö-
rungswillen. Ludwig Meidner malte nun Visionen vom «Jüngsten Tag»
(1916). Die Bilder - ein zersprengtes Berlin etwa als apokalyptische
Szene (s. Farbtafel 1 1 ) - nahmen die vielen Untergänge des 20. Jahr-
hunderts vorweg. 2 4 Ich malte Tag und Nacht meine Bedrängnisse mir
226 Ahnung, Angst und Wissenschaft heute

vom Leibe, Jüngste Gerichte, Weltuntergänge und Totenschädel-


gehänge, denn in jenen Tagen warf zähnefletschend das große Welten-
gewitter schon einen grellen Schatten auf meine winselnde Pinsel-
15
hand, so hielt der Künstler nach dem Krieg 1 9 1 9 fest.
Auch der eher der linken Szene zuzurechnende und als Maler kaum
bekannte Berliner Architekt Hans Poelzig (gest. 1936) hatte schon im
Kriegsjahr 1 9 1 8 ein vexierbildhaftes, ständiger Überarbeitung unter-
worfenes Gemälde Apokalyptische Reiter (s. Farbtafel 1 4 ) begonnen.
Er ahnte im Jahr 1 9 3 0 die tatsächlich heraufziehende «Apokalypse».
Schwarze Dämonenaugen stieren nun im bedrohlichen Farbenchaos
auf die Große Hure, Krallen werden sichtbar, Tierfratzen, Schlangen-
leiber, sich windende Gestalten, Grauen und Angst, keine Seligkeit,
kein Neues Jerusalem. Poelzigs Apokalyptischen Reiter beherrscht eine
zuletzt noch in den Vordergrund gestellte schwarze Teufelsgestalt. 16
M a x Beckmann vergaß gleichsam seine frühere Auferstehung. Jetzt
verfolgten ihn - wie er in einem Brief bekannte - die Zerstörungen des
Krieges: die Straßenreihen klafften auseinander wie am Jüngsten Tag:
das Haupt des zu malenden Auferstandenen hob sich ab gegen die
roten Gestirne am Himmel des Jüngsten Tages.2-7 Seit Dezember 1 9 1 4
plante er, der Sanitätssoldat, eine zweite Auferstehung (s. Farbtafel
10). Doch während die erste noch an gotische oder barocke, an freu-
dige Imaginationen erinnern mag, ist die neue Komposition (1916/18),
riesig, auf über 15 qm Fläche, mehr breit als hoch, expressiv, von den
Schrecken, dem Grauen des Krieges erfüllt.
Wieder setzte der Künstler, jetzt von einem Erdloch geschützt, sich
selbst gemeinsam mit Frau und Sohn und zwei weiteren Freunden ins
Bild, als Zeugen des Alptraums, als Bürgen der Authentizität des Ge-
schauten. Entsetzen und Angst ins Gesicht geschrieben. Die Aufer-
stehenden gemahnen nun, vor zerstörten, einstürzenden Häusern sich
regend, an ein Schlachtfeld, an die Verstümmelten, die Leichen und
Toten des Krieges, mehr an geschundene Körper denn an die betend
zum Licht Emporsteigenden, ins Licht Eingehenden der ersten Aufer-
stehung (s. Farbtafel 10). Ein qualvolles, ungewolltes, erzwungenes
Aufstehen, wohl auch ein Hochgezogenwerden, wie von einem Sog
erfaßt, sind zu erkennen, kein freudiges, erwartungsfrohes Auffahren.
Künstler, Dichter lind Komponisten 227

Eine schwarze, verdüsterte Sonne beherrscht den kalten Himmel über


diesen Leibern (Apoc. 6,12). Beckmann scheint - im Gemälde nicht zu
erkennen, aber in einer danach angefertigten Radierung sichtbar - im
Hintergrund der die Toten abweisenden Erde das Zeichen des Schick-
salsrades geplant zu haben, das der dunkle, drohende, zerstörerische
Saturn dreht, ein astrologisch untermaltes Weltuntergangsszenarium.
Es ist Gericht in sich, ein Aufstehen zu sinnlos ewigem Leiden. Der
Künstler hat das Bild nicht vollendet.
Wohl aber schuf Beckmann, Künstler mit Malverbot in Deutschland,
ein Vierteljahrhundert später unter abenteuerlichen Bedingungen,
schon im Exil, doch noch in dem von deutschen Truppen besetzten
Amsterdam, einen Zyklus zur Apokalypse des Johannes (1941/42)
und datierte ihn im Impressum: Im vierten jähre des zweiten Welt-
kriegs, als gesiebte des apokalyptischen sehers grauenvolle Wirklich-
keit wurden, ist dieser druck entstanden (1943). 1 8 Er reihte sich damit
in die lange Reihe der Illustratoren des letzten Buches der christlichen
Bibel ein. Apokalypse-Zyklen setzten schon in der Spätantike ein, er-
reichten mit den Miniaturen zu dem Kommentar des Beatus von Lie-
bana (die auf Picassos Guernica einwirkten, s. Farbtafel 1) einen weite-
ren Höhepunkt, führten über Dürer und den älteren Matthäus Merian
in die Neuzeit und eben auch zu M a x Beckmann. Diese Liste wächst
nahezu Tag für Tag. 1 9
Beckmanns lithographierte Gesichte und kolorierte Lithographien
verbergen das Grauen eher, als daß sie es offenbaren; sie wenden sich
nicht dem Strafgericht, sondern der Erlösung zu, damit der Hoffnung.
Sie gleichen trotz des Impressums in nichts der Erscheinung der Toten
aus dem Ersten Weltkrieg (1916/18), obgleich auch jetzt der Künstler
selbst im Bild wiederholt auftritt: zu z , i o [die Krone des Lehens), zu
7 , 1 7 [Gott wird abwischen alle Tränen), noch einmal zu 2 1 , 4 [Gott
wird abwischen alle Tränen) und endlich - überraschend - zu 2 2 , 1 ,
wo der weisende Engel des Johannes zu Christus selbst wird, der sein
baldiges Kommen ankündigt, und der Seher die Züge Beckmanns
trägt, eines in sich versammelten «Sehers» mit geschlossenen Augen
und der linken Hand ans Ohr gelegt, horchend und sehend: Und er
zeigte mir einen lauteren Strom lebendigen Wassers, klar wie ein Kri-
228 Ahnung, Angst und Wissenschaft heilte

stall (22,1). Und gleich danach: [...] und seine K?iechte werden ihm
dienen, und sehen sein Angesicht; und sein Name ivird an ihren Stir-
nen sein (22,3-4). Bekenntnis und Zeugnis, nicht mehr abgewandten
Gesichts wie im Auferstehungsbild von 1908/09, sondern Knecht
Gottes, der seinen Namen auf der Stirne trägt. Mitten im Krieg, im
Exil, die grauenvolle Wirklichkeit zu Auferstehungsgewißheit ver-
wandelt.
Komponisten sahen sich durch Beckmanns Blätter zu «neuer Mu-
sik» gedrängt und griffen das Apokalypse-Thema auf. 3 0 Schon kurz
vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges hatte Jean Frangaix sein
Oratorio fantastique. L'Apocalypse selon St. Jean entworfen (1939).
Im Krieg, in deutscher Kriegsgefangenschaft, in stimmiger Umgebung,
schuf Olivier Messiaen, von Versen der Apokalypse angeregt, in acht
Stücken sein Quatuor pour la fin du temps. Die eigentümliche In-
strumentalisierung (Klavier, Violine, Violoncello, Klarinette) unterlag
den Bedingungen des Lagers, in dem auch die Uraufführung stattfand.
Der Hörer, der eben (im Tanz der Raserei) die Ankündigungen von
sechs Weltkatastrophen und dem Ende der Zeit vernommen hatte,
sollte sich, so der Komponist im Vorwort von 1 9 4 1 , der Ewigkeit im
Raum und im Unendlichen nähern, der Ruhe, dem unvergänglichen
Licht, dem unwandelbaren Frieden. Der Untergang schien, dem Krieg
zum Trotz, ferngerückt zu sein. Hoffnung überwand die Raserei.
Als indessen George Tabori im Jahr 1 9 8 7 bei den Salzburger Fest-
spielen Franz Schmidts Oratorium Das Buch mit sieben Siegeln von
1 9 3 5 - 3 7 in der Universitätskirche zur Aufführung brachte und mit
seiner Inszenierung an Luca Signorellis «Jüngstes Gericht» erinnerte,
mithin viel nacktes Fleisch zeigte, männliches wie weibliches, da
wurde die Aufführung nach der Premiere von Universitätsrektor und
Erzbischof als schamlos verboten. 3 1 Nicht die Musik Schmidts, nicht
die Person des Komponisten, der 1938 für den Anschluß Österreichs
an Hitlerdeutschland stimmte (und im folgenden Jahr starb), sorgte
für den Eklat, sondern die Visualisierung durch den 1933 aus Deutsch-
land, 1935 aus seiner Heimat Ungarn zur Emigration genötigten
«Spielmacher», den die Übereinstimmung zwischen der musikalisch-
eschatologischen Apokalyptik und dem hereinbrechenden Untergang
Künstler, Dichter lind Komponisten 229

der Humanität, wie sie sich 1938 zeigte, zur Aufführung gereizt haben
mochte.
Nicht nur anschlußwillige Komponisten wandten sich der Apoka-
lypse zu. Die Visionen des Sehers Johannes inspirierten zu mancherlei
Experimenten. Der heute weithin vergessene Karl Weigl, der 1938 ras-
sistisch verfolgt, in die USA emigrierte und dort zu einiger Bedeutung
gelangte, nannte seine fünfte Symphonie, die wiederum fünf Sätze auf-
weist, Apokalyptic (1945, Uraufführung erst posthum 1968). Sie wurde
dem Volk der Vereinten Nationen gewidmet. Pierre Henry, einer der
Wegbereiter der elektronischen Musik, der die Rock-Musik nicht ver-
schmähte, widmete der Apokalypse des Johannes ein fünfteiliges ora-
torio electronique mit gesprochenem, rhythmisch gebrochenem, mit-
unter hinausgeschrieenem Text (L'Apocalypse de Jean, 1968).
1 9 7 3 brachte Carl Orff sein Oratorium De temporum ßne comoe-
dia bei den Salzburger Festspielen unter Herbert von Karajan zur
Aufführung ( 1 9 7 7 neu bearbeitet). Es spielt in ferner Zukunft; doch
gesungen wird auf deutsch, griechisch und lateinisch, vorgetragen von
neun asiatischen Sibyllen, neun Anachoreten und den Menschen der
Endzeit, dazu Luzifer. Gleich eingangs wird unter Weherufen das
Weltgericht angekündigt, dem die Theologie des Origenes entgegenge-
stellt wird, wonach nur die Welt sündhafter Materie vernichtet werde.
Sie wird durch die Anachoreten korrigiert, die den Untergang ge-
radezu leibhaftig vor Augen haben. Rettung kommt schließlich durch
Luzifer, den Lichtbringer, unter dessen Ägide dem vernichteten Kos-
mos eine neue Schöpfung folgt. Gnostische Momente sind hier ver-
arbeitet. Aber das Muster Drohung - Gericht - Untergang - Neues
Jerusalem blieb erhalten.
Die jahrhundertelange apokalyptische Endzeiterwartung, ihre Um-
dichtungen und Kommentierungen, ihre Visualisierungen, ihre Ver-
tonungen, ihre Trivialisierungen versetzen viele Seelen bis zur Gegen-
wart durch die stets erneuerte Erfahrung spektakulärer Katastrophen,
der Entfesselung von Weltkriegen, endloser Umweltzerstörungen und
eigener Schuld in Unruhe. Der Glaube gewährleistet Kontinuität; er
kann heute noch - wenn auch nicht eben häufig - um der Sünde willen
und zur Hoffnung an Untergang und Gericht gemahnen. So heißt es in
230 Ahnung, Angst und Wissenschaft heilte

einem neueren Kirchenlied: Christus, wenn der Himmel brennt / und


dein Zeichen groß aufsteigt, / führ uns heim aus dem Gericht in dein
L i c h t a Aber dieser Glaube ist keineswegs mehr, obwohl ihr Ur-
sprung, die einzige Quelle heutiger Untergangserwartung. Dieselbe
hat neue Propheten gefunden. Jüngere Künstler, Literaten, Filme-
macher oder Science-Fiction-Texte verlängerten, vertieften und erwei-
terten die eschatologische Perspektive. 33 Auch zahlreiche Wissen-
schaften jenseits der Theologie kennen sie. Der Weltuntergang blieb
auf diese Weise im kulturellen Bewußtsein präsent.

Der Untergang geistert durch Literatur und Filme

Die Schriftsteller nach dem Zweiten Weltkrieg wandten sich immer


wieder, mitunter in Metaphern und Symbolen, apokalyptischen Unter-
gangsszenarien zu. 34 Renommierteste Autoren begegnen in der Liste.
Selten mündet die Handlung ins Nichts; oft bleiben Zukunft und
Hoffnung. N u r wenige willkürlich gewählte Beispiele: Günther An-
ders schrieb in seinem Hauptwerk, Die Antiquiertheit des Menschen,
ein Kapitel Über die Ursachen unserer Apokalypseblindheit.35 Chri-
stoph Ransmayrs Suche nach dem ans Schwarze Meer verbannten
römischen Dichter Ovid mündet in eine Offenbarung der Zukunft:
Sein Held Cotta nämlich werde nun die Geschichte des bevorstehen-
den Untergangs der Welt hören.*6 Carl Amerys Roman Die Wall-
fahrer (1986) erschreckt mit der Dies irae-Sequenz des Thomas von
Celano. Welch ein Schreckenswort! [...] Wer erbleicht nicht bei sei-
nem erzenen Klang?*7 Luis Bunuel hörte gemäß seiner Autobiographie
die Trompeten der Apokalypse ertönen und sah eine neue Apokalypse
mit ihren vier Reitern herangaloppieren, der Überbevölkerung näm-
lich, der Wissenschaft, der Technik und der Medien. 3 8
Christa Wolf erzählt von Troja und seinen Menschen und als Sub-
text von der Gegenwart eines totalitären Staates (1983). 3 9 Ihre Kas-
sandra lehrt sie, das Unerhörte zu denken: Die Welt könnte auch nach
unserem Unter gange weitergehen. [...] Warum hatte ich nur die Vor-
stellung zugelassen, mit unserem Geschlecht lösche die Menschheit
Der Untergang geistert durch Literatur und Filme 231

aus? Am Ende heißt es: Unsinnig sei es, sich in den Untergang hinein-
zuwerfen, der nicht aufzuhalten sei. Hoffnung also trotz Untergang.
Siegfried Lenz erinnerte die Hörer seiner Rede zur Verleihung des
Friedenspreises des Deutschen Buchhandels: Geschichte, wir erfahren
es, hat kein Ziel. Und gemahnte sie: Die Schöpfung stirbt langsam.
[...] Sie kann an unserer Verachtung der Schöpfung und an unserem
Egoismus zugrunde gehen.40
Manche Autoren sind kühner. Herbert Rosendorfer etwa, der als
Geschichtsschreiber keine Prognosen erstellen will, weiß dennoch:
Der Erde steht ein [...] astronomisch erklärbares Schicksal bevor, die
Welt der Menschheit wird an Überbevölkerung zugrunde gehen. Es ist
gar nicht mehr die Frage, ob das eintreten ivird, es ist nicht einmal die
Frage: wann? Die kann nämlich beantwortet werden: bald. Die Frage
ist nur, wie dieses Armageddon aussehen, wie es sich abspielen wird.
Aber diesen Horror sich auszumalen versagt sich der Historiograph.4I
Wie kommt dieser Literat in seiner sechsbändigen deutschen Geschichte
dazu, die mit dem Jahr 1803 endet, das Ende der gesamten Mensch-
heit zu bedenken? Ist der Untergang so allgegenwärtig?
Friedrich Dürrenmatts letzter Roman Durcheinandertal beschwört
Endzeit und Untergang. Inmitten des Endfeuers, als die Glut alles zu
erfassen und als alles zu bersten beginnt, sinniert ein Mensch, ein
Sünder, ein Verbrecher über Gott und sein Werk. Seine [des Men-
schen] eigene Sinnlichkeit war nur ein Abglanz der Sinnlichkeit des-
sen, der ohne sie die Welt nie erschaffen hätte. [...] Schöpfung und
Vernichtung der Schöpfung als Orgasmus. Die Eschatologie wird zum
erotischen Spektakel Gottes; das Flammenmeer erinnert an Liebes-
lust. Dann das Erkennen: Der Gott der Theologen [...] wurde zu einer
bloßen Idee. Und: Gottes Sohn wurde etwas Abstraktes, abstrakter
noch als der Vater, aber auch etivas Kitschiges, ein Marzipanheiland
am Kreuz, ein Theaterspieler aus Oberammergau oder Hollywood.
Als der Feuerteppich sich weiter ausbreitet, die Einsicht: Der Mensch
braucht den Menschen und keinen Gott. So also: Der Untergang im
Feuer: die große Offenbarung. Alles nur Einbildung. Gott war nie,
alles bloß Gedankenkonzeption, menschliche Schöpfung. 4 2 Apoka-
lypse und Weltuntergang bewahren bis zur Stunde ihre schaurig-
232 Ahnung, Angst und Wissenschaft heilte

schöne, schreckliche, desillusionierende, zuletzt wahnsinnig machende


Gegenwart. N u r eine junge Frau mit einem noch Ungeborenen im
Leib überlebt diesen Untergang.
Ernst und witzig das Apokalypsen-Programm von F.W.Bernstein,
dem Karikaturisten, Satiriker und Dichter, eine kritische Gegenwarts-
schau mit apokalyptischem Inventar: 45

Montag geht die Welt zugrunde


Dienstag regnet's und ist kalt
Mittwoch um die zehnte Stunde
Wird kein Geld mehr ausgezahlt
Donnerstag nur Feuersbrünste
Freitag früh ist Jüngster Tag
Samstag Ende aller Künste
Und zwar ZACK auf einen Schlag
Sonntag herrscht dann endlich Ruhe
Und die Straßen wüst und leer
Auf der Post noch ein Getue
Pst - nun ist auch das nicht mehr.

Die Welt, so sieht es aus, geht immerfort unter.


Heutige Filmkunst wiederholt und propagiert - je jünger, desto ein-
dringlicher - die Prognose eines endgültigen Untergangs von Erde und
Menschheit, die sich seit Jahrhunderten im «Westen» eingenistet hat.
Magic in the Moonlight von Woody Allen (2014) ist ein aufschluß-
reiches Beispiel. Der Film spielt mit der Apokalypse, dem Untergang
einer Welt, die ohne Gott auskommt. Eines Tages wird die Sonne er-
löschen und das Leben auf der Erde verschwinden. So deutet Woody
Allen selbst. Eines Tages ivird das ganze Universum verschivinden.
Das Leben hat kein Ziel, das Leben hat keinen Sinn. Alles fliegt aus-
einander mit unvorstellbarer Geschwindigkeit. Und wenn es kein
Licht und keine Luft mehr gibt, was dann? Das Leben erlischt in einer
Mikrosekunde. Das ist die schreckliche Wahrheit. Selbst die Liebe
hilft nur für eine Weile, diese Wahrheit zu ertragen. Gott ist keine Zu-
versicht mehr, eher ein Betäubungsmittel; er ist längst tot. N u r der Un-
Der Untergang geistert durch Literatur und Filme 233

tergang steht noch bevor. Es gibt keinen Gott, es gibt kein Jenseits, so
das Bekenntnis des Filmschöpfers. Aber der Glaube daran hilft einem
immerhin im Diesseits44 - solange ihn nicht die Zweifel zersetzen.
Nur wer gläubig ist, bleibt von solchen Perspektiven und Anfechtun-
gen unberührt, zumal die Schrecken des Gerichts schon seit der ent-
mythologisierenden Aufklärung entscheidend abgemildert sind.
Der kulturelle Habitus apokalyptischer Erwartungen verläßt den
«Westen» nicht. 45 Auch in Gott-loser Resignation nicht. Popkultur
und Trivialroman, dazu das Getriebe moderner Wissenschaften halten
ihn am Leben; die Vernichtungspotentiale der Kernspaltung, der
Atom- und Wasserstoffbomben, der chemischen und biologischen
Waffen in menschlicher Verfügungsmacht, der Gentechnologie stabili-
sieren seine Wirkung. Sie haben ein Wissen um die Gefahr verbreitet,
234 Ahnung, Angst und Wissenschaft heilte

das keiner göttlichen Offenbarung mehr bedarf. Der Untergang droht


fortan vom raubtierhaften, verblendeten, besessenen, vom gierigen,
vergnügungssüchtigen Menschen selbst.

Chaos und Angst

Immer wieder drängt sich - jedenfalls im «Westen» - der Weltunter-


gang als allenthalben abrufbares, leicht verfügbares, fortgesetzt aktua-
lisierbares, oftmals bedrängendes Deutungs- und Orientierungsmuster
auf. Noch jüngste Fiktionen erneuern und ergänzen die alten Prophe-
zeiungen. Dumpfe Erwartungen steigen dann auf, wie sie etwa des
Nostradamus verworrene Prognostiken zu bestätigen scheinen. Sie
werden heute bevorzugt von der Sensationspresse ausgemalt und noch
von vielen ernst genommen. 46 Aus Anlaß der in Europa zu sehenden
totalen Sonnenfinsternis vom n. August 1999 rief, nicht grundsätz-
lich anders als bei früheren Finsternissen auch, im Glauben an jene
Prophezeiungen der Pariser Modemacher Paco Rabanne dazu auf,
sich in Bunkern in der Bretagne zu verschanzen, weil die russische
Raumstation Mir auf Paris stürzen und die Stadt auslöschen werde; er
entschuldigte sich später.
Manch ein zeitgenössischer «Prophet» wirkte unabhängig von No-
stradamus, doch gleichartige Erwartungen bedienend, verheerender
als Rabanne. Fünf Jahre früher, im Jahr 1994, hatte die amerikanische
Kleinsekte der Davidianer unter Führung eine Mannes namens David
Koresh (ein Name spielt auf Jesajas Gottesboten an) sich in Erwar-
tung apokalyptischer Erneuerung in Waco (Texas) gegen die Panzer
des FBI verschanzt; viele Tote. 47 Unter afrikanischen Christen das-
selbe Szenarium. Ein Massenselbstmord der Weltuntergangssekte des
Joseph Kibweteere in Uganda, Bewegung für die Wiedereinsetzung
der Zehn Gebote Gottes genannt, kostete im Jahr 2 0 0 0 600 Men-
schenleben. 48 Aus Peru wurde Ähnliches gemeldet. 49 Schon früher
kannte Afrika chiliastische religiöse Bewegungen, die nicht ohne
politisch-revolutionäre Ziele agierten. 50 In Rußland verschanzte s i c h -
so meldeten westliche Medien - eine kleine Gruppe «wahrer russisch-
Chaos und Angst 235

orthodoxer Christen» in einer Höhle, um dort den bevorstehenden


Weltuntergang zu erwarten; nach fünf Monaten vertrieb sie der Regen
aus ihrem Schlupfloch. 5 1 Pariahafte Splittergruppen, so mag es schei-
nen, aber hier und da, weltweit, verbreitet.
Da schläft eine aus christlichen Botschaften genährte latente Unter-
gangsangst, die offenbar als Chiffre einer Welt im Chaos, einer vielfach
verunsicherten Gesellschaft, die materielles, umweltzerstörerisches
und psychisches Elend bedrängt, und deren Wahnvorstellungen, nicht
zuletzt deren Horror- und Gewaltphantasien, deren masochistische
Lust jederzeit geweckt werden können. Die Verkündung greift weit
über die religions- und glaubensgebundene Herkunft der Botschaft
und deren engen Kontext hinaus, erreicht die Literatur, die Musik, die
Pop-Kultur, den Kriminal- und Trivialroman, die Comics und die Sub-
kultur. Die Literaten freilich beeilen sich, weder Hoffnungslosigkeit zu
beschwören noch ewige Seligkeit noch ewigen Untergang, vielmehr
irgendwie ein Weiterleben.
Zahllos sind die Songs verschiedenster Rock-Gruppen, die sich dem
Weltende, End of the World, widmen. Der Amerikaner Bob Dylan,
Dichter, Sänger, Musiker, schrieb und intonierte mehrere Songs, die
der Wiederkehr des Herrn galten und den Erwartungen für das Jüngste
Gericht, doch nicht ohne Gegenwartsbotschaft: Will I ever learn that
there'll he no peace, that the war won't cease / Until He returns
Dennoch, trotz fortdauerndem Krieg, Bob Dylan verbreitete keine
Untergangsfurcht. Er besang keine Gerichtsszenen, keine Schrecken,
kein Vernichtungsfeuer, sondern irgendwie hoffnungsvoll eine alles
verändernde Wandlung: Ye shall be changed, ye shall be changed / In
a twinkling of an eye, when the last trumpet blowsJ3
Anders die schwedische Krimairomanautorin Äsa Larsson. Sie be-
gann im Jahr 2006 einen ihrer Romane: Die Zeit ist nahe. Sehet, er
kommt in den Wolken, und es werden ihn sehen alle Augen. Die Stunde
ist nahe. Es ist die Zeit des feuerroten Pferdes...54 Das war ein Zitat
aus der Apokalypse des Johannes. Im Roman verwies das Motiv auf
eine heranziehende, drohende Psychose der Heldin, eine Art Unter-
gang des eigenen Selbst. Er konnte abgewehrt werden, jedenfalls für
diesmal. Entscheidend aber ist das Wissensrepertoire der Leser, das
236 Ahnung, Angst und Wissenschaft heilte

hier aufscheint, unterstellt und angesprochen wird, das eschatologi-


sche Anspielungen versteht und zu goutieren vermag und das sich auf
diese Botschaften einlassen kann und ihre Wirkungen verinnerlicht:
eine Apokalypse in den wirren Sinnen der Patientin und einer von
Schizophrenie bedrohten Welt.
Nur Fiktion? Der Strafverteidiger Ferdinand von Schirach schildert
in seinem Buch «Verbrechen» den Fall eines schizophrenen Straf-
täters, der Menschen und Tiere als Zahlen sah. Er tötete ein Schaf auf
der Weide mit achtzehn Messerstichen und stach ihm die Augen aus,
weil es ihm als «Achtzehn» erschien. Ich habe Angst vor der Acht-
zehn. Es ist der Teufel. Dreimal die sechs. Verstehst du? [...] Die Acht-
zehn, der Antichrist. Es ist die Zahl des Tieres und des Teufels. [...]
Wenn ich die Schafe nicht töte, werden die Augen das Land verbren-
nen. Die Augäpfel sind die Sünde, sie sind die Äpfel vom Baum der
Erkenntnis, sie werden alles zerstören.55 Pathologische Anwandlun-
gen artikulieren sich nicht zum ersten M a l als Eschatologie und Un-
tergangsangst. Doch jetzt werden sie als solche wahrgenommen.
Hatte von Schirachs Klient das achtzehnte Kapitel der Johannes-
Apokalypse im Sinn, den Untergang und die Vernichtung des großen
Babylon? Hatte er den Song der Heavy-Metal-Band Iron Maiden ge-
hört, The Number of the Beast, dessen Lyrics Steve Harris verfaßt
hatte? Der Song besang einen Nightmare, erstmals 1 9 8 2 , zuletzt 2005
aufgelegt. Er vertiefte sich in die Zahl des Tieres: its number is six
hundred and sixty six. Also dreimal die Sechs. Die Musik beginnt
nach vorbereitenden Worten aus der Apokalypse des Johannes: Woe
to you, Oh Earth and Sea, / for the Devil sends the beast with wrath, /
because he knows the time is short. [...] Dann: In the night, the fires
bunting bright, / The ritual has begun, Satans work is done. / 666 The
number of the beast. / Sacrifice is going on tonight. [...] Und am Ende:
I'm coming back, I will return, / And I'll possess your body and I'll
make you burn. /1 have the fire, I have the force. /1 have the power
to make my evil take it's course. Satanismus? Steve Flarris bestritt es.
Doch diabolische Endzeit- und Untergangsbeschwörung allemal. 56
Nur wenige Jahre früher beschwor der 40. Präsident der USA immer
wieder Armageddon, den apokalyptischen Ort der Entscheidungs-
Chaos und Angst 237

.U«, S I03\ M*raiim Tr.vjv Ii

US-Präsident Ronald Reagan als Propagator atomarer Rüstung.


Karikatur von Chris Maddon aus «Marxism Today», März 19S5.

Schlacht zwischen Gut und Böse (Apoc 1 6 , 1 6 ) , und rief zum Kreuz-
zug gegen das Reich des Bösen auf. 5 7 Dieser Präsident, der ehemalige
Hollywood-Schauspieler Ronald Reagan, war nur ein Exponent jener
4z % US-Amerikaner (sogar 6 9 % «conservative Protestants»), die
238 Ahnung, Angst und Wissenschaft heilte

nach einer Umfrage von 1 9 9 6 an eine letzte Schlacht in Armageddon


zwischen dem wiedergekehrten Jesus und dem Antichrist glaubten. 58
Christlich-fundamentalistische Seminare und Bibelschulen verbrei-
teten diesen Glauben; seine Propheten sind - im Unterschied zum Mit-
telalter - in der Regel keine geschulten Theologen oder Intellektuelle.
Doch konnten sie sich - anders als im Mittelalter - auf den Buch-
markt und auf eine allgemein verbreitete Literalität verlassen.
Manch ein Augenzeuge glaubte, in den Rauch- und Staubwolken,
die am 1 1 . September 2 0 0 1 , zur Zeit von Reagans drittem Nachfolger,
von dem einstürzenden World Trade Center aufstiegen, leibhaftig den
Antichrist zu erblicken (s. Farbtafel i6). 5 y Auch dieser Präsident der
Weltmacht bediente sich einer religiös getönten und apokalyptisch
durchsetzten Sprache, als er zu seinem verheerenden Kreuzzug gegen
das Böse aufrief; 6 0 er fand Zustimmung unter seinen Landsleuten. Die
damals geweckten Untergangsmächte toben noch immer. Ihre Gegner,
Jihadismus welcher Couleur auch immer, beantworten sie mit der Ver-
kündung der großen Kriege des Endes der Zeit, die jetzt begonnen hät-
ten, mit der zu erwartenden Ankunft des Mahdi und der Wiederkehr
Isas (Jesus) zum Kampf gegen ad-daggäl, den Betrüger und Teufel, den
Anti-Messiah, mit der Vorbereitung auf die Schlachten vor dem Jüngs-
ten Tag, dem Tag des Gerichts und der Auferstehung. 61 Manche ver-
kündeten sie für die Jahre 1999 und 2000, flüchten sich danach in
neue Prognosen. 6 1 Andere legten das 1 2 . Kapitel der Apokalypse des
Johannes in gegenwartsbezogener Weise aus und erkannten im «Wes-
ten», zumal in den USA, im Papsttum oder in Europa den Drachen der
Apokalypse, der das Weib, den Islam und seine Gläubigen, bedrohe. 63
Wechselseitige Dämonisierung steigert die Konfrontation und droht
mit neuen Untergangsszenarien. Apokalyptische Appelle wettern nun
gegen apokalyptische Appelle. Deren Agitationspotential ist unter
Christen wie unter Muslimen längst verinnerlicht. Schon 1975 war in
den USA das Buch eines Methodisten-Predigers mit dem aufschlußrei-
chen Titel erschienen: Hotv to Recognize the Antichrist.6* Es war
ernst gemeint und sieht sich nun politisch überhöht. In muslimischen
Ländern konnten der Golf- und der Afghanistankrieg als Vorläufer
der Endschlacht von Armageddon propagiert werden, und der Anti-
Chaos und Angst 239

Strichcode des vorliegenden Buches.

christ erscheint in den U S A . 6 5 I m «Westen» freilich evozieren «Anti-


christ» und «Armageddon» nicht nur das Jüngste Gericht, vielmehr
den jenen beiden folgenden oder vorausgehenden Weltuntergang still-
schweigend mit.
Abstrus, aber harmlos mag die Botschaft klingen, die eschatolo-
gisch besorgte Käufergruppen von heute gefunden zu haben meinen.
Sie entdeckten nämlich in den Strichcodes der Waren mit ihren drei
verlängerten Doppelstrichen - je ein Paar am Anfang, in der Mitte
und am Ende - die Zahl des Tieres 666. Eine Verkündung also des
Antichrist, der jetzt, am Ende der Zeiten, die Menschheit mit seinem
Zeichen überflute. 66 Z u r Abwehr wurde unter anderem für den satten
Preis von 1 2 4 8 , 8 0 c ein «Hildegard Orgonakkumulator» angeboten
oder empfohlen, den Code einfach durch einen Querstrich zu entzau-
bern. 67 Denn «Orgon», eine geheimnisvolle, unsichtbare Energie, die
uns weltweit umgebe, sei mit dem diabolischen Zeichen verseucht. Es
war kein Aprilscherz, sondern furchtsamer Ernst. «Orgon» und der
«Orgonakkumulator» (eine Apparatur zur Anreicherung desselben,
freilich anderen Zuschnitts als der heute im Handel angebotene) wa-
ren Erfindungen des Psychiaters Wilhelm Reich, der - in die USA emi-
griert - ihrethalben mit Albert Einstein korrespondiert hatte, sich mit
dessen klärender Antwort nicht zufrieden gab und bald eine eigene
«Orgon»-Gemeinde um sich versammelte. Nur Gläubige erklären
noch heute Reichs Entdeckung für Realität. 68 Für sie aber gilt der
Antichrist als bedrängende Gefahr.
Das Zeichen des Tieres, 666, Armageddon, überhaupt: Der endzeit-
liche Antichrist ist als Symbol, als Chiffre, als reale Angst stets aktua-
240 Ahnung, Angst und Wissenschaft heilte

lisierbare Gegenwart des Untergangs: ein kultureller Habitus zumal


der westlichen und seit kurzem auch der muslimischen Welt. Er steht
dem Mittelalter näher, als uns lieb sein kann, obgleich damals bereits,
vor über einem Jahrtausend, die rationalen, zur Wissenschaft drän-
genden Grundlagen einer Entmythologisierung gelegt wurden. Sie un-
tergruben, ausgehend von endzeitlichen Erwartungen, im Laufe der
Zeit die Autorität biblischer Prodigien und beraubten die Apokalypse,
wie es schien, ihrer Akzeptanz.
Verfehlte Prognosen aber verhindern fehlgeleiteten Glauben nicht.
Sie öffnen vielmehr ein neues Aktionsfeld eschatologischer Sorgen
und ein neues Kapitel zur Wirkungsgeschichte der Apokalypse. Beide
werfen die Frage auf, wie nicht erfüllte Prophetien von ihren einstigen
Gläubigen verarbeitet werden/' 9 Das Christentum selbst kennt mit der
sogenannten Parusieverzögerung, mit der zwar für bald angekündig-
ten, aber «bis heute» ausgebliebenen Wiederkehr Christi zum Gericht
samt seinem Begleitgeschehen eine entsprechende Erfahrung. Unend-
liche Neudeutungen der Verheißung waren - beginnend mit den Evan-
gelien - und sind die Folge. 7 0 Im Talmud finden sich entsprechende
Hinweise für das immer wieder enttäuschte Harren auf den Messias. 7 1
Auch die Krise, in die der Sabbatianismus nach dem Glaubensabfall
des Sabbatai Z w i geriet, kann Bewältigungsstrategien und Folgen der-
artiger Fehlweisungen verdeutlichen. 71 Die Dokumente der Prophezei-
ung werden in solchen Fällen vernichtet, Zusammenhänge verschwie-
gen und verleugnet, völlig umgedeutet, verdrängt. Oftmals auch und
zumal in der Neuzeit erweisen sich Glaubensskepsis, säkulare Ratio-
nalität und Aufklärung, Absage an den Glauben, ja, Atheismus als die
Früchte solcher Krisen - oder eben Trivialisierung.
Gleichwohl, der eschatologische und apokalyptische Erwartungs-
habitus verliert sich in der Regel nicht; selbst in der Glaubensabsage
bleiben seine Spuren sichtbar. Der christliche «Westen» bewahrte die-
sen Habitus unverdrossen bis heute. Irgendwie scheint hierzulande,
aller wissenschaftlichen und technischen Rationalität zum Trotz, nicht
nur Angst, sondern eine versteckte, doch unstillbare Sehnsucht nach
dem Ende zu herrschen, eine heimliche, atemberaubende Lust am Un-
tergang, nicht ohne Gefahr für die Psyche vieler Zeitgenossen. 73
Chaos und Angst 241

Manch ein Moment unserer gegenwärtigen Massenkultur deutet dar-


auf hin.
Hallo ich suche einen film indem Möglichkeiten von apokalypti-
schen Szenarien geschehen??? So fragte am 2 4 . 1 z . z 0 1 0 um 22.40 Uhr,
an einem Heiligabend also, ein oder eine «Maik 1989» und begrün-
dete, was er oder sie wissen wollte: Ich hab vor paar jähren im fernseh
mal einen film oder dokwnentation gesehen, ich glaub auf zdf oder
ard,... indem viele apokalyptische ereignisse dargestellt wurden. Es
lief immer so ab das ein ty... Der Untergang reizt und weckt Neu-
gier - gefüttert mit Grauen, Schrecken und Monstern. Ich suche ... Ich
habe MONSTER ANGST vor 2 0 1 2 , bekundete ein anderer Mensch einen
Tilg zuvor und ergänzte ich bin auch in der Psyatrie und bei einer
Psyologin.7* Für z o i z hatte der Maya-Kalender angeblich den Unter-
gang prognostiziert.
In der Tat, der Untergang nistet sich in der Psyche ein, genährt von
Pseudowissen (wie etwa der unzutreffenden Auslegung des M a y a -
Kalenders) 75 und Scharlatanen. Doch kein Scharlatan erklärt die Be-
dingungen seines Erfolgs oder die Wirksamkeit der Symbole, die er
bemüht. Sie nisten tiefer in der Kultur und in der Empfänglichkeit der
Psyche. Eine Auferstehung scheint - von Evangelikaien abgesehen -
nicht mehr gefragt zu sein. Arbeit am Heil wird schon gar nicht pro-
pagiert. Gewiß, andere wiegelten schon vor dem Jahr 2 0 1 2 ab. Die
Welt gehe «eher nicht» unter. Die Fütterung aber bleibt, sättigt nicht
und verlangt nach immer mehr, nach deftigeren und düstereren Nah-
rungsbrocken für die zunehmend verwirrten Sinne. I'll possess your
body and I'll make you burn.
Pop-Kultur und Science-Fiction-Produzenten oder die Comic-Szene
stürzten sich auf den Weltuntergang; er nistet sich keineswegs bloß in
Subkultur und Unterschichten ein. Schier endlos erscheint die Titel-
liste. Über 200 Filme verzeichnet Wikipedia zum Thema; ihre Anzahl
wächst von Jahr zu Jahr. Die Titel und Inhalte dürften Hinweise auf
das Untergangswissen jener sozialer Schichten sein, die theologischer,
literater und wissenschaftlichen Bildung fernerstehen.
Einige willkürlich zusammengestellte Kostproben lassen sich leicht
dem Internet entnehmen. Derartige Filme visualisieren seit langem die
242 Ahnung, Angst und Wissenschaft heilte

Untergangsschrecken. Neben dem frühen Titel Day the World ended,


einem Horrorfilm von 1955/56 mit todbringenden Monstern/ 6 etwa
der Titel-Klassiker Apocalypse now von dem Regisseur Francis Ford
Coppola, einem bemerkenswerten, apokalyptisch angehauchten Kriegs-
film, erschienen Gruselstücke oder Persiflagen. The Book of Ely. Die
Zukunft der Welt liegt in seinen Händen (die Inszenierung wird be-
worben mit dem Werbespruch: Endzeitvision in bester Mad-Max-
77
Manier, also voll Brutalität und Gewalt und entsprechender Musik),
Quantum Apocalypse - Der Tag des Jüngsten Gerichts (The black
hole). Auch in das westlich geprägte Südostasien haben die Themen
sich eingeschlichen, z o i z etwa legten die Koreaner Jee-woon Kim und
Phil-Sung Yim mit Blick auf die USA ihr Horrorwerk Doomsday
Book vor, mittlerweile auch auf D V D (Doomsday Book - Tag des
Jüngsten Gerichts) erhältlich. Es spielt unter gläubig gewordenen Ro-
botern und droht am Ende mit einem Meteoritencrash (s. Farbtafel
18). Apokalyptisch betitelte Comics mit ihren Imaginationen brutal-
ster Horrorszenarien finden sich im Internet wie Sand am Meer.
Der Konsument wird mit Untergängen gefüttert. Das deutsche
Fernsehen spielt mit. In einer einzigen Woche fanden sich gleich zwei
einschlägige deutsche Fernseh-«Tipps der Woche»: Für den 6.8.Z014
das «filmische Wunderwerk» Tom Tykwers von z o i z Cloud Atlas -
Der Wolkenatlas nach dem gleichnamigen Roman von David Mit-
chell. Buch und Film erzählen, so hieß es in der Anzeige, die Mensch-
heitsgeschichte und enden in der postapokalyptischen Welt des Jahres
Z346 (ARD). Nietzsches «ewige Wiederkehr» und Seelenwanderungs-
lehre waren Leihgeber. Arn folgenden Donnerstag konterte Z D F mit
Jesus liebt mich, einer «Liebeskomödie» von Florian David Fitz, in
der Jesus zurückkommt, «um den Weltuntergang vorzubereiten».
Beide Filme mit Starbesetzung. Der Wolkenatlas verschlang Produk-
tionskosten von 100 Millionen Dollar - ein verläßlicher Indikator für
den Geschäftswert der Untergangssucht von heute. Gleichwohl, sol-
che Untergänge erscheinen harmlos, niemand nimmt sie wirklich
ernst. Sie öden den erfahrenen Fiktionalisten an. Sie sollen Spannung
erzeugen, wecken aber keine Untergangsangst. Nicht einmal die Ima-
ginationen einer Erde, auf der es schon keine Menschen mehr gibt und
Chaos und Angst 243

deren prachtvollen Werke - wie einst der Tempel in Jerusalem - ver-


ödet liegen, in Staub gesunken und verschwunden sind, münden in
Endzeitnöte. 78 Viel eher vermitteln sie ein Gefühl von Sinn-, von Per-
spektiven- und Hoffnungslosigkeit.
Unlängst trat der dänische Filmemacher Lars von Trier mit seinem
Streifen Melancholia hervor. Hier wird der Untergang tatsächlich
visualisiert, als erst geträumter, dann realer Zusammenstoß der Erde
mit einem riesigen Planeten, der den Namen Melancholia trägt, als
eine von ihm ausgelöste Feuersintflut, ein völliges Auslöschen: Die
Erde ist schlecht (...) Niemand wird um sie trauern - so die Protago-
nistin, die sich unmittelbar vor dem Untergang nackend, als Braut,
dem drohend sich nähernden Ungetüm darbietet. Desillusionierende
Erotik im Endzeitdrama, buchstäblich Untergangslust. Eine irritie-
rende Komponente. Geil, wie hier die Erde verschwindet, in einem
Super-Orgasmus.?i) Diese Melancholia reißt in ewige Dunkelheit, ge-
bärdet sich als riesige Vagina - so, als hätten der Autor und seine Re-
zensentin die Große Hure der Apokalypse des Johannes im Sinn, die
das Tier aus dem Meer reitet und die Welt an sich zu reißen beginnt.
Umsonst. Das Selbstopfer verhindert die Katastrophe nicht, ein Ende
ohne jegliche Verheißung künftiger Seligkeit. Nur Dunkelheit und
Leere.
Die Popmusik läßt sich nicht lumpen; sie wird laut, satanisch und
untergangsbesessen. Highway to Hell hieß eines der früheren Alben
der australischen Gruppe AC/DC aus dem Jahr 1 9 7 9 , das zugleich für
ihren Durchbruch am Rock-Himmel sorgte. I'm on the highway to
hell / on the highway to hell / highivay to hell... Hey Satan / Pay in'
my dues / Play in' in a rocking band / Hey momma / Look at me / I'm
on my way to the Promised Land. / I'm on the highway to hell... Der
Auftritt erfolgte in loderndem Höllenfeuer und aufsteigenden Dämp-
fen. Hunderttausende weltweit ließen sich zudröhnen und zogen den
Text in sich hinein; millionenfach wurde das Album verkauft. Die
Aktivisten wurden ihr eigenes Opfer. Tod, Depression und Drogen
schalteten den einen oder anderen von ihnen frühzeitig aus. Das alles
war nur der Anfang. Heavy-, Black-oder Death-Metal-Titel wie Apo-
kalypse der österreichischen Gruppe Abigor preisen die Auftritte an:
244 Ahnung, Angst und Wissenschaft heilte

Rasende, infernalische, ohrenzerreißende Töne feiern jede Art von


Untergang (2010). Da tobt im kleinen idyllischen Ort Wacken in
Schleswig-Holstein, dem deutschen M e k k a des Heavy Metal, mittler-
weile seit über 25 Jahren eine Band nach der anderen. Eine nennt sich
dezent Apokalyptica and Orchestra, eine andere gibt sich diaboli-
scher: Behemoth. Und so geht es fort. Wieder und wieder diabolisch.
Welche Art Erwartung wird hier geweckt?
It's the LYRICS, and they ninst be SATAN1C [ . . . ] being able to KILL
just because they hl ATE LIFE, so definierte im Jahr 1 9 9 2 ein Insider
Black Metal, der ein Jahr später tatsächlich ermordete Gitarrist Euro-
nymous (d. i. «Prinz des Todes», zivil: Oystein Aarseth). 80 Seine Band
Mayhem («Chaos»), die bekannteste norwegische Black-Metal-Band,
trat erstmals mit dem Demo Pure Fucking Armageddon hervor (1986),
man rief zu Brandstiftungen gegen Kirchen auf, verbreitete Haß,
scheute Gewalt und Mord nicht. 81 Auch jetzt millionenfache Aufla-
genhöhe. Black-, Heavy- oder Death-Metal ist kein soziales Randpha-
nomen.
Während westliche Bands das Christentum zu ihrem Gegner er-
klären, in ihren Lyrics und auf der Bühne Satan beschwören und Höl-
lenmusik produzieren, Armageddon, Tod und Zerstörung besingen,
den Untergang verherrlichen, greifen Metal-Gruppen aus der mus-
limischen Welt oder in Asien eher politische Themen auf und wenden
sich - oftmals im Untergrund - gegen Staat und Herrschaft. 8 1 Im We-
sten freilich haben sich in einigen Bereichen des Black Metal [...] Sym-
biosen mit der rechtsextremen, gewaltbereiten Szene, sowie weitere
83
bedenkliche Ideologien entwickelt. So trug während des Mordpro-
zesses gegen den sogenannten Nationalsozialistischen Untergrund
(NSU), eine rechtsradikale deutsche Killerbande zu Beginn des 2 1 . Jahr-
hunderts, ein Mitangeklagter einen Pullover, der in einschlägigen Ge-
schäften zu erwerben war, u. a. mit den Untergangs-Aufschriften Sata-
nic WarMaster und Black Metal Kommando; auch Gas Chamber sei
bezeugt. 84
Allein das Stichwort Dies irae Black Metal verwies bei Google
( 1 7 . 3 . 2 0 1 4 ) auf dreizehn verschiedene, über die gesamte christliche
Welt verstreute Underground-Musik-Gruppen, die dem Untergang
Chaos und Angst 245

Namengebendes Plattencover der Black-Metal-Gruppe «Vcnom» (1984).

huldigten. Deren älteste ist die britische Band Venom («Gift»), deren
Album aus dem Jahr 1982 - von einer Teufelsfratze geschmückt - der
ganzen Musikrichtung den Namen gab. 8 5 Incarnation of Evil heißt
eine Nummer der polnischen Death-Metal-Band Dies Irae: You pray /
You Kneel / You worship / For thousands years / You sacrifice / I am
the holy son / Created front the chaos / As the god of race / Of human
rats / As the heir of evil /1 rule on earth*6 Eine Beschwörung des Anti-
christ. Die den verschiedenen Aufnahmen zugehörigen CD-Cover
zeigten mitunter bemalte menschliche Fratzen wie in den schlimmsten
gotischen Höllenszenen. 87 Helvete («Hölle») nannte Euronymous sei-
nen Plattenladen in Oslo. 88
246 Ahnung, Angst und Wissenschaft heilte

«Es ist die nötige Härte, die Aggression, die unterirdische Deepness,
die sich hier in Form von apokalyptisch poetischen Lyrics und düste-
ren Beats (gesampelt wurde hier u. a. Zwölfton- und Film-Musik)
ihren Weg in das Bewußtsein gräbt. Die finsteren Texte, die allesamt
vor Zynismus erbrechen, werden wie von den beiden Meisterspittern
in einer sehr konsonant-betonten Art und Weise rübergebracht, daß
man wirklich fast glaubt, das letzte Stündlein hat geschlagen.» So
lobte eine Besprechung von Apokalypse Jetzt der Gruppe Morlockk
Dilemma & Hiob von 2010. 8 9 Im Interview fällt gar das Wort vom
90
Überdruss an Menschen In der Tat, «die Liebe erkaltet».
Die Buchtitel sind harmlos gegenüber diesen Bildern und Klängen.
Das geschriebene und gelesene Wort reicht an die Höllenspektakel der
Metal-Klänge oder die Horrorvisionen der Filme nicht heran. Vom
Wolkenatlas w a r schon die Rede. Willkürlich ausgewählt: der Reißer
aus der Feder von J. L. Bourne: Das Tagebuch der Apokalypse, im
Versandhandel angepriesen in Geschenkverpackung', ein anderer von
Michael McBride Reiter der Apokalypse, noch einer von Cormac
McCarthy Die Straße - Eines der besten post-apokalyptischen Sze-
narien, so heißt es in der Produktwerbung, ein weiterer von Nevil
Shute On the Baach: Die letzten Tage der Menschen in Australien...
Nur auf Englisch, passend zu der verheerenden «apokalyptischen»
Flut in Queensland um die Jahreswende 2 0 1 0 / 2 0 1 1 , aber nicht ange-
regt von derselben. Die Titel genügen; Inhalte sind Nebensache. End-
zeit über Endzeit, Untergänge über Untergänge zum Lesevergnügen
und irgendwie mit schalem Happy End, statt ewiger Seligkeit. Dazu
paßt, daß unter dem Stichwort «fin du monde» Wikipedia mit erstem
Eintrag auf ein kanadisches Bier verweist und nur 16 Einträge später
auf ein Parfüm. 9 1 Das Weltende als Marketingstrategie. Um dafür
tauglich zu sein, muß es in den gesellschaftlichen Zielgruppen zwar
weite Verbreitung gefunden, aber alle endzeitlichen Schrecken abge-
schüttelt haben.

Was ist nur in diese westliche Gesellschaft gefahren, daß sie sich
millionenfach in Apokalypsen und Weltuntergänge vertieft und ver-
liert, sich jenseits des nackten Überlebenswillens an ihnen delektiert,
sie als hohles «Lebensgefühl» akzeptiert, ohne mehr die Ursprungs-
Chaos und Angst 247

vision der Erlösung, des erstrebten Aufstiegs zum Licht, der Hoff-
nung auf Gnade, einer besseren Welt zu teilen, ohne sich in einem
umfassenden Sinne existentiell erschüttern zu lassen? Es erinnert ent-
fernt, wenn auch mit anderer Wirkung, an die Zeit vor i o o o Jahren,
als der Antichrist sein Kommen ankündigte, als wieder und wieder
Behemot, Satan, der alles verschlingende Höllenrachen mit unge-
heurem Realismus in die Imaginationen und Predigten der westlichen
Christenheit Einzug hielten und die Schrecken des Jüngsten Gerichts
und des Jüngsten Tages sich tiefer und tiefer in die Seelen der Gläu-
bigen einnisteten. Keine Kirchenwand, kein Gebetbuch, keine Theo-
logie, die nicht mit ihnen drohten.-92- Wiederholt sich nun die Ge-
schichte?
Ist solche Untergangslust nunmehr die Kehrseite einer wachsenden
Sinnentleerung des Daseins, die sich mit Machtsteigerung, Gewinn-
und Spaßmaximierung um ihrer selbst willen begnügt? Nur totale
Säkularisation, nur eine Flut inhaltsleerer Bilder, nur Verkaufssym-
bole, nur Erfüllungshelfer für Orgasmus? Verweigerungshaltung,
Verzweiflung, Desillusionierung und Gewaltbereitschaft? Sie nehmen
zu in der westlichen Welt. Erwartungen und Vorurteile bestimmen
anscheinend noch immer oder schon wieder und fortgesetzt die tiefe-
ren Kammern unseres Daseins. Aufklärung tut abermals not. Un-
längst überholte ich gar auf der Autobahn einen Lastzug mit dem
Firmenlogo ARMAGEDDON, beladen - so könnte man fürchten - mit
den Rüstungen zur letzten Schlacht, der Schlacht zwischen Gut und
Böse.
Sieht sich derartige Untergangsbesessenheit als Symptom unserer
Zeit überbewertet? Hoffnungszeichen fehlen ja nicht. Aber gerade sie
verdeutlichen die Untergangspräsenz in der Gegenwart. Da wurde
kürzlich von der hierzulande recht bekannten Choreographin Nanine
Linning in Heidelberg ein Tanzstück Zero zu Musikstücken von Arvo
Pärt (Symphonie Nr. 4, Los Angeles, 1. Satz, und Silouans Songs, Psa-
lom für Streichorchester) und einigen anderen zeitgenössischen Kom-
ponisten (Philip Glass, Julia Wolfe, Ralph Vaughan Williams) vor-
gestellt. Aufführung für Aufführung war ausverkauft; im Publikum
zumeist junge Menschen.
248 Ahnung, Angst und Wissenschaft heilte

Arman (d. i. Armand Pierre Fernandez), «The day after».


Ensemble von Bronzegüssen zerstörter Louis-XV.-Möbel, zusammengestellt
für eine Ausstellung der Marisa del Re Gallery, New York, 1984.

Der Tanz begann mit einem Bühnenbild, das an das Jüngste Gericht
von Luca Signorelli gemahnte, mit kopfüber herabstürzenden Men-
schenpuppen in wallenden Nebelschwaden. Das Programmheft erläu-
terte: Die Menschheit, die Natur, die Erde taumeln auf ihr Ende zu -
die Apokalypse wird immer wieder neu prophezeit. Der Mensch bittet
zum letzten Tanz und sieht den Untergang in naher Zukunft liegen.
Doch Hoffnung winkt: das vermeintliche Ende könnte ein Neubeginn
sein. Jeder Untergang führe in eine Kette von Werden und Vergehen.
Ob unsere Erde explodiert. Ob die Sonne ausbrennt. Die Natur, das
Universum, besteht schließlich auf die eine oder andere Weise wei-
ter.93 Am Ende tanzten Paare in beschwingender Leichtigkeit.
Diese Mischung aus religiöser Überlieferung und astrophysikalischen
Prognosen mag typisch sein für die heutige Gegenwart. Entscheidend
ist der thematische Wurf: Weltuntergang und - nennen wir es ruhig
so - «Neue Erde», eine Komposition, die tatsächlich einstimmt in den
großen Chor so oder so präludierender apokalyptischer Sänger: Auf-
erstehung, geboren aus einer endlosen Folge von Untergängen und
Die Wissenschaft hat den Weltuntergang nicht vergessen 249

kosmischen Katastrophen. Das mag an Kant erinnern oder an mo-


derne Kosmologen. Ihr Sinnen trachtet nach einem Aufbruch in kos-
mische Weiten, um dem drohenden Untergang der Erde oder doch der
Menschheit auf Erden zu entkommen, und hofft auf ferne Welten.
Lohnt es sich nicht mehr, für diese, unsere Erde und das Heil ihrer
Menschen zu kämpfen?

Die Wissenschaß hat den Weltuntergang nicht vergessen

Und die Wissenschaft? Sie bringt immer neue Propheten hervor. Mit
ungeheurem Aufwand jagt sie den Anfängen des Kosmos nach. Ur-
knall, Hintergrundstrahlung, Gravitationswellen, Inflationstheorie,
dunkle Energie, immer schnellere Expansion des Kosmos - alles ver-
schlingt Unsummen von Forschungsmitteln, um dem Anfang auf die
Spur zu kommen. Und was war vor dem «Big Bang»? Und was wird
kommen? Und wie kam es, daß wir Menschen darüber nachdenken
können? Gibt es mehrere Kosmen? Dieser Raum ist gekrümmt, so
heißt es, er erscheint wie ein Ball, wie eine Scheibe oder wie auch
immer. Gibt es mehrere solcher Bälle oder Scheiben? Ein «Multiver-
sum» mit vielen, gar unendlich vielen Kosmen, mit endlosen Parallel-
welten und erdgleichen Planeten, auf denen sich - in der LJnendlich-
keit möglich - dasselbe ereignet wie bei uns? In diese Richtung denkt
der am Massachusetts Institute of Technology (MIT) lehrende Physi-
ker M a x Tegmark. 94 Sinnlose Spekulationen? Andere wie der Phy-
siker und Kosmologe Paul Steinhardt widersprechen mit Hilfe der
Stringtheorie. Unsere Welt sei ein Durchgangsstadium in einer unend-
lichen Kette anderer Welten, ohne Anfang, ohne Ziel und Ende, ein
ewiges kosmisches Entstehen und V e r g e h e n . 9 5 Noch andere wie der
Astronom und Astrophysiker Fred Adams folgern aus der beobacht-
baren Beschleunigung der Expansion des Universums eine Expansion
bis zu einer völligen Auflösung des Universums in unvorstellbar wei-
ter Zukunft. 9 6 Wieder andere, etwa der Physiker Robert R. Caldwell,
spielen mit der Zunahme der «dunklen Energie» und rechnen mit
einem plötzlichen Zerplatzen des immer rascher expandierenden Kos-
250 Ahnung, Angst und Wissenschaft heilte

mos. 9 7 Die Milliarden, die zur Finanzierung derartiger Forschungen


bereitgestellt werden, sprechen eine deutliche Sprache. Sie sind ein In-
dikator für die Relevanz, die solchen Spekulationen zugebilligt wird.
Ihrer Herkunft nach haben sie zugleich mit der «Schöpfung» mit dem
verheißenen Weltuntergang zu tun und entspringen jahrtausendealter
Eschatologie.
Der Weltuntergang ist in der Tat nicht vergessen; im Gegenteil: Das
Denken über den Anfang nötigt zur Suche nach dem Ende, dem Un-
tergang. Er geistert tatsächlich nicht nur durch die westliche Kultur,
durch Kunst und Musik, durch Literatur, Alltag und Subkultur; er be-
wegt und beschäftigt heutige Kosmologen und ihre wissenschaftlichen
Zuarbeiter in ähnlicher Weise wie sonstige Kulturarbeiter. Freilich hat
sich die Dimension dieses Untergangs gegenüber den Vorgängervisio-
nen gewaltig verändert. Die Astrophysik kennt nunmehr Untergänge
über Untergänge. Ein Planet nach dem anderen verschwindet, eine
Sonne nach der anderen, eine Milchstraße nach der anderen. Damit
aber verliert das eine, bisher gedachte Weltende seine Exklusivität,
und mit ihr droht sich auch die Einzigartigkeit des Menschen zu ver-
lieren. Diese Konsequenz beunruhigt mittlerweile mehr und mehr
heutiger Zeitgenossen.
Waren bislang Untergangsperspektiven vorwiegend numinos, reli-
giös, theologisch oder philosophisch eingekleidet, so zeichnen sich
jetzt - glaubensfern - reale, naturwissenschaftlich begründete Un-
tergänge von Leben, Menschheit und Erde ab. Sie bedürfen keines
Gottes mehr, keiner spezifischen Religion oder Kultur; sie fordern
vielmehr weltweit Physiker, Chemiker, Biologen, Astronomen, Mathe-
matiker, Kosmologen heraus, auch Philosophen. Das Weltall expan-
diert immer schneller. Doch wohin und wie lange noch? Und was
folgt daraus? Der Anfang von Kosmos und Erde, der Beginn der
Schöpfung, der Geschichte der Materie entfleucht in immer größere
zeitliche Tiefen, in Milliarden, ja, Billionen von Jahren; die Z u k u n f t
hält es ebenso.
Was geht das uns an? Warum erforschen wir solche Welten? Treibt
uns bloße Neugier, ein Wissen-Wollen um seiner selbst willen? Das
Verlangen nach Gewißheit unserer Einzigartigkeit? Die Furcht, einer
Die Wissenschaft hat den Weltuntergang nicht vergessen 251

Jahrtausende währenden Illusion erlegen zu sein? Die Wissenschaft


erkennt keine Schöpfung, nur Selbstentfaltung, keinen allmächtigen,
keinen dämonischen Demiurgen. Eben diese, denen sich bisher die
Menschheit zu verdanken wähnte, sind aus dem wissenschaftlichen
Denken wie ausgeschabt vom «Rasiermesser Ockhams»; allenfalls ist
die Rasurstelle noch blaß zu erahnen. Der Untergang aber von «Him-
mel und Erde», von Erde und Sonnensystem nämlich, wird aus den
eigenen Bedingungen des Universums erklärt; er gewinnt damit einen
ganz eigentümlichen Sinn. Der Kosmos wandelt sich ewig und bleibt
bestehen - vielleicht.
Die alte Lehre, daß der menschliche Geist überdauere, während die
Materie vergehe, gilt nicht mehr. Jedenfalls nicht im Kosmos, in einem
All, das endlos viele Kosmen birgt. Die Kräfte, die das Stoffliche for-
men, scheinen - so sehen es manche - ewig wirksam zu bleiben, und
die Materie scheint sich bis zu ihrer Selbstauflösung ständig in neue
Formen zu ergießen, sogar Selbstbewußtsein, Denken, Gefühl hervor-
zubringen, während sein Geist mit dem Menschen für immer erlischt.
Ewige Intelligenz wird erwogen, immer wieder neu den Verhältnissen
der Materie entlockt. Die Wissenschaft kann vieles (noch) nicht er-
klären, sie schürt dennoch in mancherlei Weise die apokalyptischen
Befürchtungen und Perspektiven heutiger Gegenwart. Sie kann dabei
aber die Spuren ihrer Herkunft nicht verleugnen. Das uralte Denk-
muster des Untergangs hat sich längst in den Bildungseliten, im Bür-
gertum und seinen Intellektuellen, im Forschungsbetrieb und unter
Experimentatoren etabliert. Astronomen, Physiker, Biologen oder
Chemiker erweisen sich als Kinder ihrer Zeit und sind der Herkunft
ihrer Kultur verpflichtet, ständig auf der Suche nach Anfängen und
Untergängen, und nun immer häufiger nach neuen Erden für den be-
vorstehenden Untergang der alten, vertrauten.
Doch nicht nur Naturforscher prägen das Bild der modernen Wis-
senschaft und nicht nur seriöse Analysen; auf sie kommen wir unten
noch einmal zurück. Auch Scharlatane, Populärwissenschaft und
Popkultur tummeln sich in endzeitlichen Gefilden und verwirren die
Geister. Wir begnügen uns mit einigen wenigen Beispielen aus Deutsch-
land. In apokalyptischem Kontext kaum beachtet wurde etwa die
252 Ahnung, Angst und Wissenschaft heilte

nachhaltige Wirkung der Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts


von Houston Stewart Chamberlain, die 1899 erstmals erschienen,
größten Einfluß auf eine breite Leserschaft in Adel und Bürgertum üb-
ten und zahlreiche Auflagen - eine zehnte erschien 1 9 1 z - erfuhren, 98
ein Buch, das dem Pangermanismus, Antisemitismus und Rassen-
wahn (mit Rassenzüchtung) die Wege wies und sich tatsächlich auch
auf die Entstehung moderner Großforschungseinrichtungen aus-
wirkte. Apokalyptische Töne fehlten nicht. Gleich im Vorwort zur ers-
ten Auflage betonte der Brite, daß der Wappenspruch seiner Familie
Spes et Fides «ihn auf das Menschengeschlecht» verweise. Es geht um
Rettung vor dem Absinken in das seelen- und morallose, das rassen-
und nationalitätlose Völkerchaos, um eine in den über 1 0 0 0 Seiten des
Buches immer wieder apostrophierte neue germanische Welt, um Be-
freiung von der Verschlechterung des Menschengeschlechtes, welche
durch die Askeseforderung kirchlicher Normen herbeigeführt sei,
durch B astar disierung, ein Kampf auf Leben und Tod." Das geradezu
buchlange Vorwort zur vierten Auflage schloß Chamberlain mit dem
Kant-Zitat: Das Reich Gottes auf Erden, das ist die letzte Bestim-
mung, des Menschen Wunsch. Dein Reich komme! [...] Im ganzen
Weltall sind tausend Jahre ein Tag. Wir müssen geduldig an diesem
Unternehmen arbeiten und iuarten.100 Leben oder Tod für das Men-
schengeschlecht: Knapper läßt sich der pseudoreligiöse, pseudowis-
senschaftliche eschatologische Unterton des Werkes nicht fassen.

Der Kaiser Wilhelm II. hat, wie er selbst eingestand, diese 1 0 0 0 Sei-
ten verschlungen, hat aus ihnen abendlich seiner Hofgesellschaft vor-
gelesen und Rassismus und Germanomanie des Buches verinnerlicht.
Alsbald korrespondierte er mit dem Autor, ließ sich von ihm über
Rassenfrage - dieser für die Zukunft der Menschheit wichtigsten aller
Fragen - und über Rassezüchtung belehren, damit es nicht zu spät
und unsere germanische Art für immer verloren sei; sonst drohe der
Untergang der Menschheit.101 Das war pseudowissenschaftliche Ge-
genwartsanalyse im Duktus der Apokalyptik. Iii solcher Art Eschato-
logie, in der sich Chamberlain gefiel, lag Verführung. Es sei höchste
Zeit, fast schon zu spät, um den Untergang aufzuhalten: Ideologie, ge-
boren aus apokalyptischem Habitus, genährt von einem jahrtausen-
Die Wissenschaft hat den Weltuntergang nicht vergessen 253

dealten Gestus des Warnens und der Erwartung und voll suggestiver
Wirksamkeit.
Es mag denn auch sein, daß von solcher Lektüre und von persön-
lichen Begegnungen des Deutschen Kaisers mit dem Briten Impulse
ausgingen für die Gründung jener wissenschaftlichen Gesellschaft,
mit der dann Adolf von Harnack, ein einflußreicher lutherischer Kir-
chenhistoriker, beauftragt war, die er bis 1 9 3 0 als Präsident leitete,
und die tatsächlich im Jahr 1 9 1 1 zur Gründung der ersten Kaiser-
Wilhelm-Institute führte, denen bald weitere folgten. Es waren reine
Forschungsinstitute zur Grundlagenforschung und ohne Lehrver-
pflichtung, die nach dem Zweiten Weltkrieg als Max-Planck-Institute
wiedererstanden. T0Z Jedenfalls ist Chamberlains damaliger Einfluß
(1902) auf die Haltung des Kaisers zur Wissenschaftsförderung be-
legt. Dessen Hauptpunkte, unsere Zukunft, habe er in seiner Görlitzer
Rede (von Ende November) aufgegriffen, so schrieb er dem Briten
fünf Tage vor Weihnachten, und unter die Zuhörer gefeuert-, Wilhelm
schloß: mögen Sie unser deutsches Volk, unser Germanentum, retten,
dem zum Helfer und getreuen Eckhardt Gott Sie gesandt hat!IO} 1926
wurde, noch unter von Harnacks Präsidentschaft, das «Kaiser-Wil-
helm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik»
gegründet, das in der Tat durch anthropologische Züchtungsphanta-
sien und menschenverachtenden Rassismus dem Untergang abendlän-
discher Ethik den Weg bereitete.

Der eschatologische Verkündungsduktus war attraktiv und animie-


rend. Aufwühlend wirkte, gleich nach dem Ersten Weltkrieg, unter
deutschen Intellektuellen, innerhalb des durch die Niederlage erschüt-
terten Bildungsbürgertums, unter Universitätsprofessoren und Litera-
ten allein schon durch seinen Titel Der Untergang des Abendlandes
von Oswald Spengler. 104 Der Autor beanspruchte in prophetischer
Manier mit seinem Werk, Geschichte vorauszubestimmen (S. 3), ein
Ziel, das tatsächlich, auch wenn Spengler selbst es nicht so sah und
die Gewichte gewiß anders verteilt waren, durch ein Jahrtausend der
Intention mittelalterlicher Theologen und Geschichtsschreiber (wie
etwa Otto von Freising) entsprach, soweit sie das Ganze der Pleils-
geschichte in den Blick nahmen. Die Attitüde der Prognostik blieb.
254 Ahnung, Angst und Wissenschaft heilte

Es kommt an dieser Stelle nicht darauf an, den philosophischen


Glauben des Autors - seine Geschichtsmorphologic und (antike Lehre
wiederbelebende) Zyklentheorie der Geschichte, sein Konzept von
Aufstieg, Vollendung und Untergang großer Zivilisationen, seine Be-
stimmung des Faustischen als Wesensmerkmal des Abendlandes u. a. -
nachzuzeichnen. Es genügt der Verweis auf Spenglers Vatizinien und
die Zukunftsperspektiven, die er seinen Lesern zumutete. Explizit
wollte er Untergang nicht als Katastrophe, sondern als Vollendung
verstanden wissen, ihm also eine Heilskomponente beimischen. Den-
noch, er sprach vom Erlöschen der abendländischen Kultur (i S.4),
und dieses Erlöschen wurde einem antiken, auf Dauer angelegten
Denken gegenübergestellt. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts drängte
alles auf innere Vollendung der Wissenschaft, fortan herrschte Auf-
lösung. 1 0 5 So die These, die sich der biblischen Untergangsprophetie
bedient, sie einmal mehr erneuert und bewahrt. Wie eh und je: Unter-
gangsdrohung zur Gegenwartsdeutung.
Als ein Schlüsselkonzept diente Spengler die physikalische Lehre
von der Entropie von 1 8 6 5 , mithin der zweite Hauptsatz der Ther-
modynamik, die Nichtumkehrbarkeit der Kreisprozesse, die im Welt-
ganzen sich einem Endzustande nähert (1 S. 626). Hier wurde - mit
literarischer Anlehnung an Richard Wagner - moderne Physik zur
eschatologischen Perspektive: Das Weltende als Vollendung einer in-
nerlich notwendigen Entwicklung - das ist die Götterdämmerung;
das bedeutet also, als letzte, als irreligiöse Fassung des Mythos, die
Lehre von der Entropie (1 S. 631). Die europäische Wissenschaft
geht der Selbstvernichtung durch Verfeinerung des Intellekts ent-
gegen (1 S. 633). Keine Katastrophe also, wohl aber fatalistische
Selbstvernichtung und Weltende. Ein geradezu «apokalyptisches
106
Lebensgefühl» sah sich philosophisch begründet. Ließ es sich auf-
halten, konnte man dem Pessimismus entgegenwirken? Viele fragten
es sich. Auch Spenglers Buch wurde durch zahlreiche Auflagen weit
verbreitet. Eine Antwort gab Adolf Hitler, der Verführer in den realen
Untergang, dem nicht wenige Leser Spenglers folgten. Auch da
drängte Apokalyptisches, Untergangswahn, nach oben.
Aus dem Jahr 1933 tönt eine weitere, erschreckende, rassistisch ge-
Die Wissenschaft hat den Weltuntergang nicht vergessen 255

prägte Gegenwartsdeutung. Ihr Autor war der Arzt und Dichter Gott-
fried Benn. Auch er bediente sich eschatologischer Untergangstopik
in einer Mischung aus mythischen Bildern, apokalyptischer Sprache
und visionären Sprachgesten: Züchtung überschrieb er seinen Essay.
[...] was verlangt die Stunde, was muß entstehen? Ein Jahrhundert
großer Schlachten wird beginnen, Heere und Phalangen aus Titanen,
die Promethiden reißen sich von den Felsen, und keine der Parzen
wird ihr Spinnen unterbrechen, um auf uns herunterzusehen. Ein
Jahrhundert voll Vernichtung steht schon da, der Donner ivird sich
mit dem Meer, das Feuer mit der Erde sich begatten, so unerbittlich
iverden die Endgeschlechter der weißen Rasse aneinander gehen. Also
gibt es nur eins: G eh irn e muß man züchten, große Gehirne, die
Deutschland verteidigen, Gehirne mit Eckzähnen, Gebiß aus Don-
nerkeil. Verbrec h er is c h, wer den neuen Mensche n
träumerisch sieht, [...] kämpfen muß er können [...].107
Untergangs furcht und Heilserwartung durch Züchtung einer raub-
tierartigen übermenschlichen Intelligenz unter den Deutschen. Das
ließ eher an den Antichrist, an den Verführer und Versucher denken
als an den Erlöser.
Kaum mehr lassen sich die alten Vatizinien vernehmen. Werden sie
dennoch hervorgeholt, wirken sie irgendwie ihrer Gegenwart ent-
rückt. Ein Zeuge möge genügen: Carl Schmitt. Dieser bedeutende,
zeitweise der NS-Ideologie verfallene Jurist, bis zum Tod ein erklärter
Antisemit, doch gläubiger Katholik, reflektierte immer wieder ex-
plizit oder implizit über den Antichrist, nämlich die Modernität und
Technisierung der Welt, beschwor mitten im Krieg die Gegenmacht
des «Katechon», etwa das «Reich» als «Aufhalter» des Antichrist. 108
Im Jahr 1 9 4 7 vertraute er seinem Tagebuch an: Man muß für jede
Epoche der letzten 1 9 4 S Jahre den koctexcov nennen können. Der
Platz war niemals unbesetzt, sonst wären ivir nicht mehr vorhanden.
Jeder große mittelalterliche Kaiser habe sich für den Katechon ge-
halten und sei es auch gewesen. Den Untergang, das künftige Nicht-
mehr-vorhanden-sein, als Bedingung des Katechon hat Schmitt nicht
weiter thematisiert. Aber auch über den realen Untergang seines Rei-
ches, zu dem er an seinem Platz mit beigetragen hatte, schwieg er.
256 Ahnung, Angst und Wissenschaft heilte

Seine Eschatologie zeigte sich der eigenen Gegenwart nicht mehr ge-
wachsen.
Vernichtung, Untergang und «Verrecken» wurden herbeigeredet,
herbeigeschrieben, herbeigedeutet. Untergang sah der späte Martin
Heidegger heraufziehen. Jedenfalls deutete er derartiges in seinem be-
rühmten «Spiegel»-Interview von 1966 an, das erst posthum 1 9 7 6
gedruckt werden durfte. 1 0 9 Es ging in dem Gespräch zunächst um
das Freiburger Universitäts-Rektorat des Philosophen von 1933/34.
Dann wechselte das Thema zu einer gegenwartskritischen Auseinander-
setzung mit der technischen Welt, in der für Heidegger alles für ihn
Negative zusammenfloß: nicht nur die Technik in engerem Sinne, viel-
mehr das gesamte Getriebe der modernen Welt, Amerikanismus, Bol-
schewismus, Cartesianismus, jüdischer Rationalismus, Journalismus
und anderes. Doch: Eine Veränderung des jetzigen Weltzustandes sei
durch die Philosophie, durch bloß menschliche[sj Sinnen und Trach-
ten nicht zu bewirken; zu tief hatte sich das Unheil in die Menschheit
eingefressen.
Nur noch ein Gott kann uns retten. Uns bleibt die einzige Möglich-
keit, im Denken und im Dichten eine Bereitschaft vorzubereiten für
die Erscheinung des Gottes oder für die Abwesenheit des Gottes im
Untergang; daß ivir nicht, grob gesagt, «verrecken», sondern wenn
wir untergehen, im Angesicht des abwesenden Gottes untergehen.
Spiegel: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Ihrem Denken und
der Hcraufkunft dieses Gottes? Meinen Sie, daß wir den Gott herbei-
denken können? Antwort: Wir können ihn nicht herbeidenken, wir
vermögen höchstens die Bereitschaft der Erwartung zu wecken. Wie-
der also die Antinomie Erlösung durch Gott oder Untergang, weil er
nicht erschien, eine Erwartung des Heils oder die Furcht vor dem
«Verrecken». Die Epiphanie eines Erlösergottes stand freilich - im
Jahr 1966 - nicht zu erwarten; so drohte im Angesicht seines Ausblei-
bens Untergang oder gar die Hölle des Verreckens.
Gleichartige Untergangsvisionen plagten den Philosophen schon
früher. Etwa in seiner Freiburger Rektoratsrede von 1933. Da warnte
er davor, daß die geistige Kraft des Abendlandes versagt und dieses in
seinen Eugen kracht, wenn die abgelebte Scheinkultur in sich zusam-
Die Wissenschaft hat den Weltuntergang nicht vergessen 257

menstürzt und alle Kräfte in die Verwirrung reißt und im Wahnsinn


ersticken läßt. Noch war es nicht soweit. Denn die junge und jüngste
Kraft des Volkes, die über uns schon hinweggreift, hat sich darüber
bereits entschieden, aufgebrochen in Herrlichkeit und Größe.110 Das
deutsche Volk als eine Art Heiland, als Garant des Abendlandes, als
Retter vor dem Wahnsinn? Dieser Philosoph von Sein und Zeit ver-
stand - geblendet durch sein eigenes Denken - die sich ereignende
Katastrophe seiner Zeit nicht. Gleichwohl, Untergang lag diesem
Denken nicht f e r n . 1 1 1
Untergangsangst also hat unsere westliche, christlich geprägte,
doch säkulare, von Technik und Machbarkeitswahn getriebene Ge-
sellschaft noch immer im Griff. Ein apokalyptisches Lebensgefühl hat
man es genannt und zu einem zentralen Moment der Gegenwarts-
analyse erhoben. 1 1 1 Falsch ist das gewiß nicht, doch genügt es nicht.
Denn nicht erst die Gegenwart ist betroffen, vielmehr die gesamte Ge-
schichte des christlichen «Westens» seit den frühchristlichen Zeiten.
Nach wie vor verlangt dieses Gefühl, diese Angst die Deutung der Zei-
chen in Gesellschaft oder Natur (vertreten etwa durch rassistischen
Züchtungswillen). Und nach wie vor lebt die Hoffnung auf Gott. Nur
ein Gott kann uns retten. Auch der Theologe verweist auf den christ-
lichen Glauben. 1 1 3 Die Angst auslösenden Zeichen haben sich freilich
gewandelt; sie sind technischer, meßbarer und umfassender gewor-
den, uns näher gerückt, eingebunden in die Komplexität der globa-
lisierten Welt, von Menschen hervorgebracht.
Die atomare Wende hat Untergangsängste nie gekannten Ausmaßes
und nie gekannter Lebensnähe heraufgeführt. Selbstverschuldet. Der
Ost-West-Konflikt drohte jahrzehntelang mit dem Untergang von
Menschheit und Erde, jenes Gemisch aus beherrschter Zerstörungs-
macht und jeglicher Voraussage sich entziehender Machtpolitik. Die
Atombombe ist heute für die Zukunft der Menschheit drohender als
alles sonst. Bisher gab es wohl irreale Vorstellungen des Weltendes.
[...] Jetzt aber stehen wir vor der realen Möglichkeit eines solchen
Endes. So deutete Karl Jaspers. Wir wissen längst, daß ivir dem Ver-
schwinden in der endlosen Zeit nicht ausweichen können. Und: Die
totale Bedrohung wird der Angelpunkt unseres Lebens. Nur das Ver-
258 Ahnung, Angst und Wissenschaft heilte

trauen in Gott bleibt als Grund der Hoffnung durch alle Zeit.114 Le-
ben angesichts totaler Vernichtungspotentiale, erschreckt durch im-
mer wieder inszenierte Drohgebärden. Schon zuvor hatte sich «der
Vater der Atombombe», Julius Robert Oppenheimer, der ersten Atom-
bombenexplosion am 16. Juli 1945 in der Wüste von Nevada erinnert:
Manche lachten, andere weinten, die meisten blieben stumm und ein
(bezeichnend verändertes) Wort aus der Bhagavadgita hinzugefügt
(Kap. 11 v. 32), das bald weite Verbreitung fand: Noiv, I am become
Death, the destroyer of worlds; er warnte vor der Verbreitung der
Bombe und - vergebens - vor der Entwicklung der noch gewaltigeren
Wasserstoffbombe. 1 1 5
Zerstörer der Welten. Die atomare Bedrohung ist in der Tat nicht
gebannt. Reaktorunfälle und die zunehmende Verbreitung der Atom-
waffen verweisen auf das Gegenteil. Untergangsszenarien finden ihr
Publikum. In Deutschland schürten nach dem Reaktorunfall von
Tschernobyl (1986) viele die Verseuchungsangst. Jugendbücher the-
matisierten alsbald apokalyptische Gefahren. Der Jugendroman Die
Wolke von Gudrun Pausewang (1987) etwa entwarf die Geschichte ei-
nes vierzehnjährigen Mädchens, das nach einem Reaktorunfall in die
radioaktive Wolke gerät und nun allerlei Leidvolles erfahren muß.
Das Buch erhielt den Deutschen Jugendliteraturpreis (1988) und wurde
hierzulande zur Schullektüre; nach dem Unfall von Fukushima ( 2 0 1 1 )
steigerte sich die Auflage auf über 1 , 5 Millionen verkaufte Exemplare.
Untergangsängste waren nicht fern. Angst und zugleich ein starkes
Verdrängungsbedürfnis konnte dieses Buch im formbaren Jugendalter
der heute dreißig- bis vierzigjährigen Deutschen wecken, Skepsis auch
gegenüber Wissenschaft und Forschung.

Visionäre Prognostik

Der Kosmos freilich wird von keinem radioaktiven Super-GAU be-


rührt. Er wird fortbestehen und sich immerzu wandeln, so lange die
ihm immanenten Kräfte es zulassen, auch wenn Menschheit und Erde
längst ausgelöscht sein werden. Vermutlich lassen sich neue Erden
Visionäre Prognostik 259

entdecken. M a n spielt mit kosmischen Emigrationsgedanken. Manch


ein Zeitgenosse, manch eine Zeitgenossin träumt von solchem Heil.
Doch auch Ängste lauern jenseits der Erde. Aliens drohen. Orson Wel-
les' Pseudoreportage einer Invasion vom Mars aus dem Jahr 1938 ent-
fachte - mittlerweile hervorragend wissenschaftlich analysiert - bei
vielen Hörern Untergangsangst; 1 1 6 und Astrophysiker warnen vor
einer Kontaktaufnahme mit jenen vermuteten Außerirdischen. 1 1 7
Wir bleiben auf der Erde. Die Namen der Zeichen, die hier und jetzt
registriert werden, hätten Frühchristentum, Mittelalter oder Renais-
sance nicht verstanden; sie heißen C O , , Ozonloch, Klimakatastrophe,
Luftverseuchung, Ölpest, Umweltzerstörung und ähnlich, von den
geradezu dämonischen Perspektiven der Atomkraft, der Genetik oder
der Cyberwelten ganz zu schweigen, auch von Fundamentalismen
aller Art, der ins Unermeßliche wachsenden Zahl gleichzeitig auf die-
ser endlichen Erde lebender, liebender, hassender Menschen, den Ver-
nichtungspotentialen möglicher Kriege. 1 1 8 Die schwindenden Nah-
rungs- und Wasserressourcen für eine wachsende Überbevölkerung
der Erde sind längst zu einer realen Bedrohung geworden. Die Wüsten
wachsen, von menschlichem Eingreifen verschuldete Wüsten. Auch ein
Katechon meldet sich: weltweit Atomgegner, Umweltschützer, Frie-
densprediger.
Das apokalyptische Repertoire hat sich nicht verflüchtigt, die es-
chatologische Denkfigur ist so aktuell wie eh und je. Der Weltunter-
gang ist nur machbarer und verfügbarer, gewaltiger geworden, nicht
mehr nur dem göttlichen Willen, sondern menschlicher Risikobe-
reitschaft, machtbesessenen Planungen, eigens postulierten absoluten
Wahrheiten und von endlosen Vernichtungspotentialen begleiteten
Wahnideen überantwortet.
Die eigentümliche, vor allem in Rußland und Japan verbreitete Aum-
Sekte, die unter verschiedenen Namen agiert, pflegt eine aus Hinduis-
mus, Buddhismus, Science-Fiction und nicht zuletzt aus christlichem
Chiliasmus zusammengemixte Ideologie. Ihr Gründer Asahara hält sich
für eine Inkarnation von Shiva und Jesus Christus. Die Sekte machte
zumal 1995 mit einem Giftanschlag (durch Sarin) auf die Tokioter
U-Bahn von sich reden. «Die Aktionen der Sekte entsprangen klassisch
260 Ahnung, Angst und Wissenschaft heilte

chiliastischen Phantasien von einem Weltende, an das sich ein post-


apokalyptisches Paradies anschließt», bemerkte ein Kenner. 1 1 9 Weni-
ger kriminelle Auguren sind ebenfalls am Werk. Heute dienen etwa
Hochrechnungen und Computersimulationen zum Entwurf apoka-
lyptischer Szenarien oder - was auf dasselbe hinausläuft - zu ihrer
Abwehr. Wie eh und je wird bald Schrecken, bald Heilshoffnung ver-
breitet, stets im Prophetenton und von Erwartungen gespeist.
Die Prognostik ist nicht verstummt. Zukunftsforschung wird wie-
der großgeschrieben; sie bleibt freilich wie im Mittelalter linearen
Extrapolationen verhaftet. Sie rechnet nicht unbedingt mit dem Un-
tergang, trotz der bekannten Vernichtungspotentiale nicht. Seit den
1960er Jahren öffnete allein in Deutschland eine Reihe Optimismus
verbreitender, wissenschaftlich operierender und soziologisch ausge-
richteter Zukunftsinstitute ihre Pforten (manche schlossen sie auch
wieder): Zentrum Berlin für Zukunftsforschung (1968), Gesellschaft
für Zukunftsfragen (1968), Institut für Zukunftsforschung (1975),
Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (1981) und
andere mehr. Die Universitäten springen auf den fahrenden Z u -
kunftszug: In Hawaii gibt es schon länger das «Research Center for
Future Studies». An der «Freien Universität Berlin» wurde 2.010 ein
Masterstudiengang zur Zukunftsforschung eingerichtet: «Zukünfte
studieren». Konstanz konterte mit einem «Zukunftskolleg» zur Nach-
wuchsförderung: A powerful new dramatic rühmt die werbende In-
ternetseite. 1 1 0 Prophetie des Glücks und ökonomischer Seligkeit?
Doch nicht nur. Gerade unlängst (2015) publizierte die schwedische
Global Challenges Foundation eine Studie zu zwölf tödlichen Gefah-
ren für die Menschheit, die auf den Weltuntergang zulaufen.
Jene Institute erstellen Prognosen zu Bedarfs- und Friedensfor-
schung, zu Demoskopie oder Ressourcenberechnung, zu Überlebens-
strategien, ergründen die Z u k u n f t für Politik, Technik und Wirtschaft,
Trends für die nächsten Jahre und Perspektiven in eine gefährliche
Zukunft, verleihen alle zusammen dem Katechon wissenschaftlichen
Habit. Schon rührt sich - wie seit jeher in der Apokalyptik der Antike,
des Mittelalters und der Neuzeit - die soziale, revolutionäre, technik-
feindliche oder wissenschaftsskeptische Agitation, die gegen den Kli-
Visionäre Prognostik 261

mawandel, die Ausbeutung der Erde, die Verseuchung durch Pesti-


zide, gegen die Atomkraft, kurzum gegen die Entmachtung des guten
Menschen durch seinen bösen Artgenossen aufzurüsten verlangt. Der
Mensch wird Prophet und Verführer, wird sich Teufel und Gott -
jedenfalls hier im «Westen».
Wir wissen viel, aber wir beherrschen nicht, was wir wissen; so
möchte es scheinen. Philosophen betätigen sich als Auguren und
warnen mit Untergangsgestus vor den Gefahren künstlicher Intelli-
genz, die sich selbst perfektionieren und ihren Schöpfer übertrump-
fen k ö n n t e . 1 1 1 Wachsende transhumane Intelligenz mit wachsendem
Energiebedarf, die sich den gesamten Kosmos, Milchstraße für Milch-
straße, zu unterwerfen gedenkt. Horrorvisionen. Schreckten nicht
schon vor wenigen Jahrzehnten die apokalyptisch-sorgenvollen Pro-
phezeiungen und Zukunftsszenarien des Club of Rome, 1968 ge-
gründet, über Die Grenzen des Wachstums111 und die Zukunft der
Menschheit (1972), durch Hochrechnung nämlich prognostizierte
Katastrophen, den «Westen» auf? Erfüllt haben sie sich im Ganzen
nicht. Im Jahr 2004 lieferten dieselben Autoren ein 30-Jahres-Up-
date. 1 1 3 Globale Lenkung soll für eine globale Gesellschaft das Über-
leben sichern, Road Maps to the Future derselben Wege weisen. 1 1 4
Doch alles bleibt offen, gewiß ist nichts.
Diese Botschaften wurden wissenschaftlich begründet und verhall-
ten nicht ungehört. Sie wirken in die Gesellschaft und auf die Politik.
Betroffen ist jedermann. Reale Not verschafft manchen Untergangs-
visionen eine weit ausstrahlende Resonanz, nicht nur im «Westen».
So soll der Weltklimarat, von den «Vereinten Nationen» eingesetzt,
mit insgesamt 830 ausgewählten Wissenschaftlern und Politikern aus
aller Welt, Gefahr verheißende Trends prüfen und Empfehlungen zum
Wohl der ganzen Menschheit geben. Er schürt auf seine Weise in apo-
kalyptischem Tonfall seit Jahrzehnten die Angst. Die Signalwörter
sind seit den antiken und mittelalterlichen Apokalypsen bekannt.
Dürre, Hunger, Unwetter werden drohend an die Wand gemalt. Eine
Klima-Apokalypse ziehe herauf, wenn nicht schleunigst gehandelt
werde. Der Todfeind der Menschheit sei das COL in der Atmosphäre,
das kontinuierlich gestiegen sei und die Erde überhitze. Der austra-
262 Ahnung, Angst und Wissenschaft heilte

lische Mungo National Parc - ein vor Jahrtausenden ausgetrockneter


See - als globales Untergangsszenarium. Politisch umgesetzt werden
die Empfehlungen, wie es scheint, allenfalls in dem einen oder ande-
ren Staat des «Westens». Doch auch jetzt nur hochgerechnete Speku-
lation.
Manche Autoren - auch sie, wie der Professor für Klimawandel-
ökonomie Richard Toi oder der frühere Direktor des Max-Planck-
Instituts für Meteorologie Lennart Bengtsson herausragende Wissen-
schaftler - wiegeln ab und warnen vor der Schwarzmalerei. Die Erde
erwärme sich seit bald 20 Jahren allenfalls minimal. Von Weltkata-
strophe keine Spur. Welcher dieser «Seher» recht hat, ist einstweilen
nicht zu entscheiden. 1 1 5 Manche lästern: Geht die Welt schon wieder
unter?, fragte am 2 4 . 2 . 2 0 1 1 das Zeit Magazin, zitierte Leute, die «Ja»
sagten und Lebensmittel horteten, und schmückte den Beitrag mit
Fotografien von Geert Goiris, die Endzeitstimmung spiegeln soll-
ten. 1 1 6 Andere beschwören die Angst vor dem Weltuntergang, noch
andere sehen ihn vor sich und suchen ihn aufzuhalten. 1 1 7 Als Unter-
gang gilt freilich auch ein neuerlicher Bankencrash.
Weitere Horrorszenarien werden entworfen. Nicht jedes mündet in
den totalen, den finalen Weltuntergang, auch wenn sich schlimmste
Bedrohungen der Menschheit abzeichnen. Virtuelle Cyberwelten, alp-
traumhafte Auswüchse von Terrorismus, Asteroiden-Crashs mit der
Erde und anderes mehr. 1 1 8 Z w ö l f derartiger Gefahren benannte die er-
wähnte Global Challenges Foundation: Klimawandel, Atomkrieg,
Pandemien, ökologischer Kollaps, globaler Kollaps, Zusammenstoß
mit einem großen Asteroiden, Ausbruch eines Supervulkans, Bioche-
mie, Nanotechnologie, künstliche Intelligenz, unbekannte Konsequen-
zen aus dem Zusammenspiel mehrerer oder aller Faktoren und nicht
zuletzt eine verhängnisvolle Weltregierung. 1 1 9 Alles nur Spekulation,
doch mündet dieselbe explizit oder stillschweigend immer aufs neue
in die Frage: Sind wir dem Untergang geweiht? Wir, die Menschheit?1*0
Und zwar: Jetzt in Kürze? Antworten, wenn sie denn gewagt werden,
gelangen über den Erkenntnishorizont des Mittelalters nicht hinaus.
Reality-Spiele proben den Weltuntergang. Da wurde mit Unterstüt-
zung der «Bundeszentrale für politische Bildung», also mit Hilfe öf-
Visionäre Prognostik 263

fentlicher Gelder, Anfang 2 0 1 5 auf dem ausgedienten Marinezerstörer


«Mölders» (angelehnt an die US-amerikanische Serie Battiestar Galac-
tica) ein Untergangsspiel inszeniert: Androiden, denkende Roboter, so
der Plot, hätten die Menschheit nahezu ausgelöscht, die letzten Über-
lebenden versuchten, in Raumschiffen zu entkommen. 1 3 1 Endzeitlicher
Überlebenskampf nicht bloß zur Lust, experimentell durchgespielt
vielmehr zur Vertiefung psychischer Erkenntnisse zu Angstprognosen
und zum Fluchtverhalten. Der alte Katechon meldet sich abermals. Er
rüstet nun psychisch auf. Ließen sich Programme für den Aufbruch
vor dem Untergang entwickeln, Rezepte für Glückspillen oder Im-
plantate zur Pazifikation?
Wir wollen uns dem Untergang entgegenstemmen, mit aller Macht
des neuen Katechon, der Wissenschaft. Im Jahr 2008 tagten Weltunter-
gangsforsch er in der angesehenen Said Business School zu Oxford -
nämlich Risikoforscher, Juristen, Biologen, Physiker und Philoso-
phen, um Zukunftsfragen der Menschheit zu erörtern. 1 - 32 Astronomen,
Astrophysiker, Populationstheoretiker warnen, berechnen Wahrschein-
lichkeitsszenarien für das Ende von Sonne, Erde und Menschheit, für
die alles vernichtende Konfrontation unserer Erde mit einem Asteroi-
den und entwerfen Strategien gegen den Untergang. Das freie Spiel un-
serer wissenschaftlichen Phantasie, unserer Forschungserfolge, unserer
Irrationalität, unseres vernunftlosen Begehrens, unserer enthemmten
Emotionen kann freilich alle Berechnungen über den Haufen werfen.
Gewaltige Vernichtungspotentiale sind der Menschheit in die Hand ge-
geben. Der Erfolg von Vernunft und Forschung hat sie grundsätzlich
für jedermann bereitgestellt; kein Atomsperrvertrag verhindert es.
Auch die Kontrolle über die Untergangspotentiale liegt bei «jeder-
mann», nicht bloß bei der «richtigen» Macht. Das Grauen, die Angst,
kehrt zurück und breitet sich aus, wie die Jahr für Jahr neu erstellten
Untergangsgutachten verdeutlichen.
Was tun? Die alte Frage richtet sich nun nicht mehr auf ewiges Heil,
auf einen verbindlichen Lebenssinn, kaum mehr wie bei Immanuel
Kant auf einen kategorischen Imperativ als globales Regulativ, viel-
mehr auf Bewältigungsstrategien für ein bedrängtes Leben, für Ernäh-
rung einer Milliardenbevölkerung, künftige Energieversorgung, auch
264 Ahnung, Angst und Wissenschaft heilte

für Wohlstand, materielle Güter, Lebensqualität und Lebensglück.


Das Heil hat einen neuen Namen: Lebensrecht für Mensch und Tier,
Chancengleichheit für jedermann/jedefrau. Diabetes muss kein Welt-
untergang sein, so verkündete unlängst eine deutsche Tageszeitung. Es
gibt Perspektiven. Ausreichende Bewegung, die Änderung des Le-
1
bensstils und eine gesunde Ernährung. ** Auch das ist Heilsgeschichte,
freilich anderer Art als je zuvor. Ihr geht es um die Entmachtung der
sprunghaften Fortuna durch den Menschenverstand.
Ein solches Glück stillt freilich kaum die Sehnsucht nach Seligkeit
und Paradies, nach Gott, weckt kein Vertrauen in ein Jenseits jenseits
von Erde und Kosmos und deren wiederholten Unter- und Aufgängen.
Alle Metaphysik hat hier abgedankt. Gott und Teufel bleiben nun aus
dem Spiel. Doch die Menschheit lebt nicht nur aus der Ratio, jeden-
falls bisher nicht. Schon melden sich Phantasien, denen mithilfe von
Implantaten ins Gehirn, von Mensch-Computer-Schnittstellen eine
Steuerung kognitiver und psychischer Aktivitäten von außen vor-
schwebt. 1 3 4 Glücksimpulse ließen sich durch alle Hirne senden. Wir
alle im gleichen Glückstaumel, ohne Untergangsfurcht. Alles würde
irdischer, profaner und manipulierbarer, doch unbemerkt selbstver-
schuldetem Untergang näher gerückt. Jüngste Krisen und Kriege las-
sen in der Tat Zurückhaltung geraten sein in die hochgesteckten Er-
wartungen an jene Glücksprognosen, die ja nur bekannte Trends der
Vergangenheit nach den Kalkulationen der Gegenwart linear in eine
ungewisse Z u k u n f t verlängern können. Das Verlangen nach Seligkeit
hat unberechenbare Untergänge im Schleppnetz.
Nach wie vor öffnen sich eschatologische Perspektiven. Der kultu-
relle Habitus, die Allgegenwart der Katastrophenprognostik, ihr Be-
harrungsvermögen widerstehen aller Wissenschaft. Bildende Kunst (in
Deutschland etwa die Kirchenfenster Johannes Schreiters in Köln,
Heidelberg oder Ulm oder das Weltuntergangs-Gemälde Michael van
Ofens, s. Farbtafel 1 5 ) , Film (Armageddon-Thema) oder Popmusik
(Heavy Metal) bringen sie täglich nahe, halten die Thematik frisch
und sorgen für deren Popularität auch unter Naturforschern. Physik,
Chemie, Gentechnik, irdische und kosmische Katastrophen nähren
nach wie vor apokalyptische Ängste. Tschernobyl und Fukushima
Visionäre Prognostik 265

waren in aller Munde und sind es teilweise noch immer. Skrupellose


Ausbeutung der Erde, die Zerstörung der Regenwälder, das Anwach-
sen der Wüsten beschwören und beweisen das Erkalten der Liebe, von
dem Jesus gesprochen hatte. Machtstrategen und Politik übernehmen
gleichsam die Rolle von Gog und Magog; sie zielen auf definitive uni-
versale Staats- und Herrschaftsformen und bereiten mit dem Versuch,
sie durchzusetzen, tatsächlich schon jetzt für zahlreiche Staaten, Völ-
ker, soziale Gruppen, Individuen oder Lebensformen Untergänge über
Untergänge. 1 3 5
Die Prognostik gibt sich seriös. Die Wahrscheinlichkeit spreche - so
etwa kann man in jüngerer Zeit lesen - für kein langfristiges Über-
leben der Menschheit/ 3 6 Dieses Doomsday-Argument hat der Mathe-
matiker und Astrophysiker John Richard Gott III in die Welt gesetzt.
Es gehe dem Menschen wie allen anderen Lebewesen: Our Position
around an ordinary star in an ordinary galaxy in an ordinary super-
cluster continues to look less and less special. Die Folge: On astrono-
mical timescales, we and our intelligent descendents probably will not
be around very long.1*7 Wahrscheinlichkeit freilich läßt immer noch
einen Schlupfwinkel - und sei er noch so klein - fürs Überleben. Es
bleibt ja noch ein bisschen Zeit. Sollte sich daran der Glaube klam-
mern? Skepsis auch jetzt!
Das Alter der Schöpfung und die Zukunft der Erde - Alpha und
Omega - korrespondierten stets in der Eschatologie. Wir Heutigen
halten es - und mir erscheint es als eine typische Attitüde, eben als
Habitus des «Westens» schlechthin, eingegraben in sein kulturelles
Gedächtnis - nicht anders. Die erforschbare Z u k u n f t bleibt stets ein
Kind der Vergangenheit und der sich in Prognosen übenden Gegen-
wart, im Kleinen alltäglicher Sorgen wie im Großen. Wirtschaftspro-
gnosen verlängern die Trends der Vergangenheit - Zeichendeutung ist
auch hier gefragt. Wissensmanagement, sogar die Konstruktionslei-
stungen natürlicher oder künstlicher Gehirne jonglieren mit den ge-
genwärtigen Erfahrungen der Vergangenheit. Die Gegenwart ist stets
nur ein Sproß ihres Stammes.
Vergleichbares gilt auch für die Naturwissenschaften. So belehrt der
Blick in die kosmische Vergangenheit, wie ihn beispielsweise satelli-
266 Ahnung, Angst und Wissenschaft heilte

tengestützte Teleskope ermöglichen und wie er noch keinem früheren


Beobachter vergönnt war, über die Z u k u n f t des Universums. Sie hat
mit dem Weltuntergang zu rechnen. Das Ende kommt. Es ist unaus-
weichlich - in einer unvorstellbar weit entfernten oder in unbekannt
naher Zukunft. Da klingt sie wieder, kaum verändert, die alte Mah-
nung der heiligen Texte.
Moderne Astronomen erwarten aufgrund von Altersbestimmun-
gen kosmischer Ereignisse das Aufblähen unserer Sonne in fünf bis
sieben Milliarden Jahren zu einem «Roten Riesen»; bis dahin werde
alles Leben auf Erden erloschen sein. Noch zuvor, in etwa vier Mil-
liarden Jahren, soll - eine Berechnung aufgrund neuester Erforschung
des Weltraums durch das extraterrestrische Hubble-Teleskop - eine
Kollision unserer eigenen mit der nächstgelegenen Milchstraße, dem
Andromeda-Nebel, erfolgen. 1 -' 8 Sollte die Eigendynamik des Kosmos,
sein Kollaps, das Jüngste Gericht sein? Wirklich ängstigen, zur Sin-
nesänderung drängen können uns derartig ferngelegene Katastro-
phen und Untergangsszenarien nicht; sie tangieren unser Leben in
keiner Weise, es sei denn durch Desillusionierung und schwindenden
Lebenssinn. Indes, daß solche Berechnungen über die Z u k u n f t und
Endlichkeit des Kosmos angestellt werden, verdeutlicht, wie die mit-
telalterlichen Altersspekulationen über die Schöpfung, wie christliche
Endzeitbotschaft, wie frühere Apokalyptik, Astrologie und Astrono-
mie und Endzeitkalkulationen in die moderne Forschung mündeten
und Fragen aufdrängten, die anderen Kulturen ursprünglich fremd
waren.
Zeitlich näher gelegene, die Erde treffende kosmische Katastrophen
sind zudem nicht ausgeschlossen. Früheren Beobachtern war dafür
das nötige Wissen verwehrt. Satellitengestützte Teleskope geben sie
aber deutlich zu erkennen. Irgendwann wird es die Erde erwischen.
Gerade in jüngster Zeit mehren sich Erkenntnisse über Asteroiden, die
tatsächlich in großer Zahl unseren Planeten gefährden und ihn schon
früher trafen, nicht nur kleine Meteoriten, sondern riesige Himmels-
teile von mehreren hundert Metern oder Kilometern Durchmesser, die
mit dem Impact nahezu alles Leben auslöschten: halbe Weltunter-
gänge (s. Farbtafel 18). 185 Treffer dieser Art wurden bislang gezählt;
Visionäre Prognostik 267

Zwei Galaxien (im Sternbild des Großen Hundes) verschmelzen:


Die größere NGC 2 2 0 7 verschlingt die kleinere IC 2163
(Aufnahme durch das Hubble-Weltraumteleskop).

der Statistik nach seien sie alle z o o Millionen Jahre zu erwarten. 1 , 9


Astronomische Fotografien zeigen in der Tat das eine oder andere die-
ser Ungeheuer auf die Erde zurasen, in nächster Nähe an ihr vorbei-
ziehen - für diesmal sind wir davongekommen.
Große Einschlagskrater im Bereich von vielen Kilometern, gar von
1 0 0 und mehr Kilometern Durchmesser wie etwa das Nördlinger Ries,
die Karibik oder der größte von allen bisher entdeckten, der grönlän-
dische Krater von Maniitsoq beweisen, daß dem nicht immer so war.
Der Meteorit von Grönland soll ca. 30 km groß gewesen und vor ca.
drei Milliarden Jahren eingeschlagen sein. 740 Er zerstörte Frühformen
des Lebens, ermöglichte aber den Aufstieg neuer. Die Krater bezeugen
den Crash.
Die Prognostik sieht sich durch die Wissenschaften erneuert. Ge-
drosselt in der Experimentierkammer werden in etwa vergleichbare
Crashs inszeniert, um die freigesetzten Energien derartiger kosmischer
268 Ahnung, Angst und Wissenschaft heilte

Meteoritenkrater etiva jo km s/ö bei Maniitsoq (S/W-Grönland) von


ca. ioo km Durchmesser; die ursprüngliche Größe wird mit 5 0 0 - 6 0 0 km
Breite und 30 km Tiefe vermutet (Wikipedia, Art. Maniitsoq, 11.10.15).

Konfrontationen zu erkunden und ihren Wirkungen vorzubeugen. 1 4 1


Wissen, Erwartung, Neugier und Sorge treiben wie eh und je und seit
Jahrtausenden zur Forschung, zur Erkundung einer allzeit dunklen
Zukunft.
Dazu kommen Supervulkanismen - wie jene Eruption, die vor etwa
66 Millionen Jahren die ungeheuren Magma-Mengen des Dekkan-
Trapp (im heutigen Nordindien) aus dem Erdinnern ausstieß. Sie lie-
ßen auf ca. fünfhundert Quadratkilometern einen Basaltteppich von
ungefähr z o o o m Dicke entstehen. Ihre Staub- und Gaswolken be-
raubten die Erde auf Jahrzehnte des Sonnenlichts und veränderten
weltweit das Klima. Geologen, Zoologen und Botaniker erfassen
heute die katastrophalen Wirkungen für Fauna und Flora, erkennen
ein gewaltiges Artensterben, vermögen aber mit einer sich bislang
noch immer erneuernden, «alles neu machenden» Erde zu trösten, die
im Rhythmus von Jahrmillionen neues Leben hervorzubringen und zu
tragen vermag. Einem derartigen Untergangs- und Evolutionsszena-
rium dürfte tatsächlich auch die heutige Menschheit ihre Entstehung
verdanken.
Visionäre Prognostik 269

Zeitlich näher und durch die Eisbohrkerne Grönlands und der Ant-
arktis erst in jüngster Zeit mit seinen Wirkungen besser erforschbar ist
der Ausbruch des (noch heute aktiven) Tambora auf der indone-
sischen Insel Sumbawa im Jahr 1 8 1 5 . 1 4 2 Wahre Untergangsszenarien
offenbaren sich da. Der Ausbruch war die gewaltigste Eruption seit
Aufzeichnung vulkanischer Aktivitätsdaten. 43 km wurde der Gas- und
Ascheauswurf hochgeschleudert; ein dichter Ascheregen ging nieder,
vernichtete Menschen und Siedlungen. Ein Tsunami überflutete die
nahen Küsten. Über 7 0 0 0 0 Tote galt es zu beklagen, vielleicht noch
mehr. Rund um die Erde verbreiteten sich Aerosolwolken (Mischun-
gen aus Gasen und festen Staubteilchen), verdunkelten im kommenden
Jahr den Himmel. Das Jahr ohne Sonne ließ im Juni 1 8 1 6 in Quebec
Schnee fallen, Europa, das eben die Napoleonischen Kriege überstan-
den hatte und zum Wiener Kongreß rüstete, mit Kälte überziehen und
von sintflutartigem Dauerregen heimgesucht werden. Mißernten,
Hunger, Krankheit und Viehsterben folgten, in Asien und andernorts
tobten verheerende Seuchen.
Das alles wurde registriert, doch die Ursache, eben der die Welt be-
drohende, das Leben auslöschende Supervulkanismus des Tambora,
wurde erst in unserer Zeit erkannt und für die Prognostik fruchtbar
gemacht. Allein den einen oder anderen Literaten plagten damals
Zukunftsvisionen; manch ein Künstler hielt fest, was weltweit wahr-
zunehmen war. Bedrohlich klang Lord Byrons Poem Darkness, «Fins-
ternis». Ein Bild der todgeweihten, der dem Ende ausgelieferten, in
Finsternis versinkenden Erde. Untergangsimpressionen am Genfer
See: The bright sun loas extinguish'd, and the stars / Did wander dar-
kling in the eternal space, / Rayless, and pathless, and the icy earth /
Swung blind and blackening in the moonless air. / Morn came, and
went - and came, and brought no day. (...) A fear fid hope ivas all the
world contain'd. (...) on the dull sky, / The pall of a past world. (...)
no love was left (...) The world was void, / The popoulous and the
powerful was a lump, / Seasonless, herbless, treeless, manless, life-
less - / A lump of death - a chaos of hard clay. (...) And the clouds
perish'd; Darkness had no need / Of aid from them - She was the Uni-
verse. «Die helle Sonne war erloschen, und die Sterne / strichen dun-
270 Ahnung, Angst und Wissenschaft heilte

kel durch den ewigen Raum / strahlenlos, weglos, und die eisige Erde /
schwang blind und schwärzlich in mondloser Luft; / Der Morgen kam
und ging und kam und brachte keinen Tag. [...] Nur angstvolle Hoff-
nung erfüllte die Welt [...] am trüben Himmel / Das Leichentuch einer
vergangenen Welt. [...] die Liebe war erkaltet [...]. Die Welt war leer.
Die volkreiche und die gewaltige war ein Klumpen, jahreszeitenlos,
graslos, baumlos, menschenlos, lebenslos - / ein Klumpen aus Tod -
ein Chaos aus hartem Lehm. [...] Die Wolken waren verschwunden;
Dunkelheit bedurfte ihrer Hilfe nicht - Sie war das All.»
So drohte das Jahr 1 8 1 6 der Welt. Die Aerosolwolken hatten in der
Tat den Horizont weltweit verdüstert, der Erde Licht genommen.
Allein dramatische Sonnenuntergänge schenkten mancherorts ein
einzigartiges Schauspiel, staunend wahrgenommen. William Turner
fand durch sie zu dem Wunderwerk seiner durchleuchteten Himmel
(s. Farbtafel 8): eine neue Schöpfung auch das. M a r y Shelley indessen,
die Reisegefährtin des Lords, entwarf, vom fürchterlichen Wetter, der
Gnadenlosigkeit der Jahreszeit, ans Haus gefesselt und von der Bar-
barei des Menschen entsetzt, ihre Schreckgestalt des einen Menschen
oder Dämon erschaffenden, dem Schöpfer ins Handwerk pfuschen-
den, übermütigen, scheiternden, untergehenden Schweizer Doktors
FrankensteinDie kulturellen Auswirkungen des fernen Vulkan-
ausbruchs halten durch ihn bis heute an. Einhundert Jahre nach der
definitiven Fassung des Romans erstmals verfilmt ( 1 9 3 1 ) , wurde die
Horrorgestalt des Frankenstein zur Präfiguration einer durch die
Wissenschaften gefährdeten Menschheit und der tödlich bedrohten
Erde.
In der Tat, leuchteten damals nicht Zeichen auf, wie sie Jesus ver-
kündet hatte: eine verfinsterte Sonne, bald Kälte, bald Fluten, bald
Dürre, Hunger, Seuchen, Tod? Apokalyptiker und gläubige Unter-
gangspropheten sahen sich bestätigt. Schon für den 18. Juli 1 8 1 6
wurde in der britischen Presse - mehr ironisch als ernst - der Weltun-
tergang angekündigt. Heinrich Jung-Stilling sagte ihn für das Jahr
1 8 1 7 voraus, Johann Albrecht Bengel verzögerte und nannte das Jahr
1836. Johann Michael Hahn und seine «Michelianer» erkannten im
Hunger das Zeichen der anbrechenden Endzeit; Satan sei losgelassen.
Visionäre Prognostik 271

Frontispiz für Mary Shelleys Roman «Frankenstein»,


Kupferstich von William Chevalier, 1831, nach einer Zeichnung
von Theodor von Holst, London 1831.

Die sonnenlose, kalte Zeit wurde zum Zeichen des nahen Weltendes
und des Endes der Menschheit. Schon zuvor hatte der Priester Tho-
mas Pöschl hohe Erwartungen geweckt. Durch ein Medium hatte er
Offenbarungen über den Anbruch des tausendjährigen Reiches emp-
fangen, die Bekehrung der Juden gefordert; er selbst, Pöschl, werde,
so predigte er im Jahr 1 8 1 3 , nach Jerusalem ziehen, um dort als neuer
Erlöser gekreuzigt zu werden. Er fand viele Anhänger. Kirche und Ob-
rigkeit schritten ein. Pöschl wurde für verrückt erklärt und später ins
Deficientenhaus eingeliefert. Seine Anhänger - auf 12 000 geschätzt -
erklärten den 30. März 1 8 1 7 , den Karfreitag des Jahres, zum Weltun-
tergangstag, errichteten in Ampflwang (Hausruckviertel, Oberöster-
272 Ahnung, Angst und Wissenschaft heilte

reich) einen Scheiterhaufen, auf dem nicht nur die eigenen Pretiosen
und Kleider der Gläubigen verbrannt, sondern auch Menschenopfer
dargebracht werden sollten. Es endete in Totschlag und Mord. Polizei
und Militär griffen endlich ein. Auch in Bayern trieben Erweckungs-
bewegungen ihr Unwesen. Unter politischem Druck emigrierten einige
dieser Sektierer nach Rußland, andere in die USA.
Erst jetzt lassen sich dergleichen Szenarien als Folgen eines Super-
vulkanismus deuten. Künftige Supervulkanausbrüche sind heute
schon erkennbar. Wird die Menschheit besser gerüstet sein als in den
Jahren nach 1 8 1 5 ? Allein der Zeitpunkt ist offen. So lauert unter dem
Yellowstone National Pare, der selbst einem Vulkan seine geologische
Gestalt verdankt, eine Magmamenge, die, wie ein Journalist schrieb,
genug für den Weltuntergang sei und für den Durchbruch anstehe
(s. Farbtafel 19). Der Schlot - 80 km breit - reicht gegenwärtig aus
einer Tiefe von 440 km auf eine Höhe von 60 km unter dem Erd-
boden und füllt 45-2,0 km unter der Oberfläche eine Magmakammer,
die ihrerseits eine kleinere Kammer nur wenige hundert Meter unter
dem nordwestlichen Parkboden speist. Neue geologische Berechnun-
gen mit Hilfe von Erdbebenwellen konnten es aufweisen. 1 4 4 Der Tam-
bora-Ausbruch wäre nichts gegen dieses Inferno.
Beschrieben wurden weithin «westliche» Untergangssorgen. Im
Osten, im Indien, Japan oder China buddhistischer, daoistischer oder
konfuzianischer Prägung scheinen genuine Untergangskalkulationen
und die damit einhergehenden Ängste - von seltensten, zudem jungen
Ausnahmen abgesehen - weithin zu fehlen." 45 Auch die Katastrophe
von Sumbawa weckte unter den Einheimischen keine Weltuntergangs-
furcht, wohl aber ein Wissen um die Rache der Götter. Jene Ängste
wurden, soweit gegenwärtig, aus dem <Westen> importiert. Unter-
gangsankündigungen fehlen ganz. Selbst Muslime, die durchaus die
Botschaft vom Jüngsten Gericht, von Paradies und Hölle kennen, re-
flektieren, sind sie nicht in die westliche Welt integriert, über keinen
Weltuntergang. Denkt der «Westen» stellvertretend für die ganze
Menschheit? Treibt ihn die Sorge vor den Folgen einer durch ihn be-
schleunigten Globalisierung zu Reflexionen über den Weltuntergang,
einer Globalisierung, die den eigenen Einfluß auf Politik, Wirtschaft,
Visionäre Prognostik 273

Wissenschaft oder in einem umfassenden Sinn auf die Kultur zum Sin-
ken bringt? Macht er den befürchteten eigenen kulturellen zum Mus-
ter für den menschheitlichen Kollaps, den Untergang der ganzen Erde?
Infiziert er damit die übrige Welt? Glaubensprämissen frommen der
Menschheit - zu deren Nutzen wie zu deren Schaden, zum Guten wie
zum Bösen. Sie weisen und formen die Zukunft. Wird der Glaube an
die Technik die alten Inhalte entchristlicht und synkretistisch künftig
verdrängen, sie in eine Art Techno-Religion einbetten?
Wer könnte das wissen. So betreiben wir weiterhin Zukunftsfor-
schung für eine wachsende Menschheit, die - wenn sie so weitermacht
wie bisher - unsere Erde bald nicht mehr tragen kann. Oder kommt
eine riesige Sterilitätswelle über uns? Auch das wäre ein Untergang.
Wir leben eben, wie wir leben und glauben vernünftig zu sein, auch
wenn wir oder gerade weil wir - wir hier im «Westen» - mit einem
Untergang leben, den wir weiter und weiter hinausschieben, ohne daß
sich die Lust an ihm oder auf ihn gänzlich verflüchtigt. Die Sinnfrage
darf man jetzt nicht mehr stellen, jedenfalls nicht in der Weise, wie sie
einst aufgeworfen worden war. Kants Vernunftgebrauch in weltbür-
gerlicher Absicht hat sich längst als Utopie erwiesen. Die Welt zer-
dacht, wie Gottfried Benn dichtete. 146 Woher wir kommen, glauben
wir zu wissen. Wohin wir gehen, bleibt trotz allen wissenschaftlichen
Aufwands Geheimnis. Verlorenes Ich in einer Raumzeit ohne Erlösung
und Ethos. Und Raum und Zeiten / und was die Menschheit wob und
wog, / Funktion nur von Unendlichkeiten - / die Mythe log. Was also
wird aus uns?
Neue, untergangsresistente Mythen? Kühne Denker hoffen auf einen
Aufbruch in die Weiten des Weltalls. Mit Flugmaschinen in Lichtge-
schwindigkeit, mit Besatzungen, die Generationen überleben, mit Nah-
rung, die einen unabsehbar langen Raumflug übersteht, der sich die
Zeitdilatation zunutze macht, mit fernsten, ungeahnten Zielen. Oder
könnte man den toten Mars zu Leben erwecken? Immerhin scheinen
neuere Experimente zu verraten, daß doppelsträngige DNA-Moleküle
an der Außenseite einer Rakete die extremen Temperaturen eines
Weltraumfluges zu überstehen und biologisch aktivierbar zu bleiben
vermögen. 1 4 7 Hoffnung also für ein Überleben im eiskalten Weltraum,
274 Ahnung, Angst und Wissenschaft heilte

für ein Weiterforschen, um den Untergangsmächten ein Schnippchen


zu schlagen?
Eine Antwort auf derartige Fragen gab vor nunmehr 80 Jahren Karl
Jaspers, als er Die geistige Situation der Zeit reflektierte. 148 Am Ende
seines Essays, den er unter anderem mit einem Verweis auf Spenglers
Untergang und der Konstatierung eines verbreiteten menschlichen
Nichtigkeitsbewußtsein[s) seines eigenen Wesens eröffnet hatte (S. 1 6 -
7), erörterte er relevante Kontexte: Unser Verstand wird mit dem Wis-
sen, das uns heute zugänglich ist, und an den Maßstäben, die uns
gegenwärtig gültig sind, immer am Ende den unvermeidlichen Unter-
gang sehen (S. 187). Dieser Untergang würde sich moralisch, psy-
chisch und irdisch ereignen, würde vollständig und endgültig sein.
Die Folgerungen, die Jaspers zog, nahmen sich anders aus als bei
Spengler, Heidegger oder Benn. 1 4 9 Dieser Philosoph erinnerte den
Leser, den Menschen, an sich selbst, daß jede Prognose eine offene sei
und es allein darauf ankomme, jetzt und hier Dasein zu schaffen und
zu beseelen, und diese gegenwärtige Verwirklichung eines eigenen
Lebens ins Werk zu setzen, solange es Zeit ist (S. 190). Dafür sei die
Frage von Bedeutung: für welche Gegenwart ich leben will. Sofern die
Prognose den Untergang als möglich zeigt, kann die Antivort sein,
scheitern zu wollen mit dem, was Selbstsein des Menschen ist (S. 191).
Hier wurde ein Aufraffen am Rande des Untergangs der kulturkriti-
schen und nihilistischen Position entgegengesetzt und ließ damit den
unabhängigen Menschen erstehen, der faktisch die Dinge in die Hand
nehmen und das eigentliche Sein bedeuten würde (S. 193). Jaspers
schloß mit dem Appell, den Menschen an sich selbst zu erinnern
(S. 194). Eine solche Botschaft kann entgegen aller Untergangserwar-
tung noch immer oder heute wieder von herausragender Bedeutung
sein: Das sich seiner selbst erinnernde Ich trotzt jedem Untergang.
Weltuntergang

Zweitausend Jahre in Erwartung des Weltuntergangs gehen nicht spur-


los vorüber, auch tausend Jahre nicht, auch hundert nicht. Immer wie-
der, in allerlei Notlagen brachten sie sich zur Geltung. Man habe sich,
dazu hatte Thomas von Aquin gemahnt, um jede Lebensgemeinschaft
so zu kümmern, daß der Tag des Herrn sie bereitfindet.1 Ethik des
Jüngsten Tages könnte man derartige Empfehlungen nennen; sie ver-
langte höchste Daseinsvorsorge. Sie durchzog die christlichen Lebens-
welten, durchzog die Heilsgeschichte und überhaupt das Geschichts-
denken selbst noch in seiner säkularisierten, religionsfernen Gestalt.
Solche Ethik prägte die Christenheit, und sie prägte die Menschen hier,
im «Westen», in der Abfolge ihrer Generationen bis heute, prägte die
ganze Kultur, die sich ihr öffnete, nicht bloß die Propheten und Pre-
diger, die professionellen Theologen, prägte vielmehr die Seelsorger, die
Schulmeister und Erzieher, die Dichter und Künstler, die Philosophen,
die Träger von Bildung und Subkultur, nicht zuletzt die Erforscher von
Welt, Natur und Kosmos, prägten einen Newton oder Kant und deren
Enkel. Das ganze Denken dieses christlichen «Westens» wurde und ist
eschatologisch durchsetzt, die Neugier, die das Fragen lenkt, das Welt-
bild, das entworfen wird, die Ängste und das Entsetzen, die Kosmolo-
gie: Sie alle haben den Weltuntergang mit seinen Vorzeichen nach
über tausendjähriger Rezeption geradezu verinnerlicht und aller «Auf-
klärung» zum Trotz, ja, gerade durch sie eine ganz irdische, weltliche
wissenschaftliche Denkfigur etabliert, die mittlerweile über den «We-
sten» hinauswirkt: die Denkfigur eines drohenden Weltuntergangs.

Der gestirnte Himmel über uns leitete uns seit jeher dazu an, über
die Welt und den Kosmos, über die sie bewegenden Mächte und
276 Weltuntergang

Kräfte nachzusinnen, hat uns Demut gelehrt, hat den Glauben ge-
stärkt, das moralische Gesetz in uns erweckt. Er war die Welt der ewi-
gen Götter, die Sphäre des allmächtigen Gottes und seiner Unendlich-
keit. Er ließ uns teilhaben an seiner Macht, wies uns die Z u k u n f t und
verhieß Heil. Er hatte diese Erde einst für die Menschen geschaffen.
«Seid fruchtbar und mehret euch, füllet die Erde und macht sie euch
Untertan, herrschet über [...] alles Lebendige», so hatte er durch Mose
verkündet (Gen 1,2.8).
Die Menschen taten, was Gott ihnen zugestanden hatte, hegten die
Erde, bebauten sie und unterwarfen sich alles Lebendige. Sie haben sie
damit aber zugleich Gott entfremdet und zu ihrem Eigentum erklärt.
Sie neideten einander ihren Besitz, verfolgten einander, vergaßen und
mißachteten Gott. Sie übertraten sein Gebot, und Gott widerrief seine
Segnung; er drohte fortan der Welt durch den Mund zahlreicher Pro-
pheten. Es war eine Drohung gegen seine eigene Schöpfung, die er ge-
segnet und für gut befunden hatte (Gen 1 , 1 0 ) . Christliche Exegeten
steigerten die Drohung bis hin zu Untergang von Menschheit und
Erde; christlich erzogene Gelehrte und Forscher schränkten sie nicht
ein. Zeichen am Himmel unter den Sternen und himmelsgesandte Zei-
chen auf Erden unter den Menschen erneuerten sie Stunde um Stunde
und warnten. Nur noch die Erwählten und Gerechten wurden von der
Untergangsdrohung ausgenommen.
Die Erde, die Gott für sehr gut befunden hatte (Gen 1 , 3 1 ) , sollte mit
dem Gericht über die Menschen wieder vergehen. Dein jammertag
kommt bald und nimmt dir, was du uns genommen hast, und ver-
brennt dich deshalb noch zuletzt. So hatte Walther von der Vogel-
weide gedichtet. Die Drohung drängte die Menschen zum Wettlauf
um Segen und Erwählung, um apokalyptisches Wissen und seine Um-
setzung in rechtes Tun bei einer immer rascher verstreichenden Frist,
forderte Gebetsgedenken für Lebende und Tote. Dies irae... solvit
saeclum in favilla.
Ohne Mose aber, ohne Priester, ohne Propheten, sonstige Exegeten
und ihre ins Christliche gewendeten Verheißungen und ohne die von
den Christen gedeuteten Zeichen schwiege Gott, bliebe auf ewig ver-
borgen und stumm, verhallten seine Drohungen ungehört, bliebe der
Weltuntergang 277

verheißene Weltuntergang unverkündet und - sollte es intelligente


Lebewesen geben - unerwartet, es sei denn, auch bei ihnen träten ein
Mose, Propheten und ein Jesus auf. Die moderne Kosmologie hat den
Schöpfungsbericht auf ihre Weise erneuert. Sie sucht und entdeckt im
Weltall die Bausteine des Lebens, 2 entwirft Szenarien seiner Entste-
hung, säkularisiert und verallgemeinert sie als «anthropisches Prin-
zip» und reformuliert den Schöpfungsprozeß nach menschlichem Er-
messen; er verliert aber auf diese Weise seine Einzigartigkeit.
Der gesamte Kosmos habe zusammenwirken müssen, alle Ele-
mente, Kräfte, Prozesse, um ein Gehirn wie das unsere hervorzubrin-
gen, das ihn denken und ihn negieren könne. Wir Menschen könnten
das Universum nur deshalb beobachten und deuten, weil es eben die
Voraussetzungen und Eigenschaften bereitstellte, die uns mit dem
Leben Bewußtsein ermöglichen. Ohne ein solches blieben die Welt
und der Kosmos unerkennbar, blieben dunkel und nicht einmal ein
Tohuwabohu. 3 So aber nehme das Bewußtsein den Kosmos wahr und
denke seine Kataklysmen. So wie das Ungleichgewicht zwischen Mate-
rie und Antimaterie die materielle Welt entstehen ließ, so begreift das
Bewußtsein die es formenden, natürlichen, materiellen Kräfte, läßt
dieselben mit der Zeit wieder untergehen, und andernorts ein zweites
und drittes, unendlich viele bewußtseinsbegabte Leben hervortreten.
Nicht unähnlich den einstigen, vieldeutigen Prophetensprüchen fin-
den variationsreiche teleologische, zielgerichtete oder nicht-teleologi-
sche, auf Zufälle setzende Interpretationsansätze des anthropischen
Prinzips ihre Anhänger. Doch wie auch immer, von der Vorstellung
einmaligen menschlichen Lebens und eines einzigen irdischen Weltun-
tergangs ist unter solchen Prämissen Abschied zu nehmen.
Die moderne, abendländlich-westliche Wissenschaft greift den-
noch, wenn auch in verwandelter Gestalt, die biblische Botschaft auf,
indem sie die Zeichen gewaltiger kosmischer Katastrophen ortet und
für die Zukunft den Untergang von Erde und Sonne, gar den beobach-
terlosen, unbeschreibbaren Kollaps des Universums, auch dessen mög-
liche oder wahrscheinliche Neuentfaltung prophezeit. Ein definitiver
Untergang erscheint nun nur dann möglich, wenn im Vergleich zur
Materie die Antimaterie ein Gleich- oder Übergewicht gewänne. So-
278 Weltuntergang

lange das nicht der Fall ist, bleibt die Materie ewig und der Geist muß
und kann von Mal zu Mal neu entstehen. Manche Vertreter der teleo-
logischen Variante des «anthropischen Prinzips» spekulieren - nicht
unähnlich den Propheten - sogar, daß im Universum intelligente In-
formationsverarbeitung entstehen mußte und, einmal entstanden,
nicht mehr verschwinden werde, postulieren mithin ein ewiges Sein,
eine Art ewigen Lebens von Bewußtsein im chemisch-physikalisch ge-
ordneten Kosmos und sei es in immer neuen Varianten, als immer
neue Hervorbringung hier und da und dort.
Wir sind am Ende. Z w e i Jahrtausende Transformationen der Apo-
kalyptik und der Eschatologie bis in die heutige, ihrer Herkunft nach
«westliche», ihrer Tradition nach christlich bestimmte Wissenschaft
liegen hinter uns. Der Weg dehnte sich von den Warnungen an das
biblische Gottesvolk über die Adaption durch die frühen Christen,
zu Gottesfurcht, Religion, Ethik, zu deren weiteren Ausgestaltungen
im Mittelalter bis hin zu Aufklärung, Säkularisation und naturwis-
senschaftlich kontrollierter Einsicht in die Bedingungen kosmischer
Untergänge im Verlauf der Neuzeit; am Wegrand lagen die komple-
mentären Verheißungen ewigen Heils und am Ende ein kultureller,
eschatologisch getönter Habitus. Strenge Appelle begleiteten die Weg-
etappen zu rechtem Handeln, zu gottgefälligem Tun, zur heilwirken-
den, umweltbewußten Daseinsgestaltung, auch zu weltverbessernder
Revolution. Die Mahnungen mündeten immer aufs neue in Sinn-
gebung durch den verheißenen Untergang, bis zu dessen Eintreten die
heilspendenden Werke vollendet sein mußten.
Die jüdische Prognostik und Apokalyptik in der Zeit des Zweiten
Tempels, geboren aus fremdartigen und demütigenden Erfahrungen
im Exil, wurde zum Grundmuster auch der christlichen Eschatologie.
Ihr Grundton w a r allem Leid und aller Demütigung des Volkes zum
Trotz Hoffnung. Die Erwartung des «großen Tags des Herrn», der
den Frommen die Seligkeit, den Feinden des Gottesvolkes den Unter-
gang verhieß, findet sich noch bei Saulus. Der gesetzestreue Pharisäer,
der dann als Paulus das Christentum verbreitete, schrieb keine Zeile
über den Weltuntergang als Ziel der irdischen Geschichte, auch wenn
er die Vergänglichkeit der Erde knapp erwähnte. Erst mit der Zerstö-
Weltuntergang 279

rung Jerusalems und des Tempels im Jahre 70 CE, die der Apostel
nicht mehr erlebte, wurde es anders. Jetzt drangen Feuer und Zerstö-
rung in die Apokalyptik ein und steigerten - jedenfalls für die frühen
Christen - den «großen Tag des Herrn» zum Tag des Untergangs der
Erde im Feuer, zum «Jüngsten Tag». Die jüdischen Eschatologen
wahrten dagegen Zurückhaltung, und selbst die Erwartungen des eige-
nen Messiaskönigtums wurden damals, nach einem in den Aufstand
führenden Aufflammen nur zögerlich propagiert. Unter den Christen
aber sollte der Appell an den Weltuntergang die Zuversicht der Gläu-
bigen in der Welt feindseliger Heiden und Kaiser stärken. Diese Welt
mag untergehen, die Gnade komme.*
Die christliche Untergangserwartung verstummte seit dem Jahr
70 CE bis heute nicht. Ihre Botschaft verlieh dem «Jüngsten Gericht»
eine Unausweichlichkeit und Endgültigkeit, die durch nichts aufge-
halten oder auch nur abgemildert werden konnte. Sie erinnerte nach-
drücklich an das immer raschere Verstreichen der auf den letzten
Welttag befristeten Heilszeit, nicht nur an das Ende des eigenen
Lebens, vielmehr darüber hinaus an das Ende allen helfenden Gebets-
gedenkens; es formte über die Individuen hinaus die historiographi-
schen Deutungsmuster christlicher Heilsgeschichte. Diese Erwartung
ergoß sich als breiter Überlieferungsstrom in die Christenheit, über-
schwemmte sie mit gelehrten Ausführungen, volksnahen Predigten
und Kolportagen, floß ins kulturelle Gedächtnis und mündete in einen
psychischen Habitus. Zahlreiche als häretisch geltende Bewegungen,
wie sie etwa die Gnosis formte, partizipierten daran. Apokalyptisch
geprägtes Geschichtsdenken formte bis in die Neuzeit die westliche
Geistes- und Religionsgeschichte und verharrt bis heute in ihr. Noch
die säkularisierte Geschichtsforschung von heute ist von zielgerichte-
ter Perspektivität bestimmt.
Die gesellschaftlichen und geistigen Folgen solcher Kontinuität und
Intensität sind kaum zu überschätzen. Nur wer rechtzeitig vor Gott
bestand, durfte hoffen, dem Strafgericht und dem ewigen Untergang
zu entkommen. So beeilten die Gläubigen sich, den Geboten der Reli-
gion zu genügen. Buße und Gebetsgemeinschaft, Totengedenken und
Stiftungswesen sollten dem Untergang trotzen. 5 Kirchen, Klöster, Heils-
280 Weltuntergang

anstalten wurden gestiftet, materiell ausgestattet, rechtlich geschützt.


Natürlich gab es ein älteres Totengedenken. Ägyptischer Totenkult
und etruskisch-römisches Totenmahl dienten wohl auch den Christen
als Vorbilder; aber sie bildeten dieses Gedenken fort und machten es
im früheren Mittelalter zu einem die Gesellschaft gestaltenden Prin-
zip. Auch Universitäten, Kollegienhäuser, Schulen entstanden als Stif-
tungen, 6 von der Armenfürsorge in ihren verschiedenen Formen ganz
zu schweigen.
Gier, Machttrieb, Gewalttätigkeit oder Menschenverachtung be-
haupteten gleichwohl ihre Stellung im menschlichen Handlungskalei-
doskop. Die Untergangsdrohung aber konnte als Handlungskorrektiv
wirken, konnte wenigstens partiell ausgleichen und ethische Normen
etablieren und erneuern. Dieser Stimulus für eine spezifisch christliche
Ethik sollte bis ins zo. und z i . Jahrhundert wirken und durchaus die
Welt verändern. Das Ende der Heilszeit kündigte sich ja fortwährend
mit erwartungsschweren Zeichen an, mahnte immerzu und blieb Ge-
fahr verheißend präsent. M a n sollte eben so leben, als stünden Gericht
und Weltuntergang noch während des eigenen Lebens zu erwarten,
sich also Stunde für Stunde für den «Tag des Herrn» bereiten. 7 Ganze
Zeichenkataloge waren verbreitet, die Prediger und Gläubige informie-
ren und vorbereiten konnten, vom Z4. Kapitel des Matthäusevange-
liums zu den hoch- und spätmittelalterlichen, nach biblischen und
neutestamentlichen Mustern zusammengestellten «15 Zeichen» oder
zu den kostbar illuminierten Wunderzeichenbüchern noch der frühen
Neuzeit. Außerordentliche Vorkommnisse, allgegenwärtige Katastro-
phen und Unglücksfälle erneuerten kontinuierlich, für jede Genera-
tion, das Wissen um die Gefährdung der Welt und den Appell an die
Heilsvorsorge vor dem Untergang.
Die Untergangszeichen aber verlangten Erklärung und präzisierende
Deutung, und diese riefen wiederum nach Forschung, nach Methodik,
nach Fortschritt der Wissenschaften. Dieser Effekt setzte im früheren
Mittelalter ein. Schon Karl der Große ließ sich von derlei Erwägungen
leiten und förderte die Erneuerung der Dialektik, was hieß: der ratio-
nalen Erklärungstechniken. Jüdische und arabische Gelehrsamkeit
traten hinzu. Der berühmte, auch im Griechischen bewanderte Johan-
Weltuntergang 281

nes Scotus Eriugena, der in Irland geborene Schotte, vermittelte wei-


teres Wissen ins westliche Frankenreich. Mit der Frühscholastik des
1 2 . Jahrhunderts und der Entstehung der Hohen Schulen etwa in
Lyon, Paris oder Chartres verstärkte sich das rationale und aufkläre-
rische Moment. Nicht mehr nur die theologische Exegese der heiligen
Schriften mit Hilfe der Kirchenväter w a r nun gefragt, vielmehr auch
die naturwissenschaftliche.
M a n entdeckte Piatons Timaios neu. Dieser Dialog handelte von
einem Demiurgen, der - das Chaos ordnend - den Kosmos schuf, ihm
eine Weltseele verlieh, Zeit und Ewigkeit setzte, der die Götter und be-
seelte, von Leben zu Leben wandernde Menschen erweckte und mit
all dem den gelehrten Christen des Mittelalters ein Gegenbild zum
biblischen Schöpfungsmythos vorsetzte, das zutiefst beunruhigen, he-
rausfordern und zu endlosen Fragen anhalten mußte; nebenbei wurde
auch der Mythos vom Untergang der Insel Atlantis neuntausend Jahre
zuvor erzählt, der so gar nicht zur Sechs- oder Siebentausendjahres-
frist christlicher Tradition paßte. Piaton aber wurde Autorität. Fortan
verlangte die Exegese der heiligen Schriften und der Kirchenväter den
forschenden Blick auf die Natur. Die Zeit wurde reif für die Rezeption
der Physik des Aristoteles und durch sie rückte der Untergang in noch
weitere Ferne.
Die Eschatologie und die Erwartung des Jüngsten Tages, die seit
jeher, seit der Entstehung des Christentums, zum Kernbestand des
Glaubens gehörten, wurden nun mit naturwissenschaftlichen und ra-
tionalen Argumenten angezweifelt. Seit dem 1 2 . und 1 3 . Jahrhundert
machte sich ein verstärkter Einfluß jüdischer und arabischer Wissen-
schaft auf christliche Theologen, Philosophen und Naturforscher und
auf ihrer aller Eschatologie bemerkbar. Er stellte zahlreiche ältere Prä-
missen infrage, zwang zum Umdenken und förderte eine zunehmend
skeptische Haltung gegenüber dogmatischen Überlieferungen.
Die Eschatologie verließ die Ebene normativer Ethik, forderte un-
ablässig Vervollkommnung auch und gerade der Erkenntnismetho-
den, verlangte ein immer tieferes Eindringen in die Geheimnisse der
Schöpfung, in deren Gewordensein, in die Wechselwirkungen ihrer
Elemente, um ihre Zukunft erahnen und begründen zu können. End-
282 Weltuntergang

lose Lernprozesse wurden angestoßen. Sie reichten bis zu den Metho-


den rationalen Denkens und der Aufklärung. Eine grandiose Er-
ziehung des Menschengeschlechts zeichnete sich ab, jedenfalls im
christlichen «Westen». In dieser Perspektive offenbart die jeweilige
Ausformung der Untergangserwartung zugleich Befindlichkeiten der
jeweiligen Gesellschaft und ihrer Weltdeutungen in ihrer Zeit.
Zumal des Averroes Kommentare zu Aristoteles verunsicherten,
weckten neue Fragen nach den Zeitdimensionen für die Geschicke des
Kosmos, nach der ewigen Wiederkehr des Gleichen, nach Weltunter-
gang oder dem Schicksal der Seelen nach dem Tod. «Averroisten»
wurden den christlichen Dogmen gefährlich und weckten den Wider-
stand «konservativer» Theologen. Die Welt sei ewig. Diese und andere
Aussagen wurden verurteilt. Doch diese im Jahr 12.77 verurteilten Sätze
blieben durch ihre anhangsweise Einfügung in die Handschriften und
Frühdrucke des wichtigsten scholastischen Lehrbuchs, der Sentenzen
des Petrus Lombardus, in der Kirche und unter Theologen bis ins
16. Jahrhundert gerade unter Katholiken präsent. Sie waren damit nicht
erledigt, sondern nährten unablässig die Skepsis kritischer Denker
gegenüber dem etablierten Weltbild. Nominalistische Theologen wie
William Ockham schärften weiter die dialektischen Instrumentarien.
Das Geschichtsdenken folgte derartigen Vorgaben und Entwick-
lungssträngen. Der Bischof und Weltchronist Otto von Freising etwa
hatte in den 40er Jahren des 12.. Jahrhunderts diese Zeitdimension in
seiner augustinisch geprägten Chronica sive Historia de duabus civi-
tatibus eingefangen. 8 Andere sahen es ebenso, wenn auch mit gewis-
sen Varianten. So vermittelte kein Geringerer als Eike von Repgow im
folgenden Säkulum den zahlreichen Lesern und Benutzern seines
Sachsenspiegels die Lehre der Etymologien des Isidor von Sevilla; sie
wichen von Augustins Sechstagelehre ab. Von der Schöpfung bis zum
Untergang waren der Welt nun sieben «Welttage» gewährt, deren sech-
ster mit Christus endete, dazu ein siebter, nämlich der gegenwärtige
Tag von unbestimmbar langer Dauer. Eike setzte explizit diese zeit-
liche Offenheit zu Rechtsprinzipien seiner Gegenwart in Analogie. 9
Zwischen Weltordnung und Rechtsordnung bestand eine geheime
Korrespondenz.
Weltuntergang 283

Die Reformatoren stimmten grundsätzlich - wieder mit Varianten -


in den Chor der Untergangssänger ein. Ihre Reformation brachte in
der Tat eine Erneuerung des Untergangsglaubens. Die protestantische
Polemik gegen die astronomisch begründete Kalenderreform Gre-
gors XIII. enthüllte aber zugleich dessen fortschreitende Destruktion,
insofern sie gerade am Beispiel des Untergangs Differenzen zwischen
den entstehenden Konfessionen aufdeckte. Schon Michael Maestlin
befürchtete die Aushöhlung der tausendjährigen Endzeiterwartung
der Christen. Ohne den «Jüngsten Tag», so erkannte er, sei Christi
Botschaft entscheidend beschnitten. Da half auch die paulinische
Theologie, daß mit Christus das Heil in der Welt schon erschienen sei,
nichts. Ohne den «Jüngsten Tag» fehlte dem Evangelium Entscheiden-
des, eine eigene, von anderen Religionen distinguierende Zukunfts-
perspektive. Maestlin fürchtete sogar: Es fehle Gott. Dann blieb nur
die Kirche. In der Tat, auf dem Konzil von Trient spielte die «Unter-
gangstheologie» keine Rolle. Aber auch die kirchliche Tradition geriet
in Gefahr und sah sich angefochten.
Die «Aufklärung» beendete die Untergangserwartungen und die
apokalyptischen Bilder nicht, aber sie verschob sie, machte sie dies-
seitiger, wissenschaftlicher und durchsichtiger. Sie «entzauberte» den
Weltuntergang, machte ihn der Physik und physikalischen Gesetzen
zugänglich. Seine Transzendenz verflüchtigte sich. Die «aufklärende»
Kritik erneuerte damit, wenn auch auf ihre Weise, das Endzeitwissen,
doch nicht den überkommenen Endzeit- und Untergangsglauben.
Newtons Physik, die Physik dieses gläubigen Kommentators der Apo-
kalypse des Johannes, widersprach dem göttlichen Schöpfungswerk
nicht; sie akzeptierte wiederholte Untergänge im Kosmos. 1 0 Fortan
war der prognostizierte Untergang auch der Erde kein strafendes,
rächendes, willkürliches Handeln eines allmächtigen Schöpfergottes,
vielmehr ein immer wieder, ja, tausendfältig sich im Kosmos in ganzen
Gebürgen von Millionen Jahrhunderten ereignender, geradezu natur-
notwendiger physikalischer Prozeß. Die naturwissenschaftlich erklär-
baren Untergänge befreiten im Gegenzug die Seele von jenem Unter-
gangsdruck, den der Glaube bisher erzeugt hatte. Der Mensch lebte
nun seiner Auferstehung in ewiger Freude entgegen. Reißet von Ban-
284 Weltuntergang

den freudig euch los. - Unsterbliches Leben wird der, der dich schuf,
dir geben.
In der Tat, seit dem 18. Jahrhundert erhoben Theologen immer selte-
ner ihre Stimme zum Weltuntergang, um so häufiger meldeten sich
weltliche Autoren, Literaten, Dichter, Künstler, neben Philosophen und
Physikern zu Wort. Die Säkularisation schritt rasch voran. Kritische,
von Atheismus geformte theologische Strömungen des 19./20. Jahr-
hunderts oder der Historismus konnten mit der Eschatologie als einem
lebendigen Glauben nichts mehr anfangen. Sie sahen nur noch eine
vergangene, rational überwundene, ohne sonderlichen intellektuellen
Aufwand kritisierbare historische Erscheinung.
Die allmählich gewachsenen Zweifel machten vor weiterer De-
struktion des Glaubens nicht Halt. Sie setzten auch die Kirchendok-
trin unter Druck, tasteten deren Heilslehre an und raubten der Unter-
gangserwartung den letzten Schimmer von heilsrelevanter Perspek-
tive. Namhafte Historiker (wie etwa der Protestant Johannes Haller)
oder Philologen (wie etwa der Katholik Otto Zwierlein) artikulierten
Zweifel, ob der historische Nachweis zu erbringen sei, daß der Apo-
stel Petrus in Rom weilte und dort gekreuzigt wurde. Damit aber ge-
rät, soweit sie sich auf diesen Apostel beruft, die apostolische Sukzes-
sion in Gefahr, ein wesentliches Rückgrat der römischen Kirche. Eilige
Interpreten sehen in Benedikts X V I . Rücktritt gar schon ein markan-
tes Zeichen christlicher EndzeitpolitikVon theologischer und von
medizinischer Seite melden sich Zweifel an Christi Kreuzestod - und
damit an der Auferstehung, am gesamten Fundament des christlichen
Glaubens. 1 1 Von Christi Wiederkehr zum Gericht wagt man kaum
mehr zu sprechen. Der Weltuntergang, der jetzt noch bedacht wird,
hat mit der Religion, dem Glauben, hat mit Gott schlechthin nichts
mehr zu tun.
Viele Menschen im «Westen» wenden sich heutigentags vom Chri-
stentum mehr oder weniger ab und suchen ihr Heil, ihr irdisches Heil,
bei östlichen Religionen. Schwerlich wollen sie auf diese Weise dem
Weltuntergang mit seinen bekannten Vorzeichen in Natur und Gesell-
schaft entkommen. Denn die Untergangsbotschaft hat längst die Natur-
wissenschaften erreicht. Auch sie kennt seine Zeichen. Etwa den immer
Weltuntergang 285

wieder beobachtbaren Ausbruch einer Supernova hier und da im Welt-


all (s. Farbtafel 17). Er verrät schon heute, wie es dereinst unserer
Sonne ergehen und wie sie die Erde mit ihrem Leben verschlingen wird.
Der von den Kirchenvätern gelehrte Weltuntergang hat seine heils-
weisende Endgültigkeit längst verloren. Er ist sinnlos geworden ange-
sichts der endlosen Untergänge im Kosmos. Wenn aber den Aposteln
und Evangelisten mit ihren Untergangsprophezeiungen und ihren lan-
gen Listen an Untergangszeichen nicht mehr zu trauen ist, auf wen
soll der Gläubige dann noch hören? Der Weltuntergang hat sich zwar
über den Glauben in die moderne, religionsferne Kosmologie einge-
schlichen; er läßt sich nun aber von keinen Glaubenspostulaten irritie-
ren, auch im Fernen Osten nicht. Weltuntergänge über Weltuntergänge
zeichnen sich im schier unendlichen Kosmos ab, und die kosmolo-
gische Perspektive von Milliarden von Jahren beschert nach mensch-
lichen, lebensgemäßen Dimensionen ein Universum ohne Anfang,
ohne Ende, für alle Ewigkeit. Trost spenden solche Perspektiven nicht.
Die Angst ist nur vorübergehend verstummt, sie kehrt zurück. Denn
der Untergang war nicht nur der Welt verhießen. Er schloß - die
wenigen Geretteten ausgenommen - die Menschheit mit ein; und sie
sieht sich mit der Globalisierung neuen Gefahren und Untergangsdro-
hungen ausgesetzt. Die Erde könnte ja den Untergang der Menschheit
lange überdauern. Es könnte mit uns bald zu Ende gehen. Wieder
offenbaren Zeichen die Annäherung eines solchen Ziels. Etwa der im-
mer umfassender erforschte Supervulkanismus. Er ist, so bemerkte ein
Kommentator, wahrscheinlich der Weltuntergang; man könne mit
I3
Blick auf ihn Wetten abschließen, wie die Welt untergeht.
Das Wissen, das Internet und der Verkehr kennen keine Grenzen;
sie trotzen auf Dauer sogar totalitären Regimen und münden selbst in
zerstörende Reaktionen. Angsteinflößende Informationen rasen um
die Welt. Hohe, überregionale, weltweite Mobilität der Menschen be-
schleunigt die Ausbreitung von Seuchen aller Art. Die Angst vor Pan-
demien regt sich. Sie besitzen die Potentiale, sich zu Weltkatastrophen
auszuwachsen. Der internationale Flug- und Schiffsverkehr verbreitet
die tödlichen Keime rasch. Aids, SARS, Ebola konnten warnen; sie
schreckten weltweit. Penicillin und andere bisher wirksame Antibio-
286 Weltuntergang

tika heginnen, durch Mutationsprozesse der Bakterien und Viren zu


versagen. Die Folge: ein Wettlauf der Forschung mit den Untergangs-
kräften der transhumanen Natur.
Die rasante Ausbreitung und die hohe Mutationsrate des Ebola-
Virus mögen als Beispiel dienen. Was zum Teufel ist das? So machte
sich das Erschrecken bei der ersten Isolierung des Virus im Jahr 1 9 7 6
Luft. Jetzt rast dieser Teufel. Tausende Tote sind 2 0 1 4 / 2 0 1 5 in Afrika
zu beklagen. Der Entdecker des Ebola-Virus, der belgische Mikro-
biologe Peter Piot, fürchtet solcherart Mutationen des Virus, daß
derselbe nicht umgehend nach Befall seinem Wirt den Tod bringt,
sondern verzögert, sich damit längere Zeit im Körper der Kranken
entfalten kann und auf diese Weise eine höhere Ansteckungsrate be-
wirkt. Das ist das wirkliche Weltuntergangsszenario, so wurde Piot
im Jahr 2 0 1 4 zitiert. 14 Die verfügbaren Krankenhäuser könnten eine
solche Apokalypse nicht bewältigen.
Die Bedrohungen durch die Natur werden ergänzt durch den Men-
schen selbst. Jene Vorzeichen, die den «Jüngsten Tag» ankündigen
sollten, beschränkten sich ja keineswegs auf natürliche Phänomene;
sie benannten zugleich gesellschaftliche, zwischenmenschliche, psy-
chische Realitäten. Nicht zuletzt deshalb verhalfen sie für Jahrhun-
derte der Untergangsprognose zu Akzeptanz und Wirkung. Gerade
unter den Menschen sollte mit dem Antichrist ein Führer in den Un-
tergang auftreten. Unstillbare Verführungsgabe, unermeßliche Bos-
heit, unkontrollierbarer Zerstörungswille, maßlose Herrschsucht und
Absolutheitspostulate wurden und werden noch immer ihm und sei-
nen Heerscharen zugeschrieben. Nur noch ein Gott kann gegen sie
bestehen. Auch solches Wissen gehört zum endzeitlichen Erwartungs-
habitus des «Westens». Immer wieder wird der Antichrist oder wer-
den doch Angehörige seiner Armeen unter politischen Gegnern und
Feinden ausgemacht und Armageddon drohend beschworen.
Der Fanatismus des Untergangs hat im 20. Jahrhundert unendliches
Leid hervorgebracht und grenzenlosen Schaden angerichtet; er wütet
auch im beginnenden 2 1 . Jahrhundert in der Menschheit. Allenthal-
ben regt er sich als politische Propaganda, als unkalkulierbare Dro-
hung, als Folter, als bestialischer Krieg, als blutiger Terror - immer
Weltuntergang 287

mit dem nämlichen Ziel, dem Sieg der eben postulierten Wahrheit, der
Vernichtung des Bösen, des Untergangs der Gegner, der Ausmerzung
der eigenen Vergangenheit, des eigenen Ichs. Im Irak werden die Stät-
ten vernichtet, in denen die heimische Kultur wurzelte. Ein Atomkrieg
wird neuerlich wieder für möglich gehalten, mit unabsehbaren Fol-
gen. Nicht nur die Großmächte sind gerüstet. Ein Kleinstaat wie
Nordkorea drohte den USA mit einem atomaren Erstschlag und testet
seit langem Interkontinentalraketen. Atomsperrverträge scheinen be-
stenfalls ein paar Jahre Aufschub zu gewähren, wirklich greifen, die
Untergangsdrohung aufheben können sie nicht.
Kriege provozieren ohnehin Untergangsszenarien; es kann auch
rückblickend, in der Erinnerung, geschehen. So erklärte der Dich-
tersänger Wolf Biermann die Operation Gomorrha, diese dreifache
Feuersintflut über Hamburg im Sommer 1943, als Weitende, das ihm,
dem Schreiber, freilich als Himmelsgeschenk erschien; denn es rettete
dem damals sechsjährigen, von den Rassegesetzen des NS bedrohten
Knaben das Leben. 1 5 Menschengemachte Gefahren wie Kernspaltung
und radioaktive Verseuchung, wie Chemieunfälle und andere Giftgas-
katastrophen verstärken den Bedrohungseffekt. Die menschliche Psy-
che hat schwerste Belastungen und Untergangsängste zu überstehen.
Weltuntergangsspiele verheißen da keine Erlösung.
Nicht zu vergessen sind die kosmischen Gefahren, vor denen Geo-
logen, Astronomen, Astrophysiker und Kosmologen zu warnen wis-
sen. Die Erde ist endlich, alles irdische Leben ist endlich, die Sonne
wird erlöschen, der Kosmos selbst geht einem ungewissen Ende und
Untergang entgegen. Die sicher geglaubte Erde gerät ins Wanken. Ein
Zusammenstoß mit fremden Himmelskörpern ist nicht auszuschlie-
ßen. Dann geht alles ganz schnell.
Auch solche Untergangserwartung hinterläßt ihre Spuren im Be-
wußtsein und in der Psyche heutiger Menschen. Noch einmal komme
der Filmpoet Woody Allen als Zeitzeuge zu Gehör. In einem Interview,
das im Jahr 2 0 1 4 publiziert wurde, erwähnte er einen befreundeten
Quantenphysiker, von dem ihm klar gemacht worden sei, daß das
Leben eine sinnlose Illusion sei, und dass unsere pure Existenz einem
puren Zufall geschuldet ist. Tatsächlich poppte das gesamte Univer-
288 Weltuntergang

sum ohne Ursache aus dem Nichts und wird auch wieder ins Nichts
verschwinden. Die bittere Folge: Letzten Endes führe ich ein trauriges
Leben ohne Hoffnung, furchterregend und düster, ohne Ziel oder jeg-
liche Bedeutung. Dafür aber im sicheren Bewußtsein, dass wir ohne
16
jeden Grund geboren werden.
Das Wissen um den Untergang und die Suche nach dem Uranfang
enden nun in hoffnungsloser Desillusionierung. Kein Erzengel Mi-
chael wägt mehr die Seelen, kein Weltenrichter richtet mehr über ein
menschliches Leben, alles wird dem blinden Spiel chemischer, phy-
sikalischer, kosmischer Aktivitäten überlassen. M a n könnte meinen,
die Menschheit wollte untergehen, jedenfalls diejenige des «Westens».
Die absurde Konstellation erinnert an Soren Kierkegaards Analyse:
Was ii'ird geschehen? Was wird die Zukunft bringen? Ich weiß es
nicht; ich ahne nichts. Wenn eine Spinne sich von einem festen Punkte
aus in ihre Konsequenzen hinabstürzt, da sieht sie vor sich beständig
eitlen leeren Raum, in welchem sie nirgends Fuß findet, wie sehr sie
auch zappeln mag. Genauso geht es mir. Vorn immer ein leerer Raum;
was mich vorwärts treibt, ist eine Konsequenz, deren erster Anstoß
hinter mir liegt. Dieses Leben ist ein verkehrtes und schreckliches.
Nicht zum Aushalten.17 Immerhin, die spinnende Spinne hat ein Ziel:
Netzbau, J a g d und Nahrungssuche, Fortpflanzung. Die intelligente
Menschheit sieht - wie es scheint - keines mehr. Sie kann nur weiter
ins leere Nichts ihren Faden spinnen, weiter und weiter.
Schrumpft das menschliche Dasein auf solche Perspektiven? Zap-
pelnde Spinne im düsteren Kosmos? Welch ein «Fortschritt im Be-
wußtsein der Freiheit». Ist die Dialektik am Ende? Keine Verheißung
mehr? Kein Gebet mehr: Diese Welt soll vergehen, um göttlicher
Gnade den Weg zu bereiten? Keine Visionen mehr? Kein Mythos
mehr? N u r Leere, nur Sinnlosigkeit, nur Konsequenzen hinter mir
und Angst vor der menschlichen Vernunft, vor den Teilchenbeschleu-
nigern der Physiker, den Giftgasküchen der Chemiker, den Laboren
der Gentechniker, vor dem gottlosen Mißbrauch des Wissens und der
Macht, der Waffentechnik, nur dumpfe Verzweiflung? Der endgültige
Untergang, menschenverschuldet oder kosmisch bedingt, droht wie
eh und je immerzu «jetzt», nicht in einer unberechenbaren Endzeit;
Weltuntergang 289

und er droht jetzt ohne Hoffnung auf Erneuerung, allenfalls auf ein
Entkommen. Sinnlos. Kein Jüngstes Gericht läßt mehr Raum für Sinn-
gebung, für Gnade, keine Scheidung mehr von Gut und Böse, keine
Gerechtigkeit mehr für alle Ewigkeit. Könnten neue Mythen helfen?
Doch wer sollte sie in dieser globalisierten Welt erzählen? Und wie?
Und wer würde ihnen folgen?
Hoffnung auf Außerirdische flammt neuerdings auf. Manche Zeit-
genossen wähnen sich schon am Ende der Milliarden oder auch etwas
weniger Jahre angekommen, hoffen, dem «endzeitlichen» Untergang
der Erde entgehen zu können, glauben an die Raumfahrt, die ihnen,
der bedrohten Menschheit, neue Lebensräume verheißt und dem ge-
wissen Verglühen der Erde durch die Flucht in die unendlichen kos-
mischen Weiten zu entkommen helfen soll. Die Hölle freilich trügen
die Geflohenen auch dann in sich, jedenfalls solange sie Menschen
blieben. Seligkeit muß auf der Erde errungen werden. Ungewiß wäre
zudem, ob die auf einer solchen Fahrt erwartete oder gefürchtete Be-
gegnung mit den vermuteten Aliens, überhaupt schon jede Kontakt-
aufnahme mit ihnen, diesen vernunftbegabten, dem Menschen durch
eine früher einsetzende Evolution überlegenen, extraterrestrischen
Wesen, den Überlebenden der Erde zum Heil ausschlagen würde. An
Warnungen fehlt es nicht. 18
Natürlich gibt es nähere Sorgen, die wachsende Armut, die Renten,
die Mietpreise, der Hunger in der Welt, die tägliche N o t und anderes.
Und natürlich gibt es die täglichen Freuden. Sie halten aufrecht und
lenken von jedem Weltuntergang ab. Nicht überall herrscht freilich
eine solche Gelassenheit wie in Köln am Rhein, wo «Die lustigen
Jungs» in den frühen i t ^ o e r Jahren bier- und weinselig und in Karne-
valsstimmung der Welt und den Frau'n fröhlich die Zukunft verhie-
ßen: Am dreißigsten Mai ist der Weltuntergang / Wir leben nicht mehr
lang / Wir leben nicht mehr lang [...] Doch keiner loeiß in welchem
Jahr / und das ist, und das ist wunderbar;T9 Echte Kölner singen das
Lied noch heute; sie glauben nicht an seine Prognose oder verdrängen
seinen Sinn.
Es sind die Perspektiven, die auf die Gestaltung der Gegenwart wir-
ken. Wie also werden sich Kultur, Wissenschaft, Kunst und Lebens-
290 Weltuntergang

formen unter dem Einfluß der Globalisierung, durch das Weiterwir-


ken der dem Christentum fremden, aber untergangsfreien und mit ihm
konkurrierenden Religionen, gar einer gott- und jenseitslosen Techno-
Religion und des blanken Atheismus ändern, wenn der «Westen» mit
seiner Tradition nicht mehr den Rhythmus von Forschung und Kultur
anschlägt? Wenn etwa daoistische Ewigkeitssehnsucht, buddhistisches
Verlangen nach dem Nirwana dominieren werden? Wird sich dann
die Prägung der Wissenschaften durch die christliche Apokalyptik
und Eschatologie mit ihren zuletzt den Lebenssinn raubenden Un-
tergangsperspektiven abmildern, vielleicht vollends zurückdrängen
lassen? Werden ein neuer Denkstil, ein anderes Argumentieren, eine
andere Logik, andere Erkenntnisziele, neue Visionen, ein untergangs-
gefeites Menschenbild aufscheinen? Den fernen Untergang vergessen
lassen? Was, wenn keine Erlösung zu erwarten ist? Nur Tod um Tod
und ewiges Vergessen-Werden? Wie würde sich das Leben unter sol-
chen Prämissen ändern? Was würde kommen?
Der Historiker weiß keine Antwort, er ist kein Prophet. Er lehrt kei-
nen künftigen Sinn der Geschichte, einer Geschichte, deren letztes Ziel
(nicht deren Sinn) auf den Untergang zueilt. Er kann nur auf die durch
zweitausend Jahre sinn- und ethikstiftende Einheit christlicher Unter-
gangsvision und der «westlichen» Kultur verweisen. N u r das kann er
bestätigen: Eine Globalisierung wie heute, ein solch globaler Zusam-
menprall der Zivilisationen und Religionen wie zur Stunde, hat es in
der Weltgeschichte noch zu keiner Zeit gegeben. Auch ein solches kos-
mologisches Wissen wie heute stand noch niemals zur Verfügung.
Und ein solches sinnentleertes, mit unvorstellbaren Zeitdimensionen
ausgestattetes, Leben um Leben, Aliens um Aliens hervorbringendes
Weltall übersteigt alle Vorstellungskraft früherer Menschheit. Die ge-
genwärtige Irritation nimmt somit nicht wunder. Die Bestandsauf-
nahme mag freilich als Herausforderung verstanden werden und zu
künftigen Sinnstrukturen weisen.
Noch hält der Faden. Noch grüßt, unversehrt, der gestirnte Himmel
über uns, noch wärmt uns die Sonne, noch schlagen im Frühjahr die
Birken aus und blühen die Narzissen. Das Leben geht weiter, einstwei-
len und allen Untergangsvisionen zum Trotz. An Zuversicht fehlt es
Weltuntergang 291

nicht. So gab, wie im Jahr 1980 die «New York Daily News» berich-
tete, Ted Turner, der Gründer des US-amerikanischen Senders C N N ,
die Devise aus, Wir bleiben auf Sendung, bis zum Ende der Welt; bevor
man sich abmelde, sollten - noch immer gläubig - die Marschkapellen
der Armee das Lied Nearer, my God, to Thee spielen. Ein entspre-
chendes Video, Turner Doomsday Video, so wird kolportiert, sei mit
dem Vermerk versehen: H(old) F(or) R(elease) tili end of tbe ivorld
confirmed.2-0 Wahr oder erfunden, jedenfalls eine bezeichnende Geste,
ironisch, absurd, ein wenig größenwahnsinnig. Heute sieht sich solche
Zuversicht, schon wieder gottlos, zu Hoffnung auf ewiges Leben
hochstilisiert, auf eine vom genialen Forscher mit Hilfe von Biotech-
nik, von manipulierender Gen- und implantierter Nanotechnik, im
Vertrauen auf künstliche Intelligenz, auf Raumfahrt und die Erobe-
rung ferner Planeten zu realisierende Ewigkeit - zumindest für jene
Leute, die sich den teuren A u f w a n d leisten können.2-1
Ewig und dem Untergang entronnen durch den sich in Allmacht
übenden, sich allmächtig dünkenden Menschen? Der alte Traum. Eine
den Tod überwindende Botschaft. War dies die Erinnerung des Men-
schen an sich selbst, der Aufbruch jetzt und heute zu eigener Entschei-
dung angesichts des Untergangs, an die Karl Jaspers einst gemahnt
hatte? Nutze die Zeit, nutze dein Leben. Gut anderthalb Jahrtausende
früher hatten die sogenannten Thomasakten aus dem 3. Jahrhundert
in ihrem Perlenlied der Selbstvergessenheit des Prinzen gedacht: leb
vergaß, daß ich ein Königsohn war, und dem Vergessen mit dem er-
lösenden Ruf ein Ende bereitet: Erhebe dich [...] gedenke, daß du ein
Königsohn bist, z o o o Jahre Selbstbewußtsein formender Geschichte
konnten folgen. Ist nun ein neuer «Ruf» vonnöten? In tiefster Sorge
um Menschheit und Erde, um das «gemeinsame Haus», verkündete in
Anlehnung an den Sonnengesang seines Namenspatrons Papst Fran-
ziskus seine Enzyklika Laudato si (mio signore - Gelobt seist Du,
mein Herr, mit all Deinen Geschöpfen). Sie erneuerte auf ihre Weise
die Sorgen des Club ofRome und der Global Challenges Foundation,
verlieh ihnen weltweite Resonanz, gemahnte an das Liebesgebot
Christi und an das künftige Ende, in dem alles neu werde, an den Weg
zum neuen Jerusalem ... Jenseits der Sonne.12-
Anmerkungen

Einleitung:
Weltuntergang. Geschichtstheologische Grundlagen
zvestlich-abendländischer Kultur

1 Flavius Josephus, Bellum Judaicum VI,5,3; (pcovq eni 'kpoo6Xvj.ia Kai TÖV vaöv...
(poovrj ini TÖV Aaöv mxvza. Dazu T H E I S S E N , Tempelweissagung. Vgl. auch unten
S. 60. Zum Halleyschen Kometen als Vorzeichen im Jahr 66 vgl. TAMMANN,
VERON, Hallcys Komet, S. 91.
2 Vgl. Michael CRICHTON, Fürchtet euch nicht. Gegen die vielen Katastrophenpro-
gnosen, die uns verunsichern, hilft nur Skepsis, in: Frankfurter Allgemeine Zei-
tung Nr. 11/2005 v o m I 4- JDN- z o o 5> S. 38.
3 Bestätigung der Echtheit des Photos: 9NHWS.c0m - Newsroom vom 9. Mai 2003.
4 http://www.Apostolic.net/hiblicalstudies/post/worldtrade.htm am 9. Mai 2003
(mit beruhigenden Erklärungen: Amerika sei nicht gemeint).
5 MGH Poetae 4, S. 521-3, Nr. 23, hier str. 7,1 S. 522. Zur Sequenz (13. Jahrhun-
dert): Alex STOCK, «Dies irae». Zu einer mittelalterlichen Sequenz, in: Ende und
Vollendung, S. 279-91. Die Sequenz gehörte bis zum Zweiten Vaticanum zur
Liturgie des Requiems, ist seitdem aber daraus gestrichen.
6 Eine Zitatfolge von Präsident George W. Bush im Kontext von «9/11» findet sich
unter: MagniloquenceAgainstEvil - droppingbombs 011 peopletofightevil, http://
irregularities.com/evilwar.html, (besucht am 19.3.2014).
7 Vgl. dazu unten S. 116 und S. 234.
8 So eine Überlebende des Tsunami vom 26.12.2004, FAZ 30.12.2004, S. 15.
9 Spiegel online: 6.4.2009: http://www.spiegel.de/panorama.
0 Zit. nach Rhein-Neckar-Zeitung 121 vom 28.5.2009, S. 20.
1 Zit. nach Süddeutsche Zeitung (Online-Ausgabe) vom 27. Febr. 2014.
2 Nach http://www.spiegel.de/panorama/ueberschwemmungcn-auf-balkan-mindes-
ten-30-t0te-a-970025.html und http://www.spiegel.de/panorama/hochwasser-
auf-dem-balkan-flut-schwemmt- landminen-frei-a-970114.html.
3 Jean-Luc BANNALEC, Bretonische Verhältnisse. Ein Fall für Kommissar Dupin, zu-
erst Köln 2012. Ein anderes Beispiel: Arne DAHL, Hass, München, Zürich 2015,
S.47.
4 The Book of Miraclcs. Das Wundcrzcichenbuch - Le livre des miracles, edd. Till-
Holgcr BORCHF.RT, Joshua P. WATERMAN, Köln 2013 fol. 171.
5 Eine erste «zusammenfassende Darstellung der Weltuntergangsphantasien in der
296 Anmerktingen

europäischen Geschichte... auf wissenschaftlicher Basis» legte DINZELBACHER,


Weltuntergangsphantasien, im Jahr 2.014 v o r - Auch wenn meine Darstellung mit-
unter dieselben Zeugnisse und Beispiele heranzieht, so unterscheiden sich doch die
Intentionen beider Studien erheblich. P. Dinzelbacher verfolgt vor allem die Men-
talitätsgeschichte, Vorstellungswelten und deren Funktionalisierung, auch psy-
chologische Aspekte; er klammert die Theologie weithin aus. Mein Versuch geht
von der Kontinuität der theologischen Botschaft aus und fragt nach deren Her-
kunft, Wirkung und Transformation. Wenn man so will, ergänzen sich beide
Herangehensweisen.
16' Vgl. den Ausstellungskatalog: Maya, Ed. by Peter SCHMIDT, Mercedes DE LA
GARZA, Enrique NALDA, Mailand 1998; Berthold RIESE, Die Maya. Geschichtc
Kultur Religion, ^München 2 0 1 1 , bes. S. 4 7 - 5 0 (zum Kalender).
17 Zit. nach dem Interview mit Nicolai GRUBE, das Torsten LANDSBERG führte, «Die
Maya waren nur präzise Rechner», in: www.freitag.de/aut0ren/der-freitag/201edie-
maya-waren-nur-prazise-rechnerzoic (aufgesucht am 17.5.2.014), dazu das In-
terview, das Annette BRUHNS und Simone SALDEN mit demselben Ethnologen
führten, in: Inka. Maya. Azteken. Die geheimnisvollen Königreiche. Der Spiegel.
Geschichte 2/2.014, hier S. 22; Alex- GERTSCI-IEN, Der tägliche Untergang der
May, in: Das Parlament 62, Beilage, S. 5 7 - 6 2 .
18 Zur Eschatologie muslimischer Agitation vgl. Behnam T. SAID, Islamischer Staat.
IS-Miliz, al-Qaida und die deutschen Brigaden, '•München 2014, S. 1 4 8 - 5 4 , mit
Berufung auf COOK, Muslim Apocalyptic; zum fehlenden Weltende hier S. 33 und
S. 385. Vgl. auch unten S. 238.
19 COOK, Contemporary Muslim Apocalyptic Literature, passim und bes. S. 84-97.
20 Jüngste Ausgabe: Apocalypse of Pseudo-Methodios. An Alexandrian World Chro-
nicle, Ed. Benjamin GARSTAD, Cambridge (Mass.) 2012 (mit engl. Übersetzung);
eine deutsche Übersetzung: Gerrit Jan REININK (Hg.), Die syrische Apokalypse
des Pseudo-Methodios. (Corpus Scriptorum Christianorum Orientalium. Scripto-
res Syri 221), Louvain 1993. Dazu: Alexander A. VASILIEV, The Medieval Ideas
of the End of the World: West and East, in: Byzantion 16 (1943), S. 462-502, hatte
einst behauptet, die byzantinische Christenheit habe keine Naherwartung um das
Jahr 1000 CE gekannt. Vasiliev hatte damit großen Erfolg bei Bezweiflern der
Endzeiterwartung um die Jahrtausend wende, die sich immer wieder auf ihn berie-
fen. Doch seine These entsprang der seinerzeit völlig unzureichenden Kenntnis der
Zeugnisse; sie ist mittlerweile gründlich überholt, vgl. zuletzt Paul MAGDALINO,
The End of Time in Byzantium: in: Endzeiten, S. 1 1 9 - 3 3 ; hi diesem Band finden
sich weitere Artikel zur Endzeiterwartung im byzantinischen Christentum. Hin-
weise auf Weltuntergangserwartungen im orthodoxen Christentum um 500 und
im 8. und 9. Jahrhundert: Efthymios NICOLAIDIS, Science and Eastern Ortho-
doxy. Frorn the Greek Fathers to the Age of Globalization, Baltimore 2 0 1 1 , S. 53.
2t Die Apokalypse des Pseudo-Methodius. Die ältesten griechischen und lateinischen
Übersetzungen, hrsg. von W.J.AERTS und G. A. A. KORTEKAAS (Corpus Scripto-
rum Ecclesiasticorum Orientalium 569/70, Subsidia 97/98), 2 Bde. Louvain 1998.
22 Zur Einführung: ROBINET, Taoismus, S. 1 9 - 2 8 , Zitat S. 19.
23 ROBINET, Taoismus, S. 86-7.
24 Hierzu und zum Folgenden: ROBINET, Taoismus, S. 2 2 8 - 3 1 .
25 ROBINET, Taoismus, S. 223 und S. 2 3 1 - 3 .
Anmerktingen 297

2.6 J o n a t h a n SPENCE, G o d ' s C h i n e s e S o n . T h e T a i p i n g H e a v e n l y K i n g d o m o f H o n g


Xiuquan, N e w York, London 1996.
27 M o t o k o TANAKA, Apocalypticism in Postwar Japanese Fiction, Vancouver 2 0 1 1
(auch o n l i n e U R L h t t p s : / / c i r c l e . u b c . c a / b i t s t r e a m / h a n d l e / 2 4 z 9 / 3 z 0 6 5 / u b c _ z 0 1 1 _
s p r i n g _ t a n a k a _ m o t o k o . p d f . (besucht a m 1 . 1 . Z 0 1 5 ) ) .
2 8 Z i t . n a c h R h e i n - N e c k a r - Z e i t u n g 2 2 5 / 2 0 1 4 ( 2 9 . Sept.); der A u s b r u c h w a r a m
27. Sept.
29 « S p i e g e l » - I n t e r v i e w d u r c h W i e l a n d W A G N E R m i t der d a m a l s 1 4 - j ä h r i g e n F u m i k o
«Bun» Hashizume: http://www.spiegel.de/einestages/hiroshima-ueberlebende-als-
waere-die- S0nne-v0m-himmel-gefallen-a-i046'798.html (7.8.2015).
5 0 A l l e Z i t a t e e n t n o m m e n aus: W i k i p e d i a , A t o m b o m b e n a b w ü r f e _ a u f _ H i r o s h i m a _
u n d _ N a g a s a k i # O p f e r ( a u f g e s u c h t a m 1 5 . J u l i 2 0 1 4 ) : die Z e u g e n H i r o k o F u k a d a ;
A k i h i r o T a k a h a s h i ; T o s h i k o S a e k i ; M a m o r u Y u k i h i r o ; zuletzt d e r T e n n o .
31 Z i t . n a c h : B h a g a v a d g i t a . D e s E r h a b e n e n S a n g , ü b e r s , u n d eingeh v o n L e o p o l d
VON SCHKOEDER ( R e l i g i ö s e S t i m m e n der V ö l k e r ) , J e n a 1 9 2 0 , S . 5 4 .
z u r
3 2 Z I M M E R , Indische M y t h e n und S y m b o l e , S . 1 8 - 2 4 ; Vertiefung: MICHAELS,
H i n d u i s m u s ; zur F r a g e u n t e r s c h i e d l i c h e r «Hinduismen» vgl. K i m KNOTT, D e r H i n -
d u i s m u s . E i n e kleine E i n f ü h r u n g , S t u t t g a r t z o o o .
3 3 W i k i p e d i a A r t . « K a l p a ( M y t h o l o g i e ) » (z. J u l i Z 0 1 4 ) . K n a p p e Ü b e r s i c h t e n in: K o s -
2
m o s . W e l t e n t w ü r f e i m V e r g l e i c h , hg. v o m M u s e u m R i e t b e r g Z ü r i c h , Zürich
Z 0 1 5 : M a r t i n BRAUEN, D i e R e l a t i v i t ä t der W e l t e r f a h r u n g : K o s m o l o g i e n i m B u d -
dhismus, ebd. S. 3 3 - 5 ; J o h a n n e s BELTZ, Ausdehnen, entfalten und auflösen: K o s -
m o l o g i e n i m H i n d u i s m u s , e b d . S . 4 3 - 4 ; J o r r i t B R I T S C H G I , D i e drei Welten u n d
das Nicht-Universum: kosmologischc Vorstellungen im Jainismus, ebd. S. 5 1 - 2 .
3 4 H i n w e i s e v e r d a n k e ich V e r e n a K E C K u n d Bettina M A L E C Z E K - P F E R S C H Y . V g l .
Gerrit J. VAN ENK, Lourens DE VRIES, T h e K o r o w a i of Irian J a y a . Their Lan-
g u a g e i n its C u l t u r a l C o n t e x t , O x f o r d / N e w Y o r k 1 9 9 7 ; R u p e r t STASCH, Primiti-
vist t o u r i s m a n d r o m a n t i c i n d i v i d u a l i s m : O n the v a l u e s i n e x o t i c s t e r e o t y p y a b o u t
c u l t u r a l o t h e r s , in: A n t h r o p o l o g i c a l T h e o r y 1 4 ( 2 ) ( 2 0 1 4 ) A . 1 9 1 - 2 1 4 , hier bes.
S. 194.
35 H i n w e i s e e t w a f ü r Indien bei G e o r g e s D U M E Z I L , M y t h o s u n d E p o s . D i e I d e o l o g i e
der drei F u n k t i o n e n i n den E p e n der i n d o e u r o p ä i s c h e n Völker, F r a n k f u r t a . M .
1 9 8 9 , S . 4 1 u n d S . 2 2 7 - 4 8 ; a u s e t h n o l o g i s c h e r Sicht: K l a u s E . M Ü L L E R , D i e Sied-
l u n g s g e m e i n s c h a f t . G r u n d r i ß der essentialistischen E t h n o l o g i e , G ö t t i n g e n 2 0 1 0 ,
S . 5 2 3 - 3 7 , bes. S . 5 2 5 - 6 und S . 5 3 Z - 3 (Beispiele); s o z i o l o g i s c h : M Ü H L M A N N , C h i -
liasmus und Nativismus.
36 Stefanie WÜRTH (d.i. Stefanie GROPPER), R a g n a r ö k : Götterdämmerung und
W e l t e n d e i n der n o r d i s c h e n Literatur, in: O l d N o r s e M y t h s , L i t e r a t u r e a n d S o c i e t y .
P r o c e e d i n g s o f the i i , h I n t e r n a t i o n a l S a g a C o n f e r e n c e . 2 - 7 J u l y z o o o , Univ. o f
S y d n e y , S y d n e y 2 0 0 0 , S . 5 8 0 - 8 9 ; ü b e r a r b e i t e t zuletzt: T h e R o l e o f V g l u s p d i n the
P e r c e p t i o n o f R a g n a r ö k i n O l d N o r s e - I c e l a n d i c , in: T h e N o r d i c L a n g u a g e s , cd.
M a r g a r e t CLUNIES ROSS, Odense 2 0 0 3 , S . 2 1 7 - 3 3 .
37 Ich ziehe f ü r die f o l g e n d e Ü b e r s e t z u n g die P r o s a v e r s i o n v o n F r a n z R o l f SCHRÖ-
DER, D i e G e r m a n e n ( R e l i g i o n s g e s c h i c h t l i c h e s L e s e b u c h 1 2 ) , T ü b i n g e n 1 9 2 9 , hier
S . 5 1 - z den z a h l r e i c h e n N a c h d i c h t u n g e n vor.
3 8 V g l . unten S . 1 5 7 - 8 .
3 9 V g l . unten S . 4 8 - 5 5 .
298 Anmerktingen

40 Zumal Zef 1 , 1 8 und 3,8; dazu unten S. 48-9.


41 7000 Jahre: Sanhedrin 97b und 99a zit. nach: Der Talmud, S. 636; 6000 Jahre:
Sanhedrin ^ya/^jb ebd. S. 639.
4z SILVER, Messianic Speculation, S. 7; VOLZ, Die Eschatologie der jüdischen Ge-
meinde, S. 1 4 3 - 4 .
43 Die wichtigsten Belege erörtert SCHWARTE, Vorgeschichte, S. 1 7 - 6 1 , S. 2,73-90; vgl.
auch Brian E. DALEY, The Hope of the Early Church: A Handbook of Patristic Esca-
tology, Cambridge 19,91; DERS., Apocalypticism in Early Christian Theology, in:
The Encyclopedia of Apocalypticism. Vol. 2 Apocalypticism in Western History and
Culture, ed. by Bernard MCGINN, New York/London 2000, S. 3-47, hier S. 30-3.
44 Vgl. The Armenian Apocalyptic Tradition. A Comparative Perspective. Ed. by Ke-
vork B. BARDAKJ IAN and Sergio LA PORTA (Studia in VeterisTestamenti Pseudepi-
grapha 2.5), Leiden 2014.
45 Vgl. die Frankfurter Tagung «Völker der Endzeit. Apokalyptische Vorstellungen
und politische Szenarien», organisiert von Rcbccca Voss, Wolfram BRANDES,
Felicitas SCHMIEDER, Bcricht: Felicitas SCHMIEDER in: H-Soz-u-Kult 1 . 2 . 2 0 1 2
http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsbericht/id=4024>
46 Ich verweise hier nur auf Augustinus, Cottfessiones Buch XI,xiiiff. Da ist von prae-
teritum, praesens und futurum tempus die Rede. Dieses Werk wurde im Mittel-
alter und bis weit in die Neuzeit hinein wieder und wieder gelesen.
47 Anders sehen es einige Historiker der Frühen Neuzeit, vgl. HÖLSCHER, Entde-
ckung der Zukunft; LANDWEHR, Geburt der Gegenwart.
48 Vgl. unten S. 2 5 5 - 6 zu Carl Schmitt. - Lichtenberger: PEUCKEKT, Die groisc
Wende, S. 1 5 5 - 6 .
49 Zur raschen Information: Beate E c o , Henoch/Henochliteratur, in: Das Bibel-
lexikon (www.bibelwisscnschaft.de/stichw0rt/20989, vom 7.9.2014).
50 Didache c. 10,6, zit. nach: Enchiridion Fontium Historiae Ecclesiasticae Antiquae,
ed. Konrad KIRCH S. I., "'Freiburg u. a. 1965, S. 4.
51 Hans BLUMENBERG, Säkularisierung und Selbstbehauptung. Erweiterte und über-
arbeitete Neuausgabe von «Die Legitimität der Neuzeit», erster und zweiter Teil,
Frankfurt a. M. 1983, S. 55.
52 Zur Einführung aus unterschiedlicher Perspektive: COLPE, Gnosis II (Gnostizis-
mus); RUDOLPH, Die Gnosis, bes. S. 1 8 6 - 2 2 1 ; 1500 Jahre: ebd. S. 220; MARK-
SCHIES, Gnosis; Barbara ALAND, Gnosis; PAGELS, Versuchung durch Erkenntnis.
Vgl. unten S. 69.
5 3 Die These ist umstritten, vgl. unten S. 7 1 .
54 SCHNEEMELCHER, Apokryphen II, (eine Neubearbeitung unter der Federführung
von Christoph MARKSCHIES ist in Vorbereitung). Eine vielleicht zu enge zeitge-
schichtlich-politische Interpretation der Apokalypse des Johannes: PAGELS, «Apo-
kalypse».
55 Zu dieser letzten Bedeutung von Babylon vgl. ZWIERLEIN, Petrus und Paulus in
Jerusalem und Rom, zu den Belegen führt der Index unter «Babylon», S. 3 1 0 - 1 .
56 Für Beatus von Liebana ist die Hure Babylon sowohl Rom und sein Imperium, als
auch die verführerische Welt, die falsche Christenheit, der Antichrist und Satan,
vgl. Beati in Apocalipsin libri duodeeim ed. bv Henry A.SANDERS (Papers and
Monographs of the American Academy in Rome 7), Rom 1930, etwa lib. IX
S. 5 5 5 - 7 5 . - Vgl. unten S. TOT.
Anmerktingen 299

57 Der «Erzketzer» Marcion unterschied den Weltschöpfer als tbösen> Gott von dem
<guten> Gott, den erst Jesus verkündete.
58 Vgl. zu dieser Thematik: GRAY, Politik der Apokalypse.
59 Kenneth GOUWENS, Remembering the Renaissance. Humanist's Narratives of the
Sack of Rome (Brill's Studies in Intellectual History 85), Leiden 1998; Volker
REINHARDT, Blutiger Karneval. Der Sacco di Roma 1527. Eine politische Kata-
strophe, Darmstadt 2009, vgl. etwa S. 106-8; Arnold ESCH, Die Lebenswelt des
europäischen Spätmittelalters. Kleine Schicksale selbst erzählt in Schreiben an den
Papst, München 20x4, S. 4 1 6 - 2 4 .
60 Die Zeilen finden sich am Ende von Schillers Gedicht «Resignation».
6*1 Schillers berühmte Antrittsvorlesung « Was beißt und zu welchem Ende studiert
man Universalgeschichte» wurde 1789 in Jena gehalten, fünf Jahre nach «Resigna-
tion». Das folgende Zitat findet sich an ihrem Schluß.
62 Thornton WILDER, Einakter und Dreiminutenspiele, Frankfurt a . M . 1960, S.43
und S. 47 («Und das Meer wird seine Toten herausgeben»).
63 Johannes FRIED, Die Aktualität Karls des Großen. Vom Verlangen nach Wissen
zu Heavy Metal, in: Franz FUCHS, Dorothea KLEIN (Hg.), Karlsbilder in Kunst,
Literatur und Wissenschaft, Würzburg 20T5, S. 2 9 3 - 3 1 9 , hier S. 3 1 3 - 4 .
64 Vgl. z.B. Hans BLUMENBERG, Der Prozeß der theoretischen Neugierde. Erwei-
terte und überarbeitete Neuausgabe von «Die Legitimität der Neuzeit», dritter
Teil, Frankfurt 41988, anders Heiko Augustinus OBERMANN, Contra vanarn curi-
ositatem. Ein Kapitel der Theologie zwischen Seelenwinkel und Weltall, Zürich
1974, auch Richard NEWHAUSER, Towards a History of Human Curiosity: A Pro-
legomenon in its Medieval Phase, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literatur-
wissenschaft und Geistesgeschichte 56 (1982) S. 5 5 9 - 7 5 .
65 Albert: Günther Bös, Curiositas. Die Rezeption eines antiken Begriffes durch
christliche Autoren bis Thomas von Aquin, Paderborn u. a. 1995, passim und bes.
auch Exkurs S. 1 6 9 - 7 5 ; Thomas: S. th. II-II q. 116 art. 1 - 2 .
66 Rodulfi Glabri Historiarum libri quinque. Rodulfus Glaber, The Fife Books of the
ITistories 111,27, ed- and transl. by J. FRANCE, Oxford 1989, S. 1 4 2 ; die ältere Aus-
gabe: Raoul Glaber Les cinq livres de ses histoires (900-1044) 111,8, ed. Maurice
PROU (Coli, de textes X), Paris 1886, S. 76.
67 Vgl. RAMONAT, Lesarten der Schöpfung.
68 So Wilhelm Rubruck, der Gesandte Ludwigs des Heiligen zu den Mongolen, im
Religionsgespräch am Hof des Großkhans, vgl. FRIED, Auf der Suche nach der
Wirklichkeit, S. 309.
69 Zur Einführung: Reinhard HILTSCHER, Gottesbeweise, Darmstadt 2008; Gottes-
beweise von Anselm bis Gödel, hg. von Joachim BROMAND und Guido KREIS,
Frankfurt a. M. 2 0 1 1 .
70 Der Begriff «Eschatologie» wurde im 17. Jahrhundert geprägt, zuerst nachweisbar
im Jahr 1677; er gewann im 19. Jahrhundert seine spezifische Bedeutung, vgl.
HÖLSCHER, Weltgericht oder Revolution, S. 28 Anm. 1.
71 FRIED, Aufstieg. - «Die Spuren göttlichen Wirkens in der gesamten Schöpfung zu
erkennen» als Anstoß abendländischer Wissenschaft ist Gegenstand der auf drei
Bände angelegten, doch unvollendeten Studie von Dieter GROH, Schöpfung im
Widerspruch, Bd. 1, Frankfurt 2003, Bd. 2 ebd. 2010.
72 Vgl. Kurt FLASCH, Was ist Zeit? Augustinus von Hippo. Das XI. Buch der Confes-
300 Anmerktingen

siones. Historisch-philosophische Studie, F r a n k f u r t am M a i n Z 0 0 4 ; vgl. DKRS.,


A u g u s t i n . E i n f ü h r u n g i n sein D e n k e n , i S t u t t g a r t 2 0 0 3 , K a p . 1 3 .
73 Gotthold Ephraim LESSING, Emilia Galotti, Fünfter A u f z u g , S.Auftritt am Ende.
74 Z u r Sibylle vgl. unten S. 51 und S. 74.
75 B e i s p i e l e eines bis i n d a s 2 0 . J a h r h u n d e r t h i n e i n r e i c h e n d e n e s c h a t o l o g i s c h e n
D e n k e n s e t w a bei: H Ö L S C H E R , W e l t g e r i c h t o d e r R e v o l u t i o n , p a s s i m . V g l . unten
K a p . 5.
7 6 D e r B e g r i f f ist eine P r ä g u n g v o n R I E S S , M y t h o s T i t a n i c ; D E R S . , D e r Lintergang der
Titanic. Vgl. unten S. 2 5 4 und S. Z 5 7
7 7 V g l . d a z u unten S . Z74 ( K . J a s p e r s ) .

I. Glauben und Verkündung


1 C l e m e n s A l e x a n d r i n u s , E x c c r p t a e x T h e o d o t o § 7 8 , zit. n a c h : D i e G n o s i s I ,
S. 1 7 - 8 .
2 V g l . a u c h unten S . 7 1 .
3 V g l . d a z u BULTMANN, E s c h a t o l o g i e , S . 2 4 - 4 3 : « D a s V e r s t ä n d n i s der G e s c h i c h t e
unter d e m E i n f l u ß d e r E s c h a t o l o g i e » .
4 MAUL, Wahrsagekunst.
5 Vgl. MAUL, Wahrsagekunst, S. 1 8 2 .
6 Zit. nach M A U L , Wahrsagekunst, S. 1 8 8 .
7 V g l . C i c e r o , D e d i v i n a t i o n e (in der R e i h e n f o l g e der V e r w e i s e ) 1 1 , 8 ; I L S 3 ; 1 1 , 7 5 .
D a z u k n a p p W i l f r i e d STROH, C i c e r o . R e d n e r , S t a a t s m a n n , P h i l o s o p h , - ' M ü n c h e n
zoio, S. xoi-z.
8 S c h ö p f u n g s m y t h e n , S . 4 4 - 9 9 ; n a c h c h r i s t l i c h : S . 9 Z - 5 (aus E s n e / L a t o p o l i s ) .
9 In d e u t s c h e r Ü b e r s e t z u n g in: A l t ä g y p t i s c h e D i c h t u n g . A u s g e w ä h l t , ü b e r s , u n d er-
läutert v o n E r i k H O R N U N G , S t u t t g a r t 1 9 9 6 , S . 7 4 u n d d a z u S . 1 7 4 - 5 I ™ 1 w e i t e r e n
Ü b e r s e t z u n g e n u n d L i t e r a t u r ) . V o l l s t ä n d i g engl, auch im Netz: «http://www.
reshafim.org.il/ad/egypt/merikare=papyrus.htm».
10 V g l . H O R N U N G , E i n f ü h r u n g in: T o t e n b u c h , S . 5 - 3 8 ; T A Y L O R , J u d g e m e n t .
11 Vgl. TAYLOR, Judgement, S. 2 1 6 - 7 .
12 Aus Spruch 1 2 5 , HORNUNG, Totenbuch, S. 2 3 3 - 4 5 .
13 Die Schöpfungsmythen, S . 1 0 3 - 1 7 und S . 1 1 9 - 5 1 .
14 F e r d i n a n d J U S T I , D e r B u n d e h e s h . Z u m ersten M a l e h g . , t r a n s c r i b i r t , übersetzt
u n d m i t G l o s s a r v e r s e h e n , L e i p z i g 1 8 6 8 , hier c . 3 1 S . 4 0 - 4 3 .
15 P i a t o n , T i m a i o s z i c - z s d u n d die f o l g e n d e n K a p i t e l ü b e r Ä g y p t e n .
16 Z i t . n a c h M A U L , W a h r s a g e k u n s t , S . 1 3 . Z u r A s t r o l o g i e : A l b r e c h t D I H L E , D i e grie-
c h i s c h e A s t r o l o g i e u n d ihre G e g n e r , in: A n t i k e u n d A b e n d l a n d 4 3 ( 1 9 9 7 ) S . 9 0 -
1 0 8 ; z u R e z e p t i o n : M E T Z L E R , K o n s t a n z v o n W e l t b i l d e r n , S . 8 3 mit A n m . 4 .
17 Vgl. etwa Timaios 30C-32. Abbild und Zeit: 37d-e.
18 Z i t . n a c h BULTMANN, E s c h a t o l o g i e , S . Z5, n a c h : S t o i c o r u m v e t e r u m f r a g m e n t a ,
hg. H a n s v . A R N I M , S t u t t g a r t 1 9 1 4 , B d . 2 , S . 1 9 0 , 1 6 f f . ( ü b e r l i e f e r t erst v o n N e m e -
sios v o n E m e s a « Ü b e r die N a t u r des M e n s c h e n » (4-/5. J h . ) .
19 P h i l o v o n A l e x a n d r i e n , D i e W e r k e i n d e u t s c h e r Ü b e r s e t z u n g , hg. L e o p o l d C O H N
u . a . , B d . 7 , Berlin 1 9 6 4 , S . 7 - i z r , dazu: A n t o n - H e r m a n n CHROUST, Aristotele's
Deel ine o f the U n c r e a t e d n e s s a n d Indestructibility o f the Uni verse, in: T h e N e w
Scholasticism 52 ( 1 9 7 8 ) , S. 2 6 8 - 7 9 ; M e n s c h : c. 5 5 - 6 9 . - Boethos und Panaitios:
Anmerktingen 301

Karl REINHARDT, Poseidonios von Apameia der Rhodier genannt, in: RE 22


(T954) Sp.625-7; Sp. 688 (auch separat).
20 De natura deorum 11,27-8, und II,118.
21 ALBERTZ, Exilszeit, S. 4 0 - 5 .
22 Zu den Datierungsfragen knapp: ZENGER U. a., Einleitung, 'Stuttgart 2015,
S. 289-90).
23 Dazu mit Hinweisen auf die neuere Literatur: Michael Tilly, Kurze Geschichte der
x\pokalyptik, in: Das Parlament 62, Beilage, S. 1 7 - 2 5 , bes. S. 1 9 - 2 1 .
24 Hubert IRSIGLER, Zefanja/Zefanjabuch, bes. Abschnitt 3,5, in: Das wissenschaft-
liche Bibelportal der Deutschen Bibelgesellschaft. Bibellexikon (Bibelwissenschaft,
de). Erstellt: Juni 2008, besucht 17. Juli 2015.
25 Zuerst wohl eine Zefania-Apokalypse: vgl. IRSIGLER (wie die vorige Anm.) mit
Abschnitt 3,7.
26 ALBERTZ, Exilszeit, S. 4 1 .
27 ALBERTZ, Exilszeit, S.43-4.
28 Z.B. in Texten aus Qumrän, vgl. 4Q554-5 und 5Q15, engl. VERMES, Dead See
Scrolls, S. 3 2 4 - 6 ; vgl. STEGEMANN, Die Essener, S. 1 4 0 - 1 . - Zur Frist vgl. unten
S. 86 und oben S. 295 Anm. 4 1 .
29 Die Sibyllinen/Drittes Buch in der Übersetzung von Friedrich BLASS, in: Emil
KAUTZSCH, Die Apokryphen und Pseudepigraphcn des Alten Testaments, 2 Bde.
Tübingen 1900, hier Bd. 1, S. 1 8 6 - 2 0 1 : http://de. Wikisource.org/wiki/Die_Sibyl-
linen/Drittes_Buch (vgl. Wikipedia 6.4.15).
30 Vgl. etwa VERMES, Dead Sea Scrolls, S. 58-64;
VAN DER WOUDE, Fakten contra Phantasien: Die Bedeutung der Rollen vom
Toten Meer für die Bibelwissenschaft und die Kunde des Frühjudentums, S. 70. -
Vgl. auch unten S. 59 und S. 87.
31 VAN DER WOUDE, Fakten contra Phantasien, S. 6 8 - 7 1 .
32 BENZ, Schöpfungsglaube, S. 1 4 - 5 .
33 Vgl. knapp BENZ, Schöpfungsglaube, S. 1 2 - 3 mit entsprechender Literatur.
34 STEMBERGER, Das Judentum in frührabbinischer Zeit, hier bes. S. 1 4 - 7 .
35 Dazu Martin HENGEL, Messianische Hoffnung und politischer «Radikalismus» in
der «jüdisch-hellenistischen Diaspora». Zur Frage der Voraussetzungen des jüdi-
schen Aufstandes unter Trajan 1 1 5 - 1 1 7 n.Chr., in: Apocalypticism in the Medi-
terranean World, S. 655-86; STEMBERGER, Das Judentum in frührabbinischer
Zeit, bes. S. 8, S. 17. Zum Bar Kokhba Aufstand: The Bar Kokhba War Recon-
sidered. New Perspectives on the Second Jewish Revolt against Romc, cd. Peter
SCHÄFER (Texts and Studies in Ancient Judaism 100), Tübingen 2003.
36 Ich zitiere die Übersetzung (mit Kommentar) von Hermann GUNKEL, hg. von Emil
KAUTZSCH, 2 Bde. Tübingen 1900, hier Bd. 2, im Internet: http//de.wikipedia.org/
wiki/4-_Esra.
37 STEMBERGER, Das Judentum in frührabbinischer Zeit, S. 8.
38 Ich zitiere die Übersetzung von Paul RIESSLER, Augsburg 1928, im Internet:
http://de.Wikisource.org/wiki/Apokalypse_des_Baruch_(syrisch).
39 Vorzeichen seines Kommens: Sanhedrin 97a und 98a, zit. nach: Der Talmud,
S. 630-4.
40 Vgl. Geschichten aus dem Talmud, hg. und übertragen von Emanucl BIN GOKION,
Frankfurt a. M. 1966 und öfter, S. 103-8 (Geburt: S. T03-6).
302 Anmerktingen

41 Sanhedrin 98a, zir. nach: Der Talmud, S. 62.9 das voranstehende Zitat.
42 SCHOLEM, Die jüdische Mystik, S. 43-86.
43 FRIED, Aufstieg, S. 21 mit Anm. 17.
44 Ein solcher wird bei Sanhedrin 93b erwähnt; Der Talmud, S. 627.
45 Die These vertrat Israel J. YUVAL, sie weckte aber Widerstand; die Frage ist für
den Nicht-Judaisten kaum zu entscheiden, vgl. zusammenfassend: Rainer WALZ,
Die Verfolgungen von 1096 und die Ritualmordlegende. Die Debatte über die
Thesen Israel Yuvals, in: Aschkenas 9 (1999), S. 189-232.
46 Gerschom SCHOLEM, Sabbatai Zwi, ins Deutsche übertragen von Angelika
SCHWEIGHART, Frankfurt a.M. 1992; vgl. Julius H. SCHOEPS, Messias oder
Scharlatan?, in: http://www.zeit.de/1992/16/messias-oder-scharlatan.
47 Dazu vgl. auch: SCHOLEM, Die jüdische Mystik, hier S. 316 und S. 324 die beiden
Zitate.
48 Zur Deutung jüngst: Werner DAHLHEIM, Die Herrschaft des Augustus und die
Geburt Jesu: Das augusteische Imperium im Spiegel der christlichen Überliefe-
rung, in: Zur Debatte. Themen der katholischen Akademie in Bayern 3/2014
S.45-7.
49 METZLER, Konstanz von Weltbildern, S. 83 mit Anm. 7 und S. 84 mit Anm. 11.
50 Vgl. unten S. 158-9.
51 BAECK, Das Evangelium, S. 161; dazu: Werner VOGLER, Jüdische Jesusinterpreta-
tion in christlicher Sicht, Weimar 1988, bes. S. 31-4; Ingeborg RÜDLIN, Jesus und
Paulus in der Deutung Leo Baecks, in: Pardes, Zschr. der Vereinigung für Jüdische
Studien 16 (201=), S. 153-76. - Ernst Ludwig EHRLICH, Jesus Christus 9, in: TRE
17 (1988) S. 6 8 - 7 1 . - Zur Kanonbildung folge ich KLINGHARDT, Das älteste
Evangelium 1, S. 183-94 und S. 3 1 1 - 4 7 .
52 Roland DEINES, Die Pharisäer. Ihr Verständnis im Spiegel der christlichen und
jüdischen Forschung seit Wellhausen und Graetz (Wissenschaftliche Unter-
suchungen zum Neuen Testament 101), Tübingen 1997; Günter STEMBER-
GER, Pharisäer Sadduzäer Essener. Fragen - Fakten - Hintergründe, Stuttgart
2013.
53 Zur Datierung: BECKER, Paulus, S. 1 7 - 3 2 , zur Bedeutung: ebd. S. 92-8.
54 STEMBERGER, Das Judentum in frührabbinischer Zeit, S. 14-7.
55 Jakob TAUBES, Abendländische Eschatologie, Bern 1947 (und öfter); Jürgen
MOLTMANN, Das Kommen Gottes. Christliche Eschatologie, Darmstadt 2002;
Joseph RATZINGER, Eschatologie. Tod und ewiges Leben, "Kegensburg 2007;
neuerdings: PAGELS, «Apokalypse».
56 I QpHab XIII, engl. VERMES, The Dead See Scrolls, S. 347 (meine Übersetzung
aus dem Englischen).
57 BORNKAMM, Jesus; anders: David FLUSSER, Jesus, '•Reinbek bei Hamburg 1999;
THEISSEN, MERZ, Lehrbuch. Vgl. noch unten S. 63 Anm. 74.
58 Vgl. etwa die Spruchqucllc Q oder das apokryphe Thomas Evangelium; zusam-
menfassend THEISSEN, MERZ, Lehrbuch, S. 226-55. Statt Q ist jetzt vor allem auf
Mcn zu verweisen.
59 THEISSEN, MERZ, Lehrbuch, S. 2 2 1 - 5 3 ; zu den Gleichnissen ebd. S. 285-309: zur
Ethik: ebd. S. 3 1 1 - 5 5 .
60 Leo BAECK, Der «Menschcnsohn», in: DERS., AUS drei Jahrtausenden, Berlin
1938; Neudruck: Mit einer Einführung von Flans LIEBESCHÜTZ, Tübingen 1958
Anmerktingen 303

(danach zitiert), S. 1 8 7 - 9 8 ; jetzt: in: Gesammelte Werke Bd. 4, Gütersloh 2000;


THEISSEN, MERZ, Lehrbuch, S. 452.-5 und S. 470-84.
61 Vgl. zusammenfassend: Gösta LINDESKOG, Die Jesusfrage im neuzeitlichen Ju-
dentum. Ein Beitrag zur Geschichte der Leben-Jesu-Forschung, Uppsala 1938,
= Neudruck Darmstadt 1973, 163-6.
62 Sie äußerte sich z. B. in der besorgten Frage der Thessalonicher nach der Auferste-
hung der wohl eben vorzeitig, nämlich vor Christi Parusie verstorbener Getaufter:
iThess 4 , 1 3 - 8 .
63 Martin WERNER, Die Entstehung des christlichen Dogmas. Problemgeschichtlich
dargestellt, ¿Tübingen 1954 (verkürzte Taschenbuchausgabe: Stuttgart 1959); zur
frühchristlichen Kontroverse um das Trinitätsdogma vgl. Karl-Heinz OHLIG,
Haben wir drei Götter? Vom Vater Jesu zum «Mysterium» der Dreifaltigkeit,
Kevelaer 2014. Zur jüdischen Tradition des «Gottessohnes» und ihrer Bedeutung
für das frühe Christentum vgl. zusammenfassend: THEISSEN, MERZ, Lehrbuch,
S. 452 und S. 4 8 1 - 2 .
64 Günther BORNKAMM, Paulus, ^Stuttgart u. a. 1993; BECKER, Paulus.
65 So z. B. im sog. Brief des «Lehrers der Gcrcchtigkcit»: 4QMMT = 4Q399, VER-
MES S. 182.; A. STEUDEL, The Development of Essenic Eschatology, in: Apocalyp-
tic Time, S. 79-86. - Zur Diskussion über Verbindungen zwischen Qumrân-
Gemeinde und Christen vgl. Otto BETZ, Rainer RIESNER, Jesus, Qumran und der
Vatikan, Freiburg i. Br. 1995, bes. S. 139-50.
66 Zu iThess vgl. BECKER, Paulus, S. 1 3 8 - 5 9 ; zu rCor ebd. S. 262-5.
67 Zu den Münzen und ihren Legenden vgl. Robert DEUTSCH, Coinage of the First
Jewish Revoit against Rome. Iconography, Minting Authority, Metallurgy, in:
The Jewish Revolt, S. 3 6 1 - 7 1 ; Donald T.ARIEL, Identifying the Mints, Mintcrs
and Meanings of the First Jewish Revolt Coins, in: ebd. S. 3 7 3 - 9 7 .
68 Der Verweis auf den Brand Jerusalems findet sich ähnlich bereits bei AKENSON, Sur-
prising Wonder, S. 566. - Die Prämissen, die C. P. THIEDE zu seiner Frühdatierung
des Markus- und Matthäusevangeliums führten, teile ich nicht; zuletzt: Carsten
Peter THIEDE, Matthew D'ANCONA, Der Jesus-Papyrus. Eine Entdeckung aus der
Zeit der Augenzeugen, Bergisch-Gladbach 2003. Zu dem «Papyrusfragment 7Q5»
vgl. den Wikipedia-Artikel (14.5.2015). Zur traditionellen Datierung der kanoni-
schen Schriften des Neuen Testaments vgl. LOIISE, Entstehung. Doch folge ich der
Datierung durch KLINGHARDT, Das älteste Evangelium 1, S. 374-80, der nicht nur
auf die Tempelzerstörung als Datierungskriterium verwies, sondern auch auf die
erst seit dem Jüdischen Krieg erkennbare und seit den späten 80er Jahren gesicherte
Präsenz einer römischen Militäreinheit (Legionäre) in Gerasa. Danach sind die ka-
nonischen Evangelien ohne genaueren Daticrungsanhalt zwischen 90 und 144/54
entstanden. Ohne eine solche Präsenz wäre die symbolische Austreibung des
zweitausendköpfigen Dämons Legion (Mk 5,1-20; Lk 8,26-39) unverständlich. -
Ähnliche Reaktionen wie unter Christen gab es unter Diaspora-Juden: Martin
HENGEL, Messianische Hoffnung und politischer «Radikalismus» in der «jüdisch-
hellenistischen Diaspora». Zur Frage der Voraussetzungen des jüdischen Aufstands
unter Trajan TT5-T17 n. Chr., in: Apocalypticism in the Mediterranean World and
the Near East, ed. by David HELLIIOLM, -Tübingen 1989, S. 655-86.
69 Leo MILDENBERG, The Coinage of the Bar Kokhba War (Typos. Monographien
zur antiken Numismatik 16'), Aarau u. a. 1984.
304 Anmerktingen

70 Das Zitat nach Volker WEIDERMANN, Ostende. 1936, Sommer der Freundschaft,
Köln 2.014, S . l z o • ~ Das Verbot: Flavius Josephus, Bellum Judaicum VI,4-10.
71 Vgl. oben S. 1 0 - 1 . - Helmut SCHWIER, Tempel und Tempelzerstörung. Untersu-
chungen zu den theologischen und ideologischen Faktoren im ersten jüdisch-römi-
schen Krieg (66-74 n.Chr.) (Novum Testamentum et Orbis Antiquus 11), Fri-
bourg/Göttingen 1989; Gerd THEISSEN, Prophetie und Tempelzerstörung. Die
Wirkungsgeschichte der Tempelprophetie Jesu im 1. Jh., in: DERS. U. a. Hgg., Jeru-
salem und die Länder. Ikonographie, Topographie, Theologie. Fschr. f. Max
Küchler (Novum Testamentum et Orbis Antiquus 70), Fribourg/Göttingen 2009,
S. 1 4 9 - 2 0 1 , hier S. 189-90: wonach Mk 1 3 , 1 - 2 etwa zu Ende des Jahres 70 passe.
72 David FLUSSER, Prophetische Aussagen Jesu über Jerusalem, zit. nach: DERS.,
Entdeckungen im Neuen Testament 2. Jesus - Qumrän - Urchristentum, Hg. von
Martin MAJER, Neukirchen-Vluyn 1999, S. 1 5 2 - 7 8 . Sollte sich die These von
KLINGHARDT, Das älteste Evangelium, bestätigen, daß jenes «Evangelium», über
das der «Häretiker» Marcion verfügte, ein <Vorlukas> (Men), wie man es nennen
kann, die Grundlage für die kanonischen Evangelien bildete, so tritt der Zusam-
menhang zwischen Tempelzerstörung und Untergangsverkündung nicht weniger
deutlich hervor als bislang. Zu der hier fraglichen Perikope (* 2 1 , 5 - 6 und 20) vgl.
ebd. Bd. 2, S. 9 9 3 - 9 und S. i o o o - i o .
73 Vgl. POTESTÄ, Rizzi, L'Anticristo, 1 S. 2 9 - 2 3 3 , und Marco RIZZI, L'ombra
delPanticristo nel cristiancsimo Orientale tra tarda antichitä e prima etä bizantina,
in: Antichrist, S. 1 - 1 3 .
74 Zum methodischen Problem des «historischen» Jesus vgl. BORNKAMM, Jesus;
Geza VERMES, Jesus der Jude. Ein Historiker liest die Evangelien, Neukirchen-
Vluyn 1993; AKENSON, Surpasing Wonder, bes. S. 538-605.
75 Die Literatur zu Qumrän und den Essenern ist Legion; mir half STEGEMANN, Die
Essener (der Essener und Qumrän-Gemeinde identifizierte); VAN DER WOUDE,
Fakten contra Phantasien, S. 5 4 - 7 6 ; vgl. auch Brian SCHULTZ, Not Greeks but
Romans: Changing Expectations for the Eschatological War in the War Texts
from Qumrän, in: The Jewish Revolt, S. 107-27.
76 Vgl. TAUBES, Eschatologie, S. 6 7 - 7 0 .
77 Zur Übersicht vgl. etwa: John J. COLLINS, The Sense of an Ending in Pre-Chris-
tian Judaism, in: Fearful Hope, S. 25-43; Woust Jac. VAN BERKUM, Four King-
doms Will Rule: Echoes of Apocalypticism and Political Reality in Late Antiquity
and Medieval Judaism, in: Endzeiten, S. 1 0 1 - 1 8 .
78 In Men *9,2.0 fehlt die Ergänzung: «der Sohn des lebendigen Gottes».
79 Vgl. oben S. 26 mit Anm. 49, vgl. auch S. 64-5.
80 Vgl. oben S. 28-9.
81 Zit. nach BERGER, NORD, Das Neue Testament, S. 2 3 5 - 2 6 3 ; doch setze ich das
Schreiben wegen des Hinweises auf die Tempelzerstörung nach das Jahr 70 CE
(C. 19)-
82 F. R. PROSTMEIER, in: Lexikon der antiken christlichen Literatur, i i 9 9 9 , S. 94-5.
S3 Nach BERGEK, NORD, Das Neue Testament, S.733.
84 Hippolyt, Danielkommentar IV,21,3.
85 Vgl. oben S. 26.
86 Tertullian, Liber de resurrectione carnis 24,18.
87 Tertullian, Apologeticum c. 32,1 und 39,2.
Anmerktingen 305

88 Vgl. oben S. 50 zum Traum des Ncbukadnczar.


89 Vgl. unten S. 2.55—6 das Beispiel Carl Schmitts.
90 Vgl. oben S. 27-8. Zur gnostischen Eschatologie: RUDOLPH, Gnosis, bes. S. 1 8 6 -
221.
91 Zu den Zeugnissen: Die Gnosis III, S. 7 - 2 1 .
92 Vgl. FOERSTER, Die Gnosis I, S. 9 - 1 0 .
93 Irenaeus Adv. Haeres. 1,6,3-4, zit. nach FOERSTER, Die Gnosis I, S. 4 0 1 - 2 .
94 Geo WIDENGREN, Mani und der Manichäismus, Stuttgart 1961.
95 Die Gnosis III, S. 190, und ebd. S. 189; beide Zitate stammen aus dem im späten
10. Jahrhundert entstandenen, ältere Überlieferungen verarbeitenden enzyklo-
pädischen «Kitab til-Fibrist» des Ibn an-Nadîm.
96 Dagegen MARKSCHIES, Die Gnosis, S. 7 2 - 3 und S. 124, S. 127. Doch lassen sich
gewisse gnostische Elemente - wie etwa die «Licht»-Lehre des Johannes - oder
Einwirkungen des Evangeliums auf gnostische Lehren etwa der Valentinianer auf-
weisen, vgl. MARKSCHIES a.a.O., S . 9 1 (mit der zugehörigen Literatur); Gnosis-
nah: THEISSEN, MERZ, Lehrbuch, S. 4 9 - 5 1 .
97 Die Gnosis 1, S. 457.
98 Zu ThEv: THEISSEN, MERZ, Lehrbuch, S. 5 1 - 5 ; zu Valentin: Christoph MARK-
SCHIES, Valentinus Gnosticus? Untersuchungen zur valentinianischen Gnosis mit
einem Kommentar zu den Fragmenten Valentins (Wissenschaftliche Untersuchun-
gen zum Neuen Testament 65), Tübingen 1992; danach läßt sich gnostisches
Gedankengut in den erhaltenen Fragmenten des Valentinian nicht nachweisen.
Anders die «Valentinianer», dazu: RUDOLPH, Gnosis, S. 3 4 2 - 5 0 ; MARKSCHIES,
Die Gnosis, S. 89-95.
99 Zit. nach FOERSTER, Die Gnosis I, S. 184.
100 NHC V,5 zitiert nach http://www.gerd-albrecht.de/Die Gnostischen Schriften/Die
Apokalypse des Adam (besucht am 3.4.2014); NHC 1,4: vgl. RUDOLPH, Gnosis,
S. 2 0 9 - 1 2 .
101 RUDOLPH, Gnosis, S. 2 1 3 - 2 1 .
102 So nach einem mandäischen eschatologischen Text, vgl. RUDOLPH, Gnosis,
S. 216. Die Mandäer sind die einzige heute noch existente gnostische Gemein-
schaft.
103 V g l . R U D O L P H , Gnosis, S . 2 1 5 .
104 Vgl. oben S. 54 das Beispiel des Sabbatai Zwi.
105 Alle vier in Übersetzung bei SCHNEEMELCHER, Neutestamentliche Apokryphen,
Bd. 2; vgl. auch: BERGER, NORD, Das Neue Testament.
106 Übers. C.Detlef G.MÜLLER, in: SCHNEEMELCHER, Neutestamentliche Apokry-
phen, Bd. 2, S. 562- 78, Zitat aus c. 5 S. 568-9.
107 Vgl. unten S. 1 3 3 - 4 .
108 Dazu Taescong ROH, Der zweite Thessalonicherbrief als Erneuerung apokalypti-
scher Zeitdeutung (Novum Testamentum et Orbis Antiquus 62). Göttingen/ Fri-
bourg 2007, hier S. 10 Übersicht über die divergierenden Forschungspositionen.
109 Vgl. z. B. Ursula NILGEN, in: Katalog der Ausstellung «Kunst und Kultur der Ka-
rolingerzeit. Karl der Große und Papst Leo III. in Paderborn», hg. von Christoph
S T I E G E M A N N , M a t t h i a s W E M H O F F , Bd. 2 , S . 6 1 1 - 3 .
T To Solchen Schmuck hatte der Abt Gauzlin anbringen lassen, vgl. André de Fleury,
Vie de Gauzlin, abbé de Fleury, Texte éd., traduit et annote par Robert-Henri
306 Anmerktingen

BAUTIER et Gillette LABORY (Sources d'histoire médiévale z), Paris 1.96.9, die frag-
lichen Verse finden sich in 11,57.
i n Vgl. unten Kap.4.
uz Vgl. FUNKENSTEIN, Heilsplan; Martin HAEUSLER, Das Ende der Geschichte in der
mittelalterlichen Weltchronistik (Beihefte zum Archiv für Kulturgeschichte 13),
Köln/Wien 1980.
1 1 3 FRIED, Endzeiterwartung, S. 3 8 1 - 4 .
1 1 4 Vgl. die Textsammlung von POTESTÀ, RIZZI, L'Anticristo.
1 1 5 Armageddon - Das Jüngste Gericht. Science-Fiction-Film, USA 1998, mit Bruce
Willis, Billy Bob Thornton, Ben Affleck. Regie: Michael Bay.
1 1 6 Adso Dcrvcnsis De ortu et tempore Antichristi necnon et tractatus qui ab eo
dependunt, ed. Daniel VERHELST (Corpus Christianorum Cont. Med., 45.) Turn-
hout 1976. Zum Antichrist vgl. oben S. 6 Z - 7 0 unten S. 88-98 u. ö.
1 1 7 Zu diesem Motiv unten S. 98.
1 1 8 Wim RAVEN, Ibn Sas an Islamic «Antichrist». A Reappraisel of the Texts, in: End-
zeiten, S. Z 6 1 - 9 1 .
1 1 9 Johan Ludwig Emil DREYER, The Comet of 1006, in: The Observatory 30 (1907)
S. Z48-9; vgl. Juan VERNET, Die spanisch-arabische Kultur in Orient und Okzi-
dent, Zürich/München 1984, S. 4 9 - 5 0 . Zur Eschatologie vgl. COOK, Muslim
Apocalyptic.
izo Übers. BOBZIN, S. 550.
I Z I Libers. BOBZIN, S. 535-6.
i z 2 Übers. BOBZIN S. 479.
1 2 3 Die Äußerungen zu Mohammed zwischen dem 8. und dem 1 4 . Jahrhundert in latei-
nischer Sprache stellte zusammen: Di CESARE, The Pseudo-Historical Image.
1 2 4 Zit. bei DI CESARE, The Pseudo-Historical Image, S. S8; der zitierte Text vollstän-
dig: Petrus Venerabiiis, Schriften zum Islam, ed. ins Deutsche übers, und kommen-
tiert von Reinhold GLEI (Corpus Islamo-christianum, Ser. Lat. 1), Altenbergei985.
1 2 5 So Alkuin, vgl. unten S. 148; so eine Reformschrift im 10. Jahrhundert: cd. Heinz
LÖWE, Dialogus de statu sanetae ecclesiae. Das Werk eines Iren im Laon des
1 0 . Jahrhunderts, in: Deutsches Archiv 17 (1961), S. 1 2 - 9 0 , Text S. 68 ff., hier
S. 76; so Annales Augustani zu 1 0 9 z , M G H SS 3, S. 135,4 (commixta). Vgl. Sap
14,25.
tz6 Vgl. Stellenverzeichnis der Edition des Registers von Erich CASPAR, MGH Epp.
sei. z, S. 646.
rz7 Glossa ordinaria zu Mt Z4,36: Semper simus incerti de adventu itidicis, ut sie
vivamus quasi in alia die iudicandi simus, ed. Straßburg 1489/81 tom.4 p.75a.
i z 8 Zur «politischen» Interpretation der Apokalypse des Johannes vgl. PAGELS,
«Apokalypse».
1Z9 PAGELS, «Apokalypse», zieht - literarisch und strukturgeschichtlich analysie-
rend - wiederholt Parallelen zur US-amerikanischen Geschichte, auch zu «9/11»
und der «Achse des Bösen».
1 3 0 Vgl. etwa: SMOLLER, On Earthquakes.
1 3 1 S. th. suppl. q. 75 art. 1 Resp.: «ut corda hominum in subjectionem venturi Judicis
adducantur et ad judicium preparentur buiusmodi signis premoniti. Que autem
sint ista signa, de facili sciri non potest».
1 3 z Sedulii Scotti Collectaneum Miscellaneum XVIII,1 and 7, ed. Dean SIMPSON
Anmerktingen 307

(Corpus Christianorum Cont. Med. 67), Turnhout 1988, 135 (mit Benutzung von
Vitae patrum and Columban oder Ps.-Beda).
1 3 3 FRIED, Endzeiterwartung, S. 4 1 2 - 3 .

II. Aktualisierungen

1 Vgl. oben S. 5 0 - 1 und S. 47 (etwa zu Philo).


2 Vgl. etwa den Barnabas-Brief. Die 6000 Jahre begegneten bei Tyconius, Regula V:
F. C. BURKITT, The Rules of Tyconius. (Texts and Studies, 3/i.) Cambridge 1894,
61; daraus entnahm sie Augustinus.
3 So nach der Passio s. Adalberti martiris Christi c. 6', ed. Jadwiga KARWASINKA
(Monumenta Poloniae Histórica Ser. Nova IV, 1), Warszawa 1962, S. 10.
4 Zu den biblischen und neutestamentlichen Grundlagen der 1000-Jahre-Rechnung
knapp: Henry CHADWICK, Hope for the Millennium in the Early Church: Ex-
pectation for this World?, in: Fearful Hope, S. 44-55.
5 Vgl. STEGEMANN, Die Essener, S. 1 7 3 - 6 .
6 STEGEMANN, Die Essener, S. 180-7.
7 Zu den Vorstellungen vom Antichrist vgl. McGINN, Antichrist; PODESTÄ, RIZZI
(Edd.), L'Anticristo.
8 Vgl. die Aufsätze in: Antichrist.
9 Dazu vgl. jüngst David NIRENBF.RG, «Jüdisch» als politisches Konzept. Eine Kri-
tik der Politischen Theologie (Historische Geisteswissenschaften. Frankfurter
Vorträge 6), Göttingen 2013; dazu S. 105-6".
10 Vgl. unten S. 128
11 Vgl. oben S. 79-80.
12 Vgl. FRIED, Die Endzeit fest im Griff des Positivismus?, S. 300-3.
13 Kein höheres Weltalter: Civ. Dci 1 2 , 1 1 . - Keine 15 000 Jahre: Enarratio in psal-
murn CIV c. 7, ed. E. DEKKERS et J.FRAIPONT. (Corpus Christianorum, Ser. lat.,
40.) Turnhoult 1956, 1539: [...] ab ipso Adam usque ad terminum saecidi. Quis
enirn audeat dicere quindecitn annorum milibus hoc saeculwn extendí- In sei-
nem Genesis-Kommentar gegen die Manichäer (1,23) von 388/89 (in dem Au-
gustin dieses Schema erstmals ausgebildet hatte), in seiner Enarratio in Psalmum
6,1 von 392, in De Trini täte (4,4,7), in gelegentlichen Predigten (Sermo 93,7,8;
Sermo 259,2), in seiner Lehrschrift De catecbizandis rudibus (28; 39) und vor al-
lem am Ende seiner Civitas Dei (22,30 und öfter) finden sich die wichtigsten
Zeugnisse des sich wandelnden und keineswegs in allen seinen Explikationen auf
einander abgestimmten oder widerspruchsfreien Konzepts. Diese Belege finden
sich erörtert von SCHWARTE, Vorgeschichte. Vgl. zum Folgenden auch: FRIED,
Die Endzeit fest im Griff des Positivismus?.
14 Vgl. In Ps. 89,5.
15 Vgl. Sancti Aurelii Augustini Hipponiensis, Epistulae 1 9 7 - 9 ( a n Hesychius). Ree.
Al. GOLDBACHER. (Corpus Scriptorum Ecclcsiasticorum Latinorum 58) Wien/
Leipzig 1 9 1 1 , S. 2 3 1 - 2 9 2 .
16 Von Mittelalterhistorikern zumeist übersehen: Wolfram BRANDES, Endzeitvor-
stellungen und Lebenstrost in mittelbyzantinischer Zeit 7.-9. Jahrhundert), in:
IloiKÍÁa By^avTiva. Varia III.Beiträge von Wolfram BRANDES u.a., Bonn 1991,
S . 9 - 5 2 ; DERS., Anastasios 'O AÍKopoq: Endzeiterwartung und Kaiserkritik in
308 Anmerktingen

Byzanz um 500 n.Chr., in: Byzantinische Zeitschrift 90 (1997), S. 2 4 - 6 3 . - Paul


MOGDALINO, The year 1 0 0 0 in Byzantium, in: DERS. (Ed.), Byzantium in the
Year 1 0 0 0 (The Medieval Mediterranean 45), Leiden 2002, S. 2 3 3 - 6 9 ; DERS.,
Une prophétie inédite des environ de l'an 965 attrubuée à Léon le Philosophe (Ms
Karakallou 1 4 , f. 253^254^, in: Mélanges Gilbert Dagron (Travaux et Mémoires
14), Paris 2 0 0 2 , S. 3 9 1 - 4 0 2 ; Ihor SEVCENKO, Unpublished Byzantine texts on the
End of the World about the Year 1 0 0 0 AD, in: ebd. S. 5 6 1 - 7 8 .
17 So der von SEVÖENKO (wie die vorige Anm.) veröffentlichte Text am Ende (S. 566).
18 LANDW EHR, Geburt der Gegenwart, S. 71—2.
19 Karlmann BEYSCHLAG, Grundriß der Dogmengeschichtc, Bd.i Gott und Welt.
^•Darmstadt 1988. Hilfreich noch immer: Martin WERNER, Die Entstehung des
christlichen Dogmas problemgeschichtlich dargestellt, Bübingen 1954.
20 Zum Folgenden knapp: BORST, Reichskalender, S. 7 3 2 - 5 .
21 Beda, De temporum ratione liber, ed. by Ch. W. JONES (Corpus Christianorum
123B), Turnhout 1 9 7 7 ; eine engl. Übers.: Bede: The Reckoning of Time transi.,
with introd., notes and commentary by Faith WILLIS (Translated Texts for Histo-
rians 29) Liverpool 1999.
22 Vgl. FRIED, Karl der Große, S. 5 5 9 - 6 1 ; vgl. unten S. 91.
23 Vgl. unten S. 1 0 1 .
24 Die Lehre vom siebten und achten Welttag legte im Jahr 802 eine anonyme Predigt
vermutlich dem Kaiser dar; sie findet sich in derselben Handschrift Köln Diöze-
san- und Dombibliothek 83 II, die auch die eben erwähnten Nachrichten zum
Weltende enthielt: Schriften zur Komputistik, hg. BORST, S. 835 (mit unzutreffen-
der Zuschreibung an Arn von Salzburg).
25 Vgl. oben S. 90.
26 Köln Diözesan- und Dombibliothek 83 II. Der Text (die sog. Kölner Notiz,
fol. 14V) jetzt: Schriften zur Komputistik, hg. BORST, S. 7 7 3 , S. 7 8 0 - 4 . Die oben
im Text getroffene Feststellung gilt entgegen den Anmerkungen 36 und 37 bei
Borst. - Weitende: ebd. S. 7 8 1 - 2 .
27 Vgl. Dietrich LOHRMANN, Alcuins Korrespondenz mit Karl dem Großen über
Kalender und Astronomie, in: Science in Western and Eastern Civilization, S. 7 9 -
T14; Stephen C. MCCLUSKEY, Astronomies in the Latin West from the Fifth to the
Ninth Centuries, in: ebd., S. 1 3 9 - 6 0 .
28 Einige Beispiele: FRIED, Aufstieg, S. 63-8.
29 Himmels- und Satans-Botschaften: Translatio et miracula sanctorum Marcellini et
Petri auetore Einhardo 111,14, MGH SS 15,1 S. 253; das Zitat: Einhards ep. 1 0 , an
Ludwig den Frommen, wohl im Jahr 830, MGH Epp. 5, hier S. 1 1 4 .
30 Den Halleyschen Kometen, der im Jahr 837 erschien, ließ Einhard schlimmstes
Unheil befürchten: vgl. seine ep. 40, MGH Epp. 5.
31 Meinolf SCHUMACHER, Einführung in die deutsche Literatur des Mittelalters,
Darmstadt 2 0 1 0 , S. 35-9.
32 Karl F. MORRISON, History as a Visual Art in the Twelfth Century Renaissance,
Princeton 1990.
3 3 Karlmann BEYSCHLAG, Grundriß der Dogmengeschichte, Bd. 2 Gott und Mensch.
Teil i. Das christologische Dogma, Darmstadt 1 9 9 1 .
34 Civ. Dei I, prol. und bes. X X , 1 8 .
35 Vgl. BENZ, Schöpfungsglaube, S. 39; Joseph SCHUHMACHER, Außerhalb der Kirche
Anmerktingen 309

kein Heil? (www.theologie-heute.de/Extra ecclesiam-aufgesucht am io.Juli 20x4).


Cyprian cp. 73,21; Augustin: Sermo 268,2.
36 Vgl. oben S. 66-7.
37 FRIED, Endzeit fest im Griff des Positivismus, S. 301-10.
38 Vgl. knapp, aber unüberholt: Herbert GRUNDMANN, Geschichtsschreibung im
Mittelalter, Göttingen 1965, hier S. 18.
39 Isidori Hispalensis Episcopi etymogiarum sive originum libri viginti, ed.
W. M. LINDSAY, Oxford 1 9 1 1 (und zahlreiche Nachdrucke) V, 39.
40 Vgl. zusammenfassend: MÖHKINC, Weltkaiser, S. 17 mit Anm. 3 - 4 .
41 Gian Luca POTESTÄ, The Vaticinium of Constans. Genesis and original purposes
of the legend of the Last World Empcror, in: Millennium 19 (2011), S. 2 7 1 - 8 9 ;
zum Endkaiser: MÖHRING, Weltkaiser.
42 Ernst SACKUR, Sibyllinische Texte und Forschungen. Pseudomethodius, Adso und
Tiburtinische Sibylle, Halle 1898, S. 185-7.
43 Vgl. etwa die «Trierer Apokalypse», Stadtbibliothek Trier, Cod. 31 (um 800).
44 Vgl. Marlis STÄHLI, Schrift und Schriftreform. Bedeutende Handschriften der
Zentralbibliothek Zürich, in: Katalog «Die Zeit Karls des Großen in der Schweiz»,
Zürich 2013, hier S. 2 4 6 - 7 mit Abb. ia-b.
45 Beatus: Beati in Apocalypsin libri duodecim IV,5,16-25, ed. Henry A.SANDERS
(Papers and Monopraphs of the American Academy in Rome 7), Rom 1930.
46 Beatus-Apokalypse der Pierpont Morgan Library. Ein Hauptwerk der spanischen
Buchmalerei des 10. Jahrhunderts. Einführung und Kommentar: John WILLIAMS,
Kodikologische Beschreibung: Barbara A. SHAILOR. Stuttgart/Zürich 1991 (engl.
1991), 27 Anm. 4, vgl. fol. 2931. Das Kolophon datiert zu 926 (Ära 964), doch gilt
das für die Illuminationen als zu früh. Die Handschrift wird deshalb auf die Mitte
des 10. Jahrhunderts datiert, vgl. ebd. 21.
47 Die folgenden Absätze greifen zurück auf meine Monographie: Karl der Große,
S. 476-80.
48 BORST, Reichskalender. - Vgl. unten S. 1 4 9 - 5 1 .
49 Die Literatur zu Albert EINSTEINS Relativitätstheorie kann hier nicht aufgelistet
werden; Stephen HAWKING, Leonard MLODINOW, Eine Kurze Geschichte der
Zeit, Einbeck bei Hamburg 2005 (engl. 2005); BORST, Computus.
50 Ep. 146 (798) MGH Epp. 4, S. 2 3 6 , 1 1 - 1 3 .
51 Opus Caroli regis contra synodum (Libri Carolini), hg. Ann FKEEMAN unter Mit-
wirkung von Paul MEYVAERT (MGH Concilia 2 Suppl. 1), Hannover 1998. Die
beiden folgenden Beispiele: S. 217, S. 229 und S. 250.
52 Die Zustimmungsrufe des Königs der beiden letzten Beispiele fielen dem neuzeitli-
chen Buchbinder zum Opfer, sind aber sicher bezeugt.
53 Apologeticum 32,1 ed. Henricus H o p r E CSEL 6*9, S. 81.
54 Wichtig wurde dabei seit dem 10. Jahrhundert die Kompilation durch Adso, De
ortu et tempore Antichristi, ed. VERHEI.ST, S. 25-6; vgl. oben S. 79 und S. 88.
55 FRIED, Endzeiterwartung, S . 4 1 3 .
56 FRIED, Endzeiterwartung, S.416.
57 Augustin cp. 197 c. 4 und ep. 199 c. 47 (mit Verweis auf Sophinias 2,11): CSEL 57,
S. 233 und S. 285-6.
58 Duplicitcr ad vigilantiani valet incertitudo jndieii. Primo: ad hoc qitod ignoratio-
nimm etiam tanturn differatur quantuni est hominis vita... Secundo: quantum ad
310 Anmerktingen

hoc quod homo non gerit solum solliciludinem de persona sua, sed de familia, vel
civitate, vel regno, aut tota Ecclesia... et tarnen oportet umimquodque horurn hoc
tnodo disponi, ut dies Domini inveniat paratos. Thomas Aquinas, S. th. suppl.
q. 88 art.3 ad quartum.
59 Ed. Karl STRECKER, MGH Poetae Latini aevi Carolini IV, S. 4 9 1 - 5 Nr. XIII.
60 MGH Poetae Latini aevi Carolini IV, S. 52.1-3 Nr. XXIII.
61 FRIED, Endzeiterwartung, S. 386.
62 FRIED, Endzeiterwartung, S. 4 2 8 - 9 .
63 FRIED., Endzeiterwartung, S . 4 2 9 ; zur Deutung vgl. FRIED, Endzeit fest im Griff
des Positivismus?, S. 3 1 6 - 9 .
64 FRIED, Endzeiterwartung, S. 4 2 9 - 3 0 .
65 Dazu neuerdings: Christoph GERHARDT, Nigel F. PALMER, Das Münchner Ge-
dieht von den 15 Zeichen vor dem Jüngsten Gericht. Nach der Handschrift der
Bayerischen Staatsbibliothek Cgm 7 1 7 . Edition und Kommentar {Texte des späten
Mittelalters und der frühen Neuzeit 41), Berlin 2002.
66 Zu beidem: FRIED, Die Endzeit fest im Griff des Positivismus?.
67 Als Werk Brunos von Würzburg (f 1045) gedruckt: MIGNE PL 1 4 2 , 4 8 4 0 . Ins
1 2 . Jahrhundert verwiesen: P. Damien VAN DEN EYNDE, Complementary Note on
the Early Scholastic Commentarii in psalmos, in: Franciscan Studies 17 (1957
S. 1 4 9 - 7 2 ; vgl. Marcia L. COLISH, Psalterium Scbolasticorum: Peter Lombard
and the Emergence of Scholastic Psalms Exegesis, in: DIES., Studies in Scholas-
ticism, Aldershot 2006, S. 5 3 1 - 4 8 (zuerst Speculum 67, 1992).
68 Christian LOHMER, Endzeiterwartung bei Petrus Damiani: Überlegungen zu sei-
nen Briefen Nr. 92 und 93, in: Regensburg, Bayern und Europa. Festschrift für
Kurt Reindel zu seinem 70. Geburtstag, hrsg. von Lothar KOLMER und Peter
SEGL, Regensburg 1995, S. 1 7 5 - 8 7 , hier S. 1 8 3 - 6 .
69 Rosalie GREEN et. al., Herrad of Hohenbourg, Hortus Deliciarum. vol 1: Recon-
struction, vol. II: Commentary, nr. 8 3 1 , S . 4 1 2 .
70 In evangelia. 1 4 1 , MIGNE, PL 1 9 8 , 1 6 1 1 .
71 Jacobus listet die fünfzehn Zeichen mit zahlreichen anderen Zeichenensembles zur
Wiederkehr Christi im ersten Kapitel seiner Legendensammlung auf («Von dem
geistlichen Advent und der Wiederkunft des Herrn»). Die (unbefriedigende) latei-
nische Ausgabe von Johann Georg Theodor GRAESSE, 'Leipzig 1890, ist noch
immer nicht ersetzt; ich benutze die deutsche Übersetzung von Richard BENZ, Die
Legenda aurca des Jacobus de Vorágine, aus dem Lateinischen übersetzt, Heidel-
berg 1955 u. ö., hier S. 8.
72 SCHEDEL: Cronicken (wie oben Anm. 16), Blat 261V.
73 Wie oben Anm. 70.
74 Vgl. oben S. 78.
75 Überliefert: Hugo von Flavigny, Chronicon (zu 1 0 1 2 ) , MGH SS 8, S. 39 0 1 9 - 2 6 .
76 FRIED, Aufstieg, S. 64-7.
77 Vgl. den Artikel in Wikipedia «Dies irae» (9.3.20T4). Andreas KARL, Musikalisie-
rung des Bösen. Klangstrukturen extremer Ideologie (19.2.2013), http://terz.ee/
magazin.php?z=294Öcid=298. (17.3.2014).
78 Vgl. Frederick VAN DER MEER, Apocalypse. Visions from the Book of Revelation
in Western Art, London 1978; Richard Kenneth EMMERSON, Antichrist in the
Middle Ages. A Study of Medieval Apocalypticism, Art, and Literature, Seattle
Anmerktingen 311

1 9 8 i , R o s e m a r y M u i r WRIGHT, Art and Antichrist in Medieval Europe, M a n -


chester 1 9 9 5 ; C H R I S T E , D a s J ü n g s t e G e r i c h t . Beispiele vgl. unten S . 1 3 0 - 1 ; 1 8 8 - 9 .
79 W a l t h e r s « P a l ä s t i n a l i e d » , str. 6: «In dieses L a n d hat C h r i s t u s den G e r i c h t s t a g a n -
b e r a u m t , a n d e m die W i t w e n g e r ä c h t w e r d e n , die W a i s e n u n d die A r m e n g e g e n die
ihnen a n g e t a n e G e w a l t k l a g e n k ö n n e n » .
8 0 O t t o v o n Freising, C h r o n i c a sive historia d e d u a b u s c i v i t a t i b u s V I I I , 1 8 ed. A d o l f
H O F M E I S T E R ( M G H S S rer. G e r m . [45]) S . 4 1 6 - 7 .
81 DANTE, D i v i n a C o m m e d i a I n f e r n o X , n .
8 2 C a r l E R D M A N N , E n d k a i s e r g l a u b e u n d K r e u z z u g s g e d a n k e , in: Z s c h r . f . K i r c h e n -
geschichte 5 1 ( 1 9 3 2 ) S . 3 8 4 - 4 1 4 ; M Ö H R I N G , Weltkaiser.
8 3 Felicitas SCHMIEDER, E u r o p a u n d die F r e m d e n . D i e M o n g o l e n i m Urteil des
A b e n d l a n d e s v o m 1 3 . bis i n d a s 1 5 . J a h r h u n d e r t (Beiträge zur G e s c h i c h t e u n d
Q u e l l e n k u n d e des M i t t e l a l t e r s 1 6 ) , S i g m a r i n g e n 1 9 9 4 , S . 2 5 8 - 8 5 .
8 4 Z a r o u i P 0 G 0 S S I A N , A r m e n i a n s , M o n g o l s a n d thc E n d o f T i m e s : A n O v e r v i e w o f
t 3 t h C e n t u r y S o u r c e s , in: C a u c a s u s d u r i n g the M o n g o l P e r i o d - D e r K a u k a s u s i n
der M o n g o l e n z e i t , E d . b y J ü r g e n T U B A C I I , S o p h i a G . V A S H A L O M I D Z E , M a n f r e d
Z I M M E R , W i e s b a d e n 2 0 x 2 , S . 1 6 9 - 1 9 8 , hier e t w a S . 1 7 7 .
8 5 Z u r Ü b e r s i c h t vgl. R o b e r t o RUSCONI, L'eschatologia negli ultimi sccoli del
M e d i o e v o , in: E s c h a t o l o g i c u n d H u s s i t i s m u s ( H i s t ó r i c a . Series N o v a S u p p l . 1 ) ,
Prag 1 9 9 6 , S. 7 - 2 4 .
86' C H R I S T E , D a s J ü n g s t e G e r i c h t .
87 AICHELE, Antichristdrama.
88 V g l . o b e n S. 7 4 .
8 9 Bei ALCHELE, A n t i c h r i s t d r a m a , N r . 5 ; z u den Illustrationen: R i c h a r d K . E M M E R -
SON, T h e H u m a n A n t i c h r i s t i n L a t e M e d i e v a l Illustrated M a n u s c r i p t s , in: F e a r f u l
H o p e , S . 8 6 - 1 1 4 ; die f o l g e n d e n I l l u s t r a t i o n s b e i s p i e l e f i n d e n sich auf f o l . 8 r der
H a n d s c h r i f t B i b l . M u n i c i p . d e B e s a n c o n M S 5 7 9 , A b b . 5.3 bei E m m e r s o n S . 9 2 .
Z a h l r e i c h e A b b . a u c h i m N e t z unter d e r A d r e s s e der H a n d s c h r i f t . V g l . a l l g e m e i n :
R i c h a r d K . EMMERSON, A n t i c h r i s t i n the M i d d l e A g e s : A S t u d y o f M e d i e v a l A p o -
c a l y p t i c i s m , A r t , a n d L i t e r a t u r e , Seattle 1 9 8 1 .
9 0 R o b e r t E . LEKNER, Ecstatic Dissent, in: S p e c u l u m 6 7 ( 1 9 9 2 ) , S . 3 3 - 5 7 , hier S . 4 2 - 6 .
91 B e r n h a r d T Ö P F E R , D a s k o m m e n d e R e i c h des F r i e d e n s . Z u r E n t w i c k l u n g chilias-
tischer H o f f n u n g e n i m H o c h m i t t e l a l t e r ( F o r s c h u n g e n zur mittelalterlichen G e -
schichte i x ) , B e r l i n 1 9 6 4 .
9 2 G i a n l u c a PODESTÄ, S t o r i a c d e s c h a t o l o g i a i n U b e r t i n o d a C a s a l e , M a i l a n d X980.
9 3 R a n i e r o O R I O L I , «Venit p e r f i d u s h e r e s i a r c h a » . I I m o v i m e n t o d o l c i n i a n o d a l 1 2 6 0
al 1 3 0 7 , R o m 1 9 8 8 .
9 4 E r n s t B E N Z , E c c l e s i a spiritualis. K i r c h e n i d e e u n d G e s c h i c h t s t h e o l o g i e der f r a n z i s -
kanischen R e f o r m a t i o n , Stuttgart 1 9 3 4 , S. 359.
9 5 H e r b e r t G R U N D M A N N , I.iber d e F l o r e . Eine S c h r i f t der F r a n z i s k a n e r - S p i r i t u a l e n
aus d e m A n f a n g des 1 4 . J a h r h u n d e r t s , in: H i s t o r i s c h e s J a h r b u c h 4 9 ( 1 9 2 9 ) S . 3 3 -
9 1 , w i e d e r i n D E R S . , A u s g e w ä h l t e A u f s ä t z e 2 (Schriften der M G H 2 5 , 2 ) , S t u t t g a r t
1977, S. 1 0 1 - 6 5 .
96' Z u m « E n g e l p a p s t » , der m a n c h e V o r s t e l l u n g e n v o m E n d z e i t k a i s e r a u f n a h m , v g l .
F r i e d r i c h BAETHGEN, D e r E n g c l p a p s t (Schriften der K ö n i g s b e r g e r G e l e h r t e n G e -
s e l l s c h a f t G e i s t e s w i s s . K l a s s e 1 0 , 2 ) , H a l l e 1 9 3 3 ; D E R S . , D e r E n g e l p a p s t . Idee u n d
E r s c h e i n u n g , L e i p z i g 1 9 4 3 ; Peter H E R D E , C ö l e s t i n V . ( 1 2 9 4 ) (Peter v o m M o r -
312 Anmerktingen

rone). Der Engelpapst. Mit einem Urkundenanhang und Edition zweier Viten
(Päpste und Papsttum 16), Stuttgart 1961, S. 191-206'; Thomas KAUFMANN, Rö-
misches und evangelisches Jubeljahr 1600. Konfessionskulturelle Deutungsalter-
nativen der Zeit im Jahrhundert der Reformation, in: Millennium. Deutungen
zum christlichen Mythos der Jahrtausendwende. Mit Beiträgen von Christoph
BOCHINGER U. a., Gütersloh 1999, S. 7 3 - 1 3 6 , hier S. 88-94.
97 Volker LEPPIN, Wilhelm von Ockham. Gelehrter, Streiter, Bettelmönch, Darm-
stadt 2003, S. 232-4.
98 Henry SIMONSFELD, Venetianische Studien I, München 1878, S. 167-8 (Tripolis-
Fassung; Handschrift freilich erst von 1503). - Nicht bei LERNER, Powers of Pro-
phecy, S. 203-4.
99 Zur Geschichte der Vision grundlegend: LERNER, Powers of Prophecy.
100 Robert E. LERNER, The Black Death and Western European Eschatological Men-
talities, in: The Black Death. The Impact of the Fourteenth-Century Plague, ed. by
Daniel WILLIMAN (Medieval and Renaissance Texts and Studies 13), Bingham,
New York 1982, S. 77-105, hier S. 78 die beiden Beispiele, S. 7 9 - 8 1 die Geilsler.
xoi Efthymios NICOLAIDIS, Science and Eastern orthodoxy From the Greek Fathers
to the Age of Globalization, Baltimore 2 0 1 1 . Vgl. knapp: Paul MAGDALINO, The
End of Time in Byzantium, in: Endzeiten, S. 1 1 9 - 3 3 .
102 Vgl. unten S. 180-8.
JL03 Georg SIEGMUND, Der Kampf um Gott. Zugleich eine Geschichte des Atheis-
mus, ¿Berlin I960, S. 276-7; die dritte Auflage 1976 stand mir nicht zur Verfü-
gung-
104 ROHR, Prophetie.
105 Petrarca im Jahr 1367 an seinen Freund, den Erzbischof Guido Sette von Genua,
Übersetzung in: Petrarca, Dichtungen, Briefe, Schriften. Auswahl und Einleitung
von Hanns W. EPPELSHEIMER, Frankfurt a.M. 1956, S. r6i f. (= Sen. X).
106 Beispiele vgl. oben S. 13-4.
107 Alexander PATSCHOVSKY, «Antichrist» bei Wyclif, in: Eschatologie und Hussitis-
mus, S. 83-98.
108 BOSTICK, The Antichrist and the Lollards.
109 Vgl. Devotio moderna. Basic Writings. Transl. with Introduction by John VAN
ENGEN (The Classics of Western Spirituality), Mahwah, New Jersey 1988, S. 330,
s. v. Judgement (Last).
in Roberto RUSCONI, Apocalittica ed escharologia nella predicazione di Bernardino
da Siena, in: Studi medievali, ser. 3-', 22 (1981), S. 85-125.
1 1 2 Blockbücher: vgl. unten S. 127 mit Anm. 150. Zur Türkengefahr: Erich MEUTHEN,
Der Fall von Konstantinopel und der lateinische Westen, in: Historische Zeit-
schrift 237 (1983) S. 1 - 3 5 , hier S. 10 und S. 14.
1 1 3 Winfried SCHULZE, Reich und Türkengefahr im 16. Jahrhundert. Studien zu den
politischen und gesellschaftlichen Auswirkungen einer äußeren Bedrohung, Mün-
chen 1978, S. 47-8.
1 1 4 Eine noch immer nützliche Sammlung solcher Prophetien findet sich bei: ROIIR,
Prophetie.
T15 Donald WEINSTEIN, Savonarola and Florence. Prophecy and Patriotism in the
Renaissance, Princeton N. J. 1970.
116' Zum Täuferreich von Münster vgl. Hubertus LUTTERBACI-I, Der Weg in das Täu-
Anmerktingen 313

ferrcich v o n M ü n s t e r . E i n R i n g e n u m die heilige S t a d t ( G e s c h i c h t e des B i s t u m s


M ü n s t e r 3), M ü n s t e r 2 0 0 6 .
117 Z u d e m Bild ( L o n d o n , N a t i o n a l G a l l e r y ) u n d seiner s c h w i e r i g e n I n t e r p r e t a t i o n :
F r a n k Z Ö L L N E R , S a n d r o Botticelli, M ü n c h e n u . a . 2 , 0 0 5 , S . 2 6 * 6 - 7 (Nr. 85) u n d
s. 175-9-
118 Wilhelm FRAENGER, H i e r o n y m u s Bosch. Das Tausendjährige Reich, Coburg
1 9 4 7 ; zuletzt, in: C a s t r u m Peregrini 8 6 - 8 ( 1 9 6 9 ) ; als U t o p i e i m Sinne des T h o m a s
M o r u s : H a n s BELTING, H i e r o n y m u s B o s c h . G a r t e n der L ü s t e , M ü n c h e n 2 0 0 2 .
F r a e n g e r d a c h t e a n V o r s t e l l u n g e n der a d a m i t i s c h e n H ä r e s i e ; die T h e s e ist freilich
umstritten u n d stellt b e s t e n f a l l s eine M ö g l i c h k e i t dar, v g l . S t e f a n F I S C H E R , « D e r
G a r t e n d e r L ü s t e » i n der F o r s c h u n g , H a m b u r g 2 0 1 4 .
119 KAUFMANN, Römisches und evangelisches J u b e l j a h r 1 6 0 0 , S . 1 1 5 - 8 .
120 B u c h der c r o n i k e n u n d g e s c h i c h t e n , N ü r n b e r g 1 4 9 3 .
121 Z i t . n a c h BOSTICK, L o l l a r d s , S . 1 .
122 R o b i n B r u c e BARNES, P r o p h e c y a n d G n o s i s . A p o c a l y p t i c i s m i n the W a k e o f the
Lutheran Reformation, Stanford 1988.
123 LEPPIN, Antichrist.
124 H Ö L S C H E R , Weltgericht o d e r R e v o l u t i o n , S . 3 0 mit ANM. 9 .
125 FRIED, Aufstieg, S. 1 7 7 - 8 0 .
126 D i e L i t e r a t u r z u M ü n t z e r k a n n hier nicht a u s g e b r e i t e t w e r d e n ; ich f o l g e mit dieser
Interpretation BENZ, Schöpfungsglaube und Endzeiterwartung, S. 6 8 - 7 6 .
127 D e r des zeitgenössischen D e u t s c h e n w e n i g g e ü b t e L e s e r sei v e r w i e s e n a u f die s c h o -
nende sprachliche neuhochdeutsche Überarbeitung durch: T h o m a s MÜNTZER,
D i e F ü r s t e n p r e d i g t u n d a n d e r e p o l i t i s c h e S c h r i f t e n , hg. v o n S i e g f r i e d STRELLER,
'Leipzig 1958.
128 Eine handliche (neuhochdeutsche) Textsammlung: D a s Täuferreich zu Münster,
die Z i t a t e S . 7 8 - 9 .
1 2 9 D a s T ä u f c r r e i c h z u M ü n s t e r , h g . VAN D Ü L M E N , S . 8 1 .
130 D a s T ä u f e r r e i c h v o n M ü n s t e r , hg. VAN D Ü L M E N , S . 1 4 6 (aus M e i s t e r H e i n r i c h
G r e s b e c k s Bericht).
131 D a s T ä u f e r r e i c h v o n M ü n s t e r , hg. VAN D Ü L M E N , S . 2 0 4 (nach B e r n h a r d R o t h -
mann, Okt. 1534).
132 So MÜHI.MANN, Chiliasmus und N a t i v i s m u s , S. 3 7 1 und S. 374.
133 D a s T ä u f e r r e i c h zu M ü n s t e r , S. 2 0 5 - 6 (aus: ein ganz tröstlicher Beriebt v o n T 5 3 4 ) .
1 3 4 C l a u d e B A E C H E R , A n a b a p t i s m e s n a i s s a n t s ( 1 5 2 . 5 - T 5 3 5 ) e t m i l l é n a r i s m e s , in: For-
m e s d u m i l l é n a r i s m e e n E u r o p e à l ' a u b e des t e m p s m o d e r n e s , éd. p a r J e a n - R a y -
m o n d FANLO e t A n d r é T O U R N O N , P a r i s 2 0 0 1 , S . 3 7 - 7 4 .
135 V i e l e Beispiele u n d A n a l y s e n : A n j a M O R I T Z , E n d z e i t als c a s u s c o n f e s s i o n i s , in:
Endzeiten, S. 3 5 1 - 6 2 .
1 3 6 Z i t . bei BOSTICK, L o l l a r d s , S . 1 .
137 Z i t . bei BOSTICK, L o l l a r d s , S . 1 9 .
1 3 8 V g l . LANDWEHR, G e b u r t der G e g e n w a r t , S . 6 6 - 7 2 .
139 K O R N , D a s T h e m a des J ü n g s t e n T a g e s .
1 4 0 D a s B e i s p i e l ist e n t n o m m e n : LANDWEHR, G e b u r t der G e g e n w a r t , S . 5 1 . G e d r u c k t
N ü r n b e r g 1 5 9 6 . D a s E x e m p l a r der B a y e r i s c h e n S t a a t s b i b l i o t h e k ist als e - b o o k un-
ter b o o k s . g o o g l e . d e z u f i n d e n . Ein N e u d r u c k erschien 1 6 0 6 mit leicht g e ä n d e r t e m
Titel: An zu rechnen von diesem itztlauffenden 1606. Jahres.
314 Anmerktingen

141 Zit. nach KORN, Das Thema des Jüngsten Tages, S. 9.


14Z Zit. nach KORN, Das Thema des Jüngsten Tages, S. 8.
143 KORN, Das Thema des Jüngsten Tages, S. 3 6 - 5 6 .
144 Zit. nach KORN, Das Thema des Jüngsten Tages, S. 38.
145 KORN, Das Thema des Jüngsten Tages, S. 48.
146 LANDWEHR, Geburt der Gegenwart, S. 48.
147 Beide Beispiele bei LANDWEHR, Geburt der Gegenwart, S. 50. Elias REUSNER,
Commentariolum De vera annorum mundi ad natum Christum supputatione,
Jena 1 6 0 0 (auch als e-book: books.google.de); VIGNOLLES «Chronologie de
l'histoire sainte et des histoires étrangères» erschien Berlin 1 7 3 8 .
148 Als Beispiel (mit weiteren Hinweisen): The Book of Miracles (wie unten Anm. 157).
149 Vgl. Wikipedia-Artikel Johannes Lichtenberger (5.1.Z015). Zur Wirkung der
«Prognosticatio»: Dietrich KURZE, Johannes Lichtenberger ( 1 1 5 0 3 ) , Historische
Studien 379, Lübeck I960.
150 Apokalypse. Eine Holzschnittfolge der Sammlung Este. Analyse von Sergio Samek
LUDOVICI. Lateinischer Text der kritischen Oxforder Ausgabe von J.WORD-
WORTH und H. WHITE. Anmerkungen von Cesare ANGELINI, Parma 1974. Zur
Frühform der Blockbücher zur Apokalypse: Judith ZIEGLER, Blockbuch zur Apo-
kalypse, in: Apocalypse Now!, S. 1 1 0 - 3 .
151 HORTZITZ, Von den unmenschlichen Taten, S. 1 2 - 3 .
15z HORTZITZ, Von den unmenschlichen Taten, S. 4Z-4.
153 HORTZITZ, Von den unmenschlichen Taten, S. 48-9.
154 Zu diesen Meldungen: Fugger-Zeitungen. Ungedruckte Briefe an das Haus Fugger
aus den Jahren 1 5 6 8 - 1 6 0 5 , hrsg. von Victor KLARWILL, Wien u.a. 192,3, S. 165
Nr. 1 4 1 und dazu S. Z67-8.
155 Conrad LYCOSTHENES, Prodigiorum ac ostentorum chronicon, Basel 1557; Pierre
BOAISTUAU, Histoires prodigieuses, Paris 1560 - Beide Beispiele zit. von Till-Hol-
ger BORCHERT (wie unten Anm. 157).
156 Eine knappe Übersicht: Michaela HAMMERL, Prodigienliteratur, in: Lexikon zur
Geschichte der Hexenverfolgung, hg. Gudrun GERSMANN, Katrin MOELLER, Jür-
gen-Michael SCHMIDT, (historicum.net, URL:http:/Avww.historicum.net/no_
cache/persistent/artikel/55Z3/(aufgesucht: ZZ.5.Z014); vgl. auch die Lit.-Angaben
gemäß der folgenden Anm.
157 BORCHERT, WATERMANN, The Book of Miracles. - jungstag z.B. fol. 29 (zum
Jahr 595).
158 Flöhepunkt um 1590: LEPPIN, Antichrist, S. 53.
159 KORN, Das Thema des Jüngsten Tages, S. 7 Anm. X nach Georg Serpilius 1 6 2 7 - 3 0 .
160 Vgl. Jochen ALBERNETHY, Conrad Meyer ( 1 6 1 8 - 1 6 8 9 ) , in: Apocalypse Now!,
S. 1 6 0 - 1 .
161 Heinz SCHILLING, Job Fincel und die Zeichen der Endzeit, in: Wolfgang BRÜCK-
NER (Hg.), Volkserzählung und Reformation. Ein Handbuch zur Tradierung und
Funktion von Erzählstoffen und Erzählliteratur im Protestantismus, Berlin 1974,
S. 3 2 5 - 9 2 , die Zitate: S. 347 und S. 355. Anna MANKO-MATYSIAK, Das Teufels-
motiv in der schlesischcn Wunderzeichenliteratur der frühen Neuzeit (Schriften-
reihe der Kommission für deutsche und osteuropäische Volkskunde in der Deut-
schen Gesellschaft für Volkskunde 79), Marburg 1999, hier S. 2 6 - 3 0 .
16z Ich verdanke den Hinweis: Sabine SCHMOLINSKY, Im Angesicht der Endzeit?
Anmerktingen 315

P o s i t i o n e n i n d e n L e c t i o n e s m e m o r a b i l e s des J o h a n n e s W o l f f ( 1 6 0 0 ) , in: E n d z e i -
ten, S . 3 6 9 - 4 1 7 .
163 Zit. nach P O H U G , Konfessionskulturelle Deutungsmuster, S. 299.
164 A u f diese S p a n n u n g m a c h t e a u f m e r k s a m : V o l k e r L E P P I N , « . . . m i t d e m k ü n f f t i g e n
J ü n g s t e n T a g u n d G e r i c h t v o m s ü n d e n schlaff a u f f g e w e c k t » . L u t h e r i s c h e A p o k a -
l y p t i k z w i s c h e n I d e n t i t ä t s v e r w e i g e r u n g u n d S o z i a l d i s z i p l i n i e r u n g ( 1 5 5 8 - 1 6 1 8 ) , in:
E n d z e i t e n , S . 3 3 9 - 4 9 (mit Z i t a t S . 3 4 9 ) .
1 6 5 M a r i e - M a d e l a i n e F R A G O N A R D , C a t a l o g u e r , raconter, r é f u t e r : T r o i s a u t e u r s d e l a
C o n t r e - R é f o r m e ( B e l l a r m i n , D u P r e a u , B a r o n i u s ) c o n t r e les m i l l é n a r i s t e s , in: For-
m e s d u m i l l é n a r i s m e e n E u r o p e (wie unten A n m . 1 6 8 ) , S . 7 5 - 9 6 ' .
1 6 6 Hierzu und zum Folgenden vgl. P O H U G , Konfessionskulturelle Deutungsmuster,
bes. S . 2 9 1 - 3 1 6 .
167 G ü n t h e r L I S T , C h i l i a s t i s c h e U t o p i e und r a d i k a l e R e f o r m a t i o n . D i e E r n e u e r u n g
der Idee v o m t a u s e n d j ä h r i g e n R e i c h i m 1 6 . J a h r h u n d e r t ( H u m a n i s t i s c h e B i b l i o -
thek R e i h e i B d . T4), M ü n c h e n 1 9 7 3 .
T68 F o r m e s du m i l l é n a r i s m e en E u r o p e à l ' a u b e des t e m p s m o d e r n e s . A c t e s du C o l -
l o q u e I n t e r n a t i o n a l e de L ' A s s o c i a t i o n Renaissance, Humanisme, Réforme, ed. p.
J e a n - R a y m o n d FANLO e t A n d r é T O U R N O N , Paris 2 0 0 1 .
169 LANDWEHR, G e b u r t der G e g e n w a r t , S . 7 3 .
1 7 0 E n z o B A R I L L A , A n t o n i o A r q u a t o e la p r e d i z i o n e De eversione Europae, (http://
W W W . e n z o b a r i l l a . e u (besucht 1 6 . 8 . 2 0 X 0 ) .
171 Z u r P e r s o n vgl. T o m m a s o C a m p a n e l l a , P h i l o s o p h i s c h e Gedichte ausgewählt,
übersetzt u n d hrsg. v o n K u r t F L A S C H , F r a n k f u r t a . M . 1 9 9 6 ; G e r m a n a E R N S T ,
T o m m a s o C a m p a n e l l a in: S t a n f o r d E n c y c l o p e d i a o f P h i l o s o p h y (http://plato.stan-
f o r d . e d u / e n t r i e s / c a m p a n e l l a ) ( 2 0 0 5 ) ; N o e l M A L C O L M , T h e C r e s c e n t a n d the C i t y
o f the S u n : I s l a m a n d the R e n a i s s a n c e U t o p i a o f T o m m a s o C a m p a n e l l a , in: P r o -
c e e d i n g s o f the British A c a d e m y 2 1 5 , O x f o r d / N e w Y o r k , 2 0 0 4 , S . 4 1 - 6 8 .
1 7 2 D a s V o r s t e h e n d e bezieht sich auf die Nova Atlantis; zur e s c h a t o l o g i s c h e n B e g r ü n -
d u n g der W i s s e n s c h a f t bei B a c o n vgl. R E I C H E R T , I n diesem H e r b s t der Welt. F r a n -
cis BACON, N e u e s O r g a n u m . L a t e i n i s c h - d e u t s c h , h g . v o n W o l f g a n g K R O H N ,
2 Bde. H a m b u r g 1 9 9 0 : d a s m e t h o d i s c h e P r i n z i p : S. 44 (opus est ad scientias
induetionis forma tali, quae experientiam solvat et separet, et per exclusiones ac
rejectiones débitas necessario concludat. - Magd der Religion: Aphorismus 89
(S. 1 9 8 ) ; in den letzten Zeiten: A p h o r i s m u s 93 (S. 2 0 6 ) u n t e r V e r w e n d u n g v o n
Dan 12,4.
173 Theatrum Europaeum (Frankfurt 1635), S. 1 0 0 .
1 7 4 J o h a n n e s K E P L E R , D e c o m e t i s libelli très, A u g s b u r g 1 6 2 0 , D a s Z i t a t f i n d e t sich
a m E n d e der A u s f ü h r u n g e n des K o m e t e n v o n 1 6 1 9 , S . 1 2 7 .
175 Z u G r y p h i u s ' E n d z e i t - G c d i c h t c n vgl. K O R N , D a s T h e m a des J ü n g s t e n T a g e s ,
S . 7 8 - 8 5 , d a s zitierte G e d i c h t hier S . 8 1 .
1 7 6 J o h a n n e s W A L L M A N N , T h e o l o g i e u n d F r ö m m i g k e i t i m Z e i t a l t e r des B a r o c k . G e -
s a m m e l t e A u f s ä t z e , T ü b i n g e n 1 9 9 5 , bes. S . 1 0 5 - 2 3 u n d S . 3 9 0 - 4 3 5 ; v g l . a u c h
LANDWEHR, G e b u r t der G e g e n w a r t , S . 3 1 3 - 5 .
177 Z u diesen u n d a n d e r e n G e m e i n s c h a f t e n v g l . C l a u s BERNET, « G e b a u t e A p o k a -
l y p s e » . D i e U t o p i e des H i m m l i s c h e n J e r u s a l e m i n der F r ü h e n N e u z e i t ( V e r ö f f e n t -
lichungen des Instituts f ü r E u r o p ä i s c h e G e s c h i c h t e M a i n z . A b t . f . a b e n d l ä n d i s c h e
Religionsgeschichte 2 1 5 ) , M a i n z 2 0 0 7 .
316 Anmerktingen

178 R e i n e r S M O L I N S K I , A p o c a l y t i c i s m i n C o l o n i a l N o r t h A m e r i c a , in: E n c y c l o p e d i a
of Apocalypticism, vol. 3, S. 3 6 - 7 1 .
179 D i e W o r t e signify a beginning uf the new American Aira; d a z u d a s P a i n e - Z i t a t :
Vgl. www.greatseal.commottoes/seclorum.html
1 8 0 V g l . H i s t o r y of <IN GOD WE TRUST>, in: w w w . t r e a s u r y . g o v / a b o u t / e d u c a t i o n / P a g e s /
in-god-we-trust.aspx
181 F r e i h e r r A u g u s t F r a n z VON H A R X T H A U S E N , T r a n s k a u k a s i a . R e i s e e r i n n e r u n g e n
u n d g e s a m m e l t e N o t i z e n , L e i p z i g 1 8 5 6 , N e u d r u c k : H i l d e s h e i m u . a . 1.985, Teil 1
S . 4 8 - 5 0 ; zit. n a c h BUSSE, W e l t u n t e r g a n g als E r l e b n i s , S . 7 7 - 8 .
1 8 2 Erstes Blumenstück in: Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten
F. St. S i e b e n k ä s im R e i c h s m a r k t f l e c k e n K u h s c h n a p p e l , zit. n a c h JEAN PAUL'S
s ä m m t l i c h e W e r k e E l f t e r B a n d , B e r l i n 1 8 4 1 , S . 3 1 5 - 2 2 . D i e R e d e des toten C h r i s -
tus ist T 7 9 6 e r s t m a l s z u B e g i n n des « S i e b e n k ä s » e r s c h i e n e n , a b e r s c h o n 1 7 8 9 (mit
S h a k e s p e a r e anstelle C h r i s t u s ! ) e r s t m a l s g e d r u c k t w o r d e n .
183 S o ein e n t z ü c k e n d e s s ü d a m e r i k a n i s c h e s V o t i v b i l d des K ö l n e r D i ö z e s a n m u s e u m s
« K o l u m b a » a u s der Z e i t u m 1 8 0 0 .
1 8 4 D e b o r a SOMMER, Eine baltisch-adlige Missionarin bewegt E u r o p a . B a r b a r a Juli-
a n e v o n K r ü d e n e r , g e b . v . V i e t i n g h o f f gen. Scheel ( 1 7 6 4 - 1 8 2 9 ) , G ö t t i n g e n 2 0 1 3 ;
BEHRINGER, T a m b o r a , S. 1 4 2 - 5 .
185 V g l . unten S . 2 6 9 - 7 2 z u den F o l g e n des T a m b o r a - A u s b r u c h e s v o n 1 8 1 5 .
1 8 6 R i c h a r d W A G N E R , G ö t t e r d ä m m e r u n g . D r i t t e r T a g a u s d e r T r i l o g i e : D e r R i n g des
N i b e l u n g e n , M a i n z 1 8 7 6 , S . 7 , S . S 4 , S . 86.

III. Ein Jahrtausend Gelehrsamkeit und Untcrgangsenvartung


1 Vgl. oben S. 1 0 2 .
2 BORST, K a l e n d e r r c f o r m , S. 7 3 4 .
3 Vgl. oben S. 91 (Hildebalds H a n d b u c h aus dem J a h r 798) und zu 809.
4 H i e r z u u n d z u d e n f o l g e n d e n F r a g e n des K a i s e r s v g l . d e n T e x t bei B O R S T , S c h r i f -
ten 3 , S . 1 0 4 0 - 2 .
5 E d . H a r a l d W I L L J U N G , M G H C o n c . I I S u p p l . II, S . 2 9 0 , 6 - 8 u n d (Übers.) S . 2 9 7 ,
6-8.
6 BORST, Schriften 3, S. 1 0 5 4 - 1 3 3 4 (Enzyklopädie v o n S09).
7 Z u m karolingischcn «Rcichskalendcr» oben S. 1 0 1 - 2 .
8 D i e zeitliche B e s t i m m u n g der P r e d i g t des c l m 6 2 6 4 ist nicht m ö g l i c h , die H a n d -
s c h r i f t g e h ö r t ins 9 . J a h r h u n d e r t . E d . d u r c h J o s e p h SCHLECHT, D o c t r i n a X I I a p o -
s t o l o r u m : D i e A p o s t e l l e h r e i n d e r L i t u r g i e der k a t h o l i s c h e n K i r c h e , F r e i b u r g i m
B r e i s g a u 1 9 0 1 , S . 1 1 9 - 2 1 , d a z u die K o r r e k t u r e n d u r c h W o l f g a n g S P E Y E R , E i n
a n g e b l i c h e s Z e u g n i s f ü r die D o c t r i n a A p o s t o l o r u m o d e r P e l a g i u s bei P s e u d o - H i c -
r o n y m u s , in: V i g i l i a e C h r i s t i a n a e 2 1 ( 1 9 6 7 ) S . 2 4 1 - 6 .
9 Wie oben S. 3 0 3 A n m . 1 1 6 .
1 0 A d s o : oben S . 7 9 - 8 0 . Dazu: M C G I N N , Antichrist; MÖHRING, Weltkaiser; P o -
TESTÄ, L ' u l t i m o M c s s i a . - A r m e n i e n : POGOSSIAN, L a s t E m p e r o r .
11 Z u S c h m i t t : unten S . 2 5 5 ; a u c h : POTF.STA, L ' u l t i m o M e s s i a , S . 1 3 - 2 0 .
12 BORST, C o m p u t u s , S . 7 1 .
13 WIESENBACH, Wilhelm von Hirsau.
1 4 A u c h hierzu: W I E S E N B A C H , W i l h e l m v o n H i r s a u , S . 1 4 6 - 1 5 1 .
Anmerktingen 317

15 Kocku VON STUCKRAD, Geschichte der Astrologie von den Anfängen bis zur Ge-
genwart, München 2003. Dieter BLUME, Regenten des Himmels. Astrologische
Bilder in Mittelalter und Renaissance (Studien aus dem Warburg-Haus 3), Berlin
2000.
16 Eine über die Scholastik hinausführende Textsammlung: Gottesbeweise von An-
selm bis Gödel, hg. von Joachim BROMAND und Guido KREIS (suhrkamp taschen-
buch 1946), Berlin 2 0 1 1 .
17 Vgl. M.T. CLANCHY, Abelard's Mockery of St. Anselm, in: Journal of Ecclesias-
tical History 41 (1990), S. 1 - 2 3 , hier S. 2 - 5 ; DERS., Abelard. A Médiéval Life,
Oxford/Cambridge 1997, S. 178, S . 3 1 9 mit Verweis auf Abaelards Thcologia
Christiana 1 , 7 3 - 5 Eligius M. BUYTAERT OFM (Corp. Christ. Cont. Med. T2),
Turnhout 1969, S. 298-302. - Das Beispiel habe ich schon in FRIED, Aufstieg,
S. 72 mit Anm. 4 4 - 5 , herangezogen.
18 Sic et non, Prolog, edd. Blanche B. BOYER and Richard MCKEON, Chicago/Lon-
don 1976, S. 103, 34-9.
T9 FRIED, Auf der Suche nach der Wirklichkeit, S. 305 u. ö.
20 Peter Abaelard, Theologia Summi boni. Lateinisch-Deutsch, Übersetzt, mit Ein-
leitung und Anmerkungen hrsg. von Ursula NIGGLI, Hamburg 1997, S. 66. Zu
Abaelard: John MARENBON, The Philosophy of Peter Abaelard, Cambridge 1997;
Michael T. CLANCHY, Abaelard. Ein mittelalterliches Leben, Darmstadt 2000.
21 Ezechiel : Abélard, Historie calamitatum. Texte critique avec une introduction
publ. par J. MONFRIN, Paris 1967, S. 69, 2 0 2 - 2 1 und S. 70, 2 4 3 - 8 ; Astrologie:
Expositio in Hcxacmcron, in: MIGNE PL 178 Sp. 7 5 1 - 6 . Dazu zu Überlieferung,
Redaktionen und unbekannten Texten: Eligius M. BUYTAERT, Abelard's Expositio
in Hexaemeron, in: Antonianum 43 (1968), S. 163-98, MIGNE a.a.O. Sp.731
auch zu Ezechiel; zur Sache: Marie-Thérèse D'ALVERNY, Abélard et l'astrologie,
in: Pierre Abélard - Pierre le Vénérable. Les courants philosophiques, littéraires et
artistiques en occident au milieu du XIIe siècle (Colloques internationaux du Cen-
tre National de la Recherche Scientifique 546), Paris 1975, S. 6 1 1 - 3 0 .
22 Peter Abaelard, Theologia Summi boni. Lateinisch-Deutsch II pr., hrsg. von Ur-
sula NIGGLY. Hamburg 1997, S. 82.
23 FUNKENSTEIN, Heilsplan, bes. S. 9 3 - 1 1 3 .
24 Chronica VIII,8, ed. HOFMEISTER S. 4 0 1 - 2 .
25 Chronica VIII,9, ed. HOFMEISTER S. 403.
26 Chronica VIII,26, ed. HOFMEISTER S. 4 3 1 - 6 .
27 Chronica VIII,20, ed. HOFMEISTER S. 4 1 8 - 9 und c. 21 S. 4 2 3 - 5 .
28 Chronica VIII,24, ed. HOFMEISTER S. 4 2 9 - 3 0 .
29 Peter CLASSEN, Gerhoch von Reichersberg. Eine Biographie, Wiesbaden i960,
bes. S. 1 9 3 - 2 7 2 u.ö.
30 Vgl. etwa Hildegards «Liber Vitae meritorum» I, 64 und 11,46 (dt. Der Mensch in
der Verantwortung, nach den Quellen übersetzt und erläutert von Heinrich
SCHIPPERGES, 1Freiburg/Basel/Wien 1994), S. 52 und 105. Hans LIEBESCHÜTZ,
Das allegorische Weltbild der heiligen Hildegard von Bingen. Mit einem Nach-
wort zum Neudruck, Darmstadt 1964.
31 Marie Theres FÖGEN, Die Enteignung der Wahrsager. Studien zum kaiserlichen
Wissensmonopol in der Spätantike, Frankfurt am Main 1993. - Zu Alkuin vgl.
BORST, Computus, S. 4 8 - 9 .
318 Anmerktingen

3 2 A l s erster h a t d a r a u f der A s t r o n o m F r i t z H E I L A N D , D i e a s t r o n o m i s c h e D e u t u n g
der V i s i o n K a i s e r K o n s t a n t i n s ( S o n d e r v o r t r a g i m Z e i s s - P l a n e t a r i u m , J e n a ) , 1 9 4 8 ,
h i n g e w i e s e n . N e u e r d i n g s M i c h a e l D I M A I O , J r . / J ö r n Z E U G E / N a t a l i a Z O T O V , Am-
biguitas Constantiniana: T h e caeleste. Signum Dei of C o n s t a n t i n e the G r e a t , in:
B y z a n t i o n 5 8 ( 1 9 8 8 ) , S . 3 3 3 - 6 0 . H a n s R e i n h a r d S E E L I G E R , D i e V e r w e n d u n g des
C h r i s t o g r a m m s d u r c h K o n s t a n t i n i m J a h r e 3 1 2 , in: Z s c h r . f . K i r c h e n g e s c h i c h t e
1 9 9 ( 1 9 8 9 ) , S . 1 4 9 - 6 8 (mit a c h t T a f e l n ) . - I c h v e r d a n k e w e r t v o l l e H i n w e i s e M a -
ria R . - A L F Ö L D I , F r a n k f u r t a . M .
33 D i e beiden e n t s c h e i d e n d e n Belege f ü r d a s Sieg b r i n g e n d e Z e i c h e n bei L a k t a n z u n d
bei E u s e b sind n i c h t e i n d e u t i g g e n u g , u m z w e i f e l s f r e i z w i s c h e n d e m S t a u r o g r a m m
(aus g r i e c h i s c h e n L e t t e r n g e f o r m t ein T a u , T , ü b e r d a s ein R h o , P , gestellt ist: als
A b k ü r z u n g f ü r s t a u r o s : K r e u z ) u n d d e m seit K o n s t a n t i n v e r b r e i t e t e n C h r i s t o -
g r a m m (aus C h i , X , u n d s e n k r e c h t h i n e i n g e s t e l l t e m R h o , P : die g r i e c h i s c h e n A n -
f a n g s b u c h s t a b e n des N a m e n s C h r i s t u s ) . B e i d e a n t i k e A u t o r e n a b e r w i s s e n , d a ß
ein C h r i s t u s z e i c h e n a u f die S c h i l d e g e m a l t w a r resp. d e m H e e r als F a h n e diente.
Lactantius, De mortibus pcrsccutorum c. 4 4 , 5 scheint dabei eine Art Stauro-
g r a m m b e s c h r i e b e n z u h a b e n , d a s a b e r a u s einem zur Seite g e d r e h t e n X b e s t a n d ,
dessen o b e r e r B a l k e n n a c h rechts zu e i n e m P u m g e b o g e n w a r , u n d d a s C h r i s t u s
bezeichnete (littera X transversa, summo capite circumflexa, Christum in scutis
notat). D e r A u t o r deutete d e m n a c h a l s b a l d n a c h d e m G e s c h e h e n i m J a h r 3 1 3 / 1 4
o d e r i m J a h r 3 1 4 / 1 5 ) d a s S i e g e s z e i c h e n als C h r i s t o g r a m m a u s C h i u n d R h o . A u c h
Euseb kannte im fraglichen K o n t e x t der Schlacht das einfache Kreuz ohne weitere
A t t r i b u t e als H e i l b r i n g e n d e s Z e i c h e n (Vita C o n s t a n t i n i 1 , 3 7 u n d 4 0 , u m 3 3 7 / 4 0 ) ,
h a t t e a b e r z u v o r , i m K o n t e x t d e r S c h l a c h t v o r b e r e i t u n g u n d der V i s i o n des K a i s e r s ,
d a s - w i e der A u t o r selbst a n d e u t e t e - s p ä t e r v o n K o n s t a n t i n n a c h g e b i l d e t e Z e i -
chen als K r e u z s t a b m i t d e m L a b a r u m (das C h r i s t o g r a m m i m P e r l e n k r a n z ) a m
o b e r e n E n d e b e s c h r i e b e n ( 1 , 2 8 - 3 1 ) . I n seiner K i r c h e n g e s c h i c h t e (um 3 1 5 / 3 1 7 )
hatte E u s e b w e d e r einen T r a u m o d e r eine V i s i o n n o c h ein H e i l b r i n g e n d e s Z e i c h e n
a u f d e n S c h i l d e n e r w ä h n t . In der V i t a p r o j i z i e r t e er o f f e n b a r in die V e r g a n g e n h e i t
z u r ü c k , w a s e r a u s eigener j ü n g e r e r A n s c h a u u n g u n d d u r c h U n t e r w e i s u n g K o n s -
t a n t i n s m i t t l e r w e i l e e r f a h r e n hatte. - G o l d s o l i d i christlicher K a i s e r zeigten seit
d e m vierten J a h r h u n d e r t gelegentlich die V i c t o r i a o d e r a u c h den K a i s e r selbst m i t
dem zum S t a u r o g r a m m ausgebildeten Kreuzstab.
3 4 S . B e r n a r d i O p e r a VII Epistolae I , edd. J . L E C L E R C Q , O . S . B . , H . R O C H A I S , R o m
1 9 7 4 , S. 1 4 8 N r . 5 6 .
35 F L A S C H , A u f k l ä r u n g i m M i t t e l a l t e r ? , S . 5 8 , als « r a d i k a l e A r i s t o t e l i k e r » c h a r a k t e -
risiert; d a n a c h zitiert.
3 6 Vgl. den Wikipedia-Artikel « O c k h a m s Rasiermesser» ( 1 . 9 . 1 4 ) .
3 7 NEWTON zitiert n a c h der d e u t s c h e n U b e r s e t z u n g : Sir I s a a c N e w t o n ' s m a t h e m a -
tische P r i n c i p i e n der N a t u r l e h r e . M i t B e m e r k u n g e n u n d E r l ä u t e r u n g e n hg. v o n
J . P h . W O L E E R S , B e r l i n 1 8 7 2 , hier S . 3 S 0 .
38 Z u r Sache auch SMOLLER, Earthquakes.
3 9 Z u m F o l g e n d e n : F R I E D , A u f der S u c h e n a c h der W i r k l i c h k e i t , hier S . 3 3 0 - 1 .
4 0 C h r o n i q u c des D u c s d e B r a b a n t , p a r E d m o n d d e D y n t e r , P u h l . . . . p a r P . F . X . D E
R A M , t. I 2 CMC p a r t i e c o m p r e n a n t les livres I, II et III, B r u x e l l e s 1 8 5 4 , h i e r II c. 16'
S. 1 6 4 - 6 7 .
41 D i e E n d z e i t p r e d i g t des N i k o l a u s v o n N e u j a h r 1 4 4 0 b r a c h t e d a s L e b e n C h r i s t i mit
Anmerktingen 319

der Geschichte der Kirche und damit der Heilsgeschichte in Analogie; referiert bei
Franz Anton SCHARPFF, Der Cardinal und Bischof Nicolaus von Cusa als Refor-
mator in Kirche, Reich und Philosophie des fünfzehnten Jahrhunderts, Tübingen
1 S 7 1 , S. 292.-4; das knappe apokalyptische Opusculum Coniectura de ultimis die-
bus von 1446 findet sich in: Nikolaus von Kues, Opera Omnia 4. Opuscula I,
hrsg. von Paulus WILPERT, Hamburg 1959, S. 9 1 - 1 0 0 ; vgl. Acta Cusana. Quellen
zur Lebensgeschichte des Nikolaus von Kues 1, hrsg. von Erich MEUTHEN, Ham-
burg 1976, S. 523 Nr. 703. Dazu Donald D. SULLIVAN, Apocalypse tamed: Cusa-
nus and the traditions of latc medieval prophecy, in: Journal of Medieval History
9 (1983) S. 2 2 7 - 3 6 . - Ich danke Gabriele ANNAS, Frankfurt am Main, für wert-
volle Hinweise.
42 Vgl. unten S. 2 1 7 - 8 (Kometenfeier auf Stift Neuburg).
43 PEUCKERT, Die große Wende, S. 1 5 3 - 6 .
44 HORTZITZ, Von den unmenschlichen Taten, S. 68-9.
45 Bert HANSEN, Nicole Oresme and the Marvels of Nature. A study of Iiis De causis
mirabilium with Critical Edition, Translation and Commentary, Toronto 1985,
S. 137.
46 Zur Übersicht: Florian EBELING, Das Geheimnis des Hermes Trismegistos. Ge-
schichte des Hermetismus, München 2005. Die Texte: Das Corpus Hermeticum
Deutsch, hrsg. von Carsten C'OLPE und Jens HOLZHAUSEN (Clavis Pansophiae
7,1-2), 2 Bde. Stuttgart-Bad Cannstatt 1997.
47 Ulrich MUHLACK, Zukunftsvorstellungen bei humanistischen Autoren des 15.
und 16. Jahrhunderts, in: Zukunftsvoraussagen in der Renaissance, hg. von Klaus
BERGDOLT und Walther LUDWIG, Wiesbaden 2005, S. 65-88.
48 Benutzt ist das Exemplar der Bayerischen Staatsbibliothek München 4 Inc. c. a. 1223.
49 Dazu Raymund KLIBANSKY, Erwin PANOFSKY und Fritz SAXL, Saturn und Me-
lancholie. Studien zur Geschichte der Naturphilosophie und Medizin, der Reli-
gion und der Kunst, Frankfurt a. M. 1990 u. ö., S. 367-94. Allgemein vgl. Eugenio
GARIN, Astrologie in der Renaissance, Frankfurt a.M./New York 1997.
5 0 E b d . K L I B A N S K Y , P A N O F S K Y , S A X L S . 3 7 7 mit A n m . 6 1 .
51 Tractatus de immortalitate animae. Abhandlung über die Unsterblichkeit der
Seele, hrsg. von Burkhard MOJSISCH, Hamburg 1990.
52 KOSELLECK, Vergangene Zukunft, S. 2 0 - 1 .
53 Vgl. KAUFMANN, Römisches und evangelisches Jubeljahr 1600, bes. S. 8 2 - 1 3 4 .
54 Zit. nach KLEMPT, Säkularisierung, S. 2 3 - 4 und S. 21; auch zum Folgenden he-
rangezogen.
55 TERTIA PARS C H R O N I C I CARIONIS, A CAROLO MAGNO, VBI PHILIPPVS Meluncb-
tbon desiit, vsque ad FRLDERLCVM Seeundum, EXPOSITA ET AVCTA A CASPARO
PEVCERO, Wittenberg 1563, Ep. Dcdicatoria (zu 111,5).
56' Zum Folgenden: KLEMPT, Säkularisierung, passim.
57 Cap. VII, zit. nach KLEMPT, Säkularisierung, S. 1 5 0 - 1 Anm. 154 und 155 (nach
dem Druck von 1607), dazu ebd. S. 50-3.
58 Cap. VIII, zit. nach KLEMP, Säkularisierung, S. 1 5 1 Anm. 162.
59 Opus Maius, ed. John Henry BRIDGES, 2 Bde. Oxford 1897.
60 Christine GACK-SCHEIDING, Johannes de Muris «Epistola super reformatione
antiqui kalendarii». Ein Beitrag zur Kalenderreform im 14. Jahrhundert (MGH
Studien und Texte 11), Hannover 1995.
320 Anmerktingen

6T Z u r Sachc noch immer KAETENBRUNNER, Polemik. Nützlich auch: Kalender im


Wandel der Zeiten. Eine Ausstellung der Badischen Landesbibliothek zur Erin-
nerung an die Kalenderreform durch Papst Gregor XIII. im J a h r 1 5 8 2 . Unter Mit-
arbeit von Adrian BRAUNBEHRENS U. a., Karlsruhe 1 9 8 2 .
62 Zitat aus dem V o r w o r t des Lambertus Floridus PLIENINGERUS, Kurtz Bedencken
von der Emendation des J a r s / durch Babst Gregorium den XIII. fürgenommen /
und von seinem Kalender / nach ihm Kalettdarium Gregorianum perpetuwn inti-
tuliert/ ob solcher den Protestierenden Ständen anzu(o)ncmen seie oder nicht. Mit
angehencktem Prognostico inn w a s zeiten wir seien etc., Straßburg 1 5 8 3 , am Ende
des Vorworts.
63 Lucas OSLANDER, Bedencken / Ob der newe Päpstliche Kalender ein Notturft bey
der Christenheit seie etc., Tübingen 1 5 8 3 , S. 1 2 - 3 , S. 47.
64 Zu ihm: GÜNTHER, in: Allgemeine Deutsche Biographie 20 ( 1 8 8 4 ) S. 5 7 5 - 5 8 0 ;
Volker BIALAS, in: N e u e Deutsche Biographie 15 (1987) S. 6 4 4 - 4 5 .
65 So in seinem «Alterum examen novi pontificialis Gregoriani Kalendarii», Tübin-
gen 1 5 8 6 , das eine klare Antwort des Clavius herausforderte: «Apologia kalendarii
romani ad Rudolphum II. Imperatorern Romanum», Tübingen 1 5 8 8 .
66 Außführlicher und Gründtlicber Bericht Von der allgemainen vnd nunmehr bey
seebtzehen Hundert Jaren / von dem ersten Keyser fulio / biß auff jetzige unsere
Zeil! im gantzen H. Römischen Reich gebrauchter Jarrechnung oder Kalender / In
was Gestalt er anfänglich gweßt / vnd was durch länge der Zeit für Irthumb
dareyn seyen eyngeschlicben Sambt erklärung der newen Reformation / welche
jetziger Bapst zu Rom GREGORIUS XIII. in demselben Kalender bat angestellet /
vnd an vilen Orten eyngefübret / Vnd was darvon zuhalten seye. Gestellt durch
Al. Michaelem Maestlinum Gocppingensen, Matheseos Professoren zu Heydel-
berg., Gedruckt in der Cburfürstlichen Statt Heydelberg / durch Jacob Midier/ im
)ar MDLXXXIIL, Heidelberg 1 5 8 3 , so im Widmungsschreiben, unpaginiert.
67 Gründtlicber Bericht, S. 1.
68 Gründtlicber Bericht, S. 1 9 - 2 2 .
69 Gründtlicber Bericht, S. 1 5 3 und S. 1 5 4 .
70 Gründtlicber Bericht, bes. S. 1 5 3 . S. 4 4 .
71 Gründtlicber Bericht, S. 1 5 9 .
72 Gründtlicber Bericht, S. 37.
73 Gründtlicber Bericht, S. 70.
74 Gründtlicber Bericht, S. 38.
75 Gründtlicber Bericht, S. 3 6 - 8 .
76 Gründtlicber Bericht, S. 1 5 6 .
77 Gründtlicber Bericht, S. 37.
78 Gründtlicber Bericht, S. T55-6'.
79 Gründtlicber Bericht, S. 1 5 0 .
80 Kurtz Bedencken Von der Emendation. Gestellt Durch Lambertum Floridum Pli-
eningerum (wie Anm. 62).
81 Kurtz Bedencken, S. 3 4 - 5 .
82 Kurtz Bedencken, S. TO-T.
83 Kurtz Bedencken, S. 1 9 - 2 1 .
84 Kurtz Bedencken, S. 2 9 - 3 0 .
85 Kurtz Bedettcken, S. 64.
Anmerktingen 321

8 6 KALTENHKUNNER, P o l e m i k , S . 5 3 1 - 2 .
8 7 V g l . V o l k e r LEPI'IN, « . . . m i t d e m k ü n f t i g e n J ü n g s t e n T a g u n d G e r i c h t v o n siinden
schlaff a u f f g e w e c k t » . L u t h e r i s c h e A p o k a l y p t i k z w i s c h e n I d e n t i r ä t s v e r g e w i s s e r u n g
und S o z i a l d i s z i p l i n i e r u n g ( 1 5 4 8 - 1 6 1 8 ) , in: E n d z e i t e n , S . 3 3 9 - 4 9 .
88 KALTENBRUNNER, P o l e m i k , S. 5 2 0 .
8 9 E i n e erste A u s g a b e « L e s P r o p h é t i e s d e M . M i c h e l N o s t r a d a m u s » erschien i n L y o n
1 5 5 5 ; zahlreiche Ausgaben und Übersetzungen folgten.
9 0 R E I C H E R T , I n d i e s e m H e r b s t der Welt, S . 2 4 5 .
91 Z i t . nach A n s e l m SCHOTT 0 . S . B., D a s M e ß b u c h der heiligen K i r c h e , « F r e i b u r g i m
Breisgau 1 9 3 8 , S . [ 1 3 4 ] ; entsprechend der T r a k t u s der « G e w ö h n l i c h e n M e s s e f ü r Ver-
storbene», w ä h r e n d die Sequenz in das Belieben des Priesters gestellt ist: S. [ 1 4 1 - 2 ] .
9 2 Z u s a m m e n f a s s e n d : Peter G O D M A N , T h e S a i n t a s C e n s o r . R o b e r t B e l l a r m i n e bet-
w e e n Inquisition a n d I n d e x (Studies i n M é d i é v a l a n d R e n a i s s a n c e T h o u g h t 80),
Leiden/Boston/Köln 2 0 0 0 , S . 2 1 6 - 2 1 .
9 3 V g l . neben F R I E D , A u f s t i e g , S . 1 2 2 - 5 u . ö . , R E I C H E R T , I n d i e s e m H e r b s t der Welt,
S . 2 4 0 , d a s Z i t a t . D a s J a h r 2 0 6 0 ergibt sich a u s N e w t o n s K a l k u l a t i o n , d a ß
1 2 6 0 J a h r e n a c h der G r ü n d u n g des H e i l i g e n R ö m i s c h e n R e i c h e s (durch K a r l d e n
G r o ß e n i m J a h r 8 0 0 ) d a s E n d e eintreten k ö n n t e : S o n a c h einem (heute i n der
J ü d i s c h e n N a t i o n a l b i b l i o t h e k J e r u s a l e m v e r w a h r t e n ) Brief a u s d e m J a h r 1 7 0 4 .
V g l . S t e p h e n D . SNOBELEN, I s a a c N e w t o n p r e d i c t e d t h a t the w o r l d w o u l d e n d
around 2060, in: http://topinfopost. com/2013/12/ii/isaac-newton-predicted-
that-the-world-would-end-around-2016 (14.7.2015).

IV. Das Weitende im Säurebad der Aufklärung


1 Zugewiesen von: Hans-Jürgen QUADBECK-SEEGER, Aphorismen und Zitate,
W e i n h e i m 2 0 1 3 , S. 2 6 3 . G e s i c h e r t ist Einsteins Ü b e r z e u g u n g , d a ß Gott nicht wür-
felt, vgl. d a z u den e i n s c h l ä g i g e n W i k i p e d i a - A r t i k e l ( 2 5 . 1 0 . 2 0 1 5 ) .
2 T h e o r i e a n a l y t h i q u e des p r o b a b i l i t é s , 3 B d e . 1 8 1 2 .
3 I s a a c NEWTON, P h i l o s o p h i a e n a t u r a l i s p r i n e i p i a m a t h e m a t i c a , 1 6 8 7 (engl. 1 7 2 9 ) .
4 E r s t e r B a n d 1 7 3 1 , B a n d 5 4 mit d e m f r a g l i c h e n A r t i k e l erschien o h n e J a h r ; heute
leicht g r e i f b a r ü b e r das D i g i t a l i s â t der B a y e r i s c h e n S t a a t s b i b l i o t h e k .
5 Sp. 1 6 4 5 . D a s folgende Zitat ebd. Sp. 1 6 4 6 .
6' Sp. 1 6 S 1 . Die folgenden Hinweise zum Weltuntergang ebd. Sp. 1 6 8 4 .
7 Z u r Ü b e r s i c h t : J i l l C O O K , T h e n a t u r e o f the earth a n d the f o s s i l d e b a t e , in: E n -
l i g h t e n m e n t , S . 9 2 - 9 ; D I E S . , R o c k s , f o s s i l s a n d the e m e r g e n c e o f p a l a e o n t o l o g y ,
in: e b d . S . 1 0 0 - 5 ; v g l . a u c h LANDWEHR, G e b u r t der G e g e n w a r t , S . 1 2 7 - 3 4 .
8 D a z u SCHOLEM, D i e jüdische M y s t i k , S . 3 4 0 - 5 5 .
9 A l l g e m e i n e N a t u r g e s c h i c h t e u n d T h e o r i e des H i m m e l s o d e r V e r s u c h v o n der Ver-
f a s s u n g u n d d e m m e c h a n i s c h e n U r s p r ü n g e des g a n z e n W e l t g e b ä u d e s n a c h N e w -
tonischen Grundsätzen abgehandelt, Königsberg/Leipzig 1 7 5 5 ; zit. n a c h K a n t
W e r k e i n zehn B ä n d e n , hrsg. v o n W i l h e l m W E I S C H E D E L , D a r m s t a d t 1 9 8 3 , Bd. 1 ,
S. 2 1 9 - 3 9 6 . Die folgenden Zitate: S. 345, S. 3 2 7 - 8 , S. 3 3 4 - 5 , S. 3 4 9 - 5 3 , S. 3 2 9 ,
S.340, S.339.
1 0 V o l k e r STORCH, U l r i c h W E L S C H , M i c h a e l W I N K , E v o l u t i o n s b i o l o g i e , i H e i d e l b e r g
2 0 1 3 ; L e b e n s s p u r e n i m Stein. A u s f l ü g e i n die E r d g e s c h i c h t e M i t t e l e u r o p a s , hg.
v o n Peter R O T H E , V o l k e r STORCH u n d C l a u d i a VON SEE, W e i n h e i m 2 0 1 4 .
322 Anmerktingen

11 Dazu BENZ, Schöpfungsglaube, S. 8 4 - 9 1 .


12 Aristoteles, Meteorologica 1 (ungünstige Ausscheidungen der von der Sonne er-
hitzten Erde). Vgl. Plinius Naturalis historia 2,91.
13 Cicero, De natura deorum 2,14 («Haarsterne», cicinnatae, wie sie unlängst «im
oktavianischen Krieg Vorboten großer Katastrophen, magnarum calamitatum,
waren»); vgl. Plinius Naturalis historia 2,92 (u. a. Verweise auf Krieg und Mord);
beide Hinweise wie auch der auf Aristoteles bei TAMMANN, VERON, Halleys
K o m e t , S . 8 1 - 2 und S . 7 5 - 6 , S . 9 1 . Tacitus A n n . 1 5 , 4 7 ( T A M M A N N , V E R O N , S . 89).
Flavius Josephus, Jüd. Krieg 6,5 (ebd., S. 91), vgl. oben S. 1 1 .
14 Isaac NEWTON, Philosophiae Naturalis Principia Mathematica, London 1687 (oft
nachgedruckt); deutsch von Jakob Philipp WOLFERS, Berlin 1872, S. 460-502
(auch als Digitalisat).
15 Edmond HALLEY, Astronomiae Cometicae Synopsis, in: Royal Society of London
Philosophical Transactions 24 (März 1705) S. 1882-99; engl, separat: A Synopsis
of the Astronomy of Comets, London 1705 (Digitalisat).
16 A b b . bei T A M M A N N , V E R O N , H a l l e y s K o m e t , S . 1 6 4 .
17 Abb. II.27 bei TAMMANN, VERON Halleys Komet, S. 174.
18 T A M M A N N , V E R O N , Halleys Komet, S. 2 2 8 .
19 A b b . 1 1 . 6 6 und 1 1 , 6 7 I " T A M M A N N , V E R O N , H a l l e y s K o m e t , S . 2 2 7 und S . 2 2 9 .
20 TAMMANN, VERON, Halleys Komet, S. 2 4 3 - 9 .
21 Vgl. Hans KLOHT, Kometenfurcht und Kometenwein, in: Jb. 29 (2012) S. 66-91.
Hier S. 66 das Tolstoi-Zitat; S. 71 der Verweis auf das Himmelsobjekt i03P/Hartly
2 als potentiellem Wasserlieferanten. Zu Tschuri und der «Rosetta»-Mission mit
dem Lander «Philae» liegen im Internet zahlreiche Pressemeldungen vor.
22 Zitiert nach Douglas BOTTING, Alexander von Humboldt. Biographie eines gro-
ßen Forschungsreisenden, ''München 2001, S. 1 2 2 - 5 (engl, zuerst 1973).
23 Die Zitate sind dem zweiten und dem vierten Satz entnommen.
24 Die letzten Dinge. Oratorium. Worte der Heiligen Schrift, zusammengestellt von
Friedrich ROCHLITZ, in Musik gesetzt von Ludwig SPOHR, O. O., O. J. (ca. 1830),
S. 6 und S. 8. Ich zitiere aus dem Digitalisat des Textbuches der Bayerischen
Staatsbibliothek (Slg. Her O 36). - Zu den «Schrecken» vgl. unten S. 210 zu
Michelet.
25 Zit. nach KOSELLECK, Vergangene Zukunft, S. 21.
26 Die Zitate sind dem IX. Kapitel, d. h. dem kurzen Schlußkapitel, entnommen
und in jeder Textausgabe leicht aufzufinden. Ich habe nach der Erstausgabe
Frankfurt a. M. 1845 zitiert.
27 Die deutsche Erstausgabe erschien, eingebettet in antisemitische Pamphlete, unter
dem Titel: Die Geheimnisse der Weisen von Zion, hg. von Gottfried ZUR BEEK (d. i.
Ludwig MÜLLER VON HAUSEN), Berlin/Charlottenburg 1920, hier S. 68 f - 1 4 3 .
28 Vgl. zu den drei erwähnten Autoren Michael HAGEMEISTER, Trilogie der Apoka-
lypse. Vladimir Solov'ev, Serafim von Sarov und Sergej Nilus über das Kommen
des Antichrist und das Ende der Weltgeschichte, in: Apokalypsen, S. 2 5 5 - 7 5 .
29 Andrei BJELYJ, Die silberne Taube, Frankfurt a.M. 1 9 1 2 , S. 315. Beide Stellen zi-
tiert nach: Emanuel SARKISYANZ, Rußland und der Messianismus des Orients. Sen-
dungsbewußtsein und politischer Chiliasmus des Ostens, Tübingen 1955, S. 147.
30 Heinrich CORRODI, Kritische Geschichte des Chiliasmus oder der Mcynungen
über das Tausendjährige Reich Christi, 4 Bde. Zürich 1 7 8 1 - 8 3 , hier Bd. 1 S. V-VI.
Anmerktingen 323

31 V g l . k n a p p z u s a m m e n f a s s e n d : THEISSEN, M E R Z , L e h r b u c h , S . 2 2 . - 3 0 ; D a v i d Fried-
rich STRAUSS, D a s L e b e n J e s u , kritisch bearbeitet, 2 Bde. Tübingen 1 8 3 5 / 3 6 , - , I838.
3 2 LANDWEHR, G e b u r t der G e g e n w a r t , S . 1 5 3 - 9 1 .
3 3 H i e r z u und z u m F o l g e n d e n H Ö L S C H E R , Weltgericht o d e r R e v o l u t i o n , bes. S . 4 1 -
5-
3 4 HÖLSCHER, Weltgericht o d e r R e v o l u t i o n , S . 5 6 - 7 und S . 59.
35 So Friedrich RITTELMEYER 1 9 0 8 in einer N ü r n b e r g e r Predigt, zit. nach H Ö L -
SCHER, Weltgericht oder R e v o l u t i o n , S . 5 9 - 6 0 .
3 6 E n t d e c k t von R u d o l f C l a u s i u s , der w i e d e r h o l t d a v o n h a n d e l t e , z u m a l : Über die
b e w e g e n d e K r a f t der W ä r m e u n d die Gesetze, w e l c h e sich d a r a u s f ü r die W ä r m e -
lehre selbst ableiten lassen v o n R u d o l f CLAUSIUS, hg. v o n M a x PLANCK (Ost-
w a l d s K l a s s i k e r der e x a k t e n W i s s e n s c h a f t e n 99), L e i p z i g 1 9 2 1 . A l s p o p u l ä r e
Darstellung zum Wärmetod vgl. etwa ZIEGLER, OPPENHEIM, Weltuntergang,
S. 1 1 3 - 2 2 .
37 BULTMANN, N e u e s T e s t a m e n t und M y t h o l o g i e ; vgl. a u c h D E R S . , Geschichte u n d
Eschatologie.
38 J u l e s M I C H E L E T , Precis de l'histoire de F r a n c e , Paris 1 8 3 3 , 60; DERS., H i s t o i r e
I 2
de F r a n c e 2, Paris 1 8 3 5 , bes. 3 --
3 9 M o r t o n D . PALEY, A p o c a l y p s e a n d M i l l e n n i u m i n R o m a n t i c P o c t r y , O x f o r d 2 0 0 3 ;
E v a H O R N , D i e r o m a n t i s c h e V e r d u n k e l u n g . Weltuntergänge und die G e b u r t des
letzten M e n s c h e n u m 1 8 0 0 , in: W I E S E R , u . a . S . 1 0 1 - 2 4 .
40 FRIED, Endzeiterwartung, S. 4 7 1 .
41 Aus den «Gedichtoi eines fahrenden Gesellen» 1878, zit. nach TAMMANN,
VERON, H a l l e y s K o m e t , S . 2 3 1 .
4 2 F e r d i n a n d LOT, L e m y t h e des T e r r e u r s d e P a n mille, in: M e r c u r e d e F r a n c e 3 0 0
( 1 9 4 7 ) , S. 6 3 9 - 5 5 . Vgl. F R I E D , E n d z e i t fest im G r i f f des P o s i t i v i s m u s .
43 Für England: Ralph PORDZIK, Victorian Wastclands. Apocalyptic Discourse in
Nineteenth-Century Poetry, Heidelberg 2 0 1 2 .
4 4 V g l . unten K a p . 5 .
4 5 https://www.cai.org/de/bibelstudien/wie-alt-ist-die-erde ( 1 3 . 1 . 2 0 1 5 ) .
4 6 F o w i d - U m f r a g e zur E v o l u t i o n v o m E n d e Sept. 2 0 0 5 , E r s t e l l u n g s d a t u m 2 6 . 2 . 2 0 0 7 .
4 7 E n t s p r e c h e n d e s plante die hessische K u l t u r m i n i s t e r i n K a r i n W o l f f ( C D U ) i m J a h r
2 0 0 7 , neben der E v o l u t i o n s t h e o r i e in d e m B i o l o g i e u n t e r r i c h t in H e s s e n unterrich-
ten zu lassen, um zu verdeutlichen, d a ß die N a t u r w i s s e n s c h a f t e n keine letzten
Wahrheiten verbreiten k ö n n t e n , vgl. e t w a « D i e Welt» (online) v o m 7 . 7 . 2 0 0 7 .
48 Wolf-Detlef R O S T , Die A p o k a l y p s e aus p s y c h o l o g i s c h e r Sicht - A n g s t und Faszi-
n a t i o n , in: D a s P a r l a m e n t 6 2 , B e i l a g e , S . 4 4 - 5 0 .
4 9 D i e Z i t a t e sind e n t n o m m e n : H a d l e y CANTRIL, T h e I n v a s i o n f r o m M a r s . A Study
in the P s y c h o l o g y of Panic. W i t h the c o m p l e t e script of the f a m o u s O r s o n Welles
B r o a d c a s t , N e w Y o r k 1 9 6 6 (zuerst 1 9 4 0 ) : S . 3 1 d a s Z i t a t a u s der S e n d u n g ; S . 5 3
Panic; S . 1 2 3 F r a u e n u n d M ä n n e r ; S . 4 7 Skepsis. C a n t r i l s Studie basierte auf einer
u n z u r e i c h e n d e n A n z a h l v o n B e f r a g t e n . V o n einer M a s s e n p a n i k k a n n keine R e d e
sein, allenfalls von vorübergehender Verunsicherung: Vgl. dazu: Christoph
STRUPP, Mediale Massenpanik? O r s o n Welles' Radio-Hörspiel « W a r o f the
W o r l d s » ( 1 9 3 8 ) , in: Z e i t h i s t o r i s c h e F o r s c h u n g e n 8 ( 2 0 1 1 ) S . 3 2 2 - 7 .
50 http://www.songtexte.com/songtext/gianna-nannini/la-fine-del-mondo-2ba12466.
html
324 Anmerkungen

V. Ahnung, Angst und Wissenschaft heute


i WAGNER, Götterdämmerung, wie oben S. 1 4 6 - 7 .
z Franz M. WUKETITS, Apokalyptische Rhetorik als politisches Druckmittel, in:
Das Parlament 6z, Beilage, S. 1 1 - 6 .
3 RIESS, Mythos Titanic; DERS., Der Untergang der Titanic.
4 Die Charakterisierung geht zurück auf George F. KENNAN, The Dccline of
Bismarcks European Order. Franco-Russian Relations, 1 8 7 5 - 1 8 9 0 , Princeton
1979, S. 3; in Deutschland zuerst aufgegriffen von Ernst SCHULIN, Die Urkata-
strophe des zwanzigsten Jahrhunderts, in: Wolfgang MICHALKA (Hg.), Der Erste
Weltkrieg. Wirkung, Wahrnehmung, Analyse, München 1994, S. 3 - Z 7 ; Christian
HOFFSTADT, Über die Aktualität des Weltuntergangs, in: Das Parlament 6z, Bei-
lage, S . Z 6 - 3 1 .
5 Zur Übersicht: GÄRTNER, Apokalypse, (alphabetisch nach Künstlern geordnet).
Für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg vgl. HOFMANN, Zeitgenössische Dar-
stellungen. Vgl. auch Christoph ZUSCHLAG, Die Apokalypse in der Kunst seit
Albrecht Dürer, in: Apocalypse Now!, S . 7 7 - S 7 ; dazu die Beispiele S. 1 8 4 - 3 0 7 .
Allgemein: Gregory FÜLLER, Endzeitstimmung. Düstere Bilder in Goldener Zeit
(DuMont-Taschenbücher 304), Köln 1994; Ernst HALTER, Martin MÜLLER
(Hg.), Der Weltuntergang. Mit einem Lesebuch, Zürich 1999. - Die Ausstellung
der Hamburger Kunsthalle von T981: Experiment Weltuntergang: Wien um 1900,
hg. Werner HOFMANN, München, Hamburg 1 9 8 1 , galt mehr dem Ende der Habs-
burger Monarchie als dem Weltuntergang.
6 Hierzu und zum Folgenden: SCHUBERT, Max Beckmann Auferstehung.
7 Vgl. Rolf FROBÖSE, Der Hallcysche Komet, Frankfurt 1985; Brian HAKPUR, Hal-
leys Komet. Das offizielle Buch der «Halley's Corner Society». Frankfurt a.M.
1985; Carl SAGAN, Ann DRUYAN, Der Komet, München 1985; TAMMANN,
VERON, Halleys Komet.
8 Jürgen EGYPTIEN, Stefan George auf Stift Neuburg (Spuren 85), Marbach Z009.
9 Die Postkarte war eine Schöpfung von A. SCHOLZ; sie wird zitiert nach der URL
http://www.bbfdipf.de/cogi_opac.bil.pl?t_direct=x&:f _IDN=boo78z45hjld
10 Vgl. G Ä R T N E R , A p o k a l y p s e .
11 Immerhin hatte Marc mit dem Bild «Die Wölfe (Balkankrieg)» im Jahr 1 9 1 3 eine
schreckenerregende Kriegsikone geschaffen.
iz Zit. nach Uwe M. SCHNEEDE, «Man ist weg, eh man's merkt», in: August Macke
Franz Marc. Eine Künstlerfreundschaft, hg. Volker ADOLPHS und Annegret
FIOBERG, Kunstmuseum Bonn, Städtische Galerie im Lenbachhaus München,
Ostfildern Z 0 1 4 , S. 88-99, hier S. 9 Z - 3 .
13 Vgl. Volker ADOLPHS, in: August Macke Franz Marc. Eine Künstlerfreundschaft
(wie die vorige Anm.), S. Z45 Abb. 1 4 4 .
T4 Vgl. Staatliches russisches Museum, Von der Heydt-Museum Wuppertal und
Kunst- und Museumsvcrcin Wuppertal, Futurismus in Russland und David Bur-
liuk, Katalog der Ausstellung im Von der Heydt-Museum Wuppertal 17. Sept. bis
z6. Nov. zooo, S. 105.
15 Die beiden ersten Gedichte z.B. bei: VIETTA (Hg.), Lyrik des Expressionismus,
S. 1 0 3 - 4 u n d S. 93 (vgl. auch DERS., «Weltende» in: Neue Zürcher Zeitung
Nr. Z65/Z010 vom 1 3 . Nov. zoio), «Menschheit» etwa bei Harald HÄRTUNG
Anmerktingen 325

(Hg.), Jahrhundertgedächtnis. Deutsche Lyrik im 2 0 . J a h r h u n d e r t , Stuttgart 1 9 9 8 ,


S. 89.
16 Else LASKKR-SCHÜLER, S ä m t l i c h e G e d i c h t e i n einem B a n d , H g . v o n K a r l J ü r g e n
SKRODZKI, F r a n k f u r t a . M . 2 0 0 4 , S . 1 0 4 .
17 Z i t i e r t n a c h d e m B e g l c i t h e f t der D e c c a - A u f n a h m e : B e n j a m i n BRITTEN, W a r R e -
q u i e m (op. 6 6 ) , n a c h der E r s t e i n s p i e l u n g v o n 1 9 6 3 , 2 0 0 6 .
19 PINTHUS ( H g , ) , M e n s c h h e i t s d ä m m e r u n g .
20 « V e r f a l l » , bei PINTHUS, M e n s c h h e i t s d ä m m e r u n g , S . 4 2 . Die recte gesetzte Z e i l e
ist im O r i g i n a l kursiv.
21 PINTHUS, M e n s c h h e i t s d ä m m e r u n g , S . 3 5 .
2 2 K a r l K R A U S , D i e letzten T a g e der M e n s c h h e i t . T r a g ö d i e i n f ü n f A k t e n m i t V o r -
spiel u n d E p i l o g , hg. v o n C h r i s t i a n W A G E N K N E C H T , F r a n k f u r t a . M . 1 9 8 6 . D i e
f o l g e n d e n Z i t a t e i n der R e i h e n f o l g e ihres A u f t r e t e n s : S . 9 ; S . 7 1 4 - 5 ; S . 7 1 - 2 ;
S . 7 1 9 ; S . 7 2 5 - 6 . « R e k l a m c f a h r t zur H ö l l e » n a n n t e K r a u s seinen K o m m e n t a r z u
einer A n z e i g e der « B a s l e r N a c h r i c h t e n » v o m S o m m e r 1 9 2 1 : « S c h l a c h t f e l d - R u n d -
f a h r t e n i m A u t o ! » ; e r s c h i e n e n in: D i e F a c k e l N r . 5 7 7 — 7 8 2 v o m N o v e m b e r 1 9 2 1 ,
S . 9 6 - 8 ; v g l . d a z u : D i e letzten T a g e , S . 7 6 6 ; S . 7 1 9 . D a s G a n z e als K l a n g b u c h i n
z w e i C D s : W i e n 2 0 1 4 ; z u der A u f f ü h r u n g 2 0 1 4 i n der F a s s u n g v o n F l o r i a n
H I R S C H u n d G e o r g SCHMIEDLEITNER vgl. d a s P r o g r a m m h e f t des B u r g t h e a t e r s .
K r a u s hatte s c h o n f r ü h e r in B e i t r ä g e n zu seiner Z e i t s c h r i f t «Die Fackel» die A p o -
k a l y p s e u n d d e n W e l t u n t e r g a n g t h e m a t i s i e r t , v g l . B U S S E , W e l t u n t e r g a n g als Er-
lebnis, S. 8 3 - 9 3 .
2 3 F o t o v o n E d d i e A d a m s , A P . Z u m Bild: O l e R E I S S M A N N , K r i e g s f o t o g r a f E d d i e
A d a m s : «Ich h a b e den G e n e r a l g e t ö t e t » , in: h t t p : / / w w w . f o e r d e r l a n d . d e / d i g i t a l e -
wirtschaft/netzwertig/news v o m 3 . 2 . 2 0 0 8 ( 1 5 . 8 . 1 5 ) ; zum politischen Hintergrund
des Bildes D e t l e f FELTEN, N e u m o n d ü b e r V i e t n a m , in: D i e Z e i t N r . 5 v o m 2 9 . J a -
n u a r 1 9 9 3 S . 7 8 ( p d f a r c h i v . z e i t . d e ) . D e r E r s c h o s s e n e w a r v e r m u t l i c h kein V i e t -
kong.
2 4 E L I E L , L u d w i g M e i d n e r . A p o k a l y p t i s c h e L a n d s c h a f t e n ; BERANKOVA, R I E D E L
(Hg.), A p o k a l y p s e und O f f e n b a r u n g .
2 5 L u d w i g M E I D N E R , M e i n L e b e n , in: L o t h a r B R I E G E R , L u d w i g M e i d n e r . ( J u n g e
K u n s t B d . 4), L e i p z i g 1 9 1 9 , zit. n a c h T h o m a s GROCHOWIAK, L u d w i g M e i d n e r ,
Recklinghausen 1 9 6 6 , S. 65.
2 6 Beide G e m ä l d e b e f i n d e n sich heute ( « A p o k a l y p s e » als L e i h g a b e des K a i s e r W i l -
helm M u s e u m s i n K r e f e l d ) i m C a s i n o - G e b ä u d e der G o e t h e - U n i v e r s i t ä t F r a n k f u r t ,
das seinerseits ein W e r k des B e r l i n e r A r c h i t e k t e n ist; vgl. H e i k e H A M B R O C K , B a l -
laden u n d M e t a m o r p h o s e n . Sechs G e m ä l d e v o n H a n s Poelzig i m C a s i n o auf d e m
C a m p u s W e s t e n d , in: F o r s c h u n g F r a n k f u r t 2 / 2 0 0 5 , 78-80.
2 7 Z i t . n a c h SCHUBERT, B e c k m a n n A u f e r s t e h u n g , S . 6 5 u n d S . 7 0 (beide Z i t a t e a u s
B r i e f e n des J a h r e s 1 9 1 5 ) .
28 Hierzu und zum Folgenden: HÖPER, M a x B e c k m a n n A p o k a l y p s e , S. 3 2 .
2 9 Beispiele i m K a i s e r s l a u t e r n e r K a t a l o g : A p o c a l y p s e N o w ! , d a z u e b d . S . 6 1 - 7 5 :
Peter K . K L E I N , T r a d i t i o n e n u n d E t a p p e n der mittelalterlichen A p o k a l y p s e - I l l u s -
trationen.
3 0 D a s s h i n f o r t k e i n e Z e i t m e h r sein soll. M a x B e c k m a n n s « A p o k a l y p s e » - Z y k l u s
i m F o k u s n e u e r M u s i k , h g . v o n R o l f W . STOLL u n d T h o m a s L Ö F F L E R , M a i n z
2009.
26 331 Anmerktingen

3 1 Vgl. Benjamin HENRICHS, Adam, zieh die Hosen an, in: www.zeit.de. Die Zeit
v o m 7 . 8 . 1 9 8 7 Nr. 3 3 , S . 2 9 (Archiv).
3 2 Die Verse sind von Maria Luise THURMAIR (1969) und finden sich im katho-
lischen Gesangbuch von 2 0 1 3 «Gotteslob» als Nr. 84,4. Es handelt sich um die
Neufassung des barocken Liedes «Morgenglanz der Ewigkeit».
33 Eva HORN, Der Untergang als Experimentalraum. Zukunftsfiktionen vom Ende
des Menschen, in: Das Parlament 62, Beilage, S. 3 2 - 8 ; Judith SCHOSSBÖCK,
Letzte Menschen. Die Heldinnen und Helden des Weltuntergangs, in: ebd. S. 3 8 -
44.

34 Joanna JABLKOWSKA. Literatur ohne Hoffnung. Die Krise der Utopie in der deut-
schen Gegenwartsliteratur. Wiesbaden 1993; BUSSE, Weltuntergang als Erlebnis;
Manon DELISLE, Weltuntergang ohne Ende. Ikonographie und Inszenierung der
Katastrophe bei Christa Wolf, Peter Weiss und Hans Magnus Enzensberger, Würz-
burg 2 0 0 1 . - Eine Anthologie: Apokalypse. Schreckensbilder in der deutschen
Literatur seit Jean Paul. Ein Lesebuch, Ausgewählt und hg. von Jürgen ENGLER,
Berlin 2 0 0 5 .

35 Bd. x, München 1956.


3 6 Christoph RANSMAYER, Die letzte Welt, Nördlingen 1988, zit. nach: ENGLER,
Apokalypse, S. 2 6 1 .
37 Zit. nach Joseph KIERMEIER-DEBRE, Das Ende der Welt mit anschließender Dis-
kussion oder: Die raunende Beschwörung nach vollendeter Zukunft in der litera-
rischen Apokalyptik, in: HALTER/MÜLLER, Weltuntergang, S. 6 1 - 7 3 , hier S.67,
ebd. S. 7 1 - 7 3 eine Liste literarischer Endzeittexte des 20. Jahrhunderts.
3 8 Luis BUNUEL, Mein letzter Seufzer. Erinnerungen, Königstein/Taunus 1 9 1 3 ,

S. 2 4 4 - 5 .

39 Ich zitiere die Ausgabe Darmstadt, Neuwied 1986 (Sammlung Luchterhand 455),
hier S. 14 und S. 159.
4 ° Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 1988. Siegfried LENZ, Frankfurt a.M.
1988, Dankesrede «Am Rande des Friedens», hier S. 12 und S. 1 4 .
4 i Herbert ROSENDORFER, Deutsche Geschichte. Ein Versuch, Bd. 6: Friedrich der
Große, Maria Theresia und das Ende des Alten Reiches, München 2 0 1 0 , S. 205
(freundlicher Hinweis meines Mitarbeiters Janus GUDIAN).
42 Friedrich DÜRRENMATT, Durcheinandertal. Roman, Zürich 1989, die Zitate
S. 1 7 1 - 4 .

43 F. W. B E R N S T E I N , Die Gedichte. ¿ M ü n c h e n 2 0 0 7 , A p o k a l y p s o n - P r o g r a m m , S. 8 1 .
44 Georg DIEZ, ES ist nur ein Trick. Ein Treffen mit Woody Allen, der in seinem
neuen K i n o w e r k in die M a g i e flieht, D e r Spiegel 4 9 / 2 0 1 4 ( 1 . T 2 . 2 0 1 4 ) , S. T 3 2 - 3 ,
hier S. 133 - Woody ALLEN im Interview über seinen Film «Magic in the Moon-
light».
45 Weltuntergang (Das Parlament. Aus Politik und Zeitgeschichte 2 0 1 2 , Heft 51/52
Beilage).
4 6 Für eine erste Information: Gilles POLIZZI, «Au sanguinaire le nombre raconté»:

Le thème millénariste dans les Prophéties de Nostradamus, in: Formes du milléna-


risme en Europe à l'aube des temps modernes, ed. par Jean-Raymond FANLO et
André TOURNON (Archives des sciences sociales des religions 1 2 2 = Colloques,
congres et conférences sur la Renaissance 25), Paris 2 0 0 1 , S. 4 2 9 - 5 3 .
47 Die Beispiele sind entnommen: REICHERT, Zeitsprünge. Vgl. auch: BOYER, When
Anmerktingen 327

Time Shall Be No More; vgl. auch DF.RS., The Apocalyptic in the Twentieth Cen-
tury, S. 1 4 9 - 6 9 ; FULLER, Naming the Antichrist.
48 Frankfurter Allgemeine Zeitung 2.0.3.2000, S. 13, und vom 21.3.2013, S. 13.
49 Frankfurter Allgemeine Zeitung 4.7.2000, S. 1 1 .
50 Dazu MÜHLMANN, Chiliasmus und Nativismus.
51 «Sintflut verhindert Weltuntergang». So z. B. nach dem Magazin «Stern» (Internet-
ausgabe) 1.4.2008.
52 DYLAN, Lyrics, S. 794.
53 DYLAN, Lyrics, S. 800.
54 Asa LARSSON, Der schwarze Steg, -»München 2009, S. 7 (schwedisch «Svartstig»,
Stockholm 2006).
55 Ferdinand VON SCHIRACH, Verbrechen, Stories, ^Münchcn/Zürich 2010, S. T57.
56' Die Lyrics z.B.: www.magistrix.de>songtexte>interpreten (Iron Maiden). Zur
Band: http://de.wikipedia.org/wiki/The_Number_of_the_Beast_(Lied). Beide auf-
gesucht am 29.4.2014.
57 Auch daran erinnert REICHERT, Zeitsprünge; vgl. BOYER, Apocalyptic in the
Twentieth Century, S. 155 (mit weiterer Lit.).
58 Zit. nach BOYER, Apocalyptic in the Twentieth Century, S. 151 mit Anm. 6.
59 So 9NEWS.c0m - Newsroom am 9. Mai 2003 (mit Photo). Vgl. oben S. 1 1 - 1 2 .
60 Kritik daran: Sally BUZEE, AP, Das Wort vom Kreuzzug stößt auf Widerspruch,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung 18.9.2001.
61 Zum Jihadismus: Bchnam T.SAID, Islamischer Staat. IS-Miliz, al-Qaida und die
deutschen Brigaden, München 2014, S. 148 und S. 149. Vgl. oben S. 1 5 - 6 .
62 COOK, Contemporary Muslim Apocalyptic, passim.
63 COOK, Contemporary Muslim Apocalyptic, S. 198-9.
64 BLOOMFIELD, HOW to Recognize the Antichrist. Bloomficld verfaßte noch wei-
tere «apokalyptische» Bücher.
65 COOK, Contemporary Muslim Apocalyptic, S. 259 (Armageddon), S. 258 (Anti-
christ).
66* Spiegel-TV berichtete am 12. Mai 2013 darüber.
67 Die Barcode Verschwörung - Der Strichcode Satan (www.youtube.com/
watch?v=0m9fZp...) (6.4.2015).
68 Zur raschen Information vgl. den Wikipedia-Artikel «Orgon» (6.4.2015).
6*9 Dazu grundlegend die empirische Studie von FESTINGER, RIECKEN, SCHACTER.
70 GRÄSSER, Das Problem der Parusieverzögerung.
71 Vgl. oben S. 54 mit Verweis auf Sanhedrin 98a.
72 Dazu SCHOLEM, Die jüdische Mystik, S. 327-55.
73 Allgemein: Wolf-Detlef ROST, Apokalypse aus psychologischer Sicht, in: Das
Parlament 62, S. 44-50.
74 Beide Stimmen: www.gutefrage.net/tag/weltuntergang/i,